Kitabı oku: «Erinnerungen eines Policeman»
I.
Spieler und Fälscher
1
Etwa ein Jahr nachdem mich meine Jugendthorheiten, deren Hauptquelle das Spiel war, und deren Erzählung kein Interesse für meine Leser haben würde, zum Eintritt in die Londoner Polizei gezwungen hatten, wurde ich ein Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit für einen der obersten Chefs der Civilgewalt. Diese Aufmerksamkeit war die Folge der Gewandtheit und Entschlossenheit, die ich bei der Entdeckung eines lange verborgen gebliebenen Verbrechens gezeigt hatte. Die Rädelsführer und ihre Mitschuldigen waren durch mich zur Haft gebracht worden. Das Verbrechen hatte einem der angesehensten Kaufherren im Westende von London Leben und Vermögen gekostet; das Leben konnte ich ihm nicht zurückgeben, aber seine Kinder kamen wieder in den Besitz eines großen Theiles seines Vermögens.
Eines Morgens also ließ mich der Chef der englischen Polizei zu sich kommen, und gab mir nach einer langen Unterredung nicht nur seine Zufriedenheit über mein Verhalten in der fraglichen Angelegenheit zu erkennen, sondern setzte auch hinzu, daß sich wahrscheinlich sehr bald eine Gelegenheit finden werde, meine Gewandtheit und Kaltblütigkeit, von der ich einen so glänzenden Beweis gegeben, in einer höchst wichtigen Angelegenheit zu benützen.
»Ich glaube Sie übrigens schon früher gesehen zu haben,« sagte er, als ich mich entfernen wollte; »Sie befanden sich damals in ganz andern Verhältnissen als jetzt.«
Als er meine Verlegenheit bemerkte. setzte er hinzu:
»O! fürchten Sie sich nicht, Mr. Waters ich habe durchaus keine Lust, die Geheimnisse des Privatlebens ohne ganz besondere Ursachen zu erforschen. Waters ist ein in allen Schichten der Gesellschaft so verbreiteter Name, daß ich ihn keineswegs zum ersten Male höre. Uebrigens ist es möglich, daß ich mich irre, obgleich mein durch lange Uebung gestärktes Gedächtniß mich selten im Stich läßt.«
Hier nahm das ruhige Lächeln meines Chefs einen etwas ironischen Ausdruck an.
»Wie dem auch sey,« fuhr et fort« »ich verlasse mich auf das Zeugniß der ehrenwerthen Person, deren Empfehlung Sie Ihre jetzige Stellung zu verdanken haben; ich habe überdies die ganze Angelegenheit genau geprüft, seitdem ich Ihren Namen nennen hörte, und die Ueberzeugung gewonnen, daß Ihnen nur Unbesonnenheit und Thorheit, und keine schlechte Handlung zur Last zu legen ist. Unter diesen für Sie ganz ehrenvollen Umständen habe ich weder das Recht noch den Wunsch, mehr von Ihnen zu erfragen. Morgen werde ich Sie wahrscheinlich rufen lassen, um Ihnen in der bewußten Angelegenheit die nöthigen Mittheilungen zu machen.
Dann entließ er mich mit freundlichem Kopfnicken. Seine Worte machten begreiflich einen tiefen Eindruck aus mich. Ich ging sinnend nach Hause. und immer kam mir der Gedanke wieder: er hat mich in einer andern Gesellschaftssphäre gekannt.
Aber wo hatte er mich gesehen? das war die Frage, wie Hamlet sagt.
Während ich alle nicht ganz gewöhnlichen Ereignisse meines Lebens in Gedanken die Musterung passiren ließ, erinnerte ich mich, daß ich in der Zeit meines Glückes nur selten in London gewesen und während dieser kurzen Besuche nie in vornehmen Cirkeln erschienen war. Ich vermuthete daher, Mr.** müsse in der Provinz meinen Namen gehört haben.
Zu Hause theilte ich meiner Frau die Unterredung mit, um mit Hilfe ihres Gedächtnisses vielleicht zu ermitteln, wo mich mein Chef kennen gelernt haben könne.
Meine Frau erinnerte sich, daß Mr.** einmal in Duncaster beim Wettrennen gewesen war. Der Zufall wollte, daß ich bei jenem Rennen bedeutende Wetten gemacht und gewonnen hatte. Es war nicht zu bezweifeln, daß ich damals die Aufmerksamkeit eines Mannes, von welchem jetzt meine Zukunft abhing, auf mich gelenkt hatte.
Diese Erklärung war keineswegs unwahrscheinlich, völlige Gewißheit bekam ich freilich nie darüber; denn diese Anspielung war die einzige, welche Mr.** während meiner langen Dienstverhältnisse auf meine früheren Verhältnisse machte. Ich vermied freilich meinerseits jede Gelegenheit, das Gespräch auf dieselben zu lenken.
Der folgende Tag verging, ohne daß er mich rufen ließ; auch der zweite und dritte ; und erst am vierten Tage ließ er mich einladen, in seinem Bureau zu erscheinen.
Ich vernahm zu meiner Freude, aber nicht ohne Erstaunen, daß ich sogleich einen Auftrag erhalten sollte, dessen Vollziehung sich die klügsten und erfahrensten Sicherheitsbeamten1 zur Ehre geschätzt haben würden.
»Hier,« sagte M.**, indem er mir ein Namensverzeichniß mit Randglossen übergab. »hier ist eine genaue Liste aller Mitglieder jener Gauner- und Fälscherbande, die seit länger als einem Jahre in London ihr Unwesen treibt. Ihre Aufgabe ist, die Schlupfwinkel dieser Banditen aufzufinden und sie dergestalt zu überführen, daß dem Gericht die gesetzlichen Beweise ihrer Schuld vorgelegt werden können. Alle unsere Bemühungen sind bis jetzt durch die Schlauheit dieser Gauner vereitelt worden; aber meiner Meinung nach liegt die Schuld hauptsächlich an dem übergroßen Eifer der Policemen, die den Auftrag erhalten hatten, die Bande zu beobachtet und über ihr Treiben Bericht abzustatten. Vor diesem Fehler müssen Sie sich hüten, lieber Mr. Waters; es sind durchtriebene Schurken, denen sie sich nur mit der größten Vorsicht nähern dürfen. Ich sage Ihnen im Voraus, es bedarf großer Klugheit und Geduld, um sie in ihren Schlupfwinkeln zu überraschen und den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern.«
»Ich werde thun was ich kann,« antwortete ich mit einer Bescheidenheit, die meinem Chef sehr zu gefallen schien.
»Gutes ihrer neuesten Opfer,« fuhr er fort, »ist der junge Merton, Sohn der verwitweten Lady Everton aus erster Ehe. Die Lady hat sich an uns mit der Bitte gewendet, ihren Sohn den Klauen dieser Unholde zu entreißen. Gehen Sie diesen Nachmittag um fünf Uhr zu ihr, natürlich in bürgerlicher Kleidung, und sie wird Ihnen alle nöthigen Nachweisungen geben. Es versteht sich, daß Sie immer unmittelbar mit mir verkehren, und sich nur an mich zu wenden haben, wenn Sie Verhaltungsbefehle einholen oder Bericht erstatten wollen.«
Mit diesen und andern minder interessanten Weisungen versehen wurde ich von meinem Chef entlassen.
Wie schwierig, ja wie gefährlich auch der Auftrag war, der mir übertragen wurde, so übernahm ich ihn doch mit Freude, als eine Zerstreuung in der ermüdenden Einthönigkeit meines täglichen Dienstes.
Ich eilte nach Hause, und da der größte Theil meiner Garderobe glücklich aus dem Schiffbruch meines Vermögens gerettet worden war, so machte ich möglichst elegante Toilette und begab mich um fünf Uhr in das Hotel der Lady Everton.
Ich wurde ohne Zweifel erwartet, denn sobald ich meinen Namen nannte, wurde ich in den Salon geführt, wo ich die Dame vom Hause nebst ihrer schönem liebenswürdigen Tochter fand.
Beide hatten wirklich mit Sehnsucht meine Ankunft erwartet.
Die Lady schien sich sehr zu wundern, als sie mich erblickte. Ich hatte mich immer in höheren Gesellschaftskreisen bewegt, und bei diesem Anlasse ließ ich mir’s ganz besonders angelegen seyn, als Gentleman aufzutreten. Mein Aeußeres mochte daher wohl sehr verschieden seyn von dem willkürlichen Begriffe, den sie sich von einem Diener der Sicherheitsbehörde gemacht hatte, und erst nachdem sie das von mir überreichte Billet gelesen hatte, wurde ihr stolze, ungläubiger Blick milder und herablassender.
Noch einige Secunden schwieg sie, und erst nachdem sie abwechselnd mich und den Brief angesehen hatte. Begann sie, auf einen Stuhl deutend:
»Setzen Sie sich, Mr. Waters. Aus diesem Briefe ersehe ich, daß Sie den Auftrag haben, meinen Sohn der gefährlichen Lage zu entreißen, in die er durch seine Unbesonnenheit gerathen ist.«
Ich war so einfältig, mich anfangs durch die Kälte und das hochfahrende Wesen der Lady verletzt zu fühlen, und war im Begriff ihr zu antworten, daß ich allerdings beauftragt sey, eine Gaunerbande, deren Mitglied ihr Herr Sohn sey, den Händen der Gerechtigkeit zu überliefern, und daß ich gekommen sey, um von ihr genauere Nachweisungen zu erhalten; allein zum Glück erinnerte ich mich meiner gegenwärtigen Stellung und bedachte, daß diese Eleganz, die vormals unzertrennlich mit meiner Person verbunden gewesen war, jetzt nur als Verkleidung gelten konnte. Statt daher meine Empfindlichkeit zu äußern, gab ich meine Zustimmung durch eine tiefe Verbeugung zu erkennen.
Lady Everton fuhr in ihrer Erzählung fort und ich erhielt im Wesentlichen folgende Nachweisungen.
2
Charles Merton hatte in den wenigen Monaten, die seit seiner Volljährigkeit verflossen waren, das Unglück gehabt, jenen Spielern und Gaunern in die Hände zu fallen, die theils in der eleganten Welt, theils in versteckten Schlupfwinkeln ihr schändliches Gewerbe treiben und sich durch Schlauheit und Gewandtheit den Nachforschungen der Sicherheitsbehörde zu entziehen wissen. Die Leidenschaft des Spiels schien sich seiner mit sonderbarer Gewalt bemächtigt zu haben; fast alle Tage und sicherer noch alle Nächte seines aufgeregten, wüsten Lebens brachte er an einem grünen Tische zu. Er spielte immer unglücklich, und nachdem er alles ererbte baare Geld und noch große Summen, die er seiner Mutter abgelistet, vergeudet hatte, sah er sich gezwungen, seine Verluste durch Schuldscheine und Wechsel zu decken, und diese sogenannten »Ehrenschulden« beliefen sich bereits auf eine furchtbar hohe Summe.
Eine sonderbare Erscheinung, die man unter ähnlichen Verhältnissen fast immer beobachtet, zeigte sich auch hier: Charles Merton hatte das unbedingteste Vertrauen zu dem Zartgefühl dieser Menschen. und obgleich er von dem Gauner und dessen Bande geplündert worden war, vertraute er sich diesem Gauner an und suchte Hilfe bei ihm, um sich der verzweifelten Lage, in der er sich befand, zu entreißen.
Die Güter und Besitzungen der Familie Everton fielen in Ermanglung eines männlichen Leibeserben an einen Seitenverwandten des verstorbenen Lords ; wenn daher der junge Gentleman, als einziger Sohn der Lady Everton, ein Opfer seiner wüsten Lebensweise wurde oder in einem der unter Spielern sehr häufigen Duelle den Tod fand, so stand seiner Mutter und seiner Schwester unfehlbarer Ruin bevor.
Das Witthum der Lady Everton war nicht bedeutend, ihr persönliches Vermögen hatte sie ihrem Sohne fast ganz geopfert, und der Rest war nicht einmal hinreichend, um Charles Merton’s Schulden zu bezahlen. Er wurde von seinen Gläubigern hart gedrängt, als seine Mutter die Hilfe der Polizei in Anspruch nahm.
Ich hörte die Erzählung der Lady Everton mit der größten Aufmerksamkeit und Theilnahme an. Mehr als einmal bemerkte ich in ihrer Schilderung gewisse Andeutungen über die Manieren und das Aeußere eines gewissen Sandfort, eines angeblichen Gentleman, den der junge Charles Merton seiner Mutter und seiner Schwester vorgestellt hatte.
Diese Andeutungen ließ ich mir mehr als einmal wiederholen, und jedes Mal erkundigte ich mich genau nach gewissen persönlichen Eigenthümlichkeiten, die gar seltsame und schmerzliche Erinnerungen in mir weckten.
Ein Verdacht, den gewisse Bemerkungen meines Chefs in mir geweckt hatten, schlug immer tiefere Wurzeln, so daß ich noch vor dem Ende der Erzählung der Lady Everton überzeugt war, es handle sich um einen alten Bekannten von mir, und dieser Sandfort sey kein Anderer als der Gauner, der an meinem eigenen Ruin Schuld war; ich ergriff daher mit Begierde diese günstige Gelegenheit, ihm den Schaden, den er mir gethan, mit reichen Zinsen zurückzugeben.
Es versteht sich, daß ich so vorsichtig war, diese Meinung für mich zu behalten, und nachdem ich der Mutter und Schwester des jungen Charles Merton ehrerbietig aber dringend das tiefste Stillschweigen empfohlen hatte, empfahl ich mich den Damen.
Ich wußte nun Alles was ich wissen mußte, um den Plan, nach welchem ich zu handeln beschloß, in Ausführung zu bringen. Es wurde überdies zur Vermeidung jedes Argwohns beschlossen, daß ich Lady Everton nicht mehr besuchen, sondern sie durch die Post von allen meinen Schritten in Kenntniß setzen und auf demselben Wege nöthigenfalls jede weitere Auskunft von ihr erhalten sollte.
Auf dem ganzen Wege von dein Hotel Everton zu meiner bescheidenen Wohnung dachte ich unaufhörlich: Wenn er’s wäret Und diese Vermuthung, daß er es seyn könne, trieb mir das Blut in die Wangen.
»Wenn dieser Sandfort,« sagte ich zu mir selbst, »wirklich der schändliche Cardon ist, so wird der glückliche Erfolg meines Unternehmens ein wahrer Sieg, ein Triumph, und Lady Everton wird nicht nöthig haben, meinen Eifer durch die Zusicherung einer Belohnung anzufeuern. Nein, ein zerrüttetes Vermögen, ein verfehltes Leben, eine verlorene Zukunft, ein junges, liebenswürdiges Wesen, durch seine Schuld dem Elende preisgegeben – Alles dies wäre genügend, um dem erbärmlichsten, feigsten Wicht Muth zu machen . . . Gott gebe, daß meine Vermuthung sich bestätigt! Dann nimm Dich in Acht, Cardon, denn der Rächer folgt Dir auf dem Fuße!«
» Von Lady Everton hatte ich erfahren, daß Sandfort gewöhnlich die Balletvorstellungen in der Oper besuche. Ich begab mich ins Theater und ließ mir, als ob ich selbst eine Loge miethen wollte, das Vermiethungsregister zeigen und konnte auf diese Weise die Nummer seiner Loge erfahren.
An demselben Abende sollte eine brillante Vorstellung stattfinden. Ich beschloß sogleich meine Nachforschungen zu beginnen.
Um neun Uhr war ich im Parterre; das Ballet sollte eben anfangen, aber der Vorhang war noch nicht aufgezogen. Ich konnte daher vor meinem Sperrsitz stehen bleiben und mit Hilfe meiner Lorgnette alle Logen mustern.
Die Lege des Mannes, den ich suchte, war leer. Aber ich hatte nicht lange zu warten. Kaum waren fünf Minuten verflossen, als die Thür aufging und der angebliche Sandfort eintrat. Denn meine Vermuthung bestätigte sich; er war kein Anderer als Cardon – aber eleganter, unverschämter, frohlockender als je. Er erschien Arm in Arm mit einem blassen, jungen Gentleman von aristokratischen Manieren, den ich durch den Vergleich mit dem Porträt, das ich in dem Salon seiner Mutter gesehen, leicht als Charles Merton erkennen konnte. Die Aehnlichkeit war auffallend.
Mein Entschluß war schnell gefaßt. Ich wartete nur einige Augenblicke, um den Eindruck, den der Anblick des verhaßten Cardon auf mich gemacht hatte, zu bekämpfen. Dann verließ ich das Parterre, ging in den ersten Rang und trat entschlossen in die Loge
Cardon kehrte mir den Rücken zu. Ich berührte seine Schulter, er sah sich rasch um.
Der Anblick des fabelhaften Basilisken mit den giftigen stechenden Augen würde Cardon nicht mehr überrascht und erschreckt haben, als mein ganz unerwartetes Erscheinen. Ich wußte mich indeß zu beherrschen und zeigte mich von der freundlichsten, einnehmendsten Seite. Er konnte auf meinem Gesicht unmöglich die mindeste Spur der Gefühle wahrnehmen, die in meinem Herzen tobten, und die Hand, die ich ihm reichte, war nur eine Einladung zur Erneuerung unserer alten Bekanntschaft.
»Waters!« stammelte er endlich, indem er meine Hand zögernd ergriff, »Waters! wer hätte gedacht Sie hier wiederzufinden!«
»Sie haben’s gewiß nicht gedacht, Cardon,« erwiederte ich: »Sie betrachten ja einen alten Freund, als ob es sein Geist und nicht er selbst wäre.«
»Still!« sagte er hastig, »wir wollen hinausgehen, um ungestört mit einander zu sprechen.«
Er wandte sich zu Charles Merton und sagte dessen fragenden Blick beantwortend:
»Es ist ein alter Freund, lieber Lord. Wünschen Sie uns Beiden Glück; ich habe ihm etwas zu sagen, aber wir kommen sogleich wieder.«
Cardon eilte in den Corridor; ich folgte ihm. Wir waren fast ganz allein, denn die Logen waren bereits gefüllt.
»Was bedeutet das, Waters?« sagte Cardon mit seiner gewohnten Ruhe, als er sah, daß uns Niemand belauschen konnte; »Entschuldigen Sie, lieber Freund, aber mich dünkt als wir uns zum letzten Male sahen, waren Sie . . . nun, wie soll ich mich ausdrücken? Kommen Sie mir doch zu Hilfe . . .«
»Ja, ruinirt, auf dem Trocknen; so nennt man’s, Niemand konnte es besser wissen als Sie.«
»Sie bilden sich wohl gar ein, ich sey Schuld daran.«
»Ich bilde mir gar nichts ein, lieber Cardon Vor drei Monaten noch hätte ich mir wohl Mancherlei einbilden können; aber Vor drei Monaten war mein alter, ehrwürdiger Oheim so gütig, dieser Welt Valet zu sagen . . .«
»Nicht möglich!« fiel mir Cardon ins Wort, »der alte liebe Herr ist abgefahren?«s
»Sie sehen ja, Theuerster, daß ich noch trauere.«
Cardon affectirte ein komisches Mitleid.
»Lieb» Freund,« erwiederte er , »empfangen Sie meine aufrichtigen Beileidsbezeigungen, obschon ich vermuthe, daß Ihnen die Katastrophe nicht so unangenehm ist, wie man aus Ihrem schwatzen Anzuge schließen könnte.«
»Sie haben nicht ganz Unrecht, Cardon; Sie wissen daß ich Ihren Scharfsinn nie in Abrede gestellt habe. Aber Sie wissen, daß ich alle meine früheren Gewohnheiten in dem Sarge meines Oheims begraben habe. Ich habe den Karten und Würfeln auf immer Lebewohl gesagt und meiner Frau fest versprochen, nie mehr zu spielen.«
Der kalte, sterbende Blick des eingefleischten Dämons – denn ich habe Cardon immer für einen Dämon gehalten – ruhte mit höhnischem Ausdruck auf mir, als er diese guten Vorsätze aus meinem Munde vernahm. Aber er erwiederte nur:
»Sie haben vollkommen Recht, Waters. Jetzt kommen Sie, ich will Sie meinem Freunde Merton vorstellen.«
»Alle einer der Unsrigen«?« fragte ich lachend.
»Er ist aus seht gutem Hause. . . Apropos, Waters ,« setzte er mit vertraulichem, einschmeichelndem Tone hinzu, »aus Familienrücksichten, die ich Ihnen später erklären werde, nenne ich mich jetzt Sandfort.«
»Sandfort?« wiederholte ich.
»Ja, vergessen Sie den Namen nicht . . . Doch kommen Sie wieder in die Loge, das Ballet geht sonst zu Ende, ohne daß wir etwas davon sehen.«
Wir gingen wieder in die Loge. Ich wurde in gehöriger Form als alter Freund vorgestellt, den Sandfort nach einigen Jahren wiedergesehen.
3
Als das Ballet zu Ende war, machte Sandfort den Vorschlag, ein in der Nähe des Theaters befindliches Kaffeehaus zu besuchen. Der Vorschlag wurde angenommen und wir gingen.
Oben auf der Treppe, die von den ersten Logen zur Vorhalle führt, stießen wir auf Mr.**, meinen Chef, der ebenfalls das Theater verließ. Er beantwortete die Entschuldigungen Merton’s mit einer leichten Verbeugung und sah uns einen Augenblick mit der größten Gleichgültigkeit an, ohne daß er die Bekanntschaft mit mir durch Blick oder Geberde merken ließ. Ich glaubte wirklich, er hätte mich in meinem neuen Anzuge nicht erkannt; aber als ich mich umsah, wurde ich enttäuscht; ein flüchtiger Blick, der zugleich Befriedigung und Ermuthigung ausdrückte, schoß mit Blitzesschnelle aus seinen Augen hervor.
Er wußte nicht, wie wenig ich einer Aneiferung bedurfte, um das Ziel, welches wir Beide vor Augen hatten, zu erreichen.
Sandfort ließ Champagner bringen, wir stachen drei bis vier Flaschen aus. Sandfort zumal schien sehr vergnügt; er war, wie gewöhnlich, geschwätzig. aber witzig; er kramte eine Menge scandalöser Anekdoten aus; er sah in mir nur eine neue Beute, einen reichen Gimpel, den er zum zweiten Male eben so leicht rupfen könne wie das erste Mal, und er frohlockte schon im Voraus über den seiner Meinung nach unfehlbaren Sieg, über die guten Entschließungen und die Gelübde die ich dem Gott Hymen geleistet hatte.
Zwischen zwölf und ein Uhr erbot sich Sandfort uns zu einem Freunde zu führen, wo wir gute und vergnügte Gesellschaft finden würden.
Der Vorschlag wurde von Charles Merton sehr bereitwillig angenommen. Der junge Gentleman schien das Champagnertrinken für ein gar zu unschuldiges Vergnügen zu halten und hatte schon längst seine Ungeduld zu erkennen gegeben.
Ich stand auf und nahm meinen Hut um mit den Andern fortzugehen. .
»Sie gehen doch mit uns, Waters?« fragte Sandford.
»Sie spielen nicht« aber zusehen werden Sie doch?«
»Ja,« erwiederte ich; »aber Sie müssen mir Ihr Ehrenwort geben, mich zum Spiel nicht zu verleiten.«
»O! von Herzen gern; Ihre Tugend soll nicht in Versuchung kommen, so wahr ich ein Gentleman bin.«
In zehn Minuten kamen wir vor ein ganz ruhiges und anständig aussehendes Haus unweit des Strandes.
Sandfort klopfte leise und auf eigenthümliche Weise an die Hausthür. Es wurde sogleich auch von Innen geklopft. Ein Losungswort, das ich nicht verstand, wurde durch das Schlüsselloch gewechselt; dann that sich die Thür auf und wir traten ein.«
Der Hausgang war von einer Lampe beleuchtet. Wir gingen in den ersten Stock hinauf. Die Fensterläden waren sorgfältig verschlossen und mit Polstern verrammelt, so daß man von der Straße unmöglich sehen konnte, was im Hause vorging.
Die Zimmer waren glänzend erleuchtet. Zwei Tische erregten sogleich meine Aufmerksamkeit: ein Roulettetisch und ein Tisch mit Würfeln und Karten.
Beide Tische waren mit Spielern besetzt. Auf einem dritten Tische stand eine Menge Wein, Liqueur und Backwerk.
Ich warf einen flüchtigen Blick auf die Gesellschaft. Diese bestand aus zwölf bis fünfzehn Personen. Einige derselben gehörten, wie Charles Merton, offenbar den höheren Ständen an; die Uebrigen waren Gauner nach Art meines Freundes Sandfort-Cardon.
Im ersten Augenblicke wurde mir ganz bange, als ich die unheimlichen, tückischen Gesichter sah; ich fürchtete, der eine oder andere dieser eleganten Gauner könne die wahre Absicht meines Erscheinens in ihrer Mitte errathen; aber bald tröstete ich mich mit dem Gedanken, daß meine Besorgniß ungegründet sey: ich war erst seit drei bis vier Monaten im Dienste der Polizei und hatte meinen Posten immer in einem sehr entfernten Stadttheile gehabt, es war daher keineswegs wahrscheinlich, daß einer von ihnen mein Gesicht bemerkt hatte.
Trotzdem machte mein Erscheinen einiges Aufsehen.
Man sah Sandfort und Merton fragend an, und ein dicker Mann, der in amerikanischem Accent sprach, trieb seine Neugier und Rücksichtslosigkeit so weit, daß er mich für einen verdächtigen Menschen erklärte.
»Ich bürge für ihn,« sagte Sandfort. »Damn it!« wenn ich für Jemand gutstehe, so wird sich doch in der ehrenwerthen Gesellschaft Niemand erkühnen, ihn mit Mißtrauen zu betrachten!«
Dann flüsterte er dem dicken Amerikaner einige Worte zu, die ein höhnisches Lächeln auf dessen Mund hervorriefen und sein Benehmen gegen mich änderten.
Dies beruhigte mich, denn obgleich ich in meinen Beinkleidertaschen doppelläufige Terzerole trug und eins derselben beständig in der Hand hielt, konnte ich mich doch mitten unter diesen Gaunern, deren Platz auf den Galeeren und nicht in einem Salon war, einer gewissen Bangigkeit nicht erwehren.
Bald war das Spiel in vollem Zuge. Man lud mich ein, am Spiel Theil zu nehmen; ich lehnte es ab, und man schien meine Weigerung nicht weiter zu beachten.
Fünf Minuten nachher wurde die Einladung wiederholt; ich sträubte mich dieses Mal nur schwach. Die Spieler wechselten einige bedeutungsvolle Blicke: sie gaben dadurch zu verstehen, man müsse meinem Gewissen Zeit zum Einschlummern lassen. Endlich auf die dritte Einladung ergab ich mich, aber unter der Bedingung, nicht mehr als eine Guinee zu setzen. Man antwortete mir, die Gesellschaft spiele nicht um zu gewinnen, sondern zur Unterhaltung, es stehe mir daher frei, nach Belieben zu setzen. Ich setzte mich an den Tisch: mein Gegner war der dicke Americaner.
Er hatte wirklich die Manieren eines Gentleman; er war so artig, mich anfangs gewinnen zu lassen, so daß ich am Schlusse der Sitzung zehn Pfund Sterling besaß, die aus der Tasche des Dämons schnurstracks in die meinige gewandert waren.
Charles Merton, den ich nicht aus den Augen ließ, spielte mit einer an Wahnsinn grenzenden Leidenschaft. Er schien sehr beträchtliche Summen zu verlieren, und da er kein Geld bei sich hatte, so stellte er Wechsel aus. Die Gauner brandschatzten den unglücklichen jungen Gentleman mit unerhörter Frechheit; nur ein Neuling konnte sich so betrügen lassen, oder die Leidenschaft des Spiels mußte ihn dergestalt blenden, daß er das Complott nicht merkte und den Rath seines Freundes Sandfort, der weder Würfel noch Karten anrührte, blindlings befolgte.
Die ehrenwerthe Gesellschaft trennte sich gegen sechs Uhr Morgens. Jeder entfernte sich durch die Hinterthür und erhielt zum Abschiede das Losungswort für die folgende Nacht.
Einige Minuten nachher war ich bei Mr.** und stattete ihm Bericht ab. Er war sehr erfreut über; den glücklichen Erfolg meiner Kriegslist, empfahl mir aber die größte Vorsicht und Geduld.
Da ich das Losungswort kannte, so wäre es mir ein Leichtes gewesen, in der folgenden Nacht die ganze Bande gefangen zu nehmen; aber ich würde dann meinen Auftrag nur halb vollzogen haben. Denn einige von diesen Gaunern, namentlich Sandfort, waren nicht nur falsche Spieler, sondern der Ausgabe fremder gefälschter Banknoten dringend verdächtig. Mein Augenmerk mußte daher auf den gesetzlichen Beweis dieses neuen Verbrechens gerichtet seyn, und überdies mußten wo möglich alle von Charles Merton ausgestellten Wechsel und Schuldscheine in Beschlag genommen werden.
