Kitabı oku: «Der Graf von Monte Christo», sayfa 81
Sobald Caderousse fühlte, wie er sich entfernte, richtete er sich auf seinen Ellenbogen auf und rief mit sterbender Stimme, in einer äußersten Anstrengung:
»Mörder! ich sterbe! herbei! Herr Abbé, zu Hilfe!«
Der klägliche Ruf durchdrang die Schatten der Nacht. Es öffnete.sich die Thüre der Geheimtreppe, dann die kleine Gartenthüre, und Ali und sein Herr liefen mit Lichtern herbei.
Neuntes Kapitel.
Die Hand Gottes
Caderousse schrie fortwährend mit kläglicher Stimme:
»Herr Abbé, zu Hilfe! zu Hilfe!«
»Was gibt es?« fragte Monte Christo,
»Zu Hilfe!« wiederholte Caderousse; »man hat mich ermordet.«
»Hier sind wir, Mut gefaßt!«
»Ah! es ist vorbei. Sie kommen zu spät: Sie kommen nur, um mich sterben zu sehen. Welche Stöße, wie viel Blut!«
Und er fiel in Ohnmacht.
Ali und sein Herr nahmen den Verwundeten und trugen ihn in ein Zimmer. Hier hieß Monte Christo Ali denselben auskleiden, und er erkannte die drei furchtbaren Wunden, die man ihm beigebracht hatte.
»Mein Gott!« sprach er, »Deine Rache läßt zuweilen auf sich warten, aber ich glaube, sie steigt dann nur um so vollständiger vom Himmel herab.«
Ali schaute seinen Herrn an, als wollte er ihn fragen, was zu tun wäre.
»Suche den Herrn Staatsanwalt von Villefort auf, der im Faubourg Saint-Germain wohnt, und führe ihn hierher. Im Vorbeigehen weckst Du den Portier und sagst ihm, er soll einen Arzt holen.«
Ali gehorchte und ließ den falschen Abbé mit dem immer noch ohnmächtigen Caderousse allein.
Als der Unglückliche die Augen wieder öffnete, schaute ihn der Graf, der ein paar Schritte von ihm entfernt saß, mit einem düstern Ausdrucke des Mitleids an, und seine Lippen schienen ein Gebet zu murmeln.
»Einen Wundarzt, Herr Abbé, einen Wundarzt!« rief Caderousse.
»Man ist bereits weggegangen, um einen zu holen,« sprach der Abbé.
»Ich weiß wohl, daß es in Betreff des Lebens vergeblich ist; aber er kann mir vielleicht Kräfte geben, und ich will Zeit haben, um meine Erklärung zu machen.«
»Worüber?«
»Über den Mörder.«
»Sie kennen ihn also?«
»Ob ich ihn kenne! ja, ich ich kenne ihn, es ist Benedetto.«
»Der junge Corse?«
»Er selbst.«
»Ihr Gefährte?«
»Ja. Nachdem er mir den Plan von dem Hause des Grafen gegeben . . . ohne Zweifel in der Hoffnung, ich würde ihn töten, und er würde somit sein Erbe, oder der Graf würde mich töten, und er wäre dadurch von mir befreit, wartete er auf mich auf der Straße und ermordete mich.«
»Ich habe zugleich den Arzt und den Staatsanwalt holen lassen.«
»Er wird zu spät kommen,« sagte Caderousse, »ich fühle, wie all mein Blut entströmt.«
»Warten Sie,« sprach Monte Christo, ging aus dem Zimmer und kehrte nach fünf Minuten mit einem Fläschchen zurück.
Die furchtbar starren Augen des Sterbenden hatten in seiner Abwesenheit die Thüre nicht verlassen, durch welche ihm, wie er instinktartig erriet, Hilfe zukommen sollte.
»Beeilen Sie sich, Herr Abbé, beeilen Sie sich,« sagte er, »ich fühle, daß ich abermals ohnmächtig werde.«
Monte Christo näherte sich ihm und goß auf die blauen Lippen des Verwundeten drei bis vier Tropfen von der Flüssigkeit, welche das Fläschchen enthielt.
Caderousse stieß einen Seufzer aus.
»Oh!« stammelte er, »Sie gießen mir das Leben ein; noch mehr . . . noch mehr.«
»Zwei Tropfen mehr würden Sie töten,« erwiderte der Abbé.
»Oh! wenn doch endlich Jemand käme, bei dem ich den Elenden angeben könnte.«
»Soll ich Ihre Angabe aufschreiben? Sie unterzeichnen sie sodann.«
»Ja . . . ja. . sagte Caderousse, dessen Augen bei der Hoffnung auf eine Rache nach seinem Tode funkelten.
