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Kitabı oku: «Die Fünf und Vierzig», sayfa 33

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Zwölftes Kapitel
Rothe Feder und weiße Feder

Nachdem wir auf die Menschen zurückgekommen sind, kehren wir ein wenig zu den Dingen zurück.

Es war acht Uhr Abends, und ganz allein, ganz traurig, ohne einen Reflex, hob das Haus von Robert Briquet seine dreieckige Silhouette an einem von Lämmerwolken bedeckten Himmel hervor, der offenbar mehr zum Regen als zum Mondschein geneigt war.

Dieses arme Haus, von dem man fühlte, daß seine Seele abwesend war, bildete ein würdiges Gegenstück zu jenem geheimnißvollen Hause, von dem wir unsere Leser schon zu unterhalten die Ehre gehabt haben. Die Philosophen, welche behaupten nichts lebe, spreche, fühle, wie die unbeseelten Dinge, hätten beim Anblick dieser zwei Häuser gesagt, sie gähnen einander gegenüber.

Unfern davon hörte man ein gewaltiges Geräusch von klirrendem Eisen vermischt mir verworrenen Stimmen unbestimmtes Gemurmel und Gequicke, als feierten Korybanten in einer Höhle die Mysterien der guten Göttin.

Es war ohne Zweifel dieses Geräusch, was einen jungen Mann, der ein veilchenblaues Toquet mit rother Feder, einen grauen Mantel trug, einen hübschen Cavalier anzog und einige Minuten vor dem Lärmen zu verweilen bewog, wonach er langsam, nachdenkend, den Kopf gesenkt, zu dem Hause von Robert Briquet zurückkehrte.

Diese Symphonie von zusammengestoßenem Eisen rührte von Casserolen her; das unbestimmte Gemurmel kam von Fleischtöpfen, die auf dem Feuer lachten, und von Spießen, die sich an Hundspfoten drehten; das Geschrei war von Meister Fournichon, dem Wirth zum Kühnen Ritter, der mit der Sorge für seine Oefen beschäftigt war und das Gequicke von Dame Fournichon, welche die Boudoirs der Thürmchen zurichten ließ.

Als der junge Mann mit dem veilchenblauen Toquet das Feuer wohl beschaut, den Geruch des Geflügels wohl eingeathmet, die Vorhänge der Fenster wohl befragt hatte, kehrte er zurück, und fing sodann die Prüfung wieder an.

So unabhängig aber auch sein Wandern beim ersten Anblick zu sein schien, so hatte es doch eine Grenze, die der Spaziergänger nie überschritt: es war dies der kleine Bach, welcher die Straße vor dem Hause von Robert Briquet durchschnitt und nach dem geheimnißvollen Hause lief.

Doch es ist zu bemerken, daß der Spaziergänger, so oft er zu dieser Grenze kam, immer, wie eine dienstliche Schildwache, einen andern jungen Mann ungefähr von demselben Alter fand, der ein schwarzes Toquet mit weißer Feder und einen veilchenblauen Mantel trug, und die Stirne gefaltet, das Auge starr, die Hand am Degen, dem Riesen Adamastor ähnlich, zu sagen schien:

»Du wirst nicht weiter gehen, ohne den Sturm zu finden.«

Der Spaziergänger mit der rothen Feder, nämlich der Erste, den wir in die Scene eingeführt haben, machte zwanzig Gänge, ohne etwas von dem Allem zu bemerken, so sehr war er mit sich selbst beschäftigt. Sicherlich war ihm der Mann nicht entgangen, der wie er in der Straße auf und abschritt; doch dieser Mann war zu gut gekleidet, um ein Dieb zu sein, und nie kam ihm der Gedanke, sich um etwas Anderes zu bekümmern, als um das, was man im Kühnen Ritter machte.

Der Andere aber verdunkelte im Gegentheil, bei jeder Rückkehr der rothen Feder, in Schwarz die düstere Tinte seines Gesichtes; und endlich wurde die Dose gereizten Fluidums so schwer bei der weißen Feder, daß es dem mit der rothen Feder auffiel und seine Aufmerksamkeit erregte.

Er schaute empor und las auf dem Gesichte von demjenigen, welcher sich ihm gegenüber fand, den ganzen Unwillen, der ihn gegen den Andern erfaßte.

Dies brachte ihn natürlich auf den Gedanken, er sei dem jungen Mann lästig; diesem Gedanken entsprang so dann das Verlangen, sich zu erkundigen, in welcher Hinsicht er ihm lästig sei.