»In den folgenden sieben bis acht Tagen ereignete sich nichts Bemerkenswerthes. Es wurde wie gewöhnlich jede Nacht gespielt, und jede Nacht sank Charles Merton tiefer in den Abgrund. Eines Abends brachte er den Schmuck seiner Schwester; er verlor Alles, ohne daß ihn Jemand fragte, wie er in den Besitz dieser Damengeschmeide gekommen war. Endlich hatten seine »Ehrenschulden« – wie man die Spielschulden nennt – eine so bedeutende Summe erreicht, daß ihm Sandfort zu verstehen gab, es werde Niemand mehr mit ihm spielen, wenn er nicht Geld herbeischaffe, um seine Wechsel und Schuldscheine einzulösen. Er machte ihm den Vorschlag, seine Besitzungen zu verpfänden und mit der Anleihe seine Spielschulden zu bezahlen.
Charles Merton bebte anfangs zurück vor dem Abgrunde, in welchen er nicht nur sich selbst, sondern auch seine Familie stürzte. Aber um seine Bedenklichkeiten zu besiegen, wurde ein albernes, aber unter solchen Umständen ganz unfehlbares Mittel angewandt. Merton glaubte sehr geschickt im Ecarté zu seyn; man wählte dieses Spiel und ließ ihn mehre Partien gewinnen, zum scheinbaren Aerger der Verlierenden. In dieser Schlinge hatte ich mich vormals selbst fangen lassen und war daher leicht im Stande sie zu entdecken. Ueberdies merkte ich wohl, daß man einen Hauptschlag vorbereitete.
Während dieser acht Tage war ich natürlich nicht müßig geblieben: ich hatte Sandfort auf einem Wege, den er für ganz zuverläßlich hielt, im Vertrauen sagen lassen, daß ich nach London gekommen sey, um eine Summe von vier- bis fünftausend Pfund Sterling in Empfang zu nehmen; daß diese Summe aber nur ein kleiner Theil des von meinem Oheim Paßgrov geerbten Vermögens sey. Dieselbe Person hatte hinzugesetzt, daß ich nach Empfang jener Summe in die Provinzstadt, wo ich meinen bleibenden Aufenthalt genommen, zurückkehren würde.
Wie funkelten die Augen Sandfort’s und seiner Spießgesellen, als ich gesprächsweise äußerte was er schon wußte!
O! Freund Sandfort, trotz deiner Schlauheit und Arglist habe ich Dich am Gängelbande geführt, wie einen blinden Einfaltspinsel! Denn nur ein Einfaltspinsel kann wähnen, der Mann, den Du ruinirt, fast entehrt hattest, könne deine Ruchlosigkeit und Tücke so leicht vergessen.
Die Angelegenheit war ihrer Lösung nahe, die glückliche oder unglückliche Entscheidung mußte in der Nacht erfolgen. Charles Merton hatte Geld auf Hypothek erhalten, seine Wechsel sollten am andern Morgen eingelöst werden. Ich hatte gesprächsweise gesagt, daß ich die fünftausend Pfund Sterling, die eigentliche Ursache meiner Anwesenheit in London, an demselben Tage erhalten würde.
Durch seine neuen Siege im Ecarté geblendet und durch seinen Freund Sandfort angeeifert, hatte Merton in der vorigen Nacht einen unheilvollen Entschluß gefaßt. Statt neuerlich seine Schulden zu bezahlen, setzte er so viel baares Geld, wie er den Gaunern verschrieben hatte. Wenn ihm nun das Glück, welches ihm in den letzten Nächten gelächelt hatte, fortwährend günstig war, so konnte er Alles, was er seit sechs Monaten verloren, in einer Nacht wieder gewinnen
Merton’s Gegner, die mit Sicherheit auf einen Gewinn zählten, konnten am andern Morgen nicht nur seine Wechsel und Schuldscheine, sondern auch die zu deren Einlassung bestimmte Summe besitzen.
Sandfort wußte die Sache so einzuleiten, daß Charles Merton selbst den Vorschlag machte.
Dieser Vorschlag erfüllte natürlich die feurigsten Wünsche der Spieler, aber zum Schein widersetzten sie sich und machten ihm viele Gegenvorstellungen, und erst als Merton von Sandfort unterstützt, bei seinem Vorsatz beharrte, gab die Gesellschaft nach.
Man kam überein, das; Merton wieder sein Glück im Ecarté versuchen solle, um seine Wechsel und Schuldscheine, und mit ihnen seine verlorene Ruhe wieder zu gewinnen.
Als diese Uebereinkunft getroffen war, legte Merton die Hand auf Sandfort’s Arm und sagte ganz heiter:
»Freund Sandfort, ich schwöre, daß ich nie wieder Karten und Würfel anrühren werde, wenn ich dieses Mal Glück habe.«
Leider bemerkte Merton das spöttische Lächeln nicht, welches diese Worte auf den Lippen der Spieler hervorriefen.
Die Partie sollte in der folgenden Nacht stattfinden. Es stand mehr als eine halbe Million auf dem Spiel, die Partie war daher fast mit einem Duell aus Leben und Tod zu vergleichen.
4
Die von Charles Merton und seinen Gegnern, von den Dieben und dem Bestohlenem so sehnlich erwartete Nacht brach an. Ich hatte sie mit eben so ängstlicher Spannung erwartet, wie die Gauner. Es sollten sich ihrer acht einfinden; ich war der einzige Fremde, der zugelassen wurde, und ich verdankte dieses Vorrecht dem angeblichen Vermächtniß, das mir zugefallen war.
Als Beweis meiner Theilnahme und auf das Versprechen des tiefsten Stillschweigend hatte ich dem jungen Merton einen Rath gegeben. »Ehe Sie diesen Abend Ihr Spiel beginnen,« sagte ich zu ihm, »tragen Sie Sorge, daß die von Ihnen unterzeichneten Schuldscheine und verspielten Geschmeide sammt der einzusetzenden Summe in Gold oder Banknoten vor Ihnen auf dem Tische liegen.«
Er versprach mir, diese Bedingung zu erfüllen und in keinem Falle davon abzugeben.
Der arme Merton hatte gleichwohl keine Ahnung, wie wichtig diese Bedingung war.
Ich traf meinerseits meine Vorkehrungen wie zu einem Kampf.
Es war Mitternacht, als ich auf das in der vorigen Nacht erhaltene Losungswort Einlaß erhielt.
Als ich eintrat. war Charles Merton mit seiner Gegnern in lebhaftem Wortwechsel. Der junge Gentleman verlangte nach meinem Rathe, daß sie eine seinem Einsatze gleichkommende Summe auf den Tisch legen sollten; denn voll Vertrauen aus das Glück, das er in den letzten Nächten gehabt hatte, hoffte er in der entscheidenden Stunde eben so glücklich zu seyn. Er war entschlossen, seine Verluste bis auf den letzten Penny wieder zu gewinnen; seine Wechsel, seine Schuldscheine und die Geschmeide seiner Schwester lagen nebst einer beträchtlichen Summe bereits aus dem Tische, aber es fehlte noch eine fast eben so große Summe, um den Betrag, den er selbst vor sich hatte, zu ergänzen.
Meine Ankunft unterbrach den Wortwechsel.
»Meine Herren,« sagte Sandfort, als er mich erblickte, »Waters kann uns aus der Verlegenheit ziehen . . . Waters, hast Du die Summe eincassirt, die Dir aus dem Nachlaß deines Onkels zugefallen ist?«
»Ich habe sie in Banknoten bei mir,« antwortete ich.
»Leihe mir viertausend Pfund Sterling,« flüsterte er mir zu ; »in einer Stunde geben wir Dir sechstausend wieder.«
»Schönen Dank,« antwortete ich kalt; »ich gebe mein Geld nur weg, wenn ich es verloren habe.«
Die Antwort auf meine Weigerung war ein Blick, den Sandfort gewiß gerne in eine Dolchklinge verwandelt hätte.
Da die Summe nicht vorhanden und für den Augenblick auch nicht auszutreiben war, so entfernte sich einer der Spießgesellen, um die fehlenden vier- bis fünftausend Pfund Sterling herbeizuschaffen.
Er blieb eine halbe Stunde aus, endlich kam er mit einer Hand voll Banknoten. Es waren, wie ich erwartet hatte, falsche ausländische Banknoten.
Charles Merton betrachtete sie genau und zählte sie, aber erfand nichts Verdächtiges daran; es bedurfte eines geübten Auges, um die Fälschung zu erkennen.
Das Spiel begann. Die Scene erinnerte mich so lebhaft an die Vorgänge der Nacht, in welcher ich selbst mein Vermögen verloren hatte, daß ich mich von einem unwiderstehlichen Fieber ergriffen fühlte. Zum Glück bezwang ich meine Aufregung noch zeitig genug; ich bedachte, daß ich den Uebrigen durch mein unwillkürliches Zittern verdächtig erscheinen würde, da ich selbst nicht mitspielte. Ich trank schnell hintereinander einige Gläser Wasser, welche meine Aufwallung sogleich besänftigtem l
Die Gauner waren glücklicherweise zu sehr auf ihr Spiel erpicht, um meine Aufregung zu bemerken.
Mit Merton ging man ganz offen und rücksichtslos zu Werke. Schon in der ersten Partie verlor er; es wurde ohne Unterbrechung fortgespielt; die Einsätze wurden verdoppelt, verdreifacht; sein Kopf war ein glühender Ofen geworden, der das verzehrende Feuer durch alle Adern und Fibern seines Körpers trieb, und er begann mit dem beharrlichen Wahnwitz eines Tollhäuslers zu verlieren.
Die Tischuhr schlug zwei. Die Töne verhallten, es wurde weiter gespielt. Aber jeder Glockenschlag hatte in der Tiefe meines Herzens einen Wiederhall gefunden: es war der Augenblick, wo dem Treiben der Gaunerbande ein Ziel gesetzt werden sollte.
»Still! was ist das?« sagte Sandfort, dessen Gesicht seit dem Beginne dieser entscheidenden Partie die Maske abgelegt hatte, die er vor Merton getragen. »Still! Habt Ihr nicht ein von unten kommendes Geräusch gehört?«
Ja, ich hatte es gehört; aber ich war außer Sandfort der Einzige, der es gehört hatte, und ich allein war im Stande, dieses Geräusch zu erklären.
»Ich habe nichts gehört,« antwortete ich.
Das Geräusch hatte aufgehört.
»Ziehe die Alarmglocke, Adolph,« sagte Sandfort zu einem der Anwesenden, der vor ihm stand.
Der mit dem Namen Adolph angeredete Spießgeselle trat auf den Glockenzug zu.
Nicht nur das Spiel, sondern auch das Athmen der Gauner wurde unterbrochen; Alle lauschten auf die Antwort.
Diese ließ nicht auf sich warten. Ein dreimaliges Glockenzeichen ertönte. Dies war das Signal, daß nichts zu fürchten sey.
»Es ist nichts,« sagte Sandfort, »nur weiter!«
Dann setzte er so leise hinzu, daß es Merton nicht hören konnte:
»Es wäre wahrlich Schade, jetzt gestört zu werden; die Komödie ist ja fast zu Ende.«
Die mir beigegebenen Polizeidiener hatten von mir die Weisung erhalten, mit gewissen Vorsichtsmaßregeln zu er1 scheinen. Zwei von ihnen, in eleganter bürgerlicher Kleidung, sollten sich mittelst des Losungswortes, das ich ihnen gegeben, Einlaß verschaffen, dann sogleich den Thürhüter ergreifen und knebeln. Ich hatte ihnen auch erklärt, auf welche Weise sie der Alarmglocke antworten sollten: nämlich mit einem dreimaligen Glockenzeichen. Nachdem sie diese drei Glockenzeichen gegeben, sollten sie Alle leise die Treppe heraufkommen und auf dem Gange warten, bis ich ihnen die Thür öffnen, und sie auffordern würde, in den Saal zu kommen und die Gauner zu verhaften.
Die Hinterthür, durch die wir uns in der Frühe zu entfernen pflegten, war ebenfalls sorgfältig bewacht, jedoch so, daß die Polizeiagenten nicht leicht zu bemerken waren.
Ich fürchtete nur, die Gauner könnten die Gefahr früh genug merken, um die Lichter auszulöschen, die falschen Banknoten zu vernichten und durch einen mir vielleicht nicht bekannten geheimen Ausgang entschlüpfen.
Der Augenblick war gekommen, ich nahm meinen ganzen Muth zusammen. Das Spiel hatte wieder begonnen und wurde mit verdoppelter Wuth fortgesetzt. Ich ergriff meine Pistolen, ohne sie aus der Tasche zu ziehen, und spannt vorsichtig den Hahn, um sogleich feuern zu können. Ich wußte, daß ich mit verzweifelten Menschen ein verzweifeltes Spiel zu spielen hatte, aber ich war entschlossen, Alles zu wagen.
In dem Augenblicke, wo Alle die Entscheidung einer Partie erwarteten, stand ich auf, ging an die Thür, die ich halb öffnete, und steckte den Kopf hinaus, als ob ich die Ursache des vorhin vernommenen Geräusches erforschen wollte.
Zu meiner Beruhigung sah ich den Gang und selbst die Treppe voll von Polizeidienern, welche schweigend und regungslos das Signal erwarteten.
Ich trat wieder zurück, schlug die Thür zu und ging an den Tisch, wo Charles Merton saß.
Er hatte natürlich die Partie verloren ; der letzte Einsatz war gemacht und belief sich nahe an zweitausend Pfund Sterling.
Man spielte, Charles Merton verlor wieder.
Aber kaum waren die letzten Karten gefallen, so sprang er auf, als ob er durch eine Feder emporgeschnellt würde ; sein Gesicht war leichenblaß, seine Züge hatten den Ausdruck der Verzweiflung Endlich machte er seinen peinlichen Gefühlen durch Worte Luft, und heisere Verwünschungen kamen aus seinem Munde.
Sandfort und seine Genossen scharrten mit kaltem Hohn ihre reiche Beute zusammen ; eine dämonische Freude strahlte auf allen Gesichtern.
»Schändlicher Verräther! verwünschter Unhold!« rief Merton wie wahnsinnig, und faßte Sandfort bei der Gurgel, »Du hast mich bestohlen, zu Grunde gerichtet, entehrt!«
»Ja wohl,« antwortete Sandfort gelassen und ergriff die Hände. die ihn zu erdrosseln drohten, »und ich glaube, daß die Sache nach allen Regeln der Kunst erledigt ist. Jetzt befolgen Sie meinen Rath, Freundchen, und lernen Sie ebenfalls spielen, um Ihr Vermögen von einigen reichen Gimpeln, wie Sie bisher waren. wieder zu gewinnen. Aber hier schweigen Sie, denn Ihr Schimpfen und Toben würde Ihnen nichts nützen.«
Merton warf einen verstörten Blick auf den Gauner, der ihn mit so unerhörter Frechheit verhöhnte, und er schwieg, nicht als ob er den Rath, den ihm Sandfort gegeben, befolgen wollte, sondern vermuthlich, weil er keine Worte mehr fand, die seinen Ingrimm genügend ausdrückten.
Zugleich streckte Sandfort, der sich los gemacht hatte, die Hand nach dem Tische aus, .um seinen Antheil an der Beute zu nehmen.
»Halt, Cardon’« sagte ich vortretend, und nahm eine Handvoll falscher Banknoten. »Halt! Mr. Merton scheint mir nicht gegen Einsätze von gleichem Werthe gespielt zu haben.«
»Was willst Du damit sagen?« fragte Sandfort.
»Ich will damit sagen, daß diese Banknoten falsch sind.«
»Hund!« schrie Sandfort und stürzte wüthend auf mich zu, »liegt Dir denn so wenig an deinem Leben, daß Du es so leichtsinnig aufs Spiel setzest?«
Zugleich machte er eine Bewegung, um mir die falschen Banknoten zu entreißen. Aber ich war eben so flink wie er; eine Doppelpistole, die ich ihm aus die Brust setzte, trieb ihn zurück.
Die ganze Bande sprang nun auf und umzingelte uns mit drohenden Geberden und feuersprühenden Blicken.
Merton sah abwechselnd mich und seine Gegner an.
Der ganze Austritt war ihm ein Räthsel.
»Nehmt ihm die Papiere weg!« rief Sandfort, der sich inzwischen von seinem ersten Schrecken erholt hatte; »ergreifet ihn, stoßt ihn nieder, sonst sind wir verloren!«
»Ja, Du bist verloren, Schurke!« erwiederte ich mit gleicher Heftigkeit. »Kommen Sie herein, meine Herren, und thun Sie Ihre Pflicht!«
Auf diesen Ruf stürzten meine Leute ins Zimmer.
Die ganze Bande. von Schrecken gelähmt, wurde ohne Widerstand verhaftet; alle Gauner trugen Waffen bei sich’, aber keiner von ihnen hatte genug Fassung, um Gebrauch davon zu machen.
Die acht Verbrecher wurden ins Gefängniß gebracht. Drei von ihnen, worunter Sandfort-Cardon. wurden zu lebenslänglicher Depottation, die Uebrigen zu mehrjähriger Kerkerstrafe verurtheilt. »
Ich hatte meine Aufgabe in einer Weise gelöst, die nichts zu wünschen übrig ließ. Meine Chefs zollten mir das größte Lob, und dies war die erste Stufe zu der hohen Stellung, die ich jetzt im Staatsdienste inne habe.
Charles Merton erhielt seine Schuldverschreibungen, seine Geschmeide und sein Geld zurück. Durch diese traurige Erfahrung gewarnt, betrat er nie wieder ein Spielhaus.
Es versteht sich, daß Lady Everton und ihr Sohn Alles aufboten, um mir ihren Dank zu bethätigen; aber der einzige Beweis dieses Dankes, den ich annahm, war ein warmer Händedruck Merton’s.
II.
Der Schuldlose
1
Einige Tage nach der Verhaftung der Spieler- und Fälscherbande wurde ich mit der Erforschung eines noch schwereren Verbrechens beauftragt. Es handelte sich um nichts Geringeres als um einen Raubmord.
Das Verbrechen war in dem Hause eines sehr reichen Privatmannes. Mr. Bagshawn, begangen worden.
Dieses Haus lag einige Miles von Kendal, in der Grafschaft Westmoreland.
Die Localbehörden machten der Londoner Polizeidirection folgende Mittheilung:
Mr. Bagshawn, der sich seit einiger Zeit zu Leannington, in der Grafschaft Warwick befand, schrieb an seine Haushälterin Sara King, die in seiner Abwesenheit die Aufsicht über seine Villa führte, um ihr seine nahe bevorstehende Rückkehr anzuzeigen. Er befahl ihr, ein gewisses Zimmer, das er genau bezeichnete, gut zu heizen und andere Vorkehrungen zum Empfange seines Neffen Robert Bristowe zu treffen. Der Neffe war eben aus Indien gekommen und wollte einige Tage in London bleiben, um sich dann in sein Landhaus Five Oaks ( fünf Eichen) zu begeben.
Die Ankunft des Neffen fand an demselben Morgen statt, wo Sara King den Brief erhalten hatte. Sie theilte denselben einigen Lieferanten in Kendal mit, um das Haus mit einigen Bedürfnissen zu versehen. «
Diese Bestellung hatte sie am Vormittage vor dem Raubmorde gemacht. Die Lebensmittel wurden nach Five Oaks geliefert. Einige Lieferanten schickten Brot, andere Fleisch, noch andere Geflügel und Fische; einige kamen selbst, andere schickten ihre Leute.
Diese Lebensmittel waren hauptsächlich zu einem Schmause bestimmt, der zu Ehren des Neffen gegeben werden sollte.
Der Knecht, welcher den Fisch gebracht hatte, versicherte durch die offene Thür einen fremden, jungen Gentleman in einem Zimmer des Erdgeschosses gesehen zu haben.
Als die Fenster des Landhauses am folgenden Tage um Mittag noch geschlossen waren, wurde man ernstlich besorgt, denn Sara King war ein sehr thätiges, junges Frauenzimmer und die Fenster waren sonst um acht Uhr Morgens immer offen. Es verbreiteten sich beunruhigende Gerüchte, so daß sich der Polizeibeamte mit einem Schlosser nach dem Landhause begab und die Thür erbrechen ließ.
Es wurde folgender Thatbestand zu Protokoll genommen:
Die Thüren waren von innen und nicht von außen aufgesprengt worden. Dies ergab sich aus dem Zustande der Schlösser und Riegel. Der Leichnam der Sara King lag auf dem Fußboden, mit dem Kopf auf der untersten Stufe der Treppe. Die Unglückliche war von mehren Messerstichen durchbohrt ; sie schien bereits zwölf Stunden todt ; ihre Kleidung bestand nur aus Hemd, Jacke und Strümpfen. In der rechten Hand hielt sie einen Leuchter. Sie war offenbar, durch ein Geräusch geweckt, aus dem Bett gesprungen, ohne die Ursache zu ahnen; die auf der That ertappten Räuber hatten sie ermordet.
Mr. Bagshawn, dem dieser traurige Vorfall sogleich gemeldet wurde, kam am folgenden Tage an. Es fand sich nun, daß man nicht nur den größten Theil des Silberzeugs, sondern auch eine Summe von viertausend Pfund Sterling, in Gold und Banknoten, gestohlen hatte. Diese Summe war der Erlös von Staatspapieren, die er etwa einen Monat zuvor verkauft hatte.
Außer seiner bei ihm wohnenden Nichte wußte nur sein Neffe Robert Bristowe, daß dieses Geld in dem Landhause aufbewahrt wurde. Mr. Bagshawn hatte nemlich seinem Neffen geschrieben, daß die zum Ankauf des Gutes Ruland bestimmte Summe zu Five Oaks sich befinde. Er erklärte jedoch in demselben Briefe, er werde sich zu diesem Ankauf nur dann entschließen, wenn Robert Bristowe damit einverstanden sey. Robert Bristowe war aber am andern Morgen nicht in Five Oaks zu finden, man wußte nicht was aus ihm geworden war. Dieser auffallende Umstand schien den ganz natürlichen Verdacht, daß der Neffe das Silberzeug, das Gold und die Banknoten geraubt und die arme Sara King ermordet habe, zu bestätigen. In diesem Argwohne wurden die Nachbarn und die Behörden noch mehr bestärkt, als man in einer Dienstbotenstube ein Stück des von seinem Oheim geschriebenen Briefes fand. Der Zufall wollte, daß auf diesem abgerissenen Stücke gerade die Adresse Robert Bristowe’s stand.
Da er trotz der sorgfältigsten Nachforschungen in der Nähe von Kendal nicht aufzufinden und keine Nachricht über ihn zu erhalten war, so vermuthete man, er habe sich mit seiner Beute nach London zurückbegeben. Eine sehr genaue Beschreibung seiner Person und Kleidung war von dem Knecht des Fischhändlers, der ihn durch die offene Thür gesehen, geseben worden und dieses Signalement hatten die Localbehörden nach London geschickt.
Diese Nachweisungen wurden zu meiner Verfügung gestellt, als man mich rufen ließ, um mir die Leitung dieser Angelegenheit zu übertragen.
Inzwischen hatte man einen gewissen Josias Barnes, der wegen seines vertraulichen Verhältnisses zu der unglücklichen Sara King verdächtig erschien, zur Haft gebracht. Das sehr kluge Gesicht dieses Mannes hatte zuweilen einen äußerst schlauen, arglistigen Ausdruck. Einige Tage vor dem Raubmorde hatte ihn Sara King verabschiedet, weil er dem Müßiggange und dem Tranke ergeben sey, weshalb aus der beabsichtigten Heirath nichts werden könne.
Diese Beschuldigungen schienen genügend, um die Verhaftung Barnes’ zu rechtfertigen; aber dieser wies sogleich ein so klares entschiedenes Alibi nach, daß er nur acht Stunden im Gefängniß blieb.
Noch mehr, sein Schmerz über den Tod seiner geliebten Sara trieb ihn an. der Sicherheitsbehörde seine Dienste anzutragen und allen seinen Scharfsinn zur Entdeckung der Mörder aufzubieten.
Barnes pflegte an allen Lustbarkeiten in Kendal Theil zu nehmen; er hatte dabei Gelegenheit Geld zu verdienen, denn er spielte die Geige, sang Volkslieder und machte seine Künste als Seiltänzer und Bauchredner mit überraschender Geschicklichkeit. Insbesondere als Bauchredner leistete er Erstaunliches; man glaubte seine Stimme bald im Keller, bald aus dem Boden eines Hauses zu hören und die Stimme seiner Bekannten wußte er so täuschend nachzuahmen, daß man geschworen hätte, die Person, deren Sprache er nachahmte, sey anwesend.
Durch diese kleinen Künste und als sehr geschickter Zimmermann hätte er anständig sein Brot verdienen können, wenn er fleißig und sparsam gewesen wäre; aber er arbeitete wenig und verthat das leichtverdiente Geld. Wegen dieser unordentlichen Lebensweise hatte ihn die verständige und fleißige Sara verabschiedet, denn sie wollte einem Müßiggänger und Verschwender ihr Lebensglück nicht anvertrauen.
Während ich den Auftrag erhielt, den Mörder ausfindig zu machen, wurde Josias Barnes zu meiner Verfügung gestellt. Er konnte mir durch seinen Eifer, mit welchem er prahlte. vielleicht von Nutzen seyn, und überdies kannte er die Gesichtszüge Robert Bristowe’s. Ich verließ daher mit ihm das Polizeiamt und begab mich nach Covents Garden in den Gasthof, wo Bristowe gewohnt hatte.
Auf meine Frage antwortete man mir, Robert Bristowe habe vor vier Tagen den Gasthof verlassen, ohne seine übrigens sehr unbedeutende Rechnung zu bezahlen; er habe sonst jeden Abend seine Zeche bezahlt; er habe sich mit Zurücklassung seines Gepäckes entfernt, und seitdem habe man nichts wieder von ihm gehört.
»Wie war er gekleidet als er sich entfernte ?« fragte ich.
,»Seine gewöhnliche Kleidung,« antwortete der Wirth, »bestand in einer Militärmütze mit goldener Treffe, einem blauen Uniformrock, Sommerbeinkleidern und Stiefeln à la Suwarow.«
Dieselbe Kleidung hatte der Knecht des Fischhändlers angegeben.
Ich begab mich mit Barnes sogleich in die Bank; ich wünschte zu wissen, ob einige der gestohlenen Banknoten eingewechselt worden wären. Ich zeigte eine von Mr. Bagshawn erhaltene Liste der Nummern vor.
Man antwortete mir, ein Gentleman in Campagneuniform habe sämtliche Banknoten Tags vorher eingewechselt. Auf der Rückseite der Banknoten stand der Name: Lieutenant James, Harley Street, Cavendish Square.
Diese Adresse war offenbar falsch. Um mir völlige Gewißheit zu verschaffen, forschte ich nach; die bezeichnete Person war nicht zu finden. Ich begab mich wieder in die Bank, um neue Fragen zu thun.
Der Cassier hatte das Gesicht des jungen Gentleman nicht bemerkt, er hatte nur auf seinen Anzug geachtet. Ueber diesen Punkt wußte er die bestimmteste Auskunft zu geben.
Ich mußte mich zu meiner Beschämung unverrichteter Sache wieder auf das Polizeiamt begeben. Es wurde beschlossen, die Personsbeschreibung Robert Bristowe’s in vielen Exemplaren zu verbreiten. Zugleich wurde auf die Verhaftung des muthmaßlichen Mörders oder auf genügende Nachweisungen über seinen Aufenthalt ein bedeutender Preis gesetzt.
Kaum war dieser Befehl gegeben worden, so bemerkte ich einen jungen Mann, dessen Aeußeres mit dem Signalement Robert Bristowe’s aus das Genaueste übereinstimmte.
Er erschien im Polizeiamte mit der Ruhe und Unbefangenheit eines Mannes, der von der Gefahr, in welcher er schwebte, nicht die mindeste Ahnung hatte.
Ich hatte kaum Zeit, dem Inspector einen Wink zu geben, er sollte keinen Argwohn merken und Bristowe ruhig fortgehen lassen. Dann trat ich mit Barnes in einen Seitengang.
Robert Bristowe trat in das Bureau, um eine Anzeige zu machen. Er sagte im Wesentlichen Folgendes aus: er sey vor etwa vier Tagen bestohlen worden, aber er könne nicht angeben, wo und durch wen. Am Tage nach dem Diebstahle sey er in Begleitung eines angeblichen Polizeiagenten, den er jetzt für einen Mitschuldigen der Diebe halte, durch die elendesten Stadttheile von London gegangen.
Man ließ sich diese Person genauer beschreiben ; aber das Signalement, welches er gab, war so alltäglich, so wenig bezeichnend, daß es unmöglich war, auf diese Aussage hin ein bestimmtes Verfahren einzuleiten.
