Kitabı oku: «Die Gräfin von Charny Denkwürdigkeiten eines Arztes 4»
Erstes und zweites Bändchen
I
Erörterung über den wahren Sinn des Wortes Ende. 1
Diejenigen von unsern vortrefflichen Lesern, welche sich uns gewisser Maßen lehenspflichtig gemacht haben, diejenigen, welche uns überallhin folgen, wohin wir gehen, diejenigen, welche es interessiert, nie, selbst bei seinen Seitensprüngen, einen Mann zu verlassen, der sich die große Ausgabe gestellt, Blatt für Blatt jede Seite der Monarchie zu entrollen, mußten wohl begreifen, als sie das Wort Ende unten am letzten Feuilleton von Ange Pitou in der Presse und selbst unten an der letzten Serie des achten Bandes, veröffentlicht von unserem Freunde und Herausgeber Alexandre Cabot, – lassen, daß hier ein ungeheurer Irrthum obwalte, den wir ihren früher oder später aufklären werden.
In der That, wie ließ sich annehmen, ein Schriftsteller, dessen, vielleicht sehr ungebührende, Prätension es ist, vor Allem ein Buch mit allen Bedingungen eines Buches machen zu können, – wie ein Architekt die Prätension hat, ein Haus mit allen Bedingungen eines Hauses, ein Schiffsbaumeister, ein Schiff mit allen Bedingungen eines Schiffes machen zu können, – werde sein Haus beim dritten Stocke im Stiche, sein Schiss unvollendet bei der großen Stenge lassen.
So wäre es aber beim armen Ange Pitou, hätte der Leser im Ernste das Wort Ende genommen, welches er gerade bei der interessantesten Stelle des Buches fand, nämlich da, wo der König und die Königin sich anschicken, Versailles zu verlassen, um nach Paris zu ziehen; wo Charny zu bemerken anfängt, daß eine reizende Frau, der er seit fünf Jahren nicht die geringste Aufmerksamkeit geschenkt hat, erröthet, sobald sein Blick ihren Augen begegnet, sobald seine Hand ihre Hand berührt; wo Gilbert und Billot mit einem düsteren, aber entschlossenen Auge in den revolutionären Abgrund schauen, der sich vor ihnen öffnet, ausgegraben durch die monarchischen Hände von la Fayette und Mirabeau, von denen der Eine die Popularität, der Andere den Geist der Zeit repräsentirt; wo endlich der arme Ange Pitou, der demüthige Held dieser demüthigen Geschichte, über seinem Schooße, aus dem Wege von Villers-Coterets nach Pisseleu, Catherine hält, welche ohnmächtig geworden beim letzten Lebewohl ihres Liebhabers, der querfeldein galoppirend mit seinem Bedienten der Straße nach Paris zueilt.
Und dann finden sich noch andere Personen in diesem Roman, allerdings untergeordnete Personen, denen aber unsere Leser dennoch, wir sind dessen sicher, eine gewisse Theilnahme geschenkt haben, und es ist unsere Gewohnheit, das weiß man wohl, sobald wir einmal ein Drama in Scene gebracht haben, nicht nur unsere Haupthelden, sondern auch die secundären Personen, auch die geringsten Comparsen bis in die dunstigsten Fernen des Theaters zu verfolgen.
Da ist der Abbé Fortier, dieser strenge Monarchist, der sich gewiß nicht in einen constitutionellen Priefter verwandeln will, und die Verfolgung dem Eide vorziehen wird.
Da ist der junge Gilbert, zusammengesetzt aus zwei um diese Zeit im Kampfe begriffenen Naturen, aus zwei seit zehn Jahren sich verschmelzenden Elementen, dem demokratischen Elemente, mit welchem er durch seinen Vater verwandt, dem aristokratischen Elemente, dem er durch seine Mutter entsprossen ist.
Da ist Frau Billot, die arme Frau, Mutter vor Allem, welche, blind wie eine Mutter, ihre Tochter auf dem Wege gelassen hat und allein nach dem Pachthose zurückkehrt, selbst schon so vereinzelt seit dem Abgange von Billot.
Da ist der Vater Clouis, in seiner Hütte im Walde, der noch nicht weiß, ob er mit der Flinte, die ihm Pitou für diejenige gegeben, welche ihm ein paar Finger der linken Hand genommen hat, hundert und zweiundachtzig Hasen und hundert und zweiundachtzig Kaninchen in den gewöhnlichen Jahren und hundert dreiundachtzig Hasen und hundert dreiundachtzig Kaninchen in den Schaltjahren schießen wird.
Da sind endlich Claude Tellier und Désiré Maniquet, diese Dorfrevolutionäre, welche nur darnach trachten, den Spuren der Pariser Revolutionäre zu folgen, denen aber, wie man hoffen darf, der ehrliche Pitou, ihr Kapitän, ihr Commandant, ihr Oberster, als Zaum und Gebiß dienen wird.
Alles, was wir hier gesagt haben, kann das Erstaunen des Lesers in Betreff des Wortes Ende nur erneuern, dieses Wortes, das so seltsam unten an das Kapitel, welches es schließt, gesetzt ist, daß man glauben sollte, es sei ein am Eingange seiner Höhle auf der Straße nach Theben liegender Sphinx, der den böotischen Reisenden ein unauflösbares Räthsel ausgebe.
Wir wollen also die Erklärung geben.
Es war eine Zeit, wo die Jorunale gleichzeitig die Geheimnisse von Paris von Eugène Sue, die Generalbeichte von Soulié, Mauprat von Madame Sand, Monte-Christo, den Chevalier von Maison-Rouge und den Frauenkrieg von mir veröffentlichten.
Diese Zeit war die schöne Zeit des Feuilleton, aber die schlechte der Politik.
Wer bekümmerte sich damals um die Leitartikel von Herrn Armand Bertin, von Herrn Doctor Véron und vom Herrn Abgeordneten Chambolle? Niemand.
Und man hatte sehr Recht; denn da nichts von diesen unglücklichen Leitartikeln übrig geblieben ist, so waren sie nicht werth, daß man sich um sie bekümmerte.
Alles, was einen Werth hat, schwimmt obenauf und kommt irgendwo ans Land.
Es gibt nur ein Meer, welches Alles verschlingt, was man hineinwirft, das ist das todte Meer.
Es scheint, man warf in dieses Meer die Leitartikel von 1845, 1846, 1847 und 1848.
Sodann, mit diesen Leitartikeln von Herrn Armand Bertin, vom Herrn Doctor Véron und vom Herrn Abgeordneten Chambolle, warf man noch unter einander die Reden von Herrn Thiers und von Herrn Guizot, von Herrn Odilon Barrot und von Herrn Berryer, von Herrn Molé und von Herrn Duchatel hinein, was die Herren Duchatel, Mole, Berryer, Barrot, Guizot und Thiers wenigstens eben so sehr als den Herrn Abgeordneten Chambolle, den Herrn Doctor Véron und Herrn Armand Bertin verdroß.
Es ist wahr, daß man dagegen mit der größten Sorgfalt die Feuilletons der Geheimnisse von Paris, der Generalbeichte, von Mauprat, von Monte-Christo, vom Chevalier von M a i s o n-Rouge und vom Frauenkrieg abschnitt; daß man dieselben, nachdem man sie am Morgen gelesen, am Abend auf die Seite legte; es ist wahr, daß dies den Journalen Abonnenten und den Lesekabinets Kunden brachte; es ist wahr, daß dies die Geschichte die Historiker und das Volk lehrte; es ist wahr, daß dies vier Millionen Leser in Frankreich und fünfzig Millionen Leser im Auslande schuf; es ist wahr, daß die französische Sprache, welche seit dem siebzehnten Jahrhundert die Sprache der Diplomatie geworden war, im neunzehnten Jahrhundert die Sprache der Literatur wurde; es ist wahr, daß der Dichter, der genug Geld verdiente, um sich unabhängig zu machen, dem bis dahin durch die Aristokratie und das Königthum gegen ihn geübten Drucke entging; es ist wahr, daß in der Gesellschaft ein neuer Adel und ein neues Reich entstanden: das waren der Adel des Talents und das Reich des Genies: es ist wahr, daß dies so viele für die Individuen ehrenvolle und für Frankreich glorreiche Resultate herbeiführte, daß man sich ernstlich damit beschäftigte, den Zustand der Dinge, welcher diese Umwälzung veranlaßte, aufhören zu machen, daß die ansehnlichen Männer eines Königreichs wirtlich die angesehenen Männer waren, und daß der Ruf, der Ruhm und sogar das Geld eines Landes denen zufielen, welche Alles dies wahrhaft verdient hatten.
Die Staatsmänner von 1847 waren also, wie gesagt, wirklich darauf bedacht, daß man diesem Scandal ein Ende mache, als Herr Odilon Barrot, welcher wollte, daß man auch ein wenig von ihm spreche, die Idee bekam, nicht gute und schöne Reden auf der Tribune zu halten, sondern schlechte Diners an den verschiedenen Orten zu machen, wo sein Name noch in Ehren war.
Man mußte diesen Diners einen Namen geben.
In Frankreich liegt wenig daran, daß die Dinge den Namen haben, der ihnen gebührt, wenn sie nur einen Namen haben.
Dem zu Folge nannte man diese Diners Reform-bankette.
Es befand sich damals in Paris ein Mann, der, nachdem er Prinz gewesen, General gewesen; der, nachdem er General gewesen, verbannt worden und als Verbannter Lehrer der Geographie gewesen war; der, nachdem er Lehrer der Geographie gewesen, in Amerika gereist war; der, nachdem er in Amerika gereist war, in Sicilien wohnte; der, nachdem er die Tochter eines Königs von Sicilien geheirathet hatte, nach Frankreich zurückgekehrt war; der, nachdem er nach Frankreich zurückgekehrt, von Karl X. zur Königlichen Hoheit gemacht worden war, und nachdem er von Karl X. zur Königlichen Hoheit gemacht worden sich am Ende zum König gemacht hatte.
Dieser Mann war Seine Majestät König Louis Philipp, vom Volke erwählt.
Bei uns sind alle Kaiser, alle Könige, alle Präsidenten vom Volke erwählt.
Sie sagen es wenigstens, bis sie das Volk nach St. Helena gehen läßt oder nach Holyrood, nach Claremont oder anderswohin schickt.
Nun denn, dieser Prinz, dieser General, dieser Professor, dieser Reisende, dieser König, dieser Mann, den das Unglück und das Glück so viele Dinge hätte lehren sollen, während sie ihn nichts gelehrt hatten, – dieser Mann hatte den Gedanken, Herrn Odilon Barrot zu verhindern, seine Reformbankette zu geben, er beharrte hartnäckig bei seinem Gedanken, ohne zu vermuthen, daß es ein Princip war, dem er den Krieg erklärte, und da jedes Princip von oben kommt und folglich stärker ist, als das, was von unten kommt, da jeder Engel den Menschen niederwerfen muß, mit dem er kämpft, und wäre dieser Mensch Jacob, so warf der Engel Jacob nieder, das Princip warf den Menschen nieder, und Louis Philipp wurde mit seiner doppelten Generation von Prinzen, mit seinen Söhnen und Enkeln, vom Throne gestürzt.
Hat nicht die Schrift gesagt: »Die Sünde der Väter wird auf die Kinder zurückfallen bis ins dritte und vierte Geschlecht?«
Das machte Lärm genug in Frankreich, daß man sich nicht mehr um die Pariser Geheimnisse, um die Generalbeichte, um Mauprat, um Monte-Christo, um den Chevalier von Maison-Rouge, um den Frauenkrieg und sogar, wir müssen es gestehen, auch nicht mehr um ihre Verfasser bekümmerte.
Nein, man bekümmerte sich um Ledru-Rollin, um Cavaignac und den Prinzen Louis Napoleon.
Als sich aber die Ruhe ein wenig wiederhergestellt hatte, bemerkte man, daß diese Herren unendlich weniger unterhaltend waren, als Herr Eugène Sue, als Herr Frederic Soulié, als Madame George Sand und sogar als ich, der ich mich in Demuth als den Letzten von Allen setze; da man erkannte, daß ihre Prosa, abgesehen von der von Lamartine, – Ehre dem Ehre gebührt, – nicht so viel werth war, als die der Pariser Geheimnisse, der Generalbeichte, von Mauprat, von Monte-Christo, vom Chevalier von Maison-Rouge und vom Frauenkrieg, so forderte man Herrn von Lamartine, die Weisheit der Nationen, auf, Prosa zu machen unter der Bedingung, daß es keine politische sei, und die anderen Herren, mich eingerechnet, literarische Prosa zu machen.
Wozu wir uns sogleich verstanden, denn, glauben Sie mir, wir hatten nicht nöthig, hierzu aufgefordert zu werden.
Da erschienen die Feuilletons wieder, da verschwanden die Leitartikel, da fuhren dieselben Redner zu sprechen fort, welche vor der Revolution gesprochen hatten, welche nach der Revolution sprachen, welche immer sprechen werden.
Unter allen diesen Rednern war Einer, welcher wenigstens gewöhnlich nicht sprach.
Man wußte ihm Dank hierfür und grüßte ihn, wenn er mit seinem Repräsentantenband vorüberging.
Eines Tags bestieg er die Tribune. Mein Gott! ich möchte Ihnen gern seinen Namen sagen, doch ich habe ihn vergessen.
Eines Tags bestieg er die Tribune. Ah! Sie müssen Eines erfahren: die Kammer war an diesem Tage sehr schlechter Laune.
Paris hatte zu seinem Repräsentanten einen der Männer gewählt, welche Feuilletons machten.
Ich erinnere mich des Namens dieses Mannes ganz wohl.
Er heißt Eugène Sue.
Die Kammer war also sehr mißstimmt, daß man Eugène Sue gewählt, sie hatte ohnehin schon auf ihren Bänken drei bis vier literarische Flecken, die ihr unerträglich waren:
Lamartine, Hugo, Felix Pyat u.s.w.
Dieser Dcputirte, dessen Name mir nicht gegenwärtig ist, bestieg also die Tribune und benutzte geschickt die schlechte Laune der Kammer. Jedermann machte: »St!« Jeder horchte.
Er sagte, das Feuilleton sei Schuld gewesen, daß Ravaillac Heinrich IV. ermordet, daß Ludwig XIII. den Marschall d’Ancre ermordet, daß Ludwig XIV. Fouquet ermordet, daß Damiens Ludwig XV. ermordet, daß Napoleon den Herzog von Enghien ermordet, daß Louvel den Herzog von Berry ermordet, daß Fieschi Louis Philipp ermordet, und daß endlich Herr von Praslin seine Frau ermordet.
Er fügte bei, an allen Ehebrüchen, welche begangen worden, an allen Erpressungen, welche geschehen, an allen Diebstählen, welche man verübe, sei das Feuilleton Schuld.
Man brauche nur das Feuilleton zu unterdrücken oder es zu stempeln: die Welt werde aus der Stelle Halt machen und, statt nach dem Abgrunde fortzuschreiten, gegen das goldene Zeitalter zurückschreiten, welches es unfehlbar früher oder später erreichen müsse, da es eben so viele Schritte rückwärts mache, als es vorwärtsgemacht habe.
Eines Tages rief der General Foy:
»Es gibt ein Echo in Frankreich, wenn man die Worte Ehre und Vaterland ausspricht!«
Ja, es ist wahr, zur Zeit des General Foy gab es dieses Echo, wir haben es gehört, wir, die wir sprechen, und es freut uns sehr, daß wir es gehört haben.
Wie es uns sehr freut, den Kaiser gesehen zu haben, welchen wir seit langer Zeit nicht mehr sahen, und den wir nie mehr sehen werden.
»Wo ist dieses Echo?« wird man uns fragen!
»Welches?«
»Das Echo des General Foy.«
»Es ist, wo die alten Scherze des Dichters Villon sind; vielleicht wird man es eines Tags wiederfinden; hoffen wir!«
So viel ist gewiß, daß es an diesem Tage – nicht am Tage des General Foy – auf der Tribune ein anderes Echo gab.
Es war ein seltsames Echo, es sagte:
»Es ist endlich Zeit, daß wir brandmarken, was Europa bewundert, und daß wir so theuer als möglich das verkaufen, was jede andere Regierung, wenn sie das Glück hätte, es zu besitzen, umsonst geben würde:
»Das Genie.«
Wir müssen bemerken, daß dieses armselige Echo nicht für seine Rechnung sprach, sondern nur die Worte des Redners wiederholte.
Die Kammer machte sich mit wenigen Ausnahmen zum Echo des Echos.
Ach! das war seit fünfunddreißig bis vierzig Jahren die Rolle der Majoritäten. In der Kammer gibt es wie aus dem Theater sehr unglückliche Traditionen.
Da nun die Kammer der Ansicht war, daß an allen Diebstählen, welche verübt werden, an allen Erpressungen, welche geschehen, an allen Ehebrüchen, welche man begeht, das Feuilleton Schuld sei;
Daß, wenn Herr von Praslin seine Frau ermordet;
Daß, wenn Fieschi Louis Philipp ermordet;
Daß, wenn Louvel den Herzog von Berry ermordet;
Daß, wenn Napoleon den Herzog von Enghien ermordet;
Daß, wenn Damiens Ludwig XV. ermordet;
Daß, wenn Ludwig XIV. Fouquet ermordet;
Daß, wenn Ludwig XIII. den Marschall d’Anere ermordet;
Daß, wenn Ravaillac endlich Heinrich IV. ermordet;
Alle diese Morde offenbar die Schuld des Feuillelon seien, selbst ehe es geschaffen worden, so nahm die Majorität den Stempel an.
Der Leser hat vielleicht nicht recht bedacht, was der Stempel ist, und fragt sich, wie der Stempel, das heißt ein Centime auf das Feuilleton, dieses tödten könne?
Lieber Leser, ein Centime aus das Feuilleton, wenn vierzigtausend Exemplare von einem Journal abgezogen werden, das macht, wissen Sie, wie viel? Vierhundert Franken für das einzelne Feuilleton!
Das heißt das Doppelte von dem, was man bezahlt, wenn der Schriftsteller Eugène Sue, Lamartine, Méry, George Sand oder Alexandre Dumas heißt!
Sagen Sie mir aber, zeugt es von einer großen Moralität einer Regierung, wenn sie irgend eine Waare mit einer Abgabe belastet, welche viermal beträchtlicher, als der innere Werth der Waare?
Besonders, wenn diese Waare eine Waare ist, deren Eigenthum: den Geist, man uns streitig macht.
Ein Resultat hiervon ist, daß es kein Journal mehr gibt, welches theuer genug, um Roman-Feuilletons zu kaufen.
Ein Resultat hiervon ist, daß beinahe alle Journale Geschichts-Feuilletons veröffentlichen.
Lieber Leser, was sagen Sie zu den Geschichtsfeuilletons des Constitutionnel?
»Puh!«
Nun! das ist es gerade.
Das wollten die Politiker, damit man nicht mehr von der Literatur spreche.
Abgesehen davon, daß dies das Feuilleton aus einen sehr moralischen Weg treibt!
So hat man zum Beispiel mir, der ich Monte-Christo, die Musketiere, die Königin Margot geschrieben, den Vorschlag gemacht, die Geschichte des Palais-Roval zu schreiben.
Eine in zwei Abtheilungen sehr interessante Geschichte:
Einerseits die Geschichte der Spielhäuser;
Andererseits die Geschichte der Freudenmädchen!
Man hat mir vorgeschlagen, mir, dem vorzugsweise religiösen Menschen:
Die Geschichte der Verbrechen der Päpste!
Man hat mir vorgeschlagen . . ., ich mag nicht Alles sagen, was man mir vorgeschlagen hat.
Das wäre noch nichts, würde man sich darauf beschränken, mir vorzuschlagen, zu machen.
Doch man hat mir vorgeschlagen, nichts mehr zu machen.
So erhielt ich eines Morgens folgenden Brief von Emile von Girardin:2
»Mein lieber Freund,
Ich wünsche, daß Ange Pitou nur noch einen halben Band habe, statt sechs Bände, nur noch zehn Kapitel, statt hundert.
»Richten Sie das ein, wie Sie wollen, und schneiden Sie ab, wenn Sie nicht wollen, daß ich abschneide.«
Ich begriff wahrlich vollkommen, Emile von Girardin hatte meine Denkwürdigkeiten in seinen alten Cartons, er wollte lieber meine Denkwürdigkeiten veröffentlichen, welche keine Stempelgebühren bezahlten, als Ange Pitou, wofür er zu bezahlen hatte.
Er unterdrückte mir auch sechs Romanbände, um zwanzig Bände Denkwürdigkeiten zu drucken.
Und darum, theurer, vielgeliebter Leser, wurde das Wort Ende vor das Ende gesetzt.
Darum wurde Ange Pitou aus die Art von Kaiser Paul, nicht um den Hals, sondern mitten um den Leib erwürgt.
Doch Sie wissen durch die Musketiere, welche Sie zweimal für todt gehalten, während sie zweimal auferstanden, meine Helden erwürgt man nicht so leicht, wie jenen Kaiser.
Mit Ange Pitou ist es nun wie mit den Musketieren. Pilon, der durchaus nicht todt, sondern nur verschwunden war, wird sogleich wiedererscheinen, und ich bitte Sie, in diesen Zeilen der Unruhen und Revolutionen, welche so viele Fackeln entzünden und so viele Kerzen auslöschen, meine Helden nur für gestorben zu halten, wenn Sie einen von meiner Hand unterzeichneten Anzeigebrief empfangen haben werden.
Und auch dann! . . .
II
Die Schenke vom Pont de Sèvres
Will der Leser einen Moment zu unserem Roman Ange Pitou zurückkehren und das Buch öffnend seinen Blick aus das Kapitel, überschrieben: Die Nacht vom 5. auf den 6. October, heften, so wird er dort einige Thatsachen finden, welche sich ins Gedächtniß zurückzurufen für ihn nicht ohne Wichtigkeit ist, ehe er dieses Buch zu lesen beginnt, das sich am 6. desselben Monats eröffnet.
Nachdem wir selbst einige wichtige Zeilen von diesem Kapitel citirt haben, werden wir die Umstände und Ereignisse, welche der Wiederausnahme unserer Erzählung vorhergehen müssen, in so wenig als möglich Worten zusammenfassen.
Diese Zeilen folgen hier:
Um drei Uhr war Alles still in Versailles.
»Durch den Bericht ihrer Huissiers beruhigt, hatte sich selbst die Nationalversammlung zurückgezogen.
»Man hoffte, diese Ruhe würde nicht gestört werden.
»Beinahe bei allen Volksbewegungen, welche die großen Revolutionen vorbereiten, ist eine Zeit des Stillstands, wo man glaubt, Alles sei beendigt, und man könne ruhig schlafen.
Man täuscht sich.
»Hinter den Menschen, welche die ersten Bewegungen machen, sind diejenigen, welche warten, bis die ersten Bewegungen gemacht sind, und bis, ermüdet oder befriedigt, diejenigen, welche diese ersten Bewegungen vollbracht haben, in dem einen oder dem andern Falle nicht mehr weiter gehen wollen und ausruhen.
»Diese unbekannten Menschen, geheimnißvolle Agenten unseliger Leidenschaften, schleichen dann in der Finsterniß, nehmen die Bewegung wieder aus, wo sie verlassen worden ist, und erschrecken, indem sie dieselbe bis zu ihren äußersten Grenzen treiben, bei ihrem Erwachen diejenigen, welche ihnen die Bahn eröffnet und sich aus halbem Wege niedergelegt haben, im Glauben, der ganze Weg sei durchlaufen und das Ziel erreicht.«
Wir haben drei von diesen Menschen in dem Buche genannt, dem wir die hier angeführten paar Zeilen entlehnen.
Man erlaube uns, aus unsere Scene, das heißt vor die Thüre der Schenke vom Pont de Sèvres, eine Person zu führen, die, weil sie noch nicht von uns genannt worden, darum keine geringere Rolle in dieser erschrecklichen Nacht gespielt hatte.
Es war ein Mann von fünf und vierzig bis acht und vierzig Jahren, als Arbeiter gekleidet, das heißt mit einer Sammethose, welche durch eine lederne Schürze mit Taschen geschützt war, wie man sie bei den Hufschmieden und Schlossern sieht. Er trug graue Strümpfe und Schuhe mit messingenen Schnallen und hatte seinen Kopf mit einer Art von Pelzmütze bedeckt, ein Wald von ergrauenden Haaren drang unter dieser Mütze hervor, um sich mit ungeheuren Brauen zu verbinden und aus halbe Rechnung mit diesen große, hervorstehende, lebhafte und verständige Augen zu beschatten, deren Reflexe so rasch, deren Nuancen so wechselnd waren, daß sich schwer bestimmen ließ, ob sie grün oder grau, blau oder schwarz. Das übrige Gesicht bestand aus einer mehr starken, als mittleren Nase, dicken Lippen, weißen Zähnen, und einer sonnverbrannten Haut.
Ohne groß zu sein, war dieser Mann bewunderungswürdig gewachsen, er hatte seine Gelenke, einen kleinen Fuß, und man hätte auch scheu können, daß er eine kleine und sogar zarte Hand besaß, hätten seine Hände nicht die Bronzefärbung der Eisenarbeiter gehabt.
Stieg man aber von dieser Hand zum Ellenbogen auf, und vom Ellenbogen bis zu der Stelle des Armes, wo das zurückgeschlagene Hemd den Anfang einer kräftig gezeichneten Muskel sehen ließ, so konnte man wohl bemerken, daß, trotz der Stärke dieser Muskel, die Haut, weiche sie bedeckte, sein, dünn, beinahe aristokratisch war.
Dieser Mann, der vor der Thüre der Schenke vom Pont de Sèvres stand, hatte in seiner Nähe eine reich mit Gold eingelegte Doppelflinte, auf deren Lauf man den Namen von Leclère, einem Waffenschmiede lesen konnte, welcher bei den Pariser Jägern ein großes Ansehen zu gewinnen anfing.
Man wird uns vielleicht fragen, wie sich ein so schönes Gewehr in den Händen eines einfachen Arbeiters befunden habe: hieraus antworten wir, daß in den Tagen der Aufstände, und wir haben, Gott sei Dank! einige gesehen, die schönsten Waffen sich nicht immer in den weißesten Händen finden.
Unser Mann war vor ungefähr einer halben Stunde von Versailles angekommen und wußte ganz genau, was vorgefallen: denn aus die Frage, die der Wirth an ihn richtete, während er ihn mit einer Flasche bediente, die er noch nicht angegriffen, antwortete er:
Die Königin komme mit dem König und dem Dauphin.
Sie seien ungefähr gegen Mittag abgegangen.
Sie haben sich endlich entschlossen, den Palast der Tuilerien zu bewohnen; es werde daher Paris wahrscheinlich in Zukunft nicht mehr an Brod fehlen, da es den Bäcker, die Bäckerin und den kleinen Bäckerburschen besitzen solle.
Und er warte, um den Zug vorüberkommen zu sehen.
Diese letzte Behauptung konnte wahr sein, und dennoch war leicht zu bemerken, daß sich sein Blick neugieriger gegen Paris, als gegen Versailles wandte, was zum Glauben Anlaß gab, er habe sich nicht für verbunden erachtet, dem Wirthe, der ihn zu fragen sich erlaubt, eine sehr genaue Rechenschaft von seinen Absichten zu geben.
Nach einigen Augenblicken schien indessen seine Erwartung befriedigt zu werden. Ein ungefähr wie er gekleideter Mann, der ein dem seinigen ähnliches Gewerbe zu treiben schien, zeigte sich oben aus der Anhöhe, welche den Horizont der Straße begrenzte.
Dieser Mann ging schwerfällig und wie ein Reisender, der schon einen langen Weg gemacht hat.
Je näher er kam, desto mehr konnte man seine Züge und sein Alter unterscheiden.
Sein Alter mochte das des Unbekannten sein, das heißt, man konnte kühn behaupten, er sei aus der schlimmen Seite der Vierzig, wie die Leute vom Volke sagen.
Was seine Züge betrifft, so waren es die eines Menschen aus dem großen Haufen mit niedrigen Neigungen, mit gemeinen Instincten.
Das Auge des Unbekannten heftete sich neugierig aus ihn mit einem seltsamen Ausdruck, und als wollte er mit einem Blicke ermessen, was man Alles Unreines und Schlechtes aus dem Herzen dieses Menschen ziehen könne.
Als der Arbeiter, der von der Seite von Paris kam, nur noch zwanzig Schritte von demjenigen entfernt war, welcher bei der Thüre wartete, ging dieser hinein, goß den ersten Wein aus der Flasche in eines der zwei aus dem Tische stehenden Gläser, kehrte mit diesem Glase in der Hand vor die Thüre zurück und rief:
»He! Kamerad, das Wetter ist kalt, der Weg ist lang; trinken wir nicht ein Glas Wein, um uns zu stärken und wieder zu erwärmen?«
Der von Paris kommende Arbeiter schaute umher, als wollte er sehen, ob die Einladung wirklich an ihn gerichtet sei.
»Sprechen Sie mit mir?« fragte er.
»Mit wem denn wenn’s beliebt, da Sie allein sind.«
»Und Sie bieten mir ein Glas Wein an?«
»Warum nicht?«
»Ah!«
»Ist man nicht von demselben Handwerk oder von einem ähnlichen?«
Der Arbeiter schaute den Unbekannten zum zweiten Mal an und erwiederte:
»Jedermann kann von demselben Handwerk sein; das wichtigste ist, zu wissen, ob man Gesell oder Meister ist.«
»Nun! das werden wir sogleich erfahren, wenn wir zaudernd ein Glas Wein miteinander trinken.«
»Meinetwegen!« versetzte der Arbeiter. Und er ging auf die Thüre der Schenke zu.
Der Unbekannte zeigte ihm den Tisch und deutete aus das Glas.
Der Arbeiter nahm das Glas, betrachtete den Wein, als ob er ein Mißtrauen gegen denselben gesaßt hätte, welches sogleich verschwand, sobald sich der Unbekannte ein zweites Glas wie das erste bis an den Rand gefüllt hatte.
»Nun!« fragte er, »ist man zu stolz, um mit demjenigen, welchen man einladet, anzustoßen?«
»Bei meiner Treue, nein, im Gegentheil: Aus die Nation!«
Die grauen Augen des Arbeiters hefteten sich einen Moment auf denjenigen, welcher diesen Toast ausgebracht.
Dann sprach er:
»Ei! bei Gott! wohl gesagt, ja: Auf die Nation!l«
Und er leerte den Inhalt seines Glases aus einen Zug.
Wonach er sich die Lippen mit seinem Aermel abwischte.
»Ah! ah!« rief er, »das ist Burgunder!«
»Und vom alten, wie? Man hat mir die Schenke empfohlen, im Vorbeigehen bin ich eingetreten, und ich bereue es nicht. Aber setzen Sie sich doch, Kamerad; es ist noch etwas in der Flasche, und wenn nichts mehr in der Flasche ist, so wird es im Keller etwas geben.«
»Ah!« fragte der Arbeiter, was machen Sie denn da?«
»Sie sehen es, ich komme von Versailles, und ich erwarte den Zug, um ihn nach Paris zu begleiten.«
»Welchen Zug?«
»Ei! den des Königs, der Königin und des Dauphin, welche in Gesellschaft der Damen der Halle und von zwei hundert Mitgliedern der Nationalversammlung, unter dem Schutze der Nationalgarde und von Herrn von Lafayette, nach Paris, zurückkommen.«
»Er hat sich also entschlossen, nach Paris zurückzukehren, der Bürger?«
»Er mußte wohl.«
»Ich habe es vermuthet, diesen Morgen um drei Uhr, als ich nach Paris abging.«
»Ah! ah! Sie sind diesen Morgen um drei Uhr abgegangen, und Sie haben Versailles nur so verlassen, ohne daß Sie neugierig waren, zu erfahren, was dort vorgehen würde?«
»Doch, ich hatte einige Lust, zu erfahren, wie es mit dem Bürger gehen werde, um so mehr, als das, ohne mich zu rühmen, ein Bekannter ist; doch Sie begreifen, die Arbeit vor Allem! Man hat Weib und Kind; man muß Alles dies ernähren, besonders jetzt, da es keine königliche Schmiede mehr geben wird.«
Der Unbekannte ließ die zwei Anspielungen vorübergehen, ohne sie auszunehmen.
»Sie hatten also ein dringendes Geschäft in Paris zu verrichten?« fragte er.
»Bei meiner Treue, ja, wie es scheint, und gut bezahlt,« fügte der Arbeiter bei, indem er ein paar Thaler in seiner Tasche klingen ließ, »obgleich es mir ganz einfach von einem Bedienten bezahlt wurde, was nicht artig ist – und noch von einem deutschen Bedienten, – so daß man nicht einmal ein Bischen mit ihm plaudern konnte.«
»Und Sie hassen das Plaudern nicht?«
»Ei! wenn man nicht schlimm von den Andern spricht, so ist das eine Zerstreuung.«
Die zwei Männer lachten, der Unbekannte, indem er weiße Zähne, der Arbeiter, indem er verdorbene Zähne zeigte.
»Also,« sagte der Unbekannte, wie ein Mensch, der allerdings nur Schritt für Schritt vorrückt, den aber nichts vorzurücken hindern kann, Sie haben also ein dringendes und gut bezahltes Geschäft verrichtet?«
»Ja.«
»Gut bezahlt, weil die Arbeit ohne Zweifel schwierig war?«
»Schwierig? ja.«
»Ein Geheimschloß, wie?«
»Eine unsichtbare Thüre. Stellen Sie sich ein Haus in einem Hause vor, – Jemand, der ein Interesse hätte, sich zu verbergen, nicht wahr? nun, er ist da, und er ist nicht da! Man klingelt: der Bediente öffnet die Thüre: »»Ist der Herr zu Hause?«« »»Nein.«« »»Doch, er muß zu Hause sein.«« »»So suchen Sie!«« Man sucht. Gute Nacht! ich fordere alle Welt heraus, den Herrn zu finden. Eine eiserne Thüre, verstehen Sie, welche aus das Genaueste in das Simswerk hineinpaßt. Man zieht eine Lage von altem Eichenholz über Alles dies, und es ist unmöglich, das Holz vom Eisen zu unterscheiden.«
»Ja, doch wenn man daraus klopft?«
»Bah! eine Lage Holz auf dem Eisen, eine Linie dünn, doch dick genug, daß der Ton überall gleich ist . . . Tak, tak, tak, tak . . . Sehen Sie, als die Sache fertig war, täuschte ich mich selbst.«
»Und wo Teufels haben Sie das gemacht?« »Ah! das ist es.«
»Das wollen Sie nicht sagen?«
»Das kann ich nicht sagen, weil ich es nicht weiß.«
»Man hat Ihnen die Augen verbunden?«
»Ganz richtig! Ich wurde mit einem Wagen bei der Barriere erwartet. Man fragte mich: »»Sind Sie der und der?«« Ich antwortete: »»Ja!«« »»Gut, Sie erwarten wir, steigen Sie ein,«« »»Ich soll einsteigen?«« »»ja.«« Ich stieg ein, man verband mir die Augen, der Wagen rollte ungefähr eine halbe Stunde, dann öffnete sich ein Thor – ein großes Thor; ich stieß an die erste Stufe einer Freitreppe, ich stieg zehn Stufen hinauf, ich trat in ein Vorhaus ein; hier fand ich einen deutschen Bedienten, der zu den Anderen sagte: »»Es ist gut, geht; man braucht Euch nicht mehr.«« Die Anderen entfernten sich. Er nahm mir meine Binde ab und zeigte mir, was ich zu thun hatte. Ich ging als ein guter Arbeiter an’s Geschäft. In einer Stunde war es gethan. Man bezahlte mich in schönen Louis d’or, verband mir die Augen wieder, brachte mich in den Wagen, ließ mich an derselben Stelle aussteigen, wo ich eingestiegen war, wünschte mir eine glückliche Reise, und hier bin ich.«
»Ohne daß Sie etwas gesehen haben, – nicht einmal aus dem Augenwinkel? Was Teufel! eine Binde ist nicht so fest geschlossen, daß man nicht rechts oder links hinausschielen kann.«
»Ei! Ja!«
»Nun, nun! gestehen Sie doch, daß Sie gesehen haben,« sagte lebhaft der Unbekannte.
»Hören Sie: als ich einen falschen Tritt gegen die erste Stufe der Freitreppe that, benutzte ich dies, um eine Gebärde zu machen; während ich diese Gebärde machte, verrückte ich ein wenig meine Binde.
»Und dadurch, daß Sie Ihre Binde verrückten?« fragte der Unbekannte mit derselben Lebhaftigkeit.
»Sah ich eine Linie von Bäumen, was mich zum Glauben brachte, das Haus sei auf dem Boulevard, sonst aber nichts.«
»Sonst nichts?«
»Ah! bei meinem Ehrenwort.«
»Das besagt nicht viel.«
»Weil die Boulevards lang sind, und weil es mehr als ein Haus mit einem großen Thore und einer Freitreppe vom Café Saint-Honoré bis zur Bastille gibt.
»So, daß Sie dieses Haus nicht wiedererkennen würden?«
Der Schlosser dachte einen Augenblick nach.
»Bei meiner Treue, nein,« erwiederte er, »ich wäre nicht im Stande, es wiederzuerkennen.«
Der Unbekannte, obgleich sein Gesicht gewöhnlich nur das zu sagen schien, was er es gern wollte sagen lassen, war, wie man wahrnehmen konnte, ziemlich befriedigt durch diese Versicherung.
»Oh!« sagte er plötzlich, als wollte er zu einer andern Ideenordnung übergehen, »es gibt also keinen Schlosser mehr in Paris, daß die Leute, welche dort Geheimthüren brauchen, Schlosser von Versailles holen lassen?«
Und zu gleicher Zeit schenkte er seinem Gaste ein volles Glas Wein ein und klopfte mit der leeren Flasche auf den Tisch, damit der Wirth eine neue volle brächte.
III
Meister Gamain
Der Schlosser hob sein Glas bis zur Höhe seines Auges empor und betrachtete es wohlgefällig.
Dann kostete er mit augenscheinlicher Befriedigung davon und erwiederte:
»Doch, es gibt Schlosser in Paris.«
Er trank noch ein paar Tropfen.
»Nun?«
»Es gibt sogar Meister,«
Er trank abermals.
»Das sagte ich mir.«
»Doch es ist ein Unterschied unter den Meistern.«
»Ah! Ah!« sagte der Unbekannte lächelnd, »ich sehe, Sie sind wie der heilige Aloisius, nicht nur Meister, sondern Meister über Meister.«
»Und Meister über Alle. Sie sind vom Handwerk?«
»So ungefähr.«
»Was sind Sie?«
»Ich bin Waffenschmied.«
»Haben Sie hier von Ihrer Arbeit?«
»Sehen Sie diese Flinte.«
Der Schlosser nahm die Flinte aus den Händen des Unbekannten, untersuchte sie aufmerksam, ließ die Federn spielen, billigte mit dem Kopfe nickend das scharfe Knacken der Batterien, las dann den auf das Schloßblech und auf den Lauf geschriebenen Namen und rief:
»Leclère? unmöglich, Freund! Leclère ist höchstens achtundzwanzig Jahre alt, und wir gehen Beide gegen das fünfzigste, ohne Ihnen etwas Unangenehmes sagen zu wollen.«
»Es ist wahr,« erwiederte der Unbekannte, »ich bin nicht Leclère, doch es ist ganz dasselbe.«
»Wie, es ist ganz dasselbe?«
»Allerdings, da ich sein Lehrmeister bin.«
»Ah! gut,« rief lachend dir Schlosser, »das ist, als ob ich sagen würde: »»Ich bin nicht der König, doch das ist ganz dasselbe.««
»Wie, das ist ganz dasselbe?« wiederholte der Unbekannte.
»Ei! ja, da ich sein Lehrmeister bin,« sprach der Schlosser.
»Ho! ho!« machte der Unbekannte, indem er aufstand und den militärischen Gruß parodirte, »sollte ich die Ehre haben, mit Herrn Gamain zu sprechen?«
»Mit ihm in Person, und um Ihnen zu dienen, wenn ich hierzu fähig wäre,« sagte der Schlosser, entzückt über die Wirkung, welche sein Name hervorgebracht hatte.
»Teufel,« versetzte der Unbekannte, »ich wußte nicht, daß ich es mit einem so ansehnlichen Mann zu thun habe.«
»Wie?«
»Mit einem so ansehnlichen Manne,« wiederholte der Unbekannte.
»So angesehen, wollen Sie sagen.«
»Ah! ja, verzeihen Sie,« sagte lachend der Unbekannte. »Sie wissen, ein armer Waffenschmied versteht es nicht, sich auszudrücken wie ein Lehrmeister, und was für ein Lehrmeister, der Lehrmeister des Königs von Frankreich.«
Dann nahm er das Gespräch in einem andern Tone wieder auf und fügte bei:
»Sagen Sie mir, es muß nicht sehr belustigen, der Lehrmeister des Königs zu sein?«
»Warum?«
»Ei! wenn man ewig Handschuhe anhaben muß, um guten Morgen und guten Abend zu sagen!«
»Oh! nein.«
»Wenn man sagen muß: »»Euere Majestät, nehmen Sie diesen Schlüssel mit der linken Hand . . . Sire, nehmen Sie diese Felle mit der rechten Hand.«
»Ah! darin lag gerade der Reiz bei ihm, denn sehen Sie, er ist im Grunde ein guter Mensch. War er einmal in der Schmiede, hatte er die Schürze vorgebunden und die Aermel seines Hemdes zurückgeschlagen, so hätte man nie glauben sollen, er sei der älteste Sohn vom heiligen Ludwig, wie sie ihn nennen.«
»In der That, Sie haben Recht, es ist außerordentlich, wie ein König einem andern Menschen gleicht.
»Ja, nicht wahr? Diejenigen, welche in ihre Nähe kommen, haben dies längst bemerkt,«
»Oh! es wäre nichts, wenn nur diejenigen, welche in ihre Nähe kommen, es bemerkt hätten,« sprach der Unbekannte mit einem seltsamen Gelächter, »aber diejenigen, welche sich von ihnen entfernen, fangen besonders an, es zu bemerken.«
Gamain schaute den Unbekannten mit einer gewissen Verwunderung an.
Doch dieser, welcher schon seine Rolle vergessen hatte, ließ ihm nicht Zeit, den Werth des Satzes, den er ausgesprochen, abzuwägen, und sagte, auf das Vorhergehende zurückkommend:
»Ein Grund mehr: daß man einen Menschen, welcher ist wie ein Anderer, Sire und Majestät nennen muß, finde ich demüthigend.«
»Man mußte ihn aber weder Sire, noch Majestät nennen! Sobald er in der Schmiede war, gab es Alles dies nicht. Ich nannte ihn Bürger, und er nannte mich Gamalo; nur duzte ich ihn nicht, und er duzte mich.«
»Ja, doch wenn die Stunde des Frühstücks oder des Mittagbrodes kam, schickte man Gamalo in die Office, wo er mit den Dienstleuten, mit den Lackeien essen mußte.«
»Nein, oh! nein, das hat man nie gethan; im Gegentheil, er ließ mir einen ganz gedeckten Tisch in die Schmiede bringen, und oft, beim Frühstück besonders, setzte er sich mit mir zu Tische und sagte: »»Bah! ich werde nicht bei der Königin frühstücken; so brauche ich mir die Hände nicht zu waschen.«
»Ich begreise nicht recht . . .«
»Sie begreifen nicht, daß der König, wenn er mit mir arbeitete, Eisen schmiedete, Hände hatte, wie wir sie haben, was uns nicht abhält, ehrliche Leute zu sein; so daß die Königin mit ihrem zimperlichen Gesichtchen zu ihm sagte: »»Pfui! Sire, Sie haben schmutzige Hände!«« Als ob man reinliche Hände haben könnte, wenn man in der Schmiede gearbeitet hat.«
»Sprechen Sie nicht hiervon,« sagte der Unbekannte, »das ist zum Weinen.«
»Sehen Sie, im Ganzen gefiel er sich nur dort, dieser gute Mann, oder in seinem geographischen Cabinet, mit mir oder mit seinem Bibliothekar; doch ich glaube, ich war es abermals, den er am meisten liebte.«
»Gleichviel, es ist nicht erfreulich, der Lehrmeister eines schlechten Zöglings zu sein.«
»Eines schlechten Zöglings?« rief Gamain; »oh! nein, Sie müssen das nicht sagen: er ist sogar sehr unglücklich, sehen Sie, daß er als König auf die Weit gekommen, und daß er sich mit einer Menge von Dummheiten zu beschäftigen hat, wie die, mit welchen er sich beschäftigt, statt unablässig Fortschritte in der Kunst zu machen. Das wird immer nur ein armer König sein, er ist zu redlich, und er wäre ein vortrefflicher Schlosser geworden. Da ist Einer zum Beispiel, den ich verfluche wegen der Zeit, die er durch ihn verlor: das war Herr Necker. Wie viel Zeit hat dieser ihn verlieren lassen, mein Gott! wie viel Zeit.«
»Mit seinen Rechnungen, nicht wahr?«
»Ja, mit seinen blauen Rechnungen, mit seinen Luftrechnungen, wie man sagte.«
»Nun wohl Freund, aber sagen Sie mir doch . . .«
»Was?«
»Es mußte ein vortrefflicher Kunde für Sie sein, ein Zögling von diesem Stande?«
»Oh! nein; gerade darin täuschen Sie sich, deshalb bin ich ihm gram, Ihrem Ludwig XVI., Ihrem Vater des Vaterlands, Ihrem Wiederhersteller der französischen Nation. Man hält mich für reich wie Krösus, und ich bin arm wie Hiob.«
»Sie sind arm? Aber was machte er denn mit seinem Gelde?«
»Er gab eine Hälfte den Armen und die andere Hälfte den Reichen, so daß er nie einen Sou hatte. Die Coigny, die Vaudreuil und die Polignac nagten an dem armen Manne! Eines Tages wollte er den Gehalt von Herrn von Coigny vermindern. Herr von Coigny wartete auf ihn vor der Thüre der Schmiede; fünf Minuten, nachdem der König hinausgegangen war, kam er ganz bleich wieder zurück und sagte: »»Oh!l bei meiner Treue, ich glaubte, er werde mich schlagen.«« »»Und der Gehalt, Sire?«« fragte ich ihn. »»Ich habe ihm seinen Gehalt gelassen,«« antwortete er; »»was konnte ich Anderes thun,«« Er wollte ein andermal der Königin Bemerkungen über ein Wickelzeug für Frau von Polignac machen, ein Wickelzeug von dreimal hunderttausend Franken, denken Sie.«
»Das ist hübsch!«
»Nun! das war nicht genug. Die Königin schenkte ihr eines von fünfmal hunderttausend. Sehen Sie auch alle diese Polignac, welche vor zehn Jahren nicht einen Sou besaßen und Frankreich nun mit Millionen verlassen haben! Wenn sie nur Talent hätten, aber geben Sie allen diesen Burschen einen Amboß und einen Hammer, sie sind nicht im Stande, ein Hufeisen zu schmieden, geben Sie ihnen eine Felle und einen Schraubstock, sie sind nicht im Stande, eine Schloßschraube zu verfertigen . . . dagegen Schönredner, Chevaliers, wie sie sagen, die den König aufgestachelt und vorwärts getrieben haben, und nun ihn sich herausziehen lassen, wie er kann, – mit Herrn Bailly, mit Herrn Lafayette und Herrn Mirabeau, während er mich, der ich ihm so gute Rathschläge gegeben hätte, hätte er daraus hören wollen, mit einer Rente von fünfzehn hundert Livres, die er mir bewilligt hat, abspeist, mich, seinen Lehrmeister, mich, seinen Freund, mich, der ich ihm die Feile in die Hand gegeben habe.«
»Ja, doch wenn Sie mit ihm arbeiten, gibt es immer irgend einen Gewinn?«
»Ei! arbeite ich denn jetzt mit ihm? Vor Allem würde ich mich hierdurch gefährden. Seit der Einnahme der Bastille habe ich keinen Fuß mehr in den Palast gesetzt. Einmal oder zweimal bin ich ihm begegnet: das erste Mal waren Leute auf der Straße, und er beschränkte sich darauf, daß er mich grüßte; das zweite Mal, das war aus der Straße nach Satory, wir waren allein; er ließ seinen Wagen halten und sagte mit einem Seuszer: »»Nun, mein armer Gamain, guten Morgen.«« »»Ah! ja, nicht wahr, das geht nicht, wie Sie wollen, doch das wird Sie lehren . . .«« »»Und Deine Frau und Deine Kindern,«« unterbrach er mich, »»es befindet sich Alles wohl?«« »»Vortrefflich! Alle haben einen Höllenappetit.«« »»Höre, Du wirst Ihnen dieses Geschenk von mir überbringen.«« Und er suchte in seinen Taschen, in allen, und brachte neun Louis d’or zusammen. »»Das ist Alles, was ich bei mir habe, mein armer Gamain,«« sagte er, »»und ich schäme mich ganz, daß ich Dir ein so trauriges Geschenk mache,«« Und, in der That, Sie werden zugestehen, er hatte Ursache, sich zu schämen: ein König, der nur neun Louis d’or in seinen Taschen hat, ein König, der einen, Freunde, einem Kameraden ein Geschenk von neun Louis d’or macht! . . .Auch . . .«
»Sie haben es auch ausgeschlagen.«
»Nein; ich habe mir gesagt: »»Man muß es immerhin nehmen, er könnte einen Andern treffen, der weniger verschämt wäre und es annehmen würde!«« Doch gleichviel, er kann ruhig sein, ich werde keinen Fuß mehr in das Schloß von Versailles setzen, wenn er mich nicht holen läßt, und auch dann, auch dann!«
»Dankbares Herz!« murmelte der Unbekannte.
»Sie sagen?«
»Ich sage, Meister Gamain, es sei rührend, eine Ergebenheit wie die Ihrige das Unglück überleben zu sehen! Ein letztes Glas Wein auf die Gesundheit Ihres Lehrlings.«
»Ah! bei meiner Treue! er verdient es kaum, doch gleichviel! Dennoch aus seine Gesundheit!«
Er trank.
»Und wenn ich bedenke,« fuhr er fort, »wenn ich bedenke, daß er in seinen Kellern mehr als zehntausend Flaschen hatte, von denen die am mindesten gute zehnmal so viel werth war als diese, und daß er nie zu einem Bedienten sagte: »»So und so, nimm einen Korb Wein und trage ihn zu meinem Freunde Gamain!«« Ah! jawohl, er ließ ihn lieber von seinen Gardes du corps, von, seinen Schweizern und von seinen Soldaten vom Regimente Flandern trinken: das ist ihm gut bekommen!«
»Was wollen Sie?« sprach der Unbekannte, während er sein Glas in kleinen Zügen leerte, »die Könige sind so, die Undankbaren! Doch stille! wir sind nicht mehr allein.«
Es waren in der That drei Personen, zwei Männer aus dem Volke und eine Poissarde, in dieselbe Schenke eingetreten und hatten sich an den Tisch gesetzt, der Seitenstück zu dem bildete, an welchem der die zweite Flasche vollends mit Meister Gamain leerte.
Der Schlosser schaute nach ihnen hinüber und betrachtete sie mit einer Aufmerksamkeit, welche den Unbekannten lächeln machte.
Diese drei neuen Personen schienen in der That einiger Aufmerksamkeit würdig.
Von den zwei Männern war der Eine ganz Rumpf; der Andere war ganz Beine.
Der Mann, der ganz Rumpf war, glich einem Zwerge; er war kaum fünf Fuß hoch; vielleicht verlor er auch ein paar Zoll von seiner Höhe durch das Biegen seiner Kniee, welche, wenn er stand, sich innen berührten, so weit auch seine Füße aus einander liefen. Statt den Eindruck dieser Mißstaltung zu schwächen, schien sie sein Gesicht noch viel bemerkbarer zu machen; fett und schmutzig, lagen seine Haare flach auf seiner niedergedrückten Stirne; seine schlecht gezeichneten Brauen schienen durch Zufall gewachsen zu sein; seine Augen waren im gewöhnlichen Zustande glasig, trübe und ohne Flammen, wie die einer Kröte; nur in den Momenten der Aufreizung sprühten sie einen Funken, ähnlich dem, welcher aus dem zusammengezogenen Augapfel einer wüthenden Schlange springt; seine Nase war geplattet und verstärkte noch, von der geraden Linie abgehend, die Hervorragung der Backenknochen; dieses häßliche Gesammtwesen vervollständigend, bedeckte sein krummer Mund mit seinen gelblichen Lippen ein paar spärliche, wackelnde, schwarze Zähne.
Dieser Mensch schien beim ersten Anblick Galle statt des Blutes in den Adern zu haben.
Der Zweite, der das Gegentheil des Ersten bildete, dessen Beine kurz und krumm, schien wie ein Reiher auf ein Paar Stelzen gestellt zu sein. Seine Aehnlichkeit mit dem Vogel, mit dem wir ihn verglichen, war um so größer, als er ebenfalls buckelig und als sein völlig zwischen seinen beiden Schultern verlorener Kopf sich nur durch zwei Augen, welche zwei Blutflecken zu sein schienen, und durch eine lange, schnabelartige Nase kenntlich machte. Im ersten Moment hätte man auch glauben sollen, er habe die Fähigkeit, seinen Hals nach Art einer Feder auszudehnen und auf eine gewisse Entfernung ein Auge demjenigen auszustoßen, dem er diesen schlechten Dienst hätte leisten wollen. Doch es verhielt sich nicht so; seine Arme allein hatten diese seinem Halse verweigerte Elasticität, und, so wie er saß, brauchte er nur den rechten zu verlängern, um ein Taschentuch aufzuheben, das er hatte fallen lassen, nachdem er sich seine zugleich vom Schweiß und vom Regen befeuchtete Stirne abgewischt.
Der Dritte oder die Dritte, wie man will, war ein amphibisches Wesen, dessen Gattung man wohl zu erkennen vermochte, während sich sein Geschlecht schwer unterscheiden ließ. Diese Person war ein Mann oder eine Frau von dreißig bis vier und dreißig Jahren, in der eleganten Tracht einer Poissarde, mit goldenen Ketten und Ohrringen, mit Halbschleier und Spitzensacktuch; ihre Züge waren, so weit man sie durch eine Lage von weißer und rother Schminke, die ihr Gesicht bedeckte, und durch die Schönpflästerchen von allen Formen, welche diese Schminke besternten, leicht verwischt, wie man dies bei den ausgearteten Racen gewahrt. Hatte man sie einmal gesehen, war man einmal bei ihrem Anblick in den Zweifel eingetreten, den wir so eben ausgedrückt haben, so wartete man mit Ungeduld, daß sich ihr Mund öffne, um ein paar Worte zu sprechen, denn man hoffte, der Ton ihrer Stimme werde ihrer, ganzen zweifelhaften Erscheinung einen Charakter geben, mit dessen Hilfe diese Ungewißheit sich lösen ließe. Doch es war nicht so. Ihre Stimme, welche die eines Sopran zu sein schien, versenkte den Neugierigen und den Beobachter noch tiefer in den Zweifel, welchen ihre Person erregt hatte; das Ohr klärte das Auge nicht auf; das Gehör ergänzte den Gesichtssinn nicht.
Die Strümpfe und die Schuhe der zwei Männer, sowie die Strümpfe der Frau zeigten an, daß diejenigen, welche sie trugen, sich schon lange aus der Straße herumtrieben.
»Es ist erstaunlich,« sagte Gamain, mir scheint, »das ist eine Frau, die ich kenne.«
»Das mag sein; doch sobald diese drei Personen beisammen sind, mein lieber Herr Gamain, darf man annehmen, daß sie etwas mit einander zu thun haben,« sagte der Unbekannte, indem er seine Flinte ergriff und seine Mütze tiefer aus das Ohr drückte; »sobald sie aber etwas zu thun haben, muß man sie beisammen lassen.«
»Sie kennen sie also?« fragte Gamain.
»Ja, vom Sehen,« antwortete der Unbekannte. »Und Sie?«
»Ich, ich wollte dafür stehen, daß ich diese Frau auch irgendwo gesehen habe.«
»Bei Hofe wahrscheinlich,« sagte der Unbekannte.
»Ah! ja wohl! eine Poissarde!«3
»Sie gehen seit einiger Zeit oft dahin.«
»Wenn Sie sie kennen, so nennen Sie mir doch die zwei Männer; das wird mir sicherlich die Frau erkennen helfen.«
»Die zwei Männer?«
»Ja.«
»Welchen soll ich Ihnen zuerst nennen?«
»Den Krummbeinigen.«
»Jean Paul Marat.«
»Ah! Oh!«
»Hernach?«
»Den Buckeligen?«
»Prosper Verrières.«
»Ah! Ah!«
»Nun! bringt Sie das aus die Spur der Poissarde?«
»Bei meiner Treue, nein,«
»Suchen Sie.«
»Ich zerbreche mir den Kopf.«
»Nun, die Poissarde?«
»Warten Sie . . . Doch nein, ah! ja, ah! nein.«
»Doch . . .«
»Es . . . es ist unmöglich.«
»Ja, beim ersten Anblick sieht es aus, als ob es unmöglich wäre.«
»Es ist . . .«
»Oh! ich sehe wohl, daß Sie ihn nie nennen werden, und daß ich ihn nennen muß: die Poissarde ist der Herzog von Aiguillon.«
Als dieser Name ausgesprochen wurde, bebte die Poissarde und wandte sich, wie die zwei andern Männer, um.
Alle Drei machten eine Bewegung, um aufzustehen, wie man es vor einem Vorgesetzten thun würde, dem man seine Ehrfurcht bezeigen wollte.
Doch der Unbekannte legte seinen Finger aus den Mund und ging hinaus.
Gamain folgte ihm; er glaubte zu träumen.
Vor der Thüre wurde er von einem Menschen gestoßen, der zu fliehen schien, verfolgt von Leuten, welche riefen:
»Der Friseur der Königin! der Friseur der Königin!«
Unter diesen laufenden und schreienden Leuten waren zwei, welche jeder einen blutigen Kopf am Ende eines Spießes trugen.
Es waren die Köpfe von zwei unglücklichen Gardes du corps, Varicourt und Deshuttes, welche, vom Leibe getrennt, jeder an das Ende eines Spießes gesteckt worden waren.
Diese Köpfe bildeten, wie gesagt, einen Theil des Trupps, der dem Unglücklichen, welcher Gamain gestoßen, nachlief.
»Sieh da, Herr Leonard,« sagte dieser.
»Stille, nenne mich nicht!« rief der Friseur, in die Schenke stürzend.
»Was wollen sie denn von ihm?« fragte der Schlosser den Unbekannten.
»Wer weiß?« antwortete der Anderes »sie wollen ihn vielleicht die Köpfe dieser armen Teufel frisiren lassen. In Revolutionszeiten hat man so wunderliche Einfälle!«
Und er vermischte sich mit der Menge und ließ Gamain, dem er ohne Zweifel Alles entlockt hatte, was er zu wissen brauchte, wie es ihm gutdünkte, nach seiner Werkstätte in Versailles zurückkehren.
IV
Cagliostro
Es wurde dem Unbekannten um so leichter, sich mit dieser Menge zu vermischen, als sie zahlreich war.
Sie bildete die Vorhut vom Zuge des Königs, der Königin und des Dauphin.
Man war, wie es der König gesagt hatte, gegen ein Uhr Nachmittags von Versailles abgegangen.
Die Königin, der Dauphin, Madame Royale, der Graf von Provence, Madame Elisabeth und Andrée4 waren in den Wagen des Königs gestiegen.
Hundert Wagen hatten die Mitglieder der Nationalversammlung, welche sich vom König unzertrennlich erklärt, aufgenommen.
Der Graf von Charny und Billot waren in Versailles geblieben, um die letzte Ehre dem Baron George von Charny zu erweisen, der, wie wir erzählt haben, in der erschrecklichen Nacht vom 5. auf den 6. October getödtet wurde, und um es zu verhindern, daß man seinen Leichnam verstümmelte, wie man die Leichname der Gardes du corps Baricourt und Deshuttes verstümmelt hatte.
Die Vorhut, von der wir gesprochen, welche zwei Stunden vor dem König aufgebrochen war und ihm ungefähr eine Viertelstunde voranging, war gewisser Maßen um die zwei Köpfe der Gardes du corps versammelt, die ihnen als Fahne dienten.
Als diese Köpfe bei der Schenke vom Pont de Sèvres anhielten, machte die Vorhut mit ihnen und zu gleicher Zeit mit ihnen Halt.
Diese Vorhut bestand aus zerlumpten, halb trunkenen Elenden, – Schaum, wie man ihn auf der Oberfläche jeder Ueberschwemmung sieht, mag diese nun von Wasser oder von Lava sein.
Plötzlich entstand in dieser Menge ein gewaltiger Tumult. Man hatte die Bajonnete der Nationalgarde und das weiße Pferd von Lafayette erblickt, welche unmittelbar vor den Wagen des Königs kamen.
Lafayette liebte sehr die Volksversammlungen; in der Mitte des Volkes von Paris, dessen Idol er war, regierte er wahrhaft.
Doch er liebte den Pöbel nicht.
Paris, wie Rom, hatte seine plebs und seine plebecula.
Er liebte besonders die Executionen nicht, welche der Pöbel selbst vollzog. Man hat gesehen, daß er Alles gethan, was er hatte thun können, um Flesselles, Foulon und Berthier von Sauvigny zu retten.
Es war also zugleich um vor ihm ihre Trophäe zu verbergen und um die blutigen Insignien beizubehalten, welche ihren Sieg bestätigten, diese Vorhut so weit vorangegangen.
Doch es scheint, daß, verstärkt durch das Triumvirat, welches sie in der Schenke zu treffen das Glück gehabt, die Fahnenträger ein Mittel gefunden hatten, Lafayette auszuweichen, denn sie weigerten sich, mit ihren Gefährten abzugehen, und beschlossen, da Seine Majestät erklärt habe, sie wolle sich nicht von ihren getreuen Garden trennen, so werden sie Seine Majestät erwarten, um ihren Cortége zu bilden.
Dem zu Folge begab sich die Vorhut, nachdem sie Kräfte gesammelt, wieder auf den Weg.
Dieser Pöbel, der aus der Landstraße von Paris nach Versailles abfloß, – einer ausgetretenen Gosse ähnlich, welche, noch einem Sturme, in ihren schwarzen, kothigen Wellen die Bewohner eines Palastes fortreißt, die sie auf ihrem Wege getroffen und in ihrer Heftigkeit niedergeworfen hatte, – diese Menge, sagen wir, hatte auf jeder Seite der Straße eine Art von Sog, gebildet von den Einwohnerschaften der an dieser Straße liegenden Dörfer, welche, Herbeiliefen, um zu sehen, was vorging. Von denjenigen, welche so herbeiliefen, vermischten sich Einige, – es war die kleinere Zahl, – mit der das Geleite des Königs bildenden Menge und schleuderten ihr Geschrei unter all dieses Geschrei, doch die Mehrzahl blieb unbeweglich und schweigsam aus beiden Seiten des Weges.
Sagen wir deshalb, sie haben sehr mit dem König und der Königin sympathisirt? nein, denn, abgesehen von denjenigen, welche zu der aristokratischen Klasse der Gesellschaft gehörten, litt Jedermann mehr oder weniger unter der erschrecklichen Hungersnoth, die sich über Frankreich ausgebreitet hatte. Sie schmähten also den König, den Dauphin und die Königin nicht, sie schwiegen, und das Stillschweigen der Menge ist vielleicht noch schlimmer als ihr Schmähen.
Dagegen schrie diese Menge mit voller Lunge: »Es lebe Lafayette!« welcher von Zeit zu Zeit den Hut mit der linken Hand abnahm und mit seinem Degen in der rechten Hand grüßte, und: »Es lebe Mirabeau,« welcher von Zeit zu Zeit auch seinen Kopf aus dem Schlage der Carrosse, in der er mit fünf Anderen aufgehäuft war, streckte, um mit vollen Zügen die für seine große Lunge nothwendige äußere Luft einzuathmen.
So hörte der unglückliche Ludwig XVI»für den Alles Stillschweigen war, vor sich die Sache, die er verloren: die Volksbeliebtheit, und die, welche ihm immer gefehlt hatte: das Genie, beklatschen.
Gilbert marschirte, wie er es bei der Fahrt des Königs allein gethan hatte, mit aller Welt vermischt am rechten Schlage der Carrosse des Königs, das heißt auf der Seite der Königin.
Die Königin, welche nie den Stoicismus von Gilbert begreifen konnte, dem die amerikanische Reise eine neue Herbheit beigefügt hatte, schaute mit Verwunderung diesen Mann an, der, ohne Liebe und ohne Ergebenheit für seine Fürsten, ganz einfach bei ihnen das erfüllend, was er eine Pflicht nannte, dennoch bereit war, für sie Alles zu thun, was man aus Ergebenheit und Liebe thut.
Noch mehr, denn er war bereit, zu sterben, und die Ergebenheit, die Liebe von Vielen gingen nicht so weit.
Aus den beiden Seiten des Wagens des Königs und der Königin marschirte, – außer jener Art von Leuten, die sich dieses Postens theils aus Neugierde, theils um bereit zu sein, dem erhabenen Reisenden im Nothfall beizustehen, bemächtigt hatten, – in einem sechs Zoll hohen Kothe patschend, die Damen und die Starken der Halle, welche von Zeit zu Zeit, unter ihrem buntscheckigen Flusse von Blumen und Bändern, wie eine compactere Welle zu rollen schienen.
Diese Welle war eine Kanone oder ein Pulverwagen mit Weibern beladen, welche mit lauter Stimme sangen oder aus vollem Halse schrieen.
Was sie sangen, war das alte Volkslied:
Die Bäckerin hat Thaler,
Sie kosten sie nichts.
Was sie sagten, war die neue Formel ihrer Hoffnung:
»Es wird uns nun nicht mehr an Brod fehlen, wir bringen den Bäcker, die Bäckerin und den Bäckerjungen zurück.«
Die Königin schien Alles dies zu hören, ohne etwas davon zu begreifen. Sie hielt zwischen ihren Beinen stehend den kleinen Dauphin, der diese Menge mit der bestürzten Miene anschaute, mit welcher die Fürstenkinder die Menge – in den Stunden der Revolutionen – anschauen, wie wir sie den König von Rom, den Herzog von Bordeaux und den Grafen von Paris haben anschauen sehen.
Nur ist unsere Menge stolzer und großmüthiger als jene, denn sie ist stärker und begreift, daß sie Gnade üben kann.
Der König schaute Alles dies mit seinem trüben, beschwerten Blick an. Er hatte die vorhergehende Nacht kaum geschlafen, er halte bei seinem Frühstück kaum gegessen, es hatte ihm an Zeit gefehlt, um seine Frisur wieder zurecht zu richten und zu pudern; sein Bart war lang, seine Wäsche zerknittert, lauter Dinge, welche ihm sehr zum Nachtheil gereichten. Ach! der arme König war nicht der Mann der schwierigen Umstände. Unter allen schwierigen Umständen beugte er auch das Haupt. An einem einzigen Tag erhob er es: das war aus dem Schaffot, in dem Augenblick, wo es fallen sollte.
Madame Elisabeth war der Engel der Sanftmuth und der Hingebung, den Gott zu diesen verurtheilten Geschöpfen gestellt hatte, und der den König im Temple über die Abwesenheit der Königin trösten, die Königin in der Conciergerie über den Tod des Königs trösten sollte.
Herr von Provence hatte, hier wie immer, seinen schiefen, falschen Blick; er wußte wohl, daß er, für den Moment wenigstens, keine Gefahr lief; das war in diesem Augenblick der Volksbeliebte der Familie – warum? man weiß es nicht; – vielleicht, weil er in Frankreich geblieben, während sein Bruder, der Graf d’Artois, abgereist war.
Hätte aber der König im Grunde des Herzens von Herrn von Provence lesen können, so fragt es sich, ob das, was er darin gelesen, sehr unversehrt die Dankbarkeit gelassen hätte, welche er ihm für das hegte, was er für Ergebenheit hielt.
Andrée sah aus, als wäre sie von Marmor; sie hatte nicht besser geschlafen als die Königin, nicht besser gegessen als der König, doch die Lebensbedürfnisse schienen nicht für diese ausnahmsweise Natur gemacht. Sie hatte nicht mehr Zeit gehabt, ihre Frisur wiederherzustellen oder die Kleider zu wechseln, und dennoch war auch nicht ein Haar aus ihrem Haupte in Unordnung, deutete nicht eine Falle ihres Kleides ein ungewöhnliches Zerknittern an. Wie eine Statue schienen sie diese Wogen, welche um sie her verliefen, ohne daß sie ihnen die geringste Aufmerksamkeit schenkte, noch glatter und weißer zu machen; diese Frau hatte offenbar im Innersten des Kopfes oder des Herzens einen einzigen, nur für sie leuchtenden Gedanken, zu dem ihre Seele hinstrebte, wie zum Polarstern die Magnetnadel hinstrebt. Sie glich einer Art von Schatten unter den Lebendigen, und es deutete nur Eines bei ihr an, daß sie lebte: das war der unwillkürliche Blitz, der aus ihrem Blicke zuckte, so oft ihr Auge dem Auge von Gilbert begegnete.
In einer Entsernung von ungefähr hundert Schritten, ehe er zu der Schenke kam, von der wir gesprochen, machte der Zug Halt; das Geschrei verdoppelte sich auf der ganzen Linie, Die Königin beugte sich leicht aus dem Schlage ihres Wagens, und auf diese Bewegung, welche doch einem Gruße glich, durchlief ein langes Gemurre die Menge.
»Herr Gilbert?« sagte sie.
Gilbert näherte sich dem Schlage. Da er seit Versailles seinen Hut in der Hand hielt, so hatte er nicht nöthig ihn abzunehmen, um der Königin ein Zeichen von Ehrfurcht zu geben.
»Madame?« erwiederte er.
Dieses einzige Wort deutete durch die entschiedene Betonung, mit der es ausgesprochen wurde, an, daß Gilbert ganz zu den Befehlen der Königin war.
»Herr Gilbert,« fragte Marie Antoinette, »was singt denn, was sagt denn, was schreit denn Ihr Volk?«
Man sieht gerade an der Form dieses Satzes, daß ihn die Königin vorbereitet und ohne Zweifel seit langer Zeit zwischen ihren Zähnen gekaut hatte, ehe sie ihn durch den Wagenschlag dieser Menge ins Gesicht spuckte.
Gilbert stieß einen Seufzer aus, welcher bedeutete:
»Immer dieselbe!«
Dann sprach er mit einem tiefen Ausdruck von Schwermuth:
»Ach! Madame, dieses Volk, welches Sie mein Volk nennen, ist einst das Ihrige gewesen, und es ist nun etwas weniger als zwanzig Jahre her, daß Herr von Brissac, ein äußerst artiger Höfling, den ich vergebens hier suche, Ihnen vom Balcon eben dieses Volk, welches: »»Es lebe die Dauphine!«« rief, zeigte und zu Ihnen sagte: »»Madame, Sie haben da zweimalhunderttausend Liebhaber.««
Die Königin biß sich aus die Lippen; es war nicht möglich, diesen Mann bei einem Mangel an Erwiederung oder bei einem Mangel an Respect zu ertappen.
»Ja, das ist wahr,« sagte die Königin; »das beweist nur, daß die Völker sich verändern.«
Diesmal verbeugte sich Gilbert, antwortete aber nicht.
»Ich richtete eine Frage an Sie, Herr Gilbert.« sagte die Königin mit jener Hartnäckigkeit, mit der sie bei Allem, selbst bei den Dingen, die ihr unangenehm sein mußten, zu Werke ging.
»Ja, Madame,« erwiederte Gilbert, »und ich will antworten, da Euer Majestät daraus beharrt. Das Volk singt:
Die Bäckerin hat Thaler,
Sie kosten sie nichts.
Sie wissen, wen das Volk die Bäckerin nennt?«
»Ja, mein Herr, ich weiß, daß es mir die Ehre erweist; ich bin schon an diese Spottnamen gewöhnt: es nannte mich Madame Deficit. Ist denn eine Analogie zwischen dem ersten Beinamen und dem zweiten?«
»Ja, Madame, und um sich dessen zu versichern, brauchen Sie nur die zwei ersten Verse zu erwägen, die ich Ihnen gesagt habe:
Die Bäckerin hat Thaler,
Sie kosten sie nichts.«
Die Königin wiederholte:
»Hat Thaler, sie kosten sie nichts . . . Ich verstehe das nicht, mein Herr.«
Gilbert schwieg.
»Nun!« sagte die Königin ungeduldig, »haben Sie nicht gehört, daß ich nicht verstehe?«
»Und Eure Majestät verlangt beharrlich eine Erklärung?«
»Allerdings.«
»Das will besagen, Madame, Eure Majestät habe sehr gefällige Minister gehabt, Finanzminister besonders, Herrn von Calonne, zum Beispiel; das Volk weiß, wie Eure Majestät nur zu verlangen brauchte, daß man ihr gab, und da es keine große Mühe kostet, zu verlangen, wenn man Königin ist, weil man, indem man verlangt, befiehlt, so singt das Volk:
Die Königin hat Thaler,
Sie kosten sie nichts,
das heißt, sie kosten sie nur die Mühe, sie zu verlangen.«
Die Königin preßte krampfhaft ihre weiße Hand zusammen, welche auf dem rothen Sammet des Wagenschlags lag.
»Gut,« sprach sie, »das ist es also, was das Volk singt. Gehen wir nun, wenn es Ihnen beliebt, Herr Gilbert, da sie seine Gedanken so gut erklären, zu dem über, was es sagt,«
»Madame, das Volk sagt: »»Es wird uns nicht mehr an Brod mangeln, nun da wir den Bäcker, die Bäckerin und den Bäckerjungen haben.««
»Sie werden mir diese zweite Unverschämtheit so deutlich erklären, als die erste, nicht wahr? Ich rechne darauf.«
»Madame,« erwiederte Gilbert mit derselben schwermüthigen Sanftheit, »wenn Sie vielleicht nicht die Worte, sondern die Intention dieses Volkes erwägen wollten, so würden Sie sehen, daß Sie sich nicht so sehr, als Sie glauben, hierüber zu beklagen haben.«
»Lassen Sie hören,« sprach die Königin mit einem nervösen Lächeln. »Sie wissen, daß es mir sehr lieb ist, wenn man mich aufklärt, Herr Doctor. Sprechen Sie, ich höre, ich warte.
»Madame, mit Recht oder mit Unrecht hat man diesem Volke gesagt, es werde in Versailles ein großer Mehlhandel getrieben, und deshalb komme kein Mehl mehr nach Paris. Wer nährt dieses arme Volk? Der Bäcker und die Bäckerin des Quartiers. Gegen wen strecken der Vater, die Mutter, der Sohn flehend ihre Hände aus, wenn in Ermangelung von Geld das Kind, die Frau oder der Vater Hungers sterben? Gegen diesen Bäcker, gegen diese Bäckerin. Wen fleht der Arme nach Gott an, der die Ernten wachsen macht? Diejenigen, welche das Brod austheilen. Sind nicht Sie, Madame, ist nicht der König, ist nicht selbst dieses erhabene Kind, sind Sie nicht alle Drei die Ausspender des Brodes von Gott? Wundern Sie sich also nicht über den süßen Namen, den Ihnen dieses Volk gibt, und danken Sie ihm für die Hoffnung, daß es, so bald der König, die Königin und der Herr Dauphin in der Mitte von zwölfmalhunderttausend Hungerigen sein werden, diesen zwölfmalhunderttausend Hungerigen an Nichts mehr fehlen werde.«
Die Königin schloß ein paar Secunden die Augen, und man sah sie eine Bewegung mit dem Kinnbacken und dem Halse machen, als versuchte sie es, ihren Haß zugleich mit dem scharfen Speichel, der ihr die Kehle verbrannte, hinunter zu schlucken.
»Und was es ruft dieses Volk, was es dort vor uns, hinter uns ruft, müssen wir ihm auch dafür danken, wie für die Spottnamen, die es uns gibt, wie für die Lieder, die es uns singt?«
»Oh! ja, Madame, und zwar noch aufrichtiger; denn, dieses Lied, welches es singt, ist nur der Ausdruck seiner guten Laune, denn die Spottnamen, die es Ihnen gibt, sind nur die Offenbarung seiner Hoffnungen, aber die Rufe, die es ertönen läßt, sind der Ausdruck seines Wunsches.«
»Ah! das Volk wünscht, daß die Herren von Lafayette und Mirabeau leben?«
Die Königin hatte, wie man sieht, vollkommen gehört, was man sang, sagte und rief.
»Ja, Madame,« antwortete Gilbert, »denn wenn sie leben, so können Herr von Lafayette und Herr von Mirabeau, welche, wie Sie sehen, in diesem Augenblick getrennt sind, getrennt durch den Abgrund, über dem Sie schweben, – denn wenn sie leben, so können Herr von Lafayette und Herr von Mirabeau sich vereinigen und, indem sie sich vereinigen, die Monarchie retten.«
»Mein Herr,« rief die Königin, »das heißt, die Monarchie sei so tief gesunken, daß sie nur durch diese zwei Männer gerettet werden könne?«
Gilbert wollte eben antworten, als man Schreckensschreie, gemischt mit entsetzlichem Gelächter, vernahm und in der Menge eine große Bewegung vorgehen sah, welche, statt ihn davon zu entfernen, Gilbert dem Wagenschlage näherte, an den er sich anklammerte, denn er errieth, es ereigne sich etwas, was vielleicht zur Vertheidigung der Königin die Anwendung seines Wortes oder seiner Kraft nothwendig mache.
Es waren die zwei Kopfträger, welche, nachdem sie die Köpfe durch den unglücklichen Leonard hatten pudern und frisiren lassen, sich das Vergnügen bereiten wollten, dieselben der Königin zu präsentiren, wie sie sich, – dieselben vielleicht, – das Vergnügen bereitet hatten, Berthier den Kopf seines Schwiegervaters Foulon zu präsentiren.
Diese Schreie waren die, welche bei dem Anblick der zwei Köpfe die Menge ausstieß, während sie auf die Seite trat, von selbst sich zurückdrängte und sich erschrocken öffnete, um sie durchzulassen.
»In des Himmels Namen, Madame,« sprach Gilbert, »schauen Sie nicht nach rechts!«
Die Königin war nicht die Frau, einer solchen Ermahnung zu gehorchen, ohne sich der Ursache zu versichern, aus der man sie ihr machte.
Ihre erste Bewegung war folglich, daß sie die Augen nach dem Punkte wandte, den ihr Gilbert verbot. Sie gab einen gräßlichen Schrei von sich.
Doch plötzlich gingen ihre Augen von diesem entsetzlichen Schauspiel ab, als wären sie einem noch viel entsetzlicheren begegnet, und als könnten sie, an ein Medusenhaupt genietet, sich nicht von diesem losmachen.
Dieses Medusenhaupt war der Kopf des Unbekannten, den wir in der Schenke vom Pont de Sèvres mit Meister Gamain haben plaudern und trinken sehen; er stand mit gekreuzten Armen an einen Baum gelehnt.
Die Hand der Königin erhob sich von dem sammetnen Wagenschlag; sie stützte sich auf die Schulter von Gilbert und hielt sich einen Augenblick so krampfhaft daran, daß sich ihre Nägel in das Fleisch eindrückten.
Gilbert wandte sich um.
Er sah die Königin bleich, die Lippen bebend, die Augen starr.
Diese übermäßige nervöse Aufregung hätte er vielleicht der Gegenwart der zwei Köpfe zugeschrieben, wäre das Auge von Marie Antoinette auf den einen oder den andern geheftet gewesen.
Aber der Blick lief horizontal in Manneshöhe aus.
Gilbert folgte diesem Blicke, und wie die Königin einen Schreckensschrei ausgestoßen hatte, gab er einen Schrei des Erstaunens von sich.
Dann murmelten Beide gleichzeitig:
»Cagliostro!«
Der Mann, der an dem Baume lehnte, sah seinerseits vollkommen die Königin.
Er winkle Gilbert mit der Hand, als wollte er sagen: »Komm.«
In diesem Augenblick machten die Wagen eine Bewegung, um weiter zu fahren.
Durch eine maschinenmäßige, instinctartige, natürliche Bewegung stieß die Königin gleichzeitig Gilbert fort, daß er nicht durch das Rad zermalmt werde.
Er glaubte, die Königin habe ihn gegen diesen Mann gestoßen.
Aber hätte ihn die Königin auch nicht gestoßen, so stand es ihm doch, sobald er erkannt, wer Jener war, gewisser Maßen nicht mehr frei, nicht zu ihm zu gehen.
Dem zu Folge ließ er den Zug unbeweglich defiliren; dann folgte er dem falschen Arbeiter, der sich von Zeit zu Zeit umwandte, um zu erfahren, ob man ihm wirklich folgte, trat hinter ihm in ein Gäßchen ein, stieg gegen Bellevue aus einem ziemlich jähen Abhange hinauf und verschwand hinter einer Mauer gerade in dem Augenblick, wo aus der Seite von Paris der Zug verschwand, so völlig verborgen durch die abschüssige Lage des Berges, als ob er sich in einen Abgrund versenkte.
