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Kitabı oku: «El Salteador»

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Erster Teil

Erstes Capitel.
Die Sierra Nevada

Von den Bergketten, die Spanien nach allen Richtungen durchziehen, von Bilbao nach Gibraltar, von Alicante nach dem Cap Finisierre, ist unbestritten, wegen ihres malerischen Aussehens wie wegen ihrer geschichtlichen Erinnerungen, die poetischste die Sierra Nevada, welche der Sierra de Guaro folgt, von der sie nur durch das reizende Thal abgetrennt ist, in welcher eine Quelle des kleinen Flusses Orgiva liegt, der sich zwischen Almunecar und Motril in das Meer ergießt.

Hier ist selbst in unsern Tagen Alles noch arabisch: die Sitten, die Trachten, die Städtenamen die Bauwerk, obgleich die Mauren seit dritthalbhundert Jahren das Reich der Almohaden verlassen haben.

Dies Gebiet, das ihnen der Verrath des Grafen Julian überlieferte, war aber auch das Lieblingsland der Söhne des Propheten. Andalusien, das zwischen Afrika und Europa liegt, ist gleichsam ein Verbindungsglied zwischen beiden, das die Schönheiten des Einen und den Reichthum des Andern theilt, nicht aber das Traurige und Strenge; man sieht da die üppige Vegetation der Metidscha, von den frischen Wassern der Pyrenäen bewässert; man kennt weder die glühende Sonne von Tunis, noch die Kälte Rußlands. Heil Andalusien, der Schwester Siciliens, der Nebenbuhlerin der »glücklichen Inseln.«

Lebt, liebt und sterbet so heiter, als wenn Ihr in Neapel wäret, Ihr Glücklichen, die Ihr in Sevilla, Granada oder Malaga wohnet!

Ich sah aber auch in Tunis Mauren, die mir den Schlüssel ihres Hauses in Granada zeigten.

Sie hatten ihn von ihren Vätern geerbt und gedachten ihn ihren Kindern zu hinterlassen.

Wenn jemals ihre Kinder in die Stadt Aben-al-hamars zurück kommen, werden sie die Straße und das Haus, das sie bewohnten, wieder finden, ohne daß die zweihundertundvierundvierzig Jahre, die von 1610 —1854 vergangen sind, eine große Veränderung da bewirkt haben, außer daß sie die Bevölkerung von einer halben Million auf achtzigtausend Seelen verringert, und der ererbte Schlüssel würde aller Wahrscheinlichkeit nach die Thüre eines Hauses öffnen, das entweder leer oder unbewohnt ist oder bessert träge Bewohner sich nicht die Mühe genommen haben das Schloß ändern zu lassen.

Wahrhaftig, nichts Spanisches hat auf dem Boden gekeimt, dessen natürliche Vegetation die Palme, der Cactus und die Aloe ist, nichts, nicht einmal der Palast, den der fromme Carl V. da zu bauen anfing, um nicht die Wohnung der Emire und Kalifen einzunehmen, der von der Alhambra überragt wird und unter dem spöttischen Blicke dieser Nebenbuhlerin es nie über ein Stockwerk Höhe bringen konnte.

Alle diese Wunder der Kunst und der Civilisation, welcher die jetzigen Bewohner nie gleichkommen werden, umfaßte das Königreich Granada, der letzte Ueberrest und die letzte Form der Herrschaft der Araber in Spanien, und es streckte sich an der Küste des Mittelmeeres von Tarifa bis Almazarron, d. h. etwa hundertundfünfundzwanzig Stunden lang hin, während es von Motril bis Jaën, d. h. fünfunddreißig bis vierzig Stunden, in das Land hineinreichte.

Die Sierra de Guaro und die Sierra Nevada durchschnitten es in zwei Drittheilen seiner Ausdehnung.

Von dem Gipfel des Malahacen, seiner höchsten Spitze, konnte das Auge zugleich die doppelte Grenze erschauen, im Süden das Mittelmeer, die weite blaue Fläche, die sich von Almunecar bis Algier streckt, im Norden die Vega von Granada, den unermeßlichen grünen Teppich von Huelva bis zur Venta de Cordenas. Im Osten und Westen sodann die endlose Verlängerung der unermeßlichen Kette mit schneebedeckten Gipfeln, die den plötzlich erstarrten Wogen eines zum Himmel aufgethürmten Oceanes glichen. Unten endlich, rechts und links von diesem Eismeere, ein doppelter Ocean von Bergen, die allmälig in Hügel übergehen, welche anfangs mit staubigen Flechten, dann mit röthlicher Haide, dann mit dunklen Fichten, dann mit grünen Eichen, dann mit Bäumen aller Art und grünen Gebüschen bewachsen sind.

Heut zu Tage gehen drei Straßen – eine von Motril, eine von Velez-Malaga, eine von Malaga aus – über die Schneesierra und führen von der Meeresküste nach Granada, die eine über Joyena, die andere über Alcaacin, die dritte über Colmenar.

In der Zeit aber, in welcher diese Geschichte beginnt, d. h. in den ersten Tagen des Juni 1519, gab es jene Straßen noch nicht, oder ihre Stelle wurde vielmehr durch schwach betretene Fußwege bezeichnet, welche nur die Füße der Maulthiere und ihrer Treiber mit kecker Sicherheit betraten. Diese Wege zogen sich durch Schluchten und ihre Höhen hinauf und hinab, man hätte sagen können nur um die Geduld der Reisenden aus die Probe zu stellen. Manchmal zog sich ihre schmale Spirallinie um einen steil emporsteigenden Felsen und dann hing der Reisende mit seinem sorglosen Thiere buchstäblich über dem Abgrunde, in den sein Blick mit Grauen hinab schaute. Je steiler der Pfad sich aufwärts zog, um so heißer wurde auch der Fels und um so mehr zagte der Fuß des Menschen oder des Thieres auf dem Granit auszugleiten, den die Tritte der Carawanen allmälig glatt wie Marmor gemacht hatten.

Sobald das Adlernest, Alhama, erreicht war, wurde der Weg zwar bequemer und stieg sanft abschüssig – angenommen, man kam von Malaga und ging nach Granada – in das Thal Joyena hinab, aber dann folgte einer gewissermaßen körperlichen Gefahr eine andere, welche der Phantasie fortwährend vorschwebte, wenn sie auch bis zum Augenblicke ihres Erscheinens unsichtbar blieb. Sobald die beiden Seiten des Weges gangbar wurden, und in ihrem dichten Gebüsch einen Zufluchtsort gewährten, standen zahlreiche Kreuze mit schauerlichen Inischriften an diesen Seiten.

Diese Kreuze bezeichneten die Gräber der Reisenden, welche von den zahlreichen Räubern ermordet worden waren, die sich in jenen Zeiten bürgerlicher Unruhen vorzugsweise in den Gebirgen von Cordova und Grenada, d. h. in der Sierra Morena und in der Sierra Nevada aufhielten.

Die Inschriften auf diesen Kreuzen ließen auch keinen Zweifel über die Todesart derjenigen zu, welche darunter schliefen. Als wir dreihundert Jahre nach den Reisenden, welche sogleich vor den Lesern erscheinen werden, dieselben Gebirge durchwanderten, sahen wir Kreuze gleich den erwähnten und von den schaurigen Querhölzern derselben schrieben wir Aufschriften ab, die keineswegs beruhigend lauten, wie:

 
Hier
wurde ein Reisender ermordet.
Betet für seine Seele!
 
 
Hier
wurden Vater und Sohn ermordet;
sie ruhen in einem und demselben Grabe.
Gott sey ihnen gnädig!
 

Die gewöhnlichste Aufschrift aber heißt:

 
A qui mataron un hombre.
 

d. h. »hier haben sie einen Menschen ermordet.«

Diese Art Todtenhecke zog sich anderthalb bis zwei Stunden weit, nämlich durch die ganze Breite des Thales. Dann ging man über einen kleinen Fluß, der an dem Dorfe Cacin hinfließt, um sich in den Xenil zu ergießen, und gelangte in den zweiten Theil der Sierra.

Dieser zweite Theil war allerdings minder rauh und minder beschwerlich zu übersteigen. Der Weg verlor sich in einem unermeßlichen Fichtenwalde und hatte die engen Schluchten, wie die steilen Felsenzacken hinter sich gelassen. Man merkte, daß man in mildere Gegenden gelangt war, und nach einer anderthalbstündigen Reise an einem schattenreichen Berge hin erblickte man ein wahres Paradies, nach welchem es auf einem sanften Hange, auf grünem Rasenteppich hinab ging, das mit gelb und duftig blühendem Ginster und Erdbeerbäumen bedeckt, deren Beeren allerdings roth sind wie Erdbeeren, deren etwas seifiger Geschmack aber mehr an den der Banane als an jenen der Frucht erinnert, welcher sie gleichen.

An diesem Punkte seiner Wanderung konnte der Reisende befriedigt und erfreut aufathmen, denn nun schien er von der doppelten Gefahr befreit zu seyn, der er entgangen war: entweder in einen Abgrund zu stürzen und sich zu zerschmettern, oder von einem gerade übellaunigen Räuber ermordet zu werden.

Man sah denn auch wirklich, links vom Wege, in der Entfernung von etwa einer Viertelstunde ein kleines Gebäude weiß herüber schimmern, das halb einem Wirthshause, halb einer Veste glich.

Es hatte eine Terrasse mit einer Brustlehne mit Zinnen, und ein eichenes Thor mit Querbalken und Nägeln.

Ueber dem Thore war das Brustbild eines Mannes mit braunem Gesicht und schwarzem Bart gemalt, der auf dem Kopfe einen Turban und in der Hand ein Scepter hatte.

Unter dem Bilde las man:

Al rey Moro, d. h. zum Maurenkönig.

Obgleich nun nichts andeutete, daß dieser Maurenkönig, unter dessen Namen und Schutz das Wirthshaus gestellt worden, der letzte Fürst sey, der in Granada geherrscht hatte, so konnte doch Niemand, der nur etwas von der edlen Malerkunst verstand, zweifelhaft seyn, daß der Künstler die Absicht gehabt habe, den Sohn Zoravas, Abul-abd-Allah, genannt al Zaquir, darzustellen, den Florian unter dem Namen Boabdil geschildert hat.

Unsere Eile es den Reisenden nachzuthun, d. h. unser Pferd in Galopp zu setzen, um in das Wirthshaus zu gelangen, hat uns verhindert einen Blick auf eine Person zu werfen, die zwar von niederem Stand zu seyn scheint, aber nichtsdestoweniger eine ausführliche Beschreibung verdient.

Allerdings war diese Person sowohl im Schatten einer alten Eiche als auch hinter dem geschlängelten Wege versteckt.

Ein Mädchen von sechzehn bis achtzehn Jahren war es, die theils irgend einem maurischen Volksstamme anzugehören, theils aber auch das Recht zu haben schien, der großen europäischen Familie zugezählt zu werden. Wahrscheinlich waren in ihr beide Volksstämme vereinigt und sie bildete ein Zwischenglied, welches in seltsamer Mischung mit dem heißen und zaubermächtigen Reiz der Südländerin die liebliche milde Schönheit der nordischen Jungfrau verband. Ihr Haar war so schwarz, daß es den bläulichen Schimmer des Rabengefieders erreichte, fiel auf den Hals herab und umgab ein vollkommen ovales Gesicht von höchst würdevollem Ausdrucke. Große blaue Augen, überschattet durch Lider und Brauen von der Farbe des Haares, eine mattweiße Haut, Lippen frisch wie Kirschen, Zähne, die Perlen beschämen konnten, ein Hals, der bei jeder Bewegung die Anmuth und Geschmeidigkeit des Schwanenhalses verrieth, Arme, die zwar etwas lang aber tadellos geformt waren, eine Gestalt biegsam wie das Rohr, das sich im See spiegelt, oder wie die Palme, die in der Oase schwankt, Füße endlich, die unbekleidet blieben, so daß man ihre zierliche Kleinheit bemerken konnte, vollendeten das Bild des Mädchens, auf welche wir die Aufmerksamkeit des Lesers lenken.

Ihre seltsame Kleidung bestand in einem Kranze virginischen Jasmins, den sie von dem Zaune des beschriebenen kleinen Hauses gepflückt hatte und dessen dunkelgrüne Blätter und purpurrothe Blüthen vortrefflich zu dem Rabenschwarz des Haares paßten. Den Hals schmückte eine Kette aus flachen Ringen von der Größe eines Philippdor, die in einander gesteckt waren und wie Flämmchen blitzten. Ihr seltsam geschnittenes Kleid war von dem Seidenstoffe, der matt und hellfarbig gestreift war und damals in Granada gewebt wurde, wie heut zu Tage noch in Algier, Tunis und Smyrna. Um die Hüften wurde es durch einen sevillanischen Gürtel mit Goldfransen knapp zusammen genommen, wie ihn jetzt der Maso trügt, der mit der Guitarre unter dem Mantel der Geliebten ein Ständchen bringen will. Wären Gürtel und Kleid neu gewesen, so hätten sie den Augen vielleicht weh gethan, der zu hellen grellen Farbe wegen, welche die Araber und Spanier lieben, aber langer Gebrauch hatte Alles ziemlich verschmolzen.

Das Allermerkwürdigste an der Schönen – die freilich in Spanien nicht so selten waren und sind als anderswo – war der reiche Anzug bei der gemeinen Beschäftigung. Sie saß auf einem großen Stein am Fuße eines der erwähnten Grabkreuze im Schatten einer riesigen Eiche, mit den Füßen in dem Bache, dessen Wasser sie wie Silbergaze bedeckte, und spann.

Unfern von ihr kletterte am Berge weidend eine Ziege, ein ruhiges, waglustiges Thier, der gewöhnliche Besitz des Besitzlosen.

Während sie mit der linken Hand die Spindel drehte, mit der rechten den Faden auszog und zugleich auf ihre Füße sah, über welche die kleinen Wellen des Baches plätscherten, sang das Mädchen halblaut eine Art Volkslied, das keineswegs der Ausdruck ihrer Gedanken zu seyn, sondern als Begleitung der Stimmen zu dienen schien, welche in ihrem Herzen sang und von Niemanden gehört wurde.

Von Zeit zu Zeit unterbrach die Sängerin den Gesang und die Arbeit und rief die Ziege, nicht um sie zu sich zu locken, sondern eben nur um ein freundliches Wort an sie zu richten. Sie bediente sich dabei des arabischen Wortes und so oft die Ziege das Wort maza hörte, schüttelte sie muthwillig den Kopf, ließ ihr silbernes Glöckchen klingen und weidete weiter.

Das Lied sang die Spinnerin nach einer langsamen und eintönigen Melodie, die man heute noch in den Ebenen von Tanger und in den Bergen Kabyliens hören kann. Es war die Romanze, welche in Spanien als das Lied vom König Don Fernand bekannt ist.

 
Granada, meine Holde,
Mit dem Band von Golde,
Sey mein Weib in Freud und Stürmen!
Nimm als Gabe, dir zu Ehren,
Drei der Klöster mit den Chören,
Drei der Besten mit den Wehren,
Drei der Städte mit den Thürmen.
 
 
Du brauchest nur zu wählen
Unter den Juwelen,
Ja und wär’s selbst die Giralda!
Wenn sie Dich erfreute,
Nähm‘ ich selbst im Streite,
Als die schönste Beute,
Sevilla die Giralda.
 
 
Und was auch sagt Sevilla,
Und was auch sagt Castitla,
Was auch immer sagt das Land,
Immer achte ich es klein,
Bist Du nur, Granada, mein.
Ach, Granada, laß mich ein,
Bin der König Don Fernand.
 

In diesem Augenblicke blickte sie auf, um ihre Ziege zu rufen, aber kaum hatte sie das Wort maza ausgesprochen, als sie verstummte und ihre Augen sich unverwandt auf den Weg von Alama her richteten.

Am Horizonte erschien ein junger Mann, der auf seinem andalusischen Rosse im Galopp den Berg herunter kam.

Das Mädchen begann dann die Arbeit wieder, aber noch zerstreuter als zuvor, als höre sie nur den Reiter kommen, wenn sie auch nicht mehr hinsah, und stimmte die vierte Strophe des Liedes an, welche die Antwort Granada’s an den König Don Fernand war:

 
Ja, ich liebe Dich, Don Fernand,
Aber mich drückt Unglückshand.
Komm, Befreier, hoch zu Roß!
Kronen tragend und – gefangen,
Sclavin, ob auch goldbehangen,
Harr ich Dein in Sehnsuchtsbangen
In dem Thurm mit Silberschloß.
 

Zweites Capitel.
El correo d‘amor

Während die Spinnerin die legte Strophe sang, war der Reiter so weit heran gekommen, daß sie beim Wiederaufblicken seinen Anzug und sein Gesicht erkennen konnte.

Es war ein schöner Mann von fünf- oder sechsundzwanzig Jahren mit einem breitkrempigen Hute, über den sich flatternd eine feuerfarbige Feder bog.

Im Schatten, den der Hut auf das nur halb beleuchtete Gesicht warf, glänzten zwei schöne schwarze Augen, denen man es ansah, das sie sich leicht an der Glut des Zornes oder an der Flamme der Liebe entzünden könnten. Die gerade Nase von untadeliger Form überragte einen leicht an den Seiten emporgedrehten Schnurrbart und zwischen diesem und dem Kinnbarte bemerkte man prächtige Zähne, weiß und spitzig wie die des Schakals.

Trotz und vielleicht wegen der Hitze trug er einen der cordova’schen Mäntel, die wie ein amerikanischer Poncho geschnitten sind, in der Mitte eine Oeffnung zum Durchstecken des Kopfes haben und den Reiter von den Schultern bis zu der Spitze der Stiefeln bedecken. Dieser Tuchmantel, von der Farbe des Feuers wie die Feder aus dem Hute, unten und an der Halsöffnung herum mit Gold gestickt, verhüllte einen Anzug, der außerordentlich zierlich seyn mußte, wenn man nach dem schließen dürfte, was davon sichtbar war, nämlich nach dem Ende der Aermel und nach den Bändern!

Sein Pferd, das er als vollendeter Reiter beherrschte, war ein schönes fünf- oder sechsjähriges Thier mit rundlichem Hals, flatternder Mähne, kräftigem Kreuz, bis zur Erde reichendem Schweife und von jener kostbaren Farbe, welche die letzte Königin von Castilien, Isabella, in die Mode brachte. Uebrigens war es ein Wunder, daß Roß und Reiter mit dem Feuer, das in beiden glühte, die steilen Pfade hatten zurücklegen können, die wir zu beschreiben versuchten, ohne zehnmal in die Abgründe hinabzustürzen.

Ein spanisches Sprichwort sagt, es gebe einen Gott für die Betrunkenen und eine Göttin für die Verliebten.

Wie ein Betrunkener sah unser Reiter nicht aus, aber einem Verliebten zum Verwechseln ähnlich.

Unbestreitbar wurde diese Aehnlichkeit dadurch, daß der Reiter, ohne sie anzusehen, ja wahrscheinlich ohne sie zu sehen, an dem Mädchen vorüberkam, vor welchem ganz gewiß selbst der König Don Carlos, so zurückhaltend und züchtig er auch trotz seinen neunzehn Jahren war, angehalten hätte, so schön war sie, als sie den Kopf empor richtete, um den geringschätzigen Reiter anzuschauen, und flüsterte:

»Der arme Bursch! Wie schade!«

Warum beklagte die Spinnerin den Reisenden? Auf welche gegenwärtige oder künftige Gefahr deutete sie?

Das erfahren wir wahrscheinlich, wenn wir den eleganten Caballero bis zur Venta des Mohrenkönigs begleiten.

Um zu dieser Venta zu gelangen, zu welcher ihn Eile zu treiben schien, mußte er noch über ein paar kleine Thäler. In jedem derselben, wo die gebahnte Bahn nur etwa acht oder zehn Fuß breit war und durch dichtes Gebüsch von Myrthen und Erdbeerbäumen führte, standen einige Kreuze, welche andeuteten, daß die Nähe der Venta die Reisenden keineswegs vor dem Geschicke bewahrt hatte, welches ein so allgemeines zu sein schien, daß diejenigen, welche die Wege betraten, auf denen so viele angekommen, das Herz sich wohl mit dem dreifachen Erze panzern mußten, von dem Horaz in Bezug auf den ersten Seefahrer spricht. Als der Reiter sich diesen schauerlichen Orten näherte, sah er nur nach, ob sein Schwert noch an seiner Seite hänge, ob sich die Pistolen noch an dem Sattelbogen befänden; als dies die Hand mechanisch, ohne Angst, gethan hatte, ritt er im gleichen Schritte seines Pferdes, mit gleichem furchtlosen Gesichte, durch die schlimme Gegend, el malo sitio, wie man dort sagt.

Auf dem höchsten Punkte des Weges richtete er sich noch einmal in den Steigbügeln auf, um die Venta besser zu sehen; als er sie erblickte, gab er dem Pferde die Sporen und als mache der Wunsch, dem Herrn zu dienen, das Thier unermüdlich, stürzte es in das kleine Thal hinab wie ein Boot, das von dem Kamme der Wogen in die Tiefe hineinschießt.

Die geringe Aufmerksamkeit, welche der Reisende auf den Weg wendete, und der brennende Wunsch, den er zu hegen schien, die Venta zu erreichen, hatten wahrscheinlich zwei Wirkungen.

Erstlich bemerkte er etwa zehn Männer nicht, die in einer Strecke von etwa einer Viertelstunde in dem Dickicht zu beiden Seiten versteckt waren, auf der Erde lagen und die Lunte der neben ihnen liegenden Gewehre sorgsam glimmend erhielten. Bei dem Pferdegetrappel hoben die unsichtbaren Männer den Kopf, stützten sich auf den Arm und das linke Knie, nahmen mit der rechten Hand das Gewehr und legten es mechanisch an die Achsel.

Zweitens überlegten diese Männer im Hinterhalte, als sie den Reiter so schnell vorüberkommen sahen, er habe wahrscheinlich ein Geschäft in der Venta und steige da ab, sie brauchten also keineswegs an der Landstraße einen verrätherisch knallenden Schuß abzubrennen, der vielleicht eine ansehnliche Carawane abschreckte und ablenkte, die ihnen eine reichere Beute bot, als sie bei einem einzelnen Reisen, den zu finden ist, so reich und elegant er auch sein mag.

Diese auf dem Boden im Dickicht liegenden Männer waren in der That die Gräberlieferanten, auf denen sie als gute Christen Kreuze aufpflanzten, nachdem sie die Reisenden hineingelegt hatten, die so unvorsichtig gewesen waren, auf Gefahr ihres Lebens ihre Börse vertheidigen zu wollen, nachdem die würdigen Salteadores sie mit dem Gewehre in der Hand mit den überall herkömmlichen Worten begrüßt:

»Das Geld oder das Leben!«

Auf diese ihr wohlbekannte Gefahr hatte das Mädchen wohl gedeutet, als sie den schönen Reisenden kommen sah und mit einem Seufzer die Worte sprach:

»Wie schade!«

Die Männer im Hinterhalte hatten indeß, wie wir gesehen haben, aus irgend einem Grunde kein Zeichen von ihrer Anwesenheit gegeben. Wie aber Jäger, denen sie glichen, ihren Posten verlassen, sobald das Wild vorüber ist, so kamen auch einige von ihnen, die erst den Kopf vorstreckten, dann den ganzen Körper, hinter dem Reisenden aus dem Walde hervor und gingen nach der Venta zu, in deren Hof der Reiter sprengte.

In dem Hofe stand ein Mozuelo, den Zügel des Pferdes in Empfang zu nehmen.

»Ein Maß Gerste für mein Pferd, ein Glas Xeres für mich, ein möglich gutes Essen für die, welche mir folgen.«

Als der Reisende dies gesagt hatte, erschien der hostalero (Wirth) an dem Fenster und die Männer aus dem Gebüsche erreichten die Thür.

Von beiden Theilen sah man einander an und die Blicke der Männer aus dem Dickicht bedeuteten:

»Wir haben also recht gethan, daß wir ihn nicht anhielten.«

Der Blick des Wirthes antwortete:

»Vollkommen.«

Da der Reiter diesen doppelten Blick nicht beobachtet hatte, weil er damit beschäftigt gewesen war, den Staub von seinem Mantel und seinen Stiefeln zu schütteln, sagte der Wirth:

»Tretet ein, Herr. Wenn auch dir Posada »zum Maurenkönige« im Gebirge liegt, ist sie doch, Gott sey Dank, wohl versorgt. Wir haben alle Arten von Wildbret, nur nicht Hasen, der ein unreines Thier ist. Wir haben eine olla potrida auf dein Herd und einen gaspecho. Wenn Ihr warten wollet. . . Einer unserer Freunde, ein gewaltiger Jäger, verfolgt einen Bären, der vom Gebirge heruntergekommen ist; wir werden Euch also bald frisches Fleisch bieten können.«

»Wir haben keine Zeit auf die Rückkunft deines Jägers zu warten, so verlockend auch der Antrag ist.«

»So werde ich mein Bestes thun.«

»Ja . . . Wenn ich auch überzeugt bin, daß die Señora, deren Bote ich bin, eine Göttin ist, die nur von Blumenduft und Morgenthau lebt, mache immerhin dein Bestes bereit und sage mir, welches Gemach Du ihr anweisen willst.«

Der Wirth öffnete eine Thür und zeigte dem Reisenden ein großes mit Kalk geweißtes Zimmer mit Eichenholztischen und Vorhängen an den Fenstern.

»Dies da,« sagte er.

»Gut,« antwortete der Reisende; »schenke mir ein Glas Xeres ein, siehe zu, daß mein Pferd sein Maß Gerste bekommt und laß mir in deinem Garten einen Strauß der schönsten Blumen pflücken.

»Das soll geschehen,« antwortete der Wirth. »Wie viel Couverts?«

»Zwei: eins für den Vater, eins für die Tochter. Die Diener essen in der Küche, nachdem sie die Herrschaft bedient . . . Geht nicht sparsam mit dem Weine gegen sie um.«

»Seyd unbesorgt. Wer so spricht wie Ihr, wird gewiß immer rasch und gut bedient.«

Wahrscheinlich um den Beweis für das zu geben, was er eben gesagt hatte, ging er hinaus und rief:

»Heda! Gil, zwei Gedecke! Perez, hat das Pferd die Gerste bekommen? – Amapola, lauf in den Garten und, schneide alle Blumen ab, die Du da findest.«

»Seht wohl!« flüsterte der Reiter und er lächelte zufrieden. »Nun, mein Theil! »

Von der Kette, die an seinem Halse hing, löste er eine goldene Kugel von der Größe eines Taubeneies, die durchbrochen gearbeitet war, öffnete sie, stellte sie auf den Tisch, holte aus der ersten Stube eine glühende Kohle, that sie in die goldene Kugel und streute auf die Kohle eine Prise Pulver, dessen Rauch sich alsbald in dem Gemache verbreitete und jenen lieblichen, starken Duft ausströmte, der dem Geruche so wohl thut. sobald man in das Gemach einer Araberin tritt.

In diesem Augenblicke kaut der Wirth zurück. In der einen Hand trug er einen Teller mit einem Glase voll Xeres und in der andern eine eben erst angebrochene Flasche. Ihm folgte Gil mit Tischtuch und Servietten und einem Haufen Teller, dann Amapola mit einem Arm voll jener Blumen mit brennenden Farben, die bei uns nicht ihres Gleichen haben, in Andalusien aber so gewöhnlich sind, daß ich nicht einmal ihren Namen erfahren konnte.

»Mache nun einen Strauß aus den schönen Blumen, Mädchen.« sagte der Reiter, »und gib die übrigen mir.«

Amapola suchte die schönsten Blumen aus und als sie zu einem Strauße zusammen gethan waren, fragte sie:

»Ist es so recht?«

»Vollkommen,« antwortete der Reisende; »binde sie nun zusammen.«

Das Mädchen sah sich nach einem Faden, einer Schnur um, aber der Reisende nahm aus seiner Tasche ein Band in Gold und Purpur, das er zu diesem Zwecke mit sich gebracht zu haben schien und von dem er ein Stück mit seinem Dolche abschnitt.

Dies Bandstück gab er der Amapola, welche den Strauß band und nach der Weisung des Reisenden auf einen der Teller legte, die Gil auf den Tisch gestellt hatte.

Er selbst streute die übrigen Blumen von dem Hofthore bis an den gedeckten Tisch in dem Gemache, dann rief er den Wirth nochmals und sagte:

»Da ist ein Philippdor für die Mühe, die ich Dir gemacht habe.«

Der Wirth verbeugte sich und der junge Reisende fuhr fort:

»Wenn Don Inigo Velasco de Haro Dich fragt, wer die Mahlzeit bestellt habe, so sagst Du: ein Mann, der Dir nicht bekannt. Fragt Dich Dona Flor, wer die Blumen gestreut, den Strauß bereitet, den Wohlgeruch verbreitet, so antwortest Du: ihr Liebesbote, Don Ramiro d’Avila.

Nach diesen Worten schwang er sich leicht aus sein schönes Roß, das der Mozuelo am Zügel hielt, jagte aus dem Hofe der Venta hinaus und setzte seinen Weg in Galopp nach Granada zu fort.

Drittes Capitel.
Don Inigo Velasco de Haro

Da sich das schöne Mädchen mit der Ziege in einem Thaleinschnitte befand, so konnte sie den jungen Herrn in die Venta nicht hinein und nicht wieder herausreiten sehen, aber mit Aufmerksamkeit schien sie aufzuhorchen, ob nicht ein Geräusch von dem was geschehe zu ihr gelange. Mehrmals schlug sie die schönen Augen fragend nach dem Himmel auf und sie schien sich zu wundern, daß dem Erscheinen des jungen schönen reichen Herrn kein außerordentliches Ereigniß folge.

Da sie ihren Platz nicht verlassen und das Gespräch des Reisenden mit dem Wirthe nicht gehört hatte, so wußte sie natürlich nicht, welchem ganz selbstsüchtigen Umstande von Seiten der Freunde der Venta der Liebesbote der schönen Dona Flor sein Entkommen verdankte.

In dem Augenblicke übrigens, als Don Ramiro d’Avila alle Vorbereitungen getroffen hatte, die Venta »zum Maurenkönige« zur Aufnahme des Don Inigo Velasco und dessen Tochter würdig zu machen, aus dem Hofe sprengte und seinen Weg nach Granada fortsetzte, zeigte sich den Augen der Zigeunerin der Vortrab der Carawane, die der elegante Reisemarschall angekündigt hatte.

Diese Carawane zerfiel in drei gesonderte Haufen.

Der erste, welcher den Vortrab bildete und wie gesagt, am westlichen Abhange des Berges sich zu zeigen begann, bestand aus einem einzigen Manne, der zur Dienerschaft des Don Inigo Velasco gehörte. Wie aber die Campieri Siciliens, die in Friedenszeiten Diener sind, in der Stunde der Gefahr Krieger werden, so trug auch dieser Mann in einem Anzuge, der halb militärisch, halb Livrée war, ein langes Schwert an der Seite, saß kerzengerade auf dem Pferde und seine Flinte mit der brennenden Lunte, die er auf das Knie gelegt hatte, ließ keinen Zweifel über, daß die Carawane im Falle des Angriffs sich vertheidigen wolle.

Das Hauptcorps, welches etwa dreißig Schritte hinter ihm folgte, bestand aus einem Manne von sechzig bis fünfundsechszig Jahren und einem Mädchen von sechzehn oder achtzehn.

In gleicher Entfernung hinter ihnen kam der Nachtrab, bestehend aus zwei Dienern mit dem Schwert an der Seite und der rauchenden Luntenflinte auf dem Knie.

Im Ganzen also fünf Personen.

Da die Dienerschaft nur eine untergeordnete Rolle in; dieser Geschichte zu spielen hat, während dem Vater und der Tochter die Hauptrollen zufallen, wird man uns erlauben, die Herren Nuñez, Camacho und Torribio weiter nicht zu beachten, unsere Aufmerksamkeit dagegen ausschließlich dem Don Inigo Velasco de Haro und der Dona Flor, seiner Tochter, zuzuwenden.

Don Inigo Velasco war, wie gesagt, sechzig bis fünfundsechzig Jahre alt, doch sah er körperlich noch jung aus, so daß man ihn einen Greis nicht wohl nennen konnte.

Sein kaum ergrauender Bart, sein nur leicht mit Winterschnee bedecktes Haar, das er nach der Mode Philipps des Schönen und Ferdinands des Katholischen lang trug, zeigten höchstens ein Alter von fünfzig oder fünfundfünfzig Jahren.

Gleichwohl hatte ihn das Unglück betroffen, wie alle, die eine ruhmreiche Jugend gehabt, daß er sein Alter nicht verbergen konnte, weil er mehr als einmal und zu verschiedenen Zeiten seine Spur tief in die Geschichte seines Vaterlandes eingedrückt hatte. Als Erbe eines der berühmtesten Namen und einer der reichsten Familien Ostindiens, gedrängt zur Luft von Abenteuern durch die Liebe zu einem Mädchen, das er nicht heirathen konnte, weil der Vater der Dona Mercedes da Mendo – so hieß diese Königin der Schönheit – der Feind des seinigen war und Beide einander ewigen Haß geschworen hatten, hatte Don Inigo Velasco in seinem dreißigsten Jahre die Theorien und Pläne des Christoph Columbus unterstützt, denn sein Lehrer war der Pater Marchena gewesen, einer der ersten Geistlichen, die aus die Gefahr hin mit der heiligen Schrift in Widerspruch zu gerathen, nach der Darlegung jenes genuesischen Seefahrers zugaben, daß die Erde doch wohl rund seyn könne.

Man weiß, was am Hofe der katholischen Könige der geniale Mann leiden mußte, den die mindest Uebelwollenden der Räthe Isabella’s und Ferdinands als Wahnwitzigen und Träumer behandelten, als er seiner Heimat Genua vergebens seinen Plan vorgelegt hatte, durch eine Fahrt nach Westen das Reich Cathays wiederzufinden, das sein Vorgänger Marco Polo bemerklich gemacht, als er von Juan II. abgewiesen war, der insgeheim durch einen Schiffer die Unternehmung versuchen ließ, die man öffentlich als unsinnig behandeln, und endlich bei dem Könige Ferdinand von Aragonien und der Königin Isabella von Castilien erschien, um Spanien nicht eine Stadt, nicht eine Provinz, nicht ein Land, sondern eine Welt anzubieten.

Acht Jahre vergingen mit fruchtlosen Schritten und Bitten.

Zum Glück für den großen Genuesen fügte es die Vorsehung, daß in dem Augenblicke, als Christoph Columbus seine Fahrt unternehmen wollte, in dem Augenblicke als das Reich der Kalifen in Spanien mit seiner letzten Schutzwehr fiel, sich der Neffe einer der geliebtesten Freundinnen der Könige auf das Leidenschaftlichste in ein Mädchen verliebte, obgleich er nicht die geringste Hoffnung hatte sie zu heirathen.

Kleine Ursachen, große Wirkungen.

Mag uns die Liebe vergeben, daß wir sie unter die kleinen Ursachen zählen.

Die Ursache, ob klein oder groß, hatte eine unermeßliche Wirkung.

Den Namen des Neffen kennen wir bereits; es war Don Inigo Velasco Graf von Haro.

Die Tante war Beatrice, Marchesa de Moya, und die Königin hatte keine liebere Freundin, keine innigere Vertraute.

Velasco nun hatte den festen Vorsatz gefaßt seinem Leben ein Ende zu machen und er wurde nur darum nicht, zehnmal getödtet, weil der Tod vor ihm zurückwich wie vor allen entschlossenen Herzen. In den Kriegen, welche die katholischen Könige gegen die Mauren führten, hatte er stets in der vordersten Reihe gekämpft; er war bei der Erstürmung der Festen Ilosa und Moclin gewesen, jener so wichtigen Bürgen der königlichen Stadt, die matt die Augen Granadas genannt; er hatte sich bei der Belagerung von Velez befunden, als der Zagal Abdallah dieselbe aufzuheben versuchte und mit ungeheuerem Verluste zurückgeschlagen wurde; er war bei der Einnahme von Gibaltar gewesen, als die Stadt Ibrahims mit Sturm genommen und geplündert wurde; er hatte sich endlich unter den Mauern der Hauptstadt Boabdils befunden, als die katholischen Könige, nachdem sie eine Stadt des Reiches nach der andern genommen, die belagerte Stadt mit einer neuen Stadt einschlossen, mit Häusern, Kirchen und Wäldern, die sie Santa Fe nannten zum Zeichen ihrer Hoffnung und ihres Gelübdes, die Belagerung Granada‘s nicht aufzugeben, bevor Granada sich ergeben.

Granada ergab sich am 25. November 1491, im Jahre 897 der Hedschira, am 22. Tage des Mondes Moharrem.

Für Columbus, der seit acht Jahren wartete, war dies der Augenblick, sein Gesuch zu erneuern. Der König Ferdinand und die Königin Isabella hatten das Werk vollendet, das war vor sieben Jahrhunderten begonnen worden.

Die Ungläubigen waren in Spanien überwunden.

Columbus gab als Hauptzweck seiner Unternehmung die Belehrung der Ungläubigen in der Neuen Welt an.

Um diesen Zweck zu erreichen, verlangte er nur hundert Mann und dreitausend Kronenthaler.

Neben dem religiösen Zwecke machte er als auf das materielle Resultat, auf unerschöpfliche Goldlager und unschätzbare Diamantengruben aufmerksam. Was also konnte den habsüchtigen Ferdinand und die fromme Isabella abhalten ein Unternehmen zu wagen, das in weltlicher und kirchlicher Hinsicht aller Berechnung nach eine glückliche Speculation seyn müßte, sobald das Daseyn jener unbekannten Welt gegeben war?

Wir wollen es sagen, was sie abhielt.

Christoph Columbus, der gleich im voraus die Belohnung nach der Größe des Dienstes bemaß, verlangte den Rang eines Admirals der spanischen Flotte, den Titel eines Vicekönigs aller Länder, die er entdecken würde, den zehnten Theil des Gewinnes von dem Unternehmen und die Vererbung der ihm ertheilten Würden auf seine männlichen Nachkommen.

Diese Forderungen erschienen um so übertriebener, als Christoph Columbus, obwohl er von einer der angesehensten Familien Piacenzas abstammen wollte, obwohl er der Königin Isabella schrieb, er würde nicht der erste Admiral in seiner Familie seyn, wenn er zum Admiral ernannt würde, keinen Nachweis über seinen Adel hatte beibringen können und am Hofe sich das Gerücht verbreitete, er sey nichts als der Sohn eines Webers in Logoreo oder Nervi.

Seine Forderungen hatten demnach den Unwillen des Erzbischofs von Granada, Ferdinand von Talavera, errregt, der von den katholischen Majestäten beauftragt worden war, den Antrag des genuesischen Schiffers zu prüfen, wie man am Hofe Christoph Columbus allgemein nannte.

Namentlich dieser zehnte Theil des Gewinnes, welcher genau der Abgabe gleichkam, welche die Kirche unter dem Namen des Zehent erhob, verletzte das Gewissen des Don Ferdinand von Talavera.

Der arme Christoph Columbus hatte Unglück, denn seine drei anderen Forderungen: zum Range eines Admirals erhoben zu werden, den Titel eines Vicekönigs zu erhalten und diesen Titel wie in einer königlichen oder fürstlichen Familie zu vererben, verletzten den Stolz Ferdinands und Isabella’s, da die Herrscher damals noch nicht daran gewöhnt waren, einen Privatmann als ihres Gleichen zu behandeln, und Columbus, so arm und unbekannt er war, so stolz sprach, als trage er auf seinem Haupte bereits die doppelte goldene Krone Guacanagaris und Montezumas!

Die Folge davon war gewesen, daß nach einer lebhaften Erörterung in dem geheimen Rathe, in welchem Columbus nur zwei Vertheidiger hatte, Don Luys de San-Angel, den Einnehmer der Kirchenabgaben von Aragonien und Don Alonso de Qiuntatille, den Finanzdirector Castiliens, der Antrag definitiv verworfen wurde, zur großen Befriedigung Ferdinands, des Mannes des Zweifels, und zur großen Betrübniß der Königin Isabella, der Frau der Poesie und des Glaubens.

Die Feinde des Christoph Columbus, und er hatte; deren viele am Hofe, hielten die Entscheidung für unwiderruflich und glaubten für immer von dem lächerlichen Träumer befreit zu seyn, neben dessen versprochenen Diensten alle bereits geleisteten klein und unbedeutend erscheinen mußten.

Aber sie hatten ohne Don Inigo de Velasco und ohne dessen Tante, die Marquise Beatrice von Moya gerechnet.

Am Tage nach dem, an welchem die Ablehnung der katholischen Majestät dem Columbus durch den Erzbischof Don Ferdinand von Talavera mitgetheilt worden war, trat Dona Beatrice in das Betgemach der Königin und bat die selbe mit merklich bewegter Stimme um eine Audienz für ihren Neffen.

Isabella staunte über das verlegene Aussehen ihrer Freundin und sah sie einen Augenblick an, dann fragte sie mit jenem sanften Tone, der ihr den Vertrauten gegenüber gewöhnlich war:

»Was sagst Du, meine Tochter?«

»Meine Tochter« war eine freundschaftliche Benennung, welche sie meist ihren besonderen Freundinnen gab, ohne sie jedoch sehr zu verschwenden.

»Ich sage Ew. Hoheit, mein Neffe, Don Inigo Velasco, habe die Ehre Euch um eine Abschiedsaudienz zu bittend.«

»Don Inigo Velasco?« wiederholte Isabella, die sich offenbar auf die Person zu besinnen suchte. »Ist er nicht der junge Capitän, der sich in unserem letzten Kriege bei der Erstürmung von Ilosa und Moclin, bei der Belagerung von Velez, bei der Einnahme von Gibalfaro und sonst noch auszeichnete?«

»Er ist‘s,« entgegnete Dona Beatrice erfreut und stolz darauf, daß der Name ihres Neffen solche Erinnerungen, in dem Herzen der Königin weckte. »Ja, ja, Hoheit, er ist‘s.«

»Und er reiset fort?« fragte Isabella.

»Ja, Hoheit.«

»Eine lange Reise?«

»Ich fürchte es.«

»Verläßt er Spanien?«

»Ich glaube es. Er sagt, er habe im Dienste Ew. Hoheit nichts mehr zu thun.

»Wohin geht er?«

»Die Königin wird ihm gnädig erlauben, selbst darauf zu antworten.«

»Sage ihm, er möge eintreten.«

Während die Marquise, die ihren Neffen selbst einführen wollte, nach der Thür ging, setzte sich die Königin Isabella und nähte, mehr um die Hände zu beschäftigen, als um wirklich zu arbeiten, ein Fähnchen, das sie zu Ehren der Jungfrau stickte, deren Einflusse sie die glückliche Uebergabe Granada’s zuschrieb, welche bekanntlich auf Capitulation und ohne Blutvergießen erfolgt war.

Einen Augenblick darauf öffnete sich die Thür wieder, der junge Mann trat ein an der Hand der Dona Beatrice und einige Schritte von der Königin blieb er mit dem Hute in der Hand ehrerbietig stehen.

Viertes Capitel.
Isabella und Ferdinand

Don Inigo Velasco war zur Zeit der Einnahme von Granada ein schöner junger Mann von dreißig bis zweiunddreißig Jahren, mit großen schwarzen Augen und langem schwarzen Haar. Sein Gesicht trug einen tiefen Eindruck von jener Schwermuth, welche das Daseyn einer unglücklichen Liebe verräth und folglich jederzeit eine mächtige Empfehlung bei einer Frau ist, wäre diese Frau auch Königin.

Eine damals kaum geheilte Wunde, deren Narbe sich aber in den ersten Runzeln des Alters verloren hatte, zog über seine Stirn eine röthliche Furche und war ein Zeugniß davon, daß er die Mauren ganz in der Nähe angegriffen, deren krummer Säbel diese blutige Spur auf seiner Stirn zurückgelassen hatte.

Die Königin hatte zwar schon oftmals von ihm sprechen hören, als von einem schönen Manne wie als von einem schönen Krieger, erblickte aber Don Inigo das erste Mal und sah ihn mit der doppelten Theilnahme an, die zuerst dem Neffen ihrer besten Freundin, dann aber auch dem Ritter galt, welcher so tapfer für die Sache seines Gottes und seiner Fürsten gekämpft.

»Ihr seyd Don Inigo de Velasco?« fragte Isabella nach kurzer aufmerksamer Betrachtung, während welcher die tiefste Stille in dem Betgemach herrschte, wo sich indeß wohl zwölf Personen näher oder weiter von ihm entfernt, sitzend oder stehend befanden, je nach der Vertraulichkeit, mit welcher sie beehrt wurden, oder nach dem Range, den sie einnahmen.

»Ja, Hohet,« antwortete Don Inigo.

»Ich hielt Euch für einen rico hombre«.

»Der bin ich auch, Hoheit.«

»Warum bleibt Ihr dann nicht bedeckt vor uns?«

»Weil meine Ehrerbietung vor der Dame mir die Ausübung des Rechtes untersagt, an welches die Königin gnädig mich erinnert.«

Isabella lächelte und nannte ihn nun Du, wie es damals die Könige und Königinnen von Castilien thaten und noch jetzt thun, denen gegenüber, welche in unserer Zeit Granden von Spanien heißen und damals ricos hombres hießen.

»Du willst also reisen, Don Inigo?« fragte sie.

»Ja, Hoheit,« antwortete der junge Mann.

»Warum?«

Belasco schwieg.

»Es scheint mir doch,« fuhr Isabella fort, »als eigneten sich viele Stellen an meinem Hofe für einen jungen Mann deines Alters und einen Sieger von deinem Verdienste.«

»Ihr täuscht Euch über mein Alter, Hoheit,« antwortete Don Inigo, der traurig das Haupt schüttelte; »ich bin alt.«

»Du?« sagte die Königin erstaunt.

»Ja, denn wie viele Jahre man auch zählen mag, man ist alt, sobald man alle Illusionen verloren hat und den Namen Sieger, den Ihr mir wie einem Cid beizulegen die Gnade habt, würde ich bald verlieren, da Ihr nach der Uebergabe Granada‘s und dem Falle des letzten Maurenkönigs, Abul Abdallah, keine Feinde mehr in eurem Reiche zu besiegen habt.«

Der junge Mann sprach diese Worte in so tieftraurigem Tone, daß die Königin ihn verwundert ansah und Dona Beatrice, welcher ohne Zweifel der Liebeskummer ihres Neffen bekannt war, eine Thräne abwischte, die still über ihre Wange rann.

»Und wohin willst Du gehen?« fragte die Königin weiter.

»Nach Frankreich, Hoheit.«

Isabella runzelte leicht die Stirn.

»Hm Euch,« fuhr sie fort, ohne weiter Du zu sagen, »König Carl VIII. zur Hochzeit mit der Erbin der Bretagne geladen, oder Euch aufgefordert, Dienst in dem Heere zu nehmen, das er, wie man sagt, aufstellte, um Italien zu erobern?«

»Ich kenne den König Carl VIII. Nicht,« antwortete Don Inigo, »und welchen Antrag er mir auch machte, in seinem Heere zu dienen, ich würde ihn ablehnen, denn ich müßte sicherlich gegen meine vielgeliebte Souveränin dienen.«

»Und was treibt Dich nach Frankreich, wenn Du nicht einen Herrn suchen willst, der Dir besser zusage als wir?«

»Ich begleite einen Freund, den Ihr fortgetrieben habt.«

»Wer ist er?«

»Christoph Columbus, Hoheit.«

Es trat eine Pause ein, in welcher man das leichte Knarren der Thür zum Cabinet des Königs hörte, die halb geöffnet wurde.

»Gott verhüte es, wir haben euren Freund nicht fortgetrieben, Don Inigo,« entgegnete Isabella in einer Trauer, die sie nun nicht von sich abweisen konnte; »aber unser Rath hat die Bedingungen, welche der Genueser gestellt, für so übertrieben erklärt, daß wir sie nicht annehmen können, ohne gegen die Achtung zu verstoßen, die wir uns selbst und unsern beiden Kronen schuldig sind. Wenn euer Freund, Don Christobal, einige Nachgiebigkeit gezeigt hätte, würde die Ausführung eines Planes, dessen Mißlingen er sich selbst zuzuschreiben hat, durch den guten Willen des Königs Ferdinand und das Interesse, das ich daran nehme, leicht geworden seyn.«

Isabella schwieg und wartete auf die Antwort Don Inigo’s, aber dieser antwortete nicht.

»Abgesehen übrigens davon,« fuhr sie fort, »daß die Theorie des Genuesen über die runde Gestalt der Erde mit den Worten der heiligen Schrift nicht wohl übereinstimmt, wisset Ihr, daß die gelehrtesten Männer des Reiches Christoph Columbus als einen Träumer behandeln.«

»Lieber seinen Hoffnungen zu entsagen, als seiner Würde,« entgegnete der Neffe der Beatrice, »sieht einem Träumer nicht ähnlich. Columbus unterhandelt um ein Reich, das, wie er meint, zehnmal größer ist, als Spanien und seine Forderungen entsprechen dieser Größe. . . Ich begreife das.«

»Neffe!« flüsterte Beatrice.

»Sollte ich unwillkürlich gegen die der Königin gebührende Ehrfurcht gehandelt haben?« fragte Don Inigo; »das würde mich tief betrüben.«

»Nein, mein Kind, nein,« entgegnete Isabella lebhaft. Als sie einen Augenblick nachgedacht hatte, fragte sie Don Inigo: .

»Du meinst also, es liege etwa Ernsthaftes, Mögliches. Wirkliches den Träumen des Seefahrers zu Grunde?«

»Ich bin zu unwissend, um Ew. Hoheit im Namen der Wissenschaft darauf Antwort geben zu können, aber im Namen des Glaubens antworte ich: Die Ueberzeugung Christophs hat auch mich überzeugt und wie Ew. Hoheit das Gelübde thaten, Santa Fe nicht zu verlassen, bevor Granada erobert sey, so habe ich gelobt, Columbus nicht zu verlassen, bis er den Boden jener neuen Welt betreten, die Ew. Hoheit ausgeschlagen hat.«

»Aber,« sagte Isabella, welche zu scherzen versuchte, obgleich ihr die Worte des jungen Mannes, wenn nicht die Lust dazu, doch die Fähigkeit benommen hatten, »da Du so großen Glauben auf die Wissenschaft des Genuesen hast und er nur zwei Caravellen, hundert Matrosen und dreitausend Kronen für sein Unternehmen braucht, warum hast, Du nicht von deinem Vermögen, das dreimal so groß ist, die beiden Caravellen bauen lassen, die hundert Matrosen in Dienst genommen und die dreitausend Kronen vorgeschossen? Da Columbus in diesem Falle Niemanden Schuldner gewesen, hätte er König seines erträumten Reiches seyn und Dich zum Vicekönig ernennen können.«

»Ich habe es ihm angeboten, Hoheit,« antwortete Don Inigo ernst, »nicht in Hoffnung aus so hohen Lohn, denn ich bin nicht ehrgeizig, aber Columbus bat mein Anerbieten abgelehnt.«

»Columbus hat die Ausführung eines Planes abgelehnt, mit dem er sich seit zwanzig Jahren trägt?« fragte Isabella; »Kind, das werde ich Dir nie glauben.«

»Und doch ist es die Wahrheit, Hoheit,« antwortete Don Inigo mit einer ehrfurchtsvollen Verbeugung.

»Und welchen Grund gab er bei seiner Ablehnung an?«

»Er sagte, zur Weihe eines solchen Unternehmens gehöre der Name und der Schutz eines großen Königs und da er es nicht unter der portugiesischen, nicht unter der spanischen Flagge ausführen könne, wolle er versuchen, ob es Carl VIII. unter den Schutz der drei Lilien Frankreichs stellen wolle.«

»Der Genuese ist nach Frankreich gereist? Der Genuese will seinen Plan dem Könige Carl VIII. vorlegen? Wisset Ihr das gewiß, Señor Inigo?« fragte Ferdinand von Aragonien, der plötzlich hereintrat und sich in das Gespräch mischte, aus das er seit einigen Augenblicken gehört hatte.

Alle Anwesenden drehten sich bei diesem unerwarteten Eintreten um und gaben ihre Ueberraschung wenigstens durch eine Geberde zu erkennen.

Nur Don Inigo, als habe er die Bewegung der Thür gehört und geahnt wer sie öffne, äußerte nur Ehrerbietung, indem er sich vor dem König verbeugte, wie vorher vor der Königin. Nun setzte er seinen Hut auf, als wolle er das ihm zustehende Recht üben, bedeckt vor dem Könige von Aragonien zu bleiben. Fast in demselben Augenblicke jedoch nahm er ihn wiederum ab, indem er sich gegen Isabella wendete von der, als seiner alleinigen Souveränin, er seine Entlassung zu erwarten schien.

Diese bebte übrigens vor Freude als sie sah, wie begierig der sonst so gelassene Ferdinand die für Spanien so demüthigende Nachricht anhörte, Columbus wolle die Gunst – und den Schutz eines andern Fürsten suchen.

Da Don Inigo auf die Frage Ferdinands nicht antwortete, so sagte sie zu dem jungen Manne:

»Hörst Du, was der König von Aragonien fragt? Er fragt Dich, ob es wahr sey, daß der Genuese nach Frankreich abgereist und ob er wirklich dem König Carl VIII. seine Dienste anbieten wolle.

»Ich habe diesen Morgen Christoph Columbus an dem Thore von Bara verlassen, Hoheit; er schlug den Weg nach der Küste ein, um in Alicante, in Valencia oder Barcellona eine Gelegenheit zu suchen nach der Provence zu fahren.«

»Und dann?« fragte Ferdinand.

»Dann, Sire,« antwortete Don Inigo, »dann kam ich hierher, um die Königin um die Erlaubniß zu bitten dem großen Manne zu folgen, mich mit ihm einzuschiffen und sein gutes oder böses Geschick zu theilen.«

»Du wolltest Dich also zu ihm begeben?«

»Sobald ich die Erlaubniß meiner gnädigen Königin erhalten,« antwortete Don Inigo.

»Er verläßt uns wahrscheinlich betrübt über den schlechten Erfolg seines Gesuches.«

»Er verläßt Spanien mit stolz erhobenem Haupt und heiterem Gesicht, Hoheit, denn wenn auch Bedauern und getäuschte Erwartung auf seinem Herzen ruhen, ist sein Herz doch groß genug, diese doppelte Last zu tragen.«

Ferdinand schwieg einen Augenblick vor dieser stolzen Antwort, dann strich er mit der Hand über die nachdenklich gewordene Stirn und flüsterte seufzend:

»Ich fürchte, meine Räthe sind mit ihrer abweisenden Antwort gegen diesen Mann zu voreilig gewesen; was sagt Ihr, Señora?«

Gleich bei den ersten Worten, welche der König gesprochen hatte, war Isabella aufgestanden und zu ihm gegangen. Mit gefaltenen Händen sagte sie:

»Herr, ich habe mich dem Beschlusse des Rathes unterworfen, weil ich glaubte, dieser Beschluß sey von Euch ausgegangen; wenn ich mich aber täuschte, wenn Ihr noch einigen Antheil an dem Manne nehmt, der solche Hingabe erwecken kann und solche Begeisterung erregt, so solltet Ihr nur eurem Geiste und eurer Hochherzigkeit folgen.«

»Glaubt Ihr, Don Inigo,« fragte Ferdinand und jedes Wort fiel wie ein Tropfen eiskalten Wassers auf Isabellens Herz, »glaubt Ihr, daß Columbus, angenommen er entdecke das gesuchte Land, in demselben so viel Gewürze, Edelsteine und Gold finden würde, um die ungeheuern Kosten einer solchen Unternehmung zu decken?«

Isabella trat der Schweiß auf die Stirn; sie empfand was die poetischen Herzen empfinden, wenn eine Person, die Anspruch aus ihre Liebe und Achtung hat, einmal in einer Sprache spricht, welche mit ihrem hohen Range nicht übereinstimmt.

Sie hatte nicht den Muth zu antworten, Don Inigo antwortete für sie:

»Ew. Hoheit finden die Kosten ungeheuer, welche zwei Caravellen mit hundert Mann verursachen würden. Die dreitausend Kronen sind eine Summe, welche einige Herren im Dienste Ew. Hoheit mehr als einmal in einer Nacht im Spiel und in Thorheiten vergeudet haben.«

»Wenn es sich nur um das Geld handelte,« setzte Isabella hinzu, »so würde ich es herbeischaffen.«

»Ihr? Woher?« fragte Ferdinand.

»Aus der Casse des Schatzmeisters Castiliens hoffentlich,« antwortete Isabella, »und wenn sie nicht einmal diese kleine Summe enthielte, wäre ich wohl geneigt, lieber meine eigenen Juwelen zu verpfänden oder zu verkaufen, als Columbus einem andern Könige, einer andern Nation den Plan bringen zu sehen, der, wenn er gelingt, das Land, welches Columbus begünstigt, zu dem reichsten und mächtigsten der Welt machen wird.«

Ferdinand murmelte etwas, das weder Billigung noch Mißbilligung zu seyn schien, die Marquise Moya gab ihre Bewunderung laut zu erkennen und Don Inigo ließ sich auf ein Knie vor der Königin nieder.

»Was thut Ihr, Don Inigo?« fragte die Königin lächelnd.

»Ich verehre meine Königin, wie sie es verdient,« sagte der junge Mann, »und warte auf ihren Befehl, sofort auszubrechen, um Christoph Columbus nach Santa Fe zurück zu bringen.«

Isabella sah den König von Aragonien bittend an; aber der kalte und kluge Staatsmann ließ sich nicht zu Regungen der Begeisterung hinreißen, welche er kaum Jünglingen und Frauen gestattete und die, seiner Meinung nach, stets in gebührender Entfernung von dem Geiste der Minister und dem Herzen der Könige gehalten werden müssen.

»Heißt den jungen Mann aufstehen, Señora,« sagte er, »und sprecht mit mir über diese wichtige Angelegenheit.«

Isabella nahm seinen Arm und beide verließen zwar das Betgemach nicht, traten aber in die Brüstung eines Fensters, auf welchem in bunten Farben die Himmelfahrt der Jungfrau dargestellt war.

Der junge Mann erhob die Hände zu dem Bilde der Madonna und sprach:

»Heilige Mutter Gottes, erleuchte das Herz des Königs mit dem Lichte, das auf deinem Haupte strahlt.«

Ohne Zweifel wurde das Gebet Don Inigo’s erhört, denn man sah unter den dringenden Bitten Isabellens allmälig das Eis Ferdinands schmelzen. Ein Zeichen mit dem Kopfe deutete seine Zustimmung an und er sagte laut:

»Es geschehe nach eurem Wunsche, theure Isabella.«

Die Brust aller Anwesenden machte sich durch einen Seufzer der Befriedigung Luft.

»Steigt nun zu Pferd, junger Mann,« fuhr Don Fernand fort, »und sagt dem eigensinnigen Genueser, da er nicht nachgeben wolle, müßten wohl die Könige nachgeben.«

»Also, Hoheit? fragte Don Inigo, der nicht nur die Genehmigung des Königs, sondern auch die der Königin haben wollte.

»Wir willigen in Alles,« sagte Isabella, »und euer Freund Columbus kann zurück kommen, ohne neue Schwierigkeiten zu fürchten.«

»Es ist wahr, Hoheit, ich habe recht gehört?« fragte Don Inigo.

»Hier meine Hand,« antwortete Isabella.