Der Inspector nahm seine Anzeige zu Protokoll, ließ dasselbe von ihm unterzeichnen, versprach eine Untersuchung und entließ ihn.
Kaum hatte sich Robert Bristowe entfernt und seinen Weg gegen den Strand genommen, so ging ich ihm nach. Er ging langsam. aber ohne stehen zu bleiben, zum Postamt und ließ sich zu meinem großen Erstaunen nach Westmoreland einschreiben.
Er wollte mit der Abendpost abreisen.
Als er seinen Postschein gelöst hatte, ging er in das nächste Kaffeehaus und ließ eine halbe Flasche Sherry mit Backwerk kommen.
Ich hatte also eine Zeit lang Ruhe. Ich wollte diese Muße zu einem kurzen Spaziergange und zum Nachsinnen über den zweckmäßigsten Plan benützen, als ich auf einmal drei kecke Bursche bemerkte, welche trotz ihrer eleganten Kleidung die Rohheit ihrer Sitten nicht verbergen konnten. Ihr ganzes Wesen bezeichnete sie nur als Industrieritter.
Sie traten in dasselbe Postbureau, aus welchem Robert Bristowe eben gekommen war; mein Instinkt sagte mir , daß ich diese drei Leute aufs Korn nehmen müsse.
Ich ging an die halb offen gebliebene Thür und hörte, wie einer von ihnen den Postbeamten fragte, ob in der Abends nach Westmoreland abgehenden Diligence noch Platz sei.
Diese Stimme hatte in meinen Ohren einen ganz eigenthümlichen Klang, sie schien mir nicht ganz unbekannt zu seyn. Was in aller Welt konnte dieses fashionable Gaunerkleeblatt in dem Heideland zu thun haben?
Der Flibustier bezahlte drei Plätze bis Kendal und fragte den Postbeamten:
»Wird der Gentleman in Uniform, der so eben hier war, unser Reisegefährte seyn?«
»Ja, meine Herren,« antwortete der Postbeamte, »er
hat sich einschreiben lassen; mich dünkt, er ist in das Kaffehhaus gegangen, dort werden Sie ihn finden, wenn Sie ihn zu sprechen wünschen.«
»Ich danke Ihnen,« erwiederte die Stimme; »guten Morgen, Sir.«
Ich eilte in einen Seitengang, wo ich von den drei Unbekannten nicht bemerkt wurde; oder wenn sie mich bemerkten, hielten sie mich einer Beachtung nicht werth.
Seitdem ich sie bemerkt hatte, hegte ich einen instinctartigen Argwohn, von welchem ich mir keine Rechenschaft zu geben wußte; ich hatte eine Ahnung, diese drei Personen mußten mit dem Abenteuer des jungen Gentleman in Uniform und mit dem tragischen Ereignisse aus Kendal auf irgend eine Weise in Verbindung stehen.
Dies war um so wahrscheinlicher, da ich die Stimme wieder erkannte. Ich erinnerte mich, die Stimme in dem Prozesse gegen Sandfort gehört zu haben, und nach einigem Besinnen erinnerte ich mich eines Angeklagten, der wegen seiner Jugend mit großer Nachsicht behandelt worden war.
Kurz, eine gewisse Ahnung trieb mich an, die drei Dandies zu verfolgen. Das beste Mittel, etwas zu entdecken, war, mich den Touristen anzuschließen und mit ihnen die Fahrt nach Westmoreland zu machen.
Mit diesem Vorsatze begab ich mich ebenfalls in das Postbureau. Es waren noch zwei Plätze im Innern des Eilwagens leer und ich nahm sie für »James Jenkins« und »Josias Barnes«. Dann ging ich wieder in das Kaffeehaus, wo Bristowe noch bei seiner Flasche saß. Er schien sehr zerstreut. Ich schrieb ein Billet und schickte einen Commissionär damit fort.
Ich hatte nun hinlängliche Muße, Gesicht und Benehmen des jungen Gentleman zu studieren, der durch das Zusammentreffen so vieler Umstände eines Raubmordes so dringend verdächtig erschien.
Bristowe hatte ein blasses, sehr junges und einnehmendes Gesicht. Er mochte vierundzwanzig bis fünfundzwanzig Jahre alt seyn. Er war schlank und wohl gebaut, und ungeachtet seiner Ermüdung und nachlässigen Kleidung hatte er das vornehme, ungezwungene Benehmen eines echten Gentleman.
Er war sehr nachdenkend und verstimmt; aber ich suchte bei ihm vergebens die mindesten Symptome jener Unruhe, welche die verstocktesten Verbrecher nicht unterdrücken können, wenn sie nicht sicher zu seyn glauben. Es traten mehre Personen ziemlich rasch und hastig in das Kaffeehaus, ohne daß er von der Zeitung, die er gleichwohl nicht las, nur einen Augenblick aufschaute.
Ich beschloß nun, seine Nerven aus eine schwere Probe zu stellen. Diese Probe konnte ein Mensch, der unlängst einen Mord begangen und einen großen Theil seines Raubes in der englischen Bank zu Geld gemacht hatte, gewiß nicht bestehen. Ich wollte keinen rechtsgültigen Beweis erlangen, sondern nur mit meiner persönlichen Ueberzeugung aufs Reine kommen. Denn ich konnte mich des Gedankens nicht erwehren, der junge Mann sey unschuldig, ungeachtet des sonderbaren Zusammentreffens von Umständen. Vielleicht war er das Opfer eines ruchlosen Verraths von Seiten der wahren Verbrecher, welche den Verdacht von sich ablenken wollten. Es schien mir auch sehr wahrscheinlich, daß die eigentlichen Thäter vertraute Freunde der drei Dandies waren, deren Reisegefährte ich werden sollte.
Meine Pflicht war nicht nur die Entdeckung des Thäters, sondern auch die Ermittlung des Schuldlosen. Ich beschloß daher, der Sache ans den Grund zu kommen und Robert Bristowe der höchst bedenklichen Lage, in der er sich befand, zu entreißen. Ich verließ das Kaffehhaus, blieb einige Minuten draußen stehen, ging rasch und mit einigem Lärm wieder hinein, trat aus den Tisch zu, an welchem er saß, faßte seinen Arm und sagte:
»Ha! endlich finde ich Sie!«
Er sah mich an, aber es war nicht die mindeste Spur von Bestürzung oder Furcht zu bemerken. Sein Gesicht drückte nur Erstaunen und einigen Aerger aus.
»Was wollen Sie von mir, Sir?« fragte er etwas gereizt; »was steht zu Diensten?«
»Entschuldigen Sie,« erwiederte ich, »der Kellner im Gasthofe sagte mir, ein Freund von mir, Namens Bagshawn, sey hier, und ich hielt Sie für diesen Freund.«
»Es hat nichts zu bedeuten, Sir,« antwortete er höflich. »Es ist ein sonderbarer Zufall: ich heiße Bristowe, aber ich habe auf dem Lande einen Onkel, der den von Ihnen genannten Namen führt.«
Ich entschuldigte mich noch einmal, daß ich ihn so vertraulich behandelt. und entfernte mich in der Ueberzeugung, daß ein Mensch, der eine solche Probe bestand, nicht schuldig seyn könne.
In diesem Augenblicke brachte mir der Commissionär die Antwort auf meinen Brief. Die Person, welche ich hatte holen lassen, erwartete mich vor der Thür; es war ein Agent, dem ich den Auftrag gab, Mr. Bristowe bis zu seiner Abreise nicht aus den Augen zu lassen.
Ueber diesen Punkt beruhigt, ging ich nach Hause, um meine Vorbereitungen zur Reise zu treffen.
Nachdem ich mich durch eine blonde Perrücke, einen breitgeränderten Hut und eine grüne Brille unkenntlich gemacht und durch mehre Westen und Shawls in einen sehr beleibten ältlichen Herrn verwandelt hatte, begab ich mich mit Josias Barnes, dem ich zuvor die nöthigen Weisungen über sein Benehmen gegeben, auf das Postamt. Wir traten fünf Minuten vor der Abfahrt des Wagens in den Hof.
Bristowe, der den Platz Nummer Eins hatte, saß schon im Eilwagen.
Ich bemerkte, daß sich die drei Freunde beim Einsteigen neugierig ansahen; sie wollten vermuthlich ihre Reisegesellschaft mustern, ehe sie sich in einen so engen Raum einschlossen, aus welchem in einem entscheidenden Augenblicke so schwer zu entkommen war.
Barnes sah aus wie ein Bauer und auch mein Gesicht schien ihnen volle Beruhigung zu gewähren; sie stiegen daher zuversichtlich und wohlgemuth ein.
Einige Minuten gab das herkömmliche »All right!« (Alles in Ordnung) das Zeichen zur Abfahrt, und der Eilwagen verließ rasselnd den Posthof.
2
Ich habe nie eine schweigsamen und minder interessante Reisegesellschaft gehabt als diese. Jeder Passagier schien seine besonderen Gründe, seine geheimen Ursachen zum Stillschweigen, zur Abgeschlossenheit zu haben. Nur ein paarmal bot sich eine Gelegenheit, mit dem Nachbar einige höfliche aber kalte Worte zu wechseln. Diese Anlässe waren an sich unwichtig; aber in den Augen eines Policemans haben die geringfügigsten Dinge eine Bedeutung und ich merkte mir jeden einigermaßen beachtenswerthen Umstand; unter Anderem, daß die drei Freunde nicht bis Kendal fahren, sondern vor einem Wirthshause an der Landstraße aussteigen wollten.
Auf der nächsten Station stieg ich aus und gab Barnes einen Wink, mir zu folgen.
Kennen Sie das Wirthshaus, wo die drei Herren ausgestiegen sind?« fragte ich ihn.
»Ja wohl,« antwortete Barnes, »es ist zwei Miles von Five Oaks House.«
»So nahe!« erwiederte ich verwundert ; »einer von uns sollte dort einkehren.«
»Es wäre am besten, daß ich ausstiege,« sagte Barnes, »ich kenne die Gegend sehr genau.«
»Das ist wahr,« erwiederte ich; »steigen Sie aus und beobachten Sie die drei Gauner. Ich fahre mit Mr. Bristowe bis Kendal . . . Aber unter welchem Vorwande wollen Sie vor dem Wirthshause aussteigen? Die Andern wissen, daß Sie bis Kendal eingeschrieben sind; solche Leute sind argwöhnisch, und hier muß jeder Argwohn vermieden werden, wenn nicht der ganze Plan vereitelt werden soll.«
»Das ist meine Sorge, « antwortete Barnes; »fürchten Sie nichts.«
»Gut, ich verlasse mich auf Sie, Barnes. Kommen Sie, wir müssen wieder einsteigen, die Pferde sind gewechselt.«
Der Eilwagen fuhr sogleich wieder ab. – Nach einigen Minuten zog Barnes eine große Feldflasche hervor und setzte sie mit großem Behagen an den Mund. Dieser zärtliche Kuß wurde nach einer Viertelstunde und nachher in immer kürzeren Zwischenpausen wiederholt. Der Inhalt der Flasche mochte wohl sehr stark wirken, denn unser Reisegefährte gab bald deutliche Anzeichen eines tüchtigen Rausches zu erkennen. Nach einer Stunde vermochte er kaum noch zu lallen und die Augen aufzuschlagen. Barnes schien einen schlimmen Rausch zu haben, denn er begann so unausstehlich zu zanken und so tolle Dinge zu plaudern, daß ich jeden Augenblick fürchtete, er werde mein Incognito verrathen und unsern Reisegefährten Mißtrauen einflößen. Aber er berührte diese kitzlichen Punkte mit keinem Worte, und als der Eilwagen vor dem bezeichneten Wirthshause anhielt, stolperte er hinaus, wankte im Zickzack in die Gaststube, warf sich auf eine Bank, legte den Kopf aus den Tisch und schwur, er werde um alles Gold der drei Königreiche bis zum andern Morgen nicht von der Stelle gehen.
Vergebens stellte ihm der Conducteur vor, daß er seinen Platz bis Kendal bezahlt habe, vergebens suchte er ihn zum Einsteigen zu bewegen, er mußte endlich den Trunkenbold seinem Schicksal überlassen.
Ich war in der grüßten Verlegenheit; ich dachte mit Entrüstung, wie Barnes im Stande seyn werde, die drei schlauen Gauner zu überwachen. Ich trat auf ihn zu, als die Gaststube eben leer war, und rüttelte ihn.
»Um des Himmels willen, Barnes, was haben Sie gethan und in welche Verlegenheit bringen Sie mich! Sie sind betrunken; was soll ich jetzt anfangen? Ich kann doch nicht zugleich die drei Gauner im Auge behalten und Mr. Bristowe nach Kendal begleiten.«
Aber Barnes, der an meinen Reden wohl merkte, daß wir allein waren, richtete sich rasch auf, sah sich nach allen Seiten um und machte einen Luftsprung.
»Odds-bobs!« rief er frohlockend, »ich hatte Ihnen ja gesagt, daß ich das Kleeblatt anführen würde; ich hatte freilich nicht gedacht, daß Sie auch in die Falle gehen würden.«
In diesem Augenblick ging die Thier aus, und blitzschnell wurde Josias wieder so betrunken, daß es unmöglich war, das Spiel zu durchschauen. Aus dem Theater habe ich nie eine so vollendete Darstellung gesehen; es war leicht zu erkennen, daß Josias in der großen Schule der Natur studirt hatte.
Ich verließ ihn daher vollkommen beruhigt und stieg wieder in den Eilwagen, der auf den Ruf des Conducteurs: All right sogleich in starkem Trabe abfuhr.
Da die drei Industrieritter und Barnes ausgestiegen waren, so befand ich mich mit Bristowe allein im Wagen.
Meine Verkleidung war nun überflüssig geworden und ich legte meine überflüssigen Westen, Shawls und Röcke, meine blonde Perrücke und meine grüne Brille ab. Mit Hilfe eines Packets, das ich in einer Serviette bei mir trug, machte ich vollständig Toilette, und in einigen Minuten war ich zum Erstaunen meines Reisegefährten. Derselbe, der ihn im Postkaffeehause so stürmisch angeredet hatte.
»Beim Himmel!« sagte Bristowe, »Sie sind ein famoser Komödiant, Sir. Erlauben Sie, daß ich Ihnen gratulire und Sie um Erklärung der Ursache dieser Umwandlung ersuche.«
»Ach, Sir!« antwortete ich. »ich fürchte, daß Sie diese Erklärung nicht sehr erbaulich finden werden.«
»Wie so?« fragte er, »was habe ich denn mit Ihrer Erklärung zu thun?«
Ich erklärte ihm mit möglichster Schonung die furchtbare Lage, in der er sich befand.
Er war mehr erstaunt als erschrocken. Er versicherte, von dem entsetzlichen Vorfall, der im Hause seines Oheims stattgefunden, kein Wort gehört zu haben. Aber ungeachtet des tiefen Eindrucks, den eine solche Nachricht auf ihn machen mußte, gab er weder durch Wort noch Geberde die mindeste Befangenheit zu erkennen.
»Ich bin weit entfernt, Mr. Bristowe, Ihre Geheimnisse enträthseln zu wollen,« sagte ich nach einer langen Pause; »aber Sie werden einsehen, daß Sie sich in einer sehr gefährlichen Lage befinden, wenn die Umstände, die ich Ihnen erzählt habe, vor Gericht nicht genügend aufgeklärt werden.«
»Sie haben Recht,« erwiederte er, »ich sehe, daß ich in eine gefährliche Schlinge gerathen bin. Aber ich bin schuldlos und zweifle nicht, daß sich früher oder später ein Mittel finden finden wird, meine Schuldlosigkeit zu beweisen.«
Er wurde wieder so schweigsam wie vorher, und wir Beide sprachen kein Wort mehr, bis der Eilwagen, meiner Weisung gemäß, vor dem Gefängniß zu Kendal anhielt.
Bei dem Anblick der düstern, verschlossenen Thür, der vergitterten Fenster, der vor dem Gebäude auf- und abgehenden Schildwache erschrak Bristowe und wechselte die Farbe; aber er gewann sogleich seine Fassung wieder und sagte ganz gelassen:
»Ich zürne Ihnen nicht, Sir, Sie thun Ihre Pflicht.
Auch ich werde meine Pflicht thun, und mein Geschick einer gerechten, allwissenden Vorsehung anvertrauen.«
Wir traten in das Gefangenenhaus. Hier wurde der Arrestant und sein Gepäck mit möglichster Schonung durchsucht.
Zu meinem größten Erstaunen, ich möchte fast sagen zu meinem Schrecken, fanden wir in seiner Börse ein spanisches Goldstück und in dem Futter seines Reisesackes ein mit Diamanten besetztes Kreuz. Ich wußte auf den der Polizei zugeschickten Notizen, daß die Goldmünzen von spanischem Gepräge waren und daß sich unter den in Five Oaks House gestohlenen Sachen ein mit Diamanten besetztes Kreuz befand.
Der Gefangene betheuerte, er wisse nicht, wie diese beiden Gegenstände in seinen Besitz gekommen seyen. Diese Versicherungen wurden von dem Gefangenwärter mit spöttischem Lächeln beantwortet. Ich sagte ebenfalls kein Wort: ich war im ersten Augenblicke zu bestürzt über die Täuschung, der ich mich hingegeben, als ich sein unbefangenes, heiteres Benehmen gesehen hatte.
Der Gefangenwärter beschränkte sich keineswegs auf jenes höhnische Lächeln.
»Ganz gewiß,«t spottete er, »haben Sie geschlafen, während das Goldstück in Ihre Tasche und das Diamantenkreuz in Ihren Reisesack gekommen ist.
»Ja, ja,« sagte ich, an meine Stirn schlagend, »so muß es seyn; ich hatte nicht daran gedacht, es kann nur geschehen seyn, während Sie geschlafen haben.«
Der Gefangenwärter sah mich erstaunt an; aber ich hatte das Haus verlassen, ehe er Zeit hatte, eine Erklärung meiner Worte zu verlangen.
Am andern Morgen war der Gerichtssaal mit Zuhörern überfüllt; denn es hatte sich schnell die Nachricht verbreitet, daß der Angeklagte verhört werden sollte. Viele Gerichtspersonen und Beamte, die nichts dabei zu thun hatten, saßen auf der Richterbank; denn der Prozeß hatte wegen der Stellung des Gefangenen und der räthselhaften Umstände, welche das Verbrechen umgaben, unter den Einwohnern der Stadt und Umgegend ungemeines Aufsehen gemacht.
Das Benehmen des Angeklagten war befangen, aber ruhig und gefaßt. In seinem festen. entschlossenen Blick glaubte ich auch jenes Selbstbewußtsein zu erkennen, welches der Verbrecher nie mit Erfolg zur Schau trügt. «
Nach Vernehmung einiger minder wichtigen Zeugen wurde der Knecht des Fischhändlers vorgerufen und gefragt, ob er die Person. die er zu Five Oaks am Tage vor dem Raubmorde gesehen, wiedererkennen werde.
Der Zeuge, der voraussetzte, es könne damit nur der Gefangene gemeint seyn, sah ihn wohl einige Minuten schweigend an; endlich sagte er:
»Ich sah den jungen Gentleman vor dem Camin stehen; er hatte seine Lagermütze auf dem Kopfe. Ehe ich rede, wünschte ich den Angeklagten mit der Mütze zu sehen.«
Bristowe setzte sogleich seine Mütze auf und der Zeuge rief:
»Ja, er ist’s! Es ist derselbe, den ich zu Five Oaks House gesehen habe.«
Der Advocat Carven nahm als Vertreter Bagshawn’s das Wort und gab den Richtern zu bedenken, daß sich diese Aussage im Grunde nur auf eine Militärmütze und überhaupt auf einen Anzug beziehe. Der Zeuge gestehe ja, daß er nicht das Gesicht. sondern nur die Kleidung der betreffenden Person gesehen.
Der Präsident ließ die Bemerkung des Advocaten keineswegs unbeachtet. wies aber auch die Aussage des Zeugen nicht zurück, um sie mit anderen Aussagen zusammenzustellen. Mehre Zeugen versicherten überdies, am Morgen vor dem Raubmorde von der unglücklichen Sara King gehört zu haben, daß der Neffe ihres Herrn angekommen sey.
Bristowe nahm nun das Wort. Er gab zu bedenken, Sara Kinn habe gar nicht lange bei seinem Onkel gedient; sie sey in dessen Haus gekommen, während er, Bristowe, in Indien gewesen sey. Sie könne ihn daher nicht gekannt haben, und er selbst habe sie nie gesehen. Höchst wahrscheinlich sey daher ein Anderer unter seinem Namen erschienen, und dieser Andere müsse den Raubmord begangen haben.
Der Präsident antwortete, alle diese Bemerkungen würden seiner Zeit den Geschworenen vorgelegt werden; aber in der Voruntersuchung könne man diesen Einwendungen nur eine bedingte Wichtigkeit beilegen, denn es sey hier nur zu entscheiden, ob der Gefangene in Anklagestand zu setzen sey, oder nicht.
Der nächste Zeuge war ein Polizeibeamten der die ersten Nachsuchungen gehalten hatte. Dieser Beamte hatte zu Five Oaks Hause das Stück des von Bagshawn an seinen Neffen geschriebenen Briefes gefunden.
Bagshawn wurde vorgeladen, denn der Gerichtshof wünschte zu wissen, ob er die auf dem Stück Papier befindliche Handschrift als die seinige anerkenne.
Der Gefangene vernahm diesen Beschluß mit tiefster Bewegung, als er bis dahin gezeigt hatte. Er stand auf und bat dringend , man möge seinem Oheim und ihm den Schmerz ersparen, sich nach mehrjähriger Trennung unter so erschütternden Umständen zum ersten Male wieder zu sehen.
Aber der Präsident antwortete mit dem Tone des Bedauerns:
»Es ist nicht möglich, Mr. Bristowe, in Ihrer Abwesenheit einen Zeugen zu verhören. Fassen Sie daher Muth, die Aussage Ihres Oheims wird einfach Ja oder Nein lauten, sie wird daher so kurz wie möglich seyn, aber sie ist durchaus nothwendig.«
»So verhindern Sie wenigstens, Mr. Carven,« sagte der Gefangene zu dem Anwalt seines Oheims mit einer Aufregung, die er nicht mehr zu bezwingen vermochte, »verhindern Sie wenigstens, daß meine Schwester nicht mitkomme; ich würde es nicht ertragen!«
Man beruhigte ihn durch das Versprechen, daß seine Schwester nicht vorgeladen werden solle.
Das junge Mädchen war vor Schrecken und Unruhe krank geworden.
Die Thür ging auf, und die zahlreiche Versammlung erwartete in ängstlicher Spannung das Erscheinen des neuen Zeugen.
Bagshawn trat bald darauf ein. Er war ein siebzigjähriger Greis mit weißem Haar; seine Gestalt war durch das Alter, aber noch mehr durch den Schmerz gebeugt; seine Augen waren gesenkt. und sein Gang verrieth die größte Niedergeschlagenheit.
»Onkel! lieber Onkel!« rief der Gefangene, auf ihn zu eilend
Der alte Mann blickte aus und sah seinem Neffen scharf in das klare, feurige Auge. Gewiß glaubte er in diesem Auge eine vollständige Widerlegung der gegen den jungen Mann gerichteten Anklage zu lesen, denn er breitete die Arme aus und sank weinend an seine Brust.
»Verzeihe mir, Robert,« sagte er schluchzend, »o verzeihe mir, daß ich an Dir gezweifelt! Deine Schwester hat nie den leisesten Argwohn gehabt.«
Eine lange, tiefe Stille folgte; endlich trat der Gerichtsdiener auf einen Wink des Präsidenten vor, berührte den Arm des alten Mannes und erinnerte ihn, an welchem Orte er sich befinde.
»Ja, ja,« sagte der Greis, indem er schnell seine Thränen trocknete und sich gegen den Gerichtshof wandte. »Entschuldigen Sie, meine Herren, es ist mein Neffe . . . der Sohn einer Schwester, die mir sehr theuer war.«
Dabei sah er die Richter mit einem bittenden Blick an.
»Mein Neffe,« fuhr er fort, »war bis zu seinem zwanzigsten Jahre bei mir . . . und nun finde ich ihn hier . . . einer Handlung angeklagt, deren er nicht fähig ist. Sie werden mich gewiß entschuldigen, meine Herren.«
»Es bedarf keiner Entschuldigung, Mr. Bagshawn,« antwortete der Präsident mit Wohlwollen ; »aber unsere Pflicht zwingt uns diese unglückliche Angelegenheit weiter zu verfolgen.«
Dann befahl er dem Gerichtsdiener, dem Zeugen das in Five Oaks aufgefundene Brieffragment vorzuweisen.
»Jetzt sagen Sie uns,« fuhr der Präsident fort, »ob dies ein Stück des Briefes ist, den Sie an Ihren Neffen geschrieben haben, um ihm anzuzeigen, daß Sara King Befehl erhalten, Sie zu empfangen, und daß sich die für den Ankauf des Gutes Ruland bestimmte Geldsumme zu Five Oaks befinde.«
»Ja, meine Herren,« antwortete der Zeuge, es ist meine Handschrift.«
Die Reihe kam nun an mich.
»Jetzt,« sagte der Schriftführer, sich zu mir wendend, belieben Sie die in Ihren Händen befindlichen Beweisstücke vorzulegen.«
Ich legte das spanische Goldstück und das diamantene Kreuz aus den Tisch.
»Herr Bagshawn,« sagte der Präsident, »belieben Sie dieses Goldstück und dieses Kreuz genau anzusehen.«
Der Greis trat vor, betrachtete die beiden Gegenstände sehr aufmerksam.
»Antworten Sie bei Ihrem Eide, fuhr der Präsident fort, »erkennen Sie diese beiden Gegenstände als Ihr Eigenthum?«
Der alte Gentleman betrachtete das Goldstück und das Diamantenkreuz von allen Seiten ; seine Hände zitterten und sein unschlüssiger Blick befragte seinen Neffen, ehe er die Frage beantwortete.
»Mr. Bagshawn,« sagte der Schriftführer, »Sie müssen Ja oder Nein antworten.«
»O! antworten Sie, Onkel! antworten Sie,« sagte der Angeklagte gelassen. »Sagen Sie die Wahrheit und fürchten Sie nichts. Mit Gottes Hilfe werde ich dem Netz entrinnen, in welches ich verstrickt bin.«
»Das gebe der Himmel,« sagte der Greis. »Gott wird Dir helfen, Robert, denn Du bist schuldlos. Ja, meine Herren, dieses Goldstück und dieses Kreuz gehören zu den aus meinem Hause geraubten Gegenständen.«
Ein leises, tiefes Aechzem das den Gerichtssaal durchbebte, bewies die innige Theilnahme aller Anwesenden.
Auf die Frage des Präsidenten erklärte ich, wie ich die Gegenstände, welche eben die Aufmerksamkeit des Gerichtshofes in Anspruch nahmen, gefunden hatte.
Als ich meine Aussage zu Protokoll gegeben, beriethen sich die Richter einige Minuten; dann wandte sich der Präsident zu dem Angeklagten mit den Worten:
»Ich habe Ihnen mit Bedauern anzuzeigen, daß der Gerichtshof genügende Beweise gegen Sie zu haben glaubt, um Sie in Anklagestand zu setzen, und folglich ins Gefängniß zurückzuschicken . . . Es ist unsere Pflicht alles anzuhören, was Sie zu Ihrer Vertheidigung zu sagen haben; aber Ihr Vertheidiger wird Ihnen vielleicht rathen, Alles dies einem andern Gerichtshofe vorzutragen, hier würde es Ihnen nichts nützen.«
Der Advocat Carven trat dieser Meinung bei; aber der Gefangene erklärte nachdrücklich, daß er die gegen ihn erhobene Anklage nicht durch sein Stillschweigen gutheißen werde.
»Ich habe nichts zurückzuhalten, nichts zu verschweigen!« sagte er kalt und mit Nachdruck, »ich habe nichts zu verbergen, ich will meine Freisprechung von dieser niederen Beschuldigung nicht den Spitzfindigkeiten der Advocaten verdanken. Wenn ich aus dieser Untersuchung nicht mit einem reinen makellosen Namen hervorgehen kann, so will ich lieber untergehen. Die Thatsachen, welche ich dem Gerichtshofe vorzulegen habe, sind folgende:
»Am Abende des Tages, wo ich den Brief von meinem Oheim erhielt, war ich im Drurylane-Theater, wo ich einen Sperrsitz im Parterre nahm. Nach dem Theater ging ich in ein Kaffehhaus, um eine Schale Eis zu nehmen. Als ich gegen ein Uhr Nachts wieder in den Gasthof kam, bemerkte ich beim Auskleiden, daß man mir meine Brieftasche, welche nicht nur den erwähnten Brief, von welchem hier ein Fragment liegt und eine bedeutende Summe in Banknoten, sondern auch sehr wichtige Papiere enthielt, gestohlen hatte. Es war zu spät, um sogleich die Anzeige bei der Polizei zu machen, ich mußte daher bis zum andern Morgen warten. Als ich mich ankleidete, um fortzugehen, meldete man mir, es wünsche mich Jemand in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen. Ich ließ den Unbekannten hereinkommen. Er stellte sich mir als einen Agenten der Sicherheitsbehörde vor und sagte, die Polizei wisse schon um den Diebstahl, den ein Mitschuldiger verrathen habe, und wenn ich einige Hoffnung behalten wolle, mein Eigenthum wieder zu bekommen, so müsse ich dem mit Nachforschungen beauftragten Agenten sogleich folgen.
