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Kitabı oku: «Gabriele», sayfa 11

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Um diese offene Seele zu studieren, ihre Geheimnisse zu errathen, zu erfahren, ob die Wahrheit ihr klar geworden, ob Yves und Elénore's Liebe, ja selbst die ihrige vielleicht ihr bekannt war, hatte Frau von Savigny so unvorbereitet Elénorens Krankheit verkündigt und fügte jetzt hinzu:

»Die liebe Freundin! welche Angst, welche Befürchtungen habe ich um sie gehabt! und ach, wenn auch ihr Leben jetzt außer Gefahr ist, so fürchte ich doch für ihren Verstand.«

»O mein Gott!« sagte Gabriele leise und mit einer Seelenangst, die Frau von Savigny zeigte, daß ihr die Ursache von Elénorens Leiden nicht unbekannt war und wenn ihre Neugierde noch nicht ganz befriedigt war, so blieb derselben kein Zweifel mehr bei Gabriele's Vernichtung, als sie hinzufügte:

»Und die Verzweiflung Simons, bei diesem Zustande des geliebten Pflegekindes, läßt mich fürchten, daß das Leben des armen Greises diesem neuen Schlage unterliegen wird. Auch werde ich,« fuhr sie, den Platz neben Gabriele, den sie eingenommen hatte, verlassend, fort, »mich sogleich wieder zu meinen armen Freunden begeben, sobald ich nur ein paar Worte mit dem Herrn und der Frau des Hauses gesprochen habe.«

Sie entfernte sich, überzeugt von dem, was sie hatte wissen wollen, Yves beunruhigt und unzufrieden und Gabrielen leidend und trostlos zurücklassend. Die Marquise, die soeben eine Parthie Whist beendigt hatte und zu ihren Kindern kam, bemerkte Gabriele's Blässe, und sie der Anstrengung zuschreibend, schlug sie vor, nach Hause zu fahren.

Schweigend wurde der Weg zurückgelegt, ohne daß sie sich wie sonst ihre Beobachtungen und ihre Ansichten darüber mittheilten; als sie im Zimmer der Marquise angelangt waren und alle drei am Kamin Platz genommen hatten, rief Gabriele:

»Ist es möglich?« und ließ ganz muthlos und niedergeschlagen ihre zarten Hände auf ihre Kniee sinken.

Und diese Worte schienen mehr unwillkürlich ihrem gepreßten Herzen entschlüpft, als an Jemand gerichtet zu sein.

»Ist es möglich? ist es wirklich? an welche Falschheiten und Schmerzen werde ich mich dann gewöhnen müssen in dieser Welt, in die ich eingeführt bin? welche Mühe, sie kennen zu lernen und das Falsche zu vermeiden? Sind die Blendwerke, die uns umgeben, nur Schlingen, um unser Glück zu zerstören?«

»Was sagen Sie, Gabriele,« fragte die Marquise. »Woher diese traurigen Worte und dieses finstere Gesicht? Hat dies die Unterhaltung mit Herrn von Marcenay veranlaßt? Ich habe gesehen, daß er lange neben Ihnen saß; seine Unterhaltung wird den traurigen, entmuthigenden Eindruck auf Sie gemacht haben, den sie gewöhnlich hervorbringt; sie hat gewissermaßen eine zersetzende Säure; seine Spöttereien ändern die Natur ihrer Gegenstände, sie könnten selbst die Tugend verderben und ich glaube, er könnte keinen Diamant berühren, ohne ihn zu verdunkeln.«

»Ja, seine Worte waren bitter und spottend,« antwortete die junge Frau gleichgültig; »sie haben mir zu gleicher Zeit Furcht und Lachen erregt, aber ohne Spuren zu hinterlassen; ich erinnere mich ihrer schon nicht mehr . . . Nur was mein Herz ergreift, behalte ich im Gedächtniß.«

Yves sah sie beunruhigt an. Wer hatte denn dies Herz so verletzt, um diese Klagen zu veranlassen? Er beobachtete sie aufmerksam.

»Sollte es Ihr Vetter, Georg Rémond sein, der Sie betrübte?« sagte die Marquise. »Sein Gesicht flößt Melancholie ein.«

»Ach! tadeln Sie Georg nicht!« unterbrach sie Gabriele; »er ist der beste junge Mann! Wenn Sie wüßten, wie edel er gegen die Armuth kämpfte? wie voll Talent und Zartgefühl er ist? . . . Ohne Zweifel wird er, nach Allem, was ich von der Welt weiß, nicht glücklich werden: nicht solchen Charakteren, wie der seinige ist, sind Ehre und Reichthum aufbehalten. Aber wenn Sie ihn kennten, Madame, würden Sie ihn gewiß lieben.«

Ein Strahl von Eifersucht durchdrang bei diesen Worten Yves von Mauléons Herz.

