Kitabı oku: «Die beiden Dianen», sayfa 32
»Diesen Namen . . . gesteht es, Madame, daß Ihr ihn seit dem Anfang unseres Gespräches auf den Lippen habt, und daß Ihr in Eurem Geiste zu gleicher Zeit mit Gott und Eurem Vater diesen dritten Befreier anriefet.«
»Habe ich Euch von meinen Gefühlen Rechenschaft zu geben?«
»Gebt mir von nichts Rechenschaft, ich weiß Alles. Ich weiß, was Euch selbst unbekannt ist, Madame, und was mir Euch heute mitzutheilen beliebt, um Euch zu zeigen, wie sich auf diese romanhaften Verliebten bauen läßt! Ich weiß vor Allem, daß der Vicomte d’Ermès, zugleich mit Euch in Saint-Quentin zum Gefangenen gemacht, zu gleicher Zeit mit Euch nach Calais geführt worden ist.«
»Ist es möglich?« rief Diana im höchsten Maße erstaunt.
»Oh! er ist nicht mehr hier, Madame, sonst würde ich es Euch nicht sagen. Seit zwei Monaten ist Herr d’Ermès frei.«
»Und ich wußte nicht, daß ein Freund mit mir, so nahe bei mir litt!«
»Ja, Ihr wußtet es nicht, doch ihm war es nicht unbekannt,« sprach der Gouverneur. »Ich muß sogar gestehen, daß er sich, als er es erfuhr, in furchtbaren Drohungen gegen mich ausgelassen hat. Er hat mich nicht nur zum Duell herausgefordert, sondern, wie Ihr es mit einer wunderbaren Sympathie vorhergesehen, seine Liebe dergestalt bis zur Tollheit getrieben, daß er mir seinen Entschluß, Calais zu nehmen, in’s Gesicht erklärte.«
»Ich hoffe also mehr als je,« versetzte Diana.
»Hofft nicht zu viel, Madame, denn ich wiederhole Euch, seitdem der Vicomte d’Ermès jenen furchtbaren Abschied gegen mich ausgesprochen, sind zwei Monate abgelaufen. Wohl habe ich seitdem Kunde von meinem Widersacher erhalten; er hat mir am Ende des Novembers mit ängstlicher Pünktlichkeit sein Lösegeld geschickt, doch von seiner stolzen Herausforderung kein Wort mehr.«
»Wartet, Mylord,« erwiderte Diana, »Herr d’Ermès wird alle seine Schulden abzutragen wissen.«
»Ich bezweifle es, Madame, denn der Verfalltag ist bald vorüber.«
»Was wollt Ihr damit sagen?« fragte Frau von Castro.
»Ich habe dem Vicomte d’Ermès durch den Mann, den er mir schickte, verkündigen lassen, ich würde auf den Erfolg seiner doppelten Aufforderung bis zum l. Januar 1558 warten. Wir haben aber heute den 31. December!«
»Nun,« unterbrach ihn Diana, »er hat noch zwölf Stunden vor sich.«
»Das ist richtig, Madame, doch wenn ich morgen zu dieser Stunde keine Nachricht von ihm habe . . . .«
Er vollendete nicht. Lord Derby stürzte in diesem Augenblick ganz erschrocken in das Zimmer und rief:
»Mylord! Mylord! ich sagte es wohl! es sind die Franzosen, und auf Calais haben sie es abgesehen.«
»Geht doch!« erwiderte Lord Wentworth, der trotz seiner scheinbaren Sicherheit die Farbe wechselte. »Geht doch! das ist unmöglich! Wer beweist es! Abermals Gerüchte, Worte, chimärischer Schrecken.«
»Ach! nein, leider Thatsachen!« sagte Lord Derby.