Der junge Mann beugte sich über diese königliche Hand, die er ehrfurchtsvoll mit seinen Lippen berührte, dann entfernte er sich rasch aus dem Gemache und rief:

»Mein Pferd! Mein Pferd!« Fünf Minuten später vernahm man auf dem Pflaster des Hofes den Galopp des Pferdes Don Inigo’s, der sich bald in der Ferne verlor.

Fünftes Capitel.
Dona Flor

Don Inigo hatte Columbus achtzehn Stunden von Santa Fe eingeholt und ihn an den Hof Ferdinands und Isabella’s zurück gebracht.

Der Seefahrer war zögernd und voll Zweifel dahin zurück gekommen, bald aber war die günstige Nachricht, die ihm Don Inigo gebracht und an die er nicht hatte glauben wollen, durch den Mund des Königs und der Königin selbst bestätigt worden.

Dann hatte er alle nöthigen Befehle erhalten und sich nach dem Hafen Palos de Moguer begeben, einem kleinen Orte an der Mündung des Tinto in der Nähe der Stadt Huelva.

Ferdinand hatte gerade diesen Hafen nicht etwa, wie man hätte glauben können, gewählt, weil er am atlantischen Meere sich befand und den Weg abkürzte, sondern weil Palos durch eine gerichtliche Verurtheilung genöthigt war, der Krone zwei vollständig ausgerüstete Caravellen zu liefern.

Ferdinand hatte demnach keine andern Kosten als die dreitausend Kronen.

Wir müssen aber gerecht seyn und erwähnen, daß im Anfange Juni’s Columbus erfuhr, auf den Antrag Isabellas, seiner erklärten Gönnerin, sey ihm ein drittes Schiff bewilligt worden.

Freilich darf auch nicht verschwiegen werden, daß König Ferdinand erfahren hatte, Heinrich VII. lasse dem berühmten Seefahrer, auf Anbringen dessen Bruders Bartolomeo Columbus, alle Vortheile bieten, die ihm Spanien bewilligt habe.

Don Inigo hatte seinen Freund nach Palos begleitet und war dann in Folge eines Briefes, den er erhalten, nach Cordova zurück gekehrt, doch erst nachdem er Columbus das Versprechen abgenommen, Spanien ohne ihn nicht zu verlassen und ihm die Zeit der Abfahrt nach Cordova zu melden.

Columbus verdankte diesem treuen Freunde zu viel, als daß er ihm das hätte abschlagen können. Im Laufe des Juli 1492 zeigte er Don Inigo an, daß er am nächsten 3. August unter Segel zu gehen gedenke.

Am 2. August fand sich der junge Mann ein, betrübter, aber auch entschlossener als je.

Don Inigo begleitete also Columbus bei allen Erfahren dieser ersten Fahrt. Er befand sich aus dem Verdeck am letzten Tage, welcher dem großen Admiral bewilligt war, nämlich in der Nacht vom 11. zum 12. October, als der Matrose im Mastkorbe der Pinta -Land!« rief. Er war der Zweite, welcher die Insel San Salvador unter den staunenden Bewohnern betrat, die schweigend die aus einer unbekannten Welt ankommenden Fremdlinge betrachteten; der Erste war Columbus selbst, welcher sich die Ehre vorbehalten hatte, die Fahne Castiliens auf dem entdeckten Lande aufzupflanzen. Er folgte ihm nach Cuba, nach St. Dominigo, kam im März 1493 mit ihm nach Spanien zurück, segelte im September desselben Jahres zum zweiten Male mit ihm ab, ohne daß die Bitten seiner Tante, der Königin Isabella und des Königs Ferdinand ihn am Hofe zurückzuhalten vermochten, und besuchte mit ihm die kleinen Antillen, d. h. Guadelupe, St. Christoph, die Inseln unter dem Winde. Er kämpfte mit ihm sowohl gegen die Kaziken als die meuterischen Gefährten, und er schien zum zweiten Male mit Columbus, als die Anklagen seiner Feinde denselben nöthigten, sein Vicekönigreich zu verlassen, um sich vor denen zu rechtfertigen, welche er zu den reichsten Fürsten der Welt gemacht hatte. Am 30. Mai 1498 endlich segelte er mit Columbus zum dritten Male ab, aber diesmal kam er nicht nach Spanien zurück. An der andern Küste des Meeres erfuhr er die Ungnade, in die Columbus und dessen Bruder gefallen, ihre Verhaftung und ihren Tod.

Diejenigen in Spanien, welche sich noch erinnerten, daß ein gewisser Don Inigo de Velasco in der Welt sey, erfuhren um das Jahr 1504 oder 1505, er sey in das Innere des neuentdeckten Landes eingedrungen, und am Hofe eines Kaziken empfangen worden, er habe die Tochter desselben geheirathet und als Mitgift für dieselbe das ganze Brautgemach voll Gold erhalten, dann sey sein Schwiegervater gestorben und er, Don Inigo, habe die Krone ausgeschlagen, welche ihm das Volk angeboten, endlich sey auch seine Frau gestorben und habe ihm eine Tochter hinterlassen, die so schön sey, daß er keinen andern Namen gefunden als Dona Flor.

Drei Jahre vor der Zeit, zu der wir nun gelangt sind, gerade da als der König Ferdinand gestorben, der Columbus mit Gefängniß und Noth für das unermeßliche Geschenk belohnt, hatte sich plötzlich das Gerücht verbreitet, Don Inigo Velasco sey in Malaga mit seiner Tochter auf einem ganz mit Gold beladenen Schiff angelangt. Aber die Königin Isabella war todt, Dona Beatrice war todt und ohne Zweifel nahm Niemand mehr an Don Inigo Theil, wie ihm alle Personen gleichgültig waren. Ein einziger seiner Freunde suchte ihn in Malaga auf, ein gewisser Don Ruiz de Torillas. Sie hatten vor fünfundzwanzig Jahren miteinander gegen die Mauren gedient und die Stadt Malaga einnehmen helfen, in der sie nun einander wieder sahen. Dieser Freund wohnte in Granada und forderte ihn auf, seinen Wohnsitz auch daselbst zu nehmen, aber vergebens.

Der zweifache Ruf von Reichthum und Rechtlichkeit welcher Don Inigo auf seinen Reisen begleitet hatte und mit ihm zurückgekommen war, veranlaßte indeß den damals achtzigjährigen Cardinal Ximenes, der nach dem Tode Ferdinands zum Regenten ernannt worden war, ihn zu sich nach Toledo einzuladen, damit er ihm in den Staatsgeschäften beistehe, namentlich in der Frage, welche Verhältnisse der neue König Don Carlos zwischen Spanien und Westindien einrichte.

Da es sich um das Wohl des Landes handelte, zögerte Don Inigo nicht. Er verließ Malaga mit seiner Tochter, kam nach Toledo und theilte in allen überseeischen Angelegenheiten die Regierung des Reiches mit dem Cardinal Ximenes und Adrian von Utrecht, dem ehemaligen Lehrer des Don Carlos, den dieser nach Spanien vorausgeschickt hatte.

Diese drei Männer hatten Spanien ungefähr ein Jahr lang regiert, als man plötzlich vernahm, der König Don Carlos sey in Villa Viciosa, einem kleinen Hafen in Asturien, gelandet und befinde sich auf der Reise nach dem Kloster Tordesillas, wo nach dem Tode Philipps des Schönen, seines Vaters, der am 25. September 1506 gestorben, seine Mutter Johanna sich aufhielt.

Nach dieser Nachricht hatte nichts Don Inigo de Velasco in Toledo zurückzuhalten vermocht. Er behauptete, seit der Ankunft des Königs in Spanien sey ein Regentschaftsrath unnöthig, verabschiedete sich von seinen beiden Collegen, was diese auch thaten, ihn davon abzubringen, und kehrte mit seiner Tochter in sein Paradies Malaga zurück.

Hier glaubte er ruhig und allen Augen verborgen zu leben, als plötzlich zu Anfange des Juni 1519 ein Bote des Königs bei ihm erschien, ihm meldete, der König beabsichtige die Städte des südlichen Spaniens, Cordova, Sevilla, Granada, zu besuchen und ihn aufforderte denselben in der legten Stadt zu erwarten.

Der Bote übergab ihm ein Pergament mit dem königlichen Siegel, welches ihn zum Oberrichter ernannte.

Diese Ernennung sey, schrieb ihm der König eigenhändig, eine Huldigung, welche der Cardinal Ximenes auf seinem Sterbebette, so wie Adrian von Utrecht nicht blos den Kenntnissen Don Inigo’s, sondern auch der hohen und strengen Rechtlichkeit dargebracht, die Niemand in Spanien bestreite.

So ungern auch Don Inigo de Velasco sein Paradies in Malaga verließ, machte er doch Vorbereitungen zu der Reise und an dem festgesetzten Tage brach er mit Dona Flor auf. Ohne daß er es wußte, eilte ihm Don Ramiro d’Avila voraus, ein leidenschaftlicher Verehrer der schönen Dona Flor, welcher er auch nicht ganz gleichgültig zu seyn hoffte, wie er nach einigen Blicken schloß, welche durch eine Jalousie hindurch gewechselt worden waren.

Ueberdies war er von drei Dienern begleitet, von denen der eine, wie wir schon sagten, den Vortrab bildete, während die beiden andern den Zug deckten.

Eine solche und selbst eine noch stärkere Bedeckung war gar nicht nutzlos, wenn man den im Lande umlaufenden Gerüchten glaubte. Die Wege sollten durch Räuber unsicher gemacht werden, die unter einem neuen Führer von bis dahin unerhörter Keckheit seit einem Jahre eine solche Kühnheit entwickelten, daß dieser Führer mit zehn, zwölf oder fünfzehn Mann mehr als einmal Ausflüge bis an die Thore von Malaga und auf der andern Seite bis Granada gemacht.

Niemand wußte, woher dieser Räuberhauptmann gekommen, und Niemand vermochte zu sagen, wer er sey. Sein Taufname wie sein Familienname war unbekannt, ja er hatte nicht einmal einen Beinamen angenommen, wie es sonst Leute dieser Art gewöhnlich thun. Man nannte ihn einfach el Salteador, das heißt: den Räuber.

Die Erzählungen von dem geheimnißvollen Landstraßenhelden waren, wie man spricht, nicht ohne Einfluß auf die Vorsichtsmaßregeln Don Inigo’s gewesen und als die kleine Carawane vor der jungen Zigeunerin erschien, sah sie ganz aus wie Reisende, die einen Angriff fürchten und auf eine Vertheidigung vorbereitet sind.

Vielleicht fragt man, warum Don Inigo, da der Weg über das Gebirge so unsicher seyn sollte und er seine Tochter Dona Flor so sehr liebte, gerade diese Straße eingeschlagen, statt einen Umweg zu machen, oder warum er nicht wenigstens eine stärkere Bedeckung mit sich genommen.

Darauf antworten wir: Don Inigo hatte zweimal, kurz vorher, mit seiner Tochter denselben Weg über das Gebirge gemacht, ohne daß ihm ein Unfall begegnet war, und zweitens ist es eine unbestreitbare Wahrheit, daß der Mensch an die Gefahren sich gewöhnt und mit ihnen endlich vertraut wird.

Wie vielen Gefahren aller Art hatte Don Inigo in seinem abenteuerreichen Leben getrotzt! – Gefahren im Kriege gegen die Mauren, Gefahren zur See auf seinen Fahrten, Gefahren der Meuterei am Bord, Gefahren des Mordes unter den wilden Bewohnern der neuen Welt. . . Was waren in Vergleich damit die, welchen man sich mitten in Spanien, auf einer Strecke von kaum zwanzig Stunden zwischen Malaga und Granada aussetzte.

Don Inigo verachtete solche Gefahr.

Unvorsichtig aber war es, mit einem solchen Schatz von Jugend und Schönheit wie Dona Flor in das Gebirge sich zu wagen.

Der Ruf von wunderbarer Schönheit, welcher Dona Flor aus der neuen Welt in die alte vorhergegangen, hatte nicht übertrieben. Dona Flor würde in ihrem sechzehnten Jahre, in dem sie stand, die übertriebensten Vergleiche, welche die spanischen und selbst die arabischen Dichter hätten erfinden können, weit hinter sich zurückgelassen haben, denn sie besaß den Glanz der Blume und das Sammtweiche der Frucht, die Anmuth der Sterblichen und die Würde der Göttin. Wie man an der jungen Zigeunerin, die sie mit unbefangener Bewunderung näher kommen sah, die Mischung des arabischen und des spanischen Volkes erkannte, so konnte man in Dona Flor nicht blos das Eigenthümliche zweier herrlicher Stämme, sondern das Reinste und Edelste dieser Stämme finden. Das Kind Mexico’s und Spaniens hatte die schöne matte Hautfarbe, die herrlichen Arme, die reizenden Hände, die bewundernswürdigen Füße der Andalusierinnen, mit den dunkeln Wimpern, den Sammtaugen, dem langen üppigen Hals und dem schmiegsamen Wuchs der Indianerinnen, der Töchter der Sonne.

Ihr Anzug schien darauf berechnet zu seyn, die herrlichen Formen und das reizende Gesicht der schönen Reisenden geltend zu machen. Er bestand in einem himmelblauen seidenen Kleide, das von Silber und in zartem Rosenroth schimmerte und von oben bis unten mit Perlen zusammengehalten wurde, von denen eine jede eine Grafenkrone zu schmücken werth war. Dieses Kleid hob den Oberkörper mit den Oberarmen hervor, wie es die spanische Tracht im Anfange des sechzehnten Jahrhunderts that, von den Ellenbogen an erweiterten sich die Aermel und hingen dann offen hinunter, so daß sie unter Spitzen von Murcia die Hände und Vorderarme bloß ließen, welche der Sonne Murica’s widerstanden hatten und also die Sonne Spaniens nicht zu fürchten brauchten, jetzt überdies von einem weiten Mantel von weißer, feiner, seidenweicher Wolle umhüllt waren, welcher seinem unteren Theile nach Aehnlichkeit mit dem mexicanischen Mantel hatte, durch die Capuze aber, unter welcher das Gesicht des Mädchens sich barg, dem arabischen Burnuß glich.

Don Inigo und Dona Flor ritten aus ihren Maulthieren, welche scharlachrothe Wellenbüschel auf dem Kopfe trugen, in raschem, wenn auch nicht besorgten Trabe dahin, und Dona Flor schien an Reisen über Gebirge und an das abenteuerreiche Leben jener Zeit eben so gewöhnt zu seyn wie ihr Vater.

Der vorausreitende Diener schien indeß minder ruhig zu seyn als seine Gebieter, denn als er die junge Zigeunerin erblickte, hielt er an, um sie zu befragen und Don Inigo langte mit seiner Tochter an, als der vorsichtige Diener sich erkundigte, ob seine Gebieter mit Sicherheit in der kleinen Venta einkehren könnten, die sie jetzt nicht mehr erblickten, da sie sich tief im Thale befunden, die sie aber oben auf dem Berge vor sich gesehen hatten.

Als Don Inigo nebst Dona Flor anlangten, war die Besorgniß des Dieners durch die ausweichenden und fast spöttischen Antworten des Zigeunermädchens eher erhöht als vermindert worden, das wohl sitzen blieb und weiter spann, als aber die Herrschaft ankam, aufstand, ihre Spinngeräthschaften hinlegte, über den Bach sprang wie eine Gazelle und sich an den Rand des Weges stellte, während ihre neugierige Ziege in drei oder vier Sätzen von der Höhe herunter kam und die Reisenden mit ihren großen und klugen Augen ansah.

»Seht da das schöne blind, Vater,« sagte Dona Flor, indem sie den Alten anhielt und das Mädchen mit derselben Bewunderung ansah, welche sie selbst erregte.

Don Inigo nickte bejahend.

»Wollen wir mit ihr sprechen?« fragte Dona Flor weiter.

»Thue es, mein Kind, wenn Du willst.«

»Wie heißt Du, schönes Mädchen?« fragte Dona Flor.

Die Christen nennen mich Ginesta, die Morisken Aise, denn ich habe zwei Namen, einen von Mohamed, einen von Jesus Christus.

Als das Mädchen den Namen des Erlösers aussprach, bekreuzigte sie sich – ein Beweis, daß sie Christin war.

»Wir sind gute Katholiken und werden Dich Ginesta nennen,« sagte Dona Flor lächelnd.

»Nennt mich wie Ihr wollt,« entgegnete die Zigeunerin; »aus eurem schönen Munde, von eurer lieblichen Stimme wird mir mein Name immer schön klingen.«

»Nun, Flor,« sagte Don Inigo, »wenn Dir Jemand gesagt hätte, Du würdest in dieser Wildniß der Nymphe Schmeichelei finden, würdest Du ihn als Lügner verspottet haben, nicht wahr? er hätte aber doch die Wahrheit gesagt.«

»Ich schmeichle nicht, ich bewundere,« sagte die Zigeunerin.

Dona Flor lächelte und erröthete zugleich und um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben, fragte sie:

»Was antwortetest Du Nuñez, schönes Kind?«

»Erkundigt Euch zuerst was er mich fragte.«

»Nun, was fragte er?«

»Er war besorgt wegen des Weges, erkundigte sich ob derselbe sicher und die Venta gut sey.«

»Und Du antwortest ihm . . .?«

»Ich sang ihm zur Antwort das Lied des Reisenden.«

»Wie lautet dies?«

»Hört zu.«

Und wie ein Vogel singt, das heißt, ohne Anstrengung und nach einer Melodie, die eine einfache Modulation der gewöhnlichen Stimme zu seyn schien, sang die Zigeunerin folgende Strophe eines andalusischen Liedchens:

 
Ist der Himmel klar,
Gib wohl Acht!
Ist die Straße sicher,
Sieh Dich vor,
Und die Jungfrau mit den blauen Augen
Möge Dich behüten.
Lebe wohl, Wanderer, lebe wohl,
Ziehe in Frieden mit Gott!
 

»Das sagtest Du dem Nuñez, schönes Kind,« fuhr Dona Flor fort; »was sagst Du uns?«

»Euch, schöne Señora,« antwortete die Zigeunerin, »Euch werde ich die Wahrheit sagen, denn Ihr seyd die Erste aus der Stadt, die freundlich und ohne Verachtung mit mir gesprochen hat.«

Sie trat noch zwei Schritte näher, legte ihre rechte Hand auf den Hals des Maulthieres, den Zeigefinger der Linken auf ihre Lippen und sagte:

»Reiset nicht weiter.«

»Nicht weiter?«

»Kehrt um.«

»Du spottest unser, Mädchen,« sagte der Vater.

»Gott ist mein Zeuge, daß ich Euch den Rath gebe, den ich meinem Vater und meiner Schwester geben würde.«

»Willst Du mit zweien unserer Diener nach Alama zurückkehren, mein Kind?« fragte Don Inigo.

»Und Ihr, Vater?« antwortete Dona Flor.

»Ich werde mit dem dritten meinen Weg fortsetzen, denn der König trifft morgen in Granada ein. Er hat mir befohlen, heute dort zu seyn und ich werde den König nicht warten lassen.

»Ich trenne mich nicht von Euch, theurer Vater.«

»So reite voran, Nuñez.«

Don Inigo nahm aus seiner Tasche eine Börse und reichte sie dem Mädchen, dieses aber machte eine Geberde wie eine Königin und antwortete:

»Keine Börse ist so reich, daß sie den Rath bezahlen konnte, welchen ich Dir gegeben habe, »Herr Reisender; behalte deine Börse, sie wird da willkommen seyn, wohin Du gelangst.«

Da nahm Dona Flor die Agrafe von ihrem Kleide, winkte dem Mädchen noch näher zu kommen und fragte:

»Wirst Du dies annehmen?«

»Von wem?« fragte dagegen die Zigeunerin ernst.

»Von einer Freundin.«

»Ach, ja.«

Sie hielt ihren Hals nahe an Dona Flor, die der Zigeunerin die Agrafe daran befestigte und flüchtig mit den Lippen die Stirn des schönen Mädchen berührte, während ihr Vater, der als guter Christ eine solche Vertraulichkeit mit einer Halbungläubigen nicht geduldet haben würde, dem Nuñez weitere Befehle ertheilte.

»Komm,« sagte Don Inigo.

»Ich komme schon,« antwortete Dona Flor, indem sie ihren Plan zur Rechten des Vaters nahm, der seinen Weg fortsetzte und seinen drei Dienern zurief:

»Seid auf eurer Hut!«

Die Zigeunerin blieb unbeweglich, mit gesenktem Kopfe stehen, blickte aber doch dem schönen Mädchen nach, das sie Freundin genannt hatte, und murmelte die letzten Verse ihres Liebchens:

 
Lebe wohl, Wanderer, lebe wohl,
Ziehe in Frieden mit Gott!
 

Sie sah ihnen also mit sichtbarer und wachsender Angst nach, bis sie Alle, »Herr und Diener, hinter der kleinen Höhe verschwunden waren, welche der Horizont begrenzte. Dann bückte sie sich und horchte.

So vergingen fünf Minuten, in denen die Lippen der Zigeunerin mechanisch wiederholten:

 
Lebe wohl, Wanderer, lebe wohl,
Ziehe in Frieden mit Gott!
 

Mit einem Male hörte sie den Knall mehrerer Flinten, drohende Rufe und Jammerlaute und endlich erschien, an der Achsel blutend, einer der beiden Diener wiederum oben auf der Höhe, tief auf sein Pferd gebückt, dem er beide Sporen in die Weichen drückte, und wie ein Blitz schoß er an dem Mädchen vorüber, während er rief: »Hilfe! Hilfe! Mörder!«

Die Zigeunerin stand einen Augenblick unentschlossen da, bald aber schien sie mit sich einig geworden zu seyn, nahm ihren Rocken, lief so rasch den Berg hinan, daß die Ziege kaum folgen konnte, und erreichte endlich den Gipfel eines Felsens, der das ganze Thal überschaute. Hier winkte sie mit ihrer buntfarbigen Schärpe und rief dreimal mit aller Kraft ihrer Brust:

»Fernand! Fernand! Fernand!

Sechstes Capitel.
In der Venta »zum Maurenkönig.«

Selbst wenn wir so schnell dem Orte zueilten, wo der Vorfall geschehen war, von dem wir hörten, wie der Diener Don Inigo‘s sich davon entfernte; selbst wenn wir in so raschen Sprüngen liefen, wie die Zigeunerin mit ihrer Ziege auf die Felsenspitze kletterte, auf dem sie mit ihrem Gürtel winkte, wir würden zu spät kommen, um dem Unglücke beizuwohnen, welches den schmalen Pfad zur Venta mit Blut befleckt hatte. Wir würden weiter nichts sehen, als den Leichnam des Nuñez und das todte Pferd desselben, welche den Weg versperrten, während der schwer verwundete Torribio eines der Grabkreuze zu erreichen suchte, an das er sich fast sterbend lehnte.

Don Inigo und dessen Tochter sind in der Venta verschwunden, deren Thor sich hinter ihnen und der Räuberschaar geschlossen hatte, welche sie gefangen hinweggeführt.

Wir haben als Romanschreiber indeß die Macht wie Mephistopheles die Wände durchsichtig zu machen, oder wie Asmodi die Dächer abzuheben, und so werden wir in unserm Reiche nichts geschehen lassen, was unsern Lesern unbekannt bleibt. Wir berühren mit unserer Feder das Thor der Venta, das sich wie von einem Zauberstabe öffnen wird, und sagen:

»Sehet da!«

Der Hof der Venta bot auf den ersten Blick Spuren des Kampfes, der draußen begonnen und drinnen fortgesetzt worden war. Eine Blutspur, die man über zweihundert Schritte verfolgen konnte, ging über die Schwelle an eine Mauerecke, wo ein Räuber, den die Kugel eines Dieners Don Inigo’s getroffen hatte, von Anapola, derselben, welche die Blumen in das Gemach der Reisenden gebracht und von dem Mozuelo gepflegt wurde, welcher das Pferd Don Ramiro’s gehalten.

Das Sammtbarett Don Inigo’s und ein Stück des weißen Mantels Dona Flors lagen auf den Stufen, die von dem Hofe nach der Küche führten und deuteten an, daß der Kampf hier sich erneuert hatte, daß man die Reisenden dahin geschleppt und daß wir sie dort suchen müssen.

Von der Eingangsthür, die sich auf die beiden Stufen öffnete, begann der blumenbestreute Pfad, den der Liebesbote der schönen Dona Flor bereitet hatte; aber die Blumen waren zertreten, bestaubt und von Blutstropfen befleckt, die hier und da, bald auf einer Rose, bald auf einer Lilie, wie flüssige Rubinen glänzten und zitterten.

Die Thür, welche die Küche von dem Gemache trennte, wo in Folge der Fürsorge Don Ramiro’s für die zwei Reisenden gedeckt war und wo man den Wohlgeruch noch empfand, stand jetzt offen und war von den Leuten des Wirthes gefüllt, verkleideten Banditen, welche die auf der Straße stets zu unterstützen bereit waren, und heraus drangen drohende und klagende Töne, Schreien und Fluchen.

Hier setzte sich die schreckliche Scene fort, hier sollte sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach entwickeln, wie die junge Zigeunerin vermutlich in voraus gefürchtet hatte, als sie den Reisenden den Rath gab, umzukehren.

Wenn man die lebendige Mauer beseitigen und sich einen Weg in das Gemach hinein bahnen konnte, sah man Folgendes:

Don Inigo war auf den Fußboden niedergeworfen und versuchte sich noch immer mit einem nutzlosen Degenstücke zu vertheidigen, nachdem er, ehe das Schwert ihm zerbrochen, zwei Banditen verwundet hatte, deren Blut denn die gestreuten Blumen hier und da gefärbt.

Drei Männer vermochten kaum ihn zu halten, obwohl ihm einer das Knie auf die Brust drückte und ihm das catalonische Messer an die Kehle hielt.

Die beiden andern durchsuchten seine Kleider, wahrscheinlich weniger um ihn zu berauben, als ihm die vielleicht noch verborgenen Waffen abzunehmen.

Zwei Schritte von ihm lehnte Dona Flor mit aufgelöstem Haar an der Wand. Die Capuze ihres Mantels war zerrissen und die kostbaren Perlenknöpfe hatte man abgezerrt.

Trotz dieser unwürdigen Behandlung hatte man das Mädchen aus leicht zu errathenden Gründen mehr geschont als den Alten.

Dona Flor war, wie gesagt, von glänzender Schönheit und der Hauptmann der Bande, der Held der Geschichte, galt für einen Mann, dessen Galanterie unter solchen Umständen vielleicht noch schrecklicher war, als die unbarmherzigste Grausamkeit.

Uebrigens sah sie herrlich aus, wie sie dastand, den Kopf an die weiße Wand gelehnt, mit den prächtigen Augen, die unter den langen Sammtwimpern weit öfter Blitze des Zornes und des Unwillens schleuderten, als schüchterne Blicke der Bitte und der Furcht leuchten ließen.

Ihre Arme hingen weiß und bloß matt herab – denn bei dem Abzerren der kostbaren Agrafen hatte man die Aermel zerrissen. – Kein Wort, keine Klage, kein Wehelaut war über ihre Lippen gekommen, seit sie angehalten wurden; das Klagen, das Wimmern rührte von den beiden Banditen her, welche Don Inigo verwundet hatte.

Ohne Zweifel glaubte das schöne schuldlose Mädchen jetzt nur einer Todesgefahr ausgesetzt zu seyn und dieser Gefahr gegenüber zu klagen und zu bitten, hielt sie einer edlen Spanierin für unwürdig.

Die Banditen, welche überzeugt waren, daß sie ihnen nicht entgehen konnte und ihr ziemlich alle ihre Kostbarkeiten abgenommen hatten, standen im Kreise um die schöne Reisende und betrachteten sie mit Blicken und Lachen, vor denen sie die Augen niedergeschlagen haben würde, wenn nicht diese Augen durch die Mauern hindurch den unsichtbaren Gott gesucht hätten, den allein sie um Hilfe anzuflehen sich herbei ließ.

Vielleicht dachte Dona Flor an den schönen Jüngling, den sie seit einem Jahre um ihr Fenster schweifen sah, sobald der Abend nahte, und der in der Nacht durch die Stäbe ihres Fensters die schönsten Blumen Andalusiens auf ihren Balcon streuete.

Wenn sie aber auch schwieg, wie wir sagten, so schrie und fluchte man um so mehr um ihren Vater her.

»Elende!« rief der alte Mann. »Tödtet mich, ermordet mich, aber ich sage Euch, eine Stunde vor Alama habe ich Soldaten gesehen, deren Führer ich kenne. Er weiß, daß ich gereiset bin; er weiß, daß ich auf Befehl des Königs Don Carlos nach Granada ging, und wenn er erfährt, daß ich nicht angekommen bin, wird er vermuthen, daß ich ermordet wurde, und dann habt Ihr es nicht mit einem sechzigjährigen Manne und einem fünfzehnjährigen Mädchen zu thun und wir werden sehen, Ihr Banditen, ob Ihr vor den Soldaten des Königs, Mann gegen Mann, so großen Muth habt, wie hier zwanzig gegen Einen.«

»Mögen die Soldaten des Königs kommen,« sagte Einer der Räuber; »wir kennen sie, wir haben sie gestern vorüberziehen sehen; wir haben eine gute unterirdische Feste mit Ausgängen im Gebirge.«

»Wer sagt Dir dann auch, daß wir Dich ermorden wollen?« fiel ein Anderer ein.

»Wenn Du das glaubst, irrst Du Dich; wir morden nur die armen Teufel, bei denen nichts zu holen ist; edle Herren, die wie Du Lösegeld zahlen können, behandeln wir sehr aufmerksam und den Beweis siehst Du daran, Undankbarer, daß wir Dir durchaus nichts zu Leide thaten, obgleich Du um Dich hiebst und zwei der Unserigen verwundetest.«

Da klang eine Stimme, gleich der eines Engels, unter die rauhen drohenden hinein. Dona Flor sprach zum ersten Male.

»Wenn es sich nur um ein Lösegeld handelt, so soll es bezahlt werden. Bestimmt ein fürstliches und es wird Euch werden.«

»Bei dem heiligen Jakob, darauf rechnen wir auch, schönes Kind, und darum wünschten wir, daß der würdige Herr, euer Vater, sich ein wenig beruhige. Geschäfte sind Geschäfte und die macht man mit Reden ab; durch Schlagen werden sie verwickelt. Sehet, da verwickelt sie euer Vater wieder.

Don Inigo versuchte wirklich von neuem sich zu vertheidigen und verwundete mit dem Schwertstücke, das man ihm nicht hatte entreißen können, so fest hielt er es, einen der Räuber, die ihn hielten, im Gesicht.

»Bei dem Leibe Christi!« rief der, welcher dem Alten das Messer an die Kehle hielt, noch einen Versuch und Ihr habt über euer Lösegeld nicht mit uns, sondern mit Gott zu verhandeln, Mann.«

»Vater!« sagte das Mädchen erschrocken und trat einen Schritt näher.

»Ja,« sagte einer der Räuber, »hört auf das schöne Mädchen, sie spricht goldene Worte und ihr Mund ist wie der jener arabischen Prinzessin, der jedesmal, wenn er sich öffnete, mit jedem Worte eine Perle oder einen Diamanten fallen ließ. Verhaltet Euch ruhig, Mann; gebt euer Wort, nicht entfliehen zu wollen und unserem Freunde, dem Wirthe, einen Geleitsbrief, damit er nach Malaga geben kann, ohne von der Behörde etwas fürchten zu müssen; da wird ihm euer Intendant tausend, zwei, dreitausend Kronen, je nach eurer Freigebigkeit übergeben und nach der Rückkehr des Wirthes, nach der Ankunft des Geldes, seyd Ihr frei. Wenn er nicht zurückkommt, bürgt Ihr natürlich für ihn, Zahn um Zahn, Auge um Auge, Leib um Leib.«

»Vater, Vater, hört was die Männer sagen,« bat die Tochter nochmals, »und gefährdet euer kostbares Leben nicht um einige Säcke Gold.«

»Hört, hört, Herr Fürst, denn Fürst müßt Ihr seyn, wenn nicht Vicekönig, wenn nicht gar König oder Kaiser, da das schöne Mädchen so leichthin von den Schätzen dieser Erde spricht.«

»Und,« fragte der Alte, der sich zum ersten Male zur Erörterung mit Feinden herabließ, welche er bis dahin nur geschmäht oder bekämpft hatte, »was wird mit uns in dieser Mördergrube, während euer würdiger Genosse, der Wirth, mit einem Briefe von mir zu meinem Intendanten geht?«

»Mördergrube? Hörst Du, Calabazas, wie man die Venta »zum Maurenkönige« behandelt? Eine Mördergrube! Komm her und weise dem würdigen Hidalgo seinen Irrthum nach.«

»Was mit Euch geschehen wird,« antwortete ein Anderer, ohne Calabazas die Zeit zu lassen, die Ehre seiner Venta zu vertheidigen, »ist sehr einfach und wir wollen Dir es sagen. Zuerst verlangen wir dein Edelmannswort nicht zu entfliehen.«

»Ein Edelmann gibt Räubern nie sein Ehrenwort.«

»Vater, ein Edelmann gibt sein Wort Gott,« sagte! Dona Flor.

»So höre doch nur einmal was das schöne Kind sagt, denn die Weisheit des Himmels spricht aus diesem Munde.«

»Nun und wenn ich mein Wort gegeben hätte, angenommen ich gäbe es.«

»Dann lassen wir Dich zunächst nicht aus den Augen.«

»Nach meinem Ehrenwerte wolltet Ihr mich nicht weiter reisen lassen?«

»O,« entgegnete der Bandit, »wir leben nicht mehr in der Zeit, als die Juden von Burgos dem Cid tausend Mark Gold aus einen Kasten voll Erde liehen; wir sehen vorher hinein, nicht wie die würdigen Israeliten erst nach Auszahlung der tausend Mark.«

»Elende!« murmelte Don Inigo.

»Vater,« fuhr Dona Flor fort, die noch immer den Alten zu beruhigen suchte, »Vater um Gottes willen!«

»Und wenn Ihr mich nicht aus den Augen lasset. . .«

»Wir befestigen Dich mit einer haltbaren Kette an diesen eisernen Ring.«

Bei diesen Worten zeigte der Bandit auf einen in der Wand festgemachten eisernen Ring, der allerdings zu solchem Zwecke angebracht zu seyn schien.

»Wie einen Sclaven an die Kette legen!« sagte der Alte.

Bei dieser Drohung, die allen Stolz in ihm aufregte, versuchte und bewirkte er eine so gewaltige und so rasche Bewegung, daß er den Banditen, der ihm das Knie aus, die Brust gesetzt hatte, drei Schritte von sich schleuderte und sich drohend auf ein Knie aufrichtete.

Aber wie ein Felsen die Wogen zurückwirft, um von ihnen dann bedeckt zu werden, stürzten sich augenblicklich fünf oder sechs Banditen auf Don Inigo und entrissen ihm den Schwertgriff mit noch etwa zehn Zoll Klinge, den er festgehalten hatte, während der Mann mit dem Messer, im Aerger darüber, durch einen Greis hinweggeschleudert worden zu seyn, mit geschwungener Waffe zurückkam und schwur die letzte Minute des Gefangenen sey gekommen.

Als die Klinge des Dolchmessers blitzte, stieß Dona Flor einen gräßlichen Schrei aus und eilte auf ihren Vater zu.

Ein Bandit aber hielt Dona Flor zurück, ein Anderer faßte die Hand seines Gefährten.

»Vicente! Vicente!« rief er auf die Gefahr hin, daß das drohende Messer sich gegen ihn wende, »was willst Du thun?«

»Den Wüthigen kalt machen.«

»Du wirst das nicht thun.«

»Beim heiligen Jacob, das werden wir sehen!«

»Du wirst es nicht thun, sage ich Dir; Du machst nur ein Loch in einen Sack mit Gold und durch dies Loch fällt unser Lösegeld, so daß wir nichts haben. Vicente, Du hast einen abscheulichen Charakter, wie ich Dir immer gesagt. Laß mich mit dem würdigen Herrn reden und Du wirst sehen, daß er Vernunft annimmt.«

Der Bandit, den sein Camerad Vicente genannt hatte, erkannte ohne Zweifel die Richtigkeit der Bemerkungen und trat grollend zurück, das heißt er wich nicht aus dem Gemache hinaus, sondern wich nur ein paar Schritte, wie der verwundete Jaguar, immer bereit, von neuem über seine Beute herzufallen.

Der Bandit, welcher sich als Unterhändler aufgeworfen hatte, nahm die Stelle Vicente’s ein.

»Nun, Señor Caballero, nehmt Vernunft an; man wird Euch nicht an den eisernen Ring fesseln, sondern Euch nur in den Weinkeller einschließen, dessen Thür so fest ist wie die an den Kerkern von Granada, und eine Wache davor stellen.«

»Wie, Elende, so denkt Ihr einen Mann von meinem Range zu behandeln?«

»Vater, ich werde bei Euch seyn; ich verlasse Euch nicht.«

»Mein schönes Kind,« sagte einer der Banditen, »das können wir Euch nicht versprechen.«

»Was könnt Ihr mir nicht versprechen?«

»Daß Ihr immer bei eurem Vater bleibet.«

»Mein Gott, und was gedenkt Ihr mit mir zu thun?« fragte Dona Flor.«

»Was wir mit Euch thun werden?« entgegnete der Unterhändler. »Wir sind keine vornehmen Herren, um Euch dies sagen zu können. Die Mädchen von eurem Alter, von eurer Schönheit und eurem Stande sind die besondere Beute des Hauptmannes.«

»Mein Gott!« flüsterte Dona Flor, während der Vater einen Zornlaut aussprach.

»Ach, erschreckt nicht,« sagte der Bandit lachend, »unser Hauptmann ist jung, schön und soll auch aus guter Familie seyn. Was also auch geschehen mag, guter Mann, einen Trost werdet Ihr haben: wäret Ihr auch so adelig wie der König, eine Mißheirath wird’s nicht.«

Erst bei diesen Worten erkannte Dona Flor ganz das Gräßliche des Schicksals, das ihr vorbehalten seyn konnte; mit einer gedankenschnellen Bewegung nahm sie aus ihrem Strumpfbande einen kleinen nadelspitzen Dolch, dessen Klinge sofort auf ihrer Brust blitzte.

Die Banditen sahen die Bewegung, wichen einen Schritt zurück und Dona Flor stand von neuem frei, an der Wand, ruhig, aber entschlossen wie eine Statue der Festigkeit.

»Was bestehlt mein Vater?« fragte sie.

Das Auge des züchtigen Kindes bewies wie die Stimme, daß die spitze Klinge auf das erste Wort des Vaters bis an das Heft in das Herz eindringen soll.

Don Inigo antwortete nicht, da ihm aber die gefahrvolle Lage für den Augenblick die Kraft des Jünglings wiedergab, so warf er mit einer eben so heftigen als unerwarteten Bewegung die beiden ihn haltenden Räuber von sich, war mit einem Sprunge auf und rief, indem er die Arme ausbreitete:

»Hierher, mein Kind!«

Dona Flor flog an die Brust ihres Vaters, gab ihm den Dolch und sagte halblaut:

»Vater, Vater, gedenke des Römers, dessen Geschichte Du mir erzählt hast und der Virginius hieß!«

Kaum hatte sie diese Worte gesprochen, als ein Bandit, der die Hand nach ihr ausgestreckt, zu Don Inigo’s Füßen nieder sank, denn er war ins Herz von dem dünnen Dolche getroffen, der mehr wie ein Spielzeug als wie eine Waffe aussah.

In demselben Augenblick erhob sich ein unermeßlicher Zornesausruf in der Venta. Zehn Messer öffneten sich, zehn Dolche fuhren aus ihren Scheiden, zehn Schwerter blitzten und bedrohten gleichzeitig die beiden Gefangenen, welche nun sterben zu müssen meinten, einen letzten Kuß tauschten, ein letztes Gebet murmelten, die Arme gen Himmel erhoben und gleichzeitig ausriefen:

»Stoßet zu!«

»Nieder mit ihnen! Nieder!« schrien die Banditen, die mit geschwungenen Waffen auf den Alten und das Mädchen stürzten.

Mit einem Male aber hörte man, daß ein kräftiger Faustschlag eine Fensterscheibe zertrümmerte. Ein junger Mann ohne eine andere Waffe als einen baskischen Dolch im Gürtel sprang gewandt in das Zimmer herein und fragte mit einer offenbar an Befehlen gewöhnten Stimme:

»Was geht da vor?«

Bei dieser Frage, die nicht überlaut gesprochen wurde, schwieg das Geschrei, die Messer klappten zu, die Dolche und Schwerter verschwanden in den Scheiden und Alle traten bei Seite, so daß Vater und Tochter, die sich umschlungen hielten, in einem weiten Kreise dem Angekommenen gegenüberstanden.

Siebentes Capitel.
El Salteador

Derjenige, dessen plötzliche, offenbar von den Bedrohenden so wenig als von den Bedrohten erwartete Ankunft eine so auffallende Wirkung hervorgebracht hatte, verdient es, sowohl nach der Art seines Auftretens als nach der Rolle, die er in dieser Geschichte zu spielen hat, daß wir einen Augenblick die Erzählung unterbrechen, um ihn den Lesern zu beschreiben.

Er war ein Mann von sieben- oder achtundzwanzig Jahren, in der Tracht eines andalusischen Gebirgsbewohners, der sich indeß durch große Eleganz auszeichnete.

Sie bestand in einem breitkrämpigen grauen Hute mit zwei Adlerfedern, einem gestickten Lederwams, wie es heute noch die Jäger von Cordova tragen, wenn sie in die Sierra Morena gehen; in einem algierschen Gürtel aus Seide und Gold, in kurzen Beinkleidern von fleischfarbenem Sammt mit ciselirten Knöpfen, in Stiefeln von demselben Leder wie das Wams, an der Seite geschnürt, aber nur am Knöchel, so daß sie den Strumpf sehen ließen und an der Wade offen standen.

Ein einfacher Dolch, wie ihn die pyrenäischen Bärenjäger tragen, das heißt, mit einem ciselirten und mit silbernen Nägeln beschlagenen Horngriffe und einer zwei Finger breiten, acht Zoll langen, zweischneidigen, unten spitzigen Klinge in einer Lederscheide mit Silberverzierungen, war, wie schon gesagt, die einzige Waffe des jungen Hauptmannes, denn offenbar war der ein Anführer, dessen Stimme so unmittelbaren Einfluß auf die Männer des Raubes und Blutes übte, die vor ihr bei Seite getreten traten.

Außerdem trug er einen quergestreiften Mantel wie ihn heute noch die andalusischen Majas tragen und den er so majestätisch um sich schlug wie ein Kaiser seinen Purpur.

Der Bandit, welcher früher zur Beruhigung Don Inigo‘s behauptet, der Hauptmann sey nicht nur jung und schön, sondern habe auch ein so vornehmes Aussehen, daß er allgemein für einen Edelmann gelte, hatte nicht zu viel gesagt und keine geschmeichelte Schilderung entworfen.

Dona Flor gab bei dem Erscheinen des jungen Mannes laut ihr Erstaunen zu erkennen und es glich dies einem Freudenrufe, als sey die Ankunft des Unbekannten keineswegs eine Verstärkung der Banditen, als vielmehr eine Hilfe die der Himmel ihr und ihrem Vater sende.

Don Inigo erkannte sofort, daß er von diesem Augenblick an mit der Bande nichts mehr zu schaffen habe, sein und seiner Tochter Schicksal vielmehr von dem jungen Manne abhänge.

Indeß begnügte er sich, als sey er zu stolz zuerst zu sprechen, die Spitze des noch blutbefleckten Dolches auf die Brust seiner Tochter zu setzen.

So wartete er und der Salteador nahm zuerst das Wort.

»Ich zweifle nicht an eurem Muthe, Senior.« sagte er, »aber ich halte es für eine große Anmaßung, wenn Ihr glaubt, Euch mit dieser Nadel gegen zwanzig mit Dolchen und Schwertern bewaffnete Männer vertheidigen zu können.«

»Es wäre allerdings Wahnwitz, wenn ich das Leben zu erhalten gedächte,« antwortete Don Inigo, »da ich aber nur meine Tochter und nach ihr mich selbst tödten will, so hielt und halte ich dies nicht nur für möglich, sondern für leicht.«

»Und warum wolltet Ihr die Señora und Euch selbst tödten?«

»Weil wir von Schimpf bedroht sind, den wir dem Tode vorziehen.«

»Ist die Señora eure Gattin?«

»Sie ist meine Tochter.«

»Wie hoch haltet Ihr euer Leben und ihre Ehre?«

»Mein Leben tausend Kronen; ihre Ehre steht über jedem Preis.«

»Das Leben schenke ich Euch, Señor, antwortete der Salteador, »und die Ehre der Señora ist hier so sicher wie in ihrem Gemache, unter der Obhut ihrer Mutter.

Die Banditen gaben ihre Unzufriedenheit murrend zu erkennen.

»Geht Alle hinaus!« rief der Salteador, indem er die Hand ausstreckte und sie so hielt, bis auch der letzte der Banditen das Zimmer verlassen hatte.

Nachdem dies geschehen, machte der Salteador die Thür zu und kehrte zu Don Inigo und Dona Flor zurück, die ihm verwundert und besorgt nachsahen.

»Ihr müsset ihnen verzeihen, Señor,« sagte er; »sie sind rohe Männer, nicht Edelleute wie wir.«

Don Inigo und Dona Flor sahen mit weniger Besorgniß, aber größerer Verwunderung, den Banditen an, der sich einen Edelmann nannte und durch sein Benehmen wie durch seine Haltung noch mehr als durch seine Worte bewies, er lüge nicht.

»Señor,« sagte das Mädchen, »mein Vater scheint keine Worte zu finden, Euch zu danken, erlaubt also, daß ich Euch in seinem und meinem Namen Dank darbringe.«

»Er hat in eurem Munde, Señora, einen Werth, den ihm selbst die Lippen eines Königs nicht zu geben vermöchten,« antwortete der Salteador, der sich sodann an den alten Herrn wendete und fortfuhr: »Ich weiß, daß Ihr euern Weg schnell fortzusetzen wünschet; wohin reiset Ihr?«

»Nach Granada, wohin der König mich beschieden hat.«

»Ach ja,– entgegnete der Salteador mit einem halb bittern, halb spöttischen Lächeln, ›das Gerücht von seiner Ankunft ist auch zu uns gedrungen; wir sahen gestern die Soldaten vorüberziehen, welche das Gebirge durchstreifen; er will, wie man sagt, daß ein zwölfjähriges Kind mit einem Beutel Gold in jeder Hand von Granada nach Malaga gehen könne, ohne daß es unterwegs Jemanden treffe, der etwas Anderes zu ihm sage, als den gewöhnlichen Reisegruß: Geht in Frieden mit Gott!‹

»Das ist allerdings sein Wille,« sagte Don Inigo; »und ich weiß, daß darauf bezügliche Befehle ergangen sind.«

»Und in welcher Zeit will der König Don Carlos diese Eroberung des Gebirges durchführen?«

»Er hat dem Oberrichter nur vierzehn Tage dazu gegeben.«

»Wie schade, Señora,« sagte der Salteador zu Dona Flor, »daß Ihr gerade heute hier erscheint und nicht nach drei Wochen; Ihr würdet dann statt der Banditenschaar, die Euch erschrecket hat, nur ehrliche Leute gefunden haben, die Euch wünschten: Geht in Frieden mit Gott! die Euch im Nothfalle zum Schutze begleitet hätten.«

»Wir haben ein noch größeres Glück gehabt, Señor,« entgegnete das Mädchen, »da wir einen Edelmann trafen, der uns die Freiheit gab.«

»Dafür habt Ihr nicht mir zu danken,« antwortete der Salteador; »ich folge einer Macht, die größer ist als mein Wille, stärker als mein Temperament.«

»Welcher Macht?«

Der Bandit zuckte die Achseln.

»Ich weiß es nicht,« sagte er; »ich bin leider ein Mensch, der stets seinem ersten Gefühle nachgibt. Ich weiß nicht, welche Verbindung zwischen meinem Herzen und meinem Kopfe, meinem Kopfe und meiner Hand, meiner Hand und meinem Degen besteht, welche mich bald zum Guten, bald zum Bösen treibt, aber öfter zum Bösen als zum Guten. Dieses Gefühl hat mir, sobald ich Euch erblickte, den Zorn aus dem Herzen genommen und ihn weit von mir geschleudert, so weit, daß ich, auf Edelmannswort, ihn gar nicht wieder finden konnte.«

Don Inigo hatte den jungen Mann angesehen, während derselbe sprach, und er empfand in seinem Herzen seltsamer Weise ein Gefühl gleich dem, welches der Salteador halb spottenden, halb innigen Worten zu schildern versuchte.

Dona Flor wiederum hatte sich langsam ihrem Vater genähert, nicht aus Furcht, sondern weil sie im Gegentheil bei dem Tone der Stimme des jungen Mannes etwas ganz Ungewöhnliches fühlte, das wie ein Wonneschauer durch ihre Adern sich verbreitete und daß am Arme des Vaters sie die Schuldlose, einen Schutz gegen dieses ihr neue und unbekannte Gefühl suchte.

»Junger Mann,« sagte Don Inigo in Bezug auf die letzten Worte des Salteadors, »was Ihr für mich empfunden habt, fühle ich für Euch; mich hat also nicht das Unglück, sondern das Glück heute hierhergeführt, nicht erst nach drei Wochen, denn nach drei Wochen wäre es vielleicht zu spät gewesen, Euch einen entsprechenden Gegendienst zu erweisen.«

»Mir einen Dienst?« sagte der Bandit lächelnd und seine Züge, die sich leicht verzogen, schienen sagen zu wollen: »Der müßte allmächtig seyn, der mir den einzigen Dienst erwiese, der mir erwiesen werden kann.«

Don Inigo fuhr fort, als verstehe er, was in dem Herzen des jungen Mannes vorging:

»Der barmherzige Gott hat in dieser Welt einem Jeden seinen Platz angewiesen; den Ländern gab er die Könige; den Königen die Edelleute, welche ihre natürliche Begleitung sind; den Städten die Bewohner: Bürger, Handelsleute und Volk; den Meeren die wagenden Schiffer, welche jenseits der Oceane vergessene Welten wieder finden, oder neue entdecken wollen; er gab dem Gebirge die raubsüchtigen Männer und gleichzeitig die blutgierigen Raubthiere, um anzuzeigen, daß er beide gleich stelle und diese Männer auf die unterste Stufe der Menschheit.«

Der Salteador machte eine Bewegung.

»Lasset mich reden,« fuhr Don Inigo fort.

Der junge Mann nickte zustimmend.

»Nun,« fuhr der alte Herr fort, »da man aber Menschen außer dem Kreise findet, in den Gott der Herr sie als Wesen derselben Art, aber verschiedenen Werthes, eingeschlossen hat, muß eine große gesellschaftliche Erschütterung oder irgend eine gewaltige Familiencatastrophe sie aus ihrem Kreise hieraus in einen fremden geworfen haben. So ist ein Jeder von uns beiden einen verschiedenen Weg gegangen, obwohl wir dazu geboren waren, als Edelleute im Gefolge der Könige zu seyn. Das Schicksal machte aus mir einen Seefahrer, aus Euch. . . «

Er hielt inne.

»Sprecht es immerhin aus,« entgegnete der junge Mann, »Ihr sagt mir nichts, was ich nicht schon wüßte, und von Euch kann ich Alles hören.«

»Das Schicksal hat aus Euch einen Banditen gemacht.«

»Ja, aber Ihr wißt auch, daß man bei uns mit diesem Worte sowohl einen Räuber, als einen Verbannten bezeichnet.«

»Ich weiß es und verwechsle auch die Bedeutungen nicht. – Seyd Ihr ein Verbannter?« setzte er hinzu.

»Wer seyd Ihr, Señor?«

»Ich bin Don Inigo Velasco de Haro.«

Bei diesen Worten nahm der junge Mann seinen Hut ab und warf ihn von sich. Dann sagte er:

»Verzeiht, ich war bedeckt geblieben und bin kein Grand von Spanien.«

»Ich bin auch nicht der König,« antwortete Don Inigo lächelnd.

»Aber Ihr seyd so adelig wie der König.«

»Ihr kennt mich?« fragte Don Inigo.

»Ich habe meinen Vater tausendmal von Euch sprechen hören.«

»Euer Vater kennt mich also?«

»Er hat mir wenigstens oft gesagt, daß er diese Ehre habe.«

»Wie heißt euer Vater?«

»Ach ja,« setzte Dona Flor hinzu, »sein Name, sein Name!«

»Señor,« antwortete der Bandit mit einem Ausdrucke tiefer Schwermuth; »es ist weder eine Freude, noch eine Ehre für meinen Vater, den Namen eines Spaniers, der keinen Tropfen Maurenblutes in seinen Adern hat, von den Lippen eines Mannes, wie ich bin, zu hören; verlangt also nicht, daß ich dem Kummer und der Schande, die er durch mich trägt, auch noch diese hinzufüge.«

»Er hat Recht, Vater,« fiel das Mädchen rasch ein.

Der Vater sah Dona Flor an, die erröthend die Augen niederschlug.

»Ist eure Meinung nicht die der schönen Señora?« fragte der Salteador.

»Allerdings,« antwortete Don Inigo; »verschweigt euren Namen; wenn Ihr aber nicht einen ähnlichen Grund habt, mir die Veranlassung zu dem seltsamen Leben zu verbergen, das Ihr führt; wenn eure Verbannung in der Gesellschaft, wenn euer Aufenthalt in dem Gebirge die Folge eines Jugendstreiches war, wie ich annehme; wenn Ihr das Leben im Gebirge überdrüssig seyd, so verpfände ich hier vor Gott mein Wort, euer Beschützer und selbst für Euch Bürge zu seyn.»

»Ich danke, Señor, und nehme euer Wort an, obgleich ich bezweifle, daß ein Mensch, ausgenommen der welcher von Gott die höchste Gewalt erhalten hat, mir in der Weit den Platz wiedergeben kann, den ich innehatte, und doch habe ich mir keine schmachvolle That vorzuwerfen. Heißes Blut und das zu leicht sich entzündende Herz trieben mich zu Fehltritten und von diesen kam ich zu Verbrechen. Die Fehltritte sind gethan, die Verbrechen sind begangen und klaffen gleich Abgründen hinter mir, so daß ich auf dem durchlaufenen Pfade nicht zurückgehen kann und wenn ich umkehren sollte, eine übermenschliche Macht einen andern Weg schaffen müßte. Bisweilen denke ich an die Möglichkeit eines solchen Wunders und ich würde mich glücklich preisen, wenn es erfolgte, doppelt glücklich, wenn es durch Euch erfolgte und wenn ich hinter einem Engel, wie der junge Tobias, in das Vaterhaus zurückkehrte. Bis dahin hoffe ich, denn die Hoffnung ist ja die letzte Freundin der Unglücklichen, obgleich so falsch und trügerisch, bisweilen selbst mehr als die andern; ich hoffe, aber ich glaube nicht . . . Ich lebe und wandere jeden Tag weiter auf dem rauhen und steilen Pfade der Empörung gegen die Gesellschaft und das Gesetz . . . Ich steige höher und glaube deshalb, ich erhebe mich. Ich gebiete, und weil ich gebiete, glaube ich König zu seyn. Manchmal freilich, in der Nacht, in einsamen Stunden, in Augenblicken der Traurigkeit, denke ich nach und erkenne, daß man zwar in die Höhe steigt, um auf den Thron zu gelangen, aber auch auf das Blutgerüst.«

Dona Flor seufzte.

Don Inigo reichte dem Salteador die Hand, dieser aber nahm die Ehre nicht an, welche der alte Edelmann ihm erweisen wollte, verbeugte sich, legte eine Hand auf seine Brust und deutete mit der andern auf einen Stuhl.

»Ihr wollet mir Alles sagen?« fragte Don Inigo, indem er sich setzte.

»Alles mit Ausnahme des Namens meines Vaters.«

Don Inigo deutete ebenfalls auf einen Stuhl, aber statt sich zu setzen, antwortete der Salteador:

»Ihr werdet nicht eine Erzählung, sondern eine Beichte hören einem Priester würde ich sie knieend ablegen; einem Mann gegenüber stehe ich, wäre auch dieser Mann Don Inigo, ja selbst der König.«

Dona Flor stützte sich auf den Stuhl ihres Vaters und der Salteador begann nachstehenden Bericht mit trauriger, aber ruhiger Stimme.

Achtes Capitel.
Die Erzählung

»So viel,« begann der Salteador, »glaube ich versichern zu können, daß stets in der ersten Geschichte eines Menschen, der Schuld auf sich geladen hat – wie groß diese Schuld auch seyn mag – eine von seinem Willen unabhängige Macht thätig ist, die ihn zuerst von dem rechten Wege abdrängt. Zu diesem Abdrängen gehört eine starke Hand und bisweilen ist es nicht Geringeres als die eiserne Hand des Schicksals. Dagegen reicht oft ein leiser Hauch hin, das Kind von dem rechten Wege abzubringen, das Kind, dessen Blick noch schwach ist und dessen Fuß leicht strauchelt.

Dieser Hauch berührte meine Wiege.

Dieser Hauch war die Gleichgültigkeit, ich möchte fast sagen, der Haß meines Vaters gegen mich.«

»Señor,« flüsterte Dona Flor, »klagt nicht an, wenn Ihr wünschet, daß Gott Euch verzeihe.«

»Ich klage nicht an, Gott bewahre mich davor; meine Vergehen und Verbrechen gehören mir an und ich werde sie am Tage des Gerichtes Niemanden zuschieben; aber ich muß Alles sagen, wie es geschehen ist.

Meine Mutter war sonst eines der schönsten Mädchen in Cordova und jetzt, in ihrem vierzigsten Jahre, ist sie noch eine der schönsten Frauen in Granada.

Was ihre Verheirathung mit meinem Vater herbeiführte, ist mir nie bekanntgeworden; ich kann weiter nichts sagen, als was ich stets gesehen habe, daß sie nämlich mehr als Fremde, denn als Gatten mit einander lebten.

Ich wurde geboren und habe oft ihre gemeinschaftlichen Freunde sagen hören, sie hätten gehofft, meine Geburt würde sie einander näher bringen. Dies geschah aber nicht; mein Vater blieb kalt gegen meine Mutter und war kalt gegen das Kind, so daß ich alsbald erkannte, mir fehle eine der beiden Stützen, welche Gott dem Menschen zum Eintritte in das Leben gibt.

Wahr ist es, daß meine Mutter, um dies Versehen der Natur gegen mich auszugleichen, mich mit einer so starken und innigen Liebe umgab, welche für eine doppelte gelten und die mangelnde des Vaters ersetzen konnte.

Aber so sehr meine Mutter mich liebte, sie liebte mich als – Weib. In der etwas minder weichen und innigem aber um so kräftigeren Liebe eines Vaters liegt etwas, das zu den Launen des Kindes und zu den Leidenschaften des Jünglings spricht wie Gott zu dem Meere: bis hierher und nicht weiter. Die Launen, die ein Vater leitete, die Leidenschaften, die ein Vater zähmte, nehmen dann die Form an, welche die Gesellschaft verlangt, während in dem Kinde alles überströmt, das unter dem nachsichtigen Auge der Mutter aufwächst und von der unsichern Hand des Weibes geleitet wird. – Die mütterliche Nachsicht, die grenzenlos ist wie die mütterliche Liebe, machte aus mir das ungestüme feurige Roß, das leider mit einem Sprunge aus der Stadt ins Gebirge jagen konnte.

