Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Ingénue»

Yazı tipi:

Erstes bis Fünftes Bändchen

I
Das Palais-Royal

Will uns der Leser mit jenem Vertrauen folgen, das wir ihm seit den zwanzig Jahren, die wir ihm als Führer durch die tausend Krümmungen des Labyrinths dienen, welches wir, ein moderner Dädalos, zu erbauen unternommen, eingeflößt zu haben uns schmeicheln, so werden wir ihn in den Garten des Palais-Royal am Morgen des 24. Aug. 1788 einführen.

Ehe wir uns aber unter den Schatten der wenigen Bäume wagen, welche die Art der Speculation verschont hat, sagen wir ein Wort vom Palais-Royal.

Das Palais-Royal, – das zu der Zeit, wo wir den Vorhang von unserem ersten revolutionären Drama aufziehen, eben durch seinen neuen Eigenthümer, den Herzog von Chartres, der seit dem 18. October 1785 Herzog von Orleans geworden ist, einer bedeutenden Umwandlung unterworfen wird, – verdient in der That durch die Wichtigkeit der Scenen, welche in seinem Umkreise vorgehen sollen, daß wir die verschiedenen Phasen, die es durchlaufen hat, erzählen.

Im Jahre 1629 fing Jacques Lemercier, Architekt Seiner Eminenz des Cardinal-Herzogs von Richelieu, an auf der Stelle der Hotels Armagnac und Rambouillet das Gebäude zu errichten, das Anfangs bescheiden den Titel Hotel Richelieu annahm; sodann, da diese Macht, die sich von Tag zu Tag vergrößerte, eine ihrer würdige Wohnung bedurfte, sah man allmälig vor diesem Manne, dessen Geschick es war, alle Wände zu durchbrechen, die alte Ringmauer von Karl V. einstürzen; niederstürzend, füllte die Mauer den Graben, und die Schmeichelei konnte ebenen Fußes in das Palais-Cardinal eintreten.

Darf man den herzoglichen Archiven glauben, so hatte das Terrain allein, auf welchem sich das Meisterwerk von Jacques Lemercier erhob, beim Ankaufe achtmalhundertsechzehntausend sechshundert und achtzehn Livres gekostet, eine ungeheure Summe für jene Zeit, die jedoch sehr gering im Vergleiche mit der war, welche man für das Gebäude selbst ausgegeben; diese verheimlichte man sorgfältig, wie später Ludwig XIV. sorgfältig verheimlichte, was ihn Versailles gekostet hatte; wie dem sein mag, diese Summe trat durch eine solche Pracht an den Tag, daß der Verfasser des Cid.1 der in einer Dachkammer wohnte, vor dem Palaste des Verfassers von Mirame ausrief:

 
Non, l'univers entier ne peut rien voir d'égal
Aux superbes dehors du Palais-Cardinal;
Toute une ville entiére, avec pompe bâte,
Semdle d'un vieux fossé par miracle sortie,
Et nous fait présumer, à, ses superbes toits,
Que tous ses habitans sont des dieux ou des rois.2
 

Dieser Palast war in der That so prachtvoll mit seinem Schauspielsaale, der dreitausend Zuschauer fassen konnte; mit seinem Salon, wo man Stücke spielte, die man gewöhnlich auf dem Theater der Marais-du-Temple gab; mit seinem in Mosaik auf Goldgrund von Philipp von Champagne decorirten Gewölbe; mit seinem Museum großer Männer gemalt von Vouet, Juste d'Egmont und Paerson, ein Museum, in welchem, der Zukunft vertrauend, der Cardinal zum Voraus seinen Platz bezeichnet hatte; mit seinen antiken Statuen, welche von Rom und Florenz gekommen; mit seinen lateinischen Distichen von Bourdon componirt; mit seinen Devisen von Guise, dem königlichen Dolmetscher, ersonnen, – daß der Cardinal-Herzog, der doch bekanntlich nicht leicht erschrak, vor dieser Herrlichkeit erschrak und, um sicher zu sein, seinen Palast bis zu seinem Tode bewohnen zu können, denselben zu seinen Lebzeiten König Ludwig XII. schenkte.

Eine Folge hiervon war, daß am 4. December 1649, an welchem Tage der Cardinal-Herzog verschied, Gott bittend, er möge ihn bestrafen, wenn er im Laufe seines Lebens Etwas gethan habe, was nicht für das Beste des Staates gewesen sei, dieser Palast, in welchem er gestorben, den Namen Palais-Royal annahm, ein Name, den ihm die Revolutionen von 1793 und 1848 entrissen, um ihm die Namen Palais-Egalite und Palais-National zu geben.

Da wir aber zu denjenigen gehören, welche, trotz der Decrete, den Menschen ihre Titel erhalten und, trotz der Revolutionen, den Monumenten ihre Namen bewahren, so wird, wenn unsere Leser es gütigst erlauben wollen, das Palais-Royal fortwährend für sie und für uns das Palais-Royal heißen.

Ludwig XIII. erbte also das glänzende Gebäude. Ludwig XIII. war aber nur ein einen Leichnam überlebender Schatten, und wie es der Geist in Hamlet seinem Sohne macht, so winkte der Geist des Cardinals Ludwig XIII, ihm zu folgen, und Ludwig XIII., mit welchem Widerstande er sich auch bleich und zitternd an das Leben anklammerte, folgte ihm fortgezogen durch die unwiderstehliche Hand des Todes.

Dann war es der junge König Ludwig XIII. der diesen schönen Palast erbte, aus welchem ihn eines Morgens die Herren Frondeurs verjagten, weshalb er einen solchen Haß gegen denselben faßte, daß er, als er am 21. October 1652 von Saint-Germain nach Paris zurückkam, nicht mehr im Palais-Royal, sondern im Louvre abstieg, so daß dieses Gebäude, welches den großen Corneille so sehr in Verwunderung setzte, der Aufenthaltsort von Frau Henriette wurde, die das Schaffot von Whitehall zur Witwe gemacht hatte, und der Frankreich die Gastfreundschaft gab, welche England zwei Jahrhunderte später Karl X. geben sollte, die Gastfreundschaft, die zwischen Stuart und Bourbon geübt wird.

Im Jahre 1692 bildete das Palais-Royal die Mitgift von Francoise Marie von Blois, dieser matten, schläfrigen Tochter von Ludwig XIV. und Frau von Mortespan, von der uns die Prinzessin von der Pfalz, die Frau von Monsieur, ein so interessantes Portrait hinterlassen hat.

Es war der Herzog von Chartres, später Regent von Frankreich, welcher, die Backe noch geröthet von der Ohrfeige, die ihm seine Mutter gegeben, als sie seine zukünftige Verbindung mit der königlichen Bastardtochter erfahren hatte, unter dem Titel einer Apanage-Erhöhung, das Palais-Royal dem Hause Orleans als Eigenthum brachte.

Diese Monsieur und seinen von ihm aus gesetzlicher Ehe abstammenden männlichen Kindern gemachte Schenkung wurde beim Parlament am 13. März 1693 einregistrirt.

Während der zwischen der Flucht des Königs und der Schenkung des Palais-Royal an Monsieur abgelaufenen Periode waren große Veränderungen im Schlosse vorgegangen. Anna von Oesterreich hatte zur Zeit ihrer Regentschaft einen Badesaal, ein Betzimmer, eine Gallerie und über Allem dem den berufenen geheimen Gang beigefügt, von dem die Prinzessin von der Pfalz spricht, und durch welchen sich die Königin Regentin zu Herrn von Mazarin begab, und Herr von Mazarin zu ihr: »denn,« setzt die indiskrete Deutsche hinzu, »es ist heute weltbekannt, daß Herr von Mazarin, der kein Priester war, die Witwe von Ludwig XIII. geheirathet hatte.«

Diese Thatsache war noch nicht, wie die Prinzessin von der Pfalz sagte, weltbekannt, doch durch sie sollte sie sich sonderlich im Volke verbreiten.

Seltsame Laune eines Weibes und einer Königin, die einem Buckingham widersteht und einem Mazarin nachgibt!

Die von Anna von Oesterreich beigefügten Constructionen verunstalteten indessen durchaus nicht die glänzende Schöpfung des Cardinal-Herzogs.

Der Badesaal war mit Blumen und Chiffres gezeichnet auf Goldgrund verziert; die Blumen waren von Louis und die Landschaften von Belin.

Das Betzimmer war mit Gemälden geschmückt, in welchen Philipp von Champagne, Vouet, Bourdon, Stella, Lahire, Dorigny und Paerson das Leben und die Attribute der Jungfrau dargestellt hatten.

Die Gallerie endlich, die man am abgelegensten Orte des Schlosses angebracht hatte, zeichnete sich zugleich durch ihren Plafond, der von Vouet, und durch ihren Boden in eingelegter Arbeit, der von Macé war, aus.

In dieser Gallerie hatte die Königin Regentin 1650 durch Guitaut, ihren Kapitän der Garden, die Herren von Condé, von Conti und von Longueville verhaften lassen.

Der Garten enthielt damals ein Mail, eine Reitschule und zwei Bassins, von denen man das größere das Rond-d'Eau nannte: er war mit einem Wäldchen bepflanzt, das buschig und einsam genug, daß König Ludwig XIII» der Letzte der französischen Falkner, darin Elsternjagd halten konnte.

Ueberdies hatte man dem Palais einen zur Wohnung des Herzogs von Anjou bestimmten Bau beigefügt und, um denselben zu errichten, den linken Flügel des Palastes eingerissen, der von Philipp von Champagne dem Ruhme des Cardinals geweiht worden war.

Monsieur starb an einem Schlaganfalle am 1. Juni 1701.

Es war dies der Mensch, den Ludwig XIV. am meisten auf der Welt geliebt hatte; dessen ungeachtet, als zwei Stunden nach seinem Tode Frau von Maintenon in das Zimmer ihres erhabenen Gemahls, – denn sie war auch verheirathet, – eintrat, dessen ungeachtet, sagt Saint-Simon, fand sie ihn eine kleine Opernarie zu seinem eigenen Lobe singend.

Von dieser Stunde an wurde also das Palais-Royal Eigenthum von demjenigen, welcher vierzehn Jahre später Regent von Frankreich werden sollte.

Wir wissen Alle, etwas mehr, etwas weniger, etwas besser, etwas schlechter, was in dem ernsten Bau des Cardinals vom 1. September 1715 bis zum 25. December 1723 vorging; – und seit jener Zeit vielleicht hat sich das Sprichwort verbreitet: »Die Wände haben Augen und Ohren.«

Außer den Augen und den Ohren hatten die Wände des Palais-Royal eine Sprache, und diese Sprache hat durch den Mund von Saint-Simon und durch den des Herzogs von Richelieu seltsame Dinge erzählt.

Am 25. December 1723 fühlte der Regent, der bei Frau von Phalaris saß, seine Stirne ein wenig beschwert; er neigte den Kopf auf die Schulter des kleinen schwarzen Raben, – so nannte er seine Geliebte, – stieß einen Seufzer aus und starb.

Am Tage vorher hatte Chirac, sein Arzt, den Prinzen dringend ermahnt, er möge sich zur Ader lassen; doch der Herzog hatte die Sache aus den andern Tag verschoben. Der Mensch denkt, Gott lenkt.

Mitten unter allen seinen Lustbarkeiten, so seltsam sie waren, hatte der Regent, der im Ganzen Künstler, durch seinen Architekten Oppenort einen herrlichen, als Eingang für die von Mansart errichtete Gallerie dienenden Salon bauen lassen; diese zwei Constructionen erstreckten sich bis zur Rue de Richelieu und haben dem Saale des Théatre-Francais Platz gemacht.

Dann ließ Louis, der gottesfürchtige Sohn eines sittenlosen, leichtfertigen Vaters, Louis, auf dessen Befehl für dreihunderttausend Franken Bilder von Albano und Tizian wegen der Nuditäten, die sie darstellten, verbrannt werden sollten, Louis ließ, mit Ausnahme der großen Allee des Cardinals, die er beibehielt, den Garten des Palais-Royal nach einer neuen Zeichnung pflanzen; das den Buntspechten theure buschige Gehölze verschwand; zwei schöne Grasplätze dehnten sich aus eingefaßt von Ulmen mit Kugelform, welche ein in einem Halbmonde angebrachtes und mit Gitterwerk und Statuen geschmücktes großes Bassin umgaben; dann, jenseits dieses Halbmondes, fand sich eine Kreuzpflanzung von Linden, die sich der großen Allee anschloß und eine für die Sonnenstrahlen undurchdringliche Laube bildete.

Am 4. Februar 1752 starb Louis von Orleans in der Sainte-Geneviéve-Abtei, in der er seit zehn Jahren seine Wohnung genommen hatte; es war, als hätte er sich, ein frommer Sohn, zurückgezogen, um über die Sünden seines Vaters zu beten! »Das ist ein Seliger, der viele Unglückliche zurückläßt,« sagte Maria Leszinka,3 diese andere Heilige, als sie den frühen Tod des seltsamen Fürsten erfuhr, der seinen Leib der königlichen Chirurgie-Schule vermacht hatte, damit er zum Unterrichte der Zöglinge diene.

Louis Philipp von Orleans folgte ihm als Erbe: die Berühmtheit von diesem bestand darin, daß er sich zur ersten Ehe mit der Schwester des Prinzen von Conti und zur zweiten mit Charlotte Jeanne Béraud de la Haie de Riou, Witwe des Marquis von Montesson, verheirathet hatte.

Das war überdies, – denn wir geben die ruchlose Verleugnung des Sohnes nicht zu, – das war überdies der Vater des berufenen, unter dem Namen Philipp Egalite bekannten, Herzogs von Orleans.

Die Leichenrede dieses Fürsten wurde vom Abte Maury gehalten, eine so seltsame Rede, daß der König den Druck derselben verbot.

Seit einigen Jahren hatte der Herzog von Orleans, der bald auf seinem Landgute Bagnolet, bald in seinem Schlosse Villers-Cotterets zurückgezogen lebte, seinem Sohne nicht nur den Genuß, sondern sogar das Eigenthum des Palais-Royal überlassen; da bekam dieser die Idee, das Schloß des Cardinal-Herzogs in einen großen Bazar zu verwandeln.

Es bedurfte hierzu der Ermächtigung des Königs: der König gab sie durch Patent vom 12. August 1784.

So gleichgültig er im Uebrigen war, der Herzog von Orleans erwachte bei der Kunde, sein Sohn wolle Speculant werden. Vielleicht kam ihm eine Caricatur zu Gesichte, welche zu jener Zeit erschien und den Herzog von Chartres als Lumpensammler verkleidet und Miethsleute4 suchend darstellte.

»Nehmen Sie sich in Acht,« sagte der alte Herzog, »die öffentliche Meinung wird gegen Sie sein, mein Sohn.«

»Bah!« versetzte dieser, »die öffentliche Meinung, ich würde sie für einen Thaler geben!«

Dann sich verbessernd:

»Für einen großen, wohlverstanden!«

Es gab zweierlei Arten von Thalern, die kleinen und die großen; die kleinen waren drei Livres, die großen sechs werth.

Dem zu Folge wurde zwischen dem Prinzen und seinem Baumeister Louis beschlossen, das Palais-Royal sollte nicht nur ein anderes Ansehen, sondern auch eine andere Bestimmung erhalten.

Der alte Herzog starb ein Jahr, nachdem dieser Beschluß gefaßt worden war, und als man eben die Arbeiten auszuführen begann. Man hätte glauben sollen, um nicht zu sehen, was vorgehe, verhülle der Enkel von Heinrich IV. seine Augen mit dem Steine eines Grabes.

Von da an stand den Plänen des neuen Herzogs von Orleans kein Hinderniß mehr entgegen, wenn nicht etwa jene öffentliche Meinung, mit der ihn sein Vater bedroht hatte.

Die ersten Gegner waren die Eigenthümer der Häuser, welche ans Palais-Royal gränzten, und deren Fenster auf den prächtigen Garten gingen: sie machten dem Herzog von Orleans einen Proceß, den sie verloren, und in ihre Hotels durch die neuen Erbauungen eingemauert, waren sie genöthigt, zu niedrigen Preisen zu verkaufen, oder in dunklen, ungesunden Winkeln zu wohnen.

Die anderen Gegner waren die Spaziergänger; jeder Mensch, der zehnmal in einem öffentlichen Garten spazieren gegangen ist, betrachtet diesen Garten als ihm gehörig und glaubt ein Recht der Opposition gegen jede Veränderung zu haben, die man, daran vornehmen will; die Veränderung war aber groß: die Art fällte einen nach dem andern die vom Cardinal gepflanzten herrlichen Kastanienbäume! Keine Siesta mehr unter ihren Blättern, keine Plaudereien mehr in ihrem Schatten; Alles, was blieb, war die Kreuzpflanzung von Linden, und mitten unter diesen Linden der berühmte Baum von Krakau.

Sagen wir, was dieser berühmte Baum von Krakau war, dessen Fall im Jahre 1783 beinahe einen Aufruhr, nicht minder ernst als der Fall der Freiheitsbäume im Jahre 1850, hervorgerufen hätte.

II
Der Baum von Krakau

Der Baum von Krakau war, die Einen sagen eine Linde, die Andern ein Kastanienbaum; die Archäologen sind getheilt über diese wichtige Frage.

In jedem Falle war es ein Baum viel höher, viel buschiger, viel reicher an Schatten und Kühle, als die anderen Bäume, die ihn umgaben. Zur Zeit der ersten Zerstückelung von Polen, im Jahre 1772, hielten sich die Neuigkeitskrämer und die Politiker unter diesem Baume in der freien Luft zu ihren Besprechungen auf. Der Mittelpunkt der Gruppe, welche über das Leben und den Tod dieser von Friedrich und Katharina ans Kreuz geschlagenen und von Ludwig XV. verleugneten edlen Missethäterin discutirte, war ein Abbé, der, da er Verbindungen in Krakau hatte, sich zum Verbreiter aller nach Frankreich aus dem Norden kommenden Gerüchte machte, und dieser Abbé, welcher, wie es scheint, überdies ein großer Tactiker war, ließ jeden Augenblick und bei jedem Anlaß eine Armee von dreißigtausend Mann manoeuvriren, deren Märsche und Gegenmärsche die Bewunderung der Zuhörer verursachten.

Eine Folge hiervon war, daß der Strategiker-Abbé den Beinamen der Abbé dreißigtausend Mann erhielt und der Baum, unter dem er seine geschickten Manoeuvres ausführte, der Baum von Krakau genannt wurde.

Vielleicht hatten auch, die Nachrichten, die er mit derselben Leichtigkeit verkündigte, mit welcher er seine Armee manoeuvriren ließ, dazu beigetragen, daß dieser Baum unter seiner fast ebenso gasconischen, als polnischen Benennung bekannt wurde.

Wie dem sein mag, der Baum von Krakau, der unter den im Palais-Royal vom Herzog von Orleans vorgenommenen Veränderungen stehen geblieben war, bildete fortwährend den Mittelpunkt der Zusammenkünfte, welche 1788 nicht minder zahlreich im Palais-Royal, als 1772; nur bekümmerte man sich nicht mehr um Polen unter dem Baume von Krakau, sondern um Frankreich.

Der Anblick der Menschen hatte sich auch beinahe eben so sehr verändert, als der der Oertlichkeiten.

Was besonders diese Veränderung im Anblicke der Oertlichkeiten bewerkstelligt hatte, das waren der Circus und das Lager der Tartaren, was Beides der Herzog von Orleans, begierig, Nutzen aus seinem Terrain zu ziehen, hatte bauen lassen: den Circus mitten im Garten, und das Lager der Tartaren auf der Seite, welche den Hof schloß, und die heute die Gallerie d'Orleans einnimmt.

Sagen wir zuerst, was der Circus war, in den wir in einem gegebenen Augenblicke den Leser einzuführen veranlaßt sein werden.

Das war ein ein verlängertes Parallelogramm bildendes Gebäude, das sich verlängernd die zwei reizenden Grasplätze von Louis dem Frommen verschlungen hatte und, ehe es nur vollendet, schon besetzt war, einmal von einem Lesecabinet, einem damals ganz neuen Etablissement, dessen Eigenthümer, ein Herr Girardin, durch diese Erfindung die jedem Neuerer gebührende Berühmtheit erlangt hatte; sodann von einem Clubb, den man den Club Social nannte, und der der Sammelplatz aller Philanthropen, aller Reformatoren und aller Negrophilen war; und endlich von einem Truppe Gaukler, welche zweimal im Tage, wie zur Zeit von Thespis, Vorstellungen auf improvisirten Gerüsten gaben.

Dieser Circus glich einer ungeheuren Laube, ganz bekleidet, wie er war, mit Gittern und grünem Blätterwerk. Zweiundsiebzig Säulen von dorischer Ordnung, die ihn umgaben, stachen allerdings ein wenig gegen diesen ländlichen Anblick ab, doch zu jener Zeit gab es so viel entgegengesetzte Dinge, die sich einander zu nähern und sogar mit einander zu vermengen anfingen, daß man nicht mehr auf dieses, als auf die andern, Acht gab.

Was das Lager der Tartaren betrifft, Mercier, der Verfasser des Tableau de Paris, wird uns sagen, was es war.

Man höre die Diatribe dieses zweiten Diogenes, der beinahe so cynisch und so witzig als der, welcher mit einer Laterne in der Hand am hellen Tage unter den Säulenhallen des Gartens von Akademos einen Menschen suchte:

»Die Athenienser,« sagt er, »errichteten ihren Phrynen Tempel; die unsern finden den ihren in diesem Bezirke. Dahin gehen gierige Agioteurs, welche das Seitenstück zu den hübschen Freudenmädchen bilden, dreimal täglich im Palais-Royal, und der Mund aller dieser Menschen spricht nur von Geld und von politischer Prostitution. Die Banque wird in den Kaffeehäusern gehalten, und da muß man die plötzlich durch den Verlust oder den Gewinn entstellten Gesichter sehen und studieren: Dieser geräth in Verzweiflung, Jener triumphiert. Dieser Ort ist also eine hübsche Büchse Pandoras; sie ist ciselirt, sie ist ausgearbeitet; Jedermann aber weiß, was die Büchse der durch Vulcan belebten Statue enthielt. Alle Sardanapale, alle die kleinen Lucullus wohnen im Palais-Royal in Gemächern, um welche sie der König von Assyrien und der römische Consul beneidet hätten.«

Das Lager der Tartaren, das war die Höhle der Diebe und der Winkel der Lustdirnen; – es war endlich das, was wir bis zum Jahre 1828 unter dem Namen Galerie de Bois5 gesehen haben.

Sich verändernd, hatte der Anblick der Oertlichkeiten dazu beigetragen, den Anblick der Menschen zu verändern.

Was aber hauptsächlich zu dieser Metamorphose beigetragen, das war die politische Bewegung, welche um diese Zeit in Frankreich vor sich ging und von unten nach oben kommend die Gesellschaft von ihren Tiefen bis zu ihrer Oberfläche erschütterte.

In der That, man begreift, welcher Unterschied es für wahre Patrioten ist, ob sie sich mit dem Loose einer fremden Nation, oder mit den Interessen ihres Landes beschäftigen, und man wird nicht leugnen, daß die Nachrichten, welche zu dieser Stunde von Versailles kamen, viel erregender für die Pariser sein mußten, als es sechzehn Jahre früher die waren, welche von Krakau kamen.

Gleichwohl sah man noch mitten unter der politischen Aufregung, wie Schatten aus einer andern Zeit, einige von jenen heiteren Gemüthern oder einige von jenen beobachtenden Geistern umherirren, welche ihren Weg durch die reizenden Träume der Poesie oder die herben Tumulte der Kritik verfolgen.

So kann, abgesehen von der im Schatten des Baumes von Krakau gruppirten großen Menge, welche das Journal de Paris oder die I,unette philosophique et litteraire lesend die Nuvelles à la main erwartete, der Leser, der uns begleitet, in einer nach den Linden mündenden Seitenallee zwei Männer von fünfunddreißig bis sechsunddreißig Jahren bemerken, welche Beide die Uniform, der Eine der Dragoner von Noailles mit rosa Revers und rosa Kragen, der Andere der Dragoner der Königin mit weißen Revers und weißem Kragen tragen. Sind diese zwei Männer Officiere, die von Schlachten sprechen? Nein, es sind zwei Dichter, welche von Poesie sprechen, zwei Verliebte, welche von Liebe sprechen.

Sie sind übrigens reizend, was die Eleganz, und vollkommen, was den guten Ton betrifft. Das ist die Aristokratie in ihrem bezauberndsten und vollständigsten Ausdrucke; in dieser Zeit, wo der Puder von den Anglomanen, von den Americanern, kurz von den Vorgerückten ein wenig vernachlässigt zu werden anfängt, ist ihr Kopfputz äußerst sorgfältig behandelt, und um seine Harmonie nicht zu derangiren, trägt der Eine seinen Hut unter dem Arme, während ihn der Andere in der Hand hält.

»Also, mein lieber Bertin,« sagte derjenige von den Spaziergängern, welcher die Uniform der Dragoner der Königin trug, »es ist bei Ihnen fester Entschluß, Sie verlassen Frankreich und verbannen sich nach St. Domingo?«

»Sie irren sich, mein lieber Evariste: ich ziehe mich nur nach Cythera zurück.«

»Wie so?«

»Sie begreifen nicht?«

»Bei meinem Ehrenworte, nein.«

»Haben Sie mein drittes Buch der Amours gelesen?«

»Ich lese Alles, was Sie schreiben, mein lieber Kapitän?«

»Nun, dann erinnern Sie sich wohl gewisser Verse?«

»An Eucharis oder an Catilie?«

»Ach! Eucharis ist todt und ich habe meinen Tribut der Thränen und der Poesie ihrem Andenken bezahlt; ich spreche also von meinen Versen an Catilie.«

»Welche meinen Sie?«

»Diese:

 
Va, ne crains pas que je l'oublie,
Ce jour, ce fortune moment,
Où, peins d'amour et de folie,
Tous les deux, saus savoir comment,
Dans un rapide emportement,
Nousi fimes le teudre serment,
De nous aimer toute 1a, vie!6
 

»Nun?«

»Nun, ich halte meinen Schwur: ich erinnere mich . . .«

»Wie! Ihre schöne Catilie . . .?«

»Ist eine reizende Creolin von St. Domingo, , mein lieber Parny, welche vor einem Jahre nach dem Meerbusen von Mexico abgereist ist.«

»Und Sie folgen ihr nach?«

»Ich folge ihr nach und heirathe . . . Sie wissen übrigens, mein lieber Parny, ich bin, wie Sie, ein Kind des Aequators, und wenn ich nach St. Domingo gehe, werde ich glauben, ich kehre nach unserem Heimathlande, nach unserer schönen Insel Bourbon mit ihrem Azurhimmel, mit ihrer üppigen Vegetation zurück; habe ich nicht das Vaterland, so werde ich doch sein Aequivalent haben, wie man noch das Portrait hat, wenn man das Original nicht mehr besitzen kann.«

Und der junge Mann sprach mit einer Begeisterung, welche heute sehr lächerlich scheinen würde, zu jener Zeit aber sehr schicklich war, die folgenden Verse:

 
Toi dont 1'image en mon coeur est tracée,
Toi qui recus ma premiere pensée,
Les Premiers sons que ma bouche a formes,
Mes premiers pas sur la terre imprimes
Sous d'autres cieux cherchant un autre monde
J'ai vu tes bords s'enfuir au loin dans l'onde. . .
Que de regrets ont suivi mes adieux!
Combien de pleurs ont coulé de mes yeux!
Que J'aime encore, aprés quinze ans d'absence,
Ce Col, temoin des jeux de mon enfance!7
 

»Vortrefflich, mein lieber Bertin! Doch ich sage Ihnen vorher, Sie werden mit Ihrer schönen Catilie kaum dort sein, so haben Sie die Freunde, die Sie in Frankreich zurücklassen, vergessen.«

»Oho! Mein lieber Evariste, wie täuschen Sie sich!

En amitié fidéle, encor plus qu'en amour.

Tout ce qu'aima mon coeur, il l'aima plus d'un jour.8

»Wird nicht überdies, mein großer Dichter, Ihr Ruf da sein, um zu machen, daß ich an Sie denke? Wäre ich so unglücklich, Sie zu vergessen, haben nicht Ihre Elegien Flügel, wie die Schwalben und die Amoretten, und der Name einer anderen Eleonore wird mich dort schauern machen wie ein Echo von diesem schönen Paris, welches mich so gut aufgenommen, und das ich dennoch mit so großer Freude verlasse!«

»Es ist also beschlossen, mein Freund, Sie reisen ab?«

»Oh! so fest beschlossen, als nur etwas beschlossen sein kann . . . Hören Sie, mein Abschied ist schon vollendet:

 
Oui, c'en est fait, j'abandonne Paris;
Qu'un peuple aimable, y couronnant sa téte,
Change l'année en un long jour de féte:
Pour moi, je pars! Où sont mes matelots?
Venez, montez et sillonez les flots;
Au doux Zéphyr abandonnez la voile,
Et de Vénus interrogez l'etoile.9
 

»Ah! Sie wissen wohl, an wen Sie Ihr Gebet richten, mein lieber Bertin!« sagte eine dritte Stimme, sich ins Gespräch mischend; »Venus ist Ihre Jungfrau Maria!«

»Ah! Sie da, mein lieber Florian!« riefen gleichzeitig die zwei Freunde, indem sie auch zugleich ihre Hände ausstreckten, welche Florian in den seinigen drückte.

Dann fügte Parny rasch bei:

»Empfangen Sie meinen Glückwunsch zu Ihrem Eintritte in die Academie, mein Lieber.«

»Und mein Compliment zu Ihrem reizenden Hirtengedichte Estelle,« sagte Bertin.

»Bei meiner Treue!« fuhr Parny fort, »Sie haben Recht, daß Sie auf Ihre Hammel zurückkommen: wir brauchen Ihre Hirtenwelt, damit sie uns die Welt von Wölfen, in der wir leben, vergessen macht; sehen Sie, Bertin verläßt sie auch.«

»Ah! es war also kein poetischer Abschied, der Abschied, den Sie so eben von uns nahmen, mein lieber Kapitän?«

»Nein, in der That, es war ein wirklicher Abschied.«

»Und errathen Sie, nach welchem Antipoden er abreist? Nach St. Domingo, nach der Königin der Antillen. Er wird Kaffeepflanzer, Zuckerraffinirer, während wir . . . Gott weiß, ob man uns nur wird Kohl pflanzen lassen. Aber was schauen Sie denn so?«

»Ei! bei Gott! wenn ich mich nicht täusche, ist er es!« rief Florian.

»Wer, er?«

»Oh! meine Herren,« sprach der neue Academiker, »kommen Sie doch mit mir, ich habe ihm ein paar Worte zu sagen.«

»Wem?«

»Rivarol.«

»Gut! ein Streit!«

»Warum nicht?«

»Ah! Sie sind also immer noch Raufer?«

»Oh! ich habe seit drei Jahren keinen Degen angerührt.«

»Und Sie wollen sich die Hand wieder gelenk machen?«

»Dürfte ich eintretenden Falles auf Sie zählen?«

»Bei Gott!«

Die drei jungen Leute gingen in der That zum Verfasser des Petit Almanach de nos Grands hommes, wovon eben eine zweite Ausgabe erschienen war, welche noch mehr Lärm gemacht hatte, als die erste.

Rivarol saß oder lag vielmehr auf zwei Stühlen, den Rücken an einen Kastanienbaum angelehnt und dem Anscheine nach nicht sehend, was um ihn her vorging; nur von Zeit zu Zeit warf er nach rechts und nach links einen von jenen Blicken, worin die Flamme des ausgezeichneten französischen Witzes knisterte, der je existirt hat.

Sodann, nach diesem Blicke, der ein Factum einregistrirte oder eine Idee angab, näherte er seine zwei Hände einander und schrieb auf die Tabletten, die er in der einen hielt, ein paar Worte mit dem Bleistifte, das er in der andern hatte.

Er sah die drei Spaziergänger heranschreiten, doch, obgleich er sich denken konnte, sie kommen zu ihm, gab er sich den Anschein, als schenkte er ihnen keine Aufmerksamkeit, und fing wieder an zu schreiben.

Plötzlich warf sich indessen ein Schatten auf sein Papier: es war der der drei Freunde. Rivarol sah sich genöthigt, den Kopf zu erheben.

Florian grüßte ihn mit der größten Höflichkeit; Parny und Bertin verbeugten sich leicht.

Rivarol richtete sich auf seinem Stuhle auf, ohne seine Lage zu verändern.

»Verzeihen Sie, mein Herr, wenn ich Sie in Ihren Betrachtungen störe!« sagte Florian zu ihm; »doch ich habe eine kleine Reclamation an Sie zu machen.«

»An mich, Herr Edelmann?« versetzte Rivarol mit seiner spöttischen Miene. »Wäre es wegen des Herrn von Panthiévre, Ihres Meisters?«

»Nein, mein Herr, es betrifft mich selbst.«

»Sprechen Sie.«

»Sie hatten mir die Ehre erwiesen, meinen Namen in der ersten Ausgabe von Ihrem Kleinen Almanach unserer großen Männer aufzuführen.«

»Das ist wahr, mein Herr.«

»Wäre es unbescheiden, Sie zu fragen, mein Herr, warum Sie meinen Namen in der zweiten Ausgabe, welche so eben erschienen ist, herausgenommen haben?«

»Weil Sie zwischen der ersten und der zweiten Ausgabe das Unglück gehabt haben, zum Mitgliede der Academie ernannt zu werden, und weil, so dunkel auch ein Academiker sein mag, er doch nicht das Privilegium der Unbekannten ansprechen kann; Sie wissen aber, Herr von Florian, unser Werk ist ein philanthropisches Werk, und Ihr Platz ist reclamirt worden.«

»Von wem?«

»Von drei Personen, welche, ich muß es in Demuth gestehen, auf dieses Glück noch mehr Rechte hatten, als Sie.«

»Und wer sind diese drei Personen?«

»Drei reizende Dichter, welche der Erste ein Akrostichon, der Zweite ein Distichon und der Dritte einen Refrain gemacht haben. . . Was das Lied betrifft, – es wird uns unaufhörlich versprochen, doch da der Refrain gemacht ist, so können wir warten.«

»Und wer sind diese drei ausgezeichneten Männer?«

»Die Herren Grouber von Groubental, Fenouillot de Falbaire von Quingey und Thomas Minau von Lamistringue.«

»Wenn ich Ihnen aber Jemand empfehlen würde, Herr von Rivarol?«

»Ich müßte Sie zu meinem Bedauern zurückweisen, Herr von Florian: ich habe meine Armen.«

»Derjenige, welchen ich Ihnen empfehle, hat nur einen Viervers gemacht.«

»Das ist viel!«

»Soll ich Ihnen denselben recitiren, Herr von Rivarol?«

»Gewiß, Herr von Florian, recitiren Sie! . . . Sie sprechen so gut!«

»Nicht wahr, ich habe nicht nöthig, Ihnen zu sagen, an wen er gerichtet ist?«

»Ich werde mein Möglichstes thun, um es zu errathen . . .«

»Also! . . .«

»Ich höre.«

Ci-gît Azor, chéri de ma Syvie;

Il eut même penchant que vous, monsieur Damon:

A mordre il a passê sa vie;

Il est mort d'un coup de bâton.10

»Ah! Herr von Florian,« rief Rivarol, »sollte dieses kleine Meisterwerk von Ihnen sein?«

»Nehmen Sie an, es sei von mir, Herr von Rivarol: was hätten Sie von mir zu verlangen?«

»Oh! mein Herr, ich hätte von Ihnen zu verlangen, daß Sie es mir dictiren, nachdem Sie es mir recitirt haben?«

»Ihnen?«

»Ja, mir.«

»Wozu?«

»Ei! um es zu den Noten meiner dritten Ausgabe zu setzen . . . Jeder an seinem Platze, mein Herr; das Ganze ist, daß man sich Gerechtigkeit widerfahren läßt. Ich habe keine andere Prätension, als die, in der Literatur das zu sein, was der Schleifstein in der Messerschmiede ist: ich schneide nicht, ich mache schneiden.«

Florian kniff sich in die Lippen: er hatte es mit einem mächtigen Gegner zu thun; er sprach indessen:

»Und nun, mein Herr, um ein Ende zu machen: wenn ich Ihnen sagte, in dem Artikel, den Sie mir zu widmen die Güte gehabt, sei Etwas gewesen, was mir mißfallen?«

»In meinem Artikel Etwas, was Ihnen mißfallen? Unmöglich! er hat nur drei Zeilen.«

»Es ist dennoch so, Herr von Rivarol.«

»Oh! wahrhaftig? . . . Wäre es im Geiste?«

»Nein.«

»Wäre es in der Form?«

»Nein.«

»In was denn?«

»Es ist im Grunde.«

»Oh! wenn es der Grund ist, das geht mich nichts an, Herr von Florian, das geht Champcenetz, meinen Mitarbeiter, an, der auf- und abgehend dort mit der Nase von Métra plaudert. Ihr Diener, Herr von Florian!«

Wonach Herr von Rivarol wieder ruhig zu schreiben anfing.

