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Kitabı oku: «Die beiden Dianen», sayfa 25

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»Oh! das habe ich so eben nicht gesehen, ich muß bekennen, Ihr kommt mir im Gegentheil sehr kräftig vor.«

»Ah! ja, weil ich Euch ein wenig gepackt habe. Grollt mir deshalb nicht. Es war in der That das Fieber des Hungers, was mich unterstützte. Doch zu dieser Stunde seid Ihr meine Vorsehung, denn als ein Landsmann werdet Ihr mich nicht wieder in die Hände der Feinde fallen lassen, nicht wahr?«

»Nein, gewiß nicht, wenn ich etwas vermag,« antwortete Arnauld du Thill, der eben hinterhältisch über die Rede von Martin nachdachte.

Er fing an klar zu sehen, wie er seinen, einen Augenblick durch die eiserne Faust seines Sosie gefährdeten, Vortheil wieder erringen könnte.

»Ihr müßt viel für mich vermögen,« fuhr Martin treuherzig fort. »Vor Allem, kennt Ihr die Gegend ein wenig?«

»Ich bin von Auvray, eine Viertelmeile von hier,« sagte Arnauld.

»Ihr wolltet dahin gehen?«

»Nein, ich kam von dort zurück,« antwortete nach kurzem Zögern der Meister Schelm.

»Dort liegt also Auvray?« fragte Martin, die Seite bezeichnend, wo Noyon lag.

»Gerade dort,« erwiderte Arnauld. »Es ist das erste Dorf nach Noyon auf der Straße nach Paris.«

»Auf der Straße nach Paris!« rief Martin, »seht, wie man sich in den Wäldern verirrt. Ich bildete mir ein, ich wende Noyon den Rücken zu, und ich kehrte dahin zurück, Ich dachte gegen Paris zu marschieren und entfernte mich davon. Euer verfluchtes Land ist mir, wie ich Euch sagte, völlig unbekannt. Ich muß mich also nach der Seite wenden, wo Ihr herkommt, um nicht dem Wolf in den Rachen zu fallen?«

»Wie Ihr sagt, Meister. Ich gehe nach Noyon. Doch macht einige Schritte mit mir. Wir finden unsern von hier, etwas vor der Fähre der Oise, eine andere Straße, welche Euch mehr unmittelbar nach Auvray führt.«

»Großen Dank! Freund Bertrand,« sprach Martin-Guerre, »ich wünsche allerdings ungemein meine Schritte zu sparen, denn ich fühle mich sehr müde, sehr schwach, da ich, wie gesagt, so nüchtern bin, als man nur immer sein kann. Hättet Ihr nicht zufällig einige Substanzen bei Euch, Freund Bertrand? das hieße mich zweimal retten, einmal vom Engländer, und dann vom Hunger, der nicht minder furchtbar ist, als der Engländer.«

»Ach! ich habe nicht ein Krümchen in meinem Hafersack. Doch wenn Ihr trinken wollt, meine Kürbisflasche ist voll.«

Babette war in der That bemüht gewesen, mit Cyprien einem damals sehr beliebten starken Wein, die Kürbisflasche ihres Ungetreuen zu füllen, und Arnauld hatte bis dahin kluger Weise seine Flasche geschont, um seine etwas gebrechliche Vernunft unter den Gefahren des Weges zu bewahren.

»Ich glaube wohl, daß ich trinken will,« rief Martin-Guerre begeistert. »Ein Schluck Wein wird mich immerhin etwas wiederbeleben.«

»Nun! so nehmt und trinkt, mein braver Mann,« sprach Arnauld, indem er ihm die Kürbisflasche reichte.

»Ich danke und Gott vergelte es Euch,« sagte Martin.

Und er fing an ohne Mißtrauen sich diesen Wein einzugießen, der eben so verrätherisch war, als derjenige, welcher ihn bot, und dessen Dünste beinahe sogleich sein leeres Gehirn benebelten.

»Ei!« sagte er ganz heiter. »Eurem Claret fehlt es nicht an Feuer.«

»Oh! mein Gott,« entgegnete Arnauld, »er ist sehr unschuldig, und ich trinke davon bei jedem Mahle zwei Flaschen. Doch hört, der Abend ist schön, setzen wir uns einen Augenblick auf den Grasboden, Ihr werdet ausruhen und ganz nach Eurem Behagen trinken. Ich habe Zeit, und wenn ich nur vor zehn Uhr, zu welcher Stunde die Thore geschlossen werden, in Noyon ankomme, steht Alles gut. Ihr, obgleich Auvray immer noch zu Frankreich hält, könnt, wenn Ihr zu früher Stunde der Landstraße folgt, belästigenden Patrouillen begegnen, verlaßt Ihr die Landstraße, so werdet Ihr Euch abermals verirren. Das Beste ist, wenn wir einige Minuten hier verweilen und in guter Freundschaft plaudern. Wo seid Ihr gefangen genommen worden?«