Monte Christo schrieb:
»Ich sterbe ermordet durch den Corsen Benedetto, meinen Kettengenossen in Toulon unter der Nummer 59.«
»Eilen Sie! eilen Sie!« sagte Caderousse, »ich kann sonst nicht mehr unterzeichnen.«
Monte Christo reichte Caderousse die Feder, dieser raffte seine Kräfte zusammen, unterzeichnete, fiel wieder auf sein Lager zurück und sprach:
»Sie werden das Übrige erzählen, Herr Abbé; Sie sagen, er lasse sich Andrea Cavalcanti nennen, er wohne im Hotel des Princes, er . . . ah! ah! mein Gott, mein Gott, ich sterbe!«
Caderousse wurde zum zweiten Male ohnmächtig.
Der Abbé ließ ihn den Geruch des Fläschchens einatmen; der Verwundete öffnete die Augen wieder.
Seine Rachgier hatte ihn während seiner Ohnmacht nicht verlassen.
»Ah! Sie werden Alles sagen, nicht wahr, Herr Abbé?«
»Alles, ja, und noch viele andere Dinge.«
»Was werden Sie sagen?«
»Ich werde sagen, er habe Ihnen ohne Zweifel den Plan dieses Hauses in der Hoffnung gegeben, der Graf würde Sie töten. Ich werde sagen, er habe den Grafen durch ein Billet benachrichtigt, ich werde sagen, in Abwesenheit des Grafen habe ich dieses Billet empfangen und gewacht, um Sie zu erwarten.«
»Und man wird ihn guillotinieren, nicht wahr?« versetzte Caderousse, »Sie versprechen es mir? Ich sterbe mit dieser Hoffnung, sie wird mir den Tod erleichtern.«
»Ich werde sagen,« fuhr der Graf fort, »er sei hinter Ihnen gekommen, er habe die ganze Zeit gelauert und sei, als er Sie habe weggehen sehen, an die Ecke gelaufen, wo er sich verborgen.«
»Sie haben also dies Alles gesehen?«
»Erinnern Sie sich meiner Worte: »»Wenn Du unversehrt nach Hause kommst, glaube ich, daß Gott Dir verziehen hat, und verzeihe Dir ebenfalls.«
»Und Sie haben mich nicht gewarnt?« rief Caderousse, indem er es versuchte, sich auf seinen Ellenbogen zu erheben; »Sie wußten es, daß ich von hier weggehend ermordet werden würde, und haben mich nicht gewarnt?«
»Nein, denn in der Hand von Benedetto sah ich die Gerechtigkeit Gottes, und ich hätte einen fluchwürdigen Frevel zu begehen geglaubt, würde ich mich den Ablichten der Vorsehung widersetzt haben.«
»Die Gerechtigkeit Gottes! sprechen Sie mir nicht davon, Herr Abbé; wenn es eine Gerechtigkeit Gottes, gäbe, so müßten, wie es Ihnen besser bekannt ist, als irgend Jemand, gewisse Personen gestraft sein, die es nicht sind.«
»Geduld,« sprach der Abbé mit einem Tone, der den Sterbenden beben machte. »Geduld!«
Caderousse schaute ihn erstaunt an.
»Und dann,« sprach der Abbé, »und dann ist Gott voll Barmherzigkeit gegen Alle, wie er es für Dich gewesen ist: er ist Vater, ehe er Richter ist.«
»Ah! Sie glauben also an Gott?« versetzte Caderousse.
»Wenn ich das Unglück gehabt hätte, bis jetzt nicht an ihn zu glauben, so würde ich bei Deinem Anblick an ihn glauben.«
Caderousse hob die geballten Fäuste zum Himmel empor.