Florian schaute seine zwei Freunde an, und diese bedeuteten ihm mit den Augen, er müsse sich als geschlagen betrachten und es folglich hierbei bewenden lassen.

»Ah! mein Herr,« sagte Florian, »Sie sind entschieden ein Mann von Geist, und ich nehme meinen Viervers zurück.«

»Ach! mein Herr,« rief Rivarol mit einer komisch verzweifelten Miene, »es ist zu spät!«

»Wie so?«

»Ich habe ihn in meinen Tabletten aufgezeichnet, und es ist schon, als ob er gedruckt wäre; doch wollen Sie einen andern, so werde ich mir ein Vergnügen daraus machen, Ihnen denselben an der Stelle des Ihrigen anzubieten.«

»Einen andern? und immer über denselben Gegenstand?«

»Ja, ganz frisch diesen Morgen mit der Post angekommen; er ist an mich, so wie an Champcenetz adressirt: ich kann also in seinem Namen und in meinem darüber verfügen. Es ist ein junger picardischer Advocat, Namens Camille Desmoulins, der bis jetzt nur dies gemacht hat, aber verspricht, wie Sie sehen werden.«

»Ah! ich höre, mein Herr.«

»Zum Verständniß der Sache müssen Sie wissen, mein Herr, daß gewisse Neidische mir und Champcenetz den Adel streitig machen, wie sie Ihnen das Genie streitig machen. Sie begreifen wohl, daß dies dieselben sind. Sie sagen, mein Vater sei Wirth in Bagnols gewesen, und die Mutter von Champcenetz Haushälterin, ich weiß nicht wo. Nachdem dies vorausgestellt ist, hören Sie meinen Viervers, der durch die Erklärung, die ich Ihnen gegeben, nur gewinnen kann:

 
Au noble hôtel de la Vermine
On est, logé très proprement:
Rivarol y fait la cuisine,
Et Champcenetz, l'appartement.11
 

»Sie sehen, mein Herr, der erste bildet ein bewunderungswürdiges Seitenstück zum zweiten, und verkaufte ich den einen ohne den andern, so wäre der, den ich behielte, unvollständig.«

Man konnte einem solchen Manne nicht länger grollen. Florian reichte ihm folglich eine Hand und Rivarol nahm sie mit dem seinen Lächeln und dem leichten Blinzeln der Augen, was nur ihm eigenthümlich.

In demselben Momente entstand um Métra und in der Gegend des Baumes von Krakau eine Bewegung, welche die Ankunft einer wichtigen Nachricht bezeichnete.

Die drei Freunde folgten dem von der Menge, die sich unter den Linden zusammenschaarte, gegebenen Impulse und ließen Rivarol sich wieder an seine Notizen machen, die er mit derselben Gleichgültigkeit, als ob er allein gewesen wäre, fortsetzte.

Er that dies jedoch nicht, ohne auf einen Blick von Champcenetz, der besagen wollte; »Was gibt es?« durch einen Blick geantwortet zu haben, welcher bedeutete: »Noch nichts für diesmal.«

III
Die Neuigkeitsliebhaber

Métra, den Rivarol genannt hatte, und der, wie gesagt, mit Champcenetz plauderte, hatte sich zu einem der wichtigsten Menschen dieser Zeit gemacht.

Geschah dies durch seinen Geist? Nein; sein Geist war mittelmäßig. Durch seine Geburt? Nein; er gehörte dem Bürgerthum an. Durch die übermäßige Länge seiner Nase? Nein, auch nicht.

Es geschah durch seine Neuigkeiten.

Métra war der vorzugsweise Mann der Neuigkeiten: unter dem Titel Corresponcdance secréte ließ er – errathen Sie, wo? . . . in Neustadt am Ufer des Rheins, – ein Journal alle Pariser Neuigkeiten enthaltend erscheinen.

Wer wußte das wahre Geschlecht des Chevalier oder der Chevaliére d'Eon, dieses Menschen, dem die Regierung den Befehl gegeben, sich an Weiberkleider zu halten, und der das Kreuz des St. Ludwigs-Ordens an seinem Halstuche trug?

Métra.

Wer erzählte in ihren kleinsten Einzelheiten, und als ob er denselben beigewohnt hätte, die fantastischen Soupers des berühmten Grimod de la Reyniére, welcher einen Augenblick die Casserole mit der Feder vertauschend so eben die Parodie des Songe d'Athalie geschrieben hatte?

Métra.

Wer durchschaute das Räthsel der Excentricitäten des Marquis von Brunoy, des excentrischsten Menschen jener Zeit?

Métra.

Die Römer, wenn sie sich auf dem Forum begegneten, fragten einander drei Jahrhunderte hindurch: Quid novi fert Africa? (Was bringt Africa Neues?) Die Franzosen fragten sich drei Jahre lang: »Was sagt Métra?«

Es gibt gewisse Perioden im Leben der Nationen, während welcher eine seltsame Unruhe sich eines ganzen Volkes bemächtigt: das ist so, wenn dieses Volk allmälig unter seinen Füßen den Boden weichen fühlt, auf dem in den abgelaufenen Jahrhunderten ruhig seine Voreltern gegangen sind; es glaubt an eine Zukunft, denn wer lebt, hofft; doch außer dem, daß es nichts in dieser Zukunft unterscheidet, so düster ist sie, fühlt es noch, daß ein dunkler, tiefer, unbekannter Abgrund zwischen der Zukunft und ihm ist.

Dann wirft es sich in die unmöglichen Theorien; dann liegt es der Aufsuchung unfindbarer Dinge ob; dann sucht es, wie jene Kranken, die sich so verzweifelt fühlen, daß sie die Aerzte fortjagen und die Quacksalber rufen, die Heilung nicht in der Wissenschaft, sondern im Empirismus, nicht in der Wirklichkeit, sondern im Traume. Denn um dieses ungeheure Chaos zu bevölkern, wo der Schwindel herrscht, wo das Licht fehlt, – nicht, weil es nicht geboren worden, sondern weil es stirbt, – erscheinen die Männer der Mysterien, wie Swedenborg, der Graf von Saint-Germain, Cagliostro; Jeder bringt seine Entdeckung, eine unerhörte, unerwartete, fast übernatürliche Entdeckung: Franklin die Elektricität; Montgolfier die Luftschifffahrt; Mesmer den Magnetismus. Dann begreift die Welt, so blind und so schwankend sie ist, daß sie einen Schritt gegen die himmlischen Mysterien gemacht hat, und das hochmüthige Menschengeschlecht hofft eine Stufe der Leiter, welche zu Gott führt, erstiegen zu haben!

Wehe dem Volke, das diese Zerrungen fühlt, denn diese Zerrungen sind die ersten Schauer des Revolutionsfiebers! es naht für dasselbe die Stunde der Umgestaltung; ohne Zweifel wird es aus dem Kampfe glorreich und auferstanden hervorgehen, doch es wird während einer Todesnoth, wo es Blut geschwitzt, sein Leiden, seine Schädelstätte und sein Kreuz gehabt haben.

Dies war der Zustand der Geister in Frankreich in der Zeit, zu der wir gekommen sind.

Jenen Vögeln ähnlich, welche in großen Flügen fortbrausen, welche in den Lüften wirbeln und bis in die Wolken aufsteigen, von wo sie sich ganz schauernd niedersenken, – denn sie haben den Wetterstrahl um Kunde gefragt, und der Blitz hat ihnen geantwortet, – jenen Vögeln ähnlich, sagen wir, liefen große Volkssturmwinde verwirrt hin, ließen sich auf die Plätze nieder; dann, nachdem sie gefragt: »Was gibt es?« nahmen sie wieder ihren wahnsinnigen Flug durch die Straßen und über die Kreuzwege.

Man begreift also, welchen Einfluß auf die Menge die Leute gewannen, die auf ihre ungeheure Frage dadurch antworteten, daß sie ihr Neuigkeiten gaben.

Darum war Métra der Mann der Neuigkeiten am 24. August 1788 noch mehr umgeben, als an den andern Tagen.

Man fühlte in der That seit einiger Zeit, wie die Regierungsmaschine dergestalt gespannt war, daß etwas darin brechen mußte.

Was? Das Ministerium wahrscheinlich.

Das zu dieser Stunde functionirende Ministerium war äußerst unpopulär.

Es war das von Herrn von Loménie von Brienne, welches auf das von Herrn von Calonne gefolgt war; dieses, das die Versammlung der Notabeln getödtet hatte, war selbst auf das Ministerium von Herrn Necker gefolgt.

Aber, mochte nun Métra an diesem Tage keine Neuigkeiten haben, oder mochte Métra haben und sie nicht sagen wollen, – statt daß Métra zu seiner Umgebung sprach, sprach seine Umgebung zu ihm.

»Herr Métra,« fragte eine junge Frau, die ein Kleid à 1a lévite anhatte, auf dem Kopfe einen mit vielen Blumen verzierten Hut trug, und in der Hand einen langen Stocksonnenschirm hielt, »ist es wahr, daß die Königin bei ihrer letzten Arbeit mit Leonard, ihrem Friseur, und Mademoiselle Bertin, ihrer Putzmacherin, nicht nur die Zurückberufung von Herrn Necker angekündigt, sondern es auch übernommen hat, ihm diese Zurückberufung kund zu thun.«

»Eh!« machte Métra mit einem Tone, der besagen wollte: »Das ist möglich!«

»Herr Métra,« fragte ein äußerst zierlich frisirter Elegant, der einen olivenfarbigen Rock und eine mit Kattunstreifen eingefaßte Weste trug, »glauben Sie, daß sich Monseigneur der Graf von Artois, wie man sagt, gegen Herrn von Brienne ausgesprochen und dem König gestern entschieden erklärt hat, wenn der Erzbischof nicht in drei Tagen seine Entlassung als Minister nehme, so sei er so sehr auf das Heil Seiner Herrlichkeit bedacht, daß er sie selbst von ihm verlangen werde?«

»Eh! eh!« machte Métra mit einem Tone, der besagen wollte: »Ich habe dergleichen erzählen hören!«

»Herr Métra,« fragte ein Mann aus dem Volke mit bleichem Gesichte und abgemagertem Leibe, der eine abgeschabte Hose und ein schmutziges Wamms trug, »ist es wahr, daß man Herrn Sieyés gefragt hat, was der dritte Stand sei, und daß Herr Sieyés geantwortet: »»Nichts für die Gegenwart und Alles für die Zukunft!««

»Eh! eh! eh!« machte Métra mit einem Tone, der besagen wollte: »Ich weiß nicht, ob Herr Sieyés dies gesagt hat, wenn er es aber gesagt hat, so könnte er wohl die Wahrheit gesagt haben!«

Und Alle riefen im Chore:

»Herr Métra, Neuigkeiten! Neuigkeiten, Herr Métra!«

»Neuigkeiten, Bürger,« sprach unter der Menge eine kreischende Stimme, »wollt Ihr? ich bringe Euch.«

Diese Stimme hatte einen so sonderbaren Ausdruck, einen so seltsamen Ton, daß Jeder sich umwandte und mit den Augen denjenigen, welcher gesprochen, suchte.

Es war ein Mann von sechsundvierzig bis achtundvierzig Jahren, nicht fünf Fuß hoch, mit krummen Beinen, in grauen, schräge blau gestreiften Strümpfen und klaffenden Schuhen, an denen eine zerzauste Schnur die Bänder ersetzte; auf dem Kopfe einen Hut à la Andromane, das heißt mit niedrigem Obertheile und aufgestülpter Krämpe; sein Leib war eingeschlossen in einen kastanienbraunen, überall abgeschabten, am Ellenbogen durchlöcherten Rock, der sich auf der Brust öffnete, um hinter einem schmutzigen, auseinanderstehenden Hemde ohne Cravate das hervorspringende Schlüsselbein und die Muskeln eines Halses zu zeigen, der von Gift angeschwollen zu sein schien.

Was sein Gesicht betrifft, – verweilen wir einen Augenblick bei demselben, denn es verdient eine besondere Erwähnung.

Sein mageres, knochiges, breites und ein wenig von der verticalen Linie in Beziehung auf den Mund abweichendes Gesicht war gefleckt wie das Fell des Leoparden; nur was es fleckte, war hier das Blut, dort die Galle; seine hervorstehenden Augen, voll Frechheit und Herausforderung, blinzelten wie die des Nachtvogels, der plötzlich ins Tageslicht versetzt wird; sein, wie der des Wolfes und der Schlange, breit geschlitzter Mund hatte die gewöhnliche Falte der Aufregung und der Verachtung.

Dieser ganze Kopf, bekränzt mit fetten, langen, hinter dem Genicke mit einem ledernen Riemen umbundenen Haaren, durch welche alle Augenblicke, als wollte sie das Gehirn, das sie bedeckten, zusammendrücken, eine plumpe, schmutzige Hand mit geschwärzten Nägeln strich, schien ein auf die Oeffnung eines Vulcans gesetzte Maske zu sein.

Von oben und wohlbeleuchtet gesehen, fehlte es diesem, wie der von Alexander, auf die linke Schulter geneigten Kopfe nicht an Ausdruck; dieser Ausdruck enthüllte zugleich die Halsstarrigkeit, den Zorn und die Stärke; was besonders daran in Erstaunen setzte, das war die Unordnung, die Divergenz, ich möchte fast sagen, der Umsturz seiner Züge; jeder schien nach seiner Seite durch einen besonderen Gedanken gezerrt zu werden, – durch einen fieberhaften Gedanken, der ihn schauern machte, ohne daß dieser, gleichsam individuelle, Schauer sich dem übrigen Gesichte mittheilte; das war endlich das lebendige Schild, der belebte Prospectus aller der unseligen Leidenschaften, welche, gewöhnlich von der Rechten des Herrn auf die Menge ausgestreut, die Gott blendet, damit sie zerstöre, sich diesmal außerordentlicher Weise in einem einzigen Menschen, in einem einzigen Herzen, auf einem einzigen Gesichte concentrirt hatten.

Beim Anblicke dieses seltsamen Menschen fühlte Alles, was von Männern von guten Manieren und von eleganten Frauen in der Menge war, unter seiner Haut etwas wie einen Schauer hinlaufen; das Gefühl, das Jeden ergriff, war doppelt: es bestand zugleich aus dem Widerwillen, der entfernt, und aus der Neugierde, welche anzieht.

Dieser Mensch versprach Neuigkeiten; hätte er etwas ganz Anderes angeboten, so würden drei Viertel von denjenigen, welche da waren, entflohen sein, doch die Neuigkeiten waren eine so kostbare Waare zu jener Zeit, daß Jedermann blieb.

Nur wartete man; Niemand wagte es, zu fragen.

»Ihr verlangt Neuigkeiten?« sagte der außerordentliche Mann; »Ihr sollt haben, und zwar die allerfrischesten! Herr von Loménie hat seine Entlassung verkauft.«

»Wie, verkauft?« riefen fünf bis sechs Stimmen.

»Gewiß, er hat sie verkauft, da man sie ihm bezahlt hat, und sogar sehr theuer! doch so ist es in diesem schönen Königreiche Frankreich: man bezahlt die Minister, um einzutreten, man bezahlt sie, um zu bleiben, man bezahlt sie, um zu gehen; und wer bezahlt sie? der König! wer bezahlt aber den König? Ihr! ich! wir! .. Herr von Loménie von Brienne hat also seine Rechnung gemacht und die seiner Familie: er wird Cardinal sein, das ist abgethan; er hat auf das rothe Käppchen dieselben Rechte wie sein Vorgänger Dubois. Sein Neffe hat noch nicht das Alter, um Coadjutor zu sein; gleichviel! er wird die Coadjutorie vom Bisthum Sens haben! Seine Nichte, – Ihr begreift, man muß doch etwas für die Nichte thun, da man für den Neffen etwas thut, – wird eine Stelle als Palastdame erhalten; was ihn selbst betrifft, er hat sich während eines einjährigen Ministeriums ein Vermögen von fünf- bis sechsmal hunderttausend Livres Einkünfte auf die Güter der Kirche gemacht; überdies läßt er seinen Bruder als Kriegsminister zurück, nachdem er es dahin gebracht, daß er zum Ritter der Orden des Königs und zum Gouverneur der Provence ernannt worden ist. . . Ihr seht also, daß ich Recht hatte, wenn ich sagte, er nehme nicht seine Entlassung, sondern er verkaufe sie.«

»Und von wem haben Sie diese Details?« sagte Métra, der sich so weit vergaß, daß er fragte, er, den man immer fragte.

»Von wem ich sie habe? Bei Gott! vom Hofe. . . Ich bin vom Hofe!«

Und der seltsame Mensch steckte seine beiden Hände in seine Hosentaschen, spreizte seine krummen Beine, schaukelte sich von hinten nach vorne und von vorne nach hinten und neigte zum Zeichen der Herausforderung seinen Kopf noch mehr auf die linke Schulter.

»Sie sind vom Hofe?« murmelten mehrere Stimmen.

»Das setzt Euch in Erstaunen?« sagte der Unbekannte. »Ei! muß sich nicht, im Widerspiele mit der physischen Ordnung, in unserer moralischen Ordnung die Stärke auf die Schwäche, das Wissen auf die Dummheit stützen? Waren nicht Beaumarchais bei Mesdames; Mably beim Cardinal von Tencin; Champfort beim Prinzen von Condé; Thuliers bei Monsieur; Laclos, Frau von Genlis und Brissot beim Herzog von Orleans? Was fände sich also dabei Erstaunliches, daß ich auch bei Einem von allen diesen großen Herren wäre? obschon ich ein wenig mehr, als alle diejenigen, welche ich so eben genannt habe, werth zu sein behaupte.«

»Die Entlassung des Ministers ist also nach Ihrer Meinung gewiß?«

»Officiell»sage ich Ihnen.«

»Und wer kommt an seine Stelle?« fragten mehrere Stimmen.

»Wer? Bei Gott! der Genfer, wie der König sagt; der Charlatan, wie die Königin sagt; der Banquier, wie die Prinzen sagen, und der Vater des Volks, wie dieses arme Volk sagt, das Jedermann seinen Vater nennt, gerade weil es keinen Vater hat.«

Und das Lächeln eines Verdammten verzerrte den Mund des Redners.

»Sie sind also nicht für Herrn von Necker?« fragte schüchtern eine Stimme.

»Ich? doch, im Gegentheil . . . Pest! ein Land wie Frankreich braucht Männer wie Herrn Necker! Welchen Triumph bereitet man ihm auch! welche Allegorien verspricht man ihm! Ich habe gestern eine gesehen, wo er den Ueberfluß zurückbringt, und wo die bösen Geister bei seinem Anblicke fliehen; man hat mir heute eine andere gezeigt, wo er unter der Form eines aus einer Scheune hervorkommenden Flusses dargestellt ist. Ist sein Portrait nicht überall, an den Straßenecken, auf den Tabaksdosen, auf den Rockknöpfen? spricht man nicht davon, man wolle eine Straße durchbrechen, welche an die Banque gehen und die Rue Necker heißen wird? hat man nicht schon zwölf Münzen ihm zu Ehren geschlagen, fast so viel als für den Großpensionär de Witt, der gehenkt worden ist! – Ob ich für Herrn Necker bin? ich glaube wohl! Es lebe der König! es lebe das Parlament! es lebe Herr Necker!«

»Sie behaupten also, Herr Necker sei zum Minister an der Stelle von Herrn von Brienne ernannt worden?« sagte mitten unter der Menge eine Stimme, deren Frage wie eine Drohung klang, und die Aller Augen auf denjenigen, welcher gesprochen, zog.

Bemerken wir sogleich, daß der zweite Mann, der seinen Theil an der öffentlichen Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen zu wollen schien, derselben nicht minder würdig war, als der, welchem er sich gegenüber stellte.

Ganz das Gegentheil vom Ersten, der sein Widersacher werden sollte, wenn er nicht sein Freund wurde, war der Zweite, mit einer Art von Sorgfalt gekleidet und besonders merkwürdig durch die Feinheit und die Weiße seiner Wäsche, ein fünf Fuß acht Zoll hoher Coloß, jedoch mit vollkommenem Ebenmaße in allen Theilen seiner herculischen Gestalt. Man hätte glauben können, es sei eine Statue der Stärke, welche vollkommen gelungen, mit Ausnahme der Stelle des Gesichtes, wo die Form dem Erze entgangen zu sein schien: in der That sein ganzes Gesicht, – ein ungestaltetes Gesicht, – war nicht gezeichnet, nicht ausgehöhlt, sondern durchwühlt von den Pocken. Es schien, als wäre ihm ein mit geschmolzenem Blei gefülltes Instrument vor dem Gesichte zersprungen, als hätte ihm eine Chimäre mit dem Feuerathem ins Antlitz geblasen; es war für diejenigen, welche ihn anschauten und es versuchten, das Facies eines Menschen mit seinen gleichsam angelegten Zügen wiederaufzubauen, eine peinliche Entwickelung, eine mühsame Classificirung: die Nase war eingedrückt, das Auge kaum sichtbar, der Mund groß; dieser Mund ließ lächelnd eine doppelte Reihe von elfenbeinweißen Zähnen sehen und war, wenn er sich schloß, bedeckt mit zwei Wülsten voll Dreistigkeit und Sinnlichkeit; es war eine in den Händen Gottes beim Uebergange vom Löwen zum Menschen unterbrochene Anlage; es war eine unvollkommene, aber energische, unvollständige, aber furchtbare Schöpfung.

Das Ganze bildete eine erstaunliche Concentrirung von Leben, Fleisch, Knochen, Kraft, Blindheit, Dunkelheit und Schwindel.

Sieben bis acht Personen befanden sich zwischen diesen zwei Männern; sie zogen sich sogleich zurück, als hätten sie bei ihrer Berührung zermalmt zu werden befürchtet; so daß sie einander gegenüberstanden, ohne irgend ein Hinderniß zwischen ihnen, der Riese gegen den Zwerg die Stirne faltend, und der Zwerg gegen den Riesen lachend.

In einer Secunde waren Bertin, Parny, Florian, Rivarol, Champcenetz aus den Augen der Menge verschwunden, deren Aufmerksamkeit sich bei diesen zwei Männern concentrirte, die ihr doch völlig unbekannt.

Das war die Epoche der Wetten, denn die englischen Moden waren in Frankreich im Gefolge des Herzogs von Orleans und der Elegants des Hofes eingefallen; augenscheinlich konnte der Eine von diesen zwei Männern den Andern zerbrechen, wenn er nur seine Hand auf ihn fallen ließ: nun wohl! hätte ein Kampf zwischen ihnen stattfinden sollen, so wären eben so viel Wetten für den Einen als für den Andern gemacht worden; die Einen hätten für den Löwen gewettet, die Anderen für die Schlange, die Einen für die Stärke, die Anderen für das Gift.

Der Riese wiederholte seine Frage unter dem fast feierlichen Stillschweigen, das eingetreten war.

»Sie behaupten also, Herr Necker sei zum Minister an der Stelle von Herrn von Brienne ernannt worden?« sagte er.

»Das versichere ich.«

»Und Sie freuen sich über diese Veränderung?«

»Bei Gott!«

»Nicht weil sie den Einen erhebt, sondern weil sie den Andern vernichtet, und weil in gewissen Augenblicken vernichten gründen heißt, nicht wahr?«

»Es ist erstaunlich, wie Sie mich verstehen, Bürger!«

»Sie sind also der Freund des Volkes?«

»Und Sie?«

»Ich bin der Feind der Großen!«

»Das kommt auf Eins heraus.«

»Um das Werk anzufangen, ja . . . doch nicht, um es zu beendigen.«

»Sind wir einmal hierbei, so werden wir sehen.«

»Wo speisen Sie heute zu Mittag?«

»Mit Dir, wenn Du willst.«

»Komm, Bürger.«

Nach diesen Worten näherte sich der Riese dem Zwerge und reichte ihm einen eisernen Arm, an welchen sich der Zwerg hing.

Sodann, ohne sich weiter um die Menge zu bekümmern, als ob die Menge gar nicht existirt hätte, entfernten sich Beide mit großen Schritten und liefen die Neuigkeitsliebhaber unter dem Baume von Krakau die Nachricht commentiren, die man ihren politischen Appetiten als Futter preisgegeben hatte.

Am Ende des Palais-Royal und unter den Arcaden angelangt, welche zum Schauspiel-Saale der Variétes führten, – der da lag, wo heute das Théatre-Francais ist, —begegneten die neuen Freunde, die sich ihre Namen noch nicht genannt hatten, einem ganz zerlumpten Manne, der mit Billets am Tage und mit Contremarquen am Abend handelte.

Man spielte in diesem Augenblicke im Theater der Varietes ein sehr besuchtes Stück, betitelt: Arlequin, Kaiser im Monde.

»Herr Danton,« sagte der Billethändler zu dem Größeren von den beiden Männern »Bordier spielt heute Abend; wollen Sie eine gute, wohl verborgene kleine Loge, in die man eine hübsche Frau führen, und man sehen kann, ohne gesehen zu werden?«

Danton stieß ihn aber mit der Hand zurück, ohne zu antworten.

Da machte der Billethändler die Runde um Beide, wandte sich an den Kleineren und sagte:

»Bürger Marat, wollen Sie einen Platz auf dem Parterre? Sie werden dort mitten unter trefflichen Patrioten sein! Bordier gehört zu den Guten.«

Marat stieß ihn aber, ohne zu antworten, mit dem Fuße zurück.

Der Billethändler entfernte sich brummend.

»Ah! Herr Hébert,« sagte ein Straßenjunge, der mit den Augen das Billetpäckchen, das der Händler in seiner Hand hielt, verschlang; »ah! Herr Hébert, schenken Sie mir ein Amphitheater-Billetchen.«

So wurde am 24. August 1788 der Advocat Danton dem Arzte vom Marstalle des Grafen von Artois, Marat, durch den Contremarquenhändler Hébert vorgestellt.

IV
Bei Danton

Während Rivarol Champcenetz, ohne daß dieser ihm antworten konnte, fragte, wer die zwei Unbekannten seien, die sich entfernten, während Bertin, Parny und Florian sich sorglos verließen, – Singvögel, die den Sturm nicht vorhersahen, – Bertin, um seine Anstalten zur Abreise zu treffen, Parny, um seine letzten Verse der Galanteries de la Bible zu reimen, und Florian, um seine Rede zur Aufnahme in die Academie vorzubereiten; während Métra, für den Augenblick seines Rufes verlustig unter diesen Neuigkeitskrämern, deren König er war, sich in den Tiefen des Circus verlor und das Journal de Paris im Lesecabinet von Girardin verlangte; während unter den gegen die Kreuzpflanzung mündenden Lindenalleen die eleganten Frauen und die Muscadins lustwandelten, ohne sich darum zu bekümmern, wer noch Minister war oder nicht war, – Jene mit schwarzen Gazehüten à la caisse d'escompte, welche Hüte ohne Fonds waren, diese mit Westen, worauf die großen Männer des Tages zu sehen, das heißt verziert mit den Portraits der zwei Helden, welche in der Mode: Lafayette und d'Estaing, – schritten unsere zwei Patrioten über den Platz des Palais-Royal, schlugen den Weg durch die Rue Saint-Thomas du Louvre ein, erreichten den Pont-Neuf und mündeten durch die Rue des Fosses-Saint-Germain in die Rue du Paon, wo Danton wohnte.

Unter Weges erfuhr Jeder, mit wem er es zu thun hatte. Hébert hatte, wie wir gesehen, hinter einander die Namen Danton und Marat ausgesprochen; diese ausgesprochenen Namen gaben aber keinen ganz klaren Aufschluß, in so fern der eine, der von Marat, kaum bekannt, und der andere, der von Danton, völlig unbekannt war; doch seinem Namen fügte sodann Jeder seine Titel und seine Eigenschaften bei, so daß Danton wußte, er gehe an der Seite des Verfassers der Schriften: die Fesseln der Sklaverei, der Mensch oder Principien und Gesetze des Einflusses der Seele auf den Körper und des Körpers auf die Seele, Vermischte literarische Aufsätze, Forschungen über das Feuer, die Elektricität und das Licht, die Optik von Newton, und endlich, Academische Memoiren oder Neue Entdeckungen über das Licht; und Marat seinerseits wußte, daß er den Arm gab Georges Jacques Danton, Advocaten am Cassationshofe, letztem Erben einer guten bürgerlichen Familie in Arcis-sur-Aube, seit drei Jahren verheirathet mit einer reizenden Frau Namens Gabriele Charpentier und seit zwei Jahren Vater von einem Taugenichts, auf den er, wie alle Väter, die schönsten Hoffnungen gründete.

Das Haus, das Danton bewohnte, wurde zugleich von seinem Schwiegervater, Herrn Ricordin, bewohnt; der Vater von Danton war jung gestorben und seine Mutter hatte sich wieder verheirathet; doch sein Schwiegervater war so vortrefflich gegen ihn gewesen, daß er den Verlust, den er erlitten, kaum bemerkt hatte. Herr Ricordin hatte im zweiten Stocke die auf die Straße gehende große Wohnung inne, während Danton seinerseits eine kleinere Wohnung einnahm, deren Fenster sich auf die Passage du Commerce öffneten. Die zwei Wohnungen, die des Schwiegervaters und die des Schwiegersohnes, standen durch eine Thüre mit einander in Verbindung, und seit einiger Zeit hatte, in der Hoffnung auf die zukünftige Clientel des jungen Advocaten, Herr Ricordin von seiner Wohnung einen großen Salon abgetrennt, aus dem Danton sein Cabinet gemacht. Durch diese Beifügung fand sich die kleine Wirthschaft behaglicher; Danton schloß sich mit seiner ganzen mächtigen Vitalität in dieses große Cabinet ein, und überließ seiner Frau, seinem Kinde und seiner Köchin, die den einzigen Dienstboten des Hauses bildete, die ganze übrige Wohnung, bestehend aus einer großen gemeinschaftlichen Küche, welche zugleich vom Schwiegervater und vom Schwiegersohne benützt wurde, einem Vorzimmer, einem Schlafzimmer und einem Salon.

In dieses letzte, mit den Portraits von Madame Ricordin und Herrn Charpentier Vater geschmückte, Zimmer wurde Marat eingeführt. Die zwei Portraits waren vollkommene Typen des Bürgerthums von damals und hoben nur um so mehr ein Bild von Danton in Lebensgröße, stehend und mit ausgestreckter Hand dargestellt, hervor; dieses Bild war, wenn man es von zu nahe betrachtete, nur eine Skizze, an der man nichts unterscheiden konnte; wich man aber ein paar Schritte zurück, studirte man es aus der Entfernung, so entwirrte sich diese ganze Impastirung, und man sah eine Anlage erscheinen, – allerdings eine Anlage, doch eine lebendige, voll Feuer und Genie. Diese Anlage war in ein paar Stunden unter dem Pinsel eines jungen Freundes von Danton, den man Jacques Louis David nannte, entstanden.

Die übrige Wohnung war äußerst einfach; nur aus einigen Einzelheiten, wie Vasen, Leuchter, Pendeluhren, errieth man ein dumpfes Verlangen nach Luxus, ein sinnliches Bedürfniß, Gold zu sehen.

In dem Augenblicke, wo Danton klingelte, erkannte man seine Art zu klingeln, und Alles lief nach der Thüre, die junge Frau, das Kind, der Hund; als aber die Thüre sich öffnete, als man hinter dem Herrn des Hauses den fremden Gast sah, den er brachte, da wich die Frau einen Schritt zurück, weinte das Kind, bellte der Hund.

Das Gesicht von Marat zog sich leicht zusammen.

»Verzeihen Sie, mein lieber Gast,« sagte Danton, »Sie sind noch fremd hier, und . . .«

»Und ich bringe meine Wirkung hervor,« versetzte Marat. »Es ist unnöthig, daß Sie sich entschuldigen, ich kenne das!«

»Meine gute Gabriele,« sprach Danton, indem er seine Frau küßte wie ein Mensch, der sich Verzeihung für etwas zu verschaffen hat, »ich habe diesen Herrn im Palais-Royal getroffen: es ist ein ausgezeichneter Arzt; er ist mehr als dies, er ist Philosoph, und er hatte die Güte, meine Einladung, bei uns zu Mittag zu speisen, anzunehmen.«

»Von Dir gebracht, mein lieber Georges, ist der Herr sicher des Empfanges, den man ihm bereiten wird, nur war das Kind nicht in Kenntniß gesetzt, und der Hund . . .«

»Ist ein guter Wächter, wie ich sehe,« sprach Marat; »überdies habe ich Eines bemerkt,« fügte er mit einer bewunderungswürdigen Rücksichtslosigkeit bei, »die Hunde sind sehr aristokratisch ihrer Natur nach.«

»Ist einer von unseren Tischgenossen angekommen?« fragte Danton.

»Nein . . . nur der Koch.«

Madame Danton sprach diese Worte lächelnd aus.

»Hast Du ihm Deine Unterstützung angeboten? – denn, meine gute Gabriele, Du bist auch eine vortreffliche Köchin!«

»Ja, doch zu meiner Schande habe ich mich zurückgewiesen gesehen.«

»Bah! . . . Du hast Dich also darauf beschränkt, daß Du den Tisch zugerichtet?«

»Nicht einmal dies.«

»Wie, nicht einmal dies?«

»Nein; zwei Diener haben Alles gebracht! Tischzeug, Silbergeschirr, Candelaber.«

»Glaubt er denn, wir haben das nicht?« versetzte Danton, indem er sich aufrichtete und die Stirne faltete.

