Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 57
Zweites Kapitel.
Herr Noirtier von Villefort
Man vernehme, was in dem Hause des Staatsanwaltes nach dem Abgang von Madame Danglars und ihrer Tochter und während der von uns mitgeteilten Unterredung vorfiel. Herr von Villefort trat, gefolgt von Frau von Villefort, bei seinem Vater ein; wo Valentine war, wissen wir.
Beide setzten sich an die Seite des Greises, nachdem sie ihn begrüßt und Barrois, einen alten Diener, der schon fünfundzwanzig Jahre in seinem Dienste stand.weggeschickt hatten.
Herr Noirtier saß in seinem großen Rollstuhle, in den man ihn jeden Morgen setzte, einem Spiegel gegenüber, welcher das ganze Zimmer wiederstrahlte und dem Greise, ohne daß er eine ohnmächtige Bewegung zu versuchen nötig hatte, zeigte, wer in sein Zimmer eintrat, wer es verließ, und was man um ihn her machte, unbeweglich wie ein Leichnam, schaute Herr Noirtier mit gescheiten, lebhaften Augen seine Kinder an, deren umständliche Begrüßung ihm irgend einen offiziellen und unerwarteten Schritt verkündigte.
Das Gesicht und das Gehör waren noch die einzigen Sinne, welche wie zwei Funken diese bereits zu drei Vierteln für das Grab geformte menschliche Materie belebten, und von diesen zwei Sinnen vermochte nur einer nach Außen das innere Leben der Bildsäule zu enthüllen, und das Gesicht, das dieses innere Leben offenbarte, war einem von jenen entfernten Lichtern ähnlich, die in finsterer Nacht dem in der Wüste verirrten Reisenden anzeigen, daß es noch ein Wesen gibt, welches in dieser Stille und in dieser Dunkelheit wacht.
In dem schwarzen Auge des alten Noirtier, das eine schwarze Braue überragte, während all sein Haar-das er lang und auf die Schultern herabhängend trug, weiß war, in diesem Auge, wie es bei jedem Organe geschieht, das sich auf Kosten der andern Organe geübt hat, waren die ganze Thätigkeit, die ganze Gewandtheit, die ganze Kraft, der ganze Verstand, einst in diesem Körper und in diesem Geiste ausgebreitet, nunmehr concentrirt. Allerdings fehlten die Gebärden des Armes, der Ton der Stimme, die Haltung des Körpers; doch dieses mächtige Auge ersetzte Alles: er befahl mit den Augen, er dankte mit den Augen; es war ein Leichnam mit lebendigen Augen, und nichts war furchtbarer anzuschauen, als wenn sich zuweilen eben an diesem Marmorgesichte ein Zorn entzündete oder eine Freude glänzte. Nur drei Personen verstanden die Sprache des armen Gelähmten: Villefort, Valentine und der von uns bereits erwähnte alte Diener. Da jedoch Villefort nur selten und, gleichsam nur wenn er es nicht anders machen konnte, seinen Vater sah, da er demselben, wenn er ihn sah, nicht durch Begreifen gefällig sein wollte, so beruhte das ganze Glück des Greises auf seiner Enkelin, und Valentine war durch Ergebenheit, Liebe und Geduld dahin gelangt, daß sie alle Gedanken von Noirtier diesem an den Augen ansah. Auf seine stumme oder für jeden Andern unverständliche Sprache antwortete sie mit ihrer ganzen Stimme, mit ihrer ganzen Physiognomie, mit ihrer ganzen Seele, so daß sich belebte Gespräche zwischen dem Mädchen und dem scheinbaren, beinahe zu Staub gewordenen, Thone bildeten, der jedoch noch ein Mann von ungeheurem Wissen, von unerhörtem Scharfsinne und von einem so mächtigen Willen war, als dies die Seele sein kann, welche in eine Materie eingeschlossen ist, durch die sie die Macht, sich Gehorsam zu verschaffen, verloren hat.
