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Kitabı oku: «Die beiden Dianen», sayfa 28

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Gabriel und Coligny gingen über den Pont au Change und durch die Cité, und gelangten mit einander in die gekrümmten Gäßchen, welche damals die Nachbarschaft der Rue Saint-Jacques bildeten.

XXV.
Ein Philosoph und ein Soldat

Coligny blieb am Anfang der Rue Saint-Jacques vor der niedrigen Thüre eines Hauses von armseligem Aussehen stehen. Er klopfte an, zuerst öffnete sich eine Luke, dann die Thüre, als ein unsichtbarer Wächter den Admiral erkannt hatte.

Hinter seinem edlen Führer durchschritt Gabriel einen finstern Gang und erstieg die drei Stockwerke einer wurmstichigen Treppe. Als sie beinahe den Speicher erreicht hatten und vor der Thüre der obersten und elendsten Stube des Hauses standen, that Coligny drei Schläge an diese Thüre, nicht mit der Hand, sondern mit dem Fuß.

Man öffnete und sie traten ein.

Sie kamen in eine ziemlich große, aber kahle und traurige Stube. Zwei schmale Fenster, von denen das eine auf die Rue Saint-Jacques und das andere auf einen Hinterhof ging, verliehen derselben nur einen düsteren Schein. Das sämtliche Geräthe bestand aus vier Schämeln und einem Tisch mit gedrehten Füßen.

Als der Admiral eintrat, kamen ihm zwei Männer, die ihn zu erwarten schienen, entgegen. Ein Dritter blieb bescheiden am Fenster stehen und machte nur von ferne eine tiefe Verbeugung vor Coligny.

»Theodor und Ihr, Kapitän,« sagte der Admiral zu den zwei Männern, die ihn empfangen hatten, »ich bringe Euch einen Freund, einen Freund, wenn nicht in der Vergangenheit oder der Gegenwart, doch, glaube ich, in der Zukunft.«

Die zwei Unbekannten verbeugten sich stillschweigend vor dem Vicomte d’Ermès. Dann sprach der Jüngere, der sich Theodor nannte, leise und sehr lebhaft mit Coligny.

Gabriel trat ein wenig bei Seite, um ihnen Freiheit zu lassen, und konnte nun nach seinem Gefallen diejenigen betrachten, welchen ihn der Admiral vorgestellt hatte, und deren Namen er noch nicht wußte.

Der Kapitän hatte die ausgesprochenen Züge und das bestimmte Wesen eines Mannes der Entschlossenheit und der Handlung. Er war groß, braun und nervig. Man brauchte kein Beobachter zu sein, um die Kühnheit aus seiner Stirne, das Feuer in seinen Augen, den thatkräftigen Willen in den Falten seiner zusammengepressten Lippen zu lesen.

Der Gefährte dieses stolzen Abenteurers glich eher einem Höfling; es war ein anmuthiger Cavalier mit runden, heiterem Gesicht, seinem Blick und zierlichen, leichten Gebärden. Im Einklang mit den Gesetzen der neuesten Mode, bildete sein Anzug einen seltsamen Widerspruch mit der bis zur Strenge einfachen Kleidung des Kapitäns.

Was den Dritten betrifft, der von der Gruppe der Andern getrennt stehen geblieben war, so zog, trotz seiner bescheidenen Haltung, seine mächtige Gesichtsbildung die Aufmerksamkeit unwillkührlich an; die Breite feiner Stirne und die Tiefe seines Blickes bezeichneten ihn auch für nicht sehr Scharfsichtige als den denkenden Mann und, sagen wir es sogleich, als den Mann von Genie.

Nachdem Coligny einige Worte mit seinem Freunde ausgetauscht hatte, näherte er sich Gabriel und sagte zu ihm:

»Ich bitte Euch um Verzeihung, aber ich bin nicht allein Herr hier, und ich mußte mich mit meinen Brüdern berathen, ehe ich Euch enthüllen konnte, wo Ihr seid und in wessen Gesellschaft Ihr seid.«

»Und nun kann ich es erfahren« fragte Gabriel.