»Er hat gesagt, das sei eine unter Euch verabredete Sache, und er sei nur unter diesen Bedingungen gekommen, um zu kochen.«

»Gut! lassen wir ihn in Ruhe: das ist ein Original . . . Höre, mein Kind, man klingelt: sieh, wer kommt.«

Dann sich gegen Marat umwendend:

»Vernehmen Sie die Liste unserer Tischgenossen, mein Gast: vor Allem ein College von Ihnen, der Herr Doctor Guillotin; Talma und Maria Joseph von Chénier, zwei Unzertrennliche; Camille Desmoulins, ein Kind, ein Straßenjunge, doch ein Straßenjunge von Genie; – und wer noch? . . . Sie, meine Frau und ich, das sind Alle . . . Ah! ich vergaß David. Ich hatte meinen Schwiegervater eingeladen, doch er findet, wir seien zu hohe Gesellschaft für ihn; das ist ein guter, vortrefflicher Mann der Provinz, der sich in Paris ganz fremd fühlt und mit gewaltigem Geschrei nach seinem Arcis-sur-Aube zurückverlangt . . . Nun, tritt doch ein, Camille, komm herein!«

Diese letzten Worte waren an einen Mann von mittlerem Wuchse gerichtet, der, obwohl sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahre alt, kaum zwanzig zu zählen schien. Es war offenbar ein Vertrauter des Hauses; denn eben so gut von Jedermann aufgenommen, als man Marat schlecht aufgenommen hatte, war er im Vorzimmer stehen geblieben, um Madame Danton die Hand zu drücken, das Kind zu küssen und den Hund zu streicheln.

Auf die Einladung von Danton trat er ein.

»Woher kommst Du denn?« fragte Danton; »Du siehst ganz zerzaust aus.«

»Ich? nicht im Geringsten!« erwiederte Camille, während er seinen Hut auf einen Stuhl warf; »doch stelle Dir vor . . . Ah! verzeihen Sie, mein Herr. . .«

Er hatte nun erst Marat wahrgenommen, und er grüßte ihn; Marat erwiederte seinen Gruß.

»Stelle Dir vor,« fuhr Camille fort, »ich komme vom Palais-Royal.«

»Wir auch,« versetzte Danton, »wir kommen auch von dort.«

»Ich weiß es wohl; ich habe Dich gesucht und war sehr erstaunt, Dich nicht unter den Linden zu finden, da ich Dir dort Rendez-vous gegeben.«

»Du hast die Neuigkeit erfahren?«

»Ja, die Entlassung von dieser Canaille Brienne, die Rückkehr von Herrn Necker! Es ist vortrefflich, Alles dies . . . Doch ich kam aus einem anderen Grunde ins Palais-Royal.«

»Und warum kamst Du?«

»Ich glaubte dort Jemand zu finden, der geneigt wäre, Streit mit mir zu suchen, und da ich geneigt war, ihn anzunehmen . . .«

»Bah! auf wen hattest Du es denn abgesehen?«

»Auf diese Viper Rivarol und auf die Natter Champcenetz . . .«

»Aus welchem Anlaß?«

»Weil diese Schufte mich in ihren Kleinen Almanach unserer großen Männer gesetzt hatten.«

»Und was macht das Dir?« sagte Danton, die Achseln zuckend.

»Das macht mir, das macht mir . . . Man soll mich nicht zwischen Herrn Desenarts und Herrn Derome genannt Eugene classificiren, zwischen einen Menschen, der den Befreienden Amor, ein abscheuliches Theaterstück, gemacht, und einen Menschen, der gar nichts gemacht hat.«

»Und was hast Du gemacht, daß Du so häkelig bist?« fragte lachend Danton.

»Ich?«

»Ja, Du.«

»Ich habe nichts gemacht, aber ich werde machen, dafür stehe ich Dir. Uebrigens irre ich mich: doch, bei Gott! ich habe einen Viervers gemacht, den ich ihnen zugeschickt . . . Ah! ich habe sie gut zugerichtet; das ist Martial, Altrömisch . . .

Au grand hôtel de la Vermine

On est, logé très-proprement:

Rivarol y fait la cuisine,

Et Champcenetz, l'appartement.

»Du hast unterzeichnet?« fragte Danton.

»Bei Gott! darum ging ich ins Palais-Royal, aus dem sich weder der Eine, noch der Andere rührt. . . . Ich glaubte Antwort auf meinen Viervers zu finden: nun, ich bin nicht auf meine Kosten gekommen, wie Talma sagt.«

»Sie haben nicht mit Dir gesprochen?«

»Sie haben sich den Anschein gegeben, als sähen sie mich nicht, mein Lieber.«

»Wie, mein Herr,« rief Marat, »Sie sind noch dabei, daß Sie sich um das bekümmern, was man sagt, oder was man über Sie schreibt?«

»Ja, mein Herr, ja,« antwortete Camille; »ich muß gestehen, ich habe eine sehr empfindliche Haut; ich werde auch, wenn ich je etwas thue, sei es nun in der Literatur, oder in der Politik, ein Journal haben, und dann . . .«

»Was werden Sie denn in Ihrem Journal sagen?« fragte eine Stimme, welche aus dem Vorzimmer kam.

»Mein lieber Talma,« erwiederte Camille, die Stimme des großen Künstlers erkennend, der damals seine dramatische Laufbahn begann, »ich werde sagen, daß Sie an dem Tage, wo Sie eine schöne Rolle bekommen, der erste Tragiker der Welt sein werden.«

»Nun wohl, ich habe die Rolle,« versetzte Talma, »und hier ist der Mann, der sie mir gegeben.«

»Ah! guten Tag, Chénier! . . . Du hast also ein neues Trauerspiel gemacht?« fragte Camille sich an den Letzteren wendend.

»Ja, mein Freund,« antwortete Talma, »ein herrliches Werk, das er gestern gelesen hat, und das einstimmig angenommen worden ist: einen Karl IX. Ich werde Karl IX. spielen, vorausgesetzt, daß das Gouvernement die Ausführung des Stückes erlaubt . . . Denke Dir, dieser Dummkopf Saint-Phal hat die Rolle zurückgewiesen: er hat gefunden, Karl IX. sei keine sympathetische Person! . . . Sympathetisch, was sagst Du dazu, Danton? Ich hoffe ihn wohl verabscheuenswerth zu machen!«

»Sie haben Recht aus dem Gesichtspunkte der Politik,« bemerkte Marat: »es ist gut, die Könige verabscheuenswerth zumachen; aus dem Gesichtspunkte der Geschichte werden Sie aber vielleicht Unrecht haben,«

Talma war äußerst kurzsichtig; er näherte sich dem, welcher mit ihm sprach, und dessen Stimme er nicht erkannte, obschon er mit allen Stimmen, die man bei Danton hörte, vertraut war, und durch den Schleier seiner Kurzsichtigkeit, die sich erhellte, gewahrte er endlich.

Ohne Zweifel war die Entdeckung nicht günstig, denn er blieb rasch wieder stehen.

»Nun?« machte Marat, der, wie bei Madame Danton, wie bei dem Kinde, wie beim Hunde, die von ihm hervorgebrachte Wirkung bemerkte.

»Nun, mein Herr,« erwiederte Talma ein wenig aus der Fassung gebracht, »ich bitte Sie um die Erklärung Ihrer Theorie.«

»Meine Theorie, mein Herr, ist folgende: hätte Karl IX. die Hugenotten ihre Werke vollbringen lassen, – und hierin bin ich nicht der Parteilichkeit zu beschuldigen, – so wurde der Protestantismus die Religion des Staates, und die Condé wurden Könige von Frankreich; dann geschah mit unserem Lande, was mit England geschehen ist: wir hielten in unserem Marsche an, der methodische Geist von Calvin trat an die Stelle der unruhigen Thätigkeit, welche das Eigenthümliche der katholischen Völker ist, und die sie zur Eroberung der Verheißungen Christi antreibt. Christus hat uns die Freiheit, die Gleichheit, die Brüderschaft verheißen; die Engländer haben die Freiheit vor uns gehabt; erinnern Sie sich aber wohl dessen, was ich Ihnen sage, mein Herr: wir werden die Gleichheit und die Brüderschaft vor ihnen haben, und diese Wohlthat werden wir verdanken . . .«

»Den Priestern?« versetzte Chénier mit einer spöttischen Miene.

»Nein, nicht den Priestern, Herr von Chénier,« entgegnete Marat, indem er einen besonderen Nachdruck aus die Partikel legte, welche zu jener Zeit der Verfasser von Azemire und Karl IX. noch nicht abgelehnt hatte, »es ist die Religion, die das Gute gemacht hat, es sind die Priester, die das Böse gemacht. Sollten Sie eine andere Idee in Ihren Karl IX. eingeführt haben? Dann hätten Sie sich getäuscht.«

. »Nun wohl! wenn ich mich getäuscht habe, so wird das Publikum gegen meinen Irrthum Gerechtigkeit üben.«

»Es ist abermals ein sehr schlechter Grund, den Sie mir da angeben, mein bester Herr von Chénier, und ich bezweifle, daß Sie ihn für Ihre Tragödie Azemire adoptirt haben, wie Sie ihn für Ihr Trauerspiel Karl IX. zu adoptiren bereit zu sein scheinen.«'

»Mein Trauerspiel Azemire ist nicht vor dem Publikum gespielt worden, mein Herr; es ist bei Hofe gespielt worden, und Sie kennen die Meinung von Voltaire über dieses Tribunal:

 
»La cour a sifflé tes talentś;
Paris applaudit tes merveilles.
Grétry, les oreilles des grands
Sont souvent de grandes oreilles.12«
 

»Oh! ja, mein Herr, ich bin es gewiß nicht, der Ihnen über diesen Punkt widersprechen wird. Aber hören Sie mich wohl an, denn ich will nicht der Inconsequenz beschuldigt werden: es ist möglich, daß Sie eines Tages sagen hören, Marat verfolge die Religion, Marat glaube nicht an Gott, Marat fordere den Kopf der Priester. Ich werde den Kopf der Priester fordern, mein Herr; aber gerade weil ich die Religion verehren, weil ich an Gott glauben werde.«

»Und wenn man Ihnen die Köpfe gibt, die Sie fordern, Herr Marat,« sagte ein kleiner Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, der eben eingetreten war, »dann rathe ich Ihnen, das Instrument zu nehmen, in dessen Verfertigung ich begriffen bin.«

»Ah! Sie da, Doctor?« rief Danton, indem er sich gegen den neuen Gast umwandte, den er, ganz beschäftigt mit dem Gespräche von Chénier und Marat, bei seinem Eintritte nicht begrüßt hatte.

»Ah! Herr Guillotin!« sprach Marat mit einer gewissen Ehrfurcht grüßend.

»Ja, Herr Guillotin?« erwiederte Danton, »ein vortrefflicher Arzt, doch ein noch viel vortrefflicherer Mensch . . . Und was für ein Instrument ist es, das Sie verfertigen, und wie heißt es, mein lieber Doctor?«

»Wie es heißt, lieber Freund? ich vermöchte es Ihnen nicht zu sagen, denn ich habe ihm noch keinen Namen gegeben; doch der Name thut nichts zur Sache.«

Dann fuhr er, zu Marat zurückkehrend, fort:

»Sie kennen mich wahrscheinlich nicht, mein Herr; doch wenn Sie mich kennen lernen, so werden Sie erfahren, daß ich ein wahrer Philanthrop bin.«

»Ich weiß über Sie Alles, was man wissen kann, mein Herr,« erwiederte Marat mit einer gewissen Höflichkeit, die er erst bei dieser Gelegenheit hatte zum Vorscheine kommen lassen, – »nämlich, daß Sie nicht nur einer der gelehrtesten Männer sind, die es gibt, sondern auch einer der besten Patrioten, welche existiren. Ihre These auf der Universität von Bordeaux, der Preis, den Sie bei der medicinischen Facultät davon getragen, Ihr Urtheil über Mesmer, die wunderbaren Curen, die Sie alle Tage bewerkstelligen, so viel, was das Wissen betrifft; Ihre Petition der in Paris domicilirten Bürger, dies, was den Patriotismus betrifft. Ich sage mehr: ich weih sogar etwas von dem Instrumente, von dem Sie reden. Ist es nicht eine Maschine, um den Kopf abzuschneiden?«

»Wie, Doctor, Sie nennen sich Philanthrop, und Sie erfinden eine Maschine, um die Menschheit zu tödten?« rief Camille.

»Ja, Herr Desmoulins,« antwortete ernst der Doctor, »und gerade weil ich Philanthrop bin, erfinde ich sie. Die Todesstrafe anwendend, hat bis heute die Gesellschaft nicht nur gestraft, sondern sich gerächt. Was sind alle diese Strafen des Verbrennens, des Rades, der Viertheilung? was ist das siedende Oel? was ist das geschmolzene Blei? ist es nicht die Fortsetzung der Tortur, die Ihr vortrefflicher König modificirt, wenn nicht aufgehoben hat? Meine Herren, was will das Gesetz, wenn es schlägt? Es will den Schuldigen zu nichte machen; nun wohl! die ganze Strafe muß im Verluste des Lebens und nicht in etwas Anderem bestehen; die Beifügung irgend eines Schmerzes zur Strafe ist ein Verbrechen dem gleich, welches es auch sein mag, das der Verbrecher begangen haben kann.«

»Ah! ah!« rief Danton; »und Sie glauben, Sie werden den Menschen, diese so wunderbar organisirte Maschine, die sich an das Leben durch alle ihre Begierden, durch alle ihre Sinne, durch alle ihre Fähigkeiten anklammert, – Sie glauben, Sie werden den Menschen zerstören, wie ein Quacksalber einen Zahn auszieht, – ohne Schmerz?«

»Ja, Herr Danton! ja, ja, ja!« rief der Doctor sich begeisternd, »ohne Schmerz! . . .Ich zerstöre den Menschen durch die Vernichtung; ich zerstöre, wie die Elektrizität zerstört, wie der Blitz zerstört; ich schlage, wie Gott, diese höchste Gerechtigkeit, schlägt!«

»Und wie schlagen Sie?« fragte Marat; »ich bitte, sagen Sie mir das, wenn es nicht ein Geheimniß ist. Sie können sich keinen Begriff machen, wie sehr mich Ihr Gespräch interessirt.«

»Ah!« machte Guillotin athmend, als gewährte es ihm die größte Freude, endlich einen seiner würdigen Zuhörer gefunden zu haben. »Nun wohl, mein Herr, vernehmen Sie: meine Maschine ist eine ganz neue Maschine, und zwar von einer Einfachheit . . . wenn Sie das sehen, werden Sie erstaunt sein über diese Einfachheit; und Sie werden sich wundern, daß eine so wenig complicirte Sache sechstausend Jahre gebraucht hat, um sich zu produciren! Stellen Sie sich eine Plattform vor, mein Herr, eine Art von Theater . . . Herr Talma, nicht wahr, Sie hören auch?«

»Bei Gott!« erwiederte Talma, »ich glaube wohl, daß ich höre; ich schwöre Ihnen, das interessirt mich fast eben so sehr als Herrn Marat.«

»Nun wohl, ich sagte Ihnen also: stellen Sie sich eine Plattform, eine Art von kleinem Theater vor, zu welchem man auf fünf bis sechs Stufen hinaussteigt; die Zahl thut hierbei nichts. Auf diesem Theater errichte ich zwei Pfosten, ich bringe unten an diesen zwei Pfosten eine Art von kleinem Charnier an, dessen oberer Theil beweglich ist und sich auf den Kopf des Verurtheilten senkt; oben an diese zwei Pfosten oder Säulen setze ich ein durch einen Block von dreißig bis vierzig Pfund beschwertes Messer, das durch ein Seil festgehalten wird: ich mache dieses Seil los, ohne es nur anzurühren, – mit einer Feder; das Eisen schlüpft zwischen den zwei wohl eingeschmierten Falzen nieder; der Verurtheilte fühlt eine leichte Kühle auf dem Halse, und pautz! der Kopf ist herab!«

»Pest!« rief Camille, »wie sinnreich ist das!«

»Ja, mein Herr,« erwiederte Guillotin, der sich immer mehr belebte, »und diese Operation, welche das Leben von der Materie trennt, welche tödtet, zerstört, zerschmettert, diese Operation dauert . . . errathen Sie, wie lang: – eine Secunde.«

»Ja, nicht eine Secunde, das ist wahr,« sagte Marat; »doch sind Sie sicher, mein Herr, daß der Schmerz nicht länger währt, als die Execution?«

»Wie soll der Schmerz das Leben überleben?«

»Bei Gott! wie die Seele den Leib überlebt.«

»Ah! ja, ich weiß es wohl,« versetzte Guillotin mit einer von der Vorhersehung des Kampfes herrührenden leichten Bitterkeit, – »Sie glauben an die Seele! Sie weisen ihr sogar, gegen die Ansicht der Spiritualisten, die sie durch den ganzen Körper verbreiten, einen besondern Sitz an; Sie geben ihr ihre Wohnung in den Hirnhäuten; weshalb Sie Descartes verachten und Locke folgen, den Sie wenigstens hätten citiren müssen, da Sie einen Theil von seiner Lehre angenommen haben. Oh! haben Sie meine Brochure über den dritten Stand gelesen, so habe ich Ihr Buch über den Menschen gelesen; ich habe Alles gelesen, was Sie gemacht, Ihre Arbeiten über das Feuer, über das Licht, über die Elektricität . . . Ja, ja, da es Ihnen nicht gegen Voltaire und die Philosophen geglückt ist, so hat Ihr kriegerischer Geist mit Newton angebunden! Sie haben seine Optik zu zerstören geglaubt und sich in eine Menge von übereilten, leichten, leidenschaftlichen Experimenten geworfen, die Sie von Franklin und Volta ratificiren zu machen versuchten; doch weder der Eine, noch der Andere war Ihrer Ansicht über das Licht, Herr Marat; erlauben Sie mir also, anders als Sie über die Seele zu denken.«

Marat hatte diesen ganzen Ausfall des Doctors Guillotin mit einer Ruhe angehört, über welche derjenige gewaltig erstaunt gewesen sein müßte, der den reizbaren Charakter des Arztes vom Marstalle des Grafen von Artois gekannt hätte; doch in den Augen eines tiefen Beobachters würde sogar diese Ruhe das Maß vom Grade des Interesses geboten haben, das Marat an der großen Erfindung des Doctors Guillotin nahm.

»Nun wohl, mein Herr,« sagte er, »auf einen Augenblick, und da Sie dieselbe so sehr erschreckt, verlasse ich die Seele und kehre zur Materie zurück, denn die Materie ist es und nicht die Seele, was leidet.«

»Dann, da ich die Materie tödte, leidet die Materie nicht.«

»Sie sind ganz sicher, daß Sie sie tödten?«

»Ob ich die Materie tödte, wenn ich den Kopf abschneide?«

»Sind Sie ganz sicher, sie auf der Stelle zu tödten?«

»Erklären Sie sich!« versetzte Guillotin.

»Oh! meine Erklärung ist sehr einfach; Sie legen den Sitz des Urtheils in das Gehirn, nicht wahr? Mit dem Gehirne denken wir, und zum Beweise dient, daß wir, wenn wir viel gedacht haben, Kopfweh bekommen.«

»Ja, doch ins Herz legen Sie den Sitz des Lebens,« rief Guillotin, der die Argumente seines Gegners vorhersah.

»Es sei; legen wir den Sitz des Lebens ins Herz; doch das Gefühl des Lebens, wohin werden wir es legen? Ins Gehirn . . . Nun wohl! Trennen Sie den Kopf vom Leibe: der Leib wird todt sein, das ist möglich; der Leib wird nicht mehr leiden, das ist abermals möglich; doch der Kopf, mein Herr! der Kopf!«

»Nun! der Kopf?«

»Der Kopf, mein Herr, wird fortfahren, zu leben und folglich zu denken, so lange ein Blutstropfen sein Gehirn beleben wird , und daß er sein Blut verliert, braucht er wenigstens acht bis zehn Secunden!«

»Oh! acht bis zehn Secunden,« sagte Camille, »das ist bald vorüber.«

»Das ist bald vorüber?« rief Marat aufstehend; »sind Sie so wenig Philosoph, junger Mann, daß Sie den Schmerz nach der Zeit messen, die er dauert, und nicht nach dem Schlage, den er schlägt, nach dem Factum, und nicht nach den Folgen? Aber, – bedenken Sie das wohl, ,– dauert ein unerträglicher Schmerz eine Secunde, so dauert er eine Ewigkeit, und wenn dieser, schon unerträgliche, Schmerz Gefühl genug läßt, daß derjenige, welcher ihn empfindet, begreift, während er ihn empfindet, das Ende des Schmerzes sei das Ende des Lebens, und wenn er, trotz dieses unerträglichen Schmerzes, um sein Leben zu verlängern, seinen Schmerz verlängern wollte, glauben Sie nicht, das sei eine unduldbare Strafe?«

»Ah! darin stimmen wir gerade nicht überein,« sagte Guillotin; »ich leugne, daß man leidet.«

»Und ich, ich behaupte es,« entgegnete Marat. »Uebrigens ist die Strafe der Enthauptung nicht neu; ich habe sie in Polen und in Rußland vollziehen sehen; man setzt dort den armen Sünder auf einen Stuhl; vier bis fünf Schritte von ihm ist ein Häufen Sand bestimmt, wie in der Arenen Spaniens, das Blut zu verbergen; der Henker löst den Kopf mit einem Säbelhiebe ab. Nun wohl, ich, ich habe, – ich sage Ihnen, mit meinen eigenen Augen, – gesehen, wie einer von diesen Körpern ohne Kopf aufstand, ein paar Schritte stolpernd machte und erst wieder niederfiel, als er an den Sandhaufen stieß, der vor ihm war. Ah! sagen Sie, mein Herr, Ihre Maschine sei rascher, abkürzender, in Revolutionszeiten biete sie den Vortheil, daß sie thätiger vernichte, als eine andere, und ich werde Ihrer Ansicht beitreten, – und das wird schon ein der Gesellschaft geleisteter großer Dienst sein; – doch daß sie milder sei? nein, nein, nein, mein Herr, das leugne ich!«

»Nun wohl! meine Herren,« sprach Guillotin, »die Erfahrung wird Sie das lehren,«

»Ei! Doctor,« fragte Danton, »wollen Sie damit sagen, wir werden den Versuch mit Ihrer Maschine machen?«

»Mein lieber Freund, meine Maschine ist nur für die Verbrecher bestimmt . . . Ich will damit sagen, man werde sie an den Köpfen der Verbrecher versuchen.«

»Wohl, Herr Guillotin, stellen Sie sich zum ersten Verurteilten, dessen Kopf durch die Anwendung Ihres Mittels fallen wird; heben Sie diesen Kopf im Augenblicke auf; schreien Sie ihm den Namen ins Ohr, den er im Leben hatte, und Sie werden diesen Kopf die Augen wieder öffnen und dieselben gegen Sie drehen sehen; das werden Sie sehen, mein Herr.«

»Unmöglich!«

»Das werden Sie sehen, mein Herr, wiederhole ich Ihnen; und Sie werden es sehen, weil ich, nachdem ich gethan, was ich Ihnen sage, daß Sie thun sollen, dies gesehen habe!«

Marat hatte diese Worte mit einer solchen Ueberzeugung ausgesprochen, daß Niemand es versuchte, nicht einmal der Doctor Guillotjn, die Fortdauer, wenn nicht des Lebens, doch wenigstens des Gefühls in den abgeschnittenen Köpfen zu leugnen.

»Aber bei alle dem, Doctor,« sagte Danton, »und trotz Ihrer Beschreibung habe ich keinen sehr genauen Begriff von Ihrer Maschine.«

»Sieh,« sagte aufstehend und Danton eine Skizze darbietend ein junger Mann, der eingetreten war, ohne gesehen zu werden, so belebt war das Gesprächs sich gesetzt und auf ein Papier eine Skizze von der von Herrn Guillotin beschriebenen entsetzlichen Maschine gezeichnet hatte; »sieh, Danton, hier ist die Sache . . . Begreifst Du nun?«

»Ich danke, David,« erwiederte Danton. »Ah! sehr gut . . . Doch mir scheint. . . Deine Maschine functionirt.«

»Ja,« antwortete David, »sie ist im Zuge, an drei Mördern Gerechtigkeit zu üben; einer ist da, den man, wie Du siehst, gerade executirt, und zwei, welche warten.«

»Und diese drei Mörder sind Cartouche, Mandrin und Poulailler?« fragte Danton.

»Nein, diese drei Mörder sind Vanloo, Boucher und Watteau.«

»Und wen haben sie denn ermordet?«

»Bei Gott! die Malerei.«

»Mein Herr, es ist aufgetragen,« meldete ein Diener in großer Livree, indem er die zwei Thüren des Arbeitscabinets von Danton öffnete, das, nur für einen Tag, Speisezimmer geworden war.

»Zu Tische! zu Tische!« rief Danton.

»Herr Danton,« sprach Marat, »zum Andenken an das Glück, das ich heute gehabt, mit Ihnen zusammenzutreffen, schenken Sie mir die Zeichnung von Herrn David.«

»Oh! sehr gern,« erwiederte Danton. »Du siehst, David, man beraubt mich!«

Und er reichte die Zeichnung Marat.

»Sei ruhig,« versetzte David, »ich werde Dir eine andere machen, und Du wirst vielleicht nichts beim Tausche verlieren!«

Nach diesen Worten ging man ins Cabinet oder vielmehr, wie gesagt, ins Speisezimmer.

V
Das Mittagsmahl

Die Doppelthüre öffnend, hatte der Diener vom Speisezimmer in den Salon eine wahre Lichtwoge einströmen lassen; denn man hatte, obgleich es erst vier Uhr Nachmittags war, zu welcher Stunde man damals zu Mittag speiste, Läden und Vorhänge schließend die Nacht improvisirt und diese Nacht erleuchtet mittelst einer großen Verstärkung von Lustres, Candelabres und sogar Lämpchen, von denen eine doppelte Reihe am Karnieß hinlaufend das Zimmer mit einem Feuerdiadem bekränzte.

Ueberdies war es augenscheinlich, daß man Alles im Cabinet des Advocaten beim Cassationshofe dem großen Acte, der darin in Erfüllung gehen sollte, geopfert hatte. – Der Schreibtisch war zwischen zwei Fenster gerückt worden; der große Mahagonifauteuil mit ledernem Polster hatte sich unter ein improvisirtes Buffet gefügt; Vorhänge waren vor den Fachkasten ausgespannt worden, um die Cartons zu verbergen und um begreiflich zu machen, jedes Geschäft, welches es auch sein mochte, sei auf den andern Tag verschoben worden; in der Mitte des Zimmers hatte man endlich die Tafel zugerichtet.

Diese Tafel von runder Form, bedeckt mit dem feinsten Leinenzeug, war geschmückt mit einem Aufsatze, der von Blumen, Silbergeschirr und Kristallen glänzte, und in der Mitte von diesen erblickte man in den manierirtesten Stellungen kleine Statuen von Flora, Pamona, Ceres, Diana, Amphitrite, Nymphen, Najaden, Hamadryaden, natürlichen Repräsentantinnen der verschiedenen culinarischen Combinationen, die ein wohl geordnetes Mahl bilden, bei welchem die ausgesuchtesten Producte der Gärten, der Felder, der Wälder, des Meeres, der Flüsse, der Bäche und der Quellen erscheinen müssen.

Jeder Gast hatte auf seiner Serviette eine Karte, worauf mit vollkommen leserlicher Schrift der Küchenzettel des Mahles geschrieben war, damit Jeder, nachdem er zum Voraus seine Wahl getroffen, mit Berechnung und Unterscheidung essen konnte.

Diese Karte war also abgefaßt:

1. Austern von Ostende nach Belieben, in Betracht der Jahreszeit, in der man sich befindet, durch außerordentlichen Courier gebracht, welche man auch nur aus dem Seewasser zieht, um auf der Tafel geöffnet und servirt zu werden.

2. Osmazomsuppe,

3. Eine sieben bis acht Pfund schwere Truthenne mit Perigord-Trüffeln vollgestopft bis zu ihrer Verwandlung in ein Sphäroid.

4. Ein großer Rheinkarpfen, reich garnirt, lebendig von Straßburg nach Paris gekommen, in stark eingekochtem Jus und rothem Weine fertig gemacht.

5. Wachteln mit Trüffeln gefüllt und mit Ochsenmark fertig gemacht, auf gerösteten Brodschnitten mit Basilienkraut zugerichtet.

S. Ein Flußhecht, gespickt, gefüllt und mit einer Krebsrahmsauce begossen.

7. Ein Fasan, abgelagert, gespickt, auf einer à la Soubise gearbeiteten gerösteten Brodschnitte liegend.

8. Spinat mit Wachtelnfett.

9. Zwei Dutzend Ortolane à la Provencale.

10. Eine Pyramide Meringuen à la vanille und à la rose.

Tafelweine

Madeira, Bordeaux, Champagner, Burgunder, Alles von den besten Gewächsen und den besten Jahrgängen,

Dessertweine

Alicante, Malaga, Xeres, Syrakuser, Cyperwein und Constantiawein.

Anmerk. Es steht den Gästen frei, die Weine nach ihrer Laune zu fordern und zu vermengen; ein Freund gibt ihnen jedoch den Rath, bei den ersten von den substantielleren zu den leichteren, und bei den andern von den flackerern zu den mit starker Blume überzugehen.

Die Gäste nahmen jeder seinen Platz und lasen die Karte des Mahles mit verschiedenen Eindrücken: Marat mit Geringschätzung; Guillotin mit Interesse; Talma mit Neugierde; Chénier mit Gleichgültigkeit; Camille Desmoulins mit Sinnlichkeit; David mit Erstaunen, und Danton mit Wollust.

Dann umherschauend, bemerkten sie, daß ein Gast fehlte: sie waren nur zu sieben bei Tische und die Tafel hatte acht Gedecke.

Der achte, zwischen Danton und Guillotin vorbehaltene, Platz war leer.

»Meine Herren,« sagte Camille, »es fehlt uns Einer, wie es scheint; doch auf einen verspäteten Gast warten ist ein Mangel an Rücksicht gegen alle Anwesende; ich verlange als«, daß zur Eröffnung der Sitzung geschritten werde, und zwar ohne Verzug.«

»Und ich, mein lieber Camille, ich bitte die Gesellschaft tausendmal um Entschuldigung; doch ich hoffe, sie fühlt sich nur bei Einsicht dieser Karte zu sehr dankbar gegen denjenigen, welcher diesen Platz einnehmen soll, um ohne ihn ein Mahl anzufangen, das sie nicht ohne ihn machen würde.«

»Wie! der Gast, der uns fehlt,« versetzte Camille, »es ist . . .«

»Unser Koch!« sprach Danton.

»Unser Koch?« wiederholten im Chor die Gäste.

»Ja, unser Koch . . . Damit Sie nicht glauben, ich sei im Zuge, mich zu Grunde zu richten, meine Herren, muß ich Ihnen die Geschichte unseres Gastmahles geben. Ein wackerer Abbé, den man den Abbé Roy nennt, und der, wie es scheint, mit den Angelegenheiten der Prinzen beauftragt ist, kam zu mir und verlangte eine Konsultation für Ihre Hoheiten . . . Wem verdanke ich dieses Glück? der Teufel soll mich holen, wenn ich eine Vermuthung hierüber habe. Doch die Consultation wurde gegeben, und vor acht Tagen brachte mir der Biedermann von einem Abbé tausend Franken. Da ich nun meine Hände nicht mit dem Gelde der Tyrannen beschmutzen wollte, so beschloß ich, den Erfolg meiner Consultation einem Mahle von Freunden zu weihen, und da Grimod de la Reyniére der Nächste ist, so fing ich meine Runde mit Grimod de la Reyniére an; der erhabene Feinschmecker erklärte mir aber, er speise nie außer seinem Hause, wenn er nicht das Diner selbst mache; ich erwiederte ihm daher, ich stelle ihm nicht nur die tausend Franken, welche zu verspeisen, sondern auch meine Küche, meine Köchin, meinen Keller u. s. w. zur Verfügung. Bei diesem Anerbieten schüttelte er den Kopf. »»Ich nehme die Küche, und das Uebrige sei meine Sache,«« sagte er. Alles Uebrige, meine Herren, ist also von unserem Koche: Tischzeug, Silbergeschirr, Blumen, Aussatz, Candelabres, Lustres, und wenn Sie einen Dank abzustatten haben, so ist es nicht mir, sondern ihm.«

Danton hatte kaum diese Erklärung vollendet, da öffnete sich die Thüre im Fond, und ein zweiter Lackei meldete:

»Herr Grimod de la Reyniére.«

Bei dieser Kunde stand Jeder auf, und man sah einen Mann von fünfunddreißig bis sechsunddreißig Jahren, mit sanftem, vollem, blühendem, angenehmem, geistreichem Gesichte eintreten; er war bekleidet mit einem weiten schwarzen Sammetrocke, mit einer Hose von brochirtem Atlaß, auf der zwei mit Berlocken beladene Uhrketten bummelten; seine Fußbekleidung, bestand aus seidenen Strümpfen mit gestickten Zwickeln und Schuhen mit Diamantschnallen, und er trug auf dem Kopfe einen runden Hut von fast spitziger Form, den er nie ablegte, nicht einmal bei Tische, und dessen einziger Zierrath ein zwei Finger breites, durch eine stählerne Schnalle fest gehaltenes Sammetband war.

Bei seinem Anblicke drang ein schmeichelhaftes Gemurmel aus dem Munde Aller hervor, – Marat ausgenommen, der den illustern Generalpächter mit einer Miene anschaute, welche dem Zorne näher war, als dem Wohlwollen.

»Meine Herren,« sprach Grimod, indem er die Hand an die Krämpe seines Hutes legte, ohne jedoch diesen Hut von seinem Kopfe aufzuheben, »gern hätte ich mir mögen bei dieser feierlichen Veranlassung durch meinen Meister la Guepiere helfen lassen, doch er hatte gegen den Herrn Grafen von Provence eine Verbindlichkeit übernommen, von der er sich nicht frei machen konnte; ich bin also auf meine eigenen Mittel beschränkt gewesen. Jeden Falls habe ich mein Möglichstes gethan, und ich empfehle mich Ihrer Nachsicht.

Das Gemurmel verwandelte sich in ein Beifallklatschen; la Reyniére verbeugte sich wie ein durch die Bravos des Publikums aufgemunterter Künstler. Die Karte des Mahles hatte alle Gäste, mit Ausnahme von Marat, vortrefflich gestimmt.

»Meine Herren,« sagte Grimod, »Niemand ist mehr verpflichtet, zu sprechen, außer für seine Bedürfnisse: die Tafel ist der einzige Ort, wo man sich in der ersten Stunde nie langweilt.«

Dem zu Folge und nach diesem Rathe fing Jeder an seine Austern zu verschlingen, ohne eine andere Begleitung von Worten, die von la Reiniére ausgenommen, welche von Zeit zu Zeit mit derselben Regelmäßigkeit und, ich möchte fast sagen, mit demselben Ernste wiederkehrten wie das: Schließet die Glieder, unter dem Feuer.