Valentine hatte also das seltsame Problem gelöst, den Gedanken des Greises zu begreifen, um ihm ihren Gedanken begreiflich zu machen, und in Folge dieses Studiums geschah es nur sehr selten, daß sie nicht beiden gewöhnlichen Dingen des Lebens mit Genauigkeit auf das Verlangen dieser lebendigen Seele, oder auf das Bedürfnis dieses halb unempfindlichen Körpers verfiel.
Was Barrois betrifft, so diente dieser, wie gesagt, seinem Herrn schon fünfundzwanzig Jahre, somit kannte er alle seine Gewohnheiten, und Noirtier brauchte nur sehr ausnahmsweise etwas von ihm zu verlangen.
Villefort bedurfte keiner Unterstützung, um mit seinem Vater das seltsame Gespräch anzuknüpfen, das er hervorzurufen gedachte, denn er kannte erwähntermaßen vollkommen das Wörterbuch des Greises, und wenn er sich desselben nicht häufiger bediente, so geschah dies aus Überdruß oder Gleichgültigkeit. Er ließ also Valentine in den Garten hinabgehen, entfernte Barrois, setzte sich rechts von seinem Vater, während Frau von Villefort ihren Platz zu seiner Linken nahm, und begann:
»Mein Herr, wundern Sie sich nicht, daß Valentine nicht mit uns herausgekommen ist, und daß ich Barrois entfernte, denn die Unterredung, die wir miteinander haben werden, ist eine von denjenigen, welche nicht in Gegenwart eines jungen Mädchens oder eines Dieners stattfinden können; Frau von Villefort und ich haben Ihnen eine Mitteilung zu machen.«
Das Gesicht von Noirtier blieb unempfindlich, während im Gegenteil das Auge von Villefort bis in die tiefste Tiefe des Greises dringen zu wollen schien.
»Diese Mitteilung,« fuhr der Staatsanwalt mit dem eisigen Tone fort, der nie einen Widerspruch zuzulassen schien, »diese Mitteilung, Frau von Villefort und ich sind es fest überzeugt, wird Sie erfreuen.«
Das Auge des Greises blieb teilnahmslos, erhörte nur.
»Mein Herr.« sprach Villefort, »wir verheiraten Valentine.«
Ein Gesicht von Wachs wäre bei dieser Kunde nicht kälter geblieben, als das Gesicht des Greises.
»Die Heirat wird vor drei Monaten statthaben,« fügte Villefort bei.
Das Auge des Greises war immer gleich leblos.
Frau von Villefort nahm ebenfalls das Wort und sprach hastig:
»Wir dachten, diese Mitteilung hätte Interesse für Sie, mein Herr; überdies schien Valentine stets sich Ihrer Zuneigung zu erfreuen: wir haben Ihnen also nur noch den Namen des für sie bestimmten jungen Mannes zu sagen. Es ist eine von den ehrenvollsten Partien, auf welche Valentine Anspruch machen kann. Der junge Mann besitzt Vermögen, einen schönen Namen, und es finden sich vollkommene Garantien des Glückes in dem Benehmen und in dem Geschmacke desjenigen, welchen wir ihr bestimmen. Sein Name kann Ihnen nicht unbekannt sein: es handelt sich um Franz von Quesnel, Baron d’Epinay.«
Während der kleinere Rede seiner Frau heftete Villefort einen noch aufmerksameren Blick, als zuvor, auf den Greis. Sobald Frau von Villefort den Namen Franz aussprach bebte das Auge von Noirtier, das sein Sohn so gut kannte, und seine Augenlider ließen sich erweiternd, wie es seine Lippen hätten tun können, um Worte durchzulassen, einen Blitz durchzucken.
Der Staatsanwalt, der mit den früheren Beziehungen politischer Feindseligkeit, welche zwischen seinem Vater und dem Vater von Franz bestanden hatte, vertraut war, begriff dieses Feuer und diese Aufregung; doch er ließ Beides scheinbar unbemerkt vorübergehen und nahm die Rede da wieder auf, wo seine Frau ab-gebrochen hatte.