Er schaute dem zu Folge das Haus von Robert Briquet aufmerksam an.

Dann ging er von diesem Hause zu demjenigen über, welches sein Gegenstück bildete.

Als er endlich beide wohl angeschaut hatte, ohne daß er sich im Geringsten um die Art und Weise bekümmerte oder zu bekümmert, schien, wie ihn der junge Mann mit der weißen Feder anschaute, wandte er diesem den Rücken und kehrte zu dem Blitzen der Oefen von Meister Fournichon zurück.

Glücklich, seinen Gegner in die Flucht geschlagen zu haben, denn er hielt die Umkehr, die er ihn machen sah, für eine Flucht, schritt der Mann mit der weißen Feder in seiner Richtung, nämlich von Osten nach Westen, fort, während der Andere von Westen nach Osten ging.

Als aber jeder den Punkt erreichte, den er sich innerlich für seinen Gang bezeichnet hatte, wandte er sich um kam in gerader Linie auf den Andern zu, und zwar in so gerader Linie, daß, wäre nicht der Bach ein neuer Rubicon gewesen, durch den man hätte waren müssen, sie mit der Nase auf einander gestoßen sein mußten, so ängstlich war die gerade Linie beobachtet worden.

Der Mann mit der weißen Feder zerrte mit einer Bewegung sichtbarer Ungeduld an seinem kleinen Schnurrbart.

Der mit der rothen Feder nahm eine erstaunte Miene an und warf dann einen Blick auf das geheimnißvolle Haus.

Man hätte die weiße Feder können einen Schritt machen sehen, um über den Rubikon zu setzen, doch die rothe Feder hatte sich schon entfernt.

Der Gang in verkehrter Linie begann wieder.

Fünf Minuten lang hätte man glauben können, sie würden sich nur bei den Gegenfüßlern treffen; bald aber wandten sich Beide mit demselben Instinkt und mit der selben Genauigkeit, wie das erste Mal, um.

Wie zwei Wolken, welche unter entgegengesetzten Winden derselben Zone des Himmels folgen, und die man ihre schwarzen Flocken, kluge Vortruppen, entwickelnd gegen einander vorrücken sieht, kamen diesmal die zwei Spaziergänger sich gegenüber, entschlossen, sich eher auf die Füße zu treten, als einen Schritt zurückzuweichen.

Ungeduldiger ohne Zweifel, als derjenige, welcher ihm entgegen kam, schritt der Mann mit der weißen Feder statt, wie er es bis jetzt gethan, auf der Grenze des Baches zu bleiben, über diesen Bach und machte seinen Gegner zurückweichen, so daß dieser, der einen solchen Angriff nicht vermuthete und seine beiden Arme unter den Mantel gewickelt hatte, beinahe das Gleichgewicht verlor.

»Ah! mein Herr,« sagte der letztere, »seid Ihr ein Narr oder habt Ihr die Absicht mich zu beleidigen?«

»Mein Herr, ich habe die Absicht, Euch begreiflich zu machen, daß Ihr mich sehr belästigt, es schien mir sogar, als hättet Ihr es bemerkt. ohne daß ich es Euch zu sagen brauchte.«

»Durchaus nicht, denn es ist mein System, nie etwas zu sehen, was ich nicht sehen will.«

»Es gibt jedoch, wie ich hoffe, gewisse Dinge, die Eure Blicke auf sich ziehen würden, wenn man sie vor Euren Augen glänzen ließe.«

Und die Bewegung mit dem Worte verbindend, entledigte sich der junge Mann mit der weißen Feder seines Mantels und zog seinen Degen, der unter einem Strahle des Mondes funkelte, welcher in diesem Augenblick durch zwei Wolken schlüpfte.

Der Mann mit der rothen Feder blieb unbeweglich.

»Mein Herr,« sagte er die Achseln zuckend, »man sollte glauben, Ihr hättet nie eine Klinge aus der Scheide gezogen, mit solcher Eile zieht Ihr sie gegen Einen, der sich nicht vertheidigt.«

»Nein, aber der sich hoffentlich vertheidigen wird.«

Der Mann mit der rothen Feder lächelte mit einer Ruhe, die den Zorn seines Gegners verdoppelte.