V
Das Verhängniß
Gilbert folgte seinem Führer, der ihm in einer Entfernung von ungefähr zwanzig Schritten voranging, bis zu der Hälfte der Anhöhe. Hier, als man sich vor einem großen und schönen Hause befand, zog derjenige, welcher zuerst kam, einen Schlüssel aus seiner Tasche, welcher bestimmt war, dem Herrn dieses Hauses den Durchgang zu gestatten, wollte dieser Herr aus- oder eingehen, ohne seine Dienstboten dabei ins Vertrauen zu ziehen.
Er ließ die Thüre ein wenig offen, was so klar als möglich andeutete, derjenige, welcher zuerst eingetreten, lade seinen Gefährten ein, ihm zu folgen.
Gilbert trat ein und schob sachte die Thüre zurück, welche sich, so sachte sie geschoben wurde, stille auf ihren Angeln drehte und wieder schloß, ohne daß man den Riegel knarren hörte.
Ein solches Schloß würde Meister Gamain bewundert haben.
Sobald er eingetreten war, befand sich Gilbert in einem Corridor, in dessen doppelter Wand in Manneshöhe, das heißt so, daß das Auge nicht eine von ihren wunderbaren Einzelheiten verlor, Füllungen von Bronze nach denen geformt, mit welchen Ghiberti die Thüre der Taufkapelle in Florenz bereichert hat, incrusirt waren.
Die Füße vertieften sich in einen weichen türkischen Teppich.
Links war eine Thüre offen.
Gilbert dachte, diese Thüre sei abermals für ihn geöffnet, und trat in einen Salon ein, der mit indischem Atlaß tapezirt und mit Meubles von demselben Stoffe wie die Tapete ausgestattet war. Einer von den phantastischen Vögeln, wie sie die Chinesen malen oder sticken, bedeckte mit seinen Flügeln von Gold und Azur den Plafond und hielt zwischen seinen Klauen den Kronleuchter, der mit Candelabern von einer herrlichen Arbeit, Lilienbüschel vorstellend, zur Beleuchtung des Saales diente.
Ein einziges Gemälde schmückte diesen Salon und bildete ein Seitenstück zum Spiegel des Kamins.
Es war eine Jungfrau von Raphael.
Gilbert bewunderte dieses Meisterwerk, als er hörte oder vielmehr errieth, daß man eine Thüre hinter ihm öffne.
Er wandte sich um und erkannte Cagliostro, der aus einem Ankleidecabinet herauskam.
Ein Augenblick hatte ihm genügt, um den Schmutz von seinen Armen und seinem Gesichte verschwinden zu machen, um seinen noch schwarzen Haaren die aristokratischste Richtung zu geben und seine Kleider völlig zu wechseln.
Es war nicht mehr der Arbeiter mit den schwarzen Händen, mit den glatten Haaren, mit den kothbesteckten Schuhen, mit der groben Sammethose und dem Hemde von roher Leinwand.
Es war der elegante, vornehme Herr, den wir unsern Lesern schon zweimal, zuerst in Joseph Balsamo und dann im Halsband der Königin, vorgestellt haben.
Sein mit Stickereien bedecktes Kleid, seine von Diamanten funkelnden Hände contrastirten mit der schwarzen Tracht von Gilbert und den, einfachen goldenen Ringe, einem Geschenke von Washington, den er am Finger trug.
Cagliostro trat mit offenem, lachendem Gesichte vor und streckte die Arme gegen Gilbert aus.
Gilbert warf sich darein.
»Theurer Meister!« rief er.
»Oh! einen Augenblick Geduld,« sagte Cagliostro lachend; »mein lieber Gilbert, Sie haben, seitdem wir uns verlassen, solche Fortschritte gemacht, besonders in der Philosophie, daß Sie heute der Meister sind, und daß ich kaum würdig bin, der Schüler zu sein.«
»Ich danke für das Kompliment,« erwiederte Gilbert; »doch angenommen, ich habe solche Fortschritte gemacht: woher wissen Sie es? Es sind acht Jahre, daß wir uns nicht wiedergesehen.«
»Glauben Sie denn, lieber Doctor, Sie seien einer von den Menschen, von welchen man nichts wisse, weil man sie zu sehen aufhört? Es ist wahr, ich habe Sie seit acht Jahren nicht gesehen; doch seit diesen acht Jahren könnte ich Ihnen beinahe Tag für Tag sagen, was Sie gethan haben.«
»Ho! Ho!«
»Zweifeln Sie denn immer an meinem zweiten Gesichte?«
»Sie wissen, daß ich Mathematiker bin,«
»Das heißt ungläubig . . . Hören Sie also: Sie sind zum ersten Mal nach Frankreich gekommen, zurückgerufen durch Ihre Familienangelegenheiten; die Familienangelegenheiten gehen mich nichts an und folglich, . .«
»Nein,« versetzte Gilbert, der Cagliostro in Verlegenheit zu bringen glaubte; »sprechen Sie, lieber Meister.«
»Nun wohl, diesmal hatten Sie sich mit der Erziehung Ihres Sohnes Sebastian zu beschäftigen, ihn in Pension in ein Städtchen achtzehn bis zwanzig Meilen von Paris zu bringen, Ihre Geschäfte mit Ihrem Pächter abzumachen, einem braven Mann, den Sie sehr wider seinen Willen in Paris zurückhalten, und der aus tausend Gründen bei seiner Frau äußerst nöthig wäre.«
»Wahrhaftig, Meister, Sie sind wunderbar.«
»Oh! warten Sie doch . . . . Das zweite Mal sind Sie nach Frankreich gekommen, weil Sie die politischen Angelegenheiten dahin führten, wie diese so viele Andere dahin führen; dann hatten Sie gewisse Brochuren gemacht, die Sie König Ludwig XVI. schickten, und da noch etwas vom alten Menschen in Ihnen ist, da Sie stolzer aus den Beifall eines Königs sind, als Sie vielleicht aus den meines Vorgängers in der Erziehung bei Ihnen, Jean Jacques Rousseau, sein würden, der doch, wenn er noch lebte, etwas Anderes wäre, als ein König! so waren Sie begierig zu erfahren, was der Enkel von Ludwig XIV. von Heinrich IV., und dem heiligen Ludwig vom Doctor Gilbert denke; unglücklicher Weise bestand noch eine alte kleine Angelegenheit, an welche Sie nicht dachten, und bei der ich Sie doch an einem schönen Tag, ganz blutig, die Brust von einer Kugel durchbohrt, in einer Grotte der Azorischen Inseln, wo mein Schiff zufällig stille lag, hatte finden müssen. Diese kleine Angelegenheit betraf Fräulein Andrée von Taverney, welche, in allen Ehren und um der Königin zu dienen, Gräfin Charny geworden ist. Da nun die Königin der Frau, die den Grafen von Charny geheirathet, nichts abschlagen konnte, so verlangte und erhielt die Königin gegen Sie einen geheimen Verhaftsbefehl; Sie wurden auch aus dem Wege vom Havre nach Paris verhaftet und in die Bastille geführt, wo Sie noch wären, mein lieber Doctor, hätte das Volk nicht eines Tags die Bastille durch einen Schlag mit verkehrter Hand umgeworfen. Als ein guter Royalist, mein lieber Gilbert, haben Sie sich sogleich mit dem König ausgesöhnt, dessen Arzt Sie nun sind. Gestern, oder vielmehr diesen Morgen, trugen Sie mächtig zur Rettung der königlichen Familie dadurch bei, daß Sie in aller Eile den guten Lafayette weckten, der den Schlaf des Gerechten schlief, und vorhin, als Sie mich sahen, glaubten Sie, die Königin, – welche Sie, beiläufig gesagt, haßt, mein lieber Gilbert, – sei bedroht, und schickten sich an, einen Wall mit Ihrem Leibe für sie zu bilden . . . Ist es so? Habe ich irgend eine Einzelheit von geringerer Bedeutung vergessen, wie eine magnetische Sitzung in Gegenwart des Königs, die Wiedererlangung einer gewissen Cassette aus gewissen Händen, welche sich derselben durch den Dienst eines gewissen Pasdeloup bemächtigt hatten? Sprechen Sie, sagen Sie, und wenn ich mich eines Irrthums oder eines Vergessens schuldig gemacht habe, so bin ich bereit, öffentliche Abbitte zu thun.«
Gilbert war ganz erstaunt geblieben vor diesem seltsamen Mann, der seine Wirkungsmittel so gut zu bereiten wußte, daß derjenige, auf welchen er operirte, versucht war, zu glauben, er habe, wie Gott, die Gabe, zugleich die Gesammtheit der Welt und ihre Einzelheiten zu umfassen und im Herzen der Menschen zu lesen.
»Ja, es ist so,« sprach er, »und Sie sind immer der Magier, der Zauberer Cagliostro!«
Cagliostro lächelte mit Befriedigung; er war offenbar stolz darauf, daß er aus Gilbert den Eindruck hervorgebracht hatte, den Gilbert unwillkürlich aus seinem Gesichte erscheinen ließ.
Gilbert fuhr fort: »Und nun, da ich Sie gewiß eben so sehr liebe, als Sie mich lieben, mein theurer Meister, und da mein Wunsch, zu erfahren, wie es Ihnen seit unserer Trennung ergangen, wenigstens eben so groß ist, als der, welcher Sie veranlaßt hat, sich zu erkundigen, was aus mir geworden, so wollen Sie mir, wenn keine Indiscretion in meiner Frage liegt, sagen, an welchem Orte der Welt Sie Ihr Genie ausgebreitet und Ihre Macht geübt haben.«
Cagliostro erwiederte lächelnd:
»Oh! ich, ich habe es gemacht wie Sie, ich habe Könige gesehen, viele sogar, doch in einer andern Absicht. Sie nähern sich ihnen, um sie zu unterstützen; ich nähere mich ihnen, um sie zu stürzen; Sie versuchen es, einen König constitutionell zu machen, und es gelingt Ihnen nicht; ich mache aus Kaisern, Königen, Prinzen Philosophen, und es gelingt mir.«
»Ah! wahrhaftig?« unterbrach ihn Gilbert mit einer Miene des Zweifels.
»Vollkommen! Allerdings waren sie bewundernswürdig vorbereitet durch Voltaire, d’Alembert und Diderot, diese erhabenen Verächter der Götter, und auch durch das Beispiel des lieben Königs Friedrich, den zu verlieren wir das Unglück gehabt haben. Doch Sie wissen, – diejenigen ausgenommen, welche nicht sterben, wie ich und der Graf von Saint Germain, – sind wir Alle sterblich. Es ist gewiß, die Königin ist schön, mein lieber Gilbert, und sie rekrutirt Soldaten, welche gegen sich selbst kämpfen, Könige, welche zum Umsturz der Throne stärker antreiben, als die Bonifaz XIII. die Clemens VIII. und die Borgia je zum Umsturz des Altars angetrieben haben. So haben wir vor Allem den Kaiser Joseph, den Bruder unserer vielgeliebten Königin, welcher drei Viertel der Klöster aufhebt, sich der geistlichen Güter bemächtigt, alle Mönche bis auf die Carmeliter aus ihren Zellen jagt und seiner Schwester Marie Antoinette Kupferstiche schickt, auf denen Nonnen, die, vom Schleier befreit, neue Moden probieren, und Mönche, die, nachdem sie ihre Kutte abgeworfen, sich frisieren lassen, dargestellt sind. Wir haben den König von Dänemark; dieser fing damit an, daß er der Henker seines Arztes Struensee wurde, und, ein frühreifer Philosoph, sagte er mit siebzehn Jahren: »»Herr von Voltaire hat mich zum Menschen gemacht und denken gelehrt.«« Wir haben die Kaiserin Catherine, welche, während sie Polen zerstückelt, so große Schritte in der Philosophie macht, daß ihr Voltaire schrieb: »»Diderot, d’Alembert und ich, wir errichten Altäre.«« Wir haben die Königin von Schweden, wir haben endlich viele Fürsten vom Reiche und von ganz Deutschland.«
»Es bleibt uns nur noch der Papst zu bekehren, mein lieber Meister, und da ich glaube, daß Ihnen nichts unmöglich ist, so hoffe ich, daß Ihnen dies auch gelingt.«
»Ah! was das betrifft, das wird schwierig sein! Ich komme aus seinen Klauen; vor sechs Monaten war ich im Castell St. Angelo, wie Sie vor drei Monaten in der Bastille waren,«
»Bah! und die Trasteteviner haben auch das Castell St. Angelo niedergerissen, wie das Volk des Faubourg Saint-Antoine die Bastille niedergerissen hat?«
»Nein, mein lieber Doctor, das römische Volk ist noch nicht so weit . . . Oh! Seien Sie unbekümmert, das wird eines Tags kommen; das Papstthum wird seinen 5. und 6. Oktober haben, und in dieser Hinsicht werden sich Versailles und der Vatican die Hände reichen.«
»Aber ich glaubte, wenn man einmal in das Castell St. Angelo eingeschlossen, komme man nicht mehr heraus.«
»Bah! und Benvenuto Cellini?«
»Sie haben sich also, wie er, ein paar Flügel gemacht und sind, ein neuer Ikarus, über die Tiber geflogen?«
»Das wäre sehr schwierig gewesen. in Betracht, daß ich, aus größerer evangelischer Vorsicht, in einen sehr tiefen und sehr schwarzen Kerker einquartiert wurde.«
»Kurz, Sie sind herausgekommen?«
»Sie sehen es, da ich hier bin.«
»Sie haben durch Gold Ihren Kerkermeister bestochen.«
»Ich hatte das Unglück, in die Hände eines unbestechlichen Kerkermeisters zu fallen.«
»Unbestechlich? Teufel!«
»Ja, aber zum Glück war er nicht unsterblich: der Zufall, Einer, der mehr gläubig wäre, als ich, würde sagen, die Vorsehung, machte, daß er am andern Tage, bei seiner dritten Weigerung, mir die Thüren des Gefängnisses zu öffnen, starb.«
»Er starb plötzlich?«
»Ja.«
»Ah!«
»Man mußte ihn ersetzen, man ersetzte ihn.«
»Und der Neue war nicht unbestechlich?«
»Dieser sagte zu mir an dem Tage, an welchem er in Function trat, als er mir das Abendbrod brachte: »»Essen Sie gut, sammeln Sie Kräfte, denn wir werden heute Nacht einen langen Weg zu machen haben.«« Bei Gott! der brave Mann log nicht. In derselben Nacht ritten wir jeder drei Pferde zu Tode und legten hundert Meilen zurück.«5
»Und was sagte der Gouverneur, als er Ihre Flucht gewahr wurde?«
»Er sagte nichts. Er befahl, dem Leichnam des andern Kerkermeisters, den man noch nicht beerdigt halte, die Kleider, die ich zurückgelassen, anzuziehen; er schoß ihm mitten in’s Gesicht, ließ die Pistole neben ihn fallen, erklärte, ich habe mir, er wisse nicht wie, ein Gewehr verschafft und mich damit erschossen, ließ meinen Tod constatiren und den Kerkermeister unter meinem Namen begraben; so daß ich ganz einfach gestorben bin, mein lieber Gilbert; ich möchte immerhin sagen, ich lebe, man würde mir durch meinen Todesschein antworten und mir beweisen, ich sei gestorben; doch man wird nicht nöthig haben, mir dies zu beweisen, es stand mir für den Augenblick an, aus dieser Welt zu verschwinden; ich bin also, wie der Abbé Delille sagt, bis an das finstere Ufer niedergetaucht und unter einem andern Namen wieder erschienen.«
»Und wie heißen Sie, damit ich keine Unvorsichtigkeit begehe?«
»Ich heiße Baron Zannone und bin genuesischer Banquier; ich discontire die Obligationen der Prinzen; —ein gutes Papier, nicht wahr? in der Art der Verschreibung des Herrn Cardinal von Rohan? – zum Glück sehe ich bei meinen Darlehen nicht auf das Interesse . . . Ah! brauchen Sie Geld, mein lieber Gilbert? Sie wissen, daß mein Herz und meine Börse heute, wie immer, zu Ihren Diensten sind.«
»Ich danke.«
»Oh! Sie glauben vielleicht, Sie belästigen mich, weil Sie mich heute in der armseligen Tracht eines Arbeiters gesehen haben? Ei! bekümmern Sie sich nicht hierum; das ist eine von meinen Verkleidungen: Sie kennen meine Ansichten über das Leben: es ist ein langer Carneval, wo man immer mehr oder weniger verkleidet geht. In jedem Fall, mein lieber Gilbert, wenn Sie je Geld brauchen, hier in diesem Secretaire ist meine Privatkasse; Privatkasse, Sie verstehen? die große Kasse ist in Paris in der Rue Saint-Claude, im Marais; wenn Sie also Geld brauchen, mag ich da sein oder nicht da sein, werden Sie eintreten; ich zeige Ihnen, wie man meine kleine Thüre öffnet; Sie drücken an diese Feder, – sehen Sie, das macht man so, – und Sie finden hier immer ungefähr eine Million.«
Cagliostro drückte an die Feder; die Vorderseite des Secretäre senkte sich von selbst und entblößte einen Haufen Gold und mehrere Bündel Kassenbillets.
»Sie sind in der That ein wunderbarer Mann,« sagte Gilbert lachend; »doch Sie wissen, mit meinen zwanzig tausend Livres Rente bin ich reicher, als der König . . . Und befürchten Sie nun nicht, in Paris beunruhigt zu werden?«
»Wegen der Halsband-Geschichte? Sie würden es nicht wagen! Bei dem gegenwärtigen Zustande der Geister brauchte ich nur ein Wort zu sagen, um einen Aufruhr herbeizuführen; Sie vergessen, daß ich ein wenig der Freund von Allem dem bin, was volksbeliebt ist: von Lafayette, von Herrn Necker, vom Grafen von Mirabeau, von Ihnen selbst.«
»Und was wollen Sie in Paris machen?«
»Wer weiß? vielleicht das, was Sie in den Vereinigten Staaten gemacht haben: eine Republik.«
Gilbert schüttelte den Kopf und erwiderte:
»Frankreich hat keinen republikanischen Geist.«
»Wir werden ihm einen machen.«
»Der König wird widerstehen.«
»Das ist möglich.«
»Der Adel wird die Waffen ergreifen,«
»Das ist wahrscheinlich.«
»Aber was werden Sie dann machen?«
»Wir werden keine Republik machen, sondern eine Revolution.«
Gilbert ließ sein Haupt aus seine Brust sinken und sagte:
»Wenn wir dahin kommen, Joseph, das wird erschrecklich sein!«
»Erschrecklich, ja, treffen wir aus unserem Wege viele Männer von Ihrer Stärke, Gilbert.«
»Ich bin nicht stark, mein Freund,« erwiederte Gilbert, »ich bin nur redlich.«
»Ach! das ist noch schlimmer; darum möchte ich Sie gern überzeugen, Gilbert.«
»Ich bin überzeugt.«
»Sie werden uns verhindern, unser Werk auszuführen?«
»Wir werden Euch wenigstens auf dem Wege aufhalten.«
»Sie sind verrückt, Gilbert; Sie begreifen die Sendung Frankreichs nicht. Frankreich ist das Gehirn der Welt; Frankreich muß denken, und zwar frei denken, damit die Welt, wie es denken wird, auch frei handle. Wissen Sie, was die Bastille zerstört hat?«
»Das Volk.«
»Sie verstehen mich nicht, Sie nehmen die Wirkung für die Ursache. Fünfhundert Jahre lang hat man in die Bastille Barone, Grafen, Prinzen eingesperrt, und die Bastille ist flehen geblieben. Eines Tags ist es einem wahnsinnigen König eingefallen, den Geist dort einzusperren, den Geist, den der Raum, die Ausdehnung, die Unendlichkeit braucht! Der Geist hat die Bastille gesprengt, und das Volk ist in die Bresche eingetreten.«
»Das ist wahr,« murmelte Gilbert.
»Sie erinnern sich dessen, was Voltaire an Herrn von Chauvelin am 2. März 1764, das heißt vor ungefähr sechs und zwanzig Jahren, schrieb?«
»Sagen Sie es immerhin.«
»Voltaire schrieb:
»»Alles, was ich sehe, streut den Samen einer Revolution aus, welche unfehlbar ausbricht obgleich ich nicht das Vergnügen haben werde, Zeuge davon zu sein. Die Franzosen kommen spät zu Allem, doch sie kommen. Das Licht hat sich nach und nach so sehr verbreitet, daß man beider ersten Gelegenheit ausbrechen wird, und dann wird es ein schöner Lärm sein.«
»»Die jungen Leute sind sehr glücklich; sie werden schöne Dinge sehen!««
»Was sagen Sie vom Lärmen von gestern und von heute, – wie?«
»Erschrecklich!«
»Was sagen Sie von den Dingen, die Sie gesehen haben?«
»Entsetzlich!«
»Nun! Sie sind erst beim Anfang, Gilbert.«
»Unglücksprophet!«
»Hören Sie, ich war vor drei Jahren bei einem Arzte von großem Verdienste, einem Philanthropen; wissen Sie, womit er sich in diesem Augenblick beschäftigt?«
»Er sucht ein Mittel für eine schlimme Krankheit, welche man für unheilbar hält!«
»Ach! ja wohl! er sucht nicht vom Tode zu heilen, sondern vom Leben.«
»Was wollen Sie damit sagen?«
»Damit will ich, Spaß beiseite, sagen, er finde, – während man die Pest hat, die Cholera, das gelbe Fieber, die Pocken, die Schlagflüsse, fünfhundert und etliche für unheilbar erachtete Krankheiten und tausend bis zwölfhundert, welche unheilbar werden können, wenn man sie nicht gut behandelt! ich will sagen, indeß man die Kanone hat, die Flinte, den Degen, den Säbel, den Dolch, das Wasser, das Feuer, den Sturz von den Dächern herab, den Galgen, das Rad! – finde er, es gebe nicht genug Mittel, aus dem Leben hinauszugehen, während es nur ein einziges gibt, in dasselbe einzutreten, und er ersinnt in diesem Augenblick eine wahrlich sehr geistreiche Maschine, mit der er der Nation seine Ehrfurcht bezeigen will, eine Maschine, um fünfzig, sechzig, achtzig Personen in weniger als einer Stunde zu tödten! Nun, mein lieber Gilbert, glauben Sie, wenn ein so ausgezeichneter Arzt, ein so leutseliger Philanthrop, wie der Doctor Guillotin, sich mit einer solchen Maschine beschäftige, müsse man nicht anerkennen, das Bedürfniß derselben mache sich fühlbar? Ich erkenne die Maschine um so mehr an, als dies keine neue, sondern nur eine unbekannte Sache war, und zum Beweise dient, daß, als ich mich eines Tags beim Baron von Taverney befand, – und, bei Gott! Sie müssen sich dessen erinnern, denn Sie waren auch dabei; noch damals hatten Sie nur Augen für ein kleines Mädchen Namens Nicole, – die Königin war zufällig dahin gekommen, – sie war damals nur Dauphine, oder vielmehr, sie war nicht Dauphine – zum Beweise dient, sage ich, daß ich sie diese Maschine in einer Caraffe sehen ließ, und die Sache machte ihr so sehr bange, daß sie einen Schrei ausstieß und das Bewußtsein verlor. Nun, mein Lieber, diese Maschine, welche zu jener Zeit noch nicht aus der Geburt hervorgegangen war, – wenn Sie dieselbe functioniren sehen wollen, so wird man sie eines Tags probiren; an diesem Tage werde ich Sie davon in Kenntniß setzen, und Sie müssen entweder blind sein, oder Sie werden den Finger der Vorsehung erkennen, welche denkt, es werde ein Augenblick kommen, wo der Henker zu viel Arbeit habe, wenn man sich an die bekannten Mittel halte, und deshalb ein neues erfindet, damit man sich aus der Verlegenheit ziehen kann.«
»Graf, Graf, Sie waren tröstlicher in Amerika.«
»Ich glaube es, bei Gott! wohl, ich war unter einem Volke, das sich erhebt, und hier bin ich unter einer Gesellschaft, welche endigt. Alles geht dem Grabe zu in unserer gealterten Welt, Adel und Königthum, und dieses Grab ist ein Abgrund.«
»Oh! ich überlasse Ihnen den Adel, mein lieber Graf, oder vielmehr, der Adel hat sich selbst aufgegeben in der berüchtigten Nacht vom 11. August, doch retten wir das Königthum, es ist das Palladium der Nation!«
»Ah! das sind große Worte, mein lieber Gilbert! hat das Palladium Troja gerettet? Retten wir das Königthum? Glauben Sie, es sei etwas Leichtes, das Königthum mit einem solchen König zu retten?«
»Er ist aber doch der Abkömmling eines großen Geschlechts.«
»Ja, eines Geschlechts von Adlern, das mit Papageien endigt.
Damit Utopisten, wie Sie, das Königthum retten könnten, mein lieber Gilbert, müßte sich vor Allem das Königthum einiger Maßen anstrengen, um sich selbst zu retten. Sprechen Sie auf Ihr Gewissen, Sie haben Ludwig XVI. gesehen, Sie sehen ihn oft, Sie sind nicht der Mann, der sieht, ohne zu studiren. Sagen sie offenherzig: kann das Königthum leben, vertreten von einem solchen König? Ist das der Begriff, den Sie sich von einem Scepterträger machen? Glauben Sie, Karl der Große, der heilige Ludwig, Philipp August, Franz I, Heinrich IV. und Ludwig XlV. haben dieses weiche Fleisch, diese hängenden Lippen, diese Mattigkeit in den Augen, diesen Zweifel im Gang gehabt? Nein, das waren Männer, es war Saft, Blut, Leben unter ihrem Königsmantel; sie hatten noch nicht aus der Art geschlagen durch die Uebertragung eines einzigen Princips; diese Kurzsichtigen haben die einfachste medicinischen Notion vernachlässigt. Um die animalischen und sogar vegetabilischen Geschlechter in einer langen Jugend und in einer beständigen Kraft zu erhalten, hat die Natur selbst das Kreuzen der Racen und das Vermischen der Familien bezeichnet. Wie das Pfropfreis in der vegetabilischen Welt das erhaltende Princip der Schönheit und der Größe der Geschlechter ist, so ist beim Menschen die Heirath unter zu nahen Verwandten eine Ursache der Verschlimmerung der Individuen; die Natur leidet, zehrt ab und artet aus, wenn mehrere Generationen sich mit demselben Blute wiedererzeugen; die Natur wird im Gegentheil belebt, wiedergeboren und wiedergestärkt, wie ein fremdes und neues Befruchtungsprincip der Empfängniß zugeleitet wird. Sehen Sie die Helden an, welche die großen Racen gründen, und sehen Sie die Schwächlinge, mit denen sie endigen; sehen Sie Heinrich III., den Letzten der Valois; sehen Sie Gaston, den Letzten der Medicis; sehen Sie den Cardinal von York, den Letzten der Stuarts; sehen Sie Karl VI., den Letzten der Habsburg! Nun denn, diese erste Ursache der Entartung der Geschlechter, die Heirath in den Familien, welche sich in allen Häusern, von denen wir gesprochen, fühlbar macht, macht sich noch viel mehr im Hause Bourbon, als in irgend einem andern, fühlbar. Steigt man von Ludwig XV. zu Heinrich IV. und zu Maria von Medicis auf, so finden sich Heinrich IV. fünfmal als Ahnherr von Ludwig XV. und Maria von Medicis fünfmal als seine Ahnfrau. Steigt man zu Philipp III. von Spanien und zu Margarethe von Oesterreich auf, so ist Philipp III. dreimal sein Ahnherr und Margarethe von Oesterreich dreimal seine Ahnfrau. Ich zählte, ich, der ich nichts Anderes zu thun habe, als zu zählen: unter zwei und dreißig Ahnherren und Ahnfrauen von Ludwig XV. findet man sechs Personen aus dem Hause Bourbon, fünf Personen aus dem Hause Medicis, elf aus dem Hause Habsburg Oesterreich, drei aus dem Hause Savoyen, drei aus dem Hause der Stuarts und eine dänische Prinzessin. Unterwerfen Sie den besten Hund und das beste Blutpferd diesem Tiegel, und in der vierten Generation werden Sie einen Pudel und eine Mähre haben. Wie des Teufels sollen denn wir widerstehen, wir, die wir Menschen sind? Was sagen Sie zu meiner Berechnung, Doctor, Sie, der Sie Mathematiker sind.«
»Lieber Zauberer,« erwiederte Gilbert, während er aufstand und seinen Hut nahm, »ich sage, daß mich Ihre Berechnung erschreckt und um so mehr nachdenken macht, als ich beim König bin.«
Gilbert machte ein paar Schritte gegen die Thüre.
Cagliostro hielt ihn zurück.
»Hören Sie, Gilbert,« sagte er. »Sie wissen, ob ich Sie liebe, Sie wissen, ob ich, um Ihnen einen Schmerz zu ersparen, fähig bin, mich selbst tausend Schmerzen auszusetzen . . . Nun denn! glauben Sie mir . . . hören Sie einen Rath . . .«
»Welchen?«
»Der König flüchte sich, der König verlasse Frankreich, so lange es noch Zeit ist! In drei Monaten, in einem Jahr, in sechs Wochen vielleicht wird es zu spät sein.«
»Graf, würden Sie einem Soldaten rathen, seinen Posten zu verlassen, weil Gefahr dabei wäre, auf demselben zu bleiben?«
»Wenn dieser Soldat dergestalt umzingelt, eingeschlossen, entwaffnet wäre, daß er sich nicht vertheidigen könnte, wenn besonders sein gefährdetes Leben das Leben von einer halben Million Menschen gefährdete . . . ja, dann würde ich ihn fliehen heißen, . . .Und Sie selbst, Sie selbst, Gilbert, werden es einst dem König rathen . . . Der König wird Ihnen dann Gehör schenken wollen, doch es wird zu spät sein . . . Warten Sie also nicht bis morgen; sagen Sie es ihm heute; warten Sie nicht bis heute Abend, sagen Sie es ihm in dieser Stunde.«
»Graf, Sie wissen, daß ich zu der satalistischen Schule gehöre. Es mag geschehen, was will! so lange ich irgend eine Macht über den König habe, wird der König in Frankreich bleiben, und ich werde beim König bleiben. Gott besohlen, Graf, wir werden uns im Kampfe wiedersehen.«
»Ah!« murmelte Cagliostro, »der Mensch, so verständig und klug er sein mag, kann nie seinem schlimmen Geschicke entgehen. Ich suchte Sie auf, um Ihnen zu sagen, was ich Ihnen gesagt habe; Sie haben es gehört. Wie die Weissagung von Cassandra, ist die meinige unnütz . . . Leben Sie wohl.«
»Offenherzig gesprochen, Graf,« sagte Gilbert, der aus der Schwelle des Salon stehen blieb und Cagliostro fest anschaute, »haben Sie hier, wie in Amerika, die Prätension, mich glauben zu machen, Sie lesen die Zukunft der Menschen aus ihrem Gesichte?«
»Gilbert, so sicher, als Du am Himmel den Weg liesest, welchen die Sterne beschreiben, während der große Hause glaubt, sie seien unbeweglich oder sie irren aufs Gerathewohl umher.«
»Hören Sie . . . man klopft an die Thüre.«
»Es ist wahr.«
»Sagen Sie mir das Schicksal desjenigen, welcher an die Thüre klopft, wer es auch sein mag; sagen Sie mir, welchen Todes er sterben muß, und wann er sterben wird.«
»Gut,« erwiederte Cagliostro, »öffnen wir selbst.«
Gilbert ging an das Ende des Corridors, von dem wir gesprochen, mit einem Herzklopfen, das er nicht bewältigen konnte, obgleich er sich sagte, es sei albern von ihm, diesen Charlatanismus im Ernste zu nehmen.
Die Thüre wurde geöffnet.
Ein Mann von ausgezeichneter Tournure, hoch gewachsen, in dessen Gesicht sich das kräftige Gepräge eines starken Willens erkennen ließ, erschien auf der Schwelle und warf aus Gilbert einen raschen Blick, der nicht von Unruhe frei war.
»Guten Morgen, Marquis,« rief Cagliostro.
»Guten Morgen, Baron,« erwiederte dieser.
Dann, da Cagliostro bemerkte, daß sich der Blick des Eintretenden wieder auf Gilbert richtete, sagte er:
»Marquis, der Herr Doctor Gilbert, einer meiner Freunde . . . Mein lieber Gilbert, der Herr Marquis von Favras, einer meiner Kunden,«
Die zwei Männer begrüßten sich.
Dann wandte sich Cagliostro an den Fremden und sprach: »Marquis, wollen Sie in den Salon gehen und mich dort einen Augenblick erwarten.«
Der Marquis grüßte zum zweiten Mal, als er an Cagliostro und Gilbert vorüberging, und verschwand.
»Nun?« fragte Gilbert.
»Sie wollen wissen, welchen Todes der Marquis sterben wird?«
»Haben Sie sich nicht anheischig gemacht, es mir zu sagen?«
Cagliostro lächelte aus eine seltsame Art; dann, nachdem er sich vorgeneigt hatte, um zu sehen, ob man nicht horche, sagte er:
»Haben Sie je einen Edelmann henken sehen?«
»Nein.«
»Nun, da dies ein seltsames Schauspiel ist, so finden Sie sich aus der Grève an dem Tage ein, wo man den Marquis von Favras henken wird.«
Hiernach geleitete er Gilbert zur Hausthüre zurück und sprach:
»Hören Sie, wenn Sie zu mir kommen wollen, ohne zu klingeln, ohne gesehen zu werden und ohne einen andern Menschen als mich zu sehen, so drücken Sie an diesen Knopf von rechts nach links und von unten nach oben, so . . . Gott befohlen, entschuldigen Sie mich, man muß diejenigen, welche nicht lange zu leben haben, nicht lange warten lassen.«
Und er entfernte sich und ließ Gilbert verblüfft durch diese Dreistigkeit, welche sein Erstaunen erregen, aber seine Ungläubigkeit nicht besiegen konnte.
VI
Die Tuilerien
Mittlerweile setzten der König, die Königin und die königliche Familie ihre Fahrt nach Paris fort.
Diese Fahrt ging aber so langsam, verzögert durch die Gardes du corps, welche zu Fuß marschirten, durch die gepanzerten Poissarden, welche auf ihren Pferden ritten, durch diese Männer und Weiber der Halle, welche aus den mit Bändern geschmückten Kanonen saßen, durch diese hundert Wagen der Abgeordneten, durch diese zwei bis drei hundert Wagen voll Korn und Mehl, die sie in Versailles genommen und mit herbstlich gelbem Blätterwerk bedeckt hatten, daß erst um sechs Uhr der königliche Wagen, der so viel Schmerzen, so viel Haß, so viel Leidenschaften und so viel Unschuld enthielt, bei der Barrière ankam.
Unter Weges hatte der junge Prinz Hunger bekommen und zu essen verlangt.
Die Königin hatte dann umhergeschaut; nichts konnte leichter sein, als sich ein wenig Brod für den Dauphin zu verschaffen, da jeder Mann vom Volke einen Laib an der Spitze seines Bajonnets trug.
Sie suchte Gilbert mit den Augen.
Gilbert war, wie man weiß, Cagliostro gefolgt.
Wäre Gilbert da gewesen, so würde die Königin nicht gezögert haben, von ihm ein Stück Brod zu verlangen.
Aber die Königin wollte nicht eine solche Bitte an einen von den Männern vom Volke richten, vor denen sie einen Abscheu hatte.
So drückte sie den Dauphin an ihre Brust und sagte weinend zu ihm:
»Mein Kind, wir haben kein Brod; warte bis heute Abend, heute Abend werden wir vielleicht bekommen.«
Der Dauphin streckte sein Händchen gegen die Männer aus, welche Brode an der Spitze ihrer Bajonnete trugen, und erwiederte:
»Die Leute dort haben.«
»Ja, mein Kind, doch dieses Brod gehört ihnen und nicht uns, und sie haben es in Versailles geholt, weil sie, wie sie sagen, seit drei Tagen in Paris keines mehr hatten.«
»Seit drei Tagen!« versetzte das Kind; »sie haben also seit drei Tagen nicht gegessen, Mama?«
Gewöhnlich forderte die Etiquette, daß der Dauphin seine Mutter Madame nannte, doch der Knabe hatte Hunger wie ein einfaches Armenkind, und da er Hunger hatte, so nannte er seine Mutter Mama.
»Nein, mein Sohn,« antwortete die Königin.
»Dann müssen sie sehr Hunger haben!« sagte das Kind mit einem Seufzer.
Und es hörte auf, sich zu beklagen, und suchte zu schlafen.
Das arme königliche Kind, das mehr als einmal, ehe er starb, vergebens, wie es so eben gethan, Brod verlangen sollte!
An der Barrière hielt man abermals an, diesmal nicht um auszuruhen, sondern um die Ankunft zu feiern.
Diese Ankunft sollte durch Gesänge und Tänze gefeiert werden.
Ein seltsamer Halt, beinahe so bedrohlich in seiner Freude, als es die andern in ihrem Schrecken gewesen waren.
Die Poissarden stiegen in der That von ihren Pferden, das heißt, von den Pferden der Gardes du corps ab und banden an die Sattelbogen die Säbel und Carabiner. Die Damen und die Starken der Holle stiegen von ihren Kanonen ab, die nun in ihrer entsetzlichen Nacktheit erschienen.
Dann bildete man einen Reigen, der den Wagen des Königs umschloß und ihn von der Nationalgarde und den Deputirten trennte – ein furchtbares Emblem dessen, was später geschehen sollte!
Dieser Reigen, den sie in guter Absicht und um der königlichen Familie ihre Freude zu bezeigen, bildeten, sang, schrie, brüllte; die Weiber umarmten die Männer, die Männer ließen die Frauen springen, wie bei jenen cynischen Kirchmessen von Teniers.
Dies geschah beinahe bei Einbruch der Nacht, an einem düsteren, regnerischen Tage, so daß der Reigen, nur durch die Lunten der Kanonen und einige Stöcke Feuerwerk beleuchtet, in seinen Nuancen von Licht und Schatten phantastische, beinahe höllische Tinten annahm.
Nach einer halben Stunde des Schreiens, Singens, Tobens, Tanzens im Kothe, ließ das Gefolge ein ungeheures Hurrah erschallen: Alles, was eine geladene Flinte hatte, Männer, Weiber und Kinder, schoß in die Luft, ohne sich um die Kugeln zu bekümmern, welche nach einem Augenblick wie schwere Schlossen platschend in die Wasserlachen fielen.
Der Dauphin und seine Schwester weinte».
Sie hatten so sehr Angst, daß sie ihren Hunger darüber vergaßen.
Man folgte der Linie der Quais und kam zu dem Platze des Stadthauses.
Hier hatte das Militär ein Carre gebildet, um keinen andern Wagen, als den des Königs, keine andere Person, als die, weiche zur königlichen Familie oder zur Nationalversammlung gehörten, zum Stadthause zuzulassen.
Die Königin erblickte nun Weber, ihren vertrauten Kammerdiener, ihren Milchbruder, der ihr von Wien gefolgt war; er strengte sich gewaltig an, um das Verbot zu übertreten und in das Stadthaus einzudringen.
Sie rief ihn.
Weber eilte herbei.
Als er in Versailles sah, daß sich die Nationalgarde die Ehre des Tages erfreute, hatte sich Weber, um sich einiges Ansehen zu geben, mit dessen Hilfe er der Königin nützlich sein könnte, als Nationalgardist gekleidet und seiner Uniform die Decoration eines Officiers vom Generalstab beigefügt.
Der Stallmeister der Königin hatte ihm ein Pferd geliehen.
Um keinen Verdacht zu erregen, hatte er sich den ganzen Weg entlang bei Seite gehalten, wohlverstanden mit der Absicht, sich der Königin zu nähern, sollte sie seiner bedürfen.
Von der Königin erkannt und gerufen, eilte er also herbei.
»Warum versuchst Du es, das Verbot zu übertreten?« fragte ihn die Königin, welche die Gewohnheit, ihn zu duzen, beibehalten hatte.
»Um Eurer Majestät nützlich zu sein.«
»Du wirst mir im Stadthause sehr unnütz sein, während Du mir anderswo nützlich sein kannst.«
»Wo dies, Majestät?«
»In den Tuilerien, mein lieber Weber, in den Tuilerien, wo uns Niemand erwartet, und wo wir, wenn Du uns nicht vorangehst, weder ein Bett, noch ein Zimmer, noch ein Stück Brod finden werden.«
»Ah!« sagte der König, »das ist ein vortrefflicher Gedanke, der Gedanke, den Sie da haben, Madame.«
Die Königin hatte deutsch gesprochen, und der König, der das Deutsche verstand, aber nicht sprach, hatte englisch geantwortet.
Das Volk hatte auch gehört, aber nicht verstanden. Diese fremde Sprache, gegen welche es einen instinctartigen Haß hegte, machte, daß es um den Wagen her ein Gemurre vernehmen ließ, welches in ein Brüllen überzugehen drohte, als sich das Carré vor dem Wagen der Königin öffnete und hinter demselben schloß.
Bailly, eine von den Popularitäten jener Zeit, Bailly, den wir schon bei der ersten Fahrt des Königs haben erscheinen sehen, – damals, wo die Bajonnete der Flinten und die Mündungen der Kanonen unter Blumensträußen verschwanden, die bei der zweiten Fahrt vergessen wurden, – Bailly erwartete den König und die Königin am Fuße eines für den Empfang improvisirten Thrones: ein schlecht befestigter, schlecht zusammengefügter, unter dem Samme, der ihn bedeckte, krachender Thron, ein wahrer Gelegenheitsthron!
Der Maire von Paris sagte ungefähr zum König bei dieser zweiten Erscheinung, was er bei der ersten gesagt hatte.
Der König antwortete;
»Ich komme immer mit Vergnügen und Vertrauen in die Mitte der Einwohner meiner guten Stadt Paris.«
Der König hatte leise, mit einer durch den Hunger und die Müdigkeit erloschenen Stimme, gesprochen.
Bailly wiederholte den Satz ganz laut, damit ihn Jeder hörte.
Nur vergaß er, geschah es absichtlich oder unwillkürlich, die zwei Worte: und Vertrauen.
Die Königin bemerkte es.
Ihre Bitterkeit war glücklich, eine Stelle zu finden, um durchzubrechen.
»Verzeihen Sie, Herr Maire,« sagte sie laut genug, daß diejenigen, welche sie umgaben, keines von ihren Worten verloren, »Sie hörten schlecht, oder sie haben ein kurzes Gedächtniß.«
»Wie beliebt, Madame?« stammelte Ballly, indem er gegen die Königin das Astronomenauge wandte, das, so gut am Himmel und so schlecht auf der Erde sah.
Jede Revolution hat bei uns ihren Astronomen und gräbt auf dem Wege dieses Astronomen verrätherischer Weise die Grube, in die er fallen soll.6
Die Königin erwiederte:
»Mein Herr, der König hat gesagt, er komme immer mit Vergnügen und Vertrauen in die Mitte der Einwohner seiner guten Stadt Parts; da man aber bezweifeln kann, ob er mit Vergnügen hierher kommt, so soll man wenigstens erfahren, daß er mit Vertrauen kommt.«
Dann stieg sie die drei Stufen des Thrones hinauf und setzte sich neben den König, um die Reden der Wähler zu hören.
Weber, vor dessen Pferde sich die Menge, vermöge seiner Uniform eines Officiers vom Generalstab öffnete, eilte in den Palast der Tuilerien.
Seit langer Zeit war dieses königliche Logis der Tuilerien, wie man es früher nannte, – ein Logis erbaut von Catharina von Medicis, einen Augenblick von ihr bewohnt, dann aufgegeben und mit dem Louvre vertauscht von Karl IX., von Heinrich III., von Heinrich IV»von Ludwig XIII., später mit Versailles vertauscht von Ludwig XIV, von Ludwig XV. und von Ludwig XVI, – nur ein Aushilfsgebäude der königlichen Paläste, wo Leute von Hofe wohnten, in das aber der König und die Königin vielleicht nie einen Fuß gesetzt hatten.
Weber untersuchte die Appartements, und da er die Gewohnheiten des Königs und der Königin kannte, so wählte er dasjenige, welches die Gräfin von der Mark bewohnte, um, das der Herren Marschälle von Noailles und von Mouchy.
Die Besitznahme des Appartement, welches die Gräfin von der Mark sogleich verließ, hatte ihre gute Seite: es war ganz bereit, um die Königin mit ihren Meubles, mit ihrer Wäsche, ihren Vorhängen und ihren Teppichen, welche Weber kaufte, zu empfangen.
Gegen zehn Uhr hörte man das Geräusch des Wagens Ihrer Majestäten, welche zurückkehrten.
Alles war bereit, und seinen erhabenen Gebietern entgegenlaufend, rief Weber:
»Bedient den König!«
Der König, die Königin, Madame Royale, der Dauphin, Madame Elisabeth und Andrée traten ein.
Herr von Provence war in das Palais Luxembourg zurückgekehrt.
Der König schaute unruhig umher, als er aber in den Salon eintrat, sah er durch eine halbgeöffnete Thüre, welche auf eine Gallerie ging, das Abendbrod am Ende dieser Gallerie aufgetragen.
Zu gleicher Zeit wurde die Thüre vollends geöffnet, und ein Huissier erschien und meldete:
»Der König ist bedient.«
»Oh! welch ein Mann von Mitteln ist dieser Weber!« sprach der König mit einem Ausruf der Freude. »Madame, Sie werden ihm in meinem Auftrage sagen, ich sei sehr zufrieden mit ihm.«
»Sire, ich werde nicht unterlassen, es ihm zu sagen,« antwortete die Königin.
Und mit einem Seufzer, welcher den freudigen Ausruf des Königs erwiederte, trat sie in den Speisesaal ein.
Die Gedecke des Königs, der Königin, von Madame Royale, vom Dauphin und von Madame Elisabeth waren gelegt.
Es war aber kein Gedeck für Andrée vorhanden.
Von seinem Hunger gedrängt, hatte der König diese Unterlassung nicht bemerkt, in der übrigen’s nichts Verletzendes lag, da sie dem Gesetze der strengsten Etiquette entsprach.
Doch die Königin, der nichts entging, bemerkte mit dem ersten Blick.
»Der König wird erlauben, daß die Gräfin von Charny mit uns zu Nacht speist,« sagte die Königin.
»Wie?« rief der König, »wir speisen heute in Familie, und die Gräfin von Charny gehört zur Familie.«
»Sire,« erwiederte die Gräfin, »ist es ein Befehl, den mir der König gibt?«
Der König schaute die Gräfin mit Erstaunen an und antwortete:
»Nein, Madame, es ist eine Bitte, die der König an Sie richtet.«
»Dann,« sprach die Gräfin, »bitte ich den König, mich zu entschuldigen; ich habe keinen Hunger,«
»Wie! Sie haben keinen Hunger?« rief der König, der nicht begriff, daß man um zehn Uhr Abends, nach einem so anstrengenden Tag, und wenn man seit zehn Uhr Morgens nicht mehr gegessen, keinen Hunger haben konnte.
»Nein, Sire,« sagte Andrée.
»Ich auch nicht,« sprach die Königin.
»Ich auch nicht.« versetzte Madame Elisabeth.
»Oh! Sie haben Unrecht, Madame,« sagte der Königs »vom guten Zustand des Magens hängt der gute Zustand des übrigen Körpers und sogar des Geistes ab; es gibt hierüber eine Fabel von Titus Livius, nachgeahmt von Shakspeare und von la Fontaine, über welche nachzudenken ich Sie auffordere.«
»Wir kennen sie, Sire,« erwiederte die Königin.
»Es ist eine Fabel, welche an einem Revolutionstage vom alten Menenius dem römischen Volke gesagt wurde. An diesem Tage war das römische Volk in einer Empörung begriffen, wie es heute das französische ist. Sie haben also Recht, Sire, ja diese Fabel entspricht ganz den Umständen.«
»Nun,« sagte der König, indem er seinen Teller darbot, daß man ihm zum zweiten Mal Suppe gebe, »bestimmt Sie diese historische Aehnlichkeit nicht, Gräfin?«
»Nein, Sire, und ich schäme mich wahrhaftig ganz, Eurer Majestät sagen zu müssen, daß ich, wenn ich ihr auch gehorchen wollte, es doch nicht könnte.«
»Sie haben Unrecht, Gräfin, diese Suppe ist in der That vortrefflich! Warum ist es das erste Mal, daß man mir eine solche vorsetzt?«
»Weil Sie einen neuen Koch haben, Sire, den der Gräfin von der Mark, deren Zimmer wir bewohnen.«
»Ich behalte ihn in meinem Dienste, und er soll zu meinem Hause gehören . . .Dieser Weber ist wahrhaftig ein wunderbarer Mensch, Madame.«
»Ja,« murmelte traurig die Königin, »welch ein Unglück, daß man ihn nicht zum Minister machen kann!«
Der König hörte nicht, oder er wollte nicht hören; nur, da er Andrée sehr bleich dastehen sah, während die Königin und Madame Elisabeth, obgleich sie ebenso wenig aßen, als Andrée, an der Tafel saßen, wandte er sich an die Gräfin von Charny und sprach:
»Madame, wenn Sie keinen Hunger haben, so werden Sie doch nicht sagen, Sie seien nicht müde; wenn Sie sich weigern, zu essen, so werden Sie sich doch nicht weigern, zu schlafen.«
Dann sagte er zur Königin:
»Madame, ich bitte Sie, entlassen Sie Frau von Charny: in Ermangelung der Speise der Schlaf.«
Und er drehte sich gegen seine Dienerschaft um und fragte:
»Ich hoffe, daß es mit dem Bette der Frau Gräfin von Charny nicht ist, wie mit ihrem Gedeck, und daß man nicht vergessen hat, ein Zimmer für sie bereit zu halten,«
»Oh! Sire,« versetzte Andrée, »wie sollte man sich bei einer solchen Unruhe mit mir beschäftigt haben? Ein Lehnstuhl wird genügen.«
»Nein, nein,« rief der König; »Sie haben schon in der vergangenen Nacht wenig oder gar nicht geschlafen; Sie müssen heute Nacht gut schlafen; die Königin bedarf nicht nur ihrer Kräfte, sondern auch der Kräfte ihrer Freunde.«
Mittlerweile kam der Bediente, der sich erkundigt hatte, zurück und meldete:
»Herr Weber, welcher die große Gunst kennt, mit der die Königin die Frau Gräfin beehrt, glaubte den Intentionen Ihrer Majestät zu entsprechen, indem er für die Frau Gräfin ein an das der Königin anstoßendes Zimmer vorbehalten ließ.«
Die Königin bebte, denn sie bedachte, daß es, wenn nur ein Zimmer für die Frau Gräfin vorhanden sei, folglich auch nur ein Zimmer für die Gräfin und den Grafen gebe.
Andrée sah den Schauer, der die Adern der Königin durchlief.
Keine der Empfindungen, welche eine von diesen Frauen berührte, entging der andern.
»Für heute Nacht, doch nur für heute Nacht werde ich das annehmen, Madame,« sagte Andrée. »Die Wohnung Ihrer Majestät ist zu sehr beschränkt, als daß ich könnte ein Zimmer aus Kosten ihrer Bequemlichkeit haben wollen; es wird sich wohl in den Mansarden des Schlosses ein Winkelchen für mich finden.«
Die Königin stammelte ein paar unverständliche Worte.
»Gräfin,« sagte der König, »Sie haben Recht; man wird Alles dies morgen suchen und Sie so gut als nur immer möglich unterbringen.«
Die Gräfin verbeugte sich ehrfurchtsvoll vor dem König, der Königin und Madame Elisabeth und ging hinaus.
Der König schaute ihr einen Augenblick, seine Gabel in der Höhe seines Mundes haltend, nach.
»Es ist in der That ein reizendes Geschöpf, diese Frau,« sagte er, »und der Herr Graf von Charny ist glücklich, einen solchen Phönix am Hofe gefunden zu haben.«
Die Königin bog sich in ihrem Lehnstuhle zurück, um ihre Blässe zu verbergen, nicht vor dem König, der sie nicht gesehen hätte, sondern vor Madame Elisabeth, welche darüber erschrocken wäre.
Sie war einer Ohnmacht nahe.
VII
Die vier Kerzen
Sobald die Kinder gegessen hatten, bat Marie Antoinette den König um Erlaubniß, sich in ihr Zimmer zurückziehen zu dürfen.
»Sehr gern, Madame,« sagte der König, »denn Sie müssen müde sein; nur, da es unmöglich ist, daß Sie von jetzt bis Morgen keinen Hunger bekommen, lassen Sie sich etwas bereiten und in Ihr Zimmer stellen.«
Die Königin entfernte sich, ohne ihm zu antworten, mit ihren Kindern.
Der König blieb bei Tische, um sein Abendbrod vollends zu verzehren. Madame Elisabeth, deren Ergebenheit selbst das alltägliche Wesen von Ludwig XVI. bei gewissen Gelegenheiten nicht vermindern konnte, blieb beim König, um ihn mit den kleinen Aufmerksamkeiten zu umgeben, welche selbst den am besten abgerichteten Bedienten entgehen.
Die Königin, sobald sie in ihrem Zimmer war, athmete; keine von ihren Frauen war ihr gefolgt, da sie ihnen besohlen, Versailles nicht eher zu verlassen, als bis sie Nachricht erhalten hätten.
Sie beschäftigte sich damit, ein Canapé oder einen großen Lehnstuhl für sich zu suchen, da sie ihre zwei Kinder in ihrem Bette schlafen zu lassen gedachte.
Der kleine Dauphin schlummerte schon; kaum hatte das arme Kind seinen Hunger gestillt, als es vom Schlaf erfaßt worden war.
Madame Royale schlief nicht und hätte, wenn es nöthig gewesen wäre, die ganze Nacht nicht geschlafen: es war viel von der Königin in Madame Royale.
Nachdem man den kleinen Prinzen in einen Lehnstuhl gelegt hatte, forschten Madame Royale und die Königin auch nach den Mitteln, die sie nicht finden konnten.
Die Königin näherte sich zuerst einer Thüre: sie war im Begriff, sie zu öffnen, als sie jenseits dieser Thüre ein leichtes Geräusch hörte. Sie horchte und vernahm einen zweiten Seufzer; sie bückte sich bis zum Schlosse und erblickte durch das Schlüsselloch Andrée, welche aus einem niedrigen Stuhle kniete und betete.
Sie wich aus den Fußspitzen zurück und betrachtete immer die Thüre mit einem seltsamen Ausdruck von Schmerz.
Dieser Thüre gegenüber war eine andere. Die Königin öffnete sie und befand sich in einem sanft erwärmten und durch eine Nachtlampe beleuchteten Zimmer; beim Scheine dieser Lampe erblickte sie mit einem freudigen Beben zwei Betten frisch und weiß wie zwei Altäre.
Da schwoll ihr Herz ab, eine Thräne befeuchtete, ihr trockenes, glühendes Augenlid.
»Oh! Weber, Weber,« murmelte sie, »die Königin hat dem König gesagt, es sei ein Unglück, daß man aus Dir nicht einen Minister machen könne, doch die Mutter sagt Dir, Du verdienest etwas Besseres.«
Dann, da der kleine Dauphin schlief, wollte sie damit anfangen, daß sie Madame Royale zu Bette brächte. Doch mit der Ehrfurcht, welche sie immer gegen ihre Mutter gehabt hatte, bat Madame Royale die Königin um Erlaubniß, ihr helfen zu dürfen, damit sie selbst sich rascher zu Bette begeben könne.
Die Königin lächelte traurig; ihre Tochter dachte, sie könne schlafen nach einer solchen Nacht der Bangigkeiten, nach einem solchen Tage der Demüthigungen! Sie wollte sie in diesem süßen Glauben lassen.
Man fing also damit an, daß man den Herrn Dauphin zu Bette brachte.
Dann kniete Madame Royale nach ihrer Gewohnheit nieder und verrichtete ihr Gebet am Fuße ihres Bettes.
Die Königin wartete.
»Mir scheint, Dein Gebet dauert länger als gewöhnlich?« sagte die Königin zur jungen Prinzessin, »Mein Bruder, das arme Kind, ist eingeschlafen, ohne daß er daran dachte, das seinige zu verrichten,« antwortete Madame Royale, »und da er gewohnt war, jeden Abend für Sie und den König zu beten, so sage ich sein Gebetchen nach dem meinigen, damit nichts an dem fehlt, was wir von Gott zu erflehen haben.«
Die Königin nahm Madame Royale und drückte sie an ihr Herz. Die schon durch die Bemühungen des guten Weber geöffnete und durch das Mitleid von Madame Royale wiederbelebte Thränenquelle entstürzte ihren Augen, und es flössen Zähren tief traurig, aber ohne Bitterkeit an ihren Wangen herab.
Sie blieb unbeweglich wie der Engel der Mütterlichkeit beim Bette von Madame Royale bis zu dem Augenblick stehen, wo sie, durch den Schlaf erschlafft, die Muskeln ihrer Hände, welche die ihrigen mit einer so zärtlichen und so tiefen kindlichen Liebe preßten, sich abspannen sah.
Dann legte sie sachte die Hände ihrer Tochter an ihren Leib, bedeckte sie mit dem Betttuche, damit sie nicht durch die Kälte leide, wenn sich das Zimmer in der Nacht abkühlte, senkte aus die entschlummerte Stirne der zukünftigen Märtyrin einen Kuß leicht wie ein Hauch und sanft wie ein Traum, und kehrte in ihr Zimmer zurück.
Dieses Zimmer war durch einen Candelaber mit vier Kerzen erleuchtet.
Dieser Candelaber stand aus einem Tisch.
Dieser Tisch war mit einem rothen Teppich bedeckt.
Die Königin setzte sich an diesen Tisch und ließ ihren Kopf zwischen ihre zwei geschlossenen Fäuste fallen, ohne etwas Anderes zu sehen, als den vor ihr ausgebreiteten Teppich.
Wiederholt schüttelte sie den Kopf bei diesem blutigen Reflex; es schien ihr, als unterliefen sich ihre Augen mit Blut, als schlügen ihre Schläfe vom Fieber, und als brausten ihre Ohren.
Dann ging ihr ganzes Leben, wie ein beweglicher Nebel, an ihr vorüber.
Sie erinnerte sich, daß sie am 2. November 1755, am Tage des Erdbebens von Lissabon, das fünfzig tausend Personen getödtet und den Einsturz von zweihundert Kirchen verursacht hatte, geboren war.
Sie erinnerte sich, daß in dem ersten Zimmer, wo sie in Straßburg geschlafen, die Tapete die Ermordung der unschuldigen Kindlein vorstellte, und daß es ihr in eben dieser Nacht beim flackernden Lichte der Nachtlampe geschienen hatte, als flösse Blut aus den Wunden aller dieser armen Kinder, während das Gesicht der Mörder einen so entsetzlichen Ausdruck annahm, daß sie erschrocken um Hilfe rief und den Befehl gab, bei Tagesanbruch aus dieser Stadt abzureisen, welche ein so furchtbares Andenken an die erste Nacht, die sie in Frankreich zugebracht, in ihr zurücklassen mußte.
Sie erinnerte sich, daß sie, ihren Weg gegen Paris verfolgend, im Hause des Baron von Taverney angehalten hatte, daß sie hier zum ersten Mal den elenden Cagliostro getroffen, der seitdem bei der Halsband-Geschichte einen so erschrecklichen Einfluß auf ihr Geschick geübt, und daß er ihr bei diesem Halt, – der ihrem Gedächtnisse so gegenwärtig, daß es ihr schien, als wäre dieses Ereigniß vom vorhergehenden Tag, obgleich seitdem zwanzig Jahre verlaufen waren, – auf ihre dringende Aufforderung in einer Caraffe etwas Ungeheures, eine fürchterliche, unbekannte Todesmaschine und am Ende dieser Maschine einen Kopf gezeigt hatte, der vom Rumpfe gelöst hinrollte und kein anderer war, als der ihrige.
Sie erinnerte sich, daß ihr Madame Lebrun, als sie das reizende Portrait von ihr, einer schönen, noch glücklichen jungen Frau, machte, aus Unbeachtsamkeit ohne Zweifel, – eine erschreckliche Vorbedeutung, – die Stellung gegeben hatte, welche Frau Henriette von England, die Gemahlin von Karl I., auf ihrem Portrait hat.
Sie erinnerte sich, daß an dem Tage, wo sie zum ersten Male nach Versailles kam, als sie, aus ihrem Wagen gestiegen, den Fuß aus das unselige Pflaster des Marmorhofes setzte, wo sie am vorhergehenden Tage so viel Blut hatte fließen sehen, ein so fürchterlicher Donnerschlag erscholl und ein so gräulicher Blitz die Luft zu ihrer Linken durchfurchte, daß der Herr Marschall von Richelieu, der doch nicht leicht zu erschrecken war, den Kopf schüttelte und: »Ein schlimmes Vorzeichen!« murmelte.
Und sie erinnerte sich aller dieser Umstände, während sie vor ihren Augen den röthlichen Dunst, der ihr immer dichter geworden zu sein schien, wirbeln sah.
Diese Art von Verdüsterung war so fühlbar, daß die Königin die Augen bis zu dem Candelaber aufschlug und bemerkte, daß ohne irgend eine Ursache eine von den Kerzen erloschen war.
Sie bebte, die Kerze rauchte noch und nichts gab diesem Erlöschen ein Motiv.
Während sie den Candelaber mit Erstaunen anschaute, kam es ihr vor, als erbleichte die Kerze zunächst der erloschenen langsam, und als würde ihre Flamme allmälig von weiß roth und von roth bläulichroth; dann verdünnerte und verlängerte sich die Flamme, dann schien sie der Docht zu verlassen und zu entfliegen; dann schaukelte sie sich einen Augenblick, wie von einem unsichtbaren Hauche bewegt, und erlosch.
Die Königin schaute diesem Todeskampfe der zweiten Kerze mit stieren Augen zu; ihre Brust keuchte immer mehr, ihre ausgestreckten Hände näherten sich immer mehr der Kerze, je mehr die Kerze dem Erlöschen nahe war. Endlich, als sie erloschen war, schloß sie die Augen, warf sich in ihren Lehnstuhl zurück und fuhr mit ihren Händen über ihre Stirne, die sie von Schweiß triefend fand.
Sie blieb so mit geschlossenen Augen ungefähr zehn Minuten, und als sie dieselben wieder öffnete, gewahrte sie zu ihrem Schrecken, daß das Licht der dritten Kerze wie das der zwei ersten abzunehmen anfing.
Marie Antoinette glaubte Anfangs, es sei dies ein Traum und sie leide unter der lastenden Gewalt einer Sinnentäuschung. Sie versuchte es, auszustehen, doch es schien ihr, als wäre sie an ihren Stuhl gekettet. Sie versuchte es, Madame Royale zu rufen, welche sie zehn Minuten vorher nicht um eine zweite Krone aufgeweckt hätte, doch die Stimme erlosch in ihrer Kehle; sie versuchte es, den Kopf umzudrehen, doch ihr Kopf blieb starr und unbeweglich, als hätte diese sterbende dritte Kerze ihren Blick und ihren Athem an sich gezogen. Endlich, wie die zweite die Farbe gewechselt hatte, nahm die dritte Kerze verschiedene Töne an, erbleichte, verlängerte sich, flackerte von rechts nach links, dann von links nach rechts, und erlosch.
Da ließ der Schrecken die Königin eine solche Anstrengung machen, daß sie fühlte, die Sprache komme ihr wieder; mit Hilfe dieser Sprache wollte sie sich den Muth verleihen, der ihr fehlte, und sie sagte laut:
»Ich beunruhige mich nicht über das, was diesen drei Kerzen widerfahren ist, doch wenn die vierte erlischt wie die drei andern, oh! Wehe! wehe mir!«
Plötzlich, ohne die Vorbereitungen, welche bei den anderen stattgefunden hatten, ohne daß die Flamme die Farbe wechselte, ohne daß sie sich zu verlängern oder zu schaukeln schien, erlosch die vierte Kerze, als ob sie der Flügel des Todes im Vorüberziehen berührt hätte.
Die Königin stieß einen schrecklichen Schrei aus, stand auf, drehte sich zweimal um sich selbst, schlug die Luft und die Finsterniß mit ihren Armen und fiel ohnmächtig nieder.
In der Secunde, wo das Geräusch ihres Körpers auf dem Boden erscholl, öffnete sich die Verbindungsthüre, und in ihrem batistenen Nachtgewande erschien Andrée, weiß und schweigsam wie ein Schatten, aus der Schwelle.
Sie blieb einen Augenblick stehen, als sähe sie inmitten dieser Finsterniß eine Art von Dunst in der Nacht hinziehen; sie horchte, als hätte sie in der Luft die Falten eines Grabtuches sich bewegen hören.
Dann senkte sie ihren Blick und gewahrte die Königin aus dem Boden ohne Bewußtsein ausgestreckt.
Sie machte einen Schritt rückwärts, als triebe sie eine erste Bewegung ihres Innern an, sich zu entfernen; doch alsbald sich selbst gebietend, ohne ein Wort zu sagen, ohne zu fragen, – eine Frage, welche übrigens unnütz gewesen wäre, – ohne die Königin zu fragen, was sie habe, hob sie diese in ihren Armen auf und trug sie auf ihr Bett mit einer Stärke, der sie sich nicht fähig gehalten hätte, nur geleitet durch die zwei Kerzen, welche ihr Zimmer erleuchteten, und deren Schein sich durch die Thüre bis in das Zimmer der Königin verlängerte.
Dann zog sie einen Flacon mit Riechsalz aus der Tasche und hielt ihn Marie Antoinette unter die Nase.
Trotz der Wirksamkeit dieses Salzes, war die Ohnmacht von Marie Antoinette so tief, daß sie erst nach zehn Minuten einen Seufzer von sich gab.
Bei diesem Seufzer, der der Fürstin Rückkehr ins Leben verkündigte, war Andrée abermals versucht, sich zu entfernen, doch auch diesmal, wie das erste Male, hielt sie das, bei ihr so mächtige, Pflichtgefühl zurück.
Sie zog nun ihren Arm unter dem Kopfe von Marie Antoinette hervor, den sie in die Höhe gehoben hatte, damit kein Tropfen von dem ätzenden Essig, mit dem das Salz befeuchtet war, auf das Gesicht oder die Brust der Königin fallen konnte. Dieselbe Bewegung ließ sie den Arm entfernen, der den Flacon hielt.
Nun aber fiel der Kopf auf das Kissen zurück, und nachdem der Flacon entfernt war, lag die Königin in eine Ohnmacht versunken, welche noch tiefer als die, aus der sie hervorgehen zu wollen geschienen hatte.
Immer kalt, beinahe unbeweglich, hob Andrée den Kopf von Marie Antoinette abermals auf und hielt ihr den Flacon zum zweiten Male unter die Nase: er brachte seine Wirkung hervor.
Ein leichter Schauer durchlief den ganzen Leib der Königin, sie stöhnte, ihr Auge öffnete sich; sie sammelte alle ihre Gedanken, sie erinnerte sich des erschrecklichen Vorzeichens, und eine Frau in ihrer Nähe fühlend, umschlang sie mit ihren Armen deren Hals und rief:
»Oh! vertheidigen Sie mich, retten Sie mich!«
»Eure Majestät bedarf keiner Vertheidigung in der Mitte ihrer Freunde,« erwiederte Andrée, »und sie scheint mir nun von der Ohnmacht gerettet, in die sie gefallen war.«
»Die Gräfin von Charny!« rief die Königin Andrée loslassend, welche sie umschlungen hielt und in einer ersten Bewegung beinahe zurückstieß.
Weder diese Bewegung, noch das Gefühl, das sie eingegeben, entgingen Andrée.
Doch im ersten Augenblick blieb sie unbeweglich bis zur Unempfindlichkeit.
Dann machte sie einen Schritt rückwärts und fragte:
»Befiehlt die Königin, daß ich ihr sich auskleiden helfe?«
»Nein, Gräfin, ich danke,« antwortete die Königin mit bebender Stimme, »ich werde mich allein auskleiden.«
»Ich will in mein Zimmer zurückkehren, nicht um zu schlafen, Madame,« sagte Andrée, »sondern um über dem Schlafe Eurer Majestät zu wachen.«
Und nachdem sie sich ehrerbietig verbeugt hatte, zog sie sich in ihr Zimmer zurück, mit dem langsamen, feierlichen Schritte, welcher der der Statuen wäre, wenn die Statuen gehen würden.
VIII
Die Straße nach Paris
An demselben Abend, an dem die von uns erzählten Ereignisse vorgefallen waren, hatte ein nicht minder ernstes Ereigniß die ganze Anstalt des Abbé Fortier in Bewegung gebracht.
Sebastian Gilbert war gegen zehn Uhr Abends verschwunden und, trotz der ängstlichen Nachforschungen im ganzen Hause von Herrn Abbé Fortier und Mademoiselle Alexandrine Fortier, der Schwester des Abbé, nicht wiedergefunden worden.
Man hatte sich bei Jedermann erkundigt, und Niemand wußte, was aus ihm geworden.
Die Tante Angelique allein, welche gegen acht Uhr Abends aus der Kirche ging, wo sie die Stühle geordnet hatte, glaubte ihn in der kleinen Gasse, die zwischen dem Gefängniß und der Kirche durchführt, gehen und dann nach dem Parterre lausen gesehen zu haben.
Diese Nachricht, statt den Abbé Fortier zu beruhigen, vermehrte noch seine Unruhe. Es waren ihm die seltsamen Hallucinationen nicht unbekannt, welche sich zuweilen Gilberts bemächtigten, wenn ihm die Frau, die er seine Mutter nannte, erschien, und mehr als einmal war der Abbé, von dieser Art von Schwindel, von Sinnentäuschung unterrichtet, dem Knaben mit den Augen gefolgt, wenn er ihn zu tief in den Wald hatte eindringen sehen, und in dem Moment, wo er ihn verschwinden zu sehen befürchtete, hatte er ihm durch die besten Läufer seiner Anstalt nachsetzen lassen.
Die Läufer hallen den Knaben immer keuchend, beinahe ohnmächtig, an einen Baum angelehnt oder der Länge nach auf dem Moose, dem grünen Teppich dieses herrlichen Hochwaldes, liegend gefunden.
Doch nie hatte ein solcher Schwindel Sebastian am Abend erfaßt, nie war man in der Nacht genöthigt gewesen, ihm nachzulaufen.
Es mußte also etwas Außerordentliches vorgefallen sein; doch der Abbé Fortier mochte sich immerhin den Kopf zerbrechen, er konnte nicht errathen, was vorgefallen war.
Um zu einem glücklicheren Resultat zu gelangen, als der Abbé Fortier, wollen wir Sebastian Gilbert folgen, wir, die wir wissen, wohin er gegangen ist.
Die Tante Angélique hatte sich nicht geirrt; es war Sebastian Gilbert, den sie hatte in der Dunkelheit hinschleichen und dann aus Leibeskräften nach demjenigen Theile des Parkes laufen sehen, welchen man das Parterre7 nennt.
Auf dem Parterre angelangt, war er nach der Fasanerie und von da aus den kleinen Waldweg geeilt, welcher gerade nach Haramont führt.
In drei Viertelstunden war er im Dorfe.
So bald wir wissen, daß das Ziel des Laufes von Sebastian das Dorf Haramont war, ist es uns nicht schwierig, zu errathen, was Sebastian in diesem Dorfe suchte.
Sebastian suchte hier Pitou.
Unglücklicher Weise ging Pitou auf einer Seite des Dorfes hinaus, während Sebastian aus der andern eingetreten war.
Denn Pitou hatte, wie man sich erinnert, nach dem Bankett, das sich die Nationalgarde von Haramont gegeben, wobei er allein, wie ein Ringer des Alterthums, aufrecht geblieben, während alle Andern zu Boden geworfen worden waren, Pitou hatte Catherine ausgesucht und, wie man sich erinnert, auf dem Wege von Villers-Coterets nach Pisseleu ohnmächtig und nur die Wärme des letzten Kusses, den ihr Isidor gegeben, bewahrend gefunden.
Sebastian wußte nichts von Allem dem, er ging geraden Wegs nach dem Häuschen von Pitou, dessen Thüre er offen fand.
Bei seinem einfachen Leben glaubte Pitou nicht nöthig zu haben, seine Thüre zu schließen, mochte er im Hause anwesend oder abwesend sein. Aber hätte er auch die Gewohnheit gehabt, seine Thüre ängstlich zu schließen, so war doch sein Geist an diesem Abend von so schweren Sorgen belastet, daß er sicherlich diese Vorsichtsmaßregel zu nehmen vergessen haben würde.
Sebastian kannte die Wohnung von Pitou wie seine eigene: er suchte den Zunder und den Feuerstein, fand das Messer, welches Pitou als Feuerstahl diente, zündete den Zunder und mit dem Zunder das Licht an und wartete.
Doch Sebastian war zu sehr bewegt, um ruhig zu warten, und besonders, um lange zu warten.
Er ging unablässig vom Kamin zur Thüre und von der Thüre an die Straßenecke; dann kehrte er, wie Schwester Anna, da er nichts kommen sah, nach dem Hause zurück, um sich zu versichern, daß Pitou während seiner Abwesenheit nicht gekommen war.
Endlich, da er sah, daß die Zeit verstrich, trat er an einen hinkenden Tisch, aus dem er Tinte, Federn und Papier fand.
Aus dem ersten Blatt dieses Papiers standen die Namen, die Vornamen und das Alter der zwei und dreißig Mann geschrieben, welche den Effectivstand der Nationalgarde von Haramont bildeten und unter den Befehlen von Pitou marschirten.
Sebastian legte sorgfältig dieses erste Blatt aus die Seite, dieses Blatt, ein Meisterwerk der Kalligraphie des Kommandanten, der sich, damit das Geschäft besser besorgt werde, nicht schämte, zuweilen zum subalternen Grade eines Fouriers herabzusteigen.
Dann schrieb er auf das zweite Blatt:
»Mein lieber Pitou,
»Ich kam, um Dir zu sagen, ich habe vor acht Tagen ein Gespräch zwischen dem Herrn Abbé Fortier und dem Vicar von Villers-Coterets angehört. Es scheint, der Abbé Fortier ist im Einverständniß mit den Aristokraten von Paris; er sagte dem Vicar, es bereite sich in Versailles eine Gegenrevolution vor.
»Das haben wir seitdem in Betreff der Königin erfahren, welche die schwarze Cocarde aufgesteckt und die dreifarbige mit Füßen getreten hat.
»Diese Drohung einer Gegenrevolution und das, was wir sodann von den Ereignissen, welche aus das Bankett folgten, erfuhren, hatten mich schon sehr wegen meines Vaters beunruhigt, der, wie Du weißt, der Feind der Aristokraten ist; doch heute Abend, mein lieber Pitou, war das noch viel schlimmer.
»Der Vicar kam am Abend wieder zum Pfarrer, und da ich für meinen Vater bange hatte, so glaubte ich, es sei nichts Schlimmes daran, wenn ich die Fortsetzung dessen, was ich neulich durch Zufall gehört, belausche.
»Es scheint, mein lieber Pitou, das Volk ist nach Versailles gezogen, es hat viele Personen niedergemetzelt, und unter diesen Personen auch Herrn George von Charny.
»Der Abbé Fortier fügte bei:
»»Sprechen wir leise, um den kleinen Gilbert nicht zu beunruhigen, dessen Vater nach Versailles gegangen ist und wohl wie die Anderen getödtet worden sein könnte.««
»Du begreifst, mein lieber Pitou, daß ich nicht mehr gehört habe.
»Ich schlich ganz sachte aus meinem Versteck, ohne daß mich Jemand bemerkte, ging durch den Garten nach dem Schloßplatz und lief hierher zu Dir, um Dich zu bitten, mich wieder nach Paris zu führen, was zu thun und zwar von Herzen gern zu thun Du nicht unterlassen würdest, wenn Du hier wärest.
»Da Du aber nicht hier bist, da Du lange ausbleiben kannst, weil Du wahrscheinlich Schlingen im Walde von Villers-Coterets legen gegangen bist, da Du in diesem Falle erst bei Tage zurückkommen wirst, so wird meine Unruhe zu groß, und ich vermöchte nicht bis dahin zu warten.
»Ich reise also allein ab: sei unbesorgt, ich kenne den Weg. Ueberdies bleiben mir noch von dem Gelde, das mir mein Vater gegeben hat, zwei Louis d’or, und ich werde einen Platz in dem ersten dem besten Wagen nehmen, den ich aus der Landstraße treffe.
»Dein Dich liebender
»Sebastian,«
N.S. Ich habe den Brief sehr lang gemacht, einmal, um Dir die Ursache meiner Abreise zu erklären, und dann, weil ich immer hoffte, Du würdest zurückkommen, ehe er beendigt wäre.
»Er ist beendigt, Du bist nicht zurückgekommen, ich gehe ab! Gott befohlen, oder vielmehr aus baldiges Wiedersehen; ist meinem Vater nichts geschehen, läuft er keine Gefahr, so komme ich zurück.
»Ist es anders, so bin ich fest entschlossen, ihn zu bitten, mich bei sich zu behalten.
»Beruhige den Abbé Fortier über meine Abreise; aber beruhige ihn erst morgen, damit es zu spät ist, mir nachlaufen zu lassen.
»Ich gehe nun entschieden ab, da Du nicht zurückkommst. Gott befohlen, oder vielmehr aus Wiedersehen.«
Und hiernach löschte Sebastian Gilbert, der die Sparsamkeit seines Freundes kannte, das Licht aus, zog die Thüre zu und entfernte sich.
Wurde man sagen, Sebastian sei, bei Nacht eine so lange Reise unternehmend, nicht ein wenig bewegt gewesen, so würde man sicherlich lügen. Doch diese Bewegung war nicht das, was sie bei einem andern Kinde gewesen wäre: die Angst; es war einfach das volle Gefühl der Handlung, die er unternahm, dieser Handlung, welche ein Ungehorsam gegen die Befehle seines Vaters, zugleich aber auch ein Beweis seiner kindlichen Liebe war, und ein solcher Ungehorsam mußte von allen Vätern verziehen werden.
Ueberdies war Sebastian, seitdem wir uns mit ihm beschäftigen, herangewachsen. Ein wenig bleich, ein wenig schwächlich, ein wenig nervös für sein Alter, zählte Sebastian fünfzehn Jahre. In diesem Alter, mit dem Temperament von Sebastian, und wenn man der Sohn von Gilbert und Andrée ist, ist man nahe daran, ein Mann zu sein.
Ohne ein anderes Gefühl, als die von der Handlung, welche er beging, unzertrennliche Gemüthsbewegung, fing also der junge Mann an gegen Largny zu laufen, das er bald bei der bleichen Helle, welche von den Sternen fällt, wie der alte Corneille sagt, entdeckte. Er ging längs dem Dorfe hin und erreichte den großen Hohlweg, der sich von diesem Dorfe nach Vauciennes erstreckt; in Vauciennes fand er die Landstraße, und nun, da er sich aus dem Wege des Königs sah, marschirte er ruhiger.
Sebastian, der ein Junge voll Verstand, der Lateinisch sprechend von Paris nach Villers-Coterets gekommen war und drei Tage zum Kommen gebraucht hatte, sah wohl ein, daß man nicht in einer Nacht nach Paris zurückkehrt, und verlor seinem Athem nicht dadurch, daß er irgend eine Sprache sprach.
Er stieg also den ersten Berg von Vauciennes im Schritt hinab und den zweiten eben so hinauf; doch auf einem ebenen Terrain angelangt, fing er an lebhafter zu marschiren.
Vielleicht wurde diese Lebhaftigkeit im Gange von Sebastian dadurch veranlaßt, daß sich einer ziemlich schlimmen Stelle näherte, die sich aus der Straße findet und damals im Rufe von Hinterhalten stand, welcher Ruf sich heute völlig verloren hat. Diese Stelle nennt man die Fontaine-Eau-Claire, weil eine klare Quelle zwanzig Schritte davon aus zwei Steinbrüchen fließt, die, zwei Höllenschlunden ähnlich, ihren finstern Rachen gegen die Landstraße öffnen.
Hatte Sebastian Angst oder hatte er keine Angst, als er über diese Stelle kam? Das vermöchte man nicht zu sagen, denn er beschleunigte seine Schritte nicht, denn, während er auf dem entgegengesetzten Rande der Straße gehen konnte, entfernte er sich nicht von der Mitte des Weges; er mäßigte seinen Schritt etwas weiter, doch ohne Zweifel, weil er zu einer kleinen Steige gekommen war und endlich den Zusammenlauf der zwei Straßen nach Paris und nach Crespy erreichte.
Hier blieb er plötzlich stehen. Von Paris kommend, hatte er nicht bemerkt, welcher Straße er folgte; nach Paris zurückkehrend, wußte er nicht, welcher Straße er folgen sollte.
War es die links? war es die rechts?
Beide waren mit den gleichen Bäumen besetzt, beide waren gleich gepflastert.
Niemand fand sich, um die Frage von Sebastian zu beantworten.
Von einem und demselben Punkte ausgehend, entfernten sich die zwei Straßen sichtbar und schnell von einander; daraus war zu entnehmen, daß Sebastian, sollte er, statt die gute Straße zu wählen, die schlechte wählen, am andern Tage schon sehr fern von seinem Wege wäre.