»Ich weiß es nicht genau,« antwortete Martin-Guerre, »denn es gibt hierüber wie über mein ganzes armes Dasein zwei sich widersprechende Versionen: das, was ich glaube, und das, was man mir sagt. Man versichert mich nun, ich habe mich in der Schlacht von Saint-Laurent auf Gnade und Ungnade ergeben, und ich bilde mir ein, ich habe dieser Schlacht nicht beigewohnt und ich sei später allein in die Hände eines feindlichen Detachement gerathen.«

»Wie soll ich das verstehen?« fragte Arnauld du Thill, der den Erstaunten spielte. »Ihr habt also zwei Geschichten. Eure Abenteuer müssen, wie mir scheint, interessant und lehrreich sein. Ich muß Euch sagen, daß ich die Erzählungen zum Närrisch werden liebe. Trinkt noch fünf oder sechs Schlücke zur Stärkung Eures Gedächtnisses, und erzählt mir etwas von Eurem Leben! Ihr seid nicht aus der Picardie?«

»Nein,« antwortete Martin nach einer Pause, die er damit ausfüllte, daß er die Kürbisflasche zu drei Vierteln leerte, »nein, ich bin aus dem Süden, aus Artigues.«

»Ein schönes Land, wie man sagt. Ihr habt dort Eure Familie?«

»Frau und Familie, theurer Freund,« antwortete Martin-Guerre, der durch den Cyprier sehr offenherzig und vertraulich geworden war.

Und halb durch die Fragen von Arnauld, halb durch die wiederholten Libationen angeregt, begann er mit großer Gesprächigkeit seine Geschichte in allen ihren Einzelheiten zu erzählen: seine Jugend, seine Liebschaft, seine Heirath, daß seine Frau reizend wäre, abgesehen von einem kleinen Mangel, der darin bestünde, daß sie eine zugleich zu leichte und zu schwere Hand hätte. Eine Ohrfeige von einer Frau entehrte einen Mann nicht, doch mit der Zeit würde das langweilig. Deshalb hätte Martin-Guerre seine Frau verlassen. Eine umständliche Erzählung der Ursachen, der Zwischenfälle und der Folgen dieses Bruches. Im Grunde liebte er sie immer noch, diese theure Bertrande! er trug noch an seiner Hand den eisernen Hochzeitsring und auf seinem Herzen die paar Briefe die ihm Bertrande im Verlauf einer ersten Trennung geschrieben hatte. Während er dies erzählte, weinte der gute Martin-Guerre. Er trank offenbar einen rührenden Wein. Dann wollte er mittheilen, was ihm seit seinem Eintritt in den Dienst des Vicomte d’Ermès begegnet, daß ein Dämon ihn verfolgte, daß er, Martin-Guerre, doppelt war und sich in seinen zwei Existenzen gar nicht auskannte. Doch dieser Theil seiner Geschichte schien Arnauld du Thill weniger zu interessieren, denn er brachte den Erzähler immer wieder auf seine Kindheit, auf das väterliche Haus, auf die Freunde, auf die Verwandten in Artigues, auf die Reize und Fehler von Bertrande zurück.

Mittelst eines äußerst geschickten Verhörs wußte der treulose Arnauld du Thill in weniger als zwei Stunden Alles, was er über die alten Gewohnheiten und die geheimsten Handlungen des armen Martin-Guerre wissen wollte.

Nach Ablauf von zwei Stunden erhob sich Martin-Guerre, Feuer im Kopfe, oder er wollte sich vielmehr erheben, denn er stolperte beim Aufstehen und fiel schwerfällig wieder auf seinen Sitz zurück.

»Nun! nun! was ist denn das?« sagte er in ein Gelächter ausbrechend, das sehr lange fortdauerte, ehe es erlosch. »Gott verdamme mich! ich glaube dieser leichte Wein macht seine albernen Streiche. Gebt mir doch die Hand, Kamerad, daß ich mich aufrecht halten kann.«

Arnauld hob ihn muthig auf und stellte ihn auf seine Beine, jedoch nicht in ein classisches Gleichgewicht.