Allerdings gewann meine Kraft, was mein Charakter in dieser zügellosen Freiheit verlor. Da mir nie die strenge Hand eines Vaters die Hausthür schloß und ich die gelinden Vorwürfe nicht fürchtete, welche mich von der Mutter erwarteten, so schweifte ich fortwährend in den Bergen der Sierra Morena umher. Ich lernte die Eber mit dem Spieße, den Bär mit dem Dolche angreifen. In meinem fünfzehnten Jahre schon waren diese Thiere für mich keineswegs ein Schrecken wie für andere Knaben meines Alters, sondern Gegner, mit denen nur mehr oder weniger gekämpft werden müßte, die aber stets besiegt wurden, wenn auch unter mehr oder minder großer Gefahr. Sobald ich eine Fährte im Gebirge fand, wurde das Thier aufgespürt, verfolgt und angegriffen. Mehr als einmal kroch ich wie eine Schlange in eine Höhle hinein, in welcher mir keine andere Führung, kein anderes Licht blieb als die glühenden Augen des wilden Thieres, das ich bekämpfen wollte. Ach, da klopfte mein Herz von Stolz und Freude, obgleich nur Gott sehen konnte, was in dem Innern der Erde vorging. Wie die Helden Homer’s, die ihre Feinde mit Worten angriffen, bevor sie zu dem Wurfspieße oder zu dem Schwerte griffen, höhnte und reizte ich den Wolf, den Eber, den Bär, welchen ich ausgesucht hatte. Dann begann der Kampf zwischen dein Menschen und dem Thiere, der lautlose Kampf im Dunkel, der nur am Ende ein Schmerzensgebrüll und einen Siegesjubel veranlaßte. Dann zog ich wie Hercules, der Ungeheuertödter, mit dem ich mich verglich, den todten überwundenen Gegner hinter mir her an das Tageslicht heraus und rühmte meinen Sieg in einem Liede, das ich improvisirte und in dem ich die Bergströme meine Freunde, die über mir schwebenden Adler meine Brüder nannte.

Dann kam das Alter, in welchem diesen Freuden die Leidenschaften folgten, und die Leidenschaften nahmen ihren Verlauf mit gleicher Zügellosigkeit. Dem Spiele und der Liebe suchte meine Mutter, so vergebens wie früher, den schwachen Damm ihres Willens entgegenzusetzen. Da rief sie meinen Vater zu Hilfe.

Es war zu spät. Ich war an das Gehorchen nicht gewöhnt und widerstand also auch der Stimme des Vaters. Uebrigens kannte ich diese Stimme fast nicht, die im Sturme zu mir sprach. Ich war in falscher Richtung ausgewachsen und stark geworden; das Bäumchen hätte sich vielleicht biegen lassen, der Baum widerstand starr und unter seiner rauhen knorrigen Eichenrinde kreisete unaufhaltsam der heiße Saft des Bösen.

Ich will Euch nicht aufzählen – es wäre zu weitläufig und die Achtung schließt mir vor eurer züchtigen Tochter den Mund – durch welche Reihe von Streitigkeiten, nächtlicher Orgien und toller Liebschaften ich dahin kam, daß ich für meine Mutter eine Quelle des Kummers, für meinen Vater eine Ursache der Verarmung wurde. Nein, ich übergehe die tausend Vorgänge, welche das Gewebe meines Lebens ausmachen, welches an Streitigkeiten, Galanterien unter den Balconen, an Zweikämpfen an den Straßenecken bunter noch ist als mein Mantel an Farben; ich übergehe Alles dies, um zu dem zu gelangen, was endlich über mein Leben entschied.

Ich liebte . . . ich glaubte zu lieben – die Schwester eines meiner Freunde. Ich hätte geschworen, ich hätte es gegen die ganze Welt behauptet – verzeiht, Señora, ich hatte damals Euch noch nicht gesehen – daß sie die Schönste des weiblichen Geschlechts sey, als ich einst in der Nacht oder vielmehr am Morgen, da ich nach Hause ging, an meiner Thür jenen Freund, den Bruder der Geliebten, traf, der zu Pferde saß und ein zweites gesatteltes Pferd am Zügel hielt.

Ich ahnte, daß er das Geheimniß meiner Liebe gefunden habe.

»Was thust Du da?« fragte ich.

»Ich warte aus Dich, wie Du siehst.«

»Nun, da bin ich.«

»Hast Du deinen Degen bei Dir?«

»Er verläßt mich nie.«

»So steige auf dies Pferd und folge mir.«

»Ich folge nie. Ich begleite oder man folgt mir.«

»Ich werde mit Dir Schritt hatten, denn es drängt mich das Ziel zu erreichen.«

Er setzte sein Pferd in Galopp.

Ich that dasselbe und wir jagten neben einander nach dem Gebirge zu.

Nach fünfhundert Schritten erreichten wir eine kleine Lichtung, wo der Boden wie künstlich geebnet und mit reichem kurzen Grase bewachsen war.

»Hier, sagte Don Alvar – so hieß mein Freund.

»Gut,« antwortete ich.

»Steige ab, Don Fernand,« sagte er, »und zieh dein Schwert, denn Du wirst wohl schon errathen haben, daß wir eines Kampfes wegen hierher geritten sind.«

»Ich ahnte dies gleich vom Anfange an,« antwortete ich, »aber ich weiß nicht was unsere Freundschaft in Haß kann verwandelt haben. Gestern Brüder und heute Todfeinde!«

»Eben Todfeinde, weil wir Brüder waren, sagte Don Alvar, indem er das Schwert zog. »Das Schwert zur Hand!«

»Du weißt es.« antwortete ich, »daß man eine solche Aufforderung nie zweimal an mich erläßt; bei Dir aber werde ich warten bis Du mir den Grund angibst. Don Alvar, welche Klage hast Du gegen mich?«

»So viele, daß ich sie verschweigen möchte, denn wenn ich mich an sie erinnere, erneuere ich den mir angethanen Schimpf und muß meinen Schwur wiederholen, diesen Schimpf in deinem Blute abzuwaschen . . . Das Schwert aus der Scheide, Fernand!«

Ich erkannte mich nicht wieder, so ruhig blieb ich vor diesem Zorne, so ungereizt bei dieser Ausforderung.

»Ich werde mich mit Dir nicht schlagen,« sagte ich, »bevor ich weiß warum ich mich schlage.«

Er nahm ein Bündel Briefe aus der Tasche.

»Kennst Du diese Briefe?« fragte er.

Ich erbebte.

»Wirf sie her,« sagte ich, »ich werde sie aufheben.«

»Lies sie.«

Er warf die Briefe hin; ich hob sie auf und las sie; sie waren von mir.

Zu läugnen vermochte ich nicht; ich stand einem beleidigten Bruder gegenüber.

»Wehe,« rief ich aus, »Wehe dem Manne, der so thöricht ist die Geheimnisse seines Herzens und die Ehre einer Dame dem Papier anzuvertrauen; er schießt damit einen Pfeil in die Luft; er weiß wohl, von wo derselbe ausgeht, aber er weiß nicht, wo er niederfallen wird oder wen er treffen kann.«

»Hast Du die Briefe erkannt, Don Fernand?«

»Sie sind von meiner Hand, Don Alvar.«

»So ziehe dein Schwert, damit Einer von uns todt hier bleibe neben der gemordeten Ehre meiner Schwester.«

»Es thut mir leid, Don Alvar, daß Du einen solchen Schritt gethan und durch deine Drohung den Antrag unmöglich gemacht hast, den ich Dir vielleicht hätte thun können.«

»Memme, Du!« sagte Alvar »Er steht das Schwert in der Hand des Bruders und will sich erbieten das Mädchen zu heirathen, das er entehrt hat!«

»Du weißt recht wohl, daß ich keine Memme bin, Don Alvars wüßtest Du es nicht, so würdest Du es im Nothfalle erfahren. »Höre mich also an.«

»Das Schwert zur Hand! Wo das Schwert zu sprechen hat, muß die Zunge schweigen.«

»Ich liebe deine Schwester, Alvar, deine Schwester liebt mich; warum sollte ich Dich nicht Bruder nennen.«

»Weil mein Vater mir gestern gesagt hat, er werde einen in Lastern und Schulden versunkenen Menschen nie Sohn nennen.«

Die Kaltblütigkeit begann vor so vielen Beleidigungen mich zu verlassen.

»Das hat dein Vater gesagt, Don Alvar?« fragte ich zähneknirschend.

»Ja, und ich sage es ihm nach und ich setze hinzu: das Schwert zur Hand, Don Fernand!«

»Du willst es?« antwortete ich und legte die Hand an den Schwertgriff.

»Das Schwert zur Hand! das Schwert zur Hand!« wiederholte dann Alvar, »oder es trifft Dich nicht die Spitze sondern der Rücken des meinigen!«

Ihr werdet gestehen, Don Inigo, daß ich mich lange gesträubt, Don, ich habe Euch die reine Wahrheit gesagt; ich hatte mich gesträubt, so lange ein Edelmann sich sträuben konnte.

Ich zog das Schwert.

Nach fünf Minuten war Don Alvar todt, gestorben ohne Beichte, mit dem Fluche gegen mich auf den Lippen . . . Das hat mir Unglück gebracht.«

Der Salteador hielt einen Augenblick inne und er ließ nachdenklich den Kopf sinken.

In diesem Augenblicke erschien die junge Zigeunerin an dem Fenster, durch welches der Bandit hereingekommen war, und sie rief dreimal den Namen Don Fernands in dem Tone einer Person, die eine wichtige Nachricht bringt.

Erst bei dem zweiten Rufe schien der Salteador zu hören, erst bei dem dritten sah er sich um, aber welche Eile die Zigeunerin mit ihrer Nachricht auch zu haben schien, der Salteador winkte ihr zu warten und sie wartete.

»Ich kehrte in die Stadt zurück,« fuhr Don Fernand fort, »und da ich zwei Geistlichen unterwegs begegnete, sagte ich ihnen, wo sie den Leichnam Don Aivars finden würden.

Ein Zweikampf zwischen zwei jungen Männern war etwas Gewöhnliches, wie daß Einer aus dem Platze blieb; aber unser Zweikampf hatte nicht unter den herkömmlichen Bedingungen statt gefunden. Der Vater Don Alvar‘s war außer sich über den Verlust seines einzigen Sohnes und klagte mich des Mordes an.

Leider stand mir kein guter Ruf zur Seite. So schändlich die Anklage war, sie fand Glauben bei den Richtern; der Alcade setzte mich in Anklagezustand und drei Alguazils erschienen, um mich in Haft zu nehmen.

Ich erbot mich, allein in das Gefängniß zu gehen. Sie lehnten dies ab. Ich gab ihnen mein Ehrenwort, hundert Schritte vor oder hinter ihnen zu gehen, wie sie wollten.

Sie bestanden darauf mich mit Gewalt fortzuführen.

Ich tödtete zwei und verwundete den dritten; dann sprang ich auf mein ungesatteltes Pferd und nahm nichts mit mir als – den Schlüssel zu dem Vaterhause.

Ich hatte meine Mutter nicht gesehen und wollte zurückkommen, um sie noch einmal zu umarmen.

Zwei Stunden später war ich in Sicherheit im Gebirge.

In dem Gebirge befanden sich viele Verbannte aller Art, die von der Gesellschaft nichts mehr zu erwarten hatten und vor Verlangen brannten, ihr so viel Böses zu thun, als sie von ihr erlitten hatten.

Es fehlte ihnen nur ein Anführer und sie mußten eine furchtbare Macht werden.

Ich erbot mich der Führer zu seyn und sie nahmen mich an. Das Uebrige wisset Ihr.«

»Und habt Ihr eure Mutter wieder gesehen?« fragte Dona Flor.

»Ich danke Euch,« sagte der Salteador, »Ihr seht in mir noch den Menschen.« Das Mädchen schlug die Augen nieder.

»Ja,« sagte et, »ich habe sie wieder gesehen, nicht einmal, sondern zehn-, zwanzigmal. Meine Mutter ist das einzige Band zwischen mir und der Welt. Einmal monatlich, aber nicht am bestimmten Tage, denn Alles hängt von der Wachsamkeit um uns her ab, in der Nacht verlasse ich das Gebirge, gehe in der Kleidung eines Gebirgsbewohners, von einem großen Mantel umhüllt, über die Vega und gelange ungesehen, bisher wenigstens unerkannt, in jenes Haus, das mir nie so theuer gewesen als seit ich aus ihm verbannt, steige die Treppe hinauf, öffne die Thür meiner Mutter, schleiche an ihr Bett und wecke sie mit einem Kusse.

»Dann setze ich mich zu ihr und verbringe die Nacht wie in meiner Kindheit, so, daß meine Hand in ihrer Hand, mein Kopf an ihrer Brust ruht.

»Ist die Nacht vergangen unter Gesprächen von frühern Tagen, von der Zeit, in der ich unschuldig und glücklich war, so küßt die Mutter mich aus die Stirn und mir ist es, als versöhne mich dieser Kuß mit der Natur, mit den Menschen, mit Gott.«

»Vater, Vater, hört Ihr?« fragte Dona Flor, indem sie die Thränen abwischte, die über ihre Wangen rollten.

»Ihr werdet eure Mutter wieder sehen,« sagte Don Inigo, »und nicht in der Nacht, nicht verstohlen, sondern am Tage, im Angesichte Aller; ich gebe Euch darauf mein Wort.«

»O,« flüsterte Dona Flor, indem sie den Vater umarmte, »Ihr seyd gütig, sehr gütig.«

»Don-Fernand!« rief jetzt das Zigeunermädchen wieder und zwar im Tone der lebhaftesten Besorgniß, »was ich zu sagen habe, ist sehr wichtig; um Gottes willen, hört mich an.«

Wie das erste Mal, aber mit noch gebieterischerer Geberde, winkte ihr der Salteador zu warten.

»Wir verlassen Euch nun, Señor,« sagte Don Inigo, »und nehmen die Erinnerung an eure Freundlichkeit mit uns.«

»So verzeiht Ihr mir?« fragte der Salteador in dem ihm unbegreiflichen Gefühle, das ihn zu Don Inigo hinzog.

»Wir verzeihen Euch nicht blos, sondern wir halten uns Euch verpflichtet, und wir werden Euch mit Gottes Hilfe, ich namentlich, einen Beweis unserer Dankbarkeit geben.«

»Ach ja,« fiel Dona Flor ein, »wenn ich es konnte, würde ich Euch auch einen Beweis geben . . .«

Sie sah sich um, als suche sie nach einem sichtbaren Beweis, durch den sie ihre Dankbarkeit zu erkennen geben könnte.

Der Salteador errieth ihre Absicht. Er sah auf dem Teller den Strauß, den Amapola für Don Ramiro gepflückt hatte, nahm den Teller und reichte ihn Dona Flor.

Sie sah ihren Vater fragend an.

Don Inigo nickte zustimmend. Da nahm sie eine Blume aus dem Strauße, eine Anemone, eine Blume der Trauer.

»Mein Vater hat Euch versprochen, Euch sein Lösegeld zu zahlen, hier ist das meinige.«

Sie reichte die Blume dem Salteador.

Dieser nahm die Blume, hielt sie ehrerbietig an seine Lippen, barg sie dann an seinem Busen und schloß das Wamms darüber.

»Auf Wiedersehen,« sagte Don Inigo, »und bald, wie ich voraus zu versichern wage.«

»Gott stehe Euch bei in seiner Barmherzigkeit, Senior,« antwortete der Salteador, der leiser hinzu setzte:

»Ihr seyd frei, geht hinweg und wer sich nicht zehn Schritte von eurem Wege entfernt, ist des Todes.«

Don Inigo ging mit seiner Tochter hinaus.

Der Salteador sah sie, ohne sich von der Stelle zu rühren, aus dem Fenster nach dem Hofe zu die Maulthiere wieder besteigen und aus der Venta reiten.

Dann nahm er die Anemone von der Brust und küßte sie zum zweiten Male mit einem Ausdrucke, der nicht zu mißdeuten war.

Eine Hand legte sich da auf seine Achsel.

Ginesta war es, die geräuschlos durch das Fenster gestiegen war und die Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, welche der Salteador ihr im Beiseyn der Reisenden nicht hatte gewähren wollen.

Sie sah todtenbleich aus.

»Was willst Du von mir?« fragte der Salteador.

»Dir sagen, daß die Soldaten des Königs jetzt noch etwa eine Viertelstunde von hier sind und daß Du angegriffen werden wirst, ehe zehn Minuten vergehen.

»Weißt Du das gewiß, Ginesta?« fragte der Salteador die Stirn runzelnd.

Man hörte in diesem Augenblicke Schüsse knallen.

»Hörst Du?« fragte Ginesta.

»Zu den Waffen!« rief der Salteador, indem er hinaus eilte. »Zu den Waffen!«

Neuntes Capitel.
Die Eiche der Dona Mercedes

Folgendes war geschehen:

Don Inigo hatte von Truppen gesprochen, denen er begegnet, und deren Führer er kenne.

Die Banditen ihrerseits hatten, wie man sich erinnert, lächelnd anerkannt, daß die Truppen am vorigen Tage da vorüber gekommen.

Diese Truppen, etwa vierhundert Mann, hattest den Befehl das Gebirge zu durchsuchen und um jeden Preis dasselbe von den Banditen zu säubern.

Es war ein Preis von hundert Philippdor auf jeden Banditen gesetzt, den man todt oder lebendig der Behörde einliefere, tausend dagegen auf den Hauptmann.

Der König Don Carlos hatte geschworen, dem Räuberwesen in Spanien ein Ende zu machen und die Banditen von Sierra zu Sierra bis endlich in das Meer zu drängen.

Seit dritthalb Jahren befand er sich in Spanien und er hatte diesen Plan mit der zähen Ausdauer verfolgt, welche ihn charakterisirte; die letzten Banditen waren in der Sierra Nevada gewesen, die an das Meer grenzt.

Die Verwirklichung seines Willens war also nahe.

Der Commandant, welcher die am Tage vorher abgegangene Abtheilung führte, hatte sich begnügt die Wege zu mustern. Er hatte auf denselben nichts Besonderes gefunden als eine Venta, an welcher seine Truppen Halt machten und sich stärkten, aber in der Venta befand sich nur der Wirth mit den gewöhnlichen Leuten eines andalusischen Hostalero; dieser Hostalero hatte ein offenes ehrliches Gesicht und ein freundlicheres Wesen, als man es bei einem spanischen Wirthe gewöhnlich findet; nichts deutete darauf hin, daß die Venta als Sammelplatz diene, und der Führer gab deshalb Befehl weiter zu marschieren.

Er war bis Alama gekommen, ohne auf etwas Außergewöhnliches zu stoßen, mit Ausnahme der mehr oder minder zahlreichen Kreuze am Wege; aber die Kreuze sind in Spanien etwas so Gewöhnliches, daß die Soldaten nicht sonderlich darauf achteten.

In Alama hatte sich der Commandant der Truppen erkundigt und man hatte ihm gerathen, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Venta »zum Maurenkönig« zu richten, welche der Mittelpunkt der Operationen der Räuber und ihr Schlupfwinkel sey.

Der Commandant war in Folge davon sofort umgekehrt.

Die Entfernung von Alama und der Venta »zum Maurenkönig« betrug sechs Stunden und die Hälfte des Weges war von den Truppen bereits zurück gelegt, als sie den Diener Don Inigo’s blutend daher galoppiren kommen sahen und um Hilfe rufen hörten.

Er erzählte was geschehen war.

Der Commandant war, wie Don Inigo gesagt, ein Bekannter desselben, und als er von der Gefahr hörte, die dem Freunde und der schönen Tochter desselben drohe, befahl er im Geschwindschritt weiter zu eilen.

Ginesta hatte von dem Felsen aus, auf dem sie geblieben, die Soldaten heran kommen sehen. Sie ahnte was dieselben wieder herbei führte, zitterte für die Sicherheit des Salteador, lief sogleich nach der Venta, ging durch die Gartenthür, wie es Don Fernand vor ihr gethan hatte, gelangte an das Fenster, durch das er eingestiegen war, und hörte und sah hier was zwischen ihm und dem Gefangenen, besonders zwischen Fernand und Dona Flor vorging.

Wir haben gesehen, daß Ginesta, nachdem sie lange gewartet, todtenbleich endlich durch das Fenster gestiegen war und dem Salteador die Ankunft der königlichen Truppen gemeldet hatte.

Der Salteador war hinaus geeilt und hatte gerufen: »Zu den Waffen!«

Er glaubte seine Genossen in der Küche zu finden, aber die Küche war leer.

Er eilte in den Hof, auch da befand sich Niemand.

Wenige Schritte brachten ihn an das Thor der Venta.

An dem Thore lag ein Gewehr am Boden und daneben ein im sechzehnten Jahrhundert gebräuchliches Bandelier, an welchem fertige Patronen hingen.

Er hob das Gewehr auf, hing das Bandelier um und sah umher nach seinen Cameraden.

Die Schüsse, welche man kurz vorher gehört, hatten sich nicht wiederholt, ein Beweis, daß die, gegen welche dieselben gerichtet gewesen, keinen Widerstand geleistet hatten.

Da mit einem Male erblickte der Salteador auf dem Gipfel eines Hügels den Vortrab der königlichen Truppen.

Er wendete sich um, um zu sehen, ob er ganz verlassen sey.

Nur Ginesta stand hinter ihm, bleich, mit gefalteten Händen; sie beschwur ihn mit der beredten Geberde der Angst zu entfliehen.

»Ich muß es wohl, sagte der Salteador, »da die Elenden mich verlassen haben.«

»Vielleicht finden sie sich im Gebirge wieder zu Dir,« wagte Ginesta schüchtern zu bemerken.

Diese Möglichkeit belebte die Hoffnung Don Fernando‘s wieder.

»Ja, das ist möglich,« sagte er.

Er kehrte in den Hof zurück, schloß das massive Thor und legte einen schweren Eisenstab an.

Mit Ginesta trat er sodann wieder in die Küche; aus der Küche ging er in ein kleines Gemach und hier hob er eine Fallthüre auf, die er fallen ließ, als die kleine Zigeunerin hindurch gegangen war; darauf schloß er die Fallthüre mit einem Riegel und ohne Licht außer dem schwachen Schimmer der brennenden Lunte betrat er die Treppe und nach dieser den daranstoßenden Gang.

Nach fünf Minuten gelangten beide, der Salteador und das Zigeunermädchen, an das andere Ende des Ganges, wo Fernando mit seinen kräftigen Schultern eine zweite Fallthüre hob, die außen durch einen stachen moosbewachsenen Stein bedeckt war.

Die Flüchtigen befanden sich im Gebirge.

Der Salteador athmete tief.

»Ah!« sagte er. »Hier ist man frei.«

»Ja,« antwortete Ginesta, »aber wir wollen keine Zeit verlieren.

»Wohin willst Du gehen?«

»Zu der Eiche der Dona Mercedes.«

Fernand erbebte.

»Nun,« sagte er dann, »vielleicht bringt mir die Jungfrau, unter deren Schutze sie steht, Glücke.«

Beide, oder vielmehr alle Drei, denn die Ziege war auch dabei, traten in das Dickicht hinein und hüteten sich einen andern Weg zu gehen als die, auf welchen die wilden Thiere gegangen waren.

Diese Wege waren in der That vollkommen gebahnt, aber man mußte auf denselben gleich den Thieren mit tief gesenktem Kopfe gehen, ja bisweilen, wo die Zweige tief herunter reichen, unter denselben hinkriechen; dagegen gewährten sie auch vollkommene Sicherheit.

So gingen sie drei Viertelstunden, in welchen sie vielleicht eine Viertelmeile zurück legten. Andere, an solche Wege nicht gewöhnt, würden diese Viertelmeile kaum in einem ganzen Tage zurückgelegt haben.

Je weiter sie kamen, um so undurchdringlicher wurde das Dickicht; obwohl weder Fernand noch Ginesta im mindesten zögerten. Man sah es ihnen an, daß sie nach einem wohlbekannten Ziele zugingen. Endlich gelangten sie auf eine kleine Lichtung von, etwa zwanzig Fuß im Durchmesser, in deren Mitte eine Eiche stand, deren Stamm in einem Schrein von vergoldetem Holze eine kleine Bildsäule der heiligen Mercedes trug, der Schutzpatronin der Mutter Fernands.

Fernand hatte diesen Baum, in dessen Schatten er oft geträumt und geschlafen und den er sein Sommerhaus nannte, unter den Schutz der Patronin seiner Mutter oder vielmehr seiner Mutter selbst gestellt, die er viel höher achtete oder verehrte als die Heilige.

Die beiden Fliehenden waren am Ziele ihrer Wanderung angekommen und befanden sich da, für den Augenblick wenigstens, in Sicherheit, wenn sie nicht verrathen wurden.

Wir sagen, »wenn sie nicht verrathen wurden,« denn die Banditen kannten diesen Zufluchtsort ihres Hauptmannes, wenn sie auch ungerufen nie dahin kamen; es war eine Art Asyl, wo Fernand in seinen Augenblicken der Schwermuth an die verschwundene Welt der Vergangenheit dachte und in seinen Mantel gehüllt, am Boden ausgestreckt, durch die Blätter der Eiche hindurch ein Stückchen des Himmels suchte, der über ihm sich ausbreitete, blau wie die Flügel der Hoffnung, und die heitern Erinnerungen aus seiner Kindheit ausrief, die so grell von denen abstachen, die er als junger Mann für sein Alter sammelte.

Wenn er einen Befehl zu geben, eine Nachricht zu erhalten hatte, so nahm er ein durch einen Mauren wunderbar schön gearbeitetes Horn aus dem hohlen Baume, entlockte demselben einen geltenden langgedehnten Ton, wenn er einen seiner Gefährten sehen wollte, zwei Töne, wenn er zehn Mann wünschte, drei, wenn er die ganze Bande berief.

Nachdem er die Lichtung betreten hatte, ging er zunächst zu dem Heiligenbilde, dem er die Füße küßte, dann kniete er nieder, verrichtete ein kurzes Gebet, während die noch halb heidnische Ginesta ihm zusah, stand auf, ging ein Stück um den Baum herum, nahm aus der Höhlung das erwähnte hölzerne Horn, hielt es an seine Lippen und zog aus demselben drei so durchdringende, so lang gedehnte Klänge wie die, welche fünf Stunden von Roncevaur Carl den Großen inmitten seines Heeres erschreckten, als er plötzlich anhielt und sagte: »Mein Neffe ruft mich zu Hilfe.«

Die drei Klänge verhallten und – Niemand kam.

Annehmen ließ sich nicht, daß die Banditen es nicht hörten; das Horn Fernands hatte sein Echo über eine Stunde weit im Gebirge.

Die Banditen waren also entweder gefangen oder sie verriethen ihren Hauptmann oder sie hatten sich überzeugt, daß gegen die Ueberzahl jeder Widerstand nutzlos sey und hielten es für klüger vereinzelt zu bleiben und einzeln zu fliehen.

Fernand stand eine Viertelstunde lang an der Eiche gelehnt und wartete auf den Erfolg seines Rufes; da aber Alles um ihn her still blieb, warf er seinen Mantel auf den Boden und legte sich darauf.

Ginesta setzte sich zu ihm.

Fernando sah sie mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit an – nur die kleine Zigeunerin war ihm treu geblieben.

Ginesta lächelte sanft.

In diesem Lächeln lag ein Versprechen ewiger Hingebung.

Fernand streckte den Arm aus, faßte den Kopf der Zigeunerin mit seiner Hand und küßte die Stirn.

In dein Augenblicke, als die Lippen des Salteadors und die Stirn Ginesta’s einander berührten, stieß die Letztere einen Schrei aus, in dem fast so viel Schmerz als Freude lag.

Es war die erste Liebkosung, die sie von Fernand empfing.

Einige Augenblicke saß sie mit geschlossenen Augen da, den Kopf an den Eichstamm gelehnt, mit offenem Munde und athemlos, als sey sie ohnmächtig geworden.

Fernand sah sie anfangs mit Verwunderung, dann besorgt, dann liebreich an.

»Ginesta,« sagte er.

Die Zigeunerin hob den Kopf empor wie ein Kind, das durch die Stimme der Mutter aus dem Schlafe geweckt wird, schlug langsam die schönen Augen auf, sah den Salteador an und flüsterte:

»Ach, mein Gott!«

»Was ist Dir?« fragte Fernand.

»Ich weiß es nicht,« antwortete das Mädchen, »aber mir war es als müsse ich sterben.«

Sie stand auf, ging wankend und langsam von der Eiche der Dona Mercedes hinweg und verschwand in dem Gebüsche. Sie hielt dabei ihren Kopf mit beiden Händen und schien in Thränen ausbrechen zu wollen, obgleich sie nie im Leben in gleicher Weise sich glücklich gefühlt hatte.

Der Salteador sah ihr nach, bis sie verschwunden war, da aber ihre Ziege nicht folgte, sondern bei ihm blieb, so schloß er, das Mädchen sey nicht weit gegangen.

Er seufzte, hüllte sich in seinen Mantel und schloß die Augen, als wolle er schlafen.

Nach etwa einer Stunde, die er schlafend oder in tiefen Gedanken verbracht, hörte er sich ängstlich, aber liebreich rufen.

Die Zigeunerin stand neben ihm im Halbdunkel und zeigte nach Westen.

»Nun,« fragte Fernand, »was gibt es es?«

»Siehe, Fernand,« antwortete die Zigeunerin.

»O,« sagte der Salteador, indem er rasch aufsprang, »die Sonne geht heute sehr roth unter, das kündet Blut für morgens.«

»Du irrst Dich,« entgegnete Ginesta, »das ist nicht der Schein der untergehenden Sonne.

»Was ist es sonst?« fragte der Bandit, der ein Knistern in der Ferne zu hören glaubte.

»Es ist der Widerschein einer Feuersbrunst,« antwortete die Zigeunerin. »Es ist Feuer im Gebirge.«

In diesem Augenblicke jagte ein Hirsch mit seiner Kuh und seinem Kalb pfeilschnell vorüber, von Westen nach Osten.

»Komm, Fernand,« sagte Ginesta; »das Gefühl dieser Thiere ist sicherer als die Klugheit des Menschen; sie zeigen uns, wohin wir fliehen müssen, und daß kein Augenblick zu verlieren ist.«

Das war ohne Zweifel auch die Meinung Fernands, denn er warf das Horn um, hüllte sich in seinen Mantel, nahm seine Muskete und eilte dem Hirsche nach.

Ginesta und die Ziege voraus.

Zehntes Capitel.
Das Feuer im Gebirge

Der Salteador, die Zigeunerin und die Ziege gingen so etwa fünfhundert Schritte, mit einem Male aber blieb die Ziege stehen, stellte sich auf die Hinterbeine, witterte umher und schien ungewiß zu seyn.

»Nun, Maza, was gibt’s?« fragte das Mädchen.

Die Ziege schüttelte den Kopf, als hätte sie die Rede verstanden und meckerte, als wollte sie antworten.

Der Salteador horchte und roch. Die Luft war voll Harzduft.

Das Dunkel war so dicht, als es in Spanien in einer schönen Sommernacht seyn kann.

»Es ist mir als hörte ich knistern und spürte ich den Rauchgeruch. Sollten wir uns geirrt haben und dem Brande entgegen gegangen seyn, statt vor ihm zu fliehen?«

»Dort war der Brand,« antwortete Ginesta, indem sie nach Westen zeigte, »und wir haben uns ziemlich in gerader Linie von ihm entfernt.«

»Bist Du deiner Sache gewiß?«

»Siehe den Stern Aldebar an; er war und ist noch zu unserer Rechten. Das Feuer muß an zwei Orten im Gebirge begonnen haben.

»Begonnen haben oder angesteckt seyn,« flüsterte Fernand, der die Wahrheit zu ahnen begann.

»Warte,« sagte Ginesta, »ich will es Dir sagen.«

Die Tochter des Gebirges, der das Gebirge mit seinen Schluchten und Zacken, mit seinen Dickichten, Thalern und Höhlen so bekannt war, wie einem Kinde der Park des Schlosses, in dem es ausgewachsen ist, eilte vor, erreichte den Fuß eines fast gerade empor steigenden Felsenkegels, kletterte an demselben hinauf und stand bald auf dem Gipfel wie eine Statue auf dem Piedestal.

Sie hatte kaum fünf Minuten nöthig gehabt, um hinauf zu steigen, sie brauchte kaum eine zum Herabsteigen.

»Nun?« fragte der Salteador.

»Ja,« antwortete sie.

»Feuer?«

»Feuer,« sagte sie,, dann zeigte sie nach Süden und setzte hinzu; »dorthin; wir müssen da hindurch, ehe die beiden Enden der Flamme einander erreichen.«

Je weiter man nach Süden kam, um so üppiger und dichter wurde die Vegetation; gewaltiges Brombeergebüsch war es, in welchem sich gewöhnlich die Wildschweine, die Wölfe und wilden Katzen aufhalten; die schwachen Thiere, die Hirsche und Rehe, wagten sich selten aus das Gebiet ihrer furchtbaren Feinde, gleichwohl sah man jetzt gleich fahlen Blitzen scheue Heerden dieser Thiere vorüber jagen, welche das Feuer aufgeschreckt hatte und die in der Richtung hin flohen, welche ihnen einen Durchgang zu gewähren schien.

»Hierher! Hierher!« sagte Ginesta. »Fürchte nichts, Fernand, da ist unser Führer.«

Sie zeigte nach dem dreifarbigen Sterne, nach dem sie die Flucht richtete.

»So lange er so weit zu unserer Linken ist, als er eben zu unserer Rechten war,« fuhr die Zigeunerin fort, »sind wir auf gutem Wege.«

Nach etwa zehn Minuten verschleierte sich der Stern.

»Ah,« sagte Fernand, »sollen wir ein Gewitter bekommen? Es würde ein schönes Schauspiel seyn, dies Feuer mit dem Wasser des Himmels im Gebirge kämpfen zu sehen.«

Ginesta aber war stehen geblieben. Sie ergriff die Hand Fernands und sagte:

»Den Stern verhüllt keine Wolke.«

»Was sonst?«

»Der Rauch.«

»Nicht möglich. Der Wind kommt aus Mittag.«

In diesem Augenblicke jagte ein Wolf heulend, mit leuchtenden Augen dicht an den beiden Fliehenden von Süden nach Norden vorüber, ohne aus die Ziege zu achten.

Die Ziege achtete auch nicht auf den Wolf; sie schien eine andere Gefahr zu ahnen.

»Das Feuer! Das Feuer!« rief Ginesta aus. »Wir kommen zu spät; eine Feuerwand erhebt sich vor uns.«

»Warte,« sagte Fernand, »wir wollen nachsehen.«

Er ergriff die ersten Zweige einer Tanne und schwang sich hinaus auf den Baum.

Kaum aber hatte sein Fuß die Erde verlassen, als sich ein schreckliches Brummen über ihm erhob.

Ginesta zog Fernand erschrocken zurück und wies auf eine dunkle Masse etwa fünfzehn Fuß über ihm auf dem Baume.

»Ah,« « sagte Fernand, »wenn Du auch brummst, alter Bär von Malahacen, Du wirst das Feuer nicht aushalten und eben so wenig mich zurück treiben. Wenn ich Zeit hätte . . .«

»Nach Norden! Nach Norden!« rief Ginesta. »Es ist der einzige noch offene Weg.«

Alle Bewohner des Waldes, Hirsche und Rehe, Wildschweine, Wölfe, Luchse, flüchteten nach der einzigen Seite hin, an welcher die Flammen sich noch nicht zeigten. Scharen von Rebhühnern flogen vor dem Feuer auf, hin und her, an die Bäume an und fielen betäubt vor den Fliehenden nieder, während die Nachtvögel, Fürsten der Dunkelheit, mit heiserem Geschrei den seltsamen Tag begrüßten, welcher von der Erde auszugehen, statt vom Himmel herabzukommen schien.

»Komm, Fernand, komm!« rief Ginesta.

»Wohin? Nach welcher Seite?« fragte Fernand, der wirklich zu erschrecken anfing, vielleicht weniger um sich als um das Mädchen, das aus Anhänglichkeit an ihn eine Gefahr theilte, welche sie hätte vermeiden können, wenn sie in der Venta geblieben wäre.

»Hierher! Hierher! Da haben wir den Nordstern vor uns. Uebrigens folgen wir der Ziege, die ihr Instinct leitet.«

Und sie liefen in der Richtung hin, welche ihnen nicht blos das Thier, ihr Fluchtgeführte, sondern die wilden Thiere andeuteten, die dahin jagten, wie von dem heißen Athem des Sirocco gejagt.

Plötzlich blieb die Ziege stehen.

»Es ist nutzlos weiter zu fliehen,« sagte Fernand; »wir sind ringsum von Feuer umgeben.«

Er setzte sich auf einen Felsen, als halte er es für unnöthig weiter zu gehen.

Das Mädchen ging noch hundert Schritte weiter, wie um sich zu überzeugen, ob Fernand die Wahrheit gesagt habe, da aber ihre Ziege anfangs zurück und endlich ganz stehen blieb, kehrte sie zu Fernand um, der den Kopf auf die Hände gestützt hatte und entschlossen zu seyn schien, ohne einen Schritt weiter zu geben, die Entwickelung des schrecklichen Ereignisses abzuwarten.

Ein Zweifel konnte übrigens nicht mehr aufkommen: im Umkreise von etwa einer Stunde sah der Himmel durch eine Rauchwolke hindurch blutroth aus.

Man hörte ein grausiges Zischen, das schnell näher und näher kam, zum Zeichen des Fortschreitens des Brandes.

Das Mädchen blieb einen Augenblick neben dem Salteador stehen, den sie mit Blicken inniger Liebe betrachtete.

Wer in ihren Gedanken hätte lesen können, würde darin vielleicht die Furcht vor einer so verzweiflungsvollen Lage, gewiß aber den geheimen Wunsch gefunden haben, den jungen Mann in ihre Arme zu schließen und so zugleich mit ihm zu sterben, ohne allen Versuch sich zu retten.

Aber sie schien diese Versuchung zu bekämpfen, sie seufzte und flüsterte:

»Fernand!«

Der Salteador blickte auf.

»Arme Ginesta,« sagte er, »so jung, so schön, so gut und Du sollst sterben – meinetwegen! Ja, ich bin wahrhaft verflucht.«

»Verläßt Du das Leben ungern?« fragte das Mädchen in einem Tone, welcher bedeutete: »Ich verlasse es gern.«

»Ja, ja,« antwortete Fernand. »Ach ja, ich gestehe es, ich scheide ungern von ihm.«

»Um wessen willen?v fragte Ginesta.

Vielleicht in diesem Augenblicke erst erkannte der Salteador was in dem Herzen des Mädchens vorging.

»Um meiner Mutter willen,« antwortete er.

Die Zigeunerin jubelte laut auf und sagte:

»Ich danke Dir, Fernand. Komm!«

»Warum soll ich Dir folgen?«

»Folge mir, sage ich Dir.«

»Siehst Du nicht, daß wir verloren sind?« fragte Fernand achselzuckend.

»Gerettet sind wir, Fernand; ich stehe dafür,« antwortete die Zigeunerin.

Fernand stand auf und wußte nicht, was er von den Worten denken sollte.

»Komm, komm!« sagte sie; »weil Du nur um deiner Mutter willen nicht gern stirbst, soll deine Mutter Dich nicht beweinen!«

Sie erfaßte die Hand des Salteadors und zog ihn nach einer andern Seite hin.

Er folgte ihr mechanisch, aber doch mit jenem Eifer der Selbsterhaltung, der in jedem erschaffenen Wesen liegt.

Es war als schöpfe die Ziege selbst wieder Hoffnung, als sie die Fliehenden nach einer andern Richtung hingehen sah, ja sie lief wiederum voraus, während die andern Thiere merkten, daß sie rund um von einem Feuermeere eingeschlossen, und nach allen Richtungen hin planlos und auf Gerathewohl hinliefen.

Das Zischen und Prasseln des Brandes kam näher und näher und die Luft, welche die Fliehenden athmeten, begann heiß zu werden.

Mit einem male schien das Zischen und Prasseln der Flamme gewaltig zuzunehmen und bei jedem Schritte, den sie weiter gingen, ungestümer zu werden.

Fernand hielt das Mädchen zurück.

Da ist ja der Brand! Hörst Du? Hörst Du? sagte er und streckte die Hand nach der Richtung hin, von welcher der Wind kam.

»Wohl möglich, Fernand, so sagte die Zigeunerin lächelnd, ›daß Du an die Stimmen im Gebirge noch so wenig gewöhnt bist, um das Rauschen eines Wasserfalles für das Brausen der Flammen zu halten.‹

»Ja,« antwortete Fernand, indem er weiter ging, »es ist wahr, Du hast Recht, wir können dem Feuer entgehen, wenn wir dem Wildbach folgen, in seinem Bette hin zwischen zwei Feuersäulen hindurchgehen, wie die Israeliten unter dem Schutze Gottes zwischen zwei Wasserwänden durch das Meer gingen. Glaubst Du aber, daß das Bett des Wildbachs nicht besetzt sey.«

»Komm nur,« sagte das Mädchen; »habe ich es nicht gesagt, daß ich für Alles stehe?«

Sie zog Fernand nach der Felsenplatte, wo am Tage wie ein Regenbogen, in der Nacht wie ein Mondstrahl der mächtige Wasserfall herabstürzte, der zuerst auf einen Felsen in einer Tiefe von fünfundzwanzig Fuß aufschlug, mit Donnergetöse seine flüssige Masse zerstäubte und im Schaume in einen Abgrund drei- bis vierhundert Fuß hinabfiel, auf dessen Boden er sich ein Bett wühlte und den Bach bildete, der brausend in einer Entfernung von drei Stunden, zwischen Armilla und Santa Fe, in den Xenil fällt.

Nach einigen Minuten hatten die Flüchtigen den Felsen erreicht, von dem das Wasser sich in die Tiefe hinabstürzte.

Ginesta wollte sofort den gefährlichen Weg hinabklettern, aber Fernand hielt sie zurück; er war über sein und seiner Begleiterin Leben fast beruhigt und konnte in seinem dichterischen Gefühle dem Wunsche nicht widerstehen, die Gefahr, der er entgangen, in ihrer ganzen Größe zu überschauen.

Manche Herzen finden in solchen Erregungen einen schauerlich- wonnigen Genuß.

Das Schauspiel war allerdings großartig. Der Flammenkreis hatte sich nach dem Mittelpunkte zu verengt und nach dem Umfange erweitert. Ein unermeßliches Feuerband, das immer breiter wurde, schlang sich um das Gebirge und rückte blitzschnell den Fliehenden nach.

Bisweilen erfaßte die Flamme den Stamm einer großen Fichte, wand sich wie eine Schlange um denselben herum, lief an den Aesten hin und zündete sie so über und über fast in einem Augenblicke an wie zu einer großen festlichen Illumination. Eine kurze Zeit knisterte und hüpfte die Flamme, dann brach der Baum zusammen und die Funken sprühten umher.

Oder die Flamme erreichte harzige, niedrige Büsche und dann lief sie wie über Pulver blitzschnell über den grünen Teppich hin.

Hier und da brannten alle Korkeichen auf einem großen Felsenstück, die Glut dörrte es aus oder zerriß es, es konnte sich nicht mehr halten und stürzte mit den Bäumen donnernd wie eine glühende sprühende Cascade in eine Schlucht hinab, wo es sofort eine neue Feuersbrunst entzündete.

Fernand blieb einen Augenblick begeistert vor diesem Glutmeere stehen, das mit seinen Feuerzähnen die grüne Insel abnagte, von der aus er die Flammenflut betrachtete.

Von diesem noch unberührten Theile aus erschollen Töne aller Art, Schreien der Hirsche, Heulen der Wölfe, Knauen der Katzen, Grunzen der Wildschweine, Bellen der Füchse, und wenn es Tag gewesen wäre, hätte man sicherlich alle diese Thiere, ohne Haß gegen einander, nur mit der Gefahr beschäftigt, die sie auf einen so schmalen Raum zusammen drängte, nach allen Seiten ängstlich in dem Dickicht umherlaufen sehen, über das sich bereits ein warmer Dampf verbreitete, der Vorläufer des Brandes.

Ginesta aber, als fürchte sie mehr für Fernand als dieser für sie, zog ihn mit Gewalt hinweg, erinnerte ihn an die Gefahr, winkte ihm zu folgen und wagte sich zuerst in den Abgrund hinab.

Elftes Capitel.
Das Täubchennest

Dieses Hinabsteigen, welches Ginesta nicht zum ersten Male zu versuchen schien, war selbst für Fernand gefährlich und würde für einen Andern unmöglich gewesen seyn.

Der weiße Dunst, der an den Seiten der Berge schwebt und von dem Windeshauche bewegt wird, konnte nicht leichter und anmuthiger seyn, als die junge Zigeunerin, während sie an dem fast senkrecht abfallenden Felsen hinabging.

Glücklicherweise wuchsen hier und da in den Granitrissen Myrthen- oder Erdbeerbaumgebüsch, welche im Nothfalle als Stützpunkt für die Füße Fernands dienen konnten, während seine Hände sich an die Lianen hielten, welche gleich riesigen Tausendfüßern an der Felsenwand empor kletterten.

In manchen Augenblicken schien selbst die Ziege zu zögern; dann ging Ginesta voraus – man wußte nicht wie – und zeigte ihm so, ohne ein Wort zu sagen, den Weg.

Von Zeit zu Zeit drehte sie sich um und winkte Fernand ermuthigend zu, denn ihre Stimme würde er im Tosen und Brausen des Wassersturzes, unter dem Prasseln der Flammen und dem verzweiflungsvollen Geschrei der immer enger eingeschlossenen wilden Thiere nicht vernommen haben.

Mehr als einmal blieb das Mädchen zitternd stehet-, wenn sie Fernand über dem Abgrund schweben sah, wie von den Flügeln eines Vogels getragen; mehr als einmal streckte sie die Hände nach ihm aus und ging dann ein paar Schritte wieder zurück, damit er sich auf ihren Arm stützen könnte.

Er aber schämte sich, durch ein Mädchen übertroffen zu werden, die nur ein Spiel da zu sehen schien, wo nicht blos einmal, sondern zwanzigmal Todesgefahr war, nahm alle seine Kräfte, seine ganze Unerschrockenheit, seine ganze Kaltblütigkeit zusammen und folgte der Ziege und dem Mädchen auf dem halsbrecherischen Wege.

Als die Zigeunerin etwa fünfundzwanzig Fuß weit hinabgekommen war, das heißt an die Stelle, wo der Wassersturz sich auf einem vorstehenden Felsenblocke brach, ging sie nicht weiter hinunter, sondern schief an dem Berge hin und näherte sich dem Wasser wieder, von dem sie sich anfänglich aus Vorsicht entfernt hatte, da der umherspritzende Schaum und Regen die Steine so glatter, schlüpfriger und folglich gefährlicher machte.

Uebrigens verbreitete der Waldbrand einen so hellen Schein, daß er den steilen Weg fast so glänzend beleuchtete wie Sonnenlicht. Dieses Licht verringerte indeß die Gefahr keineswegs, vergrößerte sie vielmehr, eben weil es dieselbe sichtbar machte.

Fernand begann den Plan Ginestas zu errathen und bald blieb ihm kein Zweifel mehr darüber, da die Ziege mit einigen Sprüngen den Felsen erreicht hatte, auf dessen äußerstem Rande der Wasserfall sich brach.

Die Zigeunerin langte fast gleichzeitig auch an, aber kehrte sich alsbald um, damit sie im Nothfalle Fernand bei dem Hinabsteigen beistehen könne.

Sie glich dem Geiste des Gebirges, der Fee des Wasserfalls, als sie so dastand, nach dem jungen Manne hin vorgebeugt, dem sie die Hand entgegenstreckte, auf der einen Seite von der Einbiegung des dunkeln Felsens, auf der andern von dem Bogen des Wasserfalles umrahmt, der im Widerscheine der Flamme dem Diamantbogen einer von der Erde nach dem Himmel gespannten Brücke glich.

Fernand gelangte nicht ohne Mühe über den wenn auch nur kurzen Raum, der ihn noch von Ginesta trennte. Der nackte Fuß der Zigeunerin stand sicher auf den kleinen Unebenheiten des Gestades, auf welchem der Schuh Fernands ausglitt. In dem Augenblick als er eben den Granitblock erreichte, trat er fehl und es wäre um den kühnen Salteador geschehen gewesen, wenn ihn Ginesta nicht mit einer Kraft, die man dem zarten Wesen nicht zutrauen konnte, an dem Mantel gefaßt, eine Secunde schwebend über dem Abgrunde gehalten und ihm so Zeit gegeben hätte, den Stützpunkt wieder zu finden.

Als dies geschehen war, brachte ihn ein kräftiger Schwung zu dem Mädchen und der Ziege.

Sobald er aber auf dem Felsen, sobald er in Sicherheit war, verließ ihn auch die Kraft, seine Kniee knickten, seine Stirn bedeckte sich mit Schweiß und er würde aus den Felsen niedergefallen seyn, wenn er nicht, als er eine Stütze suchte, unter seiner Hand die liebende Achsel Ginesta’s gefunden hätte.

Durch den Wasserstrom hindurch, der klar und durchsichtig wie Krystall war, erblickte er den Waldbrand wie ein Zauberbild.

»Ach!« rief er außer sich aus, »siehe doch, Ginesta! Das ist großartig! Das ist schön! Das ist erhaben!« Wie der Adler, der über dem Aetna schwebt, erhob sich die Seele des Dichters auf Fittigen über das Gebirge, das in einen Vulkan umgewandelt zu seyn schien.

Als Ginesta erkannte, daß Fernando ihrer nicht mehr! bedürfe, machte sie sich sanft aus seinen Armen los, die sie einen Augenblick krampfhaft umfaßt hatten, überließ ihn der Betrachtung und trat in die Tiefe der Grotte hinein, die bald durch das bleiche Licht einer Lampe erhellt wurde, von dem so grell der blutige Widerschein des Riesenbrandes abstach.

Fernand war von der Betrachtung zum Nachdenken übergegangen. Er zweifelte nicht mehr: der Waldbrand war keineswegs das Werk des Zufalles, sondern die Ausführung eines wohlberechneten Planes der ihn verfolgenden königlichen Truppen.

Die drei Töne des Silberhornes, durch welche er seine Gefährten hatte zu sich bescheiden wollen, hatten den Truppen, die ihn suchten, angedeutet, an welcher Stelle er sey. Zweihundert Soldaten, mehr vielleicht, waren dann aufgebrochen, jeder mit einer Fackel in der Hand; sie hatten einen weiten Kreis gebildet und sodann die Fackeln in das harzige Gebüsch, auf das dürre Gras geworfen, von wo das Feuer mit Blitzesschnelligkeit sich weiter verbreitete.

Nur ein Wunder hatte Fernand retten können. Dieses Wunder war die Hingebung Ginesta’s, die es bewirkt.

Im Gefühle der Dankbarkeit drehte er sich um, denn erst in den eben vergangenen wenigen Minuten hatte er alles erkannt, was er dem Mädchen schuldig war.

Da erblickte er mit Erstaunen eine von blassem Lampenschimmer erhellte Grotte, deren Daseyn er, der Mann des Gebirges, nicht geahnt.

Er trat langsam näher und je näher er kam, um so höher stieg sein Staunen.

Durch eine schmale Oeffnung hindurch, die von dem Felsen in die Grotte hinein führte, sah er wie das Zigeunermädchen eine Platte im Fußboden der Höhle aufhob, aus dem Raume darunter einen Ring, den sie an einen Finger steckte, und ein Pergament nahm, das sie in ihrem Busen verbarg.

Die Grotte war in dem Felsen ausgehöhlt. Theile der Wände bestanden aus Granit wie der Fels, auf welchem Fernand stand, andere aus Erde oder vielmehr aus dem trockenen zerreiblichen Sande, den man in Spanien überall findet, wenn man die dünne Schichte fruchtbarer Erde oben hinweg nimmt.

Ein Mooslager, mit frischem Farrenkraut bedeckt, dehnte sich in einer Ecke der Grotte hin; über diesem Lager hing in einem Rahmen von Eichenholz ein grobes Gemälde, das wohl noch aus dem dreizehnten Jahrhunderte herrührte und eine jener Madonnen mit schwarzem Gesicht darstellte, welche die Sage ein Werk des heiligen Lucas nennt.

Dem Moosbette gegenüber hingen in zwei Goldrahmen zwei andere Gemälde in weit besserem Geschmacke. Die goldenen Rahmen hatten von der Zeit viel gelitten. Eines der Bilder stellte einen Mann dar, das andere eine Frau; beide hatten eine Krone aus dem Haupte und über der Krone sah man Titel, Namen und Beinamen.

Die Frau hatte die braune Hautfarbe der Töchter des Südens und war seltsam gekleidet, so viel man wenigstens sehen konnte, und die Krone hatte eine phantastische Gestalt gleich jener irgend einer orientalischen Königin. Wer das Bild sah und Ginesta kannte, mußte sofort an die junge Zigeunerin denken; stand Ginesta dabei, so wandte man sich gewiß nach ihr um, denn wenn man das Werk des Malers und das Geschöpf Gottes verglich, so fand man eine ausfallende Aehnlichkeit zwischen beiden, obwohl Ginesta das Alter noch nicht erreicht hatte, in welchem das Original des Bildes dem Maler gesessen hatte.

Über der Krone standen die Worte:

 
La Reyna Topacio la Hermosa,
 

welches heißt: »die Königin Topaz, die Schöne.«

Der Mann in kostbarer Kleidung trug die Königskrone um ein schwarzes Sammtbarett; sein langes blondes Haar fiel an jeder Seite des Gesichtes herunter, dessen Milch- und Blutfarbe von dem der Frau abstach, die er mit liebenden Blicken anzuschauen schien. Er schien ein Sohn des Nordens zu seyn, zeichnete sich aber in seiner Art der Schönheit eben so aus, wie die Frau in der ihrigen, so daß beide den schmeichelhaften Beinamen verdienten, den sie trugen, denn über dem Haupte des Mannes las man:

 
»El Ray Felippo el Haksan,«
 

was heißt: »der König Philipp, der Schöne.«

Der junge Mann überblickte dies Alles, seine Augen aber kehrten, nachdem sie einen Augenblick auf dem Moosbette geweilt, vorzugsweise zu den beiden Porträts zurück.

Ginesta hatte mehr geahnt als gesehen, daß er herbei getreten war; sie kehrte sich in dem Augenblicke um, als sie, wie gesagt, den Ring an den Finger steckte und das Pergament in ihrem Busen barg.

Dann hieß sie mit dem Lächeln einer Königin Fernand willkommen und sagte in ihrer Bildersprache:

»Tritt ein; Du wirst aus diesem Täubchennest einen Adlerhorst machen.«

»Will mir das Täubchen vor allen Dingen sagen, was für ein Nest dies ist,« entgegnete Fernand.

»Das, in welchem ich geboren wurde,« antwortete Ginesta, »und wo ich aufwuchs, das, wohin ich gehe, um zu lachen oder zu weinen, so oft ich glücklich oder unglücklich bin. Weißt Du nicht, daß jedes erschaffene Wesen mit unendlicher Liebe an seiner Wiege hängt?«

»O, ich weiß es wohl, da ich zweimal jeden Monat mein Leben wage, um eine Stunde lang mit meiner Mutter in dem Gemache zu seyn, wo ich geboren wurde.«

Fernand trat in die Grotte hinein.

»Da Ginesta mir auf meine erste Frage Antwort gab,» sagte er, »antwortet sie vielleicht auch auf die zweite.«

»Frage,« entgegnete das Mädchen, »und ich werde antworten.«

»Wen stellen die beiden Porträts vor?«

»Ich glaubte Fernand sey ein Stadtkind; irrte ich mich?«

»Warum?«

»Kann Fernand nicht lesen?«

»Das kann ich.«

»So mag er lesen.«

Sie hob die Lampe empor und ließ das Licht derselben auf die Bilder fallen.

»Nun!« sagte sie. »Was liesest Du?«

»Ich lese: »Die Königin Topaz, die Schöne.«

»Nun?«

»Ich kenne keine Königin dieses Namens.«

»Selbst nicht unter den Zingaris?«

»Ah,« fiel Fernand ein, »ich vergaß, daß die Zigeuner auch Könige haben.«

»Und Königinnen,« setzte Ginesta hinzu.

»Warum aber gleicht das Porträt Dir?« fragte der Salteador.

»Weil es das Bild meiner Mutter ist,» antwortete das Mädchen stolz.

Fernand verglich nochmals die beiden Gesichter und die Aehnlichkeit trat ihm noch auffallender entgegen.

»Und das zweite Bild?« fragte er.

»Lies.«

»Ich sehe und lese da: »Der König Philipp, der Schöne.«

»Ist Dir auch unbekannt, daß es in Spanien einen König dieses Namens gegeben hat?«

»Nein, denn als Kind habe ich ihn gesehen.«

»Ich auch.«

»Jedenfalls dann als sehr kleines Kind.«

»Ja, aber manche Erinnerungen drücken sich so tief in das Herz, daß man sie lebenslänglich bewahrt, in welchem Alter man sie auch in sich aufgenommen hat.«

»Allerdings,« sagte Fernand mit einem Seufzer, »ich kenne diese Erinnerungen auch; aber warum hängen die Bilder einander gegenüber?«

Ginesta lächelte und fragte:

»Ist es nicht das Bild eines Königs und das einer Königin?«

»Allerdings, aber . . . «

Er hielt inne, da er fühlte, daß er den Stolz des Mädchens verletzen würde.

Sie fuhr indeß lächelnd fort:

»Aber, willst Du sagen, der Eine war König eines wirklichen, die Andere Königin eines nicht wirklichen Reiches.«

»Das war allerdings mein Gedanke, liebe Ginesta.«

»Wer sagt Dir, daß das Reich Egvpten kein wirkliches sey? Wer sagt Dir, daß die, welche von der schönen Nicosia, der Königin von Saba, abstammt, nicht eben so wirklich Königin sey als der König ist, welcher von Maximilian, vom Kaiser Oesterreichs abstammt?«

»Aber wer ist der Philipp der Schöne?«

»Philipp der Schöne,« antwortete Ginesta, »ist der Vater des Königs Don Carlos, der morgen in Granada seyn soll. Ich habe also keine Zeit zu verlieren, wenn ich von dem Könige Don Carlos das erbittert will, was er vielleicht Don Inigo abschlägt.«

»Wie?« fragte Fernand. »Du gehst nach Granada?«

»Jetzt eben. Erwarte mich hier.«

»Du bist nicht bei Sinnen, Ginesta.«

»In dieser Vertiefung wirst Du Brot und Datteln finden. Sey unbesorgt, ich bin zurück, ehe deine Lebensmittel ausgehen, und an Wasser, wie Du siehst, wird es Dir nicht fehlen.«

»Ginesta, ich werde nicht zugeben, daß Du meinetwegen. . .«

»Fernand, wenn Du mich nicht augenblicklich gehen lässest, kann ich vielleicht des Brandes wegen das Flußbett nicht erreichen.«

»Die, welche mich verfolgen, die um den Berg, auf den ich geflüchtet, wie sie wissen, einen Flammengürtel gelegt haben, werden Dich nicht durchlassen; sie werden Dich mißhandeln, vielleicht Dich tödten . . .«

»Was soll man zu einem Mädchen sagen, das von dem Brande im Gebirge überrascht, mit ihrer Ziege in dem Bette eines Wildbaches sich rettet?«

»Ja, Du hast Recht, Ginesta,« entgegnete Fernand, »und wenn man Dich auch anhält, ist es besser, es geschieht, während Du fern von mir, nicht bei mir bist.«

»Fernand,« sagte das Mädchen ernst, »wenn ich nicht die Gewißheit hätte, Dich zu retten, würde ich bei Dir bleiben, um mit Dir zu sterben; aber ich weiß, daß ich Dich rette, und darum gehe ich. Komm, Maza.«

Ohne auf die Antwort Fernands zu warten, mit einem letzten Abschiedswinke, schwang sich Ginesta von dem Felsen an die Seite des Berges und stieg, leicht wie eine Schneeflocke, mit so sicherem Fuße, wie die ihr vorangehende Ziege in den Abgrund hinab, dessen Fee sie zu, seyn schien.

