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Kitabı oku: «Die beiden Dianen», sayfa 47

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III.
Eine Versammlung von Protestanten

Das Haus Nr. 11 der Place Maubert, wohin der Brief von la Renaudie Gabriel beschieden hatte, gehörte einem Advokaten Namens Trouillard. Man bezeichnete es schon im Volke als einen Ort für die Zusammenkünfte der Ketzer. Psalmen, die in der Ferne zuweilen die Nachbarn hatten singen hören, verschafften diesen gefährlichen Gerüchten Glauben. Doch es waren nur Gerüchte, und der Polizei jener Zeit war noch nicht der Gedanke gekommen, die zu untersuchen.

Gabriel fand ohne Mühe die braune Thüre und that nach den Instructionen des Briefes in regelmäßigen Zwischenräumen drei Schläge.

Die Thüre öffnete sich wie von selbst, doch eine Hand faßte im Schatten die Hand von Gabriel, und es sagte Jemand zu ihm:

»Tretet nicht ein, Ihr würdet nicht hell sehen.«

»Ich bringe mein Licht mit mir,« antwortete Gabriel nach der Formel.

»So tretet ein,« sprach die Stimme, »und folgt der Hand, die Euch führt.«

Gabriel gehorchte und machte so einige Schritte.

Dann ließ man ihn los und sagte:

»Geht nun.«

Gabriel fühlte mit seinem Fuß die erste Stufe Einer Treppe. Er zählte siebzehn Stufen und blieb stehen.

»Was verlangt Ihr?« sagte eine andere Stimme.

»Was gerecht ist,« antwortete er.

Sogleich öffnete sich eine andere Thüre vor ihm, und er trat in eine nur durch ein schwaches Licht erleuchtete Stube.

Hier fand sich allein ein Mann, der sich Gabriel näherte und leise zu ihm sagte:

»Genf.«

»Ruhm!« erwiderte auf der Stelle der junge Graf.

Der Mann schlug nun auf ein Glöckchen und la Renaudie trat in Person durch eine Geheimthüre ein.

Er ging auf Gabriel zu und drückte ihm liebevoll die Hand.

»Wißt Ihr, was heute im Parlament vorgefallen ist?« fragte er ihn.

»Ich habe mein Haus nicht verlassen,« antwortete Gabriel.

»Ihr sollt Alles hier erfahren,« sagte la Renau die. »Ihr habt Euch noch nicht gegen uns verbindlich gemacht, gleichviel! wir machen uns gegen Euch verbindlich. Ihr sollt unsere Pläne wissen, Ihr sollt unsere Kräfte zählen. Es wird nichts mehr Geheimes für Euch in den Dingen unserer Partei geben. Euch jedoch wird es freistehen, nach Eurem Belieben allein oder mit uns zu handeln. Ihr habt mir gesagt, der Absicht nach gehöret Ihr zu uns, das genüge. Ich verlange von Euch nicht einmal Euer Wort als Edelmann, nichts von dem zu offenbaren, was Ihr sehen oder hören werdet. Bei Euch ist eine solche Vorsicht unnöthig.«

»Ich danke für dieses Vertrauen,« sagte Gabriel gerührt, »Ihr werdet es nicht bereuen.«

»Tretet mit mir ein, und bleibt an meiner Seite,« sprach la Renaudie, »ich werde Euch nach und nach die Namen von denjenigen unserer Brüder sagen, welche Ihr noch nicht kennt; das Uebrige werdet Ihr selbst beurtheilen, kommt.«

Er nahm Gabriel bei der Hand, drückte an eine Feder der Geheimthüre und trat mit ihm in einen großen langen Saal, wo ungefähr zweihundert Personen versammelt waren.

Einige da und dort zerstreute Kerzen beleuchteten nur halb die beweglichen Gruppen. Im Uebrigen fanden sich weder Geräthschaften, noch Tapeten, noch Bänke; ein plumper Stuhl von Holz, für den Geistlichen oder Redner, war Alles.

Die Gegenwart von etwa zwanzig Frauen erklärte, rechtfertigte aber keines Wegs (bemerken wir dies sogleich) die Verleumdungen, zu denen unter den Katholiken die nächtlichen und geheimen Zusammenkünfte der Reformierten Anlaß gaben.