»Holla! he! wie viele Laternen!« rief Martin. »Wie dumm bin ich! ich hielt die Sterne für Laternen.« Dann fing er an zu singen:

 
»Gewürzt in der Hölle
Mundet der Wein,
Schenkt mir der Teufel
Selber mal ein!«
 

»Wollt Ihr wohl schweigen,« rief Arnauld. »Wenn eine feindliche Truppe in der Gegend vorüber käme und Euch hören würde?«

»Bah! ich kümmere mich viel darum; was könnten sie mir thun? mich hängen? es muß einem wohl sein, wenn man gehängt ist! Ihr habt mich zu viel trinken lassen, Kamerad. Ich, der ich gewöhnlich mäßig bin wie ein Lamm, weiß nicht mit der Trunkenheit zu streiten, und dann war ich nüchtern, ich hatte Hunger, jetzt habe ich Durst.

»Gewürzt in der Hölle . . .«

»Stille!« sagte Arnauld. »Vorwärts, sucht zu gehen; Wollt Ihr Euch nicht in Auvray zur Ruhe legen?«

»Oh! ja, mich zur Ruhe legen!« sagte Martin. »Aber nicht in Auvray, hier auf dem Grase, unter den Laternen des guten Gottes.«

»Ja,« versetzte Arnauld, »ja, und morgen früh entdeckt Euch eine spanische Patrouille und schickt Euch beim Teufel schlafen gehen.«

»Beim alten Teufel?« versetzte Martin. »Nein, ich will mich lieber ein wenig zusammennehmen und bis Auvray schleppen. Dorthin nicht wahr? ich gehe.«

Doch er mochte sich immerhin zusammennehmen, er beschrieb so ausschweifende Zickzacke, daß Arnauld bald sah, Martin müßte sich, wenn er ihm nicht ein wenig helfen würde, abermals verirren, das heißt diesmal sich retten. Dies paßte aber nicht in die Rechnung des edlen Herrn.

»Hört,« sagte er zu dem armen Martin, »ich habe ein menschenfreundliches Gemüth und Auvray ist nicht fern von hier. Ich will Euch bis dahin begleiten. laßt mich mein Pferd losbinden, ich führe es am Zügel und Ihr gebt mir den Arm.«

»Meiner Treue, ich nehme das an. Ich bin nicht stolz, ich, und unter uns gesagt, ich gestehe, ich bin ein wenig betrunken. Ich komme auf meine Behauptung zurück Eurem Claret fehlt es nicht an Feuer. Ich fühle mich sehr glücklich, aber ein wenig trunken.«

»Vorwärts! es ist spät,« sagte Arnauld, indem er mit seinem Sosie unter dem Arm den Pfad wieder einschlug, auf welchem er angekommen war, und der unmittelbar zu dem Schlupfthor von Noyon führte.«Doch,« fügte er bei, »wollt Ihr mir nicht, um den Weg abzukürzen, noch eine gute Geschichte von Artigues erzählen?«

»Soll ich Euch die Geschichte von Papotte erzählen?« sagte Martin-Guerre. »Ah! ah! die arme Papotte!«

Die Epopóe von Papotte steht zu wenig im Zusammenhang mit unserer Geschichte, als daß wir sie hier mittheilen könnten. Sie war indessen beinahe vollendet, als die zwei Menechmen6 des sechzehnten Jahrhunderts an das Schlupfthor von Noyon kamen.

»Dort! sagte Arnauld, »ich brauche nicht weiter zu gehen. Ihr seht jenes Thor? das ist das Thor von Auvray. Klopft an, der Wächter wird Euch öffnen, Ihr richtet ihm eine Empfehlung von mir, Bertrand, aus und er wird Euch zwei Schritte von da mein Haus zeigen, wo Euch mein Bruder empfängt, und wo Ihr gutes Abendbrod und gutes Nachtlager findet. hiernach, lebt wohl, Kamerad, einen letzten Händedruck und Gott befohlen!«

»Gott befohlen und meinen Dank,« erwiderte Martin. »Ich bin nur ein armer Tropf, der nicht für das erkenntlich sein kann, was er Euch schuldig ist. Doch seid unbesorgt. der gute Gott wird Euch in seiner Gerechtigkeit zu bezahlen wissen. Gott befohlen, Freund.«

Seltsamer Weise machte die Vorhersagung des Trunkenen Arnauld schauern, während er doch gar nicht abergläubisch war, und er hatte einen Augenblick Lust, Martin zurückzurufen. Doch dieser klopfte schon aus Leibeskräften an das Schlupfthor.

»Armer Teufel! er klopft an sein Grab!« dachte Arnauld, »bah! das sind Kindereien.«

Martin, der nicht vermuthete, daß er von seinem Reisegefährten beobachtet wurde, schrie indessen aus vollem Halse:

»He! Thorwart! he! Cerberus! willst Du wohl öffnen, Lümmel! es ist Bertrand, der würdige Bertrand, der mich schickt!«

»Wer da?« fragte die Schildwache im Innern. »Man öffnet nicht mehr. Wer seid Ihr, daß Ihr einen solchen Lärmen macht?«

»Wer ich bin? Tölpel! ich bin Martin-Guerre, oder wenn Du willst, Arnauld du Thill, der Freund von Bertrand. Ich bin mehr als Einer, besonders wenn ich getrunken habe. Ich bin zwanzig Bursche, die Dich gehörig striegeln werden, wenn Du nicht öffnest.«

»Arnauld du Thill! Ihr seyd Arnauld du Thill?« fragte die Schildwache.