Fernand bog sich über den Abgrund und sah ihr angstvoll nach, bis sie unten das Bett des Wildbaches erreicht hatte, in welchem sie von Steinblock zu Steinblock hüpfte, wie eine Bachstelze und wo sie bald zwischen den beiden Feuerwänden verschwand.

Zwölftes Capitel.
Der König Don Carlos

Lassen wir Fernand ruhig zwischen der Gefahr, welcher er entgangen ist, und der vielleicht größeren, die ihn bedroht, betreten wir denselben Weg wie Ginesta und gleiten andern brennenden Berge hinunter zu dem Wildbache, wo sie in der Tiefe des Thales verschwunden ist.

Der Bach durchläuft, wie gesagt, eine Strecke von einigen Stunden, wird dann zu einem kleinen Flusse und ergießt sich in den Xenil.

Bis dahin folgen wir ihm indessen nicht, wir verlassen ihn da, wo auch Ginesta ihn ohne Zweifel verlassen hat, nämlich wo er etwa eine Stunde vor Armilla unter einer Brücke hingeht, die auf der Straße von Granada nach Malaga über ihn gespannt ist.

Hier können wir uns nicht mehr irren, denn es ist eine wirkliche Straße.

Und seht, in Gratiada ist großes Fest, auf den tausend Thürmen wehen die Fahnen Castiliens und Aragoniens, Spaniens und Oesterreichs; die siebzigtausend Häuser haben sich geputzt und die dreimalhundertfünfzigtausend Einwohner – in den siebenundzwanzig Jahren, seit die Stadt von den maurischen Königen unter die christlichen gekommen, hatte sie etwa fünfzigtausend verloren – hatten sich in den Straßen aufgestellt, welche von dem Thore von Jaën nach der Alhambra führen, in welcher man dem Könige die Zimmer eingerichtet, die der König Boabdil vor einem Vierteljahrhunderte so ungern verlassen hatte.

Auch war auf dem schattigen Wege, der sanft ansteigt nach dem Gipfel des Sonnenberges, auf welchem die Veste steht und die Alhambra blüht, jener von den Geistern des Orients erbaute Palast, die Volksmenge so zahlreich, daß man sie durch eine Reihe Hellebardiere in Ordnung halten mußte, welche sich bisweilen genöthigt sahen, wenn Zureden nichts half, den Stiel ihrer Lanzen zu gebrauchen, um die Neugierigen auf den verlassenen Platz zurückzudrängen.

Der Abhang, zu dessen beiden Seiten in einem Kieselbett ein frischer murmelnder Bach um so reichlicher fließt, je wärmer die Luft ist, weil dies Wasser am Tage vorher noch wie ein weißer Mantel um die Schultern des Malahacen lag und von schmelzendem Schnee herkommt, der Abhang also war jetzt noch in seiner ganzen Breite frei, denn später erst sollte Don Luiz, Marquis von Mendoza, das, Haupt des Hauses Mondejar, zu Ehren des Kaisers mit blondem Haar und rothem Bart den wappengeschmückten Springbrunnen anlegen, welcher den Weg versperrt, eine riesige Wassergarbe empor wirft, die in Diamantenstaub empor steigt, um in eiskalten Tropfen wieder herabzufallen, und einen Augenblick auf den Blättern der jungen Buchen zu zittern, welche ihre Aeste zu einer den Sonnenstrahlen undurchdringlichen Laube verflochten.

Es war gewiß eine Coketterie der Bewohner von Granada, welche unter den zwanzig oder dreißig Palästen in ihrer Stadt als Wohnung des jungen Königs den Palast erwählten, zu dem man auf diesem schattigen kühlen Wege, gelangt: von dem Thore Granada, wo die Gerichtsbarkeit der Alhambra beginnt, bis an die Pforte des Gerichts, durch welche man in die Veste hinein gelangt, kann kein, Sonnenstrahl sein Auge blenden, und wenn der Gesang der Grillen und Cicaden nicht wäre, könnte er sich hier, sechzig Stunden von Afrika, in den kühlen Schatten seines geliebten Flanderns versetzt glauben.

Freilich würde er in ganz Flandern vergebens nach einem Thore gleich dem suchen, welches um das Jahr 1348 unserer Zeitrechnung der König Yusef Abul Hagiag bauen ließ und welches seinen Namen: »Pforte des Gerichts,« der Sitte der maurischen Könige verdankt, auf der Schwelle ihrer Paläste Recht zu sprechen.

Wenn wir sagen: eine Pforte, so drücken wir uns nicht recht aus; wir sollten sagen: ein Thurm, denn ein wirklicher vierseitiger hoher Thurm ist es mit einem großen herzförmigen Bogen, über welchem der König Don Carlos als ein Beispiel der Unbeständigkeit der menschlichen Dinge jene doppelte maurische Hieroglyphe wird sehen können, die einen Schlüssel und eine Hand vorstellt . . . Hat er seinen gelehrten Lehrer Adrian von Utrecht bei sich, so wird ihm dieser sagen, der Schlüssel sey da, um an den Koranvers zu erinnern, welcher mit den Worten beginnt: er hat geöffnet, die Hand dagegen strecke sich aus, um den bösen Blick zu beschwören, welcher den Arabern und Neapolitanern so schlimme Streiche spielt. Wenn sich dagegen der König nicht an den Cardinal Adrian wendet, sondern an das erste beste Kind, in welchem ihm die olivenbraune Hautfarbe, das große sammtschwarze Auge und die Kehllaute seiner Sprache das maurische Geschlecht verrathen, das er zu verfolgen beginnen und das sein Nachfolger Philipp III. gänzlich aus Spanien verdrängen wird, so wird das Kind ihm antworten, Hand und Schlüssel wären auf den Antrieb eines alten Propheten da angebracht worden, welcher vorausgesagt, Granada werde erst dann in die Gewalt der Christen fallen, wenn die Hand den Schlüssel erfaßt.

Dann wird der fromme König Don Carlos sich bekreuzigend verächtlich über diese lügnerischen Propheten lächeln, welche der Gott der Christen durch den glänzenden Sieg Ferdinands von Aragonien und Isabella‘s von Castilien, seiner väterlichen und mütterlichen Vorfahren, so empfindlich Lügen gestraft.

Ist dieses Thor überschritten, welches man das Himmelsthor nennen könnte, denn, von unten gesehen, scheint es sich unmittelbar in den Himmel zu öffnen, so wird der König Don Carlos auf den großen Platz las Algives gelangen, da einen Augenblick stillhalten, um sich von seinem Pferde über die Brustwehr hinauslehnen können, um in einem grünen Abgrunde die maurische Stadt zu übersehen, die er zuletzt nur einige Tage bewohnt hat und die ihm völlig unbekannt ist; dann wird er auf dem Boden eines Abgrundes den Darro sehen, welcher Granada durchströmt, und den Xenil, der sich um die Stadt herumzieht, den Xenil, der Silber führt, wie der Darro Gold; er wird in der weiten Ebene hin, welche den arabischen Namen der Vega behalten hat, ihren Lauf unter Cactus und Oleander verfolgen können, unter denen sie bisweilen ganz verschwinden, um weiterhin kleiner, geschlängelt und glänzend wie die Seidenfäden, wieder zu erscheinen, welche die ersten Herbstwinde dem Rocken der Mutter unseres Herrn entführen.

Auf diesem Platze, um einen Brunnen her, der mit Marmorplatten belegt ist, wandern die Bevorzugten in Erwartung der Ankunft des Königs, welche mit dem Schlage zwei Uhr Nachmittags erfolgen soll. Einige sind durch den Titel Ricos Hombres geschützt, welchen derselbe König Don Carlos in Granden von Spanien verwandeln wird, wie er den minder pomphaften Titel »Hoheit,« mit welchem die Könige von Castilien und Aragonien bisher sich begnügten, in »Majestät« umwandeln sollte, und die Vorfahren dieser Dons sind Freunde des Cid Campeador, die Vorfahren dieser Señors Gefährten Pelagos gewesen und der geringste unter ihnen – wohlverstanden, dem Vermögen nach, denn nach Geburt wollen alle gleich seyn – hält sich gewiß für so adelig wie der Prinz von Oesterreich, der in ihren Augen nur durch seine Mutter Johanna, die Wahnsinnige, Tochter Isabella’s der Katholischen, Spanier ist, d. h. Hidalgo.

Alle diese alten Castilianer versprechen sich nicht viel Gutes von dem jungen Könige, dessen deutsche Herkunft an seinem blonden Haar, an dem rothen Bart und dem vorstehenden Kinn erkennbar ist; sie haben es nicht vergessen, daß Maximilian, dem für seinen Enkel wenig an dem spanischen Throne, viel aber an der Kaiserkrone lag, seine schwangere Mutter von Valladolid nach Gent kommen ließ, damit sie in dieser Stadt von einem Sohne entbunden werde, welcher nicht blos Infant von Castilien, sondern auch flamändischer Bürger sey. Wenn man ihnen auch sagt, alle möglichen glücklichen-Vorzeichen hätten die Geburt des Kindes begleitet, die am Sonntage, 22. Februar 1500, am Tage des heiligen Mathias erfolgt, und daß Rutilio Benincasa, der größte Astrolog jener Zeit, wunderbare Dinge über ihn in Bezug auf die Geschenke verkündigt, welche ihm durch seine Pathen, den Prinzen von Chimay und die Erzherzogin Margaretha von Oesterreich, an dem Tage übergeben wurden, als sie ihn im Gefolge von sechshundert Knappen, zweihundert Pferden und fünfzehnhundert Fackeln auf Teppichen von dem Schlosse bis zur Cathedrale zur Taufe trugen, in welcher er den Namen Carl erhielt, zum Andenken an seinen ritterlichen Ahnherrn Carl von Burgund, genannt der Kühne. Die beiden Pathen hatten nämlich an diesem Tage dem Kinde, Margaretha von Oesterreich ein Becken von vergoldetem Silber voll Edelsteinen und der Prinz von Chimay einen goldenen Heim mit einem Phönix daraus übergeben, weshalb Rutilio Benincasa gesagt, derjenige, welcher diese kostbaren Geschenke empfangen habe, werde eines Tages König der Länder werden, in welchen man das Gold und die Diamanten finde, und gleich dem Vogel, den er auf seinem Helme trage, der Phönix der Könige und Kaiser seyn. Sie schüttelten alle die Köpfe bei der Erinnerung an das Unglück, welches seine Jugend begleitete und von seinem Eintritt in die Welt an die großartigen Geschicke Lügen zu strafen schien, die man ihm aus Schmeichelei, wie sie sagten, nicht aus wirklicher Kenntniß der Zukunft, verheißen.

Und vom spanischen Standpunkt aus hatten sie allerdings einiges Recht daran zu zweifeln, denn in dem Jahre seiner Geburt und in den ersten Monaten ihrer Schwangerschaft hatte Johanna die ersten Spuren der Krankheit; empfunden, gegen welche sie sich neunzehn Jahre sträubte, ohne sie überwinden zu können und die ihr endlich den traurigen Beinamen in der Geschichte erwarb.

Sechs Jahre nach der Geburt des Infanten, an demselben 22, ebenfalls an einem Sonntage, die ihm so vortheilhaft seyn sollten, hatte Philipp der Schöne, dessen Liebeleien die Eifersucht Johanna’s erregten und endlich sie um den Verstand brachten, nach dem Frühstück in einer Burg in der Nähe von Burgos, die er einem seiner Günstlinge, Don Juan Manuel geschenkt, Ball gespielt, sich dabei erhitzt und ein Glas Wasser verlangt, das ihm durch einen Mann übergeben worden war, welcher weder zum Gefolge des Königs noch zu den Leuten Don Manuels gehörte. Der König hatte dies Wasser getrunken und fast sogleich Schmerzen im Leibe gespürt, was ihn indeß nicht gehindert, Abends sofort nach Burgos zurückzukehren und am andern Tage wiederum auszugehen. Statt aber das Leiden dadurch zu beseitigen, hatte er es verschlimmert, so daß er sich am Dienstag ins Bett gelegt, am Mittwoch vergebens aufzustehen versucht, am Donnerstag die Sprache verlorene und am Freitag den Geist aufgegeben hatte.

Es versteht sich von selbst, daß die eifrigsten Nachforschungen gemacht worden waren, um den Unbekannten wieder zu finden, welcher dem König das Glas Wasser gereicht hatte. Der Mann war nicht wieder zum Vorschein gekommen und alles was man damals über die Sache gesprochen, glich mehr einer Fabel als Wahrheit. So sagte eines der umlaufenden Gerüchte, unter den zahlreichen Geliebten, welche Philipp der Schöne gehabt, befinde sich auch eine Zigeunerin Upaz, die dem Glauben ihrer Genossen zu Folge von der Königin von Saba abstamme, mit einem Fürsten der Zingyri’s verlobt gewesen, als sie aber sich in Philipp verliebt, welcher, wie sein Beiname zeigte, einer der schönsten Männer nicht blos in Spanien, sondern in der ganzen Welt gewesen, die Liebe des Zingaro verschmäht, der sich dadurch gerächt habe, daß er dem König Philipp das Glas eiskalten Wassers gegeben, an welchem derselbe gestorben.

Dieser Todesfall, mochte er nun durch ein Verbrechen herbeigeführt oder auf natürlichem Wege entstanden seyn, versetzte der armen Johanna den entscheidenden Streich.Sie hatte bereits mehre Anfälle von Irrsinn gehabt und verlor nun den Verstand gänzlich. Sie wollte an den Tod ihres Gemals nicht glauben; sie glaubte – man ließ sie auch in dem Irrthume – er schlafe und so legte sie selbst dem Leichname einen Anzug an, der ihn ihrer Meinung nach besser kleide: ein Wams von Drap d’Or, scharlachrothe Beinkleider, einen mit Hermelin gefütterten Mantel, schwarze Sammtschuhe und ein Barett mit einer Krone. So ließ sie den Todten auf ein Paradebett legen und befahl, vierundzwanzig Stunden lang die Pforten des Palastes zu öffnen, das mit ihm Jedermann wie bei Lebzeiten die Hand küssen könne.

Endlich gelang es, sie von dem Leichnam zu entfernen, denselben einzubalsamiren und in einen Bleisarg zu legen. Dann begleitete Johanna, die immer dem schlafenden Gemal zu folgen meinte, den Sarg bis Tordesillas im Königreiche Leon, wo er im Kloster der heiligen Clara beigesetzt wurde.

So wurde die Prophezeiung einer Zauberin verwirklicht, welche den Sohn Maximilians aus Flandern nach Spanien kommen sah und achselzuckend sagte: »König Philipp der Schöne, ich sage Dir, Du wirst todt weiter in Castilien reisen als lebendig.«

Johanna gab die Hoffnung nicht aus, daß er einmal von seinem Todtenbette aufstehen werde, wollte deshalb nicht, daß er in dem Grabgewöibe beigesetzt werde, sondern ließ den Sarg in der Mitte des Chors auf eine Estrade stellen, wo vier Hellebardiere Tag und Nacht Wache hielten und vier Franciscaner, einer an jeder Ecke des Katafalks, unaufhörlich beteten.

Hier hatte der König Don Carlos, als er zwei Jahre vor unserer Geschichte mit sechsunddreißig Schiffen über das Meer gefahren, in Vließingen abgesegelt und in Villa Viciosa gelandet war, seine Mutter wahnsinnig und seinen Vater todt gefunden.

Der fromme Sohn hatte den seit elf Jahren geschlossenen Sarg öffnen lassen, sich über den vollkommen erhaltenen Leichnam gebeugt, ihn ernst und kalt auf die Stirn geküßt, darauf seiner Mutter geschworen sich bei ihren Lebzeiten nicht als König von Spanien anzusehen und seinen Weg nach Valladolid fortgesetzt, um sich da krönen zu lassen.

Bei Gelegenheit dieser Krönung hatten Festlichkeiten und Turniere stattgefunden, an welchen der König in Person Theil genommen; da aber in dem Gedränge acht Herren verletzt worden waren, zwei tödtlich, so hatte der König geschworen, nie wieder die Erlaubniß zu einem Turniere zu geben.

Uebrigens fand sich eine Gelegenheit zu einem wirklichen Kampfe statt eines Scheinkampfes: Saragossa hatte erklärt, es wolle einen spanischen Prinzen zum Könige und werde einem flamändischen Erzherzoge seine Thore nicht öffnen.

Don Carlos nahm die Nachricht mit vollkommener Ruhe auf. Sein blaues Auge verdüsterte sich eine kurze Zeit unter dem zuckenden Lide, dann gab er im gewöhnlichen Tone Befehl gegen Saragossa zu ziehen.

Der junge König ließ die Thore mit Kanonen einschießen, hielt seinen Einzug mit bloßem Schwert in der Hand und führte seine Kanonen mit brennender Lunte hinter sich, die gleich bei ihrem ersten Erscheinen die Bezeichnung »letzter Grund der Könige« verdienten.

Hier nun gab er gegen das Räuberwesen die schrecklichen Befehle, welche gleich den Blitzen des olympischen Zeus Spanien in allen Richtungen durchflogen.

Natürlich verstand derjenige, welcher einmal Carl V. werden sollte, unter Räuberwesen vorzugsweise Aufstand.

Darum gestattete auch der finstere junge Mann, der neunzehnjährige Tiberius, keine Entschuldigung für die Nichtvollziehung seiner Befehle.

Unter Kämpfen jeden Tages, die halb Feste und halb wirkliche Kämpfe waren, erschien am 9. Februar ein Bote in Saragossa. Er hatte wegen Frostes und Thaues achtundzwanzig Tage gebraucht, um aus Flandern anzukommen und brachte die Nachricht, daß der Kaiser Maximilian am 12. Januar 1519 gestorben.

Der Kaiser Maximilian, an sich klein, war durch seine Zeitgenossen, Alexander VI. und Franz I. gezwungen worden auch groß zu werden.

Der Papst Julius II. sagte von ihm: »Die Cardinale und die Chorfürsten haben sich versehen. Die Cardinale machten mich zum Papst, die Churfürsten Maximilian zum Kaiser. Mich hätte man zum Kaiser und Maximilian zum Papste machen sollen.«

Dieser Todesfall versetzte den jungen König in die größte Besorgniß. Wenn er an dem Sterbebette des Kaisers gesessen hätte, wenn die beiden Staatsmänner, von denen, der jüngere der Minister war, einige Schritte nebeneinander auf der Brücke hingegangen wären, welche von der Erde nach dem Himmel führt, und auf einem Ruhepunkte auf dem Wege nach dem Tode die Pläne hätten verabreden können, die der ins Leben Zurückkehrende zu befolgen habe, würde die Erwählung Carls sicherlich nicht zweifelhaft gewesen seyn. Aber es war keine Vorsichtsmaßregel getroffen, so plötzlich und unerwartet war der Tod gekommen, und Don Carlos, welcher den Beistand des Cardinals Ximenes entbehrte, der eben unter seinen habsüchtigen Flamändern gestorben, hatte einen zu schlechten Eindruck, auf das Spanien gemacht, welches er in Zukunft bereichern sollte, das er aber jetzt arm machte, um die unter seinen Füßen hervorwachsende Unzufriedenheit möglichen Fortschritten überlassen zu können. Ging er nach Deutschland, so war er nicht sicher zum Kaiser ernannt zu werden; verließ er Spanien, so blieb er sicherlich nicht König.

Gleichwohl riethen ihm Mehre, sich alsbald einzuschiffen und Spanien zu verlassen. Nur sein Rath Adrian von Utrecht war damit nicht einverstanden.

Der Kampf bestand zwischen Franz l. von Frankreich und ihm.

Wenn nun auch Don Carlos nicht selbst abreiste, gingen doch mehre seiner eifrigsten Anhänger mit seiner königlichen Vollmacht ab.

An den Papst Leo X. wurde insgeheim ein Courier gesandt.

Welche Instructionen nahm dieser geheime Bote mit sich? Vielleicht erfahren wir es später.

Unterdeß und damit der Bote, welcher ihm die Nachricht von der Wahl überbringe, nicht achtundzwanzig Tage brauche, um zu ihm zu gelangen, kündigte Don Carlos an, er werde eine Reise in die südlichen Provinzen machen und Sevilla, Cordova und Granada besuchen.

Der Bote brauchte nur über die Schweiz und Italien zu gehen, in Genua sich einzuschiffen und in Valencia oder Malaga zu landen. Zwölf Tage nach der Wahl konnte Don Carlos das Resultat kennen.

Auch hatte man ihm gesagt, in der Sierra Morena und der Sierra Nevada hausten Banditen. Er wollte wissen, ob es Räuber oder Rebellen wären.

Daher der Befehl die Sierra zu säubern, welchen Befehl man in Bezug auf den Salteador durch das rasch wirkende Mittel ausgeführt hatte, Feuer im Gebirge anzuzünden.

Dreizehntes Capitel.
Don Ruiz de Torillas

Während es auf dem Gebirge brannte, erwartete man den König Don Carlos in Granada.

Sein Einzug sollte, wie wir schon erwähnten, um zwei Uhr Nachmittags stattfinden; es fehlten nur noch einige Minuten an der bestimmten Stunde und während man wartete, daß der Enkel Isabella’s und Ferdinands in dem Bogen des maurischen Thores gleich einer Reiterstatue erscheine, gingen die Herren aus den ersten Familien Andalusiens auf dem Platze Las Algires umher.

Unter allen diesen adeligen Herren, die allein oder paarweise hin und herwandelten, laut und in Gruppen oder leise und bei Seite sprachen, zeichnete sich einer namentlich durch seine stolze Haltung, aber auch durch seine, tiefe Betrübniß aus.

Er saß auf dem Marmorrande des Brunnens in der Mitte des Hofes.

Sein Haupt, das auf die hohle Hand gestützt und auf die Seite geneigt war, so daß sein schwermüthiger Blick in die Bläue des Himmels hineinschauen konnte, bedeckte einer der breitkrämpigen Hüte, denen die neuern in veränderter Form den Namen Sombrero entlehnt haben; sein Haar fiel in weißen Locken auf die Schultern; sein grauer Bart war unten gerade geschnitten und an seinem Halse hing jener Orden in Form eines Kreuzes, welchen Isabella und Ferdinand nach der Einnahme Granada’s eigenhändig an die vertheilt, welche sich bei der Vertreibung der Mauren besonders ausgezeichnet hatten.

Obgleich das gedankenvolle Aussehen des trübsinnigen Mannes die unbescheidene Neugierde und die geschwätzige Sorglosigkeit fern hielten, betrachtete ihn doch ein Mann ziemlich von gleichem Alter seit einem Augenblicke mit Aufmerksamkeit, als wolle er sich überzeugen, daß er sich in der Person nicht irre.

Eine Bewegung, welche der alte Herr machte, indem er seinen Hut abnahm und seinen Kopf schüttelte, als wolle er die Last der großen Betrübniß von sich entfernen, welche die stärksten Nacken der Sterblichen beugt, ließ dem ihn Musternden keinen Zweifel mehr.

Er trat deshalb zu ihm und nahm den Hut ab.

»Da ich von meiner ersten Kindheit an,« sagte er, »euer Freund bin, so würde es Unrecht von mir seyn, wenn ich bei dem Anblicke eurer Traurigkeit Euch nicht die Hand reichte und zu Euch sagte: Don Ruiz de Torillas, worin kann ich Euch dienen, womit Euch nützen, welchen Befehl habt Ihr mir zu ertheilen?«

Bei den ersten Worten, die der Freund sprach, richtete Don Ruiz de Torillas den Kopf empor, und da er den Sprechenden erkannte, reichte er ihm die Hand.

»Ich bin Euch verbunden, Don Lopez d’Avila,« sagte er. »Ja, wir sind in der That alte Freunde und Ihr beweiset mir durch euer Anerbieten, daß Ihr auch ein treuer Freund seyd. Wohnt Ihr noch in Malaga?«

»Immer, und Ihr wisset, daß Ihr in der Nähe und in der Ferne, in Malaga wie in Granada, über mich verfügen könnt.«

Don Ruiz verbeugte sich.

»Hattet Ihr, als Ihr Malaga verließet, euren und meinen alten Freund, Don Inigo, lange nicht gesehen?«

»Ich sah ihn alle Tage. Von meinem Sohne, Don Ramiro, hörte ich, Don Inigo und dessen Tochter wären gestern hier angekommen, nachdem sie große Gefahren im Gebirge überstanden, wo sie durch den Salteador angefallen werden.

Don Ruiz erbleichte und schloß die Augen. Nach einem Augenblicke aber, in welchem er mit großer Willenskraft sich gesammelt, sagte er:

»Sie sind ihm aber entgangen?«

»Der Bandit, welcher die Keckheit hat sich einen Edelmann zu nennen, benahm sich wie ein Fürst gegen sie, wie mir mein Sohn erzählt hat; er entließ sie ohne Lösegeld und selbst ohne Versprechen, was um so mehr sagen will, da Don Inigo der reichste Mann und Dona Flor das schönste Mädchen in Andalusien ist.«

Don Ruiz seufzte und sagte:

»Das that er? Um so besser.«

»Aber ich spreche da von meinem Sohne und vergesse nach dem eurigen, Don Fernand, zu fragen; ist er noch immer auf Reisen?«

»Ja,« antwortete Don Ruiz mit fast erloschener Stimme.

»Jetzt wäre es eine schöne Gelegenheit, ihn an den Hof des neuen Königs zu bringen. Ihr seyd vom ältesten Adel in Andalusien und wenn Ihr den König Carl um eine Gnade ersuchtet, würde er sie auch aus Politik sicherlich gewähren, obgleich er immer nur seine Flamänder im Auge hat.«

»Ich habe den König allerdings um eine Gnade zu bitten,« antwortete Don Ruiz; »aber ich zweifle, ob er sie mir gewährt.«

In diesem Augenblicke schlug es zwei Uhr.

Während der Schlag dieser Stunde nur die Vertheilung des Wassers anzeigte, hatte er diesmal eine andere Bedeutung. Nicht nur stürzten sich wie gewöhnlich alle Gewässer in ihre Canäle und spritzten in den Springbrunnen auf, gleichzeitig verkündeten auch schmetternd alle Trompeten, daß der König Don Carlos den Weg zur Alhambra heraufkomme; darauf eilten auch Alle nach dem Thore Yusefs, um zugegen zu seyn, wenn er vom Pferde steige.

Don Ruiz de Torillas blieb allein da, wo er sich befand, nur stand er auf. Don Lopez folgte den andern Herren.

Mit einem Male erschien denn auf seinem großen Schlachtrosse, mit Stahl gewappnet wie zum Kampfe, der König selbst, der eine mit Gold eingelegte vollständige Rüstung trug.

Nur sein Haupt war unbedeckt, als wolle er die Spanier durch den Anblick dessen überraschen, was am wenigsten spanisch an ihm war.

Wie gesagt, der Sohn Philipps des Schönen und Johanna’s der Wahnsinnigen hatte in seinem Gesichte nichts von dem castilianischen Typus, denn es war ganz nach den Formen Oesterreichs gebildet. Er war klein von Gestalt, untersetzt und der Kopf saß ihm ziemlich tief zwischen den Achseln; mußte er den Kopf mit dem kurz geschnittenen blonden Haar, dem rothen Bart, den blauen blinzelnden Augen, der Adlernase, den rothen Lippen und dem vorstehenden Kinne emporrichten und ihn gerade und steif halten, wie ihn ein stählerner Kragen nöthigte, so hatte er, besondere im Gehen, etwas Steifes und Ungelenkes, das verschwand, sobald er, der treffliche Reiter, sein Pferd tummelte, denn dann war der Reiter um so schöner, je feuriger das Pferd.

Man kann sich denken, daß ein solcher Fürst, der körperlich nichts von den Don Pedros, Don Enricos, Don Ferdinands hatte, sondern ganz habsburgisch aussah, von den Spaniern und besonders von den Andalusiern nicht außerordentlich begeistert aufgenommen wurde.

Die Trompeten verdoppelten allerdings bei seiner Ankunft ihr Schmettern, vielleicht weniger zu Ehren des Enkels Isabella’s und Ferdinands, als um durch ihre rauschenden Fanfaren das Schweigen der Menschenstimmen vergessen zu lassen.

Der König blickte kalt und ernst auf die Menschen und die Oertlichkeiten und verrieth keine Ueberraschung, obgleich ihm beide ganz fremd sein mußten und waren. Dann hielt er sein Pferd an und stieg ab, nicht um in nähere Berührung mit seinem Volke zu kommen, sondern weil es in dem vorher festgesetzten Ceremoniell stand, daß er zu dieser Zeit absteige.

Er erhob nicht einmal den Kopf, um das schöne maurische Thor anzusehen, durch das er kam, er wendete ihn nicht, um an der kleinen Seitencapelle die Aufschrift zu lesen, die anzeigte, daß am 6. Januar 1492 sein Großvater Ferdinand und seine Großmutter Isabella durch dieses Thor gekommen und ihm triumphirend, unter dem vom Siege ihrer Fürsten berauschten Volke, den Weg vorgezeichnet, dem er siebenundzwanzig Jahre später ernst und düster unter der schweigenden Ehrfurcht folgte, welche die Könige begleitet und deren gute Eigenschaften man noch nicht kennt, wohl aber die Mängel.

Ein Gedanke kochte unaufhörlich in diesem Gehirne, wie Wasser kocht in einem eisernen Gefäße, ohne daß man außen etwas davon bemerkt. Dieser Gedanke war das heiße Verlangen nach dem Kaisertitel.

Was konnte das ehrgeizige Auge sehen, das durch die weite Ferne hinweg auf die Stadt Frankfurt gerichtet war, wo die große Churfürstenversammlung gehalten wurde, auf welche ebenso wie Don Carlos der Papst, die Könige, alle Fürsten und alle Großen der Welt die Augen richteten?

»Wirst Du Kaiser werden, das heißt so groß als der Papst, größer als die Könige?« flüsterte ewig die Stimme des Ehrgeizes in dem Herzen des Don Carlos.

Was lag ihm an den andern menschlichen Stimmen? Nur um der Etikette zu gehorchen also, nicht aus augenblicklichem Drange, nicht um sich den Herren zu nähern, die ihn umringten, stieg der König Don Carlos von dem Pferde.

Augenblicklich folgte sein niederländisches Gefolge seinem Beispiele.

Dieses Gefolge bestand namentlich aus dem Cardinal Adrian von Utrecht, seinem Lehrer, aus dem Grafen von Chiëvre, seinem ersten Minister, aus dem Grafen von Lachan, dem Grafen von Porcian, dem Herrn von Turnes, dem Herrn von Beaurain und dem Holländer Amersdorf.

Von seinem Pferde herab hatte dennoch der Blick des Königs eine Gruppe von Herren bemerkt, die mit bedecktem Haupte stehen blieben, während die Andern mit entblößten Häuptern dastanden.

Nur diese Gruppe schien seine Aufmerksamkeit zu erregen.

»Ricos hombres,« sagte er und winkte mit der Hand denen, die er anredete, ihm zu folgen, doch erst nach den flandrischen Herren.

Die andalusischen Adeligen verbeugten sich, nahmen die ihnen angewiesenen Plätze ein, aber wie Leute, die eben nur einem gegebenen Befehle gehorchen.

So ging der König voraus, nach dem Palaste Alhambra zu, der, von dem Platze las Algires gesehen, nur wie ein großes vierseitiges Gebäude mit einer Thür und ohne, Fenster aussieht.

Don Carlos ging mit entblößtem Haupts ein Page trug ihm den Helm nach.

Der Weg war frei.

Ein einziger Mann stand mit dem Hut auf dem Haupte in diesem Wege.

Der König that als beachte er ihn nicht, ließ ihn aber nicht aus den Augen, und würde ohne Zweifel vorübergegangen seyn, ohne nach ihm hinzublicken, oder stehen zu bleiben, wenn nicht der Mann, ohne den Hut abzunehmen, bei der Annäherung des Königs sich auf ein Knie niedergelassen hatte.

Der König blieb stehen.

»Ihr seyd rico hombre?« fragte er.

»Ja, Sire.«

»Von Aragonien oder Castilien?«

»Von Andalusien.«

»Ohne Verwandtschaft mit den Mauren?«

»Aus altem und reinem christlichen Blute.«

»Wie heißt Ihr?«

»Don Ruiz de Torillas.«

»Steht auf und sprecht.«

»Nur das Ohr des Königs allein kann vernehmen, was ich dem Könige zu sagen habe.«

»Tretet zurück,« sagte Don Carlos und er winkte mit der Hand.

Alle traten so weit zurück, daß sie nicht hören konnten, was gesprochen wurde, und bildeten einen weiten Halbkreis, vor welchem der König und Don Ruiz standen.

»Ich bin zu hören bereit,« sagte der König.

Vierzehntes Capitel.
Der Oberrichter

»Sire,« begann Don Ruiz, indem er aufstand, »verzeiht, wenn meine Stimme bebt, aber ich bin voll Verlegenheit und Bangen, daß ich Euch um eine Gnade gleich der zu bitten habe, die mich zu Euch führt.«

»Sprecht langsam, damit ich Euch wohl verstehe, Señor.«

»Ja,« antwortete Don Ruiz mit mehr Stolz als Höflichkeit, »ich vergaß, daß die spanische Sprache Ew. Hoheit noch nicht geläufig ist.«

»Sie wird es werden,« entgegnete Don Carlos kalt, und nach einer Pause setzte er hinzu: sich bin bereit Euch anzuhören.«

»Sire,« fuhr Don Ruiz fort, »ich habe einen Sohn von siebenundzwanzig Jahren. Er liebte eine Dame, da er meinen Zorn fürchtete, denn ich habe mir den Vorwurf zu machen, gleichzeitig zu gleichgültig und zu streng gegen ihn gewesen zu seyn, so verlobte er sich mit ihr ohne meine Erlaubniß und obwohl sie ihm die Rechte eines Gatten zugestanden, verschob er es doch von Tag zu Tage, sie, wie er versprochen, öffentlich für seine Gattin zu erklären. Die Dante beklagte sich gegen ihren Vater. Der Vater war alt und da er in seinen Armen nicht die Kraft fühlte, gegen den Jüngling zu kämpfen, übertrug er die Rache seinem Sohne, Don Alvar. Don Alvar hörte nicht auf die Entschuldigungen meines Sohnes – der sich bei dieser Gelegenheit ruhiger und achtungswerther benahm, als von seinem Charakter zu erwarten war; die beiden Jünglinge trafen einander im Zweikampfe und Don Alvar wurde getödtet.«

»Ein Zweikampf fiel Don Carlos ein. »Ich liebe den Zweikampf nicht.«

»Es gibt Umstände, Hoheit, in welchen ein Mann von Ehre nicht zurücktreten kann, besonders wenn er weiß, daß er nach dem Tode seines Vaters das Recht haben wird, seinem Könige Rechenschaft von seinen Thaten zu geben und mit bedecktem Haupte ihn um Gnade zu bitten.«

»Ja, ich weiß, daß dies ein Vorrecht der ricos hombres ist. Ich werde das weiter ordnen. Fahrt fort.

»Der Zweikampf fand ohne Zeugen statt.« Der Vater Don Alvars klagte meinen Sohn des Mordes an und erlangte einen Haftsbefehl gegen ihn. Drei Alguazils erschienen bei ihm und wollten ihn am hellen Tage mit Gewalt in das Gefängniß führen. Mein Sohn tödtete zwei, verwundete den dritten und entfloh in das Gebirge.«

»Ah,« sagte Don Carlos und nannte zum ersten Male Don Ruiz Du, mehr aber zum Zeichen der Drohung als der Milde, »das heißt, Du bist ein rico hombre, aber dein Sohn ist Bandit.«

»Sire, der Vater ist gestorben und mit ihm sein Zorn. Die junge Dame ging in ein Kloster und ich bezahlte für sie, als sey sie eine königliche Prinzessin. Sire, ich habe mich mit den Familien der beiden Alguazils, die getödtet wurden, und der des Verwundeten verglichen; aber bei diesen Vergleichen habe ich mein ganzes Vermögen aufgewendet, so daß mir von dem väterlichen Erbe nichts geblieben ist, als das Haus auf dem Platze der Riva Rambla. Es ist gleichgültig, denn der Blutpreis ist bezahlt, und wenn Ew. Hoheit ein Wort spricht, richtet sich die Ehre des Namens auf dem Trümmern des Vermögens wieder auf.«

Don Ruiz schwieg, als er aber sah, daß der König nichts entgegnete, fuhr er fort: »Ich flehe Euch also auf meinen Knien an, Hoheit; ich beschwöre Euch, Sire, tausend und aber tausendmal, meinem Sohn zu verzeihen, da die klägerische Partei zufrieden gestellt und nur noch eure königliche Gewalt gegen ihn ist.«

Der König antwortete nicht und Don Ruiz fuhr fort:

»Diese Vergebung, Sire, ich wage es zu sagen, verdient er,,vielleicht nicht seinetwegen, obgleich, ich wiederhole es, große Schuld mir zufällt, aber wohl wegen seiner Ahnen, die Euch alle durch meine Stimme zurufen: verzeihet, Sire, verzeihet!«

Don Carlos schwieg noch immer, als wenn er gar nicht mehr aus den Bittenden hörte, so daß Don Ruiz sich tief verbeugend und dringender fortfuhr:

»Sire, Sire, blicket auf unsere Geschichte und Ihr werdet Helden aller Art in meiner Familie finden, denen die Könige von Spanien Ruhm und Ehre verdanken. Sire, habt Mitleid mit meinem weißen Haar, mit meinen Bitten, mit meinen Thränen. Und wenn dies nicht genügt euer Herz zu rühren, so erbarmt Euch einer edlen Dame, einer unglücklichen Mutter. Sire, Sire, Ihr seyd, was Ihr seyd durch eure glückliche Besteigung des spanischen Thrones, durch eure Mutter Johanna, durch eure Vorgänger Isabella und Fernand, denen ich treu und muthig gedient habe, wie das Kreuz bezeugt, das ich an Halse trage . . . gewährt mir die Gnade, um die ich bitte.«

Der König richtete das Haupt empor; die Wolke, die über seinem Blicke zu liegen schien, verzog sich, aber mit kalter und empfindungsloser Stimme sprach er:

»Das ist nicht meine Sache. Wendet Euch an den Oberrichter von Andalusien.«

Und er ging weiter.

Die flamändischen und spanischen Herren folgten ihm und verschwanden hinter ihm in dem Palast der Alhambra.

Don Ruiz blieb allein, wie vernichtet, auf dem Platze las Algires zurück.

Doch nein, nicht allein; einer der Herren aus dem Gefolge des Don Carlos bemerkte den Greis, der gebückt unter der Last der königlichen Weigerung dastand, er blieb zurück, folgte den Anderen nicht in das Innere des maurischen Palastes, sondern wendete sich schnell zu Don Ruiz de Torillas, blieb mit dem Hute in der Hand vor dem alten Herrn stehen, der so ganz in seine traurigen Gedanken versunken war, daß er die Ankunft des Andern nicht bemerkte, und sagte:

»Wenn ein Edelmann auf die Ehre hält, sich seiner alten Bekanntschaften zu erinnern, mein lieber Don Ruiz, so empfangt den Gruß eines Mannes, der Euch mit aller Freundschaft zugethan ist.«

Don Ruiz richtete langsam sein trauriges Haupt empor, kaum aber hatte sein Auge den erblickt, welcher ihm in so freundlicher Weise den Gruß bot, als ein Blick der Freude über seine Züge leuchtete.

»Ah, Ihr seyd es, Don Inigo,« sprach er; »ich freue mich, Euch die Hand zu bieten, aber unter einer Bedingung.«

»Unter welcher Bedingung?«

»Daß Ihr mein Gast seyd, so lange Ihr in Granada verweilet. Ich nehme keine Entschuldigung an, sage ich Euch in voraus.«

Don Inigo lächelte.

»Ich habe auch eure Einladung gar nicht abgewartet, Don Ruiz, und meine Tochter Dona Flor befindet sich in diesem Augenblicke bei Dona Mercedes, die ihr trotz unsern Bitten ihr eigenes Zimmer überlassen hat.«

»Die Frau hat in Abwesenheit des Mannes gethan, was der Mann in Abwesenheit der Frau gethan haben würde. Alles geht also unten gut; könnte ich dasselbe auch von hier sagen!« setzte er nach einiger Zeit leise hinzu.

So leise er gesprochen, Don Inigo hatte es gehört.

Uebrigens hatte er, wie alle andern Herren, Don Ruiz vor dem Könige Don Carlos knieen sehen, als bitte er um eine Gnade und diese Gnade war, wie man recht wohl hatte errathen können, abgeschlagen worden.

»Ihr scheint allerdings bei unserem jungen Könige nicht glücklich gewesen zu seyn, mein lieber Don Ruiz,« sagte er.

»Ha, der König Don Carlos gesteht selbst, daß er das Spanische noch nicht hinreichend versteht, und ich meinerseits läugne nicht, daß ich niemals flämisch verstanden habe.« Nach einigem Zögern setzte er mit fast zitternder Stimme hinzu: »Hoffentlich hat die üble Begegnung gestern im Gebirge keinen nachtheiligen Einfluß aus Ihre Gesundheit gehabt.«

»Ihr wisset davon schon?« fragte Don Inigo.

»Ja, Señor. Was einem Mann von eurer Bedeutung widerfährt, ist ein Ereigniß, das Adlerflügel hat. Don, Lopez hat mir gesagt« – und hier zitterte die Stimme des Don Ruiz noch mehr – »Don Lopez hat mir gesagt, Ihr wäret durch den Salteador angehalten worden.«

»Hat er Euch auch gesagt, daß der so gefürchtete Banditenführer sich gegen uns als Edelmann und nicht als Bandit benommen hat, daß er, der gegen Andere Löwe und Tiger ist, für uns ein Lamm war?«

»Er hat mir etwas davon gesagt und ich freue mich, daß Ihr mir die Sache bestätiget.«

»Ich bestätige sie, ja und füge hinzu, daß ich meiner Schuld gegen den jungen Mann nicht ledig zu seyn glauben werde, bis ich das Versprechen erfüllt, das ich ihm gegeben.«

»Und,« fragte Don Ruiz zögernd, »darf ich wissen, worin dies Versprechen besteht?«

»Ich habe ihm bei meinem heiligen Schutzpatrone geschoren, weil ich eine wirkliche Theilnahme für ihn empfand, dem Könige Don Carlos nicht Ruhe zu lassen, bis er mir seine Begnadigung gewährt hat.«

»Er wird sie Euch versagen,« entgegnete Don Ruiz kopfschüttelnd.

»Warum?«

»Ihr wolltet eben wissen, was ich von dem Könige erbeten habe?«

»Nun?«

»Ich bat um diese Begnadigung.«

»Ihr?«

»Ja.«

»Und warum nehmt Ihr Antheil an dem jungen Manne? Sagt es mir, Don Ruiz, denn ich werde um so thätiger seyn, wenn ich weiß, daß ich zugleich für einen alten und für einen jungen Freund bitte.«

»Gebt mir eure Hand, Don Inigo.«

»Hier ist sie.«

»Der junge Mann ist – mein Sohn.«

Don Ruiz fühlte, daß die Hand Don Inigo’s in der seinigen zuckte.

»Euer Sohn?« fragte er kaum vernehmlich. »Euer und der Dona Mercedes Sohn?«

»Allerdings,« antwortete Don Ruiz mit bitter-traurigem Lächeln, »da Dona Mercedes meine Frau ist.«

»Und was antwortete der König?«

»Nichts.«

»Gar nichts?«

»Weniger als nichts, er gab mir eine abweisende Antwort.«

»Gebt sie mir genauer an.«

»Er wies mich an den Oberrichter von Andalusien.«

»Nun?«

»Der Oberrichter von Andalusien war Don Rodrigo von Calmenare und Don Rodrigo ist todt.«

»Don Rodrigo von Calmenare ist todt, aber vor acht Tagen hat der König einen Nachfolger ernannt und dieser Nachfolger ist gestern in Granada angekommen.«

»In Granada?«

»Ja, und ich stehe Euch dafür, ich, Don Ruiz, hört wohl, ich stehe Euch dafür, daß Ihr Eurer selbst nicht sicherer seyd als dessen, den der König ernannt hat.«

Don Ruiz wollte seinen ehemaligen Kriegsgefährten weiter fragen, dessen Vertrauen auf die Vorsehung und auf den Oberrichter von Andalusien ihn ein wenig zu beruhigen begann, als ein Diener an der Pforte des Palastes erschien, von welcher man kaum zwanzig Schritte entfernt war, und mit starker Stimme rief:

»Don Inigo Velasco de Haro, Oberrichter von Andalusien, der König verlangt nach Euch.«

»Ihr, Don Inigo,« rief Don Ruiz im höchsten Erstaunen aus, »Ihr Oberrichter von Andalusien?«

»Hatte ich Euch nicht gesagt,« entgegnete Don Inigo, der dem alten Freunde nochmals die Hand reichte, »daß Ihr auf den Oberrichter von Andalusien wie auf Euch selbst rechnen könntet, ja sicherer noch, da ich ja der Nachfolger des Don Rodrigo von Calmenare bin?«

Da er den König nicht warten lassen zu dürfen glaubte, von dem er eine Gnade zu erbitten hatte, beeilte sich Don Inigo dem Befehle des Don Carlos so schnell nachzukommen, als es die Würde eines spanischen rico hombre erlaubte.

Fünfzehntes Capitel.
Der Löwenhof

Man erlaube uns nun dem Oberrichter in den Palast der Maurenkönige hinein zu folgen, welchen der König Don Carlos zum ersten Male betreten hatte und den unsere Leser vielleicht niemals gesehen haben.

Don Inigo folgte dein Diener, welcher ihn im Auftrage des Königs gerufen hatte, und ging über den ersten Hof, welchen man wegen der vielen da blühenden Myrthen den Myrthenhof, wegen des großen Bassins in der Mitte den Hof des Wasserbehälters oder auch den Hof des Mezuar oder des Frauenbades nannte, weil zur Zeit der Califen in jenem Bassin die Frauen des Palastes sich badeten.

Wenn die Gedanken und das Gemüth des Don Inigo nicht gleichzeitig vollständig bereits in Anspruch genommen gewesen wären, würde er sicherlich, ob er gleich in seinem Wanderleben Bauwerke der alten und neuen Welt gesehen hatte, in diesem ersten Hof stehen geblieben seyn, auf dessen Schwelle der Reisende noch heutigen Tages erstaunt und zögernd stehen bleibt; denn er ahnt, daß er in die unbekannte und geheimnißvolle Welt des Orients eintritt.

So aber erhob Don Inigo kaum den Kopf, um die herrliche riesige Vase zu betrachten, welche die spanische Sorglosigkeit jetzt in einem Winkel des Museums verderben läßt, welches Niemand besucht und welche damals den Hauptschmuck dieses Hofes bildete, den, über die Balken von Cedernholz und die vergoldeten Ziegel der Dächer hinweg, der Thurm von Comare überragte, dessen Zinnen in Roth und Gelb an dein klaren blauen Himmel scharf hervortraten.

Aus diesem Hofe trat Don Inigo in das Vorzimmer der Barca und aus diesem in den Gesandtensaal; aber weder die Seltsamkeit der Form, nach welcher man das Vorzimmer nach der Barke benannt hat, noch die verschlungenen Arabesken, weiche die Wände bedecken, noch die kostbare grün, himmelblau und roth bemalte Deckenarbeit, die hier mit der wunderbaren Zartheit, mit welcher die geduldige Natur in tausend Jahren Stalaktiten schafft, in dem Stucco angebracht ist, konnte Don Inigo einen Augenblick von den ihn ausschließlich beschäftigenden Gedanken abziehen.

Er ging schweigend und schnellen Schrittes an dem reizenden Pavillon vorüber, welcher jetzt der Tocador der Königin heißt, von dessen Fenstern man das Generalife gleich einem riesigen Oleanderbusche bemerkt, auf dem Pfauen gleich Vögeln von Saphir und Gold sitzen und die weißen Marmorplatten betreten, riesige Räuchergefäße voll kleiner Löcher, wo sich die Sultane nach dem Bade parfumirten; dann schritt er, ohne stehen zu bleiben, durch den Garten Lindacaja’s, der jetzt ein mit Gebüsch bedeckter Boden ist, sonst aber von Blumen glänzte und duftete, ließ zu seiner Linken das Bad der Sultane, noch lau von dem Athem der schönen »Herzenskette« und der stolzen Zobeida, und wurde in den Löwenhof geführt, wo ihn der König erwartete.

Der Löwenhof ist so oft beschrieben worden, daß es für uns fast nutzlos ist, ihn noch einmal zu beschreiben, wir begnügen uns deshalb, nur flüchtig seine Form und seinen Hauptschmuck anzugeben.

Der Löwenhof ist ein hundertundzwanzig Fuß langer und dreiundsiebzig Fuß breiter vierseitiger Raum, umgeben von hundertachtundzwanzig weißen Marmorsäulen mit Capitälern in Gold und Blau.

Achtundzwanzig Fuß hohe Galerien ziehen sich rund um den weiten Hof, in dessen Mitte der berühmte Löwen-Springbrunnen steht.

Als Don Inigo in den Löwenhof geführt wurde, war derselbe in ein Zelt verwandelt und mit breiten Zeugstreifen in Roth, Schwarz und Gelb bedeckt, welche die Farben Spaniens und Oesterreichs bildeten und sowohl das zu grelle Licht als die zu heiße Glut der Sonne milderten.

Der Löwen-Springbrunnen, welcher das Wasser aus allen seinen Oeffnungen warf, diente übrigens auch zur, Abkühlung des unermeßlichen Speisesaales, in welchem das Mahl aufgetragen war, welches die Stadt Granada und die ricos hombres Andalusiens dem jungen Könige Don Carlos boten.

Die Tischgäste gingen theils in dem Hofe selbst, theils in dem anstoßenden Saale der beiden Schwestern, theils endlich auf den Galerien am Hofe umher.

Don Carlos, der den Kopf an einen der goldenen Löwen lehnte, hörte seinen ersten Minister, Grafen von Chiëvre, an, während er auf die rothen Flecke in dem Granit blickte, welche die Spuren von dem Blute der sechsunddreißig Abencerragen seyn sollen, die da enthauptet wurden.

An was dachte Don Carlos und warum entsprach sein zerstreuter Blick so wenig den Worten seines ersten Ministers? Er vergaß, daß er in Granada, in dem Löwenhofe sey, und seine Gedanken trugen ihn nach Frankfurt unter die Churfürsten; die Sagen von den maurischen Bürgerkriegen, so poetisch sie auch waren, konnten vor der Frage nicht aufkommen, die jeder Pulsschlag seines Herzens ihm zurief: »Wer wird Kaiser von Deutschland werden? Du oder Franz I.?«

In diesem Augenblicke trat der Diener zu dem Könige und meldete, daß der Oberrichter von Andalusien ihm folge.

Don Carlos richtete den Kopf empor, ein Blitz leuchtete in seinen Augen auf und als wolle er sich von dem Kreise der flandrischen Günstlinge absondern und sich den Gruppen der spanischen Herren im Hofe nähern, ging er dem entgegen, welchen er hatte rufen lassen.

Da Don Inigo den König auf sich zukommen sah, errieth er die Absicht desselben, blieb stehen und erwartete, daß der König ihn anredete.

»Du kennst Don Ruiz de Torillas?« fragte Don Carlos den Oberrichter.

»Ja, Hoheit, er gehört zu dem ersten Adel Andalusiens und machte mit mir den Krieg gegen die Mauren mit unter euren erlauchten Großeltern Ferdinand und Isabella.«

»Du weißt auch was er von mir erbeten hat?«

»Er hat Ew. Hoheit um die Begnadigung seines Sohnes Fernand gebeten.«

»Du weißt, was sein Sohn gethan hat?«

»Er tödtete im Zweikampfe den Bruder seiner Geliebten.«

»Dann?«

»Er tödtete zwei der Alguazils, die ihn verhaften sollten, und verwundete den dritten.«

»Dann?«

»Er floh in das Gebirge.«

»Dann?«

Als Don Carlos zum dritten Male dieses Wort aussprach, hefteten sich seine gewöhnlich glanzlosen und umschleierten Augen mit der Festigkeit des Eigensinnes und dem Glanze des Genies auf die Augen Don Inigo’s.

Dieser trat einen Schritt zurück; er hatte nicht geahnt, daß ein sterbliches Auge einen so bedeutenden Blitz zu schleudern vermöge.

»Dann?« wiederholte er stammelnd.

»Ja, ich frage Dich, was er im Gebirge that?«

»Sire, ich muß gestehen, daß er in dem Ungestüm seiner Jugend . . .«

»Er ist Räuber geworden, er plündert die Reisenden, so daß der, welcher von meiner Stadt Granada nach meiner Stadt Malaga oder umgekehrt reisen will, sein Testament machen muß, bevor er aufbricht.«

»Sire!«

»Was meinst Du, mein Oberrichter, was ist mit diesem Banditen zu thun?«

Don Inigo erbebte, denn es lag in der Stimme dieses neunzehnjährigen Königs ein Ton der Unbeugsamkeit, der ihn für die Zukunft seines Schützlings besorgt machte.

»Ich glaube, Sire, der Jugend ist viel zu verzeihen.«

»Wie alt ist Don Fernand de Torillas?« fragte der König.

Don Inigo besann sich auf eine ihm schmerzliche Zeit und antwortete mit einem Seufzer:

»Er muß siebenundzwanzig Jahre alt seyn.«

»Acht Jahre älter als ich,« sagte Don Carlos und der Ton, in welchem er sprach, bedeutete: »Du nennst einen Mann von siebenundzwanzig Jahren jung; ich bin neunzehn alt.«

»Sire,« antwortete Don Inigo, »das Genie hat Ew. Hoheit vor der Zeit alt gemacht und der König Don Carlos darf die Andern nicht nach seiner Größe messen, nicht in seiner Wage wägen.«

»So lautet deine Meinung als Oberrichter. . .«

»Ich meine, Sire, es liege hier ein eigenthümlicher Fall vor. Don Fernand ist schuldig, aber es liegen Gründe vor, ihm zu verzeihen; er gehört einer der ersten Familien in Andalusien an; sein Vater, ein würdiger, ehrenwerther Mann, hat alle Bedingungen erfüllt, welche von der Familie des Opfers des Mörders gewöhnlich gefordert werden, und es dürfte gut seyn für den König Don Carlos, seine Reise durch Andalusien durch eine Handlung der Barmherzigkeit zu bezeichnen.«

»Das ist deine Meinung, Don Inigo?«

»Ja, Sire,« antwortete dieser schüchtern, indem er die Augen vor dem Adlerblicke des jungen Königs niederschlug.

»Dann bedaure ich, Don Ruiz an Dich gewiesen zu haben . . . Ich behalte mir die Sache vor und werde sie mit meinem Gewissen ausmachen.«

Darauf wendete er sich an die ihm zunächst stehende Gruppe und sagte:

»Nun zu Tische, Ihr Herren! Mein Oberrichter da, Don Inigo Velasco, meint: ich sey ein zu strenger Richter und ich möchte ihm sobald als möglich beweisen, daß ich keineswegs ein Richter, sondern die Gerechtigkeit bin.«

Zu Don Inigo sagte er, der durch den gewaltigen Willen des kaum der Kindheit entwachsenen Jünglings ganz betäubt war:

»Setze Dich zu meiner Rechten, Don Inigo. Nachdem Mahle besuchen wir mit einander das Gefängniß in Granada; dort werden wir Gelegenheit finden Gnade zu üben, die mehr verdient ist als jene, welche Du von mir erbittest.«

Er trat darauf zu dem Stuhle, der ihm bestimmt war, legte die Hand auf die Krone oben auf der Lehne derselben und flüsterte:

»König! König! Lohnt es sich der Mühe König zu seyn? Nur zwei Kronen in der Welt verdienen ersehnt zu werden: die Krone des Papstes und die Krone des Kaisers.«

Nachdem der König zwischen Don Inigo zu seiner Rechten und dem Cardinal Adrian zu seiner Linken Platz genommen hatte, setzten sich die Uebrigen nach Rang und Würden.

Eine Viertelstunde darauf – was von der Unruhe des Königs zeugte, der als unermüdlicher Esser meist zwei Stunden bei Tafel blieb – erhob er sich bereits wieder, lehnte selbst die Begleitung seiner Günstlinge, der flandrischen Herren, ab und ging mit dem Oberrichter allein fort, um das Gefängniß von Granada zu besuchen.

Als er an den Garten Lindacaja‘s kam, traf er ein Mädchen, das man nicht weiter hatte gehen lassen und welches da geblieben war.

Das Mädchen war seltsam gekleidet, zeichnete sich aber durch auffallende Schönheit aus, kniete nieder, als der König nahte, und reichte ihm mit der einen Hand einen goldenen Ring, mit der andern ein Pergament.

Don Carlos zuckte bei deren Anblicke.

Der goldene Ring war der der Herzoge von Burgund und das Pergament zeigte unter einigen deutsch geschriebenen Zeilen eine Unterschrift, die Allen wohlbekannt war, besonders aber Don Carlos, die seines Vaters nämlich:

des Königs Philipp.

Don Carlos betrachtete verwundert zuerst den Ring, dann das Pergament, und endlich das seltsam gekleidete Mädchen.

»Leset, Sire,« sagte sie deutsch.

Mit Don Carlos die Sprache des geliebten Deutschlands zu sprechen war schon eine geschickte Schmeichelei.

Auch begann der König sofort die seinen Augen so wohlbekannten Schriftzüge zu lesen, aber bei jeder Zeile, in fast bei jedem Worte wendete sich sein Blick von dem Pergament nach dem Mädchen und von diesem wiederum auf das Pergament. Als er zu Ende gelesen hatte, sagte er:

»Don Inigo, da nöthigt mich ein Umstand unsern Besuch in dem Gefängnisse auf eine andere Stunde zu verschieben. Habt Ihr etwas zu thun, so verfügt über eure Zeit; wenn nicht, so wartet hier auf mich.«

»Ich werde auf Ew Hoheit warten,« antwortete Don Inigo, welcher in dem Mädchen mit dem Ringe und dem Pergamente die Zigeunerin aus der Venta »zum Maurenkönig» erkannt hatte und es für möglich hielt, daß irgend eine Verbindung zwischen dem Besuche Ginesta‘s und der Begnadigung des Salteador bestehe, welche Don Ruiz und er vergebens von dem Könige erbeten.

Der König Don Carlos selbst hatte zu dem Mädchen, aber ebenfalls in deutscher Sprache, nur geantwortet:

»Folge mir.«

Er deutete dabei auf den Weg, welcher nach dem Mirador der Königin führte und diesen Namen der Vorliebe verdankte, welche Isabella die Katholische während ihres Aufenthaltes in der Alhambra diesem kleinen Pavillon schenkte.

Sechzehntes Capitel.
la Reyna Topacio

Man weiß bereits, weichen geringen Eindruck die Außendinge auf Don Carlos zu machen schienen, wenn ihn seine Gedanken beschäftigten. Er ging deshalb die wenigen Stufen hinauf, welche zu dem ehemaligen Toilettencabinet der Sultanin führten, das nach der Eroberung Granadas das Betgemach der Königinnen Castiliens geworden war, und beachtete die phantastische Bildhauerarbeit an der Wand, an der Decke und an den maurischen Säulchen nicht, welche die Blicke eines Königs wohl anzuziehen verdienten.