»Ihr könnt es.«

»Und wo bin ich denn?«

»In der armseligen Stube, wo der Sohn des Böttchers von Noyon, oder Johann Calvin die ersten geheimen Zusammenkünfte der Reformirten gehalten hat, und wo er festgenommen werden sollte, um auf den Scheiterhaufen geführt zu werden.7 Doch er ist heute siegreich und allmächtig in Genf; die Könige dieser Welt rechnen mit ihm, und das Andenken an ihn allein genügt, um die feuchten Mauern dieser Dachkammer heller erglänzen zu lassen, als die goldenen Arabesken des Louvre.

Bei dem schon großen Namen von Calvin entblößte Gabriel in der That das Haupt. Hatte sich der stürmische junge Mann bis jetzt auch nicht mit den Fragen der Religion und der Moral beschäftigt, so wäre er doch kein Mann seines Jahrhunderts gewesen, wenn nicht das strenge und arbeitsame Leben, der erhabene und furchtbare Charakter, und die kühnen, absoluten Lehren des Gesetzgebers der Reformation8 seinen Geist mehr als einmal in Anspruch genommen hätten.

Er erwiderte indessen mit ziemlich viel Ruhe:

»Und wer sind diejenigen, welche mich in dem verehrten Zimmer des Meisters umgeben?«

»Seine Schüler,« antwortete der Admiral. »Theodor von Bèze, seine Feder, la Renaudie, sein Schwert.«

Gabriel begrüßte den zierlichen Schriftsteller, der der Geschichtschreiber der reformierten Kirche, und den abenteuerlichen Kapitän, der der Verfechter des Tumults von Amboise sein sollte.

Theodor von Bèze erwiderte den Gruß von Gabriel mit der ihm eigenthümlichen Artigkeit und Anmuth und sprach lächelnd zu ihm:

»Herr Vicomte d’Ermès, obgleich Ihr hier mit einiger Behutsamkeit eingeführt worden seid, betrachtet uns, ich bitte Euch, doch nicht als zu gefährliche und lichtscheue Verschwörer. Ich erkläre Euch sogleich, wenn die Vornehmsten der Religion9 sich insgeheim dreimal wöchentlich in diesem Hause versammeln, so geschieht es einzig und allein, um sich die Neuigkeiten der Religion mitzutheilen und entweder die Neophyten, welche, unsere Grundsätze theilend, auch unsere Gefahren zu theilen verlangen, oder diejenigen zu empfangen, welche wir ihres persönlichen Verdienstes wegen für unsere Sache zu gewinnen bemüht sein möchten. Wir danken dem Admiral, daß er Euch hierher geführt hat, Herr Vicomte, denn Ihr gehört sicherlich zu den Letztern.«

»Und ich, meine Herren, gehöre zu den Andern,« sagte mit einem einfachen, bescheidenen Wesen vortretend der Unbekannte, der bis jetzt beiseit geblieben war. »Ich bin einer von den demüthigen Träumern, welche das Licht Euerer Gedanken in Euren Schatten zieht, und der sich gern annähern möchte.«

»Ambroise, bald werdet Ihr unter die Ausgezeichnetsten unserer Brüder zählen,« sprach la Renaudie. »Ja, meine Herren,« fuhr er sich an Coligny und Bèze wendend fort, »derjenige, welchen ich Euch vorstelle, ein allerdings noch junger und unbekannter Practicus, wird, dafür stehe ich, eine der Glorien der Religion werden, denn er arbeitet und denkt viel, und da er von selbst zu uns kommt, so müssen wir uns freuen, denn bald werden wir mit Stolz unter den Unsrigen Ambroise Paré nennen.«

»Oh! Herr Kapitän!« rief Ambroise.

»Durch welchen Lehrer ist Ambroise Paré unterrichtet worden?« fragte Theodor von Bèze.

»Durch den Geistlichen Chaudieu, der mich mit Herrn de la Renaudie bekannt gemacht hat,« antwortete Amboise.