»Höre,« sagte der Abbé, die Hand über den Verwundeten ausstreckend, als wollte er ihm den Gruben empfehlen, »höre, was dieser Gott, den Du in Deinem letzten Augenblicke anzuerkennen Dich weigerst, für Dich getan hat: er hatte Dir Deine Gesundheit, Deine Kraft, eine sichere Arbeit, sogar Freunde, kurz das Leben so gegeben, wie es sich den Menschen darstellen muß, um süß zu sein, mit der Ruhe des Gewissens und der Befriedigung natürlicher Wünsche; statt diese Gaben des Herrn auszubeuten, welche so selten von ihm in ihrer Fülle bewilligt werden, hast Du Dich der Trägheit, der Trunkenheit hingegeben, und in der Trunkenheit einen Deiner besten Freunde verraten.«
»Zu Hilfe!« rief Caderousse, »ich brauche keinen Priester, sondern einen Arzt; vielleicht bin ich noch nicht auf den Tod verwundet, vielleicht werde ich noch nicht sterben, vielleicht kann man mich noch retten.«
»Du bist so gut auf den Tod verwundet, daß Du ohne die drei Tropfen, die ich Dir so eben gegeben, bereits verschieden wärest. Höre also!«
»Ah!« murmelte Caderousse, »Was für ein seltsamer Priester sind Sie, der Sie die Sterbenden in Verzweiflung bringen, statt dieselben zu trösten.«
»Höre,« fuhr der Abbé fort: »als Du Deinen Freund verraten hattest, fing Gott an, nicht Dich zu schlagen, sondern zu warnen; Du versankst in Armut und hattest Hunger; Du hattest die Hälfte eines Lebens, das Du zum Erwerben verwenden konntest, mit Beneiden hingebracht, und dachtest bereits an das Verbrechen, wobei Du Dich mit der Notwendigkeit entschuldigtest, als Gott ein Wunder für Dich that, als Gott Dir durch meine Hände mitten in Deinem Elend ein für Dich, der Du nie etwas besessen, glänzendes Vermögen schickte. Doch dieses unerwartete, unverhoffte, unerhörte Vermögen genügte Dir nicht mehr, sobald Du dasselbe besaßest; Du wolltest es verdoppeln: durch welches Mittel? durch einen Mord. Du verdoppeltest es, da faßte Dich Gott und führte Dich vor die menschliche Gerechtigkeit.«
»Nicht ich wollte den Juden töten, sondern die Carconte,« sprach Caderousse.
»Ja,« sagte Monte Christo. »Auch gestattete es Gott, ich sage diesmal nicht stets gerecht, denn seine Gerechtigkeit hätte Dir den Tod gegeben, sondern stets barmherzig, daß Deine Richter von Deinen Worten gerührt wurden und Dir das Leben ließen.«
»Ja, vortrefflich, um mich für mein ganzes Dasein in das Bagno zu schicken; eine schöne Gnade!«
»Diese Gnade, Elender! Du hast sie doch als eine Gnade betrachtet, als man sie Dir gewährte; Dein feiges Herz, das vor dem Tode zitterte, hüpfte vor Freude bei der Ankündigung einer ewigen Schmach, denn Du sagtest Dir, wie alle Galeerensklaven: es gibt eine Thüre am Bagno, das Grab aber hat keine. Und Du hattest Recht, denn diese Thüre des Bagno öffnete sich für Dich auf eine unerwartete Weise: ein Engländer besuchte Toulon, er hatte das Gelübde getan, zwei Menschen der Ehrlosigkeit zu entziehen, seine Wahl fällt auf Dich und auf Deinen Gefährten; ein zweites Glück kommt für Dich vom Himmel herab, Du findest zugleich wieder des Gold und die Ruhe, Du kannst wieder anfangen, das Leben aller Menschen zu führen, Du, der Du zu dem Leben der Galeerensklaven verurteilt gewesen warst; da fällt es Dir ein, Gott zum dritten Male zu versuchen. Ich habe nicht genug, sagst Du, während Du mehr hattest, als Du je besessen, und Du begehst ein drittes Verbrechen, ohne Grund, ohne Entschuldigung. Gott war müde, Gott bestrafte Dich.«
Caderousse wurde sichtbar immer schwächer. »Zu trinken!« sagte er; »ich habe Durst . . . ich brenne!«
Monte Christo reichte ihm ein Glas Wasser.
»Verfluchter Benedetto!« sprach Caderousse, das Glas zurückgebend; »er wird entkommen!«
»Niemand wird entkommen, das sage ich Dir, Caderousse . . . Benedetto wird bestraft werden!«
»Dann werden Sie auch bestraft,« erwiderte Caderousse, »denn Sie haben Ihre Priesterpflicht nicht getan . . . Sie hätten Benedetto verhindern sollen, mich zu töten.«
»Ich!« sprach der Graf mit einem Lächeln, das den Sterbenden vor Schrecken in Eis verwandelte; »ich Benedetto verhindern, Dich zu töten, in dem Augenblick, wo Du Dein Messer an dem Panzerhemde, das meine Brust bedeckte, zerbrochen hattest! . . . Ja, vielleicht; . . . würde ich Dich demütig und bereuend gefunden haben, so hätte ich Benedetto am Ende abgehalten, Dich zu töten: aber ich fand Dich hochmüthig und blutgierig, und ließ den Willen Gottes in Erfüllung gehen!«
»Ich glaube nicht an Gott!« heulte Caderousse, »Du glaubst eben so wenig an ihn. Du lügst . . . Du lügst! . . . «
»Schweige,« sprach der Abbé, »denn Du machst, daß die letzten Tropfen Blutes aus Deinem Körper spritzen . . . Ah! Du glaubst nicht an Gott, und stirbst von Gott getroffen! . . . Ah! Du glaubst nicht an Gott, und Gott, der doch nur ein Gebet, eine Träne, ein Wort verlangt, um zu verzeihen . . . Gott, der den Dolch des Mörders so lenken konnte, daß Du auf der Stelle verschieden wärest, Gott hat Dir eine Viertelstunde zur Reue gegeben . . . Gehe also in Dich, Unglücklicher, und bereue!«
»Nein,« sprach Caderousse, »nein, ich bereue nicht, es gibt keinen Gott, es gibt keine Vorsehung, es gibt nur einen Zufall.«
»Es gibt eine Vorsehung, es gibt einen Gott,« sprach Monte Christo, »und zum Beweise dient, daß Du hier liegst, in Verzweiflung, Gott leugnend, während ich aufrecht, reich, glücklich, gesund vor Dir stehe und die Hände vor diesem Gotte falte, an welchen Du nicht zu glauben versuchst, während Du im Grunde Deines Herzens doch an ihn glaubst.«
»Aber wer sind Sie denn?« fragte Caderousse, seine sterbenden Augen auf den Grafen heftend.