»Warum dies? und welches Recht habt ihr, mich zu verhindern auf der Straße spazieren zu gehen?«

»Warum geht Ihr in dieser Straße spazieren?«

»Bei Gott! eine schöne Frage! weil es mir beliebt.«

»Ah! es beliebt Euch?«

»Allerdings, Ihr geht wohl auch hier! Habt Ihr eine Erlaubniß vom König, allein das Pflaster der Rue de Bussy zu treten?«

»Was ist daran gelegen, ob ich Erlaubniß habe oder nicht habe!«

»Ihr täuscht Euch, es ist viel daran gelegen; ich bin ein getreuer Unterthan Seiner Majestät und möchte ihren Befehlen nicht gern ungehorsam sein.«

»Ah! Ihr spottet, glaube ich!«

»Wenn dem so wäre? Ihr droht wohl!«

»Himmel und Erde! Ich sage Euch, daß Ihr mir, lästig seid, mein Herr. und daß ich Euch, wenn Ihr nicht freiwillig vom Platze geht, wohl zu entfernen wissen werde.«

»Oh! oh! mein Herr, das müßte man sehen.«

»Ei! beim Teufel, ich sage Euch schon seit einer Stunde: sehen wir!«

»Mein Herr, ich habe ein besonderes Geschäft in diesem Quartier; davon seid Ihr nun in Kenntniß gesetzt. Ist es durchaus ein Wunsch von Euch, so will ich wohl einen Gang mit Euch machen, doch ich entferne mich nicht.«

»Mein Herr« sprach der Mann mit der weißen Feder, indem er seinen Degen pfeifen ließ und seine beiden Füße zusammenzog, wie ein Mensch. der sich auszulegen im Begriff ist, »ich heiße Graf Henri Du Bouchage und bin der Bruder des Herrn Herzogs von Joyeuse; ich frage Euch zum letzten Male, beliebt es Euch, mir den Platz abzutreten und Euch zu entfernen?«

»Mein Herr,« erwiederte der mit der rothen Feder, »ich bin der Vicomte Ernauton von Carmainges; Ihr seid mir keines Wegs lästig und ich finde es durchaus nicht schlimm, wenn Ihr bleibt.«

Du Bouchage dachte einen Augenblick nach, und steckte seinen Degen wieder in die Scheide.

»Entschuldigt mich, mein Herr« sagte er, »ich bin halb verrückt, denn ich bin verliebt.«

»Und ich auch, ich bin auch verliebt,« erwiederte Ernauton, »doch ich halte mich deshalb nicht für verrückt.«

Henri erbleichte.

»Ihr seid verliebt?«

»Ja, mein Herr.«

»Und Ihr gesteht es?«

»Seit wann ist das ein Verbrechen?«

»Aber verliebt in dieser Straße?«

»Für den Augenblick, ja.«

»Ja des Himmels Namen. sagt mir, wen Ihr liebt.«

»Ah! Herr Du Bouchage, Ihr habt nicht bedacht, was Ihr fragt. Ihr wißt wohl, daß ein Edelmann ein Gebeimniß nicht enthüllen darf, das ihm nur zur Hälfte gehört.«

»Es ist wahr, es ist wahr, verzeiht Herr von Carmainges; doch in der That, es ist Niemand unter dem Himmel so unglücklich als ich.«

In den wenigen von dem jungen Mann ausgesprochenen Worten lag so viel wahrer Schmerz, so viel beredte Verzweiflung daß Ernauton tief gerührt war.

»Oh! mein Gott« sagte er, »ich verstehe, Ihr befürchtet, wir seien Nebenbuhler.«

»Ich befürchte es.«

»Hm!« machte Ernauton, »Nun ich will offenherzig sein.«

Joyeuse erbleichte und fuhr mit der Hand über die Stirne.

»Ich habe ein Rendezvous,« fuhr Ernauton fort.

»Ihr habt ein Rendezvous?«

»Ja, in der besten Form.«

»In dieser Straße?«

»In dieser Straße.«

»Geschrieben?«

»Ja, mit einer sehr hübschen Handschrift.«

»Von einer Frau?«

»Nein, von einem Mann.«

»Von einem Mann? was wollt Ihr damit sagen?«

»Nichts Anderes, als das, was ich sage. Ich habt ein Rendezvous mit einer Frau von einer sehr hübschen Männerhandschrift; das ist nicht so geheimnißvoll, doch es ist eleganter; man hat einen Secretair, wie es scheint.«

»Ah!« sagte Henri, »vollendet mein Herr, in des Himmels Namen, vollendet.«

»Ihr fragt mich auf eine Weise, daß ich die Antwort nicht zu verweigern wüßte. Ich will Euch also den Inhalt sagen.«

»Ich höre.«

»Ihr werdet sehen, ob es desselben ist, wie bei Euch.«

»Genug, mein Herr ich bitte; mir hat man kein Rendezvous gegeben und ich habe kein Billet erhalten.«

Ernauton zog ein kleines Papier aus seiner Börse.