»Wir verließen mit einander den Gasthof, und nachdem wir uns den ganzen Tag in vielen engen Gassen umhergetrieben und viele verdächtig aussehende Orte besucht hatten, meldete mir mein Begleiter nach kurzem Aufenthalte in einem Hause, wo ein Polizeicommissär wohnen sollte, das mir gestohlene Geld sey bereits von London weg in das westliche England gebracht worden. Die Diebe beabsichtigten wahrscheinlich, die Banknoten in einer großen Stadt gegen Gold einzuwechseln, ehe die Nachricht von dem Diebstahl verbreitet werde. Man müsse die Verbrecher ohne den mindesten Zeitverlust verfolgen.
»Ich wollte mich wieder in den Gasthof begeben, um die Kleider zu wechseln, denn ich war leicht gekleidet, und eine Nachtreise erforderte wärmere Kleidung. Aber der angebliche Polizeiagent wollte es nicht zugeben, er versicherte, der Eilwagen werde sogleich abfahren. Er gab mir aus seinem eigenen Kleiderschrank einen Policemanmantel und eine Pelzmütze.
»Wir kamen nach Bristol, wo ich zwei Tage mit fruchtlosen Nachforschungen verlor. Endlich verschwand mein Begleiter, und ich sah ein, daß ich aller Wahrscheinlichkeit nach von einem der Diebe gefoppt worden war. Ich kehrte daher so schnell als möglich nach London zurück.
»Eine Stunde nach meiner Ankunft begab ich mich auf das Polizeiamt. machte die Anzeige des Diebstahls und nahm gleich darauf eine Fahrkarte nach Kendal. Dies ist Alles was ich zu sagen habe.«
Leider machte diese an sich ziemlich unwahrscheinliche Geschichte sowohl aus die Richter als auf die Zuhörer einen mehr ungünstigen als guten Eindruck. Ich war vielleicht der Einzige, der an der Wahrheit dieser Aussage nicht zweifelte. Die Geschichte war für einen Roman nicht sinnreich genug.
»Wenn diese sonderbare Geschichte wirklich wahr ist, Mr. Bristowe,« sagte der Schriftführer, »so wird es Ihnen sehr leicht seyn, ein Alibi nachzuweisen.«
»Das war mein erster Gedanke, weil es der einzige Beweis ist, mit welchem ich die Anklage entkräftigen kann,« antwortete der Gefangene gelassen; »aber als ich mich erinnerte, in welchen entlegenen Stadttheilen von London ich umhergeführt wurde, als ich mich in Mantel und Pelzmütze sah, gab ich diesen Gedanken sogleich auf, denn ich fürchte, daß es mir nicht möglich seyn wird, meine Identität zu beweisen.«
»Die Sache ist um so weniger zu bedauern,« entgegnete der Schriftführer mit dem ironischen Tone, der den unteren Justizbeamten eigen zu seyn pflegt, »da der Besitz dieser Goldstücke und dieses Diamantenkreuzes eine andere eben so wahrscheinliche, obschon ganz verschiedene Geschichte erfordert.«
Der Gefangene gab durch Achselzucken zu erkennen, daß er nicht im Stande sey, eine befriedigende Antwort zu geben, und erwiederte mit derselben Ruhe:
»In der That, Sir, diesen Umstand weiß ich nicht zu erklären.«
Hier war das Verhör des Angeklagten zu Ende, und es wurde Befehl gegeben, Robert Bristowe wieder ins Gefängniß zu führen und als Raubmörder in Anklagestand zu setzen.
In diesem Augenblick wurde mir ein Billet zugesteckt. Unter dem fast unleserlichen Gekritzel stand der Name Barnes.
Sobald ich die wenigen Zeilen gelesen hatte. wandte ich mich an den Gerichtshof und bat um Aufschub bis zum folgenden Tage, mit dem Versprechen. einen höchst wichtigen Zeugen zu stellen, dessen Aussage in dem Protokoll der Voruntersuchung nicht fehlen dürfe.
Diese Bitte wurde mir natürlich gewährt; der Angeklagte wurde aus den folgenden Tag verwiesen, und der Gerichtshof trennte sich.
3
Als ich Bristowe bis zu dem vor der Thür haltenden Wagen, der ihn wieder ins Gefängniß bringen sollte, begleitete, konnte ich mich nicht enthalten, ihm zu zuflüstern:
»Fassen Sie Muth, und glauben Sie mir, wir werden das ganze Räthsel lösen.«
Er warf mir einen flüchtigen fragenden Blick zu, drückte mir herzlich die Hand und stieg ohne eine Wort zu antworten in den Wagen.
Ich schaute ihm nach; als er hinter der Straßenecke verschwunden war, dachte ich an das von Barnes erhaltene Billet und eilte in den Gasthof, wo er mich erwartete.
Er war allein in dem Zimmer, dessen Nummer er mit angegeben hatte. Ich Verschloß sorgfältig die Thür, und nachdem ich mich überzeugt hatte, daß wir nicht belauscht wurden, sagte ich:
»Nun, Barnes, was haben Sie entdeckt?«
»Ich habe entdeckt,« erwiederte er, »daß der Mörder der armen Sara King in dein Wirthshause ist, wo Sie mich gestern verlassen haben.«
»Ich dachte es wohl, nachdem ich Ihr Billet gelesen hatte. Aber welche Beweise können Sie für diese Behauptung beibringen?«
»Hören Sie nur: Die drei Reisenden , auf meinen scheinbaren Rausch vertrauend, sprachen in meiner Gegenwart einige Worte, die mich überzeugten, daß sie nicht nur die Thäter sind, sondern daß sie hierher gekommen sind, um das in einem nahen Walde versteckte Silberzeug zu holen. In dieser Nacht wollen sie es holen.«
Weiter! Haben Sie sonst noch etwas ermittelt?«
»Ja; Sie wissen, daß ich ein ziemlich guter Bauchredner bin und daß ich eine Zeit lang in dieser Eigenschaft und als Komödiant mein Brot verdient habe. Es bot sieh eine gute Gelegenheit von meinem Talente Gebrauch zu machen. Der jüngste der drei Schurken, derselbe, der neben Mr. Bristowe saß und sich am Abend des zweiten Tages auf das Dach des Eilwagens setzte, weil es ihm zu heiß wurde. . . «
Ich fiel Barnes ins Wort:
»Ja, richtig! ich erinnere mich. Wie einfältig war ich doch, daß ich diesen Umstand vergessen hatte! Doch fahren Sie fort.«
»Wir waren allein in der Gaststube. Es sind etwa drei Stunden. Sie können leicht denken, daß mein Rausch noch nicht verraucht war; ich war noch total betrunken. Der Schurke, mit welchem ich ein Experiment machen wollte, hörte auf einmal, obschon er am andern Ende der Stube war, die Stimme der armen Sara King . . . Diese Stimme hatte ich scherzweise oft nachgeahmt; sie rief ihm ins Ohr: »Wer ist da in dem Silberzimmer?« Wenn Sie wüßten, mein lieber Herr, von welchem Entsetzen er ergriffen wurde und wie er zitterte und wie scheu er sich in der Stube umsah! Sie würden dann nicht mehr im mindesten gezweifelt haben, wer die Thäter sind.«
»Dies beweist mir, lieber Barnes, daß Sie ein trefflicher Bauchredner sind; aber es ist nicht genügend, um einen gesetzlichen Beweis zu führen. Indeß können wir aus diesem Umstande vielleicht Nutzen ziehen. Ist der Mensch, an welchem Sie Ihre Kunst probirt haben, nicht schlank und blond und etwa so groß wie Mr. Bristowe?«
»Ja.«
»Nun, es ist vielleicht etwas zu machen. Begeben Sie sich sogleich wieder auf Ihren Posten. Diesen Abend werde ich mit Ihnen wieder zusammentreffen.«
Barnes ging fort.
Um mein Versprechen zu halten, oder vielmehr um meinen Plan auszuführen. begab ich mich frühzeitig in das Wirthshaus an der Landstraße, welches den Namen »Talbot Tavern« führte, und nahm in der Gaststube Platz.
Die drei Gauner waren da, Barnes ebenfalls. Ich ging gerade auf die Gruppe zu.
»Ist dieser Mann immer noch taub?« fragte ich, auf Barnes deutend.
»Er hat seit gestern immer auf der Bank gelegen und getrunken und geschnarcht. Diesen Nachmittag taumelte er hinaus, vermuthlich um zu Bett zu gehen; aber er scheint nicht gut geschlafen zu haben.«
Ich zuckte die Achseln und setzte mich in meinen Winkel.
Sobald sich eine Gelegenheit darbot, mit Barnes unter vier Augen zu reden, fragte ich ihn, was die drei Abenteurer gethan.
Einer von ihnen hatte sich entfernt, um nach Kendal zu gehen; er war mit einem einspännigen Wagen zurückgekommen. Alle Drei wollten in einer Stunde fort, unter dem Vorwande, in einer vierzehn Miles entfernten Stadt übernachten zu wollen. .
Ich entwarf sogleich meinen Plan. Ich ging wieder in die Gaststube, aus der ich mich entfernt hatte, um mit Barnes zu sprechen. Der Zufall war uns außerordentlich günstig. Der große blonde junge Mensch, an welchem Barnes seine Bauchrednerkunst versucht hatte, stand allein am Ofen und las eine Zeitung. Er war, wie schon erwähnt, ein alter Bekannter von mir, und wir waren schon in der Sandfort’schen Angelegenheit mit einander in Berührung gekommen.
Ich trat auf ihn zu.
»Dick Staples,« sagte ich zu ihm, »ich habe Ihnen ein Wort im Vertrauen zu sagen. Kommen Sie ins Nebenzimmer.«
Ich sprach mit meiner natürlichen Stimme und hob zugleich meine Perrücke auf , um mich zu erkennen zu geben. Er erkannte mich wirklich. und zwar als einen hochgestellten Agenten der Sicherheitsbehörde. Er war ganz bestürzt, der Schrecken wirkte auf ihn wie ein elektrischer Schlag und er begann heftig zu zittern, denn er sah wohl ein, daß Alles entdeckt war.
Seine beiden Genossen spielten Piqnet, um die Zeit zu vertreiben; sie beobachteten uns nicht.
»Kommen Sie,« flüsterte ich ihm zu, »es ist kein Augenblick zu verlieren, lieber Staples, wenn Sie Ihr Leben retten wollen.«
»Reden Sie,« antwortete er, »was soll ich thun?«
»Mir folgen und die Wahrheit sagen-.
Er gehorchte.
Ich führte ihn in das Nebenzimmer, verschloß die Thür, zog eine Pistole aus der Tasche und hielt sie ihm auf die Brust.
»Sie sehen, lieber Staples,« sagte ich, »daß die Komödie zu Ende ist. Ich stand hinter den Coulissen und habe Alles gesehen. Sie haben Mr. Bristowe im Drurylane-Theater die Brieftasche gestohlen. In dieser Brieftasche haben Sie den Brief seines Oheims gefunden, und nicht zufrieden mit den sechshundert Pfund Sterling, die sich darin befanden, faßten Sie den Entschluß, auch die viertausend Pfund Sterling, von denen in dem Briefe die Rede war, zu stehlen. Sie kleineren sich gerade so wie der junge Gentleman, begaben sich unter seinem Namen nach Five Oaks Hause und zeigten der Sara King den Brief seines Oheims vor. Man hielt Sie natürlich für den Neffen und nahm keinen Anstand Sie zu empfangen. Sie zeigten sich den Lieferanten absichtlich in seinem Anzuge, kehrten denselben aber den Rücken zu, um nur Ihre Gestalt, aber nicht Ihr Gesicht zu zeigen. Bei Einbruch der Nacht haben Sie Sara King ermordet und Ihren Spießgesellen die Thür geöffnet.«
»Nein! Nein!« betheuerte Staples , »ich habe sie nicht ermordet , das schwöre ich Ihnen. William hat es gethan.«
»Ja; aber Sie waren anwesend, als sie niedergestoßen wurde, und Sie wissen, daß dies in den Augen des Criminalgerichts keinen Unterschied machte.
Staples seufzte tief.
»Und auf der Reise von London nach Kendal,« fuhr ich fort, »haben Sie dem jungen Gentleman ein spanisches Goldstück in die Tasche geschoben; dann setzten Sie sich, angeblich um frische Luft zu schöpfen. oben auf den Eilwagen und steckten das Diamantenkreuz in das Futter seines Reisesackes.«
»Ja, das ist wahr,« sagte Staples, dem der Schrecken fast die Besinnung geraubt hatte.
Er sank auf einen Stuhl.
»Was soll ich jetzt thun,« stammelte er, »um mein Leben zu retten? Reden Sie.«
»Vor Allem stehen Sie auf und hören Sie mich an, wenn Sie nicht der wirkliche Mörder sind . . .«
»Nein, ich bin’s nicht! Bei meiner Seele. ich bin’s nicht!«
»Gut, wenn Sie es nicht sind, so werden Sie wahrscheinlich als Zeuge vor Gericht zugelassen werden.«
»Wirklich! Können Sie mir das versprechen?«
»Nein, Staples, versprechen kann ich’s nicht, ich kann nur sagen: vielleicht.«
»Gut, ich bin mit Allem zufrieden, was Sie thun.«
»Jetzt sagen Sie mir, wo das geraubte Silberzeug versteckt ist und wann es geholt werden soll.«
»Die beiden Andern werden sich sogleich in den von Kendal gehalten Einspänner setzen. Das Silberzeug ist links von der Straße im Gebüsch versteckt. Ich soll hier bleiben, um Wache zu halten ; sobald sich etwas Verdächtiges zeigt, soll ich zwei brennende Kerzen in das Fenster unseres Schlafzimmers stellen. Wenn hingegen Alles gut geht, soll ich auf der Landstraße am nächsten Kreuzwege mit ihnen zusammentreffen.«
»Es ist gut. Gehen Sie wieder in die Gaststube; ich folge Ihnen. Aber merken Sie wohl, Staples, ich lasse Sie nicht ans den Augen, und sobald Sie mich nur durch einen Wink verrathen, schieße ich Sie nieder wie einen Hund.«
Staples ging wieder in die Gaststube; ich folgte ihm auf dem Fuße.
Unsere Abwesenheit war ganz unbeachtet geblieben.
Zehn Minuten nachher fuhren die beiden Raubmörder in dem Einspänner ab. Ich ging ihnen, von Barnes und Staples begleitet, leise und vorsichtig nach. Um völlig sicher zu seyn, hatte ich Staples Handschellen angelegt und ihm den Stallknecht als Hüter gegeben.
Die Nacht war sehr finster; das Rasseln des Wagens auf dem harten Boden war lauter als unsere Fußtritte. Endlich hielt der Einspänner an, die beiden Banditen stiegen ab, holten schnell das Silberzeug aus dem Gebüsch und legten es in den Wagen.
Wir schlichen vorsichtig näher und befanden uns bald auf zwanzig Schritte von der Stelle, wo das Silberzeug vergraben war.
»Lege die Sachen in den Wagen,« sagte der eine Bandit zum andern, »ich will sie Dir reichen.«
Sein Begleiter gehorchte.
»Warte,« sagte der Erste, »ich glaube Dir gesagt zu haben . . .«
»Daß Ihr endlich ertappt seyd!« fiel ich ihm ins Wort und warf ihn rücklings zu Boden.
»Was gibt’s?« fragte der am Wagen stehende Bandit.
»Das will ich Dir sagen,« erwiederte Barnes; »wenn Du eine Bewegung machst, wenn Du Miene machst zu entfliehen, so jage ich Dir eine Kugel durch den Kopf.«
Das Erstaunen, der Schrecken der beiden Banditen war so groß. daß sie weder an Widerstand, noch an Flucht dachten.
Wir legten ihnen sogleich Handschellen an und nahmen ihnen alle Waffen ab, die sie bei sich führten. Der Rest des Silberzeugs wurde in den Wagen gelegt und wir begaben uns nach Feudal. Um elf Uhr Abends waren alle Drei im Gefängniß.
Diese Nachricht verbreitete sich mit Blitzesschnelle Robert Bristowe wurde natürlich der Gegenstand allgemeiner Theilnahme und schon am frühen Morgen wurde ich von allen Seiten mit Glückwünschen und Lobsprüchen überschüttet.
Aber mein süßester Lohn war der warme Händedruck, die leidenschaftliche Umarmung des Greises, der in mir den Retter seines Neffen erblickte. Er eilte in aller Frühe zu mir, um sich von der Wahrheit der so schnell verbreiteten Nachricht zu überzeugen und alle Segnungen des Himmels auf mich herabzurufen.
Es gibt Augenblicke des Glücks in jedem Wirkungskreise, sogar in dem Leben eines Policeman.
Robert Bristowe wurde noch an demselben Vormittage auf freien Fuß gesetzt. Staples wurde bei der Gerichtsverhandlung als Zeuge zugelassen. Williams, der wirkliche Mörder, wurde gehängt, der Andere zur Deportation verurtheilt. Ein Theil der gestohlenen Geldsummen wurde aufgefunden und den rechtmäßigen Eigenthümern zurückgegeben. Der Gauner endlich, der um die Ausübung des Verbrechens zu erleichtern, Robert Bristowe nach Bristol gelockt hatte, wurde wegen einer andern Betrügerei verhaftet und als Helfershelfer der Raubmörder zur Deportation nach Neuholland verurtheilt.
III.
Der Wahnsinnige
1
Als ich im Jahre 1831 nach London kam, miethete ich in Mile End Road, unweit der Barriere, bei einem gewissen Benshawe eine Wohnung.
Zur Wahl dieser Wohnung bestimmten mich zwei Gründe: die Reinlichkeit des Hauses und meine Bekanntschaft mit Mr. Arley, dem Oheim meines Wirthes. Oheim und Neffe hatten nemlich in Yorkshire gewohnt, wo ich seit zehn bis zwölf Jahren meinen bleibenden Aufenthalt gehabt hatte. Den Neffen hatte ich zwar nie gesehen, aber oft von ihm gehört, zumal bei Gelegenheit eines tragischen Ereignisses, welches sein früheres Leben mit Trauer erfüllt hatte. Ein unglückliches Liebesverhältniß hatte nemlich seinen Geist dergestalt erschüttert, daß er einige Monate im Irrenhause zugebracht hatte. Er war mit einem ärztlichen Zeugniß entlassen worden ; aber einige seiner Bekannten glaubten, er sey nie wieder in den vollen Besitz seiner Geisteskräfte gekommen.
Aber erst einige Zeit nachdem ich mit meiner Frau die Wohnung in Benshawe’s Hause bezogen hatte, begannen wir diese Ansicht zu theilen, und gleichwohl wäre es uns schwer geworden, diese Meinung durch überzeugende Beweise zu rechtfertigen. Henry Benshawe war ungemein sanft und gutmüthig; Mancher würde seine Herzensgüte für Einfalt oder Blödsinn gehalten haben, und gleichwohl wußte er ein ganz vernünftiges Gespräch zu führen und fein Lebenswandel war tadellos. Nur ein gewisser Trübsinn war an ihm zu bemerken, und wenn ihm auch das Gespräch mit Personen, denen er zugethan war, zuweilen ein Lächeln entlockte, so war doch leicht zu erkennen, daß dieser leichte Anflug von Heiterkeit nicht aus dem Herzen kam. Wer einige Zeit mit ihm umgegangen war, konnte wohl erkennen, daß seine Herzenswunde wohl vernarbt, der giftige Stachel aber unter der Narbe stecken geblieben war.
Niemand kannte freilich den Todespfeil, den die Hand der Zeit nicht herauszuziehen vermochte. Vielleicht war es die Reue, wer konnte es wissen?
Ein hübsches, gut gemaltes Porträt, welches in seinem Salon hing, gab übrigens zu verstehen, wodurch er die Ruhe seines Herzens verloren hatte. Es war das Porträt eines etwa achtzehnjährigen schönen Mädchens mit sanften blauen Augen, aber ernsten, fast traurigen Gesichtszügen, wie gewöhnlich bei zarten, einem frühen Tode geweihten Wesen.
Eine am Rahmen befestigte Inschrift erzählte in kurzen Worten die ganze Geschichte des armen Mädchens. Sie lautete folgendermaßen:
»Laura Hargrave, geboren 1804, ertrunken 1821.«
Dieses Porträt sprach übrigens als stumme Erinnerung an vergangene Zeiten vielleicht eine Sprache, die nur seinem Eigenthümer bekannt war ; aber nie entschlüpfte ihm die leiseste Anspielung auf die in der Inschrift angedeutete erschütternde Begebenheit, obschon sich unser tägliches Gespräch immer um Auftritte und Ereignisse drehte, deren Zeugen wir zu verschiedenen Zeiten in Yorkshire gewesen waren. Mitten in diesen Gesprächen bemerkte ich zuweilen kleine Zerstreuungen. die vielleicht von Andern nicht bemerkt worden wären, meiner Beobachtung aber nicht entgingen und für mich ein Beweis waren, daß das verzehrende Feuer des Wahnsinns, welches in seinem Gehirn noch nicht völlig erloschen war, noch unter der Hülle des klaren Verstandes glühte. Zum Unglück traten bald nach meiner Ankunft in der Hauptstadt gewisse Verhältnisse ein, welche diese fast erloschenen Funken wieder anfachten und in eine verzehrende Flamme verwandelten.
Henry Benshawe war ziemlich wohlhabend; seine liegenden Gründe allein trugen ihm etwa vierhundert Pfund Sterling ein, und dieses Einkommen war mehr als hinreichend für ihn, denn seine Lebensweise war sehr einfach, fast kärglich. Er war immer sehr nett, fast elegant gekleidet; aber trotz dieser fashionablen Außenseite hielt er keine Dienerschaft; eine Aufwärterin kam täglich zu gewissen Stunden, um sein Zimmer zu reinigen und andere häusliche Geschäfte zu besorgen. Er pflegte sehr einfach im Gasthause zu speisen. Sein ganzes Haus war vermiethet, er selbst hatte nur einen Salon und ein Schlafzimmer für sich behalten. Unter den Hausbewohnern war eine Familie, welche eine ganz besondere Erwähnung verdient.
Diese Familie bestand aus dem Manne, der Frau und einem vier- bis fünfjährigen Knaben. Der kaum siebenundzwanzigjährige Mann, Namens Irwin, war blaß und kränklich; er welkte an der Lungenschwindsucht langsam dahin. Dieses Siechthum war, wie man sagte, dadurch entstanden, daß er vor einem Jahre nach dem Brande einer Fabrik, wo er sehr thätig gewesen war, die nassen Kleider nicht schnell genug abgelegt hatte. Er verfertigte Gold und Silberstoffe, Tressen, Epauletten und dergleichen und hatte eine bedeutende Kundschaft unter den ersten Handlungshäusern des Westendes. In seiner Fabrik waren etwa zwanzig Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt.
Irwin bewohnte ein kleines abgesondertes Haus im Garten. Seine Frau war sehr schön und liebenswürdig, sie mochte etwa dreiundzwanzig Jahre alt seyn. Sie war die Tochter eines Geistlichen, und es war leicht zu sehen, daß sie eine seht sorgfältige Erziehung erhalten hatte.
Der Knabe war ein wahrer Cherub mit runden, rosigen Wangen, klaren blauen Augen und blonden Locken; dabei hatte er jene ungestüme Lebhaftigkeit, die ein Zeichen von Lebensfrische und rüstiger Gesundheit ist. Er war der Abgott seiner Eltern.
Ellen, so hieß die Frau, war äußerst geschickt in den zum Gewerbe ihres Mannes gehörenden feineren Arbeiten, und sie suchte durch rastlose Thätigkeit ihrem immer schwächer werdenden Gatten zu Hilfe zu kommen. Ihre zärtliche Sorge um den kranken, reizbaren Mann war wirklich rührend. Die Ungeduld, die er oft zu erkennen gab, lag keineswegs in seinem Naturell, sondern war die Folge seiner Kränklichkeit. Abgesehen von diesen zeitweiligen Aufwallungen, war Irwin gegen seine Frau um so zärtlicher, da er wohl einsah, daß die Zeit, die er noch an ihrer Seite zu verleben hatte, mit furchtbarer Schnelligkeit verstrich. Wer nicht ganz unempfänglich für die sanften Regungen des Gemüths war, konnte Ellens engelgleiche Sanftmuth und Geduld nicht ohne tiefe Rührung sehen Meine Frau vergötterte sie. Für mich hatte sie etwas eigenthümlich Anziehendes; ich erinnerte mich, sie früher schon gesehen zu haben, aber ohne zu wissen wo. Zumal ihr wehmüthiger, trüber Blick fesselte mich unwiderstehlich, und je länger ich sie betrachtete, desto fester wurde meine Ueberzeugung, daß sie mir nicht ganz unbekannt sey.
Eines Abends, als ich nach Hause kam, sagte man mir Irwin’s Zustand habe sich verschlimmert und Ellen habe meine Frau rufen lassen. Da ich ihr vielleicht von einigem Nutzen seyn konnte, so eilte ich durch den Garten und begab mich in das Zimmer des Kranken. Der Zufall wollte, daß das Licht der Lampe in dem übrigens halbdunkeln Zimmer auf das Gesicht der Mistreß Irwin fiel. Ich blieb nahe an der Thüre stehen. Was meine Gedanken so lange vergebens beschäftigt hatte, wurde mir nun plötzlich klar.
»Jetzt erinnere ich mich,« sagte ich laut, »wo ich sie gesehen habe; es ist das Original des Bildes in Mr. Benshawe’s Zimmer.«
Ein leises, dumpfes Lachen erregte meine Aufmerksamkeit. Ich sah mich um. Benshawe stand in der Thür. Er glich mehr einer Marmorstatue als einem lebenden Wesen; nur seine wild leuchtenden Augen schienen zu leben. Sein Blick hatte einen Ausdruck, den ich noch nie gesehen, und schien einen Grad der Wuth annehmen zu wollen, die nur den Wasserscheuen und Tobsüchtigen eigen zu seyn scheint.
»Ha! Ha!« sagte er eintretend, »endlich haben Sie es also auch bemerkt! Es ist das Original des Bildes in Mr. Benshawe’s Zimmer. Sie haben’s erst heute bemerkt? Ich habe es schon lange erkannt . . . Ja, Sie haben Recht, es ist so.
In demselben Augenblicke schrie Ellen laut auf; ob sie über Benshawe’s Erscheinen erschrak oder ein bedenkliches Symptom in dem Befinden ihres Mannes beobachtete, weiß ich nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Ich faßte Benshawe beim Arm und zog ihn mit Gewalt zum Zimmer hinaus. In dem Ausdruck seines Gesichts lag etwas Unheimliches, Verzweifeltes, das ein Kranker sticht sehen durfte.
Ich führte ihn durch den Garten und ging mit ihm in seinen Salon.
»Was meinten Sie denn?« fragte ich, »was haben Sie schon lange bemerkt?«
Er wollte mir antworten, als ein zweiter noch lauterer Schrei aus dem Krankenzimmer zu uns herüberkam. Benshawe riß seine funkensprühenden Augen noch weiter auf als zuvor, und ein wildes. frohlockendes Gelächter kam aus seinem verirrten Munde.
»Ha! Ha!« rief er, »den Schrei kenne ich; es ist der Todesschrei! Sey willkommen, lieber Tod, den ich in meiner Einsamkeit so oft verwünschte, wenn die Leute sagten, ich sey närrisch, und die Aerzte mir kaltes Wasser über den Kopf schütteten!«
Diese Worte konnten ebensowohl von einer augenblicklichen heftigen Aufregung als von einer völligen Rückkehr des Wahnsinns kommen. Ich beschloß daher, ihn mit Sanftmuth zu behandeln und wo möglich durch vernünftige Vorstellungen zu beschwichtigen.
»Was meinen Sie?« fragte ich ganz ruhig und gelassen, »ich verstehe Sie nicht. Segen Sie sich und erklären Sie mir den Sinn der seltsamen Worte, die Sie beim Eintritt in Mrß. Irwin’s Zimmer sprachen.«
»Die Erklärung,« erwiederte er, »brauche ich Ihnen nicht zu geben; Sie wissen schon was ich meine. . . Dort ist die Erklärung,« setzte er hinzu, indem er auf das Bild wies.