»Mein Herr,« sagte er, »Sie begreifen, es ist von Wichtigkeit, daß Valentine, welche nunmehr ihrem neunzehnten Jahre nahe steht, ihre häusliche Versorgung findet. Nichtsdestoweniger haben wir Sie bei unsern Conferenzen nicht vergessen, und wir versicherten uns zum Voraus, daß der Gatte von Valentine einwilligen würde, wenn nicht bei uns zu leben, die wir einem jungen Ehepaare vielleicht lästig wären, wenigstens. Daß Sie, den Valentine ganz besonders liebt, und der Sie Ihrerseits derselben diese Zuneigung zurückzugeben scheinen, bei ihnen leben würden, wodurch Sie keine von Ihren Gewohnheiten verlieren und, um über Sie zu wachen, zwei Kinder statt eines haben.«
Der Blitz des Blickes von Noirtier wurde gleichsam blutig.
Es ging offenbar etwas Furchtbares im Innern dieses Greises vor, sicherlich stieg ihm der Schrei des Schmerzes und der Wut in die Kehle und erstickte ihn beinahe, da er nicht ausbrechen konnte, denn sein Gesicht wurde purpurrot und seine Lippen erbleichten.
Villefort öffnete ruhig ein Fenster und sprach:
»Es ist sehr warm hier, diese Wärme macht Herrn Noirtier unwohl.«
Dann kam er zurück, jedoch ohne sich zu setzen.
»Die erwähnte Heirat, fügte Frau von Villefort bei, »ist Herrn d’Epinay und seiner Familie sehr angenehm; übrigens besteht diese Familie nur aus einem Oheim und einer Taute. Seine Mutter starb in dem Augenblick, wo sie ihn zur Welt brachte, und da sein Vater 1815, das heißt, als das Kind kaum zwei Jahre alt war, ermordet wurde, so hängt, er nur von seinem eigenen Willen ab.«
»Ein geheimnisvoller Mord, dessen Urheber unbekannt geblieben sind, obgleich der Verdacht, ohne sich niederzulassen, über dem Haupte von vielen Menschen schwebte,« sprach Villefort.
Noirtier machte eine solche Anstrengung, daß seine Lippen sich wie zu einem Lächeln zusammenzogen.
»Die wahren Schuldigen aber,« fuhr Villefort fort, »diejenigen, welche wissen, daß sie das Verbrechen begangen haben, diejenigen, auf welche die Gerechtigkeit der Menschen während ihres Lebens und die Gerechtigkeit Gottes nach ihrem Tode herabfallen kann, wären sehr glücklich, wenn sie sich an unserem Platze befänden und Herrn Franz d’Epinay eine Tochter zu bieten hätten, um auch den Schein des Verdachtes zu ersticken.«
Noirtier hatte sich mit einer Gewalt beruhigt, die man bei dieser gebrochenen Organisation nicht hätte erwarten sollen.
»Ja, ich begreife,« antwortete er Villefort mit dem Blicke, und dieser Blick drückte zugleich die tiefe Verachtung und den verständigen Zorn aus.
Villefort erwiderte diesen Blick, dessen Inhalt er gelesen hatte, mit einem leichten Achselzucken.
Dann bedeutete er seiner Frau durch ein Zeichen, sie möge aufstehen.
»Mein Herr, genehmigen Sie nun den Ausdruck meiner Achtung,« sprach Frau von Villefort. »Erlauben Sie, daß Eduard Ihnen seine Ehrfurcht bezeigt?«
Verabredetermaßen drückte der Greis durch ein Schließen der Augen seine Billigung, seine Weigerung durch ein wiederholtes Blinzeln, und irgend einen Wunsch dadurch aus, daß er seine Augen zum Himmel aufschlug. Verlangte er nach Valentine, so schloß er nur das rechte Auge, verlangte er nach Barrois, so schloß er das linke Auge.
Auf die Frage von Frau von Villefort blinzelte er heftig.
Als Frau von Villefort den Vorschlag mit einer offenbaren Weigerung aufgenommen sah, kniff sie sich in die Lippen.
»Ich werde Ihnen also Valentine schicken?« sagte sie.
»Ja,« antwortete der Greis, rasch die Augen schließend.
