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Kitabı oku: «Die Flucht nach Varennes»

Yazı tipi:
Varennes, 24. Juli 1856.
An den
Herrn Hauptredacteur des »Journal für Alle.«

Sie wünschten von mir einen Roman von zehn- bis zwanzigtausend Zeilen über die französische Revolution, und laut unseres abgeschlossenen Vertrages soll »René d’Argonne« – dies ist der Titel des Romans – binnen drei Monaten in Ihren Händen seyn. Wenn man aber die Ehre hat, für ein Journal wie das Ihrige, welches einen so großen Leserkreis hat, zu arbeiten, so muß man wohl bedenken, was man schreibt.

Es handelt sich hier um einen historischen Roman; die Erzählung beginnt in dem Städtchen Varennes, in der Nacht vom 22. zum 23. Juni 1791, das ist in dem Zeitpunkt, wo der König und die Königin verhaftet wurden. Um alle Thatsachen im historischer Genauigkeit vorzustellen, begann ich Alles was über diese Katastrophe und über die derselben vorausgegangenen Ereignisse geschrieben ist, noch einmal zu lesen. Diese Lectüre war keineswegs neu für mich: ich hatte bereits früher, als ich die Geschichte Ludwigs XVI. und der Revolution und den Roman: »Die Gräfin von Charny« schreiben wollte, alle auf jene folgenschwere Epoche bezüglichen Werke gelesen – und zwar nicht blos die eigentlichen Historiker Georget, Lacretelle, Thiers, Michelet, Louis Blanc, sondern auch die Memoiren von Bertrand de Malleville, Bouillé, Choiseul, Valory, de Moustier, Goguelat. Die drei Letztern waren Augenzeugen der Ereignisse.

Aber ungeachtet des Lichtes, welches die Historiker und Chronisten um sich verbreiten, schlichen sich in meine Darstellung einige Fehler ein, welche mir von einigen meiner Leser zu Châlons, Sainte-Ménehould und Varennes mit dem freundlichen Anerbieten berichtigender Notizen angedeutet wurden.

Die Zeit scheint mit jetzt gekommen, dieses dankenswerthe Anerbieten meiner Correspondenten zu benutzen und mich selbst an Ort und Stelle zu begeben, und alles genau zu ermitteln. Ich begab mich nach Châlons, denn zu Châlons wurde Ludwig XVI. erkannt, und dort beginnt die Reihe der Ereignisse, welche zu Varennes mit der Verhaftung des Königs enden. Von Châlons an wollte ich Schritt für Schritt den Weg verfolgen, welchen die erlauchten Flüchtlinge genommen hatten; an jedem Orte, wo sie Halt gemacht, wollte ich nicht nur die gedruckten Erzählungen, sondern auch die mündlichen Ueberlieferungen, ja die Aussagen einiger noch lebenden Augenzeugen benutzen.

Die Flucht nach Varennes ist in der That das bedeutendste, folgenschwerste Ereigniß der französischen Revolution, ja der ganzen französischen Geschichte; sie ist der Culminationspunkt des Königthums: es hatte sich in siebenhundert Jahren zu dieser Höhe aufgeschwungen – um in neunzehn Monaten auf dem Revolutionsplatz zu fallen. Als Ludwig XVI. die Treppe im Hause des Krämers Sauce bestieg, that er den ersten Schritt zum Blutgerüste.

Doch wir erklären die Flucht nach Varennes nicht blos in Bezug auf die königliche Familie für ein so wichtiges Ereigniß; nicht weil drei der in dem verhängnißvollen Wagen befindlichen Personen dem Dämon der Revolution als Opfer fallen sollten, ist dieses Ereigniß so wichtig und folgenschwer, sondern weil die Verhaftung des Königs in dem vorher unbekannten und nachmals so berühmt gewordenen Städtchen die Quelle aller später erfolgten gewaltigen Erschütterungen und Staatsumwälzungen geworden ist. Hätte Ludwig XVI. keinen Versuch gemacht zu fliehen, oder wäre ihm sein Fluchtversuch gelungen. so wären ganz andere Ereignisse eingetreten, es wäre kein Bürgerkrieg, kein auswärtiger Krieg geführt worden, der 2. September wäre spurlos vorübergegangen, die Schreckenszeit wäre nicht eingetreten, man würde weder von Bonaparte noch von Napoleon, weder von Austerlitz noch von Waterloo gehört haben, die Insel Elba würde in der Weltgeschichte so wenig eine Rolle gespielt haben wie die Insel St. Helena.

Als ich daher gestern über den kleinen Marktplatz von Varennes ging, dachte ich, die Erzählung meiner Reise müsse eine treffliche Einleitung zu meinem Romane seyn; denn in allen Stadien, wo ich verweilte, konnte ich die begangenen Fehler nach authentischen Schriftstücken berichtigen und überall fand ich noch Greise, welche Augenzeugen jener vor fünfundfünfzig Jahren stattgefundenen Ereignisse gewesen waren. Die Jahrhunderte sind ja eine Kette von Greisen, welche sich die Hände reichen.

Endlich gelang es mir, nach vieler Mühe einen Grundriß des Städtchens, wie es damals war, mir zu verschaffen. Diese Nachforschungen haben mich daher in den Stand gesetzt, jene große Katastrophe nach glaubwürdigen, unleugbaren Quellen zu erzählen.

Alex. Dumas.

I

Am 21. Juli 1856 kam ich mit meinem Freunde Paul Bocage in Châlons um ein Uhr Nachts an. Mitten unter den Namen von Gasthöfen, welche bei der Ankunft im Bahnhofe in unsere Ohren geschrien wurden, bemerkte ich den Namen »Haute Mère–Dieu.« Der Gasthof schien mir alt genug zu seyn, um auf eine gewisse Berühmtheit Anspruch machen zu können. Ich ließ mir den Omnibus zeigen, der uns dahin führen sollte; wir setzten uns ein und fünf Minuten nachher wurden wir auf dem holprigen Pflaster der Hauptstadt des Marnedepartements wie auf marmornen Eiern gerüttelt.

Der Gasthof war in der Nacht dasselbe, was alle Gasthöfe sind: eine Art Argus, von dessen hundert Augen nur eines offen ist. Dieses eine Auge war von einer Lampe erleuchtet, und im Licht dieser Lampe schlummerte mit beiden Augen ein Kellner, der den Auftrag hatte zu wachen, um die Reisenden zu erwarten.

Er führte uns wankend in ein großes Zimmer mit zwei Betten, zündete zwei Kerzen an, welche er, um den Nord- und Südpol zu bezeichnen, an die beiden Enden des Zimmers stellte. Dann fragte er mit kläglicher Stimme und in der Erwartung einer verneinenden Antwort: »Die Herren befehlen wohl nichts mehr?« und als wir seiner Erwartung entsprachen, entfernte er sich in aller Eile, um noch vier Stunden zu schlafen.

Wir wünschten ihm vom Herzen gute Nacht. Bocage, welcher auf der ganzen Reise auf Nachrichten von Spanien erpicht war, nahm eine alte Zeitung, welche er auf dem Tische des Vorzimmers gefunden hatte, und ich nahm eine Landkarte, die ich mitgebracht hatte.

Mein Freund schien in seine Lectüre so vertieft, daß ich es nicht mit ihm aufnehmen zu können hoffte; ich löschte in der Stille mein Licht aus, und unser Zimmer blieb nur von einem einzigen Stern erleuchtet.

Wann auch dieser Stern erlosch, weiß ich nicht, aber ich weiß, daß mir Paul bei meinem Erwachen die wichtige Nachricht mittheilte, Spanien erfreue sich der größten Ruhe und der Malakoffthurm sey genommen. Die ausführliche Beschreibung dieser Erstürmung hatte vor vier Stunden seine Aufmerksamkeit so sehr gefesselt.

Kaum waren wir aufgestanden, so erhielten wir den Besuch unseres Wirthes. Er hatte, ich weiß nicht wie, die Identität meines Ich entdeckt, und in der Voraussetzung, daß man nach Châlons nur in der Absicht, Champagnerstudien zu machen, kommen könne, stellte er sich zu unserer Verfügung, um uns die berühmten Keller Jackson’s zu zeigen.

Ich dankte ihm für seine Gefälligkeit; wenn uns die Zeit nicht zu kurz würde, wollten wir zum Besuch der interessanten Katakomben seine gütige Vermittlung in Anspruch nehmen, für den Augenblick aber sey unser Sinn nicht auf Weinstudien, sondern auf historische Forschungen gerichtet.

Um ihm einen Beweis davon zu geben, fragte ich ihn, aus welcher Zeit sein Gasthof stamme. Das Gebäude war uralt, wie ich vermuthet hatte. Der erste überzeugende Beweis, den es von seinem Bestehen in der Geschichte gab, war ein Pachtvertrag, welchen unser Wirth holte. Aus diesem alten Schriftstück ergab sich, daß Franceis de Vassy, Abt von Notre-Dame de Haute-Fontaine im Bisthum Châlons, seinen Gasthof zur »Haute Mère-Dieu« an Jean Papillon und dessen Ehefrau Antoinette für die Summe von dreißig Livres Tournois vermiethete. Der Vertrag war vom 19. Juni 1501 datirt.

Während unser Wirth uns diese Mittheilungen machte, war sein Blick auf den Platz vor unserem Fenster gerichtet, und er beeilte sich auffallend mit seiner archäologischen Erzählung, vermuthlich um eine andere, die er für interessanter hielt, zu beginnen.

Wir fragten ihn, was seine Aufmerksamkeit in Anspruch nehme. Ich sah auf dem ganzen Marktplatze nichts als ein zerlumptes altes Weib, welches mit einem abgenutzten Besen Pferdemist in einen alten Austernkorb kehrte.

Eben diese Alte war der Gegenstand seiner Aufmerksamkeit, und auf diesen keineswegs anziehenden Gegenstand wünschte er auch unsere Aufmerksamkeit zu lenken.

Die Alte war die Witwe eines Mannes, Namens Ivonet, des Glücklichen, welcher einst in der Lotterie die Goldbarre gewonnen hatte, sie wurde daher gemeiniglich die »Mutter Lingot« genannt.

Wie kam es nun, daß sich das Gold in unedles Blei verwandelt hatte?

Es ging dem glücklichen Ivonet wie den meisten Menschen, welche zufällig reich werden. Die Zeit erkennt nur daran, was sie zur Reife gebracht hat.

Ivonet war ein Winzer in Bouzy, er war ein leidenschaftlicher Verehrer der Lotterie zu der Zeit, wo man dem Volke diese, in der Gestalt von Amben, Ternen und Quartternen sichtbare Vorsehung noch nicht genommen hatte; er setzte jahrelang auf Nummern, welche ihm mehr kosteten als eintrugen.

Die Lotterie wurde aufgehoben und Ivonet legte Trauer an. Dies war alles was er in seinem Schmerz thun konnte.

Eines Tages erfuhr er, daß die zu Grabe getragene »huldreiche Göttin wieder auferstanden sey; aber es wurde nur noch »Estratto« gespielt. Der Gewinner dieses Estratto erhielt freilich eine Goldbarre im Gewicht von viermal hunderttausend Franken.

Ivonet erkundigte sich, wo er Loose bekommen könne. Man antwortete ihm, er brauche sich nur zu Herrn Fiéré, Herausgeber der Zeitung in Epernay, zu begeben. Ivonet that ein Gelübde, die Kirche in Bouzy restauriren zu lassen, wenn er die Goldbarre gewänne, und begab sich zugleich nach Epernay, wo er hundert Loose nahm.

Er hatte wirklich das Gewinnloos erhascht. Eines Morgens las er in der Zeitung, daß Nr. 2,258,115 gewonnen habe. Er kannte seine Nummern so gut wie Napoleon seine Soldaten.

»Weib,« sagte er frohlockend, »wenn uns die Zeitung keinen Possen spielt, so haben wir die Goldbarre gewonnen.«

In Bouzy war die Sache nicht zu ermitteln. Die alten Eheleute begaben sich daher nach Epernay.

Es kamen fünf Zeitungen nach Epernay. Ivonet fand in allen dieselbe Nummer. Es war nicht wahrscheinlich, daß der Constitutionnel, die Presse, die Assemblée Nationale, das Siècle und die Gazette de France sich verabredet hätten, um den armen Ivonet zu foppen. Er begann daher an sein Glück zu glauben und entschloß sieh auf der Stelle nach Paris zu gehen. Aber er hatte sich nicht mit dem hinlänglichen Reisegelde versehen. Als indeß seine Verlegenheit bekannt wurde, fanden sich Leute genug, welche sich ein Vergnügen daraus machen würden, ihm hundert, fünfhundert, tausend Franken zu leihen. Ivonet war nun wirklich überzeugt, daß er gewonnen hatte; Tags vorher würde er kaum einen Louisdor aufgetrieben haben.

Er reiste in die Hauptstadt, zeigte sein Loos vor und erhielt die Goldbarre.

Aber was sollte er damit machen? Ivonet wollte seinen Schatz anfangs durchaus nicht einwechseln; aber da er nicht reich genug war, um eine Goldbarre von viermal hunderttausend Franken auf der Commode oder auf dem Camin unter einer Glasglocke auszustellen, so entschloß er sich endlich zum Einwechseln.

Der Cassier eines Wechselhauses prüfte das Gold am Probirstein, wog es und gab dem glücklichen Gewinner eine Anweisung auf viermal hundertsechstausend Franken. Damals bezahlte man für das Gold ein sehr hohes Agio, daherkam es, daß Ivonet beim Einwechseln nicht verlor, sondern gewann. Er konnte nur nicht glauben, daß das Stück Papier, welches man ihm gegeben, so viel werth sey wie die Goldbarre. Er wäre gern in Begleitung seiner Goldbarre in die Bank gegangen, aber der Cassier wollte es durchaus nicht gestatten.

Dreimal kehrte Ivonet wieder um, mit dem Vorsatze, seine Goldbarre gegen den Zettel wieder einzutauschen. Die Sorgen des Reichthums begannen schon für ihn.

Endlich entschoß er sich. Er lief so schnell, daß er, wie Aeneas, beinahe seine Frau verloren hätte, welche ihm mit großer Mühe durch die Straßen von Paris folgte; aber seine Frau war in jenen verhängnisvollen Augenblicken seine letzte Sorge. Endlich trat er in die Bank und präsentirte die Anweisung auf viermal hundertsechstausend Franken mit ebenso zitternder Hand, wie er am Morgen seine Nummer vorgewiesen hatte.

Man zahlte ihm viermal hundertsechstausend Franken in Banknoten aus. Ivonet zählte, und als er sich von der Richtigkeit der Summe überzeugt hatte, wollte er in einer Stadt, welche man ihm als eine Räuberhöhle hergestellt hatte, nicht länger bleiben. Er eilte, mit seiner Frau im Schlepptau, zum Bahnhof, nahm wieder zwei Plätze in der dritten Wagenclasse und traf nach vierundzwanzigstündiger Abwesenheit wieder zu Epernay ein. Er war als armer Teufel abgereist und kam als halber Millionär zurück.

In Epernay hielt er sich nur wenige Augenblicke auf, um die geborgten hundert Franken zurückzuzahlen, und reiste dann nach Châlons zurück. Dort glaubte er sicher zu seyn: man hatte ihn nie vor Châlons gewarnt, Paris hingegen war ihm immer als ein zweites Sodom und Gomorrha geschildert worden. Und doch sollte er seinen Schatz in Châlons einbüßen.

Wir müssen ihm indeß die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er dreißigtausend Franken zur Ausbesserung der Kirche, eine gleiche Summe zur Ausstattung seines Sohnes und eben so viel zum Heirathsgut seiner Tochter bestimmte, dann fragte er seine Frau, was sie wünsche. Sie besann sich lange und verlangte endlich – einen neuen Besen.

Dies war alles was die arme Frau von den viermal hundertsechstausend Franken bekam.

Nun begann eine Reihe von Thorheiten, welche den Einwohnern von Châlons ein paar Jahre zur Belustigung dienten. Ivonet kaufte für fünfzigtausend Franken ein Haus, ließ es abbrechen und baute ein anderes, welches ihm siebzigtausend Franken kostete. Das neue Haus verkaufte er um fünfundvierzigtausend Franken wieder, er verlor also fünfundsiebzigtausend Franken.

Diese Speculation wiederholte er bei fünf oder sechs andern Häusern, wodurch sein Capital sehr vermindert wurde. Ueberall, wo er sich zeigte, war er von seinen Schmeichlern und Schmarotzern, von Spekulanten, Baumeistern, Maurern und Zimmerleuten umgeben. Man hätte ihn für Salomo, der den Tempel baute, halten können. Die Constructivität war offenbar das hervorragendste Organ an dem Schädel des Père Lingot.

Diesen Namen hatte man ihm schon seit langer Zeit gegeben.

Inzwischen hatte seine Frau ihre Freude an dem neuen Besen. Sie kehrte fast jede Stunde vor ihrer Thür. Beide Eheleute trugen übrigens noch dieselben Kleider wie früher.

Der Père Lingot war nach und nach ausschweifend geworden. Man hatte ihn in einem Hause vorgestellt, wo er so freundlich und zuvorkommend behandelt wurde, daß sein erster Besuch nur das Vorspiel eines täglichen Besuchs war. Seine Ehehälfte wußte nicht wo er seine Zeit hinbrachte, die nicht durch die Bauten in Anspruch genommen wurde. Ein Spaßmacher schlug ihm vor, seine Frau in dem Hause vorzustellen, wo es ihm so ungemein gefiel. Der Père Lingot war ein Erzschalk geworden, er ging auf den Scherz ein und erklärtes einer Frau, daß er sie Abends in Gesellschaft führen werde.

Madame Lingot entschuldigte sich mit ihrem Anzuge und ihren etwas bäurischen Manieren; aber er versicherte, die Damen, zu denen er sie führen wolle, seyen sehr nachsichtig und würden es mit ihrem Anzuge und ihren Manieren nicht so genau nehmen.

Diese Versicherung machte ihrer Unschlüssigkeit ein Ende. Die Damen, auf den Besuch vorbereitet, waren sehr artig und zuvorkommend gegen sie. Die gute Alte war ganz entzückt und gab ihrem Manne den Rath, die liebenswürdige Gesellschaft recht oft zu besuchen.

Kurz, der Père Lingot kaufte und verkaufte, aß und trank so viel, und besuchte die liebenswürdige Gesellschaft so oft, daß er eines Tags von dem Gerichtsdiener eine Vorladung erhielt. Der Pfarrer hatte einen Prozeß gegen ihn anhängig gemacht, weil die Kirche in Bouzy nicht reparirt, sondern abgebrochen worden war. Die dreißigtausend Franken hatten nicht ausgereicht, denn der Baumeister hatte es für angemessen gehalten, der Dorfkirche die Ausdehnung einer Cathedrale zu geben. Der Pfarrer verlangte fünfzigtausend Franken Schadenersatz.

Die Stempelpapiere sind wie Kraniche, sie ziehen schaarenweise. Kaum war der erste Stempelbogen ins Haus gekommen, so folgte ein zweiter, ein dritter, dann zehn, zwanzig, dreißig. Der Père Lingot erhielt in drei Monaten so viel, daß er das letzte Haus, welches ihm übrig blieb, damit hätte tapeziren können.

Endlich wurde auch dieses letzte Haus gerichtlich verkauft. Es begann nun für den Unglücklichen ein qualvolles Leben, von welchem er in der Zeit seiner Armuth keinen Begriff gehabt hatte.

»Ach mein Himmel!« sagte Frau Ivonet zu ihren Nachbarinnen, »wir waren nie so unglücklich, als seitdem wir reich geworden sind.«

Leider waren sie es schon längst nicht mehr, sie waren ärmer als je zuvor.

Der Père Lingot wurde vom Schlage getroffen. Eines Morgens fand man ihn todt. Es war am 23. Juni, einen Monat vor meiner Ankunft in Châlons.

Die Zeitung, welche seinen Tod meldete, machte die philosophische Bemerkung, daß nur sieben Personen ihm zu Grabe gefolgt wären. Viele hatten ihn ins Verderben geführt, aber nur Wenige begleiteten ihn zu Grabe, sie fürchteten erkannt zu werden.

Wir haben gesagt, bei welcher Beschäftigung wir die arme Frau sahen. Der Verkauf des ärmlichen Nachlasses war auf den folgenden Tag angesetzt.

Ein Mann, der nicht viel besser gekleidet war als sie, betrachtete sie mitleidig.

»Ei! das trifft sich ja gut,« sagte der Wirth; »der Zufall führt Ihnen die beiden größten Merkwürdigkeiten unserer Stadt vor die Augen.«

»Wer ist dieser Mann?«

»Eugen Hermant de Dorval, der Diogenes von Châlons.«

»Aber ohne die Tonne, man scheint sie ihm bei der letzten Weinlese genommen zu haben.«

»Rathen Sie, was er ist.«

»Er sieht aus wie ein Lumpensammler.«

»Er war es vormals.«

»Und was ist er jetzt?«

»Ein Poet.«

»Er hat nicht recht gethan, sein erstes Geschäft aufzugeben, es muß ihm mehr eingetragen haben als das zweite.«

»Soll ich ihn rufen?«

»Warum das?«

»Er ist ein Original und eines aufmerksamen Studiums wohl werth-«

»Gut, so rufen Sie ihn.«

Der Wirth hatte Recht. Er war ein sonderbarer Kauz, ein eigenthümliches Product unserer socialen Gährung. In der Armuth geboren, konnte er im Alter von fünfzehn Jahren weder lesen noch schreiben; von seinem Vater, einem alten braven Soldaten aus dem Kaiserreich. hatte er nichts geerbt als den leeren Tornister, den er zuerst als Lumpenkorb und später als Portefeuille benutzte.

Er hieß Eugen Hermant. Eines Tages sah er die Dorval spielen. Dieser Anblick begeisterte ihn und er kam auf den Gedanken, Verse zu machen. Er versuchte es, ohne die einfachsten Grundbegriffe der Poesie zu kennen.

In seinem ersten Versuch, den er nicht einmal aufzeichnen konnte, waren einige Gedanken, wenig Reime und viele Verstöße gegen den Versbau. Die Person, welcher er seine Verse hersagte, machte ihn auf die Mängel derselben aufmerksam. Der junge Hermant sah nun ein, daß die Feder nicht so leicht zu führen sey wie der Haken des Lumpensammlers. Mit einer Willenskraft, welche schon ein gewisser Grad von Genie ist, lernte er lesen und schreiben und studirte die Regeln des Versbaues. Seinen zweiten poetischen Versuch, der schon besser gelungen war, unterzeichnete er »Hermant de Dorval.« Er meinte, da er von seinem ersten Pathen den Namen Eugen erhalten, so könne er, nachdem er, durch das Wasser der Hypogrene geweiht, den Namen seiner zweiten Pathin Dorval wohl annehmen. Niemand hatte etwas dagegen einzuwenden.

Seit jener Zeit unterzeichnet dieser Diogenes, welcher es dem athenischen an Cynismus und Unsauberkeit gleichthut, seine Verse immer »Hermant de Dorval« und er ist auf diesen Namen, den er mit der Feder erobert, eben so stolz, wie die Marschälle von Frankreich auf ihren mit dem Degen eroberten Namen waren.

Er hat recht: Kellermann und Mortier haben, um Marschälle von Frankreich und Herzoge von Valmy und Treviso zu werden, keiner so großen Geduld und Ausdauer bedurft, wie der arme Waisenknabe, um lesen und schreiben zu lernen und ein Poet zu werden.

II

Der Leser wird sich erinnern, daß ich die Reise nach Varennes nicht unternommen hatte, um Madame Lingot oder den Diogenes von Châlons zu sehen. Ich war gekommen, um den Ort zu sehen, wo die Pferde, welche den Wagen Ludwigs XVI. zogen, zweimal stürzten und sich dergestalt in die Stränge verwickelten, daß man sie losmachen und wieder anspannen mußte, wodurch mehr als eine Stunde Zeit verloren ging.

Von einem sehr gefälligen, geistreichen alten Herrn begleitet, begab ich mich in das Posthaus. Man hatte mir versichert, die Post sey immer in diesem Hause gewesen und hier habe daher Ludwig XVI. am 21. Juni um halb fünf Uhr Nachmittags die Pferde gewechselt.

Der jetzige Posthalter Duquet, welcher zu jung ist, um sich auf seine eigenen Erinnerungen zu verlassen, war so gefällig unter seinen Papieren sorgfältige Nachsuchungen anzustellen. Er entdeckte die Ursache dieses Irrthums in dem Titel; Messageries Royales, welchen man den jetzt von ihm bewohnten Gebäuden beilegt. Diese sind nicht mehr das Bureau der Messageries, sondern das Posthaus.

Die Post von 1791 befand sich am Ende der Straße St. Jacques, in dem Hause, welches gegenwärtig von einem Herrn Perrier bewohnt wird. Der Postmeister hieß Viet.

»Wenn wir unerkannt nach Châlons kommen,« hatte der König gesagt, »so sind wir gerettet.«

Man war unerkannt nach Châlons gekommen.

Wir wollen sehen, wie man bis dahin gekommen war. Dieser Abschnitt der französischen Geschichte hat mich immer so lebhaft beschäftigt, daß ich alle mit der Flucht nach Varennes verbundenen Umstände erforscht zu haben glaubte.

Wer war der erste Rathgeber zu dieser verhängnißvollen Flucht gewesen? Das Bild Carls I.

Wer dieses herrliche Bild gesehen hat, ist gewiß gedankenvoll vor demselben stehen geblieben. Da steht er, der stolze Stuart, nachsinnend, die rechte Hand auf den Stock gestützt, die linke an dem Degengefäß; er steht da mit seynem langen Haar, im Kampfe gegen die geschorenen Köpfe, die Rundköpfe, die Puritaner; hinter ihm steht sein Pferd, von dem Pagen Barry gehalten; vor ihm breitet sich das Meer aus, welches sich verschworen zu haben scheint gegen den »König der vier Meere,« wie sich seine Vorgänger, die Könige der rothen und weißen Rose, nannten.

Dies ist alles was man auf dem Bilde sieht. Aber hinter dem halb abgewendeten Könige, hinter dem ungeduldig mit dem Huf scharrenden Pferde, hinter dem sorglosen Pagen, der weder die Besorgnisse des Königs noch den Instinct des Thieres hat – hinter dieser Gruppe ahnt man das düstere Fenster von Whitehall, das schwarzbehängte Blutgerüst, den verlarvten Scharfrichter.

Dieses Bild hat auf das Geschick Frankreichs einen unheilvollen Einfluß gehabt. Wir wollen die Geschichte dieses Meisterwerkes mit wenigen Worten erzählen.

Es war in England, wo man den Werth dieses Kunstwerkes nicht kannte. Ein Mann, der sich für einen französischen Kaufmann ausgab, kam einst zu dem Besitzer des Bildes und bot ihm tausend Louisdor dafür. Das glänzende Gold verlockte den Engländer und das Gemälde wurde das Eigenthum des Kaufmanns.