Sebastian blieb unentschlossen stehen.
Er suchte an irgend einem Merkmal zu erkennen, welcher von den zwei Straßen er gefolgt war; doch dieses Merkmal, das ihm am Tage gefehlt hätte, fehlte ihm noch viel mehr in der Dunkelheit.
Er hatte sich entmuthigt an die Ecke der zwei Straßen niedergesetzt, theils, um auszuruhen, theils, um zu überlegen, als er in der Ferne, von der Seite von Villers-Coterets herkommend, den Galopp von ein paar Pferden zu hören glaubte.
Er stand aus und horchte.
Es war keine Täuschung, das Geräusch der aus der Landstraße schallenden Hufeisen wurde immer deutlicher.
Sebastian sollte also die Auskunft erhalten, auf die er wartete.
Er schickte sich an, die Reiter beim Vorüberkommen anzuhalten und sich von ihnen diese Auskunft zu erbitten.
Bald sah er ihren Schatten in der Nacht hervortreten, während unter den Füßen ihrer Rosse zahlreiche Funken stoben.
Da erhob er sich vollends, ging über den Graben und wartete.
Die Cavalcade bestand aus zwei Männern, von denen der eine drei bis vier Schritte vor dem andern galoppirte.
Sebastian dachte mit Recht, der Erste von den beiden Männern sei ein Herr, der Zweite ein Diener.
Er machte also zwei Schritte, um sich an den Ersten zu wenden.
Dieser, welcher einen Menschen gleichsam aus dem Graben springen sah, glaubte, es sei ein Hinterhalt, und griff nach seinen Holftern.
Sebastian bemerkte die Bewegung und sagte:
»Mein Herr, ich bin kein Räuber; ich bin ein Kind, das die letzten Ereignisse in Versailles nach Paris ziehen, das dort seinen Vater suchen will; ich weiß nicht, welchen von diesen zwei Wegen ich einschlagen soll; bezeichnen Sie mir denjenigen, welcher nach Paris führt, und Sie werden mir einen großen Dienst geleistet haben.«
Die ausgewählten Worte von Sebastian, der jugendliche Klang seiner Stimme, welche dem Reiter nicht unbekannt dünkte, machten, daß er, so große Eile er auch zu haben schien, sein Pferd anhielt.
»Mein Kind,« fragte er, »wer sind Sie, und warum wagen Sie sich zu einer solchen Stunde auf die Landstraße?«
»Ich frage Sie nicht nach Ihrem Namen, ich frage Sie nach der Straße, an deren Ende ich erfahren werde, ob mein Vater todt ist oder lebt.«
Es lag in dieser beinahe noch kindischen Stimme ein Ausdruck von Festigkeit, der dem Reiter auffiel.
»Mein Freund,« sagte er, »die Straße nach Parts ist diejenige, welcher wir folgen; ich kenne sie selbst schlecht, da ich nur zweimal in Paris gewesen bin, aber ich bin darum nicht minder sicher, daß die Straße, der wir folgen, die gute ist.«
Sebastian dankte und machte einen Schritt rückwärts. Die Pferde waren des Schnaufens bedürftig. Derjenige, welcher der Herr zu sein schien, ritt weiter, aber weniger rasch.
Der Lackei folgte ihm.
»Hat der Herr Vicomte diesen Knaben erkannt?« fragte er.
»Nein, doch mir scheint . . .«
»Wie, der Herr Vicomte hat den jungen Sebastian Gilbert, der beim Abbé Fortier in Pension ist, nicht erkannt?«
»Sebastian Gilbert?«
»Ja, der, welcher von Zeit zu Zelt in den Pachthof von Mademoiselle Catherine mit dem großen Pitou kam.«
»In der That, Du hast Recht,« rief der Herr.
Dann hielt er sein Pferd an, wandte sich um und fragte:
»Sind Sie es denn, Sebastian?«
»Ja, Herr Isidor,« antwortete der Knabe, der den Reiter vollkommen erkannt hatte.
»So kommen Sie doch, mein junger Freund,« rief der Reiter, »und erzählen Sie mir, wie es zugeht, daß ich Sie so allein zu dieser Stunde aus der Straße finde.«
»Ich habe Ihnen schon gesagt, Herr Isidor, ich gehe nach Paris, um mich zu versichern, ob mein Vater getödtet worden ist oder noch lebt.«
»Ach! armes Kind,« sprach Isidor mit einem Gefühle tiefer Traurigkeit, »ich gehe aus einer ähnlichen Ursache nach Paris, nur zweifle ich nicht mehr.«
»Ja, ich weiß . . .Ihr Bruder?«
»Einer meiner Brüder . ., mein Bruder George ist gestern in Versailles getödtet worden.«
»Ah! Herr von Charny!«
Sebastian machte eine Bewegung vorwärts und streckte die Hände gegen Isidor aus.
Isidor nahm sie und drückte sie.
»Nun, mein liebes Kind,« sagte Isidor, »da unser Schicksal ein ähnliches ist, so dürfen wir uns nicht mehr trennen; Sie müssen wie ich Eile haben, nach Paris zu kommen.«
»Oh! ja, mein Herr!«
»Sie, können nicht zu Fuße gehen.«
»Ich würde wohl zu Fuße gehen, doch das wäre langwierig; ich gedenke auch morgen meinen Platz in dem ersten dem besten Wagen zu bezahlen, den ich treffe und der denselben Weg macht wie ich, und mit ihm so weit, als ich kann, gegen Paris zu fahren.«
»Und wenn Sie keinen treffen?«
»Dann gehe ich zu Fuße.«
»Thun Sie etwas Besseres, mein liebes Kind, setzen Sie sich bei meinem Bedienten hinten auf.«
Sebastian zog seine Hände aus denen von Isidor zurück und sagte:
»Ich danke, Herr Vicomte.«
Diese Worte wurden aus eine so ausdrucksvolle Weise betont, daß Isidor begriff, er habe das Kind dadurch verletzt, daß er ihm angeboten, sich hinter seinem Lackei auszusetzen.
»Oder vielmehr,« sprach er, »ich bedenke, nehmen Sie sein Pferd; er wird uns in Paris wieder einholen. Wenn er sich in den Tuilerien erkundigt, wird er immer sicher erfahren, wo ich bin.«
»Ich danke abermals,« sagte Sebastian mit einer noch sanfteren Stimme, denn er hatte die Zartheit dieses Vorschlags begriffen; »ich danke, ich will Sie seiner Dienste nicht berauben.«
Man brauchte sich nur noch zu verständigen, die Friedenspräliminarien waren gestellt.
»Nun wohl, thun Sie etwas, was noch besser, als alles dies, Sebastian, steigen Sie bei mir hinten auf. Der Tag bricht an; um zehn Uhr diesen Morgen werden wir in Dammartin, das heißt aus dem halben Wege sein. Wir lassen dort unsere Pferde, welche uns nicht weiter bringen sollen, unter der Obhut von Baptist, und wir nehmen eine Postchaise, die uns nach Paris bringen wird. Dies gedachte ich zu thun, und es ändert sich also durch Sie nichts in meinen Anordnungen.«
»Ist das wirklich wahr, Herr Isidor?«
»Bei meinem Ehrenwort!«
»Dann . . .machte der junge Mensch zögernd, aber zugleich sterbend vor Begierde, den Vorschlag anzunehmen.
»Steige ab, Baptist, und hilf Herrn Sebastian aufsteigen.«
»Ich danke, das ist unnöthig, Herr Isidor,« versetzte Sebastian; und behende wie ein Schüler, sprang er aus das Kreuz des Pferdes von Charny.
Dann entfernten sich die drei Menschen und die zwei Pferde im Galopp und verschwanden bald aus der Steige von Gondreville.
IX
Die Erscheinung
Die drei Reiter hatten ihren Weg, wie es verabredet war, zu Pferde bis Dammartin verfolgt.
Sie kamen nach Dammartin gegen zehn Uhr.
Alle hatten das Bedürfniß, etwas zu sich zu nehmen; überdies mußte man sich nach einem Wagen und Postpferden erkundigen.
Während man das Frühstück Isidor und Sebastian vorsetzte, – welche, Sebastian von Bangigkeit, Isidor von Traurigkeit erfüllt, nicht ein Wort gewechselt hatten, – besorgte Baptist die Pferde seines Herrn und war bemüht, eine Carriole und Postpferde zu finden,
Um Mittag war das Frühstück beendigt, und die Pferde warteten mit der Carriole vor der Thüre.
Nur wußte Isidor, der immer in seinem Wagen mit der Post gereist war, nicht, daß man, wenn man mit den Wagen der Post reist, auf jeder Station damit wechseln muß.
So kam es, daß die Postmeister, welche strenge die Vorschriften beobachten ließen, aber sich wohl hüteten, sie selbst zu beobachten, nicht immer Wagen in ihren Remisen und Pferde in ihren Ställen hatten.
Dem zu Folge waren die Reisenden, welche um die Mittagsstunde von Dammartin abgingen, erst um halb fünf Uhr bei der Barriere und erst um fünf Uhr Abends bei den Thoren der Tuilerien.
Hier mußte man sich anerkennen lassen. Herr von Lafayette hatte sich aller Posten bemächtigt und bewachte in diesen unruhigen Zelten, da er sich für die Person des Königs gegen die Nationalversammlung verantwortlich gemacht, Ludwig XVI, mit aller Gewissenhaftigkeit.
Als aber Charny sich nannte, als er sich aus den Namen seines Bruders berief, ebneten sich die Schwierigkeiten, und man führte Isidor und Sebastian in den Schweizerhof ein, von wo sie in den mittleren Hof gelangten.
Sebastian wollte sich aus der Stelle nach der Rue Saint-Honoré und in das Haus, das sein Vater bewohnte, führen lassen. Isidor bemerkte ihm aber, da der Doctor Gilbert Arzt des Königs sei, so werde man beim König besser als irgendwo erfahren, wie es ihm ergangen.
Sebastian, der vollkommen verständig war, stimmte mit diesem Schlusse überein und folgte Isidor.
Obgleich man am Tage vorher erst angekommen, hatte man doch schon eine gewisse Etiquette im Palaste der Tuilerien festgestellt. Isidor wurde aus der Ehrentreppe eingeführt, und ein Huissier ließ ihn in einem großen, grau ausgeschlagenen Saale warten, den nur schwach zwei Candelaber erleuchteten.
Der übrige Palast war in eine Halbdunkelheit versunken; da der Palast immer durch Privatleute bewohnt worden war, so hatte man die großen Beleuchtungen, welche einen Theil des königlichen Luxus bilden, vernachlässigt.
Der Huissier sollte sich zugleich nach dem Herrn Grafen von Charny und nach dem Doctor Gilbert erkundigen.
Das Kind setzte sich auf ein Canapé, Isidor ging auf und ab.
Nach zehn Minuten erschien der Huissier wieder.
Der Herr Graf von Charny befand sich bei der Königin.
Was den Doctor Gilbert betrifft, so war ihm nichts begegnet; man glaubte sogar, doch ohne sich dafür verbürgen zu können, er sei beim König, – denn der König hatte sich, wie der Kammerdiener vom Dienste geantwortet, mit seinem Arzte eingeschlossen.
Nur, da der König vier Aerzte, welche im Dienste abwechselten, und seinen gewöhnlichen Arzt hatte, wußte man nicht, ob der mit Seiner Majestät eingeschlossene Arzt Herr Gilbert war.
Sollte er es sein, so würde man ihn bei seinem Abgange benachrichtigen, es warte Jemand auf ihn in den Vorzimmern der Königin.
Sebastian athmete frei; er hatte also nichts mehr zu befürchten, sein Vater lebte und war gesund und unversehrt.
Er ging zu Isidor und dankte ihm, daß er ihn geführt hatte.
Isidor umarmte ihn weinend.
Der Gedanke, daß Sebastian seinen Vater wiedergefunden, machte ihm den Bruder, den er verloren hatte und nicht wiederfinden würde, noch theurer.
In diesem Augenblick öffnete sich die Thüre; ein Huissier rief:
»Der Herr Vicomte von Charny?«
»Das bin ich,« antwortete Isidor vortretend.
»Man verlangt nach dem Herrn Vicomte bei der Königin,« sagte der Huissier, aus die Seite tretend.
»Nicht wahr, Sebastian,« sprach Isidor, »Sie werden auf mich warten, wenn nicht etwa der Herr Doctor Gilbert Sie holt? . . . Bedenken Sie, daß ich für Sie bei Ihrem Vater verantwortlich bin.«
»Ja, mein Herr,« erwiederte Sebastian, »und mittlerweile empfangen Sie noch einmal meinen Dank.«
Isidor folgte dem Huissier, und die Thüre schloß sich.
Sebastian nahm wieder seinen Platz aus dem Canapé.
Ruhig über die Gesundheit des Vaters, ruhig über sich selbst, sicher, es würde ihm vom Doctor der Absicht wegen verziehen werden, wandte sich sein Geist zum Abbé Fortier und zu Pitou zurück, und er dachte an die Besorgniß, welche dem Einen seine Flucht, dem Andern sein Brief bereiten würde.
Er begriff sogar nicht, wie bei allem Verzug, den sie unter Wegs erlitten hatten, Pitou, der nur den Zirkel seiner langen Beine zu öffnen brauchte, um so schnell zu gehen als die Post, sie noch nicht eingeholt.
Und, durch den einfachen Mechanismus der Ideen, dachte er ganz natürlich, indem er an Pitou dachte, an seinen gewöhnlichen Rahmen, das heißt, an jene großen Bäume, an jene schattigen Wege, an jene bläulichen Fernen, welche die Horizonte der Wälder schließen; dann, durch eine stufenweise Verkettung, erinnerte er sich der seltsamen Visionen, welche ihm zuweilen unter diesen großen Bäumen, in der Tiefe dieser ungeheuren Gewölbe erschienen.
Er dachte an die Frau, die er so oft im Traume und nur einmal, er glaubte es wenigstens, in Wirklichkeit gesehen, am Tage, wo er sich im Walde von Satory erging, und wo diese Frau kam, vorüberzog und verschwand wie eine Wolke, entführt in einer prächtigen Caleche durch den Galopp zweier herrlicher Pferde.
Und er erinnerte sich der tiefen Gemüthserschütterung, welche dieser Anblick immer bei ihm verursachte, und halb in diesen Traum versunken, murmelte er leise:
»Meine Mutter! meine Mutter! meine Mutter!«
Plötzlich öffnete sich die Thüre wieder, die sich hinter Isidor von Charny geschlossen hatte. Diesmal erschien eine Frau.
Durch Zufall waren die Augen des Kindes auf diese Thüre im Momente der Erscheinung gerichtet.
Die Erscheinung stand so gut im Einklang mit dem, was in seinem Geiste vorging, daß das Kind bebte, da es seinen Traum sich durch ein wirkliches Geschöpf beleben sah.
Doch es war noch ganz anders, als Sebastian in der Frau den Schatten und die Wirklichkeit erkannte: den Schatten seiner Träume, die Wirklichkeit von Satory.
Er richtete sich ganz gerade auf, als ob ihn eine Feder aus seine Füße gestellt hätte.
Seine Lippen thaten sich aus, sein Auge vergrößerte sich, sein Augenstern erweiterte sich.
Seine keuchende Brust versuchte es vergebens, einen Ton zu bilden.
Die Frau ging majestätisch, stolz, kalt, hoffärtig, ohne ihm eine Aufmerksamkeit zu schenken, vorbei.
So ruhig sie äußerlich zu sein schien, so mußte doch diese Frau mit den zusammengezogenen Brauen, mit der bleichen Gesichtsfarbe, mit dem pfeifenden Athem unter einer gewaltigen Nervenerregung leiden.
Sie durchschritt schräge den Saal, öffnete die Thüre der entgegengesetzt, durch welche sie erschienen war, und entfernte sich in den Corridor.
Sebastian begriff, sie würde ihm abermals entschlüpfen, wenn er sich nicht beeilte. Er schaute mit einer erschrockenen Miene, als wollte er sich der Wirklichkeit ihres Durchzugs versichern, die Thüre an, durch welche sie eingetreten, die Thüre, durch welche sie abgegangen, und stürzte auf ihrer Spur nach, ehe die Schleppe ihres seidenen Kleides an der Ecke des Corridors verschwunden war.
Doch sie, da sie Schritte hinter sich hörte, ging schneller, als hätte sie verfolgt zu werden befürchtet.
Sebastian beschleunigte seinen Lauf, so sehr er konnte; der Corridor war düster; er befürchtete, auch diesmal könnte die theure Erscheinung entfliehen.
Sie, da sie die Schritte immer näher kommen hörte, lief doppelt so rasch, während sie sich umwandte.
Sebastian gab einen schwachen Freudenschrei von sich: sie war es, immer sie.
Die Frau ihrerseits, welche einen Knaben mit ausgestreckten Armen ihr folgen sah, ohne etwas von dieser Verfolgung zu begreifen, kam oben aus eine Treppe und eilte die Stufen hinab.
Doch kaum war sie einen Stock hinabgestiegen, als Sebastian ebenfalls am Ende des Corridors erschien und: »Madame! Madame!« rief.
Diese Stimme brachte eine seltsame Empfindung im ganzen Wesen der jungen Frau hervor; es schien ihr, ein Schlag, halb schmerzlich, halb wohlthuend, habe sie im Herzen getroffen und verbreite, mit dem Blute durch die Adern laufend, einen Schauer durch ihren ganzen Körper.
Und dennoch, da sie weder den Ruf, noch die Gemüthsbewegung, welche sie erfaßte, begriff, verdoppelte sie ihre Schritte und ging vom Laufen gewisser Maßen in die Flucht über.
Doch sie hatte nicht mehr genug Vorsprung vor dem Kinde, um ihm zu entgehen.
Sie kamen beinahe miteinander unten an die Treppe.
Die junge Frau stürzte in den Hof; ein Wagen erwartete sie hier, ein Bedienter hielt den Schlag des Wagens offen.
Sie stieg rasch ein und setzte sich.
Doch ehe man den Schlag wieder geschlossen hatte, war Sebastian zwischen den Bedienten und diesen Schlag geschlüpft; er ergriff das Untertheil des Kleides der Flüchtigen, küßte es voll Leidenschaft und rief:
»Oh! Madame! oh! Madame!«
Die junge Frau schaute nun den reizenden Knaben an, der sie Anfangs erschreckt hatte, und mit einer Stimme sanfter, als sie gewöhnlich war, obgleich diese Stimme noch eine Mischung von Aufregung und Furcht beibehalten hatte, sagte sie:
»Nun! mein Freund, warum laufen Sie mir nach? warum rufen Sie mich? was wollen Sie von mir?«
»Ich will Sie sehen,« antwortete das Kind ganz keuchend, »ich will Sie küssen.«
Und leise genug, daß es nur die junge Frau hören konnte fügte er bei:
»Ich will Sie meine Mutter nennen.«
Die junge Frau stieß einen Schrei aus, nahm den Kopf des Kindes in ihre beiden Hände, zog ihn, wie durch eine plötzliche Eingebung bewogen, rasch an sich und drückte ihre glühenden Lippen aus seine Stirne.
Dann, als befürchtete sie, es könnte Jemand kommen und ihr den Knaben nehmen, den sie soeben wiedergefunden, hob sie ihn zu sich empor, bis er ganz im Wagen war, schob ihn auf die entgegengesetzte Seite, schloß selbst den Schlag, ließ das Fenster nieder, das sie sogleich wieder aufzog, und sagte:
»Zu mir, Rue Coq-Héron Nr. 9, am ersten Thorweg von der Rue Platrière aus.«
Und sie wandte sich gegen das Kind um und fragte:
»Dein Name?«
»Sebastian.«
»Ah! komm, Sebastian, komm hierher . . .hierher, an mein Herz!l«
Dann warf sie sich zurück, als wäre sie einer Ohnmacht nahe, und murmelte:
»Oh! was für eine unbekannte Empfindung ist denn das? Sollte es das sein, was man das Glück nennt?«
X
Der Pavillon von Andrée
Der Weg war nur ein zwischen der Mutter und dem Sohne ausgetauschter langer Kuß.

Der Pavillon von Andrée.
Also dieser Knabe, – ihr Herz zweifelte nicht einen Augenblick, daß er es sei, – dieser Knabe, der ihr in einer erschrecklichen Nacht, in einer Nacht der Bangigkeiten und der Schande geraubt worden war; dieser Knabe, der verschwunden war, ohne daß der Räuber eine andere Spur, als die seiner Fußstapfen im Schnee zurückließ; dieser Knabe, den sie Anfangs gehaßt, verflucht, so lange sie nicht seinen ersten Schrei gehört, sein erstes Wimmern aufgefaßt hatte; dieser Knabe, den sie gerufen, gesucht, zurückverlangt, den ihr Bruder in der Person von Gilbert bis auf den Ocean verfolgt hatte; dieser Knabe, den sie fünfzehn Jahre beklagt hatte, welchen je wiederzusehen sie verzweifelt war, an den sie nur noch dachte, wie man an einen geliebten Todten, an einen theuren Schatten denkt; dieser Knabe findet sich da, wo sie ihn am wenigsten zu treffen erwarten durfte, plötzlich durch ein Wunder wieder, durch ein Wunder erkennt er sie, läuft er ihr nach, verfolgt sie, nennt sie seine Mutter! diesen Knaben hält sie an ihrem Herzen, drückt sie an ihre Brust! ohne sie je gesehen zu haben, liebt er sie mit einer kindlichen Liebe, wie sie ihn mit einer mütterlichen Liebe liebt! ihre, von jedem Kusse reine, Lippe findet alle Freuden ihres verlorenen Lebens in dem ersten Kusse wieder, den sie ihrem Kinde gibt!
Es gab also über dem Haupte der Menschen etwas mehr als den leeren Raum, in dem die Welten rollen; es gab also im Leben der Menschen etwas Anderes, als den Zufall und das Verhängniß.
»Rue Coq-Héron, Nr. 9, am ersten Thorweg von der Rue Plattiere aus,« hatte die Gräfin von Charny gesagt.
Seltsames Zusammentreffen, das nach Verlauf von vierzehn Jahren das Kind in dasselbe Haus zurückführte, wo es geboren worden, wo es den ersten Hauch des Lebens eingeathmet hatte, und wo es von seinem Vater geraubt worden war!
Dieses kleine Haus, einst vom alten Baron von Taverney erkauft, als mit der großen Gunst, mit der die Königin seine Familie beehrte, einiger Wohlstand in die Verhältnisse des Barons wiedergekehrt war, hatte Philipp von Taverney behalten, und es wurde von einem alten Concierge bewacht, den die ehemaligen Eigenthümer mit dem Hause verkauft zu haben schienen. Es diente als Absteigequartier für den jungen Mann, wenn er von seinen Reisen zurückkam, oder für die junge Frau, wenn sie in Paris übernachtete.
Nach der letzten Scene, welche Andrée mit der Königin gehabt nach der Nacht, die sie in ihrer Nähe zugebracht, hatte Andrée beschlossen, sich von dieser Nebenbuhlerin zu entfernen, welche ihr den Gegenschlag von jedem ihrer Schmerzen zusandte, und bei der die Mißgeschicke der Königin, so groß sie waren, immer noch unter den Herzensbeklemmungen und Befürchtungen der Frau waren.
Schon am Morgen hatte sie ihre Dienerin nach dem Hanse der Rue Coq-Héron mit dem Befehle geschickt, den Pavillon in Bereitschaft zu setzen, der, wie man sich erinnert, aus einem Vorzimmer, einem kleinen Speisezimmer, einem Salon und einem Schlafzimmer bestand.
Früher hatte Andrée, um Nicole neben sich unterzubringen, aus dem Salon ein zweites Schlafzimmer gemacht: doch seitdem diese Nothwendigkeit verschwunden, war jedes Zimmer seiner ursprünglichen Bestimmung zurückgegeben worden, und die Kammerfrau, welche den untern Theil ganz ihrer Gebieterin überließ, die übrigens selten und immer allein hierher kam, hatte sich zu einer kleinen, im Dache angebrachten Mansarde bequemt.
Andrée hatte sich also bei der Königin, daß sie das Zimmer in der Nähe des ihrigen nicht behalte, damit entschuldigt, daß die Königin, welche so enge wohne, mehr einer ihrer Kammerfrauen, als einer Person bedürfe, welche nicht speciell ihrem Dienste zugetheilt sei.
Die Königin hatte nicht daraus gedrungen, Andrée bei sich zu behalten, oder sie hatte wenigstens nur so weit die Schicklichkeit es erheischte, daraus gedrungen, und als Nachmittags gegen vier Uhr die Kammerfrau erschien und Andrée meldete, der Pavillon sei bereit, hatte sie ihr befohlen, auf der Stelle nach Versailles abzugehen und ihre Effecten, welche sie in der Hast der Abreise in der Wohnung, die sie im Schlosse inne gehabt, zurückgelassen, zusammenzupacken und ihr am andern Tage diese Effecten nach der Rue Coq-Héron zu bringen.
Um fünf Uhr halte die Gräfin von Charny dem zu Folge die Tuilerien verlassen, wobei sie als einen genügenden Abschied die paar Worte betrachtete, die sie am Morgen der Königin gesagt, da sie ihr die Verfügung über das Zimmer, welches sie eine Nacht inne gehabt, zurückgab.
Als sie aus dem Gemache der Königin, oder vielmehr aus dem an das Gemach der Königin anstoßenden Zimmer wegging, hatte sie den grünen Salon, wo Sebastian wartete, durchschritten, war sie, verfolgt von ihm, durch die Corridors geflohen, bis zu dem Augenblick, wo ihr Sebastian in den Fiacre nachgestürzt war, der, zum Voraus von der Kammerfrau bestellt, sie vor dem Thore der Tuilerien, im Prinzenhofe erwartete.
Alles trug so dazu bei, für Andrée aus diesem Abend einen glücklichen Abend zu machen, den nichts stören sollte. Statt in ihrer Wohnung in Versailles oder in ihrem Zimmer in den Tuilerien, wo sie dieses so wunderbar wiedergefundene Kind nicht hätte empfangen können, wo sie wenigstens sich nicht dem ganzen Ergusse ihrer mütterlichen Liebe hätte hingeben können, befand sie sich in einem ihr gehörigen Hause, in einem abgesonderten Pavillon, ohne Bedienten, ohne Kammerfrau, ohne einen fragenden Blick!
Sie gab auch mit einem Ausdruck tief gefühlter Freude die von uns oben erwähnte Adresse, welche den Stoff zu dieser ganzen Abschweifung geliefert hat.
Es schlug sechs Uhr, als sich der Thorweg auf den Ruf des Kutschers öffnete und der Fiacre vor der Thüre des Pavillon anhielt.
Andrée wartete nicht einmal, bis der Kutscher von seinem Bocke stieg; sie öffnete den Schlag und sprang, Sebastian nach sich ziehend, aus die erste Stufe der Freitreppe.
Dann gab sie geschwinde dem Kutscher ein Geldstück vom doppelten Werthe dessen, was sie ihm schuldig war, und eilte, immer den Knaben an der Hand haltend, in das Innere des Pavillon, nachdem sie sorgfältig die Thüre des Vorzimmers geschlossen hatte.
Im Salon angelangt, blieb sie stehen.
Der Salon war nur durch das im Herde brennende Feuer und durch zwei aus dem Kamin angezündete Kerzen beleuchtet.
Andrée zog ihren Sohn auf eine Art von Causeuse fort, wo sich das doppelte Licht concentrirte.
Dann rief sie mit einem Freudenausbruch, in welchem noch ein letzter Zweifel zitterte:
»Oh! mein Kind, mein Kind, Du bist es also wirklich?«
»Meine Mutter!« erwiederte Sebastian mit einem Ergusse des Gemüths, der sich wie ein mildernder Thau aus dem springenden Herzen und den fieberhaften Adern von Andrée verbreitete.
»Und hier, hier,« rief Andrée umherschauend, da sie sich in demselben Salon befand, wo sie Sebastian geboren, mit Angst und Schrecken dieses Zimmer betrachtend, wo er ihr geraubt worden war.
»Hier,« wiederholte Sebastian, »was will dies besagen, meine Mutter?«
»Dies will besagen, mein Kind, daß Du vor bald fünfzehn Jahren hier in diesem Zimmer, wo wir sind, geboren worden bist, und daß ich die Barmherzigkeit des allmächtigen Gottes preise, der Dich nach Verlauf von fünfzehn Jahren so wunderbar zurückgeführt hat.«
»Oh! ja, wunderbar,« sprach Sebastian; »denn hätte ich nicht für das Leben meines Vaters gefürchtet, so wäre ich nicht allein und bei Nacht nach Paris abgegangen; wäre ich nicht allein und bei Nacht nach Paris abgegangen, so würde ich nicht verlegen gewesen sein, zu erfahren, welchen von den zwei Wegen ich wählen mußte; ich hätte nicht aus der Landstraße gewartet; ich hätte nicht Herrn Isidor von Charny, als er vorüberritt, gefragt; er hätte mich nicht erkannt, mir nicht angeboten, mit ihm nach Paris zu kommen, er hätte mich nicht in den Palast der Tuilerien geführt, und ich hätte Sie auch nicht in dem Augenblick gesehen, wo Sie durch den grünen Salon schritten; ich hätte Sie nicht erkannt; ich wäre Ihnen nicht nachgelaufen; ich hätte Sie nicht eingeholt: ich hätte Sie endlich nicht meine Mutter genannt! ein Wort, das sehr süß und sehr zärtlich auszusprechen ist!«
Bei den Worten von Sebastian:
»Hätte ich nicht für das Leben meines Vaters gefürchtet,« empfand Andrée eine scharfe Herzbeklemmung, sie schloß die Augen und warf den Kopf zurück.
Bei den Worten: »Hätte mich Herr Isidor von Charny nicht erkannt, hätte er mir nicht angeboten, mit nach Paris zu kommen, hätte er mich nicht in den Palast der Tuilerien geführt,« öffneten sich ihre Augen wieder, ihr Herz that sich auf, ihr Blick dankte dem Himmel; denn in der That, es war ein Wunder, das Sebastian, geführt vom Bruder ihres Gatten, zurückbrachte.
Bei den Worten endlich: »Ich hätte Sie nicht Mutter genannt! ein Wort, das sehr süß und sehr zärtlich auszusprechen ist,« drückte sie, zum Gefühle ihres Glückes zurückgerufen, Sebastian abermals an ihre Brust.
»Ja, ja, Du hast Recht, mein Kind,« rief sie; »sehr süß! es gibt nur eines, das vielleicht süßer und zärtlicher ist, es ist das, welches ich Dir sage, indem ich Dich an mein Herz drücke: mein Sohn! mein Sohn!«
Dann trat ein Augenblick des Stillschweigens ein, und man hörte nur das sanfte Beben der über die Stirne des Kindes hinschweifenden mütterlichen Lippen.
»Aber,« rief plötzlich Andrée, »es ist unmöglich, daß Alles so geheimnisvoll in mir und um mich her bleibt; Du hast mir wohl erklärt, wie Du da warst, aber Du hast mir nicht erklärt, wie Du mich erkanntest, warum Du mir nachliefst, warum Du mich Deine Mutter nanntest.«
»Kann ich es Ihnen sagen?« erwiederte Sebastian, Andrée mit einem unaussprechlichen Ausdruck von Liebe anschauend, »ich weiß es selbst nicht, Sie sprechen von Geheimnissen: Alles ist geheimnißvoll in mir wie in Ihnen.«
»Aber es hat Dir doch Jemand in dem Augenblick wo ich vorüberging, gesagt: »»Kind, da ist Deine Mutter!««
»Ja . . .mein Herz.«
»Dein Herz? . . .«
»Hören Sie, meine Mutter, ich will Ihnen etwas erzählen, was an’s Wunderbare grenzt.«
Andrée rückte noch näher zu dem Kinde, während, sie einen Blick zum Himmel sandte, als wolle sie ihm dafür danken, daß er, als er ihr ihren Sohn zurückgab, ihn so zurückgab.
»Es sind zehn Jahre, daß ich Sie kenne, meine Mutter.«
Andrée bebte.
»Sie begreifen nicht?«
Andrée schüttelte den Kopf.
»Lassen Sie sich sagen, ich habe zuweilen seltsame Träume, die mein Vater Sinnestäuschungen nennt.«
Bei der Erinnerung an Gilbert, welche wie eine stählerne Spitze von den Lippen des Kindes in ihr Herz eindrang, schauerte Andrée.
»Schon zwanzigmal habe ich Sie gesehen, meine Mutter.«
»Wie so?«
»In den Träumen, von denen ich so eben sprach,« Andrée dachte ihrerseits an die schrecklichen Träume, die ihr Leben bewegt hatten, an den Traum, dem ihr Kind seine Geburt verdankte.
»Stellen Sie sich vor, meine Mutter,« fuhr Sebastian fort, »wenn ich, noch ein Kind, mit den Kindern des Dorfes spielte und im Dorfe blieb, waren meine Eindrücke ganz die der andern Kleinen, und nichts erschien mir, als die wirklichen Gegenstände; doch, sobald ich das Dorf verließ, sobald ich die letzten Gärten überschritt, sobald ich den Saum des Waldes hinter mir hatte, fühlte ich etwas wie das Rauschen eines Kleides an mir vorüberziehen; ich streckte die Arme aus, um es zu fassen, doch ich faßte nur die Luft; da entfernte sich das Phantom. Aber von unsichtbar, wie es Anfangs war, wurde es allmälig sichtbar; im ersten Augenblick war es ein Dunst durchsichtig wie eine Wolke, ähnlich der, mit welcher Virgil die Mutter des Aeneas umhüllte, da sie ihrem Sohne auf der Küste von Carthago erschien; bald verdichtete sich dieser Dunst und nahm eine menschliche Gestalt an; diese menschliche Gestalt, welche die einer Frau war, glitt mehr über den Boden hin, als daß sie aus der Erde ging: da zog mich eine unbekannte, seltsame, unwiderstehliche Gewalt ihr nach. Sie drang in die dunkelsten Orte des Waldes ein, und ich verfolgte sie hier mit ausgestreckten Armen, stumm wie sie; denn obgleich ich ihr zu rufen versuchte, gelang es meiner Stimme doch nie, einen Ton zu articuliren, und ich verfolgte sie so, ohne daß sie stille stand, ohne daß ich sie einholen konnte, bis das Wunder, das mir ihre Gegenwart verkündigt hatte, mir ihren Abgang bezeichnete. Die Erscheinung verschwand allmälig, doch sie schien ebenso sehr als ich unter diesem Willen des Himmels zu leiden, der uns trennte, denn sie entfernte sich, indem sie sich nach mir umschaute, und, gelähmt vor Müdigkeit, als ob ich nur durch ihre Gegenwart aufrecht erhalten worden wäre, fiel ich an derselben Stelle, wo sie verschwunden war, nieder.«
Diese Art von zweiter Existenz von Sebastian, dieser in seinem Leben lebende Traum glich zu sehr dem, was Andrée selbst begegnet war, als daß sie sich nicht in ihrem Kinde hätte wiedererkennen sollen.
»Armes Kind,« sagte sie, indem sie ihn an ihr Herz drückte, »es war also unnütz, daß der Haß Dich von mir entfernte; Gott halte uns einander genähert, ohne daß ich es vermuthete; nur sah ich Dich, weniger glücklich als Du, weder im Traume, noch in der Wirklichkeit, und dennoch, als ich durch den grünen Salon ging, ergriff mich ein Schauer; als ich Deine Tritte hinter den meinigen hörte, zog etwas wie ein Schwindel zwischen meinem Geiste und meinem Herzen durch; als Du mich Madame nanntest, wäre ich beinahe stille gestanden; als Du mich meine Mutter nanntest, wäre ich beinahe ohnmächtig geworden; als ich Dich berührte, erkannte ich Dich.«
»Meine Mutter! meine Mutter! meine Mutter!« wiederholte Sebastian dreimal, als wollte er seine Mutter darüber trösten, daß sie so lange diesen süßen Namen nicht gehört.
»Ja, Deine Mutter!« erwiederte die junge Frau mit einem unbeschreiblichen Liebesentzücken.
»Und nun, da wir uns wiedergefunden haben,« sagte das Kind, »da Du so zufrieden und glücklich bist, mich wieder zusehen, werden wir uns nicht mehr verlassen, nicht wahr?«
Andrée bebte, sie hatte die Gegenwart im Vorüberziehen, die Augen halb über die Vergangenheit, ganz über die Zukunft schließend, ergriffen.
»Mein armes Kind, wie würde ich Dich segnen, wenn Du ein solches Wunder bewirken könntest.«
»Laß mich machen,« sagte Sebastian, »ich werde Alles dies ordnen,«
»Und wie?« fragte Andrée.
»Ich kenne die Ursachen nicht, die Dich von meinem Vater getrennt haben.«
Andrée erbleichte.
»Aber,« fuhr Sebastian fort, »so ernst und gewichtig sie auch sein mögen, sie werden verschwinden vor meinen Bitten und vor meinen Thränen, wenn es sein muß.«
Andrée schüttelte den Kopf.
»Nie! nie!« rief sie.
»Höre,« versetzte Sebastian, der nach den Worten die ihm Gilbert gesagt: »»Kind, sprich mir nie von Deiner Mutter,«« hatte glauben müssen, das Anrecht der Trennung sei auf ihrer Seite, »höre, mein Vater betet mich an.«
Die Hände von Andrée, welche die ihres Sohnes hielten, lösten sich; der Knabe schien nicht daraus zu merken und merkte vielleicht nicht daraus.
Er fuhr fort:
»Ich werde ihn vorbereiten, Dich wiederzusehen; ich werde ihm all das Glück erzählen, das Du mir gegeben Hast; dann, eines Tages, werde ich Dich bei der Hand nehmen, zu ihm führen und sagen: »»Hier ist sie! schau Vater, wie schön sie ist!««
Andrée stieß Sebastian zurück und stand auf.
Der Knabe heftete seine Augen ganz erstaunt aus sie; sie war so bleich, daß sie ihm bange machte.
»Nie!« wiederholte sie, »nie!«
Und diesmal drückte ihr Ton noch etwas mehr als den Schrecken, er drückte die Drohung aus.
Der Knabe wich aus dem Canapé zurück; er hatte in dem Gesichte dieser Frau jene erschrecklichen Linien entdeckt, welche Raphael den erzürnten Engeln gibt.
»Und warum,« fragte er mit dumpfer Stimme, »warum weigerst Du Dich, meinen Vater zu sehen?«
Bei diesen Worten brach, wie beim Zusammenstoß von zwei Wolken wahrend des Sturmes, der Blitzstrahl hervor.
»Warum?« versetzte Andrée, »Du fragst mich, warum? In der That, armes Kind, Du weißt es nicht?«
»Ja,« sagte Sebastian mit Festigkeit, »ich frage, warum?«
»Nun wohl,« erwiederte Andrée, unfähig, länger unter den Bissen der gehässigen Schlange, die ihr das Herz zernagte, an sich zu halten, »weil Dein Vater ein elender ist! weil Dein Vater ein Schändlicher ist!«
Sebastian sprang von dem Canapé auf, auf dem er saß, und stand aufrecht vor Andrée.
»Von meinem Vater sagen Sie das, Madame!« rief er, »von meinem Vater, das heißt, vom Doctor Gilbert, von demjenigen, welcher mich erzogen hat, von demjenigen, welchem ich Alles verdanke, von demjenigen, welchen ich allein kenne? Ich täuschte mich, Madame, Sie sind nicht meine Mutter!«
Der Knabe machte eine Bewegung, um nach der Thüre zu laufen.
Andrée hielt ihn zurück.
»Höre,« sagte sie, »Du kannst nicht wissen, Du kannst nicht urtheilen, Du kannst nicht begreifen.«
»Nein! aber ich kann fühlen, und ich fühle, daß ich Sie nicht mehr liebe!«
Andrée stieß einen Schmerzensschrei aus.
Doch in derselben Sekunde lenkte ein äußeres Geräusch die Gemüthsbewegung ab, die sie empfand, obgleich sich diese Gemüthsbewegung ihrer für den Augenblick ganz und gar bemächtigt hatte.
Dieses Geräusch war das des Hofthores, welches sich öffnete, und eines Wagens, der vor der Freitreppe anhielt.
Bei diesem Geräusch überlief ein solcher Schauer die Glieder von Andrée, daß dieser Schauer von ihrem Körper zu dem ihres Kindes überging.
»Warte!« sagte sie zu ihm, »warte und schweige!«
Unterjocht, gehorchte das Kind.
Andrée richtete sich auf, unbeweglich, stumm, die Augen starr aus die Thüre geheftet, bleich und kalt wie die Bildsäule der Erwartung.
»Wen werde ich der Frau Gräfin melden?« sagte die Stimme des alten Concierge.
»Melden Sie den Grafen von Charny und fragen Sie die Gräfin, ob sie mir die Ehre erweisen wolle, mich zu empfangen.«
»Oh!« rief Andrée, »in dieses Zimmer, Kind, in dieses Zimmer! er darf Dich nicht sehen, er darf nicht wissen, daß Du existirst.«
Und sie schob das erschrockene Kind in das anstoßende Zimmer.
Dann, während sie die Thüre hinter ihm schloß, sprach sie: »Bleibe hier, und wenn er weggegangen ist, werde ich Dir sagen, werde ich Dir erzählen . . .Nein! nein! nichts von Allem dem, ich werde Dich umarmen, und Du wirst einsehen, daß ich wirklich Deine Mutter bin.«
Sebastian antwortete nur durch eine Art von Seufzer.
In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre des Vorzimmers, und, mit seiner Mütze in der Hand, entledigte sich der alte Concierge seines Auftrags.
Hinter ihm, im Halbschatten, errieth das durchdringende Auge von Andrée eine menschliche Gestalt.
»Lassen Sie den Herrn Grafen eintreten,« sagte sie mit der festesten Stimme, die sie finden konnte.
Der alte Concierge ging rückwärts hinaus, und der Graf von Charny erschien, den Hut in der Hand, aus der Schwelle.
XI
Mann und Frau
In Trauer um seinen Bruder, der zwei Tage vorher getödtet worden, war der Graf von Charny ganz schwarz gekleidet.
Dann, da diese Trauer, wie die von Hamlet, nicht nur aus den Kleidern, sondern im Grunde des Herzens war, zeugte sein bleiches Gesicht von den Thränen, die er vergossen, und von den Schmerzen, die er erduldet.
Die Gräfin umfaßte dieses Ganze mit einem einzigen Blick. Nie sind die schönen Gesichter so schön, als nach ihren Thränen. Nie war Charny so schön gewesen.
Sie schloß einen Moment ihre Augen, warf leicht den Kopf zurück, als wollte sie ihrer Brust die Fähigkeit zu atmen geben, und drückte ihre Hand aus ihr Herz, das sie dem Brechen nahe fühlte.
Als sie ihre Augen wieder öffnete, – und dies geschah ungefähr eine Secunde, nachdem sie dieselben geschlossen hatte, – stand Charny aus demselben Platze.
Der Blick und die Geberde von Andrée fragten ihn zu gleicher Zeit und so sichtbar, warum er nicht eingetreten sei, daß er ganz natürlich aus diesen Blick und diese Geberde antwortete;
»Madame, ich wartete.«
Er machte einen Schritt vorwärts.
Der Concierge trat wieder ein und sagte, zu seiner Frage durch den Bedienten des Grafen veranlaßt;
«Soll man den Wagen des Herrn Grafen fortschicken?«
Ein Blick von einem unbeschreiblichen Ausdruck sprang aus dem Augenstern des Grafen hervor und richtete sich aus Andrée, welche wie geblendet die Augen zum zweiten Mal schloß und unbeweglich, mit gehemmtem Athem, blieb, als hätte sie die Frage nicht gehört, als hätte sie den Blick nicht gesehen.
Die eine und der andere waren indessen gerade bis in ihr Herz eingedrungen.
Charny suchte an dieser ganzen Bildsäule ein Zeichen, das ihm andeutete, was er antworten sollte. Dann da der Schauer, der Andrée entschlüpfte, ebensowohl von der Furcht, daß der Graf nicht gehe, als von dem Wunsche, daß er bleibe, herrühren konnte, antwortete er:
»Sagen Sie dem Kutscher, er soll warten.«
Die Thüre schloß sich wieder, und zum ersten Male vielleicht seit ihrer Verheirathung fanden sich der Graf und die Gräfin allein beisammen.
Der Graf brach zuerst das Stillschweigen.
»Verzeihen Sie, Madame,« sagte er, »sollte meine unerwartete Anwesenheit indiscret sein? Ich stehe noch, der Wagen ist vor der Thüre, und ich gehe wieder, wie ich gekommen bin.«
»Nein, mein Herr,« antwortete Andrée lebhaft.
»Ich wußte, daß Sie gesund und unverletzt sind, bin aber darum nach den Ereignissen, welche vorgefallen, nicht minder glücklich, Sie wiederzusehen.«
»Sie haben die Güte gehabt, sich nach mir zu erkundigen?« fragte der Graf.
»Allerdings . . .gestern und heute Morgen, und man hat mir geantwortet, Sie seien in Versailles; heute Abend, und man hat mir geantwortet, Sie seien bei der Königin.«
Waren diese letzten Worte einfach ausgesprochen worden oder enthielten sie einen Vorwurf?
Der Graf selbst, da er nicht wußte, was er zu denken hatte, beschäftigte sich in seinem Innern offenbar einen Augenblick hiermit.
Doch wahrscheinlich der Folge des Gespräches die Sorge, den einen Augenblick vor seinem Geiste heruntergelassenen Schleier aufzuheben, überlassend, erwiederte er alsbald:
»Madame, eine traurige und fromme Pflicht hielt mich gestern und heute in Versailles zurück; eine andere Pflicht, die ich als heilig erachte in der Lage, in der sich die Königin befindet, hat mich sogleich bei meiner Ankunft in Paris zu Ihrer Majestät geführt.«
Nun suchte Andrée sichtbar in ihrer ganzen Wirklichkeit die Intention der letzten Worte des Grafen aufzufassen.
Dann erwiederte sie, da sie dachte, sie sei besonders den ersten eine Antwort schuldig:
»Ja, mein Herr. Ach! ich habe den entsetzlichen Verlust erfahren, den . . .«
Sie zögerte einen Augenblick.
»Den Sie erlitten haben.«
Andrée war aus dem Punkte zu sagen, den wir erlitten haben. Doch sie wagte es nicht und fuhr fort:
»Sie haben das Unglück gehabt, Ihren Bruder, den Baron George von Charny zu verlieren.«
Man hätte glauben sollen, Charny erwarte im Vorüberziehen die zwei Worte, welche wir unterstrichen haben, denn er bebte in dem Augenblick, wo jedes derselben ausgesprochen wurde.
»Ja, Madame,« antwortete er, »es ist, wie Sie sagen, für mich ein entsetzlicher Verlust, der Verlust dieses jungen Mannes, – ein Verlust, den Sie zum Glück nicht schätzen können, da Sie den armen George so wenig gekannt haben.«
Es lag ein sanfter, schwermüthiger Vorwurf in den Worten: zum Glück.
Andrée begriff ihn, doch kein äußeres Zeichen offenbarte, daß sie darauf gemerkt hatte.
»Eines würde mich indessen über diesen Verlust trösten, wenn ich getröstet werden könnte,« fügte Charny bei: »daß der arme George gestorben ist, wie Isidor sterben wird, wie ich wahrscheinlich sterben werde, – in Erfüllung seiner Pflicht.«
Die Worte: wie ich wahrscheinlich sterben werde, ergriffen Andrée tief.
»Ach!« fragte sie, »glauben Sie denn, die Dinge stehen so verzweifelt, daß es noch neuer Blutopfer bedürfe, um den himmlischen Zorn zu entwaffnen?«
»Madame, ich glaube, daß die Stunde der Könige, wenn sie noch nicht gekommen ist, doch wenigstens demnächst schlagen wird. Ich glaube, daß es einen bösen Genius gibt, der die Monarchie zum Abgrunde hintreibt. Ich denke, daß sie, wenn sie in denselben hineinfällt, von allen denjenigen in ihrem Sturze begleitet werden muß, welche an ihrer Herrlichkeit Theil gehabt haben.«
»Das ist wahr,« sprach Andrée, »und wenn der Tag gekommen ist, glauben Sie mir, er wird mich bereit zu jeder Hingebung finden.«
»Oh! Madame, Sie haben zu viel Beweise von Hingebung in der Vergangenheit abgelegt, als daß irgend Jemand, und ich am wenigsten, an dieser Hingebung in der Zukunft zweifeln könnte, und ich habe um so weniger das Recht, an der Ihrigen zu zweifeln, als die meinige, zum ersten Male vielleicht, vor einem Befehle der Königin zurückgewichen ist,«
»Ich verstehe nicht, mein Herr . . .« sagte Andrée.
»Bei meiner Ankunft von Versailles fand ich den Befehl, sogleich bei Ihrer Majestät zu erscheinen.«
»Oh!« machte Andrée traurig lächelnd.
Dann, nachdem sie einen Augenblick geschwiegen, sagte sie:
»Das ist ganz einfach, die Königin sieht wie Sie die Zukunft geheimnißvoll und düster und will um sich alle Männer versammeln, aus die sie zählen kann.«
»Sie täuschen sich, Madame,« erwiederte Charny, »nicht um mich ihr zu nähern, rief mich die Königin, sondern um mich von ihr zu entfernen.«
»Sie von ihr entfernen!« versetzte lebhaft Andrée, indem sie einen Schritt gegen den Grafen machte.
Dann, nach einem Augenblick, da sie wahrnahm, daß der Graf seit dem Anfang des Gesprächs bei der Thüre stehen geblieben war, sagte sie, aus einen Lehnstuhl deutend:
»Verzeihen Sie, ich lasse Sie stehen, Herr Graf.«
Und während sie diese Worte sprach, fiel sie selbst, unfähig, sich länger aufrecht zu halten, aus das Canapé, wo sie einen Augenblick vorher mit Sebastian gesessen hatte.
»Sie entfernen!« wiederholte sie mit einer Gemüthsbewegung, welche nicht ganz von Freude frei war, denn sie dachte, Charny und die Königin würden getrennt werden. »Und zu welchem Zwecke?«
»Zu dem Zwecke, daß ich in Turin eine Sendung beim Herrn Grafen d’Artois und beim Herrn Herzog von Bourbon, welche Frankreich verlassen haben, vollziehe.«
»Und Sie haben angenommen?«
Charny schaute Andrée fest an.
»Nein, Madame,« erwiederte er.
Andrée erbleichte dergestalt, daß Charny einen Schritt gegen sie machte, als wollte er ihr Hilse leisten; doch bei dieser Bewegung des Grafen raffte sie ihre Kräfte zusammen und kam wieder zu sich.
»Nein,« stammelte sie, »Sie haben nein auf einen Befehl der Königin geantwortet . . .Sie, mein Herr!«
Die drei letzten Worte wurden mit einem Ausdruck des Zweifels und des Erstaunens gesprochen, der sich nicht beschreiben läßt.
»Ich antwortete, ich glaube, meine Gegenwart, in diesem Augenblicke besonders, sei in Paris nothwendiger als in Turin: Jedermann könne die Sendung vollbringen, mit der mich zu beauftragen man mir die Ehre erweisen wolle, und ich habe gerade in diesem Moment hier einen Bruder, der so eben aus der Provinz angekommen, um sich Ihrer Majestät zu Befehl zu stellen, und der bereit sei, statt meiner abzureisen.«
»Und die Königin ist ohne Zweifel glücklich gewesen, den Stellvertreter anzunehmen?« rief Andrée mit einem Ausdruck von Bitterkeit, den sie nicht zurückzuhalten vermochte, und der Charny nicht zu entgehen schien.
»Nein, Madame, im Gegentheil; denn diese Weigerung schien sie tief zu verletzen. Ich wäre also genöthigt gewesen, abzureisen, wäre nicht zum Glück in diesem Augenblick der König eingetreten, und hätte ich ihn nicht zum Richter gemacht.
»Und der König gab Ihnen Recht, mein Herr?« versetzte Andrée mit einem ironischen Lächeln, »und der König war, wie Sie, der Ansicht, daß Sie in den Tuilerien bleiben müssen? . . Oh! wie gut ist Seine Majestät!«
Charny veränderte sein Gesicht nicht im mindesten und erwiederte:
»Der König sagte, mein Bruder Isidor eigne sich ganz zu diesem Posten, um so mehr, als man, da er zum ersten Mal an den Hof und beinahe zum ersten Mal nach Paris komme, seine Abwesenheit nicht bemerken werde, und er fügte bei, es sei grausam von der Königin, zu verlangen, daß ich mich in einem solchen Augenblick von Ihnen entferne.«
»Von mir!« rief Andrée, »der König hat gesagt von mir?«
»Ich wiederhole Ihnen seine eigenen Worte, Madame. Dann suchte er mit den Augen um die Königin her und fragte, indem er sich an mich wandte: »Aber wo ist denn die Gräfin von Charny? ich habe sie seit gestern Abend nicht gesehen!« Da an mich hauptsächlich die Frage gerichtet war, so antwortete ich: »«Sire, ich habe so wenig das Glück, Frau von Charny zu sehen, daß es mir in diesem Augenblick unmöglich wäre, Ihnen zu sagen, wo die Gräfin ist; wünscht aber Eure Majestät hierüber unterrichtet zu werden, so wenden Sie sich an die Königin; die Königin weiß es; die Königin wird antworten. Und ich drang hierauf, weil ich, da ich die Königin die Stirne falten sah, dachte, es sei etwas mir Unbekanntes zwischen Ihnen und ihr vorgefallen.«
Andrée schien, mit einer so glühenden Gierde zu hören, daß es ihr nicht einmal einfiel, etwas zu erwiedern.
Da fuhr Charny fort:
»»Sire,«« antwortete die Königin, »»die Frau Gräfin von Charny hat die Tuilerien vor einer Stunde verlassen.«« »»Wie,«« fragte der König, »»die Frau Gräfin von Charny hat die Tuilerien verlassen?«« »»Ja, Sire,«« »»Doch um bald wieder hierher zurückzukommen?«« »»Ich glaube nicht,«« »»Sie glauben nicht, Madame?«« versetzte der König; »»welchen Grund hat denn Frau von Charny, Ihre beste Freundin, gehabt, Madame . . .«« Die Königin machte eine Bewegung. »»Ja, ich sage es, Ihre beste Freundin,«« wiederholte der König,’ »»um in einem solchen Augenblicke die Tuilerien zu verlassen?«« »»Ich glaube, sie findet, sie wohne hier schlecht,«« erwiederte die Königin. »»Sie wohne schlecht? allerdings, wenn es unsere Absicht gewesen wäre, sie in dem an das Ihrige anstoßenden Zimmer zu lassen; doch bei Gott! wir hatten eine Wohnung für sie gefunden! eine Wohnung für sie und für den Grafen. Nicht wahr, Graf, und ich hoffe, Sie hätten sich nicht zu schwierig gezeigt?«« »»Sire,«« erwiederte ich, »»der König weiß, daß ich mich immer für befriedigt durch den Posten halten werde, den er mir anweist, wenn mir dieser Posten nur Gelegenheit gibt, ihm zu dienen.«« »«Ei! das wußte ich wohl,«« sagte der König; »»somit hat sich die Frau Gräfin also zurückgezogen, und wohin, Madame? wissen Sie es?«« »»Nein, Sire, ich weiß es nicht.«« »»Wie! Ihre Freundin verläßt Sie, und Sie fragen sie nicht, wohin Sie gehe?«« »»Verlassen mich meine Freunde, so sieht es ihnen frei, zu gehen, wohin sie wollen, und ich bin nicht so indiscret, sie zu fragen, wohin sie gehen,«« »»Gut!«« sagte der König zu mir, »»Weiberzwist! . . .Herr von Charny, ich habe ein paar Worte mit der Königin zu sprechen: erwarten Sie mich in meinem Zimmer und stellen Sie mir Ihren Bruder vor. Er wird noch heute Abend nach Turin abreisen: ich bin Ihrer Ansicht, Herr von Charny, ich bedarf Ihrer und ich behalte Sie.«« Ich schickte nach meinem Bruder, der so eben angekommen war und mich, wie man mir hatte sagen lassen, im grünen Salon erwartete.«
Bei den Worten im grünen Salon kehrte Andrée, welche Sebastian beinahe vergessen hatte, so viel Interesse schien sie an der Erzählung des Grafen zu nehmen, im Geiste zu Allem dem zurück, was zwischen ihr und ihrem Sohne vorgefallen war, und schaute mit Bangigkeit nach der Thüre des Schlafzimmers, wo sie ihn eingesperrt hatte.
»Verzeihen Sie, Madame,« sagte Charny, »ich befürchte, ich erzähle Ihnen von Dingen, die Sie nur wenig interessiren, und ohne Zweifel fragen Sie sich, warum ich hier sei, und was ich hier machen wolle.«
»Nein, mein Herr,« erwiederte Andrée, »ganz im Gegentheil, was Sie mir zu erzählen die Güte haben, ist für mich äußerst interessant; und was Ihre Gegenwart bei mir betrifft, so wissen Sie, daß nach den Befürchtungen, die ich in Beziehung auf Sie gehegt habe, diese Gegenwart, welche beweist, daß Ihnen persönlich kein Unglück zugestoßen ist, mir nur sehr angenehm sein kann. Ich bitte also, fahren Sie fort, der König hieß Sie ihn in seinem Zimmer erwarten, und Sie ließen Ihren Bruder benachrichtigen.«
»Wir begaben uns in das Zimmer des Königs; zehn Minuten nach uns kam er zurück. Da die Sendung an die Prinzen dringend war, so fing der König mit ihr an. Sie hatten zum Zwecke, Ihre Hoheiten von den Ereignissen, welche so eben vorgefallen, zu unterrichten. Eine Viertelstunde nach der Rückkehr Seiner Majestät war mein Bruder nach Turin abgereist. Wir blieben allein. Der König ging einen Augenblick nachdenkend auf und ab; plötzlich blieb er vor mir stehen und sagte: »»Herr Graf, wissen Sie, was zwischen der Gräfin und der Königin vorgefallen ist?«« »»Nein, Sire,«« antwortete ich. »»Es muß aber etwas vorgefallen sein,«« fügte er bei, »»denn ich habe die Königin in einer mörderischen Laune und sogar, wie es mir schien, ungerecht gegen die Gräfin gefunden, was nicht ihre Gewohnheit bei ihren Freunden ist, welche sie, wie Sie wissen, vertheidigt, selbst wenn sie Unrecht haben.«« »»Ich kann Eurer Majestät nur wiederholen, was ich ihr zu sagen die Ehre gehabt habe,«« versetzte ich. »»Ich weiß durchaus nicht, was zwischen der Königin und der Gräfin vorgefallen ist, und nicht einmal, ob etwas vorgefallen ist. Immerhin aber, Sire, wage ich es, zu behaupten, daß, wenn auf der einen oder der andern Seite ein Unrecht ist, vorausgesetzt, eine Königin könne ein Unrecht begehen, dieses Unrecht nicht von der Seite der Gräfin kommt.««
»Ich danke Ihnen, mein Herr, daß Sie so gut von mir gedacht haben,« sprach Andrée.
Charny verbeugte sich.
»»In jedem Falle,«« sagte der König, »»wenn die Königin nicht weiß, wo die Gräfin ist, müssen Sie es wissen.«« Ich war eben so wenig unterrichtet, als die Königin, dennoch antwortete ich: »»Sire, ich weiß, daß die Frau Gräfin ein Absteigequartier in der Rue Coq-Héron hat, und dahin wird sie sich ohne Zweifel zurückgezogen haben.«« »»Ja, ohne Zweifel ist sie dort,«« sagte der König. »»Gehen Sie dahin, ich gebe Ihnen Urlaub bis morgen, unter der Bedingung, daß Sie uns morgen die Gräfin zurückbringen.««
Der Blick von Charny hatte sich, während er diese Worte sprach, so fest auf die Gräfin geheftet, daß es dieser ganz unbehaglich zu Muthe wurde, und daß sie, da sie fühlte, sie könne diesem Blicke nicht ausweichen, die Augen schloß.
»»Sie sagen ihr,«« fuhr Charny immer im Namen des Königs sprechend fort, »»Sie sagen ihr, wir werden eine Wohnung für sie finden, und müßte ich selbst suchen, eine Wohnung allerdings weniger groß als die, welche sie in Versailles hatte, jedoch hinreichend für einen Mann und eine Frau. Gehen Sie, Herr von Charny, gehen Sie; die Gräfin muß über Sie in Unruhe sein, und Sie müssen über die Gräfin in Unruhe sein.«« Als ich schon ein paar Schritte gegen die Thüre gemacht hatte, rief er mich dann zurück und sagte, indem er mir die Hand reichte, die ich küßte: »»Ah! Herr von Charny, da ich Sie in Trauer sah, so hätte ich hiermit anfangen müssen . . .. Sie haben das Unglück gehabt, Ihren Bruder zu verlieren; man ist, und wenn man auch König, unvermögend, bei einem solchen Unglück zu trösten; doch als König kann man sagen: »– War Ihr Bruder verheirathet? hatte er eine Frau, Kinder? Können diese Frau und diese Kinder von mir adoptirt werden? —« Dann, mein Herr, wenn solche vorhanden sind, bringen Sie mir sie, stellen Sie mir sie vor. Die Königin wird sich der Mutter annehmen, ich werde mich der Kinder annehmen.««
Und als bei diesen Worten Thränen am Rande der Augenlider von Charny erschienen, fragte Andrée:
»Ohne Zweifel wiederholte der König nur, was Ihnen die Königin gesagt hatte?«
»Die Königin,« antwortete Charny mit einer zitternden Stimme, »die Königin hatte mir nicht einmal die Ehre erwiesen, ein Wort in dieser Hinsicht an mich zu richten, und darum rührte mich die Erinnerung des Königs so tief, daß er, als er mich in Thränen ausbrechen sah, zu mir sagte: »»Ah! Oh! Herr von Charny, ich habe vielleicht Unrecht gehabt, hiervon mit Ihnen zu sprechen; doch ich handle beinahe immer unter der Eingebung meines Herzens, und mein Herz hieß mich thun, was ich gethan habe. Kehren Sie zu Ihrer theuren Andrée zurück, Graf; denn wenn uns die Leute, die uns lieben, auch nicht trösten können, so können sie doch mit uns weinen und wir können mit ihnen weinen, was immer eine große Erleichterung ist.«« Und so,« fügte Charny hinzu, »so bin ich aus Befehl des Königs gekommen, Madame . . .weshalb Sie mich vielleicht entschuldigen werden.«
»Ah! mein Herr,« rief Andrée, indem sie rasch aufstand und Charny ihre beiden Hände reichte, »zweifeln Sie daran?«
Charny ergriff lebhaft diese Hände und drückte seine Lippen darauf.
Andrée stieß einen Schrei aus, als wären diese Lippen ein glühendes Eisen gewesen, und fiel aus das Canapé zurück.
Doch ihre Hände hatten sich krampfhaft an die von Charny angeklammert, so daß sie, auf das Canapé zurückfallend, Charny nachzog, wodurch er sich, ohne daß sie es gewollt, ohne daß er es gewollt, neben ihr sitzend fand.
In diesem Augenblick entfernte sich Andrée, welche Geräusch im anstoßenden Zimmer gehört zu haben glaubte, so rasch von Charny, daß dieser, der nicht wußte, welchem Gefühle er sowohl den von ihr ausgestoßenen Schrei, als die rasche Bewegung, die sie gemacht, zuschreiben sollte, schnell sich erhob und sogleich wieder vor ihr stand.
Drittes bis sechstes Bändchen
XII
Das Schlafzimmer
Charny stützte sich aus die Lehne des Canapé und stieß einen Seufzer aus.
Andrée ließ ihren Kopf auf ihre Hand fallen.
Der Seufzer von Charny hatte ihren Seufzer in die tiefste Tiefe ihrer Brust zurückgedrängt.
Was in diesem Augenblick im Herzen der jungen Frau vorging, läßt sich durchaus nicht beschreiben.
Seit vier Jahren an einen Mann verheirathet, den sie anbetete, ohne daß dieser, beständig mit einer andern Frau beschäftigte, Mann je eine Idee von dem furchtbaren Opfer gehabt, das sie ihn heirathend gebracht, hatte sie, mit der Verleugnung ihrer doppelten Pflicht als Frau und als Unterthanin, Alles gesehen, Alles ertragen, Alles in sich selbst verschlossen; endlich, seit einiger Zeit, schien es ihr nach einigen sanfteren Blicken ihres Gatten, nach einigen härteren Worten der Königin, ihre Ergebenheit sei nicht ganz unfruchtbar. Während der jüngst vergangenen Tage, entsetzlicher Tage voller unablässiger Bangigkeiten für Jedermann, hatte Andrée, allein vielleicht inmitten aller dieser Höflinge und unter diesen erschrockenen Dienern, freudige Gemüthsbewegungen und süße Schauer empfunden; dies war so, wenn in äußersten Momenten Charny sich durch eine Geberde, durch einen Blick, durch ein Wort mit ihr zu beschäftigen, sie unruhig zu suchen, zu seiner Freude wiederzufinden schien; es war ein leichter, verstohlener Händedruck, der ein von der Menge, die sie umgab, unbemerktes Gefühl mittheilte und für sie allein einen gemeinschaftlichen Gedanken leben machte: es waren köstliche Empfindungen, unbekannt diesem Schneekörper und diesen Demantherzen, welches von der Liebe nur das gekannt hatte, was sie Schmerzlichstes hat: die Einsamkeit.
Und plötzlich, in dem Augenblick, wo das arme vereinzelte Geschöpf ihr Kind wiedergefunden hatte und wieder Mutter geworden war, erhob sich etwas wie eine Liebesmorgendämmerung an ihrem bis dahin traurigen, düsteren Horizont, Nur, – seltsames Zusammentreffen, was bewies, daß das Glück nicht für sie gemacht war, – nur combinirten sich diese zwei Ereignisse auf eine Art, daß das eine das andere zerstörte, und daß unvermeidlich die Rückkehr des Gatten die Liebe des Kindes vertrieb, weil die Gegenwart des Kindes die entstehende Liebe des Gatten tödtete.
Dies konnte Charny nicht errathen in dem dem Munde von Andrée entschlüpften Schrei, in der Hand, die ihn zurückgestoßen, und in dem Stillschweigen voll Traurigkeit, das aus diesen Schrei, der so ähnlich einem Schmerzensschrei, während es doch ein Liebesausruf war, und auf diese Bewegung folgte, von der man hätte glauben können, sie sei vom Widerwillen eingegeben, indeß sie nur die Angst veranlaßt hatte.
Charny betrachtete ein paar Secunden lang Andrée mit einem Ausdruck, in dem sich die junge Frau nicht getäuscht haben würde, hätte sie ihre Augen zu ihm aufgeschlagen.
Charny stieß einen Seufzer aus und fragte dann, das Gespräch da wieder ausnehmend, wo er es verlassen hatte:
»Was soll ich dem König melden, Madame?«
Andrée bebte beim Tone dieser Stimme; dann schlug ihr klares, durchsichtiges Auge zum Grafen auf und erwiederte:
»Mein Herr, ich habe so sehr gelitten, seitdem ich am Hofe wohne, daß ich, da die Königin die Güte gehabt hat, mir meinen Abschied zu geben, diesen Abschied mit Dank annehme. Ich bin nicht geboren, um in der Weit zu leben, und ich habe immer in der Einsamkeit, wenn nicht das Glück, doch wenigstens die Ruhe gefunden. Die glücklichsten Tage meines Lebens sind die Tage, die ich, ein junges Mädchen, im Schlosse Taverney zugebracht, und später die, welche ich in der Zurückgezogenheit im Kloster von Saint-Denis bei jener edlen Tochter von Frankreich, die man Madame Louise nannte, verweilt habe. Mit Ihrer Erlaubniß aber, mein Herr, werde ich diesen Pavillon bewohnen, der für mich voll von Erinnerungen, die, obgleich traurig, nicht ganz ohne Süßigkeit sind.«
Bei dieser Erlaubniß, um die ihn Andrée bat, verbeugte sich Charny wie ein Mensch, der bereit ist, nicht nur eine Bitte zu gewähren, sondern auch einem Befehle zu gehorchen.
»Madame,« sagte er, »das ist also ein gefaßter Entschluß?«
»Ja, mein Herr,« antwortete Andrée sanft, aber fest.
Charny verbeugte sich abermals und sprach:
»Nun, Madame, habe ich Sie nur noch Eines zu fragen: wird es mir gestattet sein, Sie hier zu besuchen?«
Andrée heftete aus Charny ihr großes, durchsichtiges, gewöhnlich ruhiges und kaltes, nun aber von Erstaunen und sanfter Freundlichkeit erfülltes Auge und erwiederte:
»Allerdings, mein Herr, und da ich Niemand sehen werde, so werde ich, erlauben Ihnen die Pflichten, die Sie in den Tuilerien zu erfüllen haben, ein paar Augenblicke zu verlieren, immer dankbar sein, wenn Sie dieselben mir widmen, so kurz sie auch sein mögen.«
Charny hatte nie so viel Holdseligkeit im Auge von Andrée gesehen, er hatte nie diesen Ausdruck von Zärtlichkeit in ihrer Stimme bemerkt.
Es durchlief etwas wie jener zarte Schauer, den eine erste Liebkosung gibt, seine Adern.
Er heftete seinen Blick auf den Platz, den er neben Andrée eingenommen, und der, seitdem er aufgestanden, leer geblieben war.
Charny würde ein Jahr von seinem Leben gegeben haben, um sich dahin zu setzen, ohne daß Andrée ihn zurückgestoßen hätte, wie sie es das erste Mal gethan.
Aber, schüchtern wie ein Kind, wagte er es nicht, ohne dazu ermuthigt zu werden.
Andrée hätte nicht ein Jahr, sondern zehn Jahre gegeben, um hier an ihrer Seite denjenigen zu fühlen, welcher so lange von ihr entfernt gewesen war.
Leider kannte keines von ihnen das andere, und jedes verhielt sich unbeweglich, in einer beinahe schmerzlichen Erwartung.
Charny brach abermals zuerst das Stillschweigen, dem nur derjenige, welchem es gestattet ist, im Herzen zu lesen, seine wahre Deutung geben konnte.
»Sie sagen, Sie haben viel gelitten, seitdem Sie am Hofe wohnen, Madame?« fragte er. »Hatte der König nicht immer für Sie eine Achtung, welche bis zur Verehrung ging, und die Königin eine Zärtlichkeit, welche bis zur Abgötterei ging?«
»Ach! ja, mein Herr,« erwiederte Andrée, »der König ist stets vortrefflich gegen mich gewesen.«
»Erlauben Sie mir, zu bemerken, Madame, daß Sie nur auf einen Theil meiner Frage antworten: sollte die Königin minder vortrefflich gegen Sie gewesen sein, als es der König war?«
Die Kinnladen von Andrée preßten sich zusammen, als sträubte sich die empörte Natur gegen eine Antwort. Endlich aber sprach sie mit einer Anstrengung:
»Ich habe der Königin nichts vorzuwerfen, und es wäre unbillig von mir, wenn ich Ihrer Majestät nicht alle Gerechtigkeit widerfahren ließe.«
»Ich sage Ihnen das, Madame,« fuhr Charny fort, »weil seit einiger Zeit . . .ich täusche mich ohne Zweifel . . .doch mir scheint, die Freundschaft, die sie für Sie hegte, hat eine Erschütterung erlitten.«
»Das ist möglich, mein Herr,« versetzte Andrée, »und darum wünsche ich, wie ich Ihnen zu sagen die Ehre gehabt habe, den Hof zu verlassen.«
»Aber, Madame, Sie werden sehr allein, sehr vereinzelt sein!«
»Bin ich es nicht immer gewesen, mein Herr,« erwiederte Andrée mit einem Seufzer, »als Kind . . .als Mädchen . . .und als . . .«
Andrée hielt inne: sie sah, daß sie zu weit zu gehen im Begriffe war.
»Vollenden Sie, Madame,« sprach Charny.
»Oh! Sie haben mich errathen, mein Herr . . .ich wollte sagen: und als Frau . . .«
»Sollte ich so glücklich sein, daß Sie mir einen Vorwurf zu machen die Güte hätten?«
»Einen Vorwurf, mein Herr!« versetzte Andrée lebhaft; »großer Gott! welches Recht hätte ich, Ihnen einen Vorwurf zu machen? . . . Glauben Sie, ich habe die Umstände vergessen, unter denen wir uns verbunden? . . .Ganz das Gegentheil von denjenigen, die sich am Fuße der Altäre gegenseitige Liebe, gegenseitigen Schutz schwören, haben wir uns ewige Gleichgültigkeit, völlige Trennung geschworen. Wir würden uns also nur einen Vorwurf zu machen haben, wenn eines von uns seinen Schwur vergessen hätte.«
Ein Seufzer, zurückgedrängt durch die Worte von Andrée, fiel aus das Herz von Charny.
»Ich sehe, daß Ihr Entschluß fest steht, Madame,« sprach er; »wollen Sie mit aber wenigstens erlauben, mich um die Art zu bekümmern, wie Sie hier leben werden? Werden Sie nicht sehr schlecht hier sein?«
Andrée lächelte traurig und sprach:
»Das Haus meines Vaters war so dürftig, daß, mit ihm verglichen, dieser Pavillon, so entblößt er Ihnen scheinen mag, mit einem Luxus ausgestattet ist, an den ich nicht gewöhnt war.«
»Aber . . .der reizende Aufenthalt in Trianon . . .das Schloß von Versailles . . .«
»Oh! ich wußte wohl, daß ich nur vorübergehend dort zu verweilen hatte.«
»Werden Sie wenigstens hier Alles haben, was für Sie nothwendig ist?«
»Ich werde Alles wiederfinden, was ich einst hatte.«
»Lassen Sie sehen,« sprach Charny, der sich eine Idee von der zukünftigen Wohnung von Andrée machen wollte und umherzuschauen anfing.
»Was wollen Sie sehen, mein Herr?« fragte Andrée, indem sie lebhaft aufstand und einen raschen, ängstlichen Blick nach dem Schlafzimmer warf.
»Wenn Sie nicht zu demüthig in Ihren Wünschen sind, Madame, so ist dieser Pavillon wahrhaftig keine Wohnung . . .ich bin durch ein Vorzimmer gegangen; hier befinde ich mich im Salon; diese Thüre – und er öffnete eine Seitenthüre, – ah! ja, diese Thüre führt in ein Speisezimmer, und jene . . .«
Andrée stellte sich behende zwischen den Grafen von Charny und die Thüre, auf welche er zuschritt und hinter der sie im Geiste Sebastian sah.
»Mein Herr,« rief sie, »ich bitte Sie inständig, keinen Schritt weiter.«
Und ihre ausgebreiteten Arme verschlossen den Durchgang.
»Ja, ich verstehe,« sagte Charny mit einem Seufzer, »das ist die Thüre Ihres Schlafzimmers.«
»Ja, mein Herr,« stammelte Andre« mit erstickter Stimme.
Charny schaute die Gräfin an; sie zitterte und war bleich; nie harte sich die Angst durch einen schärferen Ausdruck kundgegeben, als der war, welcher sich aus dem Gesichte von Andrée verbreitet hatte.
»Ah! Madame,« murmelte er mit einer thränenvollen Stimme, »ich wußte wohl, daß Sie mich nicht liebten; aber ich wußte nicht, daß Sie mich so sehr hassen!«
Und unfähig, länger bei Andrer zu bleiben, ohne auszubrechen, schwankte er einen Augenblick wie ein Trunkener; dann aber raffte er alle seine Kräfte zusammen und stürzte aus dem Zimmer mit einem Schmerzensschrei, der bis im Grunde des Herzens von Andres wiederhallte.
Die junge Frau schaute ihm nach, bis er verschwunden war; sie horchte mit gespanntem Ohr, so lange sie das Geräusch seines Wagens, der sich immer mehr entfernte, unterscheiden konnte; dann, da sie fühlte, daß ihr Herz dem Brechen nahe war, und da sie begriff, daß sie nicht zu viel mütterliche Liebe hatte, um diese andere Liebe zu bekämpfen, eilte sie in das Schlafzimmer und rief:
»Sebastian! Sebastian!«
Aber keine Stimme antwortete der ihrigen, und auf diesen Schmerzensschrei forderte sie vergebens ein tröstendes Echo.
Beim Scheine der Nachtlampe, die das Zimmer erleuchtete, schaute sie ängstlich umher, und sie bemerkte, daß das Zimmer leer war.
Und sie konnte doch kaum ihren Augen trauen.
Zum zweiten Male rief sie: »Sebastian! Sebastian!«
Dasselbe Stillschweigen.
Nun erst gewahrte sie, daß das Fenster offen stand, und daß die äußere Luft, in das Zimmer eindringend, die Flamme der Nachtlampe zittern machte.
Es war dasselbe Fenster, das man schon offen gefunden, als, fünfzehn Jahre früher, das Kind zum ersten Mal verschwunden war.
»Ah! ganz richtig!« rief sie, »hat er mir nicht gesagt, ich sei nicht seine Mutter?«
Da begriff Andrée, daß sie zugleich Alles, Kind und Gatten, verlor, in dem Augenblick, wo sie beinahe Alles wiedergefunden hätte; sie warf sich, die Arme ausgebreitet, die Hände krampfhaft zusammengezogen, auf ihr Bett; nun waren ihre Kräfte, ihre Ergebung, ihre Gebete erschöpft.
Sie hatte nur noch Schreie, Thränen, Schluchzen und ein ungeheures Gefühl ihres Schmerzes,
Eine Stunde ungefähr verging in dieser tiefen Vernichtung, in diesem Vergessen der ganzen Welt, in diesem Wunsche nach allgemeiner Zerstörung!, der die Menschen in der Hoffnung erfaßt, in das Nichts zurückkehrend,werde sie die Welt mit sich fortreißen.
Plötzlich schien es Andrée, etwas noch Gräßlicheres als ihr Schmerz schlüpfe zwischen diesen Schmerz und ihre Thränen. Ein Gefühl, das sie nur drei oder viermal gehabt, und das immer den äußersten Krisen ihres Daseins vorhergegangen war, raubte ihr langsam Alles, was Lebendiges in ihr blieb. Durch eine von ihrem Willen beinahe unabhängige Bewegung erhob sie sich allmälig; ihre bebende Stimme erlosch in ihrer Kehle; wie unwillkürlich angezogen, drehte sich ihr ganzer Körper um sich selbst. Durch den feuchten Nebel ihrer Thränen glaubten ihre Augen zu unterscheiden, daß sie nicht allein war. Vertrocknend, fixirte sich ihr Blick und klärte sich auf: ein Mann, der über das Fenstergesims gestiegen zu sein schien, um in das Zimmer einzudringen, stand vor ihr. Sie wollte rufen, schreien, die Hand nach einer Klingelschnur ausstrecken, doch das war unmöglich . . .sie empfand die unüberwindliche Erstarrung, welche ihr einst die Gegenwart von Balsamo bezeichnete. Endlich erkannte sie in dem vor ihr stehenden Mann, der sie mit dem Blicke und der Geberde bezauberte, Gilbert.
Wie befand sich Gilbert, der verfluchte Vater, am Platze des innig geliebten Sohnes, den sie suchte?
Dies beabsichtigen wir dem Leser zu erklären.
XIII
Ein bekannter Weg
Es war wirklich der Doctor Gilbert mit dem König in den Augenblick eingeschlossen gewesen, wo, nach dem Befehle von Isidor und auf die Bitte von Sebastian, der Huissier sich erkundigt hatte.
Nach ungefähr einer halben Stunde ging Gilbert weg. Der König faßte immer mehr Vertrauen zu ihm; das redliche Herz des Königs schätzte, was an Biederkeit im Herzen von Gilbert war.
Sobald er herauskam, meldete ihm der Huissier, er werde im Vorzimmer der Königin erwartet.
Er war eben in den Corridor eingetreten, der dahin führte, als ein paar Schritte von ihm eine Nebenthüre geöffnet wurde, aus der ein junger Mann trat, welcher, ohne Zweifel mit der Oertlichkeit nicht vertraut, zögerte, ob er rechts oder links gehen sollte.
Dieser junge Mann sah Gilbert auf sich zukommen und blieb stehen, um ihn zu befragen.
Plötzlich blieb Gilbert auch stehen: die Flamme einer Laterne traf gerade auf das Gesicht des jungen Mannes.
»Herr Isidor von Charny! . . .« rief Gilbert.
»Der Doctor Gilbert! . . .« erwiederte Isidor.
»Erwiesen Sie mir die Ehre, nach mir zu fragen?«
»Ja, Doctor, ja, ich . . .und dann noch . . .«
»Wer?«
»Einer, den Sie mit Vergnügen wiedersehen werden,« fuhr Isidor fort.