»Nicht zu viel Brod, meine Herren! nicht zu viel Brod!«

Als die Austern gegessen waren, fragte Camille Desmoulins:

»Warum nicht zu viel Brod?«

»Aus zwei Gründen, mein Herr; einmal ist das Brod das Nahrungsmittel, das am schnellsten den Appetit befriedigt, und es ist unnütz, sich am Anfange eines Mahles zu Tische zu setzen, wenn man sich nicht bis zum Ende essend dabei zu halten weiß. Die Thiere füttern sich, alle Menschen essen, nur der geistreiche Mensch allein versteht zu essen. Dann treibt das Brod, wie alle Mehlspeisen, zur Feistigkeit an, die Feistigkeit aber, meine Herren, – fragen Sie den Doctor Guillotin, der nie fett sein wird, – die Feistigkeit ist die grausamste Feindin des Menschengeschlechts: der feiste Mensch ist ein verlorener Mensch! Die Feistigkeit schadet der Stärke, indem sie das Gewicht der zu bewegenden Masse vermehrt, ohne die bewegende Kraft zu vermehren; die Feistigkeit schadet der Schönheit, indem sie die ursprünglich von der Natur festgestellte Harmonie der Verhältnisse zerstört, weil nicht alle Theile auf eine gleiche Weise zunehmen; die Feistigkeit schadet endlich der Gesundheit, weil sie den Ekel gegen das Tanzen, den Spaziergang, das Reisen nach sich zieht, und zu allen Beschäftigungen oder allen Belustigungen, welche ein wenig Behendigkeit und Gewandtheit erfordern, unfähig macht; sie prädisponirt folglich zu verschiedenen Krankheiten, wie zum Schlagflusse, zur Wassersucht, zur Erstickung u. s. w. Ich hatte also Recht, wenn ich sagte: »»Nicht zu viel Brod, meine Herren! nicht zu viel Brod!«« Hören Sie, zwei Menschen aßen zu viel Brod, wie dies die Geschichte constatirt: Marius und Johann Sobieski; nun wohl, sie hätten beinahe mit ihrem Leben ihre Vorliebe für die Mehlspeisen bezahlt. In der Schlacht bei Lowicz von den Türken hart bedrängt, sah sich Johann Sobieski genöthigt, zu fliehen; der arme Mann war ungeheuer: der Athem fehlte ihm bald; man hielt ihn fast ohnmächtig auf seinem Pferde, während seine Adjutanten, seine Freunde und seine Soldaten sich für ihn tödten ließen; es kostete vielleicht zweihundert Menschen das Leben, weil Johann Sobieski zu viel Brod gegessen! Was Marius betrifft, der auch diesen Fehler hatte, er war, da er ein Mann von kleinem Wuchse, eben so breit als groß geworden; bei seiner Proscription magerte er allerdings ein wenig ab, doch er blieb immer noch so dick, daß der Cimber, der ihn zu tödten beauftragt war, darüber erschrak. Plutarch sagt, der barbarische Soldat sei vor der Größe von Marius zurückgewichen; Täuschung, meine Herren, vor seiner Dicke. Erinnern Sie sich dessen wohl, Herr David, Sie, der Sie ein Freund der Wahrheit sein sollen, wenn Sie je den Gegenstand von Marius bei Minturnä behandeln.«

»Aber, mein Herr,« versetzte David, »diesmal hat ihm wenigstens seine Feistigkeit etwas genützt.«

»Nicht viel; denn Marius überlebte dieses ärgerliche Abenteuer nicht lange. Als er nach Hause kam, wollte er seine Rückkehr durch ein Familienmahl feiern; er machte dabei einen armseligen kleinen Exceß in Wein und starb.13 Ich vermöchte Ihnen also nicht zu oft zu wiederholen: »»Nicht zu viel Brod, meine Herren! nicht zu viel Brod!««

Die gelehrte historisch-culinarische Abhandlung des Redners wurde durch das Oeffnen der Thüre unterbrochen.

Man brachte die Suppe und den ersten Gang.

Vor diesem ersten Gange erschien ein Wappenherold die Lanze tragend, und als Krieger gekleidet; es folgte ihm ein Haushofmeister, ganz schwarz angethan; dann kam ein weiß gekleideter junger Mensch, den Puer der Alten vorstellend; dann die Köche, die baumwollene Mütze auf dem Kopfe, die Schürze um den Leib gebunden, die Messer im Gürtel steckend, bekleidet mit einer weißen Jacke, weißen Strümpfen und Schnallenschuhen, und die Schüsseln hoch in ihren Händen trugen.

Diese Procession, gefolgt von sechs Bedienten, welche mit den zwei anwesenden Dienern ihre Zahl der der Gäste gleich machten, ging dreimal rings um den Tisch und setzte beim dritten Male die Gerichte ein wenig außer dem Aufsatze nieder, damit die Gäste ihren Anblick genießen konnten, während sie die Suppe aßen.

Wonach die Procession wieder abzog, mit Ausnahme der acht Diener, von denen sich jeder einem Gaste anschloß, den er nicht, mehr verließ.

Die Suppe allein war auf einen besondern Tisch gestellt worden, und sie wurde in einer Secunde servirt.

Das war eine einfache Kraftbrühe, doch so markig,'so fein von Geschmack, daß Jeder, zu der Karte greifend, welche neben ihm lag, wissen wollte, mit welcher nahrhaften Substanz er es in diesem Augenblicke zu thun habe.

»Bei meiner Treue, lieber Grimod,« sagte Danton, »obschon Sie uns die Erlaubniß gegeben, während der ersten Stunde nichts zu reden, werde ich doch das Stillschweigen brechen, um Sie zu fragen, was das Osmazom ist.«

»Lieber Freund, das ist, – fragen Sie den Doctor Guillotin, – ganz einfach der größte Dienst, den die Chemie der Nahrungswissenschaft geleistet hat.«

»Aber was ist das Osmazom?« fragte Talma: »Ich bin wie der Bürger als Edelmann von Moliére, der entzückt war, zu erfahren, was er machte, indem er Prosa machte: ich wäre entzückt, zu erfahren, was ich esse, indem ich Osmazom esse.«

»Ja, ja! . . . was ist das Osmazom? . . . was ist das Osmazom? . . .« fragten alle Stimmen mit Ausnahme von der von Guillotin, welcher lächelte, und von der von Marat, der die Stirne faltete.

»Was das Osmazom ist?« antwortete Grimod de la Reyniére, während er seine langen Aermel auf seine, von Natur verstümmelten, Hände vorschlug, die er wegen dieser Verstümmelung nicht gern sehen ließ; »hören Sie. Das Osmazom, meine Herren, ist der außerordentlich schmackhafte Theil des Fleisches, der im kalten Wasser auflösbar ist und sich von dem extractiven Theile dadurch unterscheidet, daß dieser nur im siedenden Wasser auflösbar ist: Im Osmazom besteht das Verdienst der guten Suppen; es bildet, sich caramelisirend, das Rothgelbe des Fleisches; durch das Osmazom consolidirt sich die Bräunung des Bratens; von ihm kommen der Wildgeruch und der Geschmack des Wildprets her. Das Osmazom ist eine Entdeckung der neueren Zeit, meine Herren, das Osmazom bestand aber lange, ehe es entdeckt wurde; das Vorherwissen des Osmazoms inspirirte den Canonicus Chevrier, als er die Töpfe erfand, welche mit dem Schlüssel verschlossen werden; um haushälterisch mit dieser Substanz, welche so leicht verdunstet, zu Werke zu gehen, werden Sie alle wahre Gourmands, selbst diejenigen, welche nicht wissen, was das Osmazom ist, sagen hören, um gute Fleischbrühen zu machen, müsse man darüber wachen, daß der Topf immer lächle und nie lache. Das ist das Osmazom, meine Herren.«

»Bravo! bravo!« riefen alle Gäste.

»Ich, meine Herren,« sagte Camille Desmoulins, »ich bin der Meinung, daß während des ganzen Mahles nur von der Küche die Rede sein soll, damit unser gelehrter Professor einen vollständigen Cursus geben kann, und es soll eine Buße von zehn Louis d'or zum Vortheil der armen Leute, welche durch das Gewitter am 15. Juli zu Grunde gerichtet worden sind, Jedem, der von etwas Anderem spricht, aufgelegt werden.«

»Chénier reclamirt,« rief Danton.

»Ich?« versetzte Chénier.

»Ich wünsche, daß eine Ausnahme zu Gunsten von Karl IX. gemacht werde,« sagte lachend Talma.

»Und David zu Gunsten des Todes von Sokrates,« fügte Chénier bei, dem es nicht unangenehm war, auf einen Andern den Scherz zurückzuwerfen, den man gegen ihn gerichtet.

»Karl IX. wird ohne Zweifel ein bewunderungswürdiges Trauerspiel sein,« sagte Grimod, »und der Tod von Sokrates ist ganz gewiß ein herrliches Gemälde, doch ohne Lobeserhebungen für meine Beredtsamkeit zu machen, müssen Sie zugestehen, meine Herren, daß es für Leute, welche zu Mittag speisen, eine ziemlich traurige Unterhaltung ist, die Unterhaltung über einen jungen König, welcher auf Hugenotten jagt, und über einen alten Weisen, der Schierling trinkt! . . . Keine traurige Eindrücke bei Tische, meine Herren! die Mission des Hausherrn ist ein Priesterthum: Einen zum Essen einladen heißt das moralische und physische Glück von diesem Einen für die ganze Zeit, die er unter unserem Dache weilt, übernehmen.«

»Wohlan, mein Lieber,« sagte Danton, »geben Sie uns das Historische von dieser köstlichen Truthenne, in der Sie so eben das Messer mit so großer Geschicklichkeit entwickelt haben.«

Grimod de la Reyniére war in der That, obgleich er nur zwei Finger an jeder Hand hatte, einer der geschicktesten Zerleger, die es in der Welt gab.

»Ja, ja, die Geschichte der Truthenne,« rief Guillotin.

»Meine Herren,« erwiederte Grimod, »die Geschichte dieser Truthenne, eines einfachen Individuums, steht nicht minder im Zusammenhange mit der Geschichte der Gattung, und die Geschichte der Gattung, als Thier, gehört zum Ressort von Herrn von Buffon; als Product, zum Ressort von Herrn Necker, dem neuen Finanzminister.«

»Gut!« versetzte Chénier, der den Gastronomen, welcher die Schicklichkeit eines Gespräches bei Tische über Karl IX. geleugnet hatte, in Verlegenheit zu bringen suchte, »welche Beziehung kann die Truthenne zum Minister der Finanzen haben, wenn nicht etwa als Contrebande?«

»Welche Beziehung die Truthenne zum Finanzminister haben könne?« rief Grimod; »ei! wenn ich Finanzminister wäre, so, würde ich hauptsächlich auf die Truthenne operiren.«

»Sie werden hoffentlich den Truthahn nicht vergessen!« versetzte Camille Desmoulins mit der undeutlichen Aussprache, welche dem, was er sagte, eine so komische Seite gab.

»Weder die Eine noch den Andern, mein Herr; nur habe ich gesagt, die Truthenne, statt des Truthahns, weil es anerkannt, daß bei dieser Gattung das Fleisch des Weibchens viel feiner ist, als das des Männchens.«

»Zur Sache! zur Sache!« riefen zwei andere Stimmen.

»Ich bin bei der Sache, meine Herren . . . Nun wohl, nach meiner Ansicht haben die Controleurs der Finanzen bis jetzt das Truthuhn noch nicht unter einem mit seinem Verdienste harmonirenden Gesichtspunkte ins Auge gefaßt. Das Truthuhn, meine Herren, und besonders das mit Trüffeln gefüllte Truthuhn ist die Quelle eines bedeutenden Zusatzes zum öffentlichen Vermögen geworden: durch das Aufziehen von Truthühnern erlangen die Pächter leichter den Preis ihrer Pachtzinse; die Mädchen häufen eine für ihre Verheiratung hinreichende Mitgift an; so viel, was die nicht mit Trüffeln gefüllten Truthühner betrifft . . . Folgen Sie nun diesem: es ist eine einfache Berechnung, welche sich auf die mit Trüffeln gefüllten Truthühner bezieht. Vom Anfange des Novembers bis in den Februar, das heißt in vier Monaten, werden nach meiner Berechnung täglich in Paris dreihundert mit Trüffeln gefüllte Truthennen gegessen; im Ganzen sechsunddreißig tausend Truthennen! Der gewöhnliche Preis einer Truthenne ist aber zwanzig Franken; im Ganzen: für Paris siebenmal hundert zwanzigtausend Livres. Nehmen wir an, die ganze Provinz, das heißt dreißig Millionen Menschen verglichen mit achtmal hundert tausend verzehren an Truthähnen und Truthennen nur dreimal so viel als Paris; die Provinz gibt eine Gesammtsumme von zwei Millionen hundert und sechzigtausend Livres, welche mit den siebenmal hundert tausend von Paris zwei Millionen achtmal hundert achtzig tausend Livres geben, was, wie Sie sehen, eine ziemlich hübsche Bewegung der Fonds macht. Meine Herren, fügen Sie nun dieser Summe eine ungefähr gleiche Summe für Geflügel, wie Fasane, junge Hühner, Feldhühner, ebenfalls mit Trüffeln gewürzt, bei, und Sie werden fast die Summe von sechs Millionen erreichen, – das ist der vierte Theil der Civilliste des Königs. Ich hatte also Recht, wenn ich Ihnen sagte, meine Herren, die Truthühner gehören eben so wohl zum Ressort von Herrn Necker, als zu dem von Herrn von Buffon.«

»Und die Karpfen?« fragte Camille, welcher als ein ächter Epicuräer, was er war, ein unendliches Vergnügen an diesem Gespräche fand, »zu wessen Gerichtsbarkeit gehören sie?«

»Oh! die Karpfen, das ist etwas Anderes; es ist Gott, der sie geschaffen hat, es ist die Natur, die sie aufzieht, fett, schmackhaft macht; der Mensch beschränkt sich darauf, daß er sie fängt oder vervollkommnet, doch nach ihrem Tode, – während das Truthuhn, ein wesentlich geselliges Hausthier, sich zu seinen Lebzeiten vervollkommnet.«

»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte Chénier, der keine Gelegenheit versäumte, um den gelehrten Demonstranten anzugreifen, »ich sehe hinsichtlich dieses Karpfens, daß er lebendig von Straßburg nach Paris gekommen ist. Ist er hierher mit Relais von Sklaven gebracht worden, wie es die Römer machten, wenn sie die Meerbarbe vom Hafen von Ostia nach der Küche von Lucullus oder Varro expedirten, – oder auf einem eigens gebauten Fourgon, wie es die Russen machen, wenn sie den Sterlet von der Wolga nach St. Petersburg transportiren?«

»Nein, mein Herr, dieser Karpfen, den Sie hier sehen, ist ganz einfach von Straßburg nach Paris mit der Diligence gekommen, welche die Briefe bringt, daß heißt ungefähr in vierzig Stunden. Er ist vorgestern Morgen im Rhein gefangen und sodann in einer nach seiner Größe gemachten Schachtel unter frisches Gras gelegt worden; man hat ihm in den Mund eine Art von Saughörnchen gesteckt, das mit einem, damit sie nicht sauer werde, gesottene Sahne enthaltenden Gefäße correspondirte, und er hat auf dem ganzen Wege gesaugt, wie Sie es gemacht haben, Herr Chénier, wie wir es Alle gemacht haben, als wir Kinder waren, wie wir es abermals machen werden, wenn das System der Seelenwanderung wahr ist, und wenn wir zu Karpfen werden.«

»Ich neige mich,« erwiederte Chénier zum zweiten Male geschlagen, »und ich muß den Vorzug der culinarischen Kunst vor der poetischen Kunst anerkennen.«

»Und Sie haben Unrecht, Herr Chénier! die Poesie hat ihre Muse, die man Melpomene nennt; die Küche hat die ihrige, die man Gasterea nennt; das sind zwei mächtige Jungfrauen: beten wir sie Beide an, statt die Eine oder die Andere zu verleumden.«

In diesem Augenblicke wurde die Thüre wieder geöffnet und mit demselben Ceremoniell wie beim ersten Gange brachten die Köche den zweiten.

Der zweite Gang bestand, wie man sich erinnert, aus Wachteln mit Trüffeln gefüllt und mit Ochsenmark fertig gemacht, aus einem Flußhechte, gespickt, gefüllt, und mit Rahmkrebssauce Übergossen; aus einem Fasan, abgelagert, auf einer à la Soubise zubereiteten gerösteten Brodschnitte liegend; aus einer Platte Spinat mit Wachtelnfett; aus einem Dutzend Ortolane à la Provencale und einer Pyramide Meringuen à Ia vanille und à la rose.

Alles war würdig des ausgezeichneten Gastronomen; doch der Fasan und der Spinat besonders hatten einen außerordentlichen Succeß.

Der Glossenmacher Camille fand es auch unbegreiflich und warf die Frage auf, wie ein so schlechter General wie Herr von Soubise seinen Namen der trefflichen gerösteten Brodschnitte, auf welcher der Fasan liege, habe geben können.

»Meine Herren,« antwortete Grimod, als er sah, mit welcher Aufmerksamkeit Jeder die Antwort erwartete, die er geben sollte, »meine Herren, glauben Sie mir, ich gehöre nicht zu den gemeinen Essern, welche die Dinge verschlingen, ohne sich um ihren Ursprung zu bekümmern. Ich habe tiefe Forschungen über den Namen Soubise angestellt, den der unglückliche General sterbend einem Gerichte, das ihn unsterblich machte, zu hinterlassen das Glück gehabt hat. Herr von Soubise war einer von den am öftesten und am besten geschlagenen Generalen, welche je existirt haben; bei einem seiner Rückzüge flüchtete sich Herr von Soubise zu einem deutschen Wildmeister, der ihm kein anderes Gericht anzubieten hatte, als einen Fasan, doch einen Fasan acht bis zehn Monate alt, sieben Tage aufbewahrt, folglich gehörig abgelagert. Der Fasan wurde mit den Füßen an einem Bindfaden hängend gebraten, – eine Art des Bratens, welche dem auf diese Weise zubereiteten Vogel einen großen Vorzug vor dem am Spieße gebratenen gibt, – sodann auf eine einfache mit einer Zwiebel bestrichene und in der Bratpfanne fertig gemachte Brodschnitte gelegt. Der unglückliche General, dem die Verzweiflung über seine Niederlage den Appetit benommen hatte, – er glaubte es wenigstens, – fing an ihn wiederzufinden im ersten Mundvoll, den er von dem Fasane zu sich nahm, und er fand ihn so gut, daß er Fasan und Brodschnitte verschlang, und sich, die Beine aussaugend, erkundigte, aufweiche Art dieses vortreffliche Gericht zubereitet worden sei; der Wildmeister ließ sodann seine Frau kommen, und Herr von Soubise schrieb unter ihrem Dictate die Anweisung, welche seine Adjutanten, die mittlerweile bei ihm eingetroffen waren, für Notizen über die Stellung des Feindes hielten. Die jungen Officiere bewunderten deshalb die Sorgsamkeit ihres Generals, der sich nicht Zeit nahm, zu Mittag zu speisen, und Alles bis auf seinen Appetit dem Wohle seiner Soldaten opferte. Ein Bericht wurde hierüber an den König durch die Augenzeugen gemacht, der nicht wenig dazu beitrug, Herrn von Soubise in der Gunst bei Ludwig XV. und Frau von Pompadour zu behaupten. Nach Versailles zurückgekehrt, gab Herr von Soubise, als wäre es von ihm, das Recept seinem Koche, welcher, gewissenhafter als der Prinz, mit dem Namen von Soubise diese unvergleichliche Brodschnitte taufte.«

»Wahrhaftig, mein lieber Grimod, Sie sind ein Mann von einer Gelehrsamkeit, um d'Alembert, Didonad, Helvetius, Condorcet und die ganze Enzyklopädie aus dem Sattel zu heben.«

»Nur möchte ich wissen . . .« fügte Chénier bei.

»Nimm Dich in Acht, Chénier,« sagte Talma, »Du hast heute kein Glück.«

»Gleichviel, ich wage es zum letzten Male. . . es ist eine letzte Charge, was bei Fontenoy den Feind in die Flucht geschlagen hat.«

»Was möchten Sie gern wissen, Herr von Chénier?« fragte Grimod de la Reyniére, sich höflich verbeugend; »reden Sie, ich bin bereit, zu antworten.«

»Ich möchte gern wissen,« erwiederte Chénier mit einem leicht ironischen Ausdrucke, »ich möchte wissen, wie es möglich, daß ein am Ende eines Bindfadens gebratener Vogel besser sein soll, als ein an einen Spieß gesteckter.«

»Oh! mein Herr, nichts ist leichter zu erklären und folglich zu beweisen: jedes lebende Geschöpf hat zwei Mündungen, eine obere Mündung und eine untere Mündung; es ergibt sich augenscheinlich, daß, wenn Sie dieses Geschöpf, ist es einmal todt und zum Braten bestimmt, an den Pfoten aufhängen und entweder mit Butter oder mit Sahne begießen, das Innere und das Aeußere zugleich dieses Begießen empfinden werden, während, wenn Sie ihm den Leib durchlöchern, der dem Thiere persönliche Saft durch die zwei Wunden entfliehen muß, ohne daß er durch die benetzende Materie, welche am Körper abgleiten und nicht eindringen wird, ersetzt werden kann. ist also evident, daß ein an den Füßen aufgehängter und auf diese Art gebratener Vogel viel saftiger und schmackhafter sein wird, als ein von einem Spieße durchlöcherter. Das ist klar wie der Tag, nicht wahr, Herr von Chénier?«

Chénier verbeugte sich.

In demselben Augenblicke gab der Doctor Guillotin einen Ausruf von sich.

»Oh! welch ein Spinat, mein lieber Grimod!«

Grimod verbeugte sich ebenfalls.

»Sie sind Kenner, Doctor: das ist mein Meisterwerk!«

»Wie Teufels machen Sie diese Ambrosia?«

»Ein weniger philanthropischer Mann als ich würde sagen: »»Ich behalte mein Recept für mich!«« Ich aber, der ich behaupte, daß der Mensch, der ein Gericht erfunden oder vervollkommnet hat, der Menschheit mehr Dienste geleistet, als derjenige, welcher einen Stern entdeckt, ich sage, daß man, um guten Spinat zu machen, ihn, zum Beispiel, am Sonntag kochen, alle Tage der Woche auf dem Feuer mit einer Zuthat von frischer Butter aufkochen, am letzten Tage mit dem Fette oder dem Safte von Wachteln begießen, und am folgenden Sonntag heiß serviren muß. Uebrigens habe ich eine Vorliebe für die Aerzte,«

»Bah! und warum dies? Die Aerzte schreiben doch die Diät vor.«

»Ja, doch sie hüten sich wohl, sie zu befolgen; die Aerzte sind Gourmands vermöge ihres Standes, obschon sie nicht immer zu essen verstehen . . . Ah! Doctor, so habe ich vorgestern eine gastronomische Consultation Ihrem Collége, dem Doctor Corvisart, gegeben.«

»Wo dies?«

»Bei einem Diner bei Sartine . . . Ich bemerkte, daß er, sobald die Suppe abgetragen war, Champagner in Eis abgekühlt zu trinken anfing; er war auch heiter, witzig, schwatzhaft schon beim ersten Gange, während im Gegentheil, als die anderen Gäste den moussirenden Wein in Angriff nahmen, Corvisart verdrießlich, schweigsam, fast schläfrig wurde. »»Ah! Doctor,«« sagte ich zu ihm, »»nehmen Sie sich in Acht, Sie werden nie gute Desserts haben.«« »»Und warum nicht?«« fragte er. »»Weil der Champagner wegen der Kohlensäure, die er enthält, zwei Wirkungen hat: die erste ist erregend, die zweite ist betäubend.«« Corvisart gab die Wahrheit dieser Behauptung zu und versprach, sich zu corrigiren.«

»Und die Gelehrten,« fragte Chénier, »sind sie auch Gourmands vermöge ihres Standes?«

»Mein Herr, die Gelehrten bessern sich; unter Ludwig XIV. waren sie nur Trunkenbolde: heute sind sie noch keine Gourmets, doch sie sind schon Gourmands. Voltaire hat die Sache dadurch in den Gang gebracht, daß er den Kaffee popularisirte; er würde noch etwas Anderes popularisirt haben, hätte er nicht einen schlechten Magen gehabt . . . Ah! ein schlechter Magen, meine Herren! Gott behüte Sie vor einem schlechten Magen! Der Geier von Prometheus ist nur eine Allegorie: was dem Sohne von Jupiter die Leber zerfraß, waren die schlechten Verdauungen! Der Besieger von Mithridates hatte einen schlechten Magen; sehen Sie auch, wie traurig, verdrießlich, unentschlossen er ist, während im Gegentheil Antonius, der gut verdaute, bis zum letzten Augenblicke nur an die Liebe dachte, sich verwundet in die Gruft tragen ließ, wo sich Cleopatra eingeschlossen hatte, und der schönen Königin von Aegypten die Hände und vielleicht noch etwas Anderes küssend starb. Meine Herren, meine Herren, behalten Sie wohl das Axiom: »»Man lebt nicht von dem, was man ißt, sondern von dem, was man verdaut.««

»Ah!« sagte Camille, »da Sie von der Königin von Aegypten reden . . . mir scheint, wir haben da eine Pyramide von Meringuen, welche anzugreifen sehr ersprießlich wäre.«

»Greifen Sie an, meine Herren, greifen Sie an,« versetzte mit gleichgültigem Tone Grimod; »ich verachte sehr alle diese Leckereien, welche nur für die Frauen und für die Männer mit Abbéswaden gut sind; nicht wahr, Doctor?«

Doch der Doctor war damit beschäftigt, daß er das Dessert kommen sah, welches mit dem obligaten Ceremoniell heranrückte.

Das Dessert war würdig des übrigen Mahles; doch beim Kaffee erwarteten die Kritiker den trefflichen Professor. Chénier, David, Talma, Danton, selbst Marat waren Liebhaber des Kaffees; Jeder bot also seine Tasse dar und fing an das Aroma des Trankes einzuathmen, ehe er ihn zu sich nahm.

Ein Gemurmel der Zufriedenheit durchlief die Versammlung.

»Meine Herren,« sagte Grimod, indem er sich in seinem Stuhle mit dem sanften Stöhnen ausstreckte, das der Mensch entschlüpfen läßt, dessen Sinne alle befriedigt sind; »meine Herren, haben Sie je einigen Einfluß auf die Gesellschaft, so helfen Sie mir sie entwurzeln, die unselige Gewohnheit, vom Tische aufzustehen und den Kaffee in einem andern Zimmer zu nehmen. Diejenigen, welche diese Ketzerei begehen, meine Herren, vermengen das Vergnügen, zu essen, mit dem Vergnügen der Tafel, was zwei ganz verschiedene Vergnügen sind: man kann nicht immer essen, doch man kann immer bei Tische bleiben, und besonders, um den Kaffee zu trinken, muß man daran bleiben. Vergleichen Sie in der Thai eine Tasse Kaffee stehend genommen, in einem Salon, unter dem Auge eines dummen Bedienten, der nicht vermuthet, er lasse Sie die Ruchlosigkeit begehen, schnell zu trinken, was langsam geschlürft werden muß, und von Ihnen erwartet, daß Sie ihm Ihre Tasse und Ihre Unterschale zurückgeben; vergleichen Sie das mit der Extase des wahren Liebhabers, der bequem sitzt, seine beiden Ellenbogen auf dem Tische, – ich bin der Ansicht, daß man sie beim Dessert aufstützen kann, – seine Backen in seinen zwei Händen und eine Beräucherung von dem Kaffee, den er zu trinken im Begriffe ist, empfangend; denn beim Kaffee, meine Herren, ist nichts verloren: der Dunst ist für den Geruch, der Trank ist für den Geschmack! Dugazon, derjenige Mensch, welcher am meisten auf der Welt Herr über seine Nase, da er zweiundvierzig Manieren, sie bewegen zu machen, gefunden hat, verliert alle Herrschaft über dieses Organ, wenn er eine Tasse Kaffee in der Hand hält: seine Nase zittert, geräth in Unordnung, verlängert sich wie ein Horn; es ist ein wahrer Kampf zwischen dem Munde und der Nase, wer zuerst zur Tasse kommen werde; bis jetzt ist es dem Munde geglückt; doch er sagte mir gestern, man könne nicht vorhersehen, wie die Sache endigen werde.«

»Bei meiner Treue, lieber Professor,« rief Guillotin begeistert, »wie wäre es erst, wenn er von dem Ihrigen kosten würde? Der Ihrige, sehen Sie, der Ihrige ist nicht Kaffee, das ist Nectar! Dieser Kaffee kann unmöglich gemahlen sein: er ist gestoßen.«

»Oh! wie würdig sind Sie Ihres Rufes, lieber Doctor!« sagte zärtlich Grimod de la Reyniére; »ich verspreche Ihnen auch ein Geschenk.«

»Welches?«

»Ich werde Ihnen einen von meinen alten Mörsern geben.«

Camille schlug ein Gelächter auf.

Grimod schaute ihn schief an.

»Profaner!« sagte er. »Wissen Sie, daß ich von Tunis einen Mörser habe kommen lassen, der über zweihundert Jahre alt war und mich dreihundert und fünfzig Piaster gekostet hat!«

»Der Mörser war also von Silber und der Stößel von Gold?«

»Der Mörser war von Marmor und der Stößel von Holz; doch das Holz . . . das Holz war Kaffee durch seine fortwährende Berührung mit dem Kaffee geworden . . . Ah! mein Herr, die Türken sind unsere Meister im Kapitel des Kaffees . . . Oh! was machen Sie, Herr von Chénier? ich glaube, Sie zuckern Ihren Kaffee mit gepulvertem Zucker, – ein Dichter!«

»Ei! mir scheint, daß der Zucker in Pulver oder der Zucker in Stücken . . .« »ersetzte Chénier.

»Irrthum, mein Herr! Irrthum! haben Sie nie den Unterschied studirt, der zwischen einem Glase Wasser mit Zucker in Pulver und einem Glase Wasser in Stücken stattfindet? er ist ungeheuer, mein Herr!«

»Ei! ich, was mich betrifft . . .« fing Chénier wieder an.

»Doctor!« rief Grimod, »Doctor! sagen Sie doch diesem unglücklichen Dichter, daß der Zucker drei Substanzen enthält, deren Urstoffe sind: der Zucker, das Gummi und das Amidon, und daß bei der Collision, die sich durch das Zerdrücken übt, ein Theil von den gezuckerten Portionen in den Zustand von Amidon oder Gummi, das ist das Geheimniß der Natur, übergeht, wodurch dem Zucker die Hälfte seines Geschmackes benommen wird . . . Lackei, mein Freund, schenken Sie Herrn von Chénier eine andere Tasse Kaffee ein! . . Und nun, Herr Dichter, ein Gläschen Liqueur, um die Gaumenexaltation auf ihre höchste Stufe zu bringen, – dann lassen Sie uns in den Salon gehen.«

Man stand auf und folgte Grimod de la Reyniére, der der wahre Amphitryon geworden war.

Danton und Marat, gingen zuletzt.

»Sie haben nicht ein Wort während des ganzen Essens gesprochen,« sagte Danton; »haben Sie es schlecht gefunden?«

»Ich habe es im Gegentheil zu gut gefunden.«

»Und das hat Sie trübe gestimmt?«

»Das hat mich nachdenken gemacht.«

»Worüber?«

»Ueber Eines: daß dieser Grimod de la Reyniére, dieser Generalpächter, für sich allein, seitdem er auf der Welt ist, die Substanz verschlungen hat, von der zehntausend Familien hätten leben können.«

»Sie sehen, daß er darum nicht trauriger ist.«

»Ja, gewiß, Gott hat sie mit Blindheit geschlagen; doch es wird ein Tag kommen, wo alle diese Vampire mit dem Volke rechnen müssen; und an diesem Tage . . .«

»Nun, an diesem Tage?«

»An diesem Tage wird man, glaube ich, die Erfindung unseres Freundes Guillotin zu ihrem wahren Werthe schätzen . . . Guten Abend, Herr Doctor.«

»Wie, Sie verlassen uns?«

»Was soll ich machen, ungeschickt, wie ich bin, die Aphorismen Ihres Generalpächters zu würdigen?«

»Sie sollen bleiben, um mit mir in den Clubb zu kommen.«

»Wann dies?«

»Heute Abend.«

»Und in welchen Clubb?«

»In den Socialclubb, bei Gott! ich kenne keinen andern.«

»Wenn ich da gewesen bin, wohin Sie mich führen wollen, werden Sie mit mir dahin gehen, wohin ich Sie führe?«

»Mit großem Vergnügen.«

»Bei Ihrem Ehrenworte?«

»Bei meinem Ehrenworte.«

»Gut, ich bleibe.«

Hiernach traten Danton und Marat in den Salon ein, wo Grimod de la Reyniére mit einem wachsenden Successe seine Theorien vom Speisezimmer zu entwickeln fortfuhr.

VI
Der Socialclubb

In der That, eine Stunde, nachdem diese Uebereinkunft geschlossen worden, – David war nach Hause gegangen; Camille Desmoulins hatte sich, um seinen Hof zu machen, zu einem jungen Mädchen begeben, welches er liebte, von dem er geliebt wurde, und das er zwei Jahre später Heirathen sollte; Talma und Chénier waren in die Comedie-Francaise gegangen, um dort ein wenig von dem erwähnten Karl IX. zu reden, von dem ihnen beim Mahle so wenig zu reden erlaubt gewesen; Grimod de la Reyniére war 'nach seiner Gewohnheit, um zu verdauen, in die Oper gegangen; Guillotin hatte eine Zusammenkunft mit den Herren Wählern, – eine Stunde nachher, sagen wir, verließen Danton und Marat ebenfalls die Rue du Paon und schlugen, um sich nach dem Palais-Royal zu begeben, den Weg ein, den sie schon am Morgen, um in das Haus von Danton zu kommen, gemacht hatten.

Doch so belebt das Palais-Royal bei Tage war, das Palais-Royal bei Lichte war noch etwas ganz Anderes: alle Bijouterie-, Silberzeug-, Kristallwaarenhändler, alle Putzmacherinnen, alle Schneider, alle Friseurs, mit dem Degen an der Seite, hatten sich dieser neuen Läden bemächtigt, für welche der scandalöse Proceß ihres Eigenthümers als Prospect gedient. In einer seiner Ecken rauschte das Theater der Varietes, wo der Schauspieler Bordier ganz Paris zu seinen Arlequinaden anlockte; in einer andern toste das 113, das entsetzliche Spielhaus, auf das Herr Andrieux kurz zuvor den philosophischen Viervers gemacht hatte:

 
Il est trois partes à, cel antre:
L'espoir, l'infamie et la mort;
C'est par la premiere qu'on entre,
C'est par les deux autres qu'on sort!14
 

113 gegenüber war das Cafe Foy, der gewöhnliche Zusammenkunftsort aller Motionäre; im Mittelpunkte dieses Dreiecks endlich erhob sich der Circus, von dem wir schon gesprochen, der Circus, der das Lesecabinet von Herrn Girardin, das Theater Gaukler und den Socialclubb enthielt, welcher für diesen Abend in den Americanischen Clubb verwandelt worden war.