Der Kaufmann war ein Emissär des Herzogs von Richelieu. Was in aller Welt wollte der Herzog von Richelieu mit diesem Bilde machen? Es war eine Verschwörung gegen das Parlament im Zuge: man wollte einen alten König bewegen, sein Parlament zu cassiren, und um dem Könige einige Willenskraft wieder zu geben, mußte man ihn zu verjüngen suchen. Der König war Ludwig XV.

Der Herzog von Richelieu erfand Madame Dubarry, eine junge hübsche Intrigantin, welche gerade unbedeutend genug war, um keinen persönlichen Einfluß zu bekommen, und geistreich genug, um fremden Einfluß zu unterstützen.

Richelieu und Aiguillon erwiesen der kleinen Grisette anfangs die Ehre, ihr den Hof zu machen, dann vermälte man sie mit einem armen Edelmann, der ihr seinen Namen lieh, und endlich schmuggelte man sie in den Palast Ludwigs XV. ein.

Die Dame entsprach den Erwartungen. Ludwig IV. fand Gefallen an der vertraulichen Keckheit, mit welcher die Favoritin sprach, ihre feurigen Küsse wirkten elektrisch auf den abgelebten Greis, und endlich hielt man ihn für fähig, eine Staatsumwälzung auszuhalten.

Zu jener Zeit kaufte Richelieu das Gemälde von Van Dyk und gab es der Favoritin unter dem Vorwande, jener Page, welcher das Pferd Carl’s I. hielt und Barth hieß, sey ein Ahnherr ihres Gemahls.

Dieses Porträt Carl’s l. wurde im Schlosse zu Versailles an einen Ort gehängt, wo Ludwig XV. es immer vor Augen haben konnte, nemlich in das Boudoir der Favoritin, ihrem Sofa gegenüber. Das Gemälde nahm die ganze Wand der niedrigen Dachstube ein.

Dieses herrliche Bild, welches man nicht nur als Kunstwerk, sondern als eine Erinnerung an die Unbeständigkeit des Schicksals hätte achten sollen, war sieben oder acht Jahre Zeuge der frechen Coketterien dieser Buhlerin, welche, wie Lamartine so schön sagt, den Thron durch ihr Gelächter und das Blutgerüst durch ihre Thränen entweihte.

Angesichts dieses Bildes, sagt Michelet, pflegte sie den König beim Kopf zu nehmen und auf Carl l. zu deuten.

»Siehst Du wohl, la France,« so pflegte sie Ludwig XV. zu nennen, »da ist ein König, dem man den Kopf abgeschnitten hatte, weil er schwach gegen sein Parlament war; jetzt wage es, das deine zu schonen!«

Der König Ludwig IV. cassirte sein Parlament. – Dann wurde Ludwig XV. von Gott cassirt. Die Buhlerin wurde aus dem königlichen Palast verwiesen. Das Gemälde kam in die Gemächer des Dauphin, welcher unter dem Namen Ludwig XVI. König geworden war.

Der 6. October kam, Ludwig XVI. kehrte nach Paris zurück; die Tuilerien wurden ihm zur Residenz angewiesen und auf Kosten des Schlosses zu Versailles möblirt.

Das Porträt Carls l. folgte dem Könige. Es war gleichsam eine Mahnung, welche zu sagen schien: »Bourbon, gedenke des Stuart’s eine Mahnung, welche Carl in seinem letzten Worte »Remember« ausgesprochen hatte.

Ludwig XVI., der sehr geläufig deutsch und englisch sprach, beschäftigte sich viel mit der englischen Geschichte. Er hatte sonderbarerweise sogar die Apologie Richards III. von Horace Walpole übersetzt. Er las Hume im Orginal. Und Hume sagte ihm, wie die Dubarry zu Ludwig XV.: »Da ist ein König der das Leben verloren hat, weil er seinem Parlament nachgegeben hat.«

Ludwig war unschlüssiger als je, wenn er vor diesem sinnenden, schwermüthigen Antlitz stand und das letzte Wort Carls in Gedanken wiederholte. Er wollte seinem Parlament nicht nachgeben, wie Carl I.; aber er hatte nicht genug Kraft zu widerstehen, wie Ludwig XIV. Er wählte einen Mittelweg, er entschloß sich zur Flucht. Der Rath Mirabeau’s kam erst nach dem Rathe Carls I.

Dann trat ein Ereigniß ein, welches einen großen Eindruck auf ihn machte. Am 18. April 1791, am Ostermontage, wollte sich der König nach Saint-Cloud begeben. Der König, die Königin, die Bischöfe, die Diener saßen schon in den Kutschen, in denen man die kurze Fahrt machen wollte, aber das Volk hinderte den König die Tuilerien zu verlassen. Der König wollte seinen Willen durchsetzen. Die Sturmglocke von St. Roch ertönte. Der König lehnte sich aus dem Wagen. Tausende von Stimmen riefen: »Nein, nein, nein! Der König will fliehen.«

»Ich liebe Euch zu sehr, Kinder, um Euch zu verlassen,« sagte der König.

»Wir lieben Sie auch, Sire,« sagte ein Grenadier, »aber Sie allein.«

Die Königin, welche an der Liebe Frankreichs keinen Antheil hatte, weinte und wurde ungeduldig; aber sie wurde gezwungen, sich wieder in die Tuilerien zu begeben.

Von jenem Augenblicke an war der König thatsächlich ein Gefangener. Einem Gefangenen ist es wohl erlaubt zu fliehen. Der König entschloß sich daher zur Flucht und traf alle Vorkehrungen.

Mit diesem Wunsche des Königs, Frankreich zu verlassen, stimmten zwei Parteien überein. Die royalistische Partei, damit der König, sobald in Freiheit, die Anträge des Auslandes benutzen könne, und die republikanische Partei,welche dann ungehindert die Republik ausrufen konnte. Wir werden später beweisen, daß die Personen, welche den König verhafteten, keine Republikaner, sondern constitutionelle Royalisten waren.

Es handelte sich nun um die Mittel zur Ausführung des Fluchtplans. Der König hätte allein und zu Pferde abreisen können; als rüstiger Jäger und guter Reiter hätte er als Courier verkleidet, leicht die Grenzen erreichen können. Aber in der Nacht vom 5. zum 6. October mußte er der Königin schwören, nicht allein abzureisen und Frankreich nur mit ihr und seinem Sohne zu verlassen. Als guter Ehemann und Familienvater wollte er sein gegebenes Wort nicht brechen.

Es wurde daher beschlossen, daß der König, die Königin und die Kinder Frankreichs zusammen abreisen sollten. Die Schwierigkeiten und Gefahren wurden dadurch unendlich größer, die Flucht wurde fast unmöglich.

Alle diese Hindernisse suchte die Königin durch List zu beseitigen.

Um die Beweggründe zu dieser Flucht richtig zu würdigen. muß man sich auf den Standpunkt des damaligen Königthums stellen. Was die französischen Staatsbürger den Fremdling, den Feind nannten, war für einen König von Frankreich weder ein Feind noch ein Fremdling; leider war ihm sein Volk stets fremd. Die Vermälungen der Bourbons mit deutschen, spanischen, italienischen Prinzessinnen hatten eine Bundesverwandtschaft mit den verschiedenen Fürstenhäusern zu Folge. Der Vater Ludwig XVI. hatte sich mit einer sächsischen Prinzessin vermählt, das Blut der Könige von Frankreich war daher nur zur Hälfte französisch.

Als daher Ludwig XVI. zu Varennes erkannt und mit Gewalt nach Paris zurückgeführt wurde, war sein Volk in seinen Augen der Feind, und nur im Auslande sah er seine Freunde. Alle europäischen Fürsten waren näher oder entfernter mit ihm verwandt; wenn er nun das Unglück hat sich mit seinem Volke zu entzweien, an wen soll er sich wenden? An die mit ihm verwandten Fürsten. Diese sind die Freunde des Königs von Frankreich, aber die Feinde des französischen Volkes.

Ein Mitglied des Convents, welches am 18. Jänner 1793 den Muth gehabt hätte, diese einfache Theorie auf der Rednerbühne auseinanderzusetzen, würde den König vielleicht gerettet haben.

Wir leben in einer Zeit der klaren Anschauung, der ruhigen, vorurtheilsfreien Beurtheilung; ist es daher nicht billig, die Standesverhältnisse und die Lebenssphäre eines jeden der in jenem großen Drama handelnd auftrat, in Rechnung zu bringen?

Vom Standpunkte des Königthums glaubte sich Ludwig XVI. eben so berechtigt aus Frankreich zu fliehen, als Drouet sich vom Standpunkte des Volkes berechtigt glaubte, ihn anzuhalten.

Ueberdies fehlte es ihm auch nicht an Aufmunterung. Katharina II., die Semiramis des Nordens, wie Voltaire sie nennt, die Messaline des Nordens, wie sie jetzt von der Geschichte genannt wird, schrieb ja an Marie Antoinette den bekannten, oft abgedruckten Brief. Der König von Preußen bot bereits im Jahre 1789 ein Hilfsheer von hunderttausend Mann. Gustav III., der Scheinkönig von Schweden, welcher die Laster des Hauses Valois auf den Thron Gustav Adolphs verpflanzt hatte, forderte die Königin auf ihn unter dem Vorwande einer Badecur in Aix zu erwarten und mit ihm über die Grenze zu gehen. Ueberdies war der Schwede Fersen bei ihr, trieb sie zur Flucht und erbot sich die Reisewagen anfertigen zu lassen.

Die Königin hatte noch mehr Ursache als der König, Frankreich zu verlassen: sie war nicht beliebt, sie war unter dem Volke sogar, ja selbst unter den Emigranten verhaßt. Sie wußte, daß man damit umging, Ludwig XIV. abzusetzen und einen Regenten zu ernennen; sie selbst sollte nach Oesterreich zurückgeschickt oder in ein Kloster gebannt werden. Die Halsbandgeschichte war auch noch nicht vergessen.

Es war daher nicht zu verwundern, daß in dem königlichen Familienrathe die Flucht beschlossen wurde.

Die Abreise sollte in den letzten Tagen des April stattfinden.

III

Aber die Vorkehrungen zu einer etwa nothwendigen früheren Flucht wurden in aller Stille getroffen. Schon im Februar 1791 schrieb der König an den Grafen von Bouillé, er habe ihm im Einverständnisse mit Mirabeau wichtige Mittheilungen zu machen. Der Graf von Lamark sollte der Vermittler seyn.

»Obschon diese Leute wenig achtbar sind,« schrieb der König an Bouillé, »und obschon ich Mirabeau sehr theuer bezahlt habe, so glaube ich doch, daß er mir sehr nützlich seyn kann.«

Der Graf von Bouillé antwortete:

»Mirabeau ist ein schlauer Fuchs, welcher das Unheil, das er aus Rache angerichtet, durch Habgier wieder gut machen kann; aber trauen Sie Lafayette nicht, er ist ein Schwärmer der nach Volksgunst hascht; er ist vielleicht fähig zu einem Parteiführer, aber eine Stütze der Monarchie wird er nie werden.«

Es ist nicht zu übersehen, daß Lafayette der leibliche Vetter des Grafen von Bouillé war, man kann diesem daher seine Parteilichkeit zur Last legen.

Gegen Ende des Aprils schrieb der König von neuem an Bouillé:

»Ich reise sofort mit meiner ganzen Familie in einem einzigen Wagen ab, den ich jetzt heimlich zu diesem Zwecke anfertigen lasse.«

Der Graf von Bouillé antwortete:

»Statt dieses eigens angefertigten Reisewagens, welcher Aufsehen machen wird, dürfte es vielleicht besser seyn, wenn Ew. Majestät zwei englische Diligencen benutzten.«

Die damaligen englischen Diligencen waren dasselbe, was jetzt die Postkutschen sind.

Der Rath war gut, aber die Königin hinderte Ludwig XVI. ihn zu befolgen. Sie wollte sich durchaus nicht von ihm und ihren Kindern trennen.

Der Graf von Bouillé setzte hinzu:

»Vor Allem müssen Ew. Majestät einen klugen, entschlossenen Mann bei sich haben, der Ihnen mit Rath und That an die Hand geht, falls sich Gefahren auf der Reise darbieten sollten. Wenn Ew. Majestät einen solchen Mann nicht zu finden wissen, so will ich Ihnen den Marquis d’Agoult, Major in der Garde, vorschlagen.

Der König nahm diesen zweiten Rath an.

Wir werden später sehen, wie es kam, daß der Major d’Agoult nicht in Varennes war, und die Veränderungen andeuten, welche seine Anwesenheit den Ereignissen hätte geben können.

In einem dritten Briefe befahl der König dem Grafen von Bouillé, von Châlons nach Montmédy eine Reihe von Poststationen mit frischen Pferden zu errichten; denn seine Absicht sey nicht nach Rheims zu gehen, wo er gekrönt worden sey und leicht erkannt werden könne; er wolle den Weg über Varennes nehmen.

Der Graf von Bouillé antwortete, der König könne in Rheims die Jalousien seines Wagens geschlossen halten; der Weg über Varennes sey gefährlich, weil an zwei Orten keine Post sey und Pferde dahin geschickt werden müßten. Überdies liege auf der ganzen Straße, welche sich von der geraden Linie entferne, gar kein Militär, und die Absendung von Truppen könne leicht Verdacht erregen.

Der König blieb bei seinem Entschlusse. Er schickte eine Million in Assignaten an den Grafen von Bouillé, um die mit den Truppensendungen verbundenen Kosten zu bestreiten, und gab ihm den Befehl, die Straße, welche von Châlons über Varennes nach Montmédy führt, durch einen klugen und entschlossenen Offizier recognosciren zu lassen.

Der Graf von Bouillé konnte nicht umhin, diesem gemessenen Befehle Folge zu leisten. Er schickte am 10. Juni Herrn von Goguelat ab, um diesen Auftrag zu vollziehen, für welchen in der That ein kluger, entschlossener Offizier nothwendig war. Wir werden sehen, ob Goguelat beide Eigenschaften besaß.

Der Graf von Bouillé hatte alle Truppen von Lothringen, Elsaß, Franche-Comté und Champagne unter seinem Befehle. Diese aus neunzig Bataillonen und hundertvier Escadrons bestehende Streitmacht deckte die ganze Grenze, von der Marne bis zur Maas. Er mußte indeß eine Auswahl treffen und die Franzosen, d. i. die Patrioten, so viel als möglich entfernen.

An dem bestimmten Tage setzten sich die verschiedenen Corps in Marsch. Sechzehn Kanonen wurden nach Montmédy beordert. Das Regiment Royal-Allemand rückte gegen Stenay vor. Eine Escadron Husaren stand zu Dun; eine andere wurde nach Varennes verlegt. Außerdem sollten dort noch zwei Escadrons Dragoner am Tage der Durchreise des Königs eintreffen. Der Graf von Damas, der den Befehl über dieselben führte, hatte Befehl, eine Abtheilung nach St. Ménehould zu entsenden, und außerdem sollten fünfzig Husaren die Sommebrücke zwischen Châlons und Varennes besetzen.

»Es waren die Esterhazy-Husaren,« sagte mir »Herr Mathieu, ein vierundachtzigjähriger Greis, der vormals Notar in St. Ménehould gewesen war, »ich sehe sie noch mit ihren braunen Pelzen.«

Der alte Mann hat viel gesehen und mir Alles sehr bereitwillig mitgetheilt.

Jenseits Châlons sollte der König auf jeder Station eine Truppenabtheilung finden; zuerst in Pont-Somme-Vesle; dann in St. Ménehould; dann in Varennes, in Dun und in Stenay.

Am 27. Mai schrieb der König an den Grafen von Bouillé, daß seine Abreise auf den 19. Juni festgesetzt sey.

Man hatte die Abreise anfangs auf den 11. festgesetzt, aber man setzte Mißtrauen in Madame de Rochereuil, die Kammerfrau des Dauphin. Sie war die Geliebte Gouvion’s, des Adjutanten Lafayette’s, und hatte bis zum 12. Dienst; man konnte daher am 11. nicht abreisen.

Am 15. mußten die Oesterreicher die Posten bei Montmédy besetzt haben.

Der König sollte mit der königlichen Familie in einer gewöhnlichen Stadtkutsche abreisen. Der große Reisewagen sollte ihn in Bondy erwarten. Wenn der König nicht um zwei Uhr Nachts in Bondy ankam, so war vorauszusetzen, daß man ihn vor den Tuilerien oder an der Barriere angehalten. In diesem Falle sollte der zu Bondy wartende Courier rasch nach Pont-Somme-Vesle reiten und dem Herzoge von Choiseul melden, daß der Fluchtplan mißlungen sey. Der Herzog von Choiseul sollte die Nachricht an den nächsten Postencommandanten und dieser wieder weiter befördern, so daß zuletzt der Graf von Bouillé benachrichtigt würde. Jedermann sollte dann auf seine Sicherheit bedacht seyn.

Der Graf von Bouillé erhielt genaue Weisungen und traf demgemäß seine Anordnungen. Er schickte den Herzog von Choiseul sogleich nach Paris, wo dieser die Befehle des Königs erwarten und zwölf Stunden früher abreisen sollte.

Die Reiter Choiseul’s sollten am Morgen des 18. in Varennes eintreffen, um am 19., nach hinlänglicher Rast, den Reisewagen nach Dun zu begleiten.

In Varennes war, wie schon erwähnt, keine Post. Außerhalb des Städtchens sollte der König durch einen auf der Landstraße wartenden Vertrauten erfahren, wo er frische Pferde finden würde. Es sollte schnell umgespannt werden.

Der Herzog von Choiseul sollte nach seiner Rückkehr von Paris den Befehl über die zu Pont-Somme-Vesle aufgestellten Husaren wieder übernehmen, den König und die königliche Familie erwarten und bis St. Ménehould begleiten. Dort sollten die Husaren von den unter Andoin’s Befehl stehenden Dragonern abgelöst werden und den Weg absperren. Hinter dem Könige sollte Niemand mehr durchgelassen werden. Nach vierundzwanzig Stunden sollte die Absperrung der Straße aufgehoben werden.

Der Herzog von Choiseul sollte eine schriftliche Ordre, vom Könige unterzeichnet, erhalten, und dadurch ermächtigt werden, nöthigenfalls Gewalt anzuwenden. Er sollte sechshundert Louisd’or unter den Soldaten vertheilen.

Der Graf von Bouillé der sich in Metz befand, sollte sich unter dem Vorwande einer Inspectionsreise nach Montmédy begeben.

So war Alles verabredet und festgesetzt. Der König hatte genügende Zeit zum Nachdenken; es sollte nichts abgeändert werden. Am 2. Juni ist der Herzog von Choiseul in Paris; am 14. ist der Graf von Bouillé in Longwy, wo er den Brief des Königs erhält.

Die Abreise war um vierundzwanzig Stunden aufgeschoben. Wozu dieser Aufschub? Aus einem sehr wichtigen Grunde. Der König hatte das Quartal seiner Civilliste erst am 20. Morgens zu bekommen. Ludwig XVI., der sparsame König, wollte dieses Quartal nicht einbüßen. Wenn Paris, wie Heinrich IV. sagte, wohl eine Messe werth war, so konnte für sechs Millionen wohl ein Tag geopfert werden.

Dieser ganz triftige Grund trieb den Grafen von Bouillé fast zur Verzweiflung; mußte er doch auf der ganzen Straße Gegenbefehle ertheilen, mußten doch die Truppen einen Tag länger auf ihren Stationen verbleiben. Aber er mußte sich fügen.

Am 20. Juni rückte der Graf von Bonillé bis Stenay vor. Dort fand er das Regiment Royal-Allemand, auf welches er sich verlassen konnte.

Wir wollen jetzt sehen, was sich in diesen letzten Tagen zu Paris begab.

Die Königin suchte, wie schon erwähnt, alle Schwierigkeiten durch List zu überwinden. Am 19. besuchte sie mit dem Dauphin die Promenade auf den äußersten Boulevards. Am 20. sagte sie zu Herrn von Montmorin, dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten: »Haben Sie Madame Elisabeth gesehen? Sie macht mir viel Verdruß; ich war so eben bei ihr, ich habe Alles aufgeboten, um sie zur Theilnahme an der Frohnleichnamsprocession zu bewegen; sie lehnt es entschieden ab. Suchen Sie sie doch zu überreden, daß sie uns ihre Vorurtheile zum Opfer bringe.«

An demselben Tage begegnete sie einem Commandanten der Nationalgarde und fragte ihn lachend:

»Nun, spricht man in Paris noch von der Flucht des König?«

»Nein, Majestät,« antwortete der Commandant. »man ist jetzt von der Anhänglichkeit des Königs an die Verfassung und von seiner Liebe zum Volke zu fest überzeugt.«

»Man hat Recht,« erwiederte Maria Antoinette mit ihrem huldreichsten Lächeln.

Dann beschäftigte man sich mit den materiellen Einzelheiten.

Am 17. wurde de Moustier, vormaliger Leibgardist, in den Tuilerien von einem Unbekannten angeredet. Dieser forderte ihn im Namen des Königs auf, ihm zu folgen.

De Moustier gehorchte, und zehn Minuten nachher befand er sich im Zimmer des Königs.

Der König redete ihn bei seinem Namen an und ersuchte ihn, seinen ehemaligen Cameraden Valory und von Malden zu sagen, sie möchten sich gemsfarbene Courierjacken machen lassen.

Dies war etwas unbesonnen. Die Gemsfarbe war die Jagdlivrée des Prinzen von Condé, der seit einem Jahre im Auslande war.

Außerdem ersuchte er de Moustier sich Abends auf dem Quai am Pont-Royal einzufinden. Dort werde ihm eine vertraute Person die letzten Befehle des Königs mittheilen.

Am Abend des 19. erhielt de Moustier wirklich folgenden Befehl:

»Herr de Moustier hat sich morgen Abends um neun Uhr mit seinen Begleitern im Schloßhofe einzufinden; dort wird man Ihnen sagen, was Sie zu thun haben.«

Es mußte noch ein Reisepaß besorgt werden. Dies war keineswegs leicht. Man konnte damals wegen der häufigen Auswanderungen nicht ohne Paß reisen. Herr von Fersen wußte Rath. Die Baronin von Korff wollte mit ihren beiden Kindern, mit einem Kammerdiener und zwei Zofen Paris verlassen. Dies wollte man benützen, die Königin sollte sich für die Baronin von Korff, Madame Royale und der Dauphin für die beiden Kinder derselben ausgeben; der König sollte die Rolle des Kammerdieners übernehmen, und die Hofdamen Berrier und Neuville würden als Kammerfrauen die Reise mitmachen.

Unter dieser Reisegesellschaft befanden sich freilich weder Madame Elisabeth noch d’Agoult, den der Graf von Bouillé so dringend als Begleiter empfohlen hatte; aber man mußte doch auch dem Zufall etwas überlassen.

Um der Baronin von Korff einen andern Paß zu verschaffen, gab Herr von Fersen vor, der erste sey nebst andern Papieren aus Versehen ins Feuer geworfen worden. Der zweite Paß wurde sogleich ausgefertigt. Aber um die Sache nicht zu verwickeln, sollte die Baronin erst nach der Ankunft der königlichen Familie in Montmédy ihre Reise antreten.

Am Morgen des 20. stellte de Moustier seine beiden Cameraden dem Könige vor. Sie erhielten nun ihre Befehle. Malden sollte Jean, de Moustier Melchior, Valory François heißen.

Der König, welcher immer unschlüssig war, wollte die Abreise bis in die Nacht vom 21. zum 22. verschieben. Aber der Herzog von Choiseul hatte gemessene Befehle erhalten, und er hatte erklärt, er werde alle Truppen, die auf der Landstraße aufgestellt waren, am 21. um vier Uhr Früh nach Dun, Stenay und Montmédy zurückführen, wenn der König nicht am 20. um Mitternacht abreise.

So lauteten die gemessenen Befehle des Grafen von Bouillé. Der Herzog von Choiseul erwartete in seiner Wohnung die Befehle vom Hofe. Am 20. um neun Uhr Abends hatte er noch keine Nachricht erhalten, und er sollte zwölf Stunden vor dem Könige abreisen. Er begann schon zu verzweifeln, da wurde ihm von dem einzigen Diener, den er bei sich hatte, gemeldet, ein Mann verlange ihn im Namen der Königin zu sprechen.

Er ließ den Mann sogleich kommen. Der Bote war in einen großen Mantel gehüllt und hatte den Hut tief ins Gesicht gedrückt.

Ungeachtet dieser Vorsicht erkannte Choiseul auf den ersten Blick den Friseur der Königin, den berühmten Léonard, welcher seine Memoiren geschrieben hat.

Der Friseur der Königin war damals eine sehr wichtige Person. Ein Mann, welcher einen phantastischen Kopfputz mit Blumenbeeten, Gesträuchen und Vogelnestern construirt hatte, mußte von seiner Wichtigkeit einen sehr hohen Begriff haben.

Einst hatte er in einer solchen abenteuerlichen Frisur ein Linienschiff mit Masten, Segeln, Kanonen und Tauwerk angebracht. Es war freilich auf der Reise nach Cherbourg.

»Sie sind es, Léonard?« sagte Choiseul. »Ich erwartete Jemanden mit der größten Ungeduld, ich wußte nicht, daß Sie es sind; da Sie einmal hier sind, so heiße ich Sie willkommen.«

»Es ist nicht meine Schuld,« erwiederte Léonard, »daß Sie so lange vergebens warten mußten: es sind kaum zehn Minuten, daß mich die Königin zu Ihnen geschickt hat.«

»Was hat sie Ihnen sonst noch befohlen?« fragte Choiseul.

»Sie befahl mir, alle ihre Diamanten zu nehmen und Ihnen diesen Brief zu überbringen.«

»Geben Sie her,« sagte Choiseul ungeduldig.

Léonard sah den jungen Cavalier erstaunt an, er war nicht gewohnt, wie ein Diener behandelt zu werden.

Choiseul las den langen Brief, welcher viele Verhaltungsbefehle enthielt. Die Königin zeigte ihm an, daß man um Mitternacht abreisen würde. Der Herzog von Choiseul sollte sich augenblicklich entfernen und Léonard mitnehmen, welcher Befehl habe, ihm zu gehorchen, wie der Königin selbst.

Der König wollte nicht ohne seine vierteljährige Civilliste, die Königin nicht ohne ihren Friseur und ihre Diamanten abreisen.

Choiseul las den Brief noch einmal und sah dann den Friseur forschend an.

»Die Königin,« fragte er, »wird Ihnen ohne Zweifel noch einige mündliche Weisungen ertheilt haben.«

»Ich will Wort für Wort wiederholen, was sie mir gesagt hat. Sie ließ mich rufen und sagte leise zu mir: Léonard, kann ich mich auf Dich verlassen? – Im Leben und im Tode, Majestät, antwortete ich. – Nun, dann nimm alle meine Diamanten, stecke sie in deine Taschen, nimm diesen Brief und trage ihn in die Rue d’Artois zu dem Herzog von Choiseul; aber übergib ihm das Schreiben eigenhändig. Hülle dich in einen großen Mantel und drücke den Hut tief ins Gesicht, um nicht erkannt zu werden; vor allem aber gehorche dem Herzog von Choiseul wie mir selbst. Ich eilte sogleich in meine Wohnung, nahm Hut und Mantel meines Bruders, und da bin ich.«

Der Herzog von Choiseul zeigte Léonard diesen schriftlichen Befehl der Königin und verbrannte das Schreiben.

