Kitabı oku: «Die schwarze Tulpe»
Erster Band
I.
Ein dankbares Volk
Die Stadt Haag, um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts noch die Hauptstadt der sieben vereinigten gleichnamigen Provinzen, mit ihrem großen, schattigen Parke, dessen majestätische Bäume, weit über die gothischen Häuser hervorragten, und den fast orientalischen Kuppeln ihrer Thürme, die sich in den breiten Flächen ihrer Kanäle abspiegelten, hatte am 20. August 1672 ein so festliches und geräuschvolles Aussehen, daß man mit voller Bestimmtheit irgend eine große Feierlichkeit, ja beinahe ein Ereigniß erwarten konnte. Durch alle Gassen und Straßen drängte sich eine rothe oder schwarze Fluth murrender und keuchender Bürger nach Buytenhoff, jenem schrecklichen Gefängnisse hin, von dem man noch heute die vergitterten Fenster zeigt. Die drohenden Mienen der aufgeregten Masse, der Umstand, daß jeder Einzelne entweder mit dem Degen, dem Gewehre oder einem Stocke bewaffnet war, verriethen eben so einen mehr ernsten als friedlichen Gegenstand, besonders, wenn man in Erfahrung beachte, daß diese ganze drohende und bewaffnete Menge sich nur aus der Ursache versammelt hatte, um der Escortirung, des in jenen Gefängnissen seit längerer Zeit schmachtenden, durch den Chirurgen Tyckelaer des Meuchelmordes angeklagten, und zur Verbannung verurtheilten Cornelius von Witt, Bruder des Ex-Großpensionärs von Holland, beizuwohnen.
Die Geschichte jener Zeit, und besonders die, jenes Jahres, um dessen Mitte beiläufig unsere Erzählung beginnt, hängt so genau mit den eben erwähnten zwei Namen zusammen, daß wir nothgedrungen diese vielleicht überflüssig scheinende Einleitung vorangehen lassen, und unsern Leser, dem wir gleich auf der ersten Seite die möglichst angenehmste Unterhaltung versprechen, aufmerksam machen müssen; den genannten Punkt, – ob unsere Aufgabe gut oder schlecht gelöst werde, – stets im Auge zu behalten und selbst zu urtheilen, wie unerläßlich wichtig derselbe zur Klarheit unserer Erzählung und der folgenden politischen Ereignisse sich herausstellt.
Cornelius von Witt, Ruart di Pulten, so viel als Inspector der Dämme von Holland, Deputirter und Exbürgermeister von Dortrecht, seiner Vaterstadt, war gerade 49 Jahre alt, als das holländisch Volk ganz unerwartet, von einer besondern Neigung und Sehnsucht nach der Statthalterschaft ergriffen, die, durch Johann von Witt, Großpensionär von Holland, und sein für immerwährende Zeiten erlassenes Edict gebildete Republik abschaffen, und die frühere Regierung einführen wollte.
Aber bei so unerklärbaren und großartigen Bewegungen, sucht die Masse, durch welche dieselbe hervorgerufen, ausgebildet und zum höchsten Grade der Vollkommenheit gebracht werden, wo möglich ihr, oft auf gar keine Grundlage basirtes, räthselhaftes Princip zu befestigen, und alle hinter demselben auftauchenden, drohenden Gespenster für immer zu beseitigen. Und so standen denn hinter der Republik auch zwei mächtige, kühne Gestalten, Johann und Cornelius Witt, die Römer Hollands, die als unbeugsame Freunde der Freiheit, dem Nationalgeschmack nicht huldigten, während hinter der Statthalterschaft, die schwache, ernste und beugsame Stirne des jungen Wilhelm von Oranien auftauchte, der mit vollem Rechte von einen Zeitgenossen den Beinamen: der Schweigsame, erhielt, den er auch während seines ganzen Lebens führend, der Nachwelt überließ.
Zu der damaligen Zeit wuchs mit jeder Stunde der moralische Einfluß, den Ludwig XIV. beinahe auf ganz Europa, und besonders auf Holland, nach dem glücklichen Erfolge des merkwürdigen Feldzuges am Rhein ausübte; eines Feldzuges, der in dem kurzen Zeitraume von drei Monaten, die Macht der vereinigten Provinzen zertrümmerte, und durch den von Boileau besungenen, wohl bekannten Romanhelden, Graf von Guiche, eine so große Berühmtheit erlangte.
Ludwig XIV. von den Holländern, durch französische Flüchtlinge, die sich daselbst aufhielten, unaufhörlich beleidigt und lächerlich gemacht, war ihr erbittertster Feind geworden. Der Nationalstolz machte ihn zum Mithridates der Republik. Aus diesen vorangegangenen Ursachen, zudem von einem mächtigen Feinde besiegt, und kleinmüthig gemacht, läßt sich die, gegen die Brüder Witt herrschende Aufregung, um so eher erklären, da das, durch die erhaltenen Wunden vollständig ermattete Volk, in der Beibehaltung jener, durch die beiden Männer mit aller Kraft vertheidigten Verfassung, seinen sichern Untergang voraussah, und nur von einem andern Oberhaupte die vollständige Rettung, aus dem nahenden Verderben erwartete.
Und jenes fragliche Oberhaupt, der junge Prinz Wilhelm von Oranien, Sohn Wilhelm II., und —durch Henriette Stuart, ein Enkel Carl I., dieses schweigsame Kind, dessen Schatten wir bereits ein Mal hinter der Statthalterschaft auftauchen sahen, war wirklich in jedem Augenblicke bereit, hervorzutreten, und sich mit Ludwig XIV., und dessen bisher so ungeheuerm Glücke zu messen.
Der Prinz war zu jener Zeit zwei und zwanzig Jahre alt. Johann von Witt hatte bisher seine Erziehung geleitet. Die Absicht dieses edlen Mannes ging einzig und allein nur dahin, aus dem altadeligen Prinzen, einen thätigen Bürger, einen guten Sohn seines Vaterlandes zu bilden. Aus Liebe zu dem Letzteren, aus mehr als väterlicher Neigung für seinen Zögling, beseitigte er jede nur keimende Herrscheridee, und führte den Knaben, durch Hinweisung auf das durch ihn selbst erlassene Edict, langsam zu der Ueberzeugung, daß er auch in der Zukunft jede Hoffnung zur Statthalterschaft, als eine Unmöglichkeit aufgeben müsse. Aber die Vorsehung schien diesen so wohlbegründeten Plan eines schwachen Sterblichen, nur mitleidig zu belächeln, denn gerade durch den so unerwarteten Eigensinn der Holländer, durch den Schrecken, den Ludwig XIV. einflößte, geschah es, daß die Politik des Großpensionär’s gänzlich vernichtet, das Edict abgeschafft, und die Statthalterschaft mit Wilhelm von Oranien an der Spitze, wieder eingeführt wurde. Und was wollte eben diese unerforschliche Vorsehung, durch die so plötzliche Umwandlung der bestandenen Ordnung bezwecken, welche unergründbaren, durch eine düstere Zukunft verschleierten Pläne, hatte sie mit dem Prinzen vor.
Der Großpensionär beugte sich unmittelbar den Forderungen und dem Willen seiner Mitbürger, während der kühne Cornelius gänzlich widerstand, und selbst dann, als die Orangisten sein Haus umlagernd, ihm mit dem Tode drohten, die Urkunde, welche die Statthalterschaft wieder einführen sollte, nicht unterschrieb.
Aber auch dieser kühne, männliche Charakter erlag einer mächtigen, höhern Stimme, der Stimme des Herzens. Als nämlich seine Gattin in Thränen zerfließend, auf ihren Knieen bat, sein Leben, und durch dies, das ihre zu erhalten, da gab er nach. Er unterschrieb mit bebender Hand, und vor seine Unterschrift setzte er die beiden Buchstaben, V. C, vi coactus, d. h. durch Gewalt gefertigt.
Ein außerordentliches Wunder schien ihn schon an diesem Tage der Nachstellungen seiner Feinde zu entziehen.
Johann von Witt hatte sich zwar durch seine leichtere und schnellere Fügsamkeit in den Willen des Volkes, die Sympathie eines großen Theiles gesichert, aber trotzdem würde er bald das Opfer eines meuchelmörderischen Angriffes gefallen sein, wenn nicht seine eigene Kühnheit ihn mit Ausnahme einiger wenig bedeutenden Wunden und Dolchstiche gerettet hätte.
Aber damit waren die Orangisten noch immer nicht zufrieden. Das Leben dieses Mannes, war ein ihren Plänen noch immer mächtig entgegenstehendes Hinderniß, das sie nunmehr, da die Gewalt kein günstiges Resultat hervorgebracht hatte, auf dem Wege der Verläumdung zu vernichten suchten. Und so durch die Abänderung ihrer Tactik, in jedem Augenblicke bereit, eine mißlungene Schändlichkeit durch eine neue besser berechnete zu krönen, warteten sie mit gespannter Ruhe den sich darbietenden günstigen Zeitpunkt ab.
Beobachten wir die Erscheinungen im menschlichen Leben etwas genauer, so werden wir mit Gewißheit den Grundsatz aufstellen können, daß zur Ausführung irgend einer großen, für die Gegenwart und Zukunft wohlthätigen Handlung, nicht sogleich das rechte Wesen auftrete, daß es beinahe im unerklärbaren Rathschlusse einer mächtigen Vorsehung verborgen liegt, es nicht erscheinen zu lassen; während dem zur Vernichtung der Existenz eines Einzelnen, oder auch eines großen Theiles der Gesellschaft, sich hunderte von Armen zur thätigen Beihilfe erheben, und eben so viele Elende, mit dem Mordwerkzeuge in der Faust nur eines Winkes harren, den niederträchtigen Zweck zu erfüllen. Ruhig, unbeachtet, verschwindet diese große Menge, einzeln einstrahlender Stern steht der Auserwählte im Buche der Geschichte da, der durch das Fatum erwählt, einen hohen edlen Plan glänzend durchführte.
Auch hier fand sich bald, was man suchte. Ein Chirurg von Profession, Namens Tyckelaer, schien als ein Agent des bösen Geistes, von diesen mit allen hier nöthigen Gaben ausgerüstet, ganz für die Umstände und den vorhabenden Zweck zu passen.
Von den Orangisten gewonnen, erklärte dieser Elende offen, Cornelius von Witt, habe in der Verzweiflung über die Abschaffung des Edictes, (ein Satz, der in den hinterlassenen Papieren auch wirklich vorkam, ) und aus Haß gegen Wilhelm von Oranien, einen Mörder gedungen. Dieser Mörder sei er selbst, aber von Gewissensbissen gepeinigt, vor der Schändlichkeit dieses Vorhabens zurückbebend, habe er sich bewogen gefunden, dasselbe mit allen Einzelheiten zu enthüllen, und vor Gericht mit Beweisen darzuthun, wie Cornelius von Witt durch die Ausführung dieser Absicht die Statthalterschaft stürzen, und an ihrer Stelle, die Republik wieder einführen wollte. Der Ausbruch des Zornes und der Wuth, den die Orangisten nach Kundmachung dieses Complottes sehr geschickt fingirten, läßt sich nicht schildern. Am 16. August 1672, wurde Cornelius von Witt, durch den Fiscal Prokuratur, in seiner Wohnung verhaftet, und sodann in das bereits genannte Gefängniß den Buytenhoff abgeführt. Dort, wie der elendeste, gemeinste Verbrecher, in eine dumpfe Kammer gesperrt, trieben die Untersuchungsrichter es so weit, ihn, den Ruart von Pulten, den Bruder des edlen Johanns von Witt, gleich den verworfensten Bösewichtern, zur Erpressung des für ihre Absichten so wichtigen Geständnisses, der Vorbereitungstortour zu unterziehen.
Aber Cornelius war nicht nur ein großer Geist, er verband zugleich mit seinen erhabenen Eigenschaften jene Seelenstärke, die allen physischen Einflüssen kühn die Stirne bietend, nur ein Attribut der höchsten Vollkommenheit bleibt. Fest an seinem politischen Glauben hängend, kann man ihn mit Recht unter die Familie jener Märtyrer rechnen, die kein haarbreit von ihrem vorgezeichneten Wege abweicht, und ihre Ideen mit dem ganzen Aufwande körperlicher und geistiger Kraft, wie einst unsere Vorfahren ihren religiösen Glauben, vertheidigen. Er lächelte zu allen Schmerzen, während der Folter recitirte er mit fester Stimme, die im Metrum geschriebenen Horazischen Verse, Jusium et lenacem ; er gestand nichts, und ermüdete dadurch nicht nur die Ausdauer, sondern auch den Fanatismus seiner Henker. Aber trotz dem Allen, hoben die Richter die von Tyckelaer gemachte Anschuldigung nicht auf, ihr Grimm schien durch den Muth des Unglücklichen nur noch mehr gesteigert zu werden, so daß sie ihm durch einen kurzen Urtheilsspruch seiner Würden und Aemter beraubten, ihm die Bezahlung der Gerichtskosten aufbürdeten, und zugleich auf ewige Zeiten aus Holland verbannten.
Schon dieser Schritt trug sehr viel zur Beruhigung des aufgeregten Volkes bei, eines Volkes, dem das unschuldige der der Politik sein ganzes thatenreiches Leben ausschließlich gewidmet, dessen Wohlstand es begründet hatte. Und doch war auch dieses, wie die Folge lehren wird, nicht genug.
Die Athener, die der Nachwelt ihren größten Ruhm in ihrer Undankbarkeit zurückließen, treten hier beschämt vor den Holländern zurück, da sie sich wenigstens mit der bloßen Verbannung ihres Wohlthäters Aristitides zufrieden gaben.
Johann von Witt hatte gleich bei der ersten Nachricht von der Verhaftung seines Bruders, und der gegen ihn gerichteten Anklage, sein Amt als Großpensionär niedergelegt. Auch er fand sich für seine Aufopferung und Vaterlandsliebe würdig belohnt. In sein Privatleben folgten ihm seine unversöhnlichen Feinde, und die noch nicht vernarbten Wunden, als einzige Denkmale jener großen Männer, welche die ungeheure Schuld auf sich wälzen, von den edelsten Trieben beseelt, für ihr Vaterland, für ihre Mitbürger mit voller Selbstverläugnung zu wirken.
Wilhelm von Oranien, das schwache, schweigsame Kind, erwartete von diesem Ereignisse seine ganze Zukunft, er bot selbst alle Mittel auf, das Volk dahin zu bringen, daß es ihm durch die Leichname der beiden Brüder, die zwei Stufen bilde, die er nothwendig hatte, um den Stuhl der noch immer schwankenden Statthalterschaft, erklimmen zu können.
Gerade am 20. August 1672, strömte die ganze Einwohnerschaft von Haag nach dem Buytenhoff hin, um, wie bereits Eingangs erwähnt, der Escortirung des zum Exil verurtheilten Cornelius von Witt beizuwohnen, und zugleich beobachten zu können! welche Spuren die Tortour an dem Körper zurückgelassen, der seinen Horaz so vortrefflich kennend, unter den heftigsten Martern einzelne Stellen desselben recitirte.
Aber zugleich erscheint es uns nothwendig, hier noch zu bemerken, daß die große Menge keineswegs nur von bloßer Neugierde getrieben, nach dem Schauplatze eines seltenen Spectakels strömte, sondern, daß viele darunter sich dem Zuge, in der Absicht angereiht hatten, an Ort und Stelle selbst eine Rolle zu spielen, oder vielmehr eine, ihrer Meinung nach nothwendige Kleinigkeit abzuthun.
Es dürfte von selbst einleuchten, daß wir darunter die Ausgabe des Henkers verstehen.
Die Zahl derjenigen, die gerade diese feindliche Absicht nicht hegte, und theils aus wirklicher Neugierde, theils nur in der Absicht dahin eilte, einen großen Mann’ in den Staub gewälzt, zu ihren Füßen zu sehen, einen Act, der beinahe instinctmäßig dem Stolze der rohen; Menge schmeichelt, war so gering, daß sie in keinem Falle, der Gegenpartei Widerstand bieten konnte.
Cornelius von Witt, dieser Mann ohne Furcht, rief man allgemein, war er nicht eingespert? wurde er nicht geschwächt durch die Folter? Wie wird er aussehen? blaß, blutend, beschämt?
Und alle diese Fragen, alle diese Ergüsse der rohesten Natur, waren die nicht ein schöner Triumph der Bürgerschaft, die noch weit mehr als das Volk, nach der Erreichung eines Ruhmes strebte, der im Buche der Geschichte, mit blutigen Lettern aufgezeichnet steht?
Und dann riefen die Emissäre der Orangistenpartei, die sich unter dem Volke vertheilten; wird es auf Wege vom Buytenhoff bis zum Stadttore, nicht so eine kleine Gelegenheit geben, etwas Koth und einige Steine von der Erde aufzuheben, um sie nach der Richtung zu schleudern, die der Ruart von Pulten einschlägt, ein Mann, der die Einführung der Statthalterschaft mit vi coactus unterzeichnete, und selbst fest noch den Prinzen meuchlings ermorden lassen wollte, – werdet ihr auf diese Art dem Herrn nicht zugleich einen kleinen Beweis Eurer Anhänglichkeit liefern, und ihm deutlich zeigen, welcher glänzende Empfang bei dem allenfallsigen Versuche zur Rückkehr seiner warte.
Aber noch mehr und mächtiger wurde dieser bereits glimmende Funke durch die französischen Flüchtlinge zur vollen Flamme angefacht. Ohne viel zu bedenken, fügten diese wüthenden Feinde ihres eigenen Vaterlandes jenen wohlberechneten Aufreizungen, die Bemerkung bei, daß man die beiden Brüder aus dem Haag, sich gar nicht entfernen lasse, da einmal in Sicherheit, sie alle früher mit Frankreich gesponnenen Intriguen wieder fortsetzen, und von dem Gelde des Marquis de Louvois, recht gemächlich leben würden.
Es ist eine auf die Erfahrung begründete Thatsache, daß die Zuseher bei so seltenen Gelegenheiten mehr laufen als gehen, und es wird daher auch Niemand Wunder nehmen, die ganze Volksmasse, gleich den brausenden Wogen, eines durch den Orkan aufgeregten Meeres dahinstürmen zu sehen.
Mitten unter dieser tobenden und lärmenden Menge, stürzte, Wuth im Herzen, jedoch ohne eigentlichen Plan, nach dem bezeichneten Platze, der biedere Tyckelaer, von den Orangisten als Heros der Rechtlichkeit, der Nationalehre, und der christlichen Liebe bezeichnet. Dieser Bösewicht entflammte die Menge durch seine lügenhafte Erzählung nur noch mehr. Die Ausführung der wohlüberlegten, einzelnen Umstände, die Mittel, die man ihm an die Hand gegeben, die Summen, die man angeboten, so wie der Entwurf eines schändlichen Planes, der alle Gefahr und Bedenklichkeit beseitigt, so wie die Ausführung des vorgeblichen Attentats sehr erleichtert hätte, Alles dies im gehörigen Zusammenhange vorgetragen, durch die weitere Mittheilung der Zuhörer noch bedeutend gräßlicher geschildert, verfehlte keineswegs die beabsichtigte Wirkung bei dem Pöbel zu erzeugen, und zugleich das Volk zu den lebhaftesten Acclamationen für den jungen Prinzen, und dessen ungestörte ruhige Zukunft zu stimmen.
Zugleich that sich die so künstlich aufgeregte Wuth des Volkes, in heftigen Schmähungen gegen die ungerechten Richter, Luft, deren gesundes, kräftiges Urtheil einen so ungeheuern Verbrecher, wie Cornelius entkommen ließ.
Die bereits hell auflodernde Flamme wurde durch mehrere Aufrufer noch bedeutend genährt.
»Er kommt durch er entwischt uns!«
»Ein Schiff, und zwar ein französisches, erwartet Ihn in Scheveningen, Tyckelaer hat es gesehen.«
»Der biedere, ausgezeichnete Tyckelaer« schrie die tobende Menge, wie im Chor.
»Und dazu habt ihr noch gar nicht berücksichtigt,« rief eine neue Stimme, »daß mit Cornelius auch sein Bruder Johann, der ein gleicher, wo nicht ein noch größerer Bösewicht ist, ebenfalls gerettet wird.
Und diese Elenden werden unser blutiges Geld in in Frankreich verprassen, unter dem Schutz Ludwig XIV, dem sie unsere Schiffe, unsere Arsenale, unsere Schiffswerften, so schändlich verkauft haben.«
»Sie dürfen nicht abreisen,« rief eine starke, weithin tönende Stimme.
»In den Kerker, in den Kerker« wiederholte die ganze wüthende Menge.
Zugleich begann das Wogen und Drängen immer stärker, die Bürger luden ihre Gewehre, ein anderer Theil schwang die Stöcke, oder ließ glänzende, bisher unter den Gewändern versteckte Beile blicken.
Noch war bis jetzt keine Gewaltthat vorgefallen, und eine Abtheilung Cavallerie, welche den Buytenhoff und die Haupteingänge in denselben bewachte, blieb ruhig, kalt und theilnahmslos; aber gerade durch diesen Gleichmuth drohender, als es die ganze aufgeregte Menge, mit ihrem Geschrei, und ihren Verwünschungen war. Unbeweglich standen sie da, nur auf den Befehl ihres Capitäns harrend, der den Degen zwar entblößt, die Spitze desselben aber nach abwärts gesenkt hatte.
Dieser Trupp, das einzige Bollwerk, welches das Gefängniß schützte, verhinderte durch seine würdevolle Haltung und Ruhe, jedes weitere Vordringen des Pöbels, und setzte zugleich einer Unordnung, die sich immer mehr auszubreiten drohte, unzerstörbare Schranken. Weniger geschah dieß von der, zu dem gleichen Zwecke aufgestellten Bürgerwehr, die es rathsamer zu finden schien, sich auf die Seite des Volkes neigend, durch drohende Geberden und Rufe, der allgemeinen Aufregung eine kräftigere Haltung und Form zu geben.
Es lebe Wilhelm von Oranien Tod den Verräthern.
Die Anwesenheit Tilly’s und seiner Reiterschaar, war den Bürgersoldaten ein mächtiger Widerstand, aber bald erhitzten sie sich durch ihr eigenes anhaltendes Geschrei, in gleichem Maße, als dieses durch den wachsenden Andrang stärker wurde, so sehr, daß sie in diesem Getöse, die Grundlagen ihres Muthes und ihrer Kühnheit suchend, das ihnen von Seite der Soldaten entgegengesetzte Stillschweigen, für Feigheit hielten. Sie versuchten es, auf diese Voraussetzung gestützt, einen Schritt weiter vorzudrängen, um so successive von dem Volkschwarme unterstützt, die Cavallerie aus ihrer innehabenden Stellung zu drücken.
Da sprengte aber Tilly, allein, ruhig und kalt, bloß den Degen schwingend, und die Stirne runzelnd, der Masse entgegen: »He da, meine Herren, von der Bürgergarde, was soll dieses Vorrücken bedeuten, was wollt Ihr?«
Die Bürger sammelten ihren ganzen Muth, indem sie die Gewehre heftig an einander schlugen, und Ihre früheren Rufe wiederholten:
»Es lebe Wilhelm von Oranien. Nieder mit den Verräthern!«
»Es lebe Oranien! Ganz recht,« erwiderte Tilly, dessen Lippen ein sarkastisches Lächeln umspielte. »Ganz recht, meine Herren, es lebe Oranien, auch Tod den Verräthern, wenn ihr es haben wollt. Schreit nach Herzenslust, das liegt ganz in Eurem freien Willen. Solltet Ihr aber Miene machen, diese Rufe durch die That zu bekräftigen, solltet Ihr die Personen, denen Ihr so geneigt zu sein scheint, wirklich dem Tode überliefern wollen, so mache ich Euch nur vorläufig zu wissen, daß ich hier bin, dieß zu hindern, und auch wirklich es in jedem Falle verhindern werde.«
Dann wandte er sein Pferd mit derselben Ruhe und Kaltblütigkeit gegen die Soldaten, und commandirte, als wenn er diesen einen Morgengruß zurufen wolle: »Ladet.«
Die Truppe gehorchte augenblicklich, und zwar mit einer Ruhe und Genauigkeit, die unter Bürgern und Volk eine so nahmhafte Verwirrung hervorbrachte, daß Tilly laut auflachte. »Ha, ha, ha, meine braven Bürger,« begann er nach einer Pause, die genügt hatte, seine Lachlust zu befriedigen, »fürchtet Euch nicht, keiner meiner Soldaten soll auch nur ein Zündkraut abbrennen, aber berücksichtigt dafür meinen wohlmeinenden Rath, haltet Euch ruhig auf Eurem Platze, und wagt es überhaupt nicht, einen Schritt dem Gefängnisse näher zu machen.«
»Wir haben aber auch Musketen,« entgegnete wuthentbrannt der Capitän der Bürgergarde.
»Ja, des Gott, ich sehe und höre, daß Ihr Musketen habt, nur immer zu, stützt Euch darauf, macht Ihr wollt, erwägt aber auch, daß meine Leute Pistolen haben, vortreffliche Pistolen, auf fünfzig Schritt, fehlt keiner seinen Mann, und Ihr steht nur fünfundzwanzig entfernt, macht also was Ihr wollt, es hängt wieder nur von Eurem Belieben ab.«
»Tod den Verräthern,« schrien die erbitterten Bürger, durch Tillys geringschätzende Aeußerungen, zum Bewußtsein ihrer Ohnmacht gelangt.
»Geht,« rief dieser abermals, »Ihr fängt an, bedeutend langweilig zu werden, ich höre gar nichts anders als fortwährend diese alte Leier.«
Hierauf sprengte er auf seinen früher innegehabten Posten ohne sich auch nur im Entferntesten um den immer steigenden Tumult zu kümmern.
Und dieses gereizte, wüthende Volk, diese nach Blut dürstende tobende Menge, ahnte in dem Augenblicke wo es ein Opfer für seine Rache forderte, nicht im geringsten, das hundert Schritte von dem Platze sich zwischen Fußgehern, Wagen und Reitern, ein zweites dem gleichen Schicksale bestimmtes Wesen, gleichsam als habe es Eile, seinem Verhängnisse in die offenen Arme zu eilen, nach dem Buytenhoff durchdrängte. Johann von Witt war nämlich, so eben in der Nähe des Platzes aus einem Wagen gestiegen, und beeilte sich, blos von einem Diener begleitet, das Gefängniß zu erreichen. Es gelang ihm glücklich, ein Zufall führte ihm gerade den Gefangenenwärter, den er übrigens zu kennen schien, entgegen:
»Guten Tag, Gryphus!« redete er denselben an, »ich komme, um meinen Bruder abzuholen, der, wie Du weißt, zum Exil verurtheilt wurde.«
Der Gefangenenwärter, eines jener öden, gefühllosen und kalten Wesen, dessen ganze Bestimmung größtentheils im Auf- und Zumachen der Gefängnißthüren besteht, grüßte den Ankommenden ehrerbietig, und öffnete ihm sodann die Thüre eines langen Ganges. Kaum waren jedoch beide zehn Schritte in demselben vorgegangen, als sie ein beiläufig achtzehn Jahre altes, in ihrer vollsten Blüthe dastehendes und reizendes Mädchen trafen. Sie verbeugte sich eben so ehrfurchtsvoll vor Johann, der ihr freundlich das Kinn berührte:
»Guten Tag, meine liebe Rosa, wie geht es meinem Bruder?«
Das Mädchen vermochte es nicht, eine Thräne, die langsam dem großen, schwarzen Auge entquoll, zurück zu halten, und gleichsam, als wollte sie einer unangenehmen Beantwortung, der an sie gerichteten Frage, ausweichen, erwiderte sie:
»O! mein theurer Herr, ihr kennt die Qual und Angst meines Herzens nicht. Nicht das schmerzt mich, was man Eurem Bruder bereits angethan, denn all’ dieß Leid hat er kühn und muthig, überstanden.«
»Nun, und was befürchtest Du dann, mein schönes Kind?«
»So viel, so unendlich viel, all’ das Böse, .nämlich, das man ihm noch anthun will.«
Johann’s offener Blick umdüsterte sich.
»Du fürchtest, oder meinst, das Volk – habe ich recht?«
»Ja, ja, hört Ihr es denn nicht?«
»Fürchte Dich nicht, mein liebes sind. Das Volk ist aufgeregt, aber sobald es uns nur sehen, sobald es sich der Wohlthaten, die es aus unsern Händen empfing, erinnern wird, vergißt es Alles, und beruhigt sich auch.«
Das Mädchen richtete einen fragenden Blick auf den Ex-Großpensionär, der eine ganze Welt von Zweifeln in sich schloß; dann einem Winke ihres Vaters gehorchend entfernte sie sich nach einer entgegengesetzten Seite.
Johann war ergriffen. Die unerwartete Tiefe von Nachdenken und Welterfahrung, die in diesem einzigen Blicke verborgen lag, bei einem Mädchen, das nicht einmal des Lesens mächtig, nur der unmittelbaren Stimme ihrer unverdorbenen kräftigen Natur folgte, schien ihm in diesem Augenblicke beinahe die Eingebung einer höhern Macht, die oft auf unerklärbare Weise dem:: Erwählten einen Blick in die dunkle Zukunft gestattet.
Aber seine Augen ganz wieder der unverwüstbar grünenden Palme der Hoffnung zuwendend, schritt er mit derselben kalten Ruhe nach dem Zimmer seines Bruders.
II.
Die zwei Brüder
Rosa’s Muthmaßungen und Vorgefühle, sollten allem Anscheine nach, eine traurige, eine furchtbare Verwirklichung erhalten. Während Johann von Witt am Ende des Ganges angelangt, langsam die steinerne Treppe hinaufstieg, die zu dem Gefängnisse seines Bruders führte, boten die Bürger von der immer wachsenden Volksmasse auf das thätigste unterstützt, Alles auf, die Soldaten von ihrem Platze zu verdrängen.
Diese Bemühungen einer, wenn auch nicht mit der Führung der Waffen ganz vertrauten, aber doch damit hinreichend ausgerüsteten, und in dem Augenblicke ihrer höchsten Erbitterung durch ihre numerische Uebermacht auch zu fürchtenden Partei, erfreute sich bald der ungetheilten Theilnahme, jener immer größer werdenden Masse, genannt Volk.
»Es leben die Bürgert« schrie das Letztere, den Muth derselben nur noch mehr weckend.
Tilly eben so fest als klug, übersah mit einem einzigen Blicke seine gefährliche Lage. In Verbindung, mit der nun gegen ihm auftretenden Bürgerwehr wäre es ihm ein Leichtes gewesen, die anmaßenden Forderungen des Pöbels, ernst und strenge zurückzuweisen, so aber auf eine verhältnißmäßig, gegen den Andrang nur geringe Macht beschränkt, sah er sich genöthigt, wo möglich, auf dem Wege der Vermittlung, jedem Zusammenstoße der beiden Parteien vorzubeugen, und seine schwierige Aufgabe ehrenvoll zu lösen. Angesichts seiner Escadron, die noch immer mit jenem, dem erprobten Krieger eigenen Phlegma, die geladenen Pistolen in der Hand, gleich einer Anzahl neben einander gereihten Statuen dastand, erklärte er der Bürgercompagnie, das er von den Ständen den Befehl erhalten habe, das Gefängniß, so wie den Platz vor demselben zu bewachen.
»Warum einen solchen Befehl? wozu das Gefängniß bewachen?« riefen die Orangisten einstimmig.
»Ihr verlangt da viel zu wissen,« erwiderte Tilly, dessen Züge ihren heitern, spöttischen Ausdruck behielten. »Ihr verlangt da etwas zu wissen, was ich selbst nicht weiß. Ich erhielt den Befehl, das Gefängniß zu bewachen, und befolge ihn nun auch, ohne mir den Kopf darüber zu zerbrechen, warum es geschieht?«
»Wir wissen aber, daß Ihr diesen Befehl erhieltet, um den Verräthern sicher aus der Stadt zu helfen.«
»Das ist wohl möglich, da ich in Erfahrung brachte, daß die Verräther nur zur Verbannung verurtheilt sind.«
»Aber wer hat Euch diesen Befehl gegeben?«
»Von den Ständen erhielt ich ihn, um Eure Neugierde ganz zu befriedigen.«
»Die Stände sind Verräther!«
»Das kann sein, ich weiß es nicht, das mußt Ihr Ebenfalls besser wissen.«
»Aber Ihr verrathet uns auch!«
»Ich?«
»Ja, Ihr.«
»Die Sache wird immer possirlicher. Meine Herren, verständigen wir uns? Es handelt sich darum, zu beweisen, wen ich eigentlich verrathe? Die Stände! das ist wo unmöglich, denn ich stehe in ihrem Dienste und Solde, und bemühe mich gerade in diesem Augenblicke, dem durch sie erhaltenen Befehle pünktlich nachzukommen.«
Diese Beweisführung, gegen die sich auch nicht die kleinste Einwendung vorbringen ließ, erbitterte die Menge, die nun einsah, auf keine Art den Soldaten los werden zu können, so sehr, daß sie die ganze Wucht ihrer Drohungen und Schimpfnamen gegen den Grafen wälzte, der aber noch immer unverändert, einer aus Erz gegossenen Figur ähnlich, all’ diesen Gemeinheiten, Kälte und Ruhe, mit einer sarkastischen Höflichkeit in Verbindung, entgegensetzte.
»Nun, meine Herren,« begann der Graf nach einer Pause, in welcher die Kehlen der größten Schreier, den an sie gerichteten Forderungen nicht mehr entsprechen wollten, »folgt einem neuen, guten Rath, den ich Euch hier aus väterlicher Vorsorge mittheile. Habt die besondere Gefälligkeit, und entlade Euere Gewehre denn es könnte eines oder das andere, ohne irgend einer bösen Absicht, ganz aus Laune und Zufall, losgehe, und einen meiner Soldaten verwunden. Dann bliebe aber auch mir nichts anderes übrig, als durch einen einzigen Wink, einigen Hunderten von Euch, den Weg zur Ewigkeit abzukürzen, was mir sehr unlieb wäre, umso mehr, da ich voraussetze, daß es nicht in Euerer Absicht liegt, mich zu beleidigen.
»Versucht es nur,« schrien die Bürger, »dann geben wir unverzüglich Feuer.«
»Auch das will ich glauben, und wenn wir noch lange hin- und her reden, werden wir gegenseitig zur Ueberzeugung kommen, daß Ihr im äußersten Falle mich und meine Leute umbringen könnt, dadurch aber keineswegs Euere Todten, deren Zahl nicht so gering sein dürfte, wieder lebendig werden.«
»Entfernt Euch also von dem Platze, überlaßt uns denselben, und beweist dadurch, daß Ihr selbst ein guter, achtbarer Bürger seid!«
»Halt, meine Herrn, da gibt es einige Widersprüche, erstens bin ich kein Bürger, sondern Officier, wie Ihr es bemerken könnt, wenn Ihr Eure Augen ein wenig besser öffnet, und schon das ist an und für sich ein gewaltiger Unterschied, und zweitens bin ich kein Holländer, sondern ein Franzose, was die Differenz noch um ein Bedeutendes erhöht. Ich erkenne demnach hier auch nur die Stände, und gehorche Ihrem Befehle allein. Wollt Ihr also durchaus, daß ich mich entferne, so bringt mir den von ihnen ausgefertigten Befehl, der mir sehr angenehm sein würde, da ich mich schon zu langweilen anfange.«
Ein donnerndes »Ja,«beantwortete diese ironische Anrede, und gleich darauf stürzte die ganze wogende Menge, die bisher so beharrlich nach der Occupation eines ihr streitig gemachten Terrains strebte, mit dem Rufe »Nach dem Ständehaus! Zu den Deputirten!« durch die zunächst gelegenen Straßen fort.
»So, endlich einmal,« lachte Tilly laut auf, indem er der unabsehbaren Menge verächtlich nachblickte:
»Gebt nur, meine wackeren Freunde, bewerbt Euch um eine unerhörte Niederträchtigkeit. Das Ständehaus wird ohnedies schon warten, wenigstens habe ich Luft, und bis Ihr wieder kommt, hoffe ich die Sache in’s Reine gebracht zu haben.«
Der Capitän rechnete mit voller Bestimmtheit auf die Ehrbarkeit der Magistratspersonen, während jene, und dieß mit größerer Gewißheit, dem Muthe und der Ehre eines Officiers die Lösung einer äußerst schwierigen Aufgabe überlassen zu wollen schienen.
»Capitän,« sagte der erste Lieutenant zum Grafen, als dieser so eben geendet, »Ihr verläßt Euch auf die Würde und Ehrenhaftigkeit der Stände, während diese uns gänzlich verlassen, denn sonst hätten sie, von der uns drohenden Gefahr gewiß unterrichtet, auch einige Unterstützungen hierher beordern können.«
Während der kurzen Zeit, als diese Vorfälle sich auf dem Platze ereigneten, war Johann von Witt an der Kerkerthüre seines Bruders angekommen. Gryphus öffnete dieselbe, ließ ihn eintreten, und entfernte sich sodann.
Hierin einem dumpfen, öden, von Moder erfüllten, und nur durch ein kleines, schmutziges Fenster erleuchteten Gemäche, lag Cornelius, der Wohlthäter seiner Mitbürger, der Vater des Volkes, mit zerbrochenen, ausgerenkten Gliedern, mit verbrannten und zerquetschten Fingern.
Er hatte die Qualen der Vorbereitungsfolter kühn und ruhig überstanden, das inzwischen erschienene Verbannungsurtheil verhinderte die Anwendung der außerordentlichen Tortour.«
In diesem düstern, widrig riechenden Raume, blaß dem Tode ähnlich, und doch in dem männlich kühnen Antlitze, dem Spiegel der hohen kräftigen Seele, das freundlich milde Lächeln des Märtyrers, den geistigen Blick auf das offen vor ihm liegende himmlische Jenseits gerichtet, ganz emporgehoben aus dem Schlamme der niedern Welt, seinen kräftigen Körper nicht gebeugt, so ihn zu sehen, seine erbittertsten Feinde hätten gedemüthigt, niedergeschlagen vor diesem Heros, zurückweichen müssen. Die ungeheuere, nur den höchsten menschlichen Bildungen eigene Willenskraft, die auch eine der hervorragenden Eigenschaften des Gefangenen bildete, hatte die ganze frühere Stärke seines Körpers, wieder zurückgeführt, und jetzt, wo er bereits von dem Verbannungsurtheile unterrichtet, abermals eine Zukunft vor sich sah, jetzt wo die düstere Ahnung eines gewissen und nahen Todes, langsam vor seiner Seele schwand, beschäftigte ihn nur der Gedanke an eine baldige Freiheit, an die Mittel und Wege, durch die er den gegen ihn vorherrschenden Verdacht beseitigen, und auch in der Folge ein Freund und Wohlthäter seiner undankbaren Mitbürger werden konnte. Und gerade in diesem seeligen, so majestätischen Augenblicke, wüthete draußen die Menge, welcher der Unschuldige, noch in den Stunden seiner schmerzhaften, körperlichen Leiden, sein ganzes edles Herz gewidmet, tobte gegen seine Beschützer, verlangte Mord und Blut. – Und das wüthende Geschrei stieg gleich einer furchtbaren Woge empor, und drang bis zu dem Gefangenen.
So drohend und gewaltig sich auch dieser Lärm gestaltete, Cornelius ließ ihn unbeachtet vorübergehen. Er nahm sich nicht einmal die Mühe, an das kleine Gitterfenster, das ihm eine, wenn gleich nur beschränkte Aussicht über den vorliegenden Platz gestattete, zu treten. Nur sein Herz und seine Seele waren in Thätigkeit, beide fühlten so hoch und so seelig, beide schienen beinahe der sie umgebenden Materie entrückt, in geistige Anschauung vertieft, einer bessern Welt anzugehören. – Und zwischen diesen himmlischen Träumen durchzuckte ihn mit einem Male ein irdischer Gedanke; es war die Erinnerung an seinen Bruder.
Aber wie mit einem Schlage öffnete sich zugleich die Thüre seines Kerkers, und der, dessen Bild so eben erst in der Seele des Träumenden auftauchte, stand vor ihm. Cornelius staunte, er traute anfänglich seinen Sinnen nicht. Jene harmonische Verbindung, zwischen gleichgesinntem wahlverwandten Wesen, jenen mächtigen Vorahnungen, die in der forschenden Seele ein Bild der nahen Zukunft enthüllen, jene magnetische Kraft, durch welche die Natur so oft die wunderbarsten Erscheinungen hervorruft, war ihm unbekannt; er betrachtetes die Ankunft seines Bruders, als den Willen einer gütigen Vorsehung, und ihn selbst als den rettenden Genius seines Lebens.
Johann war rasch an das Lager des Gefangenen getreten, der ihm seine noch verbundenen Glieder entgegenstreckte. Aber ihn blos auf die Stirne küssend, legte er die wunden Arme wieder sanft auf die Matratze, und sein thränenfeuchter Blick ruhte auf dem Unglücklichen, der ihm sonst gleichgestellt, nur dem Hasse der Holländer den Vorrang abgewonnen hatte.
»Cornelius, mein armer Bruder,« sprach er dann: »Du leidest schwer und viel?«
»Nein mein Bruder, gar nichts mehr, ich habe ja Dich bei mir.«
»Ach mein armer, armer Cornelius, kannst Du die Qualen ermessen, die ich bei Deinem Anblicke erdulde; Dich so finden zu müssen!«
»Auch ich dachte unaufhörlich an Dich. Ich wußte Dich ja denselben Verfolgungen wie mich selbst ausgesetzt, und während ich kalt und ruhig die Qualen der Folter erlitt, entrang sich bei dem Gedanken, Dich eben so leidend zu wissen, ein einziger Seufzer meiner Brust und der war Dir gewidmet. Aber nun bist Du da, nun ist alles vergessen. Du kommst gewiß, um mich abzuholen, nicht wahr?«
»Ja.«
»Nun so helfe mir nur aufstehen, ich bin schon wieder ganz gut, und kräftig, Du sollst Dich wundern, wie ich rüstig ausschreiten kann.«
»Nein Bruder, Du wirst und darfst auch nicht weit gehen, Meine Kutsche steht unten am Teiche hinter Tilly’s Pistolenschützen.«
»Tilly? Tillys Pistolenschützen? warum sind die am Teiche aufgestellt?«
– »Du fragst darnach« erwiderte der Großpensionär mit dem ihm zur Gewohnheit gewordenen trüben Lächeln: »Nun, Haag hat unsere Abreise erfahren, und dessen biedere Einwohner beeilen sich nunmehr, uns das Geleite zu geben, ob dieß aber ganz ruhig ablaufen werde, ob kein Tumult —«
»Tumult!« wiederholte Cornelius, sein forschendes Auge auf den Bruder heftend.
»Tumult?«
»Ja, mein Bruder!«
»Also das war jener tobende Lärm, den ich hörtet und nach einer längeren Pause wendete er sich wieder an Johannes.
»Die Menschenmenge, die den Buytenhoff umgibt, ist wohl groß?«
»Seht groß!«
»Aber wie kamst Du hierher?«
»Nun —«
»Ließ man Dich denn ungehindert durchpassieren?«
»Das nicht. Es ist Dir nicht unbekannt, daß wir vom Volke gehaßt werden,« setzte der Großpensionär, mit unverkennbarer Bitterkeit hinzu, »Ich mußte Seitenwege einschlagen.«
»Du mußtest Dich verbergen, Du Johann?«
»Ich beabsichtigte so schnell als möglich zu Dir zu gelangen, und that daher das, was man in der Politik, so wie auf dem Meere gerne zu befolgen pflegt: Ich lavirte.«
Gerade in diesem Augenblicke ertönte das Geschrei der wüthenden und tobenden Menge mit neuer Heftigkeit.«
»Hörst Du,« versetzte Cornelius, »Hörst Du sie?«
»Es freut mich unendlich, in Dir einen so guten und ausgezeichneten Piloten zu finden, ob Du mich aber aus dem Buytenhoff hinaus, durch die tobende Menschenwoogen und Volksklippen eben so glücklich bugsiren wirst, wie Du die Flotte von Tromp nach Antwerpen mitten durch die Untiefen der Scheide geführt hast, das weiß ich nicht.«
»Mit der Hilfe des Allmächtigen, werden wir es wenigstens versuchen,« erwiderte Johann, »doch früher noch ein Wort«
»Nun!«
Das Geschrei und der Lärm ertönte mit neuer Wuth.
»So, so,« setzte Cornelius fort, »sind den diese Leute in einer solchen Wuth? gilt dieser tobende Lärm uns? gilt er mir?«
»Er gilt uns Beiden, mein armer Bruder. Wie ich es Dir bereits öfter erwähnte, steht unter den plumpen Verleumdungen, die man gegen uns erhebt, die Unterhandlung mit Frankreich oben an.«
»Die Erbärmlichen!«
»Wohl nur erbärmlich, und dennoch ist dies in den Augen des wenig denkenden Volkes der furchtbarste Punkt der Anklage.«
»Und wenn diese Unterhandlungen, wie es anfangs, den Anschein hatte, glückten, dann wären die Niederlagen, vom Rees Orsay, Wesel und Rheinberg nicht erfolgt, der Uebergang über den Rhein wäre unterblieben, und das durch seine Kanäle und Sümpfe unbesiegbare Holland, stände noch immer frei und mächtig da.«
»Du hast unzweifelbar recht, aber was gerade in dem gegenwärtigen Augenblicke, dieses im Volke künstlich genährte Vorurtheil um ein Bedeutendes unterstützen, und zu dem Ausbruche der höchsten Wuth treiben würde, das ist unsere letzte Correspondenz mit dem Marquis de Louvois. Wenn diese vor unserer Entfernung noch entdeckt würde, wäre ich als der kühnste und beste Pilot der alten Welt nicht im Stande, den zerbrechlichen Kahn, der uns und unser Glück in Sicherheit bringen soll, zu retten.«
»Das hatte ich bisher noch nicht überlegt. Ich sehe nur zu deutlich die Wahrheit Deiner Mittheilung ein. Eben jene Correspondenz, die in den Augen rechtlicher Menschen als ein Beweis vorliegen würde, was wir, beseelt von Vaterlandsliebe, dem eigenen Interesse zu opfern bereit waren, böte den Orangisten durch falsche Deutungen genügende Quellen, uns auf das Schaffot zu führen.«
»Aber darum hoffe ich, Cornelius, und dies mit voller Gewißheit, daß jene Briefe von Dir verbrannt worden.«
»Nein, Bruder!« erwiderte Cornelius mit strahlendem Antlitz. »Eben diese Correspondenz mit dem Marquis de Louvois beweist, daß Du der größte, edelste und uneigennützigste Mann der vereinigten Provinzen bist. Ich liebe den Ruhm meines großen, schönen Vaterlandes unendlich, aber nie werde ich seinen undankbaren Bewohnern den Ruhm eines so hohen, edlen Mannes, meines Bruders, opfern; und darum hüthete ich mich wohl, diese Correspondenz zu verbrennen.«
»Dann habe ich für dieses Leben keine Hoffnung mehr,« unterbrach der Ex-Großpensionär seinen Bruder, mit kalter Ruhe gegen das Fenster schreitend. ’
»Nein, Johann, wir sind nicht verloren; wir werden unser Leben retten, und die Gunst des Volkes wieder gewinnen.«
»Was machtest Du also mit den Briefen i«
»Ich vertraute sie Cornelius van Baerle, meinem Taufkinde an. Du kennst ihn, er wohnt zu Dortrecht.«
»Der arme Knabe, der liebe, schuldlose Kleine. Er, der nur an alles Seltene denkt, er, der sein Leben der Erziehung der Blumen widmete, der nur mit ihnen und durch sie mit Gott spricht, er ist durch dieses tödtliche Unterpfand, mit dem Du ihn belastet, verloren. Nichts, nichts rettet ihn mehr!«
»Verloren —«
»Unwiderruflich. Er ist entweder stark oder schwach. Ist er stark, so wird er, sobald ihm das uns betroffene Unglück zu Ohren kommt, sich unser rühmen; ist er schwach, dann wird er, in der Erinnerung an unser vertrautes, näheres Verhältniß, erzittern und beben. Ist er stark, so säumt er gewiß auch nicht, das ihm anvertraute Geheimniß als eine Grundlage seines eigenen dadurch erhobenen Stolzes auszustreuen; ist er schwach, so wird er sich dasselbe durch List und Gewandtheit entreißen lassen. In jedem Falle ist er verloren, und wir mit ihm. Bruder, laß uns eilen, fliehen, so schnell als möglich, bevor es noch zu spät wird.«
Cornelius erhob sich; während dieser Worte langsam von seinem Lager, und die verbundene Hand auf den Arm seines Bruders stützend, der bei dieser Berührung bebte, sprach er:
»Glaubst Du, ich kenne den van Baerle nicht. Meinst Du, es sei mir gleichgültig gewesen, nicht einen tiefen Blick in diese ernste, forschende Seele zu machen? Du fragst ob er stark, ob er schwach sei. – Nein, er ist keines von Beiden. – Aber er besitzt ein Geheimniß, das er selbst nicht kennt, er wird es nie verrathen, er wird weder sich noch uns verderben«
Johann wendete sich überrascht nach der entgegengesetzten Seite.
»O!« fuhr Cornelius in seiner durch diese unerwartete Bewegung unterbrochenen Rede fort. »Meinst: Du, der Ruart de Pulten sei ein so gewöhnlicher Tagespolitiker? Nein, er ist in Deiner Schule gebildet, er wußte recht wohl, daß Baerle weder den Werths mich die eigentliche Beschaffenheit des ihm anvertrauten Gutes kennen dürfe; und hier wiederhole ich es Dir! nochmals, er kennt sie nicht.«
»Dann laß uns rasch und ohne Zeitverlust handeln. Schicke ihm augenblicklich den Befehl zu, den ganzen Pack ohne weiteres Zögern zu verbrennen.«
»Wer wird ihm diesen Auftrag überbringen?«
»Mein Diener Craecke, der mich bis hierher zu»Pferde begleitete, und den ich in der Absicht mitgenommen hatte, Dich bei unserer Flucht über die große steinerne Treppe zu leiten.«
»Ueberlege es wohl, Johann, bevor diese ruhmvolle Urkunde verbrannt ist?««
»Ich überlegte vor Allem, mein armer Bruder, daß wir unser Leben vertheidigen und retten müssen, um es zu unserer Rechtfertigung benützen zu können; Wer würde dies nach dem Tode der Brüder Witt thun? Wer unter dieser Masse hat uns verstanden?«
»Du meinst also fest und sicher, daß diese Schrift unsern Tod herbeiführen würde?«
Johann erwiderte kein Wort. Mit einer eisig kalten Ruhe streckte er bloß den rechten Arm gegen das Fenster des Kerkers, durch welches das immer mächtiger werdende Getöse ertönte.
»Ich höre wohl dies Geschrei,« sprach Cornelius erstaunt, »aber noch immer kann ich ihm die bereits ein Mal erwähnte Deutung nicht geben.«
Johann öffnete blos das Fenster.
»Tod und Verderben den Verrätern!« wüthete der Pöbel.
»Verstehst Du es nun, Cornelius?«
»Wir sind die Verräter?« fragte der Gefangene, seinen Blick stolz emporrichtend, indem er diese Bewegung durch ein gleichgültiges Achselzucken begleitete.
»Ja wir sind es,« antwortete Johann ebenso.
»Wo ist Dein Diener?«
»Ich glaube er steht vor der Thüre.«
»Laß ihn eintreten!«
Johann öffnete, und wirklich saß Craecke auf der Thürschwelle.
»Komm Craecke, und gebe genau Acht, was Dir mein Bruder auftragen wird.«
»Nein, Johann, es genügt nicht, diesen Auftrag mündlich zu ertheilen, ich werde schreiben müssen.«
»Warum schreiben?«
»Weil van Baerle das anvertraute Gut ohne schriftlichen, und zwar von meiner Hand gefertigten Auftrag, weder ausliefern noch verbrennen wird.«
»Du kannst aber nicht schreiben, mein armer Bruder,« bemerkte Johann, dessen Blick auf die verbrannten und zerquetschten Finger des Unglücklichen fiel.«
»Wenn ich nur das nöthige Material hatte, ich wollte dennoch schreiben.«
»Hier, ich habe einen Bleistift.«
»Hast Du auch Papier? mir ließ man keines.«
Ich habe auch keines. Aber hier aus dieser Bibel nimm das erste Blatt heraus.«
»Gut.«
»Deine Schrift dürfte aber unleserlich sein.«
»Ueberzeuge Dich vorerst,« versetzte Cornelius, einen ernsten Blick auf seinen Bruder heftend. »Sieh diese Finger, die dem Zunder des Henkers widerstanden, sie werden Leben und Gelenkigkeit erhalten, sie werden schreiben, lerne zugleich jenen eisernen Willen kennen, der mich gefühllos für alle Leiden machte, und der den, Fingern eben jetzt gebietet.«
Und Cornelius nahm den Bleistift, und schrieb. Aber unter dem weißen Verbande drangen Blutstropfen hervor. Der Druck der Finger auf den Bleistift, hatte die nur leicht vernarbten Wunden wieder aufgerissen. "’
Die Schleifen des Ex-Großpensionärs bedeckten sich mit Schweiß.
Der Ruart schrieb: »
»Mein theurer Pathe! Das Packet, das ich Dir zur Aufbewahrung übergeben habe, verbrenne gleich nach Erhalt dieser Zeilen, ohne es zu sehen, zu öffnen, oder je nach seinem Inhalte zu forschen. Geheimnisse, wie die darin enthaltenen, bringen den Tod. In das Feuer mit ihnen, und Johann und Cornelius sind gerettet. – Ich umarme Dich – Bleibe auch Du mir stets gut.«
Den 20. August 1672.Cornelius von Witt.
In Johannes Augen perlten reiche Thränen, er trocknete einen Blutstropfen ab, der während des Schreibens auf das Papier gefallen, und übergab sodann das Schreiben, sobald dieses gefaltet war, seinem Diener, mit der Empfehlung der äußersten Sorgfalt. Die ungeheuere Anstrengung, und der damit verbundene Schmerz, hatten Cornelius zu sehr ergriffen, er war einer Ohnmacht nahe.
Johann rührte sich nicht von seiner Seite.
»Wenn der treue Craecke,« sprach er, »an dem andern Ufer des Teiches angelangt, als alter Hochbootsmann seinen Pfiff wird ertönen lassen, dann sind wir gerettet, und wollen auch unsern Weg antreten.
Noch waren fünf Minuten nicht verstrichen, als ein gellender, lang gedehnter Pfiff nach Seemannsweise über den Teich herüber, durch die denselben beschattenden Ulmen, in den Buytenhoff drang. Die Brüder hoben dankend die Arme gegen den Himmel.
»Wir sind gerettet,« sprachen sie, und eine unbeschreiblich himmlische Wonne, eine strahlende Glorie erhellte die edlen, schönen Züge dieser großherzigen in ihrem bittersten Unglücke kühn und aufrecht dastehenden Männer
III.
Der Zögling des Ex-Großpensionärs
In der Zeit wo das Geheul der wüthenden, vor dem Buytenhoff versammelten, und zum höchsten Fanatismus angestachelten Menge immer lauter und starker ertönte, hatte sich eine in der Eile zusammengesetzte Bürgerdeputation, von einem großen Volkshaufen begleitet, nach dem Ständehaus begeben, um von den dort anwesenden Deputirten einen schriftlichen Befehl zum Abmarsche der Tilly’schen Reiterschaar zu erhalten.
Zwischen dem Buytenhoff und dem Hoogstreet, ebenfalls einer Art breiten Straße, die von einander nicht weit entfernt sind, sah man seit Beginn dieses Auftrittes einen jungen Mann, der allen Einzelheiten desselben mit einer unverkennbaren Neugierde folgte, und sich auch der nach dem Ständehause eilenden Menge anschloß, gleichsam, als liege es in seiner Absicht, schneller das Endresultat dieser neuen Unternehmung zu erfahren.
Dieser Mann, den wir selbst noch nicht kennen, war sehr jung. Er mochte 20 bis 22 Jahre zählen. Sein blasses, mehr gebleichtes Gesicht, die matten Augen, die zarte Constitution, verriethen wohl das Mitglied irgend einer höhern Familie, beurkundeten aber zugleich ein Wesen, ohne Muth und Energie. Zu dem mußte es in seiner Absicht liegen, wo möglich unerkannt;zu bleiben, denn unaufhörlich bedeckte er das Gesicht mit einem frischen Tuche, gleichsam als wolle er sich die Lippen oder den Schweiß abtrocknen.
Aber das anscheinend matte, tief liegende Auge, gewährte nach näherer Beobachtung die Ueberzeugung, daß es, von irgend einer Idee ergriffen, eben so gut einen durchdringend feurigen Blick, gleich den eines Adlers, erzeugen konnte, so wie auch der auffallend kleine und gespitzte Mund, über den sich eine lange gebogene Nase wölbte, dem Antlitze einen seltenen, im ersten Augenblicke aber, mehr abstoßenden Reiz verlieh. So gestaltet hätte dieser Kopf für die Studien Lavater’s das schönste Exemplar nämlich eines derjenigen geliefert, wo die Natur gleichsam dem menschlichen Wissen zum Hohne, den vollendeten, edelsten Gebilden, die erbärmlichsten Eigenschaften verleiht.
Eine Frage der Alten findet hier ihren geeigneten Platz. Welcher Unterschied besteht zwischen einem Eroberer und einem Seeräuber? Ganz derselbe, den man zwischen einem Geier und Adler beobachten kann.
Beide sind Raubvögel, der eine mit Ernst und Ueberlegung, der andere mit Unruhe und Leidenschaft.
Und so trug auch hier, diese bleifarbene Physiognomie, dieser matte, zitternde Schritt, diese schmächtigen, unter der Last des Oberleibes beinahe zusammenbrechenden Füße, dieser bald matte, bald forschende und feurige Blick, ganz das Gepräge jener Gesellschaft, die es sich im Leben zur Hauptaufgabe gemacht, jede, auch die kleinste Handlung der Nebenmenschen zu erspähen, und ihr vor dem Gesetze sodann die dem eigenen Vortheile zunächst liegende Deutung zugeben. Noch mehr wurde man in dieser Voraussetzung bestärkt, wenn man die beinahe ängstliche Sorgfalt des jungen Mannes bemerkte, mit welcher er sein Gesicht der Umgebung zu verbergen suchte. Uebrigens war er äußerst einfach gekleidet, trug weder eine sichtbare Waffe, noch sonst etwas Auffallendes an sich, und stützte seine zarte, weiße Hand, an der man genau jede Ader beobachten konnte, auf die Schultern eines Officiers, der ihm nicht von der Seite weichend, nun eben so den Weg nach dem Hoogstreet einschlug, sein klares offenes Auge mit einem leicht erkennbaren Interesse, der sich vor Beiden dahinwälzenden Volksmasse zuwendend.
Aus dem Hoogstreet angelangt, beeilte sich der blaße, gebrechliche Mann, ein in einer Ecke gelegenes und offen stehendes Fenster zu erreichen, das dem Hause der Deputirten gerade gegenüber lag, und zugleich durch ein weit herabgehendes Schirmdach eine Art Versteck bildete.
Das Volk hatte unterdessen sein Geschrei mit neuer Kraft und Wuth begonnen. Kurze Zeit nachdem es vor dem Ständehause angelangt war, das Erscheinen eines Deputirten fordernd, öffnete sich auch die Thüre des über dem Hauptportale angebrachten Balkons, und ein alter, durch sein graues Haar so wie den Ernst und Adel seiner Züge ehrwürdig aussehender Mann trat hervor.
»Wer ist der Mann, der dort erscheint?« fragte der junge Mann seinen Begleiter, das mit einem Male aufflammende Auge nach dem Balkon richtend, an dessen Geländer sich der zitternde Greis festzuhalten schien.
»Es ist der Deputirte Bowell,« erwiderte der Officier, ohne den Blick abzuwenden.
»Bowell! und was für ein Mann ist dieser Bowell? Kennt Ihr ihn.«
»Persönlich nicht. Aber so viel ich hörte, ist er ein sehr braver Mann.«
Allein dem jungen Manne schien diese Anpreisung durchaus nicht zu behagen, denn eine Bewegung, die auffallend Mißmuth und Unwillen beurkundete, ließ den Officier erkennen, daß er irgend einen unangenehmen Eindruck hervorgerufen habe, und er beeilte sich daher unverzüglich hinzuzusetzen:
»Ich wiederhole nochmals, daß ich nur vom Hörensagen urtheile, denn persönlich habe ich, wie bereits erwähnt, mit Herrn von Bowell noch nichts verhandelt, und kenne ihn daher auch gar nicht weiter, gnädigster Herr.«
»Braver, sehr braver Mann!« wiederholte der Blasse, der so eben den Titel, gnädigster Herr, erhalten »Wie meint Ihr das, mein Freund, ein Mann, ein brav ist? oder ein Mann von Bravour?«
»Gnädigster Herr, Ihr werdet vergeben, ich wage es nie, einen derartigen Unterschied bei einem Menschen zu machen, den ich, wie ich es nochmals wiederhole, nur dem Reden nach kenne.«
»Es wird sich ja ohne dieß zeigen, murmelte der junge Mann zwischen den Zähnen. »Wir werden es ja sehen, warten wir nur ein wenig.«
Der Officier stimmte durch ein Kopfnicken bejahend bei, und schwieg.
»Wenn dieser Bowell, wie Ihr sagtet,« fuhr der Blasse fort, »ein braver Mann ist, so wird er die an ihm gestellte Forderung des Volkes, wahrscheinlich sehr ernst aufnehmen«
Und eine heftige Bewegung seiner Hand, dann ein mechanisches, gedankenloses Trommeln auf der Schulter seines Gefährten, verrieth deutlich die ungestümen Regungen, eines durch die mehr todte, körperliche Hülle kaum zu ahnenden starken Geistes, dessen nunmehr auf das höchste gesteigerte Erwartung sich instinktmäßig durch die volle Thätigkeit eines Gliedes Luft zu machen suchte.
In diesem Augenblicke, stellte der Führer der Bürgerdeputation an Bowell die Frage, wo die Deputirten wären.
»Meine Herren l« sagte Bowell, indem er sich bemühte seiner Stimme so viel Kraft zu geben, daß sie von der ganzen versammelten Menge gehört werden konnte. »Ich habe Euch bereits ein Mal gesagt, und wiederhole es hier, daß außer mir nur noch Herr von Asperen anwesend ist, und ich für meine Person, in dieser Angelegenheit keine Entscheidung geben kann.«
»Den Befehlt den Befehl! wollen und müssen wir haben,« schrien mehr als 1000 Stimmen.
Herr Bowell bemühte sich nochmals zu sprechen, aber das tobende Geschrei, der immer wachsenden Menge übertönte seine Worte, und selbst seiner unmittelbaren Nähe nicht mehr verständlich, konnte man nur aus seinen Mienen und Geberden die Beibehaltung des ein Mal ausgesprochenen Entschlusses entnehmen. Aber da auch diese Bemühung wenig, ja beinahe gar Nichts zur Verständigung und Beruhigung der erhitzten Gemüther beitrug, trat er endlich an das offene Fenster, und rief Herrn von Asperen heraus.
Dieser erschien auch unverzüglich, und wurde von Seite des Volkes mit einem Beifallssturme empfangen, derjenen, den man Herrn Bowell bei dessen ersten Auftreten ebenfalls gespendet hatte, noch weit übertraf. Auch er übernahm die schwierige Aufgabe, das Volk zu beschwichtigen, ihm die Ungerechtigkeit seines Verlangens, und die Unmöglichkeit dasselbe zu realisiren, darstellend, und zugleich auf die in diesem Falle einzig zu verfolgende Richtschnur, die gesetzliche Basis hinzuweisen.
Dieser ergreifenden, kühnen, einer so nahe liegenden Gefahr gegenüber, auch heroischen Rede, wurde, von Seite derer, an die sie gerichtet war, nicht nur kein Gehör geschenkt, sondern die Masse nahm vielmehr zu einem in solchen Gelegenheiten untrüglichen Mittel, zur Gewalt ihre Zuflucht. In wenigen Minuten war die städtische Wache, eher ein Quodlibet lächerlicher, bemitleidenswerther Carrikaturen, als der Schutz des Ständehauses, entwaffnet, und nunmehr wälzte sich einem reißenden Strome gleich, der ganze Haufe in die geöffneteten Thore, wie ein Ungethüm, das in den Eingeweiden seines gefallenen Opfers zu wühlen sucht.
Auch der Blasse hatte diese Bewegungen mit der gleichen, regen Neugierde verfolgt, und zu derselben Zeit, wo sich die Thore öffneten, stieß er seinen Begleiter am Arme:
»Gehen wir Oberst, allem Anscheine nach, werden die Berathungen nunmehr im Ständehause selbst abgehalten, und es interessirt mich ungemein, denselben beizuwohnen.«
»Eure Hoheit werden sich doch keiner solchen Gefahr aussetzen?«
»Gefahr, wie, und von wem?«
»Unter den Deputirten befinden sich viele, die mit Euer Hoheit im persönlichen Verkehr standen, und ein oder der Andere dürfte Höchst dieselben wahrscheinlich erkennen.«
»Richtig, um den Leuten sodann weiß zu machen, daß ich der Gründer dieser ganzen Bewegung sei.«
Und die bisher so bleichen Wangen des jungen Mannes, überfluthete eine auffallende Röthe, der deutlichste Beweis seiner innern Aufregung und des Unwillens, mit dem er die noch zweifelhafte Entscheidung erwartete. Aber sich augenblicklich wieder sammelnd, setzte er seine unterbrochene Rede fort:
»Ja, Ihr habt recht, Oberst, wir können hier den Ausgang ganz ruhig abwarten, und sodann beurtheilen, ob Bowell ein braver Mann, oder ein Mann von Bravour ist.«
»Aber,« versetzte der Oberst, sein offenes Auge forschend auf denjenigen richtend, den er so eben Hoheit genannt hatte. »Gnädigster Herr, Ihr werdet doch nicht glauben, daß man dem Wunsche des Volkes nachkommen kann.«
»Warum nichts« fragte der Bleiche kalt.
»Weil das eben so viel hieße, als das Todesurtheil für Cornelius und Johann von Witt zu unterzeichnen.«
»Wir werden es ja bald sehen. – Nur eine höhere Macht weiß, was in den Herzen der Menschen vorgeht, sie gebietet denselben im entscheidenden Augenblicke zu handeln.«
Der Oberst erblaßte, sein forschendes Auge ruhte noch immer unverwandt auf dem jungen Manne.
Er stand ruhig und kalt da, auf alles gefaßt. In seinem schönen, männlichen Gesichte, drückte sich Ernst, Ruhe und Hoffnung deutlich aus. Er war ein braver Mann, und zugleich ein Mann von Bravour.
An dem Orte, wo die Beiden standen, konnte man Anfangs deutlich das Gerassel, der über die Stiege, in die oberen Stockwerke dringenden Volksmenge hören.
Kurz darauf drang der Lärm, durch die offen gebliebenen Thüren und Fenstern des Berathungssaales, auf die Straße herab.
»Herr von Bowell und von Asperen, hatten sich in denselben zurückgezogen, wohl einsehend, daß sie auf dem kleinen Raume, der so ungeheuer vordrängenden Menge, keinen Widerstand leisten, und in Gefahr kommen konnten, von den Erbittersten bei längerer Weigerung, über das Geländer herabgestürzt zu werden.
Hierauf sah man eben durch diese Oeffnung bald einzelne Gestalten, bald die bloßen Gliedmaßen derselben. Der Berathungssaal hatte sich in wenigen Minuten ganz gefüllt.
Plötzlich trat eine unbeschreibliche, in solchen Augenblicken der allgemeinen Spannung, tödtende Ruhe ein. Es war in diesem Meere aufgeregter, wüthender Leidenschaften, in diesem Kampfe zwischen Gewalt, Menschenrecht und Gesetz nur ein Moment, eine Pause zwischen Leben oder Tod. Dann erhob sich aber ein Geheul, gleich dem Toben des furchtbarsten Orkanes, gleich den Schmerzensrufen einer verwundeten, wilden Bestie, ein Getöse, das das uralte, ehrwürdige Gebäude in seinen Grundfesten erzittern machte.
Ihm folgte dann derselbe erst kurz verschwundene Strom, der, als habe er gleichsam ein zur Fortsetzung seines Laufes unübersteigbares Hindernis getroffen, sich wieder in der frühem Bahn zurückwälzte.
An der Spitze derselben gewahrte man eine über die Menge hervorragenden, starken Mann, dessen Gesicht von teuflischer Freude verzerrt, grinsend lachte.
Es war Tyckelaer.
»Er gehört uns, er gehört uns,« schrie er mit heiserer Stimme, den Rachen mit Schaum bedeckt, und zugleich ein Papier hoch über dem Kopfe schwingend.
Der Obrist erbleichte, seine Muskeln zitterten, seine Hand suchte nach einer Stütze. Das erlöschende Auge auf den Gefährten richtend, murmelte er kaum hörbar mit gebrochener Stimme: »Sie haben den Befehl?«
»Ganz recht,« erwiderte die Hoheit mit unwandelbarer Ruhe und Kälte. »Seht Ihr nun, daß ich im Rechte bin, ich hatte bereits entschieden: Bowell ist weder ein braver Mann, noch ist er ein Mann von Bravour. Aber laßt uns nicht länger auf diesem Platze verweilen Oberst, kommt schnell nach dem Buytenhoff hin, ich glaube, wir werden dort ein seltenes Schauspiel erleben.« Und zugleich setzte sich der Blasse mit einer Eile in Bewegung, die ihm den Anschein gab, als beabsichtige er, die bereits auf eine große Strecke entfernte Menge noch zu überholen. Der Obrist blieb einer Bildsäule gleich stumm, und folgte mit gesenktem Haupte mechanisch seinem Herrn.
Der Andrang aus dem Buytenhoff wurde nunmehr Ungeheuer. Aber noch immer hielt Tilly mit seinen Reitern, die vorige Position unverändert, mit demselben Glücke und derselben Festigkeit inne.
Der Lärm stieg mit jeder Minute. Aller Augen waren fragend nach dem Hoogstreet gerichtet, von wo bereits einzelne Vorläufer mit einem unendlichen Freudengeschrei herbei eilten.
Bald folgte die ganze unübersehbare Fluth. Ein, buntes Farbenspiel, angenehm für den Beschauer, wenn die ruhige Würde eines Festes dasselbe begleitet, furchtbar, sobald das Blut der Unschuld, die ganze Macht der wildesten Leidenschaften, seinem Pfade folgt.
Tilly, von gleicher Begierde getrieben, vielleicht auch von einer trüben Ahnung erfaßt, hatte sich in dem Steigbügel emporgerichtet, und sein blitzendes Auge in dieselbe Richtung heftend, gewahrte er unter der wachsenden Menge, jenen Mann, der das bereits erwähnte Papier über seinem Haupte schwang.
»Bei allen Teufeln,« rief er dann, indem er seinen Lieutenant auf diese unerwartete Erscheinung ebenfalls aufmerksam machte; »ich glaube gar, die Bestien habenden Befehl.«
»Erbärmliche Schurken,« rief der Angeredete, nunmehr ebenfalls seine Aufmerksamkeit auf jenen Punkt richtend.
Und was der Oberst nicht geahnt, was Tilly für eine Unmöglichkeit gehalten hatte, war wirklich da – der Befehl. —
Die Bürgergarde empfing ihn aus Tyckelaers Händen mit einem unbeschreiblichen Gebrüll. Aber zugleich setzte sich die ganze Masse in Bewegung, und rückte mit gesenkten Waffen gegen die Reiter Tilly’s an.
Der Graf war nicht der Mann, der den Pöbel so leicht über jene Schranken, die ihm unthätig machen konnten, ankommen ließ.
»Halt!« rief er, »halt! daß es keine lebende Seele wagt, einen Schritt weiter vor zu thun. Nur noch die kleinste Bewegung, und ich kommandire zum Angriff.«
»Hier ist der Befehl!« kreischten tausende von Stimmen.
Tilly nahm das ihm dargereichte Papier, warf. einen flüchtigen Blick darauf, und rief dann, während eine lautlose Stille eintrat mit donnernder Stimme:
»Hört mich, Ihr Bürger von Haag, Ihr großartigen und seltenen Staatsbürger! in Euerer Gegenwart, im Angesichte Gottes und der Welt erkläre ich hiermit Diejenigen, die diesen Befehl ausgefertigt und unterschrieben haben, für die eigentlichen Henker und Mörder der Brüder Witt. Ich ließe mir früher eine Hand abnehmen, als daß ich einen einzigen dieser vom Blute triefende Buchstaben niederschreiben würde.«
Dann stieß er mit dem Knopfe seines Degens, den Mann, der das Papier wieder zurücknehmen wollte, so heftig von sich, daß er taumelnd von der Menge, an die er anprallte, aufgefangen wurde.
»Nur einen Augenblick noch, meine werthen Herren, eine solche Schrift ist von der größten Wichtigkeit, sie muß als ein Document der erbärmlichsten und schreiendsten Niederträchtigkeit, sorgfältig für die Nachwelt bewahrt werden.«
Er legte hierauf das Papier bedächtig zusammen, und schob es zwischen die Brust und den Harnisch.
Dann wendete er sein Pferd mit zornentflammten, und vom Blute gerötheten Gesichte gegen seine Leute, und kommandirte laut und hörbar.
»Eskadron! in Reihen Rechts.«
Die Soldaten befolgten mechanisch diesen Befehl, und setzten sich in Bewegung. Noch einmal kehrte Tilly sein edles, schönes Antlitz der Menge zu, noch einmal übersah dieses majestätische, scharfe Auge die unübersehbare, in ihrer frühern Stille verharrende Menge. Dann seinen Zügen, den früheren Ausdruck von Spott und mitleidiger Verachtung gebend, donnerte er nochmals.
Wohl an denn, Ihr edlen kühnen Männer, Ihr Henker aus eigenem Antriebe, auf, und vollführt Euer großes Werk, drücket den Schandfleck der teuflichsten Erbärmlichkeit auf Euere Stirne, daß die Nachwelt scheu vor dem Gezeichneten entfliehe.«
Der Tumult, der dieser beinahe unüberlegten Rede folgte, läßt sich nicht beschreiben, da selbst die Natur in ihren furchtbarsten Kämpfen, demselben nichts Aehnliches entgegensetzen könnte. Wuth und Freude, die beinahe an Wahnsinn grenzte, hatte der Menge in diesem Augenblicke den letzten Rest der Menschlichkeit geraubt, und sie zum Thiere herabgewürdigt.
Tilly’s Abtheilung konnte, durch die Menschenmasse in ihrer freien Bewegung gehemmt, nur langsam vorwärts kommen. Der Graf selbst blieb ganz allein der Letzte. Sein Zorn schien gewichen, mit der ihm eigenen Ironie und Kälte machte er unausgesetzt über den Pöbel und die Bürgergarde seine spöttischen Bemerkungen, zugleich aber die zunächst Vordringenden mit seinem kräftigen Pferde zurückhaltend.
Rosas Ahnungen schienen sich schneller, als man es glauben mochte, zu realisiren —
Auch Johanns Befürchtungen, die er gegen Cornelius geäußert, erhielten eine immer größere Begründung.
Cornelius stieg gerade am Arme seines Bruders über die breite, steinerne Treppe, die in den großen Hof führte, herab.
Unten fanden sie Rosa, die am ganzen Leibe zitterte:
»O, mein Herr,« rief sie, den Ex-Großpensionär bei der Hand fassend, »welches Unglück.«
»Was ist denn geschehen, mein Kind?«
»Ich habe gehört, das Volk sei nach dem Hoogstreet geeilt, um von den Deputirten den Befehl zum Abmarsche der Soldaten des Grafen Tilly zu erzwingen.
»So, – so, – ja, Du hast recht, mein Kind, wenn die Reiterei des Grafen abzieht, dann ist unsere Lage eine sehr traurige.«
»Darf ich vielleicht einen Rath geben, meine Herren.«
»Gib ihn, gutes Kind. Vielleicht spricht die Güte Gottes, die unendliche Gnade der Vorsehung durch Deinen Mund zu uns.«
»Nun denn, so hören Sie. Ich würde nicht durch die Hauptstraße gehen.«
»Nicht durch die Hauptstraße, warum? Ist Tillys Reiterei schon abgezogen?«
»Das gerade nicht. Aber wie lange kann es dauern, daß die wüthenden Leute zurückkommen, ihre Absicht – vollkommen erreicht haben, und für Tilly einen Gegenbefehl bringen.«
»Das ist allem Anscheine nach möglich.«
»Habt Ihr Jemand, der Euch aus der Stadtbringen wird?«
»Nein«
»Nun, da würdet Ihr ja gerade in dem Augenblicke, wo die Reiter Euch verlassen, dem nach eilenden Volke in die Hände fallen.«
»Dann begleitet uns die Bürgerwehr.«
»O! die ist gerade am erbittertsten gegen Euch.«
»Was sollen wir da eigentlich machen.«
»An Euerer Stelle, meine Herren, würde ich mich, statt durch das Hauptthor, durch die Ausfallsthüre entfernen. Diese mündet in eine enge Gasse, die gegenwärtig, wo sich Alles zum Hauptthore drängt, wahrscheinlich leer, und von dein größten Theile ihrer Bewohner verlassen sein dürfte. Von dort aus erreicht Ihr, da Euch Haag bekannt ist, aus Umwegen sehr leicht und ungesehen die Hauptstraße, kurz darauf das Stadtthor, und habt Ihr dieses einmal im Rücken, dann seid Ihr auch geborgen.«
»Aber mein Bruder, der kann nicht gehen.«
»Ich werde es versuchen,« und in Cornelius Antlitze malte sich die ganze Entschlossenheit eines großen, kühnen Mannes.
»Habt Ihr denn keinen Wagen mitgenommen?«
»Wohl nahm ich den meinen mit, aber ich ließ ihm am Teiche, in der Nähe des Hauptthores stehen.«
»O nein,« rief das Mädchen mit unverkennbarer Freude, in die kleinen Hände klatschend. »Auch darauf habe ich gedacht. In der Voraussetzung, daß Euer Diener ein braver Mann sei, befahl ich ihm, mit dem Wagen an der Ausfallsthüre zu warten.«
Der Blick, den die beiden Brüder wechselten, verrieth jene himmlische Empfindung, die in ihrer Seele entstehend, ihnen das ganze, verloren geglaubte Gebiet der Hoffnung wiedergab. Dann wendeten sich beider Augen nach dem reizenden Mädchen, das wie ein rettender Engel, den Unglücklichen den Weg des Heiles zeigen sollte.