Niemand bemerkte den Eintritt von Gabriel und seinem Führer. Aller Augen und Aller Gedanken waren in diesem Augenblick auf denjenigen gerichtet, welcher die Tribüne einnahm, ein Religionär mit trauriger Stirne und ernstem Wort.

La Renaudie nannte ihn Gabriel.

»Es ist der Rath im Parlament, Nicolas Duval,« sagte er leise zu ihm. »Er hat so eben die Erzählung dessen angefangen, was bei den Augustinern vorgefallen ist. Hört.«

Gabriel horchte.

»Unser gewöhnlicher Saal im Palaste,« fuhr der Redner fort, »war von den Vorkehrungen zu den Hochzeitsfesten der Prinzessin Elisabeth eingenommen; wir hielten provisorisch zum ersten Mal unsere Sitzung bei den Augustinern und, ich weiß nicht, der Anblick dieses ungewohnten Saales ließ uns von Anfang unbestimmt ein außerordentliches Ereigniß ahnen.

»Doch der Präsident Gilles Lemaitre eröffnete die Sitzung wie gewöhnlich und nichts schien die Befürchtungen von Einigen von uns zu rechtfertigen.

»Man nahm die am vorhergehenden Mittwoch in Anregung gebrachte Frage wieder auf. Antoine Fumée, Paul de Foix und Eustache de la Porte sprachen hinter einander zu Gunsten der Duldsamkeit und ihre feurigen, festen Reden schienen einen lebhaften Eindruck auf die Mehrzahl hervorgebracht zu haben.

»Eustache de la Porte hatte sich eben unter einem allgemeinen Beifallssturme gesetzt und Henri Dufaur nahm das Wort, um die noch zögernden Stimmen zu gewinnen, als sich plötzlich die große Thüre öffnete und der Huissier des Parlaments laut ausrief: »Der König.«

»Der Präsident schien durchaus nicht erstaunt, er stieg eilig von seinem Sitze herab, um dem König entgegen zu gehen; Alle Räthe erhoben sich in Unordnung, die Einen verwundert, die Andern sehr ruhig, und als ob sie das, was kam, erwarteten.

»Der König trat begleitet vom Cardinal von Lothringen und vom Connétable ein.

»Ich komme nicht, um Eure Arbeiten zu stören, meine Herren vom Parlament,« sprach er zuerst, »ich komme, um sie zu unterstützen.«

»Und nach einigen unbedeutenden Complimenten endigte er mit den Worten:

»Der Frieden ist mit Spanien geschlossen; doch bei Gelegenheit der Kriege sind arge Ketzereien vorgefallen, die sich auch in dieses Königreich eingeschlichen haben. Warum habt Ihr nicht gegen die Lutheraner ein Edict bestätigt, das ich von Euch verlangte? . . . Doch ich wiederhole, fahrt frei in meiner Gegenwart in den von Euch begonnenen Berathungen fort.«

»Henri Dufaur, der das Wort hatte, nahm es muthig auf diese Rede des Königs wieder auf, vertheidigte die Sache der Gewissensfreiheit und fügte sogar seiner kühnen Rede einige traurige und ernste Mittheilungen über das Benehmen der Regierung bei.

»Ihr beklagt Euch über Unruhen?« rief er. »Nun wohl, wir wissen den Urheber und könnten das antworten, was Elias dem Achab antwortete: »Ihr seid es, der Israel plagt.«

»Heinrich biß sich erbleichend auf die Lippen, schwieg aber.

»Da erhob sich Anne Dubourg und ließ noch unmittelbarere und noch ernstere Vorstellungen hören.

»Ich fühle,« sagte er, »daß es gewisse Verbrechen gibt, Sire, die man unbarmherzig strafen muß, wie den Ehebruch, die Blasphemie, den Meineid, während man sie jeden Tag durch die Unordnung, durch die Ausschweifung und durch strafbare Liebschaften begünstigt. Doch wessen beschuldigt man diejenigen, welche man den Armen des Henkers überantwortet? des Verbrechens der beleidigten Majestät? Nie haben sie den Namen des Fürsten in ihren Gebeten vergessen! nie haben sie Empörung oder Verrath angezettelt! Wie! weil sie durch das Licht der heiligen Schrift die großen Laster und die schmählichen Mängel der römischen Macht entdeckt haben, weil sie verlangten, daß man Ordnung darein bringe, ist dies eine ungebührliche Freiheit, die den Feuertod verdient!«

»Der König rührte sich nicht. Doch man fühlte seinen Zorn dumpf brüten.