Der Diener trat ein und meldete, daß der Wagen bereit sey.

»Kommen Sie, lieber Léonard,« sagte der junge Cavalier.

»Wie! ich soll kommen?« sagte der Friseur bestürzt.

»Allerdings. Sie haben mir ja zu gehorchen, wieder Königin selbst. Ich befehle Ihnen, mich zu begleiten.«

»Aber die Diamanten?«

»Die nehmen Sie mit.«

»Wohin denn?«

»An den Ort unserer Bestimmung, wo wir einen wichtigen Auftrag zu vollziehen haben.«

»Unmöglich!« sagte Léonard erschrocken.

»Léonard, Sie vergessen, daß Sie mir unbedingt gehorchen müssen.

»Allerdings, gnädiger Herr, »und ich bin bereit Ihnen in allen vernünftigen Dingen zu gehorchen; aber ich habe unsere Wohnung nicht verschlossen; wenn mein Bruder nach Hause kommt, und seinen Hut und Mantel nicht findet, wird er Lärm machen. Und überdies habe ich versprochen Madame de Souze zu frisiren; mein Cabriolet erwartet mich im Hofe der Tuilerien.«

»Nun, was liegt daran,« erwiederte der junge Cavalier halb lachend, halb ärgerlich: »Ihr Bruder kann sich einen neuen Mantel und Hut kaufen, Sie können Madame de Souze ein anderes mal frisiren und Ihr Diener kann immerhin mit dem Cabriolet ein Stündchen warten … Jetzt kommen Sie, lieber Léonard, wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Er ließ den trostlosen Friseur in sein Cabriolet steigen, nahm neben ihm Platz und fuhr rasch davon.

IV

Ein uraltes Sprichwort sagt: »Jupiter, nimmt Denen die er ins Verderben stürzen will, den Verstand.«

Jupiter hatte dem König und der Königin von Frankreich die ruhige Ueberlegung genommen. Gegen den Rath des Grafen von Bouillé, welcher zwei gewöhnliche Postkutschen will, läßt die Königin einen auffallend großen Reisewagen bauen. Statt einen Courier in einer einfachen Livrée oder auch ohne Livrée zu haben, läßt man drei Leibgardisten in die Livrée des Prinzen Condé stecken. Statt drei Männer zu wählen, welche den Weg genau kennen, verläßt man sich auf Leute, welche den Weg nie gemacht haben; der Eine von ihnen weiß sich nicht einmal in Paris zurecht zu finden und führt die Königin irre. Statt einen kleinen Kamm in die Tasche zu stecken, um ihren Kopfputz zu ordnen, läßt sich die Königin einen prächtigen Reisenecessaire machen, an welchem die Goldarbeiter zwei Monate zu thun haben. Statt den König, welcher die Rolle des Kammerdieners der Baronin Korff übernommen, in einem andern Wagen zu verbergen, setzt sie ihn in den großen Reisewagen. Statt zwei leichte Wagen mit zwei oder vier Pferden zu bespannen. Fährt man sechsspännig, ohne nur zu bedenken, daß der König allein dazu berechtigt ist. Statt die Leibgardisten bis an dies Zähne zu bewaffnen, gibt man ihnen kleine Hirschfänger, die Pistolen und Kugelbüchsen werden sammt dem rothengoldgestickten Rock, den der König in Cherbourg trug, in die Reisekoffer gepackt. Statt den entschlossenen und mit dem Wege genau bekannten d’Agoult, für welchen der Graf von Bouillé bürgt, als Reisegefährten zu nehmen, nimmt man Madame de Tourzel, die Gouvernante der Kinder von Frankreich, welche im Namen der Etikette auf ihrem Recht beharrte, und sie trägt über d‘Agoult, welcher sein Leben zu wagen bereit ist, den Sieg davon.

Abgesehen von diesen Mißgriffen sind alle Vorkehrungen getroffen. Das Schwierigste war, unbemerkt aus den Tuilerien zu kommen. Die königliche Familie war wirklich in Gefangenschaft, Lafayette bürgte der Nationalversammlung dafür. Sechshundert Nationalgardisten bezogen jeden Tag und jede Nacht die Wache in den Tuilerien. Vor den äußern Thoren hielten beständig zwei Gardisten zu Pferde. An allen Thüren standen Schildwachen.

Die innern Gänge waren noch sorgfältiger bewacht. Die Leibgarde war entlassen worden, und die königliche Familie verließ die Tuilerien nie ohne Begleitung einiger Offiziere von der Nationalgarde.

Ueberdies waren viele Spione unter der Dienerschaft. Wir haben schon gesagt, welche Vorsicht gegen Madame de Rochereuil, die Kammerfrau des Dauphin, beobachtet wurde.

Wie sollte man einer so strengen Ueberwachung entgehen?

– Die Königin hatte nach langem Besinnen folgendes Auskunftsmittel gefunden. Madame de Rochereuil, welche bis zum 12. Dienst hatte, bewohnte ein kleines Zimmer, dessen Thür in eine seit sechs Monaten leere Wohnung führte. Der frühere Bewohner, Marquis von Villequier, erster Kammerherr, war ausgewandert.

Diese im Erdgeschosse befindliche Wohnung hatte zwei Ausgänge: in den sogenannten Prinzenhof und in den Königshof. Das Zimmer der Frau von Rochereuil stand zugleich mit dem Zimmer der jungen Prinzessin in Verbindung.

Kaum hatte Frau von Rochereuil am 11. ihren Dienst verlassen, so besuchten der König und die Königin ihr Zimmer. Unter dem Vorwande, die Wohnung der kleinen Prinzessin zu vergrößern, erklärte die Königin, daß sie dieses Zimmer in Anspruch nehme; die Kammerfrau des Dauphin sollte künftig in den Gemächern einer Ehrendame wohnen.

Der Schloßinspector übergab dem Könige auf dessen Verlangen am 13. Juni den Schlüssel zu der leeren Wohnung.

Vor dieser seit mehren Monaten verschlossenen Wohnung standen keine Schildwachen. Ueberdies war der Dienst im Schlosse um 11 Uhr-Abends zu Ende und die Schildwachen in den Höfen waren gewohnt viele Leute auf einmal fortgehen zu sehen. Man konnte daher nach 11 Uhr ohne große Gefahr durch die leere Wohnung gehen und sich aus den Tuilerien entfernen.

Für das weitere Fortkommen der königlichen Familie sollte Herr von Fersen sorgen. Er sollte, als Kutscher verkleidet, mit einem Fiaker vor dem äußern Thore warten und die Flüchtlinge zu der Barriere Clichy führen, wo der Reisewagen im Hause eines Engländers Namens Crawford wartete.

Die drei Leibgardisten sollten in einem Fiaker folgen. Die beiden Kammerfrauen sollten sich zu Fuß aus den Pont-Royal begeben; dort sollten sie einen bereitstehenden, zweispännigen Wagen besteigen und nach Claye fahren, um daselbst die Königin zu erwarten. Der König sollte, wie gesagt, als Intendant verkleidet das Schloß verlassen. Diese Verkleidung bestand in einem grauen Frack, einer Atlasweste, einer grauen Kappe, grauen Strümpfen und Schnallenschuhen. Seine Haare waren geflochten und oben aus dem Kopf durch einen elfenbeinernen Kamm zusammengehalten.

Der Kammerdiener Hue, welcher von derselben Größe war, wie der König, ging in derselben Kleidung und zu derselben Stunde, wo der König das Schloß verlassen sollte, eine Woche lang jeden Abend fort, um die Schildwachen an das Erscheinen des grau gekleideten Mannes zu gewöhnen. – Der Dauphin sollte in Mädchenkleidern folgen.

Während der Herzog von Choiseul mit Léonard um neun Uhr Abends abreiste, begaben sich die drei Leibgardisten in das Cabinet des Königs.

Um halb zehn Uhr erhielt die Königin ein Schreiben von Bailly. Der Mathematiker wollte den galanten Chevalier spielen: er schickte der Königin einen Brief der Frau von Rochereuil, welche ihm anzeigte, daß die königliche Familie in der Nacht abreisen werde.

Um zehn Uhr wurde der General Lafayette gemeldet. Man konnte ihn nicht abweisen. Er erschien in Begleitung seiner Adjutanten Gouvion und Romeuf. Madame de Rochereuil, die Geliebte Gouvion’s, hatte ihm angezeigt, daß die königliche Familie alle Vorbereitungen zur Flucht treffe.

Die Königin und Madame Elisabeth hatten Abends, natürlich mit Escorte, eine Spazierfahrt gemacht. Lafayette erkundigte sich mit der ihm eigenen Höflichkeit, ob die Spazierfahrt angenehm gewesen sey; aber er setzte lächelnd hinzu:

»Eure Majestät hätten nicht so spät zurückkehren sollen.«

»Warum denn nicht?« fragte die Königin.

»Weil der Abendnebel Ihrer Gesundheit schaden könnte.«

»Der Abendnebel im Juni,« erwiederte die Königin lachend. »Sie glauben wohl, wir bestellten den Nebel, um unsere Flucht zu verbergen? denn mich dünkt, daß man noch immer von unserer Abreise faselt.«

»In der That, Madame,« antwortete der General,»man spricht mehr als je davon; man hat mich sogar diesen Abend gewarnt.«

»Wirklich?« sagte die Königin; »ich wette, daß Sie diese interessante Nachricht von Herrn von Gouvion erhalten haben.«

»Warum denn von mir, Madame?« fragte der junge Offizier erröthend.

»Ich weiß nicht,« erwiederte die Königin; »vielleicht haben Sie gute Bekannte im Schlosse. Herr von Romeuf wird gewiß gern für uns bürgen.«

»Es wäre kein großes Verdienst, Madame,« entgegnete Romeuf, »der König hat ja der Nationalversammlung sein Wort gegeben, Paris nicht zu verlassen.«

Das Gespräch wurde abgebrochen. – Um halb elf Uhr entfernte sich der General Lafayette mit seinen Adjutanten.

Als der General fort war, riefen der König, die Königin und Madame Elisabeth ihre Dienerschaft und ließen sich wie gewöhnlich auskleiden und entließen Alle um elf Uhr. Sobald die Thüren geschlossen waren, wurde Toilette gemacht. Die Königin und Madame Elisabeth halfen einander beim Ankleiden; sie trugen sehr einfache Kleider und Hüte mit breitem Rande, welche ihre Gesichter ganz verbargen.

Kaum waren sie mit ihrer Verkleidung fertig, so erschien der König in seinem grauen Rocke. Man holte die drei Leibgardisten aus ihrem Verstecke und begab sich in die Wohnung der kleinen Prinzessin.

Madame Royal war reisefertig, aber der Dauphin noch nicht. Man hatte ihn in seinem ersten Schlafe geweckt, und er hatte sich geweigert die für ihn bestimmten Mädchenkleider anzulegen; endlich hatte er sich durch die Versicherung, daß man Komödie spielen wolle, überreden lassen.

Man gab den Leibgardisten die letzten Weisungen. Bis Bondy wollte man mit den Pferden des Herrn von Fersen reisen, von Bondy wollte man Extrapost nehmen. Malden und Moustier sollten auf dem Bock Platz nehmen und die Postillone bezahlen. Letztere sollten dreißig Sous erhalten; gewöhnlich gab man nur fünfundzwanzig, aber wegen der Schwere des Wagens wollte man fünf Sous mehr bezahlen. Wenn die Postillone sehr gut fahren würden, wollte man ihnen zehn Sous mehr geben; in keinem Falle aber sollten sie mehr als vierzig Sous bekommen, denn nur der König pflegte einen Thaler zu bezahlen.

Man hoffte in dreizehn bis vierzehn Stunden in Châlons zu seyn. Jedermann versprach, die Weisungen genau zu befolgen.

Man ging leise auf die Thür zu und lauschte. Alles war still.

Man öffnete die Thür. Madame Elisabeth ging mit der kleinen Prinzessin voran. Frau von Tourzel folgte mit dem Dauphin und einem Leibgardisten.

Eine Schildwache, welche den beiden Prinzessinnen begegnete, stand still.

»Ach, Tante!« sagte Madame Royale, »wir sind verloren! Der Soldat hat uns erkannt.«

Madame Elisabeth antwortete nicht und ging weiter.

Madame Royale irrte sich, sie war nicht erkannt, oder wenigstens war der Soldat ein Freund, denn er kehrte ihnen den Rücken zu und ließ sie ungehindert weiter gehen.

Fünf Minuten nachher saßen die beiden Prinzessinnen, der Dauphin und Frau von Tourzel in dem Fiaker, der sie außerhalb des Gitterthores erwartete.

Herr von Fersen war so gut verkleidet, daß ihn die Prinzessinnen nicht erkannten. Er sprang vom Bock, öffnete den Wagenschlag und ließ sie einsteigen.

In dem Augenblicke, als Herr von Fersen die Wagenthür zuschlug, kam ein leerer Fiaker. Der Kutscher, welcher einen Cameraden sah, hielt an, und begann mit Herrn von Fersen ein Gespräch.

Dieser spielte seine Rolle vortrefflich, er zog eine hölzerne Dose aus der Tasche und bot seinem Cameraden eine Prise. Der Letztere labte sich an dem schlechten Tabak und fuhr weiter.

Nun kam der König mit langsamen, gemächlichen Schritten, mit den Händen in der Tasche. Der zweite Leibgardist folgte ihm.

Unterwegs war eine seiner Schuhschnallen losgegangen. Er hatte sich nicht aufgehalten, aber der Gardist hatte die Schnalle aufgenommen.

Herr von Fersen trat auf ihn zu.

»Wo ist die Königin, Sire?« fragte er.

»Sie folgt uns auf dem Fuße,« antwortete der König und stieg ebenfalls ein.

Man erwartete die Königin. Nach einer halben Stunde war sie noch nicht da

Man war in angstvoller Spannung. Was konnte diese Verzögerung bedeuten?

Die Königin hatte sich verirrt; sie hatte trotz der Gegenvorstellungen ihres Führers, des dritten Gardisten, behauptet, die Gitterthür befinde sich rechts. Der Gardist, welcher Paris kaum kannte, war seiner Sache nicht ganz gewiß, und fügte sich. So war die Königin an die Seine gekommen und über die Brücke gegangen. Endlich hatte sie ihren Irrthum eingesehen, aber sie wußte den Weg so wenig zu finden, wie ihr Begleiter. Der Gardist mußte sich den Weg zu dem Gitterthor an der Rue de l’Echelle zeigen lassen. Man mußte noch einmal über den Carrouselplatz gehen Als die Königin unter die Einfahrt kam, befand sie sich unerwartet vor zwei Lakeien, welche Fackeln trugen, und vor einem eben abfahrenden Wagen. Um nicht überfahren zu werden, mußte sie sich gegen die Wand drücken Sie erkannte den General Lafayette.

Der Gardist trat vor sie hin, um sie zu verbergen; aber sie schob ihn zur Seite, schlug mit dem Stäbchen, welches die Damen zu jener Zeit zu tragen pflegten, auf das Wagenrad und sagte: »Geh’, Kerkermeister, ich bin nicht mehr in deiner Gewalt!

Dies ist nur eine Sage. Der Gardist hingegen behauptet in seiner Erzählung, die Königin habe sich so gefürchtet, daß sie seinen Arm verlassen und die Flucht genommen habe; er sey ihr nachgelaufen und habe ihren Arm wieder genommen. Man ging rasch über den Carrouselplatz. Endlich bemerkte man den Fiaker vor dem Gitterthore an der Rue de l’Echelle.

Herr von Fersen eilte aus sie zu, und hob sie in den Wagen.

Fersen hatte für die drei Leibgardisten einen Fiaker besorgt; sie stiegen ein und befahlen dem Kutscher, dem ersten Wagen zu folgen.

Vor der Barriere von Clichy stiegen die Leibgardisten ab und bezahlten ihren Fiaker, welcher wieder in die Stadt zurückkehrte.

Der Reisewagen war bereit; die Flüchtlinge stiegen sogleich ein. Fersen führte seinen Fiaker in einen Graben und warf ihn um; einer seiner Leute setzte sich auf das Sattelpferd, und der Reisewagen fuhr rasch ab.

In Bondy fand man die beiden Kammerfrauen, welche in Claye warten sollten; sie hatten sich in der Erwartung, Extrapost zu finden, im Cabriolet nach Bondy begeben. Da sie sich in ihrer Erwartung getäuscht sahen, so kauften sie von dem Postmeister ein Cabriolet um tausend Franken.

Hier mußte Fersen Ihre Majestäten verlassen; er sollte in Oesterreich mit ihnen zusammentreffen. Er begab sich nach Paris zurück, um zu erfahren, was sich zugetragen hatte; dann reiste er nach Brüssel ab.

Der Mensch denkt und Gott lenkt. Fersen sollte später in einem Aufstande zu Stockholm umkommen, und die Königin —! Glücklicherweise war die Zukunft durch eine Wolke verhüllt; man schied voll Hoffnung.

Valory bestieg ein Curierpferd, und eilte voraus, um frische Pferde zu bestellen.

Malden und Moustier setzten sich auf den Bock. Das Cabriolet folgte dem Reisewagen.

Fersen schaute dem Wagen nach, und als die Staubwolke verschwunden war, als man nur noch das ferne Rasseln der Räder hörte, setzte er sich in seinen Wagen, den er Tags zuvor nach Bondy geschickt hatte. Sein Kutscheranzug, den er nicht ablegte, machte natürlich Aufsehen. Dies war eine neue Unbesonnenheit, welche den bereits erwähnten hinzuzufügen ist.

V

Wir haben jetzt zu erzählen, was sich in Paris zutrug, während die erlauchten Flüchtlinge in Bondy Postpferde nahmen. Wir werden sie in Montmirail wieder finden, wo der Tragriemen des Wagens riß und sie zwang, sich eine Stunde aufzuhalten.

Dieses mal entnehmen wir die näheren Umstände dem Tagebuche des Jacobiners Camille Desmoulins. Er kam gegen elf Uhr aus dem Club mit Danton, Freron und andern Patrioten. Noch nie, sagt er, habe er Paris so ruhig gesehen. Er sah auf dem ganzen Wege nicht eine einzige Patrouille. Er sprach seine Verwunderung darüber aus.

»Mir fällt etwas ein,« sagte Freron; »lies was man mir geschrieben hat.«

Er gab Desmoulins und Danton einen vor wenigen Stunden erhaltenen Brief, in welchem man ihm anzeigte, daß der König in der Nacht fliehen werde.

Sie sahen den Wagen Lafayettes aus dem Louvre kommen, und wahrscheinlich ging die Königin zwanzig Schritte vor ihnen vorüber.

Dies war noch nicht Alles. Ein Perrückenmacher, Namens Bureby, in der Rue de Bourbon wohnhaft, hatte Abends einen Freund besucht, der in den Tuilerien auf Wache war, und es war ihm Alles zu Ohren gekommen, was von der Flucht des Königs und der königlichen Familie gesprochen wurde. Zu Hause hatte er seiner Frau Alles wieder erzählt, aber diese hatte die Achseln gezuckt. Das Gerücht war ja schon seit drei Monaten in Umlauf.

Der Perrückenmacher stimmte seiner Frau bei, er kleidete sich aus, und legte sich schlafen. Aber kaum war er im Bett, so grübelte er über die Wachstubenerzählungen nach; es ließ ihm keine Ruhe; er kleidete sich an und weckte seinen Nachbar, den Bäcker Hucher welcher Sapeur in der Nationalgarde war.

Hucher theilte seine Besorgnisse; er war sogar noch eifriger als der Perrückenmacher; er sprang aus dem Bette und eilte in der Unterhose – vielleicht gab er dadurch Anlaß zu dem Namen sans-coulotte – auf die Straße, klopfte an die Thüren und weckte seine Nachbarn.

Bald hatten sich etwa dreißig Patrioten zusammengerottet und begaben sich, von Hucher und Bureby geführt, zu dem Hotel des General Lafayette.

Der General war eben nach Hause gekommen. In jenen bewegten Zeiten mußten sich der Bürgermeister von Paris und der Befehlshaber der Nationalgarde derlei Störungen gefallen lassen. Lafayette ließ Bureby und Hucher sogleich vor.

Diese stellten ihm vor, daß der König in der Nacht abzureisen gedenke, und forderten ihn auf, diese Abreise zu verhindern.

Lafayette lachte und versicherte, der König und die Königin würden streng bewacht, er stehe für Alles, die beiden Patrioten möchten nur ruhig zu Bett gehen.

Aber Hucher und Bureby waren mit dieser Versicherung nicht zufrieden; sie begaben sich in die Tuilerien, wo sie durchaus keine ungewöhnliche Bewegung bemerkten; nur die vielen Fiakerkutscher, welche in den Krambuden vor dem Carrouselplatze tranken, fielen ihnen auf.

Sie machten die Runde um das Schloß bis zur Reitschule, wo die Nationalversammlung tagte: aber sie bemerkten nichts Verdächtiges und gingen nach Hause.

Fersen kam gegen sechs Uhr Früh wieder nach Paris. Ehe er nach Brüssel abreiste, wollte er wissen, ob die Flucht des Königs bekannt geworden sey. Er begab sich zuerst zum Stadthause, dann zur Mairie, wo Bailly wohnte, dann zum Hotel des General Lafayette. Ueberall herrschte die vollkommenste Ruhe. Fersen stieg daher wieder in den Wagen und reiste nach Brüssel ab.

Um dieselbe Zeit riß der Tragriemen an dem königlichen Reisewagen vor dem Thore von Montmirail; man mußte zwei Stunden in der Stadt verweilen.

Dann kam eine steile Anhöhe, welche der König zu Fuß ersteigen wollte. Dadurch ging wieder eine halbe Stunde verloren.

Es schlug halb fünf auf dem Thurm der Cathedrale, als der Reisewagen in Châlons ankam und vor dem Posthause anhielt.

Valory trat an den Wagen.

»François,« sagte die Königin, »es geht Alles gut. Mich dünkt, die Gefahr ist jetzt vorüber, man wird uns nicht mehr anhalten.«

Die Königin lehnte sich bei diesen Worten aus dem Wagen. Der König zeigte sich ebenfalls. Der Postmeister erkannte ihn. Einer der Zuschauer, die sich aus Neugierde versammelt hatten, erkannte ihn auch.

»Sire,« sagte der Postmeister leise, »zeigen Sie sich nicht, Sie setzen sich sonst der größten Gefahr aus.«

Dann sagte er zu den Postknechten:

»Ihr Faullenzer, Ihr solltet die Reisenden, welche dreißig Sous Trinkgeld bezahlen, besser bedienen.«

Er legte selbst mit Hand ans Werk und half die Pferde einspannen.

»Fort! rief der Postmeister, als der Wagen bespannt war. —

Der erste Postillon will seine beiden Pferde in Trab setzen, aber die Pferde stürzen. Sie stehen wieder auf, aber auch das Sattelpferd und das Handpferd stürzen. Man treibt sie mit Peitschenhieben wieder auf; der Postillon setzt sich wieder in den Sattel, der Wagen fährt ab.

Die Reisenden athmen tief auf. Aber die Warnung des Postmeisters läßt eine Gefahr fürchten, und Valory reitet nicht voraus, sondern galoppirt neben dem Wagen.

Das Stürzen der Pferde erregt bange Ahnungen bei der Königin. Aber die Gefahr geht glücklich vorüber. Der Mann, welcher sich aus der Zuschauermenge entfernt hat, ist zum Maire geeilt; aber der Maire ist Royalist; der Angeber versichert vergebens, er habe den König und die königliche Familie erkannt; er erwiedert, es sey nicht möglich, und als er sich nicht mehr zu helfen weiß, begibt er sich endlich zum Posthause. Der Reisewagen ist seit fünf Minuten fort.

Die Postillone fuhren rasch; die Königin und Madame Elisabeth riefen einstimmig »Wir sind gerettet!«

Aber bald darauf erscheint ein Reiter an der Wagenthür und ruft den Reisenden zu:

»Eure Maßregeln sind schlecht genommen … Ihr werdet verhaftet werden!«

Man hat nie erfahren, wer der Reiter war und woher er kam.

Zum Glück war man nur noch vier Lieues von Pont-Somme-Vesle, wo der Herzog von Choiseul mit seinen vierzig Husaren warten sollte. Vielleicht hätte man Valory vorausschicken sollen, aber die letzte Warnung hatte die Angst der Königin verdoppelt und sie wollte alle ihre Beschützer bei sich behalten.

Man treibt die Postknechte zur Eile an. Die vier Lieues werden in einer Stunde zurückgelegt. Vergebens späht man nach dem Herzoge von Choiseul und seinen Husaren; der Meierhof, die wenigen Bauernhäuser, die umliegenden Felder sind leer, es ist kein Husar zu sehen.

Was war denn geschehen? Warum war das Piket nicht auf seinem Posten?

Wir haben gesehen, wie der Herzog von Choiseul in Begleitung des widerstrebenden Léonard Paris verließ. Der Friseur war außer sich; nur die Versicherung des jungen Cavaliers, daß er ihn nur ein paar Meilen fortschleppe, beruhigte ihn einigermaßen.

Als daher das Cabriolet vor dem Posthause anhielt, wollte Léonard aussteigen. Zu seinem Erstaunen aber erfuhr er, daß nur frische Pferde genommen werden sollten.

»Wir reisen also noch weiter?« fragte er.

»Ja.«

»Wohin denn?«

»Was kann Ihnen daran liegen, lieber Léonard?« erwiederte der junge Cavalier, »wenn Sie nur morgen Früh wieder in Paris sind.«

»Aber um zehn Uhr,« erwiederte Léonard, »muß ich in den Tuilerien seyn, um die Königin zu frisiren.«

»Beruhigen Sie sich nur, lieber Leonard, es geht Alles gut.«

Die Pferde standen schon bereit, denn der Herzog von Choiseul hatte seinen Diener als Courier vorausgeschickt. Die Reise wurde daher ohne Aufenthalt fortgesetzt.

Als in Claye wieder die Pferde gewechselt wurden, wurde der arme Friseur wieder unruhig und begann sein altes Klagelied.

»Hören Sie, Léonard,« sagte Choiseul, einen ernsten Ton annehmend, »es ist wirklich Zeit, daß Sie erfahren, wohin wir reisen. Wir fahren ohne anzuhalten bis an die Grenze.«

Leonard wurde weiß wie seine Cravate, faltete die Hände und sah seinen Begleiter mit Entsetzen an.

»Bis an die Grenze?« stammelte er.