»Es scheint mir, mein liebes Kind, als machte die Gesellschaft keinen angenehmen Eindruck auf Sie, und das ist vielleicht unsere Schuld . . . wir müssen wählen . . . ich will Sorge tragen, daß der morgende Tag unser unwillkürliches Versehen wieder gut macht.«

Gabriele schien eine Erklärung dieser Worte zu erwarten, die Marquise fuhr also fort:

»Die Welt ist schon, weil sie verschieden ist; die Bösen sogar machen in ihr eine sehr gute Wirkung, sie spielen in derselben zwar keine schöne, aber ich kann es nicht leugnen, oft die erste Rolle.«

»Die Art von Verachtung gegen die Rechtschaffenen, die sie affectiren, ist nicht wirklich, mein liebes Kind! Sie wissen sehr gut, daß die Tugendhaften, Gescheidten und Unerschütterlichen die einzigen Stützen der Gesellschaft sind und daß dieselbe, wenn sie nur aus Unzuverlässigen und Schlechten bestände, sich bald auflösen würde. Lassen wir diese kleinen geselligen Intriguen, von denen Niemand sich anführen läßt, während doch Jeder die Andern damit anzuführen glaubt. Die Eitelkeit, die Leidenschaften und die Laster sind sehr anregend, sie sind für den ruhigen Beobachter nicht ohne Nutzen, und Alles, was nöthig in der Welt ist, muß .ertragen werden. Warum hätte die ewige unendliche Weisheit es sonst zugelassen? Wer kann dies ergründen, da man nicht einmal ergründen kann, wie das kleinste Grashälmchen sprießt. Man muß sich also in Geduld dem Bestehenden fügen. In Ihrem Alter, Gabriele, wenn man wie Sie mit dem Aufgange der Sonne die Lebensreise beginnt . . . ist es natürlich, auf das zu denken, was den Weg angenehm und dem Wanderer Freude machen kann! Aber sollte man sich getäuscht haben, so ist es besser, daß man an das Gute denkt, was trösten kann, als an das Schlimme, was betrübte, und daß man vorwärts schreitet, ohne sich zu sehr zu beunruhigen, weil man weder den Weg, noch das Wetter, noch die Gefährten der ungewissen Reise wählen kann.

»Was mich anbetrifft, die ich die Stunde des Sonnenunterganges und der Ruhe bald erreicht habe, so darf ich mich nur noch mit dem Orte beschäftigen, wo man für immer ausruht. Meine liebe Gabriele, ich habe wahrend meiner Lebenszeit nach und nach alle Güter derselben entfliehen sehen; alle Freuden des Wohlstandes, des Ranges, der Größe, der Jugend und der Liebe! Ach! wenn man Revolutionen erlebt hat, erkennt man die Unwürdigkeit des menschlichen Geschlechts; man sieht hauptsächlich den Unwerth derer, die diese politischen Unruhen leiten! Wie Viele habe ich nicht ihrem eignen Herzen und Grundsätzen untreu werden sehen! Wie Viele habe ich nicht in ihrem Unglücke beschützt und getröstet, um sie am Tage ihres Triumphes undankbar zu finden!

»Auch bleibt meiner Seele nur Eine Hoffnung: Meine Ruhe im Himmel! Die seinige auf Erden! . . .«

Und die alte Mutter deutete mit ihrer zitternden Hand auf ihren Enkel und fuhr fort: »Die Ruhe dessen, der der einzige Uebriggebliebene zweier edler Familien ist! Dessen, . . . dem Sie Alles, was er verloren hat, ersetzen sollen!«

Die junge Frau hatte sich der Marquise genähert; als sie deren Stimme immer mehr sich erweichen hörte, theilte diese Bewegung sich ihrem Herzen mit und schmeichelnd umschloß sie eine der welken Hände der guten Großmutter mit den ihrigen. Alle schwermüthigen Träumereien und etwas überspannten Empfindungen erregten immer, und so auch jetzt, ihr lebhaftes Mitgefühl . . . aber als bei diesen letzten Worten die Art ihres Verhältnisses zu dem jungen Manne sich ihrem Geiste darstellte, ergriff sie ein unwillkürliches Zittern, und Yves bemerkte auf diesem reizenden Gesichte, dem zu durchsichtigen Schleier einer zu offenen Seele, eine peinliche Empfindung.