»Leiser, Derby, sprecht leiser, versetzte der Gouverneur, indem er sich seinem Lieutenant näherte. »Beruhigt Euch. Was wollt Ihr mit Euren Thatsachen sagen?«
Lord Derby erwiderte mit leiser Stimme, wie es sein Vorgesetzter forderte, der in Gegenwart von Diana nicht weich geben wollte:
»Die Franzosen haben unversehens das Fort Sainte-Agathe angegriffen. Nichts war bereit, um sie zu empfangen, weder die Mauern, noch die Mannschaft, und ich befürchte, daß sie zu dieser Stunde schon Herren dieses ersten Bollwerks von Calais sind.«
»Sie wären noch fern von uns,« entgegnete rasch Lord Wentworth.
»Ja, aber nichts würde ihnen sodann ein Hinderniß entgegenstellen bis zur Brücke von Nieullay und die Brücke von Nieullay ist zwei Meilen10 vom Platze.«
»Habt Ihr den Unsrigen Verstärkung zugeschickt, Derby?«
»Ja, Mylord, entschuldigt, ohne Eure Befehle und trotz Eurer Befehle.«
»Ihr habt wohl daran gethan,« sprach der Gouverneur.
»Doch diese Hilfe wird noch zu spät gekommen sein,« erwiderte der Lieutenant.
»Wer weiß? Erschrecken wir nicht. Ihr begleitet mich auf der Stelle nach Nieullay. Wir lassen diese Unklugen ihre Kühnheit theuer bezahlen, und haben sie Sainte-Agathe schon, so ist es damit abgemacht, daß wir sie daraus verjagen.«
»Gott wolle es!« sagte Lord Derby. »Doch sie haben die Partie sehr fest eingegangen.«
»Wir werden Revanche bekommen,« erwiderte Lord Wentworth. »Wißt Ihr, wer sie befehligt?«
»Man weiß es nicht; Herr von Guise wahrscheinlich oder wenigstens Herr von Nevers. Der Fähnrich, welcher im Galopp herbei sprengte, um die unglaubliche Nachricht von ihrer plötzlichen Ankunft zu überbringen, sagt mir, er habe von fern in den ersten Reihen Euren ehemaligen Gefangenen, Ihr erinnert Euch, jenen Vicomte d’Ermès erkannt . . .«
»Verdammt!« rief der Gouverneur die Fäuste ballend. »Kommt, Derby, kommt geschwinde!«
Mit der feinen Auffassungsgabe, die man unter großen Umständen findet, hatte, Frau von Castro beinahe die ganze, obgleich mit leiser Stimme gesprochen, Meldung gehört.
Als Lord Derby mit den Worten von ihr Abschied nahm:
»Ihr werdet mich entschuldigen, Madame, ich muß Euch verlassen. Eine wichtige Angelegenheit . . .« unterbrach ihn Diana, nicht ohne eine gewisse weibliche Bosheit:
»Geht, Mylord, sucht Euren so grausam gefährdeten Vortheil wieder zu erringen. Aber erfahrt mittlerweile zwei Dinge: einmal daß die stärksten Illusionen gerade diejenigen sind, welche nicht trügen, und daß man stets auf das Wort eines französischen Edelmanns zählen muß. Wir haben den 1. Januar noch nicht erreicht, Mylord.«
Lord Wentworth entfernte sich wüthend, ohne zu antworten.
IV.
Während des Kanonendonners
Lord Derby hatte sich in seinen Voraussetzungen nicht getäuscht. Man vernehme, was geschehen war:
Die Truppen von Herrn von Nevers vereinigten sich rasch in der Nacht mit denen von Herrn von Guise und kamen unvermuthet mittelst eines forcirten Marsches vor dem Fort Sainte-Agathe an. Dreitausend Arquebusiere unterstützt von fünfundzwanzig bis dreißig Reitern nahmen dieses Fort in weniger als einer Stunde.
Lord Wentworth gelangte mit Lord Derby zu dem Fort von Nieullay nur, um die Seinigen fliehend über die Brücke eilen und eine Zuflucht von diesem zweiten bessern Wall von Calais fordern zu sehen.