»Sollte es indiscret sein, Sie zu fragen, wer?«
»Nein! doch es wäre grausam, Sie länger aufzuhalten . . . Kommen Sie . . .oder führen Sie mich vielmehr in denjenigen Theil der königlichen Vorzimmer, welchen man den grünen Salon nennt.«
»Bei meiner Treue,« sagte Gilbert lächelnd, »ich bin selbst nicht viel stärker in der Topographie der Paläste, und besonders in der des Palastes der Tuilerien, dennoch aber will ich es versuchen, Ihr Führer zu sein.«
Gilbert ging voran und drückte nach einigem Umhertappen eine Thüre auf. Diese Thüre führte in den grünen Salon.
Nur war der grüne Salon leer.
Isidor suchte mit den Augen umher und rief nach einem Huissier. Die Verwirrung war noch so groß im Palaste, daß sich, gegen alle Regeln der Etiquette, kein Huissier im Vorzimmer fand.
»Einen Augenblick Geduld,« sprach Gilbert; »dieser Mensch kann nicht fern sein, und mittlerweile, mein Herr, wenn sich dieser Mitteilung nicht etwas widersetzt, sagen Sie mir, ich bitte Sie, wer mich erwartete,«
Isidor schaute unruhig umher.
»Errathen Sie nicht?« fragte er.
»Nein.«
»Einer, den ich auf der Landstraße traf, und der besorgt über das, was Ihnen begegnet sein konnte, zu Fuße nach Paris ging . . . Einer, den ich hinter mich aus mein Pferd nahm und hierher führte.«
»Sie sprechen nicht von Pitou?«
»Nein, Doctor. Ich spreche von Ihrem Sohne, von Sebastian.«
»Von Sebastian! . . .« rief Gilbert. »Nun! wo ist er denn?«
Und sein Auge durchlief rasch alle Winkel des großen Salon.
»Er war hier; er versprach, mich zu erwarten. Ohne Zweifel wird ihn der Huissier, dem ich ihn empfohlen, da er ihn nicht allein lassen wollte, mit sich genommen haben,«
In diesem Augenblick kehrte der Huissier zurück. Er war allein.
»Was ist aus dem jungen Menschen geworden, den ich hier gelassen habe?« fragte Isidor.
»Welchen jungen Menschen meinen Sie?« versetzte der Huissier.
Gilbert besaß eine ungeheure Selbstbeherrschung. Er fühlte, wie er bebte, doch er bewältigte sich.
Er trat ebenfalls hinzu.
»Ah! mein Gott!« murmelte unwillkürlich der Baron von Charny, von einem Anfange von Besorgnis, ergriffen.
»Mein Herr,« sprach Gilbert mit fester Stimme zum Huissier, »sammeln Sie alle Ihre Erinnerungen . . .Dieser Knabe ist mein Sohn . . .er kennt Paris nicht, und ist er unglücklicher Weise aus dem Schlosse weggegangen, so läuft er, da er Paris nicht kennt, Gefahr, sich zu verirren.«
»Ein Knabe?« sagte ein zweiter Huissier, der gerade eintrat.
»Ja, ein Knabe, beinahe ein junger Mann.«
»Etwa fünfzehn Jahre alt?«
»So ist es.«
»Ich habe ihn in den Gängen gesehen; er folgte einer Dame, welche von Ihrer Majestät herauskam.«
»Und diese Dame, wissen Sie, wer es war?«
»Nein. Sie trug ihre Mante auf die Augen vorgeschlagen.«
»Aber was that sie denn?«
»Sie schien zu fliehen, und das Kind verfolgte sie und rief: »»Madame!««
»Gehen wir hinab,« sprach Gilbert, »der Concierge wird uns sagen, ob er sich entfernt hat.«
Isidor und Gilbert gingen durch denselben Corridor, durch den eine Stunde vorher Andrée, verfolgt von Sebastian, gelaufen war.
Man kam zu der Thüre des Prinzenhofes und befragte den Concierge.
»Ja, in der That,’ antwortete er, »ich habe eine Frau gesehen, welche so rasch ging, daß sie zu fliehen schien; ein Knabe kam hinter ihr . . .Sie flieg in den Wagen; der Knabe stürzte ihr nach und erreichte sie.«
»Hernach?« fragte Gilbert.
»Hernach zog die Dame den Knaben in den Wagen, umarmte ihn voll Leidenschaft, gab ihre Adresse, schloß wieder den Schlag, und der Wagen fuhr ab.«
»Haben Sie die Adresse behalten?« fragte Gilbert mit Bangigkeit.
»Ja, vollkommen: Rue Coq-Héron, Nr. 9, der erste Thorweg von der Rue Platrière aus.«
Gilbert bebte.
»Ei!« sagte Isidor, »diese Adresse ist die meiner Schwägerin, der Gräfin von Charny.«
»Verhängniß!« murmelte Gilbert.
In jener Zeit war man zu philosophisch, um zu sagen: Vorsehung.
Dann fügte er bei:
»Er wird sie erkannt haben.«
»Nun,« sprach Isidor, »lassen Sie uns zur Gräfin von Charny gehen,«
Gilbert begriff, in welche Lage er Andrée brächte, würde er bei ihr mit dem Bruder ihres Gatten erscheinen.
»Mein Herr,« erwiederte er, »sobald mein Sohn bei der Frau Gräfin von Charny ist, befindet er sich in Sicherheit, und da ich die Ehre habe, sie zu kennen, so glaube ich, daß es, statt mich zu begleiten, geeigneter wäre, wenn Sie sich aus den Weg begeben würden, denn nach dem, was ich beim König habe sagen hören, nehme ich an, daß Sie es sind, der nach Turin reist.«
»Ja, mein Herr.«
»So empfangen Sie meinen Dank für das, was Sie für Sebastian zu thun die Güte gehabt haben, und reisen Sie, ohne eine Minute zu verlieren.«
»Aber, Doctor . . .«
»Mein Herr, sobald ein Vater Ihnen sagt, er sei unbesorgt, reisen Sie. An welchem Orte Sebastian nun sein mag, bei der Gräfin von Charny oder anderswo, befürchten Sie nichts, mein Sohn wird sich wiederfinden.«
»Da Sie es wollen, Doctor . . .«
»Ich bitte Sie darum.«
Isidor reichte die Hand Gilbert, der sie ihm mit mehr Herzlichkeit drückte, als er dies bei den Menschen von seiner Klasse zu thun pflegte, und während Isidor ins Schloß zurückkehrte, gelangte er auf den Carousel-Platz, von da in die Rue de Chartres, ging schräge über den Platz des Palais Royal, dann an der Rue Saint- Honoré hin, und, einen Augenblick in diesem Irrsaal von Gäßchen verloren, befand er sich bald an der Ecke von zwei Straßen.
Das waren die Rue Platrière und die Rue Coq-Héron.
Diese Straßen hatten beide für Gilbert erschreckliche Erinnerungen; hier, gerade an dem Orte, wo er sich befand, hatte sehr oft sein Herz noch heftiger vielleicht geschlagen, als es zu dieser Stunde schlug; er schien auch einen Augenblick zwischen den zwei Straßen zu zögern, doch er entschloß sich dann rasch und wählte die Rue Coq-Héron.
Die Thüre von Andrée, dieser Thorweg des Hauses Nr. 9 war ihm wohl bekannt: also nicht, weil er sich zu täuschen befürchtete, blieb er hier stehen. Nein, er suchte offenbar einen Vorwand, um in dieses Haus einzudringen, und da er diesen Vorwand nicht gefunden hatte, so suchte er ein Mittel.
Die Thüre, an welche er gedrückt, um zu sehen, ob sie nicht durch eines von den Wundern, die der Zufall zuweilen zu Gunsten von Leuten thut, welche in Verlegenheit sind, offen sei, hatte widerstanden.
Er ging längs der Mauer hin.
Die Mauer war zehn Fuß hoch.
Diese Höhe kannte er wohl; doch er suchte, ob nicht ein von einem Fuhrmann längs dieser Mauer vergessener Karren ihm das Mittel gebe, die Firste zu erreichen.
Einmal auf der Firste angelangt, würde er, behende und kräftig, wie er war, leicht in das Innere gesprungen sein.
Es war kein Karren an der Mauer,– folglich auch kein Mittel, um hineinzugelangen.
Er näherte sich der Thüre, streckte die Hand noch dem Klopfer aus und hob diesen auf; aber, den Kopf schüttelnd, ließ er ihn sachte und ohne daß ein Geräusch unter seiner Hand erwachte, wieder fallen.
Offenbar hatte ein neuer Gedanke, eine beinahe verlorene Hoffnung zurückführend, einen Schimmer in seinen Geist geworfen.
»Im Ganzen,« murmelte er, »das ist möglich!«
Und er schritt wieder gegen die Rue Platrière hinauf und auf der Stelle auch in diese hinein.
Im Vorübergehen warf er einen Blick und einen Seufzer nach dem Brunnen, in welchen er, sechszehn Jahre früher, mehr als ein Mal das schwarze, harte Brod getaucht hatte, das er der Großmuth von Therese und der Gastfreundschaft von Rousseau verdankte.
Rousseau war todt, Therese war todt: er war groß geworden, zu Ansehen, zu Ruf, zu Vermögen gelangt. Ach! war er glücklicher, weniger bewegt, weniger voller Bangigkeiten in Betreff der Gegenwart und der Zukunft, als zur Zeit, wo er, entzündet von einer tollen Leidenschaft, sein Brod in diesen Brunnen getaucht hatte?
Er ging weiter.
Endlich, blieb er, ohne Zögern, vor einer Gangthüre flehen, deren oberer Theil vergittert war.
Er schien an seinem Ziele angekommen zu sein.
Einen Augenblick jedoch lehnte er sich an die Wand, mochte ihn nun die Summe der Erinnerungen, welche diese kleine Thüre in ihm zurückrief, fast erdrücken, mochte er, bei dieser Thüre angekommen, hier eine Täuschung zu finden befürchten.
Endlich strich er mir der Hand über diese Thüre, und mit einer unaussprechlich freudigen Empfindung fühlte er an der Mündung eines kleinen runden Loches das Schnürchen hervorstehen, mit dessen Hülse man am Tage die Thüre öffnete.
Gilbert erinnerte sich, daß man zuweilen dieses Schnürchen bei Nacht einzuziehen vergaß, und daß er eines Abends, wo er, nachdem er sich verspätet, hastig nach der Mansarde zurückkehrte, die er bei Rousseau bewohnte, dieses Vergessen benützt hatte, um hineinzugelangen und sein Bett zu erreichen.
Wie einst, schien das Haus von Leuten bewohnt zu sein, welche arm genug waren, um die Diebe nicht zu fürchten: dieselbe Sorglosigkeit hatte dasselbe Vergessen herbeigeführt.
Gilbert zog die Schnur an. Die Thüre öffnete sich, und er befand sich in dem finstern, feuchten Gange, in dessen Hintergrunde, wie eine aus ihrem Schwanze sitzende Schlange, die klitschige, klebrige Treppe sich erhob.
Gilbert schloß die Thüre sorgfältig wieder, und tappend erreichte er die ersten Stufen der Treppe.
Als er zehn Stufen hinausgestiegen war, blieb er stehen.
Ein schwacher, durch ein schmutziges Fensterwerk dringender Schein deutete an, daß die Wand an dieser Stelle durchbrochen und daß die, doch sehr finstere, Nacht weniger finster außen, als innen war.
Durch die Scheiben, so sehr sie getrübt, sah man die Sterne an einer Stelle des Himmels glänzen.
Gilbert suchte den kleinen Riegel, der das Fenster schloß, und stieg aus demselben Wege, dem er schon zweimal gefolgt war, in den Garten hinab.
Trotz des Verlaufes von fünfzehn Jahren, war der Garten dem Gedächtniß von Gilbert so gegenwärtig, daß er Alles wiedererkannte, Gänge, Bäume, Rabatten, Alles, bis aus die mit einer Rebe geschmückte Ecke, wo der Gärtner seine Leiter aufstellte.
Er wußte nicht, ob zu dieser Stunde der Nacht die Thüren geschlossen waren; er wußte nicht, ob Herr von Charny sich bei seiner Frau befand, oder in Ermangelung von Herrn von Charny ein Diener oder eine Kammerfrau.
Zu Allem entschlossen, um Sebastian wiederzufinden, war es doch in seinem Geiste festgestellt, er werde Andrée nur in der äußersten Noth compromittiren und zuerst Alles thun, was er könne, um sie allein zu sehen.
Sein erster Versuch galt der Thüre der Freitreppe: er drückte am Knopfe der Thüre, und diese gab nach.
Er muthmaßte demnach, da die Thüre nicht geschlossen sei, so müsse Andrée nicht allein sein.
Ist ihr Inneres nicht im höchsten Maße von anderen gewichtigen Dingen erfüllt und in Anspruch genommen, so versäumt es eine Frau, welche allein einen Pavillon bewohnt, nicht, die Thüre zu schließen.
Gilbert zog sie sachte und geräuschlos zu, – glücklich jedoch, daß er wußte, es bleibe ihm dieser Eingang als letztes Mittel.
Er stieg die Stufen der Freitreppe hinab und drückte sein Auge an jenen Sommerladen, der fünfzehn Jahre vorher, plötzlich unter der Hand von Andrée sich öffnend, ihn vor die Stirne gestoßen, – in der Nacht, wo er, wir den hunderttausend Thalern von Balsamo in der Hand, der Hoffärtigen sie zu heirathen angeboten hatte.
Dieser Laden war der des Salon.
Der Salon war erleuchtet.
Da aber Vorhänge an den Scheiben herabfielen, so war es nicht möglich, etwas im Innern zu erschauen.
Plötzlich schien es ihm, als sähe er auf der Erde und aus den Bäumen einen von einem offenen Fenster herkommenden schwachen Schein zittern.
Das offene Fenster war das des Schlafzimmers; dieses Fenster erkannte er auch, denn durch dasselbe hatte er das Kind geraubt, welches er heute suchte.
Er trat zurück, um aus dem durch das Fenster ausgeworfenen Lichtstrahl zu gehen und, in der Dunkelheit verborgen, sehen zu können, ohne gesehen zu werden.
Auf einer Linie angelangt, die ihm den Blick in das Innere des Zimmers zu tauchen erlaubte, sah er zuerst die Thüre des Salon offen; dann entdeckte sein Auge in dem Kreise, den es durchlief, das Bett.
Aus dem Bette war eine erstarrte, zerzauste, sterbende Frau; rauhe Kehltöne, wie die des Röchelns einer mit dem Tode Ringenden, kamen aus ihrem Munde hervor, von Zeit zu Zeit unterbrochen durch Schreie und durch Schluchzen.
Gilbert näherte sich langsam, die erleuchtete Linie umgehend, in welche einzutreten er aus Furcht, gesehen zu werden, zögerte.
Endlich lehnte er seinen bleichen Kopf an die Ecke des Fensters.
Es unterlag für Gilbert keinem Zweifel mehr; diese Frau war Andrée, und Andrée war allein.
Aber wie war Andrée allein? Warum weinte Andrée? Das konnte Gilbert nur erfahren, wenn er sie befragte.
Da stieg er geräuschlos durch das Fenster und befand sich hinter ihr in dem Augenblick, wo die magnetische Anziehungskraft, für welche Andrée so zugänglich, diese nöthigte, sich umzuwenden.
Die zwei Feinde waren also abermals beisammen.
XIV
Was aus Sebastian geworden war
Das erste Gefühl von Andrée, als sie Gilbert erblickte, war nicht nur ein tiefer Schrecken, sondern auch ein unüberwindlicher Widerwille.

Was aus Sebastian geworden war.
Für sie war der amerikanische Gilbert, der Gilbert von Washington und Lafayette, aristokratisirt durch die Wissenschaft, durch das Studium und das Genie, immer der elende kleine Gilbert, der in den Gebüschen von Trianon verlorene Gnom.
Im Gegentheil war aus der Seite von Gilbert für Andrée, trotz der Verachtung, trotz der Beleidigungen, trotz der Verfolgungen von dieser, nicht mehr jene glühende Liebe, die den jungen Menschen ein Verbrechen hatte begehen lassen, wohl aber die zärtliche, tiefe Theilnahme, welche den Mann angetrieben hätte, ihr einen Dienst zu leisten, selbst aus Gefahr seines Lebens.
In dem inneren Sinne, mit dem Gilbert von der Natur begabt worden war, in der unerschütterlichen Gerechtigkeit, die er von der Erziehung empfangen, hatte er sich selbst gerichtet; er hatte eingesehen, daß alles Unglück von Andrée von ihm kam, und daß er seiner Schuld gegen sie nur entledigt wäre, wenn er ihr eine Summe von Glückseligkeit gleich der Summe von Unglück, die er ihr zugezogen, gegeben hätte.
Worin und wie konnte aber Gilbert aus eine wohlthätige Art Einfluß auf die Zukunft von Andrée üben?
Dies vermochte er nicht zu begreifen.
Als er daher diese Frau, die er so vielfacher Verzweiflung preisgegeben gesehen, in einer neuen Verzweiflung wiederfand, bewegte sich Alles, was er an mttleidigen Fibern in seinem Herzen hatte, für dieses große Mißgeschick.
Statt sogleich die magnetische Macht anzuwenden, die er schon einmal an ihr versucht hatte, wollte er auch sanft mit ihr sprechen, – entschlossen, wenn er Andrée widerspänstig fände wie immer, zu diesem Correctivmittel, das ihm nicht entgehen konnte, zurückzukehren.
Hieraus ging hervor, daß Andrée, gleich Anfangs vom magnetischen Fluidum umhüllt, fühlte, wie allmälig durch den Willen und, wir möchten beinahe sagen, mit der Erlaubniß von Gilbert dieses Fluidum sich zerstreute, einem Nebel ähnlich, der verdunstet und den Augen in entfernte Horizonte zu schauen gestattet.
Sie nahm zuerst das Wort und sprach:
»Was wollen Sie von mir, mein Herr? was machen Sie hier? auf welchem Wege sind Sie hierher gekommen?«
»Auf welchem Wege, Madame?« erwiederte Gilbert. »Auf demselben auf dem ich früher kam. Seien Sie also unbesorgt, Niemand hat mich gesehen, Niemand vermuthet meine Gegenwart hier . . .Warum ich gekommen bin? Ich bin gekommen, weil ich von Ihnen einen Schatz zurückzufordern habe, der, gleichgültig für Sie, für mich kostbar ist, – meinen Sohn . . .Was ich von Ihnen will? Sie sollen mir sagen, wo mein Sohn ist, den Sie mit sich fortgezogen, in Ihrem Wagen weggeführt und hierher gebracht haben.«
»Was aus ihm geworden ist?« versetzte Andrée, »weiß ich es? . . . Er ist von mir geflohen . . .Sie haben ihn so gut daran gewöhnt, seine Mutter zu hassen!«
»Seine Mutter, Madame! Sind Sie wirklich seine Mutter?«
»Oh!« rief Andrée, »er sieht meinen Schmerz, er hat mein Geschrei gehört, er hat meine Verzweiflung erschaut, und er fragt mich, ob ich seine Mutier sei!«
»Sie wissen also nicht, wo er ist?«
»Ich sage Ihnen ja, daß er geflohen ist, daß er in diesem Zimmer war, daß ich hierher zurückgekehrt bin, im Glauben, ihn wiederzufinden, daß ich aber nur das Fenster offen und das Zimmer leer gefunden habe.«
»Mein Gott!« rief Gilbert, »wohin wird er gegangen sein? . . . Der Unglückliche kennt Paris nicht, und es ist Mitternacht vorüber!«
»Oh!« rief Andrée, indem sie einen Schritt gegen Gilbert machte, »glauben Sie, es sei Ihm ein Unglück zugestoßen?«
»Das werden wir erfahren,« erwiederte Gilbert; »das werden Sie mir sagen.«
Und er streckte die Hand gegen Andrée aus.
»Mein Herr! mein Herr!« rief diese, indem sie zurückwich, um sich dem magnetischen Einfluß zu entziehen.
»Madame,« sprach Gilbert, »befürchten Sie nichts: es ist eine Mutter, die ich über das, was aus ihrem Sohne geworden ist, befragen will, . . .Sie sind mir heilig.«
Andrée stieß einen Seufzer aus und fiel, den Namen Sebastian murmelnd, in einen Lehnstuhl.
»Schlafen Sie,« sagte Gilbert, »doch, obgleich eingeschlafen, sehen Sie durch das Herz.«
»Ich schlafe,« erwiederte Andrée.
»Muß ich die ganze Kraft meines Willens anwenden,« fragte Gilbert, »oder sind Sie geneigt, freiwillig zu antworten?«
»Werden Sie abermals meinem Kinde sagen, ich sei nicht seine Mutter?«
»Je nachdem . . .Lieben Sie es?«
»Oh! er fragt, ob ich es liebe, dieses Kind meines Herzens! . . . Oh! ja, ja, ich liebe es glühend.«
»Dann sind Sie seine Mutter, wie ich sein Vater bin, Madame, da Sie den Knaben lieben, wie ich ihn liebe.«
»Ah!« machte Andrée athmend.
»Sie werden also freiwillig antworten?« fragte Gilbert.
»Werden Sie mir erlauben, ihn wiederzusehen, wenn Sie ihn gefunden haben?«
»Habe ich Ihnen nicht gesagt, Sie seien seine Mutter, wie ich sein Vater bin? . . .Sie lieben Ihr Kind, Madame, Sie werden Ihr Kind wiedersehen.«
»Ich danke,« sprach Andrée mit einem unbeschreiblichen Ausdruck von Freude, indem sie ihre Hände an einander schlug . . .»Nun fragen Sie, ich sehe . . .nur . . .«
»Was?«
»Folgen Sie ihm von seinem Abgang an, damit ich sicherer bin, daß ich seine Spur nicht verliere.«
»Es sei. Wo hat er Sie gesehen?«
»Im grünen Salon.«
»Wo ist er Ihnen gefolgt?«
»Durch die Korridors.«
»Wo hat er Sie eingeholt?«
»In dem Augenblick, als ich in den Wogen stieg,«
»Wohin haben Sie ihn geführt?«
»In den Salon . . .den Salon nebenan.«
»Wohin hat er sich gesetzt?«
»Zu mir, aus das Canapé.«
»Ist er lange dort geblieben?«
»Ungefähr eine halbe Stunde.«
»Warum hat er Sie verlassen?«
»Weil das Geräusch eines Wagens hörbar wurde.«
»Wer war in diesem Wagen?«
Andrée zögerte.
»Wer war in diesem Wagen?« wiederholte Gilbert mit festerem Tone und einem noch stärkeren Willen.
»Der Graf von Charny.«
»Wo haben Sie den Knaben verborgen?«
»Ich habe ihn in dieses Zimmer geschoben.«
»Was hat er Ihnen gesagt, als er dort eintrat?«
»Ich sei nicht seine Mutter.«
»Warum hat er Ihnen dies gesagt?« Andrée schwieg.
»Warum hat er Ihnen dies gesagt? Sprechen Sie, ich will es.«
»Weil ich ihm gesagt habe . . .«
»Was?«
»Weil ich ihm gesagt habe,« antwortete Andrée mit einer Anstrengung, »Sie seien ein Elender und ein Schändlicher.«
»Schauen Sie in das Herz des armen Kindes und geben Sie sich Rechenschaft von dem Wehe, das Sie ihm angethan haben.«
»Oh! mein Gott! mein Gott!« murmelte Andrée, »verzeih, mein Kind, verzeih.«
»Vermuthete Herr von Charny, der Knabe sei hier?«
»Nein.«
»Sind Sie dessen sicher?«
»Ja.«
»Warum ist er nicht geblieben?«
»Weil Herr von Charny nicht bei mir bleibt.«
»Was wollte er denn hier?«
Andrée verharrte einen Augenblick nachdenkend, die Augen starr, als ob sie in der Finsterniß zu sehen suchte.
»Oh!« sagte sie, »mein Gott! mein Gott! . . .Olivier! theurer Olivier!«
Gilbert schaute sie mit Erstaunen an.
»Oh! ich Unglückliche!« murmelte Andrée. »Er kam zu mir zurück . . .um bei mir zu bleiben, hatte er diese Sendung ausgeschlagen. Er liebt mich, er liebt mich!«
Gilbert fing an verworren in diesem gräßlichen Drama zu lesen, in das sein Auge zuerst drang.
»Und Sie,« fragte er, »lieben Sie ihn?«
Andrée seufzte.
»Lieben Sie ihn?« wiederholte Gilbert.
»Warum machen Sie diese Frage an mich?« sagte Andrée.
»Lesen Sie in meinem Geiste.«
»Ach! ja, ich sehe, Ihre Absicht ist gut. Sie möchten mir gern Glück genug geben, um mich das Böse vergessen zu lassen, das Sie mir zugefügt haben; doch ich würde das Glück ausschlagen, müßte es mir durch Sie zukommen. Ich hasse Sie und will fortfahren, Sie zu hassen.«
»Arme Menschheit!« murmelte Gilbert, »ist dir eine so große Summe von Glückseligkeit zugetheilt worden, daß du diejenigen wählen kannst, von welchen du sie empfangen sollst? Sie lieben ihn also?« fügte er bei.
»Ja.«
«Seit wann?«
»Seit dem Augenblick, wo ich ihn gesehen, seit dem Tage, wo er von Paris nach Versailles in demselben, Wagen mit der Königin und mir zurückgekommen ist.«
»Sie wissen also, was die Liebe ist, Andrée?« sagte Gilbert traurig.
»Ich weiß, daß die Liebe dem Menschen gegeben worden ist, damit er das Maß von dem habe, was er leiden kann,« antwortete die junge Frau.
»Es ist gut, Sie sind nun Frau, Sie sind nun Mutter. Ein roher Diamant, haben Sie sich geformt in den Händen des entsetzlichen Steinschneiders, den man den Schmerz nennt . . .Kommen wir aus Sebastian zurück.«
»Ja, ja, kommen wir aus ihn zurück! Verbieten Sie mir, an Herrn von Charny zu denken; das verwirrt mich, und statt meinem Kinde zu folgen, würde ich vielleicht dem Grafen folgen.«
»Es ist gut! Gattin, vergiß Deinen Gatten! Mutter, denke nur an Dein Kind.«
Ein gewisser Ausdruck sanfter Liebfreundlichkeit, der sich einen Augenblick nicht nur der Physiognomie, sondern der ganzen Person von Andrée bemächtigt hatte, verschwand, um ihrem gewöhnlichen Ausdruck Platz zu machen.
»Wo war er, während Sie mit Herrn von Charny sprachen?«
»Er war, horchend . . .dort . . .dort, an der Thüre.«
»Was hat er von diesem Gespräche gehört?«
»Den ganzen ersten Theil.«
»In welchem Augenblick hat er sich entschlossen, dieses Zimmer zu verlassen?«
»In dem Augenblick, wo Herr von Charny, . .«
Andrée hielt inne.
»In dem Augenblick, wo Herr von Charny? . . .« wiederholte Gilbert unbarmherzig.
»In dem Augenblick, wo ich, als Herr von Charny mir die Hand küßte, einen Schrei ausstieß.«
»Sie sehen ihn also wohl?«
»Ja, ich sehe ihn mit seiner gefalteten Stirne, seine Lippen zusammengepreßt und eine von seinen geschlossenen Fäusten auf seiner Brust.«
»Folgen Sie ihm also mit den Augen, und von diesem Momente gehören Sie nur ihm und verlieren Sie ihn nicht aus dem Blick.«
»Ich sehe ihn, ich sehe ihn!« sagte Andrée.
»Was macht er?«
»Er schaut umher, um zu sehen, ob nicht eine Thüre da sei, welche nach dem Garten führt; dann, da er keine sieht, geht er zum Fenster, öffnet es, wirft einen letzten Blick gegen den Salon, schwingt sich über das Fenstergesims und verschwindet.«
»Folgen Sie ihm in der Dunkelheit.«
»Ich kann nicht.«
Gilbert näherte sich Andrée und strich mit der Hand über ihre Augen.
»Sie wissen wohl, daß es keine Nacht für Sie gibt,« sagte er.
»Sehen Sie.«
»Ah! nun läuft er längs der Mauer hin; er erreicht die große Thüre, er öffnet sie, ohne daß es Jemand sieht, stürzt hinaus gegen die Rue Platrière . . .Ah! er bleibt stehen; er spricht mit einer vorübergehenden Frau.«
»Hören Sie wohl, und Sie werden vernehmen, was er sie fragt.«
»Ich höre.«
»Und was fragt er?«
»Er fragt nach der Rue Saint-Honoré.«
»Ja, dort wohne ich; er wird zu mir nach Hause gegangen sein. Er erwartet mich, der arme Knabe!«
Andrée schüttelte den Kopf.
»Nein!« sagte sie mit einem sichtbaren Ausdruck von Unruhe; »nein . . .er ist nicht nach Hause gegangen . . .nein . . .er wartet nicht . . .«
»Aber wo ist er denn?«
»Lassen Sie mich doch ihm folgen, oder ich werde ihn verlieren.«
»Oh! folgen Sie ihm, folgen Sie ihm!« rief Gilbert, denn er begriff, daß Andrée ein Unglück errieth.
»Ah!« sagte sie, »ich sehe ihn, ich sehe ihn.«
»Gut.«
»Er tritt in die Rue de Grenelle und dann in die Rue Saint-Honoré ein. Er läuft über den Platz des Palais Royal. Er fragt abermals nach seinem Wege, er eilt abermals weiter. Nun ist er in der Rue de Richelieu, . . .dann in der Rue des Frondeurs . . .dann in der Rue Neuve-Saint-Roch . . .Halt ein, Kind! halt ein, Unglücklicher! . . . Sebastian! Sebastian! siehst Du nicht jenen Wagen, der durch die Rue de la Sourdière kommt? Ich sehe ihn, ich sehe ihn!! . . .die Pferde . . .Ach!«
Andrée stieß einen gräßlichen Schrei aus und richtete sich hoch auf, die mütterliche Angst war auf ihrem Gesichte gemalt, über das zugleich in großen Tropfen der Schweiß und die Thränen rollten.
»Oh!« rief Gilbert, »wenn ihm ein Unglück begegnet, erinnere Dich, daß dieses Unglück aus Dein Haupt zurückfallen wird.«
»Ah!« machte Andrée ausathmend, ohne auf das zu hören, was Gilbert sagte, »ah! Gott des Himmels! sei gepriesen! die Brust des Pferdes hat ihn gestoßen und auf die Seite, aus dem Bereiche des Rades geworfen . . .er ist gefallen, er liegt bewußtlos auf dem Boden ausgestreckt; doch er ist nicht todt . . .oh! Nein . . .nein . . .er ist nicht todt! . . .ohnmächtig . . .nur ohnmächtig! Zu Hilfe! zu Hilfe! es ist mein Kind! es ist mein Kind!«
Und mit einem herzzerreißenden Schrei fiel Andrée selbst beinahe ohnmächtig aus ihren Lehnstuhl zurück.
Wie glühend auch Gilbert mehr zu erfahren wünschte, er bewilligte doch der keuchenden Andrée diese Ruhe eines Augenblicks, der sie so sehr bedurfte.
Er befürchtete, wenn er sie weiter antriebe, könnte eine Fiber in ihrem Herzen zerreißen oder eine Ader in ihrem Gehirn springen.
Sobald er sie aber ohne Gefahr fragen zu können glaubte, sagte er:
»Nun?«
»Warten Sie, warten Sie,« erwiederte Andrée. »Es hat sich ein großer Kreis um ihn gebildet. Oh! ich bitte, laßt mich durch! laßt mich sehen: es ist mein Sohn! es ist mein Sebastian! Ach! mein Gott! ist denn Keiner von Euch Allen ein Wundarzt?«
»Oh! ich laufe zu ihm!« rief Gilbert.
»Warten Sie,« sagte Andrée, indem sie ihn am Arme zurückhielt, »die Menge tritt aus die Seite. Ohne Zweifel ist es derjenige, weichen man ruft; ohne Zweifel ist es derjenige, welchen man erwartet . . .Kommen Sie, kommen Sie, mein Herr: Sie sehen wohl, daß er nicht todt ist, Sie sehen wohl, daß man ihn retten kann.«
Und mit einem Tone, der einem Angstschrei glich, rief sie:
»Oh!«
»Mein Gott! was ist es?« fragte Gilbert.
»Dieser Mann soll mein Kind nicht berühren, das ist kein Mensch, das ist ein Zwerg, das ist ein Gnom, das ist ein Vampyr . . .Oh! wie häßlich! wie häßlich!«
»Madame, Madame,« murmelte Gilbert ganz schauernd, »in des Himmels Namen! verlieren Sie Sebastian nicht aus dem Gesichte!«
»Oh!« erwiederte Andrée, das Auge starr, die Lippen bebend, den Finger ausgestreckt, »seien Sie unbesorgt . . .ich folge ihm . . . ich folge ihm . . .«
»Was macht dieser Mensch?«
»Er trägt ihn fort . . .Er geht die Rue de la Sourdière hinauf; er tritt links in der Sackgasse Sainte-Hyacinthe ein; er nähert sich einer niedrigen, offen gebliebenen Thüre; er stößt sie vollends auf, er bückt sich, er steigt eine Treppe hinab. Er legt ihn auf einen Tisch, auf dem sich eine Feder, Tinte, handschriftliche und bedruckte Papiere finden; er zieht ihm seinen Rock aus; er schlägt seine Aermel zurück; er umschließt ihm den Arm mit Binden, die ihm eine Frau, so schmutzig und häßlich als er, bringt; er öffnet ein Behältniß; er nimmt eine Lancette heraus; er ist im Begriff, ihm zur Ader zu lassen . . .Oh! ich will das nicht sehen . . .ich will das Blut meines Sohnes nicht sehen!«
»Nun, so steigen Sie wieder hinauf und zählen Sie die Stufen der Treppe,« sagte Gilbert.
»Ich habe sie gezählt: es sind elf.«
»Untersuchen Sie sorgfältig die Thüre und sagen Sie mir, ob Sie etwas Merkwürdiges daran sehen.«
»Ja . . .eine kleine viereckige Oeffnung, an welcher zwei Gitterstangen im Kreuze angebracht sind.«
»Es ist gut, mehr brauche ich nicht.«
»Laufen Sie, laufen Sie, und Sie werden ihn da finden, wo ich gesagt habe.«
»Wollen Sie sogleich aufwachen und sich erinnern? Wollen Sie erst morgen früh aufwachen und Alles vergessen haben?«
»Wecken Sie mich sogleich auf und lassen Sie mir die Erinnerung.«
Gilbert strich, ihrer Biegung folgend, mit seinen beiden Daumen über die Augenbrauen von Andrée, blies ihr auf die Stirne und sprach nur die Worte:
»Wachen Sie auf.«
Sogleich belebten sich die Augen der jungen Frau; ihre Glieder wurden geschmeidig; sie schaute Gilbert beinahe ohne Schrecken an und sagte, wach die Ermahnungen ihres Schlafes fortsetzend:
»Oh! laufen Sie! laufen Sie! und entziehen Sie ihn den Händen dieses Menschen, der mir bange macht!«
XV
Der Mann der Place Louis XV
Gilbert brauchte nicht zu seinen Nachforschungen angefeuert zu werden. Er eilte aus dem Zimmer, und da es zu lang gewesen wäre, den Weg, auf dem er gekommen, wieder einzuschlagen, so lief er gerade zu der Thüre nach der Rue Coq-Héron, öffnete sie ohne Hilfe eines Dieters, zog sie hinter sich zu und befand sich auf dem Pflaster des Königs.
Er halte den von Andrée bezeichneten Weg vollkommen im Kopfe behalten und folgte mit der größten Hast der Spur von Sebastian.
Wie der Knabe, schritt er über den Platz des Palais Royal und längs der Rue Saint-Honoré hin, welche nun ganz verödet, denn es war beinahe ein Uhr Morgens. An der Ecke der Rue de la Sourdière angelangt, wandte er sich rechts und dann links, und er befand sich in der Sackgasse Sainte-Hyacinthe.
Hier begann von seiner Seite eine gründlichere Inspection der Oertlichkeit.
In der dritten Thüre links erkannte er an der kreuzförmig durch Gitterstangen geschlossenen Oeffnung die von Andrée beschriebene Thüre.
Die Bezeichnung war so bestimmt, daß man sich nicht täuschen konnte. Er klopfte an.
Niemand antwortete. Er klopfte zum zweiten Male. Da glaubte er furchtsame, argwöhnische Tritte an der Treppe hinschleichen und sich nähern zu hören.
Er klopfte zum dritten Male.
»Wer klopft?« fragte eine Weiberstimme.
»Oeffnen Sie,« antwortete Gilbert, »und seien Sie ohne Furcht; ich bin der Vater des verwundeten Knaben, den Sie ausgenommen haben.«
»Oeffne, Albertine,« sprach eine andere Stimme, »es ist der Doctor Gilbert.«
»Mein Vater! mein Vater!« rief eine dritte Stimme, in der Gilbert die von Sebastian erkannte.
Gilbert athmete.
Die Thüre wurde geöffnet. Einen Dank stammelnd, eilte Gilbert die Stufen hinab.
Als er unten an die letzte gekommen war, befand er sich in einer Art von Keller, der von einer Lampe erleuchtet wurde, welche auf dem von Andrée erschauten, mit Handschriften und bedruckten Papieren beladenen Tische stand.
Im Schatten und auf einem ärmlichen Bette liegend, erblickte Gilbert seinen Sohn, der die Arme nach ihm ausstreckte und ihn zu sich rief. So mächtig die Selbstbeherrschung von Gilbert war, die väterliche Liebe trug den Sieg über das philosophische Decorium davon, und er stürzte aus den Knaben zu und drückte ihn an sein Herz, wobei er indessen besorgt war, weder seinen blutenden Arm, noch seine Schmerzen leidende Brust zu quetschen.
Dann, als sie sich in einem langen väterlichen Kusse, durch das sanfte Geflüster von zwei Münden, die sich suchen, Alles gesagt hatten, ohne ein Wort zu sprechen, wandte sich Gilbert gegen seinen Wirth um, den er kaum erblickt hatte.
Dieser stand da mit ausgebreiteten Beinen, eine Hand aus den Tisch, die andere auf seine Hüfte gestützt, beleuchtet von dem Lichte der Lampe, deren Deckel er weggenommen hatte, um die Scene besser zu genießen, welche unter seinen Augen vorging.
»Schau, Albertine,« sagte er, »und danke mit mir dem Zufall, der mir einem meiner Brüder diesen Dienst zu leisten erlaubt hat.«
In dem Moment, wo der Wundarzt diese paar ein wenig emphatischen Worte sprach, wandte sich Gilbert, wie gesagt, um und warf einen ersten Blick aus das ungestalte Wesen, das er vor sich hatte.
Es war etwas Gelbes und Grünes mit grauen Augen, die ihm aus dem Kopfe hervorstanden, einer von jenen vom Zorne von Latona verfolgten Bauern, welche, im Begriffe, ihre Metamorphose zu vollführen, schon nicht mehr Menschen, aber noch nicht Kröten sind.
Gilbert schauerte unwillkürlich; es schien ihm, als hätte er in einem häßlichen Traume, wie durch einen Blutschleier, diesen Menschen schon einmal gesehen.
Er näherte sich Sebastian und drückte ihn noch zärtlicher an sein Herz.
Gilbert überwand indessen diese erste Bewegung und ging auf den seltsamen Mann zu, den Andrée in ihrem magnetischen Schlafe gesehen und der sie so sehr erschreckt hatte.
»Mein Herr,« sprach er, »empfangen Sie den Dank eines Vaters, dem Sie seinen Sohn erhalten haben; mein Dank ist aufrichtig und kommt aus dem Grunde des Herzens.«
»Mein Herr,« erwiederte der Wundarzt, »ich habe nur die Pflicht gethan, die mir zugleich von meinem Herzen eingegeben und von der Wissenschaft geboten war. Ich bin Mensch und, wie Terenz sagt, nichts Menschliches ist mir fremd; überdies habe ich ein zartes Gemüth, ich kann kein Insekt und folglich noch viel weniger meines Gleichen leiden sehen.«
»Werde ich so glücklich sein, zu erfahren, mit welchem achtenswürdigen Philanthropen ich zu sprechen die Ehre habe?«
»Sie kennen mich nicht, Collega?’ versetzte der Wundarzt, auf eine Weise lachend, die er freundlich machen wollte, während sie nur häßlich war. »Nun, ich kenne Sie: Sie sind der Doctor Gilbert, der Freund von Washington und Lafayette, – er legte einen seltsamen Nachdruck aus das letzte Wort, – der Mann Amerikas und Frankreichs, der ehrliche Utopist, der über das constitutionelle Königthum herrliche Memoiren geschrieben hat, die Sie von Amerika aus an Seine Majestät König Ludwig XVI. adressierten, für welche Memoiren Seine Majestät König Ludwig XVI. Sie damit belohnt hat, daß er Sie in dem Augenblick, wo Sie den Boden Frankreichs berührten, in die Bastille schickte. Sie wollten ihn dadurch retten, daß Sie ihm den Weg der Zukunft zum Voraus abräumten, er öffnete Ihnen den zu einem Gefängniß, – königliche Dankbarkeit!«
Der Wundarzt lachte abermals, doch diesmal aus eine gräßliche, drohende Art.
»Wenn Sie mich kennen, mein Herr, so ist dies ein Grund mehr, daß ich auf meiner Bitte bestehe und die Ehre habe, ebenfalls Ihre Bekanntschaft zu machen.«
»Oh! es ist schon lange her, daß wir Bekanntschaft gemacht haben, mein Herr,« erwiederte der Wundarzt. »Es sind zwanzig Jahre, und zwar in einer erschrecklichen Nacht, in der Nacht vom 30. Mai 1770. Sie waren damals im Alter dieses Knaben; Sie wurden mir, wie er, verwundet, sterbend, zerquetscht gebracht; Sie wurden mir durch meinen Lehrer Rousseau gebracht, und ich habe Ihnen auf einem ganz mit Leichnamen und abgeschnittenen Gliedern umgebenen Tische zur Ader gelassen. Oh! in jener erschrecklichen Nacht, und das ist eine gute Erinnerung für mich, habe ich mit Hilfe des Eisens, welches weiß, bis wohin es eindringen muß, um zu heilen, bis wohin es schneiden muß, um zu vernarben, viele Existenzen gerettet.«
»Ah! mein Herr,« rief Gilbert, »dann sind Sie Jean Paul Marat.«
Und unwillkürlich wich er einen Schritt zurück.
»Du siehst, Albertine,« sagte Marat, »mein Name bringt seine Wirkung hervor.«
Und er schlug ein unheimliches Gelächter aus.
»Aber,« fügte Gilbert lebhaft bei, »warum hier, warum in diesem Keller, warum beleuchtet von dieser rauchigen Lampe? . . .Ich glaubte, Sie seien Arzt des Herrn Grafen d’Artois?«
»Thierarzt seiner Ställe, wollen Sie sagen. Doch der Prinz ist emigrirt; kein Prinz mehr, keine Ställe mehr; keine Ställe mehr, kein Thierarzt mehr. Ueberdies hatte ich meine Entlassung genommen, ich will nicht den Tyrannen dienen.«
Hier richtete sich der Zwerg in der ganzen Höhe seiner kleinen Gestalt auf.
»Aber warum hier, warum in diesem Loche, warum in diesem Keller?« wiederholte Gilbert.
»Warum, Herr Philosoph? Weil ich Patriot bin, weil ich schreibe, um die Ehrgeizigen anzuzeigen, weil Bailly mich fürchtet, weil Necker mich verflucht, weil Lafayette Jagd auf mich macht, weil er mich von seiner Nationalgarde hat umstellen lassen, weil er einen Preis aus meinen Kopf gesetzt hat, der Ehrgeizige, der Dictator; doch ich trotze ihm! Aus der Tiefe meines Kellers verfolge ich ihn, denuncire ich ihn, den Dictator! Sie wissen, was er gethan hat?«
»Nein,« erwiederte Gilbert naiv.
»Er hat im Faubourg Saint-Antoine fünfzehn tausend Tabaksdosen mit seinem Bildniß verfertigen lassen; dahinter steckt etwas, wie ich glaube . . .nicht wahr? Ich bitte auch die guten Bürger, sie zu zerbrechen, wenn sie sie sich verschaffen können; sie werden darin den Schlüssel des großen royalistischen Complotts finden, denn, – Sie wissen das nicht, – während der arme Ludwig XVI. mit heißen Thränen die Dummheiten beweint, die ihn die Oesterreicherin machen läßt, conspirirt Lafayette mit der Königin.«
»Mit der Königin?« wiederholte Gilbert nachdenkend.
»Ja, mit der Königin. Sie werden mir nicht sagen, diese conspirtre nicht; sie hat in den letzten Tagen so viel weiße Cocarden ausgetheilt, daß das weiße Band um drei Sous die Elle ausgeschlagen ist. Die Sache ist sicher, ich weiß es von einem der Mädchen der Bertin, der Modehändlerin der Königin, ihrer ersten Ministerin, derjenigen, welche sagt: »»Ich habe diesen Morgen mit Ihrer Majestät gearbeitet.««
»Und wo zeigen Sie Alles dies an?« fragte Gilbert.
»In meiner Zeitung, in der Zeitung, die ich gegründet, und von der ich zwanzig Nummern habe erscheinen lassen, in dem Blatte l’Ami du Peuple oder le Publiciste Parisien, einem politischen und unparteiischen Journal. Um das Papier und den Druck der ersten Nummern zu bezahlen, – sehen Sie, schauen Sie hinter sich, – habe ich sogar die Leintücher und Decken des Bettes, auf dem Ihr Sohn liegt, verkauft.«
Gilbert wandte sich um und sah in der That, daß der kleine Sebastian auf dem verzerrten Zwillich einer völlig kahlen Matratze ausgestreckt lag, wo er überwältigt vom Schmerz und von der Müdigkeit so eben eingeschlafen war.
Der Doctor näherte sich dem Knaben, um zu sehen, ob dieser Schlaf nicht eine Ohnmacht sei; doch beruhigt durch das sanfte, gleichmäßige Athmen, kehrte er zu dem Manne zurück, der ihm, ohne daß er sich dessen erwehren konnte, dasselbe Interesse der Neugierde einflößte, das ihm ein wildes Thier, ein Tiger oder eine Hyäne, eingeflößt hätte.
»Und wer sind Ihre Mitarbeiter bei diesem riesigen Werke?«
»Meine Mitarbeiter?« versetzte Marat. »Ha! Ha! ha! die wälschen Hühner gehen in Herden; der Adler marschirt allein. Hier sind meine Mitarbeiter.«
Marat zeigte seinen Kopf und seine Hände.
»Sehen Sie diesen Tisch?« fuhr er fort. »Das ist die Werkstätte, wo Vulcan, – die Vergleichung ist gut gefunden, nicht wahr? – wo Vulcan den Blitz schmiedet. Jede Nacht schreibe ich acht Selten in Octav, die man am Morgen verkauft; acht Seiten, das genügt oft nicht, und ich verdoppele die Lieferung; sechzehn Selten sind oft noch zu wenig; was ich mit großen Buchstaben angefangen habe, vollende ich beinahe immer mit kleinen. Die anderen Journalisten erscheinen in Zwischenräumen, lösen sich ab, lassen sich helfen, ich nie. Der Ami du Peuple, – Sie können die Copie sehen, sie ist da, – der Ami du Peuple ist ganz von derselben Hand. Es ist auch nicht bloß ein Journal; nein, es ist ein Mensch, es ist eine Persönlichkeit, ich bin es!«
»Aber,« fragte Gilbert, »wie genügen Sie für diese ungeheure Arbeit?«
»Ah! das ist das Geheimniß der Natur! . . .Es ist ein Vertrag zwischen dem Tode und mir . . .ich gebe ihm zehn Jahre von meinem Leben, und er bewilligt mir Tage, welche nicht der Ruhe bedürfen, Nächte, welche nicht des Schlafes bedürfen . . . Meine Existenz ist eine einfache: ich schreibe . . .ich schreibe bei Nacht, ich schreibe bei Tag . . .Die Polizei von Lafayette nöthigt mich, verborgen, eingeschlossen zu leben; sie überliefert mich mit Leib und Seele der Arbeit; sie verdoppelt meine Thätigkeit . . .Dieses Leben lastete Anfangs auf mir: ich bin nun daran gewöhnt. Es gefällt mir, die elende Gesellschaft durch die enge, schräge Oeffnung meines Kellers, durch das feuchte, finstere Lustloch zu sehen. Aus der Tiefe meiner Nacht regiere ich über die Welt der Lebendigen; ich richte ohne Appellation die Wissenschaft und die Politik . . .Mit einer Hand zerstöre ich Newton, Franklin, Laplace, Monge, Lovoisier; mit der andern erschüttere ich Bailly, Necker, Lafayette . . .Ich werde Alles dies umstürzen . . .ja, wie Simson, der den Tempel umgestürzt hat, und unter den Trümmern, die mich selbst vielleicht zermalmen, begrabe ich das Königthum.«
Gilbert schauerte unwillkürlich; dieser Mensch wiederholte ihm in einem Keller und unter den Lumpen des Elends ungefähr das, was ihm Cagliostro in seinem gestickten Rocke in einem Palaste gesagt hatte.
»Aber,« sprach er, »warum haben Sie es, volksbeliebt, wie Sie sind, nicht versucht, sich zur Nationalversammlung ernennen zu lassen?«
»Weil der Tag noch nicht gekommen ist,« erwiederte Marat.
Dann fügte er, ein Bedauern ausdrückend, beinahe in demselben Augenblick bei:
»Oh! wäre ich Volkstribun! würde ich durch ein paar tausend entschlossene Menschen unterstützt, ich stehe dafür, daß von jetzt in sechs Wochen die Constitution vollkommen wäre; daß die politische Maschine auf das Beste ginge; daß es kein Spitzbube wagen würde, sie in Unordnung zu bringen; daß die Nation frei und glücklich wäre; daß sie in weniger als einem Jahre wieder blühend und fruchtbar würde, und daß sie so bliebe, so lange ich lebte.«
Und das eitle Geschöpf verwandelte sich unter dem Blicke von Gilbert; sein Auge wurde von Blut unterlaufen; seine gelbe Haut glänzte von Schweiß; das Ungeheuer war groß in seiner Häßlichkeit, wie ein Anderer groß ist in seiner Schönheit.
»Ja,« fuhr er fort, indem er seinen Gedanken wieder aufnahm, wo ihn die Begeisterung unterbrochen hatte, »ja, aber ich bin nicht Tribun, ja, aber ich habe die paar tausend Menschen nicht, deren ich bedürfte . . .Nein, aber ich bin Journalist . . .nein, aber ich habe mein Schreibzeug, mein Papier, meine Federn . . .nein, aber ich habe meine Abonnenten, ich habe meine Leser, für die ich ein Orakel, ein Prophet, ein Wahrsager bin . . .Ich habe mein Volk, dessen Freund ich bin, und das ich, ganz zitternd, von Verrath zu Verrath, von Entdeckung zu Entdeckung, von Schrecken zu Schrecken führe . . . In den ersten Nummern des Ami du Peuple denuncirte ich die Aristokraten, ich sagte, es seien sechshundert Schuldige in Frankreich, sechshundert Stricke würden genügen. Ha! Ha! ha! ich täuschte mich ein wenig vor sechs Monaten! Der 5. und 6. October haben stattgefunden und mein Auge aufgeklärt . . .Es sind auch nicht mehr sechshundert Schuldige, die man richten muß, es sind zwanzigtausend Aristokraten, die man zu hängen hat.«
Gilbert lächelte. Zu diesem Grade gelangt, kam ihm die Wuth wie Tollheit vor.
»Nehmen Sie sich in Acht,« sagte er, »es wird in Frankreich nicht Hanf genug für das geben, was Sie thun wollen, und die Stricke werden einen ungeheuern Preis erreichen.«
»Man wird auch, wie ich hoffe, neue und wirksamere Mittel finden. Wissen Sie, wen ich heute Abend erwarte . . .wer binnen zehn Minuten an diese Thüre klopfen wird?«
»Nein, mein Herr,«
»Nun, ich erwarte einen von unsern Collegen, ein Mitglied der Nationalversammlung, das Sie dem Namen nach kennen, den Bürger Guillotin . . .«
»Ja,« sagte Gilbert, »derjenige, welcher den Deputirten vorgeschlagen hat, sich im Ballhause zu versammeln, als sie aus dem Sitzungssaale verjagt wurden; ein sehr gelehrter Mann.«
»Wissen Sie wohl, was der Bürger Guillotin erfunden hat? . . . Er hat eine wunderbare Maschine erfunden, eine Maschine, welche tödtet, ohne leiden zu lassen; – denn der Tod muß eine Strafe sein und nicht ein Leiden; er hat diese Maschine erfunden, und an einem der nächsten Morgen werden wir sie versuchen.«
Gilbert schauerte.
Es war zum zweiten Male, daß ihn dieser Mann in seinem Keller an Cagliostro erinnerte. Die von ihm erwähnte Maschine war ohne Zweifel dieselbe, von der Cagliostro mit ihm gesprochen.
»Ei! hören Sie.« sagte Marat, »man klopft eben an, er ist es. Oeffne, Albertine, öffne.«
Die Frau von Marat erhob sich von dem Schemel, aus welchem sie gekauert war, und schritt Maschinenmäßig und wankend aus die Thüre zu.
Gilbert aber ging, betäubt, erschrocken, von einer Blendung erfaßt, die einem Schwindel glich, zu Sebastian, den er in seine Arme zu nehmen und nach Hause zu bringen sich anschickte.
»Sehen Sie,« fuhr Marat mit Begeisterung fort, »sehen Sie eine Maschine, welche ganz allein functionirt! welche nur eines Mannes bedarf, um sie gehen zu machen! welche, dreimal das Messer wechselnd, dreihundert Köpfe im Tag abschneiden kann!«
»Und fügen Sie bei,« sagte eine kleine sanfte, flötenartige Stimme hinter Marat, »welche diese dreihundert Köpfe ohne Schmerzen, ohne eine andere Empfindung, als eine leichte Kühle auf dem Halse, abschneiden kann.«
»Ah! Sie sind es, Doctor,« rief Marat, indem er sich gegen einen kleinen Mann von fünf und vierzig Jahren umwandte, dessen sorgfältiger Anzug und sanfte Miene einen höchst seltsamen Contrast mit Marat bildeten, und der in der Hand eine Schachtel von der Form und dem Umfang derjenigen trug, welche Spielzeug von Kindern enthalten. »Was bringen Sie mir da?«
»Ein Modell von meiner Maschine, mein lieber Marat . . .Doch ich täusche mich nicht,« setzte der kleine Mann hinzu, indem er in der Dunketheit zu erkennen suchte, »es ist der Herr Doctor Gilbert, den ich hier sehe?«
»Er selbst, mein Herr,« erwiederte Gilbert sich verbeugend.
»Ich bin entzückt, Sie hier zu treffen, mein Herr; Sie sind, Gott sei Dank, nicht zu viel, und ich werde glücklich sein, die Meinung eines so ausgezeichneten Mannes über eine Erfindung zu erfahren, die ich bekannt zu machen im Begriffe bin; – denn ich muß Ihnen sagen, mein lieber Marat, daß ich einen sehr geschickten Zimmermann, einen gewissen Meister Guidon gesunden habe, der mir meine Maschine im Großen verfertigt . . .Das ist theuer! er verlangt fünftausend fünfhundert Franken von mir! Doch kein Opfer soll mir zu kostspielig sein für das Wohl der Menschheit . . .In zwei Monaten wird sie fertig sein, mein Freund, und wir können sie versuchen; dann biete ich sie der Nationalversammlung an. Ich hoffe, Sie werden den Antrag in Ihrem vortrefflichen Journal unterstützen, obgleich, in Wahrheit, meine Maschine sich von selbst empfiehlt, Herr Gilbert, wie Sie mit Ihren eigenen Augen beurtheilen werden; doch ein paar Zeilen im Ami du Peuple können ihr nicht schaden.«
»Oh! seien Sie ruhig, ich werde ihr nicht ein paar Zeilen, sondern eine ganze Nummer widmen.«
»Sie sind sehr gut, mein lieber Marat; aber ich will Ihnen nicht, wie man zu sagen pflegt, eine Katze im Sack verkaufen.«
Und er zog aus seiner Tasche eine Schachtel, die, um ein Viertel kleiner als die erste, sich durch ein gewisses inneres Geräusch als von einem Thiere oder vielmehr von einigen ihres Gefängnisses überdrüssigen Thieren bewohnt verrieth.
Dieses Geräusch entging den seinen Ohren von Marat, nicht.
»Ho! Ho! was haben Sie da drinnen?« fragte er.
»Sie werden es sehen.« erwiederte der Doctor.
Marat legte die Hand an die Schachtel.
»Nehmen Sie sich in Acht.« rief lebhaft der Doctor, »nehmen Sie sich in Acht, die Thierchen entfliehen zu lassen, wir könnten sie nicht wieder erwischen: es sind Mäuse, denen wir den Kopf abschneiden wollen. – Nun, was machen Sie denn, Doctor Gilbert? . . . Sie verlassen uns?«
»Ach! ja, mein Herr,« antwortete Gilbert, »zu meinem großen Bedauern; mein Sohn, der heute Abend von einem Pferde aus das Pflaster geschleudert und verwundet wurde, ist vom Doctor aufgehoben und sodann, nachdem er ihm zur Ader gelassen, verbunden worden; ich Habe dem Doctor schon selbst das Leben unter ähnlichen Umständen zu verdanken gehabt und wiederhole ihm meine innige Erkenntlichkeit. Mein Knabe aber bedarf eines frischen Bettes, der Ruhe, der Pflege; ich kann also Ihrem interessanten Versuche nicht beiwohnen.«
»Doch Sie werden dem beiwohnen, welchen wir im Großen in zwei Monaten machen, nicht wahr, Sie versprechen es mir, Doctor?«
»Ich verspreche es Ihnen, mein Herr.«
»Ich nehme Sie beim Wort.«
»Es ist gegeben.«
»Doctor,« sagte Marat, »ich brauche Ihnen nicht Geheimhaltung meines Zufluchtsortes zu empfehlen.«
»Oh! mein Herr . . .«
»Ihr Freund Lafayette, wenn er ihn entdeckte, ließe mich erschießen wie einen Hund oder aufhängen wie einen Dieb.«
»Erschießen! Aufhängen!« rief Guillotin. »Man wird mit allen diesen cannibalischen Todesarten ein Ende machen; es wird einen sanften, leichten, augenblicklichen Tod geben; einen Tod, wie ihn die Greise, welche, des Lebens überdrüssig, als Philosophen und als Weise endigen wollen, einem natürlichen Tode vorziehen werden . . . Sehen Sie das an, mein lieber Marat, sehen Sie es.«
Und ohne sich mehr um den Doctor Gilbert zu bekümmern, öffnete er seine große Schachtel und fing an seine Maschine auf dem Tische von Marat zu errichten, der ihm mit einer seiner Begeisterung gleichen Neugierde zuschaute.
Gilbert benutzte dies, um den eingeschlafenen Sebastian aufzuheben und in seinen Armen fortzutragen. Albertine führte ihn bis zu der Thüre zurück, die sie sorgfältig wieder hinter ihm schloß.
Als er sich aus der Straße befand, fühlte er an der Kälte seines Gesichtes, daß dieses mit Schweiß bedeckt war, und daß der Nachtwind diesen Schweiß aus seiner Stirne in Eis verwandelte.
»Oh! mein Gott,« murmelte er, »was wird mit dieser Stadt geschehen, deren Keller vielleicht zur Stunde fünfhundert Philanthropen verbergen, Philanthropen beschäftigt mit Werken, dem ähnlich, welches ich habe vorbereiten sehen, und die an einem schönen Tage an das Licht des Himmels treten werden? . . .«
XVI
Catherine
Von der Rue de la Sourdière, bis zu dem Hause, das Gilbert in der Rue Saint-Honoré bewohnte, war es nur ein Schritt.
Dieses Haus lag unsern der Assomption, einem Tischler Namens Duplay gegenüber.
Die Kälte und die Bewegung weckten Sebastian auf. Er wollt, gehen, aber sein Vater widersetzte sich und trug ihn fortwährend in seinen Armen.
Als der Doctor bei der Thüre angelangt war, stellte er Sebastian einen Augenblick aus seine Füße und klopfte stark genug, daß er, so sehr auch der Conciergerie eingeschlafen sein mochte, doch nicht zu lange aus der Straße zu warten hatte.
Ein schwerfälliger, obgleich rascher Tritt erscholl bald jenseits der Thüre.
»Sind Sie es, Herr Gilbert?« fragte eine Stimme.
»Ah!« sagte Sebastian, »das ist die Stimme von Pitou.«
»Gott sei gelobt!« rief Pitou, während er öffnete. »Sebastian ist wiedergefunden!«
Dann wandte er sich gegen die Treppe um, in deren Tiefe man allmälig den Schein einer Kerze erblickte, und rief:
»Herr Billot! Herr Billot! Sebastian ist wiedergefunden, und zwar ohne Unfall, wie ich hoffe, – nicht wahr, Herr Gilbert?«
»Wenigstens ohne einen ernsten Unfall,« erwiederte der Doctor. »Komm, Sebastian, komm!«
Und er überließ Pitou die Sorge, die Thüre zu schließen, hob abermals vor den Augen des erstaunten Concierge, der in der baumwollenen Mütze und im Hemde auf der Schwelle seiner Loge erschien, – Sebastian in seinen Armen auf und fing an die Treppe hinauszusteigen.
Billot schritt, dem Doctor leuchtend, voran, Pitou ging hinter ihnen. Der Doctor wohnte im zweiten Stocke; die weit geöffneten Thüren deuteten an, daß er erwartet wurde. Er legte Sebastian aus sein Bett.
Pitou folgte ängstlich und schüchtern. An dem Kothe, der seine Schuhe, seine Strümpfe, seine Hose bedeckte und seine übrigen Kleidungsstücke befleckte, konnte man leicht sehen, daß er ganz frisch von einer langen Wanderung gekommen war.
Nachdem er die in Thränen zerfließende Catherine zu ihrem Hause zurückgeführt, nachdem er aus dem Munde des Mädchens selbst, das zu tief betroffen war, um seinen Schmerz zu verbergen, erfahren hatte, dieser Schmerz rühre von der Abreise von Herrn Isidor von Charny nach Paris her, hatte Pitou, dem dieser Schmerz doppelt, – als Liebendem und als Freund, – das Herz brach, von Catherine, die sich niedergelegt, und von ihrer Mutter, welche am Fuße des Bettes weinte, Abschied genommen und war mit einem viel langsameren Schritt, als der gewesen, welcher ihn herbeigeführt, nach Haramont zurückgekehrt.
Die Langsamkeit dieses Schrittes und der Umstand, daß er sich so oft umwandte, um traurig nach dem Pachthause zu schauen, von dem er sich, das Herz zugleich angeschwollen vom Schmerz von Catherine und von seinem eigenen Schmerz, entfernte, machten, daß er erst bei Tagesanbruch in Haramont ankam.
Die geistige Beklommenheit, die sich seiner bemächtigt hatte, machte, daß er wie Sertus, da er seine todte Frau wiederfand, sich mit starren Augen und die Hände aus seinem Schooße gekreuzt auf sein Bett setzte.
Endlich erhob er sich, und einem Menschen ähnlich, der, nicht aus seinem Schlafe, sondern aus seinen Gedanken erwacht, schaute er umher und sah bei dem von seiner Hand beschriebenen Blatte Papier ein zweites mit einer andern Schrift bedecktes Blatt.
Er trat an den Tisch und las den Brief von Sebastian.
Zum Lobe von Pitou müssen wir sagen, daß er sogleich seinen persönlichen Kummer vergaß, um nur an die Gefahren zu denken, welche sein Freund während der langen Reise, die er unternommen, laufen konnte.
Dann, ohne sich um den Vorsprung zu bekümmern, den der am Tage vorher abgegangene junge Mensch vor ihm haben mochte, setzte ihm Pitou, auf seine langen Beine vertrauend, nach, mit der Hoffnung, Sebastian einzuholen, hätte Sebastian keine Transportmittel gefunden und wäre er genöthigt gewesen, seinen Marsch zu Fuß zu machen.
Ueberdies müßte Sebastian wohl anhalten, während er immer marschiren würde.
Er bekümmerte sich nicht um irgend ein Gepäcke. Er umgürtete seine Lenden mit einem ledernen Riemen, wie er dies zu thun pflegte, wenn er eine lange Strecke zurückzulegen hatte: er nahm unter seinen Arm einen vierpfündigen Laib Brod, in den er eine Wurst steckte, und in seine Hand seinen Reisestock und begab sich auf den Weg.
Pitou machte mit seinem gewöhnlichen Schritt anderthalb Meilen in der Stunde; nahm er den Schnellschritt, so machte er zwei.
Da er indessen anhalten mußte, um zu trinken, um die Schnüre seiner Schuhe zu knöpfen und um sich nach Sebastian zu erkundigen, so brauchte er zehn Stunden, um vom Ende der Straße von Largny zur Barrière von la Villette zu kommen; sodann eine Stunde, wegen der Hemmnisse durch die Wagen, um von der genannten Barrière zum Hause des Doctor Gilbert zu gelangen: das machte elf Stunden. Er war um neun Uhr Morgens abgegangen und kam um acht Uhr Abends an.
Das war, wie man sich erinnert, gerade der Augenblick, wo Andrée Sebastian aus den Tuilerien wegführte, und wo der Doctor Gilbert mit dem König sprach. Er fand also weder den Doctor Gilbert, noch Sebastian; doch er fand Billot.
Billot hatte durchaus nichts von Sebastian gehört und wußte nicht, zu welcher Stunde Gilbert nach Hause zurückkehren würde.
Der unglückliche Pitou war so besorgt, daß es ihm nicht einfiel, mit Billot von Catherine zu sprechen. Seine ganze Conversation war ein langer Seufzer über das Unglück, welches er gehabt, daß er nicht in seiner Stube gewesen, als Sebastian dahin gekommen war.
Dann, da er den Brief von Sebastian mitgenommen, um sich im Nothfall bei dem Doctor zu rechtfertigen, las er diesen Brief abermals, was sehr unnöthig, denn er hatte ihn so oft gelesen und wiedergelesen, daß er ihn auswendig wußte.
Die Zeit war so langsam und traurig für Pitou und Billot seit acht Uhr Abends bis zwei Uhr Morgens vergangen.
Sechs Stunden, das war sehr lang! Pitou hatte nicht das Doppelte von dieser Zeit gebraucht, um von Villers-Cotterets nach Paris zu kommen.
Um zwei Uhr Morgens erscholl der Klopfer zum zehnten Male seit der Ankunft von Pitou.
Jedes Mal stürzte Pitou nach der Treppe, und trotz der vierzig Stufen, die er hinabzusteigen hatte, kam er immer in dem Augenblick unten an, wo der Concierge die Schnur zog.
Doch jedes Mal wurde er in seiner Hoffnung getäuscht: weder Gilbert, noch Sebastian erschienen, und er ging langsam und traurig wieder zu Billot hinauf.
Wir haben erzählt, wie, als er zum letzten Male noch hastiger als die andern Male hinabstieg, seine Erwartung erfüllt wurde, da er zugleich den Vater und den Sohn, den Doctor Gilbert und Sebastian erscheinen sah.
Gilbert dankte Pitou, wie man dem braven Jungen danken mußte, daß heißt durch einen Händedruck; dann, da er dachte, nach einem Trabe von achtzehn Meilen und einer Erwartung von sechs Stunden müsse der Reisende Ruhe nöthig haben, wünschte er ihm eine gute Nacht und schickte ihn zu Bette.
Doch, über Sebastian beruhigt, hatte Pitou nun Billot eine Mittheilungen zu machen. Er winkte daher Billot, und Billot folgte ihm.
Was Gilbert betrifft, so wollte dieser Niemand die Sorge anvertrauen, Sebastian zu Bette zu bringen und bei ihm zu wachen. Er untersuchte selbst das blaue Mal aus der Brust seines Sohnes und hielt sein Ohr an mehre Stellen des Rumpfes; als er sich sodann versichert hatte, daß der Athem völlig frei war, legte er sich aus ein Canapé bei dem Kinde, das, trotz eines ziemlich starken Fiebers, sogleich entschlummerte.
Bald aber bedachte er nach der Unruhe, die ihn selbst erfüllt hatte, welche Bangigkeit Andrée quälen müsse; er rief seinen Kammerdiener und befahl ihm, auf die nächste Post, damit er bei der ersten Abgabe an seine Adresse käme, einen Brief zu tragen, in welchem nur die Worte standen:
»Beruhigen Sie sich, das Kind ist wiedergefunden und hat kein Unglück erlitten.«
Am andern Tage ließ Billot schon am frühen Morgen Gilbert um Erlaubniß bitten, eintreten zu dürfen, was ihm bewilligt wurde.
Das gute Gesicht von Pitou erschien lächelnd an der Thüre hinter dem von Billot, dessen traurigen, ernsten Ausdruck Gilbert wahrnahm.
»Was gibt es denn, mein Freund, und was haben Sie?« fragte der Doctor.
»Herr Gilbert, Sie haben wohl daran gethan, mich hier zurückzuhalten, da ich Ihnen, Ihnen und dem Kinde, nützlich sein konnte, aber während ich in Paris bleibe, geht dort Alles schlecht.«
Man glaube übrigens nach diesen Worten nicht, Pitou habe die Geheimnisse von Catherine geoffenbart und von der Liebschaft des Mädchens mit Isidor gesprochen. Nein, die ehrliche Seele des wackern Commandanten der Nationalgarde von Haramont sträubte sich gegen eine Angeberei. Er hatte Billot nur gesagt, die Ernte sei schlecht gewesen, der Rocken habe gefehlt, ein Theil vom Getreide sei durch den Hagel niedergeschlagen worden, die Scheunen seien nur zum Drittel voll, und er habe Catherine ohnmächtig auf dem Wege von Villers-Coterets nach Pisseleu gefunden.
Billot hatte sich sehr wenig um den Mangel an Rocken und das Verhageln des Getreides bekümmert, aber es wäre ihm selbst beinahe unwohl geworden, als er die Ohnmacht von Catherine erfuhr.
Der brave Vater Billot wußte, daß ein Mädchen vom Temperament und von der Stärke von Catherine nicht ohne Grund auf der Landstraße ohnmächtig wird.
Ueberdies hatte er Pitou befragt, und welche Zurückhaltung Pitou auch bei seinen Antworten beobachtet, mehr als einmal halte Billot den Kopf geschüttelt und gesagt;
»Ja, ja, ich glaube, es ist Zeit, daß ich zurückkehre.«
Gilbert, der selbst empfunden, was ein Vaterherz leiden kann, begriff diesmal, was in dem von Billot vorging, als ihm Billot die von Pitou überbrachten Nachrichten mittheilte.
»Gehen Sie also, mein lieber Billot, da Gut und Familie Sie zurückfordern,« antwortete er; »aber vergessen Sie nicht, daß ich im Namen des Vaterlandes über Sie verfüge.«
»Ein Wort, Herr Gilbert,« versetzte der wackere Pächter, »und in zwölf Stunden bin ich in Paris.«
Nachdem er sodann Sebastian, der sich nach einer glücklich zugebrachten Nacht völlig außer Gefahr befand, umarmt und die zarte feine Hand von Gilbert in seinen zwei breiten Händen gedrückt hatte, schlug Billot den Weg nach seinem Pachthofe ein, den er auf acht Tage verlassen hatte, während er nun seit drei Monaten davon abwesend war.
Pitou folgte ihm; er nahm, – eine Gabe des Doctor Gilbert, – fünf und zwanzig Louis d’or mit, welche zur Kleidung und Equipirung der Nationalgarde von Haramont bestimmt waren.
Sebastian blieb allein bei seinem Vater.
XVII
Waffenstillstand
Eine Woche war zwischen den von uns erzählten Ereignissen und dem Tage verlaufen, wo wir den Leser abermals an der Hand nehmen und in das Schloß der Tuilerien führen, das fortan der Hauptschauplatz der großen Katastrophe, welche in Erfüllung gehen sollte.
O Tuilerien! unseliges Vermächtniß der Königin der Bartholomäus-Nacht, der seltsamen Catharina von Medicis für ihre Abkömmlinge und Nachfolger, Palast des Schwindels, der du anziehst, um zu verschlingen, welche Verblendung findet sich denn in deiner gähnenden Halle, in der sich alle diese wahnsinnigen Gekrönten fangen, welche Könige genannt werden wollen, welche sich nur für wahrhaft gesalbt und geheiligt halten, wenn sie unter deinem mörderischen Täfelwerk geschlafen haben, während du sie einen nach dem andern, diese als Leichname ohne Köpfe, jene als Flüchtlinge ohne Krone, zurückwirfst?
Ohne Zweifel ist in deinen, wie ein Juwel von Benvenuto Cellini, ciselirten Steinen ein Unheilbringendes Zauberwerk; ohne Zweifel liegt unter deiner Schwelle ein tödtlicher Talisman vergraben. Zähle die letzten Könige, die du empfangen, und sage, was du damit gemacht hast! Von diesen fünf Königen ist ein einziger von dir der Gruft zurückgegeben worden, wo ihn seine Ahnen erwarteten, einer wurde dem Schaffot überliefert und die drei andern der Verbannung!
Eines Tags wollte eine ganze Versammlung der Gefahr trotzen, den Platz der Könige einnehmen und sich, als Mandatar des Volks, dahin setzen, wo die Erwählten der Monarchie gesessen hatten. Von diesem Augenblick an erfaßte sie der Schwindel; von diesem Augenblick an zerstörte sie sich selbst: das Schaffot verschlang die Einen, die Verbannung die Andern, und eine seltsame Brüderschaft vereinigte Ludwig XVI. und Robespierre, Collot-d’Herbois und Napoleon, Billaut-Varennes und Karl X., Vadier und Louis Philipp.
O Tuilerien! o Tuilerien! ein Wahnsinniger muß also derjenige sein, welcher es wagt, deine Schwelle zu überschreiten und da einzutreten, wo Ludwig XVI., Napoleon, Karl X. und Louis Philipp eingetreten sind, denn ein wenig später, ein wenig früher wird er durch dieselbe Thüre herauskommen wie sie.
Und doch, unheilvoller Palast! ist Jeder von ihnen in deine Mauern unter den Acclamationen des Volkes eingetreten, und dein doppelter Balcon hat sie, einen nach dem andern, diesen Acclamationen, im Glauben an die Wünsche und Verheißungen der Menge welche dieselben erschallen ließ, zulächeln sehen, was zur Folge hatte, daß, kaum unter dem Thronhimmel sitzend, Jeder von ihnen an seinem Werke zu arbeiten anfing, statt an dem Werke des Volkes zu arbeiten; als dies das Volk eines Tags bemerkte, setzte es ihn vor die Thüre wie einen ungetreuen Pächter, oder es bestrafte ihn wie einen undankbaren Mandatar.
So fand nach dem erschrecklichen Marsch vom 6 October, mitten unter Koth, Blut und Geschrei, die bleiche Sonne des ankern Tages, als sie aufging, den Hof der Tuilerien voll von einem von der Rückkehr seines Königs bewegten und nach seinem Anblick hungerigen Volke.
Den ganzen Tag hindurch empfing der König die constituirten Körper; während dieser Zeit wartete die Menge außen, suchte, bespähte sie ihn durch die Fenster; derjenige, welcher ihn zu erblicken glaubte, stieß einen Freudenschrei aus, zeigte ihn seinem Nachbar und sagte:
»Seht Ihr ihn? seht Ihr ihn, dort ist er!«
Um Mittag mußte er sich auf dem Balcon zeigen, und es erschollen einstimmig Bravos und Händegeklatsche.
Am Abend mußte er in den Garten hinabgehen, und nun waren es nicht mehr Bravos und Händegeklatsche, es waren Rührungen und Thränen.
Madame Elisabeth, ein junges, frommes, naives Herz, zeigte dieses Volk ihrem Bruder und sagte:
»Mir scheint, es ist nicht schwer, über solche Menschen zu regieren:«
Ihre Wohnung war im Erdgeschoß. Am Abend ließ sie die Fenster öffnen und speiste vor aller Welt.
Männer und Weiber schauten zu, klatschten Beifall und grüßten durch die Oeffnungen, die Weiber besonders: sie ließen ihre Kinder auf das Gesims der Fenster steigen, befahlen den unschuldigen Kleinen, der vornehmen Dame Küsse zuzusenden und ihr zu sagen, sie sei sehr schön.
Und die kleinen Kinder wiederholten: »Sie sind sehr schön, Madame!« und sandten ihr mit ihren fleischigen Händchen zahllose und endlose Küsse zu.
Jeder sagte: »Die Revolution ist beendigt; der König ist nun von seinem Versailles, von seinen Höflingen und seinen Räthen befreit. Der Zauber, der fern von seiner Hauptstadt das gefangene Königthum in dieser Welt von Automaten, Statuen und beschnittenen Taxusbäumen hielt, welche man Versailles nennt, ist gebrochen. Gott sei Dank, der König ist wieder in das Leben und in die Wahrheit, daß heißt in die wirkliche Natur des Menschen eingesetzt. Kommen Sie, Sire, kommen Sie unter uns! Bis zu diesem Tag hatten Sie so, wie Sie umgeben waren, nur die Freiheit, das Böse zu thun; heute haben Sie in unserer Mitte, mitten unter Ihrem Volke, die volle Freiheit, das Gute zu thun!«
Oft täuschen sich die Waffen und die Individuen über das, was sie sind, oder vielmehr über das, was sie alsbald sein werden. Die während der Tage des 5. und 6. October ausgestandene Angst hatte zum König nicht nur eine Menge von Herzen, sondern auch viele Geister, viele Interessen zurückgeführt. Dieses Geschrei in der Dunkelheit, dieses Erwachen in der Nacht, diese im Marmorhose angezündeten und mit ihren unheimlichen Reflexen die großen Mauern von Versailles beleuchtenden Feuer, Alles dies halte die ehrlichen Imaginationen stark betroffen. Die Nationalversammlung hatte gewaltig bange gehabt, mehr bange, da der König bedroht worden, als da sie selbst bedroht worden war. Damals schien es ihr noch, als hinge sie vom König ab; es werden nicht sechs Monate verlaufen, ohne daß sie im Gegentheil fühlt, daß der König von ihr abhängt. Hundert und fünfzig von ihren Mitgliedern nahmen Pässe. Mounier und Lally, – der Sohn des auf der Grève gestorbenen Lally, – flüchteten sich.
Die zwei populärsten Männer Frankreichs, Lafayette und Mirabeau, kamen als Royalisten nach Paris zurück.
Mirabeau sprach zu Lafayette: »Vereinigen wir uns und retten wir den König!«
Lafayette, ein vorzugsweise ehrlicher Mann, aber ein beschränkter Geist, verachtete zum Unglück den Charakter von Mirabeau und begriff sein Genie nicht.
Er beschränkte sich daraus, daß er den Herzog von Orleans aufsuchte.
Man hatte viele Dinge über Seine Königliche Hoheit gesagt.
Man hatte gesagt, der Herzog sei, seinen Hut aus die Augen niedergedrückt, ein Stöckchen in der Hand, gesehen worden, wie er die Gruppen im Marmorhofe aufgewiegelt, wie er zur Plünderung des Schlosses angetrieben, in der Hoffnung, die Plünderung würde zugleich die Ermordung sein.
Mirabeau war ganz dem Herzog von Orleans ergeben.
Lafayette, statt sich mit Mirabeau zu verständigen, ging zum Herzog von Orleans und forderte ihn auf, Paris zu verlassen. Der Herzog von Orleans stritt, kämpfte, stemmte sich entgegen; aber Lafayette war so sehr König, daß man ihm gehorchen mußte.
»Und wann werde ich zurückkommen?« fragte er Lafayette.
»Wann ich Ihnen sage, daß es Zeit ist, mein Prinz.«
»Und wenn ich mich langweile und ohne Ihre Erlaubniß zurückkomme, mein Herr?« fragte hoffärtig der Herzog.
»Dann,« erwiederte Lafayette, »dann hoffe ich, Eure Hoheit wird mir am andern Tage nach ihrer Rückkehr die Ehre geben, sich mit mir zu schlagen.«
Der Herzog von Orleans reiste ab und kam erst zurückgerufen wieder.
Lafayette war wenig Royalist vor dem 6. October; nach dem 6. October wurde er es aber wirklich, aufrichtig; er hatte die Königin gerettet und den König beschützt.
Man wird viel anhänglicher durch die Dienste, die man leistet, als durch die, welche man empfängt. Dies rührt davon her, daß im Herzen des Menschen mehr Stolz als Dankbarkeit ist.
Der König und Madame Elisabeth, obgleich sie fühlten, daß unter und vielleicht über all diesem Volke ein Unheil bringendes Element sei, das sich nicht mit ihm mischen wolle, etwas Gehässiges und Rachsüchtiges wie der Zorn des Tigers, welcher brüllt, während er schmeichelt, der König und Madame Elisabeth waren wirklich gerührt gewesen.
Nicht so war es bei Marie Antoinette. Die schlechte Stimmung, in der sich ihr Herz befand, schadete dem Geiste der Königin. Ihre Thränen waren Thränen des Verdrusses, des Schmerzes, der Eifersucht. Von diesen Thränen, die sie vergoß, galten eben so viele Charny, den sie ihren Armen entschlüpfen fühlte, als dem Scepter, den sie ihrer Hand entschlüpfen fühlte.