»Schau mich wohl an,« versetzte der Graf, sich die Kerze an das Gesicht haltend.
»Nun! der Abbé, . . der Abbé Busoni . . . «
Monte Christo nahm die entstellende Perrücke ab und ließ die schönen, schwarzen Haare zurückfallen, welche so harmonisch sein bleiches Gesicht umrahmten.
»Oh!« rief Caderousse erschrocken, »wenn es nicht diese schwarzen Haare waren, so würde ich sagen, Sie seien der Engländer, ich würde sagen, Sie seien Lord Wilmore.«
»Ich bin weder der Abbé Busoni, noch Lord Wilmore,« sprach Monte Christo; »schaue besser, schaue ferner, schaue in Deine ersten Erinnerungen.«
In diesen Worten des Grafen lag ein magnetischer Klang, von dem die erschöpften Sinne des Elenden zum letzten Male wiederbelebt wurden.
»Oh! in der Tat,« sagte er, »es kommt mir vor, als hätte ich Sie gesehen, als hätte ich Sie einst gekannt.«
»Ja, Caderousse, ja. Du hast mich gesehen; ja. Du hast mich gekannt.«
»Aber wer sind. Sie denn? und warum lassen Sie mich sterben, wenn Sie mich gesehen, gekannt haben?«
»Weil nichts Dich retten kann, Caderousse, weil Deine Wunden tödlich sind. Wenn Du hättest gerettet werden können, so würde ich darin eine letzte Barmherzigkeit des Herrn gesehen haben, und hätte es versucht, das schwöre ich Dir bei dem Grabe meines Vaters, Dich dem Leben und der Reue zurückzugeben.«
»Bei dem Grabe Deines Vaters!« sprach Caderousse, wiederbelebt durch einen letzten Funken und sich erhebend, um den Mann näher anzuschauen, der ihm diesen allen Menschen heiligen Eid geleistet hatte: »Ei? wer bist Du denn?«
Der Graf hatte unablässig die Fortschritte des Todeskampfes verfolgt. Er begriff, daß dieser Lebensaufschwung der letzte war, näherte sich dem Sterbenden, betrachtete ihn mit einem ruhigen und zugleich traurigen Blicke und sagte ihm in das Ohr:
»Ich bin . . . «
Und seine kaum geöffneten Lippen ließen einen Namen durchschlüpfen, der so leise gesprochen wurde, daß es schien, als hätte der Graf selbst Furcht, ihn zu hören.
Caderousse, der sich aus die Knie erhoben hatte, streckte die Arme aus, machte einen Versuch, zurückzuweichen, faltete sodann die Hände, hob sie mit einer äußersten Anstrengung zum Himmel empor und sprach:
»Oh! mein Gott! mein Gott! vergib mir, daß ich Dich verleugnet habe; Du bestehst. Du bist der Vater der Menschen im Himmel und der Richter der Menschen auf Erden. Mein Gott und Herr, ich habe Dich lange Zeit mißkannt! mein Gott und Herr, vergib mir! mein Gott und Herr, nimm mich auf!«
Und die Augen schließend fiel Caderousse mit einem letzten Schrei und einem letzten Seufzer zurück.
Das Blut blieb alsbald auf den Lefzen seiner breiten Wunden stehen.
Er war tot.
»Einer!« sagte geheimnisvoll der Graf, die Augen auf den durch diesen furchtbaren Tod bereits entstellten Leichnam geheftet.
Zehn Minuten nachher kamen der Arzt und der Staatsanwalt, der eine vom Portier, der andere von Ali geführt, und wurden von dem Abbé Busoni, der bei dem Toten betete, empfangen.
Zehntes Kapitel.
Beauchamp
Vierzehn Tage lang war in Paris nur von diesem auf eine so kühne Weise unternommenen Diebstahlsversuche die Rede: der Sterbende hatte eine Erklärung unterschrieben, welche Benedetto als Mörder bezeichnete.