»Ja, ich soll dort bei meinem Regimente einen sehr wichtigen Brief an die Königin finden, und da ich ihn nicht persönlich übergeben kann, so brauchte ich einen Boten, um das Schreiben zu übersenden Ich bat Ihre Maiestät, mir eine zuverlässige Person vorzuschlagen, und ihre Wahl fiel auf, Sie, weil sie am meisten Vertrauen zu Ihnen hat.«

»Die Königin erweist mir allerdings eine große Ehre,« erwiederte Leonard, »aber wie soll ich denn wieder zurückreisen? Ich bin in seidenen Hosen und weißen Strümpfen, und habe weder reine Wäsche noch Geld bei mit.«

»Sie vergessen,« sagte Choiseul, »daß Sie für drei bis vier Millionen Diamanten bei sich haben.«

»Ja, aber diese Diamanten gehören der Königin, und ich würde nicht einen einzigen davon weggeben, wenn ich auch verhungern müßte.«

»Beruhigen Sie sich, lieber Freund,« sagte Choiseul, der den armen Teufel bedauerte, »ich habe Kleider, Wäsche, Stiefel, Geld im Wagen, es soll Ihnen an nichts fehlen.«

»Ja wohl, bei Ihnen, gnädiger Herr, wird mir’s an nichts fehlen; aber mein armer Bruder, dessen Hut und Mantel ich genommen, und die Dame, die ich nicht frisiren kann … Mein Gott, wie wird das enden!«

Choiseul sah wohl ein, daß er nicht im Stande war, Léonard zu trösten, und kümmerte sich nicht mehr um sein Jammern und Händeringen.

In Montmirail wurde das Abendessen genommen, und Choiseul erklärte seinem Reisegefährten, er habe ein paar Stunden Zeit zu ruhen.

Um drei Uhr Früh hielt ein Wagen vor dem Posthaus an.

Choiseul eilte in die Hausthüre. Zwei Männer in Nationalgardeuniform verlangten frische Pferde.

Der Wagen des Herzogs von Choiseul war bespannt.

»Bekommen die eben angekommenen Reisenden frische Pferde?« fragte er den Postillon.

»Ja, Excellenz.

»Laßt diesen Wagen voraus fahren, aber folget ihm, ohne ihn aus den Augen zu lassen.«

Dann ließ er seinen Reisegefährten rufen.

Léonard erschien ganz schlaftrunken.

Die beiden Nationalgardisten hatten inzwischen frische Pferde bekommen und fuhren weiter.

»Geschwind!« sagte Choiseul und schob Léonard in den Wagen. »Postillon, Ihr dürft nicht weiter als zehn Schritte hinter dem Wagen zurückbleiben.«

Dann stieg er ebenfalls ein. Das Cabriolet folgte dem ersten Wagen.

Sobald Choiseul seinen Platz an Léonards Seite eingenommen hatte, untersuchte er die in den Seitentaschen steckenden Pistolen. Léonard sah mit einem an Entsetzen grenzenden Erstaunen zu.

So wurden anderthalb Lieues zurückgelegt. Aber zwischen Etoge und Chaintry fuhren die beiden Nationalgardisten in eine Seitenstraße. Choiseul, der wohl sah, daß er sie mit Unrecht im Verdacht königsmörderischer Absichten gehabt hatte, setzte seinen Weg fort.

Gegen zehn Uhr Morgens kam er nach Châlons, um elf Uhr nach Pont-Somme-Vesle. Er erkundigte sich, die Husaren waren noch nicht da. Er stieg vor dem Posthause ab, ließ sich ein Zimmer anweisen und legte seine Uniform an.

Léonard war Zeuge dieser Vorkehrungen, welche seine Unruhe noch vermehrten.

Choiseul hatte Mitleid mit ihm.

»Lieber Léonard,« sagte er zu ihm, »es ist Zeit, daß Sie Alles erfahren.»

»Weiß ich denn noch nicht Alles?«

»Nein, aber ich will Ihnen sagen, was Sie noch nicht wissen … Sie sind der königlichen Familie treu ergeben, nicht wahr, lieber Léonard?«

»Bis in den Tod!«

»So hören Sie. Der König, die Königin, die Kinder Frankreichs werden in zwei Stunden hier seyn; in zwei Stunden sind sie gerettet.«

Der arme Léonard weinte Freudenthränen.

»In zwei Stunden hier!« sagte er; »wissen Sie das gewiß?«

»Ja, sie müssen um elf oder halb zwölf Uhr Abends die Tuilerien verlassen haben; um Mittag müssen sie nach Châlons gekommen seyn. Angenommen, sie legen die vier Lieues von Châlons bis hierher in anderthalb Stunden zurück, so treffen sie längstens in einer Stunde hier ein. Ich erwarte ein Detachement Husaren, welches mir Herr von Goguelat zuführen soll.«

Choiseul öffnete das Fenster.

»Sehen Sie, dort kommen die Husaren … Es geht Alles gut.«

Der junge Cavalier winkte mit seinem Hute aus dem Fenster.

Ein Reiter setzte sein Pferd in Galopp. Der Herzog von Choiseul ging hinunter.

Der Reiter war Goguelat. Die beiden jungen Cavaliere trafen mitten auf der Landstraße zusammen. Goguelat übergab dem Herzoge ein Packet von Bouillé.

Das Packet enthielt sechs Blankette von Vollmachten und eine Abschrift des vom Könige an alle Offiziere der Armee ertheilten Befehls, dem Herzoge von Choiseul zu gehorchen.

Die Husaren kamen an. Choiseul befahl ihnen, die Pferde auf Piket zu stellen, und ließ Brot und Wein vertheilen.

Goguelat brachte schlechte Nachrichten; er hatte überall große Aufregung gefunden; das seit einem Jahre verbreitete Gerücht von der Abreise des Königs fand mehr Glauben als je zuvor; die in Dun, Varennes, Clermont und St. Ménehould aufgestellten oder durch marschirenden Truppen hatten Verdacht errregt, und in einem Dorfe an der Landstraße hatte man sogar Sturm geläutet.

Der Herzog von Choiseul hatte ein Mittagessen bestellt. Die beiden Offiziere setzten sich zu Tische und ließen die Husaren unter dem Befehle des Lieutenant Boudet.

Nach einer halben Stunde glaubte Choiseul ein Geräusch vor der Thier zu hören. Er ging hinaus. Die Bauern aus den umliegenden Dörfern begannen sich um die Husaren zu versammeln.

Unglücklicherweise hatten die Bauern einer nahen Herrschaft, welche der Madame d’Elboeuf gehörte, einige Tage vorher die Bezahlung der Abgaben verweigert, und man hatte mit Militärexcecution gedroht. Die Bauern der benachbarten Dörfer hatten versprochen ihnen beizustehen, wenn sich ein einziger Soldat blicken ließe.

Als die vierzig Husaren erschienen, glaubten die Bauern der Madame d’Elboeuf, es sey die angedrohete Militärexcecution; sie schickten Eilboten in die benachbarten Dörfer, um die Verbündeten an ihr Versprechen zu erinnern. Die nächsten Nachbarn hatten sich bereits eingefunden.

Choiseul glaubte, die Neugierde habe sie hierher gelockt, und ohne sich viel zu kümmern, begab er sich auf eine Anhöhe, wo er die Landstraße übersehen konnte. Aber es zeigte sich weder Courier noch Reisewagen.

So vergingen einige Stunden. Die Flüchtlinge sollten um ein Uhr in Pont-Somme-Vesle eintreffen; aber sie verloren zu viel Zeit, und kamen, wie schon erwähnt, erst um halb fünf Uhr nach Châlons.

Choiseul war unruhig, Léonard in Verzweiflung.

Gegen drei Uhr strömten immer mehr Bauern herbei; ihre Haltung wurde immer drohender; man begann Sturm zu läuten.

Die Husaren waren unter allen Truppen am meisten verhaßt; die Bauern verhöhnten sie und sangen improvisirte Spottlieder. Einige besser unterrichtete Personen begannen zu munkeln, die Husaren seyen nicht als Executionstruppen erschienen, sondern erwarteten den König und die Königin. Die Sache erschien nun noch bedenklicher.

Um halb fünf waren die Husaren von einer so dichtgedrängten Schaar umzingelt, daß die drei Offiziere sich über die zu ergreifenden Maßregeln beriethen. Man konnte sich offenbar nicht länger halten, denn die größtenteils bewaffneten Bauern waren mehr als dreihundert an der Zahl. Die vierzig Mann wären nicht im Stande gewesen, den König und die Königin zu beschützen

Choiseul las noch einmal die erhaltenen Befehle. Es hieß darin: »Es sind die geeigneten Anstalten zu treffen, daß der Wagen des Königs die Reise ungehindert fortsetzen könne.«

Die Anwesenheit der vierzig Husaren und der drei Offiziere war eben ein Hinderniß. Es war daher das Beste, sich zu entfernen.

Aber dazu bedurfte es wenigstens eines Vorwandes.

Der Herzog von Choiseul bemerkte unter der neugierigen Schaar den Postmeister. Er rief ihn zu sich.

»Wir sind hierher gekommen, um eine Geldsendung zu escortiren. Der Wagen kommt nicht. Haben Sie vielleicht erfahren, ob in diesen Tagen Geld nach Metz gesandt wurde?«

»Diesen Morgen,« antwortete der Postmeister, »hat der Postwagen hunderttausend Thaler befördert; er war von zwei Gendarmen begleitet.«

Die Antwort des Postmeisters kam wie gerufen.

Choiseul wandte sich zu Goguelat und sagte:

»Das Ministerium wird diese Art der Absendung vorgezogen haben. Unsere Anwesenheit ist nicht mehr nothwendig, wir können uns entfernen. Trompeter, zum Aufsitzen geblasen!«

Die Husaren waren sogleich im Sattel und ritten davon.

Es war fünf Uhr.

Jenseits des nächsten Dorfes schlug das Detachement einen Seitenweg ein, um St. Ménehould zu umgehen; denn Goguelat hatte die Stadt Vormittags in großer Aufregung gefunden.

So kam es, daß bei der Ankunft des Königs zu Pont-Somme-Vesle keine Escorte mehr war.

Die Straße war frei, die Pferde wurden rasch gewechselt und der Reisewagen fuhr ungehindert weiter.

Aber die Königin verlor den Muth, als die erwartete Escorte nicht da war, und sie sprach die prophetischen Worte: »Wir sind verloren!«

VI

Diese Straße, auf welcher die Flüchtlinge in so angstvoller Spannung der Grenze zueilten, machte ich Jahre später zum Gegenstande eines aufmerksamen Studiums, um jede von ihnen etwa hinterlassene Spur aufzufinden.

In Châlons miethete ich für zehn Franken täglich einen kleinen Wagen auf unbestimmte Zeit; wenn ich den Kutscher und das Pferd fütterte, konnte ich das Fuhrwerk so lange behalten als ich wollte.

Die erste von der Geschichte erwähnte Spur findet sich zu Pont-Somme-Vesle, ich glaubte daher, daß sich bis dahin nichts Bemerkenswerthes finden werde.

Plötzlich wurde in den weiten, langweiligen Ebenen der Champagne meine Aufmerksamkeit durch ein wunderbar schönes Kirchlein gefesselt. Ich bin nicht der Erste, den dieses reizende Bauwerk überrascht hat. Vor siebzehn Jahren machte ein Freund von mir, ein Dichter, dieselbe Reise; er stieg, wie ich, aus dem Wagen und schrieb über Notre-Dame de l’Epine Folgendes:

»Zwei Lieues von Châlons, an der nach St. Ménehould führenden Straße, an einem Orte, wo man nur von unabsehbaren Stoppelfeldern und von den bestaubten Bäumen der Landstraße umgeben ist, wird man plötzlich durch die alte Abtei Notre-Dame de l’Epine überrascht. Der schöne schlanke Thurm, offenbar aus dem fünfzehnten Jahrhundert stammend, ist von zierlicher, durchbrochener Arbeit; erblickt, wie eine vornehme Dame, mit Verachtung auf den nahen Telegraphen. Es ist eine seltsame Ueberraschung, auf den öden Feldern, wo kaum einige Klatschrosen blühen, diese Prachtblume gothischer Baukunst zu erblicken. Ich verweilte zwei Stunden in dieser Kirche, und machte, trotz Wind und Staub, unzählige Male die Runde, um zu sehen und zu bewundern … In der Nähe stehen höchstens drei oder vier elende Hütten und man würde sich diese Cathedrale ohne Stadt nicht zu erklären wissen, wenn man nicht in einer Seitencapelle einen sehr tiefen wunderthätigen Brunnen fände. Der herrliche Bau hat sich hoch über diese Quelle erhoben, der Brunnen hat diese Kirche hervorgebracht, wie die Zwiebel eine Tulpe hervorbringt.[Victor Hugo.]«

Ich erkundigte mich nach dem Brunnen, ich wollte wissen, ob dem Brunnen oder Notre-Dame de l’Epine die Ehre dieses Meisterwerkes der Baukunst gebühre. Ein kleines Buch, welches mit Ermächtigung des Bischofs von Châlons über diesen Gegenstand gedruckt wurde, läßt darüber keinen Zweifel, es ist Notre-Dame de l’quot;Epine.

Unweit dieser Kirche kommt man über eine Brücke. Der Bach, über welchen sie führt, ist die Vesle, welche in der Nähe entspringt.

Ich hielt zu Pont-Somme-Vesle an. Das Posthaus ist noch vorhanden, es ist dasselbe, in welches der Herzog von Choiseul den armen Léonard führte. Unweit dieses Posthauses sagte die Königin, als sie die Husaren nicht auf ihrem Posten sah: »Wir sind verloren!«

Wir haben gesagt, wie die Husaren gezwungen worden waren, sich zurückzuziehen, und aus welcher Ursache sie einen Seitenweg eingeschlagen hatten.

Die Ursache der Aufregung, welche in St. Ménehould herrschte, war folgende: Am 20. Juni um 11. Uhr Morgens war das Detachement Husaren, welches der Lieutenant Bondet befehligte, plötzlich in der Stadt erschienen und hatte sich vor dem Rathhause aufgestellt. Das Erscheinen der Soldaten verursachte eine gewisse Ueberraschung; damals fiel die Einquartierung den Städten zur Last, und der Bürgermeister wurde sonst immer ein paar Tage früher von einem Durchmarsch benachrichtigt. Der Bürgermeister von St. Ménehould hatte aber keine Nachricht erhalten; er ließ daher Herrn von Goguelat fragen, ob er in der Stadt verweilen werde, und wie es zugehe, daß man von dem Durchmarsch der Husaren keine Nachricht erhalten.

Goguelat antwortete, er habe Befehl sich nach Pont-Somme-Vesle zu begeben, und daselbst die Ankunft einer Casse, welche er escortiren sollte, zu erwarten. Um die Verpflegung seiner Leute habe man sich nicht zu kümmern, sie würden in den Wirthshäusern alles bezahlen, was sie verzehrten.

Goguelat meldete überdies, daß am folgenden Tage ein Dragonerregiment ankommen und dieselbe Casse in Châlons erwarten werde, so wie er Befehl habe, dieselbe zu Pont-Somme-Vesle zu erwarten. Dieses Detachement, welches sich höchstens vierundzwanzig Stunden aufhalten werde, könne man in der Hauptwache unweit des Rathhauses unterbringen.

Goguelat hatte den Vortheil dieser Localität auf den ersten Blick erkannt; er hatte gesehen, daß die Hauptwache kaum hundert Schritte von dem damaligen Posthause entfernt war.

Diese Antworten, welche in einer andern Zeit mehr als hinreichend gewesen wären, jeden Argwohn zu beschwichtigen, verdoppelten nur die Aufregung. Die Stadt war die ganze Nacht in Bewegung, und als die Husaren am andern Morgen um sieben Uhr abmarschirten, nahmen die Einwohner eine so drohende Haltung an, daß Goguelat einen Umweg machte, um St. Ménehould nicht zum zweiten Male zu berühren.

Kaum hatten die Husaren die Stadt im Rücken, so kamen die Dragoner auf der Straße von Clermont.

Auf die Fragen des Stadtrathes antwortete der Commandant d’Andouin in ähnlicher Weise wie Goguelat. Die Hauptwache wurde den Truppen zur Verfügung gestellt.

Gegen Mittag begab sich der Commandant der Dragoner mit seinem Lieutenant zu Fuß auf die Landstraße, welche man in der Richtung von Châlons beinahe zwei Meilen übersehen kann.

Es war auf der Landstraße nichts zu sehen und die beiden Offiziere gingen in die Stadt zurück.

Zwei Stunden nachher machten sie denselben Weg, aber ohne etwas zu sehen.

Dieses öftere Kommen und Gehen erregte die Aufmerksamkeit der schon unruhigen Bewohner. Man bemerkte, daß die beiden Offiziere sehr verdrießlich und sorgenvoll aussahen. Auf die Fragen, welche man deshalb an sie richtete, antworteten sie, daß die erwartete Casse zu lange ausbleibe, und daß diese Verzögerung die Ursache ihrer Verstimmung sey.

Gegen sieben Uhr Abends kam ein Courier und bestellte Postpferde für zwei Reisewagen.

Der Postmeister war Jean Baptist Drouet.[Thiers sagt unrichtig und ich habe es ihm nacherzählt Jean Baptist Drouet sey der Sohn des Postmeisters gewesen; er war nicht der Sohn, sondern der Postmeister selbst. Der Vater war längst todt.]

Der Courier war Herr von Valory. D’Andouin trat auf ihn zu und fragte leise:

»Nicht wahr, der Wagen des Königs wird Ihnen bald folgen?«

»Ja,« antwortete der Courier, »und es wundert mich sehr, Sie und Ihre Leute in Lagermützen zu sehen.

»Wir wissen die Zeit der Ankunft nicht genau.« erwiederte der Offizier; überdies macht unsere Anwesenheit Aufsehen; die Einwohner nehmen eine sehr drohende Haltung an und suchen meine Leute zu verführen.«

»Still!« sagte Valory, »man belauscht uns. Gehen Sie wieder zu Ihren Leuten und suchen Sie Ruhe und Ordnung zu erhalten.«

Valory und d’Andouin trennten sich.

Bald darauf erschienen die beiden Reisewagen und hielten vor dem Posthause an. Die Neugierigen strömten herbei. Ein Zuschauer fragte Herrn von Malden, welcher vom Bocke stieg:

»Wer sind die Reisendem welche so viel Dienerschaft bei sich haben?«

»Die Baronin von Korff,« antwortete Malden.

»Schon wieder Auswanderer, welche das Geld aus dem Lande schleppen,« murrte der Zuschauer.

»Nein,« entgegnete Malden, »die Dame ist eine Russin und folglich eine Fremde.«

Unterdessen trat d’Andouin, die Mütze in der Hand haltend, an den Wagen.

»Herr Commandant,« fragte der König, »wie kommt es, daß ich zu Pont-Somme-Vesle Niemanden gefunden habe?«

»Ich selbst wundere mich,« antwortete d’Andouin, »daß Sie ohne Escorte,ankommen.«

Ein Dragoner-Commandant, der mit einem Kammerdiener oder Intendanten in so ehrfurchtsvoller Weise spricht, muß natürlich Erstaunen und Verdacht erregen. Der König gab sich überdies gar keine Mühe sich zu verbergen.

Der Notar Mathieu, ein vierundachtzigjähriger Greis, erzählte mir, er habe mit seinen Eltern und dem Postexpeditor (welcher nicht mit dem Postmeister zu verwechseln ist) auf der Straße gestanden und der Postexpeditor habe den König erkannt, jedoch ohne es merken zu lassen.

Auch Drouet glaubte ihn zu erkennen. Er war vormal Dragoner im Leibregiment der Königin, und Abgeordneter beim Verbrüderungsfest gewesen, er hatte daher Gelegenheit gehabt den König zu sehen.

Als er eben an den Wagen trat, suchte einer der Couriere den Postmeister, um die Pferde zu bezahlen. Drouet empfing das Geld in Assignaten.

Unter den Assignaten befand sich eines, welches mit dem Porträt des Königs gestempelt war. Drouet nahm das Assignat, verglich das Porträt mit dem Original und war überzeugt, daß der angebliche Intendant der Baronin von Korff kein anderer als der König sey. «

In demselben Augenblicke näherte sich ein Municipalbeamter Namens Farey.

VII

Es waren zu St. Ménehould viele noch unbekannte Nachrichten zu sammeln, ich beschloß daher mich längere Zeit aufzuhalten.

Mein Kutscher fragte mich, wo ich einzukehren wünschte. Ich antwortete ohne Zögern: »Im Hotel de Metz, von welchem ich in einem Reisehandbuch eine sehr anziehende Schilderung gelesen hatte.

»St. Ménehould ist ein recht hübsches Städtchen, welches malerisch am Abhange eines grünen Hügels liegt. Die größte Merkwürdigkeit. welche ich daselbst gesehen habe, ist die Küche im Hotel de Metz.

»Es ist dies eine wirkliche Küche: ein sehr großer Raum. Die eine Wand ist ganz mit blankem, kupfernen Geschirr, die andere mit Porzellan bedeckt. In der Mitte ist der Herd mit dem lodernden Feuer und dem gewaltigen Rauchfange. An den geschwärzten Balken hängen allerlei appetitliche Dinge: Würste, Schinken. Speckseiten. Auf dem Herde knarrt der Bratenwender, von einem Dutzend Töpfen und Casserollen in den verschiedensten Formen und Größen umgeben.

»Wenn ich Homer oder Rabelais ware, so würde ich sagen: Diese Küche ist eine Welt, und der Herd ist die Sonne. Es ist wirklich eine kleine Welt, in welcher sich alles bewegt, eine Republik von Menschen und Thieren, von Kellnern, Mägden, Küchenjungen, von brodelnden Töpfen, zischenden Bratpfannen – und die Seele des Ganzen ist die rührige Hausfrau. Mens agitat molem.

»In einer Ecke steht eine große Wanduhr mit Gewichten, welche allen diesen thätigen Leuten die Stunde anzeigt.

»Als ich Abends ankam, wurde meine Aufmerksamkeit vor allem durch einen Käfig, in welchem ein kleiner Vogel schlummerte, gefesselt. Dieser kleine Vogel schien mir das schönste Sinnbild des Vertrauens; trotz dem beständigen Lärm und Getümmel, welches in dieser Küche herrscht, schläft der Vogel ganz ruhig. Die Männer mögen fluchen, die Weiber zanken, die Kinder schreien, die Hunde hellen, die Katzen miauen, die Uhr schlagen, das Vögelein kümmert sich nicht darum.«

Wer hätte dieser anziehenden Schilderung Viktor Hugo’s widerstehen können? – »Ich erkläre,« fährt Hugo fort, »daß man von den Gasthöfen gemeiniglich viel zu schlecht spricht, ich selbst habe zuweilen gar zu hart geurtheilt. Ein Gasthof ist im Ganzen ein Gegenstand, der gar nicht zu verachten; man freut sich, wenn man da ist. Ueberdies habe ich bemerkt, daß in den meisten Gasthöfen eine liebenswürdige, freundliche Wirthin ist. Den Wirth überlasse ich den mit dem Spleen behafteten Reisenden; der Wirth ist ein langweiliger Mensch, die Wirthin hingegen ist artig und zuvorkommend. Die arme Frau ist zuweilen alt, zuweilen kränklich, zuweilen sehr umfangreich, aber trotzdem geht sie ab und zu, ordnet alles an, hat ein Augenmerk auf die geringsten Kleinigkeiten, treibt die Mägde an, schneuzt die Kinder, jagt die Hunde fort, bewillkommt die Reisenden, wirft dem Einen einen freundlichen Blick zu, zankt mit dem Andern. wirft einen Blick in den Bratofen, trägt einen Nachtsack, empfängt einen Fremden, wünscht einem Andern glückliche Reise – kurz sie ist die Seele des großen Leibes, welchen man den Gasthof nennt. Der Wirth versteht nur mit den Fuhrleuten zu trinken.«

Sobald ich ausgestiegen war, trat ich in die Küche. Alles war an seinem Platz, das Kupfergeschirr, das Porzellan, die Wanduhr, die Schinken und Würste, die Töpfe und Casserolle, – alles, ausgenommen der kleine Vogel, der an Altersschwäche gestorben war.

Die Wirthin lächelte, als sie bemerkte, daß ich ihre Küche so sorgfältig musterte.

»Ich sehe wohl,« sagte sie, »daß Sie gelesen haben was Herr Viktor Hugo über uns geschrieben hat. Er hat uns mit wenigen Zeilen viel Gutes gethan. Gott segne ihn!«

Möge dieser Segenswunsch seinen Weg über das Meer finden und den Verbannten wie sein Gruß aus dem Vaterlande erquicken!

Sobald ich meinen Namen nannte, war ich unter alten Bekannten. Ich nannte den Zweck meiner Reise. Man führte mich zum Herrn Mathieu. Ich fand einen rüstigen Greis von vierundachtzig Jahren, der mich sehr herzlich und zuvorkommend empfing, seinen Hut und Stock nahm und sich erbot mein Cicerone zu seyn.

Er kam meinen Wünschen zuvor. Seiner Gefälligkeit verdanke ich die meisten Schriftstücke, welche ich gesammelt und seinem Gedächtniß eine Menge von Erinnerungen, von denen ich schon einige benutzt habe, die übrigen aber seiner Zeit verwenden werde. – Besonders schätzbar waren mir seine Mittheilungen über Dampiere.

Herr Mathieu war achtzehn oder neunzehn Jahre alt als die Ereignisse, welche wir erzählen, stattfanden; er erinnerte sich also der geringsten Einzelheiten. Er war da, als die beiden Reisewagen ankamen und abfuhren. Er war da, als der Dragoner-Unteroffizier einen Pistolenschuß abfeuerte. Er sah Drouet und Guillaume den König verfolgen. Er leistete den Verwundeten Hilfe, als die Bürger, welche auf die Dragoner zu schießen glaubten, auf ihre Mitbürger schossen.

Endlich klärte er einen Punkt auf, welcher bis dahin bei allen Geschichtschreibern für mich dunkel geblieben war. Es heißt nemlich: gegen elf Uhr Abends kam Guillaume nach Varennes, wo ihn Drouet um halb zwölf einholte.«

Wie kam es, daß Drouet, welcher ein weit besseres Pferd ritt, als Guillaume, eine halbe Stunde später als dieser in Varennes eintraf? Dies werden wir sehen, wenn wir den beiden Reisewagen folgen.«

Sie waren im Galopp auf der Straße nach Clermont davongefahren. Der Graf von Damas befand sich, wie schon erwähnt, in Clermont.

Gegen acht Uhr kam ein Courier von Choiseul zu ihm. Dieser Courier war der arme Léonard und sein Cabriolet. Er meldete dem Grafen von Damas, daß er Pont-Somme-Vesle um halb fünf Uhr verlassen und noch keinen Courier gesehen habe.

Leonard erzählte ihm übrigens, in welcher Gefahr sich Goguelat und die vierzig Husaren befanden.