Herr und Frau von Villefort grüßten und entfernten sich mit dem Befehle, Valentine zu rufen, welche indessen bereits benachrichtigt war, daß sie im Verlaufe des Tages bei Herrn Noirtier zu erscheinen hätte.
Hinter ihnen trat Valentine, noch ganz rosig vor Aufregung, bei dem Greise ein. Sie bedurfte nur eines Blickes, um zu begreifen, wie sehr ihr Großvater litt, und wie viele Dinge er ihr zu sagen hatte.
»Ah, guter Papa,« rief sie, »was ist denn geschehen? Nicht wahr, man hat Dich geärgert. und Du bist aufgebracht?«
»Ja,« erwiderte er die Augen schließend.
»Gegen wen? Gegen meinen Vater? nein: gegen Frau von Villefort: nein; gegen mich?«
Der Greis machte ein bejahendes Zeichen.
»Gegen mich!« versetzte Valentine erstaunt.
Der Greis wiederholte das Zeichen
»Was habe ich Dir denn getan, lieber, guter Papa?« rief Valentine.
Keine Antwort; sie fuhr fort:
»Ich habe Dich den ganzen Tag nicht gesehen, man hat Dir irgend etwas über mich gesagt.«
»Ja, sprach heftig der Blick des Greises.
»Vergebens suche ich zu erraten. Mein Gott! Ich schwöre Dir, guter Vater . . . Ah! . . . nicht wahr, Herr und Frau von Villefort gehen so eben von hier weg?«
»Ja.«
»Und sie sind es, weiche Dir Dinge gesagt haben, die dich ärgern? Was ist es denn? Soll ich hingehen und sie fragen, damit ich mich bei Dir entschuldigen kann?«
»Nein, nein,« machte der Blick.
»Du erschreckst mich. Mein Gott! was konnten sie Dir sagen?« Und sie suchte.
»Oh! ich habe es,« sprach sie, die Stimme dämpfend und sich dem Greise nähernd. »Sie sprachen vielleicht von meiner Verheiratung?«
»Ja,« antwortete der zornige Blick.
»Ich begreife, Du grollst mir wegen meines Stillschweigens. Oh! siehst Du, sie hatten mir so sehr eingeschärft, Dir nichts davon zu sagen; sie hätten mir selbst nichts davon gesagt, würde ich nicht das Geheimnis durch eine Indiskretion entdeckt haben, deshalb war ich so zurückhaltend gegen Dich. Vergib mir, guter Papa Noirtier!«
Wieder starr und ausdruckslos geworden, schien der Blick zu antworten: »Es ist nicht allein Dein Stillschweigen, was mich betrübt.«
»Was ist es denn?« fragte das junge Mädchen; Du glaubst vielleicht, ich würde Dich verlassen, guter Vater, meine Heirat könnte mich vergeßlich machen?«
»Nein,« erwiderte der Greis.
»Sie haben Dir also gesagt, Herr d’Epinay willige ein, daß wir beisammen bleiben?«
»Ja.«
»Warum bist Du dann ärgerlich?«
Die Augen des Greises nahmen einen Ausdruck von unendlicher Sanftheit an.
»Ja, ich begreife,« sagte Valentine, »Weil Du mich liebst.«
Der Greis machte ein bestehendes Zeichen.
»Und Du befürchtest, ich könnte unglücklich werden?«
»Ja.«
»Du liebst Herrn Franz nicht?«
Die Augen des Greises wiederholten drei oder viermal: »Nein, nein, nein, nein!«
»Dann bist Du wohl sehr bekümmert, lieber Vater?«
»Ja.«
»Wohl, so höre,« sprach Valentine, vor Noirtier niederkniend und ihre Arme um seinen Hals schlingend; »ich bin auch sehr bekümmert, denn ich liebe Herrn Franz d’Epinay ebenfalls nicht.«
Ein Blitz der Freude erleuchtete die Augen des Greises.
»Als ich mich in das Kloster zurückziehen wollte, warst Du, Du erinnerst Dich dessen, so sehr aufgebracht gegen mich.«
Eine Träne befeuchtete das trockene Augenlid von Noirtier.