»Und habt Ihr schon feierlich abgeschworen?«

»Noch nicht,« erwiderte der Wundarzt. »Ich will aufrichtig sein und mich erst verbinden, wenn ich die Sache genau kenne. Ich gestehe aber, ich hege noch einige Zweifel und es sind mir einige Dinge noch zu dunkel, als daß ich mich ohne Rückhalt und ohne Umkehr geben könnte. Um Klarheit über diese Dinge zu erhalten, wünschte ich die Häupter der Reformirten kennen zu lernen, und ich würde zu diesem Behufe bis zu Calvin selbst gehen; denn die Wahrheit und die Freiheit sind meine Leidenschaften.«

»Gut gesagt« rief der Admiral. »Seid unbesorgt, Jeder von uns würde sich hüten, die seltene und stolze Unabhängigkeit Eures Geistes antasten zu wollen.«

»Was sagte ich Euch?« versetzte la Renaudie triumphierend. »Wäre das nicht für unsern Glauben eine kostbare Eroberung? Ich habe Ambroise Paré in seiner Bibliothek, ich habe ihn am Krankenbette, ich habe ihn sogar auf den Schlachtfeldern gesehen, und überall, vor den Irrthümern und Vorurtheilen, wie vor den Wunden und Krankheiten der Menschen, ist er so ruhig, kalt, erhaben, Meister der Andern wie seiner selbst.«

Gabriel sprach hier ganz bewegt von dem, was er sah und hörte:

»Man erlaube mir, ein Wort zu sagen. Ich weiß nun, wo ich bin, und errate, aus welchen Gründen mein edler Freund, Herr von Coligny, mich in dieses Haus geführt hat, wo sich diejenigen versammeln, welche Heinrich II. Ketzer nennt und als seine Todfeinde betrachtet. Aber ich bedarf sicherlich mehr der Belehrung, als Meister Ambroise Paré. Wie er, habe ich vielleicht viel gehandelt, aber leider wenig nachgedacht, und er würde einem Neuling in diesen Ideen einen Dienst leisten, wenn er ihm mittheilen wollte, welche Gründe oder welche Interessen seine edle Intelligenz für die Partei der Reformation gewonnen haben.«

»Nicht Interessen,« erwiderte Amboise Paré, »denn um bei meinem Stande als Wundarzt durchzudringen, läge es in meinem Interesse, mich zum Glauben des Hofes und der Prinzen zu halten. Es sind vielmehr, wie Ihr sagtet, Gründe, Vicomte, und wenn es mir die erhabenen Personen, vor denen ich spreche, erlauben, so werde ich Euch diese Gründe mit zwei Worten begreiflich machen.«

»Sprecht! sprecht!« sagten zugleich Coligny, la Renaudie und Theodor von Bèze.

»Ich werde mich kurz fassen, meine Zeit gehört nicht mir,« sprach Amboise. »Erfahrt zuerst, daß ich den Gedanken der Reformation von allen Theorien und allen Formeln frei machen wollte. Sobald das Buschwerk entfernt war, erschienen mir folgende Grundsätze, für welche ich mich sicherlich allen Verfolgungen unterwerfen würde . . .«

Gabriel hörte mit einer Bewunderung, die er nicht zu verbergen suchte, diesem uneigennützigen Bekenner der Wahrheit zu.

Ambroise Paré fuhr fort:

»Die religiösen und die politischen Mächte haben bis jetzt dem Willen und der Vernunft des Individuums ihre Vorschrift und ihr Gesetz substituiert. Der Priester sagt zu jedem Menschen: »Glaube dieses,« und der Fürst: »Thue dieses.« Die Dinge konnten auf diese Art so lange währen, als die Geister noch Kinder waren und sich auf eine solche Disciplin stützen mußten, um im Leben zu gehen. Doch zu dieser Stunde fühlen wir uns stark, folglich sind wir es. Und dennoch wollen der Fürst und der Priester, die Kirche und der König der Gewalt nicht entsagen, welche für sie eine Gewohnheit geworden ist. Gegen diesen unbilligen Anachronismus protestiert meiner Ansicht nach die Reformation. Jede Seele könne fortan ihren Glauben prüfen und bei ihrer Unterwerfung die Vernunft zu Rathe ziehen, darauf muß, wie mir scheint, die Neuerung abzielen, der wir unsere Anstrengung widmen. Täusche ich mich, meine Herren?«

»Nein, aber Ihr geht sehr weit,« sagte Theodor von Bèze, »und die Kühnheit, in die moralischen Fragen die politischen Dinge zu mischen . . .«

»Ah! gerade diese Kühnheit gefällt mir,« unterbrach ihn Gabriel.