Doch wir müssen gestehen, daß Lord Wentworth, als der erste Augenblick der Bestürzung vorüber war, sich muthig erhob. Es war im Ganzen ein Mann der Elite, der aus dem seiner Race eigenthümlichen Stolz eine große Energie schöpfte.
»Diese Franzosen müssen wahre Narren sein,« sagte er vertrauensvoll zu Lord Derby, »doch wir werden sie ihre Narrheit theuer bezahlen lassen. Vor zweihundert Jahren hat sich Calais ein Jahr gegen die Engländer gehalten, und es würde sich zehn Jahre mit ihnen halten. Wir werden indessen keiner so langen Anstrengung bedürfen. Vor dem Ende der Woche, Derby, werdet Ihr den Feind schmählich sich zurückziehen sehen. Er hat Alles gewonnen, was er durch Ueberrumpelung davon tragen konnte. Doch wir sind nun auf unserer Hut. Man beruhige sich also und lache mit mir über diesen thörichten Streich von Herrn von Guise.«
»Werdet Ihr Verstärkung von England kommen lassen?« fragte Lord Derby.
»Wozu?« erwiderte stolz der Gouverneur. »Wenn diese Unbesonnenen bei ihrer Unklugheit beharren, so werden vor drei Tagen und während Nieullay sie im Schach hält, die spanischen und englischen Rappen, welche sich in Frankreich befinden, uns von selbst zu Hilfe kommen. Bleiben diese stolzen Eroberer ganz und gar halsstarrig, so bringt uns in vierundzwanzig Stunden eine nach Dover überschickte Nachricht zehntausend Mann. Doch bis dahin wollen wir ihnen nicht durch zu viel Angst zu viel Ehre erweisen. Unsere neunhundert Soldaten und unsere guten Mauern sollen ihnen genug zu schaffen machen. Sie werden nicht weiter kommen, als bis zur Brücke von Nieullay.«
Am andern Tag, am 1. Januar 1558, waren indessen die Franzosen schon an dieser Brücke, welche ihnen Lord Wentworth als letztes Ziel bezeichnete. Sie hatten in der Nacht den Laufgraben eröffnet, und am Mittag schossen ihre Kanonen Bresche in das Fort von Nieullay.
Bei dem furchtbaren und regelmäßigen Lärmen zweier donnernder Artillerien ereignete sich eine feierlich traurige Familienscene in dem alten Hause von Peuquoy.
Die dringenden von Pierre Peuquoy an den Boten von Gabriel gerichteten Fragen haben den Leser ohne allen Zweifel schon belehrt; Babette hatte ihrem Bruder und ihrem Vetter ihre Thränen und die Ursache ihrer Thränen nicht länger verbergen können.
Sie war in der That nicht halb unglücklich, die Arme! Der Ruf, den ihr der vorgebliche Martin-Guerre schuldete, war nicht allein für sie nothwendig, sondern auch für ihr Kind.
Babette Peuquoy sollte Mutter werden.
Während sie indessen ihren Fehler und die harte Folge ihres Fehlers gestand, hatte sie Pierre und Jean gegenüber nicht zu gestehen gewagt, daß ihre Zukunft ohne Ausgang, daß Martin-Guerre verheirathet war.
Sie gestand es kaum ihrem eigenen Herzen gegenüber, sie sagte sich, es wäre möglich, Herr d’Ermès hätte sich getäuscht, und der gute Gott beuge nicht so rettungslos ein armes elendes Geschöpf nieder, dessen einziges Verbrechen darin bestehe, daß es geliebt! Sie wiederholte sich jeden Tag naiver Weise diese kindischen Schlüsse und hoffte. Sie hoffte auf Martin-Guerre, sie hoffte auf den Vicomte d’Ermès. Was? sie wußte es nicht; doch sie hoffte.