»Nun wohl,« fuhr Valentine fort, »ich dachte hieran, um dieser Heirat zu entgehen, die mich in Verzweiflung bringt.«
Der Atem von Noirtier wurde keuchend.
»Diese Heirat macht Dir also großen Kummer, guter Vater? O mein Gott! wenn Du mir beistehen könntest, wenn wir Beide diesen Plan zu vereiteln vermöchten! Aber Du bist ohne Kraft gegen sie, Du, dessen Geist doch noch so lebhaft, dessen Wille noch so fest ist: wenn es sich jedoch darum handelt, zu kämpfen, so bist Du so schwach und sogar noch schwächer als ich. Ach! Du wärest in den Tagen Deiner Kraft und Deiner Gesundheit ein so mächtiger Beschützer für mich gewesen: aber heute vermagst Du nur noch mich zu begreifen und Dich mit mir zu freuen oder zu betrüben; es ist dies ein letztes Glück, das mir Gott mit den andern zunehmen vergessen hat.«
In den Augen von Noirtier lag ein solcher Ausdruck von Grimm und Tiefe, daß das junge Mädchen die Worte darin zu lesen glaubte:
»Du täuschest Dich, ich vermag noch viel für Dich.«
»Du vermagst noch etwas für mich, lieber guter Papa, übersetzte Valentine.
»Ja.«
Noirtier schlug die Augen zum Himmel auf. Dies war das zwischen ihm und Valentine verabredete Zeichen, wenn er etwas wünschte.
»Was willst Du, lieber guter Papa?«
Valentine suchte einen Augenblick in ihrem Geiste, drückte laut ihre Gedanken aus, wie sie sich ihr hintereinander darstellten, und als sie sah, daß der Greis auf Alles, was sie sagen mochte, beständig: »Nein,« antwortete, rief sie:
»Wohl, wir müssen zu den großen Mitteln greifen, da ich so dumm bin.«
Dann sprach sie hinter einander alle Buchstaben des Alphabets vom A bis zum N aus, während ihr Lächeln das Auge des Gelähmten befragte; bei dem N machte Herr Noirtier ein bejahendes Zeichen.
»Ah!« sprach Valentine, »die Sache, welche Du begehrst, fängt mit dem Buchstaben N an; wir haben es mit dem N zu tun. Laß einmal sehen, na, ne, ni, no . . . «
»Ja, ja, ja,« machte der Greis.
»Ah, es ist no.«
Valentine holte ein Wörterbuch, das sie auf ein Pult vor Noirtier legte; sie öffnete es, und als das Auge des Greises auf die Blätter geheftet war, lief ihr Finger rasch auf den Seiten herab.
Die Übung seit den sechs Jahren, da Noirtier in seinen betrübten Zustand verfallen, machten ihr die Proben so leicht, daß sie so rasch den Gedanken des Greises verriet, als hätte dieser selbst in dem Wörterbuch suchen können.
Bei dem Worte Notar gab ihr Noirtier ein Zeichen einzuhalten.
»Notar?« sprach sie; »Du willst einen Notar guter Papa?«
Der Greis machte ein Zeichen, daß er wirklich einen Notar verlange.
»Man soll also einen Notar holen lassen,« fragte Valentine.
»Ja,« erwiderte der Gelähmte.
»Darf es mein Vater wissen?«
»Ja.«
»Hast Du Eile, Deinen Notar bei Dir zu sehen?«
»Ja.«
»Dann wird man Dir denselben sogleich holen. Ist dies Alles, was Du haben willst?«
»Ja.«
Valentine lief nach der Glocke, rief einem Bedienten und bat ihn, Herrn oder Frau von Villefort zu dem Großvater kommen zu lassen.
»Bist Du zufrieden?« sprach Valentine; »ja . . . ich glaube wohl, nicht so? Es war nicht leicht dies zu finden?«
Das Mädchen lächelte seinem Großvater zu, wie man es einem Kinde hätte tun können.
Herr von Villefort trat von Barrois gerufen wieder ein.
»Was wollen Sie, mein Herr?« fragte er den Gelähmten.