Der Graf von Damas war in nicht geringer Gefahr: die Aufregung war überall gleich, das Erscheinen seiner Soldaten hatte Unzufriedenheit erregt, die Stunde des Zapfenstreichs rückte heran, und er sah wohl ein, daß es schwer seyn würde, die Leute die ganze Nacht unter den Waffen, die Pferde gesattelt zu lassen, denn die Haltung der Einwohner wurde immer drohender.

Inzwischen hörte man in der Ferne das Rasseln der Reisewagen und die Peitschen der Postillone.

Der Graf von Bouillé hatte den Befehl gegeben, eine halbe Stunde nach der Durchfahrt der Reisewagen aufzusitzen und über Varennes nach Montmédy zu marschieren

Der Graf von Damas eilte an den Wagen, theilte dem Könige die Befehle des Grafen von Bouillé mit und fragte ihn, was er zu thun habe.

»Lassen Sie die Wagen durch, ohne Notiz davon zunehmen,« antwortete der König, »und folgen Sie mit Ihren Dragonern.«

Unterdessen entstand unglaublicher Weise ein Wortwechsel zwischen dem Postmeister und der Person, welche die Postillone zu bezahlen hatte. Von St. Ménehould nach Varennes ist eine doppelte Poststation, man will nur für eine einfache Station bezahlen; zehn Minuten vergehen unter diesem Wortwechsel, welcher das Mißfallen der Umstehenden erregt.

Endlich fahren die Wagen ab. Als sie kaum eine halbe Stunde entfernt sind, kommt Drouet in vollem Galopp. Oberhalb Islettes hat er sich von Guillaume getrennt. Guillaume hat einen näheren Weg durch den Wald genommen, er gewinnt dadurch mehr als eine halbe Stunde. Drouet soll auf der Landstraße bleiben und wo möglich früher als der König in Clermont ankommen, und wenn ihm dies nicht gelingt, kann er wenigstens vor dem Könige in Varennes eintreffen. Guillaume wird auf jeden Fall früher nach Varennes kommen als der König.

Drouet kommt nicht früh genug an, um die Weiterreise des Königs zu verhindern, aber er kommt früh genug, um den Grafen von Damas und dessen Dragoner aufzuhalten. Die Dragoner sind zu Pferde; Damas befiehlt ihnen vier Mann hoch und mit gezogenem Säbel abzumarschiren Die Soldaten bleiben unbeweglich und stecken ihre Säbel in die Scheide.

In diesem Augenblicke erscheinen die Municipalbeamten und fordern den Grafen von Damas auf, seine Leute in die Caserne zu schicken, da der Zapfenstreich längst vorüber sey.

Inzwischen hat Drouet ein frisches Pferd bestiegen und reitet im Galopp davon. Der Graf von Damas, der noch nicht alle Hoffnung, seine Leute fortzubringen, aufgegeben hat, ahnt wohl, in welcher Absicht Drouet fort reitet. Er ruft einen Dragoner, auf dessen Treue er zählen kann, und befiehlt ihm, Drouet zu verfolgen und anzuhalten, ja ihn nöthigenfalls niederzuschießen, wenn er sich zur Wehr setze.

Der Dragoner hieß Lagache; er ritt sogleich fort, um Drouet zu verfolgen.

Kein Geschichtschreiber außer Gustav Lewaire nennt den Soldaten, alle behaupten, er sey von St. Ménehould fortgeritten, was gar nicht wahrscheinlich ist. Drouet verließ St. Ménehould mit Guillaume und zwei andern Freunden. Drouet und Guillaume ritten Sattelpferde, die übrigen nur gewöhnliche Ackerpferde. Es ist nicht wahrscheinlich, daß ein einziger, wenn auch wohl bewaffneter Dragoner vier Leute verfolgte. Mathieu erinnert sich nicht, einen andern Dragoner fortreiten gesehen zu haben, als den Unteroffizier, welcher beim Fortreiten einen Pistolenschuß abfeuerte und den der Mann mit dem Dreschflegel vergebens aufzuhalten suchte. Ueberdies leistet d’Andouin keinen Widerstand; Damas hingegen wehrt sich verzweifelt; seine Dragoner weigern sich den Säbel zu ziehen und ihm zu folgen, während der Gemeinderath ihn auffordert, sich mit seinen Leuten in die Caserne zurückzuziehen Er redet sie an, bittet, beschwört sie, sucht sie durch Drohungen zu bewegen, und endlich, als er keine Hoffnung hat, gibt er seinem Pferde die Spornen und sprengt mitten durch die drohende Menge, indem er seinen Soldaten noch einmal zuruft, ihm zu folgen.

Nur drei Dragoner folgten dieser Aufforderung und ritten mit dem Grafen von Damas im Galopp fort.

Drouet hat einen Vorsprung von drei Viertelstunden, aber er wird von einem muthigen, gut berittenen Manne verfolgt.

Eine Stunde von Clermont theilt sich der Weg; eine Straße führt nach Verdun, die andere nach Varennes. Es ist nicht wahrscheinlich, daß der König den Weg über Varennes nehme, weil daselbst keine Post ist. Ueberdies wird Guillaume nach Varennes kommen. Er nimmt also den Weg nach Verdun.

Kaum ist er zweihundert Schritte auf dieser Straße fortgeritten, so begegnet ihm ein von Clermont zurückkommender Postillon.

»Hast Du zwei Reisewagen gesehen, von denen einer mit sechs Pferden bespannt ist?« fragte ihn Drouet.

»Nein,« antwortet der Postillon. «

Der König hat also den Weg über Varennes genommen. Drouet setzt über den Graben und reitet querfeldein, um die Straße nach Varennes zu erreichen.

Diesem Irrthume hatte er höchst wahrscheinlich seine Rettung zu verdanken. Der Dragoner Lagache, welcher weiß, daß der König den Weg über Varennes nimmt, sieht Drouet auf der Straße nach Verdun fortreiten und hält es nicht für angemessen, ihn weiter zu verfolgen.

Unterdessen fuhr der König weiter, ohne zu ahnen, was hinter ihm vorging; er glaubte zu Varennes frische Pferde und die Husaren Choiseul’s zu finden.

VIII

Der König sollte zu Varennes frische Pferde finden. Da sich in dem Städtchen keine Post befand, so hatte Choiseul seine Pferde hingeschickt. Außerdem sollten die übrigen sechzig Hudaren zu Pferde warten und sich bereit halten den König zu escortiren.

Die Pferde waren am 20., die Husaren am 21. angekommen. Auch hier wurde das Gerücht verbreitet, die Husaren sollten eine große Geldsendung escortiren.

Damit den Lesern nichts entgehe und in der folgenden Erzählung unverständlich bleibe, bitten wir sie der Beschreibung des Städtchens einige Aufmerksamkeit zu widmen.

Varennes besteht aus der obern und der untern Stadt. Die obere Stadt nennt man gemeiniglich die »Burg«. Wenn man in das Thor kommt, führt die Hauptstraße auf den nicht sehr großen Marktplatz, welcher vormals ein Friedhof gewesen war. Im Juni 1791 stand auf diesem Platze noch eine Kirche. Die Reisenden wären genöthigt gewesen den Weg um die Kirche zu machen, wenn nicht unter der Kirche ein gewölbter Weg gewesen wäre, welcher einem nicht zu hohen Wagen die Durchfahrt gestatte.

Am Ende dieser Straße befand sich rechts der Gasthof zum »goldenen Arm« und links das Haus des Gemeindeprocurators Sauce, welches jetzt mit 287 bezeichnet ist. Der Gasthof ist jetzt ein steinernes Haus Nr. 343. Weiterhin wird die Straße abschüssig und theilt sich in drei Gassen.

Die Aisne fließt durch die Stadt. Eine schmale Brücke verband die obere Stadt mit der unteren. Sobald man die Brücke überschritten hat, und an dem Gasthofe zum »Grand Monarque« vorübergekommen ist, betritt man den Hauptplatz, auf welchem die Pfarrkirche steht. Eine große breite Straße führt zur Stadt hinaus. Dreihundert Schritte außerhalb der Stadt theilt sich die Straße; die eine führt nach Stenay.

Das verhängnißvolle Ereigniß wird sich in der oberen Stadt zutragen. Der König kommt nur bis zum Hause des Gemeindeprocurators Sauce. Die Verhaftung findet nicht vor dem Gasthofe zum »Grand Monarque-, sondern vor dem Gasthofe zum »goldenen Arm« statt [Thiers, Lamartine und andere Geschichtschreiber erzählen das Ereigniß ganz unrichtig.].

Der Reisewagen des Königs war zu hoch, um unter der Kirche in der oberen Stadt hindurch zu fahren, die beiden Leibgardisten, welche auf dem Bocke saßen, würden sich an dem Gewölbe den Kopf zerschmettert haben. Wie für alle Thatsachen, welche ich erzählen werde, habe ich auch hierfür einen Augenzeugen, Herrn Bellahy.

Die Husaren waren, wie schon erwähnt, am 21. angekommen. Bei der Ankunft der frischen Pferde hatte die Gemeindeverwaltung Verdacht geschöpft, und dieser Verdacht wurde bei der Ankunft der Husaren noch größer. Man wies ihnen das vormalige Franciscanerkloster jenseits der Brücke zum Quartier an. Der Commandant Rodivel, ein junger Offizier von achtzehn Jahren, wurde bei einem Bürger desselben Stadttheiles einquartirt. Die frischen Pferde wurden nicht diesseits sondern jenseits der Stadt auf einem Meierhofe bereit gehalten.

Am 21. Morgens schickte der Graf von Bouillé seinen Sohn und einen andern Offizier nach Varennes mit dem Befehle, die frischen Pferde an einer bezeichneten Stelle diesseits der Stadt aufzustellen. Sie kamen nach Varennes und fanden die Stadt in großer Aufregung, sie wagten daher vor der Ankunft des Couriers keine Bewegung zu machen. Der Courier sollte zwei Stunden vor dem Wagen des Königs eintreffen, sie würden daher Zeit genug haben.

Wir haben erzählt, wie es kam, daß der Courier nicht vorauseilte, sondern neben dem Wagen ritt. In der Nähe von Varennes galoppirte der Courier voraus.

In den ersten Häusern der Stadt waren keine Pferde. Ueberall herrschte tiefe Finsterniß, denn es war halb zwölf Uhr Abends.

Valory war in der Stadt nicht bekannt. Er selbst hat Alles, was sich zutrug, ausführlich erzählt.

Er ruft, aber Niemand antwortet. Er klopft an mehre Hausthüren. Einige geben ihm gar keine Antwort, Andere wissen nicht was er meint.

Was war zu thun? Er mußte warten, um die Befehle des Königs einzuholen. Er hört schon das Rasseln der beiden Reisewagen.

Als die beiden Wagen erschienen, hat die Ermüdung über die Unruhe den Sieg davon getragen: alle Reisenden sind eingeschlafen.

Auf den Befehl Valory’s halten die Wagen. Der König und die Königin schauen hinaus.

»Ist der Vorspann da?« fragte der König.

»Nein, Sire,« antwortete Valory, »und seit mehr als zwei Minuten rufe und suche ich vergebens.«

»Wir wollen aussteigen,« sagte der König, »und Erkundigungen einziehen.«

Der König wollte den Wagen verlassen; die Königin hielt ihn zurück, stieg aus und nahm den Arm Valory’s.

Eine Hausthür that sich auf, und ein Licht warf seine Strahlen auf die Straße. Die Königin und Valory gehen auf das Licht zu, aber als sie sich nähern, wird die Thür wieder geschlossen. Valory eilt voraus und reißt die Thür auf.

Er erblickt einen etwa fünfzigjährigen Mann im Schlafrocke und Pantoffeln.

»Was wollen Sie, mein Herr?« fragte der Mann den Fremden, »und warum reißen Sie meine Hausthür auf?«

»Wir sind in Varennes unbekannt,« antwortete der Leibgardist; »wir reisen nach Stenay. Wollen Sie so gütig seyn, uns den Weg zu zeigen?«

»Und wenn ich Ihnen diesen Dienst erweise,« erwiderte der Unbekannte, »wer bürgt mir für die Folgen?«

»Sie werden doch einer Dame, welche sich in einer gefährlichen Lage befindet, diesen Dienst nicht versagen?«

»Diese Dame,« antwortete der Unbekannte, welcher sich durch seine Sprache und sein Benehmen als einen Mann von Stande zu erkennen gab, »diese Dame ist die Königin.«

Valory wollte läugnen, aber die Königin zog ihn zurück.

»Wir wollen die Zeit nicht mit unnützen Reden verlieren,« sagte sie; »wir wollen nur den König benachrichtigen, daß ich erkannt bin.«

Valory eilt an den Wagen und erzählt dem Könige in kurzen Worten was vorgegangen ist.

»Ersuchen Sie den Mann zu mir zu kommen,« sagte der König.

Der Mann gehorchte und kam an den Wagen, aber nicht ohne große Unruhe zu verrathen.

»Wie heißen Sie?« fragte der König.

»De Préfontaine, Sire,« antwortete der Mann zögernd.

»Wer sind Sie?«

»Ich bin Major und Ritter des Ludwigordens.«

»Ja Ihrer doppelten Eigenschaft als Major und Ritter des Ludwigordens haben Sie mir zweimal den Eid der Treue geleistet,« sagte der König, »es ist daher Ihre Pflicht, mir in meiner Verlegenheit zu helfen.«

Der Major stammelte einige Worte, die Königin stampfte ungeduldig mit dem Fuße.

»Sie werden gehört haben,« fuhr der König fort, »daß eine Geldsendung, welche durch Varennes kommen soll, von Husaren und frischen Pferden erwartet wird.«

»Ja, Sire.«

»Wo sind die Husaren, wo sind die Pferde?«

»In der untern Stadt: die Husaren in der Caserne und die Pferde im Gasthofe zum Grand Monarque.

»Ich danke Ihnen,« sagte der König; »jetzt können Sie wieder hineingehen, Niemand hat Sie gesehen und gehört, es wird Ihnen daher nichts geschehen.«

Der Major benutzte die Erlaubniß und ging ins Haus

Niemand wußte um diese Unterredung, welche gar nicht bekannt geworden wäre, wenn sie Valory nicht ausführlich erzählt hätte.

»Meine Herren,« sagte der König zu Malden und de Moustier, indem er zugleich der Königin die Hand reichte, um ihr wieder in den Wagen zu helfen, »nehmen Sie Ihre Plätze wieder ein, Herr von Valory, setzen Sie sich zu Pferde. Wir fahren zum Grand Monarque.«

Aber in diesem Augenblicke erschien eine phantastische Gestalt vor den Reisenden. Ein mit Staub bedeckter Reiter, dessen Pferd vor Schaum triefte, ritt schräg über die Landstraße, hielt still und rief mit starker und gebietender Stimme:

»Postillone, haltet an im Namen der Nation, Ihr führet den König.«

Die Postillone, welche ihre Pferde bereits wieder in Trab gesetzt hatten, hielten betroffen an.

Die Königin sah, daß der Augenblick entscheidend war.

»Reden Sie doch,« sagte sie zum Könige.

»Wer sind Sie denn, daß Sie sich erkühnen, hier Befehle auszutheilen?«

»Ein unbedeutender Mann, Sire; aber ich rede hier im Namen der Nation und als Vertreter des Gesetzes … Postillone, keinen Schritt weiter! Ihr kennet mich wohl und seyd gewohnt mir zu gehorchen, ich bin Jean Babtiste Drouet Postmeister in St. Ménehould.«

Der Reiter gab seinem Pferd den Sporn und sprengte davon.

Alles dies war in einigen Secunden vorgegangen; die Gardisten hatten nicht Zeit gehabt ihre Hirschfänger zu ziehen, vielleicht hatten sie gar nicht daran gedacht.

»Postillone,« wiederholte die Königin, »zum Grand Monarque!«

Aber die Postillone rührten sich nicht.

»Habt Ihr’s gehört?« rief ihnen Valory zu.

»Ja wohl,» antworteten die Postillone; »aber Sie haben ebenfalls gehört, daß uns Herr Drouet verboten hat, weiter zu fahren.«

»Aber der König befiehlt … «

»Wir thun was Herr Drouet sagt,« war die Antwort; »überdies haben Sie ja gehört, daß er im Namen der Nation gesprochen hat.«

»Kommen Sie,« sagte Malden, »wir wollen die drei Spitzbuben beseitigen und den Wagen selbst führen.«

Die drei jungen Cavaliere zogen ihre Hirschfänger.

»Halt, meine Herren!« sagte die Königin abwehrend, »Postillone, jeder von Euch erhält fünfzig Louisd’or Trinkgeld und eine Pension von fünfhundert Franken, wenn Ihr gehorchet.«

Dieses Versprechen und vielleicht die Furcht vor den Hirschfängern wirkte, die Postillone fuhren im Galopp davon.

Man hat etwa zehn Minuten verloren, welche Drouet benutzte. Er war, wie oben erwähnt, in die Stadt galoppirt. Vor dem Gasthofe »zum goldenen Arm« begegnete ihm ein anderer Reiter, welcher aus einer Seitenstraße kam.

Die beiden Reiter wechselten nur wenige Worte.

»Bist Du es, Drouet?«

»Bist Du es, Guillaume?«

Auf die beiderseitige bejahende Antwort stiegen beide ab, und führten ihre Pferde in den Hof und eilten in die Küche des Wirthshauses.

»Geschwind,« rief Drouet, rufet die Leute. Der König und die königliche Familie sind auf der Flucht; sie werden sogleich in zwei Wagen erscheinen, sie müssen angehalten werden … Komm, Guillaume!«

Bei allen derartigen Unternehmungen ist immer ein Mann da, welcher den Befehl übernimmt; man gehorcht ihm willig, ohne zu wissen warum. Drouet befahl und Guillaume gehorchte.

Beide verließen eilends den Gasthof. Drouet war sogleich darauf bedacht, die Brücke zu besetzen, welche die obere Stadt mit der untern verbindet. In der untern Stadt waren die Husaren und außerhalb derselben die frischen Pferde.

Zufällig begegnete ihnen ein mit Hausgeräth beladener Wagen. Sie hielten ihn an, führten ihn auf die Brücke und warfen ihn auf derselben mit Hilfe des Citoyen Regnier um.

Der Weg war nun versperrt.

In demselben Augenblicke hörten sie den Ruf: Feuer! Man eilte zu dem Krämer Sauce, welcher Gemeindeprocurator war, holte ihn aus dem Bette und erzählte ihm was vorging.

Sauce weckte seine Kinder und schickte sie im Hemde mit bloßen Füßen auf die Straße, um Feuer zu rufen.

Dieses Geschrei hörten Drouet, Guillaume und Regnier, welche mit dem Verrammeln der Brücke beschäftigt waren.

Die beiden Reisewagen kamen nun in die obere Stadt. Die Postillone fuhren um die Kirche, weil der große Reisewagen zu hoch war, um unter der niedrigen Wölbung hindurchzufahren.

Der kleine Wagen fuhr voraus. Als er die Ecke des Platzes erreichte, stürzten zwei Männer aus einer Seitenstraße und fielen den Pferden in die Zügel.

Diese beiden Männer waren die Brüder Leblanc.

In diesem ersten Wagen saßen nur die Hofdamen Brenier und Neuville.

Der Gemeindeprocurator Sauce, welcher sich schnell angekleidet hatte, trat an den Wagen und verlangte die Pässe.

»Wir haben sie nicht,« antwortete eine der beiden Hofdamen, »sondern die Personen in dem andern Wagen.«

Sauce eilte an den großen Reisewagen. – Es hatten sich schon ziemlich viele Leute um ihn versammelt. Außer Drouet, Guillaume und Regnier, welche die Brücke verrammelten und bereit waren, auf den ersten Ruf herbeizueilen, waren vier bewaffnete Nationalgardisten und zwei mit Jagdgewehren bewaffnete Reisende da.

Der Gemeindeprocurator trat an den zweiten Wagen, und als ob er nicht gewußt hätte, daß der König mit der königlichen Familie darin saß, fragte er:

»Wer sind sie? Wohin reisen Sie?«

»Ich bin die Baronin von Korff,« antwortete Frau von Tourzel, »und reise nach Frankfurt.«

Die Frau Baronin,« erwiederte Sauce, »wird bemerken, daß sie von dem geraden Wege abgewichen ist. Doch das thut nichts zur Sache; Sie haben ohne Zweifel einen Paß?«

Die angebliche Baronin von Korff nahm ihren Paß aus der Tasche und überreichte ihn dem Gemeindeprocurator.

Der Leser weiß wie der Paß lautete. Der Gemeindeprocurator hätte sich gewiß täuschen lassen, wenn man ihn nicht gewarnt hätte. Aber während dieses kurzen Verhörs, welches kaum eine Minute dauerte, hielt er den Reisenden seine Laterne vor’s Gesicht und erkannte den König.

Der König wollte überdies eine Art Widerstand leisten.

»Wer sind Sie?« fragte er den Gemeindebeamten; »in welcher Eigenschaft erscheinen Sie hier? Sind Sie Nationalgardist?«

»Ich bin Gemeindeprocurator,« antwortete Sauce, welchem in demselben Augenblicke der Paß überreicht wurde.

Er warf einen Blick auf das Papier; dann antwortete er der angeblichen Baronin von Korff:

»Madame, es ist jetzt zu spät, um einen Paß zu visiren. Ueberdies ist es meine Pflicht, Sie nicht weiter reisen zu lassen.«

»Warum denn?« fragte die Königin unwillig und gebieterisch.

»Weil wegen gewisser Gerüchte, die jetzt im Umlauf sind, große Vorsicht nöthig ist.«

»Was für Gerüchte?«

.»Man spricht von der Flucht des Königs und der königlichen Familie.«

Die Reisenden schwiegen, die Königin lehnte sich zurück.

In diesem Augenblick entstand ein lebhafter Wortwechsel.

Der Paß war in den Gasthof »zum goldenen Arm« getragen worden, und man untersuchte ihn. Ein Municipalbeamter sagte, der Paß sey in der Ordnung: er sey vom Könige und von dem Minister des Auswärtigen unterzeichnet.

»Ja,« sagte Drouet, welcher dazu kam, nachdem er die Brücke verrammelt hatte; »aber er ist nicht von dem Präsidenten der Nationalversammlung unterzeichnet.«

So sollte die große, seit siebenhundert Jahren erörterte Frage: »Gibt es in Frankreich eine über dem Könige stehende Gewalt?« in der Gasthofküche eines Landstädtchen entschieden werden.

»Madame,« sagte er zur Königin und nicht zu Frau von Tourzel, »und wenn Sie wirklich die Baronin von Korff und folglich eine Ausländerin sind, wie kommt es denn, daß Sie sich von einem Detachement Dragoner nach St. Ménehould, von einem andern Detachement nach Clermont, und von einem Husarenpiket nach Varennes escortiren lassen? Steigen Sie gefälligst aus und folgen Sie mir ins Rathhaus.«

Die erlauchten Reisenden waren einen Augenblick unschlüssig. Nach der Aussage des Kammerdieners Weber faßte Drouet den König beim Arm, um ihn zum Aussteigen zu nöthigen.

In demselben Augenblicke begann man Sturm zu läuten. – Der Gemeindeprocurator war in großer Verlegenheit; er war keineswegs der falsche, arglistige, gehässige Jacobiner, wie ihn Lacretelle darstellt; er war ein Spießbürger, von beschränkten Begriffen und ohne Entschlossenheit. Um den Mann richtig zu beurtheilen, muß man sich die Mühe nehmen, die unter seinen Augen und wahrscheinlich unter seinem Einfluß verfaßten Protokolle vom 23. und 27. Juni zu lesen. Er wußte nicht was er thun sollte: ließ er den König aufs Rathhaus führen, so machte er sich eines Vergebens gegen das Königthum schuldig; ließ er den Wagen des Königs durch, so hatte er den Patrioten Rede zu stehen.

Er wählte einen Mittelweg. Mitten unter dem Lärm und Getümmel trat er ehrerbietig und mit entblößtem Haupte an den Wagen.

»Der Gemeinderath,« sagte er, »versammelt sich zu einer Berathung, um zu bestimmen, ob Sie weiter reisen können. Aber es hat sich das Gerücht verbreitet, daß wir die Ehre hätten, den König und seine erlauchte Familie in unsern Mauern zu besitzen. Ich weiß nicht, wer Sie sind; aber ich bitte ergebenst, sich in mein Haus zu begeben und daselbst das Resultat der Berathungen zu erwarten. Bei mir sind Sie in Sicherheit … Sie hören die Sturmglocke: es werden nicht nur die Einwohner der Stadt, sondern auch die Landleute herbeieilen, und vielleicht würde Se. Majestät – wenn ich wirklich die Ehre habe, den König vor mir zu sehen – große Unannehmlichkeiten zu ertragen haben, die wir tief bedauern würden, aber nicht abwenden könnten.«

An Widerstand war nicht zu denken. Die nur mit den kurzen Hirschfängern bewaffneten Leibgardisten waren in der Gewalt von etwa dreißig Personen, die mit Schießgewehren bewaffnet waren. Die Sturmglocken heulten immer fort.

Der König nahm den Antrag des Gemeindeprocurators an; er stieg aus und begab sich mit seiner Gemahlin, seiner Schwester, Madame Tourzel und den beiden Kindern in den etwa zwanzig Schritte entfernten Laden Sauce’s. Dieser benahm sich sehr höflich und zuvorkommend; aber er vermied den Titel »Majestät,« und der König behauptete nicht länger, daß er der Kammerdiener Durand sey. Die Königin vermochte sich in die von ihrem Gemahl geduldig ertragene Demüthigung nicht zu fügen.

»Ist er euer König,« sagte sie, »und bin ich eure Königin, so behandelt uns doch mit dem gebührenden Respect!«

Der König fühlte sich selbst beschämt, und versuchte mit einer gewissen Würde zu sagen:

»Ja, ich bin der König; dies ist die Königin, und hier sind meine Kinder.«

Aber Ludwig XVI., dessen Persönlichkeit an sich schon sehr wenig imponirte, vermochte in seiner Verkleidung die verlorene Würde nicht wieder zu erlangen. Aber er bekam einen glücklichen Gedanken, der ihn fast gerettet hätte.

»Ja der Hauptstadt,« fuhr er fort, »war ich von Dolchen und Bajonetten umgeben; ich will nun in der Provinz bei meinen treuen Unterthanen die Freiheit und die Ruhe suchen, deren Ihr Euch Alle erfreuet. Ich konnte mit meiner Familie nicht länger in Paris bleiben, wir Alle hätten dort den Tod gefunden.«

Er breitete die Arme aus und drückte den Gemeindeprocurator an seine Brust.

Die Anwesenden konnten sich der Thränen nicht erwehren; selbst der amtliche Bericht drückt dieses allgemeine Gefühl durch pomphafte, aber keinen Zweifel zulassende Worte aus.