Waren sie allein gewesen, so würde er in diesem Augenblicke, seiner Rührung nachgebend, sich vielleicht ihr zu Füßen geworfen und gesagt haben: »Rede! sage mir, ob dieser Schmerz, den Du zuweilen unwillkürlich verräthst, von Haß, Reue oder Liebe verursacht wird? Sage mir. . .wie, ich Dein unschuldiges Herz, Deine Achtung gewinnen, . . . wie ich die traurigen Eindrücke verlöschen kann . . . die . . . Du wirst mich lieben . . . wenn Du wissen wirst . . . daß ich Dich liebe . . . wenn Du Dich Überzeugen wirst, daß nicht der Eigennutz allein . . .«

Bei dieser Gelegenheit stutzte Yves . . . und indem er alle Umstände seiner Verheiratung zurückrief, seine Gleichgültigkeit, seine Verachtung, dann alle die zarten Empfindlichkeiten der Seele des jungen Mädchens und ihren energischen Entschluß . . . fühlte er eine tödliche Kälte sein Herz durchdringen und erstarren . . . Sie verachtet mich! dachte er; nun rief er sich auch die feinen Beurtheilungen Gabriele's, ihre richtige Auffassung von Allem was sie sich, zurück, diese so erhabene, allem Gemeinen so gänzlich fremde Natur; diese Frau ohne Eitelkeit und Gefallsucht, deren Seele nur nach Gutem und Schönem strebte! . . . Und er fürchtete ihre Verachtung.

Unbeweglich . . . voll innerer Bewegung, stand er, blaß und schweigend das schöne Kind betrachtend, dessen anmuthigen Kopf die Marquise an ihr Herz; gezogen hatte und das mit den Blumen spielte, die seine Stirn geschmückt hatten, denn es gab keinen Mittelzustand in Gabriele's Seele. Sie beschäftigte sich entweder mit den sorglosesten Kindereien, oder war von erhabener ernster Begeisterung erfüllt,

»Es ist spät,« sagte Frau von Fontenoy-Mareuil.

Dies war das Signal, welches sie jeden Abend gab, wenn sie allein sein wollte. Yves verließ dann sogleich das Zimmer seiner Großmutter; aber Gabriele hatte es sich von dem ersten Tage an nicht nehmen lassen, Mademoiselle Huguet selbst bei den kleinen Hilfsleistungen, die das Alter und die Gewohnheiten der Marquise erheischten, zu unterstützen. Alte Leute empfinden eine unendliche und zärtliche Freude, wenn sie sich so liebevoll gepflegt sehen, und dies war mit eine der Ursachen der schnellen und lebhaften Zuneigung, welche die Marquise zu Gabriele gefaßt hatte und die sie ein Herkommen, welches ihr gar nicht gefiel, so schnell hatte vergessen lassen.

So verabschiedete also jeden Abend die Marquise ihren Enkel und behielt ihre neue Enkelin noch eine halbe Stunde bei sich, während der sie ihr beim Auskleiden die sanftesten und nützlichsten Lehren und Nachschläge gab, bis sie in dem Augenblicke, wo sie sich zu Bett legen wollte, Gabrielen umarmte und sie entließ, mit den Eindrücken guter liebender Empfindungen, einigen neuen Ansichten der Welt, einigen Anecdoten von hohen Personen und einigen angenehmen Erzählungen, mit denen sie ihren Geschmack und ihren Geist bildete. An diesem Tage sagte die Marquise, als Yves sich entfernen wollte, zu ihm:

»Morgen nehme ich meine Gabriele bis zum Diner allein in Anspruch; sie soll mit mir einige Personen sehen, die ihr eine günstigere und tröstendere Vorstellung von der Welt, in der sie jetzt lebt, geben werden, als die heutige war. Du, mein Freund, wirst einige Stunden für Dich haben . . . eine kurze Trennung ist der Liebe sehr vortheilhaft; . . . und seit vierzehn Tagen habt Ihr einander nicht eine Minute verlassen . . . Ich werde sie Dir heiterer wieder zuführen und Du wirst munterer zurückkehren, nicht wahr?«