Sie sah auch all dies Volk, hörte auch all dies Geschrei mit einem gereizten Geiste und einem trockenen Herzen. Sie war in Wirklichkeit jünger als Madame Elisabeth, oder vielmehr von demselben Alter; aber die Jungfräulichkeit der Seele und des Körpers hatten dieser ein Kleid der Unschuld und Frische gemacht, das sie noch nicht abgelegt, während die glühenden Leidenschaften der Königin, Haß und Liebe, ihre Hände dem Elfenbein ähnlich gelb gefärbt, an ihre Zähne ihre gebleichten Lippen angepreßt und unter ihren Augen jene perlmutterartigen, bläulichen Nuancen ausgebreitet hatten, welche ein tiefes, unheilbares, beständiges Uebel offenbaren.
Die Königin war krank, tief krank, krank an einem Uebel, von dem man nicht mehr genest, denn das einzige Mittel dafür ist das Glück und der Friede, und die arme Marie Antoinette fühlte, daß es um ihren Frieden und um ihr Glück geschehen war.
Unter all dieser Begeisterung, unter all diesem Geschrei, unter allen diesen Vivats, wenn der König den Männern die Hände reichte, wenn Madame Elisabeth weinte und zugleich den Weibern und den kleinen Kindern zulächelte, fühlte auch die Königin ihr von den Thränen ihres eigenen Schmerzes befeuchtetes Auge vor der öffentlichen Freude wieder trocken werden.
Die Sieger der Bastille waren bei ihr erschienen, und die Königin hatte sich geweigert, sie zu empfangen.
Die Damen der Halle waren ebenfalls gekommen; sie hatte die Damen der Halle empfangen, aber in der Entfernung, getrennt von ihnen durch ungeheure Körbe; überdies hatten sich ihre Frauen wie eine Vorhut, bestimmt, sie vor jeder Berührung zu beschützen, vor sie gestellt.
Das war ein großer Fehler, den Marie Antoinette beging. Die Damen der Halle waren Royalistinnen; viele hatten den 6. October desavouirt.
Diese Weiber hatten sie sodann angeredet, – denn in solchen Gruppen gibt es immer Redner.
Eine Frau, welche kühner als die anderen, hatte sich zum Rathe aufgeworfen.
»Frau Königin,« sagte diese Frau, »wollen Sie mir erlauben, Ihnen einen Rath zu geben, einen Rath, der vom Herzen kommt?«
Die Königin machte mit dem Kopfe ein so unmerkliches Zeichen daß die Frau es nicht sah.
»Sie antworten nicht?« sagte diese. »Gleichviel! ich werde Ihnen den Rath dennoch geben. Sie sind nun unter uns, inmitten Ihres Volkes, das heißt, im Schooße Ihrer wahren Familie. Sie müssen nun von Ihnen alle die Höflinge entfernen, welche die Könige verderben, und ein wenig diese armen Pariser lieben, welche Sie in den zwanzig Jahren, die Sie in Frankreich sind, vielleicht nicht viermal gesehen haben.«
»Madame,« erwiederte trocken die Königin, »Sie sprechen so, weil Sie mein Herz nicht kennen. Ich habe Sie in Versailles geliebt; ich werde Sie ebenso in Paris lieben.«
Das hieß nicht viel versprechen.
Eine andere Rednerin sagte auch:
»Ja, ja, Sie liebten uns in Versailles. Aus Liebe wollten Sie also am 14. Juli die Stadt belagern und sie beschießen lassen? Aus Liebe wollten Sie also am 6. October an die Grenze fliehen, unter dem Vorwande, mitten in der Nacht nach Trianon zu gehen?«
»Das heißt,« versetzte die Königin, »man hat Ihnen das gesagt, und Sie haben es geglaubt: das ist es, was zugleich das Unglück des Volks und das des Königs macht.«
Und dennoch, arme Frau! oder vielmehr arme Königin! dennoch fand sie unter diesen Widerstrebungen ihres Stolzes und unter diesen Zerreißungen ihres Herzens eine glückliche Eingebung!
Eine von diesen Frauen, eine Elsäßerin von Geburt sprach sie deutsch an.
»Madame,« erwiederte die Königin, »ich bin dergestalt Französin geworden, daß ich meine Muttersprache vergessen habe.«
Das war reizend zu sagen; leider war es schlecht gesagt.
Die Damen der Halle konnten sich aus vollem Herzen: »Es lebe die Königin!« rufend entfernen.
Sie entfernten sich mit dem Ende der Lippen rufend und zwischen ihren Zähnen brummend.
Am Abend, als der König und Madame Elisabeth beisammen waren, ohne Zweifel, um sich zu trösten und gegenseitig zu befestigen, erinnerten sie sich Alles dessen, was sie Gutes und Tröstliches in diesem Volke gesunken.
Die Königin wußte nur Eines Allem dem beizufügen, ein Wort des Dauphin, das sie mehrere Male an diesem Tag und an den folgenden Tagen wiederholte.
Bei dem Lärmen, den die Damen der Halle in die Gemächer eintretend gemacht hatten, war der arme Kleine zu seiner Mutter gelaufen, hatte sich an sie angeschmiegt und ausgerufen:
»Guter Gott! Mama, ist denn heute abermals gestern?«
Der kleine Dauphin war da; er hörte, was seine Mutter von ihm sagte, und stolz wie alle Kinder, welche sehen, daß man sich mit ihnen beschäftigt, näherte er sich dem König und schaute ihn mit nachdenkender Miene an.
»Was willst Du, Louis?« sagte der König.
»Ich möchte Sie gern etwas sehr Ernstes fragen,« antwortete der Dauphin.
»Nun,« versetzte der König, indem er ihn zwischen seine Beine zog, »was willst Du mich fragen? Laß hören, sprich.«
»Ich wünschte zu wissen,« erwiederte das Kind, »warum Ihr Volk, daß Sie so sehr liebte, plötzlich so ärgerlich gegen Sie geworden ist, und was Sie gethan haben, um es so sehr in Zorn zu bringen.«
»Louis!« murmelte die Königin mit dem Ausdrucke des Vorwurfs.
»Lassen Sie mich ihm antworten,« sagte der König.
Madame Elisabeth lächelte dem Kinde zu.
Ludwig XVI. nahm seinen Sohn auf seinen Schooß und sprach, die Politik des Tages der Fassungskraft des Kindes anpassend:
»Mein Sohn, ich wollte das Volk noch glücklicher machen, als es war. Ich hatte Geld nöthig, um die durch die Kriege veranlagten Ausgaben zu bezahlen; ich verlangte von meinem Volke, wie es meine Vorgänger immer gethan haben, Beamte, welche mein Parlament bilden, widersetzten sich und sagten, mein Volk allein habe das Recht, mir dieses Geld zu votiren. Ich versammelte in Versailles die Ersten jeder Stadt ihrer Geburt, ihrem Vermögen und ihren Talenten nach; das ist das, was man die Generalstaaten nennt. Als sie versammelt waren, verlangten sie von mir Dinge, die ich nicht thun kann, weder für mich, noch für Dich, der Du mein Nachfolger sein wirst. Es fanden sich boshafte Menschen, die das Volk aufwiegelten, und die Excesse, zu denen es sich in den letzten Tagen hinreißen ließ, sind ihr Werk! Mein Sohn, man darf dennoch deshalb dem Volke nicht böse sein!«
Bei dieser letzten Ermahnung preßte Marie Antoinette die Lippen zusammen; mit der Erziehung des Dauphin beauftragt, würde sie diese Erziehung offenbar nicht zum Vergessen der Beleidigungen gelenkt haben.
Am andern Tage schickten die Stadt Paris und die Nationalgarde und ließen die Königin bitten, im Theater zu erscheinen, und so durch ihre Gegenwart und durch die des Königs zu bestätigen, daß sie mit Vergnügen in der Hauptstadt residiren.
Die Königin antwortete, es würde ihr ein großes Vergnügen bereiten, der Einladung der Stadt Paris zu entsprechen, aber sie brauche Zeit, um die Erinnerung an die jüngst vergangenen Tage aus dem Gedächtniß zu verlieren. Das Volk halte schon vergessen; es war erstaunt, daß man sich erinnerte.
Als sie erfuhr, ihr Feind der Herzog von Orleans sei von Paris entfernt, hatte sie einen Augenblick der Freude; sie wußte aber Lafayette keinen Dank für diese Entfernung: sie glaubte, es sei eine persönliche Angelegenheit zwischen dem Prinzen und dem General.
Sie glaubte es, oder sie gab sich den Anschein, als glaubte sie es, weil sie Lafayette nichts zu verdanken haben wollte.
Eine wahre Prinzessin aus dem Hause Lothringen, wollte sie siegen und sich rächen.
»Die Königinnen können nicht ertrinken,« sagte Frau Henriette von England mitten in einem Sturme, und sie war der Ansicht von Frau Henriette von England.
War übrigens Maria Theresia nicht noch mehr als sie nahe daran, zu sterben, als sie ihr Kind in ihre Arme genommen und ihren getreuen Ungarn gezeigt hatte?
Diese heroische Erinnerung übte einen Einfluß auf die Tochter aus; das war ein Unrecht, das furchtbare Unrecht von denjenigen, welche die Lagen vergleichen, ohne sie zu beurtheilen!
Maria Theresia hatte das Volk für sich: Marie Antoinette hatte es gegen sich.
Und dann war sie vor Allem Frau, und sie würde wohl die Lage der Dinge besser beurtheilt haben, wäre ihr Herz mehr im Frieden gewesen; vielleicht würde sie das Volk weniger gehaßt haben, hätte sie Charny mehr geliebt.
Dies ging in den Tuilerien während der paar Tage vor, wo die Revolution einen Halt machte, wo sich die exaltirten Leidenschaften abkühlten und, wie während eines Waffenstillstandes, Freunde und Feinde sich recognoscirten, um bei der ersten Feindseligkeitserklärung einen neuen noch erbitterteren Kampf, eine neue noch mörderischere Schlacht zu beginnen.
Dieser Kampf ist um so wahrscheinlicher, diese Schlacht ist um so drohender, als wir unsere Leser nicht nur mit dem, was sich aus der Oberfläche der Gesellschaft sehen läßt, sondern auch mit Allem dem vertraut gemacht haben was sich in ihren Tiefen anspinnt.
XVIII
Das Portrait von Karl I
Während der abgelaufenen paar Tage, in denen die neuen Gäste der Tuilerien sich hier eingerichtet und ihre Gewohnheiten angenommen hatten, hatte es Gilbert, der nicht zum König berufen worden war, nicht für geeignet erachtet, sich zu Ludwig XVI. zu begeben; als aber sein Besuchstag gekommen war, glaubte er, seine Pflicht sei eine Entschuldigung, die er nicht von seiner Ergebenheit hatte entlehnen wollen.
Es war derselbe Vorzimmerdienst dem König von Paris nach Versailles gefolgt; Gilbert war also in den Vorzimmern von Paris bekannt wie in denen von Versailles.
Ueberdies hatte der König, wenn er auch nicht seine Zuflucht zum Doctor genommen, diesen doch nicht vergessen; Ludwig XVI. besaß einen zu richtigen Geist, um nicht leicht seine Freunde von seinen Feinden zu unterscheiden.
Und Ludwig XVI. fühlte wohl bis in die Tiefe seines Herzens, was auch die Vorurtheile der Königin gegen Gilbert sein mochten, Gilbert sei vielleicht nicht der Freund des Königs, aber, was ebenso viel werth war, der Freund des Königthums.
Ludwig XVI. erinnerte sich daher, es sei dies der Tag, an welchem Gilbert den Dienst habe, und nannte seinen Namen, damit Gilbert sogleich bei seiner Erscheinung bei ihm eingeführt werde.
Kaum halle er auch die Thürschwelle überschritten, als der Kammerdiener vom Dienste ausstand, ihm entgegenging und ihn in das Schlafzimmer des Königs einführte.
Der König schritt auf und ab, so sehr in Gedanken versunken, daß er dem Eintritt von Gilbert keine Aufmerksamkeit schenkte und nicht einmal die Meldung, die ihm voranging, hörte.
Gilbert verharrte unbeweglich, stillschweigend bei der Thüre und wartete, bis der König seine Gegenwart bemerkte und ihn ansprach.
Der Gegenstand, der den König beschäftigte, – und das war leicht zu sehen, denn von Zeit zu Zeit blieb er vor demselben stehen, – war ein Portrait in Lebensgröße von Karl I., gemalt von Van Dyck, dasselbe, das heute im Palaste des Louvre ist, und das ein Engländer, wenn man es an ihn verkaufen wollte, ganz mit Goldstücken zu bedecken sich anheischig gemacht hat.
Sie kennen dieses Portrait, nicht wahr, wenn nicht nach dem Gemälde, doch wenigstens nach dem Stiche?
Karl I. ist zu Fuße, unter einem von jenen mageren, spärlichen Bäumen, wie sie auf den Küsten wachsen. Ein Page hält sein gesatteltes und gezäumtes Pferd; das Meer bildet den Horizont.
Der Kopf des Königs trägt ganz das Gepräge der Schwermuth, an sich. Woran denkt dieser Stuart, der als Vorgängerin die schöne und unglückliche Maria gehabt hat und als Nachfolger Jacob II. haben wird?
Oder woran dachte vielmehr der Maler, dieses große Genie, dieser Mann, der Geist genug hatte, um mit seinem Ueberflusse die Physiognomie des Königs zu begaben?
Woran dachte er, als er ihn zum Voraus, wie in den letzten Tagen seiner Flucht, als einfachen Cavalier, bereit, wieder gegen die Rundköpfe in’s Feld zu ziehen, malte?
Woran dachte er, als er ihn so malte, an der stürmischen Nordsee stehend, mit seinem Pferde an seiner Seite, ganz bereit zum Angriff, aber auch ganz bereit zur Flucht?
Fände man, wenn man dieses Gemälde, dem Van Dyck jene tiefe Färbung von Traurigkeit verliehen hat, umkehrte aus der Rückseite der Leinwand nicht irgend eine Anlage vom Schaffot von White-Hall?
Die Stimme dieser Leinwand mußte sehr laut sprechen, um sich hörbar bei der ganzen materiellen Natur von Ludwig XVI. zu machen, dessen Stirne sie, einer Wolke ähnlich, welche vorüberzieht und ihren düstern Reflex auf die grünen Wiesen und die goldenen Kornfelder wirft, verfinstert hatte.
Dreimal unterbrach er seinen Spaziergang, um vor diesem Portrait stehen zu bleiben, und dreimal begann er seinen Spaziergang wieder, der immer und verhängnißvoller Weise diesem Bilde gegenüber auszulaufen schien.
Endlich sah Gilbert ein, daß es Umstände gibt, wo ein Zuschauer weniger indiscret ist, wenn er seine Gegenwart ankündigt, als wenn er stumm bleibt.
Er machte eine Bewegung. Ludwig XVI. bebte und wandte sich um.
»Ah! Sie sind es, Doctor,« sagte er. »Kommen Sie, kommen Sie, ich bin glücklich, Sie zu sehen.«
Gilbert verbeugte sich und trat auf den König zu.
»Wie lange sind Sie hier, Doctor?«
»Seit ein paar Minuten, Sire!«
»Ah!« machte der König, der wieder nachdenkend wurde.
Dann, nach einer Pause, führte er Gilbert vor das Meisterwerk von Van Dyck und fragte:
»Doctor, kennen Sie dieses Portrait?«
»Ja, Sire.«
»Wo haben Sie es denn gesehen?«
»Als ein Kind, bei Madame Dubarry, aber, obgleich damals noch ein Kind, war ich doch tief davon betroffen.«
»Ja, bei Madame Dubarry, so ist es,« murmelte Ludwig XVI.
Dann, nach einer neuen Pause von einigen Secunden, fragte er:
»Kennen Sie die Geschichte dieses Portraits, Doctor?«
»Spricht Seine Majestät von der Geschichte des Königs, den es vorstellt, oder von der Geschichte des Portraits selbst?«
»Ich meine die Geschichte des Portraits.«
»Nein, Sire, ich weiß nur, daß es in London im Jahre 1645 oder 1646 gemalt worden ist; mehr kann ich nicht davon sagen; doch ich weiß nicht, wie es nach Frankreich übergegangen ist, und wie es sich in diesem Augenblick im Zimmer Eurer Majestät findet.«
»Wie es nach Frankreich übergegangen ist? das will ich Ihnen sagen; wie es sich in meinem Zimmer findet, das weiß ich selbst nicht.«
Gilbert schaute Ludwig XVI. mit Erstaunen an.
»Wie es nach Frankreich übergegangen ist,« wieder»holte Ludwig XVI., »hören Sie: ich werde Ihnen über die Hauptsache nichts Neues mittheilen, aber viel über die Details; Sie werden dann begreifen, warum ich vor diesem Portrait stehen blieb, und woran ich dachte, indem ich stehen blieb.«
Gilbert verbeugte sich, um zu bezeichnen, er höre aufmerksam.
»Es gab, vor ungefähr dreißig Jahren,« sprach Ludwig XVI. »ein Ministerium, das unheilvoll für Frankreich und besonders für mich,« setzte er hinzu, seufzend bei der Erinnerung an seinen Vater, von dem er immer geglaubt hatte, er sei vergiftet worden: »das ist das Ministerium von Herrn von Choiseul. Dieses Ministerium beschloß man durch das Ministerium d’Aiguillon und Maupeou zu ersetzen und zugleich die Parlamente zu brechen. Aber die Parlamente brechen war eine Handlung, welche meinen Großvater, den König Ludwig XV., sehr erschreckte. Um die Parlamente zu brechen, bedurfte es eines Willens, den er verloren hatte. Mit den Trümmern des alten Menschen mußte er einen neuen Menschen machen, und um aus diesem alten Menschen einen neuen zu machen, gab es nur ein Mittel: den schmählichen Harem zu schließen, der, unter dem Namen Hirschpark, Frankreich so viel Geld und der Monarchie so viel Popularität gekostet hatte; man mußte, statt dieser Welt von jungen Mädchen, wo sich die Ueberreste seiner Männlichkeit erschöpften, Ludwig XV. eine einzige Geliebte geben, die bei ihm die Stelle von allen vertreten würde, die nicht genug Einfluß hätte, um ihn eine politische Linie verfolgen zu lassen, welche aber Gedächtniß genug besäße, um ihm jeden Augenblick eine wohl eingelernte Lection zu wiederholen. Der alte Marschall von Richelieu wußte, wo eine solche Frau zu suchen war, er suchte sie da, wo sie sich finden, und fand sie. Sie kannten sie, Doctor, denn so eben sagten Sie mir, Sie haben dieses Portrait bei ihr gesehen.«
Gilbert verbeugte sich.
»Wir liebten sie nicht, diese Frau, weder die Königin, noch ich! die Königin weniger vielleicht, als ich, denn die Königin, eine Oesterreicherin, instruirt von Maria Theresia zu der großen europäischen Politik, deren Centrum Oesterreich wäre, sah in der Erhebung von Herrn d’Aiguillon den Sturz ihres Freundes, des Herrn von Choiseul; wir liebten sie nicht, sagte ich, und dennoch muß ich ihr die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie das, was war, zerstörend nach meinen besondern Wünschen und, ich sage es aus mein Gewissen, dem allgemeinen Wohle gemäß handelte. Es war eine geschickte Komödiantin: sie spielte ihre Rolle vortrefflich; sie setzte Ludwig XV. in Erstaunen durch eine dem Königthum bis dahin unbekannte kecke Vertraulichkeit; sie belustigte ihn, indem sie über ihn spottete; sie machte ihn zum Mann, indem sie ihn glauben ließ, er sei es . . .«
Der König hielt plötzlich inne, als würfe er sich die Unvorsichtigkeit, so von seinem Großvater vor einem Fremden zu sprechen, vor; aber seinen Blick auf das treuherzige, offene Gesicht von Gilbert heftend, sah er, daß er diesem Manne, der Alles so gut zu begreifen wußte, Alles sagen konnte.
Gilbert errieth, was im Geiste des Königs vorging, und ohne Ungeduld, ohne eine Frage wartete er, indem er sein Auge völlig dem forschenden Auge des Königs öffnete.
»Was ich Ihnen sage, mein Herr,« fuhr Ludwig XVI. mit einem gewissen Adel des Kopfes und der Geberde fort, die bei ihm nicht Gewohnheit war, »was ich Ihnen sage, müßte ich Ihnen vielleicht nicht sagen, denn es ist mein inniger Gedanke, und ein König soll den Grund seines Herzens nur diejenigen sehen lassen, in deren Herzensgrunde er lesen kann. Werden Sie mir Gleiches mit Gleichem vergelten, Herr Gilbert? und wenn Ihnen der König von Frankreich immer Alles sagt, was er denkt, werden Sie ihm auch immer Alles sagen, was Sie denken?«
»Sire,« erwiederte Gilbert, »ich schwöre Ihnen, daß, wenn Eure Majestät mir diese Ehre erweist, ich ihr diesen Dienst leisten werde; der Arzt ist mit den Leibern beauftragt, wie der Priester mit den Seelen; aber, stumm und unergründlich für die Andern, würde ich es für ein Verbrechen halten, die Wahrheit dem König nicht zu sagen, der mir die Ehre erweist, sie von mir zu verlangen.«
»Also, Herr Gilbert, nie eine Indiscretion?«
»Sire, sollten Sie mir selbst sagen, in einer Viertelstunde werde ich, und zwar auch auf Ihren Befehl, getödtet, ich würde mich nicht berechtigt glauben, zu fliehen, fügten Sie nicht bei: »»Fliehen Sie!««
»Sie thun wohl daran, daß Sie mir das sagen, Herr Gilbert. Mit meinen besten Freunden, selbst mit der Königin, spreche ich oft nur ganz leise; mit Ihnen werde ich laut denken.«
Er fuhr fort: »Nun wohl, diese Frau, welche wußte, man könne bei Ludwig XV. höchstens aus königliche Velleitäten rechnen, verließ, ihn kaum, um die geringsten von diesen Velleitäten zu benützen, Sie folgte ihm in den Rath und neigte sich über sein Fauteuil; vor dem Kanzler, vor diesen ersten Personen, vor diesen alten Staatsbeamten, legte sie sich zu seinen Füßen, sich geberdend wie ein Affe, schwatzend wie ein kleiner Papagei, und Tag und Nacht blies sie ihm das Königthum ein. Doch das war noch nicht genug, und die seltsame Egeria würde vielleicht ihre Zeit hierbei, verloren haben, hätte Herr von Richelieu nicht den Gedanken gehabt, diesen ungreifbaren Worten einen Körper zu geben, der die Lection, welche sie ihm wiederholte, materiell machte. Unter dem Vorwande, der Page, den man auf diesem Bilde sieht, heiße Barry, kaufte man das Gemälde für sie, als wäre es ein Familiengemälde. Das schwermüthige Gesicht, das den 30. Januar 1649 ahnete, hörte, in das Boudoir dieser Frau gestellt, ihr freches Gelächter, sah ihre lasciven Belustigungen; denn es diente ihr zu Folgendem: während sie lachte, nahm sie Ludwig XV. beim Kopf, zeigte ihm Karl I. und sagte zu ihm: »»Siehst Du, Frankreich, das ist ein König, dem man den Hals abgeschnitten hat, weil er schwach gegen sein Parlament war; schone also noch das Deinige!«« Ludwig XV. Cassirte das Parlament und starb ruhig auf dem Throne. Dann verbannten wir diese Frau, gegen welche wir vielleicht nachsichtiger hätten sein müssen. Das Bild blieb in den Mansarden von Versailles, und nie fiel es mir nur ein, zu fragen, was daraus geworden . . .Wie kommt es nun, daß ich es hier finde? Wer hat besohlen, es hierher zu bringen? Warum folgt es mir, oder vielmehr, warum verfolgt es mich?«
Und nachdem er traurig den Kopf geschüttelt, fügte Ludwig XVI. Bei:
»Doctor, ist hierunter nicht ein Verhängnis,?«
»Ein Verhängniß, wenn Ihnen dieses Portrait nichts sagt; doch eine Vorsehung, wenn es zu Ihnen spricht.«
»Wie soll ein solches Portrait nicht zu einem König in meiner Lage sprechen, Doctor?«
»Nachdem Eure Majestät mir erlaubt hat, die Wahrheit zu sagen, erlaubt sie mir auch, sie zu fragen?«
Ludwig XVI. schien einen Augenblick zu zögern.
»Fragen Sie, Doctor,« sagte er dann.
»Was sagt dieses Portrait Eurer Majestät, Sire?«
»Es sagt mir, Karl I. habe den Kopf verloren, weil er Krieg gegen sein Volk geführt, und Jacob II. habe den Thron verloren, weil er das seinige verlassen.«
»Dann ist dieses Portrait wie ich, Sire: es spricht die Wahrheit.«
»Nun?« fragte der König, Gilbert mit dem Blicke auffordernd.
»Nun, da der König mir erlaubt bat, ihn zu befragen, so frage ich ihn, was er diesem Portrait, das so redlich mit ihm spricht, antwortet?«
»Herr Gilbert,« erwiederte der König, »ich gebe Ihnen mein Ehrenwort als Edelmann, daß ich noch nichts beschlossen habe: ich werde die Umstände zu Rathe ziehen.«
»Das Volk befürchtet, der König gedenke Krieg gegen dasselbe zu führen.«
Ludwig XVI. schüttelte den Kopf und sprach:
»Nein, mein Herr, nein, ich kann nur Krieg gegen mein Volk mit der Unterstützung des Auslandes führen, und ich kenne zu gut den Zustand Europas, um ihm zu vertrauen. Der König von Preußen bietet mir an, mit hunderttausend Mann in Frankreich einzumarschiren; aber ich kenne den intriganten, ehrgeizigen Geist dieser kleinen Monarchie, die danach strebt, ein großes Königreich zu werden, welche überall zur Verwirrung antreibt, in der Hoffnung, in dieser Verwirrung werde sie ein neues Schlesien an sich reißen. Oesterreich stellt ebenfalls hunderttausend Mann zu meiner Verfügung, aber ich liebe meinen Schwager Leopold, diesen devoten Philosophen, nicht. Mein Bruder d’Artois trägt mir die Unterstützung von Sardinien und Spanien an, aber ich traue diesen Mächten nicht, welche von meinem Bruder d’Artois gelenkt werden; er hat Herrn von Calonne bei sich, das heißt den grausamsten Feind der Königin, denjenigen, welcher, – ich habe die Handschrift gesehen, – dem Pamphlet von Madame Lamotte gegen uns in der abscheulichen Halsbandgeschichte Noten beigefügt hat. Ich weiß Alles, was dort vorgeht. In der vorletzten Sitzung ist davon die Rede gewesen, mich abzusetzen und einen Regenten zu ernennen, der wahrscheinlich mein anderer vielgeliebter Bruder, der Herr Graf von Provence, wäre; schließlich hat Herr von Condé, mein Vetter, den Vorschlag gemacht, in Frankreich einzudringen und gegen Lyon zu marschiren, was auch dem König geschehen möchte! . . . Was die große Katharina betrifft, das ist etwas Anderes; sie beschränkt sich auf Rathschläge; sie gibt mir einen Rath, der auf das Erhabene abzielt, jedoch nur lächerlich ist, besonders nach dem, was in den letzten Tagen vorgefallen. »»Die Könige,«« sagt sie, »»müssen ihren Gang verfolgen, ohne sich um das Geschrei des Volks zu bekümmern, wie der Mond seinem Laufe folgt, ohne sich um das Gebelle der Hunde zu bekümmern!«« Es scheint, die russischen Hunde begnügen sich damit, daß sie bellen; sie lasse Deshuttes und Varicourt fragen, ob die unseren nicht beißen.«
»Das Volk befürchtet, der König gedenke zu fliehen, Frankreich zu verlassen . . .«
Der König zögerte zu antworten.
»Sire,« fuhr Gilbert lächelnd fort, »man hat immer Unrecht, eine von einem König gegebene Erlaubniß buchstäblich zu nehmen. Ich sehe, daß ich indiscret bin und auf meinen Fragen einfach den Ausdruck einer Furcht mache.«
Der König legte seine Hand aus die Schulter von Gilbert und erwiederte:
»Mein Herr, ich habe Ihnen die Wahrheit versprochen und werde sie Ihnen vollständig sagen. Ja, es ist hiervon die Rede gewesen; ja, die Sache ist mir vorgeschlagen worden; ja, es ist der Rath vieler redlicher Diener, die mich umgeben, ich soll fliehen. Doch in der Nacht vom 6. Oetober, als, in meinen Armen weinend und ihre Kinder in die ihrigen schließend, die Königin wie ich den Tod erwartete, ließ sie mich schwören, daß ich nie allein fliehen werde, daß wir Alle miteinander abreisen werden, um miteinander gerettet zu sein oder zu sterben. Mein Herr, ich habe geschworen und werde mein Wort halten. Da ich es aber nicht für möglich erachte, daß wir Alle mit einander fliehen, ohne zehnmal, ehe wir die Grenze erreichen, festgenommen zu werden, so werden wir nicht fliehen.«
»Sire,« sprach Gilbert, »Sie sehen mich in Bewunderung vor der Richtigkeit des Geistes Eurer Majestät. Oh! warum kann Sie nicht ganz Frankreich hören, wie ich Sie in diesem Augenblicke gehört habe? Wie viel Leidenschaften des Hasses, die Eure Majestät verfolgen, würden sich besänftigen! wie viel Gefahren, die Sie umgeben, würden sich schwächen!«
»Haß?« versetzte der König; »Sie glauben also, daß mein Volk mich haßt? Gefahren? indem ich nicht zu sehr im Ernste die düsteren Gedanken nehme, die mir dieses Portrait eingeflößt hat, sage ich Ihnen: ich glaube, daß die größten vorüber sind.«
Gilbert schaute den König mit einem, tiefen Gefühle von Schwermuth an.
»Ist dies nicht Ihre Ansicht, Herr Gilbert?« fragte Ludwig XVI.
»Meine Ansicht, Sire, ist, daß Eure Majestät erst in den Kampf eingetreten, und daß der 14. Juli und der 6. October nur die zwei ersten Acte des erschrecklichen Dramas sind, welches Frankreich im Angesichte der Nationen spielen wird.«
Ludwig XVI. erbleichte leicht.
»Ich hoffe, daß Sie sich täuschen, mein Herr,« sagte er.
»Ich täusche mich nicht, Sire.«
»Wie können Sie über diesen Punkt mehr wissen, als ich, der ich meine Polizei und meine Gegenpolizei habe?«
»Sire, ich habe allerdings weder Polizei, noch Gegenpolizei, aber durch meine Stellung bin ich die natürliche Mittelsperson zwischen dem, was den Himmel betrifft, und dem, was sich noch in den Eingeweiden der Erde verbirgt. Sire, was wir erfahren haben, ist nur das Erdbeben, wir haben noch das Feuer, die Asche und die Lava des Vulkans zu bekämpfen.«
»Sie haben gesagt zu bekämpfen, mein Herr; würden Sie nicht richtiger gesprochen haben, wenn Sie zu fliehen gesagt hätten?«
»Ich habe gesagt, zu bekämpfen, Sire.«
»Sie kennen meine Ansicht in Betreff des Auslandes. Ich werde die Fremden nie nach Frankreich rufen, wenn nicht, ich sage nicht mein Leben, – was liegt mir an meinem Leben, ich habe es zum Opfer gebracht, – wenn nicht das Leben meiner Frau und meiner Kinder eine wirkliche Gefahr läuft.«
»Ich möchte mich zu Ihren Füßen niederwerfen, Sire, um Ihnen für solche Gefühle zu danken. Nein, Sire, es bedarf der Fremden nicht. Wozu sollen die Fremden nützen, so lange Sie nicht Ihre eigenen Mittel und Quellen erschöpft haben? Sie befürchten von der Revolution überflügelt zu werden, nicht wahr, Sire?«
»Ich gestehe es.«
»Nun, es gibt zwei Mittel, zugleich den König und Frankreich zu retten.«
»Nennen Sie dieselben, mein Herr, und Sie werden sich um Beide verdient gemacht haben.«
»Das erste ist, Sire, daß Sie sich an die Spitze der Revolution stellen und sie lenken.«
»Sie würden mich mit sich fortreißen, Herr Gilbert, und ich will nicht dahin gehen, wohin sie gehen.«
»Das zweite ist, ihr ein ziemlich solides Gebiß anzulegen, um sie zu bezähmen.«
»Wie wird dieses Gebiß heißen, mein Herr?«
»Die Volksbeliebtheit und das Genie.«
»Und wer wird der Schmied sein?«
»Mirabeau!«
Ludwig XVI. schaute Gilbert in’s Gesicht, als ob er schlecht gehört hätte.
XIX
Mirabeau
Gilbert sah, daß er einen Kampf zu bestehen hatte, doch er war vorbereitet.
»Mirabeau,« wiederholte er, »ja, Sire, Mirabeau.
« Der König wandte sich gegen das Portrait von Karl I. um und fragte dieses poetische Gemälde von Van Dyck:
»Was würdest Du geantwortet haben, Karl Stuart, wenn in dem Augenblicke, wo Du die Erde unter Deinen Füßen zittern fühlest, man Dir vorgeschlagen hätte, Dich auf Cromwell zu stützen?«
»Karl Stuart würde sich geweigert haben, und er hätte wohl daran gethan,« sagte Gilbert, »denn es findet keine Aehnlichkeit zwischen Cromwell und Mirabeau statt.«
»Ich weiß nicht, wie Sie die Dinge ansehen, Doctor. Für mich gibt es keine Stufe beim Verrath: ein Verräther ist ein Verräther, und ich kann keinen Unterschied zwischen dem machen, der es ein wenig ist, und dem, der es sehr ist.«
»Sire,« erwiederte Gilbert mit tiefer Ehrsurcht, aber zugleich mit unüberwindlicher Festigkeit, »weder Cromwell, noch Mirabeau sind Verräther.«
»Was sind sie denn?« rief der König.
»Cromwell ist ein rebellischer Unterthan, und Mirabeau ist ein unzufriedener Edelmann.«
»Unzufrieden, worüber?«
»Ueber Alles . . .über seinen Vater, der ihn in das Schloß If und in den Thurm von Vincennes hat einsperren lassen, über den König, der sein Genie verkannt hat und es noch verkennt.«
»Das Genie des Politikers ist die Ehrlichkeit, Herr Gilbert,« versetzte lebhaft der König.
»Die Antwort ist schön, Sire, würdig eines Titus, eines Trajan, eines Marcus Aurelius; leider gibt ihr die Erfahrung Unrecht.«
»Wie so?«
»War es ein ehrlicher Mann, dieser Augustus, der die Welt mit Lepidus und Antonius theilte, und Lepidus verbannte und Antonius tödtete, um die Welt für sich allein zu haben? War es ein ehrlicher Mann, dieser Karl der Große, der seinen Bruder Karlmann, um hier zu sterben, in ein Kloster schickte, und um ein Ende mit seinem Feinde Witekind zu machen, welcher ein beinahe ebenso großer Mann als er, den Sachsen alle Köpfe abschnitt, welche die Höhe seines Schwertes überragten? War es ein ehrlicher Mann, dieser Ludwig XI., der sich gegen seinen Vater empörte, um ihn zu entthronen, und der, obgleich er scheiterte, dem armen Karl VII. einen solchen Schrecken einflößte, daß er aus Furcht, vergiftet zu werden, Hungers starb? War es ein ehrlicher Mann, dieser Richelieu, der in den Alcoven des Louvre und auf den Treppen des Palais-Cardinal Conspirationen machte, die er aus dem Grève-Platze entwickelte? War es ein ehrlicher Mann, dieser Mazarin, der nicht nur eine halbe Million und fünfhundert Mann Karl II. verweigerte, sondern ihn auch aus Frankreich wegjagte? War es ein ehrlicher Mann, dieser Colbert, der Fouquet, seinen Protector, verrieth, anklagte, stürzte und sich während man diesen lebendig in einen Kerker warf, aus dem er nur als eine Leiche herauskommen sollte, unverschämt und stolz in seinen noch warmen Lehnstuhl setzte? Und dennoch haben, Gott sei Dank, weder die Einen noch die Ändern den Königen oder dem Königthum Eintrag gethan!«
»Aber, Herr Gilbert, Sie wissen wohl, daß Herr von Mirabeau nicht mir angehören kann, da er, dem Herzog von Orleans angehört.«
»Ei! Sire, da der Herzog von Orleans verbannt ist, so gehört Herr von Mirabeau Niemand mehr.«
»Wie soll ich mich einem käuflichen Menschen anvertrauen?«
»Indem Sie ihn kaufen . . .Können Sie ihm nicht mehr geben, als irgend Jemand in der Welt?«
»Ein Unersättlicher, der eine Million fordern wird!«
»Verkauft sich Mirabeau für eine Million, Sire, so verschenkt er sich. Glauben Sie, er sei zwei Millionen weniger werth, als ein oder eine Polignac?«
»Herr Gilbert!«
»Der König verzeiht mir das Wort,« sagte Gilbert, indem er sich verbeugte, »ich schweige.«
»Nein, im Gegentheil, sprechen Sie.«
»Ich habe gesprochen, Sire,«
»So lassen Sie uns die Sache erörtern.«
»Sehr gern. Ich weiß meinen Mirabeau auswendig, Sire.«
»Sie sind sein Freund?«
»Leider habe ich nicht diese Ehre; übrigens hat Herr von Mirabeau nur einen Freund, welcher zugleich der der Königin ist.«
»Ja, ich weiß es, der Herr Graf von der Mark; wir werfen es ihm alle Tage genug vor.«
»Eure Majestät müßte im Gegentheil bei Todesstrafe verbieten, sich je mit Mirabeau zu entzweien.«
»Von welcher Bedeutung soll denn beim Gewichte der öffentlichen Angelegenheiten ein Strohjunker wie Herr Riquetti von Mirabeau sein?«
»Vor Allem, Sire, erlauben Sie mir, Ihnen zu sagen, daß Herr von Mirabeau ein Edelmann und kein Strohjunker ist. Es gibt wenig Edelleute in Frankreich, welche aus dem 11. Jahrhundert datiren, da unsere Könige, um einige um sich zu haben, so nachsichtig gewesen sind, von denjenigen, welchen sie die Ehre bewilligen, in ihre Carrossen zu steigen, nur Proben von 1399 zu fordern. Nein, Sire, man ist kein Strohjunker, wenn man von den Arrighetti von Florenz abstammt, wenn man in Folge einer Niederlage der Gibellinen nach der Provence gekommen ist und sich hier niedergelassen hat. Man ist kein Strohjunker, weil man einen Vorfahren gehabt hat, der in Marseille Handel getrieben, denn Sie wissen, Sire, daß der Adel von Marseille, wie der von Venedig, das Privilegium hat, Handel zu treiben, ohne dadurch des Adels verlustig zu werden . . .«
»Ein Wüstling,« unterbrach der König Gilbert, »ein Henker seinem Rufe nach, ein Geldabgrund!«
»Ah! Sire, man muß die Menschen nehmen, wie sie die Natur gemacht hat; die Mirabeau sind stets stürmisch und ungeordnet in ihrer Jugend gewesen; aber sie reifen, wenn sie älter werden. Als junge Leute sind sie leider so, wie Eure Majestät sagt; als Familienhäupter sind sie gebieterisch, hoffärtig, aber streng. Der König, der sie mißkennen würde, wäre ein Undankbarer, denn sie haben der Landarmee unerschrockene Soldaten, dem Seeheere verwegene Seeleute geliefert. Ich weiß wohl, daß sie in ihrem provinzialen Geiste, der gegen jede Centralisation gehässig ist, in ihrer halb feudalen, halb republikanischen Opposition von ihren festen Schlössern herab,der Autorität der Minister, zuweilen sogar der der Könige trotzten; ich weiß wohl, daß sie mehr als einmal in die Durance die Agenten des Fiscus, welche auf ihren Gütern operiren wollten, geworfen haben; ich weiß wohl, daß sie die Höflinge und die Schreiber, die Generalpächter und die Gelehrten in derselben Geringschätzung vermengten, mit derselben Verachtung bedeckten, und nur zwei Dinge in der Welt achteten: das Eisen des Schwertes und das Eisen des Pfluges; ich weiß wohl, daß Einer von ihnen geschrieben hat: »»Die Knechterei ist instinctartig bei den Hofleuten mit gipsenem Gesicht und gipsenem Herzen, wie bei den Enten das Plätschern im Schlamme.«« Doch Alles dies, Sire, riecht durchaus nicht nach dem Strohjunker; Alles dies ist vielleicht nicht von der redlichsten Moral, sicherlich aber hat es das Gepräge des höchsten Adels.«
»Gut, gut, Herr Gilbert,« sprach mit einer Art von Aerger der König, welcher die bedeutenden Männer seines Reiches besser als irgend Jemand zu kennen glaubte, Sie haben es gesagt, Sie wissen Ihren Mirabeau auswendig. Da dies bei mir nicht der Fall ist, so fahren Sie fort. Ehe man sich der Leute bedient, lernt man sie gern kennen.«
»Ja, Sire,« erwiederte Gilbert, gestachelt durch die Ironie, die er in der Betonung, mit der der König zu ihm sprach, erkannte, »und ich sage Eurer Majestät: Es war ein Mirabeau, jener Bruno von Riquetti, welcher an dem Tage, wo Herr de la Feuillade aus der Place de la Victoire seine Statue der Victoria mit ihren vier gefesselten Nationen einweihte, mit seinem Regimente, dem Garde-Regiment, Sire, vorüberziehend, auf dem Pont Neuf anhielt, sein Regiment vor der Statue von Heinrich IV. Halt machen ließ und sagte: »»Meine Freunde, grüßen wir diesen, denn dieser ist so viel werth, als ein Anderer!«« Es war ein Mirabeau, jener François von Riquetti, der im Alter von siebenzehn Jahren von Malta zurückkommt, seine Mutter Anna von Pontèves in Trauer findet und sie fragt, warum diese Trauer, da sein Vater seit zehn Jahren todt sei. »»Weil ich beleidigt worden bin,«« antwortet die Mutter. »»Durch wen?«« »»Durch den Chevalier von Griasque.«« »»Und Du Hast Dich nicht gerächt?«« fragt François, der seine Mutter kannte. »»Ich hatte große Lust! Eines Tages traf ich ihn allein; ich setzte ihm eine geladene Pistole an den Schlaf und sagte: »»Wenn ich allein aus der Welt wäre, so würde ich Dir eine Kugel durch den Kopf jagen, was ich, wie Du siehst, thun kann; aber ich habe einen Sohn, der mich ehrenvoller rächen wird!«« »»Daran hast Du wohl gethan, Mutter,«« erwiedert der junge Mann. Und ohne die Stiefeln auszuziehen, nimmt er wieder seinen Hut, schnallt seinen Degen um und sucht den Chevalier von Griasque, einen Raufer, auf, fordert ihn heraus, schließt sich mit ihm in einen Garten ein, wirft die Schlüssel über die Mauer und tödtet ihn. Es war ein Mirabeau, jener Marquis Jean Antoine, der eine Höhe von sechs Fuß, die Schönheit von Antinous, die Stärke von Milon hatte, zu dem aber dennoch seine Großmutter sagte: »»Ihr seid keine Männer mehr, Ihr seid nur Diminutive von Männern,«« und der, von dieser Virago erzogen, wie es seitdem sein Enkel gesagt, die Federkraft und den Appetit des Unmöglichen hatte; der, Musketier mit achtzehn Jahren, immer im Feuer, die Gefahr leidenschaftlich liebend, wie Andere das Vergnügen lieben, eine Legion von Männern, furchtbar hitzig, unbezähmbar wie er, befehligte, so daß die andern Soldaten, wenn sie dieselben vorüberziehen sahen, sagten: »»Siehst Du die rothen Aufschläge? Das sind die Mirainbaux, das heißt, eine Legion von Teufeln befehligt von Satan.«« Und sie täuschten sich über den Commandanten, wenn sie ihn Satan nannten, denn es war ein sehr frommer Mann, so fromm, daß er, als eines Tags einer seiner Wälder in Brand gerieth, statt Befehl zu geben, daß man ihn durch gewöhnliche Mittel zu löschen suche, das heilige Sacrament dahin bringen ließ, wonach das Feuer erlosch. Allerdings war diese Frömmigkeit die eines feudalen Barons, und der Kapitän fand zuweilen Mittel, den Devoten aus einer großen Verlegenheit zu ziehen, wie es ihm eines Tags begegnete, daß Desserteurs, die er erschießen lassen wollte, sich in die Kirche eines italienischen Klosters geflüchtet hatten. Er befahl seinen Leuten, die Thüren einzustoßen, und sie waren im Begriffe, zu gehorchen, als die Thüren sich von selbst öffneten und der Abt in pontificatibus, mit dem heiligen Sacramente in den Händen, erschien.«
»Nun?« fragte Ludwig XVI., offenbar gefesselt durch diese Erzählung voll Leben und Farbe.
»Er blieb einen Augenblick nachdenkend, denn die Lage der Dinge setzte ihn in Verlegenheit. Dann aber sagte er, plötzlich von einem Gedanken erleuchtet, zu seinem Standartenjunker: »»Dauphin, man rufe den Feldkaplan, und er nehme den guten Gott aus den Händen dieses Burschen da.«« Was frommer Weise durch den Feldkaplan mit Unterstützung der Musketen dieser Teufel mit den rothen Ausschlägen geschah, Sire.«
»In der That, ja,« sprach Ludwig XVl. »ich erinnere mich dieses Marquis Antoine. Sagte er nicht zum Generallieutenant Chamillard, welcher ihm nach einer Affaire, in der er sich ausgezeichnet hatte, versprach, von ihm mit seinem Bruder, dem Minister von Chamillard, zu reden: »»Ihr Herr Bruder ist sehr glücklich, daß er Sie hat, denn ohne Sie wäre er der dümmste Mann des Königreichs.««
»Ja, Sire: man machte auch eine Promotion von Feldmarschällen, wobei der Minister Chamillard sich wohl hütete, den Namen des Marquis auf die Beförderungsliste zu setzen.«
»Und wie endigte dieser Held, der mir der Condé vom Geschlechte der Riquetti zu sein scheint?« fragte lachend der König.
»Sire, aus ein schönes Leben folgt ein schöner Tod,« erwiederte Gilbert mit ernstem Tone. »In der Schlacht von Cossano beauftragt, eine von den Kaiserlichen angegriffene Brücke zu vertheidigen, ließ er nach seiner Gewohnheit seine Soldaten mit dem Bauche aus die Erde liegen, und er, ein Riese, blieb aufrecht stehen und bot sich als Zielpunkt dem Feuer des Feindes. Eine Folge hiervon war, daß die Kugeln wie Hagel um ihn zu pfeifen ansingen; aber er rührte sich ebenso wenig als ein Wegweiser. Eine von diesen Kugeln zerschmetterte vor Allem seinen rechten Arm; doch Sie begreifen, Sire, das war nichts. Er nahm sein Taschentuch, machte sich damit für seinen rechten Arm eine Binde und ergriff mit seiner linken Hand eine Art, seine gewöhnliche Waffe, denn er verachtete den Säbel und den Degen als zu unbedeutend in ihrer Anwendung; doch kaum hatte er dieses Manoeuvre vollführt, als ihn ein zweiter Schuß an den Hals traf und die Kehlader, sowie die Nerven des Halses abschnitt. Diesmal war es ernster. Trotz der gräßlichen Wunde blieb der Koloß noch einen Augenblick stehen; dann aber stürzte er wie ein Baum, den man entwurzelt, auf die Brücke nieder. Bei diesem Anblick wurde das Regiment entmuthigt und floh; mit seinem Chef hatte es seine Seele verloren. Ein alter Sergent, welcher hoffte, er sei nicht ganz todt, wirft ihm im Vorbeilaufen einen Fleischhafen aus den Kopf, und seinem Regimente nachsetzend, passirt das ganze Heer des Prinzen Eugen, Cavalerie und Infanterie, über seinen Leib. Als die Schlacht beendigt war, hatte man die Leichen zu begraben. Der prächtige Rock des Marquis machte, daß man ihn bemerkte. Einer von seinen Soldaten, den man gefangen genommen, erkannte ihn. Der Prinz Eugen, da er sah, daß er athmete oder vielmehr noch röchelte, befahl, ihn in das Lager des Herzogs von Vendome zurückzutragen. Der Befehl wird vollzogen. Man bringt den Körper des Marquis in das Zelt des Herzogs, wo sich zufälliger Weise der berühmte Wundarzt Dumoulin befindet. Das war ein Mann voll Phantasie: es erfaßt ihn die Idee diesen Leichnam in’s Leben zurückzurufen; die Cux reizt ihn um so mehr, als sie unmöglich scheint. Außer dieser Blessur, die ihm, abgesehen vom Rückgrath und einigen Fetzen Fleisch, den Kopf fast von der Schulter trennte, war sein ganzer Körper, über welchen dreitausend Pferde und sechstausend Fußgänger gezogen, nur eine Wunde. Drei Tage bezweifelte man, ob er zum Bewußtsein kommen werde. Nach drei Tagen öffnet er ein Auge; zwei Tage nachher rührt er einen Arm; kurz, er unterstützt die Hartnäckigkeit von Dumoulin mit einer gleichen Hartnäckigkeit, und nach drei Monaten sieht man den Marquis Jean Antoine mit einem gebrochenen, von einer schwarzen Binde getragenen Arm, mit sieben und zwanzig auf seinem ganzen Leibe zerstreuten Wunden, – vier mehr, als Cäsar, – und den Kopf gestützt durch ein silbernes Halsband, wieder erscheinen. Sein erster Besuch galt Versailles, wohin ihn der Herr Herzog von Vendome führte, und wo er dem König vorgestellt wurde, der ihn fragte, warum er, da er die Probe von einer solchen Tapferkeit abgelegt, noch nicht Feldmarschall sei. »»Sire,«« antwortete der Marquis Antoine, »»wenn ich, statt auf der Brücke von Cassano zu ihrer Vertheidigung zu bleiben, an den Hof gekommen wäre, um ein leichtfertiges Weib zu bestechen, so hätte ich mein Avancement und weniger Wunden bekommen.«« Ludwig XIV. liebte es nicht, daß man ihm so antwortete; er wandte auch dem Marquis den Rücken zu. »»Jean Antoine, mein Freund,«« sagte zu diesem, als sie weggingen, Herr von Vendome, »»fortan werde ich Dich dem Feinde, aber nie dem König vorstellen.«« Einige Monate nachher heirathete der Marquis mit seinen sieben und zwanzig Wunden, mit seinem gebrochenen Arme und seinem silbernen Halsband Fräulein von Castellane Norante, mit welcher er zwischen sieben Feldzügen sieben Kinder zeugte. Zuweilen, aber selten, wie die wahren Braven, sprach er von der Affaire von Cassano, und wenn er davon sprach, so pflegte er zu sagen: »»Das ist die Schlacht, wo ich getödtet wurde.««
»Sie sagen mir wohl,« sprach Ludwig XVI. der sich sichtbar an dieser Aufzählung der Vorfahren von Mirabeau ergötzte, »Sie sagen mir wohl, mein lieber Doctor, wie der Marquis getödtet wurde, aber Sie sagen mir nicht, wie er gestorben ist.«
»Er ist gestorben im Schlosse Mirabeau, einem auf einem abschüssigen Felsen liegenden, einen doppelten, beständig vom Nordwinde gepeitschten, Paß versperrenden, herben, harten Aufenthaltsorte; er ist gestorben mit jener gebieterischen, rauhen Rinde, die sich auf der Haut der Riquetti, je mehr sie alt werden, bildet, seine Kinder in der Unterwürfigkeit und in der Ehrfurcht erziehend und sie in einer solchen Entfernung haltend, daß der älteste von seinen Söhnen sagte: »»Ich habe nie die Ehre gehabt, die Hand, die Lippen oder das Fleisch dieses ausgezeichneten Mannes zu berühren.«« Dieser älteste Sohn, Sire, war der Vater des gegenwärtigen Mirabeau, ein wilder Vogel, dessen Nest zwischen vier Thürmchen gemacht war, der sich nie, wie er sagte, enversailliren wollte, weshalb ihm ohne Zweifel Eure Majestät, die ihn nicht kennt, keine Gerechtigkeit widerfahren läßt.«
»Doch, mein Herr,« entgegnete der König, »doch, ich kenne ihn; im Gegentheil, er ist einer der Cheff der ökonomischen Schule. Er hatte Theil an der Revolution, welche in Erfüllung geht, indem er das Signal zu socialen Reformen gab und viele Irrthümer und einige Wahrheiten popularisirte, was um so strafbarer von ihm, als er die Lage vorhersah, er, der sagte: »»Es gibt heute keinen Frauenleib, der nicht einen Artevelle oder einen Masaniello trägt.««
»Sire, es ist in Mirabeau etwas, was Eurer Majestät widerstrebt oder sie erschreckt; lassen Sie mich ihr sagen, daß es der väterliche Despotismus und der königliche Despotismus sind, die Alles dies gethan haben.«
»Der königliche Despotismus!« rief Ludwig XVI.
»Allerdings, Sire; ohne den König vermochte der Vater nichts; denn welches Verbrechen hatte am Ende der Abkömmling dieses großen Geschlechtes begangen, daß ihn sein Vater mit vierzehn Jahren in eine Correctionsschule schickte, wo man ihn, um ihn zu demüthigen, nicht unter dem Namen Riquetti von Mirabeau, sondern unter dem Namen Bussières einschrieb? Was hatte er gethan, daß mit achtzehn Jahren sein Vater einen Geheimbrief gegen ihn erhielt und ihn aus der Insel Ré einsperrte? Was hatte er gethan, daß ihn sein Vater mit zwanzig Jahren in die Reihen eines Disciplinar-Bataillon schickte, um den Krieg in Corsica mitzumachen, mit der Weissagung seines Vaters: »»Er wird sich am 16. April auf der Ebene einschiffen, die sich ganz allein durchfurcht; Gott gebe, daß er dort nicht einen Tag rudere.«« Was hatte er gethan, daß nach einer einjährigen Ehe sein Vater ihn nach Manosque verbannte? Was hatte er gethan, daß nach einer Verbannung von sechs Monaten nach Manosque sein Vater ihn nach dem Fort Joux bringen ließ? Was hatte er endlich gethan, um nach seiner Entweichung in Amsterdam verhaftet und in den Thurm von Vincennes eingesperrt zu werden, wo als ganzer Raum ihm, der in der Welt erstickt, die väterliche Milde in Verbindung mit der königlichen Milde einen Kerker von zehn Quadratfuß gibt, wo fünf Jahre seine Jugend sich heftig bewegt, seine Leidenschaft brüllt, zu gleicher Zeit aber sein Geist wächst und sich erhöht und sein Herz sich stärkt? . . .Was er gethan hatte, will ich Eurer Majestät sagen. Er hatte seinen Professor Poisson durch seine Leichtigkeit, Alles zu lernen und Alles zu begreifen, verführt; er hatte tüchtig an der ökonomischen Wissenschaft angebissen; er hatte, da er die militärische Laufbahn ergriffen, sie fortzusetzen gewünscht; er hatte, aus sechstausend Livres Einkommen mit seiner Frau und einem Kinde beschränkt, ungefähr dreißig tausend Franken Schulden gemacht; er hatte seine Verbannung in Manosque gebrochen, um einen unverschämten Edelmann, der seine Schwester beschimpft, zu prügeln; er hatte endlich, – und das ist sein größtes Verbrechen, Sire, – den Verlockungen einer jungen und hübschen Frau nachgebend, diese Frau ihrem alten, hinfälligen, mürrischen, eifersüchtigen Manne entführt.«
»Ja, mein Herr, und zwar, um sie nachher zu verlassen.« sagte der König; »so daß die unglückliche Frau von Monnier, als sie mit ihrem Verbrechen allein geblieben war, sich den Tod gab.«
Gilbert schlug die Augen zum Himmel aus und stieß einen Seufzer aus.
»Sprechen Sie, was haben Sie hierauf zu antworten, mein Herr, und wie vertheidigen Sie Ihren Mirabeau?«
»Durch die Wahrheit, Sire, durch die Wahrheit, welche so schwer bis zu den Königen dringt, daß Sie, der Sie sie suchen, der Sie sie verlangen, der Sie sie herbeirufen, dieselbe beinahe nie kennen. Nein, Sire, Frau von Monnier ist nicht gestorben, weil Mirabeau sie verlassen, denn als er aus Vincennes herauskam, galt sein erster Besuch ihr. Er tritt als Hausirer verkleidet in das Kloster von Gien, wo sie ein Asyl gefordert hatte, ein; er findet Sophie kalt, gezwungen. Eine Erklärung findet statt; Mirabeau bemerkt, daß Frau von Monnier ihn nicht nur nicht mehr liebt, sondern daß sie sogar einen Andern liebt: den Chevalier von Raucourt. Diesen Andern ist sie, durch den Tod ihres Gatten frei geworden, zu heirathen im Begriffe. Mirabeau ist zu frühe aus dem Gefängniß gekommen; man zählte aus seine Gefangenschaft, man wird sich damit begnügen müssen, daß man seine Ehre tödtet. Mirabeau tritt den Platz seinem glücklichen Nebenbuhler ab, Mirabeau zieht sich zurück; Frau von Monnier ist, wie gesagt, im Begriffe, Herrn von Raucourt zu heirathen: Herr von Raucourt stirbt plötzlich! Die arme Frau hatte ihr ganzes Herz und ihr ganzes Leben in diese letzte Liebe gelegt. Vor einem Monat, am 9. September, schließt sie sich in ihr Cabinet ein und erstickt sich. Dann schrieen die Feinde von Mirabeau, sie sterbe, weil ihr erster Liebhaber sie verlassen, während sie aus Liebe für einen zweiten stirbt . . .. Oh! die Geschichte, die Geschichte, so schreibt man sie!«
»Ah!« sagte der König, »darum hat er also diese Nachricht mit so großer Gleichgültigkeit aufgenommen?«
»Wie er sie ausgenommen, kann ich Eurer Majestät auch sagen, Sire, denn ich kenne denjenigen, welcher sie ihm mitgetheilt hat: es ist eines der Miglieder der Nationalversammlung. Fragen Sie ihn selbst, er wird es nicht wagen zu lügen, denn es ist ein Priester; es ist der Pfarrer von Gien, der Abbé, Vallet; er sitzt auf den Bänken, welche denen entgegengesetzt, wo Mirabeau seinen Platz einnimmt. Er durchschritt den Saal und setzte sich zum großen Erstaunen des Grafen zu diesem. »«Was Teufels wollen Sie hier«« fragte ihn Mirabeau. Ohne zu antworten, übergab ihm der Abbé Vallet einen Brief, der die unselige Kunde in allen ihren Einzelheiten mittheilte. Der Graf öffnete ihn und las lange, denn ohne Zweifel konnte er nicht an das Geschehene glauben. Dann las er ihn zum zweiten Mal, und während dieses zweiten Males entfärbte sich von Zeit zu Zeit sein Gesicht; er fuhr mit seinen Händen über seine Stirne, wischte sich zugleich die Augen ab, hustete, spuckte aus und versuchte es, wieder Herr über sich zu werden. Endlich mußte er nachgeben. Er stand aus, ging hastig hinaus und erschien drei Tage nicht mehr in der Versammlung. . . Oh! Sire, Sire, verzeihen Sie mir, daß ich in alle diese Einzelheiten eingehe; es genügt, ein Mann von gewöhnlichem Genie zu sein, um in allen Punkten und über jede Sache verleumdet zu werden; um so viel mehr, wenn der Mann von Genie ein Riese ist!«
»Warum ist es denn so, Doctor? und welches Interesse hat man, bei mir Herrn von Mirabeau zu verleumden?«
»Welches Interesse man habe, Sire? das Interesse, das jede Mittelmäßigkeit hat, ihren Platz beim Throne zu behalten, Mirabeau ist keiner von den Menschen, die in den Tempel eintreten können, ohne alle Verkäufer daraus zu verjagen. Mirabeau bei Ihnen, Sire, ist der Tod der kleinen Intriguen, die Verbannung der kleinen Intriganten. Mirabeau bei Ihnen ist das Genie, welches der Redlichkeit den Weg vorzeichnet. Was liegt Ihnen daran, daß Mirabeau schlecht mit seiner Frau gelebt hat? Was liegt Ihnen daran, daß Mirabeau Frau von Monnier verführt hat? Was liegt Ihnen daran daß Mirabeau eine halbe Million Schulden hat? Bezahlen Sie diese halbe Million Schulden, Sire; dann fügen Sie diesen fünfmal hundert tausend Franken eine Million, zwei Millionen, zehn Millionen bei, wenn es sein muß! Mirabeau ist frei, lassen Sie Mirabeau nicht entschlüpfen; nehmen Sie ihn, machen Sie einen Rath, einen Minister aus ihm; hören Sie, was seine mächtige Stimme Ihnen sagen wird, und was sie Ihnen gesagt hat, wiederholen Sie Ihrem Volke, Europa, der Welt!«
»Herr von Mirabeau, der Tuchhändler in Aix, geworden ist, um vom Volke ernannt zu werden, Herr von Mirabeau kann seinen Comittenten nicht dadurch lügen, daß er die Partei des Volkes verläßt, um zu der des Hofes überzutreten.«
»Sire, Sire, ich wiederhole Ihnen, Sie kennen Mirabeau nicht: Mirabeau ist ein Aristokrat, ein Adeliger, ein Royalist vor Allem. Er hat sich vom Volke erwählen lassen, weil ihn der Adel verachtete, weil in Mirabeau das erhabene Bedürfniß war, welches die Männer von Genie quält, das Bedürfniß, durch irgend ein Mittel zum Ziele zu gelangen. Er werde die Volkspartei nicht der Hofpartei zu Liebe verlassen, sagen Sie? Ei! Sire, warum gibt es eine Volkspartei und eine Hofpartei? Warum bilden diese zwei Parteien nicht eine? Nun, das wird Mirabeau machen . . .Nehmen Sie Mirabeau, Sire! Durch Ihre Verachtung zurückgestoßen, wird sich Mirabeau morgen vielleicht gegen Sie wenden, und dann, Sire, dann, – ich sage Ihnen das, und dieses Bild von Karl I. wird es Ihnen nach mir sagen, wie dasselbe es Ihnen vor mir gesagt hat, – dann wird Alles verloren sein!«
»Mirabeau werde sich gegen mich wenden, sagen Sie? ist das nicht schon geschehen, mein Herr?«
»Ja, scheinbar vielleicht; doch im Grunde gehört Mirabeau Ihnen. Fragen Sie den Grafen von der Mark, was er ihm gesagt hat nach der Sitzung vom 21. Juni, denn Mirabeau allein liest mit erschrecklichem Scharfsinn in der Zukunft.«
»Nun, was sagt er?«
»Er ringt vor Schmerz die Hände und ruft aus: »»So führt man die Könige zum Schaffot!«« und drei Tage nachher fügt er bei: »»Diese Leute sehen die Abgründe nicht, die sie unter den Schritten der Monarchie graben! Der König und die Königin werden dadurch um das Leben kommen, und das Volk wird über ihren Leichen in die Hände klatschen.««
Der König schauerte, erbleichte, schaute das Portrait von Karl l. An, und schien einen Augenblick bereit, sich zu entschließen, plötzlich aber sagte er:
»Ich werde hierüber mit der Königin reden, vielleicht entschließt sie sich, mit Herrn von Mirabeau zu sprechen; aber ich, ich werde nicht mit ihm sprechen. Ich mag gern den Leuten, mit denen ich rede, die Hand drücken, wie ich die Ihrige in diesem Augenblick drücke, und ich möchte nicht um den Preis meines Thrones, meiner Freiheit, meines Lebens Herrn von Mirabeau die Hand drücken.«
Gilbert wollte etwas erwiedern; vielleicht wollte er weiter in den König dringen, doch in diesem Augenblick trat ein Huissier ein und meldete:
»Sire, die Person, welche Eure Majestät diesen Morgen empfangen soll, ist angekommen und wartet im Vorzimmer.«
Ludwig XVI, machte eine Bewegung der Unruhe, während er Gilbert anschaute.
»Sire.« sagte dieser, »wenn ich die Person, welche Eure Majestät erwartet, nicht sehen soll, so werde ich durch eine andere Thür gehen.«
»Nein, mein Herr,« erwiederte Ludwig XVI., »gehen Sie durch diese; Sie wissen, daß ich Sie für meinen Freund halte und kein Geheimniß für Sie habe; überdies ist die Person, welche ich erwarte, ein einfacher Edelmann, der früher im Hause meines Bruders angestellt war und von diesem mir empfohlen wurde. Er ist ein treuer Diener, und ich will sehen, ob es möglich ist, etwas, wenn nicht für ihn, doch wenigstens für seine Frau und seine Kinder zu thun. – Gehen Sie, Herr Gilbert, Sie wissen, daß Sie stets willkommen sind, so oft Sie mich besuchen wollen, selbst wenn Sie kämen, um von Herrn Riquetti von Mirabeau zu sprechen.«
»Sire,« fragte Gilbert, »muß ich mich also für völlig geschlagen betrachten?«
»Ich habe Ihnen gesagt, mein Herr, ich werde mit der Königin sprechen, ich werde es überlegen; später wollen wir sehen.«
»Später, Sire! von jetzt bis zu diesem Augenblick werde ich zu Gott beten, daß es frühe genug sein möge.«
»Ho! Ho! glauben Sie denn, die Gefahr sei so drohend?«
»Sire,« sprach Gilbert, »lassen Sie nie aus Ihrem Zimmer das Portrait von Karl Stuart wegnehmen, es ist ein guter Rathgeber.«
Und, sich verbeugend, ging er gerade in dem Augenblick weg, wo die vom König erwartete Person bei der Thüre erschien.
Gilbert konnte einen Schrei des Erstaunens nicht zurückhalten, – Dieser Edelmann war der Marquis von Favras, den er acht oder zehn Tage früher bei Cagliostro getroffen, und von welchem dieser ihm einen so erschrecklichen, nahe bevorstehenden Tod verkündigt hatte.
XX
Favras
Während sich Gilbert entfernte, erfaßt von einem unbekannten Schrecken, den ihm nicht die wirkliche Seite, sondern die unsichtbare und geheimnißvolle Seile der Ereignisse einflößte, wurde der Marquis von Favras, wie wir im vorhergehenden Kapitel gesagt haben, bei Ludwig XVI. eingeführt.
Wie es der Doctor gemacht, blieb er bei der Thüre stehen, aber der König, der ihn schon bei seinem Eintritt gesehen, winkte ihm, näher zu kommen.
Favras trat vor, verbeugte sich und wartete ehrfurchtsvoll, daß der König ihn anrede.
Ludwig XVI. heftete auf ihn den forschenden Blick, der einen Theil der Erziehung der Könige zu bilden scheint und mehr oder minder oberflächlich, mehr oder minder tief ist, je nach dem Geiste desjenigen, welcher ihn anwendet.
Thomas Mahi, Marquis von Favras, war ein Edelmann von vornehmer Miene, fünf und vierzig Jahre alt, von eleganter und zugleich fester Tournure, mit einer offenen Physiognomie.
Die prüfende Betrachtung war also günstig für ihn, und etwas wie ein Lächeln schwebte über die Lippen des Königs, die sich schon öffneten, um ihn zu befragen.
»Sie sind der Marquis von Favras, mein Herr?« fragte der König.
»Ja, Sire,« antwortete der Marquis.
»Sie haben mir vorgestellt zu werden gewünscht?«
»Ich habe gegen Seine Königliche Hoheit den Herrn Grafen von Provence den lebhaften Wunsch, meine Huldigung zu den Füßen des Königs niederlegen zu dürfen, ausgedrückt.«
»Mein Bruder hat großes Vertrauen zu Ihnen.«
»Ich glaube es, Sire, und ich gestehe, daß es mein glühender Ehrgeiz ist, Eure Majestät möge dieses Vertrauen theilen.«
»Mein Bruder kennt Sie seit langer Zeit, Herr von Favras . . .«
»Während Eure Majestät mich nicht kennt, ich begreife; aber Eure Majestät wolle mich gnädigst befragen, und in zehn Minuten wird sie mich so gut kennen, als mich ihr erhabener Bruder kennt,«
»Sprechen Sie, Marquis,« sagte Ludwig XVI., während er einen Seitenblick aus das Portrait von Karl Stuart warf, das weder ganz aus seinem Geiste kommen, noch sich ganz aus dem Rayon seines Auges entfernen konnte; »sprechen Sie, ich höre Sie.«
»Eure Majestät wünscht zu wissen? . . .«
»Wer Sie sind und was Sie gethan haben,«
»Wer ich bin, Sire? Die Meldung meines Namens hat es Ihnen gesagt: ich bin Thomas Mahi. Marquis von Favras; geboren in Blois; im Jahre 1745 bin ich mit fünfzehn Jahren bei den Musketieren eingetreten und habe in diesem Corps den Feldzug von 1761 mitgemacht; ich wurde sodann ’Kapitän und Regimentsadjutant im Regimente Belzunce, später Lieutenant der Schweizer der Garde des Herrn Grafen von Provence.«
»Und in dieser Eigenschaft haben Sie meinen Bruder kennen lernen?«
»Sire, ich habe die Ehre gehabt, ihm ein Jahr früher vorgestellt zu werden, so daß er mich schon kannte.«
»Und Sie haben seinen Dienst verlassen?«
»Im Jahre 1775, Sire, um mich nach Wien zu begeben, wo ich meine Frau als einzige und legitime Tochter des Prinzen von Anhalt Schaumburg anerkennen ließ.«
»Ihre Frau ist nie vorgestellt worden, mein Herr?«
»Nein, aber sie hat die Ehre, in diesem Augenblick mit meinem ältesten Sohne bei der Königin zu sein.«
Der König machte eine Bewegung der Unruhe, welche zu besagen schien: »Ah! die Königin ist hierbei.«
Dann, nach einem Augenblick des Stillschweigens, den er dazu anwandte, daß er im Zimmer auf und abging und verstohlen einen Blick aus das Portrait von Karl I. warf, fragte Ludwig XVI.:
»Und sodann?«
»Vor drei Jahren, Sire, bei dem Aufstande gegen den Statthouder, befehligte ich eine Legion und trug für meinen Theil zur Wiederherstellung der Autorität bei; dann warf ich meine Blicke auf Frankreich, und da ich den schlechten Geist sah, der hier Alles zu desorganisieren anfing, so kehrte ich nach Paris zurück, um mein Schwert und mein Leben in den Dienst des Königs zu stellen.«
»Nun, mein Herr, Sie haben in der That traurige Dinge gesehen, nicht wahr?«
»Sire, ich habe die Tage des 5. und 6. October gesehen.«
Der König schien dem Gespräche eine andere Wendung geben zu wollen.
»Und Sie sagen also, Herr Marquis,« fuhr er fort, »mein Bruder der Herr Graf von Provence habe so großes Vertrauen zu Ihnen, daß er Sie mit einem beträchtlichen Anlehen beauftragt?«
Bei dieser Frage hätte derjenige, welcher als Dritter da gewesen wäre, von einer nervösen Erschütterung den Vorhang, der halb den Alcoven schloß, als ob Jemand dahinter verborgen, können zittern und zugleich, Herrn von Favras beben sehen, wie es ein Mensch thut, der auf eine Frage vorbereitet ist, und an den man plötzlich eine andere richtet.
»Ja, Sire, in der That,« erwiederte er, »wenn es ein Zeichen des Vertrauens ist, daß man einem Edelmann Geldinteressen überträgt, so hat mir Seine Königliche Hoheit die Ehre erwiesen, mir dieses Zeichen zu geben.«
Der König wartete aus die Fortsetzung und schaute den Marquis an, als ob die Richtung, die er die Unterredung hatte nehmen lassen, seiner Neugierde viel mehr Interesse böte, als die, welche sie Anfangs gehabt.
Der Marquis fuhr also fort, jedoch als ein in seinen Erwartungen getäuschter Mann:
»Da Seine Königliche Hoheit, die ihrer Einkünfte in Folge der verschiedenen Operationen der Nationalversammlung beraubt war, dachte, der Augenblick sei gekommen, wo es für die Sache ihrer eigenen Sicherheit gut wäre, wenn die Prinzen eine starke Summe zu ihrer Verfügung hätten, so übergab mir Seine Hoheit Verträge.«
»Auf welche Sie Anlehen gefunden haben, mein Herr?«
»Ja, Sire.«
»Eine beträchtliche Summe, wie Sie sagten?«
»Zwei Millionen.«
»Und bei wem?«
Favras zögerte beinahe, dem König zu antworten, so sehr schien ihm das Gespräch aus dem Geleise zu treten und von den großen allgemeinen Interessen zu der Kenntnis, der Privatinteressen überzugehen, von der Politik zur Polizei hinabzusteigen.«
»Ich frage Sie, bei wem Sie entlehnt haben,« wiederholte der König.
»Sire, ich wandte mich Anfangs an die Banquiers Schaumel und Sartorius; weil aber das Negoz scheiterte, so nahm ich meine Zuflucht zu einem fremden Banquier, der, da er Kenntniß vom Wunsche Seiner Königlichen Hoheit bekommen, mir zuerst in seiner Liebe für unsere Prinzen und in seiner Achtung für den König Dienstanerbietungen machen ließ.«
»Ah! . . .Und dieser Banquier heißt?«
»Sire!« sagte zögernd Favras.
»Sie begreifen, mein Herr.« sprach der König, »es ist gut, einen solchen Mann zu kennen, und wäre es nur, um ihm für seine Ergebenheit zu danken, wenn sich eine Gelegenheit dazu bietet.«
»Sire,« antwortete Favras, »er heißt Baron Zannone.«
»Ah!« sagte Ludwig XVI., »es ist ein Italiener!«
»Ein Genueser, Sire.«
»Er wohnt?«
»Sire, er wohnt in Sèvres, gerade gegenüber dem Orte,« fuhr Favras fort, der durch diesen Spornstreich dem rehen Pferde ein wenig Feuer geben wollte, »gerade gegenüber dem Orte, wo der Wagen Eurer Majestäten am 6. October bei der Rückkehr von Versailles anhielt, als die Mörder unter der Anführung von Marat, Verrières und dem Herzog von Aiguillon in der kleinen Schenke beim Pont de Sèvres durch den Coiffeur der Königin die zwei abgeschnittenen Köpfe von Baricourt und Deshuttes frisiren ließen,«
Der König erbleichte, und wenn er in diesem Moment die Augen gegen den Alcoven gedreht hätte, so würde er den Vorhang noch nervöser dieses zweite Mal, als das erste Mal sich haben bewegen sehen.
Dieses Gespräch lastete offenbar aus ihm, und er hätte viel gegeben, wenn er es nicht angeknüpft.
Er beschloß auch, demselben so rasch als möglich ein Ende zu machen,
»Es ist gut, mein Herr,« sagte er, »ich sehe, daß Sie ein treuer Diener des Königthums sind, und ich verspreche Ihnen, Sie bei Gelegenheit nicht zu vergessen.«
Dann machte er eine Geberde mit dem Kopf, welche bei den Fürsten bedeutet: »Ich erweise Ihnen lange genug die Ehre, Sie anzuhören und Ihnen zu antworten, Sie sind ermächtigt, Abschied zu nehmen.«
Favras begriff vollkommen.
»Ich bitte um Verzeihung, Sire,« sprach er, »ich glaubte, Eure Majestät habe mich noch etwas Anderes zu fragen.«
»Nein,« erwiederte der König, den Kopf schüttelnd, als suchte er in der That in seinem Geiste, welche Frage er zu machen habe; »nein, Marquis, das ist Alles, was ich zu wissen wünschte.«
»Sie täuschen sich, mein Herr,« sagte eine Stimme, bei der der König und der Marquis sich nach dem Alcoven umwandten, »Sie wünschten zu wissen, wie der Vorfahre des Herrn Marquis von Favras sich benommen habe, um die Flucht des Königs Stanislaus aus Danzig zu bewerkstelligen und ihn unversehrt bis zur preußischen Grenze zu führen.«
Beide gaben einen Ausruf des Erstaunens von sich: die dritte Person, welche plötzlich, sich in das Gespräch mischend, erschien, war die Königin; die Königin bleich, mit zusammengepreßten, zitternden Lippen; die Königin, welche sich nicht mit den von Favras gegebenen Erläuterungen begnügte und vermuthete, sich selbst überlassen, werde der König es nicht wagen, bis zum Ende zu gehen, war aus der Geheimtreppe und durch den geheimen Gang herbeigekommen, um die Unterredung in dem Augenblick aufzunehmen, wo der König die Schwäche hätte, sie fallen zu lassen.
Dieser Dazwischentritt der Königin und die Art, wie sie das Gespräch wieder aufnahm, indem sie es an die Flucht des Königs Stanislaus anknüpfte, erlaubten übrigens Ludwig XVI. unter dem durchsichtigen Schleier der Allegorie Alles zu hören, selbst die Anerbietungen, welche ihm Favras über seine, des Königs, eigene Flucht machen würde.
Favras seinerseits begriff aus der Stelle, welches Mittel ihm geboten war, seinen Plan zu enthüllen, und obgleich keiner von seinen Ahnen oder von seinen Verwandten zu der Flucht des Königs von Polen beigetragen hatte, beeilte er sich doch, indem er sich verbeugte, zu erwiedern:
»Eure Majestät spricht ohne Zweifel von meinem Vetter, dem General Steinflicht, welcher die Berühmtheit seines Namens dem ungeheuren seinem König geleisteten Dienste verdankt, – ein Dienst, der den glücklichen Einfluß auf das Schicksal von Stanislaus hatte, daß er ihn vor Allen den Händen seiner Feinde entriß und ihn sodann durch eine providentielle Mitwirkung zum Ahnherrn Eurer Majestät machte.«
»So ist es! so ist es! mein Herr,« sagte lebhaft die Königin, während Ludwig XVI., einen Seuszer ausstoßend, das Portrait von Karl Stuart anschaute.
»Wohl denn,« sprach Favras, »Eure Majestät weiß . . . verzeihen Sie, Sire, Eure Majestäten wissen, daß der König Stanislaus, in Danzig frei, aber auf allen Seiten von der moskowitischen Armee eingeschlossen, beinahe verloren war, wenn er sich nicht zu einer raschen Flucht entschloß.«
»Oh! ganz verloren!« unterbrach ihn die Königin, »Sie können sagen, ganz verloren, Herr von Favras.«
»Madame,« sprach Ludwig XVI. mit einer gewissen Strenge, »die Vorsehung, welche über den Königen wacht, bewirkt, daß sie nie ganz verloren sind.«
»Ei! mein Herr,« erwiederte die Königin, »mich dünkt, daß ich ebenso religiös und ebenso gläubig an die Vorsehung bin, als Sie, aber dennoch ist es meine Meinung, daß man sie ein wenig unterstützen muß.«
»Das war auch die Ansicht des Königs von Polen, Sire,« fügte Favras bei, »denn er erklärte seinen Freunden entschieden, da er seine Lage nicht mehr als haltbar erachte und sein Leben in Gefahr glaube, so wünsche er, daß man ihm mehrere Fluchtpläne entwerfe und vorlege. Trotz der Schwierigkeit, wurden drei Pläne angeboten; ich sage, trotz der Schwierigkeit, Sire, weil Eure Majestät bemerken wird, daß es viel schwieriger für den König Stanislaus war, aus Danzig zu entkommen, als es für Sie, zum Beispiel, wäre, wenn es Eurer Majestät in den Sinn käme, aus Paris wegzugehen. Mit einer Postchaise, – wenn Eure Majestät geräuschlos und ohne Aufsehen zu erregen abreisen wollte, – mit einer Postchaise könnte Eure Majestät in einem Tag und in einer Nacht die Grenze erreichen; – oder wenn sie Paris als König verlassen wollte, könnte sie einem Edelmann, den sie mit ihrem Vertrauen beehrte, Befehle geben, dreißigtausend Mann zu sammeln und sie aus dem Palaste der Tuilerien abzuholen. In dem einen oder dem andern Fall wäre das Gelingen sicher, das Unternehmen gewiß.«
»Sire,« sprach die Königin, »was Herr von Favras da sagt, Eure Majestät weiß, daß es die strenge Wahrheit ist.«
»Ja,« erwiederte der König, »aber meine Lage ist entfernt nicht so verzweifelt, als es die des Königs Stanislaus war. Danzig war umgeben von Moskowiten, wie der Marquis sagte; die Festung Weichselmünde, sein letztes Vollwerk, hatte capitulirt, während ich . . .«
»Während Sie,« unterbrach ihn ungeduldig die Königin, »Sie sind mitten unter den Parisern, welche am 14. Juli die Bastille genommen haben, welche in der Nacht vom 5. auf den 6. October Sie ermorden wollten und am Tage des 6. Sie mit Gewalt nach Paris zurückführten, wobei diese Menschen während der ganzen Zeit, welche die Fahrt dauerte, Sie und Ihre Familie beleidigten und beschimpften . . .Ah! es ist wahr, die Lage ist schön und verdient, daß man sie der von König Stanislaus vorzieht!«
»Aber, Madame . . .«
»König Stanislaus risquirte nur das Gefängniß, den Tod vielleicht, indeß wir . . .«
Ein Blick des Königs hielt sie zurück.