»Diese rührende Scene,« heißt es darin, »erregte Gefühle, welche die Unterthanen des Königs zum ersten Male kennen lernten und welche sie nur durch Thränen auszudrücken wußten.«

Es ist höchst wahrscheinlich, daß sich die Sache so und nicht wie Lacretelle erzählt, zutrug. Wir wollen die betreffende Stelle aus seiner Geschichte anführen und die Glaubwürdigkeit derselben in Betracht nehmen. Wir wollen nicht die Sprache, den Styl beurtheilen, mit solchen Kindereien wollen wir den ehrenwerthen Akademiker nicht behelligen; nein, den Gedanken, die Tendenz, die Absicht wollen wir ans Licht ziehen.

»Drouet hat seine Genossen eingeholt; sie machen noch keinen Lärm, sie rufen nur einige Stadtleute, welche ihnen durch die scheußlichen Bande des Jacobinismus befreundet sind; sie eilen zur Brücke und versperren dieselbe mit Hilfe mehrerer Fuhrwerke. Man hatte inzwischen die Postillone beredet, weiter zu fahren; aber an der Brücke angekommen, [Wir haben schon gesehen, daß der Reisewagen des Königs nicht bei der Brücke, sondern an der Ecke des Marktplatzes und der zur Brücke führenden Straße angehalten wurde.] welch ein Anblick bietet sich ihnen dar! Der Weg ist völlig versperrt. Die Leibgardisten springen vom Bock, um die Brücke frei zu machen. Drouet und seine Genossen treten dem Wagen des Königs entgegen und rufen: »Halt! Höret Ihr die Sturmglocke? sie verkündet Euch, daß wir den Verräthern auf der Spur sind. [Wenn Drouet noch kein Lärmzeichen gegeben hatte, wie Larcetelle einige Zeilen früher sagt, wie kam es denn, daß Sturm geläutet wurde?] Das Gewehr des Königsmörders Drouet war auf den Wagen des Königs angelegt. Die Leibgardisten zitterten vor Zorn; sie gaben nicht die Hoffnung auf, diese abscheulichen Menschen niederzuwerfen und zu vernichten. Wäre der König an Gefahren dieser Art gewöhnt gewesen, so hätte er sich nicht entschließen können, seine Gemahlin, seine beiden Kinder, seine Schwester, die ganze Hoffnung Frankreichs in eine solche Lage zu bringen. Er hält die Leibgardisten zurück und verbietet ihnen sich in einen Kampf einzulassen. Valory, de Moustier und Malden senkten, vor Wuth zitternd, ihre Waffen. [Wir wissen wie sie bewaffnet waren.] Drouet dringt auf Vorweisung des Passes. Die Königin zeigt einen Paß vor, welchen sie unter dem Namen einer russischen Dame von Herrn von Montmorin erhalten hatte. Drouet macht neue Schwierigkeiten. Uebrigens, setzt er hinzu, hat der Gemeindeprocurator darüber zu entscheiden. Dieser Beamte war eben gekommen, er ersucht die Reisenden, sich in sein Haus zu begeben, damit er die Pässe prüfen könne. Er spielt den Gutmüthigen, trägt ein höfliches Benehmen zur Schau, bietet der Königin den Arm, um sie zu führen. Man steigt aus, der König trägt das eine seiner Kinder auf dem Arm und führt das andere an der Hand. Sein Herz hatte noch Hoffnung, denn es war kaum zu glauben, daß nicht eine von den an der Straße aufgestellten Truppenabtheilungen herbeieilen würde, um ihm beizustehen. Kaum ist man in das Haus getreten, so wird dasselbe von einem durch Drouet aufgewiegelten Menschenhaufen umgeben und es werden Drohungen gegen die Reisenden laut. Während dieser Zeit gibt sich der treulose Municipalbeamte das Ansehen, als ob er die Ordnung erhalten und die Einwohner beruhigen wollte. Sein falsches Auge drückt Ehrerbietung und Treue gegen den König aus; er setzt ihm Wein vor und trinkt mit ihm; er hört, ohne zu schaudern, die Worte, welche Ludwig in der Meinung, er werde noch nicht erkannt, mit dem ihm eigenen Wohlwollen spricht; er sieht, ohne in seinem grausamen Entschlusse zu wanken, zwei Fürstinnen von seltener Schönheit und zwei Kinder, die mit der Anmuth ihres zarten Alters schon das Interesse vereinigen, welches man für das Unglück fühlt. Welches Schicksal sieht ihnen bevor? Der Barbar läßt sich durch diesen Gedanken nicht abschrecken; vielleicht glaubt er eine Pflicht gegen sein Vaterland zu erfüllen. So gefährlich sind für gemeine Gemüther die neuen Pflichten, welche die ganze Ordnung der ersten und heiligsten Pflichten über den Haufen werfen! Ich habe nicht den Muth, alle lügenhaften Antworten zu wiederholen, welche er dem Könige gab und in seinem Protokoll mit abscheulicher Befriedigung erwähnt.«

Der Graf von Bouillé welcher gleichwohl in der Sache mehr betheiligt war als Lacretelle, war weit gerechter als dieser. Er war freilich ein Soldat.

Der Graf von Bouillé erzählt Folgendes:

»Die Bürger widersetzten sich der Weiterreise Ludwigs XVI., ohne es jedoch an Ehrerbietung fehlen zu lassen; die meisten benehmen sich sehr rücksichtsvoll, einige geben sogar eine wirkliche oder scheinbare Theilnahme zu erkennen und versichern, daß sie gezwungen seyen, die Befehle der Nationalversammlung zu erwarten.«

Wir kehren zu unserer Erzählung zurück, und zwar zu dem Moment, wo der König den Gemeindebeamten Sauce in seine Arme schließt und alle Anwesenden in Thränen ausbrechen. Man hört draußen die Hufschläge vieler Pferde. Es sind die vierzig Husaren, welche unter Anführung Goguelat’s und Boudet’s von Pont-Somme-Vesle ankommen.

Der König ahnt, daß man ihm zu Hilfe kommt. Sauce sieht die Gefahr seiner Lage. Er führt seine erlauchten Gäste in das obere Stockwerk und öffnet ihnen ein Zimmer, dessen Fenster in den Hof gehen.

In diesem Augenblick entsteht ein großer Tumult. Einige Stimmen rufen: »Der König! der König!« Andere Stimmen antworten: »Wenn Ihr den König wollt, so werdet Ihr ihn nicht lebend bekommen.« Der Tumult legt sich eine kleine Weile, wie es zu geschehen pflegt, wenn man parlamentirt.

Sauce begibt sich hinunter und kommt sogleich zurück in Begleitung eines Mannes, der sich einen Adjutanten des Grafen von Bouillé nennt und den König zu sprechen verlangt.

Dieser Mann ist Goguelat.

Der König ist freudig überrascht.

Goguelat ist der erste Bekannte, den er seit seiner Abreise sieht; er ist offenbar der Vorläufer der erwarteten Hilfe.

Hinter dem Adjutanten erkennt er den Herzog von Choiseul.

Man hört wieder Fußtritte auf der Treppe. Der Graf von Damas erscheint.

Die drei Offiziere sahen sich erstaunt um. Sie befinden sich in einem kleinen Zimmer. In der Mitte des Zimmers steht ein Tisch, und auf demselben bemerken sie ein Stück Brot und einige Gläser. Der König und die Königin stehen am Fenster, Madame Elisabeth und Madame Royale nahe an der Thür; der Dauphin liegt auf einem Bett und schläft. Vor dem Bett sitzt Frau von Tourzel und hält die Hände auf das Gesicht; neben ihr stehen die beiden Hofdamen Neuville und Brenier.

An der Thür stehen zwei Schildwachen, oder vielmehr zwei mit Heugabeln bewaffnete Männer.

»Nun, meine Herren,« rief der König den Eintretenden zu, »wann reisen wir weiter?«

»Wann es Euer Majestät gefällig ist,« antwortete Choiseul. »Ertheilen Sie Ihre Befehle, Sire; ich habe vierzig Husaren bei mir. Aber verlieren Sie keine Zeit, wir müssen handeln, ehe meine Husaren verführt werden.«

»Gut,« sagte der König, »gehen Sie hinunter und machen Sie Platz. Aber brauchen Sie keine Gewalt.«

Die jungen Offiziere gehen hinunter.

Als Goguelat die Schwelle betrat. forderte die Nationalgarde die Husaren zum Absitzen auf.

»Husaren!« ruft Goguelat, »bleibt zu Pferde!«

»Warum denn?« fragt ein Offizier der Nationalgarde Namens Leroy.

»Um den König zu beschützen,« antwortete Goguelat.

»Wir wollen ihn schon beschützen,« antwortet der Offizier.

Goguelat geht mit Choiseul wieder hinauf. Beide wenden sich an die Königin.

»Madame, an eine Weiterreise in den Wagen ist nicht mehr zu denken; aber es gibt noch ein Mittel weiter zukommen.«

»Was meinen Sie? reden Sie.«

»Wollen Sie zu Pferde steigen und mit dem Könige abreisen? Der König wird den Dauphin halten. Die Brücke ist zwar abgesperrt, aber am Ende der Rue St. Jean ist der Fluß seicht, mit unsern vierzig Husaren können wir fortkommen. Aber wir müssen uns schnell entschließen, unsere Husaren fangen an mit dem Volk zu trinken; in einer Viertelstunde werden sie Brüderschaft mit ihnen machen.«

Die Königin bebt zurück. Dieses eherne Herz wird im entscheidenden Augenblicke weich; die zarte Weiblichkeit gewinnt wieder die Oberhand.

»Wenden Sie sich an den König,« sagte sie; »der König hat sich zu diesem Schritte entschlossen; er hat zu befehlen, meine Pflicht ist ihm zu folgen.«

Dann setzte sie kleinlaut hinzu: »Der Graf von Bouillé kann ja auch nicht lange ausbleiben.«

Die drei Offiziere waren bereit Alles zu wagen. Choiseul und Goguelat machten dringende Vorstellungen Damas war unten mit seinen drei Dragonern. Wenn der König einwilligte, so war noch Rettung möglich.

»Meine Herren,« sagte der König, »können Sie mir verbürgen, daß in diesem Getümmel nicht etwa eine Kugel die Königin oder meine Schwester oder meine Kinder treffe?«

Die Vertheidiger des Königs schwiegen seufzend.

»Ueberdies,« setzte der König hinzu, »müssen wir die Lage der Dinge unbefangen beurtheilen. Die Gemeindebehörde widersetzt sich ja keineswegs unserer Weiterreise; das Schlimmste ist, daß wir hier bis Tagesanbruch warten müssen. Bis dahin wird der Graf von Bouillé von unserer Lage in Kenntniß gesetzt seyn, er ist in Stenay, die acht Lieues kann ein Eilbote in zwei Stunden zurücklegen, in vier Stunden kann Bouillé hier seyn, und dann werden wir ohne Gefahr und ohne Gewalt zu brauchen die Reise fortsetzen.«

Kaum hatte er diese Worte beendet, so erschien der Gemeinderath. Der Beschluß war kurz und bündig: »Das Volk will die Weiterreise des Königs durchaus nicht zugeben. Man hat beschlossen, einen Eilboten an die Nationalversammlung zu senden, um die Absichten derselben zu erfahren.«

Ein Bürger von Varennes, der Wundarzt Mangin, war bereits auf dem Wege nach Paris.

Goguelat sieht, daß kein Augenblick zu verlieren ist. Er eilt die Treppe hinunter, stürzt aus dem Hause und besteigt sein Pferd.

»Husaren!« ruft er, »seyd Ihr für den König oder für die Nation?«

Die Husaren waren Deutsche und verstanden die französische Anrede nicht recht. Einige antworteten: »für die Nation!« andere: »für den König!«

Drouet, der ein Gewehr in der Hand trägt, tritt auf Goguelat zu.

»Sie wollen den König haben,« sagt er, »aber ich schwöre Ihnen, daß Sie ihn nicht lebend bekommen werden.«

»Wenn Sie einen Schritt thun,« sagt Roland, eine Pistole aus den Holftern ziehend, »so schieße ich Sie nieder!«

Goguelat reitet auf ihn zu. Roland schießt; das Feuer seiner Pistole blendet das Pferd des jungen Offiziers; es bäumt sich und stürzt auf seinen Reiter.

Dieser Unfall hat einige Geschichtschreiber zu der Vermuthung geführt, Goguelat sey durch die Kugel zu Boden gestreckt worden.

Roland selbst war so fest davon überzeugt und so heftig darüber erschrocken, daß er wahnsinnig wurde und an den Folgen dieses auf einen Andern abgefeuerten Pistolenschusses starb.

Die Husaren, welche ihren Anführer fallen sahen, wollten vorrücken, aber Drouet befahl den Kanonieren, sich bereit zu halten.

Die Husaren sahen in der Dunkelheit die brennenden Lunten neben zwei kleinen Kanonen, welche unten in der Rue St. Jean aufgepflanzt waren; sie glaubten zwischen zwei Feuern zu seyn, und riefen: »Es lebe die Nation!«

Die seit zehn Jahren nicht gebrauchten Kanonen waren ganz verrostet, aber sie thaten doch ihre Wirkung. Die Nationalgardisten fallen über Choiseul und Damas her und entwaffnen sie.

Goguelat, den man schwerer verwundet glaubte, als er war, wurde in Ruhe gelassen. Er benutzte diese Freiheit, um sich wieder zum Könige zu begeben.

Er trat blutend in das Zimmer. Er hatte sich den Kopf aus dem Steinpflaster zerschlagen, aber er fühlte seine Wunde nicht.

IX

Das Zimmer hatte inzwischen ein anderes Aussehen bekommen; es bot einen herzzerreißenden Anblick. Marie Antoinette, welche in der That die Kraft und das Leben der Familie war, schien ganz vernichtet. Sie hatte das Schreien und Schießen gehört, sie sah Goguelat von Blut triefend erscheinen, das weibliche Gefühl bekam die Oberhand.

Der König bestürmte den Herrn vom Hause mit Bitten, als ob dieser Mann, wenn er auch gewollt hätte, im Stande gewesen wäre, an seiner Lage etwas zu ändern.

Die Königin, welche auf einer Bank saß, sprach mit der Hausfrau.

»O Madame,« sagte sie zu der Bürgersfrau, »haben Sie denn keine Kinder, keinen Gatten, keine Familie!«

Aber die Frau antwortete mit ihrer rohen, spießbürgerlichen Selbstsucht:

»Ich möchte Ihnen gern dienen: aber so wie Sie an den König denken, denke ich vor Allem an meinen Mann.«

Die Königin wandte sich entrüstet ab. Thränen des Zornes rannen über ihre Wangen, sie hatte sich noch nie so tief herabgelassen.

Der Tag brach an. Die Straße war mit Menschen gefüllt, alle Einwohner waren an den Fenstern und riefen: »Nach Paris! nach Paris!«

Man suchte den König zu bereden, sich am Fenster zu zeigen, um die Menge zu beruhigen. Ludwig XVI. war in tiefen Gedanken. Das Schreien und Toben ward immer lauter, fünfhundert Personen hatten ihn kaum gesehen, die Uebrigen wollten durchaus den König sehen.

Die Volksmenge ward sehr enttäuscht, als sie einen blassen, beleibten, schläfrig aussehenden Mann in sehr einfacher, fast ärmlicher Kleidung erscheinen sahen.

Anfangs glaubten die Leute, man wolle sie täuschen, und erst als sie versichert waren, daß es wirklich der König sey, hörte man ein Gemurmel des Bedauerns, welches sich bei Vielen in Thränen auflöste. Endlich ertönte der Ruf: »Vive le roi!«

Wenn Ludwig XVI. diesen Augenblick benutzt und die Volksmenge zu Hilfe gerufen hätte, so würde sie ihn vielleicht über die verrammelte Brücke geführt und dem Schutze der Husaren übergeben haben. In dem ersten Protokolle, welches zu Varennes aufgenommen wurde, ist dieser Eindruck sehr bemerkbar.

Aber er wußte diese mitleidige Stimmung nicht zu benutzen.

Die Theilnahme, welche die königliche Familie einflößte, zeigte sich durch ein Beispiel. Sauce hatte eine alte, achtzigjährige Mutter, welche unter Ludwig XIV. geboren und eine eifrige Royalistin war.

Sie trat in das Zimmer; als sie den König und die Königin so betrübt und die beiden Kinder auf dem Bette schlafen sah, sank sie auf die Knie, und nachdem sie eine kleine Weile inbrünstig gebetet hatte, wandte sie sich zur Königin und sagte: »Madame, wollten Sie mir erlauben, diesen beiden unschuldigen Kindlein die Hände zu küssen?«

Die Königin nickte.

Die gute Alte küßte ihnen die Hände, segnete sie und entfernte sich laut schluchzend.

Die Königin war die Einzige, welche nicht einschlief. Der König konnte, wie groß auch seine Gemüthsbewegung war, weder Schlaf, noch Speise und Trank entbehren.

Gegen halb sieben Uhr wurde Deslons gemeldet. Dieser war mit hundert Mann von Dun angekommen. Er hatte die Hauptstraße der untern Stadt verrammelt gefunden und nach einigen Schwierigkeiten die Erlaubniß erhalten, sich zum Könige zu begeben.

Er erzählte, daß er die Sturmglocke gehört habe, und sogleich herbeigeeilt sey; der Graf von Bouillé; welcher durch seinen Sohn benachrichtigt sey, werde ohne Zweifel bald eintreffen.

Der König hörte nicht, was er sagte, er schien seine Worte gar nicht zu beachten. Der Offizier wiederholte seinen Bericht dreimal und das dritte Mal mit ziemlich ungeduldigem Tone.

»Sire,« sagte er, »hören Sie nicht?«

»Was wollen Sie von mir?« fragte der König, wie aus einem Traume erwachend.

»Ich erwarte Ihre Befehle, Sire.«

»Ich habe keine Befehle mehr zu geben,« erwiederte der König, »ich bin ein Gefangener. Der Graf von Bouillé möge thun, was er kann.«

Deslons, welcher keine andere Antwort erlangen konnte, entfernte sich. «

Der König war wirklich ein Gefangener. Die in allen benachbarten Dörfern heulende Sturmglocke hatte vier- bis fünftausend Menschen herbeigezogen, welche die Straßen von Varennes füllten.

Gegen sieben Uhr Morgens kamen zwei Reiter auf ermatteten, von Schweiß triefenden Pferden von Clermont her, und machten sich Bahn durch die Volksmenge. Das von Neuem beginnende Schreien und Toben zeigte dem Könige einen neuen Vorfall an.

Die Thür that sich auf und ein Offizier der Nationalgarde erschien. Es war derselbe, welcher zu Châlons einen Augenblick geruht und einen Boten nach St. Ménehould geschickt hatte. Er war todmüde, in großer Aufregung, ohne Halstuch, ohne Puder.

»Ach, Sire,« sagte er fast athemlos. »Unsere Frauen, unsere Kinder! Sire, Paris ist in Aufruhr, Sie dürfen nicht weiter reisen … Das Interesse des Staates … «

Er konnte nicht weiter reden, er sank fast bewußtlos auf einen Stuhl.

Die Königin trat auf ihn zu, faßte seine Hand und zeigte ihm ihre beiden Kinder, welche schlafend auf dem Bette lagen.

»Ich bin ja auch Mutter,« sagte sie.

»Was gibt’s denn?« fragte der König, »und was haben Sie mir zu melden?«

»Ich habe ein Decret der Nationalversammlung.«

»Wo ist es?«

»Mein Camerad bringt es.«

Der Offizier gab einen Wink. Einer der Leibgardisten öffnete die Thür und man sah Romeuf im Nebenzimmer weinend am Fenster stehen.

Er näherte sich mit gesenkten Blicken.

Romeuf hatte, wie früher erzählt, den General Lafayette bei dem Besuche begleitet, welchen er dem Könige eine Viertelstunde vor dessen Abreise machte.

»Was! Sie sind es?« sagte Marie Antoinette. »O! das hätte ich nie geglaubt!«

Romeuf hat das Decret der Nationalversammlung in der Hand. Der König entriß es ihm, warf einen flüchtigen Blick auf die Schrift und sagte:

»Es gibt keinen König von Frankreich mehr!«

Die Königin nahm das Decret, las es flüchtig durch und gab es dem Könige zurück.

Ludwig XVI. las es noch einmal und legte es auf das Bett, wo der Dauphin und Madame Royale schliefen.

»O! Nein! Nein!« sagte die Königin höchst aufgebracht, »nein, ich will nicht, daß dieses schändliche Papier meine Kinder berühre und besudle!«

»Madame,« sagte Romeuf. »Sie machten mir so eben zum Vorwurf, daß ich diese Sendung übernommen. Ist es nicht besser, daß ich hier bin, als wenn ein Anderer Zeuge Ihrer heftigen Reden wäre?«

Der Unwille der Anwesenden über diese That der Königin gab sich sehr deutlich kund.

»Ich beeilte mich,« sagt Choiseul in seiner Erzählung, »das Decret aufzunehmen, und legte es auf den Tisch.«

»Wenigstens,« sagte die Königin zu Romeuf, »empfehle ich Ihnen diese drei Offiziere, wenn wir fort seyn werden.«

Die Königin sah wohl, daß die Weiterreise nicht aufgeschoben werden konnte. Es war sieben Uhr Morgens, der Graf von Bouillé kam nicht, die Bauern aus der Umgegend von Varennes strömten immerfort in die Stadt; die meisten Landleute waren mit Flinten, Heugabeln und Sensen bewaffnet und jeder Neuankommende schrie lauter als die Andern: »Nach Paris! nach Paris!«

Der Wagen war bespannt.

Der König erwartete mit Sehnsucht die Ankunft Bouillé’s. Endlich mußte er sich entschließen.

Er stand auf, die Königin ebenfalls. Eine der Hofdamen fiel in Ohnmacht, oder vielleicht stellte sie sich so, um Zeit zu gewinnen.

»Man mag mich zerreißen,« sagte die Königin, »aber ich reise nicht ab, ohne Die, welche das Unglück zu meinen Freunden gemacht hat. «

»Gut, bleiben Sie, wenn Sie wollen, sagte ein Mann aus dem Volke ; »aber ich trage den Dauphin fort.«

Er nahm den kleinen Prinzen auf den Arm und ging auf die Thür zu.

Die Königin entriß ihm den Dauphin und ging vor Zorn bebend die Treppe hinunter. Die ganze Familie war erschöpft.

Auf der Straße bemerkte Madame Elisabeth mit Schrecken, daß das schöne blonde Haar der Königin zur Hälfte weiß geworden war. Die andere Hälfte sollte in der Conciergerie in einer nicht minder schrecklichen Nacht ergrauen.

Man stieg in den Reisewagen. Die drei Leibgardisten setzten sich wieder auf den Bock.

Goguelat hatte ein Mittel gefunden, durch ein hinter Sauce’s Hause befindliches Seitengäßchen zu entkommen.

Choiseul und Damas wurden mit Romeuf in das Stadtgefängniß geführt. Dieser ließ sich mit den beiden jungen Offizieren einsperren, um sie besser zu beschützen.

Endlich fuhr der Wagen ab, escortirt von der Nationalgarde, von den Husaren Choiseul’s und von mehr als viertausend Einwohnern von Varennes und der Umgegend.

Der Reisewagen des Königs kam nicht weiter als vor das Haus des Krämers Sauce; dies ist die historische Grenze der verhängnißvollen Reise.

Was machte denn der Graf von Bouillé während dieser Zeit? Dies ersehen wir aus seinem Bericht, welcher sich durch die Erzählung Valory’s, Goguelat’s und Choiseul’s ergänzt. Er befand sich in Dun, wo er die Nacht in der quälendsten Unruhe zugebracht hatte. Weiter kam er nicht. Als er um drei Uhr keine Nachricht erhalten hatte, begab er sich wieder nach Stenay. Dort war er im Mittelpunkt seiner Streitkräfte und konnte mit mehr Nachdruck handeln, da er über mehr Truppen zu verfügen hatte.

Zwischen vier und fünf Uhr traf Rodivel und bald darauf sein Sohn ein. Er erfuhr nun Alles. Aber der Graf von Bouillé konnte sich auf seine Leute nicht fest verlassen, und überdies war er von den Einwohnern patriotischer Städte bedroht: Metz, Verdun und Stenay hatten eine drohende Haltung angenommen. Aus dieser Ursache insbesondere hatte er Dun verlassen. Das Regiment Royal-Allemand war das einzige, auf welches man zählen konnte. Man mußte Alles aufbieten, um die Mannschaft zu begeistern. Jeder Soldat erhielt eine Flasche Wein und einen Louisdor, und dennoch vergingen zwei Stunden, ehe das Regiment marschfertig war.

Endlich, um sieben Uhr marschirte es ab. Die acht Lieues nach Varennes wurden in zwei Stunden zurückgelegt.

Unterwegs begegnete ihnen ein Husar. Man bestürmte ihn mit Fragen.

»Der König ist verhaftet worden,« war die Antwort.

»Das wissen wir schon; weiter!«

»Der König verläßt so eben Varennes.«

»Wohin geht er?«

»Nach Paris.«

Bouillé nimmt sich nicht die Zeit zu antworten; er gibt seinem Pferde die Sporen, das Regiment folgt ihm.

Die Reiterschaar stürmte wie ein Ungewitter von der Höhe gegen Varennes hinab.

Der König war seit einer Stunde fort. Es war keine Zeit zu verlieren. Die Hauptstraße der unteren Stadt war verrammelt, wie die Brücke; man mußte den Weg um die Stadt nehmen und durch den Fluß reiten.

So geschah es. Man ritt durch den Fluß und sprengte im Galopp die Anhöhe hinan. Die Landstraße war nur noch dreihundert Schritte entfernt. Der Mühlencanal, welcher sechs Fuß tief ist, bietet ein unerwartetes Hinderniß Ueberdies ist jenseits desselben eine steile unersteigliche Böschung; man mußte anhalten.

Der junge Louis von Bouillé sagt in der Erzählung dieser Katastrophe: »Wir drangen mit dieser kleinen Schaar in das gegen uns bewaffnete Frankreich ein.«

Man war anfangs gesonnen umzukehren, die Stadt in entgegengesetzter Richtung zu umgehen, wieder durch den Fluß zu reiten, und mittelst Seitengassen die Landstraße zu erreichen, um der Escorte in den Rücken zu fallen. Aber die Dragoner waren erschöpft, die Pferde todmüde; man hätte kämpfen müssen, um durch die Stadt zu kommen, kämpfen, um bis zum Könige zu gelangen. Man meldete, die Besatzung von Verdun sey mit Artillerie auf dem Marsch.

Der Muth sank, das Selbstvertrauen schwand, man sah, daß Alles verloren war. Der junge Bouillé steckte vor Wuth weinend seinen Degen in die Scheide und commandirte zum Rückzuge.

Die Einwohner der obern Stadt sahen ihn mit seinen Leuten noch eine Stunde halten; er konnte sich noch nicht zum Rückzuge entschließen.

Endlich marschirten die Dragoner ab und verschwanden hinter den Weinbergen. Man sah sie nicht wieder.

Der König setzte seinen Leidensweg fort.