»Ich verstehe Sie nicht, lieber Freund. Was meinen Sie mit dem Bilde?«
»Ich meine damit, daß Sie das Original gesehen haben. Das Original ist Ellen, die Frau des Sterbenden . . . Und doch erkennt sie mich nicht. Nein, sie erkennt mich gewiß nicht. Ich bin freilich sehr verändert, sehr traurig verändert; ich bin seit zehn Jahren ein Greis geworden.«
Dabei warf er einen trostlosen Blick in den Spiegel.
Ich wollte ihn wieder zur Vernunft bringen, und in meinem Irrthum nahm ich meine Zuflucht zu Vorstellungen, die ihn vollends um seinen Verstand bringen mußten.
»Sie irren sich,« sagte ich, »Mistreß Irwin kann nicht das Original dieses Bildes seyn, wenn die junge Dame, die es vorstellt, vor zehn oder zwölf Jahren ertrunken ist.«
»Ja, ja,« erwiederte Henry Benshawe, »man glaubte, Laura sey ertrunken; alle Leute glaubten es. Auch ich glaubte es, und dieser Wahn brachte mich um meinen Verstand. Aber jetzt entsinne ich mich: wenn ich ruhige Augenblicke hatte, wenn Lauras lachendes Antlitz mir vorschwebte, wie es wirklich war, und nicht wie ich es in meinem Wahnwitz sah, mit starren, gläsernen Augen, mit triefendem, schlammigem Haar, – wenn sie mich mit ihren sanften, klaren Augen ansah und mit ihrer lieblichen Stimme zu mir sprach, dann wußte ich wohl, daß sie lebte und daß alle Gerüchte von ihrem Tode Lügen waren . . . Sehen Sie sie nur an,« setzte er, auf das Bild deutend, hinzu, »sehen Sie sie nur an, und sagen Sie, ob sie es nicht ist.«
»Wer denn?«
»Mistreß Irwin, Sie haben sie ja so eben selbst erkannt.«
»Es ist wahr,« erwiederte ich, »auf den ersten Anblick schien mir Mistreß Irwin einige Aehnlichkeit mit diesem Bilde zu haben; aber jetzt, da ich das Bild wieder betrachte finde ich nur eine sehr entfernte Aehnlichkeit.«
»Es handelt sich hier nicht um wirkliche oder eingebildete Aehnlichkeit, ich sage Ihnen, daß das Bild und Mistreß Irwin eine und dieselbe Person sind.«
Ich sah wohl, daß es nicht möglich war, ihn wieder zur Vernunft zu bringen.
»Wir wollen ein andermal davon sprechen,« sagte ich, »heute sind Sie krank, überreizt; Sie müssen zu Bett gehen. Ich höre unten die Stimme des Doctors Garland, der Mr. Irwin besucht. Wenn er von unserm Nachbar kommt, wird er Ihnen einen Besuch machen.«
»Nein, nein!« erwiederte er aufgebracht, »ich will keinen Arzt! Schicken Sie mir keinen zu; ich hasse die Aerzte. Ich betheuerte ihnen vergebens, daß ich nicht wahnsinnig sey, sie schütteten mir Eiswasser über den Kopf, bis daß ich nichts mehr fühlte, nichts mehr sah, bis daß jeder Lebensfunke in mir erloschen war . . . Nur keinen Arzt! Ich will zu Bett gehen, weil Sie es wollen; aber um Alles in der Welt nur keinen Arzt!«
Während er dies sagte, wich er zitternd, fast kriechend zurück und ließ mich keine Secunde aus den Augen, bis er die Thür seines Schlafzimmers erreicht hatte.
Ich hörte nun wie er den Schlüssel drehte und den Riegel verschob. – Ich war allein. Es schien mir klar, daß der nur beschwichtigte, aber nicht völlig geheilte Wahnsinn in einigen Augenblicken wieder ausbrechen werde. Armer Benshawe!
Ich stand vor dem Bilde. Um die fixe Idee, die sich seiner bemächtigt hatte, zu ergründen, nahm ich ein Licht und betrachtete Laura’s Porträt.
Es war nicht zu leugnen, das Bild hatte eine ausfallende Aehnlichkeit mit Mistreß Irwin: ich sah hier dieselben blonden Locken, denselben wehmütig ernsten Ausdruck der Augen, dieselben feinen, blassen Züge. Laura schien nur etwas jünger als Ellen. Das Gegentheil würde stattgefunden haben, wenn das Original des Bildes gelebt hätte; denn Laura wäre mehr als dreißig Jahre alt gewesen, während Ellen nicht mehr als zwei- bis dreiundzwanzig Jahre zählte.
Ich ging leise die Treppe hinunter, durch den Garten. Georges Irwin war todt.
2
Ich hatte nicht einmal nöthig, in den erstere Stock des Gartenhauses zu gehen ; denn auf der Treppe begegnete mir meine weinende Gattin. Der Doctor Garland folgte ihr. Ich erzählte ihm sogleich was meinem Hausherrn Henry Benshawe begegnet war.
Er hörte mich mit großer Aufmerksamkeit und Theilnahme an. Nach einigen Bemerkungen. die von seinem tiefen Studium der Geisteskrankheiten Zeugniß gaben, versprach er, am andern Morgen wiederzukommen, um sich von dem Befinden des Kranken zu überzeugen. Es wurde verabredet, daß ich sogleich an Mr. Orley, den Onkel Benshawe’s, schreiben sollte, falls der Zustand des Letzteren bedenklich wäre.
Am andern Morgen erkundigte ich mich sogleich nach dem Befinden des armen Benshawe. Er war um sechs Uhr ausgestanden, hatte wie gewöhnlich um acht Uhr gefrühstückt, und schien ruhig und mehr heiter als traurig gestimmt.
Der Doktor Garland hielt Wort. Um neun Uhr kam er zu mir. Wir gingen hinunter. Ich klopfte an Benshawe’s Thür; er antwortete: »Herein!«
Ich trat ein. Der Doctor Garland folgte mir.
Benshawe saß an einem Tische und hatte einige Papiere vor sich. In der Vermuthung, daß ich angeklopft, hatte er seine Fassung zusammengenommen und schien ruhig und unbekümmert. Aber er konnte sich einer Bewegung des Erstaunens, ja fast des Schreckens nicht erwehren, als er die Gestalt des Doctors hinter mir erscheinen sah. Anfangs wurde er leichenblaß, dann bedeckten sich seine Wangen mit einer fieberhaften Röthe.
Der Eindruck,∂. den dieser Anblick auf ihn machte, erinnerte mich natürlich an die Geschichte des Bildes. Ich sah mich nach demselben um ; das Bild war umgedreht, die Vorderseite gegen die Wand gekehrt.
Benshawe that sich offenbar Gewalt an, um seine Aufregung zu verbergen, und als ihn der Doctor Garland ganz unbefangen fragte, wie es ihm gehe, antwortete er:
»Ich sehe wohl, mein Freund Waters hat Sie vermuthlich mit der albernen Geschichte unterhalten, die ihn gestern Abend so in Schrecken setzte. Es ist in der That merkwürdig, daß man einen so einfachen Spaß nicht versteht. Da ist z. B. John Kemble . . .«
Der Doctor unterbrach den Unglücklichen, der zum Beweise, daß er nicht wahnsinnig sey, tolles Zeug zu schwatzen begann.
»Lieber Mr. Benshawe,« sagte er, »es handelt sich hier nicht um John Kemble, sondern um die Aehnlichkeit zwischen Laura und Mistreß Irwin. Vor Allem wünsche ich die Geschichte dieses Bildes kennen zu lernen.«
Benshawe zögerte einen Augenblick. Er warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu, dann sah er den Doktor Garland mit einem würdevollen Ausdruck an, dessen ich ihn nicht fähig gehalten hätte.
»Sir,« erwiederte er, »ich weiß nicht, was mich – wenigstens in diesem Augenblicke – zwingen könnte Ihnen über die eingebildete oder wirkliche Aehnlichkeit zwischen Laura und Mistreß Irwin meine Ansicht zu sagen. Die Geschichte des Bildes hängt genau mit gewissen Verhältnissen meines Privatlebens zusammen, die ich für mich zu behalten wünsche. Ihre Anwesenheit ist daher überflüssig und ich ersuche Sie, sich sogleich zu entfernen.«
Gegen diese Aufforderung war nichts einzuwenden. Benshawe machte von seinem Hausrecht Gebrauch; er schien wieder im vollen Besitz seiner Geisteskräfte zu seyn; wir waren ohne seine Einladung erschienen und er hatte das Recht, uns die Thür zu weisen.
Wir stammelten einige Entschuldigungen und empfahlen uns.
Als wir in meiner Wohnung waren, sah mich der Doctor Garland an.
»Nun, was sagen Sie dazu?« fragte er.
»Ich bleibe bei meiner Behauptung,« antwortete ich; »er ist wahnsinnig.«
»Ja, ich bin Ihrer Meinung. Denn trotz seiner Selbstbeherrschung lag in seinem Blicke etwas Unsicheres, Verworrenes, das ein unverkennbares Zeichen des Wahnsinns ist. Aber jetzt ist er auf seiner Hut und die Klugheit gebietet uns, einen neuen Anfall abzuwarten, ehe wir einen Entschluß fassen; um so mehr, da seine erste fixe Idee ganz harmlos zu seyn scheint.«
»Man sieht wohl,« erwiederte ich, »daß Sie nicht anwesend waren, als er in Mistreß Irwin’s Zimmer trat, und daß Sie nicht gesehen haben, wie furchtbar damals seine Augen funkelten. Aber trotzdem theile ich Ihre Ansicht: wir haben kein Recht, seine Wohnung zu betreten. Ich werde ihn indeß nicht aus den Augen lassen.«
Der Doctor Garland entfernte sieh mit dem Versprechen, sich auf den ersten Wink zu meiner Verfügung zu stellen.
Fünf bis sechs Wochen ging Alles recht gut; es fand kein bemerkenswerthes Ereigniß statt. Benshawe gab sich indeß keine Mühe mehr, seine Abneigung gegen mich zu verbergen. Eines Morgens ließ er mir sogar durch einen Gerichtsdiener meine Wohnung aufzukündigen. In sechs Wochen sollte ich ausziehen.
Inzwischen machte ich von den Mitteln Gebrauch, die mir als Agenten der Sicherheitsbehörde zu Gebote standen: zwei meiner Leute erhielten den Auftrag, Benshawe genau zu beobachten und alle seine Schritte zu überwachen.
Während dieser Zeit hatte sich der erste Schmerz der armen Mistreß Irwin etwas beruhigt. Die wichtigste Angelegenheit nach dem Tode ihres Gatten war die Sorge für ihren Lebensunterhalt und die Zukunft ihres Kindes. Die Leitung des kleinen Geschäfts wurde einem Werkführer übertragen und man hoffte, daß die Subsistenz der Familie für die Zukunft gesichert sey.
In den ersten drei Monaten nach dem oben erzählten Ereigniß zeigte Benshawe wohl zuweilen eine ungemeine Nervenreizbarkeit, aber er hatte doch die Grenzen der Vernunft nicht überschritten, und so oft ihm die junge Witwe begegnet war, hatte er sich bescheiden und anständig gegen sie benommen; ich begann daher zu hoffen, daß der durch die Aehnlichkeit hervorgerufene heftige Anfall nicht wiederkehren werde.
Aber ich irrte mich. Eines Sonntagabends, als wir in meiner Wohnung am Theetische saßen, stürzte Mistreß Irwin bleich und zitternd ins Zimmer. Sie trug ihren Knaben auf dem Arm. Ihre Aufregung war so heftig, daß sie erschöpft in einen Armsessel sank und nicht im Stande war, unsere Frage zu beantworten. Aber es bedurfte eigentlich keiner Antwort, ich ahnte ohnedies, was vorgegangen war.
Als Mrß. Irwin endlich sprechen konnte, erzählte sie mir, Mr. Benshawe habe sie seit einigen Tagen durch sein, auffallendes Benehmen in Schrecken gesetzt. Er habe ihr aufgelauert und allerlei tolles Geschwätz angefangen, sie bald Mistreß Irwin, bald Laura Hargrave genannt, und behauptet, sie sey eine und dieselbe Person, er habe sie vormals in Yorkshire gekannt und sey mit ihr verlobt gewesen. Sie behauptete, daß sie ihn nicht früher als Irwin gekannt, weil ihr Sohn seinem Vater zu ähnlich sey und sie unaufhörlich an letzteren erinnere; wenn der Knabe todt sey oder entfernt werde, so werde sie wieder an ihre erste Liebe denken.
»Er muß wirklich wahnsinnig seyn,« setzte die junge Frau weinend und erröthend hinzu ; »denn er warb so eben um meine Hand, die ich ihm um alle Schätze der Welt nicht bewilligen würde. Auf meine ablehnende Antwort ging er höchst aufgebracht fort, um ein Papier zu holen, welches, wie er behauptete, den klarsten Beweis enthalte, daß ich wirklich die Laura sey, welche er meine. – Was sagen Sie dazu, Mr. Waters? Glauben Sie nicht, daß ich für mich und mein Kind Alles zu fürchten habe?«
Ich sah in diesem auffallenden Benehmen nichts als einen neuen Anfall von Wahnsinn, der aber für Mrß Irwin gefährlich werden konnte. Benshawe, der höchstens fünfunddreißig Jahre alt war, liebte die schöne, trauernde Witwe zum Rasend werden, und in seinem neuen Wahnsinn, der die alte Geisteskrankheit wieder geweckt hatte, verwechselte er Ellen mit jener Laura, die ihm in früheren Jahren dieselben Gefühle eingeflößt hatte.
Unter anderen Verhältnissen würden wir über diesen Liebeswahnsinn gelacht haben; aber in den Augen des Unglücklichen lag ein unheimlicher, drohender Ausdruck, der nichts Gutes verkündete und die Furcht der jungen Witwe vollkommen rechtfertigte.
Wir gaben daher ihren dringenden Bitten nach, denn sie wollte uns holen, und begleiteten sie nach Hause, um Benshawe, der sogleich wieder kommen wollte, zu erwarten.
Kaum waren wir zehn Minuten in dem Gartenhause, so hören wir hastige Fußtritte auf der Treppe. Er sollte uns nicht finden und doch durften wir uns nicht weit entfernen, um der jungen Witwe nöthigenfalls zu Hilfe zu kommen. Ich trat daher mit meiner Frau in ein kleines Cabinet; durch die Glasthür konnten wir Alles hören und sehen, was vorging.
Benshawe stürzte blaß und verstört in das Zimmer. Er vermochte kaum einige Worte zu stammeln. In der zitternden Hand hielt er das erwähnte Papier.
Er trat auf Mrß. Irwin zu und hielt ihr das Papier vor die Augen.
»Hier . . . sehen Sie!« sagte er. »Behaupten Sie noch, daß Sie dieses Lied nicht kennen? Behaupten Sie noch, daß diese an der Seite stehenden Worte nicht von Ihrer Hand sind? Wenn Sie es behaupten, so bin ich hier, um Sie Lügen zu strafen.«
»Mr. Benshawe,« antwortete die junge Witwe mit einer Entschlossenheit, die sie ohne unsere Anwesenheit gewiß nicht gehabt hätte, »ich schwöre Ihnen, daß ich dieses Lied nicht kenne. Was Sie mir da sagen, ist wirklich zu abgeschmackt: vor dreizehn Jahren zählte ich ja kaum neun Jahre, ich war damals noch ein Kind.«
»Sie beharren also bei Ihrem Leugnen, Grausame? Bedenken Sie denn nicht, was ich um Ihretwillen gelitten, wie viele Thränen ich vergossen, wie viele Nächte ich durchwacht seit dem Unglückstage, wo ich Ihren leblosen Körper aus dem Wasser ziehen sah, seit der verwünschten Stunde, wo man Sie für todt ausgab!«
»Todt!« erwiederte Miß. Irwin. »Gerechter Himmel! Reden Sie doch nicht solchen Unsinn, Mr. Benshawe. . . Ich soll Laura seyn, ich soll in Yorkshire geboren, ich soll ertrunken seyn! Fürwahr, bei dem Geschwätz könnte ich selbst den Verstand verlieren . . . Nein, man bat mich nie aus dem Wasser gezogen: man hat nie Ursache gehabt, mich für todt zu halten. Lassen Sie mich in Ruhe. Sie machen mir Angst!«
»Unerhörte Frechheit!« eiferte Benshawe. »Wir Drei, Sie, der verwünschte Bodfort und ich, sind also nicht am 7. August 1821 auf dem Teiche zu Lowfield spaziren gefahren? Und der Kahn, in welchem wir saßen, ist nicht plötzlich umgeschlagen während des erbitterten Kampfes zwischen ihm und mir? . . . Sie vergessen ja, daß wir Nebenbuhler waren, daß wir Beide Sie liebten . . . O! ich begreife: dieses Kind weckt in Ihnen Erinnerungen, welche . . .«
Mrß. Irwin schrie laut auf und da ich Benshawe durch die Glasthür unablässig beobachtet hatte, so eilte ich auf der Stelle ins Zimmer. Der Wahnsinnige hatte das Kind bei der Kehle gefaßt. Ich ergriff seine Hand und stieß ihn mit solcher Gewalt zurück, daß er am andern Ende des Zimmers rücklings zu Boden fiel. Aber er sprang schnell wieder auf, trat auf mich zu und suchte in den Taschen nach einem Messer oder sonst einer Waffe. Aber er mochte wohl fühlen, daß er in einem Ringkampf mit mir den kürzeren ziehen würde, er begnügte sich daher mit einem wüthenden Blicke und stürzte zum Zimmer hinaus.
Die Sache war nun bedenklich geworden: es war vorauszusehen, daß er in seinem Wahnsinn einen verzweifelten Entschluß fassen werde. Ich schrieb daher noch denselben Abend an Mr. Orley nach Yorkshire, um ihn von dem Zustande seines Neffen in Kenntniß zu setzen und um schleunige Abreise nach London zu ersuchen. Inzwischen verdoppelten wir unsere Vorsichtsmaßregeln, um Mrß. Irwin und ihr Kind gegen jeden Ueberfall von Seiten des Wahnsinnigen zu schützen.
Aber die Wahnsinnigen besitzen gemeiniglich eine Hartnäckigkeit und Bosheit, gegen welche die umsichtigsten Vorkehrungen nichts vermögen. Ueberdies war ich durch meinen Beruf den ganzen Tag und oft während der Nacht in den entferntesten Stadttheilen beschäftigt.
Als ich am Abend des vierten Tages nach der Absendung meines Briefes an Mr. Orley meine Geschäfte abgethan hatte, fand ich die ganze Nachbarschaft in Bewegung und die Straße mit Menschen angefüllt. Mistreß Irwin, hieß es, sey dem Tode nahe aus Verzweiflung über ihren Sohn, der auf eine unerklärliche Weise in den Fluß Hea gefallen und ertrunken sey. Dies war wenigstens die allgemeine Meinung, obschon man den Fluß vergebens durchsucht hatte. Man habe den schwarzen Federhut des armen Knaben nahe am Ufer auf dem Wasser schwimmend gefunden; der vergebens gesuchte Körper sey vermuthlich durch die Strömung bis in die Themse fortgerissen worden.
Ein entsetzlicher Verdacht kam mir sogleich in den Sinn.
»Wo ist Mr. Benshawe?« fragte ich.
Niemand wußte es. Niemand hatte ihn seit zwei Uhr Nachmittags gesehen, und eben zu dieser Stunde war das Kind verschwunden.
Aus Allem, was ich gesehen und gehört hatte, aus dem Haß, den Benshawe gegen den kleinen George hegte, war mit der größten Wahrscheinlichkeit zu schließen, daß kein Anderer als er das Verbrechen begangen haben konnte. Ich ließ daher sogleich die mäßigen Gaffer und Klatschschwestern aus dem Hause schaffen und eilte zu Mistreß Irwin. Ich fand bei ihr den Doctor Garland, der ihr die erste Hilfe leistete. Der Schlag war furchtbar gewesen, man fürchtete eine Gehirnentzündung Der Doctor hatte ihr sogleich Blut gelassen und zweckmäßige Arzneien verordnet, um das Fieber im Entstehen zu unterdrücken.
Der Doctor hegte denselben Verdacht, der bei mit fast zur Gewißheit geworden war; aber er wollte mir durchaus keinen Rath geben, er verließ sich, wie er sagte, auf meine Einsicht und Erfahrung. Leider war ich damals noch ein Neuling in derlei Geschäften, in denen ich später eine gewisse Gewandtheit und Uebung erlangte. Wenn ich mich jetzt in gleichen Verhältnissen befände, so würde das Resultat gewiß nicht so unglücklich seyn, wie es damals war.
Ich war entschlossen, Mr. Benshawe zu erwarten. Der Werkführer erbot sich, gemeinschaftlich mit mir zu wachen. Eine Stunde nach der andern verstrich, und mit jedem Glockenschlage, der die stille Nacht durchbebte, stieg meine Aufregung. Um elf Uhr hätte ich ihn den Händen der Gerechtigkeit überliefern mögen; um Mitternacht schien es mir, daß ich diese Geduld nicht mehr haben, daß ich ihn mit meinen eigenen Händen erwürgen würde.
Die aus dem Zimmer der Mrß. Irwin kommenden Klagetöne waren für mich furchtbare Anregungsmittel; ich sah die unglückliche Mutter als Opfer jener unheilvollen fixen Idee, die der Wahnsinnige so geschickt verborgen hatte.
Erst um zwei Uhr Nachts hörten wir hastige aber unsichere Fußtritte näher kommen. Benshawe’s Hand zitterte so stark, daß er wohl eine halbe Viertelstunde mit dem Hauptschlüssel manövrirte, ehe er das Schlüsselloch fand. Ich wunderte mich daher gar nicht, ihn bleich und wankend wie ein Gespenst eintreten zu sehen.
Wie ich später erfuhr, war ihm unweit des Hauses ein Bekannter begegnet, von welchem er erfahren hatte, Mistreß Irwin sey todt oder dem Tode nahe. Ich wußte, daß er nie Wein trank, und gleichwohl wankte er wie ein Betrunkener. Er stolperte die zum Krankenzimmer führende Treppe hinan. Auf dem Gange stand er still, der Anblick der Thür schien ihm einen heftigen Schrecken einzujagen; denn er wurde leichenblaß und seine Zähne klapperten.
»Nein,« sagte er zu uns, »es kann nicht wahr seyn, daß Laura . . . daß Mistreß Irwin dem Tode nahe . . .«
»Sie irren sich, Mr. Benshawe,« erwiederte ich sehr ernst und lauter als nöthig war, denn wir befanden uns nur wenige Schritte vor der Thür des Krankenzimmers. »Wenn mein Argwohn gegründet ist,« fuhr ich fort, wenn Sie den Knaben ins Wasser gestürzt haben, so werden Sie in kurzem zwei Menschenleben auf dem Gewissen haben.«
Ein röchelnder Ton kam aus der Kehle des Unglücklichen; seine Finger zuckten krampfhaft, und er bemühte sich vergebens, seine Cravate zu lösen. In demselben Augenblicke entstand in dem Schlafzimmer der Mrß. Irwin ein Geräusch, als ob zwei Personen miteinander im Handgemenge wären. Die Wärterin, welche wir ihr gegeben hatten, rief laut um Hilfe.
»Eilen Sie zu der Kranken,« sagte ich zu dem Werkführer, und trat auf Benshawe zu, um seine Halsbinde zu lösen, denn an seinen verzerrten Gesichtszügen sah ich, daß er dem Ersticken nahe war. Aber er verkannte meine Absicht, sprang auf die Seite – und stand plötzlich vor Mistreß Irwin, die aus ihrem Zimmer kam.
Das Gesicht der armen Dulderin war ganz verstört, der Schrecken hatte sie furchtbar erschüttert. Ihr weißes Nachtkleid war mit Blut bedeckt; in dem Handgemenge mit der Wärterin war der Verband losgegangen und das Blut quoll wieder aus der geschlagenen Ader.
Der Anblick der blassen, mit Blut befleckten Frau war selbst für mich entsetzlich; aber auf Benshawe, der trotz seiner leidenschaftlichen Liebe die Ursache dieses Unglücks war, wirkte dieser Anblick wie ein Donnerschlag.
Als nun gar die arme, verzweifelte Mutter ihre Kräfte zusammennahm, ihren blutigen Arm hob und ihn im Namen ihres todten Kindes verfluchte, wurde Henry Benshawe völlig vernichtet. Der Fluch der Mutter schien sogleich in Erfüllung zu gehen. Er taumelte zurück, streckte die Arme hoch über den Kopf empor, und ehe ich Zeit hatte die Hand auszustrecken, um ihn zu halten, fiel er auf der obersten Stufe rücklings nieder und stürzte die ganze Treppe hinunter.
Ich eilte ihm mit dem Werkführer nach; wir hoben ihn auf. Das Blut strömte ihm zugleich aus dem Munde und aus einer tiefen Wunde an der rechten Schläfe.
Ich rief der Wärterin zu, sich der Kranken anzunehmen, und versprach der Letzteren, sogleich wiederzukommen. Benshawe war völlig bewußtlos. Wir trugen ihn in seine Wohnung und brachten ihn zu Bett.
Der Werkführer entfernte sieh sogleich, um den Doctor Garland zu holen.
Ungeachtet des starken Blutverlustes hielt es der Arzt für nothwendig, ihm rasch zur Ader zu lassen, aber erst bei Tagesanbruch schlug Benshawe die Augen auf. Seine Zunge war völlig gelähmt, und trotz seiner Anstrengungen vermochte er kein Wort hervorzubringen.
An den Bewegungen seiner Gesichtsmuskels und an seinen fruchtlosen Sprechversuchen war indeß leicht zu sehen, daß er Alles verstand, was im Zimmer gesprochen wurde. Der Doctor Garland trat nun vor sein Bett und sagte in ernstem, feierlichem Tone:
»Sennor, Ihre Stunden sind gezählt; ehe dieser Tag sich neigt. werden Sie vor Gott stehen! Gehen Sie in sich und beweisen Sie Ihre Reue durch ein offenes Geständniß, wenn Sie das furchtbare Verbrechen, das man Ihnen zur Last legt, begangen haben.«
Er bot alle seine Kräfte auf, um durch eine verneinende Geberde zu antworten; er stieß einen lauten aber unverständlichen Schrei aus.
»Wenn hingegen das Kind lebt,« fuhr der Doktor fort, »so lassen Sie die Mutter nicht länger in der schrecklichen Verzweiflung, in welche Sie sie gestürzt haben, und geben Sie uns auf irgend eine Weise zu verstehen, wo der Knabe zu finden ist.«
Er hob seine zitternde Hand und deutete auf seinen Ueberrock, den wir auf einen Stuhl geworfen harten. Ich nahm den Rock und breitete ihn auf dem Bett aus, aber die eine Hand war völlig gelähmt, wie seine Zunge, und die andere vermochte er kaum zu bewegen. Ich mußte daher selbst die Taschen durchsuchen. In der Brusttasche fand ich einige Papiere, die ich auf der Bettdecke ausbreitete. Er deutete mit dem Finger auf eines derselben. Es war ein kleiner Zettel, auf welchem nur folgende Adresse stand:
»Mr. Thompson, Camden Town.«
»Was bedeutet dieser Zettel?« fragte ich; »ist der Knabe unter dieser Adresse zu finden?«
Er nickte bejahend.
Ich wagte zu der Mutter nur einige unbestimmte Trostworte zu sprechen, denn ich schenkte den Worten des todkranken Wahnsinnigen wenig Glauben.
Er hatte indeß die Wahrheit gesagt.
Um drei Uhr Nachmittags trat Mistreß Irwin, ihren kleinen Georges auf dem Arm tragend, in das Zimmer des Sterbenden, und widerrief mit ihrer sanften, tröstenden Stimme den Fluch, den sie über ihn ausgesprochen.
Es schien fast, als hätte der Unglückliche auf diese freundliche Erscheinung gewartet, um den Geist aufzugeben. Bei dem Anblick der Mistreß Irwin, welche, wie die heilige Jungfrau, ihr Kind auf dem Arme hielt, begannen die bleichen, verzerrten Lippen zu lächeln und sich aufzuthun, um einen Seufzer auszustoßen. – Dieser Seufzer war der letzte.
Der arme Wahnsinnige war in ein besseres Leben eingegangen.
IV.
Die Verfolgung
1
Eines Morgens ließ mich der Polizeidirector in sein Bureau rufen, um mir einen höchst schwierigen Auftrag zu ertheilen. Es handelte sich um die Verfolgung und Entdeckung eines gewandten und gefährlichen Gauners, der bis dahin allen Nachforschungen der Sicherheitsbehörde entgangen war. Dieser noch junge, kaum fünfundzwanzigjährige Industrieritter war mit einer sehr achtbaren Familie in London verschwägert. Ein nettes Verbrechen hatte die Augen der Polizei wieder auf ihn gelenkt: er hatte sich durch einen argen Mißbrauch des Vertrauens in den Besitz einer beträchtlichen Summe gesetzt, welche seinem Brotherrn gehörte.