Der junge König schien indeß die Augen vor allen den Wundern zu verschließen, welche wie Erscheinungen aus dem Oriente bei jedem Schritte auf seinem Wege sich ihm darboten.

In dem Mirador blieb Don Carlos stehen und ohne einen Blick auf das bewundernswürdige Panorama zu werfen, welches die Natur und Kunst um ihn ausgebreitet hatten, sagte er zu Ginesta:

»Ich erkenne den Ring und das Pergament an . . . Wie kommen beide in deine Hände?

»Meine Mutter ist gestorben und hat sie mir hinterlassen,« antwortete das Mädchen; »es war mein ganzes Erbe, freilich, wie Ihr sehen Hoheit, ein königliches.«

»In welcher Weise hat deine Mutter den König Philipp gekannt? Warum ist dieser Brief meines Vaters deutsch geschrieben? Warum sprichst Du selbst deutsch?«

»Meine Mutter hatte den König Philipp in Böhmen gekannt, als er Erzherzog von Oesterreich war. So oft er auch geliebt hat, seine Liebe zu meiner Mutter allein nahm in seinem Herzen nie ab. Als der König 1506 nach Spanien reisen, um sich da zum Könige ausrufen zu lassen, befahl er meiner Mutter ihm zu folgen; meine Mutter aber wollte es nur thun, wenn er das Kind, das sie vor zwei Jahren geboren, als das seinige anerkenne. Er gab ihr deshalb das Pergament, das Ihr in der Hand haltet.«

»Und das Kind?« fragte Don Carlos mit einem Seitenblicke aus das Mädchen.

»Das Kind,« antwortete die Zigeunerin, ohne das stolze Auge niederzuschlagen, »das Kind bin ich.«

»Das wäre die Sache des Pergamentes,« fuhr der König fort; »aber der Ring?«

»Meine Mutter hatte oftmals den König, ihren Geliebten, um einen Ring ersucht, welcher das Sinnbild ihrer Verbindung, wenn auch nicht vor den Menschen, doch vor Gott sey, und der König hatte ihr immer nicht blos einen Ring, sondern diesen Ring versprochen, mit dem er siegelte, damit sie, wie er sagte, eines Tages die Tochter seiner Liebe durch den Sohn seiner Ehe anerkennen lassen könne. Meine Mutter hatte diesem Versprechen vertraut und drang nicht weiter in ihren königlichen Geliebten. Warum sollte sie es thun? Warum von dem Sohne verlangen, was der Vater selbst thun konnte? Sie zählte zwanzig und ihr Geliebter achtundzwanzig Jahre. Ach! Eines Tages galoppirte ein Mann auf der Straße von Burgos nach Santivanez; meine Mutter stand in der Thür ihres Hauses; ich spielte in dem Garten mit den Blumen und Schmetterlingen. »Königin Topacio,« rief da der Mann, »wenn Du deinen Geliebten noch einmal sehen willst, ehe er stirbt, so mußt Du eilen!« Meine Mutter blieb einen Augenblick stumm und starr vor Staunen stehen; sie hatte einen Zingaro-Fürsten erkannt, der sie seit fünf Jahren liebte und seit fünf Jahren sie heirathen wollte, den sie aber immer mit Verachtung abgewiesen hatte. Ohne etwas Anderes zu sagen als: »Komm, mein Kind,« nahm sie mich aus den Arm und eilte so mit mir nach Burgos. Als wir in dem Palaste ankamen, war der König eben da erschienen und wir sahen von weitem das Thor hinter dem Letzten aus seinem Gefolge sich schließen. Meine Mutter wollte das Thor sich öffnen lassen, aber es war eine Wache da aufgestellt worden, welche Befehl hatte Niemanden einzulassen. Sie setzte sich mit mir am Graben der Feste nieder. Einige Minuten daraus kam eilends ein Mann.

»Wohin gehst Du?« fragte meine Mutter.

Es war ein Diener des Königs und er erkannte sie.

»Ich soll den Arzt holen,« antwortete er.

»Ich muß mit dem Arzte sprechen,« sagte meine Mutter, »hörst Du? Es handelt sich um Leben und Tod des Königs.«

Wir blieben stehen und warteten auf den Arzt.

Noch war nicht eine Viertelstunde vergangen, als der Diener mit dem Arzte erschien.

»Da ist sie, die mit Euch sprechen will,« sagte der Diener.

»Wer ist das Weib?« fragte der Arzt, dann sah er meine Mutter an und setzte laut hinzu: »Die Königin Topaz.« Leise sagte er darauf, doch nicht so leise, daß wir die Worte nicht hätten hören können: »eine Geliebte des Königs, aber die, welche er am meisten liebt. – Was hast Du mir zu sagen?« fragte er meine Mutter; »sprich schnell, der König wartet.«

»Ich habe Dir zu sagen,« antwortete meine Mutter, »daß der König vergiftet oder ermordet ist, daß er jedenfalls nicht eines natürlichen Todes stirbt.«

»So stirbt der König?« fragte der Arzt.

»Der König stirbt!« sprach meine Mutter in einem Tone, den ich nie vergessen werde.

»Wer hat es Dir gesagt?«

»Sein Mörder.«

»Und was ist aus diesem geworden?«

»Frage den Sturm was aus dem Blatte wird, welches er mit sich fortreißt. Sein Pferd trug ihn nach Asturien hin und er ist bereits zehn Stunden weit entfernt.«

»Ich eile zu dem Könige.«

»Geh!« sagte meine Mutter, die zu dem Diener hinzusetzte: »Laß ihn wissen, daß ich hier bin.«

»Er soll es wissen,« antwortete der Mann.

Beide gingen in die Feste hinein.

Meine Mutter setzte sich wieder an den Rand des Grabens.

Wir verbrachten den Abend, die Nacht und den Morgen des andern Tages.

Unterdeß hatte sich das Gerücht von der Erkrankung des Königs verbreitet; die Leute, die am Abende um uns hergestanden, hatten sich in der Nacht entfernt, fanden sich aber am Morgen zahlreicher und besorgter wieder ein.

Man erzählte allerlei, am meisten aber, als das Wahrscheinlichste, fiel meiner Mutter auf, daß der König, der sich bei dem Ballspiele erhitzt und ein Glas frisches Wasser verlangt, dasselbe aus der Hand eines Mannes erhalten hatte, der verschwunden war.

Die Beschreibung dieses Mannes paßte auf den Zingaro, den meine Mutter hatte vorüberreiten sehen und der ihr die Worte zugerufen, weiche uns daher gebracht hatten. Sie zweifelte nun nicht mehr, daß der König vergiftet worden sey.

Bestimmte Nachrichten hatte man nicht weiter erhalten. Der Arzt befand sich bei dem Könige, und die Personen die aus dem Schlosse kamen, wußten von der Krankheit des Herrn nichts Genaues.

Alle warteten also in Bangen, meine Mutter in Todesangst.

Ungefähr gegen elf Uhr wurde das Thor geöffnet und man meldete, der Zustand des Königs habe sich gebessert und er werde sich zeigen, um sein Volk zu beruhigen.

Einige Minuten darauf erschien der-König wirklich zu Pferde; er hatte nur den Arzt bei sich und zwei oder drei seiner Hausbeamten.

Ich sah meinen Vater nicht das erste Mal, aber wohl zum ersten Male in einem Alter, das mir erlaubte mich seiner zu erinnern.

O, und ich erinnere mich seiner wohl. Er war wunderbar schön, wenn auch sehr bleich. Sein Pferd ging im Schritt, aber der Reiter war doch so schwach, daß er sich an den Sattelbogen halten mußte und ohne diesen Halt gewiß gefallen wäre.

Er blickte nach rechts und links, als suche er Jemanden. Meine Mutter ahnte, daß er sie suche; sie stand darum auf und nahm mich auf den Arm.

Der Arzt, welcher uns bemerkt hatte, berührte den König an der Schulter und nun blickte derselbe nach uns hin.

Seine Augen waren so schwach geworden, daß er uns Vielleicht nicht erkannt hätte.

Er hielt sein Pferd an und winkte meiner Mutter näher zu treten.

Die Personen in seinem Gefolge zogen sich zurück, als sie die Frau mit dem dreijährigen Kinde auf dem Arme sahen.

Die Volksmenge, die errieth was geschehen werde und die meine Mutter wohl kannte, trat ebenfalls zurück.

Wir, der König, meine Mutter und ich, bildeten so den Mittelpunkt eines großen Kreises. Nur der Arzt blieb so nahe, daß erhören konnte, was der König und was meine Mutter sagte.

Meine Mutter konnte kein Wort sprechen, denn die Brust wurde ihr fast zersprengt von Schluchzen, und Thränen rannen ihr über die Augen; sie reichte mich schweigend dem Könige, der mich nahm, mich küßte und mich vor sich auf den Sattel setzte.

Dann ließ er seine matte Hand auf den Kopf meiner Mutter sinken, die ihn leicht zurückbog, und er sagte deutsch: »Du bist es, meine arme Topaz?«

Meine Mutter konnte nicht antworten. Sie ließ den Kopf aus den Schenkel des Reiters sinken, schluchzte laut und küßte ihm das Knie.

»Am um deinetwillen bin ich herausgekommen,« sagte der König.

»Ach, mein König, mein schöner, theurer König!« schluchzte meine Mutter.

»Väterchen, lieb Väterchen!« sagte ich deutsch.

Der König hörte zum ersten Male den Ton meiner Stimme und – in der Sprache, die er so sehr liebte.

»Nun kann ich sterben.« sagte er; »ich habe mich mit dem süßesten Namen nennen hören, welchen eine menschliche Zunge aussprechen kann, und in meiner Muttersprache!«

»Sterben?« wiederholte meine Mutter. »Sterben? Ach, mein theurer König, welches Wort hast Du gesprochen?«

»Das Wort, welches Gott, der mich einen christlichen Tod sterben lassen will, seit gestern mir zuflüstert, denn von dem Augenblicke an, da ich von dem kalten Wasser getrunken, fühlte ich Todesschauer durch meine Adern.«

»Ach mein theurer König! mein theurer König!« flüsterte meine Mutter.

»Die ganze Nacht habe ich an Dich gedacht, meine arme Topaz,« sagte er. »Ach, bei Lebzeiten konnte ich nicht viel für Dich thun; wenn ich todt bin, kann ich gar nichts thun, als etwa Dich schützen mit meinem Schatten, wenn Gott etwas von uns am Leben läßt, nachdem wir gestorben sind.«

»Lieb Väterchen!« wiederholte ich oft im Weinen.

»Mein Kind, ja, auch an Dich habe ich gedacht,« antwortete der König. »Da,« fuhr er fort und er hing mir mit einer Schnur von Seide und Gold einen kleinen ledernen Beutel um den Hals, – »da, man weiß nicht was geschehen kann, wenn ich todt bin . . . Ich habe in der Nacht diese Diamanten ausgebrochen; sie mögen einen Werth von etwa zweimalhunderttausend Thalern haben. Es ist dies deine Mitgift, mein liebes Töchterlein, und wenn dein Bruder als König von Aragonien und Castilien Dich nicht anerkennen sollte trotz dem Pergamente, das ich deiner Mutter gegeben habe, und trotz dem Ringe, den ich ihr jetzt gebe, nun so bist Du doch wenigstens so reich wie eine adelige Dame, wenn Du auch nicht so reich seyn kannst wie eine königliche Prinzessin.«

Meine Mutter wollte sich mit dem Ringe begnügen und das Beutelchen zurückweisen, aber der König drängte sanft die Hand meiner Mutter hinweg.

Sie hatte also den Ring und ich das Beutelchen.

Die Anstrengung und die Aufregung erschöpften den akuten Kranken mehr und mehr. Er wurde noch blässer, was kaum möglich zu seyn schien, und er neigte sich, einer Ohnmacht nahe, nach meiner Mutter herab.

Meine Mutter umschlang ihn mit ihren Armen, drückte ihre Lippen auf seine kalte Stirn und rief um Hilfe; sie konnte die Last des Körpers nicht länger tragen, der sich nicht selbst aufrecht zu halten vermochte.

Der Arzt und die Diener kamen herbei.

»Gebt! Geht!« sagte der Arzt.

Meine Mutter rührte sich nicht.

»Soll er vor euren Augen sterben?« fragte er.

»Komm, Kind,« erwiederte sie, ich aber rief, als meine Mutter mich herabheben wollte:

»Nein, ich will nicht fortgehen.«

In diesem Augenblicke hörte man einen lauten Schmerzensschrei von der Stadt her.

Die Königin Johanna war es, die mit verstörtem Gesicht, mit aufgelöstem Haar, bleicher noch als ihr sterbender Gemal, händeringend herbeikam und rief:

»Er ist todt! Er ist todt! Man sagt, er sey todt!«

Ich fürchtete mich und hing mich an den Hals meiner Mutter. Gleichzeitig öffnete sich an einer Stelle der Kreis, um uns entfliehen zu lassen, während er an einem andern Punkte Platz für die Königin Johanna machte.

Meine Mutter eilte etwa hundert Schritte weit, dann verließen sie die Kräfte. Sie setzte sich an einem Baume nieder, drückte mich an ihre Brust und bog sich über mich, so daß ihr langes Haar mich wie ein Schleier umhüllte.

Als sie den Kopf wieder aufrichtete, als sie das Haar bei Seite strich, als ich nach dem Könige Philipp mich umsah, hatte sich das Thor des Palastes hinter ihm und der Königin Johanna geschlossen.«

Der junge König hatte während dieser Erzählung kein Wort gesagt und seine Empfindung durch nichts verrathen, als aber die Thränen die Stimme des Mädchens erstickten, als sie auf ihren Füßen wankte, reichte er ihr die Hand, deutete auf einen Stuhl und sagte:

»Setzt Euch, Ihr habt das Recht in meiner Gegenwart zu sitzen, ich bin noch nicht Kaiser.«

Sie aber schüttelte den Kopf und entgegnete:

»Nein, nein, lasset mich meine Erzählung beendigen. Ich suchte hier nicht meinen Bruder, sondern meinen König; ich kam nicht um meinen Rang zu fordern, sondern um eine Gnade zu bitten . . . Wenn ich nicht mehr stehen kann, falle ich auf meine Knie vor Euch nieder, Sire; setzen werde ich mich nicht vor dem Sohne Philipps und Johanna’s. Ach, mein Gott!«

Das Mädchen hielt nochmals inne, überwältigt von der Macht der Erinnerung.

Sie küßte dann ehrerbietig die Hand, welche der König ihr gereicht hatte, trat einen Schritt zurück und fuhr fort:

Siebzehntes Capitel.
Das Paradebett

Meine Mutter verblieb da, wo sie sich niedergesetzt hatte, oder vielmehr wo sie niedergesunken war.

Der Tag verging, ohne daß man andere Nachrichten von dem König erhielt, als: er hat sich nach der Rückkehr zu Bett gelegt.

Am nächsten Tage hieß es, der König habe zu sprechen versucht, aber vergebens.

Am zweiten Tage, um zwei Uhr Nachmittags, hatte der König die Sprache ganz verloren.

Am dritten Tage, um elf Uhr Vormittags, drang aus dem Schlosse heraus ein gewaltiger Schrei, welcher die Thüren und Fenster gleichzeitig zu zerbrechen schien, um sich über der Stadt zu verbreiten, und von da über ganz Spanien:

Der König ist todt!

Ach, Sire, damals wußte ich noch nicht was Leben und Tod sey, aber bei dem Rufe: der König ist todt, als die Brust meiner Mutter sich hob, als wolle sie zerspringen, und als die Thränen von ihrem Gesichte aus das meinige flossen, erkannte ich, daß es in der Welt etwas gebe, das man Unglück nennt.

In den vier Tagen, welche wir vor dem Thore des Palastes blieben, sorgte meine Mutter für alle meine Bedürfnisse, aber ich erinnere mich nicht, daß sie selbst etwas aß oder trank.

154 Wir blieben noch einen Tag und eine Nacht.

Am Tage darauf sahen wir das Schloßthor öffnen und ein Herold erschien zu Pferde, dem ein Trompeter voritt. Der Trompeter blies und der Herold sprach.

Ich verstand nicht was er sagte, aber kaum hatte er die Worte gesprochen, die er zu sagen hatte, und seinen Weg fortgesetzt, und dasselbe aus den Plätzen und in den Straßen der Stadt ausgerufen, als die Menge durch das Thor in das Schloß eindrang.

Meine Mutter stand auf, nahm mich auf den Arm, küßte mich und flüsterte mir zu:

»Komm, mein Kind, wir wollen deinen lieben Vater zum letzten Male sehen.«

Und ich begriff nicht, warum sie weinte, da wir doch meinen Vater sehen sollten.

Wir folgten der Menge, welche durch das Schloßthor drängte, und gelangten mit ihr hinein. Der Hof war schon gefüllt. Wachen standen an einer Thür, durch welche man zu Zweien hineinging. Wir warteten lange; meine Mutter hielt mich immer auf dem Arme, sonst würde man mich erdrückt haben. Endlich kam die Reihe auch an uns; wir gingen hinein, aber drinnen ließ mich die Mutter von den Armen herunter und führte mich an der Hand.

Die vor uns Gehenden weinten; die hinter uns Gehenden weinten auch.

Wir gingen langsam durch schöne Gemächer; an jeder Thür jedes Gemaches standen zwei Soldaten, welche darauf sahen, daß nur zwei Personen auf einmal hindurch gingen.

Wir gelangten an ein Zimmer, welches das Ziel dieser traurigen Wallfahrt zu seyn schien.

Endlich traten wir hinein.

Ach, Hoheit, ich war damals noch ein kleines Kind, aber noch sehe ich Alles deutlich vor mir, die Geräthe, die Tapeten, die Teppiche, die Vorhänge dieses Zimmers, und ich könnte Alles bis ins Einzelnste beschreiben.

Die Hauptsache aber in dem Zimmer, nach welchem meine Mutter hinging, und was seiner düstern Feierlichkeit wegen bald auch meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, war ein ganz mit schwarzem Sammet bedecktes Bett.

Auf diesem Bette lag ein Mann in der Starrheit und Unbeweglichkeit des Todes, bekleidet mit einem goldenen Wamms, einem mit Hermelin gefütterten rothen Mantel und rothen Beinkleidern.

Es war mein Vater.

Der Tod hatte seinen Zügen die Heiterkeit wieder gegeben, welche ihm der Schmerz genommen als ich ihn vor vier Tagen gesehen. Er sah im Tode wo möglich noch schöner aus als im Leben.

Hinter dem Bett stand in dem mit Hermelin gefütterten Purpurmantel, die Königskrone aus dem Haupte, in einem langen weißen Gewande mit aufgelöstem Haare, eine Frau mit stieren, weit aufgerissenen Augen, mit starren Zügen, bleichen Lippen und blässer als der Todte. Einen Finger hielt sie auf die Lippen, und fast unvernehmhar leise sprach sie:

»Wecket ihn nicht! Er schläft.«

Es war die Königin Johanna, eure Mutter, Sire.

Meine Mutter blieb stehen, als sie dieselbe bemerkte, aber sie erkannte auch bald, daß die Königin nichts sehe und nichts höre. Sie flüsterte:

»O, sie ist glücklich, sie ist wahnsinnig.«

Wir gingen also weiterhin nach dem Todten zu. Eine Hand desselben hing an dem Bette herab, und diese Hand durften Alle küssen.

Diese Hand wollten auch wir küssen, meine Mutter und ich.

Als meine Mutter nahe an das Bett kam, wankte sie, wie ich fühlte. Sie hat es seitdem oft zu mir gesagt, sie hätte nicht die Hand küssen, sondern den Leichnam in ihre Arme schließen, die geschlossenen Augen öffnen, die kalten Lippen mit ihren warmen Lippen erwärmen mögen.

Sie hatte den Muth an sich zu halten. Ich hörte sie selbst nicht mehr weinen. Sie kniete nieder ohne zu schauen, ohne zu schluchzen, sie erfaßte die Hand des Todten, reichte sie mir zuerst zum Kuß und sagte:

»Kind, vergiß nie was Du jetzt siehst, denn was Du siehst, wirst Du nie wieder erblicken.«

»Lieb Väterchen schläft?« fragte ich leise.

»Er ist der Vater eines ganzen Volkes, Kind,« antwortete mir meine Mutter und sie winkte mir zu schweigen.

Sie küßte lange und innig die Hand des Todten.

Durch die entgegengesetzte Thür gingen wir hinaus, aber in dem Zimmer neben dem, in welchem das Paradebett stand, wankte meine Mutter und mit einem lauten Schrei sank sie ohnmächtig nieder.

Zwei Männer, die ebenfalls aus dem Paradezimmer kamen, traten zu uns.

»Stehe auf, stehe doch aus, Mama!« sagte ich, »oder ich glaube sonst, Du schläfst wie Papa.«

»Sie ist es,« sagte der eine Mann.

»Wer?« fragte der andere.

»Die Zigeunerin. Sie war die Geliebte des Königs und man nannte sie die Königin Topaz.«

»Wir wollen sie und das Kind hinaustragen,« sagte der Zweite.

Und der Eine nahm meine Mutter auf die Arme, der Andere zog mich an der Hand nach.

Wir kamen so aus den Gemächern, dann auf den Hofe. Der Mann, welcher meine Mutter trug, setzte sie an dem Baume nieder, an welchem wir schon drei Tage und drei Nächte gesessen hatten.

Der Mann, welcher mich an der Hand hielt, ließ mich bei meiner Mutter. Beide entfernten sich.

Ich schlang meine Arme um die Mutter, bedeckte ihr Gesicht mit Küssen und sagte:

»Ach, Mütterchen, Mütterchen, schlaf nicht wie Papa.«

Ob nun der Eindruck der Luft wirkte, oder ob die Thränen und Liebkosungen eines Kindes das Leben tief im Innern des Mutterherzens wieder weckten, oder ob die Ohnmacht an sich ihr Ende gefunden hatte, meine Mutter schlug die Augen wieder auf.

Im nächsten Augenblicke errieth sie wohl was geschehen war und mit Hilfe meiner kindlichen Erzählung erinnerte sie sich an alles, wie man sich an einen schrecklichen Traum erinnert.

»Komm, Kind,« sagte sie dann, «wir haben hier nichts mehr zu schaffen.«

Wir traten den Rückweg nach unserem Hause an.

An demselben Abende nahm meine Mutter von der Wand ein Bild der Madonna, das sie ganz besonders verehrte, ihr Porträt und das des Königs Philipp, und sobald es Abend geworden war, brachen wir auf.

Wir gingen viele Tage, jetzt, da ich die Zeit zu benennen weiß, würde ich sagen: vielleicht einen Monat lang; wir hielten uns immer so lange aus, als wir zum Ausruhen brauchten, und endlich gelangten wir in die Sierra Nevada. Hier traf meine Mutter einen Zigeunerstamm, und gab sich zu erkennen. Man trat ihr das Haus ab, das seitdem die Venta »zum Maurenkönige« geworden ist. Der Stamm lagerte umher und gehorchte ihr wie einer Königin.

Das dauerte so mehre Jahre, aber allmälig bemerkte ich eine Veränderung an meiner Mutter. Sie war noch immer schön, aber ihre Schönheit erhielt ein anderes Aussehen, ich möchte fast sagen eine andere Form; sie war so blaß geworden, daß es die Schönheit eines Schattens, nicht die eines lebendigen Wesens war. Ich glaube, sie hätte längst die Erde verlassen, wie die Dünste, welche sich des Morgens von den Bergen lösen und zum Himmel emporsteigen, wenn ich sie nicht gewissermaßen an der Hand zurückgehalten hätte.

Eines Tages bemerkte ich, daß sich das Bild der Madonna, das Bild meiner Mutter und das Bild des Königs nicht mehr in der Nähe befunden, und ich fragte was aus ihnen geworden.

Folge mir, mein Kind,« sagte sie.

Sie ging in das Gebirge und führte mich auf einem nur ihr bekannten Wege in eine Grotte, die allen Augen verborgen, von Niemanden zu finden ist. In dieser Grotte, über einem Moosbett, hing die Madonna neben beiden Porträts.

»Kind,« sagte meine Mutter, »es kommt vielleicht ein Tag, an welchem Du deine Zuflucht im Gebirge suchen mußt; dieses ist unzugänglich, verrathe sie keinem Menschen in der Welt. Wer weiß welchen Verfolgungen und Nachstellungen Du einmal ausgesetzt bist. Diese Grotte ist das Leben, ja mehr als das Leben, sie ist die Freiheit.«

Wir blieben die Nacht über da; am nächsten Tage kehrten wir in die Venta zurück, aber ich bemerkte wohl, daß meine Mutter langsamer, mit größerer Anstrengung ging; zwei- oder dreimal setzte sie sich am Wege nieder und jedesmal zog sie mich unter Liebkosungen an sich.

Bei jedem Kusse, bei jeder Liebkosung strömten meine Augen von Thränen über, denn ich gedachte unwillkürlich des Tages, an welchem mein Vater bleich und wankend zu Pferde aus Burgos gekommen war, mich an sein Herz drückte und mich zum ersten Male sein Kind nannte.

Meine Ahnung betrog mich nicht.

Am Tage nach dem Besuche in der Grotte legte sich meine Mutter in das Bett; ich erkannte sogleich, daß sie auf dem Wege nach der Ewigkeit sey und verließ sie nicht mehr.

Auch sie erkannte, daß die Stunde der Reise gekommen sey, welche uns von Allem entfernt, was uns theuer ist, und sprach nur noch von meinem Vater.

Sie erinnerte mich in einer Weise, daß ich es nie vergessen werde, an alle Umstände, die ich Euch eben erzählt habe, Hoheit. Sie gab mir den Ring und das Pergament. Sie sagte mir, ich habe – verzeiht, Hoheit – einen Bruder, der einst König in Spanien seyn werde; mir werde es zukommen zu beurtheilen, ob ich mich diesem Bruder zu erkennen geben oder unbekannt, aber reich durch die Diamanten meines Vaters, irgend wo leben wolle.

Ich hörte alles dies weinend und knieend an ihrem Bett an, denn sie stand nicht mehr auf, und jeden Tag wurde ihr Gesicht bleicher, ihre Stimme matter, ihr Auge glänzender. Als ich den Arzt unseres Stammes fragte, welcher die Heilkunst von den Doctoren des Orientes erlernt hatte: »Was ist mit meiner Mutter?« antwortete er mir: »Sie geht zu Gott.«

Es kam der Tag, an welchem Gott ihr die Pforten seiner Ewigkeit öffnete.

Ich kniete wie gewöhnlich an ihrem Bette; sie sprach noch mit mir über mich. Ihr Auge schien, ehe es sich für immer schließe, eine Anstrengung zu machen, in die Zukunft hinein zu blicken. Ein Lächeln schwebte um ihre Lippen. Ihre Hand erhob sich und zeigte auf etwas, als schreite ein Schatten an ihr vorüber. Sie flüsterte zwei Worte. Ich hielt diese zwei Worte für den Anfang von Irrsinn, denn sie bezogen sich nicht auf unsere gemeinschaftlichen Erinnerungen. Ich glaubte nicht recht gehört zu haben und richtete den Kopf empor, um besser zu hören, aber noch zweimal wiederholte sie, mit schwächerer Stimme: »Don Fernand! Don Fernand!«

Dann legte sie ihre beiden Hände auf meinen Kopf, der sich neigte unter dem letzten Segen. Ich wartete, daß sie die Hände zurückziehen werde, aber vergebens. Sie war mich segnend gestorben, als wolle sie für ewig mich mit dem Schilde ihrer Liebe schirmen.

Wenn Ihr, Hoheit, einmal von Granada nach Malaga reiset, werdet Ihr das Grab meiner Mutter in einem kleinen Thale vier Meilen jenseits des Venta »zum Maurenkönige« sehen. Ihr werdet es erkennen an dem Bache, der an dem Steine vorbeifließt, welcher ein Kreuz trägt – denn meine Mutter war durch die Gnade Jesus Christi Christin – besonders aber an der Inschrift, welche mit dem Messer auf das Kreuz gegraben ist:

La Reyna Topacio la Hormoa.

Ich sage Euch dies, Hoheit, weil die, welche unter dem Steine schläft, nicht ganz eine Fremde für Euch ist, denn sie liebte den König Philipp, euren Vater, so sehr, daß sie ihn nicht lange überleben konnte. Ach, meine Mutter, meine Mutter!« schluchzte das Mädchen und sie legte die beiden Hände auf die Augen, um ihre Thränen zu verbergen.

»Man wird ihre Ueberreste in ein Kloster bringen,« sagte der König mit seiner ruhigen Stimme, »und ich werde eine Stiftung machen, damit Mönche alle Tage eine Messe lesen, für die Ruhe ihrer Seele. – Fahret fort.«

Achtzehntes Capitel.
Don Fernando

»Einige Zeit nach dem Tode meiner Mutter,« erzählte Ginesta weiter, »entschlossen sich die Zigeuner einen andern Aufenthaltsort zu suchen. Wie sie ihre Augen geschlossen hatte, galt ich ihnen als ihre Königin. Man zeigte mir also an, was die Aeltesten beschlossen hatten, und ersuchte mich um meine Zustimmung.

Ich gab sie und erklärte, der Stamm könne weiter ziehen wohin er wolle, denn er sey frei wie die Vögel unter dem Himmel, ich aber würde den Stein nicht verlassen, unter welchem meine Mutter schlafe.

Der Rath versammelte sich und man meldete mir, es sey beschlossen werden, daß man sich in der Nacht vor dem Aufbruche meiner bemächtigen und mich mit Gewalt mit sich nehmen wolle.

Ich sammelte Datteln ein, trug sie in die Grotte und den zweiten Tag vor dem Aufbruche des Volkes verschwand ich.

In der Nacht, in welcher man sich meiner bemächtigen wollte, suchte man mich vergebens.

So trug die Vorsicht meiner Mutter ihre Frucht: ich hatte eine sichere, unzugängliche, allen Augen verborgene Zuflucht.

Die Zigeuner waren entschlossen, ohne mich nicht abzuziehen und ich hielt an dem Vorsatze fest, mich versteckt zu halten, bis sie sich entfernt hätten.

Sie verschoben ihre Abreise einen Monat lang. In diesem Monate verließ ich mein Versteck nur in der Nacht, um einige wilde Früchte zu sammeln und von dem Felsen herab mich zu überzeugen, ob ihre Feuer noch immer leuchteten, ihr Lager also noch immer da sey.

In einer Nacht hörten die Feuer auf zu brennen. Es konnte eine List seyn, um mich an einen freien Ort zu locken und mich zu ergreifen; ich hielt mich also in einem Myrthendickicht verborgen, von dem aus, wenn ich mich gerade stellte, ich den ganzen Weg übersehen konnte.

Da erwartete ich den Anbruch des Tages.

Der Tag zeigte mir das Haus verlassen, den Weg öde. Gleichwohl wagte ich mich noch nicht hinab und verschob meinen Ausgang aus die nächste Nacht.

Sie trat finster und mondlos ein; nur die Sterne funkelten an dem fast schwarzblauen Himmel. Aber für die Zigeuner, die Kinder der Dunkelheit, gibt es keine Finsterniß; unser Auge vermag sie zu durchdringen, wie dicht sie auch seyn mag.

Ich ging bis zu dem Wege hinunter, an der andern Seite desselben befand sich das Grab meiner Mutter; an ihm wollte ich zuerst niederknien. Während ich betete, hörte ich den Galopp eines Pferdes.

Einer meiner Stammesgenossen konnte es nicht seyn; ich wartete also in aller Ruhe; übrigens würde ich im Gebirge und in der Nacht selbst den Zigeunern mich zu entziehen gewußt haben.

Es war ein Reisender.

Als er aus dem Wege an mir vorüber kam, richtete ich mich auf, denn ich hatte mein Gebet beendigt. Er hielt mich wahrscheinlich für ein Gespenst, das aus seinem Grabe steige, denn er stieß einen Angstschrei ans, machte das Zeichen des Kreuzes, trieb sein Pferd zu noch größerer Eile an und verschwand.

Ich hörte wie die Hufschläge in der Ferne schwächer und schwächer wurden; dann vernahm ich gar nichts mehr. Die Nacht wurde wiederum still und die Stille nur durch die gewöhnlichen Stimmen im Gebirge unterbrochen, das heißt durch das Knarren eines Baumes, durch den Absturz eines Felsenstückes, durch das Geschrei eines wilden Thieres oder eines Nachtvogels.

Ich hatte die Ueberzeugung, daß es in der Umgebung kein menschliches Wesen gab.

Die Zigeuner waren also abgezogen.

Die ersten Stunden des Tages überzeugten mich das von und ich fühlte mich von einer schweren Last befreit: ich war frei; das Gebirge gehörte mir, die ganze Sierra war mein Reich.

So lebte ich mehre Jahre ohne Wünsche, ohne Bedürfnisse und nährte mich wie die Vögel unter dem Himmel von unsern wilden Früchten, von dem Wasser unserer Quellen, von der Luft der Nacht, von dem Thau des Morgens, von der Sonne des Tages.

Ich hatte die Größe meiner Mutter erlangt; ihre Kleider paßten mir, aber etwas fehlte mir, eine Freundin.

Eines Tages ging ich nach Alama und kaufte mir eine Ziege.

Während meiner Wanderung hatte sich ein Wirth in der Venta niedergelassen.

Er fragte mich aus. Ich sagte ihm wer ich sey, nicht aber wo ich wohne. Er fragte mich auch über die Wege der Reisenden und ich theilte ihm mit, was ich wußte.

Allmälig wurde es wieder lebendiger im Gebirge, weil diese Venta bewohnt war. Die, welche sich da zeigten, waren Männer von rauhem Aussehen und ich fürchtete mich vor ihnen. Ich kehrte in das Dickicht zurück und nur von Zeit zu Zeit, von irgend einem unzugänglichen Orte aus, überschaute ich den Weg oder beobachtete die Venta.

Ungewohntes Geräusch machte sich hörbar in dem Gebirge: bald Flintenschüsse, bald drohende Rufe, bald Hilferufe.

Die Banditen waren an die Stelle der Zigeuner getreten.

Für mich war dies kein großer Unterschied. Ich kannte die Gesetze der Gesellschaft nicht, hatte keinen Begriff von Gut und Böse, Recht und Unrecht, sah überall in der Natur den Mißbrauch der Stärke über die Schwäche und glaubte die Welt der Städte sey wie die Welt des Gebirges.

Dennoch ängstigten mich diese Menschen und ich zog mich mehr und mehr von ihnen zurück.

Eines Tages ging ich nach meiner Gewohnheit an der wildesten Stelle der Sierra umher.

Meine Ziege hüpfte von Fels zu Fels und ich hüpfte hinter ihr her, aber weit hinter ihr und blieb jeden Augenblick stehen, um eine Blume oder eine wilde Beere zu pflücken.

Mit einem Male hörte ich einen Schmerzenslaut meiner lieben Gefährtin, dann einen zweiten in größerer Ferne, darauf einen dritten in noch weiterer Entfernung.

Es war als reißt sie ein Sturmwind mit sich fort, als könne sie der Uebermacht nicht widerstehen und rufe mich um Hilfe.

Ich eilte an Ort und Stelle. In einiger Entfernung fiel ein Schuß. Ich sah den Pulverrauch emporsteigen und lief dahin, ohne zu bedenken, daß ich mich einer Gefahr aussetze.

Als ich der Stelle nahe kam, wo der Schuß gefallen war und das Pulverdampfwölkchen noch immer schwebte, sah ich meine Ziege auf mich zukommen; sie blutete am Halse und konnte nur mit Anstrengung gehen.

Sobald sie mich erblickte, kehrte sie um, gleich als wollte sie mich auffordern, ihr zu folgen. Der Instinkt des armen Thieres konnte nichts Böses wollen. Ich folgte.

In der Mitte einer Lichtung stand ein schöner Mann von fünfundzwanzig Jahren und betrachtete auf seine Muskete gestützt, eine sehr große Wölfin, die mit dem Tode kämpfte.

Mir war nun Alles erklärt. Eine Wölfin hatte meine Ziege gepackt und fortgetragen, wahrscheinlich um sie ihren Jungen zu bringen. Der junge Mann hatte das Raubthier auf seinem Wege getroffen und ihm eine Kugel zugesandt. Die verwundete Wölfin hatte die Ziege losgelassen, die dann nach mir gelaufen und endlich wieder umgekehrt war.

Je näher ich dem jungen Manne kam, um so stärker wurde die mir unbekannte Verlegenheit, welche ich empfand; er erschien mir als ein höheres Wesen und ich hielt ihn fast für so schön, als meinen Vater.

Er seinerseits sah mich mit Verwunderung an; offenbar zweifelte er daran, daß ich ein menschliches Wesen sey und hielt mich für einen Geist des Wassers, des Schnees oder der Blumen, die nach unsern Sagen im Gebirge sich aufhalten sollen.

Er erwartete deshalb, daß ich ihn zuerst anrede, um nach meinen Worten, nach dem Klange meiner Stimme und nach meinen Geberden abzunehmen, wer ich wohl sey, als plötzlich bei seinem Anblicke etwas Seltsames in mir vorging, ohne daß irgend etwas die Gegenwart mit der Vergangenheit verknüpfte, ohne daß irgend eine Aehnlichkeit bestand zwischen dem, was ich sah und vor fünf Jahren gesehen hatte, führte mir die Erinnerung plötzlich meine sterbende Mutter in dem Augenblicke vor, als sie, erleuchtet durch Todesahnungen, auf ihrem Lager sich erhob, den Arm ausstreckte, auf einen mir unsichtbaren Gegenstand zeigte und ein Klang ihrer Stimme, so deutlich wie in ihrem Leben flüsterte mir die Worte ins Ohr, welche sie in jener feierlichen Stunde aussprach: Don Fernand!

»Don Fernand!« wiederholte ich laut nach einem innern Drange, ohne zu bedenken, was ich sagte.

»Wie geht es zu, daß Ihr mich kennt?s fragte der Jüngling erstaunt. »Woher wisset Ihr meinen Namen, da mir doch der eurige unbekannt ist?«

Er sah mich fast zornig an und schien überzeugt zu seyn, daß ich kein sterbliches Wesen sey.

»So heißt Ihr wirklich Don Fernand?« fragte ich ihn.

»Ihr wisset es ja, da Ihr mich mit diesem Namen anredet.«

»Ich rede Euch mit diesem Namen an,« antwortete ich, »weil er mir auf die Lippen trat, als ich Euch erblickte, sonst aber weiß ich nichts von Euch.«

Ich erzählte ihm, daß meine Mutter im Sterben diesen Namen ausgesprochen, daß er seit dem in meinem Gedächtniß geschlummert habe und jetzt plötzlich erwacht sey.

Ob aus plötzlich erwachtem Gefühl, oder in Folge einer geheimen Verbindung, welche unser Leben lange in voraus miteinander vereinigt, ich weiß es nicht, aber ich liebte den jungen Mann von diesem Augenblicke an, nicht wie man einen Unbekannten liebt, den man zufällig begegnet und der tyrannisch alle unsere Gedanken an sich reißt, sondern wie ein Wesen, dessen Leben von dem unserigen wohl getrennt war, das sich aber früher oder später mit ihm wieder vereinigen, in demselben aufgehen mußte, wie sich die Wässer eines Baches vereinigen und vermischen, die aus verschiedenen Quellen kamen und verschiedene Thäler bewässerten.

Ich weiß nicht ob es ihm auch so erging, ich aber lebte gewiß von diesem Tage an in seinem Leben und es schien mir gar nicht zweifelhaft zu seyn, daß mit seinem Leben das meinige endigen müsse und endigen werde.

Das dauerte so zwei Jahre, als ich durch die strengeren Verfolgungen, deren Gegenstand Don Fernand war, eure Ankunft in Andalusien erfuhr.

Vorgestern kaut Don Inigo mit seiner Tochter über die Sierra. Weiß Ew. Hoheit was geschehen ist?s

Don Carlos nickte bejahend.

»Hinter Don Inigo und dessen Tochter kamen die Soldaten, welche die Bande Fernands zerstreuten, statt ihn von Sierra zu Sierra zu hetzen, Feuer auf dem Gebirge anzündeten und uns mit einem Flammengürtel umgaben.«

»U n s, sagst Du, Mädchen?«

»U n s, sage ich, Hoheit, denn ich war bei ihm; habe ich Euch nicht gesagt, daß mein Leben an das seinige gebunden sey?«

»Nun,« fragte der König, »was ist geschehen? Hat sich der Räuberhauptmann ergeben, ist er ergriffen?«

»Don Fernand ist in Sicherheit in der Grotte, die, mir meine Mutter zeigte.«

»Er kann nicht immer versteckt bleiben, der Hunger wird ihn heraustreiben und er wird meinen Soldaten in die Hände fallen.«

»Das meinte ich auch, Hoheit,« antwortete Ginesta; »darum nahm ich diesen Ring und dieses Pergament und eilte zu Euch.«

»Und bei deiner Ankunft erfuhrst Du, daß ich die Begnadigung des Salteador seinem Vater, Don Ruiz de Torillas, und dann dem Oberrichter Don Inigo abgeschlagen habe.«

»Ja, ich erfuhr dies und es bestärkte mich mehr und mehr in meinem Wunsche zu dem Könige zu gelangen, denn ich sagte mir: Don Carlos kann einem Fremden abschlagen, was derselbe im Namen der Menschlichkeit oder als Zeichen der Gunst erbitter, aber Don Carlos wird einer Schwester nicht verweigern, was sie im Namen des väterlichen Grabes erbittet. – König Don Carlos, deine Schwester bittet Dich im Namen Philipps, unseres Vaters, um die Begnadigung Don Fernands von Torillas.«

Ginesta bog ein Knie vor dem Könige, während sie diese Worte mit großer Würde sprach.

Der junge König betrachtete sie einen Augenblick schweigend in dieser demüthigen Stellung, aber ohne daß in seinem Gesicht irgend etwas verrieth, was in seinen Gedanken vorging.

»Wenn ich Dir nun sagte,« begann er nach einer Pause, »daß die Begnadigung, die ich Niemanden zu bewilligen geschworen, von zwei Bedingungen abhinge?«

»Dann bewilligest Du seine Begnadigung,« fiel das Mädchen rasch ein, indem sie eine Hand des Königs zu ergreifen suchte, um sie an ihre Lippen zu führen.

»Erfahre erst die Bedingungen, ehe Du mir dankst, Mädchen.«

»Ich höre, mein König, – ich warte, mein Bruder,« antwortete Ginesta, indem sie den Kopf emporrichtete und Don Carlos mit einem unbeschreiblichen Lächeln der Freude ansah.

»Wenn die erste Bedingung wäre mir diesen Ring zu übergeben, das Pergament zu vernichten und Dich durch den furchtbarsten Eid zu verpflichten gegen Niemanden von der königlichen Herkunft zu sprechen, die allein durch diesen Ring und dieses Pergament bewiesen wird. . .?«

»Sire,« antwortete das Mädchen, »der Ring ist an eurem Finger, behaltet ihn; das Pergament ist in eurer Hand, zerreißt es; sagt mir den Schwur, ich werde ihn nachsprechen . . . Welches ist die zweite Bedingung?«

Ein Blitz leuchtete in den Augen des Königs, aber er erlosch sogleich.

»Unter uns Oberhäuptern der Religion ist es Gebrauch,« fuhr Don Carlos fort, »daß wir einem großen Sünder die weltliche Strafe nur unter der Bedingung erlassen, daß eine reine Seele, die seine geistliche Vergebung erlangen kann, vor den Altären des Herrn der Barmherzigkeit betet. Kennst Du ein unschuldiges keusches menschliches Wesen, das geneigt ist der Welt zu entsagen und Tag und Nacht für dies Heil der Seele dessen zu beten, dessen Leib ich retten will?«

»Ja,« antwortete Ginesta: »nennt mir das Kloster, »in welchem ich das Gelübde ablegen soll und ich werde dahin geben.«

»Es ist da eine Mitgift zu bezahlen,« sprach Don Carlos leise, als schäme er sich Ginesta diese Bedingung auszulegen.

Ginesta lächelte traurig, nahm aus ihrem Busen das Lederbeutelchen mit dem Wappen Philipps des Schönen, öffnete es und schüttelte die Diamanten vor den Füßen des Königs aus.

»Da ist meine Mitgift,« sagte sie, »und sie wird hoffentlich hinreichen, denn meine Mutter hat mir oftmals die Versicherung gegeben, diese Diamanten wären wohl eine Million werth.«

»So gibst Du alles auf, fragte Don Carlos, »Rang, künftiges Glück und Reichthum, um die Begnadigung des Banditen zu erhalten?«

»Alles,« antwortete Ginesta, »und ich erbitte nur eine Gunst – ihm die Begnadigung selbst zu überbringen.

»Sehr wohl,« antwortete Don Carlos. »Du sollst haben was Du verlangst.«

Er trat an einen Tisch, schrieb einige Zeilen, setzte seinen Namen darunter und drückte sein Siegel darauf. Dann kehrte er mit gleich langsamem und feierlichem Schritte zu Ginesta zurück und sagte zu ihr: »Da ist die Begnadigung des Don Fernando de Torillas; übergib sie ihm selbst; er wird, wenn er sie lieset, sehen, daß auf deine Bitte sein Leben und seine Ehre unangetastet bleiben sollen. Nach deiner Zurückkunft werden wir uns über das Kloster einigen, in das Du einzutreten hast.«

»Ach, Sire,« sprach das Mädchen und sie faßte die Hand des Königs, »wie gütig seyd Ihr und wie sehr danke ich Euch!«

Leicht, als trügen sie Flügel, eilte sie die Treppe hinab, durch den Garten und weiter.

Don Carlos las, sobald sie sich entfernt hatte, sorgsam die Diamanten wieder auf, that sie in das lederne Beutelchen, schloß Diamanten, Ring und Pergament in einer Art Secretär ein, dessen Schlüssel er zu sich nahm, und ging noch nachdenklich langsam die Stufen hinunter.

Unten traf er Don Inigo und betrachtete ihn mit Erstaunen, als wisse er nicht, warum derselbe da sey.

»Sir,« sprach der Oberrichter, »ich befinde mich hier auf Befehl Ew. Hoheit, die mir zu warten gebot; habt Ihr mir nichts zu sagen?«

Don Carlos schien seine Erinnerungen zu sammeln, drängte mit Anstrengung den Gedanken an das Kaiserthum zurück, der alle seine andern Gedanken überflutete, wie das Meer immer und immer wieder den Strand bedeckt.

»Ach ja,« sagte er dann, »Ihr habt Recht. Meldet dem Don Ruiz de Torillas, daß ich eben die Begnadigung seines Sohnes unterzeichnet habe.«

Während Don Inigo sich nach dem Platze der Algires begab, um seinem Freunde diese gute Nachricht mitzutheilen, setzte Don Carlos den Weg nach dem Löwenhofe fort.

Neunzehntes Capitel.
Der Kampf

Ginesta war bereits aus dem Wege nach dem Gebirge.

Wir wollen ihr vorauseilen und zusehen was nach ihrer Entfernung in der Grotte geschehen ist.

Fernand hatte dem Mädchen so lange als möglich nachgesehen und sich erst allein gefühlt, als sie gänzlich seinen Blicken entschwunden.

Da hatte er wieder nach dem Waldbrande gesehen. Die Flamme bedeckte das ganze Gebirge mit ihrem Glutmeere. Das Geschrei der Thiere war in dem Feuer und dem Rauche erstickt, und man hörte nun nichts mehr als das Knistern und Prasseln des Brandes, in welches sich für Fernand das brausende Rauschen des Wasserfalles mischte.

Das Schauspiel war großartig, aber wie glänzend und herrlich auch ein Schauspiel ist, es ermüdet endlich. Nero, der so lange gewünscht hatte Rom brennen zu sehen, wendete endlich das geblendete Auge von der brennenden Stadt ab.

So kehrte auch Don Fernand in seine Grotte zurück und legte sich sinnend auf sein Lager von Farnkraut.

Womit beschäftigten sich seine Gedanken?

Er würde es selbst kaum haben sagen können. Mit der schönen Dona Flor, die er wie ein leuchtendes Meteor hatte erscheinen sehen und die er zu retten vermocht?

Mit der sanften schönen Ginesta, welcher er durch den Wald gefolgt war, wie eine verschlagene Schifferin, die am Boote einem Sterne folgte, und die ihn in ihrer Schwäche rettete?

Womit sich aber auch seine Gedanken beschäftigten, er schlief endlich so ruhig ein, als ob nicht seinetwegen das Feuer auf dem Gebirge wüthe in einem Umkreise von fünf bis sechs Stunden.

Kurz vor Tagesanbruch wurde er endlich durch ein seltsames Geräusch geweckt, welches aus dem Innern des Berges zu kommen schien. Er schlug die Augen auf und horchte.

Es ließ sich in einer Entfernung von einigen Fuß ein andauerndes kräftiges Kratzen hören, als ob Jemand in der Erde eifrig arbeite.

Für Don Fernand unterlag es keinem Zweifel mehr: seine Feinde hatten sein Versteck entdeckt und da sie ihn von vorn her nicht angreifen konnten, gruben sie in dem Berge, um auf unterirdischem Wege zu ihm zu gelangen.

Fernand stand auf und untersuchte sein Gewehr; die Lunte war in gutem Zustande und außer der Patrone, die sich im Rohre befand, besaß er noch zwanzig bis fünfundzwanzig andere. Sollte sein Schießbedarf erschöpft werden, so hatte er sein Pyrenäen Messer, auf das er sich mehr verließ und auch mehr verlassen konnte als auf irgend ein Schießgewehr.

Er nahm für jeden Fall seine Muskete zur Hand und hielt das Ohr an die Wand der Grotte.

Der Gräber schien Fortschritte zu machen, wenn auch nicht sehr schnell; nach einigen Stunden in solchem Eifer fortgesetzter Arbeit mußte er offenbar in die Grotte hereindringen.

Mit Tagesanbruch hörte das Geräusch auf.

Der Gräber ruhte wahrscheinlich aus.

Warum lösete ihn denn kein Anderer ab?

Das konnte Fernand sich nicht erklären, und er strengte sich auch nicht besonders an, die Auflösung eines Räthsels zu finden, da er sich sagte, es würde ein Augenblick kommen, in dem das Geheimniß ihm enthüllt sey und er müsse diesen Augenblick geduldig erwarten.

Er hatte auch verschiedene Gründe geduldig zu warten.

Erstlich fürchtete er nicht vor fünf oder sechs Tagen Hunger zu leiden. Ginesta hatte ihm, wie man sich erinnert, Lebensmittel zur Verfügung gestellt. An diese Lebensmittel ging er etwa zwei Stunden nach Sonnenaufgang und an dem Eifer, den er dabei zeigte, konnte man recht deutlich sehen, daß seine gefährliche Lage auf seinen Appetit durchaus keinen Einfluß gehabt habe.

Er hatte ja auch eine zweifache Hoffnung, aus dieser Lage heraus zu kommen; er hatte das Anerbieten Don Inigo’s und das Versprechen Ginesta’s.

Allerdings rechnete er weniger auf das Ansehen der jungen Zigeunerin trotz allem, was er von ihrer Geschichte und der ihrer Mutter erfahren hatte, als auf das des Vaters der Dona Flor.

Auch ist das Herz des Menschen undankbar, vielleicht hätte Don Fernando in der Stimmung, in welcher er sich befand, eine solche Wohlthat lieber aus der Hand Don Inigo‘s als aus jener Ginesta‘s angenommen.

Er hatte nach dem Gefühle, das ihm Don Inigo eingeflößt, auf die Stärke desjenigen geschlossen, das er selbst in dem edlen Greise erregt.

Es lag etwas Seltsames, etwas gleich der Stimme des Blutes, zwischen den beiden Männern.

Don Fernand wurde von diesen Gedanken durch das Geräusch abgelenkt, das er schon früher gehört hatte.

Er hielt das Ohr wieder an die Wand der Grotte und das Licht, das der Tag auch dem Verstande des Menschen bringt, der durch die Nacht immer verdunkelt wird wie die Natur, bestärkte ihn in dem Gedanken, daß Jemand einen Weg grabe, um zu ihm zu gelangen.

Wenn der Gräber sein Ziel erreichte, das heißt in die Grotte hereindrang, mußte Don Fernand einen ungleichen Kampf bestehen, in welchem ihm kaum Aussicht auf Rettung blieb.

Sollte es also nicht besser seyn in der Nacht ein Entkommen zu versuchen, und in dem Dunkel, bei seiner Ortskenntniß, einen andern Theil des Gebirges zu erreichen? Das Feuer hatte aber an der fast senkrecht aufsteigenden Felsenwand geleckt; hatte es die Myrrhen und Lianen, die in einzelnen Ritzen wuchsen, nicht verzehrt und so jede Stütze der Füße, jeder Halt der Hände entfernt?

Don Fernand bog sich aus der Grotte hinaus, um zu sehen, ob der Weg noch gangbar sey, auf welchem Ginesta vor dem Brande sich entfernt.

Während er so aufmerksam umherblickte, fiel ein Schuß und etwa einen halben Fuß weit von der Stelle, wo er seine Hand hatte, schlug eine Kugel auf.

Don Fernand blickte empor. Drei Soldaten, die auf der Spitze eines Felsens standen, zeigten sich ihn einander und ein weißes Rauchwölkchen über ihnen deutete an, daß der Schuß von ihnen gekommen.

Der Salteador war entdeckt, aber nicht der Mann, der auf eine solche Aufforderung nicht antwortete.

Er nahm seine Muskete, legte aus den der drei Soldaten an, welcher die Waffe wieder lud, und folglich zuerst geschossen hatte.

Der Schuß knallte, der Soldat breitete die Arme aus, ließ die Waffe fallen, die ihm einen so schlechten Dienst geleistet hatte, und stürzte kopfüber an dem Felsenhange herunter.

Es folgte lautes Geschrei.

Es unterlag keinem Zweifel mehr, daß der Gesuchte gefunden sey.

Fernand trat zurück, um wieder zu laden, und mit dem frischgeladenen Gewehre erschien er dann von neuem an der Oeffnung der Grotte.

Aber die beiden Gefährten dessen, welchen er niedergeschossen hatte, waren verschwunden, und soweit sein Auge reichte, d. h. in dem weiten Umkreise, den die Grotte über- schaut, erblickte er nichts.

Nur Steinstücke, die von dem Felsen oben herabrollten, deuteten an, daß die Soldaten über dem Salteador sich sammelten.

Das Graben in der Höhle dauerte ununterbrochen fort.

Es unterlag keinem Zweifel, daß der Salteador, da er entdeckt, auf jede mögliche Weise angegriffen werden würde.

Er bereitete also seinerseits alle Vertheidigungsmittel vor, überzeugte sich, daß sein baskischer Dolch leicht aus der Scheide gehe, das Zündpulver in der Pfanne seines Gewehres sey, und setzte sich aus das Farrenkrautbett, von wo er das was hinter ihm vorbereitet wurde, hören und was draußen geschah, sehen konnte.

Nach etwa einer halben Stunde glaubte er zu bemerken, daß ein Schatten zwischen ihm und dein äußern Lichte, ein dunkler Körper am Eingange der Grotte an einem Stricke schwebe.

Da die Soldaten zu der Grotte nicht herbsteigen konnten, so ließen sie einen Mann in vollständiger Rüstung an einem Stricke hinab.

Er war fast ganz durch einen kugelfesten Schild gedeckt und für das Unternehmen durch den Preis von tausend Philippsdor gewonnen, welcher dem versprochen war, welcher den Salteador todt oder lebendig einliefere.

In dem Augenblicke aber, als der Soldat beinahe den Felsen unten erreichte, füllte ein Schuß die Grotte mit Knall und Rauch.

Die Kugel, welche nicht im Stande war den Schild und die Rüstung zu durchdringen, hatte den Strick zerschnitten, an welchem der Mann hing.

Der Soldat stürzte zerschmettert in den Abgrund.

Drei Versuche dieser Art wurden gemacht und alle drei hatten ein ähnliches Schicksal.

Jedesmal stieg ein gräßlicher Schrei aus der Tiefe herauf und gleich einem Echo antwortete ihm ein anderer Schrei oben auf dem Berge.

Nach diesem dreifachen tödtlichen Versuche meinten die Belagerer wahrscheinlich, sie müßten auf eine andere Angriffsweise sinnen, denn es folgte tiefe Stille und der Salteador sah Niemanden wieder erscheinen.

Der unterirdische Arbeiter freilich war ununterbrochen thätig und die Mine rückte rasch vor.

Don Fernand hielt fortwährend das Ohr an die Wand und so sah er die Nacht kommen.

Die Nacht bedrohte ihn mit einem doppelten Angriff.

Im Dunkel gelang es den Soldaten vielleicht den Felsen zu ersteigen. Wenigstens war der Minirer so nahe, daß er vor einer Stunde sich durchgearbeitet haben mußte.

Uebrigens sagte dem Salteador das geübte Ohr, daß in der Erde nur Einer arbeite.

Mit einiger Verwunderung bemerkte Fernand, daß er nicht hacken oder graben härte; es war ein ununterbrochenes Kratzen, als ob der Arbeiter kein anderes Werkzeug habe als seine Hände.

Das Geräusch kam näher und näher.

Der Salteador legte das Ohr nochmals an die Wand, der Minirer war so nahe, daß man sein starkes rasches Athmen hören konnte.

Fernand horchte aufmerksamer als je. Ein Lächeln blitzte über sein Gesicht.

Er verließ den hintern Theil der Grotte, trat bis an den glatten Rand des Felsens vor, bog sich über den Abgrund, um sich zu überzeugen, daß ihn von außen keine Gefahr bedrohe.

Alles war ruhig; die Nacht lag dunkel und stumm über dem Gebirge. Die Soldaten hatten offenbar jeden Angriff in der Hoffnung aufgegeben, den Salteador durch Hunger zu fangen.

»O,« murmelte er, »laßt mir nur eine halbe Stunde, und ich schenke dem König Don Carlos die Begnadigung, um die man ihn jetzt für mich bittet.«

Dann kehrte er in die Tiefe der Höhle zurück, nahm seinen baskischen Dolch zur Hand und begann seinerseits die Erde aufzugraben, dem entgegen, der schon arbeitete.

Sie kamen einander schnell nahe. Nach etwa zwanzig Minuten stürzte die schwache Scheidewand ein, die sie noch von einander trennte, und Fernand sah, wie er es offenbar erwartete, in der Oeffnung den Kopf eines Bären, auf die beiden riesigen Tagen gestützt, erscheinen.

Das Thier athmete und das Athmen glich einem Brüllen.

Dieses wohlbekannte Geräusch hatte dem muthigen Jäger das Wild verrathen.

Auf dieses Athmen hatte Fernand seinen Fluchtplan gebaut.

Er hatte sich gesagt, die Höhle des Bären grenze ohne Zweifel an die Grotte an.

Diese Höhle werde ihm einen nicht bewachten Ausgang gewähren.

Er sah nun das Ungethüm lächelnd an und sagte:

»Ach, ich kenne dich, alter Bär von Malhacen; deiner Fahrt folgte ich als Ginesta mich rief; du brummtest als ich aus den Baum steigen wollte; du wirst mir gutwillig oder nicht einen Abzug frei lassen. Mache Platz!«

Bei diesen Worten stieß er den Dolch in die Schnauze des Bären.

Das Blut spritzte heraus; das Thier brüllte vor Schmerz, kroch rücklings in seine Höhle und machte so die Oeffnung frei.