»Hier ist das Billet, mein Herr,« sagte er, »es wäre schwierig für mich, es Euch bei dieser finsteren Nacht vorzulesen; doch es ist kurz und ich weiß es auswendig; Ihr werdet Euch auf mich verlassen, daß ich Euch nicht täusche.«

»Oh! ganz und gar.«

»Vernehmt also die Ausdrücke, in denen es abgefaßt ist:

»Herr Ernauton, mein Secretaire ist von mir beauftragt, Euch zu sagen, daß ich ein großes Verlangen habe, eine Stunde mit Euch zu plaudern: Euer Verdienst hat mich gerührt.««

»Das steht darin?« fragte Du Bouchage.

»Meiner Treue, ja, der Satz ist sogar unterstrichen. Ich übergehe einen andern Satz, der etwas zu schmeichelhaft für mich ist.«

»Und man erwartet Euch?«

»Das heißt, ich erwarte, wie Ihr seht.«

»Dann muß man Euch die Thüren öffnen?«

»Nein, man muß dreimal aus dem Fenster pfeifen.«

Ganz bebend legte Henri eine von seinen Händen auf den Arm von Ernauton, deutete mit der andern auf das geheimnisvolle Haus und fragte:

»Von dort?«

»Keines Wegs,« antwortete Ernauton, den Zeigefinger nach den Thürmchen des Kühnen Ritters ausstreckend, »von dort.«

Heinrich stieß einen Freudenschrei aus.

»Ihr geht also nicht hierher?« fragte er.

»Nein, das Billet sagt ganz genau: Gasthof zum Kühnen Ritter.«

»Ah! seid gesegnet,« sprach der junge Mann, indem er ihm die Hand drückte, »oh! verzeiht mir meine Unhöflichkeit, meine Thorheit. Ach! Ihr wißt, für den Mann, der wahrhaft liebt, gibt es nur eine Frau, und als ich Euch immer wieder auf dieses Haus zukommen sah, glaubte ich Ihr würdet von dieser Frau erwartet.«

»Ich habe Euch nichts zu verzeihen,« erwiederte Ernauton lächelnd, »denn ich hatte in der That einen Augenblick den Gedanken, Ihr wäret in dieser Straße aus demselben Grund wie ich.«

»Und Ihr hattet die unglaubliche Geduld, mir nichts zu sagen, mein Herr! Ah! Ihr liebt nicht, Ihr liebt nicht.«

»Meiner Treu, hört, ich habe noch keine große Rechte; ich erwartete eine Aufklärung, ehe ich mich ärgerte. Diese vornehmen Damen sind so seltsam in ihren Launen, und eine Mystifikation ist so belustigend!«

»Oh! »Herr von Carmainges, Ihr liebt nicht wie ich, und dennoch …«

»Und dennoch?« wiederholte Ernauton.

»Und dennoch seid Ihr glücklicher.«

»Ah! man ist grausam in diesem Hause?«

»Herr von Carmainges,« sprach Joyeuse, »seit drei Monaten liebe ich wahnsinnig diejenige, welche es bewohnt und noch habe ich nicht das Glück gehabt, den Ton ihrer Stimme zu vernehmen.«

»Teufel! Ihr seid nicht weit vorgerückt. Doch wartet!«

»Was?«

»Hat man nicht gepfiffen?«

»In der That, mir scheint. ich habe pfeifen hören.«

Die zwei jungen Männer horchten; ein zweiter Pfiff machte sich in der Richtung des Kühnen Ritters hörbar.

»Herr Graf!»sprach Ernauton, »Ihr werdet mich entschuldigen, wenn ich Euch nicht länger Gesellschaft leiste, doch ich glaube, das ist mein Signal.«

Ein dritter Pfiff wurde vernommen.

»Geht, mein Herr, geht,« sagte Henri, »und viel Glück!«

Ernauton entfernte sich raschen Schrittes, und der Andere sah ihn im Schatten der Straße verschwinden, um im Lichte wieder zu erscheinen, das aus den Fenstern des Kühnen Ritters herabfiel, und dann abermals verschwinden.