»Mein Großvater verlangt nach einem Notar,« sprach Valentine.
Bei diesem seltsamen, und besonders unerwarteten Verlangen wechselte Herr von Villefort einen Blick mit dem Gelähmten
»Ja,« bezeichnete der letztere mit einer Festigkeit, welche andeutete, er wäre mit Hilfe von Valentine und seinem alten Diener, der nun wüßte, was er haben wollte, bereit, den Kampf auszuhalten.
»Sie verlangen den Notar?« wiederholte Villefort.
»Ja.«
»Warum?«
Noirtier antwortete nicht-
»Wozu bedürfen Sie eines Notars?« fragte Villefort.
Der Blick des Gelähmten blieb unbeweglich und folglich stumm, was besagen wollte: »Ich beharre auf meinem Willen.«
»Um uns einen schlimmen Streich zu spielen?« versetzte Villefort, »lohnt sich das der Mühe?«
»Wenn der gnädige Herr einen Notar haben will, so bedarf er desselben offenbar,« sprach Barrois mit der alten Bedienten eigenthümlichen Hartnäckigkeit. »Also werde ich einen Notar holen.«
Barrois erkannte keinen andern Herrn an. als Noirtier, und gab nie zu, daß seinem Willen in irgend einer Beziehung widersprochen wurde.
»Ja, ich will einen Notar,« machte der Greis und schloß die Augen mit einer Miene des Trotzes, und als hätte er gesagt:
»Wir wollen doch sehen, ob man es wagt, mir zu verweigern, was ich verlange.«
»Es wird ein Notar kommen, da Sie es durchaus so haben wollen, mein Herr: doch ich werde mich und Sie bei ihm entschuldigen, denn die Szene wird sehr lächerlich sein.«
»Gleichviel,« sagte Barrois, »ich hole immerhin einen Notar.«
Und der alte Diener entfernte sich triumphierend.
In dem Augenblick, wo Barrois wegging, schaute Noirtier Valentine mit jener geistvollen Teilnahme an, welche so viel offenbarte. Das Mädchen begriff diesen Blick und Villefort ebenfalls, denn seine Stirne verdüsterte sich und seine Augenbrauen zogen sich zusammen.
Er nahm einen Stuhl, setzte sich in dem Zimmer des Gelähmten fest und wartete.
Noirtier ließ ihn mit vollkommener Gleichgültigkeit gewähren, forderte aber aus einem Winkel des Auges Valentine auf, sich durchaus nicht zu beunruhigen und ebenfalls zu bleiben.
Drei Viertelstunden nachher kam der Diener mit dem Notar zurück.«
»Mein Herr,« sprach Villefort nach den ersten Begrüßungen, »Sie sind von Herrn Noirtier von Villefort hierher berufen worden: eine allgemeine Lähmung hat ihm den Gebrauch der Glieder und der Stimme geraubt und uns allein gelingt es mit großer Mühe, einige Fetzen von seinen Gedanken aufzufassen.«
Noirtier ließ mit dem Auge einen so ernsten und gebieterischen Aufruf an Valentine ergehen, daß sie auf der Stelle antwortete:
»Ich, mein Herr, ich, verstehe Alles, was mein Großvater sagen will.«
»Es ist wahr,« fügte Barrois bei, »Alles, durchaus Alles, wie ich dem Herrn unter Weges sagte.«
»Erlauben Sie mir, mein Herr, und Sie mein Fräulein,« sprach der Notar, sich an Villefort und Valentine wendend: »es ist dies einer von den Fällen, wo der öffentliche Beamte nicht unbedachtsam zu Werke gehen darf, ohne eine gefährliche Verantwortlichkeit zu übernehmen. Wenn ein Akt gültig sein soll, so muß der Notar notwendig vor Allem davon überzeugt sein, daß er den Willen desjenigen, welcher denselben diktiert, genau aufgefaßt und getreu ausgelegt hat. Ich kann aber unmöglich der Billigung oder der Mißbilligung eines Clienten, der nicht spricht, sicher sein, und da mir der Gegenstand seiner Wünsche oder seines Widerstrebens in Betracht seiner Stummheit nicht klar dargetan werden kann, so ist mein Dienst mehr als unnütz und wäre sogar auf eine ungesetzliche Weise ausgeübt.«
Der Notar machte einen Schritt, um sich zu entfernen. Ein unmerkliches Lächeln des Triumphes zeigte sich auf den Lippen des Staatsanwaltes. Noirtier aber schaute Valentine mit einem so schmerzlichen Ausdrucke an, daß sie sich dem Notar in den Weg stellte.