Der Salteador schlüpfte durch die Oeffnung hindurch, wie eine Schlange und war etwa vier Fuß weit von dem, Bären in dessen eigener Höhle. Das Thier versperrte ihm nur den Weg.

»Ja, ja,« sagte Fernand, sich weiß es wohl, daß nur Einer von uns hinaus kommt. Es fragt sich wer.«

Der Bär antwortete mit drohendem Brummen, als habe er die Worte seines Gegners verstanden.

Dann folgte eine Pause, in welcher die beiden Gegner einander mit den Augen maßen.

Die des Thieres glichen glühenden Kohlen.

Weder der Eine noch der Andere rührte sich; jeder schien eine falsche Bewegung des Andern benützen zu wollen.

Der Mensch ermüdete zuerst.

Fernand suchte in der ausgescharrten Erde einen Stein und der Zufall begünstigte ihn. Er fand einen ziemlich großen ganz in der Nähe.

Die beiden glühenden Augen dienten ihm als Zielpunkt und der Stein, von der Größe eines Pflastersteines, flog von kräftiger Hand geschleudert an den Kopf des Thieres.

Einem Stier würde der Schädel zertrümmert worden seyn.

Der Bär senkte sich auf die Knie und Fernand sah, eine kurze Zeit lang den zweifachen Blitz der Augen unter, den geschlossenen Lidern verschwinden.

Dann schien er sich zum Angriffe zu entschließen und mit grauenhaftem Brummen richtete er sich auf den Hinterbeinen auf.

»Ah,« sagte Fernand, der ihm näher trat, »du entschließest dich endlich?«

Er setzte dabei das Heft seines Dolches auf seine Brust, während er die Spitze gegen den Feind kehrte.

»Komm, Camerad,« sagte er, »umarmen wir uns.«

Die Umarmung war schrecklich. Fernand fühlte die Klauen des Bären sich in das Fleisch seiner Schultern drücken, der Bär dagegen fühlte, daß die Spitze des Dolches Fernands ihm bis ans Herz drang.

Mensch und Thier stürzten miteinander nieder und der Bär benetzte den Boden mit seinem Blute.

Zwanzigstes Capitel.
Die Gastfreiheit

Gegen Abend erschien Ginesta wieder in dem Gebirge.

Ehe wir ihr dahin folgen, dürfte es gut seyn, wenn wir einen Besuch in dem Hause des Don Ruiz de Torillas machen und zwar mit dem Oberrichter von Andalusien.

Der Leser erinnert sich vielleicht der wenigen Worte, welche der König zu Don Inigo sagte, als er mit Ginesta aus dem Mirador der Königin kam. Ohne darnach zu fragen, durch welches Mittel die Zigeunerin die Begnadigung erlangt habe, welche ihm von Don Ruiz abgeschlagen worden war, war Don Inigo sofort nach dem Hause des Don Ruiz gegangen, der an dem Bivaramblaplatze in der Nähe des Thores von Granada stand.

Man erinnert sich ferner, daß der Oberrichter so lange in Granada bleiben sollte, als der König selbst in der Hauptstadt der ehemaligen maurischen Könige verweilen würde, und daß er es für eine Beleidigung seines alten Freundes gehalten hatte, nicht sogleich zu ihm zu gehen und ihn ungastliche Aufnahme zu ersuchen.

Er hatte deshalb, wie wir gehört, auf dem Platze der Algires zu Don Ruiz gesagt, er sey in dem Hause desselben erschienen.

Dona Mercedes war eben allein, denn Don Ruiz wartete, wie wir wissen, aus die Ankunft des Königs.

Dona Mercedes, trotz ihren vierzig Jahren noch immer schön, hatte den Ruf einer Matrone aus der alten Zeit; ihr Leben war, wie Alle sagten, rein und fleckenlos vergangen, und Niemanden in ganz Granada wäre es in den Sinn gekommen auch nur einen Schatten von Verdacht aus die Gemalin des Don Ruiz fallen zu lassen.

Als sie Don Inigo erblickte, unterdrückte sie einen Aufschrei und stand auf; ihr gewöhnlich bleiches Gesicht überzog eine plötzliche Flammenröthe, die indeß schnell erlosch wie der Schein eines Blitzes, um noch tiefere Blässe zurückzulassen. Und seltsam, als ob dieser Eindruck, den Dona Mercedes empfand, auch auf Don Inigo gewirkt hätte, erst nach ziemlich langem Schweigen, in welchem Dona Flor verwundert ihren Vater und Mercedes anblickte, fand Don Inigo die Sprache wieder.

»Señora,« sagte er, »ich werde einige Tage in Granada verbringen und zwar zum ersten Male seit meiner Rückkehr aus der neuen Welt. Da würde ich es denn für unverantwortlich gegen einen alten Freund halten, wenn ich in dein Wirthshause oder bei einem andern Bekannten abstiege.«

»Señor,« antwortete Mercedes mit niedergeschlagenen Augen und mit einer Stimme, deren Bewegung sie vergebens zu beherrschen versuchte, »Ihr habt Recht und wenn Ihr anders handeltet, würde Don Ruiz gewiß sagen, er oder seine Frau haben gegen die Freundschaft gehandelt; da er es nun sicherlich nicht gethan hat, würde er mich, wie ein Richter den Angeklagten, fragen, ob ich mir etwas habe zu Schulden kommen lassen.«

»Das, Señora,« antwortete Don Inigo ebenfalls mit niedergeschlagenen Augen, »ist, außer dem natürlichen Wunsche einen alten Freund wieder zu sehen, der wirkliche Grund, der mich zu Euch führt.« Und er betonte die legten Worte besonders.

»Bleibt hier, antwortete Dona Mercedes, »mit Dona Flor, der ich mit Freuden Mutterliebe schenken würde, wenn sie mich einen Augenblick glauben ließe, sie sey meine Tochter. Ich werde dafür sorgen, daß die Aufnahme, die Ihr in dem Hause meines Gemales findet, Euer so würdig sey, als es unser Zustand erlaubt, in den unser Haus durch die Freigiebigkeit des Don Ruiz gekommen ist.«

Dona Mercedes verbeugte sich vor Don Inigo und dessen Tochter und ging hinaus.

Dona Mercedes deutete mit dem Ausdruck »Freigebigkeit des Don Ruiz« auf das was dieser selbst dem Könige von der Armuth gesagt, zu welcher er herabgestiegen, nachdem er den, Blutpreis an die Familien der beiden durch seinen Sohn getödteten Alguazils und für die Schwester Don Alvars die Mitgift an das Kloster bezahlt.

Diese Freigebigkeit war um so seltsamer, besonders aber um so lobenswerther, als Don Ruiz, wie wir wissen, nicht eben viel väterliche Liebe für den Sohn empfunden hatte.

Hinter Dona Mercedes war ein alter Diener des Hauses eingetreten, der auf einem Teller von vergoldetem Kupfer mit arabischen Verzierungen Gebäck, Obst und Wein trug.

Der Oberrichter wies den Teller mit einer Handbewegung von sich, Dona Flor aber brach mit der Naschhaftigkeit der Vögel und Kinder, die immer bereit und geneigt sind, das Dargebotene zu kosten, einen rothen Granatapfel auf und benetzte ihre Lippen, die wo möglich noch röther und frischer waren, als der Saft jenes Apfels, mit dem flüssigen Golde, das man Xereswein nennt.

Nach einer Viertelstunde kam Dona Mercedes zurück, oder öffnete vielmehr die Thür und forderte ihre Gäste auf ihr zu folgen.

Ihr Zimmer war das der Dona Flor, das ihres Gatten jenes des Don Inigo geworden.

Weder Don Inigo noch Dona Flor kamen auf den Gedanken, sich wegen der Störung zu entschuldigen, welche sie in dem Hause des Don Ruiz verursachten, denn die Gastfreundschaft hatte ihre Gesetze, welche von dem beobachtet wurden, der sie gewährte, wie von jenem, der sie empfing. Dona Flor und Don Inigo würden ganz ebenso gehandelt haben, wenn sie Don Ruiz und Dona Mercedes bei sich aufgenommen hätten.

Beide, Don Inigo und Dona Flor, begaben sich in die ihnen zugewiesenen Zimmer und Inigo legte die Reisekleidung ab und andere an, um dem Könige entgegenzugehen.

Wir sahen ihn im Gefolge des Königs und haben ihn zurückbegleitet in das Haus des Freundes.

Don Ruiz seinerseits kam so betrübt zurück, daß die Gattin, die ihn erscheinen sah, ihm nicht entgegen zu treten wagte; sie zog sich vielmehr in ihr Zimmer zurück, das sie sich ausersehen hatte, und überließ es dem alten Diener, den Herrn von dem Vorgange im Hause zu unterrichten und ihn in das ihm vorläufig bestimmte Zimmer zu begleiten.

Der König hatte Don Ruiz in so strenger Weise an den Oberrichter gewiesen, daß er auch sogar von dem Einflusse Don Inigo’s wenig für die Begnadigung seines Sohnes erwartete. Er brauchte das kalte unbewegliche Gesicht des jungen Königs nur anzusehen, um den unerschütterlichen Willen zu erkennen, der unter dieser Marmorstirn lag; darum wunderte er sich auch nicht über das lange Ausbleiben seines Gastes, dagegen staunte er sehr, als Dona Flor mit strahlendem Gesicht plötzlich die Thür der beiden Zimmer öffnete und der Dona Mercedes wie Don Ruiz zurief:

»Komm, kommt! Mein Vater meldet, daß der König Don Carlos den Don Fernand begnadigt hat.«

»Gute Nachrichten! Gute Nachrichten!« rief Don Inigo, als er das Ehepaar erblickte. »Lasset die Thür offen, denn das Glück folgt mir.«

»Es wird um so willkommner in diesem Hause seyn,« antwortete Don Ruiz, »da es sich lange in demselben nicht gezeigt hat.«

»Die Barmherzigkeit des Herrn ist groß,« antwortete Mercedes fromm, »und läge ich auf meinem Sterbebette, ohne daß der Gast, den Ihr ankündiget, erschienen sey, ich würde doch noch immer hoffen, daß er sich einfinde, ehe ich den letzten Seufzer aufgäbe.«

Don Inigo erzählte sodann das seltsame Begebniß ausführlich, wie der König sein Gesuch streng abgewiesen habe und wie die Bitte ohne Zweifel der Zigeunerin gewährt worden sey.

Dona Mercedes, für deren Mutterherz nichts, was ihren Sohn betraf, gleichgültig war und die noch nicht wußte, was ihr Gatte durch Don Inigo erfahren hatte, nämlich daß dieser nebst seiner Tochter durch den Salteador angehalten worden, fragte zunächst wer die Zigeunerin sey.

Dona Flor ergriff da ihre Hand, gab der edlen Dame den Namen, nach dem sie sich gesehnt zu haben schien, und sagte:

»Komm: mit mir, Mutter.«

Sie führte Dona Mercedes in ihr Zimmer.

Um nun so viel als möglich das Schmerzliche zu mildern, was in der Erzählung liegen mußte, welche sie hören sollte, ließ sich Dona Flor vor der Mutter Don Fernands auf die Knie nieder, stützte beide Ellbogen auf die Knie derselben, blickte ihr in die Augen, faltete die Hände und erzählte so schonend als möglich; was ihr und ihrem Vater in der Venta zum Maurenkönig widerfahren war.

Dona Mercedes hörte fast athemlos, mit halb geöffnetem Munde, bebend bei jedem Worte, bald in Angst und bald in Freude, die Erzählung an, und dankte endlich Gott inbrünstig, als sie erfahren, daß der schreckliche Salteador, den man ihr so oft als blutdürstigen Mörder geschildert hatte, weil man nicht wußte, daß sie die Mutter desselben sey, sie dankte Gott, daß der Salteador freundlich gegen Don Inigo und dessen Tochter gewesen.

Von diesem Augenblicke an entstand innige Zuneigung für Dona Flor in dem Herzen der Mercedes, denn die Mutterliebe ist ein so wunderbar unerschöpflicher Schatz, daß sie dem Sohne diese Liebe ganz und gar geben kann und doch noch Mittel findet, auch die zu lieben, die ihn lieben.

Dona Flor ihrerseits war heiter und voll Liebe für die Mutter Don Fernands und schmiegte sich an dieselbe, als sey sie ihre eigene Mutter, während die beiden alten Herren unter den Bäumen vor dem Hause auf und ab gingen und ernst von der Zukunft sprachen, welche Spanien von dem jungen Könige mit dem blonden Haar und rothen Bart zu erwarten habe, welcher den castilianischen und aragonischen Königen, seinen Vorgängern, so wenig gleiche.

Einundzwanzigstes Capitel.
Der Kampfplatz

In dieser Zeit, das heißt während die beiden alten Herren miteinander sprachen und Dona Mercedes und Dona Flor einander in ausdrucksvollem Schweigen zulächelten, gelangte Ginesta in das Gebirge.

Eine Viertelstunde von der Venta »zum Maurenkönige« traf sie auf Soldaten.

Diesmal floh sie dieselben nicht, sie suchte sie vielmehr auf.

»Ach!« riefen sie aus, »das schöne Mädchen mit der Ziege!«

Das Mädchen ging geradenwegs zu dem Anführer.

»Herr Hauptmann,« sagte sie, »leset dies Papier.«

Es war der von Don Carlos geschriebene und besiegelte Befehl den Salteador frei passiren zu lassen.

»Hm!« murmelte der Soldat. »So hätten wir nicht nöthig gehabt, den Wald fünf, sechs Stunden weit zu verbrennen und uns vier Mann tödten zu lassen.«

Er las das Papier nochmals, als wenn ihm die Sache so seltsam vorkomme, daß ihn einmaliges Lesen nicht überzeugte.

»Du bringst ihm das Papier hin wo er ist?« fragte er das Mädchen, das er für eine gewöhnliche Zigeunerin hielt.

»Ich bringe es ihm,« antwortete Ginesta.

»So geh.«

Ginesta eilte weiter.

»Einen Rath will ich Dir geben,« setzte der Hauptmann hinzu; »zeige ihm an, wer Du bist und was Du bringst, damit er Dich nicht empfängt, wie er meine Soldaten empfangen hat.«

»O, ich habe nichts zu fürchten,« antwortete Ginesta; »er kennt mich.«

»Beim heiligen Jacob! ich weiß nicht, ob Du Dich dieser Bekanntschaft zu rühmen hast, schönes Kind.«

Darauf winkte er ihr, daß sie ihren Weg fortsetzen könne.

Ginesta war schon weit hinweg.

Ihr Weg war ihr vorgezeichnet, denn sie ging wiederum in dem Bette des Wildbachs hin.

Sie gelangte so bis an die Stelle, wo das Wasser von oben herunterstürzte.

Hier scheute die Ziege, die vorauslief, und kam zurück. Ginesta ging weiter.

Ihre Augen, die an das Dunkel gewöhnt waren und in der Nacht fast so gut sahen wie am Tage, erkannten einen Leichnam.

Es war der des ersten Soldaten, der in den Abgrund hinabgestürzt war.

Sie ging um ihn herum und ihr Fuß stieß an einen zweiten.

Sie sprang vorwärts und mußte über einen dritten todten Körper schreiten.

Die Todten konnte sie nicht fragen, aber die Stille des Todes sagte ihr, daß ein Kampf, ein schrecklicher Kampf stattgefunden.

Was war in diesem Kampfe aus Fernand geworden?

Einen Augenblicke trat ein Ruf auf ihre Lippen, der zu dem Salteador hinaufsteigen sollte; aber Ginesta bedachte, daß ihre Stimme im Rauschen und Tosen des Wasserfalles nicht gehört werden könne.

Sie kletterte leicht und gewandt an dem steilen Felsen hinauf.

Nur eine Fee oder ein Engel konnte einen solchen Weg zu gehen unternehmen.

Als ihr Fuß oben auf dem Felsen stand, legte sie die Hand auf das Herz, denn dieses Herz klopfte, als wolle es die Brust zerschlagen.

Dann rief sie Fernand.

Der Angstschweiß trat ihr auf die Stirn.

Sie rief nochmals.

Das Echo selbst blieb stumm und ein kalter Zugwind wehte sie an.

Sie glaubte am Ende der Grotte eine ihr sonst unbekannte Oeffnung zu sehen.

Sie zündete die Lampe an.

Es war eine Oeffnung da und aus dieser Oeffnung drang das seltsame Rauschen, das aus jeder Tiefe steigt, das weder der Klang des Lebens, noch die Stille des Todes, sondern das Rauschen des Unbekannten ist.

Sie hielt die Lampe an die Oeffnung.

Der Zug verlöschte sie.

Ginesta zündete die Lampe von neuem an, hielt die Hand vor die Flamme und trat aus der ersten Grotte in die zweite.

Die Ziege wollte ihr nicht folgen und blieb zitternd stehen.

Da ein großer Haufen Erde in der zweiten Höhle lag, so schloß Ginesta, daß Fernand die Arbeit des Grabens wenn nicht begonnen, so doch vollendet habe.

Sie untersuchte die Wände der Höhle genauer.

Dabei glitt ihr Fuß auf feuchtem Boden aus.

Sie hielt die Lampe an diese Stelle des Bodens und sah, daß dieselbe mit Blut getränkt war.

Die Lampe entfiel fast ihrer Hand.

Sie nahm indeß alle ihre Kraft zusammen und hob die Lampe nach der Decke empor, um die ganze Höhle zu erleuchten.

In einer Ecke lag eine schwarze haarige Masse.

Gleichzeitig verbreitete sich der scharfe Geruch, den jedes wilde Thier von sich gibt.

Dieser Geruch hatte die Ziege erschreckt.

Ginesta trat zu der Masse; sie rührte sich nicht.

Als sie näher kam, erkannte sie den großen Bären vom Gebirge.

Sie beleuchtete ihn mit dem Lichte der Lampe.

Er war todt.

Aus einer tiefen Wunde an der Seite floß noch Blut.

Ginesta wagte das Thier zu berühren; es war noch warm.

Der Kampf konnte also erst vor kurzem stattgefunden haben.

Daß der Kampf zwischen dem Thiere und Fernand stattgefunden, war nicht zweifelhaft.

Ginesta erklärte sich Alles.

Man hatte Fernand angegriffen und Fernand hatte die Soldaten getödtet, deren Leichen sie gesehen.

Um in der Höhle nicht überwältigt zu werden, hatte er jenen Ausgang gegraben.

Dabei war er in die Höhle des Bären gelangt.

Der Bär hatte sich zur Wehr gesetzt und war getödtet worden.

Dann war Fernando durch den entgegengesetzten Ausgang entflohen, den man nicht kannte.

Die Höhle, welche ins Freie hinausführte, oder vielmehr der unterirdische Gang war hundert bis hundertundzwanzig Schritte lang.

Ginesta ging durch diesen Ausgang hinaus.

Oben auf dem Berge standen Soldaten, ein Beweis, daß man noch immer Fernand in der Höhle vermuthete.

Hier und da schlug noch immer die Flamme auf, da, wo das Feuer Gruppen harziger Bäume gefunden hatte.

An allen andern Orten stieg weißer Rauch auf.

Ginesta eilte durch denselben hindurch.

Am andern Tage, mit Tagesanbruche, erschien ein Mädchen, umhüllt von der Mantille, welche ihr Gesicht bedeckte, auf dem Vioarambla-Platz, klopfte an dem Hause des Don Ruiz an und verlangte zu Dona Flor geführt zu werden.

Dona Flor, deren Herz durch die guten Nachrichten vom vorigen Tage heiter gestimmt war, nahm das Mädchen auf, wie man selbst Unbekannte aufnimmt, wenn das Herz Feste feiert.

Feiert das Herz ein Fest, so gleicht das Gesicht den Fenstern eines erleuchteten Hauses. So fest und dicht die Vorhänge auch zugezogen seyn mögen, einige Strahlen von dem Lichterglanze drinnen finden den Weg nach außen doch. Die Vorübergehenden aber bleiben stehen und sagen:

»In dem Hause wohnen Glückliche.«

Bei dem Anblicke des heitern Gesichtes der Dona Flor, die so noch um Vieles schöner erschien, seufzte das Mädchen.

So leise aber auch der Seufzer war, Dona Flor hörte ihn.

Sie glaubte, die Fremde habe ihr eine Bitte vorzulegen.

»Ihr wolltet mit mir sprechen,« begann sie.

»Ja,« antwortete Ginesta leise.

»Tretet näher und sagt, was ich für Euch thun kann.

Ginesta schüttelte den Kopf.

Dann sagte sie:

»Ich komme um etwas für Euch zu thun.«

»Für mich?« fragte Dona Flor erstaunt.

»Ja,« sagte Ginesta. »Ihr fragt, was man für die Tochter des reichen und mächtigen Don Inigo thun könne, da sie ja jung ist und schön und von Don Fernand geliebt wird.«

Dona Flor erröthete, sagte aber nichts.

»Nun,« fuhr Ginesta fort, »man kann ihr ein unschätzbares Geschenk geben, ohne das alles Andere nichts ist, – man kann ihr die Begnadigung des Mannes bringen, den sie liebt.«

»Aber,« entgegnete Dona Flor, »ich glaubte, diese Begnadigung sey Don Fernand überbracht, der sich irgendwo im Gebirge verborgen hält.«

»Don Fernand,« antwortete Ginesta traurig, »ist nicht mehr, wo ich ihn verlassen habe und ich weiß nicht wo er ist.«

»Mein Gott!» sagte Dona Flor und alle ihre Glieder bebten.

»Ich weiß nur, daß er außer Gefahr ist,« setzte Ginesta hinzu.

»Ah!» flüsterte Dona Flor erfreut und mit der Röthe ihrer Wangen erschien das Lächeln wieder auf ihren Lippen.

»Ich bringe Euch die Begnadigung, damit Ihr sie ihm überreicht.»

»Aber ich weiß nicht wo Don Fernand ist,« stammelte Dona Flor; »wen soll ich nach ihm fragen? wo soll ich ihn finden?»

»Ihr liebt ihn und er liebt Euch,» sagte Ginesta.

»Ich weiß es nicht, ich glaube, ich hoffe es,« flüsterte Dona Flor.

»So werdet Ihr ihn finden, da er Euch gewiß sucht.«

Ginesta reichte Dona Flor das Papier, welches die Begnadigung enthielt.

Wie sorgsam sie aber auch bis dahin ihr Gesicht verborgen gehalten hatte, bei dieser Bewegung verschob sich die Mantille am Gesicht und Dona Flor konnte dasselbe sehen.

»Ach!« rief sie, »die Zigeunerin aus der Venta zum Maurenkönig!«

»Nein,» antwortete Ginesta mit einem Tone, in welchem unermeßlicher Schmerz lag, »nein – Schwester Filippa vom Annunciadenorden.«

Diesen Orden hatte Don Carlos der Zigeunerin bezeichnet, damit sie in einem Kloster desselben das Noviciat antrete und das Gelübde ablege.

Zweiter Teil

Erstes Capitel.
Der Schlüssel

Gegen Mitternacht verließ Dona Flor den Balcon des Zimmers, welches sie im Hause des Don Ruiz inne hatte.

Es war, wie man sich erinnert, das Zimmer der Dona Mercedes, denn die Gastfreundschaft hatte das Beste geboten.

Warum verließ aber Dame Flor den Balcon so spät? Warum schloß sie so spät und so nachlässig die Jalousie? Was hielt sie bis Mitternacht wach? Warum lauschte sie so aufmerksam?

Warteten ihre Augen auf den schönen Hesperus, der im Westen aufgeht?

Horchte ihr Ohr auf die Nachtigall, die im blühenden Oleander am Ufer des Darro ihre Hymne an die Nacht sang?

Oder sahen ihre Augen nicht, hörten ihre Ohren nicht, war ihre Seele in den lieblichen süßen Traum der sechzehn Jahre versunken, den man Liebe nennt?

Ginesta weinte und betete ohne Zweifel in ihrem Kloster.

Dona Flor lauschte und lächelte.

Vielleicht liebte Dona Flor auch nicht, aber ein unbekannter Duft deutete ihr das Nahen des Gottes an, den man Liebe nennt, wie ein Licht vom Himmel der Jungfrau Maria das Erscheinen des Engels Gabriel verkündete.

Das Seltsame bei dem jungen Mädchen war die Theilung der Zuneigung, die sie in ihrem Herzen für zwei junge Männer empfand.

Der, welchen sie fürchtete, den sie gestehen haben würde, wenn er erschienen wäre, bei dem sie instinctmäßig gefühlt hätte, daß ihre Züchtigkeit gefährdet sey, war der schöne Cavalier, der elegante Liebesbote, wie er sich selbst genannt hatte, der aus dem Wege von Malaga noch Granada ihr voraus geeilt, Don Ramiro.

Der, welchem ihre Schritte von selbst entgegen gingen, an dessen Achsel sie ohne Bangen geruht, den sie eine Stunde lang angesehen hätte, ohne daß es ihr in den Sinn gekommen wäre zu erröthen oder die Augen niederzuschlagen, war der Salteador von der Heerstraße, der Bandit aus der Venta del Rey Moro, Don Fernand.

In der Stimmung, in welcher die Seele begeistert, der Körper aber matt ist, trat Dona Flor an den Spiegel, den letzten Höfling am Abende, den ersten Schmeichler am Morgen, und winkte ihrer Zofe sie auszukleiden.

Diese erkannte wohl, daß sie bei der Stimmung und Zerstreutheit ihrer Herrin auf keine Frage eine Antwort erhalten werde, und so begann sie das schöne Mädchen zu entkleiden, ohne nur ein Wort zu sagen.

Niemals vielleicht hatten die Augen Dona Flors mit den langen Sammtlidern und die halbgeöffneten Lippen, zwischen denen die Emailreihe der weißen Zähne erschien, so deutlich zu der Nacht gesagt: »Ich bin sechzehn Jahre alt, und fühle das Bedürfniß zu lieben und geliebt zu werden.«

Die Zofe täuschte sich darüber nicht. Die Frauen besitzen einen wunderbaren Instinct, nach dem sie die Anwesenheit, ja selbst das Nahen der Liebe erkennen.

Sie benetzte ihre Gebieterin mit Wohlgerüchen nicht wie eine Jungfrau, die in Schlaf sinken will, sondern wie eine Braut, die den Bräutigam erwartet.

Schmachtend, matt, wankend, mit bebendem Herzen ging Dona Flor dann zu ihrem Bette, und legte das schöne Köpfchen auf den schönen weißen Arm.

Sie hatte lange gezögert, ehe sie so weit gekommen, und nun sehnte sie sich so bald als möglich allein zu seyn. Sie hatte sich eine Art Einsamkeit durch Schweigen geschaffen, aber diese genügte ihr nicht, sie wollte auch allein seyn.

Sie richtete sich auf, um der fortgehenden Zofe nachzusehen, welche nicht ahnte, daß sie damit den heißen Wunsch der Herrin erfülle, im Gegentheile sich anschickte, dafür sich zu entschuldigen, daß sie sich entferne.

Sie nahm die Lampe mit sich, und ließ das Gemach in jenem bleichen Lichte, welches ein Nachtlämpchen durch die Alabasterglocke hindurch verbreitet.

So schwach aber auch das Licht war, schien es doch den Augen des Mädchens zu hell zu seyn, denn sie richtete sich zum zweiten Male auf, und zog mit einem Seufzer den Bettvorhang gleich einer Schranke zwischen sich und der Lampe, so daß zwei Drittheile ihres Lagers von mondscheinartigem, bläulichen Lichte überströmt wurde, das obere Drittel aber ganz im Dunkel blieb.

Jedes Mädchen ist fünfzehn, jeder Jüngling achtzehn Jahre alt gewesen, jeder Mann und jede Frau hat in dem Winkel des Gedächtnisses, welches dem Herzen entspricht die Erinnerung an das bewahrt, was sie durch die Pforte der Jugend gesehen, die nach dem Paradiese führt. Wir wollen es also nicht versuchen die Träume Dona Flors zu beschreiben; die Rose besteht aus Weiß und Roth, der Traum eines Mädchens aus Hoffnung und Liebe.

Allmälig ging das schöne Kind vom Traum des Wachens zum Traum des Schlafens über. Die halb offenen Lider sanken zu; die geschlossenen Lippen öffneten sich; zwischen die Welt der Wirklichkeit und ihre Gedanken senkte sich etwas wie eine Wolke; es entschlüpften ihr zwei oder drei Seufzer, die schmachtend verklangen wie Liebesklagen; dann wurde ihr Athem ruhig und regelmäßig. Der Engel, der neben ihr wachte, sah zwischen den Bettvorhängen hindurch, neigte sich über sie und lauschte.

Sie schlief.

Zehn Minuten vergingen, ohne daß irgend ein Geräusch die feierliche Stille unterbrach, dann ließ sich plötzlich das Knirschen eines Schlüssels im Schlosse vernehmen, die Thür wurde leise geöffnet und wieder geschlossen; ein Mann in einem großen braunen Mantel erschien in dem halbdunkel, schob den Riegel an der Thür vor, wahrscheinlich um nicht gestört zu werden, ging leisen Trittes weiter, setzte sich auf das Bett, drückte einen Kuß auf die Stirn der Schlafenden und flüsterte: »Liebe Mutter!«

Die Schlafende zuckte zusammen, schlug die Augen auf und konnte einen leisen Schrei nicht unterdrücken; der Mann stand erstaunt auf, ließ den Mantel fallen und zeigte sich im Lichte der Lampe in elegantem Anzuge.

»Don Fernand!« sagte das Mädchen und zog die Bettvorhänge bis an ihre Lippen.

»Dona Flor!« flüsterte der junge Mann erstaunt.

»Was wollt Ihr zu dieser Stunde hier, Señor? Was verlangt Ihr, warum kommt Ihr?«

Ehe der Salteador antwortete, zog er die dichten äußeren Vorhänge des Bettes vollständig zusammen, so daß sie eine Art Zelt um Dona Flor bildeten, dann trat er einen Schritt zurück, ließ sich aus ein Knie nieder und sagte:

»Señora, so wahr Ihr schön seyd, so wahr ich Euch liebe, ich kam um meiner Mutter ein letztes Lebewohl zu sagen und Spanien für immer zu verlassen.«

»Und warum verlasset Ihr Spanien für immer. Don Fernand?« fragte das Mädchen in ihrem Zelt von Seide und Gold.

»Weil ich flüchtig, geächtet, verfolgt bin, weil ich nur nach einem Wunder noch lebe und weil ich meinen Eltern, meiner Mutter besonders, in deren Zimmer ich Euch unerklärlicherweise finde, die Schmach nicht anthun will, ihren Sohn auf das Blutgerüst steigen zu sehen.«

Es folgte eine Pause, in welcher man nur die raschen Schläge des Herzens des Mädchens hörte, dann bewegten sich die Vorhänge des Bettes und eine weiße Hand streckte sich mit einem Papier heraus.

»Leset dies,« sagte eine bewegte Stimme.

Fernando nahm das Papier, ohne zu wagen die Hand zu berühren, die es ihm reichte, schlug es auseinander, während die Hand sich wieder zurückzog, aber die Vorhänge ein wenig auseinander ließ.

Der junge Mann neigte sich über die Lampe, ohne seinen Platz zu verlassen, und las:

»Wir, Carl, von Gottes Gnaden König von Spanien, Neapel und Jerusalem, thun hiermit Allen zu wissen, daß wir dem Don Fernand de Torillas vollständige Verzeihung für die Verbrechen und Vergehen gewähren, die er begangen haben kann.«

»Ah! rief Don Fernand aus und er faßte diesmal zwischen den Vor-hängen hindurch die Hand Dona Flors, zog sie an sich und küßte sie; »ah, Dank! Don Inigo hat sein Versprechen gehalten und Ihr übernahmt es, gleich der Taube in der Arche, dem armen Gefangenen den Oelzweig zu bringen.«

Dona Flor erröthete, zog sanft ihre Hand zurück und sagte mit einem Seufzer:

»Leset weiter.«

Don Fernand blickte verwundert wieder auf das Papier und las weiter:

»Vorstehende Begnadigung – damit der Betreffende wisse, wem er zu danken habe – ist auf die Bitten der Zigeunerin Ginesta bewilligt worden, welche sich verpflichtet, morgen in das Kloster einzutreten und nach Beendigung ihres Noviziats das Gelübde abzulegen.

»Gegeben in unserem Palaste der Alhambra am 9. Juni im Jahre der Gnade 1519.«

»Ach, die liebe Ginesta,« flüsterte der Salteador, »hatte es mir wohl versprochen.«

»Ihr beklagt sie?« fragte Dona Flor.

»Ich beklage sie nicht nur, ich nehme auch ihr Opfer nicht an.«

»Würdet Ihr das Opfer von mir annehmen, Don Fernand?«

»Ach, noch viel weniger, denn wenn das Opfer nach dem gemessen wird, was man verliert, würdet Ihr, die Reiche, Adelige, Hochgeehrte, weit mehr verlieren als eine arme Zigeunerin ohne Rang, ohne Eltern und ohne Zukunft.«

»Darum schien sie auch vollkommen befriedigt in das Kloster zu gehen,« wagte Dona Flor zu bemerken.

»Befriedigt?« fragte Don Fernand kopfschüttelnd. »Ihr glaubt das?«

»Sie sagte es und für ein armes obdachloses Mädchen ohne Familie, die an der Straße um milde Gaben bitten muß, ist ein Kloster ein Palast.«

»Ihr irrt Euch, Dona Flor,« entgegnete der junge Mann, den der Schatten betrübte, welchen die Tochter Don Inigo’s, so rein sie auch selbst war, auf die Aufopferung derjenigen warf, die sie als Nebenbuhlerin ansehen konnte, – »Ihr irrt Euch; Ginesta ist nicht nur keine Bettlerin, sondern im Gegentheil vielleicht nach Euch eine der reichsten Erbinnen in Spanien. Ginesta ist auch nicht ohne Familie, denn sie ist die Tochter, die anerkannte Tochter Philipps des Schönen. Auch wäre für diese Tochter der Lust und der Sonne, für diese Fee des Gebirges, für diesen Engel der Heerstraße selbst ein Palast ein Kerker, bedenkt also, was ein Kloster für sie seyn muß. Ach, Dona Flor, Dona Flor, Ihr bliebet nicht minder schön und nicht minder geliebt, wenn Ihr ihr den lieblichen Duft ihrer Liebe und ihrer Aufopferung ließet.«

Dona Flor seufzte.

»So weiset Ihr eure Begnadigung um diesen Preis zurück?« fragte sie.

»Der Mann ist gar selbstsüchtig, wenn er eifrig wünscht,« antwortete Don Fernand, »und ich fürchte der Selbstsucht zu erliegen, um bei Euch bleiben zu können, Dona Flor.«

Der junge Mann hörte das Mädchen in raschen Zügen freudig athmen.

»So kann ich der Dona Mercedes eure Rückkunft melden, Don Fernand?«

»Ich wollte ihr meine Abreise melden, Dona Flor; sagt ihr, sie werde mich morgen oder vielmehr heute sehen . . . Ihr seyd der Engel günstiger Nachrichten.«

»Also heute,« wiederholte Dona Flor, indem sie zum zweiten Mal ihre weiße Hand zwischen den Vorhängen hindurch streckte.

»Heute,« antwortete der Salteador, indem er aufstand und mit seinen Lippen die Hand, die man ihm reichte, so ehrfurchtsvoll berührte, als sey es die Hand einer Königin.

Dann hob er seinen Mantel auf, hüllte sich in die langen Falten desselben, verbeugte sich vor dem Bette mit den geschlossenen Vorhängen wie vor einem Throne, nahm den Schlüssel aus der Tasche, öffnete die Thür, blieb noch einmal stehen, um einen letzten Blick auf Dona Flor zu werfen, die ihm zwischen den Vorhängen hindurch nachsah, schloß dann die Thür hinter sich zu und ging schweigend wie ein Schatten in dem finstern Corridor hin.

Zweites Capitel.
Der verlorne Sohn

Am Morgen nach jener Nacht hatte sich ein festliches Aussehen, ein Duft wie von Glück in dem Hause des Don Ruiz de Torillas verbreitet.

Dona Mercedes hatte den alten Dienern des Hauses, die so fest an den Trümmern des Vermögens hielten wie in den Tagen des Glücks, angekündigt, sie habe Nachrichten von Don Fernand erhalten und der junge Herr melde, er werde an diesem Tage von der langen Reise zurückkommen, die ihn fast drei Jahre lang von Spanien fern gehalten habe.

Es versieht sich von selbst, daß Dona Flor diese gute Nachricht überbracht hatte; darum behandelte auch Dona Mercedes die Tochter des Don Inigo ganz wie die eigene Tochter und gab ihr in voraus alle Küsse, die sie Don Fernand hätte geben mögen.

Gegen neun Uhr früh waren Don Ruiz, seine Gattin und Beatrix, die alte Zofe der Mercedes und Amme Fernands, in dem untern Zimmer des Hauses versammelt, das sich der Hausherr vorbehalten hatte.

Dona Flor war sehr früh hinuntergegangen, um, ohne zu sagen woher sie Nachricht habe, die Rückkunft Don Fernands zu melden und dann dort geblieben, als gehöre sie zu der Familie.

Dona Flor und Dona Mercedes saßen neben einander; Dona Flor hielt die Hand der Dona Mercedes und lehnte ihren Kopf an deren Schulter. Sie sprachen leise mit einander.

Gleichwohl lag etwas Gezwungenes in dem Wesen der Dona Mercedes, so oft das Mädchen in einem Tone, der wohl mehr als Theilnahme oder Freundschaft andeutete, den Namen Don Fernands aussprach.

Don Ruiz ging mit gesenktem Haupte umher; sein langer weißer Bart stach von dem goldgestickten schwarzen Sammtwamms ab und von Zeit zu Zeit, wenn auf dem Straßenpflaster draußen sich Hufschlag vernehmen ließ, richtete er den Kopf empor und horchte mit finsterem Blicke und gerunzelter Stirn. Sein Gesicht bildete einen auffallenden Gegensatz zu dem der Dona Mercedes, auf welchem die Mutterliebe in ihrem ganzen Glanze strahlte, und selbst mit dem der alten Beatrix, welche ihren Platz in einer Ecke des Gemachs genommen hatte und so den Wunsch, Don Fernand sobald als möglich zu sehen, mit der Ehrfurcht vereinigte, die sie von der Herrschaft fern hielt. Auf seinem Gesicht deutete nichts die Freude eines Vaters an, welcher den Sohn erwartet, den er so liebt, daß er ihm sein Vermögen opferte. Wie also erklärte sich der strenge Ausdruck in den Zügen des Don Ruiz? Durch die Vorwürfe, die er dem jungen Manne mit Recht machen konnte, die sich aber doch nicht wohl mit den dringenden Bitten vereinigen ließen, durch welche er die Begnadigung seines Sohnes zu erlangen gesucht hatte? Oder lag tief in seinem Herzen noch ein anderer Grund, den er bisher noch Niemanden verrathen hatte?

So oft Don Ruiz bei dem Schalle von Hufschlägen draußen den Kopf empor richtete, unterbrachen die beiden Frauen mit klopfendem Herzen ihr Gespräch, horchten und schauten unverwandt nach der Thür, während Beatrix an das Fenster lief, weil sie hoffte, ihrer Herrin zuerst zurufen zu können: »Da ist er!«

Der Reiter zog vorüber und die Hufschläge entfernten sich. Don Ruiz ließ den Kopf wieder auf die Brust sinken und setzte seinen Gang im Zimmer fort. Beatrix kehrte seufzend von dem Balcone zurück, schüttelte den Kopf, um zu sagen: »Er ist es nicht« und die beiden Frauen plauderten leise weiter.

So ritten fünf oder sechs Personen vorüber; fünf- oder sechsmal hatte sich das Geräusch erneuert, um zu erlöschen, nachdem es in dem Herzen derer, die es hörten, vergebliche Hoffnung erregt hatte, als man wiederum den Tritt eines Pferdes von dem Zacatin herkommen hörte.

Alles wiederholte sich in dem Zimmer wie bei den früheren Gelegenheiten, nur daß Beatrix diesmal laut aufjubelte.

»Er ist es!« rief sie und schlug die Hände zusammen. »Mein Fernand! Ich erkenne ihn!«

Mercedes stand rasch auf.

Don Ruiz aber sah sie in seltsamer Weise an und sie blieb stehen, ohne sich wieder zu setzen, aber auch ohne einen Schritt weiter zu gehen.

Dona Flor erröthete und erblaßte abwechselnd; sie war aufgestanden wie Dona Mercedes, da sie aber schwächer war, sank sie auf den Stuhl zurück.

Dann sah man einen Reiter an den Fenstern vorüberkommen, aber diesmal gingen die Hufschläge nicht weiter und der Klopfer an der Thür pochte.

Niemand aber von allen, die mit so verschiedenen Empfindungen die Ankunft dessen erwarteten, welcher geklopft hatte, änderte seine angenommene Stellung; nur die Gesichtszüge verriethen die Gedanken der drei Frauen und des Mannes, welcher mit dem spanischen Ernst und jener Etikette, die im sechzehnten Jahrhunderte nicht blos am Hofe, sondern auch in Familien galt, sie zurückhielt.

Man hörte wie die Hausthür geöffnet wurde, dann näherten sich Tritte, Don Fernand erschien, blieb aber auf der Schwelle stehen.

Er war in elegantem Reiseanzuge und sah aus, als habe er einen weiten Weg zurückgelegt.

Schnell überflog sein Blick das Zimmer und die Personen, die er da erwartete. Don Ruiz war der Erste, auf dem seine Augen hafteten, dann links von demselben auf den beiden Damen, seiner Mutter und Dona Flor, endlich im Hintergrunde auf der alten Beatrix, die in seiner Gegenwart so unbeweglich war, wie vor seiner Ankunft unruhig.

Ein Jedes bekam bei dieser flüchtigen Musterung seinen Antheil: Don Ruiz den kalten ehrfurchtsvollen Blick, Dona Mercedes den liebenden und beredten Blick, Dona Flor den erinnerungsreichen, zärtlichen, Beatrix den liebevollen.

Alle zusammengenommen währten kaum die Dauer eines Blitzes.

Dann verbeugte sich Don Fernand und redete seinen Vater an, als käme er wirklich von einer Reise zurück: »Señor, gesegnet sey der Tag, an welchem Ihr meiner kindlichen Liebe gestattet vor Euch niederzuknieen, denn dieser Tag ist der glücklichste von allen.«

Gleichzeitig, mit sichtbarem Widerwillen allerdings, aber als erfülle er ein unumgängliches Ceremoniell, ließ er sich auf ein Knie nieder.

Don Ruiz betrachtete ihn einen Augenblick in dieser demüthigen Stellung und sprach in einem Tone, welcher zu den Worten nicht wohl paßte, denn die Worte waren liebevoll, während der Ton rauh blieb:

»Stehe auf, Don Fernand, und sey willkommen in dem Hause, in welchem Dich lange und besorgt Vater und Mutter erwarten.«

»Señor,« antwortete der junge Mann, »etwas sagt mir, ich habe so lange aus meinen Knieen zu bleiben, bis mir mein Vater die Hand zum Kusse gereicht.«

Der Alte ging dem Sohne vier Schritte entgegen.

»Da ist meine Hand und Gott mache Dich so verständig, als ihn mein inständiges Gebet ans tiefstem Herzen ansieht.«

Don Fernand ergriff die Hand seines Vaters und berührte sie mit seinen Lippen.

»Nun,« sagte der alte Mann, »tritt ein in das Haus und küsse die Hand deiner Mutter.«

Der junge Mann stand auf, verbeugte sich vor Don Ruiz und trat zu seiner Mutter, der er sagte:

»Mit Furcht, das Herz von Scham erfüllt, trete ich vor Euch, Señora, deren Augen ich so viele Thränen erpreßt habe; Gott verzeihe mir und verzeiht Ihr mir.«

Diesmal sank er auf beide Knie nieder, streckte beide Arme nach Dona Mercedes aus und wartete.

Sie trat zu ihm und sprach mit dem mütterlichen Tone, der so sanft ist, daß er selbst in den Augenblicken des Vorwurfs noch wie Liebkosung klingt, während sie selbst ihre beiden Hände an die Lippen ihres Sohnes hielt:

»Fernand, außer den Thränen, von denen Du sprichst, verdanke ich Dir auch die, welche ich in diesem Augenblicke vergießt, und diese, mein lieber Sohn, sind gar süß, wie bitter auch jene waren.« Darauf blickte sie ihn mit dem lieblichsten Frauen- und Mutterlächeln an und setzte hinzu: »Sey willkommen, Herzenssohn!«

Dona Flor stand hinter Mercedes.

»Señora,« sagte Don Fernand, »ich weiß was euer berühmter Vater für mich zu thun beabsichtigte; die Absicht ist mir so viel werth als die That, empfangt deshalb in seinem Namen den ganzen Theil des Dankes, den ich Euch geweiht habe.«

Statt die Hand des jungen Mädchen küssen zu wollen, wie die des Don Ruiz und seiner Mutter, nahm der junge Mann aus seinem Busen eine verwelkte Blume und drückte dieselbe leidenschaftlich an seine Lippen.

Das Mädchen erröthete und trat einen Schritt zurück; sie hatte die Blume erkannt, welche sie dem Salteador in der Venta »zum Maurenkönige« gegeben.

Nun aber konnte die alte Amme ihre Ungeduld nicht länger zügeln, sie trat vor und sagte zu Mercedes:

»Ach, Señora, bin ich nicht auch etwas die Mutter dieses Kindes?«

»Señor,« fragte der junge Mann, indem er sich gegen Don Ruiz wendete, während er mit kindlichem Lächeln die beiden Arme nach der Alten ausstreckte, »erlaubt Ihr, daß ich in eurer Gegenwart die gute Frau umarme?«

Don Ruiz nickte zustimmend.

Beatrix sank in die Arme dessen, welchen sie ihr Kind nannte, drückte ihn zu wiederholtenmalen an ihre Brust »und gab ihm gleichzeitig auf die Wangen schmatzende Küsse, welche das Volk Ammenküsse nennt.

»Ach,« flüsterte Dona Mercedes, als sie in den Armen der Amme den Sohn sah, welcher im Beisein des Don Ruiz ihr selbst nur die Hand zu küssen gewagt hatte, »sie ist die Glücklichste von uns allen.«

Und zwei neidische Thränen flossen über ihre Mutterwangen, Don Ruiz seinerseits hatte nicht einmal den finstern Blick von dem Bilde abgewendet, das wir zu schildern versuchten.

Bei dem Anblicke der Thränen auf den Wangen der Dona Mercedes guckte es in seinem Gesicht und einige Augenblicke schlossen sich seine Augen, als ob eine Erinnerung gleich einer giftigen Schlange ihn ins Herz gebissen habe.

Er machte eine gewaltige Anstrengung; sein Mund öffnete sich und schloß sich wieder; seine Lippen bebten, aber man vernahm keinen Laut. Er glich einem Menschen, der sich bemüht das Gift von sich zu geben, das er genossen hat.

Wie aber nichts bei diesem Auftritte den Blicken des Don Ruiz entgangen war, so hatte auch Dona Mercedes alles gesehen.

»Don Fernand,« sagte sie, »ich glaube, dein Vater will mit Dir sprechen.«

Der junge Mann wendete sich zu dem Alten und wartete mit niedergeschlagenen Augen, aber trotz dieser anscheinenden Demuth konnte er seine Ungeduld nicht ganz verbergen, und wer in seinen Gedanken hätte lesen können, würde erkannt haben, daß ihm die Predigt, die er als verlorener Sohn anhören zu müssen glaubte, namentlich in Gegenwart der Dona Flor, sehr unangenehm war.

Diese bemerkte es wohl mit dem seinen Gefühle, welches eben nur den Frauen eigenthümlich ist.

»Verzeiht,« sagte sie, »es war mir als werde oben die Thür zugemacht; ohne Zweifel kommt mein Vater zurück; ich will ihm die Zurückkunft Don Fernands melden.«

Sie drückte die Hand der Dona Mercedes, verbeugte sich vor Don Ruiz und ging hinaus, ohne den jungen Mann anzusehen, der gesenkten Hauptes die väterliche Strafpredigt mit mehr Ergebung als Ehrfurcht erwartete.

Mit der Entfernung der Dona Flor fühlte sich indeß der Salteador erleichtert und er athmete freier.

Selbst Don Ruiz schien unbefangener zu werden, als er nur Personen seiner Familie um sich sah.

»Don Fernand,« begann er, »bei dem Eintreten hast Du die Veränderung bemerken können, welche während deiner Abwesenheit in diesem Hause vorgegangen ist; unser Vermögen ist verschwunden, unsere Besitzungen mußten verkauft oder verpfändet werden. Da die Schwester Don Alvars in ein Kloster treten wollte, so bezahlte ich ihre Mitgift; da die Verwandten der getödteten Alguazil eine Entschädigung annahmen, so zahlte ich ihnen baar eine gewisse Summe und gebe ihnen überdies eine Rente; um dies aber im Stande zu seyn, mußten wir uns fast in Armuth fügen.«

Don Fernand machte eine Bewegung, die wenn auch nicht Reue, so doch wenigstens Bedauern ausdrückte und mit traurigem Lächeln begleitete er diese Geberde.

»Doch, sprechen wir nicht mehr davon, Alles ist vergessen, da Du wieder begnadigt bist, mein Sohn. Ich danke demüthig dem Könige für diese Begnadigung. Von diesem Augenblicke an gebe ich allen Kummer auf und sehe ihn an, als habe er nie bestanden; bitten aber möchte ich Dich, Don Fernand, mit Thränen in den Augen, auf den Knieen vor Dir, wenn es der Natur nicht widerstrebte, den Vater vor dem Sohne, den Greis vor dem Jünglinge knieen, das graue Haar das schwarze bitten zu sehen – daß Du nun deine Lebensweise änderst und Dich bemühest – wobei ich Dir behilflich seyn werde – die allgemeine Achtung wieder zu erlangen, daß selbst deine Feinde erkennen, die harten Lehren des Unglücks sind für ein edles Herz und einen gebildeten Geist nicht verloren. Wir sind bisher einander nur Vater und Sohn gewesen; das genügt nicht: wir wollen von heute an auch Freunde seyn. Vielleicht bestehen unter uns einige traurige Erinnerungen, treibe Du sie aus deinem Herzen, ich werde sie aus dem meinigen treiben; wir wollen in Frieden miteinander leben und für einander thun, was möglich ist. Ich werde Dir Liebe, Zärtlichkeit und Fürsorge zuwenden und verlange dafür von Dir nur eines, denn in deinem Alter, in dem Alter der Leidenschaft, vermag man sich nicht so zu beherrschen, ich verlange von Dir also nur Gehorsam und verpflichte mich diesen nur in dem was ehrenvoll und recht ist, in Anspruch zu nehmen.«

»Señor,« antwortete Don Fernand mit einer Verbeugung, »ich gebe Euch mein Edelmannswort, daß Ihr mir von heute an keinen Vorwurf sollet machen können, und daß ich das Unglück in einer Weise nützen werde, um dem Himmel für dasselbe danken zu können.«

»Nun wohl,« entgegnete Don Ruiz, »so erlaube ich Dir nun deine Mutter zu umarmen.«

Mercedes jubelte laut auf und breitete ihre Arme dem Sohne entgegen aus.

Drittes Capitel.
Don Ramiro

Der Anblick einer Mutter, welche mit Freudenthränen ihren Sohn in die Arme schließt, mag in den Augen anderer Menschen rührend seyn, für Don Ruiz schien er etwas Schmerzliches zu haben, denn er ging während dieser Umarmung schweigend hinaus und nur die alte Beatrix sah ihn hinweggehen.

Als der junge Mann mit der Mutter und der alten Amme allein war, erzählte er was in der vorigen Nacht geschehen war —, ohne indeß zu erwähnen, was er für Dona Flor empfand – wie er erschien, um den gewöhnlichen nächtlichen Besuch abzustatten und die schöne Fremde in dem Zimmer seiner Mutter gefunden.

Dann führte Dona Mercedes ihren Sohn in ihr jetziges Zimmer. Das Zimmer der Mutter war für Don Fernand in dem Hause das, was für ein frommes Gemüth in einer Kirche das Allerheiligste ist, denn in dem Zimmer seiner Mutter hatte er als Kind, Knabe und Jüngling die angenehmsten Stunden verbracht; da hatte sein sonst so stürmisches Herz ruhig geschlagen, da hatten seine unstäten Gedanken nicht ins Weite zu schweifen gewagt, wie Vögel, die in einer andern Hemisphäre geboren sind, zu einer gewissen Zeit des Jahres den Flug nach unbekannten Gegenden richten.

Hier, zu ihren Füßen wie in den Tagen der Unschuld und Jugend, die mütterlichen Knie küssend mit dem vollen Glücke, das er seit so langer Zeit nicht empfunden, erzählte Don Fernand mit mehr Stolz als Scham seiner Mutter sein abenteuerliches Leben von dem Augenblicke an, da er aus dem Vaterhause geflohen, bis zu dem, da er zurückgekommen.

Bis dahin hatte er von seinen Unterredungen mit der Mutter dieses Geständniß immer fern gehalten – man erzählt den schmerzlichen Traum nicht so lange er währt, ist man aber aus ihm erwacht, so erzählt man um so lieber, je schrecklicher der Traum war.

Mercedes hörte den Sohn an und verwendete kein Auge von ihm, als aber Don Fernand bei dem Zusammentreffen mit Don Inigo und Dona Flor angekommen war, schien ihre Theilnahme an der Erzählung sich noch zu steigern; sie erblaßte und erröthete mehrmals. Don Fernand fühlte unter seiner Stirne das Herz der Mutter rascher und stärker schlagen; als er aber von dem seltsamen Gefühle sprach, das ihn sofort zu Don Inigo hingezogen und fast genöthigt habe auf seine Knie vor Dona Flor niederzusinken, legte sie ihm die Hand auf den Mund, damit er einhalte.

Ihre Kräfte waren offenbar erschöpft und sie vermochte nicht mehr zu ertragen.

Nach einiger Zeit erst erlaubte sie dem Sohne weiter zu sprechen; nun folgte die Erzählung von der Gefahr, welcher er ausgesetzt gewesen, und von seiner Flucht in das Gebirge, von dem Waldbrande, von dem Verstecke in der Grotte der Zigeunerin, von dem Angriffe der Soldaten auf den Flüchtigen und endlich von dem Kampfe mit dem Bären.

Nachdem die letzten Worte auf den Lippen Don Fernands verklungen waren, stand Mercedes auf und kniete bleich und wankend in einer Ecke des Zimmers auf dem Betstuhle nieder.

Don Fernand sah ihr ehrfurchtsvoll zu, als eine Hand leicht sich aus seine Achsel legte. Er drehte sich um. Seine alte Amme war es.

Sie meldete ihm, daß einer seiner besten Freunde, Don Ramiro, seine Rückkunft erfahren habe, unten in dem Zimmer sey und mit ihm zu sprechen wünsche.

Fernand ließ Mercedes beten; er wußte ja, daß ihr Gebet ihm gelte.

Don Ramiro erwartete ihn wirklich und saß nachlässig bequem im zierlichen Morgenanzuge auf einem Lehnstuhle.

Die beiden jungen Männer, die sonst sehr gute Freunde gewesen waren und einander drei Jahre lang nicht gesehen hatten, sanken einander in die Arme.

Dann ging es an das Fragen.

Don Ramiro kannte die Liebschaft Fernands mit Dona Estefania, den Zweikampf mit Don Alvar und die Flucht nach dem Tode dieses Gegners; von Weiterem aber hatte er gar nichts vernommen.

Das Gerücht ging, Don Fernand habe sich nach dem unglücklichen Zweikampf nach Frankreich und Italien begeben; man wollte ihn am Hofe des Königs Franz I. und an dem Lorenz II. gesehen haben, dessen größter Ruhm es war, der Vater der Katharina von Medici zu seyn und nach seinem Tode eine Büste zu hinterlassen, welche Michel Angelo gearbeitet.

Don Ramiro glaubte dem Gerüchte.

In der Alhambra hatte Niemand dem Könige und Don Ruiz so nahe gestanden, um das Gespräch Beider hören zu können; deshalb glaubten selbst die, welche Don Ruiz vor Don Carlos hatten knieen sehen, er habe den König nur um die Begnadigung wegen der Tödtung Don Alvars gebeten.

Fernand ließ Don Ramiro in dem Irrthum und begann dann seinerseits zu fragen, weniger aus Neugierde als um dem Gespräche eine andere Wendung zu geben.

»Ach,« antwortete Don Ramiro, »ich trage leider in meinem Herzen ein Gefühl, das mir bisher mehr Kummer als Freude gemacht hat.«

Don Fernand errieth leicht, welches Gefühl dies sey und wie gern Don Ramiro davon zu sprechen wünsche. Er lächelte deshalb, reichte ihm die Hand und sagte:

»Lieber Freund, wir gehören beide zu denen, deren Herz der freien Lust bedarf. In dem Zimmer erstickt man; kommt und erzählt mir eure Abenteuer unter der schönen Baumallee. Alles vor unserem Hause.«

»Ja,« antwortete Don Ramiro, »und dies um so lieber, weil ich bei dem Erzählen sie vielleicht sehe.«

»Ah,« entgegnete lächelnd Don Fernand, »sie wohnt in der Nähe?«

»Komm. Im nächsten Augenblicke werdet Ihr nicht blos wissen was mir begegnet ist, sondern auch welche Gefälligkeit ich von Euch erwarte.«

Die beiden jungen Männer gingen Arm in Arm hinaus und wandelten unter den Bäumen vor dem Hause auf und ab, als wären sie darüber mit einander überein gekommen, über das Haus nicht hinaus.

Ueberdies blickte bald der Eine bald der Andere nach den Fenstern des ersten Stockes hinauf. Da indeß Keiner den Andern um den Grund dieses Hinaufsehens fragte, so erfolgte auch keine Erklärung, so lange sie anfangs schweigend hin und her gingen.

Endlich konnte Don Ramiro nicht länger an sich halten und sagte:

»Fernand, Fernand, ich denke wir kamen einer Mittheilung wegen hierher, ich um sie zu machen, Ihr um sie anzuhören.«

»Ich bin bereit Euch anzuhören.«

»Ach Freund,« fuhr Don Ramiro fort, »die Liebe ist eine grausame Tyrannin und sie behandelt die Herzen, die sie beherrscht, wie Sclaven.«

Don Fernand lächelte als sey er derselben Meinung.

»Wenn man aber geliebt wird . . .« begann er.

»Ja,« sagte Don Ramiro, »ich habe zwar Ursache zu hoffen, ich werde geliebt, zweifle aber noch immer . . .«

»Ihr zweifelt, Don Ramiro? wenn ich mich recht erinnere, rechneten die Damen zur Zeit als wir uns trennten, die Schüchternheit und Blödigkeit nicht zu euren Fehlern.«

»Ehe ich sie gesehen hatte,« lieber Don Fernand, hatte ich noch gar nicht geliebt.«

»Nun, so erzählt mir,« sagte Don Fernand, »wie Ihr die wunderbare Schönheit kennen lerntet, welche aus dem stolzen und kecken Don Ramiro den blödesten, schmachtendsten Jüngling in Andalusien machen konnte.«

»Lieber Freund, wie man eine Blume unter ihren Blättern versteckt, einen Stern von einer Wolke umhüllt sieht, so erblickte ich, als ich Abends durch die Straße von Toledo ging, an einer halb offenen Jalousie die wunderbarste Schönheit, welche jemals das Auge der Menschen erfreute.« Ich war zu Pferd und hielt dasselbe erstaunt an. Ohne Zweifel erkannte sie Keckheit in dem was aus Bewunderung war, denn sie schloß die Jalousie, obgleich ich stumm vor Ueberraschung und mit gefaltenen Händen sie bat es nicht zu thun.«

»Die Grausame!« sagte Don Fernand lächelnd.