Yves zog sich noch trauriger als gewöhnlich in sein Zimmer zurück, er war unzufrieden mit sich selbst. In einer Lage, in der er weder bleiben wollte noch konnte, und doch nicht wußte, wie er sich derselben entreißen sollte, halte er, von dem ersten Tage seiner Verheiratung an, zuweilen daran gedacht, sein früheres Leben wieder anzufangen. Weshalb hatte er sich denn verheirathet, sagte er sich selbst, als um die Wünsche seiner Großmutter zu erfüllen und Vermögen zu erlangen, mit Hilfe dessen er seinem Stande und Range angemessen leben konnte? Das war geschehen! und was seine Frau anbetraf – hatte er sie gewählt? hatte er Glück von ihr erwartet? Konnte er dies gelehrige Kind, das nicht die mindeste Neigung zeigte, sich der Autorität, die man sich über sie anmaßte, zu entziehen, nicht unter der Leitung der Marquise lassen? Was die besondere Bedingung betraf, die sie in Hinsicht ihres ehelichen Verhältnisses gemacht hatte, so gab der junge Herzog von Mauléon, wie alle junge Leute, die in schlechter Gesellschaft gelebt haben, wenig auf die Liebe, betrachtete sie als überflüssig in der Ehe und unnöthig zum Vergnügen. Wird er nicht außerhalb reichlich finden, was er zu Hause entbehrte?

Das Alles hatte er sich gesagt, war aber doch geblieben . . . und hatte seit vierzehn Tagen nicht eine einzige Zerstreuung gesucht; und seine Gedanken waren alle auf die Erforschung dieser einfachen und wahren jungen Frau gerichtet, die, zufrieden in ihrem Entschlüsse, den sie für eine Pflicht hielt, seine Aufmerksamkeit weder verlangte noch vermied. Und jetzt beschäftigte ihn nicht mehr bloß die Neugierde, was er von dieser Frau, die ihn interessierte, zu denken habe, sondern die Frage: was sie, die sein ganzes Herz in Bewegung brachte, von ihm denken müßte! . . . Zuweilen sah er sie bewegt, wenn sie ihn ansah, zuweilen ruhig und kalt, zuweilen furchtsam und traurig! Was dachte sie denn? Bald wunderte er sich, daß sie seine Schönheit nicht zu bemerken schien! Wußte sie, der freilich so Manches noch unbekannt war, denn noch nicht einmal den Werth der Schönheit zu schätzen? – Sie, die sie besaß, ohne sich dessen bewußt zu scheinen? Bald wünschte er sogar, daß sie ihn schon, liebenswürdig, geistreich und gut finden möge; denn er fand sie schön, geistreich und gut! Er hätte ihren Augen, ihrem Herzen, ihrem Geiste gefallen mögen! . . . Wenn er noch nicht verliebt in sie war, so war er wenigstens nahe daran, es zu werden.

Zweites Kapitel
Fortsetzung der Hochzeitsvisiten

Der Graf von Rhinville fühlte sich seit der Hochzeit gar nicht behaglich; er sehnte sich nach, der Beendigung der Hochzeitsvisiten und ging nur mit tiefen Seufzern allein in die Häuser, wo er nur in Begleitung der Marquise zu erscheinen gewohnt war. Die Empfindlichkeit der egoistischen, Alles nur auf sich beziehenden Leute ist so groß, daß sie die geringste Aenderung ihrer gewohnten Lebensweise als ein großes Unglück betrachten; und der arme Graf vermißte jeden Augenblick die Aufmerksamkeit, die seine alte Freundin auf alle die kleinen Bedürfnisse halte, die sein Leben ausfüllten. Endlich vergaß er, ganz ärgerlich über seine Einsamkeit, eines Abends das Fenster seines Wagens aufzuziehen und erkältete sich. Von diesem Augenblicke an betrachtete er Gabriele's Eintritt in die Familie von Fontenoy-Mareuil als ein Mißgeschick!

Für die Marquise, deren sämtliche Hoffnungen sie belebte, schien sie hingegen eine Wohlthat des Himmels zu sein, und die Freude verjüngt. Die Last der Jahre, die sie oft gedrückt halte, wurde ihr leichter; die Hand der Zeit wurde durch das Glück emporgehoben und lastete minder schwer auf ihrem Herzen. Auch machte sich die Marquise den andern Morgen sehr früh auf den Weg, denn sie machte mit einer Fahrt auf das Land den Anfang, nach einem Schlosse in der Nahe von St. Cloud. Es war für die Marquise eine religiöse Wallfahrt und zugleich ein freundschaftlicher Besuch. Gabriele sah eine der schönen Besitzungen in der Nähe von Paris, wo der Luxus der Stadt sich mit den Reizen des Landlebens vereinigt; wo man von den laubigen Ufern eines klaren Baches zu den Freuden der Oper oder eines glänzenden Salons übergehen kann.