Nichtsdestoweniger hatte ihr das während der zwei abgelaufenen Monate von dem Herrn und dem Diener beobachtete Stillschweigen einen tödtlichen Schlag beigebracht. Sie erwartete mit einer schreckenhaften Ungeduld den 1. Januar, die äußerste Grenze, welche Pierre Peuquoy dem Vicomte d’Ermès bezeichnet hatte.
Als sie am 31. December die Anfangs schwankende, bald aber sichere Kunde erhielt, daß die Franzosen gegen Calais marschieren, bebte ihr Herz von unsäglicher Freude.
Sie hörte ihren Bruder und ihren Vetter sagen, der Vicomte d’Ermès wäre gewiß unter den Angreifenden, Martin-Guerre war also auch dabei, und Babette hatte folglich Recht gehabt, zu hoffen.
Sie empfing indessen am andern Tag, am 1. Januar, mit einem gewissen Zusammenpressen des Herzens von Pierre Peuquoy die Aufforderung, sich in die untere Stube zu begeben, wo sie sich mit Jean in ihrer Anwesenheit darüber, was unter den gegenwärtigen Umständen zu thun wäre, verständigen würden.
Sie erschien ganz bleich und zitternd vor diesem häuslichen Tribunal, das doch nur aus zwei Wesen bestand, welche eine beinahe väterliche Zuneigung für sie hegten.
»Mein Vetter, mein Bruder,« sagte sie mit bewegter Stimme, »hier bin ich zu Euren Befehlen.«
»Setze Dich, Babette,« sprach Pierre, indem er auf einen für sie bereitstehenden Stuhl deutete.
Dann fuhr er sanft aber ernst fort:
»Am Anfang, als Du, besiegt durch unser Drängen und unsere Unruhe, uns die traurige Wahrheit gestandest, war ich, ich erinnere mich dessen mit Bedauern, nicht Meister einer ersten Bewegung des Zorns und des Schmerzes, ich schmähte Dich, ich bedrohte Dich sogar, doch Jean trat zum Glück vermittelnd zwischen uns.«
»Er sei gesegnet für seinen Edelmuth und seine Nachsicht,« sprach Babette, indem sie ihr in Thränen gebadetes Auge ihrem Vetter zuwandte.
»Sprecht nicht hiervon, Babette,« versetzte Jean bewegter, als er es scheinen wollte. »Was ich gethan habe, ist ganz einfach, und es ließ sich im Ganzen Euren Leiden nicht dadurch abhelfen, daß man Euch neue auferlegte.«
»Das habe ich begriffen,« sagte Pierre. »Ueberdies rührten mich Deine Thränen und Deine Reue, Babette; meine Wuth besänftigte sich zum Mitleid, mein Mitleid zur Zärtlichkeit, und ich verzieh Dir den Flecken, den Du unserem bis dahin fleckenlosen Namen gemacht hast.«
»Jesus wird gut gegen Dich sein, wie Du es gegen mich gewesen bist, mein Bruder.«
»Und dann,« fuhr Pierre fort, »dann bemerkte mir Jean auch, Dein Unglück wäre vielleicht nicht ohne Gegenmittel, und derjenige, welcher Dich in den Fehler hineingezogen, sei verpflichtet, Dich auch wieder herauszuziehen.«
Babette beugte erröthend ihre Stirne. Wenn ein Anderer als sie an die Wiederherstellung ihrer Ehe glaubte, so glaubte sie nicht daran.
Pierre sprach weiter:
»Trotz der Hoffnung, Deine Ehre und die unsrige wiederhergestellt zu sehen, die ich mit Entzücken aufnahm, schwieg Martin-Guerre beständig, und der Bote, den Herr d’Ermès vor einem Monat nach Calais sandte, brachte uns von Deinem Verführer durchaus keine Nachricht, doch nun sind die Franzosen vor unsern Mauern. Der Vicomte d’Ermès und sein Stallmeister sind bei ihnen, bilde ich mir ein . . .«
»Sagt, es sei gewiß, Pierre,« unterbrach ihn der brave Jean Peuquoy.