Schon bei ihrem Ausgange aus der Rue du Paon, – einer zu jener Zeit wie heute ziemlich abgelegenen Straße, – gewahrten Danton und Marat Merkmale der Aufregung, welche das Herannahen einer Krise verkündigten. Das Gerücht von der Entlassung von Herrn von Brienne und der Zurückberufung von Herrn Necker fing in der That an sich zu verbreiten, und die Bevölkerung kam allmälig ganz bewegt aus den Häusern heraus, um Gruppen in den Straßen, auf den Plätzen und auf den Kreuzwegen zu bilden; überall hörte man die Namen der zwei Antagonisten aussprechen: den von Brienne mit der Befriedigung des triumphirenden Hasses, den von Necker mit dem Ausdrucke der Dankbarkeit und der Freude. Mitten unter Allem dem wurden dem König große Lobeserhebungen gespendet; denn im Jahre 1783 war mit der Feder in der Hand oder mit dem Worte im Munde noch Jedermann Monarchist.

Marat und Danton durchschritten diese Gruppen, ohne sich darunter zu mischen; auf dem Pont-Neuf waren sie so zahlreich, daß die Wagen im Schritte fahren mußten; was übrigens allen diesen Gruppen einen fast bedrohlichen Charakter gab, war der Umstand, daß die Nachricht, die sich am Tage verbreitet, noch zweifelhaft schien, und daß die Hoffnung, die man einen Augenblick gefaßt hatte, wenn man sich getäuscht, eine Flamme wurde, welche, wenn auch ephemer, doch lange genug gedauert hatte, um die Leidenschaften kochen zu machen.

Näherte man sich dem Palais-Royal, so war es noch schlimmer; man glaubte sich einem Bienenstocke zu nähern. Vor Allem waren die Gemächer des Herzogs von Orleans glänzend erleuchtet, und die vielen Schatten, die man durch die Gazevorhänge im Rahmen der Fenster sich bewegen sah, deuteten an, daß an diesem Abend großer Empfang bei Seiner Hoheit stattfand; überdies stationierte das Volk auf dem Platze wie in den andern Straßen, und das ewige Hin- und Hergehen der Schaaren, die in das Palais-Royal vordrangen und aus diesem Palaste herauskamen, gab der Menge jene Bewegung von Ebbe und Fluth, welche die Wellen am Gestade des Meeres haben.

Marat und Danton waren zwei kräftige Schwimmer in diesem Ocean; sie hatten sich auch bald durch die Cour des Fontaines gearbeitet und das Palais-Royal auf der Seite der entgegengesetzt erreicht, welche ihnen am Morgen Durchgang gewährt.

Als sie am Ende der doppelten Gallerie angelangt waren, die man damals, wie gesagt, das Lager der Tartaren nannte, blieb Danton, trotz des sichtbaren Widerwillens seines Gefährten, einen Augenblick stehen. Sie boten in der That ein seltsames Schauspiel, von dem wir Männer aus dem Anfange dieses Jahrhunderts das Ende gesehen haben, diese angemalten Frauen mit Juwelen und Federn beladen, bis an den Gürtel entblößt, bis an die Kniee aufgeschürzt, Jeden, der vorüberging, durch eine lascive Geberde rufend, oder ihn mit spöttischen Scherzen verfolgend, Einige neben einander gehend, Freundinnen ähnlich, Andere sich begegnend und, wie der Funke, der aus dem Zusammenstoße des Kieselsteins hervorspringt, eine Schmähung in der Weise der Hallen wechselnd, welche immer die Zuschauer beben machte, da sie sich nicht daran gewöhnen konnten, eine solche Sündfluth von obscönen Worten aus dem Munde dieser schönen Geschöpfe kommen zu hören, die sich in der Tournure und im Anzuge durch Nichts von den vornehmen Damen jener Zeit unterschieden, als daß sie falsche Juwelen trugen und nicht für sich das Sprichwort: »Stiehlt wie eine Herzogin,« annehmen wollten.

Danton schaute also. Dieser Mann mit der mächtigen Organisation war, wo er auch sein mochte und in welcher Lage er sich befand, immer entweder zum Vergnügen oder zu dem Metalle, welches dasselbe gibt, hingezogen: bei der Thüre eines Wechslers blieb er vor dem Goldschüsselchen stehen, wie er beim Eingange des Palais-Royal vor den Freudenmädchen stehen blieb.

Marat zog ihn zu sich, und er folgte Marat, jedoch unwillkürlich den Kopf nach dem unreinen Winkel umdrehend.

Kaum aber befanden sie sich unter der steinernen Gallerie, da war es etwas Anderes: auf die physische Versuchung folgte die moralische. Die obscönen Bücher waren damals äußerst beliebt. Menschen, die man an ihren Mänteln erkannte, – denn diese Menschen trugen Mäntel, obgleich man mitten im August war, – boten solche Bücher den Vorübergehenden an. Sie zogen um die Wette Marat und Danton am Rockflügel: »Mein Herr, wollen Sie den Libertin de qualité vom Herrn Grafen von Mirabeau? Ein reizender Roman!« »Mein Herr, wollen Sie Félicia ou Mes fredaines, von Herrn von Nerciat, mit Kupferstichen?« »Mein Herr, wollen Sie den Compére Mathieu vom Abbé Dulaurens?« Das nannte man zu jener Zeit Bücher unter dem Mantel verkaufen.

Um sich von diesen Infamiemäklern zu befreien, – gegen welche, wir müssen es gestehen, Danton nicht denselben Widerwillen hegte, wie Marat, ein strenger Bewunderer von Jean Jacques, – eilten Beide in den Garten, wo sich die Duenen kreuzten, deren Geschäft es war, für das Domicil zu rekrutiren; doch an diesem Abend waren die ehrwürdigen Matronen ein wenig verscheucht durch den Lärmen, der im Garten herrschte, wo sich vielleicht über zweitausend Neuigkeiten suchende Personen zusammengeschaart fanden, mit denen sich nichts machen ließ, da die Neugierde alle andere Gefühle erstickt hatte.

Nicht ohne Mühe kamen Marat und Danton zu dem Abhange, auf welchem man zum Circus hinabstieg; hier angelangt brauchte man sich nur noch gehen zu lassen, und war man Besitzer einer Karte, so hinderte nichts, daß man zur Zahl der Auserwählten zugelassen wurde.

Danton hatte zwei Karten; es wurde also bei der Thüre keine Schwierigkeit gemacht; Danton und Marat wurden im Gegentheile von den Commissären, Leuten von Lebensart, auf das Freundlichste begrüßt, und Beide traten in den Saal ein.

Der Anblick war in der That blendend. Wohl zweitausend Kerzen beleuchteten die aristokratische Versammlung. Die Fahnen von America, verschlungen mit denen von Frankreich, beschatteten mit ihren Falten Kartuschen, worauf die von beiden Heeren errungenen Siege geschrieben standen; drei mit Lorbeeren bekränzte Büsten zogen die Augen nach der Tiefe des Saales; diese Büsten waren in den beiden Ecken die von Lafayette und von Franklin, in der Mitte die von Washington.

Theodor Lameth, der Aeltere von den zwei Brüdern dieses Namens, hatte den Präsidentenstuhl inne; Laclos, der Verfasser der Liaisons dangereuses, versah den Dienst des Schriftführers.

Die Gallerien und die Tribunen waren voll von Frauen, Gönnerinnen der americanischen Unabhängigkeit. Man bemerkte darunter Frau von Genlis, bekleidet mit einer Polonaise von gestreiftem Tastet und frisirt à l'insurgente; die Marquise von Villette, die schöne und gute Protegee von Voltaire in einer Circassicnne mit Blonden und einem getigerten Bande garnirt, und eine mit einer Barriére verzierte Haube auf dem Kopfe; Theresa Cabarrus, welche später Madame Tallien wurde und damals nur die Marquise von Fontenay war: immer schön, doch an diesem Tage noch schöner unter einer Therese in schwarzem Gazeschleier, durch welche, wie zwei Sterne in der Nacht, ihre spanischen Augen funkelten; die Marquise von Beauharnais, Josephine Tascher de la Pagerie, eine anbetungswürdige Creolin, voll Indolenz, belebt in diesem Augenblicke durch eine Prophezeiung von Mademoiselle Lenormand, der Zauberin des Faubourg Saint-Germain, die ihr verkündigt hatte, sie werde eines Tags Königin oder Kaiserin von Frankreich werden: welche von Beiden? die Zauberin wußte es nicht; doch nach dem Orakel der Karten mußte sie unfehlbar die Eine oder die Andere werden; – die bekannte Olympia von Gouges, geboren in Montpellier von einer Mutter, welche Putztrödlerin war, aber von einem Vater, dessen Haupt, wie Leonard Bourdon sagt, eine königliche Binde umschloß, wie Olympia von Gouges sagt, ein einfacher Lorbeerzweig bekränzte: eine seltsame Schriftstellerin mit einem Vermögen, das ihr zweimal hunderttausend Livres Einkünfte gab, eine Frau, welche weder lesen, noch schreiben konnte und ihren Secretärcn Romane und Stücke dictirte, die sie nicht wiederzulesen vermochte. Ihr Eintritt, der mit dem von Marat und Danton zusammentraf, war mit einer dreifachen Salve von Beifallklatschen begrüßt worden; sie hatte gerade im Théatre-Francais, nach fünf Jahren der Erwartung, der Bemühungen und der Geschenke, ihr Stück: die Sklaverei der Schwarzen, aufführen lassen, das fast durchgefallen war; doch daß das Stück durchgefallen, verhinderte nicht, daß die Verfasserin beklatscht wurde, wenn nicht wegen des Talentes, doch wenigstens wegen der Absicht.

Man müßte Alles anführen, was sich in Paris an schönen Frauen, an reichen Frauen oder an berühmten Frauen fand, wollte man die Tribunen und die Gallerien des Socialclubbs, der, wie gesagt, für diesen Abend in den Americanischen Clubb verwandelt worden war, die Revue passiren lassen.

Mitten unter ihnen, angezogen von der Einen, zurückgerissen von der Andern, angefleht von einer Dritten, welche von fern ihre hübsche Hand gegen ihn ausstreckte, flatterte der Held des Tages, der Marquis von Lafayette. Das war damals ein schöner und eleganter junger Mann von einunddreißig Jahren. Edelmann von Geburt, Besitzer eines ungeheuren Vermögens, durch seine Frau, – die Tochter des Herzogs d'Ayen, die er schon vor fünfzehn Jahren geheirathet hatte, – mit den größten Häusern Frankreichs verwandt; mit zwanzig Jahren aus Frankreich getrieben durch jenen Freiheitshauch, der über die Welt hinging, ohne noch zu wissen, wo er sich festsetzen sollte, hatte er insgeheim zwei Schiffe ausgerüstet, sie mit Waffen und Munition beladen, und war in Boston angekommen, wie fünfzig Jahre später Byron in Missolunghi ankommen sollte; aber, glücklicher als der große Dichter, sollte er die Befreiung des Volkes sehen, dem er zu Hilfe geeilt, und wenn Washington sich den Titel Vater der americanischen Freiheit vorbehalten hatte, so hatte er wenigstens erlaubt, daß Lafayette den seines Pathen annahm. Die Begeisterung, welche Lafayette nach Frankreich zurückgekehrt eingeflößt hatte, war vielleicht größer, als die, welche er in America zurückgelassen; die Mode hatte ihn adoptirt, die Königin hatte ihm zugelächelt, Franklin hatte ihn zum Bürger gemacht, Ludwig XVI. machte ihn zum General.

Diese Popularität war süß, und die Generalsuniform stand einem einunddreißigjährigen jungen Manne sehr gut; seine Eitelkeit hatte es ihm gesagt, und annehmend, die Eitelkeit, welche einmal gesprochen, könne schweigen, wiederholten es ihm die Frauen so oft, daß er genöthigt war, sich dessen zu erinnern.

Derjenige, welcher mit Lafayette die Ehrenbezeigungen des Abends theilte, war der Graf d'Estaing. Besiegt in Indien, wo er zweimal zum Gefangenen gemacht worden war, hatte er seine Genugthuung in America genommen; hier, nachdem er Howe eine unentschiedene Schlacht geliefert, nachdem er bei einem Angriffe auf St. Lucie gescheitert war, hatte er den Commodore Byron völlig geschlagen. Ganz das Gegentheil von Lafayette, war der Graf Hector d'Estaing ein Greis; der Enthusiasmus theilte sich auch zwischen ihm und seinem jungen Rivalen, und wie die Frauen einstimmig Lafayette in Anspruch genommen hatten, so hatten die Männer d'Estaing empfangen.

Die anderen Anwesenden sollten, zu dieser Zeit vielleicht weniger bekannt, doch Jeder einen gewissen Grad von Berühmtheit erlangen. Es waren: der Abbé Gregoire, der damals die Philosophie lehrend reiste; er hatte noch nichts über die Sklaverei geschrieben, aber er beschäftigte sich schon mit dieser Frage, die ihn übrigens sein ganzes Leben hindurch beschäftigte; – der Abbé Raynal, der aus der Verbannung kam, wohin ihn seine Philosophische Geschichte der beiden Indien geschickt hatte; – Condorcet, der ein neues Leben anzufangen im Begriffe war, das dritte! der, nachdem er Mathematiker mit d'Alembert, Kritiker mit Voltaire gewesen, Politiker mit Vergniaud und Barbarour werden sollte. Condorcet, der ewige Denker, im Cabinet wie im Salon, in der Einsamkeit wie unter der Menge, specieller in allen Dingen, als die speciellsten Menschen, unzugänglich für die Zerstreuung, wo er sich auch befinden mochte; wenig sprechend, Alles hörend, Alles benützend, ohne je etwas von dem, was er gelernt oder gehört, zu vergessen! – Brissot, der von America ankam, ein Fanatiker für die Freiheit, ein Enthusiast für Lafayette; Brissot, der zukünftige Verfasser der Adresse an die fremden Mächte; Brissot, dessen die unselige Ehre, seinen Namen einer Partei zu geben, harrte; – Roucher, der sein Gedicht: Die Monate, veröffentlicht hatte und mit der Übersetzung des Werkes: Die Reichthümer der Nation, von Smith, beschäftigt war; Malouet endlich, der seine bekannte Denkschrift über die Sklaverei der Neger herausgegeben hatte; er bestieg im Augenblicke des Eintritts von Marat und Danton die Tribune und wartete, um seine Rede zu beginnen, bis sich die durch die Ankunft von Olympia von Gouges hervorgebrachte Wirkung besänftigt hatte.

Er folgte auf Clavieres, der über die Sklaverei, jedoch die Frage generalisirend, gesprochen und von der Tribune herabsteigend angekündigt hatte, sein Freund Malouet werde auch sprechen, aber, besser als er über diese Materie unterrichtet, Thatsachen anführen, welche die ganze Versammlung werden schauern machen.

Die Versammlung fühlte dieses Bedürfniß der Gemüthsbewegungen, das sich bei den Völkern in gewissen Epochen ihrer Existenz verbreitet, und verlangte folglich nichts Anderes, als zu schauern.

Ueberdies waren, wie gesagt, viele hübsche Frauen im Saale, und die Frauen machen eine so reizende Bewegung mit den Schultern, wenn sie schauern, daß es sehr ungeschickt von einer hübschen Frau wäre, wenn sie nicht schauern würde, so oft sich eine Gelegenheit dazu findet.

Die Stille stellte sich also rascher wieder her, als man hätte hoffen dürfen; allmälig wandten sich die Blicke von Olympia von Gouges ab, und nachdem sie noch einen Moment, die der Männer von Frau von Beauharnais zu Therese Cabarrus, die der Frauen von Brissot zu Lafayette, hin und hergeschwebt hatten, hefteten sie sich auf die Tribune, wo der Redner, die Hand zur Geberde bereit, den Mund zum Worte gerüstet, wartete.

Als sodann tiefe Stille herrschte und die Aufmerksamkeit vollkommen war, sprach Malouet:

»Meine Herren, ich unternehme eine schwierige Aufgabe: die, Ihnen die Mißgeschicke einer Race zu schildern, welche verflucht scheint, während sie doch nichts gethan hat, um diesen Fluch zu verdienen. Zum Glücke ist die Sache, die ich zu Gunsten der Menschheit vertheidige, die der fühlenden Seelen, und die Sympathie wird mir zu Hilfe kommen, wo mir das Talent mangelt.

»Ist es Ihnen je begegnet, meine Herren, wenn Sie am Ende eines köstlichen Mahles, als völlig unerläßlich bei diesem Mahle, die zwei Substanzen, die sich gegenseitig ergänzen: den Zucker und den Kaffee, mit einander verbanden, wenn Sie lange, ehe sie den Kaffee tranken, wollüstig in Fauteuils mit weichen Polstern ausgestreckt sein köstliches Aroma einathmeten, wenn Sie ihn langsam schlürften und Ihre Lippen, so zu sagen, Tropfen um Tropfen von dem belebenden Tranke einsogen, ist es Ihnen je begegnet, daß Sie daran dachten, dieser Zucker und dieser Kaffee, woraus Sie Ihre Wonne gemacht, habe mehreren Millionen von Menschen das Leben gekostet?

»Sie errathen, wen ich meine, nicht wahr? Ich meine die unglücklichen Kinder Africas, die wanden wollüstigen Launen der Europäer zu opfern übereingekommen ist, die man behandelt wie Lastthiere, und die doch unsere Brüder vor der Natur und vor Gott sind.«

Ein Gemurmel der Billigung ermuthigte den Redner. Alle diese eleganten, gepuderten, bisamduftenden Männer, alle diese reizenden mit Spitzen, Federn und Diamanten bedeckten Frauen stimmten durch eine anmuthige Kopfbewegung der Ansicht des Redners bei und anerkannten, sie seien die Brüder und die Schwestern der Neger des Congo und der Negerinnen vom Senegal.

»Und nun, mitleidige Herzen,« fuhr Malouet mit jener sentimentalen, der damaligen Zeit eigenthümlichen Phraseologie fort, welche hauptsächlich durch die Anrufung zu Werke ging, »erinnern Sie sich wohl, daß das, was ich Ihnen sagen werde, kein Roman ist, entworfen in der Hoffnung, Sie in Ihrer Muße zu unterhalten; es ist eine wahre Geschichte der Behandlung, durch welche seit Jahrhunderten Ihres Gleichen zu Boden gedrückt werden; es ist der Schrei der seufzenden und verfolgten Menschheit, die es wagt, sich bis zu Ihnen zu erheben und allen Nationen der Welt die Grausamkeit zu denunzieren, deren Opfer diese Unglücklichen sind; es sind endlich die Neger von Africa und America, welche den Beistand ihrer Vertheidiger anrufen, damit diese Vertheidiger für sie an das Urtheil der Fürsten Europas appellieren und Gerechtigkeit für die grausamen Leiden, mit denen man sie in ihrem Namen erdrückt, verlangen mögen. Werden Sie taub für ihre Bitte sein? Nein! die Stimme der Männer wird sich stark und streng erheben, die Stimme der Frauen wird sanft und flehend hörbar werden, und die Könige, welche Gott zu seinen Stellvertretern auf Erden gemacht hat, werden erkennen, es heiße Gott selbst beleidigen so der niederträchtigsten Behandlung Geschöpfe geschaffen wie wir nach seinem Bilde preisgeben.«

Hier machte das Gemurmel der Billigung dem lauten Beifalle Platz. Nichtsdestoweniger war es augenscheinlich, daß man den Eingang genügend fand, und daß eine allgemeine, obgleich noch stumme Aspiration den Redner zu seinem Gegenstande hinzog,

Malouet fühlte das Bedürfniß, in die Materie einzugehen, und fing an:

»Ohne Zweifel wissen Sie, was der Negerhandel ist; wissen Sie aber auch, wie der Negerhandel getrieben wird? Nein, Sie wissen es nicht, oder Sie haben wenigstens nur einen oberflächlichen Blick auf diese seltsame Operation geworfen, bei der eine Race mit der andern gehandelt hat, wo die Menschen sich zu Verkäufern von Menschen gemacht haben.

»Will der Kapitän eines Negerschiffes Sklaven kaufen, so nähert er sich den Gestaden Africas und läßt einen der kleinen Fürsten, deren Gebiet an der Küste liegt, benachrichten, er sei da, er bringe Waaren aus Europa, und er möchte gern diese Waaren gegen eine Ladung von zwei bis dreihundert Negern vertauschen; dann schickt er ein Muster von seinen Waaren dem Fürsten, mit dem er handeln will, läßt seine Muster von einem Geschenke mit Branntwein begleiten und wartet.

»Branntwein, Feuerwasser, wie die unglücklichen Neger sagen; unselige Entdeckung, die uns von den Arabern zugekommen ist, – mit jener Kunst des Destillirens, die wir von ihnen erhalten haben, und die sie erfunden hatten, um den Wohlgeruch der Blumen und besonders der, in den Schriften ihrer Dichter so sehr gefeierten, Rose auszuziehen! – warum bist du eine so furchtbare Waffe in den Händen von grausamen Menschen geworden, daß man dich verfluchen muß, dich, die du mehr Nationen gebändigt und besonders vernichtet hast, als die Feuergewehre, welche den Menschen der neuen Welt unbekannt waren, und die sie für einen Donner in den Händen von neuen Göttern hielten?«

Malouet hatte sich, wie man sieht, in den höchsten Lyrismus geworfen: er wurde für seine Kühnheit durch eine Salve von Beifallklatschen belohnt.

»Wir sagen,« fuhr er fort, »der Kapitän des Negerschiffes warte. Ach! er wartet nicht lange; ist die Dunkelheit eingetreten, so kann er den Brand von Dorf zu Dorf laufen sehen; in der nächtlichen Stille kann er die Klagen der Mütter hören, denen man ihre Söhne raubt, der Kinder, denen man ihren Vater entreißt, und mitten unter Allem dem das Todesgeschrei von denjenigen, welche lieber sogleich sterben wollen, als ein Leben des Verschmachtens fern vom Dache der Familie, fern vom Himmel der Heimath hinschleppen.

»Am andern Tage erzählt man an Bord, der Negerkönig sei zurückgeschlagen worden; die Unglücklichen, die man habe wegführen wollen, haben mit der Heftigkeit der Verzweiflung gekämpft; ein neuer Angriff sei für die nächste Nacht organisiert, und die Auslieferung der Waaren könne erst am kommenden Tage stattfinden. Sobald es Nacht geworden, fangen der Kampf, der Brand, die Klagen wieder an. Das Blutbad dauert die ganze Nacht fort, und am Morgen erfährt man, man müsse wieder bis zum andern Tage warten, wenn man die verlangte Ladung haben wolle.

»Doch in dieser Nacht wird man sie sicherlich bekommen, denn der zurückgeschlagene König hat seinen Soldaten befohlen, die Sklaven in seinen eigenen Staaten zu nehmen; er wird einige von seinen Dörfern umzingeln lassen, und, getreu dem gegebenen Worte, seine Unterthanen ausliefern, da er seine Feinde nicht ausliefern kann.

»Endlich, am dritten Tage sieht man vierhundert gefesselte Neger ankommen, gefolgt von Müttern, Frauen, Töchtern und Schwestern, – wenn man nur Männer nöthig hat, denn hat man Weiber nöthig, so werden die Frauen, die Töchter, die Schwestern mit den Brüdern, den Vätern und Gatten gefesselt.

»Da erkundigt man sich und erfährt, es seien in diesen zwei Nächten viertausend Menschen umgekommen, damit der König-Speculant vierhundert habe liefern können.

»Und glauben Sie nicht, ich übertreibe: ich erzähle; ich erzähle, was geschehen ist: der Kapitän des Schiffes ist der Kapitän des New-York, der König, der seine eigenen Unterthanen verkauft hat, ist der König von Barsilly.

»O Männer der Regierung! o Fürsten Europas! Ihr schlaft ruhig in Euren Palästen, während man Eures Gleichen erwürgt; nicht wahr, Ihr wißt nichts von allen diesen Gräueln? Sie werden doch in Eurem Namen begangen. Nun wohl! das Geschrei dieser Unglücklichen mag über die Meere ziehen und Euch aufwecken!

»Werfen wir nun,« fuhr der Redner fort, »werfen wir die Augen auf diese dürre, unfruchtbare Küste, welche gleichwohl die des Vaterlandes ist; sehen wir diese unglücklichen Neger auf dem Boden liegend und nackt den Blicken und der Untersuchung der europäischen Rheder ausgesetzt.

»Haben die Wundärzte diejenigen von den Negern, welche sie für gesund, behende, kräftig und gut constituirt halten, aufmerksam geprüft, so sprechen sie ihre Billigung für sie aus und nehmen sie im Namen des Kapitäns in Empfang, wie Pferde und Ochsen, und lassen sie, auch wie Pferde und Ochsen, mit einem glühenden Eisen an der Schulter zeichnen: dieses Zeichen sind die Anfangsbuchstaben vom Namen des Schiffes und des Commandanten, der sie gekauft hat.

»Alsdann, so wie man sie zeichnet, fesselt man sie zu zwei und zwei an einander, und man führt sie in den Fond des Schiffes, der ihnen für zwei Monate als Gefängniß und häufig als Grab dienen soll.

»Oft, während einer Ueberfahrt, – so gewaltig ist ihr Grauen vor der Sklaverei! – kommen zwei, vier, sechs von diesen Unglücklichen überein, sich ins Meer zu stürzen, führen ihr Vorhaben aus und finden, da sie gefesselt sind, den Tod in den Tiefen des Oceans.

»Bei dem letzten Ankaufe, den der Kapitän Philips in Guinea, beim König von Juida gemacht hat, hat er so zwölf Neger verloren, die sich freiwillig ertränkten.

»Da man sie indessen sehr scharf bewacht, so gelangen gewöhnlich die allermeisten Sklaven ins Schiff. Sogleich bringt man sie in den Raum; hier bleiben dann fünf bis sechshundert Unglückliche unter einander in einer nach der Länge ihres Leibes abgemessenen Reiche aufgehäuft, das Licht nur durch die Oeffnung der Luken erschauend, bei Tag und Nacht nur eine Luft einathmend, welche ungesund und verpestet wird durch den beständigen Aufenthalt der menschlichen Ausdünstungen und der Excremente, welche nicht entfernt werden; dann entspringt aus dem Gemische aller dieser faulen Ausdünstungen eine schmerzliche Infection, welche das Blut verdirbt und eine Menge von Entzündungskrankheiten erzeugt, die dem Viertel und manchmal dem Drittel von allen diesen Sklaven in der kurzen Zeit von zwei bis drittehalb Monaten, welche gewöhnlich die Ueberfahrt dauert, den Tod bringen.

»O Ihr, an die ich mich wende,« rief der Redner, indem er die Hand ausstreckte, als wollte er das ganze Weltall beschwören, »Engländer, Franzosen, Russen, Deutsche, Americaner, Spanier! mag Euch das Schicksal eine Krone auf das Haupt gesetzt oder einen Spaten in die Hand gegeben haben, werft einen Blick auf die Lage, in welche Euch die europäischen Rheder seit so langer Zeit versenken; bedenkt, daß in dem Momente, wo ich spreche, die Kapitäne der Negerschiffe alle die von mir geschilderten Gräuel üben, und daß im Namen Europas und unter dem Regime seiner Gesetze solche Verbuchen ohne Gewissensbisse begangen werden.

»Erleuchtete Europäer, glaubet auch nicht an die Fabeln, welche diese entarteten Menschen Euch kalt in Europa vorschwatzen, um ihre Missethaten zu verbergen; hütet Euch, ihren Verleumdungen Glauben zu schenken, wenn sie behaupten, die unglücklichen Neger seien des Gefühls und der Vernunft beraubte Thiere; erfahret im Gegentheil: es ist nicht Einer unter denjenigen, welche Ihr ihrer Heimath entreißt, der nicht eine zarte Neigung seines Innersten, die Ihr gebrochen, beklagt, – nicht ein Kind, das nicht schmerzlich den Verlust seiner Eltern oder seines Vaters fühlt, – nicht eine Frau, die nicht um einen Gatten, um eine Mutter, um eine Schwester, um eine Freundin weint, – nicht ein Mann, den nicht in der Tiefe seines geschworenen Herzens die Verzweiflung über die zarten Bande verzehrt, die Ihr durch eine gewaltthätige, grausame Trennung vernichtet habt. Ja, ich sage es Euch freimüthig, es ist nicht Einer von Euren Sklaven, der Euch nicht in der Wahrheit seines Herzens als die mörderischen Henker betrachtet, welche die süßesten Gefühle der Natur mit Füßen treten, erwürgen.

»Grausame, unversöhnliche Menschen! wüßtet Ihr im Grunde der Herzen zu lesen, würden ihre gerechten Klagen nicht auf das Strengste zum Stillschweigen gebracht oder mit den entsetzlichsten Strafen geahndet, so könntet Ihr hier einen verscheidenden Vater zu Euch sagen hören: »»Du hast mich von einer Schaar Kinder getrennt, welche meine Arbeit ernährte, und die nun vor Hunger und Elend sterben!«« Dort müßtet Ihr eine Mutter in der Verzweiflung finden, die Ihr aus den Armen eines Gatten oder einer geliebten Tochter gerissen, welche dem Augenblicke ihrer Verheirathung ganz nahe war; anderswo ihren Familien geraubte junge Kinder, welche weinend und schluchzend ausrufen: Pau, pau, bulla! (Vater, Vater, die Hand!) – neben ihnen ein bestürztes Mädchen, das um die Zärtlichkeit einer Mutter oder eines jungen Mannes weint, von dem es aufrichtig geliebt wurde; überall Geschöpfe, welche im tiefsten Jammer darüber, daß sie nicht den traurigen Trost gehabt, ihre Thränen mit denen ihres Vaters oder ihrer Verwandten, dieselben auf immer verlassend, zu vermischen; in allen Herzen würdet Ihr endlich die Schaam und die Entrüstung concentrirt finden, und darum diese Menschen auch fähig zu den Extremitäten, zu denen die Verzweiflung führen kann.«

Das Mitleid der Versammlung zu Gunsten der unglücklichen Neger hatte den höchsten Grad erreicht; nachdem sie den Redner durch ihr Beifallklatschen unterbrochen, brauchte sie auch eine Zeitlang, um sich wieder zu fassen: der Redner benützte diesen Waffenstillstand, um sich die Stirne mit einem Batistsacktuche abzuwischen und ein Glas Zuckerwasser zu trinken.

Während dieses ganzen Plaidoyer, dem wir geflissentlich die oratorische Form der Zeit gelassen haben, betrachtete Danton aufmerksam Marat, dessen Gesicht allmälig den Ausdruck einer mächtigen Ironie annahm.

Malouet fuhr fort:

»Sie haben gebebt, Sie haben geweint. Hören Sie, was mir noch zu sagen bleibt, empfindsame Herzen, liebende Seelen. Als der Kapitän Philips, dessen Namen ich schon ausgesprochen, seine Ladung beendigt hatte, da geschah es, abgesehen von den zwölf Negern, die sich ins Meer gestürzt, daß Viele sich weigerten, zu essen, in der Hoffnung, durch einen rascheren Tod ihren Qualen zu entgehen; nun machten einige Officiere des Schiffes den Vorschlag, den Halsstarrigsten die Füße und die Arme abzuschneiden, um die Andern zu erschrecken; doch menschlicher, als man hoffen durfte, weigerte sich der Commandant und sagte: »»Sie sind schon unglücklich genug, ohne daß man sie noch so grausame Strafen braucht erdulden zu lassen!«« Mit Freuden, meine Herren, lasse ich diesem Manne seinen Edelmuth veröffentlichend Gerechtigkeit widerfahren; doch gegen Einen, welcher so handelt, wie Viele verhalten sich anders! wie Viele brechen auf diese Weigerung, zu essen, mit eisernen Stangen, und zwar an mehreren Stellen, die Arme und die Beine der unglücklichen Widerspänstigen, die durch das entsetzliche Geschrei, das sie ausstoßen, den Schrecken unter ihren Gefährten verbreiten und sie nöthigen, aus Furcht vor derselben Behandlung zu thun, was sie mit eben so viel Stärke als Vernunft zu thun sich weigerten!

»Diese Strafe, meine Herren, kommt dem Rade in Europa gleich, nur mit dem Unterschiede, daß diejenigen, welche man in Europa rädert, Verbrecher sind, während diejenigen, welche man auf den Negerschiffen rädert, Unschuldige sind.

»Warten Sie noch, ich bin nicht zu Ende: ich habe hier einen geschriebenen, veröffentlichten, gedruckten Bericht von John Atkins, Wundarzt an Bord des Admiralschiffes der Ogles-Squadron, mit Negern von Guinea befrachtet; hören Sie, was er Ihnen sagt . . . John Harding, der dieses Schiff befehligte, bemerkte, daß mehrere Sklaven sich ins Ohr sprachen, daß mehrere Weiber das Ansehen hatten, als verbreiteten sie ein Geheimniß; er bildete sich ein, es conspiriren einige Schwarze, um ihre Freiheit wiederzuerlangen; wissen Sie, was sodann, ohne sich zu versichern, ob der Verdacht gegründet war, der Kapitän Harding that? Er verurtheilte auf der Stelle zwei von diesen Unglücklichen, einen Mann und eine Frau, zum Tode, und sprach dieses Urtheil, indem er die Hand gegen den Mann ausstreckte, der zuerst sterben solle: sogleich wurde der Unglückliche vor allen seinen Brüdern umgebracht, dann riß man ihm das Herz, die Leber und die Eingeweide aus, und streute Alles dies auf dem Boden umher, und da dreihundert Sklaven auf dem Schiffe waren, so schnitt man das Herz, die Leber und die Eingeweide in dreihundert Stücke und zwang die Gefährten des Todten, sie roh und blutig zu essen, wobei der Kapitän mit derselben Strafe Jeden bedrohte, der diese gräuliche Nahrung zu verzehren sich weigern würde!«

Ein Gemurmel des Entsetzens durchlief die Versammlung.

Doch die Stimme des Redners beherrschte dieses Gemurmel; er begriff, daß er, nach den Formen der Redekunst, einen zweiten Schlag nach dem ersten thun mußte.

»Hören Sie, hören Sie!« rief er. »Nicht befriedigt durch diese Execution, bezeichnete der grausame Kapitän seinen Henkern auch noch die Frau; die Befehle, wie man bei ihr zu Werke gehen sollte, waren zum Voraus gegeben worden. Die Arme wurde mit Stricken an beiden Daumen gebunden und an einem Maste aufgehängt, bis ihre Füße die Erde verloren hatten. Man zog ihr die Lumpen aus, die sie bedeckten, und peitschte sie zuerst, bis das Blut an ihrem ganzen Leibe herabrieselte; dann löste man ihr mit Rasirmessern die Haut ab, und man schnitt ihr, um auch von den Sklaven gegessen zu werden, dreihundert Stücke Fleisch vom Leibe, so daß alle ihre Knochen bloß gelegt waren, und sie unter den grausamsten Qualen verschied!«

Schreie der Entrüstung wurden hörbar; der Redner wischte sich aufs Neue die Stirne ab und trank vollends sein Glas Zuckerwasser.