»Wird uns Dein Vater aber diese Thüre öffnen?« fragte Johann nach einer kurzen Pause.
»Nein, er wird es auf keinen Fall thun.«
»Was hilft uns dann Dein Rath?«
»Das sollt Ihr gleich erfahren. Ich wußte seine Weigerung schon im voraus, benützte den Augenblick, wo er durch das Fenster mit einem Pistolenschützen vertraulich plauderte, und nahm von seinem Schlüsselbunde ohne Geräusch gerade das, was ich am nothwendigsten brauchte.«
»Du hast also den Schlüssel?«
»Ja, hier ist er!«
»Kind,« sprach Cornelius, unfähig seine Rührung zu verbergen. »Ich bin seit Kurzem arm, ärmer vielleicht als Du es bist, ich besitze Nichts was ich Dir als Dank und Erinnerung für die schöne Handlung, die Du eben vollführst, zurücklassen könnte. Nimm das Einzige, was man mir in der trüben Zeit der Gefangenschaft ließ, meine Bibel, die Du noch in dem kurz verlassenen Kerker finden wirst. Nimm sie hin als den Beweis der tiefsten Empfindung, welche ich mein ganzes Leben hindurch für Dich hegen werde, ihr stelle ich zugleich den Wunsch zur Seite: Sie möge Dir einst Glück und Segen bringen.«
»Ich danke, danke Euch, Cornelius, ich werde dies Denkmal der heiligsten Erinnerung nie aus meinen Händen geben, dann setzte sie seufzend, und so leise, daß die Brüder es nicht hören konnten hinzu. O! Schade, daß ich nicht lesen kann.«
In diesem Augenblicke verdoppelte sich das Getöse auf der Straße.
»Hörst Du es, meine Tochter,« rief Johann, »ich glaube, wir haben keine Minute zu verlieren.«
»Ja, ja, kommt, last uns eilen.«
Leicht wie eine Gazelle, mit ihrem kleinen Füßchen kaum den Boden berührend, schwebte die reizende Gestalt über den Hof nach dem entgegengesetzten Theile des Gefängnisses. Dort wartete sie auf die ihr nur langsam folgenden Brüder, führte diese über zwölf schmale steinerne Stufen in einen kleinen, von zackigen Ringmauern umgebenden Hof, öffnete daselbst eine, schmale eiserne Thür und ließ die Unglücklichen ins Freie treten.
Der Wagen stand richtig an dieser Stelle.
»Schnell, schnell,« rief der Kutscher mit der größten Besorgniß, als er seines Herrn ansichtig wurde.
»Der Lärm wird immer stärker, ich glaube sie kommen schon.«
Cornelius ward in den Wagen gehoben. Johann dann ergriff sodann Rosas Hand.
»Leb wohl, mein gutes Kind,« sprach er mit einer Thräne im Auge, »alles was ich dir sagen oder bieten könnte, wäre zu schwach, Dir meinen Dank darzuthun. Möge der Allmächtige Dir in einer ungetrübten heitern Lebensbahn, in Erfüllung aller Deiner Wünsche, den Lohn für die Rettung zweier Menschen geben.«
Rosa hielt die Hand des edlen Mannes noch einige Minuten fest, dann aber drückte sie ehrerbietig einen Kuß darauf.
»Ein, eilt,« rief sie, »ich glaube, man schlägt schon an das Hauptthor an.«
Johann war eingestiegen. Er schloß vorsichtig das zu beiden Seiten des Wagens herabhängende Leder, und gab dem Kutscher mit dem Rufe: Zum Tol-Hek, zugleich den Befehl zur Abfahrt.
Der Tol-Hek war das Hauptthor von Haag. Durch dieses gelangte man zu dem Hafen von Scheveningen, in welchem ein kleines französisches Schiff, die Flüchtlinge erwartete.,«
Der Wagen setzte sich in Bewegung, und von zwei stamändischen Pferden gezogen, rollte er schnell dahin.
Rosa war an der kleinen Thüre stehen geblieben, bis eine vorspringende Straßenecke ihr das Fuhrwerk weiter unsichtbar machte.
Dann trat sie zurück, schloß die Thüre sorgfältig zu, und warf den Schlüssel in einen nahe stehenden Brunnen.
Das Getöse, das Rosa früher gehört, und das sie so besorgt gemacht hatte, rührte auch wirklich nur von den Anstrengungen des Pöbels her, der, nachdem Tilly und seine Soldaten den Platz geräumt, alle zu Gebote stehenden Mittel anwandte, sich den Eingang in das Gefängniß zu erzwingen.
Zuerst hatte man an Gryphus, die Aufforderung gestellt, den Buytenhoff ohne Widerrede zu öffnen. Allein zu seinem Ruhme sei es gesagt, er weigerte sich beharrlich, Folge zu leisten, wenn nicht ein höherer Befehl ihn hier ermächtige. Nun nahm die Menge wieder zu dem bekannten und so beliebten Mittel seine Zuflucht, sie gebrauchte Gewalt. Aber das Thor war massiv gebaut, und von Innen so gut verwahrt, das es allen Anstrengungen zum Trotze nicht um ein Haarbreit aus seinen Fugen weichen wollte. Dies steigerte die Wuth der Stürmenden nur um so mehr, ihre Anstrengungen verdoppelten sich, und Gryphus, der anfänglich kalt und ruhig hinter dem selben gestanden war, bemerkte mit bangen Zagen, daß selbst dieser eherne Widerstand, ihn früher oder später verlassen, und der Wuth der Eindringenden, Preis geben würde. Schon überlegte er für sich, ob es nicht rathsamer wäre, den Eingang selbst zu öffnen, als er sich sanft am Arme berührt fühlte. Er sah sich um, Rosa stand vor ihm.
»Hörst Du die Wüthenden?« sprach er zitternd.
»Ich höre sie eben so klar und deutlich, wie Ihr.«
»Was würdest Du in meiner Lage machen?«
»Die Thüre einschlagen lassen.«
»Dann ermorden sie mich.«
»Ja, wenn sie Euch sehen würden.«
»Und wie sollen sie mich nicht sehen?«
»Verbergt Euch.«
»Wo?«
»In dem geheimen Gefängniß.«
»Und Du, meine Tochter?«
»Ich werde mit Euch hinabsteigen, die Thüre über mir zuschließen, und wenn die Wüthenden den Buytenhoff verlassen haben, kommen wir wieder unversehrt aus unserm Versteck hervor.«
»Du hast recht, mein gutes Kind. Ich staune, was für eine Klugheit in Deinem kleinen Köpfchen steckt.«
Beide betraten den langen Gang, den die Brüder Witt vor Kurzem verlassen, eilten an das Ende desselben, wo Rosa eine ganz unkenntliche Fallthüre aufhob, und mit ihrem Vater in einen kleinen, dunklen Raum hinabstieg.
In dem Augenblicke, wo das Mädchen die Thüre über ihrem Kopfe wieder schloß, hatte der Pöbel das Hauptthor eingebrochen, und stürzte mit Wuth und Freudengeschrei in den Hof.
»Wir sind gerettet,« sprach Rosa horchend.
»Aber unsere Gefangenen?«
»Lasset Gott über sie wachen, mein Vater, und erlaubt mir nur, daß ich über Euch wache.«
Das Gefängniß, in welches Rosa ihren Vater geführt hatte, bot im Ganzen genommen, für zwei Personen einen hinlänglichen Raum. Es war unter den Namen geheimes Gefängniß, eine jener Lokalitäten, die nur den Behörden bekannt, von ihnen benutzt wurde, um entweder vornehme Angeklagte, die irgend eine, mächtige Partei besaßen, darin verwahrend, jeden Tumult, so wie ihre Befreiung zu verhindern, oder aber Leute, die man auf die möglich geräuschloseste Weise beseitigen wollte, für immer unschädlich zu machen.
»Tod den Verräthern, an den Galgen mit Cornelius von Witt, Tod, Tod —« tönte es über den Köpfen der Eingeschlossenen.
IV.
Die Flucht
An einer Ecke des Buytenhoffs, gedeckt und verborgen durch ein weit vorspringendes, bleiernes Regendach, stand noch immer an den Arm seines Begleiters gelehnt, einem Gespenste ähnlich, der bleiche junge Mann. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirne, noch immer bemühte er sich zeitweise, entweder diesen oder den Mund abzutrocknen, und unterließ es dabei nicht, den Bewegungen des wüthenden Pöbels mit der größten und angestrengtesten Aufmerksamkeit zu folgen.
»Ich glaube, Ihr hattet recht, van Deken,« sprach er nach einer längern Pause, »der Befehl, den die Stände unterschrieben haben, dürfte das Todesurtheil für Cornelius von Witt sein.«
»Hört nur das Volk, gnädigster Herr,« erwiderte der Oberst, »es will durchaus zu dem Herrn von Witt gelangen. In der That, ich hörte noch nie ein so wildes, unmenschliches Geschrei.«
»Ich glaube, sie haben das Gefängniß und den Mann, den sie suchen, gefunden. Jenes Fenster dort, wißt Ihr mir nicht zu sagen, ob es zu Herrn Witts Gefängniß gehört?«
An dem bezeichneten Fenster gewahrte man in demselben Augenblicke eine große, starke Faust, und kurz darauf den Kopf und Oberleib eines wild aussehenden Mannes, der sich so eben emporgeschwungen hatte .
»Hurrah, Hurrah,« schrie dieser mit furchtbarer Stimme, »der Vogel ist ausgeflogen, er ist nicht mehr da.«
Dann die Zähne weit vorstreckend, das Gesicht zu einem grinsenden Lachen verzogen, hätte man dies Wesen, eher für ein wildes, hinter einem Gitter wohlverwahrtes Raubthier, als für einen Menschen gehalten.
»Wie? er ist nicht mehr da?« rief die Menge auf der Straße, der es nicht mehr möglich geworden war, mit in den bereits überfüllten Buytenhoff zu dringen.
»Nein,« er ist nicht mehr da, er ist ausgeflogen, hab ich Euch gesagt.«
»Was ruft dieser Mensch hinab?« fragte die Hoheit noch mehr erblassend.
»Gnädigster Herr, er erzählt der Menge eine Neuigkeit, die man als das glücklichste Ereigniß begrüßen könnte, wenn sie sich wirklich bestätigt.«
»Ja, ohne Zweifel, es wäre sehr glücklich, wenn es wahr wäre, aber beruhigt Euch, es kann nicht sein.«
»Aber es muß dennoch sein, da blickt nur hinauf.«
Und wirklich zeigten sich an mehreren, auf den Platz führenden Fenstern, eben so drohende, wilde Gestalten, wie es die zuerst Erschienene war.
»Er ist fort, entflohen, lauft ihm nach, verfolgt ihn, bevor er das Thor erreicht.«
Die Menge unten wiederholte das wüthende Gebrüll, und zerstreute sich sodann, ohne eigentlichen Zweck, aufs geradewohl in den zunächst liegenden Gassen.
»Es scheint also doch, daß Cornelius von Witt, wirklich enflohen ist,« bemerkte der Oberst.
»Aus dem Gefängniß, wohl möglich. Aber, mein lieber van Deken, ich versichere Euch, aus der Stadt gewiß nicht. Der arme Mann wird glauben, durch eines der Thore zu entkommen, aber wie wird er sich wundern, wenn er alle verschlossen findet.«
»Es wurde also der Befehl gegeben, die Stadttore zu schließen?«
»Das glaube ich gerade nicht, wer würde wohl einen solchen Befehl ertheilen?«
»Und woher vermuthet es Eurer Hoheit sodann?«
»Es gibt oft Verhängnisse,« antwortete der Blasse gleichgültig, »Ihr werdet es selbst schon erfahren haben, Oberst, Verhängnisse, denen selbst der größte und kühnste Mann nicht entgeht.«
Ein kalter Schauer durchrieselte die Glieder des Officiers, er fing nach und nach an, einzusehen, daß der Gefangene verloren sei.
Das Geheul der tobenden Menge erreichte nunmehr seinen Culminationspunkt. Man hatte mit der größten Sorgfalt jede Kammer, ja den kleinste Raum; durchsucht, ohne jedoch die leiseste Spur des Gefangenen, oder der Art und Weise, wie er seine Flucht bewerkstelligte, zu entdecken. Die Ueberzeugung stand fest begründet, er war gerettet.
Cornelius und Johann hatten auch wirklich, während diesen Vorgängen am Buytenhoff, glücklich den Teich passirt, und fuhren nunmehr auf der öden und menschenleeren Hauptstraße gerade auf den Tol-Hek zu.
Johann hatte die Vorsicht, dem Kutscher einzuschärfen, daß er, um jeden Verdacht zu begegnen, nur in einem ganz gewöhnlichen, schwachen Trabe fahren dürfe. Als dieser aber auf der Hauptstraße angelangt, jegliche Gefahr, den Lärm der tobenden Menge, Gefängniß und Tod hinter sich hatte, als ihm die Freiheit so schön entgegen lächelte, da war er nicht mehr Herr seiner Empfindung, und den Pferden die Zügel frei lassend, flog nach einem kräftigen Peitschenhiebe der Wagen pfeilschnell dahin.
Aber plötzlich hielt er an.
»Was giebt es?« fragte Johann, den Kopf aus dem Kutschenschlage vorstreckend.
»O mein Herr,« rief der Kutscher, »es ist —«
Der Schrecken schien seine Stimme zu ersticken.
»Nun, so verständige mich doch.«
»Das Gitter ist geschlossen.«
»Das Gitter? das pflegt sonst nur zur Nachtzeit gesperrt zu werden.«
»Seht es Euch selbst an.«
Johann von Witt neigte sich noch etwas mehr aus den Wagen vor, und sah in der That zu seinem Staunen, das geschlossene Gitter.
»Fahre nur fort,« rief er, »aber sogleich – meine Papiere sind in der Ordnung, der Pförtner wird uns öffnen.«
Der Wagen verfolgte seinen Weg, aber nicht mehr mit derselben Schnelligkeit. Es schien gleichsam, als hätten Kutscher und Pferde gegenseitig ihr früheres Vertrauen verloren.
Johann, über diese unerklärbare Erscheinung nachdenkend und vertieft, konnte sich nicht enthalten, zeitweise aus dem Wagen hervor, nach dem noch immer fest geschlossenen Tol-Hek zu blicken. In einem solchen Augenblicke, entdeckte und erkannte ihn, ein gerade aus seinem Hause tretender Bräuer, der, im Begriffe seinen Weg nach dem Buytenhoff einzuschlagen, bei dieser so unerwarteten Erscheinung, wie eingewurzelt stehen blieb.
Ein Schrei der Ueberraschung, den er nicht mehr zurückzuhalten vermochte, machte andere zwei Männer, die eben so in der größten Eile nach dem Gefängnißplatz liefen, aufmerksam. Sie hielten auf ein Zeichen des Bräuers an, und bald gewahrte man, wie diese Gruppe in einer heftigen Verhandlung begriffen, unverwandt ihre Blicke auf den Wagen, der unterdessen den Tol-Hek erreicht hatte, heftete.
»Aufgemacht!« rief der Kutscher.
Der Thorwächter erschien an seiner Hausthür.
»Aufmachen?« sagte er lakonisch, aufmachen schön, aber sagt mir zuerst womit.«
»Zum Satan auch, mit dem Schlüssel.«
»Schlüssel, schönes Wort das, vorerst muß ich aber Einen haben.«
»Was, Du hast den Schlüssel zum Thore nicht?«
»Nein, den hab ich nicht.«
»Wo, Teufel, hast Du ihn dann hingegeben?«
»Was, Teufel, nichts Teufel, man hat mir ihn genommen.«
»Genommen, Dir den Schlüssel abgenommen, und wer that dies?«
»Du bist sehr neugierig, wahrscheinlich Einer, dem daran gelegen ist, daß Niemand um diese Zeit, die Stadt verläßt.«
Johann der die ganze Unterredung im Wagen vernommen hatte, und bald einsah, daß auf diese Art wohl kein weiterkommen bezweckt werden würde, wagte nunmehr das Aeußerste. Sich über den Sitz des Kutscher vorneigend, rief er den Pförtner an seine Seite. Dieser sprang, als er des Ex-Großpensionärs ansichtig wurde, augenblicklich hinzu, sein Haupt ehrfurchsvoll entblößend.
»Ihr kennt mich, guter Freund, ich bin Johann, von Witt, und so eben im Begriffe, meinen Bruder in die Verbannung zu führen, habt dennoch die Gefälligkeit und öffnet uns das Thor.«
»O, mein guter, theurer Herr,« rief der Alte, die Hände ringend,« es ist mir unmöglich, mir wurde der Schlüssel abgenommen.«
»Wann?«
»Heut Morgen.«
»Von wem?«
»Von einem jungen, blassen und hagern Manne.«
»Und warum ließt Ihr Euch denselben nehmen?«
»Weil mir jener einen gesiegelten und gefertigten Befehl vorwies.«
»Wer war unterschrieben?«
»Die Herren vom Hoogstreet.«
»Dann,« sagte Cornelius, der bisher einen stummen Beobachter abgegeben hatte, »sind wir, aller Wahrscheinlichkeit nach, verloren.«
»Weißt Du nicht, ob diese Vorsicht an allen Thoren getroffen wurde?«
»Das weiß ich wirklich nicht.«
»Wohlan, denn,« sprach Johann, sich zu dem Kutscher wendend, »fahre fort, suche ein anderes Thor; in erreichen, Gott und unsere erhabene Religion gebieten uns, keinen Weg zur Rettung des Lebens unbenützt vorbeigehen zu lassen;« dann sich an dem Pförtner wendend, drückte er diesem herzlich die Hand:
»Ich danke Dir für den guten Willen, mit den Du uns retten wolltest, ich nehme ihn für das Werk selbst und betrachte es von Deiner Seite als gelungen.«
»Armer Herr,« rief der Angeredete, während diesen Worten unverwandt den Blick auf die vor ihm liegende Hauptstraße gerichtet, »da, da seht nur.«
Er wies mit der ausgestreckten Hand aus einen entgegengesetzten Punkt der Gasse hin.
Dieser Punkt bestand aus zehn bis zwölf Menschen, die in eine einzige, die ganze Breite der Straße sperrende Linie aufgelöst, den Bräuer an der Spitze, sich langsam und bedächtig dem Wagen näherten.
»Fahre an dieser Gruppe im Galopp vorbei,« befahl Johann, »und lenke dann links in die breite Straße ein, das ist unsere einzig mögliche Rettung.«
Die so eben beschriebenen Leute, hatten durch die Art ihres Vorrückens, und ihre nur flüchtige Bewaffnung mit Stöcken unbezweifelbar feindliche Absichten. In dem Augenblicke aber, wo sie die Pferde im vollen Galopp herankommen sahen, drängten sie sich mehr in der Mitte zusammen.
»Aufhalten, aufhalten!« schrien Alle zugleich, ihre Stöcke hoch in der Luft schwingend.
Der Kutscher hatte kaltblütig den Zeitpunkt abgewartet, wo er, in der Nähe der Angreifenden angelangt, sich mit der Peitsche vertheidigen konnte. Bald pfiff dieses in geübter Hand wohl zu fürchtende Instrument sausend über den Köpfen, und wenige Minuten nachher ertönten Angst- und Schmerzensrufe der Getroffenen, weithin durch die sonst ganz ruhige Gegend.
Aber trotzdem versuchte es noch immer ein Theil, den Wagen aufzuhalten. Ein einzelner starker Mann griff nach dem Zügel des einen Pferdes.
Die Brüder in den Wagen ganz eingeschlossen, hörten mehr, als sie sehen konnten. Einen Augenblick schien die dahinrollende Maschine zu wanken, dann hielt sie, gleichsam an irgend ein Hinderniß treffend, still, und bewegte sich endlich über einen erhabenen zähen Gegenstand weiter, der eben so gut der Leichnam eines Menschen, wie irgend eine im Wege liegende Pfütze sein konnte. Verwünschungen und Fluche folgten ihm.
»Ich fürchte, daß wir ein Verbrechen begangen haben,« sprach Cornelius.
»Im Galopp i« rief Johann dem Kutscher zu.
Aber trotz dieses erhaltenen Befehles hielt der Wagen mit einem Male still.
»Was gibt es wieder?i« fragte Johann.
»Seht dahin,« antwortete der Kutscher, mit seiner Peitsche gerade vorwärts zeigend.
Johann sah hinaus.
Die ganze unübersehbare Volksmenge vom Buytenhoff erschien an der Einmündung zweier Hauptstraßen, Kopf an Kopf gereiht, mit wuth- und zornentbrannten Mienen.
»Halt an, und, rette Dich,« rief Johann dem Kutscher zu, »es weite nutzlos, weiter zu fahren, wir sind verloren.«
»Da, da, da sind Sie,« schrie der ganze wüthende unmenschliche Chor.
»Ja, ja, das sind Sie, antwortete zu gleicher Zeit die dem Wagen nacheilende, nunmehr durch das Geschrei ihrer Kameraden bedeutend vergrößerte Menschenmenge, auf ihren Armen den blutenden Leichnam eines zerquetschten Mannes tragend.
»Haltet Sie auf, die Verräther, die Mörder.«
Der Leichnam gehörte dem an, der den Pferden in die Zügel gefallen, von ihnen niedergerissen, und durch den Wagen überfahren worden war.
Der Kutscher hielt regungslos still, ohne den ihm zur eigenen Rettung gegebenen Wink seines Herrn zu benützen.
In wenigen Secunden war der Wagen von allen Seiten umringt, von einer unabsehbaren, wogenden und vorwärtsdrängenden Menschenmenge.
Wenn man dies Schauspiel von der ferne betrachtete, so glaubte man, in den aufgeregten Wellen eines breiten Flußes, irgend einen Nachen von unsicherer Hand geführt schaukeln zu sehen.
Die jungen, kräftigen Pferde, durch das ungewohnte Geräusch scheu gemacht, versuchten es, sich mit einem Satze Bahn zu brechen. Aber plötzlich stürzte eines derselben nieder. Der Zentnerschwere eiserne Hammer eines Schmiedes, von starker Hand geschwungen, hatte ihm mit einem einzigen Hiebe den Kopf gespalten.
Das andere Pferd gleichsam vorn Instincte getrieben, blieb ruhig sehen.
Es war dies gleichsam das Vorspiel eines wohle durchdachten und meisterhaft ausgearbeiteten blutigen Dramas.
In der Gasse, und gerade in dem Augenblicke, wo diese Scene vorfiel, öffnete sich in dem ersten Stocke eines dem Auftritte zunächst liegenden Hauses, ein bisher verschlossener Fensterladen, und hinter den zerbrochenen, schmutzigen Glasfenstern gewahrte man das bleifarbene Antlitz des jungen Mannes.
Hinter ihm erschien der Kopf des Obristen eben so blaß, ernst und düster.
Mein Gott, mein Gott, gnädigster Herr, was wird da noch geschehen.«
Wahrscheinlich irgend etwas Unerhörtes, etwas Gräßliches.«
»O, seht nur, seht nur, Hoheit, da ziehen sie eben den edlen Johann aus dem Wagen, sie ziehen, sie schlagen und treten ihn.«
»Wahrlich, diese Leute müssen sich den größten haß des Pöbels zugezogen haben,« erwiderte der Blasse mit demselben gleichgültigen Tone, ohne die geringste Regung eines Mitleids oder Abscheues in seinen Mienen zu zeigen.
»Da seht, seht, seht reißt die wüthende Menge Cornelius aus dem Wagen, den Mann, der durch Folter schon verstümmelt ist, o seht doch, seht nur!«
»Ja, ich sehe, das ist Cornelius.«
Der Oberst stieß einen schwachen Schrei aus, und wendete den Kopf ab.
Er hatte ein furchtbares ein gräßliches Schauspiel gesehen, seine menschliche Natur sträubte sich dagegen, es weiter zu verfolgen.«
Kaum hatte der Ruart de Pulten, noch mit dem einen Fuße den Boden berührt, als ein mit einer schweren eisernen Stange gegen seinen Kopf geführter Schlag, ihm die Hirnschale zerschmetterte.
Er stürzte nieder.
Aber gleichsam, als wolle die ihm inne wohnende unendliche, hohe, geistige Kraft noch ein einziges Mal sich in ihrer ganzen Macht und Größe zeigen, erhob sich der schon beinahe todte Körper, richtete sich stolz empor, sein vom Blute überströmtes Auge blickte kühn die vor diesem schauderhaften Bilde scheu zurückbebende Menge an, dann sank er zusammen, um nie wieder zu erstehen.
Die Menge hatte Blut gesehen, Blut, nach dem:sie so lange dürstete. Noch war das Werk nicht vollbracht, neue Schändlichkeiten sollten es krönen.
Eine Abtheilung ergriff den Leichnam bei den Füssen, und schleifte ihn durch die sich zur Seite drängende Volksmasse, eine andere drängte in einem einzigen dichten Klumpen den ihm vorgezeichneten Blutspuren, mit einem unbeschreiblichen Wuth- und Freudengeheul nach.
Aber dieser Auftritt schien selbst auf den blassen jungen Mann einen unangenehmen Eindruck auszuüben. Sein fahles, leichenähnliches Gesicht wurde, was beinahe eine Unmöglichkeit zu sein schien, noch blässer, seine Augen schlossen sich wie von selbst.
Der Oberst hatte diese augenblickliche Regung eines ihm bisher unbekannten Mitleids bemerkt, und in der Absicht, von dieser Gemüthsbewegung den möglich besten Vortheil zu ziehen, sprach er mit einer, dem Krieger sonst seltenen Wärme.
»Kommt, gnädigster Herr, kommt, laßt uns eilen und retten, was noch zu retten ist, seht, man will Johann auch ermorden.«
Aber die Hoheit hatte die Augen schon wieder geöffnet, das Gesicht hatte sich geschmeidig ganz in seine frühem Formen gelegt, und dieselbe eisige Kälte umdüsterte die in diesem Moment grauenhaften Züge.
»Wahrlich,« sprach er dann, »das Volk ist unversöhnlich es bringt schlechte Früchte, wenn man beabsichtigt, an ihm zum Verräther zu werden.«
»Hoheit, gibt es denn gar keine Mittel, jenen edlen, hochherzigen, jenen großen Mann zu retten, der Euch erzogen hat? Ein Wort von Euch, zeigt mir den Weg der Hilfe an, und ich werde ihm einschlagen, denn ich auch darüber mein Leben verlieren sollte.«
»Wilhelm von Oranien, den der Leser aus den bisher gemachten Mittheilungen auch bereits in dem jungen blassen, so elend aussehenden Manne erkannt haben wird, legte sein Gesicht in mächtige Falten, und einen, auf den Obersten gerichteten, durchbohrenden Blick kurz nach seinem Erscheinen wieder unterdrückend sprach er zu diesem im gebietenden Tone:
»Oberst van Deken, ich befehle Euch hiermit, unverzüglich zu meinen Truppen abzugehen, und sie zu beordern, daß sie für jeden Augenblick gefaßt und schlagfertig dastehen.«
»Und Euch, Hoheit, soll ich hier, von Meuchelmördern umgeben, allein lassen!«
»Beunruhigt Euch meinetwegen nicht mehr und nicht weniger, als es mir selbst beliebt, dies zu thun, und folgt unbedingt den erhaltenen Befehl.«
Der Oberst verneigte sich ehrfurchtsvoll, und dann das Zimmer schnell verlassend, bewies er, sowohl durch seine Eile, so wie durch den über seine ganze Person ausgedrückten tiefen Schmerz, wie erfreulich er die ihm dargebotene Gelegenheit ergriff, einem gewiß noch gräßlicheren Schauspiele, das er weder zurückhalten, noch verhindern konnte, zu entgehen.«
In dem Augenblicke, wo er die Zimmerthüre hinter sich schloß, war es den mehr als übermenschlichen Anstrengungen Johann’s gelungen, die Thorflur, eines dem Versteck des Prinzen gerade gegenüber liegenden Hauses zu erreichen. Mit verzweifelter, von Angst und Schmerz gehobener Stimme, rief er unausgesetzt: »Wo ist mein Bruder, mein Bruder.«
Einer von den Wütherichen schlug ihm mit der geballten Faust den Hut vom Kopfe.
Ein zweiter sprang hinzu und zeigte ihm die noch; von dem rauchenden Blute seines ermordeten Bruders besudelten Hände.
Ein Dritter drängte mit Gewalt durch die blutdürstige Menge, hoch in seinen Händen die Gedärme des gefallenen Opfers haltend, »da.« – Er hielt sie Johann unter die Augen, er donnerte ihm in die, Ohren, daß dies die Eingeweide seines Bruders seien, daß er nur auf den Augenblick warte, an ihm ein Gleiches thun zu können.
Johann war ruhig geworden. Die unablässige Aufeinanderfolge so unerhörter Gräuelthaten, hatte endlich jenen, der menschlichen Natur in ähnlichen Lagen eigenen Stumpfsinn hervorgerufen, der für jeden Eindruck unempfänglich, einem unabweislichen Schicksale mit kalter Ruhe und Todesverachtung entgegen geht.
Aber der Anblick dieses Blutes, eines so edlen, so hohen, ihm selbst nächst verwandten Blutes, er konnte Ihn nicht ertragen. Instinctmäßig verdeckte er mit den Händen seine Augen.
»Ah,« schrie ein Soldat der Bürgerwehre, »Du machst Deine Augen zu, warte nur ein wenig, Freundchen ich werde Dir sie gleich wieder öffnen.«
Nach diesen Worten stieß er ihm über die Köpfe der Andern mit einer langen Pike in das Gesicht, so, daß das Blut herabströmte.
Mein Bruder, mein armer Cornelius, stöhnte Johann, und gleichsam, als erstünde in ihm die Idee der Möglichkeit, diesem theuern Bruder nochmals zu sehen, ließ er die Arme sinken, und seinem vom Blute umschleierten Blick, über die Menge schweifen.
»Hol’ Dir ihn ab,« heulte ein zweiter Bösewicht, den Lauf einer Muske an die Schläfe des Unglücklichen setzend.
Er drückte ab, der Schuß versagte.
Dann zog der Mann sein Gewehr zurück, und dasselbe umwendend, versetzte er gleich darauf dem Ex-Großpensionär einen so heftigen Schlag auf den Kopf, daß dieser betäubt und bewußtlos niederstürzte.
Bald jedoch erhob er sich wieder, »Mein Bruder,« stammelte er nochmals, so kläglich, so jammernd, daß selbst der blasse, hagere, junge Mann, der Prinz Wilhelm von Oranien, der bisher dem ganzen furchtbaren Drama zugesehen hatte, den Fensterladen schloß.
Von diesem Zeitpunkte an, schien das Ende des entsetzlichen Auftrittes zu nahen. Ein neuer, unter der Menge auftauchender Meuchelmörder setzte dem, durch das herabströmende Blut seines Augenlichtes beraubten Opfer des allgemeinen Volkshasses, eine Pistole an den Kopf, und diese versagte nicht.
Johann stürzte wie sein Bruder, ebenfalls mit zerschmettertem Kopfe nieder.
Aber die Menge hatte Mut gesehen, sie hatte ihre Hände darein getaucht, im Bewußtsein der schandbaren That, vom quälenden Gewissen aufgeschreckt, suchte es dieses durch neue Gräuel zu betäuben.
Eine neue, aber weniger tragische, in ihrer Entwicklung mehr eckelerregende Scene, begann nunmehr sich dem Blicke des Zusehers zu entfalten.
Die Masse der Elenden, die entweder durch den zu großen Andrang verhindert, aus Herzensgüte, oder Feigheit, früher ihren Haß nicht deutlich zeigen konnte, brach sich nunmehr Bahn, und feuerte auf die bereits entseelten Körper eine Unzahl von Schüssen ab. Ein anderer Theil, nicht mit dem Gewehre bewaffnet, stach oder hieb mit Messern, Bellen und Stöcken nach ihnen, so daß Beide unter dem sie überströmenden Blute, eher einer rohen Fleischmasse, als menschlichen Wesen glichen.
Dann wurde Johann ebenfalls durch die Gasse geschleift.
Zerrissen, zerquetscht, bloße Fragmente dessen, was sie einst waren, langten diese furchtbaren Opfer einer wohlvorbereiteten, empörenden Volksjustiz auf dem Platze an, wo der Pöbel in aller Eile einen improvisirten Galgen errichtet hatte.
Hier fanden sich bald einige freiwillige Henker, welche die Reste der Unglücklichen bei den Füßen aufhingen.
Das Ende nahte.
»So furchtbar, so entsetzlich dieses auch erscheinen mag, so ist es doch in seiner vollen, ganzen Gestaltung und Darstellung bis auf die kleinsten Einzelheiten wahr. Und wir, die wir in dem eingebildeten, glorreichen Zeitalter des geistigen Fortschrittes Leben, wir, die so gerne den grauenhaften Schilderungen der rohen Vorzeit, Unglauben und Fabelhaftigkeit beilegen, wir berücksichtigen so wenig, daß gerade unter uns täglich, stündlich vielleicht ähnliche, wo nicht noch entsetzlichere Gräuel auftauchen. Zwar ist der materielle Einfluß, die Qual der Folter ganz verschwunden, aber dafür hat unser Geist eine Tortour entdeckt, die das erwählte Opfer langsam, überlegt, vorbereitet, mordet.
Blicke empor in den Palast, blickt in die Hütte der Armuth, seht die wankenden, bleichen Gestalten, fragt sie, wie sie es geworden, und sie werden Euch einen unversiegbaren Born, schuldlos erduldeter Qualen mittheilen, vor denen das fühlende Herz zitternd zurücktreten wird. Ergründet das Geheimniß, den Todten die Sprache wieder zu geben, fragt sie dann, wie sie gestorben? und Euere Haare werden vor Schauer zu Berge stehen.
Wundert Euch daher nicht, den furchtbaren Schluß jenes so eben geschilderten Auftrittes zu hören.
An die Reste der beiden Brüder drängte sich nunmehr eine neue, eben so furchtbare Menge heran. Mit scharfen, spitzen Messern bewaffnet, suchte einer den andern den Vortritt streitig zu machen. Der so glücklich war, an die Leichname zu gelangen, schnitt dann in aller Eile ein Glied, oder auch nur einen Theil der Haut weg. Mit wüthendem Geheul, diesen Beweis seines Heldenmuthes hoch über dem Kopfe schwingend, stürzte er dann fort, um sein geraubtes Gut in den entferntern Gassen, theilweise in Stücken zu verkaufen.
Der junge, blasse Mann hatte, wie wir es bereits sagten, gleich nach dem Falle Johann’s, den Fensterladen, jedoch nur so zugeschlossen, daß noch immer seine offen gebliebene Spalte, die freie Aussicht gewährte. Ob er hinter dieser dem ganzen Vorfalle beiwohnte, ob er sich in alle diese Gräuel mit demselben Gefühl eines befriedigten Wunsches wie vorher vertiefte, können wir nicht mit Gewißheit sagen. Nur als man die Unglücklichen gehängt, und ein großer Theil des Volkes sich bereits verlaufen hatte, schloß er das Fenster ganz, kam auf die Gasse, und schritt durch die von dem vorliegenden Schauspiele noch in Anspruch genommene Menschenmenge unbeachtet, nach dem Tol-Hek.
»Ah, mein Herr,« rief ihm der Pförtner schon von weiten entgegen, »bringt Ihr mir endlich den Schlüssel!«
»Hier hast Du ihn, mein Freund,« und Wilhelm überreichte dem Fragenden den verlangten Gegenstand.
»O, was für ein entsetzliches Unglück habt Ihr bereitet, daß Ihr so spät kommt. Nur eine halbe Stunde früher, und Alles wäre gut gewesen.«
»Warum?«
»Die beiden Herren von Witt, Cornelius auf seiner Fahrt in’s Exil, und sein Bruder Johann, der ihn begleitete, wollten hier durch. Hätte ich aufmachen können, dann wären sie gerettet worden, so mußten sie umkehren, fielen ihren Verfolgern in die Hände, und das Andere werdet Ihr schon wissen.«
»Aufgemacht das Thor, aufgemacht,« rief aus der Ferne eine helle, kräftige Stimme.
Wilhelm von Oranien wandte sich um, und erblickte mit einer Mischung von Staunen und Unwillen den Obersten van Deken.
»Wie, Oberst, Ihr seid noch da! Ich dachte Euch bereits weit weg von Haag. Das nenne ich meine Befehle schlecht vollziehen.«
»Eure Hoheit! es war mir unmöglich. Dies ist nun das dritte Thor, an dem ich vergebens einen Ausgang suche. Sie sind alle verschlossen, und jeder Pförtner erklärte, man habe ihm den Schlüssel genommen.«
»Wohl möglich. Aber dieser biedere Mann hier wird uns ohne Anstand öffnen.« Hierauf wandte er sich an den Alten, der zitternd, die Mütze in der Hand, dastand. Das einzige Wort, Hoheit, hatte ihm so eingeschüchtert, daß er es unerklärbar fand, wie sich ein so unendlich hoher Stern, in dem frühern vertrauten Tone, habe mit ihm unterhalten können.
»Mach auf, guter Freund!«
Mit der größten Eile, um wahrscheinlich seine tiefe Ergebenheit zu zeigen, schloß der Pförtner auf, und bald öffnete sich das Thor, in seinen Angeln knarrend.
Befehlt Ihr mein Pferd, gnädigster Herr,« fragte van Deken den Prinzen.
»Nein, Oberst, danke Euch, ich habe ein Pferd: hierin der Nähe, ich werde nur dieses reiten.«
Hierauf zog er ein goldenes Pfeifchen hervor, und bald ertönte ein lang gedehnter, gellender Pfiff. Wenige Augenblicke darnach, sprengte von einem Seitenwege einbiegend, ein Stallmeister, ein zweites Pferd an der Hand, dem Harrenden entgegen.
Mit einer Leichtigkeit und Gewandtheit, die man dem blassen, schwächlichen, jungen Manne gar nie zugetraut hätte, schwang sich dieser ohne Steigbügel in den Sattel, und dem Pferde die Sporn in die Weichen drückend, flog er der Straße nach Leyden zu.
Als er an dem Punkte angelangt war, wo diese in die Hauptstraße mündete, sah er nach rückwärts.
Der Oberst war, dasselbe Tempo annehmend, um Pferdeslänge hinter ihm geblieben.
Durch ein mit der Hand gegebenes Zeichen bedeutete er ihm, an seine Seite zu kommen.
»Ihr werdet es wohl schon wissen,« sprach er, als Letzterer herangeritten war; »daß die Wütheriche den Johann von Witt auf eine eben so schauderhafte Weise, wie seinen Bruder ermordet haben.«
»Gnädigster Herr!« erwiderte der Obrist kalt, aber mit niedergeschlagenem, gesenktem Haupte, »es wäre mir in jeder Beziehung lieber und wünschenswerther, wenn Euer Hoheit diese beiden, sich der Statthalterschaft allein entgegenstellenden Hindernisse, noch zu überwältigen hätten.«
»Ich glaube selbst, es wäre besser, wenn sich jener furchtbare Vorfall nicht ereignet haben würde, aber was geschehen, und zwar, ohne unserm Wissen, oder einer Mitwirkung geschehen ist, können wir leider nicht mehr ungeschehen machen. Aber beeilen wir uns, Oberst, noch früher nach Alphen zu kommen, bevor dort die Ordre der Stände anlangt, die mich sicher in das Feld schicken würden.«
Van Deken verneigte sich, und lies dem Prinzen wieder einen kleinen Vorsprung, seinen früher innegehabten Platz einnehmend.
Wilhelm warf noch einmal einen scheuen Blick um sich, und dann gleichsam, als wolle der auf seinem Antlitze ausgeprägte Grimm sich durch Worte Luft machen, murmelte er zwischen den Zähnen: .
»Nur einen Wunsch habe ich jetzt noch, den, Ludwig XIV. zu sehen, das Antlitz dieser Sonne, wie es sich in Falten legen und wüthen wird, wenn er das Schicksal seiner Freunde erfährt. O, Sonne! O du glänzender Sterns deine Strahlen erleuchten einen großen Raum, aber jetzt erwacht Wilhelm von Oranien, gebe acht, daß dein Glanz nicht verdunkelt wird.«
Seine Augen hatten sich zusammengezogen, ein:furchtbarer Blick blitzte zwischen den halbgeschlossenen Wimpern hervor, die Lippen fest aneinander gepreßt, gab er dem Pferde die Sporne mit aller Gewalt, daß dieses nunmehr dem Winde gleich, dahinsauste.
Und dieser junge Prinz, dieser erbittertste Feind Ludwig XIV. vor einer Stunde noch das unmündige Kind, fühlte sich nun, wo ihm die Leichen der Brüder von Witt, den Weg zur Macht und Hoheit gebahnt hatten, so stolz und übermüthig, daß er die ganze Welt, kühn in die Schranken gefordert hätte.
Auch er hatte Blut gesehen.
V.
Der Tulpenliebhaber und dessen Nachbar
In der Zeit, wo die Bürger von Haag ihre blutige Aufgabe glänzender, als man es erwarten konnte, gelöst, und sich, nachdem nichts mehr zu sehen, zu hören oder zu kaufen war, auch wieder ganz gemüthlich, als kehre man von einem Feste heim, in ihre Wohnungen zurückgezogen hatten, in eben dieser Zeit, wo der Prinz von dem Obersten, van Deken, begleitet, auf der Straße nach Leyden galoppirten, mißmuthig, einem Manne sein ganzes Vertrauen geschenkt zu haben, der sich beim Anblicke einiger Blutstropfen so gemüthlich, ja beinahe weichherzig zeigte, gerade zu dieser Stunde sah man aus der Straße, die zu dem Hafen der Schelde führt, einen mit Staub bedeckten Reiter, dessen Blick forschend und beinahe ängstlich einen heiß ersehnten Punkt zu erspähen suchte.
Es war Craecke, der treue Diener, der gleich nach Erhalt des ihm von Cornelius übergebenen Auftrages fortgeeilt war, die Thore noch glücklich offen gefunden hatte, und nunmehr aus dem schweißtriefenden Pferde, längst der mit Bäumen besetzten Straße dahin flog, ohne im geringsten das entsetzliche Schicksal, das seinen Gebieter ereilte, zu ahnen. An dem Hafen der Schelde angelangt, ließ er sein Pferd um jeden Verdacht zu vermeiden, in einem Wirthshause zurück, und bestieg eines jener Schiffe, die stets den kürzesten Weg einschlagend, die langen und ausgedehnten Krümmungen des Flusses durchschneiden, und den Reisenden in wenigen Stunden, nach der reizenden und anmuthigen Insel führen, deren Ufer von den Wellen gleichsam geliebkost, mit blühenden Gewächsen und Kräutern übersät, und von fetten Herden angefüllt, einen malerischen Anblick gewähren.
Und hier am Fuße eines Hügels, um den sich in gleichen Zwischenräumen, Tag und Nacht in voller Thätigkeit klappernde und schnarrende Mühlen lagern, hier liegt Dortrecht. Es ist eine wunderschöne, eine von jenen erhabenen Aussichten, die uns in den vorliegenden Gegenständen die Ruhe und majestätische Stille der Natur, ihren Frieden, beurkundet. Weit hin erglänzen in den Strahlen der aufgehenden Morgensonne die netten, glänzend roten Dächer, deren weiße Einfassungen, einer künstlich gezogenen Linie gleich, nach der Größe und Bauart der Häuser, bald regelmäßig fortlaufend, bald in allen möglichen Zikzak, auf- oder absteigend, unterbrochen oder zusammengesetzt, sich so weit das Auge reicht, ausdehnen. Die Grundmauern der dem Wasser zunächst stehenden Gebäude baden sich gleichsam in dem Fluße, die Balkone springen weit über denselben vor, und ihre Geländer sind mit prachtvollen, gold- und silbergestickten Teppichen, den Erzeugnissen China’s und. Indiens, behangen, während von ihren Endpunkten sich lange Schnüre in das Wasser herabsenken, die, als Angeln benützt, die Bestimmung haben, die Unzahl der durch den täglich zugeworfenen Fraß herbeigelockten, Aale zu vermindern. Craecke sah es, er rief ihm einen freundlichen Morgengruß schon von der Ferne zu.
An der Schiffbrücke angelangt, fiel sein erster Blick auf ein am Abhange des Hügels befindliches, weiß und rothes Haus, das zwischen den vorliegenden Mühlen freundlich hindurch lächelnd, das heiß ersehnte Ziel, dem er entgegenstrebte, zu sein schien. Der Gibel des Daches. verschwand Anfangs unter dem bereits welken Laube, der ihn umgebenden Pappeln, tauchte aber wieder kurz, darauf an einem dunkeln Hintergrunde, den eine Anlage riesenhafter, uralter Ulmen bildete, auf, und erglänzte gleich einem funkelnden Sterne.
Dieses Haus hatte, wie man es schon aus der Ferne bemerken konnte, eine solche Lage, daß die Sonne gleichsam wie in einen Trichter demselben ihre Strahlen zusendete, und auf diese Art alle vom Wasser aufsteigenden, und selbst durch die dichte Laubwand dringenden Nebel austrocknete, dadurch den so geschützten Boden erwärmend und fruchtbar machend.
Craecke war ausgestiegen, und ohne sich um das ihn umgebende Getümmel der Marktleute zu kümmern, schlug er seinen Weg nach dem bezeichneten Hause ein.
Mit der dem Holländer eigenen, und sonst wohl nur selten zu treffenden Nettigkeit, stand dies Gebäude so weiß, so zierlich und schön da, daß man die frisch gebahnten Gänge, die glänzenden Fenster, Rinnen und sonstigen Metalleinfassungen betrachtend, in Versuchung gerieth, es für eine geschmückte Braut zu halten, die sehnsuchtsvoll den Erwählten erwartete. Und dieses kleine, irdische Paradies barg nur einen glücklichen Sterblichen.
Cornelius, Doktor van Baerle, das Taufkind des Cornelius von Witt. Seit seiner Kindheit bewohnte dieser Beneidenswerthe das erwähnte Haus. Es war der Geburtsort seines Vaters und seines Großvaters, zwei der angesehensten Kaufleute von Dortrecht.
Baerles Vater hatte theils durch glückliche Speculationen, theils im Handel mit Indien, die namhafte Summe von beinahe drei- bis viermal hunderttausend Gulden erworben, und diesen ganzen Betrag in blank, geputzten Goldstücken, wahrscheinlich aus Laune und, Vergnügen, aufgehäuft. Nach seinem im Jahre 1688 erfolgten Tode übernahm Cornelius van Baerle das ganze hinterlassene Besitzthum seiner Eltern, fand glücklich den so großen Schatz, und wunderte sich nicht wenig, diese Masse in den Jahren 1610 und 1640 geprägter Münzen noch so neu, als wenn sie eben erst die Bank verlassen hätten, zu finden. Und diese große, namhafte Summe war, so zu sagen, für den jungen Baerle; nur seine Art Sparpfennig, den er zu seinem Vergnügen verwenden konnte, da ihm seine übrigen Besitzungen, und angelegten Capitalien jährlich über zehntausend Gulden an Interessen trugen.
Kurz vor seinem Tode, der beiläufig drei Monate nach dem Ableben seiner Gattin, (die ihm das Leben durch Liebe und Sanftmuth erleichtert hatte, und nunmehr dasselbe auf der Bahn zum ewigen Frieden machen zu wollen schien, ) erfolgte, ließ der alte van Baerle den Sohn an sein Lager kommen, und hielt ihm nachstehende, denkwürdige Abschiedsrede:
»Mein guter Sohn, beherzige die Worte wohl, die ich Dir als väterlichen Rath in der letzten Stunde meines Lebens gebe, Du hast Geld, viel Geld! – Lebe! – aber begreife ganz, was das heißt: Leben! Esse, trinke, genieße jedes Vergnügen nach Herzenslust, sperre Dich ja nicht in ein dumpfes, düsteres Comptoir, um das bereits Besitzende noch zu vermehren, denn das heißt nicht leben, das ist lebender Tod, oder todtes Leben, wie Du es am besten verstehst. Dann überlege auch wohl, daß Du der einzige van Baerle bist. Was nützte Dich einst Dein ganzer, aufgehäufter Reichthum, wenn Du Dich nicht verehelichen würdest, oder selbst für den letzteren Fall, Deine Ehe keine gesegnete wäre? Dann müßten all diese Goldstücke, die aus der Präge an das Tageslicht gekommen, nur Dein Großvater und ich in Händen hatte, an fremde Leute übergehen, all’ unsere Anstrengungen wären daher ganz fruchtlos.«
»Aber vor Einem warne ich Dich besonders noch. Hüthe Dich, den Wünschen Deines Pathen Cornelius, der Dich so gerne im Staate glänzen sehen würde, jemals nachzugehen. Der Pfad der Politik ist der schlüpfrigste, den es gibt, er bietet Dir entweder einen eitlen Glanz, leeren Weltflitter, oder ein schmachvolles Ende, er hält Dich immer in Zweifel zwischen – Recht und Unrecht, er zwingt Dich oft zu Handlungen, die Dir Dein Herz verbietet.«
»Beherzige diese Lehren, mein Sohn!«
Das waren seine letzten Worte, dann senkte er ruhig sein Haupt und starb, einen Sohn in der Welt zurücklassend, der seinen Vater über Alles, und das Geld nur sehr wenig liebte.
Da war er nun allein in dem großen, großen Hause. Da überraschten ihn die vielfachen Anträge seines Pathen, der sich alle nur erdenkliche Mühe gab, ihm Geschmack am Ruhme beizubringen, da schwebte er, noch jung und unerfahren, zwischen all den mächtigen Zweifeln und Fragen für die Zukunft, zwischen denen auch wir einst schwebten. Aber die Sehnsucht nach dem Genuße der Freiheit, das nicht zu unterdrückende Verlangen die Welt und Menschen zu sehen, zu erfahren, wie es denn einige Meilen über Dortrecht hinaus aussehe das waren die leicht erklärbaren Grundlagen, die ihn bewogen, endlich dem Wunsche seines Pathen, wenigstens in Etwas nachzugehen. Er schiffte sich daher auf dem großartigsten Schnellsegler, genannt die sieben Provinzen, mit dem berühmten Admiral van Ruyter, (der damals ein Geschwader von hundert neun und dreißig Fahrzeugen befehligte, um gegen die verbündeten Franzosen und Engländer in das Feld zu ziehen, ) ein, segelte glücklich ab, sah kurz darauf den Feind in seiner furchtbaren Position vor sich, und gelangte, von Leger geführt, auf Musketenschußweite an das Linienschiff »le Prince,« dem die außerordentliche Ehre zu Theil geworden war, in seinem Bauche den Herzog von York, Bruder des Königs von England, aufzunehmen. Aber van Ruyter hatte seinen Angriff so schnell und so geschickt eingeleitet, daß der »le Prince« ohne Berücksichtigung seiner werthvollen Last, in kurzer Zeit in so bedeutende Verlegenheit gerieth, daß der erlauchte Herr es für gerathen hielt, sich auf den Saint Michael zu retten; allein auch dieser wurde von Seite der holländischen Kugeln eben so wenig respektirt, und nachdem er so ziemlich zerfetzt und zerrissen war, befahlen Seine Hoheit, aber immer mit Energie, ihn aus dem Gefechte zu ziehen. Es war höchste Zeit, denn kurz daraus unternahm der ihm zunächst stehende le Conte de Sanwik eine äußerst imposante Luftreise, zu der er sämmtliches Geschütze, und das ganze Personale, beiläufig Köpfe stark, mitnahm. Die armen Teufeln kehrten bald wieder zurück, ein Theil verbrannt, der andere zwar ganz und lebend, aber auch nur, um mit jenen brüderlich vereint, im Wasser ein gemeinsames Grab zu finden. Und das großartige Ende vom Kriege umfaßte zwanzig bis dreißig zertrümmerte und verbrannte Schiffe, dreitausend Tode, fünftausend Verwundete, und zur größten Ergötzlichkeit, die Ungewißheit, wer eigentlich die Schlacht gewonnen habe, da sich jeder Theil den Sieg zuschrieb. Man fing endlich wieder von Vorne an, eine Schlacht reihte sich an die andere, bis zuletzt dem Verzeichnisse der Bataillen, der Name Schlacht von Soutword Bay hinzugefügt wurde, der den Schlußpunkt des tragischen Spectakels machte.
Und dem Allen hatte van Baerle zugesehen, er hatte zugleich darüber nachgedacht, wie viel Zeit der Mensch verliert, wenn er in den Augenblicken, wo sich seine Mitbürger gegenseitig kanonieren, nachdenken will; die Sehnsucht nach Glanz und Ruhm war genügend befriedigt, er dankte seinem Pathen herzlich für jeden weitern derartigen Antrag, küßte dem Ex-Großpensionär, gegen den er eine besondere Verehrung äußerte, die Füße, und zog sich in sein Haus nach Dortrecht zurück.
Aber er war reich, unendlich reich geworden, reich durch die wieder erlangte Ruhe, durch seine kräftige, blühende Jugend, verbunden mit einer eisernen Gesundheit, durch sein zu einem hohen Grad von Menschenkenntniß ausgebildetes, scharfes Auge. Und was ihn noch reicher als Alles dies machte, was ihn weit emporhob über sein Geld und die großen Einkünste, das war die durch die Erfahrung erlangte Ueberzeugung, daß der Mensch, um glücklich zu sein, so wenig, um es nicht zu sein, so unendlich viel besitze.
Diese Erfahrungen, verbunden mit dem Wunsche, sich ein Glück nach seiner eigenen Idee zu schaffen, führten ihn auf das so unendlich ergiebige Gebiet der Wissenschaft, und in diesem wieder auf ein Feld, das trotz seiner unendlichen Ausbeute, noch immer Menschenalter erfordert, um nur auf einen leidlichen Grad der Vollkommenheit gebracht zu werden. Er studierte Botanik, sammelte eine Unzahl von Pflanzen und Insekten, spießte die ganze blühende, fliegende und kriechende Bevölkerung der Insel; verfaßte über diese ein eigenes, ungeheueres Werk sammt Zeichnungen, und da er trotz dem immer wieder merkte, daß sein Vermögen eine unendliche Höhe zu erreichen strebte, da er außerdem mit seinem todt liegenden Gelde in die äußerste Verlegenheit geriet, übersprang sein thätiger und immer reger Geist auf ein neues in Holland so einheimisches, aber auch ungeheuer kostspieliges Extrem.
Er wurde ein leidenschaftlicher Tulpenfreund. Zu der damaligen Zeit standen gerade die Flammänder und Portugiesen, wie dies bekannt sein dürfte, mit einander in dem heftigsten Wettstreite, diesen Zweig der Gartenbaukunst, auf die höchste Stufe der Vollendung zu erheben. Sie strebten darnach, aus dieser Pflanze, die aus dem Oriente gekommen war, durch Veredlung und Pflege, neue, reizende Gebilde in ihrer Form und den Farbenunterschieden zu erzeugen, ein Werk, vor dem der strenge Naturalist scheu zurückweicht, von dem Wahne beseelt: Gott und der Schöpfung in ihre erhabenen Werke zu pfuschen.?
Bald gab es zwischen Dortrecht und Mons kein anderes Tagesgespräch, als das von den Tulpen des Herrn van Baerle; von der Lage seiner Zwiebel in den verschiedenen Abtheilungen seiner Gartenbeete, von den vielen so vortrefflich angelegten Trockenkammern; und alles das wurde mit demselben Eifer, mit derselben rastlosen Anstrengung erforscht und verfolgt, mit der einst die Gallerien der berühmten Bibliothek von Alexandrien, von den Römern durchstöbert, worden waren.«
Cornelius van Baerle begann nun damit, seine Jahreseinkünfte zum Ankaufe einer großartigen Sammlung von Zwiebeln zu verwenden, er zerlegte diese, verband sie unter einander, und sah in kurzer Zeit, durch das Erstehen von fünf ganz neuen und verschiedenen Gattungen, seine Versuche auf das Glänzendste gekrönt. Diese Gattungen taufte er, und zwar die erste nach dem Namen seiner Mutter, Johanna, die zweite nach seinem Vater, van Baerle, die dritte, Cornelius. Die Namen der letzten zwei Gattungen sind uns leider nicht mehr bekannt, jedenfalls dürften sie aber in den Katalogen jener Zeit zu finden sein.
Cornelius von Witt ebenfalls zu Dortrecht geboren, und daselbst Besitzer eines ausgedehnten und großartigen Familienhauses, kam im Anfange des Jahres 1672 in der Absicht, drei Monate dort mit seiner Familie zu verweilen, auf der reizenden Insel an.
Schon in jener Zeit, war der gegen ihn später so furchtbar entwickelte Haß des Volkes langsam genährt; worden, und er erfreute sich, wie Wilhelm von Oranien öfter bemerkte, bereits damals der Verachtung seiner Mitbürger. Aber diese betrachteten, seinen Republikanismus ausgenommen, an dem großen Manne nur die hervorragenden, glänzenden Eigenschaften, die Macht und Stärke seines Geistes, das edle, von Vaterlandsliebe durch und durch erfüllte Herz, ehrten in ihm einen ruhigen, charakterfesten Weltmann, und scheuten sich daher auch nicht, ihm, einen alten Herkommen gemäß, bei seiner Ankunft den Stadtwein zu präsentiren.
Cornelius dankte seinen Mitbürgern, und begab sich dann unverzüglich in sein väterliches Haus, um die nöthigen Anordnungen zum Empfange seiner Frau und Familie, und zugleich jene Einrichtungen zutreffen, die ein längerer Aufenthalt nothwendig machte.
Sobald er diese Angelegenheit geordnet hatte, eilte er nach dem Hause seines Taufpathen, dem einzigen Wesen, das an demselben Tage nichts von der Ankunft des Ruart in Dortrecht wußte.
Ebenso vielen Haß, als sich Cornelius von Witt durch seine Bemühungen, den schlecht wuchernden Samen der Politik zu läutern, und ihn von aller Leidenschaft zu entfremden, von der Partei der Aristokraten, zugezogen, eben so vieler Sympathien erfreute sich das Bestreben van Baerles, die Kultur der Blumen zu veredeln, und jene der Politik außer Acht zu lassen.
Von seiner nächsten Umgebung, den Dienern und Arbeitern, geachtet, geliebt, ja beinahe vergöttert, mit der Außenwelt sonst wenig, beinahe gar nicht in Verbindung, entstand auch nie in seinem schuldlosen Innern die leiseste Ahnung, daß auf der ganzen Erde irgend ein Wesen etwas Böses gegen ihn im Sinne haben könne.
Und doch war es der Fall. Ja, zur Schmach der Menschheit sei es gesagt, dieser ruhige, zurückgezogene, nur seiner Idee und Wissenschaft lebende junge Mann, hatte einen Feind, einen erbitterten, furchtbaren Gegner, der schrecklicher als die ganze Partei der Orangisten, gegen Cornelius und Johann, im Stillen wider ihm handelte und wirkte. Wenn man auch jene als die Häupter einer mächtigen, weit verzweigten, freien Bruderschaft, mit dem Dolche ermordete, und keineswegs den Ruhm ihrer unendlichen Aufopferung rauben konnte, bewegte sich gegen Baerle zwischen blühenden Blumen, eine angesehene, nicht geahnte, giftige Schlange. Der junge Mann verwendete, wie wir bereits erwähnten, seine ganzen Einkünfte, so wie auch das von dem Vater hinterlassene Geld zur Verwirklichung der in ihm erstandenen und bald vollkommen ausgebildeten Lieblingsidee. Hart an sein Gebäude, Mauer an Mauer, stand das Haus eines Bürgers, Namens Isaak Boxtel, eines Mannes, der eben so, seit dem Augenblicke, wo er das Bewußtsein erhalten, ganz derselben Leidenschaft fröhnte. Diese hatte aber einen so hohen Grad, daß er bei dem bloßen Aussprechen des Wortes, Tulpen, (welches einigen gelehrten Geschichtschreibern zu Folge, in der Sprache von Chingulai, die erste Bezeichnung dieses Meisterstückes gewesen sein soll, ) erbebte, und am ganzen Leibe zitterte.
Boxtel, vom Glücke nicht so begünstigt, wie Baerle, besaß auch nicht den Reichthum des Letzteren. Trotzdem hatte er mit aller Sorgfalt und Anwendung der äußersten Mühe, in seinem Hause einen recht angenehmen Garten hergerichtet, in diesen eine große Anzahl von Mistbeeten angebracht, den Erdboden fruchtbar gemacht, und die den Tulpen nöthige Temperatur in den verschiedenen Jahreszeiten ganz nach den Regeln der Gartenkunst erzeugt.
Jahrelang seinen Plan verfolgend, war dieser seltene Mensch bis in die kleinsten Einzelheiten der Unternehmung und ihrer verschiedenen Erscheinungen gedrungen. Er berechnete den für die Blume nothwendigen Hitze- und Kältegrad bis auf den 20. Theil, er wog Wind ab, und gab ihm jene Richtung, die ihm zur Erhaltung der Tulpe zuträglich schien. Zugleich lächelte ihm in einem Augenblicke das Glück, gleichsam als, wolle es seine Bemühungen auf einen noch höhern Grad steigern, so wie es Anfangs den Spieler gewinnen läßt, um ihn dann um so sicherer in den Abgrund des Verderbens zu ziehen. Seine Erzeugnisse hatten Beifall gefunden, Liebhaber erschienen, um seine Sammlung zu bewundern. Endlich glückte es ihm sogar, eine eigene Gattung zu erzeugen, die unter seinen Namen den Weg durch Frankreich machte, in Spanien Eingang fand, und sogar von dem aus Portugal vertriebenen König, Don Alfonso VI., der sich nach der Insel Terceira zurückgezogen hatte, mit den Worten, passirt, fürstlich belobt wurde. Baerle, wie schon einmal erwähnt, von seiner Leidenschaft ergriffen, fand vorläufig nichts wichtigeres, als seinem Gebäude eine dem Zwecke entsprechende Umgestaltung zu geben. Er ließ daher den, rückwärtigen Theil desselben, der an Boxtels Garten grenzte, um einen Stock erhöhen, und raubte dadurch dem Nachbar gerade einen halben Grad Sonnenwärme während er ihm durch den Schatten einen ganzen Grad Kälte zuführte, ungerechnet, daß dadurch der Wind abgesperrt, und die mühsam, jahrelang zusammengesetzte Berechnung des Oekonomen dadurch mit einem Male ganz vernichtet wurde.
Aber Boxtel, den dies schreckliche Unglück Anfangs zu Boden streckte, war zugleich ein tiefer Denker. Er überlegte endlich mit kalter Ruhe, daß sein Nachbar, ein Maler, nämlich eines jener Individuen, die sich bemühen, die Natur auf der Leinwand, statt sie wiederzugeben, zu verunstalten, alles Recht hatte, um für seine Gemälde mehr Sonnenlicht zu gewinnen, ihm einen halben Grad Wärme wegzunehmen. Das Gesetz sprach für ihn mit vollem Rechte und er schwieg daher.
Aber wo findet der von einer fixen Idee ergriffene Mensch nicht bald und oft in ganz trügerischen Vernunftschlüssen seinen Trost wieder Auch Boxtel fand ihn. Er suchte sich zu überreden, daß zu viel Wärme den Blumen schade, daß diese in einer geringeren Temperatur schneller wachsen, und sich schöner färben, und daß ihm durch den Bau gerade die Mittagssonne geraubt wurde, überzeugte er sich selbst, daß die Morgens und Abendsonne viel besser und vortheilhafter sei.
Wenn er in diesen Schlüssen fortgefahren wäre, so mußte er noch zu der Einsicht gelangen, das er dem Herrn van Baerle, der ihm aus eigenem Antrieb einen so dauerhaften Sonnenschirm erbaut hatte, eigentlich dankbar verpflichtet sein müsse.
Aber wer beschreibt den Schrecken des Unglücklichen, als er an einem schönen Morgen die Fenster der neuen Wohnung mit Zwiebeln, mit jungen Pflanzen, mit Blumen in aufgewühlter Erde und in Geschirren, mithin mit allem ausgerüstet sah, was eigentlich zur Veredlung und Zucht der Tulpen nothwendig ist.
Aber noch mehr. Längst den Mauern, so weit man dies von unten sehen konnte, bemerkte er zugleich, Kästen offen oder geschlossen, mit den feinen Gittern von Eisendraht versehen, die mit Ventilatoren verbunden, die Bestimmung hatten, die Luft nach Bedarf entweder mehr zu sammeln oder zu entfernen, und zugleich Ratten und Mäuse, die bekannten Liebhaber dieser Blume, deren Zwiebel nicht selten über 2000 Frank kostete, entfernt zu halten.
Nachdem Boxtel sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte, und wieder zur kalten und ruhigen Ueberlegung zurückkam, sprach er sich selbst Trost und Ruhe zu. Er dachte nach, wie der Mensch, der einmal einen Plan verfolgte, bis in die untersten Schichten seiner Grundlagen zu dringen pflegt. Baerle war Maler, vielleicht gründlicher, denkender Maler, um so mehr, da er Gerard Dow zum Meister, und Mieris zum Freunde hatte. Vielleicht wollte er ein Tulpenhaus malen, und um dies ganz, vollständig, unnachahmlich darzustellen, fand er es für nothwendig, sich einen Saal mit allen zu dieser Kunst nöthigen Einzelheiten herstellen zu lassen.
Aber ungeachtet aller dieser Trostgründe, erstand doch eine unverwüstbare Kluft in seinem Innern, der Wunsch, sich näher hiervon zu überzeugen, mit einem Worte, die Neugierde.
Er erwartete sehnsuchtsvoll den Abend, er zählte die Stunden, die ihn noch von demselben trennten, und als sich die Ruhe und Stille der Nacht über die ganze Umgebung ausbreitete, und nur der bleiche Schein des eben emporsteigenden Mondes, die weite Landschaft erhellte, da eilte er hinab in den Garten, und vorsichtig eine Leiter an die Wand seines Nachbars lehnend, stieg er hinauf – Furchtbar, gräßlich mußte das Schauspiel sein, das sich seinen Blicken darbot, denn gelähmt, gleichsam eingewurzelt, auf dem Punkte, auf dem er gerade stand, nahm sein Antlitz die Farbe des Todes an, sein ganzer Körper zitterte von fieberhafter Aufregung bewegt.
Und was sah er?
Ein großes, ausgedehntes, im Dunkel der Nacht nicht ganz zu übersehendes Viereck. Der aufgewühlte, mit Flugsand vermischte Boden zeugte deutlich an, daß vor Kurzem Pflanzen, die ihre entsprechende Ausbildung erhalten, aus demselben genommen worden waren, und zugleich verrieth die eben erwähnte, den Tulpen sehr zuträgliche Mischung, auch die eigentliche Bestimmung dieses Raumes. Das Ganze war sorgfältig in Beete eingetheilt, diese um das Einsinken der Erde zu verhindern, mit Graspflanzungen eingefaßt, dann hatte. es die auf- und untergehende Sonne, einen künstlich erzeugten Schatten, der die Hitze der Strahlen milderte, Wasser im Ueberfluß und in der Nahe, es lag nach Süd-Süd-West; kurz Alles, der kleinste Punkt stimmte mit dem großen Werke in harmonischer Verbindung zusammen; was der Unglückliche während der Dauer einer halben Lebenszeit mühsam berechnet hatte, und aus Mangel an Mittel nicht ganz so herstellen konnte, wie es eigentlich hatte sein sollen, lag wie durch die Macht einer höheren Gewalt hervorgerufen, zauberhaft in seiner ganzen Vollendung vor ihm da.
Ihm schwindelte, krampfhaft hielt er sich an der Wand fest, – der Beweis war gefunden – Baerle, der reiche Baerle, ein Tulpenzüchter.
Mühsam, nicht mehr Herr seiner physischen Kraft mit schlotternden Armen und Beinen, der Verzweiflung nahe, stieg er wieder die Leiter herab. Ein einziger Gedanke erfüllte für den Augenblick seine Seele, er gestaltete sich langsam von unklaren Umrissen zum deutlichen Bilde, und dieses Bild war Baerle, Baerle mit seinen zehntausend Gulden Revenüen, und vier hunderttausend Gulden in Gold, dieser Crösus, dem nichts zu hoch, nichts zu theuer war, der Alles erreichen konnte und mußte. Seine Phantasie malte sich die ungeheuer glücklichen Erfolge dieses Mannes in den lebhaftesten Farben, er sah dessen Ruhm einem strahlenden Gestirne gleich erglänzen, und den eigenen in trüber, sturmumwölkter Nacht untergehen.
Das war die Hauptidee, dieser folgte einem Troße gleich, ein Meer von furchtbaren Enttäuschungen.
Also darum hatte Baerle sein Haus erhöht, nun einen großen, lustigen Raum zur Aufbewahrung der zarten Pflanzen und Zwiebel zu erhalten; ihm hatte er einen halben Grad Wärme genommen, und dadurch die ganze, so thätig wirkende Sonnenhitze erhalten. Da waren Luftlöcher und Ventilatoren angebracht, künstliche Wasserleitungen reihten sich an dieselbe, durchsichtige Fensterrahmen, erhöhten oder milderten die Kraft der eintretenden Sonnenstrahlen – o, welcher unendliche Reichthum, welche mathematische Gewißheit eines sichern großartigen Erfolges – und er, der arme Boxtel, hatte zu diesem Behufe sein eigenes Schlafzimmer eingerichtet, er, der Mann, der seinem Zwecke alles opferte, ruhte während der Nacht auf dem Dachboden, da die thierische Ausdünstung dem Fortkommen der Pflanze im höchsten Grade hinderlich gewesen wäre.
Armer Boxtel, du schliefst bisher so sanft auf deinem traurigen, armseligen Lager, deine Idee war ein weicher Ruhepolster, deine unzerstörbare Hoffnung linderte die Hitze der Sommer- und die Kälte der Winternächte – mußte mit einem Male – dein Dasein, deine Zukunft vernichtet werden?
Also Thor an Thor, Mauer an Mauer wohnt der furchtbare Mann, der alles dem gleichen Zwecke widmet, der kein unbekannter, verschollener Gärtner, mit seiner Idee einen berühmten Namen verbindet..
Boxtel besaß also, wie man sieht, keinen so ausgebildeten, hohen Geist wie Porus, der von Alexander dem Großen besiegt, in der Größe des Siegers seinen Trost fand.
Aber war das ihm entgegen getretene Geschick in seiner Wirkung nicht furchtbar? Konnte Baerle nicht eine neue Gattung entdecken, und diese Johann taufen, nachdem die erste bereits den Namen Cornelius; erhalten hattet dann war sein Ruhm unzerstörbar begründet, dann schwand jede Hoffnung ihn zu erreichen.
Und so errieth Boxtel, der Prophet seines eigenen Unterganges, die so nahe gelegene Zukunft.
Er stieg in seine Kammer, er warf sich auf sein Lager – die Nacht, die er zubrachte, vermag ich nicht zu schildern.
VI.
Die Wuth eines Tulpenliebhabers
Von dem Augenblicke jener entsetzlichen Entdeckung, war Boxtels Ruhe ganz verschwunden, sie hatte einer namenlosen Furcht Platz gemacht. Seine schwache, durch den erhaltenen Schlag ganz niedergebeugte Seele verfolgte wieder nur einen Gedanken, der ungeheuere Schaden, der ihm durch seinen Nachbarn zugefügt worden, er fühlte sich nicht stark genug, in seiner Bahn auszuharren, und den ihm dargebotenen Kampf, wenn auch mit wenig Wahrscheinlichkeit eines günstigen Erfolges muthig anzunehmen.
Van Baerle mußte in jenem Fache, dem er seine ganze Verstandeskraft und alle seine Mittel widmete, das bisher Unerhörte und Unerwartete leisten.
Und wirklich gelang es ihm auch besser als irgendeinem gleichen Unternehmer zu Harlem und Leyden, zwei durch ihren Erdboden, und ein ausgezeichnet reines, gesundes Klima bevorzugten Städten, Tulpen von besonderer Größe und Farbenpracht zu erzeugen.
Er war ein Mitglied jener, in der damaligen Zeit weit verzweigten, aber auch sinnreichen und naiven Verbrüderung, die einen von ihrem vormaligen Meister, im Jahre 1653 aufgestellten Satz, angenommen und beibehalten hatte:
»Wer die Blumen mißachtet, verachtet die Natur, er entehrt und beleidigt Gott.«
Und aus diesem Satze bildete sich die Schule der Tulpenzucht, (unter allen bisher bestandenen Verbindungen eine der Extremsten, ) in demselben Jahre, nachstehende Folgerungen:
»Wer die Blumen mißachtet, der entehrt und beleidigt Gott.«
»Je größer und schöner die Blume ist, desto mehr wird Gott entehrt und beleidigt.«
»Unter allen Blumen, ist aber die Tulpe die schönste.«
»Wer daher die Tulpe mißachtet, der entehrt und beleidigt Gott ins Unendliche.«
Nach dieser Schlußfolgerung waren eigentlich die drei- bis viertausend Tulpenverehrer, von Frankreich, Holland und Portugal, die einzigen wahren Diener des Herrn, während die übrigen unzähligen Millionen, durch diesen Spruch außer die Schranken des Gesetzes, wenigstens des religiösen gestellt, nur als eine Heerde von Ketzern, Heiden, Abtrünnigen und Ungläubigen betrachtet, und allgemein zum Tode verurtheilt werden konnten.
Es dürfte wohl Niemand weiter zweifeln, daß Boxtel, obgleich mit Baerle derselben Partei angehörend, auch ganz ihrer Meinung huldigte.
Boxtels Ahndungen verwickelten sich mit überraschender Schnelligkeit. Bald machte Baerle durch seine großen Erfolge ein ungemeines Aufsehen, seine Leistungen als die Besten und Ausgezeichnetsten anerkannt, ließen ihn auf der Liste der Tulpenzüchter, als den Vertreter dieses Zweiges der Gartenkunst für Dortrecht erscheinen, während Boxtel von derselben verschwand.
Aber gerade so entstehen die wunderbaren Bildungen in der Natur, wenn der Kunstsinn des Menschen ihnen die Vollendung abzwingt, gerade so erwächst aus dem unbeachteten, gemeinen Stamme durch das Pfropfreis, der Sprößling irgend einer hohen edlen Gattung, wie aus dem Stamme der wilden Rose auf dieselbe Art die duftende Königin der Blumen, majestätisch schön hervorgerufen.
Aber so können auch unzählige Male die Häupter fürstlicher Familien, ihren Ursprung unter dem Strohdache des Holzhauers, in der Hütte des Fischers suchen.
Bon seiner Leidenschaft ganz ergriffen, für dieselbe lebend, ihr das Gebiet seiner geistigen Kraft widmend, gab sich van Baerle vollkommen den Arbeiten seines selbstgewählten Berufes hin, und errang dadurch, daß sein Name unter den europäischen Tulpenzüchtern obenan glänzte, den höchsten Triumph. Aber er ahnte nicht, daß in seiner nächsten Nähe, in demselben Dunst- und Luftkreise, den er einathmete, ein Unglücklicher von seiner Höhe herabgestürzt, mit Verzweiflung jedem seiner Siege folgte; er arbeitete rastlos und ruhig fort, bald in seinem Garten Erzeugnisse bergend, die außer Gott, nur Shaskespeare und Rubens, hervorgerufen hatten.
Wer Dantes Verdammten gelesen, wer dies Meisterwerk ganz begriffen und studiert hat, wird sich einen Begriff von Boxtels unglaublichem Zustande machen können. Während Baerle in seinem Garten arbeitete, seine Beete begoß, neuen Samen pflanzte, Unkraut jäte, oder auf dem Rasen knieend, eine bereits emporkeimende Tulpe analysirend, jede ihrer Adern verfolgte, während er so die verschiedenen Modifikationen beobachtete, und über die neuen, möglichen Farbenverbindungen nachdachte, saß Boxtel auf einem dichten schattigen Feigenbaum, den er an der Mauer des Nachbars gepflanzt hatte, saß da stumm und regungslos, mit stierem, weit hervorgetretenen Auge; mit kampfhaft geballter Faust, mit schäumendem Munde, unsichtbar, gedeckt durch das dichte, die Krone weit überragende Laub.
Und so mit der ängstlichsten Aufmerksamkeit verfolgte er jede Bewegung, jeden Zug seines schuldlosen, tödtlich gehaßten Gegners, und wenn eine freudige Miene, eine überraschende neue Erscheinung, einen abermaligen Erfolg beurkundete, da war er nicht mehr Herr seiner so tief gewurzelten, furchtbaren Empfindung, da erfüllten die gräßlichsten Flüche und Verwünschungen den weiten Raum. Es war ein Wunder, daß die Luft von diesen verpestet, nicht hin bis zu den keimenden, jungen Trieben der herrlichen Blüthenwelt gelangte, sie in dem Augenblicke ihrer ersten zarten Entwicklung vernichtend.
Aber bald genügte es Boxtel nicht mehr, bloß seinen Feind zu sehen und seine Mienen zu beobachten, die einmal erstandene böse Idee strebte nach höherer Ausbildung, er ging weiter, er wollte ihn verfolgen, bis in den tiefsten Winkel seiner Behausung, er mußte. eben so wie Baerle, dessen Erzeugnisse gleich in ihrem Keime, in den verschiedenen Phrasen ihrer Entwicklung deutlich und klar beschauen, er mußte ihr ganzes Lebens verfolgen können. .
Er verschaffte sich ein Teleskop, und mit diesem ausgerüstet, gelang es ihm, ganz dieselben Beobachtungen, wie Baerle selbst zu machen. Da sah er nun mit der gespanntesten Aufmerksamkeit die kleine, zarte, Sproße, wie sie der Erde entkeimte, da verfolgte er ihre Bahn unter den mannigfachen Abstufungen, ihrer höhern oder geringern Ausbildung, bis zu dem Augenblicke der gänzlichen Vollendung. Und wenn dann nachdem Zeitraume von fünf Jahren, der Kelch sich oben, in der gefälligsten Form abrundete, wenn die von Außen zweifelhaften Farben und Schattirungen, nach der Entfaltung desselben in namenloser Pracht dastanden, wenn sein trübes Auge über die Unzahl der herrlichen Bildungen schweifte, und von dem strahlenden Glanze geblendet sich momentan abwendete, da schnürte ein unerklärbares Gefühl seine Kehle zu, da erkannte er das ganze Gebiet seiner Ohnmacht und Vernichtung.
Aber bald erfüllte ein anderes entsetzliches Gefühl sein Inneres.