»Ich werde Euch hierin nicht widersprechen, Jean. Nehmen wir also an, Herr d’Ermès und sein Stallmeister seien nur durch die Mauern und Gräben, die uns beschützen, oder vielmehr die Engländer beschützen, von uns getrennt. Wenn wir sie wiedersehen, wie denkst Du, daß wir uns in diesem Fall gegen sie benehmen müssen, Babette? Werden sie Freunde oder Feinde für uns sein?«
»Was Du thun wirst, mein Bruder, wird wohl gethan sein,« sprach Babette erschrocken über die Wendung, die das Gespräch nahm.
»Aber, Babette, muthmaßest Du nichts über ihre Absichten?«
»Nichts, mein Gott! ich warte.«
»Du weißt also nicht, ob sie kommen, um Dich zu retten oder um Dich zu verlassen, und ob der Kanonendonner, der meinen Worten als Begleitung dient, Befreier, die man segnen, oder Ehrlose, die man bestrafen muß, ankündigt? Du weißt nichts, Babette?«
»Ah! warum fragst Du mich das, mich entwürdigtes Mädchen ohne Geist, das nur beten und sich in sein Schicksal zu ergeben weiß?«
»Warum ich Dich dies frage, Babette? Höre, Du erinnerst Dich, in welchen Gefühlen unser Vater uns in Beziehung auf Frankreich und die Franzosen erzogen hat. Die Engländer sind für uns nie Landsleute, sondern Unterdrücker gewesen, und vor drei Monaten hätte meinen Ohren keine Musik angenehmer geklungen, als diejenige, welche in diesem Augenblick ertönt.«
»Ah! für mich ist es stets die Stimme des Vaterlandes, die mich ruft,« sprach Jean.
»Jean,« erwiderte Pierre Peuquoy, »das Vaterland ist der Herd im Großen, es ist die vervielfältigte Familie, die erweiterte Verbrüderung. Doch gebührt es sich, ihm die andere Verbrüderung, den andern Herd, die andere Familie zu opfern?«
»Mein Gott! worauf zielst Du denn ab, Pierre?« fragte Babette.
»Höre: in den rohen, plebejischen Arbeiterhänden Deines Bruders, Babette, ruht vielleicht in dieser Minute das Schicksal von Calais. Ja, diese armen, durch die Arbeit jedes Tages geschwärzten Hände können dem König von Frankreich den Schlüssel von Frankreich zurückgeben.«
»Und sie zögern?« rief Babette, welche wirklich mit der Muttermilch den Haß gegen das fremde Joch eingesogen hatte.
»Ah! edles Mädchen,« sprach Jean Peuquoy, »Du warst wohl unseres Vertrauens würdig.«
»Weder mein Herz, noch meine Hände würden zögern,« erwiderte Pierre, »wenn ich die Möglichkeit hätte, unmittelbar seine Stadt dem König Heinrich II. oder seinem Stellvertreter dem Herzog von Guise zu überliefern. Aber die Umstände sind so beschaffen, daß wir genöthigt wären, uns der Vermittlung von Herrn d’Ermès zu bedienen.«
»Nun?« fragte Babette erstaunt über diesen Vorbehalt.
»So glücklich und stolz ich wäre, zu dieser großen Handlung mich mit demjenigen zu verbinden, der unser Gast war, und dessen Stallmeister mein Schwager werden sollte, eben so sehr würde es mir widerstreben, diese Ehre dem gewissenlosen Edelmann zu erweisen, der zum Raube unserer Ehre beigetragen hätte.«
»Er, Herr d’Ermès, der Mitleidige, der Rechtschaffene!« rief Babette.
»Es ist nicht minder wahr,« erwiderte Pierre, »daß Herr d’Ermès durch Dein Vertrauen, wie Martin-Guerre durch sein Gewissen, Dein Unglück gewußt hat, und Du siehst wohl, daß Beide schweigen.«
»Aber was konnte Herr Ermès thun und sagen?« fragte Babette.