»Der Präsident Gilles Lemaître wollte dem Zorn des Königs schmeicheln und rief mit geheuchelter Entrüstung:

»Es handelt sich um Ketzer! man endige mit ihnen wie mit den Albigensern: Philipp August hat sechshundert derselben an einem Tag verbrennen lassen.«

»Diese heftige Sprache nützte der guten Sache vielleicht mehr, als die gemäßigte Festigkeit der Unsrigen. Es wurde klar, daß bei der Entscheidung das Resultat der Meinungen mindestens im Gleichgewicht stehen müßte.

»Heinrich II. begriff dies und wollte Alles durch, einen Staatsstreich brüskieren.

»Der Herr Präsident hat Recht,« sagte er.

»Man muß mit den Ketzern ein Ende machen, oder sie flüchten sich. Und um anzufangen, Herr Connétable, verhafte man auf der Stelle diese zwei Rebellen.«

»Er deutete mit der Hand auf Henri Dufaur und Anne Dubourg und ging hastig hinaus, als könnte er seinen Zorn nicht mehr bewältigen.

»Ich brauche Euch nicht zu sagen, Freunde und Brüder, daß Herr von Montmorency dem Befehle des Königs gehorchte. Dubourg und Dufaur wurden mitten im Parlament in Verhaft genommen und abgeführt, und wir blieben Alle ganz bestürzt.

»Gilles Lemaître allein fand den Muth, beizufügen:

»Das ist Gerechtigkeit! so sollen alle diejenigen bestraft werden, welche es wagten, die Achtung vor der königlichen Majestät zu verletzen!«

»Doch als wollten sie ihn Lügen strafen, traten abermals Wachen in den Kreis der gesetzgebenden Versammlung und verhafteten, andere Befehle, die sie vorzeigten, vollziehend, Foix, Fumée, de la Porte, welche vor der Ankunft des Königs gesprochen und einzig und allein die religiöse Toleranz vertheidigt hatten, ohne den geringsten Vorwurf gegen den Souverain zu äußern.

»Es war also gewiß, daß nicht wegen ihrer Vorstellungen an den König, sondern wegen ihrer religiösen Meinungen fünf unverletzliche Mitglieder des Parlaments mittelst eines schändlichen Hinterhaltes unter dem Streiche der Beschuldigung eines Hauptverbrechens fielen.«

Nicolas Duval schwieg. Das Gemurre des Schmerzes und des Zornes der Versammlung hatte ihn zwanzigmal unterbrochen und folgte energischer als je auf die Mittheilung von dieser großen stürmischen Sitzung, welche, für uns, in der Entfernung, einer anderen Versammlung anzugehören scheint und das Aussehen hat, als hätte sie zweihundert und dreißig Jahre später stattgefunden.

Nur war es zweihundert und dreißig Jahre später nicht das Königthum, sondern die Freiheit, welche das letzte Wort haben sollte.

Der Geistliche David folgte im Rednerstuhle auf Nicolas Duval.

»Brüder,« sprach er, »damit Gott sie mit seinem Geiste der Wahrheit beseele, erheben wir vor der Berathung gemeinschaftlich zu ihm unsere Stimmen und unsere Gedanken durch irgend einen Psalmen.«

»Der Psalm vierzig!« riefen mehrere Reformierte.

Und Alle fingen an den genannten Psalm anzustimmen.

Er war sonderbar gewählt, um die Ruhe wiederherzustellen. Man muß gestehen, es war viel mehr der Gesang der Drohung, als die Hymne des Gebetes.

Doch die Entrüstung überströmte in diesem Augenblick in den Gemüthern, und mit einem Ausdruck tiefen Gefühles sang man folgende Strophen, wobei die Erschütterung die Stelle der mangelnden Poesie einnahm:

 
»Ihr Thoren ohne Herz und Sinn
Wie eilt zum Untergang ihr hin!
Wie wollt ihr selbst euch trügen,
Um Jesum zu bekriegen.
Ihr weiht die kurze Lebensfrist
Zum Dienste eurem Antichrist.
Abscheuliche Verräther,
Des Satanas Anbeter!
Was Gott gebeut, verbietet ihr,
Dem Drachen treu, dem Bibelthier.«
 

Die letzte Stanze war besonders bezeichnend:

 
»Für unsern Herrn, für Jesum Christ,
Der aller Fürsten König ist,
Soll ungehemmt sein Wort ertönen,
Soll Alles heilen und versöhnen.
Wie? ihr verbreitet seinen Fluch,
Deß, der das Kreuz zur Sühne trug.
Schwer ist die Straf im Erdengrunde,
Noch schrecklicher im Höllenschlunde
Die Qual für jede Uebelthat,
Weh dem, der sie verschuldet hat!«
 

Sobald der Psalm beendigt war, trat, als ob dieser erste Ruf zu Gott schon die Herzen erleichtert hätte, das Stillschweigen wieder ein, und die Berathung konnte beginnen.