»Der Neid —!«
Dieser furchtbare Dämon, der einem Ungethüme. gleich, in der schwachen Menschenbrust wüthet und tobt, der das Herz mit giftiger Schlangenbrut umgibt, die sich gegenseitig verzehrend, nur neue schreckliche Gebilde, den Urquell namenloser Qualen schafft. Wie oft war Boxtel in diesem Kampfe der wüthenden Leidenschaft versucht, in seines Nachbars Garten hinabzuspringen, und dort einer Furie gleich, die Pflanzen zu, vernichten, die Zwiebel mit den Zähnen zu zerreißen und den Eigenthümer selbst zu morden, wenn er zum Schutze seiner Blüthen, seiner jahrelangen Früchte, herbeieilen sollte. Aber er gehörte jener Schule an, die da sprach: »Die Tulpe ist die schönste Blume, wer sie mißachtet, entehrt und beleidigt Gott ins Unendliche,« eine Tulpe tödten, war das furchtbarste Verbrechen.
Einen Menschen zu ermorden, das schien ihm verzeihlicher.
Aber trotz dieser in seinem Innern erstandenen bessern Idee, trotz aller Festigkeit, mit der er an seiner Schule hing, war es ihm unmöglich seine Wuth zu bemeistern.
« Die Leidenschaft siegte, jede edlere Regung verschwand, und die bis zum Paroxismus gesteigerte Rache machte auch hier den Menschen zum reißenden, wilden Thiere. Er sann auf Mittel.
Eines der untrüglichsten und besten, glaubte er anfangs bald gefunden zu haben. Er konnte von seinem Verstecke in einer stürmischen Nacht, eine Unzahl Steine, Latten und Stangen in den Garten des Nachbars werfen, und dadurch einen großen Theil seiner Besitzung vernichten.
Ein ruhigerer Augenblick ließ ihm dieses Unternehmen hingegen, als ein sehr gefahrvolles erscheinen. Eine solche Verwüstung zog nothwendig gerichtliche Untersuchungen nach sich, und da man keineswegs glauben und annehmen konnte, daß Steine, Latten und Stöcke vom Himmel herabgefallen seien, so erstand von selbst die Folgerung, irgend ein missliebiger Nachbar dürfe hier die Hand im Spiele haben. Die Verfolgung dieser Idee lies eine sichere Enthüllung des eigentlichen Sachverhaltes mit Gewißheit voraussehen, und Boxtel sah sich in den Augen aller Tulpenfreunde von ganz Europa entwürdigt, entehrt, mit Schimpf und Schande aus ihrer glorreichen Verbindung ausgeschlossen. Er verwarf auch diesen Gedanken und nahm seine Zuflucht zur List.
Wie kleinlich, wie erbärmlich und niederträchtig steht jenes Unternehmen da, das er nach langem Sinnen endlich als das geeignetste zur Ausführung erwählte.
An einem dunkeln, sternenlosen Abende, band er mittelst einer zehn Schuhe langen Schnur zwei Katzen bei den Hinterfüßen zusammen, und in seinem Verstecke lauernd, bis alles um ihn herum zur Ruhe gegangen war, warf er diese von der Mauer in den Garten, gerade in jener Richtung, wo die seltensten und wunderbarsten Blumen prangten. Es war dies nach der von Cornelius selbst getroffenen Einrichtung die Haupt- oder auch königliche Rabatte, an der sich zunächst die fürstliche anschloß. Beide enthielten außer dem Cornelius von Witt, den Brabancone, weiß wie Milch, blaßroth und purpur, La Marbree von Rotte, lichtgrau wie Flachs, blaßroth und Fleischfarben glänzend, dann den Merveille von Harlem, die Tulpe Columbia dunkel, und Columbine hell gefleckt 2c. 2c.
Die durch den Fall erschreckten Thiere stürzten gerade auf die königliche Rabatte, und versuchten es von hier, nachdem sie sich aufgerichtet, nach entgegengesetzten Seiten zu entfliehen. Bald hinderte sie die Schnur daran. Anfangs von ihrer Kraft Gebrauch machend, behielten sie die eingeschlagenen Richtungen bei, dann aber, als sie fühlten, daß jeder Versuch vergeblich sei, begannen sie eine Art wüthenden Kampf.
Aber die ihren Bewegungen genau nachfolgende Schnur mähte unter den Tulpen, gleich der mörderischen Sichel des Todes, im Augenblicke einer Seuche.
Beinahe eine halbe Stunde währte dieser schreckliche Kampf, dann gelang es den vereinten Anstrengungen der wüthenden Thiere den Strick zu zerreissen, und Beide entflohen.
Hinter seinem Baume versteckt, und durch die Dunkelheit der Nacht gehindert, die Verwüstungen deutlich wahrnehmen zu können, genügte es Boxtel, aus der Dauer des Kampfes, dem Geschrei der Bestien und den großen Sprüngen, mit den sie auf verschiedenen Punkten der Beete zu sehen waren, den Schluß zuziehen, daß die Verwüstung großartig, furchtbar sein müsse.
Sein Groll, sein Haß schwand langsam, die alles befriedigende Schadenfreude füllte den leeren Platz aus.
Aber die Begierde, sein so trefflich angelegtes Werk der Erste beobachten, sich an dem Triumphe des erlangten Sieges vollständig laben zu können, war so groß, daß er die ganze, fühlbar kalte Nacht, regungslos in seinem Versteckt verweilte.
Halb erfroren, vom Morgennebel ganz durchnäßt, zitternd an allen Gliedern, erwärmte nur ein Gefühl sein ganzes Innere, es war die Empfindung befriedigter Rache.
Die Verzweiflung seines Nachbars, sollte ihm die bereits erduldeten Leiden vergessen machen.
Endlich kam der heiß ersehnte Augenblick.
Bei den Strahlen der Morgensonne, mit denen sie freundlich lächelnd die Erde begrüßte, öffnete sich Baerles Thüre, und an der Schwelle erschien er selbst, mit heiter lächelndem Antlitze, als hätten ihn eben erst angenehme Träume verlassen.
Sein klares offenes Auge, gewahrte mit einem. Male die Auflockerungen am Boden, der Tags zuvor noch so blank und rein wie ein Spiegel dalag, dann erblickte er forschend die Beete, und als die grauenhafte Verwüstung in ihrer schrecklichen Wirklichkeit vor ihm dalag, erblaßte sein Antlitz.
Boxtels Triumph war vollständig, seine Freude maßlos.
Da lagen sie, zerbrochen, zerknickt, entwurzelt, die herrlichen, so mühselig herangezogenen Sprößlinge, – da hauchte eine das noch vor Kurzem so kräftige Leben aus, dort lag eine andere mit verwelkten, abgefallenen Blättern, den frischen, klaren Morgenduft nicht mehr einathmend. Und aus den zerbrochenen, zerquetschten Blumenstengel strömte noch immer, wie aus einer offenen Wunde, der frische Lebenssaft hervor, den Baerle gern mit seinem eigenen Blute zurückerkauft hätte.
Aber da strahlte mit einem Male sein Antlitz, eine unverkennbare Wonne, ein unbeschreiblicher Jubel drückte sich in allen seinen Mienen aus, sie standen da, wie durch ein unerklärbares Wunder erhalten, sie, die Herrscher der ganzen Blumenwelt, jene majestätischen, Bildungen, die den Ruhm des Meisters begründet, einen, unendlichen Werth in sich schlossen.
Kennt Ihr die Freude des Vaters, der sein dem Wellen preisgegebenes und verloren geglaubtes Kind, gerettet in die Arme schließt? das war auch Baerles Freude. Und Boxtels Schmerz, seine Verzweiflung – stellt sie jener Freude entgegen, —und Ihr habt das getreueste Bild vor Augen.
Van Baerle forschte den Ursachen dieses seltenen Ereignisses nach, allein alle seine Bemühungen hatten nur die Erklärung zu Folge, daß die ganze Nacht ein diesem Theile des Gartens ein furchtbares, lange anhaltendes Katzengeschrei gehört worden war.
Bald überzeugte er sich selbst von der Wahrheit der genannten Aussage. In dem frisch aufgelockerten Sande waren noch deutlich die Spuren der Pfoten und Krallen zu sehen, an den gebrochenen Stengeln klebten, hin und wieder abgerissene Haare der Kämpfendem an denen so mancher Thautropfen, gerade so wie auf den frisch duftenden Blättern der übrigen Blumen erzitterte. Um aber einen ähnlichen Unfalle vorzubeugen, fand es Baerle gerathen, von diesem Augenblicke an, abwechselnd jede Nacht einen Gärtnerjungen in der Nähe der königlichen Rabatte die Wache halten zulassen.
Von seinem Verstecke aus, vernahm Boxtel deutlich diesen Befehl, er fühlte sich überglücklich, nicht den leisesten Verdacht auf sich gezogen zu haben, und seine wieder gesteigerte Rache später noch mehr überlegt, und in größerem Maßstabe, mit der Gewißheit eines bessern Erfolges ausführen zu können.
In demselben Zeitpunkte schrieb die Gesellschaft der Tulpenfreunde zu Harlem, den Preis von einmal hunderttausend Gulden, für die Entdeckung, oder (wenn man die Manipulationen der Künstler in diesem Fache verfolgte, ) besser gesagt, für die Fabrikation der großen, schwarzen, fleckenlosen Tulpen aus, eine Aufgabe, die den Gesetzen der Natur nach, in deren Kräften bisher diese Gattung im Zustande der Bister noch gar nicht existirte, rein unmöglich zu lösen war. Man lachte im Allgemeinen über die sonderbare Idee, und der größte Theil meinte, die Gesellschaft hätte eben somit voller Beruhigung, den Preis von zwei Millionen Gulden ausschreiben können.
Das waren die Uneingeweihten, die Priester der Kunst fühlten sich in ihrem Innersten bewegt, zu rastloser, unerhörter Thätigkeit angespornt.
Die vorzüglichsten Liebhaber erfaßten dieses Problem, wie allenfalls der Alchymist in der Nacht der Geheimnisse, nach dem Steine der Weisen greift, oder von einer fixen Idee angespornt, durch Zusammensetzung verschiedener Elemente, Gold erzeugen will; sie sahen die Unmöglichkeit klar vor Augen, und doch schwebte ihrer Seele unaufhörlich nur ein Bild, ein Gedanke vor, die große schwarze Tulpe, wie der fabelhafte schwarze Schwan des Horaz oder die weiße Amsel der französischen Tradition. Baerle erfüllte die Idee, und der mit ihr verbundene, der Nachwelt zu überliefernde Ruhm.
Boxtel hatte die Spekulation vor Augen.
Ersterer begann, nachdem er alles mögliche im reifen Nachdenken überlegt, alle Samenmischungen durchdacht, und die Wahrscheinlichkeit eines günstigen Erfolges. begründet hatte, unverzüglich mit den nöthigen Versuchen; Letzterer hingegen blieb wie früher, kalter thatenloser Zuschauer.
Gleich im nächstfolgendem Jahre erhielt Baerle Produkte einer vollständigen Bister, die Boxtel in seinen Rabatten hervorstechend, auch allsogleich mit Schmerz und Staunen bemerkte, den er selbst hatte während seiner jahrelangen Versuche und Mühen, nur das hellbraun entdeckt.
Für den Leser dürfte es zwar von bedeutendem Interesse, und sogar von Wichtigkeit sein, Theorien mitzutheilen, die den Beweis liefern, daß die Tulpe ihre Farbenpracht aus den Elementen zieht, und es daher der geistigen Kraft des Gartenbaukünstlers, seinem Nachdenken, und den von ihm aufgestellten, richtigen Berechnungen, in Bezug auf Wärme, Kälte, Luft und Wasser überlassen bleibt, in diesem Gebiete das nie Gesehene und Unerhörte zu leisten; allein so großartig und ausgebreitet auch dieses Feld ist, können wir es doch nicht behandeln, da die vorliegende Aufgabe nur die Geschichte einer einzigen Tulpe betrifft, und jede weitere Abschweifung zu ausgedehnt, und für einen Theil wahrscheinlich auch ermüdend wäre.
Boxtel, täglich Zeuge der großen Fortschritte seines Gegners, bekam nach und nach einen ungeheuern Abscheu vor der Tulpenzucht, und widmete sich mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit und Ausdauer seinem Observationsgeschäfte allein.
Er fand hier alle nur möglichen Hilfsquellen. Das Haus des Nachbars hatte, theils durch seine Bauart, theils durch die Nähe des Verstecks eine solche Lage, daß es im strengsten Sinne ganz durchsichtig, jede wie immer geartete Beobachtung in dem Garten, so wie auch in Zimmern und Sälen gestattete. Durch die mit großen Glasscheiben versehenen Fenster, konnte das bewaffnete Auge, in alle Fächer und Läden, in alle Ecken und Winkel des Hauptsaales ungehindert dringen, und so sah den Boxtel jeden Zwiebel, in die Beete setzen, er sah die Blumen langsam keimen und wachsen, er verfolgte sie während ihrer ganzen Lebensdauer, bis sie abgestorben, auf ihrem Platze brachen. Dann beobachtete er wieder, wie ihre Wurzel aus der Erde genommen langsam verfaulte, wie die Hülse dann achtsam abgelöst, und der gewonnene Same sorgfältig verwahrt wurde. Er atmete durch die Stiele von Van Baerles Tulpen, der die schwache Seele erfaßte, bot ihm in dem Saft der gebrochenen Stängel, den köstlichsten Nektar, mit dem Wasser, das zum Begießen der Blumen verwendet wurde, löschte er den Durst, mit dem feinen, zur Vermengung der Erde gebrauchten Sande, sättigte er den wüthendsten Hunger.
Die wichtigsten Arbeiten jedoch wurden nicht im Garten durchgeführt.
Die Uhr zeigte die erste Stunde nach Mitternacht.
Die Fenster des ersten Stockwerkes erhielten eine magische Helle; van Baerle befand sich in seinem Laboratorium, nur von Boxtel durch die großen, klaren Fenster beobachtet.
Hier begann das geheimnißvolle Wirken.
Jedes Samenkorn wurde in die Hand genommen und nach der genauesten Prüfung, entweder mittelst chemischen Substanzen gefärbt, oder durch Pfropfreis, mit andern Gattungen verbunden. Dann verschloß er die zur Erzeugung der dunklen Farben bestimmten Körner, in undurchsichtigen, dichten Fächern, zu denen weder Sonnen- noch Lampenlicht dringen konnte, hielt jene, welche die rothe Farbe hervorrufen sollten, unausgesetzt in einem hellen scharfen Lichte, und ließ jene, die-für die weiße Farbe bestimmt waren, sich in einem ununterbrochenen Reflex des Wassers abspiegeln.
Und diese großartige, geistige Arbeit, diese Frucht des Verstandes und zugleich unschuldiger, hoher Schwärmerei für einen Lieblingsgegenstand, war für Boxtel ein Spiegel seines eigenen Verlangens, das vorgestreckte Ziel, des nunmehr vernichteten, verlorenen Daseins.
Wunderbar und seltsam wird es Jedem erscheinen, daß so fiel Interesse und Liebe zu jener Kunst, in Boxtel den erwachten Haß und Grimm, statt ihn zu mildern, auf den höchsten Grad erreichbarer Ausbildung brachte. Oft, wenn er vom Fieberwahnsinn ergriffen, den leisesten Bewegungen seines Feindes folgte, dünkte es ihm, als habe er ein Mordgewehr in seiner Hand, krampfhaft zitternd suchten die Finger nach dem Schlosse, er durfte ja nur losdrücken, und das Opfer lag in seinem Blute da.
Wenn dann aber die Wirklichkeit, und mit ihr die Enttäuschung klar vor seine Augen trat, da erfolgte ein Augenblick körperlicher und geistiger Abspannung, der ihn unfähig zum Denken und Handeln machte. Doch wäre es wohl wieder an der Zeit, zu Cornelius von Witt, der so eben in Dortrecht ankam, zurückzukehren.
VII.
Der zufriedene Mensch wird mit dem Unglücke bekannt
Cornelius von Witt hatte seine Angelegenheiten geordnet, das Haus zum Empfange der Familie hergerichtet, und eilte nunmehr zu seinem Täuflinge, Cornelius van Baerle.
Es war in den ersten Tagen des Monates Jänner 1672. Die Nacht brach so eben an.
Baerle empfing den Pathen mit Ehrfurcht und kindlicher Liebe. Das Wichtigste für ihn war jedoch nur, die ganze Pracht und Größe, seines nur einem Zwecke gewidmeten Hauses, dem geliebten Manne zu zeigen. Aber Cornelius von Witt, weder Maler noch Tulpenkünstler, besah Alles mit der kalten Neugierde, des uneingeweihten Beobachters, er dankte seinem Täuflinge für den Beweis der hohen Achtung, den er ihm durch die Bezeichnung einer neuen Gattung Tulpen mit seinem Namen geliefert hatte, auf väterliche und herzliche Weise.
Vor dem Hause, theils von Neugierde, theils von Liebe gegen den Ruart angezogen, hatte sich eine große Menschenmenge in der Absicht, ihn bei seinem Entfernen zu sehen, versammelt.
Der Lärm, den diese nothgedrungen veranlaßte, machte Boxtel, so eben beschäftigt in der Dachkammer, ein trockenes Brod zu verzehren, aufmerksam, und bewog ihn, unverzüglich sein Observatorium zu besteigen.
Die Nacht war kalt, aber er fühlte nichts, er verfolgte nur seinen Zweck.«Eine Ahnung hatte ihn getrieben, er erwartete diesmal etwas Außerordentliches beobachten zu können, um so mehr, da seine immer gleich rege Neugierde, seit dem Herbste 1671, nur den gewöhnlichen Arbeiten im Laboratorium gefolgt war.
Baerles Garten mußte nämlich im Winter, wo die zarte Blume den Wechsel der Temperatur nicht mehr erträgt, ganz seiner herrlichen Flora beraubt werden. All’ diese entzückenden Gestalten wanderten vorsichtig, der Erde entnommen, in das Glashaus, wo die künstlich erzeugte Wärme, ihr bereits bedrohtes Leben, wieder verlängerte. Dort war auch Baerle den größten Theil des Tages, zwischen seinen Gemälden und Zwiebeln. Seiten verließ er diesen heiligen Raum, und wenn er es that, geschah es nur, um einige am Himmel entdeckte Sonnenstrahlen, durch eine oder der Zwiebelkammer angebrachte Glasthüre, in dieselbe zu leiten.
An diesem Abende machte es sich der Besitzer wie; wir bereits früher bemerkten, zur angenehmen Pflicht, seinen Pathen mit Allem und Jedem bekannt zu machen, während sie von einigen Dienern begleitet wurden.
»Mein lieber Sohn«, sagte Cornelius mit leiser Stimme zu Baerle, »schicken Sie diese Leute weg, und lassen Sie uns für einige Minuten allein sein.«
Der Angeredete drücke seinen Gehorsam durch eine ehrerbietige Verneigung aus:
»Wenn es Euch beliebt, so wollen wir noch die Tulpen in der Trockenkammer besehen.«
Die Trockenkammer, dieses Heiligthum der ganzen Kunst, umhüllt von einem unzerstörbaren Schleier der geheimnißvollen darin verborgenen Schöpfungen, war, wie einst das Orakel zu Delphi, für Niemand zugänglich.
Kein Mensch im ganzen Hause, vom Aufseher bis zum letzten Gartenjungen, hätte es je gewagt, sich eines Ausdruckes von Racin zu bedienen, »den kühnen Fuß« hineinzusetzen. Nur die friesische Amme, das älteste Inventar des Hauses, war bevorzugt, in diesen heiligen Räumen, den Staub wegzunehmen. Tief ergriffen, von dem geheimnißvollen Wirken, hegte sie dieselbe heilige Verehrung für die Tulpe, und wagte es nicht mehr, irgend eine Speise durch die Zwiebel zu würzen, fürchtend, sie könne aus möglichem Versehen, einem dieser gottgeweihten Sprößlinge den Leib zerspalten.
Es wird demnach Niemand Wunder nehmen, zu erfahren, daß sich bei dem bloßen Worte, Trockenkammer, sämmtliche Diener, wie auf einen, Wink entfernten.
Zweiter Band
I.
Der zufriedene Mensch wird mit dem Unglücke bekannt
Aber eben diese Trockenkammer war das mit großen Glasfenstern versehene Laboratorium, in welchem Boxtel die Experimente seines Feindes so aufmerksam beobachtete.
Gerade in diesem Augenblicke war er aufmerksamer, als je.
Die sonst übliche, helle Beleuchtung, erfüllte bald den großen Raum.
Dann traten zwei nicht gleich zu erkennende Gestalten ein.
Die eine trat, ein Licht in der Hand, gleich an den Tisch, es war Baerle. Die Zweite hingegen, eine majestätische, erhabene Figur, setzte sich unmittelbar zudem in der Mitte befindlichen Tisch.
Bald sah Boxtel deutlicher, er erkannte das blasse, edle Gesicht des Cornelius von Witt, dessen vorn gescheiteltes Haar, in dichten Locken bis auf den Rücken herabfiel.
Beide waren anscheinend in einem ernsten Gesspräche vertieft, das aber die bloß sichtbare Bewegung »der Lippen nicht enträthseln ließ. Dann zog der Ruart ein ziemlich großes Paket aus der Brust, und überreichte es dem jungen Manne, der sich beeilte, dasselbe, mit der Miene des tiefsten Ernstes, unverzüglich in einen Schrank einzuschließen.
Anfangs glaubte Boxtel das Paket enthalte irgend eine Art kostbarer Tulpenzwiebeln, die so eben aus einem fremden Welttheile angelangt, dem Baerle vermöge ihres Werthes mit so besonderer Wichtigkeit zum Geschenke gemacht wurden. Allein, bald überzeugte er sich wieder von der Grundlosigkeit dieser Idee, da er wohl wußte, der Ruart besitze von diesem Zweige der Kunst keine besonderen Kenntnisse, und obwohl ein Verehrer der Blume, doch auch ohne besonderer Vorliebe, nur der Politik, dieser so schwer zu entfallenden Blüthe huldigend, dünkte ihm die gemachte Voraussetzung mit jedem Augenblicke um so unwahrscheinlicher.
Er verfiel auf einen andern Gedanken, das Paket muß etwas Besonderes, Papiere von der größten Wichtigkeit vielleicht enthalten.
Aber wozu dann wieder solche Gegenstände, mit denen sich Baerle nie befaßte, die er für dunkler und unergründlicher, als die Chemie und Alchemie erklärt hatte, ihm anvertrauen?
Es war daher ganz gewiß, ein Gegenstand der höchsten Wichtigkeit, den der Ruart, von der Mißgunst des Volkes bereits bedroht, nicht selbst aufbewahren wollte, den er gerade an Baerle übergab, bei dem die ganzen vereinigten Provinzen eher den Zwiebel der schwarzen Tulpe, als eine politische Intrigue gesucht haben würden.
Hätte das Paket auch wirklich Zwiebel enthalten, so konnte Baerle, wie Boxtel nach seiner eigenen Empfindung urtheilte, sich nicht enthalten, es augenblicklich zu öffnen, um die seltenen Gewächse zu beurtheilen oder zu bewundern.
Er hatte aber gerade entgegengesetzt, das Ganze mit Ehrerbiethung empfangen, und es in eine der Schubladen weit rückwärts geschoben, entweder, daß es nicht entdeckt werde, oder seinen Zwiebeln weniger Platz nehme.
Die Lade war wieder geschlossen, Cornelius’ stand auf, drückte die Hand seines Täuflings mit Zeichen der innigsten Rührung und Dankbarkeit, und entfernte sich dann.
Baerle ergriff sogleich das Licht und schritt ihm voran.
Dahinter lag sonach ein Geheimnis, eine Sache: von größter Wichtigkeit verborgen. – Gleich darauf bewegte sich das Licht, durch mehrere Zimmer, dann sah man es auf der Stiege, und endlich bei dem Hausthore, wo noch eine bedeutende Menschenmenge, die Abfahrt Cornelius von Witt erwartete.
Ohne es zu wissen, ohne den Inhalt, des an Baerle übergebenen Packets nur im mindesten zu kennen, hatte sich Boxtel wenigstens in der Voraussetzung, daß in demselben, Papiere von besonderer politischer Wichtigkeit enthalten sein müssen, nicht geirrt.
Es enthielt, wie die Leser es bereits ahnen werden, die schon mehrfach besprochene Correspondenz des Ex-Großpensionärs mit dem Marquis de Louvois, und war an Baerle als ein ganz gewöhnlicher einfacher Gegenstand, mit dem Bemerken zur Aufbewahrung übergeben worden, daß dieses früher oder später wieder von Cornelius selbst, abgeholt werden würde. Nur hatte der Ruart bemerkt, daß dieses Stück Niemand andern, als nur ihm selbst, oder derjenigen Person übergeben werden dürfe, die mit einer von seiner Hand geschriebenen Vollmacht, sich ausweisen könnte.
Baerle hatte dies Document, in seinem Heiligthum, (seiner Meinung nach, einem unantastbaren Orte) verwahrt. Er dachte von diesem Augenblicke auch nicht mehr weiter daran, während ihm Boxtels Gedanken unausgesetzt gewidmet waren, und für ihm gerade in diesem anscheinend unbedeutenden Gegenstande, einstrahlender Stern der Hoffnung erstand.
Nach diesen vorangegangenen Erläuterungen, machen wir unsere Lesern hiermit aufmerksam, daß diese die Grundlage unserer ganzen Erzählung bilden, und wir hauptsächlich nur unser Augenmerk auf die Lösung der vorgesteckten Aufgabe richten, nämlich zu beweisen; daß Johann und Cornelius von Witt, in der gegen sie gerichteten Volkswuth, einen weniger gefährlichen Feind hatten, als dies Boxtel gegen Baerle war.
Selig in seiner Unwissenheit über das ihm anvertraute Geheimniß, ganz seiner Lieblingsidee hingegeben, war es dem Tulpenfreunde bereits gelungen, die kaiserbraune Farbe zu entdecken, und selbst mit dieser die, letzten Versuche, zum Erhalte der glänzend schwarzen Farbe anzustellen.
Am 20. August 1672, demselben Tage, wo in Haag das blutige Drama vorfiel, sehen wir auch Baerle in seiner Trockenkammer, die Füße an einem Querholze gespreizt, ganz in das Anschauen von drei Zwiebeln vertieft. Und diese sind es gerade, die das ruhmwürdige Preisstück erzeugen, und die ganze Welt mit der tiefsten Bewunderung erfüllen sollen.
Sie haben in diesem Jahre noch nicht geblüht, erst; Im nächsten Frühlinge sollte das majestätische Werk vollendet dastehen, und das Licht der Welt erblicken.
Baerle träumte aber auch Tag und Nacht von einem Ruhme, seiner Seligkeit. »Die große, schwarze Tulpe wird mein Werk,« sprach er oft mit sich selbst, »ich gewinne durch sie zugleich einmal hundert tausend Gulden!«
»Was werde ich mit diesem Gelde anfangen? Am besten wäre es wohl, die ganze Summe unter die Armen Dortrecht’s zu vertheilen. Dadurch sammle ich mir Freunde, und selbst in der so nahe stehenden, irgend eine große Umwälzung erzeugenden politischen Epoche, wird man mich achten und schützen. Der aermere Bürger, der Bettler, der unbemittelte Handwerksmann, alle, die meine Verschwendung verwünschen, wenn ich mir oft einen Zwiebel zu zweit bis dreitausend Gulden kaufe, sie werden mich ehren und schätzen, meinem schuldlosen Vergnügungen nichts entgegen haben, und das ganze Besitzthum wie ein unantastbares Heiligthum achten und ehren. Es bleibt also unverändert dabei, daß ich den ganzen Preis von einmal hundert tausend Gulden unter die Armen Dortrechts vertheile.«
»Aber! – —«
Und bei diesem Aber seufzte Baerle tief auf.
Dann dachte er wieder nach, und setzte endlich die noch nicht beendigte Unterhaltung, wie folgt, fort:
»Aber wenn ich diese hunderttausend Gulden zur Veredlung und Vergrößerung meiner Beete, oder gar zu einer Reise in die Heimat dieser edlen Blumen, nach dem Orient verwendete.«
»Es wäre großartig und schön, ein unendlicher Schritt zur Vervollkommnung der Kunst, aber wie kann ich jetzt daran denken, in einer Zeit, wo man vielleicht in der nächsten Stunde schon, vor lauter Waffengeklirr sein eigenes Wort nicht mehr verstehen wird.«
Dabei hob er die Augen gegen den Himmel und seufzte wieder.
Als sein Blick, wonnetrunken, wieder zurück auf diese so ungestalteten farb- und geruchlosen Zwiebel fiel, als sich hier die ganze Majestät seines Forschens entfaltete, da rief er von seiner Freude überwältigt, auf alle Gefahren der Gegenwart und Zukunft vergessend, mit freudestrahlendem Antlitze aus:
»Da, da, diese geschmeidige, himmlisch schöne Zwiebel, dieser schöne, ganz mackellose Bau, dieser regelmäßige, durch nichts gestörte Lauf der Adern, alles, alles stimmt überein, es ist die große schwarze Tulpe, nicht das kleinste Fleckchen soll das glänzende Trauerkleid, der wunderbaren Blume entstellen.«
»Aber wie werde ich es wohl taufen, dies reizende Kind, meines Forschens, der angestrengsten Mühen, der unermüdlichen Nachtwachen?«
»Tulipa nigra Barlaensis.«
»Barlaensis, welch’ entzückender Name. Ganz Europa wird staunen, man wird es für ein Mährchen, halten, die Gelehrten ohnedies an der Möglichkeit verzweifelnd, sie werden an ein neues Wunder denken, wenn von dem einen Pol bis zum andern der Ruf ertönt!«
»Sie ist da, sie ist gefunden, die große schwarze, Tulpe«
»Und ihr Name?«
»Tulipa nigra Barlaensis.«
»Warum Barlaensis? Weil er, der tiefe Geist, der sie entdeckte Baerle heißt«
»Baerle? wo und wer ist dieser Baerle?«
»Derselbe, der Euch bereits unter des fünf ganz neuen Entdeckungen: Johanna, Johann von Witt, Cornelius 2c. 2c. bekannt ist.«
»Kann mein Ehrgeiz, kann meine Ruhmsucht eine bessere Befriedigung erhalten, und sind Beide nicht erhabener, als das gleiche Streben im Gebiete der Politik?«
»Kosten sie einem einzigen Wesen eine Thräne?«
»Nein, nein gewiß nicht, und mein Stolz, steht weit noch über Jene, denn wenn selbst der Name meines Pathen, dieses großen Politikers schon lange erloschen ist, wird der meine unverändert kräftig dastehen, ewig leben.«
»O, die himmlische Zwiebel«
»Sobald die unvergleichliche Tulpe blüht, sobald ich ein Exemplar der Gesellschaft von Harlem übersandt haben werde, soll es meine erste Aufgabe sein, wenn in das wild aufgeregte Holland, Friede und Ruhe wiederkehrt, fünfzigtausend Gulden unter die Armen zu vertheilen, eine Wohlthat, die von einem Menschen, der weder gegen die Gesellschaft, noch gegen sonst Jemand in irgend einer Beziehung Verpflichtungen hat, in jedem Falle großartig und bewunderungswürdig bleibt. Die andern fünfzigtausend Gulden, werde ich dann zur Verwirklichung einer ganz neuen, bisher noch gar nicht versuchten Idee verwenden. Ich werde mich bemühen, der Blume Geruch zugeben, allenfalls den der Rose oder der Nelke! Wie, wenn es mir möglich wäre, ein ganz neues, noch gar nicht bekanntes Aroma zu entdecken, jenes nämlich, das diese seltene Pflanze in ihrer Heimat, dem Paradiese der Welt, auf der Insel Ceylon und auch zu Goa, Bombay und Madras hat. O, ich erschrecke selbst vor der unermeßlichen Tiefe dieses Gedankens, vor dem unendlichen, nie zu zerstörenden Ruhme für mein ganzes Dasein.«
»Was wäre selbst der Ruhm eines Cäsar, Alexander des Großen, Maximilian, gegen jenen des Cornelius Baerle.«
»O, die entzückende Zwiebel!«
Und ganz verloren in die für ihm so erhabene Betrachtung, saß er einem Träumenden gleich da.
Da ertönte, unverhofft, rasch und kräftig, wie dies sonst nie geschah, die Glocke seines Cabinets. Baerle sprang von seinem Sitze empor, und beide Hände, über die auf dem Tische liegenden Zwiebel, ausbreitend, sah er nach der Thüre.«
»Was gibt es?«
»Ein Bote vom Haag ist da, gnädiger Herr,« rief der Diener.
»Vom Haag, was verlangt er?«
»Das sagt er nur Euch. Es ist Craecke.«
»Wie, Johann von Witt’s Diener. Gleich komme ich, er möge ein wenig warten.«
»Das kann ich nicht,« schrie eine Stimme, und zugleich stürzte Craecke, sich den Eintritt gewaltsam erzwingend in die Trockenkammer.
Eine solche Gewaltthat, eine derartige Nichtbeachtung der strengen Verhaltungsbefehle, war im Hause des Herrn Baerle, eine bisher nur zu unerwartete Erscheinung.
Einer augenblicklichen Regung, des durch das verletzte Hausrecht hervorgerufenen Zornes, nachgebend, machte der Besitzer eine krampfhafte Bewegung mit der Hand, und schob dadurch zwei der kostbaren Zwiebel auf die Erde, wovon die eine in die Nähe des großen Fisches, die andere in den Camin rollte.
»Bei allen Teufeln! Craecke, was verlangt Ihr denn so ungestüm,« schrie Cornelius, mit barscher Stimme, seinen Zwiebeln nacheilend.
»Johannes von Witt, mein Herr läßt Euch dringend bitten, dieses höchst wichtige Blatt unverzüglich zu lesen.«
Bei diesen Worten zog er aus der Brusttasche seines Wamses, ein zusammengelegtes Papier, und legte dasselbe auf den Tisch.«
Ohne sich weiter umzusehen, ohne eine Antwort abzuwarten, eilte er wieder fort. In den Straßen von Dortrecht hatte Craecke während seines Kommens einen eben so großen Tumult, und wüthende, im heftigsten Wortwechsel begriffene Menschenhaufen, wie zu Hang bemerkt, und beeilte sich nunmehr, die Stadt auf Umwegen wieder zu verlassen, um durch sein Erscheinen keinen Verdacht hervorzurufen.
Aber Baerle beachtete weder Craecke noch das Papier, er war ganz in das Anschauen seiner unglücklichen, herabgefallenen Zwiebel vertieft. Die eine hatte er bereits aufgehoben, er besah sie mit ängstlicher Sorgfalt nach allen Richtungen und rief endlich, nachdem er die Prüfung auf das Gewissenhafteste beendigt: »Sie ist unbeschädigt«
Dann eilte er zum Camin, theilte die bereits ausgekühlte Asche mit derselben Behutsamkeit, zog die Zwiebel hervor, reinigte sie mit jener Sorgfalt, mit der die liebende Mutter den Säugling wartet, und drückte sie endlich mit wahrer Inbrunst an die Lippen: Auch sie war unbeschädigt.
In demselben Augenblicke, noch ganz von seiner Seligkeit erfüllt, fuhr er mit einem Male empor. Ein anhaltend heftiges Pochen an der Thüre der Trockenkammer schreckte ihn auf, diese zweite Verletzung des heiligsten Gegenstandes, röthete Lippen und Wangen, mit einer ihm sonst fremdartigen Zornes gluth.
»Wer wagt es schon wieder?« rief er mit donnernder Stimme. Da wurde mit Einem Male die Thüre weit aufgerissen ein Diener stürzte, blaß und athemlos mit Rufe, »Mein guter gnädiger Herr!« herein.
»Was ist Dir denn, was willst Du!« fragte Cornelius, dem diese so unerklärbare Erscheinung ein Unglück vermuthen lies.
»Flieht, flieht, so schnell Ihr könnt.«
»Ich, ich soll fliehen, und warum?«
»Fragt nicht, das ganze Haus ist voll Soldaten und ständischen Wachen«
»Mein Haus voll Soldaten, und was wollen sie?«
»Euch, sie fragen, sie suchen überall«
»Nun, was ist da weiter daran, hier werden sie mich finden.«
»Und Euch verhaften.«
»Armer Mann, was fällt Dir nicht ein.«
»Ja gewiß, ein Commissär ist an ihrer Spitze.«
»Das ist mir ein reines Räthsel,« sprach Baerle, die wunderbaren Knospen, in der Hand verschließend, während sein Auge durch die offene Thüre nach der Stiege sah.
»Hört Ihr sie, gnädiger Herr, hört Ihr das Getöse, sie kommen, sie steigen schon herauf.«
In demselben Augenblicke stürzte auch die alte Amme, händeringend, herein.
»Mein guter, edler Herr, mein theueres Kind, nehmt, was Ihr retten könnt, Geld, Geschmeide, Edelsteine, und flieht, flieht.«
»Aber, wie könnte ich denn hier entfliehen?«
»Da, da springt durch dieses Fenster.«
»Um mir ganz gewiß, von der Höhe von 35 Fuß, den Hals zu brechen.«
»Ihr fallt auf eine Unterlage, von wenigstens sechs bis acht Fuß, fetter sandiger Erde.«
»Dann falle ich aus meine Tulpen und zerbreche sie.«
»O! was sind alle Tulpen gegen Eure Rettung.«
Cornelius ergriff die noch auf dem Tische liegende dritte Zwiebel, gesellte sie zu den beiden ersten, und trat zum offenen Fenster. Da schweifte sein Blick nachdenkend und stolz über die gerade unter seinen Füßen,« in voller majestätischer Blüthe und Farbenpracht dastehende Flora, die ihm so freundlich und milde entgegen lächelte, gleichsam, als wolle sie sagen: Ich bilde die, scharfen Begrenzungen deines Ruhms, vernichte mich, . du vernichtest dich nur selbst damit.«
Und er trat einen Schritt zurück.
»Niemals!« rief er, so fest, so sicher, daß jeder Versuch seinen Entschluß wanken machen zu wollen, sich als nutzlos und vergeblich herausstellte.
Die Amme hob die gefalteten Hände gegen Hirmmel, und schwieg.«
»Und wie wäre es auch möglich gewesen?«
Ein Mensch so tief, so unendlich stark ergriffen, von einer erhabenen Idee, vom Glücke begünstigt, den kühnen Berechnungen seines hohen Geistes folgend, auf dem Punkte, den Glanzpunkt, das möglich erreichbare Ziel der Kunst zu errreichen, ein solches Genie sollte der einfachen Wirkung des gegen ihn feindlich austretenden Geschicks, sein Alles, Leben, Gegenwart und Zukunft opfern?
Die drei Zwiebel noch immer in der Hand, die, Gefahr bereits so nahe erkennend, spähte sein Auge nach irgend einem Gegenstande, in dem dieser theuere Schatz verwahrt, seinen Besitzer im Leben und im Tode begleiten konnte. Da. gewahrte er das von Craecke auf den Tisch gelegte Papier, gedankenlos griff er danach. Ohne es weiter anzusehen, ohne sich im entferntesten der Worte zu erinnern, die Craecke, so gewichtig und bedeutungsvoll der Ueberreichung beigefügt; hatte, hüllte er die Zwiebel in dasselbe, und verbarg sie sodann in der Brust.
In demselben Augenblick trat der Commissär, von Soldaten umringt, in das Zimmer.
»Wohnt hier Cornelius von Baerle,« fragte die Amtsperson, obwohl ihm der junge, ganz kalt und ruhig dastehende Mann genau bekannt war, und sein Haus dem Fremden von jedem Linde gezeigt worden wäre.
Aber die strengen Formen der Justiz bestimmen diese Frage, als Eingang jeder Verhaftung. Wie könnte ein Glied derselben auch im lächerlichsten Falle, hiervon eine Ausnahme machen.
»Ihr kennt mich ja sehr gut, van Spennen, und wißt recht wohl, daß ich derjenige bin, nach dem Ihr fragt.«
»Dann fordere ich Euch auf, mir jene verdächtigen Papiere, die Ihr sorgfältig verwahrt, unverweilt zu überliefern.«
»Verdächtige Papiere wollt Ihr, die dürftet Ihr bei mir vergeblich suchen; aber zugleich fiel ihm jenes von Cornelius von Witt zur Aufbewahrung übergebene Paket ein, und er war nicht stark genug, eine augenblickliche auffallende Ueberraschung zu verbergen.
»Nun, Ihr stellt Euch zwar sehr überrascht, ich rathe Euch aber, meinem Verlangen ohne Widerrede zu gehorchen.«
»Dann muß ich Euch vorläufig entgegnen, mein werther van Spennen, daß ich trotz aller Aufmerksamkeit, Euer seltsames Verlangen weder verstehe, noch es irgend wie richtig zu deuten vermag.«
»So sehe ich mich denn genöthigt, Euch selbst auf den rechten Weg zu leiten. Liefert uns nun unverzüglich jene Pariere aus, die Euch im Monate Jänner dieses Jahres, der Ruart, Cornelius von Witt, zur Aufbewahrung übergeben hatte.«
Baerle’s Auge flammte einem Blitze ähnlich auf, seine glatte Stirne legte sich in mächtige Falten.
»Nun« rief Spennen, allen Anzeichen nach, scheint Ihr die richtige Spur gefunden zu haben.«
»Ihr verlangt verdächtige Papiere von mir, und; derartige besitze ich, wie Ihr es bereits einmal erfahren, habt, keine.«
»Ihr wollt also durchaus läugnen?«
»Ich spreche nur die Wahrheit«
Der Commissär ließ s einen Blick, längst der Wände,: forschend dahingleiten, und fragte nach einer Pause:
»Ihr habt ein Zimmer, das man die Trockenkammer nennt, wo ist dieses?«
»Wir sind hier Alle dem benannten Locale versammelt.«
Der Commissär hatte einen kleinen Papierstreifen (hervorgezogen, warf einen flüchtigen Blick darauf,;und sprach endlich in dem Tone der größten Bestimmtheit:
»Ihr habt recht, wir sind da.«
Dann wendete er sich nochmals gegen Baerle, mit jener, diesen Personen so eigenen, und schwer nachzuahmenden Miene, in der die ganze Würde des Gesetzes vereint liegen soll, während dem man sie eigentlich nur eine gewöhnliche Muskelverzerrung nennen kann.
»Ich frage Euch nochmals, wollt Ihr die geforderten Papiere freiwillig übergeben oder nicht?«
»Nun dann, van Spennen, wenn Ihr es durchaus erfahren, oder vielmehr nur bestätigt haben wollt was Ihr schon ganz bestimmt wißt, so erkläre ich Euch hiermit, daß mir mein Taufpathe, Cornelius von Witt, seiner Aeußerung nach, gewöhnliche Familienpapiere zur Aufbewahrung anvertraut hat, und daß ich diese nie ausliefern werde, da es Euch selbst bekannt sein muß, daß anvertrautes Gut heilig ist.«
Der Commissär trat einen Schritt vor, gerade zu einem am Kamine stehenden Schranke, wies mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf die dritte Lade, und sprach im gebieterischen Tone:
Cornelius van Baerle! Im Namen des Gesetzes, im Namen der Stände, befehle ich Euch, diese Lade zu öffnen, und mir die darin verwahrten Papiere ohne Widerrede zu überliefern.«
Gerade in dieser Lade hatte Baerle das ihm anvertraute Paket verschlossen, er stand, einer Bildsäule ähnlich wie in den Boden gewurzelt, regungslos da.
»Nun,« setzte van Spennen fort, »ich sehe schon, daß Ihr dem Gesetze und seinen Vollstreckern Hohn sprechen wollt, und finde mich daher genöthigt, selbst die erforderlichen Schritte zu thun.«
Er trat nunmehr ganz an den Kasten heran, zog die bezeichnete Lade heraus, schob einige zwanzig wohlgeordnete und mit Aufschriften versehene Tulpenzwiebel zur Seite, und zog endlich jenes, noch immer versiegelte Paket hervor. Er brach hierauf die Siegel, zerriß den Umschlag, und heftete seine gierigen Blicke auf die ersten, unter demselben befindlichen Blätter; dann aber rief er mit triumphirender Stimme.«
»So, so, ich versichere Euch, die Justiz hat eine wahre, richtige Anzeige erhalten.«
»Durch diese schuldlosen Papiere?«
»O! mein lieber van Baerle, spielt nur nicht immer den Unschuldigen und Unwissenden, es würde Euch so nichts nützen. Vorläufig werdet Ihr Euch bequemen, mir zu folgen?«
»Was meint Ihr, ich soll Euch folgen?«
»Ich glaube, Ihr werdet wohl Eure Muttersprache verstehen, damit ich mich aber ganz deutlich erkläre, so erfahret denn, daß ich Euch hiermit im Namen der Stände verhafte.«
Es war mithin noch nicht gebräuchlich, im Namen Wilhelms von Oranien zu verhaften, ein Beweis, das die Statthalterschaft keine sichere Begründung hatte.
»Verhaften? Warum werde ich verhaftet?«
»Ueber diesen Punkt habe ich Euch durchaus keine Antwort zu geben, Ihr müßt die Erklärung von Seite der Richter verlangen.«
»Wo! hier in Dortrecht?«
»Nein, in Haag!«
Cornelius, bestürzt und tief ergriffen, umarmte, die einer Ohnmacht nahe alte Amme, drückt jedem seiner in Thränen zerfließenden Diener die Hand, und folgte schweigend dem Beamten.
Vor dem Thore stand ein Wagen.
Baerle stieg ein, eine Abtheilung Cavallerie umgab ihn, und im Galopp jagte derselbe nach dem Haag.
II.
Der vereitelte Diebstahl
Wird wohl noch Jemand zweifeln, wer das so eben beschriebene teuflische Werk durchgeführt hatte. Ich, glaube kaum, aber ich nenne ihn doch.
Isaak Boxtel.
Wenn der Leser die Erinnerung zu Hilfe nimmt, so werden ihm alle Einzelheiten, die das schändliche Unternehmen Boxtel’s begründeten, klar und deutlich vor Augen schweben.
Von seinem Verstecke hatte der Elende, mit dem ausgezeichneten Fernrohre bewaffnet, der ganzen Verhandlung zwischen Cornelius von Witt und Baerle beigewohnt, und wenn gleich Nichts gehört, doch jede Bewegung auf das genaueste beobachtet.
Seine Ideengänge, den Folgerungen, die er hieraus schloß, war es gelungen, mit ziemlicher Gewißheit vorauszusehen, das jenes, zwischen Zwiebeln verwahrte Paket keineswegs etwas Aehnliches, sondern irgendein tiefes, wahrscheinlich politisches Geheimniß bergen müsse.
Dann erfuhr Boxtel die Verhaftung des Ruart, erhielt bald die Gewißheit, daß dieser politische Vergehen zu Grunde lagen, und gelangte nach und nach in der Gewißheit, daß es nur weniger Worte bedürfe, um auch Baerle, in’s Gefängniß zu bringen, und längere Zeit wenigstens, unthätig zu machen.
Anfangs schauerte er vor dem gräßlichen Gedanken, er sah ein, daß diese Denunciation, van Baerle auf das Schaffot bringen konnte, er zitterte vor unschuldig vergossenem Blute.
Aber wenn eine unbesiegbare Leidenschaft einmal die Seele erfüllt und mächtig ergriffen hat, dann weiß sich die Vernunft die entsetzlichsten Gedanken schön auszumalen; ja selbst, als ganz schuldlos und gerecht darzustellen.
»So entstanden auch in Boxtel's Seele nachstehende Sophismen, die seinen Muth immer mehr und mehr stärkten.
»Ein Mann, der des Hochverrathes angeklagt, überwiesen und verhaftet ist, dachte er, ist aus jeden Fall ein schlechter Bürger.
»Daher ist Cornelius von Witt ein schlechter Bürger.«
»Ich hingegen, der Niemanden etwas zu Leide gethan hat, ja sogar dem schlechtesten Menschen nichts Böses wünschen könnte, ich, der ich mich nie mit der Politik befaßte, ja, ich muß ein guter Bürger sein.«
»Wer mit einem Hochverräther auf vertrautem Fuße steht, und sogar geheimnißvolle, versiegelte Pakete von ihm zur Aufbewahrung übernimmt, der muß ein sehr schlechter Bürger sein.«
»Cornelius van Baerle ist daher eben so schlecht, wie Cornelius von Witt.«
»Jeder gute Bürger ist aber genöthigt, sowohl zur Erhaltung des Staates, als auch der allgemeinen Wohlfahrt, die schlechten Bürger, deren Vergehen er auf die Spur kommt, anzuzeigen.«
»Es ist so nach meine Pflicht, van Baerle anzuzeigen.«
Alle diese Scheingründe, so sehr sie Boxtel trösteten, und in ihm die Gewißheit erzeugten, daß er durch diesen Schritt kein Verbrechen begehe, hätten in dem Kampfe der edleren Regungen immer noch den Sieg errungen, wenn sich nicht gleichzeitig die ihm eigene schreckliche Habsucht dazugesellt haben würde.
Boxtel hatte wieder nur ein Verlangen, eine Sehnsucht, er sah nur ein Bild seinen Augen vorschweben, es war die Gewißheit:
»Baerle hat die große, schwarze Tulpe erzeugt, er besitzt die Zwiebel dieser wunderbaren Blume.«
So zurückgezogen und verschlossen Baerle im Allgemeinen war, konnte er sich dennoch nicht enthalten, die der gänzlichen Vollendung bereits nahe gekommenen Bemühungen, einigen seiner vertrautesten Freunde mitzutheilen. Aber so sehr ihm diese auch die tiefste Verschwiegenheit zugesagt hatten, wußte doch schon; in sehr kurzer Zeit, beinahe ganz Dortrecht, das im Jahre 1673, der Garten des Doktors ganz gewiß dass Phänomen, die große, schwarze, makellose Tulpe entfalten werde, und diesem kühnen Geiste, der ausgeschriebene Preis zufallen müsse.
Und dieser Preis bestand in hundert tausend Gulden.
Das war das furchtbare, Boxtel ganz verzehrende Fieber.
Bei Baerles Verhaftung mußte im Hause eine große Verwirrung entstehen. In der hierauf folgenden, Nacht, wird es wohl keinem von den so schmerzhaft ergriffenen Dienern einfallen, den Garten, und die Tulpen zu zu bewachen.
Wenn nun Boxtel die Nacht und Verwirrung benützend, von seinem Verstecke in den Garten stieg, und von dem ihm wohl bekannten Platze, die Zwiebel der schwarzen Tulpe entwendete, dann konnte er sie in seinen eigenen Garten setzen, sie mußte da blühen, der hohe Preis von hundert tausend Gulden fiel ihm in die Hände, und das Unendliche und Unerhörte:
Er wurde der König der Tulpenzüchter, denn die große, schwarze Tulpe wurde sodann genannt:
Tulipa nigra Boxtelensis.
Und dadurch traf er, wie ein altes Sprichwort sagt, zwei Fliegen mit einem Schlage. Er befriedigte seine Rache und Habsucht zugleich.
Aber er träumte ja auch nur während des Schlafes von ihr, der großen, schwarzen Tulpe, und während des Wachens schwebte sie ihm immer vor den Augen.
Die Versuchung war zu reizend, zu verführerisch er konnte ihr nicht mehr widerstehen.
Er verfaßte eine anonyme Anzeige, gab darin alle Einzelheiten mit möglichster Klarheit und Genauigkeit an, und beförderte sie sodann durch die Post.
Unverzüglich versammelte sich der Magistrat von Dortrecht, die delikate Frage wurde lange verhandelt, und endlich der schon vorauszusehende Beschluß gefaßt, den Doktor van Baerle zu verhaften.
Van Spennen wurde mit Vollziehung dieser Anordnung betraut, und entledigte sich ihrer, wie wir dies bereits gesehen haben, auf eine eigenthümliche Weise, gerade in dem Augenblicke, wo im Haag die Leichname der Brüder Witt von dem wüthenden Volke zerschnitten und aufgehängt wurden.
Aber, man wird darüber staunen, Boxtel hatte an jenem merkwürdigen Tage nicht den Muth, der durch ihn veranlaßten Verhaftung, in seinem Verstecke beizuwohnen.
War dies Scham oder Furcht vor dem Verbrechen?
Wir wollen uns mit dieser schwer zu beantwortenden Frage nicht länger aushalten. Boxtel konnte sich ja ohne dies mit seiner zu regen Einbildungskraft leicht ein klares Bild des ganzen Vorganges ausmalen.
Als daher am Morgen desselben Tages sein einziger Diener in die Stube trat, um die Befehle seines Herrn zu erhalten, sagte ihm dieser blos kalt und trocken.
»Ich bin gesonnen, heut liegen zu bleiben, ich fühle mich Unwohl und leidend.«
Gegen die neunte Stunde entstand in der Nähe ein großer Tumult. Boxtel zitterte, bleich und von Fieberkälte gebeutelt, auf seinem einsamen, schlechten Lager.
Da trat der Diener ein. Boxtel zog die Bettdecke beinahe über den Kopf.
Mit Thränen im Auge, mit zitternder Stimme verkündete der fühlende Mensch, seiner Meinung nach ein großes, ergreifendes Unglück, nicht ahnend, daß das Herz seines Gebieters bei jedem Worte, vor Freude mächtig anschwelle.
»Hört Ihr den Lärm, mein guter Herr, o, welches entsetzliche Unglück wird da entstehen, wißt Ihr denn nichts?«
»Siehst Du nicht, daß ich im Bette liege.«
»Nun so erfahret, daß man in diesem Augenblicke unsern Nachbar, den edlen Herrn Baerle, verhaftet.«
»Was Dir nicht einfällt, das ist unmöglich.« Aber doch fühlte Boxtel einen Schmerz, eine Angst, die ihn der Ohnmacht nahe brachte.
»Ja, ich versichere Euch auf mein Wort, ich habe den Commissär van Spennen mit eigenen Augen an der Spitze der Soldaten und ständischen Wachen gesehen.«
»Du hast ihn selbst gesehen, dann muß ich es glauben.«
»Ich eile wieder hinab, um mich von dem Vorfalle ganz genau zu überzeugen, und Euch dann über Alles die genaueste Mittheilung zu machen.«
Ein Wink von Boxtel munterte den Eifer des Dieners nur noch mehr auf. Nach Verlauf einer Viertelstunde kehrte dieser wieder zurück.
»Alles, Alles, wie ich es Euch erzählt habe, ist reine Wahrheit.«
»Nun.«
»Van Spennen hat Herrn Baerle verhaftet, und in einem ganz verschlossenen und wohlbewachten Wagen nach Haag abgeführt.«
»Wie, was sagst Du, nach Haag!«
»Ja, ja, man sagte es, und ich sah auch den Wagen dieselbe Richtung einschlagen. O der arme Herr, wenn das wahr ist, was man allgemein spricht, so hat er dort ein sehr trauriges Loos zu erwarten.«
»Was spricht man denn?«
»O Gott! mein Herr, ich wage kaum es zu wiederholen. Die Bürger haben es still und leise einander zugeflüstert, daß man heute, und vielleicht gerade in dieser Stunde die beiden Brüder, Cornelius und Johann von Witt in Haag ermordet.«
Aber Boxtel murmelte etwas Unverständliches zwischen den Zähnen, und schloß die Augen, gleichsam als wolle er ein gräßliches, seiner Seele vorschwebendes Bild nicht sehen.
Er fühlte sich leidend, sehr leidend und schwach, es war ihm gerade so zu Muthe, wie dem, der den ersten Meuchelmord verübt.
Und warum hatte er diesen Menschen gemordet?
Um einen gefährlichen Nebenbuhler für immer zu beseitigen, und durch ein zweites Verbrechen, in den Besitz eines Gegenstandes zu kommen, der ihm Ruhm und Vermögen bringen mußte.
Der eine Zweck war bereits glücklich erreicht, der zweite sollte es werden.
Boxtel zählte abermals die Stunden; endlich kam die heißersehnte Nacht langsam, wie ein unheilverkündendes Gespenst.
Boxtel begrüßte ihre ersten düstern Schatten von seinem Verstecke, dem vielfach bekannten Feigenbaume.
Seine Voraussetzung traf richtig ein. Baerle’s Haus und Garten stand einer verlassenen Ruine ähnlich da. Niemand fiel es ein, den Letzteren zu bewachen.
Der langsam, dumpf und weithin tönende Schlag der nahen Thurmuhr schlug zehn, elf Uhr, es ward Mitternacht.
Noch blieb Boxtel ruhig. Er horchte gespannt und aufmerksam, allein kein Lüftchen bewegte die ruhige Atmosphäre, kein lebendes Wesen beurkundete sein Dasein.
Da kletterte er hinab, obwohl am ganze Leibe zitternd. Mit Behendigkeit ergriff er eine, bereits in der Nähe vorbereitete Leiter, lehnte diese an die Mauer, und stieg empor. Oben angelangt, horchte er wieder. Die selbe lautlose Stille, alles wie abgestorben, nur in der äußersten Ecke des Hauses brannte noch ein Licht, dort wohnte die alte Amme.
Boxtel beachtete es nicht, es war zu entfernt, es konnte ihn nie verrathen, er sammelte seinen ganzen Muth, ein ungekanntes Feuer durchbebte seine Adern.
Er stieg auf die breite Kante der Mauer. Nochmals schweifte sein sorgsamer Blick über den weiten öden Raum. Dieselbe ungestörte Ruhe. Da zog er die Leiter empor, ließ sie in den Garten Baerle’s gleiten und stieg rasch hinab.
Er wußte den Platz, wo die Zwiebel der schwarzen Tulpe eingegraben waren, ganz genau.
Vorsichtig verfolgte er die dahin führende Richtung. Um jede Spur zu vermeiden, eilte er längst der Einfassungen der Rabatten hin, und stand in wenigen Minuten an der heiß ersehnten Stelle, dem Ziele seiner Wünsche, ja sogar seines Lebens.
Mit flammendem Auge, mit der Wuth und Freude eines gierigen Tiegers, ließ er sich nieder, seine Hände in die Erde senkend.
Aber der Platz war leer, er fand nichts.
Auf der gefurchten Stirne stand der Schweiß in mächtigen Tropfen.
Er suchte abermals genau, vorsichtig, vergeblich.
Er griff weiter vorwärts, vergeblich.
Er wühlte in der Seite, er machte mehrere Schritte zurück, umsonst.
Da fiel sein mattes, durch die getäuschte Hoffnung: ersterbendes Auge, auf die von den ersten Strahlen des aufgehenden Mondes beleuchtete, sorgfältig umgegrabene, Erde, da erkannte Boxtel, daß seine Mühe vergeblich, daß die Zwiebel der schwarzen Tulpe durch Baerle bereits herausgenommen und wahrscheinlich an irgend, einem geheimen Platze verborgen wurden.
Und das, was der Leser bereits weiß, nämlich, wie Baerle noch Zeit fand, die am Morgen desselben Tages aus der Erde genommene Zwiebel der schwarzen Tulpe, in dem Briefe seines Pathen verpackt, auf der Brust zu verbergen, das wußte Boxtel nicht.
Er war den ganzen Tag im Bette gelegen.
Aber so groß war seine Hoffnung, so hoch der Glaube an die Unmöglichkeit des Mißlingens, daß er beinahe zehn Quadratfuß umgewühlt hatte.
Endlich, endlich konnte kein Zweifel mehr obwalten, sie war verschwunden, sie war herausgenommen, sie war in Sicherheit. Wüthend, kaum seiner Sinne mächtig, trat er den Rückweg an. Oben an der Mauerkante zog er die Leiter wieder auf, und schleuderte sie weit hin, in den eigenen Garten hinein.
Er selbst sprang herab.
Er stürzte. Der Fall hatte ihn ein wenig betäubt, die Kühle der rauhen Herbstnacht brachte ihn bald wieder zur Besinnung. Mit dieser kehrte alles zurück, Schmerz und Wuth, Angst und Verzweiflung.
Da erhellte sein Inneres mit einem Male ein neuer, teuflischer Gedanke.
Wo können die Zwiebel sein? Gewiß in der Trockenkammer.
Wenn ich nun, dachte er, in die Trockenkammer, wie in den Garten gelangen könnte, dann würde ich die Zwiebel finden.
Das Unternehmen ist auch nicht gar so schwierig.
Die Fenster der Trockenkammer laufen, wie die eines Treibhauses, in Falzen, man kann sie leicht von Außen hinaufschieben.
Wer weiß zudem, ob sie nicht offen sind.
Der größte Stein des Anstoßes, den man zu überwinden hatte, war die Auffindung einer Leiter, von wenigstens zwanzig Fuß Länge.
Da fiel es Boxtel ein, daß in der Nachbarschaft ein hohes Haus ausgebessert werde.
Wenn die Arbeiter die so ziemlich der erwähnten- Länge nahe kommende Leiter nicht weggenommen hatten, so mußte er sie finden.
Er lief nach dem Hause.
Die Leiter war da, sie lag auf des Boden, an das Haus angelehnt.
Es kostete Boxtel den Aufwand seiner ganzen, Kraft, diesen Gegenstand so unbemerkt als möglich in seinen Garten zu schaffen, und ihn dort an Baerles Haus zu lehnen.
Dann nahm er eine bereits vorbereitete Blendlaterne, stieg langsam empor, zu seinem größten Vergnügen die Fenster der Trockenkammer offen findend.
Er stieg in das Heiligthum.
Aber hier erfaßte ihn ein Schauer, seine Glieder zitterten, seine Augen schlossen sich, krampfhaft hielt er sich mit der Hand am Tische fest, um nicht zu fallen.
Bald kehrten die entschwundenen Lebensgeister wieder, aber was mochte es wohl sein, daß Boxtel nicht mit dem Muthe wie im Garten seine Nachforschungen begann. Es läßt sich hier nur ein einziger Umstand anführen, die höhere Wichtigkeit, die der geschlossene Raum den Geständen selbst verleiht, die Vergrößerung des Verbrechens, das im Freien minder strafbar erscheint.
Wie viele hunderte springen ohne die geringste Beesorgniß, in einer gleichen Absicht, über Hecken, Zäune und Mauern, während dem sie vor einer Thüre, oder selbst einem offenen Fenster scheu zurückweichen?
Im ersten Falle war er ja nur ein Schurke, jetzt wurde er ein Dieb.
Er sammelte seinen ganzen Muth, er mußte das Glück seiner Zukunft finden, er durfte dies Zimmer nicht mit leeren Händen verlassen.
Sein Suchen begann. Jeder Kasten wurde geöffnet, jede Lade sorgfältig und ohne Geräusch herausgezogen, jede Zwiebel aufmerksam untersucht, und ihre Aufschrift beim Lichte der Blendlaterne gelesen – aber umsonst.
Er fand den Cornelius, die Johanna, die schöne dunkle Bister, er fand die Tulpe wie gebrannter Caffee, aber jenes Meisterwerk, jenes erhabene, unendliche Stück, nach dem nur allein sein Sehnen, seine Hoffnung ging – es war nicht da, vergeblich blieb alle Mühe, umsonst wurde jeder Winkel, die Asche des Kamins sogar untersucht, – die Zwiebel der großen, schwarzen Tulpe waren nicht da.
Boxtel gerieth endlich auf die Idee, die Bücher Baerle's, die er mit größerer Genauigkeit, als vielleicht der erste Kaufmann Hollands seine Handlungsbücher führte, durchzusuchen. Da las er denn auf der letzten Seite gleichsam absichtlich mit ausgezeichnet großen Buchstaben:
»Heute, den 20. August des Jahres 1672, habe ich; in meinem Garten, die Zwiebel der großen, schwarzen Tulpe ausgegraben, und diese wieder in drei ganz vollkommene und makellose Zwiebel getheilt.«
Und wo sind sie, wo sind diese Zwiebel? brüllte Boxtel, ganz vergessend, wo er sich befand.
Da schlug er sich mit einem Male mit der krampfhaft geballten Faust vor die Stirne.
O ich armseliger, alberner Tropf, rief er dann, ich konnte glauben, daß Baerle sich von dem Zwiebel, der schwarzen Tulpe, von seinem Ruhme, dem Glücke der Zukunft trennen werde. Trennt sich denn die Mutter von dem neugebornen Kinde, trennt sich der Krieger von seinem Schwerte? Nie. – Baerle hat geahnt, Was ihm bevorstand, er wurde vielleicht davon benachrichtigt, er grub die Zwiebel aus, verpackte sie sorgfältig, und nahm sie sodann mit. Ja, ja, es ist gewiß, er trägt sie bei sich, an seinem Körper. Die Zwiebel sind jetzt im Haag.
Und an demselben Tische, wo Baerle noch am Morgen, nicht ahnend, wo er die Nacht werde zubringen müssen, sein Meisterwerk mit Wonne und Jubel12 beobachtet hatte, an demselben Plane stürzte Boxtel mit blassem Gesichte, mit krampfhaft geballten Händen, mehr todt als lebend nieder.
Dann aber, als nach wenigen Minuten seine Besinnung wiederkehrte, erhob er sich rasch, ein neuer Gedanke durchzuckte seine dämonische Seele.
Baerle hat die Zwiebel bei sich, das ist erwiesen.«
Aber er kann sie nur so lange behalten, als er lebt.
Und er wird nicht mehr lange leben, er muß vielleicht schon in wenigen Tagen sterben.
Die Zwiebel sind aber jetzt im Haag, was mache ich dann in Dortrecht.
Auf nach dem Haag, rief der Bösewicht, so heftig, so stark, als wolle er gleichsam eine Reihenfolge teuflischer Gedanken, die langsam gespensterähnlich auftauchte, dadurch verscheuchen.
Ohne weiter den um ihn aufgehäuften, unschätzbaren Reichthum eines Blickes zu würdigen, ohne den kleinsten Gegenstand zu entwenden, stieg er rasch durch das Fenster über die Leiter in seinen Garten, trug diese dann auf ihren frühem Plan, und eilte wie ein verwundetes, blut- und rachgieriges Raubthier in seine einsame, öde Behausung
III.
Das Zimmer der Familie Witt
Vom Thurme des Hoogstreet erdröhnte die Mitternachtsstunde. In langen oder kürzeren Pausen folgten die übrigen Uhren mit demselben Schlage. Das Hauptthor des Buytenhoff's rasselte in seinen Angeln, ein dicht verschlossener Wagen fuhr in den geräumigen Hof, der Schlag wurde geöffnet —
Baerle stieg aus —
So wie Rosa es richtig geahnt hatte, stürmte der wüthende Pöbel, nachdem er Meister des Gefängnisses geworden, durch alle Räume desselben mit wildem Freudengeschrei, und trachtete endlich, nachdem er zu der Ueberzeugung gekommen, daß Cornelius entflohen sei, des Gefangenenwärters, der hier besonders thätig mitgewirkt haben mußte, habhaft zu werden. Allein ihr Bemühen war fruchtlos, durch der Tochter überlegten und weisen Rath wurde Gryphus gerettet.
Aber bald zerstreute sich der zur äußersten Wuth gebrachte Pöbel, er verfolgte die Spur der Flüchtlinge, durch die überlegte Vorsorge Wilhelms, der bekanntlich alle Thore hatte schließen lassen, gelang es ihm, der Unglücklichen habhaft zu werden, und die lang genährte Rache in ihrem Blute zu befriedigen.
Der Donner des Geheuls wälzte sich langsam aus diesen sonst öden und ruhigen Mauern auf die Straßen, entfernte sich von hier immer mehr und mehr, und ließ endlich wieder jene dem Platze sonst eigenthümliche Todesstille eintreten.
Es war dies der günstige Augenblick.
Rosa erkannte ihn als diesen, stieg aus ihrem Verstecke, und half dem Vater ebenfalls empor.
Alles war leer, alles wie ausgestorben. Zerbrochene Fenster und Thüren beurkundeten die noch vor Kurzem hier stattgehabten Auftritte.
Rosa schritt muthig und spähend in den großen Hof – Gryphus folgte ihr zitternd. Aufmerksam horchte sie am Ende des Ganges, und als die noch immer ungestörte Ruhe, keine weitere Gefahr ahnen ließ, beeilte sie sich vorläufig mit Hilfe ihres Vaters das Hauptthor so gut als möglich zu schließen.
Wir sagen, so gut als möglich, da dieses einst so feste und sichere Bollwerk in Trümmern halb zerbrochen da lag.
Alles zeigte die Spuren der äußersten Kraftanstrengung, – einer furchtbaren Gewalt.
Nachmittags um die vierte Stunde nahte der Lärm dem fernen Rollen des Donners ähnlich wieder langsam dem Buytenhoff. Aber er hatte, wie sich Gryphus bald überzeugte, weder für ihn, noch seine Behausung irgend etwas Gefahrdrohendes.
Der Pöbel unterhielt sieh gerade damit, die Leichname der beiden gefallenen Opfer auf den improvisirten Richtplatz zu schleifen, und dort aufzuhängen.
Rosa verbarg sich – wieder gewahrte ihre tiefe, denkende Seele, das entsetzliche Schauspiel in seiner ganzen gräßlichen Wirklichkeit. Sie entfloh, um nicht durch das Getöse ununterbrochen daran erinnert, das im Innern aufgetauchte Bild sich ganz verwirklichen zu lassen.
Um Mitternacht wurde an der schweren Glocke drei Mal heftig angezogen.
Gryphus öffnete —d- ein Wagen fuhr durch das Thor.
Der Commissär überreichte dem Gefangenenwärter ein versiegeltes Papier.
Dieser öffnete, und las.
Es war der Verhaftsbefehl des Cornelius van Baerle, dem Taufkinde Cornelius von Witt.
»Cornelius van Baerle?« wiederholte Meister Gryphus, nachdem er das Blatt wieder gefaltet, und in seine Tasche gesteckt hatte, »Taufkind des Cornelius von Witt, so, so, ich kann ihm das, von dem Schurken erst heut Morgens verlassene Zimmer geben, allen Vermuthungen nach, scheint dieses ein Familienzimmer werden zu wollen.«
Stolz und entzückt über diesen so laut als möglich ausgesprochenen, seiner Meinung nach gelungenen Witz, Wut dieser Mann den von all’ dem Ungemach noch ganz niedergedrückten jungen Baerle in Empfang, und führte ihn in jene traurige und öde Zelle, die Cornelius von Witt verlassen hatte, um in das Exil zu gehen; ein Exil, das ganz der Politik jener großen Revolutionsmänner angemessen war, die da gewöhnlich zu sagen pflegen: »Aus jener Welt kehrt Niemand mehr zurück.«
Gryphus geleitete also den jungen Mann nach dem Gefängnisse seines Taufpathen.
Alles war still und ruhig. Nur am Gange angelangt, sprang aus einer in der-Mauer verborgenen Oeffnung ein großer, zottiger Hund hervor, den seine Kette nur noch hinderte, ein Opfer, das ihm später vielleicht vorgeworfen werden sollte, mit seinen scharfen Zähnen zu zerfleischen.
Cornelius, seine Umgebung gar nicht beachtend, ganz über die Verwüstung nachdenkend, die durch dieses so unerwartete Ereigniß unter seinen Blumen entstehen mußte, schrack mächtig empor.
Ein gebieterischer Ruf des Gefangenenwärters bewirkte, daß der Hund murrend in sein Loch zurückwich.
Sie traten in den Gang.
In demselben Augenblicke öffnete sich eine Seitenthür, und an der Schwelle eines dunkeln Zimmers erschien, einem Genius gleich, eine entzückende Gestalt.
Das brennende Licht in der Hand, von dem matten Schein desselben nur spärlich beleuchtet, stach der zarte, weiße Teint des schmachtenden Antlitzes, dieses wogenden Busens, die lilienartigen, über das leichte Nachtgewand hervortretenden Schultern, die blonden, gleich seidenen Flechte über die Achseln herabwallenden Locken von dem dunkeln Hintergrunde bedeutend ab.
Es war Rosa, die durch das zu so später Stunde ungewöhnliche Geräusch, von unwiderstehlichen Neugierde getrieben, ihr Lager verlassen hatte, um nach den Ursachen desselben zu spähen.
Welch' herrliches Gemälde für die Meisterhand eines Rembrand.
Dieser dunkle, schmale Gang, im Hintergrunde die um einen mächtigen Pfeiler sich herumwindende Treppe, mit ihrem zackigen, seltsam geformten Geländer, auf den ersten Stufen derselben den alten, wortkargen und finstern Kerkermeister, in der linken Hand das Attribut seiner Würde, den Schlüsselbund, in der Rechten eine große Laterne, deren dunkles Licht den Boden in einem kleinen Umkreis beleuchtete, hinter ihm den jungen, blassen Mann, die zarten Hände mit schweren, rasselnden Ketten belastet, das Gesicht nach der Seite gewendet, wo das Geräusch ertönte, diese ganze Gestalt in einem schwankenden, zweifelhaften Lichte, dann einem, aus dem Dunkel der Nacht emporschwebenden Engel gleich, Rosa’s himmlisch schönes, magisch beleuchtetes Antlitz und nicht weit von ihr, der weit geöffnete, blutig rothe Rachen, der aus ihrem Verstecke wieder hervorgekrochenen wilden Bestie, alles dies einte sich harmonisch zusammen, eines jener Meisterwerke zu schaffen, welche; die Gelegenheit so oft, der Genius des Künstlers so selten wieder zu geben vermag.
Ader wenn es auch im Bereiche der Möglichkeit liegt, dies alles mit schaffender Hand auf die Leinwand wieder zu geben, wenn auch, wie bereits erwähnt, dadurch ein großes, wunderbares Bild hervorgezaubert worden wäre, so blieb es doch eine reine Unmöglichkeit, den Ausdruck der Ueberraschung des tiefen, namenlosen Schmerzes, der sich in ihrem ganzen Antlitze, mit so unverkennbarer Macht äußerte, wiederzugeben.
Und was erzeugte diesen, was rief ihn hervor, in der Brust eines jungen, mit der Welt so wenig bekannten, und eben erst den Armen des Schlafes entronnenen schuldlosen Wesens?
Wieder jener gewaltige Zauber, wieder die hohe, unerklärbare Macht der Natur, die mit magnetischer Kraft Ahnungen in dem Innern des Sterblichen erweckt, ihnen Kraft und Wahrheit gebend.
Rosa hatte das zarte Antlitz des Gefangenen, dies tief denkende Auge, den Ausdruck der Milde gesehen, »sie hatte gehört: Nach dem Familienzimmer – ihre forschende Seele errieth Alles, die Wahrheit lag offen und klar vor – ihr es war wieder ein Ring aus der bereits gebrochenen, zerschmetterten Kette der Unglücklichen.
Das Ganze, so wie wir uns bemühten es hier getreu wieder zu geben, währte eine viel kürzere, als die zur Beschreibung desselben nöthige Zeit.
Gryphus hatte gedankenlos, ohne Aufenthalt seinen Weg fortgesetzt, Cornelius mußte ihm nothgedrungen folgen, und als er oben angelangt, hinter dem Pfeiler verschwand, nochmals seinen Blick auf das bezaubernde Bild heftend, schloß auch Rosa die Thüre, kroch der Hund noch immer murrend und brummend in seine Höhle.
Kurz darauf hörte man im ersten Stockwerke das knarren einer Thüre.
Baerle trat in das Gefängniß seines Pathen, dessen Räume unsern Lesern bereits bekannt, eine weitere Beschreibung überflüssig machen.
Ohne ein Wort zu reden, ohne seinem kalten stummen Gesichte irgend einen Ausdruck einzuprägen, deutete Gryphus mit der Hand nach dem Bette, das Cornelius von Witt verlassen hatte, um dem, seiner bereits harrenden Tode in die offenen Arme zu eilen; dann leuchtete er nochmals im Zimmer herum, gleichsam sich überzeugen wollend, ob kein gefährlicher Gegenstand daselbst verborgen, oder die Flucht möglich sei, verließ durch diese Prüfung beruhigt den Kerker, und schob außen die massiven, eisernen Riegel vor.
Nunmehr allein warf sich Baerle auf das ihm angewiesene Lager, ohne jedoch die kleinste Sehnsucht nach Ruhe zu empfinden. Unverwandt heftete er das trübe Auge auf das kleine ihm gerade gegenüberliegende Fenster, durch welches zeitweise der grelle Fackelschein, einer vorüberziehenden Schützenpatrouille, das Gestampfe gallopirender Pferde, oder der gleichmäßige, schwerfällige Tritt von Militärabtheilungen drang.
Er zählte die Stunden der Nacht, er harrte sehnsuchtsvoll auf den grauenden Tag. Endlich kam er langsam, majestätisch herangeschritten. Nach und nach rötheten sich die entferntern Linien des Horizontes von den Strahlen der eben aufgehenden, herbstlichen Sonne nur schwach beleuchtet, die spitzen, zackigen, rothen Dächer der Häuser mit ihren hohen schmalen Rauchfängen traten hervor, die Straßen ertönten von einem regen, thätigen Leben.
Baerle, von Neugierde getrieben, den Ort wo er war und seine Umgebung kennen zu lernen, eilte an das Fenster. Vor ihm lag der nur von wenigen Menschen in dem gegenwärtigen Augenblicke besuchte Buytenhoff. Ein dichter Nebel senkte sich langsam wie ein Schleier herab, und gestattete noch nicht, die Gegenstände genau zu unterscheiden.
In dem Maße, als die Sonne am östlichen Himmel, den ganzen Horizont mit einem Feuermeere überstrahlend höher stieg, traten auch die Conturen der Gebäude deutlicher hervor. Baerle beobachtete eines nach dem andern, er zählte die Fenster ab, drückte seinem Gedächtnisse die verschiedenen Formen und Unterschiede der Bauart ein, und gelangte so bis zum Hintergrunde.
Dort erhob sich langsam ein seine ganze Aufmerksamkeit spannender Gegenstand.
Nach und nach einten sich die vorher unkenntlichen Massen zu einem deutlichen Ganzen – in seiner erschreckenden Wahrheit stand – — ein Galgen aufgerichtet da.
An diesem Galgen hingen, vom Winde hin- und hergeschaukelt, zwei blutige, zerfetzte Lappen, die man für alles Andere, nur nicht für Reste menschlicher Körper halten konnte.
Das Volk von Haag hatte die Leichname ihrer Opfer in kleine Stücke geschnitten, so weit dies die Haut und das Fleisch zuließen. Die Knochen ließen sie auf dem schon lange vorbereiteten, in der Eile aufgestellten Gerüste hängen, und besiegelten diese unerhörte Schandthat durch Anheftung einer mit der Ursache der Ermordung versehenen, großen Tafel.