»Mein Herr,« sagte sie, »die Sprache, welche ich mit meinem Großvater spreche, läßt sich sehr leicht erlernen; und eben so, wie ich sie begreife, will ich Ihnen dieselbe in wenigen Minuten begreiflich machen. Was brauchen Sie, mein Herr, um zur vollkommenen Erbauung Ihres Gewissens zu gelangen?«
»Sie fragen, was zur Gültigkeit unserer Akte nötig sei?« erwiderte der Notar; »die Gewißheit der Billigung oder Mißbilligung. Man kann krank am Körper testiren, muß aber gesund am Geiste testiren.«
»Wohl, mein Herr, mit zwei Zeichen werden Sie die Gewißheit erlangen, daß sich mein Großvater nie mehr, als jetzt, der Fülle seines Verstandes erfreut hat. Der Stimme, der Bewegung beraubt, schließt Herr Noirtier die Augen, wenn er ja sagen will, und blinzelt mit denselben wiederholt, wenn er nein sagen will. Sie wissen nun genug, um mit Herrn Noirtier zusprechen; versuchen Sie es.«
Der Blick, den der Greis Valentine zuwarf, war so voll Zärtlichkeit und Dankbarkeit, daß ihn selbst der Notar begriff.
»Sie haben gehört und verstanden, mein Herr, was Ihre Enkelin so eben sagte?« fragte der Notar.
Noirtier schloß sachte die Augen und öffnete sie dann bald wieder.
»Und Sie billigen, was sie sagte, nämlich daß die von ihr angegebenen Zeichen wirklich diejenigen sind, mit deren Hilfe Sie Ihre Gedanken begreiflich machen?«
»Ja,« machte der Greis.
»Sie haben mich rufen lassen?«
»Ja.«
»Um Ihr Testament zu machen?«
»Ja.«
»Und ich soll mich nicht entfernen, ohne dieses Testament gemacht zu haben?«
Der Gelähmte blinzelte lebhaft und wiederholt mit den Augen.
»Begreifen Sie nun,« fragte das Mädchen, »und ist Ihr Gewissen beruhigt?«
»Doch ehe der Notar antworten konnte, zog ihn Villefort bei Seite und sagte zu ihm:
»Mein Herr, glauben Sie, daß ein Mensch ungestraft einen so furchtbaren körperlichen Schlag. Wie ihn Herr von Noirtier von Villefort erfahren hat, ertragen könne, ohne daß sein Geist ebenfalls einen ernsten Angriff erlitten haben müßte?«
»Das ist es nicht gerade, was mich beunruhigt,« mein Herr,« antwortete der Notar, »aber ich frage mich, wie wir dazu gelangen, die Gedanken zu erraten, um Antworten hervorzurufen.«
»Sie sehen also, daß es unmöglich ist,« sprach Villefort.
Valentine und der Greis hörten diese Unterredung. Noirtier heftete seinen Blick so starr und fest aus Valentine, daß er offenbar eine Erwiederung hervorrufen wollte.
»Mein Herr,« sagte sie »lassen Sie sich dadurch nicht beunruhigen, so schwierig es auch ist oder vielmehr scheinen mag, die Gedanken meines Großvaters zu entdecken, so werde ich Ihnen dieselben doch in einer Weise offenbaren, welche jeden Zweifel in dieser Hinsicht benehmen muß. Seit sechs Jahren bin ich bei Herrn von Noirtier, und er mag selbst sagen, ob im Verlauf dieser sechs Jahre einer von seinen Wünschen in Ermangelung der Kraft, ihn mir verständlich zu machen, in seinem Herzen begraben geblieben ist.«
»Nein,« bezeichnete der Greis.