Das Messer von Caderousse, die Blendlaterne, der Schlüsselbund und die Kleider, ohne seine Weste, die man nicht finden konnte, wurden in der Gerichtskanzlei deponiert, während man den Leichnam nach der Morgue brachte.
Der Graf antwortete Jedermann, das Abenteuer sei vorgefallen, während er in seinem Hause in Auteuil gewesen, und er wisse folglich nur das, was ihm der Abbé Busoni gesagt, der ihn an diesem Abend durch den größten Zufall gebeten habe, die Nacht bei ihm zubringen zu dürfen, um in einigen kostbaren Büchern seiner Bibliothek Nachforschungen anzustellen.
Bertuccio allein erbleichte, so oft der Name Benedetto in seiner Gegenwart ausgesprochen wurde; aber es war kein Grund vorhanden, daß Jemand die Blässe von Bertuccio bemerkt hätte.
Zu Bestätigung des Verbrechens herbeigerufen, bemächtigte sich Villefort der Angelegenheit und führte die Untersuchung mit dem leidenschaftlichen Eifer, mit dem er bei allen Criminalfällen zu Werke ging, welche er zu behandeln hatte.
Doch es verliefen drei Wochen, ohne daß die thätigsten Nachforschungen irgend ein Resultat herbeiführten, und man fing an in der Welt den bei dem Grafen unternommenen Diebstahlsversuch und die Ermordung des Diebes durch seinen Genossen zu vergessen, um sich mit der nahe bevorstehenden Verheiratung des Grafen Andrea Cavalcanti mit Fräulein Danglars zu beschäftigen.
Diese Heirat war gleichsam erklärt, und der junge Mann wurde im Hause des Banquier unter dem Titel eines Bräutigams empfangen.
Man hatte an Herrn Cavalcanti Vater geschrieben, der diese Heirat ungemein billigte und, während er sein ganzes Bedauern darüber ausdrückte, daß ihn sein Dienst verhindere, Parma zu verlassen, sich bereit erklärte, das Kapital von hundert und fünfzig tausend Franken Rente zu geben.
Es war verabredet, daß die drei Millionen bei Danglars, der sie umzutreiben hätte, angelegt werden sollten; einige Personen versuchten es zwar, dem jungen Manne Zweifel über die Haltbarkeit der Stellung seines zukünftigen Schwiegervaters einzuflößen, welcher seit einiger Zeit wiederholte Verluste an der Börse erlitten; aber mit einer erhabenen Uneigennützigkeit und einem edlen Vertrauen wies der junge Mann diese leeren Einflüsterungen zurück, von denen er aus Zartgefühl dem Baron kein Wort sagte.
Der Baron betete auch den Grafen Andrea Cavalcanti an.
Nicht dasselbe war bei Fräulein Eugenie Danglars der Fall. In ihrem instinktartigen Hasse gegen die Ehe hatte sie Andrea als ein Mittel, Morcerf zu entfernen, empfangen; nun aber, da sich Andrea ihr zu sehr näherte, fing sie an, einen sichtbaren Widerwillen gegen ihn zu fühlen; vielleicht hatte es der Baron bemerkt; da er aber diesen Widerwillen nur einer Laune zuschreiben konnte, so stellte er sich, als bemerkte er nichts.
Mittlerweile war die von Beauchamp geforderte Frist abgelaufen. Morcerf konnte übrigens den Wert des Rathes von Monte Christo, als dieser ihm sagte, er möge die Sache von selbst fallen lassen, nunmehr schätzen; denn Niemand hatte die Note auf den General bezogen, kein Mensch hatte daran gedacht, in dem Offizier, der das Schloß von Janina ausgeliefert, den edlen, in der Kammer der Pairs sitzenden, Grafen zu erkennen.
Albert fühlte sich darum nicht minder beleidigt, denn die Absicht der Beleidigung lag offenbar in den paar Zeilen, die ihn verletzt hatten. Überdies hatte die Art und Weise, wie Beauchamp ihre Besprechung beendigt, eine bittere Erinnerung in seinem Innern zurückgelassen. Er hegte daher in seinem Geiste den Gedanken dieses Duells, dessen wahre Ursache er, wenn sich Beauchamp dazu hergeben würde, sogar vor seinen Zeugen zu verbergen gedachte.
Was Beauchamp betrifft, so hatte man ihn seit dem Tage, an welchem ihm Albert den Besuch gemacht, nicht wiedergesehen, und man antwortete denjenigen, welche nach ihm fragten, er wäre auf kurze Zeit verreist.
Eines Morgens wurde Albert durch seinen Kammerdiener aufgeweckt, der ihm Beauchamp meldete.