Baerle strengte sein noch ungeschwächtes, jugendlich scharfes Auge auf das Aeußerste an. Eine unnennbare Ahnung gab ihm wunderbare Kraft. Er erkannte die Tafel, und als diese von den ersten Strahlen der ganz emporgestiegenen Sonne grell beleuchtet wurde, da gelang es ihm durch die geistige Kraft, verbunden mit der Schärfe seiner Sehorgane, langsam, Buchstaben für Buchstaben zu erkennen, diese zu Worten, die Worte in Sätze zu verbinden. Er las:
»Der große Verbrecher Johann von Witt, und ein etwas geringerer Schurke, Cornelius von Witt, Bruder des Ersteren, hängen hier, beide die erbittertsten Feinde des Volkes, die wärmsten Freunde Frankreichs, unseres Feindes.«
Mit einem Schrei des Entsetzens stürzte Cornelius rücklings nieder. Bald darauf, als werde er von einem furchtbaren, unheildrohenden Gespenste verfolgt, sprang er auf, eilte zur Thüre, und stieß mit Händen und Füssen so gewaltig daran, daß der weite, gewölbte Gang erdröhnte.
Gryphus eilte mit seinem rasselnden Schlüsselbunde wutentbrannt herbei.
Nicht gewohnt, außer den ihm für seine Amtsverrichtungen vorgeschriebenen Stunden gestört zu werden, sperrte er mit sonst ungewöhnlicher Hast auf, warf die Thüre zurück, daß diese an der Wand abprallte, und rief nachdem diesen Bewegungen eine Unzahl der rohesten Flüche vorangegangen war:
»Ei, zu allen Teufeln, seid Ihr rasend? Ich glaube diese vermal. . . . . . Witt’s haben alle den Satan oder sonst einen bösen Geist im Leibe.«
Baerle ergriff ihn krampfhaft beim Arme, er eilte nach dem Fenster, und durch dieses mit der ausgestreckten Hand nach dem blutigen Gerüste deutend, schrie er mit kläglicher Stimme:
»Herr, Herr! habt Barmherzigkeit! Sagt mir, ist es wahr, ist es menschenmöglich was dort geschrieben steht?«
»Wo, was?«
»Da, da drüben an dem schwarzen Gerüste, auf der großen Tafel.«
Blaß, keuchend mit wogender Brust, den Angstschweiß auf der Stirne, deutete er immer noch auf denselben, nun klar und deutlich sichtbaren Gegenstand hin.
Gryphus lachte laut auf.
»Ha, ha, habt Ihr gelesen, um so besser; Ihr habt da ein Paar verteufelt gute Augen, ich beneide Euch darum, sie ersparen mir jede weitere Erklärung, und mögen Euch nur zeugen, wie man mit denjenigen Leuten verfährt, die gegen Wilhelm von Oranien, mit dessen kühnsten und erbittertsten Feinden im Einverständnisse stehen.«
Baerle sank, einer Ohnmacht nahe, auf das Bett zurück. Mit beiden Händen sich die Augen bedeckend, schluchzte er laut:
»Also ermordet, die beiden edlen von Witt—« und der Schweiß rann einem Bache gleich über die bleichen Wangen des Leidenden.
»Nennt Ihr es, wie Ihr es immer wollt. Todt. sind sie.– Ihr behauptet, es wäre Mord, ich meine, es ist nur gerechte, vollkommen begründete Volksjustiz.«
Dann warf Gryphus nochmals einen forschenden, von Schadenfreude durchzitternden Blick auf den jungen Mann, und als ihn dieser überzeugt hatte, daß derselbe, überwältigt von Schmerz und Seelenangst, im Zustande völliger Ruhe und Vernichtung, regungslos, da lag, schlug er die Thüre heftig zu, und zugleich erklangen wieder die schweren eisernen Riegeln, die Thüre mit der Mauer bindend.
Cornelius kam wieder zu sich. Seine Lebensgeister erwachten nach und nach, er unterschied langsam die ihn umgebenden Gegenstände, alle erst kurz vergangenen Ereignisse schwebten neu und lebhaft vor seiner Seele, er erkannte mit Gewißheit, daß dieser öde, düstere Raum, den Gryphus das Familienzimmer nannte, der Uebergang vom Leben zum Tode sei.
Er war Philosoph und Christ. Zuerst begann er damit, für die Seele seines Pathen zu beten, dann that er dasselbe für den Großpensionär, und gestärkt durch diesen erhabenen Trost, ganz hingegossen in die Anschauung einer höhern, unendlichen Macht, die jeden Schritt des Menschen leitet, ergab er sich mit ruhiger, würdevoller Selbstverläugnung ganz in sein drohendes Geschick.
O schöne, göttliche, himmlische Empfindung, wohl dem, der sie in reiner Brust, durch alle Phasen dieses Lebens treu bewahrt – den Blick empor zum Raume der Unendlichkeit, das Herz vertrauend, einer väterlich waltenden Vorsehung, steht der Mensch, ein Felsen im Gewittersturme da.
Langsam senkte sich seine Seele zur Erde nieder. Er durchblickte seinen Kerker, kurz war vielleicht die Zeit, die man ihm noch zum Leben gönnte, er hatte viel zu thun.
So manches, was die Vergangenheit in sich verschloß.
So manches in der Gegenwart— da blieb er still, regungslos, vor seinem Auge stand der blühende, reizende Garten mit den edlen Sprossen seines tiefen Denkens, da waren sie, die fünf Könige der Blüthenwelt, da erschien auch sie – die große, schwarze Tulpe.
Er griff nach der Brust, er fühlte sie, er zog sie hervor, er drückte sie ganz dem Leben der Hoffnung wieder gegeben, freudenstrahlend an die Lippen.
Dann erblaßte er wieder, er zitterte, er sollte, er mußte ja sterben, bald sterben.
Gab es denn keine Rettung für das mit ihm zugleich bedrohte Kind?
Aengstlich machte sein Blick die Runde, da gewahrte er den schweren steinernen Zeug in einer Ecke.
Er sprang hin, triumphirend barg er hinter dem massiven Steine, das unschätzbare Kleinod.
Also so viele nutzlose Plage, so namhafter, jahrelanger Kummer, so tiefes Denkens Alles sollte vergeblich sein, jede Hoffnung zertrümmert, er selbst dem Tode geweiht werden.
Und um ihn herum, so weit er auch blickte, gab es keinen Grashalm, kein bischen Erde, keinen erquikenden Sonnenstrahl.
Dumpfe Verzweiflung malte sich in seinen Zügen, alles schien rettungslos verloren.
Da erschien ein heller strahlender Stern.
Und wer war dieser Stern, woher kam er?
Diese Aufklärung behalten wir uns für das nächste Kapitel vor.
IV.
Des Gefangenenwärters Tochter
Gryphus passirte seiner Gewohnheit, nach am Abende des eben beschriebenen Tages sämmtliche Gefängnisse, um den darin Verwahrten das Abendessen zu bringen. Gleichsam als verfolge ihn ein Verhängniß, glitt er vor Baerles Thüre auf dem glatten Steinpflaster aus, und beschädigte sich am Arme so heftig, daß er einen lauten Schmerzensruf ausstieß.
Cornelius in seinen Betrachtungen gestört, sprang unverzüglich auf, und eilte gegen die Kerkerthüre, allein Gryphus, die Größe des ihn befallenen Unglückes weder ahnend noch fühlend, hatte sich bereits erhoben, und sagte bloß kalt:
»Bleibt nur ruhig, eine Kleinigkeit, sie ist nicht der Mühe werth.«
Er wollte sich in demselben Augenblicke erheben, stützte die Last seines Körpers zu diesem Behufe auf die beschädigte Hand, und stürzte dann, einen heftigen, stechenden Schmerz fühlend, während ihn zugleich seine;Kraft verließ, mit einem furchtbaren Schrei zur Erde.
Jetzt erst erhielt er die Ueberzeugung daß der Arm gebrochen war.
Und dieser Mann, der mit eiserner Ruhe, die einzelnen Gliedmassen der zur Tortur verurtheilten Unglücklichen brechen, quetschen, schneiden oder brennen sah, derselbe, der den Tod der Brüder Witt einen Akt der Gerechtigkeit nannte, er, in jedem Augenblicke bereit, dem furchtbaren Handwerke des Henkers, wenn dieser in seiner Anstrengung erwartete, thätige Hilfe zu leisten, diese kalte, rohe, unmenschliche Natur, sank bei der Empfindung des eigenen Schmerzes, bei der Wahrnehmung eines zwar großen, doch nur durch den Zufall hervorgerufenen Uebels, ohnmächtig, bewußtlos an der Thürschwelle nieder.
Er hatte, was wir zu bemerken vergaßen, noch vor dem Falle die Gefängnißthüre geöffnet, und diese befand sich, während seine Lebensgeister bereits vollständig entschwunden waren, noch in derselben Lage, dem Gefangenen die besten Mittel zur Flucht bietend.
Allein Baerle, weit entfernt, aus dem Unglücke eines Zweiten, für sich selbst einen Nutzen zu ziehen, eilte vielmehr herbei, dem Bewußtlosen mit thätiger Hilfe zu unterstützen. Seine Sachkenntniß, so wie das scharfe prüfende Auge, gaben ihm bei näherer Untersuchung die unumstößliche Ueberzeugung, daß hier ein äußerst schmerzlicher und gefährlicher Beinbruch stattgefunden habe, und ohne weiter des, durch die letzte Unterredung klar an den Tag gelegten Hasses zu gedenken, neigte er sich der Gefangene über den Gefängnißwärter, bemüht, dessen so peinliche Lage für den Augenblick nach Möglichkeit zu bessern.
Beinahe gleichzeitig, als Gryphus den zweiten heftigen Scherzensruf, der im ganzen Gebäude wiederhallte, ausgestoßen hatte, hörte man im Souterrain das rasche Oeffnen und Schließen einer Thüre, und gleich darauf einen leichten, schwebenden Schritt, der sich dem ersten Stockwerke nahte.
Baerle, ganz mit dem Verwundeten beschäftigt, achtete auf diese Bewegung gar nicht, bis ein eben so lauter, dem Tone eines Glöckchens ähnlicher, ängstlicher Ruf ihn aus seinen Betrachtungen aufschreckte. Er blickte empor, aber gleichzeitig ließ er die noch emporgehaltene Hand los, und that vor Staunen ergriffen, einen Schritt zurück.
Am Rande der Stiege, die Hände gefaltet, das zarte Antlitz blaß, in den Augen eine funkelnde Thräne des Schmerzes, stand jenes, seinem Gedächtnisse noch nach dem ersten nächtlichen Erscheinen, tief eingeprägte, entzückende Bild da.
Es war Rosa.
Sie hatte den Schmerzensruf ihres Vaters gehört, sie war unverzüglich herbeigeeilt, dessen Ursachen zu ergründen. Bei dem Anblicke der Scene, die sich ihrem Auge, am Rande der Treppe angelangt, darbot, glaubte sie anfänglich, ihr Vater habe durch einen Ausbruch seiner bekannten Rohheit, den Gefangenen erboßt, einen Streit, der zu Tätlichkeiten überging, hervorgerufen, und sei endlich in dem hierauf folgenden Kampfe von dem kräftigen, jungen Manne überwältigt und zu Boden-geworfen werden.
Baerle errieth augenblicklich alle Zweifel, die im Innern des reizenden Mädchens entstanden.
Auch Rosa erkannte es, so wie die noch unveränderte Lage ihres Vaters, zugleich einen andern Unglücksfall vermuthen ließ.
Kann uns eine solche Erscheinung wundern? Nein, gewiß nicht, wer das so viel, ja Alles sprechende Auge des Menschen erforscht hat, wird wissen, wie man in, einem einzigen Blicke dieses Zauberers oft eine ganze Welt von Empfindungen erräth.
Und zwei solche forschende Augen, hatten sich hier in einem langen, fragenden Blicke begegnet.
Gleichsam beschämt über das, was sie hatte denken können, erhob das reizende Mädchen, das noch immer thränenfeuchte Auge zu dem jungen, in tiefer Bewunderung dastehenden Manne empor, und sprach bebend.
»Ich danke Euch, mein Herr, ich danke Euch für das, was Ihr so eben gethan habt; vergebt mir aber auch, nämlich das, was ich in einem Augenblicke tiefen Schmerzes und kindlicher Liebe zu denken wagte.«
»Ich that nur, was ich in jedem andern Falle gethan haben würde, « erwiderte Cornelius erröthend, »es ist Christenpflicht, die mir gebietet, dem bedrängten Nebenmenschen zu Hilfe zu eilen.«
Und noch erstaunt über die edlen, schönen Worte des jungen Mädchens, die dem Volke entsprossen, unter ihm ausgezogen und gebildet, sich der Redensarten einer höheren Bildung und Erziehung bediente, heftete er erstaunt und verwundert, immer unverändert sein forschendes Auge auf das himmlische, in seiner Angst nur verklärte und erhabene Wesen.
Da erwachte aber Gryphus aus seiner Ohnmacht, alle Lebensgeister kehrten wieder, und mit ihnen die ganze Macht einer, nur der wildesten menschlichen Natur eigenen Brutalität. Er blickte um sich, sah den Gefangenen, sah die Tochter, fühlte, daß er sich noch unverändert in seiner schmerzlichen Lage befand, und sprach so laut, als es seine Kräfte nur immer zuließen.
»Schönen Dank. Ich beeile mich, meinen Vögeln das Abendessen zu bringen, falle, breche mir die Hand, »zwei Menschen befinden sich in meiner Nähe, lassen mich mit meinen unsäglichen Schmerzen liegen, und scheinen nur noch das entzückende Schauspiel abwarten zu wollen, wenn ich mein Leben aushauche.«
»Beruhigt Euch Vater« rief Rosa, ihm in die Rede fallend. »Ihr seid hart und ungerecht gegen diesen jungen Mann, ich kam gerade in dem Augenblicke, wo »er thätig beschäftigt war, Euch, so viel es sein eigener Zustand erlaubte, zu helfen.«
»Mir helfen – wer sagst Du, that es, dieser junge Mann da?«
»Ja, ich, mein Herr, und ich wäre auch gesonnen, wenn Ihr mir vollständig vertraut, Euch bis zur gänzlichen Genesung beizustehen.«
»Bis zur Genesung? ich glaube wohl, daß ich mich da werde an einen Arzt wenden müssen.«
»Der bin ich selbst, und wie ich es mir gestehen kann, gerade keiner der Schlechteren.«
»Ihr wäret also auch im Stande mir den Arm einzurichten und gänzlich wieder herzustellen?«
»Ich sagte Euch bereits ein Mal, vertraut mir ganz.«
»Nun, sagt mir vorläufig, was Ihr zu so einer Geschichte braucht«
»Aeußerst wenig. Einige reine, starke Leinen und zwei Bretterschienen.«
»Meinetwegen, versuchen wir’s. Rosa, hast Du gehört, der Gefangene wird mir den Arm einrichten, ich, erspare dabei gewiß unendlich viel. Vorläufig helfe mir, aber aufstehen mein liebes Kind, denn ich bin wirklich, schwer wie Blei.«
Während Cornelius in das Zimmer eilte um einen Stuhl herbei zu holen, hatte Rosa ihrem Vater die Achsel dargereicht, um welche dieser seinen Arm, schlang, sich langsam emporhob, und auf den bereits, hergerichteten Sitz niederließ.
Dann, nachdem sich seine Schmerzen wieder ein wenig gelindert hatten, wandte er sich an seine Tochter:
»Jetzt gehe schnell, und hole das, was Dir durch diesen Herrn hier angezeigt wurde.«
Rosa eilte fort, kam aber nach wenigen Augenblicken mit mehreren schmalen Hölzern und festen Leinwandbinden zurück.
Unterdessen hatte Cornelius die Weste des Gefangenenwärters aufgemacht, und das Hemd auf dem beschädigten Arme derart emporgeschoben, daß dieser ganz entblößt wurde. »
»Ist das, was ich Euch gebracht habe, auch recht,« fragte Rosa schüchtern.
Cornelius warf einen flüchtigen Blick auf die herbeigeholten Gegenstände.
»Ja, ja, Alles ist in der Ordnung. Jetzt seid aber so gut, und helfet mir hier den Tisch fest halten, während ich den verwundeten Arm unterstützen werde.«
Rosa befolgte diesen Auftrag unverzüglich. Cornelius legte den verwundeten Arm mit aller Sorgfalt und Behutsamkeit auf den Tisch, so, daß er auf demselben horizontal lag, und richtete ihn dann mit besonderer Gewandtheit ein. Hierauf brachte er die Schienen an, befestigte sie mittelst der Binden, und schloß die Enden, mit mehreren, ihm von Rosa gereichten starken Nadeln. Schon beinahe mit dieser schwierigen Arbeit zu Ende, wurde Gryphus zum zweiten Male ohnmächtig, und sank mit dem Kopfe auf die Stuhllehne zurück.
»Holt schnell Essig,« rief Cornelius, »ich werde ihm die Schläfe reiben, er muß augenblicklich wieder zu sich kommen.«
Aber Rosa, dem neuen Auftrage keine Folge leistend, überzeugte sich vielmehr von der gänzlichen Bewußtlosigkeit ihres Vaters, trat dann ganz nahe zu Cornelius und sprach leise:,
»Mein Herr! Ihr habt einen edlen, für uns höchst's wichtigen Dienst geleistet, er fordert daher auch einen Gegendienst.«
»Was wollt Ihr damit sagen, mein schönes Kind erklärt Euch deutlicher.«
»Nun so hört mich denn aufmerksam. Der Richter, der Euch Morgen vernehmen soll, ist Heute hier angekommen. Er fragte in welchem Gefängnisse Ihr seid, und da man ihm erwiderte, Ihr bewohnet dasselbe Zimmer, in welchem Cornelius von Witt die Zeit, seiner Gefangenschaft zubrachte, zuckte er mit den Achseln und lachte so unheimlich, daß ich all’ das Ungemach, all’ das Euch bevorstehende Elend klar vor Augen sah.«
»Mir ein Ungemach und Elend. Wer kann mir etwas dergleichen anthun.«
»Seht durch dies Fenster den dunkeln Gegenstand am andern Ende des Platzes, es ist ein Galgen.«
»Was wollt Ihr wieder damit sagen, ich bin rein und schuldlos.«
»Waren es jene, deren zerissene, zerfetzte Ueberreste dort hängen, nicht eben so wie Ihr?«
»Ja gewiß, da habt Ihr Recht;« Eine Wolke schmerzhafter Erinnerungen umlagerte die glatte Stirne des jungen Mannes.
»Und dann,« fuhr Rosa fort, ist hier vorzüglich; als richtende Stimme die allgemeine Meinung angekommen. Sie will mit aller Gewalt, daß Ihr schuldig seid; ob dies nun wahr oder unwahr ist, der Proceß wird Morgen beginnen, an demselben Tage seid Ihr verurtheilt, und Uebermorgen erfolgt die Execution, denn in der jetzigen gesetzlosen Zeit, werden derlei Kleinigkeiten, wie man zu sagen pflegt, sehr schnell abgemacht.«
»Ich habe Euch sorgfältig und aufmerksam zugehört, macht mich jetzt noch mit dem Schluße dieser Angelegenheit bekannt.«
»Nun gebt noch ein Mal recht genau acht. Ich bin ein schwaches, hilfloses Wesen, mein Vater liegt bewußtlos, mit gebrochenem Arme da, der Hund hängt an der Kette und hat einen Maulkorb, das Thor ist offen, kein Mensch in diesem Augenblicke im Gebäude. O laßt Euch nicht langer zureden, eilt, flieht, rettet Euch, aber schnell.«
»Was sprecht Ihr da?«
»O so wollt Ihr mich denn durchaus nicht begreifen. Ich wollte Cornelius und Johann von Witt retten, es gelang mir trotz allen Bemühungen nicht, vielleicht gelingt es mir durch Gottes Gnade bei Euch. Eilt, eilt, ich bitte Euch, seht nur, mein Vater beginnt schon wieder aufzuathmen, in wenigen Minuten öffnet er die Augen, und dann ist alles verloren, alles zu spät. Rettet Euch, flieht.«
Aber Cornelius stand unbeweglich da wie eine Bildsäule, er that, als verstände er keines dieser herzlichen Worte.
»O! ich bitte Euch,« rief Rosa wieder in ihrer Angst, so laut, daß man es unten hören mußte. »Versteht Ihr mich denn nicht«
»O ja, ich begreife Euch recht wohl, ich verstehe jedes Wort, aber —«
»Nun, Aber? —«
»Ich thue diesen Schritt nicht. Ich würde Euch durch ihn anklagen.«
»O! das laßt Euch wenig kümmern, daran soll, und darf Euch nichts gelegen sein.«
»Nehmt meinen Dank schönes Kind, aber nichts vermag meinen Entschuß zu andern, ich bleibe.«
»Wie, höre ich recht? Aber wie ist denn das nur möglich. Seid Ihr bei Sinnen, denkt doch nur nach, zum Tode verurtheilt, auf dem Schaffot hingerichtet, vielleicht auch auf schändliche Art meuchlings gemordet und in Stücken zerrissen, wie Euere armen Verwandten, Cornelius und Johann von Witt. In des Himmels Namen bitte ich Euch nochmals mit aufgehobenen Händen, kümmert Euch nicht um mich, flieht, eilt aus diesem Zimmer, es bringt all den von Witt, Unheil und Verderben.«
»Was gibt es da,« schrie der Gefangenenwärter aus seiner Ohnmacht erwachend,, wer wagt es hier, von diesen elenden Schurken, diesen Verräthern und Bösewichtern zu sprechen.«
»Strengt Euch nicht so sehr an, und unterdrückt jede wie immer geartete Aufwallung, denn ich versichere Euch, nichts schadet bei Brüchen so sehr, als jede heftige Gemüthsbewegung.«
Dann wandte er sich an Rosa, und sagte dieser leise:
»Ich bin schuldlos, ich werde auf diese Ueberzeugung gestützt, meinen Richtern mit Ruhe und Heiterkeit entgegen treten.«
»Schweigt,« erwiderte Rosa, den bestürzten Blick nach ihrem Vater richtend. 1
»Schweigen soll ich, weshalb?«
»Mein Vater darf nicht einmal den Argwohn fassen, daß wir mit einander gesprochen haben.«
»Könnte auch aus diesen wenigen, unbedeutenden Worten ein Uebel erfolgen?«
»Ein Uebel? wohl, und zwar ein sehr großes Uebel, denn von diesem Augenblicke, würde er es mir unmöglich machen, Euch jemals wieder zu nahen.«
Cornelius war von diesen vertraulichen und herzlichen Worten tief ergriffen, ein Stern der Hoffnung leuchtete in seinem Unglücke, sein Blick verweilte mit Wonne und innerer, stiller Rührung auf dem milden Antlitze des himmlischen Mädchens.
Was habt Ihr da mit einander zu zischeln und geheim zu thun?« rief Gryphus, der nunmehr vollkommen zum Bewußtsein gelang, sich langsam erhob, den gebrochenen rechten Arm, mit der linken Hand unterstützend
»Einige, für Euere Lage sehr wichtige Dinge,« sprach Rosa, »der Herr gibt mir nur die Verhaltungsregeln bekannt, denen Ihr in dem gegenwärtigen Zustande genau nachkommen müßt.«
»Also Verhaltungsregeln für mich gibt er Dir an?« ganz gut, jetzt merke aber auch auf die Regeln auf, die ich Dir gebe.«
»Nun mein Vater, ich höre.«
»Du hast in den Zimmern, und in der Nähe der Gefangenen Nichts zu thun, und wenn gerade die Nothwendigkeit es erfordert, irgend einen Gang für mich abzutun, dann liegt es in Deiner Pflicht, dem Auftrage kurz und schnell nachzukommen, und Dich eben so wieder zu entfernen. Gehe also voraus, und wie ich gesagt habe, so schnell als möglich.«
Noch einmal begegnete Rosas trübes, umschleiertes Auge, an dessen Wimpern eine neue Thräne erglänzte, dem dankenden Blicke, des jungen Mannes.
Beide verstanden sich, und welche Worte lagen wohl in diesem einzigen Blicke.
Der ihre sprach:
»Habe ich Unrecht gehabt?«
Der seine erwiderte:
»Der Wille des Herrn geschehe.«
V.
Verhör und Urtheil
Der Morgen graute, der sonst öde, ruhige, menschenleere Buytenhoff erhielt ein etwas regeres Leben. Zeitweise wurden die Thore geöffnet, einzelne, schwarz gekleidete Männer mit ernsten Mienen traten ein.
Es waren die Richter.
Baerle wurde vorgerufen, die Versammlung war vollständig, man schritt dazu, ihn zu verhören. In wenigen Stunden war dieser so ernste Act abgemacht, eine klare, unumstößliche Gewißheit lag vor Augen.
Baerle hatte die geheime und verhängnißvolle Correspondenz der von Witt, in einem Kasten seiner Wohnung verwahrt.
Der Angeklagte läugnete keine Silbe.
Nur ein Zweifel lag vor, ein mächtiger Anhaltspunkt für den Gefangenen, es mußte erwiesen werden, daß er die Papiere unmittelbar aus der Hand des Cornelius empfangen hatte, und dadurch mit dem Inhalte vollständig vertraut gemacht wurde.
Baerle fand es tief unter seiner Würde, sich durch eine Lüge aus seiner wohl sehr schweren Lage zu helfen. Cornelius von Witt war todt, er hatte demnach auch hier weiter keine Rücksichten zu beobachten, er zweifelte keinen Augenblick, wie er zu handeln habe, und entschloß sich unmittelbar und streng der Wahrheit getreu zu bleiben. Daher erzählte er auch den Vorgang ganz so, wie er stattgefunden, erzählte die Art und Weise der Uebergabe des Packets und dessen Verwahrung, bis zu dem Augenblicke der ihm noch immer rähselhaften Verhaftung. Aber gerade diese offene, freie Mittheilung, bereitete den unvermeidlichen Abgrund.
Für die Richter erhellte daraus, wenigstens nach ihrer Meinung, die unmittelbare Theilnahme des von Baerle, an dem angeblichen Verbrechen seines Pathen Cornelius von Witt.
Der Gefangene hatte bei dieser Aussage nicht nur allein das erwähnte Geständniß abgelegt, er fügte demselben noch einen kurzen, wahren Ueberblick seines ganzen Lebens und Treibens bei. Er berief sich auf die Aussage und Zeugnisse derjenigen, die ihn genau kannten, er erklärte den Richtern, daß er sich nie in seinem Leben Politik befaßt habe, er vertraute ihnen, wie sein ganzes Denken und Trachten, die angestrengteste Mühe bei Tag und Nacht, ja sogar sein Leben, nur einem Zwecke, derer Veredlung und Vervollkommnung der Tulpen gewidmet sei, und wie ihm sonst seine Umgebung und das Treiben der Welt nie im Mindesten bekümmert habe. Dann langte er bei dem Zeitpunkte an, in dem ihn Cornelius das Paket überreichte, gestand, daß er es, dessen Inhalt weder kennend, noch darnach fragend angenommen und verwahrt habe. Seid jenen Augenblick sei es aber weder berührt, noch von seinem zuerst eingenommen Platze auch nur um einen Zoll fortgerückt worden.
Gerade diesen Punkt, erklärten die Richter für eine Unmöglichkeit, da sich der bezeichnete Gegenstand an einem Orte befand, an dem Baerle alle Tage die Zwiebel der verschiedenen Tulpen zu ordnen und mit, Aufschriften zu versehen pflegte.
Cornelius gestand auch dieses zu, bemerkte aber, daß seine ganze Arbeit in dem genannten Fache nur darin bestand, die dort aufbewahrten Zwiebel zu untersuchen, ob sie trocken waren, zu welchem Behufe, er die Lade nur ein wenig zu öffnen, und die Hand hineinzugeben brauchte.
Hierauf warf man ihm ein, daß die angegebene Unkenntniß des ihm anvertrauten Gutes, nach Vernunftschlüssen unmöglich sei – denn er mußte beim ersten Empfange wenigstens halbwegs die Wichtigkeit deselben erfahren, um den zur Aufbewahrung nöthigen Platz darnach zu bestimmen.
Dieser Platz war die Trockenkammer. Das unverletzbare Heiligthum des Tulpenfreundes, das außer ihm kein Mensch betreten durfte.
Mithin hatte er einen der Wichtigkeit angemessen Ort gewählt.
Auch konnte Niemand aus dem vorerwähnten Grunde hiervon eine Kenntniß haben.
Cornelius erklärte hierauf, daß er seinen Pathen zu sehr liebte, und in seine Rechtschaffenheit einen zu hohen Werth legte, als daß es im jemals hätte einfallen können, einem von ihm gestellten Ansuchen nicht zu willfahren, oder aber nach dem Inhalte des ihm vertrauten Gegenstandes zu fragen.
Wenn aber Herr von Witt durchaus bezweckte, den van Baerle in gänzlicher Unkenntniß, des ihm übergebenen, und so äußerst wichtigen Aktes zu erhalten, meinten die Richter, so mußte er als Ehrenmann, noch mehr als nahe stehender Verwandter auch bedacht sein, ihn vor aller mit dem Besitze verbundenen Verantwortung und Unannehmlichkeit zu schützen.
Dieß konnte sehr leicht geschehen, wenn er dem Ganzen, ein ebenfalls versiegeltes Certificat, die hierauf bezügliche Erklärung enthaltend beifügte, oder wenigstens in den letzten Tagen seiner Gefangennehmung, auf jeden möglich eintretenden Fall gefaßt, den Täufling brieflich von der ferneren Verwendung der Papiere benachrichtigt hätte, ein Dokument, das ihm in dem vorliegenden Falle genügend zur Rechtfertigung gedient haben würde
Auch diese Gründe widerlegte Baerle durch Wiederholung mehrerer bereits früher gemachten Aussagen. Cornelius von Witt kannte sehr genau die Abgeschiedenheit seines Täuflings, er wußte, daß dieser sich nur mit der Wissenschaft ausschließlich beschäftige und der Politik gänzlich entfremdet sei. Dieser Umstand gewährte ihm einestheils eine reelle Sicherheit für sein Geheimnis, und ließ ihn zugleich schließen, daß selbst in einem Augenblicke der Gefahr, Niemand im entferntesten, bei dem nur durch seine Blumen bekannten, jungen Mann, dasselbe suchen werde. Auf seine Verschwiegenheit in eben demselben Maße bauend, konnte ihm daher auch nicht der bloße Gedanke an die Möglichkeit der Entdeckung beikommen, und diese Sicherheit ließ sodann jedes Certificat als überflüssig erscheinen.
Was den Brief in der letzten Zeit der Verhaftung des Ruart anbelangt, so gestand Baerle ebenfalls, er erinnere sich in dem Augenblicke, wo er einige Stunden vor seiner Gefangennehmung gerade mit der Prüfung einer neu entdeckten Tulpengattung beschäftigt zwar, aus dieser Arbeit durch einen heftigen Lärm im Vorzimmer aufgeschreckt worden zu sein. Kurz hierauf sei Craecke, der Diener des Johann Witt athemlos in sein Laboratorium gestürzt, habe ein zusammengelegtes Papier auf den Tisch, und von diesem die unschätzbaren Zwiebel der neuen Tulpe in der Hast herabgeworfen, und sei sodann wieder fortgeeilt.
Was in diesem Papiere gestanden, und zu welchem Zwecke Craecke es überbrachte, wisse er nicht, da er sich selbst nur nach den herabgefallenen Zwiebeln gebückt, diese aufgehoben, und nochmals sorgfältig untersucht habe.
Eben so wisse er nicht, was mit dem fraglichen Papiere geschehen sei, ja er glaube sogar, man müsse dieses bei einer genauen, sorgfältigen Untersuchung noch in der Trockenkammer finden.
Leider waren dies für die gegen den Gefangenen eingenommenen Richter keine genügenden Widerlegungen.
Man forderte offene, sichtliche Beweise oder Zeugen.
Und wo diese finden. Craecke war nicht in Haag, und aller Wahrscheinlichkeit nach, auch nicht mehr in Holland.
Der Brief, ein bloßes zusammengelegtes Papier, mußte bei der Verwirrung, die während der Gefangennehmung in Baerles Hause sicherlich herrschte, verloren gegangen sein, und man nahm sich daher auch gar nicht die Mühe, ihn zu suchen.
Dann hätte man deswegen nach Dortrecht schreiben müssen, was wieder einen den Richtern, weder wünschenswerthen noch angenehmen Aufenthalt der Verhandlung hervorgerufen hätte, besonders da es, allen Anschein hatte, man trachte dieselbe in der kürzesten Zeit ihrem Ende zuzuführen.
Aber auch Cornelius legte auf dieses Papier so keine besondere Wichtigkeit, da er es auf jeden andern Gegenstand beziehen, und nur mit dem Pakete in keine Verbindung bringen wollte.
Die Richter gaben sich nunmehr den Anschein, als wollten sie von besonderer Liebe für den Gefangenen, oder dessen hervorragende Eigenschaften ergriffen, demselben die Mittel zu einer bessern und gehaltvollern Vertheigung an die Hand geben. Dieses Benehmen, daß wir bis auf die neuest Zeit bei allen Gerichten zu beobachten Gelegenheit hatten, scheint eher auf einer durch ihr Alter sanktionirten, herkömmlichen Form zu beruhen. Man sucht dem Deliquenten in den letzten, peinlichen Augenblicken noch den Beweis der uns unbescholtenen Gerechtigkeit beizubringen, einer Gerechtigkeit, die so fest und unerschütterlich dasteht, daß sie selbst Rettungswege andeutet, vollkommen überzeugt ihr Opfer könne diese einschlagend, dem schweren Arme nicht mehr entgehen, oder, was aber seltener der Fall war, der Richter fand an der Qual des Unglücklichen, dem der Labetrunk so entfernt gereicht wurde, daß er ihn nie erhaschen konnte, ein eigenes Wohlgefallen. Hier war wohl keines von beiden der Fall, die Richter waren instruirt, man nahm den Akt vor, um die Heiligkeit des Gesetzes, die ihr erster Träger, noch am vorhergehenden Tage mit Füssen getreten hatte, zu wahren, und wartete nur geduldig, bis der Angeklagte zu sprechen aufhörte, um sodann den bereits halbdurchsägten Stab, ganz zu brechen.
Baerle durchblickte dies Gewebe von erkünstelter Heuchelei, und entwürdigender Protektion sogleich, sein Stolz empörte sich, nach einem ohnedies ganz unnützen Mittel zu haschen, und in einer lebten, kräftigen Antwort bewahrte er seinen Seelenadel und seine Manneskraft.
»Meine Herrn, Sie fordern eine freie, wahre und ungeschmückte Mittheilung über einen Thatbestand, dessen Einzelheiten ich im Verlaufe dieses Verhöres, bereits mit der größten Klarheit darzuthun mich bemühte. Ich fasse aber, um allen weitern Fragen, und den Ihnen nie genügenden Antworten auszuweichen, das Ganze nochmals in wenigen Worten zusammen und erkläre daher.
»Das Paket ist mir auf die bereits erwähnte Art von meinem Taufpathen, Cornelius von Witt, mit dem Auftrage, es für ihn zu verwahren, übergeben worden. Ich habe es ohne alle Frage übernommen, und auf den Ihnen ebenfalls bekannten Platze, sorgfältig, aufbewahrt. Im Angesichte Gottes, und vor Ihnen Richter, schwöre ich aber zugleich hier:
»Daß mir der Inhalt dieses Pakets vollständig unbekannt war;
»Daß ich erst durch Sie erfuhr, er habe die Correspondenz des Herrn Johann von Witt, mit dem Marquis de Louvois enthalten;
»Daß mir die Art und Weise der Entdeckung dieses Geheimnisses unbekannt, und endlich: auch unerklärbar ist, wie man es in meiner Trockenkammer, dem Heiligthume, das sonst Niemand zu betreten wagte, nur vermuthen konnte.«
In diese Worte schloß Cornelius den ganzen, Bereich seiner Vertheidigung.
Nunmehr begann die Berathung der Richter.
Sie erwogen haupsächlich:
»Ein jeder Keim bürgerlicher Uneinigkeit, sei dieser anscheinend auch noch so geringfügig und klein, ist die Grundlage aller verheerenden Kriege, und muß daher schon in seinem Entstehen kräftig unterdrückt werden, und die Interessen der Gesellschaft aufrecht zu erhalten.
Baerle, dieser anscheinend phlegmatisch kalte, nach seiner Aussage der Politik ganz entfremdete junge Mann, konnte unter diesem Deckmantel sehr leicht die furchtbarsten Empfindungen, das Streben, seine Anverwandten, denen er mit warmer Liebe anhing, deren, trauriges Loos er sicher bedauerte und ungerecht fand, auf eine blutige Weise durch eine gewaltige Staatsumwälzung zu rächen.
Er ist ein Blumenfreund, er widmet sein ganzes Dasein ausschließlich der Veredlung und Vervollkommnung der Tulpe. Ganz recht, aber gerade dieser Punkt muß besonders in’s Auge gefaßt, und ernsthaft behandelt werden. Eben so wie er uns hier durch sein Phlegma rund seine erkünstelte Ruhe zu täuschen versucht, wendet er das gleiche Mittel der Welt gegenüber an. Unter dem Vorwande, seine Blumen zu pflegen, erbaut er sich abgeschlossene, geheimnißvolle Appartements in seinem Hause, zu denen, wie wir es auch gesehen haben, außer den Eingeweihten, Niemand der Zutritt gestattet wird. Um es nicht auffallend zu machen, treibt wirklich einer seiner Diener die Blumenzucht, während er in dem geheimen Raume Umsturzpläne schmiedet. Und überhaupt darf man ja nur die Geschichte etwas genauer durchforschen, so findet man eine Unzahl ganz gleicher, ja noch minder schuldiger Erscheinungen.
So pflanzte z. B. der von Rom verwiesene Tarquinius Priskus zu Gobii Mohnpflanzen, während er in demselben Augenblicke über die Mittel zu einer gewaltthätigen Wiederkehr nach Rom sann, und der große Condé begoß im Thurme zu Vincennes, seine Nelken, in einem Augenblicke, wo Niemand in seiner schuldlosen Miene, die nahestehende Ausführung, der sorgfältig überlegten Flucht geahnt haben würde.
Nach allen diesen reifen oder unreifen Berathungen, über die wir uns kein weiteres Urtheil erlauben (dies dem Ermessen des Lesers überlassend), stellte der hochweise Rath nachstehendes Dilemma auf.
»Cornelius von Baerle hat ausgesprochen, er hasse die Politik, und liebe nur die Tulpen allein. In beiden Fällen hat er uns handgreiflich belogen.
»Er liebt die Politik, das beweisen die bei ihn gefundenen Papiere.
»Er liebt aber auch die Tulpen, dafür bürgt die ungeheuere Anzahl von Zwiebeln dieser Blumengattung, die man in seiner Wohnung zu bemerken Gelegenheit hatte.«
»Er beschäftigt sich mit beiden Gegenständen zugleich, er hat beide auf einen hohen Grad von Vollkommenheit gebracht, und dadurch die um so mehr zu fürchtende Kraft seines Geistes beurkundet.
»Van Baerle ist demnach ein Zwitterding oder sucht wenigstens, als dieses zu erscheinen, um der einen Partei in ihren Plänen als Oberhaupt kräftig voranzugehen, und der andern seine Unschuld weiß zu machen. Er gehört demnach, als eines der gefährlichsten Glieder in diesem jener Leute, die den Umsturz aller bestehenden Ordnung beabsichtigen, und zur Erreichung dieses Zweckes, dieselben Mittel anwenden, in denen ihnen ein Tarquinius und ein Condé mit dem Beispiele vorangingen.«
Und das glänzende Endresultat all’ dieser Schlüsse und Berathungen war die Ueberzeugung, daß der Prinz Statthalter von Holland, den Richtern und dem Magistrate der treuen Stadt Haag, für ihre eifrigen Bemühungen, den Keim jeder möglichen Revolution zu unterdrücken, den innigsten und wärmsten Dank zollen werde.
Dieser Schluß überwog alles Andere, die Richter neigten ehrfurchtsvoll das Haupt, und verfaßten das Urtheil.
Es lautete:
»Zum Tode.«
»Nachdem Cornelius van Baerle, zu Dortrecht geboren, und auch daselbst ansässig, unter dem Vorwande, sich ausschließlich mit der Tulpenzucht zu beschäftigen, an den geheimen, schädlichen, dem Umsturz des Staates bezweckenden Umtrieben, den innigsten und wärmsten Antheil nahm, und sich mit dem sogenannten Verräther, an allen, von ihm mit Frankreich gesponnenen, abscheulichen Intriguen und Complotten unzertrennlich verband, so wird derselbe, als ein der Gesellschaft und dem Lande höchst gefährliches Individuum, vermöge rechtlichen Erkenntniß und Urtheilsspruch mit heutigem Tage zum Tode verurtheilt.
Besagter Cornelius van Baerle hat sonach aus seinem Gefängnisse im Buytenhoff auf dem gleichnamigen Richtplatz geführt zu werden, und es ist ihm dort durch den Nachrichter auf dem hierzu bereits aufgestellten Schaffote, der Kopf vom Rumpfe zu trennen.«
Diese Berathung war wichtig gewesen. Sie währte eine ganze halbe Stunde, während welcher Baerle in sein Gefängniß zurückgeführt worden war.
Aus seinen ernsten Betrachtungen störte ihn der Actuarius, der eben kam, ihm das Urtheil vorzulesen.
Gryphus, durch ein eingetretenes Wundfieber verhindert, an diesem für ihn sonst höchst ergötzlichen Schauspiele, als mitwirkende Person theilnehmen zu können, übergab seine wichtige Stelle einem andern Diener, in dessen Begleitung der Actuarius vor dem Gefangenen erschien.
Er las.
»Leser, hast Du schon einmal einem solchen Acte beigewohnt, und Dir die Mühe genommen, die Mienen des Verkünders, und jene des Verurtheilten zu studieren?«
»Dann weißt Du Alles, dann hast Du gefühlt, wie eisig kalt der Mensch seinem Bruder den Tod gibt, wie schmerzhaft er empfangen wird.«
Sahst Du es nie, dann ist jede Erklärung unnütz.
Baerle hatte alles erwartet und vorhergesehen, mit kalter Ruhe hörte er dem Vorleser zu. Aber unter diese rauhe, kalte, einförmig tönende Stimme, mengten sich gleich den süßen Klängen einer höheren himmlischen Welt, leise Klagen, unterdrücktes Schluchzen.
Baerle blickte forschend nach der Richtung dieser heiligen, himmlischen Töne. Da fiel sein Auge durch, die offen gebliebene Thüre, auf die am Rande der Treppe stehende, den zitterndem wankenden Körper auf das Geländer gestützte Tochter des Kerkermeisters
Ihr Gesicht hatte sie mit dem Tuche bedeckt, ihr Busen wogte stürmisch, sie war aufgelöst, aber selbst im Zustande des tiefsten Schmerzes erhaben schön, ein Bild der höhern Welt, ein dargereichter himmlischer Zweig der ewig grünen Hoffnung.
Aus seinen Träumen, aus seinen himmlischen Träumen, weckte ihn die Frage des Actuarius, der so eben die Vorlesung beendet hatte.
»Habet Ihr vielleicht etwas dagegen einzuwenden.«
»Nein, antwortete Cornelius ruhig und würdevoll. Aber nur Eines erlaubt mir zu bemerken: »Unter allen möglichen Ursachen, die meinem Tod auf natürlichem Wege, oder auf eine unvorbergesehene Art herbeiführen konnten, wäre mir diese nie wahrscheinlich, viel weniger also, so erschienen, wie sie sich dermalen wirklich gestaltet hat.
Der Actuar beachtete diese Worte nicht.
Er hörte sie an, weil dies mit den Obliegenheiten seines Amtes in unzertrennlicher Verbindung stand, dann, verneigte er sich mit jener Würde, die diese sonst stolzen Menschen nach einem solchen Acte stets selbst gegen dem schwersten Verbrechen beobachten.
Schon nahte er der Stiege, schon war der neue Gefangenenwärter im Begriffe, die Thüre zuzuschließen, als Cornelius den Beamten nochmals nachrief.
Dieser blieb stehen und wandte sich.
»Glaubet mir, mein Herr, entweder vergaßt Ihr oder ich es, an welchem Tage, das mir kundgegebene Urtheil vollstreckt werde.«
»Heute noch,« sprach der Actuarius, die Ruhe des Deliquenten bewundernd.«
»Ein lauter Schrei ertönte vom andern Ende des Ganges.
Cornelius bog sich vor, auch der Actuarius spähte nach derselben Seite, aber es war unmöglich, irgend einen Gegenstand zu entdecken.
Cornelius wandte sich wieder an den Actuar:
»Um welche Stunde findet die Execution statt?«
»Um die Mittagsstunde.«
»Um die Mittagsstunde, sagt Ihr. Vor wenigen Minuten schlug es eben zehn Uhr, ich muß mich beeilen, da habe ich keine Zeit mehr zu verlieren.«
»Ihr wollt Euch wahrscheinlich mit Gott versöhnen, ja, mein Herr, da thut Ihr recht daran, wählt Euch einen Geistlichen nach Euerem eigenem Belieben.« Dann neigte sich der Actuarius mit dem Kopfe beinahe bis zur Erde, und eilte über die Stiege hinab.
VI.
Cornelius van Baerles Testament
Der Actuar hatte das Gefängniß verlassen, der Stellverteter des Gefangenenwärters war so eben im Begriffe die Thüre zuzuschließen, als ein runder, weißer, zarter Arm, zwischen dieser und der Mauer sichtbar wurde, und das Abschließen unmöglich machte.
Die Thüre wurde hierauf noch etwas mehr geöffnet, und jetzt erschien die Rückenseite einer goldenen Haube, mit den tief herabhängenden Zipfeln, der feinen weißen Spitzen, dem so eigenthümlichen Kopfputz der friesischen Bürgermädchen; dann hörte Baerle ein leises Geflüster, sah, wie der Diener wohl etwas zaghaft und überlegt, den schweren, eisernen Schlüssel der zarten Hand überlieferte, mit Kopfschütteln auf die zweite Stufe der Treppe trat, sich dort niederließ, und eine Stellung einnahm, die es ihm leicht möglich machte, den ganzen Gang zu übersehen, während der noch immer murrende Hund, die Aufgabe erhalten zu haben schien, das Souterain zu bewachen.
Die goldene Haube, eigentlich mehr der Gegenstand, dem sie zur Ausschmückung diente, machte eine rasche Wendung, und Cornelius sah seine Ahnung erfüllt. Rosa stand vor ihm.
Aber wer beschreibt den Ausdruck dieses vor Kurzem noch so lieben, zarten Antlitzes. Jeder Schimmer der Ruhe war aus demselben gewichen, die Wangen blaß und eingefallen, die Stirne gefurcht, das zarte himmlische Auge, früher glänzend wie ein Stern, jetzt matt und mit einem rothen Ringe eingefaßt, alles beurkundete die außerordentliche Gemüthsaufregung, den Schmerz, der in diesem sonst reinen Innern wüthete und tobte.
Langsam und wankend schritt das Mädchen auf Cornelius zu, ihre linke Hand auf das wogende, hochklopfende Herz gelegt.
»Armer, armer Herr,« sprach sie, und zugleich brach der mit Mühe zurückgehaltene Thränenstrom so heftig hervor, daß sie sich unfähig fühlte weiter zu sprechen.
»Was wünscht Ihr? drückt Euch in wenig Worten aus, mein liebes, gutes Kind. Kurz ist die Zeit, die ich noch zu leben habe.«
Mit, von Seufzern unterbrochener, von Thränen erstickter Stimme, schluchzte Rosa:
»Ja, mein Herr, ich bin gekommen, um mir von Euch eine Gunst, eine unendliche große Gunst zu erbitten.«
»Tröstet Euch, mein liebes Kind, und weint nicht mehr, Eure Thränen ergreifen mich so unendlich tief, ich fühle, daß mein Muth wankt, meine Kraft bricht. Und doch soll ich muthig, kalt und entschlossen dem Tode entgegehen, denn ich bin ja unschuldig, die Menge muß die gleiche Ueberzeugung erhalten, sie muß sehen, wie der Märtyrer stirbt. Sammelt darum auch Euere Kraft, tretet ruhig mir entgegen, und sprecht ganz offen, was Ihr wünscht.«
Rosa sank auf ihre Knie, die Hände faltend, das thränenfeuchte Auge zu Baerle erhoben, sprach sie:
»Vergebt meinem Vater!«
»Euern Vaters wie kommt Ihr auf diese ganz unerwartete Idee?«
»Ja, er ist so rauh, so brutal gegen Euch gewesen. Glaubet ja nicht, irgend eine Persönlichkeit gegen Eure Anverwandten, oder auch gegen Euch allein habe dies Benehmen hervorgerufen. Nein, es liegt in seiner Natur, er nimmt keinen der Gefangenen, wer er auch immer sein möge, aus, er behandelt Alle ganz gleich, ganz auf dieselbe Art.«
»Wie könnt Ihr glauben, daß ich jetzt, wo ihn ein so schwerer, harter Unglücksfall traf, wo er gewiß von Schmerzen gepeinigt, auf seinem Bette liegt, nur den mindesten Groll gegen ihn haben könnte.«
»O, ich danke Euch, danke Euerm edlen, hohen Herzen. Aber jetzt sprecht, sprecht auch Ihr, was ich für Euch in den wenigen Stunden noch thun kann, gebt mir Gelegenheit, meine unbegrenzte Dankbarkeit an den Tag zu legen.«
»Trocknet Euere schönen Augen, nehmt Euere frühere Heiterkeit wieder an, das ist mein ganzer Wunsch.«
»Und sonst nichts, glaubt Ihr, daß ich gar nichts für Euch thun könne?«
»Was sollt ich noch verlangen. Ich, der ich kaum mehr eine Stunde zu leben habe. Liebes Kind, in einem solchen Augenblicke, da schwinden alle Wünsche und Anforderungen.«
»Wollt Ihr also nicht wenigstens den Diener des Herrn empfangen, den Euch der Actuarius in dem Augenblicke seines Scheidens antrug.«
»Treu und unverwandt, den mir selbst auferlegten Berufspflichten nachkommend, die Gesetze der Gesellschaft stets ehrend und sie befolgend, hatte ich mein ganzes Leben Gott vor Augen. Ich betete den Allmächtigen inbrünstig, demüthig im Staube an, ich bewunderte ihn in seinem hohen Wirken, ich schaffte selbst in der Veredlung der Natur erhabene, eines hohen Geistes, würdige Werke. Darum, mir keiner Schuld bewußt, danke ich für den mir dargebotenen geistlichen Beistand, wandere ruhig, den Seelenfrieden in meiner gottgeweihten Brust auf das Schaffot. Aber hier in meinem letzten Augenblicke last mich den Schöpfer noch verehren, kommt, thut es mit mir, und helfet mir bei der Ausführung meines letzten Wunsches.«
»O! sprecht, sprecht, Herr Cornelius, Ihr habt über mich nur zu gebieten.«
»Nicht mir Euere liebe, schöne Hand, und versprecht mir zugleich, daß Ihr, der Euch gemachten Mittheilung so sonderbar diese auch klingen mag, vollen Glauben schenken, und während derselben Eueren ganzen Ernst beibehalten werdet.«
»Wie? ich meinen Ernst beibehalten? O! Cornelius, seht mich an, könnt Ihr glauben, daß in diesem heiligen Augenblicke eine andere Stimmung in mir entstehen würde.
»Ja, meine liebe, unvergleichliche Rosa, ich habe Euch angesehen, mit meinem physischen und geistigen Auge, und jetzt, wo nur ein ganz unbedeutender Zeitraum mich noch von der Ewigkeit trennt, gestehe ich Euch, daß mir in diesem Leben noch kein schöneres Mädchen, keine reinere, unschuldsvollere Seele begegnete. Vergebt mir daher auch, wenn ich meinen Blick abwende, ich möchte, in das Jenseits so wenig als möglich Erinnerungen an theuere Gegenstände mitnehmen.«
In demselben Augenblicke schlug auf dem Thurme des Buytenhoffs die elfte Stunde.
Rosa schrack mächtig zusammen.
Auch Cornelius hatte es gehört.
»Noch eine Stunde, ja beeilen wir uns, die Zeit dürfte sonst zu kurz werden.«
Hierauf zog er aus seiner Brustasche, das uns wohl bekannte Papier, in welchem der ungeheuere Schatz verborgen lag, und sprach ernst und würdevoll:
»Mein liebes Kind, wisset denn, daß ich den größten Theil meines vielfach bewegten Lebens, nur einem Gegenstande, der Blumenzucht widmete. Unter den herrlichen Gebilden dieser reizenden Farbenwelt, wählte ich besonders die Tulpe, weihte dieser würdevollen Erscheinung mein ganzes Augenmerk, und brachte es durch, unausgesetzte Versuche so weit, eigene bisher noch ganz, unbekannte Gattungen zu erzeugen. Ich widmete diesem Gegenstande zugleich meine ganze Liebe, ich ahnte ja bisher nicht, daß mich noch sonst etwas auf dieser, mir ganz gleichgültigen Welt anziehen und mächtig fesseln könne. Deutet meine Worte ja nicht falsch, es würde mir in dem letzten Augenblicke meines Lebens, vor dem nahen Gange zum Tode nie einfallen können, eine Empfindung, die in meinem Innern bei Eurem ersten Anblicke entstand, näher zu erklären.«
Nach einer kleinen Pause, seine ganze Kraft wieder sammelnd, fuhr Cornelius fort:
»Die Gesellschaft der Tulpenfreude zu Harlem hat zu Anfange dieses Jahres, auf die Entdeckung der großen, schwarzen, steckenlosen Tulpe den Preis von einmal hundert tausend Gulden gesetzt. Meinen rastlosen, jahrelangen Versuchen, meiner angestrengtesten geistigen Thätigkeit und unausgesetzten Experimenten, ist es endlich gelungen, durch Zusammensetzung die Zwiebel dieser bisher noch nicht bekannten Blume zu entdecken. Hier in diesem Papier sind drei derselben enthalten, mit ihnen wird der genannte Preis gewonnen, er gehört euch Rosa, denn ich mache Euch in diesem Augenblicke das Kleinod zum Geschenke.
»Wie? was wollt Ihr thun, Herr Cornelius?«
»Nehmt, nehmt sie nur ohne viel nachzudenken, ohne viel zu überlegen. Macht Euch auch kein Gewissen daraus, ich bin reich, habe weder Vater noch Mutter, kein liebender Bruder, keine Schwester wird meinen Loß beweinen. Allein in der Welt dastehend, hatte ich bis jetzt Niemanden, dem ich die heiligsten Gefühle meines Herzens widmen konnte, und wenn Jemand es mir that, so wußte ich wenigstens bis zu diesem Augenblicke nichts davon. Und auch jetzt in dieser entscheidenden Minute, nur noch wenige Augenblicke mit der Welt in Verbindung, ist außer Euch keine Seele in meinem trüben einsamen Kerker, die meinen Schmerz theilen, von mir Abschied nehmen würde.«
»Aber Herr Cornelius, bedenket nur einmal hundert tausend Gulden —«
Laßt uns ernstlich sprechen, mein liebes Kind, hundert tausend Gulden ist eine schöne runde Summe, die Euch in Euern Alter sehr angenehm überraschen muß.«
»Ihr könnt Euerer Sache so gewiß und sicher sein, als ich es selbst bin. Diese drei Zwiebel müssen, nach meiner innerlichen festen Ueberzeugung; die große schwarzes Tulpe hervorbringen. Ihr seid gerade in jenen Stadium des Lebens angelangt, wo das weibliche Herz so gern die ihm dargebrachten Huldigungen aufnimmt. Ihr werdet Euch verehelichen, aber versprecht mir zugleich nur jenem Manne die Hand zu reichen, dessen, edles, reines Herz Ihr vollständig erprobt habt, der Euch durch das ganze Leben glücklich machen kann. Unterbrecht mich jetzt auch nicht mehr, laßt mich ungestört noch Alles sagen, was ich sagen muß, denn die Zeit ist kurz, sehr kurz nur«
Rosa stand, die Augen mit den Händen bedeckt, schluchzend und zitternd da.
Baerle erfaßte ihre Hand.
»Jetzt hört mich ruhig an. Ich will Euch noch die Vorschriften genau mitheilen, die Ihr beobachten müßt, um die Blume vollständig aufzuziehen. Zuerst geht Ihr nach Dortrecht, und verlangt von meinem Gärtner Brutisheim, die schwarze Erde aus der Rabatte Nr.6, diese thut Ihr in einen großen Topf, setzt die Zwiebel hinein, und im nächsten Frühjahre, von nun an also in sieben Monaten, wird die schwarze Tulpe erblühen. Sobald dies geschehen ist, trachtet Ihr, sie so, viel als möglich des Nachts vor dem Winde zu schützen, und bei Tage eine zu starke Sonnenwärme abzuhalten, Sie wird schwarz, wie das reinste glänzende Ebenholz erblühen, dessen bin ich ganz gewiß. Hat nun die Blume ihre größere Vollendung erhalten, so macht Ihr unverzüglich nach Harlem hiervon die Anzeige. Der Präsident der Gesellschaft wird sodann eine Commission absenden, diese die Tulpe untersuchen, und Euch ganz gewiß den ausgeschriebenen Preis, von einmal hunderttausend Gulden bezahlen.
Rosa seufzte tief und hörbar.
Dann fuhr Baerle fort, sein feuchtes, schmerzerfülltes Auge auf die in der Hand haltenden Zwiebel heftend, »wird diese neue wunderbare Entdeckung allsogleich ausposaunt werden, ganz Europa von Staunen erfüllt, wird fragen, wie die seltene Blume heiße. Zu diesem Behufe tauft Ihr sie, noch bei Anwesenheit der Commission, Rosa Barlaensis. So trägt sie Euren und meinen Namen zugleich, um einst der Nachwelt die traurige Begebenheit mitzutheilen, die mich aus dem Kreise meines Forschens und Denkens schuldlos auf das Schaffot führte. Es ist aber leicht zu vermuthen, daß Euch die beiden lateinischen Namen entfallen dürften, darum seid so gut, und verschafft mir Papier und Bleistift, damit ich sie Euch aufschreibe.«
Rosa trat bei diesen Worten zu dem, in einer Ecke stehenden runden Tisch, der von Baerle bisher noch gar nicht beachtet wurde. Von hier nahm sie ein großes dickes Buch, das mit einer Stahlschließe versehen war, und auf dessen Einbande sich ebenfalls in einer gleichen Einfassung die Buchstaben C. und W. Befanden.
»Was bedeuten diese zwei Buchstaben?« fragte Baerle, das Buch aufmerksam betrachtend.
»Es ist die Bibel Eures Pathen, des edlen Cornelius von Witt. Sie war das Einzige, was er mit im sein Gefängniß brachte, es ist jenes wunderbare Buch, aus dem er während der heftigsten Qualen, darin aufmerksam lesend, göttlichen Trost, Kraft und Ruhe schöpfte. Als er fortging, machte er es mir zum Geschenke, ich ließ dies Heiligthum noch unberührt auf seinem früheren Platze ruhen. Aber jetzt überreiche ich es Euch, nicht damit Ihr denselben Trost, dieselbe, Ruhe daraus schöpfen nein? denn die wohnt mächtig in Euerer reinen Brust, die hat Gott schon in Euere Seele in Euer Herz gesenkt, nein, ich gebe sie Euch nur, damit Ihr darin Euern Willen niederschreibt, der, wenn ich gleich nicht lesen kann, pünktlich und genau vollzogen werden soll.«
Cornelius nahm das Buch, drückte es, mit zum Himmel gerichteten Blicke, an sein Herz, und. dann an seine Lippen.«
»Womit soll ich aber schreiben?« fragte er nach einer kleinen Pause.
»Es muß ein Bleistift darinnen sein. Ich sah ihn wenigstens früher unter dem Deckel liegen, und seitdem hat Niemand das Buch berührt.«
Es war dies derselbe Bleistift, den Johann seinem Bruder Cornelius, gereicht hatte, um jenen uns bereits bekannten Brief an Baerle zu schreiben.
In der Eile hatte Witt ihn in der Bibel vergessen.
Baerle erfaßte denselben, dann die Bibel aufschlagend, schrieb er auf das letzte Blatt, da das erste, wie bekannt, nicht mehr da war, mit fester, sicherer Hand:
»Haag am 23. August 1672.
»Vollkommen Herr meiner Sinne, und eben auf dem Punkte, ganz schuldlos mein Leben mit dem Jenseits zu vertauschen, und es nach dem Aussprache der Richter auf dem Schaffote zu enden, vermache ich, das einzige mir von meinem Vermögen, und sonstigen, der weltlichen Behörde anheimfallenden Besitzthum gebliebene Gut, der Rosa Gryphus, Tochter des Gefangenenwärters im Buytenhoff. Dieses besteht in drei Zwiebeln, welche nach meiner vollen Ueberzeugung im Frühlinge des nächsten Jahres, die große, schwarze Tulpe hervorbringen müssen. Die Gesellschaft der Tulpenfreunde zu Harlem, hat auf die Entdeckung dieser für unmöglich gehaltenen Blume, den Preis von einmal hundert tausend Gulden festgesetzt, welcher somit durch dieses Geschenk an die genannte Rosa Gryphus ebenfalls übergeht. Ich stelle hierbei nur eine einzige Bedingung, nämlich: meine Erbin hat sich nach Erhalt dieser Summe mit einem jungen, braven und rechtlichen Manne zu verehelichen, und die große, schwarze Tulpe mit den beiden Namen, Rosa Barlaensis zu taufen, das heißt nämlich, meinen und ihren Namen in Verbindung, als Erinnerung meines traurigen und schuldlosen Endes. Gott möge sie beschützen und segnen, so wie er meiner armer Seele gnädig sei.
»Cornelius van Baerle.«
Hierauf übergab er die Bibel an Rosa.
»Leset.«
»Ich sagte Euch ja schon, daß ich nicht lesen kann.«
»Cornelius nahm das Buch wieder zurück, und las mit klarer, ruhiger und fester Stimme das Testament vor, die besonders wichtigen Stellen desselben scharf betonend.«
Der kaum versiegte Thränenstrom brach mit neuer Macht hervor.
Cornelius hatte geendet, sein schwermüthiger Blick fiel auf das auch in ihrem tiefen Schmerze reizende Kind. Er erfaßte ihre Hand, und die Spitzen der seinen zarten Finger küßend, fragte er leise:
»Nun, nehmt Ihr Alles an, was ich geschrieben habe?«
»Nein, nein, nein, das kann ich nicht thun.«
»Ihr könnt es nicht thun, und warum nichts«
»Weil eine Bedingung vorkommt, die ich nie erfüllen werde.«
»Nennt mir diese Bedingung, ich glaubte dem frühem Uebereinkommen gemäß, alles deutlich zusammengefasst zu haben.«
»Ihr vermacht mir die hundert tausend Gulden als Mitgift?«
»Ja.«
»Ich soll dann denjenigen Mann, den ich lieben werde, heiraten?«
»Das sind meine Worte.«
»Nun, so wisset denn, daß ich eben dieser Bedingung wegen, das Geschenk nicht annehmen kann, denn ich werde nie Jemand lieben, und mich auch nicht verehelichen.«
Ihre Wangen wurden noch blasser, ihre Knie wankten, sie zitterte heftig, und einer Ohnmacht nahe, suchte ihre behende Hand nach einer Stütze.
Cornelius sprang hinzu, um ihr Hilfe zu leisten. In demselben Augenblicke ertönte aber auf der Stiege ein starkes, anhaltendes Geräusch, und mehrere Stimmen, die sich langsam dem Gefängnisse näherten:
Rosa erhielt ihre verlorenen Lebensgeister, die ganze Kraft wieder. Sie schrack heftig zusammen.
»Hört Ihr, sie kommen, um Euch abzuholen. O sprecht, sprecht, wenn Ihr mir noch etwas zu sagen habt.«
Dann sank sie vor Cornelius auf die Knie, und ihren Kopf in die Hände bergend, kämpfte sie zwischen Wahnsinn und Verzweiflung.
»Befolget das Einzige, um was ich Euch so inständig gebeten habe. Wartet und pflegt die Blume, ich lege sie Euch, wie mein eigenes Kind an das Herz. Nehmt verwahrt sie wohl, sonst habe ich Euch nichts zu sagen.«
»Alles, alles was Ihr gesagt habt,« rief Rosa den Kopf erhebend, alles will ich thun, jedem Wunsche genau nachkommen, nur einen, einen kann ich nicht erfüllen.«
Sie ergriff hastig das ihr dargereichte Papier und verbarg es in ihrem wogenden Busen.
In demselben Augenblicke erschien der Actuar auf der Treppe von Soldaten und Wachen umgeben. Die letzteren zugleich zur Bewachung des Schaffotes bestimmt, bildeten längst der Stiege Spalier, und hielten jene, bei solchen seltenen Gelegenheiten herbeigelockte, gewöhnlich zahlreiche, neugierige Menschenmenge in der Hausflur zurück.
Cornelius empfing die Gerichtspersonen mit ruhiger Würde und edler Haltung. Er sah ihren gewöhnlichen Formeln und Vorbereitungen mit gleicher Kälte zu, und legte in sein Benehmen gegen dieselben den Ausdruck der Freundschaft.
Er warf noch, kurz nachdem man ihm bedeutet hatte den Wachen zu folgen, einen flüchtigen Blickt durch das Fenster auf den Buytenhoff. In der Mitte desselben stand das, in so kurzer Zeit beinahe, wie aus der Erde hervorgezauberte Schaffot, und hinter demselben noch immer jener furchtbare Galgen.
Aber die Ueberreste der beiden Brüder Witt , die den Unglücklichen noch am Morgen beinahe zur Verzweiflung gebracht hatten, waren verschwunden.
Auf Befehl des Statthalters hatte man sie vor wenigen Augenblicken weggenommen, unter Begleitung einer erboßten, drohenden Menge, ruhig und ohne Ceremoniell bestattet.
Cornelius befolgte den ihm gegebenen Wink. Der ganze Zug setzte sich in Bewegung. Von Hellebarsdier’s und Soldaten umringt, schritt der Verurtheilte, mit mildem, verklärten Antlitze, der Stiege zu. Sein spähendes Auge suchte die dicht gedrängte Masse zu durchdringen, es forschte nach irgend einem theuern Gegenstand. Aber Alles war vergeblich. Erst in der Hausflur angekommen, sah er, auf einer durch eine Wölbung gedeckten, hölzernen Bank, einen Körper leblos dahingestreckt liegen.
Und an diesem Körper befand sich ein todtähnliches, mit schwarzen, langen, ausgelösten Haaren überdecktes Gesicht.
Rosa war an dem bezeichneten Platze, ohnmächtig niedergefallen. Aber gleichsam, als wolle sie das ihr anvertraute Kleinod gegen jeden Angriff, selbst im Augenblicke ihrer Bewußtlosigkeit schützen, fuhr sie mit der Hand auf die Brust, und hielt die unter dem Corsett verborgenen Zwiebel, mit den krampfhaft geschlossenen Fingern fest.
Cornelius sah sie, sah, wie aus der Hand ein kleines, gelbes Stückchen Papier hervorblitzen., sein Auge senkte sich einen Augenblick, aber bald wieder Kraft gewinnend, schritt er ruhig weiter.
Und jenes gelbe Blatt?
Der Leser kennt es, weiß, daß darin die wenigen Zeilen verborgen lagen, die, ein Menschenleben, und eine wunderbare, noch nie gekannte Tulpe gerettet hätten.
VII.
Die Execution
Von dem Kerker über den Gefängnißhof, und durch diesen, bis zum Schaffot, waren beiläufig dreihundert Schritte Entfernung.
Der Hund lag am Eingange von seiner Kette befreit.
Cornelius blickte ihn im Vorbeigehen an, es schien ihm, als habe dessen noch vor Kurzem mit Blute unterlaufenes Auge, den Ausdruck von Schmerz und Gefühl angenommen.
War dies auch so unmöglich?
Der natürliche, beim Thiere besonders im hohen Grade ausgebildete Instinct ließ diesen sehr leicht unterscheiden, welchen Weg der Gefangene einschlage. Bei demjenigen, der zum Schaffote ging, hörte seine Thätigkeit auf, wenn hingegen ein Anderer das Gefängniß frei verlassen konnte, da tobte die Wuth dieser Bestie, gleichsam, als sei ihm der Schluß, durch welchen ihm ein sicheres Opfer geraubt wurde, nicht recht.
Je kürzer der Weg zum Schaffote wurde, desto stärker und größer war der Andrang der Menschenmenge.
Es waren dies dieselben Wüthenden, die am Tage vorher zwei blutige Opfer auf dem Altare ihrem Götzen, einer furchtbaren, düstern, unerklärbaren Idee dargebracht hatten.
Sie erwarteten ein neues, anziehendes Schauspiel.
Cornelius trat so eben durch das Thor auf den Platz.
In demselben Augenblicke ertönte das Wuthgeheul der Menge. Wie ein langsam erhobener Windstoß breitete es sich vom Gefängniß über den ganzen Platz aus, und wiederhallte in allen auf denselben führenden Straßen, die ebenfalls mit Neugierigen angefüllt, einer gleichen Anzahl in den Buytenhoff mündender Ströme glichen.
Das Schaffot stand da, wie eine Insel, die gegen die mächtig andringende Fluth im rastlosen Kampfe begriffen ist.
Cornelius beachtete gar nichts, was um ihn vorging. Er hatte seine Seele zu Gott gewendet, und verlor sich ganz in die, ihm seit seiner frühesten Kindheit eingeprägten religiösen Lehren.
Und worin bestanden wohl die Gedanken des Schuldlosen, der mit ruhiger Ergebung seinem traurigen Schicksale entgegen ging?
Er blickte empor zum himmlischen Jenseits. Dort sah er die Herrlichkeit des Paradieses, er erkannte Gott, das unendliche System das diese Welten leitet und regiert, er sah sich selbst ein geistig höheres Wesen, in Gesellschaft der Gerechten. Und von diesem erhabenen Sitze, blickte er vereint mit Cornelius und Johann von Witt, den glorreichen Märtyrern, herab zur sturmbewegten Erde, mitleidsvoll denen Vergebung zuflüsternd, die ihren Tod so blutig vollzogen.
Dann dachte er sich einen blühenden, ewig grünenden Garten.
Und in diesem erglänzte eine majestätische Blume.—
Die große, schwarze Tulpe.
Bald sollte sein Traum beginnen. Ein einziger glücklicher Schwertstreich des Henkers, und er war nicht mehr.
Aber bei diesem Gedanken erwacht doch auch wieder der schwache, empfindsame Mensch.
Wird aber dieser Streich auch glücklich ausfallen? und nicht so, wie bei Herrn von Chalais oder bei Herrn von Thou, und hundert andern, unter unsäglichen Martern hingerichteten Personen.
Einen Augenblick umdüsterte dieser Gedanke seine Seele. Aber ebenso schnell kehrte Kraft und Entschlossenheit zurück.
Mit festem Schritte, ohne im mindesten zu wanken oder nur zu zittern, bestieg er das Schaffot.
Das Bewußtsein seiner Unschuld, dieser mächtige Hebel, der ihn jeden Schmerz leicht ertragen ließ, machte ihn kühn und muthig.
Dann gesellte sich der Stolz dazu.
Er war der nächste Verwandte des Johann und Cornelius von Witt, er mußte der Welt zeigen, daß er dieser erhabenen Männer und ihres Stammes würdig sei.
Oben angelangt, ließ er sich auf die Knie nieder. Andächtig sprach er sein Gebet, und dann den Kopf gegen den Buytenhoff richtend, sah er, daß, wenn seine Augen während der ganzen Handlung offen blieben; ihm gerade jenes kleine, vergitterte Fenster, an das sich so viele entsetzliche aber auch himmlische Erinnerungen knüpften, entgegen lächele.
Er hatte sein Gebet geendet, der schreckliche Augenblick der Vernichtung nahte.
Der Henker trat herzu, um dem Gefangenen, die zur leichteren Ausführung seiner Amtspflicht nöthige Stellung zu geben.
Cornelius legte mechanisch das zarte Kinn auf den eiskalten, harten Pflock.
Aber in demselben Augenblicke, bei seiner noch so großen Jugend, nicht mehr Herr des eigenen noch vor wenigen Minuten so kühnen Stolzes, schlossen sich seine Augen, die Welt schwand vor seiner Seele, er gehörte bereits andern Regionen an.
Ein Blitzstrahl erglänzte auf dem Schaffote.
Der Henker hatte so eben das Schwert rasch emporgehoben.
Dann trat eine kleine Pause ein.
Baerle’s Seele schwebte in der bessern Welt, sie malte ihm die Größe des Jenseits, in der reinsten, entzückendsten Farbenpracht.
Da kehrte aber wieder Bewußtsein, in den beinahe leblosen Körper.
Dreimal fühlte er deutlich, wie das Schwert über seinem Haupte geschwungen, rasch die Luft durchschnitt.
Auf ein Mal trat eine tödtende Ruhe ein.
Was sollte das?
Er fühlte weder Schmerz, noch einen Schlag. Auch seine Lage war unverändert dieselbe.
Da glaubte er aber zu bemerken, wie zwei Hände ihn mild und vorsichtig unter den Armen faßten und emporhoben. Seine Kraft kehrte wieder, ohne zu schwanken, ohne zu zittern stand er aufrecht auf den Füßen da.
Er öffnete die Augen.
Neben ihm befand sich ein hagerer Mann, der von einer langen, mit einem mächtigen rothen Siegel versehenen Pergamentrolle etwas herablas.
Gelb und blaß beleuchtete die herbstliche Mittagssonne das Antlitz des Unglücklichen schwarz und düster, wie das Auge eines Ciklopen sah ihn das Gitter des Buytenhoffs an, mit fragenden Blicken richteten sich die Augen der neugierigen, nunmehr ruhigen Menge nach ihm empor.
Langsam kehrte das ganze Bewußtsein wieder.
Baerle blickte um sich, er begriff, wo er sich befand, er erfaßte selbst freudetrunken den leuchtenden Stern der Hoffnung.
Er war begnadigt.
O, unerhört! begnadigt durch Wilhelm von Oranien, dem unversöhnlichsten Feinde seiner Familie.
Was hatte den Prinzen zu diesem unerhörten, Schritt bewogen?
Wahrscheinlich überlegte er, daß die siebzehn bis achtzehn Pfund Blut, die man dem jungen Manne abzapfen wollte, das Maß der bereits begangenen Ungerechtigkeiten ein wenig überfüllen, und der himmlischen Gerechtigkeit zu viel werden dürften. Aus Mitleid über, die Jugend, den Stand und die frühere Beschäftigung des Gefangenen, begnadigte er denselben.
Also darum hatte das Schwert, das er schon von Ferne blitzen sah, daß er dreimal über seinem Haupte, pfeifen hörte, sich nicht niedergelassen; darum stand der Kopf noch immer aufrecht auf seiner frühern Unterlage, darum hatte er keinen Schlag, mithin auch keinen Schmerz gefühlt; darum wurde er von der Sonne noch immer beleuchtet.
Cornelius ganz in das Anschauen der Ewigkeit vertieft, und wie wir auch schon ein Mal anführten, bereits einer andern Welt angehörend, fühlte sich Anfangs (man kann, so unglaublich es scheint, doch mit Gewißheit es sagen) gerade nicht angenehm enttäuscht.
Aber nach wenigen Augenblicken schaukelte er doch recht gemächlich den Kopf aus jenem schmalen Verbindungstheile zwischen ihn und dem Körper, den die Alten Trachelos, wir aber ganz bescheiden Hals nennen.
Er that dies um so mehr, als mit dieser unerwarteten Erscheinung, die Hoffnung gänzlicher Straflosigkeit, und mit ihr der Glaube erstand, man werde ihm unverzüglich sein Haus zu Dortrecht, und seine Rabatten zurückgeben.
Auch diese Hoffnung ward vernichtet.
Cornelius horchte während des Lesens gespannt und aufmerksam zu.
Schon nahte dieser Art der Herrschermilde seinem Ende, aber da fand der Vorleser, um sich eines Ausdruckes der Madame Sevigne zu damaliger Zeit zu bedienen, noch ein post scribtum, und in diesem lag der wichtigste Theil des Briefes verborgen.
Durch dieses Postscribtum erklärte Wilhelm von Oranien den Gefangenen zu wenig strafbar, um den Tod zu erdulden, aber hinreichend, um lebenslänglich seiner Freiheit beraubt zu werden.
Cornelius hatte dieses Postscribtum deutlich gehört, es war für ihm ein Moment augenblicklicher Vernichtung.
Dann kehrte aber die Hoffnung wieder; und wie sollte diese mächtige Göttin jemals in der Brust eines acht und zwanzigjährigen, kräftigen Mannes erlöschen.
Was liegt auch daran, dachte er; wenn nur Rosa dieses Gefängniß mit mir theilt; wenn ich nur wieder bei meinen Kindern, den drei Zwiebeln bin.
In diesem Augenblicke überlegte Cornelius, nicht, daß das Land, dessen Bewohner er war, sieben Provinzen hatte, und daß in jeder Provinz ein Gefängniß, mithin im Ganzen ebenfalls sieben Kerker bestanden, und daß die Verpflegung eines Gefangenen in der Hauptstadt jedenfalls kostspieliger, als in den Provinzen war.
Seine Hoheit der Prinz Wilhelm schien, besonderes den letzten Punkt beachtend, entweder keine besondere Lust, oder auch nicht die Mittel zur Erhaltung Baerle’s in Hang zu haben, und so wurde denn bestimmt, daß er seine Strafe auf der Festung Löwenstein zu bestehen habe.
Die Festung lag zwar in der Nähe Dortrechts aber unter den obwaltenden Umständen doch auch beinahe eine Ewigkeit davon entfernt.
Der Löwenstein liegt an der Spitze einer Insel, die gegenüber von Gorkum durch die beiden Flüsse Waat und Maas gebildet wird.
Baerle kannte die Geschichte seines Vaterlandes sehr genau. Er wußte demnach auch, das in dieser Festung, nach dem Tode Barnefelds, Hugo Grotius eingekerkert war, und daß die Stände aus besonderer Rücksicht, diesem größten Dichter und Gelehrten seiner Zeit, täglich zur Verpflegung vier und zwanzig holländische Sous bewilligt hatten.,
Er überlegte dabei, wie viel wohl ihm zugestanden werden würde, und da aus diesem Nachdenken zugleich die Folgerung erstand, Grotius sei wenigstens noch ein Mal so viel werth gewesen, so bildete sich durch die einfachste Berechnung das Endresultat mit beiläufig, zwölf Sous.