X

Wir waren, diese Straße Schritt für Schritt verfolgend, von St. Ménehould um zehn Uhr Morgens abgereist. Eine halbe Stunde nachher waren wir aus dem höchsten Punkte der Hügelkette.

Dort bei der hölzernen Scheune beginnt der Wald von Argonne, und dort ist der Engpaß, welchen Dumouriez ein Jahr später, im Juni 1792, zu vertheidigen hatte. Auf beiden Seiten der Straße sieht man noch die Schanzen der Batterien, welche den Weg mit ihrem Kreuzfeuer bestrichen.

Ehe man nach Clermont kommt, führt der Weg durch ein herrliches Thal, wo sich die Grenze des Maasdepartements befindet. Der Anblick dieses Thales ist überraschend schön. Die Landstraße schlängelt sich zwischen zwei Hügel und anfangs sieht man nur eine enge, bewaldete Schlucht. Dann wendet sich der Weg und das ganze Thal wird sichtbar. Man sieht einen großen Hügelkreis und in der Mitte ein großes Dorf, welches mit seinen platten Dächern ein fast malerisches Aussehen hat. Rechts und links ragen die schlanken Kirchthürme einiger anderer Dörfer zwischen den Bäumen hervor. In den Windungen des Thales breitet sich ein leichter duftiger Nebel aus, und an den Abhängen weiden große Rinderheerden. Ein hübscher Fluß zieht wie ein Silberband durch das Thal.

Das Dorf mit den platten Dächern ist Islettes. Oberhalb dieses Dorfes sollte Guillaume den Seitenweg durch den Wald nehmen. Auf der neuen Straße verliert man indeß die Spur, man muß der alten Straße folgen, was freilich bei dem vernachlässigten Zustande derselben oft mit einiger Gefahr verbunden ist.

Wir kamen in Clermont an. Das Pferd bedurfte einer kurzen Ruhe. Wir kehrten in einem Wirthshause rechts an der Straße, etwa in der Mitte des Dorfes, ein.

Die Wirthin führte uns in ein kleines Zimmer, wo sich ein Collectivbild der ganzen Familie Orleans befindet. Auf der einen Seite dieser Lithographie hängt ein Porträt Poniatowsky’s, auf der andern ein Porträt des Prinzen Eugen.

Da ich alle diese Personen kannte und auch durch den Kunstwerth der Bilder nicht gefesselt wurde, so widmete ich ihnen nur geringe Aufmerksamkeit. Weit interessanter waren mir zwei sehr hübsche ovale Medaillons, welche auf beiden Seiten des Camins hingen. Das eine Medaillon stellte ein Mädchen, das andere einen jungen Mann dar, beide indem eigenthümlichen Costüm von 1793. Die Malerei war etwas flüchtig, aber offenbar von geschickter Hand.

Ich rief die Wirthin und fragte, wen diese beiden Bilder vorstellten.

»Es ist die Demoiselle und ihr Bräutigam,« erwiederte sie.

Ich fragte, wer die Demoiselle und ihr Bräutigam wären.

Die Demoiselle war, wie es scheint, vor sechzig Jahren das hübscheste Mädchen in Clermont, und deshalb nannte man sie bei diesem Ehrentitel, sie hieß Angélique Lefèvre. Der Bräutigam war Commissär der Republik; er reiste oft mit Extrapost durch, er sah die Demoiselle und verliebte sich in sie. Er hieß Sulpice Huguenin.

Eines Tages verschwand Angélique, der Commissär der Republik hatte sie entführt. In Paris heiratheten sie sich und kamen reich und glücklich nach Clermont zurück. Sie ließen oberhalb der Furt ein Schloß bauen. – »Aber,« setzte die Wirthin hinzu, das Glück bleibt nicht immer in Einer Hand. Eines Tages verbreitete sich das Gerücht, sie wären ruinirt und alle ihre Habseligkeiten sollten verkauft werden. Man verkaufte wirklich das Schloß sammt allem Hausgeräthe. Die junge Frau ging wieder zu ihren Eltern und der Mann begab sich nach Paris, um einen Platz zu suchen. Plötzlich sah man die Demoiselle – man pflegte sie auch nach ihrer Verheirathung noch so zu nennen – in Trauerkleidern. Ihr Mann war plötzlich gestorben. Sie trug ihr ganzes Leben Trauerkleider. Endlich im Jahre 1815 starb sie an einem bösartigen Fieber.«

Die Wirthin lud mich ein, mich in den ersten Stock zu bemühen, um mir ein Bild, welches Beide vorstellte, zu zeigen. Ich folgte ihr.

Das Gemälde ist sehr hübsch. Das junge Paar lustwandelt in einem Walde. Die beiden Liebenden sehen einander zärtlich an und werden von lauschenden Nymphen beneidet.

Wenn Sulpice Huguenin nicht seinen Hut mit einer großen dreifarbigen Cocarde zu seinen Füßen hätte, so würde man glauben, es sey Werther und Charlotte. Das Gemälde ist von Mademoiselle Gérard.

Das Gemälde hat keinen großen Kunstwerth, aber es fesselte mich unwillkürlich. Die beiden Gesichter hatten einen so zärtlichen Ausdruck, daß sie den schönsten Commentar zu der von der Wirthin erzählten Geschichte bildeten.

Unweit Clermont nahm unser Pferd, welches der Kutscher etwas zu stark angegriffen hatte, einen steilen Abhang zum Vorwande, um zu stürzen und uns umzuwerfen. Wir standen ohne Schaden zu nehmen wieder auf; aber das Pferd rührte sich nicht Ich glaubte es sey vom Schlage getroffen worden, und hielt einen Aderlaß für nothwendig. Bocage war meiner Meinung; aber unser Kutscher, der an die Launen des Gauls gewöhnt war, wandte ein wirksameres Mittel an: seine Peitsche brachte unsern Bucephalus bald wieder auf die Füße und wir fuhren weiter.

Gegen vier Uhr kamen wir nach Varennes. Ich wußte bereits alles, was man von einer Localität wissen kann, ohne sie gesehen zu haben. Ich war indeß, wie so viele Andere, über den Ort der Verhaftung Ludwigs XVI. im Irrthum. Alle Geschichtschreiber behaupten, die Verhaftung habe im Gasthofe »zum Grand Monarque« stattgefunden. Ich befahl daher unserm Kutscher, uns zum »Grand Monarque« zuführen.

Ich erkannte die Brücke und den Fluß, und kam in der Ueberzeugung, daß die Verhaftung in dem genannten Gasthofe stattgefunden, an. Aber der Anblick des Hauptplatzes, an welchem der Gasthof liegt, weckte in mir einige Zweifel. Ich hatte in dem Buche meines Freundes Hugo, dessen Gewissenhaftigkeit als Erzähler mir bekannt ist, gelesen:

»Heute gehe ich über den verhängnißvollen kleinen Platz von Varennes, welcher die dreieckige Form des Fallbeils der Guillotine hat. Ich rief die Wirthin und ersuchte sie, mir das Haus des Krämers Sauce zu zeigen. – Es geht Ihnen wie allen Andern, erwiederte sie; Sie irren sich in dem Platz. – Ist denn Ludwig XVI. nicht vor dem Gasthofe »zum Grand Monarque« verhaftet worden? – Nein, vor dem Gasthofe »zum goldenen Arm« in der oberen Stadt. – Ludwig XVI. ist also nicht über die Brücke gefahren? – Nein, er ist nicht weiter gekommen als bis in das Haus des Gemeindeprocurators; wenn er über die Brücke hätte fahren können, so wäre er gerettet gewesen , weil er dann von den Husaren beschützt worden wäre.

»Die Frau hatte Recht. Ich erwiederte: Aber alle Geschichtschreiber sagen, Ludwig XVI. sey im Gasthofe »zum Grand Monarques« verhaftet worden. – Das ist ein Irrthum, entgegnete die Wirthin; er wurde daselbst erwartet. Ich habe als Kind oft gehört, man habe acht Tage ein Diner für ihn bereit gehalten. Wenn Sie den wirklichen Ort seiner Verhaftung sehen wollen, so müssen Sie in die obere Stadtgehen.

»Wir gingen über die Brücke und kamen bald auf den kleinen dreieckigen Platz. Ich brauchte indeß einen Führer; ich begab mich zum Bürgermeister und nannte meinen Namen. Zum Glück war der Registrator anwesend und stellte sich zu meiner Verfügung.

»In einer Stadt wie Paris läßt selbst das wichtigste Ereigniß unter der unaufhörlich wogenden Bevölkerung keine Spur zurück; es geht dort mit den Ereignissen wie mit den Meereswogen, sie treiben einander fort. Aber in einer kleinen Provinzstadt, wie Clermont, St. Ménehould oder Varennes, ist es anders. Vor dem 21. Juni 1791 hatte Niemand von Varennes gesprochen; am 22. war der Name Varennes in Frankreich und wenige Tage darauf in ganz Europa bekannt. Varennes war zwölf Stunden in einer fieberhaften Aufregung, und in diesen zwölf Stunden fand in seinen Mauern das wichtigste, folgenschwerste Ereigniß der neuesten Geschichte statt. Seit jenem Tage blickt die Bevölkerung von Varennes zurück, ihre Augen sind beständig auf jenes große Ereigniß gerichtet. Man frage den unbedeutendsten Menschen in Varennes, er weiß die Geschichte jener zwölf Stunden besser als der gelehrteste Geschichtsforscher. Mitten in der tiefen Dunkelheit, in welche die Provinz gehüllt war, verbreitete sich plötzlich ein grelles Licht, wie von einer Feuersbrunst oder von einem Gewitter; alles was während jenen zwölf Stunden beleuchtet wurde, alle Thatsachen, Worte, Ereignisse sind in dem Gedächtniß des Volkes so lebendig geblieben, als ob Alles erst gestern geschehen wäre, und werden künftig noch lebhaft im Gedächtniß bleiben, denn nie wird sich dort ein Ereigniß von solcher Wichtigkeit wieder zutragen. Der wichtigste Tag für Varennes wird immer der 22. Juni 1791 bleiben, der Tag, an welchem der König Ludwig XVI. von Drouet vor dem Gasthofe »zum goldenen Arm« verhaftet wurde.

Unser Registrator versah seinen Dienst als Cicerone vortrefflich; er gab uns über alle Umstände die vollständigste Aufklärung. Es war kein Zweifel mehr möglich. Der Platz bekam sein ursprüngliches Aussehen wieder, die abgebrochene Kirche stand wieder da, der nicht mehr vorhandene gewölbte Weg führte wieder unter derselben hindurch; das inzwischen neu gebaute Haus des Krämers Sauce, welches um ein paar Ellen zurückgerückt ist, nahm seine frühere Stelle wieder ein, und ich verstand, was ich in Thiers’ Geschichte vergebens gesucht hatte.

Die Geschichte der Revolution von Thiers, welche man oft als ein Muster hingestellt hat, scheint eben so ungenau als wässerig geschrieben zu seyn; die Darstellung des Ereignisses vom 22. Juni wenigstens ist durchaus unrichtig; es heißt darin:

»Varennes liegt an einem schmalen, aber tiefen Flusse. [Der Aisnefluß ist so seicht, daß ich ihn, nachdem ich meine Beinkleider aufgeschlagen, durchwaten konnte; die von Louis de Bouillé befehligten Dragoner fanden nicht an dem Flusse, sondern an dein Mühlcanal ein Hindernis.]. Ein Detachement Husaren war daselbst aufgestellt, aber der Offizier, welcher die ihm angekündigte Casse nicht kommen sah, hatte seine Leute in den Quartieren gelassen. Der Wagen kommt endlich an und fährt über die Brücke [Wir haben bereits gesehen, daß der Wagen gar nicht über die Brücke gekommen ist.]. Kaum war er unter einer Bogenwölbung, [Der Wagen fuhr gar nicht unter die Bogenwölbung; er war zu hoch, die auf den Bock sitzenden Leibgardisten würden sich an den Steinen den Kopf zerschmettert haben.] so hält Drouet, von einem Andern begleitet, die Pferde an. – »Ihren Paß!« ruft er den Reisenden zu, und droht ihnen mit einem Gewehre, wenn sie nicht anhalten wollen. Man gehorcht diesem Befehle und zeigt den Paß vor. Drouet nimmt ihn und sagt, der Gemeindeprocurator habe ihn zu prüfen, und die königliche Familie wird zu dem Gemeindebeamten, Namens Sausse, geführt. [Der Gemeindebeamte schrieb sich nicht Sausse. Sondern Sauce; ich habe seine eigene Unterschrift gesehen; er müßte denn, was nicht wahrscheinlich, seinen eigenen Namen falsch geschrieben haben.]

Da sind wir Romanschreiber doch viel gewissenhafter. Victor Hugo ist mir zur Verbesserung der von Lacretelle, Lamartine und Thiers begangenen Fehler behilflich.

Wir begaben uns wieder in die Mairie, und man zeigte mir den sehnlich gewünschten Grundriß des Städtchens.

Der Grundriß war vom Jahre 1812. Dieser war zu meinem Zwecke nicht zu benutzen, ich brauchte einen vor 1791 entworfenen Plan.

Unser Cicerone sann eine kleine Weile nach, dann sagte er:

»Kommen Sie mit mir, ich kann Ihren Wunsch erfüllen.«

Wenn ich einmal eine Idee verfolge, so kümmere ich mich nicht um die Mühe, die ich Andern mache, ich bin nur auf die Erreichung meines Zweckes bedacht.

Der Registrator klopfte an eine Thür.

»Ist Herr von Malberg zu Hause?« fragte er.

»Ja,« war die Antwort; »aber er ist oben und räumt sein Zimmer auf.«

»Sagen Sie ihm, Herr Alexander Dumas wünsche ihn zu sprechen.«

Als mein Name genannt wurde, kam Frau von Malberg aus einem Zimmer und nöthigte mich in den Salon.

Gleich darauf hörte man hastige Fußtritte auf der Treppe und Herr von Malberg erschien.

Warum sollte ich zweifeln, wenn ich Jedermann so freundlich und zuvorkommend sehe? Ich habe um eine Gefälligkeit zu bitten, und man empfängt mich, als ob ich einen wichtigen Dienst erwiesen hätte.

Herr von Malberg hatte einen von seinem Vater im Jahre 1772 entworfenen Plan der Stadt Varennes. Ich bat um die Erlaubniß, den Plan abzuzeichnen. Herr von Malberg war so gütig, mir den Plan zu schenken.

Es fehlten mir noch die beiden vom 23. und 27. Juni datirten Protokolle über die Verhaftung des Königs; ich beschloß daher, diese wichtigen Actenstücke in der Gemeinderegistratur zu copiren. Mein Cicerone erbot sich dazu; wir konnten uns daher wieder in den Gasthof »zum Grand Monarque« begeben.

Hugo sagt: »Ludwig XVI. hat vielleicht im Gasthofe »zum Grand Monarque« angehalten und sein Porträt auf dem Schilde gesehen. Der unglückliche große Monarch war ja in der That nur ein Scheinkönig.«

Der Wirth »zum Grand Monarque« pflegte von jeher bei jedem Regierungswechsel ein neues Porträt auf seinen Schild malen zu lassen. Unter Ludwig XIV., der einundsiebzig Jahre regierte, unter Ludwig XV., der vierundfünfzig, und unter Ludwig XVI., der neunzehn Jahre regierte, ging’s noch an; aber unter der Republik und dem Directorium begann die Verlegenheit. Zuerst mußte Napoleon I. abgebildet, dann 1814 Ludwig XVIII. an seine Stelle gesetzt, 1815 wieder Napoleon, und drei Monate später noch einmal Ludwig XVIII. porträtirt werden. Dann kamen Carl X. und Ludwig Philipp.

Ludwig Philipp war der letzte König, dessen Bild auf dem Schilde des Grand Monarque prangte. Ein im Jahre 1848 durchmarschirendes Regiment, welches seit achtzehn Jahren seinen Sold in Geld mit dem Bilde des Königs erhalten hatte, ließ einen Topf mit Berliner blau bringen und übertünchte das Schild. Seit jener Zeit hat die verständige Wirthin ihr Wirthshausschild blau gelassen. Der Gasthof ist nach wie vor das Hotel »zum Grand Monarque« ohne Monarchen.

Ich weiß nicht, ob die Wirthin von 1791 eine eben so gute Küche hatte, wie Madame Gautier; wenn es der Fall war, so hat Ludwig XVI. viel verloren, daß er die für ihn zubereiteten acht Diners nicht bekommen.

Lieber Victor, Du hast gerade siebzehn Jahre vor mir im Gasthofe »zum Grand Monarque« gewohnt. Deinem Scharfblicke entgeht nichts. Du beachtest sogar die Jahreszahl 1776 an dem Kirchthurme auf dem Hauptplatze von Varennes und machst die Bemerkung, daß der Thurm um zwei Jahre älter sey, als Madame Royale; aber zwei kleine Mädchen, welche damals zu deinen Füßen spielten, hast Du wohl kaum beachtet. Die ältere war fünf, die jüngere zwei Jahre alt.

Geh jetzt wieder nach Varennes: die beiden Mädchen sind herangewachsen und sehr hübsch geworden; sie heißen Rosa und Clémence; während sie hold erröthend die leckeren Speisen auftragen, werden sie Dir sagen, was sie mir sagten:

»Ach, ich bin um Ihretwillen recht ausgezankt worden! «

Die Mama Gautier wird Dir im Vertrauen sagen, daß die beiden Mädchen gar oft eine Kerze stahlen, um die Gedichte Viktor Hugo’s und die Romane Alexander Dumas heimlich zu lesen.

Du kannst leicht denken, daß ich die Mädchen wegen dieses Verbrechens nicht auszankte, sondern küßte – einmal in deinem, und einmal in meinem eigenen Namen.

Es wird mich ungemein freuen, lieber Viktor, wenn Du mir einst schreibst, daß Du mein Beispiel befolgt hast.

Als wir noch beim Diner saßen, schickte der Pfarrer von Varennes zu mir und ließ mich fragen, ob er mir mit seinem Vicar einen Besuch machen dürfe. Ich antwortete ihm, es komme mir zu, ihm meine Aufwartung zu machen.

Fünf Minuten nachher war ich im Pfarrhause. Ich blieb bis nach Mitternacht, so sehr vertieften wir uns in unser Gespräch über Geschichte und Theologie.

Um ein Uhr Nachts setzten wir uns wieder in den Wagen und reisten ab.

Allen Reisenden, welche nach Varennes kommen, habe ich einen dreifachen Rath zu geben: bei Madame Gautier im Gasthofe »zum Grand Monarque« einzukehren, einige Stunden mit dem Pfarrer und seinem Vicar zu plaudern, und im Mondschein durch den Wald von Argonne zu fahren. Wer Paul Bocage zum Reisegefährten hat, wird eine um so genußreichere Reise haben.

XI

Wir können einen andern Irrthum, dessen sich Herr Thiers schuldig gemacht hat, nicht unerwähnt lassen.

»Die Reise war sehr langsam,« sagte er, »weil der Wagen der vorausmarschirenden Nationalgarde folgte, sie dauerte acht Tage.«

Die Reise dauerte drei Tage. »Herr Thiers hätte nur das vom Könige eigenhändig geschriebene Reisetagebuch lesen und abschreiben dürfen. Es heißt darin: »Mittwoch den 22, Abreise von Varennes um fünf oder sechs Uhr Morgens. Zu St. Ménehould gefrühstückt. Um zehn Uhr Abends Ankunft in Châlons soupirt und in der vormaligen Intendantur übernachtet. Donnerstag den 23. wurde die Messe um halb zwölf Uhr unterbrochen, um die Abreise zu beschleunigen. In Châlons gefrühstückt. In Epernay zu Mittag gespeist. Die Commissäre der Nationalversammlung bei Port à Louison gefunden. Um elf Uhr zu Dormans angekommen, daselbst soupirt und drei Stunden in einem Lehnstuhl geschlafen. Freitag den 24. Abreise von Dormans um halb acht Uhr. Diner zu Laferté. Um zehn Uhr in Meaux angekommen, daselbst soupirt und im bischöflichen Palaste übernachtet. Sonnabend den 25. Abreise von Meaux um halb sieben Uhr. Ankunft in Paris um acht Uhr.«

Wenn sich die Geschichte, welche die malerischen Schilderungen verschmäht, nicht einmal um richtige Daten kümmert, wozu nützt sie dann? Eine Chronologie ist sehr wenig, aber eine unrichtige Chronologie ist gar nichts.

Zwischen Varennes und St. Ménehould ereignete sich nichts von Bedeutung. Der erlauchte Gefangene war sehr niedergeschlagen. St. Ménehould war überfüllt; die Nationalgarde eilte von allen Seiten herbei. Die bewaffneten Bürger von Châlons waren größtentheils mit Extrapost in Privatfuhrwerken oder auf Ackerwagen gekommen. Die Anzahl der Fremden war so groß, daß man in St. Ménehould nicht genug Lebensmittel zu haben fürchtete.

Die rasch nacheinander eintreffenden Couriere meldeten die nahe bevorstehende Ankunft der königlichen Familie. Der Bürgermeister ging ihr mit dem Gemeinderathe bis an die Brücke entgegen. Ein Gemeindebeamter benutzte die Gelegenheit, um über die Bestürzung, welche die Flucht in ganz Frankreich verursacht, eine Anrede an den König zu halten.

Der König antwortete ihm nur: »Ich hatte nie die Absicht, mein Königreich zu verlassen.«

Gegen zehn oder elf Uhr kamen die Reisewagen an. Von der Vorstadt bis zum Rathhause hatten sich die bewaffneten Bürger in einer doppelten Reihe aufgestellt; sie traten zurück, als die Wagen weiter fuhren. Der Zudrang war so stark, daß man beinahe eine halbe Stunde brauchte um fünfhundert Schritte zu machen.

Gegen halb zwölf begab sich der König ins Rathhaus. Seine Kleider waren mit Staub bedeckt und sein Gesicht sehr blaß. Die schwarzgekleidete Königin führte den Dauphin an der Hand. Ludwig XVI. und die Kinder hatten Hunger; die Königin hingegen schien weder der Speisen noch des Schlafes zu bedürfen.

Der Gemeinderath hatte ein Frühstück bestellt; aber da die Speisen lange ausblieben, brachte ein Gendarme Kirschen in seinem Hute und reichte sie der kleinen Prinzessin.

Die königliche Familie bedurfte der Ruhe. Der Maire Dupuis von Dammartin bot ihm eine Wohnung an. Der König nahm das Anerbieten an. Der Maire meinte, es wäre vielleicht gut, wenn sich der König mit der Königin und dem Dauphin zeigte. Der König trat zuerst auf den Balcon des Rathhauses; dann erschien die Königin, welche den Dauphin auf dem Arme trug.

Ein Gemeindebeamter zeigte nun dem Volke an, daß der König sehr ermüdet sey und daher den Einwohnern von St. Ménehould die Ehre erweisen wolle, in ihrer Mitte zu übernachten.

Die Wagen waren bereits in den Hof gebracht, als die Nationalgardisten der umliegenden Städte und Dörfer aus den Wirthshäusern auf den Marktplatz eilten und die sofortige Weiterreise des Königs verlangten; denn sie meinten, man lasse ihn in der Nähe der Grenze, um ihn von den Feinden entführen zu lassen.

Der König hörte den Lärm, und als er die Ursache erfuhr, sagte er:

»Gut, wir wollen weiter reisen.«

Die Königin betrachtete die Sache keineswegs mit demselben Gleichmuth. Ein Greis, Namens Chalier, hat mir versichert, er habe selbst gehört, wie die Königin, auf die Nationalgardisten deutend, zu dem Dauphin sagte:

»Sieh, dort die blauen Kröten (ces crapauds bleus) verlangen, daß wir weiter reisen. «

Ohne diese Aeußerung, welche übrigens in dem Charakter der Königin lag, verbürgen zu wollen, nenne ich meinen noch lebenden Gewährsmann.

Die erlauchten Gefangenen gingen durch einen Saal, welcher durch eine Gitterthür mit der Rathhauscapelle verbunden war. Es war eben die Zeit, wo die Sträflinge die Messe hörten, Marie Antoinette ließ fünf Louisd’or der König zehn Louisdor unter dieselben vertheilen.

Um zwei Uhr fuhren die Reisewagen nach Châlons ab. Der König nahm den ersten Platz in dem großen Wagen ein; die drei Couriere saßen auf dem Kutschenbock. [Diese ganze Darstellung ist der Erzählung eines Augenzeugen, Herrn Buirette entnommen.] Man hörte weder bei der Ankunft noch bei der Abreise des Königs den Ruf : »Vive le roi!« überall rief man: »Vive la nation! Vive les patriotes!«

Wir kommen nun an ein verschieden erzähltes Ereigniß an den Tod des Grafen von Dampierre.

Nach der Erzählung eines schon genannten glaubwürdigen Augenzeugen trug sich die Sache folgendermaßen zu.

Um neun Uhr Morgens war Dampierre zu St. Ménehould und kam zu dem Notar Mathieu.

»Der König ist in Varennes verhaftet worden,« sagte er höchst aufgebracht. »Wir Alle sind verloren; aber der König soll wissen, daß er noch treue Unterthanen hat.«

Er war zu Pferde nach St. Ménehould gekommen; er hatte Pistolen in den Holftern und trug eine kleine Jagdflinte auf der Schulter. Seine Kleidung bestand in einem kastanienbraunen Frack mit Goldtressen, grauen Beinkleidern, langen Stiefeln, weißer Weste und dreieckigem Tressenhut.

Als der König abreiste, hielt Dampierre zu Pferde, wie eine Schildwache, an der Ecke der Hauptstraße, und als der Reisewagen vorüberfuhr, präsentirte er das Gewehr. Der König erwiederte den Gruß.

Dampierre entfernte sich im Galopp, ritt durch einige Seitengassen, hielt am Promenadeplatz wieder an, und als der Reisewagen erschien, präsentirte er, wie vorhin, das Gewehr. Der König grüßte ihn zum zweiten Male.

Dampierre suchte sich nun einen Weg durch die Volksmenge zu bahnen und zum Wagen zu gelangen. Es gelang ihm mit großer Mühe. Er redete den König an und nannte seinen Namen und Titel.

Dies war in der damaligen argwöhnischen und erbitterten Stimmung eine große Nachsicht von Seiten der Nationalgarde; denn das ganze Benehmen des eifrigen Royalisten hatte ganz das Aussehen einer Herausforderung. Dampierre wurde zurückgedrängt und entfernte sich noch einmal, um den Wagen des Königs an einer andern Stelle zu erwarten.

Er hielt wirklich außerhalb der Stadt, an der Landstraße und winkte dem sich nähernden Reisewagen zu. Diese Winke erregten endlich Argwohn; man glaubte, in der kurzen Unterredung Dampierre’s mit Ludwig XVI., sey ein Entführungsplan besprochen worden. Die Nationalgardisten bildeten einen engern Kreis um den Reisewagen, so daß sich Dampierre nicht wieder nähern konnte. Der letztere suchte sich mit Gewalt einen Weg zu bahnen, allein vergebens.