»Uebrigens,« fuhr die Königin fort, »Sie sind der Gebieter; Sie haben zu entscheiden.«
Und sie setzte sich ungeduldig dem Portrait von Karl I. gegenüber.
»Herr von Favras,« sagte sie, »ich habe so eben mit der Marquise und Ihrem ältesten Sohne gesprochen; ich habe sie Beide voll Muth und Entschlossenheit gefunden, wie es sich für die Frau und den Sohn eines wackeren Edelmanns geziemt; was auch geschehen mag – angenommen, es geschehe Etwas, – sie können auf die Königin von Frankreich zählen; die Königin von Frankreich wird sie nicht verlassen: sie ist die Tochter von Maria Theresia und weiß den Muth zu schätzen und zu belohnen.«
Gestachelt durch das ungestüme Benehmen der Königin, sprach Ludwig XVI.:
»Mein Herr, Sie sagen, es seien dem König Stanislaus drei Entweichungsmittel vorgeschlagen worden?«
»Ja, Sire.«
»Und diese Mittel waren?«
»Das erste, Sire, war, sich als Bauer zu verkleiden; die Gräfin Chapska, welche vortrefflich Deutsch sprach, erbot sich, – einem Manne sich anvertrauend, den sie erprobt hatte und der das Land ganz genau kannte, – sich als Bäuerin zu verkleiden und ihn für ihren Gatten auszugeben. Das war das Mittel, von dem ich so eben zum König von Frankreich sprach, als ich ihm sagte, wie leicht es für ihn wäre, falls er incognito und nächtlicher Weile fliehen wollte . . .«
»Das zweite?« fragte Ludwig XVI., als sähe er mit Ungeduld auf seine eigene Lage irgend eine Anwendung von der machen, in welcher sich Stanislaus befunden hatte.
»Das zweite, Sire, war, tausend Mann zu nehmen und mit ihnen einen Durchbruch durch die Moskowiten zu wagen; das ist auch dasjenige, welches ich vorhin dem König von Frankreich darbot, indem ich bemerkte, er habe nicht tausend, sondern dreißigtausend Mann zu seiner Verfügung.«
»Herr von Favras, Sie haben gesehen, wozu mir diese dreißigtausend Mann am 14. Juli dienten. Gehen wir zum dritten Mittel über.«
»Das dritte Mittel, das, welches Stanislaus annahm, war, sich als Bauer zu verkleiden und aus Danzig wegzugehen, – nicht mit einer Frau, welche ein Hinderniß auf dem Wege sein konnte, nicht mit tausend Mann, welche alle vom ersten bis zum letzten getödtet werden konnten, ohne daß es ihnen gelänge, einen Durchbruch zu bewerkstelligen, sondern nur mit zwei bis drei sicheren Männern, welche immer und überall durchkommen. Dieses Mittel war von Herrn Monti, dem französischen Gesandten, vorgeschlagen und von meinem Verwandten, dem General Steinflicht, unterstützt.«
»Dieses wurde also angenommen?«
»Ja, Sire; und wenn ein König, der sich in der Lage des Königs von Polen befände oder zu befinden glaubte, sich zu diesem Mittel entschließen und mir gnädigst dasselbe Vertrauen gewähren würde, das Ihr erhabener Ahnherr dem General Steinflicht schenkte, so glaubte ich für ihn bei meinem Kopfe haften zu können, besonders, wenn die Wege so frei wären, wie es die Wege in Frankreich sind, und wenn der König ein so guter Reiter wäre, als es Eure Majestät ist.«
»Allerdings,« sagte die Königin. »Doch in doch Nacht vom 5. auf den 6. October hat mir der König geschworen, nie ohne mich abzureisen und sogar nie einen Plan zur Abreise zu machen, bei dem ich nicht betheiligt wäre; das Wort des Königs ist verpfändet, mein Herr, und der König wird es nicht brechen.«
»Madame,« erwiederte Favras, »das macht die Reise schwieriger, aber nicht unmöglich, und wenn ich die Ehre hätte, eine solche Expedition anzuführen, so wollte ich dafür haften, daß ich den König, die Königin und die königliche Familie unversehrt nach Montmédy oder nach Brüssel brächte, wie der General Steinflicht den König Stanislaus unversehrt nach Marienwerder gebracht hat.«
»Sie hören, Sire!« rief die Königin, »ich glaube, daß mit einem Manne, wie Herr von Favras, Alles zu thun und nichts zu fürchten ist.«
»Ja, Madame,« erwiederte der König, »ich bin auch dieser Ansicht, nur ist der Augenblick noch nicht gekommen.«
»Gut, mein Herr,« versetzte die Königin, »warten Sie, wie es derjenige gethan hat, dessen Portrait uns anschaut, und dessen Anblick, – ich glaubte es wenigstens, – Ihnen einen besseren Rath geben mußte . . .warten Sie, bis Sie genöthigt sind, zu einer Schlacht zu greifen; warten Sie, bis diese Schlacht verloren ist; warten Sie, bis Sie Gefangener sind; warten Sie, bis sich das Schaffot unter Ihrem Fenster erhebt, und dann werden Sie, der Sie heute sagen: »»Es ist zu früh!«« genöthigt sein, zu sagen: »»Es ist zu spät!««
»In jedem Falle, Sire, zu welcher Stunde es sein mag, und bei seinem ersten Worte wird mich der König bereit finden,« sprach Favras, indem er sich verbeugte; denn er befürchtete, seine Gegenwart, welche diesen Conflict zwischen der Königin und Ludwig XVI. herbeigeführt, könnte den König ermüden. »Ich habe nur mein Dasein meinem Souverain bieten, und ich sage nicht, daß ich es ihm biete, ich sage, daß er jeder Zeit das Recht gehabt hat und haben wird, darüber zu verfügen, da dieses Dasein ihm gehört.«
»Es ist gut, mein Herr,« erwiederte der König, »und im erheischenden Falle erneuere ich Ihnen in Betreff der Marguise und Ihrer Kinder das Versprechen, das Ihnen die Königin gegeben hat.«
Diesmal war es ein wirklicher Abschied. Der Marquis war genöthigt, ihn zu nehmen, und wie große Lust er vielleicht auch hatte, zu beharren, ging er doch, da er keine andere Ermuthigunq fand, als den Blick der Königin, sachte rückwärts schreitend ab.
Die Königin folgte ihm mit den Augen, bis der Vorhang vor ihm niedergefallen war.
»Ah! mein Herr,« sprach sie dann, die Hand gegen das Gemälde von Van Dyck ausstreckend, »als ich dieses Bild in Ihr Zimmer hängen ließ, glaubte ich, es werde Sie besser inspiriren.«
Und hochmüthig, als verachtete sie es, das Gespräch zu verfolgen, ging sie auf die Thüre des Alcoven zu; plötzlich aber blieb sie stille stehen und sagte:
»Sire, gestehen Sie, daß der Marquis von Favras nicht die erste Person ist, die Sie diesen Morgen empfangen haben?«
»Nein, Madame, Sie haben Recht; vor dem Marquis von Favras habe ich den Doctor Gilbert empfangen.«
Die Königin bebte.
»Ah!« rief sie, »ich vermuthete es! Und der Doctor Gilbert, wie es scheint . . .«
»Ist meiner Ansicht, daß wir Frankreich nicht verlassen sollen.«
»Da er aber nicht der Ansicht ist, daß wir es verlassen sollen, mein Herr, so gibt er ohne Zweifel einen Rath, der uns den Aufenthalt möglich macht.«
»Ja, Madame, er gibt einen; leider finde ich ihn, wenn nicht schlecht, doch wenigstens unausführbar.«
»Nun, was für ein Ruth ist das?«
»Wir sollen Mirabeau für ein Jahr kaufen.«
»Und um welchen Preis?« fragte die Königin.
»Mit sechs Millionen . . .und einem Lächeln von Ihnen.«
Die Physiognomie der Königin nahm einen tief nachdenkenden Charakter an.
»In der That,« sagte sie, »das wäre vielleicht ein Mittel.«
»Ja, aber ein Mittel, gegen das Sie sich Ihres Theils sträuben würden; nicht wahr, Madame?«
»Ich antworte weder ja, noch nein, Sire,« erwiederte die Königin mit jenem Unglück weissagenden Ausdruck, den der Engel des Bösen seines Sieges sicher annimmt, »man muß das bedenken.«
Dann, während sie sich entfernte, fügte sie leiser bei:
»Und ich werde es bedenken!«
XXI
Wo sich der König mit Familienangelegenheiten beschäftigt
Als der König allein war, blieb er einen Augenblick unbeweglich stehen; dann, als hätte er befürchtet, der Rückzug der Königin sei nur ein verstellter, ging er an die Thüre, durch die sie sich entfernt hatte, öffnete sie und tauchte seinen Blick in die Vorzimmer und Corridors:
Da er nur die Leute vom Dienste erblickte, rief er halblaut.
»François!«
Ein Kammerdiener, der sich, als die Tbüre des königlichen Gemaches geöffnet wurde, erhoben hatte und die Befehle erwartend da stand, näherte sich alsbald und ging, als der König in sein Zimmer zurückgekehrt war, hinter ihm hinein.
»François,« sagte Ludwig XVI., »kennen Sie die Gemächer von Herrn von Charny?«
»Sire,« erwiederte der Kammerdiener, der kein Anderer war, als der, welcher, nach dem 10. August zum König berufen, Memoiren über das Ende seiner Regierung hinterließ; —«Sire, Herr von Charny hat keine Gemächer, er hat nur eine Mansarde oben im Pavillon de Flore.«
»Und warum eine Mansarde einem Officier von diesem Range?«
»Man wollte dem Herrn Grafen etwas Besseres geben, Sire, doch er hat es ausgeschlagen mit der Bemerkung, die Mansarde genüge ihm.«
»Gut. Sie wissen, wo diese Mansarde ist?«
»Ja, Sire.«
»Holen Sie mir Herrn von Charny, ich wünsche ihn zu sprechen.«
Der Kammerdiener ging sogleich ab und stieg in die Mansarde von Herrn von Charny hinauf; er fand ihn auf die Fensterstange gestützt und hinausstarrend auf den Ocean von Dächern, der sich am Horizont in Wellen von Ziegeln und Schiefer verliert.
Zweimal klopfte der Kammerdiener an, ohne daß ihn Herr von Charny, in seine Betrachtungen versunken, hörte; was ihn, da der Schlüssel in der Thüre stak, von selbst, durch den Befehl des Königs ermächtigt, einzutreten bestimmte.
Bei dem Geräusche, das er eintretend machte, drehte der Graf sich um.
»Ah! Sie sind es, Herr Hue,« sagte er; »Sie holen mich im Austrage der Königin?«
»Nein, Herr Graf,« erwiederte der Kammerdiener, »im Austrage des Königs.«
»Im Auftrage des Königs!« versetzte Herr von Charny mit einem gewissen Erstaunen.
»Im Austrage des Königs!« wiederholte der Kammerdiener.
»Es ist gut, Herr Hue; sagen Sie Seiner Majestät, ich sei zu ihren Befehlen.«
Der Kammerdiener zog sich mit der durch die Etiquette gebotenen Steifheit zurück, während ihn Herr von Charny mit jener Höflichkeit, welche der alte und ächte Adel gegen jeden von Seiten des Königs kommenden Mann beobachtet, mochte er nun die silberne Kette am Halse tragen oder mit der Livree bedeckt sein, zur Thüre geleitete.
Als er sich allein sah, preßte Herr von Charny seinen Kopf einen Augenblick zwischen seinen Händen, als wollte er seine verworrenen, aufgeregten Gedanken zwingen, ihren Platz wieder einzunehmen; so bald aber die Ordnung in seinem Gehirne wiederhergestellt war, schnallte er seinen Degen, den er auf ein Fauteuil geworfen, um, nahm seinen Hut unter seinen Arm und ging hinab.
Er fand in seinem Schlafzimmer Ludwig XVI., der, den Rücken dem Gemälde von Van Dyck zugewandt, sich hatte Frühstück serviren lassen.
Der König schaute empor und erblickte Herrn von Charny.
»Ah! Sie da, Herr Graf,« sagte er; »sehr gut. Wollen Sie mit mir frühstücken?«
»Sire, ich bin gezwungen, diese Ehre auszuschlagen, weil ich gefrühstückt habe,« erwiederte der Graf, sich verbeugend.
»In diesem Falle,« sagte Ludwig XVl., »da ich Sie zu mir zu kommen gebeten habe, um von Angelegenheiten, und zwar von ernsten zu sprechen, warten Sie einen Augenblick; ich liebe es nicht, von Angelegenheiten zu reden, wenn ich esse.«
»Ich bin zu den Befehlen des Königs,« erwiederte Charny.
»Dann sprechen wir einstweilen von etwas Anderem, von Ihnen, zum Beispiel.«
»Von mir, Sire? in welcher Hinsicht kann ich es verdienen, daß Eure Majestät sich mit meiner Person beschäftigt?«
»Als ich so eben fragte, wo Ihre Wohnung in den Tuilerien sei, wissen Sie, was mir François geantwortet hat, mein lieber Graf?«
»Nein, Sire.«
»Er hat mir geantwortet, Sie haben die Wohnung, die man Ihnen angeboten, ausgeschlagen und nur eine Mansarde angenommen.«
»Das ist wahr, Sire!«
»Warum dies, Graf?«
»Sire, weil ich es, da ich allein bin und keine andere Bedeutung habe, als die, welche mir die Gunst Ihrer Majestäten geben will, nicht für nützlich erachtet habe, dem Gouverneur des Palastes einer Wohnung zu berauben, während eine einfache Mansarde Alles war, was ich brauchte.«
»Verzeihen Sie, mein lieber Graf, Sie antworten aus Ihrem Gesichtspunkte und als ob Sie immer noch einfacher Officier und Junggeselle wären; doch Sie haben – und, Gott sei Dank, in den Tagen der Gefahr vergessen Sie es nicht – Sie haben einen wichtigen Dienst bei uns; überdies sind Sie verheirathet: was werden Sie mit der Gräfin in Ihrer Mansarde machen?«
»Sire,« antwortete Charny mit einem Ausdruck von Schwermuth, der dem König nicht entging, so wenig zugänglich er für dieses Gefühl war, »ich glaube nicht, daß Frau von Charny mir die Ehre erweist, meine Wohnung mit mir zu theilen, mag sie groß oder klein sein.«
»Aber, Herr Graf, Frau von Charny ist, ohne eine Stelle bei der Königin zu bekleiden, ihre Freundin; die Königin kann, wie Sie wissen, ihrer nicht entbehren, obgleich ich seit einiger Zeit zu bemerken geglaubt habe, es walte zwischen ihnen eine gewisse Erkältung ob; wenn Frau von Charny in den Palast kommt, wo wird sie wohnen?«
»Sire, ich denke nicht, daß ohne einen ausdrücklichen Befehl Eurer Majestät Frau von Charny je wieder in den Palast kommt.«
»Ah, bah!«
Charny verbeugte sich.
»Unmöglich!« sagte der König.
»Eure Majestät wolle mir verzeihen, aber ich glaube dessen, was ich behaupte, sicher zu sein.«
»Nun, das setzt mich weniger in Erstaunen, als Sie sich denken können, mein lieber Graf; ich sagte Ihnen, wie mir scheint, so eben, ich habe die Erkältung zwischen der Königin und ihrer Freundin wahrgenommen.«
»Eure Majestät hat in der That, die Gnade gehabt, dies zu bemerken.«
»Frauengeschmolle! wir werden Alles dies wieder auszugleichen suchen. Mittlerweile scheint es, daß ich mich, ohne es zu wollen, auf eine tyrannische Art gegen Sie benehme, Graf.«
»Wie so, Sire?«
»Dadurch, daß ich Sie nöthige, in den Tuilerien zu bleiben, indeß die Gräfin . . .wo wohnt?«
»In der Rue Coq-Héron, Sire.«
»Ich frage Sie das nach der Gewohnheit, welche die Könige haben, und auch ein wenig, weil ich die Adresse der Gräfin zu wissen wünsche, denn, da ich Paris ebenso wenig kenne, als ob ich ein Russe von Moskau oder ein Oesterreicher von Wien wäre, so weiß ich nicht, ob die Rue Coq-Héron nahe bei den Tuilerien oder fern davon ist.«
»Das Zimmer, Sire,« erwiederte Charny mit demselben schwermüthigen Ausdruck, den der König schon in seiner Stimme bemerkt hatte, »das Zimmer, welches ich in den Tuilerien habe, ist kein einfaches Absteigequartier, – im Gegentheil, es ist eine feste Wohnung, wo man mich zu jeder Stunde des Tages und der Nacht finden wird, wenn Seine Majestät mir die Ehre erweist, mich holen zu lassen.«
»Ho! ho!« rief, indem er sich in seinen Lehnstuhl zurückwarf, der König, dessen Frühstück dem Ende nahe war, »was will das besagen, Herr Graf?«
»Der König wird mich entschuldigen, aber ich begreife nicht sehr gut die Frage, die er an mich zu richten mir die Ehre erweist.«
»Bah! nicht wahr, Sie wissen nicht, daß ich ein guter Mensch bin? ein Vater, ein Gatte vor Allem, und daß ich mich beinahe eben so viel um das Innere meines Palastes, als um das Aeußere meines Königreichs bekümmere?, . . Was soll das bedeuten, mein lieber Graf? nach einer kaum dreijährigen Ehe hat der Herr Graf von Charny eine feste Wohnung in den Tuilerien und die Frau Gräfin eine feste Wohnung in der Rue Coq-Héron!«
»Sire, ich vermöchte Eurer Majestät nichts Anderes zu antworten, als; Frau von Charny wünscht allein zu wohnen,«
»Aber Sie besuchen sie doch alle Tage? . . .Nein . . .zweimal in der Woche? . . .«
»Sire, ich habe nicht das Vergnügen gehabt, Frau von Charny zu sehen, seit dem Tage, wo Euere Majestät mir befohlen, mich nach ihr zu erkundigen.«
»Nun! . . .das sind ja mehr als acht Tage?«
»Es sind zehn, Sire,« erwiederte Charny mit leicht bewegter Stimme.
Der König begriff besser den Schmerz als die Schwermuth, und er faßte in dem Tonausdrucke des Grafen die Nuance einer Gemüthsbewegung auf, die er hatte entschlüpfen lassen.
»Graf.« sprach Ludwig XVl., mit der Gutmüthigkeit, die dem Hauswirth, wie er sich zuweilen selbst nannte, so schön stand, »Graf, daran sind Sie theilweise Schuld.«
»Ich Schuld,« versetzte Charny lebhaft und unwillkürlich erröthend.
»Ja, ja, Sie; bei der Entfremdung einer Frau, und besonders einer so vollkommenen wie die Gräfin, liegt der Fehler immer ein wenig am Mann.«
»Sire!«
»Sie werden mir sagen, das gehe mich nichts an, mein lieber Graf. Und ich, ich antworte Ihnen: »»Doch das geht mich an; ein König vermag Vieles durch sein Wort.«« Selen Sie offenherzig, Sie sind undankbar gegen das arme Fräulein von Taverney gewesen, das Sie so sehr liebt!«
»Das mich so sehr liebt . . .Sire . . .verzeihen Sie, hat Eure Majestät nicht gesagt,« versetzte Charny mit einem leichten Gefühle von Bitterkeit, »Fräulein von Taverney liebe mich sehr?«
»Fräulein von Taverney oder Frau von Charny, das ist ganz dasselbe, denke ich.«
»Ja und nein, Sire.«
»Nun wohl, ich habe gesagt, Frau von Charny liebe Sie, und ich widerrufe nicht.«
»Sire, Sie wissen, daß es nicht erlaubt ist, einen König Lögen zu strafen.«
»Oh! Sie mögen Lügen strafen, so lange Sie wollen, ich verstehe mich hierauf.«
»Und Seine Majestät hat an gewissen, ohne Zweifel für sie allein sichtbaren, Merkmalen wahrgenommen, Frau von Charny liebe mich . . .sehr?«
»Ich weiß nicht, ob die Merkmale für mich allein sichtbar waren, mein lieber Graf; aber ich weiß, daß in der erschrecklichen Nacht vom 5, October, von dem Moment an, wo sie mit uns vereinigt war, die Gräfin Sie nicht eine Secunde aus dem Blicke verloren hat, und daß ihre Augen alle Bangigkeiten ihres Herzens ausdrückten, so daß ich, als die Thüre des Oeil-de-boeuf nahe daran war, eingestoßen zu werden, die arme Frau eine Bewegung machen sah, um sich zwischen Sie und die Gefahr zu werfen,«
Das Herz von Charny schnürte sich zusammen; er hatte bei der Gräfin etwas dem, was der König so eben gesagt, Aehnliches zu erkennen geglaubt; doch jede Einzelheit seiner letzten Zusammenkunst mit Andrée war seinem Geiste zu sehr gegenwärtig, um nicht diese unbestimmte Meinung seines Herzens und diese entschiedene Behauptung des Königs zu überwiegen.
»Und ich bin um so mehr daraus aufmerksam gewesen,« fuhr Ludwig XVI. Fort, »weil schon bei meiner Reise nach Paris, als Sie von der Königin zu mir nach dem Stadthause geschickt wurden, die Königin mir bestimmt sagte, die Gräfin sei beinahe vor Schmerz in Ihrer Abwesenheit und vor Freude bei Ihrer Rückkehr gestorben.«
»Sire.« sprach Charny traurig lächelnd, »Gott hat gestattet, daß diejenigen, welche über uns geboren sind, bei der Geburt und ohne Zweifel als eines der Privilegien ihres Geschlechts den Blick erhalten, der im Grunde der Herzen Geheimnisse aussucht, welche anderen Menschen unbekannt bleiben. Der König und die Königin haben so gesehen: das muß also sein; doch die Schwäche meines Gesichts hat mich anders sehen lassen; darum bitte ich den König, sich nicht zu sehr um diese große Liebe von Frau von Charny für mich zu bekümmern. Will er mich zu einer gefährlichen und entfernten Sendung verwenden, so werden die Abwesenheit oder die Gefahr, meinerseits wenigstens, gleich willkommen sein.«
»Als Sie aber vor acht Tagen die Königin nach Turin schicken wollte, schien es Ihr Wunsch zu sein, in Paris zu bleiben?«
»Ich hielt meinen Bruder für genügend für diese Sendung und wollte mir eine schwierigere oder gefahrvollere vorbehalten.«
»Gerade, mein lieber Graf, weil der Augenblick gekommen ist, Ihnen eine heute schwierige und für die Zukunft vielleicht nicht gefahrlose Sendung anzuvertrauen, sprach ich mit Ihnen von der Vereinzelung der Gräfin, und ich hätte gewünscht, sie bei einer Freundin zu sehen, da ich ihr den Gatten entführe.«
»Ich werde der Gräfin schreiben, Sire, um ihr die guten Gefühle Eurer Majestät mitzutheilen.«
»Wie, Sie werden ihr schreiben! gedenken Sie nicht die Gräfin vor Ihrer Abreise zu besuchen?«
»Ich bin ein einziges Mal bei Frau, von Charny erschienen, ohne sie um Erlaubniß zu bitten, Sire, und nach der Art, wie sie mich empfangen hat, bedürfte es nun, damit ich sie auch nur um diese einfache Erlaubniß bäte, nicht weniger als des ausdrücklichen Befehls Eurer Majestät.«
»Sprechen wir also nicht mehr hierüber; ich werde von Allem dem mit der Königin während Ihrer Abwesenheit reden,« sagte der König, während er vom Tische aufstand,
Dann hustete er zwei bis dreimal mit der Befriedigung eines Menschen, der gut gespeist hat und seiner Verdauung sicher ist, und bemerkte:
»Bei meiner Treue, die Aerzte haben sehr Recht, wenn sie behaupten, jede Sache habe zwei Gesichter, die sie verdrießlich einem leeren Magen und strahlend einem vollen Magen bieten. Treten Sie in mein Cabinet ein, mein lieber Graf, ich fühle mich in der Stimmung, offenherzig mit Ihnen zu sprechen.«
Der Graf folgte Ludwig XVI., während er an das dachte, was zuweilen an Majestät ein gekröntes Haupt durch die materielle und gemeine Seite verliert, welche die stolze Marie Antoinette ihrem Gemahle vorzuwerfen sich nicht erwehren konnte.
XXII
Wo sich der König mit Staatsangelegenheiten beschäftigt
Obgleich der König erst vierzehn Tage in den Tuilerien residirte, waren doch zwei von seinen Gelassen völlig eingerichtet.
Diese zwei Gelasse waren seine Schmiede und sein Cabinet.
Später und bei einer Veranlassung, welche auf das Geschick des unglücklichen Fürsten keinen geringeren Einfluß hatte, als dieses, werden wir den Leser in die königliche Schmiede einführen; für den Augenblick aber haben wir im Cabinet zu thun; treten wir also hinter Charny ein, welcher nun vor dem Schreibtische stand, an den sich der König gesetzt hat.
Dieser Schreibtisch ist beladen mit Karten, geographischen Werken, englischen Journalen und Papieren, unter denen man die von der Handschrift von Ludwig XVI. an der Vielfältigkeit der Zeilen erkennt, welche sie bedecken und weder oben, noch unten, noch am Rande Raum lassen.
Der Charakter offenbart sich in der kleinsten Einzelheit: der sparsame Ludwig XVI. ließ nicht nur nicht das geringste Stück weißes Papier verloren gehen, sondern unter seiner Hand bedeckte sich dieses Stück mit so vielen Buchstaben, als es materiell enthalten konnte.
Charny war in den drei bis vier Jahren, die er in vertrautem Umgang mit dem erhabenen Fürstenpaare lebte, zu sehr an alle diese Details gewöhnt, um die Bemerkungen zu machen, die wir hier bezeichnen. Darum wartete er, ohne daß sich sein Auge auf irgend einen Gegenstand heftete, ehrfurchtsvoll, bis der König das Wort an ihn richtete.
Aber da angelangt, wo er war, schien der König, trotz des zum Voraus angekündigten Vertrauens, in Verlegenheit zu sein, wie er in die Materie eingehen sollte.
Zuerst, und gleichsam um sich Muth zu geben, öffnete er eine Schublade seines Schreibtisches, und in dieser Schublade ein geheimes Fach, zog einige mit Umschlägen bedeckte Papiere heraus, legte sie auf den Tisch und drückte seine Hand darauf.
»Herr von Charny,« sagte er endlich, »ich habe Eines bemerkt . . .«
Er hielt inne und schaute Charny fest an, dieser aber wartete ehrerbietig, bis es dem König gefiele, fortzufahren.
»In der Nackt vom 5. auf den 6, October, als Sie zwischen der Garde der Königin und der meinigen zu wählen hatten, wiesen Sie Ihrem Bruder seinen Platz bei der Königin an und blieben bei mir.«
»Sire,« erwiederte Charny, »ich bin das Haupt der Familie, wie Eure Majestät das Haupt des Staates ist, ich hatte also das Recht, bei Ihnen zu sterben.«
»Das brachte mich auf den Gedanken,« fuhr Ludwig XVI. Fort, »wenn ich jene geheime, schwierige und gefährliche Sendung zu geben hätte, so könnte ich sie Ihrer Loyalität als Franzose, Ihrem Herzen als Freund anvertrauen.«
»Oh! Sire,« rief Charny, »so hoch mich der König erhebt, ich bin nicht so anmaßend, zu glauben, er könne aus mir etwas Anderes machen, als einen treuen und dankbaren Unterthan.«
»Herr von Charny, Sie sind ein ernster Mann, obgleich Sie kaum sechs und dreißig Jahre zählen; Sie machten nicht alle Ereignisse durch, die sich um uns her entrollt, ohne einen Schluß daraus gezogen zu haben . . .Herr von Charny, was denken Sie von meiner Lage, und, wenn Sie mein erster Minister wären, welche Mittel würden Sie mir vorschlagen, um sie zu verbessern?«
»Sire,« antwortete Cbarny mit mehr Zögern als Verlegenheit, »ich bin ein Soldat . . .ein Seemann . . .diese hohen socialen Fragen übersteigen das Maaß meines Verstandes.«
»Mein Herr,« sprach der König, indem er Charny die Hand mit einer Würde reichte, welche plötzlich gerade aus der Lage, in die er sich in diesem Augenblick versetzt hatte, hervorzuspringen schien, »Sie sind ein Mann, und ein anderer Mann, der Sie für seinen Freund hält, fragt Sie ganz einfach, Sie, ein redliches Herz einen gesunden Geist, einen loyalen Unterthan, was Sie an seiner Stelle thun würden.«
»Sire,« erwiederte Charny, »in einer Lage, welche nicht minder ernst als es diese ist, hat mir die Königin eines Tags die Ehre erwiesen, mich um meinen Rath zu fragen; es war am Tage der Einnahme der Bastille: sie wollte gegen die hunderttausend bewaffneten und wie eine Hydra von Eisen und Feuer über die Boulevards und die Straßen des Faubourg Saint Antoine sich hinwälzenden Pariser ihre acht bis zehntausend fremden Soldaten schicken. Wäre ich der Königin weniger bekannt gewesen, hätte sie weniger Ergebenheit und Ehrfurcht in meinem Herzen gesehen, so würde mich meine Antwort ohne Zweifel mit ihr entzweit haben . . .Ach! Sire, muß ich heute nicht befürchten, daß, vom König befragt, meine zu offenherzige Antwort den König verletzt?«
»Was haben Sie der Königin geantwortet?«
»Da Eure Majestät nicht stark genug sei, um als Eroberer in Paris einzuziehen, so müsse sie als Vater einziehen.«
»Nun, mein Herr,« sprach der König, »ist das nicht der Rath, den ich befolgt habe?«
»Gewiß, Sire.«
»Nur fragt es sich, ob ich wohl daran gethan habe, ihn zu befolgen; denn sagen Sie selbst, bin ich diesmal als König oder als Gefangener eingezogen?«
»Sire, erlaubt mir der König mit aller Offenherzigkeit zu sprechen?«
»Thun Sie es, mein Herr; so bald ich Sie um Ihren Rath frage, frage ich Sie zugleich um Ihre Meinung.«
»Sire, ich habe das Mahl von Versailles mißbilligt; Sire, ich habe die Königin flehentlich gebeten, in Ihrer Abwesenheit nicht in’s Theater zu gehen; Sire, ich war in Verzweiflung, als Ihre Majestät die Cocarde der Nation mit Füßen trat, um die schwarze Cocarde, die Cocarde von Oesterreich, aufzustecken.«
»Herr von Charny, glauben Sie, dies sei die wahre Ursache der Ereignisse des 5. und 6. October gewesen?«
»Nein, Sire, aber es war wenigstens der Vorwand. Sire, nicht wahr, Sie sind nicht ungerecht gegen das Volk? das Volk ist gut, das Volk liebt Sie, das Volk ist royalisstisch; doch das Volk leidet, doch das Volk friert, doch das Volk hungert; es hat über sich, unter sich, neben sich schlimme Räthe, die es vorwärts treiben; es geht, es drängt, es wirft nieder, denn es kennt selbst seine Stärke nicht; einmal losgelassen, verbreitet, rollend, ist es eine Ueberschwemmung oder eine Feuersbrunst, es ersäuft oder verbrennt.«
»Wohl denn, Herr von Charny, nehmen Sie an, was sehr natürlich ist, ich wolle weder ersäuft, noch verbrannt werden, was muß ich thun? . . .«
»Sire, Sie müssen der Ueberschwemmung keinen Vorwand geben, sich zu verbreiten, der Feuersbrunst keinen, sich zu entzünden . . .Doch verzeihen Sie, Sire,« sagte Charny inne haltend, »ich vergesse, daß selbst auf einen Befehl des Königs . . .«
»Sie wollen sagen, auf eine Bitte. Fahren Sie fort, Herr von Charny, fahren Sie fort, der König bittet Sie.«
»Sire, Sie haben dieses Volk von Paris gesehen, das so lange seiner Souverains beraubt, so hungerig, sie wiederzusehen; Sie haben es drohend, mordbrennerisch, mörderische in Versailles gesehen, oder Sie haben es wenigstens so zu sehen geglaubt, denn in Versailles war es nicht das Volk. Sie haben es gesehen, sage ich, in den Tuilerien, unter dem doppelten Balcon des Palastes, Sie, die Königin, die königliche Familie grüßend, in Ihre Gemächer eindringend mittelst seiner Deputationen, Deputationen von den Damen der Halle, Deputationen von der Bürgergarde, Deputationen von den Municipalitäten, und diejenigen, welche nicht das Glück hatten, Abgeordnete zu sein, in Ihre Gemächer einzudringen, Worte mit Ihnen zu wechseln, haben Sie an den Fenstern Ihres Speisesaales, durch welche die Mütter, süße Opfergaben! den erhabenen Tischgenossen die Küsse ihrer kleinen Kinder zusandten, sich zusammenschaaren sehen?«
»Ja.« sprach der König, »ich habe Alles dies gesehen, und daher kommt mein Zögern. Ich frage mich: welches ist das wahre Volk, dasjenige, welches brennt und mordet, oder dasjenige, welches liebkost und zujauchzt?«
»Oh! das letzte, Sire, das letzte! Vertrauen Sie diesem und es wird Sie gegen das andere vertheidigen.«
»Graf, Sie wiederholen mir in einer Entfernung von zwei Stunden genau das, was mir diesen Morgen der Doctor Gilbert sagte.«
»Nun, Sire, warum geruhen Sie, da Sie sich bei einem so tiefen, so gelehrten, so ernsten Manne wie der Doctor Raths geholt haben, mich, einen armen Officier, um den meinigen zu fragen?«
»Ich will es Ihnen sagen, Herr von Charny,« erwiederte Ludwig XVI. »Weil ich glaube, daß ein großer Unterschied zwischen Ihnen und dem Doctor stattfindet. Sie sind dem König ergeben, und der Doctor ist nur dem Königthum ergeben.«
»Ich begreife nicht recht, Sire.«
»Ich meine, unter der Bedingung, daß das Königthum das Princip, unversehrt wäre, würde er gern den König, den Menschen, verlassen.«
»Dann spricht Eure Majestät die Wahrheit.« versetzte Charny,«dieser Unterschied findet zwischen uns statt: Sie sind zugleich für mich, Sire, der König und das Königthum. Unter diesem Titel bitte ich Sie also über mich zu verfügen.«
»Vor Allem will ich von Ihnen wissen, Herr von Charny, an wen Sie sich in diesem Augenblick der Ruhe, in welchem wir uns vielleicht zwischen zwei Stürmen befinden, wenden würden, um die Spuren des vergangenen Sturmes zu verwischen und den zukünftigen Sturm zu beschwören?«
»Wenn ich zugleich die Ehre und das Unglück hätte, König zu sein, Sire, so würde ich mich der Rufe erinnern, die meinen Wagen bei meiner Rückkehr von Versailles umgeben haben, und ich würde die rechte Hand Herrn von Lafayette und die linke Herrn von Mirabeau reichen.«
»Graf,« versetzte der König lebhaft, »wie können Sie mir das sagen, Sie, der Sie den Einen verabscheuen und den Andern verachten?«
»Sire, es handelt sich hier nicht um eine Sympathie, es handelt sich um das Heil des Königs und die Zukunft des Königreichs.«
»Gerade dies hat mir auch der Doctor Gilbert gesagt,« murmelte der König, wie mit sich selbst sprechend.
»Sire,« rief Charny, »ich bin glücklich, in meiner Meinung mit einem so erhabenen Manne, wie der Doctor Gilbert, zusammenzutreffen.«
»Sie glauben also, mein lieber Graf, aus der Verbindung dieser zwei Männer können die Ruhe der Nation und die Sicherheit des Königs hervorgehen?«
»Mit der Hilfe Gottes, Sire, würde ich viel von der Verbindung dieser zwei Männer hoffen.«
»Aber wenn ich mir diese Verbindung gefallen ließe, wenn ich zu diesem Vertrag einwilligte und, trotz meines Wunsches, trotz des ihrigen vielleicht, die ministerielle Combination, die sie verbinden soll, scheiterte, was denken Sie, daß ich thun müßte?«
»Ich glaube, daß es, wenn er alle von der Vorsehung in seine Hände gelegte Mittel erschöpft, wenn er alle durch seine Stellung ihm auferlegte Pflichten erfüllt hätte, Zeit wäre, daß der König an seine Sicherheit und die seiner Familie dächte.«
»Dann würden Sie mir vorschlagen, zu fliehen?«
»Ich würde Eurer Majestät vorschlagen, sich mit denjenigen von ihren Regimentern und ihren Edelleuten, auf welche sie zählen zu können glaubte, in eine Festung wie Metz, Straßburg oder Nancy zurückzuziehen.«
Das Gesicht des Königs strahlte.
»Ah! ah!« sagte er, »und von allen den Generalen, die mir Beweise von Anhänglichkeit gegeben haben, sprechen Sie offenherzig, Charny, Sie, der Sie alle kennen, welchem würden Sie den gefährlichen Auftrag, seinen König zu entführen oder zu empfangen, anvertrauen?«
»Oh! Sire, Sire,« erwiederte Charny, »es ist eine schwere Verantwortlichkeit, den König bei einer solchen Wahl zu leiten . . . Sire, ich erkenne meine Unwissenheit, meine Schwäche, meine Ohnmacht . . .Sire, ich verwerfe mich . . .«
»Nun wohl, ich will es Ihnen leicht machen. Die Wahl ist getroffen; zu diesem Manne will ich Sie schicken. Hier ist der Brief geschrieben, welchen Sie ihm zu überreichen beauftragt sein werden; der Name, den Sie mir angeben, wird also keinen Einfluß auf meine Entscheidung haben; nur wird er mir einen treuen Diener mehr bezeichnen, der ohne Zweifel auch Gelegenheit haben wird, seine Treue zu zeigen. Sprechen Sie, Herr von Charny, wenn Sie Ihren König dem Muthe, der Redlichkeit, dem Verstande eines Mannes anzuvertrauen hätten, welchen Mann würden Sie bezeichnen?«
»Sire,« antwortete Charny, »ich schwöre Eurer Majestät, nicht weil Bande der Freundschaft, ich möchte beinahe sagen, der Familie, mich mit ihm verbinden, aber es gibt in der Armee einen Mann, der bekannt ist durch die große Ergebenheit, die er für den König hegt, einen Mann, der als Gouverneur der Inseln unter dem Winde während des amerikanischen Krieges unsere Besitzungen der Antillen sehr wirksam beschützt und selbst den Engländern mehrere Inseln genommen hat, der seitdem mit verschiedenen wichtigen Commandos beauftragt war und zu dieser Stunde, glaube ich, General-Gouverneur der Stadt Metz ist; dieser Mann, Sire, ist der Marquis von Bouillé. – Als Vater würde ich ihm meinen Sohn, als Sohn würde ich ihm meinen Vater, als Unterthan würde ich ihm meinen König anvertrauen!«
So wenig demonstrativ Ludwig XVI. war, er folgte doch mit einer offenbaren Bangigkeit den Worten des Grafen, und man hätte können sein Gesicht immer mehr sich aufklären sehen, je mehr er die Person zu erkennen glaubte, welche Charny mit seinen Worten bezeichnete. Als der Graf endlich den Namen dieser Person aussprach, konnte er sich eines Freudenschreies nicht erwehren.
»Sehen Sie, sehen Sie, Graf,« sprach er, lesen Sie die Adresse dieses Briefes und sagen Sie, ob es nicht die Vorsehung selbst ist, die mir den Gedanken, mich an Sie zu wenden, eingegeben hat!«
Charny nahm den Brief aus den Händen des Königs und las folgende Aufschrift:
An Herrn François Claude Amour,
Marquis von Bouillé, General-Commandanten
der Stadt Metz.
Thränen der Freude und des Stolzes stiegen zu den Augenlidern von Charny empor.
»Sire,« rief er, »ich vermöchte Ihnen hiernach nur noch Eines zu sagen: ich bin bereit, für Eure Majestät zu sterben,«
»Und ich, mein Herr, ich sage Ihnen, daß ich nach dem, das vorgefallen ist, mich nicht mehr für berechtigt halte, Geheimnisse gegen Sie zu haben, weil, wenn die Stunde gekommen ist, Sie es sind, Sie allein, hören Sie wohl? dem ich meine Person, die der Königin und die meiner Kinder anvertrauen werde. Hören Sie mich also wohl an und vernehmen Sie, was man mir vorschlägt und was ich ausschlage.«
Charny verbeugte sich, tiefe Aufmerksamkeit bezeichnend.
»Es ist nicht das erste Mal, Herr von Charny, wie Sie sich wohl denken können, daß mir die Idee kommt, mir und denjenigen, welche mich umgeben, einen Plan dem ähnlich auszuführen, von welchem wir gerade reden. In der Nacht vom 5. aus den 6. October dachte ich darauf, die Königin entweichen zu lassen; ein Wagen hätte sie nach Rambouillet gebracht, ich hätte sie zu Pferde eingeholt, und von dort aus würden wir leicht die Grenze erreicht haben, denn die Wachsamkeit, welche uns heute umgibt, war noch nicht thätig. Der Plan scheiterte, weil die Königin nicht ohne mich abreisen wollte und mich meinerseits schwören ließ, nicht ohne sie zu reisen.«
»Sire, ich war dabei, als dieser fromme Schwur zwischen dem König und der Königin, oder vielmehr zwischen dem Gatten und der Gattin ausgetauscht wurde.«
»Seitdem hat Herr von Breteuil Unterhandlungen mit mir eröffnet, – durch die Vermittelung des Grafen von Innisdal, und vor acht Tagen habe ich einen Brief von Solotburn erhalten.«
Der König hielt inne, und als er sah, daß der Graf stumm und unbeweglich blieb, sagte er;
»Sie antworten nicht, Graf?«
»Sire,« erwiederte Charny sich verbeugend, »ich weiß, daß Herr Baron v. Breteuil der Mann Oesterreichs ist, und ich befürchte, die gerechten Sympathien des Königs in Betreff der Königin seiner Gemahlin und des Kaiser Joseph II. seines Schwagers zu verletzen.«
Der König ergriff die Hand von Charny, neigte sich zu ihm und sagte leise:
»Befürchten Sie nichts, Graf, ich liebe Oesterreich ebenso wenig, als Sie es lieben.«
Die Hand von Charny bebte vor Erstaunen zwischen den Händen des Königs.
»Graf! Graf! wenn ein Mann von Ihrem Werthe sich hingeben, das heißt, sein Leben zum Opfer bringen will für einen andern Mann, der vor ihm nur den traurigen Vorzug hat, König zu sein, so muß er auch denjenigen kennen, für welchen er sich opfert. Graf, ich habe Ihnen gesagt und wiederhole Ihnen, ich liebe Oesterreich nichts ich liebe Maria Theresia nicht, welche uns in den siebenjährigen Krieg verwickelt hat, wobei wir zweimal hundert tausend Mann, zwei Millionen und siebenzehn hundert Meilen Terrain in America verloren haben: welche Frau von Pompadour, eine Prostituirte, ihre Cousine nannte; welche sich ihrer Töchter als diplomatische Agenten bediente; welche durch die Erzherzogin Caroline Neapel regierte; welche durch die Erzherzogin Marie Antoinette Frankreich zu regieren, gedachte.«
»Sire, Sire,« sagte Charny, »Eure Majestät vergißt, daß ich ein Fremder bin, ein einfacher Unterthan des Königs und der Königin von Frankreich!«
Und er unterstrich durch seinen Tonausdruck das Wort Königin, wie wir es mit der Feder unterstrichen haben.
«Ich habe es Ihnen gesagt, Graf,« fuhr der König fort, »Sie sind ein Freund, und ich kann um so offenherziger mit Ihnen reden, als das Vorurtheil, das ich gegen die Königin hatte, zu dieser Stunde völlig aus meinem Geiste verschwunden ist. Aber gegen meinen Willen habe ich eine Frau aus diesem dem Hause Frankreich zweimal feindlich gesinnten Hause empfangen, – feindlich als Lothringen, feindlich als Oesterreich; wider meinen Willen habe ich an meinen Hof jenen Abbé von Vermond, den Lehrer der Königin dem Anscheine nach, den Spion von Maria Theresia in Wirklichkeit, kommen sehen, – diesen Menschen, den ich zwei bis dreimal des Tages mit dem Ellenbogen stieß, dergestalt war er beauftragt, sich zwischen meine Beine zu stecken, und an den ich im Verlaufe von neunzehn Jahren nicht ein einziges Wort richtete; gegen meinen Willen habe ich nach einem zehnjährigen Kampfe Herrn von Breteuil mit dem Departement meines Hauses und dem Gouvernement von Paris beauftragt: gegen meinen Willen habe ich zu meinem ersten Minister den Erzbischof von Toulouse, einen Atheisten, ernannt; gegen meinen Willen endlich habe ich Oesterreich die Millionen bezahlt, die es Holland auspressen wollte. Heute noch, zu dieser Stunde, wo ich mit Ihnen spreche, wer räth, als Nachfolger der todten Maria Theresia, der Königin, wer lenkt sie? Ihr Bruder Joseph II., welcher glücklicher Weise stirbt. Durch wen räth er ihr? Sie wissen es so gut als ich: durch das Organ ebendieses Abbé von Vermond, des Baron von Breteuil und des Gesandten von Oesterreich, Mercy d’Argenteau. Hinter diesem Greise ist ein anderer Greis verborgen, Kaunitz, der siebenzigjährige Minister des hundertjährigen Oesterreich. Diese zwei Alten lenken die Königin von Frankreich durch Mademoiselle Bertin, ihre Putzmacherin, und durch Herrn Leonard, ihren Friseur, denen sie Pensionen bezahlen; und wohin lenken sie sie? Zur Allianz mit Oesterreich! mit Oesterreich, das immer unheilbringend für Frankreich gewesen – als Freund und als Feind, Oesterreich! das einst katholische und devote Oesterreich, das heute abschwört und sich zur Hälfte philosophisch macht unter Joseph II.; das unkluge Oesterreich, das gegen sich sein eigenes Schwert, Ungarn, wendet; das unvorsichtige Oesterreich, das sich durch die belgischen Priester den schönsten Theil seiner Krone, die Niederlande, nehmen läßt: das abhängige Oesterreich, das den Rücken Europa zuwendet, welches es nie aus dem Blicke verlieren sollte, und gegen die Türken, unsere Verbündeten, seine besten Truppen zum Vortheil von Rußland gebraucht. Nein, nein, nein, Herr von Charny, ich hasse Oesterreich, und Oesterreich hassend konnte ich mich ihm nicht anvertrauen.«
»Sire, Sire,« versetzte Charny, »solche vertrauliche Eröffnungen sind sehr ehrenvoll, zugleich aber auch sehr gefährlich für denjenigen, welchem man sie macht! Sire, wenn Sie eines Tags bereuen würden, sie mir gemacht zu haben!«
»Oh! ich befürchte das nicht, und zum Beweise diene, daß ich vollende.«
»Sire, Eure Majestät hat mir befohlen, zu hören, ich höre.«
»Dieser Vorschlag zur Flucht ist nicht der einzige, der mir gemacht worden. Kennen Sie Herrn von Favras?«
»Den Marquis von Favras, den ehemaligen Kapitän im Regiment Belzunce, den ehemaligen Lieutenant bei der Garde von Monsieur? ja, Sire.«
»Das ist er,« sprach der König, indem er einen besondern Nachdruck aus die letzte Qualification legte, »den ehemaligen Lieutenant bei der Garde von Monsieur, Was denken Sie von ihm?«
»Es ist ein braver Soldat, ein wackerer Edelmann; ruinirt zum Unglück, was ihn unruhig macht und zu einer Menge von gefährlichen Versuchen, von wahnsinnigen Projecten antreibt, aber ein Mann von Ehre, Sire, der ohne einen Schritt zurückzuweichen, ohne eine Klage auszustoßen, sterben wird, um das gegebene Wort zu halten. – ein Mann, dem Eure Majestät sich für einen Handstreich anzuvertrauen Recht hätte, der aber, wie ich befürchte, als Haupt eines Unternehmens nichts taugen würde,«
»Das Haupt des Unternehmens ist auch nicht er,« sagte der König mit einer gewissen Bitterkeit; »es ist Monsieur . . .ja, es ist Monsieur, der Geld macht; es Monsieur, der Alles vorbereitet; es ist Monsieur, der, bis zum Ende sich aufopfernd, bleibt, wenn ich abgereist sein werde, reise ich wirklich mit Favras ab.«
Charny machte eine Bewegung.
»Nun! was haben Sie, Graf?« fuhr der König fort. »Das ist nicht die Partei von Oesterreich, das ist die Partei der Prinzen, der Emigranten, des Adels.«
»Sire, entschuldigen Sie mich; ich habe es Ihnen gesagt, ich zweifle weder an der Redlichkeit, noch am Muthe von Herrn von Favras; an welchen Ort Herr von Favras Euer Majestät zu führen verspricht, er wird sie führen, oder in ihrer Vertheidigung unter Weges sterben. Aber warum reist Monsieur nicht mit Eurer Majestät ab? warum bleibt Monsieur?«
»Aus Ergebenheit, und dann auch vielleicht, – für den Fall, daß das Bedürfniß, den König abzusetzen und einen Regenten zu ernennen, sich fühlbar machen würde, – damit das Volk, müde, unnütz einem Regenten nachgelaufen zu sein, seinen Regenten nicht zu fern zu suchen hätte.«
»Sire,« rief Charny, »Eure Majestät sagt mir erschreckliche Dinge.«
»Ich sage, was die ganze Welt weiß, mein lieber Graf, was Ihr Bruder mir gestern schreibt; im letzten Rothe der Prinzen in Turin ist nämlich davon die Rede gewesen, mich abzusetzen und einen Regenten zu ernennen; in demselben Rathe hat Herr von Condé, mein Vetter, den Vorschlag gemacht, gegen Lyon zu marschiren, was auch dem König widerfahren möchte. Sie sehen also, daß ich Favras eben so wenig annehmen kann, als Breteuil, Oesterreich oder die Prinzen. Dies, mein lieber Graf, habe ich Niemand, als Ihnen gesagt, und dies sage ich Ihnen, damit Sie, da Niemand, nicht einmal die Königin, sei es aus Zufall, sei es absichtlich, – Ludwig XVI. betonte besonders die von uns unterstrichenen Worte, – damit Sie, da Niemand, nicht einmal die Königin Ihnen ein Vertrauen bewiesen hat, wie das, welches ich Ihnen zeige, auch Niemand so ergeben seien, wie mir.«
»Sire,« fragte Charny, indem er sich vorbeugte, »soll das Geheimniß meiner Reise vor Jedermann bewahrt werden?«
»Gleichviel, mein lieber Graf, ob man weiß, daß Sie reisen, wenn man nur nicht weiß, in welcher Absicht Sie reisen.«
»Und der Zweck soll Herrn von Bouillé allein enthüllt werden?«
»Herrn von Bouillé allein, und auch ihm nur, nachdem Sie sich seiner Gesinnung wohl versichert haben. Der Brief, den ich Ihnen für den Gouverneur übergebe, ist ein einfacher Einführungsbrief. Sie kennen meine Lage meine Befürchtungen, meine Hoffnungen besser als die Königin, meine Frau, besser als Herr Necker, mein Minister, besser als Herr Gilbert, mein Rath, Handeln Sie dem gemäß, ich lege den Faden und die Schere in Ihre Hände, entrollen Sie oder schneiden Sie ab.«
Hierauf übergab er dem Grafen einen offenen Brief und fügte bei:
»Lesen Sie.«
Der Graf nahm den Brief und las:
Palast der Tuilerien den 29. October.
»Ich hoffe, mein Herr, Sie sind fortwährend mit Ihrer Stellung als Gouverneur von Metz zufrieden. Der Herr Graf von Charny, Lieutenant meiner Garde, der durch diese Stadt reist, wird Sie fragen, ob es in Ihren Wünschen liege, daß ich etwas Anderes für Sie thue; ich würde in diesem Falle die Gelegenheit ergreifen, Ihnen angenehm zu sein, wie ich diese ergreife, Ihnen die Versicherung meiner Hochachtung zu wiederholen.
»Ludwig.«
»Und nun,« sagte der König, »gehen Sie; Sie haben Vollmacht in Betreff der Herrn von Bouillé zu machenden Versprechungen, wenn Sie glauben, es sei nöthig, ihm Versprechungen zu machen; verbinden Sie mich aber nur in dem Maße von dem, was ich halten kann.«
Und er reichte ihm zum zweiten Male die Hand.
Charny küßte diese Hand mit einer Gemüthserschütterung, die ihn neuer Betheuerungen überhob, und er entfernte sich aus dem Cabinet und ließ den König überzeugt zurück; Ludwig XVI. hatte sich auch in der That durch sein Vertrauen das Herz des Grafen besser erworben, als er es durch alle Reichthümer und alle Gunstbezeugungen, über die er in den Tagen seiner Allmacht verfügt, hätte thun können.
XXIII
Bei der Königin
Charny ging, das Herz voll von entgegengesetzten Gefühlen, vom König weg.
Aber das erste von diesen Gefühlen, das, welches aus die Oberfläche dieser stürmisch in seinem Gehirne rollenden Gedankenwogen stieg, war die tiefe Dankbarkeit, die er für das grenzenlose Vertrauen empfand, das der König ihm bezeigt hatte.
Dieses Vertrauen legte ihm in der That Pflichten auf, welche um so heiliger, als sein Gewissen entfernt nicht stumm war bei der Erinnerung an das Unrecht, das er gegen diesen würdigen König hatte, der im Augenblicke der Gefahr seine Hand auf seine Schulter als aus eine treue und redliche Stütze ausstreckte.
Je mehr auch Charny im Grunde seines Herzens sein Unrecht gegen seinen Herrn anerkannte, desto mehr war er bereit, sich für ihn zu opfern.
Und je mehr dieses Gefühl ehrfurchtsvoller Ergebenheit im Herzen des Grafen wuchs, desto mehr nahm das minder reine Gefühl ab, das er Tage, Monate, Jahre lang der Königin gewidmet hatte.
Darum hatte Charny, ein erstes Mal zurückgehalten durch eine unbestimmte Hoffnung, welche mitten unter Gefahren geboren ward, wie jene Blumen, die aus Abstürzen erblühen und mit ihren Wohlgerüchen die Abgründe erfüllen, – eine Hoffnung, die ihn instinktartig zu Andrée zurückgeführt, – nachdem diese Hoffnung verloren war. voll Eifer eine Sendung ergriffen, die ihn vom Hofe entfernte, wo er die doppelte Qual empfand, noch von der Frau geliebt zu werden, die er nicht mehr liebte, und noch nicht geliebt zu werden, – er glaubte es wenigstens – von der Frau, die er schon liebte.
Die Kälte benutzend, welche seit einigen Tagen in seinem Verhältnis, zur Königin eingetreten war, kehrte er nach seinem Zimmer zurück, entschlossen, ihr seine Abreise durch einen einfachen Brief anzukündigen, als er an seiner Thüre Weber fand, der aus ihn wartete.
Die Königin wollte ihn sprechen und wünschte ihn aus der Stelle zu sehen.
Es war nicht möglich, sich diesem Wunsche der Königin zu entziehen.
Die Wünsche der gekrönten Häupter sind Gebote.
Charny gab seinem Kammerdiener einige Befehle, beauftragte ihn, die Pferde an seinen Wagen anspannen zu lassen, und folgte dem Milchbruder der Königin auf dem Fuße.
Marie Antoinette war in einer geistigen Stimmung, welche ganz der von Charny entgegengesetzt; sie hatte sich ihrer Härte gegen den Grafen erinnert, und bei der gleichzeitigen Erinnerung an die aufopfernde Ergebenheit, die er in Versailles gezeigt, beim Anblick, – denn dieser Anblick war ihr stets gegenwärtig, – beim Anblick des quer über den Corridor vor ihrem Zimmer ausgestreckten, mit Blut bedeckten Bruders von Charny fühlte sie etwas wie einen Gewissensbiß, und sie gestand sich selbst, angenommen, Charny habe ihr nur Ergebenheit gezeigt, so habe sie ihm diese Ergebenheit schlecht belohnt.
Aber hatte sie nicht auch das Recht, von Charny etwas Anderes zu verlangen, als Ergebenheit.
Hatte Charny wirklich, wenn sie es wohl überlegte, gegen sie all das Unrecht, was sie ihm aufbürdete?
Mußte sie nicht aus Rechnung der brüderlichen Trauer jene Art von Gleichgültigkeit setzen, die er bei seiner Rückkehr von Versailles an den Tag gelegt? Ueberdies bestand diese Gleichgültigkeit nicht nur auf der Oberfläche, und, eine unruhige Liebende, hatte sie sich vielleicht zu sehr beeilt, Charny zu verurtheilen, als sie ihm die Sendung nach Turin angetragen, um ihn von Andrée zu entfernen, welche Sendung er ausgeschlagen? Ihre erste Bewegung, eine eifersüchtige, schlimme Bewegung, war gewesen, diese Weigerung werde veranlaßt durch die entstehende Liebe des Grafen für Andrée und durch seinen Wunsch, bei seiner Frau zu bleiben; und in der That, dieser, welche um sieben Uhr aus den Tuilerien abgegangen, war zwei Stunden später ihr Gatte bis in ihren Zufluchtsort in der Rue Coq-Héron gefolgt. Doch die Abwesenheit von Charny hatte nicht lange gedauert; auf den Schlag neun Uhr war er ins Schloß zurückgekehrt; dann, sobald er zurückgekehrt war hatte er die aus drei Zimmern bestehende Wohnung, welche man auf Befehl des Königs für ihn in Bereitschaft gesetzt, ausgeschlagen und sich mit der Mansarde begnügt, die für seinen Bedienten bezeichnet gewesen.
Anfangs hatte diese ganze Combination der armen Königin eine Combination geschienen, bei der ihre Eitelkeit und ihre Liebe Alles zu leiden hätten; doch die strengste Nachforschung hatte Charny nicht außerhalb des Palastes ertappen können, angenommen in Angelegenheiten seines Dienstes, und es war völlig erwiesen, in den Augen der Königin, wie in den Augen der anderen Bewohner des Palastes, daß seit seiner Rückkehr nach Paris und seinem Eintritt ins Schloß Charny kaum sein Zimmer verlassen hatte.
Es war andererseits auch erwiesen, daß seit ihrem Abgange aus dem Schlosse Andrée nicht wieder darin erschienen.
Hatten sich Andrée und Charny gesehen, so war es nur eine Stunde, an dem Tage, wo der Graf die Sendung nach Turin ausgeschlagen.
Allerdings hatte während dieser ganzen Periode Charny eben so wenig die Königin zu sehen gesucht; aber würde nicht, statt in dieser Fernhaltung ein Zeichen von Gleichgültigkeit zu erkennen, ein hellsehender Blick darin im Gegentheil einen Beweis von Liebe finden?
Hatte sich nicht Charny, verletzt durch den ungerechten Verdacht der Königin, nicht aus einem Uebermaß von Kälte, sondern aus einem Uebermaß von Liebe beiseit halten können?
Denn die Königin gab selbst zu, daß sie ungerecht und hart gegen Charny gewesen; ungerecht, daß sie ihm zum Vorwurf gemacht, er sei während jener erschrecklichen Nacht vom 5. auf den 6. October beim König geblieben, statt bei ihr zu bleiben, und er habe zwischen zwei Blicken für sie einen für Andrere gehabt; hart, daß sie nicht mit einem zärtlicheren Herzen den tiefen Schmerz getheilt, den Charny beim Anblick seines todten Bruders empfunden.
Es ist übrigens bei jeder tiefen und ächten Liebe so; gegenwärtig, erscheint das Wesen, das der Gegenstand derselben ist, in den Augen von dem Theile, welcher glaubt, er habe sich zu beklagen, mit allen Rauhheiten der Gegenwart. In dieser kurzen Distanz erscheinen alle Vorwürfe, die man ihm machen zu dürfen glaubt, begründet; Mängel des Charakters, Bizarrerien des Geistes, Vergessungen des Herzens, Alles erscheint wie durch ein Vergrößerungsglas; man begreift nicht, warum man so lange diese Liebesdefectuositäten nicht gesehen und sie so lange ertragen hat. Doch der Gegenstand dieser unheilvollen Erforschung entfernt sich freiwillig oder mit Gewalt; kaum ist er entfernt, so verschwinden diese Rauhheiten, welche von nahe verwundeten wie Dorne; die zu harten Umrisse verwischen sich; der zu strenge Realismus fällt unter dem poetischen Hauche der Entfernung und im liebkosenden Blicke der Erinnerung; Man richtet nicht mehr, man vergleicht, man kommt aus sich selbst zurück mit einer Strenge nach Maaßgabe der Nachsicht, die man für den Andern fühlt, von dem man anerkennt, man habe ihn schlecht geschätzt, und das Resultat von dieser ganzen Arbeit des Herzens ist, daß nach einer Abwesenheit von acht bis zehn Tagen die abwesende Person uns theurer und nothwendiger scheint, als je.
Wohl verstanden, wir setzen voraus, daß keine andere Liebe diese Abwesenheit benutzt, um im Herzen den Platz der ersten einzunehmen.
Dies war also die Gesinnung der-Königin in Beziehung auf Charny, als die Thüre sich öffnete und der Graf, der, wie wir gesehen, aus dem Cabinet des Königs kam, in der tadellosen Haltung eines Officiers im Dienste eintrat.
In seiner, immer so tief ehrfurchtsvollen, Haltung lag aber zugleich etwas so Eisiges, was die magnetischen Ausflüsse zurückzustoßen schien, welche bereit waren, aus dem Herzen der Königin hervorzustürzen, um im Herzen von Charny alle die süßen, zärtlichen oder schmerzlichen Erinnerungen aufzusuchen, die sich darin seit vier Jahren aufgehäuft, nach Maaßgabe, wie die abwechselnd langsame oder rasche Zeit aus der Gegenwart die Vergangenheit und aus der Zukunft die Gegenwart gemacht hatte.
Charny verbeugte sich und blieb beinahe auf der Schwelle.
Die Königin schaute umher, als wollte sie sich fragen, welche Ursache den jungen Mann am andern Ende des Gemaches zurückhalte, und als sie sich versichert hatte, der Wille von Charny sei die einzige Ursache seiner Entfernung, sagte sie:
»Treten Sie näher, Herr von Charny, wir sind allein.«
Charny näherte sich. Dann sprach er mit einer sanften, aber zugleich so festen Stimme, daß man unmöglich die geringste Bewegung darin erkennen konnte:
»Hier bin ich zu den Befehlen Eurer Majestät, Madame.«
»Graf,« versetzte die Königin mit ihrem liebevollsten Tone, »haben Sie nicht gehört, daß ich Ihnen sagte, wir seien allein?«
»Doch, Madame,« erwiederte Charny; »aber ich sehe nicht ein, in welcher Hinsicht diese Einsamkeit die Weise ändern kann, in der ein Unterthan mit seiner Fürstin zu sprechen hat.«
»Als ich Sie holen ließ, Graf, und von Weber hörte, Sie folgen ihm, glaubte ich, es wäre ein Freund, welcher käme, um mit einer Freundin zu reden.«
Ein bitteres Lächeln trat leicht aus den Lippen von Charny hervor.
»Ja, Graf,« sprach die Königin, »ich begreife dieses Lächeln, und ich weiß, was Sie sich innerlich sagen. Sie sagen sich, ich sei ungerecht in Versailles gewesen, und in Paris sei ich launenhaft.«
»Ungerechtigkeit oder Laune, Madame,« versetzte Charny, »Alles ist einer Frau erlaubt, um so viel mehr einer Königin.«
»Ei! mein Gott! mein Freund,« sprach Marie Antoinette mit allem Zauber, den sie in ihre Augen und ihre Stimme legen konnte, »Sie wissen wohl Eines: daß, – die Laune mag von der Frau oder von der Königin kommen, – die Königin Sie nicht als Rath, die Frau Sie nicht als Freund entbehren kann.«
Und sie reichte ihm ihre zarte, weiße Hand, welche, wenn auch ein wenig abgemagert, immer noch würdig war, als Modell für einen Bildhauer zu dienen.
Charny nahm diese königliche Hand und schickte sich, nachdem er sie ehrerbietig geküßt, an, sie wieder fallen zu lassen, als er fühlte, daß Marie Antoinette die seinige zurückhielt.
»Nun wohl, ja,« sprach die arme Frau, durch diese Worte aus die Bewegung antwortend, die er gemacht, »nun wohl, ja, ich bin ungerecht, mehr als ungerecht, ich bin grausam gewesen, mein lieber Graf! Sie haben in meinem Dienste einen Bruder verloren, den Sie mit väterlicher Zärtlichkeit liebten; dieser Bruder war für mich gestorben; ich mußte ihn mit Ihnen beweinen; in jenem Moment haben der Schrecken, der Zorn, die Eifersucht, – was wollen Sie, Charny, ich bin Weib! – die Thränen in meinen Augen zurückgehalten . . . Als ich aber allein geblieben, während der zehn Tage, wo ich Sie nicht gesehen, habe ich Ihnen weinend meine Schuld bezahlt, und zum Beweise, schauen Sie mich an, mein Freund, ich weine noch,« fügte Marie Antoinette bei.
Und sie warf leicht ihren schönen Kopf zurück, damit Charny ihre wie Diamanten durchsichtigen Thränen in der Furche, welche der Schmerz in ihren Wangen zu graben anfing, herabrollen sehen könnte.
Ach! hätte Charny wissen können, welche Menge von Thränen denen, die vor ihm floßen, folgen sollte, er wäre ohne Zweifel, von einem ungeheuren Mitleid bewegt, vor der Königin auf die Kniee gefallen und hätte sie um Verzeihung gebeten für das Unrecht, das sie gegen ihn hatte.
Doch die Zukunft ist, durch die Erlaubniß des barmherzigen Gottes, in einen Schleier gehüllt, den keine Hand aufheben, kein Blick vor der Stunde durchdringen kann, und der schwarze Stoff, aus welchem das Geschick den von Marie Antoinette gemacht hatte, schien noch genug mit goldenen Stickereien geschmückt zu, sein, daß man nicht bemerkte, es sei ein Trauerstoff . . .
»Glauben Sie mir, Madame,« sprach Charny, »ich bin sehr dankbar für diese Erinnerung, die sich an mich wendet, und für diesen Schmerz, der sich an meinen Bruder wendet; leider habe ich kaum die Zeit, Ihnen meine Dankbarkeit auszudrücken . . .«
»Wie so, und was wollen Sie hiermit sagen?« fragte Marie Antoinette erstaunt.
»Ich will hiermit sagen, daß ich Paris in einer Stunde verlasse.«
»Sie verlassen Paris in einer Stunde?«
»Ja, Madame.«
»Oh! mein Gott! verlassen Sie uns wie die Andern?« rief die Königin. »Wandern Sie aus, Herr von Charny?«
»Ach!« erwiederte Charny, »Eure Majestät hat mir durch diese grausame Frage bewiesen, daß ich, allerdings ohne mein Wissen, viel Unrecht gegen sie gehabt habe.«
»Verzeihen Sie, mein Freund, Sie sagen mir, Sie reisen ab . . . Warum reisen Sie?«
»Um eine Sendung zu vollbringen, mit welcher mich der König zu beauftragen mir die Ehre erwiesen hat.«
»Und Sie verlassen Paris?« fragte die Königin mit Bangigkeit.
»Ich verlasse Paris, ja, Madame.«
»Auf wie lange?«
»Ich weiß es nicht.«
»Aber vor acht Tagen schlugen Sie eine Sendung aus, wie mir scheint?«
»Das ist wahr, Madame.«
»Warum, nachdem Sie vor acht Tagen eine Sendung ausgeschlagen, nehmen Sie heute eine an?«
»Weil in acht Tagen, Madame, viele Veränderungen in der Existenz eines Menschen und in Folge hiervon in seine Entschließungen eintreten können.«
Die Königin schien eine Anstrengung mit ihrem Willen und zugleich mit den verschiedenen Organen zu machen, welche diesem Willen unterthan und ihn zu übertragen betraut sind.
»Und Sie reisen allein?« fragte sie.
»Ja, Madame, allein.«
Marie Antoinette athmete.
Dann sank sie, wie gelähmt durch die Anstrengung, die sie gemacht, einen Moment auf sich selbst zusammen, schloß die Augen, strich mit ihrem Batisttaschentuch über ihre Stirne und fragte noch:
»Und wohin gehen Sie so?«
»Madame,« erwiederte Charny ehrerbietig, »der König, ich weiß es, hat keine Geheimnisse für Eure Majestät: die Königin frage ihren erhabenen Gemahl sowohl nach dem Zwecke meiner Reise, als nach dem Gegenstande meiner Sendung, und ich bezweifle nicht eine Secunde, daß er ihr Beides sagt.«
Marie Antoinette öffnete die Augen wieder und heftete einen erstaunten Blick auf Charny.
»Warum sollte ich mich aber an ihn wenden, da ich mich an Sie wenden kann?« sagte sie.
»Weil das Geheimnis, das ich in mir trage, das des Königs ist, Madame, und nicht das meinige.«
»Mein Herr,« versetzte Marie Antoinette mit einer gewissen Hoheit, »mir scheint, wenn es das Geheimniß des Königs ist, so ist es auch das der Königin.«
»Ich bezweifle es durchaus nicht, Madame,« erwiederte Charny, indem er sich verbeugte; »darum getraue ich mich auch Eure Majestät zu versichern, der König werde keine Schwierigkeit machen, es ihr anzuvertrauen.«
»Ist aber diese Sendung im Inneren von Frankreich oder nach dem Auslande?«
»Der König allein kann Eurer Majestät hierüber die Aufklärung geben, die sie verlangt.«
»Also,« sprach die Königin mit einem tiefen Schmerze, der für den Augenblick die Oberhand über die Gereiztheit gewann, welche in ihr die Zurückhaltung von Charny verursachte, »also Sie reisen, Sie entfernen sich von mir, Sie werden ohne Zweifel Gefahren preisgegeben sein, und ich werde weder wissen, wo Sie sind, noch welche Gefahren Sie lausen!«
»Madame, wo ich auch sein mag, Sie werden da, wo ich bin, darauf kann ich Ihnen einen Eid schwören, einen getreuen Unterthan, ein ergebenes Herz haben, und welchen Gefahren ich mich auch aussetze, sie werden mir süß sein, da ich mich ihnen für den Dienst der zwei Häupter aussetze, die ich am meisten aus der Welt verehre.«
Und der Graf verbeugte sich und schien, um sich zurückzuziehen, nur die Erlaubniß der Königin zu erwarten.
Die Königin stieß einen Seufzer aus, der einem unterdrückten Schluchzen glich, nahm ihren Hals in die Hand, als wollte sie ihren Thränen wieder in ihre Brust hinabsteigen helfen, und sagte dann:
»Es ist gut, mein Herr, gehen Sie.«
Charny verbeugte sich abermals und ging festen Schrittes nach der Thüre.
Doch in dem Augenblick, wo der Graf die Hand aus den Drücker legte, rief die Königin, die Arme gegen ihn ausstreckend:
»Charny!«
Der Graf bebte und wandte sich erbleichend um.
»Charny,« fuhr Marie Antoinette fort, »kommen Sie hierher!«
Er näherte sich schwankend.
»Kommen Sie hierher, näher,« fügte die Königin bei, »schauen Sie mir in’s Gesicht . . .Nicht wahr, Sie lieben mich nicht mehr?«
Charny fühlte einen ganzen Schauer seine Adern durchlaufen; er glaubte einen Augenblick in Ohnmacht zu sinken.
Es war dies das erste Mal, daß die hochmüthige Frau, die stolze Fürstin sich vor ihm beugte.
Unter allen andern Umständen, in jedem andern Moment wäre er vor Marie Antoinette aus die Kniee gefallen und hätte sie um Verzeihung gebeten: aber die Erinnerung an das, was zwischen ihm und dem König vorgegangen, hielt ihn aufrecht, und alle seine Kräfte zusammenfassend, erwiederte er:
»Madame, nach den Zeichen des Vertrauens und der Güte, mit denen mich der König überhäuft hat, wäre ich wahrhaftig ein Elender; wenn ich Eure Majestät nicht einzig und allein meiner Ergebenheit und meiner Ehrfurcht versichern würde.«
»Es ist gut, Graf,« sprach die Königin, »Sie sind drei, gehen Sie,«
Einen Augenblick war Charny von einem unwiderstehlichen Verlangen, der Königin zu Füßen zu stürzen, erfaßt, doch die unbesiegbare Redlichkeit, die in ihm wohnte, schlug, ohne sie zu vertilgen, die Reste dieser Liebe nieder, die er erloschen glaubte, während sie auf dem Punkte war, sich glühender als je wiederzubeleben.
Er eilte also aus dem Zimmer, eine Hand auf der Stirne, die andere aus seiner Brust, und Worte ohne Folge murmelnd, welche aber, so unzusammenhängend sie waren, wenn die Königin sie gehört hätte, in ein Lächeln des Triumphes die verzweifelten Thränen von Marie Antoinette verwandelt haben würden.
Die Königin folgte ihm mit den Augen, immer in der Hoffnung, er werde sich umwenden und zu ihr kommen.
Doch sie sah die Thüre sich vor ihm öffnen und sich hinter ihm schließen.
Doch sie hörte seine Tritte sich in den Vorzimmern und Corridors entfernen.
Fünf Minuten, nachdem er verschwunden und das Geräusch seiner Tritte erloschen war, schaute und horchte sie noch.
Plötzlich wurde ihre Aufmerksamkeit durch ein neues Geräusch erregt, welches aus dem Hofe kam.
Es war das eines Wagens.
Sie lief an’s Fenster und erkannte den Reisewagen von Charny, der durch den Schweizerhof fuhr und sich durch die Rue du Carousel entfernte.
Sie klingelte Weber.
Weber trat ein.
»Wenn ich nicht Gefangene im Schlosse wäre,« fragte sie, »und ich wollte nach der Rue Coq-Héron gehen, welchen Weg müßte ich nehmen?«
»Majestät,« erwiederte Weber, »Sie müßten durch das Thor des Schweizerhofes gehen und sich nach der Rue du Carousel wenden, sodann der Rue Saint-Honoré folgen, bis . . .«
»Gut . . .genug . . .Er wird ihr Lebewohl sagen,« murmelte sie.
Und nachdem sie einen Augenblick ihre Stirne an die eiskalte Fensterscheibe angelehnt hatte, fuhr sie mit leiser Stimme, jedes Wort zwischen ihren zusammengepreßten Zähnen brechend, fort:
»Oh! ich muß doch wissen, woran ich mich zu halten habe!l«
Dann sprach sie laut:
»Weber, Du wirst nach der Rue Coq-Héron Nr. 9 zu der Frau Gräfin von Charny gehen und ihr sagen, ich wünsche sie heute Abend zu sprechen.«
»Verzeihen Sie,« entgegnete der Kammerdiener, »ich glaubte, Eure Majestät habe schon über ihren Abend zu Gunsten des Herrn Doctor Gilbert verfügt?«
»Ah! es ist wahr,« versetzte zögernd die Königin.
»Was befiehlt Eure Majestät?»
»Bestelle den Doctor ab und ersuche ihn, morgen früh zu kommen.«
Und leise sprach sie:
»Ja, so ist es gut, morgen früh die Politik. Ueberdies könnte die Unterredung, die ich mit Frau von Charny heute Abend zu pflegen gedenke, einigen Einfluß auf die Entschließung haben, die ich fassen werde!«
Und mit der Hand winkend entließ sie Weber.
XXIV
Düsterer Horizont
Die Königin täuschte sich. Charny ging nicht zur Gräfin.
Er begab sich aus die königliche Post, um Postpferde an seinen Wagen spannen zu lassen.
Nur, während man anspannte, trat er beim Postmeister ein, verlangte Feder, Tinte und Papier und schrieb einen Brief an die Gräfin, welchen er dem Bedienten, der seine Pferde zurückführte, zu ihr zu tragen befahl.
Halb aus einem an der Ecke des Kamins im Salon stehenden Canapé liegend, war die Gräfin, die ein Guécidon vor sich hatte, beschäftigt, diesen Brief zu lesen, als Weber nach dem Privilegium der Leute, welche im Auftrage des Königs oder der Königin kamen, ohne vorhergehende Meldung bei ihr eingeführt wurde.
»Herr Weber,« sagte die Kammerfrau, die Thüre öffnend.
Die Gräfin faltete rasch den Brief zusammen, den sie in ihrer Hand hielt, und drückte ihn an ihre Brust, als ob der Kammerdiener der Königin gekommen wäre, um ihn ihr zu nehmen.
Weber entledigte sich seines Auftrages deutsch. Es war immer ein großes Vergnügen für den wackern Mann, die Sprache seiner Heimath zu sprechen, und man weiß, daß Andrée, die das Deutsche in ihrer Jugend gelernt hatte, durch den vertrauten Umgang, in dem sie zehn Jahre mit der Königin gelebt, so weit gekommen war, daß sie das Deutsche wie ihre Muttersprache sprach.
Eine der Ursachen, welche Weber den Abgang von Andrée und ihre Trennung von der Königin hatten besonders bedauern lassen, war diese Gelegenheit, seine Sprache zu sprechen, die der würdige Deutsche hierdurch verlor, gewesen.
Er drang auch sehr lebhaft darauf, – ohne Zweifel in der Hoffnung, aus der Zusammenkunst werde eine Annäherung hervorgehen, – daß unter keinem Vorwande Andrée bei dem Rendezvous, das man ihr gab, fehle, und wiederholte mehrere Male, es sei von der Königin eine Zusammenkunst, die sie mit dem Doctor Gilbert haben sollte, abbestellt worden, damit sie Herrin ihres Abends sei.
Andrée antwortete einfach, sie werde den Befehlen Ihrer Majestät Folge leisten.
Als Weber abgegangen war, blieb Andrée einen Moment unbeweglich und mit geschlossenen Augen, wie eine Person, welche aus ihrem Geiste jeden dem, welcher sie beschäftigt, fremden Gedanken verjagen will, und erst, nachdem es ihr gelungen, wohl in sich selbst zurückzukehren, nahm sie ihren Brief wieder und fuhr fort, denselben zu lesen.
Als sie den Brief gelesen hatte, küßte sie ihn zärtlich und verbarg ihn an ihrem Herzen.
Dann sprach sie mit einem Lächeln voll Traurigkeit:
»Gott beschirme Dich, theure Seele meines Lebens. Ich weiß nicht, wo Du bist, aber Gott weiß es, und meine Gebete wissen, wo Gott ist!«
Hiernach, obgleich es ihr unmöglich war, zu errathen, aus welcher Ursache die Königin nach ihr verlangte, erwartete sie ohne Ungeduld, wie ohne Furcht den Augenblick, sich in die Tuilerien zu begeben.
Nicht dasselbe war bei der Königin der Fall. Gewisser Maßen eine Gefangene im Schlosse, schweifte sie, um ihre Ungeduld abzunützen, vom Pavillon der Flora zum Pavillon Marsan hin und her.
Monsieur half ihr eine Stunde hinbringen. Monsieur war in’s Schloß gekommen, um zu erfahren, wie Favras vom König ausgenommen worden.
Die Königin, welche die Ursache der Reise von Charny nicht kannte und sich diesen Weg der Rettung bewahren wollte, ließ sich für den König viel tiefer ein, als er sich selbst eingelassen hatte, und sagte Monsieur, er möge nur fortfahren, und im gegebenen Augenblick nehme sie Alles auf sich.
Monsieur seinerseits war heiter und voll Vertrauen. Das Anlehen, welches er mit dem genuesischen Banquier, den wir einen Augenblick in seinem Landhause Bellevue gesehen, negocirte, war gelungen, und am Abend vorher hatte ihm Favras die zwei Millionen überbracht, von denen Monsieur Favras nicht hatte bewegen können, mehr anzunehmen, als hundert Louis d’or, die er durchaus brauchte, um die Ergebenheit von zwei Burschen anzufeuchten, auf welche Favras, wie er ihm geschworen, zählen konnte, und die ihn bei der königlichen Entführung unterstützen sollten.
Favras hat Monsieur über diese zwei Menschen näher unterrichten wollen; doch immer vorsichtig, hatte es Monsieur nicht nur ausgeschlagen, sie zu sehen, sondern auch, ihre Namen kennen zu lernen.
Monsieur wurde dafür angesehen, als wüßte er nichts von dem, was um ihn her vorging. Monsieur gab Favras Geld, weil Favras einst bei seiner Person angestellt gewesen war; aber Monsieur wußte nicht und wollte nicht wissen, was Favras mit diesem Gelde machte.
Uebrigens, wie wir schon gesagt haben, im Falle der Abreise des Königs blieb Monsieur. Monsieur hatte den Anschein, als wäre er dem Komplotte ganz fremd. Monsieur schrie, daß ihn seine Familie verlassen; und da Monsieur das Mittel gefunden hatte, sich sehr populär zu machen, so würde äußerst wahrscheinlich, – das Königthum war noch bei den meisten Franzosen eingewurzelt, – so würde äußerst wahrscheinlich, wie Ludwig XVI. zu Charny gesagt hatte, Monsieur zum Regenten ernannt.