»Meine Schwester, er konnte bei seiner Rückkehr nach Paris Martin-Guerre kommen lassen und ihm befehlen, Dir seinen Namen zu geben! Er konnte statt des unbekannten seinen Stallmeister hierher schicken, und so gegen uns zugleich die Schuld seiner Börse und die Schuld seines Herzens abtragen.«
»Nein, nein, er konnte das nicht,« entgegnete die aufrichtige Babette traurig den Kopf schüttelnd.
»Wie! es stand ihm nicht frei, seinem Diener einen Befehl zu geben?«
»Wozu ihm diesen Befehl geben?« versetzte Babette.
»Wie! wozu?« rief Pierre Peuquoy. »Wozu ein Vergehen wieder gut machen? Wozu eine Ehre retten? Bist Du wahnsinnig, Babette?«
»Ach! nein, zu meinem Unglück,« sagte unter Thränen das arme Mädchen. »Die Wahnsinnigen vergessen.«
»Wie kannst Du denn, wenn Du bei Vernunft bist, sagen, Herr d’Ermès habe wohl gethan, von seinem Ansehen als Gebieter keinen Gebrauch zu machen, um Deinen Verführer zu zwingen, Dich zu heirathen?«
»Mich heirathen! mich heirathen! ei! könnte er es?« sprach Babette ganz verwirrt.
»Aber wer sollte ihn denn hindern?« riefen gleichzeitig Jean und Pierre.
Beide hatten sich mit einer unwiderstehlichen Bewegung erhoben, Babette fiel auf die Kniee.
»Ach! rief sie, verzeih’ noch einmal, Bruder! . . . Ich wollte Dir das verbergen . . . Ich verbarg es mir selbst! Doch nun sprichst Du mir von unserer gebrandmarkten Ehre, von Frankreich, von Herrn d’Ermès, von diesem unwürdigen Martin-Guerre, was weiß ich? . . . Oh! mein Kopf verwirrt sich! Du fragtest mich, ob ich wahnsinnig wäre? Ich glaube in der That, daß mich der Wahnsinn erfaßt. Du, der Du ruhiger bist, sage mir, ob ich mich täusche, ob ich geträumt habe, oder ob das, was mir Herr d’Ermès eröffnet hat, wirklich möglich ist?«
»Was er Dir eröffnet hat?« wiederholte Pierre von einem Schrecken erfaßt.
»Ja, in meinem Zimmer, am Tage seiner Abreise, als ich ihn bat, Martin diesen Ring zu übergeben. Ich wagte es nicht, ihm, dem Fremden, meinen Fehler zu gestehen, Und dennoch mußte er mich begreifen. Und wenn er mich verstanden hat, wie konnte er mir sagen? . . .«
»Was? Was hat er Dir gesagt? Vollende!« rief Pierre.
»Ach! Martin-Guerre wäre schon verheirathet!«
»Unglückliche!« schrie Pierre, indem er außer sich auf seine Schwester zustürzte und die Hand gegen sie erhob.
»Oh! es ist also wahr!« sprach mit sterbender Stimme das unglückliche Kind, »ich fühle, daß es wahr ist.«
Und sie fiel ohnmächtig zu Boden.
Jean hatte Zeit gehabt, Pierre um den Leib zu fassen und zurückzuwerfen.
»Was machst Du denn, Pierre?« sprach er mit strengem Tone. »Nicht die Unglückliche mußt Du schlagen, sondern den Elenden.«
»Du hast Recht,« erwiderte Pierre Peuquoy, seines blinden Zornes sich schämend.
Er ging wild und düster beiseite, während Jean, über Babette geneigt, diese ins Leben zurückzurufen suchte. Es trat ein langes Stillschweigen ein.