Albert rieb sich die Augen, befahl, Beauchamp in seinem kleinen Rauchsalon im Erdgeschoße warten zu lassen, kleidete sich rasch an und ging hinab.
Er fand Beauchamp im Zimmer auf- und abspazierend; als dieser ihn erblickte, blieb er stehen.
»Der Schritt, den Sie machen, indem Sie sich freiwillig und ohne den Besuch abzuwarten, den ich Ihnen heute zugedacht habe, bei mir einfinden, scheint mir ein gutes Vorzeichen zu sein, mein Herr,« sprach Albert; »reden Sie geschwind, darf ich Ihnen die Hand reichen und sagen: Beauchamp, gestehen Sie ein Unrecht und bewahren Sie mir einen Freund? Oder muß ich ganz einfach fragen: Welche Waffen wählen Sie?«
»Albert,« sprach Beauchamp mit einer Traurigkeit, welche den jungen Mann erstaunen machte, »wir wollen uns setzen und mit einander reden.«
»Es scheint mir im Gegenteil, mein Herr, daß Sie mir zu antworten haben, ehe wir uns setzen.«
»Albert,« erwiderte der Journalist, »es gibt Umstände, wo die Schwierigkeit gerade in der Antwort liegt.«
»Ich werde sie Ihnen leicht machen, mein Herr, indem ich Ihnen die Frage wiederhole: Wollen Sie zurücknehmen, ja oder nein?«
»Morcerf, man begnügt sich nicht, ja oder nein auf Fragen zu antworten, wobei die Ehre, die gesellschaftliche Stellung, das Leben eines Mannes, wie der
Herr Generallieutenant Graf von Morcerf, Pair von Frankreich, beteiligt sind.«
»Was tut man denn?«
»Man tut, was ich getan habe. Albert; man sagt: Das Geld, die Zeit und die Anstrengung sind nichts, wenn es sich um den Ruf und die Interessen einer Familie handelt; man sagt: Man braucht mehr als Wahrscheinlichkeiten, man braucht Gewißheiten, um ein Duell auf Leben und Tod mit einem Manne anzunehmen, dem man drei Jahre lang die Hand gereicht hat; man sagt: Kreuze ich den Degen, oder feuere ich eine Pistole auf einen Freund ab, so muß ich mit dem ruhigen Herzen und dem lauteren Gewissen kommen, dessen ein Mann bedarf, wenn sein Arm ihm sein Leben retten soll.«
»Nun!« fragte Morcerf ungeduldig, »was soll das bedeuten?«
»Das soll bedeuten, daß ich von Janina komme.«
»Von Janina? Sie?«
»Ja, ich.«
»Unmöglich!«
»Mein lieber Albert, hier ist mein Paß; sehen Sie die Visa: Genf, Mailand, Venedig, Triest, Delvino, Janina. Werden Sie der Unterschrift einer Republik, eines Königreiches und eines Kaisertums glauben?«
Albert warf seine Augen auf den Paß und hob sie wieder erstaunt zu Beauchamp auf.
»Sie sind in Janina gewesen?« sagte er.
»Albert, wären Sie für mich ein Fremder, ein Unbekannter, ein einfacher Lord, wie jener Engländer, der vor drei oder vier Monaten von mir Rechenschaft verlangte, und den ich tötete, um seiner los zu werden, so würde ich mir, wie Sie wohl begreifen, keine solche Mühe gegeben haben; aber ich dachte, ich wäre Ihnen dieses Zeichen der Achtung schuldig. Ich brauchte acht Tage zur Reise nach Janina, acht Tage zur Rückkehr, ferner vier Tage Quarantaine und acht und vierzig Stunden Aufenthalt; das macht gerade meine drei Wochen. Ich bin in dieser Nacht angekommen, und stehe nun vor Ihnen.«
»Mein Gott, mein Gott! wie viele Umschweife, Beauchamp, warum zögern Sie, mir zu sagen, was ich von Ihnen erwarte?«
»Es ist in der Tat . . . «
»Man sollte glauben, Sie hätten bange.«
»Ja, ich habe Furcht.«
»Sie haben Furcht, zu gestehen, daß Ihr Correspondent Sie getäuscht?«
»Nein.«
»Oh! keine Eitelkeit, Beauchamp, gestehen Sie immerhin, Ihr Mut kann nicht in Zweifel gezogen werden.«
»Oh! es ist nicht das,« murmelte der Journalist; »im Gegenteil . . . «
Albert erbleichte furchtbar; er versuchte es, zu sprechen, aber das Wort erstarb auf seiner Zunge.