»Ja, Arnauld du Thill ist dabei, zwanzigtausend Karren voll Teufel!« schrie Martin-Guerre, der mit den Füßen und den Fäusten an das Thor klopfte.

Es entstand nun ein Geräusch von Soldaten, welche von der Schildwache gerufen wurden.

Hierauf öffnete man mit einer Laterne und Arnauld du Thill, der in einiger Entfernung hinter den Bäumen verborgen stand, hörte mehrere Stimmen gleichzeitig mit dem Ausdrucke des Erstaunens rufen:

»Meiner Treue! er ist es, Gott verdamme mich! er ist es.«

Als Martin-Guerre seine Tyrannen erkannte, stieß er einen Schrei der Verweiflung aus, der Arnauld in seinem Versteck wie ein Fluch traf.

Dann schloß Arnauld aus dem Stampfen mit den Füßen und dem Geschrei, Martin, der Alles verloren sehe, unternehme einen unmöglichen Kampf. Doch er hatte nur zwei Fäuste gegen zwanzig Schwerter. Das Geräusch nahm ab, entfernte sich allmälig und hörte endlich ganz auf. Man hatte Martin unter Flüchen und Schwüren weggeführt.

»Wenn er mit Schmähungen und Schlägen seine Sache beizulegen hofft! . . .« sagte Arnauld sich die Hände reibend.

Als er nichts mehr hörte, überließ er sich eine Viertelstunde seinen Betrachtungen, denn Arnauld war ein sehr überlegender, tiefer Schelm. Das Resultat seines Nachdenkens war, daß er drei bis vierhundert Schritte in den Wald drang, sein Pferd an einen Baum band, auf trockenem Laub den Sattel und die Decke des Pferdes ausbreitete, sich in seinen Mantel hüllte und nach einigen Minuten in den festen Schlaf versank, den Gott dem verhärteten Bösewicht noch vielmehr gestattet, als der schüchternen Unschuld.

Er schlief acht Stunden hintereinander.

Nichtsdestoweniger war es noch Nacht, als er erwachte, und er sah an der Stellung der Gestirne, daß es vier Uhr Morgens sein mochte. Er stand auf, schüttelte sich und schlich, ohne sein Pferd loszubinden, vorsichtig bis zur Landstraße.

An dem Galgen, den man ihm am Tage zuvor gezeigt hatte, baumelte der Leichnam des armen Martin-Guerre.

Ein häßliches Lächeln schwebte über die Lippen von Arnauld.

Ohne zu zittern, näherte er sich dem Todten. Doch der Körpers hing zu hoch, als daß er ihn hätte erreichen können. Da kletterte er, seinen Degen in der Hand, am Pfosten des Galgens hinauf und schnitt, sobald er die nöthige Höhe erreicht hatte, den Strick ab.

Der Leichnam fiel auf die Erde.

Arnauld stieg wieder herab, machte vom Finger des Todten einen Ring los, der das Mitnehmen nicht werth war, durchsuchte die Brust des Gehenkten, fand hier Papiere, die er sorgfältig verwahrte, hüllte sich wieder in seinen Mantel, ohne einen Blick ohne ein Gebet für den Unglücklichen, den er im Leben so sehr geplagt hatte und noch im Tode bestahl.

Er fand sein Pferd im Gehölze, sattelte es und sprengte im Galopp in der Richtung von Aulnay fort. Er war zufrieden, der Elende! Martin machte ihm nicht mehr bange.

Eine halbe Stunde nachher, als ein schwacher Schimmer im Osten hervorzubrechen begann, sah ein zufällig vorübergehender Holzhauer den Strick vom Galgen abgeschnitten und den Gehenkten auf dem Boden liegend. Er näherte sich zugleich furchtsam und neugierig dem Todten, bei dem er die Kleider in Unordnung und den Strick ziemlich lose um den Hals fand; er fragte sich, ob das Gewicht des Körpers den Strick zerrissen, oder ob ihn ein Freund, zu spät ohne Zweifel, abgeschnitten habe. Er wagte es sogar, den armen Sünder zu berühren, um sich zu versichern, daß er wirklich todt war.

Doch zu seinem großen Schrecken bewegte der Gehenkte nun den Kopf und die Hände und erhob sich auf seine Kniee: da entfloh der Holzhauer ganz bestürzt, so schnell er laufen konnte, indem er sich vielfach bekreuzte und sich Gott und allen Heiligen empfahl.