Dann aber durchbebte ihn plötzlich eine Empfindung wie ein Gewitterschlag.«
»Aber,« rief er, »das Land, der Ort, wo ich hin muß, ist ja feucht und neblicht, daher den Tulpen auch nicht zuträglich.«
»Und Rosa, Rosa,« murmelte er dann leise, sie in Haag – — sein Kopf sank langsam aus die Brust.
VIII.
Wie es während dieser Zeit einem Zuschauer erging
Unter diesen Betrachtungen hatte Cornelius, es nicht bemerkt, daß ein verdeckter Wagens sich den Stufen des Schaffots genähert hatte.
Der Wagen war für Baerle bestimmt. Höflich ersuchte ihn der Actuar, einzusteigen, ohne eine Erwiderung ward sein-Befehl befolgt.
Den letzten Blick, den Cornelius nach diesem entscheidenden Schauspiele widmete, richtete er auf«das Gitterfenster des Buytenhoffs. Er hoffte dort, das Antlitz Rosas in himmlischer Verklärung, getröstet und beruhigt zu finden. Aber der Wagen mit ein Paar starken, rüstigen Pferden bespannt, flog pfeilschnell durch die Menge hin, von der ein großer Theil, die Gnade und Milde des huldvollen jungen Prinzen lobend hervorhob, während ein Anderer ununterbrochen Drohungen und Flüche gegen die Brüder Witt und deren Angehörige ausstieß.
Diese Menschen schienen durch den so eben eingetretenen Art der Milde eher mehr erzürnt, als beruhigt worden zu sein.
»Seht Ihr,« sprach einer dieser Leute, »daß wir recht hatten, uns zu beeilen, denn, wenn nicht gestern jene Handlung der Gerechtigkeit durch unsere Hände vollführt worden wäre, müßten wir heute die beiden Schurken Cornelius und Johann Witt eben – so frei und sicher abziehen sehen, wie diesen Bösewicht, der Ihnen gewiß nichts nachgibt, und durch die Güte Seiner Hoheit nun das Leben wieder erhält.
Unter der Massa von Zuschauern, die den Buytenhoff Kopf an Kopf gedrängt erfüllte, und nunmehr in ihrer Art entweder freudig oder bitter enttäuscht war, gewahrte man einen gut gekleideten Bürgersmann, der sich alle ordentliche Mühe gegeben hatte, so nahe als möglich der Ausführung des schrecklichen Schauspieles beiwohnen zu können.
Er stand in der vordersten Reihe, knapp hinter den Soldaten, die das Schaffot bewachten, und folgte jeder Bewegung des Deliquenten so wie des Scharfrichters, mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.
In dem Augenblicke aber, wo der Prokurator von der Höhe herab dem versammelten Volke das Milderungsurtheil verkündete, und Baerle sich neu und kräftig, Leben und Hoffnung athmend erhob, wurde sein Gesicht todtenblaß, sein ganzer Körper zitterte, und der Ausdruck seines Antlitzes verrieth deutlich den Schmerz der bittersten, getäuschten Hoffnung.
Ein großer Theil dieser wüthenden Menge hatte die teuflische Begierde unverholen gezeigt, das Blut des Unglücklichen zu sehen, aber in keiner Physiognomie war der Ausdruck so tiefen Hasses und Grimmes zu lesen, als gerade in der, dieses Mannes.
Der wüthendste Theil des Pöbels hatte sich schon mit Tagesanbruch vor dem Gefängnisse versammelt, aber dieser schreckliche Mensch war die ganze kalte Herbstnacht an dem Thore gesessen, war sodann in der ersten Reihe langsam mit der nachdrängenden Menge gegen das Schaffot vorgerückt, und hatte sich dort, theils durch Höflichkeit, theils durch Stöße und Schläge einen Platz gesichert, der es ihm möglich machte, das Schauspiel ganz, bis in seine Einzelheiten verfolgen zu können.
Als aber Baerle von Wachen umringt am Schaffote angelangt war, als er die Stufen und das Plateau erstiegen hatte, als er niederkniete um das letzte Gebet zu sprechen, da konnte der Unbekannte auch länger seine maßlose Begierde nicht mehr zügeln. Er kletterte an einem senkrechten und ziemlich glatten Brunnensteine, den bis jetzt noch Niemand zu ersteigen wagte empor, und als er dort gleich einer Katze festen Fuß gefaßt hatte, überblickte sein tückisches, tief liegendes Auge mit unbeschreiblichem Triumphe die ganze Scene.
Dann ließ er dieses aus den Scharfrichter, der ihm seine Aufmerksamkeit in diesem Augenblicke schenkte, gleiten, und der dem Henker gesendete Blick erhielt Form und Gestaltung, er kleidete sich in Worte:
»Es bleibt bei dem, was wir miteinander bereits abgeschlossen haben,« schien er sagen zu wollen.
»Verlaßt Euch ganz ruhig auf mich,« antwortete der Blick des Henkers, als Zeichen einer früher stattgehabten Einverständigung.
Wer war wohl dieser Bürger, der auf so vertrautem Fuße mit dem Henker zu stehen schien, daß er sich durch Geberden demselben zu verstehen gab?
Ist diese Frage wohl am rechten Platze?
Ich glaube kaum, daß einer meiner Leser noch den geringsten Zweifel hegt, und nicht alsogleich den Mynherr, Isaak Boxtel, erkannt habe.
Ebenso weiß man: noch genau, wie Boxtel nach, seinen vergeblichen Versuchen die Zwiebel der schwarzen Tulpe in Baerles Wohnung zu finden, sich entschloß diesem nach Haag zu folgen, und dort koste es auch, was es wolle, in den Besitz dieses werthvollen Schatzes zu gelangen.
Den ersten Versuch machte Boxtel gleich nach seiner Ankunft in Haag mit Gryphus. Er näherte sich diesem vertrauensvoll, erzählte ihm sein Anliegen mit der möglichsten Umschreibung, und erklärte zugleich Baerle müßte die Zwiebel entweder bei sich am Leibe, oder in einem Winkel des Gefängnisses versteckt haben. Er machte ihm hierauf mehrere vortreffliche Vorschläge, unter denen besonders die Aussicht auf eine ziemlich bedeutende Belohnung stark hervorleuchtete.
Allein Gryphus mißtrauisch, zurückhaltend, und dabei ganz in die Würde seines Amtes vertieft, durchblickte in dieser Mittheilung nichts anderes, als den sehr geschickten Plan eines Freundes, der auf diese Art, in die Nähe des Gefangenen kommen, und ihm Mittel und Wege zur Rettung bekannt geben wollte. Seine Antwort bestand einfach darin, daß er den zudringlichen Fremden auf eine etwas gewaltsame Weise die Thüre wies, und ihm seinen Hund, der unterdessen von der Kette losgelassen worden war, nach hetzte.
Aber trotzdem, daß er einen großen Theil seines ganz guten Beinkleides den Zähnen der wilden Bestie überlassen mußte, war der unerbittliche Gegner noch immer nicht entmuthigt. Er erschien kurze Zeit darauf wieder im Gefängnisse. Diesmal lag aber Gryphus an den Folgen des Armbruches leidend im Bette, und ließ den Zudringlichen gar nicht vor.
Boxtel wendete sich nunmehr an Rosa. Er versuchte es, der Eigenliebe und Eitelkeit dieses jungen, schönen Mädchens zu schmeicheln, er trug ihr außer einer namhaften Summe, einen schönen, reichen Kopfputz von purem Golde zum Geschenke an. Allein Rosa, von Abscheu gegen diesen Antrag ergriffen, selbst den Werth des Gegenstandes nicht kennend, den man durch sie entwendet haben wollte, wies ihn mit wenigen Worten an den Henker, der nach dem Tode des Gefangenen Erbe aller jener Stücke, die dieser am Leibe trug, war.
Diese wenigen Worte bestimmten auch also gleich Boxtels Entschluß.
Während seinen Bemühungen war das Urtheil gefällt worden, und da außer dem Gefangenenwärter und dessen Tochter Niemand mit Baerle in Berührung kam, da außerdem die nur noch kurze Zeit zu rascher Thätigkeit drängte, schritt Boxtel unverzüglich zur Ausführung seiner neuen Idee.
Er war seiner Sache ganz gewiß, denn Baerle konnte nicht anders, als nur mit seinen Zwiebeln auf der Brust – sterben.
In dieser Ueberzeugung mochte er unter gewissen Verhältnissen recht gehabt haben.
Aber zwei Umstände, die er nicht ahnen, um so weniger vorhersehen konnte, zertrümmerten mit einem einzigen Schlage das ganze, schöne Gebäude.
Das war die Liebe, nämlich Rosa.
Und die Gnade, oder Wilhelm.
Nimmt man nun diese beiden, wirklich nicht vorhersehenden Punkte weg, so waren die Berechnungen dieses Erbärmlichen ganz richtig, und ihr günstiger Erfolg vorauszusehen.
Boxtel eilte zu dem Henker. Er fand ihm gerade in dem Augenblicke, wo dieser seine Toilette zu dem bevorstehenden Acte machte. Hier gab er sich für einen sehr vertrauten Freund des Verurtheilten aus, überließ dem Vollstrecker des Gesetzes alles bei Baerle vorfindige Geschmeide, und erkaufte den Leichnam sammt dem Reste seiner Habe, um den etwas hohen Preis von ein hundert Gulden.
Aber was waren diese hundert Gulden für ihn, einen Menschen, der die Gewißheit hatte, mit dieser kleinen Summe den ausgeschriebenen Betrag der Gesellschaft zu Harlem, mithin tausendmal so viel zu erhalten.
Diese Spekulation stellte sich somit äußerst vortheilhaft heraus.
Dann hatte der Henker, um sich die hundert Gulden zu verdienen, wenig, beinahe gar Nichts zu thun. Er durfte nur nach geschehener Hinrichtung dem Mynherr Boxtel gestatten, mit seinen Knechten zugleich das Schaffot zu besteigen und aus deren Händen den Leichnam des Freundes zu empfangen.
Auch war dieser Fall nicht neu oder unerhört. Man hatte den verschiedenen Secten gestattet, wenn einer ihrer Angehörigen auf dem Buytenhoff endete, seine Ueberreste käuflich an sich zu bringen, und zu bewahren.
Ein Tulpenfreund, ein Fanatiker für die Blumenzucht, wie Cornelius es war, konnte daher um so leichter einen ihm gleichgesinnten Freund haben, der es sich zur heiligsten Pflicht machte, das Andenken des Unglücklichen zu erhalten.
Der Henker stimmte in den ihm gemachten Vorschlag unverweilt ein. Nur stellte er eine Bedingung, erforderte Vorausbezahlung.
Boxtel war zwar nicht verpflichtet, dieser Forderung nachzukommen, eben so wenig wie der Kaufmann den Käufer zur Bezahlung eines Gegenstandes, den dieser oft noch gar nicht gesehen hat, zwingen kann.
Aber auch damit war der Bösewicht einverstanden. Ohne das mindeste Zögern überreichte er die verlangte Summe.
Aus allem diesen kann man sich leicht einen Begriff machen, mit welcher Spannung und Aufmerksamkeit Boxtel den Gang der ganzen gerichtlichen Verhandlung folgte, wie er den Actuar und den Scharfrichter sorgsam bewachte, wie ihn jede Bewegung Baerle’s in tiefste Angst versetzte. Wie leicht war es aber auch möglich, daß der Verurtheilte, bei seinem Falle gerade mit der Brust auf dem harten Pflocke aufliegen, und sodann den werthvollen Schatz durch die Schwere des Körpers zerdrücken konnte. Aber nein, der Tulpenenthusiast hat gewiß Sorge getragen, dies Kleinod in einer goldenen Kapsel zu verwahren, und durch diese metallene Wand geschützt, kann sogar noch bedeutend größere Last aufliegen, ohne auch nur den kleinsten; Schaden zu erzeugen.
Es ist beinahe unbedingt nothwendig, daß der Lesers sich diesen Wahnsinnigen in einem klaren, deutlichen Bilde vergegenwärtige, um darnach sich eine Vorstellung jener Empfindung machen zu können, die sich seines Innern bemeisterte, als er sich in allen seinen Voraussetzungen getäuscht, seine Pläne gänzlich vernichtet sah.
Er bemerkte, wie der Henker das Schwert hob, wie er es pfeifend dreimal über dem Haupte des Unglücklichen schwang, er hoffte jede Secunde den Kopf vom Rumpfe getrennt über das Schaffot herabrollen zu sehen.
Da gab der Actuar ein Zeichen, der Henker ließ das Schwert sinken, der Beamte griff den Verurtheilten, unter die Arme, hob ihn auf, zog aus seiner Tasche eine lange Pergamentrolle, und – las laut und deutlich die Begnadigung vor.
Da blitzte aus dem matten Auge des Wahnsinnigen die Wuth der wildesten Bestie, da entrang sich ein furchtbarer Schrei der zitternden Brust; wäre er in diesem Augenblicke in Baerle’s Nähe gewesen, er hätte den Unglücklichen ermordet.
Ein Gedanke, ein Dämon, eine Furie erwachte in dieser teuflischen Seele.
Er lebt, er lebt, zwar lebenslänglich verurtheilt, aber dennoch am Leben. Er geht auf den Löwenstein, dorthin nimmt er die Zwiebel der schwarzen Tulpe mit. Wie leicht ist es, in dem beschränktesten Raume ein Plätzchen für ein wenig Erde zu finden; ja, ja, es ist gewiß, dort wird er die Tulpe pflanzen, sie wird erblühen – Preis und Ruhm gehört sein, ist für mich unrettbar verloren.
Hier stockt der Gedanke, die Feder bleibt ruhig liegen, die Hand versagt ihren Dienst, denn die Phantasie des Dichters, dieser unendliche Zauberer, ist an jenen Grenzen angelangt, über die hinaus er nicht zu schreiben vermag.
Oder wo wäre der kühne Mann, der es wagte, eine Empfindung gleich der, wie sie in Boxtel’s Brust stürmte und wüthete, zu schildern?
Solche Erscheinungen liegen außer dem Bereiche der sinnlichen Wahrnehmung, sie sind der Kampf böser Geister, die durch eine dichte Hülle geborgen, Niemand einen Blick in die Untiefen ihrer selbst gebildeten Hölle gestatten, und daher auch jede Schilderung unmöglich machen.
Boxtel war vernichtet, seine Lebensgeister hatten ihn verlassen, der letzte Rest des Verstandes war gewichen.
Er fiel von seinem hohen Standpunkte herab, mitten unter die wogende Menge, die bereits auf sein Geschrei, dieses für den Ausdruck der Freude haltend, aufmerksam gemacht worden war.
Er verletzte durch seinen Fall mehrere der Vorübergehende, die schmerzhaft aufschrien. Aus Wuth über seine Unvorsichtigkeit, und zugleich durch die über ihn gefaßte Meinung noch mehr erbittert, machte sich der Zorn des Pöbels in einer Unzahl tüchtiger Schlage und, Stöße, die auf Boxtel’s Kopf und Schultern regneten, Luft.
Aber er fühlte Nichts, er empfand Nichts, ihn drückte ein anderer, wüthender Schmerz. Sein weit hervorgetretenes, flammendes Auge folgte unverwandt dem Wagen, er sah ihn davon eilen, er fühlte wie das heiß ersehnte Opfer, mit den Schätzen, die sein ganzes Trachten und Streben in sich schlossen, rasch dahin eilte. Alle seine Kraft sammelnd, bemühte er sich nur, das dahin rollende Fuhrwerk zu erreichen, und ihm dann ohne Rast und Ruhe zu folgen. Aber seine Wuth machte ihn stumpf, unaufmerksam auf die ganze Umgebung. Mit seinen starken Armen bahnte er sich durch die dicht gedrängte Menge einen Weg, er bemerkte einen aufgelockerten Pflasterstein nicht, strauchelte und fiel.
Er erhob sich erst, nachdem einige hundert Menschen jubelnd und jauchzend über ihn davongeeilt waren, seinen Körper absichtlich zur Unterlage erwählend.
Zerschunden, am ganzen Leibe gequetscht, blutig, mit ausgerenkten Gliedern und zerrissenen, in Fetzen herabhängenden Kleidern stand er nun da.
Man sollte glauben, dieser Fall habe seinen Rachedurst vollkommen befriedigt, und andere Ideen in ihm hervorgerufen.
Weit entfernt.
Noch war seine Wuth, die tief gewurzelte unheilvolle Leidenschaft, nicht um ein Haarbreit gewichen. Aufgelöst, von Verzweiflung ergriffen, rang er die Hände, zerfleischte sich die Brust, raufte sich die Haare aus.
Alle Möglichkeit zur Erreichung seiner Absicht war dahin, er sah Alles verloren. Nacht umwölkte seine Augen, seine Sinne.
IX.
Die Tauben von Dortrecht
An demselben Tage wurde gegen die vierte Nachmittagsstunde das Thor der Festung Löwenstein geöffnet, ein Wagen fuhr durch den Hof.
Baerle stieg melancholisch aus, folgte den ihm angewiesenen Kerkermeister, und staunte nicht wenig, als dieser ein Gefängniß öffnend bedeutete, daß in demselben Locale Hugo Grotius seine Strafzeit hätte überstehen sollen.
Aber noch mehr steigerte sich diese Empfindung durch die vertraulichen Mittheilungen dieses seines nunmehrigen Gebieter und Freundes zugleich, der ganz das Entgegengesetzte von Gryphus, in den ihm zur Verwahrung übergebenen Individuum mehr einen Gegenstand des Mitleids und der Theilnahme, als der Furcht und des Abscheues fand.
Baerle erfuhr also, daß in demselben Zimmer, noch vor Hugo Grotius, der in der Folge gerichtete und berühmte Barnefeldt gesessen sei, daß dieses Lokal dermalen aber nach seinem letzten Inwohner dem berühmten Philosophen nämlich, in keinem besonders guten Rufe stehe.
Man hatte dem Gelehrten gestattet, während der Gefangenschaft seine Gattin zu sich zu nehmen. Diese schon lange darauf sinnend, ihren Mann zu befreien, ergriff mit der größten Freude die bewilligte Gnade, und ließ in den Kerker, alles zu ihrem Putze und Vergnügen nothwendige Mobilar tragen.
Unter diesen befand sich ein großer Bücherkoffer, der im Stande war, einen Menschen commode aufzunehmen, und eher einem kleinen Wagen als irgend einem andern Gegenstande glich.
Die Bücher wurden im Gefängnisse ausgeräumt und Madame Grotius erklärte, ihre Bibliothek sei so groß, daß man diese ungeheuere Maschine wohl noch zwei- bis dreimal werde hin- und hertragen müssen.
Durch dieses Verfahren erstand in den Wächtern nicht der geringste Argwohn, sie fanden es nicht mehr nöthig, den Koffer zu untersuchen, und so verschwand schon am zweiten Tage der Gelehrte, auf diese Art ohne Anstand aus der Festung hinausgetragen.
Van Baerle war hoch erfreut und zugleich stolz. Der Gedanke, denselben Ort zum Aufenthalte angewiesen zu haben, den vor ihm so berühmte Männer bewohnten, erweckte die eine Empfindung, während die ihm so eben gemachte Mittheilung eine günstige Vorbedeutung enthielt, die ein unerklärbares Gefühl von Freude dadurch erzeugte.
Warum sperrt man mich gerade hier ein, dachte sich Baerle, wenn man weiß, daß bereits ein Gefangener von da entflohen ist.
Dieses Zimmer war demnach, wie wir bereits bemerkten, historisch. Es liegt aber weder in unserer Aufgabe, noch haben wir die Absicht unsere Leser durch eine, genaue Beschreibung jedes einzelnen Ziegels oder Steines, der Anzahl der Fensterscheiben, der mehr oder weniger vorhandenen Spinnen 2c. 2c. zu ermüden, wir begnügen uns daher auch nur mit den wenigen Worten:
Dieser Kerker sah wie jeder andere aus, gleich nebenan befand sich eine Art geräumiger Alkove, die früher für Madame Grotius bestimmt war, dann hatte«er eine ziemlich bedeutende Höhe, welche jede Anhäufung schädlicher Dünste verhinderte, und man genoß durch die wohl gut vergitterten, aber dennoch großen Fenster, eine reizende Aussicht.
Also (um es noch ein Mal zu wiederholen) das, Interesse unserer Geschichte besteht durchaus nicht in langen oder kurzen Beschreibungen, wir verfolgen nur einen Pfad, denselben nämlich, den der uns bereits bekannte Held wandelt, wir suchen ihn nun in dem beschriebenen Lokale auf, wir finden, daß dieser sonst nur seinen Blumen in stiller Zurückgezogenheit lebende Mensch, das Leben nunmehr von einem andern Gesichtspunkte betrachtet, daß sich zwischen ihn und seiner Lieblingsidee noch ein anderer Gegenstand gedrängt hat.
Und worin bestand dieser, wer war er?
Eine Frau —
Also die Blumen und eine Frau – beides himmlische Gegenstände, beide hoch, entzückend, beide verloren!!
Das waren seine düsteren, trüben Gedanken; da vergaß er ganz, daß es eine höhere Machte gebe, daß die allwaltende Vorsehung die Schritte und Schicksale des Menschen leite. Er vergaß ganz, wie eben diese gütige Vorsehung durch die milden Strahlen der Sonne, ihm in den Augenblicke entgegen gelächelt hatte, wo er das Schaffot verließ, er ahnte in seiner traurigen Stimmung nicht im entferntesten, welch’ sonderbare und abenteuerliche Existenz ihm gerade hier vorbehalten war.
So stand er eines Morgens ganz in seinem Gedanken, und in das Anschauen der sich vor ihm gleich einen wundervollen Panorama ausbreiteten Gegend am Fenster, blickte über die Wipfel der Tannen und Fichten mit tiefbewegten Herzen nach seiner Vaterstadt hinüber, deren Thürme ihm in weiter Ferne wie Nebelbilder entgegen lächelten, und folgte endlich aufmerksam, einem Schwarme von Vögeln, die über Dortrecht sich erhoben hatten, und langsam ihre Richtung gegen den Löwenstein nahmen.
Es waren Tauben.
An den Gibeln und vorspringenden Dächern der Festung ließen sie sich nieder.
Baerle sah sie lange, sehr lange und unverwandt an. Dieses Anschauen erweckte natürlicher Weise eine Reihe von Gedanken und Folgerungen.
Diese Tauben, dachte er, kommen von Dortrecht, und es ist wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß sie für immer jener Stadt entflohen sind. Sie werden früher oder später, dennoch gewiß wieder zurückfliegen.
In Dortrecht müssen sie Jemand angehören, der sie nährt und aufzieht. Bei diesem werden sie sich auch niederlassen.
Wenn man nun einer dieser Tauben ein Briefchen, mit der gehörigen Adresse versehen, um den Hals oder unter die Flügel blinde, so müsste es der Eigenthümer finden, und er würde gewiß die Gefälligkeit haben, es derjenigen Person zu übergeben, an die es abgeschickt wurde.
Er hatte reiflich überlegt, nachgedacht und erwogen.
Wir wollen es versuchen, sprach er dann.
Wenn man in einem Alter von acht und zwanzig Jahren für sein ganzes Leben zum Kerker verdammt ist, und diesem Zeitraum in Unterabtheilungen bis auf Tage zerlegt, so ergibt sich mit Berücksichtigung der zur Grundlage angenommenen, mittleren Lebensdauer, die ungeheure Zahl, von drei und zwanzigtausend solchen Tagen. Eine Summe, deren Ende man eigentlich gar nicht voraussehen kann, muß den unbändigsten Menschen zur Geduld mahnen.
Baerle hatte diese Berechnung gemacht, er fühlte dadurch die eben erwähnte ihm schon angeborene und lobenswerthe Eigenschaft bedeutend gestärkt.
Aber der Gedanke an seine theuern Zwiebel, die Art und Weise ihrer Behandlung, der Möglichkeit eines Mißlingens. wenn ungeschickte Hände sich damit befaßten, das alles machte ihn doch wieder etwas ängstlicher, und trieb ihn zur Eile.
Er verfertigte mit vieler Mühe eine Fangleine, oder eigentlich mehr eine Taubenschlinge, dann versuchte er die etwas scheuen Thierchen durch alle nur möglichen Leckerbissen der etwas kargen Küche zu ködern und an sich zu gewöhnen, und endlich gelang es ihm, nach, mehr monatlichen, rastlosen Versuchen, ein Weibchen zu fangen.
Zwei Monate darauf glückte es ihm wieder ein Männchen zu erhaschen. Beide sperrte er zusammen, und erhielt im Monate Jänner 1673 die ersten Eier von ihnen,
Er ließ das Weibchen frei, und dies flog mit einem Brief unter ihrem Flügel, während der Tauber unterdessen das Geschäft des Ausbrütens übernehme, schlug es die Richtung nach Dortrecht ein.
Am Abende kehrte sie zurück.
Der Zettel war noch unberührt unter den Flügeln.
Am nächsten Morgen ließ es Baerle wieder aus.«
Aber durch volle vierzehn Tage wiederholte er das gleiche Verfahren, ohne seinen sehnlichsten Wunsch erfüllt zu sehen.
Immer wieder brachte die Taube das Blatt zurück.
Endlich am sechzehnten Tage kam sie leer an.
Baerle's Entzücken und Freude läßt sich nicht beschreiben.
Das Blatt, das der Gefangene diesem so seltenen Boten anvertraut hatte, war an seine alte Amme adressiert, und enthielt außerdem ein kleines Billet an Rosa.
Baerle hatte, wie bereits erwähnt, das Gelingen seiner Unternehmung ganz dem Zufalle überlassen. Traf die Taube einen gutmüthigen Menschen, der weiter über diese seltsame Erscheinung sich nicht den Kopf zerbrach, und daher auch keine Nachforschungen anstellte, so war es gewiß, daß die Amme den Brief erhalten mußte. Wenn dies aber nicht gewesen, oder gar der entgegengesetzte Fall eingetreten wäre?
Was dann? ’
Wir wollen uns nicht länger mit diesen Fragen und Zweifel quälen, und unsern Leser mit wenigen Worten bekannt machen, daß hier wieder der mächtige Arm der unerforschlichen Vorsehung wirkte, daß nämlich die Amme den Brief, so wie er abgeschickt worden war, erhielt.
Und wie geschah dies?
Isaak Boxtel war, wie wir wissen, um seine Absicht zu erreichen, nach Haag gereist. Er hatte aber durch diesen Schritt nicht nur sein Haus, nein, auch seinen Diener, das Teleskop, und eine Unzahl von Tauben, mit deren Zucht er sich ebenfalls beschäftigte, verlassen.
Dem Diener hatte er kein Geld gegeben, und da dieser ein ganz profaner Mensch, mehr Genuß an Essen und Trinken, als an sämmtlichen Tulpen und Zwiebeln seines Herrn fand, wird es Niemand wundern zu erfahren, daß nach und nach alle Eßvorräthe des Hauses verschwanden, und nachdem Nichts mehr zu finden war, langsam die Tauben an die Reihe kamen.
Allein diese liebten wieder das Leben und die Freiheit, und zogen diese beiden Güter, dem sehr thätigen Magen ihres Feindes vor.
Und so geschah es denn, daß die noch übrig gebliebenen Tauben des Herr Isaak Boxtel, auf Baerles Haus wanderten.
Die Amme war eine gutherzige Frau, die nicht leben konnte ohne etwas zu lieben. Sie konzentrierte Ihre Zuneigung auf die schutzlosen Wesen, versah sie mit reichlichem Futter, und genoß die Freude zu sehen, wie sich der ganze Schwarm mit aller Förmlichkeit, häuslich niederließ.
Da kam aber Boxtel’s Diener. Er kannte den Schlupfwinkel der Flüchtlinge sehr genau, er hatte in der Voraussetzung, daß er sie eines Tages besser genährt wieder zurückerhalten werde, bisher geschwiegen, und machte nun seine Forderung laut geltend. Allein auch die Amme konnte sich nicht mehr von den lieben Thieren trennen, sie schloß einen Handel ab, und bezahlte das Stück mit dem ungeheuern Betrage von sechs hölländischen Sous.
Auf diese Art wurde sie rechtmäßige Besitzerin der Tauben des Herrn Boxtel.
Einige dieser Thierchen hatten sich denn auch unter den uns bereits bekannten, und von Baerle beobachteten Schwarm gemengt, und mit diesen aus dem Löwenstein niedergelassen.
Und wer zweifelt noch an der wunderbaren Fügung des gütigen Geschickes?
Baerle fing gerade ein Weibchen aus seinem eigenen Taubenschlage, von dem er gar keine Ahnung hatte.
Aber noch seltsamer und wunderbarer erscheinen die Fügungen dieser uns unbekannten, höhern Macht, wenn man alle Umstände und Einzelheiten der Begebenheit näher erfaßt, und überlegt.
So dürfen wir nur annehmen, das Boxtel sein Haus nicht verlassen, daß er von Dortrecht sich gar nicht entfernt hätte, oder wenigstens nach seinen im Haag angestellten vergeblichen Versuchen, wieder zurückgekehrt wäre; dann würden die Tauben eben so wenig von seinem Diener gespeist worden sein, und keine einzige hätte jemals, außer aus Laune und Neugierde, Baerles Dach berührt. Dann waren aber alle Versuche des Gefangenen, alle seine Mühe nutzlos, das Billet fiel in Boxtel’s Hände, dieser ganz erfreut, hätte es zu seinem Zwecke benützt, vielleicht und sogar ganz gewiß, einen neuen schändlichen Plan darauf gegründet, und wir müßten eine Reihe trauriger Tage, trüber Stunden, Schmerzen und Seufzer schildern, ganz in unserer Absicht gehemmt, die höchst interessanten Erscheinungen, unserer Erzählung nach und nach in einem reizenden Bilde, den Augen des Lesers zu entrollen.
Der Brief fiel also, wie wir erst vor Kurzem erwähnten, glücklich in die Hände der Amme.
Es war in den ersten Tagen des Februars. Der Abend rückte heran, langsam tauchten an dem dunkeln Hintergrunde die Sterne auf. Baerle war in Betrachtungen versunken. Da durchzuckte es ihn plötzlich wie ein elektrischer Strahl.
Er hatte auf der Stiege die zum Thurme führt eine Stimme gehört, die ihn begeistert durchdrang.
Die zarte Stimme erklang dem Silbertone eines Glöckchens gleich.
Es war die süße harmonische Stimme von Rosa.
Eine unnennbare Seligkeit und Wonne ließ ihn Schmerz und Qual, alle erduldeten Leiden, eine ganze Zukunft vergessen. Ihm erschien der Ort, auf den das theuere Wesen in seiner Nähe weilte, ein lachendes Paradies.
Zwar enträthselte sich in demselben Augenblicke der ganze Vorgang seiner tiefen Forschung, er schrieb diese unerwartete Erscheinung sich und den Versuchen mit der Taube zu, aber Alles schwand wieder; er hatte ja statt der leeren Hoffnung nun die Antwort selbst da, lebend, athmend, himmlisch schön.
Rosa kam, und kam gewiß ihn zu sehen, und Nachricht von der schwarzen Tulpe zu bringen.
Er erhob sich, er sprang zur Thüre, er legte sein Ohr an das kalte Eisen, er glaubte diesen ehernen Widerstand durchbrechen zu müssen.
Und Rosa, dies herrliche Mädchen, die eine so weite Reise, vorn Haag nach dem Löwenstein gemacht hatte, der es gelungen war, in die Festung zu dringen, wird man ihr wohl gestatten, bei dem Gefangenen einzutreten?
So in seine Gedanken, Zweifel und Muthmaßungen vertieft, gewahrte es Cornelius beinahe gar nicht, wie der, das eiserne Gitter in der Thüre verdeckende Schuber sich öffnete, und das liebreizende schöne Antlitz der jungen Frisin daran erschien. Heiterkeit, Ruhe, himmlische Freude strahlte aus diesem lächelnden Engelsköpfchen, dem selbst die noch nicht ganz gewichene Blässe der Wangen einen unbeschreiblich hohen Reiz verlieh.
»Ich bin nun wieder da, mein lieber Herr,« rief die Kleine Freudestrahlend
Cornelius stand betäubt, regungslos da. Dann aber breitete er die Arme aus, er umschloß die eiserne, Thüre, er drückte sie an die Brust, er glaubte das Herz der Theuren, ihren leisesten Pulsschlag zu fühlen.
»Rosa, Rosa« rief er begeistert.
»Still, sprecht nicht so laut, mein Vater folgt nach.«
»Wie, was, Euer Vater.«
»Ja, er steht unten an der Stiege. Der Gouverneur ertheilt ihm nur noch einige Befehle, dann kommt er herauf.«
»Ich verstehe Euch nicht recht, er erhält Befehle vom Gouverneur?«
»Ich will es versuchen, Euch mit wenigen Worten von Allem, was Ihr vorläufig zu wissen notwendig habt, in Kenntnis zu sehen. Der Statthalter besitzt in der Nähe von Haag eine kleine Besitzung, eigentlich mehr eine Meierei, und hat meiner Tante, die seine, Amme war die Aufsicht über diese Wirtschaft übernahm. Es war als ich Ihren Brief erhielt, der, ach ich konnte nicht selbst lesen, aber die Ihre Amme las ihn mir vor, ich eilte zu meiner Tante, da blieb ich, bis zu dem Zeitpunkt, wo der Statthalter, seiner Gewohnheit nach, die Besitzung zu besehen pflegte. Bei dieser Gelegenheit bat ich ihn, und zwar ohne Mitwissen meines Vaters, diesem zum ersten Gefangenenwärter im Löwenstein zu ernennen, und denkt Euch meine Freude, der Prinz, der natürlich von gar Nichts weiß, und daher meiner Bitte keinen andern Grund als kindliche Liebe unterschob, bewilligte diese, und so sind wir denn hier.«
,, Und bleibt auch da?«
»Nach dem was ich sagte, natürlich.«
»Und ich sehe Euch dann oft, sehr oft?«
»Ja, gewiß, so oft es möglich ist.«
»O, meine Theuere, meine himmlische Rosa, zürnt mir nicht, wenn ich Euch frage, ob Ihr mich ein wenig liebt.««
»Ein wenig – o! Ihr seid sehr bescheiden in Euren Anforderungen, einem armen Mädchen gegenüber.«
Cornelius brachte die Hand an das Gitter, es gelang jedoch nur, daß die Spitzen der Finger sich gegenseitig berührten.
»Mein Vater kommt.«
Rosa schob in demselben Augenblicke, den Deckel wieder rasch vor das Gitter, und eilte ihrem Vater, der so eben über die Stiege heraufkam, entgegen.
Dritter Band
I.
Das Thürgitter
Der Kerkermeister erschien in Begleitung seines treuen, vierfüßigen und mürrischen Begleiters.
Er pflegte ihn gewöhnlich bei seinen Visitationen mitzunehmen, damit dieser sorgsame Wächter jeden Gefangenen genau kennen lerne.
Rosa war ihm entgegengeeilt.
»Mein Vater,« rief sie, ihren Zügen den Ausdruck einer sehr hohen Neugierde einprägend, »seht Ihr, hier ist das berüchtigte Zimmer, aus dem Hugo Grotius entwichen ist, o, wie gerne möchte ich es sehen.«
»Ja, ich entsinne mich dieses Spitzbuben von Grotius, ein Freund des bekannten gleich großen Verbrechers Barnefeldt, den ich in meiner Jugend hinrichten sah. Nun ich versichere Dich, wenn es auch jenem Schurken gelang zu entkommen, so werde ich Maßregeln zu treffen wissen, daß dieser Fall sich kein zweites Mal wieder ereignet.«
Er öffnete während dieser Worte die Thüre und trat, eine große Laterne in der rechten Hand, in das nun vollends dunkel gewordene Gemach.
Die Lampe, die darin brannte, verbreitete nur eine matte Helle.
Der Hund war unterdessen zu dem Gefangenen geschritten und beroch murrend dessen Waden.
Rosa rief ihn zurück, und nur sehr ungern gehorchte das Ungethüm, sich zu den Füßen des Mädchen kauernd.
Gryphus hob seine Laterne empor und beleuchtete das Antlitz des Gefangenen.
»Merkt auf, mein werther Herr, was ich Euch sage: Ich bin der Kerkermeister, der Oberaufseher über alle Gefangenenwärter, und bin mit der unmittelbaren Aufsicht der Gefängnisse und der darin verwahrten Personen betraut. Ihr werdet in mir einen guten und zuvorkommenden Mann finden, nur aus Eines mache ich Euch aufmerksam, daß ich nämlich unter keiner Bedingung von dem abweiche, was man die Hausordnung nennt.«
»O, ich kenne Euch ja schon, mein lieber, guter Gryphus.«
Der Kerkermeister trat näher und blickte den Sprechenden mit forschender Miene an.
»Ah, so, seid Ihr van Baerle, hm, hm, es ist doch sonderbar, wie man sich oft wiederfinde.«
»Ihr habt recht Gryphus, und könnt gar nicht glauben, wie erfreulich mir dies Wiedersehen ist, da ich gerade bemerke, daß Euer Arm sich im besten Wohlsein befindet, indem Ihr ihn mit Leichtigkeit und ohne Anstrengung wieder bei Euern Verrichtungen gebraucht.«
Gryphus legte die Stirne in mächtige Falten.
»Ich staune nur, wie man in der Politik so unendlich hohe Fehler machen kann. Der Prinz hat Euch das Leben geschenkt, ich und noch tausend Andere hätten dieß unter keiner Bedingung gethan.«
»Wißt Ihr mir keinen Grund dieser Erbitterung. anzugeben?«
»O ja, den Ihr werdet trotz dem, daß Ihr eingesperrt seid, wieder neue Verschwörungen anzetteln, denn Leute so wie Ihr, oder mit einem Worte die Gelehrten stehen im vertrautesten Bunde mit dem Teufel.«
»Nun, Meister Gryphus, da scheint Ihr ja über die Art, wie ich Euren Arm einrichtete, und den Preis, den ich dafür forderte, ganz unzufrieden zu sein.«
»Ganz sicher, denn dahinter steckt ja eben so eine, Zauberei. Ich konnte den Arm, was in derlei Fällen nie zu geschehen pflegt, schon nach sechs Wochen ohne Schmerz, und ganz so wie früher gebrauchen. Der Arzt von Buytenhoff ein sehr geschickter Mann, wollte es gar nicht glauben, und als er sich doch vollständig überzeugte rieth er mir, da mein Arm nicht nach der Regel der Kunst eingerichtet worden war, ihn noch ein Mal brechen zu lassen. Auch verpflichtete er sich, mir ihn so einzurichten, daß ich ihn ganz, so wie es sonst; immer geschieht, wenigstens durch sechs Monate nicht würde brauchen können.«
»Habt Ihr diesen Rath befolgt?«
»Ei, was Euch nicht einfällt. So lange ich das Kreuz damit machen kann, lache ich den Teufel aus.«
(Gryphus war demnach ebenfalls Katholik)
»So, wenn Ihr aber den Teufel auslacht Meister Gryphus, dann müßt Ihr Euch ja über die Gelehrten, die nur eigentlich seine Diener sind, noch mehr lustig machen.«
»O, sprecht mir nicht von den Gelehrten, die gehen noch über den Teufel. Ich habe lieber hundert Soldaten als einen Gelehrten zu bewachen. Die Soldaten spielen, essen, trinken, sind zufrieden wenn sie ihren Tabak, Wein oder Branntwein haben, und lassen die ganze übrige Welt, dort wo sie gerade ist. Aber so ein Gelehrter der ist immer nüchtern, immer nachdenkend, immer überlegt; wenn man ihm in das Gesicht spricht, so zettelt er auch schon im Rücken eine Verschwörung an. Aber darum versichere ich Euch, daß Ihr gar keine Bücher, Papiere, Schreibrequisiten oder dergleichen Sachen haben dürft, durch welche Complotte nur unterstützt und begünstigt werden. Richtet Euch darnach.«
»Seid unbesorgt, mein lieber Gryphus. Wenn ich auch früher einige Mal den Wunsch hatte zu entfliehen, so gebe ich Euch hingegen jetzt mein Ehrenwort, daß mir dies gar nicht mehr einfallen wird.«
»Ganz recht, ich will Euch glauben, rathe aber zugleich, daß Ihr über Euch so wachen möget, wie ich es thun werde. Es bleibt aber trotzdem dabei, daß Seine Hoheit einen großen Fehler begangen hat.«
»Weil er mir den Kopf auf dem Rumpf ließ.«
»Ganz sicher, seht nur ein Mal wie ruhig sich jetzt Euere Anverwandten, die Brüder von Witt verhalten.«
»Gryphus, Euere Worte sind gräßlich und schauererregend. Ihr scheint zu vergessen, daß mir der Eine Pathe, und der Andere ein zweiter Vater war.«
»Das kümmert mich Nichts. Ich habe in ihnen zwei der größten Verschwörer gesehen, und finde mich auch nur aus reiner Menschlichkeit bewogen, so zu Euch zusprechen.«
»Das ist ein wenig unerklärbar und räthselhaft?«
»Hm, wenn Euer Kopf durch das Schwert des Henkers, so recht ordentlich abgehauen worden wäre —«
»Was dann?«
»Dann hättet Ihr Alles überstanden und nichts mehr zu erdulden. So aber werdet Ihr durch mich noch unendlich Vieles ausstehen müssen.«
»Ich danke Euch für diese Mittheilung.«
Und während dieser Worte fiel sein Blick auf das engelreine Antlitz des schönen Mädchens, das ihm freundlich entgegen lächelte.
Der Gefangenenwärter trat zum Fenster. Der aufgehende Mond gestattete es, die Gegend in weitem Umkreise zu überblicken.
»Was habt Ihr da für eine Aussicht?«
»Eure entzückend Schöne,« aber zugleich fielen die Augen des Gefangenen auf das reizende Mädchen.
»Ja, ja, wirklich eine reizende Aussicht, und nach meiner Meinung sogar zu viel Aussicht«
In diesem Augenblicke flogen die Tauben, durch den Unbekannten, so wie die ihnen ganz fremde Stimme aufgeschreckt, aus ihrem Neste.
»Oho,« rief Gryphus, »was soll das?«
»Das sind meine Tauben.«
»Tauben, was Tauben, ist das je erhört, darf sein Gefangener solche Gegenstände besitzen?«
»Was findet Ihr denn gar so Seltsames daran, das sind Tauben, die mir Gott gesandt hat.«
»Das kümmert mich gar Nichts. Möge sie Euch geschickt haben wer da wolle, das ist ein und für alle Mal eine Uebertretung der Hausordnung, die ich unter keiner Bedingung dulde, und damit dem gleich ein Ende gemacht werde, erkläre ich Euch, daß diese Tauben morgen in meinen Fleischtöpfen sieden.«
»Vergeßt nicht Meister Gryphus, daß Ihr sie zu diesem Zwecke früher fangen müßt. Ihr wollt nicht, daß ich sie habe, und ich schwöre Euch dagegen, daß Ihr Sie nie bekommen werden.«
»Das wollen wir doch sehen, ob ich ihnen nicht spätestens bis morgen den Hals umdrehe.«
Er beugte sich während dieser Worte vor, und untersuchte sorgfältig die Lage und Gestaltung des Restes.
Unterdessen hatte Cornelius Zeit, Rosas Hand zu drücken, und diese fand es für gut ihm zuzuflüstern.
»Heute Abends neun Uhr.«
Der Kerkermeister war ganz von Begierde durchdrungen, sein Versprechen am nächsten Morgen pünktlich zu halten; mit Haß und unterdrücktem Zorne verließ er das Fenster, nahm Rosa unter den Arm, schloß die Thüre und schob die starken Riegel vor.
Cornelius war ihm nach geeilt, er horchte aufmerksam an dem Gitter, bis die sich langsam entfernenden schweren Schritte ganz verhallten, dann sprang er zum Fenster, öffnete den kleinen zum Einlassen der frischen Luft angebrachten Schuber, und zerstörte das Taubennest.
Er wollte diese Boten der Liebe, denen er Rosas Gegenwart verdankte, lieber ganz vertreiben, als dem Tode opfern.
Das Erscheinen des Kerkermeisters, sein brutales, rohes Benehmen, die Art und Weise einer unendlich strengen Bewachung, und die damit verbundenen Mißbräuche, die ihm nunmehr bevorstanden; nichts vermochte die Wonne aus seinem Innern zu bannen, die Rosas Gegenwart hervorgezaubert hatte.
Mit klopfendem Herzen erwartete er die neunte Stunde.
Diese Stunde war ja die, welche ihm Rosa bezeichnet hatte.
Endlich erdröhnte sie. Der lebte Schlag verhallte langsam in der Luft, Cornelius stand horchend an der Thüre, sie nahte, er vernahm den leichten Schritt, das Rauschen des weiten, frischen Kleides.
Das Gitter wurde geöffnet.
»Ich habe mein Wort gehalten,« lispelte Rosa so leise und so bewegt, daß man nicht wußte, ob das schnelle Gehen, oder eine innerliche Bewegung ihr den Athem geraubt habe.
»Meine theure Rosa!«
»Seid Ihr zufrieden, mich zu sehen?«
»Wie, Ihr könnt fragen? O, sagt mir doch, wie es Euch möglich wurde, wieder zu mir zu kommen.«
»Mein Vater trinkt den Wachholderbranntwein, mehr als er vertragen kann. Nach dem Abendessen ist er seiner Sinne nicht mächtig, dann trag ich ihn zu Bette, und diese Stunde macht es mir dann möglich, Euch zu sehen.«
»O, meine theure Rosa, nehmt meinen wärmsten Dank.«
Und der Gefangene drückte mit diesen Worten sein Gesicht so fest an das Gitter, daß Rosa ihr Köpfchen erschrocken zurückzog.
»Ich brachte Eure Zwiebelknospen mit.«
Das war es, wonach Cornelius nicht zu fragen wagte. Er glaubte auf den Schatz, den er dem Mädchen vermacht, auch keinen Anspruch mehr zu haben. Sein Herz zitterte vor Freude.
»So.habt Ihr Sie also aufbewahrt?«
»Zweifelt Ihr daran? Sie wurden mir von Euch als ein Gegenstand übergeben, »den Ihr liebtet und der Euch von unendlichem Werthe war.«
»Ja, aber ich schenkte sie Euch, Ihr könnt sie daher auch als Euer Eigenthum betrachten.«
»Nun dann, wenn Ihr gestorben wäret, hätte ich dies gethan, so seid Ihr aber glücklich am Leben geblieben. O, wenn Ihr wüßet wie ich dem Schöpfer dankte, und für den Prinzen, der Euch verzieh, Heil und Segen vom Himmel erflehte. Wenn nur ein kleiner Theil meiner Bitten in Erfüllung geht, muß Wilhelm von Oranien der glücklichste Mensch werden. Ich dachte damals schon auf ein Mittel, wie ich Euch wieder die Zwiebel einhändigen könnte, und eben hatte ich den Entschluß gefaßt, den Statthalter für meinen Vater um die Stelle eines Kerkermeisters in Gorkum zu bitten, da kam Euer Brief und ich änderte, wie Ihr es nunmehr seht, ganz meinen Plan.«
»Also schon vor Erhalt meines Briefes, theuere Rosa dachtet Ihr daran, mit mir wieder zusammenzukommen.«
»Ihr fragt mich so, glaubt Ihr, daß ich an etwas anderes in dieser Welt – —« aber gleichsam, als trete Ihr Schamgefühl mächtig hervor, blieb sie mit einem Male still.
Dunkle Röthe überzog die Wangen, der Blick senkte sich zur Erde, beschämt, verwirrt aber immer noch reizend schön, stand sie da.
Cornelius drückte abermals das Antlitz heftig an das Gitter.
Rosa wich wie das erste Mal zurück.
Sie hatte sich wieder gesammelt.
»Ja, mein Herr, ich versichere Euch, ich bedauerte oft,« sprach sie nach einer kleinen Pause, »daß ich nicht lesen kann, aber nie so tief und schmerzlich, als gerade in dem Augenblicke, wo mir die Amme Euer Schreiben brachte.«
»So, Ihr hattet also schon Gelegenheit es zu bedauern, wie und wann?«
»Nun, um alle die Briefe zu lesen, die man mir schickte.«
»Ihr habt schon Briefe erhalten?«
»O Gott, in die Hunderte!«
»Und wer schrieb Euch denn?«
»Sollte ich Euch die alle nennen? Dass ist eine pure Unmöglichkeit. Eine Menge Studenten, Kaufherrn und Kaufmannsdiener, die über den Buytenhoff gingen, Officiere, die aus dem Paradeplatz standen, und überhaupt eine Menge von Männern, die auf mein Fenster hinaufblickten.«
»Und was geschah mit all’ den Briefen?«
»Anfangs ließ ich sie mir von einer Freundin vorlesen, dann aber, als ich einsehen lernte, daß man mit dem Lesen solcher Dummheiten zu viel Zeit verliert, fing ich an, sie zu verbrennen.«
»Und seit wann thut Ihr das?«
Das Mädchen schlug die Augen nieder, sie bemerkte nicht, wie Cornelius abermals seine Lippen an das Gitter brachte und diesmal, trotz des Hindernisses, die glühende Stirne berührte.«
Rosa erblaßte, sie ward bleicher, als am Tage der Exekution. Dann aber fuhr sich rasch mit dem Kopfe zurück, ein tiefer Seufzer entrang sich dem hochwogen den Busen, und die Hand an das stürmische, pochende Herz gedrückt, gleichsam um dies zur Ruhe zu bringen, eilte sie fort.
Cornelius stand noch unbeweglich da, er sah der reizenden Gestalt nach, er athmete den Duft des langen dichten Haares, der noch einige Augenblicke die Luft zwischen dem Gitterfenster durchschwängerte.
Rosa war so hastig, so schnell entflohen, daß sie ganz ihr Versprechen vergaß, und an Cornelius die Zwiebel der großen schwarzen Tulpe nicht auslieferte.
II.
Lehrer und Schülerin
Rosa hing mit warmer Theilnahme und Milde, wie wir dies bereits sehen konnten, an dem Täufling des Cornelius von Witt, während der Kerkermeister Hans die entgegengesetzte Empfindung hegte.
Unter seiner Aufsicht auf dem Löwensteine befanden sich zu jener Zeit nur fünf Gefangene, so das ihm sein Amt nicht nur keine Anstrengung und Mühe kostete, sondern eher als eine Stelle der Ruhe und Erhohlung betrachtet werden konnte.
Aber nichts desto weniger lag in der unausgesetzten Bemühung des Kerkermeisters die Absicht klar am Tage, sich seine Stellung so viel als möglich durch Anhäufungen unnöthiger Geschäfte zu erschweren. Er betrachtete Cornelius van Baerle als eines der gefährlichsten Individuen, widmete ihm dieserwegen seine unausgesetzte Aufmerksamkeit, da er jedem Schritte des Gefangenen folgte und sogar seine Mienen zu erspähen suchte. Aber gerade durch dies Verfahren legte er den Unschuldigen eine härtere Qual und Pein auf, als ihm diese durch einen rechtlichen Ausspruch hätte zugefügt werden können. Er gefiel sich darin, stets der Absicht folgend, den Feind des gütigen und großmüthigen Statthalters, wie er Wilhelm von Oranien nannte, auf jede nur mögliche Art zu quälen.
Ganz unverhofft erschien er mehrmals des Tages zu verschiedenen Stunden, sich jedes mal der Hoffnung hingebend, den Verbrecher bei irgend einer verbotenen Beschäftigung, besonders aber beim Schreiben zu ertappen. Jedes mal war seine Absicht vereitelt, seine Ahnung getäuscht, denn der Gefangene hatte seit dem Augenblicke, wo er Rosa kennen lernte, und sich täglich mit ihr unterhielt, jedes weitere Correspondenz aufgegeben, und es war sogar mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit vorauszusehen, daß er selbst eine mögliche Befreiung dem Gefängnisse, und der Gegenwart seiner holden Correspondentin vorgezogen haben würde.
Und konnte es auch anders sein, Rosa hatte ihm ja versprochen, jeden Abend um die neunte Stunde zu kommen, und die Erlebnisse des Tages mitzutheilen.
Ein Abend war bereits verstrichen, sie hatte Wort gehalten.
Es kam der zweite Tag. Abermals lauschte Baerle an seinem Gitter. Die neunte Stunde erdröhnte, und kaum war noch ihr letzter Schlag verhallt, als auch schon die schöne Friesin leise und vorsichtig nahte. Sie hatte für diesmal nur den festen Entschluß gefaßt, ihr Antlitz nicht mehr so nahe an das Gitter zu bringen, wie bei der ersten Begegnung, und reichte Cornelius die drei noch immer in demselben Papier verwahrten Zwiebelknospen, um eine Unterhaltung einzuleiten.
Zu ihrem großen Erstaunen drückte aber van Baerle die zarte weiße Hand, ohne das Papier zu berühren, durch das Gitter wieder zurück.
Er schien sich anders überlegt zu haben.
Nach einer kurzen Pause sprach er zu dem noch immer erstaunt dastehenden Mädchen:
»Hört mich einmal an, meine liebe Rosa. Wir würden zu viel wagen, wenn wir die ganze große Unternehmung dem Spiele des Zufalls überließen und einer Hand allein zur Ausführung anvertrauten. Daß die Unternehmung wirklich großartig ist, werdet Ihr wohl nicht bezweifeln, denn es handelt sich um nichts Geringeres, als um die Erzeugung der großen schwarzen, stecklosen Tulpe, ein Phänomen, das bisher von der ganzen Gesellschaft der Garten- und Blumenkünstler für unmöglich gehalten wurde. Ich beschloß demnach alle nur möglichen Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, um mir für den Fall, als das Vorhaben mißlinge, keinen Vorwurf machen zu müssen. Gebt nun recht gut acht, wie ich mir die Sache überlegt und Alles genau berechnet habe, um gewiß zum Ziele zu kommen.«
Rosa folgte mit gespannter Aufmerksamkeit jedem Worte des Gefangenen, obgleich der ganze Gegenstand nur durch den hohen Werth, den ihm Baerle beilegte, ein eigenes Interesse in ihr hervorrief.
»Betrachtet nun das Zusammenwirken in dieser Unternehmung genau, wie ich es entworfen und berechnet habe.«
»Ich gebe vollkommen acht und höre.«
»Bei Euerer Wohnung oder doch wenigstens in der Nähe derselben, werdet Ihr einen Garten haben; und sollte dies nicht der Fall sein, so befindet sich in der Festung ganz gewiß ein Hof, oder in Ermanglung des Hofes eine Terrasse.«
»Es ist ein sehr schöner Garten nahe bei unserer Wohnung, der sich längst der Waal hinzieht, und mit vielen dichten und schattigen Bäumen besetzt ist.«
»Wäret Ihr im Stande, mir aus diesem Garten ein wenig Erde, zu überbringen, die ich untersuchen; könnte.«
»Warum nicht, die sollt Ihr morgen haben.«
»Nehmt zwei Theile dieser Erde. Die eine nämlich von der Sonnen-, die andere von der Schattenseite, da ich genau ihr Verhältniß bezüglich der Feuchte oder Trockenheit untersuchen und beurtheilen muß.«
»Verlaßt Euch ganz auf mich.«
»Die von mir sodann geprüfte und nach Bedarf auch modificirte Erde, werde ich für unsere Zwiebelknospen in drei Theile theilen. Ihr werdet hierauf die eine Zwiebelknospe nehmen, und sie an dem von mir bestimmten Tage in die zubereitete Erde setzen, und sobald Ihr sie nach meinen Anordnungen pflegt, muß sie ganz gewiß erblühen.«
»Seid versichert, daß ich mich keine Secunde von ihr entfernen werde.«
»Die zweite Zwiebel übergeht Ihr, mir, und ich will versuchen, sie in meinem Gefängnisse auszuziehen. Zwar sehe ich ein ungünstiges Resultat mit Gewißheit voraus, ich betrachte die arme Blume als ein Opfer meiner Eigenliebe, und fühle mich darum stark genug, es zu bringen, da sie mir eine Zerstreuung während der Tage, an denen ich Euch nicht sehen kann, bietet. Die Sonne kommt nur spärlich in diesen düsteren Raum, allein ich will jeden ihrer Strahlen, ja sogar die warme Asche meiner Pfeife benützen. Die dritte Zwiebelknospe behalten wir in Reserve für den Fall nämlich, als die Versuche mit den beiden Ersten mißglückten. Nur auf diese Art hoffe ich ein günstiges Resultat zu erzielen, und zugleich die für Euch bestimmte Mitgift von hundert tausend Thalern zu erhalten, abgesehen, die ungeheuere Freude und der Ruhm, die ein glücklicher Erfolg unmittelbar mit sich bringt.«
»Was Ihr da sagt, habe ich ganz gut verstanden. Ich werde Euch morgen die beiden Gattungen Erde zur Probe überbringen und sodann die Weisung erhalten, in welchem Verhältnisse ich sie zu mischen habe. Nur wird es ein wenig lange dauern, bis ich Euch die zu Euern eigenen Versuchen nöthige Quantität überbringen kann, da es mir wohl kaum möglich; sein dürfte, jeden Tag mehr als eine Handvoll, mitzunehmen.«
»Das macht nichts zur Sache, da wir gerade mit der Zeit nicht gedrängt sind. Unsere Zwiebel dürfen vor Ablauf eines Monats noch gar nicht eingesetzt werden, und in einem Monate laßt sich unendlich viel thun. Nur versprecht mir, meine liebe Rosa, daß Ihr bei Behandlung der Tulpe ganz den Vorschriften folgen werdet, die ich Euch gebe.«
»O, das verspreche ich gerne.«
»Sobald sie gepflanzt ist, werdet Ihr auch nicht ermangeln, mir an jedem Abende Nachrichten von dem Fortschritt unseres Zöglings zu überbringen. Ihr werdet alle atmosphärischen Veränderungen beobachten, wie z. B., Abwechslung der Temperatur, die verschiedenen Striche des Windes, besonders die Richtung desselben 2c. 2c., dann müßt Ihr besonders acht geben, daß des Nachts keine Katzen in den Garten kommen. Zwei dieser unglücklichen Thiere haben mir in meinem Garten zu Dortrecht in wenigen Augenblicken die werthvollsten, Rabatten verwüstet.«
»Verlaßt Euch auf meine Wachsamkeit.«
»Dann noch etwas, die Strahlen des Mondes nämlich, doch sagt mir früher noch, ob Ihr eine Aussicht, in den Garten habt?«
»Ja, denn die Fenster meines Kabinets gehen gerade da hinaus.«
»Wenn es der Mondschein gestattet, seht zuweilen auch nach, ob durch die Oeffnungen der Mauern keine; Ratten kommen, denn diese Thiere sind die gefährlichsten Feinde der Tulpenzwiebel. Ich habe Tulpenfreunde gekannt, die es Rosa nie vergeben konnten, daß er diese häßlichen Bestien auch mit in der Arche aufgenommen.«
»Ich will meine ganze Aufmerksamkeit den Ratten; und Katzen zuwenden. Zugleich gebt Ihr mir das Versprechen, mich auch über diesen Punkt jedes mal zu benachrichtigen. Aber,« fuhr er nach einem kurzen Nachdenken fort, in dem sich das ganze Gebiet seiner Zweifel in allen Mienen abspiegelte, »es giebt noch ein ärgeres mehr zu fürchtendes Thier, als Katzen und Ratten.«
»Ein mehr zu fürchtendes Thier?«
»Ja, und das ist der Mensch. Denkt selbst nach, liebe Rosa, er hat das Gefängniß, ja noch bitterere Strafen vor Augen, und scheut sich doch nicht einen Gulden zu stehlen, um wie viel leichter wird er eine Zwiebelknospe nehmen, die es ihm möglich macht, Hunderttausend zu erhalten.«
»O, seid ganz beruhigt, außer mir soll Niemand in den Garten kommen.«
»Gut, Ihr versprecht mir das heilig und theuer.«
»Noch mehr, ich schwöre es.«
»Dank Euch, liebe, himmlische Rosa, Dank, tausend Dank für die unendliche Freude, die Ihr mir bereitet.«
Baerle näherte sein Antlitz dem Gitter mit derselben Gluth wie Tags zuvor. Allein Rosa war aufmerksam, sie zog ihren Kopf zurück, und da die Stunde der Trennung bereits geschlagen hatte, reichte sie dem Gefangenen bloß die rechte Hand durch das Gitter.
Und in dieser reizend schön geformten Hand, auf welche das junge Mädchen selbst eine besondere Sorgfalt verwendete, befand sich eine Zwiebelknospe.
Baerle drückte diese Hand an seine Lippen. Und warum? Küßte er sie mit so großem Feuer, mit solcher Innbrunst, weil sie die Zwiebel enthielt —? oder vielleicht darum, weil es Rosas Hand war?
Darüber möge der Leser nach seinem eigenen Ermessen entscheiden.
Dann eilte Rosa fort. Sie hatte also noch zwei Zwiebelknospen, man konnte dies ja deutlich sehen, denn sie drückte diese zarten Wesen mit gleicher Wärme an ihr Herz.
Waren ihr die Zwiebelknospen darum so theuer, weil ihr glückliches Empor keimen einen nahmhaften Geldbetrag versprach, oder vielleicht nur, weil sie aus Baerles Händen kamen?
Diese Frage dürfte leichter, als die vorhergegangene beantwortet werden.
Von diesem Augenblicke wurde die Lage des Gefangenen mit jeder Stunde angenehmer.
Er hatte, wie wir dies vor Kurzem sahen, von Rosa eine Zwiebelknospe erhalten.
Jedes mal, wenn das Mädchen die von ihr bezeichnete Stunde genau einhaltend, am Abende erschien, brachte sie eine Handvoll jener Erde mit, die Baerle für die beste und ausgezeichnetste anerkannt hatte.
Aus den Trümmern eines großen Kruges, den Cornelius absichtlich gebrochen hatte, bildete er sich eine Art Gefäß, in welchen er die Erde aufbewahrte; dann mischte er diese mit ein wenig Flußschlamm, den er nachher trocknen ließ, und erhielt auf diese Weise eine Erde, die besonders vortrefflich war.
In den ersten Tagen des Monats April legte er seine Knospe ein.
Die List und Gewandtheit, mit welcher Baerle es möglich machte, seine Beschäftigung dem spähenden Auge des Kerkermeisters zu entziehen, läßt sich unmöglich erklären. Aber er hatte ja Zeit, jeden seiner Schritte reiflich zu überlegen, denn wer würde auch nur im Entferntesten zweifeln, daß dem Philosophen eine halbe Stunde der Gefangenschaft, ein Jahrhundert von Ideen und Gedankenfolgerungen wird.
Ein Tag schwand um den andern; an jedem erschien aber Rosa.
Der Hauptbestandtheil ihrer Unterhaltung bestand in der Tulpe. Rosa hörte einen förmlichen Curs über die Behandlung und Zucht der Blume, sie horchte stets aufmerksam, sie begriff Alles schnell und leicht; aber so interessant der Gegenstand auch an und für sich sein mochte, immer konnte man doch nicht von der Tulpe sprechen, dann kamen auch andere Gegenstände zum Vorschein, und der Tulpenfreund staunte oft, wenn die Unterhaltung mit jeder Minute an Ausdehnung gewann und endlich Grenzen zu überschreiten drohte, die bisher in seiner Brust noch unangetastet, gar seltsame Gefühle hervorriefen.
Nur Eines störte und betrübte ihn. Rosa hatte eine sehr üble und unangenehme Gewohnheit angenommen. Seit der ersten Begegnung hielt sie noch immer das Köpfchen unverändert einige Zoll vom Gitter entfernt, sie schien sich von dem Augenblicke selbst nicht .mehr zu trauen, wo sie wahrgenommen hatte, daß der bloße Hauch des Gefangenen bis tief zum Herzen dringe.
Zu diesem Uebelstande gesellte sich ein zweiter, der Baerle noch mehr, ja sogar ernsthaft beunruhigte.
Die Abhängigkeit, in der Rosa ihrem Vater gegenüber stand.
Alle seine trüben Gedanken verbanden sich in diesem einzigen Punkte. Sein Glück, sein zukünftiger Ruhm, der Preis so nahmhafter Forschungen und Entwürfe, das Gelingen der ganzen großen Unternehmung überhaupt, hing beinahe ganz allein von dem Kerkermeister ab. Und wer war dieser Mensch? eine rohe, gemeine Fleischmasse, keiner höheren Empfindung, keiner edleren Regung fähig, hart wie das Eisen, das er um die Glieder der Gefangenen schloß. Also von ihm hing Alles ab, und war es vielleicht nicht so. Konnte diesem Manne nicht mit einem Male der Aufenthalt auf dem Löwenstein zu langweilig werden, und den Entschluß befestigen, diesen Ort zu verlassen. Mußte Rosa, wenn eine solche Absicht ausgeführt wurde, nicht auch ihrem unbarmherzigen Vater folgen, wurde er dann nicht getrennt von ihr, und zwar auf ewig getrennt, konnte dann noch irgend eine Hoffnung für ihn entstehen, schwand da nicht der letzte flimmende Stern, der ihm noch am Horizonte seines Unglücks leuchtete. Ja gewiß, wenn der Allmächtige dies geschehen ließ, dann war es nur ein Fingerzeig der unendlichen Vorsehung, die für ihre Geschöpfe alles thut, aber endlich doch auch ermüden muß.«
Cornelius theilte Rosa diese Befürchtungen mit.
»Was würden uns,« sprach er, »in einem solchen Falle, auch selbst unsere Zugtauben nützen, da Ihr, mein theueres Kind nicht lesen könnt, und dann auch nicht im Stande seid, mir Euere eigenen Empfindungen, Glück und Unglück das Euch trifft, schriftlich mitzutheilen.«
»Ja, Ihr habt wohl recht,« erwiderte Rosa, die durch die trübe Stimmung des Gefangenen aufgeregt, vor dem bloßen Gedanken an eine Trennung zurück bebte; »aber wir haben ja alle Abende eine Stunde, benützen wir die zum Vortheile.«
»Wie, was sagt Ihr, benützen wir eben diese kurze Zeit nicht schon zu unserm Vortheile.«
»Wohl, aber wir können sie immer noch besser benützen. Habt nur die Gefälligkeit mir zu lehren, wie man schreibt und liest, Ihr sollt sehen, mit welcher Aufmerksamkeit ich Euere Vorträge anhören und welche großartigen Fortschritte ich machen werde. Kann ich dann diese beiden so wichtigen Erfordernisse recht gut, so will ich mich durch eigene Uebung noch vervollkommnen, und dann soll aus dieser Erde nichts unsere Trennung möglich machen, als nur der eigene Wille.«
»O, dann haben wir die herrlichsten und lachendsten Aussichten für die Ewigkeit.«
Aber Rosa zuckte die Achseln und schüttelte das Köpfchen ganz.ungläubig.
»Ihr werdet ja nicht immer im Gefängnisse bleiben,« sprach sie, »der Statthalter wird Euch gewiß in Kurzem die Freiheit geben, wie er Euch das Leben geschenkt hat; dann kehrt ihr auf Euere Güter zurück, und ein Mann, so reich, gelehrt und angesehn, wird es gewiß nicht der Mühe werth erachten, an Rosa, die Tochter des Kerkermeisters, eines Mannes, der dem Henker zunächst steht, zurückzudenken, oder sie nur eines Blickes zu würdigen, wenn Ihr in einem kostbaren Wagen an der Armen vorüberfährt.«
Baerle begann mit einer Masse von Einwürfen, die größtentheils auch aus der Tiefe seines fühlenden Herzens kamen, aber Rosa unterbrach ihn, indem sie fragte:
»Wie befindet sich Euere Tulpe?«
»Sie hatte das rechte Mittel getroffen. Sobald das Gespräch auf die Blumen gelenkt wurde, vergaß Baerle Alles andere, er war im Stande auch Rosa zu vergessen.
»Gut, gut,« rief er mit freudestrahlendem Auge, »die äußere Umhüllung beginnt schon langsam schwarz zu werden, die Gärung ist so eben im Entstehen begriffen, die Adern erwärmen sich und schwellen auf, in längstens acht Tagen hoffe ich mit Gewißheit die ersten Erhebungen des Keimes zu sehen. Aber wie geht es der Eurigen, Rosa?«
»Vortrefflich, aber ich habe meine Arbeit genau nach Euerer Angabe nur in einem etwas großen und ausgedehnten Maßstabe begonnen.«
»Ich bin doch neugierig zu erfahren, wie Ihr die Sache angegriffen habt, meine liebe Rosa,« aber in den Blicken und Mienen des jungen Mannes drückte sich eine Gluth aus, die etwas mehr als bloße Neugierde verrieth.
Rosa lächelte, in ihrem Innern fragte sie sich vergebens, wie die doppelte Empfindung in der Brust des Gefangenen entstehen, und seine Leidenschaft einen so hohen Grad erreichen konnte, daß er die Blume selbst der heiligsten Empfindung des Herzens vorziehen konnte.
»Nun so hört,« begann sie noch immer lächelnd. »In unserm Garten suchte ich mir ein großes Viereck aus, in welchem ich jedoch die Erde früher genau prüfte, bis ich fand, daß sie mehr feucht als trocken, ohne ein Körnchen Kies oder Sand sei, und hier legte ich mir die Rabatte ganz so an, wie Ihr es in Euerer Erklärung haben wolltet.«
»Gut, sehr gut.«
»Jetzt nachdem die Grundbedingungen ganz regelgerecht geordnet sind, warte ich nur aus Euere ferneren Anordnungen. Sobald Ihr es für gut findet, werde ich an dem nächsten schönen Tage meine Knospepflanzen, aber verzögert diese Zeit lieber noch ein wenig, denn da ich alle Vortheile der Lust und Wärme für mich habe, würde meine Tulpe gewiß früher als die Euere erscheinen, was mir nicht lieb wäre.«
»Ja, ja, Rosa,« Ihr seid ein herrliches, ein liebes Kind, Ihr seid die talentvollste und verständigste Schülerin, die es auf dieser Erde gibt,« rief Cornelius vor Freude in die Hände klatschend. »Seht bin ich erst ganz überzeugt, daß Ihr die hunderttausend Gulden gewinnen müßt.«
»Aber vergeßt nur nicht, daß Euere so gelehrige und auf Euer Lob ganz stolze Schülerin, noch mehr, und ich glaube beinahe sogar Wichtigeres zu lernen hat.«
»O! darauf vergesse ich gewiß nicht, denn lesen müßt Ihr können, ich bin dabei selbst am meisten interessirt.«
»Wann beginnen wir?«
»Gleich jetzt.«
»Nein, erst morgen«
»Warum erst morgen?«
»Weil unsere freie Zeit für heute vorüber ist, und ich fortgehen muß.«
»Ihr müßt schon gehen? Aber worin werden wir unsere ersten Uebungen anfangen?«
»Dafür laßt mich sorgen, ich habe ein Buch, das ich unendlich achte und schätze, und welches Euch vielleicht ein Glück bereiten wird.«
»Gut, es bleibt dabei, morgen.«
»Wie gesagt.«
Und am nächsten Abende erschien Rosa, die Biebel des Cornelius von Witt in ihren Händen.
III.
Die erste Zwiebelknospe
Wie wir so eben gesagt haben, erschien Rosa am Abende des nächsten Tages mit der Bibel des Cornelius von Witt.
Aber jetzt kommt eine jener seltenen Scenen, die das höchste Glück des Romanschriftstellers bilden, und ihn veranlassen, sich ganz den himmlischen Farben, des durch seine rege Phantasie hervorgezauberten, wunderbaren Bildes hin zu geben.
Man stelle sich das Gitter vor, diese einzige Oeffnung, die bisher eine Verständigung zwischen dem Gefangenen und seinem Schutzgeiste, (wenn wir Rosa so nennen wollen, ) möglich machte, man denke sich diese Oeffnung ein wenig zu hoch, so daß die Schülerin genöthigt ist, ihr Köpfchen ganz an dasselbe zu lehnen, man vergegenwärtige sich die reizende, schlanke Gestalt, das geöffnete Buch in der einen Hand, mit dem glühenden Auge genau den Buchstaben und Zeichen folgend, die ihr Cornelius mittelst eines Strohhalmes andeutet und erklärt, und Jedermann wird gestehen, daß dies Gemälde reizend, erhaben schön sein müsse.
Cornelius hatte der Bequemlichkeit wegen den Leuchter mit einem Schnupftuche an das Gitter festgebunden, und die magische Helle dieses Lichtes, hob die herrlichen Formen des reizenden Mädchens nur um so mehr hervor. Ihr reiches, blondes Haar erglänzte dem edlen Metalle gleich und war von der reichen goldgestickten Garnitur der breiten Hände, die wie bereits einmal berührt, den Hauptputz der friesischen Mädchen bildete, nur schwer zu unterscheiden. Das blaue seelenvolle Auge verfolgte unverwandt den leitenden Strohhalm, der kleine niedliche Mund sprach jeden genannten Buchstaben ernst und bedächtig nach, die zarten weißen Finger schwebten bald frei über dem Buche, bald senkten sie sich auf dasselbe nieder, und erhielten durch diese Bewegung jene rosige Färbung, die allein das unter der Haut wohnende Leben beurkundet.
Rosa hatte nicht zu viel gesagt, als sie behauptete, eine ausgezeichnete Schülerin zu werden. Sie begriff leicht und schnell, und wenn dennoch sich die, Schwierigkeiten zu sehr häuften, genügte eine einfache Begegnung der glühenden Augen, aus denen sich gleichsam ein elektrischer Strom entlud und der Seele die nothwendige Verständigung zuführte.
Sobald Rosa auf ihre kleine Kammer kam, wiederholte sie jede Lection mit der angestrengtesten Achtsamkeit, aber sie bemerkte zugleich, daß mit diesen Uebungen die Lectionen in der Liebe bedeutend vorwärtsschritten, obwohl man zur Ausbildung der Letzteren gar keine Stunde festgesetzt hatte.
Eines Abends war die gewöhnliche Zeit der Zusammenkunft herangerückt, Rosa erschien nicht. Erst eine halbe Stunde nachher vernahm Cornelius den leichten, schwebenden Schritt auf der Treppe.
Das war für ihm ein großes, schweres Ereigniß, seine erste Frage bestand darin, nach den Ursachen desselben zu forschen.
»Seid nicht böse, Herr Cornelius,« sprach Rosa. »Ich bin unschuldig an der heutigen Verzögerung. Mein Vater hatte in Haag die Bekanntschaft eines guten Mannes gemacht, der dort das Gefängniß besehen wollte, uns dann öfter besuchte, und sich besonders durch die lieben Geschichten, die er zu erzählen weiß, sowie dadurch, daß er dem Trinkbecher recht gerne zuspricht, beliebt machte. Dieser Mann ist heute hier angekommen, und Ihr könnt Euch leicht denken, daß er meinem Vater sehr willkommen sein muß, da er vor gar keiner Zeche, sei sie noch so groß, zurückschreckt.«
»Wißt Ihr mir nichts Näheres über diesen Mann mitzutheilen, liebe Rosa?«
»Nein, ich hatte überhaupt noch keine Gelegenheit ihn näher zu betrachten, da es erst zwei Wochen sind, seit dem sich mein Vater so sehr in ihn verliebt hat.«
»O, ich befürchte viel, unendlich viel, wer weiß, ob dieser Mann nicht einer jener Spione ist, wie man sie häufig in die Festungen sendet, um die Gefangenen genau zu beobachten?«
»Seid unbesorgt, ich glaube eher alles Andere, als dieses, denn wenn der gute freundliche Mann auch ein Spion sein sollte, so kam er gewiß nicht in der Absicht meinen Vater oder einen der Gefangenen auszuforschen.«
»Ja, aber wem sonst?«
»Wem? mich zum Beispiel.«
»Euch?«
»O ja, findet Ihr das so unmöglich?«
»Nein, im Gegentheile, ich finde dies sehr möglich und fürchte nur, daß Ihr nicht immer fruchtlose Bewerber haben werdet; wer weiß ob dieser Mann nicht Euer Gatte wird?«
»Darauf erwidere ich ganz einfach: Nein.«
»Und worauf stützt Ihr diese Gewißheit?«
»Es ist weniger Gewißheit als Furcht.«
»Ja, Ihr habt Recht, Furcht.«
»Merkt nun auf, worauf ich sie stütze.«
»Sprecht nur, ich horche gespannt.«
»Der Mensch, von dem ich früher sprach, war gerade zu jener Zeit in den Buytenhoff gekommen,, wo Ihr darin eingekerkert ward. Ich bemerkte zu meinem eigenen Staunen, daß er mir eine besondere Aufmerksamkeit widmete. Ging ich aus, so folgte er mir auf dem Fuße nach, kehrte ich zurück, that er wieder ein Gleiches. Bei meinem Vater entschuldigte er seine Zudringlichkeit mit dem Vorwande, daß er gekommen wäre, um Euch zu sehen.«
»Wie, was sagt Ihr? mich zu sehen?«
»Ja., Euch! aber wie ich bereits erwähnte, war dies gewiß nur ein Verwand, denn jetzt, wo er eben so gut weiß, daß Ihr Euch hier befindet und mein Vater Euer Kerkermeister ist, hat er noch gar keine Erwähnung gemacht, und sogar heute, wo ich ihn fragte, ober wieder Euretwegen gekommen sei, mir unverschämt in das Gesicht gesagt, er kenne Euch gar nicht.«
»Unterbrecht Euch nicht, meine theuere Rosa, erzählt weiter und vergesst nicht, mir selbst die kleinsten Einzelheiten bekannt zu geben, damit ich im Stande bin, zu errathen, wer eigentlich dieser Mensch ist.«
»Seid Ihr ganz überzeugt, Herr Cornelius, daß sich kein Freund Euerer besonders annimmt?«
»Dessen bin ich ganz gewiß. Ich besitze auf dieser Welt, außer meiner alten Amme, die Ihr selbst kennt, beinahe kein anderes mir liebevoll zugethanes Wesen. Und die einfache ungebildete Matrone versteht es durchaus nicht, sich zur Erreichung eines Zieles der List zu bedienen. Wäre sie hierher gekommen um mich zu sehen, da würde sie bloß Euch oder Euerem Vater zu Füßen fallen und mit aufgehobenen Händen bitten: Lieber Herr, gutes Mädchen, laßt mich meinen innig geliebten Sohn nur einige Augenblicke sehen, laßt mich nur wenige Worte mit ihm wechseln, ich werde Euch ewig dafür danken und zu Gott beten. Ja, ja, außer dieser guten Alten habe ich keinen Freund.«
»Außerdem fällt es mir so eben ein, daß ich gestern, als ich die selbst zugerichtete Rabatte im Garten noch ein wenig rangirte, von dem seltsamen Manne beobachtet wurde. Er stand gerade zwischen den Holunderbäumen, die hart an der Thüre gepflanzt sind, und sein Schatten, den er gar nicht zu bemerken schien, fiel in der Richtung, wo ich stand. Dies machte mich aufmerksam und meine Blicke nach der bezeichneten Gegend richtend, gewahrte ich den Fremden in einer Stellung, die mir deutlich verrieth, daß er die Absicht habe, sich zu verbergen. Diese Ueberzeugung machte mich vorsichtig, und ohne im geringsten meine Arbeit zu unterbrechen, unterließ ich es dennoch nicht, zeitweise nach ihm zu sehen. Stellt Euch aber auch mein Staunen vor, denn ich ersah klar, daß man weniger mich selbst, als jede meiner Bewegungen auf das Genaueste beobachtet.«
»Ja, ja, er ist verliebt. Sprecht Rosa, sagt mir, ist er jung und schön?«
»Jung, schön!« rief Rosa, indem sie laut auflachte. »Er ist nahe an den Fünfzig, gebückt, häßlich, seine tiefliegenden Augen schlägt er immer zu Boden, und wagt es beinahe gar nicht mich anzusehen.«
»Und wie heißt er denn?«
»Jakob Gisel.«
»Den Namen kenne ich nicht«
»Darum werdet Ihr aber auch einsehen, daß er, nicht Euretwegen kommt.«
»Ich fange an, mich von dieser Wahrheit zu überzeugen. Aber für jeden Fall Rosa, wenn er Euch auch liebt, so liebt doch Ihr ihn nicht?«
»Nein, ganz gewiß nicht.«
»Kann ich also ganz beruhigt sein?«
»Ich fordere Euch dazu auf.
»Nun gut Wenn Ihr aber so weit vorgerückt seid, daß Ihr bereits lesen könnt, so werdet Ihr zuerst genau das durchstudiren, was ich über die Eifersucht und die Qualen der Trennung oder des Fernseins schreiben will.«
»Ich will es lesen, aber Ihr werdet mit großen Buchstaben schreiben müssen.«
Die Wendung, die das Gespräch aus diese Art nehmen wollte, beunruhigte Rosa augenscheinlich, denn sie brach durch eine einfache Frage ganz davon ab.
»Was macht Euere Tulpe?« sprach sie.
»O, ich danke Euch, meine theuere Rosa. Stellt Euch nur meine Freude vor, heute Morgens, als die ersten Sonnenstrahlen in meinen Kerker schienen, machte ich vorsichtig die obere Erde, welche die Knospe bedeckt weg, und sah den ersten zarten Trieb; o, Rosa, mein Herz, alle meine Empfindungen sind so mächtig belebt, dieser weiße zarte Sprößling, den eine anstreifende kleine Fliege vernichten könnte, beurkundet das herrliche Leben, gibt mir die Ueberzeugung, daß die Tulpe erblühen, werde. Ich begrüßte diese Erscheinung mit mehr Wärme und Gefühl, ich fühlte mich glücklicher, als selbst in dem Augenblicke, wo man mir verkündete, der Statthalter habe es für gut befunden, mich nicht richten zulassen«
»Also lächelt Euch die Hoffnung?«
»Ja, mehr noch als die Hoffnung.«
»Aber wann werde ich meine Zwiebelknospen pflanzen dürfen?«
»Sobald ich es für gut finden werde, will ich hieran dem ersten günstigen Tage den Auftrag geben.« Aber nochmals bitte ich Euch, bewahrt dieses Geheimniß vor Jedermann, sei er wer er wolle; ein Tulpenliebhaber könnte sehr leicht aus der Zwiebel allein den unschätzbaren Werth erkennen und Alles aufbieten, ihrer habhaft zu werden. Dann vergesset auch nicht die dritte Knospe auf das Sorgfältigste zu verwahren.«
»Die habe ich noch immer in dem Papiere gelassen, das Ihr mir übergabt. Mit diesem habe ich sie in meinem Schranke unter die Spitzen gelegt, wo sie trocken gehalten und nicht im Geringsten gedrückt wird. Aber nun lebt wohl.«
»Wie, Ihr wollt schon fort?«
»Ja, ich muß.«
»Heute kommt Ihr so spät und eilt so schnell wieder fort.«
»Ihr werdet es aber doch erklärlich finden, daß heute meinem Vater, der noch auf sein dürfte, die lange Entfernung allerlei vermuthen, und meinen vermeintlichen Liebhaber glauben lassen könnte, ich besäße irgendeinen theuern Gegenstand, der meine freie Zeit in Anspruch nimmt.« Aber mit einem Male schwieg sie still und schien aufmerksam zu horchen.
»Was gibt es denn?«
»Es kam mir vor, als hätte ich ein Geräusch gehört.«
»Was für eines i««
»Gleichsam, als wenn Jemand über die Stiege schleichen wolle.«
»Das konnte Gryphus dann unmöglich sein, denn der versteht sich nicht auf das Schleichen, man hört ihn gewöhnlich aus eine ziemlich bedeutende Entfernung.«
»Ihr habt recht, mein Vater ist es nicht.«
»So könnte es Jakob sein.«
Rosa eilte zur Stiege; in demselben Augenblicke hörte man auch, wie unten eine Thüre rasch geschlossen wurde.
Baerle war aufgeregt und unruhig; er ahnte aber nicht, daß dies nur ein Vorspiel des kommenden Ungemachs sei.
In allen trüben und unangenehmen Lagen des Lebens dürften wohl die Meisten bemerkt haben, daß gewöhnlich noch vor ihrem Auftreten gewisse Erscheinungen darauf hindeuten, gleichsam, als wolle die Vorsehung ihr Opfer zuerst in Kenntniß sehen, so wie dies zwei Kämpfende gegenseitig zu thun pflegen.
Die Vorahnungen sind mannigfach und verschieden. Bald erscheinen sie als die Stimme der Vernunft oder des Herzens, bald gestalteten sie sich aus leblosen Wesen, zu einen leicht anschaulichen Bilde, oder vergegenwärtigen uns dasselbe in der Natur. Aber selten pflegt der Mensch auf sie zu achten, er berücksichtigt sie gar nicht, er sucht ihren Ursachen nicht nachzuforschen, und statt durch das Sausen des über seinem Haupte geschwungenen Schwertes aufmerksam gemacht, sich vorzusehen, legt er selbst den Kopf geduldig auf den« Pflock, um ihn vom Rumpfe trennen zu lassen. Der kommende Tag verging ruhig, es fiel nichts Besonderes vor. Der Kerkermeister machte wie gewöhnlich seine Visiten zu ganz ungewissen Stunden, aber seine Absicht, den Gefangenen bei einer verbotenen Beschäftigung zu ertappen, mißlang durch seine Schwerfälligkeit, da Baerle jedes Mal den harten Mann schon von Ferne kommen hörte, und noch genug Zeit hatte, alle Vorsichtsmaßregen zu treffen, die eine Entdeckung verhinderten. Um dies möglich zu machen, hatte er einen eigenen Mechanismus an seinem Fenster angebracht. Durch eine am unteren Rande befindliche kleine, mit Moos bedeckte Spalte, ließ er eine Schnur hindurch, anderem Ende das aus dem zerbrochenen Kruge verfertigte Gartengeschirr angebracht war. Befand er sich allein, so durfte er nur daß Fenster öffnen und die Blume hinaufziehen, hörte er Gryphus nahen, so ließ er das Geschirr vorsichtig hinab und schloß das Fenster, so daß dieser bis zu dem genannten Augenblicke von dem Ganzen gar keine Ahnung hatte.
Acht volle Tage waren auf diese Art ruhig dahingeflossen. Am neunten, einem stürmischen kalten Morgen, saß Baerle wieder ganz in sein Glück vertieft, die herrliche Tulpe genau betrachtend, in dein einsamen Kerker. Draußen tobte und heulte der Wind, er riß Mauersteine und Dachziegel herab, entwurzelte Bäume und verursachte ein furchtbares Getöse. Diesmal hörte Cornelius nichts, er vernahm weder den schweren Tritt des Kerkermeisters noch das Knarren der Thüre, entsetzt, einer Leiche ähnlich, schrack er zusammen, als Gryphus mit zornentflammtem Auge vor ihm stand.
Er hatte in den Händen des Gefangenen einen Gegenstand bemerkt, mit dem er sich ernsthaft zu beschäftigen schien, er war seiner Meinung nach einem großen Verbrechen auf der Spur, wie ein Raubthier nach seiner Beute, stürzte er auf Cornelius zu.
Ein unerklärbares Verhängniß schien es bestimmen zu wollen, daß der rohe Mann mit seinen groben schwieligen Händen gerade mitten in den zerbrochenen Krug, auf jene Stelle langte, wo die werthvolle, ein wenig enthüllte Zwiebel verborgen lag.
Und es war dies gerade jene Hand, die unter dem Gelenke gebrochen, van Baerle mit so großer Kunst und Geschicklichkeit vollkommen wieder eingerichtet hatte.
»Was macht Ihr da?« schrie Gryphus; »endlich einmal habe ich Euch ertappt.«
Zugleich wühlte er mit der Hand tiefer in der Erde.
Cornelius zitterte am ganzen Körper, er vermochte nur die wenigen Worte: »Ich habe nichts,« hervorzubringen, so sehr hatte ihn die unverhoffte Erscheinung des Kerkermeisters und die Gewißheit eines unglücklichen Ausganges niedergedrückt.
»Was! nennt Ihr das Nichts? Einen Krug mit, Erde angefüllt, glaubt Ihr mir etwas weiß zu machen, gewiß habt Ihr ein wichtiges und schweres Geheimniß da. Verborgen.«
»Lieber Gryphus,« bat Cornelius, bebend, wie der Vogel, dem eine rohe Faust die Jungen zu rauben versucht.
Gryphus bemühte sich so eben die Erde umzuwühlen.
»Um Gottes Willen, gebt acht Herr,« rief Cornelius, bleich und am ganzen Leibe zitternd.
»Zum Satan auch, aus was soll ich den acht, geben?«
»Fort Elender,« schrie Cornelius und mit krampfhafter Anstrengung entriß er dem Gefangenenwärter den Krug, diesen nun unter seine beiden Hände bergend.
Diese Bewegung, die mit ihr ganz deutlich an den Tag gelegte Angst des Gefangenen, bestärkte in Gryphus nur noch mehr den Verdacht, daß er hier einem wichtigen Staatsgeheimnisse, einer neuen, gegen Wilhelm von Oranien angezettelten Verschwörung; auf die Spur gekommen sei. Zugleich bemerkte er aber, wie Baerle ganz die Positur zu einer kräftigen und geschickten Vertheidigung seines Schatzes angenommen, weshalb er es für räthlich zu finden schien, sich einer Waffe zu bedienen. Er schwang aus dieser Absicht, den ihn stets begleitenden Knotenstock, und ging auf den Gefangenen los.
Allein auch diese Bewegung überzeugte ihm augenblicklich, daß es dem Letzteren weniger um seinen Kopf, als um den in seinen Händen befindlichen Gegenstand zu thun war.
Er änderte demnach unverzüglich seinen Angriffsplan, und trachtete sich auf eine geschickte Weise des zerbrochenen Kruges zu bemeistern.
»O!« rief er, während es ihm gelungen war, den oberen Rand desselben zu erfassen, »seht nur, wie man Eueren Worten trauen kann, Ihr liefert da seinen sehr klaren Beweis, daß Ihr ein schändlicher Verräther seid.«
»Laßt mich, laßt mir meine Tulpe.«
»Was, Tulpe? ho, ho, ho Vögelchen, ich bin unter Schurken alt und grau geworden, mich fängt man nicht so leicht.«
»Ich lege Euch einen Eid darauf ab.«
»Schweigt mit Eueren erbärmlichen Ausflüchten und lasset augenblicklich los, oder ich rufe die Wache.«
»Ja, ruft sie nur, wenn Ihr meine arme Blume durchaus haben wollt, so sollt Ihr sie nur mit meinem Leben erkaufen.«
In diesem Augenblicke gelang es Gryphus, nochmals mit seiner schweren Hand gerade mitten in die Erde zu reichen. Durch einen raschen und heftigen Druck kam er beinahe bis auf den Boden des Gefäßes, fühlte daselbst einen harten Gegenstand, zog diesen rasch hervor und in derselben Minute lag die glänzend schwarze Zwiebelknospe aus dem Boden. Cornelius hatte sie nicht bemerkt, er glaubte seine theuere Blume gerettet und sprang triumphirend zum Fenster, während Gryphus mit einem mächtigen Fußtritte, die herrliche Zwiebel zu Brei zertrümmerte. Da fiel Baerles Blick ebenfalls auf die blutenden Reste seiner Hoffnungen seines Stolzes. Er stieß einen furchtbaren, einen entsetzlichen Schrei aus, es war ein Ruf, der Angst und unheilbaren Schmerz verkündete, und selbst den schrecklichen Kerkermeister gerührt haben würde, der einigen Jahre früher die Spinnerin, den einzigen Trost und Zeitvertreib eines Gefangenen tödtete. In diesem Augenblicke schwand seine Besinnung, er war seiner geistigen Thätigkeit nicht mehr mächtig, Nacht umwölkte den ohnehin düstern Blick. In seiner Seele tauchte ein furchtbares Bild auf, er wollte Rache, blutige Rache nehmen. Mit beiden Händen, die ganze jungendliche kraft zu Hilfe nehmend, hob er den schweren Krug mit der noch übrig gebliebenen Erde, triumphirend fiel sein wuthentbrannter Blick auf das erwählte Opfer, noch eine Secunde und dieses mußte sich leblos zu seinen Füßen wälzen. Aber in diesem entsetzlichen Augenblicke, in dieser schaudererregenden Minute, die aus einem gemüthlichen ruhigen Menschen, einen elenden Mörder gemacht haben würde, ertönte ein durchdringender Schrei, ein Schrei, der eine Welt von Schmerzen, Angst und Bangen in sich schloß. Cornelius hatte die Stimme erkannt, unwillkürlich fielen die Hände herab, das Auge ganz den furchtbaren Ausdruck verlierend, richtete sich nach jener Seite, wo der Ton hergekommen war, und dort zwischen der schweren eisernen Thüre stand zitternd, blaß, mit gefalteten Händen, dies Tochter des Kerkermeisters.
Wenige Secunden nachher war sie rasch zwischen den Gefangenen und ihren Vater getreten.
Der Krug fiel zugleich zur Erde, und zerbrach mit Getöse in tausend Stücke. Gryphus erkannte die Gefahr, der er kaum entronnen, sein Zorn machte sich durch heftige Drohungen und Flüche Luft.
»Geht,« sprach Cornelius mit von innerer Aufregung noch zitternder Stimme; »Ihr müßt ein feiger, elender Wicht, ein roher Mensch sein, wenn Ihr einem armen Gefangenen den einzigen Trost, seine ganze Freude raubt.«
»Vater!« rief Rosa, »o, was habt Ihr da gethan, ja Ihr wißt es nicht; aber Euere Handlung steht nahe am Verbrechen.«
»Was höre ich da, mein Töchterlein?« schrie Gryphus, sich gegen Rosa wendend, »kümmerst Du Dich da auch schon um Dinge, die Dich nichts angehen; vorwärts, sieh daß Du so schnell als möglich weiter kommst.«
»Elender, entsetzlicher Mensch,« rief Cornelius, seine Augen in Thränen badend.
Gryphus sah endlich doch ein, daß es sich nur um die Tulpe handle, und nun mehr über seine Brutalität und Roheit beschämt, suchte er den begangenen Fehler: wenigstens in Etwas zu bessern.
»Wenn es sich bloß um eine Tulpe handelt,« sprach er, »so sollt Ihr so viele bekommen, daß Ihr gar nicht Zeit haben werdet, Euch mit Allen abzugeben, ich glaube auf dem Dachboden wenigstens dreihundert Stücke bemerkt zu haben.«
»Und wenn Ihr Millionen oder Milliarden von Zwiebeln besitzt, so haben sie alle zusammen nicht im Entferntesten den Werth derjenigen, die Ihr mir da zertreten habt.«
»So, so, mein Freundchen, jetzt komme ich doch erst zu der Ueberzeugung, daß diese Zwiebel irgend eine geheime Kraft besessen hat, die Ihr, wenn sie vollkommen ausgebildet gewesen wäre, mit Euern teuflischen Künsten gegen Seiner Hoheit unsern gütigen Statthalter gebrauchen wolltet. Jetzt danke ich Gott, daß ich dies erbärmliche Vorhaben vernichtete, und bedauere nur, wie es viele mit mir thun, Euern Kopf noch auf den Schultern sitzen zu sehen.«
»Vater, lieber Vater,« rief Rosa.
»Ja, ja, ja, ich habe sie zerstört, ich habe es vernichtet, das niederträchtige Werk, fangt aber nur wieder an wenn Ihr wollt, und seid zugleich versichert, daß ich es wieder so machen werde, wie diesmal. Ich habe es Euch vorhergesagt, unter meiner Aufsicht soll Euch das Leben so sauer als nur immer möglich gemacht werden.«
»Elender, erbärmlicher Wicht, stöhnte Cornelius, und gleichsam als wolle er den Ueberresten seiner zertrümmerten Freude und Hoffnung noch die letzte Ehre erweisen, bückte er sich zu Boden nieder, um sie aufzulösen.
Rosa neigte sich, so viel sie dies von ihrem Vater unbemerkt thun konnte zu ihm herab und flüsterte ihm leise zu: »Tröstet Euch, morgen werden wir die andere pflanzen.«
Gleich einem lindernden Balsam schlossen sich, durch diese wenigen Worte geheilt, die blutenden Wunden des Unglücklichen.
IV.
Rosas Liebhaber
Kaum hatte noch Rosa diese wenigen Worte gesprochen, als man auf der Stiege schwere Schritte, und zugleich eine rauhe Stimme vernahm, die laut nach Gryphus fragte.
»Vater!« rief Rosa, »hört Ihr nicht!«
»Nun was gibt es?«
»Herr Jakob fragt nach Euch, er scheint beunruhigt zu sein.«
»Es ist ganz natürlich. Wegen dieser Sache wurde ja so viel Lärm gemacht, daß es mich gar nicht wundert, wenn man glauben würde, ich sei nahe daran gewesen, erschlagen zu werden.« Es ist entsetzlich was für ein Ungemach und welchen Schaden einem die Gelehrten auf jede nur mögliche Art und Weise zufügen.«
Hierauf deutete er mit der Hand nach der Thüre, und sprach zu Rosa:
»Vorwärts, Töchterlein.«
Rosa gehorchte unverzüglich, die schwere Thüre wurde abgeschlossen, und nur Gryphus war noch in der Ferne zu hören.
»Warte nur mein lieber Freund Jakob, ich komme gleich.«
Cornelius war nun wieder allein; ganz seiner schmerzhaften Betrachtung, seinem tödtenden Nachdenken preisgegeben.
Der Kopf sank auf seine Brust, die Arme hingen schlaff herab, Thränen entquollen gleich einem reißenden Bache den Augen. Alles war ja hin, Freude, Hoffnung, Ruhm und Ehre.
Die Kinder seiner rastlos thätigen Phantasie, die Sproßen unausgesetzter geistiger Anstrengung, waren durch die Hand eines elenden rohen Menschen vernichtet worden.
In allen andern Lagen hätte ihn dies Unglück gänzlich zu Boden gedrückt und den Sieg über seine jugendliche Körperkraft und Gesundheit davongetragen.
Aber diesmal leuchtete ihm ja noch ein glänzender Hoffnungsstern.
Es war Rosa.
Am Abende erschien das Mädchen wie gewöhnlich.
Ihr Schmerz schien gewichen, das schöne Antlitz hatte einer unverkennbaren Freude Platz gemacht, sie verkündete dem Gefangenen mit leuchtenden Blicken, daß sich ihr Vater in der Folge nicht mehr im Entferntesten seiner Lieblingsbeschäftigung widersetzen und es sogar gerne sehen werde, wenn Cornelius sich mit der Tulpe beschäftige.
»Wie kommt Ihr zu dieser auffallenden und sonderbaren Ueberzeugung?« sprach Cornelius mit schmerzhaft bewegter Stimme.
»Daher, weil ich sie aus dem eigenen Munde hörte.«
»Dann hat er gewiß die Absicht, mich nochmals zu überlisten.«
»O nein! im Gegentheile, sein rohes Verfahren scheint ihn zu reuen.«
»Auch möglich, leider aber zu spät.«
»Aber bemerken muß ich Euch noch, daß diese Reue nicht aus ihm selbst entsprang.«
»Woher kam sie denn?«
»Wenn Ihr nur Gelegenheit gehabt hättet, zusehen, wie erboßt sein Freund war, als er die Ursachen des hier stattgehabten Lärmes erfuhr.«
»Ihr meint den Herrn Jakob, er bleibt also noch immer Euer treuer Begleiter?«
»Er verläßt uns beinahe gar nicht.«
Und Rosa lächelte bei diesen Worten so naiv und schelmisch, daß sich die ganze Reinheit und Unschuld ihres Herzens in den Augen abspiegelte. Dieses einzige liebenswürdige Miene reichte hin, die trübe Wolke zu verscheuchen, die sich auf der Stirne des Gefangenen gelagert hatte.
»Wie hatte sich aber diese seltsame Sache eigentlich gestaltet?« fragte Cornelius.«
»Wir gingen zum Abendessen. Mein Vater wurde von Jakob um eine genaue Mittheilung des hier stattgehabten Auftrittes befragt, und zögerte gar nichts diese mit allen Einzelheiten zu erzählen, und sich zugleich seiner Heldenthat, der Zertrümmerung der Tulpenzwiebel, nämlich zu rühmen.«
Cornelius seufzte tief, aber dieser Seufzer glich eher dem Röcheln eines Sterbenden.
Rosa fuhr fort:
»Ja diesem Augenblicke hättet Ihr Herrn Jakob sehen sollen. Er verlor mit einem Male ganz seine Fassung. Die Haare standen ihm zu Berge, die Augen sprühten Flammen, die Brust hob und senkte sich so mächtig, daß sie beinahe zu bersten drohte, mit einem Satze war er bei meinem Vater und hatte diesen am Halse erfaßt. Wie schrie er, was habt Ihr gemacht? Zertreten habe ich die verrätherische Zwiebelknospe, daß kein Stückchen mehr daran geblieben ist. Elender Wicht, entsetzlicher Mann, Ihr habt da ein Verbrechen begangen, daß selbst Euer Blut nicht zu sühnen vermag. Und dabei heulte der Unmensch so furchtbar, daß mir sein Anblick unerträglich wurde, und ich mich nur nach einem Gegenstande umsah, durch den ich meinem bedrängten, und selbst auf das Höchste überraschten Vater zu Hilfe eilen konnte. Nach einigen Secunden ließ er jedoch ab, und sank ermattet auf seinen Stuhl zurück, sich das Gesicht mit den Händen verdeckend.«
»Seid Ihr bei Sinnen, fragte mein Vater sein in Unordnung gebrachtes Halstuch zu Recht richtend.«
«»Das hätte ich dem Herrn Jakob nie zugetraut,« unterbrach Cornelius das Mädchen »er scheint doch ein ehrenwerther Mann, eine edle kräftige Seele zu sein«
»Ich wiederhole es Euch nochmals, die Angst und Verzweiflung dieses Mannes ist nicht zu schildern. Er behandelte meinen Vater von diesem Augenblicke an mit einer Geringschätzung, die noch Niemand gegen ihn gezeigt hatte; und rief dabei unausgesetzt:
»Also zertreten habt Ihr Sie, zertreten, o, Gott und ganz gewiß vernichtet?«
»Dann kehrte er sich rasch zu mir:
»Ihr werdet mir gewiß Auskunft geben können, ob dies die einzige Zwiebel war, die der Gefangene besaß!«
»Wie, was sagt Ihr Rosa, danach hat er gefragt?«
»Mein Vater antwortete statt mir.
»Also glaubt Ihr, daß Cornelius mehrere solche Zwiebel besitze? Gut ich werde nicht ermangeln die Andern auch zu suchen.
»Bei diesen Worten sprang Jakob abermals wie wüthend auf, und packte meinen Vater beim Kragen. »Suchen wollt Ihr auch die Andern?« —
»Aber als wenn ihm ein besserer Gedanken gekommen wäre; er ließ ihn wieder los, und wendete sich zu mir:«
»Sagt mir liebes Mädchen, was hat der junge Mann gesprochen und gethan, als ihm dies Unglück widerfuhr?«
»Ich war sehr in Zweifel und Verlegenheit was ich eigentlich antworten sollte, da mir Euer Verbot einfiel, Niemanden unter keinem nur denkbaren Vorwande merken zu lassen, welches große Interesse Ihr selbst für die Tulpenzwiebel habt. Aus dieser höchst unangenehmen Lage befreite mich mein Vater, indem.er die Antwort selbst gab!«
»Was er gethan und gesprochen hat, wollt Ihr wissen? er schäumte und tobte wie ein Rasender.«
»Ich fiel dem Vater in die Rede« —
»Ja, aber wie konnte er es auch anders thun, da Ihr ihn so roh, beinahe unmenschlich behandelt habt.«
»Seid Ihr denn alle von Sinnen,« schrie mein Vater ganz aufgebracht, »Ihr macht da ein Wesen wegen einer elenden, erbärmlichen Tulpenzwiebel, während dem man aus dem Blumenmarkte zu Gorkum hunderte um einige Gulden bekommt.« Ich war sehr unvorsichtig als ich hierauf erwiederte – »Ja wohl, Zwiebel genug, aber keine solchen, die dieser Einzigen im Werthe gleich kommen.«
»Wie benahm sich Jakob bei diesen Worten?« fragte Cornelius schnell.«
»Ich gestehe Euch nur die Wahrheit, wenn ich sage, daß es mir vorkam, als wenn zwei Blitze aus seinen Augen sprühten.«
»Gut, aber diese Bewegung allein war gewiß nicht Alles, er setzte auch einige Worte hinzu?«
»Ihr habt es errathen, denn mit einer ihm sonst ganz fremden Freundlichkeit sprach er zu mir: »Ei mein schönes Kind, Ihr ahnet also, daß diese Zwiebel einen hohen Werth haben müsse.«
»Jetzt erst bemerkte ich die Größe des begangenen Fehlers. Ich beeilte mich ihn wo möglich wieder gut zu machen.«
»Ob sie einen besonderen Werth hat oder nicht, das ist mir völlig unbekannt. Die Erfahrung hat bei dem unausgesetzten Verkehr mit den Gefangenen in mir die Ueberzeugung begründet, daß diesen armen Geschöpfen jeder wie immer geartete Zeitvertreib ein Glück ist, welches den ganzen Bereich ihrer Seligkeit in sich schließt, und mit dessen Vernichtung man ein Verbrechen begeht.«
»Herr van Baerle ergötzte sich an seiner Tulpenzwiebel; als der einzige Gegenstand der Erheiterung, mußte sie für ihn einen unendlich hohen Werth haben und ihr Verlust auch einen eben so großen nicht zu lindernden Schmerz hervorrufen.«
»Aber,« fiel mein Vater ein: »Ich möchte nur wissen wie er zu der Zwiebel gekommen ist. Dieser Punkt ist eigentlich im gegenwärtigen Augenblicke für mich der wichtigste.«
»Ich wendete mich von meinem Vater ab, um seinem forschenden, auf mich gerichteten Blicke zu entgehen, begegnete aber dadurch den Augen Jakobs, der mich unverwandt ansah und gleichsam in meiner Seele lesen zu wollen schien. Ich fand es daher am gerathensten, mich durch eine rasche Entfernung aller noch möglichen Verlegenheiten zu entziehen, sprang auf und eilte fort.«
»Jakob hatte sich an meinen Vater gewendet, und sprach leise mit ihm. Schon war ich bei der Thüre, als ich ein Wort vernahm, das meine ganze Aufmerksamkeit erregte und mich bewog, im Zimmer zu bleiben.«
»Ich will Euch nun die ganze Unterhaltung, wie ich mir dieselbe genau gemerkt habe, hier mittheilen.«
»Jakob sprach also zu meinem Vater:«
»Ihr-habt ganz recht, wenn Ihr Euch Gewißheit verschaffen wollt, ob er noch mehrere Tulpenzwiebel besitzt, und ich glaube, dies zu bewerkstelligen, dürfte gar nicht schwer sein.«
»Wie, glaubt Ihr wohl, am Besten dabei zu verfahren?«
»Ihr müßt ihn, durchsuchen, und zwar genau durchsuchen; hat er die anderen Zwiebelknospen, so werden sie sich finden, und gebt genau acht, es müssen deren drei sein.«
»Wie, was!« rief Cornelius »er hat gesagt drei müßten es sein?«
»Nun werdet Ihr es wohl auch begreifen, daß mich diese Worte ebenso wie Euch überraschten. Ich blieb daher, wie bereits ein Mal gesagt im Zimmer, und wurde weder von meinem Vater noch von Jakob bemerkt.«
»Ja aber,« sagte mein Vater, »wer weiß auch, ober die Zwiebel bei sich hat?«
»Das macht nichts, hat er sie gerade nicht bei sich, so sind sie doch gewiß im Zimmer verwahrt. Ihr dürft ihn dann nur unter irgend einem Vorwande herabkommen lassen, und mir gestatten, daß ich das Gefängniß durchsuche.«
»So!« rief Cornelius, »ich fange langsam an zu begreifen, auch dieser Jakob muß irgend ein elender Schurke sein.«
»Das glaub’ ich selbst.«
»Antwortet mir auf eine sehr wichtige Frage,« »fuhr Cornelius fort.
»Nun?«
»Ihr erzähltet mir, daß Euch Jakob an dem Tage nachfolgte, an dem Ihr im Garten die von mir angegebene Rabatte vorbereitet habt?«
»Ja.«
»Er war mehr einem Schatten ähnlich, hinter de Bäumen geschlichen?«
»Ganz richtig«
»Er verlor nicht eine einzige Bewegung Eueres Rechens aus dem Auge?«
»Auch nicht eine!««
»Dann bin ich überzeugt«
»Nun.«
»Er folgt nicht Euch nach.«
»Wem sonst?«
»Er ist nicht in Euch verliebt.«
»Ja aber in wem dann?«
»Meiner Zwiebelknospe folgt er nach, er ist in meine Tulpe verliebt.«
»Was meint Ihr? – doch ja Ihr mögt recht haben.«
»Wollt Ihr Euch ganz überzeugen?«
»Gebt mir die Art und Weise an.«
»Nichts leichter als das!«
»So sagt es mir.«
»Ihr geht morgen wieder in den Garten, und wiederholt genau all dasjenige, was Ihr das erste Mal gemacht habt, nur leitet Ihr das Ganze so ein, daß Jakob hiervon in Kenntniß gesetzt werde. So bald Ihr merkt daß er nachfolgt und wie damals lauert, setzt zum Scheine eine Zwiebelknospe in die Erde, entfernt Euch hierauf, ohne ihn jedoch aus den Augen zu lassen. Es wird Euch gewiß nicht schwer fallen, irgend ein Versteck ausfindig zu machen, durch welches es Euch möglich wird, jede Bewegung des Mannes genau zu beobachten.«
»Ganz recht, »aber was nachher?«
»Wir werden unsere Maßregeln ganz nach seiner Handlungsweise einrichten«
Aber Rosa seufzte tief: – »Wie ich sehe, so liebt Ihr Euere Tulpenzwiebel unendlich.«
»Ja ich liebe sie unendlich, ich will und kann es auch nicht läugnen. Als Euer Vater mir das theuere Gut zertrümmert glaubte ich mit ihr einen Theil meines eigenen Lebens vernichtet.«
»Wie aber Cornelius, wenn Ihr noch einen Versuch wagen würdet?«
»Welchen?«
»Ihr nehmt z. B. den Vorschlag meines Vaters an.«
»Ich entsinne mich auf keinen.«
»Er hat Euch eine Unzahl Tulpenzwiebel versprochen.«
»Nun was weiter.«
»Nehmt ihrer so viele als Ihr benöthigt, zieht sie auf, und unter ihnen auch Euere Knospe.«
»Wenn Euer Vater allein zu fürchten wäre, dann könnte ich diesen Vorschlag anstandslos annehmen. Aber so begleitet ihn ja ein neuer Feind, dieser unselige Jakob.
»Auf den dachte ich gar nicht. Nun wenn es gleich mit euerer Knospe nicht geht, so nehmt doch immerhin den Vorschlag an, denn Ihr beraubt Euch sonst ganz, der so wohlthuenden Zerstreuung.«
Und diese Worte begleitete Rosa abermals mit einem zärtlichen und himmlischen Lächeln.
Cornelius schien wirklich einen Augenblick zu überlegen, man sah den innern Kampf deutlich in seinen Mienen ausgedrückt; »Nein, nein!« rief er mit einem Male, »nein, dieser Vorschlag kann und darf nicht angenommen werden, denn es hieße eben so viel, als mein ganzes Glück, meinen Ruhm und meine Hoffnung auf den Sand bauen. Rosa, morgen werdet Ihr die Zwiebelknospe nach meiner Instruktion pflanzen. Die dritte aber, die haltet in Euerem Schranke wohl verwahrt. Ich ahne im Stillen, daß auch der zweiten ein Unglück zustoßen, die letzte hingegen, zur glänzenden Vollendung gebracht werden wird. Aber darum schwört Ihr mir auch, daß Ihr dieß unscheinbare Kleinod, auf dem Platze, den es soeben einnimmt, den Augen der ganzen Welt entziehen wollt, Ihr schwört mir, Niemand Euer Geheimniß anzuvertrauen, und selbst für den Fall, wenn Feuer vom Himmel regnen, wenn der Löwenstein in Flammen aufgehen sollte, Euer ganzes eitles Geschmeide, Euere Ringe, Ketten, Perlen, Schnüre und Spitzen solange unberücksichtigt zu lassen, bis Ihr die Gewißheit habt, daß meine Zwiebelknospe gerettet und in Sicherheit ist. Das, das Rosa, müßt Ihr mir an diesem Tage des Unglücks zusagen.«
In Rosas Mienen malte sich bei diesen, beinahe mit Enthusiasmus gesprochenen Worten, eine gewisse ernste Feierlichkeit und Trauer.
»Seid unbesorgt und ruhig,« sprach sie, »Ihr wißt ja ohnedies, daß mir Euere Wünsche Befehle sind.«
»Sollten unsere Feinde aber noch mehr versuchen,« fuhr Cornelius mit immer steigendem Accent fort, »solltet Ihr bemerken, daß Euch der Vater oder Jakob überall auf dem Fuße folgen, und wäre es auf diese Art möglich, sie zur Entdeckung des zwischen uns bestehenden Einverständnisses zu bringen, dann Rosa bitte ich, ich, der ich beinahe ohne Euch nicht mehr leben kann, mir ein Opfer zu bringen. Es ist entsetzlich wenn ich daran denke – aber es müßte dennoch sein, sich habe Niemand mehr auf dieser Welt und muß Euch dennoch bitten, von dem Augenblicke jener Wahrnehmung nicht mehr hierher zu kommen.«
Rosa antwortete Nichts, aber ein tiefer Seufzer, ein Strom von Thränen, der den schönen Augen entquoll, sprach deutlicher als dies Worte thun konnten.
»Was fehlt Euch?«
»Eine Bemerkung, die ich so eben mache, schmerzt mich tief.«
»Was aber habt Ihr bemerkt?«
»O, soll ich es Euch noch sagen, jetzt nachdem Ihr so deutlich erklärt habt, daß die Tulpe Euere ganze Sehnsucht und Hoffnung bildet, uns einen Platz in Eurem Herzen ausfüllt, der es unmöglich macht, noch eine andere Empfindung darin aufzunehmen.
Sie eilte fort.
Cornelius war wie vorn Schlage gerührt. Wenn ihn schon das Unglück des Nachmittags vollkommen niedergebeugt hatte, so schienen die überstandenen Qualen gegen jene, die nach Rosa’s Verschwinden in seiner Brust wütheten, nur geringfügige Kleinigkeiten. Er brachte eine jener furchtbaren Nächte zu, die dem Leser bekannt sein werden, der die zartesten Saiten seines Gefühles öfter zum höchsten Tone gespannt hatte.
Rosa hatte gezeigt, daß sie dem Gefangenen auch zürnen könne, es war sehr leicht möglich sie nachdem vorgefallenen nicht wieder zu sehen, und dann auch von seiner Tulpe keine Nachricht zu erhalten.
Wir sehen dadurch den extremen Charakter eines der leidenschaftlichsten Tulpenzüchter jener Zeit in seiner ganzen Macht entwickelt.
Aber zu unserm eigenen Bedauern, so wie auch zum Schmerze aller Freunde der Gartenbaukunst müssen wir gestehen, daß die Verzweiflung und Unruhe Baerles, diesmal weniger aus Liebe zu seiner Tulpe, sondern vielmehr aus Neigung zu Rosa entstand. Und so von der schrecklichen Ungewißheit gefoltert und gepeinigt, lag er schlaflos bis gegen drei Uhr Morgens auf seinem harten Bette, um welche Zeit endlich die körperliche Schwäche den Sieg davon trug und ihn entschlummern machte.
In seinem Traume schwebte die große schwarze Tulpe ihm unablässig vor den Augen.
V.
Die Frau und die Blume
Rosa hatte sich in ihr Zimmer eingeschlossen, sie konnte daher nicht wissen, wovon Cornelius träumte.
Und wenn sie sich seine letzten Worte in das Gedächtniß zurückrief, war sie vielleicht geneigt zu glauben, er träume eher von seiner Tulpe, als von ihr.
So diesem Ideengange hingegeben, von der vorgefaßten Meinung ganz durchdrungen, Niemanden zur Seite, dem sie ihr Herz offen mittheilen, und in tröstenden Worten hatte Ruhe finden können, entleerte sich die Angst ihrer Seele, in einem heftigen Thränenstrome.
Rosa war nicht nur ein empfindsames, tieffühlendes Wesen, sie verband mit diesen beiden Eigenschaften zugleich, einen denkenden Geist, und eine bisher aufgeweckte heitere Stimmung. Als sie sich daher in dem bezeichneten Augenblicke Rechenschaft über ihr Thun und Lassen, über die Größe der so unerwartet und tief gewurzelten Empfindung gab, verfiel ihr, Denken auch auf die Stellung im gesellschaftlichen Leben.
Baerle war gelehrt und reich. Wenn man ihm auch seine Güter konfiscirt hatte, so konnten diese auch an jedem Tage wieder zurückgegeben werden. Dann stammte er aus einer jener alten Handelsfamilien ab, die damals ihre Firmen wappenartig zusammenstellten und auf den Namen stolzer waren, als es mancher Adelige auf seinen ganzen Stammbaum sein konnte. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet schien es ihr ganz erklärbar daß der Gefangene sie in den trüben Stunden seines Alleinseins zu einem Gegenstande der Zerstreuung auserkoren habe, wenn es sich aber darum handelte sein Herz zu vergeben, dann erhielt die Tulpe in seinen Augen die edelste und erhabenste der Blumen, den Vorzug, während die Tochter des rohen und gemeinen Kerkermeisters, ein Kind aus der Hefe des Volks beschämt in den Hintergrund treten mußte. Dieses Nachdenken erweckte in dem Mädchen die Ueberzeugung, daß die Tulpe für Cornelius einen höheren Werth als sie selbst haben müsse, und diese Ueberzeugung machte sie nur um so betrübter und verzweifelter.
In dieser schrecklichen Nacht, wo auch sie kein Auge schloß, und unruhig von trüben Träumen gequält auf ihrem Lager sehnsuchtsvoll den grauenden Morgen erwartete, faßte sie zugleich einen festen Entschluß.
Er bestand darin, nie wieder an das Thürgitter zu gehen.
Aber den Gefangenen, dessen glühendes Verlangen sie kannte, Nachrichten über seine Tulpe zu erhalten, diesen ohnehin unglücklichen Menschen ganz ohne allen Trost zu lassen, war eine Gewissenssache. Das fühlte sie, einen Augenblick schwankte ihr Entschluß, als sie sich aber noch ein Mal die ganze Vergangenheit, ausmalte, als sie langsam gewahr wurde, wie aus dem bloßen Mitleiden, das Anfangs ihre Seele erfaßte, sich eine innere, höhere Empfindung gestaltet hatte, die gerade jetzt hart an den Grenzen der Liebe stand, da wurde der gefaßte Entschluß unwiderruflich bekräftigt. Sie konnte ja auf einem andern Wege dem Gefangenen jene Nachrichten, die seine Ruhe begründeten, zukommen lassen. Im Schreiben und Lesen war sie nämlich bereits so weit vorgerückt, daß sie ihre Uebungen ganz ohne Lehrmeister fortsetzen konnte, und sich auch nur dann einen gewunschen haben wurde, wenn, er Cornelius geheißen hatte. Rosa nahm mit allem Eifer die Bibel des armen Cornelius von, Witt zur Hand, und begann darin zu lesen. Da aber das erste Blatt, wie wir wissen, ausgerissen war, fiel ihr Auge unmittelbar auf das Nächstfolgende, und hier buchstabirte und entzifferte sie langsam Baerles Testament.
Sie las es nochmals, sie las es so lange, bis dasselbe ihrem Gedächtnisse beinahe ganz eingeprägt war. Jedes mal entrollte aber dem feuchten Auge eine Thräne, es war dieß ein himmlischer Thautropfen, eine Perle der Liebe, die auf den bleichen Wangen gleich einem glänzenden Edelsteine wiederstrahlte.
Ach! seufzte sie dann, damals dachte ich, er liebe mich.
Und wie sehr täuschte sich Rosa in ihrer Voraussetzung. Nie noch war bis zu diesem Augenblicke Baerle’s Empfindung für sie so mächtig hoch gestiegen, daß in dem Kampfe, zwischen der Liebe für das Mädchen, und jenem für seine Tulpe, die erstere den Sieg davontrug.
»Aber Rosa hatte, wie wir dies bereits erwähnten, von dem Siege gar keine Ahnung. Nach Beendigung der ersten allein zugebrachten Uebungsstunde im Lesen, machte sich Rosa eben so eifrig zum Schreiben.
Rosa hatte aber an jenem Tage, an dem Cornelius so unvorsichtig war, ihr sein ganzes Herz zu enthüllen, solche Fortschritte im Schreiben gemacht, daß sie mit Gewißheit hoffte, ihm in acht Tagen auf diesem Wege eine Nachricht über seine Tulpe zukommen zu lassen.
Von allen Aufträgen, die er ihr ertheilte, hatte; Rosa nicht ein Wörtchen vergessen, um so mehr, da sie selbst jene freundschaftlichen Bitten, die der Gefangene, an ihr mildes Herz stellte immer für Befehle hielt, denen sie unverweilt nachkam.«
Auch Cornelius erwachte nach einem mehr ermüdenden, als erquickenden Schlummer, erwachte mit einer Empfindung, die endlich zum höchsten Grade erreichbarer Vollkommenheit gesteigert worden war. Noch schwebte die Tulpe vor seinen Augen, aber sie war nicht mehr der Gegenstand, der sein Inneres ganz und befriedigend ausfüllen konnte, er betrachtete sie nur als eine glänzende, majestätische Gabe der Natur, die darum von ihm vervollkommnt wurde, daß er Rosa, die neue Gebieterin seines Herzens mit ihr schmücken könne.
Aber dessen ungeachtet quälte ihn eine unerklärbare Beklommenheit den ganzen Tag hindurch. Stark am Geiste, glich er jenen Menschen, welche die in der Seele vorhergeahnte Gefahr für Augenblicke vergessen können, um, wenn ein Mal das Vorurtheil besiegt ist, ruhig wieder ihren Lebenspfad zu verfolgen. Mag dann auch das entschwundene Ungemach oder dessen wie immer geartete Folge, manchmal den Träumenden in seiner Ruhe stören, er fährt empor, er sieht mit kaltem Blicke um sich, er gewahrt das Hinderniß nicht, das Bild des Vergangenen erscheint vor dem fragenden Blicke, und da tust er bloß verächtlich:
»Also das war es.«
Bei Cornelius erstand diese Beklommenheit durch die Furcht, daß Rosa an diesem Abende nicht erscheinen dürfte.
Und je mehr die Nacht vorrückte, desto stärker und mächtiger wurde diese Furcht, welche Cornelius ganzes Wesens, sein Inneres, sein Herz, seine Seele erfüllte.
Er begrüßte die herannahende Dunkelheit mit freudiger Miene, noch gestalteten sich seine Erwartungen so, daß er eine angenehme Ueberraschung hoffte. Aber in diesem Augenblicke schien es ihm auch unerklärbar, wie er am vorhergehenden Tage zu Rosa sagen konnte, seiner Tulpe wegen ihn zu opfern. Es wurde ihm klar, daß in jener Minute der aufgeregtesten Leidenschaft, er seiner Sinne nicht mächtig war, und vergessen hatte, daß Rosa’s Gegenwart eine unbedingte Nothwendigkeit seines Lebens geworden war.«
Cornelius hörte von seinem Gefängnisse jedes mal den Schlag der Thurmuhr ganz genau. Diesmal saß er, in sein Nachdenken vertieft, an der Thüre, er horchte gespannt und aufmerksam. Es schlug sieben, nach einer, ihm eine Ewigkeit dünkenden Zeit, acht, und endlich neun Uhr; und wie der, letzte Schlag der genannten Stunde verhallte, da fuhr seine zitternde Hand nach dem pochenden, beklommenen Herzen, gleichsam als wolle sie dessen Schläge dämpfen.«
Rosa’s Schritte, das Rauschen ihres Kleides war ihm schon so bekannt, daß er es« gewöhnlich von der Ferne vernahm. Dann pflegte er wonnetrunken zu rufen:
»Ach! Da kommt sie.«
»So wartete er auch diesmal, nur mehr ergriffen, und gespannt. Aber alles vergeblich, nicht das leiseste Geräusch störte die Ruhe der finstern Nacht. Es. schlug ein Viertel, dann ein Halb, drei Viertel, und endlich verkündete der schwere, dumpfe, weithin in der Luft erzitternde Ton, nicht nur dem Gefangenen, sondern auch den Bewohnern Löwensteins, daß es zehn Uhr sei.
»Zu dieser Stunde pflegte Rosa gewöhnlich fortzugehen – und heut’ war sie noch gar nicht gekommen.
Seine Ahnungen hatten sich verwirklicht, Rosa zürnte ihm und blieb auf ihrem Zimmer.
»Ja,« rief Cornelius, »es geschieht mir ganz recht, ich habe diese Rache verdient. Rosa wird nicht kommen, ganz gewiß nicht, und ich darf ihr dieserwegen gar nicht böse sein, da ich an ihrer Stelle auch so handeln würde.«
Aber wer kennt den schwachen Menschen nicht. Cornelius horchte trotzdem mit der größten Spannung, er hoffte noch immer.
So kam die Mitternacht; jetzt gab er jede Hoffnung auf, und warf sich angekleidet, wie er war, auf sein Lager.
Auch diese Nacht war lange, öde und traurig, da selbst der nächste Morgen keinen Trost, keine Ruhe zu bringen versprach.
Um die achte Stunde vernahm Cornelius des Kerkermeisters schweren Schritt – die Thüre ward geöffnet, Gryphus trat ein, aber Baerle fand es nicht der Mühe werth, ihn auch nur eines Blickes zu würdigen.
Aber wie gerne hätte er dennoch den rohen, gemeinen Menschen nach Rosa gefragt.
Schon war-er daran, diese Frage zu stellen. Einen Augenblick fand er sogar nichts Sonderbares darin, und erwartete mit Gewißheit, der Vater würde antworten, daß Rosa krank sei.
Eine ruhigere Ueberlegung vereitelte hingegen diesen Entschluß. Unter Tags pflegte das Mädchen nie zu kommen, daran lag daher auch nichts Außerordentliches, es mußte abermals der Abend abgewartet werden. Aber wo war Baerle’s Ruhe und Kaltblütigkeit hin, wenn selbst dieses reife Nachdenken nicht hinreichte, ihn ganz zu trösten, denn kaum schloß Gryphus sich entfernend, die Thüre, so sprang er hastig von seinem Bette auf, stürzte zur Thüre und horchte mit der größten Beklommenheit. Er gab sich also der eitlen Hoffnung hin, Rosa könne vielleicht die gewöhnlichen Stunden ihres Besuches abgeändert haben, und unter Tags erscheinen.«
»Als Gryphus seine zweite Visite abhielt, konnte sich Cornelius dennoch nicht enthalten, ihn mit der ihm eigenen sanften Stimme nach seinem Befinden zu fragen. Der Kerkermeister antwortete kurz:
»Recht gut—«
Beim dritten Erscheinen seines Peinigers änderte Baerle die Form der Frage:
»Befindet sich Niemand krank auf dem Löwensteine?«
Aber noch roher und barscher als das erste Mal schlug der Gefangenenwärter mit der einfachen Antwort: »Niemand —« die Thüre zu und entfernte sich rasch. Er war an solche Artigkeiten von Seite des Gefangenen bisher nicht gewöhnt, und fand in ihnen nur die Grundlagen eines wohl vorbereiteten Bestechungsversuches.
Cornelius war wieder allein. Die siebente Stunde des Abends hatte bereits geschlagen, langsam kehrten dieselben Qualen, wie Tags vorher zurück, sie steigerten sich, je mehr die Hoffnungsstunde nahte.
Aber so wie Tags zuvor, eilten die Stunden dahin, der heiß ersehnte Gegenstand kam nicht. Das Gitterfenster, an welchem Rosa s himmlisches Antlitz sonst einem Sterne gleich erglänzte, den düsteren Raum erhellend, blieb abermals verschlossen, alle Hoffnung, alle Erwartung war vernichtet.
Baerle brachte die Nacht in der schrecklichsten Verzweiflung zu, immer schwebte ihm des Kerkermeisters Gestalt vor Augen, und mit dieser Erscheinung verband sich der Glaube, daß er nur allein Ursache an dem Ausbleiben seiner Tochter sein könne.
Dieses Nachsinnen verwandelte den bloßen Glauben zur unumstößlichen Gewißheit, und erzeigte ein Gefühl der Rache in Baerles Brust, das er bisher noch nicht gekannt hatte.«
Von der wildesten Begierde erfaßt, war er in einem Augenblicke gänzlicher Besinnungslosigkeit nahe daran, den Kerkermeister zu überfallen und mit Hilfe seiner überwiegenden jugendlichen Kraft zu erdrosseln. Aber der Gedanke, daß Rosa dann sowohl durch menschliche als göttliche Gesetze von ihm auf ewig getrennt sein würde, hielt ihm von dem entsetzlichen Vorhaben zurück.
Gryphus entkam auf diese Art einer Gefahr die er zwar nicht kannte, die aber seinen sichern Untergang herbeigeführt hätte.
An diesem Abende verwandelte sich die Verzweiflung des Gefangenen in Melancholie; jene trübe düstere Stimmung, die oft als eine unheilvolle Lebensgefährtin ihr erwähltes Opfer bis zum Grabe nicht verläßt.
Bei Cornelius wurde sie umso düsterer und trüber, da sich zwischen die Erinnerung an Rosa auch jene an seine Tulpe mengte. Es war gerade jener Zeitpunkt gekommen, den die erfahrensten Gärtner als den geeignetesten zum pflanzen der Tulpenzwiebel betrachteten, Mitte April nämlich. Gerade bei der letzten Zusammenkunst hatte Cornelius zu Rosa gesagt:
Morgen werde ich Euch den Tag bestimmen, an dem ihr die schwarze Tulpe in die vorbereitete Rabatte setzen müßt.«
Und Rosa kam seit jenem Abend nicht wieder.
Dazu war gerade die Witterung günstig, die Luft obwohl noch ein wenig feucht, »wurde durch die blassen Strahlen der Aprilsonne doch schon in so weit temperiert, daß sie der Blume bei ihrem ersten Emporkeimen äußerst dienlich war.
Welcher Schmerz, welche getäuschte Erwartung stand also Cornelius noch bevor?
Wie leicht konnte die Knospe zu früh oder zu spät gepflanzt werden? Dann gesellte sich zu dem Schmerze über den Verlust des theuern Mädchens auch jener der herrlichen Blume, des Gegenstandes von Ruhm und Auszeichnung.
Diese qualvolle Empfindung, diese marternde Ungewißheit genügte wohl vollkommen, dem Wesen, das sie erfaßt hatte, jeden Appetit zu benehmen.
In dieser Situation erschien der vierte Tag.
Die Sonne funkelte freundlich vom klaren blauen Frühlingshimmel in das dumpfe Gemach des Unglücklichen. Wohin war in dieser kurzen Zeit die üppige jugendliche Kraft dieses Mannes gewichen? Bleich, abgezehrt und entkräftet, das Auge matt und tief eingesunken, stand er nun ein Bild des Jammers da.
Aber er begrüßte dennoch den freundlichen Morgen.Er eilte zum Fenster, er öffnete es, und ohne zu berücksichtigen, daß er den Kopf vielleicht nicht wieder werde zurückziehen können, drückte er diesen zwischen den schmalen Gitterstäben durch.
Dann spähte sein forschendes, neu aufflammendes Auge nach jener Richtung, wo Rosas Garten liegen mußte. Eine Hoffnung, ein seeliger Gedanke durchzuckte ihn, er glaubte gewiß, entweder sie, die erhabenste Blüthe seines Herzens, oder die ersten Keime der schönen Tulpe zu entdecken.
An demselben Abende trug der Kerkermeister das Frühstück und Mittagsmal des Gefangenen fort, er hatte kaum etwas davon berührt.
Am andern Tage blieb Cornelius unausgesetzt in seinem Bette, und ließ die ihm gebrachten Speisen unangetastet stehen, so daß sie der Kerkermeister abermals forttrug.
Gryphus kam mit den vollen Schalen aus sein Zimmer.
»So,« sagte er, »jetzt erst bin ich ganz zufrieden, denn allem Anscheine nach, werden wir bald des Gelehrten los werden.«
Rosa schrack mächtig zusammen.
»Wie meint Ihr das?« fragte Jakob.
»Seit vorgestern ißt und trinkt er Nichts und steht auch gar nicht mehr auf. Ich glaube, man wird ihn wie Hugo Grotius forttragen, nur, mit dem Unterschiede, sein Koffer eher einem Sarge ähnlich sehen dürfte.
Rosa ward todtenblaß.
»O! ich weiß die Ursache,« murmelte sie, ohne von den Andern gehört zu werden, »er ist seiner Tulpe wegen in Angst.«
Zugleich erhob sie sich, unfähig, ihre Beklemmung, zu unterdrücken, und eilte auf ihr Zimmer, sich dort die ganze Nacht hindurch im Schreiben übend.
»Am nächsten Morgen stand Cornelius mit den ersten Strahlen der Morgensonne in der Absicht auf, sich wieder zum Fenster zu begeben. Sein Blick fiel unwillkürlich auf die Thüre, und er bemerkte ein zwischen die Fugen derselben eingeklemmtes Papier.
Alle seine Kraft kehrte wieder, mit einem unbeschreiblichen Gefühl von Wonne und Hoffnung stürzte er hin und riß das Blatt an sich. Nur mit Mühe gelang es ihm, Rosas Schriftzüge wieder zu erkennen, so sehr hatten sich diese während der Dauer einer siebentägigen Uebung verbessert.
Wenige Worte standen nur darauf – sie lauteten:
»Seid ruhig, Eure Tulpe befindet sich wohl.«
Die Ironie, die sich zu deutlich in der einzigen, dem Papiere anvertrauten Zeile abspiegelte, zerstörte die, erhabene Ruhe, den Trost, den sie ihm hätte bringen sollen, beinahe ganz. Also war Rosa nicht krank, nein, sie befand sich ganz wohl, nur seine letzten Worte, die tiefe Empfindung, die er für seine Blume besaß, hatte sie gekränkt, kein Hinderniß hielt sie ab, ihn zu besuchen, und sie erschien dennoch nicht.
Das Mädchen fand also in ihrer Seele hinreichende Kraft, von jenem Manne fern zu bleiben, der da glaubte, ohne ihren Anblick müsse er rettungslos der Vernichtung entgegengehen.
Baerle hatte noch immer den ihm von Rosa übergebenen Bleistift. Auf ein ähnliches Blatt wie jenes, das er so eben erhalten, schrieb er die wenigen Worte:
»Nicht meiner Tulpe wegen bin ich krank, nein, nur darum, weil ich Euere Gegenwart schon so lange vermisse.«
Dann verwahrte er es an seiner Brust da er wohl voraussetzte, daß Rosa erst in der Nacht sich die Antwort abholen werde.
Gryphus verrichtete seine Berufspflichten wie gewöhnlich. Als er sich nach seiner letzten Visite entfernt hatte, schob Cornelius das Papier an jener Stelle zwischen die Thüre, wo er das seine am Morgen gefunden hatte.
Er blieb regungslos an der Thüre. Er horchte gespannt und aufmerksam, aber so sehr er auch sein Gehör anstrengte, er vernahm weder den leisesten Schritt noch das Rauschen eines Kleides. Nur einen Augenblick kam es ihm vor, als lispelte eine himmlische Stimme durch das geöffnete Gitterfenster:
»Morgen Abends.«
»Morgen,« wiederholte Cornelius, die Hand auf das hochpochende Herz legend, aufgelöst in ein Meer von überirdischer Seligkeit.«
Dieser verheißene Morgen war der achte Tag seit Rosas letztem Erscheinen. Durch diesen ganzen langen Zeitraum hatten sich beide nicht gesehen.
VI.
Begebenheiten die während dieser acht Tage vorfielen
»Um die heiß ersehnte neunte Stunde vernahm Cornelius eine leichte Bewegung an seine Kerkerthüre.
Es läßt sich ohne Zweifel voraussehen, daß er schon lange in der Nähe derselben harrte, die Augen unverwandt auf das Gitter geheftet, durch welches nach so langer Trennung ihm Rosas Antlitz wieder entgegen lächeln sollte.
Der Schuber öffnete sich, und wirklich stand das reizende Mädchen da, die Lampe in der einen Hand emporhaltend.
Sie erschrack heftig, als sie des Gefangenen leidendes Aussehen, die tief eingefallenen; gefurchten und bleichen Wangen sah.
Cornelius war zitternd, ganz nahe an das Gitter.getreten.
»Ihr seid krank,« sprach Rosa.
»Ja, das bin ich krank an Körper und Seele.«
»Ich bemerkte gestern, daß Ihr nicht mehr esst, mein Vater brachte die Speisen unberührt zurück, und sagte zugleich, Ihr seid den ganzen Tag über im Bette geblieben. Ich nahm demnach zum Schreiben meine Zuflucht, um Euch, über den, Euerem Herzen zunächst stehenden Gegenstand und sein Schicksal in Kenntniß zu setzen, und zu beruhigen.«
»Auch ich vergaß nicht, theuere Rosa, Euch unverzüglich zu antworten, und lebte bis zu dem gegenwärtigen Augenblicke in der frohen Ueberzeugung, Ihr hättet meinen Brief erhalten.«
»Das habe ich auch. Ich las ihn sorgfältig durch, es waren nur wenige Worte, die mich aber unbedingt bestimmten, wieder zu Euch zu kommen, und nachzusehen, wie Euerem Uebel abgeholfen werden könne.«
»Ihr dachtet nach, wie mir geholfen werden könnte, und fühltet Euch bestimmt, wieder zu mir zu kommen? dann habt Ihr mir gewiß irgend eine wichtige Neuigkeit mitzutheilen.«
Und während dieser Worte richtete er sein wieder belebtes Auge forschend auf das liebreizende Antlitz des jungen Mädchens.
Aber gleichsam als verstehe diese den bedeutungsvollen Blick nicht, oder wolle ihn wenigstens nicht verstehen, antwortete Rosa ernst:
»Ich kam nur hierher, um mit Euch von Euerer Tulpe zu sprechen, die, wie ich weiß, den Gegenstand Euerer Hoffnungen und Wünsche allein ausmacht.«
Und zugleich betonte sie diese Worte mit einem so frostigen Accent, daß jeder Buchstabe in der Brust des Gefangenen mächtig wüthete.
Aber trotz dem begriff der leidenschaftliche Tulpenfreund nicht im Entferntesten den Kampf der in dem Busen des jungen Mädchens bei diesen Worten wüthete.
»Also seid Ihr noch immer unverändert Euerer irrigen Meinung getreu geblieben,« seufzte Cornelius, »habe ich Euch denn nicht schon genug, habe ich Euch nicht heilig und hoch betheuert, daß meine ganzen Gedanken und Empfindungen nur Euch gewidmet sind, daß Ihr der Gegenstand seid, der mich wachend und träumend begleitet, dessen himmlisches Bild tief in mein wogendes Herz eingegraben ist, daß nur Ihr meines Lebens Freude, die wärmende Sonne meines Daseins, mein Leben, mein Alles seid.«
Rosa lächelte, aber dieses Lächeln war so ernst, so melancholisch, daß es nur durch trübe Stimmung erregt werden konnte.
»O!« sagte sie, Cornelius in die Worte fallend, Ihr ward wohl nur Euerer Tulpe wegen betrübt, da diese in so großer Gefahr schwebte.«
Baerle beachtete nicht, daß diese wenigen Worte eine ihm gelegte Falle sein konnten, er erschrack heftig, er bemühte sich nicht, die verätherische Bewegung dieser Empfindung zu unterdrücken.«
»Meine Tulpe in Gefahr,« rief er, »o sagt, mir, sagt es mir schnell,« was ihr geschehen ist?«
Rosa’s Blick verrieth diesmal eine warme, innige Theilnahme, sie fühlte nunmehr deutlich, daß die Forderung, die sie an den Gefangenen stellte, weit über seine Kräfte hinausging, und ihr nichts Anderes übrigblieb, als ihn so zu nehmen, wie er gerade war.
»Ja, sie schwebte in einer sehr großen Gefahr. Ihr machtet mich einst aufmerksam, daß der vermeintliche Liebhaber Jakob, nicht meinetwegen gekommen wäre, und diese Behauptung stellt sich nunmehr als volle, unbezweifelbare Wahrheit heraus.«
»Warum kam er also?«
»Wie Ihr es damals sagtet, bloß Eurer Tulpe wegen.«
»Ach!« seufzte Cornelius, und trotz der Blässe seines Antlitzes sah man deutlich, daß dieses nun mehr die Farbe des Todes annahm. Er war mehr ergriffen, als in jenem Augenblicke, wo Rosa ihm verkündet hatte, Jakob sei auf dem Löwenstein, und aller Wahrscheinlichkeit nach nur ihretwegen erschienen.
Auch Rosa bemerkte diese tiefe entsetzliche Angst und Regung seines Innern, auch sie machte die Beobachtung, die wir so eben erwähnten, und ihre Miene, ihr Blick wurde so sprechend, daß Cornelius unzweifelbar die ganze tief verletzte Empfindung darin las.
»Vergebt mir Rosa,« sprach er, »vergebt mir und; meiner so unendlich tiefen Empfindung. Bedeutet dabei, daß meine Schwäche für das einzige mir auf dieser Welt noch gebliebene Besitzthum um so größer sein muß, da ich es schutz- und vertheidigungslos allen drohenden Gefahren preisgegeben weiß, während ich für Euch selbst weniger zu zittern habe. Ihr besitzt einen so, tiefen, forschenden Geist, eine so große, männliche Kraft und Entschlossenheit, daß es Euch leicht möglich wird, jede wie immer geartete Gefahr glücklich abzuwenden.«
Rosa schien diese Worte, die mit voller Wärme gegeben waren, gar nicht zu beachten und fuhr in ihrer abgebrochenen Rede fort.
»Von jenem Tage an, wo jener, Euch dem Namen nach bereits bekannte Mann, mir lauernd in den Garten gefolgt war, empfand ich dieselbe Unbehaglichkeit und Unruhe, wie Ihr. Ich befolgte daher auch am nächstfolgenden Morgen den Rath ganz genau, den Ihr mir bei unserem letzten Zusammentreffen gegeben hattet.«
»Rosa,« sprach Cornelius, das Mädchen unterbrechend, »Ihr scheint meine so herzlich vorgebrachte Bitte nicht gehört zu haben, oder doch sie nicht beachten zu wollen. – Nochmals bitte ich Euch inständig, vergebet mir jene, so unbedachtsam und unüberlegt gesprochenen Worte.«
»An demselben Tage also,« fuhr Rosa fort, »erinnerte ich mich genau dessen, was Ihr mir gesagt hattet, und beschloß jene List zu gebrauchen, die mich zugleich überzeugen sollte, ob Jakob, jener Garstige, meinet – oder der Tulpe wegen kam.«
»Garstig, o ja, das ist er ganz sicher. – Nicht wahr Rosa, Ihr hast diesen Menschen?«
»Aus ganzer Seele, denn eben er ist nur allein Ursache, daß ich seid acht Tagen so unendlich viel leide.«
»Was, was, spracht Ihr jetzt,« rief Cornelius, »o ich danke Euch für diese gütigen, meinem Herzen so wohlthuenden Worte.«
»An jenem Morgen also, eilte ich in aller Frühe in den Garten, und zwar gerade zu der, nach Euerer Angabe vorbereiten Rabatte, ohne aber zu unterlassen, meine Aufmerksamkeit auf alle Seiten zu richten, und den Späher, im Falle er mir gefolgt wäre, zu entdecken.«
»Ich brenne vor Begierde.«
»Gerade so wie die frühern Male, kam der Schatten durch die Thüre heraus, gleitete längst der Mauer hin, und verbarg sich endlich hinter den Bäumen.«
»Und was thatet Ihr, befolgtet Ihr auch dann noch meinen Rath, Euch so zu stellen, als wenn Ihr ihn gar nicht bemerktet?«
»Ja, und zugleich bemühte ich mich, vorwärts gebeugt, es so zu machen, daß er glauben mußte, ich pflanzte irgend eine Blume.«
»O sprecht, sprecht, was that er?«
»Ich bemerkte in meiner Stellung seine flammen sprühenden Blicke, die zwischen dem Dickicht, den weit hervorstehenden Augen, eines hungrigen, lauernden Tigers glichen.«
»Nun, hatte ich nicht vollkommen Recht?«
»Nachdem ich dann zum Scheine mit meiner Arbeit fertig war, zog ich mich so, als wenn man ich ihn gar nicht bemerkt hätte oder ahnte, wieder zurück.«
»Aber doch nur so weit, daß Ihr bequem, ohne entdeckt zu werden, Alles mit ansehen konntet, was nunmehr geschah?«
»So that ich es. Kaum zwar ich hinter der Gartenthüre, dem von mir, selbst gewählten Verstecke, angelangt, als auch schon jener Elende, mit der Hast und Gier eines raubsüchtigen Wolfes hinter den Gebüschen hervorsprang, in den Garten eilte, und auf Umwegen die Rabatte zu erreichen suchte. Schon während seiner, Wanderung richtete er das unstäte, blitzende Auge in alle Winkel, gleichsam, als suche er sich zu überzeugen, von Niemand gesehen zu werden. An der Stelle angelangt, die ich kürzlich erst verlassen, nahm sein Gesicht die gleichgültigste Miene an, die man sich nur zudenken vermag. Er blieb einen Augenblick ruhig und benützte diese Zeit, um sich nach allen Richtungen hinzu überzeugen, daß ihn Niemand beobachte. Zuerst schweifte sein Auge über das ganze Gebäude, von da über den Garten, blieb in jedem Winkel einige Secunden haften und hob sich dann sogar zum Himmel empor. Als ihn diese Forschung genügend beruhigt zuhaben schien, stürzte er auf die Rabatte nieder und wühlte mit den zitternden Händen auf jenem Platze, den ich früher ein wenig, so daß man ihn bemerken konnte, umgegraben hatte. Dann zog er ein Stück Erde hervor, schüttelte diese sorgfältig auseinander, und setzte seine anfängliche Bemühung fort, als er den ersten Versuch von keinem günstigen Erfolge gekrönt sah. Er mochte mit seiner Arbeit beiläufig eine halbe Stunde zugebracht haben, als er sich rasch erhob, den Rechen zur Hand nahm, die Erde sorgfältig ebnete, und seine ganze Bemühung so viel als möglich unkenntlich. Zu machen suchte. Aber in seinem Gesichte las ich zu deutlich, er ahnte nämlich, der Gegenstand einer ihm gelegten Falle zu sein, und trachtete nunmehr seinen Fehler wieder ganz gut zu machen.«
»O der elende Schurke,« seufzte Cornelius, sich; den Angstschweiß von der Stirne trocknend, »so hatte ich es denn ganz und vollständig errathen. Aber was thatet Ihr mit der Zwiebelknospe, jetzt ist es schon zu spät, sie zu pflanzen?«
»Nach der Knospe fragt Ihr? O! die befindet sich seit sechs Tagen ganz wohlgemuth in der Erde.«
»In der Erde, sagt Ihr! aber, wo, – — wo liegt sie? In was für eine Erde habt Ihr sie gesetzt? wähltet Ihr einen guten oder schlechten Platz? ist gar keine Gefahr vorhanden, daß sie der schreckliche Jakob dennoch rauben könne?«
»Nein, fürchtet Euch gar nicht, diesmal ist sie gar keiner Gefahr ausgesetzt, es müßte nur Jakob die Thüre meines Zimmers mit Gewalt einsprengen.«
»So, Ihr habt sie also bei Euch, meine theuere Rosa, o dann bin ich mehr, beinahe ganz beruhigt, aber sagt mir nur, in was für einem Erdreich sie sich befindet? Und dann werdet Ihr doch nicht dieselbe Meinung haben, wie die Frauen zu Harlem oder Dortrecht, die da behaupten, man könne die Tulpe auch im Wasser aufziehen, ohne daß sie dabei berücksichtigen würden, daß das Wasser, weil es aus dreißig Theilen Oxygen und sechs Theilen Hyerogen besteht, nie die Erde ersetzen kann – — – aber um Gotteswillen, in was für ein Labyrinth gerate ich da?«
»Ich bemerke so eben, daß diese Abhandlung für mich ein wenig zu gelehrt war, und füge zu Euerer Beruhigung nur bei, daß die Tulpe sich durchaus nicht im Wasser befindet.«
»O! da lebe ich wieder auf!«
»Sie wurde in ein irdenes Gefäß gesetzt, das beiläufig dieselbe Größe haben dürfte, wie Euer zerbrochener Krug. Dann befindet sie sich in einem Erdreich das ich aus drei Theilen unserer besten Garten und einem Theile Straßenerde zusammensetzte. Ich habe ja sowohl von Euch als auch von Jakob so Vieles über die Verbindung der zum Fortkommen der Tulpe zweckdienlichsten Erde gehört, daß ich die betreffende Mischung wie der erste Gartenkünstler zu Harlem erzeugen kann.«
»Aber jetzt kommt es doch noch auf Ihre Behandlung an. Wie behandelt Ihr die Tulpe, theuere Rosa?«
»Gegenwärtig lasse ich sie an schönen Tagen ganz den erwärmenden Strahlen der Sonne ausgesetzt. Sobald sie aber empor keimt und die Temperatur wärmer wird, werde ich es so wie Ihr machen. Ich stelle sie dann in der Frühe auf mein Fenster, das nach Osten geht, und zwar von neun bis elf Uhr, Nachmittags aber von drei bis fünf auf das entgegengesetzte.«
»O! wie schön, wie schön, meine theuere Rosa, Ihr seid die vollendetste Gartenkünstlerin. Aber da fällt mir so eben ein, daß die Behandlung meiner Tulpe Euere ganze Zeit in Anspruch nimmt.«
»Ganz wohl, aber daran ist nichts gelegen, ich betrachte sie als meine Tochter. Darum widme ich ihr aber auch jeden freien Augenblick und bin ihr ganz mit der Liebe einer Mutter gegen ihr Kind zugethan. Und dann könnte ich ja auch nicht anders handeln, denn ich finde die Stellung eines Kindes zur liebenden Mutter angenehmer, als die zweier Nebenbuhlerinnen.«
»Meine gute, theuere Rosa,« sprach Cornelius, und diese Worte begleitete ein Blick, den man nicht beschreiben kann, der aber das ganze Gebiet der heilgsten Empfindung wahrer Liebe in sich schließt.
Rosa schien durch diesen einen Blick getröstet.
Nach einem kurzen Stillschweigen, welches der Gefangene dazu benutzte, durch das Gitter Rosa’s, Hand zu suchen, fuhr er fort:
»Sechs Tage befindet sich nach Euerer Aussage die Zwiebelknospe in der Erde?«
»Ja, volle sechs Tage.«
»Und sie kommt noch nicht zum Vorschein?«
»Nein, aber ich glaube mich nicht zu irren, »wenn ich behaupte, daß dies Morgen geschehen wird.«
»Morgen also – es ist die rechte Zeit, ich bin ganz zufrieden, um so mehr, da Ihr mir zugleich versprechen mußt, mich sowohl von dieser Tochter, als auch der lieblichen, reizenden Mutter zu benachrichtigen.«
»Ihr meint Morgen solle ich Euch schon benachrichtigen, ich weiß nicht ob dieß möglich sein dürfte, da aller Wahrscheinlichkeit nach, meinem Kommen Hindernisse in den Weg gelegt werden.«
»Rosa, Ihr wolltet oder könntet also Morgen nicht kommen, o sagt mir doch warum?«
»Für das Erste habe ich tausend wichtige und nothwendige Dinge zu thun.«
»So, tausend Dinge, während ich mich nur mit einem Gegenstande befasse.«
»Das weiß ich und kenne ihn auch – die liebe zu Euerer Tulpe —«
»Nein, nein, nur die Liebe zu Euch, Rosa«.
Das Mädchen schüttelte ungläubig und verneinend ihr Köpfchen.
Hierauf trat ein längeres Stillschweigen ein.
Cornelius unterbrach es:
»In der Natur wechselt Alles, den Blumen des Frühlings folgen jene des Herbstes nach, und die Bienen, die Anfangs den ersten Huldigten, widmen nunmehr den Letzteren ihre ganze Aufmerksamkeit, und wie, sie sich auf den Veilchen und Levkojen ganz wohl befanden, eben so behagt ihnen nun das Geißblatt, die Rose oder der Jasmin.«
»Was wollt Ihr damit sagen?«
»Damit will ich nur auf Euch hindeuten. Anfangs, hörtet Ihr so ernst und gerne den Erzählungen aus meiner dahingeschwundenen Jugend zu; es war dies aber auch die blühende schöne Blume unseres beiderseitigen Frühlings. Euere blüht noch, die meine ist jetzt zum Schatten verwelkt. Ein Gefangener wie ich es bin, hat in dem Garten der Hoffnungen und des Vergnügens nur eine Jahreszeit. Sein Garten gleicht jenen nicht, die im Sonnenschein und in freier anmuthiger, Luft gelegen sind. Ist einmal die Zeit des lachenden Frühlings verschwunden, hat man die Vorräthe gesammelt, dann ziehen auch die flüchtigen Schwärmer mit ihren goldenen Leibern, ihren schimmernden Fühlhörnern und Flügeln in die einsame Behausung zurück, oder sie verlassen den kalten, öden, verwüsteten Raum, um in andern Gegenden die Freuden des neu erwacheten Frühlings, den Duft neuer blühender Blumen zu genießen – — —«
»O welch unendliches Glück!«
Und Rosa spendete dem Gefangen ein bezauberndes Lächeln, das dieser aber gar nicht bemerkte, da er feine Augen gegen den Plafond des Kerkers erhoben hatte.
Dann fuhr er mit einem Seufzer fort:
»So habt auch Ihr mich theuere Rosa verlassen, um die verschiedenen Jahreszeiten Eueres Vergnügens zu suchen. Ihr thut sehr wohl daran, und ich darf mich darüber gar nicht beklagen, da ich kein Recht habe, von Euch Treue zu fordern.«
»Kein Recht habt Ihr, von mir Treue zu fordern? O Cornelius, wie sonderbar Ihr da sprecht, und bei diesen Worten, perlten die Thränen, die Rosa gar nicht zurückzuhalten bemüht war, in reichem Maße über die Wangen – »o sagt mir doch auch, bin ich Euch nicht treu gewesen?«
»Nennt Ihr das Treue, mich in meiner qualvollen Lage durch volle acht Tage allein zu lassen und beinahe dem Tode preis zu geben?«
»That ich aber während dieser Zeit nicht gerade das, was Euch am meisten Vergnügen verschafft, beschäftigte ich mich nicht unaufhörlich mit Euerer Tulpe?«
»Ihr seid hart und streng, sehr streng Rosa, indem Ihr mir immer die einzige Freude vorwerft, die ich bis jetzt aus dieser Welt hatte.«
»Nein, ich habe Euch nichts vorzuwerfen. Ihr machtet mir ja nur ein einziges Mal, und selbst da ganz unbewußt, einen tiefen Kummer. Es war jener schreckliche Tag, an dem Ihr zum Tode verurtheilt wurdet.«
»Aber dennoch sehe ich zu deutlich, meine theuere Rosa, daß Euch die Neigung, die ich für meine Blume habe, sehr mißfällt.«
»O nein, Herr Cornelius, nicht diese Neigung mißfällt mir, nein, nur der Umstand, daß Ihr sie mehr liebt, als mich.«
»Theuere, unendlich geliebte Rosa, seht mich an, seht meine zitternden Hände, mein trübes eingefallenes Auge, horcht aus den Schlag meines wogenden Herzens, fühlt das Beben der Muskeln – und ich habe doch in dem gegenwärtigen Augenblicke nicht die Tulpe vor mir, nein, ich sehe nur Euch, Euer mildes engelgleiches Antlitz, das mir freundlich entgegen lächelt, das sich freundlich zu mir herabneigt – dann kommt es mir auch so vor, als suchtet Ihr mit Euerer eigenen behenden Hand, obgleich diese stets zurückgezogen wird, die Meine, und ich fühle die Wärme Eures erquickenden Hauches, die Gluth der Wangen, zwischen diesen Eisenstäben hindurch. Rosa, theueres, himmlisches Mädchen, zerstört meinen Stolz, meine, Hoffnung, mein Alles, vernichtet die folgenreiche Knospe, zerstört den lieblich reizenden Traum, in dem ich bisher gewiegt, des Paradieses Seligkeit empfand – nehmt sie, nehmt sie hin diese Blume, die majestätische Gebieterin der herrlichen Blüthenwelt, macht was Ihr wollt mit ihr, ich besitze kein Recht mehr auf sie, da ich mich in jener Stunde, wo ich Euch sie zum Geschenke machte, auf ewig von ihr trennte – Aber Euere Schritte, das Rauschen Eueres Kleides, den erquickenden Athem, die himmlische Stimme, Euer erhabener tröstender Anblick, Euere belebende Gegenwart, o Rosa, die entzieht mir nicht; laßt mir das Feuer dieser majestätischen Augen, an deren Glanze ich mich labe, in derem Strahle mein Herz erwärmt, sich der süßen Hoffnung hingibt, von Euch geliebt zu werden – Ja Rosa, jetzt in diesem heiligen Augenblicke wage; ich es, Euch zu gestehen, daß ich nur Euch auf dieser Erde lieben kann.«
»Aber doch erst – — – nach Euerer Tulpe,« seufzte Rosa tief ergriffen, und gedankenlos überließ sie ihre zarten, am Gitter ruhenden Finger der zitternden Hand des Gefangenen, der seine Lippen mit Wärme und Innigkeit auf dieselben drückte.«
»Nein, nein, Rosa, vor allen Andern Euch.«
»Kann ich es glauben?«
»So wie Ihr auf die Allmacht des allgütigen Gottes glaubt.«
»Nun so will ich es denn annehmen, um so mehr, da Ihr durch diese Liebe gar nicht gebunden seid.«
»Ja wohl, ich bin es viel zu wenig – Ihr seid es wohl mehr?«
»Ich! und warum sollte ich gebunden sein?«
»Weil es Euch, unter solchen Verhältnissen unmöglich wird, eine Heirat zu schließen.«
Rosa lächelte.
»Ja, seht nun, da erkennt man Euch ganz, durch und durch. Ihr seid in irgend eine Schöne ganz verliebt, Ihr betet sie an, Ihr denkt an Nichts anderes als an das theuere Wesen, ja sogar zum Tode verurtheilt weiht Ihr der Ueberglücklichen noch den letzten Seufzer, und nun verlangt Ihr von mir, dem armen Mädchen, daß ich Euch meinen Ehrgeiz, alle meine Träume ebenfalls opfern soll.«
»Von wem spracht Ihr aber so eben, welche Schöne meintet Ihr« – fiel Cornelius dem Mädchen in die Rede, und zugleich bemühte er sich, in seinem Gedächtnisse ein Frauenzimmer ausfindig zumachen, auf welche Rosa’s Anspielung hindeutete.
»Ihr scheint mich nicht verstehen zu wollen. Ich
»meinte Niemand andern, als Euere schwarze Schönheit, die so schlank gewachsen mit dem zarten Kopfe, den kleinen Füßen und ihrem Ausdrucke voll Adel und Würde dasteht; kurz mit einem einzigen Worte, die Tulpe.«
Baerle lächelte.
»O das ist ja nur eine eingebildete Schönheit, die bloß in meiner Phantasie besteht, für die ich keine andere Empfindung, als die der Bewunderung besitze. Aber Ihr, wenn Euerm Gedächtnisse noch die reizenden Bilder vom Hang vorschweben, mit jener Unzahl von Officieren, Studenten, Kaufleuten und Handlungsdiener, seid Ihr nicht nahmhaften Versuchen und Gefahren ausgesetzt, befinden sich vielleicht in Löwenstein nicht dieselben Herrn, und zwar in gleicher Anzahl.«
»Errathen, ganz errathen, es gibt deren sehr viele hier.«
»Und alle schreiben?«
»Ich glaube wenigstens.«
»Aber Ihr könnt jetzt lesen.«
Ein abermaliger tiefer Seufzer, verrieth dem lauschenden Mädchen den Vorwurf, den Cornelius sich nunmehr darüber machte, die Hauptursache zu sein, daß Rosa nunmehr lesen könne.
»Lesen kann ich, und zwar durch Euere Güte, und während dem ich alle mir zukommenden Briefe der verschiedenen Liebhaber recht eifrig studiere und mir selbst diese vorstellen lasse, glaube ich Euerem eigenen Wunsche genau nachzukommen.«
»Meinem Wunsche?«
»Ganz gewiß. Ihr werdet doch auf das Testament nicht vergessen haben, daß Ihr in die Bibel Eueres armen Pathen auf das zweite Blatt schriebt. Ich kann dieses Testament nicht vergessen, denn seitdem ich lesen gelernt habe, lese ich es alle Tage, eins auch mehrere Male, und da finde ich denn, daß Ihr ausdrücklich verlangt, ich müsse einen jungen Mann, beiläufig zwischen sechs- oder achtundzwanzig Jahren lieben und heiraten. Unter Tags beschäftige ich mich unausgesetzt mit Euerer Tulpe, und es bleibt mir zur Befolgung Eueres Wunsches keine andere Zeit, als der Abend.«
»Rosa, das Testament war in jener Stunde gemacht, wo ich zum Tode gehen sollte. So blieb ich aber Gott sei Dank noch am Leben.«
»Gut also, ich werde diesen jungen Menschen, den Ihr so sehr verlangtet, gar nicht mehr aufsuchen, sondern jene diesem Vorhaben gewidmeten Stunden, bei Euch allein zubringen.«
»Ja, ja, theuere Rosa, kommt nur jeden Tag.«
»Ich komme; aber mit einer Bedingung«
»Ohne sie zu wissen, nehme ich Alles an.«
»Diese Bedingung besteht darin, daß wir durch volle drei Tage nicht von der schwarzen Tulpe sprechen.«
»Wenn Ihr es verlangt, so wollen wir gar nie mehr davon reden.«
»Halt – das glaube ich, hieße eben so viel, als das Unmögliche verlangen.«
Zugleich gedankenlos und unachtsam näherte das Mädchen die frische blühende Wange dem Gitter, und Cornelius, den Augenblick benützend, drückte einen glühenden Kuß auf dieselbe.
Rosa stieß wieder einen Schrei aus – aber nicht wie das erste Mal – es war ein Schrei voll liebender Empfindung und himmlischer Wonne.
VII.
Die zweite Zwiebelknospe
Diesem für Cornelius so glücklichen Abende, folgte eine schöne Nacht, die ein eben so herrlicher Frühlingsmorgen von der Erde verscheuchte.
Noch vor Kurzem war dem Gefangenen sein Kerker so trübe und düster, er drückte mit seiner ganzen Last auf ihn nieder. Schwarz waren die nackten kahlen Wände, von Sturmgewölk der Horizont umhüllt, kein freundlicher Sonnenstrahl hatte ihn beglückt.
Aber dieser Morgen war dagegen majestätisch schön.
Von einem ungetrübten, klaren blauen Himmel lächelte die Königin des Tages mild und freundlich zur stillen Erde nieder, ein sanfter Südwind erhob den Duft der Gräser, Blüthen und Blumen selbst in die höheren Regionen, Tauben durchschnitten mit ausgebreiteten Flügeln die Luft; während andere sich auf den Giebeln der Dächer in zarter Liebe einten und girrten.
Cornelius sprang auf, er eilte zum Fenster, er öffnete es, er sog den himmlischen Duft ein, der auch ihm ein neues Leben bot. Freundlich grüßte hoch in den Wolken eine schmetternde Lerche den erwachenden Tag, sie grüßte auch den Gefangenen, der sich ebenso frei und glücklich, wie die vor ihm ausgebreitete Natur fühlte.
In seinem Herzen blühte ja eine unvergängliche, Blume, eine Blume, der keine mehr aus dieser Erde gleicht: »Die Liebe.«
Gryphus kam wie gewöhnlich. Er staunte nicht wenig, als er seinen schwer krank gedachten Gefangenen außerhalb des Lagers fand, wie er eben eine fröhliche Arie trällerte.
Der Kerkermeister sah ihn lange von der Seite an.
Dann zuckte er die Achseln und begleitete diese Bewegung mit einem mürrischen: »hm.«
»Wie geht es heut, Meister Gryphus?«
Gryphus behielt seine frühere Stellung bei,« aber er antwortete nicht.
»Was macht die schöne Rosa, Euer Freund Jakob und der alte mürrische Hund, sind sie auch alle wohlauf?«
Der Kerkermeister verzog den Mund, so daß man die zwei Reihen starker weißer Zähne sehen konnte.
»Da ist Euer Morgenimbiß.«
»Dank Euch, Freundchen, Ihr kommt mir da eben zur rechten Zeit, denn ich verspüre einen außerordeutlichen Appetit.«
»Ah so, habt Ihr Appetit?«
»Warum sollte ich keinen haben?«
»Hm, hm, allem Anschein nach scheint Euer Complot schnell und günstig vorwärts zu schreiten.«
»Was für ein Complot?«
»Ganz gut, Ihr wißt es nicht – aber merkt Euch nur, daß ich wachsam, noch wachsamer als bisher sein werde.«
»Ganz wie Ihr wollt – bewacht mich Tag und Nacht, mein Complot und meine Person stehen ganz zu Euern Diensten.«
»Hm, ich hoffe, daß ich Euch davon schon zu Mittag überzeugen werde.«
Gryphus entfernte sich hierauf.
»Zu Mittag,« dachte Cornelius, »was meinte er wohl damit, nun wozu uns den Kopf zerbrechen, warten wir den Mittag ab, dann wird man es ja sehen.«
Den Mittag abzuwarten war für Baerle, der die neunte Stunde des Abends herbeiwünschte, eine Kleinigkeit.
Endlich schlug die verhängnißvolle gewitterschwangere Stunde. Man hörte Schritte auf der Treppe. Gryphus konnte darnach zu urtheilen, unmöglich allein sein, er mußte mehrere Begleiter haben.
Die Thüre wurde geöffnet, der Kerkermeister trat ein, und hinter ihm drei Soldaten. Gryphuss schloß sodann die Thüre.
»Jetzt ans Werk – wir wollen vorläufig suchen.
Zuerst wurde Cornelius bis auf den Leib visitirt.
Man fand Nichts.
Dann begann die Untersuchung seiner Bettstelle, Leintücher, Matratze und Strohsack wurde herabgeworfen.
Das Resultat dieser Bemühung war dasselbe.
Baerle wünschte sich im Stillen Glück, die dritte Tulpenzwiebel nicht bei sich verborgen zu haben, denn selbst in dem glücklichst gewählten Schlupfwinkel wäre sie dieser inquisitorischen Untersuchung nicht entgangen, und rettungslos vernichtet worden.
Aber man hat gewiß noch nie einen Gefangenen bei einem derartigen gerichtlichen Arte, heiterer und fröhlicher gesehen, als es diesmal Cornelius war. Die einzige Trophäe, die der Kerkermeister bei seiner ruhmvollen Unternehmung erbeutete, war die Bleifeder und drei oder vier Blätter Papier, die der Gefangene durch Rosa erhalten hatte.
Gryphus kam um die sechste Stunde wieder, aber allein. Er wich Baerle, der ihn zu besänftigen suchte, scheu aus, wandte ihm nie den Rücken, und deutete bloß mit der Hand auf einem Haken, den er im Mundwinkel hielt, kurz sein ganzes Benehmen deutete darauf hin, daß er einen Ueberfall fürchte, und sich dagegen sichern wolle. Cornelius lachte laut auf.
Der Kerkermeister schien darüber erboßt zu sein, erschlug die Thüre rasch zu und rief nur durch das Gitter.
»Lacht immerhin, wer zuletzt lacht, lacht aber am Besten.«
Für diesen Abend schien wenigstens Cornelius derjenige zu sein, der zuletzt lachen sollte, denn er erwartete Rosa.
Um die neunte Stunde kam sie wie gewöhnlich, vorsichtig und leise – diesmal ohne Lampe – wozu hätte sie diese auch nöthig gehabt, sie konnte ja schon lesen.
Dann hätte das Licht auch ganz gewiß einen Verräther abgeben können.
Außerdem sah man Rosa's Erröthen zu deutlich, und das Mädchen erröthete oft.
Aber womit unterhielten sich die jungen Leute an diesem Abende? Mit denselben Gegenständen, über die in Frankreich Verliebte an den Schwellen der Thore, in Spanien und Italien von einem Balkon zum andern, und im Orient von den Höhen der Terrassen zu sprechen pflegen.
Dies waren demnach Gegenstände, bei welchen die Stunden im Sturmschritte davon eilen und welche den Flügeln der Zeit neue Spannkraft verleihen.
Und so sprachen sie über Alles und von Allem, nur von der schwarzen Tulpe nicht.
Dann gingen sie wie gewöhnlich auseinander, nachdem die zehnte Stunde geschlagen hatte.
Baerle war glücklich, ganz glücklich, so selig als es ein Tulpenfreund nur immer sein kann, zu dem man nichts von seiner Lieblingsblume spricht.
Er entdeckte jedes mal an Rosa neue entzückende Eigenschaften.
So fand er sie nicht nur hübsch, wie man gewöhnlich jede Geliebte zu finden pflegt, er sah auch, daß sie gut, hold und liebenswürdig war.
Warum aber hatte Rosa verboten, von der Tulpe zu sprechen?
In dieser Beziehung besaß sie also einen großen Fehler.
Auch Baerle gestand sich in tiefes Nachdenken versunken, daß das Weib doch niemals ganz vollkommen sein könne.
Den größten Theil der Nacht dachte er über diese sonderbare Schwäche nach; aber es dünkt uns, bloß darum, weil damit unmittelbar das Denken an Rosa verbunden war. Endlich schlief er ein. Und im Traum schwebte wieder ihre entzückende Gestalt vor seinen Augen.
Aber das Mädchen der Träume war unendlich vollkommner, als jenes der Wirklichkeit: denn diese Rosa unterhielt sich mit ihm nicht nur unausgesetzt über die schwarze Tulpe, sie brachte ihm sogar diese herrliche Blume in einer reich vergoldeten Urne.
Cornelius fuhr vor Freude zitternd empor – »Rosa, Rosa,« rief er, »ich liebe Dich ewig.«
Und als er die Täuschung wahrnehmend seine Augen öffnete, sah er, daß es bereits heller Tag geworden war.
Er fand es, demnach der Ordnung gemäß, nothwendig, aufzustehen.«
Aber den ganzen Tag verließ ihn die Erinnerung an den entzückenden Traum nicht mehr.
O, wenn doch nur Rosa diese Bedingung nicht gemacht, wenn sie sich nur hätte entschließen können, von der schwarzen Tulpe zu sprechen, Cornelius hätte sie, einer Semiramis, Cleopatra, Elisabeth, ja selbst Anna von Oesterreich vorgezogen, d. h., er hätte sie höher geschätzt, als diese mächtigsten und schönsten Regentinnen ihrer Zeit.
Aber das Mädchen hatte unter Androhung nicht Wiederzuerscheinen jede Erwähnung der schwarzen Tulpe verboten, und innerhalb drei Tagen sollte Baerle diesem Befehle genau nachkommen
Diese drei Tage bestanden nach einer ganz richtigen Rechnung aus zwei und siebzig Stunden. Dem Geliebten waren sie zwar gegönnt, dem Tulpenfreunde hingegen ganz genommen; aber in dem gegenwärtigen Augenblicke waren ja bereits sechs und dreißig Stunden glücklich überstanden.
Die andere Hälfte konnte eben so leicht in zwei gleiche Theile zerlegt werden. Dann kamen achtzehn Stunden auf die Erwartung, und der ganze Rest wurde der Erinnerung gewidmet.
Um die bestimmte Stunde kam Rosa wieder. Wenn nun das Mädchen einerseits ihrem gegebenen Versprechen glücklich nachkam, so ertrug Cornelius andererseits seine Buße mit stoischem Gleichmuthe. Ueberhaupt beurkundete Baerle in dieser Beziehung eine seltene Geistesstärke, und wenn man ihm gestattet hätte, täglich nur einen kleinen Augenblick von seiner Blume sprechen zu dürfen, wäre er durch volle fünf Jahre im Stande gewesen, gar keinen andern Gegenstand zu berühren.
Aber Rosa begriff auch sehr gut, daß Nachgiebigkeit in den meisten Fällen bessere Früchte trägt, als das unabänderliche Festhalten an einen oft in der Uebereilung aufgestellten Vorsatz Und darum gestattete sie dem Gefangenen, ihre Hand und das glänzende Haar durch das Thürgitter zu küssen.
Armes unschuldiges Mädchen, sie ahnte in der Reinheit ihrer Seele nicht, daß diese an und für sich unbedeutenden Zugeständnisse gefährlicher als die Unterhaltung über die Tulpe waren.
Aber bald sah sie es ein. In ihre Wohnung an jenem Abende zurückkehrend, wußte sie sich keine Rechenschaft über die innere Aufregung, die brennenden Lippen, die glühenden Wangen und feuchten Augen zu geben. Sie faßte daher einen Entschluß, sie wollte sie durfte nicht länger mehr zögern. Als am nächsten Abende die ersten Liebkosungen vorüber waren, sprach sie:
»Sie ist emporgekommen.«
»Wer, wer ist emporgekommen?« rief Cornelius, der es gar nicht zu glauben wagte, Rosa selbst habe die Absicht, seine Prüfungszeit abzukürzen.
»Euere Tulpe!«
»Meine Tulpe, o Rosa, es ist mir also gestattet?«
»Wie ihr seht, ja« – erwiderte Rosa gleich einer liebenden Mutter, welche die Absicht hat, ihrem Kinde eine große Ueberraschung zu bereiten.
»Rosa, theuere Rosa,« rief Cornelius, und zugleich bemühte er sich, mit seinem Munde weiter durch das Gitter vorzudringen. Er hoffte ja, die Hand, eine Wange oder das Haar zu berühren. Wer malt seine Wonne, er erreichte mehr als er jemals ahnte, denn zwei brennende Lippen begegneten sich in einem langen feurigen Kuße. Rosa erschrack und schrie – aber wer kennt einen solchen Schrei nicht?«
Baerle kannte ihn nicht. Er glaubte das Mädchen zu sehr erschreckt zu haben, und beeilte sich nunmehr, die unterbrochene Unterhaltung wieder anzuknüpfen.
»Wie ist sie emporgekommen, gerade und schlank?«
»So gerade wie eine meiner Spindeln!« »
»Wie hoch mag sie sein?«
»Im mindesten zwei Zoll.«
»Liebe, theuere Rosa, nochmals bitte ich Euch, alle Sorgfalt ganz auf die Blume zu verwenden, und Ihr werdet sehen, wie schnell sie wächst.«
»Ist denn noch eine größere Sorgfalt möglich, ich denke ja Tag und Nacht nur an sie.«
»Wie Rosa, – was sagtet Ihr, nur an sie – jetzt wird die Reihe zu klagen an mich kommen.«
»Niemals, denn Ihr wißt ja nur zu gut, daß die Erinnerung an die Blume unmittelbar jene an Euch in sich schließt. Aber darum weiche ich auch keinen Augenblick von ihr. Wenn ich des Morgens mich erhebe, erhält sie den ersten freundlichen Gruß, wenn ich mich des Abends zu Bette lege, rufe ich ihr das letzte Lebewohl zu. Arbeite ich auf meinem Zimmer, so sitze ich ganz nahe bei ihr, und dies geschieht nun alle Tage, da ich seit jener Stunde, wo sie in meiner Kammer steht, auch, nur dort zu weilen pflege.«
»Ihr thut ganz wohl daran, Rosa, die Blume ist Euere Mitgift, das wisset Ihr.«
»Ganz gut, und mit ihrer Hilfe soll ich ja einen jungen Mann finden, den ich lieben und heiraten werde.«
»O schweigt – —«
Und in diesem Augenblicke gelang es Cornelius die zarte Hand am Gitter zu erfassen und sie an seine Lippen zu drücken, wodurch zwar an dem Gegenstande der Unterhaltung keine Abänderung erfolgte, aber doch eine kleine, ganz ruhige Pause eintrat.
An diesem Abende fühlte sich Cornelius in den Himmel der Seligkeit erhoben. Rosa überließ ihm ihrer Hand so lange er dieselbe halten und küssen wollte, und außerdem war es ihm gestattet, von seiner Tulpe zusprechen.«
Aber mit diesem Tage schritt sowohl die Liebe wie auch die Blume mächtig vorwärts.
Wir wollen die Letztere verfolgen. Da kamen denn zuerst die Blätter, dann hatten sich dieselben geöffnet, endlich erschien die Blume langsam und zuletzt ein Knoten, den sie angesetzt hatte.
Bei dieser letzten Nachricht überhäufte der Gefangene Rosa mit einer solchen Menge rasch nach einander folgenden Fragen, daß ihm diese kaum genügend antworten konnte.
»Einen Knoten hat sie, sagtet Ihr?«
»Ja, sie hat einen Knoten angesetzt.«
Cornelius war nicht fähig seine Freude zu bemeistern, er hielt sich mit zitternden Händen an dem Gitterfenster.
»O mein Gott!« rief er.
Dann wendete er sich rasch zu Rosa.
»Ist der Knoten regelmäßig, voll, und sind die Triebe grün?«
»Der Knoten ist ganz regelmäßig oval geformt, er ist ungefähr einen Zoll stark, und fädelt sich in die feinste Spitze aus, der Cylinder schwellt bereits zu beiden Seiten, und die Triebe sind gerade auf dem Punkte, sich zu öffnen.
Die ganze Nacht hindurch schlief Cornelius beinahe gar nicht, denn diese Nacht barg den entscheidenden Zeitpunkt, indem sich die Triebe öffnen mußten.
Am zweiten Tage, brachte ihm Rosa die Nachricht, daß sie bereits geöffnet wären. s
»Wie Rosa, geöffnet – ist sie, die Hülle ist geborsten, o dann kann man gewiß schon unterscheiden – —«
Und Cornelius stockte, von der höchsten Erwartung ergriffen.
»Ja, man ist bereits im Stande ein Netz von verschiedenen, mannigfaltigen Farben zu unterscheiden, die jede zart wie ein Haar ist.«
»Aber die Hauptfarbe, die Grundfarbe?«
»O, die ist dunkel, sehr dunkel.»
»Vielleicht braun?»
»Nein, viel dunkler.«
»Dunkler, viel dunkler, o ich danke, danke Euch, ja ich weiß, ich fühle es, sie ist gewiß so dunkel, wie Ebenholz?«
»Gerade so wie die Tinte, mit welcher ich Euch, schrieb.«
Baerle stieß einen Schrei aus – es war wohl schwer zu unterscheiden, ob dieser Freude oder Abwesenheit des Geistes beurkunden sollte.
Plötzlich ward er ernst und still, er faltete die Hände.
»Rosa,« sprach er, »es gibt keinen Engel, der mit Euch verglichen werden kann.«
»So? glaubt Ihr?« erwiderte das Mädchen mit; himmlichem Lächeln.
»Ihr habt für mich so unendlich viel gearbeitet und gethan, Alles was ich nur wünschen durfte. Meine Tulpe wird erblühn, sie wird schwarz, schwarz wie das Ebenholz erglänzen, und dies durch Euch, durch Euch Rosa – aber darum seid Ihr auch das vollkommenste Wesen auf dieser Erde —«
»Erst nach Euerer Tulpe.«
»Also habt Ihr noch immer kein Mitleid mit mir, so liegt es unverändert in Euerer Absicht, mir jede kleine Freude zu verbittern. O macht mir keine derartigen Bemerkungen mehr, das müßt Ihr mir versprechen.«
Rosa schwieg aber und lächelte.
Nach einer Pause fuhr Cornelius fort:
»Die Tulpe hat, nach Euerer letzten Mittheilung bereits so bedeutende Fortschritte gemacht, daß sie in längstens zwei bis drei Tagen vollständig erblühen muß.«
»Ich glaube daß dieß schon Morgen oder längstens Uebermorgen geschehen dürfte.«
»O mein Gott! und welche Freude werde ich dabei empfinden? Keine, gar keine, denn ich kann, ich darf sie nicht sehen, ich werde sie nicht wie das erhabenste göttliche Geschenk, wie ein Wunder des Himmels an mein Herz an meine Lippen drücken, so wie ich mit Innigkeit Euere Hand Rosa, Euere Haare oder die Wange küsse, wenn zufällig eines oder das andere dem Gitter näher kommt.«
Und Rosa legte diesmal ihre Wange ganz dicht an das Gitterfenster.
Cornelius hatte diese mehr absichtlich als zufällige Bewegung gefühlt, er drückte seine brennenden Lippen, wie er vorher gesagt, mit voller Innigkeit darauf.
»Wenn Ihr es wollt« sprach Rosa, »wenn es Euch überhaupt darum zu thun ist, die Blume zu sehen und zu küssen, so kann ich sie ja pflücken und Euch bringen.«
»Nein, nein, meine Rosa, um Gotteswillen, begeht dies ungeheuere Verbrechen nicht. Sobald sie sich geöffnet hat, suchet einen schattichten Ort, auf den Ihr sie hinstellt, dann machet aber auch unverzüglich die Anzeige nach Harlem und berichtet dem dort befindlichen Präsidenten der Gartenbaugesellschaft, daß das von derselben ausgeschriebene Preisstück die große schwarze Tulpe erblühe. Die Stadt ist weit, in unseren jetzigen Verhältnissen sogar sehr weit, aber es wird Euch dennoch unzweifelbar gelingen, einen verläßlichen Boten zu finden. Besitzt Ihr Geld, Rosa?«
Das Mädchen lächelte abermals.
»Ja,« sagte sie nach einer kleinen Pause.
»Wird es aber hinreichen?«
»Mein ganzes erspartes Vermögen besteht aus dreihundert Gulden.«
»Wie, dreihundert Gulden habt Ihr? Das ist ja ein ganzer Schatz, mit diesem ausgerüstet braucht Ihr keinen Boten zu schicken, Ihr könnt selbst nach Harlem gehen.«
»Was geschieht während meiner Abwesenheit mit Euerer Blume?«
»Mit der Blume, ja glaubt Ihr, Euch von derselben zu trennen, o nein, das dürft Ihr nicht, Ihr seid ja deren Mutter, sie kann in keinem Augenblicke von Eurer Seite kommen.«
»Von einem theuern Gegenstande muß ich mich aber dennoch trennen. Ist es die Blume nicht, so seid Ihr es.«
»O wie sehr drückt mich erst in diesem Augenblicke meine Gefangenschaft, wie klar erkenne ich nunmehr die Niederträchtigkeit der Menschen, die mir, dem schuldloseen Wesen, auf so schändliche Art die Freiheit raubten. Ja, Ihr habt auch wieder Recht Rosa, von Euch kann ich mich eben so wenig trennen, als Ihr es von der Tulpe thun dürft. Sendet daher nur einen Boten nach Harlem. Die Erscheinung ist an und für sich so großartig und wunderbar, daß der Präsident gewiß, der Mittheilung kaum Glauben schenkend, persönlich kommen wird, das Unerhörte mit eigenen Augen zu sehen, ja, ja, gewiß, er wird die Tulpe in Löwenstein aufsuchen.«
Dann schwieg aber Cornelius plötzlich stille, ein trüber Gedanke schien seine Seele zu erfassen, die Stirne umdüsterten mächtige Wolken.
»Rosa,« sprach er nach einigen Minuten, »Rosa, wenn aber die Blume nicht schwarz würde?«
»Das sollt Ihr mit voller Gewißheit, Morgen oder Uebermorgen Abends wissen.«
»So lange soll ich warten. Bis auf den Abend, das ist ja ein unendlicher Zeitraum, ich werde ihn kaum überleben. Rosa, könnten wir nicht ein Zeichen für den Tag verabreden.«
»Nun so will ich es noch bedeutend besser machen.«
»Was seid Ihr gesonnen zu thun?«
»Wenn sich die Blume in der Nacht öffnet, so werde ich, sobald dies geschehen ist, heraufeilen und Euch hiervon benachrichtigen. Sollte es hingegen während des Tages geschehen, so gebt nur genau auf die Thüre acht, Ihr werdet dann zwischen der zweiten und dritten Inspection meines Vaters, in einer Fuge derselben ein Brieflein finden«
»O Rosa, wie gut, wie edel und vernünftig Ihr seid. Ja ich gestehe es Euch aber auch, ein Wort aus Euerm Munde und von meiner Tulpe, ist für mich ein doppeltes Glück.«
»Hört Ihr Cornelius, so eben schlägt es zehn Uhr, ich muß Euch verlassen.«
»Ja, ja, Rosa, ich fühle es, Ihr müßt gehen – geht denn, geht zu unserer Tulpe.«
Rosa ging, aber ihr Köpfchen sank traurig auf die Brust herab.
Sie hatte die letzten Worte des Gefangenen zu klar, zu deutlich aufgefaßt, er hatte Ihr so zu sagen den Befehl ertheilt, sich zu entfernen.
»Und warum?«
»Bloß der Tulpe wegen?«
Rosa fragte sich im Stillen:
»Ist es aber auch wahr, daß er mich nur fort sandte, um seine Tulpe zu überwachen?«
VIII.
Das Aufblühen der Tulpe
Die Nacht war ruhig und angenehm, nur für Cornelius eine jener stürmischen, wo der Mensch von einen besonders wichtigen Gegenstande aufgeregt, von einer Idee verfolgt, wachend und schlafend keine Ruhe findet. Seine ganze gespannte Aufmerksamkeit hatte er auf den Gang und die Kerkerthüre gerichtet, der leiseste Windeshauch däuchte ihm das Rauschen eines Kleides oder Rosas flüchtiger Schritt zu sein. Dann sprang er empor von seinem Lager, eilte zum Gitter, lauschte, horchte, zitternd am ganzen Körper von einer himmlischen Hoffnung durchdrungen und belebt.
»Aber jedes mal gab ihm ein kurzer Aufenthalt die Gewißheit einer neuen Täuschung, trauernd, mit gesenktem Haupte kehrte er dann wieder auf sein Lager zurück. Rosa war gewiß wach, beneidenswerther jedoch, als der arme Gefangene, war ihr das Glück vergönnt, die große schwarze Tulpe bewachen, ihren Lebenslauf verfolgen, die erste Entfaltung der herrlichen Blume begrüßen zu dürfen. Unmittelbar unter ihrem sorgsamen Auge befand sich dies unschätzbare Kleinod, dieses größte Wunder, menschlicher Thätigkeit, diese erhabene Erscheinungen im, Gebiete der Natur. Und sie mußte es auch sein, denn an ihr hervortreten knüpfte sich zugleich die Wirksamkeit einer, der Menge unerklärbaren geistigen Kraft, da sie bis zu diesem Augenblicke für den Gegenstand bloßer Phantasie gehalten, und in den Bereich der Unmöglichkeit gesetzt worden war.
Was mußte aber auch nach diesen Voraussetzungen – die Welt sagen, wenn sich die Nachricht verbreitete: Die große schwarze Tulpe, das für unmöglich gehaltene Phänomen ist entdeckt, sie existirt in ihrer glänzendstens Blüthe und Entfaltung, in größter Vollkommenheit.
Und wer war derjenige, der dies Wunder bewerkstelligte?
Ein gewisser van Baerle, Gefangener auf der Festung Löwenstein.
Man muß sich Baerles leidenschaftliche Hingebung für seine Blumen ganz denken können, um nur halbwegs zu begreifen, daß ihm außer diesem, jeder andere Gegenstand in der Welt kleinlich und unbedeutend vorkam, daß der Wahn, jeder Mensch müsse von gleicher Bewunderung für die Tulpe hingerissen, auch dieselbe Idee haben, sein Inneres erfüllte.
Dann wird auch Niemand zweifeln, daß Cornelius die Tulpe selbst für den hohen Preis seiner Freiheit, an Niemanden abgetreten haben würde.
Der eben erwähnte Tag verschwand ohne irgend einer besondern Vorfallenheit, die Tulpe war wieder vorgeschritten, aber noch immer nicht aufgeblüht.
Endlich kam die Nacht. Die heiß ersehnte Stunde der gewöhnlichen Zusammenkunft schlug, mit ihr erschien auch Rosa.
»Was bringt ihr mir?« rief Cornelius.
»Die besten Nachrichten. Alles geht überraschend schnell und gut von Statten, ich bin ganz gewiß überzeugt, daß Euere Tulpe noch diese Nacht blühen muß.«
»Ja aber wie wird sie blühen, habt Ihr noch gar »kein Zeichen, daß sie schwarz, glänzend schwarz wird?«
»Rabenschwarz.«
»Aber ohne Beimischung einer andern Farbe?«
»Wie ich Euch sage, makellos.«
»Dein Himmel sei Dank. O Rosa, wenn ich Euch erzählen sollte wie ich diese Nacht zugebracht hatte. Ich dachte unaufhörlich an Euch —«
Das Mädchen machte aber eine Miene und Bewegung, die deutlich deren Ungläubigkeit beurkundete.
»Dann dachte ich wieder über alle jene Punkte nach, die wir zur Erreichung eines sicheren Zieles noch zu beobachten haben.«
»Und diese sind?«
»Ich habe in dieser Beziehung einen unumstößlichen Entschluß gefaßt. Sobald nämlich die Tulpe erblüht, und der sichere Beweis vorliegt, daß sie schwarz ohne allen Makel oder eine andere Beimischung ist, habt Ihr Euere erste Sorge dahin zu richten, daß Ihr einen verschwiegenen und zugleich verläßlichen Boten ausfindig macht.«
»Diesen ersten Punkt werde ich ohne allen Zeitverlust und pünktlich nachkommen, denn was den von Euch bezeichneten Boten betrifft, so habe ich bereits einen, Euerem Wunsche entsprechenden gefunden.«
»Aber einen ganz verläßlichen Boten, wie ich sagte.«
»Seid nur beruhigt, ich will selbst für ihn gut stehen; es soll nämlich einer aus der Unzahl meiner Liebhaber gewählt werden.«
»Ihr werdet doch nicht am Ende gar Jakob mit dieser Angelegenheit absenden?«
»Wie kommt Ihr auf diesen so sonderbaren Gedanken, Ihr scheint selbst in einem so ernsthaften Augenblicke scherzen zu wollen. Aber damit ich Euere Neugierde lieber gleich befriedige, so erfahret denn, daß es der Schiffer vom Löwenstein, ein junger, rüstiger und gewandter Bursche sein soll.«
»Wie alt ist er wohl?«
»Fünf bis sechsundzwanzig Jahre.«
»O Himmel!«
»O, beruhigt Euch nur,« lächelte Rosa schelmisch, »um so mehr, wenn Ihr Euch erinnert, daß er noch nicht das vorgeschriebene Alter hat, da Ihr selbst die Jahre sechs- oder achtundzwanzig bestimmtet, und es noch lange hin ist, bis er diese erreicht.«
»Seid Ihr aber auch ganz versichert, daß diesem. Menschen unbedingtes Vertrauen geschenkt werden; kann?«
»Ich kann auf ihn gerade so vertrauen, wie Ihr auf mich, denn, wenn es mein Wunsch wäre, würde er: sich auf einen einzigen Wink von mir, in die Waal; oder Maas stürzen.«
»Nun so will auch ich ihm ganz vertrauen. Wenn, er sich nur halbwegs beeilt, so kann er in längstens zehn Stunden in Harlem sein. Dann seid Ihr so gut und bringt mir Papier und Bleistift, oder noch besser, statt Letzterem, Feder und Tinte. Ich will sogleich schreiben; aber nein, ich darf es nicht thun, denn man könnte meine Schriftzüge erkennen und hinter dieser ganz einfachen und unschuldigen Angelegenheit irgend einen geschickt angelegten Verschwörungsplan vermuthen. Daher werde ich Euch ersuchen, daß Ihr das Geschäft des Schreibens auch noch übernehmt. Ihr berichtet nämlich dem Präsidenten der Gartenbaugesellschaft, daß Ihr im Besitze der bereits aufgeblühten, großen, schwarzen, fleckenlosen.Tulpe seid, und ich bin ganz überzeugt, daß er es nach dieser Anzeige nicht unterlassen wird, allsogleich selbst hierher zu kommen.«
»Wenn der Präsident aber zögern, oder gar nicht kommen sollte?«
»O das ist unmöglich, Ihr kennt ihn nicht, Rosa, Ihr wißt nicht, welches Opfer ein Mitglied unserer Gesellschaft der Tulpe, und besonders ihr, dem Meisterstücke der Schöpfung, zu bringen vermag. Kommen wird er gewiß, davon bin ich ganz überzeugt, aber verzögern könnte er seine Ankunft, das wäre möglich; allein selbst in diesem Falle könnte er seine gewiß flammende Begierde nicht länger als zwei Tage zügeln.«
»Und wenn dies wirklich geschähe?«
»Dann schadet es uns noch immer nicht, da nach zwei Tagen die Tulpe vollkommen entfaltet, in unnachahmlicher Pracht dastehen wird.«
»Was geschieht aber weiter?«
»Der Präsident wird die Blume genau in Augenschein nehmen, dann ein eigenes Protokoll über dieselbe abfassen, Euch ein Duplikat dies es Protokolles übergeben, wogegen Ihr ihm die Tulpe einhändigt, und die ganze Sache ist dann abgethan.«
»Ich werde mich ganz nach Euerer Weisung halten.«
»O Rosa, wenn wir so glücklich wären, die herrliche Blume selbst nach Harlem tragen zu können. Ich würde sie keinen Augenblick aus meinen Händen geben, und selbst dann, wenn ich mich von ihr trennen müßte, wollte ich sie noch ein Mal in Euere lieben Händen legen, als den Sprößling, der nur der zärtlichsten Liebe einer treuen Mutter sein Dasein verdankt. Aber so werden sich andere Augen an der Pracht des erhabenen Bildes laben, werden sie verblühen sehen, und ihrem letzten Hauche folgen können. Aber nochmals bitte ich Euch, meine liebe, theuere, meine unvergleichliche Rosa, lasset die Tulpe Niemanden auf dieser Erde, selbst Euerem Vater nicht sehen, bevor sie der Präsident in Augenschein genommen hat.«
»Ich versprach es Euch ja schon so oft —«
»Ihr werdet auch Euer Versprechen gewiß halten, denn bedenkt nur Rosa, wenn Jemand erführe, daß es die schwarze Tulpe, daß mit ihrem Besitz ein Gewinn von hunderttausend Gulden sei, Ihr wäret allen möglichen Verfolgungen ausgesetzt, man würde sie Euch mit Gewalt rauben.«
»Ach, Ihr habt Recht —«
»Und dann sagtet Ihr mir ja selbst, wie der schändliche Jakob der Blume nachstelle. – Genügt Euch dieser eine Beweis; o Rosa, der Mensch, der so leicht einen Gulden stiehlt, wird mit Gier hunderttausend zu gewinnen suchen.«
»Seid ganz unbesorgt, ich will auf das Aeußerste vorsichtig und aufmerksam sein.«
»Es wäre aber eben so möglich, daß sich die Tulpe:öffnet, während dem Ihr hier bei mir seid.«
»Es kann sehr leicht der Fall sein, um so mehr, da sie mir zur Ausführung einer derartigen Caprice eigensinnig genug zu sein scheint.«
»Und wenn Ihr sie dann bei Euerer Zurückkunft offen findet?«
»Nehmen wir an, es wäre so.«
»O Rosa, dann erinnert Euch auch nur, daß jede verlorene Minute eine Ewigkeit in sich schließt, daß die erste Bedingung zur Erreichung unseres Zieles darin, besteht, den Präsidenten unverzüglich von Allem in Kenntniß zu setzen.«
»Den Präsidenten allein, ich glaube viel mehr Euch noch früher.«
Und dabei seufzte das Mädchen tief und hörbar, wie das Weib, das endlich langsam das unendliche Gebiet einer ihr bisher unbekannten Schwäche begreifen lernt, ohne sich deswegen an sie gewöhnen zu können. Dann sprach sie zu Cornelius:
»Jetzt eile ich wieder hinab auf mein Zimmer und zu Euerer Tulpe, ich will heute die ganze Nacht wachen, und so bald sie erblüht, Euch benachrichtigen. In demselben Augenblicke aber wo ich dies thue, geht auch der Euch bezeichnete Bote von hier nach Harlem ab.«
»O Rosa, Rosa, alle meine Kraft ist gebrochen, Euch den, rettenden Schutzgeist meiner trüben Lebensbahn hat mir Gott gesandt, wie kann ich Ihm, wie kann: ich Euch einst danken. O, ich fühle es jetzt erst, daß kein Wesen auf dieser großen Welt, Euch an Güte, Liebenswürdigkeit und Verstand gleich kommt.«
»Keinem Wesen, o Cornelius, wenn Ihr mich nur mit Euerer schwarzen Tulpe vergleichen wolltet, dann müßte ich gewiß in Euerem Innern das vollkommenste Wesen sein. – Aber das dürfte unmöglich sein, nicht wahr?«
»O mehr, mehr Rosa, ja, was ist selbst die schwarze Tulpe gegen Euch.«
»Lebt nun wohl Cornelius, bald hoffe ich Euch wiederzusehen.«
»Nennt mich nicht mehr Cornelius, liebe Rosa,; in diesem entzückenden Augenblicke sagt mir: Auf Wiedersehen mein Freund!«
»Auf Wiedersehen mein Freund,« lispelte Rosa,« und ein himmlischer Trost spiegelte sich in ihren edlen Zügen.
»O mein Freund —«
»Rosa, theuere innig geliebte Rosa, diesen letzten Trost, diese unendliche Wonne, o gewährt sie mir, sprecht sie aus die wenigen begeisternden Worte —«
»Mein viel geliebter Freund, – ja mein viel geliebter Cornelius,« rief Rosa zitternd, aufgelöst in eine Welt von seligen Empfindungen, wonnetrunken vor Freude, daß die himmlische Macht der Liebe die eisige Rinde des Herzens geschmolzen, und ihr in dem Bewußtsein ihrer Reinheit und Unschuld die Kraft verliehen hatte, das Gefühl einer bisher unbezwingbaren Scham zu bewältigen.«
Aber Cornelius schwieg – auch er fühlte sich dem niedern Erdenballe entrückt, sein Geist, sein Körper erhob sich zu einer höheren Welt, das Blut kreiste rascher, die Pulse schlugen heftiger, alle Fiebern zitterten und bebten, er hatte die unendliche Macht und Tiefe dieses Gefühles bisher noch nicht gekannt.
»Rosa, meine theuere Rosa, »sprach er nach einem längern Stillschweigen, »jetzt bin ich der glücklichste Mensch, den es auf der weiten Erde gibt. – Aber es fehlt mir dennoch Etwas.«
»Was fehlt Euch noch?«
»Euere Wange Rosa, Euere frische, blühende, Euere himmlische Wange. Gutes liebes Mädchen, reicht sie mir, laßt meine Lippen den Kuß der wärmsten heiligen Liebe darauf drücken, aber gestattet es mir selbst, damit ich dieses Glück nicht wieder dem bloßen Zufalle allein und der Ueberraschung verdanken muß.«
Dann seufzte Cornelius.
Aber zugleich drückte er seine Lippen an die Thüre, und hier an diesem kalten, öden eisernen Widerstande begegneten sich, wie bereits früher ein Mal – zwei Lippen, in einem heißen, lang gedehnten Kuße.
War es vielleicht wieder Ueberraschung? Nein, diesmal verlieh die Gewißheit des eigenen Wunsches, der Begegnung jenen himmlischen Reiz, der uns in ein Paradies versetzt, diesmal war es der freie Wille, und nicht jene Ueberraschung, durch welche hundert Jahre danach, Saint Preux den Lippen Juliens begegnete.
Wie lange mag dieser Kuß gewährt haben?
Das wissen wir nicht.
Genug, wenn wir erfahren, daß Rosa nach demselben entfloh.
Wir müssen sagen, entfloh, da ihr Heimgang eher einer Flucht, als sonst etwas Anderem glich.
Aber Cornelius stand noch lange, lange unbeweglich.
Er hatte die Lippen fest an das Gitter gedrückt, und in diesen Lippen hatte sich diesmal sein Herz, seine Seele festgesetzt.
Endlich schwand die Täuschung, die Besinnung kehrte mit einem Gefühl des Glücks und der Freude wider.
Er eilte zum Fenster, er öffnete den kleinen Schuber, er blickte hinaus in die stille Natur, die in die Ruhe der Nacht versenkt, ihm mit Würde und Ernst entgegen lächelte.
Er sog die frische Lust in tiefen Zügen ein, er horchte dem Rauschen der beiden großen Flüsse, die unter dem Hügel in weiten schlangenförmigen Windungen dahin eilten, und wie zwei Silberstreifen erglänzten.
Dann erhob er das noch immer freudestrahlende Auge empor zum Himmel, zu jener großen noch unbekannten Welt, zu dem unerforschten, erhabenen Systeme.
Und als er sich hier ganz in die Unendlichkeit verlor, als er langsam einen Stern nach dem andern emporsteigen und wieder verschwinden sah, als der so eben aufgehende Mond mit seinem bleichen Lichte, der ausgedehnten Landschaft einen magischen Schein verlieh, der von dem klaren Himmel wiederstrahlte – da erfüllte neue Wonne seine Brust, da erwachten all’ die religiösen Grundlagen, die seiner frühesten Jugend als Leiter für die Zukunft, auf der Dornenbahn des Lebens eingeprägt worden waren, seine Seele verlor sich ganz in diese Anschauung, seine Knie brachen zusammen, er sank auf Beide nieder, die Hände gefaltet, im Auge eine perlende Thräne, dankte er dem Allmächtigen im warmen innbrünstigen Gebete:
»Dir, Unendlicher, Dir o Vater, Dir meinem Gott in der Höhe danke ich kniend hier. Du hast mich, geführt auf dem Wege des Schmerzes und der Qual, um mich zu prüfen. Und ich war schwach, verzweifelte an Deiner Allmacht, Deiner Güte, und fiel, statt siegreich mich zu erheben. O Herr, da leuchtete ein Stern der Rettung mir, Deine Gnade sandte ihn dem unmündigen schwachen Kinde, daß es sich erhebe und glaube. Mein trübes umschleiertes Auge ward erhellt, die Wolken theilten sich, und hinter diesen sah ich Dich, den Urquell des Lichtes und der Gnade. Nicht strafend fiel Dein Blick auf den Frevler, der im Staube vernichtet vor Dir lag, nein, mit Vaterhuld lächeltest Du ihm die Vergebung zu.«
»O Herr! ich kenne Dich, und darum liege ich hier vor Deiner Allmacht auf den Knien und danke Dir.«
»Nimm diesen Dank, nimm auch mein gläubiges, Deiner Huld nun ganz vertrauendes Herz mit Gnade auf.«
Dann sank sein Antlitz in die offenen Hände, und so erfüllt von jener unendlichen Kraft, die nur im wahrhaft gläubigen Herzen wohnt, verlor sich seine Seele nochmals in die bessere Welt, eine himmlische Harmonie erklang, der Kerker schwand dahin, der freie Mensch – er fühlte in diesem Augenblicke nur eines Himmels Seligkeit.
Lange Zeit verharrte der Gefangene in dieser Stellung, dann erhob er sich, und trat abermals zum Fenster hin.
Alle seine Sinne waren nur in einem einzigen gesammelt.
In diesem Augenblicke erglänzte ein Meteor im Süden, durchschnitt den ganzen Raum und sank wieder über den Löwenstein hinab.
Cornelius fuhr empor. —
»Allmächtiger,« rief er, »Du sendest meiner Blume eine Seele.«
Und gleichsam, als habe er richtig gerathen, vernahm er in diesem Augenblicke leichte Schritte auf der Treppe, dann das Rauschen eines Kleides, das sich gleich dem Flügelschlage eines Vogels seinem Kerker näherte.
Der Schuber öffnete sich und eine ihm wohlbekannte Stimme lispelte:«
»Mein viel geliebter Cornelius, kommt, eilt schnell herbei.«
Mit einem einzigen Sprunge stand Baerle bei dem Gitter.
»Sie ist offen,« sprach Rosa, »sehr sie selbst an.«
»Was sagt Ihr, ich soll sie selbst sehen?« und gleichzeitig trennte Cornelius seinen Mund von jenem des himmlischem Mädchens.
»Ja, ja, denn um Jemanden eine große Freude zu machen, darf man keine Gefahr scheuen.«
Zugleich hob Rosa eine kleine, bisher verborgene Blendlaterne in die Höhe des Gitters und beleuchtete mit derselben die noch in ihrem Gefäße befindliche, nunmehr vollständig aufgeblühte Tulpe.
Baerle stieß einen Schrei der Ueberraschung sind des Entzückens aus.
»O Gott, o gütiger Vater, mit welchem unerhörten Glücke überschüttest Du den unschuldig Leidenden, Du, der Du vor dem Gitter meines Kerkers zwei so erhabene Blumen erblühen läßt.«
»Gebt ihr einen Kuß, wie ich es so eben that.«
Cornelius befolgte unverzüglich dies Gebot.
Er hielt den Athem an sich, und berührte mit den Lippen die Spitze der Tulpe, in einem so zarten und doch auch feurigen Kuße, wie wohl nie ein Mädchen einen ähnlichen von ihm erhalten haben dürfte.
Die Tulpe war aber auch glänzend, erhaben schön.
»Rosa, Rosa,« sprach Cornelius mit kaum hörbarer, vor Freude zitternder Stimme.
»Rosa, wir haben keine Zeit zu verlieren, der Brief muß unverzüglich geschrieben werden.«
»Das ist schon geschehen.«
»Schon?«
»Während sich die Tulpe öffnete, schrieb ich, um den Boten sogleich absenden zu können, und um mich zu überzeugen, daß der Brief auch recht sei, brachte ich ihn gleich mit. Hier ist der Brief.«
Cornelius übernahm das ihm dargereichte Schreiben. und las:
»Mynherr Präsident,
Ich habe eine schwarze Tulpe die sich bald öffnet. Sobald Sie offen ist, sende einen Boten zu Ihnen, mit dem Wunsch, dass Sie die kommen und die Tulpe empfangen von einer Person die von der Festung Löwenstein kommt. Ich bin die Tochter des Kerkermeisters Gryphus und befinde mich in beinahe gleicher Gefangenschaft, wie die andern hier eingekerkerten Personen, weshalb ich Euch die Blume nicht selbst überbringen kann.
Zugleich wünsche ich, daß sie Rosa Barlaensis genannt werde. Ich habe die Ehre, mich zu unterzeichnen,
Euere
Rosa Gryphus.«
»Der Brief ist ganz recht, meine theuere Rosa, ich selbst hätte ihn nicht besser abfassen und schreiben können. Aber wo ist der Bote?«
»Wie heißt der Präsident?«
»Gebt mir den Brief, Rosa, ich werde die Adresse selbst schreiben. —«
Rosa überreichte nochmals den Brief, und Baerle schrieb mit zitternder Hand: »Dem Mynherr Peter van Systens, Bürgermeister und Präsident der Gartenbaugesellschaft zu Harlem.
»Jetzt eilt aber, eilt Rosa, wir wollen alles der Güte und Gnade Gottes überlassen.
Vierter Band
I.
Der gefährliche Feind
Cornelius schien von einer Ahnung bei seinen letzten Worten geängstigt worden zu sein, denn die jungen Leute hatten es bisher nie noch so nothwendig, den mächtigen Schutz Gottes anzusprechen, als gerade in diesem Augenblicke.
Keiner unserer Leser wird wohl zweifeln, daß unter dieser drohenden Gefahr unser Freund, oder vielmehr unser alter erbitterster Feind, Isaak Boxtel gemeint ist.
Aus Allem wissen wir bereits, daß Boxtel vom Buytenhoff nach dem Löwenstein in die Nähe der Gegenstände seiner Liebe und seines Hasses gewandert war.«
Der erste war die Tulpe, der zweite van Baerle.
Das, was selbst der erfahrenste und geschickteste Tulpenliebhaber nicht geahnt hätte, nämlich: das Bestehen der großen schwarzen Tulpe, das ließ der Neid den furchtbaren Menschen errathen.
Zugleich wissen wir auch, daß es ihm gelungen war, unter dem falschen Namen Jakob, sich des Kerkermeisters Freundschaft, und zugleich eine gastliche Aufnahme im Löwensteine zu erkaufen. Dafür aber überschüttete er aus Dankbarkeit täglich den Alten mit dem besten Wachholderbranntwein, der jemals zu Antwerpen erzeugt wurde.
Durch dieses Verfahren schläferte er dessen Argwohn und Mißtrauen vollkommen ein, um so mehr, da er zugleich die Absicht, Rosa ehelichen zu wollen, stark hervorleuchten ließ.
Dann schmeichelte er der Eigenliebe des Gefangenenwärters, bezüglich der Wichtigkeit seines Amtes. Er schmeichelte ihm besonders dadurch, daß er den gefangenen Baerle mit den schwärzesten Farben ausmalte, und mehr als hundertmal betheuerte, derselbe habe einen Contract mit dem Satan abgeschlossen, um den Statthalter Wilhelm von Oranien ganz sicher zu verderben.
So gelang es ihm auch Anfangs, von Rosa freundlich empfangen und aufgenommen zu werden. Nicht im entferntesten fiel es ihr ein, gegen diesen häßlichen, durch sein Aeußeres schon abstoßenden Menschen eine Neigung zu empfinden, sie war ihm bloß aus Liebe zu ihrem Vater gut, und fand seine Anwesenheit nur um so erwünschter, da ihr diese Gelegenheit bot, Gryphus weniger auf ihre Schritte aufmerksam zu machen.
Wir wissen aber auch, wie dieser Mann sich durch seine Unvorsichtigkeit verrieth, und wie die jungen Leute gegen ihn argwöhnisch und vorsichtig wurden.
Was die Unruhe des Cornelius auf das Höchste trieb, war der Ausbruch des Zornes, den Jakob gegen Gryphus an den Tag legte, als dieser die erste Zwiebelknospe zertreten hatte. Boxtels Wuth hatte damals den höchsten Grad erreicht; um so. mehr, da er in völliger Ungewißheit war, ob der Gefangene noch eine zweite, oder mehrere Knospen besitze.
Um sich hiervon Gewißheit zu verschaffen, und außerdem auch überzeugt, Rosa stehe mit Cornelius, in einer nähern Verbindung, schlich er dem Mädchen in jedem Augenblicke sorgsam spähend nach.
Nur gebrauchte er diesmal, da er seine Nachforschungen selbst in den Gängen des Gebäudes anstellte, eine weit größere Vorsicht. Er entledigte sich seiner Schuhe, und folgte so dem Mädchen, von ihr weder gesehen noch gehört.
Auf diese Art gelang es ihm, lauschend, das ganze Geheimniß zu erfahren, und mit ihm die Gewißheit von der Existenz einer zweiten Zwiebelknospe zu erhalten. Nach dem mißlungenen Versuche im Garten, fühlte er deutlich, daß man mit ihm bloß Komödie gespielt hatte, aber zugleich bemerkte er, wie Rosa ein irdenes Gefäß in ihr Zimmer trug, und sich kurz darauf im Fluße die Hände wusch. An diesen zarten Händen klebten aber noch Theile jener Erde, die Rosa gemischt hatte, und sie zur Erzeugung der Tulpe geeignet machte.
Dann miethete er sich, der Wohnung des Mädchens gerade gegenüber, auf dem Dachboden des dort befindlichen Hauses eine kleine Kammer, und mit Hilfe des Teleskops gelang es ihm, alles im Zimmer Rosas genau beobachten zu können.
Gerade so, wie er dies zu Dortrecht von seinem Verstecke aus, bewerkstelligt hatte.
Nach drei Tagen war er über jeden Zweifel vollständig aufgeklärt.
Schon am frühesten Morgen bemerkte er jeden Tag das bezeichnete irdene Geschirr am Fenster, und zugleich das engelgleiche Köpfchen Rosa’s, das zwischen Weinreben und Geisblatt hindurchlächelte.
Das Mädchen betrachtete aber den Topf gewöhnlich mit einem so ernsten und sorgsamen Blicke, daß dieser dem Beobachter allein, den darin verborgenen Werth verrieth.
Kanten die Nächte, und es hatte den Anschein, daß sie kalt werden dürften, dann zog Rosa den Topf in das Zimmer. Das war leicht erklärbar, sie befolgte Baerles Vorschriften genau, der den Frost als der Blume besonders nachtheilig geschildert hatte.
War die Sonne empfindlich heiß, dann zog Rosa den Topf um die elfte Stunde ebenfalls vom Fensterweg.
Auch das war erklärbar, denn nach der Angabe des Gefangenen, hätte durch eine zu große Hitze die Erde austrocknen können.
Als aber die Knospe langsam erschien, da erkannte Boxtel mit Hilfe seines Fernrohrs Alles, und kaum hatte sich dieselbe einen Zoll über der Erde erhoben, als er auch schon die unumstößliche Gewißheit besaß.
Cornelius hatte also wirklich zwei Zwiebelknospen. Das traurige Ende der ersten war Boxtel bekannt, die zweite sah er nun, der Liebe und Sorgfalt Rosa’s anvertraut.
Das Liebesverhältniß der jungen Leute war ihm mithin auch nicht mehr unbekannt.
Es handelte sich also darum, diese zweite Zwiebel, auf die möglichst geschickte Art und ohne Verdacht zu rauben.
Dies war aber nicht so leicht.
Das Mädchen bewachte die Blume« wie eine Mutter ihr Kind, oder wie die Taube das Nest ihrer Jungen.
Rosa verließ ihr Zimmer jetzt gar nicht mehr. Auch des Abends, was sonst nie der Fall zu sein pflegte, blieb sie in demselben.
Volle sieben Tage lag Boxtel in seinem neuen Observatorium ganz fruchtlos. Rosa entfernte sich nur selten und wenn dies geschah, so waren es nur unbedeutende, kurze Augenblicke.
Der Leser wird sich auf diesen Zeitraum, nämlich jener sieben Tage erinnern, in welchen der unglückliche Cornelius weder von Rosa noch von seiner Tulpe Nachricht erhielt.
Wenn Rosa auf Cornelius wahrscheinlich böse, ihre früheren Abendbesuche nicht wieder fortsetzte, dann war der Diebstahl unendlich schwerer, als Boxtel sich denselben Anfangs dachte.
Wir können ganz einfach Diebstahl sagen, da Boxtel bei diesem Entschlusse stehen geblieben war. Uebrigens konnte ihn ein solcher Schritt auch keiner Gefahr aussetzen, und es lag nicht einmal die Möglichkeit einer Entdeckung vor. Die jungen Leute hatten das Bestehen der Blume vor der ganzen Welt so geheim gehalten, daß Niemand die Existenz derselben ahnte, und außerdem selbst die Gerichte ihm die eigentliche Entdeckung derselben zugestehen mußten. Er war ein bekannter, erfahrener Tulpenzüchter, Rosa ein einfaches, in der Gartenkunst gar nicht bewandertes Mädchen, Cornelius, ein Staatsgefangener, der aus seinem Kerker gar keine Klage vorbringen und keinen Beweis liefern konnte. Außerdem war es Boxtel möglich, die Tulpe selbst vorzuzeigen, was klarer als Alles für ihn sprechen mußte, und so gab er, alle Umstände zusammenfassend, sich der süßen Hoffnung hin, bald im Besitze der ausgeschriebenen hunderttausend Gulden zu sein, und das Wunder aller Blumen unter dem Namen Tulpia nigra Boxtelensis oder Boxtelea in die Welt zu senden. Was die Wahl des einen oder andern Namens betrifft, darüber ging Boxtel vorläufig gleichgültig hinaus.
Der schwierigste Punkt war noch auszuführen: der Diebstahl nämlich. Damit dieser bewerkstelligt werden konnte, mußte Rosa ihr Zimmer verlassen.
Wer beschreibt daher Isaaks oder Jakobs Freude, als er eines Tages bemerkte, daß die Abendbesuche bei dem Gefangenen wieder begannen.
Zuerst benützte er die sich darbietende Gelegenheit dazu, Rosa’s Zimmerthüre zu untersuchen. Diese wurde mittelst eines einfachen Schlosses gut und doppelt versperrt, und das Mädchen besaß ganz allein einen Schlüssel.
Jakob hatte Anfangs die Idee, Rosa den Schlüssel zu entwenden. Allein er ersah bald, daß es nicht so leicht sein dürfte, unbemerkt in den Sack eines aufmerksamen jungen Mädchens zu langen, und dann hätte Rosa auch ganz gewiß den Diebstahl bemerkt, und das Schloß in ihrer Gegenwart unverzüglich umändern lassen. Dadurch wäre also ein ganz nutzloses Verbrechen begangen worden.
Er sann, auf ein anderes und zweckmäßigeres Mittel.
Boxtel versäumte nunmehr keine Gelegenheit, sich jedes wie immer gearteten Schlüssels zu bemeistern, und die ganze Menge dann einzeln, während Rosa’s Abwesenheit zu probieren.
Dieser Versuch gelang so ziemlich gut. Zwei Schlüssel gingen in das Loch, jedoch nur einer davon gestattete eine einmalige Umdrehung. Beim zweiten Male blieb er stecken, und es mußte daher eine kleine Veränderung angebracht werden.
Jakob überdeckte denselben mit dünnem Wachse, und setzte sodann sein Experiment fort.
Das Hinderniß, dem der Schlüssel bei der zweiten Drehung begegnete, drückte sich auf diese Art ganz genau ab.
Nunmehr hatte er nichts anderes zu thun, als die Form des Abdruckes in dem Barte mit einer feinen Feile genau nachzumachen.
Diese Arbeit erforderte zwei volle Tage. Nach Verlauf dieser Zeit war der Schlüssel zubereitet und vollkommen brauchbar.
Die Thüre öffnete sich nach dem hierauf angestellten Versuche ganz leicht, und Boxtel befand sich wenige Augenblicke nachher in Rosa’s Zimmer mit der Tulpe ganz allein.
Machen wir einen Rückblick in die Vergangenheit. Wir beobachten sodann, wie der schreckliche Mann zuerst eine Mauer überstieg, dann durch das offene Fenster in die Trockenkammer des Cornelius van Baerle kletterte, und endlich mittelst eines selbst bereiteten Dietrichs, die Thüre von Rosa’s Zimmer erbrach.
Aus Allem läßt sich ersehen, das der Tulpenenthussiast auf der Bahn des Verbrechens rasch vorwärts eilte. Gegenwärtig befand er sich mit der Tulpe allein.
Als gewöhnlicher Dieb konnte er sie ergreifen und forteilen.
Allein Boxtel war zu sehr überlegt. Er beobachtete die Blume mit Hilfe seiner Blendlaterne ganz genau, und obwohl alle Anzeichen dafür sprachen, daß sie schwarz erblühen werde, so boten ihre bisherigen Fortschritte doch noch keine volle unumstößliche Gewißheit.
Dann wußte er sehr genau, daß, im Falle die Tulpe nicht schwarz und ganz ohne Makel erblühen würde, das ganze Unternehmen bloß ein gemeiner Diebstahl ohne allen Vortheil wäre. Das Gerücht von diesem Diebstahle mußte sich verbreiten; nach den Vorfällen im Garten fiel der erste Verdacht unbedingt auf ihn, und er wäre sodann äußerst unangenehmen Nachforschungen ausgesetzt. Zu dem Allen gesellte sich noch die Wahrscheinlichkeit, daß man genaue Nachsuchungen anstellen, und den geraubten Gegenstand bei ihm finden dürfte.
Wollte er die Blume aber so verbergen, daß sie selbst dem geübtesten Späherauge entging, dann mußte sie, wenn man den Transport noch hinzurechnete, rettungslos zu Grunde gehen.
Alle diese Folgerungen befestigten den Entschluß, die Tulpe erst einen Tag vor oder nach ihrem gänzlichen Aufblühen zu rauben. Dieser Unternehmung lag jetzt, wo Boxtel den Schlüssel zum Zimmer hatte, weiter kein Hinderniß in den Weg. War sie wirklich erblüht und in seinem Besitze, dann reiste er unverzüglich nach Harlem ab, legte sie den Preisrichtern vor,s und erhielt den ausgesetzten Betrag von Einmal hunderttausend Gulden, bevor es noch irgend Jemand möglich war, die Blume zurückzufordern.
Und gerade der, oder die, welche Boxtel anzuklagen versuchten, würden von ihm des Diebstahls beschuldigt werden können.
Der ganze Plan war auf diese Art wohl durchdacht, und in allen seinen Einzelheiten ganz desjenigen würdig, der ihn entworfen hatte.
Alle Tage verfolgte nunmehr Boxtel mit unausgesetztem Eifer den so gefaßten Entschluß, und jene Augenblicke, in denen Rosa sich den entzückenden Gefühlen der ersten heiligen Liebe hingab, benützte er dazu, in das Zimmer zu schleichen und die Fortschritte der Blume zu beobachten.
An jenem Tage, zu dem wir so eben in unserer Erzählung gekommen sind, stand der fürchterliche Feind wie gewöhnlich in seinem Verstecke auf der Lauer. Erhörte, wie Rosa ihr Zimmer verließ , zu dem Gefangenen eilte, staunte aber nicht wenig, als er das Mädchen nach Verlauf einiger Minuten wieder zurückkehren sah.
Der Leser wird sich erinnern, an jenem Abende die Liebenden nur wenige Worte wechselten, und Cornelius das Mädchen mit dem Auftrage fortsandte, über die, ihrem Aufblühen nahe Tulpe sorgsam zu wachen.
Boxtel errieth Alles. In dieser Nacht mußte das große Unternehmen ausgeführt, und Gryphus vorläufig eingeschläfert werden, um freien Spielraum zu erhalten.
Mit dem gewöhnlichen Vorrathe von Wachholderbranntwein, nämlich einer Bouteille in jeder Tasche, begab sich Boxtel zu ihm.
Gryphus mußte betrunken gemacht werden,dann war der gefährlichste Spion beseitigt.
Dies zu bewerkstelligen, war kein besonderer Aufwand von Zeit und Worten nothwendig. Um elf Uhr bereits, entschlummerte der Kerkermeister seiner ohnehin nur schwachen Sinne gänzlich beraubt. Boxtel lag auf der Lauer.
Um zwei Uhr Morgens verließ Rosa leise und vorsichtig ihr Zimmer. In ihren Händen trug sie einen in der Dunkelheit nicht zu unterscheidenden Gegenstand.
Das war ohne Zweifel die bereits aufgeblühte schwarze Tulpe.
Was wollte sie aber damit thun? Vielleicht abreisen. Allein ein so junges Mädchen konnte dies bei der Nacht und ohne Begleitung nicht so leicht wagen.
Wahrscheinlich begab sie sich damit zu dem Gefangenen.
Mit entblößten Füßen schlich er dem Mädchen nach.
Er sah und hörte Alles. Sie näherte sich dem Gitter.
Sie rief Baerle.
Sie hob die Blendlaterne, bei ihrem Lichte erkannte er die Tulpe. Sie war aufgeblüht, glänzend schwarz, wie die Nacht, die sie umgab.
Cornelius entwarf den uns bekannten Plan. Ein Bote sollte sogleich nach Harlem gesandt werden.
Dann berührten sich die Lippen der jungen Leute. Rosa eilte fort.
Sie löschte die Blendlaterne aus, und schlich vorsichtig nach ihrem Zimmer. Dann trat sie in dasselbe ein.
Einige Minuten darauf erschien sie wieder, schloß die Thüre sorgfältig und doppelt ab, und entfernte sich in der entgegengesetzten Richtung. Warum solche Vorsicht? Weil sich gewiß in dem versperrten Raum die schwarze Tulpe befand.
Boxtel hatte dies alles um ein Stockwerk höher als Rosa, beobachtet. Sobald diese auf die erste Stufe der in den Hofraum führenden Stiege trat, berührte des Lauschers Fuß ebenfalls den ersten Absatz der die beiden Stockwerke verbindenden Treppe, und kaum hatte das Mädchen den Hof erreicht, als auch schon Boxtel vor ihrem Zimmer stand.
Seine Hand suchte das Schloß, und in dieser Hand lag zugleich der Dietrich, der die Thüre so gut wie der dazu passende Schlüssel öffnete.
Wir hatten demnach am Eingange dieses Kapitels sehr richtig bemerkt, daß die jungen Leute es nie nothwendiger als eben jetzt hatten, sich dem Schutze des Allerhöchsten zu empfehlen.
II.
Die schwarze Tulpe wechselt ihren Herrn
Cornelius stand noch immer unbeweglich auf jener Stelle, wo Rosa ihn vor Kurzem verlassen hatte. Er sammelte seine ganze Kraft, um die doppelte Last des Glückes zu ertragen, das ihn so eben getroffen hatte.
Eine halbe Stunde schwand so dahin.
Der Tag begann bereits zu grauen, die ersten Strahlen der erwachenden Frühlingssonne drangen durch das Fenster in den düsteren Raum. Da schrack er mit einem Male mächtig zusammen, er vernahm nahende Schritte, ein Getöse auf der Stiege, und beinahe gleichzeitig erblickte er an dem Thürgitter Rosa’s bleiches und verstörtes Antlitz.
»Cornelius, mein Cornelius!« rief das Mädchen zitternd und athemlos.
»Was gibt es, was ist geschehen?«
»O mein Cornelius, die Tulpe. . . .«
»Gott, sprecht, sprecht.«
»Wie kann ich das mittheilen?«
»Rosa, um des Himmelswillen.«
»Sie ist fort, geraubt, gestohlen.«
»Geraubt, gestohlen?« schrie der Gefangene entsetzt.
»Ja, ja,« und Rosa wollte ihren Kopf an die Thüre stützen, aber die Füße versagten den Dienst, sie sank mit dem Rufe: »Geraubt, gestohlen,« auf die Kniee.
»Aber wie war das möglich?«
»Durch meine Unvorsichtigkeit, o es ist ganz meine Schuld.«
Armes Mädchen, sie wagte es gar nicht, den Gefangenen beim Namen zu nennen.
»Also habt Ihr sie doch allein gelassen?«
»Kaum eine Viertelstunde. Ich mußte den Boten holen, der sechzig Schritte von hier am Ufer der Waal wohnt.«
»Und trotz allen meinen Erinnerungen habt Ihr während dieser kurzen Zeit den Schlüssel stecken lassen?«
»Nein, nein, krampfhaft hielt ich ihn in meiner Hand, ich hatte selbst da noch Furcht, daß er mir entschlüpfen könne.«
»Ja, aber erklärt mir dann die Möglichkeit des Diebstahls.«
»Die weiß ich selbst nicht. Ich wechselte nur einige wenige Worte mit dem Boten, übergab ihm den Brief, und eilte so schnell ich konnte nach meinem Zimmer zurück. Die Thüre fand ich verschlossen, so wie ich sie verlassen hatte, in meinem Zimmer befand sich ebenfalls Alles unangetastet und in der besten Ordnung, nur die Tulpe war verschwunden. Es mußte sich daher Jemand einen gleichen Schlüssel, oder aber einen Dietrich verschafft haben.«
Rosa zitterte so heftig, und ihre Thränen floßen in so reichem Maße, daß sie unfähig war, weiter zusprechen.
Baerle hörte sie aufmerksam an, aber gleichsam als verstände er keines ihrer Worte, murmelte er unausgesetzt:
»Geraubt, gestohlen, o ich Armer, ich Unglücklicher.«
»Barmherzigkeit, Gnade, Cornelius, Euer Schmerz gibt mir sonst den Tod,« schluchzte Rosa.
Diese Worte erweckten alle Lebensgeister des Gefangenen. Er erfaßte krampfhaft die Stäbe seines Thürgitters, und diese mit Wuth schüttelnd rief er:
»Rosa, meine theuere Rosa, noch ist nicht Alles verloren; fassen wir Muth, der wichtigste Gegenstand, nämlich der Räuber selbst ist uns ja bekannt.«
»Wir können aber selbst dies nicht mit Gewißheit behaupten.«
»O! zweifelt Ihr noch, es kann ja Niemand anderer sein, als der erbärmliche Jakob. Ja, ja, laßt uns keine Minute verlieren , er ist gewiß mit dem Gegenstande unseres Fleißes und unserer Bemühungen auf dem Wege nach Harlem. Eilt, verfolgt ihn.«
»Aber wie kann, wies soll ich dies thun, ohne daß es von meinem Vater entdeckt wird, ich ein unerfahrenes schwaches Weib? O Cornelius , wie könnt Ihr mir eine Unternehmung anvertrauen, die Euch selbst beinahe keinen günstigen Erfolg verspricht.«
»Rosa, theuere Rosa, befreit mich aus diesem Gefängnisse, und Ihr sollt Euch überzeugen, was ich zu thun vermag. Ich will den Verbrecher entdecken, ich will ihn zwingen, den Raub einzugestehen und mich um Gnade zu bitten.«
»Ach armer, armer Freund. Ich kann ja nichts für Euch thun. Hätte ich die Schlüssel, dann wäret Ihr ja schon lange in Freiheit.«
»O mein Gott, und von Euerm Vater, der sie in Händen hat, ist Nichts, Nichts zu erwarten, ja ich glaube sogar, daß er mein schändlicher Henker, Jakobs Vorhaben unterstützte.«
»Sprecht nicht so laut, um Gotteswillen.«
»Rosa, wenn Ihr mich nicht befreit, dann zerbreche ich dies Gitter und zertrümmere alles, was ich im Gefängnisse vorfinde.«
»Barmherzigkeit, habt Mitleid – —«
»Ja, ja, nochmals wiederhole ich es, kein Stein soll hier auf dem andern bleiben.«
Cornelius begann bei diesen Worten mit seinen kräftigen, durch die Wuth nur noch gestärkteren Armen an dem Gitter zu schütteln, und mit den Füßen gegen die Thüre zu schlagen, daß das hierdurch verursachte Getöse, in dem weiten gewölbten Gange, einem Donner ähnlich, wiederhallte.
Rosa, beinahe bewußtlos, und am ganzen Körper zitternd, versuchte es vergeblich, den Gefangenen zu besänftigen.
»Ich wiederhole es Euch,« schrie Baerle, »ich werde Gryphus ermorden, ich muß sein Blut sehen, wie er das Blut meiner Tulpe sah.«
Die anfängliche Wuth steigerte sich langsam zum Wahnsinne.
»Beruhigt Euch, beruhigt Euch, um Gotteswillen ich verspreche zugleich hier, daß ich meinem Vater die Schlüssel nehmen und Euch befreien will.«
Mit einem Male unterbrach sie sich selbst.
»Mein Vater, mein Vater,« schrie das Mädchen mit gefalteten Händen.
»Gryphus,« ächzte der Gefangene, »ah, kommt der Schurke.«
Mitten in diesem Getöse war der Kerkermeister, ohne gehört zu werden herauf gekommen.
Er ergriff Rosa mit feiner groben, knöcherigen Faust, und sprach mit zornfunkelnden Augen zu ihr:
»So, so, mein Töchterlein, die Schlüssel willst Du mir nehmen, um diesen Schändlichen zu befreien. Wirklich diese Verschwörung ist des Satans würdig, so also, die eigene Tochter unterhält Verbindungen mit den schwersten Verbrechern.«
Das arme Mädchen rang verzweiflungsvoll die Hände.
Gryphus fuhr fort: »So, so, mein ruhiger, leidenschaftlicher Tulpenfreund, mein sanfter unschuldiger Gelehrter, ausbrechen will man, mich ermorden, mein Blut trinken,und das alles im Einverständnisse mit meinem einzigen Kinde. O Himmel, gibt es noch ein schändlicheres Verbrechen? bin ich in eine Höhle von Räubern und Mördern gerathen! Aber ich will unverzüglich meine Schritte thun, in einer Stunde soll der Gouverneur Alles wissen, und dann wird man Euch §. 6 der Gesetze, für in Gefängnissen verursachte Rebellionen, den zweiten Art des auf dem Buytenhoff gestörten Dramas, aber diesmal gewiß ohne Einwirkung der Milde des Statthalters, aufführen lassen. Ja, ja, beißt und nagt nur an Euern Fäusten wie ein wildes Ungethüm, und Du mein liebenswürdiges Töchterlein, werfe Du ihm nur schmachtende Blicke zu; Nichts soll Euch diesmal helfen. Und nun fort, entsetzliches Kind, fort aus Dem Zimmer, Euch ein Lebewohl sanfter Gelehrter, auf baldiges Wiedersehen.«
Rosa ihrer Sinne gänzlich beraubt, warf dem Gefangenen im Fortgehen noch einen Kuß zu, dann aber als werde sie plötzlich von einem leuchtenden Gedanken durchdrungen, rief sie:
»Ja, ja, so ist es möglich, tröstet Euch, noch grünt die Hoffnung, verlaßt Euch auf mich.«
Mit einem dumpfen, wüthenden Murren folgte ihr der Vater nach.
Cornelius hielt noch einige Zeit die Eisenstäbe des Gitters krampfhaft umfaßt, dann trat jene, solcher Gemüthsaufregungen folgende Ermattung ein, langsam gaben die Finger nach, und ganz von der Schwäche überwältigt, sank der Gefangene leblos auf das Steinpflaster zurück, noch mit geschlossenen Augen, stöhnend:
»Gestohlen, man hat mir sie gestohlen.«
Unterdessen hatte Boxtel das Staatsgefängniß durch dasjenige Thor verlassen, welches Rosa in der Absicht, den Boten fortzusenden, öffnen mußte. Die schwarze Tulpe deckte er vorsichtig mit seinen weiten Mantel, eilte nach Gorkum, fand dort einen schon vorbereiteten Wagen, und jagte in möglichster Schnelligkeit nach Harlem, ohne, wie man es sich eicht denken kann, Gryphus von seiner Abreise in Kenntniß gesetzt zu haben.
Wir sahen ihn also in den Wagen steigen, und wollen ihm nun, in der Voraussetzung, daß dies unserem Leser nicht mißfallen werde, auf seiner weiteren Reise folgen.
Anfangs mußte er langsam fahren, da die schwarze Tulpe auf dem Eilwagen nicht, so leicht ohne Gefahr weiter zu befördern war.. Das gefiel ihm aber keineswegs, und er säumte daher auch nicht, zu Delft eine bequeme und starke Schachtel anfertigen zu lassen, die Blume in dieselbe zu stellen, und den leeren Zwischenraum mit Moos auszufüllen. Auf diese Art war die Tulpe vor jedem Drucke; geschützt, erhielt durch die obere freigelassene Oeffnung hinlänglich frische Luft, und der Wagen konnte, da Boxtel sie auf seinem Schooße trug, nunmehr mit der größten Schnelligkeit sich fortbewegen.
Nach zwei Tagen kam er in Harlem an, zwar am ganzen Körper abgemattet und zerschlagen, aber dennoch zufrieden, sein Ziel erreicht zu haben. Sein erstes Geschäft bestand darin, jede Spur des Diebstahls zu vernichten. Er zerschlug daher das Geschirr von Steingut, warf die Trümmer in den Kanal und setzte die Tulpe in ein neues Gefäß. Dann schrieb er einen Brief an den Präsidenten, benachrichtigte ihn, daß er die schwarze Tulpe besitze, und fügte zugleich die Adresse des Gasthofes bei, in dem er abgestiegen war.
Hierauf wartete er gespannt das Weitere ab.
III.
Van Systens, der Präsident
Rosa war von Cornelius fortgeeilt, aber in demselben Augenblicke hatte sie auch schon einen Vorsatz gefaßt.
Sie beschloß nämlich, dem Geliebten entweder die Tulpe zurückzubringen, oder ihn nie mehr zu sehen.
Die Verzweiflung des Gefangenen, dieser Ausdruck eines unheilbaren Schmerzes, hatte den erwähnten Entschluß in ihr befestigt.
Die Trennung war von jener Minute, wo Gryphus die Verbindung entdeckt hatte, beinahe unvermeidlich.
Aber auch die Zerstörung der ehrgeizigen Absichten des Gefangenen ließ vermuthen, daß mit ihr, zugleich alle andern Gefühle und Regungen seines Herzens erstorben waren.
Rosa gehörte unter die Klasse jener grauen, die vor einer oft unbedeutenden Kleinigkeit scheu zurück beben, während ein großes, schwer zu bekämpfendes Unglück alle ihre Lebensgeister erweckt, und sie dadurch befähigt, dem härtesten Kampfe kühn die Stirne zu bieten.
Sie trat in ihr Zimmer, forschte nochmals sorgfältig nach, ob der Schrecken sie im ersten Augenblicke nicht getäuscht, und ihrem Auge die in irgend einem Winkel verborgene Blume entzogen hätte. Aber dieser Versuch stellte sich bald ganz nutzlos heraus, die Tulpe war verschwunden. Hierauf machte sie sich aus ihren nothwendigsten Kleidungsstücken ein Packet zusammen, nahm ihr ganzes Vermögen, die ersparten dreihundert Gulden, suchte unter den Spitzen die dritte Zwiebelknospe hervor, verbarg diese unter ihrem Busentuche, verschloß dann die Zimmerthüre doppelt, um bei ihrer Flucht Zeit zu gewinnen, indem sie dadurch einer möglichen Entdeckung bedeutende Hindernisse in den Weg legte, und eilte dann durch dasselbe Thor, das kurz vor ihr Boxtel verlassen hatte, ins Freie.
Hier begab sie sich zu einem Pferdevermiether um einen Wagen aufzunehmen, allein der einzige, den dieser besaß; war bereits durch Boxtel in Anspruch genommen, der gerade jetzt auf dem Wege nach Delft dahin eilte.
Zwar schloß diese Route einen bedeutenden Umweg in sich, denn in gerader Richtung hätte man von Löwenstein nach Harlem wenigstens die Hälfte erspart.
Allein da diese Richtung in einem von Canälen und Flüssen durchschnittenen Lande, wie es Holland ist, nur höchstens von Vögeln eingeschlagen werden konnte, blieb kein anderer Ausweg, als den Umweg zu machen.
Um keine Zeit zu versäumen, mußte Rosa sich bloß mit einem Pferde bequemen, daß ihr anstandslos übergeben wurde, da sie als des Kerkermeisters Tochter bekannt war.
Zugleich war sie von der Hoffnung beseelt, ihren Boten, einen braven, gewandten und kühnen Burschen, der bereits einen kleinen Vorsprung hatte, einzuholen, und sich seiner als Begleiter und Führer zu bedienen.
Kaum war sie noch eine Meile im scharfen Trabe fortgeritten, als sie ihn auch schon an einer Krümmung des reitzenden, die Ufer des Flußes einsäumenden Weges gewahrte.
Sie setzte ihr Pferd in ein noch schnelleres Tempo, und hatte den jungen Mann, der die Wichtigkeit seines Auftrages gar nicht kannte, und rüstig vorwärts schritt, in wenigen Minuten erreicht. Den Brief, der nunmehr ganz unnütz geworden war, nahm ihm Rosa ab, indem sie zugleich erklärte, daß sie seiner auf dem eingeschlagenen Wege sehr bedürfe. Mit der größten Freude stellte sich der Bursche dem Mädchen ganz zur Verfügung und versprach sogar mit ihrem Pferde gleichen Schritt zu halten, wenn er dieses bei der Mähne oder beim Sattelknopfe fassen dürfe.
Auch dieses wurde ihm jedoch unter der Bedingung, daß dadurch die Reise keine Verzögerung erdulde, gestattet.
Auf diese Art hatten die beiden Reisenden in der kurzen Zeit von fünf Stunden bereits acht Meilen zurückgelegt, ohne daß Gryphus noch im Entferntesten die Flucht seiner Tochter vom Löwenstein ahnte.
Einerseits überließ er sich ganz der Freude, seine Tochter auf verbotenen Wegen ertappt zu haben, und ihr in Gegenwart Jakobs eine derbe Strafpredigt halten zu können. Und während dieser glückliche Traum die schwarze Seele des Unmenschen ganz erfüllte, wußte er nicht, daß sich Jakob ebenfalls auf der Straße nach Delft befand.
Letzterer hatte durch seine Kutsche einen Vorsprung von beiläufig vier Meilen vor seinen Verfolgern.
In seinem Wagen ruhig liegend, malte er sich die Angst und Verzweiflung Rosas, die in ihren Zimmer noch immer vergeblich die Tulpe suchen werde.
Durch dieses Zusammentreffen von Umständen wußte außer Cornelius Niemand, wo sich die handelnden Personen unserer Erzählung in dem Augenblicke aufhielten.
Gryphus, der schon längere Zeit mit seiner Tochter unzufrieden war, pflegte diese nur beim Essen, also um die Mittagsstunde zu sehen.
Diese erschien wie gewöhnlich, und Rosa kam nicht. Er sandte einen Gefangenenwärter nach ihr, aber nachdem auch dieser mit der Nachricht kam, daß er sie nicht finden könne, entschloß sich der Kerkermeister, die Widerspänstige selbst aufzusuchen.
Er ging gerade nach ihrem Zimmer, er pochte, aber nicht nur daß Niemand öffnete, er erhielt sogar keine Antwort.
Der Schlosser wurde gerufen, die Thüre erbrochen, aber Gryphus entdeckte seine Tochter eben so wenig, als Rosa die Tulpe entdeckt hatte.
Gerade zu dieser Stunde kam das Mädchen in Rotterdam an.
Aus dieser Ursache konnte sie der Kerkermeister eben so wenig in der Küche, im Garten und Keller finden.
Die Wuth des rohen Mannes laßt sich viel leichter denken als schildern, die er an den Tag legte, nachdem er erfuhr, daß seine Tochter gleich einer Bradamente oder Clorinde auf Abenteuer ausgegangen war, ohne vorher nur eine Silbe zu erwähnen.
Den ersten Ausbruch seines unbeschreiblichen Zornes entleerte der Unmensch an dem armen Gefangenen. Er eilte in sein Gefängniß, zertrümmerte alles darin stehende Geräthe, und drohte ihm zugleich außer Schlägen mit dem erbärmlichsten und elendsten Kerkerloche.
Allein Cornelius noch ganz seinem Schmerze und der Verzweiflung hingegeben, ließ sich jede Mißhandlung gefallen, er ertrug sie regungslos, einer Statue ähnlich.
Gryphus setzte sodann seine Nachforschungen fort, er suchte auch Jakob, und nachdem er die Gewißheit von der Entfernung seines besten Freundes hatte, erstand die Idee in ihm, dieser habe seine Tochter entführt.
Rosa war mittlerweile nach zweistündiger Rast von Rotterdam weiter gereist, kam Abends in Delft an und erreichte Harlem vier Stunden nach Boxtels Ankunft.
Obwohl ganz ermattet, unterließ es Rosa nicht, sich unverweilt zu dem Präsidenten der Gartenbaugesellschaft führen zu lassen.
Dieser befand sich gerade in einer Situation, die wir als wahrheitsgetreuer Geschichtsschreiber zu schildern nicht unterlassen dürfen.
Er verfaßte so eben einen Bericht an die gesamte Gesellschaft.
Rosa ließ sich unter ihrem zwar sehr wohlklingenden, aber doch viel zu einfachen Namen, als daß dieser dem Präsidenten bekannt gewesen wäre, anmelden, und wurde in Folge dessen abgewiesen. Eine solche Abweisung war in Holland, der von Dämmen ganz eingeschlossen Provinz ein unwiderruflicher Befehl.
Aber Rosa ließ sich dennoch nicht zurückschrecken, sie hatte nicht mehr einen bloßen Entschluß gefaßt, nein, dieser war bereits zum Gelübde geworden, und hatte in ihr die Absicht befestigt, sich auf keine Art, selbst durch Roheiten nicht abweisen zu lassen.
»Sagt dem Herrn Präsidenten,« sprach sie daher zu dem Diener, »daß ich wegen der schwarzen Tulpe mit ihm reden muß.«
Diese wenigen aber kühnen Worte glichen dem mächtigen Zauberrufe »Sesam öffne dich aus tausend und einer Nacht, denn nunmehr wurden ihr die Thüren anstandlos aufgemacht, und sie trat dem Präsidenten, der sich bereits höflich erhoben hatte, in wenigen Minuten entgegen.
Van Systens war das leibhafte Original der Tulpe. Der lange schmächtige Körper glich dem Stengel, die schlaff herabhängenden Arme dem Doppelblatt dieser Blume, der Kopf dem Reiche, und wenn er sich bewegte, glaubte man eines jener vom Winde hin und her geschaukelten Gebilde vor sich zu haben.
Wie wir bereits zu Anfang des Kapitels und auch im Verlaufe desselben öfter erwähnt haben, er hieß van Systens.
»Mein liebes Kind« rief er freundlich, »Sie kommen bezüglich der schwarzen Tulpe mit mir zu reden.«
Zugleich fühlen wir uns verpflichtet zu bemerken, daß die schwarze Tulpe für den Präsidenten der Gartenbaugesellschaft eine der größten Königinnen war, die in dieser Eigenschaft auch nach Belieben Gesandte halten konnte.
»Ja, ich komme wie Ihr eben sagtet, um über die Blume zu sprechen.«
»Wie geht es ihr?« fragte Systens mit einem ehrerbietigen Lächeln.
»Das weiß ich eben nicht.«
»Ist ihr vielleicht ein Unglück begegnet?«
»Das größte, das sie treffen konnte, aber eigentlich weniger sie, als mich.«
»Also doch ein Unglück?«
»Ja, sie ward mir gestohlen.«
»Euch ward sie gestohlen?«
»Mir, ja, mir mein Herr.«
»Kennt Ihr den Thäter?«
»Ich vermuthe ihn bloß, und wage aus dieser Ursache keine direkte Anklage vorzubringen.«
»Trotz dem Allen könnte man die fatale Angelegenheit doch noch leicht und schnell in Ordnung bringen.«
»Auf welche Art?«
»Wenn die Tulpe gestohlen wurde, so kann sich der Dieb noch nicht weit entfernt haben.«
»Nicht weit entfernt? warum sollte er nicht weit entfernt sein?«
»Da ich erst vor zwei Stunden das Glück hatte sie zu sehen.«
»Wie Herr, ihr habt sie gesehen?« und Rosa stürzte zu des Präsidenten Füßen.
»Gerade so wie ich Euch seht sehe.«
»Wo, wo saht Ihr sie?«
»Bei einem Herrn, dem Ihr wahrscheinlich dient.«
»Dem ich diene?«
»Nun ja, Herr Isaak Boxtel dürfte doch Euer Herr sein.«
»Mein Herr?«
»Muthmaßlich.«
»Aber was glaubt Ihr denn, wer ich bin?«
»Dieselbe Frage richte ich bezüglich meiner Person an Euch.«
»Darauf kann ich gleich antworten, da ich mit Gewißheit voraussetze, vor Herrn van Systens, dem Präsidenten der Gartenbaugesellschaft zu Harlem zu stehen.«
»Ganz richtig. Was wollt Ihr weiter?«
,,Euch nur sagen, daß mir die Tulpe gestohlen wurde.«
»Ihr scheint die Sache nicht recht zu begreifen, und Euch in der Bezeichnung der Personen zu irren; denn wenn die Tulpe gestohlen wurde, so kann dies Unglück nur den Herrn Isaak Boxtel treffen.«
»Aber ich kenne ja diesen Boxtel gar nicht, ich schwöre Euch, daß ich seinen Namen zum ersten Male höre.«
»Ihr kennt ihn also gar nicht, dann wart auch Ihr wahrscheinlich im Besitze einer schwarzen Tulpe.«
»Wie, wäre es möglich, gibt es noch eine zweite schwarze Tulpe?«
»Allem Anscheine nach, müßte es die des Herrn Boxtel sein.«
»Was für eine Farbe hat sie?«
»Schwarz, glänzend schwarz.«
»Ganz ohne Fehler?«
»Nicht der kleinste Fehler ist daran.«
»Habt Ihr die Tulpe, steht sie vielleicht schon unter Euerer Aufsicht?«
»Nein, aber sie wird hierher kommen, denn ich muß bevor ihr der Preis zuerkannt wird, an die Gesellschaft den Bericht erstatten.«
»O mein Herr, dieser elende Mensch, der sich für den Entdecker der schwarzen Tulpe ausgibt . . . . . .«
»Ja, der ist es auch —«
»Mein Herr, er muß mager sein —«
»Getroffen.«
»Kahlköpfig.«
»Ja.«
»Mit einem unsteten Blicke?«
»Das kann ich nicht gewiß behaupten.«
»Er geht gebückt, hat krumme Füße und ist immer unruhig.«
»Bei Gott, wem Ihr malen könntet, müßtet Ihr sein Porträt trefflich liefern.«
»Die Blume ist in einem Geschirre von Steingut, blau und weiß, an demselben befinden sich auf drei Seiten gelbliche Blumen, in Form eines Korbes.«
»Das weiß ich nicht, da ich den Topf weniger als den Mann angesehen habe.«
»Ja, ja, alle Zeichen treffen überein, es ist die mir gestohlene Tulpe, und ich komme zu Euch mein Herr, um sie wieder zurückzuerhalten.«
»So, so, ich traue kaum meinen Ohren, Ihr kommt zu mir um die Tulpe zurückzufordern? wahrlich Mädchen, Ihr seid erstaunlich keck und verwegen.«
Rosa war durch diese rauhen Worte ein wenig verlegen gemacht, antwortete aber sogleich:
»Mein Herr, ich fordere nicht Boxtels Tulpe sondern nur Meine.«
»Die Euere?«
»Ja, diejenige, die ich selbst pflanzte und aufzog.«
»So merkt denn auf, mein liebes Kind. Ich werde Euch Herrn Boxtel’s Adresse geben, geht sodann zu ihm in den Gasthof, und schließt einen Kontrakt, oder was Ihr sonst wollt ab; denn die ganze Sache gestaltet sich dem Processe ähnlich, der dem berühmten Könige Salomon vorgelegt wurde. Ich besitze aber keinesfalls die Einbildung, eben so weise, wie jener aburtheilen zu können, und außerdem gebietet mir nur mein Amt, das Dasein der schwarzen Tulpe zu erheben, den Bericht der Gesellschaft vorzulegen, und nach ihrer Entscheidung dem Besitzer sodann den Preis von Einmal hunderttausend Gulden auszubezahlen.«
»O, mein Gott, mein Gott —«
»Dann geb’ ich Euch noch einen guten Rath. Ihr seid jung und vielleicht nicht ganz verdorben. Verfahrt in dieser Angelegenheit mit der größten Vorsicht, denn zu Harlem gibt es Kriminalgerichte und Gefängnisse, und außerdem sind wir im Punkte der Tulpen äußerst heiklich. – Der Herr Boxtel wohnt im weißen Schwan.« Zugleich ergriff der Präsident wieder die Feder und schrieb, ohne sich nach dem Mädchen weiter umzusehen.
IV.
Ein Zweites Mitglied der Gartenbaugesellschaft
Rosa, von mächtigen Gefühlen durch die Gewißheit ergriffen, daß die schwarze Tulpe nunmehr wieder aufgefunden worden war, eilte hinab und begab sich in Begleitung ihres treuen Gefährten nach dem weißen Schwan. Unterwegs machte sie den jungen robusten Friesen, der allein im Stande gewesen wäre, mehrere Boxtel’s in kurzer Zeit zu vernichten, mit Allem bekannt, und, diesen einen für ihm in Aussicht gestellten günstigen Kampf mit Freude begrüßend, erbot sich, es mit dem Räuber allein aufzunehmen, ohne jedoch der schwarzen Tulpe den geringsten Schaden zu verursachen.
So noch im Gespräche vertieft, kamen beide auf den Groetmarkt an, als Rosa plötzlich von einem Gedanken erfaßt wurde, gleich der Minerva Homers, die Achilles in dem Augenblicke, wo er sich ganz von seinem Zorne hinreißen lassen wollte, bei den Haaren ergriff.
»Jetzt erst überlege ich,« sprach sie, »welch großen Fehler ich begangen habe, da ich durch meine Unvorsichtigkeit, der schwarzen Tulpe, Cornelius und mir selbst das größte Unglück bereiten muß.«
»Zuerst richtete ich die allgemeine Aufmerksamkeit auf mich, und gab Männern, die sich leicht gegen ein schwaches Weib verbinden können, genügende Veranlassung zum Argwohn.«
»O dann bin ich verloren, aber was läge auch daran, wenn ich es nur allein wäre, so ist es Cornelius und die Tulpe zugleich mit mir —« Sie blieb einige Augenblicke im Nachdenken stehen.
»Vorerst,« sprach sie dann weiter »weiß ich noch gar nicht, ob jener Boxtel, zu dem ich mich so eben begeben will, auch wirklich der in Verdacht gehaltene Jakob ist, oder ob es nicht vielleicht einem andern Tulpenliebhaber dieses Namens glückte, dasselbe Wunder zu entdecken. Dann konnte die Tulpe auch durch jemand Andern gestohlen worden sein, oder wenn selbst Jakob den Raub beging, so durfte er nur einen seiner Bekannten mit der Blume hierher senden, und ich kann dann gegen einen mir ganz fremden Mann auch wieder keine Klage führen.«
»Eben so gestaltet sich die Sache, wenn ich in dem Thäter Jakob auch erkenne, denn während wir der Blume wegen streiten, kann diese zu Grunde gehen, und es ist auch Alles verloren. O heilige Jungfrau, erleuchte und führe mich, es handelt sich ja um ein Leben, das stets nur Dir und Deinem erhabenen Sohne gewidmet war, es handelt sich um einen Unglücklichen, der vom Schicksale schon so hart gebeugt, nur durch die gerechte Entscheidung in dieser Angelegenheit gerettet werden kann.«
Und Rosa sah bei diesen letzten Worten so gläubig und andächtig gegen den Himmel, als erwarte sie in demselben Augenblicke die Erleuchtung, um die sie gebeten hatte.
Da erhob sich mit einem Male auf dem ganzen Groetmarkte ein ungewöhnlicher Lärm, alle Thore flogen weit auf, und eine Unzahl von Menschen eilte auf einen Punkt hin. Nur Rosa blieb gegen diese seltsame Erscheinung ganz kalt und unempfindlich.
»Ich darf keine Zeit verlieren,« sprach sie, »ich, muß zum Präsidenten zurück.«
»Dann kehren wir lieber gleich um,« bemerkte ihr, Begleiter.«
Sie eilten unverzüglich nach der Straße la Paille, in welcher der Präsident wohnte, der noch immer mit seiner besten Feder den Bericht über die schwarze Tulpe verfaßte.
Aber auf dem ganzen Wege, den sie zurücklegten, hören die Beiden von nichts Anderem, als von der wunderbaren Tulpe und dem gewonnenen Preise sprechen. Die Nachricht von der Existenz derselben hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet.
Mit unsäglicher Mühe, und erst nachdem Rosa sich des Zauberwortes »die schwarze Tulpe« bediente, gelang es ihr, vorgelassen zu werden.
Van Systens erkannte Rosa, die er aus Mitleid eher für wahnsinnig als für eine Verbrecherin hielt, also gleich und vom Zorne aufgeregt, befahl er ihr, sich augenblicklich zu entfernen.
Allein das Mädchen kreuzte die Arme über die Brust und sprach in dem Tone der Offenherzigkeit, der Jedermann einzunehmen pflegt.
»Ich flehe Euch nochmals an, mein Herr, mich nicht zurückzustoßen, und das mit Ruhe anzuhören, was ich Euch sagen muß. Ihr werdet mir ganz gewiß volles Recht verschaffen, um nicht einst vor Gottes Richterstuhle, eine schändliche Handlung, die Ihr unterdrücken könnt, verantworten zu müssen.«
Der Präsident war sichtlich aufgeregt, er zitterte vor Ungeduld, um so mehr, da er von demselben Mädchen zum zweiten Male in seinem glänzenden Berichte, auf den er sowohl als Bürgermeister wie auch als Präsident der Gartenbaugesellschaft stolz war, unterbrochen wurde.
»Aber was wollt Ihr denn« rief er, »bedenket, daß ich so eben den höchst wichtigen Bericht über die schwarze Tulpe verfasse.«
Rosa ließ sich aber keineswegs abweisen, sondern fuhr mit männlicher Entschlossenheit fort:
»Eben dieser Punkt ist für mich von größter Wichtigkeit, da ich überzeugt bin, daß dieser Bericht, das wichtigste Aktenstück zur Darlegung eines schändlichen Betruges werden soll. Gestattet mir nur, darum bitte ich Euch, den Herrn Boxtel, den ich für einen gewissen Jakob halte, in Eurer Gegenwart zu sprechen, und ich schwöre Euch, wenn ich weder ihn noch die Blume wiedererkenne, ganz von meiner Anklage abzustehen.«
»Hm, hm, das ist ein gar wunderbarer Vorschlag.«
»Was sollen diese Worte bedeuten?«
»Ich will Euch nur fragen, wie Ihr es beweisen könnt, daß Ihr die Blume wieder erkannt habt?«
»Dann mein Herr muß ich mich ganz auf Euere Redlichkeit, in der Ueberzeugung verlassen, daß Ihr ohne nähere Untersuchung den Preis nicht einem Manne übergeben werdet, der die Blume, statt sie zu entdecken,gestohlen hat.«
Die Mienen Rosa’s spiegelten in diesem Augenblicke die Reinheit ihres Innern, so wie die Wahrheit ihrer Aussage, in einem so klaren Lichte ab, daß der Präsident hierdurch zu einer ganz andern Meinung gebracht, ihr bereits sanfter antworten wollte, als sich ganz unverhofft vor dem Gebäude ein ausfallender Lärmer hob. Dieser war aber eigentlich nur eine Fortsetzung jenes Tumultes, den Rosa schon auf dem Groetmarkte gehört hatte, ohne ihm eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken oder sich in ihrem andächtigen Gebete stören zu lassen.
Das Haus schien unter den immer wachsenden Getöse zu erzittern.
Der Präsident horchte aufmerksam, Rosa erkannte erst jetzt, daß etwas Ungewöhnliches sich auf der Straße zutragen müsse.
»Was höre ich,« rief van Systens mit einem Male, »wäre es möglich, habe ich wirklich recht gehört?« Und ohne sich weiter um das Mädchen zu kümmern, eilte er in das Vorzimmer.
Er eilte hier zu der Hauptthüre, zu welcher eine Wendeltreppe von der Straße führte, und stieß unwillkürlich einen Schrei der höchsten Verwunderung aus, als er das, sich vor seinen Augen entfaltende Schauspiel gewahrte.
Ein einfach gekleideter junger Mann, stieg mit vornehmer Haltung so eben die Stufen herauf. Er trug einen kurzen Reitrock von Violettsammt, einfach mit Silber gestickt, und wurde von einem Officier der Marine und einem der Cavallerie begleitet, denen sodann eine unabsehbare jubelnde und jauchzende Volksmasse folgte. Van Systens bahnte sich mit Aufbietung seiner ganzen Kraft einen Weg durch seine ganz bestürzten Diener, und fiel dem neuen Ankömmling mit einer tiefen Verbeugung beinahe zu Füßen.«
»Euer Hoheit, ich fasse das unendliche Glück, und, die Ehre gar nicht, die meinem niedrigen Hause durch die beglückende Gegenwart eines so erlauchten Gastes wiederfährt.«
»Mein geehrter Herr Bürgermeister,« erwiderte Wilhelm von Oranien mit einer fröhlichen Miene, die bei ihm statt des Lächelns ersichtlich wurde, »Ihr werdet wohl nicht zweifeln, das ich als echter Holländer an all’ dem Geschmack finde, was meine Landsleute besonders hervorheben, und daher mit einer großen Neigung an den Blumen, und unter diesen wieder; an der Tulpe hänge. Zu Leyden erfuhr ich denn, das in Harlem das Wunder, die große schwarze Tulpe entdeckt worden sei, und man sie daselbst auch sehen könne. Ihr werdet es daher meiner Neugierde leicht nachsehen, daß ich Euch mit einem Besuche belästige.«
»Beglücken wollten Euer Hoheit sagen, ich bin von dieser Gnade ganz zerknirscht, und welche unendliche Freude wird die ganze Gesellschaft ergreifen, wenn diese erfährt, daß sich Euer Hoheit herablassen, ihre schwachen Leistungen eines gnädigen Blickes zu würdigen.«
»Ist die Blume da?« fiel der Prinz dem devoten Präsidenten in die Rede.
»Ja, sie ist hier, Euer Hoheit, aber leider noch nicht bei mir.«
»Wo befindet sie sich denn?«
»Bei ihrem Entdecker.«
»Wer ist derselbe?«
»Ein sehr fleißiger Tulpenzüchter aus Dortrecht.«
»Aus Dortrecht?«
»Ganz zu dienen.«
»Wie heißt er?-
»Isaak Boxtel.«
»Wo ist er jetzt.«
»Im Gasthofe zum weißen Schwan. Wenn aber Euer Hoheit sich gnädigst in diesen Saal verfügen wollen, so soll er in wenigen Augenblicken hier sein, und die wunderbare Blume in höchst Dero Gegenwart enthüllen.«
»Nun laßt ihn kommen«
»Aber noch etwas.«
»Was?«
»Nichts von besonderem Belange, gnädigster Herr.«
»Laßt es mich hören, ich halte auf dieser Welt Alles für hinreichend wichtig, um es anzuhören.«
»Dann will ich unverzüglich gehorchen und Euer Hoheit bekannt geben, daß sich bereits einige Schwierigkeiten ergeben haben.«
»Welcher Art?«
»Die Blume wird ihrem dermaligen Eigenthümer streitig gemacht. Freilich soll man sich darüber gar nicht wundern, denn hunderttausend Gulden sind eine schöne runde Summe.«
»Ja gewiß.«
»Es scheinen sich vermessene Betrüger ihrer bemächtigen zu wollen.«
»Das grenzt nahe an’s Verbrechen.«
»Es ist sogar eines.«
»Habt Ihr aber auch genügende Beweise?«
»Bis jetzt wohl noch keine, gnädigster Herr, denn das Mädchen . . . .« »
»Ein Mädchen?«
»Ich meine nämlich diejenige, welche die Tulpe als rechtliche Eigenthümerin in Anspruch nimmt, sie steht hier im Nebenzimmer.«
»So ist sie schon da? Was haltet Ihr von der Sache, Herr Bürgermeister?«
»Ich glaube, sie habe sich durch den ausgesetzten Preis blenden und verführen lassen.«
»Und sie will die Tulpe haben?«
»Ja, gnädigster Herr.«
»Welche Beweise bringt sie vor?«
»Wenn es Euer Hoheit gestatten, werde ich sie in höchst Dero Gegenwart befragen.«
»Ja, ja, da habt Ihr recht, die Sache interessirt mich ungemein, und als erster Gerichtsherr des Landes will ich ihr beiwohnen, um Gerechtigkeit zu pflegen.«
»Dann habe ich auch den weisen König Salomon gesunden,» erwiderte van Systens, sich bei diesem Komplimente tief verneigend.
Hierauf schritt der Bürgermeister dem Prinzen in den großen Saal voraus.
Nach wenigen Minuten durcheilten sie denselben und traten in van Systens Kabinet.
Rosa stand noch immer gedankenvoll an dem in den Garten führenden Fenster.
»So, so, eine Friesin,« sprach der Prinz, indem er des Mädchens rothe Röcke und die glänzende Goldhaube sorgfältig beobachtete.
Das Geräusch machte Rosa aufmerksam, sie wandte sich um, ohne jedoch den Prinzen zu bemerken, der sich bereits in einer dunkeln Ecke des Zimmers niedergelassen hatte.
Uebrigens hatte das Mädchen ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Bürgermeister, als die Hauptperson des Drama’s gerichtet, ohne den Fremden, der wahrscheinlich nur ein gewöhnlicher Besuch war, eines Blickes zu würdigen.
Dieser Fremde nahm, bevor er sich niedersetzte, ein Buch aus der offenstehenden Bibliothek, schlug dasselbe auf und bedeutete van Systens sodann, durch ein Zeichen, die Untersuchung zu beginnen.
Der Bürgemeister hatte genau alle Winke des unscheinenden Mannes beobachtet, ließ sich erst auf das erwähnte Zeichen nieder, und seinem Gesichte den Ausdruck besonderer Wichtigkeit einprägend, begann er mit ernstem, feierlichem Tone:
»Mein Kind! Ihr verspracht mir, bezüglich der verhängnißvollen, schwarzen Tulpe, die volle Wahrheit mitzutheilen?»
»Was ich versprach, werde ich auch strenge halten.«
»So theilt mir jetzt in Gegenwart dieses Herrn, der ebenfalls ein Mitglied der Gartenbaugesellschaft ist, Alles getreu und pünktlich mit.«
»Ja, aber was wollt Ihr noch wissen, da ich bereits Alles gesagt habe?«
»Gut, was verlangt Ihr dann noch.«
»Ich komme auf jene Bitte zurück, die ich bereits an Euch richtete.«
»Welche Bitte?«
»Ihr sollt nämlich so gütig sein, und den Herrn Boxtel hierher kommen lassen. Erkenne ich die Tulpe nicht für die meinige, so trete ich von jeder weiteren Anklage zurück, erkenne ich sie hingegen als dieselbe, dann fordere ich sie zurück, und wenn ich selbst dem Statthalter, seiner Hoheit Wilhelm von Oranien, zu, Füßen fallen und vor ihm den Beweis liefern sollte.«
»So, dann seid Ihr also im Besitze von Beweisen?«
»Der Allmächtige, der die Rechtlichkeit meiner Forderung kennt, wird mir diese an die Hand geben.«
Der Bürgermeister sah den Prinzen bedeutungsvoll und fragend an, während dieser sein Gedächtniß vergebens anstrengte, zu errathen, bei welcher Gelegenheit er diese, ihm wohlbekannte zarte Stimme schon gehört habe.
Auf einen Wink des Statthalters entfernte sich einer der Officiere, um Boxtel abzuholen.
Van Systens fuhr fort:
»Wiederholt mir nochmals, worauf Ihr eigentlich die sonderbare Behauptung stützt, daß die Tulpe Euch gehöre?«
»Aus den triftigsten Grund, den es auf dieser Welt geben kann, ich habe sie ja auf meinem eigenen Zimmer aufgezogen.«
»Auf Eurem Zimmer, und wo habt Ihr dieses Zimmer?«
»In der Festung Löwenstein.«
»Seid Ihr vom Löwenstein?«
»Ich bin des Kerkermeisters Tochter.«
Eine Bewegung des Statthalters schien sagen zu wollen:
»Jetzt erkenne ich das Mädchen.«
Und während er anscheinend fortfuhr, in seinem Buche zu lesen, betrachtete er das Mädchen mit unverkennbarer Spannung und Neugierde.
Der Bürgermeister fuhr fort:
»Ihr müßt die Blumen sehr lieben?«
»Ich liebe sie unendlich,«
»Dann habe ich wahrscheinlich, eine bisher unbekannte, erfahrene Tulpenzüchterin vor mir?«
Rosa blieb einen Augenblick stumm und verlegen, dann aber sich wieder sammelnd, sprach sie mit voller Würde und Ruhe:
»Ich glaube vor Ehrenmännern zu stehen!«
Zugleich lag in dem Tone ihrer Stimme so viel Wahrheit und Innigkeit, daß der Statthalter und der Bürgermeister beinahe in ein und demselben Augenblicke diese Frage mit dem Kopfe nickend, stillschweigend beantworteten.
»Nun so erfahret denn, meine Herrn, daß ich nur ein armes, friesisches Landmädchen, ohne alle weitere Bildung bin, daß ich vor drei Monaten noch gar nicht lesen und schreiben, und daher auch keine größere Ausbildung in der Erziehung der Blumen besitzen konnte. Ich habe die schwarze Tulpe nicht entdeckt.«
»Wer ist aber dann der eigentliche Entdecker?«
»Ein Gefangener vom Löwenstein.«
»Wie, was?« rief der Prinz, »ein Gefangener vom Löwenstein?«
Bei diesen Worten, bei dem ihr so bekannten Klange dieser Stimme, erschrack Rosa heftig.
Der Prinz schien diese Bewegung nicht zu beobachten, denn er sprach ruhig weiter: »Ihr sagt ein Gefangener vom Löwenstein, dann muß es ein Staatsgefangener sein, weil sich dort keine Andern befinden.«
»Ja,« lispelte Rosa bebend: »er ist ein Staatsgefangener.«
Der Bürgermeister wurde weiß, wie der reinste, gefallene Schnee, – ein solches Geständniß vor dem Prinzen war an und für sich beinahe ein Verbrechen.
»Seht Euere Untersuchung fort,« sprach der Prinz mit eisiger Kälte zu dem Bürgermeister.
»Herr,« flehte Rosa, sich gegen van Systens, »ihren vermeintlichen Richter wendend, »ich stehe auf dem Punkte gegen mich selbst eine schwere Anklage zu richten.«
»Ich erwarte das Kommende sehr gespannt,« sprach der Bürgermeister, »denn wie es sich vermuthen läßt, müssen die Gefangenen in Löwenstein ihre Geheimnisse haben«
»Ja – mein Herr.«.
»Und nach dem, was Ihr kurz vorher sagtet, läßt sich vermuthen, daß Ihr, die Tochter des Kerkermeisters die Gelegenheit benutzt, und dem Gefangenen bei der Pflege der Tulpe behilflich gewesen seid.«
»So ist es, wie Ihr es sagt, ich bin gezwungen, meine Schuld ganz zu bekennen, ich half ihm nicht nur seine Tulpe zu erziehen, ich sah ihn sogar alle Tage.«
»Armes, unglückliches Mädchen,« rief der Bürgermeister.
Der Statthalter erhob während des hieraus eingetretenen Stillschweigens den Kopf, und die Angst des Mädchens so wie den Schrecken des Präsidenten gewährend, unterbrach er die Pause, mit seiner seinen und zugleich festen Stimme:
»Laßt Euch in Euerer Mitteilung nicht stören, mein Kind, fahrt ungehindert fort, denn das, was Ihr so eben sagtet, geht die Gartenbaugesellschaft gar nichts an, diese hat einzig und allein über die schwarze Tulpe, aber nicht über politische oder über Criminalverbrechen zu entscheiden.«
Van Systens Blässe machte bei diesen milden Worten einer freundlichen Röthe Platz, während ein demuthsvoller Blick, dem Statthalter den tiefgefühlten Dank auszudrücken bestimmt war.
Auch Rosa fühlte sich durch die Aufmunterung des Unbekannten, der aber doch einen mächtigen Einfluß haben mußte, bedeutend gestärkt,ihr Muth erwachte neuerdings, und mit vernehmbarer Stimme begann sie die Erzählung aller Begebenheiten, die der Leser bereits kennt, und die ich nur in Kürze nochmals berühren will. Sie begann mit dem Augenblicke, wo ihr Vater die erste Zwiebelknospe zertretene sie schilderte den Gram und Schmerz des Gefangenen in den lebhaftesten Farben; theilte die Vorsichtsmaßregeln mit, die er hieraus getroffen hatte, um die beiden andern Zwiebelknospen vor einem ähnlichen Unglücke zu retten; erzählte hierauf wie sie die zweite Zwiebel gepflanzt, den Gefangenen aber durch volle acht Tage nicht besucht hatte; wie er krank an Körper und Seele, da er keine Nachricht mehr von der Tulpe erhielt, nichts essen und trinken wollte, und wahrscheinlich gestorben wäre, bis sie endlich in ihrer ganz wahrheitsgetreuen Schilderung bei dem Zeitpunkte anlangte, wo ihr die nun vollends aufgeblühte Tulpe, an demselben Tage und in dem Augenblicke der Absendung eines Boten nach Harlem auf unerklärbare Art, aus ihrem Zimmer geraubt wurde.
Diese Erzählung trug das Gepräge von Unschuld und Wahrheit in sich, so, daß der Bürgermeister sich ganz ergriffen fühlte, während der Prinz dadurch in seinem Gleichmuthe nicht im Geringsten gestört zu werden schien.
»Ist es schon sehr lange,« fragte der Prinz nach einer kurzen Pause, »daß Ihr den Gefangenen kennt?«
»Warum verlangt Ihr dies zu wissen, mein Herr?«
»Weil Euer Vater und Ihr mit ihm, Euch noch nicht länger als vier Monate aus dem Löwenstein befinden könnt.«
»Es ist auch nicht länger.«
»Und Ihr, Ihr habt doch nicht aus der Ursache die Uebersetzung Eueres Vaters dorthin verlangt, um dem Gefangenen aus Haag nach dem Löwensteine zu folgen?«
»Herr!« flehte Rosa mit bittendem Blicke, während eine glühende Röthe ihre Wangen übergoß.
»Beeilt Euch, mir zu antworten.«
»Dann muß ich bekennen, daß ich nur aus dieser Ursache um die Uebersetzung bat.«
»Beneidenswerther Gefangener,« sprach der Prinz, während ein sonderbares Lächeln seine Lippen umspielte.
Gleichzeitig erschien der nach Boxtel ausgesandte Officier, verkündend, daß dieser mit seiner Tulpe bereits im Vorzimmer warte.
V.
Die dritte Zwiebel
Beinahe in demselben Augenblicke wo der Officier Boxtels Ankunft verkündete, trat dieser auch schon von zwei Männern begleitet, welche die kostbare Last trugen, in den Vorsaal des Herrn van Systems ein, und ließ hier die Tulpe vorsichtig auf einen Tisch nieder stellen.
Der Prinz hatte sich erhoben, er trat in den Saal, bewunderte längere Zeit die majestätische Blume, und kehrte dann mit wohlgefälligem Lächeln auf seinen früher innegehabten Platz zurück.
Rosa harrte zitternd und bebend auf den Augenblick, wo man sie ebenfalls einladen würde, die Tulpe zu besehen.
Boxtel sprach so eben, sie vernahm die bekannte Stimme.
»Ja, ja, er ist es,« rief sie freudig.
Der Prinz bedeutete ihr durch ein Zeichen, an die halbgeöffnete Thüre zu treten und in den Vorsaal hinzusehen.
Sie befolgte diesen Befehl genau, aber zugleich schluchzte sie, die Hände faltend:
»Es ist meine Blume, armer Cornelius, ich erkenne sie ganz genau.«
Und langer nicht mehr im Stande ihren Schmerz zu bekämpfen, ließ sie den herabströmenden Thränen freien Lauf.
Der Prinz trat zur Thüre, er stand dort einige Minuten in dem durch die großen Fenster des Vorsaales reichlich hereinströmenden Lichte.
Rosa sah ihn unverwandt an, und immer mehr ward die Ueberzeugung in ihr wach, daß sie diesen Mann bereits irgendwo gesehen haben müsse.
Jetzt befahl der Prinz Boxtel, in das Kabinet einzutreten.
Dieser gehorchte mit unbeschreiblicher Hast, und stand mit einem Male vor dem Statthalter.
»Euere Hoheit!« rief er, und blieb wie eingewurzelt auf seinem Platze.
»Seine Hoheit!« rief Rosa gleichzeitig, von ihrem Schmerze erwachend.
Boxtel wandte sich nach jener Seite, woher dieser Ruf gekommen war, und erblickte das ihm wohl bekannte Mädchen.
Gleichsam als habe ihn ein elektrischer Strom berührt, zuckte sein ganzer Körper zusammen.
Der Prinz hatte diese Bewegung bemerkt, »hm,«sprach er leise, »der Mann erschrickt.«
Eben so schien aber Boxtel verstanden zu haben was der Prinz sagte, und einer mächtigen Anstrengung gelang es, sich vollkommen wieder zu fassen.
»Nun Herr Boxtel,« wandte sich Wilhelm an den Tulpenzüchter, »Ihr seid der Entdecker der schwarzen Tulpe.«
»Gnädigster Herr, ich bin es,« antwortete der Angeredete, obwohl seine Stimme noch ein wenig zitterte.
Dieses Zittern konnte aber auch sehr leicht durch die Aufregung hervorgebracht werden, die der Mann in Gegenwart so hoher Personen auf leicht erklärbare Weise empfinden mußte.
»Wie kommt es aber, daß dieses junge Mädchen behauptet, sie habe das Geheimnis entdeckt, und die Tulpe aufgezogen?«
»Das weiß ich nicht,« sprach Boxtel, indem er verächtlich lächelte und die Achseln zuckte.
Der Prinz beobachtete jede seiner Mienen mit der gespanntesten Neugierde und mit unverkennbarem Interesse.
»Ihr kennt wahrscheinlich dieses Mädchen gar nicht?«
»Nein, ich habe sie nie gesehen, gnädigster Herr.«
»Was sagt aber Ihr, junges Mädchen, kennt Ihr den Herrn Boxtel?«
»Nein, als Herrn Boxtel kenne ich ihn nicht, dafür aber als Herrn Jakob recht genau.«
»Was soll das bedeuten?«
»Das soll bedeuten, daß jener Herr, der zu Harlem Isaak Boxtel heißt, sich im Löwenstein Jakob Gisel nannte.«
»Was antwortet Ihr darauf, Herr Boxtel?«
»Ich antworte ganz kurz, dieses Mädchen lügt.«
»Ihr behauptet also nie auf dem Löwenstein gewesen zu sein?«
Der ernste und forschende Blick, den der Statthalter unverwandt auf den Angeklagten richtete, ließ diesem eine Lüge als zu gewagt erscheinen, und er antwortete daher:
»Ich war wohl im Löwenstein, allein meine dortige Anwesenheit steht mit der Tulpe in gar keiner Berührung.«
»Ja keiner Berührung? Ihr habt mir sie aus meinem versperrten Zimmer gestohlen,« rief Rosa zornentflammt.
»Diese Behauptung erkläre ich mehr für Wahnsinn, als für eine Lüge.«
»Wahnsinn nennt Ihr es. Nun gut, gebt aber genau jetzt auf mehrere Einzelheiten acht, die ich in Euerm Gedächtnisse erwecken will. Erinnert Ihr Euch wohl jenes Tages, an dem ich die für die Tulpe bestimmte Rabatte in meinem Garten zu recht richtete? Wißt Ihr, wie Ihr mir da nachschlichet und alle meine Bewegungen mit der größten Aufmerksamkeit verfolgtet? Ich hatte Euch gesehen, durch Euer Benehmen beängstigt, wollte ich mir Gewißheit über Euere eigentliche Absicht verschaffen, darum ging ich wenige Tage hierauf wieder in den Garten und that, als wenn ich auf dem bezeichneten Platze die Tulpe pflanze. Ihr sprangt aus Euern Verstecke hervor, saht Euch; sorgfältig um, stürztet dann auf die Rabatte nieder, wühltet mit den Händen in der Erde, und als Euere vergeblichen Bemühungen die Gewißheit erweckten, daß Ihr der Gegenstand einer wohlberechneten List ward, da ordnetet Ihr alles sorgfältig wieder, um jeden Verdacht zu verhindern. Wißt Ihr das Alles nicht mehr?«
Boxtel blieb während dieser Anklage ganz ruhig und kalt, dem Mädchen bloß einen verächtlichen Blick zuwerfend, als sie geendet hatte. Ohne aber auch nur; im Mindesten eines ihrer Worte zu berücksichtigen, wandte er sich an den Statthalter:
»Gnädigster Herr, seit beinahe zwanzig Jahren, jenem Zeitpunkte also, wo sich erst meine geistige Thätigkeit entfaltete, beschäftigt ich mich ausschließlich mit der Blumenzucht. Ich besitze ein zu diesem erhabenen. Zwecke eigens eingerichtetes Haus zu Dortrecht, und mein Name wurde, durch die Entdeckung einer neuen, dem Könige von Portugal gewidmeten und nach ihm benannten Tulpe, ruhmvoll in die Protokolle der Gartenbaugesellschaft eingetragen. Durch einen Umstand, den ich später mittheilen werde, erfuhr dieses, Mädchen, daß ich die schwarze Tulpe entdeckt habe, und, in Verbindung mit ihrem Liebhaber, einem Gefangenen Löwenstein, beschloß dieselbe mich in das Verderben zu stürzen, um den ausgeschriebenen Preis von Einmal hunderttausend Gulden, der mir durch die Gerechtigkeit Eurer Hoheit gewiß nicht entzogen werden wird, zu erhalten.«
»O der Schändliche,« rief Rosa.
»Ruhig,« rief der Prinz, und sich an Boxtel wendend sprach er weiter: »Kennt Ihr vielleicht den Gefangenen, den Ihr den Liebhaber des Mädchens nennt.«
Rosa war einer Ohnmacht nahe, sie wußte sehr wohl, daß der unglückliche Baerle dem Prinzen als einer der größten Verbrecher bezeichnet worden war.
Für Boxtel war diese Frage der glänzendste Hoffnungsstern.
»Euere Hoheit fragt, wer der Gefangene sei?«
»Der Name dieses Mannes wird Euer Hoheit allein genügend beweisen, welchen Glauben man auf seine Ehrlichkeit haben kann. Er ist einer der größten Verbrechen dessen Leben nur durch Höchst dero Huld und Gnade erhalten wurde.«
»Wie nennt er sich?«
Rosa bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen.
»Cornelius van Baerle. Er ist das Taufkind des Cornelius von Witt, jenes, Euer Hoheit wohl bekannten Staatsverräthers.«
Wie von einem Blitze getroffen, fuhr der Prinz empor, sein Auge erglänzte gleich einem funkelnd Sterne, aber augenblicklich kehrte die frühere Ruhe und Kälte wieder zurück.
Er trat näher zu Rosa und befahl, ihr die Hände vom Gesichte zu entfernen.
Ohne ihn anzusehen gehorchte Rosa mechanisch, gleichsam als stehe sie unter dem Einfluße einer höheren, magnetischen Kraft.
»Ihr batet mich in Leyden nur darum Euren Vater nach Löwenstein zu übersehen, damit Ihr jenem Manne folgen könntet.«
»Ach ja, gnädigster Herr!«
»Setzt Euere Erzählung fort,« befahl der Prinz Boxtel.
»Meine Erzählung ist eigentlich schon vollendet, nur muß ich noch jenen Umstand erwähnen, durch welchen das Mädchen Kenntniß von der schwarzen Tulpe und den mit ihrer Entdeckung verbundenem hohen Preise erhielt.
»Wichtige Geschäfte nämlich, zwangen mich nach Löwenstein zu reisen. Dort machte ich zufällig die, Bekanntschaft des Kerkermeisters Gryphus, und durch ihn in der Folge auch die seiner hier anwesenden Tochter. Bei ihrem ersten Begegnen erwachte in meinem Herzen eine ernste Neigung und ich begehrte sie zur Frau, vorher aber, da ich sonst gänzlich arm bin, ihr die gemachte Entdeckung und das mir so nach zufallende Vermögen vertrauend. Allein von jenem Augenblicke bemerkte ich zu meinem Staunen, daß sich das Mädchen selbst mit der Tulpenzucht zum Scheine befaßte, es also gerade so wie ihr Liebhaber machte, der unter dem gleichen Vorwande Umsturzpläne schmiedete.
»Wenige Tage nachher ward mir die Tulpe gestohlen, und ich entdeckte sie mit äußerster Vorsicht und Gewandtheit in dem Zimmer des jungen Mädchens. Der Plan war also sehr geschickt angelegt, ihre Umgebung hatte gesehen, daß sie sich mit den Tulpen befasse, es konnte ihr mithin durch einen Zufall glücken, die schwarze Tulpe zu entdecken, und zugleich gewährte ihr dies Manöver den Vortheil, daß sie im Falle einer von mir gemachten Beschuldigung Zeugen entgegenstellen konnte. Da aber ihr Gemüth sonst noch nicht ganz verdorben, und sie nur durch ihren Liebhaber zu diesem Verbrechen verleitet worden sein durfte, so fühlte ich besonders ihrer Jugend und Unerfahrenheit wegen Anfangs einiges Mitleid, und läugnete kurz sie zu kennen, indem ich ihr den einzigen möglichen Weg der Rettung an die Hand geben wollte. Nach dem Vorhergegangenen scheint sie aber eine bereits ganz verstockte Sünderin zu sein, und ich sehe mich daher genöthigt, den Thatbestand wahrheitsgetreu mitzutheilen und die Gerechtigkeit und Weisheit Euer Hoheit nunmehr in Anspruch zu nehmen.«
,,O Gott, Du mein Gott,«l rief Rosa, und gänzlich verzweifelnd stürzte sie zu den Füßen des Statthalters, der zwar Mitleid mit ihrem Schmerze hatte, sie aber dennoch für schuldig hielt.
»Euere Handlung ist sehr schlecht,« sprach der Prinz, »und derjenige, der Euch die hierauf bezüglichen Rathschläge ertheilte, soll sehr strenge bestraft werden, denn er ich kann es unmöglich glauben, daß Ihr bei Euerer Jugend und einem sonst ganz rechtlichem Aussehen, solcher Verbrechen fähig sein solltet.«
»Euer Hoheit, gnädigster Herr, der Gefangene ist schuldlos.«
»Ihr meint wohl nur, bei diesem Gegenstande?«
»Nein, nein, gnädigster Herr, ich meine damit, daß er an jedem ihm aufgebürdeten Verbrechen schuldlos ist.«
»An Jedem sagt Ihr, das ist sehr kühn, dann dürfte Euch sein erstes Verbrechen, dessen er vor Gericht überwiesen wurde, nicht bekannt sein, und ich will mich herablassen, Euch dieses mitzutheilen. Cornelius van Baerle wurde angeklagt, an der verrätherischen Correspondenz seines Taufpathen, des Cornelius von Witt mit dem Marquis de Louvois durch Aufbewahrung der Akten, thätig Theil genommen zu haben.«
»Wohl, gnädigster Herr, daß er die Papiere verwahrte, wurde leicht bewiesen, daß er aber weder deren Inhalt noch ihren eigentlichen Zweck kannte, dies zu enthüllen nahmen sich die Richter keine Mühe. Nein, nein, er kannte das ihm übergebene Gut nicht, ich schwöre es Euch. Denn jenes reine, einem klaren Edelsteine gleichende Herz liegt bis in seine tiefsten Tiefen aufgedeckt, vor mir da. Wenn er schuldig wäre, ja er hätte es mir und ich es Euch jetzt gestanden, aber er ist unschuldig; – ja, ja, gnädigster Herr entladet Euren ganzen Zorn auf mich schwaches Mädchen, aber ich wiederhole es nochmals, Cornelius van Baerle ist schuldlos, an jedem ihm aufgebürdeten Verbrechen.«
»O! Euer Hoheit,« rief Boxtel, »Ihr kennt ja die Witt viel zu gut, als daß Ihr diesen Worten glauben könntet.«
»Ruhig« befahl der Prinz »ich wiederhole es nochmals, daß Staatsangelegenheiten nicht unter die Verhandlungen der Gartenbaugesellschaft zu Harlem gehören.«
Dann umzog eine düstere Wolke seine Stirne-
»Ihr, Herr Boxtel könnt ganz beruhigt sein, ich werde volle Gerechtigkeit üben.«
Der Angedeutete verneigte sich beinahe bis zur Erde, sein Herz pochte hörbar.
»Und Euch junges Mädchen,« fuhr der Prinz zu Rosa gewendet fort, »Euch warne ich diesmal in bloßer Berücksichtigung Eurer Jugend und Unerfahrenheit. Ihr waret nahe daran, ein Verbrechen zu begeben, allein jener Bösewicht, der Euch verleiten wollte, soll seine wohl verdiente Strafe erhalten. Ein Mann seines Charakters mag immerhin mit Verschwörungen, aber nicht mit so gemeinen Diebstählen sich befassen.«
»Herr, diese bloßen Worte würden den armen Gefangenen sicherer tödten, als es des Henkers Beil selbst auf dem Buytenhoff vermochte. Die Tulpe ist gestohlen, geraubt worden, aber hier durch diesen Menschen, der vor Euch steht.«
»Bezeuget es, wenn Ihr könnt,« schrie Boxtel, durch den Verlauf der Unterhandlung ermuthigt.
Plötzlich erhob sich die Friesin voll Energie und Kraft:
»Ja, ja, mit Hilfe Gottes werde ich es thun.«
Dann drehte sich Rosa rasch gegen Boxtel.
»Ihr seid der Entdecker der Tulpe?«
»Ja.«
»Hatte diese bloß eine Zwiebelknospe?«
Boxtel blieb einen Augenblick nachdenkend und; ruhig, da es ihm nicht einleuchten wollte, was Rosa eigentlich mit dieser Frage bezwecke.
»Nein, sie hatte drei Knospen,« – antwortete er endlich langsam.
»Was geschah mit diesen Knospen?«
»Was damit geschah? Die eine ging zu Grunde, aus der zweiten erstand die im Vorsaale befindliche Blume.«
»Aber die dritte?«
»Die dritte?«
»Ja die dritte – wo ist die?«
»Die dritte – die dritte – — – sonderbare Frage, die hab’ ich bei mir,« – antwortete Boxtel, vergeblich bemüht, seine Verlegenheit zu bemänteln.
»Wo ist sie? bei Euch? Ist das hier, im Löwenstein, oder zu Dortrecht?«
»Unverschämter Lügner,« rief Rosa triumphirend, und indem sie sich gegen den staunenden Prinzen wendete fuhr sie fort: »Ich gnädigster Herr weiß die Geschichte der drei Zwiebel, und will sie Euch mittheilen:
»Die erste wurde von meinem Vater im Kerker des Gefangenen zertreten. Darüber gerieth dieser Elende beinahe in Verzweiflung da er sie zu erhaschen gehofft hatte.
»Aus der zweiten erblühte jene wunderbare Blume, unter meiner sorgsamen Pflege, die dieser Bösewicht gestohlen hat, und:
»Die dritte trage ich hier auf meiner Brust, noch immer in dasselbe Papier eingewickelt, in welchen sie mir Cornelius zu derselben Stunde gab, wo er aus dem Gefängnisse auf den Buytenhoff geführt wurde. Hier ist sie gnädigster Herr.«
Boxtel hatte unterdessen seine Fassung ganz wieder erhalten, mit erheuchelter Kälte und Ruhe wandte er sich an den Prinzen, der die Knospe bereits in den Händen hatte.
»Gnädigster Herr, ich staune über die Frechheit dieser Person, denn während dem ich meine Zwiebelknospe noch immer in meinem Hause wohl verwahrt glaube, hat sie mir auch diese auf eine höchst unerklärbare Art geraubt.«
Der Ernst, und die Ruhe des Prinzen, mit welchem dieser die Knospe bewunderte, so wie die Spannung, die sich in Rosa’s Antlitz malte, als diese das in Händen haltende Papier aufmerksam betrachtend einige auf demselben befindliche Zeilen las, Alles zusammengenommen machte den boshaften Menschen doch besorgt und ängstlich.
Plötzlich entflammten Rosa’s Augen, des geheimnisvolle Papier hoch emporhaltend stürzte sie mit einem Schrei den Prinzen zu Füßen.
»Da, da nehmt, lest gnädigster Herr diese wenigen Zeilen, um Gotteswillen.«
Der Statthalter überreichte dem Präsidenten die Zwiebelknospe und nahm das Papier.
Er warf einen einzigen Blick darauf, dann schwankte er, seine zitternde Hand vermochte kaum das Blatt zu halten, seine Augen umdüsterte der leicht erkennbare Ausdruck von Schmerz, Angst und Mitleid.
Der Leser weiß, was dieses Papier enthielt, wir wollen aber dennoch die Bitte, die Cornelius von Witt noch kurz vor seinem Ende an Baerle richtete, hier wortgetreu wiederholen. Sie lautete:
Mein theuerer Pathe!
Das Packet das ich Dir zur Aufbewahrung übergeben habe, verbrenne gleich nach Erhält dieser Zeilen ohne es zu sehen, zu öffnen, oder jemals nach seinem Inhalte zu forschen. Geheimnisse, wie die darin enthaltenen, bringen den Tod. In das Feuer mit ihnen und Johann und Cornelius sind gerettet. – ich umarme Dich. – Bleibe auch Du mir stets gut.
Den 20. August 1672.Cornelius von Witt.«
Diese wenigen Zeilen enthielten einen doppelten Beweis, nämliche die Unschuld – und das Eigenthumsrecht des Cornelius van Baerle auf die schwarze Tulpe.
Der Statthalter wechselte mit Rosa, deren seelenvolles Auge unverwandt auf ihm ruhte, einen einzigen Blick.
Rosa’s Blick, in Worten dargestellt, sagte:
»Nun, seid Ihr überzeugt?«
Der des Prinzen antwortete:
»Seid ruhig und aufmerksam.«
Aus der Stirne des Prinzen lagerten sich mächtige Schweißtropfen, er trocknete diese mit seinem Suche, legte das Papier sodann sorgfältig zusammen und sein unheimlicher Blick schien in jenen Regionen der Scham und Reue zu schweifen, die leider zu spät zur Erkenntniß einer begangenen schweren Ungerechtigkeit führen.
Dann erhob er langsam und würdevoll sein Haupt:
»Herr Boxtel,« sprach er zu diesem gewendet, es bleibt bei dem, was ich sagte, es soll Gerechtigkeit geübt werden.«
Hieraus drückte er dem Bürgermeister freundlich die Hand:
»Ihr van Systens, habt die Gefälligkeit dieses Mädchen, so wie die Tulpe unter Euere besondere Aufsicht zu nehmen.«
Der Prinz schritt sodann mit gebeugtem Haupte durch den Vorsaal und über die Haupttreppe hinab, während sich alle Anwesenden tief verneigten.
In demselben Augenblicke ertönte neuerdings das Jubelgeschrei der harrenden Menge.
Boxtel kehrte in seinen Gasthof zurück. Aber auch er hatte den Kopf gesenkt, unangenehme peinliche Empfindungen durchzuckten sein Inneres.
Jenes geheimnisvolle Papier, dem der Statthalter eine solche Wichtigkeit beigelegt, das er mit Ernst und Würde in die Tasche geschoben hatte, schien ein unheilbringendes Ungewitter heraufzubeschwören.
Rosa trat ebenfalls in den Vorsaal. Leise und vorsichtig wie einem Heiligthume nahte sie der Tulpe, und küßte die frischen Blätter derselben.
»Gott, Du mein Herr, nur Dir war es bekannt, warum Cornelius mich lesen lehrte,« sprach sie mit gefalteten Händen.
Und sie hatte wahr gesprochen, denn nur Gott der Urquell alles Guten und erhabenen wußte es.
VI.
Das Lied von den Blumen
Während der Mittheilung dieser Ereignisse mußte der arme Cornelius alle jene Qualen erdulden, die einem Gefangenen aufgebürdet werden, sobald dessen Kerkermeister den Vorsatz gefaßt hat, statt Wärters, ein Henker zu sein.
Gryphus, den wie bereits genau kennen und der zu einer Zeit lebte, wo der wenig ausgebildete, beinahe ganz rohe menschliche Geist , jede unerklärbare Erscheinung mit dem geheimnißvollen Wirken des böses Geistes in Verbindung brachte, konnte das Verschwinden der Tochter und des Freundes eben so wenig begreifen, und erfaßte, von seinem Aberglauben überwältigt, die Idee, der Gefangene habe das Ganze durch eine seiner geheimnißvollen Kräfte hervorgezaubert.
Diese Idee hatte sich am dritten Tage nach dem Verschwinden der beiden genannten Personen in seiner Seele festgesetzt, und er erschien daher diesmal mit einer unbeschreiblichen Wuth bei dem armen Cornelius.
Der Gefangene stand bei dem offenen Fenster, er hatte den Kopf auf die Hände gestützt, sein trübes thränenfeuchtes Auge blickte nach seiner Heimat hinüber, während seine Lunge in kräftigen Zügen die erquickend frische Lust einsog, und sich gleichsam bemühte, mit angestrengter körperlicher Thätigkeit die drohenden Bilder der aufgeregten Phantasie zu verscheuchen.
Noch immer saßen die Tauben aus ihren alten Plätzchen, aber die Hoffnung, die sie früher mit sich brachten, schwand in der Gewißheit einer unheilvollen Zukunft.
Er dachte an Rosa. Warum kam sie nicht mehr?Sie wurde gewiß sorgfältig überwacht. Warum schrieb sie nicht? Vielleicht war es geschehen, und sie fand keine Gelegenheit den Brief zu überreichen.
Das Letzte war gewiß. Der unheimliche Blick des Kerkermeisters, dies scheue Auge voll Tücke und Rachedurst, sprach zu deutlich, enthüllte ganz das Unglück des armen Mädchens. Gewiß war Rosa eingeschlossen, den harten Vorwürfen des Tyrannen ausgesetzt, und vielleicht gebraucht er, – — o entsetzlicher Gedanke, wenn sein Kopf vom Branntwein angefüllt, unfähig war, eine vernünftige Idee zu erfassen, die ganze Kraft seines wieder hergestellten Armes, um das arme Kind zu züchtigen.
Und an All’ dem war er selbst Ursache. – Dieser Gedanke machte ihn untröstlich.
»Rosa wird vielleicht eben jetzt mißhandelt, murmelte er oft,« und ich kann ihr nicht helfen oder, nützen. »O Gott, könnte Deine Barmherzigkeit, Deine, Güte ein Wohlgefallen an dem grenzenlosen Unglücke zweier unschuldigen Dir ganz ergebenen Wesen finden.«, In solchen Augenblicken der Hilflosigkeit verzweifelt der schwache Mensch so gern an dem Dasein des Allmächtigen.
Er wollte schreiben. Aber wo war Rosa?
Dann wollte er einen Brief nach Haag absenden, um sich zu überzeugen, ob nicht Gryphus durch falsche Anzeigen einen neuen Sturm über seinem Haupte zusammenziehe.
Ader wie sollte er dies bewerkstelligen? Der Kerkermeister hatte ihm die wenigen Schreibmaterialien genommen, und selbst, wenn er sie gehabt hätte, würde Gryphus wohl schwerlich die Beförderung des Briefes gestattet haben.
Dann mahlte sich seine lebhafte Phantasie eine Menge kleinlicher Versuche aus, die aber alle nutzlos erschienen.
Er dachte endlich auch auf eine Entweichung, besonders seit jener Zeit, seit welcher er Rosa nicht mehr gesehen hatte. Allein wenn ihm auch zu dieser alle Mittel geboten worden waren, hätte er sie dennoch nicht ausgeführt, da er eine jener hohen, kräftigen Naturen in sich barg, die vor dem Gemeinen zurückschrecken, und jede sich ihnen darbietende gute Gelegenheit verächtlich zurückstoßen, weil diese aus dem breiten Wege menschlicher Schwäche und Erniedrigung erreicht werden kann, und daher von dem großen Haufen so gerne gesucht und betreten wird.
Dieser Gedanke war auch die Ursache aller in ihm erwachenden Unmöglichkeiten. Wie weite es auch möglich zu entfliehen? sprach er zu sich, mir steht nicht wie Hugo Grotius eine liebende Gattin zur Seite, und dann hat man ja von jenem Zeitpunkte alle möglichen Vorsichtsmaßregeln verdoppelt. Fenster und Thüren sind gut verwahrt, und die Schildwachen so aufmerksam, wie ich sie noch Nirgends fand.
Und dann noch, wenn ich diese Fenster und Thüren, ja selbst die wachsamen Posten gar nicht berücksichtige, habe ich nicht einen tausendmal gefährlicheren Wächter? Ist Gryphus, mit seinem vom Hasse belebten Auge, nicht das unübersteigbare Hinderniß? Aber der wichtigste Umstand, der jede meiner Unternehmungen gänzlich lähmt, ist Rosa’s Abwesenheit. Und wo ist Rosa hin, soll ich sie denn nie wieder sehen? O! hätte ich nur eine Feile, eine Säge, oder Schnur, könnte ich nur wie einstens Dädalus . . . mir Flügel verfertigen. Aber was würde der Besitz all’ dieser Gegenstände nützen, die Feile würde bald stumpf werden, und wenn ich es versuchte mich von dem Fenster herabzulassen, oder durch die Luft fortzufliegen, in einem, wie in dem andern Falle müßte ich von einer unendlichen Höhe herabstürzen. Was würde aus meinen zerbrochenen Gliedern? Die kämen dann gewiß in das Museum, um neben dem, durch Wilhelm mit Blut befleckten Wamse meines Pathen als Curiosität bewundert zu werden. Sollte das meine Bestimmung, sollte das der Zweck meines Lebens sein? Nein, nein, es ist alles verloren, alles nutzlos. – Aber halt, rief er nach einer Pause, halt, da kommt mir ein köstlicher Gedanke, ja das wird ganz gewiß geschehen, Gryphus, von seinem Haß und Rachedurst getrieben, wird mich eines Tages bei meiner empfindlichsten Seite antasten, er wird meinem Stolze, meiner Ehre nahe treten, ja diesen Augenblick will ich benützen, mich auf ihn stürzen seinen Hals umfassen und ihn erdrosseln. O! ich fühle, seit dem Augenblicke, wo Rosa mich verlassen, eine wunderliche Lust nach einem Kampfe, nach einem heißen, furchtbaren Blutbade.
Dieser schreckliche Gedanke spiegelte sich in dem Antlitze des Unglücklichen getreulich ab. Seine Augen traten weiter hervor, der Mund war krampfhaft zusammengekniffen. Aber er setzte dennoch diese Gedankenreihe fort.
Wenn ich Gryphus erdrosselt habe, dann bemächtige ich mich seiner Schlüssel und eile aus dem Gefängnisse, so wie wenn ich der unschuldigste Mensch wäre nach Rosa’s Zimmer. Mit dieser springe ich aus dem Fenster in die Waal, und schwimme hinüber. – —
Ich bin stark genug, ich kann uns beide retten.
Aber Rosa ist des Kerkermeisters Tochter. So lieb sie mich auch immer haben mag, so müßte sie dennoch als Kind den Mörder ihres Vaters verabscheuen. Man müßte sie überreden, dazu ist Zeit nothwendig, während dieser wird man aufmerksam, die Ermordung des Kerkermeisters ist bekannt und man ergreift mich wieder. Dann wandere ich auf den Buytenhoff und sterbe, ein Schandfleck meiner ehrenvollen Ahnen, als der elendeste, gemeinste Mörder. Also auch das geht nicht, auch das ist ein schlechtes Mittel.
Also gibt es denn gar keinen Ausweg, soll ich Rosa nicht wiedersehen?
Das waren des armen Gefangenen düstere Ideen, gerade in dem Augenblicke, wo er von Rosa getrennt, an dem Fenster seines Gefängnisses stand.
In der selben Minute trat Gryphus ein, seine Augen funkelten, seine Mienen waren zu einem boshaften Lächeln, umzogen, in seiner rechten Hand trug er einen schweren Stock, und die unheilvolle schwankende Bewegung seines, Körpers verkündete nichts Gutes. Cornelius, noch ganz von seinen Ideen ergriffen, ward zwar durch das bei dem Eintritte des Kerkermeisters veranlaßte Geräusch. aufmerksam gemacht, allein da er vermuthete, wer der Kommende sei, fand er es nicht der Mühe werth, sich; umzuwenden.
Außerdem war er überzeugt, daß Rosa diesmal ihren Vater nicht begleite.
Nichts erhöht den bereits ein Mal erwachten Zorn des Menschen mehr, als wenn diesem Gleichgültigkeit entgegengesetzt wird.
Diese beweist erstens, daß der Zorn nutzlos angewendet ist.
Dann hat man sich für Nichts den Kopf erhitzt, und das Blut schneller in Umlauf gesetzt.
Alles dieses umsonst gethan zu haben, schmerzt gar zu sehr, nur ein Spektakel ist im Stande Ersatz für das Verlorene zu bieten.
Denn gerade ein solcher Schluß bietet Gelegenheit, dem ausgesuchten Gegenstande eine Wunde beizubringen, selbst wenn man ein elender Schurke ist und einen schlechten Gegenstand vertheidigt.
Alles das fühlte Gryphus, als er die Ruhe des Gefangenen merkte, der auf sein nachdrückliches »hm, hm,« nicht ein Mal den Kopf wendete.
Gleichsam absichtlich begann vielmehr Cornelius mit lauter- Stimme das reizende Lied von den Blumen zu singen:
Des geheimen Feuers Töchter,
Das in der Erde Adern läuft,
Und der Morgenröthe Wächter,
Die den Thau hernieder träuft;
Angehaucht von sanften Lüften,
Blühen Wir auf grünen Triften,
In des Wassers Regionen,
Unter warmen, milden Zonen.«
Dieses Lied, dessen liebliche und sanfte Arie der Stimmung des Kerkermeisters geradezu widersprach, erbitterte ihn um so mehr.
Er schlug mit aller Kraft den Stock gegen das Steinpflaster und rief:
»He da, Ihr Sänger, habt Ihr mich nicht kommen gehört?«
Cornelius wandte sich mit der gleichgültigsten Miene von der Welt um und erwiderte:
»Gott zum Gruß.»
Dann sang er weiter:
»Alles naht um Uns zu lieben,
Unser’m weiten stillen Reich:
Und von sanften Regungen getrieben,
Liebt und tödtet, Menschenherz zugleich.
Glänzend will die Braut sich schmücken,
Eilt herbei um Uns zu pflücken,
Raubt mit zarter Hand ein Leben,
Das der Himmel Uns gegeben.«
»Verdammter Zauberer,« schrie Gryphus, »ich glaube gar Du lachst mich noch aus.«
Cornelius sang ungestört weiter:
»Ja vom Himmel kommt das Leben,
Und zum fernen Aether hin;
Mächtig Wir die Häupter heben,
Wenn Wir duftend hier erblüh’n.
Unterdessen hatte Gryphus sich dem Gefangenen genähert, indem er zugleich den mitgebrachten Stock schwang.
»He da,« rief er, »sieh ein Mal her, welches aprobate Mittel ich von nun an gewählt habe, um Dich zur Vernunft zu bringen.«
Cornelius wandte sich gegen den Kerkermeister.
»He da, alter Meister, ich glaube gar Ihr seid nicht recht bei Sinnen.«
Er gewahrte aber auch das veränderte Antlitz, die vorgetretenen blitzenden Augen und den krampfhaft verzogenen Mund des rohen Mannes.
»Oho, oho, Gryphus,« sprach er hierauf mit seiner frühern Kälte »ich erkenne so eben daß Ihr mehr rasend als wahnsinnig seid.«
Der Kerkermeister hieb noch immer mit dem Stocke um sich.
Baerle schien dies gar nicht zu beachten, er stand regungslos mit über der Brust gekreuzten Armen da.
Als ihm Gryphus aber zu nahe kam, sprach er ganz kalt:
»Es kommt mir vor, als hättet Ihr die Absicht, mich zu mißhandeln?«
»Ja, ja, dieserwegen bin ich ja hier.«
»Aber warum?«
»Das später. Zuerst sieh Dir das an, was ich hierin der Hand herumdrehe.«
»Hm, das ist ein Stock, und sogar wie ich bemerke ein sehr schwerer Stock – aber ich will nicht vermuthen, daß der für mich bestimmt sei.«
»So, das willst Du nicht vermuthen, sonderbar, ich möchte gern eine Ursache wissen.
»Die kann ich Dir gleich sagen, und statt einer Ursache, will ich zwei angeben. Die erste davon befindet sich im Reglement der Festung Löwenstein und zwar Artikel IX, sie lautet:
»Jeder Aufseher, Gefangenenwärter, oder selbst auch Kerkermeister wird entlassen, der sich unterfängt, an einen Gefangenen die Hand zu legen.«
»Die Hand, ja die Hand, das weiß ich recht gut, aber vorn Stocke steht nichts darinnen.«
»Die zweite wirst Du im Evangelium finden, ich kann Dir sie ebenfalls mittheilen:
»Der den Bruder mit dem Schwerte angreift, wird durch das Schwert umkommen.«
Der seinen Bruder mir dem Stocke schlägt, wird; wieder mit dem Stocke geschlagen werden.«
Diese Ruhe und Gleichgültigkeit des Gefangenen erbitterte den Wüthenden so sehr, daß er den mächtigen Stock schwingend, ihn eben auf Baerles Schultern herabfallen lassen wollte, als dieser durch eine geschickte Wendung dem Schlage auswich, den Arm des Kerkermeisters erfaßte, ihm den Stock mit Leichtigkeit entwand, und diesen dann ruhig neben sich an die Wand anlehnend, seine frühere gleichgültige Stellung wieder einnahm.
Gryphus brüllte gleich einem verwundeten Tieger.
»Tralala Alterchen, Du siehst wohl, daß Du Dich der Gefahr aussetzest, den Spruch des Evangeliums an Dir erfüllt zu sehen.«
»O Du Satan Du, warte, ich will Dich auf andere Weise erfassen.«
»Wie Du willst.«
»Sieh ein Mal meine Hand an, nicht wahr, sie ist leer.«
»Ja, das sehe ich, und ich gestehe Dir, daß es mir Freude macht.«
»Du wirst Dich aber erinnern, daß diese Hand des Morgens wenn ich heraufkomme nicht leer ist.«
»Ach, meinst Du das elende Essen, das Du mir zu jener Stunde überbringst, oh, das betrachte ich so nur, als eine Strafe, und wie Du es bemerkt haben wirst; lasse ich es bis auf das Brod jedes mal stehen. Ich kenne Dich Alterchen, Du bringst mir auch stets das allerschlechteste Brod, aber glaube mir, je miserabler es ist, desto besser schmeckt es mir.«
»Desto besser schmeckt es Dir?«
»Ja – wie ich sagte.«
»Das begreife ich nicht.«
»Aber ich um so leichter.«
»Ich möchte es aber auch wissen.«
»Du sollst es allsogleich erfahren. Wenn Du mir schlechtes Brod bringst, so weiß ich, daß Du mich damit quälen willst.«
»Ganz gewiß suche ich es für Dich nicht aus, um Dir eine Freude zu machen.«
»Nun denn, da Du weißt, daß ich der Satan selbst, oder wenigstens mit ihm nahe verwandt bin, so darf es Dich gar nicht wundern, daß ich mir aus Deinem schlechten Brode ein sehr gutes bereite, das mir besser als alles Backwerk schmeckt. Ich habe dabei den doppelten Vertheil, eine Speise nach meinem Gusto zu genießen, und Dich zugleich auf das Höchste zu erbittern.«
Gryphus brüllte abermals.
»Aha, also Du gestehst es nun, daß Du der Satan bist?«
»Das ist doch ganz natürlich, vor der Welt kann ich es nicht sagen, denn man würde mich wie Gaufredy oder Urban Grandier verbrennen; vor Dir hingegen brauche ich mich gar nicht zu genieren.«
»Mir auch recht, wenn es Dir aber gelingt, aus schlechtem Brode ein gutes zu machen, so wirst Du doch dem Hungertode nicht entgehen, wenn ich Dir gar keines mehr gäbe.«
»Hm, hm.«
»Merke also auf, von heut an bekommst Du kein Brod mehr, und wir wollen sehen, wie Dir dies nach acht Tagen anschlägt?«
Baerle ward todtenbleich.
»Also wie gesagt, von heute wird angefangen, und ich will sehen, ob Du nicht vielleicht aus den Möbeln Brod bereiten kannst, dabei habe ich auch einen doppelten Vortheil, nämlich: Deine tägliche Brodration, und die zehn Sous, die für Deinen Unterhalt bestimmt sind.«
Cornelius durchblickte das ganze schändliche Vorhaben, er sah einer entsetzlichen Zukunft entgegen, und von Schwäche hingerissen rief er:
»Mein Gott, das ist ja ein absichtlicher Mord.«
»Der Dich aber gar nicht inkommodiren kann, denn wenn Du der Satan bist, wirst Du Dir zu essen, genug verschaffen.«
Diese von dem Kerkermeister nunmehr selbst angeregte.Idee, erleuchtete den Gefangenen wie ein Blitzstrahl, er nahm seine frühere lächelnde Miene an und zuckte mit den Achseln.
»Du wirst Dich wohl erinnern, daß ich mir vor nicht gar langer Zeit die Tauben von Dortrecht hergezaubert habe.«
»Ich weiß es.«
»Eine gebratene Taube ist kein unangenehmes Essen, und wer täglich eine speist, kann lange leben.«
»Zum Braten braucht man vorerst Feuer.«
»Das ist lächerlich mein lieber Alter. Als Satan wird es mir nicht schwer fallen, mir mehr als ich brauche durch meine Teufel zu verschaffen.«
»Meinetwegen, aber ich weiß recht gut, daß selbst der stärkste Mann nicht länger als einige Tage im Stande ist, eine Taube zu essen , darüber wurden schon viele Wetten verloren.«
»Das ist möglich, kümmert mich aber nichts, denn wenn mir die Tauben zu viel werden, so lasse ich mir die besten Fische aus der Waal und Maas herauf kommen.«
Gryphus riß die Augen weit aus.
»Zudem esse ich-Fische sehr gern, und Du hast mir bis jetzt noch gar keine gebracht. Also sei es, weil Du mich des Hungers sterben lassen willst, fühle ich eine besondere Lust in mir, mich ausnehmend zu delektiren.«
Der Kerkermeister schwankte, ob einer Ohnmacht nahe oder aus Wuth, läßt sich nicht bestimmen.
Aber auf ein Mal griff er mit der Hand in den Sack.
»Nun, wenn Du es haben willst . . . .« .
Bei diesen Worten zog er ein großes Messer hervor und öffnete es.
»Ah, also eine scharfe Waffe,« sprach Cornelius, zu gleicher Zeit den Stock ergreifend, um auf jeden Angriff vorbereitet zu sein.