Die Unzufriedenheit, welche er bereits erregt hatte, erreichte den höchsten Grad, als er mit dem Rufe: »Vive le roi!« sein Gewehr abfeuerte und im Galopp davon ritt.

Einige hundert Schritte von der Landstraße ist ein Wald. Man glaubte, es wären Truppen darin versteckt, und der Schuß sey ein verabredetes Zeichen. Fünf oder sechs Personen ritten ihm nach; viele Schüsse fielen, aber keiner traf. Dampierre schwenkte triumphirend sein Gewehr. Bei dem Sprunge über einen Graben stürzte sein Pferd. Die Flinte fiel in den Graben; das Pferd stand wieder auf und Dampierre ritt im Galopp weiter.

In diesem Augenblick fiel ein einziger Schuß. Sein Verfolger war ein Bauer, der ein Tags zuvor erbeutetes Husarenpferd ritt.

Dieses Mal war Dampierre getroffen. Er sank zurück bis auf die Croupe des sich bäumenden Pferdes.

Es folgte nun eine gräuliche Scene. Der Bauer, von einer etwa vierzig Mann starken Schaar gefolgt, holte den Grafen ein und versetzte ihm einen Säbelhieb Der Schwerverwundete fiel vom Pferde. Man sah nun nichts mehr, man hörte nur noch mehre Schüsse. – Dampierre war von vielen Kugeln durchbohrt.

»Herr Mathieu, mein Gewährsmann, erzählte mir auch diesen Vorfall als Augenzeuge. Dampierre war keineswegs, wie einige Geschichtschreiber behaupten, zufällig am Wege, er wollte dem Könige nicht nur durch Blicke seine Treue und Ergebenheit beweisen; er war keineswegs unbewaffnet; er wurde nicht in dem Augenblicke, als er dem Könige die Hand küssen wollte, von mehren Kugeln getroffen, wie Lacretelle behauptet.

Auch Michelet, der gründliche, geniale Historiker, hat sich bei der Erzählung der Reise des Königs zu einem Irrthum verleiten lassen. Seine Schilderung ist, wie immer, meisterhaft, weicht aber in der Hauptsache von der Wahrheit ab.

»Ein einziger Mensch,« sagt er, »wurde auf der Rückreise von Varennes getödtet: ein Ludwigsritter, welcher neben dem Wagen des Königs muthig wie ein heiliger Georg mitten unter der Volksmenge ritt; er legte durch seine Huldigungen öffentlich Verwahrung ein gegen die Gefangennahme des Königs. Der Adjutant mußte ihn ersuchen sich zu entfernen: es war zu spät, er suchte sich einen Weg durch die Menge zu bahnen, und als er sich umzingelt sah, spornte er sein Pferd und galoppirte querfeldein. Man schoß, er antwortete, vierzig zugleich abgefeuerte Schüsse streckten ihn zu Boden. Er verschwand einen Augenblick in einer Gruppe wo man ihm den Kopf abschnitt. Dieses blutende Haupt wurde bis an den Wagen geschleppt, und man beredete die Unmenschen mit großer Mühe, diesen gräulichen Gegenstand zu entfernen.«

Buirette, der gewissenhafte Geschichtschreiber, widerlegt diese Erzählung von dem abgeschnittenen Kopf durch einen überzeugenden Beweis.

Der damals noch sehr junge Graf von Dampierre, der jetzige General, erhielt im April 1821 von den Behörden die Erlaubniß, den Leichnam seines Vaters auf dem Friedhof zu Chaude-Fontaine ausgraben und in die Gruft seiner Ahnen bringen zu lassen. Die Ausgrabung fand am 17. October um sechs Uhr Morgens in Gegenwart des Grafen von Dampierre, des Pfarrers, des Bürgermeisters, eines Arztes und vier vormaliger Diener des Verstorbenen statt. Die letztern hatten 1791 seinem Begräbniß beigewohnt. Sie erkannten nebst mehren Leuten im Dorfe den eichenen Sarg wieder, und der anwesende Arzt fand mehre Gebeine von Kugeln zerschmettert. – Als der Sohn sich überzeugt hatte, daß es wirklich die Gebeine seines Vaters waren, ließ er sie in einen neuen Sarg legen und in seine Familiengruft bringen. – Der Kopf war keineswegs vom Rumpfe getrennt, denn die Wirbelsäule war unverletzt. Ueberdies haben mir die Herren Mathieu und Nicaise als Augenzeugen versichert, daß der Kopf nie vom Rumpfe getrennt wurde.

»Das Tribunal,« setzt Buirette hinzu, »suchte die Urheber dieses Mordes zu erforschen, und die Untersuchung führte auch zu der Entdeckung der Mörder. Alle waren aus der untersten Volksclasse; sie blieben aber straflos infolge eines von der Nationalversammlung erlassenen Amnestiedecretes.«

XII

Um die Handlungen der Menschen zu beurtheilen muß man sich in die Zeiten, wo sie begangen wurden, zurückversetzen und die Verhältnisse möglichst berücksichtigen. Es herrschte zu jener Zeit eine große Erbitterung gegen den König und noch mehr gegen die Königin. Michelet erzählt zwei Thatsachen, wir erzählen sie ihm nach und setzen noch eine dritte hinzu.

»Clouet, einer der Gründer der polytechnischen Schule, ein harter Stoiker, dessen einzige Liebe das Vaterland war, entfernte sich sogleich von Meszières mit seinem Gewehr; erlegte sechzig Lieues in drei Tagen zu Fuß zurück; er hoffte den König tödten zu können. In Paris gab er diesen Gedanken auf.

»Ein Anderer, ein junger Tischler aus Burgund, welcher sich später in Paris niederließ und der Vater von zwei großen Gelehrten geworden ist, verließ ebenfalls seine Heimat um der Verurtheilung Ludwigs XVI. beizuwohnen. Unterwegs übernachtete er bei einem Tischlermeister, welcher ihm vorstellte, daß er zu spät kommen würde; er würde besser thun zu bleiben und mit ihm Bruderschaft zu schließen. Um das Band der Freundschaft noch fester zuknüpfen, gab er ihm seine Tochter zur Frau.«

Wir haben eine von der Stadt Tourneins an die Municipalbeamten von Varennes geschickte Adresse copirt. Die Adresse lautet folgendermaßen:

»27. Juni im zweiten Jahr der Freiheit. [Die Zeitrechnung der Republik datirte erst vom 21. September 1791. aber die Zeitrechnung der Freiheit vom 14. Juli 1789.]

»Meine Herren, erlauben Sie den patriotischen Bürgerinnen, der Gesellschaft der Verfassungsfreunde von Tourneins, daß sie den braven Bürgern, welche durch die Verhaftung des Königs dem Blutvergießen »vorgebeugt« haben, ihren Dank und ihre Bewunderung aussprechen. Wir werden ihre Namen nie ohne Rührung aussprechen, denn ihnen verdanken wir die Erhaltung unserer Kinder, Gatten, Brüder, Freunde u.s.w.«

Es war ein weiter Weg von St. Ménehould nach Châlons: neun Lieues auf einer staubigen Landstraße in drückender Hitze, mitten unter blitzenden Gewehrläufen und Sensen.

Die königliche Familie kam um zehn Uhr Abends ganz erschöpft in Châlons an. Der Bürgermeister, von den städtischen Beamten umgeben, erwartete die erlauchten Gefangenen an der Porte Dauphine. Sonderbares Zusammentreffen! Dieses Thor war kein anderes, als der Triumphbogen, welchen man der Dauphine bei ihrer Ankunft in Frankreich errichtet hatte. Die Inschrift: »Aeternum stet ut armor,« (Er bleibe ewig wie unsere Liebe) war noch vorhanden.

In Châlons herrschte in der That eine andere Stimmung als an den übrigen Orten. »Die patriotischen Kundgebungen waren milder. Die alte Stadt, welche noch heutzutage auf ihren Handel mit Champagner beschränkt ist, war größtentheils von royalistischen Edelleuten und Bürgern bewohnt; es war für alle ein herzzerreißender Anblick, den König in einem solchen Zustande zu sehen.

Ein großes Souper wird aufgetragen. Der König und die Königin speisen öffentlich, wie in Versailles. Viele Personen werden vorgestellt; die Damen kommen im schönsten Schmuck, die Königin wird mit Blumen überschüttet.

Am andern Morgen soll die Reise erst nach der Messe und nach dem Mittagessen fortgesetzt werden. Aber am andern Morgen ist alles verändert.

Um zehn Uhr begibt sich der König in die Messe; aber kaum hat der Gottesdienst begonnen, so entsteht ein großer Lärm. Die Ursache dieser Störung ist das Erscheinen mehrerer Nationalgardisten von Rheims. Im Hofe entsteht ein furchtbares Getümmel; die Menge dringt trotz des Widerstandes der Nationalgarde in die Capelle. Der König und die Königin zeigen sich auf dem Balcon, aber ihr Anblick verdoppelt nur die Erbitterung; man verlangt die Abreise des Königs, man zieht die Wagen auf die Straße, der König erklärt selbst, daß er sogleich abreisen will.

Diese Erklärung beruhigte das Volk, und gleichwohl enthalten die Worte des Königs im Grunde nur eine Verwahrung. »Da man mich dazu zwingt,« sagte er, »so will ich abreisen.«

Gegen elf Uhr reiste er wirklich ab.

Zwischen Epernay und Dormans hält der Zug plötzlich an. Der König schaut zum Wagen hinaus und fragt nach der Ursache dieses Aufenthaltes.

Es ist nicht zu vergessen, daß der Reisewagen noch immer von drei- bis viertausend Bewaffneten begleitet war. Drouet und Guillaume sind vorausgeeilt, um die Ankunft des Königs in Paris zu melden.

Die Ursache der Verzögerung ist die Ankunft von drei Deputirten der Nationalversammlung, welche den Zug beaufsichtigen wollen. Alle drei sind von der Linken gewählt und vertreten die drei Abstufungen der Linken. Latour-Maubourg ist Royalist; Barnave vertritt die Partei der Constitutionellen; Pétion ist Republikaner.

Die drei Deputirten näherten sich dem Wagen des Königs. Pétion zog eine Schrift aus der Tasche und las sie laut vor. Es war ein Decret der Nationalversammlung, welche die drei Abgeordneten beauftragte, dem Könige entgegen zureisen und nicht nur über seine Sicherheit zu wachen, sondern auch die seiner Person schuldige Ehrerbietung von Jedermann zu fordern.

Als das Decret vorgelesen war, setzten sich Barnave und Pétion in den Wagen des Königs. Frau von Tourzel stieg aus und setzte sich mit Latour-Maubourg in den Wagen der Kammerfrauen.

Die Königin wäre lieber in Gesellschaft Latour-Maubourg’s weiter gereist, aber dieser sagte leise zu ihr:

»Ich habe diesen traurigen Auftrag, der mich in die Nähe Eurer Majestät bringt, nur in der Hoffnung übernommen dem Könige nützlich zu seyn. Eure Majestät können daher auf meinen Eifer und meine Ergebenheit zählen. Anders ist es mit Barnave der einen sehr großen Einfluß auf die Nationalversammlung hat; er ist eitel wie ein Advocat und es schmeichelt seiner Eitelkeit, in dem Wagen des Königs zu sitzen. Es ist daher sehr gut, daß Eure Majestät ihn genauer kennen lernen.«

Die Königin gab sich zufrieden.

Pétion gab sogleich einen Beweis seiner feinen Sitte: er erklärte, daß er als Vertreter der Nationalversammlung seinen Platz auf dem Hintersitz haben müsse. Der König und die Königin gaben der Prinzessin Elisabeth einen Wink, und sie setzte sich auf den Vordersitz. Barnave begnügte sich mit einem Platze neben Madame Elisabeth, Madame Royale und dem Dauphin.

Anfangs erschien Barnave der Königin kalt, abstoßend und böswillig. Sein Ehrgeiz hatte ihn zum Nachahmer Mirabeau’s gemacht. In der Nationalversammlung hatte er dessen Stelle bereits eingenommen, aber damit war er noch nicht zufrieden; die Königin hatte ja Mirabeau in St. Cloud eine Zusammenkunft bewilligt; warum sollte Barnave nicht Anspruch auf gleiche Gunst haben?

Es hatte sich das Gerücht verbreitet, unter den drei auf dem Bock sitzenden Edelleuten befinde sich Herr von Fersen, welcher, wie das Gerücht sagte, der Königin näher stand als andere Hofcavaliere. Dieser Gedanke erregte den Neid Barnave’s.

Marie Antoinette errieth mit wunderbarem Scharfblick die Gedanken des eitlen Depuitrten. Sie nannte gesprächsweise die drei Leibgardisten: De Moustier, Valory, Malden.

Barnave konnte seine Freude nicht verbergen, er wurde äußerst liebenswürdig und zuvorkommend.

Barnave war ein junger, schöner Mann von feinem Benehmen, geistreich und beredt, voll von Ehrerbietung gegen das Unglück der königlichen Familie; was Wunder, daß er auf Marie Antoinette einen günstigen Eindruck machte, zumal da seine Höflichkeit gegen das anmaßende Wesen Pétion’s sehr abstach.

Zwischen Madame Elisabeth und Madame Royale stand eine Flasche Limonade und ein Glas. Pétion hatte Durst, und er fand es natürlich seinen Durst zu löschen. Er nahm das Glas und reichte es der Prinzessin. Diese nahm die Flasche und schenkte ihm ein.

»Genug,« sagte Pétion und hob sein Glas, als ob er in einer Schenke gewesen wäre.

Der kleine Dauphin stand oft von seinem Platz auf und hüpfte im Wagen umher. Pétion wurde verdrießlich, er zog den kleinen Prinzen an sich und hielt ihn zwischen den Knien fest.

Dies konnte auch als eine Aufmerksamkeit gedeutet werden. Aber Pétion, der mit dem Könige sprach, wurde nach und nach sehr lebhaft; er hatte die blonden Haare des Dauphin anfangs gestreichelt, endlich zog er ihn bei den Haaren. Der kleine Prinz zuckte vor Schmerz. Die Königin entriß ihn den Händen Pétion’s.

Barnave breitete ihm lächelnd die Arme aus; der Dauphin setzte sich sogleich auf seinen Schooß; sein Instinct sagte ihm, daß er an ihm einen Beschützer habe.

Der Dauphin spielte mit den Rockknöpfen des Deputirten und versuchte die Aufschrift auf denselben zu lesen. Nach einiger Mühe gelang es ihm. Der Wahlspruch lautete: »Vivre libre ou mourir« (Frei leben oder sterben).

Die Königin war sehr betroffen und sah Barnave mit feuchten Augen an.

Plötzlich entstand ein großer Lärm um den Reisewagen. Barnave wurde aus seinen egoistischen Träumen geweckt.

Wie früher der Graf von Dampierre, kam ein Geistlicher an den Wagen und wollte den König segnen; aber sogleich fielen zehn, zwanzig, dreißig Hüter des Wagens über ihn her und schleppten ihn fort, um ihn hinter einem Gebüsch zu tödten. Wenn das Volk einmal Blut gekostet hat, so ist es wie der Tiger; wehe dem, der in seine Krallen fällt!

Barnave sah was vorging; er schob den kleinen Prinzen in die Arme seiner Tante und öffnete den Kutschenschlag so hastig, daß er hinausgestürzt wäre, wenn ihn Madame Elisabeth nicht am Rockschoß gehalten hätte.

»Franzosen!« rief er der ergrimmten Rotte zu, »wollt Ihr denn ein Volk von Mördern werden?«

Die Bewaffneten ließen den Priester los, und Niemand wagte es ferner Hand an ihn zu legen. Barnave streckte die Hand aus und sein gebietender Blick hielt Alle im Zaume.

Als die Königin ihre Vertraute, Madame de Campan, wieder fand, sagte sie zu ihr:

»Wenn jemals die Macht wieder in unsere Hände kommt, so ist die Verzeihung Barnave’s zum Voraus in unsere Herzen geschrieben.«

Bis zu der Ankunft der Commissäre hatte der König, der Etikette gemäß, immer allein mit seiner Familie gespeist; aber bei der nächsten Mahlzeit wurden die Commissäre eingeladen, mit dem Könige und der Königin Platz an der Tafel zu nehmen.

Pétion nahm die Einladung an; aber Latour-Maubourg und Barnave lehnten es ab. Barnave wollte sogar den König bedienen. Die Königin gab ihm jedoch einen Wink, und er gab nach.

In Dormans wurde Halt gemacht. Seit zwei Tagen war man im Schritt auf der staubigen Landstraße, in der drückenden Hitze gefahren. Barnave sah ein, wie schrecklich die Königin zumal durch die beständigen Drohungen und die zudringliche Neugier des Pöbels leiden mußte. Er beschloß daher mit seinen beiden Collegen, von dort an Cavallerieescorte zu nehmen. Man konnte dann wenigstens im Trabe fahren.

So kam die königliche Familie am dritten Tage nach Meaux. In dem düstern bischöflichen Palaste wurde ihr eine Wohnung angewiesen. Die Königin verlangte das Arbeitszimmer des berühmten Bossuet zu sehen. Sie nahm Barnave’s Arm und begab sich in die öden Gemächer, während der König mit Pétion in den Garten ging.

Barnave getraute sich nicht das Gespräch anzuknüpfen. Die Königin begann die Unterredung.

»O! Madame,« sagte der junge Deputirte, dessen Herz überwallte, wie schlecht ist Ihre Sache vertheidigt worden! Wie wenig kennen die Royalisten den Geist der Zeit und den Genius Frankreichs!«

Die Königin sah ihn mit Wohlwollen an.

»Mein, Gott!« fuhr Barnave fort, »wie oft war ich schon im Begriff, mich Ihrem Dienste zu widmen, Ihrem Wohl mein ganzes Daseyn zu opfern! … «

»Was für Mittel würden Sie mir denn gerathen haben?« fragte die Königin.

»Ein einziges, Madame: die Zuneigung Ihres Volks zu erwerben.«

»Ach!« erwiederte Marie Antoinette, welche in jenem Augenblicke wohl recht tief fühlen mochte, wie fern sie dem französischen Volke stand, »wie hätte ich mir diese Zuneigung erwerben können? Es vereinigten sich ja alle Umstände, um sie mir zu nehmen.«

»Ich war nur ein Advocat in einer kleinen Provinzstadt,« erwiederte Barnave, »und es ist mir gelungen, aus meiner Dunkelheit herauszutreten und mich populär zu machen: um wie viel leichter würden Ew. Majestät Ihre Popularität bewahrt oder die verlorne wieder erlangt haben!«

Während dieser Zeit hatte Pétion, dessen natürliche Herzensgüte über die Eitelkeit und die patriotischen Gefühle den Sieg davontrug, den Entschluß gefaßt, die drei Leibgardisten in Nationalgardeuniform zu stecken und in dieser Verkleidung entkommen zu lassen. Er hatte nur für den König, die Königin, die Prinzessin Elisabeth und die Kinder Frankreichs zu bürgen. Aber welchen Kuchen sollte er dem Cerberus, den man das Volk nennt, hinwerfen? Pétion fürchtete, das Volk werde die drei jungen Edelleute ermorden.

Er theilte diese Idee dem Könige mit. Ludwig XVI. lehnte das Anerbieten ab. Warum? hegte er etwa den Wahn, Pétion beabsichtige die Ermordung der drei Edelleute und suche nur ein Mittel zur Ausführung dieses ruchlosen Planes? Oder wollte er dem republikanischen Deputirten nichts verdanken? Dies ist wahrscheinlicher. Er hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen Pétion. Warum verleugnete er diese Abneigung an dem Tage, wo er Lafayette zum Bürgermeister von Paris ernennen konnte, aber Pétion den Vorzug gab?

Der folgende Tag kam. Es war der 25. Juni. Die erlauchten Flüchtlinge sollten nach fünftägiger Abwesenheit wieder nach Paris kommen.

Fünf Tage! welch eine tiefe Kluft hatte sich in diesen fünf Tagen aufgethan!

Vor den Thoren von Paris verlangte Barnave den Plan auf dem Hintersitz. Es war nicht mehr der Ehrenplatz, sondern der Platz der Gefahr. Wenn etwa ein Fanatiker – was wohl nicht wahrscheinlich, aber doch möglich war – auf den König oder die Königin schießen würde, so war Barnave da, um den König gegen die mörderische Kugel zu schützen.

Mathieu Dumas hatte von Lafayette den Befehl erhalten, bei dem Einzuge des Königs die Ruhe und Ordnung zu erhalten; viertausend Mann der Armee von Paris waren zu seiner Verfügung gestellt worden.

Der geschickte Strategiker hatte alle Umstände und Ortsverhältnisse benützt, um die Gefahr zu vermindern. Zur Bewachung des Wagens beorderte er Grenadiere, deren hohe Bärenmützen die Wagenthüren verbargen. Ein zweiter Kreis wurde von einer Cavallerieabtheilung gebildet.

Valory erzählt selbst die Vorkehrungen, die man getroffen hatte, um ihn und seine beiden Cameraden zu beschützen. »Zwei Grenadiere,« sagt er, wurden mit aufgepflanztem Bajonett auf den Vorderwagen mittelst eines unter dem Bock festgebundenen Brettes gesetzt.

Die Hitze war außerordentlich groß; der Wagen schien in einen glühenden Ofen hineinzufahren. Die Königin ruft zu wiederholten Malen: »Ich ersticke!« Der König verlangte ein Glas Wein und trank.

Die ganze Bevölkerung der Hauptstadt war in einer ungeheuren Aufregung. Von Zeit zu Zeit sah man große Zettel über der wogenden Menge. Der König, der etwas kurzsichtig war, nahm ein Augenglas und las:

»Wer den König mit Jubel begrüßt, bekommt Prügel; wer ihn beleidigt, wird gehängt.«

Alle Fenster, sogar die Dächer, waren mit Menschen bedeckt. Oberst Mathieu Dumas wollte den Weg nicht durch die Rue St. Martin nehmen; er sah wohl, daß er mit seinen Truppen nicht im Stande seyn würde, den König und die königliche Familie gegen ein Attentat zu schützen. Der Zug machte daher einen Umweg über die äußern Boulevards, die Champs-Elysées und die Place Louis XV.

Der Statue auf diesem Platz hatte man die Augen mit einem Schnupftuch verbunden.

»Warum hat man jener Bildsäule die Binde auf die Augen gelegt?« fragte der König.

»Um die Verblendung der Monarchie anzudeuten,« antwortete Pétion.

Auf dem Wege von den Champs-Elysées zu der Place Louis XV. wurde die doppelte Reihe der Grenadiere und Reiter einige Male durchbrochen. Die Königin sah nun gräuliche, grinsende Gesichter an der Wagenthür erscheinen.

Wodurch diese Menschen mit den dämonischen Gesichtern entfernt wurden? Durch eine Kußhand, die ihnen der Dauphin zuwarf, durch einen freundlichen Gruß seiner Schwester. Die beiden Schutzengel wandten jede Gefahr ab.

Einmal waren Kußhände und Grüße erfolglos. Die Königin, welche die Hitze nicht mehr ertragen konnte, ließ die Fenster herab. Sie bemerkte Lafayette, der dem Wagen mit seinem Generalstabe entgegenritt, und rief ihn.

»Herr von Lafayette,« rief sie ihm zu, »vor Allem retten Sie die Leibgardisten; sie haben nur die erhaltenen Befehle vollzogen.«

Die drei jungen Edelleute waren wirklich in der größten Gefahr.

Der Wagen hielt vor der großen Terrasse, welche sich vor den Tuilerien ausbreitet. Dort erwartete man ihn. Weiter konnte man nicht fahren, man mußte aussteigen.

»Herr Barnave,« sagte die Königin, »ich empfehle Ihnen die Gardisten.«

Die Nationalversammlung war von der Ankunft bereits benachrichtigt. Zwanzig Deputirte wurden abgeschickt.

Lafayette besetzte den Weg über die Terrasse bis an die Thür mit Nationalgarde.

Die Kinder stiegen zuerst aus und erreichten ungehindert die Thür. Dann kam die Reihe an die Leibgardisten.

Es entspann sich ein kurzer aber erbitterter Kampf. Valory und Malden wurden schwer verwundet.

Plötzlich fühlte sich die Königin bei den Händen ergriffen und fortgezogen. Sie sah sich um – und erblickte ihre erbitterten Feinde, den Herzog von Aiguillon und den Grafen von Noailles.

Marie Antoinette war einer Ohnmacht nahe. Was hatten sie im Sinne? Gewiß wollten sie die Königin dem Pöbel überliefern oder sie wenigstens in ein Kloster stecken.

Sie irrte sich: die beiden Cavaliere führten sie mit Lebensgefahr ins Schloß, bis in ihre Gemächer.

Als Marie Antoinette in Sicherheit war, wurde sie von einer neuen Angst ergriffen. Wo war der Dauphin? was war aus dem kleinen Prinzen geworden? Niemand hatte ihn gesehen, Niemand vermochte ihn zu beschützen.

Die Königin eilte verzweifelnd aus einem Zimmer ins andere und rief ihn.

Der ermüdete Knabe lag auf seinem Bette und schlief.

Endlich kam auch der König in seinem gewohnten langsamen Schritt. Er war zuletzt aus dem Wagen gestiegen und hatte sich zwischen Barnave und Pétion in die Tuilerien begeben.

Das Volk schrie und tobte den ganzen Tag im Tuileriensgarten und auf dem Carrouselplatz.

Am andern Morgen schrieb der Journalist Prudhomme:

»Einige gute Patrioten, in denen der royalistische Eifer das Gefühl des Mitleids nicht ertödtet hat, schienen über den körperlichen und geistigen Zustand Ludwigs XVI. und der königlichen Familie nach einer so unglücklichen Reise besorgt. Man hat keine Ursache sich zu ängstigen: unser Ci-devant befand sich am Sonnabend bei seiner Rückkehr nicht unbehaglicher als nach einer ermüdenden Jagd; er verzehrte sein Huhn wie gewöhnlich, und nach dem Diner spielte er mit seinem Sohne.

»Die Mutter nahm nach ihrer Ankunft ein Bad; ihr erster Befehl war, Schuhe zu bringen, weil ihre Fußbekleidung auf der Reise zerrissen war. Sie benahm sich sehr gebieterisch gegen die Offiziere, welche in den äußeren Gemächern die Wache hatten, und fand es lächerlich und unschicklich, daß sie die Thür des Badesaales und des Schlafzimmers offen lassen sollte.«

*                                      *
*

Das Blutgerüst, auf welchem das Haupt Ludwigs XVI. fiel, hatte fünf Stufen:

Die erste Stufe war – die Erstürmung der Bastille;

die zweite – der 5. und 6. October;

die dritte Stufe – die Verhaftung in Varennes – hatte er so eben erstiegen; es blieben noch zwei zu ersteigen:

der 20. Juni und der 10. August.

Der 21. Januar war nur die Schlußscene des furchtbaren Dramas.

Ende
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Druck und Papier von Leop. Sommer in Wien
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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
120 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain

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