XXI.
Die bukolischen Träume von Arnauld du Thill

Der Connétable von Montmorency, welcher am Abend vorher; nachdem er ein königliches Lösegeld bezahlt, in Paris angekommen war, begab sich in den Louvre, um sogleich zu sondieren, wie es mit der Gunst des Königs stünde. Doch Heinrich II. empfing ihn mit einer strengen Kälte und lobte die Administration des Herzogs von Guise, der es so eingerichtet, daß er das Unglück des Königreichs, wenn auch nicht wieder gut machen: doch wenigstens mildern würde.

Vor Zorn und Neid erbleichend, hoffte der Connétable wenigstens einigen Trost bei Diana von Poitiers zu finden. Aber die Favoritin war nicht minder kalt, und als Montmorency sich über diesen Empfang beklagte und zu befürchten schien, seine Abwesenheit habe ihm geschadet, und ein Glücklicherer sei ihm in der Gunst der Herzogin gefolgt, sagte ihm Frau von Poitiers unverschämter Weise:

»Ihr kennt ohne Zweifel das neue Sprichwort des Pariser Volkes?«

»Madame, ich komme so eben an und kenne es nicht,« stammelte der Connétable.

»Nun, das boshafte Volk sagt: »Heute ist Saint-Laurent-Fest, wer den Platz verläßt, übergibt das Nest.««

Der Connétable wurde bleich, verbeugte sich vor der Herzogin, und verließ den Louvre, den Tod im Herzen.

Als er in sein Hotel und in sein Zimmer zurückkam, warf er seinen Hut auf den Boden.

»Ah! die Könige und die Frauen!« rief er. »Undankbare Race! das liebt nur den Erfolg!«

»Gnädigster Herr!« sagte ein Bedienter, »es ist ein Mensch da, der Euch zu sprechen verlangt.«

»Er soll zum Teufel gehen!« erwiderte der Connétable. »Ich bin gerade in der Stimmung, zu empfangen! Schicke ihn zu Herrn von Guise.«

»Gnädigster Herr, dieser Mensch hat mich gebeten, Euch seinen Namen zu sagen: er nennt sich Arnauld du Thill.«

»Arnauld du Thill!« rief der Connétable erstaunt, »das ist etwas Anderes, laß ihn eintreten!«

Der Diener verbeugte sich und trat ab.

»Dieser Arnauld,« dachte der Connétable, »ist gewandt, listig und habgierig; überdies ohne Bedenklichkeiten und ohne Gewissen. Oh! wenn er mir zu einer Rache an allen diesen Leuten verhelfen könnte! Mich rächen, ei! was würde ich dabei gewinnen? wenn er mir beistehen könnte, daß ich wieder in die Gnade gelangte! Er weiß viele Dinge. Es ist mir schon in den Sinn gekommen, das Geheimnis von Montgomery zu benützen, doch es wäre mir lieber, wenn mich Arnauld dieses Mittels zu überheben vermöchte.«

In diesem Augenblick wurde Arnauld eingeführt.

Die Freude und die Unverschämtheit glänzten auf des Burschen Antlitz. Er verbeugte sich vor dem Connétable bis auf den Boden.

»Ich glaubte, Du wärest Gefangener?« sagte Montmorency zu ihm.

»Ich war es in der That, wie Ihr gnädigster Herr,« erwiderte Arnauld.

»Doch Du hast Dich frei gemacht, wie ich sehe.«

»Ja, gnädigster Herr, ich habe sie mit meiner Münze bezahlt, mit Spottmünze. Ihr habt Euch Eures Geldes bedient, ich bediente mich meines Witzes, und nun sind wir Beide frei.«

»Ah! das ist eine Unverschämtheit, Elender!«

»Nein, gnädigster Herr, das ist Demuth, und ich will nur damit sagen, daß ich Geld brauche.«

»Hm!« machte der Connétable brummend, »was willst Du von mir?«

»Geld, weil es mir daran fehlt, gnädigster Herr.«

»Und warum soll ich Dir Geld geben?« fragte Montmorency.

»Um mich zu bezahlen,« antwortete der Spion.

»Um Dich wofür zu bezahlen?«

»Für die Nachrichten, die ich Euch bringe.«

»Laß Deine Nachrichten hören.«

»Laßt Eure Thaler sehen.«

»Bursche, wenn ich Dich hängen ließe.«

»Das ist ein abscheuliches Mittel, mir die Zunge zu verlängern, um sie zu lösen, gnädigster Herr.«

»Er ist sehr frech, er muß nothwendig etwas wissen.« sagte der Connétable zu sich selbst.