»Versuchen wir es,« sprach der Notar; »Sie nehmen das Fräulein zu Ihrem Dolmetscher an?«
Der Gelähmte machte ein bejahendes Zeichen.
»Wohl: was wünschen Sie, mein Herr, und welcher Akt soll vorgenommen werden?«
Valentine nannte alle Buchstaben des Alphabets bis zum Buchstaben T.
Bei dem T hielt der beredte Blick von Noirtier an.
»Der Herr verlangt den Buchstaben T,« sprach der Notar, »die Sache ist sichtbar.«
»Warten Sie,« versetzte Valentine; dann sich gegen ihren Großvater wendend: »Ta . . . te . . . «
Der Greis hielt bei der zweiten von diesen Sylben an.
Valentine nahm nun das Wörterbuch und blätterte vor den Augen des aufmerksamen Notars.
Testament bezeichnete ihre Finger, durch den Blick von Noirtier festgehalten.
»Testament!« rief der Notar, »die Sache ist sichtbar, der Herr will testiren.«
»Ja,« machte Noirtier wiederholt.
»Mein Herr, das ist wunderbar, Sie müssen es selbst gestehen,« sprach der Notar erstaunt zu Villefort.
»In der Tat,« versetzte dieser, »und noch wunderbarer wäre das Testament; denn ich kann nicht denken, daß sich die Artikel auf dem Papiere Wort für Wort ohne die geistreiche Eingebung meiner Tochter ordnen werden. Valentine ist aber ein wenig zu sehr bei diesem Testamente interessiert, um als eine entsprechende Dolmetscherin des dunkeln Willens von Herrn Noirtier von Villefort gelten zu können.«
»Nein, nein, nein!« machte der Gelähmte.
»Wie!« entgegnete Herr von Villefort, »Valentine ist nicht interessiert bei Ihrem Testament?«
»Nein,« bezeichnete Noirtier.
»Mein Herr,« sprach der Notar, welcher, entzückt über ein solches Erlebnis, in der Gesellschaft die einzelnen Umstände dieser malerischen Episode zu erzählen gedachte; »mein Herr, nichts scheint mir jetzt leichter, als das, was ich so eben noch für etwas Unmögliches hielt, und dieses Testament wird ganz einfach ein mystisches Testament sein, das heißt von dem Gesetze vorhergesehen und als rechtsgültig anerkannt, vorausgesetzt, daß es in Gegenwart von sieben Zeugen vorgelesen, von dem Testator in ihrer Anwesenheit gebilligt, und durch den Notar, ebenfalls in ihrer Anwesenheit, geschlossen wird. Was die Zeit betrifft, so wird es nicht länger dauern, als ein gewöhnliches Testament. Vor Allem kommen die geheiligten Formeln in Betracht, welche sich immer gleichen, und was die Einzelheiten betrifft, so werden dieselben der Mehrzahl nach durch den Zustand der Angelegenheiten des Erblassers und durch Sie, der Sie dieselben geführt haben und kennen, an die Hand gegeben. Damit übrigens dieser Akt unangreifbar bleibt, werden wir demselben die vollständigste Rechtsgültigkeit geben; einer von meinen Collegen wird mir als Gehilfe dienen und gegen die Gewohnheit dem Dictiren beiwohnen. Sind Sie zufrieden, mein Herr?« fügte der Notar sich an den Greis wendend, bei.
»Ja,« erwiderte Noirtier, strahlend vor Freude, daß man ihn begriff.
»Was gedenkt er zu tun?« fragte sich Villefort, dem seine hohe Stellung so viel Zurückhaltung vorschrieb, während er nicht zu erraten vermochte, worauf sein Vater abzielte.
Er wandte sich zurück, um den zweiten durch den ersten bezeichneten Notar holen zu lassen; aber Barrois, der Alles gehört und den Wunsch seines Herrn erraten hatte, war bereits abgegangen.
Hiernach ließ der Staatsanwalt seiner Frau sagen, sie möge heraufkommen.