Er hieß George Masters.
Das Resultat meiner ersten Nachforschungen war die Entdeckung, daß George Masters mit einer Bande der gefährlichsten Industrieritter in Verbindung stand und daß er die Absicht hatte, mit der gestohlenen Summe nach Amerika zu gehen. Jenseits des Oceans hoffte er dann geborgen zu seyn.
Ich ließ George Meisters scharf beobachten und unablässig verfolgen, trotz aller von seinen Spießgesellen mit großer Schlauheit gegebenen falschen Andeutungen und Nachweisungen. Es gelang mir, ihn bis Plymouth zu verfolgen, wo ich ihn zu meinem größten Bedauern aus den Augen verlor, obschon ich genau mußte, daß er sich in der Stadt befand.
Aber wo war er versteckt? das vermochte ich nicht ausfindig zu machen.
Ich hatte George Masters nie gesehen, aber ich hatte ein so genaues Signalement erhalten und seine Person war mir so ausführlich geschildert worden, daß ich in meinem eiteln Selbstvertrauen keinen Augenblick zweifelte, ich würde ihn erkennen, wenn ich das Glück hätte ihn zu begegnen.
Dieselben Personen, die ihm bis Plymouth gefolgt waren, hatten mir gemeldet, daß er nicht nur im Begriff sey England zu verlassen, sondern auf einem segelfertig liegenden Schiffe abzureisen gedenke.
Dieses Schiff lag aus der Rhede von Plymouth vor Anker und sollte bei dem ersten günstigen Winde absegeln.
Ich legte der Einschiffung der Passagiere die nach Neuyork reisen wollten, durchaus kein Hinderniß in den Weg; denn ich beabsichtigte den Ausreißer am Bord des Schiffes zu verhaften.
Eine halbe Stunde vor der Abfahrt und als ich gewiß wußte, daß alle Passagiere am Bord waren, bestieg ich ein Boot, das ich schon im Voraus gemiethet hatte. Zwei Polizeibeamte von Plymouth begleiteten mich.
Außer uns nahmen wir vier Bootsleute und den Patron mit. Zwei Leute ruderten und einer saß am Steuerruder. Der Patron stand vorn auf der Spitze des Fahrzeugs
Ich befahl gerade auf die »Columbia« loszusteuern. So hieß das Schiff, wo ich den Dieb zu finden hoffte. Ja dem Augenblicke, wo ich diesen Befehl gab, blies der Südostwind so heftig, daß der Patron erklärte, er brauche mindestens noch einen Mann, nicht um das Schiff zu erreichen, sondern um wieder ans Land zurückzukehren weil wir auf der Rückfahrt zugleich gegen Wind und den Strom zu kämpfen haben würden. Der Matrose, den er noch aufzunehmen wünschte, sollte die Ruderer ablösen. Ich hatte gegen diese Verstärkung der Mannschaft nichts einzuwenden; ich gab meine Zustimmung und der Patron winkte einem jener vacirenden Seeleute, die sich an den Hafenplätzen umhertreiben und eine gute Gelegenheit abwarten, sich auf den Tag, auf einen Monat oder auf ein Jahr zu verdingen.
Der junge Matrose kam herbei und wechselte einige Worte mit dem Patron, um über den Lohn für seine Bemühung einig zu werden. Dann sprang er in das Boot und nahm statt des schon anwesenden Matrosen am Steuerruder Platz, so daß die Ruderer also nicht von ihm, sondern von einem der ersten abgelöst werden sollten.
Kaum hatte sich das Boot vom Ufer entfernt, so schien die Prophezeiung des Patrons in Erfüllung zu gehen ; denn eine Welle schlug mit solcher Gewalt gegen das kleine Fahrzeug, daß der Patron, die Ruderer, der Ersatzmann und der Steuermann ihre Mützen tief übers Gesicht zogen, um ihre Augen gegen den blendenden Schaum zu schützen.
In weniger als zehn Minuten riefen wir das Schiff an. Der Capitän, obschon etwas unwillig über unsern Besuch, leistete meiner Aufforderung, die ein Befehl werden konnte, sogleich Folge. Er empfing uns am Bord und ließ zuerst alle Passagiere, dann die ganze Mannschaft vom Lieutenant bis zum letzten Schiffsjungen, an uns vorübergehen. Aber zu meinem größten Erstaunen war George Masters nicht da. Ich durchsuchte das Schiff vom Verdeck bis zum Kiel; ich erkannte zu meinem Verdruß, daß der Gentleman, den ich suchte, den Capitän der »Columbia« noch nicht mit seinem Besuch beehrt hatte.
Ich stieg sehr verstimmt die Leiter wieder hinunter, nahm meinen Platz in dem Boote wieder ein und befahl wieder ans Land zu fahren. Während wir gegen Wind und Strömung kämpften, zog das Schiff die Segel auf, lichtete die Anker und verließ rasch den Hafen.
Während ich dem Schiffe nachschaute, legte ich unwillkürlich die Hand auf den Arm des mir zunächst sitzenden Ruderers, als ob ich noch einen Zweifel hegte und erst als das Schiff hinter dem Vorgebirge verschwunden war, ließ ich meinen Matrosen die Freiheit, ans Land zurückzukehren-
»Sie hätten besser gethan, nicht anzuhalten,« murrte der Patron; »wir haben Wind und Strömung gegen uns. Wir werden viel Arbeit bekommen ehe wir landen.«
»Wir sind ja darauf vorbereitet,« entgegnete ich; »wir haben einen Ersatzmann . . .«
In diesem Augenblicke bemerkte ich, daß nur vier Mann in der Schaluppe waren und daß ein Anderer am Steuer saß.
»Halt,« rief ich, »was ist aus dem fünften Matrosen geworden, der das Steuerruder führte?«
Statt mir zu antworten, wandte sich der alte Seemann um und sagte zu dem Steuermann:
»Langsam, Billy, langsam, den Helmstock gegen den Steuerbord ! «
Meine plötzliche und unerwartete Frage hatte den Patron offenbar in Verlegenheit gesetzt, aber sein von Wind und Wetter gebräuntes Gesicht blieb gleichgültig. Ich stand auf und wiederholte meine Frage in sehr entschiedenen Tone.
Ehe der alte Seemann antwortete, spie er einen schwärzlichen Speichelstrahl aus, dann sagte er mit einem unbeschreiblichen Ausdruck, der ein Gemisch von Frechheit, Natürlichkeit, Schwachheit und Spott war:
»Der Andere, Sir? Er war ein Passagier, der nach dem Yankeelande reist.«
»Wie, nach dem Yankeelande?«
»Ja wohl, und auf meine Frage, wohin er gehe, antworte er mir: Nach New-York, um von einer Brustkrankheit zu genesen.«
Ich bebte vor Zorn. Die Polizeibeamten von Plymouth waren ganz bestürzt, die Frechheit George Masters schien ihnen kaum glaublich.
»He! He!« lachte der alte Patron, »der Gentleman ist fürwahr kein Dummkopf, wenn er wirklich derselbe ist, den Sie suchen . . . Haben Sie denn nicht gesehen, wie er an den Steuerruderketten der »Columbia« hinaufkletterte, als Sie wieder ins Boot hinunterstiegen? Der Schlaukopf schien lieber bei uns zu bleiben, während Sie das Schiff durchsuchten und erst an Bord zu gehen, als Sie wieder zu uns kamen.«
Diese Erklärung begleitete er mit einem neuen Hohngelächter.
Ungeachtet meines Aergers besaß ich doch Selbstbeherrschung genug, die Spöttereien des alten Schurken unbeantwortet zu lassen.
»Geschwind vorwärts!« sagte der eine Beamte von
Plymouth, »damit wir bald ans Land kommen. Ein guter Kanonenschuß kann das Schiff noch aufhalten.«
»Das ist wahr,« antwortete der Seemann mit phlegmatischer Ruhe, »aber Sie müssen erst vom Admiral den Befehl dazu erwirken, und ich glaube, daß wir erst bei Einbruch der Nacht am Hafendamm landen werden. Die »Columbia« wird dann wohl schon auf der offenen See seyn.«
Aus dieser Antwort und aus unserer langsamen Rückkehr nach Plymouth konnte ich mit Sicherheit schließen, daß der alte Seemann mit dem Flüchtlinge einverstanden war.
In der Ueberzeugung, daß er sich weder durch Befehle noch durch Bitten bewegen lassen würde schneller zu rudern, stellte ich mich, als ob ich auf die Verfolgung des Gauners verzichtete und verbarg meinen Zorn hinter einem stoischen Stillschweigen.
Als wir ans Land stiegen, war es nicht mehr möglich, das Schiff durch einen Kanonenschuß aufzuhalten. Die »Columbia« hatte bereits einen Vorsprung von einer Stunde; sie mußte schon zehn bis zwölf Seemeilen zurückgelegt haben, wenn sie nicht durch einen Unfall aufgehalten worden war.
Einer unserer Agenten, der als Bewohner einer Seestadt einige Kenntniß vom Wetter hatte, bemerkte die Vorzeichen eines Sturmes oder Gewitters. Er trat auf mich zu und sagte:
»Es würde mich gar nicht wundern, wenn das heranaziehende Ungewitter das Schiff nöthigte, wieder in unsern Hafen einzulaufen.«
»Das ist möglich,« erwiederte ich; »aber um völlig sicher zu seyn, befragen Sie den Matrosen dort, der das Meer mit so philosophischen Blicken betrachtet, der Mann ist gewiß mit allen Launen Neptuns sehr vertraut.«
Der Agent ging auf den Matrosen zu und berührte seine Schulter.
»Camerad,« sagte er, »glaubt Ihr, daß das heranziehende Ungewitter das Auswandererschiff zwingen wird, in irgend einem Hafen an der Küste eine Zuflucht zu suchen?«
Der Matrose nahm langsam seine Pfeife aus dem Munde und sah den Frager mit einem so possenhaften widrigkomischen Ausdruck an, daß die Umstehenden in lautes Gelächter ausbrachen. Ohne dem Polizeibeamten direct zu antworten, rief der junge Matrose einer in unserer Nähe befindlichen alten Theerjacke zu:
»Komm her, Tom. und sieh diesen Gentleman an, er wünscht zu wissen, in welchen Hafen man einlaufen kann, ehe man Land’s End im Rücken hat. Der Gentleman meint, das Schiff, das eben unter Segel ging, werde durch den Nordostwind in einen Hafen getrieben werden. Du bist älter und erfahrener als ich, Tom, sey daher so gut und gib ihm die Adresse von einem recht komfortablen Seehafen.«
Das laute Gelächter der Bummler reizte den Beamten so sehr, daß er seinen Zorn durch eine drohende Geberde zu erkennen gab.
»Lassen Sie die Leute nur über ihre mangelhaften geographischen Kenntnisse spotten,« sagte ich lachend, »folgen Sie uns. Wir haben mehr zu thun, als mit den Matrosen über topographische Fragen zu streiten.«
Wir entfernten uns. Als wir bei dem alten Tom vorübergingen, sagte er lächelnd zu dem erzürnten Agenten:
»Jim ist ein vorwitziger, dummer Junge, der von den Vorzeichen des Wetters gar keinen Begriff hat. Er spricht vom Winde, so wie ich vorn chinesischen Kaiser sprechen würde, den ich gar nicht kenne und nie gesehen habe, und bemerkt nicht, daß sich der Wind dreht wie eine Marketenderin, die ein Dutzend Kunden zugleich bedienen will. Glauben Sie dem alten Tom Davis, Sir, in zwei Stunden haben wir Südwestwind und einen famösen Wind, darauf können Sie sich verlassen. Wenn dann die »Columbia« noch nicht an der offenen See ist, und ich glaube es schwerlich, so muß sie umkehren , und Sie werden sehen , daß sie geschwinder als beim Auslaufen um das Vorgebirge fahren wird.«
»Wirklich!« erwiederte ich, »sollte die »Columbia« , durch den Sturm nach Plymouth zurückgetrieben werden?«
»Ich glaube es,« versetzte der alte Matrose, »aber so gewiß wie das Ende der Welt ist’s noch nicht.«
»Aber wenn das Schiff,« fragte ich weiter, »wieder in den Hafen einläuft, zu welcher Stunde des Abends können wir es dann erwarten?«
»Das kann ich Ihnen nicht so genau sagen, Sir,« erwiederte Tom Davis; »ich bin ja kein Meerschwein, daß ich den Sturm aus die Minute prophezeien könnte. Aber so viel kann ich Ihnen sagen, wenn Sie in zwei Stunden noch auf diesem Fleck stehen, so wird Ihnen der Wind alle Knöpfe vom Rock losreißen . . . Die »Columbia« kann von Glück sagen, wenn sie wieder festliegt, wo sie vor einer Stunde die Anker lichtete.«
Die Prophezeiung des alten Matrosen, der ich wegen ihrer humoristischen Färbung wenig Glauben schenkte, wurde mir von anderen Sachverständigen bestätigt, und ohne Zeit zu verlieren, ergriff ich kräftige Maßregeln, um die Ausschiffung George Masters zu verhindern, falls die »Columbia« wirklich gezwungen würde, auf der Rhede Schutz zu suchen.
Nachdem ich meinen Plan entworfen und alle Verhaltungsbefehle ertheilt hatte, entließ ich die beiden Localbeamten und begab mich in den Gasthof, wo ich Tags vorher eingekehrt war.
2
Als ich in die Straße kam, wo der Gasthof lag, stieß ich auf zwei mir begegnende Personen, deren Anwesenheit in Plymouth mich sehr in Erstaunen setzte, ja sogar mit Schmerz erfüllte. Diese beiden Personen gehörten nemlich zu der Familie George Masters’; die eine hatte ich schon gesehen, es war seine Frau, welche, wie schon erwähnt, aus einer achtbaren Familie der City war. Wahrscheinlich war sie nach Plymouth gekommen, um ihrem Gatten zur Flucht behilflich zu seyn; aber die Ausführung des Planes schien der jungen Frau eben keine große Freude zu machen, denn sie war schrecklich blaß und ihre Augen waren von Thränen geröthet.
Mrß. Masters war ein höchst reizendes Wesen, in der Ruhe mußte ihr Gesicht blendend schön seyn. Ihr Begleiter war ein alter Mann, der durch sein weißes Haar und sein ernstes, ehrwürdiges Gesicht auf den ersten Anblick imponirte.
Die junge Frau erröthete, als sie mich bemerkte, denn sie kannte mich, und mochte die Ursache meiner Anwesenheit in Plymouth wohl ahnen. Dann ließ sie den Arm ihres Begleiters los und trat auf mich zu.
Wie unangenehm mir diese Begegnung auch war, so stand ich doch still, um ihr einige Minuten zu opfern. Aber ihr Begleiter flüsterte ihr einige Worte zu; sie besann sich und Beide gingen weiter, nachdem mich die junge Frau durch eine stumme Verbeugung begrüßt hatte.
Ich hatte seit acht Uhr Morgens keinen Bissen gegessen ; ich ging in den Gasthof, um zu speisen. Nach dem Essen begab ich mich wieder an den Hafen. Ich überzeugte mich nun, daß der alte Seemann Recht gehabt hatte.
Der Wind hatte sich gedreht, er bließ heftig aus Südwesten und die hochgehende See war der sichere Verbote eines wahren Sturmes. Von Minute zu Minute zuckten Blitze am Horizont. Es wurde immer finsterer, die Wogen gingen immer höher.
»Wir werden eine traurige Nacht bekommen, Sir,« sagte ein Hafenbeamter zu mir, »ich glaube, daß die »Columbia« mit der Flut umkehren wird.«
»Um welche Zeit erwarten Sie die Rückkehr des Schiffes?« fragte ich.
»Als ich drüben auf dem Thurm Wache stand, hatte ich bereits ein gutes Stück Weges zurückgelegt ; es wird mindestens drei Stunden ausbleiben, und vor neun oder zehn Uhr wird es nicht auf der Rhede eintreffen, vorausgesetzt daß der hartnäckige Capitän sich nicht entschließt, den Kampf mit den Elementen zu bestehen; denn zuweilen will der Commandant eines Schiffes durchaus nicht umkehren, und setzt sich lieber der Gefahr eines Schiffbruches aus.«
Das Wetter war so kalt und rauh, daß mir die Lust verging, noch ein paar Stunden am Hafen zu warten. Ich dankte daher dem Hafenwächter für die Auskunft und begab mich wieder in den Gasthof »Royal George«; zuvor aber theilte ich den beiden Localbeamten, die in einem Kaffeehause meine weitern Befehle erwarteten, das Resultat meiner Nachforschungen mit.
Es wurde verabredet, daß ich die Rückkehr der »Columbia« von acht bis zehn Uhr erwarten sollte; falls das Schiff dann noch nicht da wäre, sollten die beiden Agenten abwechselnd auf dem Hafendamm Wache halten.
Die Verabredung wurde ganz laut getroffen, und die Anwesenden hörten Alles was wir sprachen. Diese Unbesonnenheit brachte mir Unglück.
Das Feuer brannte lustig im Camin des Gastzimmers und die sanfte Wärme that mir so wohl, daß ich gegen meinen Willen in einen süßen Schlaf versank. Ich war in der legten Nacht nicht ins Bett gekommen und der Wind hatte mein Gesicht dergestalt gepeitscht, daß mir unwillkürlich die Augen zufielen. Aber ich war längst gewöhnt, zu einer bestimmten Zeit zu erwachen; ich überließ mich daher unbesorgt dem Schlummer, nachdem ich meine Uhr hervorgezogen hatte, um zu sehen, wie lange Zeit ich der Ruhe widmen dürfe.
Ich legte meine Uhr auf den Tisch, auf den ich mich stützte. Es war kaum halb sieben.
Bald darauf erwachte ich mit der verworrenen Idee, daß ich zu lange geschlafen und daß während meines Schlummers Jemand ins Zimmer gekommen sey. Ich sah indeß Niemand im Gastzimmer, und meine Uhr zeigte erst sieben Uhr zwanzig Minuten.
Ich erhob mich aus meinem Lehnstuhl und öffnete das Fenster, um das Wetter zu beobachten. Das Wetter war furchtbar ; es wäre ganz vergebens gewesen, sich vor der Rückkehr der »Columbia« dem Regen und der Kälte auszusetzen. Um den Schlaf zu verscheuchen, nahm ich eine Zeitung und begann zu lesen.
Kaum hatte ich meine Aufmerksamkeit den politischen Nachrichten zugewandt und die mich umgebenden Gegenstände vergessen, so that sich die Thür des Gastzimmers auf und Mistreß Masters erschien mit ihrem Begleiter
Die junge Frau grüßte erröthend, der alte Herr nahm am Camin Platz. Bald entschuldigte sie sich höflich durch ihre unerwartete Ankunft meine Einsamkeit gestört zu haben.
Ich beantwortete diese Entschuldigung in eben so höflichen Ausdrücken und erwartete mit wehmüthiger Theilnahme und Neugier die Erklärung dieser Störung, wie es die beiden Fremden nannten.
Die junge Frau schlug ihre rothgeweinten Augen nieder, sie schien sehr traurig zu seyn. Ich beklagte von ganzem Herzen das Unglück dieses reizenden Wesens und bedauerte im Stillen, daß ich nichts für sie thun konnte, denn sie schien mir wirklich der innigsten Theilnahme werth.
Auch der alte Mann schien sehr traurig und niedergeschlagen zu seyn; seine Hände zitterten und seine Augen starrten mit unheimlichem Ausdruck in das lustig lodernde Caminfeuer.
Ich wollte mich aus dem Gastzimmer entfernen, um das unangenehme Gespräch, welches mir die Haltung des alten Mannes in Aussicht stellte, zu vermeiden; aber als ich aufstand, sah er mich ernst an und sagte:
»Mr. Waters, dieser Krieg der Elemente, dieser wilde Tumult der physischen Natur ist nur ein sehr schwaches Abbild der beständigen Erschütterungen und Kämpfe in des moralischen Welt . . .«
Sehr erstaunt über diese philosophirenden Worte machte ich eine leichte Verbeugung und erwartete die Fortsetzung dieser sonderbaren Rede.
»Für schwache, kurzsichtige Wesen wie wir,« fuhr er fort, »ist es schwer, die leitende, sorgsame Hand, welche die Ereignisse dieses buntbewegten, ziellosen Lebens leitet, zu beobachten und in ihrem Wirken zu verfolgen. Kämpfe des Glaubens mit der Erfahrung sind eine harte Prüfung für die Menschheit, und es ist ihr sehr schwer, das Kleinod des Glaubens rein und fleckenlos zu bewahren . . . Ach! Das mit seinem satanischen Stolz prunkende Verbrechen und die verfolgte Unschuld sind selbst für große Philosophen schwer zu ergründende Gegenstände.«
Ich wußte in der That nicht, was ich zu diesem wunderlichen Wortschwall sagen sollte. Um etwas davon zu verstehen, mußte ich die Fortsetzung abwarten; ich gab daher durch eine höfliche, ernste Verbeugung zu erkennen, daß ich mit den Bemerkungen des alten Herrn ganz übereinstimmte.
Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:
»Es ist nicht mehr zu bezweifeln, Mr. Waters, daß die »Columbia« gezwungen seyn wird, nach Plymouth zurückzukehren; der Gatte dieser Unglücklichen wird daher in die Hände des Gesetzes fallen . . . in die Hände des blinden, ungerechten, schonungslosen Gesetzes, welches an alle Menschen einen und denselben Maßstab legt, als ob die Leidenschaft, welche wie dieser Sturm tobt, die Einen nicht zu Riesen, die Andern zu Pygmäen machte . . .«
Er hielt wieder einen Augenblick inne.
»Ich hätte Ihnen sagen sollen,« setzte er hinzu, »daß ich Thompson heiße.«
Ich verneigte mich.
»Sie können glauben, Mr. Waters, daß Sie nach der Aufklärung dieser unglücklichen Angelegenheit mehr als jeder Andere das Verhängniß beklagen werden, welches im Bunde mit den Elementen die sicher geglaubte Beute auf die Küste zurückwirft Sie können leicht denken, daß auch mein Herz sehr schmerzlich dadurch berührt wird . . .«
»Ist der That, Sir,« antwortete ich, »Ihr Name gibt Sie als den Vater dieser jungen Dame zu erkennen.«
»Ja, Mr Waters, ja,« erwiederte er lebhaft, »und zugleich der Schwiegervater des Schuldlosen, den Sie mit so rastlosem Eifer verfolgen, daß er Ihnen nicht entgehen kann . . . Doch ich mache Ihnen keine Vorwürfe darüber, Sie thun nur, was Sie für Ihre Pflicht halten. Fahren Sie nur fort, die Fügungen der Vorsehung sind unerklärlich.«
Die junge Frau begann laut zu schluchzen. Sie hielt ihren Gatten für schuldlos, und ihr Instinct sagte ihr, daß er noch ihrer Liebe und Achtung werth sey.
»Ich muß diesem peinlichen Gespräch ein Ende machen, Sir,« sagte ich zu dem alten Herrn; »es thut mir sehr weh, in Gegenwart dieser Dame über die Schuldlosigkeit oder Schuld ihres Gatten mit Ihnen zu rechten. Das Gesetz hält ihn für schuldig, ich darf nur mit den Augen des Gesetzes sehen. George Masters täuscht Sie, Madame, wenn er sich schuldlos nennt; brechen Sie dieses Gespräch ab, ich könnte sonst vermuthen, Sie wollten meine Leichtgläubigkeit täuschen.«
»Das ist keineswegs meine Absicht, Mr. Waters, und ich glaube, daß mich der achtbare Name Thompson, den ich führe, gegen jedes ungerechte Mißtrauen schützen wird.«
»Ich kenne Ihren fleckenlosen Ruf, Madame,« erwiederte ich mit einer Verbeugung; »die Familie Thompson steht mit Recht in hoher Achtung; aber Sie können Beide im Irrthum seyn, wenn Sie an die Schuldlosigkeit des Verfolgten glauben: die Beweise seiner Schuld sind klar und deutlich.«
»Er ist schuldlos!« betheuerte die junge Frau; »er ist der beste Gatte, der edelste Mensch.«
»Es ist vergebens, diese peinliche Unterredung fortzusetzen,« sagte ich, meinen Hut nehmend; »wenn George Masters schuldlos ist, so wird er freigesprochen, darauf können Sie sich verlassen ; die Justiz irrt sich nicht so oft, wie man glaubt. Es ist meine Pflicht, als Werkzeug der Justiz zu handeln. Es ist acht Uhr und ich sehe mich genöthigt, dieses Gespräch abzubrechen. Entschuldigen Sie mich, daß ich mich Ihnen empfehle . . .«
Die junge Frau fiel mir ins Wort und trat mir in den Weg.
»Noch einen Augenblick, Mr. Waters!« sagte sie mit bittender Stimme.
»Ja, noch einen Augenblick!« setzte Thompson hinzu.
»Ich werde aufrichtig seyn. Ich bin hierher gekommen, Sie um Rath zu fragen. Sie haben von dem Vater des jungen Mannes, von Joel Masters gehört ?«
»Allerdings,« antwortete ich; »er war ein Spieler von Profession, ein sehr übel berüchtigter Mensch – oder um es beim rechten Namen zu nennen, der größte Schurke von der Welt.«
»Sie haben den unwürdigen Vater des armen George sehr richtig geschildert. Kennen Sie die Handschrift des Elenden?«
»Ich habe triftige Gründe, sie zu kennen; denn ich erhielt unlängst einen Brief, den mit der alte Schurke schrieb, um seinen Sohn meinen Nachforschungen zu entziehen.«
»Nun, da Sie die Handschrift Joels kennen, Mr. Waters, so haben Sie die Güte, diesen Brief zu lesen: er ist von Liverpool datirt, wo er sich gestern befand, um sich nach Amerika einzuschiffen.«
Der alte Mann reichte mir einen Brief, in welchem ich sogleich die Schriftzüge Joel Meisters erkannte. Ich begann zu lesen; aber bei der zweiten Zeile hielt ich inne, um Thompson anzusehen.
»Lesen Sie weiter, Mr. Waters,« sagte Thompson; »lesen Sie weiter.«
Der Brief überraschte mich wirklich in hohem Grade; es war ein umfassendes Bekenntniß, das Joel Masters seinem Sohne ablegte. Der Alte erklärte, er habe das seinem Sohne zur Last gelegte Verbrechen begangen, und ermächtigte ihn, seines Vaters Schuld zu erklären, falls es ihm nicht gelänge, England zu verlassen.
»Dieser Brief,« sagte ich, nachdem ich ihn gelesen, »ist sehr wichtig; »aber ich möchte das Couvert sehen.«
»Das Couvert?«
»Ja; denn es muß mit dem Poststempel Liverpool versehen und das Datum der Aufgabe daraus ersichtlich seyn.
Thompson sah in seiner Brieftasche nach und durchsuchte alle seine Rocktaschen, das Briefcouvert fand sich nicht.
»Ohne allen Zweifel,« sagte er verlegen, »habe ich das Couvert in meinem Zimmer fallen lassen. Ich will sogleich in den Gasthof eilen, wo ich eingekehrt bin, um es zu holen. Haben Sie die Güte, meine Rückkehr zu erwarten. Es ist mein sehnlicher Wunsch, Sie von der Schuldlosigkeit des armen George zu überzeugen. Erweisen Sie mir und meiner Tochter noch diese Gefälligkeit . . . ich werde nicht lange ausbleiben; in einigen Minuten bin ich wieder da.«
Thompson eilte zum Zimmer hinaus. Ich machte eine Bewegung, um ihn zurückzuhalten, aber er war schon fort.
Ich wandte mich nun zu Mistreß Masters, die immer noch schluchzte.
»Madame,« sagte ich, »ich habe keine Zeit zu verlieren. Geben Sie Ihrem Herrn Vater den Rath, Joels Brief dem Advocaten, der Ihren Mann vertheidigen wird, zu übergeben; nur der Vertheidiger kann einen wirksamen Gebrauch davon machen.«
»O! Sir,« Schluchzte die junge Frau und sah mich mit ihren rothgeweinten Augen an; »Sie glauben unsern Worten nicht, Sie haben kein Erbarmen.«
»Verzeihen Sie, Madame,« erwiederte ich, »ich habe nicht das Recht, die Wahrheit Ihrer Worte zu bezweifeln, aber eben so wenig steht es in meiner Gewalt, an den mir ertheilten Befehlen etwas zu ändern.«
»Sagen Sie mir aufrichtig, Mr. Waters, « versetzte Mrß. Masters, Hagen Sie mir, ob die von diesem Briefe gegebene Hoffnung wirklich ein Schutz für meinen Mann seyn kann?«
Ich war um eine Antwort sehr verlegen; aber Mrß. Masters gab meinem Stillschweigen eine Bedeutung: sie fand in diesem Stillschweigen die Verurtheilung ihres Gatten. Sie wurde von Zuckungen befallen und verlor die Besinnung.