»Nun,« sprach er laut, »ich willige ein, Dir einige Vorschüsse zu machen.«

»Ihr seid sehr gut, gnädigster Herr, und ich werde Euch an das großmüthige Wort erinnern, wenn Ihr Eure Schuld aus der Vergangenheit gegen mich abgetragen habt.«

»Welche Schuld.«

»Hier ist meine Rechnung, gnädigster Herr,« sagte Arnauld, und überreichte ihm die bekannte Note, die wir ihn so oft haben vergrößern sehen.

Anne von Montmorency warf einen Blick darauf.

»Ja,« sagte er, »das sind hier neben völlig chimärischen und trügerischen Diensten, die mir in der Lage, in der ich mich im Augenblick befand, wo Du sie mir leistetest, hätten nützlich sein können, welche mir aber jetzt nur Unlust bereiten.«

»Bah! gnädigster Herr, Ihr übertreibt vielleicht Eure Ungnade.«

»Wie?« versetzte der Connétable. »Du weißt also, man weiß also schon, daß ich in Ungnade bin?«

»Man vermuthet es, und ich vermuthe es.«

»Nun, Arnauld,« sagte Montmorency mit Bitterkeit, »Du mußt auch vermuthen, es diene mir gegenwärtig zu nichts, daß der Vicomte d’Ermès und Diana von Castro in Saint-Quentin getrennt worden sind, da aller Wahrscheinlichkeit nach der König und die Großseneschallin ihre Tochter nicht mehr meinem Sohne werden geben wollen.«

»Mein Gott, gnädigster Herr, ich glaube, der König würde sehr gern einwilligen, sie Euch zu geben, wenn Ihr sie ihm wieder bringen könntet.«

»Was willst Du damit sagen?«

»Ich sage, daß Heinrich II, unser König und Herr, in diesem Augenblick sehr traurig ist, und dies nicht nur über den Verlust von Saint-Quentin und von der Schlacht von Saint-Laurent, sondern auch über den Verlust seiner viel geliebten Tochter Diana von Castro, welche nach der Belagerung von Saint-Quentin verschwunden ist, ohne daß man genau erfahren hat, was aus ihr geworden, denn zwanzig sich widersprechende Gerüchte sind über dieses Verschwinden im Umlauf gewesen. Gestern erst zurückgekehrt, konntet Ihr das nicht wissen, ich selbst habe es nicht früher als diesen Morgen erfahren.«

»Ich habe in der That so viele andere Sorgen!« sagte der Connétable. »Natürlich mußte ich eher an meine gegenwärtige Ungnade, als an meine frühere Gnade denken.«

»Das ist richtig. Doch würde diese Gnade nicht wieder aufblühen, gnädigster Herr, wenn Ihr zum Beispiel zum König sagen könntet: »Sire Ihr beweint Eure Tochter, Ihr sucht sie überall, Ihr fordert sie von Allen. Aber ich allein weiß, wo sie ist, Sire.««

»Solltest Du es etwa wissen, Arnauld?« fragte rasch Montmorency.

»Wissen ist mein Handwerk. Ich sagte Euch, ich habe Neuigkeiten zu verkaufen, Ihr seht, meine Waare ist nicht von schlechter Qualität. Ihr denkt darüber nach? Thut es immerhin, gnädigster Herr.«

»Ich überlege, daß sich die Könige der Niederlagen ihrer Diener erinnern, aber nicht ihrer Verdienste. Habe ich Heinrich II. seine Tochter zurückgegeben, so wird er Anfangs entzückt sein: alles Gold, alle Ehrenstellen des Reiches würden im ersten Augenblick nicht genügen, um mich zu bezahlen. Diana wird weinen, Diana wird sagen, sie wolle sterben, wenn man sie einem Andern gebe, als ihrem Vicomte d’Ermès, und von ihr belagert, von meinen Feinden besiegt, wird sich der König der Schlacht erinnern, die ich verloren, und nicht des Kindes, das ich wiedergefunden habe. Und die Folge aller meiner Anstrengungen ist sodann, daß der Vicomte d’Ermès glücklich wird.«

»Es müßte,« sagte Arnauld mit seinem schlimmen Lächeln, »es müßte zu derselben Zeit, wo Frau von Castro wiedererscheint, der Vicomte d’Ermès verschwinden. Ah! das wäre gut gespielt.«

»Ja, doch das sind äußerste Mittel, welche anzuwenden mir widerstrebt. Ich weiß, daß Dein Arm sicher und Dein Mund verschwiegen ist. Doch . . .«

»Ah! der gnädigste Herr täuscht sich in meinen Absichten,« rief Arnauld Entrüstung heuchelnd. »Der gnädigste Herr verleumdet mich! er hat geglaubt, ich wolle ihn von diesem jungen Mann durch ein gewaltsames Verfahren befreien. (Arnauld machte hiebei eine bezeichnende Geberde.) Nein, hundertmal nein, ich habe etwas Besseres.«