»Ei! das ist keine Kühnheit, sondern Logik,« erwiderte Ambroise Paré. »Warum sollte das, was in der Kirche recht und billig ist, es nicht auch im Staat sein? Wiekönnt ihr das, was Ihr für den Geist zulaßt, für die Handlung zurückweisen?«

»Es liegen viele Empörungen in den kühnen Worten, die Ihr ausgesprochen habt, Meister,« rief Coligny nachdenkend.

»Empörungen?« entgegnete Amboise: »Oh! ich sage sogleich Umwälzungen.«

Die drei Reformierten schauten einander mit Erstaunen an.

»Dieser Mann ist noch stärker, als wir dachten,« schien ihr gegenseitiger Blick zu sagen.

Theodor von Bèze sprach lebhaft zu dem Verwegenen Wundarzt:

»Ihr müßt durchaus einer der Unseren sein. Was verlangt Ihr?«

»Nichts, als die Gunst, zuweilen mit Euch sprechen und Eurer Erleuchtung die Schwierigkeiten unterwerfen zu dürfen, die mich noch aufhalten.«

»Ihr sollt mehr haben,« erwiderte Theodor von Bèze, »Ihr werdet in unmittelbarem Briefwechsel mit Calvin stehen.«

»Mir eine solche Ehre!« rief Amboise Paré vor Freude erröthend.

»Ja, Ihr müßt ihn kennen lernen und er muß Euch kennen lernen,« sprach der Admiral. »Ein Schüler wie Ihr erfordert einen Meister wie ihn. Ihr werdet Eure Briefe Eurem Freunde la Renaudie übergeben, und wir übernehmen es abwechselnd, sie nach Genf zu befördern. Wir händigen Euch dann auch die Antworten ein. Sie werden nicht auf sich warten lassen. Ihr habt von der wunderbaren Thätigkeit von Calvin sprechen hören und sollt mit ihm zufrieden sein.«

»Ah!« sagte Amboise Paré, »Ihr belohnt mich, ehe ich etwas gethan habe. Wodurch habe ich so viel Gunst verdient?«

»Dadurch, daß Ihr seid, was Ihr seid, Freund,« antwortete la Renaudie. »Ich wußte wohl, daß Ihr sie mit dem ersten Schlage verführen würdet.«

»Oh! Dank, tausendmal Dank!« versetzte Amboise. »Aber,« fuhr er fort, »leider muß ich Euch verlassen. Es gibt so viele Leiden, die meiner harren!«

»Doch indem Ihr uns verlaßt,« sprach Coligny, »wiederholt Ihr wohl, daß Ihr Freunde und, wie wir von denen unserer Religion sagen, Brüder verlaßt.«

So nahmen sie herzlich von ihm Abschied, und Gabriel, der ihm mit aller Wärme die Hand drückte, verband sich hierdurch mit diesem Beweise der Freundschaft.

Amboise Paré entfernte sich, Freude und Stolz im Herzen.

»Eine wahrhaft auserkorene Seele,« rief Theodor von Bèze.

»Welcher Haß gegen die Gemeinheit!« sprach la Renaudie.

»Und welche Aufopferung für die Menschheit ohne Hintergedanken und ohne Berechnung!« sagte Coligny.

»Ach! Herr Admiral,« sprach Gabriel, »wie muß Euch neben dieser Selbstverleugnung meine Selbstsucht niedrig vorkommen. Ich unterordne nicht, wie Ambroise Paré, die Thatsachen und die Personen den Ideen und den Principien, sondern im Gegentheil die Ideen und Principien den Personen und Thatsachen. Die Reformation, Ihr wißt es wohl, wäre für mich kein Zweck, sondern ein Mittel. Bei Eurem großen, uneigennützigen Kampfe würde ich für meine eigene Rechnung kämpfen. Ich fühle es, meine Beweggründe sind zu persönlich, als daß ich es wagen könnte, eine so reine Sache zu vertheidigen, und Ihr würdet sehr wohl daran thun, mich jetzt schon als unwürdig aus Euren Reihen zurückzuweisen.«

»Ihr verleumdet Euch sicherlich, Herr d’Ermès,« erwiderte Theodor von Bèze. »Wenn Ihr auch minder erhabenen Absichten als, denen von Ambroise Paré gehorcht, so sind doch die Wege Gottes verschieden, und man findet die Wahrheit nicht auf einem einzigen Pfade.«