Noch düsterer als zuvor, denn der Streit hatte ihn einen Augenblick seiner Lethargie entrissen, sprach Henri zu sich selbst:

»Auf! treiben wir unser gewöhnliches Handwerk, klopfen wir an die verfluchte Thüre, die sich nie öffnet.«

Und als er diese Worte gesprochen, schritt er wankend auf die Thüre des geheimnißvollen Hauses zu.

Dreizehntes Kapitel
Die Thüre öffnet sich

Als aber der arme Henri an die Thüre des geheimnißvollen Hauses kam, erfaßte ihn wieder sein gewöhnliches Zögern.

Und er machte noch einen Schritt.

Doch ehe er klopfte, schaute er abermals hinter sich und er sah auf dem Weg den glänzenden Reflex der Lichter des Gasthofs.

»Dort« sagte er zu sich selbst, »dort traten zur Liebe und zur Freude Leute ein, die man ruft, und die es nicht einmal gewünscht haben; warum habe ich nicht das ruhige Herz und das sorglose Lächeln, ich würde vielleicht auch dort eintreten, statt vergebens den Eintritt hier zu versuchen.«

Man hörte die Glocke von Saint-Germain-des-Prés schwermüthig in der Luft vibriren.

»Es schlägt zehn Uhr,« murmelte Henri.

Er setzte den Fuß auf die Thürschwelle und hob den Klopfer.

»Gräßliches Leben,« murmelte er, »Leben eines Greises. Oh! an welchem Tage werde ich sagen können Schöner Tod, lachender Tod, süßes Grab, sei mir gegrüßt.«

Er klopfte zum zweiten Mal.

»Das ist es,« fuhr er horchend fort, »das Geräusch der ächzenden inneren Thüre, das Geräusch der krachenden Treppe, das Geräusch des Trittes, der sich nähert… immer, immer dasselbe.«

Und er klopfte zum dritten Mal.

»Noch diesen Schlag, den letzten,« sagte er, »das ist es der Tritt wird leichter, der Diener schaut durch das eiserne Gitter, er sieht mein bleiches, finsteres, unerträgliches Gesicht und entfernt sich sodann, ohne jemals zu öffnen!«

Das Aufhören alles Geräusches schien die Weissagung des unglücklichen jungen Mannes zu rechtfertigen.

»Gott befohlen, grausames Haus; Gott befohlen bis morgen,« sagte er

Und er bückte sich, bis seine Stirne auf dem Niveau der steinernen Treppe war, und drückte darauf aus der Tiefe seiner Seele einen Kuß, daß der harte Granit erbebte, der indessen noch minder hart war, als das Herz der Bewohner dieses Hauses.

Dann zog er sich zurück, wie er es am Tage vorher gethan, wie er es am kommenden Tag zu thun gedachte.

Doch kaum hatte er zwei Schritte rückwärts gemacht, als zu seinem tiefen Erstaunen der Riegel in der Schließklappe klirrte. Die Thüre öffnete sich und der Diener verbeugte sich tief.

Es war derselbe, dessen Portrait wir bei seinem Zusammentreffen mit Robert Briquet entworfen haben.

»Guten Abend, mein Herr,« sagte er mit einer heiseren Stimme, deren Ton jedoch Du Bouchage süßer vorkam, als die süßesten Concerte der Cherubim, die man in seinen Kinderträumen hört, wo man noch vom Himmel träumt.

Henri der schon zehn Schritte gemacht hatte, um sich zu entfernen, näherte sich wieder zitternd, verwirrt faltete die Hände und wankte so sichtbar, daß ihn der Diener hielt, damit er nicht auf die Schwelle fiele; was dieser Mensch that, geschah übrigens mit dem offenbaren Ausdruck eines ehrfurchtsvollen Mitleids.

»Hier, mein Herr, hier bin ich, ich bitte Euch, erklärt mir was Ihr wünscht.«

»Ich habe so sehr geliebt,« erwiederte der junge Mann, »daß ich nicht weiß, ob ich noch liebe. Mein Herz hat so gewaltig geschlagen, daß ich nicht sagen kann ob es noch schlägt.«

»Wäre es Euch nicht gefällig, mein Herr, hier neben mich zu sitzen und mit mir zu plaudern?« fragte der Diener achtungsvoll.

»Oh! ja.«

Der Diener machte ihm ein Zeichen mit der Hand.