»Das haben die unglücklichen Neger auf der Ueberfahrt zu erdulden,« fuhr Malouet fort; »sagen wir nun, was sie leiden müssen, wenn sie angekommen sind.

»Ein Drittel ungefähr ist auf der Ueberfahrt gestorben, wir haben es gesagt; beschränken wir uns aus das Viertel und Sie sollen sehen, wohin uns die Todtenrechnung führen wird.

»Der Scorbut, die Schwindsucht, die Faulfieber, und ein anderes acutes Fieber, das keinen wissenschaftlichen Namen hat, und das man das Fieber der Neger nennt, brechen auf sie ein in dem Augenblicke, wo ihre Füße die Erde berühren, und raffen abermals ein Viertel weg; das ist ein Tribut, den das Klima denjenigen auflegt, welche von Africa auf die americanischen Inseln übergehen. England führt aber allein hunderttausend Schwarze aus und Frankreich die Hälfte; hundert und fünfzigtausend Beide; es sind also fünfundsiebzig tausend Neger, welche zwei an der Spitze der Civilisation stehende Nationen alle Jahre sterben lassen, um fünfundsiebzig tausend andere den Colonien zu geben. Berechnen Sie, Sie, die Sie mich hören, berechnen Sie, welche ungeheure Anzahl von Opfern, ohne einen Nutzen daraus zu ziehen, diese zwei Nationen seit zweihundert Jahren, daß dieser Sklavenhandel dauert, haben sterben lassen; fünfundsiebzig tausend Neger jährlich, zweihundert Jahre hindurch, geben eine Zahl von fünfzehn Millionen von uns vernichteter Menschen; und fügen Sie dieser schmerzlichen Rechnung eine gleiche Zahl für alle Sklaven bei, deren Tod die anderen Königreiche Europas verursacht haben, so werden Sie dreißig Millionen Geschöpfe der Oberfläche der Erde durch die unersättliche Habgier der Weißen entrissen finden!«

Die Anwesenden schauten sich an. Es schien ihnen unmöglich, daß sie, und wäre es auch nur aus Gleichgültigkeit, ihren Theil an einer solchen Schlächterei genommen haben sollten.

Der Redner bedeutete durch einen Wink, er wolle fortfahren; die Stille trat wieder ein, und er sprach in folgenden Worten weiter:

»Wenn, nachdem das Meer seinen Zehenten genommen, wenn, nachdem das Fieber seinen Tribut genommen, einige Hoffnung auf Glück wenigstens den Ueberlebenden bliebe, wenn der Aufenthalt in der Verbannung leidlich wäre, wenn sie nur Herren fänden, die sie behandeln würden, wie man Thiere behandelt, so ließe sich das noch ertragen. Sind sie aber einmal angekommen, sind sie verkauft, so übersteigt die Arbeit, die man von ihnen fordert, die menschlichen Kräfte. Bei Tagesanbruch werden sie zu den Arbeiten gerufen, und bis zum Mittag müssen sie dieselben ohne Unterbrechung fortsetzen; um Mittag ist es ihnen endlich erlaubt, zu essen; doch um zwei Uhr müssen sie wieder unter der glühenden Sonne des Aequators zu ihrer Aufgabe schreiten, und sie haben diese bis zum Ende des Tages zu verfolgen; diese ganze Zeit werden sie auf das Strengste überwacht und bestraft von den Aufsehern, die mit mächtigen Peitschenhieben diejenigen schlagen, welche mit einiger Nachläßigkeit arbeiten. Ehe man sie in ihre traurigen Hütten zurückkehren läßt, nöthigt man sie noch die Geschäfte des Hauses zu verrichten, das heißt, Futter für das Vieh zu sammeln, Holz für die Herrschaft, Kohlen für die Küche, Hafer für die Pferde zu führen; so daß es oft Mitternacht oder ein Uhr ist, ehe sie in ihre Hütten kommen. Dann bleibt ihnen kaum Zeit, ein wenig Mais für ihre Nahrung zu zerstoßen und kochen zu lassen; während nun dieser Mais kocht, legen sie sich auf eine Matte nieder, wo sie sehr oft, gelähmt vor Müdigkeit, einschlafen, und wo sie die Arbeit des nächsten Tages wieder holt, ehe sie Zeit gehabt haben, den Hunger zu stillen, der sie verzehrt, oder den Schlaf zu befriedigen, der sie verfolgt.

»Und dennoch hat ein Schriftsteller unserer Tage, bekannt durch eine große Anzahl von Werken, welche vom Umfange und den Kenntnissen seines Geistes zeugen, behaupten wollen, die Sklaverei der Neger biete eine Existenz, welche viel glücklicher, als das Loos, dessen der Mehrzahl nach unsere Bauern und Tagelöhner in Europa theilhaftig seien.,

»In der That, beim ersten Anblicke scheint sein System verführerisch. »»Ein Arbeiter verdient in Frankreich,«« sagt er, »»zwanzig bis fünfundzwanzig Sous täglich. Wie kann man mit diesem mäßigen Lohne sich nähren, sein Weib und fünf bis sechs Kinder nähren und unterhalten, seine Hausmiethe bezahlen, Holz kaufen und alle Kosten für eine ganze Familie bestreiten? Sie leben dann in der Dürftigkeit, und es fehlt ihnen immer am Nothwendigen. Ein Leibeigener dagegen oder ein Sklave ist wie das Pferd seines Herrn: sein Herr ist dabei interessiert, daß er ihn gut nährt, gut unterhält, um seine Gesundheit zu bewahren und nützliche, anhaltende Dienste aus ihm zu ziehen; da er also Alles hat, was er nothwendig braucht, so ist er glücklicher, als die freien Tagelöhner, welche manchmal kein Brod haben!««

»Ach! die Vergleichung ist nicht richtig, und ich liefere den Beweis; er ist mir vor nicht langer Zeit auf folgende Art gegeben worden. Vor acht Tagen trat ich in ein Kaffeehaus ein; drei oder vier Americaner saßen um einen Tisch: der Eine von ihnen las die öffentlichen Blätter, die Andern sprachen vom Negerhandel; die Neugierde beweg mich in ihre Nähe zu sitzen, und ich horchte. Vernehmen Sie Wort für Wort die Berechnung, die ich Einen von ihnen machen hörte:

»»Meine Neger,«« sagte er, »»kommen mich Einer in den Andern gerechnet auf vierzig Guineen. Jeder von ihnen trägt mir ungefähr, nach Abzug aller Kosten, sieben Guineen Nutzen, wenn ich sie nähre, wie das sein soll; breche ich aber von ihrer Nahrung nur den Werth von zwei Pence täglich ab, so gibt mir diese Erparniß an jedem Neger drei Pfund Sterling Profit, also neunhundert Pfund Sterling an meinen dreihundert Negern, außer den sieben Pfund Sterling, die mir schon Jeder trug. Durch dieses Mittel gelingt es mir, jährlich auf Jedem von meinen Sklaven zehn Guineen Nutzen zu machen; was den Reinertrag meines Gutes auf dreitausend Pfund Sterling erhöht. Es ist wahr,«« fügte er bei, »»befolge ich den Plan dieser ökonomischen Verwaltung, so dauern meine Neger höchstens acht bis neun Jahre, doch was liegt daran, da am Ende von vier Jahren jeder Neger mir wiedergegeben hat, was er mich gekostet? Sollte er also nur noch vier bis fünf Jahre leben, so ist das seine Sache, da der Ueberschuß der vier Jahre ein reiner Nutzen ist. Der Mann stirbt, glückliche Reise! mit dem Profit allein, den ich in sieben bis acht Jahren an seiner Nahrung gemacht habe, besitze ich Mittel, um einen andern jungen, kräftigen Neger zu kaufen, statt eines erschöpften Menschen, der zu nichts mehr taugt, und Sie begreifen, bei dreihundert Sklaven ist die Ersparniß ungeheuer!««

»Das ist es, was dieser Mensch oder vielmehr dieser Tiger mit einem menschlichen Gesichte sagte! das ist es, was ich gehört habe, und ich schämte mich, daß derjenige, welcher dies sagte, ein Weißer war wie ich!

»O Europäer!« rief der Redner, indem er mit dem Willen, ihn zu unterbrechen, den Schauer unterbrach, den seine letzten Worte in der Versammlung erregt hatten, »werdet Ihr immer grausame Tyrannen sein, während Ihr wohlthätige Beschützer sein könnt? Die Wesen, die Ihr verfolgt, sind doch empfangen und geboren, wie Ihr, im Leibe einer Frau; sie hat sie neun Monate in ihrem Schooße getragen, wie Eure Mütter Euch getragen haben; sie hat sie zur Welt gebracht mit denselben Schmerzen und denselben Gefahren, mit denen Eure Frauen ihre Kinder zur Welt bringen! Sind sie nicht mit Milch gesäugt worden wie Ihr? mit derselben Zärtlichkeit wie Ihr aufgezogen worden? sind sie nicht Menschen wie Ihr? ist es nicht derselbe Schöpfer, der sie gebildet hat? ist es nicht dieselbe Erde, die uns getragen hat, und die uns nährt? ist es nicht dieselbe Sonne, die uns leuchtet? ist es nicht derselbe Vater des Weltalls, den wir Alle anbeten? haben sie nicht ein Herz, eine Seele, dieselben Neigungen der Zärtlichkeit und der Menschenliebe? Weil die Farbe ihrer Haut nicht der unsern gleicht, ist das ein gesetzlicher Titel, um sie umzubringen, um ihre Frauen zu entführen, ihre Kinder zu stehlen, ihre Väter in Fesseln zu schlagen, um sie auf dem Lande und auf dem Meere die abscheulichsten Grausamkeiten erdulden zu lassen?

»Leset die Geschichte aller Völker und aller Nationen der Erde, in keinem Reiche, in keinem Jahrhundert, selbst in den barbarischsten, werdet Ihr das Beispiel von einer so überlegten und so beharrlichen Grausamkeit finden. Warum müßt Ihr in einer Zeit, wo die gesunde Philosophie und die umfassendsten Kenntnisse Europa durch die erhabensten Entdeckungen erleuchten, noch der Schrecken der Africaner, der Abscheu von Eures Gleichen, die Verfolger des Menschengeschlechts sein? Laßt, es ist noch Zeit hierzu, so viele Grausamkeiten dadurch vergessen, daß Ihr der ganzen Erde das Beispiel der Humanität und der Wohlthätigkeit gebt: macht die Neger frei, zerbrecht ihre Ketten, schafft ihnen eine erträgliche Lage, und seid sicher, daß Ihr besser bedient werdet durch Freigelassene, welche Euch wie ihre Väter lieben werden, als durch Sklaven, die Euch hassen wie Henker!«

Dieser in einer Antithese endigende Redeschluß riß das Auditorium fort: Beifallklatschen, Bravos, stürmische Rufe erschollen von allen Seiten; die Männer stürzten nach der Tribune; die Frauen schwenkten ihre Taschentücher, und der Redner stieg unter dem enthusiastischen Geschrei: »Freiheit! Freiheit!« herab.

Danton wandte sich gegen Marat um; zwei- oder dreimal war er auf dem Punkte gewesen, sich der allgemeinen Hinreißung zu überlassen; doch er fühlte in seiner Nähe, in seinem Gefährten, etwas wie einen schlecht verhaltenen Spott, etwas wie eine Verachtung, welche loszubrechen im Begriffe, und das drängte ihn wieder zurück.

Als indessen der Redner geendigt hatte, wandte sich Danton, wie gesagt, gegen Marat um.

»Nun,« fragte er ihn, »was denken Sie hiervon?«

»Ich denke,« erwiederte Marat, »man müßte viele Sitzungen wie diese und viele Redner wie diesen brauchen, um zu machen, daß die Menschheit einen Schritt thun würde.«

»Die Sache, die er vertheidigt, ist jedoch schön!« versetzte Danton, der, an diese philosophische Phraseologie gewöhnt, wenigstens kämpfen wollte, ehe er sich ergab.

»Allerdings, aber es gibt eine Sache, deren Vertheidigung noch dringlicher ist, als die der Sklaven

Americas.«

»Welche?«

»Die der Leibeigenen Frankreichs.«

»Ich verstehe.«

»Sie haben versprochen, mir zu folgen?«

»Ja.«

»Kommen Sie.«

»Wohin gehen wir?«

»Nicht wahr, Sie haben mich unter die Aristokraten geführt, welche die Befreiung der Schwarzen verhandeln?«

»Allerdings.«

»Nun wohl, ich werde Sie unter die Demokraten führen, die sich mit der Befreiung der Weißen beschäftigen.«

Nach diesen Worten gingen Marat und Danton weg, ohne daß es Jemand bemerkte, – so merkwürdig sie waren, – dergestalt hatte sich die allgemeine Aufmerksamkeit beim Redner concentrirt, welcher unter den Glückwünschen der Versammlung von der Tribune herabstieg.

VII
Der Clubb der Menschenrechte

Nachdem sie ein paar Schritte gemacht, befanden sich Marat und Danton wieder im Palais-Royal, das schon etwas weniger zu dieser Stunde bevölkert war, als in der, wo sie angekommen, denn es fing an spät zu werden, und wenn die Beredtsamkeit von Malouet auch die Macht gehabt hatte, die Zeit vergessen zu machen, so hatte sie doch nicht die gehabt, dieselbe zu hemmen. Ueberdies, statt daß es Danton war, der Marat als Führer diente, war es Marat, der Danton führte, und den düstern Mann schien es zu drängen, das Ziel des Weges zu erreichen, als wäre er zu einem Rendez-vous gegangen.

Die zwei Gefährten gelangten in die Gallerie, welche längs der Rue de Valois hinläuft, und machten einige Schritte in dieser Gallerie; dann trat Marat rechts in eine kleine Passage, Danton folgte ihm, und Beide befanden sich bald außer dem Palais-Royal.

Die Rue de Valois war noch viel öder zu jener Zeit, als sie es heute ist; in der That, die Eigenthümer der Hotels, deren Aussicht durch die neuen Gebäude von Monseigneur dem Herzog von Orleans beschränkt worden war, hatten noch nicht Lust gehabt, Nutzen aus ihren Höfen und ihren Gärten dadurch zu ziehen, daß sie selbst bauen ließen; überdies war die ganze Facade des Palais-Royal, welche auf diese Seite ging, noch nicht vollendet und stellenweise der Durchgang, der den Wagen verboten, da Steine darin aufgehäuft lagen, kaum für die Fußgänger benutzbar.

Marat fand sich unter allen diesen Gerüsten, unter allen diesen zur Bearbeitung und Benützung bereit liegenden Steinen aus, als hätte er in seiner Hand den Faden dieses andern Labyrinths gehalten, und von Zeit zu Zeit sich umwendend, um zu sehen, ob sein Gefährte ihm folgte, führte er Danton an den Eingang von einer Art von Keller, in welchen man gelangte, nachdem man ein Dutzend Stufen hinabgestiegen war.

Alles schlief oder schien in der Straße zu schlafen, dieses Kellerloch ausgenommen, aus welchem bis zur äußeren Atmosphäre ein warmer Dampf und von Zeit zu Zeit Geräusche aufstiegen, welche die eines unterirdischen Vulcans zu sein schienen.

So gut ihn das Aeußere aus das Innere vorbereitet hatte, Danton blieb bei der Mündung dieses Schlundes stehen, in den Marat ohne Zögern getaucht war; endlich entschloß er sich, stieg die Treppe Stufe um Stufe hinab und machte auf der letzten Halt.

Man vernehme, was er von dieser letzten Stufe erblickte.

Einen ungeheuren gewölbten Saal, der ohne Zweifel einst, – das heißt vor der Erhöhung des Terrain, – als Orangerie für eines der großen Hotels gedient hatte, von denen ein Theil schon zu dieser Zeit verschwunden war, während der Rest alle Tage verschwand; diese Orangerie hatte seit fünfundzwanzig bis dreißig Jahren einer Taverne Platz gemacht, die sich ebenfalls, ohne ihre Bestimmung zu verändern, nichtsdestoweniger modificirte und ein Clubb werden sollte oder vielmehr geworden war.

Dieser, mit Ausnahme seiner Affiliirten, noch unbekannte Clubb, in welchen man, wie in den Freimaurerlogen, nur mit Hilfe gewisser Zeichen oder mittelst gewisser Worte aufgenommen wurde, dieser Clubb war der der Menschenrechte.

Die Tische, mochte das eine Klugheit sein, oder hatte man geglaubt, es finde keine zu stark ausgesprochene Disharmonie zwischen der alten und der neuen Bestimmung des Locals statt, die Tische waren an ihren Plätzen geblieben und fanden sich, in diesem Augenblicke beladen mit zinnernen, an Ketten festgehaltenen Bechern, umgeben von Trinkern, welche auf wurmstichigen Bänken und hinkenden Stühlen saßen.

Im Hintergrunde, in einer durch den Tabakrauch, durch den Dampf der Lampen, durch die verdichteten Aushauchungen der Consumenten unentschieden gewordenen Atmosphäre, sah man wie Schatten diejenigen sich bewegen, welchen ihre pecuniären Mittel nicht erlaubten, sich den Wein der Anstalt schmecken zu lassen, und die, bei leerem Magen, mit einer finstern, neidischen Miene diese Günstlinge des Glückes betrachteten, denen das Elend, minder grausam, noch ein paar Sous, um sie in dieser Kneipe auszugeben, ließ.

Hinter dieser compacten Masse, in einer fast verlorenen Ferne, erhob sich auf leeren Fässern eine Art von Theater, bekränzt mit einem alten Zähltische, der das Bureau des Präsidenten geworden war. Dieses Bureau trug ein angezündetes Licht, ohne welches es völlig im Schatten verborgen gewesen wäre, , und ein ausgelöschtes Licht; der Geist der Sparsamkeit, der über die Anstalt wachte, hatte als einen tadelnswerthen Luxus diese zwei zu gleicher Zeit angezündeten Lichter betrachtet und eines unterdrückt.

Es war ein großer Abstand von der eleganten, bisamduftenden Gesellschaft, von dem vergoldeten und mit Sammet tapezirten Saale, woher Danton und Marat kamen, zu dieser düstern, zerlumpten Versammlung, zu diesem schwarzen, rauchigen Gewölbe, unter das sie eindrangen; doch wir müssen hier sagen, sie waren durch die Ränder eines unsichtbaren Bürgerthums aus dem Paradiese der Aristokratie in die Hölle des Volkes getaucht.

Für den Augenblick schien die wichtige Person dieser unterirdischen Versammlung der Herr der Anstalt zu sein; es war wenigstens sein Name, der am öftesten, wenn nicht am harmonischsten, in der Versammlung ertönte, welche sicherlich zu dieser Stunde nicht ihres Gleichen aus der Welt hatte.

»Jourdan, Wein!« rief mit einer Stentorstimme ein colossaler Trinker mit zurückgeschlagenen Hemdärmeln, nervigen Armen und frischem Gesichte, – von jener Frische, welche den Fleischern und den Wurstmachern, das heißt den Menschen eigenthümlich, die den Dunst des Blutes einathmen.

»Man kommt schon, Herr Legendre,« sagte Jourdan, der die verlangte Flüssigkeit brachte; »doch ich muß Ihnen bemerken, daß dies die vierte Flasche ist.«

»Hast Du Angst, man bezahle Dich nicht, Thier?« versetzte der Fleischer, indem er aus seiner von Blut befleckten Schürze eine Handvoll Sous zog, unter welchen, wie jene Sterne, die uns viel größer scheinen, je näher sie der Erde sind, Thaler von drei und sechs Livres glänzten.

»Oh! das ist es nicht, Herr Legendre: man kennt Sie, und man weiß, daß Sie gut sind, um vier Flaschen zu bezahlen. Wenn Sie wollten, ich würde sogar mein Etablissement in der Rue de Valois gegen Ihre Fleischbank in der Rue des Boucheries-Saint-Germain tauschen; doch Sie sind ein Mann, der leicht aufbraust, und ich habe bemerkt, daß Ihnen von der fünften zur sechsten Flasche immer Unglück widerfuhr.«

»Mir?« sagte Legendre.

»Nein, ich irre mich,« erwiederte Jourdan, »Ihren Nachbarn.«

»So lasse ich es gelten!« rief Legendre mit seinem plumpen Gelächter, »doch da wir erst bei der vierten Flasche sind, so bediene kecklich, mein würdiger College! – denn Du hast alle Handwerke getrieben! Du bist Fleischer, Hufschmied, Schmuggler, Soldat im Regimente Auvergne, Stallknecht beim Marschall von Vaux gewesen . . . Nun bist Du in Deiner wahren Sphäre: Weinhändler! Du hast Alles vollauf . . . Zu trinken also, Meister Petit, wie man Dich jetzt nennt, oder Meister Jourdan, wie man Dich nannte, – zu trinken!«

»He! Jourdan!« rief man von einer andern Seite.

Jourdan stellte die Flasche vor Legendre und lief dem neuen Rufe zu, der an ihn von einem Menschen gerichtet wurde, welchen wir schon in dieser Geschichte erschaut haben.

»Was willst Du, mein alter Hébert?« fragte Jourdan vertraulich; »bleibt Dir noch eine kleine Contremarque, die man morgen benützen könnte?«

»Es bleibt mir nichts, nicht einmal mein Platz, weil man mich heute bei den Varietes vor die Thüre gesetzt hat, unter dem Vorwande . . . Doch es lohnt sich nicht der Mühe, den Vorwand zu nennen.«

»Und dann,« versetzte Jourdan lächelnd auf eine Weise, die nur ihm eigenthümlich, »und dann bin ich nicht neugierig.«

»Nein, Du bist aber gastfreundlich, besonders wenn man Dich bezahlt . . . Ich mache Dich also darauf aufmerksam, daß Du von morgen an uns auf Kosten der Masse zu speisen hast, – mich und diesen Herrn!«

Hierbei deutete Hébert auf einen Mann von sechsunddreißig bis achtunddreißig Jahren, mager, gelb, mit lebhaftem Auge, dessen Tracht eine seltsame Mischung von falschem Luxus und wirklichem Elend bot.

»Wer ist dieser Herr?« fragte Jourdan.

»Der Herr ist der Bürger Collot d'Herbois, der die ersten Trauerspielrollen in der Provinz spielt und in seinen verlorenen Stunden Komödien macht; da er aber in diesem Augenblicke weder die Rollen der Andern spielen, – weil er ohne Anstellung ist, – noch die seinigen spielen machen kann, – weil die Comedie-Francaise seine Stücke zurückweist, – so wendet er sich an den Clubb der Menschenrechte, und da jeder Mensch ein Recht auf Nahrung hat, so sagt er zu der Gesellschaft, zu der wir gehören: »Nähre mich!«

»Hierzu brauche ich ein Wort des Präsidenten.«

»Hier hast Du es, Dein Wort . . . Du siehst, es ist für zwei: von morgen an mußt Du uns speisen. Mittlerweile tränke uns: man ist noch nicht ganz entblößt, und man kann die Zeche von heute Abend bezahlen.«

Und lachend zog Hébert mit einem freundschaftlichen Lieblingsschwure aus seiner Hosentasche ein Dutzend Thaler, welche bewiesen, daß er, wenn man ihn von dem Platze, den er bei der Controle der Varistés einnahm, weggeschickt hatte, nicht ganz mit leeren Händen abgegangen war.

Jourdan holte den Wein, doch unter Weges wurde er aufgehalten von einer Person, die an einem von den das Gewölbe tragenden Pfeilern stand.

Es war dies ein wohl sechs Fuß hoher Mann, der einen fadenscheinigen, aber reinlichen, anständigen schwarzen Rock trug; er hatte ein durch sein feierliches Wesen fast trauriges Gesicht. »Einen Augenblick, Jourdan,« sagte er.

»Was wünschen Sie, Herr Maillard?« fragte der Wirth mit einer Art von Ehrfurcht; »nicht Wein, das weiß ich.«

»Nein, mein Freund; ich wünschte nur zu wissen, wer jener Mensch ist, der sich auf zwei Krücken stützt und mit unserem Vicepräsidenten, Fournier dem Americaner, spricht.«

Auf der andern Seite des Saales sprach in der That ein Mann von zweiunddreißig bis vierunddreißig Jahren, mit langen Haaren, mit leidendem, schwermüthigem Gesichte, mit zusammengebogenem Körper und gestützt durch zwei Krücken, mit einer Art von Bullenbeißer.

Es war der Letztere, der seitdem so berühmt geworden, – wie übrigens die Mehrzahl von denjenigen, welche wir in Scene bringen, – den der Huissier Maillard Jourdan unter dem Namen Fournier der Americaner bezeichnet hatte.

»Der, welcher mit unserem Vicepräsidenten spricht?« versetzte Jourdan; »warten Sie doch!«

»Oh! ich bin der Mann der Gesetzmäßigkeit: es ist beschlossen, daß man nur unter gewissen Bedingungen zugelassen werden soll, und ich will wissen, ob diese Bedingungen erfüllt sind.«

»Ah! ich erinnere mich! er ist vollkommen in Ordnung . . . Und sehen Sie, er zeigt eben sein Creditiv Herrn Fournier. Es ist ein Advocat oder ein Richter, – ein Richter vom Tribunal von Vermont, glaube ich; er ist mit einer Lähmung in den Beinen bedroht und kommt nach Paris, um sich Raths zu erholen. Er heißt Georges Couthon und ist von Patrioten von Auvergne empfohlen.«

»Gut, sprechen wir nicht mehr davon . . . Und jener Andere, der so schöne Kleider hat und so häßlich ist?«

»Welcher?«

»Der, welcher auf der letzten Stufe der Treppe steht, als wäre er ein zu vornehmer Herr, um auf demselben Boden zu gehen, wie wir.«

»Der dort? ich kenne ihn nicht; doch er ist mit einem unserer Bekannten gekommen.«

»Mit wem?«

»Oh! mit Einem, der nicht verdächtig ist.«

»Mit wem ist er denn gekommen?«

»Mit Herrn Marat.«

»He! he! . . . und der Wein?« rief Hébert, indem er sich an Jourdan mit einer halb freundschaftlichen, halb drohenden Geberde wandte, welche dieser durch eine analoge Bewegung des Kopfes und der Schultern erwiederte; »unser Wein?«

Dann die Hand einer neuen Person reichend, welche in diesem Augenblicke eingetreten war und mitten durch die ehrenwerthe Versammlung mit dem anmuthigen, geschmeidigen Wesen einer Katze schlüpfte:

»Ah! komm doch, Bordier, daß ich Dich Herrn Collot d'Herbois, einem Collegen, vorstelle.«

Der Ankömmling verbeugte sich, indem er seine Hände kreuzte und eine reizende Kopfbewegung machte.

»Herr Collot d'Herbois, mein Freund Bordier, der berühmte Arlequin, der gerade im Zuge ist, das Glück der Varietes zu machen, wo er im Augenblicke: Arlequin, Kaiser im Monde spielt, ein Werk, welches sicherlich nicht den Werth der Ihrigen hat, das aber ganz Paris anzieht.«

»Ich habe den Herrn gestern gesehen,« ermiederte Collot, »und ich habe ihm mit dem größten Vergnügen Beifall zugeklascht.«

»Mein Herr. . .« sprach der Arlequin sich aufs Neue verbeugend.

»Sie sagen besonders auf eine bewunderungswürdige Weise: »»Ihr werdet sehen, daß ich bei Alle dem am Ende eines Tages gehenkt werde!««

»Sie finden, mein Herr?« versetzte Bordier.

»Oh! bei meinem Worte, es ist unmöglich, eine mehr durch die Angst komische Betonung zu finden, als es die Ihrige ist.«

»Stellen Sie sich vor, daß ich in das Stück diese Phrase habe setzen lassen, welche nicht darin war.«

»Und aus welchem Grunde?«

»Ah! hören Sie. Als Kind sah ich einen Menschen henken; das war sehr häßlich. In der folgenden Nacht träumte ich, ich werde gehenkt; das war sehr traurig. Der Traum und die Wirklichkeit sind mir so lebendig im Geiste geblieben, daß ich schaudere, so oft ich an einen Galgen denke! Sie wissen aber, man ist Künstler, oder man ist es nicht: Dugazon hat zweiundvierzig Manieren, die Nase zu bewegen, erfunden, und mit jeder macht er lachen; ich habe nur eine Manier erfunden, zu sagen: »»Ihr werdet sehen, daß ich bei Alle dem am Ende eines Tages gehenkt werde!«« und ich mache beinahe weinen . . . Doch verzeihen Sie, ich glaube, die Sitzung beginnt.«

Es war wirklich das zweite Licht, welches das Bureau zu beleuchten bestimmt, angezündet worden, und der Vicepräsident Fournier schien den Präsidenten Marat einzuladen, er möge den Stuhl einnehmen. Marat weigerte sich aber.

»Was hat denn Marat heute?« fragte Bordier; »man sollte glauben, er lehne die Ehre des Präsidiums ab.«

»Er will ohne Zweifel sprechen,« erwiederte Hébert.

»Spricht er gut?« fragte Collot d'Herbois.

»Ich glaube wohl!« antwortete Hébert.

»Wie wer spricht er?«

»Wie wer? Er spricht wie Marat.«

In diesem Augenblicke ließ sich die Glocke des Vizepräsidenten hören; ein Schauer durchlief die Versammlung. Auf ein Zeichen von Jourdan verrammelte ein Aufwärter der Schenke die Kelleröffnung. Marat nahm Danton beim Arme und führte ihn in die erste Reihe des Kreises, der sich um die Tribune bildete; auf die Töne der Glocke folgten die vom Vicepräsidenten ausgesprochenen Worte:

»Bürger, die Sitzung ist eröffnet.«

Alsbald erlosch das Gemurmel, das über dieser Menge schwebte, und es trat eine Art von Stille ein, in der man indessen alle die Volkstumulte leben fühlte, welche die Sitzung unterbrechen sollten, von der wir Rechenschaft zu geben versuchen wollen.

VIII
Der Weißenhandel

Für Danton besonders war der Anblick dieser Versammlung charakteristisch. Im Bürgerstande geboren, hatte Danton, wie jeder in einer Mitte geborene Mensch, einen Instinct, der ihn aus dieser Mitte herauszog: – die Instincte des Einen ziehen ihn nach oben, die Instincte des Andern ziehen ihn nach unten; die Instincte von Danton zogen diesen zur Aristokratie hin. Ein sinnlicher Mensch, ein politischer Epicuräer, ein zukünftiger Staatsmann, sanguinisch, aber nicht sanguinär, liebte Danton die schöne Wäsche, die berauschenden Wohlgerüche; Danton liebte die Seide und den Sammet; Danton, er mit der noch harten, rauhen Haut, liebte die feine, weiße Haut, welche am 2. und am 3. September, an diesen Tagen entsetzlichen Andenkens, im Munde seiner Agenten ein Todesurtheil wurde.

Danton kam nun aus einer Reunion, wo er Alles dies gefunden hatte: Glanz der Kerzen, Rauschen der Seide, Zartheit des Sammets, Schaukeln der Federn, Licht der Diamanten; er hatte die balsamische Atmosphäre eingeathmet, welche nicht nur aus einer Mischung von destillirten Wohlgerüchen, sondern auch aus jener noch viel sinnlicheren, noch viel berauschenderen Ausströmung besteht, die aus jungen, gepflegten, aristokratischen, mit einander in Berührung gesetzten Organisationen hervorgeht; und plötzlich, ohne Uebergang, fiel er in die Untiefen der Gesellschaft, mitten unter rauchige Lichter, schmutzige Hände, übel riechende Lumpen; er begriff die unbekannte Existenz dieser andern lebenden Katakomben unter diesem andern Rom, dessen Anblick sie an einem gegebenen Tage verändern sollten; er begriff! – und ganz schauernd nach dem Contraste des Gesichtes, des Gehöres, des Geruches, wartete er auf den Contrast der Rede.

Der Contrast ließ nicht auf sich warten.

Bordier, der Schriftführer des Clubbs, stand auf und gab der Versammlung Kenntniß von den Correspondenzen aus der Provinz.

Das erste Factum, das dem Clubbe der Menschenrechte angezeigt wurde, war folgendes:

»Gilles Leborgne, Ackermann in Machecoul bei Nantes, der ein Kaninchen, welches seinen Kohl fraß, getödtet hatte, war auf Befehl des Herrn von Machecoul an einen Pfosten gebunden und gepeitscht worden.«

Die Thatsachen folgten sich, und alle zeugten von dieser Grausamkeit, welche mit wenigen Ausnahmen die Privilegirten der Zeit an den niedrigen Klassen übten.

Pierr, genannt der Glöckner, Tagelöhner in Pont-Saint-Mesmin, der sich geweigert hatte, in der Frohne das Wasser in den Gräben des Schlosses zu schlagen,15 während die gnädige Frau in den Wochen lag, war in einen noch heißen Ofen eingesperrt worden. Er war durch Erstickung gestorben.

Barnabé Lampon von Pithiviers, der eine Frau und sechs Kinder hatte, lebte seit drei Monaten nur von Gras und Baumblattern; er war so schwach, daß er kaum seinen Namen unten an diese Angabe seines Elends hatte schreiben können.

Und bei jedem Factum, das der Schriftführer mittheilte, drückte Marat heftig das Handgelenke von Danton und fragte ihn leise:

»Was sagst Du hierzu, Danton? was sagst Du?«

Und Danton der Sinnliche, Danton der Wollüstige, Danton der Epicuräer fühlte etwas wie einen Gewissensbiß in seine Secle hinabsteigen, indem er an alle die Perlen, an alle die Diamanten, an alle die Vergoldungen dachte, die er gesehen, an diese Männer, welche Seufzer ausstießen, an diese Frauen, welche Thränen vergossen über das Elend der Africaner, die zweitausend fünfhundert Meilen von Frankreich litten, während in Frankreich selbst, unter den Füßen von Paris, Menschen nicht minder gräßliche Schmerzen litten, mit nicht minder entsetzlichem Elend rangen.

Die Liste entrollte sich, und jede neue Thatsache entzündete einen neuen Blitz in allen diesen flammenden Blicken; man fühlte, daß es nicht eine fremde, entfernte Sache, die Sache einer andern Race war, die diese Menschen verteidigten, sondern eine Sache, für die sie gelitten hatten, eine Sache, für die sie zu kämpfen im Begriffe standen. Die Brust Aller war keuchend, angeschwollen, nahe daran, durch die Lippen zu überströmen! Jeder wartete auf den Augenblick, wo der Schriftführer seine lange, schmerzliche Aufzählung werde gelesen haben, um nach der Tribune zu eilen, um sein Wort auf diesen Brand zu gießen, nicht als ein Wasser, das auslöscht, sondern als ein Oel, das in Flammen setzt.

Alle stürzten nach der unförmlichen Tribune.

Marat streckte, ohne sich von seinem Platze zu rühren, die Hand aus.

»Der Bürger Marat verlangt das Wort,« sagte der Präsident: »der Bürger Marat hat das Wort.«

»Ja! ja!« riefen zweihundert Stimmen; »Marat auf die Tribune! . . . Marat! Marat! Marat!««

Und Marat schritt mitten auf dem Wege hin, den ihm diese menschlichen Wogen machten, wie Moses mitten durch die Wellen des rothen Meeres schritt, das vor ihm zurückwich.