»Länger als eine Stunde blieb ich vor diesem Fenster, da ich noch immer hoffte, es werde sich von neuem öffnen, aber ich wartete vergebens. Dann sah ich mich um, durch welche Thür ich in das Haus hinein gelangen könnte, aber das Haus hatte nach der Straße zu gar keine Thür.«

»Es war also ein verzaubertes?«

»Das nicht, die Straße, nach welcher diese Seite des Hauses sah, war still und abgelegen, seine Thür ging wahrscheinlich nach einer andern. Uebrigens schloß ich aus diesem Umstande, daß sie weder unter der Aufsicht eines strengen Vaters, noch unter der Obhut eines neidischen Vormundes stehen könne, da sie ja die Jalousie eines Fensters öffnen dürfte, das sich höchstens zwölf bis fünfzehn Fuß von der Straße befand. Verheirathet konnte sie nicht wohl seyn, denn sie schien kaum vierzehn Jahre zu zählen.«

»Ich kenne Euch nicht wieder, Don Ramiro,« sagte Don Fernand. »Ihr seyd, oder da die Liebe Euch so sehr verändert zu haben scheint, Ihr waret vielmehr nicht der Mann, der sonst lange nach der Auflösung eines solchen Räthsels suchte. Jedes Mädchen – das ist eine Wohlthat der Natur oder eine Gunst der Gesellschaft – hat eine Duena, jede Duena hat ihre schwache Seite, diese schwache Seite hat ein Schloß und dieses Schloß läßt sich mit einem goldenen Schlüssel öffnen.«

»Das glaubte ich auch, lieber Don Fernand,« antwortete der junge Mann, »aber diesmal irrte ich mich.«

»Armer Don Ramiro, das war ein Unglück, wenn Ihr nicht einmal erfahren konntest, wer sie war.«

»Das war nicht schwer und ich brauchte darum weder eine Duena noch einen Diener zu bestechen. Ich ritt herum und befand mich in einer großen schönen Straße und an der andern Seite des Hauses. Dieses Haus ist ein wahrer Palast. Ich erkundigte mich bei den Nachbarn, wem es gehöre . . .«

»Das Mädchen oder das Haus?«

»Beide gehörten einem ungeheuer reichen Fremden, der vor einem Jahre oder vor zwei Jahren aus Indien zurückgekommen sey, und den seiner Weisheit wegen der Cardinal Ximenes aus Malaga wo er wohnte, habe rufen lassen, damit er in den Regentschaftsrath eintrete. Ihr wisset nun, wen ich meine.«

»Wahrhaftig, nicht im mindesten.«

»Nicht?«

»Ihr vergessen lieber Don Ramiro, daß ich seit zwei Jahren von Spanien abwesend war und so gut als nichts von dem weiß, was in diesen zwei Jahren geschehen ist.«

»Das hatte ich vergessen; ich werde um so unbefangener erzählen. Auf zwei Wegen konnte ich zu meiner schönen Unbekannten gelangen; ich benützte entweder meinen Rang und meine Stellung, um mich dem Vater vorzustellen und bis zur Tochter zu gelangen, oder ich beobachtete jene Jalousie, durch welche ihre Schönheit strahlte, wie ein Gefangener vor seinem vergitterten Fenster aus den Sonnenstrahl beobachtet. Ich entschied mich für das Erstere. Mein Vater hatte in seiner Jugend den berühmten Mann gekannt. Ich schrieb ihm, sandte den Brief ab und wurde herzlich aufgenommen, aber ich wünschte die Tochter zu sehen, nicht den Vater, und die Tochter blieb fortwährend in ihrem Zimmer, ich weiß nicht ob der Vater es so befohlen hatte, oder ob das Mädchen die Einsamkeit so sehr liebte. Da griff ich denn zu dem zweiten Mittel, – einen Blick wo möglich von ihr zu erhaschen, wenn sie in der Nacht allein zu seyn glaubte und an ihrem Fenster die frische Luft vom Tage her einathmete. Ist übrigens dieses Mittel nicht immer das beste und betrachtet nicht jedes Mädchen den Herrn, welcher in einer schönen Sternennacht oder in einer Sturmnacht unter ihrem Fenster stehen bleibt, mit neugierigerer Aufmerksamkeit, als den, welcher ihm im Gesellschaftszimmer vorgestellt wird?«

»Ihr, Don Ramiro, waret immer ein scharfblickender Beobachter der Damen. Erzählt weiter; ich zweifle nicht, daß dies Mittel gelang.«

Don Ramiro schüttelte den Kopf.

»Es gelang und mißlang nicht,« sagte er. »Zwei- oder dreimal konnte ich mich an irgend einer Mauerecke so wohl verstecken, daß ich sie zu sehen vermochte, aber sobald ich mich zeigte, wurde die Jalousie geschlossen, wenn auch ohne Hast, ohne Unwillen.«

»Und konntet Ihr nicht bemerken, daß sie Euch durch die Jalousie hindurch betrachtete?«

»Diese Hoffnung hielt mich allerdings eine Zeitlang aufrecht, eines Tages aber, als ich nach einer unaufschieblichen Reise wieder zurückkam, waren Thüren und Fenster in dem Hause verschlossen. Am Tage zeigte sich weder ein Mädchen, noch ein alter Mann noch eine Duena auf der Straße, in der Nacht kein Licht an den Fenstern. Das Haus glich einem Grabe. Ich erkundigte mich. Da der Regentschaftsrath in Folge der Ankunft des Königs Don Carlos in Spanien aufgelöset worden, war der Vater meiner Angebeteten nach Malaga zurückgekehrt. Ich folgte ihm nach Malaga und wäre ihm an das Ende der Welt gefolgt. In Malaga begannen nun dieselben Versuche und, wie ich hoffe, mit besserem Glück. Anfangs zog sie sich langsamer von dem Fenster zurück und ich konnte einige Worte an sie richten; dann warf ich vor ihrem Erscheinen Sträuße auf ihren Balcon; anfangs stieß sie dieselben mit dem Fuße fort, dann schien sie nicht darauf zu achten und endlich hob sie die Blumen auf. Ein paarmal antwortete sie sogar auf meine Fragen, aber verlegen über dieses Nachgeben und wie erschrocken über die eigene Stimme zog sie sich schnell zurück und ihr Wort glich somit mehr dem Blitze, welcher die Nacht noch dunkler erscheinen lässet, als die Morgenröthe, welche der Sonne voraus geht.«

»Und so ging die Sache . . .?« fragte Don Fernand.

»Bis ihr Vater von dem Könige den Befehl erhielt, nach Granada zu kommen.«

»Armer Ramiro!« sagte Don Fernand lächelnd; »eines Tages fandet Ihr das Haus in Malaga verschlossen wie jenes in Granada?«

»Nein, diesmal nicht; sie war so freundlich, mich die Stunde ihrer Abreise, wie die Straße wissen zu lassen, die sie wählten, so daß ich mich einschloß, ihr nicht zu folgen, sondern ihr vorauszueilen. Dies gewährte mir übrigens einen Vortheil. Wo sie anhielt, erinnerte sie etwas an mich, jedes Zimmer, das sie betrat, erzählte ihr von mir. Ich machte mich zu ihrem Boten, zu ihrem Liebesboten.«

»Ah!« sagte Don Fernand, ohne daß Don Ramiro, der ganz bei seiner Erzählung war, die Veränderung bemerkte, welche in dem Tone der Stimme seines Freundes vorgegangen war.

»Ja, man findet bekanntlich nichts in unseren erbärmlichen Wirthshäusern, ich bezahlte darum im voraus die Mahlzeiten für sie. Ich wußte, welchen Wohlgeruch sie vorzog; ich trage dies Räuchermittel in einem goldenen Gefäße am Halse und verbrenne davon in dem Zimmer, in welchem sie weilen soll. Ich kannte die Blumen, die sie besonders liebt, und sie ging von Malaga bis Granada wie auf Blumen.«

»Wie kann ein so galanter Cavalier wie Don Ramiro, der selbst so viel vermag, der Hilfe eines Freundes bedürfen?« fragte Don Fernand mit mehr und mehr veränderter Stimme.

»Ach, lieber Freund, der Zufall oder vielmehr die Vorsehung hat zwei Ereignisse mit einander verbunden, welche mich geraden Weges zum Glück führen müssen, wenn nicht ein unbekanntes Unglück erscheint.«

»Welche Ereignisse sind dies?« fragte Don Fernand, der mit der Hand über die Stirne strich, um den Schweiß abzuwischen.

»Der Vater derer, welche ich liebe, ist der Freund eures Vaters, und Ihr selbst seyd, lieber Fernand, als Rettungsengel heute angekommen.«

»Nun?«

»Eurer Vater hat sein Haus gastlich der geöffnet . . .«

»Also,« fragte Don Fernand, und aus Eifersucht knirschte er mit den Zähnen, »die, welche Ihr liebt . . .?«

»Errathet Ihr es noch nicht?«

»Ich errathe nichts,« antwortete Don Fernand finster; »man muß mir Alles sagen. Wie heißt eure Geliebte, Don Ramiro?«

»Brauche ich Euch die Sonne zu nennen, wenn Ihr ihre Wärme fühlt und von ihren Strahlen geblendet werdet? Blickt auf, Don Fernand, und ertragt, wenn Ihr es vermöge, den Glanz des Gestirns, das mein Herz verkohlt.«

Don Fernand blickte an dem Hause hinauf und sah, daß Dona Flor von dem Balcon sich herabneigte und lächelnd ihn anschaute; aber als warte sie nur aus den Augenblick, daß Fernand sie sah, zog sie sich rasch zurück und schloß das Fenster.

Ehe aber noch das Fenster sich geschlossen hatte, fiel vor ihm eine Blume herab.

Es war eine Anemone.

Viertes Capitel.
Die Anemone

Gleichzeitig eilten die beiden jungen Männer hinzu, um die Blume aufzuheben, welche Dona Flor absichtlich oder aus Zufall hatte fallen lassen.

Don Fernand, der zunächst stand, erlangte die Anemone; Ramiro aber streckte die Hand darnach aus und sagte:

»Ich danke, lieber Fernand; gebt her die Blume.«

»Warum sollte ich sie weggeben?« fragte Fernand.

»Weil sie für mich, glaube ich, heruntergefallen ist.«

»Wer sagt das?«

»Niemand; aber wer sagt das Gegentheil?«

»Jemand, der sich vielleicht auch nicht scheute, Euch es ins Gesicht zu sagen.«

»Wer?«

»Ich.«

Don Ramiro sah Fernand staunend an und bemerkte jetzt erst, daß der Freund todtenbleich geworden war und daß die Lippen desselben krampfhaft bebten.

»Ihr? warum Ihr?« fragte er, indem er einen Schritt zurücktrat.

»Weil – ich die liebe, die Ihr liebt.«

»Ihr liebt Dona Flor?« fragte Don Ramiro.

»Ich liebe sie,« wiederholte Don Fernand.

»Wo und wann habt Ihr sie gesehen?« fragte Don Ramiro, der nun auch erblaßte.

»Was liegt Euch daran?«

»Ich liebe sie seit zwei Jahren.«

»Ich liebe sie vielleicht erst seit zwei Tagen . . . wenn ich aber in diesen zwei Tagen weiter gekommen bin als Ihr in zwei Jahren?«

»Das beweiset mir, Don Fernand, oder ich sage es laut, daß Ihr aus Eitelkeit den Ruf eines Mädchens antastet.«

»Ihr sagtet, Ihr wäret ihr von Malaga bis Granada vorausgeeilt?«

»Das habe ich gesagt.«

»Waret Ihr in der Venta del Rey Moro?«

»Ja.«

»Habt Ihr da eine Mahlzeit für Don Inigo und dessen Tochter bestellt, Wohlgerüche verbrannt und einen Strauß zurückgelassen?«

»Ja.«

»War in dem Strauße eine Anemone?«

»Nein.«

»Diese Anemone hat sie mir gegeben.

»Selbst gegeben?«

»Gegeben – und ich trage sie auf dem Herzen hier, wo sie verwelkt ist, wie diese hier eben dort verwelken wird.«

»Ihr habt diese Anemone von dem Strauße genommen, ohne daß sie etwas davon wußte, oder sie aufgehoben, als sie dieselbe verloren hatte, gesteht es und ich will Euch vergeben.«

»Erstlich nehme ich nur von Gott und dem Könige Vergebung an,« antwortete der junge Mann stolz; »denn die Blume wurde mir gegeben.«

»Ihr lügt das, Don Fernando,« sagte Don Ramiro, »und habt diese zweite Blume gestohlen wie die erste.«

Fernando stöhnte vor Zorn, riß mit der rechten Hand den Degen aus der Scheide, warf mit der linken die verwelkte und die frische Blume Don Ramiro vor die Füße und sagte:

»Mögen die Blumen geschenkt oder gestohlen seyn, hier liegen sie und wer nach fünf Minuten noch lebt, mag sie aufheben.«

»So lasse ich es mir gefallen,« antwortete Don Ramiro, indem er einen Schritt zurücktrat und ebenfalls das Schwert zog. Dann wendete er sich an die Herren, welche auf dem Platze hin und her gingen und herbei kamen, als sie die Schwerter ziehen sahen.

»Ihr Herren, hierher!« rief er, »damit wir uns nicht ohne Zeugen schlagen, und wenn Don Fernand mich tödtet, man nicht auch sagt er habe mich ermordet, wie man ihn beschuldigte Don Alvar ermordet zu haben.«

»Sie mögen kommen,« entgegnete Don Fernand, »denn ich schwöre es bei Gott, was sie sehen werden, wird sehenswerth seyn.«

Die beiden jungen Männer, die fünf Schritt auseinander standen, senkten jeder das Schwert und warteten, daß sich ein Kreis um sie her bilde.

Als dies geschehen war, sagte eine Stimme:

»Beginnt!«

Das Wasser stürzt nicht so rasch dahin, wenn es einen Damm zerrissen hat, als die beiden jungen Männer auf einander eindrangen. In demselben Augenblicke hörte man einen Schrei hinter der Jalousie, aber dieser Schrei machte dem Kampfe nicht nur kein Ende, obwohl die beiden Gegner an dem Hause hinaufsahen, sondern schien sogar die Kampfeswuth zu steigern.

Don Fernand und Don Ramiro waren nicht nur zwei der tapfersten, sondern auch der gewandtesten Fechter. Gewiß hätte keiner von ihnen einen seiner würdigeren Gegner in ganz Andalusien gefunden, und ernsthaft für ihn konnte der Kampf nur werden, wenn er dem andern entgegenstand.

Auch war es wirklich, wie Don Fernand gesagt hatte, sehenswerth was die Umstehenden sahen.

Die beiden Degen hatten sich blitzschnell und so ungestüm gekreuzt, daß man hätte glauben können, das Eisen, um das die Funken sprühten, fühle dieselben Leidenschaften wie die Männer, die es handhabten. Was nur die Kunst, die Gewandtheit und die Kraft vermögen, wurde in den wenigen Minuten aufgeboten, welche der erste Gang währte, ohne daß einer der Gegner, die fest wie die Bäume standen, in deren Schatten sie kämpften, einen einzigen Schritt zurückwich; die Gefahr schien sogar verschwunden zu seyn, und die Umstehenden sahen dem Kampfe, wie hitzig er auch war, zu wie einem in der Fechtschule. Auch waren solche Kämpfe damals allerdings an der Tagesordnung und es vergingen wenige Tage, ohne daß sich ein gleiches Schauspiel darbot. Man brauchte nicht lange zu warten. Jeder der Kämpfenden wollte nur einmal frei aufathmen, und obgleich die Umstehenden riefen: »Nehmt Euch Zeit! nehmt Euch Zeit!« drangen doch die Gegner mit neuem Ungestüm auf einander ein. Kaum aber hatten sich die Degen zum zweiten Male gekreuzt, als man eine athemlose Stimme rufen hörte:

»Halt, Don Fernand! Haltet ein, Don Ramiro!«

Alle blickten dahin, woher die Stimme kam »Don Ruiz de Torillas!« sagten die Umstehenden und traten bei Seite.

Gleichzeitig schritt Don Ruiz mitten in den Kreis, dahin, wo sein Sohn stand.

Er kam, um die Kämpfenden zu trennen, nachdem ihn ohne Zweifel Dona Flor aufmerksam gemacht hatte.

»Halt!« wiederholte er mit gebieterischer Stimme.

»Mein Vater!« murmelte Don Fernand ungeduldig.

»Señor,« sagte Don Ramiro ehrerbietig.

»An Don Ramiro habe ich keine Befehle zu geben,« sagte der alte Mann, »zu Dir aber, Don Fernand, sage ich: Halt!«

»Haltet ein!« wiederholten alle Umstehenden.

»Wie, Du Unglückseliger!« rief Don Ruiz, indem er die Hände faltete, »kannst Du deine traurigen Leidenschaften noch immer nicht zügeln? Gestern erst wegen eines Duells begnadigt, begehst Du heute ein gleiches Verbrechen?«

»Vater, Vater,« murmelte Don Fernand, »lasset mich, ich beschwöre Euch!«

»Hier, auf der Straße, bei hellem Tage!« fiel Don Ruiz händeringend ein.

»Warum nicht? Hier auf der Straße, bei hellem Tag ist die Beleidigung geschehen.«

»Stecke den Degen ein, Fernand!«

»Ausgelegt! Don Ramiro!« sagte Fernand.

»So bist Du ungehorsam?«

»Meint Ihr, ich werde mir die Ehre nehmen lassen, die Ihr auf mich übertragen habt, wie euer Vater sie von seinen Ahnen empfangen hatte?«

»Ah,« rief Don Ruiz aus, »wollte Gott, Du hättest einen Funken von der Ehre bewahrt, die ich auf Dich übertragen! – Don Ramiro,« fuhr er dann fort, »da mein Sohn keine Ehrfurcht hat vor dem grauen Haar und den zitternden Händen, die ihn anflehen, obgleich das graue Haar dem Vater angehört, so hört Ihr mich und gebt vor allen Anwesenden das Beispiel, daß ein Fremder mehr Rücksicht nimmt, als es mein Sohn thut.«

»Ja, ja,« sagten die Zuschauer, »hört, Don Ramiro, und thut was der alte Herr sagt.«

Don Ramiro trat einen Schritt zurück, senkte sein Schwert und verbeugte sich.

»Ich danke für das gute Zutrauen,« sagte Don Ramiro. »Die Erde ist groß, das Gebirge einsam; ich werde meinen Gegner an einem andern Orte treffen.«

»Ah!« rief Don Fernand, »das heißt allerdings seine Feigheit geschickt verhüllen.«

Don Ramiro, welcher bereits sein Schwert in die Scheide gestoßen hatte und zwei Schritte zurück getreten war, riß sofort die Waffe wieder heraus und stellte sich dem Gegner wieder gegenüber.

»Ich feig?« rief er aus.

Die Umstehenden murrten und gaben offenbar Fernand Unrecht. Zwei der Aeltesten schienen sogar geneigt zu seyn, zwischen die beiden Gegner zu treten, aber Don Ruiz de Torillas winkte mit der Hand, daß sie fern bleiben möchten.

Sie gehorchten schweigend.

Man hörte von neuem die Degen aneinander klirren.

Don Ruiz trat einen Schritt näher zu seinem Sohne.

Don Fernand, dessen Auge Flammen sprühte, der blaß vor Zorn war und die Zähne zusammendrückte, griff seinen Gegner mit solchem Ungestüm an, daß ein Anderer an seiner Stelle, der seiner Hand minder sicher, verloren gewesen wäre.

»Unsinniger,« sagte der alte Herr, »siehst Du nicht, daß ein Fremder Ehrfurcht zeigt und mir gehorcht, während Du mir trotzest und ungehorsam bist?«

Er erhob dabei den Stock, den er in der Hand hatte, und rief mit einer Heftigkeit, daß die Jugendflamme in seinen Augen sprühte:

»Bei Gott, ich weiß nicht, was mich abhält, Dich öffentlich deine Pflicht zu lehren.«

Don Fernand drehte sich halb um, ohne seine Waffe von der des Gegners zu entfernen.

Er sah, daß sein Vater den Stock erhoben hatte und so blaß er gewesen war, so glühend roth wurde er nun, denn das Blut, das sich in seinem Herzen zusammengedrängt hatte, schoß mit Gewalt aus demselben hervor.

In den Zügen des Alten drückte sich fast Haß aus und in dem Fernands zeigte sich alsbald ein ähnlicher Ausdruck.

Man hätte erwarten können, der Unvorsichtige, der sich zwischen die Blitze der Augen der beiden Männer gewagt, werde von denselben niedergeschmettert werden.

»Hütet Euch, Vater,« sagte der junge Mann mit bebender Stimme und kopfschüttelnd.

»Den Degen in die Scheide!« wiederholte Don Ruiz.

»Zuerst senkt den Stock, Vater.«

»Zuerst gehorche, Unseliger, wenn ich Dir befehle zu gehorchen.«

»Vater,« flüsterte Fernand, der wiederum todtenbleich wurde, »droht mir nicht länger mit dem Stocke oder, so wahr Gott lebt! ich stehe für nichts.«

Gegen Don Ramiro setzte er hinzu:

»Entfernt Euch nicht; ich kann mich gleichzeitig gegen den Stock eines alten Mann's und den Degen eines Narren decken.«

»Ihr hört es,« fiel Don Ramiro ein, »Señor, was soll ich thun?«

»Handelt nach eurem Muthe und nach der Beleidigung, die Ihr empfangen zu haben glaubt, Señor Ramiro,« sagten die Umstehenden, die sich entfernten und es aufgaben, länger den Folgen des Zweikampfes sich zu widersetzen.

»Undankbarer, schlechter Mensch,« fiel Don Ruiz noch immer mit erhobenem Stocke ein, »lerne von deinem Gegner, wie ein Sohn gegen seinen Vater sich zu benehmen hat.«

»Nein,« entgegnete Don Fernand, »denn mein Gegner gibt aus Feigheit nach und die Feigheit rechne ich nicht zu den Tugenden . . «

»Wer denkt oder sagt, ich sey feig . . .«

»Der lügt, Don Ramiro,« fiel der Alte ein; »das habe ich zu sagen, nicht Ihr.«

»Wird es ein Ende werden?« rief Don Fernand mit einem Tone der Wuth, den er sonst den wilden Thieren entgegenschrie, wenn er dieselben bekämpfte.

»Zum letzten Male, Elender, wirst Du gehorchen, wirst Du den Degen einstecken?« fragte Don Ruiz drohender als je.

Jedermann errieth, daß, wenn Don Fernand nicht sofort gehorchte, der schändende Stockschlag augenblicklich auf ihn fallen mußte; aber gedankenschnell warf Don Fernand mit dem Rücken seiner linken Hand Don Ruiz bei Seite, während er nach einer gewandten Finte seinen Degen durch den Arm Don Ramiro’s stieß, welcher zu spät pariert hatte.

Don Ramiro blieb stehen, aber der alte Mann fiel, so heftig war der Schlag gewesen, der ihn getroffen – gerade in das Gesicht getroffen hatte.

Die Zuschauenden schrien auf vor Entsetzen: – der Sohn hatte seinen Vater ins Gesicht geschlagen.

»Platz! Platz!« schrie Don Fernand, indem er nach den beiden Blumen sich stürzte, sie aufhob und an seinem Busen barg.

»Daß der Himmel Dich zerschmettere, Ehrloser!« rief Don Ruiz, indem er sich wieder aufrichtete, »ja der Himmel, wenn es die Menschen nicht thun, denn die Sache eines gekränkten, gemißhandelten Vaters ist die Sache des Himmels!«

»Nieder mit ihm!« riefen die Anwesenden einstimmig. »Nieder mit dem Sohne, der seinen Vater geschlagen hat!«

Alle Schwerter flogen aus den Scheiden und richteten sich gegen Don Fernand.

Einen Augenblick hörte man zehn Klingen gegen eine einzelne klirren, dann brach der Salteador mit flammendem Auge durch, wie der schäumende Eber die ohnmächtige Meute bei Seite wirft.

Er schritt dicht an Don Ruiz vorbei, der noch nicht ganz ausgestanden war, warf dem alten Manne einen Blick zu, in dem mehr Haß als Reue lag und verschwand in einem der Gäßchen, die nach dem Zacatin führen.

Fünftes Capitel.
Der Fluch

Die Zuschauenden bei diesem Auftritte, die endlich sämtlich thätigen Antheil nahmen, standen wie erstarrt da.

Nur Don Ramiro, der seinen Mantel um den blutenden rechten Arm schlug, trat zu Don Ruiz, reichte ihm die linke Hand und sagte: »Señor, wollet Ihr mir die Ehre erzeigen, diese Hand anzunehmen, damit sie Euch aufrichte?«

Don Ruiz nahm die gebotene Hand an, richtete sich mit Anstrengung auf, streckte dann die Hand nach der Richtung hin aus, welche Don Fernand genommen hatte, und sprach laut:

»Undankbarer Sohn, möge die Rache Gottes Dich verfolgen, wohin Du auch fliehest! Möge deine Hand, die mein graues Haar entweihte und mein Gesicht blutig schlug, machtlos seyn, Dich gegen die fremden Schwerter zu schützen, die sich für mich erhoben! Möge Gott, der deine Schandthat gesehen hat, Dir die Luft entziehen, die Du athmest, den Boden, aus dem Du wandelst, und das Licht, das Dir leuchtet!«

»Herr!« sagte ehrerbietig einer der Herren, der zu Don Ruiz trat, »hier ist euer Hut.«

»Herr,« sagte ein Zweiter, der ebenso achtungsvoll herantrat, »erlaubt, daß ich Euch den Mantel befestige.«

»Herr,« sagte ein Dritter, »hier ist euer Stock.«

Erst dieses Wort schien Don Ruiz aus seiner Erstarrung zu wecken.

»Ein Stock?« wiederholte er, »was nützt mir ein Stock? Einen Degen brauche ich. . . Ach, Cid, Cid Campeador, sieh, wie wir verändert sind, seit Du deine große Seele Gott dem Herrn zurückgegeben hast. Zu deiner Zeit rächten die Söhne die Beleidigungen, die ein Fremder ihren Vätern anthat; jetzt rächen Fremde die Beleidigungen, welche die Väter von ihren Söhnen empfangen.«

Darum wendete er sich an den Herrn, welcher ihm den Stock darbot, und sagte:

»Ja, ja, gebt ihn her; eine Beleidigung, welche die Hand zufügte, muß der Stock rächen . . . Mit diesem Stocke also werde ich mich an Dir rächen, Don Fernand. Aber ich täusche mich; wie könnte dieser Stock mich rächen? Ich habe ihn ja in der Hand, um mich auf ihn zu stützen, nicht um mit ihm anzugreifen. Wie könnte ich mich also rächen, wenn das Werkzeug meiner Rache das nicht zu erreichen vermag, was ich beabsichtige und was zu nichts dient, als damit auf die Erde zu pochen, gleichsam um zu sagen: Erde, Erde, öffne dem Greise die Pforte seines Grabes!«

»Señor, beruhigt Euch,« sagte einer der Umstehenden, »Dona Mercedes, eure Gattin, kommt schnell herbei und ihr folgt ein Mädchen, schön wie der Engel!«

Don Ruiz wendete sich gegen Mercedes und sah sie in mit einem solchen Blicke an, daß sie sofort stehen blieb und sich wankend auf den Arm der Dona Flor stützte, die allerdings schön war wie der Engel, aber blaß wie eine Leiche.

»Was gibt es, Señor?s fragte sie Don Ruiz, »Was ist geschehen?«

»Was geschehen ist?« antwortete Don Ruiz, dessen Zorn die Anwesenheit seiner Gattin zu erhöhen schien. »Euer Sohn bat mich ins Gesicht geschlagen; das Blut spritzte hervor unter der Hand dessen, der mich seinen Vater nannte. Der Schlag warf mich zu Boden, und nicht der Sohn, nein, Don Ramiro, bot mir die Hand, mich wieder aufzurichten. Danket Don Ramiro, Señora, welcher euern Gatten aufrichtete, den euer Sohn niedergeworfen!«

»Beruhiget Euch, – beruhiget Euch, Señor,« bat Dona Mercedes, »und sehet, wie viele Leute um Euch herumstehen.«

»Laßt sie kommen, laßt sie um mich herstehen, denn sie wollen mich vertheidigen. Kommt Alle her!« rief Don Ruiz, »damit ein Jeder durch mich selbst, aus meinem eigenen Munde erfahre, daß ich ein beschimpfter Mann bin, den man ins Angesicht geschlagen hat. Ja, Ihr Männer, sehet mich an . . . und zittert bei dem Gedanken, daß auch Ihr Söhne habt. Ja, Ihr Frauen, sehet mich an und bedenkt mit Entsetzen, daß Ihr Kinder gebäret, die fünfundzwanzigjährige Sorgen, Mühen, Opfer und Schmerzen damit vergelten, daß sie eure Männer ins Gesicht schlagen! . . . Ich habe den höchsten Richter um Gerechtigkeit angesprochen, ich spreche auch Euch um Gerechtigkeit an, und wenn Ihr mir nicht augenblicklich sagt, daß Ihr dem Vater Gerechtigkeit verschaffen wollet . . . nun, so verlange ich sie von dem Könige.«

Da die Menge vor Entsetzen über diese gewaltige Verzweiflung stumm blieb, so rief Don Ruiz:

»Ihr auch, Ihr auch verweigert mir Gerechtigkeit? Nun wohl . . . König Carlos! König Carlos, Gerechtigkeit, Gerechtigkeit!«

»Wer ruft hier den König Don Carlos?« fragte eine Stimme. »Wer verlangt Gerechtigkeit von ihm? Hier ist er!«

Die Menge trat sofort bei Seite, und auf dem Wege, den sie geöffnet hatte, sah man einen jungen Mann in einfacher Tracht, mit blinzelndem Auge und bleichem Gesichte, mit breitkrempigem Hute und dunkelfarbigem Mantel hervortreten.

Hinter ihm ging eben so einfach gekleidet der Oberrichter.

»Der König!« flüsterte die Menge.

»Der König!« stammelte Mercedes erbleichend.

»Der König!« wiederholte Don Ruiz triumphirend.

Augenblicklich bildete sich ein weiter Kreis, in dessen Mitte nur der König und Don Inigo, Don Ruiz und Dona Mercedes blieben, welche Letztere sich auf Dona Flor stützte.

»Wer verlangt Gerechtigkeit?« fragte der König.

»Ich, Sire,« antwortete Don Ruiz.

Der König blickte ihn an.

»Du nochmals? Gestern batest Du um Gnade, heute bittest Du um Gerechtigkeit?«

»Ja, Sire, und diesmal werde ich Ew. Majestät nicht verlassen, bevor Ihr mir gewährt habt, was ich bitte.«

»Wenn das was Du erbittest, gerecht ist,« antwortete der König, »wird Dir es nicht schwer werden, es zu erhalten.«

»Darüber wird Ew. Majestät entscheiden,« sagte Don Ruiz.

Don Inigo winkte den Umstehenden, weiter zurückzutreten, damit nur der König die Worte des Bittenden vernehme.

»Nein, nein,« fiel Don Ruiz ein, Jedermann soll hören, was ich bitte; damit Jedermann bezeuge, daß ich die Wahrheit sage.«

»So bleibet Alle und höret,« sagte der König.

»Sire,« fragte Don Ruiz, »ist es wahr, daß Ihr den Zweikampf in euern Staaten verboten habt?«

»So ist es, und noch diesen Morgen habe ich Don Inigo befohlen, die Duellanten mit aller Strenge und ohne Schonung zu verfolgen.«

»Nun, Sire, hier auf dieser Stelle, eben jetzt, unter dem Fenster meines Hauses, in einem Kreise von Zuschauern, duellirten sich zwei junge Männer.«

»Ah,« fiel der König ein, »bisher glaubte ich, wer dem königlichen Befehle ungehorsam seyn wolle, suche eine entlegene Gegend auf, wo die Einsamkeit wenigstens die Möglichkeit gewährt, das Verbrechen könne ungestraft bleiben.«

»Diese jungen Männer haben zu ihrem Streite das Tageslicht und den besuchtesten Platz in Granada gewählt.«

»Ihr höret es, Don Inigo,« sagte der König, indem er sich halb umdrehte.

»Mein Gott! Mein Gott!« jammerte Dona Mercedes.

»Señora,« flüsterte Dona Flor, »sollte er den eigenen Sohn anklagen wollen?«

»Der Gegenstand ihres Streites ist gleichgültig,« fuhr Don Ruiz fort, indem er dem Oberrichter einen Blick zuwarf, der verrieth, er schweige nur um der Ehre seiner Familie wegen; »ich kenne ihn nicht und will ihn nicht kennen; ich weiß nur, daß zwei Cavaliere vor meiner Thür mit dem Degen in der Hand ungestüm aufeinander eindrangen.«

Don Carlos runzelte die Stirn.

»Und Ihr kamt nicht heraus,« fragte er, »Ihr tratet nicht zwischen die Waffen der beiden Unsinnigen mit dem Gewicht eures Namens und dem Ansehen eures Alters? In diesem Falle seyd Ihr eben so schuldig wie sie, denn wer bei einem Duell mit hilft, oder sich demselben nicht widersetzt, ist Mitschuldiger.«

»Ich kam heraus, Sire, ich trat hinzu und gebot den jungen Männern die Degen in die Scheide zu stecken; der Eine gehorchte.«

»Er wird eine mildere Strafe erhalten,« sagte der König; »aber der Andere?«

»Der Andere weigerte sich, mir zu gehorchen, Sire; der Andere fuhr fort, seinen Gegner durch Beleidigungen zu reizen und zwang diesen Gegner, der das Schwert bereits in die Scheide gesteckt hatte, wiederum dasselbe zu ziehen und den Kampf fortzusetzen. . . «

»Ihr höret, Don Inigo, der Kampf wurde trotz den Bemerkungen des Don Ruiz fortgesetzt . . . « sagte der König, der dann den Alten fragte: »Was thatet Ihr nun?«

»Sire, nachdem ich gebeten hatte, drohte ich; nachdem ich gedroht, hob ich meinen Stock. . .«

»Und dann?«

»Der, welcher schon einmal zurückgetreten war, that es nochmals.«

»Und der Andere?«

»Der Andere, Sire, schlug – mich in das Gesicht.«

»Ein junger Mann schlug einen Alten, einen rico hombre, einen Don Ruiz ins Gesicht?«

Die Augen des Königs Don Carlos blickten fragend in der Menge umher, als erwarte er, irgend Einer unter den Anwesenden werde Don Ruiz widersprechen.

Aber jeder Mund blieb geschlossen und man hörte in dem allgemeinen Schweigen nur die erstickten Seufzer Dona Flors und das Schluchzen der Dona Mercedes.

»Fahret fort,« sagte der König zu Don Ruiz.

»Sire, welche Strafe verdient ein junger Mann, der einen alten in das Gesicht schlägt?«

»Wenn er nicht von Adel ist, die Peitsche auf öffentlichem Markt und einen Platz auf meinen Galeeren zwischen einem Türken von Algier und einem Mauren von Tunis; wenn er von Adel ist, lebenslängliches Gefängniß und Verlust seines Adels.«

»Und,« fragte Don Ruiz mit finsterer Miene den König, »wenn der, welcher den Schlag gab, der Sohn, der, welcher ihn empfing, der Vater war?«

»Wie sagst Du, alter Mann? Ich verstehe nicht gut spanisch; ich kann nicht recht verstanden haben.«

Don Ruiz wiederholte langsam und so deutlich was er gesagt hatte, daß jedes Wort ein schmerzliches Echo in dem Herzen der beiden Damen fand.

Ein Murren erhob sich in der Menge.

Der König trat einen Schritt zurück und sah den alten Mann zweifelnd an.

»Das ist unmöglich,« sagte er dann.

»Sire,« antwortete Don Ruiz, indem er sich auf ein Knie niederließ, »ich habe Euch um die Begnadigung meines Sohnes gebeten, obwohl er ein Mörder und Räuber ist . . . Sire . . . heute bitte ich um Gerechtigkeit gegen den Sohn, welcher die Hand gegen seinen Vater erhob.«

»Don Ruiz, Don Ruiz!« entgegnete Don Carlos, der einen Augenblick aus der kalten ruhigen Würde heraustrat, in die er sich gewöhnlich hüllte, »wisset Ihr, daß Ihr damit den Tod eures Sohnes verlangt?«

»Ich weiß nicht, Sire, welche Strafe in Spanien solches Verbrechen trifft, denn wie es vor ihm kein Beispiel gegeben hat, wird es wahrscheinlich keine Nachahmer finden; aber ich sage das, mein König: mein Sohn, Don Fernand, hat gegen das heilige Gebot gesündigt, welches das erste nach betten der Kirche ist, er hat es gewagt, seine Hand gegen mich zu heben, mich in das Angesicht zu schlagen und da ich selbst wegen dieses Verbrechens mich nicht rächen kann, klage ich gegen den Verbrecher und wenn Ihr mir Gerechtigkeit versagt, Sire, so vernehmt die Drohung, welche ein beleidigter Vater gegen seinen König richtet. . . Wenn Ihr mir Gerechtigkeit versagt, appellire ich von Carlos an Gott.«

Darauf stand er auf und fuhr fort:

»Sire, Ihr habt mich gehört und es ist von nun an nicht meine, sondern eure Sache.«

Er ging fort. Die Menge machte ihm schweigend Platz, verbeugte sich und entblößte die Häupter vor dem tiefgekränkten Vater.

Mercedes sank ohnmächtig in die Arme der Dona Flor, als sie sah, daß Don Ruiz an ihr vorüberging, ohne sie anzublicken, ohne ein Wort an sie zu richten.

Don Carlos warf einen der Seitenblicke, die ihm eigenthümlich waren, auf die Gruppe der Trauernden, dann wendete er sich an Don Inigo, der mehr zitterte und bleicher war, als wenn er der Angeklagte gewesen wäre.

»Don Inigo,« sagte er.

»Sire?« antwortete der Oberrichter.

»Ist die Frau dort die Mutter?«

Er blickte über die Achsel nach Mercedes.

»Ja, Sire,« stammelte Don Inigo.

»Da Ihr mein Oberrichter seyd,« fuhr der König nach einer Pause fort, »so geht Euch diese Sache an. Bietet alle Mittel auf, über die Ihr verfügt und erscheint nicht eher vor mir, bis der Schuldige ergriffen ist.«

»Sire,« antwortete Don Inigo, »seyd überzeugt, daß ich Alles aufbieten werde.«

»Thut es auch ohne Zögern,« denn die Sache ist für Euch wichtiger als Ihr glaubt.«

»Warum, Sire?« fragte der Oberrichter mit bebender Stimme.

»Ich habe über das Geschehene nachgedacht und weiß nicht, ob es in der Geschichte einen andern König gegeben hat, bei dem eine eben solche Klage angebracht worden ist.«

Darauf ging er gravitätisch und nachdenklich weiter und flüsterte vor sich hin:

»Herr, was bedeutet das? Ein Sohn hat seinen Vater in das Angesicht geschlagen!«

Der König suchte bei Gott die Erklärung eines Räthsels, die ihm die Menschen nicht zu geben vermochten.

Don Inigo war unbeweglich, wie versteinert stehen geblieben.

Sechstes Capitel.
Strom und Wildbach

Das Leben der Menschen ist voraus bestimmt. Bei einigen fließt es langsam und majestätisch dahin wie die gewaltigen Ströme, die gleich dem Missisippi und dem Amazonenflusse Ebenen von tausend Stunden zwischen ihrer Quelle und dem Meere durchziehen und Schiffe gleich Städten mit so viel Menschen tragen, daß sie zur Gründung einer Colonie genügen.

Andere, die ihre Quelle auf den höchsten Berggipfeln haben, stürzen sich in Cascaden, in Cataraeten herab, rauschen in Wildbächen dahin und verbinden sich nach einem Laufe von nur wenigen Stunden mit einem Flusse, mit einem See, wo sie weiter nichts thun können als daß sie noch eine Zeit lang das Wasser, mit dem sie sich vermischten, heftig bewegen und trüben.

Der Reisende, der den erstern folgen, ihre Ufer beschreiben, ihre Umgebungen mustern will, braucht Wochen, Monate, Jahre; der Wanderer, der die andern begleitet, bedarf kaum einiger Tage. Aber der Wanderer, welcher den Ufern des Wildbaches folgte, hat in der kurzen Zeit vielleicht seine Gefühle mannigfaltiger angeregt als der Reisende, welcher ein Jahr lang an einem Strome hinzog.

Die Geschichte, welche wir unseren Lesern vorlegen, gehört zu den Wildbächen; vom Anfange an überstürzen sich die Ereignisse, schäumen auf und bewegen sich brausend fort bis zum Ende.

Bei denen, welche die Hand Gottes forttreibt, werden alle Regeln der Bewegung umgekehrt und wenn sie am Ziele anlangen, kommt es ihnen vor als hätten sie den Weg nicht zu Fuß, nicht zu Pferd, nicht zu Wagen zurückgelegt, sondern in irgend einer seltsamen Maschine, welche über Ebenen, Dörfer und Städte rollte wie ein Dampfwagen, kreischend und funkensprühend, oder in einem Ballon, der so rasch durch die Luft schwamm, daß die Ebenen, Dörfer und Städte wie Punkte in der Unermeßlichkeit verschwanden, der Schwindel selbst die Festesten ergreifet und jede Brust bedrückt ist.

So weit sind wir gekommen, zu zwei Drittheilen der schrecklichen Wanderung, und bis auf den kalten Steuermann, den man Don Carlos nennt und der unter dem Namen Carl V. berufen ist, sich über Staatserschütterungen zu neigen wie jetzt über Familienerschütterungen, hatte ein Jeder den Ort verlassen oder wollte ihn verlassen, wo die letzten schrecklichen Ereignisse geschehen waren, – verlassen mit bebendem Herzen und Schwindel vor den Augen.

Wir haben gesehen, wie Don Fernand zuerst sich entfernte; wie dann Don Ruiz verschwand, den Sohn verfluchend, den König bedrohend, Gott beschwörend; wie endlich der König, immer ruhig, aber noch düsterer als gewöhnlich, über dem schrecklichen Gedanken, daß unter seiner Regierung ein Sohn das bis dahin unbekannte Verbrechen, seinen Vater ins Gesicht zu schlagen, begangen habe, langsamen Schrittes nach der Alhambra zuging, nach der er zurückkehrte, nachdem er mit dem Oberrichter die Gefängnisse besucht hatte.

Die einzigen Zuschauer, welche an dem Vorgange betheiligt waren und wie versteinert in der Menge stehen blieben, die sie mit Staunen und Schmerz anblickte, waren Dona Mercedes, die fast ohnmächtig an der Achsel der Dona Flor lehnte, und Don Inigo, der unbeweglich da stand, wie vom Blitz durch die Worte des Königs getroffen: erscheint nicht eher vor mir, bis der Schuldige verhaftet ist.

Er mußte also den Mann verhaften lassen, für den er eine so herzliche Zuneigung empfand, den Mann, um dessen Begnadigung er schon einmal vergeblich so dringend gebeten, als er sich nur solchen Verbrechen schuldig gemacht, welche die Menschen beleidigen, und dessen Bestrafung um so gewisser war, da er eine That begangen, welche Gott beleidiget, – oder er durfte, als Mitschuldiger bei einem der größten Verbrechen, die jemals die Menschheit erschreckt, niemals wieder vor seinem Könige erscheinen.

In seinem Herzen neigte er sich vielleicht zu diesem letzten Mittel, denn er verschob es, die nöthigen Befehle zur Verhaftung Don Fernands zu geben und eilte erst in das Haus, damit man Dona Mercedes die Hilfe leiste, welche ihr Zustand erforderte.

Sie mußte in das Haus gebracht werden, als aber Don Inigo, der stark und kräftig war wie ein junger Mann, in der Absicht zu Dona Mercedes trat, sie auf seinen Armen in das Haus zu tragen, schlug sie seltsamer Weise bei seiner Annäherung bebend die Augen auf, in denen sich fast Entsetzen aussprach.

»Nein, nein,« sagte sie, »Ihr nicht, Ihr nicht.«

Don Inigo beugte sich vor dieser seltsamen Abweisung und holte die Amme Fernands und einen alten Diener, welcher Knappe des Don Ruiz in den Maurenkriegen gewesen war, während Dona Flor in höchster Verwunderung flüsterte:

»Warum mein Vater nicht, Señora?«

Mercedes aber schloß die Augen wieder, nahm ihre Kräfte zusammen, obgleich die Ohnmacht noch fortzudauern schien, und begann, gestützt auf Dona Flor, einige Schritte nach dem Hause zuzugehen, so daß sie fast die Schwelle erreicht hatte, als die Diener ihr zu Hilfe kamen.

Dona Flor wollte mit Mercedes hineingeben, ihr Vater aber hielt sie an der Thür zurück und sagte:

»Wir geben zum letzten Male in dieses Haus; nimm Abschied von Dona Mercedes und komm wieder hierher zu mir.«

»Abschied! Zum letzten Male in dieses Haus? Warum das, lieber Vater?«

»Kann ich bei der Mutter wohnen, deren Sohn ich dem Tode überliefern will?«

»Dem Tode! Don Fernand!« entgegnete das Mädchen erbleichend. »Ihr glaubt, der König werde Don Fernand zum Tode verurtheilen?«

»Wenn es eine noch härtere Strafe gäbe, würde Don Fernand zu derselben verurtheilt werden.«

»Vater, könnt Ihr nicht zu eurem Freund Don Ruiz gehen und ihn milder stimmen?«

»Das kann ich nicht.«

»Kann nicht Dona Mercedes ihren Gatten vermögen, die Klage zurückzunehmen?«

Don Inigo schüttelte sein Haupt.

»Sie kann es nicht.«

»Mein Gott!« rief das Mädchen aus und eilte nach dem Hause, »so will ich mich an das Herz der Mutter wenden und das Herz wird ein Mittel finden den Sohn zu retten.«

Sie trat rasch in das Haus hinein.

Dona Mercedes saß in demselben Zimmer des Erdgeschosses, in welchem sie vor einer Stunde ihrem Sohne gegenüber gestanden und mit der Hand das freudige Klopfen ihres Herzens niedergehalten hatte; jetzt hatte sie die Hand auf dieses Herz gelegt, damit es nicht breche vor Schmerz.

»Mutter, Mutter,« rief Dona Flor-, »gibt es kein Mittel Don Fernand zu retten?«

»Hat Dir dein Vater einige Hoffnung gemacht, Kind?« fragte sie.

»Nein.«

»So glaube deinem Vater, armes Kind.«

Sie brach in Schluchzen aus.

»Aber, Señora,« fuhr Dona Flor fort, »wenn Ihr nach zwanzigjähriger Ehe Don Ruiz um diese Begnadigung ersuchet . . .«

»Er würde sie mir versagen.«

»Der Vater bleibt doch immer Vater.«

»Ja, ein Vater!« antwortete Mercedes, und sie ließ den Kopf auf die Hände sinken.

»Versucht es, ich beschwöre Euch.«

Mercedes saß einen Augenblick gedankenvoll da.

»Mein Recht ist es allerdings nicht, aber meine Pflicht,« sagte sie.

Dann fragte sie den Diener:

»Wo ist dein Herr?«

»In seinem Zimmer, Señora; er hat sich eingeschlossen.«

»Ihr seht,« sagte Mercedes, welche die Entschuldigung aufgriff, die sich ihr darbot.

»Wenn Ihr ihn bittet mit dem sanften Tone eurer Stimme, Señora wird er Euch öffnen.«

Mercedes versuchte aufzustehen, sank aber auf den Stuhl zurück.

»Ich habe nicht mehr die Kraft,« sprach sie.

»Ich werde Euch leiten, Euch beistehen,« fuhr das Mädchen fort, indem sie einen Arm um Dona Mercedes legte und sie mit einer Kraft aufrichtete, welche man in diesem zarten Körper nicht vermuthet hätte.

Mercedes seufzte und ließ sich führen.

Nach fünf Minuten klopften die Mutter und die Liebende weinend an die Thür des Don Ruiz.

»Wer ist da?« fragte Don Ruiz im rauhen Tone.

»Ich,« antwortete Dona Mercedes kaum vernehmlich.

»Wer?«

»Seine Mutter.«

Man hörte in dem Zimmer einen ächzenden Ton, dann näherten sich langsam schwere Tritte, und endlich wurde die Thür geöffnet.

Don Ruiz erschien mit unstätem Blick und verworrenen Haaren und Bart.

Er schien in einer halben Stunde um zehn Jahre älter geworden zu seyn.

»Ihr?« fragte er.

Und als er Dona Flor bemerkte, setzte er hinzu:

»Aber Ihr seyd nicht allein; ich wunderte mich, daß Ihr allein zu kommen wagtet.«

»Um mein Kind zu retten, würde ich Alles wagen,« antwortete Mercedes.

»So tretet ein, aber allein.«

»Don Ruiz,« flüsterte Dona Flor, »erlaubt Ihr der Tochter eures Freundes nicht, ihre Bitten mit denen einer Mutter zu vereinigen?«

»Wenn Dona Mercedes in eurer Gegenwart mir sagen will, was sie mir zu sagen hat, tretet ein.«

»Nein, nein!« fiel Mercedes ein; »allein oder gar nicht.«

»Dann geht allein,« sagte Dona Flor, gehorsam dem Willen der unglücklichen Mutter und der abwehrenden Geberde des Don Ruiz.

Die Thür schloß sich hinter Dona Mercedes.

Dona Flor blieb vor der Thür staunend stehen und sah dieses häusliche Drama sich entwickeln, ohne daß sie es verstand.

Sie schien zu horchen, aber sie horchte nicht.

Ihr Herz klopfte hörbar.

Gleichwohl war es ihr, als folge die klagende Stimme der Dona Mercedes der drohenden Stimme des Don Ruiz.

Dann hörte sie einen Fall.

Sie glaubte Dona Mercedes sey nieder gesunken und öffnete rasch die Thür. Dona Mercedes lag wirklich am Boden.

Sie eilte zu ihr und versuchte sie aufzuheben, aber Don Ruiz winkte ihr.

Dona Mercedes war sicherlich unter der Last eines Gefühles niedergesunken, welche sie nicht zu tragen vermocht hatte.

Don Ruiz stand zehn Schritte von ihr und hätte, wenn er eine Gewaltthat an der Gattin verübt, nicht soweit sich entfernen können.

Uebrigens hob er sie mit einem Ausdrucke, der nicht lieblos war, auf seine Arme und trug sie in das Vorzimmer, wo er sie auf einen Divan legte.

»Arme Frau! arme Frau!« flüsterte er.

Dann kehrte er in sein Zimmer zurück und schloß die Thür von neuem zu, ohne ein Wort zu dem Mädchen zu sagen, als sey sie gar nicht zugegen.

Nach fünf Minuten schlug Dona Mercedes die Augen auf, sammelte ihre Gedanken, erkannte wo sie war, erinnerte sich der Ursache, die sie daher geführt hatte, stand kopfschüttelnd auf und sprach leise:

»Ich wußte es wohl, ich wußte es wohl!«

Geführt von dem Mädchen kehrte sie in ihr Zimmer zurück und sank auf einen Sessel.

In diesem Augenblicke hörte man Don Inigo an der Thüre rufen:

»Komm, Kind, komm, wir können nicht länger hier bleiben.«

Das Mädchen sank aus beide Knie nieder.

»Señora,« sagte sie, »segnet mich, damit das, was ich versuchen will, glücklicher sey als das, was Ihr selbst versuchtet.«

Mercedes streckte die Hände nach dem Mädchen aus, berührte die Stirne desselben und sagte mit fast brechender Stimme:

»Gott segne Dich, wie ich Dich segne.«

Darauf stand das Mädchen auf, ging wankend zu ihrem Vater, der an der Thür wartete, und verließ mit ihm das Haus.

Kaum aber hatte sie einige Schritte auf der Straße gethan, als sie stehen blieb und fragte:

»Wohin geht Ihr, Vater?«

»Ist die Wohnung, welche der König uns in der Alhambra bestimmt hatte und welcher ich die mir von Don Ruiz gebotene vorzog.«

»Lasset mich vorher in das Annunciatenkloster eintreten.«

»Ja,« sagte Don Inigo, »das ist eine letzte Hoffnung.«

Fünf Minuten später ließ die Pförtnerin Dona Flor ein, während ihr Vater an der Pforte wartete.

Siebentes Capitel.
Der Verfolgte

Don Inigo stand kaum einige Minuten da, als ihm vorkam, als lauft das Volk neugierig und schnell nach dem Thore von Granada zu.

Anfangs sah er den Leuten mit dem unbestimmten Blicke eines Mannes nach, den ernstere Dinge beschäftigen; als aber die Bewegung stärker wurde, mußte er ihr wohl größere Aufmerksamkeit schenken und erkundigte sich.

Da erfuhr er, ein Mann, gegen den ein Haftbefehl erlassen worden« weigere sich zu ergeben, habe sich in den Thurm der Vela geflüchtet und vertheidige sich erbittert gegen seine Angreifer.

Natürlich vermuthete Don Inigo sofort, der Mann sey Don Fernando. Ohne einen Augenblick zu verlieren, schloß er sich der Menge an. Je weiter man den Weg zur Albambra hinaufkam, um so zahlreicher und lärmender wurde die Menge; mit Mühe gelangte endlich Don Inigo auf den Platz las Algives.

Wie ein wild aufgewühltes tosendes Meer belagerte das Volk den Vela-Thurm.

Von Zeit zu Zeit machte die Menge Platz und ließ einen Verwundeten durch, der sich mit der Hand auf der 60 Wunde entfernte, oder einen Todten, den man hinweg trug.

Der Oberrichter erkundigte sich und erfuhr, was wir erzählen wollen.

Ein junger Mann, der von fünf oder sechs Andern verfolgt worden, war des Fliehens müde gewesen, hatte sich in den Thurm geflüchtet und da seine Verfolget erwartet.

Der Kampf hatte mit mörderischer Erbitterung begonnen und der Flüchtige hätte vielleicht seine sechs Verfolger überwunden, wenn er allein mit ihnen zu thun gehabt, aber auf das Rufen der Angreifenden, auf das Schwertgeklirr, auf die Ausforderungen und Drohungen war die Wache herbeigekommen und hatte sich den Angreifenden angeschlossen, als sie erfahren, daß der sich Vertheidigende auf den Befehl des Königs selbst verhaftet werben solle.

Nun hatte ein verzweiflungsvoller Kampf begonnen.

Don Fernand (denn er war es) hatte sich auf die schmale Wendeltreppe geflüchtet, welche durch zwei Stockwerke hinauf auf die Plattform führte. Da war die Vertheidigung leicht für ihn gewesen; er hatte von Stufe zu Stufe gekämpft und auf jeder Stufe war ein Angreifer gefallen.

Eine Stunde bereits dauerte der Kampf, als Don Inigo erschien. Er trat bebend hinzu, bewahrte aber doch noch einige Hoffnung, daß der Flüchtling vielleicht nicht Fernand sey. Leider dauerte diese Hoffnung nicht lange.

Kaum hatte er den Thurm betreten, als man Fernand oben rufen hörte:

»Kommt, so kommt doch, ihr Feiglinge! Ich bin allein gegen Euch alle. Ich weiß wohl, daß ich mein Leben hier lassen muß, aber für den Preis, um den ich es verkaufen will, seyd Ihr noch nicht zahlreich genug.«

Er war es wirklich.

Er konnte, wie er selbst gesagt, dem Tode unmöglich entgehen.

Wenn es dagegen Don Inigo gelang ihn zu verhaften, so blieb doch immer noch die Möglichkeit der Rettung.

Don Inigo beschloß also zunächst den Kampf enden zu lassen.

»Haltet ein!« rief er den Angreifenden zu. »Ich bin Don Inigo, Oberrichter von Andalusien, und komme im Auftrage des Königs Don Carlos.«

Aber es war nicht leicht, den Zorn von etwa zwanzig Männern zu beruhigen, die durch einen einzigen in Schach gehalten wurden.

»Nieder mit ihm! Nieder mit ihm!« antworteten fünf bis sechs Stimmen, während ein Schmerzensschrei und das Gepolter eines herabstürzenden Körpers andeuteten, daß der Degen Don Fernands ein neues Opfer gefällt habe.

»Hört Ihr mich nicht?« rief Don Inigo mit kräftiger Stimme; »ich sage Euch, daß ich der Oberrichter bin und im Namen des Königs erscheine«

»Nein. Der König mag uns selbst Gerechtigkeit handhaben lassen.«

»Seht Euch vor, seht Euch vor!« fuhr Don Inigo fort, der gern den Zorn der Angreifer von dem Verfolgten ab und auf sich selbst lenkte.

»Was wollet Ihr denn?« fragten mehre Stimmen.

»Ihr sollt mich vorüber lassen.«

»Warum?«

»Um den Degen des Ungehorsamen zu holen.«

»Das möchte ein sehenswerthes Schauspiel seyn,« meinten Einige; »lasset ihn durch.«

»Nun?» fragte oben Don Fernand; »Ihr zögert? Ihr weicht zurück? Elende, erbärmliche Memmen!«

Ein neuer Schmerzenslaut verkündete, daß der Degen Fernands eine neue Wunde gemacht.

Darauf entstand neuer Tumult und man hörte nochmals Stahl gegen Stahl klirren.

»Tödtet ihn nicht! Tödtet ihn nicht« rief Don Inigo in Verzweiflung. »Ich muß ihn lebendig haben.«

»Lebendig?« wiederholte Don Fernand. »Hat Jemand unter Euch gesagt, er wolle mich lebendig fangen?«

»Ja, ich,« antwortete der Oberrichter unten an der Schwelle.

»Ihr? Wer seyd Ihr?« fragte Don Fernand.

»Ich, Don Inigo.«

Ein Schauer lief durch alle Glieder Don Fernands.

»Ach!« flüsterte er, »ich habe deine Stimme erkannt, ehe Du Dich nanntest.« Und laut setzte er hinzu: »Was wollet Ihr von mir? Kommt herauf, aber allein.»

»Lasset mich vorüber,« sagte Don Inigo.

Es lag in dem Tone des Oberrichters etwas so Gebieterisches, daß Alle bei Seite traten und auf der schmalen Treppe sich an die Wand drückten.

Don Inigo stieg eine Stufe nach der andern hinauf, aber fast auf jeder Stufe lag ein Todter oder Verwundeter.

Ueber zehn Todte wohl mußte er hinwegschreiten, ehe er in das erste Stockwerk kam, wo, Don Fernand ihn erwartete.

Der junge Mann hatte seinen linken Arm mit dem Mantel umhüllt, und diesen so zu seinem Schilde gemacht. Sein Anzug war zerrissen und er blutete aus mehren Wunden.

»Nun,« fragte er Don Inigo, »was wollet Ihr von mir? Ihr habt in mir durch ein Wort mehr Furcht erregt als alle diese mit ihren Waffen.»

»Was ich will?« antwortete der Oberrichter, »Ihr sollt mir euren Degen übergeben.«

»Meinen Degen?« wiederholte Fernand lachend.

»Was ich will?« fuhr Don Inigo fort. »Ihr sollet aufhören Euch zu vertheidigen und Euch mir übergeben.«

»Habt Ihr Jemanden versprochen dieses Wunder zu bewirken?«

»Dem Könige.«

»So kehrt zurück zu dem Könige und sagt ihm, Ihr hättet etwas Unmögliches übernommen.«

»Aber, Unsinniger, worauf hoffst Du noch? Was willst Du?«

»Tödtend sterben.«

»So tödtet,« entgegnete der Oberrichter, der auf den jungen Mann zutrat.