»Ja,« sprach la Renaudie, »wir erhalten sehr selten Glaubensbekenntnisse, wie das, welches Ihr so eben gehört habt, wenn wir an diejenigen, welche wir gern bei unserer Partei einreihen möchten, die Frage richten: »Was wollt Ihr wissen?«

»Nun wohl,« entgegnete Gabriel mit einem traurigen Lächeln, »Ambroise Paré antwortete auf diese Frage: »Ich will wissen, ob die Gerechtigkeit und das gute Recht wirklich auf Eurer Seite sind?« Wißt Ihr, was ich fragen würde?«

»Nein,« erwiderte Theodor von Bèze, »doch wir wären bereit, Euch in allen Punkten zu befriedigen.«

»Ich würde fragen,« sprach Gabriel: »Seid Ihr sicher, daß die materielle Macht und die Anzahl auf Eurer Seite hinreichen, um, wenn nicht zu siegen, doch wenigstens zu streiten?«

Abermals schauten die drei Reformierten einander erstaunt an. Doch ihr Erstaunen hatte nicht dieselbe Bedeutung wie das erste Mal.

Gabriel beobachtete sie mit einem schwermüthigen Stillschweigen. Theodor von Bèze erwiderte nach einer Pause:«

»Herr d’Ermès, welches Gefühl Euch auch diese Frage eingegeben haben mag, ich versprach Euch zum Voraus, über alle Punkte zu antworten, und halte mein Versprechen. Wir haben für uns nicht allein die Vernunft sondern fortan, Gott sei Dank! auch die Kraft. Die Fortschritte der Religion sind rasch und unbestreitbar. Seit drei Jahren hat sich eine reformierte Kirche in Paris gegründet, und die großen Städte des Königreichs, Blois, Tours, Poitiers, Marseille, Rouen, haben nun ebenfalls die ihrigen. Ihr könnt selbst sehen, Herr d’Ermès, welchen wunderbaren Zulauf unsere Spaziergänge nach dem Pré-aux-Clercs herbeiziehen. Das Volk, der Adel und der Hof kommen zu den Festen, um mit uns die Psalmen von Clément Marot zu singen. Wir gedenken unsere Zahl im nächsten Jahr durch eine öffentliche Procession zu bethätigen, doch schon jetzt dürfte ich behaupten, daß wir den fünften Theil der Bevölkerung für uns haben. Wir können uns also ohne Anmaßung eine Partei nennen, und, wie ich glaube, unseren Freunden einiges Vertrauen, unseren Feinden einigen Schrecken einflößen.«

»Wenn die Sache so steht,« sprach Gabriel mit kaltem Tone, »so kann ich wohl binnen Kurzem zur Zahl der Ersten gehören und Euch die Zweiten bekämpfen helfen.«

»Wären wir aber schwächer gewesen?« fragte la Renaudie.

»So hätte ich andere Verbündete gesucht, ich gestehe es,« antwortete Gabriel mit seiner ruhigen Festigkeit.

Renaudie und Theodor von Bèze entschlüpfte eine Gebärde des Erstaunens.

»Ah!« rief Coligny, »beurtheilt ihn nicht zu rasch und nicht zu streng. Ich habe ihn bei der Belagerung von Saint-Quentin beim Werke gesehen, und wenn man sein Leben wagt, und bloßstellt, wie er dies gethan, so hat man keine alltägliche Seele. Aber ich weiß, daß er eine heilige und furchtbare Pflicht erfüllen muß, welche keinen Theil seiner Ergebenheit frei läßt.«

»Und in Ermangelung dieser Ergebenheit möchte ich Euch gern wenigstens die Aufrichtigkeit bringen,« sagte Gabriel. »Bestimmen mich die Ereignisse, den Eurigen beizutreten, so kann der Herr Admiral bezeugen, daß ich Euch einen starken Arm und ein festes Herz biete. Aber es ist wahr, daß ich mich nicht ganz und gar und ohne Berechnung geben kann, denn ich gehöre einem nothwendigen und furchtbaren Werke, das der Zorn Gottes und die Bosheit der Menschen mir auferlegt haben, und so lange dieses Werk nicht vollbracht ist, bin ich nicht der Herr meines Geschickes. Das Loos eines Anderen nimmt zu jeder Stunde und jedes Ortes das meinige in Anspruch.«

»Man kann sich einem Menschen eben so gut als einer Sache weihen,« sprach Theodor von Bèze.