»Mein Freund,« sprach Beauchamp mit dem liebevollsten Tone, »glauben Sie mir, ich wäre glücklich, Ihnen meine Entschuldigungen bieten zu können, und ich böte Sie Ihnen von ganzem Herzen; aber ach! . . . «
»Was aber?«
»Die Note hatte Recht, mein Freund.«
»Wie! der französische Offizier . . . «
»Ja.«
»Dieser Fernand?«
»Ja.«
»Dieser Verräter, der die Schlösser des Mannes übergeben hat, in dessen Diensten er stand . . . «
»Verzeihen Sie mir, daß ich Ihnen sage, was ich Ihnen sagen muß, dieser Mann ist Ihr Vater!«
Albert machte eine wütende Bewegung, um sich auf Beauchamp zu stürzen; doch dieser hielt ihn mehr noch durch einen sanften Blick, als durch eine ausgestreckte Hand zurück.
»Hier, mein Freund,« sagte er, ein Papier aus seiner Tasche ziehend, »hier ist der Beweis.«
Albert öffnete das Papier; es war eine Zeugschaft von vier angesehenen Bewohnern von Janina, welche bestätigten, daß der Oberste Fernand Mondego, Instructor im Dienste des Wessirs Ali Tependelini, das Schloß von Janina gegen zweitausend Beutel übergeben hatte.
Die Unterschriften waren durch den Consul legalisiert. Albert wankte und fiel wie vernichtet auf einen Stuhl.
Diesmal gab es keinen Zweifel mehr, der Familienname stand mit allen Buchstaben geschrieben aus dem Papiere.
Nach einem kurzen, schmerzlichen Stillschweigen, dehnte sich sein Herz aus, schwollen seine Halsadern«n, und ein Strom von Tränen entstürzte seinen Augen.
Beauchamp, schaute den dem Paroxismus des Schmerzes sich hingebenden jungen Mann mit tiefem Mitleid an, näherte sich ihm und sprach:
»Albert, nicht wahr, Sie begreifen mich nun? Ich wollte Alles sehen, Alles selbst beurteilen, in der Hoffnung, die Erklärung würde günstig für Ihren Vater ausfallen, und ich könnte ihm volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Doch die Erkundigungen, die ich einzog, bestätigten im Gegenteil, daß dieser Oberinstructor, daß dieser von Ali Pascha zum Generalgouverneur erhobene Fernand Mondego kein Anderer ist, als der Graf von Morcerf. Da kehrte ich zurück und erinnerte mich der Ehre, die Sie mir angetan, mich zu Ihrer Freundschaft zuzulassen, und eilte zu Ihnen.«
Auf seinem Lehnstuhle ausgestreckt, hielt Albert seine Hände vor die Äugen, als wollte er den Tag verhindern, zu ihm zu gelangen.
»Ich eilte zu Ihnen,« fuhr Beauchamp fort, »um Ihnen zu sagen: Albert, die Fehler unserer Väter in diesen Zeiten der Wirkung und Gegenwirkung können die Kinder nicht berühren. Albert, sehr Wenige haben diese Revolutionen, in deren Mitte wir geboren sind, durchgemacht, ohne daß Koth oder Blut ihre Soldatenuniform oder ihr Richterkleid befleckt hätte. Albert, nun, da ich alle Beweise habe, nun, da ich Herr Ihres Geheimnisses bin, kann mich Niemand in der Welt zu einem Zweikampfe zwingen, den Ihnen, ich bin es fest überzeugt, Ihr Gewissen als ein Verbrechen vorwerfen würde; aber was Sie von mir verlangen können, biete ich Ihnen an. Sollen diese Beweise, diese Enthüllungen, diese Zeugschaften verschwinden? Soll dieses furchtbare Geheimnis zwischen Ihnen und mir bleiben? Meinem Ehrenwort anvertraut, wird es nie über meine Lippen kommen; sprechen Sie, mein Freund, wollen Sie dies?« .
Albert warf sich Beauchamp um den Hals und rief:
»Ah, edles Herz!«
»Nehmen Sie,« sprach Beauchamp, indem er Albert die Papiere überreichte.
Albert ergriff die Papiere, preßte, zerknitterte sie mit krampfhafter Hand, und wollte sie zerreißen; doch zitternd, es könnte das geringste Teilchen, von dem Winde fortgetragen, eine Enthüllung zur Folge haben und ihn vor die Stirne treffen, ging er zu der beständig für die Cigarren angezündeten Kerze und verbrannte sie bis auf das letzte Fetzchen.
»Theurer Freund! vortrefflicher Freund!« murmelte Albert, während er die Papiere verbrannte.