Ich hätte Leute herbeirufen und mich an den Hafen begeben sollen, wohin mich die Pflicht rief. Ich sah nach der Uhr; es war halb neun und folglich war keine Zeit zu verlieren. Aber ich ließ mich zum Mitleid rühren: ich leistete ihr die für ihren Zustand nöthige Hilfe und brachte sie endlich wieder zur Besinnung.
Aber als sie wieder zu sich selbst gekommen war, hatte ich keine Ruhe mehr.
»Es ist drei Viertel auf neun, Madame,« sagte ich ungeduldig, »ich bedaure Sie von Herzen, aber ich kann nicht länger verweilen, ich muß gehen.«
»So gehen Sie,« antwortete die junge Frau, plötzlich aufstehend; gehen Sie . . . aber ich werde Ihnen folgen.«
Es lag mir wenig daran, ob Mistreß Meisters mir folgte oder nicht, wenn ich nur zur rechten Zeit auf meinem Posten war.
Ich eilte an den Hafen und trotz der Dunkelheit sah ich ganz deutlich ein Schiff, das der »Columbia« glich. Die Segel waren eingezogen und es schienen alle Vorkehrungen zum Uebernachten im Hafen getroffen zu seyn.«
»Was für ein Schiff liegt dort vor Anker?« fragte ich einen Matrosen und deutete mit dem Finger auf das Schiff, welches meine Aufmerksamkeit erregte.
»Es ist die Columbia,« antwortete er.
»Wann ist die Columbia eingelaufen?«
»Es schlug halb zehn, als der Capitän und die Passagiere ans Land stiegen.«
»Wie! halb zehn?« erwiederte ich betroffen; »es ist ja kaum neun Uhr.«
»Ihre Uhr muß zu spät gehen. Sir,« sagte der Matrose; »denn ehe Sie fünf Minuten älter sind, wirds in der Stadt zehn schlagen.«
Die nächste Thurmuhr schien diese Worte des Matrosen abgewartet zu haben, um seine Meinung zu bestätigen. Der erste Glockenschlag ertönte ; ich zählte, es schlug zehn.
Während die Glockenschläge die Luft durchzitterten, hörte ich ein spöttisches , höhnendes Gelächter aus weiblichem Munde. Ich ahnte sogleich, woher es kam, und fühlte zum ersten Male in meinem Leben Lust, ein Frauenzimmer durchzuprügeln.
Mistreß Masters, die reizende junge Frau mit den sanften Taubenaugen, die im Gasthof zum »Royal George« so trostlos, mitleidswürdig gewesen war, stand laut lachend einige Schritte von mir und sah mich mit beispielloser Frechheit an.
»Mr. Waters,« höhnte sie, »Ihre Uhr zeigt vielleicht die Londonerstunde; aber es ereignet sich zuweilen, insbesondere zu Plymouth, daß eine Uhr eine Stunde schlummert, wie ihr Besitzer . . . Adieu, Mr. Waters. Merken Sie wohl, adieu, und nicht auf Wiedersehen; denn ich hoffe, daß ich Sie nie wieder sehen werde.«
Bei diesen Worten verschwand die junge Frau in der Dunkelheit, ohne daß es mir in den Sinn kam, sie zu verfolgen. «
»Sind Sie Mr. Waters?« fragte mich ein Zollbeamter, der auf den Quai ging.
»Ja,« antwortete ich ungeduldig. »Was wollen Sie von mir?«
»Sehr wenig, Sir,« antwortete er; »ich wollte Ihnen nur sagen, daß Joel Masters, der im Gasthofe »zum Royal George« mit Ihnen gesprochen, mir aufgetragen hat, Ihnen zu sagen, daß er unendlich bedauert, Ihnen die letzten Stunden dieses Abends nicht widmen zu können ; die Ankunft seines Sohnes zu Plymouth habe ihn gezwungen, die Stadt auf der Stelle zu verlassen. Einer weitern Erklärung , sagte er, bedürfe es nicht, Sie würden diese Nothwendigkeit einsehens.«
Ich hätte hundert Pfund Sterling gegeben, um mir die Freude zu machen, den Zollbeamten ins Meer zu werfen; aber ich widerstand dieser Versuchung und begab mich voll Ingrimm wieder in den Gasthof.
Joel Masters und sein Sohn entkamen nach Amerika. Einige Jahre später erfuhr ich, daß der alte Gauner den Lohn seiner Thaten im Strafhause erhielt.
Der sanfte, wohlthuende Einfluß der Mistreß Masters, die ihrem Gatten über den Ocean gefolgt war, machte aus George einen neuen Menschen; er gab seinen Kenntnissen und Talenten eine bessere Richtung, machte sein Glück und wurde einer der geachtetsten Bürger von Cincinnati.
V.
Die Industrieritter
1
Der Hauptagent eines ziemlich bedeutenden französischen Handlungshauses, der seinen Wohnsitz zu London hatte, erschien eines Morgens in großer Bestürzung in ScotlandsYard und zeigte dem Oberinspector an, es sey ihm eine sehr beträchtliche Summe in englischen Banknoten, Gold und Wechseln gestohlen worden. Er habe eine Reise nach Frankreich gemacht, und nach etwa zehntägiger Abwesenheit habe er bei seiner vor einigen Stunden stattgefundenen Rückkehr die traurige Entdeckung gemacht, daß seine eiserne Geldkiste ganz ausgeplündert worden. Der Dieb müsse sich durchaus falscher Schlüssel bedient haben, denn die Geldkiste sey verschlossen und keine Spur eines gewaltsamen Einbruchs sichtbar gewesen.
Monsieur Lebreton, so hieß der Handlungsagent, überreichte uns ein Verzeichniß der gestohlenen Wertpapiere, so wie die Nummern der Banknoten, und gab uns überdies noch mündlich alle wesentlichen Nachweisungen.
Vor Allem wurde nachgefragt, ob die Noten an der Bankcasse zur Einlösung vorgewiesen waren. Es war nicht eine einzige vorgewiesen worden. Es wurde nun Befehl gegeben, die Banknoten nicht einzulösen und in den Zeitungen wurde die Beschreibung der Wechsel nebst den Nummern der Banknoten bekannt gemacht. Einige Tage nachher wurde für die Verhaftung oder Auffindung der Thäter ein bedeutender Preis gesetzt.
Diese Schritte blieben erfolglos, und ungeachtet der rastlosen Bemühungen der Polizeibeamten war nicht die mindeste Spur der Verbrecher zu entdecken.
Inzwischen kam Mr. Bellebon, ein Associé des bestohlenen Handlungshauses, nach England herüber, um bei den Nachforschungen behilflich zu seyn. Er machte uns natürlich die dringendsten Vorstellungen und erschöpfte sich in Bitten, Alles aufzubieten was zur Entdeckung der Thäter führen führen könne. Wenn sich die Wechsel und Banknoten nicht wieder fänden, sey das Haus ruinirt und eine Heirath, von der sein Lebensglück abhänge, müsse dann rückgängig gemacht werden. Aber vergebens schickte die Sicherheitsbehörde ihre geschicktesten Agenten ab, die ganze Angelegenheit blieb in undurchdringliches Dunkel gehüllt.
Endlich erhielt der Hauptagent Alexander Lebreton, der zuerst die Anzeige gemacht hatte, einen Brief mit dem Poststempel Saint-Martin. Dieser Brief enthielt das Anerbieten, die Banknoten und Wechsel – mit Ausnahme des Geldes – zurückzuerstatten. Der Betrag des Goldes belief sich auf etwa tausend Pfund Sterling, die Banknoten und Wechsel machten mehr als das Zehnfache dieser Summe aus, und das französische Handlungshaus hatte sie zur Deckung einiger bedeutender in London zu leistenden Zahlungen bestimmt. Für die Herausgabe dieser Wertpapiere forderte man noch weitere tausend Pfund Sterling.
Lebreton gab sich um so mehr Mühe, die Agenten der Polizei zur Thätigkeit anzueifern, da dieser Verlust großentheils durch seine Nachlässigkeit in der Ausführung der Befehle des Hauses Bellebon verursacht worden war. Er hatte nämlich von Paris den Auftrag erhalten, jene Wechsel zu negociren und dem Bankhause Hoare und Comp. eine bedeutende Zahlung zu leisten. Sobald er diese Zahlung geleistet haben würde, sollte er die Reise nach Paris machen. Lebreton aber hatte den Auftrag umgekehrt; er hatte zuerst die Reise nach Paris gemacht und sich vorbehalten, die Wechsel nach seiner Rückkehr zu negociren; aber bei der Rückkehr hatte er, wie wir gesehen, seine Casse leer gefunden.
In dem oben erwähnten, mit dem Poststempel Saint-Martin (einem Londoner Stadtbezirke) versehenen Briefe, den das Haus Bellebon unter der Adresse Lebreton’s erhalten hatte, wurde folgende Vermittlung vorgeschlagen : wenn man die Wechsel und Banknoten gegen ein Lösegeld von tausend Pfund Sterling zurückzuerhalten wünsche, möge man eine auf den Inhalt des Briefes sich beziehende gebeimnißvolle Anzeige in die »Times« einrücken, und als Antwort auf diese Anzeige werde die Angabe, wie die Zurückerstattung der Wertpapiere zu bewerkstelligen, sogleich erfolgen.
Bellebon, durch diesen Vorfall in die größte Verlegenheit gesetzt, folgte überdies dem Zuge seines Herzens und war schon im Begriff, den Antrag anzunehmen. Er legte dem Polizeidirector den anonymen Brief vor, schilderte ihm seine Verlegenheit und gestand ihm die dringenden Zahlungen, die er zu leisten hatte. Aber der Director lehnte jede Mitwirkung entschieden ab, und erklärte ihm, daß er seinen Wunsch nicht einmal durch Stillschweigen erfüllen werde.
Bellebon wiederholte seine Bitte, aber der Polizeidirector erwiederte: »Wir können Ihnen solche Zugeständnisse nicht machen; Sie selbst sollten ein solches Anerbieten mit Entrüstung zurückweisen. Uns verbietet es die Pflicht, Ihnen die Ehre, davon Gebrauch zu machen. Wenn Sie meinen Rath unbeachtet lassen, und die Sache in so ungesetzlicher Weise verfolgen, so werde ich mich genöthigt sehen, einen Criminalprozeß gegen Sie anhängig zu machen.«
Bellebon fügte sich und überließ die ganze Angelegenheit der Einsicht und Erfahrung des Polizeidirectors; bat ihn jedoch dringend, die Nachforschungen mit der größten Thätigkeit fortzusetzen.
Um indeß kein Mittei, welches zu neuen Aufklärungen führen könnte, unversucht zu lassen, wurde verabredet, den von den Dieben selbst geschriebenen Brief in den »Times« abdrucken zu lassen-
Der Brief wurde abgedruckt, und am andern Morgen kam die erwartete Antwort. Sie lautete folgendermaßen:
»Monsieur Lebreton wird sich allein um vier Uhr Nachmittags in Old-Manor-House, Green-Lane, Nerrington, einfinden und die für die Zurückgabe der Wechsel und Banknoten festgesetzte Summe mitbringen. Diese Summe muß in Gold seyn.«
Diese letzte Vorsichtsmaßregel war ganz erklärlich: jede Banknote hat eine Nummer; diese Nummern können der Bank im Voraus angezeigt und die Inhaber der Banknoten erkannt werden.
Das Postscriptum des in französischer Sprache geschriebenen Briefes erklärte ferner, um jeden Verrath zu vermeiden, werde Lebreton in dem genannten Gasthause nur einen Brief finden, welcher ihm den Ort anzeigen werde, wo die Angelegenheit endgültig erledigt werden solle. Auf jeden Fall müsse er sich zu diesem zweiten Stelldichein ebenfalls allein und in aller Stille begeben; es sey ein offener Ort, wo jede Ueberraschung unmöglich sey.
Der Antrag der Gauner war mit einer so ausfallenden Zuversichtlichkeit und Arglosigkeit gemacht, daß es sehr zweifelhaft schien, ob es jemals gelingen werde, der schlauen Industrieritter habhaft zu werden.
Es wurde indeß ein recht sinnreicher Plan entworfen, um die Diebe in eine Falle zu locken.
Lebreton begab sich der Einladung zu Folge gegen vier Uhr Nachmittags in das bezeichnete Gasthaus; aber fand daselbst weder Brief noch Boten und es war weder im Innern von Old-Manor-House noch draußen die mindeste Spur einer geheimen Beobachtung zu bemerken.
Lebreton mußte unverrichteter Sache wieder fortgehen; er begab sich ins Polizeiamt und erzählte was vorgegangen oder vielmehr nicht vorgegangen war.
Am andern Morgen kam ein zweiter Brief mit der Anzeige, daß die Unterhändler bei dem gestrigen Stelldichein nicht erschienen seyen, weil sie die Nachricht erhalten, daß man ihnen nachstelle. Wenn Mr. Bellebon, hieß es in dem Briefe weiter, nicht aufrichtig und offen zu Werke gehe, und den mindesten Grund zum Argwohn gebe, so werde man die Wechsel und die Banknoten ohne weiteres verbrennen; vielleicht werde man sogar von den Wechseln einen für das Haus Bellebon noch nachtheiligern Gebrauch machen. Die Art und Weise, wie man in diesem Falle darüber verfügen werde, müsse den Sturz dieses Hauses unvermeidlich machen.
In diesem entscheidenden Zeitpunkte kam ich in London an. Ich war sehr erzürnt über die Erfolglosigkeit meiner Reise nach Plymouth und über das Entkommen der beiden Gauner Joel und George Masters. Mein Vorgesetzter lachte über meinen Zorn und noch mehr über die außerordentliche Schlauheit und Gewandtheit jener Industrieritter. Um mich einigermaßen zu trösten, sagte er, nachdem er meinen Bericht gehört hatte:
»Mr. Waters, ich habe mit Sehnsucht Ihre Rückkehr erwartet und die Angelegenheit, die ich Ihnen übertragen werde, kann durch Ihren Eifer und ihre Gewandtheit zu einem Resultat kommen, welches Sie für das Mißlingen Ihrer letzten Sendung reichlich entschädigen wird. Sie sprechen so gut französisch, als ob Sie jenseits des Canal la Manche geboren wären. Ihre genaue Kenntniß dieser Sprache wird Ihren Verkehr mit dem bestohlenen Gentleman erleichtern, denn er versteht sehr wenig englisch.«
Mein Chef erzählte mir alle auf den Cassendiebstahl bezüglichen Umstände und deutete dabei aus gewisse Einzelheiten, die auf den ersten Anblick ein schwaches Licht auf die Begebenheit warfen. aber später von großem Nutzen für mich waren.
Ich verließ meinen Chef und ging nach Hause, um mit Ruhe einen Plan zu entwerfen, bevor ich die Verfolgung der Verbrecher begann.
Nach langer, sorgfältiger Prüfung der Sache beschloß ich vor Allem mit Bellebon zu sprechen, aber ich hielt eine Unterredung ohne Zeugen für nothwendig. Ich begab mich in ein Wirthshaus. schickte einen Kellner in den Gasthof, wo Bellebon wohnte und ersuchte den Letzteren um eine schleunige Unterredung in einer sehr dringenden und die Interessen seines Hauses nahe berührenden Angelegenheit Der Bote hatte den Auftrag, die Antwort sogleich zu überbringen.
Bellebon ließ mir sagen, daß er meinen Besuch erwarte.
Ich begab mich sogleich zu dem Banquier. Nach einer viertelstündigen Unterredung sah ich wohl ein, daß Bellebon zu jung, unbesonnen und arglos war, als daß ich es für gerathen gehalten hätte, ihn in meinen Plan einzuweihen.
Ich fragte ihn daher mit scheinbarer Gleichgültigkeit:
»Arbeitet Herr Lebreton in dem Comptoir. wo der Diebstahl begangen ist?« ’
»Ja, gewöhnlich arbeitet er dort,« antwortete er; »aber heute habe ich ihn in Angelegenheiten unseres Hauses nach Greenwich geschickt, er wird wohl erst diesen Abend zurückkommen. Wenn Sie aber den Ort wo der Diebstahl begangen wurde, noch einmal besuchen wollen, so ist es sehr leicht, die Untersuchung zu wiederholen.«
»Ich halte es für nothwendig,« erwiederte ich; »denn die erste Untersuchung ist nicht von mir, sondern von einem meiner Collegen geführt worden. Aber wenn Sie erlauben, will ich an Ihrem Arme in Ihr Comptoir gehen, damit Niemand den officiellen Charakter meines Besuchs ahne.«
Bellebon willigte lachend ein, und wir begaben uns Arm in Arm in sein Comptoir.
Ein ältliches Frauenzimmer öffnete uns die Thür eines Arbeitszimmers wo ein junger Mann saß und schrieb. Der Commis stand auf als wir eintraten. Er mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt seyn; die Hauptzierde seines ziemlich regelmäßigen Gesichts war ein prächtiger Schnurrbart. Der Blick, den er auf uns und insbesondere auf mich warf, war so voll Mißtrauen, daß ich ihm den Rücken zukehrte, um ihm nicht Zeit zulassen, sich meine Gesichtszüge zu merken
»Schicken Sie Ihren Commis unter irgend einem Vorwande fort,« flüsterte ich meinem Begleiter zu.
Bellebon trat auf ihn zu, als ob er etwas vergessen hätte.
»Apropos, Monsieur Dubarle,« sagte er ganz unbefangen zu ihm, »sind Sie bei Mr. Forster in der City gewesen?«
»Nein,« war die Antwort.
»Ich glaube es Ihnen doch gestern gesagt zu haben . . .«
»Entschuldigen Sie, ich erinnere mich nicht.«
»Nun, dann habe ich es vergessen. Gehen Sie doch schnell hin , es handelt sich um Eincassirung von zweihundert Pfund Sterling.«
Der Commis stand auf, nahm seinen Hut, warf mir noch einen unruhigen Blick zu und entfernte sich.
»Ich habe Ihren Wunsch erfüllt,« sagte Bellebon, »wir sind jetzt allein.«
»Ich wünsche nicht als Policeman erkannt zu werden,« sagte ich; »die genaue Durchsuchung Ihres Comptoirs und Ihres Hauses muß daher ohne Zeugen geschehen.«
»Gut, antwortete der Banquier, »ich will die Magd in einen entfernten Stadttheil schicken, um eine Bestellung zu machen.
»Ich wollte Sie darum ersuchen.«
Als die Aufwärterin fort war, traten wir ungestört in das Zimmer, wo sich die Cassa befand.
Ich durchsuchte Schubladen, Schränke, Tische und sammelte sorgfältig alle Papierschnitzel, die mit Buchstaben oder Zahlen beschrieben waren.
Die Durchsuchung des Cassazimmers dauerte lange, schien aber erfolglos zu bleiben. Ich blieb indeß meinem Vorsatz getreu, den jungen flatterhaften Bellebon nicht in meinen Plan einzuweihen.
»Wissen Sie gewiß,« fragte ich ihn, »daß Mr. Lebreton, wie Sie meinen Chef versicherten, in London und in der Nähe weder Frau, noch Schwester oder Geliebte hat?«
»Ich bin fest davon überzeugt,« antwortete der Banquier; »wenigstens hat er in meinem Hause keine Zusammenkünfte. Die Frage des Polizeidirectors schien mir wichtig und ich habe sowohl die Magd als auch meinen Commis Dubarle ernstlich darüber befragt.«
In demselben Augenblicke hörte ich, daß die Thür der Schreibstube aufging und wieder zugemacht wurde. Ich sah durch die angelehnte Thür des Cassazimmers. Es war Dubarle.
Er hatte in weniger als einer Viertelstunde einen Weg gemacht, den ein guter Fußgänger kaum in drei Viertelstunden zurückzulegen pflegt.
Ich betrachtete ihn aufmerksam; er war ganz außer Athem, und gleichwohl war sein Gesicht nicht stark geröthet, wie zu erwarten war, sondern leichenblaß.
Sein Blick begegnete dem meinigen; er suchte offenbar in meinem Gesicht und Benehmen die Ursache meiner Anwesenheit zu lesen.
Mein Besuch war gemacht; ich war überzeugt, daß ich Alles wußte, was ich erfahren konnte. Ich nahm daher von Herrn Bellebon Abschied, nachdem ich ihn ersucht hatte, mir die Zeit der Rückkehr seiner Magd genau anzugeben.
Am andern Morgen erfuhr ich, daß sie beinahe fünf Viertelstunden ausgeblieben war. Es war daher mit der größten Wahrscheinlichkeit zu vermuthen, daß meine Anwesenheit ihr nicht dieselbe Unruhe verursacht hatte wie dem Commis Dubarle.
»Keine Frau, keine Geliebte, keine Schwester!« sagte ich zu mir sahst, als ich in eine Hinterstube des Gastehauses trat, wo ich meinen Posten errichtet hatte. »Keine weibliche Bekanntschaft! Aber woher kommen denn die nach Patschuli duftenden Papierschnitzel, die ich in Lebreton’s Pulte gefunden habe?«
Ich untersuchte die Papierschnitzel genau, ich gab mir alle Mühe, sie an einander zu halten und so vielleicht ein ganzes Blatt zusammen zu setzen. Aber es wollte mir nicht gelingen, sie gehörten zu verschiedenen Briefen und waren so klein, daß es nicht möglich war, einen einzigen vollständigen und verständlichen Satz zusammenzustellen. Die einzigen Worte, die ich zusammenfügte, waren folgende:
»Sie. . . Sie wissen . . . meine arme Fidele verloren . . .«
Das war eine sehr dürftige Nachweisung. Nur über einen Punkt blieb mir kein Zweifel: auf allen Papierschnitzeln war eine und dieselbe Handschrift.
Zwei Stunden später ging ich langsam und nachsinnend in einen andern Stadttheil, wo ich in einer andern Angelegenheit Nachforschungen anstellen wollte. Plötzlich wurde meine Aufmerksamkeit auf einen am Fenster eines Specereiladens festgeklebten Zettel gelenkt. Auf diesem Zettel standen folgende Worte:
»Zwei Guineen Belohnung für die Ablieferung eines abhanden gekommenen Windhundes, der auf den Namen Fidele hört.«
Ich stutzte.
»Fidele!« wiederholte ich in Gedanken. »Ich möchte doch wissen, ob es ein Verwandter der Fidele ist, deren Verlust dem Agenten des Hauses Bellebon gemeldet wurde.«
Ich zog rasch meine Brieftasche hervor und las noch einmal die auf den duftenden Papierschnitzeln stehenden Worte :
»Sie . . . Sie wissen. . . meine arme Fidele verloren.
Der Zettel am Schaufenster des Specereiladens war von drei Wochen her datirt.
2
Ich trat in den Laden. Die Frau vom Hause war zugegen.
»Madame,« sagte ich zu ihr, »ich glaube die Person zu kennen, welche den auf diesem Zettel bezeichneten Hund gefunden hat.«
»Das wäre mir sehr angenehm,« erwiederte die Frau, »denn er gehört einer meiner Kunden, und die arme Dame ist über ihren Verlust ganz untröstlich.«
»Es wäre vielleicht indiscret, nach dem Namen dieser Dame zu fragen. . .«
»Keineswegs, ich will Ihnen ihre Adresse zeigen, welche sie selbst geschrieben hat. Es ist eine Französin, und da der Name für uns Engländer schwer auszusprechen ist, so bat ich sie, ihn selbst in mein Buch zu schreiben.«
Sie reichte mir das offene Einschreibebuch und deutete mit dem Finger auf die Stelle, wo der Name geschrieben stand.
Ich las mit unbeschreiblicher Freude folgende Adresse-:
»Madame Levasseur, Oak-Cottage, an der Straße von Edmonton nach Southgate.«
Die Schriftzüge waren denen auf dem Zettel ganz gleich, und stimmten auch mit der Handschrift der wenigen bei Lebreton gefundenen Wörter überein.
Es waren französische Schriftzüge.
Diese Andeutungen konnten zu einem ganz unerwarteten Resultat führen, und ich faßte sogleich den Entschluß, die aufgefundene Spur eifrig zu verfolgen.
Nachdem ich der Kaufmannsfrau einige Fragen, deren Antworten ich für nöthig hielt, mit möglichst unbefangener Weise vorgelegt hatte, entfernte ich mich mit dem Versprechen, der Madame Levasseur am andern Morgen den Hund zuzuschicken.
Ich begab mich sogleich zu einem bekannten Hundehändler, kaufte für einen halben Kronenthaler einen Windhund, und nahm ihn an einer Schnur mit nach Hause.
Am andern Morgen gegen acht Uhr klopfte ich, als Vagabunde, respective Hundedieb verkleidet, an die Hausthür der Madame Levasseur. Ich muß zu meinem Lobe sagen, daß die Umwandlung so vollständig war, dass meine Frau. der ich mich vorstellte, mich durchaus nicht erkennen wollte.
Madame Levasseur war zu Hause, aber zu leidend, um das Zimmer verlassen zu können. Sie wollte mich nicht vorlassen. Die Hausmagd erbot sich, den Hund in dem Korbe, wo ich ihm ein weiches Lager bereitet hatte, in das Zimmer ihrer Gebieterin zu tragen ; aber ich antwortete, daß ich den Hund nur der Dame selbst zeigen würde, da ich die versprochene Belohnung von zwei Guineen nicht verlieren wollte. Die Magd sah wohl, daß mein Entschluß unerschütterlich war, und schlug mir die Thür vor der Nase zu – eine Vorsicht, die ganz natürlich war, denn mein Aeußeres , war gar nicht geeignet, Vertrauen einzuflößen.
Nach fünf Minuten kam die Hausmagd wieder, befahl mir, meine Schuhe zu reinigen und forderte mich auf, ihr in den ersten Stock zu folgen.
Ich wurde vorgelassen.
Madame Levasseur war recht hübsch, aber es fehlte ihr der feine Anstand, die Anmuth, wodurch sich die Dame von wahrer Bildung auf den ersten Blick zu erkennen gibt. Sie saß auf dem Sopha und gab durch Miene und Haltung zu erkennen, wie sehr sie wünschte, ihre liebe Fidele wieder zu sehen.
Sie war über meinen Anblick so erschrocken, daß sie sich deshalb aufrichtete und laut, fast kreischend rief :
»Monsieur Levasseur!«
Auf diesen Ruf stürzte ein großer, hübscher, schnurrbärtiger Gentleman ins Zimmer. Er war halb angekleidet und eben mit dem Rasieren beschäftigt, denn die Hälfte seines Gesichtes war mit Seifenschaum bedeckt und erhielt das Rasiermesser in der Hand.
»Was gibts Theuerste?« fragte besorgt; »was ist Dir geschehen, daß Du so schreiest«?
»Sieh nur diesen Unhold an!« antwortete die Dame, auf mich deutend.
Der Hund, der noch in dem Korbe war, konnte ihr keinen Schrecken verursacht haben.
Der Gentleman fing an zu lachen. Madame Levasseur, deren Furcht durch die Anwesenheit ihres Mannes beschwichtigt ward, richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Korb.
Ich ließ den Windhund heraus.
»Ach, mein Gott!« rief sie, als der abscheuliche Köther zum Vorschein kam, »das ist ja mein Hund nicht!«
»Wie?« erwiederte ich ganz erstaunt; »ich habe ihn aufgefangen; er hatte keinen Herrn, und da dachte ich, er müsse es seyn.«
Madame Levasseur begann nun sich vor dem unbekannten Hunde. der ihr nach der grausamen Enttäuschung um so schrecklicher erschien, eben so zu fürchten, wie sie sich anfangs vor meiner vagabundirenden Persönlichkeit gefürchtet hatte. Der Mann gab mir zu verstehen, daß mich die Hausmagd mit dem Besen fortjagen werde, wenn ich mich samt meinem Hunde nicht auf der Stelle fortpackte.
Nachdem ich während dieser kurzen Unterredung den besten Gebrauch von meinen Augen gemacht hatte, setzte ich den Hund wieder in den Korb und entfernte mich.
An der nächsten Straßenecke setzte ich den Korb sammt dem Hunde ab.
»Der liebe Lebreton hat also weder Frau, noch Geliebte, noch Schwester!« sagte ich frohlockend zu mir selbst, als ich fünfzig Schritte von dem Hause entfernt war. »Ich bin ein Gimpel, ein dummer Tropf, wenn das Bild, welches zwischen Mann und Frau an der Wand hängt, nicht sein Porträt ist.«
Ich hatte also die Spur aufgefunden und konnte mich der Hoffnung hingeben, den jungen Banquier wieder in den Besitz der Wertpapiere zu setzen, die ihm die ersehnte Heirath möglich machen und sein Glück sichern sollten.
Er hatte mir mit wenigen Worten und mit Thränen gestanden, welche glückliche Zukunft er durch den Verlust der großen Summe zerstört sehe.