Er stieg langsam die Leiter mit ihren vier Sprossen hinauf, welche zu der Schaubühne führte, griff mit seiner schwarzen, fettigen Hand in seine langen Haare, warf sie zurück, als hätte er befürchtet, ein einziger von seinen häßlichen Zügen könnte in seinem Ausdrucke verschleiert werden, und sprach:

»Ihr Alle, die Ihr hier seid, Ihr habt das Röcheln eines ganzen Volkes gehört, das mit dem Tode ringt und wehklagt! eines Volkes, das sich an Euch wendet, denn es setzt seine Hoffnung nur auf Euch! . . . Nun wohl! sagt, auf wen setzt Ihr Eure Hoffnung, an wen werdet Ihr Euch wenden? Wir kennen diejenigen, welche wir fürchten müssen: sagt uns diejenigen, auf welche wir hoffen dürfen?«

»Lafayette! Necker!« riefen mehrere Stimmen.

»Lafayette! Necker!« wiederholte Marat, »auf diese zwei Männer setzt Ihr Eure Hoffnung?«

»Ja! ja! ja!«

»Auf den Einen als General, auf den Andern als Minister?«

»Ja! ja! ja!«

»Also ein Aristokrat und ein Zöllner, ein Schönredner und ein Geldmäkler, das sind Eure Männer, Eure Helden, Eure Götter! Wißt Ihr, was Lafayette ist? Ich will es Euch zuerst sagen. Wißt Ihr, was Necker ist? Ich will es Euch nachher sagen.«

»Sprich, Marat, sprich!« riefen hundert Stimmen.

Ein Lächeln tiefen Hasses zog über die Lippen des Redners, ein Lächeln des Tigers, der seine Beute zu zerfleischen im Begriffe ist.

»Fangen wir mit Lafayette an,« fuhr Marat fort: »das wird nicht lange dauern, denn er ist, zum Glücke für uns, am Anfange seiner Laufbahn, und ich habe nicht viel über ihn zu sagen: doch das, was ich sagen werde, wird hoffentlich genügen, um das Mißtrauen in Eure Herzen zu bringen, denn was ich sage, wird ihn Euch unter seinem wahren Lichte sehen lassen.

»Unser Held ist geboren in Chavagnac in der Auvergne. Wenn die cabbalistischen Zeichen, welche die Geburt des schändlichen Octavius begleiteten, den seine Schmeichler Augustus nannten, wenn diese charakteristischen Zeichen nicht bei der Geburt des Marquis von Lafayette vorwalteten, so bin ich doch wenigstens befugt, zu behaupten, der Ehrgeiz, die alberne Eitelkeit und die Lächerlichkeit haben über seine Wiege ihre bösartigen Einflüsse verbreitet.

»Seine Mutter nannte ihn ihren Rousseau; warum dies? etwa weil er im Ruhme mit dem unsterblichen Verfasser von Emile und vom Contrat social rivalisiren sollte, oder einfach, weil ihn die Natur, verschwenderisch für diesen jungen Kopf, mit einem feuerfarbigen Haare begabt hatte?

»Das wird uns die Zukunft enthüllen; ich, was mich betrifft, ich neige mich sehr zu der zweiten Erklärung, weil mein Held noch nichts gethan hat, daß sich die erste auf ihn anwenden ließe.

»Mittlerweile war es der viel geliebte Sohn, der theure Erbe; er kam auch aus den Händen der Frauen so verzogen, so halsstarrig, so unwissend, so eigenwillig, als der gegenwärtige Dauphin vom Hofe von Frankreich. Wen betraute man nun mit der Sorge, diesen reizenden Charakter zu entwickeln? wer war der verständige, der weise, der tugendhafte Lehrer, den man an seine Seite stellte, um die Natur durch die Erziehung zu verbessern? Ihr kennt ihn Alle: es ist ein Schulfuchs, ein ehemaliger Schiffskaplan, ein Jesuit, den die Barmherzigkeit in das Hotel aufgenommen, um das Spielzeug und der Possenreißer der Herrschaft und der Verfolger der Dienstboten zu sein, – trinkend wie ein Tempelherr oder wie der Vicomte von Mirabeau, fluchend wie ein Matrose, ausschweifend wie ein Prinz von königlichem Geblüte; dies war der Mentor vom jungen Marquis, vom zukünftigen Rousseau, von Blondinet, kurz von Lafayette . . .

»In den Händen dieses Menschen, der selbst eine ehrlichere Natur verdorben hätte, blieb der zukünftige Befreier Americas bis zu dem Augenblicke, wo er in das Collége du Plessis eintrat.

»Wer war hier sein Lehrer? wer war der Nachfolger des von uns genannten Menschen? Ein anderer Schulfuchs, ein anderer Jesuit: der Sprößling der Urmarmungen eines Pastetenbäckers der Rue Feydau und der Beschließerin des Herzogs von Fitz-James, der es durch Intriguen und Gemeinheiten dahin gebracht hatte, daß er den König mein Vetter16 nennen und sein Haupt mit der Rectorsmütze aufputzen durfte. Mit Hilfe dieses würdigen Lehrers durchlief er alle Classen; mit Hilfe dieses würdigen Lehrers concurrirte er um den von der Universität ausgesetzten Beredtsamkeitspreis; mit Hilfe dieses würdigen Lehrers, der ihm seine Ausarbeitung unter dem Titel Rede eines Generals an seine Soldaten machte, wurde Blondinet von Lafayette gekrönt. Dieser erste Lorbeer erregte bei ihm den Geschmack hierfür.

»Ueberdies rühmte Jeder diesen jungen Laureaten, der mit achtzehn Jahren eine Hannibals und Scipios würdige Rede geschrieben hatte, welche hinreichend von dem zeugte, was eines Tages auf der Laufbahn der Waffen ein Krieger thun müßte, der mit der Theorie die Praxis verbinden würde.

»Die Frauen, diese frivolen, leichtsinnigen Geschöpfe, fingen auch an die übertriebensten, widerlichsten Lobeserhebungen an ihn zu verschwenden; sie vergifteten so seine Eigenliebe, sie leiteten durch diese schmählichen Zuvorkommenheiten, welche ihre gewöhnliche Schwäche nur zu sehr der Eitelkeit zu bieten weiß, seine Vernunft irre, gefielen sich darin, diese junge Pflanze zu verderben und auszutrocknen, und Jede von ihnen wünschte, – nach dem Beispiele der Königin von Saba, welche einen so weiten Weg machte, um eine Nacht mit Salomo zuzubringen, – Jede wünschte, der schöne Blondinet von Lafavette möchte ihr das Schnupftuch zuwerfen.

»Unter diesen Conjuncturen erschien Blondinet von Lafavette am Hofe von Frankreich, in diesem Klima, dessen Atmosphäre vergiftet ist, von dem die Schaam, die Zucht, die Ehrbarkeit, die Offenherzigkeit und die Aufrichtigkeit ohne Rückkehr verbannt sind; hier geschah es, daß er, da er jeden Tag eine Gelegenheit fand, in sich den Geist der Frivolität zu befestigen, der den Grund seines Charakters bildet, nach und nach geckenhaft, schamlos und falsch wurde; hier nahm er die Gewohnheit an, die er immer behalten, die Gewohnheit, das Lächeln auf den Lippen, die Freundlichkeit im Blicke und die Falschheit im Herzen zu haben. Zum Glücke läßt sich heute außer den Dummköpfen und den Blödsinnigen Niemand mehr durch dieses Lächeln und durch diese Freundlichkeit bethören: die Gleißnerei ist entdeckt, die Maske zerreißt in Fetzen! Oh! warum kann ich sie nicht ganz vor Euren Augen enthüllen, die verschmitzte, arglistige Physiognomie des angeblichen Helden, den die französische Nation, eine blinde Nation, an die Spitze der Patrioten stellt, und dem sie die wichtigsten und ihrem Glücke schädlichsten Gewalten anzuvertrauen bereit ist.

»»Aber,«« werdet Ihr mir sagen, »»Du zeigst uns da den Helden der Bettgänge, der Etiquette, des Hofes, und nicht den Waffengefährten von Washington, den Freund von Franklin, den Befreier von America.««

»Warum habt Ihr ihn nicht vorhin gesehen, wie ich, diesen Helden einer neuen Welt, der in die alte zurückgekommen ist, mit dem Geleite von jenen Erinnerungen, welche, gegen die Gesetze der Perspective, wachsen, indem sie sich entfernen? warum habt Ihr Ihr ihn nicht gesehen, wie er das Taschentuch der Frau Gräfin von Montesson aufhob, wie er sein Riechfläschchen der Frau Marquise von Beauharnais bot, wie er seine Degenschleife an den Hals des Hundes der Frau Gräfin von Genlis band, wie er bei der Rede von Herrn von Malouet in die Hände klatschte, und bei der Erzählung von den Mißgeschicken der armen Neger eine Thräne abwischte? Ihr hättet ihn zu seinem Werthe geschätzt, diesen Vorzimmergeneral! Ihr hättet erfahren, was Ihr von diesem aristokratischen Messias erwarten dürft!

»Ist Lafayette wirklich das, was man sagt, daß er sei, warum ist er dort, und nicht hier? warum ist. er unter ihnen, und nicht unter uns? Hat er Thränen zu vergießen, Franzosen, so vergieße er seine Thränen über die Schmerzen Frankreichs; liebt er wirklich das Volk, so komme er zu uns, die wir das wahre Volk, das einzige Volk sind; und dann werde ich, der ich ihn in diesem Augenblicke angreife, ich, der ich ihn Euch zeige, nicht wie Ihr ihn seht, sondern so, wie er ist, ich werde ihm entgegengehen, ich werde ihm die Thüre öffnen, ich werde mich auf der Schwelle verbeugen und zu ihm sprechen: »»Sei willkommen, Du, der Du von Seiten der Freiheit kommst!««

Einiges Beifallklatschen unterbrach Marat, doch es war erkünstelt und wie verschämt. Man sah, daß er eine von den am tiefsten befestigten Volksüberzeugungen vor den Kopf gestoßen, und daß die Waffe der Lächerlichkeit, der er sich bedient, denjenigen, welchem er damit eine tödtliche Wunde beizubringen gehofft, nur gestreift hatte.

Er beharrte auch für diesen Tag nicht weiter bei Lafayette, den er zwei Jahre hinter einander mit allen seinen Zähnen beißen und zerreißen sollte.

»Was Necker betrifft,« fuhr er fort, »o armes Volk, wie man Dich verblendet! – was Necker betrifft, willst Du ebenfalls wissen, wer er ist? ich will es Dir sagen.

»Vor Allem, – ich habe Necker in meinem Leben nicht gesehen: ich kenne ihn nur dem Rufe nach, durch einige von seinen Schriften, durch einige von seinen Operationen; obgleich mein Zeitgenosse, ist er mir so fremd, als es mir ein Bewohner der andern Welt, Sejanus oder Crassus, wäre.

»Vor zwölf Jahren kannte man Herrn Necker nur als Banquier; aber sein Reichthum, der ihm die Achtung in der Welt erwarb, war in meinen Augen ein Titel der Verachtung; denn von diesem Reichthume kannte ich die Quelle. – Soll ich sie Euch nennen? Höret.

»Necker ist geboren in Genf, der Heimath des großen Rousseau. Ach! wie Rousseau verließ er Genf, nicht um sich dem Glücke seiner Zeitgenossen, den Fortschritten der Menschheit zu opfern, sondern um sein Glück zu machen. In dieser Hoffnung trat er als Commis beim Banquier Thélusson ein.

»Durch Beharrlichkeit und heuchlerisches Wesen wurde er Kassier; sobald er diese Stelle hatte, fing er an für seine eigene Rechnung mit dem Gelde der Kasse zu agiotiren.

»Es befand sich im Hause ein Buchhalter Namens Dadret, der durch seine langen Dienste auf dem Punkte war, mit der Banque associrt zu werden; Necker erhielt den Vorzug vor ihm, mittelst der Einzahlung einer Summe von achtmal hunderttausend Livres, die er in die Kasse machte. Wie verschaffte er sich diese Summe, er, der nichts auf der Welt besaß? Ich will es Euch sagen.

»Ein Engländer hatte diese Summe bei Thélusson angelegt, und Herr Necker hatte es auf den andern Tag verschoben, sie einzutragen; der Engländer starb in der Nacht; keine Urkunde bewies dieses Depositum, die Summe wurde nicht reclamirt, der Genfer eignete sich dieselbe an. Dies war der Anfang seines Vermögens.

»Das Verlangen, neue Reichthümer zu erwerben, ließ ihn ein Mittel finden, das Geheimniß des Cabinets von Saint-James zu entdecken; er machte Herrn Thélusson den Vorschlag, Canada-Actien zu kaufen. Wer nichts von den Taschenspielerstücken gehört hat, die er anwandte, um diese Papiere zu discreditiren und sie mit siebzig bis fünfundsiebzig Procent Verlust zusammenzukaufen, der mag die Lobrede auf Colbert von Herrn Pelinery befragen. Wer nichts von den Taschenspielerstückchen gehört hat, die er anwandte, um sich, den Ruin der Indischen Compagnie herbeiführend, zu bereichern, mag zwei in einem Werke betitelt: Theorie und Praxis von Herr Necker bei der Verwaltung der Finanzen, enthaltene Aufsätze befragen.

»Seine Bewunderer machen als einen Zug von Gewandtheit geltend, er sei fünf Jahre, und zwar in Kriegszeiten, an seinem Posten gewesen, ohne einen Sou Steuer aufzulegen; das heißt mit den Worten spielen, denn die Interessen seiner zahlreichen Anlehen sind wahre vom Volke erhobene Steuern. Er hat aber die Nation um mehr als sechzig Millionen jährlich benachtheiligt!

»Mitten unter den Lustbarkeiten von Trianon wurde die Königin guter Hoffnung.

»Ihr wißt Alle, was für Lustbarkeiten dies waren, nicht wahr? Man erleuchtete einen Theil der Bosquets von Trianon, und in einem derselben errichtete man einen Thron von Farnkraut; hier spielte man König, wie die kleinen Mädchen Gouvernante spielen. Dieser erwählte König hielt seinen Hof, gab seine Audienzen, sprach Recht in den Klagsachen, die bei ihm von seinem durch die Leute des Hofes repräsentirten Volke angebracht wurden. Und was für Kläger waren dies? Die Parodie der Deinen, wahres Volk, das Du leidest, das Du wehklagst, das Du mit dem Tode ringest, während die Großen Deinen Todeskampf, Dein Wehklagen, Deine Leiden spielen! Herr von Vaudreuil war aber beinahe immer der König, der gewählte König. Er wählte die Königin; die Königin war gefunden, es war die Tochter von Maria Theresia, es war Marie Antoinette, es war die Oesterreicherin; dann verheirathete er die andern Herren an andere Damen des Hofes; dann sprach er das sacramentale Wort, das berufene Decampativos; sogleich entfloh jedes Paar, mit dem vom Farnkrautkönig erlassenen Verbote, vor Ablauf von zwei Stunden wieder im Thronsaale zu erscheinen, und besonders mit dem Verbote, mehr als ein Paar zusammen in dasselbe Bosquet zu gehen! Das war ein reizendes Spiel, wie Ihr seht! Wie wäre es möglich, die Seufzer des Volkes bei Hofe zu hören, wenn man dort so reizende Spiele spielt!

»Unter diesen Spielen wurde die Königin schwanger; unglücklicher Weise gebar sie aber eine Tochter: es handelte sich darum, eine neue Schwangerschaft hervorzurufen; die Aerzte schlugen die Bäder vor; doch Herr Necker behauptete, die Bäder seien um nöthig, die Fortsetzung der sinnreichen Belustigung genannt Decampativos könne mit dem Einflusse der befruchtendsten Bäder den Wettkampf eingehen, und obgleich es erwiesen war, daß der jeden Abend erwählte König beinahe eben so viel kostete, als der mit göttlichem Rechte regierende König, beharrte er doch bei diesem Recepte.

»Gott segnete Herrn Necker, und zum zweiten Male schwanger geworden, gebar die Königin Monseigneur den Dauphin.

»Die Königin war nicht die Einzige, bei der das Recept seine Wirkung hervorgebracht habe; Madame Jules von Polignac war auch schwanger geworden; die Königin gab ihr im Augenblicke ihrer Niederkunft ein Wickelzeug im Werthe von achtzigtausend Livres, und der König ein Geschenk von hunderttausend Livres. Man wollte das Herzogthum Mayenne beifügen, das einen Werth von vierzehnmal hunderttausend Livres hatte, denn es war ein sehr armseliges Geschenk ein Geschenk von hundert und achtzig tausend Livres für ein königliches Geschenk; doch der rechtschaffene, doch der strenge Herr Necker widersetzte sich. Nach einiger Zeit überlegte er freilich . . . er überlegte, daß Herr Turgot durch eine ähnliche Weigerung gefallen war, und da ihm sehr viel an seinem Platze lag, von welchem ihn die Günstlingin zu vertreiben drohte, so bestimmte er die Königin, Madame Jules ein Geschenk von drei Millionen in Geld zu machen, statt des Herzogthums, das nur vierzehnmal hunderttausend Livres werth war. Herr Necker war ein guter Höfling, wie Ihr seht und Frau von Polignac hat nichts beim Warten verloren.

»Du begreifst nun wohl, armes Volk, daß Herr Necker das, was er für die Fremden thut, um so viel mehr für die Seinigen thut. Herr Necker besitzt eine Tochter, die er an einen Deutschen verheirathet hat; denn, obgleich er ihre Mitgift in Frankreich gewonnen, hat er sie doch nicht für einen Franzosen vorbehalten: diese Tochter heißt Frau von Stael; sie ist jung, sie ist geistreich; sie ist die würdige Tochter des Genfer Banquiers . . . sie spart nichts, gar nichts, um ihrem Vater Parteigänger zu machen, und ihr Vater verweigert nichts den Parteigängern, die sie ihm gemacht hat.

»Ich sagte Euch, wer Lafayette ist, ich sage Euch nun, wer Necker ist, und ich füge bei: Zählt weder auf den Einen, noch auf den Andern, denn das hieße die Zukunft der Nation wie eine Feder in den Wind, wie ein Brett ins Meer werfen; das hieße das Glück des Landes auf die Frivolität, den Verrath und die Habgier bauen.«

Marat hielt inne, um zu athmen. Dieses zweite Mal war er besser inspirirt gewesen, als das erste Mal, nicht als wäre der protestantische Banquier in der Popularität dem aristokratischen General nicht gleichgekommen; doch wir sind so in unseren ganz instinctartigen Sympathien: ein Geldmann ist leichter bei uns anzugreifen, als ein Schwertmann; man zählt nicht den ganzen Tag Geld, ohne daß einem am Abend ein wenig Schmutz an den Händen bleibt.

Das, am Ende der Periode von Marat über Lafayette noch verhaltene, Beifallklatschen brach auch am Ende der Periode von Marat über Necker los.

Jeder hatte diese doppelte Rede mit seinem Temperamente, seinem Instincte, seinem Hasse angehört. Jourdan, ein fanatischer Verehrer des Redners, machte das Zeichen eines Menschen, der einen Kopf abschneidet; Legendre streckte seinen nackten Arm gegen die Tribune aus; Collot d'Herbois wiegte, um seine Beistimmung anzudeuten, den Kopf in einer theatralischen Haltung; Bordier stampfte mit den Füßen; Fournier der Americaner zeigte, die Lippen aufgebogen durch das Lächeln der Verachtung, seine Zähne so weiß wie die eines Tigers; Maillard war ruhig und kalt; mit voller Brust athmend, warf Couthon mit einer edlen Bewegung seines schönen Kopfes seine langen Haare zurück.

Was, Danton betrifft, – er schaute mit einer Art von Schrecken diesen Mann an, der, dunkel und unbekannt, so in die Gesellschaft bei ihren geheimen Theilen biß, der die zwei Idole des Tages, die man Lafayette und Necker nannte, und das Idol aller Zeiten, das man die Monarchie nennt, angriff.

Und wie griff er Alles dies an? Mit der Wahrheit und mit der Lüge, mit der Lästerung und mit der Verleumdung, von vorne und von hinten, ihm gleichviel!

Es war zugleich in diesem Menschen vom Zahne der Dogge und vom Gifte der Schlange!

Aber wie gut wußte dieser Mensch, zu wem er sprach! wie ließ er seine Worte eines um das andere auf diese gierige, mit Schmerzen behaftete leidende Menge fallen! wie war seine Rede ein warmer Thau für diesen Haß, der, in die Tiefe des Herzens von Jedem gesäet, nichts Anderes verlangte, als seine giftigen Blüthen sich erschließen zu machen, als seine vergifteten Früchte zu tragen; wir entdeckten endlich bei den Scheinen, welche die Fackel des Pamphletärs auf diese Welt der Großen schüttelte, welche bis dahin den Kleinen unbekannt, wir entdeckten, sagen wir, diese Kleinen düstere Horizonte in der Vergangenheit und noch düsterere in der Zukunft!

Marat begriff, daß die Geister geneigt waren, ihn zu hören, daß er nach diesen zwei Angriffen eine Hauptcharge, und nach diesen zwei bestrittenen Siegen einen unbestreitbaren Triumph brauchte.

Er winkte, daß er noch etwas zu sagen habe! die Stille trat wie durch einen Zauber wieder ein.

Beide Hände über das schauernde Auditorium ausstreckend, fuhr Marat fort:

»Und nun höret wohl, was ich Euch noch zu sagen habe. Alle, so viel ihr Eurer seid. Hätten zwei Menschen Eure Mutter am längsten, am schmerzlichsten, am grausamsten der Tode, am Hunger sterben lassen, würdet Ihr ihnen vergeben? Nicht wahr, nein? Um so viel weniger würdet Ihr Eure Vertheidiger, Eure Wächter, Eure Netter, Eure Idole aus ihnen machen. Nun wohl, diese Menschen, der Eine Geldmäkler, der Andere Aristokrat, sind die Repräsentanten der zwei Racen, welche Eure Mutter, unsere Mutter, die gemeinschaftliche Mutter getödtet haben, – die Erde! die Erde, auf der wir geboren sind, die uns zur Welt bringt, die uns nährt mit ihrer Substanz, die uns empfängt nach unserem Tode, und die wir, entartete Kinder, vergessen, wenn sie uns zuruft: »»Zu Hilfe! ich ringe mit dem Tode! zu Hilfe! ich sterbe!« «.

»Oh! ich öffne schon lange das Ohr für dieses Klagelied, das die Erschöpfung Frankreichs erzählt. »»Man kann nicht mehr gehen!«« sagt Colbert im Jahre 1631; und er stirbt selbst, nachdem er diese Worte gesagt hat, die sein letzter Seufzer zu sein scheinen. Fünfzehn Jahre später enthüllen die Intendanten, die das Böse thun, dieses Böse und beklagen es; man verlangt von ihnen Denkschriften für den jungen Herzog von Burgund, und sie erzählen naiv, diese Landschaft habe den vierten Theil ihrer Einwohner verloren, jene den dritten, eine andere die Hälfte! Das ist die Statistik des Todes durch die Henker gemacht: sie muß genau sein!

»Im Jahre 1698 macht man diese traurige Zählung. Nun wohl, neun Jahre später, 1707, sehnt man sich nach diesem Jahre 1693 zurück. »»Damals,«« sagt ein ehrwürdiger Beamter Namens Bois-Guilbert, »»damals war noch Oel in der Lampe . . . Heute,«« fügt er bei, »»heute hat Alles in Ermangelung von Stoff ein Ende genommen! Nun wird sich der Proceß zwischen denjenigen bewegen, welche bezahlen, und denjenigen, welche keine andere Function haben, als bezahlen zu machen!««

»In der That, armes Volk, da ist der Proceß! ein Proceß auf Leben und Tod für Dich!«

»Höret Fénelon nach Bois-Guilbert; der Erzbischof von Cambray ist nicht beruhigender als der normannische Beamte.

»»Die Völker leben nicht mehr als Menschen,«« sagt er; »»es ist nicht mehr erlaubt, auf ihre Geduld zu rechnen: die alte Maschine wird vollends beim ersten Anstoße brechen.««

»Achtzig Jahre sind verlaufen, armes Volk, seitdem der Verfasser von Télémaque das sagte, und die alte Maschine währt immer noch, denn Du schmierst ihre Federn mit Deinem Schweiße ein.

»Seht auch, welche Freude in Frankreich losbricht, da Ludwig XIV. stirbt! . . . Sollte man nicht glauben, ein einziger Mensch habe das Land ausgehungert? . . . Wer folgt auf ihn? Hosianna! es ist der gute Herzog von Orleans! Dieser liebt das Volk: das Volk glaubt es wenigstens; ja, doch er ist vor Allem der Freund von England, und er gibt England unsere Ehre, unsern Handel und sogar unsere Staatsgeheimnisse preis; dann stirbt er und hinterläßt die Schuld um siebenhundert und fünfzig Millionen vermehrt.

»»Wäre ich Volk,«« sagte der Regent, »»so würde ich mich sicherlich empören!««

»Als man ihm sodann antwortete, das Volk habe sich wirklich empört, da rief er:

»»Es hat sehr Recht, und das Volk ist sehr gut, daß es so viel leidet!««

»Es kommt Fleury, ein eben so sparsamer Minister, als der Regent ein verschwenderischer Fürst war; unter Fleury soll sich Frankreich wieder erholen: 1739 wirft auch Louis von Orleans, – der Sohn von demjenigen, welcher sagte, das Volk habe sehr Recht, daß es sich empöre, – Louis von Orleans wirft auf den Tisch des Rathes ein Brod von Farnkraut: es ist das Brod, welches das Volk ißt. Allerdings wird zwanzig Jahre später Foulon, – Foulon, der seine Tochter an Berthier verheirathet und ihr zwei Millionen Heirathsgut gegeben hat, – Foulon wird sagen:

»»Brod von Farnkraut! das ist noch zu gut für das Volk: ich werde es Gras fressen machen: meine Pferde fressen wohl Heu!««

»Alles verschlimmert sich, und auf welche Art! selbst die Frauen sehen klar hierin; selbst die Maitressen des Königs erschrecken; Frau von Chateauroux sagt 1742:

»»Ich sehe, es wird eine große Umwälzung stattfinden, wenn man nicht Mittel dagegen ergreift.««

»Ja, Madame, und alle Welt wundert sich, daß diese Umwälzung so lange säumt, daß das Volk, das man verdursten läßt, das man aushungert, dessen Blut man trinkt, dessen Knochen man vertrocknet, daß das Volk, welches immer mehr abmagert, Euch und Eures Gleichen noch widerstehen kann!

»O entsetzliche Geschichte des Hungers, zu sehr vergessen von den Historikern! welche eherne Feder wird deine düsteren Annalen für Frankreich schreiben, das dich erduldet und sein Mitleid bis heute für die Urheber der Hungersnoth bewahrt hat!

»Armes Volk, ergründe doch das Wort: Die Erde bringt immer weniger hervor!

»Warum bringt sie immer weniger hervor, diese bewunderungswürdige, seit sechstausend Jahren fruchtbare Mutter? Ich will es Dir sagen.

»Weil, da der Bauer kein Hausgeräth mehr hat, das man in Beschlag nehmen kann, der Fiscus das Vieh in Beschlag nimmt und nach und nach ausrottet; ist das Vieh in Beschlag genommen, dann kein Dünger mehr: die Cultur beschränkt sich von Tag zu Tag mehr; die Erde kann ihre Kräfte nicht mehr wiederherstellen, die Mutter der Welt, Ceres bringt nichts mehr hervor; Isis mit den acht Brüsten hat keine Milch mehr: die Amme stirbt Hungers, sie fastet, sie erschöpft sich, und wie das Vieh geendigt hat, so wird sie selbst endigen.

»Was ich Dir nun sagen muß, was ich Dir zeigen kann, armes Volk, ist, daß, wie die Adeligen und die Zöllner, das heißt diejenigen, welche von Steuern frei sind, und diejenigen, welche die Steuer erheben, sich alle Tage vermehren, die Steuer alle Tage schwerer auf Dir lastet, das Du sie bezahlst; dann höre wohl und schau wohl: so wie das Nahrungsmittel seltener wird, so wie das Brod durch seine Theure Deinen abgemagerten Fingern entschlüpft, wird es der Gegenstand eines immer mehr productiven Handels; die Profite sind klar, so klar, daß Ludwig XVI. seinen Theil daran haben will und Mehlhändler wird. Das ist seltsam, nicht wahr? ein König, der auf das Leben seiner Unterthanen speculirt, ein König, der mit der Hungersnoth handelt, ein König, der den Tod den Obol bezahlen läßt, welchen er die ganze Welt, selbst die Könige, hat bezahlen lassen! Auf diese Art gibt man sich am Ende, so sicher ist das Gesetz des Fortschrittes, über Alles Rechenschaft: armes Volk! Du stirbst vor Hunger, das ist wahr, Du weißt aber doch wenigstens, wie und warum Du stirbst; die Hungersnoth ist nicht mehr das Resultat der Störung der Jahreszeiten, der atmosphärischen Veränderungen, der Kataklysmen der Natur: die Hungersnoth ist ein natürliches, gesetzliches, beim Parlament einregistrirtes Phänomen; man hat Hunger auf Befehl von Ludwig, und weiter unten gezeichnet Pbilippeaux.

»Man hat unter Ludwig XIV. Hunger gehabt, man hat unter Ludwig XV. Hunger gehabt, man hat unter Ludwig XVI. Hunger; vier Generationen sind sich gefolgt, von denen nicht eine gesättigt worden ist: die Hungersnoth ist in Frankreich naturalisirt; sie hat hier ihren Vater und ihre Mutter: ihren Vater, die Steuer, ihre Mutter, die Speculation; eine monstruose Verbindung, die indessen ihre Früchte trägt, Kinder hervorbringt, eine eigenthümliche Race erzeugt, eine grausame, hungrige, unersättliche Race, eine Race von Lieferanten, Banquiers, Gefällpächtern, Financiers, Generalpächtern, Intendanten und Ministern; Du kennst sie, armes Volk! diese Race: Dein König hat sie geadelt, verherrlicht, in seine Carrossen steigen lassen, an dem Tage, wo sie nach Versailles kam, um ihn den Hungersnothvertrag unterzeichnen zu machen.

»Und, armes Volk! in Ermangelung von Brod hast Du Philosophen und Oeconomisten, die Turgot und die Necker, Dichter, welche die Georgica übersetzen, Dichter, welche die Jahreszeiten machen, Dichter, welche die Monate machen; Jeder spricht über Landwirtschaft, schreibt über die Landwirthschaft, macht Versuche über die Landwirtschaft. Und Du, während dieser Zeit, Du, armes Volk! da der Fiscus Deine Ochsen, Deine Pferde, Deine Esel verschlungen hat, Du spannst Dich mit Deinem Weibe und Deinen Kindern an den Pflug an. Zum Glücke verbietet das Gesetz, das Pflugeisen in Beschlag zu nehmen; doch sei ruhig, das wird kommen! Das wird kommen, und dann wirst Du mit demselben Instrumente, mit dem Du Dir die Brust seit fünfzig Jahren öffnest, die Erde öffnen! Sterbend wirst Du die todte Erde mit Deinen Nägeln aufkratzen!

»Oh! armes Volk!

»Nun wohl! wenn dieser Tag gekommen ist, – und er wird kommen! – wenn die Frau einen letzten Bissen Brod von ihrem Manne verlangen und dieser sie mit einer grimmigen Miene anschauen wird, ohne ihr zu antworten; wenn die Mutter nur noch Thränen dem Geschrei ihres Kindes, dessen Eingeweide der Hunger verzehrt, wird zu geben haben; wenn die Entkräftung die Milch der Amme vertrocknet, und ihr ausgehungerter Säugling nur noch ein wenig Blut aus ihren Brüsten ziehen wird; wenn die Buden Deiner Bäcker, offen oder geschlossen, leer sein werden; wenn Du in Deiner Verzweiflung genöthigt sein wirst, um Dich zu nähren, Deine Zuflucht zu den ekelhaftesten Dingen, zu den abscheulichsten Thieren zu nehmen, – noch glücklich, wenn sie Dir Dein Bruder nicht entreißt, um sich selbst damit zu nähren! dann, armes Volk, wirst Du einmal für allemal über den Lafayette und den Necker enttäuscht sein, und Du wirst zu mir kommen, zu mir, Deinem wahren, Deinem einzigen Freunde, da ich allein Dich zum Voraus von den Calamitäten, die man für Dich bestimmt, von den Gräueln, denen Du vorbehalten bist, werde in Kenntniß gesetzt haben! . .«

Diesmal hielt Marat im vollen Ernste an; hätte er aber auch nicht angehalten, es wäre ihm unmöglich gewesen, weiter zu gehen, so sehr war es für den wachsenden Enthusiasmus Bedürfniß, loszubrechen.

Er stieg nicht von der Tribune herab: er wurde herabgetragen.

Doch in dem Augenblicke, wo alle Arme sich gegen ihn ausstreckten, wo alle Hände, die ihn nicht berühren konnten, ihm zu Ehren klatschten, wo alle Stimmen jene unartikulirten Schreie von sich gaben, welche manchmal die Freude eben so furchtbar machen, als den Zorn, hörte man gewaltig an die Thüre von der Straße aus klopfen.

»Stille!« rief der Herr des Etablissements.

Und es trat sogleich völlige Stille ein.

Unter dem allgemeinen Schweigen hörte man auf dem Straßenpflaster den Kolben der Gewehre der Wache schallen.

Dann klopfte man zum zweiten Male noch heftiger als das erste Mal.

»Oeffnet!« sprach eine Stimme, »ich bin es . . . ich, Dubois! der Ritter von der Wache in Person, der wissen will, was hier vorgeht . . . Im Namen des Königs, öffnet!«

In demselben Augenblicke, und wie durch einen Hauch ausgeblasen, erloschen alle Lichter, und man befand sich in der tiefsten Finsterniß.

Einen Moment verblüfft und unsicher, fühlte Danton, daß ihn eine kräftige Hand beim Faustgelenke faßte.

Diese Hand war die von Marat.

»Komm! sagte er; »es ist von Wichtigkeit, daß man weder den Einen, noch den Andern von uns hier festnimmt, denn die Zukunft bedarf unserer.«

»Komm . . .« erwiederte Danton, »das ist leicht zu sagen . . . Ich sehe nichts . . .«

»Ich sehe,« versetzte Marat; »ich habe so lange in der Nacht gelebt, daß die Finsterniß mein Licht geworden ist.«

Und er zog in der That Danton mit derselben Geschwindigkeit und derselben Sicherheit fort, als ob Beide bei Hellem Tage, im Angesichte der Sonne gegangen wären.

Danton überschritt die Schwelle einer kleinen Thüre und stieß an die erste Stufe einer Wendeltreppe, deren Mitte er nicht erreicht hatte, als er die Angeln knirschen und die Füllungen der Haupteingangsthüre unter dem Kolben der Gewehre der Nachtwache brechen hörte.

Dann folgte ein erschrecklicher Tumult auf dieses erste Geräusch. Die Wache machte offenbar einen Einfall in den Clubb.