»Hier, Mein Kind,« sagte die Marquise, »hier in diesem Schlosse erholte sich noch vor wenigen Jahren die Größe zuweilen von der Anstrengung der Repräsentation. Hier suchte die Tochter Ludwigs des Sechzehnten die Zurückgezogenheit, die ihren Tugenden süßer war, als eine gefährliche Macht. Diese schön schnürten Blumen, diese Teppiche, diese Stickereien sind die Früchte ihrer Mußestunden. Vielleicht vergaß sie, indem sie sich mit diesen leichten, hier so fromm aufbewahrten Arbeiten beschäftigte, über diesen unschuldigen Beschäftigungen der Frau, zuweilen die bitteren Schmerzen der Fürstin? Gesegnet seien dafür die glänzenden und schönen Arbeiten ihrer Hände! Sie sahen ihre Thränen stießen, sie wurden von denselben benetzt, vielleicht riefen sie zuweilen ein Lächeln auf das edle Gesicht, welches so früh schon weinen lernte; mögen sie gesegnet sein!«

Und die Marquise trocknete eine Thräne, indem sie noch leiser fortfuhr: »So früh lernte sie weinen und so spät mußte sie nochmals leiden!«

Aber die angelegentliche Sorgfalt der würdigen Besitzer des Schlosses zerstreute den Kummer, den die würdige Dame noch für Andere empfand, nachdem sie ihren eignen verschmerzt hatte. Gabriele betrachtete diese schöne Besitzung mit ehrfurchtsvoller Sammlung; sie sah die großen weiten Gemächer, sah alles Prachtvolle, Glänzende und Bequeme dieser Zurückgezogenheit, der sich eine nur frommen Erinnerungen lebende, edle Familie gewidmet hatte. Dieses Alles schien ihr einfach wie das Schöne, liebenswürdig wie das Gute; und als sie auf dem Rückwege nach Paris waren, sagte sie zu der Marquise:

»O! welche Hochachtung stößt eine solche Hingebung für den Gegenstand ein, dem sie gewidmet ist! Gewiß können nur aufrichtige und schöne Ueberzeugungen solche Tugenden hervorbringen!« . . .

Frau von Fontenoy-Mareuil hielt in Ville d'Avony an, um Gabrielen der eleganten und graziösen Frau eines reichen, geistreichen Finanzbeamten vorzustellen. Denn sie hatte beschlossen, daß Gabriele heute nur Ausnahmen von der Regel sehen sollte.

Die mütterliche Zärtlichkeit der Marquise hatte der jungen Frau eine Ueberraschung bereitet, indem sie sie, nach Paris zurückgekehrt, in eine berühmte Zurückgezogenheit führte, und sie dort dem, der ihre junge Phantasie entzückt hatte, vorstellte, dem, der alle unschuldigen, schönen und zärtlichen Empfindungen ihrer Seele mit den Leiden Atala's und Cymodocens weckte. Da erschien der Marquise die kindliche und lebhafte Freude Gabriele's, die innige Rührung dieser gewaltigen, zarten Natur so rührend und so wahr, daß sie dieses schöne Kind von siebzehn Jahren, die weder Pracht, noch Putz und Eleganz entzückt hatten und die für den Reiz des Genies und aller edeln Tugenden so glühenden Eifer aussprach, deshalb nur noch herzlicher liebte.

»Mine Mutter,« sagte, als sie hinausgingen, Gabriele unwillkürlich (denn die zarten Aufmerksamkeiten der Marquise bewiesen ihr eine mütterliche Zärtlichkeit, die mit kindlicher Liebe zu vergelten, sie sich gedrungen fühlte), »meine Mutter! wie gut sind Sie, meinen Geist mit schönen Erinnerungen zu bereichern! Aber ist denn wirklich, wie ich es mir gedacht hatte, die Zurückgezogenheit die einzige Zuflucht, die den großen Talenten und Charakteren bleibt? Bietet denn die Welt der politischen Interessen und bestimmten Geschäfte gar nichts, was auch Achtung und Bewunderung verdient?«

Die Marquise sah ihr liebes Kind etwas unentschlossen an . . . es war augenscheinlich, wie große Freude es ihr machte, daß die junge Frau so ausgezeichnete Gesinnungen annahm. Aber sie war von Natur gut und billig und wollte ihrer Tochter auch nur gute und billige Ansichten beibringen; sie sagte ihr also mit einiger Ueberwindung:

»Ich möchte nicht, Gabriele, wie groß auch mein Schmerz über die Vergangenheit ist, Sie in einem traurigen Irrtum über die Gegenwart lassen, nein! . . . es gibt noch, mitten in der gemeinen und gierigen Niedrigkeit unserer Tage, Männer von hoher Einsicht und strenger Tugend, deren Herz so rein, wie ihr Geist erhaben ist. Einer zum Beispiel, der uns die Geschichte der Sittenverbesserung unseres Landes bekannt gemacht und uns gelehrt hat, es edel zu beherrschen, nachdem er es weise aufgeklärt hat. Vor so hohen Talenten verschwinden meine Vorurtheile. Kommen Sie also! . . .«

Und der Wagen hielt noch einmal: es war im Foubourg St. Honoré.

Ein in seinen Gewohnheiten einfacher, in seinen Manieren ernster, im Herzen bescheidener und guter Mann empfing sie etwas kalt, aber liebenswürdig und geistreich. Gabriele wunderte sich, einen so mächtigen Zug von Vertrauen und Freundschaft zu einem so ernsten, imponirenden Manne zu empfinden, als wenn man die, welche man am höchsten achtet, nicht auch oft am innigsten liebte. Aber sie sich, wie seine bewunderungswürdig ausdrucksvollen Augen und ein feines anmuthiges Lächeln mit viel Grazie den Eindruck einer fast rauhen Physiognomie milderten. Sie errieth bald, daß er mit der Nachsicht und Freundlichkeit gegen Andere Strenge gegen sich selbst vereinige und so die doppelte Wirkung von Achtung und Liebe, bei Jedem der sich ihm nahe, hervorbringe.

»Sie, sehen,« sagte, als sie zurückfuhren, die Marquise zu ihrem schönen Kinde, »daß man selbst in jetziger Zeit durch Talent und Tugend zur Macht gelangen kann; daß man dreimal hintereinander die höchsten Ehrenstellen einnehmen und ganz mit dem allgemeinen Besten beschäftigt bei dem Glücke vorübergehen kann, ohne sich Zeit und Mühe zu nehmen, es anzusehen.«

»So, meine Tochter,« fügte die Marquise hinzu, »habe ich Ihnen die Welt von einer schönen und ebenso wahren Seite gezeigt, als die unzufriedenen Geister, wie Herr von Marcenay, sie zu schildern sich bestreben . . . Sie sehen, daß es Anhänglichkeit ohne Prahlerei und Eigennutz und Reichthum ohne den Schatten der Lächerlichkeit gibt. Sie haben gesehen, daß das Genie noch seiner Gewalt hinzufügen kann, was der Geist nur Edles und das Herz Liebenswürdiges hat, und daß die Interessen, die Macht und die politischen Beziehungen sich mit allen Tugenden vereinigen und von denselben einen strahlenden Glanz erhalten können. Sie sehen jetzt, daß, um zu bewundern, man nur wählen können muß; das heißt, man findet Verdienst, wenn man es zu suchen versteht.«

Gabriele schmiegte sich, ohne etwas zu sagen, an die Marquise und dankte ihr mit einer Liebkosung. Sie waren jetzt in ihrem Hotel angelangt . . . die Marquise wünschte, bis zum Diner sich auszuruhen, und die junge Frau ging schweigend nach ihren Zimmern. Sie setzte sich träumend an das Fenster; das Zimmer, in dem sie war, ging nach dem Garten und hatte eine Thür nach demselben. Der Tag begann sich zu neigen, aber der Schnee, der den Boden, die Baume und die Dächer bedeckte, erhöhte das Licht und warf einen blendenden, aber traurigen Widerschein auf alle Gegenstande; Gabriele's Augen hafteten auf den entblätterten und mit diesem bleichen und kalten Schmucke des Winters belasteten Zweigen; sie verlor sich, sie betrachtend, in einer süßen, weichen Schwermuth! Alles, was sie täglich sah und hörte, neue Dinge und Gedanken beschäftigten ihren Geist zu sehr, als daß demselben Zeit geblieben wäre, sich unglücklich zu fühlen, erfüllten aber doch ihr Herz nicht genug, um ihm Glück zu gewähren. Die Träume der Jugend erfüllten sich ihr nicht. Es gibt eine Zeit des Lebens, wo Ruhe Glück zu sein scheint, aber auch eine, wo Ruhe die Abwesenheit des Glückes bedeutet.