Scheiterte die Entführung, so wußte Monsieur von Nichts, oder Monsieur folgte vielmehr mit den fünfzehn bis achtzehnmal hunderttausend Franken baarem Geld, die ihm blieben, nach Turin dem Grafen d’Artois und den Herren Prinzen von Condé.
Als Monsieur weggegangen war, verbrauchte die Königin eine andere Stunde bei Frau von Lamballe. Bis zum Tod ergeben, – man hat es bei Gelegenheit gesehen, – war indessen die arme Prinzessin immer nur der Nothbehelf von Marie Antoinette gewesen, welche sie nach und nach verlassen hatte, um ihre unbeständige Gunst auf Andrée und auf die Damen Polignac zu übertragen. Doch die Königin kannte sie; sie brauchte nur einen Schritt ihrer wahren Freundin entgegen zu machen, und diese machte den übrigen Weg mit offenen Armen und offenem Herzen.
In den Tuilerien und seit der Rückkehr von Versailles bewohnte die Prinzessin von Lamballe den Pavillon de Flore, wo sie den wahren Salon von Marie Antoinette hielt, wie es Frau von Polignac in Trianon that. So oft die Königin einen großen Schmerz oder eine große Unruhe hatte, ging sie zu Frau von Lamballe, – ein Beweis, daß sie sich hier geliebt fühlte. Dann ohne daß sie etwas zu sagen nöthig hatte, ohne nur die sanfte junge Frau zur Vertrauten ihres Schmerzes oder ihrer Unruhe zu machen, legte sie ihren Kopf aus diese lebendige Statue der Freundschaft, und die Thränen, welche den Augen der Königin entströmen, vermischten sich bald mit denen, welche aus den Augen der Prinzessin floßen.
O arme Märtyrin! wer wird es wagen, in der Dunkelheit der Alcoven zu suchen, ob die Quelle dieser Freundschaft rein oder verbrecherisch war, wenn die unerbittliche, erschreckliche Geschichte, mit den Füßen in Deinem Blute, ihm sagen wird, um welchen Preis Du sie bezahlt hast?
Dann nahm das Mittagsmahl eine weitere Stunde hin. Man speiste in Familie mit Madame Elisabeth, Frau von Lamballe und den Kindern.
Beim Mahle waren die zwei erhabenen Tischgenossen sehr in sich gekehrt. Jedes von ihnen hatte ein Geheimniß vor dem Andern:
Die Königin die Sache Favras;
Der König die Sache Bouillé.
Ganz das Gegentheil vom König, der sein Heil lieber Allem, selbst der Revolution zu verdanken haben wollte, als dem Auslande, zog die Königin das Ausland Allem vor.
Uebrigens muß man sagen, das, was wir Franzosen das Ausland nennen, war für die Königin die Familie. Wie hätte sie dieses Volk, das ihre Soldaten tödtete, diese Weiber, die sie in den Höfen von Versailles beschimpft hatten, diese Männer, welche sie in ihren Gemächern ermorden wollten, diese Menge, die sie die Oesterreicherin nannte, in die Wagschale legen können mit den Königen, von denen sie Hilfe forderte, mit Joseph II., ihrem Bruder, mit Ferdinand I., ihrem Schwager, mit Karl IV., ihrem Geschwisterkinde durch den König, mit dem er näher verwandt war, als selbst der König mit den Orleans und den Condé.
Die Königin sah also in dieser Flucht, die sie vorbereitete, das Verbrechen nicht, dessen sie seitdem bezichtigt wurde; sie sah im Gegentheil darin das einzige Mittel, die königliche Würde zu behaupten, und in der Rückkehr mit bewaffneter Hand, auf welche sie hoffte, die einzige Sühnung von der Höhe der Beleidigungen, die ihr widerfahren waren.
Wir haben das Herz des Königs entblößt gezeigt. Er mißtraute den Königen und den Prinzen. Er gehörte entfernt nicht der Königin an, wie Viele geglaubt haben, obgleich er Deutscher durch seine Mutter war; doch die Deutschen betrachten die Oesterreicher nicht als Deutsche.
Nein, der König gehörte den Priestern,
Er bestätigte alle Decrete gegen die Könige, gegen die Prinzen, gegen die Emigranten. Er setzte sein Veto auf das Decret gegen die Priester.
Für die Priester wagte er den 20. Juni, unterstützte er den 10. August, erduldete er den 21. Januar.
Der Papst, der keinen Heiligen aus ihm machen konnte, machte auch einen Märtyrer aus ihm.
Gegen ihre Gewohnheit blieb die Königin an diesem Tage wenig bei ihren Kindern. Sie fühlte wohl, daß sie, da ihr Herz nicht ganz dem König gehörte, zu dieser Stunde nicht das Recht aus Liebkosungen der Kinder hatte. Das Herz der Frau, dieses geheimnißvolle Eingeweide, das die Leidenschaft ausbrütet und die Reue auskriechen macht, kennt allein diese seltsamen Widersprüche.
Die Königin zog sich frühzeitig in ihre Wohnung zurück und schloß sich ein. Sie sagte, sie habe zu schreiben, und stellte Weber als Wache vor ihre Thüre.
Der König bemerkte übrigens wenig von diesem Rückzug, denn er war in seinem Geiste mit den allerdings geringeren, aber doch ernsten Ereignissen beschäftigt, von denen er, durch den Polizeilieutenant so eben in Kenntniß gesetzt, Paris bedroht wußte.
Diese Ereignisse bezeichnen wir hier mit zwei Worten.
Die Nationalversammlung hatte sich, wie wir gesehen, als vom König unzertrennlich erklärt, und sobald der König sich in Paris befand, war sie ihm dahin nachgefolgt.
Bis der für sie bestimmte Saal der Manage zu ihrer Aufnahme bereit war, hatte sie zum Orte ihrer Sitzungen den Saal des erzbischöflichen Palastes gewählt.
Hier hatte sie durch ein Decret den Titel König von Frankreich und Navarra in den König der Franzosen verwandelt.
Sie hatte die königlichen Formeln: »Nach unserem vollen Wissen und unserer Machtvollkommenheit . . .« geächtet, und an ihre Stelle die: »Ludwig durch die Gnade Gottes und das constitutionelle Staatsgesetz« decretirt.
Was bewies, daß die Nationalversammlung, wie alle parlamentarische Versammlungen, deren Tochter oder deren Ahn sie ist, sich oft mit nichtswürdigen Dingen beschäftigte, während sie sich mit sehr ernsten Dingen hätte beschäftigen sollen.
Sie hätte sich zum Beispiel mit der Nahrung von Paris, das buchstäblich Hungers starb, beschäftigen sollen.
Die Rückkehr von Versailles und die Uebersiedelung des Bäckers, der Bäckerin und des Bäckerjungen in die Tuilerien, hatten nicht die erwartete Wirkung hervorgebracht.
Es fehlte fortwährend an Mehl und Brod.
Alle Tage gab es Zusammenschaarungen vor der Thüre der Bäcker, und diese Zusammenschaarungen verursachten große Unordnungen. Wie aber denselben steuern?
Das Versammlungsrecht war geheiligt durch die Erklärung der Menschenrechte.
Doch die Nationalversammlung wußte nichts von Allem dem. Ihre Mitglieder waren nicht genöthigt, vor den Thüren der Bäcker Queue zu machen, und bekam zufällig eines von ihren Mitgliedern während der Sitzung Hunger, so war es sicher, in einer Entfernung von hundert Schritten frische kleine Brode zu finden bei einem Bäcker Namens François, der in der Rue du Marché-Palu, Bezirk von Notre-Dame, wohnte und, da er sechs bis acht Mal im Tage backte, immer eine Reserve für die Herren von der Nationalversammlung hatte.
Der Polizeilieutenant war also beschäftigt. Ludwig XVI. seine Befürchtungen in Betreff dieser Unordnungen mitzutheilen, welche sich an einem schönen Morgen in einen Aufstand verwandeln konnten, als Weber die Thüre des kleinen Cabinets der Königin öffnete und mit halber Stimme meldete:
»Die Frau Gräfin von Charny.«
XXV
Frau ohne Mann. – Liebende ohne Geliebten
Obgleich die Königin selbst Andrée hatte zu sich rufen lassen, obgleich sie folglich die Meldung, die man ihr machte, erwartete, bebte sie doch am ganzen Leibe bei den fünf Worten, welche Weber ausgesprochen.
Die Königin konnte sich nicht verhehlen, daß zwischen ihr und Andrée bei jenem, so zu sagen, vom ersten Tage, wo sie sich als junge Mädchen im Schlosse Taverney gesehen, abgeschlossenen Vertrage ein Austausch von Freundschaft und von Dienstleistungen stattgefunden, bei welchem Marie Antoinette immer die Schuldnerin gewesen.
Nichts aber ist den Königen so lästig, als diese eingegangenen Verbindlichkeiten, besonders wenn sie an den tiefsten Wurzeln des Herzens festhalten.
Hieraus erfolgte, daß die Königin, welche Andrée holen ließ, im Glauben, sie habe ihr große Vorwürfe zu machen, als sie sich von Angesicht zu Angesicht der jungen Frau gegenüber fand, sich nun der Verbindlichkeiten erinnerte, die sie gegen sie hatte.
Was Andrée betrifft, sie war immer dieselbe: kalt, ruhig, rein wie der Diamant, aber auch schockend und unverwundbar wie er.
Die Königin zögerte einen Augenblick, um sich zu besinnen, mit welchem Namen sie die weiße Erscheinung begrüßen sollte, die vom Schatten der Thüre in den Halbschatten des Zimmers überging und allmälig in den Lichtkreis eintrat, den die drei Kerzen des aus dem Tische stehenden Candelabers auswarfen.
Endlich streckte sie die Hand gegen ihre alte Freundin aus und sprach:
»Seien Sie willkommen, heute wie immer, Andrée.«
So stark und so vorbereitet sie in den Tuilerien erschien, so war es doch nun an Andrée, zu beben. Sie hatte in diesen Worten, welche die Königin an sie gerichtet, eine Erinnerung an den Ton erkannt, in dem einst die Dauphine mit ihr sprach.
»Brauche ich Eurer Majestät zu sagen,« erwiederte Andrée, die Frage mit ihrer gewöhnlichen Offenherzigkeit und Bestimmtheit adoptirend, »daß sie, würde sie immer so mit mir gesprochen haben, wie sie es so eben gethan, nicht nöthig gehabt hätte, wenn sie mit mir reden wollte, mich außerhalb des Palastes, den sie bewohnt, holen zu lassen?«
Nichts konnte der Königin besser dienen, als diese Art, aus welche Andrée in die Sache einging; sie nahm sie also wie eine Eröffnung auf, die sie zu benützen gedachte.
»Ach!« sagte sie, »Sie müßten es wissen, Sie, die Sie so schön, so keusch und so rein; Sie, deren Herz kein Haß getrübt bat; Sie, deren Seele keine Liebe verrückt hat; Sie, die die Wolken des Sturmes bedecken und verschwinden machen können wie einen Stern, welcher jedes Mal, wenn der Wind den Sturm fegt, glänzender am Firmament wiedererscheint! alle Frauen, selbst die höchst gestellten, haben nicht Ihre unerschütterliche Seelenruhe; ich aber besonders, die ich Sie um Beistand gebeten, und der Sie ihn so edelmüthig bewilligt . . .«
»Die Königin,« erwiederte Andrée, »spricht von Zeiten, die ich vergessen hatte, und von denen ich glaubte, sie erinnere sich derselben nicht mehr.«
»Die Antwort ist streng, Andrée,« sprach die Königin, »und dennoch verdiene ich sie, und Sie haben Recht, sie mir zu geben; nein, es ist wahr, so lange ich glücklich gewesen bin, habe ich mich Ihrer aufopfernden Ergebenheit nicht erinnert, und zwar vielleicht, weil keine menschliche Macht, nicht einmal die königliche Macht mir ein Mittel bot, mich meiner Schuld gegen Sie zu entledigen; Sie mußten mich für undankbar halten, Andrée; aber vielleicht war das, was Sie für Undank hielten, nur Unvermögen.«
»Ich hätte das Recht, Sie anzuschuldigen,« versetzte Andrée, »würde ich je etwas gewünscht oder verlangt haben, und die Königin hätte sich meinem Wunsche widersetzt und mein Verlangen zurückgewiesen; aber wie soll ich mich beklagen, Madame, da ich nie etwas gewünscht oder verlangt habe?«
»Nun denn! soll ich es Ihnen, sagen, meine liebe Andrée? gerade diese Art von Gleichgültigkeit in Betreff der Dinge dieser Welt erschreckt mich bei Ihnen; ja, Sie scheinen mir ein übermenschliches Wesen zu sein, ein Geschöpf von einer andern Sphäre durch einen Wirbel fortgetragen und unter uns geworfen, wie jene durch das Feuer geläuterten Steine, die, man weiß nicht, aus welcher Sonne fallen . . . Hieraus geht hervor, daß man Anfangs erschrocken ist, über seine Schwäche, wenn man sich derjenigen gegenüber befindet, welche nie schwach gewesen. Hernach aber beruhigt man sich, man sagt sich, die höchste Nachsicht liege in der höchsten Vollkommenheit; an der reinsten Quelle müsse man seine Seele waschen, und in einem Augenblicke tiefen Schmerzes thut man, was ich so eben gethan habe, Andrée, man ruft das übermenschliche Wesen zu sich, dessen Tadel man fürchtete, um es um seinen Trost zu bitten.«
»Ach! Madame,« erwiederte Andrée, wenn dies wirklich die Sache ist, die Sie von mir verlangen, so befürchte ich sehr, das Resultat entspricht der Erwartung nicht.«
»Andrée! Andrée! Sie vergessen, bei welchem erschrecklichen Umstande Sie mich schon unterstützt und getröstet haben!« sagte die Königin.
Andrée erbleichte sichtbar. Als sie die Königin schwankend und die Augen geschlossen sah, wie Jemand, dessen Kraft entschwindet, machte sie eine Bewegung mit dem Arme und mit der Hand, um sie aus dasselbe Canapé zu ziehen, auf welchem sie saß; Andrée, widersetzte sich aber und blieb stehen.
»Madame,« sprach sie, »wenn Eure Majestät Mitleid mit ihrer getreuen Dienerin hätte, so würde sie ihr Erinnerungen ersparen, die von sich zu entfernen ihr beinahe gelungen war; es ist eine schlechte Trösterin, diejenige, welche von Niemand einen Trost verlangt, nicht einmal von Gott, weil sie bezweifelt, ob Gott selbst die Macht hat, bei gewissen Schmerzen zu trösten.«
Die Königin heftete auf Andrée ihren klaren, tiefen Blick.
»Gewisse Schmerzen!« sagte sie; »Sie haben also noch andere Schmerzen, als die, welche Sie mir anvertraut?«
Andrée antwortete nicht.
»Sprechen Sie,« fuhr die Königin fort, »die Stunde, uns zu erklären, ist gekommen, und ich habe Sie zu diesem Ende zu mir rufen lassen. Sie lieben Herrn von Charny?«
Andrée wurde bleich wie eine Todte, blieb aber stumm.
»Sie lieben Herrn von Charny?« wiederholte die Königin.
»Ja,« antwortete Andrée.
Die Königin stieß einen Schrei aus wie eine verwundete Löwin.
»Oh!« rief sie, »ich vermuthete es! . . .Und seit wann lieben Sie ihn?«
»Seit der ersten Stunde, wo ich ihn gesehen habe.«
Die Königin wich erschrocken vor dieser Marmorstatue zurück, welche gestand, daß sie eine Seele besitze.
»Oh!« sprach sie, »und Sie haben geschwiegen?«
»Sie wissen es besser, als irgend Jemand, Madame.«
»Und warum dies?«
»Weil ich bemerkt habe, daß Sie ihn liebten.«
»Wollen Sie denn sagen, daß Sie ihn mehr liebten, als ich ihn liebte, da ich nichts gesehen habe?«
»Ah!« versetzte Andrée mit Bitterkeit, »Sie haben nichts gesehen, weil er Sie liebte, Madame!«
»Ja . . .und ich sehe nun, weil er mich nicht mehr liebt. Das wollen Sie sagen, nicht wahr?«
Andrée blieb stumm.
»So antworten Sie doch!« fuhr die Königin fort, indem sie Andrée nicht mehr bei der Hand, sondern beim Arme faßte; »gestehen Sie, daß er mich nicht mehr liebt!«
Andrée antwortete weder durch ein Wort, noch durch eine Geberde, noch durch ein Zeichen.
»Wahrhaftig,« rief die Königin, »das ist um zu sterben! . . . Aber tödten Sie mich doch auf der Stelle, indem Sie mir sagen, daß er mich nicht mehr liebt! . . .Nicht wahr, er liebt mich nicht mehr?«
»Die Liebe oder die Gleichgültigkeit des Herrn Grafen von Charny sind seine Geheimnisse; es ist nicht meine Sache, sie zu entschleiern,« erwiederte Andrée.
»Oh! seine Geheimnisse . . .nicht die Geheimnisse von ihm allein; denn ich setze voraus, daß er Sie zur Vertrauten genommen hat!« sprach die Königin mit Bitterkeit.
»Nie hat mir der Herr Graf von Charny ein Wort von seiner Liebe für Sie oder von seiner Gleichgültigkeit gegen Sie gesagt.«
»Nicht einmal diesen Morgen?«
»Ich habe den Herrn Grafen von Charny diesen Morgen nicht gesehen.«
Die Königin heftete aus Andrée einen Blick, der in die tiefste Tiefe ihres Herzens zu dringen suchte.
»Wollen Sie sagen, Sie wissen nichts von der Abreise des Grafen?«
»Ich will das nicht sagen.«
»Woher ist Ihnen aber diese Abreise bekannt, wenn Sie Herrn von Charny nicht gesehen haben?«
»Er hat mir geschrieben, um sie mir mitzutheilen.«
»Ah!« rief die Königin, »er hat Ihnen geschrieben?«
Und wie Richard III. in einem äußersten Augenblick ausgerufen: »Ein Königreich für ein Pferd!« so war Marie Antoinette nahe daran, zu rufen: »Meine Krone für diesen Brief!«
Andrée begriff diesen glühenden Wunsch der Königin; aber sie wollte sich die Freude machen, ihre Nebenbuhlerin einen Augenblick in der Angst zu lassen.
»Und dieser Brief, den Ihnen der Graf in der Stunde seiner Abreise geschrieben hat . . .ich bin überzeugt, Sie haben ihn nicht bei sich?«
»Sie irren sich, Madame,« erwiederte Andrée, »hier ist er.«
Und sie zog aus ihrer Brust den von ihrer Wärme lauen und von ihrem Wohlgeruche duftenden Brief und reichte ihn der Königin.
Diese nahm ihn schauernd, preßte ihn einen Augenblick zwischen ihren Fingern, da sie nicht wußte, ob sie ihn behalten oder zurückgeben sollte, und schaute Andrée mit zusammengezogenen Brauen an; dann warf sie fern von sich alles Zögern und sagte:
»Oh! die Versuchung ist zu stark.«
Und sie öffnete den Brief, neigte sich gegen das Licht des Candelabers und las wie folgt:
»Madame,
»Ich verlasse Paris in einer Stunde auf den ausdrücklichen Befehl des Königs.
»Ich kann Ihnen nicht sagen, wohin ich gehe, warum ich reise, noch wie lange ich von Paris abwesend sein werde; lauter Dinge, an denen Ihnen wahrscheinlich sehr wenig gelegen ist, welche Ihnen mitzutheilen ich indessen wohl ermächtigt zu sein gewünscht hätte.
»Einen Augenblick hatte ich die Absicht, mich zu Ihnen zu begeben, um Ihnen meine Abreise mündlich anzukündigen, aber ich wagte es nicht, dies ohne Ihre Erlaubniß zu thun . . .«
Die Königin wußte, was sie zu wissen wünschte, sie wollte den Brief Andrée zurückgeben, doch diese, als hätte sie zu befehlen, und nicht zu gehorchen gehabt, sprach:
»Gehen Sie bis zum Ende, Madame.«
Die Königin las weiter:
»Ich habe die letzte Sendung, die man mir angeboten, ausgeschlagen, weil ich armer Narr damals glaubte, irgend eine Sympathie halte mich in Paris zurück; seitdem habe ich aber leider den Beweis vom Gegentheil erlangt, und ich ergriff mit Freuden diese Gelegenheit, mich von den Herzen zu entfernen, denen ich gleichgültig bin.
»Sollte es mir während dieser Reise ergehen, wie dem unglücklichen Georges, so sind alle meine Maßregeln getroffen, Madame, daß Sie zuerst von dem Unglück, das mir widerfahren, und von der Freiheit, die Ihnen zurückzugeben wäre, unterrichtet werden. Dann erst Madame, werden Sie erfahren, welche tiefe Bewunderung in meinem Herzen Ihre erhabene Ergebenheit entstehen gemacht hat, die so schlecht belohnt wurde von derjenigen, welcher Sie, jung, schön und geboren, um glücklich zu sein, Jugend, Schönheit und Glück geopfert.
»Alles, was ich mir dann von Gott und von Ihnen erbitte, ist, daß Sie ein Andenken bewilligen dem Unglücklichen, der so spät den Werth des Schatzes, den er besaß, erkannt hat.
»Alle Ehrsurcht des Herzens,
»Graf Olivier von Charny.«
Die Königin reichte den Brief Andrée, die ihn diesmal wieder nahm, und ließ mit einem Seufzer an ihrer Seite ihre träge, beinahe leblose Hand hinabfallen.
»Nun, Madame,« fragte Andrée, »sind Sie verrathen? habe ich, ich sage nicht das Versprechen, das ich Ihnen geleistet, denn ich habe Ihnen nie ein Versprechen geleistet, sondern das Vertrauen verletzt, das Sie in mich gesetzt?«
»Verzeihen Sie mir, Andrée,« erwiederte die Königin. »Oh! ich habe so sehr gelitten! . . .«
»Sie haben gelitten! . . .Sie wagen es, vor mir zu sagen, Sie haben gelitten, Madame! Und ich, was soll ich dann sagen? . . .Oh! ich werde nicht sagen, ich habe gelitten, denn ich will nicht ein Wort gebrauchen, dessen sich eine andere Frau schon bedient hat, um denselben Gedanken zu bezeichnen. Nein, ich müßte ein neues, unbekanntes, unerhörtes Wort haben, welches der Inbegriff aller Schmerzen, der Ausdruck aller Qualen wäre . . .Sie haben gelitten . . . und dennoch, Madame, haben Sie nicht den Mann, den Sie liebten, gleichgültig gegen diese Liebe, auf den Knieen und sein Herz in den Händen, einer andern Frau sich zuwenden sehen; Sie haben nicht Ihren Bruder, der eifersüchtig aus diese andere Frau, welche er in der Stille und wie ein Heide seine Gottheit anbetete, sich mit dem Manne, den Sie liebten, sich schlagen sehen; Sie haben nicht den Mann, den Sie liebten, durch Ihren Bruder aus eine Art verwundet, die man einen Augenblick für tödtlich hielt, in seinem Delirium nur nach dieser andern Frau rufen hören, deren Vertraute Sie waren; Sie haben nicht diese andere Frau wie einen Schatten durch die Corridors schlüpfen sehen, wo Sie selbst umsonst wachten, um diese Töne des Deliriums zu hören, welche bewiesen, daß eine wahnsinnige Liebe, wenn sie auch nicht über das Leben hinausreichte, diese doch wenigstens bis an die Schwelle des Grabes begleitete; Sie haben diesen Mann nicht, durch ein Wunder der Natur und der Wissenschaft ins Leben zurückkehrend, sich aus seinem Bette erheben sehen, um Ihrer Nebenbuhlerin zu Füßen zu fallen, . . Ihre Nebenbuhlerin, ja, Madame, denn in der Liebe mißt man nach der Größe der Liebe die Gleichheit der Rangstufen; Sie haben sich hernach nicht, in Ihrer Verzweiflung, mit fünfundzwanzig Jahren in ein Kloster zurückgezogen und zu den eisigen Füßen eines Crucifixes die Liebe, die Sie verzehrte, auszulöschen gesucht; dann, eines Tags, als Sie nach einem Jahre von Gebeten, von Schlaflosigkeiten, von Fasten, von ohnmächtigen Wünschen, von Schmerzensschreien, die Flamme, die Sie verzehrte, nicht gelöscht, wohl aber eingeschläfert zu haben glaubten, haben Sie nicht diese Nebenbuhlerin, Ihre alte Freundin, welche nichts begriffen, nichts errathen hatte, Sie in Ihrer Einsamkeit aussuchen sehen, um Sie zu bitten . . .was? . . .um Sie im Namen einer alten Freundschaft, welche die Leiden nicht hatten schwächen können, im Namen ihres Heiles als Gattin, im Namen der gefährdeter, königlichen Majestät zu bitten, die Frau zu werden . . .von wem? . . .von diesem Manne, den Sie seit drei Jahren anbeteten! – Frau ohne Gatten, wohlverstanden, ein einfacher Schleier zwischen die Blicke der Menge und das Glück Anderer geworfen, wie ein Tuch zwischen einem Leichname und der Welt ausgebreitet wird; Sie haben nicht, beherrscht, nicht durch das Mitleid, die eifersüchtige Liebe hat keine Barmherzigkeit, – und Sie wissen das wohl, Madame, Sie, die Sie mich geopfert! Sie haben nicht, beherrscht durch die Pflicht die ungeheuere Aufopferung angenommen; Sie haben nicht den Priester Sie fragen hören, ob Sie zum Gatten einen Mann nehmen, der nie Ihr Gatte sein werde; Sie haben nicht gefühlt, wie Ihnen dieser Mann an den Finger einen goldenen Ring steckte, der, das Pfand eines ewigen Bundes, für Sie nur ein leeres, bedeutungsloses Symbol war; Sie haben nicht eine Stunde nach der Trauungsfeierlichkeit Ihren Gatten verlassen, um ihn nur als Liebhaber Ihrer Nebenbuhlerin wiederzusehen! . . .Ah! Madame! Madame! die abgelaufenen drei Jahre sind drei grausame Jahre, das sage ich Ihnen!«
Die Königin hob ihre kraftlose Hand auf, um die Hand von Andrée zu suchen.
Andrée zog die ihrige zurück.
»Ich, ich hatte nichts versprochen,« sagte sie, »und dies habe ich gehalten; Sie, Madame,« fuhr die junge Frau fort, die sich zur Anklägerin machte, »Sie hatten mir zwei Dinge versprochen.«
»Andrée! Andrée!« rief die Königin.
»Sie hatten mir versprochen, Herrn von Charny nicht wiederzusehen; ein Versprechen, das um so heiliger war, als ich es nicht von Ihnen verlangte.«
»Andrée!«
»Dann hatten Sie mir versprochen, – oh! diesmal schriftlich, – Sie hatten mir versprochen, mich wie eine Schwester zu behandeln; ein Versprechen, das um so heiliger war, als ich nicht darum nachgesucht hatte.«
»Andrée!«
»Muß ich Sie an die Worte dieses Versprechens erinnern, das Sie mir in einem feierlichen Augenblick geleistet, in einem Augenblick, wo ich Ihnen mein Leben . . .mehr als mein Leben . . .meine Liebe . . . das heißt, mein Glück auf dieser Welt und mein Heil in der andern geopfert hatte . . .Ja, mein Heil in der andern, denn man sündigt nicht nur durch Handlungen, Madame, und wer sagt mir, der Herr werde mir meine wahnsinnigen Begierden, meine gottlosen Wünsche vergeben? Nun wohl! in jenem Augenblick, wo ich Ihnen Alles geopfert, haben Sie mir ein Billet übergeben; dieses Billet sehe ich noch, jeder Buchstabe flammt vor meinen Augen; dieses Billet war in folgenden Worten abgefaßt:
»Andrée, Sie haben mich gerettet! Meine Ehre kommt mir von Ihnen zu, mein Leben gehört Ihnen! Im Namen dieser Ehre, die Sie so viel gekostet, schwöre ich Ihnen, daß Sie mich Ihre Schwester nennen können. Versuchen Sie es, Sie werden mich nicht erröthen sehen.
»Ich lege diese Schrift in Ihre Hand; es ist das Pfand meiner Dankbarkeit; es ist die Mitgift, die ich Ihnen schenke.
»Ihr Herz ist das edelste von allen Herzen; es wird mir Dank wissen für das Geschenk, das ich Ihnen biete.
»Marie Antoinette.«
Die Königin stieß einen Seufzer kleinmüthiger Niedergeschlagenheit aus.
»Ja, ich begreife,« sagte Andrée, »weil ich dieses Billet verbrannte, glaubten Sie, ich habe es vergessen? . . .Nein, nein, Madame, Sie sehen, daß ich jedes Wort behalten habe, und je mehr Sie sich nicht mehr desselben zu entsinnnen schienen, desto mehr erinnerte ich mich.«
»Oh! verzeih mir, verzeih mir, Andrée . . .Ich glaubte, er liebe Dich.«
»Sie glaubten also, es sei ein Gesetz des Herzens, daß er, wenn er Sie weniger liebe, Madame, eine Andere lieben müsse?«
Andrée hatte so viel gelitten, daß sie ebensalls grausam wurde.
»Sie auch, Sie haben also auch bemerkt, er liebe mich weniger?« sagte die Königin mit einem Ausdruck des Schmerzes.
Andrée antwortete nicht. Sie schaute nur die Königin erstaunt an, und etwas wie ein Lächeln trat aus ihre Lippen.
»Aber was soll ich thun, mein Gott, was soll ich thun, um diese Liebe, das heißt mein Leben, das entschwindet, zurückzuhalten? Oh! wenn Du das weißt, Andrée, meine Schwester, meine Freundin, sage es mir, ich flehe Dich an, ich beschwöre Dich! . . .« rief die Königin.
Und sie streckte ihre beiden Hände gegen Andrée aus.
Andrée wich einen Schritt zurück.
»Kann ich das wissen, Madame,« erwiederte sie, »ich, die er nie geliebt hat?«
»Ja, aber er kann Dich lieben . . .Eines Tages kann er Dir aus den Knieen Abbitte thun, er kann Dich um Verzeihung anflehen für Alles, was er Dich hat leiden lassen; und, mein Gott! die Leiden sind so schnell in den Armen desjenigen, welchen man liebt, vergessen! Die Verzeihung ist so rasch demjenigen, welcher uns hat leiden lassen, bewilligt!«
»Wohl denn! kommt dieses Unglück, – ja das wäre wahrscheinlich ein Unglück für Beide, Madame; – vergessen Sie, daß ich, ehe ich die Frau von Charny würde, ihm ein Geheimniß mitzutheilen, ein Geständniß zu machen hätte, ein erschreckliches Geheimniß, ein gräßliches Geständniß, welches auf der Stelle diese Liebe, die Sie fürchten, tödten würde? Vergessen Sie, daß ich ihm zu erzählen hätte, was ich Ihnen erzählt habe?«
»Sie würden ihm sagen, Sie seien von Gilbert entehrt worden? . . . Sie würden ihm sagen, Sie haben ein Kind?«
»Ja, wahrhaftig, Madame,« erwiederte Andrée, »für wen halten Sie mich denn, daß Sie einen solchen Zweifel offenbaren?«
Die Königin athmete.
»Sie würden also nichts thun, um es zu versuchen, Herrn von Charny zu Ihnen zurückzuführen?« fragte sie.
»Nein, Madame, ebenso wenig in der Zukunft, als ich in der Vergangenheit etwas gethan habe.«
»Werden Sie ihm nicht sagen, werden Sie ihn nicht vermuthen lassen, daß Sie ihn lieben?«
»Wenn er nicht kommt und mir sagt, er liebe mich, nein, Madame.«
»Und wenn er Ihnen sagt, er liebe Sie, wenn Sie ihm sagen, Sie lieben ihn, Sie schwören mir . . .«
»Oh! Madame,« unterbrach Andrée die Königin.
»Ja,« sprach die Königin, »ja, Sie haben Recht, Andrée, meine Schwester, meine Freundin, und ich bin ungerecht, anspruchsvoll, grausam. Oh! doch wenn Alles mich verläßt, Freunde, Macht, Ruf, dann möchte ich wenigstens, daß diese Liebe, der ich Ruf, Macht, Freunde opfern würde, mir bliebe.«
»Und nun, Madame,« sagte Andrée mit der eisigen Kälte, welche sie nicht einen Augenblick verlassen halte, als sie von den von ihr ausgestandenen Qualen sprach; »haben Sie noch über einen andern Gegenstand Auskunft zu verlangen . . .haben Sie mir einige neue Befehle zu ertheilen?«
»Nein, ich danke. Ich wollte Ihnen meine Freundschaft wiedergeben, und Sie schlagen Sie aus . . .Leben Sie wohl, Andrée; nehmen Sie wenigstens meine Dankbarkeit mit.«
Andrée machte mit der Hand eine Geberde, welche dieses zweite Gefühl ebenso zurückzustoßen schien, wie sie das erste zurückgestoßen hatte, und nach einer kalten, tiefen Verneigung ging sie langsam und stillschweigend wie eine Erscheinung hinaus.
»Oh! Du hast sehr Recht, Eiskörper, Demantherz, Feuerseele, daß Du weder meine Dankbarkeit, noch meine Freundschaft willst; ich fühle es, – und ich bitte den Herrn deshalb um Verzeihung – ich hasse Dich, wie ich nie einen Menschen gehaßt habe . . .denn wenn er Dich nicht liebt . . .oh! ich bin fest überzeugt, er wird Dich eines Tags lieben!, . .«
Dann rief sie Weber und fragte ihn:
»Weber, hast Du Herrn Gilbert gesehen?«
»Ja, Eure Majestät,« antwortete der Kammerdiener.
»Um welche Stunde wird er morgen früh kommen?«
»Um zehn Uhr, Madame.«
»Es ist gut, Weber; sage meinen Frauen, ich werde heute Abend ohne sie zu Bette gehen, und leidend und müde wie ich bin, wünsche ich, daß man mich morgen bis zehn Uhr schlafen lasse . . .Die erste und einzige Person, die ich empfange, wird der Doctor Gilbert sein.«
XXVI
Der Bäcker François
Wir werden es versuchen, zu schildern, wie diese Nacht für die zwei Frauen verlief.
Erst um neun Uhr finden wir die Königin wieder, die Augen durch die Thränen geröthet, die Wangen durch die Schlaflosigkeit gebleicht. Um acht Uhr, das heißt bei Tagesanbruch, denn man befand sich in der traurigen Jahreszeit, in der die Tage kurz und düster sind, um acht Uhr hatte sie das Bett verlassen, wo sie vergebens während der ersten Stunden der Nacht Ruhe gesucht, und wo sie während der letzten nur einen fieberhaften, bewegten Schlaf gesunden.
Seit einigen Augenblicken, obgleich nach den gegebenen Befehlen Niemand in ihr Zimmer zu treten wagte, hörte sie um ihre Wohnung das Hin- und Herlaufen, das plötzliche Gelärme und das anhaltende Geräusch, was anzeigt, daß außen etwas Ungewöhnliches vor sich geht.
In diesem Augenblick war die Toilette der Königin beendigt; die Pendeluhr schlug die neunte Stunde.
Mitten unter allen diesen verworrenen Geräuschen, welche in den Gängen zu laufen schienen, hörte sie die Stimme von Weber Stillschweigen fordern.
Sie rief dem getreuen Kammerdiener.
Auf der Stelle hörte jedes Geräusch auf.
Die Thüre öffnete sich.
»Was gibt es denn, Weber?« fragte die Königin; »was geht denn im Schlosse vor, und was bedeuten alle diese Geräusche?«
»Majestät,« erwiederte Weber, »es scheint, es ist Lärmen aus der Seite der Cité.«
»Lärmen!« versetzte die Königin, »und aus welchem Anlaß?«
»Man weiß es noch nicht, Majestät, doch man sagt, es bilde sich ein Ausstand wegen des Brodes.«
Früher wäre der Königin der Gedanke nicht gekommen, es gebe Leute, welche Hungers sterben; aber seitdem sie aus der Fahrt von Versailles den Dauphin Brod von ihr hatte fordern hören, ohne daß sie ihm geben konnte, begriff sie, was die Hungersnoth war.
«Arme Leute!« murmelte sie, indem sie sich der Worte, die sie aus dem Wege gehört, und der Erklärung erinnerte, die ihr Gilbert von diesen Worten gegeben hatte. »Arme Leute! sie sehen nun wohl, daß es weder die Schuld des Bäckers, noch die der Bäckerin ist, wenn sie kein Brod haben.«
Dann fragte sie laut:
»Und befürchtet man, es werde ernst?«
»Ich vermöchte es Eurer Majestät nicht zu sagen. Nicht zwei Berichte gleichen sich,« erwiederte Weber.
»Nun denn!« sprach die Königin, »lauf bis zur Cité, Weber, das ist nicht weit von hier; sieh mit Deinen Augen, was vorgeht, und komm und melde es mir.«
»Und der Herr Doctor Gilbert?« fragte der Kammerdiener.
»Sage Campan oder Misery, daß ich ihn erwarte, und die Eine oder die Andere wird ihn bei mir einführen.«
In dem Augenblick aber, wo Weber zu verschwinden im Begriffe war, rief ihm die Königin nach:
»Schärfe den Leuten ein, daß sie den Doctor nicht warten lassen, Weber; er, der von Allem unterrichtet ist, wird uns erklären, was vorgeht.«
Weber verließ das Schloß, erreichte das Pförtchen des Louvre, eilte auf die Brücke, und geleitet durch das Geschrei, der Woge folgend, die gegen den erzbischöflichen Palast rollte, kam er aus den Notre-Dame-Platz.
Je mehr er gegen das alte Paris vorgerückt war, desto mehr war die Menge angewachsen, desto lebhafter war das Geschrei geworden.
Unter diesem Geschrei oder vielmehr unter diesem Gebrülle hörte man von jenen Stimmen, wie man sie nur am Himmel an Sturmtagen und aus der Erde an Revolutionstagen hört; man vernahm Stimmen, welche riefen:
»Das ist ein Aushungerer! Tödtet ihn! tödtet ihn! An die Laterne!«
Und Tausende von Stimmen, welche nicht einmal wußten, wovon die Rede war, und unter denen man die der Weiber unterschied, wiederholten im Vertrauen und in der Erwartung von einem der Schauspiele, die das Herz der Menge immer vor Freude springen machen:
»Das ist ein Aushungerer! Tödtet ihn! An die Laterne!«
Plötzlich fühlte sich Weber von einer von jenen heftigen Erschütterungen getroffen, wie sie bei einer großen Menschenmasse stattfinden, wenn sich eine Strömung bildet, und er sah durch die Rue Chanoinesse eine menschliche Woge, einen lebendigen Katarakt kommen, in dessen Mitte sich ein unglücklicher bleicher Mensch in zerrissenen Kleidern zerarbeitete.
Auf ihn hatte es all dieses Volk abgesehen; gegen ihn erhoben sich alle diese Schreie, all dies Gebrülle, alle diese Drohungen.
Ein einziger Mann vertheidigte ihn gegen diese Menge; ein einziger Mann bildete einen Damm gegen diesen menschlichen Strom.
Dieser Mann, der eine Ausgabe des Mitleids unternommen hatte, welche die Kräfte von zehn Menschen, von zwanzig Menschen, von hundert Menschen überstieg, war Gilbert.
Allerdings fingen Einige aus der Menge, die ihn erkannt hatten, an zu rufen:
»Es ist der Doctor Gilbert, ein Patriot, der Freund von Herrn Lafayette und von Herrn Bailly. Hören wir den Doctor Gilbert.«
Auf diese Rufe fand einen Augenblick ein Halt statt, etwas wie jene vorübergehende Stille, die sich aus den Wellen zwischen zwei Windstößen ausbreitet.
Weber benützte dies, um sich einen Weg bis zu dem Doctor zu bahnen.
Es gelang ihm mit großer Mühe.
»Herr Doctor Gilbert,« sagte der Kammerdiener.
Gilbert wandte sich nach der Seite um, woher die Stimme kam.
»Ah! Sie sind es, Weber?« versetzte der Doctor.
Dann winkte er ihn zu sich und sagte ihm leise:
»Gehen Sie und melden Sie der Königin, ich werde vielleicht später kommen, als sie mich erwartet. Ich bin beschäftigt, einen Menschen zu retten.«
»Oh! ja, ja!« rief der Unglückliche, der diese letzten Worte hörte, »nicht wahr, Sie werden mich retten, Doctor?« . . .Sagen Sie ihnen, ich sei unschuldig, sagen Sie ihnen, meine Frau sei guter Hoffnung . . .Ich schwöre Ihnen, daß ich kein Brod verborgen habe, Doctor.«
Doch als hätten diese Klage und diese Bitte den halb erloschenen Zorn und Haß wieder in Brand gesteckt, verdoppelte sich das Geschrei, und die Drohungen suchten sich in Tätlichkeiten zu verwandeln.
»Meine Freunde,« rief Gilbert, mit einer übermenschlichen Stärke gegen die Wüthenden kämpfend, »dieser Mensch ist ein Franzose, ein Bürger wie Ihr; man kann, man darf einen Menschen nicht umbringen, ohne ihn zu hören. Führt ihn zum Districte, und hernach wird man sehen.«
»Ja!« riefen einige Stimmen, welche denjenigen gehörten, die den Doctor erkannt hatten.
»Herr Gilbert,« sagte der Kammerdiener der Königin, »halten Sie fest. Ich will die Officiere vom District benachrichtigen . . . der District ist nur ein paar Schritte entfernt; in fünf Minuten werden sie hier sein.«
Und er entschlüpfte und verschwand durch die Menge, ohne nur die Gutheißung von Gilbert abzuwarten.
Fünf bis sechs Personen waren indessen dem Doctor zu Hilfe gekommen und hatten aus ihren Leibern eine Art Verschanzung für den Unglücklichen gemacht.
Dieser Wall, so schwach er war, hielt für den Augenblick die Mörder im Zaume, welche indessen mit ihrem Geschrei die Stimme des Doctors und die der guten Bürger, die sich ihm angeschlossen hatten, zu bedecken fortfuhren.
Zum Glück entsteht nach fünf Minuten eine Bewegung in der Menge, ein Gemurmel folgt daraus, und dieses Gemurmel übersetzt sich durch die Worte:
»Die Officiere vom District! die Officiere vom District!«
Vor den Officieren vom District verstummen die Drohungen, tritt die Menge zurück. Die Mörder haben wahrscheinlich das Losungswort noch nicht.
Man führt den Unglücklichen nach dem Stadthause.
Er hat sich an den Doctor angehängt, er hält ihn beim Arme, er will ihn nicht loslassen.
Wer ist nun dieser Mensch?
Wir wollen es Ihnen sogleich sagen.
Es ist ein armer Bäcker Namens Denis François, derselbe, dessen Namen wir schon ausgesprochen, und der die kleinen Brode den Herren von der Nationalversammlung lieferte.
Am Morgen ist eine Frau in sein Magazin in der Rue du Marché-Palu in dem Augenblick eingetreten, wo er sein sechstes Geback8 Brod ausgetheilt hat und das siebente zu bereiten anfängt.
Die alte Frau fordert einen Laib Brod.
»Es ist keiner mehr da,« antwortet François, »aber wartet aus mein siebentes Geback, und Ihr sollt zuerst bedient werden.«
»Ich will sogleich Brod haben,« entgegnet die Frau; »hier ist Geld.«
»Wenn ich Euch sage, daß keines mehr da ist . . .« versetzt der Bäcker.
»Laßt mich sehen.«
»Oh! tretet ein, seht, sucht, das ist mir ganz lieb.«
Die alte Frau tritt ein, sucht, riecht, durchstöbert, öffnet einen Schrank und findet in diesem Schranke drei altbackene Brodlaibe, jeden von vier Pfund, welche die Knechte für sich aufbewahrt hatten.
Sie nimmt einen, geht ab, ohne zu bezahlen, und aus die Reclamation des Bäckers wiegelt sie das Volk auf und schreit, François sei ein Aushungerer, und er verberge die Hälfte von seinem Geback.
Der Rus Aushungerer bezeichnete zu einem beinahe gewissen Tod denjenigen, welcher der Gegenstand desselben war.
Ein ehemaliger Dragoner-Werber, genannt Fleur d’Epine, der in einer Schenke gegenüber trank, tritt aus dieser Schenke und wiederholt mit einer weingrünen Stimme den von der Alten ausgestoßenen Schrei.
Bei diesem doppelten Geschrei läuft das Volk brüllend herbei, erkundigt sich, erfährt, wovon die Rede ist, wiederholt die ausgestoßenen Schreie, stürzt nach der Bude des Bäckers, überwältigt die vier Mann Wache, welche die Polizei vor seine Thüre, wie vor die seiner Zunftgenossen gestellt hatte, verbreitet sich im Magazin, und findet außer den zwei von der Alten zurückgelassenen und denuncirten altgebackenen Laiben Brod zehn Dutzend frische kleine Brode, welche für die Deputirten, die ihre Sitzungen im erzbischöflichen Palaste, das heißt, hundert Schritte von François, halten, reservirt worden waren.
Von da an ist der Unglückliche verurtheilt; es ist nicht mehr eine Stimme, es sind hundert Stimmen, es sind tausend Stimmen, welche schreien: »Auf den Aushungerer!«
Eine ganze Menge brüllt: »An die Laterne!«
In diesem Augenblick wird der Doctor Gilbert, der von einem Besuche bei seinem Sohne zurückkommt, den er wieder zum Abbé Bérardier, ins Collége Louis le Grand, geführt hatte, durch den Lärmen herbeigezogen; er sieht ein ganzes Volk, das den Tod eines Menschen verlangt, und eilt diesem Menschen zu Hilfe.
Hier hatte er mit ein paar Worten von François erfahren, um was es sich handelte; er hatte die Unschuld des Bäckers erkannt und ihn zu vertheidigen gesucht.
Da hatte die Menge zugleich den unglücklichen Bedrohten und seinen Vertheidiger, Beide in dasselbe Anathem hüllend und bereit, Beide mit einem Schlage niederzuschmettern, mitfortgerissen.
In diesem Augenblick war Weber, von der Königin abgesandt, aus den Notre-Dame-Platz gekommen und hatte Gilbert erkannt.
Wir haben gesehen, wie nach dem Abgange von Weber die Officiere vom Districte erschienen und der unglücklichen Bäcker unter Bedeckung nach dem Stadthause geführt wurde.
Angeklagter, Wachen des Districts, gereizter, aufgebrachter Pöbel, Alles drang durch einander in das Stadthaus ein, dessen Platz alsbald gefüllt war mit Arbeitern ohne Arbeit und Hungers sterbenden armen Teufeln, welche immer bereit, sind in alle Meutereien zu mischen und Jedem, der in den Verdacht gerieth, die Ursache der öffentlichen Noth zu sein, einen Theil von dem Elend, das sie erduldeten, zurückzugeben.
Kaum war auch der unglückliche François unter der gähnenden Halle des Stadthauses verschwunden, als das Geschrei sich verdoppelte.
Es schien allen diesen Menschen, man habe ihnen eine Beute, die ihnen gehörte, entführt.
Individuen mit Unheil weissagenden Gesichtern durchfurchten die Menge und flüsterten ihr zu:
»Es ist ein vom Hofe bezahlter Aushungerer, darum will man ihn retten.«
Und die Worte: »Es ist ein Aushungerer! es ist ein Aushungerer!« schlängelten sich durch diesen ausgehungerten Pöbel wie die Lunte eines Feuerwerks, allen Haß entzündend, allen Zorn in Brand steckend.
Zum Unglück war es noch sehr früh am Morgen, und Keiner von den Männern, welche Gewalt über das Volk hatten, – weder Bailly, noch Lafayette, – war da.
Sie wußten es wohl, diejenigen, welche in den Gruppen wiederholten: »Es ist ein Aushungerer! es ist ein Aushungerer!«
Endlich, da man den Angeklagten nicht wieder erscheinen sah, verwandelten sich die Schreie in ein ungeheures Hurrah, die Drohungen in ein allgemeines Gebrülle.
Die Menschen, von denen wir gesprochen, schlüpften unter der Halle durch, krochen längs der Treppen hin und drangen bis in den Saal ein, wo der unglückliche Bäcker war, den Gilbert nach seinen besten Kräften vertheidigte.
Die Nachbarn von François ihrerseits, welche beim Tumulte herbeigelaufen waren, bestätigten, er habe seit dem Anfange der Revolution die größten Beweise von Eifer gegeben; er habe bis zehn Ofen voll jeden Tag gebacken; wenn es seinen Zunftgenossen an Mehl gefehlt, habe er ihnen von dem seinigen gegeben; um sein Publikum rascher zu bedienen, habe er außer seinem Ofen den eines Zuckerbäckers gemiethet, wo er sein Holz trocknen lasse.
Am Ende der Aussagen und Angaben ist erwiesen, daß dieser Mann, statt einer Strafe, eine Belohnung verdient.
Doch auf dem Platze, auf den Treppen, im Saale sogar schreit man fortwährend: »Er ist ein Aushungerer!« und fordert den Tod des Schuldigen.
Plötzlich findet ein unerwarteter Einbruch in den Saal statt: er öffnet die Glieder der Nationalgarde, welche François umgeben, und trennt ihn von seinen Beschützern. Gegen das improvisirte Tribunal zurückgestoßen, sieht Gilbert zwanzig Arme sich erheben. Von ihnen gepackt, zurückgezogen, harpunirt, schreit der Angeklagte um Hilfe, streckt flehend seine Hände aus, aber umsonst., . Vergebens macht Gilbert eine verzweifelte Anstrengung, um ihn zu erreichen; die Oeffnung, durch welche der Unglückliche allmälig verschwindet, schließt sich wieder hinter ihm. Wie ein von einem Wirbel angezogener Schwimmer, hat er einige Secunden, die Hände krampfhaft geballt, die Verzweiflung in den Augen, die Stimme in der Kehle erstickt, gekämpft; dann hat ihn die Woge wieder bedeckt, der Schlund hat ihn verschlungen!
Von diesem Augenblick an ist er verloren.
Oben von den Treppen herabgerollt, hat er aus jeder Stufe eine Wunde erhalten. Unter der Halle ist sein ganzer Leib schon nur eine große Wunde.
Es ist nicht mehr das Leben, um was er bittet, es ist der Tod!
Wo verbarg sich denn der Tod zu jener Zeit, daß er so bereit war, herbeizulaufen, wenn man ihn rief?
In einer Secunde ist der Kopf des unglücklichen François vom Leibe getrennt und erhebt sich aus der Spitze eines Spießes.
Bei dem Geschrei aus der Straße stürzen die Aufrührer, die sich aus den Treppen und den Sälen befinden, rasch die Stufen hinab. Man muß das Schauspiel bis zum Ende sehen.
Es ist etwas Merkwürdiges, ein Kopf aus der Spitze eines Spießes; seit dem 6. October hat man keinen mehr gesehen, und man ist am 21.
»Oh! Billot! Billot!« murmelte Gilbert, während er aus dem Saale eilte, »wie glücklich bist Du, daß Du Paris verlassen hast!«
Er war über den Grève,Platz, dem Ufer der Seine folgend, gegangen und hatte diesen Spieß, diesen blutigen Kopf und das brüllende Geleite sich über den Pont-Neuf entfernen lassen, als er aus der Hälfte des Quai Pelletier fühlte, daß man seinen Arm berührte.
Er richtete den Kopf auf, gab einen Schrei von sich, wollte stehen bleiben und sprechen: aber der Mann, den er erkannt hatte, schob ihm ein Billet in die Hand, legte einen Finger aus seinen Mund und entfernte sich, gegen den bischöflichen Palast zuschreitend.
Ohne Zweifel wollte dieser Mann das Incognito beobachten; doch eine Dame der Halle, die ihn erkannt hatte, klatschte in die Hände und rief:
»Ah! das ist unser Mütterchen Mirabeau!«
»Es lebe Mirabeau!« riefen sogleich fünfhundert Stimmen; »es lebe der Vertheidiger des Volks! es lebe der patriotische Redner!«
Und der Schweif vom Cortége, der dem Kopfe des unglücklichen François folgte, wandte sich, als er dieses Geschrei hörte, um und bildete eine Escorte für Mirabeau, den nun eine unermeßliche Menge, beständig schreiend, bis zur Thüre des erzbischöflichen Palastes begleitete.
Es war in der That Mirabeau, der aus dem Wege zur Sitzung der Nationalversammlung Gilbert begegnet war und ihm ein Bittet zugestellt hatte, welches er auf dem Comptoir eines Weinhändlers geschrieben, mit der Absicht, es ihm in seiner Wohnung zukommen zu lassen.
XXVII
Der Vortheil, den man aus einem abgeschnittenen Kopfe ziehen kann
Gilbert hatte rasch das Billet gelesen, das ihm Mirabeau zugesteckt, er hatte es langsam ein zweites Mal gelesen und sodann in seine Westentasche geschoben. Hierauf hatte er einen Fiacre gerufen und dem Kutscher Befehl gegeben, ihn in die Tuilerien zu führen.
Bei seiner Ankunft fand er alle Gitter geschlossen und alle Wachen verdoppelt, auf Befehl von Lafayette, der, so bald er erfahren, es finden Unruhen in Paris statt, damit angefangen, daß er aus die Sicherheit des Königs und der Königin bedacht gewesen war, wonach er sich an den Ort, wo, wie man ihm gesagt, die Unruhen stattfanden, begeben hatte.
Gilbert gab sich dem Concierge der Rue de l’Echelle zu erkennen und gelangte in das Innere.
Als ihn Madame Campan, welche von der Königin das Losungswort erhalten hatte, erblickte, ging sie ihm entgegen und führte ihn sogleich ein. Weber war, der Königin gehorchend, zu den Orten zurückgekehrt, wo Neues sich ereignete.
Als sie Gilbert gewahrte, stieß die Königin einen Schrei aus.
Ein Theil des Rockes und des Jabot von Gilbert war in dem Kampfe, den er ausgehalten, um den unglücklichen François zu retten, zerrissen worden, und einige Blutstropfen befleckten seine Hand.
»Madame,« sagte er. »ich bitte Eure Majestät um Verzeihung, daß ich so vor ihr erscheine; aber ich habe sie unwillkürlich schon lange genug warten lassen, und ich wollte sie nicht länger warten lassen.«
»Und der Unglückliche, Herr Gilbert?«
»Er ist todt, Madame, er ist ermordet, in Stücke zerrissen worden . . .«
»Er war doch wenigstens schuldig?«
»Er war unschuldig, Madame.«
»Oh! mein Herr, das sind die Früchte Ihrer Revolution! Nachdem sie die adeligen Herren, die Staatsbeamten, die Garden umgebracht haben, erwürgen sie einander unter sich; es gibt also kein Mittel, Gerechtigkeit an diesen Mördern zu üben?«
»Wir werden bemüht sein, dies zu thun; mehr werth wäre es aber, den Mördern zuvorzukommen, als sie zu bestrafen.«
»Wie soll man denn zu diesem Ziele gelangen? Mein Gott!l der König und ich verlangen ja nichts Anderes.«
»Madame, alle diese unglücklichen Vorfälle rühren von einem großen Mißtrauen des Volkes gegen die Agenten der Macht her: stellen Sie an die Spitze der Regierung Männer, welche das Vertrauen des Volkes haben, und nichts Aehnliches wird mehr vorfallen.«
»Ja, ja. Herrn von Mirabeau, Herrn von Lafayette, nicht wahr?«
»Ich hoffte, die Königin habe mich rufen lassen, um mir zu sagen, sie habe den König dahin gebracht, daß er aufhöre, gegen die von mir vorgeschlagene Combination feindlich gesinnt zu sein.«
»Vor Allem, Doctor, verfallen Sie in einen schweren Irrthum, einen Irrthum, in den übrigens auch Andere als Sie verfallen: Sie glauben, ich habe Einfluß auf den König? Sie glauben, er folge meinen Eingebungen? Sie täuschen sich; wenn Jemand Einfluß aus den König hat, so ist es Madame Elisabeth und nicht ich, und zum Beweise dient, daß er gestern erst einen von meinen Dienern, Herrn von Charny, in einer Mission abgeschickt hat, ohne daß ich weiß, wohin derselbe geht und in welchem Zwecke er abgereist ist.«
»Und dennoch, wenn die Königin ihren Widerwillen gegen Herrn von Mirabeau überwinden wollte, könnte ich ihr dafür stehen, daß der König meinen Wünschen beizutreten bestimmt würde.«
»Sprechen Sie, Herr Gilbert/’ versetzte die Königin lebhaft, »werden Sie mir zufällig sagen, dieser Widerwille sei nicht motivirt?«
»In der Politik, Madame, soll es weder Sympathie, noch Antipathie geben: es soll Verwandtschaften der Principien oder Combinationen der Interessen geben, und ich muß Eurer Majestät zur Schande der Menschen bemerken, daß die Combinationen der Interessen viel sicherer sind, als die Principienverwandtschaften.«
»Doctor, werden Sie mir im Ernste sagen, ich soll mich einem Manne anvertrauen, der den 5. und 6. October gemacht, und mit einem Redner einen Vertrag abschließen, der mich öffentlich auf der Tribune beschimpft hat?«
»Glauben Sie mir, Madame, nicht Herr von Mirabeau hat den 5. und 6. October gemacht; die Hungersnoth, das Elend haben das Werk des Tags begonnen, ein geheimnißvoller, mächtiger, erschrecklicher Arm aber hat das Werk der Nacht gemacht . . .Vielleicht werde ich eines Tags im Stande sein, Sie auf dieser Seite zu vertheidigen und mit der finstern Macht zu kämpfen, welche nicht nur Sie allein, sondern auch alle die anderen gekrönten Häupter, nicht nur den Thron von Frankreich, sondern auch alle Throne der Erde verfolgt. So wahr ich die Ehre habe, mein Leben zu Ihren Füßen und zu denen des Königs zu legen, Madame, eben so wahr ist Herr von Mirabeau nicht betheiligt an jenen gräßlichen Tagen, und er hat in der Nationalversammlung wie die Andern, vielleicht ein wenig früher als die Andern, durch ein Billet, das ihm zugestellt wurde, erfahren, das Volk marschire gegen Versailles.«
»Werden Sie auch das leugnen, was weltkundig ist, ich meine die Beleidigung, die er mir aus der Tribüne angethan hat?«
»Madame, Herr von Mirabeau ist einer von den Männern, die ihren Werth kennen und sich erbittern, wenn, während sie sehen, wozu sie taugen und von welcher Hilfe sie sein können, die Könige halsstarrig sie nicht verwenden; ja, damit Sie die Augen gegen ihn wenden, Madame, wird Herr von Mirabeau jedes Mittel, sogar die Beleidigung gebrauchen; es wird ihm lieber sein, wenn die erhabene Tochter von Maria Theresia, Königin und Frau, einen zornigen Bück aus ihn wirst, als wenn sie ihn gar nicht anschaut.«
»Sie glauben also, Herr Gilbert, dieser Mann würde einwilligen, uns zu gehören?«
»Er ist ganz und gar hierzu bereit, Madame; entfernt sich Herr von Mirabeau vom Königthum, so ist es wie bei einem Pferde, das Seitensprünge macht und nur den Zügel und den Sporn seines Reiters zu fühlen braucht, um aus den rechten Weg zurückzukehren.«
»Da er aber schon dem Herrn Herzog von Orleans gehört, so kann er nicht der ganzen Weit gehören?«
»Darin liegt gerade der Irrthum, Madame.«
»Herr von Mirabeau gehört nicht dem Herrn Herzog von Orleans?« versetzte die Königin.
»Er gehört so wenig dem Herrn Herzog von Orleans, daß er, als er vernahm, der Prinz habe sich nach England vor den Drohungen von Herrn von Lafayette zurückgezogen, in seinen Händen das Billet von Herrn von Lauzun, welches ihm diese Abreise meldete, zerknitternd, sagte: »»Man behauptet, ich gehöre zur Partei dieses Menschen. Ich möchte nicht einmal für meinen Lackei etwas von ihm!««
»Ah! das söhnt mich wieder ein wenig mit ihm aus,« sprach die Königin, indem sie zu lächeln suchte, »und wenn ich glaubte, man könnte wirklich aus ihn zählen? . . .«
»Nun?«
»Nun, vielleicht wäre ich weniger weit als der König davon entfernt, auf ihn zurückzukommen.«
»Madame am Morgen nach dem Tage, wo das Volk von Versailles Eure Majestät, sowie der König und die königliche Familie zurückgeführt hat, traf ich Herrn von Mirabeau . . .«
»Berauscht von seinem Siege am vorhergehenden Tage . . .«
»Erschrocken über die Gefahren, welche Sie liefen, und über die, welche Sie noch lausen könnten.«
»Wahrhaftig, sind Sie dessen sicher?« versetzte die Königin mit einer Miene des Zweifels.
»Soll ich Ihnen die Worte mittheilen, die er mir gesagt hat?«
»Ja, Sie werden mir Vergnügen machen.«
»So vernehmen Sie dieselben, Wort für Wort; ich habe sie in mein Gedächtniß eingegraben, in der Hoffnung, ich werde eines Tags Gelegenheit haben, sie Eurer Majestät zu wiederholen: »»Wissen Sie ein Mittel, sich beim König und bei der Königin Gehör zu verschaffen, so bringen sie ihnen die Ueberzeugung bei, daß Frankreich und sie verloren sind, wenn die königliche Familie Paris nicht verläßt. Ich beschäftige mich mit einem Plane, um ihren Abgang zu bewerkstelligen. Wären sie im Stande, ihnen die Versicherung zu geben, daß sie auf mich zählen können?««
Die Königin wurde nachdenkend.
»Also,« sagte sie, »es ist also auch die Ansicht von Herrn von Mirabeau, daß wir Paris verlassen sollen?«
»Es war seine Ansicht damals.«
»Und er hat sie seitdem geändert?«
»Ja, wenn ich einem Bittet glauben darf, welches ich vor einer halben Stunde erhalten habe.«
»Von wem?«
»Von ihm selbst.«
»Kann man dieses Bittet sehen?«
»Es ist für Eure Majestät bestimmt,« erwiederte Gilbert.
Und er zog das Papier aus seiner Tasche.
»Eure Majestät wird entschuldigen, es ist auf Schülerpapier und auf dem Comptoir eines Weinhändlers geschrieben worden.«
»Oh! seien Sie hierüber unbesorgt: Papier und Pult, Alles ist im Einklang mit der Politik, welche in diesem Augenblick getrieben wird.«
Die Königin nahm das Papier und las:
»Das Ereignis, von heute verändert das Angesicht der Dinge.
»Man kann einen großen Nutzen aus diesem abgeschnittenen Kopfe ziehen.
»Die Nationalversammlung wird bange haben und das Martialgesetz verlangen.
»Herr von Mirabeau kann das Martialgesetz unterstützen und votiren lassen.
»Herr von Mirabeau kann behaupten, es sei nur Heil darin zu suchen, daß man die Macht der Exekutivgewalt zurückgebe.
»Herr von Mirabeau kann Herrn von Necker über die Lebensmittel angreifen und ihn stürzen.
»An der Stelle des Ministeriums Necker mache man ein Ministerium Mirabeau und Lafayette, Herr von Mirabeau steht für Alles!«
»Nun?« sagte die Königin, »dieses Billet ist nicht unterzeichnet?«
»Hatte ich nicht die Ehre gehabt, Eurer Majestät zu sagen, Herr von Mirabeau habe es mir selbst übergeben?«
»Was denken Sie von Allem dem?«
»Meine Ansicht, Madame, ist, daß Herr von Mirabeau vollkommen Recht hat, und daß die Verbindung, die er vorschlägt, allein Frankreich retten kann.«
»Gut; Herr von Mirabeau lasse mir durch Sie eine Denkschrift über die Lage der Dinge und den Entwurf eines Ministeriums zukommen; ich werde Alles dem König vorlegen.«
»Und Eure Majestät wird es unterstützen?«
»Ich werde es unterstützen.«
»Mittlerweile also, und als erstes dem Königthum gegebenes Pfand, kann Herr von Mirabeau das Martialgesetz vertheidigen und verlangen, daß die Macht der Executivgewalt zurückgegeben werde?«
»Er kann das.«
»Dagegen würde, sollte der Sturz von Herrn von Necker dringlich werden, ein Ministerium Lafayette und Mirabeau nicht ungünstig ausgenommen?«
»Durch mich? Nein. Ich will beweisen, daß ich bereit bin, alle meine persönlichen Gefühle dem Wohle des Staates zu opfern. Nur, wie Sie wissen, stehe ich nicht für den König.«
»Würde uns Monsieur bei dieser Angelegenheit beistehen?«
»Ich glaube, daß Monsieur seine eigenen Projecte hat, die ihn verhindern werden, die von Andern zu unterstützen.«
»Und die Königin hat von den Projecten von Monsieur keine Idee?«
»Ich glaube, er ist der ersten Ansicht von Herrn von Mirabeau, nämlich, daß der König Paris verlassen soll.«
»Eure Majestät ermächtigt mich, Herrn von Mirabeau zu sagen, daß diese Denkschrift und dieser Entwurf eines Ministeriums von Eurer Majestät verlangt werden?«
»Ich mache Herrn Gilbert zum Richter über das Maaß, welches er einem Manne gegenüber zu beobachten hat, der unser Freund von gestern ist und morgen wieder unser Feind werden kann.«
»Oh! in diesem Punkte verlassen Sie sich aus mich; nur, da die Umstände ernst sind, ist keine Zeit zu verlieren; erlauben Sie also, daß ich in die Nationalversammlung gehe und Herrn von Mirabeau heute noch zu sehen suche; sehe ich ihn, so wird Eure Majestät in zwei Stunden die Antwort haben.«
Die Königin machte mit der Hand ein Zeichen der Beistimmung und des Abschieds. Gilbert entfernte sich.
Eine Viertelstunde nachher war er in der Nationalversammlung.
Er fand die Versammlung in großer Aufregung wegen des vor ihren Thüren begangenen Verbrechens, und zwar begangen an einem Manne, der gleichsam ihr Diener war.
Die Mitglieder gingen von der Tribune zu ihren Bänken, von ihren Bänken in den Corridor hin und her.
Mirabeau saß allein, unbeweglich aus seinem Platze. Er wartete und hatte die Augen auf die öffentliche Tribune geheftet.
Als er Gilbert erblickte, klärte sich sein Löwengesicht auf.
Gilbert machte ihm ein Zeichen, das er durch eine Bewegung des Kopfes von oben nach unten erwiederte.
Gilbert riß ein Blatt aus seinen Tabletten und schrieb:
»Ihre Vorschläge sind angenommen, wenn nicht von beiden Partien, doch wenigstens von derjenigen, welche Sie für die einflußreichere von beiden halten und die ich auch dafür halte.
»Man verlangt eine Denkschrift für morgen, den Entwurf eines Ministeriums für heute.
»Bewirken Sie, daß die Macht der Executivgewalt zurückgegeben wird, und die Executivgewalt wird mit Ihnen rechnen.«
Dann legte er das Papier in Briefform zusammen, schrieb als Adresse daraus: »An Herrn von Mirabeau,« rief einem Huissier und ließ das Billet an seine Bestimmung tragen.
Von der Tribune, wo er war, sah Gilbert den Huissier in den Saal eintreten, gerade aus den Abgeordneten von Aix zugehen und ihm das Billet übergeben.
Mirabeau las es mit einem Ausdrucke so tiefer Gleichgültigkeit, daß es seinem nächsten Nachbar unmöglich gewesen wäre, zu errathen, das Billet, welches er so eben empfangen, entspreche seinen glühendsten Wünschen; und mit derselben Gleichgültigkeit schrieb er aus ein halbes Blatt Papier, das er vor sich hatte, ein paar Zeilen, faltete es nachlässig zusammen, gab es, immer mit derselben scheinbaren Sorglosigkeit, dem Huissier und sagte:
»Der Person, welche Ihnen das Billet, das Sie mir gebracht zugestellt hat.«
Gilbert öffnete rasch das Papier.
Es enthielt folgende paar Zeilen, welche vielleicht für Frankreich eine andere Zukunft in sich schlossen hätte der Plan, den sie vorschlugen, zur Ausführung gebracht werden können:
»Ich werde sprechen.
»Morgen werde ich die Denkschrift schicken.
»Hier ist die verlangte Liste; man wird ein paar Namen modificiren können.
»Herr Necker, erster Minister . . .«
Dieser Name ließ Gilbert beinahe zweifeln, daß das Billet, welcher er las, von der Hand von Mirabeau sei.
Da aber eine Note zwischen zwei Klammern auf diesen Namen wie auf die andern folgte, so fuhr er fort:
»Herr Necker, erster Minister. (Man muß ihn so ohnmächtig machen, daß er unfähig ist, und dennoch seine Popularität dem König erhalten.)
»Der Erzbischof von Bordeaux, Kanzler. (Man wird ihm empfehlen, mit großer Sorgfalt seine Redacteurs zu wählen)
»Der Herzog von Liancourt, Krieg. (Er hat Ehre, Festigkeit, persönliche Zuneigung für den König, was dem König Sicherheit geben wird.)
»Der Herzog von Larochefoucault. Haus des Königs, Stadt Paris. (Thouret mit ihm )
»Der Graf von der Mark, Marine. (Er kann das Kriegsdepartement nicht haben, das man Herrn von Liancourt geben muß. Herr von der Mark hat Treue, Charakter, Ausführung.)
»Der Bischof von Autun, Minister der Finanzen. (Seine Motion in Betreff der Geistlichkeit hat ihm diese Stelle erworben. Laborde mit ihm.)
»Der Graf von Mirabeau im Conseil des Königs. Ohne Departement. (Die kleinen Bedenklichkeiten rücksichtlich des Urtheils der Menschen sind nicht mehr an der Zeit; die Regierung muß ganz laut versichern und erklären, ihre ersten Hilfsgenossen werden fortan der Charakter und das Talent sein)
»Target, Maire von Paris. (Die Basoche wird ihn immer leiten.)
»Lafayette im Conseil; Marschall von Frankreich, Generalissimus aus Termin, um die Armee neu zu bilden.
»Herr von Montmorin, Gouverneur, Herzog und Pair. (Seine Schulden bezahlt.)
»Herr von Segur (von Rußland), auswärtige Angelegenheiten.
«Herr von Mounier, die Bibliothek des Königs,
»Herr Charpellter, die Gebäude.
Unter diese erste Note war folgende zweite geschrieben:
Theil von Lafayette
»Minister der Justiz, der Herzog von Larochefoucault.
»Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der Bischof von Autun.
«Minister der Finanzen, Lambert, Haller oder Clavières.
»Minister der Marine . . .«
Theil der Königin
»Minister des Kriegs oder der Marine, von der Mark.
»Chef des Bildungs – und Erziehungsrathes, der Abbé Sieyès.
»Geheimer Siegelbewahrer des Königs . . .
Die zweite Note deutete offenbar die Veränderungen und Modificationen an, welche sich an der von Mirabeau vorgeschlagenen Combination machen ließen, ohne Hindernisse seinen Absichten entgegenzusetzen, ohne Verwirrung in seine Pläne zu bringen.9
Alles war mit einer leicht zitternden Hand geschrieben, was bewies, daß Mirabeau, gleichgültig auf der Oberfläche, doch in seinem Innern von einer gewissen Bewegung ergriffen war.
Gilbert las rasch, riß ein neues Blatt Papier aus seinen Tabletten und schrieb darauf folgende Zeilen, welche er, nachdem er sie geschrieben, dem Huissier übergab, den er sich nicht zu entfernen gebeten hatte.
»Ich kehre zu der Herrin der Wohnung zurück, die wir miethen wollen, und bringe ihr die Bedingungen, unter denen Sie das Haus zu nehmen und wiederherzustellen einwilligen.
»Thun Sie mir in mein Haus, Rue Saint-Honoré, über der Assomption, der Bude eines Tischlers Namens Duplay gegenüber, das Resultat der Sitzung zu wissen, so bald sie beendigt ist.«
Immer gierig nach Bewegung und Aufregung, angestachelt durch die Hoffnung, sie werde durch die politischen Intriguen die Leidenschaften ihres Herzens zu bekämpfen vermögen, wartete die Königin voll Ungeduld aus die Rückkehr von Gilbert, während sie die neue Erzählung von Weber anhörte.
Diese Erzählung betraf die Entwickelung der gräßlichen Scene, deren Anfang und nun auch Ende Weber gesehen hatte.
Von der Königin zurückgeschickt, um Erkundigungen einzuziehen, war er auf ein Ende des Pont Notre-Dame gelangt, während aus dem andern Ende dieser Brücke der blutige Cortége erschien, als Mordstandarte den Kopf des Bäcker François tragend, den in einer Volksverhöhnung, ähnlich der, welche die Köpfe der Gardes du corps beim Pont de Sèvres hatte rasiren und frisiren lassen, einer der Mörder, der drolliger als die Andern, mit einer baumwollenen Mütze, die er einem von seinen Zunftgenossen genommen, geschmückt hatte.
Ungefähr auf dem Drittel der Brücke blieb eine bleiche, bestürzte, von Schweiß triefende junge Frau, welche trotz eines schon sichtbaren Anfangs von Schwangerschaft so rasch als möglich nach dem Stadthause lief, plötzlich stehen.
Dieser Kopf, dessen Züge sie noch nicht zu unterscheiden im Stande gewesen war, halte jedoch schon in der Entfernung die Wirkung des Schildes im Alterthum auf sie hervorgebracht.
Und wie der Kopf immer näher kam, ließ sich leicht an der sichtbaren Verwandlung der Gesichtszüge der Armen wahrnehmen, daß sie nicht in Stein verwandelt war.
Als die gräßliche Trophäe nur noch zwanzig Schritte von ihr entfernt, gab sie einen Schrei von sich, streckte die Arme mit einer verzweifelten Bewegung aus und fiel, als hätten sich ihre Füße von der Erde gelöst, ohnmächtig aus die Brücke nieder.
Das war die im fünften Monat schwangere Frau von François.
Man trug sie bewußtlos vom Platze.
»Oh! mein Gott!« murmelte die Königin, »Du schickst hier Deiner Magd die entsetzliche Lehre, daß es, so unglücklich man auch sein mag, immer noch Unglücklichere gibt!«
In diesem Augenblick erschien Gilbert, eingeführt durch Madame Campan, welche Weber in der Bewachung der königlichen Thüre ersetzt hatte.
Er fand nicht mehr die Königin, sondern die Frau, das heißt die Gattin, das heißt die Mutter, niedergebeugt unter der Erzählung, die sie zweimal in’s Herz getroffen.
Die Stimmung war um so besser, da Gilbert, wenigstens seiner Meinung nach, das Mittel bot, um allen diesen Morden ein Ziel zu setzen.
Die Königin nahm, während sie Ihre Augen, denen Thränen entrollten, und ihre Stirne, auf der der Schweiß perlte, abwischte, aus den Händen von Gilbert die Liste, die er brachte.
Doch ehe sie einen Blick aus dieses Papier warf, so wichtig es war, sagte sie:
»Weber, wenn diese arme Frau nicht todt ist, so werde ich sie morgen empfangen, und ist sie wirklich in anderen Umständen, so werde ich die Pathe ihres Kindes sein.«
»Oh! Majestät!« rief Gilbert, »warum können nicht alle Franzosen die Thränen sehen, die Ihren Augen entfließen, die Worte hören, die aus Ihrem Munde kommen!«
Die Königin bebte. Das waren ungefähr dieselben Worte, welche bei einem nicht minder kritischen Umstande Charny ihr gesagt hatte.
Sie warf einen Blick aus die Note von Mirabeau; doch in diesem Moment zu sehr erschüttert, um eine entsprechende Antwort zu geben, sagte sie:
»Es ist gut, Doctor; lagen Sie mir diese Note. Ich werde es mir überlegen und Ihnen morgen antworten.«
Dann streckte sie, vielleicht ohne zu wissen, was sie that, gegen Gilbert eine Hand aus, welche dieser, ganz erstaunt, nur mit dem Ende der Finger und der Lippen berührte.
Man wird zugestehen, es war schon eine furchtbare Verwandlung für die stolze Marie Antoinette, daß sie Erörterungen über ein Ministerium pflog, bei welchem Mirabeau und Lafayette betheiligt waren, und ihre Hand zum Kusse dem Doctor Gilbert reichte.
Um sieben Uhr Abends übergab ein Bedienter ohne Livree Gilbert folgendes Billet:
»Die Sitzung ist heiß gewesen.
»Das Martialgesetz ist votirt.
»Buzot und Robespierre wollten die Schöpfung eines höchsten Gerichtshofes für politische Verbrecher.
»Ich habe decretiren lassen, daß die Verbrechen der beleidigten Nation (das ist ein neues Wort, welches wir erfunden haben) durch das königliche Tribunal abgeurtheilt werden sollen.
»Ich habe, ohne Umschweife, das Heil Frankreichs in die Macht des Königthums gesetzt, und drei Viertel der Versammlung klatschten Beifall.
»Es ist heute der 21. October. Ich hoffe, das Königthum hat einen guten Weg seit dem 6. October gemacht.
»Vale et me ama.«
Das Billet war nicht unterzeichnet, aber es war von derselben Handschrift wie die ministerielle Note und das Billet vom Morgen; was ganz aus eins herauskam, da diese Schrift die von Mirabeau war.
XXVIII
Das Chatelet
Damit man den ganzen Umfang des Sieges, den Mirabeau und durch den Rückprall das Königthum, zu dessen Mandatar er sich gemacht, davon getragen, begreift, müssen wir unsern Lesern sagen, was das Chatelet war.
Uebrigens wird bald eines seiner ersten Urtheile Stoff zu einer der gräßlichsten Scenen geben, welche auf der Grève im Verlaufe des Jahres 1790 vorgefallen sind, eine Scene, die, da sie unserem Gegenstande nicht fremd ist, nothwendig einen Platz in der Folge dieser Erzählung finden wird.
Das Chatelet, welches seit dem 13. Jahrhundert eine große historische Wichtigkeit, als Gericht und als Gefängniß, hatte, empfing die Allmacht, die es fünf Jahrhunderte hindurch übte, vom guten Ludwig IX.
Ein anderer König, Philipp August, war ein Liebhaber vom Bauen, wie es nur je einen gegeben hat.
Er baute Notre-Dame wenigstens zum Theil.
Er gründete die Hospitäler de la Trinité, de Saint-Catherine und de Saint-Nicolas du Louvre.
Er pflasterte die Straßen von Paris, welche, mit Koth und Schlamm bedeckt, ihn, wie die Chronik sagt, durch ihren Gestank verhinderten, an seinem Fenster zu bleiben.
Er hatte in Wahrheit eine große Quelle für alle diese Ausgaben, – eine Quelle, welche seine Nachfolger leider erschöpften: das waren die Juden.
Im Jahre 1189 wurde er von der Narrheit der Zeit befallen.
Die Narrheit der Zeit bestand darin, daß man Jerusalem den Sultanen Asiens nehmen wollte. Er verband sich mit Richard Löwenherz und ging nach den heiligen Orten ab.
Doch bei seinem Abgang ließ er seinen guten Parisern, damit sie ihre Zeit nicht verlören und in ihren verlorenen Augenblicken nicht auf den Gedanken kämen, sich gegen ihn zu empören, wie sich auf seine Anstiftung mehr als einmal die Unterthanen und sogar die Söhne von Heinrich II. von England empört hatten, er ließ ihnen einen Plan zurück und befahl ihnen, unmittelbar nach seiner Abreise zur Ausführung desselben zu schreiten.
Dieser Plan betraf eine ihrer Stadt neu zu erbauende Einschließung, von welcher er, wie wir erwähnt, selbst das Programm gab, und die aus einer soliden Mauer, einer wahren Mauer des 12. Jahrhunderts, mit Thürmchen und Thoren versehen, bestehen sollte.
Diese Mauer war die dritte, welche Paris umgab.
Die mit der Arbeit beauftragten Ingenieurs nahmen, wie man leicht begreift, nicht ganz genau das Maaß von ihrer Hauptstadt; sie hatte sehr schnell seit Hugo Capet zugenommen, und sie versprach ihren dritten Gürtel krachen zu machen, wie sie die zwei ersten krachen gemacht hatte.
Man hielt also ihren Gürtel schlaff, und in diesen Gürtel schloß man, aus Vorsicht für die Zukunft, eine Menge von armen Dörfchen ein, welche bestimmt waren, später Theile vom großen Ganzen zu werden.
Diese Dörfer und Flecken hatten, so arm sie sein mochten, jedes seine herrschaftliche Gerichtsbarkeit.
Alle diese herrschaftlichen Gerichte, welche sich meistens einander widersprachen, machten nun, in eine und dieselbe Ringmauer eingeschlossen, die Opposition noch fühlbarer und stießen sich am Ende so sonderbar, daß sie eine große Verwirrung in die seltsame Hauptstadt brachten.
Es gab zu dieser Zeit einen Oberherrn von Vincennes, der, da er sich, wie es scheint, mehr als irgend ein Anderer über diesen Conflict zu beklagen hatte, demselben ein Ende zu machen beschloß.
Dieser Oberherr war Ludwig IX.
Denn es ist gut, die kleinen Kinder und auch die großen Personen darüber zu belehren, daß Ludwig IX., wenn er unter der berühmten, sprichwörtlich gewordenen Elche zu Gericht saß, dies als Obergerichtsherr und nicht als König that.