Denselben Abend gegen neun Uhr verließ Mr. Levasseur in sehr eleganter aber geschmackloser Kleidung das Haus, nahm einen Wagen und fuhr schnell der Stadt zu. Er ahnte nicht, daß ihm ein eben so eleganter englischer Dandy mit Perrücke und Vollbart auf dem Fuße folgte.
Dieser Dandy war kein Anderer als ich. Ich kann mich rühmen, daß ich den Dandy eben so natürlich spielte, wie ich einige Stunden zuvor den Hundedieb gespielt hatte.
Levasseur stieg am Ende von Regent-Street aus und nahm seinen Weg gegen Vine-Street. Ich folgte ihm. Er ging in ein Gasthaus, ich ebenfalls.
Dieses Gastbaus war keineswegs fashionable; es war vielmehr der Sammelplatz aller fremden Kutscher, Köche und Kammerdiener, die dort spielten, rauchten, zechten und einen für Engländer unausstehlichen Lärm machten. Alle im Gastzimmer befindlichen Personen waren mit ihrem Spiel so eifrig beschäftigt, daß sie weder Levasseur noch mich beachteten.
Levasseur setzte sich an einen Tisch; ich nahm einige Schritte von ihm Platz. Er bestellte ein Glas Grog; ich ließ mir eine Flasche Sherry bringen.
Ich bemerkte bald, daß Levasseur mit dem Spiel der Anwesenden genau bekannt war; ich erfuhr auch, daß er kein Franzose, sondern ein Waadtländer war.
Der Abend verstrich, ohne daß ich eine neue Entdeckung machte; ich merkte nur, daß Levasseur Jemand erwartete. Gegen elf Uhr entfernte er sich mit einem sehr verdrießlichen Gesicht.
Am folgenden Abend ging’s eben so; aber am dritten Abend sah ich mit mehr Freude als Erstaunen den Agenten des Wechselhauses eintreten. Lebreton war in meinen Augen der Correspondent und Mitschuldige der Diebe, vielleicht der Thäter selbst.
Er erschien mit allen Anzeichen des Mißtrauens und der Vorsicht; er sah sich nach allen Seiten so scheu um, daß ich wohl einsah, daß ihn nur die dringendste Nothwendigkeit bewegen konnte, dieses übelberüchtigte Haus zu betreten. Er blieb in der Thür stehen und wechselte einen Blick mit Levasseur. Dieser stand auf und verließ das Gastzimmer.
Im ersten Augenblicke wollte ich ihnen folgen; aber ich besann mich, sie hätten es bemerken und meinen ganzen Plan vereiteln können.
Meine Vorsicht wurde durch den Erfolg gerechtfertigt.
Die beiden Freunde blieben nur wenige Minuten aus. Levasseur und Lebreton kamen wieder in die Gaststube und setzten sich an einen Tisch in meiner Nähe.
Lebreton sah ausfallend verstört und ängstlich aus. Ich hatte mich nicht geirrt; es war wirklich das Porträt, das ich in dem Salon der Madame Levasseur gesehen hatte. Dieses verstörte, blasse Gesicht bildete einen auffallenden Contrast zu dem frechen, boshaften Ausdruck, den ich in den Zügen seines Spießgesellen beobachtete.
Lebreton, der fast mit Gewalt hereingeführt wurde, blieb übrigens nur einige Minuten im Gasthause, und die einzigen Worte, die ich von seinem Gespräch mit Levasseur verstand, waren folgende:
»Ich fürchte, daß er Verdacht hat.«
Während dieser an sich geringfügigen Ereignisse, die mich nach und nach auf die Spur der Industrieritter führten, erreichte die Ungeduld Bellebon’s den höchsten Grad. Er schrieb mir einen Brief nach dem andern, denn ich hatte jedes andere Verkehrsmittel abgelehnt, und in jedem Briefe erklärte er mir, daß seine Lage mit jedem Tage mißlicher werde; denn das Ende des Monats und mithin die Verfallzeit rückte näher.
Der Banquier dauerte mich und ich entschloß mich, einen kühnen Schritt zu wagen, der im Fall des Gelingens das Räthsel vollständig lösen und schnurstracks zum Ziel führen mußte. Ich hoffte, durch erheuchelte Liebe zum Spiel, zur Völlerei und Liederlichkeit die Aufmerksamkeit Levasseurs auf mich zu lenken und seine Freundschaft zu gewinnen; aber gestehe, daß meine ersten Versuche erfolglos blieben, er beachtete mich nicht.
Einmal glaubte ich indeß zu bemerken, daß er meinen Worten einige Aufmerksamkeit schenkte. Ich erzählte nemlich einigen Spielgenossen, ich sey der vertraute Freund eines Mannes, der im Stande sey, englische Banknoten, die zu London für ungültig erklärt worden, im Auslande zu Gelde zu machen. Aber nach einigen Minuten aufmerksamen Zuhörens nahm der schlaue Industrieritter wieder seine kalte, höhnische Miene an. Er schien einen gewissen Widerwillen gegen mich zu hegen, und ich sah die Nothwendigkeit ein, sein Vertrauen zu gewinnen. Endlich gelang es mir, und ich glaube mich sehr geschickt dabei benommen zu haben.
Eines Abends erschien ein gemeiner, aber ziemlich eleganter Abenteurer in dem Gasthause, wo ich Levasseur seit einiger Zeit zu treffen pflegte. Der neue Gast war noch nicht zehn Minuten da, so wußte die ganze Sippschaft, daß er Trelawney hieß und daß seine Brieftasche, für den Augenblick wenigstens, famos gespickt sey. Er hatte uns gegenüber Platz genommen und bei einer Bowle Punsch mit frecher Prahlerei erzählt, er wohne in Conduit-Street und habe sehr viel Geld. Um diese letzte Behauptung zu beweisen, zog er eine mit Banknoten gefüllte Brieftasche hervor. An unserm Tische saßen nur wenige Personen, die meinem Plane fremd waren. Ich bemerkte, wie Levasseur den gierigen Blick beobachtete, den ich auf die Brieftasche des neuen Gastes warf. Endlich, nachdem Trelawney eine halbe Stunde geprahlt und gefaselt hatte, bezahlte er seine Zeche und ging fort.
Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen, so stand ich ebenfalls auf und schlich ihm fast eben so leise nach, als Levasseur mir nachschlich
Hundert Schritte von dem Wirthshause stand ich still und betrachtete mit wahrer Gaunerneugier die Hausthüre und die matt erleuchteten Fenster ; dann lauschte ich mit der argwöhnischen Vorsicht eines durchtriebenen Spitzbuben auf das ferne Geräusch einer in Schlummer versunkenen Stadt. Levasseur folgte mir wie mein Schatten.
An einer Straßenecke holte ich Trelawney ein; ich stieß ihn wie zufällig an und stahl ihm dabei seine Brieftasche. Als ich diesen kühnen Handstreich ausgeführt hatte, eilte ich in ein Wirthshaus.
Ich wollte in der offenbaren Absicht, den Inhalt der erbeuteten Brieftasche mit Muße zu untersuchen, die Thür der Hinterstube, in die ich mich zurückgezogen hatte, verschließen; aber die Thür ging nicht zu. Ich sah zu, woher dieses Hinderniß kam, und – Levasseur stand vor mir.
Das Gesicht des Industrieritters hatte den Ausdruck den das Gesicht Satans gehabt haben muß, als er den ersten Menschen bei der Sünde ertappte.
»Lassen Sie sich nicht stören,« sagte er; »ich bin’s . . . ich war so eben Zeuge des famosen Handgriffs den Sie ausführten. Der tausend! lieber Mr. Williams« – diesen Namen hatte ich mir gegeben – »Sie sind ein unternehmender Mann. Sie werden freilich einsehen, daß ich Sie mit einem Worte auf die Galeeren schicken kann.«
Ich machte ein so erschrockenes Gesicht, daß Levasseur zu lachen anfing.
»O beruhigen Sie sich nur, Theuerster,« sagte er, meine Schulter berührend. »Was würde aus der Welt werden, wenn die Wölfe einander zerrissen?«
Nach diesen beruhigenden Worten zog er die Glocke und sagte zu dem eintretenden Kellner:
»Ehe Flasche Sherry und Zwieback!«
Als wir allein waren, setzte er hinzu:
»Aber was können Ihnen die Banknoten nützen, wenn Sie sie nicht bis morgen einwechseln? Und das wäre zu viel gewagt; denn Trelawney wird die Anzeige bei der Polizei machen und der Bankcasse das Nummernverzeichniß überreichen. Sie sagten zwar vor einigen Tagen, daß Sie für solche Artikel einen Abnehmer haben . . .«
Die Frage war verfänglich, und ich zögerte mit der Antwort.
»Nur nicht spröde gethan, Freundchen,« setzte Levasseur mit ganz veränderten fast drohendem Ton hinzu ; »Sie sind in meiner Gewalt, und Sie haben die Wahl, entweder zu thun was mir beliebt, oder eine Reise nach Neuseeland zu machen. Ich möchte Ihnen rathen, aufrichtig gegen mich zu seyn und mir den Namen Ihres Geschäftsfreundes zu nennen.«
»Er ist in diesem Augenblicke nicht in London,« stammelte ich.
»Ich lasse mich so leicht nicht hinter’s Licht führen,« sagte Levasseur. »Wenn Sie klug sind, so machen Sie gemeinsame Sache mit mir, statt mir den Rücken zu kehren. Ich habe ebenfalls einige Banknoten einzuwechseln . . . Nicht wahr, wir versichert uns jetzt? Zu welchem Preise übernimmt sie Ihr Geschäftsfreund, und wie bringt er sie an den Mann?«
Ich zögerte noch; dann antwortete ich verlegen:
»Im Allgemeinen gibt er den vierten Theil des Nennwerthes der Banknoten und gibt sie im Auslande aus. Die Noten werden dann von unbetheiligten Personen vorgewiesen, und in diesem Falle muß die Bank zahlen.
»Operirt er mit den Wechseln eben so?«
»Ja wohl, eben so. «
»Wird Ihr Freund das Geschäft machen, wenn die Summe auch bedeutend ist?«
»Ich glaube, daß er reich genug ist, um ziemlich große Operationen machen zu können.«
»Gut; Sie müssen mich ihm vorstellen.«
Er sagte dies in einem befehlenden Tone.
»Unmöglich!« erwiederte ich mit dem Ausdrucke des Schreckens; »mein Freund unterhandelt nicht mit Fremden.«
»Sie müssen mich ihm vorstellen,« wiederholte Levasseur; »merken Sie wohl: Sie müssen! . . . sonst wissen Sie was Ihnen bevorsteht: ich erzähle dem ersten besten Polizeidiener, der mir begegnet. das kleine Taschenspielerstückchen, dessen Zeuge ich so eben war.«
Ich fing an zu zittern, als ob ich durch diese Drohung eingeschüchtert wäre, und stammelte den Namen Lewi Samuel.
»Wo wohnt dieser Lewi Samuel?« fragte Levasseur.
»Seine Adresse ist ein Geheimniß,« erwiederte ich; »aber ich kann Ihnen die Mittel angeben, mit ihm zu corresporrdiren.«
Endlich, nach einigem Hinundherreden, welches mir meine Einwilligung zu entreißen schien, wurde zwischen Levasseur und mir verabredet, daß ich am folgenden Tage in Oak-Cottage speisen sollte. Lewi Samuel sollte sich um sieben Uhr Abends allein einfinden. Ich wurde beauftragt, dem Juden zu sagen, daß sich die Banknoten und Wechsel, die Levasseur versilbern wollte, auf zwölftausend Pfund Sterling beliefern, und als Honorar für meine Bemühung wurde mir eine Banknote von fünfhundert Pfund Sterling zugesichert.
»Jetzt merken Sie wohl, Freund Williams,,« mahnte Levasseur. ehe er mich verließ, »Sie haben zwischen fünfhundert Pfund Sterling und der Deportation zu wählen. Sie sind zu klug, um nicht die fünfhundert Pfund Sterling vorzuziehen. Sie können gegen mich nichts beweisen, ich hingegen habe gegen Sie die überzeugendsten Beweise in Händen.«
Am andern Morgen war ich sehr früh auf dem Polizeiamt. Ich erzählte meinem Chef, welche Maßregeln ich bisher ergriffen, und theilte ihm meinest ganzen Plan mit. Ich zeichnete mit Bleistift einen Grundriß der Umgebungen von Oak-Cottage, um zu beweisen, daß man sich dem Hause nicht ungesehen nähern könne, und daß kein anderer Agent als der, welcher die Rolle des Juden spielen sollte, zu verwenden sey.
Oak-Cottage lag wirklich so frei, daß man auf allen Seiten eine weite Aussicht hatte, und einen Fremden schon in großer Entfernung sehen konnte.
Die größte Vorsicht war daher nothwendig; denn die Gauner konnten im Fall einer Gefahr die Wechsel und Banknoten in die Nähe eines Camins oder Ofens legen, um sie nöthigenfalls sogleich verbrennen zu können. Waren aber die materiellen Beweise des Diebstahls zerstört, so wurde die Verhaftung Levasseurs überflüssig – wenn auch nicht für die öffentliche Ruhe, doch im Interesse Bellebon’s, dessen Schicksal mir sehr am Herzen lag.
Am meisten beunruhigte meinen Chef die Unmöglichkeit, mehre Agenten zu meiner Verfügung zu stellen.
»Aller Wahrscheinlichkeit nach können es nur zwei seyn,« antwortete ich; »es wäre mir sehr lieb, Jackson zu meiner Verfügung zu haben: ich kann mich auf ihn verlassen wie auf mich selbst. Angenommen, Lebreton und Dubarle wären bei Levasseur, so glaube ich doch, daß wir Beide, Jackson und ich, mit Hilfe unserer Waffen und der Ueberraschung das Kleeblatt bezwingen werden.«
Der Polizeidirector machte noch einige Einwendungen; aber ich erwiederte, daß ich im Vertrauen aus die gerechte Sache entschlossen sey das Wagstück zu bestehen, und beurlaubte mich, um mich zu Jackson zu begeben, und ihm seine Rolle einzustudiren.
3
Ich muß aufrichtig gestehen, daß ich etwas besorgt war, als ich auf Oak-Cottage zuging. Levasseur, dessen Klugheit nicht in Abrede zu stellen war, konnte ja meine wirkliche Stellung entdeckt und die Absicht haben, mich in eine Falle zu locken. Ich hatte ihn nicht oft gesehen, aber ich hatte ihn scharf beobachtet und hielt ihn für einen Charakter, der kein Verbrechen scheut, um sich zu rächen.
Später zeigte es sich, daß ich ihn ganz richtig beurtheilt hatte.
Aber trotz der Gefahr, der ich entgegenging, wurde mein Entschluß nicht wankend. Ich hatte meine Pistolen sorgfältig geladen und von meiner Frau Abschied genommen. Sie merkte, daß ich ungewöhnlich bewegt war und ein gefahrvolles Abenteuer zu bestehen hatte; aber ich entwand mich ihren Armen, die mich gern zurückgehalten hätten, und sagte, wie der Bauer von Yorkshir. Ich will das Pferd gewinnen, oder den Sattel dabei verlieren.
Um fünf Uhr Abends war ich in Oak-Cottage. Ich fand Levasseur in sehr heiterer Stimmung.
»Der Tisch ist gedeckt,« sagte er; »aber die Höflichkeit macht uns zur Pflicht, noch zwei andere Gäste zu erwarten.«
»Noch zwei Gäste?« erwiederte ich. »Gestern Abends versprachen Sie mir ja, daß wir allein seyn würden.«
»Das ist wahr,« antwortete Levasseur unbefangen; »aber ich hatte vergessen, daß zwei Freunde bei dem Geschäfte betheiligt sind; sie würden auch ungerufen kommen . . . Wir werden übrigens genug zu essen haben, und Sie dürfen nicht fürchten, hungrig vom Tische aufzustehen.«
Der Thürklopfer wurde in Bewegung gesetzt.
»Da sind sie schon!« sagte Levasseur; »Sie sehen, daß wir nicht lange zu warten haben.«
Er ging rasch hinaus, um seine Geiste einzulassen.
Ich sah durch die Vorhänge; meine Erwartung bestätigte sich: die beiden Gäste waren Lebreton und Dubarle.
Im ersten Augenblicke stand die Gefahr, in der ich mich befand, in furchtbarer Größe vor meiner Seele; ich ergriff unwillkürlich die Pistolen in den Taschen und war entschlossen eilends das Haus zu verlassen und Jeden, der mir in den Weg treten würde, niederzuwerfen; aber zum Glück für Bellebon faßte ich mich schnell, und die ruhige Ueberlegung gewann die Oberhand. Dubarle hatte mich in seinem Comptoir gesehen; wenn er mich erkannte, so war ich in einer bedenklichen Lage. Aber die Sache war nicht zu ändern, Pflicht und Ehre geboten mir, das Aeußerste zu wagen.
Meine Aufmerksamkeit wurde bald auf Levasseur’s laute Stimme gelenkt. Ich lauschte und gewann die Ueberzeugung daß Lebreton weniger strafbar, oder vielmehr weniger verstockt war, als seine Mitschuldigen.
Lebreton wollte von dem Geschäfte mit Lewi Samuel nichts wissen, er verlangte eine Unterhandlung mit dem Wechselhause Bellebon, dem er gegen die anfangs geforderten tausend Pfund Sterling durchaus die Banknoten und Wechsel zurückgeben wollte ; aber Dubarle und Levasseur waren weit entfernt seine Meinung zu theilen und sich durch Bitten rühren zu lassen. Sie wollten durchaus die sich darbietende Gelegenheit benutzen, um England sobald wie möglich zu verlassen. Vergebens bat Lebreton um einiges Mitleid für das Wechselbaus, das ihn und seine Familie seit zehn Jahren ernährt hatte. Die beiden herzlosen Gauner verhöhnten ihn und geboten ihm Schweigen, und da Lebreton nicht nachgeben wollte, so schreckte man ihn mit der Drohung, die ganze Schuld auf ihn zu schieben.
Als die drei Glücksritter in das Speisezimmer traten, wo ich sie erwartete, stellte mich Levasseur seinen beiden Gästen vor. Dubarle schien etwas betroffen, als er mich erblickte. Ein kalter Schauer überlief mich, ich war auf Alles gefaßt.
Die Vorsicht, mit welcher ich mich von dem Commis abgewandt hatte, als ich durch das Comptoir in das Cassazimmer ging, kam mir indeß gut zu Statten, und überdies war ich sehr gut verkleidet, Dubarle wurde bald ruhiger, als Levasseur lachend die Fingermanipulation erzählte, die mir sein Vertrauen erworben hatte. Als sich die ehrenwerthe Gesellschaft über das Pech des armen Trelawney satt gelacht hatte, wurden die Speisen aufgetragen und wir setzten uns an den Tisch.
Das Diner war glänzend. Aber ich erinnere mich nicht, in meinem Leben eine solche Marter ertragen zu haben, wie bei dieser Mahlzeit. Die verstohlenen Blicke Dubarle’s, der nur halb beruhigt war, wurden immer lauernder und ängstlicher. Zum Glück war Levasseur sehr gut bei Laune und Lebreton, der durch Reue und Angst gefoltert wurde, beachtete gar nicht was um ihn vorging.
Endlich ging das qualvolle Diner zu Ende, und man servirte das Dessert und den Kaffee. Ich trank viel, und zwar in doppelter Absicht, theils um mich etwas zu betäuben, theils um das Mistrauen Dubarles nicht noch zu vermehren.
Der für die Ankunft Lewi Samuels festgesetzte Augenblick war nahe. Plötzlich neigte sich Dubarle zu mir und flüsterte mir zu :
»Mich dünkt, Mr. Williams, daß ich Sie schon irgendwo gesehen habe.«
»Das ist wohl möglich,« antwortete ich ganz unbefangen und zuversichtlich. »Es gibt viele Leute, die mich schon gesehen haben, und gewisse Personen haben mich sogar zu viel gesehen.«
»Da haben Sie vollkommen Recht!« sagte Levasseur lachend. »Trelawney zum Beispiel.«
»Das ist möglich« erwiederte Dubarle, der immer argwöhnischer zu werden schien; »aber ich möchte Mr. Williams wohl einmal ohne Perrücke sehen, sein eigenes Haar wird ihm gewiß besser zu Gesicht stehen.«
»Sie sind ein Gimpel, lieber Dubarle,« sagte Levasseur. »Sie verlangen wohl gar, daß Mr. Williams, der seine guten Gründe hat eine Perrücke zu tragen, sein eigenes Haar zur Schau ausstellt? Es gibt Leute, die sein Gesicht, wie es Gott erschaffen hat, gern sehen möchten.«
Dubarle gab sich zufrieden ; aber es war leicht zu sehen, daß er seinem Gedächtniß beständig durch forschende Blicke zu Hilfe zu kommen und sich zu entsinnen suchte, wo er mein Gesicht schon gesehen.
Endlich verkündete der Thürklopfer zu meiner großen Freude die Ankunft eines Fremden. Dieser konnte nur Lewi Samuel, oder vielmehr mein College Jackson seyn. Er war der Mann, auf den ich zählen konnte.
Wir standen vom Tische auf. Ich trat ans Fenster; der vermeinte Jude war für die Rolle, die er zu spielen hatte, trefflich costümirt.
Levasseur, der hinausgegangen war, erschien bald mit dem angeblichen Samuel.
Jackson stutzte, als er die drei Gegner erblickte; zumal Dubarle, der groß und stark war, mochte ihm wohl einen vorübergehenden Schrecken einjagen. Er faßte sich schnell; aber er vergaß den sorgfältig einstudirten jüdischen Dialect und sagte in gutem Englisch:
»Mein Freund Williams hatte mir gesagt, daß wir allein seyn würden, Mr. Levasseur.«
»Wir haben es mit Freunden zu thun, Mr. Samuel, mit zwei Freunden, die an dem Geschäft betheiligt sind. Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen ein Glas Wein anbiete und auf Ihre Gesundheit trinke. Ich sehe, daß Sie ein englischer Jude sind.«
»Ja, ich bin ein Engländer,« antwortete Samuel.
Eine kurze Pause folgte.
»Ihre Ankunft,« fuhr Levasseur fort, »gibt mir die Gewißheit, daß Sie bereit sind, das bewußte Geschäftchen zu machen, nicht wahr, Mr. Samuel?«
»Ja , vorausgesetzt, daß Sie billige Bedingungen stellen.«
»Billige Bedingungen? Sie werden sehen, daß ich mit mir handeln lasse,« erwiederte Levasseur mit seinem gewohnten frechen Gelächter. »Aber wo ist das Gold, womit Sie die Papierchen kaufen wollen? Zeigen Sie mir wenigstens ein kleines Sümmchen; etwas muß ich sehen.«
»Wenn wir einig werden,« erwiederte Samuel, »so ist eine halbe Stunde genügend, das Geld zu Ihrer Verfügung zu stellen; Sie können leicht denken, daß ich keinen Sack mit zwei – bis dreitausend Guineen bei mir trage, und zumal . . .«
Jackson fing ebenfalls an zu lachen.
»Zumal, wenn man sich in gewisse Gesellschaften begibt, nicht wahr, Mr. Samuel?« setzte Levasseur mit ihm eigenen Schamlosigkeit hinzu. »Ja, ich muß gestehen, daß ich Ihre Vorsicht ganz begreiflich finde . . . Doch zur Sache. Sagen Sie aufrichtig, unter welchen Bedingungen sind Sie bereit zu escomptiren?«
»Ich will’s Ihnen sagen, wenn ich die Wertpapiere gesehen habe.«
Levasseur stand auf und verließ ohne zu antworten das Zimmer.
Nach zehn Minuten kam er zurück und zählte die aus Bellebon’s Casse gestohlenen Banknoten und Wechsel langsam auf den Tisch.
Jackson stand auf, bückte sich auf den Tisch, betrachtete die Papiere und schrieb den Gesamtbetrag in sein Notizenbuch.
Ich war ebenfalls aufgestanden und meine ganze Aufmerksamkeit schien auf ein neben dem Camin hängendes Gemälde gerichtet.
Der Augenblick war entscheidend, denn das zwischen mir und Jackson verabredete Zeichen konnte weder verändert noch verzögert werden.
Dubarle hatte sich vom Tische entfernt ; sein unruhiger, argwöhnischer Blick war auf den vermeinten Juden gerichtet.
Alexander Lebreton hatte den Kopf in beide Hände gestützt; er schien ganz stumpfsinnig zu seyn und an Allem, was um ihn vorging , nicht den mindesten Antheil zu nehmen.
Als die Wertpapiere gezählt und sorgfältig geprüft waren, warf mir Jackson einen Seitenblick zu und sah sich zugleich im Zimmer um. Dieser Blick gab mir zu verstehen, daß der entscheidende Augenblick gekommen sey und enthielt zugleich eine Aufforderung, aus meiner Hut zu seyn.
Er nahm nun die Banknoten und zählte sie mit sehr vernehmllcher Stimme.
»Eins, zwei, drei, vier . . . fünf’«
Das Wort fünf war das Zeichen. Kaum hatte Jackson dieses Wort gesprochen, so stürzte er auf den neben ihm sitzenden Lebreton los. Zugleich schob ich ein Bein zwischen Dubarle’s Knie und warf ihn zu Boden.
Er fiel mit dem Kopf gegen einen kleinen Marmortisch und wurde durch den Fall so betäubt, daß er bewußtlos liegen blieb. Ich brauchte nur einen Blick auf ihn zu werfen, um mich zu überzeugen, daß er außer Stande war, Widerstand zu leisten. Ich ließ ihn daher auf dem Fußboden liegen und stürzte auf Levasseur los, ehe er Zeit hatte, sich zur Wehr zu setzen. Mit der linken Hand drückte ich ihm die Kehle zusammen und mit der rechten hielt ich ihm die Pistole an die Stirn.
Lebreton leistete keinen Widerstand.
»Hurra! hurra!« rief Jackson und hielt die kostbaren Papiere frohlockend empor. »Hurra! wir haben gesiegt. Der Erfolg übertrifft unsere Hoffnungen.«
Die Gauner wurden geknebelt, ehe sie sich von ihrem Schrecken erholt hatten. Mit Levasseur machte ich den Anfang, und als er wehrlos gemacht war, band ich dem noch immer ohnmächtigen Dubarle die Hände.
Kaum war Levasseur wieder zur Besinnung gekommen, so begann er zu heulen wie ein Wahnsinniger; er stieß mit dem Kopf gegen Tische und Stühle. Er würde sich den Schädel eingestoßen haben, wenn Jackson mir nicht geholfen hätte, ihn festzuhalten.
Lebreton war ruhig, Dubarle gab kaum ein Lebenszeichen.
Nachdem wir die Wechsel und Banknoten sorgfältig in eine Brieftasche gelegt hatten, trieben wir die drei Industrieritter vor uns her und verließen das Haus, ohne Jemand zu begegnen.
Madame Levasseur war nicht zu Hause; es lag auch wenig daran, denn es war nicht Absicht, sie zu verhaften.
Um neun Uhr Abends waren die Diebe in Newgate hinter Schloß und Riegel.
Nachdem ich sie dem Gefangenenwärter übergeben hatte, eilte ich zu dem jungen Banquier. Die Freunde Bellon’s war so groß, wie vorher sein Schmerz gewesen war, und ich nahm an seinem Glück so aufrichtigen Antheil wie früher an seinem Unglück. Er schrieb schon in meiner Gegenwart an seine Braut, daß der Erreichung ihres theuersten Wunsches kein Hinderniß mehr im Wege stehe und daß sie mir ihr Glück verdankten. «
Als ich ihn verlassen hatte, schrieb er wahrscheinlich sogleich an seine Correspondenten.
Nach einem kurzen Prozeß wurden die Gefangenen zu zehnjähriger Deportation verurtheilt. Aber bevor Levasseur den Gerichtssaal verließ, wandte er sich zu mir mit den Worten:
»Zehn Jahre sind bald verschluckt. Wenn ich zurückkomme, werde ich die Schuld mit reichen Zinsen zurückzahlen. Werden Sie nicht ungeduldig, wenn Sie ein bisschen lange warten müssen: aufgeschoben ist nicht aufgehoben.«
Ich war an solche Drohungen gewöhnt; ich beantwortete seinen wüthenden Blick und seine frechen Worte mit einer höflichen Verbeugung und mit dem Abschiedsgruß:
»Auf Wiedersehen!«
E N D E
In dem viertausend Mann starken Corps der Londoner Policeimänner besteht eine eigene kleine Abtheilung von sehr gebildeten, die gangbarsten Sprachen redenden Beamten, welche den Auftrag haben, ans gefährliche Menschen aller Stände ihr Augenmerk zu haben, und dieselben unbemerkt zu verfolgen. Diese Beamten werden sehr reich besoldet.
Anm. des Verfassers.
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