Dann dachte Gabriele an Elénore, und in den verschiedenen Bewegungen, die diese Erinnerung veranlaßt, netzte eine Thräne ihre Wimpern. In diesem Augenblicke kam Georg zu ihr.

Die Vorwürfe des Herrn von Mauléon über sein Ausbleiben hatten ihm das Recht gegeben, zu kommen; die Aeußerung Gabriele's über ihr Alleinsein hatte seine Neigung dazu erregt. Er fand sie allein, traurig, eine Träne trocknend, und er liebte sie!

Er sah sie an. Alle gewöhnlichen Redensarten, Alles, was man im Umgange zu reden pflegt, war hier nicht angebracht! Es war eine weinende junge Frau und ein junger Mann, der sie liebte.

Sie schwiegen! Georg vor ihr stehend und sie mit großer Unruhe betrachtend . . . er versuchte zweimal zu reden, doch machte seine große Bewegung die Worte unverständlich und er vollendete sie nicht, Gabriele empfand, ohne weiter darüber zu denken, daß auf diese Weise kein Besuch anfängt, sie sah ein, daß dies sonderbare Schweigen nicht mit gewöhnlichen Redensarten gebrochen werden konnte.

Sich plötzlich erhebend, öffnete sie die Glasthüre, neben der sie gesessen hatte und ehe Georg begriffen hatte, was sie thun wollte, eilte sie mitten in den Schnee des Gartens, kindisch lachend über die Fußstapfen, die ihre zierlichen Füßchen im Schnee zurückließen und über das Knistern des Schnees, über den sie lief.

Georg folgte ihr erstaunt und außer Fassung gebracht durch die Windungen der verschneiten Gänge. Als sie sich zu ihm wendete, sah sie noch auf seinem Gesichte Ueberraschung und lebhafte Bewegung; und sich bückend, nahm sie so viel Schnee, als ihre kleinen weißen Hände fassen konnten und formte Schneebälle, die sie, so hoch ihre Kräfte es gestatteten, in die Luft warf. Aber der von ihren zarten Händen nur leicht zusammengedrückte Schnee zertheilte sich, indem er die entblätterten Zweige der großen Bäume berührte und fiel in glänzenden Flocken herab, das schwarze Sammtkleid, welches Gabriele's elegante Gestalt bis an den Hals einschloß, wie mit Brillanten übersäend. Und Gabriele bewunderte lachend diesen leichten Schmuck, den die letzten Strahlen der Sonne noch verschönten. Sie fuhr fort, leichte Schneebälle in die Höhe zu werfen und ergötzte sich daran, wenn sie als Flocken auf sie und ihren Vetter herabfielen. Georg, beschäftigt, den kalten glänzenden Staub abzuschütteln, hatte Gabriele's Kindereien und ausgelassener Lustigkeit nicht länger seinen Ernst entgegensetzen können und zuletzt auch in ihr Lachen eingestimmt und konnte so weder bemitleidend noch leidenschaftlich zu ihr reden. So hatte Gabrielen ihr Instinkt richtig geleitet. Ein unschuldiges Kinderspiel hatte eine gefährliche Scene der Leidenschaft abgewendet.

Aber plötzlich, als sie im schnellsten Laufe auf eine kleine Eisfläche gerieth, machte die schnelle Bewegung, daß sie, ungeachtet ihrer Geschicklichkeit in solchen Uebungen, gefallen sein würde, wenn nicht Georg schnell hinzugeeilt wäre, um sie in seinen Armen aufzufangen. Unglücklicherweise betrat aber Yves von Mauléon, dem das Vorhergegangene unbekannt war, in demselben Augenblicke die Thür des Salons und sah Gabrielen in Georgs Armen.