Henri gehorchte diesem Zeichen, wie er einer Geberde des Königs von Frankreich oder des römischen Kaisers gehorcht hätte.

»Sprecht, mein Herr.,« sagte der Diener, als sie neben einander saßen, »nennt mir Euer Verlangen.«

»Mein Freund,« erwiederte Du Bouchage, »es ist heute nicht das erste Mal, daß wir einander sprechen, und uns so berühren. Oft habe ich Euch, wie Ihr wißt. an einer Straßenecke erwartet und Euch sodann genug Gold angeboten, um Euch zu bereichern, wäret Ihr auch der gierigste der Menschen; zuweilen versuchte ich es auch, Euch einzuschüchtern, doch nie hörtet Ihr mich, stets saht Ihr mich leiden, ohne ein sichtbares Mitgefühl mit meinen Schmerzen. Heute heißt Ihr mich mit Euch sprechen, Ihr fordert mich auf, Euch meinen Wunsch auszudrücken: mein Gott, was ist denn vorgefallen, welches neue Unglück verbirgt mir diese Fügsamkeit von Eurer Seite?«

Der Diener stieß einen Seufzer aus. Es war offenbar ein Herz und zwar ein mitleidiges Herz unter dieser rauhen Hülle.

Diesen Seufzer hörte Henri und er ermuthigte ihn.

»Ihr wißt« fuhr er fort, »daß ich liebe und wie ich liebe; Ihr habt mich eine Frau verfolgen und so sehr sie sich anstrengte, sich zu verbergen und mich zu fliehen, sie entdecken sehen; nie ist mir in meinen größten Schmerzen ein bitteres Wort entschlüpft, nie habe ich jenen Gedanken an Gewalt Folge gegeben, welche aus der Verzweiflung und aus den Rathschlägen entspringen, die uns mit der Hitze des Blutes die stürmische Jugend einbläst.«

»Das ist wahr, mein Herr,« sagte der Diener, »und meine Gebieterin läßt Euch so wie ich in dieser Hinsicht volle Gerechtigkeit widerfahren.«

»Ihr müßt zugestehen,« fuhr Henri fort, indem er dem aufmerksamen Wächter die Hände drückte: »konnte ich nicht eines Abends, da Ihr mir den Eintritt in dieses Haus verweigertet, die Thüre sprengen, wie es alle Tage der geringste betrunkene oder verliebte Schüler thut? Dann hätte ich wenigstens auf einen Augenblick die unerbittliche Frau gesehen, mit ihr gesprochen.«

»Das ist abermals wahr.«

»Hört,« sagte der junge Graf mit unaussprechlicher Weichheit und Traurigkeit, »ich bin etwas in dieser Welt, mein Name ist groß, mein Vermögen ist groß, mein Credit ist groß. der König selbst begünstigt mich; noch so eben rieth mir der König ihm meine Schmerzen anzuvertrauen, hieß er mich zu ihm meine Zuflucht nehmen, bot er mir seine Protection an.«

»Ah!« machte der Diener mit sichtbarer Unruhe.

»Ich wollte das nicht,« fügte hastig der junge Mann bei, »nein, nein, ich habe Alles, Alles ausgeschlossen, um diese Thüre, die sich, ich weiß es wohl, nie öffnet, zu bitten, sie möge sich vor mir aufthun.«

»Herr Graf, Ihr seid in der That ein redliches, der Liebe würdiges Gemüth.«

»Nun wohl!« unterbrach ihn Henri mit einem schmerzlichen Zusammenschnüren des Herzens, »dieser Mann mit dem redlichen Gemüthe, der Eurer Ansicht nach geliebt zu werden würdig ist, wozu verurtheilt Ihr ihn? Jeden Morgen bringt mein Page einen Brief, man nimmt ihn nicht einmal an; jeden Abend klopfe ich selbst an diese Thüre, und jeden Abend meist man mich ab; kurz man läßt mich leiden, verzweifeln auf dieser Straße sterben, ohne für mich das Mitleid zu haben, das man für einen armen heulenden Hund hätte. Ah! mein Freund ich sage Euch diese Frau hat kein Frauenherz; man liebt einen Unglücklichen nicht, es mag sein, oh! mein Gott! man kann seinem Herzen eben so wenig zu lieben befehlen als ihm sagen, es dürfe nicht lieben. Doch man hat Mitleid mit einem Unglücklichen und sagt ihm ein Wort des Trostes, doch man beklagt einen Unglücklichen, wenn er fällt, und reicht ihm die Hand, um ihn aufzuheben; aber nein, nein, diese Frau gefällt sich in meinem Leiden; nein, diese Frau hat kein Herz; nein, denn wenn sie ein Herz gehabt haben würde, so hätte sie mich mit einer Weigerung ihres Mundes getödtet oder mit einem Dolchstoße tödten lassen; wäre ich todt; so würde ich wenigstens nicht mehr leiden.«