»Und in diesem Falle,« sagte Coligny, »sind wir glücklich, Freund, Euch zu dienen, wie wir stolz darauf sein werden, uns Eurer zu bedienen.«

»Unsere Wünsche begleiten Euch, und unser Wille wird Euch im Falle der Noth unterstützen,« fügte la Renaudie bei.

»Ah! Ihr seid Helden und Heilige,« rief Gabriel.

»Nur nimm Dich in Acht, junger Mann,« sagte der strenge la Renaudie in seiner vertraulichen und großartigen Sprache, »nimm Dich in Acht, wenn wir Dich einmal Bruder nennen, mußt Du unserer würdig bleiben. Wir können in unseren Reihen eine besondere Ergebenheit zulassen, doch das Herz täuscht sich manchmal selbst. Bist Du sicher, junger Mann, daß, wenn Du Dich einzig und allein dem Gedanken eines Andern geweiht glaubst, kein persönlicher Gedanke sich in Deine Handlungen mischt? Bist Du bei dem Zweck, den Du verfolgst, völlig und durchaus uneigennützig? Wirst Du nicht von irgend einer Leidenschaft berathen, und wäre diese Leidenschaft auch die edelste von der Welt?«

»Ja,« sprach Theodor von Bèze, »wir verlangen Eure Geheimnisse nicht von Euch. Aber steigt in Euer Herz hinab, sagt uns, ob Ihr, wenn Ihr das Recht hättet, uns alle seine Gefühle und Entwürfe mitzutheilen in keinem Augenblick in Verlegenheit gerathen würdet, und wir werden Euch auf Euer Wort glauben.«

»Wenn sie so zu Euch sprechen Freund,« sagte der Admiral, »so geschieht es, weil man in der That reine Hände braucht, um reine Sachen zu vertheidigen, hätte man diese nicht, so würde man seiner Sache und sich selbst Unglück bringen.«

Gabriel hörte und betrachtete einen nach dem andern diese drei, gegen Andere wie gegen sich selbst strengen Männer, die durchdringend und ernst um ihn standen und ihn zugleich als Freunde und als Richter befragten.

Gabriel erröthete und erbleichte abwechselnd bei ihren Worten.

Er befragte selbst sein Gewissen. Ganz ein Mann des Aeußeren und der Bewegung, hatte er sich ohne Zweifel zu wenig daran gewöhnt, nachzudenken und sich zu erkennen. In diesem Augenblick forschte er in sich mit Schrecken, ob an seiner kindlichen Pietät seine Liebe für Frau von Castro nicht einen zu großen Antheil hätte; ob ihm nicht eben so viel daran gelegen wäre, das Geheimniß der Geburt von Diana zu erfahren, als den alten Grafen zu befreien; ob er bei dieser Lebensfrage mit so großer Uneigennützigkeit zu Werke ginge, als es nach der Ansicht von Coligny nothwendig wäre, um die Gnade Gottes zu verdienten?

Ein beängstigender Zweifel, wenn er wirklich durch irgend einen Hintergedanken der Selbstsucht das Heil seines Vaters vor dem Herrn gefährdet!

Er zitterte in seinem unruhigen Geiste. Ein scheinbar unbedeutender Umstand rief ihn zu seiner Natur, zur Thätigkeit zurück.

Es schlug elf Uhr in der Saint-Severin-Kirche.

In einer Stunde sollte er vor dem König stehen.

Mit ziemlich fester Stimme sprach Gabriel zu den Reformierten:

»Ihr seid Männer des goldenen Zeitalters, und diejenigen, welche sich für die Tadellosesten hielten, fühlen sich, wenn sie sich mit Eurem Ideal vergleichen, in ihrer Selbstachtung beunruhigt und betrübt. Es können indessen unmöglich Alle von Eurer Partei Euch gleich sein. Ihr, die Ihr der Kopf und das Herz der Reformierten seid, möget streng Eure Absichten und Eure Handlungen überwachen, das ist nützlich und nothwendig; wenn ich mich aber Eurer Sache hingebe, so thue ich es nicht als Anführer, sondern nur als Soldat. Nur die Befleckungen der Seele sind untilgbar, die der Hand lassen sich abwaschen. Ich werde Eure Hand sein und nicht mehr. Werdet Ihr das Recht haben, diese, ich wage es zu sagen, muthige und kühne Hand zurückzuweisen?«

»Nein, Freund, und wir nehmen sie von dieser Stunde an,« erwiderte Coligny.