Außen donnerten fortwährend die Kanonen in beinahe regelmäßigen Zwischenräumen.
Endlich öffnete Babette die Augen wieder, und sie bemühte sich vor Allem, ihre Erinnerungen zurückzurufen.
»Was ist denn vorgefallen?« fragte sie und schaute mit einem irren Blick das über sie herabgebeugte Gesicht von Jean Peuquoy an.
Jean sah seltsamer Weise nicht sehr traurig aus. Es waren zu gleicher Zeit in seinen vortrefflichen Zügen eine tiefe Rührung und eine Art von Zufriedenheit sichtbar.
»Mein guter Vetter!« sagte Babette, ihm die Hand reichend.
Das erste Wort von Jean Peuquoy zu der theuren Betrübten war:
»Hoffe, Babette, hoffe.«
Aber die Blicke von Babette fielen in dieser Sekunde auf das düstere, trostlose Antlitz ihres Bruders, und sie bebte, denn Alles kam ihr zugleich wieder ins Gedächtniß.
»Oh! Pierre, verzeih! verzeih!« rief sie.
Auf ein rührendes Zeichen von Jean Peuquoy, um ihn zur Barmherzigkeit zu ermahnen, ging Pierre auf seine Schwester zu, hob sie auf und setzte sie auf einen Stuhl.
»Beruhige Dich,« sprach er. »Nicht Dir grolle ich, Du hast so viel leiden müssen! Beruhige Dich. Ich sage Dir wie Jean: Hoffe!«
»Oh! was kann ich noch hoffen?« entgegnete sie.
»Es ist wahr, nicht mehr die Wiederherstellung Deiner Ehre, aber wenigstens die Rache,« antwortete Pierre Peuquoy mit gefalteter Stirne.
»Und ich,« flüsterte ihr Jean Peuquoy zu, »ich sage Dir: Die Rache und die Wiederherstellung Deiner Ehre zugleich.«
Sie schaute ihn verwundert an, doch ehe sie fragen konnte, sprach Pierre:
»Ich verzeihe Dir abermals, meine Schwester. Dein Fehler ist im Ganzen nicht größer, weil ein Feiger Dich zweimal getäuscht hat. – Ich liebe Dich, Babette, wie ich Dich stets geliebt habe.«
Glücklich in ihrem Schmerz, warf sich Babette in die Arme ihres Bruders.
»Aber,« sprach Pierre Peuquoy, »mein Zorn ist nicht erloschen, er hat sich nur einer andern Seite zugewendet. Derjenige, den er jetzt treffen möchte, ist, ich wiederhole es, der schändliche Verführer, der verhaßte Martin-Guerre! . . .«
»Mein Bruder!« unterbrach ihn Babette mit schmerzlichem Tone.
»Nein, für ihn kein Mitleid!« rief der strenge Bürger. »Seinem Gebieter, Herrn d’Ermès, bin ich eine Genugthuung schuldig, das gesteht meine Redlichkeit gern zu.«
»Ich sage es Dir wohl,« versetzte Jean Peuquoy.
»Ja, Jean, Du hattest Recht, ich habe den würdigen Herrn falsch beurteilt. Nun erklärt sich Alles. Sein Stillschweigen sogar sein Zartgefühl. Warum hätte er uns grausam an ein unwiedergutzumachendes Unglück erinnern sollen? Ich hatte Unrecht! Und wenn ich bedenke, daß ich vielleicht durch einen traurigen Irrthum zum Lügner an der Überzeugung und Instinkten meines ganzen Lebens geworden wäre, und Frankreich, das ich so sehr liebe, einen Fehler hätte bezahlen lassen!«
»Mein Gott! wovon sind die großen Ereignisse der Welt abhängig!« sprach Jean Peuquoy philosophisch. »Doch zum Glück ist noch nichts verloren,« fügte er bei, »und durch das Vertrauen von Babette wissen wir nun, daß sich der Vicomte unserer Freundschaft nicht unwürdig gemacht hat. Oh! ich kannte sein edles Herz, denn ich hatte ihn immer nur zu bewundern, abgesehen von seinem ersten Zögern, als wir ihm die Entschädigung für die Einnahme von Saint-Quentin vorschlugen. Aber mir scheint, er ist in diesem Augenblick bemüht, dieses Zögern auf eine glänzende Weise wieder gut zu machen.«
Und der brave Weber deutete durch ein Zeichen an, man höre den furchtbaren Donner der Kanonen, welche in eiligeren Schüssen zu ertönen schienen.