»Was hast Du denn?«

»Treffen wir zuerst eine kleine Uebereinkunft, gnädigster Herr,« sprach Arnauld »Ich sage Euch den Ort, wo die verirrte Hirschkuh ihr Lager hat. Ich sichere Euch, wenigstens für die zum Abschluß der Heirath des Herzogs Franz erforderliche Zeit, die Abwesenheit und das Stillschweigen seines gefährlichen Nebenbuhlers. Das sind ausgezeichnete Dienste, gnädigster Herr! Was werdet Ihr Eurerseits für mich thun?«

»Was verlangst Du?«

»Ihr seid billig, ich werde es auch sein! Nicht wahr, Ihr berichtigt vor Allem, ohne zu handeln, die kleine Rechnung für die Vergangenheit, die ich Euch so eben zu überreichen die Ehre gehabt habe?«

»Es sei,« antwortete der Connétable.

»Ich wußte wohl, daß wir bei diesem ersten Punkte keine Schwierigkeiten haben würden, gnädigster Herr, die Gesamtsumme ist eine Kleinigkeit und dieses Geld reicht kaum zu Deckung meiner Reisekosten und zu einigen Geschenken aus, welche ich einkaufen will, ehe ich Paris verlasse. Doch das Gold ist nicht Alles in dieser Welt.«

»Wie!« sagte der Connétable erstaunt und beinahe erschrocken, »ist es wirklich Arnauld du Thill, der mir sagt, das Gold sei nicht Alles in der Welt?«

»Arnauld du Thill selbst, doch nicht mehr der bettelhafte und habgierige Arnauld du Thill, den Ihr gekannt habt, nein, ein anderer Arnauld du Thill, zufrieden mit dem kleinen Vermögen, das er sich erworben, und ohne einen andern Wunsch, als den, den Rest seines Lebens in der Gegend wo er geboren worden, unter dem väterlichen Dach, in der Mitte seiner Jugendfreunde, im Schooß seiner Familie zuzubringen. Dies war immer mein Traum, gnädigster Herr, es war das, ruhige und reizende Ziel meines . . . bewegten Daseins.«

»Ja, in der That, wenn man, um die Ruhe zu genießen, durch den Sturm wandern muß, Arnauld, so wirst Du glücklich sein. Doch Du bist also reich geworden?«

»Wohlhabend, gnädigster Herr, wohlhabend. Zehntausend Thaler sind für einen armen Teufel wie ich ein Vermögen, besonders in meinem demüthigen Dorfe, im Schooße meiner bescheidenen Familie.«

»Deine Familie! Dein Dorf!« versetzte der Connétable, »ich glaubte, Du wärest heimathlos und lebtest auf gut Glück mit einem Zufallskleid und einem geschmuggelten Namen!«

»Arnauld du Thill ist allerdings ein angenommener Namen, gnädigster Herr. Mein wahrer Name ist Martin-Guerre und ich bin im Dorfe Artigues bei Rieux geboren, wo ich meine Frau und meine Kinder zurückgelassen habe.«

»Deine Frau!« wiederholte der alte Montmorency immer mehr erstaunt: »Deine Kinder?«

»Ja,« antwortete Arnauld mit einem höchst komisch empfindsamen Tone, »und ich muß dem gnädigsten Herrn sagen, daß er fortan nicht mehr auf meine Dienste zählen kann, und daß die zwei Mittel, mit denen ich ihn jetzt unterstütze, sicherlich die letzten sein werden. Ich ziehe mich von den Geschäften zurück und will in Zukunft ehrlich, umgeben von der Liebe meiner Verwandten und der Achtung meiner Mitbürger leben.«

»Das gefällt mir!« sagte der Connétable. »Doch wenn Du so bescheiden und schäferlich geworden bist, daß Du nicht mehr von Geld sprechen hören willst, was verlangst Du als Preis für die Geheimnisse, die Du zu besitzen behauptest?«

»Ich verlange mehr und weniger als Geld, gnädigster Herr,« erwiderte Arnauld, diesmal mit seinem natürlichen Tone, »ich verlange Ehre, nicht Ehren, das versteht sich, sondern nur ein wenig Ehre, was für mich, ich gestehe es, das dringendste Bedürfniß ist.«