»Und ich wollte dafür stehen,« fuhr Theodor von Bèze fort, »daß sie sich eben so rein als muthig auf den Griff ihres Degens legen wird.«

»Als jede Gewährschaft wollen wir gerade das Zögern erkennen, das in Eurem bedenklichen Gemüthe unsere vielleicht zu harten und anspruchsvollen Worte zur Folge haben konnten,« sagte la Renaudie »Wir wissen die Menschen zu beurtheilen.«

»Ich danke, meine Herren,« sprach Gabriel. »Ich danke, daß Ihr dem Vertrauen keinen Abbruch thun wolltet, dessen ich bei der harten Aufgabe, welche ich zu erfüllen habe, so sehr bedarf. Ich danke Euch besonders, Herr Admiral, der Ihr mir, Eurem Versprechen gemäß, zum Voraus die Mittel geliefert habt, einen Treubruch selbst einen gekrönten König bezahlen zu lassen. Ich muß Euch nun verlassen, meine Herren, doch ich sage Euch nicht Lebewohl, sondern auf Wiedersehen. Obschon ich einer von denjenigen bin, welche mehr den Ereignissen, als den Abstractionen gehorchen, glaube ich dennoch, daß das, was Ihr heute bei mir eingesät habt, später in mir keimen wird.«

»Wir wünschen es, für uns,« sagte Theodor von Bèze.

»Ihr müßtet es nicht für mich wünschen,« versetzte Gabriel, »denn wie ich es Euch gestanden habe, wird es das Unglück sein, was mich Eurer Sache zuwendet. Gott befohlen, meine Herren, ich muß mich zu dieser Stunde nach dem Louvre begeben.«

»Und ich begleite Euch,« sagte Coligny. »Ich habe Heinrich II. in Eurer Gegenwart zu wiederholen, was ich ihm schon in Eurer Abwesenheit erklärte. Das Gedächtnis der Könige ist kurz und dieser soll nicht vergessen oder leugnen können. Ich gehe mit Euch.«

»Ich hätte es nicht gewagt, Euch um diesen Dienst zu bitten, Herr Admiral,« sprach Gabriel, »doch ich nehme Euer Anerbieten dankbar an.«

»Gehen wir,« sagte Coligny.

Als sie das Zimmer von Calvin verlassen hatten, nahm Theodor von Bèze sein Register und schrieb zwei Namen ein:

Ambroise Paré.

Gabriel, Vicomte d’Ermès.

»Mir scheint,« sagte la Renaudie zu Theodor, »Ihr habt ein wenig zu eilfertig diese zwei Männer unter den Unsrigen eingetragen. Sie machten sich keines Wegs verbindlich.«

»Diese zwei Männer gehören uns,« erwiderte Bèze. »Der Eine sucht die Wahrheit und der Andere flieht die Ungerechtigkeit. Ich sage Euch, sie gehören uns, und ich werde es Calvin schreiben.«

»Dann wird der Morgen für die Religion gut gewesen sein,« versetzte la Renaudie.

»Sicherlich,« sprach Theodor, »wir werden einen tiefen Philosophen und einen muthigen Soldaten, einen mächtigen Kopf und einen starken Arm, einen Mann, die Schlachten zu gewinnen, Und einen, die Ideen auszusäen, erworben haben . . . Ihr habt Recht, der Morgen ist gut!«

7.Calvin, eigentlich Jean Chauvin; er entging der Verhaftung im Jahr 1533 nur durch den Schutz der Königin von Navarra, welche, wenig streng in ihrem moralischen Wandel, Allem, was sich geistig hervor that, ihre Gunst zuwandte. D. Uebers.
8.Neben seinen unleugbar großen Eigenschaften besaß Calvin die einer nicht zu vertheidigenden Unduldsamkeit, auf welche sich das Prädicat furchtbar beziehen mag.
9.Religion ist hier und überhaupt, wenn von jener Zeit in einem französischen Werke die Rede ist, gleichbedeutend mit Reformation. D. Uebers.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1070 s. 1 illüstrasyon
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