»Jean,« sprach Pierre Peuquoy, »wißt Ihr, was uns dieser Kanonendonner sagt?«
»Er sagt uns, Herr d’Ermès sei da,« antwortete Jean.
»Ja, Bruder, aber,« fügte Pierre seinem Vetter ins Ohr bei, »aber er sagt uns auch: Erinnert Euch des 5.«
»Und wir werden uns erinnern, Pierre, nicht wahr?«
Dieses gegenseitige Flüstern beunruhigte Babette; nur mit ihren klaren Gedanken beschäftigt, murmelte sie:
»Jesus! was complottiren sie? Kommt Herr d’Ermès, so wolle Gott, daß Martin-Guerre wenigstens nicht mit ihm kommt!«
»Martin-Guerre?« versetzte Jean, der dies hörte.
»Oh! Herr d’Ermès wird seinen unwürdigen Diener, schmählich fortgejagt haben! Und daran hat er im Interesse des Feigen wohl gethan; denn wir hätten ihn bei seinem ersten Schritt in Calais herausgefordert und getödtet; nicht wahr, Pierre?«
»In jedem Fall,« erwiderte Pierre mit seinem unbeugsamen Ausdruck, »geschieht es nicht in Calais, so tödte ich ihn in Paris.«
»Ah!« rief Babette, »es sind gerade die Repressalien, was ich befürchtete, nicht für ihn, den ich nicht mehr liebe, sondern für Dich, Pierre, für Euch, Jean, die Ihr Beide so brüderlich und so treu ergeben seid.«
»Bei einem Kampfe zwischen ihm und mir würdet Ihr also nicht für ihn, sondern für mich Gelübde thun?« sprach Jean Peuquoy bewegt.
»Ah!« rief Babette, »diese einzige Frage ist die grausamste Strafe, die Ihr für meinen Fehler über mich verhängen könnt. Wie sollte ich zwischen Euch, der Ihr so gut und milde, und ihm, der so niederträchtig und verrätherisch ist, heute zögern?«
»Ich danke,« sprach Jean. »Was Ihr da sagt, thut wohl, und glaubt, daß Euch Gott dafür belohnen wird.«
»Ich bin wenigstens sicher, daß Gott den Schuldigen bestrafen wird,« sagte Pierre. »Doch denken wir noch nicht an ihn, Freund,« sprach er zu Jean. »Wir haben gegenwärtig andere Dinge zu thun, und nur drei Tage, um diese Dinge vorzubereiten. Wir müssen ausgehen, unsere Freunde sehen, die Waffen zählen . . .«
Mit leiser Stimme fügte er bei:
»Jean, erinnern wir uns des 5.!«
Eine Viertelstunde nachher, während Babette, die sich etwas ruhiger in ihr Zimmer zurückgezogen hatte, Gott dankte, ohne genau zu wissen wofür, gingen der Waffenschmied und der Weber ganz geschäftig durch die Stadt.
Sie schienen nicht mehr an Martin-Guerre zu denken, welcher in diesem Augenblick, beiläufig gesagt, keine Vermuthung hatte, was sich Schlimmes in der Stadt Calais, in die er nie einen Fuß gesetzt, für ihn vorbereitete.
Doch die Kanonen donnerten fortwährend, und luden und entluden, wie Robertin sagt, in wunderbarer Wuth ihren Artilleriesturm.«