»Erkläre Dich, denn Du sprichst wahrhaftig in Räthseln.«

»So hört, gnädigster Herr, ich habe eine Schrift abfassen lassen, welche bezeugt, daß ich, Martin-Guerre so und so viele Jahre als als Stallmeister (man muß die Sache verschönern) in Eurem Dienste geblieben bin, daß ich mich diese ganze Zeit als ein redlicher, getreuer und sehr ergebener Diener betragen habe, und daß Ihr diese Ergebenheit dadurch anerkennen wolltet, daß Ihr mir eine ziemlich bedeutende Summe schenktet, um mich für den Rest meiner Tage vor jeder Noth zu schützen. Setzt unten an diese Schrift Euer Siegel und Eure Unterschrift und wir sind quitt.«

»Unmöglich,« erwiderte der Connétable. »Ich müßte mich der Gefahr preisgeben, ein Fälscher zu sein, das heißt ein Fälscher und Meineidiger genannt zu werden, wenn ich solche Lügen unterschreiben würde.«

»Das sind keine Lügen, gnädigster Herr; denn ich habe Euch immer treu . . . nach meinen Kräften gedient, und ich bezeuge Euch, daß, wenn ich alles Geld gespart hätte, welches ich bis jetzt von Euch erhalten habe, die Summe mehr als zehntausend Thaler betragen würde. Ihr seid also nicht der Gefahr ausgesetzt, Lügen gestraft zu werden, und glaubt Ihr denn, ich habe mich nicht furchtbar preisgegeben, um das glückliche Resultat herbeizuführen, dessen Früchte Ihr nur noch zu ernten habt!«

»Elender, diese Vergleichung . . .«

»Ist richtig, gnädigster Herr. Wir brauchen einander gegenseitig und die Gleichheit ist eine Tochter der Nothwendigkeit. Der Spion gibt Euch Euren Credit zurück, gebt dem Spion auch wieder seinen Credit. Niemand hört uns, gnädigster Herr, keine falsche Scham! Schließt den Handel ab: er ist gut für mich, besser für Euch. Wenn ich etwas geben soll, muß ich auch etwas bekommen. Unterzeichnet, gnädigster Herr.«

»Nein, hernach. Wenn ich etwas geben soll, muß ich etwas, bekommen, wie Du sagst. Ich will vorher wissen, welche Mittel Du besitzest, um zu dem doppelten Resultat zu gelangen, das Du mir Versprichst. Ich will wissen, was aus Diana von Castro geworden ist und was aus dem Vicomte d’Ermès werden soll.«

»Nun wohl! gnädigster Herr, abgesehen von einigem Verschweigen, das ich für nothwendig erachte, will ich Euch wohl über diese zwei Punkte befriedigen; und Ihr werdet genöthigt sein, zuzugestehen, daß der Zufall und ich die Sachen gut in Eurem Interesse geordnet haben.«

»Ich höre,« sagte der Connétable.

»Was zuerst Frau von Castro betrifft, so ist sie weder getödtet noch entführt, sondern einfach in Saint-Quentin gefangen genommen worden und unter den fünfzig verhafteten Personen begriffen, aus denen man Lösegeld beziehen sollte. Warum hat nun derjenige, in dessen Händen sie ist, diese Gefangenschaft nicht bekannt gemacht? warum hat Frau von Castro nicht selbst Nachricht von sich gegeben? ich weiß das durchaus nicht. Ich glaubte in Wahrheit, sie wäre schon frei, und, dachte, ich würde sie bei meiner Ankunft in Paris hier finden. Erst diesen Morgen habe ich durch das öffentliche Gerücht erfahren, man wisse bei Hof nicht, was aus der Tochter des Königs geworden und es sei dies keine der geringsten Sorgen von Heinrich II. Vielleicht sind in diesen unruhigen Zeiten die Boten von Frau von Castro bei Seite geschafft worden oder verirrt, vielleicht ist irgend ein anderes Geheimniß unter der Zögerung verborgen. Doch ich kann alle Zweifel über diesen Punkt heben und bestimmt sagen, an welchem Ort und wessen Gefangene Frau von Castro ist.«

»Eine Kunde hierüber ist allerdings sehr kostbar,« sprach der Connétable, »wie heißt der Ort? bei wem ist sie?«

»Wartet doch, gnädigster Herr; wollt Ihr nicht vor Allem gleichmäßig über den Vicomte d’Ermès unterrichtet sein? denn ist es gut, zu wissen, wo die Freunde sind, so ist es noch besser, zu wissen, wo die Feinde sind.«

»Genug der Maximen! Wo ist dieser d’Ermès?«

»Ebenfalls Gefangenen gnädigster Herr. Wer ist nicht ein wenig Gefangener in den letzten Zeiten gewesen? Es war sehr stark Mode! Der Vicomte d’Ermès hat sich nach der Mode gerichtet und ist Gefangener.«

6.Zwei Personen von einer moralischen oder körperlichen und vollkommenen Aehnlichkeit. D. Ueb.

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1070 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
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