Don Fernand machte eine drohende Geberde, dann senkte er den Degen und sagte:

»Mischt Euch lieber gar nicht in diese Sache; lasset sie mich und die Leute ausmachen, die sie unternommen haben; Ihr gewinnt nichts Gutes dabei, ich schwöre es Euch zu und gleichwohl, auf Edelmannswort, würde es mir sehr leid seyn, wenn Euch ein Unglück begegnete.«

Don Inigo trat noch einen Schritt näher.

»Euren Degen!« sagte er.

»Ich habe es Euch bereits gesagt, daß es nutzlos ist ihn zu verlangen; daß es gefährlich ist, mir ihn nehmen zu wollen, werdet Ihr bereits gesehen habend.«

»Euren Degen!s wiederholte Don Inigo noch näher tretend.

»So zieht wenigstens den eurigen,« entgegnete Don Fernand.

»Gott bewahre mich Euch in irgend einer Art zu drohen, Don Fernand; ich will alles nur der Ueberredung verdanken, Euren Degen! Ich bitte darum.«

»Niemals.«

»Ich bitte darum, Don Fernand.«

»Welche unerklärliche Macht übt Ihr auf mich!« sprach der junge Mann weiter. »Aber nein, nein, ich werde Euch meinen Degen nie übergeben.«

Don Inigo streckte die Hand aus.

»Euren Degen!«

Es folgte eine tiefe Stille, in welcher der Oberrichter Don Fernand durch jene geheime Kraft zu bewegen versuchte, die er gleich am ersten Tage ihres Zusammentreffens geltend gemacht hatte.

»Mein Gott,« flüsterte Fernand, »mein eigener Vater vermochte mich nicht zu bestimmen den Degen einzustecken; zwanzig Personen konnten mir ihn nicht entreißen; ich fühle die Kraft in mir wie ein verwundeter Stier, ein ganzes Regiment in Stücke zu zerreißen, und Ihr braucht nur ein Wort zu sagen!«

»Gebt mir den Degen!« wiederholte Don Inigo.

»Aber bedenkt wohl, daß ich mich nur Euch, Euch allein übergebe; daß nur Ihr mir Scheu und Ehrfurcht einflößet; daß ich nur zu euren Füßen, nicht zu den des Königs, diesen vom Heft bis zur Spitze mit Blut gerötheten Degen niederlege.«

Und er legte wirklich ehrfurchtsvoll den Degen vor Don Inigo nieder.

Der Oberrichter hob ihn auf und sagte dabei:

»Der Himmel ist mein Zeuge, daß ich, der Oberrichter, gern mit Euch, dem Angeklagten, tauschte und weniger Schmerz dann empfinden würde.«

»Was gedenkt Ihr mit mir zu thun?« fragte Don Fernand die Stirne runzelnd.

»Ihr werdet mir euer Wort geben, keinen Fluchtversuch zu machen, in das Gefängniß zu gehen und da auf die Entschließung des Königs zu warten.«

»Ihr habt mein Wort.«

»So folget mir.«

Don Inigo trat darauf an die Treppe und rief hinunter:

»Platz! Und daß Niemand es wage mit einem Worte den Gefangenen zu schmähen; er steht von jetzt an unter dem Schirme meiner Ehre.«

Alle traten zurück und der Oberrichter ging mit Don Fernand auf der blutbesudelten Treppe herab.

An der Thür blickte der junge Mann verächtlich um sich und nun erhoben sich trotz dem Verbote Don Inigo’s drohende Rufe. Don Fernand wurde todtenbleich und griff nach dem Degen eines daliegenden Todten; aber Don Inigo brauchte nur zu erinnern.

»Ich habe euer Wort,« sagte er.

»Und Ihr könnt darauf bauen,« antwortete der Gefangene mit einer Verbeugung.

Und der Eine begab sich nach der Rede, um sich im Gefängniß zu stellen, während der Andere über den Algivesplatz schritt, um zu Don Carlos in die Alhambra zu gehen.

Der König ging erwartungsvoll, in düsterem Schweigen, in dem Saale der zwei Thürme auf und ab, als man ihm den Oberrichter meldete.

Er blieb stehen, richtete das Haupt empor und blickte fest auf die Thür. Don Inigo trat ein.

»Erlaubt, Majestät,« sagte der Oberrichter, »daß ich Euch die Hand küsse.«

»Da Ihr wiederum vor mir erscheint,« sagte Don Carlos, »so ist der Schuldige verhaftet?«

»Ja, Sire.«

»Wo ist er?«

»Er muß in diesem Augenblicke im Gefängnisse seyn.«

»Ihr habt ihn unter guter Bedeckung dahin geschickt?«

»Unter der sichersten, die ich finden konnte, unter der seiner Ehre, Sire.«

»Ihr vertrautet seinem Worte?«

»Ew. Majestät vergißt, daß das Wort eines Edelmannes die festeste Kette ist, mit der matt ihn binden kann.«

»Sehr wohl,« antwortete Don Carlos, »Ihr werdet mich diesen Abend in das Gefängniß begleiten. Ich habe die Anklage des Vaters gehört und will auch die Vertheidigung des Sohnes hören.«

»Was aber könnte zu seiner Vertheidigung ein Sohn vorbringen, der seinen Vater ins Angesicht geschlagen hat!« flüsterte der König.

Achtes Capitel.
Vor der Entwicklung

Der Tag, welcher schon reich an Begebenheiten war, die am nächsten zur Erscheinung kommen sollten, versprach der öffentlichen Neugierde neue Einzelheiten, bevor die Sonne, die hinter den funkelnden Berggipfeln der Sierra Nevada aufgegangen, hinter den dunkeln Höhen der Sierra Morena hinabsinke.

Während Don Inigo sich in den Palast begab, wanderte Don Fernand, wie wir meldeten, seinem Worte gemäß, mit stolz erhobenem Haupte, nicht wie ein Ueberwundener, sondern wie ein Ueberwinder, nach dem Gefängnisse, denn seiner Meinung nach war er nicht überwunden, sondern hatte einem Gefühle nachgegeben, das nicht ohne Reiz für ihn war, obwohl es ihm gebot, seinen Zorn zu opfern und vielleicht sein Leben hinzugeben.

Er ging also nach der Stadt hinab, gefolgt von einer Anzahl derjenigen, welche an dem schrecklichen Kampfe gegen ihn Theil genommen; da aber Don Inigo verboten hatte, den Gefangenen zu schmähen, da lauter noch als dieses Verbot in dem edlen Herzen der Spanier die Bewunderung sprach, welche einem muthigen Volk der Muth stets einflößt, so schienen die, welche ihn begleiteten, obwohl sie von den gewaltigen Hieben sprachen, die empfangen und gegeben worden waren, mehr eine Ehrenwache als eine schimpfliche Bedeckung zu seyn.

Unten an dem Aufwege nach der Alhambra begegnete Fernand zwei verschleierte Damen, die beide stehen blieben und einen freudigen Ausruf der Verwunderung nicht unterdrücken konnten; er selbst blieb auch stehen, einestheils wegen dieses Ausrufes, anderntheils wegen der magnetischen Kraft, die sich in uns regt, wenn wir einer geliebten Person begegnen, ja oft ehe dies geschieht.

Ehe er sich fragte, wer die beiden Damen seyen, zu denen sich sein Herz unwiderstehlich hingezogen fühlte, drückte die eine seine Hände an ihre Lippen, während die andere mit ausgestreckten Armen stehen blieb und seinen Namen stammelte.

»Ginesta! Dona Flor!« flüsterte Fernand abwechselnd, während nach der bekannten Achtung des Volkes vor großem Unglücke die, welche den jungen Mann von dem Algivesplatze begleitet hatten und ihm bis zum Gefängnisse folgen wollten, in gebührender Entfernung stehen blieben, so daß der Gefangene, ohne von ihnen gehört zu werden, mit den beiden Mädchen sprechen könne.

Er zögerte nicht lange. Nur einige Worte wurden zwischen Ginesta und Fernand, nur einige Blicke zwischen ihm und Dona Flor gewechselt.

Dann setzten die Mädchen ihren Gang nach der Alhambra, Don Fernand den Weg nach dem Gefängnisse fort.

Man ahnt wohl, was Ginesta in dem Palaste thun wollte. Nachdem sie durch Dona Flor von der Gefahr benachrichtigt wurde, welcher Don Fernand von neuem ausgesetzt sey, wollte sie zum zweiten Male ihren Einfluß auf Don Carlos versuchen.

Diesmal freilich hatte sie das Pergament nicht mehr, welches ihre Herkunft bescheinigte, eben so wenig die Million, die sie bereits dem Kloster übergeben.

Angenommen also, daß das Gedächtniß des Königs von Spanien so kurz war wie das der Könige meist zu seyn pflegt, so stand sie ihrem Bruder wie allen Andern nur als die arme junge Zigeunerin Ginesta gegenüber.

Aber ihr blieb das Herz, das Herz, aus dem sie Bitten und Thränen genug schöpfen zu können glaubte, um das Herz des Don Carlos zu rühren, so kalt und unzugänglich es auch war.

Nur das Eine fürchtete sie – gar nicht zu dem Könige zu gelangen.

Groß also war ihre Freude, als die Thür vor ihr sich öffnete, sobald sie ihren Namen genannt hatte.

Dona Flor, die auf sie ihre ganze Hoffnung baute, wartete zitternd vor der Thür.

Ginesta folgte ihrem Führer. Dieser öffnete leise die Thür des Zimmers, das in ein Arbeitscabinet umgewandelt war, trat bei Seite, um das Mädchen eintreten zu lassen, und schloß die Thür hinter ihr, ohne sie anzumelden.

Don Carlos ging, die Augen an den Boden geheftet, mit gesenktem Haupte mit großen Schritten auf und ab.

Ginesta ließ sich aus ein Knie nieder und verblieb einige Augenblicke in dieser Stellung, ohne daß der König ihre Anwesenheit zu bemerken schien. Endlich schlug er die Augen auf, sah sie anfangs zerstreut, dann fragend an und fragte dann:

»Wer seyd Ihr?«

»Erkennt Ihr mich nicht wieder, Sire?« antwortete die Zigeunerin. »Dann hin ich allerdings sehr unglücklich.«

Don Carlos schien also dann mit Anstrengung seine Erinnerungen zu sammeln; sein Blick schaute bisweilen leichter in die Zukunft, als in die Vergangenheit.

»Ginesta!« sagte er endlich.

»Ja, ja, Ginesta!« flüsterte das Mädchen, das sich schon freute, wieder erkannt worden zu seyn.

»Weißt Du, daß ich heute oder morgen einen Boten aus Frankfurt erhalten werde, wenn ihn nichts zurückhält?« fragte der König, indem er vor dem Mädchen stehen blieb.

»Welchen Boten?« fragte Ginesta.

»Den Boten, welcher mir melden soll, ob von dieser Stunde an das römische Reich mir angehört oder Franz I.«

»Gebe Gott, daß es Euch angehöre, Sire!« antwortete Ginesta.

»Ach, wenn ich Kaiser bin!« rief Don Carlos aus. »Neapel nehme ich zuerst, das ich dem Papste versprochen, Italien, das ich Frankreich abgetreten habe, Sardinien, das ich . . . «

Er bemerkte, daß er laut die Gedanken aussprach, die ihn beschäftigten, und daß er nicht allein war.

Er strich mit der Hand über die Stirne.

Ginesta benützte diese Pause.

»Wenn Ihr Kaiser seyd, werdet Ihr ihn begnadigen,« sagte sie.

»Wen begnadigen?«

»Ihn, Fernand, den ich liebe, für den ich beten werde bis zum Ende meiner Tage.«

»Den Sohn, der seinen Vater ins Angesicht geschlagen hat?« fragte Don Carlos in rauhem Tone, als wenn die Worte sich sträubten aus seiner Kehle hervorzugehen.

Ginesta senkte das Haupt.

Was konnte sie vor einer solchen Anklage, vor einem solchen Ankläger thun, als sich beugen und weinen?

Sie neigte sich und weinte.

Don Carlos blickte sie eine Seit lang an und es war vielleicht ein Unglück, daß sie nicht auch die Augen zu ihm aufzuheben wagte, denn sie hätte in seinem Blicke sicherlich einen Blitz des Mitleids erkannt, wie schnell er auch wieder erlosch.

»Morgen,« sagte er, »wirst Du nebst Granada meinen Ausspruch über diese Sache erfahren. Bleibe bis dahin im Palaste; der Schuldige mag leben oder sterben, Du brauchst nicht in dein Kloster zurückzukehren.«

Ginesta fühlte, daß jede weitere Bitte ihrerseits nutzlos seyn werde, sie stand also auf und flüsterte:

»König, vergiß nicht, daß ich, wenn auch vor den Menschen eine Fremde, vor Gott deine Schwester bin.«

Don Carlos machte eine Bewegung mit der Hand.

Ginesta ging hinaus.

Dona Flor wartete noch immer vor der Thür.

Ginesta erzählte ihr was zwischen ihr und dem Könige geschehen.

In diesem Augenblicke ging ein Diener vorüber, welcher den Oberrichter zu dem Könige bescheiden sollte.

Die beiden Mädchen folgten dem Diener, denn sie hofften von Don Inigo etwas zu erfahren.

Mercedes kniete unterdeß betend in ihrem Zimmer und wartete in nicht geringerer Angst als Ginesta und Dona Flor.

Sie hatte ihr früheres Zimmer wieder bezogen, das Zimmer, in welchem der geächtete, aber doch freie Fernand sie besucht hatte. Glückliche Zeit! Die arme Mutter! Es war mit ihr so weit gekommen, daß sie jene Zeit der Angst des Grauens und Entsetzens eine glückliche Zeit nannte!

Damals blieb ihr doch wenigstens der Zweifel; jetzt war aller Zweifel geschwunden, fast alle Hoffnung erloschen.

Beatrix und Vincente waren von ihr auf Erkundigungen ausgeschickt worden.

Anfangs hatte sie gehofft, Don Fernand werde das Gebirge wieder erreichen können.

»Ist er erst im Gebirge,« sagte sie sich, »so begibt er sich in irgend einen Hafen und schifft sich nach Afrika oder nach Italien ein.

Sie sah dann freilich ihren Sohn nicht wieder, aber er lebte doch.

Gegen ein Uhr aber erfuhr sie, daß Fernand in dem Algiveshof geblieben sey, weil er unter dem Geschrei seiner Verfolger nicht weiter habe fliehen wollen. Um zwei Uhr wußte sie, daß er in dem Velathurm sich vertheidige und bereits acht oder zehn Personen verwundet oder getödtet habe. Um drei Uhr meldete man ihr, daß er sich an Don Inigo ergeben und sein Ehrenwort verpfändet habe, nicht zu fliehen. Um vier Uhr wußte sie, daß der König dem Oberrichter versprochen habe, ein Urteil nicht zu fällen, bevor er nicht mit dem Schuldigen selbst gesprochen. Um fünf Uhr erfuhr sie, der König habe Ginesta geantwortet, am nächsten Tage werde sie und Granada seinen Ausspruch wissen.

Am nächsten Tage also sollte das Urtheil gefällt werden.

Welches Urtheil?

Abends gelangte ein unbestimmtes, aber schreckliches Gerücht zu ihr.

Man erzählte in der Stadt – aber nichts zeugte für die Wahrheit der König habe den Oberrichter rufen lassen und ihm befohlen, in der Nacht, aus dem Algivesplatze, das Schaffot aufbauen zu lassen.

Für wen konnte das Schaffot bestimmt seyn? Der König hatte die Gefängnisse mit Don Inigo besucht und nur Begnadigungen ausgesprochen.

Für wen also konnte das Schaffot bestimmt seyn außer für Fernand?

War es aber wahr, daß der Befehl gegeben worden?

Vincente unternahm es, darauf eine bestimmte Antwort zu bringen; er wollte die ganze Nacht wachen und auf dem Algivesplatz sollte nichts geschehen, was er nicht erfahre.

Gegen neun Uhr Abends verließ er das Haus, aber schon eine Stunde darauf kam er mit der Meldung zurück, er habe durchaus nicht auf den Algivesplatz gelangen können, da alle Zugänge zu demselben mit Wachen besetzt wären.

Es war also nichts zu thun als zu warten und zu beten.

Dona Mercedes entschloß sich die Nacht im Gebet zu verbringen.

Sie kniete nieder und hörte die Serenos (Nachtwächter) eine Stunde nach der andern ausrufen.

Die heisere Stimme, welche Mitternacht verkündete und die Bewohner von Granada aufforderte ruhig zu schlafen, verklang kaum in der Stille, als Dona Mercedes einen Schlüssel in dem Schlosse der Thüre knirschen zu hören glaubte, durch welche Fernand sonst hereinzuschleichen pflegte.

Sie drehte sich auf ihren Knien herum nach jener Thür zu, sah dieselbe sich öffnen und einen Mann eintreten, dessen Gesicht ein breitkrempiger Hut bedeckte und dessen Gestalt ein großer Mantel umhüllte.

Nur ihr Sohn besaß diesen Schlüssel.

»Fernand! Fernand!« rief sie und eilte dem nächtlichen Gaste entgegen.

Aber plötzlich blieb sie stehen, denn sie erkannte, daß der Mann, welcher in das Zimmer getreten war und die Thür hinter sich geschlossen hatte, um einen Kopf kleiner war als Fernand.

Gleichzeitig nahm der Unbekannte seinen Hut ab und ließ den Mantel fallen.

»Ich bin nicht Fernand,« sagte er.

Mercedes wich einen Schritt zurück.

»Der König!« stammelte sie.

Der Unbekannte schüttelte den Kopf.

»Ich bin nicht der König,« sagte er, »wenigstens hier nicht.«

»Wer seyd Ihr denn?« fragte Mercedes.

»Ein Beichtiger. Auf die Kniee, Weib, und bekennt, daß Ihr einen Gatten hintergangen habt. Ein Sohn kann unmöglich seinen Vater in das Angesicht schlagen.«

Mercedes sank auf ihre Kniee nieder, streckte beide Arme flehentlich nach dem Könige aus und sprach:

»Ach, Sire, Sire, Gott selbst sendet Euch! Höret mich an; ich will Euch Alles sagen.«

Neuntes Capitel.
Die Beichte

Bei diesem ersten Bekenntnisse athmete der König freier auf.

»Ich bin bereit zu hören,« sagte er mit seiner kurzen gebieterischen Stimme.

»Sire,« flüsterte Mercedes, »ich will Dinge erzählen, die schwer über die Lippen eines Weibes gehen, obgleich ich bei weitem nicht so schuldig bin, als es aus den ersten Blick erscheinen mag. Seyd mindestens, ich bitte Euch, in Worten nachsichtig gegen mich, sonst würde ich die Kraft verlieren, fortzufahren.«

»Sprecht ohne Besorgniß, Dona Mercedes,« antwortete Don Carlos in einem etwas gemilderten Tone, »und kein Geheimniß, das einem Priester anvertraut worden, soll gewissenhafter gewahrt seyn als das, welches Ihr eurem Könige anvertraut.«

»Sire ich danke Euch,« antwortete Mercedes.

Darauf strich sie mit der Hand über die Stirn, nicht um alle ihre Gedanken zu sammeln, denn man sah es wohl, daß alle diese Erinnerungen ihr bereits gegenwärtig waren, sondern um den Angstschweiß abzuwischen, der in großen Perlen darauf stand.

»Sire,« begann sie sodann, »ich war mit dem Sohne eines Freundes meines Vaters erzogen worden, wie man einen Bruder mit einer Schwester erzieht, ohne daß es uns jemals in den Sinn kam, daß es in der Welt andere Gefühle gebe als Geschwisterliebe, als ein Streit um Mein und Dein die beiden Freunde veruneinigte, die man für unzertrennlich gehalten hatte.

»Das war noch nicht Alles. Es folgte eine Geldvorderung. Wer Recht, wer Unrecht hatte, ich weiß es nicht, so viel aber weiß ich, daß mein Vater die geforderte Summe bezahlte und dann Sevilla verließ, wo er gewohnt hatte, um sich nach Cordova zu begeben und nicht mehr in derselben Stadt mit dem Manne zu seyn, der sein Freund gewesen und sein Todfeind geworden war.

»Dieser Bruch zwischen den Vätern trennte die Kinder.

»Ich war damals kaum dreizehn Jahre alt; der, welchen ich meinen Bruder nannte, stand in dem siebzehnten. Niemals hatten wir einander gesagt, daß wir einander liebten, vielleicht hatten wir nie daran gedacht, bis die unerwartete Trennung, die plötzlich beschlossen und ausgeführt wurde, uns einen hellen Blick in unser Herz gestattete.

»Etwas in uns weinte laut und blutete stark – jene Freundschaft, die Liebe geworden war und die plötzlich in den Händen unserer Eltern zerbrach.

»Waren sie darum besorgt? Wußten sie, wie weh sie uns thaten? Ich glaube, es kam ihnen gar nicht in den Sinn, aber hätten sie auch daran gedacht, ich glaube, ihr Haß war so gewaltig geworden, daß sie sich nicht im mindesten um den Einfluß kümmerten, den er auf unsere Liebe haben könnte.

»Unsere beiden Familien waren also getrennt, nicht blos durch den Haß, sondern auch durch die Entfernung. Wir aber schwuren einander in einem letzten Beisammenseyn, daß nichts uns trennen solle.

»Und was hatten wir arme Kinder, die neben einander aufgewachsen waren, mit dem Hasse unserer Eltern zu schaffen? Zehn Jahre lang hatte man uns täglich eingeprägt und empfohlen: liebet einander; waren wir nicht zu entschuldigen, daß wir nicht gehorchten, als man uns nun plötzlich sagte: hasset einander?«

Mercedes schien, ehe sie weiter fortfahre, auf ein ermuthigendes Wort des Königs zu warten, aber dieser antwortete: »Ich weiß noch nicht was Liebe ist, da ich noch nie geliebt, Señora.«

»Dann,« fuhr Mercedes niedergeschlagen fort, »bin ich sehr unglücklich, denn Ihr werdet das nicht verstehen, was ich nun zu erzählen habe.«

»Entschuldigt, Señora, denn ich bin Richter, da ich von meiner Kindheit an König gewesen bin, und ich weiß was Gerechtigkeit ist.«

Mercedes fuhr fort: »Wir hielten Wort; die Abwesenheit selbst begünstigte unsere Liebe, die übrigens unseren Eltern unbekannt war. Das Haus meines Vaters in Cordova stand an dem Guadalquivir; mein Zimmer, das entlegenste im Hause, sah durch ein vergittertes Fenster auf diesen Fluß. Mein Geliebter kaufte ein Boot, verließ dreimal monatlich Sevilla unter dem Vorwande, in der Sierra zu jagen, und wiederholte mir als Fischer verkleidet, daß er mich liebe, und nahm aus meinem Munde die Versicherung in Empfang, daß ich ihn ebenfalls ewig lieben werde.

»Anfangs hatten wir gehofft, der Haß zwischen unseren Familien werde sich beruhigen, aber er steigerte sich nur mehr.

»Mein Geliebter ließ nichts unversucht, um mich zu bewegen, mit ihm zu entfliehen.

»Ich widerstand.

»Da erfaßte ihn finstere Verzweiflung; unser nächtlicher Verkehr, sonst sein Glück, genügte ihm nicht mehr.

»Der Krieg zwischen den Christen und den Mauren entbrannte hitziger als je.

»Eines Abends zeigte er mir an, daß er des Lebens überdrüssig sey und den Tod suchen wolle.

»Ich weinte, aber ich gab nicht nach. Er reiste ab.

»Ein Jahr lang sah ich ihn nicht mehr; aber in diesem Jahre klang der Ruf von seinen Thaten so laut zu mir, daß, hätte ich ihn noch mehr lieben können, meine Liebe durch seinen Muth und seine Gefahren gesteigert worden wäre.

»Diese Nachrichten kamen uns meist durch einen jungen Mann zu, der mit ihm die Kämpfe gekämpft hatte, von denen er erzählte. Dieser junge Mann, sein Waffengefährte, war der Sohn eines Freundes meines Vaters und hieß Don Ruiz de Torillas.«

Der König hörte die Erzählung mit finsterem Auge, stumm und unbeweglich wie ein Marmorbild an. Dona Mercedes wagte die Augen zu ihm zu erheben, um wo möglich in seinen Augen zu erkennen, ob sie ihre Erzählung abkürzen oder ausdehnen müsse.

Don Carlos verstand diese stumme Frage.

»Fahret fort,« sagte er.

»Die Aufmerksamkeit, welche ich den Erzählungen des Don Ruiz schenkte, und die Eile, in welcher ich erschien, wenn man seine Ankunft meldete, brachten ihn wahrscheinlich zu dem Glauben, diese Theilnahme gelte ihm selbst, während sie sich doch ausschließlich dem zuwendete, welcher abwesend war; auch wurden seine Besuche häufiger und seine Augen begannen mir die Geheimnisse seines Herzens zu vertrauen.

»Da erschien ich nicht mehr, wenn Don Ruiz kam, wie schwer es mir auch wurde, nichts mehr von dem zu hören, dem alle meine Gedanken galten und der alle meine Freude mit sich genommen hatte.

»Uebrigens hörten seine Besuche bald auf, da das Heer, zu dem er gehörte, Granada belagerte.

»Eines Tages erfuhren wir, Granada sey genommen.

»Das war eine große Freude für uns als Christen, da nun die Hauptstadt der Mauren sich in den Händen des katholischen Königs befand; bei mir aber verschleierte alle Trauer jede Freude und mein Vater erhielt die Nachricht unter neuem Kummer.

»Der Rest unseres Vermögens rührte von der ersten Frau meines Vaters her. Dies Vermögen gehörte einem Sohne, einem Abenteurer, den man für todt hielt, und den ich kaum kannte, obgleich ich seine Schwester war.

»Er erschien und verlangte sein Erbe.

»Mein Vater forderte nur die nöthige Zeit, um ihm Rechnung abzulegen; freilich theilte er mir zugleich mit, daß wir nach Herausgabe dieses Vermögens ganz arm seyn würden.

»Ich hielt diesen Augenblick für günstig und wagte einige Worte über den ehemaligen Freund, mit dem er gebrochen hatte; aber bei meinen ersten Worten schon blitzten seine Augen.

»Ich schwieg.

»Der Haß erneuerte sich bei ihm mit jedem neuen Schmerze.

»Ich konnte nicht daran denken, auf diesen Gegenstand je wieder zurückzukommen.

»In der Nacht nach diesem Tage konnte ich nicht schlafen und befand mich auf dem Balcon über dem Flusse. Das Gitter an diesem Fenster stand offen, denn mir war es als könne ich durch die Gitter hindurch nicht vollkommen frei athmen.

»Der geschmolzene Schnee hatte den Guadalquivir angeschwellt, der seine Fluten unter mir hinwälzte. Ich blickte auf den Himmel hinauf und schaute den Wolken nach, die der Wind vor sich hertrieb und zwanzigmal in einer Viertelstunde zu andern Gestaltungen formte, als ich plötzlich in dem Dunkel auf dem Flusse ein Boot mit einem einzigen Fischer herbeikommen sah. Ich trat zurück, um nicht gesehen zu werden, mit der Absicht aber, meinen Platz wieder einzunehmen, sobald der Fischer vorüber seyn würde, aber plötzlich erschien ein Schatten und ein Mann schwang sich auf den Balcon; ich schrie vor Schrecken laut auf, aber eine wohlbekannte Stimme antwortete mir:

»Ich bin es, Mercedes Still!«

»Er war es wirklich . . . Ich hätte wohl fliehen sollen, aber es kam mir gar nicht in den Sinn; ich sank halb ohnmächtig in seine Arme. Als ich wieder zu mir kam . . . ah, Sire, gehörte ich mir nicht mehr an.

»Der Unglückliche war nicht gekommen, um ein Verbrechen zu begehen; er war gekommen, um mich zum letzten Male zu sehen und mir Lebewohl zu sagen; er unternahm mit dem Genueser Columbus eine Entdeckungsreise. Er hatte mich von weitem schon auf dem Balcone gesehen, und mein Zurücktreten sein Erscheinen erleichtert. Niemals noch hatte er,das Gitter vor dem Fenster offen gesunden; zum ersten Male betrat er mein Zimmer.

»Er erneuerte seine dringenden Bitten, um mich zu bestimmen ihm zu folgen; wenn ich ihn auf dem abenteuerlichen Unternehmen begleiten wollte, dem er sich anzuschließen entschlossen war, versprach er Columbus zu vermögen mich in Männerkleidern aufzunehmen; wenn ich irgend einen Ort vorziehe, so sey ihm alles recht, sobald ich nur bei ihm bleibe. Er sey reich, sagte er, unabhängig, wir liebten einander, wir würden überall glücklich seyn.

»Ich schlug es ab.

»Vor Tagesanbruch entfernte er sich. Wir sagten einander Lebewohl auf immer, wir glaubten wenigstens einander nicht wieder zu sehen. Er wollte sich zu Columbus begeben, der im nächsten Monate in See zu gehen gedachte.

»Bald bemerkte ich, daß wir vollständig unglücklich waren: ich fühlte, daß ich Mutter werden solle.

»Ich meldete ihm schriftlich diese traurige Nachricht, wünschte und fürchtete zugleich, daß er bereits abgereiset sey und wartete in Einsamkeit und Thränen was Gott über mich beschließen werde.

»Einst in der Nacht, als ich glaubte, er schwimme mit Columbus schon der unbekannten Welt zu, weil ich keine Antwort von ihm erhalten hatte, vernahm ich unter meinem Fenster das Zeichen, das mir seine Anwesenheit meldete.

»Ich glaubte mich getäuscht zu haben und harrte zitternd des Weiteren.

»Das Zeichen wurde wiederholt.

»Ich gestehe, daß ich in unaussprechlicher Freude nach dem Fenster eilte und dasselbe öffnete.

»Er befand sich unten in dem Boote und streckte mit die Arme entgegen. Die Abfahrt des Columbus war verzögert worden und der Geliebte hatte einen Theil Spaniens durchreiset, um mich zum letzten Male zu sehen oder mich mit sich zu nehmen.

»Ach, gerade unser Unglück steigerte seine Hoffnung, daß ich einwilligen würde ihm zu folgen.

»Ich widerstand auch diesmal. – Ich war der letzte Trost, die einzige Gefährtin meines Vaters, der arm geworden. Ich hatte mir vorgenommen ihm alles zu gestehen, mich seinem Zorne auszusetzen, aber nicht ihn zu verlassen.

»Ach, Sire, es war dies eine schreckliche Nacht, die allein dadurch erträglich wurde, daß sie sich nicht erneuern konnte.

»Die Abfahrt des Columbus sollte am dritten August erfolgen. Nur durch ein Wunder von Schnelligkeit war der Geliebte zu mir gelangt, nur durch ein neues Wunder konnte er zu rechter Zeit zurückkehren.

»Ach, Sire, ich kann es Euch nicht sagen, wie er mich diese Nacht über mit Bitten und Veschwörungen bestürmte. Zwanzig Mal stieg er in sein Boot hinab und kam wieder auf den Balcon herauf; das letzte Mal umfaßte er mich mit seinen Armen und wollte mich mit Gewalt fortziehen. Ich schrie, ich rief. Man hörte, daß Jemand aufstand und zu mir kam; er mußte nun fliehen, oder sich entdecken lassen.

»Er sprang zum letzten Male in sein Boot, ich aber sank ohnmächtig nieder, als sein Herz von meinem Herzen sich losriß.

»Am Boden, in Ohnmacht, fand mich Beatrix.«

Fast so gewaltig erschüttert, ebenfalls fast ohnmächtig wie in jener schrecklichen Nacht, rang Mercedes die Hände, schluchzte laut und sank auf den Stuhl zurück, obgleich sie noch immer auf den Knieen lag.

»Sammelt Euch, Señora,« sagte Don Carlos ernst und kalt; »ich habe die ganze Nacht Zeit Euch anzuhören.«

Zehntes Capitel.
Die Beichte.
(Fortsetzung.)

Es folgte eine kurze Pause, in welcher matt nur das Schluchzen der Dona Mercedes hörte. Don Carlos stand so unbeweglich da, daß man ihn hätte für eine Bildsäule halten können und beherrschte sich so vollkommen, daß man ihn nicht einmal athmen hörte.

»Er entfernte sich,« stammelte Mercedes.

Und mit diesen Worten schien ihre Seele entweichen zu wollen.

»Drei Tage darauf,« fuhr sie fort, »kam der Freund meines Vaters, Don Francisco de Torillas.

»Er bat ihn um eine geheime Unterredung, da er, wie er sagte, über eine Sache von der größten Wichtigkeit sich mit ihm zu berathen habe.

»Die beiden Männer schlossen sich ein und mein Vater verbot jede Störung.

»Don Francisco war gekommen, um in seinem und seines Sohnes Namen meinen Vater um meine Hand zu bitten.

»Sein Sohn liebe mich sehr und habe ihm erklärt, er könne ohne mich nicht leben.

»Meinen; Vater konnte nichts glücklicher machen als diese Eröffnung.

»Nur ein Bedenken hegte er.

»Kennst Du den Zustand meines Vermögens?« fragte er seinen Freund.

»Nein, aber auf das Vermögen kommt nichts an.«

»Ich bin völlig verarmt,« fuhr mein Vater fort.

»Um so besser,« antwortete sein Freund.

»Wie so um so besser?«

»Ich bin reich für Dich und für mich, und so hoch Du auch den Schatz halten magst, den Du uns gibst, ich kann ihn bezahlen.«

»Mein Vater reichte Don Francisco die Hand und sagte: »Ich ermächtige Don Ruiz sich meiner Tochter vorzustellen; bringt er die Einwilligung der Mercedes, so gehört ihm das Mädchen.«

»Ich hatte drei schreckliche Tage verbracht. Mein Vater, welcher die Ursache meines Leidens nicht ahnte, hatte jeden Tag sich nach meinem Befinden erkundigt.

»Zehn Minuten nach dem Fortgange Don Francisco’s war er wieder bei mir und erzählte mir was geschehen war.

»Eine Viertelstunde vorher hätte ich es für unmöglich gehalten, daß mein Unglück noch größer werde; jetzt erkannte ich, daß ich mich geirrt.

»Als mein Vater mich verließ, kündigte er mir für den nächsten Tag den Besuch des Don Ruiz an.

»Ich hatte nicht den Muth gehabt, in seiner Gegenwart ihm zu antworten; als er fort war, sank ich wie vernichtet zusammen.

»Allmälig jedoch erholte ich mich und konnte meine Lage überblicken, die mir als ein Gespenst der Zukunft erschien.

»Das schrecklichste dabei war, daß ich mein Geheimniß in mir verschließen mußte. Ach, hätte ich es irgend Jemanden anvertrauen können, ich glaube, ich würde weniger gelitten haben.

»Die Nacht kam. Ich schickte Beatrix fort, wie sehr sie auch bat, bei mir bleiben zu dürfen.

»In der Einsamkeit hatte ich wenigstens Thränen.

»Ach, Sire, sie flossen reichlich diese Thränen, die längst schon hätten versiegt seyn müssen, wenn Gott der Herr nicht so barmherzig wäre, ihre Quelle nie vertrocknen zu lassen.

»Sobald die Nacht auf die Erde herabgesunken war und Stille sich verbreitet hatte, stellte ich mich auf den Balcon, wo ich so glücklich und so unglücklich gewesen war.

»Es war mir, als müsse er kommen.

»Ach, nie hatte ich ihn so aus tiefster Tiefe meines Herzens sehnsüchtig herbeigewünscht.

»Wäre es diesmal gekommen, diesmal würde ich seinen Bitten, ihm zu folgen, nicht widerstanden haben; wohin er mich hätte führen wollen, ich wäre mit ihm gegangen.

»Es erschien ein Boot; ein Mann ruderte singend den Fluß hinaus.

»Es war nicht seine Stimme; er würde still gekommen seyn; gleichwohl gab ich mich der süßen Hoffnung hin, ich breitete meine Arme aus und rief: »Komm! komm! Komm!«

»Das Boot schwamm vorüber. Ohne Zweifel begriff der Fischer die Stimme nicht, die im Dunkel ihn rief, das Mädchen nicht, das in der Finsterniß sich mit ausgebreiteten Armen zu ihm neigte.

»Wohl aber ahnte er, daß irgend ein Schmerz wach sey in der Nacht, denn ehe er an mein Fenster gelangte, stellte er seinen Gesang ein und erst als er vorüber war, setzte er ihn fort.

»Das Boot verschwand; ich blieb allein; um mich her breitete sich die belebte Stille aus, in welcher man das Athmen der Natur zu hören glaubt.

»Im Wasser spiegelte sich der Sternenhimmel; ich schwebte gleichsam mitten in der Luft; diese Leere zog mich lockend an und erregte eine Art Schwindel in mir. Ich war so unglücklich, daß ich an das Sterben dachte. Von dem Gedanken bis zur Ausführung ist nur ein Schritt und – er war so leicht; drei Fuß unter mir erwartete mich der Tod mit offenen Armen.

»Ich fühlte bereits, daß mein Kopf sich nach vorne neige, daß mein Körper sich über den Balcon beuge, daß meine Füße sogar bereits den festen Boden verließen.

»Da dachte ich plötzlich an mein Kind.

»Gab ich mir den Tod, so beging ich nicht nur einen Selbstmord, sondern einen Mord an einem andern Wesen.

»Ich hielt mich an dem Balcone fest, ich trat zurück, ich schloß das Gitterfenster und warf den Schlüssel in den Fluß, um nicht etwa einer verzweiflungsvollen Versuchung zu unterliegen, und begab mich rücklings zu meinem Bette.

»Die Stunden vergingen, so langsam sie auch, so schmerzenreich sie waren.

»Ich sah den Morgen dämmert; ich hörte allmälig alle Stimmen des Tages erwachen. Beatrix öffnete meine Thür und trat herein.

»Das alltägliche Leben begann wiederum.

»Um elf Uhr Vormittags meldete mir Beatrix Don Ruiz.

»Er kam im Auftrage meines Vaters.

»Mein Entschluß stand fest; ich ließ ihn eintreten.

»Er sah schüchtern und doch hoffnungstrahlend aus.

»Mein Vater hatte ihm gesagt, er zweifle ganz und gar nicht, daß sein Antrag werde günstig aufgenommen werden.

»Als aber seine Blicke mich bemerkten, als er mich so bleich und kalt sah, begann er ebenfalls zu zittern und zu erblassen.

»Ich erhob die Augen zu ihm und wartete.

»Die Stimme versagte ihm, er begann zweimal mir zu sagen, was ihn zu mit führe.

»In dem Maße wie er weiter sprach, erkannte er, daß seine Worte an der Diamantmauer zerschellten, die mein Herz umhüllte.

»Endlich sagte er, daß er mich seit langer Zeit liebe, daß unsere Verheirathung zwischen meinem und seinem Vater verabredet sey und daß nur noch meine Zustimmung fehle, um ihn zu dem glücklichsten Menschen in der Welt zu machen.

»Señor,« antwortete ich ihm mit fester Stimme, denn meine Antwort war schon seit langer Zeit vorbereitet, »ich kann die Ehre nicht annehmen, die Ihr mir erzeigen wollen.«

»Er erbleichte noch mehr.

»Mein Gott, warum nicht?« fragte er.

»Ich liebe einen Andern und nach sieben Monaten werde ich Mutter seyn.«

»Er wankte und wäre beinahe gefallen.

»Es lag etwas Verzweiflungsvolles in dem Geständnisse, das ich einem Manne machte, den ich kaum fünf- oder sechsmal gesehen hatte und den ich nicht einmal um Geheimhaltung ersuchte, als verstehe sich das von selbst, weil ich ganz seiner Ehrenhaftigkeit vertraue.

»Er verbeugte sich vor mir, küßte den Saum meines Kleides und ging hinweg, ohne etwas Anderes zu sagen, als die Worte: »Gott schütze Euch!«

»Ich war wiederum allein.

»Jeden Augenblick erwartete ich meinen Vater erscheinen zu sehen und ich zitterte bei dem Gedanken, ihm eine Erklärung geben zu müssen, aber zu meinem großen Erstaunen erwähnte er nichts.

»Zur Mittagszeit ließ ich ihm sagen, er möge mir erlauben, in meinem Zimmer zu essen, da ich etwas unwohl sey.

»Die Erlaubniß wurde mir ohne Weigern ertheilt.

»Es vergingen drei Tage.

»Am dritten Tage meldete mir Beatrix, wie sie es schon einmal gethan hatte, Don Ruiz.

»Wie das erste Mal befahl ich ihn eintreten zu lassen. Die Art, wie er mich nach unserer letzten Unterredung verlassen, hatte einen tiefen Eindruck auf mich gemacht; es lag etwas Erhabenes in der Schonung, welche er einem armen gefallenen Mädchen geschenkt hatte.

»Er trat ein und blieb an der Thür stehen.

»Tretet näher, Don Ruiz,« sagte ich zu ihm.

»Mein Erscheinen setzt Euch in Verwunderung und ist Euch lästig?« fragte er.

»Weder das Eine noch das Andere,« antwortete ich, »denn ich fühle, daß ich in Euch einen Freund habe.«

»Ihr irrt darin auch nicht,« sagte er dagegen, »und doch hätte ich Euch gern meinen Anblick erspart, wenn derselbe nicht nöthig gewesen wäre zu eurer Ruhe.«

»Erklärt mir das, Señor Don Ruiz.«

»Ich konnte eurem Vater nicht sagen, Ihr hättet mein Anerbieten zurückgewiesen, denn er würde von Euch eine Erklärung verlangt haben und Ihr würdet die Erklärung, die Ihr mir gegeben, ihm vorbehalten haben, nicht wahr?«

»Ganz gewiß; lieber würde ich sterben.«

»Ihr sehet also ein, daß ich handeln mußte, wie ich gethan.«

»Und was habt Ihr gethan?«

»Ich sagte, Ihr hättet um einige Tage Bedenkzeit gebeten und wünschtet diese Tage in stillem Nachdenken zu verbringen.«

»So verdanke ich Euch meine Rahe?«

»Er verbeugte sich.

»Indeß kommt alles darauf an,« fuhr er fort, »ob Ihr mich wahrhaft für euren Freund haltet.«

»Ich reichte ihm die Hand.

»Ja, ja, für meinen wahren Freund, glaube ich,« antwortete ich.

»In diesem Falle antwortet mir eben so bestimmt und ohne Zögern wie das erste Mal.«

»Fragt.«

»Habt Ihr Hoffnung die Gattin dessen zu werden, den Ihr liebt?«

»Das ist unmöglich.«

»So ist er todt?« fragte Don Ruiz.

»Er lebt.«

»Ein Blitz der Freude, der in seinen Augen geleuchtet hatte, erlosch wieder.

»Weiter wollte ich nichts wissen,« sagte er.

»Er verbeugte sich von neuem und ging seufzend hinweg.

»Wiederum vergingen drei Tage.

»In diesen drei Tagen verließ ich mein Zimmer nicht und außer Beatrix kam Niemand in dasselbe, nicht einmal mein Vater.

»Am vierten Tage ließ Don Ruiz sich von neuem anmelden.

»Ich erwartete ihn fast; ich fürchtete seinen Anblick nicht mehr; er war mein einziger Vertrauter und ich fühlte wohl, daß er die Wahrheit gesagt, als er mich versichert, er sey in aller Aufrichtigkeit mein Freund.

»Er trat ehrerbietig ein wie gewöhnlich und erst auf meinen Wink kam er näher zu mir heran.

»Ich reichte ihm die Hand, die er ergriff und leise mit seinen Lippen berührte.

»Nach einer kurzen Pause, in welcher er sein Auge mit inniger Theilnahme auf mir ruhen ließ, sagte er:

»Ich habe keinen Augenblick aufgehört über eure Lage nachzudenken; sie ist allerdings schrecklich.«

»Ich seufzte.

»Wir können eure Antwort nicht auf immer hinausschieben, wie bereitwillig ich auch bin Euch zu dienen.«

»Leider!« sagte ich.

»Ich würde gern sagen, ich selbst ziehe meine Bewerbung zurück; recht gern würde ich die Schande auf mich nehmen und die Leute glauben lassen, die Verarmung eures Vaters habe meine Gesinnungen gegen Euch abgekühlt; aber was würde Euch das nützen? Es brächte Euch einen Aufschub von zwei oder drei Monaten.«

Ich brach in Thränen aus, denn alles was er sagte war leider nur zu wahr.

»Früher oder später,« fuhr er fort, »muß euer Vater euern Zustand erfahren, muß die Welt ihn kennen lernen und dann . . .« leiser schloß er: »dann seyd Ihr entehrt.«

»Aber was soll ich thun?« fragte ich in Verzweiflung.

»Einen Mann heirathen, der Euch so ergeben ist, um vor den Augen der Welt euer Gatte, Euch gegenüber nur ein Bruder zu seyn.«

Ich schüttelte den Kopf und flüsterte:

»Wo könnte ich einen solchen Mann finden?«

»Ich wollte ihn Euch darbringen, Mercedes; habe ich Euch nicht gesagt, daß ich Euch liebe?«

»Ihr liebt mich, aber . . .«

»Wenn ich liebe, Mercedes, liebe ich mit allem mächtigen Gefühle nicht nur des Herzens, sondern der ganzen Seele und zu diesem Gefühle gehört auch die Hingebung und Aufopferung.«

Ich richtete den Kopf empor und trat fast entsetzt zurück.

Ich konnte mir nicht denken, daß die Aufopferung so weit gehen könne.

»Ich werde euer Bruder seyn, wiederholte er, »aber euer Kind soll das meinige seyn und darauf gebe ich Euch mein Edelmannswort – niemals soll zwischen uns darüber ein Wort gewechselt werden.«

Ich sah ihn zweifelnd und zögernd an.

»Ist das nicht besser?« fragte er, »als daß Ihr Euch von diesem Fenster aus hinunter in den Fluß stürzet, der an eurem Hause hinfließt?«

Ich stand einen Augenblick stumm da, dann sank ich auf meine Knie nieder.

»Mein Bruder,« sagte ich, »habt Mitleid mit eurer Frau und rettet die Ehre meines Vaters!«

Er hob mich auf, küßte mir die Hand und ging hinaus.

Vierzehn Tage nachher war ich die Gattin des Don Ruiz.

Don Ruiz hatte sein Wort redlich gehalten, aber die Natur versagte dieser Täuschung die Mitwirkung und obgleich Don Ruiz für Don Fernand stets väterlich gesorgt, hat doch Don Fernand gegen ihn niemals kindliche Liebe empfunden.

»Nun wisset Ihr Alles.«

»Bis auf den Namen des wirklichen Vaters,« sagte der König; »diesen werdet Ihr mir noch nennen.«

»Don Inigo Velasco,« stammelte Mercedes mit niedergeschlagenen Augen.

»Nun weiß ich was ich wissen wollte,« sagte der König.

Ernst und finster ging er hinweg, ließ die Frau auf den Knieen liegen und murmelte:

»Ich wußte es wohl, es ist nicht möglich, daß ein Sohn seinen Vater in das Angesicht schlage.«

Elftes Capitel.
Schluß

Früh am andern Tage füllte eine große Menschenmenge den Algivesplatz und drängte sich um ein Schaffot, das in der Mitte dieses Platzes stand.

Der Nachrichter stand mit übereinander geschlagenen Armen am Fuße des Blutgerüstes.

Ueber der Stadt lag drückend ein großes Geheimniß und man sagte, der König Don Carlos werde zum ersten Male Gerechtigkeit üben.

Unter dem versammelten Volke erkannte man die Mauren mehr noch an ihren glühenden Augen als an ihrer orientalischen Tracht. Diese Augen glänzten vor Freude bei dem Gedanken, daß sie einen Edelmann, einen rico hombre, einen alten Christen, sollten hinrichten sehen.

In dem Augenblicke als der Thurm der Vela die neunte Stunde verkündete, öffneten sich die Pforten der Alhambra, die Leihwachen stellten sich auf, drängten die Menge zurück und nöthigten sie einen großen Kreis um das Schaffot her zu bilden.

Dann erschien der König Don Carlos, der unruhig unter seinen blinzelnden Lidern hervor umherblickte. Es schien als sehe er sich, wie gewöhnlich, nach einem längst erwarteten Boten um.

Da der Bote nicht kam, nahm der königliche Blick seine gewöhnliche Ruhe wieder an.

Neben dem Könige ging ein verschleiertes Mädchen, dessen Gesicht eben des dichten Schleiers wegen nicht zu erkennen war, deren reiche Kleidung aber anzudeuten schien, daß sie dem Adel angehöre.

Der König schritt durch die Menge hindurch und blieb sodann einen Schritt vor dem Blutgerüste stehen.

Hinter ihm erschienen der Oberrichter und Dona Flor.

Dona Flor stützte sich auf den Arm ihres Vaters.

Als sie das Schaffot erblickten, blieben beide stehen und es ließ sich nicht bestimmen, ob der Vater oder die Tochter bleicher wurde.

Der König blickte sich um, um zu sehen, ob ihm sein Oberrichter folge, und als er bemerkte, daß derselbe stehen geblieben war, eine Ohnmacht mit Mühe bekämpfte und die halbohnmächtige Tochter aufrecht zu halten sich bemühte, ließ er ihn zu sich berufen.

Gleichzeitig kamen von der entgegengesetzten Seite her durch die Menge zwei andere Personen, – Don Ruiz und Dona Mercedes.

Beide blickten, aber mit sehr verschiedenem Ausdrucke, auf das Blutgerüst.

Noch waren nicht fünf Minuten vergangen, als von den Leibgarden geleitet, Don Fernand und Don Ramiro, die beiden Nebenbuhler, erschienen. Don Fernand war, wie wir wissen, am Tage vorher in das Gefängniß gebracht worden; Don Ramiro hatte sich selbst, auf den erhaltenen Befehl, als Gefangener gestellt.

Alle Betheiligte an dem Drama, von dem vier Acte abgelaufen waren, hatten sich zu der letzten Scene zusammen gefunden. Tiefe Stille herrschte und man erwartete eine ungeahnte Entwicklung, auf welche die Anwesenheit des Nachrichters in geheimnißvoller schrecklicher Weise hindeutete.

Der König Don Carlos richtete das Haupt empor, blickte zum letzten Male nach dem maurischen Thore und da er nichts und Niemanden daher kommen sah, wendete er seinen Blick auf Don Inigo, dem unter diesem eiskalten Blicke ein Schauer durch alle Glieder rieselte.

»Don Inigo Velasco de Haro,« sagte er mit so heller Stimme, daß sie von allen Umstehenden vernommen wurde, obgleich sie nicht mehr als gewöhnlich angestrengt war, »Ihr habt mich zweimal, ohne einen Grund dafür anzugeben, um das Leben eines Mannes gebeten, der zweimal den Tod verdient hatte. Ihr seyd nicht mehr Oberrichter von Andalusien.«

Ein Gemurmel verbreitete sich von den Zunächststehenden zu der versammelten Menge und Don Inigo schien näher zu dem Könige treten zu wollen, ohne Zweifel um sich zu rechtfertigen.

»Ihr seyd nicht mehr Oberrichter von Andalusien,« fuhr der König Don Carlos fort, »aber Ihr seyd Connetable des Reiches. Der Mann, welcher die Wage der Gerechtigkeit unsicher hält, kann muthig das Schwert des Krieges führen.«

»Sire . . . « begann Don Inigo.

»Schweigt, Connetable,« unterbrach ihn der König, »ich bin noch nicht zu Ende.«

»Don Ruiz,« fuhr der König fort, »ich kenne Euch längst schon als einen Mann vom ältesten Adel in meinen spanischen Staaten; seit gestern erst weiß ich, daß Ihr das edelste Herz in der Welt besitzet.«

Don Ruiz verbeugte sich.

»Ihr seyd Oberrichter von Andalusien an der Stelle Don Inigo’s; Ihr habt mich gestern um Gerechtigkeit für eine Beschimpfung ersucht, die man Euch angethan, verschafft Euch selbst Gerechtigkeit.«

Don Ruiz erbebte.

Dona Mercedes wurde todtenbleich.

»Don Fernand,« fuhr der König fort, »Ihr seyd zweifach schuldig; einmal lehntet Ihr Euch gegen die Gesetze des Staates auf, – dies verzieh ich Euch; das zweite Mal vergingt Ihr Euch an den Gesetzen der Natur und da ich ein so großes Verbrechen nicht zu strafen vermag, überlasse ich dem Beleidigten, ob er Euch verzeihen oder Euch strafen will.

»Jedenfalls entziehe ich Euch hiermit euren Adel, euren Titel als rico hombre, und mache Euch – leider nicht so rein – aber so arm, so nackt, als an dem Tage, da Ihr in die Welt eintratet.«

»Ginesta,« sprach der König weiter, »Ihr seyd weder die Zigeunerin der Venta del Rey moro, noch die Nonne aus dem Annunciatenkloster, Ihr seyd Herzogin von Carmona, Marchesa von Montefrio, Gräfin von Vulgar, besitzet die Grandenwürde erster Classe und könntet diese Grandezza mit eurem Namen eurem Gatten gehen, wähltet Ihr diesen Gatten auch aus dem Volke, aus einem maurischen Stamme oder am Fuße eines Schaffots.«

Daraus wendete er sich an Don Ramiro und sprach:

»Don Ramiro, Ihr seyd frei. Ihr seyd herausgefordert worden und konntet nicht anders als der Aufforderung Folge leisten, aber selbst im Kampfe habt Ihr das Alter geehrt, das nach Gott dem Herrn das Ehrwürdigste auf Erden ist. Reicher als Ihr schon seyd, kann ich Euch nicht machen, aber zur Erinnerung an mich will ich eurem Namen den Namen Carlos und eurem Wappen den burgundischen Löwen hinzufügen.

»Und nun werde Allen Gerechtigkeit oder Belohnung! – Beginnet, Don Ruiz, Oberrichter von Andalusien.«

Die Stille wurde womöglich noch tiefer. Aller Augen wendeten sich auf Don Ruiz, alle Ohren spannten sich.

Dona Mercedes, die bis dahin unbeweglich wie ein Marmorbild dagestanden hatte, schien durch eine gewaltsame Anstrengung die Füße von dem Fußboden hinwegzureißen, und langsamen, feierlichen Schrittes begab sie sich zu ihrem Gatten der mit über einander geschlagenen Armen dastand.

»Im Namen der Heiligsten im Himmel und auf der Erde bittet die Mutter um Gnade für ihren Sohn,« sprach sie.

Man sah es in den Zügen des Don Ruiz, daß er einige Augenblicke einen schweren Kampf mit sich kämpfte.

Daten ließ er einen Arm sinken, legte die Hand auf das Haupt der Dona Mercedes und sprach mit unbeschreiblich sanftem Tone und Blicke:

»Ich verzeihe.«

Ein lautes Gemurmel lief durch die Menge. Don Fernand erbleichte grauenhaft. Er griff unwillkürlich an seiner Seite nach einer Waffe und hätte er seinen baskischen Dolch da gefunden, würde er sich denselben vielleicht lieber in das Herz gestoßen, als diese Vergebung von dem alten Manne angenommen haben.

Aber Don Fernando war waffenlos in den Händen der Soldaten.

»Nun Ihr, Herzogin von Carmona!,« sagte Don Carlos.

Ginesta schritt ihrerseits über den freien Raum, ließ sich vor Fernand auf die Kniee nieder, schlug den Schleier zurück und sagte:

»Don Fernand, ich liebe Dich.«

Der junge Mann stieß einen lauten Schrei aus und stand einen Augenblick wie betäubt da. Lange blickte er auf Dona Flor, dann breitete er die Arme gegen Ginesta aus, die in einer jubelnden Freude, wie sie eine gleiche noch nie empfunden, an seine Brust sank.

»Herzogin von Carmona, Marchesa von Montefrio, Gräfin von Vulgar, nehmt Ihr den verurtheilten Don Fernand, der keinen Namen, keinen Rang, kein Vermögen hat, zu eurem Gemal?« fragte Don Carlos.

»Ich liebe ihn, Sire, ich liebe ihn!« wiederholte Ginesta.

Gleichzeitig zog sie Fernand nieder und sank so mit ihm auf die Kniee vor dem Könige.

»Nun wohl, ein Königswort soll man nicht drehen und deuteln. So stehet auf, Herzog von Carmona, Marquis von Montefrio, Graf von Vulgar, Grand von Spanien erster Classe durch eure Gemalin, die Schwester eines Königs, die Tochter eines Königs.«

Ohne den Betheiligten und den Zuschauern Zeit zu lassen von ihrem Staunen sich zu erholen, fuhr er fort:

»Nun Ihr, Don Ramiro.«

Don Ramiro ging unsichern Schrittes über den Platz, der ihn von Dona Flor trennte. Vor seinen Augen schwebte etwas wie eine Wolke von Gold und Purpur und sein Ohr glaubte gleichzeitig alle Engel im Himmel singen zu hören.

Er ließ sich auf ein Knie vor Dona Flor nieder und sprach:

»Señora, seit zwei Jahren liebe ich Euch. Don Ramiro d'Avila wagte bisher nicht mehr zu sagen, aber in Gegenwart seines gnädigen Königs bittet Don Carlos d’Avila ehrerbietig um eure Hand:

»Señor,« stammelte Dona Flor, »fragt meinen Vater!«

»Heute, Dona Flor, bin ich euer Vater,« fiel der König ein, »und so gebe ich eure Hand eurem Liebesboten.«

Die drei Gruppen befanden sich noch in der beschriebenen Stellung, als man plötzlich gewaltigen Lärm nach dem Gerichtsthore zu hörte und ein staubbedeckter Reiter, in welchem Don Carlos einen deutschen Herrn erkannte, ein Pergament hoch emporhaltend herbeisprengte.

»Wo ist der König? Der König?« rief er.

Don Carlos wurde todtenbleich, als sollte nun über ihn ein Richterspruch gefällt werden.

»Wo ist der König?« fragte der Reiter wiederholt. Man machte ihm Platz. Don Carlos trat etwa zehn Schritte vor und sprach mit fester Stimme, obgleich seine Leichenblässe die Todesangst verrieth: »Hier ist er.«

Das Pferd blieb zitternd und Schweiß bedeckt stehen. Alle harrten athemlos.

Der Reiter richtete sich in den Steigbügeln empor und rief:

»Hört alle, die Ihr hier versammelt seyd. Höre, Granada – höre, Spanien, höre, Europa, höre, die ganze Welt: Heil Carl V., dem erwählten Kaiser! Ehre seiner Regierung! Ruhm seinen Söhnen und den Söhnen seiner Söhne!«

Darauf schwang er sich von dem Pferde herab, ließ sich aus ein Knie nieder und überreichte das Pergament, welches die Erwählung des Königs Don Carlos zum deutschen Kaiser bestätigte.

Carlos nahm es mit zitternder Hand, mit einer Stimme aber, in welcher man auch nicht eine Spur von Erregung erkennen konnte, sprach er:

Ich danke Euch, Herzog von Baiern. Nie werde ich vergessen, daß Ihr mir diese wichtige Nachricht überbracht habt.«

Alle Umstehenden wiederholten den Ruf des Kaiserboten: Ehre und Ruhm Carl V.! Ehre und Ruhm seinen Söhnen! Ehre und Ruhm den Söhnen seiner Söhne!«

Der Kaiser erhob seine Hand und sprach:

»Gott allein gebührt die Ehre, denn Gott allein ist groß.«

– E n d e -

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06 aralık 2019
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