Dieser ganze Tag der Freiheit war für ihn ein Tag der Langeweile gewesen und hatte ihm unendlich gedäucht. Zweimal war er bis an die Thür von Gefährten seines früheren zerstreuungsvollen Lebens gekommen und zweimal war er an der Thür wieder umgekehrt. Was sollte er ihnen sagen? oder was würde er von ihnen hören, das ihn interessierte? was fragte er nach lächerlichen oder scandalösen Abenteuern oder albernen Späßen? was hatte seine jetzige Lebensart mit den früheren vorübergehenden Zerstreuungen gemein? würde er bei seinen früheren Commilitonen Aufklärung über die Ungewißheiten seines jetzigen Ideenganges finden? Nein! . . . Würde er dort die gewünschte Auskunft über Gabriele's Gedanken und Empfindungen erhalten? . . . Einige Gründe, zu hoffen? . . . einige Anleitungen, wie er ihr Herz gewinnen könne? . . . Und wenn er nichts von dem Allen dort fand, wenn er nichts für die Gegenwart dort fand . . . was machte er sich aus einer Vergangenheit, die er vergessen wollte, weil die Erinnerung an dieselbe ihn peinigte? . . . und er floh, er vermied die Orte, wo er diejenigen finden konnte, die er erst aufgesucht, denen er erst diesen Tag gewidmet hatte, Yves betrat also einsame Straßen und entfernte Spaziergänge, oft nach der Uhr sehend, die ihm immer zu langsam ging! Als er endlich nach Hause kam, endlich das Ende dieses langweiligen Tages herannahen sah; als er ungeduldig in Gabrieles Zimmer eilte, sich auf ihre naiven Erzählungen von den Erlebnissen dieses Tages freuend . . . sah er sie . . . sah Gabriele . . . mit einem jungen Manne, einem Verwandten, den sie gegen ihn gelobt hatte! . . . er sah Georg!. . . Georg, dessen Name schon seine Eifersucht erweckt hatte, diese Hand berühren, die ihm ein Heiligthum war! . . . sah, wie er mit seinen Armen diese schöne Taille umschlang, die er – ihr Gatte, noch nie berührt hatte! Georg schien liebend und schmeichelnd sich mit der zu unterhalten, die seine Frau war, die ihn aber floh, von der er noch feine einzige Liebkosung erhalten hatte! Yves von Mauléon fühlte bei diesem Anblicke all sein Blut heftig zu seinem Herzen dringen, ihm die Macht des Athmens rauben und eine tödtliche Blasse über sein Gesicht verbreiten.

Aber in demselben Augenblicke brachten die von einem leichten spöttischen Lächeln begleiteten Worte: »Was ist Ihnen denn, Herr von Mauléon?« ihn zum Zittern, denn er erkannte die Stimme der Frau von Savigny, die, ihm auf dem Fuße folgend, gleich nach ihm eingetreten war. Sie wollte die junge Frau besuchen und schien in dem leidenden Herzen des jungen Ehemannes zu lesen.

Gabriele kam jetzt zu ihnen und sie begaben sich alle zusammen in den Salon der Marquise. Die Kälte, die körperliche Anstrengung und die, durch die Gegenwart der Frau von Savigny hervorgebrachte Verwirrung hatten das frische Gesicht der schonen jungen Frau mit so lebhaften Farben geschmückt, daß ihre Schönheit wahrhaft blendend war. Georg war bewegt und zitternd, Yves bleich und aufgeregt, und Frau von Savigny legte durch ihr ironisches Lächeln ihnen allen eine gefährliche Qual auf, wie man in der großen Welt sie oft erdulden muß.

Yves konnte den Zwang nicht länger ertragen. Die Langeweile des ganzen Tages, der Schmerz der Eifersucht, den er soeben empfunden, raubten ihm die nöthige Kraft und Geduld, um die Spöttereien und Sticheleien der Frau von Savigny zu ertragen. Er schützte heftiges Kopfweh vor und entfernte sich.

Bald darauf ließ er bitten, ihn nicht zum Diner zu erwarten.

Frau von Savigny empfahl sich . . . und indem sie in den Wagen stieg, schienen ihre von unbeschreiblich boshafter Freude und schadenfrohen Hoffnungen zusammengepreßten Lippen einen Zweifel an dem Glücke Mauléons auszudrücken, indem sie sich nur eben so weit öffneten, um die Worte zu flüstern:

»Wir werden ja sehen!«.

Gabriele blieb den ganzen Abend mit der Marquise allein. Die junge Frau war traurig; um ihre Traurigkeit zu verbergen, erbot sie sich, etwas vorzulesen. Bis elf Uhr las sie zuweilen mit bewegter Stimme, ohne eigentlich zu wissen, was sie las, weil ihre Gedanken abwesend waren. Als die Marquise sich niedergelegt hatte, ging sie erfreut, nun endlich allein zu sein, in ihr Zimmer . . . aber indem sie sich an das Kamin setzte, um sich ohne Zwang ihren Betrachtungen zu überlassen, fand sie auf demselben einen an sie adressierten Brief. Sie öffnete ihn neugierig, er war von Yves und enthielt Folgendes:

»Unsere Heirath war, wie Sie sagten, eine sehr unglückliche! Ja, eine so unglückliche, daß es unmöglich ist, eine solche Lage länger zu ertragen.«

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30 kasım 2019
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