»Herr Graf,« erwiederte der Diener, nachdem er mit ängstlicher Aufmerksamkeit Alles, was der junge Mann sprach, angehört hatte, »glaubt mir, die Dame, welche Ihr anklagt, hat entfernt kein so unempfindliches und besonders kein so grausames Herz, als Ihr sagt, denn sie hat Euch zuweilen gesehen. sie hat begriffen, was Ihr leidet, und fühlt eine lebhafte Sympathie für Euch.«

»Oh! Mitleid, Mitleid,« rief der junge Mann, indem er sich den kalten Schweiß abwischte, der von seinen Schläfen lief, »oh! es komme der Tag, wo ihr Herz, das Ihr rühmt, die Liebe fühlen wird, so wie ich sie fühle, und wenn man ihr sodann im Austausch für diese Liebe Mitleid bietet, so werde ich gerächt sein.«

»Herr Graf, Herr Graf, daß man eine Liebe nicht erwiedert, ist kein Grund, nicht geliebt zu haben; diese Frau hat vielleicht eine stärkere Leidenschaft gekannt, als Ihr sie je kennen werdet; diese Frau hat vielleicht geliebt wie Ihr nie lieben werdet.«

Henri hob die Hände zum Himmel empor und rief: »Wenn man so liebt, liebt man immer.«

»Habe ich Euch vielleicht gesagt, sie liebe nicht mehr?« fragte der Diener.

Henri stieß einen Seufzer aus und sank zusammen, als ob er vom Tode getroffen worden wäre.

»Sie liebt!« rief er, »sie liebt! oh! mein Gott! mein Gott!«

»Ja, sie liebt; doch seid nicht eifersüchtig auf den Mann, den sie liebt, Herr Graf! dieser Mann gehört nicht mehr der Erde an; meine Gebieterin ist Witwe,« fügte der mitleidige Diener in der Hoffnung bei, durch diese Worte den Schmerz des jungen Mannes zu beschwichtigen.

Und in der That wie durch einen Zauber gaben ihm wieder diese Worte den Athem, das Leben, die Hoffnung.

»Im Namen des Himmels« sprach er, »verlasst mich nicht; sie ist Witwe, sagt Ihr; dann ist sie es seit Kurzem, sie wird die Quelle ihrer Thränen vertrocknen sehen; sie ist Witwe, ah! mein Freund, dann liebt sie Niemand, da sie einen Leichnam, einen Schatten, einen Namen liebt: der Tod ist weniger als die Abwesenheit; mir sagen, sie liebe einen Todten, heißt mir sagen, sie werde mich lieben… Ei! mein Gott! alle große Schmerzen haben sich mit der Zeit beschwichtigt, als die Witwe von Mausolos, welche am Grabe ihres Gatten einen ewigen Schmerz geschworen, als die Witwe von Mausolos ihre Thränen erschöpft hatte, wurde sie geheilt; das Beweinen ist eine Krankheit: wer nicht in der Krise weggerafft wird, geht aus ihr kräftiger lebendiger hervor.«

Der Diener schüttelte den Kopf und erwiederte:

»Diese Dame, Herr Graf, hat wie die Witwe des König Mausolos dem Todten ewige Treue geschworene, doch ich kenne sie, sie wird ihr Wort besser halten als die vergeßliche Frau, von der Ihr sprecht.«

»Ich werde warten, ich werde zehn Jahre warten, wenn es sein muß,« rief Henri, »Gott gestattete nicht, daß sie vor Kummer starb oder mit Gewalt ihre Tage abkürzte, wie Ihr seht; da sie nicht todt ist, kann sie leben, und da sie lebt, darf ich hoffen.«