Er befahl dem zu Folge, daß alle durch diese kleinen herrschaftlichen Gerichte entschiedenen Sachen aus dem Wege der Appellation vor sein Chatelet in Paris gebracht werden sollen.
Die Gerichtsbarkeit des Chatelet fand sich so allmächtig, da sie beauftragt war, in letzter Instanz das Urtheil zu fällen.
Das Chatelet war also oberstes Tribunal geblieben bis zu dem Augenblick, wo das Parlament, nun ebenfalls in die königliche Justiz eingreifend, erklärte, es werde auf dem Wege der Appellation in den im Chatelet entschiedenen Sachen erkennen.
Doch die Nationalversammlung hatte die Parlamente aufgehoben.
»Wir haben sie lebendig begraben,« sagte Lameth, als er die Sitzung verließ.
Und an der Stelle der Parlamente hatte sie, auf das Zudringen von Mirabeau, dem Chatelet seine alle Gewalt, vermehrt mit neuen Gewalten, zurückgegeben.
Es war also ein großer Triumph für das Königthum, daß die dem Martialgesetze unterliegenden Verbrechen der beleidigten Nation vor ein ihm gehöriges Tribunal gebracht wurden.
Das erste Verbrechen, über welches das Chatelet zu erkennen hatte, war das, welches wir durch Erzählung mitgetheilt haben.
Am Tage der Verkündigung des Gesetzes wurden zwei von den Mördern des unglücklichen François, ohne ein anderes Prozeßverfahren, als die öffentliche Anklage und die Autorität des Verbrechens, gehenkt.
Ein Dritter, der Werber Fleur d’Epine, dessen Namen wir ausgesprochen haben, wurde regelmäßig gerichtet und folgte, degradirt und vom Chatelet zum Tode verurtheilt, auf demselben Wege, den sie genommen, seinen zwei Gefährten in die Ewigkeit nach.
In zwei Sachen hatte es noch sein Urtheil zu fällen:
In der des Generalpächters Augeard.
In der des General-Inspectors der Schweizer, Pierre Victor von Besenval.
Das waren zwei dem Hofe ergebene Männer; man hatte sich auch beeilt, ihre Sache vor das Chatelet zu bringen.
Augeard war angeklagt, die Fonds geliefert zu haben, mit welcher die Camarilla der Königin im Juli die auf dem Marsfelde versammelten Truppen bezahlte; da Augeard wenig bekannt war, so hatte seine Verhaftung kein großes Aussehen gemacht; der Pöbel hegte auch keinen Haß gegen ihn.
Das Chatelet sprach ihn ohne zu großes Aergerniß frei.
Es blieb Besenval.
Besenval, das war etwas Anderes: sein Name war äußerst populär auf der schlimmen Seite des Wortes.
Er hatte die Schweizer bei Réveillon, an der Bastille und auf dem Marsfeld commandirt. Das Volk erinnerte sich, daß er es bei diesen Veranlassungen angegriffen hatte, und es freute sich, seine Genugthuung zu nehmen.
Die entschiedensten Befehle waren dem Chatelet gegeben worden; der König und die Königin wollten, daß Herr von Besenval unter keinem Vorwande verurtheilt werden sollte.
Es bedurfte nicht weniger, als diese doppelte Protection, um ihn zu retten.
Er selbst hatte sich als schuldig anerkannt, da er nach der Einnahme der Bastille entflohen war; man hatte ihn aus dem halben Wege zur Grenze festgenommen und nach Paris zurückgeführt.
Als er in den Saal eintrat, begrüßte ihn auch fast einstimmig Todesgeschrei.
»Besenval an den Galgen! Besenval an die Laterne!« brüllte man von allen Seiten.
»Stille!« riefen die Huissiers.
Nur mit großer Mühe erlangte man Stillschweigen.
Einer von den Anwesenden benützte dieses und rief mit einer herrlichen tiefen Tenorstimme:
»Ich verlange, daß man ihn in dreizehn Stücke zerschneide und jedem Canton eines davon schicke.«
Aber trotz der Belastungen der Anklage, trotz der Animosität der ganzen Zuhörerschaft, wurde Besenval freigesprochen.
Entrüstet über diese doppelte Freisprechung, schrieb einer von den Zuhörern vier Verse aus ein Stück Papier, das er in ein Kügelchen zusammenrollte und dem Präsidenten zuwarf.
Der Präsident hob das Kügelchen auf, entrollte das Papier und las folgende Strophe:
Magistrats qui lavez Augeard
Qui Lavez Besenval, qui laveriez la peste,
Vous êtes le papier brouillard:
Vous enlevez la tache, et la tache vous reste!.10
Die Strophe war unterzeichnet. Das ist nicht Alles: der Präsident drehte sich, um den Verfasser derselben zu suchen.
Der Verfasser stand auf einer Bank und verlangte durch seine Geberden nach dem Blicke des Präsidenten.
Doch der Blick des Präsidenten senkte sich vor ihm.
Man wagte es nicht, ihn verhaften zu lassen.
Allerdings war der Verfasser Camille Desmoulins, der Antragsteller des Palais-Royal, der Mann mit dem Stuhle, mit der Pistole und den Kastanienblättern.
Einer von denjenigen, welche in gedrängter Menge hinausgingen, ein Mann, den man nach seiner Kleidung für einen einfachen Bürger des Marais halten konnte, wandte sich auch an einen von seinen Nachbarn, legte ihm die Hand auf die Schulter, obgleich dieser einer höheren Classe der Gesellschaft anzugehören schien, und sagte zu ihm:
»Nun, Herr Doctor Gilbert, was denken Sie von diesen zwei Freisprechungen?«
Derjenige, an welchen er sich wandte, bebte, schaute den Sprechenden an, erkannte sein Gesicht, wie er seine Stimme erkannt hatte, und erwiederte:
»Sie und nicht mich muß man dies fragen, Meister; Sie, der Sie Alles wissen, die Gegenwart, die Vergangenheit, die Zukunft!«
»Wohl denn, ich denke, nachdem diese zwei Schuldigen freigesprochen sind, muß man sagen: »»Wehe dem Unschuldigen, der als Dritter kommen wird!««
»Und worum glauben Sie, es werde ihnen ein Unschuldiger folgen, und derjenige, welcher folge, werde bestraft werden?« versetzte Gilbert.
»Aus einem einfachen Grunde,« erwiederte der Andere mit jener ihm natürlichen Ironie:«es ist ziemlich Gewohnheit in dieser Welt, daß die Guten für die Schlechten leiden.«
»Gott befohlen, Meister,« sagte Gilbert, indem er Cagliostro die Hand reichte, denn an den paar Worten, die er gesprochen, hat man ohne Zweifel schon den furchtbaren Skeptiker erkannt.
»Und warum Gott besohlen?«
»Weil ich zu thun habe,« erwiederte lächelnd Gilbert.
»Ein Rendezvous?«
»Ja.«
»Mit wem? mit Mirabeau, mit Lafayette oder mit der Königin?«
Gilbert blieb stehen und schaute Cagliostro mit einer unruhigen Miene an.
»Wissen Sie, daß Sie mich zuweilen erschrecken?« sagte er.
»Im Gegentheil, ich müßte Sie beruhigen,« versetzte Cagliostro.
»Wie so?«
»Gehöre ich nicht zu Ihren Freunden?«
»Ich glaube es.«
»Selen Sie davon überzeugt, und wenn Sie einen Beweis wollen. . .«
»Nun?«
»Kommen Sie mit mir, und ich gebe Ihnen über diese ganze Unterhandlung, welche Sie für sehr geheim halten, Details so geheimer Art, daß Sie, der Sie die Sache zu führen glauben, dieselben nicht kennen.«
»Hören Sie!« erwiederte Gilbert, »Sie spotten vielleicht meiner, mit Hilfe von einigen jener Blendwerke, mit denen Sie vertraut sind! doch gleichviel, die Umstände, unter denen wir fortschreiten, sind so ernst, daß ich eine Aufklärung, und wäre sie mir vom Satan geboten, annehmen würde. Ich folge Ihnen also, wohin Sie mich führen wollen.«
»Oh! seien Sie unbesorgt, das wird nicht sehr weit sein, und besonders werde ich Sie an einen Ort führen, der Ihnen nicht unbekannt ist; nur erlauben Sie, daß ich den leeren Fiacre rufe, der gerade vorüberkommt; die Tracht, in der ich ausgegangen bin, hat mir nicht erlaubt, meinen Wagen und meine Pferde zu bestellen.«
Und er winkte einem Fiacre, der aus der andern Seite der Straße fuhr.
Der Fiacre näherte sich, Beide stiegen ein.
»Wohin soll ich Sie führen, Bürger?« fragte der Kutscher Cagliostro, als hätte er begriffen, daß, obgleich einfacher gekleidet, derjenige, an welchen er sich wandte, den Andern führte, wohin seinem Willen ihn zu führen beliebte,
»Wohin Du weißt,« erwiederte Cagliostro, indem er diesem Menschen eine Art von Freimaurerzeichen machte.
Der Kutscher schaute Balsamo mit Erstaunen an.
»Verzeihen Sie, Monseigneur,« sagte er, während er dieses Zeichen durch ein anderes erwiederte, »ich hatte Sie nicht erkannt.«
»Das war bei mir nicht so,« sprach Cagliostro mit festem, stolzem Tone, »denn so zahlreich sie auch sind, ich kenne vom ersten bis zum letzten alle meine Unterthanen.«
Der Kutscher schloß den Schlag, stieg aus seinen Bock und führte im Galopp seiner Pferde den Wagen durch diesen Irrsaal von Straßen, das sich vom Chatelet bis zum Boulevard des Filles du Calvaire hinzog, und von da die Fahrt bis zur Bastille fortsetzend, hielt er erst bei der Ecke der Rue Saint-Claude an.
Als der Wagen stille stand, war der Schlag mit einer Geschwindigkeit geöffnet, welche vom ehrfurchtsvollen Eifer des Kutschers zeugte.
Cagliostro winkte Gilbert, zuerst auszusteigen, stieg dann ebenfalls aus und fragte den Kutscher:
»Hast Du mir nichts zu sagen?«
»Doch, Monseigneur,« antwortete der Kutscher, »und ich würde Ihnen meinen Bericht diesen Abend gemacht haben, hätte ich nicht das Glück gehabt, Sie zu treffen.«
»Sprich also.«
»Das, was ich Monseigneur zu sagen habe, soll nicht von profanen Ohren gehört werden,«
»Oh!« versetzte Cagliostro lächelnd, »derjenige, welcher uns hört, ist nicht ganz ein Profaner.«
Gilbert entfernte sich nun aus Discretion, Er konnte sich indessen nicht enthalten, mit einem Auge zu schauen und mit einem Ohre zu hören.
Er sah, bei der Erzählung des Kutschers, ein Lächeln über das Gesicht von Balsamo schweben.
Er hörte die zwei Namen, Monsieur und Favras; als der Bericht beendigt war, zog Cagliostro zwei Louis d’or aus der Tasche und wollte sie dem Kutscher geben.
Aber dieser schüttelte den Kopf.
»Monseigneur,« sprach er, »weiß wohl, daß es uns von der obersten Venta verboten ist, uns unsere Berichte bezahlen zu lassen.«
»Ich bezahle Dir auch nicht Deinen Bericht, sondern Deine Fahrt,« erwiederte Balsamo.
»Unter diesem Titel nehme ich es an,« sagte der Kutscher.
Und er nahm die zwei Louis d’or und fügte bei:
»Ich danke, Monseigneur, das ist mein Tagelohn.«
Dann sprang er leicht aus seinen Bock, fuhr im Trab weg, klatschte mit seiner Peitsche und ließ Gilbert ganz erstaunt über das, was er gesehen und gehört, zurück.
»Nun!« sagte Cagliostro, der die Thüre seit einigen Secunden offen hielt, ohne daß Gilbert eintrat, »kommen Sie, mein lieber Doctor?«
»Hier bin ich,« erwiederte Gilbert, »entschuldigen Sie.«
Und er trat über die Schwelle, so betäubt, daß er schwankte wie ein Trunkener.
XXIX
Abermals das Haus der Rue Saint-Claude
Man weiß übrigens, welche Gewalt Gilbert über sich besaß; er hatte nicht den großen einsamen Hof durchschritten, als er sich schon wieder erholt, und er stieg mit einem eben so festen Tritte die Stufen der Freitreppe hinauf, als er schwankend über die Thürschwelle gegangen war.
Ueberdies kannte er das Haus, in das er eintrat, schon, da er in demselben einen Besuch in einer Epoche seines Lebens gemacht, welche tiefe Erinnerungen in ihm hinterlassen hatte,
Im Vorzimmer traf er denselben deutschen Bedienten, den er sechszehn Jahre früher hier getroffen; er war an demselben Platze und trug eine ähnliche Livree; nur war er, wie er, Gilbert, wie der Graf, wie selbst das Vorzimmer, um sechszehn Jahre älter geworden.
Fritz, – man erinnert sich, daß der würdige Diener so hieß, – Fritz errieth mit dem Auge, wohin sein Herr Gilbert führen wollte, und rasch öffnete er zwei Thüren und blieb aus der Schwelle der dritten stehen, um sich zu versichern, ob ihm Cagliostro keinen weiteren Besehl zu geben habe.
Diese dritte Thür war die des Salon.
Cagliostro bedeutete Gilbert durch ein Zeichen mit der Hand, er könne in den Salon eintreten, und hieß mit dem Kopfe nickend Fritz sich zurückziehen.
Nur fügte er mit der Stimme in deutscher Sprache bei:
»Ich bin bis auf weiteren Befehl für Niemand zu Hause.«
Dann wandte er sich gegen Gilbert um und sagte:
»Nicht, damit Sie nicht verstehen, was ich zu meinem Bedienten sage, spreche ich deutsch; ich weiß, daß Sie dieser Sprache mächtig sind; aber Fritz, ein Tyroler, versteht das Deutsche besser als das Französische . . .Nun setzen Sie sich, ich gehöre ganz Ihnen, lieber Doctor.«
Gilbert konnte sich nicht enthalten, mit einem neugierigen Blicke umherzuschauen, und seine Augen hefteten sich nach und nach aus die verschiedenen Meubles und Gemälde, welche den Salon schmückten, und es schien einer um den andern von diesen Gegenständen in sein Gedächtniß zurückzukehren.
Der Solon war wohl derselbe wie einst, die acht Meisterbilder hingen noch an den Wänden; die Fauteuils von kirschrothem, goldgesticktem Lampas ließen immer noch ihre Blumen in dem Halbschatten, den die dichten Vorhänge verbreiteten, glänzen; der große Tisch von Boule war an seinem Plage, und die mit Porzellan von Sèvres beladenen Guéridons erhoben sich immer noch zwischen den Fenstern.
Gilbert stieß einen Seufzer aus und ließ seinen Kopf in seine Hand fallen. Auf die Neugierde der Gegenwart waren, für einen Augenblick wenigstens, die Erinnerungen an die Vergangenheit gefolgt.
Cagliostro schaute Gilbert an, wie Mephistopheles Faust anschauen mußte, als der deutsche Philosoph so unklug war, sich vor ihm seinen Träumen hinzugeben.
Plötzlich sagte er mit seiner scharfen Stimme:
»Es scheint, lieber Doctor, Sie erkennen diesen Salon wieder?«
»Ja, und er erinnert mich an die Verbindlichkeiten, die ich gegen Sie habe.«
»Ah! bah! Chimären!«
»Wahrhaftig,« fuhr Gilbert fort, der eben so wohl mit sich selbst, als mit Cagliostro sprach, »Sie sind ein seltsamer Mann, und erlaubte mir die allmächtige Vernunft den magischen Wundern, welche uns die Dichter und Chronikschreiber des Mittelalters berichten, Glauben beizumessen, so wäre ich versucht, zu glauben, Sie seien Zauberer wie Merlin oder Goldmacher wie Nicolas Flamel.«
»Ja, für alle Welt bin ich dies, Gilbert; doch für Sie, nein. Nie habe ich Sie durch Wunder zu blenden gesucht. Sie wissen, ich ließ Sie immer den Grund der Dinge berühren, und haben Sie zuweilen, auf meinen Ruf, die Wahrheit aus ihrem Schachte ein wenig mehr geschmückt, ein wenig besser gekleidet, als sie dies zu sein pflegt, hervorkommen sehen, so rührt dies davon her, daß ich als achter Sicilianer, was ich bin, den Geschmack für Flittergold habe.«
»Hier, wie Sie sich erinnern, Graf, haben Sie hundert tausend Thaler einem unglücklichen Kinde in Lumpen mit derselben Leichtigkeit gegeben, wie ich einem Armen einen Sou geben würde.«
»Sie vergessen etwas noch Außerordentlicheres, Gilbert,« sprach Cagliostro mit ernstem Tone: »daß mir dieses Kind in Lumpen die hundert tausend Thaler, weniger zwei Louis d’or, die es angewendet, um sich Kleider zu kaufen, zurückgebracht hat.«
»Das Kind war nur ehrlich, während Sie herrlich waren.«
»Und wer sagt Ihnen, Gilbert, es sei nicht leichter herrlich, als ehrlich zu sein, hundert tausend Thaler zu geben, wenn man Millionen hat, als demjenigen, welcher er sie Ihnen geliehen, hundert tausend Thaler zurückzubringen, wenn man keinen Sou hat.«
»Das ist vielleicht wahr,« versetzte Gilbert.
»Uebrigens hängt Alles von der Stimmung des Geistes ab, in der man sich befindet. Es war mir kurz zuvor das größte Unglück meines Daseins widerfahren, Gilbert; ich hing an nichts mehr, und hätten Sie mein Leben von mir verlangt, ich glaube, Gott verzeihe mir, ich würde es Ihnen gegeben haben, wie ich Ihnen dir hundert tausend Thaler gab.«
»Sie sind also eben so dem Unglück unterworfen, wie die anderen Menschen?« sagte Gilbert, indem er Cagliostro mit einem gewissen Erstaunen anschaute.
Cagliostro seufzte.
»Sie sprachen von Erinnerungen, die dieser Salon in Ihnen zurückruft. Spräche ich Ihnen von dem, woran er mich erinnert . . . Doch nein; vor dem Ende meiner Erzählung würden der Rest meiner Haare weiß werden; lassen wir die abgelaufenen Ereignisse in ihrem Leichentuche, der Vergessenheit, – in der Vergangenheit, ihrem Grabe, – schlafen . . .Plaudern mir von der Gegenwart, plaudern wir sogar von der Zukunft, wenn Sie wollen.«
»Graf, so eben führten Sie mich selbst zur Wirklichkeit zurück; so eben brachen Sie für mich, wie Sie sagten, mit dem Charlatanismus, und nun sprechen Sie selbst das sonore Wort: die Zukunft, aus? Als ob diese Zukunft in Ihren Händen wäre, und als ob Ihre Augen ihre unentzifferbaren Hieroglyphen lesen könnten!«
»Und Sie vergessen, daß man sich, da ich zu meiner Verfügung mehr Mittel habe, als die anderen Menschen, nicht wundern darf, wenn ich besser und weiter sehe, als sie.«
»Immer Worte, Graf!«
»Sie sind vergeßlich in Betreff der Thatsachen, Doctor.«
»Was wollen Sie, – wenn meine Vernunft sich weigert; zu glauben?«
»Erinnern Sie sich des Philosophen, der die Bewegung leugnete?«
»Ja.«
»Was that sein Gegner?«
»Er ging von ihm . . .Gehen Sie! ich schaue, oder vielmehr, sprechen Sie! ich höre Sie.«
»In der That, wir sind zu diesem Ende gekommen, und es ist nun schon viel Zeit mit Anderem verloren. Reden Sie, Doctor, woran sind wir mit unserem Fusions-Ministerium?«
»Wie, mit unserem Fusionsministerium?«
»Ja, mit unserem Ministerium Mirabeau,Lafayette.«
»Wir sind bei leeren Gerüchten, welche Sie, wie die Anderen, haben wiederholen hören, und Sie wollen ihre Realität erkennen, indem Sie mich befragen.«
»Doctor, Sie sind der eingefleischte Zweifel, und das Erschreckliche daran ist, daß Sie zweifeln, nicht weil Sie nicht glauben, sondern weil Sie nicht glauben wollen. Ich muß Ihnen also zuerst sagen, was Sie so gut wissen, als ich? Es sei . . .Hernach werde ich Ihnen sagen, was ich besser weiß, als Sie.«
»Ich höre, Graf.«
»Vor vierzehn Tagen sprachen Sie mit dem König von Herrn von Mirabeau als von dem einzigen Manne, der die Monarchie retten könnte. An jenem Tage, – erinnern Sie sich dessen, – gingen Sie aus dem Zimmer des Königs weg, als Herr von Favras gerade eintrat.«
»Was beweist, daß er damals noch nicht gehenkt war, Graf,« sagte Gilbert lachend.
»Oh! Sie haben große Eile, Doctor! ich wußte nicht, daß Sie so grausam sind; lassen Sie doch dem armen Teufel ein paar Tage: ich habe Ihnen die Prophezeiung am 6. October gemacht; heute ist der 6. November, das ist nicht mehr als ein Monat. Sie werden wohl seiner Seele, um aus seinem Körper zu gehen, die Zeit bewilligen, die man einem Miethmann bewilligt, um seine Wohnung zu verlassen – das Trimester. Doch ich muß Ihnen bemerken, Doctor, daß Sie mich vom geraden Wege abbringen.«
»Kehren Sie auf denselben zurück, Graf; ich folge Ihnen mit Vergnügen,«
»Sie sprachen also mit dem König von Herrn von Mirabeau als von dem einzigen Menschen, der die Monarchie retten könnte.«
»Das ist meine Meinung, Graf; darum habe ich diese Combination dem König vorgeschlagen.«
»Das ist auch die meinige, Doctor; darum wird die Combination, die Sie dem König vorgeschlagen haben, scheitern.«
»Scheitern?«
»Allerdings . . .Sie wissen wohl, ich will nicht, daß die Monarchie gerettet werde!«
»Fahren Sie fort.«
»Ziemlich erschüttert durch das, was Sie ihm sagten, hat der König, – verzeihen Sie, ich bin genöthigt, von oben wieder aufzunehmen, um Ihnen zu beweisen, daß mir nicht eine Phase der Unterhandlung unbekannt ist, – ziemlich erschüttert durch das, was Sie ihm sagten, hat der König von Ihrer Combination mit der Königin gesprochen, und, – zum großen Erstaunen der oberflächlichen Geister, wenn die große Schwätzerin, die man die Geschichte nennt, laut sagen wird, was wir hier leise sagen, – war die Königin Ihren Plänen weniger entgegen als der König; sie ließ Sie rufen; sie erörterte mit Ihnen das Für und Wider und ermächtigte Sie am Ende, mit Herrn von Mirabeau zu sprechen. Ist dies die Wahrheit, Doctor?« fragte Cagliostro, Gilbert ins Gesicht schauend.
»Ich muß gestehen, Graf, daß Sie bis hierher nicht einen Augenblick vom geraden Wege abgegangen sind.«
»Wonach Sie, Herr Hochmüthiger, sich entzückt und in der tiefen Ueberzeugung, diese königliche Verwandlung sei Ihrer unwiderlegbaren Logik und Ihren unwiderstehlichen Argumenten zuzuschreiben, entfernt haben.«
Bei diesem ironischen Tone biß sich Gilbert unwillkürlich leicht aus die Lippen.
»Und was hätte diese Verwandlung bewirkt, wenn nicht meine Logik und meine Argumente? sprechen Sie, Graf; das Studium der Herzens ist mir so kostbar, als das des Leibes; Sie haben ein Instrument erfunden, mit dessen Hilfe man in der Brust der Könige liest: geben Sie mir dieses wunderbare Teleskop; Sie müßten ein Feind der Menschheit sein, wenn Sie es für sich allein behalten würden.«
»Ich sagte Ihnen, ich habe keine Geheimnisse für Sie, Doctor. Ich werde also Ihrem Wunsche gemäß mein Teleskop in Ihre Hände legen; Sie können nach Ihrem Belieben durch das Ende schauen, welches vergrößert, oder durch das, welches verkleinert . . .Nun denn, die Königin hat aus zwei Gründen nachgegeben: einmal, weil am Tage vorher ihr Herz einen großen Schmerz erduldet hatte, und weil ihr eine Intrigue zum Anknüpfen und zum Entwickeln vorschlagen der Königin eine Zerstreuung vorschlagen hieß; sodann, weil die Königin Frau ist, weil man ihr Herrn von Mirabeau als einen Löwen, als einen Tiger, als einen Bären geschildert hat und eine Frau nie dem für die Eitelkeit so schmeichelhaften Wunsche, einen Bären, einen Tiger oder einen Löwen zu zähmen, widerstehen kann. Sie sagte sich: »»Es wäre seltsam, wenn ich zu meinen Füßen diesen Mann beugte, der mich haßt; wenn ich den Tribun, der mich beschimpft hat, dahin brächte, daß er in Demuth Abbitte thäte. Ich werde ihn vor mir knieen sehen, das wird meine Rache sein; geht dann aus dieser Kniebeugung etwas Gutes für Frankreich und das Königthum hervor, desto besser!«« Doch Sie begreifen, dieses letzte Gefühl war ganz secundär,«
»Sie bauen auf Hypothesen, Graf, und Sie hatten mir versprochen, mich durch Thatsachen zu überzeugen.«
»Sie schlagen mein Teleskop auf; sprechen wir nicht mehr davon und kommen wir aus die materiellen Dinge zurück, auf die, welche man mit bloßen Augen sehen kann, aus die Schulden von Herrn von Mirabeau, zum Beispiel. Ah! das gehört zu den Dingen, für welche man kein Teleskop braucht.«
»Nun, Graf, Sie haben da Gelegenheit. Ihre Freigebigkeit zu zeigen.«
»Indem ich die Schulden von Herrn von Mirabeau bezahle?«
»Warum nicht? Sie haben wohl eines Tags die des Herrn Cardinal von Rohan bezahlt.«
»Ah! werfen Sie mir diese Speculation nicht vor, das ist eine von denjenigen, welche mir am besten geglückt sind.«
»Und was hat sie Ihnen eingetragen?«
»Die Halsbandgeschichte . ., mir scheint, das ist hübsch. Um einen solchen Preis bezahle ich die Schulden von Herr von Mirabeau. Doch für den Augenblick wissen Sie, daß er nicht auf mich rechnet; er rechnet aus den zukünftigen Generalissimus Lafayette, der ihn unglücklichen fünfzigtausend Franken, welche er ihm am Ende nicht gibt, wie einen Hund Kastanien nachspringen läßt.«
»Oh! Graf!«
»Armer Mirabeau in der That, wie alle diese Dummköpfe und diese Gecken, mit denen Du zu thun hast, Dein Genie die Thorheiten Deiner Jugend bezahlen lassen! Es ist wahr, Alles dies ist providentell und Gott ist genöthigt, durch menschliche Mittel zu verfahren. »»Der unmoralische Mirabeau!«« so sagt Monsieur, der unvermögend ist; »»Mirabeau, der Verschwender!«« sagt der Graf d’Artois, dem sein Bruder dreimal seine Schulden bezahlt hat. Armes Genie! ja, Du würdest die Monarchie vielleicht retten, da aber die Monarchie nicht gerettet werden soll, so sagt Rivarol: »»Mirabeau ist ein ungeheurer Schwätzer!«« »»Mirabeau ist ein Lump!«« sagt Malby. »»Mirabeau ist ein wunderlicher ausschweifender Kopf!«« sagt la Poule. »»Mirabeau ist ein Ruchloser!«« sagt Guillermy. »»Mirabeau ist ein Mörder!«« sagt der Abbé Maury. »»Mirabeau ist ein todter Mann!«« sagt Target. »»Mirabeau ist ein begrabener Mann!«« sagt Duport. »»Mirabeau ist ein Redner, der mehr ausgezischt als beklatscht worden ist!«« sagt Pelletier. »»Mirabeau hat die Blattern an der Seele!«« sagt Champcenetz. »»Man muß Mirabeau auf die Galeeren schicken!«« sagt Lambesc. »»Man muß Mirabeau aushängen!«« sagt Marat. Und Mirabeau sterbe morgen, so wird ihm das Volk eine Apotheose machen, und alle diese Zwerge, die er um die ganze Brust überragt, und auf denen er lastet, so lange er lebt, werden seinem Leichenbegängniß folgen und singen und schreien; »»Wehe Frankreich, das seinen Tribun verloren hat! wehe dem Königthum, das seine Stütze verloren hat!«
»Werden Sie mir auch den Tod von Mirabeau prophezeien?« rief Gilbert beinahe erschrocken.
»Sprechen Sie offenherzig, Doctor, glauben Sie, er werde lange leben, dieser Mann, den sein Blut verbrennt, den sein Herz erstickt, den sein Genie verzehrt? Glauben Sie, Kräfte, so riesig sie sein mögen, erschöpfen sich nicht in einem ewigen Kampfe gegen den Strom der Mittelmäßigkeit? Das von ihm unternommene Werk ist der Stein des Sisyphus. Erdrückt man ihn seit zwei Jahren nicht unablässig mit dem Worte: Unsittlichkeit? So oft er es nach unerhörten Anstrengungen auf den Gipfel des Berges zurückgeschoben zu haben glaubt, fällt dieses Wort schwerer als je wieder auf ihn herab. Was hat man dem König gesagt, der beinahe der Meinung der Königin in Beziehung aus Herrn von Mirabeau als ersten Minister beigetreten war? »»Sire, Paris wird über Unsittlichkeit schreien; Frankreich wird über Unsittlichkeit schreien; Europa wird über Unsittlichkeit schreien!«« Als ob Gott die großen Männer in derselben Form gösse, wie den gemeinen Haufen der Sterblichen, und als ob, sich erweiternd, der Kreis, der die großen Tugenden umfaßt, nicht auch die großen Laster umfassen müßte! Gilbert, Sie werden sich erschöpfen, Sie und ein paar Männer von Intelligenz, um Mirabeau zum Minister zu machen, das heißt zu dem, was Herr von Turgot, ein Einfaltspinsel, Herr Necker, ein Pedant, Herr von Calonne, ein Geck, Herr von Brienne, ein Atheist, gewesen sind; – und Mirabeau wird nicht Minister sein, weil er hunderttausend Franken Schulden hat, welche bezahlt wären, wäre er der Sohn eines einfachen Generalpächters, und weil er zum Tode verurtheilt worden ist, wegen der Entführung der Frau eines alten Blödsinnigen, welche Frau sich am Ende aus Liebe für einen schönen Kapitän mit Kohlendampf erstickt hat.«
»Aber was prophezeien Sie mir denn da?« fragte Gilbert, der, während er dem Ausfluge, den der Geist von Cagliostro in das Land der Phantasie gemacht hatte, seinen Beifall gab, sich nur um den Schluß bekümmerte, den er daraus zurückgebracht.
»Ich sage Ihnen,« wiederholte Cagliostro mit dem Prophetentone, der nur ihm eigenthümlich war und keine Entgegnung zuließ, »ich sage Ihnen, Herr von Mirabeau, der Mann von Genie, der Staatsmann, der große Redner, wird sein Leben auszehren und am Grabe anlangen, ohne daß er es dazu gebracht hat, das zu sein, was alle Welt gewesen sein wird: Minister! Ah! die Mittelmäßigkeit ist eine gute Protection, mein lieber Gilbert!«
»Aber . . .der König widersetzt sich also?« fragte Gilbert.
»Pest! er hütet sich wohl; er müßte mit der Königin streiten, der er beinahe sein Wort gegeben hat. Sie wissen, daß die Politik des Königs in dem Worte beinahe liegt; er ist beinahe constitutionell, beinahe Philosoph, beinahe populär und beinahe fein, wenn er von Monsieur berathen wird. Gehen Sie morgen in die Nationalversammlung, mein lieber Doctor, und Sie werden sehen, was dort vorfällt!«
»Können Sie mir es nicht zum Voraus sagen?«
»Dies hieße Ihnen das Vergnügen der Ueberraschung rauben.«
»Morgen, das ist lang!«
»So thun Sie etwas Besseres. Es ist fünf Uhr; in einer Stunde wird sich der Club der Jacobiner eröffnen. Das sind Nachtvögel, wie Sie wissen, diese Herren Jacobiner. Gehören Sie zur Gesellschaft?«
»Nein. Kamille Desmoulins und Danton haben mich bei den Cordeliers aufnehmen lassen.«
»Nun wohl, in einer Stunde wird, wie ich Ihnen sagte, der Club der Jacobiner sich eröffnen. Das ist eine sehr gut zusammengesetzte Gesellschaft, in welcher wir, seien Sie unbesorgt, nicht am unrechten Orte sein werden. Wir speisen mit einander zu Mittag; nach dem Essen nehmen wir einen Fiacre; wir lassen uns in die Rue Saint-Honoré führen, und wenn Sie aus dem alten Kloster weggehen, werden Sie erbaut sein. Zwölf Stunden im Voraus in Kenntniß gesetzt, werden Sie überdies vielleicht Zeit haben, den Streich zu pariren. Nun aber lassen Sie uns speisen.«
»Wie!« fragte Gilbert, »Sie speisen um fünf Uhr zu Mittag?«
»Auf den Schlag fünf. Ich bin ein Vorläufer in allen Dingen; in zehn Jahren wird Frankreich nur zwei Mahle machen: ein Frühstück um zehn Uhr Morgens und ein Mittagemahl um sechs Uhr Abends.«
»Und wer wird diese Veränderungen in den Gewohnheiten herbeiführen?«
»Die Hungersnoth, mein Lieber.«
»Sie sind wahrhaftig ein Unglücksprophet.«
»Nein, denn ich prophezeie Ihnen ein gutes Mahl.«
»Haben Sie Gesellschaft?«
»Ich bin durchaus allein. Doch Sie kennen das Wort des alten Gastronomen: »»Lucullus speist bei Lucullus.««
»Monseignieur ist bedient,« meldete ein Lakei, der beide Flügel der Thüre eines glänzend erleuchteten und kostbar servirten Speisezimmers öffnete.
»Kommen Sie, Herr Pythagoräer,« sagte Cagliostro, indem er Gilbert beim Arme nahm, »Bah! ein Mal ist nicht Gewohnheit!«
Gilbert folgte dem Zauberer, unterjocht durch die Magie seiner Worte, und vielleicht auch hingezogen durch die Hoffnung, in seinem Gespräche irgend einen Blitz glänzen zu machen, der ihn in der Nacht, in welcher er ging, leiten könnte.
XXX
Der Club der Jacobiner
Zwei Stunden nach der von uns mitgetheilten Unterredung hielt ein Wagen ohne Livree und ohne Wappen vor der Thüre der Saint-Roch-Kirche, deren Façade noch nicht durch die Kugeln des 13. Vendemiaire verstümmelt worden war.
Aus diesem Wagen Siegen zwei Männer aus, schwarz gekleidet, wie es damals die Mitglieder des dritten Standes waren, und beim gelben Schimmer der Reverberen, welche stellenweise den Nebel der Rue Saint-Honoré durchdrangen, einer Art von Strömung, welche die Menge bildete, folgend zogen sie sich auf der linken Seite der Straße bis zu der kleinen Thüre des Jacobiner-Klosters hin.
Haben unsere Leser, wie dies wahrscheinlich ist, errathen, daß diese zwei Männer der Doctor Gilbert und der Graf von Cagliostro oder der Banquier Zannone, wie er sich zu jener Zeit nennen ließ, waren, so brauchen wir ihnen nicht zu erklären, warum sie vor der kleinen Thüre stehen blieben, da diese Thüre das Ziel ihres nächtlichen Ganges war.
Uebrigens hatten die zwei Ankömmlinge nur der Menge zu folgen, denn die Menge war groß.
»Wollen Sie in das Schiff eintreten, oder werden Sie sich mit einem Platze auf den Tribunen begnügen?« fragte Cagliostro Gilbert.
»Ich glaubte, das Schiff sei einzig und allein den Mitgliedern der Gesellschaft vorbehalten?« erwiederte Gilbert.
»Allerdings; aber bin ich nicht Mitglied von allen Gesellschaften?« versetzte Cagliostro lachend; »und da ich es bin, sind es nicht auch meine Freunde? Hier ist eine Karte für Sie, wenn Sie wollen; ich, was mich betrifft, ich habe nur ein Wort zu sagen.«
»Man wird uns als Fremde erkennen und weggehen heißen,« bemerkte Gilbert.
»Vor Allem, mein lieber Doctor, muß ich Ihnen Eines sagen ., . was Sie nicht wissen, wie es scheint, nämlich, daß die seit drei Monaten gegründete Gesellschaft der Jacobiner schon ungefähr sechzigtausend Mitglieder in Frankreich zählt und, ehe ein Jahr vergeht, viermal hundert tausend zählen wird; überdies, mein Theuerster,« fügte Cogliostro lächelnd bei, »überdies ist hier der wahre Große Orient, der Mittelpunkt aller geheimen Gesellschaften, und nicht bei dem Dummkopf Fauchet, wie man glaubt. Wenn Sie nun nicht das Recht haben, unter dem Titel eines Jacobiners einzutreten, so haben Sie hier Ihren Platz in der Eigenschaft eines Rosenkreuzers anzusprechen.«
»Gleichviel,« erwiederte Gilbert, »ich ziehe die Tribunen vor.
Von den Tribunen herab werden wir über der ganzen Versammlung schweben, und bietet sich eine gegenwärtige oder zukünftige Illustration, die ich nicht kenne, so werden Sie mich mit ihr bekannt machen.«
Die Tribunen waren voll, doch bei der ersten, nach der er sich wandte, brauchte Cagliostro nur ein Zeichen zu machen und leise ein Wort auszusprechen, und zwei Männer, welche vorne standen, zogen sich aus der Stelle zurück, als wären sie nur hierher gekommen, um seinen Platz und den des Doctor Gilbert zu hüten.
Die Ankömmlinge nahmen ihre Plätze ein.
Die Sitzung war noch nicht eröffnet; die Mitglieder der Versammlung waren in Unordnung im dunkeln Schisse verbreitet; die Einen plauderten in Gruppen; die Andern gingen in dem engen Raume, den ihnen die große Anzahl ihrer Collegen ließ, aus und ab; wieder Andere träumten vereinzelt, entweder im Schatten sitzend oder stehend und an einen massiven Pfeiler angelehnt.
Spärliche Lichter goßen in Streifen einige Helle auf diese Menge, deren Individualitäten nur hervortraten, wenn sich ihre Gesichter oder ihre Personen zufällig unter einer von diesen schwachen Flammen befanden.
Nur war selbst im Halbschatten leicht zu sehen, daß man sich mitten in einem aristokratischen Vereine befand. Die gestickten Röcke und die Uniformen der Land- und Seeofficiere waren, die Menge mit Reflexen von Gold und Silber besprenkelnd, im Ueberflusse vorhanden.
Zu jener Zeit demokratisirte in der That nicht ein Arbeiter, nicht ein Mann aus dem Volke, wir möchten sagen, beinahe nicht ein Bürger die illustre Versammlung.
Für die Leute von der kleinen Welt gab es einen zweiten Saal unter dem ersten. Dieser zweite Saal wurde zu einer andern Stunde geöffnet, damit das Volk und die Aristokratie nicht mit dem Ellenbogen an einander stießen. Für die Unterweisung dieses Volkes hatte man eine brüderliche Gesellschaft gebildet.
Die Mitglieder dieser Gesellschaft waren beauftragt, ihm die Constitution zu erklären und ihm die Menschenrechte auseinanderzusetzen.
Die Jacobiner waren, wie gesagt, zu jener Zeit eine militärische, aristokratische, intellectuelle und besonders gelehrte und künstlerische Gesellschaft.
Die Gelehrten und die Künstler sind wirklich in der Mehrheit da.
Es sind hier an Literaten la Harpe, der Verfasser von Melanie; Chénier, der Verfasser von Karl IX.; Andrieux, der Verfasser der Etourdis, der schon im Alter von dreißig Jahren dieselben Hoffnungen gibt, die er noch im Alter von siebenzig gab, und der gestorben ist, nachdem er immer versprochen und nie gehalten; da ist auch Sedeine, der ehemalige Steinhauer, begünstigt von der Königin, ein Royalist seinem Herzen nach, wie die Mehrzahl der Anwesenden; Chamfort, der gekrönte Dichter, Exsecretär des Herrn Prinzen von Condé, Vorleser von Madame Elisabeth; Laclos, der Mann des Herzogs von Orleans, der Verfasser der Liaisons dangereuses, der den Platz seines Patrons einnimmt und je nach den Umständen beauftragt ist, ihn bei seinen Freunden in’s Gedächtniß zurückzurufen, oder von seinen Feinden vergessen zu lassen.
An Künstlern sind da Talma der Römer, der in seiner Rolle als Titus eine Revolution zu machen im Begriffe ist; durch ihn wird es kommen, daß man einstweilen die Haupthaare abschneidet, bis es durch Callot d’Herbois, seinen Collegen, dahin kommt, daß man die Köpfe abschneidet; ferner David, der Leonidas und die Sabinerinnen träumt; David, der sein großes Gemälde: der Schwur im Ballhause, anlegt und so eben vielleicht den Pinsel gekauft hat, mit dem er sein schönstes Gemälde und sein häßlichstes Bild: Marat in seinem Bade ermordet, machen wird; Vernet, der vor zwei Jahren von der Academie für sein großes Bild: der Triumph des Paulus Aemilius, aufgenommen worden ist; der sich damit belustigt, daß er Pferde und Hunde malt, ohne zu ahnen, daß vier Schritte von ihm, in der Versammlung, am Arme von Talma, ein junger corsischer Lieutenant mit glatten, ungepuderten Haaren ist, welcher ihm, ohne es selbst zu vermuthen, fünf von seinen schönsten Bildern, den Uebergang über den St. Bernhardsberg, die Schlachten vom Rivoli, vom Marengo, von Austerlitz und von Wagram vorbereitet; ferner Larive, der Erbe der declamatorischen Schule, der noch nicht geruht, in Talma einen Collegen zu sehen; den Voltaire Corneille und Belloy Racine vorzieht; ferner Lais, der Sänger, der das Entzücken der Oper in den Rollen des Kaufmanns in der Caravane, des Consul in Trajan und des Cinna in der Vestalin bildet; sodann Lafayette, Lameth, Duport, Sieyès, Thouret, Shapellier, Rabaut-Saint-Elienne, Lanjuinais, Monlesier; mitten unter Allem dem endlich, mit herausfordernder Miene und anmaßendem Gesichte, der Abgeordnete von Grenoble, Barnave, aus dem die mittelmäßigen Menschen einen Mirabeau machen, während Mirabeau ihn zermalmt, so oft er sich herabläßt, den Fuß auf ihn zu setzen.
Gilbert warf einen langen Blick auf diese glänzende Versammlung, erkannte Jeden, schätzte in seinem Geiste alle diese verschiedenen Fähigkeiten und war wenig durch sie beruhigt.
Diese royalistische Gesammtheit tröstete ihn indessen wieder ein wenig.
»Im Ganzen,« sagte er plötzlich zu Cagliostro, »welchen Mann sehen Sie unter allen diesen Männern, der wirklich feindlich gegen das Königthum gesinnt wäre?«
»Soll ich mit den Augen von Jedermann, mit den Ihrigen, mit denen von Herrn Necker, mit denen des Abbé Maury oder mit den meinigen sehen?«
»Mit den Ihrigen,« erwiederte Gilbert; »ist es nicht entschieden, daß es Zaubereraugen sind?«
»Nun wohl, es finden sich zwei hier.«
»Oh! das ist nicht viel unter vierhundert Männern.»
»Es ist genug, wenn Einer von diesen zwei Männern der Mörder von Ludwig XVI. sein soll, und der Andere sein Nachfolger.«
Gilbert bebte.
»Ho! hol« murmelte er, »wir haben hier einen zukünftigen Brutus und einen zukünftigen Cäsar!«
»Nicht mehr, nicht weniger, mein lieber Doctor.«
»Sie werden mich wohl beide sehen lassen, nicht wahr, Graf?« sagte Gilbert mit dem Lächeln des Zweifels aus den Lippen.
»O Apostel mit schuppenbedeckten Augen!« erwiederte Cagliostro, »ich werde etwas Besseres thun, wenn Du willst; ich werde Dich sie mit dem Finger berühren lassen. Bei welchem soll ich anfangen?«
»Bei dem Umstürzer, wie mir scheint; ich habe große Ehrfurcht für die chronologische Ordnung. Lassen Sie mich zuerst Brutus sehen.«
»Du weißt,« sprach Cagliostro, sich belebend, als würde er vom Hauche der Inspiration ergriffen, »Du weißt, daß die Menschen nie mit denselben Mitteln verfahren, um ein ähnliches Werk zu vollbringen? Unser Brutus wird also in keiner Hinsicht dem Brutus des Altenhums gleichen.«
»Ein Grund mehr, daß ich begierig bin, ihn zu sehen.«
»Nun, so schau, dort ist er!« versetzte Cagliostro.
Und er streckte die Hand in der Richtung eines an die Kanzel angelehnten Mannes aus, dessen Kopf sich in diesem Augenblick allein im Lichte fand, indeß der übrige Körper im Schatten verloren war.
Dieser bleiche Kopf sah aus wie, in den alten Tagen der Proseriptionen, ein abgeschnittener, an die Rednerbühne genagelter Kopf.
Nur die Augen schienen zu leben, mit einem beinahe verächtlichen Ausdrucke des Hasses, mit dem Ausdrucke der Schlange, welche weiß, daß ihr Zahn ein tödtliches Gift enthält; sie folgten bei seinen zahlreichen Evolutionen dem lärmenden und geschwätzigen Barnave.
Gilbert fühlte etwas wie einen Schauer seinen ganzen Leib durchlaufen.
»In der That,« sagte er, »Sie haben mich zum Voraus darauf aufmerksam gemacht; das ist weder der Kopf von Brutus, noch der von Cromwell.«
»Nein,« versetzte Cagliostro; »doch es ist vielleicht der von Cassius. Sie wissen, mein Lieber, was Cäsar sagte: »»Alle diese fetten Leute, alle diese Wohllebemenschen, welche ihre Tage bei der Tafel, ihre Nächte in Orgien hinbringen, fürchte ich nicht: nein, was ich fürchte das sind die Träumer mit magerem Leibe und bleichem Gesichte.«
»Derjenige, welchen Sie mir zeigen, entspricht den von Cäsar gestellten Bedingungen.«
»Kennen Sie ihn denn nicht?« fragte Cagliostro.
»Doch!« erwiederte Gilbert, indem er ihn aufmerksam anschaute, »ich kenne ihn oder ich erkenne vielmehr in ihm ein Mitglied der Nationalversammlung.«
»So ist es!«
»Einer der weitschweifigsten Redner der Linken.«
»So ist es!«
»Den Niemand anhört, wenn er spricht.«
»So ist es!«
»Ein kleiner Advocat von Arras, nicht wahr? er heißt Maximilian von Robespierre.«
»Ganz richtig! Nun wohl, schauen Sie diesen Kopf mit Aufmerksamkeit an.«
»Ich schaue ihn an.«
»Was sehen Sie daran?«
»Graf, ich bin nicht Lavater.«
»Nein, doch Sie sind sein Schüler.«
»Ich sehe den gehässigen Ausdruck der Mittelmäßigkeit gegen das Genie.«
»Das heißt, Sie beurtheilen ihn auch wie die ganze Welt. Ja, es ist wahr, seine schwache, ein wenig herbe Stimme, sein mageres, trauriges Gesicht, die Haut seiner Stirne, welche an seinen Schädel wie ein gelbes unbewegliches Pergament geklebt zu sein scheint; sein glasiges Auge, das nur zuweilen einen grünlichen Flammenstrahl hervorspringen läßt, welcher sogleich wieder erlischt; diese beständige Spannung der Muskeln; diese gerade durch ihre Unbeweglichkeit ermüdende Physiognomie; dieser unveränderlich olivenfarbige Rock, ein einziger, dürrer, scharfgebürsteter Rock; ja, Alles dies, ich begreife es wohl, muß wenig Eindruck aus eine an Rednern reiche Versammlung machen, die das Recht hat, schwierig zu sein, gewohnt, wie sie es ist, an das Löwengesicht von Mirabeau, an die verwegene Anmaßung von Barnave, an die scharfe Gegenrede des Abbé Maury, an die Wärme von Cazalès und an die Logik von Sieyès; diesem aber wird man nicht, wie Mirabeau, seine Immoralität vorwerfen; dieser ist der redliche Mann; er geht nie aus den Principien heraus, und geht er je aus der Gesetzlichkeit heraus, so wird es geschehen, um den alten Text mit dem neuen Gesetze zu tödten!«
»Aber wer ist denn dieser Robespierre?«
»Ah! da bist Du, Aristokrat des 17. Jahrhunderts! »»Wer ist denn dieser Cromwell?«« fragte der Graf von Strafford, dem der Protector den Kopf abschlagen sollte; »»ich glaube, ein Bierschenk.««
»Wollen Sie damit sagen, mein Kopf lause dieselbe Gefahr, wie der von Sir Thomas Wentworth?« fragte Gilbert, der ein Lächeln versuchte, welches sich auf seinen Lippen in Eis verwandelte.
»Wer weiß?« versetzte Cagliostro.
»Ein Grund mehr, daß ich mich erkundige,« sprach der Doctor.
»Wer dieser Robespierre ist? In ganz Frankreich weiß es vielleicht Niemand als ich. Ich liebe es, damit bekannt zu sein, woher die Auserwählten des Verhängnisses kommen; das hilft mir errathen, wohin sie gehen. Die Robespierre sind Irländer. Ihre Vorfahren gehörten vielleicht zu jenen irischen Colonien, welche im 16. Jahrhundert herüberkamen und die Seminarien und Klöster unserer nördlichen Küsten bevölkerten; dort werden sie von den Jesuiten die starke Widersprecher-Erziehung erhalten haben, die diese ihren Zöglingen gaben; sie waren Notare vom Vater auf den Sohn. Ein Zweig der Familie, der, von welchem dieser abstammt, ließ sich in Arras, einem, wie Sie wissen, großen Centrum des Adels und der Geistlichkeit, nieder. Es waren in der Stadt zwei Herren oder vielmehr zwei Könige: der Eine, der Abt von Saint-Wast; der Andere, der Bischof von Arras, dessen Palast die Hälfte der Stadt in den Schatten stellt. In dieser Stadt ist derjenige, welchen Sie dort sehen, im Jahre 1758 geboren. Was er als Kind gethan hat, was er als junger Mann gethan hat, was er in dickem Augenblicke thut, will ich Ihnen mit zwei Worten sagen; was er thun wird, habe ich Ihnen schon mit einem gesagt. Es waren vier Kinder im Hause. Der Chef der Familie verlor seine Frau; er war Advocat beim Rathe von Artois; nach dem Tode seiner Frau versank er in eine tiefe Traurigkeit; er hörte auf zu plaidiren, unternahm eine Zerstreuungsreise und kam nicht mehr zurück. Mit elf Jahren war der älteste Sohn, – dieser hier, – ebenfalls Familienhaupt, Vormund von einem Bruder und von zwei Schwestern; in diesem Allen begriff, seltsamer Weise, das Kind seine Aufgabe und machte sich sogleich zum Manne. In vier und zwanzig Stunden wurde er das, was er geblieben ist: ein Gesicht, was zuweilen lächelt, ein Herz, das nie lacht. Er war der beste Zögling vom Collegium. Man erhielt für ihn vom Abte von Saint-Wast eines von den Stipendien, über welche der Prälat beim Collége Louis-le-Grand verfügte. Er kam allein nach Paris, empfohlen an einen Domherrn von Notre-Dame; im Verlaufe des Jahres starb der Domherr. Beinahe zu gleicher Zeit starb in Arras seine jüngere Schwester, die er am meisten liebte. Der Schatten der Jesuiten, die man aus Frankreich vertrieben hatte, fiel noch auf die Mauern von Louis-le-Grand. Sie kennen das Gebäude, wo zu dieser Stunde Ihr Sebastian heranwächst; düster und tief wie die der Bastille, entfärben seine Höfe die frischesten Gesichter: das des jungen Robespierre war bleich, sie machten es leichenfarbig. Die anderen Kinder gingen zuweilen aus; für sie hatte das Jahr Sonntage und Feste; für den verwaisten, jeder Protection entbehrenden Stipendiaten waren alle Tage dieselben. Während die Anderen die Luft der Familie athmeten, athmete er die Lust der Einsamkeit, der Traurigkeit und der Langweile: drei schlimme Hauche, welche in den Herzen den Haß und den Neid entzünden und der Seele ihre Blüthe rauben. Dieser Hauch verschmächtigte den Knaben und machte einen faden jungen Mann aus ihm. Eines Tags wird man nicht glauben, daß es ein Portrait von Robespierre im Alter von vier und zwanzig Jahren gibt, wo er eine Rose in einer Hand hält und die andere an seine Brust drückt mit der Devise: »Alles für meine Freundin!«
Gilbert lächelte traurig, indem er Robespierre anschaute.
»Es ist wahr,« fuhr Cagliostro fort, »als er diese Devise nahm und sich so malen ließ, schwor diese Freundin, nichts auf der Welt werde ihr Schicksal trennen; er schwor auch, und zwar als ein Mann, der gesonnen ist, seinen Schwur zu halten. Er machte eine Reise von drei Monaten und fand sie verheirathet wieder. Der Abt von Saint-Wast war übrigens sein Gönner geblieben; er hatte seinem Bruder das Stipendium vom Collége Louis-le-Grand zukommen lassen und ihm die Stelle eines Richters beim Criminaltribunal gegeben. Es kam ein Prozeß zur gerichtlichen Entscheidung, ein Mörder war zu bestrafen; Robespierre, voller Gewissensbisse, daß er, selboritte, es gewagt, über das Leben eines Menschen zu verfügen, obgleich dieser Mensch als schuldig erkannt war, Robespierre nahm seine Entlassung. Er wurde Advocat, denn er mußte leben und seine junge Schwester ernähren; der Bruder wurde schlecht genährt im Collége Louis-le-Grand, aber er war doch am Ende genährt. Kaum hatte er sich in die Liste einschreiben lassen, als ihn Bauern baten, für sie gegen den Bischof von Arras zu plaidiren. Die Bauern waren in ihrem Rechte; Robespierre überzeugte sich hiervon durch die Prüfung der Acten, plaidirte, gewann den Prozeß der Bauern und wurde, noch ganz warm von seinem Siege, in die Nationalversammlung geschickt. In der Nationalversammlung fand sich Robespierre zwischen einen mächtigen Haß und eine tiefe Verachtung gestellt: Haß der Geistlichkeit gegen den Advocaten, der es gewagt hatte, gegen den Bischof von Arras zu plaidiren; Verachtung der Adeligen des Artois gegen den durch die Wohlthätigkeit erzogenen Robin.11«
»Aber was hat er denn bis heute gethan?« unterbrach Gilbert.
»Oh mein Gott! beinahe nichts für die Andern, aber ziemlich viel für mich. Entspräche es nicht meinen Plänen und Absichten, daß dieser Mensch arm ist, so gäbe ich ihm morgen eine Million.«
»Ich frage Sie noch einmal: was hat er gethan?«
»Erinnern Sie sich des Tages, wo die Geistlichkeit heuchlerischer Weise in der Versammlung den durch das königliche Veto unschlüssigen dritten Stand bat, seine Arbeiten zu beginnen?«
»Ja.«
»Nun wohl, durchlesen Sie noch einmal die Rede, welche an diesem Tage der kleine Advocat von Arras hielt, und Sie werden sehen, ob nicht eine ganze Zukunft in dieser herben Heftigkeit liegt, die ihn beinahe beredt machte.«
»Doch seitdem?«
»Seitdem? . . .Oh! das ist wahr. Wir sind genöthigt, vom Monat Mai auf den Monat October überzuspringen. Als am 5. Maillard, der Abgeordnete der Pariser Weiber, im Namen seiner Clientinnen die Nationalversammlung haranguirte, nun, da blieben alle Mitglieder dieser Versammlung stumm und unbeweglich; dieser kleine Advocat aber zeigte sich nicht allein herb, er zeigte sich vermessener, als Einer. Alle angebliche Vertheidiger des Volks schwiegen, er erhob sich zweimal; das erste Mal unter dem Lärmen, das zweite Mal unter dem Stillschweigen. Er unterstützte Maillard, der im Namen der Hungersnoth sprach und Brod verlangte.«
»Ja, in der That,« sagte Gilbert nachdenkend, »das wird ernster; doch vielleicht wird er sich ändern.«
»Oh! mein lieber Doctor, Sie kennen nicht den Unbestechlichen, wie man ihn eines Tages nennen wird: wer würde übrigens den kleinen Advocaten, über den Jedermann lacht, erkaufen wollen? Dieser Mensch, welcher später, – hören Sie wohl, was ich Ihnen sage, Gilbert, – welcher später der Schrecken der Versammlung sein wird, ist heute die Zielscheibe des Spottes. Die adeligen Jacobiner sind übereingekommen, Herr von Robespierre sei der lächerlichste Mensch der Nationalversammlung, derjenige, welcher alle Welt belustige und belustigen müsse, derjenige, über welchen Jeder spotten könne und spotten müsse. Die großen Versammlungen langweilen sich manchmal, es muß wohl ein Gimpel da sein, der sie erheitert. In den Augen der Lameth, der Cazalès, der Maury, der Barnave, der Duport ist Herr von Robespierre ein Gimpel. Seine Freunde verrathen ihn, indem sie ganz leise lächeln, seine Feinde zischen ihn auf und lachen ganz laut; wenn er spricht, spricht alle Welt; wenn er die Stimme erhebt, schreit Jeder; hat er, – immer zu Gunsten des Rechts, immer um irgend ein Princip zu vertheidigen, – eine Rede gehalten, die Niemand angehört, so verlangt irgend ein unbekanntes Mitglied, auf das der Redner einen Moment seinen Blick heftet, ironisch den Druck der Rede. Ein Einziger von seinen Collegen begreift ihn; ein Einziger errathen Sie, welcher? Mirabeau. »»Dieser Mensch wird weit gehen,«« sagte er mir vorgestern, »»denn dieser Mensch glaubt, was er spricht.«« Was, wie Sie sich denken können, Mirabeau seltsam scheint.«
»Ich habe die Rede dieses Mannes gelesen und sie mittelmäßig, flach gefunden,« entgegnete Gilbert.
»Ei! mein Gott, ich sage Ihnen nicht, es sei ein Demosthenes oder ein Cicero, ein Mirabeau oder ein Barnave; ei! nein, es ist ganz einfach Herr von Robespierre, wie man ihn geflissentlich nennt. Uebrigens behandelt man seine Reden eben so rücksichtslos in der Druckerei, wie auf der Tribune: auf der Tribune unterbricht man sie; in der Druckerei verstümmelt man sie. Die Journalisten nennen ihn nicht einmal Herr von Robespierre; nein, die Journalisten wissen seinen Namen nicht. Sie nennen ihn Herr B . . ., Herr N . . .oder Herr *** Oh! Gott allein und ich vielleicht wissen, was sich an Galle in dieser magern Brust, an Stürmen in diesem engen Gehirne anhäuft; denn um alle diese Beleidigungen, alle diese Schmähungen, alle diese Verrathe zu vergessen, hat der ausgezischte Redner, der seine Stärke fühlt, weder die Zerstreuung der Familie, noch die Erleichterung der Welt. In seiner traurigen Wohnung im traurigen Marais, in seinem kalten, dürftigen, jedes Hausraths entbehrenden Zimmer in der Rue Saintonge, wo er ganz klein von seinem Gehalte als Abgeordneter lebt, ist er allein wie in den feuchten Höfen von Louis-le-Grand. Bis zum vorigen Jahre ist sein Gesicht noch jung und sanft gewesen: sehen Sie, seit einem Jahre ist es vertrocknet, wie die Köpfe der Caraiben-Häuptlinge vertrocknen, welche von Oceanien die Cook und die la Pérouse zurückbringen; er verläßt die Jacobiner nicht, und bei den für Alle unsichtbaren Aufregungen, die er erleidet, bekommt er Blutflüsse, welche ihn schon mehrere Male ohne Bewußtsein gelassen haben. Sie sind ein großer Algebrist, Gilbert, nun, ich fordere Sie heraus, durch die übertriebensten Multiplicationen das Blut zu berechnen, welches diesem Adel, der ihn beschimpft, diesen Priestern, die ihn verfolgen, diesem König, der nichts von ihm weiß, das Blut, das Robespierre verliert, kosten wird.«
»Warum kommt er aber in den Club der Jacobiner?«
»Oh! weil man ihn, der in der Nationalversammlung ausgezischt wird, bei den Jacobinern anhört. Die Jacobiner, mein lieber Doctor, das ist der Minotaurus als Kind; er saugt an einer Kuh, später wird er ein Volk verschlingen. Nun wohl, von den Jacobinern ist Robespierre der Typus. Die Gesellschaft faßt sich in ihm zusammen, und er ist der Ausdruck der Gesellschaft: nichts mehr, nichts weniger; er geht denselben Schritt wie sie, ohne ihr zu folgen, ohne ihr vorzugehen. Nicht wahr, ich habe Ihnen versprochen, Sie ein kleines Instrument sehen zu lassen, mit dem man sich gegenwärtig beschäftigt, und das zum Zwecke hat, einen Kopf, vielleicht zwei in der Minute fallen zu machen? wohl, von allen hier anwesenden Personen ist diejenige, welche diesem Tödtungsinstrumente am meisten Arbeit geben wird, der kleine Acvocat von Arras, Herr von Robespierre.«
»Wahrhaftig, Graf, Sie sind fürchterlich,« sagte Gilbert, »und wenn mich Ihr Cäsar nicht ein wenig für Ihren Brutus tröstet, so bin ich im Stande, die Ursache zu vergessen, aus der ich hierher gekommen . . .Doch verzeihen Sie, was ist aus Cäsar geworden?«
»Sehen Sie ihn dort? Er plaudert mit einem Manne, den er noch nicht kennt, währender später einen großen Einfluß auf sein Geschick haben wird. Dieser Mann heißt Barras: behalten Sie seinen Namen und erinnern Sie sich desselben bei Gelegenheit.«
»Ich weiß nicht, ob Sie sich täuschen, Graf,« versetzte Gilbert, »aber in jedem Falle wählen Sie Ihre Typen sehr gut. Ihr Cäsar hat eine wahre Stirne, um die Krone zu tragen, und seine Augen, deren Ausdruck ich nicht erfassen kann . . .«
»Ja, weil sie inwendig schauen; das sind die Augen, welche die Zukunft errathen, Doctor.«
»Und was sagt er zu Barras?«
»Er sagt ihm, wenn er die Bastille vertheidigt hätte, so würde man sie nicht genommen haben.«
»Das ist also kein Patriot?«
»Die Männer wie er wollen nichts sein, bevor sie Alles sind.«
»Sie behaupten also den Scherz in Betreff des kleinen Unterlieutenants?«
»Gilbert,« sprach Cagliostro, indem er die Hand gegen Robespierre ausstreckte, »so wahr als Dieser das Schaffot von Karl l wieder errichten wird, so wahr wird Jener,« – und er streckte die Hand gegen den Corsen mit den glatten Haaren aus, – »so wahr wird Jener den Thron von Karl dem Großen wieder aufbauen.«
»Also ist unser Kampf für die Freiheit unnütz?«
»Wer sagt Ihnen, der Eine werde nicht eben so viel für sie mit seinem Throne thun, als der Andere mit seinem Schaffot?«
»Das wird also ein Titus, ein Marc Aurel, es wird der Gott sein, der die Welt für das eherne Zeitalter tröstet?«
»Das wird zugleich Alexander und Hannibal sein. Mitten im Kriege geboren, wird er durch den Krieg groß werden und durch den Krieg fallen. Ich habe Sie aufgefordert, das Blut zu berechnen, welches dem Adel und der Geistlichkeit, das Blut, das Robespierre verliert, kosten werde; nehmen Sie das Blut, das Priester und Adelige verloren haben werden, häufen Sie Multiplicationen auf Multiplicationen, und Sie werden den Fluß, den See, das Meer von Blut nicht erreichen, das dieser Mann mit seinen Heeren von fünfmal hunderttausend Soldaten und seinen dreitägigen Schlachten mit ihren hundert und fünfzigtausend Kanonenschüssen vergießen wird.«
»Und was wird aus diesem Lärmen, aus diesem Rauche, aus diesem Chaos hervorgehen?«
»Was aus jeder Genesis hervorgeht,« Gilbert; wir sind beauftragt, die alte Welt zu begraben; unsere Kinder werden die neue Welt entstehen sehen; dieser Mann ist der Riese, der die Thüre derselben bewacht; wie Ludwig XIV., wie Leo X., wie Augustus, wird er seinen Namen dem Jahrhundert geben, das sich öffnet.«
»Und wie heißt dieser junge Mann?« fragte Gilbert, unterjocht durch die Miene, der Ueberzeugung von Cagliostro.
»Er nennt sich bis jetzt nur Bonaparte,« erwiederte der Prophet; »doch eines Tags wird er Napoleon heißen.«
Gilbert neigte seinen Kopf aus seine Hand und versank in eine so tiefe Träumerei, daß er, fortgezogen durch den Lauf seiner Gedanken, nicht bemerkte, daß die Sitzung eröffnet war und daß ein Redner die Tribune bestieg.
Eine Stunde war vergangen, ohne daß das Geräusch der Versammlung und der Tribunen, so stürmisch die Sitzung, Gilbert seinem Nachsinnen hatte entziehen können, als er fühlte, daß eine mächtige Hand sich aus seine Schulter legte.
Er wandte sich um, Cagliostro war verschwunden, doch an seinem Platze fand er Mirabeau.
Mirabeau mit einem durch den Zorn verstörten Gesichte.
Gilbert schaute ihn mit fragendem Auge an.
»Nun!« sagte Mirabeau.
»Was gibt es?« fragte Gilbert.
»Man hat uns zum Besten gehabt, schmählich behandelt, verrathen; der Hof will nichts von mir; man hat Sie als einen Gimpel angesehen und mich als einen Dummkopf.«
»Ich begreise Sie nicht, Graf.«
»Sie haben also nicht gehört?«
»Was?«
»Den Beschluß, der gefaßt worden ist!«
»Wo?«
»Hier.«
»Welcher Beschluß?«
»Sie schliefen also?«
»Nein,« erwiederte Gilbert, »ich träumte.«
»Nun denn, morgen werden als Antwort auf meine heutige Motion, welche beantragt, die Minister einzuladen, den nationalen Berathungen beizuwohnen, drei Freunde des Königs verlangen, daß kein Mitglied der Nationalversammlung während der Dauer der Session Minister sein könne. Hiermit stürzt die so mühsam errichtete Combination bei dem launenhaften Hauche Seiner Majestät des Königs Ludwigs XVI. zusammen; doch,« fuhr Mirabeau fort, indem er wie Ajax seine geschlossene Faust gegen den Himmel ausstreckte, »doch, bei meinem Namen Mirabeau, ich werde es ihnen zurückgeben, und wenn ihr Hauch ein Ministerium umstürzen kann, so werden sie sehen, daß der meinige einen Thron zu erschüttern vermag!«
»Aber,« versetzte Gilbert, »Sie werden nichtsdestoweniger in die Nationalversammlung gehen, Sie werden nichtsdestoweniger bis zum Ende kämpfen?«
»Ich werde in die Nationalversammlung gehen, ich werde bis zum Ende kämpfen. Ich gehöre zu denjenigen, welche man nur unter Trümmern begräbt.«
Und obgleich halb niedergeschmettert, entfernte sich Mirabeau doch schöner und furchtbarer durch die göttliche Furche, welche der Donner seiner Stirne eingedrückt hatte.
Am andern Tage nahm in der That auf den Antrag von Lanjuinais, trotz der Anstrengungen eines von Mirabeau entwickelten übermenschlichen Geistes, die Nationalversammlung mit einer ungeheuren Stimmenmehrheit die Motion an: »Daß kein Mitglied der Nationalversammlung während der Dauer der Session Minister sein könne.«
»Und ich rief Mirabeau, als das Decret beschlossen war, »ich schlage folgendes Amendement vor, das nichts an Ihrem Gesetze ändern wird: »»Alle Mitglieder der gegenwärtigen Versammlung können Minister sein, den Grafen von Mirabeau ausgenommen.««
Alle schauten einander bestürzt über diese Dreistigkeit an; dann stieg Mirabeau unter dem allgemeinen Stillschweigen von seiner Estrade mit dem Schritte herab, mit dem er aus Herrn von Dreux-Brézé zugegangen war, als er zu ihm sagte: »Wir sind hier durch den Willen des Volks, wir werden nur mit dem Bajonnet im Leibe weggehen.«
Er verließ den Saal.
Die Niederlage von Mirabeau glich dem Siege eines Andern.
Gilbert war nicht einmal in die Nationalversammlung gekommen.
Er war zu Hause geblieben und sann über die seltsamen Weissagungen von Cagliostro nach, ohne daran zu glauben; aber dennoch konnte er sie nicht aus seinem Geiste verwischen.
Die Gegenwart kam ihm klein im Vergleiche mit der Zukunft vor.
Vielleicht wird man mich fragen, wie ich, ein einfacher Geschichtschreiber der abgelaufenen Zeit, temporis acti, die Wahrsagung von Cagliostro in Beziehung auf Robespierre und Napoleon erklären werde?
Ich werde denjenigen, der diese Frage an mich richtet, bitten, mir die Prophezeiung zu erklären, welche Mademoiselle Lenormand Josephine gemacht hat?
Aus jedem Schritte trifft man in dieser Welt eine unerklärliche Sache: für diejenigen, welche solche Dinge nicht erklären können und nicht daran glauben wollen, ist der Zweifel erfunden worden.
XXXI
Metz und Paris
Wie es Cagliostro gesagt, wie es Mirabeau errathen, war es der König, der die Projecte von Gilbert scheitern gemacht hatte.
Die Königin, welche bei den Mirabeau gemachten Eröffnungen mehr mit dem Verdrusse einer Liebenden und der Neugierde einer Frau, als mit der Politik einer Königin zu Werke gegangen war, sah ohne großes Bedauern das ganze constitutionelle Gerüste fallen, das immer ihren Stolz scharf verletzte.
Was den König betrifft, so war seine fest beschlossene Politik, zu warten, Zeit zu gewinnen und aus den Umständen Nutzen zu ziehen; überdies boten ihm zwei angeknüpfte Unterhandlungen, auf der einen oder der andern Seite, die Chance einer Flucht aus Paris und eines Rückzugs nach einem festen Platze, was immer sein Lieblingsplan war.
Diese Unterhandlungen waren, wie wir wissen, die, welche einerseits Favras, der Mann von Monsieur, andererseits Charny, der eigene Bote von Ludwig XVI., angeknüpft hatten.
Charny machte die Reise von Paris nach Metz in zwei Tagen. Er fand Herrn von Bouillé in Metz und übergab ihm den Brief. Dieser Brief war, wie man sich erinnert, nur ein Mittel, Charny mit Herrn von Bonillé in Verbindung zu bringen. Der Letztere, wahrend er seine Unzufriedenheit über die Dinge, welche sich ereigneten, fing damit an, daß er sich äußerst zurückhaltend benahm.
Die in diesem Augenblick Herrn von Bouillé gegebene Eröffnung änderte in der That alle seine Pläne. Die Kaiserin Katharina hatte ihm Anerbietungen gemacht, und er war auf dem Punkte, an den König zu schreiben und ihn um Erlaubniß zu bitten, in russische Dienste treten zu dürfen, als der Brief von Ludwig XVI. kam.
Das Erste bei Herrn von Bouillé war also ein Zögern; doch bei dem Namen Charny, bei der Erinnerung an seine Verwandtschaft mit Herrn von Suffren, bei dem Gerüchte, das im Umlaufe war, die Königin beehre ihn mit ihrem ganzen Vertrauen, fühlte er sich, als getreuer Royalist, durchdrungen von dem Wunsche, den König der scheinbaren Freiheit zu entreißen, welche Viele als eine wirkliche Gefangenschaft betrachteten.
Ehe er indessen etwas mit Charny entschied, beschloß Herr von Bouillé, welcher behauptete, die Vollmachten von diesem seien nicht ausgedehnt genug, nach Paris, um sich unmittelbar mit dem König über diesen wichtigen Plan zu besprechen, seinen Sohn, den Grafen Louis von Bouillé, zu schicken.
Charny würde während dieser Unterhandlungen in Metz verweilen; kein persönliches Verlangen rief ihn nach Paris zurück und seine, vielleicht ein wenig übertriebene, Ehre machte es ihm beinahe zur Pflicht, als eine Art von Geißel in Metz zu bleiben.
Der Graf Louis kam um die Mitte des Monats November nach Paris. Um diese Zeit wurde der König von Herrn von Lafayette scharf bewacht, und der Graf Louis von Bouillé war ein Vetter von Herrn von Lafayette.
Er stieg bei einem seiner Freunde ab, dessen patriotische Gesinnung sehr bekannt war, und der damals in England reiste.
In das Schloß ohne Wissen von Herrn von Lafayette kommen war also für den jungen Mann etwas, wenn nicht Unmögliches, doch wenigstens sehr Gefährliches und sehr Schwieriges.
Andererseits aber, da Herr von Lafayette in völliger Unwissenheit über die durch Charny zwischen dem König und Herrn von Bouillé angeknüpfte Verbindung sein mußte, war nichts einfacher für den Grafen Louis, als sich dem König gerade durch Herrn von Lafayette vorstellen zu lassen.
Die Umstände schienen von selbst den Wünschen des jungen Mannes entgegenzukommen.
Er war seit drei Tagen in Paris, ohne etwas beschlossen zu haben, dachte über das Mittel, zum König zu gelangen, nach und fragte sich, wie gesagt, ob es nicht das Sicherste wäre, sich an Lafayette selbst zu wenden, als man ihm ein paar Zeilen von diesem übergab, welcher ihn benachrichtigte, seine Ankunft in Paris sei bekannt, und den Grafen einlud, ihn beim Generalstab der Nationalgarde oder im Hotel Noailles zu besuchen.
Das war gewisser Maßen die Vorsehung, welche laut auf die Bitte antwortete, die leise Herr von Bouillé an sie richtete; es war eine gute Fee, wie sie sich in den reizenden Mährchen von Perrault finden, die den Chevalier bei der Hand nahm und zu seinem Ziele führte.
Der Graf begab sich schleunigst nach dem Gebäude des Generalstabs.
Der General war zum Stadthause abgegangen, wo er eine Mittheilung von Herrn Bailly zu empfangen hatte.
Doch in Abwesenheit des Generals traf er seinen Adjutanten, Herrn Romeuf.
Romeuf hatte in einem Regimente mit dem jungen Grafen gedient, und obgleich der Eine der Demokratie und der Andere der Aristokratie angehörte, hatte doch ein freundliches Verhältnis? zwischen ihnen stattgefunden; von selbiger Zeit an nahm Romeuf, der in eines von den nach dem 14. Juli aufgelösten Regimentern übergegangen war, nur noch Dienste bei der Nationalgarde, wo er den Posten eines Lieblingsadjutanten des General Lafayette inne hatte.
Obgleich sehr verschiedener Meinung über gewisse Punkte, stimmten doch die zwei jungen Leute bei diesem überein: Beide liebten und verehrten den König.
Nur liebte ihn der Eine auf Art der Patrioten, das heißt unter der Bedingung, daß er die Constitution beschwöre, der Andere auf Art der Aristokraten, das heißt unter der Bedingung, daß er den Eid verweigere und, wenn es nöthig wäre, an das Ausland appellire, um die Rebellen zur Vernunft zu bringen.
Unter den Rebellen verstand Herr von Bouillé drei Viertel der Nationalversammlung, die Nationalgarde, die Wähler u.s.w., das heißt, fünf Sechstel von Frankreich.
Romeuf war sechs und zwanzig Jahre alt, und der Graf Louis zwei und zwanzig, es war also schwierig für sie, lange über Politik zu sprechen.
Ueberdies wollte der Graf nicht einmal, daß man vermuthe, er beschäftige sich mit einer ernsten Idee.
Er vertraute als großes Geheimniß seinem Freunde Romeuf an, er habe Metz mit einer einfachen Erlaubniß verlassen, um in Paris eine Frau zu besuchen, die er anbete.
Während der Graf Louis dem Adjutanten dieses Geständniß machte, erschien der General Lafayette aus der Schwelle der offen gebliebenen Thüre; doch, obgleich er den Ankommenden in einem vor ihm hängenden Spiegel wohl gesehen hatte, setzte Herr von Bouillé seine Erzählung nichtsdestoweniger fort; nur erhob er, trotz der Zeichen von Romeuf, welche er nicht zu verstehen sich den Anschein gab, die Stimme so, daß der General nicht ein Wort von dem, was er sprach, verlor.
Der General hatte Alles gehört das wollte der Graf Louis.
Er schritt hinter dem Erzähler vor, legte ihm, als dieser geendigt hatte, die Hand auf die Schulter und sagte:
»Ah! mein Herr Leichtfuß, darum verbergen Sie sich vor Ihren achtenswerthen Verwandten?«
Es war kein sehr strenger Richter, kein sehr verdrießlicher Mentor, dieser junge General von zwei und dreißig Jahren, der selbst sehr in der Mode bei allen gefeierten Damen jener Zeit; der Graf Louis schien auch nicht besonders erschrocken über den Verweis, der ihn erwartete.
»Ich verbarg mich so wenig, mein lieber Vetter, daß ich mir heute noch die Ehre geben wollte, bei dem Ausgezeichnetsten derselben zu erscheinen, wäre er mir nicht durch diese Botschaft zuvorgekommen.«
Und er zeigte dem General den Brief, den er empfangen hatte.
»Nun! werden Sie sagen, die Polizei von Paris sei schlecht beschaffen, meine Herren von der Provinz?« sprach der General mit einer Miene der Befriedigung, welche bewies, daß er eine gewisse Eitelkeit hierein setzte.
»General, wir wissen, daß man demjenigen, der über der Freiheit des Volkes und dem Heile des Königs wacht, nichts verbergen kann.«
Lafayette schaute seinen Vetter mit jener zugleich gutmüthigen und ein wenig spöttischen Miene an, die wir selbst an ihm gekannt haben.
Er wußte, daß diesem Zweige der Familie sehr viel am Heile des Königs gelegen war, daß sie sich aber sehr wenig um die Freiheit des Volkes bekümmerte.
Er antwortete auch nur auf einen Theil der Phrase.
»Und mein Vetter, der Herr Marquis von Bouillé,« sagte er, indem er einen besondern Nachdruck aus einen Titel legte, auf den er seit der Nacht vom 4. August verzichtet hatte, »hat er seinen Sohn nicht mit irgend einem Auftrag für den König betraut, über dessen Heil ich wache?«
»Er hat mich beauftragt, ihm den Ausdruck seiner ehrfurchtvollsten Gefühle zu Füßen zu legen, sollte mich der General Lafayette nicht für unwürdig erachten, meinem Souverain vorgestellt zu werden,« erwiederte der junge Mann.
»Sie vorstellen . . .und wann dies?«
»So bald als möglich, General . . .ich glaube die Ehre gehabt zu haben, Ihnen oder Romeuf zu sagen, da ich ohne Urlaub hier sei . . .«
»Sie haben es Romeuf gesagt, doch das kommt auf eins heraus, da ich es gehört habe. Nun wohl, die guten Dinge dürfen nicht aufgeschoben werden; es ist elf Uhr; jeden Tag zur Mittagsstunde habe ich die Ehre, den König und die Königin zu sehen; essen Sie einen Bissen mit mir, wenn Sie nur ein erstes Frühstück zu sich genommen haben, und ich werde Sie in die Tuilerien führen.«
»Aber,« fragte der junge Mann, indem er einen Blick auf seine Uniform und seine Stiefel warf, »bin ich im Costume, lieber Vetter?«
»Vor Allem,« erwiederte Lafayette, »vor Allem muß ich Ihnen sagen, mein armes Kind, daß die große Etiquettefrage, welche Ihre Amme war, sehr krank, wenn nicht gar gestorben ist, seit Ihrem Abgange; sodann schaue ich Sie an: Ihr Rock ist tadellos, Ihre Stiefel sind ganz gut; welches Costume schickt sich besser für einen Edelmann, der bereit ist, für seinen König zu sterben, als seine Kriegsuniform? . . .Romeuf, sehen Sie nach, ob aufgetragen ist; ich nehme Herrn von Bouillé sogleich nach dem Frühstück in die Tuilerien mit.«
Dieses Vorhaben stand aus eine zu directe Weise im Einklange mit den Wünschen des jungen Mannes, als daß er einen ernsten Einwurf gemacht hätte; er verbeugte sich auch, um seine Beistimmung und seinen Dank zu bezeichnen.
Eine halbe Stunde nachher präsentirten die Schildwachen an den Gittern das Gewehr vor dem General Lafayette und dem jungen Grafen von Bouillé, ohne zu ahnen, daß sie die militärischen Ehren zugleich der Revolution und der Gegenrevolution bezeigten.
Der Uebersetzer.