La Renaudie nahm zuerst das Wort, um vor Allem den Standpunkt und die Richtung genau herauszustellen.

»Brüder,« sagte er von seinem Platze aus, »in Gegenwart eines unerhörten Ereignisses, das alle Begriffe von Recht und Billigkeit niederwirft, haben wir das Verfahren zu bestimmen, das die Partei der Reform zu beobachten hat. Sollen wir uns noch gedulden? oder sollen wir handeln? und wie sollen wir in diesem Fall handeln? Dies sind die Fragen, die sich Jeder hier stellen, die Jeder nach seinem Gewissen lösen muß. Ihr seht, daß unsere Verfolger von nichts Geringerem, als von einer allgemeinen Niedermetzelung sprechen und uns insgesamt aus dem Leben streichen wollen, wie man ein schlecht geschriebenes Wort aus einem Buche streicht. Werden wir gehorsam den Todesstreich abwarten? Oder werden wir es, da die Gerechtigkeit und das Gesetz grade von denjenigen verletzt sind, deren Pflicht es ist, sie zu beschützen, versuchen, uns selbst Gerechtigkeit zu verschaffen und für einen Augenblick die Gewalt an die Stelle des Gesetzes treten zu lassen? . . . Euch, meine Brüder und Freunde, geziemt es, zu antworten.«

La Renaudie machte eine kurze. Pause, um dem furchtbaren Dilemma Zeit zulassen, klar in alle Geister einzudringen.

Dann fuhr er in der Absicht, den Schluß zugleich zu erleuchten und zu beschleunigen fort:

»Zwei Parteien, wir wissen es leider Alle, trennen diejenigen, welche die Sache der Reform und der Wahrheit vereinigen müßte; doch vor der Gefahr und vor dem gemeinschaftlichen Feinde gebührt es sich, wie mir scheint, daß wir ein Herz und einen Willen haben. Die Mitglieder der einen und der andern Fraction sind gleichmäßig eingeladen, ihre Ansicht auszusprechen und ihre Mittel zu nennen. Derjenige Rath, welcher bessere Chancen des Gelingens bieten wird, von welcher Seite er auch kommen mag, muß allgemein angenommen werden. Und nun sprecht, meine Freunde und Brüder in voller Freiheit und in vollem Vertrauen.«

Auf die Rede von la Renaudie folgte ein ziemlich langes Zaudern. Was gerade denjenigen fehlte, welche ihn hörten, war die Freiheit, war das Vertrauen.

Und dann bewahrte trotz der Entrüstung, von der wirklich alle Herzen erfüllt waren, das Königthum in jener Zeit ein zu großes Blendwerk, als daß die Reformierten, Novizen in der Verschwörung es gewagt hätten, sogleich offenherzig ihre Ideen einer bewaffneten Rebellion auszudrücken. Sie waren entschlossen und in Masse ihrer Sache ergeben: doch Jeder wich im Einzelnen vor der Verantwortlichkeit einer ersten Motion zurück. Alle wollten der Bewegung folgen, keiner wagte es, sie hervorzurufen.

Dann, wie es la Renaudie zu verstehen gegeben hatte, mißtrauten sie einander; jede von den beiden Parteien wußte nicht, wohin die andere sie führen würde, und ihre Zwecke waren doch in der That zu unähnlich, als daß die Wahl der Mittel, des Weges und der Führer ihnen hätte gleichgültig sein können.

Die Partei von Genf strebte insgeheim nach der Republik und die des Adels nur nach einer Veränderung des Königthums.

Die Wahlformen des Calvinismus, das Princip der Gleichheit, das die neue Kirche überall aufstellte, führten unmittelbar zu dem republikanischen Systeme in den von den Schweizer Cantonen angenommenen Bedingungen. Doch der Adel wollte nicht so weit gehen, er begnügte sich mit dem Plane, im Einverständniß mit der Königin Elisabeth von England, Heinrich II. vom Thron zu stoßen und ihn durch einen calvinistischen König zu ersetzen. Man nannte ganz leise zum Voraus den Prinzen von Condé.

Man sieht, es war schwierig, zwei einander ganz entgegengesetzte Elemente zu einem gemeinschaftlichen Werke mitwirken zu machen.

Gabriel bemerkte daher mit Bedauern nach der Rede von La Renaudie, daß die zwei beinahe feindlichen Lager sich mit mißtrauischem Auge maßen, ohne daß sie daran zu denken schienen, aus den so kühn gestellten Prämissen Schlüsse zu ziehen.

Es vergingen ein paar Minuten unter verworrenem Gemurmel, in schmerzlicher Unentschiedenheit, La Renaudie war nahe daran, sich zu fragen, ob er nicht durch eine zu ungestüme Aufrichtigkeit unwillkürlich die Wirkung der Erzählung von Nicolas Duval zerstört habe. Dach da er einmal diesen Weg eingeschlagen hatte, so wollte er Alles wagen, um Alles zu retten, und er wandte sich an einen magern schwächlichen, kleinen Mann, mit dicken Brauen und gallichter Miene, der bei einer Gruppe in seiner Nähe stand, und sagte zu ihm mit lauter Stimme:

»Nun, Lignières, werdet Ihr nicht zu unsern Brüdern sprechen und ihnen sagen, was Ihr auf dem Herzen habt?«

»Es sei!« antwortete der kleine Mann, dessen Blick sich entflammte. »Ich werde sprechen, doch dann ohne etwas zu verhehlen und ohne etwas zu mildern!«

»Oh! Ihr seid bei Freunden,« versetzte la Renaudie.

Während Lignières den Rednerstuhl bestieg, sagte der Baron Gabriel in’s Ohr:

»Ich wende hier ein gefährliches Mittel an. Dieser Lignières ist ein Fanatiker, in gutem oder in schlechtem Glauben? ich weiß es nicht, der die Dinge zum Äußersten treibt und mehr Widerstreben als Sympathien hervorruft. Doch gleichviel! wir müssen um jeden Preis wissen, woran wir uns zu halten haben, nicht wahr.«

»Ja, die Wahrheit trete endlich aus allen diesen verschlossenen Herzen hervor!« sagte Gabriel.

»Seid unbesorgt, Lignières und seine Doctrinen werden nichts davon schlummern lassen!« versetzte la Renaudie.

Der Redner hub in der That sehr ex abrupto an und sprach:

»Das Gesetz selbst ist verdammt worden. Welche Berufung bleibt uns übrig? Die Berufung an die Gewalt und keine andere! Ihr fragt, was zu thun sei? Wenn ich diese Frage nicht beantworte, so ist hier etwas, was an meiner Stelle antworten könnte.«

Er hob eine silberne Medaille in die Höhe und zeigte sie allen Anwesenden.

»Diese Medaille,« fuhr er fort, »wird beredter sprechen, als mein Wort. Für diejenigen, welche sie aus der Ferne nicht sehen können, sage ich, was sie vorstellt: sie bietet das Bild eines flammenden Schwertes, das eine Lilie abschneidet, deren Stängel sich biegt und fällt. Daneben rollen der Scepter und die Krone im Staub.«

Lignières fügte bei, als befürchtete er, man hätte ihn nicht gut begriffen:

»Die Medaillen dienen gewöhnlich zur Erinnerung an vollendete Thatsachen, diese diene zur Prophezeiung eines zukünftigen Ereignisses! Ich habe nichts mehr zu sagen.«

Er hatte wahrlich genug gesagt! Er stieg unter dem Beifallsrufe eines schwachen Theiles der Versammlung und unter dem Gemurre einer viel größeren Anzahl von dem Rednerstuhle herab.

Doch die allgemeine Haltung war ein Stillschweigen des Erstaunens.

»Hört!« sagte la Renaudie mit leiser Stimme zu Gabriel, »das ist nicht die Saite, welche am meisten Anklang unter uns findet. Zu einer andern! Herr Baron von Castelnau,« fuhr er laut fort, indem er einen elegantem nachdenkenden jungen Mann aufrief, der zehn Schritte von ihm an der Mauer lehnte, »Herr von Castelnau, habt Ihr Eurerseits nichts zu sagen?«

»Ich hätte vielleicht nichts zu sagen, doch ich habe zu antworten,« erwiderte der junge Mann.

»Wir hören,« sagte la Renaudie. »Dieser,« fügte er bei, indem er sich an das Ohr von Gabriel neigte, »dieser gehört zur Partei der Edelleute und Ihr mußtet ihn im Louvre sehen an dem Tag, wo Ihr die Nachricht von der Einnahme von Calais überbracht habt. Castelnau ist offenherzig, redlich und brav. Er wird seine Fahne eben so kühn aufpflanzen, als Lignières, und wir werden sehen, ob man ihn besser empfängt.«

Castelnau blieb auf einer der Stufen des Rednerstuhles stehen und sprach von hier aus:

»Ich werde anfangen, wie die Redner, die mir vorhergingen, angefangen haben. Man hat uns mit der Ungerechtigkeit geschlagen, vertheidigen wir uns gegen die Ungerechtigkeit. Führen wir ins offene Feld unter die Panzer den Krieg, den man ins Parlament unter die rothen Roben gebracht hat! . . . Doch ich weiche im Uebrigen in meiner Ansicht von der von Herrn von Lignières ab. Ich habe Euch auch eine Medaille zu zeigen. Hier ist, sie. Es ist nicht die seinige. Von ferne scheint sie Euch den gemünzten Thalern zu gleichen, die in unsern Taschen sind. Es ist wahr, sie bietet auch das Bildnis; eines gekrönten Königs. Nur steht statt: Henricus II., rex Galliae,auf dem Abschnitt: Ludovicus XIII., rex Galliae. Ich habe es gesagt.«

Der Baron von Castelnau verließ, die Stirne hoch, seinen Platz. Die Anspielung auf den Prinzen Ludwig von Condé war flagrant. Diejenigen, welche Lignières Beifall geklatscht hatten, murrten, diejenigen, welche gemurrt hatten, klatschten Beifall.

Doch die Masse blieb noch unbeweglich und stumm unter den zwei Minoritäten.

»Was wollen sie denn?« fragte Gabriel leise la Renaudie.

»Ich befürchte, sie wollen nichts!« erwiderte der Baron.

In diesem Augenblick verlangte der Advokat Des Avenelles das Wort.

»Das ist, glaube ich, ihr Mann,« sprach la Renaudie. »Des Avenelles ist mein Wirth, wenn ich in Paris bin; ein ehrlicher, gescheiter Mann, aber zu schüchtern, zu klug vielleicht. Seine Meinung wird ihr Gesetz sein.«

Des Avenelles gab schon am Anfang der Vorhersehung von la Renaudie Recht.

»Wir haben muthige und sogar vermessene Worte gehört,« sagte er. »Doch war der Augenblick wirklich gekommen, sie auszusprechen? Geht man nicht ein wenig zu rasch? Man zeigt uns ein erhabenes Ziel, doch man spricht nicht von den Mitteln. Sie können nur verbrecherisch sein. Mehr als bei einem von den Jungen, welche hier sind, wird meine Seele gemartert von der Verfolgung, die man uns ausstehen läßt. Doch während wir so viele Vorurtheile zu besiegen haben, muß man auch noch vollends auf die Sache der Reformation die Gehässigkeit eines Mordes werfen? Ja, eines Mordes! denn Ihr könntet auf keinem andern Wege das Resultat erreichen, das Ihr uns zu zeigen wagt.«

Beinahe einstimmiger Beifall unterbrach Des Avenelles.

»Was sagte ich?« murmelte ganz leise la Renaudie. »Dieser Advokat ist ihr wahrer Ausdruck!«

Des Avenelles fuhr fort:

»Der König ist in der Kraft und in der Reife des Alters. Um ihn des Thrones zu entsetzen, müßte man ihn herabstürzen. Welcher lebende Mensch würde eine solche Gewaltthat auf sich nehmen? Die Könige sind göttlich, Gott allein hat ein Recht über sie! Ah! wenn irgend ein Unfall, ein unvorhergesehenes Uebel, ein Privatattentat sogar in diesem Augenblick das Leben des Königs erreichte und die Vormundschaft über einen König, der noch in der Kindheit begriffen ist, in die Hände der frechen Bursche legte, die uns unterdrücken, dann wäre es diese Vormundschaft und nicht das Königthum, es wären die Guisen und nicht Franz II., was man angreifen würde. Der Bürgerkrieg würde lobenswerth und die Empörung heilig, und ich wäre der Erste, der Euch: Zu den Waffen! zuriefe.«

Diese Energie der Schüchternheit erfüllte die Versammlung mit Bewunderung, und neue Zeichen des Beifalls belohnten den klugen Muth von Des Avenelles.