»Oh! junger Mann! junger Mann!« sagte der Diener mit düsterem Tone, »rechnet nicht so mit den Forderungen der Todten; sie hat gelebt! sagt Ihr; ja, sie hat gelebt! nicht einen Tag, nicht einen Monat, nicht ein Jahre sie hat sieben Jahre gelebt! (Joyeuse bebte). Doch wißt Ihr warum, in welcher Absicht, welchen Entschluß zu vollbringen sie gelebt hat? Sie werde sich trösten, hofft Ihr? Nie, nie, Herr Graf! das sage ich Euch, das schwöre ich Euch, ich, der ich nur der unterthänige Diener des Todten war, ich, der ich, so lange er lebte, ein frommes, glühendes, hoffnungsvolles Gemüth war und, seitdem er todt ist, ein verhärtetes Herz geworden bin; ich, ich, der ich nur ihr Diener bin, wiederhole Euch, sie wird sich nie trösten.«

»Dieser so sehr beklagte Mann,« unterbrach ihn Henri, »dieser glückliche Todte, dieser Gatte…«

»Es war nicht der Gatte; es war der Geliebte, Herr Graf, und eine Frau wie diejenige, welche Ihr unglücklicher Weise liebt, hat nur einen Geliebten in ihrem ganzen Leben.«

»Mein Freund! mein Freund!« rief der junge Mann erschrocken über die Majestät dieses Menschen, mit dem erhabenen Geiste, der gleichsam unter gemeinen Kleidern verborgen war, »mein Freund, ich beschwöre Euch, vermittelt für mich.«

»Ich!« rief er, »ich! Hört, Herr Graf, wenn ich Euch für fähig gehalten hätte, gegen meine Gebieterin Gewalt zu gebrauchen, so hätte ich Euch mit dieser Hand getödtet.«

Und er zog unter seinem Mantel einen nervigen Arm hervor, der einem Mann von kaum fünf und zwanzig Jahren zu gehören schien, während ihm seine weißen Haare und seine gebückte Gestalt das Ansehen eines Sechzigers gaben.

»Wenn ich im Gegentheil hätte glauben können meine Gebieterin liebe Euch,« fuhr er fort, »so wäre sie gestorben…«

»Nun, mein Herr Graf, habe ich Euch gesagt, was ich Euch zu sagen hatte, versucht es nicht, mich zu einem weiteren Geständniß zu bewegen, denn bei meiner Ehre und, obgleich ich kein Edelmann bin, glaubt mir, meine Ehre ist etwas werth, … denn bei meiner Ehre, ich habe Alles gesagt, was ich sagen konnte.«

Henri stand den Tod im Herzen auf und sprach:

»Ich danke Euch, daß Ihr dieses Mitleid mit meinem Unglück gehabt habt; nun bin ich entschieden.«

»Ihr werdet also in Zukunft ruhiger sein, Herr Graf, Ihr werdet Euch von uns entfernen, Ihr werdet uns einem Geschick überlassen, das, glaubt mir, schlimmer ist, als das Eurige.«

»Ja, ich werde mich in der That entfernen, seid unbesorgt, und zwar für immer,« sagte der junge Mann.

»Ich verstehe Euch. Ihr wollt sterben.«

»Warum sollte ich es verbergen? Ich kann ohne sie nicht leben und so muß ich wohl sterben, sobald ich sie nicht besitze.«

»Herr Graf, ich habe sehr oft mit meiner Gebieterin über den Tod gesprochen; glaubt mir, es ist ein schlimmer Tod, der Tod, den man sich mit eigener Hand gibt.«

»Ich werde auch diesen nicht wählen; es gibt für einen jungen Mann von meinem Namen, von meinem Alter und von meinem Vermögen einen Tod, der jederzeit ein schöner Tod gewesen ist, es ist dies derjenige, welchen man in Vertheidigung seines Königs und seines Vaterlandes empfängt.«

»Wenn Ihr über Eure Kräfte leidet, wenn Ihr denjenigen, welche Euch überleben, nichts schuldig seid, wenn Euch der Tod auf dem Schlachtfelde geboten ist, sterbt, Herr Graf, sterbt; ich wäre längst todt, wem ich nicht zum Leben verurtheilt wäre.«

»Gott befohlen und meinen Dank,« sprach Joyeuse, indem er dem unbekannten Diener die Hand reichte. »Auf Wiedersehen in einer andern Welt!«

Und er warf zu den Füßen des durch diesen tiefen Schmerz gerührten Dieners eine schwere Goldbörse und entfernte sich rasch.

Es schlug Mitternacht im Glockenthurm von Saint-Germain-des-Prés.

Türler ve etiketler

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Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
951 s. 2 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain