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Kitabı oku: «Die Zwillingsschwestern von Machecoul»

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Erster Theil

I.
Der Adjutant Charette’s

Wer von Nantes nach Bourgneuf gereist ist, hat bei St. Philibert die südliche Spitze des Sees Grand-Lieu berührt und nach einer weiteren Fahrt von einer oder einer Fußwanderung von zwei Stunden die ersten Bäume des Waldes von Machecoul erreicht.

Links von dem Wege, in einer von dem Walde nur durch die Landstraße getrennten Baumgruppe wird der Reisende die Spitzen von zwei schlanken Thürmen und das graue Dach eines alten Schlosses bemerkt haben.

Dieser Edelsitz hatte mit seinem geborstenen Gemäuer, mit seinen zerbrochenen Fenstern und seinem mit Moos überwucherten Dache ein so armseliges Aussehen, daß der Besitzer gewiß von keinem Reisenden beneidet worden wäre, wenn die Lage vor dem großen herrlichen Walde von Machecoul nicht so reizend gewesen wäre.

Im Jahre 1831 war das kleine Schloß die Besitzung des Marquis von Souday, eines alten Edelmannes, dessen Namen es auch führte.

Der Marquis war der einzige Repräsentant und der letzte Erbe eines alten berühmten bretagnischen Geschlechtes; denn der See Grand-Lieu, der Wald von Machecoul und die Stadt Bourgneuf liegen in dem jetzigen Departement der Niederloire und gehörten vormals zu der Provinz Bretagne. Die Familie war einst ein großer Stamm gewesen, der seine Aeste über diese ganze Provinz ausgebreitet hatte, aber die Ahnen des Marquis hatten diese Aeste durch aristokratischen Luxus dergestalt entblättert, daß das Jahr 1789 ganz gelegen gekommen war, um den wurmstichigen Baum nicht von den Gerichtsdienern fällen zu lassen und ihm ein seines berühmten Namens würdigeres Ende zu bereiten.

Als die letzte Stunde der Bastille schlug, war der Marquis von Souday erster Page Sr. königlichen Hoheit des Grafen von Provence. Für einen sechzehnjährigen Pagen sind die folgenschwersten Ereignisse nur unbedeutende Vorfälle, und es wäre in der That zu verwundern gewesen, wenn der junge Marquis an dem üppigen Hofe des Luxembourg nicht leichtsinnig und sorglos geworden wäre.

Er war auf den Grèveplatz geschickt worden, um zu sehen, wie Favras unter der Hand des Henkers den Geist aufgeben und dadurch Sr. königlichen Hoheit die eine kleine Weile getrübte Ruhe wiedergeben würde.

Er war sogleich wieder ins Luxembourg zurückgeeilt und hatte gemeldet:

»Monseigneur, es ist geschehen!«

Und Monseigneur hatte mit seiner sanften flötenden Stimme zur Tafel gerufen.

Und man hatte soupirt, als ob ein braver Edelmann, der Sr. Hoheit das Leben geopfert, nicht soeben wie ein Dieb und Mörder gehängt worden wäre.

Dann waren die ersten düsteren Tage der Revolution gekommen: die Veröffentlichung des rothen Buches, der Rücktritt Necker’s, der Tod Mirabeau’s.

Am 22. Februar 1791 hatte eine große Menschenmenge das Luxembourg umzingelt. Es hatten sich bedenkliche Gerüchte verbreitet: der Prinz, hieß es, wolle flüchten und mit den am Rhein sich versammelnden Emigranten gemeinsame Sache machen. Aber »Monsieur« zeigte sich auf dem Balcon und gelobte feierlich, den König nicht zu verlassen.

Am 21. Juni reiste er wirklich mit dem Könige ab, vermuthlich um sein Wort nicht zu brechen.

Er verließ ihn indeß doch und zu seinem Glück, denn er erreichte mit seinem Begleiter, dem Marquis von Avaray, wohlbehalten die Grenze, während Ludwig XVI. zu Varennes verhaftet wurde.

Der junge Marquis mochte als Aristokrat vom reinsten Wasser nicht in Frankreich bleiben, wo der König doch seine treuesten Diener nicht entbehren konnte. Er wanderte ebenfalls aus, und da der achtzehnjährige Page von Niemand beachtet wurde, so kam er glücklich nach Coblenz, wo er unter die Mousquetaires trat, welche unter dem Befehle des Marquis von Montmorency wieder zu einem Corps zusammentraten. In den ersten Treffen kämpfte er tapfer, wurde vor Thionville verwundet und nach manchen Enttäuschungen sah er sich, nebst vielen Leidensgefährten, durch die Auflösung des Emigrantencorps von allen Hilfsmitteln entblößt.

Der Marquis von Souday richtete nun sein Augenmerk auf die Bretagne und Vendée, wo seit zwei Jahren gekämpft wurde. Die ersten Führer des Aufstandes waren todt. Cathelineau war bei Vannes, Lescure zu La Tremblaye, Bonchamp bei Cholet gefallen, d’Elbée war zu Noirmoutier erschossen worden.

Die sogenannte große Armee war bei Mans vernichtet worden; die Treffen von Fontenay, Saumur, Torfou, Laval und Dol waren eben so viele Niederlagen für sie gewesen; sie hatte in sechzig Treffen gesiegt, sie hatte den Streitkräften der Republik unter Biron, Rossignol, Kléber, Westermann, Marceau die Spitze geboten; sie hatte die Hilfe Englands abgelehnt und war Zeuge gewesen, wie ihre Hütten in Brand gesteckt, ihre Weiber, Kinder und Väter gemordet wurden. Cathelineau, Henri de la Rochejacquelein, Stofflet, Bonchamps, Forestier, d’Elbée, Lescure, Marigny und Talmont waren ihre Führer gewesen; sie war dem Könige treu geblieben, als die übrigen Provinzen Frankreichs von ihm abgefallen waren; sie hatte ihren Gott verehrt, als man in Paris öffentlich erklärt hatte, es gebe keinen Gott; sie hatte es endlich dahin gebracht, daß Napoleon die Vendée das Land der Riesen nannte.

Charette und la Rochejacquelein waren ziemlich allein geblieben. Charette hatte wohl noch eine Armee, la Rochejacquelein hatte keine mehr.

Während nämlich die große Armee bei Mans vernichtet wurde, hatte Charette, zum Oberbefehlshaber von Niederpoitou ernannt, mit Jolly’s Hilfe eine Armee zusammengebracht. An der Spitze dieser Armee traf ihn la Rochejacquelein, der kaum ein Dutzend Kriegsleute bei sich hatte, unweit Maulevrier.

Charette wußte wohl, daß er es mit einem Generale, nicht mit einem Soldaten zu thun hatte; er wollte im Bewußtseyn seiner Kraft den Oberbefehl nicht theilen und blieb kalt und stolz gegen la Rochejacquelein, den er nicht einmal zum Frühstück einlud.

An demselben Tage verließen achthundert Mann das Heer Charettes und gingen zu la Rochejacquelein über.

Am folgenden Tage sagte Charette zu seinem Nebenbuhler: »Ich marschire nach Mortagne; Sie werden mir folgen.«

»Bis jetzt,« erwiderte la Rochejacquelein, »war ich nicht gewohnt zu folgen, sondern Andere in meinem Gefolge zu sehen.«

Er marschirte ebenfalls ab und ließ Charette nach Gutdünken operiren.

Dem Letzteren werden wir folgen, denn er ist der Einzige, dessen tragisches Ende mit unserer Geschichte in Verbindung steht.

Ludwig XVII. war todt, und am 26. Juni 1795 wurde Ludwig XVIII. im Hauptquartier zu Belleville zum Könige ausgerufen.

Am 15. August 1795, also weniger als zwei Monate nach dieser Erklärung, brachte ein junger Mann dem General Charette ein Schreiben von dem neuen Könige. Dieses Schreiben, von Verona 8. Juli 1795 datirt, ernannte Charette zum Oberbefehlshaber des Royalistenheeres.

Charette wollte durch denselben Boten sein Dankschreiben an den König senden, aber der junge Mann antwortete, er sei gesonnen in Frankreich zu bleiben und zu kämpfen, und sprach den Wunsch aus, daß die von ihm überbrachte Depesche zu seiner Empfehlung beim Obergeneral dienen möge.

Charette ernannte ihn sogleich zum Ordonnanzoffizier.

Der Ueberbringer des königlichen Schreibens war kein Anderer als der junge Marquis von Souday.

Als sich der Marquis entfernte, um sich von seinem anstrengenden Ritt zu erholen, bemerkte er einen jungen Bauer, der um einige Jahre älter war als er und ihn ehrerbietig begrüßte.

Er erkannte einen Pächterssohn, mit welchem er als Knabe oft auf die Jagd gegangen war und unter dessen geschickter Leitung er das edle Waidwerk erlernt hatte.

»Jean Oullier!« sagte er erstaunt, »bist Du es?«

»Ja, zu dienen, Herr Marquis,« antwortete der junge Bauer.

»Das freut mich; bist Du immer noch ein guter Jäger?«

»O ja, Herr Marquis; jetzt jagen wir freilich ein anderes Wild.«

»Nun, wenn Du willst, jagen wir dieses mit einander, wie wir das andere jagten.«

»Ich nehme es mit Vergnügen an, Herr Marquis,« antwortete Jean Oullier.

Dieser war von nun an der unzertrennliche Gefährte des Marquis von Souday; der Adjutant des Obergenerals hatte also ebenfalls seinen Adjutanten.

Jean Oullier war nicht nur ein geschickter Waidmann, sondern auch in anderer Hinsicht ein unbezahlbarer Mensch: im Lager war er zu Allem gut, und der Marquis von Souday hatte für nichts zu sorgen. In den größten Bedrängnissen fehlte es dem Marquis nie an einem Stück Brot, an einem Kruge Wasser und an einem Bündel Stroh. Und dies war in der Vendée ein Luxus, der nicht einmal dem Obergeneral immer zu Theil wurde.

Wir kommen hier sehr in Versuchung, Charette und dem jungen Marquis auf einigen abenteuerlichen Streifzügen zu folgen; aber die Geschichte ist eine verführerische Syrene und wenn man einmal so unbesonnen war, ihrem Winke zu folgen, so weiß man nicht, wohin man von ihr geführt wird.

Wir wollen daher unsere Erzählung möglichst vereinfachen und es einem Andern überlassen, den Feldzug des Grafen von Artois nach Noirmoutiers und nach Ile-Dieu zu schildern und zu erklären, wie der Prinz drei Wochen im Angesicht der französischen Küste blieb, ohne zu landen, und wie das Royalistenheer entmuthigt wurde, als es sich von denen verlassen sah, für die es seit mehr als zwei Jahren gekämpft hatte.

Charette errang nichtsdestoweniger einige Zeit später den furchtbaren Sieg bei Quatre-Chemins: es war der letzte. In seiner Armee waren Verräther. In der letzten Zeit seines Lebens konnte er keinen Schritt thun, ohne daß sein Gegner, es mochte nun Hoche oder Travot seyn, davon benachrichtigt wurde.

Von den republicanischen Truppen umringt, Tag und Nacht gehetzt, von einem Versteck zum andern verfolgt, ohne Obdach und Nahrung, hat er nur noch zweiunddreißig Mann bei sich; unter ihnen der Marquis von Souday und Jean Oullier. Am 25. März l795 meldet man ihm daß vier republikanische Colonnen gegen ihn anrücken.

»Gut,« sagte er, »wir müssen hier kämpfen und unser Leben theuer verkaufen.«

Es war zu La Prélinière in der Gemeinde St. Sulpice.

Aber mit seinen zweiunddreißig Mann begnügte sich Charette nicht, die Republicaner zu erwarten: er zieht ihnen entgegen. Bei La Guyonnière findet er den General Valentin mit zweihundert Grenadieren und Chasseurs.

Charette findet eine gute Position und verschanzt sich. Hier wehrt er drei Stunden lang die Angriffe und das Feuer der zweihundert Republicaner ab.

Zwölf von seinen Leuten fallen. Das Heer, welches aus 24,000 Mann bestand, als der Graf von Artois auf Ile-Dieu war, ist bis auf zwanzig Mann zusammengeschmolzen.

Diese zwanzig Mann halten Stand mit ihrem General, keiner von ihnen denkt an Flucht.

Endlich nimmt der General Valentin eine Muskete und greift an der Spitze seiner noch kampffähigen hundertachtzig Mann mit dem Bajonnete an.

Bei diesem Angriffe erhält Charette eine Schußwunde am Kopf und drei Finger werden ihm abgehauen. Um seine unvermeidliche Gefangennahme zu verhüten, nimmt ein Elsässer, Namens Pfeffel, seinen Federhut, gibt ihm den seinigen und sagt zu ihm, indem er sich links wendet:

»Halten Sie sich rechts; jetzt wird man mich verfolgen.«

Die Republicaner stürzen wirklich auf ihn zu, während Charette mit seinen noch übrigen fünfzehn Mann in entgegengesetzter Richtung forteilt.

Als Charette eben den Wald La Chabotièrie erreichte, erschien die Colonne des Generals Favrot.

Es beginnt ein neuer verzweifelter Kampf, in welchem Charette den Tod sucht. Aber der Blutverlust hat ihn erschöpft; er wankt. Ein Vendéer, Namens Rassard, nimmt ihn auf die Schultern und trägt ihn in den Wald. Eine Kugel trifft ihn, er fällt. Ein Anderer, Namens Laroche-Davo, löst ihn ab, läuft fünfzig Schritte und fällt, von den feindlichen Kugeln ereilt, in den Graben, der den Wald von der Ebene trennt.

Der Marquis von Souday nimmt ihn nun auf, und während Jean Oullier mit seiner Doppelflinte die beiden am nächsten kommenden republicanischen Soldaten niederschießt, stürzt er mit seinem General und den noch übrigen sieben Mann in den Wald.

Fünfzig Schritte vom Saume des Waldes scheint Charette sich wieder zu erholen.

»Souday,« sagte er, »höre meinen letzten Befehl.«

Der junge Marquis bleibt stehen.

»Setze mich unter dieser Eiche nieder.«

Er zögerte.

»Ich bin immer noch dein General,« setzte Charette gebieterisch hinzu, »Du mußt mir gehorchen!«

Souday fügte sich und setzte den General unter der Eiche nieder.

»Jetzt höre mich an,« sagte Charette. »Der König, der mich zum Obergeneral ernannt hat, muß wissen, wie sein Obergeneral gestorben ist. Begib Dich wieder zu Sr. Majestät Ludwig XVIII. und erzähle, was Du gesehen hast. Ich will es!«

Charette sprach so ernst und feierlich, dass es dem Marquis von Souday, den der General zum ersten Male duzte, gar nicht einfiel, den Gehorsam zu verweigern.

Er lehnte seinen General an den Stamm der Eiche.

»Jetzt,« sagte Charette, »hast Du keine Minute zu verlieren. Fliehe, dort kommen die Blauen.«

Die Republicaner erschienen wirklich am Saume des Waldes.

Souday nahm die Hand, die ihm Charette reichte.

»Umarme mich,« sagte der General.

Der junge Marquis schloß ihn in seine Arme.

»Jetzt ist’s genug,« sagte der General, »fort! fort!«

Souday warf einen Blick auf Jean Oullier.

»Kommst Du?« fragte er ihn.

Aber Oullier schüttelte traurig den Kopf und erwiderte: »Was soll ich drüben thun, Herr Marquis? Hier hingegen —«

»Hier! was willst Du hier thun?«

»Das will ich Ihnen sagen, Herr Marquis, wenn wir uns einmal wiedersehen.«

Er schickte seine beiden Kugeln den zwei nächsten Republicanern zu.

Die beiden Republicaner fielen.

Der Eine war ein Stabsoffizier. Die Republicaner drängten sich um ihn.

Jean Oullier und der Marquis von Souday benutzten diese kurze Frist, um tiefer in den Wald zu gehen.

In einer Entfernung von fünfzig Schritten schlüpfte Jean Oullier in einen Busch und winkte seinem Herrn ein Lebewohl zu.

Der Marquis von Souday ging weiter.

II.
Königlicher Dank

Der Marquis von Souday erreichte das Ufer der Loire und ließ sich von einem Fischer zur Landspitze von St. Gildas führen.

Eine Fregatte war in Sicht. Es war eine englische Fregatte. Für einige Louisd’or mehr führte der Fischer den Marquis bis zur Fregatte.

Er war gerettet.

Einige Tage nachher rief die Fregatte ein Kauffahrteischiff an, welches dem Canal La Manche zusteuerte.

Es war ein holländisches Schiff.

Der Marquis von Souday wünschte sich an Bord desselben zu begeben; der englische Capitän ließ ihn in der Schaluppe hinüber bringen.

Der holländische Dreimaster setzte ihn in Rotterdam ab.

Von Rotterdam begab sich der Marquis nach Blankenburg im Herzogthum Braunschweig, wo Ludwig XVIlI. damals wohnte.

Er hatte die letzten Befehle Charette’s zu vollziehen.

Ludwig XVIII. war eben bei Tische; die Stunde der Tafel war für ihn ein höchst wichtiger Theil des Tages.

Der vormalige Page mußte warten. Nach der Tafel wurde er vorgelassen.

Er erzählte die Ereignisse, die unter seinen Augen stattgefunden hatten, insbesondere die letzte Katastrophe mit solcher Beredsamkeit, daß der sonst eben nicht leicht zu rührende König ihn unterbrach:

»Genug! genug! der Chevalier de Charette war ein braver Diener, wir erkennen es an.«

Der Bote wurde entlassen. Beim Fortgehen hörte er, wie Ludwig XVIII. mit verdrießlichem Tone sagte: »Der alberne Souday erzählt mir solche Dinge nach der Tafel: er stört meine Verdauung!«

Der Marquis war empfindlich; er hatte sechs Monate sein Leben aufs Spiel gesetzt, und fand den Lohn nicht ganz angemessen.

Er hatte noch etwa hundert Louisd’or in der Tasche. Noch denselben Abend reiste er von Blankenburg ab; er begab sich über Holland nach England.

Dort begann ein neuer Abschnitt in dem Leben des Marquis von Souday. Er gehörte zu den Menschen, deren Stimmung von Umständen und äußeren Eindrücken abhängt, die stark oder schwach, muthig oder zaghaft sind, je nach den Verhältnissen, in welche der Zufall sie versetzt. Sechs Monate hatte er tapfer gekämpft in dem Kriege der Riesen, wie Napoleon den Krieg in der Vendée nannte. Er hatte die Gebüsche und das Heideland von Ober- und Niederpoitou mit seinem Blute gefärbt, er hatte nicht nur das Unglück der blutigen Kämpfe, sondern auch die mit diesem Guerillakriege verbundenen zahllosen Entbehrungen mit stoischem Gleichmuth ertragen; er hatte im Schnee übernachtet, war ohne Brot, ohne Obdach in den Wäldern der Vendée umhergeirrt, ohne eine Klage laut werden zu lassen.

Aber in London, wo er einsam und verlassen umherirrte, verlor er den Muth; das Elend, welches ihn in der Verbannung erwartete, raubte ihm seine Fassung. Der junge Mann, der mit einer Handvoll Chouans gegen zehnfach überlegene republicanische Colonnen gekämpft hatte, wußte den Einflüsterungen der Langweile nicht zu widerstehen; er suchte überall Zerstreuungen, um die Lücke auszufüllen, die in seinem Leben entstanden war, seitdem er nicht mehr in dem rasenden Getümmel eines Vernichtungskampfes war.

Der Verbannte war zu arm, um feinere, höhere Genüsse zu wählen, und so verlor er nach und nach die cavaliermäßige Eleganz, welche die Bauernkleider nicht vermindert hatten, und mit jener äußern Eleganz verlor er den Sinn für feinere Genüsse. Da er keinen Champagner bezahlen konnte, trank er Ale und Porter, und der junge liebenswürdige Marquis, dem vielleicht manche Herzogin hold gewesen war, fand Gefallen an den bebänderten Dirnen von Haymarket und St. Giles.

Bald führten ihn die immer dringender werdenden Bedürfnisse des Lebens zu Auskunftsmitteln, die seinem Rufe schadeten. Er nahm auf Borg, was er nicht mehr bezahlen konnte, und machte Cameradschaft mit Wüstlingen geringeren Standes. Seine Unglücksgenossen zogen sich daher von ihm zurück und je mehr er sich verlassen sah, desto weiter ging er auf dem einmal betretenen schlechten Wege.

Als er dieses Leben bereits zwei Jahre geführt hatte, machte ihn der Zufall in einer Kneipe der City mit einem jungen Mädchen bekannt, welches von den in London so häufigen sittenlosen Dirnen zum ersten Male aus dem Dachstübchen hervorgeholt worden war und gezeigt wurde.

Ungeachtet der Veränderungen, die mit dem jungen Marquis vorgegangen waren, hatte er noch nicht allen Adel in seinem Benehmen verloren; die junge Arbeiterin faßte Vertrauen zu ihm, fiel ihm zu Füßen und bat ihn mit Thränen, sie dem schmachvollen Gewerbe, zu welchem man sie zwingen wollte, zu entreißen.

Eva – so hieß das Mädchen – war schön; der Marquis erbot sich, sie in Schutz zu nehmen.

Sie fiel ihm um den Hals, pries ihn als ihren Retter und sagte ihm ihre treue Liebe zu.

Der Marquis vereitelte also die schändliche Speculation, ohne daß er dabei eine gute Absicht hatte.

Eva hielt Wort. Der Marquis war ihre erste und letzte Liebe.

Die Zeit war übrigens für Beide recht günstig. Der Marquis fing an, der Hahnenkämpfe, des Biertrinkens, der Händel mit den Constabeln überdrüssig zu werden; er fand Erholung in der Liebe der schönen Eva, deren Besitz zugleich seiner Eigenliebe schmeichelte. So änderte er allmälig seine Lebensweise, und ohne gerade seinem Range gemäß zu leben, benahm er sich doch als Ehrenmann.

Er bezog mit Eva eine Dachstube in Piccadilly. Sie war eine geschickte Arbeiterin und fand Beschäftigung in einem Putzladen; er gab Fechtunterricht. Sie waren wenigstens vor Mangel geschützt und ihre gegenseitige Liebe war groß genug, um ihnen das Leben nicht nur erträglich, sondern sogar genußreich zu machen.

Die Liebe begann bald zu erkalten; aber die Gewohnheit hatte eine solche Gewalt über ihn bekommen, daß er weder die Kraft noch den Muth hatte, ein Verhältniß abzubrechen, in welchem sein zerrüttetes Gemüth einige Ruhe und Zufriedenheit gefunden hatte.

So führte der vormalige Wüstling, dessen Ahnen durch drei Jahrhunderte despotisch auf ihren Besitzungen geherrscht hatten, so führte der vormalige Genosse des »Wegelagerers« Charette zwölf Jahre lang das kärgliche traurige Leben eines armen Schreibers oder Handwerkers.

Der Himmel hatte lange gezögert, diesen ungesetzlichen Bund zu segnen; aber endlich ging der sehnliche Wunsch der armen Eva in Erfüllung: sie beschenkte den Marquis mit Zwillingstöchtern.

Aber Eva genoß dieses ersehnten Glückes nur einige Stunden. Sie starb im Wochenbette.

Sie liebte den Marquis nach zwölf Jahren noch eben so zärtlich, wie in den ersten Tagen ihrer Bekanntschaft. Aber trotzdem erkannte sie, daß Frivolität und Selbstsucht der Grundzug in dem Charakter ihres Geliebten waren. Sie schied daher mit dem doppelten Schmerz einer ewigen Trennung und der Besorgniß um die Zukunft ihrer beiden Kinder.

Dieser Verlust machte auf den Marquis von Souday einen eigenthümlichen Eindruck, den wir zu schildern versuchen, weil er den Maßstab für die Beurtheilung des Mannes gibt, der in dieser Erzählung eine wichtige Rolle zu spielen berufen ist.

Anfangs beweinte er aufrichtig den Verlust seiner Lebensgefährtin, weil er nicht umhin konnte, ihre guten Eigenschaften und das Glück, welches er ihrer Liebe verdankt, anzuerkennen. Ein hartes, von Selbstsucht verknöchertes Herz bekommt da immer eine weiche Stelle, wenn es von einem andern liebenden Herzen auf ewig getrennt wird.

Als dieser erste Schmerz beruhigt war, fühlte der Marquis eine Anwandlung von der Freude eines Schülers, der sich auf einmal seines bisherigen Zwanges entledigt sieht. Sein Name, sein Rang, seine Geburt hätten den Bruch seines Verhältnisses zu Eva nothwendig machen können: es war ihm daher nicht ganz unlieb, daß ihn die Vorsehung dieser peinlichen Sorge überhoben hatte.

Aber diese Befriedigung war nur von kurzer Dauer. Die zärtliche Eva hatte den Marquis verwöhnt, er vermißte ihre treue, liebevolle Sorge, ihr stilles, rastloses Walten, ihre sanfte melodische Stimme; der Aufenthalt in der öden Dachstube wurde ihm unerträglich.

Der Marquis sehnte sich wieder nach seiner treuen Eva, und als er sich von seinen beiden kleinen Töchtern, die er nach Yorkshire in die Kost gab, trennen mußte, überließ er sich vom Neuen seinem Schmerz.

Er war nun von Allem getrennt was ihn an die Vergangenheit erinnerte. Er wurde traurig, des Lebens überdrüssig, und da sein religiöser Glaube nicht sehr fest war, so würde er aller Wahrscheinlichkeit nach in die Themse gesprungen seyn, wenn die Katastrophe von 1814 nicht eben zur rechten Zeit eingetreten wäre, um seine düsteren Gedanken zu vertreiben.

Als der Marquis von Souday in sein Vaterland zurückgekehrt war, wandte er sich natürlich an Ludwig XVIII., dessen Mildthätigkeit er in seiner Verbannung nie in Anspruch genommen hatte. Aber der König hatte einen dreifachen Vorwand, die von dem Marquis geleisteten Dienste unbelohnt zu lassen.

Erstens die unschickliche Weise, in welcher ihm ein vormaliger Page den Tod Charette’s gemeldet und dadurch seine Verdauung gestört hatte.

Zweitens seine unziemliche und von noch unziemlicheren Worten begleitete Abreise von Blankenburg.

Drittens sein anstößiges Leben während der Verbannung. Man zollte dem Muthe und der Hingebung des Marquis alles mögliche Lob, aber man gab ihm unter der Hand zu verstehen, daß er bei seinem anstößigen Vorleben auf ein öffentliches Amt nicht zählen dürfe. Der König, sagte man, sey nicht mehr unbeschränkter Gebieter; er habe die öffentliche Meinung zu berücksichtigen und sey berufen, nach einer so zügellosen, verderbten Zeit das Beispiel großer Sittenstrenge zu geben. Man gab dem Marquis zu bedenken, wie schön es von ihm seyn würde, seine früheren Verirrungen durch ein Leben voll Selbstverleugnung und strenger Pflichterfüllung zu führen. Kurz, er mußte sich mit dem Ludwigskreuz und dem Titel und Ruhegehalt eines Escadronschefs begnügen. Es blieb ihm nichts übrig, als mit diesem kärglichen, aus dem Schiffbruch geretteten Strandgut in sein Stammschloß zu ziehen.

Alle diese Enttäuschungen hielten den Marquis von Souday indeß nicht ab, im Jahre 1815 seine Pflicht zu thun: er verließ zum zweiten Male sein halbverfallenes Schloß, als Napoleon von der Insel Elba zurückkam.

Napoleon fiel zum zweiten Male, und wiederum befand sich der Marquis von Souday im Gefolge der heimkehrenden Bourbons.

Aber dieses Mal bewarb er sich nur um die unbesoldete Stelle eines Wolfsjägermeisters, und diese wurde ihm sogleich bewilligt.

Der Marquis, der in seiner Jugend keine Gelegenheit gehabt hatte, einer in seiner Familie erblichen nobeln Passion zu fröhnen, wurde nun ein leidenschaftlicher Jäger; denn in seiner ländlichen Einsamkeit fühlte er das Bedürfniß einer Zerstreuung, einer Anregung, die seine menschenfeindlichen Gedanken verscheuchte und jede Erinnerung an sein früheres Mißgeschick betäubte. Als Jägermeister hatte er das Recht, in den Staatswaldungen zu jagen, und dieser an sich unbedeutende Posten machte ihm mehr Freude, als sein Ludwigskreuz und seine Ernennung zum Escadronschef.

Der Marquis von Souday lebte bereits seit zwei Jahren in seinem kleinen Schlosse und jagte täglich mit seinen sechs Hunden, denn mehr zu halten, erlaubten ihm seine geringen Einkünfte nicht. Seine Nachbarn besuchte er nur so viel, als die Höflichkeit erforderte.

Eines Morgens, als er sich in den nördlichen Theil des Waldes von Machecoul begab, begegnete ihm eine Bäuerin, die auf jedem Arme ein drei- oder vierjähriges Kind trug.

Der Marquis von Souday erkannte die Bäuerin und erröthete.

Es war die Amme aus Yorkshire, welcher er seit drei Jahren das Kostgeld für die beiden Kinder nicht bezahlt hatte. Die brave Frau war nach London gekommen, hatte bei der französischen Gesandtschaft Erkundigungen eingezogen und in der Erwartung, dem Marquis eine große Freude zu bereiten, mit den beiden kleinen Mädchen die Reise angetreten.

Sie hatte sich in der That nicht geirrt. Die kleinen Mädchen erinnerten den Marquis so lebhaft an Eva, daß er sie mit aufrichtiger Rührung und Zärtlichkeit in seine Arme schloß, seine Doppelflinte der Engländerin zu tragen gab und zum größten Erstaunen seiner Köchin die liebliche Beute nach Hause brachte.

Das Verhör, welches er bei der Köchin zu bestehen hatte, war ihm höchst fatal. Der Marquis war erst neununddreißig Jahre alt und ging mit Heirathsgedanken um; denn er hielt es gewissermaßen für seine Pflicht, die alte berühmte Familie Souday nicht erlöschen zu lassen, und überdies hätte er die Sorge für das Hauswesen, die ihm höchst unangenehm war, gern auf eine Frau übertragen.

Die Ausführung dieses Planes wurde aber schwierig, wenn die Kinder unter seinem Dache blieben.

Er bezahlte die Engländerin reichlich und schickte sie am andern Morgen wieder fort.

In der Nacht hatte er einen Entschluß gefaßt, der ihm ein gutes Auskunftsmittel zu seyn schien.

III.
Die Zwillingsschwestern

Der Marquis dachte, als er sich Abends zur Ruhe begab: die Nacht bringt Rath.

Er träumte von den Kämpfen, die er in der Vendée mit Charette bestanden, insbesondere von dem braven Bauerssohn, der sein Adiutant gewesen war, sowie er selbst bei dem Obergeneral den Dienst eines Adjutanten versehen hatte.

Er träumte von Jean Oullier, an den er gar nicht mehr gedacht, den er seit dem Tage, wo er sich im Walde La Chabotière von ihm getrennt, nicht wiedergesehen hatte.

Wie ihm erinnerlich war, hatte Jean Oullier vor dem Vendéekriege im Dorfe La Chevrolière am See Grand-Lieu gewohnt.

Der Marquis von Souday schrieb einen Brief und schickte denselben durch einen reitenden Boten nach La Chevrolière, um zu erfahren, ob ein gewisser Jean Oullier noch in der Gegend wohne. Wenn er noch lebte und sich in der Nähe aufhielt, sollte ihm der Bote den Brief einhändigen, und ihn wo möglich mitbringen. Wenn er zu weit entfernt war, um ihn sogleich aufsuchen zu können, sollte er sich nach seinem Wohnort erkundigen.

Jean Oullier wohnte in La Chevrolière.

Seit seiner Trennung von dem Marquis hatte sich Folgendes zugetragen.

Er war in dem Gebüsch versteckt geblieben und hatte ungesehen beobachtet, was vorging. Er hatte gesehen, wie der General Travot den Oberbefehlshaber der Vendéer gefangen nahm und mit großer Höflichkeit und Schonung behandelte. Aber er mochte wohl noch mehr sehen wollen, denn er blieb noch, als Charette auf eine Tragbahre gelegt und fortgetragen worden war. Es war freilich ein Offizier mit zwölf Mann im Walde geblieben.

Eine Stunde nachdem sich dieser Posten aufgestellt hatte, war ein Vendéer Bauer zehn Schritte von Jean Oullier vorbeigekommen und hatte der blauen Schildwache auf deren Anruf mit dem Worte »Freund« geantwortet. Freilich eine sonderbare Antwort in dem Munde eines royalistischen Landmannes an einen republicanischen Soldaten.

Dann hatte der Bauer ein Losungswort genannt und die Schildwache hatte ihn durchgelassen. Darauf hatte er sich dem Offizier genähert, und dieser hatte ihm mit unbeschreiblichem Abscheu eine mit Gold gefüllte Börse übergeben.

Endlich war der Bauer verschwunden.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte sich der Posten dort aufgestellt, um den Bauer zu erwarten; denn kaum war dieser verschwunden, so hatten sich die Soldaten zusammengezogen und ebenfalls den Wald verlassen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte auch Jean Oullier gesehen, was er sehen wollte, denn er kroch aus dem Gebüsch hervor, richtete sich auf, riß die weiße Cocarde von seinem Hut und ging mit der Sorglosigkeit eines Parteigängers, der sein Leben seit drei Jahren täglich aufs Spiel gesetzt, weiter in den Wald.

Noch in derselben Nacht kam er nach La Chevrolière.

Er ging gerade aus die Stelle zu, wo er sein Haus zu finden glaubte; aber er fand nur Trümmer, vom Rauch geschwärzt.

Er setzte sich auf einen Stein und weinte; er hatte in seinen Hause ein Weib und zwei Kinder zurückgelassen.

Jean Oullier hörte Fußtritte und sah sich um.

Ein Bauer ging vorüber; Jean Oullier erkannte ihn trotz der Dunkelheit.

Er rief: »Tinguy!«

Der Bauer kam näher.

»Wer bist Du?« fragte er.

»Ich bin Jean Oullier,« antwortete der Chouan.

»Gott behüte Dich!« erwiderte Tinguy und wollte weiter gehen.

Jean Oullier hielt ihn zurück.

»Du mußt mir antworten,« sagte er.

»Bist Du ein Mann?«

»Ja.«

»Gut, dann frage, ich will Dir antworten.«

»Mein Vater?«

»Ist todt.«

»Meine Frau?«

»Todt.«

»Meine beiden Kinder?«

»Todt.«

»Ich danke,« sagte Oullier und fiel auf die Knie und betete.

Es war Zeit; er weinte nicht mehr und er war schon im Begriffe, seiner Wuth durch gotteslästerliche Reden Luft zu machen.

Er betete für die Todten. Endlich stand er auf und legte sich auf die geschwärzten Trümmer, um zu schlafen.

Am frühen Morgen legte er so ruhig und entschlossen Hand ans Werk, als ob sein Vater noch den Pflug gelenkt; sein Weib noch am Herde gesessen und seine Kinder noch vor der Thür gespielt hätten.

Ohne fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, baute er seine Hütte wieder auf.

Er lebte fortan als Tagelöhner, und wer ihm gerathen hätte, von den Bourbons den Lohn für das, was er mit Recht oder Unrecht für seine Pflicht hielt, zu fordern, würde das Ehrgefühl des armen Bauers verletzt haben.

Jean Oullier ließ natürlich nicht lange auf sich warten, als er einen Brief von dem Marquis erhielt, in welchem ihn dieser seinen alten Cameraden nannte und ihn aufforderte, sogleich zu ihm ins Schloß zu kommen.

Er verschloß seine Hausthür, steckte den Schlüssel in die Tasche und ging sogleich fort. Er lebte ja allein und hatte Niemand von seinem Fortgehen zu benachrichtigen.

Der Bote wollte ihm das Pferd überlassen oder wenigstens mit ihm theilen; aber Jean Oullier schüttelte den Kopf.

»Gott sey Dank,« sagte er, »meine Füße sind gut.«

Er legte eine Hand auf den Hals des Pferdes und setzte sich in kurzen Trab.

Abends war Jean Oullier im Schlosse Souday.

Der Marquis empfing ihn mit sichtbarer Freude; den ganzen Tag war er von dem Gedanken gemartert worden, Jean Oullier sey abwesend oder todt.

Er dachte dabei natürlich nur an sich selbst, denn wir kennen den Marquis von Souday bereits als einen Egoisten. Der Marquis erzählte dem treuen Freunde seine Lage und die Verlegenheiten, die für ihn daraus entstehen konnten.

Jean Oullier, dessen zwei Kinder gemordet worden waren, begriff nicht, wie sich ein Vater von seinen Kindern trennen konnte. Er nahm indeß den Antrag des Marquis, der ihm für die nächsten zwei oder oder drei Jahre seine beiden Kinder anvertrauen wollte, bereitwillig an. Später sollten die Mädchen in einer Kostschule die nöthige Ausbildung erhalten. Jean Oullier sollte in La Chevrolière oder in der Umgegend eine brave Frau aufsuchen, die bei den Kindern die Stelle der Mutter vertreten sollte, – so weit es nämlich möglich ist, bei Waisen die Mutter zu ersetzen.

Die Zwillingsschwestern waren so allerliebst so munter und freundlich, daß Jean Oullier sie sogleich liebgewann. Er meinte, sie erinnerten ihn mit ihren rosigen Gesichtchen und ihren langen Locken an die Engel, welche vormals, ehe sie zertrümmert worden, die heilige Jungfrau am Hauptaltare zu Grand-Lieu umschwebt hatten.

Es wurde also beschlossen, daß Jean Oullier die beiden Kinder am andern Morgen mitnehmen sollte.

Zum Unglück hatte es die ganze Zeit zwischen der Abreise der Amme und der Ankunft Oullier’s geregnet. Der Marquis, der sein Schloß nicht verlassen konnte, fing an sich zu langweilen, und zum Zeitvertreib hatte er mit den beiden Kindern gespielt. Wie Heinrich IV. hatte er die Kleinen auf seinen Rücken gesetzt und war auf allen Vieren im Zimmer herumgekrochen; ja, um die Sache noch unterhaltender zu machen, hatte er abwechselnd die Töne des Waldhorns und das Gebell einer Meute nachgeahmt.

Die Jagd zwischen vier Wänden hatte den Marquis von Souday ungeheuer amüsiert und die kleinen Mädchen hatten noch nie so viel gelacht.

Ueberdies hatten sie großen Gefallen gefunden an den Zärtlichkeiten, mit denen er sie überhäuft, vermuthlich um die Vorwürfe, die ihm sein Gewissen über die neue Trennung machte, zu beschwichtigen.

Die Zuneigung und Dankbarkeit der beiden Kinder schien seinen ganzen Plan zerstören zu wollen. Als nämlich der Wagen, der die Kleinen abholen sollte, vor der Schloßtreppe erschien, begannen sie jämmerlich zu schreien. Bertha stürzte auf ihren Vater zu und umklammerte seine Knie so fest, daß es der Marquis nicht über sich gewinnen konnte, ihre Händchen mit Gewalt loszumachen. Mary hatte sich auf eine Stufe gesetzt und weinte so bitterlich, daß Jean Oullier durch diesen stillen Schmerz noch tiefer gerührt wurde, als durch die stürmische Verzweiflung der andern Schwester.

Der Marquis von Souday bot seine ganze Beredsamkeit auf, den beiden Kindern einzureden, wenn sie in den Wagen stiegen, würden sie weit mehr Zuckerwerk und Vergnügen haben, als wenn sie bei ihm blieben; aber je mehr er sprach, desto trauriger schluchzte Mary, desto toller geberdete sich Bertha.

Der Marquis fing an, ungeduldig zu werden, und als er sah, daß die Ueberredung nichts half, war er schon im Begriff, Gewalt zu brauchen, aber zum Glück bemerkte er, daß zwei Thränen über die gebräunten Wangen Oullier’s rannen und sich in dem dichten Backenbart, der sein Gesicht umgab, verloren.

Diese Thränen waren zugleich eine Bitte für den Marquis, ein Vorwurf für den Vater.

Auf seinen Wink spannte Oullier das Pferd aus, und während Bertha, die den Wink verstanden hatte, vor Freude tanzte, sagte der Marquis dem Bauer ins Ohr:

»Du gehst morgen.«

Da das Wetter schön war, so wollte der Marquis die Anwesenheit Oullier’s benützen und mit ihm auf die Jagd gehen. Er führte ihn daher in sein Zimmer, um ihn auszurüsten.

Jean Oullier war erstaunt über die schreckliche Unordnung, die in dem Zimmer seines Herrn herrschte. Dieser benutzte die Gelegenheit, über seine Haustyrannin zu klagen, die zwar die Küche recht gut besorgte, aber das übrige Hauswesen schmählich vernachlässigte.

Der Marquis mußte länger als zehn Minuten suchen, ehe er eine Jacke fand, an der nicht alle Knöpfe fehlten, oder ein Beinkleid, welches sich nicht in einem unziemlichen Zustande der Auflösung befand. Endlich wurde die nöthige Ausrüstung aufgefunden.

Der Marquis war freilich Wolfsjägermeister, aber er war zu arm, einen Rüdenknecht zu halten; daher kehrte er gemeiniglich ohne Jagdbeute heim.

Mit Jean Oullier war es anders.

Der kräftige Bauer erstieg mit der Leichtigkeit eines Rehbocks die steilsten Anhöhen des Waldes; er sprang über die breitesten Gräben und blieb nie hinter den Hunden zurück, und schon auf der ersten Jagd wurde ein starker Keiler erlegt.

Der Marquis kam daher seelenvergnügt nach Hause und dankte Jean Oullier für den genußreichen Tag, den er ihm verdankte.

Bei Tische war er in der heitersten Laune und erfand neue Spiele, um die beiden Kinder zu unterhalten.

Als er sich Abends in sein Zimmer zurückzog, fand er Jean Oullier mit gekreuzten Beinen, nach Art der Türken oder Schneider, in einem Winkel sitzen. Ein großer Haufe Kleider lag vor ihm und in der Hand hielt er eine alte Sammtjacke, deren schadhafte Stellen er ausbesserte.

»Was zum Teufel machst Du da?« fragte ihn der Marquis.

»Wenn man seit mehr als zwanzig Jahren allein gelebt hat,« antwortete Jean Oullier, »so muß man von Allem etwas können; ein alter Soldat kommt auch nie in Verlegenheit.«

»Ich bin doch auch Soldat gewesen« entgegnete der Marquis.

»Nein, Sie waren Offizier; das ist ganz etwas Anderes.«

Der Marquis von Souday sah Jean Oullier mit Bewunderung an und ging zu Bett, ohne daß sich der alte Chouan in seiner Arbeit stören ließ.

Mitten in der Nacht erwachte der Marquis.

Jean Oullier arbeitete noch. Der Kleiderhaufe war nicht merklich kleiner geworden.

»Du wirst nicht zu Ende kommen, wenn Du auch die ganze Nacht arbeitest, armer Jean!« sagte der Marquis.

»Ach! ja, ich fürchte es auch.«

»Geh zu Bett, alter Camerad; Du sollst nicht fort, bis dieser Plunder etwas in Ordnung ist, und morgen gehen wir wieder auf die Jagd.«

IV.
Wie Jean Oullier, der auf eine Stunde zum Marquis gekommen war, noch bei ihm seyn würde, wenn Beide nicht seit zehn Jahren todt waren

Ehe der Marquis am andern Morgen auf die Jagd ging, fühlte er das Verlangen seine Kinder zu umarmen.

Er ging in ihr Zimmer und fand zu seinem Erstaunen den Allerweltsmann Jean Oullier, der ihm zuvorgekommen war und die beiden Kleinen mit bonnenhafter Geduld und Beharrlichkeit wusch und ankleidete. Der arme Mann, der sich dabei seiner verlorenen Kinder erinnerte, schien große Freude an diesem Geschäft zu finden.

Die Bewunderung des Marquis wurde fast zur Ehrfurcht.

Acht Tage wurde ohne Unterbrechung gejagt, und jeden Abend kehrten Herr und Diener mit reicher Beute heim.

Jean Oullier war abwechselnd Jäger und Hausverwalter. Abends arbeitete er fleißig an der Verjüngung der Toilette seines Herrn, und er fand noch Zeit, das Haus von oben bis unten zu säubern und aufzuräumen.

Der Marquis von Souday dachte mit Schrecken an die vielleicht unvermeidliche Trennung von einem so unbezahlbaren Diener. Er wußte in der That nicht, welche treffliche Eigenschaft des Vendéer er am meisten bewundern sollte. Jean Oullier schien in der That den feinen Geruch eines Schweißhundes zu haben, denn er wußte im bethauten Grase wie auf den steinigen Waldwegen, die für Andere nicht sichtbare Fährte des Ebers zu finden und sogar dessen Alter zu bestimmen. Er folgte den Hunden so gut zu Fuß wie ein berittener Jäger. Und wenn die ermüdeten Hunde zu Hause bleiben mußten, so führte er seinen Herrn in die Gehäge, wo viele Schnepfen und Birkhühner waren.

»Mit der Heirath lasse ichs gut seyn,« sagte der Marquis zuweilen nach langem Besinnen, wenn man ihn mit ganz andern Dingen beschäftigt glaubte, »was soll ich auch in dieser Galeere, in welcher ich die bravsten Männer mit Unwillen und Verdruß rudern gesehen? Ich bin ja nicht jung mehr, ich habe meine vierzig Jahre auf dem Rücken und hege keine Verführungsgedanken mehr; ich könnte daher mit meiner Jahresrente von dreitausend Francs, von der die Hälfte mit mir stirbt, höchstens eine alternde Witwe in Versuchung führen – und dann würde ich in meinen vier Wänden eine zänkische, zimperliche Marquise von Souday haben, die mir vielleicht die Jagd untersagen und das Hauswesen gewiß nicht besser besorgen würde als der brave Jean. – Aber soll man in unserer Zeit die altberühmten Geschlechter, die Stützen der Monarchie, erlöschen lassen? Wäre es nicht ein süßer Trost für mich, einen Sohn zu haben, der die Ehre und den Glanz meines Hauses wiederherstellte? Und was werden die Nachbarn, welche nie von einer Marquise von Souday gehört, von den beiden kleinen Mädchen denken?«

Diese Grübeleien, denen er sich gemeiniglich an Regentagen überließ, brachten ihn zuweilen in die peinlichste Verlegenheit, und er machte derselben ein Ende, ohne einen Entschluß zu fassen. Er ließ es vor der Hand beim Alten.

Im Jahre 1831, als Bertha und Mary ihr siebzehntes Jahr erreicht hatten, dauerte dieser provisorische Zustand noch fort. Der Marquis von Souday war noch nicht einmal fest entschlossen, seine Töchter bei sich zu behalten.

Jean Oullier der den Schlüssel zu seinem Hause an einen Nagel gehängt hatte, war seit vierzehn Jahren noch nicht ein einzigen Mal auf den Gedanken gekommen, seinen Hausschlüssel vom Nagel zu nehmen und wieder nach La Chevrolière zu gehen. Er hatte geduldig den Befehl seines Herrn abgewartet; und da das Schloß seit seiner Ankunft sauber und nett war, da der Marquis nicht ein einzigen Mal über Mangel an Knöpfen geklagt hatte; da seine Jagdstiefel immer gehörig geschmiert, die Gewehre in gutem Stande waren; da Jean Oullier sogar – was kaum glaublich – die böse Zunge der Köchin zum Schweigen gebracht hatte; da die Hunde jederzeit schmuck und blank, weder zu mager noch zu fett waren und viermal wöchentlich eine acht- bis zehnstündige Jagd aushalten konnten; da endlich die Erzählungen aus dem bereits in den Sagenkreis getretenen Kriege an Regentagen und in den langen Winterabenden ein Bedürfniß für den Marquis geworden waren: so hatte dieser die Trennung von Tag zu Tag, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr aufgeschoben.

Jean Oullier hatte seinerseits triftige Gründe, nicht auf eine Entscheidung zu dringen. Der brave Mann hatte, wie wir gesehen, die kleinen Zwillingsschwestern sogleich nach seiner Ankunft in Souday lieb gewonnen, und diese Zuneigung war mit der Zeit zur innigsten Zärtlichkeit, zur fanatischen Verehrung geworden. Anfangs war er nicht recht im Klaren gewesen, welchen Unterschied der Marquis zwischen den Zwillingsschwestern und den Kindern, die er in seiner Ehe zu bekommen hoffte, machen würde. In Niederpoitou gilt die Heirath für das einzige Mittel, ein Mädchen wieder zu ehren zu bringen. Dies war freilich nach dem Tode Eva’s nicht mehr möglich; aber Jean Oullier fand es natürlich, daß der Marquis seine Vaterschaft anerkenne; er würde sich daher nach zweimonatlichem Aufenthalte einem wiederholten Befehle zur Abreise auf das Entschiedenste widersetzt haben; aber zum Glücke für den treuen Diener konnte der Marquis keinen festen Entschluß fassen, so dass Jean Oullier die Anwesenheit der beiden kleinen Mädchen als ein ihnen zustehenden Recht, und als eine Pflicht für seinen Herrn betrachtete.

Bertha und Mary sind im achtzehnten Jahre. Das Geschlecht der Souday ist durch die Mischung mit dem kräftigen anglosächsischen Blute wunderbar aufgefrischt worden. Die beiden Mädchen sind zart und schlank, ihre Gesichtsbildung ist regelmäßig schön, ihr Anstand fein und edel. Sie sind einander ähnlich, wie alle Zwillinge, aber Bertha ist brünett wie ihr Vater, Mary hingegen blond wie ihre Mutter.

Leider hatte ihre hauptsächlich auf die physische Entwicklung gerichtete Erziehung die geistige Ausbildung vernachlässigt. Bei der Unschlüssigkeit und Sorglosigkeit des Vaters konnte es nicht wohl anders seyn.

Jean Oullier war der einzige Lehrer der beiden Mädchen gewesen, so wie er anfangs ihre einzige Wärterin gewesen war. Der brave Vendéer hatte sie Alles gelehrt, was er selbst wußte: lesen, schreiben, rechnen, andächtig beten. Frühzeitig kamen auch die gymnastischen Uebungen an die Reihe im Anfange dieser Erzählung sehen wir die beiden Schwestern als geschickte Schützen und gewandte Reiterinnen, sie können einen Vogel im Fluge, einen Rehbock im schnellsten Laufe erlegen; sie bändigen die wildesten Pferde mit einer Sicherheit, deren sich die Gauchos in den Prairien Amerika’s nicht zu schämen hätten.

Der Marquis von Souday hatte ruhig zugesehen, ohne daß es ihm eingefallen war, der Erziehung seiner Töchter eine andere Richtung zu geben. Er freute sich, tüchtige Jagdgenossinnen in ihnen zu finden, welche mit ihrer ehrerbietigen, kindlichen Zärtlichkeit eine amazonenartige Kühnheit verbanden, welche seinen Partien einen höheren Reiz gab.

Um gerecht zu seyn, dürfen wir nicht verschweigen, daß der Marquis nach bestem Wissen und Gewissen die in der Ausbildung seiner Töchter gelassenen Lücken aufzufüllen suchte. Als Bertha und Mary ihr vierzehntes Jahr erreicht hatten, als sie anfingen, ihren Vater in den Wald zu begleiten, verloren die Kinderspiele, welche sonst die Abende ausgefüllt hatten, ihren Reiz. Der Marquis gab den Mädchen nun Unterricht im Whistspiele.

Bertha und Mary hatten übrigens nicht unterlassen, zur Ausfüllung der Lücke in ihrer Erziehung durch Selbststudium beizutragen. Sie hatten ein Zimmer entdeckt, welches wahrscheinlich seit dreißig Jahren verschlossen gewesen war.

Dieses Zimmer war die Bibliothek welche etwa tausend Bände enthielt. Die beiden Schwestern wählten unter den Büchern nach ihrem Geschmacke. Die sanfte, empfindsame Mary gab den Romanen, die lebhaftere Bertha den Geschichtswerken den Vorzug. Dann theilten sie einander das Gelesene mit: Mary erzählte von Amadis, von Paul und Virginie; Bertha machte ihre Schwester mit Mézeray und Velly bekannt.

Durch diese planlose Lectüre bekamen die beiden Mädchen ziemlich falsche Begriffe von dem wirklichen Leben und von den Sitten und Ansprüchen einer Welt, die sie nie gesehen hatten, und kaum vom Hörensagen kannten.

Bei ihrer ersten Kommunion machte der Pfarrer von Machecoul, der ihnen wegen ihrer Frömmigkeit und Herzensreinheit sehr gut war, einige schüchterne Bemerkungen über das sonderbare Leben, welches sie führen mußten; aber seine freundlichen Vorstellungen scheiterten an der Gleichgültigkeit und Selbstsucht des Marquis von Souday.

Aus dieser Erziehung waren Gewohnheiten entstanden, welche die Zwillingsschwestern, deren Verhältnisse den Lästerzungen ohnedies überreichen Stoff boten, in sehr schlechten Ruf gebracht hatten.

Der Marquis von Souday war von neugebackenen Edelleuten umgeben, die ihn um seinen berühmten Namen beneideten und nach einer Gelegenheit haschten, ihm die Verachtung, mit welcher seine Ahnen wahrscheinlich ihre Großväter behandelt hatten, mit reichen Zinsen zurückzugeben. Als er daher die Sprößlinge einer wilden Ehe in seinem Hause behielt und seine Töchter nannte, fing man an über sein Leben in London die schrecklichsten Dinge auszuposaunen; man übertrieb seine Fehler; man machte aus der armen Eva, die durch ein Wunder der Vorsehung so rein erhalten worden, eine Gassendirne, und bald zogen sich die Krautjunker zu Beauvoir, St. Léger, Bourgneuf, St. Philibert und Grand-Lieu von dem Marquis zurück; man glaubte den neuen Adel nicht sorgfältig genug gegen jede von den Lästerzungen verschriene Berührung schützen zu können. Anfangs hatten vorzugsweise die alten Weiber männlichen Geschlechts über die Sündhaftigkeit des Marquis Ach und Weh geschrien; in der Folge aber wurden alle Mütter und Töchter in einem Umkreise von zehn Meilen über die Schönheit der Zwillingsschwestern so wüthend, daß die Sache bedenklich zu werden drohte.

Wären Bertha und Mary häßlich gewesen, so würden die frommen Damen und Fräulein in christlichem Mitleide dem armen Erbherrn von und zu Souday vielleicht seine unanständige Vaterschaft verziehen haben; aber war es nicht empörend, daß die beiden Mädchen durch Schönheit und edlen Anstand die wohlgeborensten Fräulein der Umgebung in den Schatten stellten?

Solche Unverschämtheit verdient weder Schonung noch Mitleid.

Die Entrüstung gegen die beiden armen Mädchen war so allgemein, daß sie selbst wenn sie der Lästersucht keinen Stoff geboten hätten, vor den bösen Zungen nicht sicher gewesen wären; man denke sich daher, wie die amazonenartige excentrischen Gewohnheiten der beiden Schwestern ausgebeutet wurden.

Es erhob sich bald ein allgemeines Zetergeschrei, welches sich von dem Departement der Nieder-Loire über die Departements der Vendée und Maine und Loire verbreitete. Hätte das Meer die Küste der Niederloire nicht begrenzt, dieses Zetergeschrei würde sich gewiß eben so weit nach Westen wie nach Süden und Osten verbreitet haben. Bürger und Edelleute, Städter und Bauern stimmten in dasselbe ein. Junge Männer, welche Mary und Bertha kaum gesehen hatten, sprachen von den Töchtern des Marquis von Souday mit selbstgefälligem Lächeln, welches voll von Hoffnungen, vielleicht gar voll von Erinnerungen zu seyn schien. Die alten Damen schlugen ein Kreuz, wenn von ihnen gesprochen wurde.

Die Gouvernanten drohten mit ihnen den kleinen Kindern, wenn sie nicht artig seyn wollten.

Die Nachsichtigsten dichteten den Zwillingsschwestern die drei Hauptpassionen der Hubertusjünger an: Liebe Spiel, Wein. Andere hingegen versicherten alles Ernstes, das kleine Schloß Souday sey jeden Abend der Schauplatz wüster Gelage. Kurz, Bertha und Mary wurden so verlästert, daß sie ungeachtet ihrer Harmlosigkeit und Sittenreinheit ein Gegenstand des Abscheues für die ganze Umgegend wurden.

Durch die Dienerschaft auf den Landgütern, durch die Arbeiter, welche mit den Bürgersleuten in Berührung kamen, selbst durch die Leute, denen sie Gutes thaten, theilte sich dieser Haß dem niederen Volke mit, so daß mit Ausnahme einiger Kranken und Nothleidenden, welche von den beiden Schwestern unmittelbar unterstützt wurden, die ganze Bevölkerung in Blousen und Holzschuhen das Echo der von den Honoratioren erfundenen abgeschmackten Geschichten war, und kein Holzhauer in Machecoul, kein Landmann in Philibert oder Aigrefeuille würde vor den beiden Schwestern den Hut abgenommen haben.

Die Bauern hatten, ihnen einen Spottnamen gegeben, der bald in den höheren Regionen verbreitet wurde, weil er die gemeinen Gelüste, welche man dem Schwesterpaare zur Last legte, ganz treffend bezeichnete.

Man nannte sie die Wölfinnen von Machecoul.

V.
Eine Wolfsjagd

Der Marquis von Souday blieb ganz gleichgültig bei diesen Aeußerungen des allgemeinen Tadels, ja er schien nicht einmal eine Ahnung davon zu haben. Als er bemerkte, daß man die seltenen Besuche, die er seinen Nachbarn machen zu müssen glaubte, nicht erwiderte, rieb er sich erfreut die Hände, denn er glaubte von einem schweren Frohndienst befreit zu seyn.

Von Zeit zu Zeit kam ihm wohl von den Verleumdungen, die über Bertha und Mary im Umlauf waren, etwas zu Ohren, aber er war so glücklich zwischen seinem Factotum, seinen Töchtern und seinen Hunden, daß er dieses alberne Geschwätz ganz unbeachtet ließ, um seine Ruhe nicht zu stören. Er hegte nach wie vor Hasen und Füchse, erlegte zuweilen einen Keiler und spielte Abends Whist mit den armen verleumdeten Mädchen.

Jean Oullier besaß keineswegs den philosophischen Gleichmuth seines Herrn; er hatte auch weit mehr Gelegenheit, von den verleumderischen Gerüchten zu erfahren.

Seine zärtliche Zuneigung zu den Kindern war nach und nach zur schwärmerischen Verehrung geworden: er konnte sich nicht satt an ihnen sehen, gleichviel ob sie gemüthlich plaudernd im Salon saßen oder im langen Reitkleide mit rundem Federhut und flatternden Locken an seiner Seite galoppirten. Dann dachte er mit Freude und Stolz, daß er zur Entwickelung dieser vollendet schönen und zugleich so herzensguten Mädchen das Seine beigetragen, und er wunderte sich, daß sich das Weltall nicht vor ihnen beugte.

Die Ersten, welche von den in der Umgegend verbreiteten Gerüchten sprachen, wurden von ihm so derb zurückgewiesen, daß den Andern die Lust dazu verging. Aber Jean Oullier errieth schon aus Blicken, Mienen, Winken, was von seinen Lieblingen gedacht wurde. Er war sehr betrübt über die Verachtung, mit der sich Reiche und Arme über die beiden Schwestern äußerten, und wenn er den Regungen seines Gefühls gefolgt wäre, so würde er jede beleidigende Aeußerung, ja selbst jedes respectwidrige Naserümpfen auf der Stelle mit seiner gewichtigen Faust bestraft haben; aber sein gesunder Verstand sagte ihm, daß Bertha und Mary durch andere Mittel in Schutz genommen und gerechtfertigt werden müßten. Ueberdies fürchtete er, und dies war seine größte Besorgniß, daß die beiden Schwestern in Folge eines solchen öffentlichen Exempels, welches er so gern statuirt hätte, von dem Gerede Kenntniß bekommen könnten.

Der arme Jean Oullier ertrug daher mit Geduld, wenn auch nicht ohne Kummer und Thränen, die boshaften Verleumdungen, welche über seine Lieblinge verbreitet wurden. Er wurde dadurch ein Menschenfeind, und er hatte wohl Ursache, die Menschen zu hassen, denn er mußte ja in allen Nachbarn die Feinde, die Verfolger der beiden Schwestern erblicken.

Die Revolution von 1830 hatte ihm nicht die gewünschte Gelegenheit geboten, seine Rachepläne in Ausführung zu bringen. Aber er wartete auf eine günstigere Gelegenheit: die »Emeute«, welche noch täglich in den Straßen von Paris auszubrechen drohte, konnte sich ja leicht über die Provinzen verbreiten.

An einem schönen Septembermorgen jagte der Marquis von Souday mit seinen Töchtern, Jean Oullier und seiner Meute im Walde von Machecoul. Es war ein längst ersehnter Tag, von welchem sich der Marquis einen wahren Hochgenuß versprach.

Man wollte nämlich junge Wölfe fangen, deren Lager Jean Oullier entdeckt hatte, als sie noch blind waren, und die er seitdem mit der Zärtlichkeit eines echten Wolfsjägers gehegt und gepflegt hatte. Wenn es nämlich keine Wölfe mehr gab, so wurde auch das Amt eines Wolfsjägermeisters überflüssig; es ist daher Jean Oullier, als dem Faktotum des Letzteren, wohl zu verzeihen, daß er gegen die jungen Wölfe und ihre Mutter nicht so strenge verfuhr, wie gegen einen Wolf männlichen Geschlechts.

Dazu kommt, daß ein alter Wolf sowohl auf der Hetze als auf der Treibjagd schwer zu erlegen, die Jagd auf einen jungen Wolf von fünf bis sieben Monaten angenehm und unterhaltend ist.

Um seinem Herrn daher dieses schöne Vergnügen zu bereiten, hatte sich Jean Oullier wohl gehütet, die Wölfin mit ihren Jungen zu beunruhigen oder zu verscheuchen. Auf einige Schafe, welche die Alte auf jeden Fall den benachbarten Bauern rauben würde, kam es ihm dabei nicht an; er hatte den kleinen Wölfen von Zeit zu Zeit einen freundschaftlichen Besuch abgestattet, um sich zu überzeugen, ob auch Niemand eine respectwidrige Hand an sie lege. Und mit wahrer Freude hatte er endlich bemerkt, daß die verständige Mutter sie zum ersten Male spaziren geführt.

Als sie endlich »jagdbar« geworden waren, hatte er sie in einem Gehäge aufgespürt und die sechs Hunde des Marquis auf einen von ihnen losgelassen.

Der junge Wolf, der nicht wußte, was das Hundegebell und das Blasen des Waldhorns bedeutete, verließ seine Mutter und seine Brüder und lief in ein anderes Gehölz, wo er sich wie ein Hase hetzen ließ. Endlich setzte er sich ermattet nieder und wartete.

Er sollte bald erfahren was man von ihm wollte; denn Domino, einer der Hunde des Marquis, faßte ihn und brach ihm das Genick.

Jean Oullier rief seine Hunde wieder zusammen und zehn Minuten nachher ward der Bruder des Verendeten aufgejagt.

Dieser lief nicht so weit; die Hunde wurden bald durch die übrigen jungen Wölfe, bald durch die alte Wölfin irregeleitet, aber Jean Oullier führte sie immer wieder auf die rechte Fährte. Endlich kehrte der von allen Seiten bedrängte junge Wolf um, verließ das Gehölz und kam dem Marquis und seinen Töchtern in den Wurf. In seiner Angst versuchte er zwischen den Füßen der Pferde hindurch zu schlüpfen, aber der Marquis bückte sich rasch, faßte ihn beim Schweif und warf ihn den nacheilenden Hunden zu.

Der Marquis, durch diesen doppelten Fang in die heiterste Laune versetzt, wollte es dabei nicht bewenden lassen. Während er sich mit Jean Oullier berieth, lief die Wölfin, welche wohl merken mochte, daß es auf ihre noch übrigen Sprößlinge abgesehen war, zehn Schritte von den Hunden über den Weg. Die noch nicht wieder zusammengekoppelte kleine Meute eilte ihr heulend nach.

Alles Rufen und Schreien und Peitschengeknall blieb fruchtlos, die Hunde ließen sich nicht zurückhalten.

Jean Oullier lief ihnen nach. Der Marquis und seine Töchter setzten ihre Pferde in Galopp, um die Meute einzuholen.

Aber die Hunde verfolgten keinen furchtsamen, unentschlossenen, jungen Wolf mehr, sondern ein kühnes, kräftiges, gewandtes Thier, welches unbekümmert um Schluchten und Felsen und Bäche ohne Furcht und allzu große Hast immer geradeaus lief. Von Zeit zu Zeit wurde die Wölfin von der kleinen Meute erreicht, aber sie trabte unbekümmert zwischen den Hunden fort, welche sie durch ihre grimmigen Blicke, hauptsächlich aber durch das Klappern ihres furchtbaren Gebisses im Schach hielt.

Jean Oullier war immer drei- bis vierhundert Schritte hinter seinen Hunden. Der Marquis und seine Töchter hingegen mußten oft einen Umweg machen und blieben zurück.

Als sie den Saum des Waldes erreicht hatten, bemerkten sie in der Ferne zwischen Machecoul und La Billardière die Hunde mit der Wölfin und hinter ihnen den unermüdlichen Jean Oullier. Das verfolgte Thier lief noch immer in gerader Richtung fort.

»Zehn Tage von meinem Leben würde ich geben,« sagte der Marquis in seinem Eifer, »wenn ich jetzt drüben wäre und der Wölfin eine Kugel durch den Leib jagen könnte.«

Die beiden Mädchen machten einige Gegenvorstellungen, waren indeß bereit, ihrem Vater zu folgen.

»Also vorwärts,« sagte der Marquis und gab seinem Pferde die Sporen.

Der Weg, aus welchem der Marquis fortsprengte, war steinig und von tiefen Geleisen und Rinnen durchschnitten. Die Pferde, welche keinen festen Fuß fassen konnten, stolperten oft und würden gestürzt seyn, wenn sie nicht von geschickten Händen gehalten worden wären. Auf Nebenwegen war indes; der »Heidewald«, auf welchen die Wölfin mit der Meute zueilte, nicht zeitig genug zu erreichen.

Der Marquis, der ein kräftigeres Pferd ritt als seine Töchter war einige hundert Schritte voraus. Er bemerkte ein offenes Feld, und ohne seinen Töchtern einen Wink zu geben, verließ er die Straße und ritt querfeldein.

Bertha und Mary, die ihrem Vater immer zu folgen glaubten, ritten auf dem holperigen Wege fort.

Als sie wohl seit einer Viertelstunde von ihrem Vater getrennt waren, kamen sie in einen tiefen Hohlweg, dessen Seiten mit Hecken besetzt waren. Sie hielten hier plötzlich an, denn sie glaubten das Bellen ihrer Hunde in geringer Entfernung zu hören.

Gleich darauf fiel ein Schuß; ein Hase mit blutrothen, zerschossenen Ohren huschte aus der Ecke in den Hohlweg, und oben auf dem Felde trieb eine laute Stimme die Hunde zum Verfolgen des Hasen an.

Die beiden Schwestern, welche in die Jagd eines Nachbars gerathen zu seyn glaubten, wollten sich schnell entfernen; da sahen sie an der Stelle, wo der Hase hindurchgeschlüpft war, den wohlbekannten Rustaud, einen von ihres Vaters Hunden, und gleich darauf Faraud, dann Bellande, dann Domino, endlich Fanfare aus der Hecke hervorstürzen. Die Rüden verfolgten den angeschossenen Hasen so eifrig, als ob sie an diesem Tage kein edleres Wild gewittert hätten.

Aber kaum war der sechste Hund aus der schmalen Heckenöffnung hervorgekommen, so schaute ein Menschenantlitz aus derselben hervor.

Es war ein jugendliches Gesicht, bleich und verstört, mit verworrenem Haar und wild starrenden Blicken. Der junge Mann gab sich alle Mühe, durch die enge Oeffnung der Hecke hindurchzuschlüpfen, und während er sich durch das Gestrüpp arbeitete, rief er den Hunden unaufhörlich nach. Bertha und Mary erkannten die Stimme, welche sie fünf Minuten zuvor unmittelbar nach dem Schusse gehört hatten.

VI.
Der angeschossene Hase

Aber die Hecken in Niederpoitou wie in der Bretagne bestehen gemeiniglich aus jungen Eichen, welche gebogen und in einander geflochten werden. Wenn daher ein Hase und sechs Hunde durch eine Oeffnung geschlüpft sind, so folgt daraus noch nicht, daß die Oeffnung ein bequemer Durchgang für Menschenkinder seyn müsse. Der junge Mann steckte mit dem Halse in dem Loche fest, und vergebens bot er alle seine Kräfte auf, um sich durchzudrängen, vergebens ritzte er sich Hände und Gesicht blutig, er kam keinen Zoll vorwärts.

Der junge eifrige Jäger verlor indeß den Muth nicht, er arbeitete mit verzweifelter Anstrengung, um die Lücke zu erweitern. Da hörte er auf einmal ein lautes Gelächter.

Er sah sich um und bemerkte die beiden reizenden Amazonen, welche, auf den Hals ihrer Pferde gebeugt, ihrer Heiterkeit freien Lauf ließen.

Ganz beschämt über die lächerliche Figur, die er den beiden schönen Mädchen gegenüber spielte, wollte der junge Jäger den Kopf zurückziehen; aber die fatale Hecke ließ ihn nicht los, die Dornen hielten Kleider und Waidtasche fest, er konnte nicht zurück, er saß in der Hecke fest, wie in einer Falle. Das Gelächter der beiden Zuschauerinnen wurde immer lauter und ausgelassener.

Der arme Gefangene, der seine Anstrengungen verdoppelte, machte dabei ein so verzweifeltes Gesicht, daß Mary Mitleid mit ihm bekam.

»Still, Bertha!« sagte sie zu ihrer Schwester, »Du siehst ja, daß wir ihm durch unsere Schadenfreude weh thun.«

»Es ist wahr,« antwortete Bertha, »aber wer könnte dabei wohl ernsthaft bleiben!«

Sie sprang, immerfort lachend, vom Pferde, und eilte dem Gefangenen zu Hilfe.

»Mein Herr,« sagte sie zu ihm, »ich glaube, daß Ihnen einige Hilfe nicht unnütz seyn würde. Wollen Sie meinen und meiner Schwester Beistand annehmen?«

Die Eigenliebe des unglücklichen Jägers war durch das Gelächter der beiden Mädchen noch empfindlicher verletzt worden, als durch die Dornen, welche ihm die Haut blutig geritzt, hatten; er vergaß daher über der höflichen Anrede keineswegs die lächerliche Rolle, zu der er sich verurtheilt sah.

Er gab keine Antwort, er wollte sich selbst ohne fremde Hilfe aus der Klemme ziehen. Er machte noch einen verzweifelten Versuch, sich vorwärts zu drängen; aber zum Unglücke stieß er mit der Stirne gegen den schräg abgehauenen Stumpf eines Astes. Die scharfe Kante des harten Holzes drang wie ein Messer in die Stirnhaut; der Verwundete schrie laut auf, und sogleich strömte ihm das Blut über das Gesicht.

Die beiden Schwestern erschraken über diesen Unfall, dessen unfreiwillige Ursache sie waren, eilten auf den Verwundeten zu, faßten ihn bei den Schultern, bogen einige Zweige zurück, zogen ihn aus der Ecke hervor und setzten ihn auf die Böschung des Hohlweges.

Mary, welche die starkblutende Wunde für gefährlicher hielt, als sie wirklich war, zitterte vor Schrecken; Bertha hingegen verlor keinen Augenblick die Besonnenheit.

»Laufe hinunter an den Bach,« sagte sie zu ihrer Schwester, »und tauche dein Sacktuch ein, damit wir dem Verwundeten das Blut abwischen.«

Während Mary sich entfernte, wandte sie sich wieder zu dem jungen Jäger und fragte:

»Haben Sie viele Schmerzen?«

»Ich weiß in der That nicht, mein Fräulein,« erwiderte er, »ob mir der Kopf innen oder außen weh thut. Ich habe in diesem Augenblicke gar viel zu denken – O, mein Gott! warum habe ich den Rath meiner Mutter nicht befolgt!«

Der verwundete Jäger war erst zwanzig Jahre alt, aber diese letzten Worte klangen doch gar zu sonderbar in dem Munde des hübschen, kräftigen, jungen Mannes. Die beiden Mädchen fanden das große, stattliche Muttersöhnchen so unwiderstehlich komisch, daß sie wieder in ein lautes Gelächter ausbrachen.

Der arme junge Nimrod sah die beiden Schwestern bittend an, und zwei Thränen quollen aus seinen Augen. Zugleich aber riß er das nasse Schnupftuch, welches Mary ihm auf die Stirn gelegt hatte, mit einer hastigen, ungeduldigen Geberde ab.

»Was machen Sie da,« fragte Bertha.

»Lassen Sie mich!« erwiderte er anmuthig, »Sie wollen sich für Ihre Bemühung durch Spöttereien bezahlt machen. Jetzt bereue ich, daß ich nicht, wie ich anfangs wollte, die Flucht genommen habe – selbst auf die Gefahr hin, mich noch schwerer zu verletzen.«

»Aber da Sie einmal so vernünftig waren, es nicht zu thun,« entgegnete Mary, »so seyen Sie jetzt wieder vernünftig und lassen Sie diese Binde wieder auf Ihre Stirne legen.«

Sie hob das Schnupftuch auf und näherte sich mit so unverkennbarer Theilnahme, daß der Verwundete keinen Widerstand mehr leistete.

»Thun Sie was Sie wollen,« antwortete er.

»Mein lieber Herr,« sagte Bertha, die ihn unterdessen beobachtet hatte, »für einen Jäger sind Sie ein bisschen zu empfindlich.«

»Ich bin kein Jäger, mein Fräulein, und seit diesem Anfalle bin ich weniger als je geneigt, es zu werden.«

»Ich bitte um Entschuldigung,« versetzte Bertha mit demselben spöttischen Tone, der den jungen Mann schon vorhin verletzt hatte, »aus dem Eifer mit welchem Sie den Hasen verfolgten und unsere Hunde antrieben, glaubte ich schließen zu dürfen, daß Sie ein Jäger sind – oder wenigstens werden wollen.«

»O nein, mein Fräuleins ich folgte nur einer leidenschaftlichen Aufwallung, die mir jetzt unbegreiflich ist. Jetzt sehe ich ein, daß meine Mutter vollkommen Recht hatte, das Vergnügen an der Qual und dem Tode eines wehrlosen Thieres lächerlich und barbarisch zu nennen.«

»Nehmen Sie sich in Acht, mein lieber Herr,« sagte Bertha, »wir sind so lächerlich und barbarisch, an diesem Vergnügen Gefallen zu finden, und könnten leicht in Versuchung kommen, zwischen Ihnen und dem Fuchs in der Fabel einige Aehnlichkeit zu finden.«

Mary, die ihr Schnupftuch zum zweiten Male in den Bach getaucht hatte, wollte es wieder um die Stirne des Verwundeten knüpfen.

Aber er wollte es nicht leiden.

»Um des Himmels willen, mein Fräulein,« sagte er, »verschonen Sie mich mit Ihrer Pflege! Sie sehen ja, daß Ihre Schwester sich immer noch über mich lustig macht.«

»O, ich bitte Sie!« sagte Mary mit ihrer sanften, einschmeichelnden Stimme.

Aber er ließ sich nicht bereden; er richtete sich auf, um sich zu entfernen.

Dieser fast kindische Eigensinn reizte die lebhafte Bertha, und ihre Ungeduld, die allerdings aus wirklicher Theilnahme entsprang, äußerte sich doch in einer für ihr Geschlecht etwas zu stürmischen Weise.

»Morbleu!« sagte sie, wie ihr Vater bei derlei Gelegenheiten zu sagen pflegte. »Der kleine Starrkopf will also keine Vernunft annehmen! Verbinde Du ihn, Mary; ich will ihm die Hände halten – und ich will ihm nicht rathen, sich zu rühren!«

Bertha faßte die Handgelenke des Verwundeten mit einer Kraft, welche sein Sträuben fruchtlos machte. Mary konnte ihm nun ungehindert das Schnupftuch um den Kopf binden.

Als diese mit einer Geschicklichkeit, welche einem Schüler Dupuytren’s oder Joberts Ehre gemacht haben würde, den Verband gehörig angelegt hatte, sagte Bertha zu dem Verwundeten: »Jetzt sind Sie so ziemlich im Stande, sich nach Hause zu begeben. Sie können also Ihrem ersten Gefühle folgen und uns den Rücken kehren, ohne sich zu bedanken. Sie sind frei.«

Aber trotz der erhaltenen Erlaubniß blieb er ruhig sitzen. Er schien sehr erstaunt und tief beschämt, daß er von der Laune und Willkür der beiden Amazonen abhing; seine Blicke wandten sich von Bertha zu Mary und von Mary zu Bertha, ohne daß er eine Antwort finden konnte.

Endlich fand er kein anderes Mittel, seiner Verlegenheit zu entgehen, als sich das Gesicht mit beiden Händen zu bedecken.

»Mein Gott!« sagte Mary besorgt, ist Ihnen nicht wohl?«

Er antwortete nicht.

Bertha zog ihm mit sanfter Gewalt die Hände vom Gesicht, und als sie sah, daß er weinte, wurde sie eben so sanft und theilnehmend wie ihre Schwester.

»Sie sind also gefährlicher verwundet, als wir glaubten?« fragte Bertha. »Haben Sie so heftige Schmerzen, daß Sie weinen? Wenn das ist, so setzen Sie sich auf mein Pferd oder auf das Pferd meiner Schwester; wir wollen Sie nach Hause begleiten.

Aber der junge Mann schüttelte den Kopf.

»Lassen Sie den kindischen Eigensinn,« setzte Bertha hinzu, »wir haben Sie beleidigt, aber konnten wir ahnen, daß wir unter Ihrem Jagdanzuge eine zarte Mädchenhaut finden würden? Kurz und gut, wir sehen ein, daß wir Unrecht haben und bitten Sie um Verzeihung. Vielleicht vermissen Sie einige von der Etikette vorgeschriebene Formen; aber Sie müssen die Umstände berücksichtigen, und überdies ist ja Aufrichtigkeit Alles, was man von zwei Mädchen erwarten darf, die unglücklicher Weise an der Ihrer Frau Mutter so mißfälligen lächerlichen Zerstreuung Geschmack finden. Zürnen Sie uns noch?«

»Nein, mein Fräulein,« antwortete der junge Mann, »ich bin nur gegen mich selbst aufgebracht.«

»Warum denn?«

»Ich kann es wirklich nicht sagen. Vielleicht schäme ich mich, daß ich schwächer gewesen bin als Sie; vielleicht quält mich auch der Gedanke, was ich meiner Mutter sagen, wie ich ihr diese Wunde erklären soll.«

Die beiden Mädchen sahen einander an: sie wären wegen einer solchen Kleinigkeit nicht in Verlegenheit gekommen. Aber dieses Mal lachten sie nicht, wie große Lust sie auch dazu hatten.

»Nun, wenn Sie uns nicht zürnen,« sagte Bertha, »so geben Sie uns die Hand; wir wollen als gute Freunde scheiden.«

Sie reichte dem Verwundeten mit Freimuth und Herzlichkeit die Hand.

Als er die dargebotene schöne Hand fassen wollte, hob Mary einen Finger, um die Aufmerksamkeit der beiden Andern zu erregen.

»Still!« sagte Bertha und lauschte eben so aufmerksam wie ihre Schwester.

Man hörte in der Ferne, aber schnell näher kommend, heftiges, anhaltendes Hundegebell.

Es war die Meute des Marquis von Souday, welche nicht dieselben Gründe hatte, wie die beiden Mädchen, in dem Hohlwege zu bleiben, dem Hasen nachgelaufen war und denselben nun zurückjagte.

Bertha ergriff rasch die Doppelflinte des Verwundeten, deren rechter Lauf noch nicht wieder geladen war.

Er machte eine abwehrende Geberde, als ob er eine Unbesonnenheit verhüten wollte. Das lächelnde Gesicht der schönen Amazone beruhigte ihn.

Sie stieß rasch den Ladestock in den geladenen Lauf, wie ein vorsichtiger Jäger, der sich eines Gewehres bedienen will, das er nicht selbst geladen hat. Als sie sich überzeugt hatte, daß Alles in der Ordnung war, trat sie einige Schritte vor.

Gleich darauf kam der Hase auf der andern Seite aus der Hecke, wahrscheinlich in der Absicht, dem Hohlwege zu folgen; aber als er die drei Personen bemerkte, kehrte er schnell um.

Allein wie schnell auch diese Bewegung war, so hatte Bertha doch Zeit zu zielen. Sie schoß und der Hase rollte die Böschung herab.

Unterdessen hatte Mary den Platz ihrer Schwester eingenommen und dem Verwundeten die Hand gereicht.

Beide hielten einander eine Weile bei der Hand, schauend und lauschend, was vorgehen werde.

Bertha hob den Hasen auf und kam wieder zu dem Unbekannten, der Mary’s Hand noch festhielt.

»Hier, mein lieber Herr,« sagte sie, »ist Ihre Entschuldigung.«

»Wieso?« fragte er.

»Sie können erzählen, der Hase sey zwischen Ihren Füßen aufgesprungen und Ihr Gewehr sey wider Ihren Willen losgegangen. Dann thun Sie Ihrer Frau Mutter Abbitte und versprechen ihr – wie Sie es uns soeben versprochen, – daß Sie es nicht wieder thun wollen. Der Hase wird mildernde Umstände geltend machen.«

Der Unbekannte schüttelte traurig den Kopf.

»Nein,« sagte er, »ich werde meiner Mutter nie gestehen, daß ich ihr ungehorsam gewesen bin.«

»Hat sie Ihnen denn unbedingt verboten, auf die Jagd zu gehen?«

»Ja, ganz unbedingt.«

»Dann sind Sie ja ein Wilddieb,« erwiderte Bertha, »Sie werden wenigstens gestehen, daß Sie einen Beruf haben —«

»Spotten Sie nicht, mein Fräulein. Sie sind so gut gegen mich gewesen, daß ich Ihnen nicht mehr zürnen kann. Sie würden mir also doppelten Kummer machen.«

»Dann haben Sie nur zwischen zwei Mitteln zu wählen,« sagte Mary. »Lügen wollen Sie nicht und wir wollen es Ihnen auch nicht rathen: gestehen Sie also ganz aufrichtig die Wahrheit. Glauben Sie mir, Ihre Offenheit ist das beste Mittel, Ihre Frau Mutter zu beschwichtigen, wie sie auch über das verpönte Vergnügen denken mag, – und im Grunde ist es ja kein so großes Vergehen, einen Hasen zu schießen!«

»Ist denn Ihre Frau Mutter so unerbittlich strenge?« setzte Bertha hinzu.

»Nein, mein Fräulein, sie ist herzensgut und kommt allen meinen Wünschen zuvor, befriedigt alle meine Launen; aber sie will durchaus nicht zugeben, daß ich ein Gewehr anrühre – und es ist ganz begreiflich,« setzte er mit einem Seufzer hinzu: »mein Vater hat auf der Jagd den Tod gefunden.«

Die beiden Mädchen erschraken.

»Wenn das ist,« erwiderte Bertha sehr ernst, »so waren unsere Scherze um so unzeitiger und unser Bedauern ist um so aufrichtiger. Ich hoffe, Sie werden die Scherze vergessen und sich nur des Bedauerns erinnern.«

»Ich werde mich nur der freundlichen Hilfe erinnern, die Sie mir geleistet, meine Damen, und ich hoffe, daß Sie meine übertriebene Empfindlichkeit vergessen werden.«

»O nein, wir werden daran denken,« erwiderte Mary, »um Anderen nicht die Gelegenheit zur Klage zu geben, die wir Ihnen gegeben.«

Während Mary antwortete, war Bertha zu Pferde gestiegen.

Der Unbekannte reichte der Ersteren noch einmal die Hand. Mary berührte sie mit den Fingerspitzen und schwang sich ebenfalls in den Sattel.

Nachdem die Hunde auf Bertha’s wohlbekannte Stimme herbeigeeilt waren, trieben die beiden Schwestern ihre Pferde an und entfernten sich im Galopp.

Der Verwundete schaute ihnen eine Weile nach, bis sie hinter einer Biegung des Hohlweges verschwanden.

Dann starrte er in tiefen Gedanken noch lange vor sich hin.

Wir müssen vorläufig bei ihm bleiben, um seine nähere Bekanntschaft zu machen.

VII.
Monsieur Michel

Der junge Mann glaubte aus einem Traume zu erwachen, als die beiden Mädchen verschwunden waren.

Er befand sich in jener Lebensepoche, wo selbst die, welche später einst, praktische Menschen zu werden berufen sind, der Romantik ihren Tribut bezahlen. Dieses Zusammentreffen mit zwei Mädchen, die von allen ihm bisher bekannten so verschieden waren, versetzte ihn in eine phantastische Welt, in welcher seine Phantasie freien Spielraum hatte, um Feenschlösser zu bauen, welche auf beiden Seiten des Weges zusammenstürzen, wenn wir im Leben weiter vorrücken.

Wir wollen damit nicht sagen, daß er eine der beiden Amazonen liebte, aber er war begierig, ihre nähere Bekanntschaft zu machen, denn diese Mischung von Schönheit, Eleganz und Ungezwungenheit machte einen ungewöhnlichen Eindruck auf ihn.

Er nahm sich daher vor, sie wieder aufzusuchen, oder sich wenigstens zu erkundigen, wer sie waren.

Der Zufall schien seine Neugierde sogleich befriedigen zu wollen, denn als er sich nach Hause begab, begegnete ihm etwa fünfhundert Schritte von dem Hohlwege ein Mann mit hohen ledernen Kamaschen, dunkelgrauer Blouse, Büchse, Waldhorn und Peitsche.

Der Mann ging schnell und schien sehr übler Laune. Es war offenbar ein Rüdenknecht von der Hetzjagd, der die beiden Mädchen folgten.

Der Verwundete redete ihn mit der größten Freundlichkeit an.

»Mein Freund,« sagte er, »Ihr sucht wahrscheinlich zwei junge Damen, von denen die eine einen Braunen und die andere eine Fuchsstute reitet?«

»Ich bin Ihr Freund nicht, mein Herr, denn ich kenne Sie nicht,« antwortete der Andere sehr unfreundlich, »ich suche auch nicht zwei junge Damen, sondern meine Hunde, die ein Einfaltspinsel von einer Wolfsfährte abgelenkt, und auf einen Hasen gehetzt hat. Der Gimpel hätte etwas Besseres thun können, als den Hasen – zu fühlen!«

Der junge Nimrod biß sich in die Lippen.

Der Mann in der Blouse, in welchem die Leser bereits; Jean Oullier erkannt haben werden, fuhr fort:

»Ja, ich habe es drüben auf der Höhe gesehen; ich hätte das Schußgeld, das mir der Herr Marquis überläßt, gern im Stich gelassen, wenn ich dem Töpel auf zwei oder drei Peitschenlängen nahe gewesen wäre.«

Der Andere hielt es nicht für angemessen, die in dieser Scene sich selbst zugedachte Rolle in Anspruch zu nehmen; er griff aus dein ganzen Gerede nur ein Wort auf, alles Uebrige; ließ er unbeachtet.

»So! Ihr gehört dem Herrn Marquis von Souday?« sagte er.

Jean Oullier sah den unwillkommenen Frager mit einem finsteren Blicke an.

»Ich gehöre mir selbst,« antwortete der alte Vendéer;, »ich führe nur die Hunde des Herrn Marquis von Souday, und zwar eben sowohl zu meinem als zu seinem Vergnügen.«

»Ich bin doch schon sechs Monate zu Hause,« sagte der junge Mann, wie mit sich selbst redend, »und habe nie gehört, daß der Herr Marquis verheirathet ist.«

»Nun, dann sage ich’s Ihnen, mein lieber Herr,« fiel, ihm Jean Oullier ins Wort, »und wenn Sie etwas darauf zu antworten haben, so werde ich Ihnen noch etwas Anderes sagen. Verstehen Sie mich?«

Jean Oullier brach das Gespräch mit diesen drohenden Worten ab, und ohne sich um das Erstaunen des Andern zu kümmern, ging er rasch auf dem Wege nach Machecoul fort.

Der junge Mann ging weiter.

Auf dem Felde fand er einen Bauer hinter dem Pflug.

Dieser Bauer, ein Mann von etwa vierzig Jahren, unterschied sich von seinen Landsleuten durch ein schlaues, lauerndes Gesicht, das den Bewohnern der Normandie eigen ist. Er schien beständig darauf bedacht zu seyn, das Feuer seiner funkelnden Augen durch unaufhörliches Blinzeln zu mildern und durch den Anschein der Dummheit, oder wenigstens der Gutmüthigkeit das Vertrauen Anderer zu gewinnen. Aber sein pfiffig lächelnder Mund vereitelte diese Bemühungen der Augen.

Der Bauer ließ sich in seiner Arbeit durchaus nicht stören, obschon der junge Mann gerade auf ihn zukam, und erst am Ende der Furche schien er geneigt, seine Pferde ruhen zu lassen und ein Gespräch anzuknüpfen.

»Nun, haben wir gejagt, Monsieur Michel?« sagte er in fast vertraulichem Tone.

Der junge Mann nahm, ohne zu antworten, seine Waidtasche von der Schulter und ließ sie vor den Füßen des Landmannes fallen.

Dieser bemerkte durch das dicke, netzartige Geflecht den Balg eines Hasen.

»Also doch etwas geschossen?« sagte er, zog den Hasen aus der Waidtasche und betastete ihn mit einer Kennermiene.

»Der ist seine drei Francs zehn Sous unter Brüdern werth,« setzte er hinzu. »Sie haben einen prächtigen Schuß gethan, Monsieur Michel. Sie werden es unterhaltender gefunden haben, als über den Büchern zu sitzen, wie vor einer Stunde.«

»Nein, Courtin,« antwortete der junge Mann, »meine Bücher sind mir doch noch lieber als eure Flinte.«

»Sie haben vielleicht Recht, Monsieur Michel,« erwiderte Courtin, über dessen Gesicht eine Wolke der Unzufriedenheit zog, »wenn Ihr seliger Vater eben so gedacht hätte, so wär’s vielleicht besser für ihn gewesen. Aber wenn ich die Mittel hätte, wenn ich kein armer Teufel wäre, der täglich zwölf Stunden arbeiten muß, so würde ich meine Nächte besser verleben, als auf der Jagd.«

»Ihr geht also noch immer auf den Anstand?«

»Ja, zuweilen, um mich zu zerstreuen.«

»Ihr werdet mit den Gendarmen zu thun bekommen.«

»Bah! die Gendarmen sind Faulenzer, sie stehen nicht früh genug auf, um mich auf dem Anstande zu finden,« erwiderte Courtin mit dem vollen Ausdrücke der Schlauheit, den er seinem Gesichte gewöhnlich zu geben suchte. »Ich gebe allen sogenannten klugen Leuten etwas aufzurathen. Es ist nur ein Courtin hier in Canton. Wenn man mich zum Waldhüter machte, wie Jean Oullier, würde ich nicht mehr auf den Anstand gehen: dies wäre das einzige Mittel.«

Aber Monsieur Michel gab auf diesen verblümten Antrag keine Antwort: er wußte ja nicht einmal, wer Jean Oullier war.

»Hier ist eure Flinte, Courtin,« sagte er, indem er dem Bauer das Gewehr reichte, »ich danke Euch, es ist nicht eure Schuld, wenn ich auf der Jagd nicht so viel Vergnügen finde, wie Andere.«

»Müssen’s noch versuchen, Monsieur Michel, werden schon Geschmack daran finden. Die besten Hunde sind die, welche erst spät ihr Talent zeigen. Es gibt Feinschmecker, die dreißig Dutzend Austern zum Frühstücke essen und mit zwanzig Jahren nicht einmal Austern sehen mochten. Gehen Sie nur, wie diesen Morgen, mit einem Buche in der Hand fort; die Frau Baronin wird nichts merken. Meine Flinte steht Ihnen immer zu Diensten, und wenn’s nicht zu viel Arbeit gibt, so will ich Ihnen das Wild zutreiben.«

Courtin schob nun die Flinte in die Hecke, welche sein Feld von dem Nachbarfelde trennte, versteckte sie im Grase und richtete die Zweige wieder auf so daß sie den Blicken der Vorübergehenden entzogen wurde.

»Courtin,« sagte Michel mit dem Tone der größten Gleichgültigkeit, »habt Ihr gewußt, daß der Marquis von Souday verheirathet ist?«

»Nein, wahrhaftig nicht, ich habe es nicht gewußt,« antwortete der Bauer.

»Und daß er zwei Töchter hat?« fragte Jener weiter.

Courtin, der noch mit der Hecke zu thun hatte, hob rasch den Kopf und sah den jungen Mann so forschend an, daß dieser bis über die Ohren erröthete.

»Sind Ihnen etwa die Wölfinnen begegnet?« fragte Courtin. »Ich habe das Horn des alten Chouan gehört.«

»Wen meint Ihr mit den Wölfinnen?« fragte Michel.

»Die unehelichen Töchter des Marquis – wen denn sonst?«

»Diese beiden Mädchen nennt Ihr Wölfinnen?«

»Man pflegt sie in der ganzen Gegend so zu nennen; aber Sie sind erst vor Kurzem von Paris gekommen und können es nicht wissen.«

Die Grobheit, mit welcher Courtin von den beiden Mädchen sprach, setzte den jungen Mann so in Verlegenheit, daß er, ohne zu wissen warum, mit einer Lüge antwortete.

»Nein,« sagte er, »sie sind mir nicht begegnet.«

Courtin bemerkte seine Verlegenheit; er glaubte ihm nicht.

»Ich hätte es Ihnen wohl gewünscht,« sagte er, »denn es sind zwei hübsche Mädchen. Sie sollen zwar ein Bisschen allzu lustig seyn; aber die Jugend muß doch ihr Vergnügen haben, nicht wahr, Monsieur Michel?«

Der junge Mann wurde sehr verstimmt über die empörende Nachsicht, mit welcher der plumpe Bauer von den beiden reizenden Amazonen sprach. Er verhehlte seinen Verdruß nicht.

Courtin bezweifelte nun nicht mehr, daß Michel die »Wölfinnen«, wie er sie nannte, gesehen hatte, und dieses Läugnen führte ihn zu Vermuthungen, die keineswegs gegründet waren. Er wußte, daß der Marquis von Souday vor wenigen Stunden in der Nähe von La Logerie gewesen war, und es schien ihm mehr als wahrscheinlich, daß Bertha und Mary, die auf der Jagd immer bei ihrem Vater zu seyn pflegten, dem jungen Wilddiebe begegnet waren. Vielleicht hatte Michel sogar mit ihnen gesprochen, und nach der Meinung, die man von den Töchtern des Marquis hatte, konnte eine Unterredung mit ihnen nur der Anfang einer Intrigue seyn.

Courtin war Pächter des jungen Gutsherrn, aber das Feld, welches er bebaute, war für ihn Nebensache, er wollte ihm näher stehen, sich unentbehrlich machen, und zu diesem Zwecke bot der schlaue Bauer alle möglichen Mittel auf.

Es war ihm nicht gelungen, seinen jungen Herrn zum leidenschaftlichen Jäger zu machen und dadurch mit seiner Mutter zu entzweien. Jetzt bot sich ihm eine andere Gelegenheit, der Vertraute Michels zu werden und dadurch sein eigenes Interesse zu fördern. Er sah ein, daß er unklug gehandelt hatte, von den beiden Amazonen mit Geringschätzung zu sprechen, und suchte mit der ihm eigenen Schlauheit und Gewandtheit das verlorene Terrain wieder zu gewinnen.

»Uebrigens,« fuhr er mit scheinbarer Gutmüthigkeit fort, »kann man nicht Alles glauben, was die Leute von Fräulein Bertha und Fräulein Mary sagen —«

»Mary und Bertha heißen sie?« fragte der junge Mann, ihm hastig ins Wort fallend.

»Ja; Fräulein Bertha ist die Brünette, Fräulein Mary die Blondine.«

Er glaubte zu bemerken, daß der junge Gutsherr etwas erröthete, als der Name Mary genannt wurde.

»Die beiden Fräulein,« setzte Courtin hinzu, »jagen und reiten gern. Aber man kann deshalb doch ehrbar und tugendhaft seyn. Der selige Pfarrer in Benate war ein leidenschaftlicher Jäger, aber trotzdem las er schöne Messen.«

»Es ist wahr,« erwiderte Michel, der seine erste Aussage ganz vergessen hatte, »es ist wahr, sie scheinen recht gut und liebenswürdig zu seyn – insbesondere Fräulein Mary.«

»Ja, sie sind sehr gut, Monsieur Michel. Als im vorigen Sommer das Sumpffieber ausgebrochen war und alle Aerzte und Bader, ja sogar die Thierärzte Reißaus genommen hatten – wer hat da die Kranken gepflegt und ihnen Arzneien gebracht? Die beiden Fräulein von Souday! Und sie thun’s nicht, um damit zu prahlen; nein, sie gehen insgeheim zu den armen Leuten, sie säen Almosen und ernten Segenswünsche. Die reichen Leute mögen sie immerhin hassen, die Vornehmen sie verachten, aber man kann dreist behaupten, daß sie von den Armen verehrt werden.«

»Woher kommt es denn, daß sie so gehaßt und verachtet werden?«

»Das weiß kein Mensch zu sagen; man folgt ja gemeiniglich nur der blinden Leidenschaft und nicht der Vernunft. Die menschliche Gesellschaft ist wie ein Schwarm Vögel: wenn einer darunter krank ist und piept, so fallen sie alle über ihn her und reißen ihm die Federn aus. Und gerade die Leute ihres Standes wenden sich von ihnen ab und werfen den ersten Stein auf sie. Ihre Mama, zum Beispiel, ist sehr gut, Monsieur Michel; aber ich wette, sie würde von den beiden Fräulein eben so schlecht sprechen, wie andere Leute, wenn die Rede darauf käme.«

Aber ungeachtet des veränderten Tones, den Courtin anstimmte, schien der junge Gutsherr nicht geneigt, sich in ein trauliches Gespräch einzulassen Courtin war seinerseits der Meinung, daß er der gehofften Annäherung genügend den Weg gebahnt. Er begleitete den jungen Herrn bis an das Ende seines Feldes.

Und während er schweigend neben ihm her ging, bemerkte er, daß die Blicke des jungen Gutsherrn sehr oft nach dem Walde von Machecoul hinüberschweiften.

VIII.
Die Baronin de La Logerie

Während Courtin seinem jungen Herrn den Schlagbaum öffnete, wurde Michel von einer weiblichen Stimme gerufen.

Er stand etwas betroffen still.

Gleich darauf kam eine Dame hinter der Hecke hervor.

Mit dieser Dame, welche vierzig bis fünfundvierzig Jahre alt war, müssen wir den Leser näher bekannt machen.

Ihr Gesicht war gemein und ohne Ausdruck; der einzige hervorstechende Charakterzug war ein affectirter Dünkel, der zu ihrer kleinen beleibten Gestalt nicht recht paßte. Ihr seidenes Kleid machte zu viel Prunk auf dem freien Felde, und hätte sie nicht einen großen Strohhut getragen, so hätte man glauben können, sie habe eben einen Besuch in der Vorstadt Saint-Honoré gemacht.

Es war die Person, deren Vorwürfe der arme »Monsieur Michel« so gefürchtet hatte.

»Du bist hier, Michel!« sagte sie.

»Du bist sehr rücksichtslos gegen deine Mutter! Es hat schon vor einer halben Stunde zur Tafel geläutet. Du weißt doch, wie ungern ich warte und wie sehr ich auf die Hausordnung halte – und ich finde Dich im vertraulichen Gespräch mit diesem Bauer!»

Michel begann eine Entschuldigung zu stammeln; aber der Scharfblick der Mutter bemerkte das mit Blut befleckte Schnupftuch, welches um seinen Kopf gebunden war und von dem breiten Rande seines Strohhutes nicht genügend bedeckt wurde.

»Was! Du bist verwundet!« fuhr sie noch lauter als bisher in ihrer Strafpredigt fort. »Was ist denn geschehen? Sprich, Du siehst ja, daß ich vor Ungeduld sterbe!»

Sie stieg nun mit einer Schnelligkeit und Behendigkeit, die man von einer so beleibten Dame nicht erwartet hätte, über die Hecke, und ehe es ihr Söhnlein hindern konnte, riß sie ihm den Hut sammt dem Schnupftuch vom Kopf.

Die Wunde fing wieder an zu bluten.

»Monsieur Michel«, wie ihn Courtin zu nennen pflegte, war ganz verblüfft und wußte nicht was er antworten sollte.

Courtin kam ihm zu Hilfe.

Der pfiffige Bauer schloß aus der Verlegenheit seines jungen Herrn, daß dieser seiner Mutter den Jagdfrevel nicht gern gestehen wollte und gleichwohl Bedenken trug, sich durch eine Lüge zu entschuldigen. Courtin hatte nicht dieselben Bedenklichkeiten wie der junge Gutsherr und er nahm die Sünde, welche Michel nicht begehen wollte, entschlossen auf sein Gewissen.

»O! die Frau Baronin dürfen sich nicht ängstigen,« sagte er, »es hat gar nichts zu bedeuten.«

»Aber was ist ihm denn geschehen? Antwortet für ihn, Courtin; mein Sohn scheint keine Auskunft geben zu wollen.«

Monsieur Michel blieb wirklich sprachlos.

»Sie sollen es sogleich erfahren, Frau Baronin,« antwortete Courtin. »Ich hatte hier vom Ausputzen der Bäume und Hecken ein Bündel Reiseholz; es war zu schwer, ich konnte es nicht allein auf meine Schultern heben – Monsieur Michel; war so gütig mir zu helfen, und ein Ast ritzte ihm die Stirn —«

»Es ist ja eine tiefe Wunde!« unterbrach ihn die Baronin. »Ihr hättet ihm ein Auge ausstoßen können. Ein andermal, Courtin, sehet Euch nach Euresgleichen um, wenn Ihr Holz zu tragen habt; versteht Ihr mich? Es ist sehr unschicklich von Euch, meinem Sohne so etwas zuzumuthen!«

Courtin schlug bescheiden die Augen nieder, als ob er die ganze Größe seiner Missethat eingesehen hätte; aber diese scheinbare Zerknirschung hielt ihn nicht ab, die Jagdtasche mit dem Hasen, die noch im Grase lag, mit dem Fuß unter die Hecke zu schieben.

»Komm, mein Sohn!« sagte die Baronin, deren Aerger durch die Demuth des Bauers nicht beschwichtigt zu seyn schien, »wir wollen die Wunde vom Arzt untersuchen lassen.«

Als sie einige Schritte gegangen war, sah sie sich um.

»Apropos, Courtin,« sagte sie, »Ihr habt euren Pachtzins von Johannis noch nicht bezahlt. Vergeßt nicht, daß euer Pachtcontract zu Ostern abläuft; denn saumselige Pächter will ich nicht behalten.«

Courtins Gesicht wurde noch kläglicher, aber es erheiterte sich wieder, als ihm Michel, während seine Mutter weit langsamer als das erste Mal über die Hecke stieg, verstohlen die Hand drückte und zuflüsterte:

»Morgen sprechen wir uns.«

Er begann nun wieder ganz wohlgemuth zu ackern und die »Parisienne« zu singen.

Während Courtin das damals sehr beliebte patriotische Lied zur großen Befriedigung seiner Pferde singt, wollen wir die freundlichen Leier mit der Gutsherrschaft näher bekannt machen.

Die Baronin de La Logerie war die Witwe eines jener Armeelieferanten, die auf Kosten des Staates schnell ein bedeutendes Vermögen erwarben und von den Soldaten den sehr treffenden Spitznamen, »riz-pain-sel« (Reis, Brot, Salz) erhalten hatten.

Dieser Armeelieferant hieß mit seinem Familiennamen Michel; er war ein Bauerssohn aus dem Département der Mayenne und Neffe eines Dorfschulmeisters, der ihn lesen, schreiben und insbesondere rechnen lehrte und dadurch den Grund zu dem künftigen Glücke seines Neffen legte.

Im Jahre 1791 zum Kriegsdienste einberufen, hatte der junge Bauer sehr wenig Begeisterung an den Tag gelegt: er hatte bereits in der Wahrscheinlichkeitsberechnung, ob er mehr Aussicht habe, todtgeschossen oder General zu werden, Beweise von seinen speculativen Talenten gegeben. Das Resultat seiner Berechnung hatte ihn nämlich nicht befriedigt, und er machte seine hübsche Handschrift geltend, um im Bureau des Quartiermeisiers Schutz gegen den Kugelregen zu finden. Sein Wunsch wurde erfüllt, und er freute sich eben so wie mancher andere Soldat, der Offizier wird.

Michel, der Vater, machte also die Feldzüge von 1792 und 1793 im Depot mit.

Der General Rossignol, der in die Vendée geschickt wurde, um die Ruhe herzustellen oder die Aufständischen zu vernichten, kam zufällig mit dem Rechnungsbeamten Michel in Berührung, er erfuhr von diesem, daß er ein Vendéer sey und viele Freunde in den feindlichen Reihen habe. Um diesen sehr günstigen Umstand zu benutzen, entließ er Michel mit dem Auftrage, unter den Chouans Dienste zu nehmen und von Zeit zu Zeit für ihn zu thun, was Maurepas für Ludwig XV. gethan hatte, nämlich ihn von allen wichtigen Operationen in Kenntnis zu setzen. Michel, der großen Vortheil dabei fand, hielt sein Versprechen nicht nur dem General Rossignol, sondern auch dessen Nachfolgern.

Während Michel mit den republicanischen Generalen correspondirte, kam der General Travot in die Vendée. Das Resultat der Operationen dieses Generals ist in den ersten Capiteln dieser Erzählung erwähnt worden. Das Heer der Vendéer ward verrathen. Jolly fiel im Kampfe. Charette wurde im Walde von La Chabotière gefangen und zu Nantes erschossen.

Was für eine Rolle Michel in diesem furchtbaren Drama; spielte, werden wir vielleicht später erfahren; kurz, einige Zeit nach jener blutigen Katastrophe kam Michel, der geschickte Rechner, in das Bureau eines großen Armeelieferanten.

In diesem neuen Wirkungskreise rückte er rasch vor, denn im Jahre 1805 hatte er einen Theil der Lieferungen für die deutsche Armee auf eigene Rechnung übernommen.

Im Jahre 1806 nahmen die Schuhe und Kamaschen einen thätigen Antheil an dem Feldzuge gegen Preußen. 1809 erhielt er die gänzliche Verpflegung der in Spanien einrückenden Armee. 1810 heirathete er die einzige Tochter eines Collegen und verdoppelte so sein Vermögen.

Außerdem verlängerte er seinen Namen. Sein Schwiegervater hieß nämlich Baptist Duland und war aus dem kleinen Dorfe La Logerie gebürtig; er nannte sich daher Duland de La Logerie. Er hatte seine Tochter in den besten Instituten zu Paris unter dem Namen Stephanie Duland de La Logerie erziehen lassen.

Der Lieferant Michel fand, daß sich der Name seiner Frau als Anhängsel an dem seinigen sehr hübsch ausnehme; er nannte sich Michel de La Logerie. Endlich gestattete ihm ein mit schwerem Gelde erkaufter Titel, sich Baron Michel de La Logerie zu nennen und so seinen Platz unter der Geld- und Landaristokratie einzunehmen.

Einige Jahre nach der Rückkehr der Bourbons, nämlich 1819 oder 1820, verlor der Baron Michel de La Logerie seinen Schwiegervater.

Baptist Duland de La Logerie hinterließ seiner Tochter und folglich seinem Schwiegersohne das Gut La Logerie, welches etwa fünf Stunden von dem Walde von Machecoul entfernt war.

Der Baron Michel de La Logerie beschloß in Gnaden; von seinem Gute Besitz zu nehmen und sich seinen Vasallen zu zeigen.

Der Baron Michel war klug und ehrgeizig; er wollte Mitglied der Deputirtenkammer werden. Seine Wahl hing aber von der Popularität ab, die er sich im Département der Niederloire erwerben würde.

Er war von Geburt ein Bauer, hatte fünfundzwanzig Jahre unter Bauern gelebt und wußte diese daher zu behandeln. Ueberdies war er ein recht gutmüthiger Mann. Er fand einige Cameraden aus dem alten Vendéekriege, begrüßte sie mit einem warmen Händedruck, sprach mit Thränen von dem Tode Jolly’s und Charette’s, fragte nach den Wünschen und Bedürfnissen der Gemeinde, ließ eine Brücke bauen, welche den Verkehr mit dem Département der Vendée wesentlich erleichterte, ließ drei Verbindungswege ausbessern und eine Kirche bauen, errichtete ein Waisenhaus und ein Spital für hilfsbedürftige Greise. Diese patriarchalische Rolle gefiel ihm so wohl, daß er seinen Unterthanen ankündigte, er werde nur sechs Monate in der Hauptstadt leben, die anderen sechs Monate aber in seinem Schlosse La Logerie wohnen.

Endlich aber gab er doch den Bitten seiner in Paris zurückgebliebenen Frau nach und beschloß nächsten Montag nach der Hauptstadt abzureisen; am Sonntage sollte in dem großen Heidewaide eine Treibjagd nach Wölfen gehalten werden. Die Ausrottung der Raubthiere war ein menschenfreundliches Werk, an welchem der Baron Michel de La Logerie gern theilnahm.

Bei dieser Treibjagd gab der Baron Michel, wie bei jeder anderen Gelegenheit, Beweise seiner Freigebigkeit: er sorgte für die Erfrischungen, und zwei mit Wein und kalter Küche beladene Karren, welche den Jägern nachgeführt wurden, waren zu Jedermanns Verfügung.

Die Treiber sollten Abends glänzend bewirthet werden, und in seiner Bescheidenheit lehnte er sogar den Ehrenplatz unter den Schützen ab. Er wollte das Loos entscheiden lassen, und als ihm der Zufall einen Platz am äußersten Ende der Schützenlinie zuwies, ertrug er dieses Mißgeschick mit einer Heiterkeit, welche die übrigen Schützen entzückte.

Die Treibjagd war glänzend; es kam so viel Wild, daß die Schützen ein förmliches Rottenfeuer eröffneten. Die erlegten Wölfe und Wildschweine bildeten bald hohe Haufen auf den Karren neben den Weinfässern des Barons. Die Contrebande, die an Hasen und Rehböcken gemacht wurde, versteckten die Schützen, um sie nach Einbruch der Nacht abzuholen.

Der Freudentaumel war so groß, daß man den Baron Michel, der den ganzen Tag nicht zum Vorschein gekommen war, erst gegen Abend vermißte. Man fragte nach ihm: Niemand hatte ihn seit dem ersten Treiben, in welchem er am äußersten Ende der Schützenlinie gestanden, wiedergesehen. Man vermuthete, er habe die Jagdlust verloren oder sey in übertriebenem Eifer für die Bewirthung seiner Gäste in das Städtchen Légé gegangen, wo er den Abendschmaus bestellt hatte.

Aber die Jäger fanden ihn nicht in Légé. Die sorglosesten unter ihnen setzten sich zu Tische; aber einige Schützen, die ein Unglück ahnten, begaben sich mit Fackeln und Laternen in den Wald zurück.

Nach langem fruchtlosen Suchen fand man ihn in einem Graben. Er war todt, eine Kugel hatte sein Herz durchbohrt.

Die Sache machte großes Aufsehen. Die Gerichtsbehörde zu Nantes leitete eine Untersuchung ein, und der Schütze, welcher dem Baron zunächst gestanden, wurde sogleich verhaftet.

Er erklärte, nichts gesehen oder gehört zu haben, denn er sey von dem Baron durch eine Ecke des Waldes getrennt gewesen. Es wurde überdies bewiesen, daß das Gewehr des Angeklagten den ganzen Tag nicht abgeschossen worden war; er hätte den Baron auch nur von der rechten Seite treffen können, und die Kugel war ihm in die linke Seite gedrungen.

Die Untersuchung wurde eingestellt; man vermuthete, er sey von einer abgeprallten Kugel getroffen worden.

Allein es ging in der Umgegend lange das Gerücht, der Baron Michel sey ein Opfer der Rache geworden. Man munkelte, einer der alten Soldaten Jolly’s oder Charette’s habe den unglücklichen Lieferanten zur Strafe für seine Verrätherei erschossen; aber es waren zu viele Leute an dieser Angelegenheit betheiligt und es wurde nie eine Anklage erhoben.

Die Baronin Michel de La Logerie war also Witwe. Sie besaß, wie so viele Frauen der höheren Stände, weder Tugenden noch Laster, noch Leidenschaften. Sie war im Alter von siebzehn Jahren an den Ehestandspflug gespannt worden und in der Furche gegangen, ohne an eine Ausschreitung zu denken, ja ohne sich zu fragen, ob es einen andern Weg gebe. Als sie des Joches entledigt war, fürchtete sie sich vor ihrer Freiheit und sah sich instinctmäßig nach neuen Fesseln um.

Diese neuen Fesseln fand sie in einer übertriebenen, irregeleiteten, wenn auch aufrichtigen Frömmigkeit. Sie hielt sich für eine Heilige, weil sie sehr regelmäßig die Kirche besuchte und gewissenhaft fastete; wer ihr gesagt hätte, daß sie täglich siebenmal sündige, würde sie sehr in Erstaunen gesetzt haben. Und doch wäre dieser Vorwurf vollkommen gegründet gewesen: sie sündigte unaufhörlich gegen das Gebot der christlichen Demuth; denn wie wenig Ursache sie auch dazu hatte, so trieb sie doch den Adelstolz bis zur Verrücktheit.

Diese Schwäche war dem schlauen Courtin wohlbekannt; wir haben gesehen, daß er ihren Sohn schlechtweg »Monsieur Michel,« sie aber »Frau Baronin« nannte.

Die Baronin de La Logerie hatte natürlich einen Abscheu vor dem Zeitgeiste und dem Fortschritte. So oft als sie die Gerichtsverhandlungen in der Zeitung las, gab sie dem Zeitgeist die tiefste Sittenverderbniß schuld. Nach ihrer Behauptung hatte das eiserne Zeitalter mit dem Jahre 1800 begonnen. Es war daher ihre größte Sorge, ihren Sohn gegen die verderblichen Wirkungen des Zeitgeistes zu schützen und jede Berührung mit der bösen Welt zu meiden. Zu dem Besuche öffentlicher Lehranstalten wollte sie ihre Zustimmung durchaus nicht geben, und selbst die Anstalten der Jesuiten schienen ihr nicht genügend abgesperrt gegen die äußere Welt. Sie selbst wollte seine Studien leiten und seine Ideen in eine Bahn lenken, welche nach ihrer Meinung allein heilbringend war, und der nothwendige Unterricht in Wissenschaften und Künsten durfte nur in ihrer Gegenwart und nach einem von ihr gutgeheißenen Programme ertheilt werden.

Es bedurfte wirklich einer starken Dosis gesunden Verstandes, um das jugendliche Gehirn aus dieser zehn Jahre langen Tortur gesund und frisch hervorgehen zu lassen.

Aber ganz ohne Folgen war diese Tortur doch nicht geblieben: es fehlte dem jungen Baron die Willenskraft und Entschlossenheit, die des Mannes Würde zeigt.

IX.
Salon d’or und Allegro

Wie Michel erwartet und gefürchtet hatte, war er von seiner Mutter tüchtig ausgezankt worden.

Sie hatte sich durch die Erzählung Courtin’s nicht täuschen lassen; die Kopfwunde ihres Sohnes war keine von einem Dorne geritzte Schramme.

Da sie nicht wußte, was ihren Sohn bewegen könne, die Ursache dieser Verwundung zu verbergen, und in der Ueberzeugung, daß sie die Wahrheit nicht herausbringen würde, warf sie nur von Zeit zu Zeit einen Blick auf die räthselhafte Wunde und schüttelte dabei seufzend den Kopf.

Der junge Mann fühlte sich bei Tische sehr unbehaglich; er schlug die Augen nieder und murrte kaum; aber die scharfe Beobachtung, die er von seiner Mutter zu ertragen hatte, war keineswegs die einzige Ursache seiner Befangenheit.

Zwischen seinen gesenkten Augenlidern und dem Auge seiner Mutter sah er fortwährend gleichsam zwei Schatten schweben: die Erinnerung an Bertha und an Mary.

An Bertha dachte er allerdings mit einer gewissen Ungeduld. Wer war sie denn, die Amazone die mit dem Gewehre umzugehen wußte, wie ein echter Jäger, die eine Wunde verband, wie ein Chirurg, und den widerstrebenden Patienten mit ihren zarten weißen Händen so festhielt, wie es nur Jean Oullier mit seinen derben schwieligen Fäusten vermocht hätte?

Aber wie reizend war auch Mary mit ihrem langen: blonden Haare und ihren großen blauen Augen! Wie sanft und einschmeichelnd war der Ton ihrer Stimme! Mit welcher Leichtigkeit hatte sie die Wunde berührt, das Blut abgewaschen, die Binde umgelegt!

Im Grunde war Michel gar nicht böse über seine Wunde, wenn er bedachte, daß die beiden Mädchen sonst nicht die mindeste Ursache gehabt haben würden, ihn anzureden und sich mit ihm zu beschäftigen.

Weit bedenklicher als die Wunde war freilich die Verstimmung seiner Mutter, welche ihre Zweifel und Besorgnisse nicht ganz zu verbergen vermochte. Aber der Aerger seiner Mutter konnte nicht von langer Dauer seyn; unvergänglich hingegen war der Eindruck, den der Händedruck Mary’s in seinem Herzen zurückgelassen hatte.

Er sehnte sich, wie jeder junge Mann, der mit seinen Gefühlen noch nicht im Klaren ist, nach Einsamkeit. Nach Tische benutzte er einige Augenblicke, wo seine Mutter mit einem Diener sprach, und entfernte sich, ohne ihre Worte zu beachten.

Die Worte der Baronin de La Logerie waren indeß nicht ohne Bedeutung: sie verbot ihrem Sohne, sich in die Nähe von St. Christoph zu begeben, weil daselbst, nach der Aussage des Dieners ein bösartiges Fieber ausgebrochen sey.

Sie wünschte sogar um La Logerie einen Sanitätscordon ziehen zu lassen, um den Bewohnern des Dorfes den Zutritt in das Schloß unmöglich zu machen.

Der Befehl sollte sogleich vollzogen werden, in Bezug auf ein Mädchen, welches für den fieberkranken Vater bei der Baronin um Hilfe bitten wollte.

Wäre Michel nicht so zerstreut gewesen, so würde er den Worten seiner Mutter gewiß einige Aufmerksamkeit geschenkt haben; denn der Kranke war der Pächter Tinguy, und die Botin war seine Milchschwester Rosine für die er noch immer eine große Zuneigung hatte.

Aber seine Augen waren gegen Souday gewandt, und er dachte an die reizende Mary.

Bald war er in dem einsamsten, schattigsten Theile des Parkes. Er hatte, um sein einsames Umherirren nicht auffallend zu machen, ein Buch genommen; aber er hätte nicht einmal den Titel des Buches nennen können, obschon er zu lesen schien, bis er das Ende des Parkes erreicht hatte.

Er setzte sich auf eine Bank und fing an nachzusinnen.

Woran er dachte? Die Antwort ist leicht zu geben: er dachte, wann er wohl Mary und ihre Schwester wieder sehen würde.

Der Zufall war ihm günstig gewesen, aber er hatte sie erst sechs Monate nach seiner Rückkehr gesehen. Der Zufall hatte sich also Zeit genommen; auf eine zweite Begegnung konnte der junge Baron unmöglich so lange warten.

Andererseits war es keineswegs leicht, mit dem Schlosse Souday Verbindungen anzuknüpfen. Der Marquis von Souday, ein Emigrant von 1790, war dem Baron Michel von La Logerie, dessen Adel aus dem Kaiserreiche stammte, nicht sehr gewogen.

Ueberdies hatte sich Jean Oullier in der kurzen Unterredung eben nicht geneigt gezeigt, die Bekanntschaft des jungen Barons zu machen.

Bertha und Mary hatten ihm allerdings ihre Theilnahme zu erkennen gegeben; aber wie konnte er sich den Mädchen nähern? Sie ritten wohl zwei- oder dreimal wöchentlich auf die Jagd, aber nie ohne die Begleitung ihres Vaters und Jean Oulliers.

Michel nahm sich vor, alle in der Bibliothek des Schlosses befindlichen Romane zu lesen: er hoffte, aus einem derselben irgend ein sinnreiches Mittel herauszulesen, welches seine eigene Erfindungsgabe wahrscheinlich nicht entdecken würde.

Während er so nachsann, fühlte er einen leisen Schlag auf seiner Schulter. Er sah sich etwas erschrocken um.

Es war Courtin.

Das Gesicht des braven Meiers drückte eine Zufriedenheit aus, die er gar nicht zu verhehlen suchte.

»Nichts für ungut, Junker,« sagte der Meier, »ich sah Sie so still hier sitzen, und da glaubte ich, es sey Ihr Geist —«

»Jetzt aber siehst Du, Courtin, daß ich’s selbst bin.«

»Das freut mich, Monsieur Michel. Ich dachte mit einiger Unruhe, wie es zwischen Ihnen und der Frau Baronin abgelaufen ist.«

»Sie hat mir einen kleinen Verweis gegeben.«

»Ich konnte mir’s denken. Haben Sie etwas von dem Hasen gesagt?«

»O nein, ich habe mich wohl gehütet.«

»Und von den Wölfinnen?«

»Was für Wölfinnen?« fragte der junge Baron, dem es gar nicht unlieb war, das Gespräch wieder auf diesen Punkt zu lenken.

»Die Wölfinnen von Machecoul. – Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß man die beiden Fräulein von Souday so nennt.«

»Nein, Courtin. Ich glaube, daß die Hunde von Souday und La Logerie, wie man zu sagen pflegt, nicht zusammen jagen.«

»Nun, wenn die Hunde auch nicht zusammen jagen,« erwiderte Courtin mit seiner pfiffigen Miene, die er nicht immer ganz zu verbergen vermochte, »so können Sie doch mit den Hunden von Souday jagen.«

»Was meinst Du damit?«

»Sehen Sie nur,« sagte Courtin, indem er zwei Schweißhunde, die er am Riemen führte, herbeizog.

»Was ist das?« fragte der junge Baron.

»Es ist Galon d’or und Allegro.«

»Ich habe nie etwas von Galon d’or und Allegro gehört.«

»Es sind die Hunde des Banditen Jean Oullier.«

»Warum hast Du ihm denn seine Hunde genommen?«

»Ich habe sie ihm nicht genommen, ich habe sie blos gepfändet.«

»Und mit welchem Rechte?«

»Ich habe ein doppeltes Recht dazu: erstens als Eigenthümer und zweitens als Maire.«

Courtin war Maire des Dorfes La Logerie, welches aus etwa zwanzig Häusern bestand, und er war stolz auf diese Würde.

»Erkläre mir deine Rechte, Courtin.«

»Es ist sonnenklar: als Maire pfände ich die Hunde, weil sie außer der Zeit jagen.«

»Ich habe nicht geglaubt, daß man nicht zu jeder Zeit nach Wölfen jagen darf, und da der Marquis von Souday Jägermeister ist —«

»Im Walde von Machecoul mag er nach Wölfen jagen, aber aus der Ebene muß er wegbleiben. Uebrigens,« setzte Courtin pfiffig lächelnd hinzu, »haben Sie ja gesehen, daß er keinen Wolf, sondern einen Hasen jagte, und daß dieser Hase von einer der beiden Wölfinnen erlegt wurde.«

Der junge Baron war im Begriff zu erwiedern, daß dieser Name, auf die Fräulein von Souday angewandt, ihm unangenehm sey, aber er mochte sich doch nicht so deutlich aussprechen.

»Fräulein Bertha hat ihn erlegt, Courtin,« sagte er, »aber ich hatte ihn zuerst angeschossen, ich bin also der Schuldige.«

»Wie meinen Sie das? Würden Sie geschossen haben, wenn ihn die Hunde nicht gejagt hätten? Die Hunde haben also die Schuld, und in meiner Eigenschaft als Maire strafe ich die Hunde, weil sie unter dem Vorwande der Wolfsjagd zu einer verbotenen Zeit einen Hasen jagten. Doch das ist noch nicht Alles: nachdem ich als Maire gestraft habe, schreite ich als Landeigenthümer ein. Wer hat den Hunden des Herrn Marquis erlaubt, auf meinem Lande zu jagen?«

»Ich glaube, Courtin, daß Du Dich irrst,« erwiderte Michel lachend, »die Hunde jagten auf meinem Grund und Boden, oder vielmehr auf dem Besitzthume meiner Mutter.«

»Das macht keinen Unterschied, Monsieur Michel; ich habe ja Ihre Ländereien gepachtet. Wir sind nicht mehr vor 1789, wo die Gutsherren das Recht hatten, mit ihren Meuten über die Kornfelder der Bauern zu jagen und Alles niederzutreten, ohne den Schaden zu ersetzen. Nein, wir schreiben jetzt 1832. Jedermann ist Herr auf seinem Eigenthum, und das Wild gehört dem, der es füttert. Der von den Hunden des Herrn Marquis gejagte Hase gehört also mir, denn er frißt das Getreide, das ich auf den Aeckern der Frau Baronin gesät habe, und ich habe den Hasen zu essen.«

Michel machte eine Bewegung, die Courtin wohl bemerkte, aber er mochte doch sein Mißfallen nicht zu erkennen geben.

»Es wundert mich nur,« sagte der junge Baron, »daß sich diese Hunde, die Dir mit so großem Widerstreben zu folgen scheinen, von Dir einholen ließen.«

»O! das hat gar keine Mühe gekostet,« erwiderte Courtin, »ich fand sie beim Speisen.«

»Beim Speisen?«

»Ja wohl. Ich hatte den Hasen in eine Hecke gesteckt, sie hatten ihn gefunden und schmausten. Sie scheinen drüben auf dem Schlosse Souday eben nicht stark gefüttert zu werden und auf eigene Faust gejagt zu haben. Sehen Sie nur, wie die Canaillen meinen Hasen zugerichtet haben.«

Courtin zog die Hinterläufe des Hasen, als hauptsächliches corpus delicti, aus seiner weiten Tasche. Kopf, Vorderläufe und der halbe Rücken waren verschwunden.

»Höre, Courtin,« sagte der junge Baron, »als Maire solltest Du die gesetzliche Ordnung doppelt respektiren.«

»Die gesetzliche Ordnung trage ich in meinem Herzen. Sie wissen ja, Monsieur Michel, daß die drei Worte: Légalité, liberté, ordre public vor meinem Hause geschrieben stehen.«

»Um so mehr Ursache habe ich Dir zu sagen, daß dein Verhalten mit der gesetzlichen Ordnung und Freiheit nicht im; Einklange steht.«

»Wie! die Hunde von Souday stören die gesetzliche Ordnung nicht, wenn sie in einer verbotenen Zeit auf meinen Feldern jagen? und ich habe nicht das Recht sie zu pfänden?«

»Nein, Courtin, sie stören nicht die gesetzliche Ordnung, sie verletzen ein Privatinteresse, und Du hast das Recht, ein Protokoll darüber aufzunehmen, aber nicht, sie zu pfänden.«

»O! das ist viel zu weitläufig; wenn man die Hunde in Ruhe lassen und blos ein Protokoll aufnehmen soll, so sind ja nicht mehr die Menschen, sondern die Hunde frei.«

»Courtin,« sagte der junge Baron mit einer gewissen Wichtigthuerei, welche jungen Leuten, die einige Bekanntschaft mit dem Gesetzbuche gemacht haben, eigen zu seyn pflegt, »Du verwechselst, wie viele Leute, Freiheit mit Unabhängigkeit. Die Unabhängigkeit ist die Freiheit der Menschen, die nicht frei sind.«

»Aber was ist denn Freiheit?«

»Freiheit, lieber Courtin, ist die Verzichtung auf persönliche Unabhängigkeit zum Nutzen Aller. Aus diesem allgemeinen Schatz von Unabhängigkeit nimmt ein ganzes Volk oder jeder einzelne Bürger seine Freiheit. Wir sind frei und nicht unabhängig.«

»O! mich kümmert das nicht,« erwiderte Courtin, »ich bin Maire und Grundeigenthümer; ich habe die beiden besten Hunde des Marquis, Galon d’or und Allegro, am Riemen, ich lasse sie nicht los; er mag sie holen, dann will ich ihn fragen, was er in den Versammlungen zu Torfou und Montaigu macht.«

»Was meinst Du?«

»O! ich weiß schon, was ich meine.«

»Aber ich weiß es nicht.«

»Das ist auch nicht nöthig, Sie sind nicht Maire.«

»Das ist wohl wahr, aber ich wohne doch hier und möchte gerne wissen, was in dieser Gegend vorgeht.«

»Das ist nicht schwer zu sehen: die Herren conspiriren.«

»Die Herren?«

»Ei ja, die Edelleute, die – doch ich schweige, obschon Sie zu jenem Adel nicht gehören.«

Michel erröthete bis über die Ohren.

»Da sagst, Courtin, daß die Edelleute conspiriren?«

»Freilich; warum sollten Sie denn sonst in der Nacht zusammenkommen? Am Tage mögen die Müßiggänger zechen und schmausen, so viel sie wollen, die Behörde hat nichts dagegen; aber Leute, die in der Nacht die Köpfe zusammenstecken, haben nichts Gutes im Sinne. Aber sie mögen sich nur in Acht nehmen, ich habe ein wachsames Auge auf sie, ich bin Maire, und wenn ich auch nicht das Recht habe, die Hunde zu pfänden, so habe ich doch das Recht, die Menschen ins Gefängniß zu schicken. Von dieser Seite kenne ich das Gesetzbuch sehr gut.«

»Und der Marquis von Souday besucht jene Versammlungen?«

»Natürlich, warum sollte er sie nicht besuchen? Ein alter Chouan, ein Adjutant Charette’s wird nicht ausbleiben. Er mag nur kommen, um seine Hunde zurückzufordern, ich schicke ihn sammt seinen Wölfinnen nach Nantes, und sie sollen sagen, warum sie sich so oft bei Nacht und Nebel in den Wäldern herumtreiben.«

»Aber,« entgegnete Michel mit einer Heftigkeit, die sehr leicht zu deuten war, »Du hast mir ja selbst gesagt, Courtin, daß die jungen Damen oft Kranke besuchen und deshalb so spät durch den Wald kommen —«

Courtin trat einen Schritt zurück und zeigte lachend mit dem Finger auf seinen jungen Gutsherrn.

»Aha!« sagte er, »jetzt habe ich Sie gefangen!«

»Mich?« sagte der junge Baron erröthend, »wobei glaubst Du mich gefangen zu haben?«

»Die Demoiselles liegen Ihnen am Herzen!«

»Mir —«

»Ja, ja, ja! Ich will’s Ihnen gar nicht verargen, im Gegenteil, obschon es Demoisellen sind, so muß ich doch gestehen, dass sie hübsch sind. Werden Sie nur nicht roth. Sie kommen ja nicht aus dem Seminar, Sie sind weder Abbé noch Diaconus, noch Vicar; Sie sind ein schmucker junger Herr – nur vorwärts, und nicht ängstlich! Die Dämchen müßten wahrhaftig keinen Geschmack haben, wenn sie keinen Gefallen an Ihnen fänden.«

»Aber, lieber Courtin,« sagte Michel, »wenn dies meine Absicht wäre, so würde ich schon darin ein großes Hindernis finden, daß ich weder den Marquis noch seine Töchter kenne. Man kann ja nicht sogleich einen Besuch machen, wenn man zwei jungen Mädchen einmal zu Pferde begegnet.«

»Aha! ich verstehe,« sagte Courtin spöttisch, »die Leute dort drüben haben vornehme Manieren, obgleich sie so arm wie die Kirchenmäuse sind, und Sie brauchen eine Gelegenheit, einen Grund, einen Vorwand. Suchen Sie nur, Monsieur Michel, Sie sind ein Gelehrter, können Latein und Griechisch, und haben obendrein das Gesetzbuch studirt. Sie werden bald etwas finden.«

Michel schüttelte den Kopf.

»Was!« sagte Courtin, »Sie haben nichts gefunden?«

»Das sage ich nicht,« erwiderte der junge Baron lebhaft.

»Aber ich sage es. Wenn man vierzig Jahre alt ist, hat man die Zeit, wo man zwanzig zählte, noch nicht vergessen.«

Michel schwieg und schlug vor dem etwas spöttischen Blick des Landmannes die Augen nieder.

»Sie haben kein Mittel gefunden,« setzte Courtin hinzu, »aber ich habe es gefunden.«

»Du!« sagte der junge Baron, rasch aufblickend; aber er lenkte ein, um seine geheimen Gedanken nicht preiszugeben. »Wer hat Dir denn gesagt, daß ich ins Schloß gehen will?«

»Hören Sie nur,« fuhr Courtin fort, als ob sein Herr gar nicht versucht hätte zu leugnen.

Michel stellte sich gleichgültig und zerstreut, hörte aber sehr aufmerksam zu.

»Sie sagen zu mir: Papa Courtin, Ihr habt weder als Maire, noch als Landeigenthümer das Recht, die Hunde des Marquis von Souday zu pfänden; Ihr habt Anspruch auf eine Entschädigung und wegen dieser Entschädigung werden wir uns verständigen. Hierauf antwortet der Papa Courtin. O! mit Ihnen, Monsieur Michel, rechne ich nicht, wir kennen Ihre Großmuth. Hierauf erwidern Sie: Courtin, Du gibst mir die Hunde, das Uebrige ist meine Sache. Und ich sage: Hier sind die Hunde, Monsieur Michel. Was die Entschädigung betrifft, so finden wir uns mit einem oder zwei Goldfüchsen ab; wir wollen ja nicht den Tod des Sünders! Sie schreiben dann ein kleines Billet an den Marquis und schicken ihm die Hunde durch Rousseau oder La Belette zurück. Dann kann er natürlich nicht umhin, sich bei Ihnen schönstens zu bedanken und Sie einzuladen. Noch sicherer wär’s freilich, wenn Sie ihm die Hunde selbst zurückbrächten.«

»Gut, gut, Courtin,« sagte der junge Baron, »laß mir die Hunde, ich will sie dem Marquis zurückschicken, nicht um von ihm eingeladen zu werden – denn an deinen Voraussetzungen ist kein wahres Wort, – sondern weil Nachbarn einander gefällig seyn müssen.«

»Nun, ich will nichts gesagt haben,« sagte Courtin. »Aber es bleibt doch immer wahr, die beiden Fräulein von Souday sind bildhübsch. Und was die Entschädigung betrifft —«

»Nicht mehr als billig,« unterbrach ihn der junge Baron. »Hier, nimm das für den Schaden, den Dir die Hunde auf meinem Lande gethan haben.«

Und er gab dem Bauer drei oder vier Louisd’or, die er eben bei sich hatte.

Es war ein Glück, daß er nicht mehr bei sich hatte, denn er war so erfreut über das von Courtin gefundene Mittel, daß er ihm zehnmal mehr gegeben hätte, wenn diese zehnfache Summe in seiner Tasche gewesen wäre.

Courtin warf einen Kennerblick auf die Goldstücke, die er als »Entschädigung« bekommen hatte, übergab dem jungen Baron den Koppelriemen und entfernte sich.

Aber als er einige Schritte gegangen war, sah er sich um und sagte:

»Aber binden Sie sich nicht allzu sehr an die Leute, Monsieur Michel. Sie wissen, was ich Ihnen von den Versammlungen der Herren zu Torfou und Montaigu erzählt habe, und jetzt sage ich Ihnen, daß es binnen vierzehn Tagen etwas geben wird.«

Er ging nun fort und trällerte die »Parisienne«, für deren Text und Melodie er schwärmte.

Der junge Baron blieb mit den beiden Hunden allein.

X.
Wo gezeigt wird, das man die Rechnung nicht ohne den Wirth machen soll

Der junge Baron hatte anfangs die Absicht, den Rath Courtin’s zu befolgen, nämlich die Hunde in das Schloß zurückzuschicken. Rousseau und La Belette sollten die Hunde abliefern und seine Botschaft überbringen. Es waren zwei Diener, die theils auf dem Meierhofe, theils im Schlosse verwendet wurden. Die Spitznamen, unter denen sie Courtin unseren Lesern vorgestellt, verdankte der Erste der etwas schreienden Farbe seines Haares, der Zweite der Aehnlichkeit seines Gesichts mit der Schnauze des Thieres [La belette, das Wiesel.], welches La Fontaine in einer sehr hübschen Fabel illustriert hat.

Allein bei reiferer Erwägung dachte er, der Marquis von Souday könne sich mit einem einfachen Dankschreiben begnügen, ohne ihn einzuladen.

Wenn der Marquis so handelte, so war der Zweck verfehlt, und eine so günstige Gelegenheit fand sich vielleicht nicht wieder.

Wenn er hingegen die Hunde persönlich überbrachte, so mußte der Marquis seinen Besuch annehmen: einen Nachbar, der so gefällig ist, zwei verloren geglaubte werthvolle Jagdhunde persönlich zu überbringen, läßt man nicht sechs bis sieben Kilometer machen, ohne ihm eine Erfrischung und wenn es spät ist, ein Nachtlager zu bieten.

Michel sah nach der Uhr. Es war sechs Uhr und einige Minuten.

Die Baronin speiste um vier Uhr. Der junge Baron hatte daher Zeit genug, sich in das Schloß Souday zu begeben. Aber es war ein großer Entschluß, und Entschlossenheit war eben kein hervorragender Charakterzug Michel’s.

Er blieb eine Viertelstunde unschlüssig; aber in den ersten Maitagen geht die Sonne erst um acht Uhr unter, er hatte also noch anderthalb Stunden Sonnenschein. Ueberdies konnte er, ohne sich einer Unschicklichkeit schuldig zu machen, bis neun Uhr seinen Besuch aufschieben.

Freilich war vorauszusehen, daß sich die Mädchen nach einem Jagdtage frühzeitig zur Ruhe begeben würden, und um den Marquis allein zu sprechen, würde der junge Baron die sechs Kilometer nicht machen. Um Mary zu sehen, würde er hundert Meilen gemacht haben.

Er entschloß sich daher, auf der Stelle die kleine Reise anzutreten.

Erst jetzt bemerkte er, daß er keinen Hut hatte. Aber um seinen Hut zu holen, mußte er ins Schloß gehen; seine Mutter konnte ihm begegnen und ihn fragen, wohin er wollte und wem die Hunde gehörten.

Er brauchte keinen Hut; er konnte sich mit der Eile entschuldigen, der Wind konnte den Hut in eine Schlucht getrieben haben und die Hunde hätten ihm nicht erlaubt, ihm nachzulaufen. Es wäre viel unangenehmer gewesen, seiner Mutter zu begegnen.

Er machte sich also baarhaupt, mit den beiden Hunden am Riemen, auf den Weg.

Kaum hatte er einige Schritte gemacht, so sah er ein, daß er die fünfundsiebzig Minuten, auf die er gezählt hatte, nicht auf dem Wege zubringen würde. Denn sobald die Hunde merkten, welche Richtung ihr Führer einschlug, so hatte er sie nicht mehr fortzuziehen, sondern zurückzuhalten. Sie witterten den Stall; an einen kleinen Wagen gespannt, würden sie den Baron Michel in einer halben Stunde nach Souday gezogen haben. Zu Fuß konnte er den Weg in drei Viertelstunden zurücklegen.

Da er eben so ungeduldig war, wie die beiden Hunde, so setzte er sich in kurzen Trab.

Nach zwanzig Minuten kam er in den Wald von Machecoul. Anfangs war eine ziemlich steile Anhöhe zu ersteigen.

Der junge Baron fühlte auf der Höhe das Bedürfniß, sich zu verschnaufen. Die Hunde hingegen wollten rasch weiter, aber er hielt sie glücklich zurück.

Während er sich den Schweiß von der Stirn wischte und sich an der kühlen Abendluft labte, glaubte er einen Ruf zu hören. Die Hunde hörten ihn ebenfalls, begannen ein; klägliches Geheul und zogen mit erneuerter Kraft am Leitriemen.

Der Führer hatte sich ausgeruht und trabte weiter den mit aller Kraft ziehenden Hunden nach.

Er hatte noch nicht dreihundert Schritte gemacht, so hörte er denselben Ruf, aber näher und deutlicher, wieder.

Die Hunde antworteten mit einem noch kläglicheren Geheul und mit noch stärkeren Ziehen am Koppelriemen.

Der junge Baron sah wohl, daß Jemand die Hunde suchte und rief.

Nach einer Weile wiederholte sich das Rufen. Dieses Mal zogen Galon d’Or und Allegro mit solcher Gewalt, daß Michel, von ihnen fortgerissen, sehr schnell laufen mußte.

Nachdem er einige Minuten in diesem raschen Tempo gelaufen war, erschien ein Mann am Saume des Waldes, sprang über den Graben und trat dem jungen Baron in den Weg.

Es war Jean Oullier.

»Aha!« sagte er, »Sie sind’s, Monsieur Jolicoeur! Sie lenken also meine Hunde von der Wolfsfährte ab und hetzen sie auf einen Hasen! Und nun geben Sie sich sogar die Mühe, sie zusammenzukoppeln und am Riemen zu führen!«

»Ich habe die Hunde zusammengekoppelt,« erwiderte der junge Baron ganz athemlos, »um sie dem Herrn Marquis von Souday persönlich zu überbringen.«

»Ja, ja – ohne Hut und so mir nichts Dir nichts! Die Mühe können Sie sich ersparen, mein lieber Herr, ich werde die Hunde schon abliefern.«

Und ehe es der junge Baron hindern konnte, entriß ihm Oullier den Riemen und warf ihn den Hunden auf den Hals, wie man einem Pferde den Zügel auf den Hals wirft.

Die Hunde liefen nun auf das Schloß zu, Jean Oullier ihnen nach.

Alles dies war so schnell vor sich gegangen, daß die Hunde mit ihrem Treiber schon weit entfernt waren, ehe der junge Baron wieder einige Fassung gewonnen hatte.

Er stand wohl schon zehn Minuten ganz verblüfft auf derselben Stelle und schaute den Hunden nach, da hörte er eine sanfte, freundliche Mädchenstimme:

»Mein Gott! Herr Baron, was machen Sie denn ohne Hut hier im Walde?«

Was er hier machte? Das hätte er wohl schwerlich sagen können. Er folgte in Gedanken seinen davoneilenden Hoffnungen.

Er sah sich um und erkannte seine Milchschwester, die Tochter des Pächters Tinguy.

»Aha! Du bist’s, Rosine,« sagte er.

»Wo kommst Du denn her?«

»Ach! Herr Baron!« antwortete das Mädchen weinerlich, »ich komme aus dem Schlosse La Logerie, wo mich die Frau Baronin schlecht aufgenommen hat.«

»Wieso, Rosine? Du weißt ja, daß Dir meine Mutter sehr gut ist.«

»Ja, sonst wohl, aber heute nicht.«

»Wie! Heute nicht?«

»Ja, vor einer Stunde ließ sie mir die Thüre weisen.«

»Warum hast Du nicht nach mir gefragt?»

»Ich habe nach Ihnen gefragt, Herr Baron, aber man sagte mir, Sie wären nicht zu Hause.«

»Ich komme ja eben erst vom Schlosse her, und Du, bist gewiß nicht so geschwind hierher gekommen, wie ich.«

»Das ist möglich, Herr Baron. Denn da ich von Ihrer Frau Mutter abgewiesen wurde, so kam ich auf den Gedanken, die Wölfinnen aufzusuchen, aber ich entschloß mich nicht sogleich.«

»Was willst Du denn von den Wölfinnen?«

Es kostete ihm große Ueberwindung, dieses Wort auszusprechen.

»Ich will für meinen kranken Vater um Hilfe bitten.«

»Was für eine Krankheit hat er denn.«

»Ein bösartiges Fieber, das er in den Sümpfen bekommen hat.«

»Ein bösartiges Fieber!« wiederholte Michel, »Ist es ein Zehrfieber, ein Wechselfieber oder ein Nervenfieber?«

»Das weiß ich nicht, Herr Baron.«

»Was sagt denn der Arzt dazu?«

»Der Arzt wohnt in Palluau; er nimmt fünf Francs für einen Besuch, und das können wir nicht geben.«

»Und meine Mutter hat Dir kein Geld gegeben?«

»Sie wollte mich gar nicht sehen! Ein bösartiges Fieber! sagte sie, und das Mädchen kommt hierher, während der Vater krank ist? Fort mit ihr!«

»Das ist unmöglich!«

»Ich habe es recht gut gehört, Herr Baron; sie rief es; ganz laut zum Zimmer heraus.«

»Warte, warte,« sagte der junge Baron, »ich will Dir Geld geben.«

Er durchsuchte seine Taschen. Aber er hatte Courtin Alles gegeben, was er bei sich gehabt.

»Ach Gott!« sagte er, »ich habe keinen Groschen bei mir, armes Kind. Komm mit mir ins Schloß, ich will Dir geben, was Du brauchst.«

»O nein,« erwiderte Rosine, »ich würde nicht um alles Gold der Welt wieder ins Schloß gehen. Ich gehe zu den Wölfinnen, sie sind mitleidig und werden ein armes Mädchen, das für den kranken Vater um Hilfe bittet, nicht abweisen.«

»Aber man sagt,« entgegnete der junge Baron zögernd, »man sagt, daß die Fräulein von Souday nicht reich sind.«

»Ich will sie auch nicht um Geld bitten; sie geben kein Almosen, sie thun etwas Besseres —«

»Was thun sie denn?«

»Sie gehen selbst zu den Kranken, und wenn keine Hilfe mehr ist, so trösten sie die Angehörigen.«

»Ja wohl,« sagte Michel, »wenn’s eine gewöhnliche Krankheit ist, aber bei einem gefährlichen Fieber —«

»Die lieben jungen Damen machen keinen Unterschied. Sie können sich selbst davon überzeugen, wenn Sie hier warten wollen: in zehn Minuten werden Sie mich mit einer von den beiden Schwestern zurückkommen sehen. – Auf Wiedersehen, Herr Baron! O, ich hätte nie geglaubt, daß Ihre Frau Mutter die Tochter Ihrer Amme wie eine Diebin behandeln und fortschicken würde!«

Rosine entfernte sich, ehe der junge Baron eine Antwort finden konnte.

Aber sie hatte etwas gesagt, was ihm zu Herzen gegangen war; sie hatte gesagt: »In zehn Minuten werden Sie mich, wenn Sie warten wollen, mit einer der beiden Schwestern zurückkommen sehen.«

Er war fest entschlossen, zu warten; die auf eine Art verfehlte Gelegenheit konnte auf eine andere Art wieder eingebracht werden.

Wenn der Zufall wollte, daß Mary mit Rosine kam —.

Aber wie konnte er glauben, daß ein achtzehnjähriges Mädchen, die Tochter des Marquis von Souday um acht Uhr Abends eine Meile weit gehen würde, um einem armen fieberkranken Bauer Hilfe zu leisten?

Es war nicht wahrscheinlich, ja kaum möglich. Rosine machte die beiden Schwestern gewiß besser als sie waren, so wie Andere sie schlechter machten.

Und wie wäre es zugegangen, daß seine Mutter, die fromme, auf alle Tugenden Anspruch machende Dame, bei dieser Gelegenheit ganz anders gehandelt hätte, als die beiden Mädchen, denen man in der ganzen Gegend so viel Böses nachsagte? Wenn es wirklich so war, wie Rosine sagte, so waren ja die beiden Mädchen die wahren Seelen nach dem Herzen Gottes.

Aber er wartete gewiß vergebens.

Als er sich diesen trostlosen Gedanken seit zehn Minuten wohl zehnmal vergegenwärtigt hatte, sah er an der Biegung der Straße, wo Rosine verschwunden war, zwei Mädchengestalten erscheinen.

Ungeachtet der Dämmerung erkannte er Rosine. Die Andere war nicht zu erkennen, sie war in einen Mantel gehüllt.

Er war so befangen und aufgeregt, daß er nicht die Kraft hatte, den beiden Mädchen entgegen zu gehen; er erwartete sie.

»Nun, was habe ich Ihnen gesagt, Herr Baron?« rief, ihm Rosine zu.

»Was hast Du ihm denn gesagt?« fragte die junge Dame im Mantel.

Michel seufzte; an dem festen, entschiedenen Tone der Stimme erkannte er Bertha.

Ich habe ihm gesagt, erwiderte Rosine, »daß es mir bei Ihnen nicht so gehen würde, wie im Schlosse La Logerie – daß man mir die Thür nicht weisen würde.«

»Aber,« sagte Michel, »Du hast vielleicht dem Fräulein von Souday nicht gesagt, was für eine Krankheit dein Vater hat.«

»Nach den Symptomen,« antwortete Bertha, »scheint es ein Nervenfieber zu seyn; deshalb ist keine Minute zu verlieren. Die Krankheit erheischt schnelle Hilfe. Kommen Sie mit uns, Herr Baron?«

»Aber, mein Fräulein,« entgegnete Michel, »das Nervenfieber ist ansteckend —«

»Einige behaupten es und Andere leugnen es,« sagte Bertha gleichgültig.

»Aber das Nervenfieber ist tödtlich —«

»Ja, in vielen Fällen; aber man hat doch auch manche Beispiele von Genesung.«

Der junge Baron zog Bertha an sich.

»Sie wollen sich einer solchen Gefahr aussetzen?« fragte er.

»Allerdings.«

»Für einen Unbekannten – einen Fremden —«

»Wer für uns ein Fremder ist,« erwiderte Bertha sehr sanft, »ist für andere Menschen ein Vater, ein Bruder, ein Gatte. In dieser Welt ist kein Mensch dem andern fremd. Und steht der Kranke Ihnen nicht näher, als andere Seinesgleichen?«

»Er ist der Ehemann meiner Amme, —« sagte Michel verlegen.

»Sehen Sie wohl!« erwiderte Bertha.

»Ich erbat mich, mit Rosine in’s Schloß zu gehen; ich würde ihr Geld zu den Curkosten gegeben haben —«

»Und Du hast deine Zuflucht lieber zu uns genommen?« sagte Bertha, »das ist schön von Dir, Rosine.«

Der junge Baron war ganz beschämt. Er hatte viel von der christlichen Barmherzigkeit gehört, aber nie gesehen, und nun erschien sie ihm auf einmal in der Gestalt Bertha’s.

Er folgte den beiden Mädchen in tiefem Nachdenken.

»Wenn Sie mit uns kommen,« Herr Baron, sagte: Bertha, »so haben Sie die Güte dieses Arzneikästchen zu – tragen.«

»Der Herr Baron wird nicht mit uns kommen,« meinte Rosine, »er weiß, wie sehr seine Frau Mutter die bösartigen Fieber fürchtet.«

»Du irrst Dich, Rosine,« sagte Michel, »ich gehe mit.«

Er nahm dem Fräulein von Souday das Kästchen ab.

Eine Stunde nachher kamen alle Drei zu der von Rosinens Vater bewohnten Hütte.

XI.
Der Eilbote

Die Hütte stand nicht im Dorfe, sondern etwa einen Büchsenschuß außerhalb desselben vor einem kleinen Gehölz, mit welchem sie durch eine Hinterthür in Verbindung stand.

Rosinens Vater war ein Chouan von altem Schrot und Korn; er hatte, kaum dem Knabenalter entwachsen, den ersten Krieg in der Vendée unter Charette, la Rochejacquelein und anderen Führern mitgemacht.

Später hatte er sich verheirathet; ein Sohn war ihm gestorben; Rosine war sein einziges Kind.

Bei jedem der beiden Kinder hatte seine Frau, der unter den armen Bäuerinnen herrschenden Sitte gemäß, einen Säugling genommen.

Der erste war der letzte Sprößling einer adeligen Familie von Maine, Namens Henri de Bonneville. Er wird in dieser Geschichte bald erscheinen.

Der zweite war Michel de La Logerie, eine der Hauptpersonen unserer Erzählung.

Henri de Bonneville war zwei Jahre älter als Michel. Die beiden Kinder hatten vor dieser Thür, deren Schwelle Michel jetzt mit Rosine und Bertha überschreiten sollte, oft mit einander gespielt. Später hatten sie sich in Paris gesprochen. Die Baronin de La Logerie hatte diese Freundschaft sehr begünstigt, denn die Familie Bonneville war sehr angesehen und reich.

Die beiden Knaben hatten einigen Wohlstand ins Haus gebracht; aber der Bauer in der Vendée hält seinen Wohlstand immer geheim. So machte es auch Tinguy; er stellte sich auf Kosten seines eigenen Lebens arm, und wie krank er auch war, so würde er sich doch wohl gehütet haben, einen Arzt, dessen Besuch ihm drei Francs gekostet hätte, von Palluau kommen zu lassen.

Ueberdies glauben die Bauern, zumal die Vendéer weder an Aerzte noch an Arzneien. So hatte sich denn Rosine an die Baronin de La Logerie, und nachdem sie von dieser abgewiesen worden, an die Fräulein von Souday gewandt.

Als die drei jungen Leute eintraten, richtete sich der Kranke mit Mühe auf, aber er sank sogleich ächzend auf sein Lager zurück. Ein vor dem Bett brennendes Licht warf einen matten Schimmer auf den etwa vierzigjährigen Mann, bei welchem alle Anzeichen eines heftigen Fiebers sichtbar waren.

Er war leichenblaß, das Auge war matt und glanzlos, und von Zeit zu Zeit wurde er heftig geschüttelt, als ob er mit einer galvanischen Batterie in Berührung gekommen wäre.

Der junge Baron schauderte bei diesem Anblicke; er fand die Furcht seiner Mutter vor Ansteckung ganz erklärlich, denn es schien ihm, als ob der Krankheitsstoff in sichtbaren Atomen um das Lager schwebte.

Er dachte an Kampher, an Chlor, an Räuberessig, kurz an alle Vorbeugungsmittel, welche den Kranken von dem Gesunden trennen können, und da er weder Essig noch Kampher oder Chlor hatte, so blieb er wenigstens an der Thür, um sich mit der äußern Luft in Verbindung zu setzen.

Bertha dachte an keine Vorsichtsmaßregeln; sie trat an das Bett und faßte die heiße Hand des Kranken.

Michel wollte auf sie zueilen, um sie zurückzuhalten, er that den Mund auf, um sie zu warnen, aber er blieb regungslos, sprachlos vor Bewunderung und Schrecken.

Bertha befragte den Kranken. Tags zuvor war er beim Aufstehen so matt gewesen, daß er sich nicht auf den Füßen zu halten vermochte. Aber statt sich wieder ins Bett zu legen und einen Arzt kommen zu lassen, hatte sich Tinguy angekleidet, einen Krug Cider aus dem Keller geholt und ein Stück Brot abgeschnitten: er glaubte, sich stärken zu müssen.

Er hatte den Cider getrunken, aber das Brot hatte nicht geschmeckt. Dann war er an seine Feldarbeit gegangen.

Unterwegs hatte er heftige Kopfschmerzen bekommen, und seine Mattigkeit war so groß geworden, daß er sich setzen mußte. Er hatte begierig aus einer Quelle getrunken, aber sein Durst war so groß geworden, daß er zuletzt aus einer Pfütze getrunken hatte.

Endlich war er auf sein Feld gekommen, aber er hatte nicht die Kraft gehabt, seine gestern angefangene Arbeit fortzusetzen. Eine Weile hatte er sich auf sein Grabscheit gestützt, dann aber war ihm der Kopf zu schwer geworden, und er war zu Boden gefallen.

Er blieb bis sieben Uhr Abends liegen, und er würde die ganze Nacht liegen geblieben seyn, wenn nicht zufällig ein Bauer aus einem Nachbardorfe vorbeigekommen wäre. Dieser rief ihn an; der Fieberkranke antwortete nicht, machte aber eine Bewegung. Der Bauer trat näher und erkannte Tinguy.

Mit großer Mühe führte er den Kranken nach Hause. Dieser war so schwach, daß er länger als eine Stunde brauchte, um den kurzen Weg, den er sonst in einer Viertelstunde gemacht, zurückzulegen.

Rosine hatte ihn schon mit Unruhe erwartet. Ueber das Aussehen ihres Vaters erschreckt, wollte sie nach Palluau eilen und den Arzt holen, aber der Kranke verbot es ihr ausdrücklich; er meinte, es habe nichts zu bedeuten, am andern Morgen werde er wieder gesund seyn. Er ließ sich nur einen Krug Wasser vor das Bett bringen, um den immer heftiger werdenden Durst zu stillen.

In der Nacht war die Fieberhitze immer größer, der Durst immer quälender geworden. Morgens hatte er einen Versuch gemacht aufzustehen, aber er war kaum im Stande gewesen den Kopf aufzurichten, und hatte über heftige Schmerzen in der rechten Seite geklagt.

Rosine, welche vergebens zu ärztlicher Hilfe gerathen hatte, war vor dem Bette geblieben, um jeden Augenblick seine Wünsche zu erfüllen.

Um vier Uhr Nachmittags hatte der Kranke eingesehen, daß er von einem bösartigen Fieber befallen war, und seine Tochter in das Schloß geschickt.

Wir haben das Resultat dieses Entschlusses gesehen. Nachdem Bertha den Puls des Kranken untersucht und seine mühsam hervorgebrachte Erzählung angehört hatte, überzeugte sie sich, daß er ein hitziges Fieber hatte. Aber von welcher Art dieses Fieber war, wußte sie nicht.

Da der Kranke indeß unaufhörlich zu trinken verlangte, so schnitt sie eine Citrone in Scheiben, ließ sie in einem Topf; mit Wasser sieden, that etwas Zucker hinein und gab diese Limonade dem Kranken statt des klaren Wassers.

Als sie die Limonade bereiten wollte, erklärte Rosine, es sey kein Zucker im Hause. Der Zucker ist für den Vendéer Bauer der größte Luxus.

Bertha hatte es vermuthet und deshalb etwas Zucker in ihr Arzeneikästchen gethan. Sie sah sich nach dem Kästchen um und bemerkte es unter dem Arm des jungen Barons, der immer an der Thüre stand.

Sie winkte ihn herbei, aber ehe er von der Stelle gegangen war, machte sie eine abwehrende Bewegung und ging, einen Finger auf den Mund haltend, auf ihn zu.

»Der Zustand des Kranken ist sehr bedenklich,« sagte sie leise, »ich will die Verantwortung nicht übernehmen. Ein Arzt ist sehr nothwendig, und ich fürchte sogar, daß er zu spät kommen wird. Eilen Sie nach Palluau, lieber Herr Baron, und holen Sie den Doktor Roger.«

»Aber Sie – Sie?« fragte Michel sehr besorgt.

»Ich bleibe hier. Sie werden mich hier wieder finden, ich habe etwas Wichtiges mit dem Kranken zu reden.«

»Etwas Wichtiges?« sagte Michel erstaunt.

»Ja,« antwortete Bertha.

»Aber bedenken Sie doch —«

»Ich sage Ihnen,« unterbrach ihn das Fräulein, »daß die mindeste Verzögerung gefährliche Folgen haben kann. In diesem schon vorgerückten Stadium sind die Fieber oft tödtlich; eilen Sie daher und holen Sie den Doctor.«

»Aber wenn das Fieber ansteckend ist,« entgegnete Michel, »so kommen Sie ja auch in Gefahr —«

»Lieber Herr,« erwiderte Bertha, »wenn man an solche Dinge denken wollte, so würde die Hälfte unserer Bauern hilflos sterben. Gehen Sie! Gott wird mich schützen.«

Sie reichte dein Boten die Hand.

Der junge Baron, von Bewunderung erfüllt, faßte die Hand und zog sie an seine Lippen.

Diese Bewegung war so rasch, so leidenschaftlich, daß Bertha erblaßte und seufzend hinzusetze:

»Gehen Sie, Freund – gehen Sie!«

Dieses Mal hatte sie nicht nöthig, den Befehl zu wiederholen. Michel eilte hinaus. Ein noch nie gekanntes Feuer durchglühte ihn und verdoppelte die Lebenskraft; er wäre im Stande gewesen, Unmögliches zu vollbringen, es schien ihm, als ob er, wie Merkur, am Kopf und an den Fersen Flügel hätte. Er würde eine ihm den Weg versperrende Mauer erklommen, er würde sich in einen reißenden Strom gestürzt haben, um an das andere Ufer hinüberzuschwimmen. Es that ihm fast leid, daß Bertha so wenig von ihm verlangte, er hätte gern Hindernisse überwunden, etwas Schweres, sogar Unmögliches vollbracht. Durch den kurzen Weg konnte er sich keine Ansprüche auf den Dank des Fräuleins erwerben; er wäre gern, für sie ans Ende der Welt gegangen, er hätte gern Beweise seines Muthes gegeben.

In seiner Aufregung fühlte er keine Ermüdung. In einer halben Stunde war er in Palluau.

Der Doktor Roger war ein Hausfreund der Baronin de La Logerie. Der junge Baron brauchte sich daher nur zu nennen, um den Doctor, der noch nicht wußte, daß der Kranke nur ein Bauer war, aus dem Bett zu holen.

In fünf Minuten war der Doktor angekleidet und fragte nach der Ursache dieses unerwarteten nächtlichen Besuches.

Michel erzählte den Krankheitsfall mit wenigen Worten, und da der Arzt sich wunderte, den jungen Baron zu Fuß, mit bloßem Kopfe kommen zu sehen, erwiderte Michel, der Kranke sey der Ehemann seiner Amme und dies sey die Ursache seiner warmen Theilnahme.

Der Arzt ließ sogleich sein Pferd einspannen. Aber Michel behauptete, er werde den Weg schneller zu Fuß machen.

»Kommen Sie so geschwind wie Sie können,« sagte er zu dem Doktor, »ich will vorausgehen und Ihre Ankunft melden.«

Der Doctor meinte, der Sohn der Baronin de La Logerie habe den Verstand verloren. Er sagte, daß er ihn bald einholen werde.

Aber der Gedanke, zu Wagen zurückzukommen, war dem jungen Baron unerträglich. Er dachte, Bertha würde ihm viel dankbarer seyn, wenn er vorauseilte und die Ankunft des Arztes meldete, als wenn er mit diesem vom Wagen stiege. Einen schnellen Ritt auf einem feurigen Renner hätte er sich noch gefallen lassen – aber in einem Einspänner!

Die erste Liebe ist immer poetisch, alles Prosaische ist ihr ein Gräuel.

Was würde Mary sagen, wenn ihr Bertha erzählte, sie habe den jungen Baron nach Palluau geschickt und er sey mit dem Doctor Roger im Einspänner zurückgekommen! Es war hundertmal poetischer, zu Fuß, in Schweiß gebadet und athemlos wieder in der Hütte zu erscheinen.

An den Kranken dachte er freilich sehr wenig, seine Gedanken waren auf die beiden Schwestern gerichtet. Die Hauptursache dieser großen Umwälzung, die in der Seele unseres Helden vorging, war eine Nebensache geworden, sie war nicht mehr Zweck, sondern Vorwand.

Michel lachte höhnisch bei dem Gedanken, daß der Doctor sein Pferd antrieb, um ihn einzuholen; es that ihm unendlich wohl, den kühlen Abendwind an seiner glühenden Stirn zu fühlen. Er sollte sich von dem Einspänner des Doctors einholen lassen? Lieber wäre er gestorben!

In fünfundzwanzig Minuten war er wieder vor der Hütte.

Bertha schien diese fast unmögliche Geschwindigkeit geahnt zu haben, denn sie erwartete ihren Boten vor der Thür. Sie wußte wohl, daß seine Rückkehr vernünftigerweise erst in einer halben Stunde zu erwarten war, aber dennoch lauschte sie.

Sie glaubte ferne leise Fußtritte zu hören. Michel konnte es noch nicht seyn und doch zweifelte sie keinen Augenblick, daß er es sey.

Nach einigen Augenblicken sah sie ihn wirklich in der Dunkelheit auftauchen und rasch näher kommen. Sie mochte ihren Augen noch nicht trauen, aber als sie nicht mehr zweifeln konnte, pochte ihr zum ersten Male das Herz mit unbekannter Heftigkeit.

Der junge Baron war sprachlos, athemlos, wie der Grieche von Marathon, und es fehlte wenig, so wäre er wie: Jener, wenn nicht todt, doch ohnmächtig niedergesunken.

Er hatte nicht die Kraft zu sagen: Der Doktor folgt mir!

Um nicht niederzusinken, griff er mit der Hand an die Mauer.

Hätte er sprechen können, so würde er gesagt haben: »Erzählen Sie Ihrer Schwester, daß ich um ihretwegen den Weg nach Palluau und wieder zurück in fünfzig Minuten gemacht habe!«

Aber er konnte nicht sprechen und Bertha mußte glauben, ihr Abgesandter habe um ihretwillen das Unmögliche geleistet.

Sie feierte im Stillen einen süßen Triumph.

»O mein Gott!« sagte sie, indem sie ihm mit dem Schnupftuch das Gesicht trocknete, dabei aber die Berührung seiner Stirnwunde sorgfältig vermied, »es thut mir unendlich leid, daß Sie sich meine Mahnung zur Eile so zu Herzen genommen haben. Sie sind fürwahr in einem schönen Zustand! – Sie sind recht kindisch!« setzte sie wie eine besorgte Mutter mit unbeschreiblicher Sanftmuth hinzu.

Michel faßte ihre leise bebende Hand.

In diesem Augenblicke hörte man das Rasseln des Einspänners auf der Landstraße.

»Da kommt der Doctor!« sagte Bertha und stieß Michel’s Hand zurück.

Er sah sie erstaunt an. Warum stieß sie seine Hand zurück?

Er konnte nicht wissen, was in dem Herzen des jungen Mädchens vorging, aber er fühlte instinctmäßig, daß Bertha seine Hand weder aus Zorn noch aus Widerwillen zurückgestoßen hatte.

Bertha ging hinein, wahrscheinlich um dem Kranken die Ankunft des Arztes zu melden.

Michel blieb vor der Thür, um ihn zu erwarten.

Als er ihn in dem offenen Einspänner ankommen und in so grotesker Weise geschüttelt sah, freute er sich, daß er den Weg zu Fuß gemacht hatte.

Bertha würde den jungen Baron freilich nicht auf dem fast bäuerischen Fuhrwerke gesehen haben, wenn sie, wie sie es soeben gethan, auf das Rasseln der Räder in die Hütte geeilt wäre. Aber würde sie nicht gewartet haben, bis sie ihn gesehen?

Michel hielt dies für mehr als wahrscheinlich, und er fühlte in seinem Herzen wenigstens den sanften Kitzel der Eitelkeit, wenn nicht den stürmischen Triumph der Liebe.

XII.
Der getreue Adel

Als der Doktor Roger in das Krankenzimmer trat, hatte Bertha ihren Platz vor dem Bette wieder eingenommen.

Der erste Gegenstand, der ihm in die Augen fiel, war die anmuthige Gestalt, welche wie ein Schutzengel an dem Lager erschienen war. Er erkannte sie sogleich, denn er hatte sie oder ihre Schwester sehr oft schon in den Hütten kranker Landleute angetroffen.

»Kommen Sie, Doctor,« sagte sie, »kommen Sie geschwind! Der arme Tinguy phantasiert.«

Der Doctor trat näher.

»Beruhigt Euch, Freund,« sagte er, die Hand des Kranken fassend.

»Laßt mich!« sagte Tinguy unruhig »Laßt mich – ich muß aufstehen – man erwartet mich in Montaigu.«

»Nein, lieber Tinguy,« sagte Bertha, »man erwartet Euch noch nicht.«

»Ja wohl, Fräulein, diese Nacht wird man mich suchen —«

Schweigt, Tinguy,« mahnte Bertha, »bedenket, daß – Ihr trank seyd, und daß der Doctor Roger hier ist.«

»Der Doktor Roger gehört zu uns, wir können in seiner Gegenwart Alles sagen. Er weiß, daß man mich erwartet, daß ich aufstehen und nach Montaigu gehen muß.«

Der Doctor und das Fräulein wechselten einen Blick.

»Massa,« sagte der Doktor.

»Marseille,« antwortete Bertha.

Beide reichten einander die Hand.

Bertha wandte sich wieder zu dem Kranken.

»Ja, es ist wahr,« sagte sie, sich zu ihm neigend, »aber es ist Einer hier, der nicht zu uns gehört —« sie sprach noch leiser, so daß Tinguy allein sie verstehen konnte, »und dieser Eine ist der junge Baron de La Logerie.«

»Ja, es ist wahr,« sagte der Kranke, »er gehört nicht zu uns. Aber sagen Sie ihm nichts. Courtin ist ein Verräther. Aber wer soll denn nach Montaigu gehen, wenn ich nicht gehe?«

»Jean Oullier soll gehen. Seyd nur ruhig, Tinguy.«

»O, wenn Jean Oullier geht,« versetzte Tinguy, »so kann ich zu Hause bleiben. Er ist flink auf den Füßen und trifft gut —«

Er lachte laut auf, aber seine Kräfte schienen erschöpft, und er sank auf sein Bett zurück.

Der junge Baron hatte dieses Gespräch belauscht, aber nur einige ihm nicht verständliche Worte davon erhascht. Er hatte nur verstanden: »Courtin ist ein Verräther,« und aus einem Seitenblicke des Fräuleins hatte er geschlossen, daß von ihm die Rede war.

Er trat mit gepreßtem Herzen näher: es handelte sich offenbar um ein Geheimnis, in welches er nicht eingeweiht war.

»Mein Fräuleins sagte er zu Bertha, »wenn ich jetzt lästig oder nicht mehr nützlich bin, so sprechen Sie nur ein Wort, und ich entferne mich.«

Es lag in diesen Worten ein so wehmüthiger Ausdruck, daß Bertha gerührt wurde.

»Nein,« sagte sie, »bleiben Sie, wir brauchen Ihren Beistand noch. Helfen Sie Rosine bei der Bereitung der Arzneien, ich will unterdessen mit ihm über die Behandlung des Kranken sprechen. – Doctor,« sagte sie leise, »geben Sie den Beiden etwas zu thun; Sie müssen mir sagen, was Sie wissen, und ich will Ihnen sagen, was ich weiß. – Nicht wahr, Herr Baron, Sie werden so gütig seyn, Rosinen zu helfen?«

»Ich werde thun, was Sie wollen, mein Fräulein,« antwortete Michel, »befehlen Sie und ich gehorche.«

»Sie sehen, Doctor,« sagte Bertha, »Sie haben zwei willige Gehilfen.«

Der Doctor eilte an seinen Wagen, nahm eine Flasche Seidlitzwasser und einen Beutel mit Senfmehl heraus.

»Ziehen Sie den Kork ab,« sagte er zu dein jungen Baron, indem er ihm die Flasche reichte, »und geben Sie dem Kranken alle zehn Minuten ein Glas voll zu trinken – Und dies,« sagte er zu Rosine, indem er ihr das Senfmehl reichte, »dies rühre in siedendes Wasser ein; der Teig wird deinem Vater auf die Füße gelegt.«

Der Kranke lag wieder in dem bewußtlosen Zustande, der eben durch die kurze Aufregung unterbrochen worden war.

Der Doctor sah, daß er ihn für den Augenblick der Pflege des jungen Barons überlassen konnte, und trat rasch auf Bertha zu.

»Wir haben uns als Gesinnungsgenossen erkannt, mein Fräulein,« sagte er, »sagen Sie, was wissen Sie?«

»Ich weiß, daß die Prinzessin den 21. April von Massa abgereist ist, und den 29. oder 30. zu Marseille gelandet seyn muß. Es ist heute der 6. Mai, Madame muß gelandet und der Süden im vollen Aufstande seyn.«

»Ist dies Alles, was Sie wissen?« fragte der Doktor.

»Ja, Alles,« antwortete Bertha.

»Haben Sie die Abendblätter vom 3. nicht gelesen?«

Bertha lächelte.

»Wir bekommen im Schlosse Souday keine Zeitungen,« sagte sie.

»Es ist Alles vereitelt,« sagte der Doctor.

»Wie! Alles ist vereitelt?«

»Der ganze Plan ist gescheitert.«

»Unmöglich! Mein Gott! was muß ich hören!«

»Die reine Wahrheit. Nach einer glücklichen Ueberfahrt auf dem »Carlo Alberto« ist Madame einige Meilen vor Marseille gelandet. Ein Führer, der sie erwartete, brachte sie in ein einsames, von Wald und Felsen umgebenes Haus. Sie hatte nur sechs Personen bei sich.«

»Weiter, weiter!«

»Sie schickte sogleich einen Eilboten nach Marseille, um den Leiter der Verschwörung von ihrer Landung in Kenntniß zu setzen und das Resultat der Versprechungen, welche sie nach Frankreich gelockt, zu erwarten.«

»Und was geschah weiter?«

»Abends kam der Bote zurück mit einem Briefe, welcher der Prinzessin zu ihrer glücklichen Ankunft Glück wünschte und ihr meldete, daß sich Marseille am folgenden Tage erheben werde. Der Aufstand begann allerdings am folgenden Tage, aber Marseille nahm keinen Theil daran, so daß er völlig mißlungen ist.«

»Und die Prinzessin?«

»Man weiß noch nicht, wo sie ist; man hofft, daß sie wieder an Bord des »Carlo Alberto« gegangen ist.«

»Die Memmen!« sagte Bertha leise, aber mit Heftigkeit. »Ich bin nur ein schwaches Weib, aber wenn Madame in die Vendée gekommen wäre, so würde ich manchen Männern ein Beispiel gegeben haben. – Adieu Doktor, ich danke Ihnen.«

»Sie wollen uns verlassen?«

»Mein Vater muß Alles wissen, es sollte diesen Abend Versammlung im Schlosse Montaigu seyn. Ich eile nach Souday zurück. Ich empfehle Ihnen meinen armen Kranken; nicht wahr, Sie werden sich seiner eifrig annehmen? Geben Sie Ihre Weisungen; wenn sich nichts Neues ereignet, so werde ich oder meine Schwester die nächste Nacht bei ihm wachen.«

»Wollen Sie meinen Wagen nehmen? Ich gehe zu Fuß, und morgen können Sie mir ihn durch Jean Oullier oder einen Anderen zurückschicken.«

»Ich danke Ihnen; ich weiß nicht, wo Jean Oullier morgen seyn wird. Ich gehe auch lieber zu Fuß, ich fühle mich etwas beklommen, die Bewegung wird mir wohl thun.«

Bertha reichte dem Doctor die Hand, nahm mit einem warmen Händedruck von ihm Abschied, warf ihren Mantel über und ging fort.

Aber vor der Thüre fand sie Michel, der, ohne das Gespräch zu verstehen, das Fräulein von Souday keinen Augenblick aus dem Gesichte verloren hatte und sie nun vor der Thür erwartete.

»Was geht denn vor, mein Fräulein?« fragte er, »und was haben Sie erfahren?«

»Nichts,« sagte Bertha.

»O, wenn Sie nichts erfahren hatten so wären Sie nicht fortgegangen, ohne sich um mich zu kümmern, ohne Abschied von mir zu nehmen, ohne mir einen Wink zu geben!«

»Warum sollte ich denn Abschied von Ihnen nehmen? Sie begleiten mich ja, und vor dem Schloßthore ist immer noch Zeit, Ihnen zu danken.«

»Wie! Sie erlauben?«

»Was! Daß Sie mich begleiten? Sie sind ja dazu berechtigt – vorausgesetzt, dass Sie nicht zu ermüdet sind —«

»Ich – ermüdet! Mit Ihnen oder Fräulein Mary würde ich bis an’s Ende der Welt gehen! Ich bin gar nicht müde.«

Bertha lächelte und sah den jungen Baron von der Seite an.

»Schade, sagte sie für sich, »daß er nicht zu uns gehört! Doch aus einem solchen Charakter kann man machen, was man will.«

»Warum sprechen Sie so leise, mein Fräulein?« sagte Michel, »ich habe Sie nicht verstanden.«

»Weil ich es für den Augenblick wenigstens nicht laut sagen kann.«

»Aber später?«

»Ja, später vielleicht.«

Der junge Baron bewegte nun ebenfalls die Lippen, aber ohne daß sein Mund einen Laut hervorbrachte.

»Was bedeutet diese Pantomime?« fragte Bertha.

»Daß ich ebenfalls leise rede – nur mit dem Unterschiede, dass ich es Ihnen, wenn ich dürfte, gern laut sagen möchte. – Nun, ich wills wagen: Ich sah mit tiefem Bedauern, daß Sie in eine unvermeidliche, unnütze Gefahr stürzen.«

»Was für eine Gefahr meinen Sie, lieber Nachbar?« fragte das Fräulein von Souday mit etwas spöttischem Tone.«

»Die Gefahr, von welcher der Doctor Roger eben mit Ihnen sprach: es wird ein Aufstand in der Vendée erwartet.«

»Wirklich?»

»Sie werden es nicht läugnen —«

»Warum sollte ich es läugnen?«

»Sie werden mit Ihrem Vater daran theilnehmen?«

»Sie vergessen meine Schwester,« sagte Bertha lachend.

»O nein, ich vergesse Niemand,« erwiderte Michel mit, einem Seufzer. »Erlauben Sie mir, Ihnen als wohlmeinender Freund zu erklären, daß Sie Unrecht haben.«

»Warum habe ich denn Unrecht, mein wohlmeinender Freund?« fragte Bertha mit einem Anfluge von Spott, den sie aus ihrem Charakter nicht ganz verbannen konnte.

»Weil die Vendée im Jahre 1832 nicht mehr ist, was sie 1793 war, oder vielmehr, weil es keine Vendée mehr gibt.«

»Das wäre sehr schlimm für die Vendée, aber zum Glück, Herr Nachbar gibt es noch einen Adel. Und überdies gibt es noch eine Rücksicht, die Ihnen vielleicht noch nicht bekannt ist, aber von Ihren späten Nachkommen gewiß erkannt werden wird: der Adel legt große Verpflichtungen auf.«

Der junge Baron fuhr auf.

»Jetzt,« setzte Bertha hinzu, »lassen Sie uns von anderen Dingen reden; ich würde Ihnen über diese Angelegenheit keine Antwort geben, denn Sie sind, wie der arme Tinguy sagte, nicht von unserer Partei.«

»Aber wovon soll ich denn sprechen«?« sagte Michel, durch die Härte des Fräuleins tief verletzt.

»Wovon Sie wollen. Sprechen Sie von der schönen Nacht, von dem herrlichen Mondschein, von den funkelnden Sternen, von dem blauen Himmel.«

Michel seufzte und ging schweigend neben ihr her. Was hätte er auch sagen sollen? Er hatte, in der Stadt gelebt, in Büchern studirt, er verstand die schöne Natur nicht. Er war nicht, wie Bertha, seit seiner Kindheit mit allen Wundern der Schöpfung bekannt geworden; er hatte vielleicht noch nie einen Sonnenaufgang gesehen, nie auf den Gesang der Lerche gelauscht, und die Nachtigall kannte er vielleicht nur dem Namen nach. Er hatte Vieles aus den Wissenschaften gelernt, was Bertha nicht wußte, aber Bertha hatte Vieles aus der Natur gelernt, was Michel nicht wußte.

O, wenn sie gesprochen hätte, wie aufmerksam wurde er zugehört haben! Aber Bertha schwieg; ihr Herz war voll von Gedanken und Gefühlen, die sich nicht durch Geräusch und Worte, sondern durch Blicke und Seufzer äußern.

Er war ebenfalls in Gedanken vertieft; er sah im Geiste die sanfte Mary statt der ernsten, schonungslosen Bertha an seiner Seite. O, wie redselig wäre er dann gewesen! wie viel hätte er ihr zu sagen gehabt! Mit Mary wäre er der Lehrer und Meister gewesen, mit Bertha war er der Schüler, der Sclave.

So gingen die Beiden wohl eine Viertelstunde schweigend neben einander. Plötzlich stand Bertha still und gab Michel einen Wink ebenfalls stehen zu bleiben.

Er gehorchte; bei Bertha blieb ihm ja sonst nichts übrig.

»Hören Sie?« fragte Bertha.

»Nein,« sagte Michel.

»Aber ich höre,« sagte Bertha lauschend.

»Was hören Sie denn.«

»Die Hufschläge meines Pferdes – und den des Pferdes meiner Schwester. Man sucht mich, es muß etwas vorgefallen seyn.«

Sie lauschte wieder.

»Mary sucht mich,« setzte sie hinzu.

»Woran erkennen Sie das?« fragte der junge Baron.

»An dem Galopp der Pferde. Kommen Sie, lassen Sie uns schneller gehen.«

Die Hufschläge kamen schnell näher, und nach fünf Minuten sah man in der Dunkelheit eine Gruppe, bestehend aus zwei Pferden und einer Reiterin, die auf dem einen Pferde saß und das andere am Zügel führte.

»Sehen Sie wohl,« sagte Bertha, »es ist meine Schwester.«

Der junge Baron hatte Mary erkannt, obschon weniger an den Umrissen ihrer Gestalt als an den raschen Pulsen seines Herzens.

Mary hatte ihn auch erkannt, sie gab ihr Erstaunen durch eine Geberde zu erkennen.

Sie hatte offenbar erwartet, ihre Schwester allein oder mit Rosine, aber keineswegs in Begleitung des jungen Barons zu finden.

Michel bemerkte den Eindruck, den seine Gegenwart machte und trat vor.

»Mein Fräulein,« sagte er zu Mary, »ich begegnete Ihrer Schwester, die sich zu dem kranken Tinguy begeben wollte, und habe sie begleitet, um sie nicht allein zu lassen.«

»Sie haben sehr wohl gethan, Herr Baron,« sagte Mary.

»Du verstehst nicht,« antwortete Bertha lachend, »er glaubt mich und vielleicht sich selbst entschuldigen zu müssen. Man muß Nachsicht mit ihm haben, seine Mutter wird ihm tüchtig den Text lesen. Was gibts denn, Blondine?« fragte sie, sich an den Sattelknopf lehnend.

»Der Aufstand in Marseille ist mißlungen,» antwortete Mary.

»Ich weiß es schon. Die Prinzessin hat sich wieder ein- geschifft —«

»Das ist nicht wahr, sie hat erklärt, daß sie Frankreich nicht verlassen wolle.«

»Wirklich?«

»Sie ist jetzt auf dem Wege in die Vendée, wenn sie nicht schon angekommen ist.«

»Woher weißt Du das?«

»Von einem Boten, der diesen Abend im Schlosse Montaigu während der Versammlung angekommen ist.«

»Welch ein muthiges Herz!« sagte Bertha in ihrer Begeisterung.

»Mein Vater kam eilends nach Hause, und als er erfuhr, wo Du warst, befahl er mir, die Pferde zu nehmen und Dich zu holen.«

»O! ich bin da!« sagte Bertha und setzte den Fuß in den Steigbügel.

»Willst Du denn von deinem armen Chevalier nicht Abschied nehmen?« fragte Mary.

»Allerdings.«

Sie reichte dem junger-Baron der langsam und traurig näher trat, die Hand.

»Ach! Fräulein Bertha,« sagte er, ihre Hand fassend, »ich bin sehr unglücklich!«

»Worüber denn?« fragte Bertha.

»Daß ich keiner von den Ihrigen bin, wie Sie vorhin sagten.«

»Wer hindert Sie denn es zu werden?« fragte Mary, indem sie ihm ebenfalls die Hand reichte.

Der junge Baron faßte die Hand und zog sie mit dem doppelten Gefühl der Liebe und des Dankes an seine Lippen.

»O! ja, ja!« sagte er so leise, daß nur Mary ihn verstand, »für Sie und mit Ihnen!«

Aber Mary’s Hand wurde der seinigen durch eine rasche Bewegung ihres Pferdes entrissen.

Bertha, die das ihrige antrieb, gab dem Pferde ihrer Schwester einen Schlag mit der Gerte.

Beide Pferde setzten sich in Galopp und verschwanden mit ihren Reiterinnen in der Dunkelheit.

Der junge Baron blieb allein mitten auf dem Wege; zurück.

»Adieu!« rief ihm Bertha zu.

»Auf Wiedersehen!« sagte Mary.

»Ja, auf Wiedersehen!« rief er ihnen nach.

Die Mädchen ritten rasch weiter, ohne ein Wort zu wechseln.

Erst als sie an das Schloßhof kamen, sagte Bertha: »Ich glaube, Mary, Du wirst mich auslachen —«

»Warum denn?« fragte Mary, unwillkürlich erschreckend.

»Ich liebe ihn,« sagte Bertha.

Mary hatte kaum die Kraft einen Schrei des Schmerzes zu unterdrücken.

»Und ich,« sagte sie für sich, »ich habe ihm zugerufen: Auf Wiedersehen! Gott gebe, daß ich ihn nie wiedersehe!«

XIII.
Die Cousine aus der Fremde

Am folgenden Tage, nämlich am 7. Mai 1832, war im Schlosse Vouillé große Versammlung.

Man feierte den fünfundzwanzigsten Geburtstag der Gräfin von Vouillé.

Man hatte sich eben zu Tische gesetzt. Unter den fünf- bis sechsundzwanzig Gästen befanden sich der Präfect von Poitiers und der Maire von Châtellerault, entfernte Verwandte der Gräfin.

Als die Suppe gegessen war, erschien ein Diener und flüsterte dein Grafen einige Worte zu.

Der Graf ließ sich die Meldung noch einmal wiederholen. Dann sagte er zu seinen Gästen:

»Entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Am Gitterthore ist eine mit Extrapost angekommene Dame, die, wie es scheint, mich zu sprechen wünscht. Erlauben Sie, daß ich mich entferne?«

Die Erlaubniß wurde einstimmig gegeben. Aber die Gräfin schaute ihrem Gemahl mit einiger Unruhe nach.

Der Graf eilte an das Gitterthore: Es hielt draußen wirklich ein Wagen, in welchem eine Dame und ein Herr saßen.

Neben dem Postillon saß ein Diener in hellblauer Livrée mit silbernen Tressen.

Als der Graf von Vouillé erschien, sprang der Diener vom Bock.

»So komm doch, Du Zauderer!« rief ihm der Lakai zu.

Der Graf stand sehr erstaunt still. Wie konnte sich der Lakei erlauben, ihn so anzureden?

Er trat näher, um dem unverschämten Menschen tüchtig den Kopf zu waschen. Aber plötzlich brach er in ein lautes Gelächter aus.

»Wie! Du bist’s, de Lussac?« sagte er.

»Ja wohl, ich bin's.«

»Was bedeutet diese Maskerade?«

Der falsche Lakei öffnete den Schlag und hob die Dame aus dem Wagen.

»Lieber Graf,« sagte er, »ich habe die Ehre, Dir die Frau Herzogin von Berry vorzustellen. Der Graf von Vouillé,« sagte er, sich zu der Herzogin wendend, »mein bester Freund und Ihr treuer Diener.«

Der Graf trat betroffen zurück.

»Die Frau Herzogin von Berry!« sagte er, »Ihre königliche Hoheit?«

»Ja, Herr Graf,« sagte die Herzogin.

»Bist Du nicht hoch erfreut, Sie zu empfangen?« fragte de Lussac.

»So hoch erfreut wie nur ein eifriger Royalist seyn kann; aber —«

»Wie! Es ist ein Aber dabei?« fragte die Herzogin.

»Es ist heute der Geburtstag meiner Frau; ich habe fünfundzwanzig Personen zu Tische.«

»Herr Graf,« erwiderte die Herzogin, »ein Sprichwort sagt: Wo zwei zu Tische sitzen, kann auch ein Dritter mitessen. Geben Sie dem Sprichworte eine größere Ausdehnung und sagen Sie: Wo fünfundzwanzig Gäste sind, können auch achtundzwanzig seyn. Denn ich sage Ihnen im Voraus, daß der Baron de Lussac, obschon für den Augenblick mein Diener, an der Tafel zu speisen gedenkt.«

»Fürchte nichts,« sagte der Baron, »ich ziehe meine Livrée aus.«

Der Graf von Vouillé war außer sich.

»Aber wie soll ich es anfangen? Ich bin halb von Sinnen —«

»Aber nicht vor Freude, wie es scheint,« sagte die Herzogin.

»Vor Schrecken, Madame.«

»O, Sie übertreiben die Gefahren der Situation.«

»Bedenken Sie doch, Madame, daß ich den Präfecten von Poitiers und den Maire von Châtellerault am Tische habe.«

»Sie stellen mich den Herren vor.«

»Aber unter welchem Titel?«

»Unter dem Namen einer Cousine. Sie haben doch gewiß irgend eine Cousine, die fünfzig Meilen von hier wohnt?«

»Es ist wahr, Madame, ich habe in Toulouse eine Cousine, die Gräfin La Myre —«

Das trifft sich ja schön; ich bin also die Gräfin La Myre.«

Dann trat sie wieder an den Wagen und reichte einem alten Herrn von sechzig bis fünfundsechzig Jahren die Hand.

»Kommen Sie, Herr de La Myre,« sagte sie, »wir bereiten unserm Vetter eine Ueberraschung, daß wir gerade zum Geburtstage seiner Frau kommen. Geben Sie mir Ihren Arm, lieber Vetter.«

Der Graf von Vouillé mußte sich entschließen, das Abenteuer zu bestehen.

»Ich bitte mich nicht zu vergessen,« rief der Baron de Lussac aus dem Wagen, wo er seine blaue Livrée gegen einen schwarzen Ueberrock vertauschte, »ich bin den Augenblick fertig.«

»Wer willst Du denn seyn?« fragte der Graf von: Vouillé.

»Der Baron de Lussac, und mit der Erlaubniß Ihrer Hoheit der Cousin deiner Cousine.«

»Herr Baron,« sagte der bejahrte Begleiter der Herzogin, »mich dünkt, Sie nehmen sich viele Freiheiten.«

»Wir sind auf dem Lande,« sagte die Herzogin entschuldigend.

Der Baron de Lussac hatte sieh unterdessen im Wagen umgekleidet, und der kleine Zug, von dem Hausherrn geführt, begab sich ins Haus.

Die Neugier der Gäste und die Unruhe der Dame vom Hause war im hohen Grade erregt worden, da sich die Abwesenheit des Grafen über alle Erwartung verlängerte. Als die Thür aufging, wandten sich alle Blicke zu den Ankommenden.

Aber die handelnden Personen verloren die Fassung, nicht, wie schwierig auch ihre Rollen waren.

»Ich habe Dir oft von einer unweit Toulouse wohnenden Cousine erzählt,« sagte der Herr vom Hause zu seiner Frau.

»Madame de La Myre,« fiel ihm die Gräfin ins Wort.

»Ganz recht, sie ist auf der Durchreise nach Nantes und wollte nicht vorüberfahren ohne deine Bekanntschaft zu machen. Der Zufall will, daß sie an einem Festtage kommt; ich hoffe, daß es ihr Glück bringen wird.«

»Liebe Cousine!« sagte die Herzogin, die Arme ausbreitend.

Die beiden Damen umarmten sich.

Die beiden Herren stellte der Herr vom Hause als »Herr de La Myre« – »Herr Baron de Lussac« vor.

Man verneigte sich.

»Jetzt,« sagte der Graf, »müssen wir den neuen Gästen Plätze besorgen; auf der Reise hat man guten Appetit.«

Die Gäste rückten zusammen, der Tisch war groß, es fand sich daher leicht noch Raum für die drei neuen Gäste.

»Lieber Vetter,« sagte die Herzogin, »Sie sagten mir, der Herr Präfect aus Poitiers sey hier.«

»Ja wohl, Madame, es ist der Herr zur Rechten der Gräfin, mit der Brille, der weißen Cravate und der Rosette der Ehrenlegion im Knopfloch.«

»Stellen Sie mich ihm doch vor.«

Der Graf von Vouillé hatte die Komödie muthig begonnen; er meinte, daß er sie auch zu Ende spielen müsse.

Er ging auf den Präfecten zu, der sich mit Würde auf seinem Sessel zurücklehnte.

»Herr Präfect,« sagte er, »meine Cousine hält in ihrer ererbten Ehrfurcht vor der Amtsgewalt eine allgemeine Vorstellung Ihnen gegenüber für ungenügend und wünscht Ihnen besonders vorgestellt zu werden.«

»Und sogar officiell, lieber Vetter,« setzte die Herzogin hinzu.

»Privatim oder officiell,« erwiderte der galante Präfect, »Madame wird stets willkommen seyn.«

»Das freut mich unendlich,« sagte die Herzogin.

»Sie reisen nach Nantes, Madame?« sagte der Präfect, um etwas zu sagen.

»Ja, und von da nach Paris – wie ich wenigstens hoffe.«

»Es ist wohl nicht das erste Mal, daß Sie die Hauptstadt besuchen?«

»Nein, ich habe zwölf Jahre in Paris gewohnt.«

»Und Sie haben Paris verlassen?«

»Ja, sehr ungern.«

»Schon seit langer Zeit?«

»Im Juli werden es zwei Jahre.«

»Ich finde es ganz begreiflich, wenn man in Paris gewohnt hat – «

»Wünscht man wieder hin; es freut mich, daß Sie es begreiflich finden.«

»O Paris – Paris!« sagte der Präfect.

»Sie haben Recht,« erwiderte die Herzogin, »es ist das Paradies der Welt.«

Sie wandte sich schnell ab, denn sie fühlte, daß eine Thräne an ihren Wimpern zitterte.

»Zu Tische!« sagte der Herr vom Hause.

»Lieber Vetter,« sagte die Herzogin, indem sie einen Blick auf den ihr bestimmten Platz warf, »lassen Sie mich bei dem Herrn Präfecten; er hat mir seine Wünsche so aufrichtig ausgesprochen, daß ich ihn bereits zu meinen Freunden zähle.«

Der Präfect, über das Compliment sehr erfreut, rückte schnell seinen Stuhl, und die Herzogin wurde, zum Nachtheil der Person; welcher dieser Ehrenplatz zugedacht war, an seine linke Seite gesetzt.

Die beiden Herren nahmen die ihnen angewiesenen Plätze ohne Widerrede ein, und zumal de Lussac ließ sich's wohl schmecken.

Alle Gäste folgten diesem Beispiel, und es entstand eine feierliche Stille, wie sie im Anfange eines ungeduldig erwarteten Schmauses einzutreten pflegt.

Die Herzogin brach zuerst das Schweigen: ihr abenteuerlicher Geist fühlte sich wie der Meervogel vorzüglich im Sturme wohl.

»Unsere Ankunft,« sagte sie, »scheint das Gespräch unterbrochen zu haben. Ein stummes Diner finde ich unheimlich; man glaubt in den Tuilerien zu sitzen, wo Niemand den Mund aufthun durfte, ehe der König gesprochen hatte. – Wovon war vor unserer Ankunft die Rede?«

»Liebe Cousine,« sagte der Graf von Vouillé »der Herr Präfect war so gütig, mir officielle Nachrichten über den Putsch zu Marseille mitzutheilen.«

»Ein Putsch?« sagte die Herzogin.

»Ja, dieses Wortes bediente er sich.«

»Und es ist ein ganz passendes Wort. Denken Sie sich, die Vorkehrungen waren so unvollkommen getroffen worden, daß ein Unterlieutenant des dreizehnten Linienregimentes, der einen der Rädelsführer verhaftete, das ganze Unternehmen vereitelte.«

»Mein Gott! Herr Präfect,« sagte die Herzogin mit Wehmuth, »bei großen Ereignissen ist immer ein entscheidender Moment, wo das Geschick der Fürsten und Reichen schwankt, wie das Laub im Winde. Wäre Napoleon zum Beispiel, als er den gegen ihn abgeschickten Soldaten entgegenzog, zu Lamure von einem Unterlieutenant verhaftet worden, so wäre die Rückkehr von der Insel Elba auch nichts als ein Putsch gewesen.«

Niemand beantwortete diese mit dem Ausdrucke tiefen Gefühls gesprochenen Worte.

Die Herzogin unterbrach die Stille und nahm wieder das Wort:

»Weiß man, was aus der Herzogin von Berry geworden ist?«

»Sie hat sich wieder am Bord des »Carlo Alberto« eingeschifft.«

»So?«

»Es blieb ihr im Grunde sonst nichts übrig,« setzte der Präfect hinzu.

»Das meine ich auch,« sagte der alte Herr, der die Herzogin begleitete und jetzt zum ersten Male sprach, »wenn ich die Ehre gehabt hätte, bei Ihrer Hoheit zu seyn und etwas bei ihr zu gelten, so würde ich ihr aus voller Ueberzeugung diesen Rath gegeben haben.«

»Ich spreche nicht mit Dir, Herr Gemal, sondern mit dem Herrn Präfecten,« sagte die Herzogin, »ich frage ihn, ob er gewiß weiß, daß sich Ihre königliche Hoheit wieder eingeschifft hat.«

»Madame,« erwiderte der Präfect mit einer Entschiedenheit, die keinen Widerspruch duldet, »es ist der Regierung officiell angezeigt worden.«

»Wenn das ist,« sagte die Herzogin, »so ist nichts dagegen einzuwenden. Aber,« setzte sie einen gefährlicheren Weg betretend, hinzu, »ich habe die Sache anders gehört.«

»Madame!« rief ihr der alte Herr sanft verweisend zu.

»Was haben Sie gehört, liebe Cousine?« sagte der Graf von Vouillé, der an der Sache etwa denselben Antheil zu nehmen begann, wie ein Spieler am Pharao oder Rouge et Noir.

»Ja, was haben Sie gehört, Madame?« fragte der Präfect.

»Ich berichte natürlich nichts Officielles,« sagte die Herzogin, »ich wiederhole nur Gerüchte, die vielleicht ungereimt sind —«

»Madame!« mahnte der alte Herr noch einmal, ohne dass die Herzogin Notiz davon nahm.

»Ihr Herr Gemal,« versetzte der Präfect, »scheint sehr unwillig zu seyn. Ich wette, daß er Ihre Rückkehr nach Paris nicht gern sieht.«

»Das ist wahr, aber ich hoffe meinen Willen durchzusetzen. Bisher ist es mir immer gelungen —«

»O! die Weiber! die Weiber!« klagte der Präfect.

»Wie?« fragte die Herzogin.

»Nichts,« erwiderte der Präfect, »ich bin begierig auf die eben erwähnten Gerüchte.«

»Ich kanns Ihnen mit wenigen Worten erzählen. Ich habe gehört – aber merken Sie wohl, daß ich es Ihnen nur als ein unverbürgtes Gerücht mittheile – ich habe gehört, die Herzogin von Berry habe sich trotz allen Bitten und Vorstellungen hartnäckig geweigert wieder an Bord des »Carlo Alberto« zu gehen.«

»Wo soll sie denn jetzt seyn?« fragte der Präfect.

»In Frankreich.«

»In Frankreich? Warum denn in Frankreich?«

»Sie wissen ja, Herr Präfect,« erwiderte die Herzogin, »daß die Vendée das Hauptziel Ihrer Hoheit war.«

»Ja wohl, aber da ihr Plan im Süden vereitelt war —«

»Um so mehr Ursache hatte sie, in der Vendée einen Versuch zu machen.«

Der Präfect lächelte und schüttelte den Kopf.

»Sie glauben also, setzte die Herzogin hinzu, »daß Madame sich wieder eingeschifft?«

»Ich kann versichern,« sagte der Präfect, »daß sie jetzt in den Staaten des Königs von Sardinien ist und daß Frankreich Erklärungen verlangen wird.«

»Der König von Sardinien wird eine sehr einfache Erklärung geben; er wird sagen: Ich wußte wohl, daß meine Cousine eine Närrin ist, aber eine solche Unbesonnenheit hätte ich ihr doch nicht zugetraut!«

»Madame! Madame!« mahnte der alte Herr.

»O, Herr Gemal,« erwiderte die Herzogin, »Sie thun meinem Willen Zwang an, aber ich hoffe, daß Sie wenigstens meine Meinungen respectiren, die überdies, wie ich glaube, mit denen des Herrn Präfecten übereinstimmen.«

»Meiner Meinung nach,« sagte der Präfect lachend, »hat Ihre königliche Hoheit in dieser ganzen Sache sehr leichtsinnig gehandelt.«

»Sehen Sie wohl?« versetzte die Herzogin. »Was wird daraus werden, wenn das Gerücht wahr ist, wenn Madame sich wirklich in die Vendée begibt?«

»Aber welchen Weg würde sie dann nehmen?« fragte der Präfect.

»Sie würde durch die Präfectur Ihres Nachbars – oder durch Ihr Verwaltungsgebiet reisen. Man will sie in Toulouse gesehen und erkannt haben, als sie die Pferde wechselte – sie soll in einem offenen Wagen —«

»Das wäre zu stark!« unterbrach der Präfect.

»Wenigstens sehr viel gewagt,« meinte die Herzogin.

»So viel gewagt,« setzte der Graf hinzu, »daß der Herr Präfekt kein Wort davon glaubt.«

»Kein Wort!« versicherte der Präfect.

In diesem Augenblicke erschien ein Diener des Grafen mit der Meldung, daß ein Amtsdiener der Präfectur dem ersten Beamten des Departements eine telegraphische Depesche zu überbringen habe.

»Erlauben Sie, Herr Graf, daß er herein komme?» fragte der Präfect.

»Mit Vergnügen,« sagte der Graf.

Der Amtsdiener erschien und überreichte dem Präfecten eine versiegelte Depesche.

Es herrschte tiefe Stille, alle Augen waren auf den Präfecten gerichtet.

Die Herzogin wechselte einen Blick mit dem Grafen von Vouillé, der innerlich lachte, mit dem Baron von Lussac, der laut lachte, und mit ihrem angeblichen Gemal, der ganz ernsthaft blieb.

»O weh!« rief der Präfect, dessen Gesichtszüge so indiscret waren, das tiefste Erstaunen auszudrücken.

»Was gibt's denn?« fragte der Graf von Vouillé.

»Madame hat leider die Wahrheit gesagt,» erwiderte der Präfect, »Ihre königliche Hoheit hat Frankreich nicht verlassen, sondern begibt sich über Toulouse, Libourne und Poitiers in die Vendée.«

Er stand auf.

»Was haben Sie denn vor, Herr Präfect?« fragte die Herzogin.

»Ich muss meine Pflicht thun, wie peinlich sie auch sey: ich habe zur Verhaftung Ihrer königlichen Hoheit die nöthigen Befehle zu ertheilen, falls sie so unbesonnen ist, durch mein Département zu reisen.«

»Thun Sie das, Herr Präfect,« sagte Madame de La Myre, »ich kann Ihren Diensteifer nur loben und Ihnen versprechen, daß ich mich dessen bei vorkommender Gelegenheit erinnern werde.«

Sie reichte dem Präfecten die Hand, die dieser mit galantem Anstande küßte, nachdem er durch einen fragenden Blick die Erlaubniß des Herrn de La Myre dazu eingeholt hatte.

XIV.
Petit-Pierre

Einen Tag nach diesen Ereignissen finden wir Bertha und Michel vor dem Schmerzenslager des armen Tinguy wieder. Obgleich die von dem Doctor Roger zugesagten Besuche die Anwesenheit des Fräuleins in der verpesteten Krankenstube ganz überflüssig machten, so wollte Mary doch, trotz der Gegenvorstellungen ihrer Schwester, den Vendéer fortwährend besuchen.

Die christliche Barmherzigkeit war vielleicht nicht die einzige Triebfeder, welche sie in die Hütte des Landmannes brachte. Wenn sie kam, war Michel schon da; seine Furcht vor der Seuche war verschwunden.

Ob er wohl Bertha zu finden glaubte? Wir möchten es nicht mit Bestimmtheit behaupten; vielleicht dachte er, daß die Reihe an Mary komme. Vielleicht hoffte er auch, Mary werde diese Gelegenheit, sich ihm zu nähern, nicht unbenutzt lassen, und sein Herz pochte ungestüm, wenn er eine in der Dunkelheit noch nicht erkennbare anmuthige Gestalt in der Thür erblickte.

Er fühlte sich etwas enttäuscht, als er Bertha erkannte. Aber Michel war dem Marquis von Souday herzlich gut, er fand sogar Vergnügen an der Geschicklichkeit des mürrischen Jean Oullier und war freundlich gegen die Hunde des alten Landedelmannes: wie hätte ihm also Marys Schwester gleichgültig seyn können!

Die Zuneigung der Letzteren mußte ihn ja der Ersteren näher bringen, und es war für ihn eine Freude, von der Abwesenden sprechen zu hören.

Er war daher sehr aufmerksam und zuvorkommend gegen Bertha, und diese antwortete ihm mit ungeheuchelter Freundlichkeit.

Leider war es schwer, sich mit anderen Dingen als mit dem Kranken zu beschäftigen Tinguy’s Zustand verschlimmerte sich von Stunde zu Stunde. Er war in einem Zustande der Erstarrung und Bewußtlosigkeit, welcher in entzündlichen Krankheiten ein Vorbote des Todes ist. Er sah nicht mehr, was um ihn vorging, er antwortete nicht mehr, wenn man ihn anredete, seine sehr ausgedehnte Pupille war starr und unbeweglich; nur von Zeit zu Zeit bewegten sich seine Hände, als ob er eingebildete Gegenstände die er auf seinem Bett zu bemerken glaubte, an sich ziehen wollte.

Bertha, die ungeachtet ihrer Jugend schon mehr als einer Sterbescene beigewohnt hatte, konnte sich über den Zustand des Kranken nicht mehr täuschen; sie wollte der armen Rosine den Anblick des Todeskampfes ersparen und schickte sie zu dem Doctor Roger.

»Ich könnte ja den Arzt holen,« sagte Michel, »ich kann schneller gehen als Rosine, und überdies ist es für ein Mädchen nicht gerathen, so spät Abends über Feld zu gehen.»

»Nein,« erwiderte Bertha, »Rosine setzt sich keiner Gefahr aus, und ich habe meine Gründe, Sie hier zu behalten. Ist es Ihnen denn unangenehm?«

»Wie können Sie das denken, mein Fräulein, es macht, mir so große Freude, Ihnen nützlich seyn zu können, daß ich keine Gelegenheit dazu unbenutzt lassen mag.«

»Diese Gelegenheit wird sich wahrscheinlich sehr bald finden,« erwiderte Bertha, »ich werde wohl mehr als einmal Ihre Ergebenheit auf die Probe zu stellen haben.«

Als Rosine kaum zehn Minuten fort war, schien sich der Zustand des Kranken plötzlich auffallend zu bessern: seine Augen verloren den starren Blick, das Athmen wurde leichter, die krampfhaft zusammengezogenen Finger thaten sich auf und er wischte sich wiederholt den Schweiß von der Stirn.

»Wie befindet Ihr Euch, Vater Tinguy?« fragte Bertha den Kranken.

»Besser,« antwortete er mit matter Stimme. »Der liebe Gott wird doch nicht zugeben, daß ich vor der Schlacht desertire?« setzte er hinzu und versuchte zu lächeln.

»Vielleicht, Ihr werdet ja auch für ihn kämpfen.«

Der Kranke schüttelte den Kopf und seufzte.

»Herr Baron,« sagte Bertha und zog Michel in einen Winkel der Stube, so dass sie von dein Kranken nicht gehört werden konnte, »eilen Sie zu dem Pfarrer und wecken Sie die Nachbarn.«

»Er sagt ja, daß er sich besser befinde,« entgegnete Michel.

»Hatten Sie denn nie eine Lampe erlöschen gesehen?« erwiderte Bertha. »Das letzte Licht flackert immer hell auf, und so ist es auch mit dem menschlichen Körper. Eilen Sie, es wird kein Todeskampf eintreten, das Fieber hat die Kräfte, des Unglücklichen erschöpft, die Seele wird ohne Schmerz und ohne Kampf ihre Hülle verlassen.«

»Und Sie wollen allein bei ihm bleiben?«

»Eilen Sie und kümmern Sie sich nicht um mich.«

Michel entfernte sich und Bertha trat auf das Bett zu.

Tinguy reichte ihr die Hand.

»Ich danke Ihnen, mein gutes Fräulein,« sagte er.

»Wofür denn, lieber Tinguy?«

»Zuerst für Ihre Pflege, und dann – daß Sie den Pfarrer kommen lassen.«

»Habt Ihrs denn gehört?«

Tinguy lächelte.

»Ja,« antwortete er, »obschon Sie sehr leise sprachen.«

»Aber Ihr müßt deshalb nicht glauben, daß Ihr bald sterben werdet, lieber Tinguy. Fürchtet Euch nicht!«

»Warum soll ich mich denn fürchten?« sagte der Bauer, indem er einen Versuch machte, sich aufzurichten, »ich habe ja die Alten geehrt und die Kleinen geliebt; ich habe ohne Murren gelitten, ohne Klagen gearbeitet; ich habe Gott gepriesen, wenn der Hagel meinen kleinen Acker verwüstete oder wenn die Ernte fehlschlug. Nie habe ich den Armen von meiner Thür fortgewiesen. Ich habe die Gebote Gottes und der Kirche gehalten. Wenn unsere Priester sagten: Erhebet Euch und nehmet eure Gewehre, so habe ich gegen dir Feinde meines Glaubens und meines Königs gekämpft; ich bin demüthig im Siege, vertrauensvoll im Unglück geblieben; ich war stets bereit, für diese heilige Sache mein Leben zu lassen. – Und ich sollte mich fürchten! O nein, mein Fräulein; der Todestag ist für uns arme Christen der Glückstag. Ich bin ein unwissender Mann, aber ich weiß, dass dieser Tag uns mit den Großen und Glücklichen der Erde gleich macht. Wenn dieser Tag für mich kommt, wenn Gott mich zu sich ruft, so bin ich bereit und werde voll Hoffnung auf seine Barmherzigkeit vor seinem Richterstuhl erscheinen.«

Das Gesicht Tinguy’s hatte bei diesen Worten einen sehr lebhaften Ausdruck angenommen, aber die letzte religiöse Begeisterung des armen Bauers erschöpfte vollends seine, Kräfte.

Er sank auf sein Lager zurück und stammelte nur noch einige unverständliche Worte.

Der Pfarrer erschien. Bertha zeigte ihm den Kranken und der Geistliche, der sogleich verstand, was von ihm erwartet wurde, begann das Gebet für die Sterbenden.

Michel bat Bertha dringend sich zu entfernen, und Beide verließen die Hütte, nachdem sie vor dem Bett des armen Tinguy noch einmal gebetet hatten.

Die Nachbarn kamen nach einander und knieten nieder. Das Stübchen war nur von zwei dünnen Wachskerzen, die zu beiden Seiten eines kupfernen Crucifixes brannten, spärlich beleuchtet.

Plötzlich wurde die feierliche Stille durch den nahen Schrei eines Uhu unterbrochen.

Die Bauern erschraken.

Der sterbende dessen Augen bereits ihren Glanz verloren hatten, richtete den Kopf auf.

»Ich komme!« sagte er mit röchelnder Stimme, »ich folge dem Führer!«

Dann versuchte er, als Antwort auf den so eben vernommenen Ruf, den Schrei der Eule nachzuahmen; aber er hatte nicht mehr die Kraft, der Athem ging ihm aus, der Kopf sank zurück – er war todt!

Ein Fremder erschien nun in der Hütte.

Es war ein junger Bauer in Bretagner Tracht. Er trug einen Hut mit breitem Rande, eine rothe Weste mit übersilberten Knöpfen, blaue Jacke mit rothen Schnüren und hohe lederne Kamaschen. Er hatte einen mit Eisen beschlagenen Stock, wie ihn die Landleute auf Reisen zu tragen pflegen.

Er schien erstaunt über die Scene, die er vor Augen hatte, aber er richtete an Niemand eine Frage. Er kniete nieder und betete; dann trat er an das Bett und betrachtete das bleiche Gesicht des armen Tinguy; zwei Thränen rollten über seine Wangen; er wischte sie ab und entfernte sich ohne ein Wort gesprochen zu haben.

Die Bauern waren gewöhnt an die religiöse Sitte, an einem Sterbehause nicht vorbeizugehen, ohne ein kurzes Gebet zu verrichten; sie wunderten sich daher keineswegs über die Anwesenheit des Fremden und ließen sein Fortgehen ganz unbeachtet.

Der Wanderer fand einige Schritte von der Hütte einen andern noch jüngeren und kleineren Bauer, der sein Bruder zu seyn schien. Der letztere ritt ein nach der Landessitte aufgezäumtes Pferd.

»Nun, wie steht’s, Rameau-d’or?« fragte der kleine Bauer.

»Es ist kein Platz für uns im Hause; ein anderer Gast ist eingezogen, der es ganz für sich in Anspruch nimmt.

»Was für ein Gast?«

»Der Tod.«

»Wer ist denn gestorben?«

»Derselbe, der uns beherbergen sollte. Ich würde wohl sagen: wir wollen den Tod als Beschützer anrufen, wir wollen uns verbergen unter einem Ende des Leichentuchs, das Niemand aufheben wird; aber ich habe gehört, daß Tinguy am Nervenfieber gestorben ist und obgleich die Aerzte die Ansteckung leugnen, will ich Sie doch nicht in solche Gefahr bringen.«

»Fürchten Sie nicht, daß man Sie erkannt haben könnte?«

»Unmöglich! Es waren acht bis zehn Personen, Männer und Weiber, in der Hütte und beteten. Ich trat ein, kniete nieder und betete wie die Andern. Dies thut in solchen Fällen jeder Bauer aus der Bretagne oder Vendée.«

»Was ist jetzt zu thun?« fragte der Jüngere.

»Ich habe Ihnen schon gesagt, wir hatten die Wahl zwischen dem Schlosse meines Cameraden und der Hütte dieses armen Landmannes, der unser Führer seyn sollte; zwischen dem Luxus von Prunkgemächern mit geringer Sicherheit und der kleinen ärmlichen Hütte, wo wir ein schlechtes Bett und Buchweizenbrot, aber völlige Sicherheit gefunden haben würden. Der liebe Gott hat den Ausschlag gegeben. Wir haben keine Wahl mehr, wir müssen uns also mit dem Luxus begnügen.«

»Sie sagen aber, daß wir im Schlosse nicht sicher sind?«

»Das Schloß gehört einem Freunde von mir, dessen Vater unter der Restauration zum Baron ernannt wurde. Der Vater ist todt. Das Schloß wird jetzt von seiner Witwe und seinem Sohne bewohnt. Wenn der Sohn allein wäre, so würde ich ganz unbesorgt seyn; er ist wohl schwach und wankelmüthig aber ein guter, ehrlicher Mensch. Aber seine Mutter halte ich für selbstsüchtig und ehrgeizig, und das beunruhigt mich.«

»Eine Nacht können wir es wohl wagen. Sie sind nicht unternehmend, Rameau-d’or!«

»Allerdings, sobald nur meine eigene Sicherheit in’s Spiel kommt; aber ich bürge dem Vaterlande oder wenigstens meiner Partei, für das Leben —«

»Für das Leben Petit-Pierre’s wollen Sie sagen. Wir sind erst zwei Stunden unterwegs, und ich habe schon das zehnte Pfand von Ihnen zu fordern.«

»Es soll das letzte Mal seyn, Mad – Petit-Pierre. wollte ich sagen. Von jetzt an kenne ich Sie nur unter dem Namen – und als meinen Bruder.«

»Kommen Sie, damit wir bald ein Nachtlager im Schlosse erhalten. Ich bin so müde, daß ich in dem Schlosse einer verzauberten Prinzessin einkehren würde.«

»Wir wollen einen Seitenweg nehmen; wir sind dann in zehn Minuten dort,« sagte der junge Bauer. »Setzen Sie sich so bequem wie möglich im Sattel zurecht; ich gehe voran und Sie brauchen mir nur zu folgen, wir könnten uns sonst verirren.«

»Warten Sie,« sagte Petit-Pierre und sprang vom Pferde.

»Was wollen Sie thun?«s fragte Rameau-d’or mit Besorgniß.

»Sie haben am Todtenbett des armen Bauers gebetet,«, sagte Petit-Pierre, »ich will Ihrem Beispiel folgen —«

»Was fällt Ihnen ein?«

»Er war ein braver, ehrlicher Mensch,« setzte Petit-Pierre hinzu, »wenn er am Leben geblieben wäre, so würde er es für uns gewagt haben: ich bin dem Todten ein kurzes Gebet schuldig.«

Rameau-d’or nahm den Hut ab und trat auf die Seite, um seinem jungen Reisegefährten Platz zu machen.

Der kleine Bauer trat nun ebenfalls in die Hütte, nahm den Buchsbaumzweig tauchte ihn in das Weihwasser und besprengte die Leiche damit; dann kniete er vor dem Bett nieder, verrichtete sein Gebet und entfernte sich, ohne daß seine Anwesenheit mehr beachtet wurde, als vorhin das Erscheinen seines Reisegefährten beachtet worden war.

Er ging wieder zu Rameau-d’or, so wie dieser fünf Minuten früher zu ihm gekommen war.

Rameau-d’or half ihm aufs Pferd und ging voran. Petit-Pierre folgte schweigend auf dem kaum sichtbaren Feldwege welcher, wie schon erwähnt, in gerader Richtung nach dem Schlosse La Logerie führte.

Als sie kaum fünfhundert Schritte querfeldein gewandert waren, stand Rameau-d’or still und hielt das Pferd Petit-Pierre’s an.

»Was gibts?« fragte dieser.

»Ich höre Fußtritte,« sagte Rameau-d’or, »reiten Sie hinter den Busch dort, ich bleibe hinter diesem Baum stehen; der Vorübergehende wird uns wahrscheinlich nicht sehen.«

Die Schwenkung wurde mit der Schnelligkeit eines strategischen Manövers ausgeführt. Und es war gut für die beiden Reisenden, denn der Ankommende ging oder lief so schnell, daß er, trotz der Dunkelheit, in dem Augenblicke sichtbar wurde, als Petit-Pierre hinter der Hecke, Rameau-d’or hinter dem Baume sich versteckt hatten.

Rameau-d’or, dessen Augen sich bereits an die Dunkelheit gewohnt hatten, bemerkte einen jungen Mann von etwa zwanzig Jahren, der in derselben Richtung wie die beiden Andern forteilte.

Er hielt den Hut in der Hand und wurde dadurch leicht erkennbar.

Rameau-d’or konnte einen leisen Ausruf des Erstaunens nicht unterdrücken. Aber da er noch zweifelte, ließ er den jungen Mann drei Schritte von sich vorübereilen, und erst als dieser ihm den Rücken zukehrte, rief er ihm nach:

»Michel!«

Der junge Mann, der an diesem einsamen Orte auf die Begegnung eines Bekannten nicht gefaßt war, sprang erschreckt auf die Seite und fragte mit etwas unsicherer Stimme:

»Wer ruft?«

»Ich,« antwortete Rameau-d’or, indem er Hut und Perücke abnahm und auf seinen Freund zutrat.

Er war nun, trotz der Bauerntracht, leicht zu erkennen.

»Herr de Bonneville!« sagte der Baron Michel höchst erstaunt.

»Ja, ich bin’s; aber nenne meinen Namen nicht so laut. Wir sind in einem Lande, wo die Büsche, Gräben und Bäume mit den Wänden das Vorrecht theilen, Ohren zu haben.«

»Ja wohl,« erwiderte Michel, dessen Schrecken sich noch keineswegs vermindert hatte. »Du willst vielleicht an dem Aufstande theilnehmen, von welchem die Rede ist?«

»Natürlich. Vor Allem sage mir, zu welcher Partei Du gehörst.«

»Ich?«

»Ja, Du.«

»Lieber Freund,« sagte der junge Baron, »ich habe noch keine entschiedene Meinung, und ich will Dir im Vertrauen gestehen —«

»So vertraulich wie Du willst, aber fasse Dich kurz.«

»Ich will Dir im Vertrauen gestehen, daß ich mich auf die Seite Heinrichs V. hinneige.«

»Mehr brauche ich nicht zu wissen, lieber Michel,« sagte der Graf vergnügt.

»Aber ich bin noch nicht fest entschlossen.«

»Gut, dann werde ich das Vergnügen haben, deine Bekehrung zu vollenden. Und um dieselbe mit mehr Aussicht auf Erfolg zu unternehmen, bitte ich Dich um ein Nachtlager in deinem Schlosse für mich und einen Freund, der mich begleitet.«

»Wo ist dein Freund?«

»Hier!« sagte Petit-Pierre, indem er aus seinem Versteck hervorkam und den jungen Baron mit einem Anstande begrüßte, der mit seiner Tracht in sonderbarem Widerspruche stand.

Michel betrachtete den kleinen Bauer einige Augenblicke und trat dann auf Rameau-d’or oder vielmehr auf den Grafen von Bonneville zu.

»Henri,« fragte er leise, »wie heißt dein Freund?«

»Michel, Du machst einen Verstoß gegen die herkömmliche Gastfreundschaft. Was kann Dir an dem Namen meines Freundes liegen; es genüge Dir die Versicherung, daß es ein junger Mann aus sehr gutem Hause ist.«

»Weißt Du auch gewiß, daß es ein Mann ist?«

Der Graf und Petit-Pierre lachten.

»Du scheinst wirklich in der Wahl deiner Gäste sehr delicat zu seyn, lieber Michel.«

»Nein, lieber Henri; aber ich bin nicht Herr in La Logerie.«

»Ich weiß wohl, daß die Baronin Michel zu befehlen hat, ich habe es meinem Freunde Petit-Pierre schon gesagt. Aber wir wollen nur eine Nacht bleiben. Du kannst uns ja in deine Wohnung führen; ich mache einen Besuch im Keller und in der Speisekammer – ich weiß im Haus Bescheid. Mein kleiner Reisegefährte legt sich auf dein Bett und schläft so gut als er kann. Morgen Früh, sobald der Tag graut, sehe ich mich nach einem andern Quartier um, und sobald ich es gefunden – was hoffentlich nicht schwer seyn wird – sollst Du von unserer Gegenwart erlöst seyn.«

»Es ist unmöglich, Henri. Glaube nicht, daß ich um meinetwillen meine Mutter fürchte; aber ich würde deine Sicherheit gefährden, wenn ich Dich in das Schloß aufnehmen wollte.«

»Wie so?«

»Meine Mutter ist gewiß noch wach; sie erwartet mich, sie wird uns kommen sehen. Und wie sollen wir dann deine Verkleidung, zumal die deines Begleiters erklären?«

»Er hat Recht,« sagte Petit-Pierre.

»Aber was ist zu thun?«

»Ueberdies,« setzte Michel hinzu, habe ich nicht blos meine Mutter zu berücksichtigen.«

»Wen denn sonst noch?«

»Warte nur,« erwiderte der junge Baron, indem er sich besorgt umsah, »wir wollen uns noch weiter von dieser Hecke, von diesem Busch entfernen.«

»Was hast Du denn zu fürchten?«

»Es kommt auch Courtin in Betracht.«

»Wer ist Courtin?«

»Erinnerst Du Dich nicht mehr des Pächters Courtin«

»Ja wohl – ein guter Kerl, der Dir immer gegen Jedermann, selbst gegen deine Mutter, Recht gab.«

»Ja, der ist’s. Courtin ist Maire und ein eifriger Philippist. Wenn er Dich in der Nacht und in diesem Anzuge sähe, würde er Dich ohne Weiteres arretiren lassen.«

»Das ist allerdings in Erwägung zu ziehen,« sagte Bonneville nachsinnend. »Was sagt Petit-Pierre dazu?«

»Ich sage gar nichts dazu, lieber Rameau-d’or; ich lasse Sie für mich denken.«

»Und das Resultat ist, daß Du uns deine Thür verschließest,« setzte Bonneville hinzu.

»Was kann Dir daran liegen,« sagte der junge Baron, dessen Augen leuchteten, »wenn ich Dir eine andere Thür öffne, die Dir einen sichereren Versteck bietet als das Schloß La Logerie?«

»Es liegt mir sehr viel daran. Was sagt mein junger Reisegefährte dazu?«

»Ich gestehe, daß ich todtmüde bin,« erwiderte Petit-Pierre, »ich sehne mich nur nach Ruhe.«

»Dann will ich den Weg zeigen,« sagte der junge Baron.

»Warte. Ist es sehr weit?«

»Eine Stunde, nicht weiter.«

»Fühlt sich Petit-Pierre stark genug?« fragte Bonneville.

»Petit-Pierre wird alle seine Kräfte sammeln,« antwortete der kleine Bauer lachend. »Wir sollen dem Baron Michel folgen.«

»Gut,« sagte Bonneville. »Vorwärts, Baron!«

Die kleine Gruppe, die seit zehn Minuten stillgestanden, setzte sich in Bewegung.

Aber kaum war Michel fünfzig Schritte gegangen, so klopfte ihm sein Freund auf die Schulter und fragte:

»Wohin führst Du uns?«

»Sey ganz unbesorgt.«

»Ich bin es, wenn Du mir versprichst, daß Petit-Pierre, der wie Du siehst, von zartem Körperbau ist, ein gutes Abendessen und ein gutes Bett finden wird.«

»Er wird Alles finden, was ich selbst ihm anzubieten hätte: das beste Gericht aus der Speisekammer, den besten Wein aus dem Keller, das beste Bett im Schlosse.«

Man machte sich wieder auf den Weg.

»Ich will vorauseilen, damit Ihr nicht warten müßt,« sagte der junge Baron.

»Noch einen Augenblick Geduld,« sagte Bonneville; – wohin eilst Du?«

»In das Schloß Souday.«

»Wie, nicht in das Schloß La Logerie?«

»Ja, Du kennst es ja, mit seinen spitzen Thürmen und Schieferdächern, links von der Straße, vor dem Walde von Machecoul.«

»Das Schloß, wo die Wölfinnen hausen?«

»Ja, wo die Wölfinnen hausen – wenn Du willst.«

»Und dorthin führst Du uns?«

»Ja wohl.«

»Hast Du auch wohl bedacht, Michel, was Du thust?«

»Ich stehe für Alles.«

Der junge Baron, der seinem Freunde genügende Auskunft gegeben zu haben glaubte, eilte nun mit einer Schnelligkeit voraus, von welcher er bereits an dem Tage, als er für den kranken Tinguy den Arzt geholt, einen unleugbaren Beweis gegeben hatte.

»Nun, was sollen wir thun?« fragte Petit-Pierre.

»Wir haben keine Wahl, wir müssen ihm folgen.«

»In das Schloß der Wölfinnen?«

»Ja, in das Schloß der Wölfinnen.«

»Um den Weg abzukürzen, lieber Rameau-d’or,« sagte Petit-Pierre, »erzählen Sie mir etwas von den Wölfinnen.«

»Ich will Ihnen wenigstens sagen, was ich weiß.«

»Mehr kann ich nicht verlangen.«

Der Graf von Bonneville, neben dem Pferde hergehend und die Hand auf den Sattelknopf gelegt, erzählte nun Petit-Pierre die im Département der Niederloire und in den benachbarten Départements verbreitete Legende über die beiden unbändigen Erbinnen des Marquis von Souday, über ihre Meuten und tollen Wolfshetzen und Saujagden.

Als der Graf mitten in der Erzählung war, bemerkte er die spitzen Thürme des Schlosses Souday. Er brach seine Erzählung ab und zeigte seinem Reisegefährten, daß sie das Ziel ihrer nächtlichen Wanderung erreicht.

Petit-Pierre, der an die Hexen Macbeths dachte, waffnete sich mit seinem ganzen Muthe, um das furchtbare Schloß zu betreten. Eine Biegung der Straße führte ihn zudem offenen Schloßthor, und vor demselben bemerkte er zwei weiße Gestalten, welche zu warten schienen. Ein hinter ihnen stehender bäurisch aussehender Mann hielt eine brennende Fackel.

Petit-Pierre sah Bertha und Mary furchtsam an, denn sie waren, von dem jungen Baron benachrichtigt, den beiden Reisenden entgegengegangen.

Er erblickte zwei reizende junge Mädchen: eine Blondine mit blauen Augen und einem Engelsgesicht, und eine Brünette mit feurigen schwarzen Augen. Beide sahen offen und freundlich aus.

Petit-Pierre stieg vom Pferde und ging mit Rameau-d’or auf die beiden Mädchen zu.

»Mein Freund, der Herr Baron Michel hat mir Hoffnung gemacht, meine Fräulein, daß der Herr Marquis von Souday, Ihr Vater, die Güte haben werde, uns in sein Schloß aufzunehmen.«

»Mein Vater ist abwesend,« erwiderte Bertha, »er wird es sehr bedauern, daß diese Gelegenheit, die heutzutage so seltene Tugend der Gastfreundschaft zu üben, ihm entgangen ist.«

»Aber ich weiß nicht, ob Ihnen mein Freund gesagt, daß diese Gastfreundschaft vielleicht nicht ohne Gefahr seyn konnte: wir Beide sind fast geächtet und zum Lohn für Ihre Güte werden Sie vielleicht Verfolgungen zu erdulden haben.«

»Wir sind Meinungsgenossen, mein Herr. Wir würden Sie aufnehmen, wenn Sie uns auch ganz fremd wären; als Geächtete, als Royalisten sind Sie uns willkommen, wenn auch die Zerstörung unserer Wohnung, ja selbst der Tod die Folge davon wäre. Mein Vater würde eben so sprechen wie ich, wenn er anwesend wäre.«

»Der Baron Michel wird Ihnen meinen Namen gesagt haben, ich muß Ihnen noch meinen jungen Reisegefährten vorstellen.«

»Es ist nicht nöthig,« erwiderte Bertha, »uns genügt, daß Sie Royalisten, daß Sie geächtet sind um einer Ueberzeugung willen, für welche wir Gut und Blut zu opfern bereit sind. Treten Sie daher ein in dieses Haus; es ist zwar nicht prächtig, aber Sie werden darin wenigstens Treue und Verschwiegenheit finden.«

Bertha trat mit edlem Anstande auf die Seite und lud die jungen Leute mit einer Handbewegung ein, die Schwelle zu überschreiten.

»Gott sey gelobt!« flüsterte Petit-Pierre dem Grafen von Bonneville zu, »hier haben wir zugleich das Schloß und die Hütte, zwischen denen ich wählen sollte. Ihre Wölfinnen gefallen mir ungemein.«

Er nickte den beiden Mädchen freundlich zu und trat ein.

Der Graf von Bonneville folgte ihm. Mary und Bertha winkten dem jungen Baron ein freundliches Lebewohl zu und die Letztere reichte ihm die Hand.

Aber Jean Oullier schlug die Thür so hastig zu, daß, Michel nicht Zeit hatte, die dargebotene Hand zu fassen.

Er betrachtete eine kleine Weile die Thürmchen des Schlosses deren dunkle Umrisse an dem Sternenhimmel deutlich hervortraten und die nach einander hell werdenden Fenster. Dann entfernte er sich.

Als er verschwunden war, regten sich die Büsche und ein Mann kam hervor, der die Scene in einer von dem Interesse der handelnden Personen ganz verschiedenen Absicht belauscht hatte.

Dieser Mann war Courtin, der sich nach allen Seiten umsah und dann auf demselben Wege, den sein junger Gutsherr genommen, nach La Logerie zurückkehrte.

XV.
Die Diplomatie Courtins

Es war etwa zwei Uhr Nachts, als der junge Baron Michel sich am Ende der auf das Schloß La Logerie zuführenden Allee befand.

Es war eine stille Nacht. Die über die Natur verbreitete majestätische Ruhe hatte ihn in eine träumerische Stimmung versetzt. Es versteht sich, daß die beiden Schwestern der Gegenstand dieser Träumereien waren, daß aber Mary die Erwählte war, der er mit eben so viel Ehrfurcht und Liebe folgte; die in der Bibel der junge Tobias dem Engel.

Aber als er in einer Entfernung von fünfhundert Schritten am Ende des dunkeln Laubdaches, unter welchem er fort ging, die im Mondlicht schimmernden Fenster des Schlosses erblickte, zerrannen seine lieblichen Träume und seine Gedanken nahmen eine ganz andere Richtung. Statt der reizenden Mädchengesichter, die ihn bis dahin begleitet hatten, zeigte ihm seine Phantasie das ernste dräuende Profil seiner Mutter.

Wir wissen, welche Gewalt die Baronin Michel über ihren Sohn ausübte.

Michel stand still. Wenn er in der Umgegend, wär’s auch eine Stunde Weges entfernt gewesen, ein Haus oder einen Gasthof gekannt hätte, wo er ein Nachtlager hätte finden können, so würde er erst am andern Morgen ins Schloß gegangen seyn – so bange war ihm zu Muthe. Es war das erste Mal, daß er so spät nach Hause kam, und er hatte eine bange Ahnung, daß seine Abwesenheit bekannt sey und daß seine Mutter wache.

Was sollte er antworten aus die furchtbare Frage: »Wo bist Du gewesen?«

Courtin allein konnte ihn beherbergen; aber wenn er den Maire um ein Obdach ersuchte, mußte er ihm Alles sagen, und der junge Baron sah ein, wie gefährlich es sey, einen, Mann wie Courtin zum Vertrauten zu nehmen.

Er entschloß sich daher, dem mütterlichen Zorne die Stirn zu bieten: es blieb ihm ja nichts Anderes übrig.

Aber je näher er dem Schlosse kam, desto mehr fühlte, er seinen Entschluß wanken.

Als er am Ende der Allee war, als er über den freien Rasenplatz gehen mußte, als er das offene Fenster des Zimmers seiner Mutter sah, sank ihm vollends der Muth.

Seine Ahnungen hatten ihn also nicht getäuscht. Die Baronin war auf der Lauer, ihren Sohn zu erwarten.

Die Furcht machte ihn erfinderisch: er nahm seine Zuflucht zu einer Kriegslist, die den Ausbruch des mütterlichen Zornes wenigstens verzögern, wenn auch nicht verhüten konnte.

Er wandte sich links, schlich sich im Schatten einer Hagebuchenhecke fort, stieg über die Mauer des Küchengartens und ging am andern Ende desselben durch die Verbindungsthür in den Park.

Unter dem Schutze der Baumgruppen und Gebüsche konnte er sich hier bis unter die Fenster des Schlosses schleichen. So weit gelang ihm sein Plan sehr gut; aber das Schwierigste, oder vielmehr Gewagteste blieb noch auszuführen. Er hoffte ein aus Versehen offen gebliebenes Fenster zu finden, um in dasselbe einzusteigen und sein Zimmer erreichen zu können.

Das Schloß La Logerie bestand aus einem großen viereckigen Hauptgebäude mit vier kleinen Thürmen von gleicher Form. Die Küche und Dienstbotenzimmer waren unter der Erde, die Empfangszimmer im Erdgeschoß, die Wohnung der Baronin im ersten, die Zimmer ihres Sohnes im zweiten Stockwerk.

Michel machte die Runde um drei Seiten des Schlosses, auf den Fußspitzen dicht an den Wänden hinschleichend und vorsichtig alle Thüren und Fenster betastend.

Er vermochte weder Thür noch Fenster auszumachen.

Es blieb noch die Hauptfront zu untersuchen.

Dies war der gefährlichste Theil: denn die Fenster der Baronin waren in dieser Front, vor welcher sich ein freier Platz befand, und eines dieser Fenster, jenes des Schlafzimmers, war offen.

Michel meinte indes, er könne sich so gut draußen wie im Hause den Text lesen lassen, und er entschloß sich, das Wagstück zu versuchen.

Er schaute um den Eckthurm und war eben im Begriff, die Hauptfronte zu untersuchen, als er eine noch nicht erkennbare Gestalt über den Rasenplatz kommen sah.

Michel stand still und beobachtete den Neuankommenden mit großer Aufmerksamkeit.

Er sah nun, daß es ein Mann war, und daß dieser Mann den Weg nahm, den er selbst hätte einschlagen müssen, wenn er sich entschlossen hätte, gerade ins Schloß zu gehen.

Der junge Mann drückte sich in die von dem Vorsprunge des Thurmes gebildete dunkle Ecke und lauschte.

Der Mann kam näher.

Als er bis auf etwa fünfzig Schritte nahe gekommen war, hörte Michel die Stimme seiner Mutter oben am Fenster.

Er war froh, daß er nicht über den Rasenplatz gegangen war.

»Bist Du es, Michel?« fragte die Baronin.

»Nein, Madame,« antwortete eine Stimme, welche der junge Baron mit Erstaunen und Besorgniß für die Stimme Courtins erkannte, »Sie erweisen dem armen Courtin zu viel Ehre, ihn für den Herrn Baron zu halten.«

»Großer Gott!« sagte die Baronin, »was führt Euch denn in der Nacht hierher?«

»Sie werden schon denken, Madame, daß es etwas Wichtiges ist.«

»Es ist meinem Sohne doch kein Unglück geschehen?«

Die ängstliche Besorgniß, mit welcher seine Mutter dies sagte, rührte den jungen Baron so tief, daß er aus seinem Versteck hervorstürzen wollte, sie zu beruhigen.

Aber Courtin’s Antwort, die er gleich darauf hörte, verhinderte die Ausführung dieses guten Vorsatzes.

Michel trat wieder in den dunklen Winkel, der ihm als Versteck diente.

»O nein, Madame,« antwortete Courtin, »der Junge, wenn ich mich so ausdrücken darf, um von dem Herrn Baron zu sprechen – ist frisch und gesund – bis jetzt wenigstens.«

»Bis jetzt?« unterbrach die Baronin; steht ihm denn eine Gefahr bevor?«

»Ei ja,« sagte Courtin, »es konnte ihm wohl etwas geschehen, wenn er sich noch in Zukunft von den verteufelten Waldjungfern anlocken ließe. Um diesem Unglück vorzubeugen, habe ich mir die Freiheit genommen Sie mitten in der Nacht heimzusuchen, ich dachte wohl, daß Sie die Abwesenheit des jungen Herrn bemerkt hätten und noch nicht schlafen gegangen wären.«

»Ihr habt wohl gethan Courtin. Aber wißt Ihr, wo mein Sohn ist?«

Courtin sah sich nach allen Seiten um.

»Es wundert mich,« sagte er, »daß er noch nicht wieder zu Hause ist. Ich bin absichtlich auf dem Fahrwege gegangen, um ihm den Fußweg frei zu lassen, und dieser ist eine gute Viertelstunde kürzer als der Fahrweg.«

»Aber wo kommt er denn her? wo ist er gewesen? was hat er gemacht? warum läuft er nach Mitternacht draußen umher, ohne sich um meine Besorgniß zu kümmern, ohne zu bedenken, daß er seine und meine Gesundheit gefährdet?«

»Madame,« erwiderte Courtin, »finden Sie nicht selbst, daß ich so viele Fragen nicht hier im Freien beantworten kann? – Was ich zu erzählen habe,« setzte er leiser hinzu, »ist so wichtig, daß Sie in Ihrem Zimmer nicht zu sicher wären, um mich anzuhören. Ueberdies muß der junge Herr bald kommen,« – bei diesen Worten sah er sich wieder mit einiger Besorgniß um – er darf nicht wissen, daß ich ihn belausche, obschon es zu seinem Besten und auf ihre Anordnung geschieht.«

»Dann kommt herein,« sagte die Baronin. »Ihr habt Recht; kommt geschwind!«

»Entschuldigen Sie, Madame – wo soll ich ins Schloß kommen?«

»Es ist wahr,« erwiderte die Baronin, »die Thür ist verschlossen.«

»Wenn Sie mir den Schlüssel herunterwerfen wollten —«

»Der Schlüssel steckt. Ich habe meine Leute zu Bette geschickt, denn ich wollte nicht, daß sie die Ausführung meines Sohnes erfahren. Aber wartet, Courtin ich will die Kammerjungfer rufen.«

»Lassen Sie, Madame,« entgegnete Courtin, »es ist nicht nöthig, Andere in unsere Geheimnisse einzuweihen. Ich bin der Meinung, daß Sie es in einer so wichtigen Sache mit der Etikette nicht so genau nehmen sollten. Man weiß wohl, daß die Frau Baronin nicht da ist, einem armen Bauer, wie ich bin, die Thür auszumachen; aber einmal ist ja nicht immer. Es ist gut, daß alle Leute schlafen, wir haben dann wenigstens keine Horcher zu fürchten.«

»Wahrhaftig, Courtin, Ihr machet mir Angst,« sagte die Baronin, deren alberner Stolz, die Ursache ihres Zögerns, dem Maire nicht entgangen war, »ich trage kein Bedenken mehr.«

Die Baronin entfernte sich vom Fenster, und gleich darauf hörte Michel die Schlüssel und den Riegel der Hausthür knarren. Er lauschte anfangs in angstvoller Spannung, aber bald bemerkte er, daß die Thür, welche so schwer geöffnet worden war, nicht wieder verschlossen wurde.

Er wartete einige Secunden, um seiner Mutter und Courtin Zeit zu lassen, die Treppe hinauf zu gehen; dann schlich er dicht an der Wand hin, stieg die Stufen hinauf, schob leise die Thür auf und befand sich in der Vorhalle.

Er hatte anfangs den Plan gehabt, in sein Schlafzimmer zu schleichen, sich schlafend zu stellen und das Weitere abzuwarten. In diesem Falle konnte die Stunde seiner Rückkehr nicht genau ermittelt werden, und es war noch möglich, sich durch eine freche Lüge aus der Verlegenheit zu ziehen. Aber die Lage der Dinge hatte sich seitdem ganz geändert: Courtin hatte ihn gesehen und verfolgt. Courtin kannte höchstwahrscheinlich den Versteck des Grafen von Bonneville und seines Begleiters.

Michel vergaß nun sich selbst, um nur an die Sicherheit seines Freundes zu denken; denn er wußte wohl, daß Courtin dieselbe sehr gefährden konnte, und bei den politischen Meinungen des Letzteren war dies kaum zu bezweifeln.

Statt in den zweiten Stock hinauf zu gehen, blieb der junge Baron im ersten stehen, statt sich in sein Zimmer zu begeben, schlich er in dem dunklen Gange fort.

Vor der Thüre des Zimmers seiner Mutter stand er stille und lauschte.

»Ihr glaubt also, Courtin,« fragte die Baronin, »Ihr glaubt in allem Ernste, mein Sohn habe sich in den Netzen einer der beiden Dirnen fangen lassen?«

»Ja, Madame, ich weiß es gewiß – und er ist so verschlossen, daß Sie viel mit ihm zu thun bekommen werden, wenn er erst flügge geworden ist.«

»Mädchen ohne einen Groschen!«

»Aber aus dem ältesten Geblüt des Landes, Madame,« erwiderte Courtin, der ins Haus hören wollte, »und für Edelleute ist dies doch nicht gleichgültig.«

»Pfui?« sagte die Baronin, »es sind ja uneheliche Kinder!«

»Aber bildschön, Madame – die eine wie ein Engel, die andere wie ein Dämon.«

»Es ist möglich, daß Michel, wie so viele Andere gethan haben sollen, eine Zeit lang Liebelei mit ihnen getrieben hat, ohne ernste Absichten auf eine von ihnen zu haben. Aus einer Heirath wird nichts, er kennt mich und weiß recht gut, daß ich in eine solche Verbindung nie willigen werde.«

»Nichts für ungut, Madame,« erwiderte Courtin, »ich glaube, daß der junge Herr an’s Heirathen noch gar nicht gedacht hat; er wird vielleicht selbst mit seinen Gefühlen noch nicht im Klaren seyn. Aber ich weiß gewiß, daß er in Gefahr, ist, sein künftiges Glück noch auf andere Art und viel ärger zu gefährden.«

»Was meinet Ihr, Courtin?«

»Ich schätze und verehre Sie, Madame,« fuhr Courtin fort, »und es wäre sehr hart für mich, wenn mein junger Herr arretirt würde —«

Michel erschrak in seinem Versteck, aber die gewaltigste Erschütterung fühlte die Baronin.

»Michel arretirt!« erwiderte sie auffahrend, »Ihr scheinet Euch zu vergessen, Courtin!«

»Nein, Madame, ich vergesse mich nicht.«

»Aber wie könnet Ihr —«

»Ich bin freilich nur Ihr Pächter,« fuhr Courtin fort, indem er die stolze Dame durch eine Handbewegung zu beruhigen suchte, »ich muß Ihnen genaue Rechnung ablegen von der Ernte, von der Sie die Hälfte haben, und pünktlich meinen Pachtzins zahlen. Ich thue auch meine Schuldigkeit, trotz der schweren Zeiten; aber ich bin auch Staatsbürger und Maire, und auch in dieser Eigenschaft habe ich Pflichten zu erfüllen, wie weh es meinem Herzen auch thut.«

»Was faselt Ihr da, Courtin? Und was hat mein Sohn mit euren Bürgerpflichten und mit euren Obliegenheiten als Maire zu thun?«

»Ich will es Ihnen sagen; Madame: Ihr Herr Sohn steht mit den Feinden des Staates im Einverständniß.«

»Ich weiß wohl,« erwiderte die Baronin, »daß der Herr Marquis von Souday sehr überspannte Ansichten hat; aber wie kann man meinen Sohn zur Verantwortung ziehen, wenn er mit einem der beiden Mädchen eine Liebschaft hat?«

»Die Liebschaft wird ihn weiter führen, als Sie glauben, Madame. Ich weiß wohl, daß er in das Wasser, welches man um ihn zu trüben sucht, bis jetzt nur die Spitze des Schnabels taucht, aber das ist schon genug, ihn zu blenden.«

»Erkläret Euch deutlicher und sprechet nicht mehr in Gleichnissen.«

»So hören Sie, Madame. Nachdem der junge Herr Baron diesen Abend dem alten Chouan Tinguy auf die Gefahr hin, das Nervenfieber in’s Schloß zu bringen, die Augen zugedrückt, nachdem er die größere der beiden Wölfinnen nach Hause begleitet hatte, führte er zwei Bauern, die aber so wenig Bauern sind, wie ich ein Herr bin, in das Schloß Souday.«

»Wer hat Euch das gesagt, Courtin?«

»Meine beiden Augen, Madame – und ich habe gute Augen.«

»Was meinet Ihr denn, wer die beiden Bauern waren?«

»Die beiden Bauern?«

»Ja.«

»Der eine – ich möchte darauf schwören – war der Graf von Bonneville, ein Erzchouan. Er ist lange hier in der Gegend gewesen, und ich habe ihn recht gut erkannt. Der andere —«

»Nun, weiter!«

»Der andere ist eine noch wichtigere Person, wenn ich nicht irre.«

»So saget doch, Courtin, wer es ist?«

»Ich weiß, was ich weiß, Madame – und ich werde die Person gehörigen Orts nennen, wenn es seyn muß, und es wird wahrscheinlich bald seyn müssen.«

»Gehörigen Orts?« erwiderte die Baronin, über den entschiedenen Ton des sonst so fügsamen Pächters. »Wollt Ihr denn meinen Sohn anzeigen?«

»Allerdings, Madame,« antwortete Courtin sehr dreist.

»Das werdet Ihr doch nicht thun, Courtin?«

»Ich würde bereits auf dem Wege nach Montaigu seyn, Madame, ich würde vielleicht sogar schon nach Nantes laufen, wenn ich Sie nicht zuvor warnen wollte, damit Sie den jungen Herrn in Sicherheit bringen können.«

»Aber wenn nun Michel an dieser Sache nicht betheiligt ist,« entgegnete die Baronin aufgebracht, »so werdet Ihr mich in den Augen meiner Nachbarn compromittiren, ja vielleicht meine Sicherheit gefährden.«

»Wir vertheidigen La Logerie, Madame —«

»Seyd Ihr von Sinnen, Courtin?«

»Ich habe den großen Vendéekrieg gesehen, Madame. Ich war noch ganz klein, aber ich erinnere mich recht gut. Und wahrhaftig, ich möchte einen solchen Krieg nicht wieder erleben; ich möchte nicht, daß sich die beiden Parteien auf meinem Acker eine Schlacht lieferten, daß mein Getreide aufgezehrt oder verbrannt wurde. Noch weniger mochte ich, das die Nationalgüter weggenommen würden, und dies würde unfehlbar der Fall seyn, wenn die Weißen die Oberhand behielten. Von meinen Aeckern hat der vierte Theil vormals Emigranten gehört, ich habe Alles baar bezahlt. Kurz und gut, die Regierung zählt auf mich, und ich will das Vertrauen der Regierung rechtfertigen.«

»Aber, Courtin,« entgegnete die Baronin, die schon bereit war zu Bitten ihre Zuflucht zu nehmen, »es wird gewiß nicht so arg seyn, wie Ihr glaubt —«

»O ja wohl, Madame, die Sachen stehen sehr schlimm. Ich bin nur ein Bauer, aber ich weiß so viel davon wie ein Anderer, denn ich habe gute Ohren und höre überall aufmerksam zu. Die Landschaft Retry ist in Gährung; das Feuer braucht nur geschart zu werden, und die ganze Brühe wird überkochen.«

»Ihr irrt Euch, Courtin.«

»Nein, Madame, ich weiß was ich weiß. Die Edelleute sind schon dreimal zusammengekommen, einmal bei dem Marquis von Souday, einmal bei einem sogenannten Louis Renaud und einmal bei dem Grafen von Saint-Armand. In allen diesen Versammlungen riecht es stark nach Pulver. – Dabei fällt mir ein, daß bei dem Pfarrer zu Montbert zwei Zentner Pulver und einige Säcke mit Kugeln liegen. – Das Schlimmste aber ist, daß man die Herzogin von Berry erwartet – und ich glaube, man wird nicht gar lange auf sie zu warten haben.«

»Warum denn?«

»Weil ich glaube, daß sie schon hier ist.«

»Mein Gott! wo denn?«

»Im Schlosse Souday.«

»Wie? im Schlosse Souday?«

»Ja,« und aller Wahrscheinlichkeit nach hat sie der junge Herr Baron dahin geführt.«

»Michel? O mein Gott! Aber Ihr werdet schweigen, nicht wahr, Courtin? Ich will es, ich befehle es Euch. Aber die Regierung hat bereits Vorkehrungen getroffen, und wenn sie es wagen sollte in die Vendée zu kommen, so würde sie schon unterwegs verhaftet werden.«

»Aber wenn sie schon da ist, Madame?«

»Dann habt Ihr um so mehr Ursache zu schweigen.«

»Das sagen Sie wohl, Madame. Und ich soll mir die Ehre und den Nutzen eines solchen Fanges entgehen lassen? Der Fang würde ohnedies von einem Andern gemacht werden, wenn ich die Gelegenheit nicht benütze – und bis dahin wird das ganze Land in Aufruhr kommen! – Nein, Madame, das geht nicht an.«

»Aber was ist zu thun? Mein Gott! was soll ich anfangen?«

»Hören Sie, Madame,« erwiderte Courtin, »ich will es Ihnen sagen.«

»Reden Sie, Courtin.«

»Ich will meiner Bürgerpflicht genügen, aber zugleich Ihr getreuer Diener bleiben; denn ich hoffe, daß man mir zum Dank für den Dienst, den ich Ihnen erweisen will, meinen Meierhof zu annehmbaren Bedingungen lassen wird. Ich will also den Namen des jungen Herrn nicht nennen; Sie müssen nur Sorge tragen, daß er künftig nicht wieder in ein ähnliches Wespennest geräth. Er steckt freilich schon darin, aber für dieses Mal ist es noch Zeit, ihn herauszuziehen.«

»Seyd nur ruhig, Courtin.«

»Aber es wäre doch gerathen, Madame —«

»Was meinet Ihr, Courtin?«

»Ich will mich nicht erkühnen, der Frau Baronin einen Rath zu geben —«

»Redet nur, Courtin; was meinet Ihr?«

»Ich meine, Sie müßten ihn durch irgend ein Mittel, durch Bitten oder Drohungen bewegen La Logerie zu verlassen und nach Paris zu reisen.«

»Ja, Courtin, Ihr habt Recht.«

»Aber er wird nicht wollen – «

»Wenn ich’s beschlossen habe; muß er wollen.«

»Er ist in zwölf Monaten einundzwanzig, und folglich volljährig.«

»Und ich sage Euch, Courtin, daß er abreisen wird. – Was gibt’s?« fragte die Baronin, als sie bemerkte, daß Courtin lauschte.

»Ich glaubte draußen im Gange Fußtritte zu hören.«

»Sehet nach.«

Courtin nahm das Licht und eilte auf den Gang hinaus.

»Es ist Niemand da,« sagte er zurückkommend, »und doch schien es mir, als ob Jemand vor der Thür wäre.«

»Was glaubt Ihr wohl, Courtin, wo jetzt mein Sohn sey?«

»Vielleicht erwartet er mich in meinem Hause,« erwiderte Courtin, »der junge Herr Baron hat Vertrauen zu mir, und es wäre nicht das erste Mal, daß er mich aufsucht, mir sein Leid zu klagen.«

»Ihr habt Recht, Courtin, es ist wohl möglich. Geht nach Hause, und vergeßt euer Versprechen nicht!«

»Vergessen Sie auch Ihr Versprechen nicht, Madame. Wenn er nach Hause kommt, sperren Sie ihn ein, machen Sie ihm jeden Verkehr mit den Wölfinnen unmöglich, denn wenn er sie wieder sieht —«

»Was würde dann geschehen, Courtin?«

»Dann würde es mich gar nicht wundern, wenn er aus den Büschen auf die Blauen feuert.«

»O! ich werde mich noch zu Tode grämen!« jammerte die Gutsfrau. »Es war wirklich ein unglücklicher Gedanke von meinem Manne, wieder in dieses verwünschte Land zu kommen.«

»Ja wohl, Madame, es war ein unglücklicher Gedanke, zumal für ihn.«

Die Baronin senkte traurig den Kopf unter dem Eindruck der Erinnerungen, welche Courtin geweckt hatte. Er entfernte sich, nachdem er die Umgebungen durchsucht und sich überzeugt hatte, dass ihn Niemand fortgehen sah.

XVI.
Die Diplomatie Courtins. (Fortsetzung.)

Als Courtin kaum zweihundert Schritte auf dem zu seinem Meierhofe führenden Wege fortgegangen war, hörte er ein Rauschen in den Gebüschen.

»Wer ist da?« fragte er, indem er auf die Seite trat und sich mit seinem Stocke in Vertheidigungsstand setzte.

»Ein Freund,« antwortete eine jugendliche Stimme.

Der Antwortende kam zum Vorschein.

»Ei! der Herr Baron!« sagte Courtin.

»Ja wohl, ich bin’s.«

»Mein Gott! was machen Sie denn mitten in der Nacht hier? Wenn die Frau Baronin wüßte, daß Sie nicht zu Hause sind, was würde sie dazu sagen?« erwiderte Courtin mit erheucheltem Erstaunen.

»Es ist nun einmal so, Courtin.«

»Aber ich vermuthe,« sagte der schlaue Landmann lauernd, »daß der Herr Baron seine Gründe hat.«

»Ja wohl, und seine Gründe sollst Du erfahren, wenn wir in deinem Hause sind.«

»In meinem Hause?« erwiderte Courtin erstaunt, »sind Sie denn bei mir gewesen?«

»Willst Du mich etwa nicht mitnehmen?« fragte der junge Baron.

»Gerechter Himmel, ich sollte mich weigern, Sie in ein Haus zu lassen, welches im Grunde Ihnen gehört?«

»Dann wollen wir keine Zeit verlieren, es ist spät. »Gehe voran, ich folge Dir.«

Courtin, über den gebieterischen Ton seines jungen Herrn etwas betroffen, gehorchte. Nach ein paar hundert Schritten öffnete er eine kleine Pforte, ging durch den Baumgarten und befand sich vor seinem Hause.

In der Wohnstube, die zugleich als Küche diente, legte er einige auf dem Herde zerstreute Feuerbrände zusammen und zündete eine gelbe Wachskerze an, die er auf den Camin stellte.

Erst jetzt bemerkte er, daß Michel todtenbleich war.

»Mein Gott!« sagte Courtin, »was fehlt Ihnen denn, Herr Baron?«

»Courtin,« sagte Michel mit drohendem Stirnrunzeln, »ich habe dein Gespräch mit meiner Mutter gehört.«

»Was!« sagte der Bauer etwas betroffen; aber er faßte sich schnell wieder und setzte hinzu: »Und was wünschen Sie jetzt von mir?«

»Du wünschest nächstes Jahr deinen Pachtcontract zu erneuern?«

»Ich, Herr Baron —«

»Und es ist Dir mehr daran gelegen, als Du zugibst.«

»Nun ja, es wäre mir gar nicht unlieb, Herr Baron – aber wenn's nicht anginge, so würde man auch nicht davon sterben.«

»Courtin, den Contract werde ich erneuern,« sagte der junge Gutsherr, »denn zur Zeit, wo der jetzige Contract abläuft, »bin ich volljährig.«

»Ganz recht, Herr Baron.«

»Aber Du siehst wohl ein, Courtin,« setzte Michel hinzu, dem sein Wunsch, den Grafen von Bonneville zu retten und bei Mary zu bleiben, eine ihm sonst ganz fremde Entschlossenheit gab, »Du siehst wohl ein, daß ich deinen Contract nicht erneuern werde, wenn Du thust, was Du diesen Abend gesagt hast, nämlich wenn Du meine Freunde anzeigst, denn einen Angeber will ich nicht als Pächter haben.«

»O! o!« sagte Courtin.«

»Bedenke daher, was Du thust,« fuhr Michel fort, »wenn Du den Meierhof einmal verlassen hast, so mußt Du ihm auf immer Lebewohl sagen, denn Du wirst nie wieder einziehen.«

»Aber die Regierung – und die Frau Baronin —«

»Alles dies kümmert mich nicht, Courtin. Ich bin der Baron Michel de La Logerie, das Gut gehört mir, sobald ich volljährig bin, weil es mir von meiner Mutter abgetreten wird; ich bin in elf Monaten volljährig und dein Contract ist in dreizehn Monaten zu Ende.«

»Aber wenn ich meinen Plan nicht in Ausführung bringe?« erwiderte Courtin mit gleißnerischer Freundlichkeit.

»Dann wird der Pachtcontract erneuert.«

»Unter den bisherigen Bedingungen?«

»Ja, unter den bisherigen Bedingungen.«

»Herr Baron, wenn ich nicht fürchtete, Sie zu compromittiren,« sagte Courtin, indem er aus einem Schranke ein Fläschchen mit Tinte, einen Bogen Papier und eine Feder nahm und aus den Tisch legte.

»Was soll das?« fragte der junge Baron.

»Wenn Sie die Güte haben wollten, Herr Baron, mir das Versprechen schriftlich zu geben – es ist für Leben und Sterben – und ich will Ihnen schwören —«

»Ich brauche keinen Schwur, Courtin; denn ich gehe auf der Stelle wieder nach Souday, ich warne Jean Oullier und fordere Bonneville auf, einen anderes Versteck aufzusuchen.«

»Nun, dann haben Sie um so weniger Ursache, sich zu weigern,« sagte Courtin und reichte seinem jungen Gutsherrn die Feder.

Michel nahm die Feder und schrieb:

»Ich, der unterzeichnete August Franz Michel, Baron de La Logerie, verpflichte mich, den Pachtvertrag Courtin’s unter den bisherigen Bedingungen zu erneuern.«

Er wollte das Datum darunter setzen; aber Courtin wollte es nicht zugeben.

»Nein,« sagte er, »lassen Sie das, Herr Baron; wir setzen das Datum, sobald Sie volljährig sind.«

»Gut,« sagte Michel.

Er schrieb nur seinen Namen und ließ Platz für das Datum.

»Wenn Sie bequemer als auf diesem Schämel ruhen wollen, Herr Baron,« sagte Courtin, »so würde ich sagen. Oben steht ein Bett, das nicht ganz schlecht und Ihnen zu Diensten steht – vorausgesetzt daß Sie vor Tagesanbruch nicht ins Schloß gehen wollen.«

»Nein,« erwiderte Michel, »Du hast ja gehört, daß ich nach Souday gehen will.«

»Warum denn, Herr Baron? Sie haben ja mein Versprechen, daß ich nichts sagen will – Sie haben Zeit.«

»Was Du gesehen hast, Courtin, konnte auch ein Anderer sehen,« entgegnete der junge Gutsherr, »und während Du schweigst, weil Du es versprochen, kann ein Anderer, der kein Versprechen gegeben, reden. – Auf Wiedersehen, Courtin!«

»Thun Sie was Sie wollen, Herr Baron,« sagte Courtin, »aber Sie haben wirklich Unrecht, wieder in die Mausefalle zu gehen.«

»Es ist gut, Courtin, ich danke Dir für deinen Rath; aber es freut mich sehr, daß Du mich als einen Mann anerkennst, der seinen freien Willen hat.«

Er stand auf und verließ rasch das Haus.

Courtin, verwundert über diese Entschlossenheit, schaute ihm nach, bis sich die Thür hinter dem jungen Baron wieder geschlossen hatte; dann griff er hastig nach dem Papier, las den Inhalt noch einmal, legte es sorgfältig zusammen und steckte es in seine Brieftasche.

Gleich darauf glaubte er in der Nähe des Meierhofes sprechen zu hören. Er ging ans Fenster, zog den Vorhang etwas auseinander und sah den jungen Baron vor seiner Mutter stehen.

»Aha! mein junger Hahn!« sagte er höhnisch lachend: »bei mir hast Du gar laut gekräht – aber die alte Henne wird Dich bald zum Schweigen bringen!«

Die Baronin, welche ihren Sohn noch eine kleine Weile vergebens erwartet, hatte über ihr Gespräch mit Courtin nachgedacht und die Anwesenheit Michel’s bei dem Maire für wahrscheinlich gehalten.

Sie war anfangs unschlüssig gewesen, sie trug theils aus Stolz und theils aus Furcht einiges Bedenken, in der Nacht auszugehen; aber endlich hatte doch die Muttersorge den Sieg davongetragen und die Baronin hatte, in einen großen Shawl gehüllt, das Schloß verlassen.

Als sie vor dem Meierhofe angekommen war, hatte sie ihren Sohn aus dem Hause kommen sehen.

Als sie ihn gesund und wohlbehalten wiedersah, hörten ihre Besorgnisse auf und ihr herrlicher Charakter bekam wieder die Oberhand.

Michel fuhr ganz bestürzt zurück, als er seine Mutter bemerkte.

»Folge mir,« sagte sie zu ihm, »mich dünkt, daß es nicht zu früh ist nach Hause zu gehen.«

Michel dachte weder an Widerspruch noch an Flucht; er folgte gehorsam und willenlos wie ein Kind.

Unterwegs wurde zwischen der Baronin und ihrem Sohne kein Wort gewechselt.

Dem jungen Baron war dieses Stillschweigen im Grunde lieber als ein Wortwechsel, in welchem sein kindlicher Gehorsam oder vielmehr seine Charakterschwäche unfehlbar den Kürzeren gezogen hätte.

Als Beide in das Schloß kamen, begann der Tag zu grauen.

Die Baronin, die immer noch kein Wort sprach, führte ihren Sohn in sein Zimmer.

Er fand einen gedeckten Tisch.

»Du wirst wohl hungrig und müde seyn,« sagte die Baronin, auf den Tisch und das Bett deutend, »Du siehst, es ist für den Hunger und für den Schlaf gesorgt.«

Dann entfernte sie sich und verschloß die Thür.

Der junge Baron hörte mit Schaudern, wie der Schlüssel zweimal umgedreht wurde.

Er war eingesperrt.

Er sank ganz trostlos auf einen Sessel.

Die Ereignisse folgten einander so rasch, wie Lawinen, und würden einen kräftigeren Charakter, als der Baron Michel besaß, erdrückt haben.

Er hatte nur einen gewissen Grad von Energie, und diesen hatte er in der Unterhandlung mit Courtin erschöpft. Vielleicht hatte er seinen Kräften zu viel zugemuthet, als er dem Maire gesagt hatte, er wolle wieder nach Souday eilen.

Seine Mutter hatte Recht: er war hungrig und ermüdet. In seinem Alter ist die Natur eine gebieterische Mutter, welche ihre Rechte mit Ungestüm geltend macht.

Uebrigens wurde sein Gemüth auch etwas ruhiger. Die Worte seiner Mutter: »Du siehst, es ist für den Hunger und für den Schlaf gesorgt,« schienen anzudeuten, daß sie nicht wieder in sein Zimmer kommen wollte, ehe er gegessen und geschlafen.

Er hatte also immer noch einige ruhige Stunden, ehe es zu einer Erklärung kam.

Michel leistete in aller Eile den Anforderungen seines Magens Genüge, und nachdem er das Thürschloß untersucht und sich überzeugt hatte, daß er wirklich eingesperrt war, legte er sich zu Bett und schlief ein.

Er erwachte gegen zehn Uhr Morgens.

Die Maisonne schien gar freundlich durch die Fenster und füllte das Zimmer mit einem fast blendenden Licht.

Er öffnete die Fenster und ließ die sanfte wohlthuende Wärme ein.

Die Vögel sangen in dem mit zartem jungen Laube bedeckten Bäumen, die ersten Rosenknospen thaten sich auf, die ersten Schmetterlinge flatterten von Blume zu Blume.

An einem so schönen Tage schien das Unglück festgebannt zu seyn und Niemand erreichen zu können.

Der junge Baron schöpfte einige Kraft aus diesem Wiedererwachen der Natur, und erwartete mit mehr Ruhe seine Mutter.

Aber eine Stunde verstrich nach der andern, es schlug zwölf und die Baronin erschien nicht.

Michel bemerkte mit einer gewissen Unruhe, daß der Tisch reichlich genug besetzt war, um nicht nur das gestrige Nachtessen zu liefern, sondern auch die heutigen Magenbedürfnisse zu befriedigen.

Er fing nun an zu fürchten, daß seine Gefangenschaft länger dauern werde, als er geglaubt hätte.

Diese Besorgniß bestätigte sich, als er Zwei und Drei schlagen hörte.

Während er aufmerksam auf das mindeste Geräusch horchte, glaubte er in der Richtung von Montaigu schießen zu hören.

Diese Schüsse hatten die Regelmäßigkeit eines Peletonfeuers. Aber es war nicht möglich zu unterscheiden, ob es wirklich Schüsse waren. Montaigu ist etwa zwei Lieues von La Logerie entfernt; ein fernes Gewitter konnte ein ähnliches Geräusch machen.

Der Himmel war indeß ganz rein und wolkenlos.

Das Schießen dauerte etwa eine Stunde, dann wurde Alles wieder ruhig.

Der junge Baron war so unruhig, daß er außer dem Frühstück gar nichts gegessen hatte.

Er hatte übrigens einen Entschluß gefaßt; sobald es Nacht geworden und Jedermann im Bett wäre, wollte er das Thürschloß mit seinem Messer losschrauben und aus einem Fenster des Erdgeschosses springen, denn die Hausthür würde wahrscheinlich ebenfalls verschlossen seyn.

Diese Möglichkeit zu fliehen, machte dem Gefangenen wieder Appetit. Er ließ sich’s wohl schmecken, denn er hatte aller Wahrscheinlichkeit nach eine stürmische Nacht vor sich, und wollte Kräfte sammeln, um die zu erwartenden Strapazen zu ertragen.

Es war sieben Uhr, als er vorn Tische aufstand. In einer Stunde wurde es Nacht. Er warf sich aufs Bett um die Dunkelheit zu erwarten.

Er hätte gern geschlummert, die Zeit würde ihm dann schneller vergangen seyn; aber er war zu unruhig, er mochte immerhin die Augen schließen, seine beständig lauschenden Ohren vernahmen das mindeste Geräusch.

Zu seinem größten Erstaunen hatte er seine Mutter seit dem frühen Morgen nicht wieder gesehen. Sie müsste doch vermuthen, daß der Gefangene nach Einbruch der Nacht Alles aufbieten werde zu entkommen. Gewiß führte sie etwas im Schilde – aber was konnte sie im Schilde führen?

Plötzlich glaubte der junge Baron das Schellengeläute von Postpferden zu hören.

Er eilte an’s Fenster.

Er glaubte auf der Straße von Montaigu eine Art Gruppe zu bemerken, die sich in der Dunkelheit ziemlich schnell auf das Schloß La Logerie bewegte.

Das Schellengeläute kam immer näher, und endlich hörte er ganz deutlich den Trab von zwei Pferden.

Der Postillon, der das eine Pferds ritt, schnalzte mit der Peitsche, vermuthlich um seine Ankunft anzuzeigen.

Es war nicht mehr zu bezweifeln, es war ein Postillon mit Postpferden.

Der junge Baron warf instinctmäßig einen Blick auf die Nebengebäude, und er sah wie der Reisewagen seiner Mutter aus der Remise gezogen wurde.

Jetzt wurde ihm Alles klar. Die von Montaigu kommenden Postpferde – der mit der Peitsche schnalzende Postillion – der Reisewagen, der aus der Remise hervorgezogen wurde – was anders konnte alles dies bedeuten, als daß seine Mutter abreisen und ihn mitnehmen wollte! Deshalb hatte sie ihn eingesperrt, deshalb hatte sie ihn den ganzen Tag in seinem Zimmer sitzen lassen. Er mußte jeden Augenblick gewärtigen, abgeholt zu werden – und dann ging’s fort, über Stock und Stein.

Die Baronin wußte wohl, welche Gewalt sie über ihren Sohn hatte; sie wußte, daß er sich nicht widersetzen würde.

Dieses Bewußtseyn der Abhängigkeit, von welcher seine Mutter so fest überzeugt war, erbitterte ihn aufs äußerste. Er wußte wohl, daß er keinen Widerstand wagen würde, wenn er ihr gegenüberstände.

Und Mary sollte er verlassen? er sollte verzichten auf das bewegte Leben, in welches ihn die beiden Schwestern eingeweiht hatten? er sollte nicht mitwirken in dem Drama, welches der Graf von Bonneville und sein unbekannter Begleiter in der Vendée aufführen wollten? Das hielt er für unmöglich und zumal für entehrend.

Was würden die beiden Schwestern von ihm denken?

Michel war entschlossen, lieber Alles zu wagen, als eine solche Demüthigung zu dulden.

Er trat ans Fenster und maß mit den Augen die Höhe.

Das Fenster war etwa dreißig Fuß über dem Erdboden.

Der junge Baron sann einige Augenblicke nach. Er hatte einen schweren inneren Kampf zu bestehen.

Endlich schien er seinen Entschluß zu fassen, er ging an seinen Schreibtisch, nahm eine ziemlich beträchtliche Summe in Gold heraus und füllte damit seine Taschen.

Als er eben damit fertig war, glaubte er draußen aus dem Gange Fußtritte zu hören.

Er schloß hastig den Schreibtisch wieder zu, warf sich auf das Bett und wartete.

Aber an dem ganz ungewöhnlich ernsten Ausdrucke seines Gesichtes war zu erkennen, daß sein Entschluß gefasst war.

Worin dieser Entschluß bestand? Dies wird sich aller Wahrscheinlichkeit später zeigen.

Zweiter Theil

I.
Die Schenke Alains

Es war nicht zu verkennen, und selbst die Behörden, die von der Stimmung des Volkes gemeiniglich zu spät Kenntniß bekommen, sahen ein, daß in der Bretagne und in der Vendée ein Aufstand vorbereitet wurde.

Wie Courtin der Baronin de La Logerie erklärt hatte, waren die Versammlungen der Legitimistenhäupter kein Geheimniß mehr; die Namen der Führer, welche sich an die Spitze der Vendéer stellen sollten, waren bekannt und wurden ganz offen genannt; die früheren Eintheilungen in Kirchsprengel, Capitänerien und Divisionen traten wieder ins Leben; die Pfarrer weigerte sich, das »Domine, salvum fac regem Philippum« zu singen, und sprachen in ihren Predigten ganz offen von Heinrich V., dem Könige von Frankreich und von der Regentin Marie Caroline; kurz, die Stimmung war an der Loire, zumal in den Départements der unteren Loire, und Maine und Loire höchst bedenklich, und es war mit jedem Tage ein Ausbruch der inneren Gährung zu erwarten.

Ungeachtet oder vielleicht wegen dieser allgemeinen Gährung versprach der Jahrmarkt zu Montaigu sehr glänzend zu werden.

Obgleich dieser Markt gemeiniglich nur von mittelmäßiger Bedeutung ist. so fanden sich die Landleute doch immer in großer Anzahl ein, aber als ein bedenkliches Anzeichen mochte es gelten, daß sich mitten unter der Menge von breitgeränderten Hirten und Köpfen mit langen Haaren nur wenige Hauben einfanden.

Das weibliche Geschlecht, welches gemeiniglich auf den Jahrmärkten die Mehrzahl bildet, hatte sich zu Montaigu nicht eingefunden.

Am auffallendsten jedoch war bei dieser Menge von Käufern der Mangel an Pferden, Kühen, Schafen, Getreide und anderen Landesproducten. Die Bauern aus der Umgegend führten keine Waaren, sondern nur ihre dicken, mit Leder beschlagenen Stöcke bei sich, und sie hatten gewiß nicht die Absicht, diese zum Verkauf auszubieten.

Der Marktplatz und die einzige lange Straße von Montaigu hatten ein düsteres fast drohendes Aussehen, welches den Jahrmärkten sonst nicht eigen zu seyn pflegt. Einige Gaukler und Marktschreier mochten immerhin ihre Pauken schlagen, ihre Trompeten blasen und ihre Künste anpreisen, sie fanden kein Gehör bei den vorüberwandelnden finsteren Gesichtern.

Wie die Bretagner, ihre nördlichen Nachbarn, sind die Vendéer nicht sehr gesprächig; aber an diesem Tage waren sie noch schweigsamer als sonst.

Die meisten lehnten sich an die Häuser, Gartenmauern und hölzernen Querriegel, mit denen der Marktplatz eingefaßt war, und starrten düster vor sich hin. Andere standen in kleinen Gruppen zusammen, aber diese Gruppen waren eben so schweigsam wie die Einzelnen: sie schienen etwas zu erwarten.

Die Wirthshäuser waren überfüllt, große Massen von Cider, Branntwein und Kaffee wurden bestellt; aber der Vendéer Landmann hat so starke Nerven, dass Flüssigkeiten, selbst in großen Quantitäten genossen, weder auf sein Gesicht noch auf seine Stimmung einen bemerkbaren Einfluß haben. Die Gesichtsfarbe der Zecher war wohl etwas stärker geröthet, die Augen waren wohl etwas feuriger, aber die Leute beherrschten sich mehr als gewöhnlich; sie trauten den Schenkwirthen und den hier und da anwesenden Städtern nicht.

In den Städten, welche an den Hauptverkehrsstraßen der Vendée und Bretagne liegen, huldigt man im Allgemeinen den Ideen des Fortschrittes und der Freiheit; aber diese Ideen verlieren sich allmälig, wenn man weiter in das Innere des Landes kommt. In den Augen der Bauern aber sind die patriotischen Bewohner der Städte Feinde, denen sie alles aus dem großen Aufstande hervorgegangene Unglück zuschreiben.

Die auf dem Jahrmarkte zu Montaigu erschienenen Landleute befanden sich daher unter ihren Gegnern; sie wussten es und beobachteten unter ihrer friedlichen Maske eine Zurückhaltung und Wachsamkeit, wie ein Soldat unter den Waffen.

Unter den Schenkwirthen von Montaigu war ein Einziger, auf den die Vendéer zählen konnten und in dessen Gegenwart sie sich keinen Zwang anthaten.

Die Schenke dieses Mannes war mitten in der Stadt, an der Ecke des Marktplatzes. Ein Seitengässchen führt zu der Maine, welche die Südwestseite der Stadt umfließt.

Diese Schenke hatte kein Schild; die Bestimmung des Hauses war nur aus einem in einer Mauerspalte steckenden Stechpalmenzweige und aus einigen hinter einem bestaubten Fenster ausgestellten Aepfeln zu erkennen. Die gewöhnlichen Gäste bedurften auch keiner äußeren Anzeichen.

Der Wirth hieß Aubin Courte-Joie. Aubin war sein Familienname, Courte-Joie war ein Spitzname, welchen er von seinen Feinden erhalten hatte. Im Alter von zwanzig Jahren war Aubin nämlich so klein und schwächlich gewesen, daß ihn die Conscription von 1812 nicht würdig befunden hatte, unter dem Kaiser zu dienen. Aber im Jahre 1814 hatte die inzwischen um zwei Jahre älter gewordene Conscription viele frühere Bedenklichkeiten aufgegeben. Aubin wurde einberufen, wenn auch nur um auf dem Papier das gegen die coalisirten Mächte zu bewaffnende Heer zu verstärken.

Aber Aubin, durch die frühere Verschmähung seiner Person in seinem Selbstgefühle verletzt, hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen den Kriegsdienst bekommen; er beschloß, mit der Regierung zu schmollen, und flüchtete sich unter eine Bande von Mißvergnügten, die sich im Lande umhertrieben.

Je seltener die tauglichen jungen Männer wurden, desto schonungsloser wurden die kaiserlichen Agenten gegen die Widerspenstigen.

Aubin, der keineswegs eitel war, hatte nie geglaubt, daß er in den Augen des großen Napoleon eine so wichtige Person sey; aber er konnte nicht langer daran zweifeln, man suchte ihn überall, sogar in den Wäldern der Bretagne und in den Sümpfen der Vendée.

Die Widerspenstigen wurden von den Gendarmen eifrig verfolgt. In einem der bei diesen Verfolgungen vorgefallenen Scharmützel hatte er durch die Unerschrockenheit, mit der er sein Gewehr abschoß, den Beweis geliefert, daß die Conscription von 1814 nicht ganz Unrecht gehabt hatte, ihn den Erwählten beizuzählen.

In einem solchen Scharmützel war Aubin von einer Kugel getroffen worden und wie todt liegen geblieben.

An demselben Abend fuhr eine Bürgersfrau von Ancenis in einem Einspänner nach Nantes. Es war etwa neun Uhr und folglich ganz dunkel. Das Pferd blieb plötzlich stehen und wollte nicht weiter. Die Bürgersfrau stieg ab und fand Aubin, der mitten auf dem Wege lag.

Solche Vorgänge waren zu jener Zeit nicht selten. Die Bürgersfrau band ihr Pferd an einen Baum und wollte den vermeinten Leichnam in den Graben schleppen, um ihrem Einspänner und vielleicht noch anderen Fuhrwerken Platz zu machen. Aber als sie Aubin anrührte, fühlte sie, daß er noch warm war. Die Bewegung, vielleicht der Schmerz, entriß ihn seiner Ohnmacht; er stöhnte und bewegte den Arm.

Die Bürgersfrau trug ihn nicht in den Graben, sondern in ihren Wagen, und statt nach Nantes zu fahren, begab sie sich nach Ancenis zurück.

Die Witwe war eine Royalistin und sehr religiös. Die Sache, für welche Aubin verwundet worden war, wurde auch von ihr in Schutz genommen.

Man ließ einen Wundarzt kommen.

Dem Unglücklichen waren beide Beine von einer Kugel zerschmettert worden, und man mußte sie ihm abnehmen.

Die Pflegerin hatte, wie es fast immer der Fall ist, ihren Schützling liebgewonnen, und trug ihm nach seiner Genesung Herz und Hand an.

Es versteht sich, daß Aubin den Antrag annahm. Er wurde zum größten Erstaunen seiner Bekannten einer der kleinen Grundbesitzer des Cantons.

Leider war sein Glück nicht von langer Dauer. Seine Frau starb nach einem Jahre; ein von ihr hinterlassenes Testament wurde von ihren Verwandten wegen eines Formfehlers angegriffen, und da das Gericht ihnen die Erbschaft zusprach, so war Aubin wieder so arm wie zuvor.

Wegen dieser kurzen Dauer seines Glückes hatten ihn die Einwohner von Montaigu, die ihn beneidet und sich seines Unglückes im Stillen gefreut hatten, den Spitznamen »Courte-Joie« gegeben.

Die Erben, welche das Testament umgestoßen hatten, gehörten der liberalen Partei an, es war daher natürlich, daß Aubin’s Zorn über den Verlust des Prozesses auf die ganze Partei überging. Sein Haß gegen die Patrioten und die Richter, denen er die schreiendste Ungerechtigkeit zuschrieb, war durch die Ereignisse angefacht worden und erwartete nur eine günstige Gelegenheit, sich durch Thaten kundzugeben. Bei seinem düstern, durch sein Gebrechen verbitterten Charakter war allerdings sehr viel von ihm zu fürchten.

Aubin konnte nicht mehr arbeiten, und trotz seines großen Widerwillens gegen das Stadtleben mußte er in der Stadt eine Zuflucht und einen Erwerb suchen. Mit den Trümmern seines kurzen Wohlstandes zog er nach Montaigu, mitten unter Menschen, die er haßte, und errichtete die Schenke, in welcher wir ihn achtzehn Jahre nach den eben erzählten Ereignissen wiederfinden.

Die royalistische Meinung hatte im Jahr 1832 keinen wärmeren Vertheidiger als Aubin Courte-Joie; durch die Förderung dieser Sache befriedigte er ja zugleich seine persönliche Rache.

Ungeachtet seiner hölzernen Beine war Aubin der thätigste, intelligenteste Anstifter des bevorstehenden Aufstandes. Er war gleichsam ein vorgeschobener Posten mitten in dem feindlichen Lager; er benachrichtigte die Führer der Vendéer von allen Maßregeln, welche die Regierung nicht nur im Bezirk Montaigu, sondern in den angrenzenden Départements zu ihrer Vertheidigung ergriff.

Die herumziehenden Bettler, die von Niemand beachtet oder mit Argwohn betrachtet werden, waren seine Hilfstruppen, die er zugleich als Kundschafter und als Vermittler seines Verkehres mit den Landleuten sehr geschickt benützte.

Seine Schenke war daher der Sammelplatz der sogenannten Chouans; es war das einzige Stadthaus, wo sie sich offen aussprechen konnten.

An dem Markttage schien diese Schenke Aubin’s nicht so sehr mit Gästen angefüllt, als man hätte vermuthen können. In der ersten Stube saßen höchstens zwölf Bauern, welche offenbar der wohlhabenden Classe angehörten.

Die Gaststube war von einem zweiten Zimmer, in welchem Aubin wohnte und schlief, durch eine mit bunten baumwollenen Vorhängen versehene Glaswand getrennt. In diesem Zimmer pflegte Aubin bei besonderen Gelegenheiten seine Freunde zu empfangen.

Das zweite Zimmer war, dieser mehrfachen Bestimmung entsprechend, behaglicher eingerichtet, als die Schenkstube. Im Hintergrunde stand ein sehr niedriges Himmelbett mit grünen Vorhängen, und neben demselben lagen zwei große Fässer, aus denen man für die Gäste den Cider und Branntwein holte. Auf der andern Seite war ein breiter und hoher Kamin. In der Mitte stand ein eichener Tisch, von einer Bank umgeben. An einer Wand stand eine Truhe, und über derselben war ein Brett befestigt, auf welchem sechs Teller und sechs zinnerne Krüge standen.

Die Verzierungen des Zimmers bestanden aus einem Crucifix, einigen Heiligenbildern von Wachs und grob colorirten Lithographien.

Am Markttage hatte Aubin dieses Zimmer seinen zahlreichen Freunden geöffnet. Wenn sich in dem Schenkzimmer nur zehn bis zwölf Gäste befanden, so konnte man in der Hinterstube mehr als zwanzig Personen zählen.

Die meisten dieser Leute saßen um den Tisch und tranken und sprachen sehr eifrig mit einander. Einige nahmen runde Brotkuchen aus großen Säcken, zahlten sie, legten sie in Körbe und reichten diese aus einer in der Ecke befindlichen Thür, vor welcher Weiber und Bettler warteten.

Zu dieser Thür gelangte man aus dem oben erwähnten Seitengässchen über einen kleinen Hof.

Aubin Courte-Joie saß auf einem hölzernen Armsessel unter dem Caminmantel. An seiner Seite saß ein Mann in einem ziegenledernen Rock und mit einer schwarzen wollenen Mütze. Zwischen seinen Füßen lagen zwei Hunde. Es ist unser alter Bekannter Jean Oullier.

Hinter ihnen stand Aubins Nichte, eine junge hübsche Bäuerin, die er zur Bedienung der Gäste zu sich genommen hatte; sie schürte das Feuer und achtete auf ein Dutzend brauner Schalen, in denen der sogenannte »Ciderbraten« brodelte.

Während Aubin sehr lebhaft, wenn auch leise, mit Jean Oullier sprach, ertönte in der Schenkstube ein leiser Pfiff, dem Schreien des Rebhuhnes ähnlich.

»Wer kommt da?« fragte Aubin und beugte sich vor, um durch eine in den Vorhängen gelassene kleine Oeffnung zu schauen. »Der Mann von La Logerie! Achtung!«

Sogleich herrschte in Aubin’s Zimmer die größte Stille und Ordnung. Die kleine Thür hatte sich leise geschlossen, die Weiber und Bettler waren verschwunden. Die Männer, welche die Brotkuchen zählten, hatten ihre Säcke zugebunden und sich darauf gesetzt. Die Trinker schwiegen, einige von ihnen waren sogar wie auf Commando eingeschlafen. Auch Jean Oullier hatte sich gegen das Feuer gekehrt, so daß seine Gesichtszüge nicht sogleich bemerkt werden konnten.

II.
Der Mann von La Logerie

Courtin – denn er war’s, den Aubin den »Mann von La Logerie« genannt hatte – war wirklich in der Schenkstube erschienen.

Abgesehen von dem leisen Pfiff, den man für den Schrei eines zahmen Rebhuhnes halten konnte, schien seine Anwesenheit in der Schenkstube gar kein Aufsehen zu machen. Die Gäste plauderten fort, aber das Gespräch wurde sehr lustig, sogar lärmend.

Courtin sah sich um, und da er die Person, die er suchte, nicht zu finden schien, öffnete er ohne Zögern die Glasthür und schaute in das zweite Zimmer.

Auch hier schien ihn Niemand zu beachten. Nur Mariette, die Nichte Aubins, welche die Gäste bediente, fragte ihn ganz unbefangen, wie einen täglichen Gast ihres Oheims:

»Was steht zu Diensten, Herr Courtin?«

»Eine Schale Kaffee,« antwortete Courtin, indem er alle Anwesenden musterte und in alle Winkel schaute.

»Gut, setzt Euch,« erwiderte Mariette, »ich will ihn sogleich bringen.«

Courtin war also genöthigt, näher zu treten.

»Wie geht‘s, Aubin?«« fragte er den Wirth.

»Wie Ihr sehet,« antwortete dieser, ohne sich umzudrehen..

Courtin konnte leicht bemerken, daß man ihn in der Gesellschaft eben nicht gern sah; aber er ließ sich nicht so leicht abschrecken..

»Gib mir einen Schämel, Mariette,« sagte er, »ich will mich zu deinem Oheim setzen.«

»Es ist kein Schämel mehr da,« antwortete das Mädchen, »Ihr habt Gott sey Dank, gesunde Augen, um es zu sehen-«

»Nun, dann muß mir dein Onkel seinen Schämel geben,« sagte Courtin mit kecker Vertraulichkeit, obgleich er sich durch den Empfang, den er fand, nicht sehr ermuthigt fühlte.

»Wenn’s durchaus seyn muss,« murrte Aubin, »so sollst Du ihn haben; ich will mir nicht nachsagen lassen, daß ich einem Gast einen Schämel verweigert.«

»Nun, so gib her, Du Schwätzer; denn ich sehe den, den ich suche.«

»Wen suchst Du denn?« fragte Aubin aufstehend.

Er hatte sogleich die Wahl zwischen zwanzig Schämeln, die ihm angeboten wurden.

»Ich suche Jean Oullier,« erwiderte Courtin, »und mich dünkt, da sitzt er.«

Jean Oullier sprang auf und fragte in fast drohendem Tone:

»Was wollt Ihr von mir?«

»Nun, Ihr braucht mich deshalb nicht zu fressen,« sagte der Maire von La Logerie, »was ich Euch zu sagen habe, interessirt Euch noch mehr als mich.«

»Wir sind keine Freunde, Courtin,« erwiderte Jean Oullier ernst, »Ihr könnt daher auch nicht in guter Absicht hierhergekommen seyn. – Courtin,« fuhr Jean Oullier fort, ohne die Winke Aubins zu beachten. »so lange wir uns kennen, habt Ihrs mit den Blauen gehalten; Ihr habt schlechtes Gut gekauft —«

»Schlechtes Gut!« unterbrach der Bauer mit seinem pfiffigen Lächeln.

»O! Ihr wißt schon was ich sagen will! ich meine Güter, die aus einer schlechten Quelle kommen. Ihr habt mit den Stadtleuten gemeinsame Sache gemacht! Ihr habt die Landleute wegen ihres Glaubens und ihrer Ueberzeugung verfolgt: was können wir Beide also miteinander zu thun haben?«

»Es ist wahr, Oullier,« erwiderte Courtin, »ich habe euren Strom nie befahren, aber unter Nachbarn soll man einander nicht den Tod wünschen, wenn man auch in den Meinungen nicht übereinstimmt. Ich versichere Euch, daß ich Euch aufgesucht habe, um Euch einen Dienst zu erweisen.«

»Ich brauche eure Dienste nicht,« antwortete Jean Oullier verächtlich.

»Warum nicht?« fragte Courtin.

»Weil ich gewiss weiß, daß Ihr einen Verrath im Schilde führet.«

»Ihr wollt mich also nicht anhören?«

»Nein!« erwiderte der Waldhüter trotzig.

»Du hast Unrecht,« sagte leise der Wirth, dem die rauhe offene Sprache seines Genossen ein falsches Manöver schien.

»Nun gut,« erwiderte Courtin mit Nachdruck, »Ihr habt es Euch selbst zuzuschreiben, Jean Oullier, wenn den Bewohnern des Schlosses Souday ein Unglück begegnet.«

In dem Worte Bewohner lag offenbar eine ausgedehnte Bedeutung: die Gäste waren ohne Zweifel mit inbegriffen. Jean Oullier konnte dies nicht verkennen, und ungeachtet seiner gewohnten Geistesstärke erblaßte er.

Er bereute, daß er so weit gegangen war; aber es war gefährlich, seinen ernsten Entschluß zu ändern. Wenn Courtin Verdacht hatte, so mußte er durch diesen Rückzug darin bestärkt werden.

Oullier suchte daher seine Bewegung zu bekämpfen und nahm mit scheinbarer Gleichgültigkeit seinen Platz wieder ein.

Seine Haltung war so unbefangen, dass sich selbst der schlaue Courtin dadurch täuschen ließ. Dieser entfernte sich daher nicht mit der Eile, welche nach der derben Antwort wohl zu erwarten gewesen wäre, sondern suchte lange in seinem ledernen Geldbeutel, um gerade soviel Geld herauszunehmen als er für den Kaffee schuldig war.

Aubin Courte-Joie, der die Absicht dieses Zauderns erkannte, benutzte die Pause, um das Wort zu nehmen.

»Höre, Jean,« sagte er zu Oullier, »es ist lange, dass wir Freunde sind und auf dem gleichen Wege wandeln; diese beiden Stelzfüße geben Zeugnis davon. Du hast Unrecht. So lange eine Hand geschlossen ist, kann nur ein Narr sagen: ich weiß, was sie enthält. Herr Courtin,« setzte Aubin hinzu, indem er den Titel, den er dem Maske von La Logerie gab, stark betonte, »Herr Courtin ist freilich keiner von den Unserigen, aber er ist auch nicht gegen uns gewesen; er hat nur an sich gedacht, das ist Alles, was man ihm vorwerfen kann. Aber heute, wo der Streit auf immer ruht, wo es keine Blauen und keine Chouans mehr gibt, heute wo wir Frieden haben, was liegt an der Farbe der Cocarde? Warum willst Du Herrn Courtin nicht anhören, wenn er Dir, wie er sagt, etwas Gutes mitzutheilen hat!?«

Jean Oullier zuckte unmuthig die Achseln.

»Alter Fuchs!« dachte Courtin, der von der Lage der Dinge zu gut unterrichtet war, als daß er sich durch die schönen Worte Aubins hätte täuschen lassen.

»Um so mehr,« sagte er laut, »da die Politik mit dem, was ich ihm mitzutheilen habe, gar nichts zu thun hat.«

»Hörst Du wohl?« sagte Aubin, »nichts hindert Dich, mit dem Herrn Maire zu sprechen. Mach ihm Platz, damit Ihr ganz gemächlich plaudern könnt.«

Aber Jean Oullier wurde nicht freundlicher gegen Courtin, er kehrte ihm immerfort den Rücken zu. Der Maire nahm aber doch neben ihm Platz.

»Ich bin der Meinung,« begann Courtin, »daß die Worte am besten fließen, wenn die Zunge gehörig angefeuchtet wird. Wie wärs Oullier, wenn wir eine Flasche zusammen tränken? Vielleicht würde Euch die Zunge gelöst.«

»Wie Ihr wollt,« antwortete Jean Oullier, der zwar sehr ungern mit Courtin trank, aber dieses Opfer zum Besten der Sache, der er sich gewidmet, doch für nothwendig hielt.

»Habt Ihr Wein?« fragte Courtin.

»Eine schöne Frage,« erwiderte Mariette schnippisch, »es versteht sich, daß wir Wein haben.«

»Aber einen guten alten Wein, in versiegelter Flasche.«

»Wir haben schon Wein mit Siegel,« sagte die hübsche Kellnerin mit Selbstgefühl, »aber er kostet vierzig Sous die Flasche.«

»Bah! der Herr Maire kann schon zahlen,« sagte Aubin, der auf der andern Seite des Camins Platz genommen hatte, um von der Mittheilung, welche Courtin dem Waldhüter machen wollte, wo möglich einige Worte aufzufangen, »vierzig Sous werden ihn nicht hindern, der Frau Baronin den Grundzins zu zahlen.«

Courtin bereute, daß er so weit gegangen war; bei einem etwa wieder ausbrechenden Kriege war; vielleicht gefährlich, für zu reich zu gelten.

»Nun ja,« erwiderte er, »ich kann meinen Grundzins schon zahlen, aber wenn ich meine Schuldigkeit abgetragen habe, bin ich froh, wenn ich mein Leben fortschleppe —«

»Es kümmert uns nichts, ob Ihr reich oder arm seyd,« sagte Jean Oullier, »laßt hören, was Ihr mir zu sagen habt, und macht es kurz.«

Courtin nahm die Flasche, die ihm Mariette reichte, wischte den Hals sorgfältig mit dem Aermel ab, schüttete einige Tropfen Wein in sein Glas, füllte das Glas des Waldhüters, nahm das seinige, stieß an und kostete den Wein.

»Ein gutes Gewächs,« sagte er, mit der Zunge schnalzend, »wer täglich solchen Wein trinkt, ist fürwahr nicht zu beklagen.«

»Zumal wenn man mit ruhigem Gewissen trinkt,« erwiderte Jean Oullier, »das macht den Wein erst recht gut!«

»Jean Oullier,« sagte Courtin, ohne diese philosophische Bemerkung zu beachten und sich zu dem Waldhüter neigend, so daß er nur von diesem verstanden werden konnte, »Ihr habt Unrecht, einen Groll auf mich zu haben.«

»Beweiset es und ich will Euch glauben. Dies ist das Vertrauen, das ich zu Euch habe.«

»Ich sorge für mich selbst,« fuhr Courtin fort, »und das ist doch gewiß nicht unrecht. Um fremde Angelegenheiten kümmere ich mich nicht, denn ich denke: Wenn Du zu Ostern und Weihnachten dein Geld nicht im Säckel bereit hast, so wird es den König, er heiße nun Heinrich V. oder Ludwig Philipp, nicht im mindesten kümmern, und Du wirst ein Papier mit seinem Bildnis erhalten, welches eine große Ehre für Dich seyn, aber viel Geld kosten wird. Laß daher Heinrich V. und Ludwig Philipp ganz aus dem Spiel und denke an Dich. Ihr denkt freilich anders, das weiß ich wohl; aber Ihr mögt es thun, ich tadle Euch deshalb nicht, ich kann Euch höchstens beklagen.«

»Spart euer Mitleid nur für Andere auf,« erwiderte Jean Oullier höhnisch, »ich brauche es so wenig als eure Mittheilungen.«

»Wenn ich sage, Oullier, daß ich Euch beklage, so meine ich damit eben so wohl euren Herrn, als Euch. Der Herr Marquis ist ein Mann, den ich verehre; er hat in dem großen Kriege sein Leben oft in die Schanze geschlagen, und was hat er damit gewonnen?»

»Ihr habt gesagt, Courtin, dass Ihr nicht von Politik sprechen wollt: Ihr haltet nicht Wort.»

»Ja, ich habe es gesagt; aber es ist nicht meine Schuld, wenn in diesem Satanslande die Politik so mit unseren Verhältnissen verwickelt ist, daß man gar nicht davon loskommen kann. Ich meinte nur, daß es mir leid thut, ihn, der sonst der Erste in der Provinz war, von einem Schwarm reicher Emporkömmlinge erdrückt zu sehen.«

»Was kümmert’s Euch, wenn er mit seinem Schicksal zufrieden ist?« entgegnete Jean Oullier, »Ihr seyd weder sein Vertrauter noch sein Gläubiger.«

»Was würdet Ihr sagen, wenn Euch Jemand den Antrag machte, allen Reichthum, der das Schloß Souday verlassen hat, wieder hineinzubringen?« erwiderte Courtin, ohne sich durch die harten Reden Oulliers irre machen zu lassen. »Meint Ihr etwa, ein solcher Mann sey euer Feind? Und findet Ihr nicht, daß ihm der Herr Marquis Dank schuldig sey? Antwortet offen und ehrlich, wie ich mit Euch spreche.«

»Ja wohl, wenn er's auf ehrliche Weise zu Stande bringen könnte, aber ich zweifle daran.«

»Auf ehrliche Weise? Würde man Euch zumuthen, von anderen Mitteln Gebrauch zu machen? Kurz und gut, ich kann machen, daß die Tausender und Hunderter im Schlosse Souday häufiger werden, als jetzt die Fünf-Livres-Thaler sind. Aber —«

»Ein Aber dabei? Laßt hören, wo Euch der Schuh drückt.«

»Aber ich müßte meinen Nutzen dabei finden!«

»Nicht mehr als billig, daß Ihr euren Antheil daran bekommt, wenn das Geschäft gut ist.«

»Nicht wahr? Und ich verlange sehr wenig dafür, daß ich mit am Rade schiebe.«

»Kurz und gut, was habt Ihr mir zu sagen?« erwiderte Jean Oullier, der seine Neugierde nicht mehr zu verbergen vermochte.

»Es ist ganz einfach: ich mochte vor Allem, daß ich für den Meierhof, den ich noch auf zwölf Jahre habe, die Pacht nicht erneuern, keinen Zins mehr zahlen müßte —«

»Ihr meinet, man soll ihn Euch erlassen?«

»Wenn’s der Herr Marquis wollte, so würde ich’s nicht ausschlagen; Ihr wißt ja, Jeder ist sich selbst der Nächste.«

»Aber wie könnte dies zu Stande kommen? Euer Meierhof gehört dem Sohne Michel oder seiner Mutter; ich habe nicht gehört, daß sie ihn verkaufen wolle: wie könnte man Euch schenken, was uns nicht gehört?«

»Ganz recht,« fuhr Courtin fort, »aber wenn ich mich in die bewußte Angelegenheit mengte, so würde Euch der Meierhof vielleicht bald gehören – oder Ihr würdet wenigstens Ansprüche darauf haben – dann ginge es ganz leicht. Was sagt Ihr dazu?«

»Ich sage, daß ich Euch nicht verstehe.«

»Ihr wollt mich nicht verstehen. Unser junger Herr ist eine schöne Partie; denn außer La Logerie hat er noch La Coudraie, die Mühlen zu La Ferronnerie, die Waldungen bei Gervaise, und diese Besitzungen tragen durchschnittlich achttausend Pistolen jährlich ein. Und die alte Baronin hat ihm für den Fall ihres Todes noch eben so viel verschrieben.«

»Was hat aber der Sohn Michel mit dem Marquis von Souday zu thun?« erwiderte Oullier. »Und inwiefern kann das Vermögen eures Herrn den meinigen interessiren?«

»Wir wollen ganz offen mit einander reden, Jean Oullier. Ihr werdet bemerkt haben, daß unser junger Herr in eine von euren Fräulein verliebt ist – in welche, das weiß ich nicht. Der Herr Marquis braucht nur ein Wort zu sagen, und mir über den Meierhof etwas Schriftliches zu geben: wenn das Fräulein einmal verheirathet ist, so wird sie ihren Mann am Gängelbande führen und von ihm erlangen, was sie will. Er wird es auf ein Stück Land nicht ansehen, zumal wenn es für einen Mann bestimmt ist, dem er viel Dank schuldig ist. Dann ist mir und Euch geholfen. Das einzige Hinderniß ist die Mutter,« setzte Courtin leise hinzu, »und dieses Hinderniß will ich auch aus dem Wege räumen.«

Jean Oullier antwortete nicht, aber er sah Courtin mit Verachtung an.

»Ja,« fuhr der Maire fort, »wenn wir Alle einverstanden sind, wird uns die Frau Baronin nichts verweigern. Unter uns gesagt, Oullier, ich weiß viel von dem seligen Baron.«

»Wozu braucht Ihr dann uns? Warum verlangt Ihr nicht von ihr, was Ihr wünscht?«

»Warum? Weil die Aussage eines Knaben, der beim Hüten der Schafe gehört hat, wie der Handel abgeschlossen wurde, unterstützt werden müßte durch das Zeugniß dessen, der im Walde La Chabotière das Blutgeld auszahlen sah. Du weißt wohl, wer das Zeugniß ablegen kann. Sobald wir gemeinsame Sache machen, wird die Baronin geschmeidig werden wie ein waschlederner Handschuh. Sie ist geizig, aber ihr Stolz ist noch größer als ihr Geiz; die Furcht vor einem öffentlichen Scandal wird sie fügsam machen. Sie wird finden, daß das Fräulein von Souday, trotz ihrer Armuth und zweifelhaften Abstammung, immerhin so viel werth ist wie der Sohn des Baron Michel, dessen Großvater ein Bauer war, wie wir, und dessen Vater – kurz und gut, euer Fräulein wird reich, unser junger Herr wird glücklich. Was ist dagegen zu sagen? Wir werden gute Freunde, Oullier; eure Freundschaft ist mir werth, und die meine ist nicht ganz ohne.«

»Eure Freundschaft,« antwortete Jean Oullier, der seine Entrüstung über Courtins Antrag kaum zu bezähmen vermochte.

»Ja, meine Freundschaft,« sagte Courtin, »Du magst immerhin den Kopf schütteln, es ist doch so. Ich habe Dir gesagt, daß ich mehr als sonst Jemand von dem Leben des Baron Michel weiß; ich hätte hinzusehen können: auch von seinem Tode. Ich war auf der Jagd, wo er ums Leben kam, unter den Treibern, und ich kam gerade auf seinen Posten zu. Ich war damals noch sehr jung, aber ich hatte schon damals die Gewohnheit, nicht anders zu sprechen, als wenn ich meinen Vortheil dabei sah. Glaubst Du jetzt noch, daß ich deiner Partei keine Dienste erweisen könnte, wenn ich meinen Vortheil dabei finde?«

»Ich habe keinen Einfluß auf den Marquis von Souday,« antwortete Jean Oullier, die Stirn runzelnd, »aber wenn ich das Geringste über ihn vermöchte, so sollte der Meierhof nie aus der Familie kommen, und wenns der Fall wäre, so sollte er nie zur Belohnung eines Verrathes dienen.«

«Das ist eitel Prahlerei!« sagte Courtin.

»Nein. Wie arm auch die Fräulein von Souday sind, so wird sich doch keine von Beiden verkaufen – und wenn der reiche junge Herr auch einen andern Namen führte. Es wäre eine Erbärmlichkeit —«

»Eine Erbärmlichkeit nennst Du es? Ich finde nur, daß es ein gutes Geschäft ist.«

»Für Euch mag’s wohl nichts Anderes seyn; aber für meine Herrschaft wäre es eine Niedertracht, die Heirath durch ein Einverständnis; mit Euch zu Stande zu bringen.«

»Nehmt Euch in Acht, Jean Oullier! Ich bin in guter Absicht zu Euch gekommen; Ihr würdet es vielleicht bereuen, wenn ich mit anderer Gesinnung fortginge.«

»Eure Drohungen nutzen so wenig wie eure Versprechungen,« erwiderte Jean Oullier. »Merkt Euch das ein- für allemal.«

»Hör’ mich an, Oullier. Ich habe Dir gestanden, daß ich reich werden will, ich habe einmal meinen Sinn darauf gesetzt – so wie Du Dir in den Kopf gesetzt hast, deiner Herrschaft treu wie ein Hund zu seyn, obgleich sie nicht so viel auf Dich halten, wie Du auf deinen Dachshund. Ich glaubte deinem Herrn nützlich seyn zu können; ich hoffte, er werde einen solchen Dienst nicht unbelohnt seyn lassen. Du sagst, es könne nichts daraus werden, wir reden also nichts mehr davon. Aber wenn sich deine Herrschaft dankbar beweisen wollte, so würde ich ihr lieber als anderen Leuten gefällig seyn. Dies wollte ich Dir noch sagen.«

»Weil Ihr hofftet, meine Herrschaft würde Euch besser bezahlen als andere Leute, nicht wahr?«

»Allerdings, ich gestehe es Dir ganz aufrichtig, Du hast vollkommen Recht.«

»Mit solchen Dingen will ich nichts zu thun haben, Courtin. Ueberdies könnte ich Euch nur eine sehr kleine Belohnung versprechen, wenn sie den Diensten, die man von Euch erwarten könnte, angemessen wäre.«

»Ei, wer weiß?« erwiderte Courtin. »Du dachtest gewiß nicht, daß ich die Geschichte von der Chabotière kenne. Vielleicht würdest Du Dich sehr wundern, wenn ich Dir Alles sagen wollte, was ich weiß.«

Jean Oullier fürchtete, Courtin könne ihn durchschauen und seine Besorgniß merken.

»Genug!« erwiderte er. »Wenn Ihr Euch verkaufen wollt, so wendet Euch an andere Leute; solche Anträge würden mir zuwider seyn, wenn ich auch in der Lage wäre sie anzunehmen.«

»Ist dies dein letztes Wort, Oullier?«

»Mein erstes und letztes Wort. Gehet eurer Wege, Courtin, und laßt uns in Ruhe!«

»Nun gut,« sagte Courtin aufstehend, »lieber wär’s mir freilich gewesen, mit Euch gemeinsame Sache zu machen.«

Er winkte dem Waldhüter zu und ging fort.

Kaum hatte er die Schwelle überschritten, so hinkte Aubin Courte-Joie auf seinen Stelzfüßen heran und sagte leise zu Jean Oullier:

»Du hast eine Dummheit gemacht.«

»Wie so?«

»Courtin kann Dir schaden, sonst wäre er nicht mit solcher Zuversicht gekommen.«

»Was soll ich denn thun?«

»Ihm folgen und ein wachsames Auge auf ihn haben.«

Jean Oullier besann sich einen Augenblick, dann stand er ebenfalls auf.

»Ich glaube,« sagte er, »Du hast Recht.«

Und er ging ganz bekümmert fort.

III.
Der Jahrmarkt zu Montaigu

Die im westlichen Frankreich herrschende Gährung fand die Regierung nicht unvorbereitet; ein Aufstand, der ein so weit ausgedehntes Gebiet umfaßte, eine Verschwörung, welche so viele Theilnehmer bedingte, konnte nicht lange geheim bleiben.

Lange vor dem Erscheinen der Herzogin von Berry an der Südküste wußte man in Paris, daß eine Erhebung vorbereitet wurde; es wurden rasche, kräftige Maßregeln beschlossen, sobald ermittelt wurde, daß die Prinzessin ihren Weg in die westlichen Provinzen genommen. Diese Maßregeln brauchten nur noch in Ausführung gebracht und zuverlässige, gewandte Männer damit beauftragt werden.

Die Départements, deren Erhebung man fürchtete, waren in eben so viele Militärbezirke getheilt worden, als Unterpräfecturen vorhanden waren. Jeder dieser Bezirke, unter dem Befehle eines Bataillonschefs, war der Mittelpunkt mehrer, unter Capitänen stehenden Cantonnirungen, welche wieder noch kleinere Truppenabtheilungen unter dem Befehle von Lieutenants so weit die Communicationsmittel es gestatteten, in das Innere des Landes entsendeten.

In Montaigu lag eine Compagnie des 32. Linienregimentes.

An dem Tage, wo die eben erzählten Vorgänge statt fanden, war diese Besatzung durch zwei von Nantes beorderte Brigaden Gendarmerie und etwa zwanzig Mann Cavallerie verstärkt worden.

Die Cavallerie bildete die Escorte eines Generals, der von Nantes aus eine Inspectionsreise unternahm.

Als der General Dermoncourt, ein eben so intelligenter als entschlossener Offizier, die Besatzung von Montaigu inspicirt hatte, hielt er es für angemessen, »seine alten Freunde, die Vendéer,« die er in so dichten Reihen auf dem Marktplatze und in den Straßen von Montaigu gesehen, ebenfalls zu inspiciren.

Er legte seine Uniform ab und begab sich in Civilkleidern in Begleitung eines Beamten unter die Menge.

Die Stimmung der Bevölkerung war finster und trotzig, aber ruhig. Man machte den beiden Herren Platz, und obgleich die martialische Haltung des alten Generals die Verkleidung ziemlich überflüssig machte, so fand doch nicht die mindeste feindselige Kundgebung statt.

»Ich sehe wohl,« sagte der General, »meine alten Freunde, die Vendéer, haben sich nicht geändert, und ich finde sie eben so verschlossen wie vor achtunddreißig Jahren.«

»Diese Gleichgültigkeit scheint mir ein gutes Zeichens,« erwiderte der Beamte mit wichtiger Miene. »Die beiden Monate, die ich in Paris zugebracht, haben mir Gelegenheit gegeben, die sich fast täglich wiederholenden Emeuten zu beobachten, und ich glaube versichern zu können, daß sich ein Volk, welches einen Aufstand vorbereitet, ganz anders benimmt. Sehen Sie nur, Herr General, man sieht fast keine Gruppen, kein Fanatiker redet das Volk an, Alles ist ruhig. Die Leute denken nur an ihre Geschäfte, ich stehe Ihnen dafür, daß nichts zu fürchten ist.«

»Sie haben Recht, ich bin ganz Ihrer Meinung, die Leute denken nur an ihre Geschäfte; diese aber bieten die beste Gelegenheit, Kugeln und Waffen im Kleinen zu kaufen, um sie bei uns sobald als möglich wieder an den Mann zu bringen.«

»GIauben Sie?«

»Ich glaube es nicht, ich weiß es gewiß. Wenn das religiöse Element zum Glück für uns bei dieser neuen Schilderhebung nicht fehlte und mich vermuthen ließe, daß sie nicht allgemein ist, so würde ich Ihnen dreist antworten, dass jeder dieser Leute in Kitteln und Holzschuhen seinen Posten, seinen Rang, seine Nummer in einem der Bataillone hat, die von den Edelleuten errichtet werden.

»Wie! die Bettler auch?«

»Ja, die Bettler vor Allen. Dieser Krieg hat das Eigenthümliche, daß wir einen Feind zu bekämpfen haben, der überall und nirgends ist. Man sucht ihn und findet nur einen Bauer, der den Hut zieht, einen Bettler, der die Hand ausstreckt, einen Hausirer, der seine Waare feilbietet, einen Musikanten, der seiner Trompete ohrenzerreißende Töne entlockt, einen Quacksalber, der seine Pillen und Latwergen anpreist, einen Hirtenknaben der ganz freundlich und unbefangen lacht, ein Weib, das vor der Thür sitzt und einen Säugling auf dem Schooße hält, einen Busch, der ganz harmlos am Wege steht. Alle diese Bauern, Hirten, Bettler, Musikanten, Quacksalber, Weiber, Hausirer sind Feinde, selbst der Busch am Wege ist ein Feind. Einige kriechen zwischen den Farnkräutern und Wachholderstauden fort und verfolgen uns wie unser Schatten, um uns zu beobachten und bei dem mindesten verdächtigen Manöver ihre Freunde zu warnen, ehe wir diese erreicht haben. Andere holen aus einem Graben, unter Gestrüpp aus einer Furche eine lange rostige Flinte hervor, und verfolgen uns, wie Jene, bis sie auf Schußweite herankommen können. Sie sind sehr geizig mit ihrem Pulver. Der Busch schickt uns eine bleierne Pille zu, und wenn er einmal fehlt, wenn wir den Busch durchsuchen, so finden wir nichts als – einen Busch, nämlich Zweige, Dornen und Blätter. Das sind die stillen harmlosen Landleute in der Vendée.«

»Uebertreiben Sie nicht etwas, Herr General?« sagte der Civilbeamte, ungläubig lächelnd.

»Wir können ja selbst die Probe machen, Herr Unterpräfect. Wir sind hier mitten unter einer ganz friedlichen Menge, wir haben nur Freunde, Franzosen, Landsleute unter uns: lassen Sie einmal einen Einzigen von ihnen verhaften.«

»Was würde dann geschehen?«

»Das will ich Ihnen sagen. Irgend einer von ihnen, z.B. jener Bursch dort in der weißen Jacke, vielleicht jener Bettler, der auf der Thürschwelle sitzt und seinen Brotkuchen verzehrt, ist vielleicht ein Bandenführer; er würde ein Zeichen geben und ein paar Dutzend Knittel würden über unseren Köpfen geschwenkt werden, und ehe uns meine Escorte zu Hilfe kommen könnte, wären wir zusammengedroschen wie zwei Garben. Sie scheinen noch zu zweifeln; wollen Sie einen, Versuch machen?«

»O nein, ich glaube Ihnen, Herr General,« erwiderte der Unterpräfect hastig, »ich bin kein Freund von solchen Späßen. Jetzt, da Sie mich über die Stimmung des Landes unterrichtet haben, kommen mir alle diese Gesichter verdächtig vor —«

»O! es sind sehr brave Leute; man muß sie nur zu behandeln wissen, und leider ist dies nicht allen denen, die man hierherschickt, gegeben,« sagte der General spöttisch lächelnd. »Wollen Sie ein Pröbchen von der Redeweise dieser Leute haben? Sie sind vermuthlich Advocat gewesen; ich wette, daß unter Ihren Collegen kaum einer ist, der so geschickt und beredt schweigen kann. Höret, Freund,« rief der General einen Bauer an, der einen Brotkuchen in der Hand trug, »sagt mir doch, wo man die so appetitlich aussehenden Brotkuchen verkauft.«

»Die Brotkuchen werden nicht verkauft, sondern verschenkt,« war die Antwort.

»Wirklich? ich möchte auch einen haben.«

»Es ist sonderbar,« sagte der Präfect, »daß man so gute Brotkuchen, die man theuer verkaufen könnte, unentgeltlich vertheilt.«

»Ja, es ist ausfallend; aber eben so sehr wundert’s mich, daß der Erste, der uns in den Wurf kommt, nicht nur unsere Fragen beantwortet, sondern auch denen, die wir noch an ihn richten könnten, entgegenkommt. – Zeiget mir doch eure Brotkuchen, Freund.«

Der General nahm den Brotkuchen, den ihm der Bauer überreichte, genau in Augenschein.

Es war ein gewöhnlicher Kuchen von Mehl und Milch, in welchen man vor dem Backen ein Kreuz und vier Querstriche eingeschnitten hatte.

»Fürwahr, ein hübsches Geschenk!« sagte der General: »es verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen. Diese kleine Zeichnung muß ein Rebus seyn. Wer hat Euch diesen Kuchen geschenkt?«

»Man hat mir ihn nicht geschenkt, man traut mir nicht.«

»Aha! Ihr seyd ein Patriot!«

»Ich bin Maire meiner Gemeinde und halte es mit der Regierung.

»Ich sah, wie ein Frauenzimmer solche Kuchen unter den Burschen von Machecoul vertheilte, ohne daß diese welche verlangten und etwas dafür zahlten. Da verlangte ich einen zu kaufen und sie mochte mir’s nicht abschlagen. Ich nahm zwei; ich verzehrte einen, und den andern nahm ich mit.«

»Wollt Ihr mir ihn überlassen, Freund? Ich sammle Rebus, und dieser gefällt mir.«

»Ich kann ihn verschenken oder verkaufen, wie Sie wollen.«

»Aha! ich glaube Dich zu verstehen,« sagte der General, indem er den Bauer aufmerksamer betrachtete, »Du kannst mir diese Zeichen erklären?«

»Vielleicht, auf jeden Fall aber andere Auskunft geben, die nicht zu verachten ist.«

»Aber Du willst dafür bezahlt werden?«

»Das versteht sich!« antwortete der Bauer keck.

»So dienst Du also der Regierung, die Dich zum Maire gemacht hat?«

»Die Regierung hat kein Ziegeldach auf meine Meierei gelegt, sie hat keine steinernen Wände aufgemauert; die Gebäude sind mit Stroh gedeckt, aus Holz und Lehm erbaut; sie gerathen leicht in Brand und es bleibt nichts als die Asche zurück. Wer viel wagt, muß viel gewinnen; denn es kann Alles in einer Nacht verbrennen.«

»Ihr habt Recht. – Die Sache gehört in Ihren Wirkungskreis, Herr Unterpräfect. Ich bin nur Soldat, und die Waare muß bei der Ablieferung bezahlt werden; bezahlen Sie also und liefern Sie sie mir.«

»Beeilen Sie sich,« sagte der Bauer, »denn wir werden von allen Seiten beobachtet.«

Die Bauern hatten sich wirklich allmälig genähert, dem Anschein nach blos aus Neugierde, welche durch die Anwesenheit von Fremden ganz gerechtfertigt schien.

Der General bemerkte es.

»Ich will Ihnen nicht zumuthen,« sagte er zu dem Unterpräfecten, »den Worten dieses Mannes unbedingt zu glauben. Er verkauft Ihnen zwei Säcke Hafer zu hundert neun Francs den Sack; es fragt sich jetzt, ob er sie Ihnen liefern wird; geben Sie ihm ein Aufgeld und lassen Sie sich eine schriftliche Zusicherung geben.«

»Ich habe weder Papier, noch Bleistift bei mir,« entgegnete der Unterpräfect, der die Absicht des Generals merkte.

»So gehen Sie in den Gasthof!« sagte der General. »Hat sonst noch Jemand Hafer zu verkaufen? Wir haben viele Pferde zu füttern.«

Ein Bauer antwortete bejahend, und während der General mit ihm über den Preis unterhandelte, konnte sich der Unterpräfect mit dem Andern entfernen, ohne allzu großes Aufsehen zu machen.

Der Bauer mit dem Brotkuchen – unsere Leser haben es bereits errathen – war kein Anderer als Courtin.

Wir wollen sehen, was er seit dem frühen Morgen gethan hatte.

Nach der Unterredung mit seinem jungen Herrn hatte er sich lange besonnen. Eine einfache Anzeige schien ihm nicht vortheilhaft genug: die Regierung würde den Dienst eines untergeordneten Beamten vielleicht unbelohnt lassen. Es war ein sehr gewagter Schritt, denn Courtin würde dadurch die im Canton so zahlreichen Royalisten aufs Aeußerste erbittert haben.

Er hatte nun das Plänchen ausgedacht, welches er dem Waldhüter Oullier mitgetheilt. Er hoffte als Heirathsvermittler das Wohlwollen des Marquis von Souday zu erwerben, welchem wie er glaubte, eine solche Heirath sehr willkommen seyn müsse. Der Marquis, meinte er, werde ein Stillschweigen, welches einen für die royalistische Partei so theuern Kopf rette, gewiß sehr theuer bezahlen.

Wir haben gesehen, wie Jean Oullier den Antrag Courtin‘s aufgenommen hatte. Das vermeinte glänzende Geschäft war vereitelt, und Courtin war, um wenigstens ein kleines Geschäft zu machen, wieder auf die Seite der Regierung getreten.

IV.
Der Aufstand

Eine halbe Stunde nach der Unterredung des Unterpräfecten mit Courtin suchte ein Gendarme den General auf dem Markte. Er fand ihn in vertraulichem Gespräch mit einem zerlumpten Bettler. Der Gendarme flüsterte dem General einige Worte zu und dieser eilte in den Gasthof zurück.

Der Unterpräfect erwartete ihn vor der Thür.

»Nun, wie stets?« fragte der General, als er das heitere Gesicht des Beamten sah.

»Sehr gut,« antwortete dieser. »Der Bauer ist ein sehr kluger Mensch.«

»O sie sind Alle sehr klug,« sagte der General, »der einfältigste unter ihnen würde Herrn von Talleyrand etwas aufzurathen geben. Was hat der kluge Mann gesagt?«

»Er sagt, gestern Abends sey der Graf von Bonneville, als Bauer verkleidet, in Begleitung eines Bauernknaben, den er für ein Frauenzimmer gehalten, in das Schloß Souday gegangen.«

»Und was schließen Sie daraus?«

»Es ist kaum zu bezweifeln, Herr General —«

»Heraus mit der Sprache, Herr Unterpräfect! Sie sehen ja meine Ungeduld,« sagte der General in ganz ruhigem Tone.

»Es scheint mir nicht zweifelhaft, daß der Bauernknabe – die Prinzessin ist.«

»Aber mir scheint es zweifelhaft.«

»Warum, Herr General?«

»Weil ich ebenfalls vertrauliche Mittheilung erhalten habe.«

»Freiwillige oder erzwungene?«

»Weiß man denn, wie man mit diesen Leuten daran ist? Doch lassen Sie hören – was hat Ihnen der kluge Mann gesagt?«

»Nichts hat er gesagt. Als ich Sie verließ, sprach ich mit ihm über die Haferlieferung.«

»Und was weiter?«

»Der Bauer verlangte ein Aufgeld; ich dagegen verlangte eine Quittung. Er wollte sie in einem Kramladen schreiben. Ich wollte ihn aber nicht aus den Augen lassen, ich nahm einen Bleistift aus der Brieftasche und sagte zu ihm: Ihr werdet wohl ein Stückchen Papier bei Euch haben; mein Hut kann Euch als Tisch dienen. Er zerriß einen Brief und schrieb auf die weiße Seite die Quittung. Hier ist sie, hören Sie.«

Der Unterpräfect zog den Zettel aus der Tasche und las:

»Erhalten von Herrn Jean Louis Robier die Summe von fünfzig Francs als Aufgeld für dreißig Säcke Hafer, die ich ihm am 28. dieses Monats zu liefern habe.

Den 14. Mai 1832.«

»Ich sehe hierin keine Auskunft,« setzte der Unterpräfect hinzu.

»Kehren Sie gefälligst das Papier um.«

Der Unterpräfect stutzte. Auf der Rückseite standen folgende verstümmelte Zeilen:

»– — Arquis – augenblicklich die Nachricht – welche wir erwarten – zu Beaufays am 26. Abends – Offiziere Ihrer Division – ihr vorgestellt wurden – Ihre Leute in Bereitschaft – gehorsamst —«

»Das ist ja die Ankündigung einer Schilderhebung,« sagte der Unterpräfect, »denn das Fehlende ist leicht zu ergänzen«

»Ja, sehr leicht,« setzte der General hinzu, »ich glaube fast zu leicht.«

»Sie rühmten die Schlauheit dieser Leute,« entgegnete der Beamte, »ich finde sie vielmehr ganz harmlos —«

»Hören Sie nur,« sagte der General, »als Sie sich mit dem Haferhändler entfernt hatten, redete ich einen Bettler an, der etwas blödsinnig zu seyn schien. Ich sprach von dem lieben Gott und den Heiligen, vom Buchweizen, von der Apfelernte – bedenken Sie, daß die Apfelbäume jetzt blühen – und endlich fragte ich ihn, ob er uns als Wegweiser nach Liroux dienen wolle. Ich kann nicht, antwortete der Blödsinnige grinsend. – Warum nicht? fragte ich so unbefangen wie möglich. – Weil ich Befehl habe, antwortete er, eine schöne Dame und zwei Herren, wie Sie, von Puy-Laurent nach La Flocelière zu führen.«

»Die Sache scheint verwickelt zu werden,« sagte der Beamte.

»Keineswegs, sie wird klarer.«

»Erklären Sie sich.«

»Die in einem Lande, wo es so schwer ist, Auskunft zu erhalten, ungerufen kommende Mittheilungen sind aller Wahrscheinlichkeit nach Fallen, in die aber ein alter Fuchs wie ich nicht geht. Die Herzogin von Berry – wenn sie wirklich hier im Lande ist – kann nicht zugleich in Souday, in Beaufays und in Puy-Laurent seyn. Was sagen Sie dazu, Herr Unterpräfect?«

»Ich glaube,« erwiderte der Beamte, sich am Ohr kratzend, »daß sie abwechselnd an den drei Orten gewesen ist. Ich würde mich um das Versteck, wo sie war oder seyn wird, gar nicht kümmern, sondern geradezu nach La Flocelière gehen, denn diesen Ort hat ja der Blödsinnige so eben genannt.«

»Sie lassen sich zu leicht von der Fährte ablenken, lieber Herr,« sagte der General, »und die einzige genaue Auskunft, die wir erhalten haben, hat der Bauer mit dem Brotkuchen gegeben.«

»Aber die Anderen?«

»Ich würde meine Generalsepauletten gegen eine Unterlieutenantsepaulette wetten, daß uns die Anderen von irgend einem Schlaukopf, der den Maire mit uns sprechen sah, auf den Hals geschickt worden sind. Wir müssen unser Augenmerk auf Souday richten, lieber Herr Unterpräfect, wir werden sonst unverrichteter Sache zurückkommen.«

»Bravo!« sagte der Beamte erfreut, »ich fürchtete einen Mißgriff gemacht zu haben, aber Ihre letzten Worte beruhigen mich.«

»Was haben Sie gethan?«

»Der Bauer – ich habe hier seinen Namen, er heißt Courtin – ist Maire eines kleines Dorfes, Namens La Logerie.«

»Ich kenne es; vor sechsunddreißig Jahren hätten wir dort Charette beinahe gefangen.«

»Der Bauer nannte nur einen Menschen, der uns als Führer dienen könnte und dessen Verhaftung rathsam sey, um seine Rückkehr ins Schloß zu verhindern.«

»Wer ist der Mann?«

»Der Intendant des Marquis, oder eigentlich sein Waldhüter. Hier ist seine Personenbeschreibung.«

Der General nahm einen Zettel und las: »Haare kurz und mit grau gemischt, Stirn glatt, klugen schwarz und lebhaft, Augenbrauen buschig, auf der Nase eine Warze, Backenbart bis unter das Kinn; Jacke, Weste und Hosen von Sammt, Kamaschen und Gürtel von Leder. Besondere Kennzeichen: Der zweite Schneidezahn links fehlt. Hat einen braunen Hühnerhund bei sich.«

»Das ist mein Haferverkäufer Zug für Zug,« setzte der General hinzu. »Terrien? Er heißt so wenig Terrien, wie ich Barrabas heiße.«

»Sie können sich bald davon überzeugen, Herr General.

« »Wie so?«

»Er wird in wenigen Minuten hier seyn.«

»Er kommt hierher?«

»Ja wohl.«

»Freiwillig?«

»Freiwillig oder gezwungen.«

»Gezwungen?«

»Ja, ich habe Befehl gegeben, ihn zu verhaften, und es muß bereits geschehen seyn.«

»Tausend Donnerwetter!« fluchte der General und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Was haben Sie da gemacht?«

»Ich glaubte, Herr General, einen so gefährlichen Menschen auf der Stelle unschädlich machen zu müssen.«

»Gefährlich! Jetzt ist er weit gefährlicher, als er vor einer Viertelstunde war.«

»Aber wenn er verhaftet ist?«

»Er hat gewiß Zeit gehabt, seinen Freunden einen Wink zu geben. Die Prinzessin wird gewarnt werden, ehe wir eine Stunde Weges von hier entfernt sind. Wir können uns noch glücklich schätzen, wenn sie uns nicht die ganze Bevölkerung auf den Leib gehetzt haben, so daß wir hier keinen Mann der Garnison entbehren können.«

»Vielleicht ist es noch Zeit,« sagte der Unterpräfect, an die Thür eilend.

»Ja, laufen Sie! Mille tonnerres! es ist nicht mehr Zeit!« Man hörte wirklich ein immer lauter werdendes dumpfes Getöse, welches bald zum furchtbaren Geschrei wurde.

Der General öffnete das Fenster.

Hundert Schritte vom Gasthofe bemerkte er die Gendarmen, welche Jean Oullier gebunden in ihrer Mitte herführten.

Die schreiende, drohende Menge strömte von allen Seiten herbei, so daß sich die Gendarmen nur langsam und mit Mühe durchdrängen konnten.

Sie hatten indes von ihren Waffen noch keinen Gebrauch gemacht; aber es war keine Minute zu verlieren.

»Es ist jetzt nicht mehr zu ändern,« sagte der General, indem er schnell seinen Ueberrock ablegte und seine Uniform anzog. »Mein Pferd, mein Pferd!« rief er seinem Secretär zu. »Sie, Herr Unterpräfect, lassen Sie die Nationalgarde ausrücken – wenn’s hier eine gibt – aber es darf ohne meinen Befehl kein Gewehr gesenkt werden.«

Ein Capitän erschien.

»Sie, Herr Capitän,« fuhr der General fort, »stellen Sie Ihre Leute im Hofe auf. Meine zwanzig Reiter sollen aufsitzen. Jeder Mann erhält Lebensmittel auf zwei Tage und fünfundzwanzig Patronen. Halten Sie sich bereit, auf das erste Zeichen auszurücken.«

Der alte General, der sein ganzes Jugendfeuer wieder gefunden hatte, ging fluchend in den Hof hinunter, und ließ das Hausthor öffnen.

»Wie,« sagte der Unterpräfect, »Sie wollen den wüthenden Menschen doch nicht allein entgegentreten?«

»Allerdings. Morbleu! ich muß ja meine Leute aus der Klemme ziehen. Platz da! es ist jetzt nicht Zeit zu sentimentalen Reden.«

Sobald das Hausthor offen war, gab der General seinem Pferde die Sporen und sprengte hinaus, mitten in das Gewühl.

Das plötzliche Erscheinen des stattlichen, muthigen, alten Kriegers in der glänzenden Uniform wirkte wie ein elektrischer Schlag auf die Volksmenge. Das Schreien und Toben hörte auf, die hocherhobenen Stöcke senkten sich, die dem General zunächst stehenden Bauern nahmen die Hüte ab, die dichtgedrängten Reihen thaten sich auf, und der General konnte den Gendarmen entgegenreiten.

»Was gibts denn?« fragte er so laut, daß man’s aus dem ganzen Markte hören konnte.

»Sie bringen den Jean Oullier gebunden,« sagte eine Stimme.

»Und Jean Oullier ist ein braver Mann!« rief eine andere Stimme aus der Menge heraus.

»Man soll nur Spitzbuben und keine ehrlichen Leute verhaften,« sagte ein Dritter.

»Still!« sagte der General mit seiner dröhnenden Commandostimme. »Wenn Jean Oullier ein braver, ehrlicher Mann ist, so wird er wieder frei gelassen; wenn er einer von denen ist, die Euch betrügen und eure guten, biederen Gesinnungen mißbrauchen wollen, so wird er bestraft. Haltet Ihr es denn für ungerecht, die zu bestrafen, welche das Land wieder in so schrecklichen Unglück stürzen wollen, wie die alten Leute unter Euch schon erlebt haben?«

»Jean Oullier ist ein friedlicher Mann, der Niemand etwas zu Leide thut,« sagte eine Stimme.

»Was fehlt Euch denn?« fuhr der General fort, ohne sich um die Unterbrechung zu kümmern, »eure Religion ist ja die unserige, eure Priester stehen, wie eure Güter, unter dem Schutze der gemeinsamen Gesetze; noch nie ist euer Wohlstand so blühend gewesen.«

»Das ist wahr,« sagte ein junger Bauer.

»Hört daher nicht auf die schlechten Franzosen, welche, um ihre selbstsüchtigen Leidenschaften zu befriedigen, alle Schrecken des Bürgerkrieges auf das Land herabbeschwören wollen. Soll man Euch an die schon erduldeten Leiden und Drangsale erinnern? Soll man von der Ermordung eurer Greise, Mütter, Weiber, Kinder, von der Verwüstung eurer Felder, von dem Niederbrennen eurer Hütten sprechen?«

»Das haben die Blauen gethan!« rief eine Stimme aus der Menge.

»Nein, nicht die Blauen, fuhr der General fort, »es ist die Schuld derer, die Euch zu jenem unsinnigen Kampfe getrieben haben. Damals war der Kampf unsinnig, jetzt wäre er frevelhaft; damals gab es wenigstens einen Vorwand, der jetzt ganz fehlt.«

Dabei trieb der General sein Pferd immerfort auf die Gendarmen zu, welche ihrerseits alle Kräfte aufboten, um zu dem General zu gelangen.

Dies wurde ihnen um so eher möglich, da seine Worte einen sehr merklichen Eindruck auf einige Bauern machten. Einige schauten stumm vor sich nieder, andere theilten ihren Nachbarn ihre dem Anscheine nach beifälligen Bemerkungen mit.

Aber je weiter der General in dem Kreise vordrang, der die Gendarmen und ihren Gefangenen umgab, fand er die Haltung der Landleute drohender. Die zunächst stehenden waren sehr zornig; dies waren offenbar die Bandenführer, die Hauptleute von Pfarrbezirken.

Diesen gegenüber wäre alle Redekunst fruchtlos geblieben; sie waren fest entschlossen, keinen Vorstellungen Gehör zu geben, und dies auch den Andern unmöglich zu machen: sie schrien nicht, sie brüllten.

Der General erkannte das Bedenkliche der Lage; er sah die Nothwendigkeit ein, diesen Leuten durch raschen Entschluß und Körperstärke zu imponiren.

Aubin Courte-Joie war in den ersten Reihen der Meuterer; aber der Krüppel hatte seine Stelzfüße durch zwei tüchtige gesunde Beine ersetzt: er ließ sich von einem kolossalen Bettler tragen. Er saß auf den Schultern desselben und seine Stelzfüße waren mit Riemen an dem Leibe des Bettlers festgeschnallt, so daß er in dieser Stellung eben so fest saß, wie der General im Sattel.

So reichte Aubin bis an die Epaulette des Generals, gegen den er drohend seine Stimme und seine Fäuste erhob.

Der General streckte die Hand nach ihm aus, faßte ihn beim Kragen, hob ihn mit starker Faust auf, hielt ihn einige Augenblicke über der Menge schwebend und warf ihn endlich einem Gendarmen zu.

»Halte mir den Hanswurst fest,« sagte er, »er würde mir am Ende Kopfweh machen.«

Der Bettler, der sich plötzlich seines Reiters entledigt sah, schaute verwundert auf, und der General erkannte den Blödsinnigen, mit weichem er vor einer Stunde gesprochen – hatte; aber jetzt sah der Kerl so pfiffig aus, wie kaum ein anderer unter den aufständischen Bauern.

Die Menge lachte, aber diese Heiterkeit war nur von kurzer Dauer.

Aubin Courte-Joie befand sich in den Armen des Gendarmen, an dessen Seite Jean Oullier ging. Er griff verstohlen in die Tasche, machte sein Messer auf, zog es hervor, stieß es dem Gendarmen bis an’s Heft in die Brust und rief: »Es lebe Heinrich V.! Rette Dich, Jean Oullier!«

Der Bettler, der die Kraftäußerung des Generals durch eine ähnliche Heldenthat erwiedern zu wollen schien, schlüpfte behende unter das Pferd, faßte den General beim Stiefel und warf ihn mit einem kräftigen Ruck auf der andern Seite vom Pferde.

Der General und der Gendarme fielen zugleich; man hätte sie Beide für todt halten können.

Aber der General raffte sich schnell aus und schwang sich mit eben so viel Kraft als Gewandtheit wieder in den Sattel.

Dabei that er einen so kräftigen Faustschlag auf den Kopf des Bettlers, daß dieser, ohne einen Laut von sich zu geben, rücklings zu Boden sank.

Weder der Gendarme noch der Bettler standen auf, der Bettler war ohnmächtig, der Gendarme todt.

Jean Oullier, dem die Hände gebunden waren, gab dem zweiten Gendarmen einen so starken Stoß mit der Schulter, daß der Mann wankte.

Jean Oullier sprang über die Leiche des Soldaten hinweg und stürzte sich unter die Menge.

Aber der General hatte die Augen allenthalben, er bemerkte sogar was hinter ihm vorging. Er schwenkte sein Pferd, faßte Jean Oullier, zog ihn in die Höhe und legte ihn quer auf sein Pferd.

Es begann nun Steine zu regnen, und die Bauern nahmen ihre drohende Haltung wieder an.

Die Gendarmen hielten sich gut; sie umringten den General und füllten ihre Bajonnete gegen die Menge, welche nicht mehr Mann gegen Mann zu kämpfen wagte und nur mit Steinen warf.

So drangen sie bis in die Nähe des Gasthofes vor. Hier wurde die Lage des Generals und seiner Leute sehr bedenklich. Die Bauern, welche entschlossen schienen, Jean Oullier nicht in der Gewalt seiner Feinde zu lassen, wurden immer kühner mit ihren Angriffen. Schon waren einige Bajonnete mit Blut gefärbt, und doch wurde die Wuth der Meuterer immer größer.

Glücklicherweise war der General den Soldaten so nahe, daß sie seine Stimme hören konnten.

»Heraus, Grenadiere!« rief er ihnen zu.

Sogleich stürzten die Soldaten mit gefälltem Bajonnete aus dem Gasthofe und warfen die Bauern zurück. Der General konnte mit seiner Escorte in den Hof gelangen.

Er fand hier den Unterpräfecten, der ihn erwartete.

»Da ist Ihr Mann,« sagte er und warf ihm Jean Oullier wie ein Packet zu, »er ist uns theuer zu stehen gekommen. Gott gebe, daß er seinen Preis werth ist!«

In diesem Augenblicke hörte man auf dem andern Ende des Marktplatzes ein starkes Gewehrfeuer.

»Was ist das?« fragte der General lauschend.

»Vermuthlich die Nationalgarde,« antwortete der Unterpräfect, »ich habe Befehl zum Ausrücken gegeben; sie wird meinen Weisungen gemäß die Meuterer umgangen haben.«

»Und wer hat Befehl gegeben zu feuern?«

»Ich, Herr General; man mußte Sie ja aus den Händen der Meuterer erlösen —«

»Mille tonnerres! Sie sehen ja, daß ich mich selbst erlöst habe,« eiferte der alte Krieger. »Merken Sie wohl, im Bürgerkriege ist alles unnütz vergossene Blut mehr als ein Verbrechen, es ist ein arger Mißgriff.«

Eine Ordonnanz galoppirte in den Hof.

»Herr General,« sagte der Offizier, »die Aufständischen fliehen in allen Richtungen. Die Reiterei ist da, soll ich ihnen nachsetzen lassen?«

»Kein Mann soll mir von der Stelle,« sagte der General, »überlassen Sie es nur der Nationalgarde; es sind Freunde, sie werden es untereinander schon ausmachen.«

Eine zweite Gewehrsalve bewies, daß es die Bauern und die Nationalgarde »mit einander schon ausmachten«.

Dies waren die beiden Salven welche der Baron Michel in La Logerie gehört hatte.

»Jetzt,« sagte der General, »kommt es nur darauf an, diesen traurigen Tag zu benützen. Es ist nur ein uns günstiger Fall denkbar: daß dieser Mann hier,« – auf Oullier deutend – »allein in das Geheimniß eingeweiht war. Gendarme, hat er seit seiner Verhaftung mit Jemanden gesprochen?«

»Nein, Herr General, er hat nicht einmal Zeichen gegeben, denn die Hände sind ihm gebunden.«

»Hat er mit dem Kopfe genickt? Hat er ein Wort geflüstert? Bei diesen Leuten ist ein Wink, ein Laut genügend.«

»Ich habe nichts bemerkt,« sagte der Gendarme.

»Nun, dann wollen wir’s versuchen. Herr Capitän, lassen Sie Ihre Leute essen; in einer Viertelstunde brechen wir auf. Die Gendarmen werden mit Hilfe der Nationalgarde genügen, die Ruhe in der Stadt zu erhalten. Ich reite mit meiner Escorte voraus.«

Der General ging wieder in den Gasthof.

Die Soldaten rüsteten sich zum Abmarsch.

Unterdessen saß Jean Oullier, von zwei Gendarmen bewacht, im Hofe auf einem Stein. Sein Gesicht war so ruhig und gleichgültig wie gewöhnlich: er liebkoste mit seinen gebundenen Händen seinen Hund, der ihm gefolgt war und den Kopf auf die Knie seines Herrn legte und ihm von Zeit zu Zeit die Hände leckte, gleichsam um dem Gefangenen anzudeuten, daß er in seinem Unglück einen Freund habe.

Jean Oullier streichelte ihn mit einer Entenfeder, die er im Hofe aufgenommen; dann benutzte er einen Augenblick, wo er von dem Gendarmen nicht beobachtet wurde, schob dem Hunde die Feder zwischen die Zähne, gab dem klugen Thiere einen Wink, stand auf und sagte:

»Geh, Pataud!«

Der Hund entfernte sich langsam und sah sich von Zeit zu Zeit nach seinem Herrn um; endlich schlürfte er unbemerkt zur Hausthüre hinaus.

»Er wird früher ankommen als wir,« sagte Jean Oullier zu sich selbst.

Unglücklicherweise waren die Gendarmen nicht die einzigen Wächter des Gefangenen.

V.
Die Hilfsmittel Oullier‘s

In der Vendée gibt es noch sehr sehr wenig schöne Landstraßen, und diese sind erst seit dem Jahre 1832, also nach den hier erzählten Ereignissen angelegt worden.

Dieser Mangel an Landstraßen war den Insurgenten in dem großen Kriege hauptsächlich zu Statten gekommen.

Am linken Ufer der Loire gab es damals nur zwei Straßen, die von Nantes nach La Rochelle und nach Palmboeuf führten. Die erstere berührte das Städtchen Montaigu.

Zwischen diesen Hauptstraßen sind einige schlechte Nebenwege. Um auf diesen Straßen von Montaigu nach Machecoul zu gelangen, mußte man einen bedeutenden Umweg machen. Der General sah aber wohl ein, daß der Erfolg seines Unternehmens von der Schnelligkeit der Ausführung abhing. Ein Marsch auf den Hauptstraßen würde zu viel Zeit gekostet haben. Ueberdies waren diese Straßen den militärischen Operationen nicht günstiger als die Verbindungswege. An den Seiten waren tiefe und breite Gräben, Hecken und Gebüsche, welche zu einem Hinterhalte sehr geeignet waren. Der General beschloß daher, den weit kürzeren Seitenweg nach Machecoul einzuschlagen.

Das von ihm durchgeführte Cantonnirungssystem hatte die Soldaten mit den Ortsverhältnissen vertraut gemacht. Der Capitän, welcher die Infanterieabtheilung befehligte, kannte die Straße bis zu dem Flusse Boulogne. Dort sollte er einen von Courtin abgeschickten Führer finden; denn es war vorauszusehen, daß Jean Oullier sich weigern würde, als Wegweiser zu dienen.

Der General hatte übrigens seine Vorkehrungen getroffen, um nicht überrascht zu werden. Zwei Cavalleristen, mit schußfertigen Pistolen in der Hand, ritten voraus, während etwa zwölf Mann auf beiden Seiten der Colonne die Gebüsche durchsuchten.

Der General ritt an der Spitze seiner kleinen Truppe, in deren Mitte Jean Oullier, auf der Croupe eines Cavalleriepferdes sitzend, fortgeschafft wurde. Aus Vorsicht hatte man den Gefangenen dessen Hände gefesselt waren, mit einem Riemen an den Reiter festgeschnallt, und überdies wurde er von zwei rechts und links reitenden Soldaten bewacht.

Es war etwas über sechs Uhr Abends, als die kleine Schaar von Montaigu abmarschirte.

Die fünf Lieues bis zum Schlosse Souday konnten in etwa fünf Stunden zurückgelegt werden, man konnte daher etwa um elf Uhr eintreffen.

Diese Stunde schien dem General zur Ausführung seines Handstreiches sehr günstig.

Wenn Courtin die Wahrheit gesagt hatte, so mußten die Führer der Vendéer zu Souday versammelt seyn, um sich mit der Prinzessin zu berathen. Wenn sie sich noch nicht entfernt halten, so konnte man sie alle gefangen nehmen.

Eine halbe Stunde von Montaigu kniete eine zerlumpte alte Bäuerin vor einem Crucifix. Als die Soldaten näher kamen, stand sie auf und blieb an der Straße stehen, um sie vorbeimarschiren zu sehen und zugleich um ein Almosen zu bitten.

Aber die Offiziere und Soldaten marschirten vorbei, ohne die Alte zu beachten.

»Hat denn euer General die Bettlerin nicht gesehen?« fragte Jean Oullier den zu seiner Rechten reitenden Soldaten.

»Warum sagt Ihr das?«

»Weil er ihr seine Börse nicht aufgethan hat. Er möge sich nur in Acht nehmen! Wer die offene Hand zurückweist, hat die geschlossene Hand zu fürchten. Wir werden Unglück haben!«

»Wenn Du die Prophezeiung auf Dich beziehst, so kannst Du Recht haben; denn Du hast unter uns Allen am meisten zu fürchten.«

»Ja wohl, und deshalb möchte ich die Gefahr abwenden.«

»Wieso?«

»Greifet in meine Tasche und nehmet ein Stück Geld heraus.«

»Wozu das?«

»Um es der Alten zu geben; sie wird dann für uns beten.«

Der Soldat zuckte die Achseln; aber er glaubte dem Gefangenen doch seine Bitte, deren Erfüllung vielleicht großen Nutzen bringen konnte, nicht verweigern zu dürfen.

Die Truppe wandte sich rechts, um einen seitwärts führenden Hohlweg einzuschlagen. Der General hielt sein Pferd an und sah seine Soldaten vorbeimarschiren, um sich zu überzeugen, ob alle von ihm angeordneten Vorkehrungen getroffen wären. Er bemerkte, daß Jean Oullier mit seinem Nachbar sprach und sah die Bewegung des Soldaten.

»Warum erlaubst Du den Verkehr des Gefangenen mit den Vorübergehenden?« fragte er den Reiter.

Dieser erzählte dem General was vorgegangen war.

»Halt!« befahl der General, »durchsucht die Bettlerin.«

Der Befehl wurde sogleich vollzogen, aber man fand bei der Alten nur einige Geldstücke, die der General mit der größten Aufmerksamkeit betrachtete.

Es fand sich nichts Verdächtiges; aber er steckte doch die kleine Münze in die Tasche und gab der Alten dafür ein Fünffrankenstück.

Jean Oullier sah dem General mit höhnischem Lächeln zu.

»Ihr sehet, Mütterchen,« sagte er so laut, daß ihn die Bettlerin verstehen konnte: »das geringe Almosen des Gefangenen, – dieses Wort betonte er – wird Euch Glück bringen. Ihr werdet mich daher in eurem Gebete nicht vergessen.«

»Höret, Freund,« sagte der General zu dem Gefangenen, als sich die Colonne wieder in Bewegung gesetzt hatte, »künftig habt Ihr Euch an mich zu wenden, wenn Ihr Almosen geben wollt; ich werde Euch dem Gebete der beschenkten Leute empfehlen, meine Fürsprache wird Euch dort oben nicht schaden und kann Euch hienieden viel Verdruß ersparen. – Und Ihr,« rief er den Reitern zu, »vergesst künftig meine Befehle nicht; Ihr würdet Ursache haben es zu bereuen.«

Zu Vieille-Vigne wurde eine Viertelstunde Halt gemacht, um die Infanteristen ausruhen zu lassen.

Der Vendéer wurde mitten in das Carré genommen, um jeden Verkehr mit der sich herandrängenden Bevölkerung zu verhüten.

Das Pferd, welches den Gefangenen trug, hatte ein Hufeisen verloren, und vermochte seine doppelte Last kaum noch zu tragen; der General befahl daher, Jean Oullier auf das stärkste Pferd der Escorte zu setzen.

Dieses Pferd gehörte einem Reiter der Vorhut, der ungeachtet der Gefahr, die er als verlorener Posten lief, den Posten seines Cameraden sehr ungern einzunehmen schien.

Dieser Reiter war ein kleiner, kräftiger, breitschulteriger Mann, der sich durch Sanftmuth und Bescheidenheit von den meisten seiner Cameraden vortheilhaft unterschied.

Während der Vorkehrungen zu diesem Wechsel war es völlig Nacht geworden, und beim Licht der herbeigebrachten Laterne sah Jean Oullier das Gesicht des Reiters, auf dessen Pferde er weiter reiten sollte. Die Blicke der beiden neuen Reisegefährten begegneten sich, und der Gefangene bemerkte, daß der Cavallerist erröthete.

Die kleine Truppe marschirte mit verdoppelter Vorsicht weiter, denn die Gegend wurde immer waldiger und folglich zu einem Angriff geeigneter.

Die Lustigkeit der Soldaten wurde weder durch die drohende Gefahr noch durch den ermüdenden Marsch auf den schlechten Wegen getrübt. Nach kurzem Stillschweigen, welches bei dem Beginne eines Nachtmarsches einzutreten pflegt, plauderten sie wieder mit der den Franzosen eigenen Sorglosigkeit.

Nur der Husar, auf dessen Pferde Jean Oullier mit saß, blieb auffallend traurig und verstimmt.

»Sacredié! Thomas.« sagte sein rechts reitender Camerad zu ihm, »Du bist gewöhnlich nicht sehr lustig, aber heute siehst Du aus, als ob Du den Teufel zu Grabe trügest.«

»Ja wohl,« sagte der Husar zur Linken, »wenn er den Teufel nicht zu Grabe trägt, so muß er ihn hinter sich haben.«

»Du mußt Dir denken, Thomas, Du hättest eine hübsche Dirne auf der Croupe; kneipe sie in die Waden.«

»Der Tausendsasa wird schon wissen, wie man’s anfängt: bei ihm zu Lande ist es Sitte, ein Mädchen mit auf‘s Pferd zu nehmen.«

»Das ist wahr, sagte der erste Husar, »weißt Du wohl, Thomas, daß Du ein halber Chouan bist?«

»Sage lieber, daß er ein ganzer Chouan ist; er geht ja jeden Sonntag in die Messe.«

Der Husar, welcher die Zielscheibe dieser Spöttereien war, hatte nicht Zeit zu antworten. Der General befahl, hinter einander in einer Reihe zu marschieren, denn der Weg war so schmal, und die Böschung an beiden Seiten so nahe zusammen gekommen, daß zwei Husaren nicht mehr neben einander reiten konnten.

Während der kurzen Verwirrung, welche durch dieses Manöver entstand, begann Jean Oullier leise ein Bretagnerlied zu pfeifen.

Der Reiter erschrak, als er diese Melodie hörte.

Jean Oullier, der von dem hinter ihm reitenden Husaren in der Dunkelheit nicht so scharf beobachtet werden konnte, flüsterte dem schweigsamen Reiter in’s Ohr:

»Ich habe Dich wohl erkannt, Thomas Tinguy, eben so wie Du mich auf den ersten Blick erkannt hast.«

Der Husar seufzte und zuckte die Achseln, als ob er andeuten wollte, daß er gegen seinen Willen handle. Aber er antwortete noch nicht.«

»Thomas Tinguy,« setzte der Gefangene hinzu, »weißt Du, wohin Du den alten Freund deines Vaters führst? Zur Plünderung und Verwüstung des Schlosses Souday, dessen Besitzer von jeher die Wohlthäter deiner Familie waren.«

Thomas Tinguy seufzte wieder.

»Dein Vater ist todt,« fuhr Jean Oullier fort.

Thomas antwortete nicht, nur ein leises Wörtchen entschlüpfte seinen Lippen.

»Todt!«

»Ja, todt!« flüsterte der Waldhüter. »Und wer wachte an seinem Lager mit deiner Schwester Rosine, als der Alte seinen Geist aufgab? Die beiden Fräulein von Souday, Bertha und Mary. Du kennst sie ja. Und sie haben ihr Leben aufs Spiel gesetzt, denn dein Vater ist an einem gefährlichen Fieber gestorben. Sie haben, zwei Engeln gleich, seine letzten Stunden versüßt, da sie sein Leben nicht verlängern konnten. Deine Schwester war ganz verlassen; wo ist sie jetzt? Im Schlosse Souday. Ach! Thomas, ich will lieber der arme Jean Oullier seyn, der vielleicht bald erschossen wird, als der, welcher ihn gebunden zum Tode führt!«

»Schweig, Jean,« sagte Thomas Tinguy mit bebender Stimme, »wir sind noch nicht zur Stelle – wir werden sehen.«

Während dieses leisen Gespräches zwischen dem Husaren und dem Gefangenen führte der Hohlweg, durch welchen die kleine Truppe marschirte, steil bergab zu einer Furt in der Boulogne.

Die Nacht war sehr finster, kein Stern glänzte am Himmel. Diese Finsterniß konnte dem Gelingen des Unternehmens sehr förderlich seyn, aber auch die kleine Truppe auf den wilden unbekannten Wegen in große Gefahr bringen.

Am Ufer des Flusses fand man die beiden Husaren der Vorhut, welche unschlüssig und besorgt warteten.

Sie hatten wirklich Ursache, besorgt zu seyn. Denn statt eines über Kiesel rauschenden klaren Wassers, wie man es gemeiniglich an den Furten findet, sahen sie vor sich eine dunkle, träge, zwischen den Felsenufern sich fortwälzende Flut.

Man sah sich vergebens nach allen Seiten um, der von Courtin versprochene Führer war nicht da.

Der General rief.

»Wer da?« antwortete eine Stimme am andern Ufer.

»Souday!« sagte der General.

»Dann seyd Ihr der Rechte,« rief die Stimme herüber.

»Sind wir an der Furt der Boulogne?« fragte der General.

»Ja,« war die Antwort.

»Warum ist das Wasser so hoch?«

»Es ist nach dem letzten Regen sehr gestiegen.«

»Ist das Wasser nicht zu tief?«

»Ich habe es noch nie so hoch gesehen, ich halte es nicht für rathsam —«

Die Stimme des Führers schwieg plötzlich und schien sich in einen dumpfen Klageton aufzulösen.

Dann hörte man ein Geräusch, wie wenn mehre Füße in losen Kieselsteinen umhertreten.

»Mille tonnerres!« fluchte der General, »man ermordet unsern Führer!«

Diese Behauptung schien durch einen Angstruf bestätigt zu werden.

»Jeder Husar nehme einen Grenadier hinter sich aufs Pferd!« befahl der General. »Der Capitän komme zu mir. Die beiden Lieutenants bleiben hier mit der übrigen Truppe, mit dem Gefangenen und den drei Husaren, die ihn bewachen, Vorwärts!«

In einem Augenblicke hatte jeder der siebzehn Husaren einen Grenadier hinter sich. Achtzig Grenadiere, die beiden Lieutenants, der Gefangene und drei Husaren, unter denen sich Tinguy befand, blieben am rechten Ufer der Boulogne zurück.

Der Befehl wurde mit Gedankenschnelle vollzogen, und der General, von seinen siebzehn Husaren und eben so vielen Grenadieren gefolgt, sprengte in den Fluß.

Zwanzig Schritte vom Ufer verloren die Pferde festen Fuß, aber sie fingen an zu schwimmen und erreichten glücklich das andere Ufer.

Die Infanteristen sprangen sogleich von den Pferden.

»Seht Ihr nichts?« fragte der General, dessen scharfes Auge vergebens die Finsterniß zu durchdringen suchte.

Die Soldaten verneinten einstimmig.

»Aber hier auf dieser Stelle hat uns der Führer geantwortet,« sagte der General, wie mit sich selbst redend. »Durchsuchet die Gebüsche, aber ohne Euch von einander zu entfernen – vielleicht findet Ihr seine Leiche.«

Die Soldaten gehorchten; aber nach einer Viertelstunde kamen sie zurück, ohne etwas entdeckt zu haben.

Ein Grenadier trat vor und zeigte eine baumwollene Mütze, die er an einem Dornbusche gefunden hatte.

»Es muß die Mütze unseres Führers seyn,« sagte der General.

»Wie so?« fragte der Capitän.

»Weil die Leute, die ihn angegriffen, Hüte getragen haben,« antwortete der General ohne Zögern.

Der Capitän mochte nicht mehr fragen, obgleich er die Erklärung des General‘s unerklärlich fand.

»Es ist entsetzlich,« fuhr der General fort; »die Leute, die unsern Führer ermordet haben, folgen uns offenbar seitdem wir Montaigu verlassen haben, und zwar in der Absicht, uns den Gefangenen zu entreißen. Der Fang scheint wichtiger zu seyn, als ich anfangs geglaubt. Unsere Verfolger waren auf dem Jahrmarkte und müssen Hüte tragen, wie die Landleute, wenn sie in die Stadt gehen; unser Führer hingegen wird, nachdem ihn der Haferlieferant aus dem Bett geholt, zu der ersten besten Kopfbedeckung gegriffen haben.«

»Und Sie glauben, Herr General, erwiderte der Capitän, »daß sich die Chouans so nahe an unsere Colonne gewagt haben?«

»Sie haben uns seit unserm Ausmarsch aus Montaigu beständig im Auge behalten. Mordieu! man beklagt sich immer über die Unmenschlichkeit, mit welcher dieser Krieg geführt werde, und bei jeder Gelegenheit bemerkt man, daß man nie unmenschlich genug ist. O! wie habe ich mich überlisten lassen.«

»Die Sache wird mir immer räthselhafter,« sagte der Capitän lachend.

»Sie haben doch die Bettlerin gesehen, die uns unweit Montaigu anspracht?«

»Ja, Herr General.«

»Die alte Hexe hat uns diese Bande auf den Leib gehetzt. Ich wollte sie unter Escorte in die Stadt zurückschicken; ich hatte Unrecht, meinen ersten Entschluß nicht auszuführen, ich würde dem armen Teufel das Leben gerettet haben.«

»Glauben Sie denn, daß man uns angreifen wird?«

»Der Angriff würde schon stattgefunden haben, wenn die Bande stark genug wäre; aber es sind höchstens fünf bis sechs Mann.«

»Soll ich die auf dem andern Ufer zurückgebliebenen Leute herüberkommen lassen, Herr General?«

»Warten Sie. Unsere Pferde haben festen Fuß verloren, unsere Infanteristen würden ertrinken: es muß in der Nähe eine seichte Furt seyn.«

»Glauben Sie, Herr General?«

»Ich bin meiner Sache gewiß!«

»Sie kennen also den Fluß.«

»Nicht im mindesten. Man sieht wohl, Herr Capitän, daß Sie den großen Krieg nicht mitgemacht haben. Es ist doch klar, daß die Leute uns hier nicht aufgelauert hatten, als wir an das andere Ufer kamen. Denn wären sie auf dieser Seite gewesen, so hätten sie den sorglos seines Weges kommenden Führer gehört und unsere Ankunft nicht abgewartet, um sich seiner Person zu bemächtigen oder ihn zu erschlagen. Die Bande hat sich also an unseren Seiten fortgeschlichen.«

»Es ist wirklich sehr wahrscheinlich, Herr General.«

»Sie müssen einige Augenblicke früher als wir an den Fluß gekommen seyn. Zwischen unserer Ankunft und dem Angriff auf unsern Führer war aber eine zu kurze Pause, als daß sie einen langen Umweg hätten machen können.«

»Warum sollten sie aber nicht an dieser Stelle den Fluß durchwatet haben?«

»Weil die meisten Bauern nicht schwimmen können, zumal im Innern des Landes. Es muß also ganz in der Nähe eine seichte Stelle seyn. Schicken Sie vier Mann einige hundert Schritte stromaufwärts, und eben so viele stromabwärts – und geschwind! Wir sind durchnäßt und können hier verschimmeln.«

In zehn Minuten kam der Offizier zurück.

»Sie hatten vollkommen Recht, Herr General,« sagte er, »dreihundert Schritte von hier ist eine kleine Insel, die durch zwei Bäume mit beiden Ufern verbunden ist.«

»Bravo!« sagte der General erfreut. »Die zurückgebliebenen Grenadiere können herüberkommen, ohne eine Patrone naß zu machen. – Lieutenant,« rief er dem Offizier auf dem andern Ufer zu, »marschiren Sie an der Boulogne hinauf, bis Sie einen quer über den Fluß gelegten Baum finden, und geben Sie Acht auf den Gefangenen!«

VI.
Apporte, Pataud!

Die beiden kleinen Truppen marschirten einige hundert Schritte auf beiden Ufern stromaufwärts.

An der vom Capitän bezeichneten Stelle befahl der General:

»Halt! – Ein Lieutenant und vierzig Mann vorwärts!«

Die vierzig Mann mit dem Offizier wateten durch den Fluß; das Wasser reichte ihnen bis an die Achseln, aber sie konnten ihre Musketen und Patrontaschen hoch empor halten und vor Nässe bewahren.

Die vierzig Grenadiere kamen glücklich ans Ufer und stellten sich in Reihe und Glied.

Der General gab nun Befehl, den Gefangenen herüberzubringen.

Thomas Tinguy ritt ins Wasser, auf jeder Seite ein Husar.

»Fürwahr, Thomas,« flüsterte ihm Jean Oullier zu, an deiner Stelle würde ich fürchten, der Geist deines Vaters könne Dir erscheinen, weil Du seinen besten Freund zum Tode führst, während Du doch nur einen Riemen losschnallen darfst —«

Der Husar strich mit der Hand auf seine mit Schweiß bedeckte Stirn und bekreuzte sich.

Die drei Reiter waren in der Mitte des Flusses, aber die Strömung hatte sie etwas von einander getrennt.

Ein lautes Plätschern im Wasser bewies, daß Jean Oullier den armen Bretagner nicht vergebens an seinen Vater erinnert hatte.

Der General täuschte sich keinen Augenblick über die Ursache des Geräusches, das er gehört hatte.

»Der Gefangene entwischt!» rief er mit einer Donnerstimme. »Zündet die Fackeln an, und feuert auf ihn, wenn er zum Vorschein kommt! – Und Du,« sagte er zu Thomas Tinguy, der dicht vor ihm ans Ufer kam, ohne den mindesten Fluchtversuch gemacht zu haben, »Du sollst es nicht weiter treiben.«

Er zog ein Pistol aus den Halftern und schoß.

»So sollen alle Verräther sterben!« rief er.

Thomas Tinguy, in die Brust getroffen, sank todt vom Pferde.

Die Soldaten eilten auf beiden Ufern stromabwärts fort. Ein Dutzend brennender Fackeln warf einen röthlichen Schein auf den Wasserspiegel.

Jean Oullier, von Thomas Tinguy seiner Bande entledigt, war vom Pferde gesprungen und im Wasser verschwunden. Er hatte auf den Erfolg seiner Beredsamkeit so fest gezählt, daß er die Dunkelheit benutzt hatte, um den Strick, der seine Hände gefesselt hielt, mit den Zähnen zu zernagen.

Jean Oullier hatte gute Zähne; als er an den Fluß kam, hielt der Strick nur noch an einem Faden. Bei dem Sprunge ins Wasser war es ihm ein Leichtes, sich dieser Fessel vollends zu entledigen.

Um Athem zu schöpfen, mußte Jean Oullier auftauchen; aber sogleich fielen mehre Schüsse auf beiden Ufern und die Kugeln schlugen um den Schwimmer ins Wasser. Aber wunderbarer Weise traf ihn keine.

Es war indeß nicht rathsam, sich noch einmal einer solchen Gefahr auszusetzen. Er tauchte wieder unter und fing an, gegen den Strom zu schwimmen. Er hielt lange den Athem an und beim Auftauchen vermied er so viel als möglich den Lichtkreis, welcher sich von den Fackeln auf beiden Ufern verbreitete.

Es gelang ihm wirklich seine Feinde zu täuschen. Die Soldaten gingen stromabwärts und hielten ihre Gewehre schußfertig, wie Jäger auf der Pirsch.

Nur sechs Grenadiere ohne Fackeln gingen stromaufwärts.

Jean Oullier erreichte nach verzweifelter Anstrengung eine Weide, deren weithervorragende Zweige den Wasserspiegel berührten. Der Schwimmer ergriff einen Weidenzweig, faßte ihn mit den Zähnen und hielt sich so mit zurückgebogenem Kopfe, so daß nur Mund und Nase über dem Wasser waren.

Kaum hatte er Athem geschöpft, so hörte er ein klägliches Geheul von der Stelle her, wo die Colonne Halt gemacht hatte und wo er selbst in den Fluß geritten war.

Er erkannte die Stimme.

»Pataud!« sagte er für sich, »Pataud hier? Ich hatte ihn nach Souday geschickt, es muß ihm ein Unglück begegnet seyn. O mein Gott! jetzt ist es doppelt nothwendig, daß mich meine Verfolger nicht finden!«

Die Soldaten, die den Hund im Hofe des Wirthshauses gesehen hatten, erkannten ihn sogleich.

»Da ist sein Hund!« riefen sie.

»Bravo!« sagte ein Sergent. »Der Hund soll uns zum Auffinden seines Herrn behilflich seyn.«

Der Sergent wollte den Hund fangen; aber das arme Thier entwischte ihm, hielt die Nase eine kleine Weile hoch empor und stürzte sich in den Fluß.

»Hierher, Cameraden, hierher! rief der Sergent den Soldaten zu und streckte den Arm in der von dem Hunde genommenen Richtung aus. »Wir werden den Hund auf der Fähre finden. Tout beau! Pataud!«

Sobald Jean Oullier das Winseln seines Hundes erkannte, kam er mit dem Kopf aus dem Wasser hervor. Pataud schwamm in schräger Richtung auf ihn zu.

Der Flüchtling sah wohl ein, daß er verloren war, wenn er nicht einen entscheidenden Entschluß faßte. Für Jean Oullier aber war die Aufopferung seines treuen Hundes wirklich ein entscheidender Entschluß. Hätte es sich nur um sein Leben gehandelt, so würde er mit seinem Hunde gemeinsame Sache gemacht, oder doch Bedenken getragen haben, Pataud zu opfern, um sich zu retten.

Er zog vorsichtig seine Jacke aus und schleuderte sie mitten in den Fluß.

Pataud war kaum noch sechs Schritte von ihm.

»Such! Apporte!« flüsterte ihm Oullier zu und deutete auf das schwimmende Kleidungsstück.

Der Hund, dessen Kräfte wahrscheinlich abnahmen, wollte nicht gehorchen.

»Apporte, Pataud!« wiederholte Jean Oullier gebieterischer.

Pataud schwamm nun der Jacke nach, die schon zwanzig Schritte fortgetrieben war.

Als Jean Oullier sah, daß ihm seine List gelang, tauchte er wieder unter, als die Soldaten eben an den großen Weidenbaum kamen. Einer von ihnen kletterte behende auf den Baum, hob die Fackel und beleuchtete das ganze Flußbett.

Man sah nun, wie die Jacke von der Strömung fortgetrieben wurde, und wie Pataud kläglich winselnd nachschwamm.

Die Soldaten gingen wieder stromabwärts und entfernten sich daher von Jean Oullier.

»Da ist er!« rief einer von ihnen, der die Jacke bemerkte, »dort schwimmt er – hierher, Cameraden!«

Er feuerte auf die Jacke.

Grenadiere und Husaren eilten auf beiden Ufern herbei, und entfernten sich somit immer weiter von der Stelle, zu welcher sich Jean Oullier geflüchtet hatte. Das schwimmende Kleidungsstück, welchem der ermattete Hund immerfort nacheilte, wurde von vielen Kugeln durchbohrt.

Einige Minuten wurde so lebhaft gefeuert, daß die aus den Gewehrläufen zuckenden Blitze das ganze Flußbett erleuchteten. Die Fackeln waren überflüssig geworden.

Der General bemerkte indes bald, daß sich seine Soldaten geirrt hatten.

»Das Feuer soll eingestellt werden,« sagte er zu dem Capitän, der an seiner Seite ging, »die dummen Jungen haben ihre Beute losgelassen und schießen in’s Blaue.«

In diesem Augenblick blitzte ein Schuß auf einer nahen Felsenspitze; eine Kugel pfiff über den Köpfen der Offiziere und schlug zwei Schritte vor ihnen in einen Baumstamm.

»Aha! die Spießgesellen unseres Ausreißers begnügen sich nicht, für ihn zu beten!« sagte der General mit der größten Ruhe.

Es fielen wirklich noch einige Schüsse, und die Kugeln prallten an dem felsigen Ufer ab.

Ein Soldat stieß einen Schrei aus.

»Hornisten, zum Antreten geblasen!« commandirte der General. »Die Fackeln ausgelöscht!»

Dann sagte er leise zum Capitän, »Lassen Sie die vierzig Mann von drüben herüberkommen; wir werden vielleicht alle unsere Leute brauchen.«

In wenigen Augenblicken waren die Soldaten um ihren Anführer versammelt.

Fünf bis sechs Schüsse krachten noch von einigen Felsenspitzen. Ein Grenadier fiel, das Pferd eines Husaren bäumte sich, von einer Kugel in die Brust getroffen, und stürzte zusammen.

»Vorwärts!« commandirte der General. »Mille tonnerres! Wir wollen doch sehen, ob die Nachtvögel uns erwarten!«

Er begann nun an der Spitze seiner Soldaten die Böschung der Schlucht so rasch zu erklimmen, daß die kleine Truppe trotz der Dunkelheit, welche das Steigen erschwerte, trotz der mitten unter die Soldaten schlagenden Kugeln, welche noch zwei Mann verwundeten, die Höhe in wenigen Augenblicken erreichte.

Die Feinde hörten nun sogleich auf zu feuern, und wenn einige sich noch rührende Ginstersträuche nicht Zeugnis gegeben hätten von dem raschen Rückzuge der Chouans, so hätte man glauben können, diese wären in die Erde versunken.

»Ein trauriger Krieg!« sagte der General, den Kopf schüttelnd. »Unser Unternehmen kann jetzt nicht mehr gelingen. Aber versuchen wollen wir’s wenigstens. Souday liegt ja auf dem Wege nach Machecoul, und dort erst können wir unsere Leute ausruhen lassen.«

»Aber wir brauchen einen Führer,« sagte der Capitän.

»Einen Führer? Sehen Sie jenes Licht dort?«

»Nein, Herr General.«

»Aber ich sehe es. Jenes Licht, welches etwa fünfhundert Schritte entfernt seyn mag, deutet auf eine Hütte und diese auf einen Bauer mit Weib und Kind. Der Bewohner dieser Hütte muß uns den Weg durch den Wald zeigen.

Und mit einem Tone, der dem Bewohner der Hütte nichts Gutes verhieß, befahl der General den Weitermarsch, nachdem er seine Plänklerlinien so weit ausgedehnt hatte, wie es ihm die persönliche Sicherheit seiner Leute gestattete.

Der General hatte mit seiner kleinen Schaar die Höhe noch nicht verlassen, als ein Mann aus dem Wasser hervorkam, eine kleine Weile hinter einem Weidenbaume lauschte und dann in den Büschen fortschlich.

Er hatte offenbar die Absicht, denselben Weg einzuschlagen, den die Soldaten genommen hatten.

Als er ein Büschel Heidekraut faßte, um den Felsen zu erklimmen, hörte er ein leises Aechzen. Jean Oullier – denn er war es – ging auf die Stelle zu, wo er die Klagetöne gehört hatte. Je näher er kam, desto kläglicher wurde das Winseln.

Er bückte sich, streckte die Hand aus und fühlte eine weiche warme Zunge, die ihm die Hand beleckte.

»Pataud, mein armer Pataud!« flüsterte der Vendéer. Es war wirklich der Hund, der mit der letzten Anstrengung seiner Kräfte die Jacke seines Herrn an’s Ufer schleppte und sich darauf gelegt hatte, um zu sterben.

Jean Oullier zog seine Jacke unter dem Hunde hervor und rief Pataud.

Pataud winselte gar kläglich, aber ging nicht von der Stelle.

Jean Oullier nahm den Hund auf den Arm, um ihn fortzutragen, aber der Hund machte keine Bewegung mehr. Die Hand, mit welcher der Vendéer das arme Thier hielt, wurde mit einer lauen, klebrigen Flüssigkeit benetzt. Der Vendèer hielt die Hand an die Lippen und erkannte den faden Geschmack des Blutes.

Er versuchte vergebens dem Hunde die Zähne auseinander zu brechen. Pataud war todt; sein Herr, den er gerettet, war eben noch zeitig genug gekommen, um seine letzten Liebkosungen zu empfangen.

Der Vendéer vermuthete, daß der Hund schon vor dem Sprunge ins Wasser verwundet gewesen sey; denn Pataud war schon zuvor matt und kraftlos gewesen.

»Morgen wirds Tag,« sagte Jean Oullier, »und wehe dem, der meinen armen Hund getödtet hat!«

Er legte seinen todten Liebling sorgfältig in einen Busch und eilte den Hügel hinan.

VII.
Wem die Hütte gehörte

Die Hütte, auf welche der General den Capitän aufmerksam gemacht hatte, war von zwei Haushaltungen bewohnt. Die beiden Familienväter waren die Brüder Joseph und Pascal Picaut.

Der Vater dieser beiden Brüder hatte 1792 an dem ersten Aufstande in der Landschaft Retz theilgenommen. Er hatte sich zu dem blutdürstigen Souchu gesellt, wie der Pilotenfisch dem Hai, der Schakal dem Löwen folgt, und war bei den furchtbaren Metzeleien am linken Ufer der Loire thätig gewesen. Mit Charette schmollte er, weil dieser neue Anführer nur auf dem Schlachtfelde Blut vergießen wollte; er verließ seine Division und trat in die von dem schonungslosen Jolly, dem alten Chirurgen aus Machecoul befehligte Abtheilung des Insurgentenheeres.

Aber Jolly, der das Bedürfnis der Eintracht erkannte, und das militärische Talent des Befehlshabers der unteren Vendée ahnte, stellte sich unter den Befehl Charette‘s, und Picaut sagte sich wieder von seinen Cameraden los, um unter Stofflet zu kämpfen.

Am 25. Februar 1796 wurde Stofflet mit zwei Adjutanten und zwei Soldaten, die er bei sich hatte, auf dem Meierhofe Poitevinière gefangen genommen.

Der Vendéerhäuptling und die beiden Offiziere wurden erschossen, die beiden Bauern in ihre Dörfer zurückgeschickt.

Picaut, der eine dieser beiden Bauern, hatte sein Haus seit zwei Jahren nicht gesehen.

Er fand zwei große kräftige Jünglinge, die ihn jubelnd empfingen.

Es waren seine beiden Söhne.

Der ältere war siebzehn, der jüngere sechzehn Jahre alt.

Picaut betrachtete mit Wohlgefallen ihren athletischen Körperbau. Er hatte zwei Knaben zurückgelassen und fand zwei tüchtige Krieger wieder.

Aber sie waren, wie er selbst, ganz ohne Waffen. Die Republik hatte ihm seine Büchse und seinen Säbel genommen.

Picaut aber erwartete nicht nur, daß ihm die Republik seine Waffen zurückgeben, sondern auch so großmüthig seyn werde, seine beiden Söhne zu bewaffnen, um sie für das ihm zugefügte Unrecht zu entschädigen Er hatte freilich nicht die Absicht, sich deshalb an die Republik zu wenden.

Am andern Abend gebot er seinen beiden Söhnen, ihre Stöcke zu nehmen, und begab sich mit ihnen auf den Weg nach Torfou, wo eine halbe Infanteriebrigade lag.

Als Picaut, der die gebahnten Wege mied, in der Dunkelheit eine Gruppe von Lichtern erblickte und darin das Ziel seiner Wanderung erkannte, befahl er seinen beiden Söhnen ihm zu folgen, aber alle seine Bewegungen nachzuahmen und still zu stehen, sobald sie das bekannte laute Zwitschern eine plötzlich aufgejagten Amsel hören würden.

Aber statt, wie bisher, querfeldein zu gehen, fing er an, im Schatten der Hecken fort zu kriechen, und von Zeit zu Zeit mit der größten Aufmerksamkeit zu lauschen.

Endlich hört er langsame, gemessene Fußtritte.

Es war ein einziger Mann.

Picaut warf sich platt nieder und kroch in der Richtung fort, wo er das Geräusch gehört hatte.

Seine Söhne folgten seinem Beispiele.

Am Ende des Feldes schaute Picaut durch eine Oeffnung in der Hecke, steckte den Kopf durch dieselbe und schlüpfte wie eine Schlange durch die dornigen Zweige.

Auf der andern Seite der Hecke ahmte er das Pfeifen einer aufgescheuchten Amsel nach.

Auf dieses verabredete Zeichen lagen sie still und richteten sich vorsichtig auf, um über die Hecke zu schauen und ihren Vater zu beobachten.

Picaut befand sich auf einer Wiese, deren langes Gras im Winde wogte.

Am Ende der Wiese, in einer Entfernung von etwa fünfzig Schritten bemerkte man die Fahrstraße, auf welcher eine Schildwache auf und ab ging. Hundert Schritte weiter entfernt war ein Haus, vor welchem eine zweite Schildwache stand Die beiden jungen Leute übersahen die ganze Scene mit einem Blicke, dann richteten sie ihre Blicke wieder auf ihren Vater, der in dem hohen Grase fortkroch.

Als Picaut der Straße bis auf einige Schritte nahe gekommen war, hielt er hinter einem kleinen Busche an.

Der Soldat ging auf und ab, und so oft als er der Stadt den Rücken zukehrte, streifte er mit seinen Kleidern oder Waffen an dem Gebüsche. Und jedes mal zitterten die beiden jungen Leute für ihren Vater.

Plötzlich hörten sie einen leisen Schrei, und ihre an die Dunkelheit gewohnten Augen bemerkten eine schwärzliche Masse, welche sich auf einer Stelle zappelnd bewegte.

Diese Masse bestand auf Picaut und der Schildwache. Der Vendéer hatte dem Soldaten ein Messer in die Brust gestoßen und erwürgte ihn.

Gleich daran kam Picaut zu seinen Söhnen zurück, und wie die vom Raube zurückkehrende Wölfin die Beute unter ihre Jungen vertheilt, gab Picaut seinen Söhnen die Muskete, den Säbel und die Patrontasche des Soldaten.

Mit dieser ersten Ausrüstung konnte man sich die zweite, die dritte noch leichter verschaffen.

Aber es war für Picaut nicht genügend, Waffen zu haben, er suchte auch Gelegenheit, sich derselben zu bedienen. Er sah sich in einem ziemlich weiten Kreise um, und in den Herren von Autichamp, Scepeaux, Puisaye und Bourmont, die noch unter den Waffen waren, fand er nur laue Royalisten, die nicht nach seinem Willen Krieg führten, und von denen keiner seinem Ideal eines Heerführers nahe kam.

Picaut wollte daher lieber Andere unter seinem Befehle haben, als unter schlechten Befehlshabern stehen.

Er warb einige Mißvergnügte und wurde der Führer einer zwar nicht zahlreichen, aber gegen die Republik höchst erbitterten Bande.

Seine Taktik war sehr einfach. Er hatte sein Quartier gemeiniglich im Walde. Am Tage ließ er seine Leute ausruhen; aber nach Einbruch der Nacht verließ er den Wald und lauerte mit seiner kleinen Schaar hinter Hecken und Gebüschen. Wenn ein Lebensmitteltransport oder ein Postwagen erschien, so griff er ihn an und führte ihn weg. Wenn die Transporte selten oder die Postwagen zu gut escortirt waren, so entschädigte sich Picaut an den Vorposten, die er niederschoß, oder an den Meierhöfen der Patrioten, die er in Brand steckte.

Nach den ersten kühnen Streifzügen hatten ihm seine Genossen den Beinamen Sansquartier gegeben, und Picaut, der diesen Titel gewissenhaft verdienen wollte, ermangelte seitdem nie, alle ihm in die Hände fallenden Republicaner, Männer oder Weiber, Civilisten oder Soldaten, Greise oder Kinder, hängen oder erschießen zu lassen.

Er setzte seine Operationen bis 1800 fort. Aber da zu jener Zeit die europäischen Mächte dem ersten Consul einige Ruhe gönnten, oder dieser den europäischen Mächten einige Ruhe gönnten, so faßte Bonaparte, der wahrscheinlich von den Thaten Picaut’s gehört hatte, den Entschluß, dem berüchtigten Bandenführer seine Muße zu widmen: er entsendete gegen Sansquartier kein Armeecorps, sondern zwei vom Polizeiministerium angeworbene Chouans und zwei Brigaden Gendarmerie.

Picaut Sansquartier, der keinen Argwohn hatte, nahm die beiden falsches Brüder in seine Bande auf.

Einige Tage nachher ging er in eine Falle. Er wurde nebst dem größten Theile seiner Bande gefangen genommen.

Picaut bezahlte den blutigen Ruhm, den er sich erworben, mit seinem Kopfe. Da er im Grunde mehr Wegelagerer als Soldat war, so wurde er nicht zum Erschießen, sondern zur Guillotine verurtheilt.

Er bestieg übrigens das Blutgerüst mit vielem Muthe: er verlangte von Anderen so wenig Pardon, wie er selbst gegeben hatte.

Joseph, sein älterer Sohn, wurde sammt den übrigen Gefangenen ins Bagno geschickt. Pascal der jüngere, war entwischt und trieb mit dem Ueberrest der Bande sein abenteuerliches wildes Leben noch eine kurze Zeit. Bald aber wurde er desselben überdrüssig; er näherte sich allmälig wieder den Städten, und eines schönen Tages erschien er in Beaupréau, übergab dem ersten Soldaten, der ihm begegnete, seine Waffen und ließ sich zu dem Stadtcommandanten führen.

Dieser interessirte sich für den armen Teufel, der ihm ganz aufrichtig seine Geschichte erzählte und bot ihm den Eintritt in sein Dragonerregiment an. Im Weigerungsfalle war er genöthigt, ihn an die Gerichtsbehörde auszuliefern. Pascal Picaut, der das Schicksal seines Vaters und Bruders erfahren hatte, konnte nicht lange unschlüssig bleiben. Er wurde Dragoner.

Vierzehn Jahre später nahmen die beiden Söhne Sansquartier’s von ihrem kleinen väterlichen Erbgut Besitz. Die Rückkehr der Bourbons hatte dem älteren Bruder die Pforten des Bagno geöffnet, dem jüngeren den Abschied verschafft. Joseph zumal kehrte aus dem Bagno exaltirter heim, als sein Vater jemals gewesen war; er brannte vor Begierde, sowohl den Tod seines Vaters als die von ihm selbst erduldeten Qualen an den Patrioten zu rächen. Pascal hingegen hatte in seinen neuen Verhältnissen ganz andere Ideen bekommen, er hatte Jahre lang mit Menschen gelebt, für welche der Haß gegen die Bourbons eine Pflicht, der Sturz Napoleons ein Schmerz, der Einzug der Verbündeten eine Schmach war, und das Kreuz, welches er auf der Brust trug, konnte ihn in seinen patriotischen Gefühlen nur bestärken.

Aber ungeachtet des schroffen Gegensatzes in ihren Meinungen, ungeachtet der häufigen Streitigkeiten hatten sich die beiden Brüder nicht getrennt; sie bewohnten gemeinschaftlich das von ihrem Vater hinterlassene Haus und jeder von ihnen bebaute zur Hälfte die umliegenden Garten und Felder.

Beide waren verheirathet, Joseph mit der Tochter eines armen Bauers; Pascal, der durch sein Ehrenzeichen und seine Pension bei den Nachbarn in einem gewissen Ansehen stand, war der Schwiegersohn eines Bürgers zu Saint-Philibert, der, wie er selbst, ein Patriot war.

Das Zusammenleben der beiden Weiber, welche sehr eifrig für ihre Männer Partei nahmen, vermehrte die Elemente der Zwietracht. Bis 1830 blieben die beiden Brüder indeß beisammen.

Die Julirevolution, welche Pascal mit Freude begrüßte, weckte wieder den Fanatismus Josephs. Dazu kam, daß der Schwiegervater seines Bruders Maire von St. Philibert wurde; der Vendéer und sein Weib überhäuften die »Patauds« – so nannte man spottweise die Patrioten – mit den gröbsten Schmähungen, so daß endlich Pascal’s Frau erklärte, sie wolle unter solchen Wahnsinnigen nicht langer leben, da sie sich nicht mehr sicher fühle.

Der alte Soldat war kinderlos und er hatte die Kinder seines Bruders sehr lieb gewonnen. Ein blonder rothtwangiger Knabe zumal war ihm unentbehrlich geworden. Seine einzige Erholung war, den Kleinen stundenlang auf den Knien zu wiegen. Es wurde Pascal bange ums Herz bei dem Gedanken an die Trennung von seinem Adoptivsohne. Er hatte nie aufgehört, seinen älteren Bruder zu lieben, wie sehr er sich auch über ihn zu beklagen hatte; er sah, wie Joseph durch seine zahlreiche Familie verarmte, und da er fürchtete, Joseph werde, sich selbst überlassen, ganz zu Grunde gehen, so weigerte er sich entschieden, den Wunsch seiner Frau zu erfüllen. Man hörte indes auf, gemeinschaftlich zu essen, und da das Haus aus drei Stuben bestand, so überließ Pascal seinem Bruder zwei und begnügte sich mit der dritten, nachdem er die Verbindungsthür hatte zumauern lassen.

Am Abend nach der Verhaftung Oullier‘s war Pascal’s Frau sehr unruhig. Ihr Mann hatte um vier Uhr Nachmittags, nämlich zu der Zeit, wo die Colonne des Generals aus Montaigu abmarschirte, das Haus verlassen. Pascal wollte, wie er sagte, nach La Logerie gehen und mit Courtin eine Rechnung ausgleichen. Es war beinahe acht Uhr, und er war noch nicht zu Hause.

Pascal‘s Frau wartete daher in angstvoller Spannung. Von Zeit zu Zeit verließ sie ihr Spinnrad, um an der Thür zu lauschen.

Ihre Angst wurde noch größer, als sie etwa dreihundert Schritte vom Hause, am Ufer der Boulogne, schießen hörte.

Als keine Schüsse mehr fielen, hörte sie nur noch das Brausen des Windes in den Bäumen und das ferne Heulen eines Hundes.

Der kleine Pierre, der Liebling Pascal’s, kam ebenfalls an die Thür und fragte nach seinem Onkel; aber kaum hatte er sein blondes Köpfchen zur Thür heraus gesteckt, so rief ihn die keifende Stimme seiner Mutter zurück.

Seit einigen Tagen war Joseph anmaßender, unbändiger geworden, und in der Frühe, ehe er nach Montaigu auf den Jahrmarkt ging, hatte er mit seinem Bruder einen Wortwechsel gehabt, der ohne die Gelassenheit des alten Soldaten gewiß in einen heftigen Streit ausgeartet wäre. Pascal‘s Frau getraute sich daher nicht, der Schwägerin ihre Besorgnisse mitzutheilen.

Plötzlich hörte sie Stimmen, die in dem Obstgarten vor dem Hause flüsterten. Sie sprang so heftig auf, daß sie ihr Spinnrad umwarf.

In demselben Augenblicke that sich die Thür auf und Joseph Picaut erschien.

VIII.
Wie Marianne Picaut ihren Mann beweinte

Das in diesem Augenblicke ganz unerwartete Erscheinen Josephs machte auf Marianne Picaut einen so erschütternden Eindruck, daß sie halb todt vor Schrecken auf ihren Stuhl sank.

Joseph trat langsam und ohne ein Wort zu sagen auf seine Schwägerin zu, die ihn mit Entsetzen anstarrte, als ob ihr ein Gespenst erschienen wäre.

Er rückte schweigend einen Stuhl an das Camin, setzte sich und wühlte mit seinem Stocke in der glühenden Asche.

Er war sehr blaß.

»Um Gottes willen, Joseph,« fragte Marianne, »was fehlt Euch denn?«

»Wer sind denn die Patauds, welche diesen Abend bei Euch waren, Marianne?« fragte der Chouan, ohne die Frage zu beantworten.

»Niemand ist hier gewesen,« sagte sie. »Joseph, habt Ihr euren Bruder nicht gesehen?«

»Wer hatte ihn denn von hier weggeführt?« fragte der Chouan, der entschlossen schien, nur zu fragen und nicht zu antworten.

»Ich sage Euch ja, es ist Niemand hier gewesen. Er ist erst um vier Uhr fortgegangen, um dem Maire von La Logerie den Buchweizen zu bezahlen, den er vorige Woche für Euch gekauft hat.«

»Der Maire von La Logerie?« erwiderte Joseph Picaut, die Stirn runzelnd. »Ach! Ja, Courtin – auch ein Erzspitzbube! Ich habe doch Pascal längst gewarnt, und erst heute Früh sagte ich zu ihm: Versuche nicht die Langmuth Gottes, den Du verleugnest, sonst wird Dir ein Unglück geschehen!«

»Joseph! Joseph!« erwiderte Marianne, »wie könnt Ihr den Namen Gottes nennen, während Ihr Worte des Hasses im Munde führt! Pascal hat Euch und die Seinigen so lieb, daß er sich das Brot vom Munde abdarben würde, um es euren Kindern zu geben! Die Streitigkeiten, welche unser Land so unglücklich machen, sollten unsern häuslichen Frieden nicht stören. Behaltet doch eure Meinung und laßt ihm die seine. Sein Gewehr hängt ruhig am Camin, er mengt sich in keine Intrigue und läßt Jedermann in Ruhe, gleichviel zu welcher Partei er gehört; Ihr hingegen geht seit sechs Monaten täglich bis an die Zähne bewaffnet aus, und bei jeder Gelegenheit schimpft Ihr auf die Stadtleute, unter denen ich meine Verwandten habe, und sogar uns möget Ihr nicht in Ruhe lassen.«

»Es ist besser, bewaffnet auszugehen und den Patauds muthig die Spitze zu bieten, als zum Verräther zu werden an Landsleuten und Verwandten, als den Blauen als Führer zu dienen, wenn sie umherziehen, um die Schlösser der Gutgesinnten zu plündern!«

»Wer hat den Soldaten als Führer gedient?«

»Pascal.«

«Wann? Wo?«

»Diesen Abend, bei der Furt.«

»Großer Gott! bei der Furt wurde geschossen!« sagte Marianne erschrocken.

Sie sprang mit Entsetzen auf, denn ihr Blick war auf Josephs Hände gefallen.

»Ihr habt Blut an den Händen!« sagte sie, »von wem ist das Blut, Joseph?«

Der Chouan wollte seine Hände verbergen, aber es war zu spät, er mußte antworten, und er waffnete sich mit dem Haß seines Fanatismus.

»Dieses Blut,« antwortete Joseph, dessen blasses Gesicht plötzlich glühend roth wurde, »es ist das Blut eines Verräthers an Gott, König und Vaterland; es ist das Blut eines Menschen, der vergessen hat, daß die Blauen seinen Vater auf das Blutgerüst und seinen Bruder auf die Galeeren geschickt hatten – und der sich trotzdem nicht entblödet hat, den Blauen Dienste zu leisten!«

»Du hast meinen Mann umgebracht! Du hast deinen Bruder gemordet!« sagte Marianne heftig und drohend.

»Ich nicht,« sagte Joseph.

»Du lügst!«

»Ich schwöre, daß ich nicht Schuld an seinem Tode bin.«

»Wenn das ist, so schwöre mir auch, daß Du mir helfen willst, ihn zu rächen.«

»Ich, Joseph Picaut, soll Euch helfen, euren Mann zu rächen? Nein, nein,« antwortete der Chouan. »Ich habe zwar nicht Hand an ihn gelegt, aber ich kann denen, die ihn todtgeschossen haben, nicht zürnen; ich würde es eben so gemacht haben, wenn ich an ihrer Stelle gewesen wäre, obgleich er mein Bruder war.«

»Wiederhole noch einmal, was Du so eben sagtest,« erwiderte Marianne mit Entsetzen, »ich hoffe Dich nicht recht verstanden zu haben.«

Der Chouan wiederholte seine letzten Worte.

»Dann sey verflucht, so wie ich die Mörder verfluche!« zürnte Marianne und hob ihre Hand drohend über das Haupt ihres Schwagers. »Die Rache, welche ich auf Dich herabwünsche, sie wird in Erfüllung gehen. Und wenn Gott sie nicht vollzieht, so werde ich es thun! – Wo ist er?« setzte sie mit einer Ruhe und Seelenstärke hinzu, die den Chouan ganz betroffen machte, »was haben die Mörder mit seiner Leiche gemacht? Sprich, warum schweigst Du? Du wirst mir doch den Todten nicht vorenthalten?«

»Als ich auf das Knallen der Schüsse herbeieilte,« sagte Joseph, »da athmete er noch; ich nahm ihn in meine Arme, um ihn hierher zu tragen; aber unterwegs verschied er.«

»Und da hast Du ihn in einen Graben geworfen, nicht wahr. Kain? O, ich wollte es nicht glauben, als ich es in der Bibel las!«

»Nein,« erwiderte Joseph, »ich habe ihn im Garten niedergelegt.«

»Mein Gott! mein Gott!« jammerte die arme Frau, deren Körper krampfhaft zitterte. »Vielleicht irrst Du Dich, Joseph – vielleicht athmet er noch, vielleicht ist er mit schneller Hilfe und sorgfältiger Pflege noch zu retten! Komm mit mir, Joseph, komm – und wenn er noch lebt, so will ich Dir verzeihen, daß Du der Freund seiner Mörder bist.«

Sie nahm die Lampe und stürzte auf die Thür zu. Aber Joseph Picaut folgte ihr nicht; er lauschte auf ein Geräusch, in weichem er die Hufschläge und die gemessenen Fußtritte einer marschirenden Truppe erkannte. Er wartete, bis das Licht der Lampe, welche seine Schwägerin trug, nicht mehr bis an die Hausthür reichte; dann schlich er aus der Thür, ging rasch um die Gebäude und sprang über die Hecke und lief auf den Wald von Machecoul zu, dessen dunkle Umrisse in einer Entfernung von fünfhundert Schritten sichtbar waren.

Die arme Marianne lief, halb wahnsinnig, im Garten hin und her, ohne ihre Blicke auf den Lichtkreis der Lampe zu beschränken: es schien ihr, daß ihre Augen die Dunkelheit durchdringen konnten.

Plötzlich strauchelte sie an einer Stelle, wo sie schon zwei- oder dreimal vorübergegangen war – ihre vorgehaltenen Hände griffen einen menschlichen Körper, der mit dem Rücken an den Zaun gelehnt war.

Sie schrie laut auf, warf sich auf den Todten, schloß ihn in ihre Arme, hob ihn auf, trug ihn in die Hütte und legte ihn aufs Bett.

Josephs Frau eilte herbei. Als sie den Leichnam ihres Schwagers sah, vergaß sie allen bisherigen Hader, sie fiel auf die Knie und schluchzte laut.

Marianne nahm das Licht, welches ihre Schwägerin mitgebracht hatte – denn ihr Licht hatte sie im Garten zurückgelassen – und beleuchtete das Gesicht ihres Mannes.

Pascal Picaut hatte Mund und Augen offen, als ob er noch lebte. Marianne legte die Hand auf sein Herz – es hatte aufgehört zu schlagen.

Sie weinte nicht; ihre Augen sprühten Feuer.

»Das ist das Wort des Chouans!« sagte sie mit einer Stimme, welche die immerfort weinende und betende Schwägerin mit Schrecken erfüllte. »Das hat Joseph aus seinem Bruder gemacht. Ich schwöre bei dieser Leiche, daß ich nicht ruhen will, bis die Mörder diese That mit ihrem Blute bezahlt haben!«

»Ihr sollt nicht lange warten, arme Frau,« sagte eine Männerstimme.

Die beiden Frauen sahen sich um und bemerkten einen in einen Mantel gehüllten Offizier, der unbemerkt eingetreten war.

Vor der Thür blitzten Bajonnete aus der Dunkelheit hervor. Draußen wieherten die Pferde.

»Wer sind Sie?« fragte Marianne.

»Ein alter Soldat, wie euer Mann; ich habe manches Schlachtfeld gesehen und habe wohl das Recht, Euch den Trost zuzurufen: Die für das Vaterland Gefallenen soll man nicht beklagen, sondern rächen.«

»Ich beklage ihn nicht,« erwiderte die Witwe, sich stolz aufrichtend. »Wie kommen Sie in diese Hütte? Was wollen Sie von uns?«

»Euer Mann sollte uns auf einem wichtigen Marsch, den wir zum Besten dieses unglücklichen Landes unternehmen, als Führer dienen. Wir hoffen ferneres Blutvergießen für eine verlorene Sache zu verhüten. Könnt Ihr uns nicht einen Stellvertreter zuweisen?«

»Werden Sie Chouans auf Ihrem Marsche antreffen?« fragte Marianne.

»Sehr wahrscheinlich,« antwortete der Offizier.

»Nun, dann will ich an seine Stelle treten,« sagte die Witwe, indem sie die Flinte ihres Mannes vom Nagel nahm. »Wohin wollen Sie? Ich will Ihnen den Weg zeigen; Sie zahlen mir den Führerlohn in Patronen.«

»Wir wollen in das Schloß Souday.«

»Gut, ich will Sie führen; ich weiß den Weg.«

Sie darf noch einen Blick auf die Leiche ihres Mannes und verließ das Haus. Der General folgte.

Josephs Frau blieb bei der Leiche und betete.

IX.
Wo die Liebe bei der Politik Dienste nimmt

Der junge Baron Michel war, als wir ihn verließen, im Begriff, einen wichtigen Entschluß zu fassen.

Als er eben mit sich selbst im Klaren zu seyn glaubte, hörte er draußen Fußtritte .

Er warf sich schnell auf sein Bett und schloß die Augen, sperrte aber den Mund auf.

Die Fußtritte gingen, an seiner Thür vorüber und kamen, ohne anzuhalten, gleich darauf zurück.

Es waren nicht die Fußtritte seiner Mutter, und es war auch nicht auf ihn abgesehen.

Der junge Baron schlug die Augen wieder auf und fing wieder an nachzudenken.

Der Entschluß, den er jetzt fassen sollte, war für seine ganze Zukunft entscheidend. Er sollte mit seiner Mutter brechen, deren Wille für ihn Gesetz gewesen war; er sollte alle von ihr entworfenen und für ihn so verlockenden ehrgeizigen Pläne aufgeben; er sollte auf alle Ehren und Würden verzichten, welche das Julikönigthum dem jungen Millionäre in Aussicht stellte, und sich an einem tollkühnen Unternehmen betheiligen, welches Verbannung, Verlust des Vermögen, ja den Tod im Gefolge haben konnte, ohne irgend einen Erfolg zu versprechen.

Alles dies mußte er wagen – oder Mary vergessen.

Michel sann eine kleine Weile – nach, er war nicht unschlüssig.

Eigensinn ist die erste Folge der Schwäche, sie steigert ihn zuweilen sogar bis zum rücksichtslosen Wahnsinn.

Der junge Baron wurde überdies durch zu viele triftige Gründe zu einem raschen Entschlusse getrieben. Die Ehre machte ihm zur Pflicht, den Grafen von Bonneville zu warnen, und er fürchtete nur, daß es schon zu spät sey.

Nach kurzem Besinnen faßte er seinen Entschluß.

Ungeachtet aller Vorsichtsmaßregeln seiner Mutter hatte der junge Baron Michel schon viele Romane gelesen; er wußte, daß man nöthigenfalls aus Betttüchern eine Strickleiter machen konnte, und er dachte anfangs wirklich daran, die Fenster seines Zimmers waren gerade über der Dienstbotenstube, wo man ihn gewiß herabkommen sehen würde, obschon es anfing dunkel zu werden. Ueberdies fürchtete er hinunterzustürzen, denn seine Fenster waren ziemlich hoch über dem Erdboden, und die Leiter konnte reißen.

Vor seinen Fenstern stand eine große Pappel, deren Aeste nur vier bis fünf Fuß von der Mauer entfernt waren. Wie wenig der junge Mann auch im Klettern geübt war, so schien es ihm doch ganz leicht, an der Pappel hinunterzusteigen; aber er mußte die Zweige erreichen, und einen solchen Sprung mochte er doch nicht wagen.

Die Noth machte ihn erfinderisch. Er hatte beim Durchsuchen des Zimmers einen ganzen Angelapparat gefunden, mit welchem er vormals im See Grand-Lieu Karpfen und Gründlinge gefangen hatte, ein harmloses Vergnügen welches selbst die übertriebene Aengstlichkeit der Mutter gestattet hatte.

Er nahm eine Angelruthe und befestigte an der Schnur einen Haken. Die Angelruthe stellte er ans Fenster, nahm ein Bettuch, und beseitigte an demselben einen Leuchter. Er brauchte einen etwas schweren Gegenstand, und der Leuchter fiel ihm gerade in die Hände.

Er warf nun den Leuchter so, daß derselbe hinter einem dicken Aste der Pappel niederfiel. Dann faßte er das herabhängende Ende mit dem an der Ruthe befestigten Angelhaken und zog es an sich. Die beiden Enden band er nun am Fensterkreuz fest, so, daß zwischen dem Fenster und der Pappel eine Art Hängebrücke hergestellt war.

Der junge Baron setzte sich rittlings auf diese Brücke, wie ein Matrose auf eine Raae, und vorsichtig fortrutschend erreichte er bald den Ast, dann den Baum und endlich den Erdboden.

Ohne sich zu kümmern, ob er gesehen würde oder nicht, lief er über den Rasenplatz. Den Weg nach Souday wußte er jetzt so gut wie irgend Jemand.

Als er auf der Höhe Roche-Servière war, hörte er ein Gewehrfeuer, seiner Berechnung nach zwischen Montaigu und dem See Grand-Lieu.

Er ward tief erschüttert. Jeder Schuß fand einen peinlichen Widerhall in seinem Herzen. Diese Schüsse zeigten vielleicht die höchste Gefahr für die ihm theuren Wesen an, und dieser Gedanke war ihm entsetzlich. Mary konnte ihm vielleicht die Schuld an dem Unglück zuschreiben, das er von ihr, und ihrer Schwester von ihrem Vater und ihren Freunden hätte abwenden können.

Er ging noch schneller als bisher, er lief, und bald erreichte er die ersten Bäume des Waldes von Machecoul.

Statt aus der Fahrstraße fortzugehn, schlug er den etwas nähern, ihm schon wohl bekannten Fußpfad ein.

Unter den Bäumen war’s ganz finster, und er stieß von Zeit zu Zeit an einen Stein oder blieb an einem Dornstrauch hängen.

Endlich kam er in das sogenannte »Teufelsthal.«

Als er eben über den in der Tiefe fließenden Bach springen wollte, sprang ein Mann aus einem Busch hervor und faßte ihn so ungestüm, daß er ihn rücklings in den Bach warf.

»Kein Wort, oder Ihr seyd des Todes!« sagte der Unbekannte, und hielt ihm die Mündung eines Pistoles an die Schläfe.

Es verging wohl eine Minute, ohne daß einer von Beiden weiter ein Wort sprach. Der Wegelagerer hatte dem jungen Baron ein Knie auf die Brust gesetzt, und blieb selbst regungslos, als ob er Jemand erwartete.

Endlich als der Jemand nicht erschien, schrie er wie ein Uhu.

Ein ähnlicher Schrei antwortete ihm aus dem Innern des Waldes; dann hörte man rasche Fußtritte, und eine in der Dunkelheit nicht erkennbare Gestalt kam an den Bach.

»Bist Du es, Picaut?« fragte der Mann, der den jungen Baron festhielt.

»Nein,« war die Antwort, »ich bin’s Jean Oullier.«

»Jean Oullier!« erwiderte der Erste mit so freudiger Ueberraschung, daß er sich halb aufrichtete. »Wirklich! seyd Ihr’s? Ihr seyd also den rothen Hosen glücklich entwischt?«

»Ja, Ihr habt sie aufgehalten, Freunde. Doch wir haben keine Minute zu verlieren, wenn wir großes Unglück verhüten wollen.«

»Was ist zu thun? Jetzt, da Du frei und bei uns bist, geht Alles gut.«

»Wie viele Leute hast Du bei Dir?«

»Wir gingen unser Acht von Montaigu fort; die jungen Leute von Vieille-Vigne haben sich zu uns gesellt, wir werden jetzt Fünfzehn bis Achtzehn beisammen seyn.«

»Wie viele Flinten habt Ihr?«

»Jeder hat eine.«

»Gut. Wo hast Du sie aufgestellt?«

»Am Rande des Waldes.«

»Du mußt sie Alle zusammenberufen. Du kennst doch den Kreuzweg?«

»So gut wie meine Tasche.«

»Dort müßt Ihr die Soldaten erwarten. Wenn sie auf zwanzig Schritte nahe gekommen sind, commandirst Du Feuer. Ihr schießet so viele nieder wie möglich —«

»Gut, und dann?«

»Sobald Ihr geschossen habt, trennt Ihr Euch in zwei Banden. Die eine flieht auf dem Fußpfade nach La Cloutière zu, die andere auf dem Wege nach Bourguieux. Natürlich schießt Ihr auf der Flucht; Ihr müßt sie anlocken.«

»Natürlich um sie von ihrem Wege abzubringen.«

»Ganz recht, Guérin, das ist die Hauptsache.«

»Aber was wollt Ihr thun, Jean Oullier?«

»Ich laufe nach Souday – ich muß in zehn Minuten dort seyn.«

»Oho!« sagte der Bauer zweifelnd.«

»Was? traut man mir etwa nicht?« erwiderte Jean Oullier.

»Gott behüte! ich meine, daß wir keinem Andern trauen.«

»Ich sage Dir, daß ich in zehn Minuten zu Souday seyn muß. Und wenn Jean Oullier sagt, es muß seyn, so geschieht es auch. Du mußt die Soldaten eine halbe Stunde aufhalten, mehr verlange ich nicht von Dir.«

»Aber wenn unsere Leute die Soldaten nicht auf offener Straße erwarten wollen?«

»Du mußt es ihnen im Namen des lieben Gottes befehlen.«

»Dir würden sie wohl gehorchen, aber mir – Joseph Picaut ist dabei, und Du weißt wohl, daß er immer seinen Willen haben will.«

»Aber wer soll für mich nach Souday gehen?»

»Ich, wenn Ihr mich schicken wollt,« sagte eine Stimme, die aus der Erde zu kommen schien.

»Wer spricht da?« fragte der Waldhüter.

»Ein Gefangener, den ich so eben angehalten habe,» antwortete der Chouan.

»Wie heißt er?«

»Ich habe ihn nicht um seinen Namen gefragt.«

»Nennt euren Namen,« sagte Jean Oullier.

»Ich bin der Baron de La Logerie,« erwiderte der Gefangene, der sich aufrichtete, nachdem ihm die eiserne Faust des Vendéers einige Freiheit gelassen.

»So! Monsieur Michel hier!« sagte Jean Oullier mit Ingrimm.

»Ja, ich wollte nach Souday, um meinem Freunde Bonneville und Petit-Pierre anzuzeigen, daß ihr Aufenthalt bekannt sey.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich erfuhr es gestern Abends aus einem Gespräch meiner Mutter mit Courtin.«

»Warum haben Sie denn so lange gezögert, Ihren Freund zu warnen?« entgegnete Jean Oullier höhnisch.

»Weil mich die Baronin in mein Zimmer eingesperrt hatte; ich konnte erst diesen Abend mit Lebensgefahr aus dem Fenster steigen.«

Jean Oullier sann einige Augenblicke nach. Seine Erbitterung gegen Alles, was von La Logerie kam, war so groß, daß er von dem jungen Baron nicht den mindesten Dienst annehmen mochte; denn ungeachtet seiner offenen Sprache glaubte der argwöhnische Vendéer hinter dem Anerbieten einen Verrath zu wittern.

Er sah indeß ein, daß Guérin Recht hatte, daß er allein genug Gewalt über die Chouans hatte, sie zu einem offenen Angriff zu bewegen, daß er allein die nöthigen Vorkehrungen zu einem nachdrücklichen Widerstande treffen konnte.

Andererseits bedachte er, daß Michel dem Grafen von Bonneville besser als ein Bauer die drohende Gefahr erklären würde, und fügte sich murrend in das Unvermeidliche.

»Nun, so gehen Sie!« sagte er endlich mit einem derben Fluch, denn sein Groll sträubte sich noch gegen den Gedanken, dem jungen Gutsherrn von La Logerie Dank schuldig zu seyn. »Gehen Sie! Aber haben Sie auch gute Füße«

»O ja; Fräulein Bertha könnte es bezeugen, wenn sie hier wäre.«

»Fräulein Bertha!« sagte Jean Oullier, dessen Gesicht sich verfinsterte.

»Allerdings. Ich holte den Arzt für den Vater Tinguy, und war in fünfzig Minuten wieder zurück.«

Jean Oullier schüttelte zweifelnd den Kopf.

»Gebt nur auf eure Feinde Acht,« setzte Michel hinzu, »und verlaßt Euch auf mich. Ihr wolltet den Weg nach Souday in zehn Minuten machen, ich werde in fünf Minuten dort seyn.«

Der junge Baron schüttelte den Schlamm von seinen Kleidern und wollte fort.

»Sie kennen doch den Weg?« fragte ihn Jean Oullier.

»Ich kenne ihn so gut wie die Wege im Parke zu La Logerie. – Ich wünsche Euch viel Glück Jean Oullier!« rief er dem Vendéer zu und verschwand in der Dunkelheit.

Oullier starrte eine Weile in tiefen Gedanken vor sich hin. Es war ihm höchst unangenehm, daß der junge Baron die Umgebungen des Schlosses Souday so genau kannte.

»Nun, wir wollen’s schon hintertreiben, wenn wir Zeit haben,« murrte er für sich. Dann wendete er sich zu Guérin: »Jetzt rufe deine Leute!«

Der Chouan zog einen Holzschuh aus, hielt ihn an den Mund und blies hinein, so dass er das Geheul eines Wolfes nachahmte.

»Glaubst Du, dass sie es hören?« sagte Jean Oullier.

»Ganz gewiß, ich habe mich vor den Wind gestellt, um sie nöthigenfalls zusammenzurufen.«

»Dann brauchen wir hier nicht zu warten. Wir wollen uns auf den Kreuzweg begeben. Du kannst sie ja unterwegs noch anrufen; dadurch gewinnen wir Zeit.«

»Wie weit bist Du den Soldaten voraus?« fragte Guérin, indem er Jean Oullier durch das Dickicht folgte.

»Eine gute halbe Stunde; sie hatten bei dem Meierhofe La Pichardière angehalten.«

»La Pichardière?« fragte Guérin erstaunt.

»Ja wohl; sie werden Pascal Picaut geweckt und zum Führer genommen haben —«

»Der Pascal Picaut wird Niemand mehr führen; er wird nicht wieder erwachen,« sagte der Chouan ernst.

»So! er war’s also —«

»Ja, er war’s.«

»Und Du hast ihn erschlagen?«

»Er wehrte sich und rief um Hilfe. Die Soldaten auf Schußweite von uns – es mußte seyn —«

»Armer Pascal!« sagte Jean Oullier.

»Ja,« erwiderte Guérin, »er war ein braver Mann, wenn er auch ein Pataud war.«

»Und sein Bruder Joseph?«

»Sein Bruder – sah zu,« sagte der Chouan.

Jean Oullier schüttelte sich, wie ein Wolf, der eine Ladung Rehpfosten in die Rippen bekommt. Der starre unbeugsame Mann war auf alle Folgen eines furchtbaren Kampfes gefaßt, wie in einem Bürgerkriege der Kampf zu seyn pflegt; aber diese Schreckensscene erfüllte ihn doch mit Entsetzen.

Um dem Chouan seine Gemüthsbewegung zu verbergen, ging er rascher durch das Dickicht fort. Guérin, der übrigens von Zeit zu Zeit stillstand, um in seinen Holzschuh zu blasen, vermochte ihm kaum zu folgen.

Plötzlich hörte er seinen Vordermann leise pfeifen.

Sie waren an eine Stelle des Waldes gekommen; welche die »Baugéschlucht« genannt wird.

Sie waren nun nicht weit mehr von dem Kreuzwege.

X.
Die Baugéschlucht

Guérin, durch den erwähnten leisen Pfiff gerufen, holte Jean Oullier bald ein. Der alte Waldhüter war unschlüssig.

Die Baugéschlucht ist ein zwischen Felsen eingekeilter Morast. Auf der einen Seite führt der Weg nach Souday über eine fast senkrecht aufsteigende Höhe. Die Colonne der »Rothhosen«, wie Guérin die Soldaten nannte, mußte zuerst durch die morastige Schlucht vorrücken und dann die steile Anhöhe erklimmen.

Jean Oullier war an eine Stelle gekommen, wo der Weg über den Morast mit Pfählen und Faschinen hergestellt ist und nachher die Anhöhe hinaufführt.

»Nun, worüber denkst Du nach?« fragte Guérin.

»Ich denke,« erwiderte Jean Oullier, »daß dieser Platz vielleicht besser wäre als der Kreuzweg.«

»Du hast Recht,« sagte Guérin zumal da hier ein Wagen steht, hinter dem man sich verstecken könnte.«

Jean Oullier, der den Wagen nicht gesehen oder nicht beachtet hatte, nahm denselben in Augenschein.

Es war ein schwerer mit Holz beladener Wagen, den die Fuhrleute, wahrscheinlich von der Dunkelheit überrascht, zurückgelassen hatten, weil sie den schmalen Weg über den Morast in der Nacht für gefährlich halten mochten.

»Ich habe, einen Plan,« sagte Jean Oullier, indem er bald den Holzwagen, bald den steilen Berg betrachtete, »nur müßten unsere Leute hierherkommen.«

»Da sind sie, sagte Guérin. »Sieh nur – dort kommt Patoy – und die Brüder Gambier – und die Leute von Vieille-Vigne. Joseph ist auch dabei.«

Jean Oullier wandte sich ab, um Joseph Picaut nicht zu sehen.

Die Chouans kamen wirklich von allen Seiten, aus allen Büschen hervor.

Bald waren sie alle versammelt.

»Höret,« sagte Jean Oullier, »seitdem die Vendée angefangen hat zu kämpfen, haben ihre Söhne nie mehr Muth und festen Glauben nöthig gehabt, als heute. Wenn wir die Soldaten Louis Philipps nicht aufhalten, so ist ein großes Unglück zu fürchten, und der schwer erkämpfte Ruhm unseres Heimatlandes wird erlöschen. Ich für meine Person bin fest entschlossen, lieber meine Knochen in dieser Schlucht zu lassen, als dieser höllischen Colonne den Durchmarsch zu erlauben.«

»Wir auch!« sagten alle Stimmen.

»Das habe ich erwartet von den tapferen Männern, die mir von Montaigu folgten, um mich zu befreien, die mich gerettet haben. Vor Allem wollen wir diesen Wagen den Berg hinaufschieben.«

Die Chouans waren bereit. Es wurde sogleich Hand an’s Werk gelegt. Einige schoben an den Rädern, Andere hinten; acht bis zehn zogen an der Gabeldeichsel. So brachten sie den Wagen auf die Anhöhe, wo er dicht am Rande des Abhanges mit Steinen gestützt wurde, um das Zurückrollen zu verhüthen.

»Jetzt stellt Ihr Euch zu beiden Seiten der Schlucht auf und wenn’s Zeit ist, nämlich sobald ich »Feuer« rufe, schießet Ihr. Wenn die Soldaten, wie ich hoffe, umkehren und Euch verfolgen, so zieht Ihr Euch langsam gegen Grand-Lieu zurück, um sie von Souday wegzulocken. Wenn sie hingegen weiter marschiren, so laufen wir Alle an den Kreuzweg, um sie dort zu erwarten. Dort müssen wir Stand halten und nöthigenfalls unser Leben lassen.«

Die Chouans stellten sich zu beiden Seiten der Schlucht auf. – Jean Oullier blieb mit Guérin allein.

Er warf sich nieder und legte ein Ohr auf den Erdboden.

»Sie kommen.« sagte er nach einer kleinen Pause; sie sind auf dem Wege nach Souday, der ihnen bekannt zu seyn scheint. Aber wo konnten sie einen Führer gefunden haben? Pascal Picaut ist todt —«

»Sie werden auf dem Meierhofe einen Bauer gezwungen haben, den Weg zu zeigen.«

»Dann ist’s wieder Einer, den wir Ihnen wegblasen müssen. Und wenn sie tief im Walde von Machecoul ohne Führer umherirren, so kommt Keiner von ihnen wieder nach Montaigu.«

»Hast Du denn kein Gewehr, Jean Oullier?« fragte der Chouan.

»Ich habe eines, das ihnen mehr Schaden thun wird, als deine Büchse,» erwiderte der alte Vendéer lachend. »Sey nur ruhig; wenn Alles geht, wie ich hoffe, wird’s in der Baugéschlucht nicht an Gewehren fehlen.«

Jean Oullier stand wieder auf und ging auf den Holzwagen zu.

Es war Zeit. Als er stillstand und lauschte, hörte er drüben am andern Abhange die Steine herabrollen, die von den Hufen der Pferde losgemacht wurden, und er sah einige Funken, welche die Hufeisen aus den Kieseln schlugen.

Die stille Nachtluft befand sich überdies in einer gewissen Schwingung, welche das Herannahen einer bewaffneten Schaar verkündet.

»Jetzt, Guérin, geh zu den Leuten,« sagte Jean Oullier, »ich bleibe hier.«

»Warum denn?«

»Du wirst es bald sehen.«

Guérin gehorchte.

Jean Oullier kroch hinter den Holzwagen und wartete.

Kaum hatte sich Guérin bei seinen Cameraden aufgestellt, so erschienen die beiden vorausreitenden Husaren am Rande des Morastes.

Sie hielten an, als sie die Terrainschwierigkeiten sahen.

»Nur geradeaus!« rief ihnen eine laute weibliche Stimme zu.

Die beiden Husaren ritten auf dem Faschinenwege fort; sie erreichten glücklich die Anhöhe und kamen dem Holzwagen immer näher.

Als sie nur noch zwanzig Schritte von demselben entfernt waren, kroch Jean Oullier unter den Wagen und klammerte sich mit den Händen an die Vorderachse, mit den Füssen an die Gabeldeichsel. Zu dieser Stellung blieb er regungslos.

Bald kamen die beiden Husaren an den Holzwagen. Sie nahmen ihn genau in Augenschein, aber da sie nichts Verdächtiges bemerkten, so ritten sie weiter.

Die Colonne hatte nun ebenfalls den Morast erreicht. Die Witwe ging voran; dann folgte der General; hinter ihm ritten die Husaren. Zuletzt kam die Infanterie.

In dieser Ordnung bewegte sich der Zug über den Morast.

Aber als die Spitze der Colonne den Fuß des steilen Hügels erreichte, krachte es von der Höhe herab wie ein heftiger Donnerschlag, der Boden zitterte unter den Füßen der Soldaten und eine Art Lawine stürzte mit Blitzesschnelle in die Schlucht.

»Tretet auf die Seite!« rief der General mit seiner Commandostimme, welche ungeachtet des furchtbaren Getöses deutlich gehört wurde.

Er faßte die Witwe beim Arm, gab seinem Pferde die Sporen und sprengte in das Gebüsch.

Der General dachte vor Allem an seine Führerin; diese war für den Augenblick unersetzlich.

Er war mit seiner Führerin gerettet.

Aber die meisten Soldaten hatten nicht Zeit, den Befehl ihres Anführers zu vollziehen. Sie wußten nicht, welchen neuen Feind sie zu bekämpfen hatten, und wie betäubt durch das furchtbare Getöse blieben sie mitten auf dem Wege. Der Holzwagen – denn diesen hatte Jean Oullier von dem fast senkrechten Abhange hinuntergestürzt – fiel mitten unter sie wie ein ungeheures Wurfgeschoß. Einige unter der gewaltigen Last zermalmend, Andere mit den umherfliegenden Trümmern verwundend.

Während die Soldaten noch vom Schrecken betäubt waren, rief die Stimme des Generals:

»Vorwärts! Soldaten, vorwärts! Wir müssen diesen Hinterhalt so schnell als möglich verlassen!«

Aber in demselben Augenblicke Commandirte eine nicht minder starke Stimme:

»Feuer!«

Aus allen Büschen zu beiden Seiten der Schlucht krachten Schüsse und ein Kugelregen schlug in die kleine Colonne.

Die Stimme; welche Feuer kommandirte, hatte sich vor der Colonne hören lassen, die Schüsse krachten hinter ihr. Der General durchschaute das Manöver: man wollte ihn vom Wege ablocken.

»Vorwärts« rief er seinen Soldaten zu, »haltet Euch nicht mit Plänkeln auf. Vorwärts!«

Die Truppe marschirte im Sturmschritt weiter und erreichte trotz dem anhaltenden Gewehrfeuers den Gipfel des Hügels.

Während der General mit seinen Soldaten hinauf marschirte, lief Jean Oullier durch die Gebüsche in die Schlucht hinunter und befand sich wieder unter seinen Genossen.

»Bravo!» sagte Guérin. »Wenn wir nur zehn Arme gehabt hatten, wie die deinigen, und einige mit Holz beladene Wagen, so wären wir jetzt von den verwünschten Rothhosen befreit!«

»Ich bin nicht so zufrieden wie Du,« erwiderte Jean Oullier, »ich hoffte, sie würden umkehren, aber ich habe mich getäuscht, sie scheinen weiter marschiren zu wollen. Geschwind also zum Kreuzwege! Dort müssen wir sie erwarten!«

»Wer behauptet denn, daß die Rothhosen weiter marschiren?« fragte eine Stimme.

Jean Oullier ging auf die Stelle zu, von welcher die Stimme herkam und erkannte Joseph Picaut.

Der Vendéer war mit der Plünderung einiger gefallenen Soldaten eifrig beschäftigt.

Der alte Waldhüter wandte sich mit Widerwillen ab.

»Höre ihn an,« sagte Guérin leise zu Jean Oullier, »er sieht in der Nacht so gut wie eine Katze und sein Rath ist nicht zu verachten.«

»Und ich behaupte,« setzte Joseph Picaut hinzu und steckte seine Beute in einen Schnappsack des er immer bei sich trug, »ich behaupte, daß die Blauem seitdem sie die Anhöhe erreicht haben, nicht von der Stelle gegangen sind. Habt Ihr denn keine Ohren? Hört Ihr denn nicht, wie sie dort oben trampeln, wie Schafe in den Hürden?«

»Wir müssen Gewißheit haben,« sagte Jean Oullier zu Guérin, denn er konnte es nicht über sich gewinnen, Joseph Picaut zu antworten.

»Du hast Recht,« erwiderte Guérin, »ich will hinauf gehen.«

Der Vendéer stieg den Abhang halb hinauf; dann warf er sich platt auf die Erde und kroch wie eine Schlange durch die Gebüsche und zwischen den Felsen hin.

So kam er nahe an den Gipfel des Hügels. Etwa dreißig Schritte vom Wege richtete er sich auf, steckte seinen Hut auf einen Zweig und schüttelte diesen.

Sogleich fiel ein Schuß und eine Kugel warf den Hut von dem Zweige herab.

»Er hat Recht,« sagte Jean Oullier, der unten in der Schlucht den Knall hörte. »Aber wie kommt es, daß sie ihren Plan aufgeben? Ob der Führer umgekommen ist?«

»Der Führer ist nicht umgekommen,« sagte Joseph Picaut.

»Hast Du ihn denn gesehen?« fragte eine Stimme, denn Jean Oullier schien entschlossen, mit Picaut sein Wort zu sprechen.

»Ja,« antwortete der Chouan.

»Und erkannt?«

»Ja.«

»Sie scheinen die Luft in der morastigen Schlucht für ungesund zu halten,« sagte Jean Oullier für sich, »hinter den Felsen haben sie unsere Kugeln nicht zu fürchten, und sie werden wahrscheinlich bis, Tagesanbruch bleiben.«

Der Vendéer schien Recht zu haben. Denn man sah auf der Höhe einige anfangs kleine Lichter schimmern und bald loderten fünf Wachtfeuer hell empor.

»Das ist sehr sonderbar, wenn der Führer noch bei ihnen ist.« sagte Jean Oullier. »Nun, möglich ist’s immer; und wenn sie ihren Entschluß ändern, so müssen sie auf jeden Fall den Kreuzweg passieren.« – Er sah, sich um und bemerkte Guérin, der eben zurückkam. »Du gehst mit deinen Leuten an den Kreuzweg. Du weißt, was Du zu thun hast, wenn sie weiter marschieren, sind sie aber entschlossen, hier oberhalb der Schlucht den Tag zu erwarten, so kannst Du sie in einer Stunde ungestört bei ihrem Feuer frieren lassen, es ist nicht nöthig sie anzugreifen.«

»Warum denn nicht?« fragte Joseph Picaut.

Als Anführer und auf einen von ihm gegebenen Befehl befragt, war Jean Oullier genöthigt zu antworten:

»Weil es Unrecht ist,« sagte er, »das Leben braver-Leute unnütz aufs Spiel zu setzen.«

»Saget nur gerade heraus, Oullier —«

»Was?« fragte der alte Waldhüter, ihm hastig ins Wort fallend.

»Saget nur: weil meine gnädige Herrschaft das Leben dieser braven Leute nicht mehr braucht. Das wäre die reine Wahrheit, Jean Oullier.«

»Wer sagt, daß Jean Oullier jemals gelogen?« fragte der alte Waldhüter, die Stirn runzelnd.

»Ich sage es!« erwiderte Joseph Picaut.

Jean Oullier ballte zornig die Fäuste, aber er bezwang sich; er schien entschlossen, mit dem Galeerensträfling weder Freundschaft noch Streit zu haben.

»Ich behaupte,« fuhr Picaut fort, »daß Ihr uns nicht aus Sorge für unser Leben hindern wollt, unsern Sieg zu benutzen, sondern weil Ihr uns nur in den Kampf geschickt habt, um die Rothhosen von der Plünderung des Schlosses Souday abzuhalten.«

»Joseph Picaut,« antwortete Jean Oullier mit Ruhe, »wir tragen wohl die gleiche Cocarde, aber wir wandeln nicht dieselben Wege und haben nicht das gleiche Ziel vor Augen. Ich habe immer geglaubt, die Menschen wären Brüder, gleichviel welche Meinungen sie haben, und ich suche jedes unnütze Blutvergießen zu vermeiden. Was mein Verhältniß zu meiner Herrschaft betrifft, so habe ich Gehorsam, und Ehrerbietung stets als das erste Gesetz eines Christen betrachtet, zumal wenn der Christ ein armer Bauer ist, wie Ihr und ich. Gehorsam zumal halte ich für erste Pflicht des Soldaten. Ich weiß wohl, daß Ihr nicht so denkt. Unter anderen Verhältnissen würde ich Euch für eure Worte vielleicht züchtigen; aber in diesem Augenblicke gehöre ich nicht mir – und Ihr möget Gott dafür danken!«

»Nun, aufgeschoben ist nicht aufgehoben,« sagte Joseph Picaut höhnisch lachend. »Wenn Ihr wieder Besitzer eurer Person geworden seyd, so wißt Ihr mich zu finden, Jean Oullier – und Ihr werdet mich nicht lange suchen.«

Dann wandte er sich zu der kleinen Schaar und setzte hinzu:

»Wer unter Euch der Meinung ist, daß es thöricht sey, den Hasen auf dem Anstande zu erwarten, wenn man ihn im Lager überfallen kann, der komme mit mir!«

Er machte eine Bewegung, um sich zu entfernen.

Aber Niemand antwortete, Niemand folgte ihm.

Joseph Picaut, über das allgemeine Stillschweigen erzürnt, ging in den Wald.

Jean Oullier nahm seine Worte für Prahlerei und zuckte die Achseln.

»Jetzt geschwind,« sagte er zu den Chouans, »zum Kreuzwege! Gehet am Bache hinunter bis zum Buchengehäge und in einer Viertelstunde seyd Ihr dort!«

»Und Ihr?« fragte Guérin.

»Ich eile nach Souday,« antwortete der alte Waldhüter, »ich will sehen, ob der Sohn Michel Wort gehalten hat.«

Die kleine Schaar entfernte sich. Jean Oullier blieb allein.

Er lauschte eine kleine Weile auf das Plätschern des Baches, in welchem die Chouans fortgingen; aber bald verlor sich das Geräusch in dem Brausen der kleinen Wasserfälle, und Jean Oullier wandte den Kopf nach der Seite hin, wo die Soldaten Halt gemacht hatten.

Die Felsen, auf denen die Colonne sich gelagert hatte bildeten eine von Osten nach Westen bis gegen Souday sich erstreckende Kette. Im Osten endete sie etwa zweihundert Schritte von der Stelle, wo der oben beschriebene Austritt stattgefunden, in einem sanften Abhange, an dessen Fuße der Bach floß, welchem die Chouans gefolgt waren, um das Lager der Soldaten zu umgeben. Gegen Westen erstreckte sie sich etwa eine halbe Meilee lang und in der Nähe von Souday wurde sie höher und steiler. Auf einer Seite war ein tiefer von senkrechten Felsen gebildeter Abgrund, in welchem der Bach floß.

In diesen Abgrund war Jean Oullier vielleicht zweimal in seinem Leben hinabgestiegen, um einem von den Hunden verfolgten Eber den Weg abzuschneiden. Er hatte dabei einen schmalen, ins Gestrüpp verborgenen Pfad, den sogenannten »Ziegenweg,« benutzt.

Dieser Pfad war nur einigen Jägern bekannt. Aber sogar Jean Oullier war ihn mit so großer Mühe und Gefahr- hinabgestiegen, dass es ihm unmöglich schien, den halsbrechenden Weg in der Nacht zu benutzen.

Wenn daher der Anführer der feindlichen Colonne gegen Souday vorrücken wollte, so müßte er entweder diesen Weg nehmen, und den Chouans auf dem Kreuzwege begegnen, oder wieder umkehren und dem Laufes des Baches folgen.

Aber der Bach wurde, durch den Zustrom eines andern Baches ein tiefer, brausender Bergstrom, dessen Ufer mit Gestrüpp bewachsen waren; es war also von dieser Seite keine Gefahr zu fürchten.

Jean Oullier war indeß nicht ganz ruhig, er hatte eine bange Ahnung. Er konnte kaum glauben, daß der General sein Vorhaben, nach Souday zu marschiren, so schnell aufgegeben habe.

Statt sich zu entfernen, wie er gesagt hatte, betrachtete er aufmerksam die Höhen. Er glaubte zu bemerken, daß die Wachtfeuer anfingen matter zu brennen und einen blässeren Schein auf die Felsen zu werfen.

Jean Oullier entschloß sich schnell; er eilte auf dem Wege fort, den Guérin genommen, und wandte dieselbe Taktik an, wie dieser. Er kroch bis zu den Felsenblöcken hinauf, welche die Höhe wie einen Gürtel umgeben.

Er lauschte, aber er hörte kein Geräusch.

Er richtete sich leise auf schaute durch eine Felsenspalte, und sah nichts.

Der Platz war leer; die Wachtfeuer waren dem Erlöschen nahe.

Jean Oullier kletterte auf einen Felsen und sprang auf der anderen Seite hinunter. Er befand sich auf der Stelle, wo er die Soldaten vermuthet hatte.

Die Soldaten waren verschwunden.

Er schrie laut auf vor Wuth und rief seine Genossen. Mit der Schnelligkeit eines verfolgten Damhirsches lief er längs der Felsenkette nach Souday zu.

Es war nicht mehr zu bezweifeln, der unbekannte, oder vielmehr nur Joseph Picaut bekannte Führer hatte die Soldaten auf den »Ziegenweg« geführt.

Ungeachtet der mannigfaltigen Schwierigkeiten, die er auf jedem Schritte in dem dichten Gestrüppe und in den glatten, spitzigen Felsen fand, erreichte er in zehn Minuten das Ende des Bergrückens.

Auf dem letzten Felsenvorsprunge, der das Thal beherrscht, stand er still. Er bemerkte die Soldaten, die sich gegen alle Erwartung auf den Ziegenweg gewagt hatten. Sie hatten Fackeln angezündet, und Jean Oullier sah, wie sich die Colonne langsam längs dem Abgrunde fortbewegte.

Jean Oullier faßte wüthend den Felsblock, auf den er gestiegen war, und schüttelte ihn in der eitlen Hoffnung, ihn loszureißen und auf die Soldaten hinabzustürzen. Aber die Anstrengungen dieser tollen Wuth blieben erfolglos, und ein höhnisches Gelächter antwortete den Verwünschungen, mit denen er seine fruchtlose Arbeit begleitete.

Jean Oullier sah sich um; er meinte, nur Satan könne so lachen.

Der Lacher war Joseph Picaut.

»Wer hat nun Recht, Meister Jean?« sagte dieser, aus einem Busch hervorkommend, »ich bin freilich zu spät gekommen, weil Ihr mich zu lange aufgehalten habt.«

»Mein Gott!« jammerte Jean Oullier, die Hände ringend, »wer mag sie auf den Ziegenpfad geführt haben?«

»Auf jeden Fall,« sagte Joseph Picaut, »wird die Führerin die Soldaten weder auf diesem noch auf einem anderen Wege zurück geleiten. Siehe sie nur recht an, Jean Oullier, wenn Du sie noch lebend sehen willst.«

Jean Oullier neigte sich wieder über den Rand des Felsens.

Die Soldaten hatten den Bach durchwatet und schaarten sich um den General. Mitten unter ihnen, in einer Entfernung von kaum hundert Schritten von den beiden Männern, aber durch einen Abgrund von ihnen getrennt, bemerkte man eine weibliche Gestalt, welche dem General mit dem Finger den Weg zeigte, den er nehmen müsse.

»Marianne Picaut!« sagte Jean Oullier betroffen.

Der Chouan antwortete nicht, aber er legte sein Gewehr an und zielte.

Jean Oullier sah sich um, als er den Hahn knacken hörte; er stieß den Gewehrlauf in die Höhe, als Picaut’s Finger eben den Drücker berührte.

»Elender!« sagte er, »laß ihr wenigstens Zeit, deinen Bruder zu begraben.«

Der Schuß ging in die Luft, die Kugel hatte kein Ziel.

»Da hast Du deinen Lohn!« schrie Joseph Picaut wüthend, indem er sein Gewehr beim Laufe faßte und dem Waldhüter einen Schlag mit dem Kolben auf den Kopf gab.

»Die Weißen deiner Art behandle ich wie Blaue!«

Trotz seiner herkulischen Kraft sank der alte Vendéer auf die Knie, aber selbst in dieser Stellung vermochte er sich nicht zu halten: er glitt den Felsen hinab, und in dem Sturze faßte er ein Büschel Heidekraut, aber nach und nach fühlte er dasselbe unter dem Gewichte seines Körpers nachgeben.

Jean Oullier war von dem Schlage betäubt, aber er hatte das Bewußtseyn noch nicht völlig verloren; er erwartete jeden Augenblick, daß die schwachen Zweige, an denen er sich über dem Abgrunde festhielt, brechen würden.

Während er über der gräßlichen Tiefe hing, hörte er einige Schüsse auf der Heide, und durch seine halbgeschlossenen Augenlider sah er Funken blitzen. Er hoffte, es sey Guérin mit den Chouans, und versuchte zu rufen, aber seine Stimme schien in der Brust festzusitzen, er vermochte keinen Laut hervorzubringen.

Nach und nach schwanden seine Kräfte, seine Finger fingen an loszulassen, und es schien ihm, als ob er durch eine unwiderstehliche Kraft in den Abgrund gezogen würde – seine Finger ließen die letzte Stütze los.

Aber in dem Augenblicke, als er sich unrettbar verloren glaubte, wurde er von nervigen Armen ergriffen und auf die Felsenplatte gezogen.

Er war gerettet!

XI.
Wo der Marquis von Souday sehr bedauert, daß Petit-Pierre kein Edelmann ist

Am Tage nach der Ankunft des Grafen von Bonneville im Schlosse Souday kam der Marquis von seiner kleinen Reise oder vielmehr von seiner Conferenz zurück.

Er war in einer sehr ärgerlichen Stimmung, als er vom Pferde stieg. Er schimpfte seine Töchter aus, die ihm nicht wenigstens bis an die Thüre entgegengekommen waren, schimpfte auf Jean Oullier, der ohne seine Erlaubniß nach Montaigu auf den Jahrmarkt gegangen war, schalt die Köchin, die ihm in Abwesenheit des Haushofmeisters den Steigbügel hielt, und statt des rechten den linken Steigriemen aus allen Kräften zog, so daß der Marquis auf der rechten Seite absteigen mußte.

Beim Eintritt in den Salon war der alte Royalist so zornig, daß Bertha und Mary nicht wußten, was sie thun sollten. Vergebens suchten sie ihren Vater durch Liebkosungen zu erheitern, er hörte nicht, und während er sich die Füße am Caminfeuer wärmte, schlug er mit der Peitsche unaufhörlich an seine hohen Stiefel wobei er sehr zu bedauern schien, daß besagte Stiefel nicht die und die Herren waren, gegen die sein Zorn hauptsächlich gerichtet war.

Der Marquis hatte schon seit einiger Zeit kein Vergnügen an der Jagd gefunden, er hatte beim Whist gegähnt, alle seine bisherigen Zerstreuungen hatten ihren Reiz verloren, der Aufenthalt zu Souday war ihm zuwider geworden. Und doch hatte er sich seit zehn Jahren nie so kräftig und beweglich und unternehmend gefühlt.

Er trat eben in den Spätsommer des Lebens, wo der Geist vor dem Erblassen einen helleren Schimmer verbreitet, wo der Körper alle seine Kräfte aufbietet, als ob er sich zu dem letzten Kampfe rüsten wollte. Der Marquis fühlte sich unbehaglich in dem kleinen Kreise seiner gewöhnlichen Beschäftigungen, er langweilte sich und meinte, die Abenteuer und Gefahren einer neuen Vendée würden zu seiner neuen Jugend vortrefflich passen, und er zweifelte durchaus nicht, daß er in dem wechselvollen Leben des Parteigängers die Genüsse wieder finden werde, an die er so oft zurückdachte.

Die Kunde von einer Erhebung wurde daher mit Freude von ihm begrüßt, und eine wie gerufen kommende politische Erschütterung dieser Art bestärkte ihn in der längst gehegten Meinung, die ganze Welt sey um seinetwillen geschaffen, und habe nur den Zweck alle Wünsche eines so ehrenwerthen Edelmannes, wie der Marquis von Souday, zu befriedigen.

Aber er fand bei seinen politischen Glaubensgenossen eine Lauheit, die ihn auf’s Höchste erbitterte. Einige behaupteten, die öffentliche Meinung sey noch nicht reif; Andere meinten, es sey unklug etwas zu unternehmen, ehe man einen Theil der Armee für die royalistische Sache gewonnen; noch Andere schützten vor, die religiöse und politische Begeisterung sey unter den Landleuten sehr erkaltet, und es würde schwer seyn, sie in den Kampf zu führen. Der heroische Marquis konnte nicht begreifen, daß nicht ganz Frankreich schlagfertig war: ein kleiner Feldzug wäre eben ein recht angenehmer Zeitvertreib für ihn gewesen, nachdem Jean Oullier seine beste Büchse geputzt und seine Töchter ihm eine Schärpe gestickt hatten. Und nun fand er unter seinen Freunden nur Lauheit, Unschlüssigkeit, höchstens schöne Worte, nirgends raschen Entschluß, nirgends wahre Begeisterung.

Mary, welche wußte wie hoch ihr Vater die altherkömmliche Gastfreundschaft achtete, benutzte die immer ärgerlicher werdende Stimmung des würdigen Royalisten, um ihm die Ankunft des Grafen von Bonneville zu melden.

»Bonneville? Wer ist Bonneville?« murrte der Marquis. »Vermuthlich ein geschwätziger Advocat, oder ein Offizier, der seiner Wohldienerei die Epauletten zu danken hat, oder sonst ein süßes Herrchen, das mir einreden mochte, man müsse warten, bis Philipp seine Popularität abgenutzt —«

»Ich sehe, daß der Herr Marquis für eine sofortige Erhebung ist,« unterbrach ihn eine sanfte, etwas dünne Stimme.

Der Marquis sah sich um, und bemerkte einen blutjungen Menschen in Bauerntracht, der hinter ihm am Camine stand und sich ebenfalls die Füße wärmte.

Der junge Mensch war unbemerkt aus einer Seitenthür gekommen, und der Marquis, der ihm überdies den Rücken zugekehrt, hatte die Winke seiner Töchter im Eifer der Rede nicht beachtet.

Petit-Pierre, denn er war es, schien sechzehn bis achtzehn Jahre alt zu seyn, aber er war sehr zart und schmächtig für sein Alter. Sein Gesicht war blaß, und diese Blässe wurde noch auffallender durch das schwarze Lockenhaar. Aus seinen großen blauen Augen sprach Muth und Entschlossenheit, um seinen feinen Mund spielte ein geistvolles Lächeln, sein stark hervorstehendes Kinn deutete auf große Willenskraft, und die etwas gebogene Nase gab seinem Gesichte einen Adel, der mit seiner Tracht in auffallendem Widersprüche stand.

»Monsieur Petit-Pierre,« sagte Bertha, indem sie den Fremden bei der Hand nahm und ihrem Vater vorstellte.

Der Marquis machte eine tiefe Verbeugung, die der junge Bauer sehr freundlich erwiderte.

Der alte Royalist wußte nicht recht, was er von der Bauerntracht und von dem Namen Petit-Pierre denken sollte. Der große Krieg hatte ihn an die falschen Namen gewöhnt, unter denen die vornehmsten Leute ihren Stand zu verbergen pflegten, so wie an die Verkleidungen, unter denen sie sich unkenntlich zu machen suchten. Am auffallendsten aber war ihm die zarte Jugend seines Gastes.

»Meine Töchter,« sagte er, »waren gestern Abends so glücklich, Ihnen und dem Herrn Grafen von Bonneville einen kleinen Dienst zu erweisen, und ich bedaure sehr, dass ich nicht zu Hause war. Hätten mir die Herren nicht die unangenehme Arbeit zugetheilt, so würde ich die Ehre gehabt haben, Sie in meinem einsamen Hause zu empfangen. Ich hoffe aber doch, daß die kleinen Plaudertaschen eingesehen haben, daß es ihre Pflicht war, meine Stelle gehörig zu vertreten, und daß Alles, was unsere beschränkten Verhältnisse erlauben, aufgeboten worden ist, Ihnen diesen traurigen Aufenthalt erträglich zu machen.«

»Ihre Gastfreundschaft, Herr Marquis, konnte durch so liebenswürdige Wirthinnen nur gewinnen,« erwiderte Petit-Pierre.

»Hm!« sagte der Marquis, die Unterlippe aufwerfend, »in anderen Zeiten würden sie ihren Gästen wohl einige Unterhaltung bieten können. Bertha weiß einen Eber in seinem Lager aufzufinden, wie der beste Jäger, und Mary kennt alle jungen Schläge, wo sich Schnepfen aufhalten; aber abgesehen von einer gewissen Geübtheit im Whistspiele, das sie von mir gelernt haben, halte ich sie für unfähig, in einem Salon die Honneurs zu machen.«

»Ich glaube,« erwiderte Petit-Pierre, »daß wenige Hofdamen so viele Anmuth und Anstand besitzen wie Ihre Töchter, und ich versichere, daß Keine mit diesen Vorzügen so viel Edelmuth und Zartgefühl verbinde.«

»Hofdamen?« erwiderte der Marquis erstaunt und sah seinen Gast fragend an.

Petit-Pierre erröthete lächelnd, wie ein Schauspieler, der einem wohlwollenden Publicum gegenüber stecken bleibt.

»Ich mache nur einen Vergleich, Herr Marquis,« sagte er ausweichend. »Ich spreche vom Hofe, weil Ihre Töchter vermöge ihrer Geburt daselbst ihren Platz haben.«

Der Marquis von Souday erröthete nun ebenfalls: er hatte das Incognito, in welchem sein Gast zu bleiben wünschte, fast unwillkürlich angetastet und der alte Cavalier machte sich bittere Vorwürfe über diesen Verstoß gegen die feine Sitte.

Petit-Pierre beeilte sich, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben.

»Als Ihre Töchter mir die Ehre erwiesen, mich Ihnen vorzustellen, schienen Sie eine sofortige Erhebung zu wünschen.«

»Ventrebleu! Ihnen kann ich’s wohl gestehen; denn ich sehe, daß Sie Einer der Unsrigen sind.«

Petit-Pierre nickte bejahend.

»Ja, es ist meine Meinung,« fuhr der Marquis fort, »aber alle meine Vorstellungen helfen nichts, man will dem alten Edelmanne, der sich in dem furchtbaren Feuer von 1793 bis 1797 die Haut versengt hat, kein Gehör schenken. Man glaubt den Vorspiegelungen geschwätziger Adocaten, die keine Prozesse haben, und schöner parfümirter Herrchen, die sich vor der Nachtluft fürchten und kein Pulver riechen können.«

Der Marquis stieß mit dem Fuße zornig gegen die Feuerbrände, dass die Funken stoben.

»Beruhige Dich, Vater,« mahnte Mary, die ein etwas spöttisches Lächeln auf den feinen Lippen des Gastes bemerkte.

»Nein, ich will mich nicht beruhigen,« erwiderte der ergrimmte Marquis. »Alles war bereit; Jean Oullier versicherte, meine Division glühe von Begeisterung – und nun wird die Sache vom 14. Mai bis in alle Ewigkeit verschoben!«

»Nur Geduld, Herr Marquis,« sagte Petit-Pierre, »die Stunde wird schlagen.»

»Geduld! Das können Sie leicht sagen,« erwiderte der Marquis seufzend, »Sie sind jung und haben Zeit zu warten. Aber ich! wer weiß, ob mich Gott noch so lange am Leben läßt, dass ich noch das gute alte Banner wehen sehe, für welches ich so freudig gekämpft habe!«

Petit-Pierre wurde gerührt.

»Haben Sie denn nicht gehört, Herr Marquis,« fragte er, »daß der Aufstand verschoben wurde, weil man über die Ankunft der Prinzessin in Ungewißheit war?«

Diese Worte schienen den Marquis noch mehr zu erzürnen.

»Lassen Sie mich doch in Ruhe,« eiferte er, »ich kenne die alte Fabel. In den fünf Jahren, die ich in der Vendée gefochten, versprach man uns unaufhörlich den königlichen Führer, um den sich alle Getreuen schaaren sollten! Ich war unter denen, die den Grafen von Artois am 2. October an der Küste erwarteten. Wir werden im Jahre 1832 eben so wenig eine Prinzessin sehen, wie wir 1796 einen Prinzen gesehen haben. Doch dies soll mich nicht hindern, mein Leben für sie zu lassen, wie es die Pflicht eines Edelmannes ist: mit dem alten Stamme müssen die Zweige fallen!«

»Herr Marquis von Souday,« sagte Petit-Pierre sehr bewegt, »ich schwöre Ihnen, daß die Herzogin von Berry, hätte sie auch nur eine Nußschale zu ihrer Verfügung gehabt, übers Meer gekommen seyn würde, um sich unter die von Charette’s tapferer Hand getragene Fahne zu stellen; ich schwöre Ihnen, daß sie heute bereit ist, mit den Getreuen, welche die Rechte ihres Sohnes vertheidigen wollen, zu siegen oder zu sterben!«

Es war höchst auffallend, daß solche Worte, zumal mit solcher Energie gesprochen, aus dem Munde eines jungen Landmannes kamen; der Marquis von Souday sah seinen Gast daher mit großem Erstaunen an.

»Wer sind Sie denn?« fragte er, »wie können Sie, ein kaum dem Knabenalter entwachsener Jüngling, für Ihre königliche Hoheit ein so feierliches Versprechen geben?«

»Mich dünkt, Herr Marquis, daß die Fräulein von Souday so gütig waren, meinen Namen zu nennen —«

»Es ist wahr,« erwiderte der Marquis ganz verlegen, denn er hielt seinen jungen Gast für den Sohn eines sehr vornehmen Mannes. »Entschuldigen Sie, Herr Petit-Pierre, was halten Sie von der Zweckmäßigkeit einer schleunigen Erhebung? Sie sprechen trotz Ihrer Jugend so vernünftig, daß ich Ihre Meinung kennen zu lernen wünsche.«

»Ich werde Ihnen meine Meinung um so lieber mittheilen, da sie der Ihrigen sehr nahe kommt.«

»Wirklich?«

»Wenn ich mir erlauben darf, eine Meinung abzugeben —«

»O! nach dem erbärmlichen Geschwätz, das ich diese Nacht gehört, scheinen Sie mir wie einer der sieben Weisen Griechenlands.«

»Sie sind zu gütig. Ich bin der Meinung, Herr Marquis, daß die Vereitlung der verabredeten Erhebung in der Nacht vorn 13. zum 14. Mai sehr zu beklagen ist —«

»Sehen Sie wohl! Dasselbe sagte ich auch zu den faden Schwätzern. Und Ihre Gründe?«

»Meine Gründe sind folgende: Die Soldaten sind in den Dörfern bei zerstreuten, von einander entfernten Einwohnern einquartiert; es fehlte ihnen an einer einheitlichen Leitung, und es war ganz leicht, sie zu überrumpeln und zu entwaffnen.«

»Sehr richtig; jetzt hingegen —«

»Jetzt hingegen, seit zwei Tagen, ist Befehl gegeben worden, die kleinen Cantonnirungen zu räumen und nur Bataillone oder ganze Regimenter in den Städten zu lassen. Jetzt müssen wir eine förmliche Schlacht liefern, um einen Erfolg zu erkämpfen, den wir im Schlafe hätten erreichen können.«

»Sie haben vollkommen Recht,« erwiderte der Marquis begeistert, »es thut mir sehr leid, daß ich unter den sechsunddreißig Gründen, die ich meinen Gegnern gegeben, an diesen Grund nicht gedacht habe. Aber wissen Sie auch gewiß, daß die Truppen diesen Befehl erhalten haben?»

»Ganz gewiß, Herr Marquis,« antwortete Petit-Pierre mit dem bescheidensten Ausdrucke, den er seinem Gesicht geben konnte.

Der Marquis sah seinen Gast sehr erstaunt an.

»Das ist sehr fatal,« sagte er. »Ich bin ganz Ihrer Meinung, mein junger Freund – erlauben Sie mir, daß ich Sie so nenne – es ist am besten zu warten, bis die neue Maria Theresia sich an die Spitze ihrer neuen Ungarn stellt, und einstweilen auf das Wohl ihres königlichen Sprößlings und der weißen Fahne zu trinken. Die Fräuleins von Souday mögen daher für mein Frühstück sorgen, da Jean Oullier nicht zu Hause ist. Es hat sich Jemand die Erlaubniß genommen, ihn ohne mein Wissen nach Montaigu zu schicken.«

»Dieser Jemand bin ich, Herr Marquis,« sagte Petit-Pierre mit höflichem, aber entschiedenem Tone, »ich bitte um Entschuldigung daß ich über einen Ihrer Leute verfügt habe; aber es war sehr nothwendig, über die Stimmung der auf dem Jahrmarkte versammelten Landleute etwas Näheres zu erfahren.«

In dieser sanften, weichen Stimme lag ein so zuversichtlicher, entschiedener Ton, daß der Marquis ganz betroffen war, und in Gedanken alle vornehmen Personen überzählte, die er vormals gekannt hatte, um zu errathen, wessen Sprößling sein junger Gast wohl sey. Er vermochte nur einige zustimmende Worte zu stammeln.

Der Graf von Bonneville erschien nun ebenfalls im Salon, und ließ sich von Petit-Pierre vorstellen.

Das offene heitere Gesicht des Grafen gefiel dem Marquis von Souday, der für seinen jungen Gast bereits sehr eingenommen war. Er versprach, an die vermeinte Zaghaftigkeit seiner künftigen Waffengefährten nicht mehr zu denken, als an die schlechten Jagden vom vorigen Jahre. Aber während er seine Gäste einlud, sich in das Speisezimmer zu begeben, nahm er sich vor, alle seine Gewandtheit aufzubieten, um von dem Grafen Bonneville zu erfahren, wer der junge interessante Petit-Pierre sey.

XII.
Wo der Marquis von Souday sehr bedauert, daß Petit-Pierre kein Edelmann ist. (Fortsetzung.)

Die beiden Gäste des Marquis blieben ganz erstaunt in der Thür des Speisezimmers stehen.

Der Tisch bot in der That einen großartigen Anblick. In der Mitte stand, einer alterthümlichen Veste gleich, eine majestätische Wildpretpastete, umgeben von einem fünfzehnpfündigen Hecht, einigen gebratenen Hühnern, mehren Schüsseln mit Coteletten, Kaninchen, Salat, Gemüse und eingesottenen Früchten. Die Batterie von Schüsseln war in einer eben nicht malerischen Verwirrung aufgestellt, sie war indeß ganz geeignet, den durch die Waldluft gereizten Appetit zu befriedigen.

»Tudieu!« sagte Petit-Pierre fast erschrocken über den gewaltigen Eßapparat. »Herr Marquis, Sie erweisen uns armen Landleuten zu viel Aufmerksamkeit.«

»Es ist nicht mein Verdienst, junger Freund,« erwiderte der Herr vom Hause, »Sie müssen mir weder danken noch Vorwürfe machen, es geht die beiden Fräulein an. Aber es wird mich unendlich freuen, wenn Sie sich"s am Tische eines armen Landedelmannes wohl schmecken lassen.«

Der Marquis führte Petit-Pierre an den Tisch, den dieser fast mit Furcht zu betrachten schien.

»Ich weiß nicht, Herr Marquis, ob ich im Stande seyn werde, Ihren Erwartungen zu entsprechen,« sagte der junge Gast, »denn ich muß in aller Demuth gestehen, daß ich ein schwacher Esser bin.«

»Sie sind wahrscheinlich an feinere Speisen gewöhnt,« erwiderte der Marquis, »ich bin ein wahrer Bauer; saftige, nahrhafte Speisen sind mir lieber als alle Leckerbissen.«

»Ich habe gehört,« versetzte Petit-Pierre, »daß zwischen dem Könige Ludwig XVIII. und dem Marquis d’Avaray hierüber viel gestritten wurde.«

Der Graf von Bonneville stieß Petit-Pierre mit dem Ellbogen an.

»Sie haben den König Ludwig XVIII. und den Marquis d’Avaray gekannt?« fragte der Landedelmann sehr erstaunt, und sah Petit-Pierre an, als ob er sich überzeugen wollte, daß dieser keinen Spaß mache.

»O ja, in meiner Jugend,« antwortete Petit-Pierre ganz unbefangen.

Man hatte inzwischen Platz genommen, und sogleich begann der Angriff auf die der Vertilgung harrenden Speisen.

Nur Petit-Pierre verschmähte Braten und Pasteten, Ragouts und Gemüse, die ihm der Marquis nach einander anbot, er wollte sich mit einer Tasse Thee und zwei weichen Eiern begnügen.

»Die frischen Eier,« sagte der Marquis, »können wir bald haben, Mary wird sie sogleich bei der Köchin bestellen; aber Thee wird schwerlich im Hause seyn.«

Mary war bereits aufgestanden, um in die Küche zu gehen, aber als vom Thee die Rede war, blieb sie ganz verlegen an der Thür stehen.

Es war kein Thee im Hause.

Petit-Pierre sah die Verlegenheit des freundlichen Wirthes und seiner Töchter.

»Sie dürfen sich deshalb nicht ängstigen,« sagte er. »Der Herr Graf Bonneville wird die Güte haben, aus meiner Schatoulle etwas Thee zu holen; ich habe mich leider an dieses Getränk gewöhnt und führe immer Thee bei mir.«

Er übergab dem Grafen einen kleinen Schlüssel.

Der Graf von Bonneville entfernte sich auf der einen Seite, während Mary aus einer andern Thür ging.

»Sie sind ja so zart wie ein Mädchen, mein junger Freund,« sagte der Marquis, indem er ein großes Stück Rehbraten vertilgte; »hätten Sie nicht so vernünftige Ansichten ausgesprochen, so würde ich fast an Ihrem Geschlecht zweifeln.«

Petit-Pierre lächelte.

»Ihre Zweifel werden schon schwinden, Herr Marquis,« sagte er, »wenn wir den Soldaten Philipps begegnen.«

»Wie! Sie wollen sich unsern Banden anschließen?« fragte der Marquis, dessen Erstaunen immer größer wurde.

»Ich hoffe es,« antwortete Petit-Pierre.

»Und ich,« sagte Bonneville, der wieder an den Tisch kam und seinem jungen Begleiter den Schlüssel einhändigte, »ich stehe Ihnen dafür, daß Sie ihn immer an meiner Seite sehen werden.«

»Es wird mich sehr freuen, mein junger Freund,« erwiderte der Marquis, »es wundert mich gar nicht: man muß den Muth nicht nach der Körpergröße messen. In dem großen Kriege habe ich in Charette’s Gefolge Damen gesehen, die sehr gut mit dem Pistol schossen.«

In diesem Augenblicke kam Mary, in der einen Hand den Theetopf, in der andern einen Teller mit den zwei weichgesottenen Eiern tragend.

»Ich danke Ihnen, mein schönes Kind,« sagte Petit-Pierre mit dem Tone eines freundlichen Gönners, und erinnerte dadurch den Marquis an die Hofcavaliere von vormals, »verzeihen Sie, daß ich Ihnen so viele Mühe gemacht habe.«

»Sie sprachen soeben von Sr. Majestät Ludwig XVIII.,« sagte der Marquis von Souday, »und von seinen gastronomischen Ansichten. Ich habe auch oft gehört, daß seine Tafel mit den feinsten Speisen besetzt zu seyn pflegte.«

»Das ist wahr,« erwiderte Petit-Pierre, »er hatte eine ganz eigenthümliche Art, Ortolanen und Coteletten zu essen.«

»Mich dünkt aber doch,« entgegnete der Marquis, dessen Kinnladen unaufhörlich arbeiteten, »daß man Ortolanen und Coteletten nur auf einerlei Art essen kann.«

»Sie meinen, wie Sie sie essen, Herr Marquis?« sagte Bonneville lachend.

»Ja wohl. Ortolanen sind hier freilich sehr selten; aber wenn Bertha und Mary zuweilen an der kleinen Jagd Vergnügen finden, und Lerchen und Feigenschnepfen nach Hause bringen, so nehme ich den Vogel beim Schnabel, bestreue ihn mit etwas Pfeffer und Salz, stecke ihn ganz in den Mund und verzehre ihn bis auf den Schnabel. Es ist delikat; es gehören freilich zwei bis drei Dutzend für eine Person.«

Petit-Pierre lachte; er dachte an den Schweizergardisten, der gewettet hatte, er werde ein sechswöchentliches Kalb in einer Sitzung verzehren.

»Ich habe mich nicht gut ausgedrückt,« erwiderte er, »ich hätte sagen sollen, daß der König Ludwig XVIII. die Ortolanen und Coteletten auf eine eigene Art zubereiten ließ.«

»Ich meine,« sagte der Marquis, »daß man die Ortolanen am Spieß und die Coteletten auf dem Rost bratet.«

»Das ist wahr,« versetzte Petit-Pierre, dem das Gespräch großes Vergnügen zu machen schien, »aber der Haushofmeister in den Tuilerien ging dabei mit einem eigenen Raffinement zu Werke: die mittlere Cotelette, welche für den König bestimmt war, wurde zwischen zwei andere gelegt, und mußte in dem Safte derselben braten. Eben so machte er’s mit den Ortolanen: die, welche wie er sich ausdrückte, die Ehre haben sollten, von Sr. Majestät gegessen zu werden, wurden in einen Krammetsvogel, und dieser wieder in eine Schnepfe gesteckt. Wenn der Braten fertig war, so legte man die Schnepfe als ungenießbar zurück, aber der Krammetsvogel war schmackhaft und der Ortolan superfein.«

»Fürwahr, mein junger Freund,« sagte der Marquis, indem er sich auf seinem Stuhl zurücklehnte und Petit-Pierre sehr erstaunt ansah, »man könnte glauben, Sie wären dabei gewesen.«

»Ich bin auch Augenzeuge gewesen,« antwortete Petit-Pierre.

»Hatten Sie denn eine Hofcharge?« fragte der Marquis lachend.

»Ich war Page,« antwortete Petit-Pierre.

»Ja, dann weiß ich mir’s zu erklären,« sagte der Marquis. »Sie haben für Ihr Alter schon viel gesehen.«

»Ja, nur allzu viel!« erwiderte Petit-Pierre mit einem Seufzer.

Die beiden Mädchen sahen ihn mit inniger Theilnahme an.

Denn es schien, als ob an diesem auf den ersten Anblick so jugendlichen Gesichte das Unglück nicht ganz spurlos vorübergezogen sey.

Der Marquis machte wiederholt einen Versuch, das Gespräch wieder in Gang zu bringen, aber Petit-Pierre in Gedanken vertieft, schien Alles gesagt zu haben, was er zu sagen hatte, er schien die von dem Marquis entwickelten gastronomischen Theorien über wildes und zahmes Geflügel nicht zu verstehen, oder er beachtete sie nicht. Er sprach kein Wort mehr.

Aber trotz dieser Schweigsamkeit gefiel er dem Marquis ungemein.

Man ging wieder in den Salon, aber statt sich zu den beiden Mädchen, zu dem Grafen von Bonneville und zu dem Marquis von Souday vor das lodernde Caminfeuer zu setzen, trat Petit-Pierre ans Fenster und lehnte seine Stirne an die Scheibe.

Nach einer kleinen Weile, während der Marquis dem Grafen von Bonneville viel Schmeichelhaftes über seinen jungen Begleiter sagte, wurde der Name des Grafen in gebieterischem Tone gerufen.

Der Befehl kam von Petit-Pierre.

Der Graf sprang auf und eilte zu dem jungen Bauer.

Dieser sprach leise mit ihm; er schien ihm einen Befehl zu geben. Bonneville verneigte sich zu wiederholten Malen.

Als Petit-Pierre schwieg, nahm Bonneville seinen Hut, verneigte sich und ging fort.

Petit-Pierre trat nun auf den Herrn vom Hause zu.

»Herr Marquis,« sagte er, »ich habe so eben dem Grafen von Bonneville versichert, daß Sie es nicht übel nehmen würden, wenn er ein Pferd aus Ihrem Stalle nimmt, um alle Schlösser der Nachbarschaft zu besuchen und dieselben Herren, deren Ansichten Sie diesen Morgen so eifrig bekämpft, hierher zu einer Zusammenkunft einzuladen. Man wird sie wahrscheinlich noch in St. Philibert versammelt finden, und deshalb habe ich ihm große Eile empfohlen.«

»Aber,« entgegnete der Marquis »einige jener Herren werden mir meine derbe Sprache vielleicht übel genommen haben, und deshalb nicht gern hierher kommen —«

»Wer einer Einladung nicht folgen will, erhält einen Befehl.«

»Einen Befehl? Von wem?« fragte der Marquis erstaunt.

»Von der Herzogin von Berry, die dem Grafen Bonneville unbeschränkte Vollmacht gegeben hat. Sie fürchten vielleicht,« setzte Petit-Pierre etwas unschlüssig hinzu, eine solche Zusammenkunft im Schlosse Souday könne für Sie und Ihre Familie schlimme Folgen haben. Wenn das ist, Marquis, so dürfen Sie nur ein Wort sagen. Der Graf Bonneville ist noch nicht fort.«

»Corbleu!« sagte der Marquis, »er nehme mein bestes Pferd – wenn er’s auch todt reitet!«

Kaum hatte der Marquis diese Worte gesprochen, so ritt der Graf von Bonneville im Galopp auf der Straße nach St. Philibert fort, als ob er die ihm gegebene Erlaubniß gehört hätte und schnell benutzen wollte.

Der Marquis trat ans Fenster, um ihm nachzuschauen; er wandte sich erst um, als er ihn aus dem Gesichte verloren hatte.

Er sah sich nach Petit-Pierre um, aber Petit-Pierre war verschwunden, und als der Marquis nach ihm fragte, antworteten seine Töchter, der räthselhafte junge Gast habe sich in sein Zimmer begeben, um Briefe zu schreiben.

»Ein sonderbarer kleiner Kauz!« sagte der Marquis von Souday.

XIII.
Die Vendéer im Jahre 1832

An demselben Tage um fünf Uhr Nachmittags war der Graf von Bonneville wieder zu Souday.

Er hatte fünf der vornehmsten Parteiführer gesprochen, sie sollten zwischen acht und neun Uhr Abends in Souday eintreffen.

Der jederzeit gastfreie Marquis befahl der Köchin, sich mit Hühnerhof und Speisekammer ins Einvernehmen zu setzen und ein möglichst reichliches Abendessen bereit zu halten.

Die fünf Chefs, welche sich auf Veranlassung des Grafen am Abende versammeln sollten, waren: Louis Renaud, Pascal, Coeur-de-Lion, Gaspard und Achille.

Wer mit den Ereignissen des Jahres 1832 einigermaßen vertraut ist, wird diese unter falschen Namen versteckten Männer leicht erkennen. Diese nur den vertrautesten Männern bekannten Namen hatten sie angenommen, um sich nicht zu verrathen, falls den Civil- oder Militärbehörden etwa Briefe in die Hände fielen.

Als daher Jean Oullier zum größten Verdruß des Marquis um acht Uhr Abends noch nicht wieder da war, wurde Mary zur Thürhüterin bestellt; sie sollte nur Denen öffnen, die aufeine gewisse Art klopfen würden.

Die Zusammenkunft sollte im Salon stattfinden. Die Fensterläden waren fest geschlossen, die Vorhänge herabgelassen.

Schon um sieben Uhr Abends warteten vier Personen im Salon: der Marquis von Souday, der Graf von Bonneville, Petit-Pierre und Bertha.

Mary wartete in einem am Schloßthore stehenden Häuschen, durch dessen vergittertes Fenster man auf die Landstraße sehen und sich überzeugen konnte, wer Einlaß begehrte.

Am ungeduldigsten war Petit-Pierre, der sich eben keiner großen Selbstbeherrschung erfreute. Obgleich es kaum halb acht Uhr war, lauschte er unaufhörlich an der nur angelehnten Thür, ob kein Geräusch einen der erwarteten Edelleute anzeigte.

Endlich um acht Uhr wurde an das Schloßthor geklopft, und an den drei langsam auf einander folgenden Schlägen gab sich einer der erwarteten Edelleute zu erkennen.

Petit-Pierre wollte hinauseilen, aber der Graf von Bonneville hielt ihn zurück.

»Sie haben Recht,« sagte Petit-Pierre und trat in den dunkelsten Winkel des Salons.

Gleich darauf erschien der Besucher in der Thür.

»Herr Louis Renaud!« sagte der Graf von Bonneville so laut, daß Petit-Pierre es hörte und an dem falschen Namen den wahren erkennen konnte.

Der Marquis von Souday ging dem jungen Cavaliere freundlich entgegen, denn er erkannte in ihm einen von denen, die für eine sofortige Erhebung gestimmt hatten.

»Kommen Sie, lieber Graf,« sagte er, seine Hand fassend, »Sie sind der Erste, das ist eine gute Vorbedeutung.«

»Ich hatte den kürzesten Weg zu machen, lieber Marquis,« erwiderte Louis Renaud, »eines größeren Eifers, als die übrigen Herren, kann ich mich gewiß nicht rühmen.«

Der neue Gast erschien zwar in Bauerntracht, aber er trat mit so ungezwungener Haltung auf und begrüßte Bertha mit so feinem Anstande, daß ihm diese glänzenden Eigenschaften sehr geschadet haben wurden, wenn er auch nur für kurze Zeit genöthigt gewesen wäre, das Benehmen und die Sprache eines Bauers nachzuahmen.

Als er den Herrn vom Hause und Bertha begrüßt hatte, wandte er sich zu dem Grafen von Bonneville. Aber dieser, der die Ungeduld Petit-Pierre’s bemerkte, nahm sogleich das Wort:

»Sie wissen, lieber Herr Graf,« sagte er zu Louis Renaud, »welche ausgedehnte Vollmacht wir haben; Sie haben den Brief Ihrer königlichen Hoheit gelesen und wissen, daß ich, für den Augenblick wenigstens, ihr Vermittler bei Ihnen bin. Was denken Sie von der Lage der Dinge?«

»Meine Meinung, die ich diesen Morgen aussprach, ist vielleicht nicht so, wie ich mich jetzt aussprechen werde; ich weiß, daß ich hier mit treuen begeisterten Anhängern der Herzogin zu thun habe, und kann die ganze Wahrheit sagen.«

»Ja, Madame muß die ganze Wahrheit erfahren,« erwiderte Bonneville, »was Sie mir sagen, lieber Graf, ist so gut, als ob Sie es ihr selbst sagten.«

»Nach meiner Meinung sollte vor der Ankunft des Marschalls nichts unternommen werden.»

»Ist denn der Marschall nicht in Nantes?« fragte Petit-Pierre.

Louis Renaud, der den jungen Mann noch nicht bemerkt hatte, wandte sich nach ihm um, verneigte sich und antwortete:

»Erst heute, als ich nach Hause kam, habe ich erfahren, daß der Marschall auf die Kunde von den Ereignissen im Süden Nantes verlassen hat und daß Niemand weiß, welchen Weg er genommen und welchen Entschluß er gefaßt hat.«

Petit-Pierre stampfte ungeduldig mit dem Fuße.

»Aber der Marschall war ja die Seele des Unternehmens; seine Abwesenheit wird der Erhebung schaden und insbesondere das Vertrauen der Soldaten vermindern; wenn er nicht da ist, sind alle Rechte gleich, und es wird unter den Anführern wieder dieselbe Zwietracht entstehen, die der royalistischen Partei in dem ersten Kriege der Vendée so verderblich wurde.«

Der Graf von Bonneville trat zurück, um Petit-Pierre das Wort zu lassen. Dieser trat ein paar Schritte vor.

Louis Renaud sah den Jüngling, der fast noch ein Knabe war und eine so zuversichtliche Sprache führte, mit großem Erstaunen an.

»Es ist nur eine Verzögerung,« erwiderte er, »sobald der Marschall gewiß weiß, daß Madame in der Vendée ist, wird er sich sogleich auf seinen Posten begeben.«

»Hat Ihnen denn Herr von Bonneville nicht gesagt, daß Madame unterwegs ist und in kürzester Frist unter ihren Freunden seyn wird?«

»Ja wohl, und diese Nachricht hat mir große Freude gemacht.«

»Ein Aufschub?« sagte Petit-Pierre. »Ich glaube immer gehört zu haben, daß eine Erhebung hier zu Lande immer in der ersten Hälfte des Mai stattfinden müsse, um über die Landleute leichter verfügen zu können; später sind sie mit ihren Feldarbeiten beschäftigt. Es ist der 14. Mai, wir haben uns schon verspätet. Die Anführer sind doch zusammenberufen?«

»Ja,« antwortete Louis Renaud ernst und traurig, »und es sind fast die Einzigen, auf die mit Sicherheit zu zählen ist – und nicht einmal auf Alle! Der Herr Marquis von Souday hat sich heute früh davon überzeugt.«

»Was sagen Sie da?« sagte Petit-Pierre mit Heftigkeit. »Lauheit in der Vendée, während unsere Freunde zu Marseille – ich komme von dorther und kann die genaueste Auskunft geben – während unsere Freunde zu Marseille gegen sich selbst aufgebracht sind und nur die Scharte auszuwetzen wünschen!«

»Sind Sie aus dem Süden?« fragte der junge Royalist, »Sie sprechen aber doch nicht den südlichen Dialekt —«

»Das ist wahr,« sagte Petit-Pierre, »und was weiter?«

»Der Süden ist durchaus nicht mit dem Westen zu verwechseln; der Marseiller ist sehr verschieden von dem Vendéer. Eine Proclamation bringt den Süden schnell in Aufruhr, ein verlorenes Treffen macht ihn muthlos. Die Vendée hingegen – Sie werden mir Recht geben, wenn Sie einige Zeit hier gewesen sind – die Vendée ist ernst, kalt, verschlossen; jeder Plan wird hier langsam und gewissenhaft in Berathung gezogen, jede Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit des Gelingens und Mißlingens erwogen, und wenn die Wahrscheinlichkeit des Gelingens größer scheint, so bietet der Vendéer seine Hand, sagt Ja und opfert nöthigenfalls sein Leben, um sein Versprechen zu halten. Aber da er weiß, dass Leben und Tod von dem Ja und Nein abhängt, so gibt er sein Versprechen nicht voreilig.«

»Aber die Begeisterung!« entgegnete Petit-Pierre.

Der junge Cavalier lächelte.

»Ich habe in meiner Kindheit von Begeisterung gehört,« erwiderte er, »es ist eine Gottheit aus dem vorigen Jahrhundert; sie ist von ihrem Altar herabgestiegen, seitdem unseren Vätern so viele Versprechungen gemacht und nicht gehalten wurden. Wissen Sie, was diesen Morgen in St. Philibert vorgegangen ist?«

»Zum Theil weiß ich es, der Marquis hat mir’s gesagt.«

»Aber was nach der Abreise des Marquis geschehen ist, wissen Sie nicht«

»Nein.«

»So hören Sie. Von zwölf Anführern, welche die zwölf Divisionen befehligen sollten, haben sieben im Namen ihrer Leute protestiert; sie werden dieselben bereits nach Hause geschickt haben. Sie erklärten freilich einstimmig, daß sie persönlich jeden Augenblick bereit waren, für die Herzogin ihr Blut zu vergießen, aber sie wollten vor Gott nicht die große Verantwortung einer Erhebung übernehmen, welche voraussichtlich nur ein zweckloses Gemetzel seyn werde.«

»Wir müssen also jede Hoffnung aufgeben, auf jeden Versuch verzichten?« fragte Petit-Pierre.

»Es ist wenig Hoffnung da,« erwiderte der junge Cavalier, »ein Versuch kann vielleicht gemacht werden. Madame hat uns geschrieben, sie werde durch den leitenden Ausschuß zu Paris angetrieben, sie hat uns versichert, daß sie Anhänger in der Armee habe. Wir können es vielleicht mit einer Emeute in Paris versuchen, vielleicht wird ihre Meinung durch viele desertirende Soldaten bestätigt. Wenn wir nichts für die Herzogin unternehmen, so könnte sie glauben, es habe uns an gutem Willen gefehlt – und das darf sie nicht glauben.«

»Aber wenn der Versuch mißlingt?« entgegnete Petit-Pierre.

»Dann werden fünf- bis sechshundert Menschenleben vergebens geopfert. Und es ist gut, dass eine Partei nicht nur dem Vaterlande, sondern auch den Nachbarländern von Zeit zu Zeit mit einem guten Beispiel vorangeht.«

»Aber Sie haben doch Ihre Leute nicht entlassen?« fragte Petit-Pierre.

»Allerdings; aber ich habe geschworen, für Ihre königliche Hoheit zu sterben. Ueberdies,« setzte der junge Cavalier hinzu, »hat der Kampf vielleicht schon begonnen, und wir haben dann nur das Verdienst, uns der Bewegung anzuschließen.«

»Wieso?« fragten zugleich Petit-Pierre, Bonneville und der Marquis.

»Es ist heute auf dem Jahrmarkte zu Montaigu geschossen worden.«

»Und in diesem Augenblicke wird an der Furt der Boulogne geschossen,« sagte eine unbekannte Stimme in der Thür.

XIV.
Der Lärm

Der Mann, welcher so unerwartet im Salon des Marquis von Souday erschien, war der Generalcommissär des künftigen Vendéeheeres. Er nannte sich Pascal, um seinen wahren wohlbekannten Namen zu verbergen.

Er war einige Male im Auslande gewesen, um sich mit der Herzogin zu besprechen, und kannte sie daher sehr gut. Vor kaum zwei Monaten hatte er die letzte Reise zu diesem Zwecke gemacht und die Befehle Ihrer königlichen Hoheit erhalten.

Er hatte nach seiner Rückkehr die Vendéer aufgefordert, sich bereit zu halten.

»Aha!« sagte der Marquis von Souday, der durch Aufwerfen der Unterlippe zu erkennen gab, daß er den Advocaten keine übergroße Bewunderung zollte, »der Herr Generalcommissär Pascal!«

»Der uns gewiß etwas Neues zu berichten hat,« sagte Petit-Pierre, in der sehr deutlichen Absicht, die Aufmerksamkeit des neuen Gastes ausschließend auf sich zu lenken.

Der Civilcommissär stutzte, als er die Stimme hörte, und sah sich nach Petit-Pierre um, der ihm mit Augen und Lippen einen kaum bemerkbaren, aber für ihn gewiß verständlichen Wink gab.

»O ja, etwas Neues.« erwiderte er.

»Gute oder schlechte Nachrichten?« fragte Louis Renaud.

»Gute und schlechte. Aber ich fange mit einer guten Nachricht an.«

»Lassen Sie hören.«

»Die Herzogin hat die Reise durch die südlichen Provinzen glücklich beendet und ist gesund und wohlbehalten in der Vendée angekommen.«

»Wissen Sie das gewiß?« fragten zugleich der Marquis von Souday und Louis Renaud.

»So gewiß als ich Sie alle Fünf frisch und gesund in diesem Salon sehe,« antwortete Pasqual. »Jetzt zu den anderen Nachrichten.«

»Haben Sie etwas von Montaigu gehört?« fragte Louis Renaud.

»Es ist heute zu Ruhestörungen gekommen,« sagte Pasqual, »die Nationalgarde hat gefeuert, einige Bauern sind todt und verwundet.«

»Wissen Sie, was dazu die Veranlassung gab?« fragte Petit-Pierre.

»Ein auf dem Jahrmarkte entstandener Streit, der zuletzt in eine Meuterei ausartete.«

»Wer führt den Befehl in Montaigu?« fragte Petit-Pierre.

»Ein Capitän,« antwortete Pascal, »aber wegen des Jahrmarktes hatte sich der Divisionsgeneral mit dem Unterpräfecten dahin begeben.«

»Wissen Sie den Namen des Generals?«

»Dermoncourt.«

»Was für ein Mann ist der General Dermoncourt?«

»Er ist ein Mann von etwa sechzig Jahren, und hat alle Kriege in der Revolutionszeit und unter dem Kaiserreich mitgemacht; er ist ein eiserner Charakter, er wird Tag und Nacht zu Pferde seyn und uns keinen Augenblick Ruhe lassen.«

»Es ist gut,« erwiderte Louis Renaud lachend, »wir wollen ihn schon müde hetzen, und da wir im Durchschnitt nur halb so alt sind wie er, so müßten wir viel Unglück haben oder sehr ungeschickt seyn, wenn es uns nicht gelänge!«

»Seine politische Meinung?« fragte Petit-Pierre.

»Ich glaube,« antwortete Pascal, »daß er republicanisch gesinnt ist.«

»Trotz einer zwölfjährigen Dienstzeit unter dem Kaiserreich? er muß ein zäher Charakter seyn.«

»Es gibt ihrer noch Andere. Sie wissen, was Heinrich IV. von den Liguisten sagte: Das Faß behält immer den Häringsgeruch.«

»Und übrigens?«

»Uebrigens ist er aufrichtig und bieder – freilich ein Eisenfresser, und wenn Madame das Unglück hätte, ihm in die Hände zu fallen —«

»Was sagen Sie da?« unterbrach ihn Petit-Pierre.

»Ich bin Advocat,« erwiderte der Civilcommissär. »und in dieser Eigenschaft bin ich auf alle möglichen Wendungen eines Prozesses gefaßt. Ich wiederhole daher: Wenn Madame das Unglück hätte, ihm in die Hände zu fallen, so könnte sie selbst über seine Ritterlichkeit urtheilen.«

»Es ist also ein Feind, wie ihn die Herzogin selbst wählen würde: kräftig, tapfer und bieder,« sagte Petit-Pierre. »Meine Herren, wir haben gute Aussichten! – Aber Sie sagten, man habe an der Furt der Boulogne geschossen.«

»Ich vermuthe wenigstens, daß die Schüsse, die ich unterwegs gehört habe, dort gefallen sind.«

»Viel1eicht,« sagte der Marquis, »wäre es gut, wenn Bertha ein bisschen recognoscirte; sie würde uns melden was vorgeht.«

Bertha stand auf.

»Wie, Mademoiselle?« sagte Petit-Pierre.

»Warum nicht?« fragte der Marquis.

»Weil es, wie mich dünkt, ein Geschäft für einen Mann ist —«

»Mein junger Freund,« erwiderte der alte Landedelmann, »in solchen Dingen verlasse ich mich, nächst mir selbst, nur auf Jean Oullier, und nach ihm auf Bertha oder Mary. Ich wünsche Ihnen Gesellschaft zu leisten, Jean Oullier ist nicht zu Hause, also erlauben Sie, daß Bertha auf Kundschaft ausgeht.«

Bertha entfernte sich. Aber in der Thür begegnete sie ihrer Schwester, welche ihr einige Worte zuflüsterte.

»Da ist Mary,« sagte Bertha.

»Hast Du etwa Schüsse gehört?« fragte der Marquis.

»Ja, Vater,« sagte Mary, »es wird gekämpft.«

»Wo denn?«

»In der Baugéschlucht.«

»Weißt Du das gewiß?«

»Ja, ich habe deutlich gehört, daß in der Schlucht geschossen wird.«

»Hören Sie wohl?« sagte der Marquis. »Der Bericht ist ganz genau. – Wer hütet die Thür in deiner Abwesenheit?«

»Rosine Tinguy.«

»Horch!« sagte Petit-Pierre.

Es wurde heftig und rasch an das Schloßthor geklopft.

»Diable!« sagte der Marquis, »das ist Keiner von den Unsrigen.«

Alle lauschten mit großer Aufmerksamkeit.

»Aufgemacht!« rief eine Stimme, »es ist kein Augenblick zu verlieren!«

»Es ist seine Stimme,« sagte Mary.

»Seine Stimme?« wiederholte der Marquis, »wessen Stimme?«

»Ja, die Stimme des jungen Baron Michel,« sagte Bertha, welche sie ebenfalls erkannt hatte.

»Was will der Krautkopf hier?« sagte der Marquis, auf die Thür zutretend, um ihm den Eingang zu wehren.

»Lassen Sie ihn hereinkommen, Marquis,« sagte Bonneville, »der ist nicht zu fürchten, ich bürge für ihn.«

Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so hörte man hastige Fußtritte auf den Salon zukommen, und der junge Baron Michel stürzte bleich, athemlos, mit Schlamm bedeckt, von Schweiß triefend in die Thür.

Er hatte kaum noch die Kraft, den Anwesenden zuzurufen: »Es ist kein Augenblick zu verlieren – Fliehen Sie – sie kommen —«

Er sank auf ein Knie und stützte eine Hand auf den Fußboden. Der Athem ging ihm aus, seine Kräfte schwanden – er hatte Wort gehalten: in sechs Minuten war er eine halbe Lieue gelaufen.

Im Salon entstand eine unbeschreibliche Verwirrung.

»Zu den Waffen!« rief der Marquis.

Er griff nach seiner Flinte und deutete mit dem Finger auf einige andere Jagdgewehre, die in einer Ecke des Salons hingen. Der Graf von Bonneville und Pascal traten vor Petit-Pierre hin, um ihn zu vertheidigen.

Mary eilte auf den jungen Baron zu, um ihn aufzuheben und ihm nöthigenfalls Hilfe zu leisten, Bertha riß das dem Walde zugewandte Fenster auf.

Man hörte nun einige noch ziemlich entfernte Schüsse.

»Sie sind jetzt auf dem Ziegenwege,« sagte Bertha.

»Das glaube ich nicht,« sagte der Marquis, »einen so halsbrechenden Weg werden sie nicht betreten.«

»Gaube es nur, Vater,« versicherte Bertha, »sie sind auf dem Ziegenwege.«

»Ja, ja,« stammelte Michel, »ich habe sie gesehen – sie trugen Fackeln – ein Weib ging voran und zeigte ihnen den Weg – der General folgte zu Pferde.«

»O, der verwünschte Jean,« eiferte der Marquis, »warum muß er sich gerade jetzt im Walde herumtreiben!«

»Er kämpft, Herr Marquis,« sagte der junge Baron, »er hat mich hierhergeschickt, da er nicht selbst kommen konnte.«

»Jean Oullier?« fragte der Marquis zweifelnd.

»Aber ich hatte mich aus eigenem Antriebe auf den Weg gemacht, mein Fräulein, fuhr Michel fort, »seit gestern wußte ich, daß man das Schloß Souday angreifen wollte; aber ich war eingesperrt; ich bin aus dem Fenster gestiegen.«

»Großer Gott,« sagte Mary erblassend.

»Bravo!« sagte Bertha.

»Meine Herren,« sagte Petit-Pierre gelassen, »ich glaube, daß ein rascher Entschluß gefaßt werden muß. Sollen wir kämpfen? dann müssen wir uns bewaffnen, die Thüren verrammeln und unsere Posten einnehmen. Sollen wir fliehen! Dann ist noch weniger Zeit zu verlieren.«

»Wir wollen uns vertheidigen!« sagte der Marquis.

»Nein, wir müssen fliehen,« entgegnete Bonneville, »erst wenn Petit-Pierre in Sicherheit ist, wollen wir uns zur Wehr setzen.«

»Was sagen Sie da, Graf?« fragte Petit-Pierre.

»Ich sage, daß gar keine Vorkehrungen getroffen sind und daß wir nicht kämpfen können; nicht wahr, meine Herren?«

»Man kann sich immerhin zur Wehr setzen,« sagte die heitere sorglose Stimme eines Neuankommenden, der zu der Gesellschaft im Salon und zugleich zu zwei anderen jungen Männern sprach, die ihm folgten, und mit denen er wahrscheinlich vor der Thür zusammengetroffen war.

»Ah, Gaspard!« sagte Bonneville und eilte dem Eintretenden entgegen, um ihm einige Worte zuzuflüstern.

»Meine Herren,« sagte Gaspard, »der Graf von Bonneville hat vollkommen Recht. Wir müssen uns zurückziehen. Herr Marquis, ist in Ihrem Schlosse vielleicht ein geheimer Ausgang? Wir haben keine Zeit zu verlieren. Die letzten Schüsse, die wir Drei, Achille, Coeur-de-Lion und ich, vor der Thür hörten, waren nur noch etwa fünfhundert Schritte von hier entfernt.«

»Meine Herren,« sagte der Marquis von Souday, »Sie sind in meinem Hause, ich bin für Alles verantwortlich. Hören Sie mich an – heute müssen Sie mir gehorchen; morgen werde ich gehorchen.«

Tiefe Stille folgte.

»Mary,« setzte der Marquis hinzu, »laß das Schloßthor schließen, aber nicht verrammeln, damit man es öffnen kann, sobald geklopft wird. – Bertha, in den Keller, ohne einen Augenblick zu verlieren. – Ich werde mit meinen Töchtern den General empfangen und die Honneurs des Hauses machen – und morgen kommen wir zu Ihnen, wo Sie auch seyn mögen; Sie müssen mich nur davon in Kenntniß setzen.«

Mary eilte hinaus, um den Befehl ihres Vaters zu vollziehen. Bertha gab Petit-Pierre einen Wink, entfernte sich mit ihm aus einer Seitenthür, ging über den Hof, trat in die Capelle, zündete an ihrer Lampe zwei Wachskerzen an, gab sie dem Grafen von Bonneville und Pascal in die Hand und drückte auf eine im Altare verborgene Feder. Ein Theil des Altars drehte sich und durch die Oeffnung erblickte man eine in die Familiengruft hinabführende Treppe.

»Sie können sich nicht verirren,« sagte Bertha, »Sie gehen die Treppe hinunter, und am andern Ende des unterirdischen Ganges werden Sie die Thür finden; der Schlüssel steckt darin. Die Thür führt auf das freie Feld.«

Petit-Pierre dankte Bertha mit einem warmen Händedruck und eilte mit Pascal und Bonneville, welche die Lichter trugen, die Treppe hinunter.

Louis Renaud, Achille, Coeur-de-Lion und Gaspard folgten.

Bertha machte die Thür hinter ihnen wieder zu.

Sie hatte bemerkt, daß der junge Baron Michel nicht unter den Flüchtigen war.

XV.
Gevatter Loriot

Der Marquis von Souday schaute den Flüchtlingen nach, bis daß sie alle in der Capelle verschwunden waren; dann machte er seiner gepreßten Brust durch einen tiefen Athemzug Luft und ging wieder in’s Haus.

Aber er begab sich nicht in den Salon zurück, sondern ging in die Küche.

Gegen seine Gewohnheit und zum größten Erstaunen der Köchin trat er an den Herd, hob sorgfältig jeden Topfdeckel auf und sah nach, ob die Ragouts nicht anbrannten, rückte die Bratspieße vom Feuer weg, ging in das Speisezimmer, untersuchte die Flaschen, warf einen forschenden Blick auf den Tisch und nachdem er Alles zu seiner Zufriedenheit gefunden, begab er sich wieder in den Salon.

Hier fand er seine beiden Töchter wieder. Rosine hatte Befehl, das Schloßthor zu öffnen, sobald geklopft würde.

Mary und Bertha saßen am Camin; die Erstere war unruhig, die Letztere in Gedanken vertieft.

Beide dachten an Michel.

Mary vermuthete, der junge Baron sey dem Grafen von Bonneville und Petit-Pierre gefolgt, und dachte an die Gefahren, denen er sich aussehen werde, an die Strapazen, die seine schon erschöpften Kräfte wohl schwerlich ertragen konnten.

Bertha dachte mit stillem Entzücken an die aufopfernde Liebe, von welcher der junge Baron einen so deutlichen Beweis gegeben hatte. Sie glaubte in seinen Blicken die Gewißheit gelesen zu haben, daß der sonst so schüchterne, unschlüssige junge Mann um ihretwillen muthig aller Gefahr getrotzt habe. Sie baute tausend Luftschlösser und machte sich bittere Vorwürfe, daß sie ihn nicht zur Rückkehr ins Schloß genöthigt, als sie bemerkt hatte, daß er den Flüchtlingen nicht folgte.

Dann dachte sie, er sey im Schlosse geblieben und habe sich in einem Winkel versteckt, um sie verstohlen zu betrachten; sie meinte, wenn sie in den Hof oder in den Park ginge, würde er auf einmal vor ihr stehen und zu ihr sagen: »Sehen Sie, was ich wage, um einen Blick von Ihnen zu bekommen!« Kaum hatte sich der Marquis in seinen Lehnstuhl gesetzt, so hörte er klopfen.

Er stutzte; nicht als ob ihm das Klopfen unerwartet gekommen wäre, sondern weil nicht so geklopft wurde, wie er erwartete.

Der späte Gast war gewiß kein Soldat, denn er hatte sehr bescheiden geklopft.

»Was ist das?« sagte der Marquis.

»Ich glaube, man hat geklopft,« sagte Bertha, aus ihrem Traume erwachend.

»Ja, es war ein einziger, leiser Schlag,« setzte Mary hinzu.

Der Marquis verließ den Salon, um selbst nachzusehen, ging über die Hausflur und trat auf die Außentreppe.

Statt der Säbel und Bajonnete und schnurrbärtigen Gesichter, die er erwartet hatte, sah er nur die Kuppel eines großen blauen Regenschirms, der langsam die Stufen herauf kam.

Der Marquis schien zu fürchten, daß ihm der aus dem Mittelpunkte des anrückenden Schirmes hervorstehende spitze Stock ein Auge ausstoßen könne; er hob daher das gewölbte leinene Dach auf, und erblickte ein Fuchsgesicht mit zwei kleinen funkelnden Augen und mit einem hohen, schmalen Filzhut, der durch langjährigen, ungebührlichen Gebrauch einen selbst in der Dunkelheit bemerkbaren Glanz bekommen hatte.

»Mille Diables!« sagte der Marquis höchst erstaunt, »das ist ja mein Gevatter Loriot!«

»Gehorsamst aufzuwarten,« erwiderte der neue Gast mit einer dünnen Fistelstimme.

»Sie kommen wie gerufen, Maître Loriot,« sagte der Marquis von Souday sehr vergnügt, als ob er von der Anwesenheit des Ankommenden eine Unterhaltung erwartete. »Ich erwarte diesen Abend zahlreiche Gesellschaft, und als Notar des Herrn vom Hause müssen Sie mir behilflich seyn, die Honneurs zu machen. Kommen Sie, und sagen Sie meinen Töchtern guten Abend.«

Der alte Landedelmann ging ohne Umstände voran: er gab dadurch zu erkennen, daß zwischen einem Marquis von Souday und einem Dorfnotar ein großer Abstand war.

Maître Loriot reinigte sich freilich auf der Strohdecke vor der Salonthür so sorgfältig die Füße, daß die Höflichkeit des Marquis, wenn er ihm den Vortritt gelassen hätte, ein wahrer Frohndienst geworden wäre.

Wir wollen die Zeit benutzen, wo er, von der halb offenen Thür beleuchtet, seinen Regenschirm zumacht und seine Füße reinigt, um sein Porträt zu entwerfen.

Maître Loriot, Notar zu Machecoul, war ein kleines dürres Männchen, und er schien noch um die Hälfte kleiner, als er wirklich war, weil er nur in tief gebückter Stellung zu sprechen pflegte.

Eine lange spitze Nase vertrat gewissermaßen die Stelle des Gesichtes, denn Alles, was nicht unmittelbar zu diesen Hauptorgan gehörte, war ihm von der Natur äußerst kärglich zugetheilt worden. Man mußte ihn lange und genau betrachten, um zu bemerken, daß Maître Loriot, wie andere Menschenkinder, Augen und einen Mund hatte; aber wenn man diese Entdeckung gemacht hatte, so bemerkte man, daß die Augen ungemein lebhaft waren und der Mund einen geistvollen Ausdruck hatte.

Maître Loriot, oder »Gevatter Loriot,« wie ihn der Marquis von Souday zu nennen pflegte, hielt die Versprechungen seines physiognomischen Prospectus: er war so klug und gewandt, daß er aus seinem Geschäft, welches seine Vorgänger kaum ernährt hatte, wohl dreißigtausend Francs herausschlug.

Um dieses bis dahin für unmöglich gehaltene Resultat zu erzielen, hatte Maître Loriot nicht das Gesetzbuch, sondern die Menschen studirt, und war in diesen Studien zu dem Schluß gekommen, daß Eitelkeit und Eigendünkel die vorherrschenden Schwächen der Menschen sind. Er hatte daher diesen Schwächen möglichst geschmeichelt und war denen, welche sie besaßen, bald unentbehrlich geworden.

Die Höflichkeit wurde bei Maître Loriot fast zur Unterwürfigkeit; er verneigte sich nicht, er katzbuckelte, und durch langjährige, anhaltende Uebung seines Rückens war ihm die gebückte Stellung zur Gewohnheit, zur andern Natur geworden. Sein dürrer Körper war eine beständig offene, nie geschlossene Parenthese, in welcher die Titel seiner Clienten vollkommen Platz fanden, und welche in seiner Anrede beständig wiederkehrten. Mit einem Baron, einem Chevalier oder auch nur mit einem »Herrn von« sprach der Notar nie anders als in der dritten Person.

Uebrigens zeigte er sich immer sehr dankbar für die Leutseligkeit, mit der man ihn behandelte, und da er die ihm anvertrauten Geschäfte mit beispiellosem Eifer besorgte, so hatte er unter dem Adel der Umgegend bald eine beträchtliche Kundschaft.

Einen großen Theil seiner Praxis in dem Département der Niederloire und selbst in den benachbarten Départements verdankte Maître Loriot seinen überspannten politischen Meinungen. Man konnte von ihm sagen: er war ein eifrigerer Royalist, als der König. Seine kleinen grauen Augen funkelten, wenn er den Namen eines Jacobiners aussprechen hörte, und für ihn waren alle liberalen Schattirungen von Châteaubriand bis Lafayette Jacobiner.

Das Julikönigthum wollte er nie anerkennen; Louis Philipp nannte er nie anders als »Herzog von Orléans,« und verweigerte ihm sogar den von Carl X. bewilligten Titel »königliche Hoheit.«

Maître Loriot war einer der gewöhnlichsten Gäste im Schlosse Souday. Es gehörte zu seiner Tactik, für diesen berühmten Ueberrest der vormaligen Gesellschaft, die er sehnlichst zurückwünschte, die tiefste Verehrung an den Tag zu legen. Und sein Respect war so groß, daß er sich sogar zu einigen Darlehen bequemt hatte, für welche der Marquis, dessen Saumseligkeit in Geldsachen wir kennen, die Zinsen nicht sehr regelmäßig bezahlte.

Der Marquis von Souday empfing seinen »Gevatter Loriot« immer sehr freundlich, theils weil er sein Schuldner war, theils weil er für Schmeicheleien keineswegs unempfänglich war, theils auch weil der Besitzer von Souday fast gar keinen Umgang mit den Nachbarn hatte und daher jede Zerstreuung, die ihm ein Besuch bereitete, in seiner Einsamkeit willkommen hieß.

Als der kleine Notar die Ueberzeugung gewonnen hatte, dass an seinen Schuhen keine Spur von Schmutz mehr war, trat er in den Salon.

Er verneigte sich noch einmal vor dem Marquis, der wieder in seinem Lehnstuhl Platz genommen hatte, und fing an die beiden Mädchen zu becomplimentiren.

Aber der Marquis ließ ihm nicht die Zeit, seine Kratzfüße zu beenden.

»Loriot,« sagte er zu ihm, »es wird mir immer sehr angenehm seyn, Sie zu sehen —«

Der Notar machte einen tiefen Bückling.

»Aber erlauben Sie mir eine Frage,« setzte der Marquis hinzu, »was führt Sie um halb zehn Uhr Abends und bei solchem Wetter in unsere Einöde? Wenn man einen Regenschirm hat, wie Sie, so ist der Himmel freilich immer blau.«

Loriot hielt es für seine Schuldigkeit, diesen Scherz zu belächeln und einige Worte des Beifalls zu lispeln; erst nachdem er sich dieser Pflicht entledigt hatte, antwortete er:

»Ich war im Schlosse La Logerie; ich ging sehr spät fort, denn ich hatte auf eine erst um zwei Uhr erhaltene Weisung der Eigenthümerin des besagten Schlosses Geld zu bringen. Als ich mich, meiner Gewohnheit gemäß, zu Fuß nach Hause begab, hörte ich im Walde einen nichts Gutes verkündenden Lärm, der mir das Gerücht von einem Aufstande zu Montaigu zu bestätigen schien. Ich fürchtete den Soldaten des Herzogs von Orléans zu begegnen und dachte, der Herr Marquis würde die Huld und Gnade haben, mich über Nacht zu beherbergen.«

Als der Name La Logerie genannt wurde, hoben Bertha und Mary die Köpfe.

»Sie kommen von La Logerie?« fragte der Marquis.

»Ja, wie ich bereits die Ehre hatte ganz gehorsamst zu bemerken,« erwiderte Maître Loriot.

»Wir haben diesen Abend auch schon einen Besuch von La Logerie gehabt.«

»Vielleicht der junge Baron Michel?« fragte der Notar.

»Ja.«

»Eben den suche ich.«

»Loriot,« sagte der Marquis, »ich halte Sie für einen Mann von festen Grundsätzen, und deshalb wundert es mich, daß Sie einen Titel, den Sie sonst achten, durch die Verbindung mit dem Namen Michel herabwürdigen.«

Bertha wurde feuerroth; Mary erblaßte.

Der Marquis bemerkte den Eindruck nicht, den diese Worte auf seine Töchter machten, aber das kleine graue Auge des Notars sah schärfer. Loriot wollte antworten, aber der Marquis gab ihm durch einen Wink zu verstehen, dass er noch nicht Alles gesagt hatte.

»Und warum,« fuhr er fort, »warum halten Sie einen Vorwand für nothwendig, um in unser Haus zu kommen, wo Sie doch immer freundlich aufgenommen werden?«

»Herr Marquis —« stammelte Loriot.

»Sie wollen Michel suchen, nicht wahr? Warum sagen Sie nicht die Wahrheit?«

»Ich bitte ganz gehorsamst um Entschuldigung, Herr Marquis. Die Mutter des jungen Menschen, die ich von meinem Vorgänger als Clientin übernehmen mußte, ist sehr besorgt. Denken Sie sich, ihr Sohn ist, auf die Gefahr hin, den Hals zu brechen, aus einem Fenster des oberen Stockwerkes gestiegen, und hat, trotz des mütterlichen Verbots, die Flucht genommen. Madame Michel hat mich daher beauftragt —«

»Wirklich?« unterbrach sie der Marquis, »das hat er gethan?«

»Es ist buchstäblich so wie ich sage, Herr Marquis.«

»Das söhnt mich einigermaßen mit ihm aus – wohl nicht ganz, aber ich bin doch nicht mehr böse auf ihn.«

»Wenn der Herr Marquis nur sagen könnte,« sagte Loriot, »wo ich besagten jungen Menschen finden und im Vertretungsfalle an seine Mutter abliefern könnte —«

»Ich weiß wahrhaftig nicht, wie und wohin er entwischt ist. Wißt Ihr es?« fragte der Marquis seine Töchter.

Bertha und Mary schüttelten den Kopf.

»Sie sehen, Gevatter,« sagte der Marquis, »wir können Ihnen nicht helfen. Aber hatte denn Madame Michel ihren Sohn eingesperrt?«

»Sicherem Vernehmen nach,« antwortete der Notar, »ist der junge Michel, der bis daher ein Muster von Sanftmuth und Gehorsam war, Knall und Fall verliebt geworden.«

»Aha! er ist durchgegangen,« sagte der Marquis. »Ich kenne das. Wenn Sie von der Mutter in Rath genommen werden, so sagen Sie ihr, sie soll ihm nur den Zügel schießen lassen. Das ist besser als ein Kappzaum. Er scheint mir ein guter kleiner Teufel zu seyn.«

»Ein herzensguter Mensch, Herr Marquis,« sagte der Notar, »und dazu einziger Sohn mit mehr als hunderttausend Livres Renten.«

»Hm! wenn er sonst nichts hat,« entgegnete der Marquis, »so ist es wenig, um den auf seinem Namen haftenden Makel abzuwaschen.«

Mary seufzte; aber Bertha konnte nicht länger schweigen.

»Vater,« sagte sie. »Du hast vergessen, welchen Dienst er uns diesen Abend geleistet.«

»Ei! ei!« schmunzelte Loriot, indem er Bertha ansah. »Sollte die Baronin Recht haben? Wahrhaftig, da wäre ein schöner Contract zu machen!«

Er berechnete im Stillen, wie viel Honorar ihm ein Ehecontract des Baron Michel de La Logerie mit Fräulein Bertha von Souday eintragen könne.

»Du hast Recht,« sagte der Marquis. »Gevatter Loriot mag das Schooßkind der Mama Michel suchen, wir wollen uns nicht darum kümmern. – Herr Notar, Sie wollen also Ihre Nachforschungen fortsetzen?«

»Wenn Sie gütigst erlauben, Herr Marquis, so würde ich lieber —«

»Zuerst brauchten Sie als Vorwand Ihre Furcht, den Soldaten zu begegnen,« unterbrach der Marquis. »Sie haben also große Furcht? Morbleu! Sie sind doch einer der Unserigen —«

»Ich nehme mir die unterthänigste Erlaubniß zu widersprechen, Herr Marquis: ich fürchte mich nicht; aber die verwünschten Blauen flößen mir eine so tiefe Abneigung ein, daß sich mein Magen krampfhaft zusammenzieht, wenn ich eine Uniform bemerke ich kann dann in vierundzwanzig Stunden keinen Bissen essen.«

»Deshalb sind Sie auch so mager, Gevatter Loriot. Aber das Traurigste dabei ist, daß Ihre Magenschwäche mich nöthigt, Ihnen die Thür zu weisen.«

»Der Herr Marquis belieben zu scherzen auf Kosten Hochdero ergebensten Dieners.«

»Nein, es ist mein Ernst; ich will keineswegs Ihren Tod.«

»Wieso – wenn ich fragen darf?«

»Wenn Ihnen der Anblick eines Soldaten ein vierundzwanzigstündiges Fasten auflegt, so müssen Sie unfehlbar verhungern, wenn Sie mit einem Regiment eine ganze Nacht unter einem Dache zubringen.«

»Mit einem Regiment?«

»Ja wohl, ich habe ein Regiment zum Abendessen eingeladen, und die Freundschaft macht es mir zur Pflicht, Sie so schnell wie möglich entwischen zu lassen. Aber Sie müssen vorsichtig seyn, denn die Blauen könnten Ihnen einige Schüsse nachsenden und die Soldaten des Herzogs von Orléans haben scharf geladen.«

Der Notar erblaßte und stammelte einige unverständliche Worte.

»Entschließen Sie sich,« setzte der Marquis hinzu, »Sie haben die Wahl zu verhungern oder todtgeschossen zu werden. Sie haben keine Zeit zu verlieren, denn ich höre bereits die Hufschläge und die gemessenen Fußtritte. Hören Sie nur – es wird geklopft – es ist wahrscheinlich der General.«

Es wurde wirklich stark an das Schloßthor geklopft, wie es von dem Anführer einer Truppenabtheilung zu erwarten war.

»In Gesellschaft des Herrn Marquis,« sagte Loriot, »fühle ich mich stark genug, meinen sonst so großen Widerwillen zu überwinden.«

»Gut, dann nehmen Sie ein Licht und gehen Sie meinen Gästen entgegen.«

»Ihren Gästen! Ich kann wirklich kaum glauben, Herr Marquis —«

»Kommen Sie nur, Gevatter Loriot; Sie werden sehen und dann glauben.«

Der Marquis von Souday nahm selbst ein Licht und verließ schnell den Salon.

Bertha und Mary folgten ihm. Beide suchten in der Dunkelheit des Hofes den Gegenstand, der ihre Gedanken unaufhörlich beschäftigt hatte.

XVI.
Wo der General als ungebetener Gast speist

Nach der Weisung des Marquis hatte Rosine das Schloßthor geöffnet, sobald geklopft wurde. Die Soldaten stürzten in den Hof und umstellten das Haus.

Der alte General stieg vom Pferde. Er bemerkte die beiden Männer mit Lichtern und hinter ihnen die beiden Mädchen.

Die vier Personen kamen zuvorkommend und freundlich auf ihn zu. Dieser Empfang war ihm auffallend.

»Herr General,« sagte der Marquis, »ich habe kaum gehofft, Sie diesen Abend noch zu sehen.«

»Sie hofften es, sagen Sie, Herr Marquis?« sagte der General, sehr erstaunt über diese Anrede.

»Ja, aber ich hatte, wie gesagt, fast alle Hoffnung aufgegeben. Wann sind Sie von Montaigu abmarschirt? Nicht wahr, gegen sieben Uhr?«

»Ja, schlag sieben Uhr.«

»Ganz richtig. Meiner Berechnung nach brauchten Sie zwei gute Stunden; ich erwartete Sie also um ein Viertel auf Zehn, längstens halbzehn. Aber es ist zehn Uhr vorüber, und ich dachte: Mein Gott! sollte ein Unfall die mir zugedachte Ehre, einen so tapferen, verdienstvollen Offizier zu bewirthen, vereitelt haben?«

»Sie haben mich also erwartet, Herr Marquis?«

»Pardieu! Wahrscheinlich haben Sie sich an der verwünschten Furt bei Pontfarcy verspätet. Es ist wirklich ein abscheuliches Land, Herr General. Kleine Bäche werden reißende Ströme, wenn's ein paar Stunden regnet – und die Wege! Sie werden hauptsächlich in der Baugéschlucht viele Hindernisse gefunden haben; man sinkt bis an den Leib in den Morast. Aber das ist noch nichts gegen den halsbrechenden »Ziegenweg«, den ich in meiner Jugend ungeachtet meiner Jagdleidenschaft nicht ohne Zagen betreten habe. In der That, Herr General, ich kann Ihnen nicht dankbar genug seyn wenn ich denke, wie viele Strapazen Ihnen die mir zugedachte Ehre verursacht hat.«

Der General sah wohl ein, daß er überlistet worden war, und entschloß sich, einstweilen an der Tafel des Marquis Platz zu nehmen.

»Ich bedaure sehr, Herr Marquis,« erwiderte er, »daß ich so lange ausgeblieben bin; aber es ist nicht meine Schuld. Auf jeden Fall werde ich mich in Zukunft bemühen, trotz allen Strömen, Schluchten und Bergpfaden pünktlicher zu seyn.«

In diesem Augenblicke kam ein Offizier auf den General zu, um dessen Befehle hinsichtlich der vorzunehmenden Haussuchung zu empfangen.

»Es ist nicht nöthig, lieber Capitän,« sagte der General, »unser Herr Wirth sagt ja, daß wir zu spät kommen; wir haben uns also nicht zu bemühen, es ist ja hier im Hause Alles in Ordnung.«

»Wie! in Ordnung,« erwiderte der Marquis. »Mein ganzes Hans steht zu Ihrer Verfügung, Herr General. Thun Sie, als ob es Ihnen gehörte.«

»Ein so freundliches Anerbieten kann ich nicht ablehnen,« sagte der General, sich verneigend.

»O! Ihr scheinet sehr zerstreut zu seyn, Kinder,« sagte der Marquis von Souday zu seinen Töchtern. »Ihr erinnert mich gar nicht, daß ich die Herren so lange hier draußen in diesem Wetter warten lasse! Treten Sie doch ein, Herr General – treten Sie ein, meine Herren. Im Salon brennt ein tüchtiges Feuer, vor welchem Sie Ihre in der Boulogne durchnäßten Kleider trocknen können.«

»Ich bin Ihnen für Ihre Artigkeit unendlich verbunden,« sagte der General, der sich aus Aerger die Lippen blutig biß.

»O! Sie können’s schon wieder gut machen, Herr General,« erwiderte der Marquis, der den Offizieren in den Salon leuchtete, während der kleine Notar die Flanke der Colonne beleuchtete. – »Aber erlauben Sie mir,« setzte er hinzu und stellte das Licht auf die Caminplatte, erlauben Sie mir Ihnen meine Tochter, die Fräulein Bertha und Mary von Souday, vorzustellen.«

»Wahrhaftig, Herr Marquis,« sagte der General, »der Anblick dieser reizenden Gesichter, dieser schönen Augen ist es wohl werth, sich in der Furt von Pontfarcy den Schnupfen zu holen und auf den halsbrechenden Gebirgspfaden das Leben zu riskieren.«

»Jetzt, Kinder,« sagte der Herr vom Hause, »benutzt eure schönen Augen und seht nach, ob das Abendessen, das schon eine Stunde auf die Herren gewartet hat, nicht auf sich warten lassen wird.«

»Ihre Güte beschämt uns, Herr Marquis,« versetzte der General, »und unser Dank —«

»Ihren Dank statten Sie durch die Unterhaltung ab, die Sie uns bieten,« unterbrach der Marquis. »Sie können leicht denken, Herr General, daß ich mich in Gesellschaft meiner Mädchen, denen Sie so viel Schmeichelhaftes gesagt haben, zuweilen sehr langweile. Das Leben wickelt sich in dieser Einsamkeit mit verzweifelnder Eintönigkeit ab. Denken Sie sich also meine Freude, als ein Kobold meiner Bekanntschaft herbeihüpfte und mir ins Ohr flüsterte: Der General Dermoncourt ist um sieben Uhr Abends von Montaigu abmarschirt, um Ihnen mit seinem Generalstabe in Souday einen Besuch zu machen.«

»Also ein Kobold hat es Ihnen gesagt?«

»Ja wohl; es gibt ja hier zu Lande Kobolde in jedem Schlosse, in jeder Bauernhütte. Kurz, die Aussicht auf den genußreichen Abend, den ich in Ihrer Gesellschaft zubringen sollte, hat mir meine längst verlorene Regsamkeit wiedergegeben: ich trieb meine Leute an, richtete ein Blutbad unter den Hühnern und Enten an, und habe meinen Gevatter Loriot, wohlbestallten Notar zu Machecoul hier behalten, um ihm das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft zu bereiten. So haben wir denn Hals über Kopf ein Abendessen bereitet. Als vormaliger Soldat habe ich auch Ihre Mannschaft nicht vergessen —«

»So! Sie haben gedient, Herr Marquis?« fragte der General.

»Vielleicht nicht in denselben Reihen mit Ihnen; ich sollte daher kurzweg sagen: ich habe Pulver gerochen.«

»Hier zu Lande?«

»Ja, unter Charette.«

»Wirklich?«

»Ich war sein Adjutant.«

»Also sehen wir uns nicht zum ersten Male, Herr Marquis.«

»Das wäre!»

»Ich habe die Feldzüge 1795 und 1796 in der Vendée mitgemacht.«

»Bravo! das freut mich!« sagte der Marquis. »Beim Dessert wollen wir von unseren Jugendthaten erzählen. Es sind nur noch Wenige da, die von jenen Feldzügen zu erzählen wissen. Doch da kommen meine Töchter, um uns zum Essen zu rufen. Herr General, wollen Sie die Güte haben, der Cavalier der einen zu seyn? Der Herr Capitän wird sich die andere nicht nehmen lassen.«

Dann wandte er sich zu den übrigen Offizieren:

»Meine Herren, Sie sind freundlichst eingeladen; dem Herrn General zu folgen.«

Die Gesellschaft setzte sich zu Tische: der General zwischen Mary und Bertha, der Marquis zwischen zwei Offiziere.

Maître Loriot nahm neben Bertha Platz. Er hatte sich vorgenommen, bei Tische ein leises Wörtchen über den jungen Baron Michel zu sagen; der Ehecontract mußte ja auf jeden Fall in seiner Schreibstube gemacht werden.

Ein paar Minuten wurde kein Wort gesprochen; man hörte nur das Klappern der Messer und Gabeln und das Klirren der Gläser.

Die Offiziere, dem Beispiel des Generals folgend, ließen sich das unerwartete Ende ihres Marsches gern gefallen.

Der Marquis, der um fünf Uhr zu speisen pflegte, entschädigte seinen Magen reichlich für das beinahe sechsstündige Warten.

Mary und Bertha waren gar nicht böse, in ihrer Abneigung gegen die dreifarbige Cocarde einen Vorwand zu stillem Nachdenken zu finden.

Der General sann offenbar auf ein Mittel, die Scharte auszuwetzen. Er sah wohl ein, daß der Marquis von Souday von seinem Anmarsch Kenntniß bekommen hatte. Er wußte aus dem vorigen Kriege, wie leicht und schnell eine Nachricht von Dorf zu Dorf befördert wurde. Anfangs hatte er sich über die zuvorkommende Aufnahme gewundert, aber als er seine Fassung wieder gewonnen hatte und scharf beobachtete, fand er in dem freundlichen Empfange und in der offenbar für Andere zubereiteten Mahlzeit eine Bestätigung seines Argwohns; allein an eine Verfolgung der Entflohenen in der finsteren Nacht war nicht zu denken. Er beschloß daher, seine sorgfältigen Nachforschungen zu verschieben und bis dahin Alles, was um ihn vorgehen würde, genau zu beobachten.

Er brach das Stillschweigen.

»Herr Marquis,« sagte er, sein Glas aufhebend, »die Wahl eines Toastes würde für Sie wie für uns nicht ganz leicht seyn; aber es gibt einen Trinkspruch, der Niemand in Verlegenheit setzt und daher zuerst ausgebracht werden muß. Erlauben Sie mir, auf das Wohl der Fräulein von Souday dieses Glas zu leeren und ihnen für ihre Mitwirkung bei dieser gastfreien Bewirthung zu danken.«

»Wir sind Ihnen sehr verbunden, Herr General,« erwiderte Bertha, die zugleich für ihre Schwester das Wort nahm, »und es freut uns, daß wir Ihnen nach dem Willen unseres Vaters etwas Angenehmes erweisen konnten.«

»Sie wollen sagen,« versetzte der General lächelnd, »daß Sie nur auf Befehl freundlich sind und daß wir uns nur bei dem Herrn Marquis zu bedanken haben. Dieser militärische Freimuth gefällt mir und ich würde aus dem Lager Ihrer Bewunderer in das Lager Ihrer Freunde treten, wenn ich hoffen dürfte, mit der Cocarde, die ich trage, darin aufgenommen zu werden.«

»Das Lob, welches Sie meinem Freimuth zollen, macht mir Muth, Herr General.« sagte Bertha, »und mit demselben Freimuth gestehe ich Ihnen, daß ich Ihre Farben nicht gern an meinen Freunden sehe; aber ich will Sie gern meinen Freund nennen, in der Erwartung, daß Sie vielleicht einst meine Farben tragen werden.«

»Herr General,« sagte der Marquis, sich am Ohr kratzend, »Sie haben vollkommen Recht. Wie soll ich, ohne uns Beide zu compromittiren, Ihren freundlichen Trinkspruch beantworten? Haben Sie eine Gemahlin?«

Der General wollte den Marquis in eine Verlegenheit bringen.

»Nein,« antwortete er.

»Oder eine Schwester?«

»Nein.«

»Vielleicht eine Mutter?«

»Ja,« sagte der General, der auf der Lauer zu seyn schien, »ich habe Frankreich, unsere gemeinsame Mutter.«

»Bravo! ich trinke auf Frankreichs Wohl und auf die acht Jahrhunderte des Ruhmes und der Größe, die das Vaterland seinen Königen verdankt!«

»Erlauben Sie mir hinzuzusetzen,« sagte der General, »auf das letzte halbe Jahrhundert der Freiheit, die es seinen Söhnen verdankt.«

»Das ist nicht nur ein Zusatz,« entgegnete der Marquis, »sondern eine Abänderung. Doch ich nehme den Trinkspruch an. Frankreich bleibt immer Frankreich, gleichviel ob es weiß oder dreifarbig ist.«

Alle Tischgäste stießen an und sogar Maître Loriot, durch das Beispiel des Herrn vom Hause angeeifert, leerte sein Glas.

Das Gespräch war nun im Gange und wurde nach und nach so lebhaft, daß Bertha und Mary vor dem Dessert vom Tische aufstanden und in den Salon gingen.

Maître Loriot, der mit den beiden Mädchen mehr Geschäfte zu haben schien, als mit dem Herrn vom Hause, stand ebenfalls auf und folgte ihnen in den Salon.

XVII.
Ein Capitel, das nicht so endet wie Marie und Michel vermuthet hatten

Maître Loriot näherte sich den beiden Mädchen mit vielen Kratzfüßen und rieb sich schmunzelnd die Hände.

»Sie scheinen sehr vergnügt, Herr Notar,« sagte Bertha.

»Meine verehrten Fräulein,« antwortete Loriot geheimnißvoll, »ich habe mein Möglichstes gethan, die Kriegslist Ihres Herrn Vaters zu unterstützen. Ich hoffe, daß Sie nöthigenfalls ebensoviel Klugheit und Geistesgegenwart haben werden, wie ich bei dieser Gelegenheit gezeigt.«

»Was für eine Kriegslist meinen Sie, lieber Herr Loriot?« fragte Mary lachend, »wir verstehen Sie nicht.«

»Ich weiß so wenig davon wie Sie,« erwiderte der Notar, »aber ich dachte, der Herr Marquis müsse sehr triftige Gründe haben, die abscheulichen Eisenfresser, die er zu Tische hat, wie alte Freunde zu behandeln. Seine Zuvorkommenheit gegen die Söldner des Usurpators schien mir so auffallend, daß ich wohl dachte, sie müsse einen Zweck haben.«

»Was für einen Zweck?« fragte Bertha.

»Er will ihnen wahrscheinlich Vertrauen einflößen und ihre Sorglosigkeit benützen, um ihnen das Los —«

»Was für ein Los?«

Der Notar machte die Handbewegung des Kopfabschneidens.

»Das Los des Holophernes vielleicht?« sagte Bertha lachend.

»Sie haben’s getroffen,» sagte Maître Loriot.

Mary stimmte in das Gelächter ihrer Schwester mit ein.

Die Vermuthung des kleinen Notars machte den beiden Mädchen unaussprechliches Vergnügen.

»Sie theilen uns also die Rolle der Judith zu?« fragte Bertha, die ihre Heiterkeit mit großer Mühe bekämpfte.

»Es wäre doch möglich —«

»Herr Loriot, wenn mein Vater hier wäre, so könnte er böse werden, daß Sie ihm solche etwas allzu biblische Maßregeln zumuthen. Aber beruhigen Sie sich, wir werden es ihm so wenig sagen wie dem General, der sich durch Ihre Begeisterung gewiß eben nicht geschmeichelt fühlen würde.«

»Mein Fräulein,« erwiderte Loriot, »verzeihen Sie mir, wenn ich mich durch meinen politischen Eifer, durch meinen Abscheu gegen alle Anhänger dieser traurigen Lehren etwas zu weit fortreißen ließ.«

»Ich verzeihe Ihnen, Herr Loriot,« antwortete Bertha, die wegen ihres offenen, entschlossenen Charakters in dem größten Verdacht gestanden und daher am meisten zu verzeihen hatte, »und um Ihnen für die Folge solche Irrungen zu ersparen, will ich Ihnen sagen wie die Sache steht. Der General Dermoncourt, den Sie für den Antichrist halten, will hier blos eine Haussuchung halten, wie in den benachbarten Schlössern.«

»Aber warum,« fragte der kleine Notar, der die Sache immer unerklärlicher fand, »warum werden die ungebetenen Gäste so glänzend bewirthet? Das Gesetz ist klar und bündig —«

»Wie! das Gesetz?«

»Ja, es verbietet den Gerichtspersonen, den Civils und Militärbeamten, welche den Auftrag zu vollziehen haben, andere Gegenstände, als die in dem Befehl bezeichneten, wegzunehmen oder sich zuzueignen. Was thun die Leute aber mit den Speisen und Getränken, die sie auf dem Tische des Herrn Marquis gefunden haben? Sie eignen sich dieselben zu.«

»Aber mich dünkt doch,« entgegnete Mary, »daß es meinem Vater frei steht, beliebige Gäste zu bewirthen —«

»Allerdings, mein Fräulein, sogar Personen, die sich in seinem Hause eingefunden haben, um eine tyrannische, gehässige Gewalt auszuüben. Aber Sie werden mir erlauben, daß ich es ausfallend finde und eine Ursache oder einen Zweck dahinter vermuthe.«

»Sie finden darin also ein Geheimniß, welches Sie gern ergründen möchten?«

»O! mein Fräulein —«

»Nun, ich will’s Ihnen anvertrauen, lieber Herr Loriot; denn ich weiß, daß man sich auf Sie verlassen kann; aber unter der Bedingung, daß Sie mir sagen, wie es zugeht, daß Sie, um den Baron Michel zu suchen, geradewegs nach Souday gekommen sind.«

Bertha sagte dies ernst und entschieden; der kleine Notar war sehr verlegen.

Mary hatte den Arm ihrer Schwester genommen und den Kopf auf ihre Schulter gelehnt; so erwartete sie mit ungeheuchelter Neugierde die Antwort Loriot’s.

»Nun, da Sie es gern wissen wollen, mein Fräulein —«

Der Notar machte eine Pause, als ob er sich aufmuntern lassen wolle.

Bertha nieste ihm aufmunternd zu.

»Ich bin hierhergekommen,« fuhr Maître Loriot fort, »weil die Frau Baronin de La Logerie mir gesagt hatte, ihr Sohn habe sich sehr wahrscheinlich nach seiner Flucht in das Schloß Souday begeben.«

»Worauf gründete die Baronin diese Vermuthung?« fragte Bertha mit demselben forschenden Blick, mit derselben sicheren klaren Stimme.

»Mein Fräulein,« erwiderte der Notar, dessen Verlegenheit immer großer wurde, »nach den Erklärungen, die ich Ihrem Herrn Vater gegeben, weiß ich wirklich nicht, ob ich trotz der Belohnung, welche Sie auf meine Aufrichtigkeit sehen, den Muth haben werde, Alles zu sagen —«

»Warum nicht, Herr Notar?« setzte Bertha mit der größten Gelassenheit hinzu. »Soll ich Ihnen helfen? Sie sagten, die Baronin glaube, daß der Gegenstand der Zuneigung ihres Sohnes im Schlosse Souday sey.«

»Ganz recht, mein Fräulein.«

»Aber ich möchte wissen, was die Baronin darüber denkt.«

»Ich muß gestehen,« erwiderte der Notar, »daß sie nicht ganz zufrieden damit ist.«

»Ueber diesen Punkt,« sagte Bertha lachend, »ist also die Baronin mit meinem Vater ganz einverstanden.«

»Aber der junge Baron ist in einigen Monaten volljährig.« entgegnete der Notar, »dann kann er frei handeln und über sein großes Vermögen verfügen.«

»Es ist sehr gut für ihn, wenn er frei handeln kann,« sagte Bertha.

»In wiefern?« fragte der Notar lauernd.

»Um seinen Namen wieder zu Ehren zu bringen, um die von seinem Vater hinterlassenen traurigen Erinnerungen vergessen zu machen. Und wenn ich seine Erwählte wäre, so würde ich ihm rathen, von seinem Vermögen einen solchen Gebrauch zu machen, daß sein Name bald in der ganzen Provinz hochgeehrt würde.«

»Was würden Sie ihm denn rathen?« fragte der Notar ganz erstaunt.

»Das Vermögen denen zurückzugeben, denen es sein Vater, wie man sagt, genommen haben soll; die Nationalgüter, welche Herr Michel gekauft, ihren Eigenthümern zurückzugeben.«

»Aber bedenken Sie doch, mein Fräulein,« sagte der Notar, dessen Erstaunen den höchsten Grad erreichte, »bedenken Sie, daß er sich ruinieren würde.«

»Was würde daran liegen, wenn ihm die allgemeine Achtung und die Liebe seiner Erwählten bliebe!«

In diesem Augenblicke schaute Rosine in die Thür.

»Mademoiselle,« sagte sie, ohne weder Mary noch Bertha zu nennen, »wollen Sie die Güte haben zu kommen?«

Bertha wollte ihr Gespräch mit dem Notar nicht gern abbrechen; sie wollte noch mehr über die Stimmung der Baronin de La Logerie erfahren und zugleich zu ermitteln suchen, was Michel etwa von ihr gesprochen; sie ersuchte daher ihre Schwester hinauszugehen.

Aber Mary verließ den Salon nur ungern: sie sah mit Schrecken, wie – Bertha den jungen Baron liebte. Seit einigen Tagen hatte jedes Wort einen schmerzlichen Wiederhall in ihrer Seele gefunden, sie glaubte der Liebe Michels gewiß zu seyn, und dachte mit Bangigkeit an die Verzweiflung Bertha’s, wenn diese ihren Irrthum einsehen würde. Mary war ein Herz und eine Seele mit Bertha, aber die Liebe hatte ihr bereits eine kleine Dosis Selbstsucht eingegeben, und sie nahm im Stillen für sich die Rolle in Anspruch, welche ihre Schwester der Erwählten des jungen Barons zugetheilt hatte.

Bertha mußte sie daher noch einmal bitten, hinaus zu gehen und zu sehen, was Rosine wollte.

»Geh, liebes Mädchen,« sagte Bertha und drückte ihr einen Kuß auf die Stirne, »geh und laß zugleich ein Zimmer für Herrn Loriot herrichten, denn ich fürchte, daß man in der Verwirrung vergessen hat, ihm ein Nachtlager zu besorgen.«

Die sanfte nachgiebige Mary gehorchte.

Sie fand Rosine vor der Thür.

»Was willst Du von uns?« fragte sie.

Rosine antwortete nicht; sie schien zu fürchten, im Speisezimmer, wo der Marquis eben den letzten Lebenstag Charette’s erzählte, gehört zu werden, denn sie faßte Mary bei der Hand und führte sie unter die Treppe.

»Mademoiselle,« sagte sie, »er hat Hunger.«

»Er hat Hunger?« wiederholte Mary.

»Ja, er hat mir’s so eben gesagt.«

»Wen meinst Du denn? Wer hat Hunger?«

»Wer denn sonst als Monsieur Michel!«

»Wie! er ist hier?«

»Wissen Sie es denn nicht?«

»Nein.«

»Vor zwei Stunden, kurz vor der Ankunft der Soldaten, ist er in die Küche gekommen —«.

»Er ist also nicht mit Petit-Pierre fortgegangen?«

»Nein.«

»Und Du sagst, er sey in die Küche gekommen?«

»Ja, er war so müde, daß es zum Erbarmen war. Monsieur Michel, sagte ich zu ihm, warum gehen Sie denn nicht in den Salon? – Man hat mich nicht eingeladen zu bleiben, antwortete er. Er wollte nun fortgehen, um in Machecoul zu übernachten, denn er wird um keinen Preis wieder nach Hause gehen; ich glaube, seine Mutter will mit ihm nach Paris reisen. Aber ich wollte ihn in der finsteren Nacht nicht fortlassen.«

»Das war recht, Rosine. Wo ist er jetzt?«

»Ich habe ihn oben in das Thurmzimmer gebracht. Aber da die Soldaten im Erdgeschoß des Thurmes sind, so kann man nur durch den Gang vom Boden aus hinkommen, und ich bitte um den Schlüssel.«

Mary wollte es ihrer Schwester erzählen; aber dieser ersten guten Regung folgte rasch eine andere, minder edle.

Sie allein wollte Michel sprechen.

Rosine bot ihr einen vollkommenen Vorwand diesem zweiten Gefühl zu folgen.

»Kommen Sie mit mir, Mademoiselle,« setzte Rosine hinzu, »es sind so viele Soldaten im Schlosse, daß ich vor Angst sterben wurde, wenn ich allein hinausgehen müßte; Sie hingegen haben als Tochter des Herrn Marquis nichts zu fürchten.«

»Aber wo sollen wir etwas zu essen bekommen?«

»Ich habe einen ganzen Korb voll Speisen.«

»Dann komm.«

Mary eilte die Treppe hinauf.

XVIII.
Ein Capitel, das nicht so endet, wie Mary und Michel vermuthet hatten. (Fortsetzung.)

Im ersten Stockwerk angekommen, blieb Mary vor dem Zimmer Oullier’s stehen. In diesem Zimmer war der nöthige Schlüssel.

Dann öffnete sie eine Thür und betrat die oben in den Thurm führende Wendeltreppe. Sie eilte der mit dem Korbe beladenen Bäuerin auf der halbverfallenen und daher ziemlich gefährlichen Treppe rasch voraus.

In das oberste Zimmer dieses Thurmes hatte Rosine, nach einer ernsten Berathung mit der Köchin, den jungen Baron de La Logerie gebracht.

Die Absicht der beiden Mädchen war sehr gut, aber die Ausführung entsprach keineswegs ihrem guten Willen; denn ein armseligeres Nachtquartier, einen unbehaglicheren Aufenthalt konnte man sich kaum denken.

In diesem Zimmer bewahrte Jean Oullier die Gartensämereien und verschiedenes Handwerkszeug auf. Die Wände waren mit Bohnenranken, aufgeschossenen Zwiebeln, Spargel- und Salatsamen und verschiedenen anderen Sämereien bedeckt, und Alles war dem Luftzuge ausgesetzt, um gehörig zu reifen und zu trocknen. Unglücklicherweise hatte diese botanische Musterkarte seit sechs Monaten eine solche Menge Staub an sich gezogen, daß die geringste Bewegung den engen Raum mit einer dichten Wolke anfüllte.

Der einzige Gegenstand, der einen Ruhesitz bot, war eine Hobelbank. Michel fand den Sitz unbequem und vertauschte ihn gegen einen Haufen chinesischen Hafers, der wegen seiner Seltenheit in diesem botanischen Museum einen Platz erhalten hatte. Der junge Baron setzte sich mitten auf den Haufen, und abgesehen von einigen Unbequemlichkeiten, von denen selbst der behaglichste Sitz nicht ganz frei ist, fand er denselben dehnbar genug, um seine müden Glieder etwas ausruhen zu lassen.

Aber bald war er des Liegens auf dem beweglichen, prickelnden Sopha überdrüssig. Als ihn Guérin in den Bach geworfen hatte, war eine beträchtliche Menge Schlamm auf der Oberfläche seiner Kleider geblieben, und die Feuchtigkeit war weiter nach innen gedrungen. Nach einem kurzen Verweilen am Caminfeuer wurde die feuchte Kälte eisiger, durchdringender als je. Er ging nun unter dem Thurmdach auf und ab; er verwünschte seine alberne Schüchternheit, welche die Ursache war, daß er Kälte und Hunger leiden mußte, und vor Allem, daß er Mary nicht mehr sähe! Er war böse auf sich selbst, daß er so feig gewesen war, den so mühsam errungenen Vortheil nicht zu benützen.

Allein das Bewußtseyn dieses Versehens machte ihn nicht kühner, und mitten unter den Vorwürfen, die er sich machte, kam es ihm nicht in den Sinn, hinunter zugehen und die Gastfreundschaft des Marquis in Anspruch zu nehmen.

Inzwischen waren die Soldaten angekommen, und Michel, den der Lärm an die schmale Luke gelockt hatte, sah hinter den hell erleuchteten Fenstern des Erdgeschosses die beiden Fräulein von Souday, den General, die Offiziere und den Piarquis hin- und hergehen.

Er bemerkte Rosine am Fuße des kleinen Thurmes, unter dessen Dach er sich befand, und hielt es für angemessen, die Aufmerksamkeit, welche die neuen Gäste in Anspruch genommen, auf seine Person zu lenken. Er bat mit der ihm eigenen Bescheidenheit um ein Stück Brot – eine Bitte, die mit den ungestümen Anforderungen seines bellenden Magens keineswegs im Einklange stand.

Mit großer Freude hörte er leichte Fußtritte, welche die Treppe heraufkamen. Denn diese Fußtritte verkündeten ihm die nahe Befriedigung seines Hungers, und gaben ihm zugleich die Hoffnung, daß er von Mary etwas erfahren werde.

»Bist Du es, Rosine?« fragte er, als er eine Hand an der Thür hörte.

»Nein, es ist nicht Rosine – ich bin’s.«

Michel erkannte Mary’s Stimme, aber er mochte seinen Ohren noch nicht trauen.

»Ja, ja, ich bin’s,« setzte die Stimme hinzu, »und ich bin recht böse auf Sie!«

Der Ton der Stimme stand aber mit dieser Anrede in Widerspruch. Michel hatte daher keine allzu große Furcht vor diesem Zorn.

»Fräulein Mary!« sagte er. »Mein Gott! Sie sind’s!«

Er lehnte sich an die Wand; um nicht zu fallen.

»O wie glücklich machen Sie mich!« setzte er hinzu, als Mary die Thür öffnete.

»O! nicht so glücklich, wie Sie sagen.«

»Wie so?«

»Sie gestehen ja, daß Sie mitten in Ihrem Glücke verhungern!«

»Wer hat Ihnen das gesagt?« erwiderte Michel, bis über die Ohren erröthend.

»Rosine hat’s gesagt,« sagte Mary. »Komm, Rosine – setze deine Laterne auf die Hobelbank und krame geschwind deinen Korb aus. Du siehst ja, daß ihn der Herr Baron mit den Blicken verschlingt.«

Diese neckischen Worte machten den jungen Baron etwas beschämt; er hielt es für schöner, galanter, den Korb zu nehmen, die bereits herausgenommenen Speisen schnell wieder einzupacken, Alles zum Fenster hinaus zu werfen, seiner Angebeteten zu Füßen zu fallen, ihre Hände an sein Herz zu drücken und ihr zu betheuern, daß er nicht an seinen Magen denken könne, während sein Herz so glücklich sey.

Doch diese schwärmerischen Ideen kamen glücklicherweise nicht zur Ausführung. Er ließ sich von Mary als Rosinens Milchbruder behandeln, und verzehrte mit großem Behagen die Bissen, welche ihm die weiße Hand des Fräuleins zerschnitt.

»Sie sind doch recht kindisch!« sagte Mary. »Erst begeben Sie sich in Gefahr, den Hals zu brechen, um uns einen höchst wichtigen Dienst zu erweisen – und nun verkriechen Sie sich, statt meinem Vater ganz offen zu erklären: Ich kann diesen Abend nicht wieder nach Hause gehen, beherbergen Sie mich bis morgen Früh.«

»O! das würde ich nie gewagt haben!« erwiderte Michel.

»Warum nicht?« fragte Mary.

»Weil Ihr Herr Vater mir gewaltigen Respect einflößt.«

»Mein Vater ist der beste Mann von der Welt, und überdies sind Sie ja unser Freund.«

»Wie gütig sind Sie, mein Fräulein, mich so zu nennen! Aber ist es wirklich Ihr Ernst?«

Mary erröthete. – Einige Tage früher würde sie kein Bedenken getragen haben ihm zu antworten, daß er wirklich ihr Freund sey, daß sie unaufhörlich an ihn denke; allein die Liebe hatte sie zurückhaltender, jungfräulicher gemacht; sie hatte eingesehen, wie unschicklich ihre offene, rücksichtslose Sprache war, und ihr feines Gefühl machte die Mängel ihrer sonderbaren Erziehung wieder gut. Es war ihr nie in den Sinn gekommen, ihre Gedanken zu verbergen, nun aber begann sie einzusehen, daß ein junges Mädchen zuweilen genöthigt sey, einer Antwort auszuweichen.

»Mich dünkt doch,« antwortete sie, »daß Sie genug gethan haben, um unsere Freundschaft zu verdienen.«

Und ohne ihm Zeit zu lassen, auf diesen Gegenstand, der sie in Verlegenheit setzte, zurückzukommen, setzte sie hinzu:

»Jetzt beweisen Sie uns Ihren gerühmten Appetit, und essen Sie noch diesen Hühnerflügel.«

»Ich kann nicht mehr,« sagte Michel naiv.

»Sie sind ein schlechter Esser! Ich bin hierher gekommen, Ihnen die Speisen vorzulegen: Sie müssen essen – sonst gehe ich!«

»Mein Fräulein,« erwiderte Michel und streckte beide Hände aus, von denen die eine mit einer Gabel, die andere mit einem Stücke Brot bewaffnet war, »so grausam werden Sie nicht seyn! Ach, wenn Sie wüßten, wie trostlos ich seit zwei Stunden in dieser Einsamkeit gewesen bin!«

»Das glaube ich wohl,« sagte Mary lachend, »Sie hatten Hunger.«

»O nein, nein, das war’s nicht allein. Denken Sie sich, daß ich Sie von hier mit allen Offizieren vorübergehen sah.«

»Das ist Ihre Schuld, statt sich wie eine Eule in diesen alten Thurm zu flüchten, konnten Sie im Speisezimmer bleiben und wie ein ordentlicher Christ an einem Tische essen. Sie würden aus dem Munde meines Vaters und des Generals Dermoncourt die Erzählung von Heldenthaten gehört haben, die Ihnen eine Gänsehaut gemacht hätte und – was nicht minder furchtbar anzuschauen ist – Sie hätten unsern Gevatter Loriot, wie mein Vater ihn nennt, essen sehen können —«

»O, mein Gott!« sagte Michel erschrocken.

»Was ist’s denn?« fragte Mary erstaunt über diesen Ausruf.

»Maître Loriot von Machecoul?«

»Ja wohl, Maître Loriot von Machecoul,« wiederholte Mary.

»Der Notar meiner Mutter?«

»Ja, richtig, es ist wahr.«

»Er ist hier?« fragte der junge Baron.

»Allerdings, er ist hier. Und wissen Sie,« setzte Mary lachend hinzu, »warum er hierher gekommen ist?«

»Nein.«

»Er wollte Sie holen.«

»Mich?«

»Ja wohl, im Auftrage der Baronin.«

»Aber ich will nicht wieder nach La Logerie gehen,« sagte Michel erschrocken.

»Warum nicht?«

»Weil ich dort eingesperrt, hinter Schloß und Riegel gehalten werde, weil man mich von – meinen Freunden trennen will!«

»Aber La Logerie ist nicht weit von Souday.«

»Nein, aber Paris ist weit von La Logerie, und die Baronin will mich mit nach Paris nehmen. Haben Sie dem Notar gesagt, daß ich hier bin?«

»Gott bewahre!«

»O, mein Fräulein, wie danke ich Ihnen!«

»Sie haben mir nicht zu danken, ich wußte es gar nicht.«

»Aber jetzt, da Sie es wissen —«

Michel stockte.

»Nun was wollten Sie noch sagen?«

»Jetzt dürfen Sie es ihm nicht sagen,« erwiderte Michel, ganz beschämt über seine Schwäche.

»Ich gestehe Ihnen aufrichtig, Herr Baron,« sagte Mary, »daß mich Maître Loriot nicht sehr in Verlegenheit setzen würde.«

Michel schien seine ganze Kraft und Besonnenheit aufzubieten, um einen Entschluß zu fassen.

»Sie haben Recht,« erwiderte er, »und ich erkläre Ihnen, daß ich nicht wieder nach La Logerie zurückgehe!«

In diesem Augenblicke erschraken die beiden Mädchen. Rosine wurde von der Köchin gerufen.

»O mein Gott,« sagten sie Beide zitternd.

»Hören Sie wohl, Mademoiselle?« setzte Rosine hinzu, »ich werde gerufen.«

»Mein Gott,« sagte Mary, sich zur Flucht anschickend, »sollte man vermuthen, daß wir hier sind?«

»Und wenn man’s vermuthete,« erwiderte Rosine, »wenn man's wüßte, was würde daran liegen?«

»Das ist wahr, aber —«

»Hören Sie!« sagte Rosine lauschend.

Es folgte eine Pause. Die Stimme der Köchin entfernte sich.

»Jetzt ruft sie im Garten,« feste Rosine hinzu.

»Aber Du mußt mich nicht verlassen,« sagte Mary. »Du mußt mich nicht allein hier lassen —«

»Sie sind ja nicht allein,« erwiderte Rosine, »der Herr Baron ist ja bei Ihnen.«

»Ich meine, um – wieder nach Hause zu gehen, stammelte Mary.

»Sie sind doch sonst nicht furchtsam, Mademoiselle.« entgegnete Rosine, »Sie gehen ja in der Nacht wie am Tage durch den Wald! Was fehlt Ihnen denn.«

»Bleibe bei mir, Rosine!«

»Ich sehe nicht ein, wozu ich Ihnen seit einer halben Stunde nütze.«

»Das ist wohl wahr – ich meinte nur —«

»Was?«

»Daß der arme Baron hier nicht übernachten kann.«

»Wo soll er denn übernachten?«

»Ich weiß nicht, aber wir müssen ihm ein Zimmer anweisen.«

»Ohne es dem Marquis zu sagen?«

»Es ist wahr, mein Vater weiß nichts davon. Mein Gott, was ist zu thun? Ach, Herr Baron, es ist Ihre Schuld, daß —«

»Mein Fräulein,« sagte Michel, »ich will fortgehen, wenn Sie es verlangen.«

»Wer sagt denn das?« erwiderte Mary hastig, »nein, Sie müssen bleiben.«

»Wie wär’s,« sagte Rosine, »wenn ich mit Fräulein Bertha —«

»Nein,« antwortete Mary, ihr mit Heftigkeit in’s Wort fallend, »nein, ich will selbst mit ihr sprechen – wenn der Herr Baron sein frugales Abendbrot verzehrt hat.«

»Dann gehe ich,« sagte Rosine.

Mary machte weiter keinen Versuch, sie aufzuhalten.

Rosine ging also fort und ließ Mary mit dem jungen Baron allein.

XIX.
Ein Capitel, das ganz anders endet, als Mary erwartet hatte

Das kleine Thurmstübchen war nur von dem Licht der Laterne erhellt, dessen Strahlen auf die Thür fielen; der übrige Raum blieb ziemlich dunkel.

Michel saß immer noch auf dem Haferhaufen. Mary kniete vor ihm und suchte in allen Winkeln des Korbes vielleicht mit mehr Verlegenheit als christlicher Barmherzigkeit, ob sie nicht irgend einen Leckerbissen finden würde, mit welchem der arme Einsiedler seine improvisirte Mahlzeit beschließen könne.

Aber Michel hatte keinen Hunger mehr. Er hatte den Kopf auf eine Hand gestützt und betrachtete mit Wonne das reizende, sanfte Gesicht seiner holden Freundin, deren blonde Locken vom Winde bewegt und zuweilen bis zu seinen Lippen getrieben wurden. Sein Herz begann ungestüm zu schlagen, sein Blut strömte rascher durch die Adern – seine Gedanken sannen auf ein Mittel, Mary zu sagen, wie er sie liebe.

Er sann lange nach; endlich faßte er ihre Hand und zog sie an seine Lippen. Ein besseres Mittel war ihm nicht eingefallen.

»Was machen Sie da, Herr Baron?« sagte Mary mehr erstaunt als erzürnt, und stand rasch auf.

Michel sah ein, dass er zu weit gegangen war und daß er jetzt Alles sagen mußte.

Er nahm nun die Stellung ein, welche Mary eben verlassen hatte, das ist, er fiel auf die Knie, und dabei gelang es ihm, die ihm entschlüpfte Hand wieder zu ergreifen.

Die Hand ließ sich freilich ohne Widerstand ergreifen.

»Habe ich Sie beleidigt?« fragte er. »Es würde mir unendlich leid thun und ich würde Sie auf den Knien um Verzeihung bitten.«

»Herr Baron, wie können Sie —« stammelt Mary, ohne zu wissen was sie sagte.

»Sagen Sie, habe ich Ihre Güte mißbraucht?« setzte er hinzu, indem er ihre Hand noch fester hielt, »ich beschwöre Sie, zürnen Sie mir nicht! Sagen Sie, daß Sie mir nicht zürnen!»

»Ich will’s Ihnen sagen, wenn Sie aufgestanden sind,« sagte Mary, indem sie ihm ihre Hand zu entziehen suchte.

Aber dieses schwache Sträuben hatte keinen andern Zweck, als Michel zu beweisen, dass die Gefangenschaft nicht völlig gezwungen war.

»Nein,« erwiderte er in jener schwärmerischen Stimmung, welche die fast zur Gewißheit gewordene Hoffnung hervorruft, »nein, lassen Sie mich zu Ihren Füßen. O, wenn Sie wüßten, wie oft ich schon geträumt, daß ich vor Ihnen kniete; wenn Sie wüßten, wie wohl und zugleich wie weh mir dabei wurde – dann würden Sie mir dieses zur Wirklichkeit gewordene Glück lassen!«

»Aber bedenken Sie doch,« antwortete Mary mit bewegter Stimme, denn sie konnte über die Zuneigung des jungen Mannes nicht mehr im Zweifel seyn, »bedenken Sie doch, daß man nur vor Gott und den Heiligen so kniet!«

»Ich weiß nicht,« erwiderte er, »warum ich vor Ihnen knie – ich weiß nur, daß Sie mir in diesem Augenblicke Alles sind – es ist mir, als ob ich in Ihnen die ganze Schöpfung verehrte —«

»O, hören Sie auf, Freund – reden Sie nicht so —«

»Nein, ich muß Ihnen sagen, was ich fühle, ich muß Ihnen sagen, daß es mein Lebenszweck ist, mich Ihnen ganz zu widmen. Es muss ein großes Glück seyn, für Sie zu dulden, sein Blut zu vergießen, ja zu sterben, wenn es seyn muß. Um Sie zu erkämpfen, würde ich jetzt Kraft und den Muth finden —«

»Warum sprechen Sie denn von Tod und Blutvergießen?« erwiderte Mary. »Glauben Sie denn, man könne die Wahrheit eines Gefühls nicht anders beweisen?«

»Warum ich davon spreche? Weil ich ein anderes Glück nicht hoffe, weil mir ein glückliches, zufriedenes Leben an Ihrer Seite, als Ihr Gatte ein zu schöner Traum scheint, dessen Verwirklichung ich nie hoffen darf.«

»Armer Freund,« sagte Mary mit einem Tone, in welchem mindestens eben so viel Mitleid als Zärtlichkeit lag, »lieben Sie mich denn wirklich?«

»Was kann es nützen, daß ich es Ihnen betheure? Sehen Sie es denn nicht mit Herz und Augen? Legen Sie die Hand auf meine glühende Stirn, auf mein ungestüm pochendes Herz, sehen Sie wie ich zittere – und fragen Sie, ob ich Sie liebe?»

Mary blieb keineswegs taub gegen solche Betheuerungen; sie hatte Alles vergessen – den Haß ihres Vaters gegen den Namen, den Michel führte, die Abneigung der Baronin de La Logerie gegen die Familie Souday, ja sogar die Täuschungen, denen ihre Schwester sich hingab. Ihr feuriges Naturell hatte die Oberhand bekommen über die Zurückhaltung welche sie im Anfange dieser Unterredung beobachtet hatte; sie wollte antworten, aber ein leises Geräusch an der Thür erregte ihre Aufmerksamkeit.

Sie sah sich um und bemerkte Bertha, welche schweigend und regungslos in der Thür stand.

Das Licht der Laterne fiel auf Bertha’s Gesicht. Mary konnte daher sehen, wie blaß ihre Schwester war, wie viel Schmerz und Zorn in den zusammengezogenen Augenbrauen, in den festgeschlossenen Lippen war.

Sie war über diese unerwartete, fast drohende Erscheinung so erschrocken, daß sie den jungen Baron, dessen Hand die ihrige nicht losgelassen hatte, zurückstieß und auf ihre Schwester zutrat.

Aber Bertha trat vor, schob Mary zur Seite und sagte zu Michel:

»Herr Baron, hat Ihnen meine Schwester nicht gesagt, daß der Notar Loriot Sie im Auftrage Ihrer Mutter zu sprechen wünscht?»

Michel stammelte einige Worte.

»Sie werden ihn im Salon finden,« setzte Bertha mit fast gebieterischem Ausdruck hinzu.

Michel stand auf. Er war so befangen, daß er keine Antwort finden konnte; er ging auf die Thür zu, ohne ein Wort zu seiner Entschuldigung zu finden.

Mary nahm die Laterne, aber Bertha riß sie ihr aus der Hand und reichte sie dem jungen Baron.

»Aber Sie?« fragte Michel zagend.

»Wir kennen jeden Tritt und Schritt im Hause,« antwortete Bertha und stampfte ungeduldig mit dem Fuße, als sie bemerkte, daß Michel ihre Schwester ansah. »Gehen Sie doch!« setzte sie hinzu.

Michel entfernte sich. Die beiden Schwestern blieben in dem Thurmstübchen allein. Der jeden Augenblick hinter Wolken verschwindende Mond warf nur einen matten Schimmer durch das schmale Fenster.

Mary erwartete von ihrer Schwester Vorwürfe über die Unschicklichkeit einer Unterredung ohne Zeugen. Aber sie irrte sich. Sobald Michel auf der Wendeltreppe war, faßte sie die Hand ihrer Schwester und drückte sie mit einer Kraft, welche die Heftigkeit ihrer Gefühle bekundete.

»Was hat er denn auf den Knien gesagt?« fragte sie mit unsicherer Stimme.

Aber Mary antwortete nicht, sie fiel ihrer Schwester um den Hals, und ungeachtet alles Sträubens der Letzteren umschlang sie Bertha und benetzte ihr Gesicht mit Thränen.

»Warum zürnst Du mir, liebe Bertha?« fragte sie.

»Ich zürne Dir ja nicht Mary; ich frage nur, was der Baron Michel auf den Knien gesagt hat.«

»Aber sonst sprichst Du ja anders mit mir —«

»Was liegt daran, in welchem Tone ich Dich frage? Ich erwarte eine Antwort.«

»Bertha – Bertha!«

»Sprich doch – was hat er gesagt? ich will es wissen!« erwiderte Bertha und drückte die Hand ihrer Schwester so heftig, daß diese laut aufschrie und halb ohnmächtig niedersank.

Bertha wurde nun wieder gelassen; ihr lebhaftes, ungestümes aber gefühlvolles Gemüth wurde gerührt durch den Schmerz, den sie ihrer Schwester verursachte. Sie hob Mary auf, hielt sie in ihren Armen und küßte sie zärtlich. Endlich brachen Thränen aus ihren Augen und fielen auf die Wangen ihrer Schwester.

»Arme Kleine,« sagte Bertha, als ob sie ein Kind, das sie aus Versehen verletzt, trösten wollte, »verzeihe mir, daß ich Dir weh gethan. Verzeihe mir! Es ist im Grunde meine Schuld: ich hätte Dir mein Herz öffnen sollen, um Dir zu zeigen, wie ich von der unerklärlichen Zuneigung zu diesem Manne – zu diesem Knaben,« setzte sie etwas höhnisch hinzu – »so beherrscht werden konnte, daß ich auf mein Schwesterchen, auf meine liebe Mary eifersüchtig wurde. Ach, wenn Du wüßtest, wie viel Schmerz mir diese unsinnige Liebe schon verursacht, wie bitter ich meine Schwäche beweint habe! Er hat nichts von Allem, was mir werth und theuer ist: er gehört keinem berühmten Geschlecht an; er besitzt weder edle Begeisterung noch unbeugsamen Muth – und dennoch liebe ich ihn – ich fühle mich mit unwiderstehlicher Gewalt zu ihm hingezogen – ich dachte oft in einem an Wahnsinn grenzenden Gemüthszustande: Mein Gott, nimm mein Leben, aber laß mir seine Liebe! Seit einigen Wochen, wo wir ihm zu meinem Unglück begegneten, habe ich unaufhörlich an ihn gedacht. Was ich für ihn fühle ist gewiß Liebe, die aber mehr dem innigen Gefühl einer Mutter für ihren Sohn gleicht. Kurz, er ist der Gegenstand aller meiner Gedanken, aller meiner Träume, aller meiner Hoffnungen, Mary, ich habe Dich um Verzeihung gebeten; jetzt sage ich: Beklage mich, Schwester, habe Mitleid mit mir!«

Bertha drückte ihre Schwester schluchzend ans Herz.

Die arme Mary hatte zitternd den Ausbruch dieser gewaltigen Leidenschaft angehört. Jedes Wort, jeder Laut jede ungestüme Geberde zerriß die rosenfarbenen Wolken, die sie eine kleine Weile in ihrer Zukunft gesehen, und die ungestüme, leidenschaftliche Sprache ihrer Schwester verjagte vollends die zerstreuten Ueberreste derselben, wie ein Orkan die in der Luft schwebenden Dunstflocken vertreibt. Bei jedem Worte flossen ihre Thränen reichlicher, aber bei jedem Worte fühlte sie auch, daß die Schwesterliebe ihr das schon geahnte, aber immer gefürchtete Opfer zur Pflicht machte.

Sie wurde durch Bertha’s Stillschweigen erinnert, daß sie zu antworten hatte. Sie nahm alle ihre Fassung zusammen und erwiderte noch immer schluchzend:

»Liebe Schwester, das Herz bricht mir, wenn ich Dich länger so in Verzweiflung sehen muß. Mein Schmerz ist um so größer, da ich an den Vorgängen dieses Abends nicht ganz schuldlos bin –«

»Nein, nein,« fiel ihr Bertha mit ihrem gewohnten Ungestüm in’s Wort, »die Schuld ist auf meiner Seite: ich hätte mich nach ihm umsehen sollen, als ich aus der Capelle kam. – Doch Du hast meine erste Frage noch nicht beantwortet, Mary,« setzte Bertha mit der den Liebenden eigenen einseitigen Gedankenrichtung hinzu: »Was hat er Dir gesagt? warum kniete er vor Dir?«

Mary fühlte, daß Bertha am ganzen Körper zitterte, als sie diese letzten Worte sprach; sie selbst war in einer peinlichen Aufregung. Was sollte sie antworten? Es schien ihr, als ob ihr jedes Wort, welches sie zur Erklärung des Vorganges sprechen würde, die Lippen verbrennen müsse.

»Sprich, liebes Kind,« setzte Bertha mit Thränen hinzu, welche Mary noch tiefer rührten, als ihr Zorn, »die Ungewißheit ist mir hundertmal peinlicher, als der Schmerz selbst. Sey aufrichtig, Schwester, sprach er nicht von Liebe?«

»Ja,« antwortete Mary.

Sie konnte keine Unwahrheit sagen; sie hatte erst zu kurze Zeit und gleichsam unbewußt geliebt, als daß sie sich hätte verstellen können.

»O mein Gott! mein Gott!« sagte Bertha, und entwand sich den Armen ihrer Schwester.

Mary sah mit Schrecken diesen neuen Ausbruch des Schmerzes; sie vergaß Alles, um nur an ihre Schwester zu denken. Sie war entschlossen, das schwere Opfer zu bringen.

»Wie thöricht bist Du, liebe Bertha!« sagte sie, trotz ihres namenlosen Schmerzens lächelnd und den Arm um den Hals ihrer Schwester schlingend, »Laß mich doch ausreden!«

»Du sagst ja, daß er von Liebe gesprochen!« erwiderte Bertha ungestüm.

»Ja wohl; aber ich habe Dir nicht gesagt, wer der Gegenstand dieser Liebe war.«

»O, Mary, sey nicht grausam!«

»Bertha – liebe Bertha!«

»Sprach er von mir?«

Mary hatte nicht die Kraft zu antworten, sie nickte bejahend.

Bertha athmete tief auf und drückte ihre Hand auf die heiße Stirn Sie war zu tief erschüttert, als daß sie sich sogleich hätte fassen können.

»Mary,« sagte sie, »was Du mir da sagst, scheint mir so unsinnig, so unmöglich, daß ich Gewißheit, Beruhigung haben muß. Schwöre mir, daß —«

Bertha stockte.

»Alles was Du willst, Schwester,« sagte Mary, welche selbst die Nothwendigkeit einsah, sich von dem Gegenstande ihrer Liebe durch eine nicht zu überschreitende Kluft zu trennen.

»Schwöre mir, daß Du ihn nicht liebst, daß er Dich nicht liebt – schwöre es mir bei dem Grabe unserer Mutter!«

»Ja, bei dem Grabe unserer Mutter!« sagte Mary entschlossen, »er wird nie mein werden!«

Sie sank in die Arme ihrer Schwester und suchte in ihren Liebkosungen den Lohn für ihr Opfer.

Wäre es nicht so dunkel gewesen, so hätte Bertha an dem bleichen, verstörten Gesicht ihrer Schwester sehen können, wie schwer ihr dieses Opfer wurde.

Bertha schien wieder ganz ruhig zu werden.

»Tausend Dank, liebe Mary!« sagte sie zärtlich. »Jetzt komm hinunter.«

Aber unterwegs fand Mary einen Vorwand, um sich in ihr Zimmer zu begeben.

Sie schloß sich ein, um ungestört zu weinen und zu beten.

Die Gesellschaft saß noch bei Tische und Bertha, die in den Salon ging, hörte die lauten Stimmen der Gäste.

Maître Loriot war im eifrigen Gespräch mit dem jungen Baron, den er zu überreden suchte, es sey zu seinem Besten und seine Pflicht, nach La Logerie zurückzukehren. Aber das Stillschweigen Michel’s war so beredt, daß der Notar, der seit einer halben Stunde gesprochen hatte, endlich nichts mehr zu sagen wußte.

Michel war vermuthlich nicht minder verlegen als Maître Loriot, denn er empfing Bertha eben so freudig, wie ein von allen Seiten angegriffenes Bataillon, welches Carré formiert hat, die Hilfstruppen begrüßt.

Er eilte ihr mit einer Hast entgegen, an welcher auch die Ungewißheit über das Resultat ihrer Unterredung mit Mary einigen Antheil hatte.

Bertha, welche ihre Gefühle nicht länger zu verbergen vermochte, reichte ihm zu seinem freudigen Erstaunen die Hand und drückte sie zärtlich.

Der junge Baron, der auf einen ganz andern Empfang gefaßt gewesen war, bekam nun schnell die Sprache wieder.

»Antworten Sie meiner Mutter,« sagte er zu Maître Loriot, »daß ein Mann von Charakter in seinen politischen Meinungen wirkliche Pflichten findet, und daß ich nöthigenfalls zu sterben bereit bin, um die meinigen zu erfüllen.

Der arme kleine Baron! Er verwechselte seine Pflichten mit seiner Liebe!

Dritter Theil

I.
Wo gezeigt wird, daß die Spinnengewebe nicht bloß den Fliegen gefährlich sind

Es war fast zwei Uhr Nachts, als der Marquis von Souday seinen Gästen den Vorschlag machte, sich wieder in den Salon zu begeben.

Die Gäste waren in jener behaglichen Stimmung, mit welcher man immer vom Tische aufsteht, wenn der Herr vom Hause freundlich ist, und ein interessantes Gespräch die in der Hauptbeschäftigung gelassenen Pausen ausgefüllt hat.

Der Marquis beabsichtigte mit der Uebersiedelung in den Salon wahrscheinlich nur einen Luftwechsel; denn als die Tafel aufgehoben wurde, schickte er Rosine und die Köchin mit den Liqueurflaschen voraus.

Der alte Landedelmann trällerte die große Arie aus »Richard Löwenherz« und bemerkte gar nicht, daß der General mit dem Refrain der »Marseillaise« antwortete. Die an den Wänden hängenden Ahnen des Marquis von Souday mochten wohl sehr entrüstet seyn über die heillose Volkshymne, die wahrscheinlich zum ersten Male in dem alten Schlosse gesungen wurde.

Endlich zeigte der General auf die Tischuhr und äußerte lachend den Argwohn, der freundliche Wirth wolle seine Gäste in den Genüssen eines neuen Capua einschläfern. Der Marquis ging auf den Scherz mit vielem Tacte ein und führte die Offiziere in die für sie bestimmten Zimmer. Dann begab er sich selbst in seine Schlafstube.

Der Marquis von Souday, dessen kriegerische Gelüste von Neuem geweckt waren, träumte nur von Kämpfen. Er focht in einer Schlacht, gegen welche die Schlachten von Torfou, Laral und Saumur nur Kinderspiele waren. Mitten im Kugelregen und Kartätschenhagel stürmte er eben mit seiner Division eine Redoute und pflanzte die weiße Fahne mitten in den feindlichen Verschanzungen auf, als an seine Zimmerthür geklopft wurde.

Der würdige Edelmann, der in seinem halbwachen Zustande das Klopfen anfangs für Kanonendonner hielt; schlug die Augen auf, und statt des mit Leichen, zerbrochenen Laffeten und zuckenden Pferden besäten Schlachtfeldes, über welches er im Sturmschritte zu gehen glaubte, erblickte er seine weiß- und rothgestreiften Bettvorhänge.

Es wurde wieder geklopft.

»Herein!« rief der Marquis, indem er sich die Augen rieb. »Wahrhaftig, Herr General. Sie kommen eben recht – zwei Minuten später wäre es um Sie geschehen gewesen.«

»Wie so?«

»Ich war eben im Begriffe, Sie niederzustoßen.«

»Ich behalte mir Revanche vor, mein würdiger Freund,« sagte der General und reichte ihm die Hand.

»Recht so! Sie sehen sich erstaunt in meinem schmucklosen Kämmerlein um. Ja, es ist ein großer Abstand zwischen diesem einfachen Zimmer mit den Rohrstühlen und dem Fußboden ohne Teppich, und den Prunkgemächern des Pariser Adels. Doch bei mir können Sie nichts Anderes erwarten: ich habe ein Drittheil meines Lebens im Lager, das zweite Drittheil in der Dürftigkeit zugebracht, und dieses Bett mit der dünnen Matratze scheint mir ein Luxus, der meines Alters würdig. – Aber was führt Sie so früh zu mir? Es muß kaum eine Stunde Tag seyn.«

»Ich komme Abschied zu nehmen, lieber Marquis,« antwortete der General.

»Schon? – So gehts im Leben, Jetzt will ich’s Ihnen gestehen: gestern bei Ihrer Ankunft war ich sehr gegen Sie eingenommen.«

»Wirklich? Und Sie nahmen mich doch so freundlich auf —«

»Sie haben doch den Feldzug in Egypten mitgemacht,« erwiderte der Marquis lachend, »hat man nie in einer frischen grünen Oase auf Sie geschossen?«

»O ja, die Araber lauern gern in den Oasen auf ihre Feinde.«

»Nun ich gestehe, daß ich gestern mit arabischen Gedanken umging – ich bereue es aufrichtig und bedauere unendlich, daß Sie mich so schnell verlassen.«

»Weil Sie mir das geheimsten Versteck in Ihrer Oase noch zu zeigen haben.«

»Nein, weil ich mich durch Ihre Offenheit und Biederkeit, durch die gemeinsam, wenn auch in feindlichen Lagern überstandenen Gefahren sogleich zu Ihnen hingezogen fühlte – und diese Zuneigung wurde an der gestrigen Abendtafel zur aufrichtigen, innigen Freundschaft.«

»Ist das wirklich Ihr Ernst?«

»Ich gebe Ihnen mein Wort als Kavalier und Soldat.«

»Ich biete Ihnen ebenfalls meine Freundschaft; mein lieber Feind,« erwiderte der General. »Ich erwartete einen alten, dürren, gepuderten, grämlichen, mit gothischen Vorurtheilen vollgepfropften Emigré zu finden —«

»Und Sie haben gesehen, daß man sich pudern kann, ohne in Vorurtheilen befangen zu seyn.«

»Ich habe ein aufrichtiges, biederes Herz, einen liebenswürdigen Character gefunden; kurz, der alte Knasterbart ist Ihnen herzlich gut geworden.«

»Das freut mich. Bleiben Sie heute noch hier – ich lade Sie freundlichst und ohne Nebengedanken ein.«

»Unmöglich!«

»Gegen dieses Wort ist nichts einzuwenden. Aber geben Sie mir wenigstens Ihr Wort, daß Sie mich besuchen, sobald Friede ist – vorausgesetzt, dass wir Beide dann noch am Leben sind.

»Wie! sobald Friede ist, sagen Sie? Haben wir denn Krieg?« fragte der General lachend.

»Wir sind zwischen Friede und Krieg.«

»Ja wohl, im Juste-Milieu.«

»Also nach dem Juste-Milieu!«

»Gut, ich gebe Ihnen mein Wort. Aber Scherz bei Seite,« sagte der General, indem er einen Stuhl nahm und sich vor das Bett des alten Royalisten setzte.

»Gut, wir wollen den Scherz bei Seite lassen,« erwiderte der Marquis, »einmal ist ja nicht immer.«

»Sie sind ein Jagdfreund, nicht wahr?«

»Ja, ein leidenschaftlicher Jagdfreund.«

»Welche Jagd ist Ihnen am liebsten?«

»Die Saujagd – sie erinnert mich an die Jagd, die wir auf die Blauen gemacht haben.«

»Schönen Dank! – Und was, sagen Sie zu der Fuchsjagd?«

»Die überlasse ich meinem Jean Oullier, der eine ungemeine Geduld und Ausdauer auf dem Anstande hat.«

»Mich dünkt, Marquis, Ihr Jean Oullier jagt nicht bloß auf Füchse —«

»Es ist wahr, er versteht jede Art von Jagd.«

»Marquis, ich möchte wohl, daß Sie an der Fuchsjagd Vergnügen fänden.«

»Warum denn?«

»Weil diese Jagd vorzüglich in England beliebt ist – und ich weiß nicht warum, mich dünkt, daß eben jetzt Ihnen und Ihren Töchtern die Luft in England sehr zuträglich seyn würde.«

»Was!« sagte der Marquis, sich im Bette aufrichtend.

»Ich spreche aus voller Ueberzeugung, lieber Herr Wirth.«

»Mit anderen Worten: Sie rathen mir zu einer zweiten Auswanderung. Schönen Dank!«

»Nun ja, wenn Sie eine kleine Erholungsreise eine Auswanderung nennen wollen.«

»Lieber General, diese kleinen Reisen kenne ich: sie sind schlimmer als eine Reise um die Welt. Man weiß wohl, wann sie anfangen; aber das Ende läßt sich nicht absehen. Und überdies ist noch ein Umstand zu berücksichtigen.«

»Was meinen Sie?«

»Sie haben gestern Abends gesehen, daß ich trotz meinem Alter einen guten Appetit habe, und ich kann versichern, daß ich mir noch nie den Magen verdorben habe; ich kann Alles essen, ohne die mindeste Beschwerde zu fühlen. Nur den verteufelten englischen Nebel kann ich nicht verdauen!«

»Nun, so gehen Sie in die Schweiz, gehen Sie nach Spanien, gehen Sie wohin Sie wollen. Aber verlassen Sie Souday, verlassen Sie Machecoul, entfernen Sie sich aus der Vendée.«

»Sie scherzen, General —«

»Nein, es ist mein voller Ernst.«

»Wir sind also compromittirt?« fragte der Marquis geheimnisvoll und rieb sich erfreut die Hände.

»Wenn Sie es noch nicht sind, so werden Sie es sehr bald.«

»Endlich!« sagte der alle Landedelmann frohlockend; denn er hoffte, daß die Maßregeln der Regierung seine Glaubensgenossen bestimmen werden, zu den Waffen zu greifen.

»Scherz bei Seite!« erwiderte der General ernst, »wenn ich mich streng an meine Pflicht hielte, lieber Marquis, so würden ich zwei Schildwachen vor Ihrer Thür stellen und ein Unteroffizier auf diesem Stuhl setzen.«

»Wirklich?« sagte der Marquis, über den ernsten Ton des Generals etwas betroffen.

»Ja wohl, es ist so wie ich sage. Aber ich begreife wohl, was ein Mann von Ihren Jahren, der an ein thätiges Leben, an die Waldluft gewöhnt ist, in dem Gefängnisse, in welches Sie die Herren in Nantes wahrscheinlich einquartieren würden, zu leiden hätte, und ich gebe Ihnen durch den guten Rath einen Beweis meiner theilnehmenden Freundschaft.«

»Aber wenn man Sie deshalb zur Verantwortung zieht, General?«

»Glauben Sie denn, ich würde um eine Entschuldigung verlegen seyn? Ein kränkelnder, halblahmer Greis könnte ja die Colonne in ihrem Marsche aufgehalten haben —«

»Wen meinen Sie? Wen nennen Sie einen Greis?« fragte der Marquis.

»Wen anders als Sie?«

»Ich – ein kränkelnder, halblahmer Greis!» erwiderte der Marquis auffahrend und streckte ein Bein aus dem Bett. »Ich weiß wahrlich nicht, lieber General, warum ich nicht die beiden Degen dort von der Wand nehme und mit Ihnen um das Frühstück kämpfe, wie wir’s vor fünfundvierzig Jahren machten, als ich Page war!»

»Sie alter närrischer Kauz wollen mir also beweisen, daß ich einen Fehler begangen, und mich zwingen, die beiden Soldaten zu rufen?«

Der General machte Miene aufzustehen.

»Nein, nein!« sagte der Marquis, »ich bin kränklich, ich bin halb lahm – ja ich will ganz lahm seyn, wenn Sie wollen.«

»Das läßt sich hören!«

»Aber sagen Sie mir gefälligst, wie und durch wen ich compromittirt werden kann?«

»Erstens durch Ihren Diener Jean Oullier.«

»Ja.»

»Durch den Fuchsjäger.«

»Ich verstehe wohl.«

»Ich habe es Ihnen gestern Abends nicht gesagt, weil ich voraussetzte, Sie würden es ohnedies wissen. Ihr Diener, Jean Oullier, machte an der Spitze einer Aufrührerschaar einen Versuch, die Colonne, welche dieses Schloß besetzen sollte, in ihrem Marsche aufzuhalten. In den Scharmützeln, welche die Folge davon waren, haben wir drei Mann verloren, abgesehen von dem Husaren, den ich niedergeschossen, und der aller Wahrscheinlichkeit nach aus Ihrer Gegend ist.«

»Wie heißt er?«

»Franz Tinguy.«

»Still! General, ich bitte Sie, sprechen Sie nicht so laut: seine Schwester ist hier – es ist das Mädchen, das uns bei Tische bediente – der Vater ist erst vor Kurzem begraben.«

»O, der Teufel hole die Bürgerkriege!« eiferte der General. »Ich hatte Ihren Jean Oullier gefangen genommen, und er ist entsprungen.«

»Er hat Recht gethan; Sie würden es auch so gemacht haben.«

»Ja, aber er nehme sich wohl in Acht, daß er mir nicht wieder in die Hände fällt!«

»O; jetzt hat es nichts mehr zu bedeuten; er ist gewarnt, und ich bürge für ihn.«

»Dann kann er sich glücklich schätzen; denn gegen ihn werde ich keine Nachsicht üben. Wir haben nicht, wie mit Ihnen, von dem großen Kriege gesprochen.«

»Er hat ihn aber mitgemacht – und tapfer hat er sich gehalten, darauf können Sie sich verlassen.«

»Um so strafbarer ist er, man sieht, daß er unverbesserlich ist.«

»Aber ich sehe nicht ein,« entgegnete der Marquis, »in wie fern mir das Verhalten meines Dieners zur Last gelegt werden kann.«

»Nur Geduld, lieber Marquis. Sie sprachen gestern Abends von Kobolden, die Ihnen Alles erzählt haben, was ich von sieben bis zehn Uhr Abends gethan.«

»Ja wohl —«

»Ich habe ebenfalls Kobolde, die eben so pfiffig sind, wie die Ihrigen.«

»Das bezweifle ich.«

»Meine Kobolde haben mir erzählt, was gestern in Ihrem Hause vorgegangen ist.«

»Lassen Sie hören,« sagte der Marquis zweifelnd, »ich bin ganz Ohr.«

»Sie haben seit vorgestern zwei Personen empfangen.«

»Sie halten mehr als Sie mir versprochen: Sie wollten nur von gestern sprechen, und nun fangen Sie von vorgestern an!«

»Die beiden Personen waren ein Mann und ein Frauenzimmer.«

Der Marquis schüttelte den Kopf.

»Gut, wir wollen annehmen, daß es zwei Männer waren, obgleich der Eine von unserm Geschlecht nur die Kleider hatte.«

Der Marquis schwieg. Der Graf fuhr fort:

»Der Eine, und zwar der Kleinere ist den ganzen Tag im Schlosse geblieben; der Andere hat die Nachbarschaft besucht, um verschiedene Edelleute zu einer Zusammenkunft einzuladen. Wenn ich indiscret seyn wollte, könnte ich Ihnen die Namen der Herren nennen, wie ich zum Beispiel den Namen des Grafen von Bonneville nenne.«

Der Marquis schwieg; er hätte gestehen oder läugnen müssen.

»Was weiter?« sagte er.

»Die Edelleute kamen nacheinander. Es kamen mehre Angelegenheiten zur Sprache, und die glimpflichste Frage hatte keineswegs den Ruhm das Gedeihen und die lange Dauer der Juliregierung zum Zweck.«

»Gestehen Sie nur, General, daß Sie Ihrer Juliregierung, obgleich Sie ihr dienen, nicht mehr zugethan sind als ich.«

»Was sagen Sie da?«

»Ich sage, daß Sie Republicaner sind, daß Sie zu den blauesten Blauen, zu den echtfarbigen Dunkelblauen gehören.«

»Davon ist jetzt nicht die Rede.«

»Wovon denn?«

»Von den Fremden, die sich gestern zwischen acht und neun Uhr Abends bei Ihnen versammelt haben.«

»Nun, wenn ich auch einige Nachbarn empfangen, wenn ich auch zwei Fremde beherbergt hätte, kann man mir das als Vergehen anrechnen, General? Ich berufe mich auf das Gesetz – es müsste denn wieder ein Gesetz gegen Verdächtige erlassen seyn.«

»Daß Nachbarn zu Ihnen gekommen sind, kann man Ihnen nicht als Vergehen anrechnen; aber man hat in Ihrem Hause gegen das Gesetz gehandelt, weil von einem Aufstande die Rede gewesen ist.«

»Wer kann es beweisen?«

»Die Anwesenheit der beiden Fremden. Denn der Kleinere ist ein Blonder, oder vielmehr eine Blondine, und muß eine schwarze Perrücke tragen, um sich unkenntlich zu machen. Es ist die Prinzessin Marie Caroline, welche Sie die Regentin des Königreichs oder Ihre königliche Hoheit die Herzogin von Berry nennen, wenn Sie ihr nicht den Namen Petit-Pierre geben.«

Der Marquis fuhr im Bett auf. Der General war besser unterrichtet als er selbst. Es wurde ihm nun Alles klar. Er war außer sich vor Freude, daß er die Ehre gehabt, die Herzogin von Berry in seinem Hause zu beherbergen; aber, leider ist keine Freude ungetrübt, der Marquis war gezwungen sich zu mäßigen.

»Und was weiter?« sagte er.

»Während das Gespräch eine interessante Wendung zu nehmen begann, erschien ein junger Mann, den man in Ihrem Lager nicht erwartet, und zeigte Ihnen an, daß die Truppe auf Ihr Schloß zu marschire. Sie wollten Widerstand leisten, Herr Marquis, leugnen Sie nicht, ich weiß es ganz genau; aber es wurde anders beschlossen. Ihr Fräulein Tochter, die Brunette —«

»Bertha?«

»Fräulein Bertha nahm ein Licht und ging mit den Uebrigen hinaus. Sie allein blieben zurück, Herr Marquis; Sie trafen vermuthlich die Vorbereitungen zur Bewirthung Ihrer neuen Gäste. – Das Fräulein ging über den Hof, öffnete die Thür der Capelle, ging auf den Altar zu, drückte auf die an der linken Seite befindliche Feder, welche vermuthlich eingerostet war, denn sie wollte anfangs nicht nachgeben. Fräulein Bertha nahm nun die Glocke, die beim Messelesen benutzt wird, und drückte den hölzernen Griff derselben auf den stählernen Knopf. Die Fallthür gab nun nach; Ihre Tochter nahm zwei Wachskerzen vom Altar, zündete sie an und reichte sie zweien ihrer Begleiter. Dann gingen Ihre Gäste durch die Fallthür und eine Treppe hinab in einen unterirdischen Gang. Endlich schloß Fräulein Bertha die Fallthür und begab sich wieder ins Haus. Einige Zeit nachher kam auch eine andere Person, welche im Park umhergeirrt war.

»Jetzt,« fuhr der General fort, »will ich Ihnen sagen, was aus den Flüchtlingen geworden ist. Am Ende des unterirdischen Ganges, dessen Ausgang sich in den Trümmern der von hier sichtbaren alten Burg befindet, hatten sie einige Mühe, sich durch die Steine einen Weg zu bahnen. Einer von ihnen fiel sogar. Endlich gingen sie in den Hohlweg, der sich hinter der Parkmauer befindet, und beriethen sich unter einander. Drei von ihnen entfernten sich auf der Straße, die von Nantes nach Machecoul führt; zwei gingen aus einem Seitenwege nach Légé; der sechste und siebente endlich —«

»Alles aus der Luft gegriffen, General!« unterbrach der Marquis.

»Lassen Sie mich ausreden. Sie unterbrechen mich gerade an der interessantesten Stelle. Der sechste und siebente vereinigten sich zu einer Person, das ist der Größere nahm den Kleinern auf die Schultern und ging rasch fort, bis zu einem kleinen Bach der sich in den unterhalb des »Ziegenweges« fließenden Bergstrom ergießt. Und fürwahr, diesem gab ich den Vorzug und auf diesen will ich auch meine Hunde hetzen.«

»Ich sage Ihnen, General,« versicherte der Marquis, »daß Alles dies nur in Ihrer Einbildung besteht.«

»Hören Sie nur weiter, lieber alter Feind. Sie sind Wolfsjägermeister, nicht wahr?«

»Ja.«

»Wenn Sie in dem weichen Boden die Fährte eines zweijährigen Keilers sehen, werden Sie sich dann einreden lassen, dass dieser Keiler nur das Gespenst eines wilden Schweines sey? Sie müssen wissen, Marquis, daß ich’s gesehen – oder vielmehr gelesen habe.«

»Pardieu!« sagte der Marquis mit gespannter Aufmerksamkeit, »Sie sollten mir"s erzählen.«

»Sehr gern,« antwortete der General. »Wir haben noch eine halbe Stunde Zeit. Lassen Sie mir ein Stückchen Pastete und eine Flasche Wein bringen; ich will Ihnen dann Alles erzählen.«

»Gut; aber unter der Bedingung, daß ich Ihnen Gesellschaft leiste.«

»Das läßt sich hören!«

»Ein guter Magen kennt keine Uhr.«

Der Marquis sprang aus dem Bett, kleidete sich schnell an, zog die Glocke, ließ einen Tisch decken und nahm mit unverkennbarer Neugierde dem General gegenüber Platz.

II.
Wo gezeigt wird, daß die Spinnengewebe nicht bloß den Fliegen gefährlich sind. (Fortsetzung.)

»Sie wissen, lieber Marquis,« begann der General, »dass ich keineswegs die Absicht habe, Ihnen Ihre Geheimnisse zu entlocken, und ich bin fest überzeugt, daß Alles so geschehen ist, wie ich behaupte; Sie haben daher nicht nöthig, mir zu sagen, ob ich mich irre oder nicht.«

»Erzählen Sie doch,« sagte der Marquis, der eben so ungeduldig war, als wenn in Jean Oullier bei frischgefallenem Schnee meldete, daß er eine Wolfsfährte gefunden.

»Ich will mit dein Anfange den Anfang machen. Ich wußte, daß der Graf von Bonneville in der vorgestrigen Nacht in Begleitung eines Bauernburschen, der einem verkleideten Frauenzimmer sehr ähnlich war, in Ihr Haus gekommen war. Wir hatten bereits Argwohn, daß es die Herzogin von Berry sey. Dies weiß ich von Spionen, deren Berichte ich keineswegs als Rechtswohlthat in mein Inventarium aufnehmen will.«

»Sie haben Recht – pfui!« sagte der Marquis.

»Aber als ich in eigener Person hier eintraf, wie wir Soldaten uns in unseren Rapporten ausdrücken, machte ich, ohne mich durch Ihre Höflichkeit und Zuvorkommenheit irre machen zu lassen, zwei Bemerkungen —«

»Welche, wenn ich fragen darf?«

»Erstens, daß der Tisch für zehn Personen gedeckt war, daß aber fünf Servietten aufgerollt waren, wie für tägliche Tischgäste. Im Fall eines Prozesses – vergessen Sie das nicht, lieber Marquis – wäre dies ein sehr mildernder Umstand.«

»Wieso?«

»Allerdings. Wenn Sie die wirkliche Bedeutung Ihrer Gäste gekannt hätten, würden Sie gewiß nicht zugegeben haben, daß sie ihre Servietten, als ob sie Hausfreunde wären, aufrollten. Die Nußbaumschränke im Schlosse Souday enthalten Wäsche genug, um der Herzogin von Berry bei jeder Mahlzeit eine reine Serviette geben zu können. Ich muß daher glauben, daß die blonde Dame mit der schwarzen Perrücke für Sie nur ein blutjunger Mensch war, der aus gewissen Rücksichten seinen wahren Namen verschwieg.«

»Weiter! weiter!« sagte der Marquis, der sich ärgerte, daß ein Anderer ihn an Scharfsinn übertraf.

»Gut, ich will mich kurz fassen,« fuhr der General fort.

»Ich bemerkte also fünf aufgerollte Servietten, und zog daraus den Schluß, daß die Abendmahlzeit keineswegs für uns zubereitet worden war, wie Sie sagen, sondern daß Sie uns unter anderen die Plätze des Grafen Bonneville und seines Begleiters einräumten, da diese nicht gerathen fanden, uns zu erwarten.«

»Und die zweite Bemerkung?« fragte der Marquis, sich in die Lippen beißend.

»Die zweite Bemerkung war, daß Fräulein Bertha, die ich für ein nettes, reinliches, junges Mädchen halte, mit Spinnengeweben bedeckt war, als ich die Ehre hatte, ihr vorgestellt zu werden. Sie hatte die Spinnengewebe sogar in ihrem schönen Haar. Aus Coketterie konnte sie diesen Kopfputz nicht gewählt haben; ich suchte daher in aller Frühe den Ort auf, wo sich die Kunstprodukte dieser interessanten Insecten am häufigsten finden —«

»Und was haben Sie entdeckt?«

»Was ich entdeckt habe, machte Ihrer Frömmigkeit eben keine Ehre, lieber Marquis – wenigstens was die Andachtsübungen betrifft. Denn gerade an der Thür Ihrer Capelle bemerkte ich ein Dutzend Spinnen, die mit lobenswerthem Eifer an der Ausbesserung der über Nacht in ihrem zarten Gewebe entstandenen entstandenem Risse arbeiten. Diese Thätigkeit bewies, daß das Aufmachen der Thür, in welcher sie ihr Atelier aufgeschlagen hatten, nur ein Zufall war, dessen Wiederholung nicht zu befürchten.«

»Lieber General, das sind nur unsichere Anzeichen.«

»Das ist wahr; aber wenn Ihr Schweißhund die Nase hochhält und einen Hinterfuß hebt, so sind dies noch unsichrere Anzeichen, aber trotzdem durchsuchen Sie sorgfältig den Wald.«

»Allerdings,« sagte der Marquis, der immer aufmerksamer wurde.

»So mache ichs auch,« fuhr der General fort. »Und in Ihren Alleen, denen es an Sand fehlt, entdeckte ich sehr auffallende Spuren —«

»Es finden sich überall Fußstapfen,« unterbrach der Marquis, »sowohl von Männern als von Frauenzimmern.«

»Nein, nicht überall finden sich Fußstapfen gerade in der Anzahl, die ich von den handelnden Personen erwartete – und zwar Fußstapfen von laufenden Personen —«

»Woran haben Sie erkannt, daß diese Personen gelaufen sind?«

»Daran, daß die Fußspitzen tiefer eingedrückt waren als die Fersen, und daß die Erde zurückgeworfen war. Das wissen Sie so gut wie ich, Herr Jägermeister, es ist ja das A-B-C des edlen Waidwerkes.«

»Jawohl,« antwortete der Marquis, der als Kenner seine Zustimmung nicht versagen konnte. »Weiter!«

»Ich untersuchte die Fußstapfen. Es waren Männertritte von allen Formen: Stiefel, Halbstiefel, beschlagene Schuhe und mitten unter ihnen ein kleiner zarter Frauenfuß, dessen sich, trotz den beschlagenen Schuhen, eine Andalusierin nicht zu schämen hätte – ein Fuß, auf den Aschenbrödel stolz seyn könnten.«

»Weiter! weiter!«

»Warum denn?«

»Weil Sie sich in den Fuß verlieben werden, wenn Sie sich länger dabei aufhalten.«

»Sie haben Recht, ich möchte ihn in meiner Hand halten – vielleicht wird’s noch dahin kommen. Die kothigen Füße waren nicht nur auf den Stufen vor der Capelle, sondern auch auf den Steinplatten im Innern deutlich sichtbar. Ueberdies fand ich neben dem Altar viele Wachstropfen, und zwar um zwei kleine zarte Fußstapfen – ganz gewiß von Fräulein Bertha. Und da ich außerhalb der Capellenthür noch Wachstropfen fand, so schloß ich daraus, daß Ihre Tochter in der linken Hand das Licht gehalten und mit der rechten den Schlüssel in das Schloß gesteckt hatte. Die von der Thür losgerissenen und in ihren Haaren wiedergefundenen Spinnengewebe beweisen überdies, daß Fräulein Bertha vorangegangen ist.«

»Fahren Sie fort.«

»Das Uebrige ist kaum der Rede werth. Ich sah, daß alle Fußstapfen vor dem Altar still gestanden; ein Fuß des geschnitzten Osterlammes, hinter welchem der stählerne Knopf verborgen gewesen, war zertrümmert, so daß ich mir die Entdeckung des geheimen Mechanismus nicht zum Verdienst anrechnen kann. Der Knopf wollte nicht nachgeben, so wie er den Anstrengungen Ihrer Tochter widerstanden; eine Blutspur an dem frischen Bruch des gemeißelten Holzes zeigt, daß sich Fräulein Bertha die Finger verletzt hat. Ich sah mich, wie sie, nach einem harten Gegenstande um, und wie sie, nahm ich den hölzernen Griff der Glocke, an welchem sich ebenfalls eine kleine Blutspur fand.«

»Bravo!« sagte der Marquis, der mit immer mehr steigender Theilnahme zuhörte.

»Ich ging natürlich in den unterirdischen Raum hinunter,« fuhr der General fort. »Die Fußstapfen der Flüchtlinge waren in dem feuchten Sande deutlich sichtbar. Draußen in den Ruinen ist einer von ihnen gefallen, ich sah es an den zerdrückten und zerrissenen Nesseln. Denn absichtlich hat man die Nesseln gewiß nicht mit der Hand zerzaust. In einem Winkel der Ruinen, vor einer Thür waren Steine weggeräumt, um einer schwächeren Person den Weg zu bahnen. In den dicht an der Mauer wachsenden Nesseln fand ich die beiden Wachskerzen, die man weggeworfen, ehe man ins Freie gekommen war. Endlich fand ich auf dem Wege die Fußstapfen wieder, und da sie sich trennten, konnte ich sie in der bezeichneten Weise eintheilen.«

»Sie sind noch nicht zu Ende.«

»Wie, noch nicht zu Ende? ich habe Ihnen ja Alles erzählt.«

»Nein Wer hat Ihnen gesagt, daß einer der Flüchtlinge den andern auf den Rücken genommen?«

»Es scheint wirklich, Marquis, daß ich mit meinem bisschen Verstande prahlen soll. Das allerliebste Füßchen mit den beschlagenen Schuhen, das reizende Füßchen, in welches ich so verliebt bin, daß ich nicht ruhen werde, bis ich es wiedergefunden – ich habe es in dem unterirdischen Gange und in dem Hohlwege wiedergefunden. An der Stelle, wo die Fremden stillgestanden und sich berathen haben, ist der kleine Fuß noch zu sehen, und er zeigte sich noch einmal in der Richtung gegen den Bach – endlich verschwindet er bei einem großen Steine, der ungeachtet des Regens mit Koth beschmutzt war. Da es in unserer prosaischen Zeit keine Hippogryphe mehr gibt so vermuthe ich, dass der Graf von Bonneville seinen jungen Begleiter auf die Schultern genommen. Ueberdies wurde der Schritt des Grafen schwerfälliger; es ist nicht mehr der Gang eines flinken jungen Mannes, wie wir in seinem Alter waren, Marquis, Sie wissen doch, eine trächtige Bache ist leicht an der Fährte zu erkennen: die Klaue dringt nicht in die Erde, wie bei einem flink laufenden Thier, sondern drückt sich platt und steht auseinander: eben so ist’s mit den Fußstapfen des Grafen von Bonneville.«

»Sie haben noch etwas vergessen, General.«

»Ich glaube nicht.«

»O, ich lasse Sie nicht so wohlfeilen Kauf’s wieder los. Woraus schließen Sie, daß der Graf von Bonneville die Nachbarn zu einer Berathung zusammenberufen?«

»Sie sagten mir ja selbst, daß Sie das Haus nicht verlassen haben. Als ich aber in den Stall kam, um nachzusehen; ob mein Pferd gehörig gefüttert werde, sah ich Ihr Lieblingspferd – welches mir von dem hübschen Bauernmädchen als solches bezeichnet wurde – bis an die Mähne mit Koth bedeckt. Sie würden Ihr Pferd natürlich nur einem Manne, der bei Ihnen in großer Achtung steht, anvertraut haben.«

»Jetzt noch eine Frage.«

»Reden Sie, Marquis, ich bin ja hier, um Ihnen zu antworten.«

»Woraus schließen Sie, daß der Begleiter des Grafen von Bonneville die eben genannte hohe Person sey.«

»Weil man ihn immer vorangehen läßt und ihm die Steine aus dem Wege räumt.«

»Erkennen Sie denn an den Fußstapfen, ob der oder die Gehende brünett oder blond ist?«

»Nein, aber ich erkenne es an andern Anzeichen«

»Woran denn? Dies soll meine letzte Frage seyn, und wenn Sie diese beantworten —«

»Was dann?«

»Nichts. Fahren Sie fort.«

»Lieber Marquis, Sie haben mir gerade das Zimmer angewiesen; welches der Begleiter des Grafen Bonneville gestern bewohnt hat.«

»Ja, dasselbe Zimmer. Und was weiter?«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, daß Sie mir diese Ehre erwiesen haben. Sehen Sie, diesen kleinen Perlmutterkamm fand ich vor dem Bett. Sie werden gestehen, lieber Marquis, daß man einen solchen Kamm bei einem Bauernburschen nicht erwartet. Die darin zurückgebliebenen dunkelblonden Haare sind ganz verschieden von den goldblonden Locken Ihrer zweiten Tochter, der einzigen Blondine in Ihrem Hause.«

»General,« erwiderte der Marquis, vom Stuhl aufspringend und seine Gabel mitten in’s Zimmer werfend, »lassen Sie mich arretieren, wenn Sie wollen; aber ich sage Ihnen eins für allemal, nach England gebe ich nicht! Nein, ich gehe nicht!«

»Oho, Marquis, was fällt Ihnen ein?«

»Nein, Sie haben meinen Ehrgeiz, meine Eigenliebe aufgestachelt. Wenn Sie, nach dem Feldzuge zu mir kommen, wie Sie versprochen, so weiß ich wahrhaftig nichts zu erzählen, was sich mit Ihren Geschichten messen könnte.«

»Hören Sie mich an, mein lieber alter Feind,« erwiderte der General, »ich habe Ihnen mein Wort gegeben, Sie für dieses Mal wenigstens nicht zu arretieren. Dieses Wort werde ich halten, trotz Allem, was Sie gethan haben; aber ich beschwöre Sie bei dem Antheil, den ich an Ihnen nehme, ich bitte Sie im Namen Ihrer liebenswürdigen Töchter, handeln Sie nicht unbesonnen, und wenn Sie Frankreich nicht verlassen wollen, so verhalten Sie sich wenigstens ruhig.«

»Warum denn?«

»Weil die Erinnerung an die heldenmüthigen Kämpfe, welche Ihnen das Blut rascher durch die Adern treibt, eben nur eine Erinnerung ist; weil die Zeit, für welche Sie schwärmen, nicht wiederkehren wird; weil unsere Zeitgenossen einer so opferfreudigen Hingebung nicht fähig sind. Ich habe sie sehr gut gekannt, die unbezähmbare Vendée; meine Brust,« setzte der General, auf seine Uniform schlagend, hinzu, »meine Brust hat mehr als eine Narbe von ihr aufzuweisen; ich bin seit einem Monate hier, aber ich suche vergebens die alte Vendée, ich finde sie nicht mehr. Zählen Sie die wenigen kühnen, unternehmenden jungen Männer, zählen Sie die Heldengreise, welche, wie Sie, noch jetzt für Pflicht hatten, war sie im Jahre 1793 dafür hielten – und urtheilen Sie, ob ein so ungleicher Kampf nicht unsinnig wäre!«

»Der Kampf wird um so rühmlicher seyn, lieber General,« erwiderte der Marquis mit einem Eifer; der die politische Stellung des Gastes gar nicht berücksichtigte.

»Nein, es wird nicht einmal Ruhm dabei zu ernten seyn. Sie werden sehen, was sehr bald geschieht, und gedenken Sie meiner Worte; ehe etwas unternommen wird. Alle Ereignisse werden kleinlich, farblos, erbärmlich seyn – und zwar auf beiden Seiten: bei uns werden Sie widerliche Selbstsucht, schmählichen Verrath, auf Ihrer Seite unbesonnene Verschwörungen, elende Parteiumtriebe sehen. Sie sind von den Kugeln der Blauen verschont geblieben, aber der Anblick aller dieser Erbärmlichkeiten wird Ihnen den Todesstoß geben.«

»Sie betrachten die Verhältnisse von dem Standpunkte eines Anhängers der Regierung,« erwiderte der Marquis, »Sie vergessen, daß wir selbst in Ihrer Armee viele Freunde haben und daß sich das ganze Land auf das erste Zeichen wie Ein Mann erheben wird.«

Der General zuckte die Achseln.

»Zu meiner Zeit, mein alter Camerad,« sagte er, »war alles Blaue wirklich blau, alles Weiße wirklich weiß; roth war nur der Henker und die Guillotine. Sie hatten keine Freunde in unserem Lager, wir keine in den Ihrigen – und deshalb waren wir gleich stark, gleich groß, gleich furchtbar. Sie sagen, die Vendée werde sich auf ein Zeichen erheben! Sie irren sich; seit 1795 gibt es keine Vendée mehr: sie ließ sich niedermetzeln im Vertrauen auf das Wort eines Prinzen, dessen Ankunft vergebens erwartet wurde; er hielt nicht Wort. Der Aufruf der Herzogin von Berry wird fruchtlos verhallen, die Vendée wird sich nicht rühren. Die Bauern haben jenen politischen Glauben verloren, der die Menschenmasse gegen einander treibt und zerschmettert, bis die Bruchstücke in einem Blutmeer untergehen; es fehlt ihnen der religiöse Glaube, der die Märtyrer todesmuthig macht. Und auch wir, ich muß es gestehen, auch wir besitzen nicht mehr die Begeisterung für Freiheit, für Fortschritt und Ruhm, welche die alte Welt aus den Angeln hob und so viele Helden schuf. In dem bevorstehenden Bürgerkriege – wenn er wirklich zum Ausbruch kommt – muß der Sieg auf der Seite der stärksten Bataillone und der schwersten Geldsäcke bleiben. Deshalb sagte ich Ihnen: Bedenken Sie wohl was Sie thun, ehe Sie sich zu diesem unsinnigen Unternehmen entschließen.«

»Sie irren sich, General, an Soldaten wird es uns nicht fehlen, und überdies werden wir einen Anführer haben, dessen Geschlecht die Furchtsamsten elektrisiren, alle Getreuen versammeln, alle Eifersüchtigen zum Schweigen bringen wird.«

»Die unglückliche junge Dame!« sagte der alte Krieger mit dem Ausdruck tiefen Mitleides, »in einer Viertelstunde werde ich ihr erbittertster Feind seyn. Aber so lange ich noch in diesem Zimmer, auf diesem neutralen Gebiet bin, muß ich Ihnen sagen, wie sehr ich ihre Entschlossenheit, ihren Muth, ihre Beharrlichkeit bewundere, aber wie sehr ich zugleich bedauere, daß sie in einer Zeit geboren ist, wo alle Verhältnisse zu kleinlich für eine so romantische Kühnheit sind. Die Zeit ist vorüber, wo Johanna von Montfort ganze Schaaren von bewaffneten Streitern aus dem Boden der Bretagne stampfen konnte. Merken Sie wohl, Marquis, was ich der armen Dame heute prophezeie, und sagen Sie es ihr wieder, wenn Sie sie sehen: diese edle Dame, welche die Gräfin Johanna an Kühnheit noch übertrifft, wird zum Lohn für ihre Thatkraft und Selbstverleugnung, für ihren hohen fürstlichen Sinn und ihre Mutterliebe nur Gleichgültigkeit, Undank, Feigheit und Verrath ernten. – Jetzt, lieber Marquis, sagen Sie Ihr letztes Wort.«

»Mein letztes Wort gleicht dem ersten, General.«

»Dann wiederholen Sie es.«

»Ich gehe nicht nach England.«

»Sie sind stolz wie ein Gascogner, obschon Sie ein Vendéer sind,« fuhr der General fort, indem er den Marquis scharf ansah und ihm die Hand auf die Schulter legte, »Ihre Einkünfte sind gering, ich weiß es – machen Sie kein so finsteres Gesicht und lassen Sie mich ausreden. Sie wissen ja, daß ich Ihnen nichts anbieten werde, was ich nicht selbst annehmen würde.«

Das Gesicht des Marquis nahm seinen früheren Ausdruck wieder an.

»Ihre Einkünfte sind wie gesagt, gering. Und in diesem verwünschten Lande ist es nicht genug, Einkünfte zu haben, sie seyen nun groß oder klein, man muß sie auch eintreiben können. Vielleicht fehlt Ihnen für den Augenblick das Geld, über den Canal la Manche zu fahren und in England ein hübsches Landhaus zu beziehen; ich bin auch nicht reich, aber ich biete Ihnen als Camerad einige hundert Louisdor an, die ich von meinem Solde erspart habe. Nehmen Sie es an? Wenn wieder Friede ist, geben Sie mir’s zurück.«

»Genug! genug!« sagte der Marquis. »Sie kennen mich erst seit gestern, General, und behandeln mich wie einen alten Freund!«

Der alte Vendéer kratzte sich am Ohr und setzte, wie mit sich selbst redend, hinzu:

»Wie soll ich wieder gut machen, was Sie für mich thun?«

»Sie nehmen es also an?«

»Nein, nein – ich lehne es ab.«

»Aber Sie reisen ab?«

»Nein, ich bleibe.«

»Dann möge Gott Sie in seinen Schutz nehmen,« erwiderte der alte General, der endlich die Geduld verlor. »Aber es ist wahrscheinlich, daß der Zufall – den der Teufel hole – uns wieder, wie vormals, einander gegenüberstellen wird. Jetzt kenne ich Sie, und wenn’s wieder ein Scharmützel gibt, wie vor sechsunddreißig Jahren zu Laval – dann werde ich Sie suchen, darauf verlassen Sie sich!«

»Und ich, erwiderte der Marquis mit jugendlichen Feuer, »ich verspreche Ihnen, daß ich Sie aus Leibeskräften rufen werde. O, mit welcher Freude, mit welchem Stolz werde ich den Gelbschnäbeln zeigen, was die Männer in dem großen Kriege waren!«

»Es wird zum Abmarsch geblasen. Leben Sie wohl, Marquis, nehmen Sie meinen Dank für Ihre Gastfreundschaft.«

»Auf Wiedersehen, General! Ich hoffe Ihnen beweisen zu können, wie sehr ich Ihre Freundschaft schätze und erwidere.«

Die beiden alten Herren schieden mit einem warmen Händedruck. Der General ging fort.

Der Marquis kleidete sich an und sah die kleine Colonne die Allee hinaufmarschiren. Hundert Schritte vom Schlosse; commandirte der General ein »Rechtes schwenkt!« hielt sein Pferd an und warf noch einen Blick auf die Wohnung seines neuen Freundes zurück. Er bemerkte den Marquis am Fenster, winkte ihm noch ein Lebewohl zu und sprengte in den Seitenweg, seinen Soldaten nach.

Als der Marquis von Souday, nachdem er die Truppen und ihren Commandanten mit den Blicken verfolgt, vom Fenster zurücktrat, hörte er ein leises Klopfen an einer kleinen Thür, die aus seinem Alcoven in ein Cabinet führte und mit einer Seitentreppe in Verbindung stand.

»Wer in aller Welt mag das seyn?» dachte er.

Er ging in den Alcoven und schob den Riegel zurück.

Die Thür that sich sogleich auf, und Jean Oullier erschien.

»Jean Oullier!« sagte der Marquis, freudig überrascht, »Bist Du wieder da, mein braver Jean? Wahrhaftig, eine gute Vorbedeutung für den heutigen Tag.«

Er reichte dem alten Waldhüter beide Hände, die dieser mit Dank und Ehrerbietung drückte.

Dann griff Jean Oullier in die Tasche und reichte dem Marquis ein grobes Papier, das aber in Briefform zusammengelegt war.

Der Marquis nahm das Schreiben, öffnete es und las.

Während des Lesens nahm sein Gesicht den Ausdruck unaussprechlicher Freude an.

»Jean Oullier,« sagte er, »rufe meine Tochter, rufe alle Leute herbei – nein, rufe Niemanden, aber putze meinen Degen, meine Pistolen, meine Büchse, setze meinen ganzen Wehrapparat in Stand, füttere Tristan gut mit Hafer. Der Feldzug wird eröffnet, lieber Jean, es geht los! – Bertha! Mary!«

»Herr Marquis,« erwiderte Jean Oullier kalt, »für mich ist der Feldzug bereits seit gestern um drei Uhr eröffnet.«

Auf den Ruf des Marquis eilten die beiden Mädchen herbei.

Mary hatte rothgeweinte Augen. Bertha strahlte vor Freude.

»Ihr werdet dabei seyn, Kinder,« sagte der Marquis, »Ihr müßt mit mir kommen. – Lest, lest!«

Er reichte Bertha den Brief, den er von Jean Oullier erhalten hatte.

Dieser Brief lautete folgendermaßen:

»Herr Marquis von Souday, es ist für die Sache König Heinrichs V. von Nutzen, daß Sie den bewaffneten Aufstand um einige Tage beschleunigen. Ich ersuche Sie daher, in der unter Ihrem Befehle stehenden Division möglichst viele Getreue zu versammeln und sich mit denselben, aber insbesondere sich selbst, zu meiner Verfügung zu halten.

»Ich glaube, daß noch zwei Amazonen in unserem kleinen Heere zugleich die Liebe und das Ehrgefühl unserer Freunde anspornen könnten, und es wäre mir lieb, Herr Marquis, wenn Sie mir Ihre beiden schönen Jägerinnen als Adjutanten überließen.

»Ihr wohl geneigter Petit-Pierre.«

»Wir brechen also auf?« fragte Bertha.

»Das versteht sich,« antwortete der Marquis.

»Dann erlaube mir, Vater«s setzte Bertha hinzu, »daß ich Dir einen Recruten vorstelle.«

Mary blieb stumm und regungslos.

»Wer ist er?«

»Der Baron Michel de La Logerie,« erwiderte Bertha mit starker Betonung dieses Titels, »er wünscht Dir zu beweisen, daß Se. Majestät Ludwig XVIII. durch die Verleihung des Adels keinen Fehlgriff gemacht hat.«

Der Marquis machte ein finsteres Gesicht, als er den Namen Michel de La Logerie hörte, aber er bekämpfte seinen Unwillen.

»Ich werde seinen Bestrebungen, diesen Zweck zu erreichen, mit Theilnahme folgen,« sagte er nach einer Pause.

Diese nüchternen Worte sprach er in dem Tone, den Napoleon am Tage vor der Schlacht von Marengo oder Austerlitz angenommen haben mochte.

III.
Wo der zarteste Fuß in Frankreich und Navarra bitter beklagt, daß er Keine Siebenmeilenstiefel trägt

Hier sind wir genöthigt, einige Stunden zurückzugehen, um dem Grafen von Bonneville und Petit-Pierre auf ihrer Flucht zu folgen; denn diese gehören, wie der Leser schon errathen hat, zu den Hauptpersonen dieser Geschichte.

Der General hatte ganz richtig vermuthet. Die Vendéer Edelleute waren, nachdem sie aus dem unterirdischen Gange gekommen, durch die Ruinen in den Hohlweg gegangen, und dort hatten sie sich eine kleine Weile über den zu wählenden Weg berathen.

Der Edelmann, welcher den Namen Gaspard [Die wirklichen Namen der Verschworenen finden sich in dem interessandten Werke des General Dermoncourt: »La Vendée et Madame« Anm. des Verf.] angenommen hatte, war der Meinung, beisammen zu bleiben; es war ihm nicht entgangen, daß Bonneville sehr erschrocken gewesen war; als Michel die Ankunft der Colonne gemeldet hatte. Er hatte gehört, daß der Graf mit lebhafter Besorgniß gesagt hatte: »Vor Allem müssen wir Petit-Pierre retten.«

Auf dem ganzen Wege hatte er das Gesicht des Letzteren bei dem schwachen Kerzenlichte unaufhörlich betrachtet, und in Folge dieser Beobachtung hatte er sich gegen den kleinen Bauer mit großer Ehrerbietung, wenn auch mit Zurückhaltung benommen.

Er nahm in der Berathung laut und eifrig das Wort.

»Sie haben gesagt,« begann er, sich zu dem Grafen von Bonneville wendend, »daß wir vor Allem auf die Rettung der Sie begleitenden Person bedacht seyn müssen und daß die Sicherheit derselben für die Sache, die wir vertreten, von der größten Wichtigkeit sey. Es ist also natürlich, daß wir bei einander bleiben, um sie im Falle einer Gefahr, die jeden Augenblick eintreten kann, in Schutz zu nehmen.«

»Allerdings,« erwiderte der Graf von Bonneville, »wenn es sich um einen Kampf handelte; aber für den Augenblick müssen wir fliehen, und je weniger zahlreich wir sind, desto sicherer und leichter ist die Flucht.«

»Nehmen Sie sich in Acht, Graf,« entgegnete Gaspard ernst, »Sie nehmen eine schwere Verantwortung auf Ihr zweiundzwanzigjähriges Haupt!«

»Meine treue Ergebenheit ist derselben würdig befunden worden,« antwortete der Graf stolz, »und ich werde mich bestreben, das mir geschenkte Vertrauen zu rechtfertigen.«

Petit-Pierre, der bis dahin schweigend in der kleinen Gruppe gestanden, glaubte nun das Wort nehmen zu müssen.

»Ich sehe wohl,« sagte er, »daß die Sicherheit eines armen kleinen Bauers ein Gegenstand der Zwietracht werden wird zwischen den edlen Vertheidigern des Königthums. Ich will daher auch meine Meinung sagen. Wir haben keine Zeit mit fruchtlosen Erörterungen zu verlieren. Aber vor Allem, meine Freunde,« setzte Petit-Pierre bewegt und mit dem Ausdrucke tiefgefühlten Dankes hinzu, »vor Allem will ich Sie um Verzeihung bitten, daß ich mich Ihnen noch nicht zu erkennen gegeben. Mein Incognito hatte nur den Zweck, Ihre aufrichtigen Gefühle, Ihre wirklichen Meinungen kennenzulernen; sonst hätte ich vermuthen können, Sie wollten meine bekannten sehnlichen Wünsche erfüllen. Jetzt, da Petit-Pierre gehörig unterrichtet ist, weiß die Regentin was sie zu thun hat. Einstweilen aber müssen wir uns trennen. Das ärmlichste Obdach genügt mir für den Rest der Nacht, und ein Obdach wird der Graf von Bonneville schon finden, »denn er kennt das Land sehr gut.«

»Aber wann wird es uns vergönnt seyn, uns mit Ihrer königlichen Hoheit persönlich zu berathen?« fragte Pascal, indem er sich vor Petit-Pierre verneigte.

»Sobald Ihre königliche Hoheit für Se. heimatlose Majestät einen Palast gefunden hat, wird Petit-Pierre Sie zu ihr berufen – und dies wird bald geschehen. Petit-Pierre ist fest entschlossen, seine Freunde nicht zu verlassen.«

»Petit-Pierre ist ein guter Junge,« sagte Gaspard sehr vergnügt, »und seine Freunde werden ihm hoffentlich beweisen, daß sie seiner würdig sind.«

»Auf Wiedersehen also, Freunde!« setzte Petit-Pierre hinzu. »Und jetzt, da das Incognito aufgehoben ist, danke ich Ihnen, mein braver Gaspard, daß Ihr Herz sich nicht lange täuschen ließ. Doch es ist Zeit, wir müssen scheiden.«

Die Edelleute faßten nach einander die Hand, die ihnen Petit-Pierre reichte, und zogen sie ehrerbietig an die Lippen.

Dann entfernte sich Jeder in der ihm angewiesenen Richtung. Einige gingen rechts, Andere links, und bald waren Alle verschwunden.

Bonneville und Petit-Pierre blieben allein in dem Hohlwege zurück.

»Und wir?« fragte Petit-Pierre seinen Begleiter.

»Wir? wir gehen in entgegengesetzter Richtung fort,« erwiderte Bonneville.

»Dann kommen Sie – und ohne einen Augenblick zu verlieren,« sagte Petit-Pierre, der in seiner Ungeduld forteilen wollte.

»Verweilen Sie nur noch einen Augenblick!« rief ihm Bonneville zu. »Nicht so – Eure Hoheit müssen —«

»Bonneville!« fiel ihm Petit-Pierre ins Wort, »das ist gegen die Abrede!«

»Es ist wahr – ich bitte um Entschuldigung, Madame —«

»Schon wieder! Sie sind wirklich unverbesserlich.«

»Petit-Pierre muß mir erlauben, ihn auf meine Schultern zu nehmen.«

»Sehr gern. Hier ist gerade ein Koth, der eigens zu diesem Zwecke da zu seyn scheint. Kommen Sie näher, Graf.«

Petit-Pierre war schon vorher auf einen Stein gestiegen.

Der junge Graf trat näher, und Petit-Pierre setzte sich rittlings auf seine Schultern.

»Sie wissen sich wirklich sehr gut zu halten,« sagte Bonneville, indem er seine Wanderung begann.

»Das will ich meinen,« erwiderte Petit-Pierre, »das Aufhockspiel war für mich in meiner Kindheit ein angenehmer Zeitvertreib.«

»Sie sehen also,« sagte Bonneville, »daß eine gute Erziehung immer ihre Früchte trägt.«

»Sagen Sie Graf,« fragte Petit-Pierre, »es ist doch nicht verboten zu sprechen?«

»Keineswegs.«

»Sie sind ein alter Chouan,« fuhr der kleine Bauer fort, »ich hingegen fange erst meine Lehrzeit an; sagen Sie mir doch, warum ich auf Ihren Schultern sitze?«

»Wie neugierig!« sagte Bonneville.

»Nein, ich bin ja auf Ihre erste Einladung heraufgestiegen, obgleich die Position für eine Prinzessin aus dem Hause Bourbon ein bisschen gewagt ist.«

»Was meinen Sie?« erwiderte Bonneville, »wo ist denn hier eine Prinzessin aus dem Hause Bourbon?«

»Sie haben Recht. Aber Petit-Pierre kannte recht gut laufen und über die Gräben springen; warum sitzt er denn auf den Schultern seines Freundes Bonneville, der nun unter seiner Last nicht mehr laufen und springen kann?«

»Ich will es Ihnen sagen: Petit-Pierre hat einen zu kleinen Fuß.«

»Das ist wohl wahr, aber er ist nicht schwach auf den Füßen,« erwiderte Petit-Pierre, als ob er sich in seiner Eitelkeit beleidigt fühlte.

»Aber weil der Fuß so klein ist, kann er leicht erkannt werden.«

»Von wem?«

»Von Denen, die unsere Spur verfolgen.«

»Mein Gott,« sagte Petit-Pierre lachend, »wer hätte gedacht, daß ich einst wünschen würde den Fuß der Herzogin von *** zu haben!«

»Der arme Marquis von Souday,« versetzte Bonneville, »er war schon so erstaunt über Ihre Bekanntschaften bei Hofe: was würde er erst gedacht haben, wenn Sie eine so genaue Bekanntschaft mit den Füßen der Herzoginnen verrathen hätte!»

»Er glaubte ja, ich sey Page gewesen. – Ich sehe wohl ein,« setzte Petit-Pierre nach einer Pause hinzu, »daß Sie unseren Verfolgern meine Spuren entziehen wollen; aber so können wir doch nicht immer fortwandern. Der große Christoph würde am Ende müde dabei werden, und der verwünschte Fuß wird früher oder später wieder durch den Koth waten.«

»Wir wollen wenigstens für einige Zeit die Hunde von der Fährte ablenken,» sagte Bonneville.

Der junge Cavalier wandte sich nun links, er schien durch das Plätschern eines Baches angelockt zu werden.

»Was machen Sie denn?« fragte Petit-Pierre. »Sie verlieren ja den Weg und waten bis an die Knie im Wasser!«

»Ja wohl,« erwiderte Bonneville, in dem Bache fortgehend, »Jetzt mögen sie uns suchen.«

»Ha, das ist sehr sinnreich!« sagte Petit-Pierre. »Sie hätten in einem Urwalde oder in den Pampas geboren werden sollen, Bonneville. Wenn unsere Verfolger wirklich eine Spur brauchen, um uns aufzufinden, so wird diese Spur gewiß nicht leicht zu entdecken seyn.«

»Scherzen Sie nicht; unser Verfolger kennt alle Kunstgriffe dieser Art: er hat in der Vendée gekämpft zu der Zeit, als Charette, obgleich fast allein, den Blauen sehr furchtbar war.«

»Das freut mich,« erwiderte Petit-Pierre, »es wird ein Vergnügen seyn, mit klugen erfahrenen Leuten zu wetteifern.«

Petit-Pierre wurde trotz dieser zuversichtlichen Sprache doch nachdenkend, während Bonneville in dem mit Stein und dürrem Holz angefüllten Flußbett rüstig eine Viertelstunde fortging. Er kam an die Stelle, wo sich der Bach in den Waldstrom ergießt, der unterhalb des »Ziegenweges« fließt.

Hier kam Bonneville bis an den Leib ins Wasser, und mußte Petit-Pierre auffordern, ein Stockwerk hinaufzusteigen, d. h. sich auf seinen Kopf zu setzen, wenn er nicht ein unangenehmes Fußbad nehmen wolle. Dann wurde das Wasser so tief, daß Bonneville zu seinem größten Bedauern am Ufer des kleinen Bergstromes fortgehen mußte.

Aber die beiden Flüchtlinge waren aus dem Regen in die Traufe gekommen, denn die mit Steinen besäeten und mit dichtem Gestrüpp bewachsenen Ufer wurden bald ganz unzugänglich.

Bonneville setzte Petit-Pierre ab; es war nicht mehr möglich, ihn zu tragen.

Der Graf ging nun in das Gebüsch und empfahl seinem Begleiter, ihm Schritt für Schritt zu folgen, und trotz der dichten Waldung, trotz der finsteren Nacht ging er in schnurgerader Richtung fort.

Nach einer kleinen Weile kamen die Flüchtlinge an einen jener ausgehauenen, parallel laufenden Pfade, welche theils zur Bezeichnung der Grenzen der verschiedenen Schlage, theils zum Wegführen des geschlagenen Holzes dienen.

»Das lasse ich mir gefallen,« sagte Petit-Pierre, der in dem Dickicht nicht gut weiter konnte, »hier können wir wenigstens die Füße rühren!«

»Ja, und ohne eine Spur zurückzulassen,« sagte Bonneville, indem er fest auf den harten felsigen Boden trat.

»Es fragt sich nur,« setzte Petit-Pierre hinzu, »wohin wir uns wenden sollen.«

»Wir haben jetzt, wie ich glaube, unseren Verfolgern etwas aufzurathen gegeben; belieben Sie zu bestimmen, welchen Weg wir nehmen sollen.»

»Sie wissen daß ich morgen Abends mit unsern Pariser Freunden in der Cloutière zusammentreffen wollte.«

»Der Weg dahin führt fast immer durch den Wald; wo wir stets mehr in Sicherheit sind, als im freien Felde. Auf einem mir bekannten Wege können wir in den Wald von Touvois gelangen; aber heute können wir nicht mehr hinkommen.«

»Warum nicht?«

»Weil wir Umwege machen müssen und ein sechsstündiger Weg übersteigt Ihre Kräfte.«

Petit-Pierre stampfte ungeduldig mit dem Fuße.

»Eine Stunde diesseits Benaste,« setzte Bonneville hinzu, »kenne ich einen Meierhof, wo wir willkommen seyn werden; wir können uns dort ausruhen, ehe wir unsern Weg fortsetzen.«

»Dann kommen Sie,« sagte Petit-Pierre, »aber welche Richtung sollen wir nehmen?«

»Lassen Sie mich vorangehen,« sagte Bonneville, »wir halten uns rechts.«

Er ging nun, nachdem er sich rechts gewandt mit derselben Beharrlichkeit wie vorhin in gerader Richtung fort. Petit-Pierre folgte ihm auf dem Fuße.

Von Zeit zu Zeit stand Graf von Bonneville still, um sich zu orientiren und seinem jungen Begleiter eine kurze Ruhe zu gönnen. Er nannte diesem im Voraus alle Eigenthümlichkeiten des Weges mit einer Genauigkeit, welche bewies, wie genau er den Wald von Machecoul kannte.

»Sie sehen,« sagte er während einer solchen Rast, »daß wir die Wege meiden.«

»Ja, und warum thun wir das?«

»Weil man wahrscheinlich auf den Wegen unsere Spur verfolgen wird, weil auf den gebahnten Wegen der Boden weicher ist und uns daher leichter verrathen würde, als der felsige oder mit Gras bewachsene Waldboden.«

»Aber wir machen vielleicht einen Umweg.«

»Ja, allein wir sind hier sicherer.«

Als sie etwa zehn Minuten schweigend weiter gegangen waren, stand Bonneville still und faßte seinen Begleiter beim Arm.

»Still!« sagte der Graf, als Petit-Pierre fragen wollte, »aber sprechen Sie wenigstens leise.«

»Warum denn?«

»Hören Sie nichts?«

»Nein.«

»Ich höre Stimmen.«

»Wo denn?«

»Dort – etwa fünfhundert Schritte vor uns – und ich glaube sogar einen rothen Schein zu bemerken.«

»Wirklich, ich sehe ihn auch. Was mag das seyn!«

»Ich weiß es nicht.«

»Vielleicht Köhler?«

»Nein, in dieser Jahreszeit wird kein Holz gefällt. Und wenn’s auch Köhler wären, so möchte ich mich ihnen doch nicht anvertrauen. Als Ihr Führer bin ich nicht berechtigt, unser Schicksal dem Zufall zu überlassen.«

»Wissen Sie denn keinen andern Weg?«

»Ja wohl – aber ich würde ihn nur im äußersten Nothfall wählen.«

»Warum denn?«

»Weil er über einen Morast führt.«

»Aber Sie kennen doch den Morast?«

»Ich habe dort wohl hundertmal Becassinen geschossen, aber – das war am hellen Tage. Es ist ein Torfmoor, in welchem ich fast versunken wäre.«

»Nun, dann wollen wir auf das Feuer zu gehen. Ich gestehe, daß ich mich gern ein bisschen wärmen möchte.«

»Bleiben Sie hier und lassen Sie mich recognosciren.«

»Aber wenn Sie —«

»Fürchten Sie nichts.«

Bonneville ging leise voran und war bald in der Dunkelheit verschwunden.

IV.
Wo sich’s Petit-Pierre besser schmecken läßt, als je in seinem Leben

Petit-Pierre, der allein blieb, lehnte sich an einen Baum und wartete mit gespannter Aufmerksamkeit, auf das mindeste Geräusch lauschend.

Fünf Minuten lang hörte er nichts als ein gewisses Summen, welches von der Seite, wo das Feuer brannte, zu kommen schien.

Plötzlich begann ein Pferd laut zu wiehern. Petit-Pierre erschrak.

Gleich darauf hörte er ein leises Rauschen im Gebüsch und eine dunkle Gestalt erschien vor ihm. Es war Bonneville.

Dieser rief leise, weil er Petit-Pierre nicht sah.

Petit-Pierre stürzte auf ihn zu.

»Achtung!« flüsterte Bonneville, und zog Petit-Pierre mit sich fort.

»Was gibt’s?«

»Es ist kein Augenblick zu verlieren. Komm! komm!«

Während er fortlief, setzte er hinzu:

»Es sind Jäger, die sich im Walde gelagert haben; wenns nur Menschen gewesen wären, hätte ich mich unbemerkt an ihrem Feuer wärmen können; aber ein Pferd witterte mich und wieherte.«

»Ich habe es wohl gehört.«

»Also still – und rasch vorwärts!«

Bonneville und Petit-Pierre liefen schweigend etwa fünfhundert Schritte in einem ausgehauenen Wege fort. Dann zog der Graf seinen Schützling in das Dickicht.

»Jetzt ruhe Dich aus,« sagte er.

Während sich Petit-Pierre ausruhte, suchte sich Bonneville zu orientiren.

»Haben wir uns verloren?« fragte Petit-Pierre besorgt.

»O! das ist nicht zu fürchten,« erwiderte Bonneville, »ich sehe mich nur um, ob der verwünschte Morast nicht zu umgehen ist.«

»Wenn der Weg durch den Morast uns gerade zu unserm Ziele führt, so wollen wir es wagen,« sagte Petit-Pierre.

»Wir müssen es wohl,« antwortete Bonneville, »es gibt keinen andern Weg.«

»Also vorwärts!« sagte Petit-Pierre; aber Du mußt mich führen.«

Bonneville antwortete nicht. Er ging sogleich weiter, aber statt der bisherigen Richtung zu folgen, wandte er sich rechts in das Dickicht.

Nach zehn Minuten wurde der Wald lichter, und sie hörten vor sich das Rauschen des Windes im Schilfrohr.

»Ich glaube, das ist der Morast,« sagte Petit-Pierre, der dieses Geräusch erkannte.

»Ja,« antwortete Bonneville, »und ich will Ihnen nicht verhehlen, daß jetzt die mißlichste Stelle unserer nächtlichen Wanderung kommt.«

Der junge Mann zog ein Messer, das nöthigenfalls als Dolch dienen konnte, aus der Tasche, schnitt ein junges Bäumchen ab und reinigte es von den Zweigen, die er sorgfältig versteckte.

»Jetzt, armer Petit-Pierre,« sagte er, »müssen Sie sich wieder auf meine Schultern setzen.«

Petit-Pierre folgte sogleich der Weisung seines Führers, und dieser ging auf den Morast zu.

Der Weg war für Bonneville äußerst beschwerlich: mit seiner Last auf den Schultern konnte er nur langsam vorschreiten, und mußte mit seiner Stange Schritt für Schritt den schwammigen Erdboden untersuchen.

Bei jedem Schritt sank er bis über das Knie in den Schlamm, und dieser weiche Boden, in den man so leicht einsank, bot einen merklichen Widerstand, wenn Bonneville die Füße wieder herausziehen wollte. Es war, als ob der Abgrund, der sich vor ihm aufthat, seine Beute nicht loslassen wollte.

»Ich will Ihnen einen Rath geben, lieber Graf,« sagte Petit-Pierre.

Bonneville stand still und wischte sich den Schweiß von der Stirne.

»Wenn Sie, statt in diesem Schlamm zu waten, den Fuß auf die mit Binsen bewachsenen kleinen Inseln setzten, die ich hier und da zusehen glaube, so würden Sie wohl festeren Boden finden.«

»Das ist wahr,« sagte Bonneville, »aber wir würden eine sichtbarere Spur zurücklassen. – Doch Sie haben Recht, es ist noch besser.«

Er nahm eine andere Richtung, um die aus den dichtverschlungenen Wurzeln des Schilfes gebildeten Inselchen zu erreichen. Diese fand er mit Hilfe seiner Stange, und sprang von der einen auf die andere. Aber zuweilen verfehlte sein Fuß diese ziemlich festen Stellen, er glitt aus und hielt sich nur mit großer Mühe aufrecht. Seine Kräfte wurden dadurch bald völlig erschöpft, und er mußte Petit-Pierre ersuchen, von seinen Schultern zu steigen, und sich zu setzen um Athem zu schöpfen.

»Sie sind ganz erschöpft, armer Bonneville,« sagte Petit-Pierre, »ist der Morast noch lang?«

»Wir haben noch zwei- bis dreihundert Schritte zu machen; dann gehen wir wieder durch den Wald, bis zu einem ausgehauenen Wege, der uns gerade zu unserem Meierhofe führen wird.«

»Wollen Sie bis dahin gehen?«

»Ich hoffe es.«

»O mein Gott! wie gerne möchte ich Sie auch tragen, oder wenigstens neben Ihnen gehen!«

Diese Worte gaben dem Grafen seine Kraft wieder; er setzte seinen mühevollen Weg fort, aber kümmerte sich nicht mehr um die Inselchen, sondern watete entschlossen durch den Schlamm. Leider wurde der Boden immer sumpfiger und weicher.

Plötzlich sank Bonneville, der einen Fehltritt gemacht und nicht Zeit gehabt hatte, mit der Stange zu untersuchen, so tief in den Schlamm, daß er fast verschwand.

»Springen Sie rechts oder links, wenn ich ganz einsinke,« sagte er, »die gefährliche Stelle ist nie breit.«

Petit-Pierre sprang wirklich auf die Seite, nicht um sich zu retten, sondern um Bonneville nicht durch fremdes Gewicht schwerer zu machen.

»Lieber Freund,« sagte er in großer Angst und mit thränenfeuchten Augen, »denken Sie an sich – ich will es, ich befehle es!«

Der junge Graf war schon bis an den Leib eingesunken. Zum Glück hatte er Zeit gehabt seine Stange quer zu legen, und da sie auf zwei Inselchen ruhte, so konnte er sich auf dieselbe stützen, und mit Hilfe Petit-Pierre’s, der ihn am Kragen zog, aus dem Morast herausarbeiten.

Bald wurde der Erdboden fester, dir dunklen Umrisse des Waldes, die schon längst am Horizont sichtbar gewesen waren, kamen näher und wurden größer. Die beiden Flüchtlinge erreichten das Ende des Morastes.

»Endlich!« sagte Bonneville tief aufathmend.

Petit-Pierre sprang von den Schultern des Grafen, sobald dieser festen Boden unter den Füßen hatte.

»Sie müssen todmüde seyn, lieber Graf.«

»Nein« antwortete Bonneville, »ich bin nur etwas außer Athem.«

»O mein Gott,« sagte Petit-Pierre, »und nichts zu haben, um sich zu stärken – nicht einmal die Feldflasche des Soldaten oder Pilgers – nicht einmal das Stück Brot des Bettlers!«

»Bah!« erwiderte der junge Graf lachend, »ich schöpfe ja meine Kraft nicht aus dem Magen!«

»Woher denn? Sagen Sie mir’s, lieber Graf, ich will mir Mühe geben, es eben so zu machen.«

»Haben Sie Hunger?«

»Ich möchte wohl etwas essen.«

»Ah!« sagte der Graf, »jetzt thut mirs leid, daß wir nichts zu essen haben.«

Petit-Pierre fing an zu lachen und erwiderte scherzend, um seinem Begleiter Muth zu machen:

»Bonneville, rufen Sie den Thürsteher, lassen Sie den dienstthuenden Kammerherrn kommen: er soll einige von den Becassinen braten lassen, die vor uns aufgeflogen sind.«

»Es ist serviert, Hoheit« sagte der Graf beugte ein Knie und bot auf seinem Hut einen Gegenstand, den Petit-Pierre begierig ergriff.

»Brot!« sagte er erstaunt.

»Ja, Schwarzbrod,« setzte Bonneville hinzu.

»Nun, in der Nacht sieht man nicht, von welcher Farbe es ist.«

»Es ist sehr trocken —«

»Aber es ist doch Brot!«

Petit-Pierre biß mit großem Appetit in das Schwarzbrot, welches der Graf seit zwei Tagen in der Tasche getragen hatte.

»Und wenn ich denke,« setzte Petit-Pierre hinzu, »daß der General Dermoncourt jetzt in Souday das für mich bestimmte Abendessen verzehrt – sollte man da nicht aus der Haut fahren? – Verzeihen Sie, mein lieber Führer, mein Magen hat so große Gewalt über mein Herz bekommen, daß ich vergessen habe, Ihnen die Hälfte meines Abendbrotes anzubieten.«

»Ich danke,« antwortete Bonneville, »mein Appetit geht noch nicht bis zum Zermalmen der Kieselsteine; aber um Ihr freundliches Anerbieten zu erwiedern, will ich Ihnen zeigen, wie Ihr kärgliches Mahl minder zäh zu machen ist.«

Bonneville nahm das Brot, zerbrach es in kleine Stücke, tunkte sie in eine Quelle, rief Petit-Pierre herbei und reichte ihm die aufgeweichten Brocken.

»Wahrhaftig,« sagte Petit-Pierre, der sich inzwischen an die Quelle gesetzt hatte, »ich habe seit zwanzig Jahren nicht so gut soupirt; ich ernenne Sie zu meinem Haushofmeister.«

»Für jetzt,« erwiderte der Graf, »werde ich Ihr Führer wieder. Der Schmaus ist zu Ende – wir müssen weiter gehen.«

»Ich bin bereit,« sagte Petit-Pierre, indem er vergnügt aufstand.

Beide gingen nun wieder durch den Wald und kamen eine halbe Stunde nachher an einen Fluß, der durchwatet werden mußte.

Bonneville versuchte es mit seinem gewöhnlichen Verfahren; aber sobald er in das Flussbett trat, reichte ihm das Wasser bis an den Leib; nach dem zweiten Schritte stieg es ihm bis an den Hals, und Petit-Pierre’s Füße wurden naß.

Bonneville, der sich durch die Strömung fortgerissen fühlte, ergriff einen Baumzweig und stieg wieder ans Ufer zurück.

Er mußte eine seichte Stelle oder einen Steg suchen.

Nachdem er etwa dreihundert Schritte am Ufer fortgegangen war, glaubte er einen Steg in der Gestalt eines von dem Winde über den Bach geworfenen, noch mit Zweigen bewachsenen Baumes gefunden zu haben.

»Glauben Sie, daß Sie hinübergehen können?« fragte Bonneville seinen Schützling.

»Wenn Sie hinübergehen, so folge ich,« antwortete Petit-Pierre.

»Halten Sie sich an den Zweigen, und heben Sie den einen Fuß erst wenn Sie mit dem andern recht fest stehen,« sagte Bonneville, indem er auf den Baumstamm kletterte.

»Ich folge Ihnen, nicht wahr?«

»Warten Sie, ich will Ihnen die Hand reichen.«

»Da bin ich. Mein Gott! wie mancherlei muß man doch wissen, um über Berg und Thal zu wandern! Das hatte ich nicht geglaubt.«

»Um Gottes willen, sprechen Sie nicht – achten Sie auf Ihre Füße! – Halt! stehen Sie still – da ist ein Zweig, der Ihnen hinderlich seyn würde, ich will ihn abschneiden.«

Als sich der junge Graf bückte, um diese Maßregel auszuführen, hörte er hinter sich einen leisen Klageton und gleich darauf das Geräusch eines ins Wasser fallenden Körpers.

Er sah sich um – Petit-Pierre war verschwunden.

Ohne einen Augenblick zu verlieren, sprang er an derselben Stelle in den Fluß, und der Zufall war ihm so günstig, daß er in dem sieben bis acht Fuß tiefen Wasser seinen Begleiter erheischte. Er schlug den linken Arm um ihn und schwamm rasch ans Ufer.

Petit-Pierre machte nicht die mindeste Bewegung.

Bonneville legte ihn auf das trockene Laub, rief ihn beim Namen und rüttelte ihn. Aber Petit-Pierre blleb stumm und regungslos.

Der Graf von Bonneville war außer sich.

»O! es ist meine Schuld!« jammerte er. »Mein Gott, Du strafst mich für meinen Hochmuth; ich habe mir zu viel zugetraut, ich habe für ihn gebürgt! – O, mein Leben wollte ich hingeben für einen Laut, einen Athemzug!«

Die frische Nachtluft that für die Wiederbelebung Petit-Pierre’s mehr, als alle Klagen des Grafen. Nach einigen Minuten schlug er die Augen auf und fing an zu niesen.

Bonneville, der schon alle Hoffnung aufgegeben und den Entschluß gefaßt hatte, den vermeinten Tod seines Schützlings nicht zu überleben, schrie laut auf vor Freude und sank auf die Knie vor Petit-Pierre, der sich schon genug erholt hatte, um die letzten Worte des Grafen zu verstehen.

»Bonneville,« sagte er, »Sie haben nicht gesagt: »Zum Wohlseyn! ich werde einen starken Schnupfen bekommen.«

»Sie leben! Sie leben!« jubelte Bonneville, der nun in seiner Freude eben so überschwänglich war, wie vorhin in seinem Schmerz.

»Ja wohl, ich lebe – und habe es Ihnen zu danken. Wären Sie ein Anderer, würde ich Ihnen schwören, es nie zu vergessen.«

»Aber Sie sind ganz durchnäßt —«

»Ja, insbesondere meine Schuhe sind ganz voll Wasser. Bonneville, es rieselt herunter – es ist sehr unangenehm.«

»Und kein Feuer – und kein Feuerzeug!«

»Wir wollen rasch fortgehen, um uns zu erwärmen. Ich spreche in der Mehrzahl, denn Sie müssen eben so durchnäßt seyn wie ich; Sie haben ja schon vorhin ein Schlammbad genommen.«

»O! kümmern Sie sich doch nicht um mich. Können Sie gehen?«

»Ich glaube wohl, wenn ich meine Schuhe ausgeleert habe.«

Bonneville war Petit-Pierre behilflich, das Wasser aus seinen Schuhen zu entfernen, und zog ihm seine Tuchjacke aus, die er auswand, ehe er sie ihm wieder anzog.

»Jetzt nach Benaste!« sagte er, als er damit fertig war, und geschwind!«

»Was haben wir jetzt gewonnen, Bonneville,« sagte Petit-Pierre, »daß wir dem Feuer aus dem Wege gingen? Jetzt würde es uns sehr gut bekommen.«

»Aber wir konnten uns doch nicht ausliefern!« erwiderte Bonneville in der größten Angst.

»Sie werden doch meine Bemerkung nicht für einen Vorwurf nehmen? – Vorwärts! seitdem ich die Füße rege, scheint es mir, daß meine Kleider trocknen; in zehn Minuten werde ich schwitzen.«

Bonneville bedurfte keiner Anregung; er ging so rasch, daß Petit-Pierre ihm kaum folgen konnte, und ihn von Zeit zu Zeit erinnern mußte, daß ihre Beine von sehr ungleicher Länge wären.

Aber Bonneville hatte sich immer noch nicht von dem Schrecken erholt, den ihm der Unfall seines Schützlings verursacht, und als er in den ihm so wohlbekannten Gebüschen den Weg nicht wieder fand, verlor er vollends den Kopf.

Er war wohl schon zehnmal in einem ausgehauenen Wege stehen geblieben, um sich zu orientiren, und immer war er aufs Gerathewohl weiter gegangen.

Als er von Neuem stillstand, fragte ihn der nacheilende Petit-Pierre:

»Nun, was gibt’s, lieber Graf?«

»Ich bin ein erbärmlicher Wicht,« erwiderte Bonneville, »ich habe meine Ortskenntniß überschätzt und wir —«

»Wir haben uns verirrt.«

»Ich fürchte es.«

»Und ich weiß es gewiß. Sehen Sie, diesen Zweig habe ich vorhin abgebrochen. Wir sind wieder umgekehrt. Sie sehen,« setzte Petit-Pierre frohlockend hinzu, »daß ich unter Ihrer Anleitung etwas gelernt habe.«

»Jetzt sehe ich,« versetzte Bonneville, »woher mein Irrthum kommt.«

»Was meinen Sie?«

»Ich bin auf derselben Seite, wo wir gekommen waren, aus dem Wasser gestiegen, und ich war so zerstreut; daß ich es nicht beachtete.«

»Unser Bad hat also gar nichts genützt!« sagte Petit-Pierre lachend.

»O! ich bitte Sie, lachen Sie nicht so!« sagte Bonneville, »Ihre Heiterkeit thut mir weh.«

»Aber mich erwärmt sie.«

»Frieren Sie denn?«

»Ein bisschen – doch das ist noch nicht das Schlimmste —«

»Was gibts denn?«

»Seit einer halben Stunde wollen Sie mir nicht gestehen, daß wir uns verirrt haben, und seit einer halben Stunde getraue ich mich nicht zu sagen, daß meine Füße anfangen ihren Dienst zu versagen.«

»Was soll denn aus uns werden?«

»Soll ich Ihnen etwa mit dem Beispiel männlichen Muthes vorangehen? Lassen Sie hören, was glauben Sie?«

»Daß es unmöglich ist, diese Nacht La Benaste zu erreichen.«

»Was ist dann zu thun?«

»Wir müssen vor Tagesanbruch den nächsten Meierhof zu erreichen suchen.«

»Das meine ich auch; Aber können Sie sich orientiren?«

»Der Himmel ist trübe, man sieht weder Mond noch Sterne —«

»Und wir haben keinen Compaß!« setzte Petit-Pierre scherzend hinzu, um seinem Begleiter Muth zu machen.

»Warten Sie —«

»Aha! jetzt haben Sie gewiß eine geistreiche Idee.«

»Um fünf Uhr Nachmittags betrachtete ich zufällig die Wetterfahne auf dem Schlosse, der Wind kam aus Osten.«

Bonneville hielt seinen mit Speichel befeuchteten Zeigefinger in die Höhe.

»Was machen Sie da?«

»Eine Wetterfahne. – Dort ist Norden, sagte er ohne Zögern, »wir werden in der Nähe von St. Philibert auf das freie Feld kommen.«

»Ja wohl – wenn wir fortgehen – aber das ist eben das Hinderniß.«

»Soll ich Sie auf den Arm nehmen?«

»Sie haben an sich selbst schon genug zu tragen, armer Bonneville!«

Die Herzogin stand mit großer Anstrengung auf, denn während dieser kurzen Rast war sie unter einem Baume niedergesunken.

»Da bin ich wieder auf,« sagte sie, »die rebellischen Füße müssen vorwärts – ich will sie bezwingen wie alle Rebellen, es ist ja meine Bestimmung.«

Die beherzte Dame machte einige Schritte, aber sie war so erschöpft und ihre Glieder waren durch das kalte Bad so erstarrt, daß sie wankte.

Bonneville eilte auf sie zu und hielt sie.

»Cordieu!« sagte Petit-Pierre entschlossen. »Lassen Sie mich, Bonneville! Dieser elende Körper muß dem Fluge des Geistes folgen, der in ihm wohnt. Lassen Sie ihn, Graf, helfen Sie ihm nicht. – Ha, Du wankst, Du wirst feig! Jetzt sollst Du nicht den gewöhnlichen Schritt gehen, sondern den Sturmschritt – und in vierzehn Tagen sollst Du mir gehorchen wie ein Lastthier!«

Petit-Pierre nahm einen Anlauf und setzte sich in so raschen Trab, daß sein Begleiter einige Mühe hatte, ihm zu folgen.

Aber diese letzte Anstrengung erschöpfte ihn vollends, und als Bonneville ihn einholte, fand er ihn wieder unter einem Baume sitzend und das Gesicht mit beiden Händen verbergend.

Petit-Pierre weinte mehr aus Ärger als aus Schmerz.

»Mein Gott,« schluchzte er, »Du hast mir eine Riesenarbeit zugetheilt und nur die Kraft eines Weibes gegeben!«

Bonneville nahm nun seinen Schützling auf den Arm und fing ebenfalls an zu laufen.

Er gedachte der Worte, die Gaspard in dem Hohlwege gesprochen hatte. Er sah ein, daß ein so zarter Körper so viele Beschwerden nicht ertragen könne, und war entschlossen, Alles aufzubieten, den ihm anvertrauten Schützling in Sicherheit zu bringen. Eine verlorene Minute konnte sein Leben in Gefahr dringen.

So ging er beinahe eine Viertelstunde rasch fort. Sein Hut fiel ihm vom Kopf; er kümmerte sich nicht mehr um die Spuren, die er zurückließ,– er nahm sich nicht einmal die Mühe, den Hut aufzuehmen. Er fühlte wie Petit-Pierre zitterte; er hörte, wie seine Zähne klapperten, und dies trieb ihn an, wie das Geschrei der Menge einen Wettrenner antreibt und ihm eine unglaubliche Kraft gibt.

Türler ve etiketler

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06 aralık 2019
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