»Ah!« sagte la Renaudie leise zu Gabriel, »ich bedaure nun, daß ich Euch habe kommen lassen. Ihr müßt Mitleid mit uns bekommen.«

Gabriel aber sprach nachdenkend in seinem, Innern:

»Nein, ich habe ihnen ihre Schwäche nicht vorzuwerfen, denn sie gleicht der meinigen. Wie ich insgeheim auf sie zählte, so zählen sie, wie es scheint, auf mich.«

»Was wollt Ihr denn thun?« rief la Renaudie seinem triumphierenden Wirthe zu.

»Auf dem Weg der Gesetzlichkeit bleiben, warten!« antwortete entschlossen der Advokat. »Anne Dubourg, Henri Dufaur und drei von unsern Freunden im Parlament sind verhaftet worden, doch wer sagt uns, man werde es wagen, sie zu verurtheilen, sie nur anzuklagen? Meiner Ansicht nach dürfte die Gewaltthätigkeit von unserer Seite dahin führen, daß sie die der Macht hervorrufen würde. Und wer weiß, ob unsere Zurückhaltung nicht gerade den Opfern zum Heil gereicht?Behaupten wir die Ruhe der Kraft und die Würde des guten Rechtes. Schieben wir alles Unrecht auf die Seite unserer Verfolger. Warten wir. Wenn sie uns gemäßigt und fest sehen, werden sie sich zweimal besinnen, ehe sie uns den Krieg erklären, wie ich Euch, meine Freunde und Brüder, bitte, Euch ebenfalls zweimal zu besinnen, ehe Ihr ihnen das Zeichen zu Repressalien gebt.«

Des Avenelles schwieg, und das Beifallsgeschrei begann wieder.

Ganz glorreich, wollte der Advokat seinen Sieg bestätigt sehen und sprach:

»Diejenigen, welche denken wie ich, mögen die Hand aufheben.«

Beinahe alle Hände erhoben sich, um Des Avenelles Zeugschaft zu leisten, daß seine Stimme die der Versammlung gewesen sei.

»Man hat sich nun,« sagte er, »man hat sich dahin entschieden . . .«

»Gar nichts zu entscheiden,« unterbrach ihn Castelnau.

»Viel auf einen günstigeren Augenblick die äußersten Entschließungen zu verschieben,« rief Des Avenelles, indem er einen wüthenden Blick auf den Unterbrecher warf.

Der Geistliche David schlug vor, einen neuen Psalm zu singen, um Gott um die Befreiung, der armen Gefangenen zu bitten.

»Gehen wir,« sagte la Renaudie zu Gabriel, »dies Alles entrüstet mich reizt mich zum Unwillen. Diese Leute wissen nur zu singen, sie haben nichts Aufrührerisches als ihre Psalmen.«

Als sie aus der Straße waren, gingen sie schweigsam und Beide ganz und gar von ihren Gedanken in Anspruch genommen neben einander her.

Aus dem Pont Notre-Dame trennten sie sich la Renaudie kehrte in den Faubourg Saint-Germain und Gabriel nach dem Arsenal zurück.

»Gott befohlen, Herr d’Ermès,« sprach la Renaudie »es ärgert mich, daß ich Euch Eure Zeit habe verlieren lassen. Glaubt jedoch, daß dies nicht ganz unser letztes Wort ist: Der Prinz, Coligny und unsere besten Köpfe fehlten uns diesen Abend.«

»Ich habe meine Zeit nicht mit Euch verloren,« erwiderte Gabriel. »Ihr werdet Euch vielleicht binnen Kurzem davon überzeugen.«

»Desto besser! desto besser!« versetzte la Renaudie. »Doch ich zweifle . . .«

»Zweifelt nicht,« sprach Gabriel. »Ich mußte nothwendig wissen, ob die Protestanten wirklich die Geduld zu verlieren anfangen, und es ist mir nützlicher, als Ihr glauben mögt, daß ich mich versichert habe, sie seien noch nicht müde geworden.«

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06 aralık 2019
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