»Möge sich dies Alles vergessen, wie ein böser Traum,« sprach Beauchamp, »möge dies erlöschen, wie die letzten Funken, welche über das geschwärzte Papier hinlaufen, möge Alles verschwinden, wie der letzte Rauch, der aus der stummen Asche aufsteigt.«
»Ja, ja,« sagte Albert, »und es bleibe nur die ewige Freundschaft, die ich meinem Retter weihe, eine Freundschaft, die meine Kinder auf die Ihrigen übertragen werden, eine Freundschaft, die mich stets daran erinnern soll, daß ich das Blut meiner Adern, das Leben meines Körpers, die Ehre meines Namens Ihnen zu verdanken habe, denn wenn eine solche Sache bekannt geworden wäre, oh! Beauchamp. ich erkläre Ihnen, ich würde mir die Hirnschale zerschmettert haben, . . oder, nein, arme Mutter! denn ich hätte Dich nicht mit demselben Schlage töten wollen, mit dem ich mich von dieser Welt verbannte.«
»Theurer Albert,« sagte Beauchamp.
Doch der junge Mann wich bald wieder von dieser unvermuteten und gleichsam künstlichen Aufwallung ab und verfiel abermals und noch tiefer in Traurigkeit.
»Nun?« fragte Beauchamp, »was gibt es denn noch?«.
»Ich habe etwas Gebrochenes im Herzen,« antwortete Albert. »Hören Sie, Beauchamp, man trennt sich nicht so in einer Sekunde von der Achtung, von dem Vertrauen, von dem Stolze, den einem Sohne der fleckenlose Name seines Vaters einflößt. Oh! Beauchamp, Beauchamp! wie werde ich nun meinen Vater ansehen? Werde ich meine Stirne zurückziehen, wenn er ihr seine Lippen, meine Hand, wenn er ihr seine Hand nähert? Hören Sie, Beauchamp, ich bin der unglücklichste Mensch. Ah! meine Mutter, meine arme Mutter!« rief Albert, durch seine in Tränen gebadeten Augen das Porträt seiner Mutter anschauend; »wenn Du das gewußt, wie viel hättest Du leiden müssen!«
»Auf, Mut gefaßt, mein Freund!« sprach Beauchamp ihn bei den Händen fassend.
»Aber woher kam die in Ihre Zeitung eingerückte Note?« rief Albert; »hinter dem Allem steckt ein unbekannter Haß, ein unsichtbarer Feind.«
»Wohl! ein Grund mehr. Mut gefaßt. Albert; keine Spuren von Aufregung auf Ihrem Gesichte; tragen Sie diesen Schmerz in sich, wie die Wolke die Zertrümmerung und den Tod in sich trägt, ein unseliges Geheimnis, das man erst in dem Augenblick begreift, wo der Sturm losbricht. Bewahren Sie Ihre Kräfte, mein Freund, .bis zu dem Augenblick, wo es zum Ausbruch kommt.«
»Oh! Sie glauben also, wir seien noch nicht am Ziele?« sagte Albert erschrocken.
»Ich glaube nichts, mein Freund; doch es ist am Ende Alles möglich; sagen Sie mir . . . «
»Was?« fragte Albert, als er Beauchamp zögern sah.
»Heiraten Sie immer noch Fräulein Danglars?«
»Warum fragen Sie mich dies im gegenwärtigen Augenblick, Beauchamp?«
»Weil in meinem Geiste der Bruch oder die Vollziehung dieser Heirat mit dem Gegenstande in Verbindung steht, der uns zu dieser Stunde beschäftigt.«
»Wie!« rief Albert, dessen Stirne sich entflammte, »Sie glauben, Herr Danglars . . . «
»Ich frage Sie nur, wie es sich mit Ihrer Heirat verhalte? Sehen Sie in meinen Worten nichts Anderes, als das, was ich darein legen will, und geben Sie ihnen nicht mehr Gewicht, als sie haben.«
»Nein,« erwiderte Albert, »diese Heirat ist abgebrochen.«
»Gut,« sagte Beauchamp. Als er aber sah, daß der junge Mann wieder in seine Schwermut verfiel, fügte er bei: »Glauben Sie mir, es wird das Beste sein, wir begeben uns in die freie Luft; eine Fahrt im Phaëton nach dem Walde, oder ein Spazierritt wird Sie zerstreuen; wir frühstücken bei unserer Rückkehr irgendwo, Sie gehen an Ihre Geschäfte und ich an die meinigen.«
»Gern,« erwiderte Albert, »wir gehen zu Fuße aus, ich denke, etwas Anstrengung wird mir gut tun.«
»Es sei.«
Die zwei Freunde gingen zu Fuße aus und folgten dem Boulevard. Bei der Madeleine angelangt, sprach Beauchamp:
»Hören Sie, da wir auf dem Wege sind, wollen wir ein wenig Herrn von Monte Christo besuchen; er wird Sie zerstreuen, denn er ist ein bewunderungswürdiger Mann, um die Geister zu beschwichtigen, insofern er nie fragt; meiner Ansicht nach sind die Leute, welche nie fragen, die geschicktesten Tröster.«