In diesem Momente öffnete Marat eine Thüre, welche auf die Rue des Bons-Enfants ging.

Die Straße war verlassen und ruhig.

Marat schloß die Thüre hinter sich und hinter Danton und steckte den Schlüssel in die Tasche.

»Nun haben Sie zwei Clubbs gesehen,« sagte er: »den Socialclubb und den Clubb der Menschenrechte; im einen spricht man über den Negerhandel, im andern über den Weißenhandel; welcher beschäftigt sich nach Ihrer Ansicht mit den wahren Interessen der Nation? Sagen Sie.«

»Herr Marat,« erwiederte Danton, »ich habe Sie, diese Gerechtigkeit werden Sie mir widerfahren lassen, beim ersten Worte, beim ersten Anblicke begriffen; nur glaube ich, daß wir uns, nachdem wir uns begriffen, müssen kennen lernen.«

»Ah! ja,« sagte Marat, »und ich kenne Sie, während Sie mich nicht kennen . . . Wohl! es sei!.. frühstücken Sie morgen mit mir.«

»Wo dies?«

»Im Marstalle von Artois . . . Sie mögen nach dem Doctor Marat fragen; doch ich sage Ihnen zum Voraus, wir werden bei mir nicht frühstücken, wie wir bei Ihnen zu Mittag gegessen haben.«

»Gleichviel! ich werde Ihnen zu Liebe und nicht Ihrem Frühstücke zu Liebe kommen.«

»Oh! wenn Sie mir zu Liebe kommen, dann bin ich ruhig; da Sie eine gute Aufnahme finden werden, so werden Sie auch zufrieden sein.«

»Morgen also!« sagte Danton, indem er eine Bewegung machte, um sich zu entfernen.

Dann näherte er sich aber wieder Marat, dessen Hände er noch nicht ganz losgelassen hatte, und sprach:

»Sie müssen sehr gelitten haben.«

Marat lachte bitter.

»Sie glauben?« sagte er.

»Ich bin dessen sicher.«

»Ei! Sie sind ein größerer Philosoph, als ich dachte.«

»Ich täuschte mich also nicht?«

»Das ist es gerade, was ich Ihnen morgen zu erzählen gedenke,« erwiederte Marat. »Kommen Sie.«

Und während Marat wieder nach dem Platze des Palais-Royal ging, entfernte sich Danton in der Richtung des Pont-Neuf durch die Rue du Pélican.

In dieser Nacht schlief Danton schlecht: wie der Taucher von Schiller, war er in einen Abgrund getaucht und hatte darin unbekannte Ungeheuer entdeckt!

IX
Der Marstall von Monseigneur dem Grafen von Artois

Wir werden nicht geiziger mit unserer Prosa gegen einen von unsern Helden sein, als wir es gegen den andern gewesen sind; wir haben gesagt, wo und wie Danton wohnte: sagen wir, wo und wie Marat wohnte.

Am Ende der Rue Neuve-de-Berry und du Faubourg-du-Roule, auf dem Boden der ehemaligen königlichen Baumschule, erhob sich der Marstall des Grafen von Artois, ein großes Gebäude, von dem wir unsern Lesern mit ihrer Erlaubniß eine Beschreibung bieten wollen, welche, wie wir hoffen, mächtig zum Verständniß dieser Geschichte beitragen wird.

Der Prinz, damals einunddreißig Jahre alt, das heißt in der Vollkraft des Alters, in der ganzen Gluth seiner Jugend, den Luxus liebend, Alles liebend, was den Luxus schmückt, und besonders das liebend, was diesen Luxus vor den Augen der Pariser verbergen konnte, – welche ziemlich schlecht gegen ihn gestimmt waren, in Folge des verschmitzten Benehmens seines Bruders, des Grafen von Provence, der keine Gelegenheit vorübergehen ließ, ohne sich für sich allein der Popularität der ganzen Familie zu bemächtigen, – der Prinz, sagen wir, hatte seinen Baumeister Bellanger beauftragt, ihm einen Plan geeignet, Geld auszugeben und zu gewinnen, einen Ruin und eine Speculation zu finden.

Der Architekt, sobald er diesen Auftrag erhalten hatte, war sogleich zur Aufsuchung eines zugleich glänzenden und unfruchtbaren Bauplatzes geschritten: glänzend, weil seiner Ansicht nach die Fantasten des Prinzen in die Augen fallen sollten, um ihm Ehre zu machen, ihm, der sie verwirklichte; unfruchtbar, weil der Graf von Artois, der, minder reich durch eigene Mittel, schon zweimal, um seine Schulden zu bezahlen, seine Zuflucht zu Ludwig XVI., – einem König, welcher ganz und gar nicht freigebig, – genommen hatte, um sich eine Anzahl von Launen zu erlauben, diese so wenig theuer, als nur immer möglich, bezahlen mußte.

Das war der Augenblick, wo Paris, indem es sich auf dem Procrustesbette zu schütteln versuchte, auf welchem Karl V. es ausgestreckt, und das Heinrich II. und Karl IX. vergebens hatten vergrößern wollen, endlich den alten Gürtel seiner früheren Könige krachen machte. Paris hatte sich sehr erweitert unter Heinrich IV. und unter Ludwig XIV., doch es hatte gleichsam heimlich und unschuldig, ohne es selbst zu wissen, in den Faubourg du Roule und den Faubourg Montmartre eingegriffen.

Der Riese hat also seine Arme um den Raum von mehr als einer halben Meile verlängert, und man sieht in den Schriftstellern der damaligen Zeit die düstere Unzufriedenheit jener Vollblutpariser, welche eine Laune des Königs, der Prinzen, der Minister oder der Financiers in ihren Gewohnheiten gestört hatte.

Unter Ludwig XVI. sogar, wo die Sitten so ausschweifend und so frei waren, murren die leichtesten Geister ganz laut, daß sie die Stadt, wie sie es thut, – und zwar heimlicher Weise, – vom Süden nach dem Westen und vom Süden nach dem Norden ausziehen sehen; demüthige Diener des unumschränkten, mürrischen Herrn, welchen man das Publicum nennt, und dem die Widerspenstigsten gehorchen, bauen diesem Herrn vergebens, um sich für ihre anderen Gebäude Verzeihung zu erwerben, ein römisches Amphitheater unter dem Namen Colysée; vergebens ruiniren sie sich dadurch, daß sie in diesem Gebäude alle gesammelten Reichthümer an Marmor, Bronze und Gold aufhäufen; vergebens versprechen sie hydraulische Feste Cäsars würdig, hängende Gärten, welche die von Semiramis beschämen werden, Concerte, wie Nero, der entsetzliche Tenor, sie nie organisiert hatte, Lotterien, wo jedes herauskommende Billet einen Preis bringen wird, Salons von Licht funkelnd, selbst für die Mondstrahlen verschlossene Säle von Grünem: nichts konnte den Pariser Routinier bewegen, der seinen alten Gärten ergeben, seinen alten Plätzen, seinen alten Straßen, den alten Aussichten an feinem alten Flusse, auf dessen Quais die Werber, die Vögel, die Possenreißer und die Freudenmädchen, rund und roth von ihren häufigen Besuchen in den Schenken, tanzen, fingen und sich schlagen.

Das Colysée! doch ein schönes Wort, gemacht, – man hätte schwören sollen, – um lutecischen Maulaffen zu gefallen! das Colysée mit seinen sechzehn Morgen Umfang, seinen Wasserstrahlen und seinen Orchestern! Die Unternehmer, die dieses schöne Project geträumt, hatten versprochen, siebenmal hunderttausend Livres darin zu begraben; sie hatten versprochen, es zu eröffnen bei der Hochzeit von Ludwig XVI. und der armen Prinzessin, die man als Königin eben so sehr zu hassen anfing, als man sie als Dauphine angebetet hatte; sie hatten versprochen . . . Was versprachen sie nicht? . . . Doch als ob Alles, was man im Namen von Ludwig XVI. versprach, nothwendig hätte fehlschlagen müssen, war das Gebäude nicht vollendet zur Zeit der Hochzeit, und, – ein prophetischer Prospect vom Deficit des Staates, – der Uederschlag von siebenmal hunderttausend Livres führte geradezu auf dem geschlagenen Wege, auf dem die Ueberschläge im Galopp gehen, zu einer Ausgabe von zwei Millionen sechsmal hundert fünfundsiebzigtausend fünfhundert Franken! was ein leichtes Deficit von einer Million neunmal hundert fünfundsiebzigtausend fünfhundert Franken hervorbrachte, und trotz dieser Vermehrung der Ausgabe war das Colysée doch nicht vollendet.

Es wurde indessen eröffnet, auf den Zufall rechnend, wie Alles, was man in Frankreich eröffnet; es wurde eröffnet mit Erlaubniß der Stadt, und man höre, was die Gemeinderäthe jener Zeit am Tage nach der Eröffnung, das heißt am 23. Mai 1771, zu den Unternehmern sagten:

»Das Colysée ist ein Katafalk; die Gerüchte, die sich im Publicum über den entschiedenen Willen des Ministeriums, Paris zu zwangen, sich nach diesem Orte zu wenden, verbreitet haben, konnten nur sehr gegen dieses Bauwesen einnehmen.«

Es war, wie man sieht, nicht der Mühe werth, gegen drei Millionen auszugeben, um zu diesem Resultate zu gelangen.

Vom Publicum schlecht aufgenommen, unterlag das Colysée, und im Jahre 1784 kaufte der Architekt des Herrn Grafen von Artois den Bauplatz, ließ das Gebäude einreißen und bestimmte, den Platz mit den Terrains der königlichen Baumschule verbindend, einen Theil zur Erbauung eines neuen Quartiers und den andern zur Gründung des Marstalls vom Prinzen, welcher uns, wie man bemerkt, einen Umweg hat machen lassen, zu dem wir aber, nachdem dieser Umweg völlig gemacht ist, zurückkommen. ,

Dieses neue Quartier, das von den Luxusideen des Herrn Grafen von Artois ausging, mußte notwendig den Einfluß des Prinzen erleiden; der Prinz war aber Anglomane; die Häuser sollten mithin im englischen Genre gebaut werden, das heißt ohne irgend eine Art von Verzierung, sehr luftig, sehr gut eingetheilt, und so, daß die Miethen oder die Ankäufe wohlfeiler wären, als in der übrigen Stadt.

Man sieht, daß, wenn die Staatsraison aristokratisch blieb, die Speculation sich populär zu machen einwilligte. So also, wie wir am Anfange dieses Kapitels gesagt haben, arbeitete der Herr Graf von Artois darauf hin, das Volk zu befriedigen, während er sein Geld gewann, seinen Luxus auszudehnen, während er seine eigenen Einkünfte vermehrte.

Unterstützt durch diesen ökonomischen Grundsatz, erhob sich der Marstall rasch; er bildete ein von Pavillons und geräumigen Höfen durchschnittenes Gebäude: der erste, der am Eingange, enthielt rechts und links flach gewölbte Ställe, äußerlich mit Säulen ohne Basis decorirt, welche als Widerlagen der Gewölbe dienten.

Zu jener Zeit, einer Zeit, wo sich die Kritik an Jedermann zu üben anfing, selbst an den königlichen Personen, geheiligten Häuptern, welche bis dahin der Kritik, – wenigstens der öffentlichen, – entgangen waren, – zu jener Zeit, sagen wir, machten vielleicht strenge Oeconomisten dem Prinzen die Größe und die Pracht der für seine Pferde bestimmten Wohnungen zum Vorwurfe; es haben sich immer eifersüchtige Statistiker gefunden, welche die Wuth hatten, die Thiere mit den Leuten, die Pferde mit den Menschen zu vergleichen und jene aus Liebe für diese um ihre Streu und um ihre Krippen zu beneiden.

Zum Glücke hatte aber der Herr Graf von Artois die Einwendung vorhergesehen, als er diese Häuser im englischen Genre bauen ließ, das heißt diese philanthropischen Wohnungen, in welchen menschliche Geschöpfe leben und athmen könnten, ob im ganzen die Respiration, dieses erste Bedürfnis des Lebens zu theuer zu bezahlen, und zwar mit mehr in ihrer Arbeit geschont zu werden, Pferde des Prinzen waren, – vierfüßige Thiere, welche nach unserer Ansicht zu sehr von den Herren Oeconomisten beneidet wurden, denn gab der Herr Graf von Artois seinen Pferden eine glänzende Wohnung, so schonte er sie dagegen ganz und gar nicht.

In der Zeit, wo die Ereignisse vorfallen, die wir erzählen, war also das Quartier du Roule auf englische Weise gebaut; heute noch, nachdem über sechzig Jahre verlaufen sind, hat es von seinem Princip den Raum und die Regelmäßigkeit bewahrt.

Der Marstall war vollendet: Pferde, Stallknechte und Pariser von diesem Umkreise hatten sich nicht zu beklagen. Das Colysée allein hätte Einspruch thun können, doch die Gräber schweigen.

Wir haben gesagt, das Gebäude sei großartig und bequem gewesen: es konnte dreihundert Pferde beherbergen; es gab wohl vierhundert Personen Wohnung, und Herr Bellanger hatte diese nicht,– ohne Zweifel in Gemäßheit des Glückes, das sie genossen, dem elegantesten Prinzen der Zeit attachirt zu sein, – Herr Bellanger hatte diese nicht, nach der englischen Mode, der Sculpturen und der Ornamente beraubt. Es fanden sich dabei mehr oder minder merkwürdige, – von den zwei Schilderhäusern überragt von Trophäen, welche den Haupteingang bezeichneten, bis zu den Giebeln aller Gänge, Gewölbe oder Vestibules des Innern.

In diesem ungeheuren Gebäude, einer Art von fürstlichem Phalansterium, lebten also ruhig, mit Weibern, Kindern, Hühnern und Hunden, alle Leute vom Hause des Prinzen, die Leute von seinem Marstalle wenigstens; und es war keine kleine Erholung für dieses Dorf, der freie Eintritt in die im zweiten Hofe liegende schöne Reitschule, wo die herrlichen englischen und normannischen Pferde von Monseigneur dressirt wurden.

Eben dieselben Oeconomisten, Gehalteklauber und Sinecurenjäger wären auf eine boshafte Weise Einem der Angestellten, dem Glücklichsten des Hauses, zuwider gewesen, hätten ihre philanthropischen Angriffe den Herrn Grafen von Artois bestimmt, Philanthrop zu werden wie sie und folglich seine Pferde zu verkaufen und Menschen in seine Ställe einzuquartieren.

Wir meinen nicht den Arzt des Marstalls, wie man ihn genannt hat, wir Meinen nicht den Veterinär, wie man ihn auch genannt hat, sondern den Wundarzt der Veterinäre, der seine kleine Wohnung zwischen dem ersten und dem zweiten Hofe, in der Sonne und gegen Norden, mit zwölfhundert Livres Gehalt, hatte.

Das war der Mann, den Danton am vorhergehenden Tage, um Mitternacht, mit dem Versprechen verlassen, ihn am Morgen um zehn Uhr wiederzusehen, ein Versprechen, welches er zu erfüllen sich anschickte, indem er durch das massive Thor des Marstalls, am 26. August 1788, zur bezeichneten Stunde eintrat.

»Wo wohnt der Herr Doctor Marat?« fragte er den breiten Schweizer, der vergebens auf seinem ungeheuren Bauche zwei am Ende von zwei kurzen Armen hängende kleine Hände zu kreuzen suchte.

»1es Vestibule, Treppe B, Corridor D, Thüre 12,« erwiederte der Schweizer, ohne sich zu irren, und dennoch ohne dem, was er sagte, die geringste Aufmerksamkeit zu schenken.

Danton durchschritt in den Strahlen einer lauen Morgensonne den großen Hof, wo schon einige Piqueurs, angethan mit ihren langen Stiefeln, mit den Sporen klirrend auf und abgingen.

Durch die offenen Fenster der Kämpfer drang das kräftige Athmen der Pferde hervor, welche die Esparsette und den Hafer, der sie sticht, durchwühlen. Man hörte rechts das Gewieher der Hengste, denen links die ungeduldigen Stuten antworteten.

Mit diesem Geräusche vermischten sich unter den Arcaden das Geklirr der silbernen Kettchen und das Aneinanderreihen der eisernen Schnallen; die Polirer arbeiteten behende auf den glänzenden Geschirren; das reine Wasser plätscherte in breiten Rinnen am Ende der marmornen Tränken, aus denen die Dienstpferde so eben getrunken hatten.

Danton hatte während des Ganges, den er durch diesen Hof machte, Zeit, Alles zu sehen und Alles zu hören. Vergebens suchte er unter den philanthropischen Erinnerungen vom vorhergehenden Tage seine Bewunderung für alle diese Herrlichkeiten zu ersticken. Wir haben gesagt, das innere Verlangen von Danton sei auf den Luxus gerichtet gewesen, und wir vermöchten nicht zu behaupten, dieser Mann, der zu Marat als ein Vertheidiger und als ein Freund des Volkes kam, habe in diesem Augenblicke nicht ebenso viel Neid auf den reichen Prinzen, als Sympathie für die armen Proletarier gehabt.

Er durchschritt nichtsdestoweniger mit geringschätzendem Auge und die Stirne gefaltet den Hof; nur brauchte er fünf Minuten, um ihn zu durchschreiten, dergestalt hatten diese verschiedenen Gegenstände Herrschaft auf die Sinne geübt, die sie bei ihm afficirten.

Endlich, nachdem er in goldenen, in den Stein eingegrabenen Buchstaben die Nummer 1 gelesen hatte, trat er ein.

Eine weite Arcade führte durch die Masse des Gebäudes fortlaufend nach der Reitschule, deren zwei, wegen der Milde der Luft, geöffneten Thüren, in einer durch die optische Täuschung verdoppelten Entfernung, die auf dem rothen Sande caracolirenden Pferde, von oben beleuchtet, das Auge in Flammen, glänzend, gepreßt von den silbergalonirten Stallmeistern, sehen ließen; sie zogen im Hintergrunde dieser Perspective wie fantasmagorische Schatten hin und her.

Danton blieb unwillkürlich unter dieser ersten Arcade stehen und schaute. Er schaute als ein Mensch, der den Werth dieser schönen Dinge kennt, und entriß sich zu rasch dieser Betrachtung für einen Menschen, der nicht begehrt hätte.

Der griechische Philosoph hatte wenigstens harte Stürme auszuhalten und ging nicht immer siegreich daraus hervor.

Bei dem ungestümen Sprunge, den ihn seine Philosophie machen ließ, befand sich Danton vor der Treppe B; er stieg die Stufen zu zwei und zwei hinauf, warf sich in den Corridor D und klopfte sachte an die Thüre Nr. 12.

Er klopfte sachte, haben wir gesagt; nicht als wäre Danton seiner Natur nach schüchtern oder sehr ängstlich bei den Etiquettefragen gewesen; doch es gibt gewisse Häuser, welche Ehrfurcht gebieten, gewisse Wohnungen, welche Altären gleichen.

Danton wäre vielleicht mit dem Hute auf dem Kopfe beim Gouverneur einer Provinz eingetreten; bei Marat wagte er das aber nicht.

Da er indessen einen Augenblick, nachdem er geklopft, – in welchem Augenblicke er aufmerksamer horchte, als er es in seinem Leben gethan, – sah, daß man ihm nicht antwortete, und kein Geräusch vernahm, so drehte er den Schlüssel und befand sich in einem geplatteten Corridor, welcher das Licht von dem Gange empfing, den er gerade verlassen hatte. Ein starker Bratengeruch führte ihn nach der Küche links, wo vor einem schmutzigen Ofen eine Frau mit indolentem Wesen saß und Radießchen von ihrem Kraute befreite, während sie das Braten von zwei Cotelettes überwachte, welche eine weiße Rauchwolke umhüllte, die sich begleitet vom Prasseln des auf der Gluth siedenden Fettes erhob.

Auf einer der Abtheilungen des Ofens sott Milch in einem durch den Gebrauch gesprungenen Pfännchen, indeß auf derselben Abtheilung, ohne Zweifel, um die Kohle zu sparen, in einem irdenen Kaffeetopfe ein schwarzes Kaffeegebräu brodelte und gleichgültig das bisschen Aroma verdunsten ließ, das sein Kochen an zwei vorhergehenden Tagen überlebt hatte.

Quer über der Feuerzange endlich, welche unmittelbar neben dem Roste lag, auf dem die Cotelettes brieten, verkohlten sich drei Brodschnitten auf der Gluth, welche über den Rost hinausging.

Danton brauchte also keine lange Beobachtungen anzustellen, um mit einem Blicke den Küchenzettel des Frühstücks, das ihm sein neuer Freund vorbehielt, zu umfassen.

Der Epicuräer lächelte und fand, an den Küchenzettel von Grimod de la Reuniere denkend, der stoische Philosoph Marat zeige bei dieser Gelegenheit eben so viel Stolz, als Knauserei; er hatte einen Augenblick Lust, ihm ganz einfach zu sagen, etwas weniger Eitelkeit und ein wenig mehr Cotelettes hätte besser die Sache eines durch den Gang, den er gemacht, vollkommen zum Appetit disponirten Magens gethan.

Doch nicht gerade um zu frühstücken war Danton von der Rue du Paon nach dem Ende des Faubourg du Roule gekommen; er erkundigte sich also bei der Köchin, deren prätensiöse Tracht er einen Augenblick bewundert hatte, und diese schaute empor und antwortete hoffärtig, der Herr arbeite.

Zu gleicher Zeit aber, es ist nicht zu leugnen, deutete die Köchin mit dem Finger auf das Zimmer von Marat.

Danton öffnete die Thüre, ohne anzuklopfen, da ihm diese Vorsichtsmaßregel das erste Mal mißglückt war, und befand sich beim Herrn.

X
Marat zu Hause

Ein gelbes Sacktuch mit weißen Tüpfeln auf dem Kopfe, den Leib auf einen Tisch von schwarzem Holze geneigt, die Arme entblößt bis an den Ellenbogen, – Arme haarig und dürr wie der verhexte Arm von Glocester – hackte Marat mit einer kurzen, stumpfen Feder auf einem robusten Papiere, auf einem von jenen Papieren, die man damals in Holland fabricirte, und die zwei bis drei Lagen Durchstriche aushalten konnten.

Viele Bücher waren vor ihm geöffnet; mehrere auf antike Weise aufgerollte Manuscripte lagen auf der Erde.

Dieser spartanische Schriftsteller ließ überall die dürftige Industrie des kleinen Bureaukraten sehen: Federmesser mit Bindfaden zusammengeflickt, Schreibzeug abgestoßen wie die Vasen von Fabricius, verkrümmte und zernagte Federn einen Monat Dienst bezeichnend, Alles war in Harmonie um Marat; dabei eine Oblatenschachtel von geschwärztem Papier; als Streubüchse eine offene und zu drei Vierteln leere hornene Tabaksdose; als Schrenzblatt das Tabakstuch von grobem Rouener Zeug mit großen blauen Vierecken.

Marat hatte seinen Tisch weit vom Fenster in eine Ecke des Zimmers gestellt. Er wollte nicht zerstreut, nicht einmal durch die Sonne erfreut sein; er wollte nicht, daß die zwischen den Spalten der Steine wachsenden Grashalme mit ihm von der Welt sprächen; er wollte nicht, daß die auf seiner Fensterlehne flatternden Vögel mit ihm von Gott sprächen.

Die Nase auf seinem gelben Papiere, wenn er schrieb, das Auge auf einer alten Tapete, wenn er dachte, genoß er keine andere Zerstreuung bei der Arbeit, als die Arbeit selbst; die ganze Freude des Schriftstellers, der ganze Luxus seines Schaffens waren ihm nicht nur unbekannte, sondern auch gleichgültige Dinge.

Bei ihm schien das Wasser jedem andern Bedürfnisse als dem des Durstes fremd.

Marat war einer von jenen cynischen Dichtern, welche die Muse mit schmutzigen Händen um ihre Gunst bitten.

Bei dem Geräusche, das der sonore Husten von Danton hervorbrachte, als er in das Zimmer von Marat eintrat, wandte sich dieser um, und den erwarteten Gast erkennend, machte er mit der linken Hand ein Zeichen, das für seine rechte Hand um Erlaubniß bat, den angefangenen Satz vollenden zu dürfen.

Doch dieser Satz war nicht rasch vollendet, wie Danton bemerkte.

»Wie langsam schreiben Sie!« sagte er; »das ist seltsam bei einem lebhaften, mageren Manne wie Sie. Ich hätte geglaubt, Sie seien ganz Ungeduld, ganz nervös, und ich sehe Sie Ihre Gedanken Buchstaben um Buchstaben an einander reihen, als ob Sie beauftragt wären, für irgend eine Schule ein kalligraphisches Musterblatt zu machen.«

Doch ohne aus der Fassung zu kommen, führte Marat seine Zeile vollends aus, wobei er sich indessen die Mühe nahm, mit der linken Hand Danton ein zweites Zeichen zu machen; dann, nachdem er geendigt hatte, drehte er sich um und reichte beide Hände seinem neuen Freunde mit einem Lächeln, das den finsteren Rictus seiner schiefen Lippen öffnete.

»Ja, es ist wahr,« sagte er, »heute schreibe ich langsam.«

»Wie, heute?«

»Setzen Sie sich doch!«

Danton, statt einen Stuhl zu nehmen, wozu man ihn eingeladen, näherte sich dem von Marat, stützte sich auf die Lehne, so daß sein Blick den Schreibtisch und denjenigen, welcher davor saß, umfaßte, und fragte noch einmal:

»Warum heute? haben Sie Tage der Geschwindigkeit und Tage der Indolenz wie die Boas?«

Marat ärgerte sich nicht über die Vergleichung; sie hatte nur Schmeichelhaftes: Viper wäre unhöflich gewesen: die Vergleichung verkleinerte Marat; aber Boa! diese Vergleichung vergrößerte.

»Ja, ich begreife,« erwiederte Marat, »und meine Worte bedürfen der Erklärung. Ich habe verschiedene Manieren, zu schreiben,« fügte er mit einer leichten Geckerei bei; »schreibe ich, was ich heute schreibe, so ist meine Feder langsam; sie gefällt sich darin, die feinen Züge und die fette Schrift zu studieren, die Punkte und die Beistriche liebkosend zu behandeln; sie gefällt sich darin, zugleich das Wort und den Gedanken zu sagen, den Augen die Gefühle des Herzens zu malen.«

»Was Teufels sagen Sie mir da?« rief Danton ganz erstaunt über diese Sprache; »ist es wirklich Herr Marat in Fleisch und Knochen, der mit mir spricht, oder sollte es nicht der Schatten von Herrn von Voiture oder von Fräulein von Scudéry sein?«

»Ei! ei!« versetzte Marat, »Collegen!«

»Ja, aber keine Muster . . .«

»Was die Muster betrifft, – ich kenne nur eines: das ist der Zögling der Natur, es ist der Schweizer Philosoph, es ist der treffliche, der erhabene, der unsterbliche Verfasser von Julie.«

»Jean Jacques?«

»Ja, Jean Jacques . . . Dieser schrieb auch langsam, dieser gab auch seinem Gedanken Zeit, vom Gehirne niederzusteigen, sich in seinem Herzen aufzuhalten und sich sodann auf dem Papiere mit der Tinte seiner Feder zu verbreiten.«

»Es ist also ein Roman, was Sie schreiben?«

»Ganz richtig,« sagte Marat, indem er sich in seinem Strohfauteuil zurückwarf und sein tiefes Auge unter seinem matten, gelben, tausendfältig gerunzelten Lide erweiterte, »ein Roman!«

Und seine Stirne faltete sich wie bei einer schmerzlichen Erinnerung.

»Vielleicht sogar eine Geschichte,« fügte er bei.

»Ein Sittenroman? ein historischer Roman?« fragte Danton; »ein . . .«

»Ein Liebesroman.«

»Ein Liebesroman?«

»Ja wohl; warum nicht?«

Bei diesem warum nicht konnte der Riese seinen Ernst nicht behaupten: er schmetterte gleichsam mit einem unverschämten Blicke den schmierigen, ungestalteten Pygmäen nieder, klatschte in seine breiten Hände und ließ seiner Heiterkeit freien Lauf.

Doch wider alles Erwarten ärgerte sich Marat nicht; er schien sogar nicht einmal das unschickliche Gelächter von Danton zu bemerken; sein Auge senkte sich im Gegentheile auf das Manuscript und tauchte sich gerührt und träumerisch darein. Dann, nachdem er mit leiser Stimme ein paar lange Sätze gelesen, stieg sein Blick wieder zu Danton empor, der nicht mehr lachte.

»Verzeihen Sie, wenn ich lache,« sagte dieser; »doch Sie begreifen, ich finde einen Romanendichter, und zwar einen sentimentalen Romanendichter, wie es scheint, da, wo ich einen Gelehrten suchte; ich glaubte, ich habe es mit einem Physiker, mit einem Chemiker, mit einem Experimentenmacher zu thun, und ich finde einen Seladon, einen Amadis, einen Percerose.«

Marat lächelte, antwortete aber nicht.

»Man hat mir von einigen Büchern von Ihnen gesagt,« fuhr Danton fort; »ja, Guillotin sprach davon; obgleich er behauptet, Sie täuschen sich, schätzt er sie sehr, selbst mit ihren Irrthümern; doch das sind wissenschaftliche Werke, philosophische Werke und nicht Werke der Einbildungskraft.«

»Ach!« erwiederte Marat, »oft ist beim Schriftsteller die Einbildungskraft nur Gedächtniß, und derjenige scheint zu componiren, welcher nur erzählt.«

Danton, obwohl scheinbar ziemlich oberflächlich, war nicht der Mann, um einen tiefen Gedanken fallen zu lassen. Es dünkte ihm gut, das, was Marat gesagt hatte, zu ergründen, und er schickte sich an, den ganzen geheimnißvollen Sinn daraus zu ziehen, der darin verborgen sein konnte, als Marat rasch von seinem Stuhle aufstand, seinen ungeordneten Anzug ein wenig zurecht richtete, und zu ihm sagte:

»Lassen Sie uns frühstücken; wollen Sie?«

Und er ging in den Corridor, um die Köchin zu benachrichten, es sei Zeit, aufzutragen.

Danton, als er allein war, senkte rasch die Augen auf das Manuscript; es war betitelt: Abenteuer des jungen Grafen Potocky; der Held hieß Gustav und die Heldin Lucilie.

Sodann, da er diese Indiscretion begehend überrascht zu werden befürchtete, kehrte sein Blick vom Manuscripte zum Uebrigen des Cabinets zurück.

Eine abscheuliche grau und rothe Tapete, Karten an der Wand, Zitzvorhänge an den Fenstern, zwei Vasen von blauem Glase auf dem Kamine, eine wurmstichige Truhe von altem Eichenholz, dies war das Ameublement des Cabinets von Marat.

Die schöne Sonne des Frühlings, die heiße Sonne des Sommers brachten diesem Zimmer nichts Lebendiges oder Heiteres. Man hätte glauben sollen, sie möge nicht hier eintreten, sicher, sie werde weder eine Pflanze finden, um sie aufgehen zu machen, noch eine geglättete Oberfläche, um sie glänzen zu machen.

Als Danton sein Inventar vollendete, trat Marat wieder ein.

Er trug ein Ende des völlig servirten Tisches, die Köchin trug das andere Ende.

Man stellte diesen Tisch mitten ins Cabinet; die Köchin rückte den Strohstuhl von Marat daran und ging wieder hinaus, ohne sich um den Fremden zu bekümmern.

Danton hoffte, sein Freund werde die Frage der Entschuldigungen nicht in Angriff nehmen: er täuschte sich.

»Ah!« sagte Marat, »ich gebe nicht zweitausend vierhundert Livres für mein Frühstück aus.«

»Bah!« entgegnete heiter Danton, »gäben Ihnen Ihre Verleger hundert Louis d'or für einen Band Roman, und Sie machten einen Band in der Zeit, in der ich eine Consultation ertheile, so würden Sie wohl eine Cotelette Ihrem gewöhnlichen Essen beifügen.«

Marat reichte ihm den Teller.

»Sie sagen mir das, weil Sie sehen, daß wir nur,zwei Cotelettes haben, und weil Sie finden, das sei wenig; essen Sie zufällig mehr als zwei Cotelettes?«

»Und Sie?« fragte Danton.

»Oh! ich,« erwiederte Marat, »ich esse nie Fleisch des Morgens; ich könnte nicht mehr arbeiten.«

»An Romanen?« versetzte Danton, dieses Genre von Literatur, das Marat so schwer dünkte, leicht behandelnd; »was sagen Sie!«

»Allerdings, an Romanen . . . Oh! handelte es sich darum, einen politischen Artikel zu schreiben, so möchte ich lieber Blut genug in den Augen haben, um roth zu sehen, und in diesem Falle würde ich gern Fleisch essen, um mich aufzuregen; doch der Roman, oh! der Roman, das ist etwas Anderes: das schreibt sich weder mit dem Magen, noch mit dem Kopfe; das schreibt sich mit dem Herzen! Man muß nüchtern sein, mein bester Herr, um Roman zu schreiben.«

»Ah! Sie sind ein Liebesritter mit der Feder, mein Bester!« sprach Danton.

Und er reichte den Teller Marat.

»Behalten Sie die zwei Cotelettes, sage ich Ihnen,« versetzte dieser.

»Ich danke!« erwiederte Danton, »bekümmern Sie sich nicht um mich; ich glaube immer, wie Gargantua, nichts kann meinen Hunger stillen, und esse ich eine von Ihren Cotelettes, so wird es Alles sein.«

Danton fühlte sich in Wahrheit nicht mehr durch den Anblick des Tisches angezogen, als er es durch die Gerichte oder die Gesellschaft war.

Ausgebrochene Fayenceteller; abgenutzte silberne Bestecke; Löffel, welche schnitten, Gabeln, die nicht stachen; grobe Servietten von ungebleichter Leinwand, rauh an der Haut; graues Salz mit dem Cylinder einer Flasche zerrieben und in einer Untertasse von Pfeifenerde liegend; ein dicker Wein in der benachbarten Schenke aus dem Fasse gezapft; Alles dies war, man wird es zugestehen, kein sehr Appetit erregendes Mahl für den prunkliebenden Freund von Herrn de la Reyniére.

Danton knaupelte auch Alles mit stolzem Zahne, wie die Ratte von Horaz, und das Gespräch fortsetzend, indeß Marat langsam seinen Milchkaffee zu sich nahm, den er fast ganz mit den Brodschnitten auftunkte, sagte er:

»Man gibt Ihnen also die Wohnung hier?«

»Ja, ich bin vom Hause des Prinzen,« erwiederte Marat.

Und er sprach das Wort Prinz aus, als ob es ihm die Lippen geschunden hätte.

»Aurea medioeritäs!« versetzte Danton brutal.

Marat lächelte mit seinem seltsamen Lächeln.

»Das ist ein Hafen nach dem Sturme,« sprach er, »und jeder Hafen scheint dem Matrosen gut, der mit dem Schiffbruche gekämpft hat.«

»Wahrhaftig, mein lieber Herr Marat, Sie sind heute wie ein Trappist. . . Man sollte glauben, Sie haben Kummer oder Gewissensbisse . . . In der That, ich sehe Sie Romane schreibend, ich sehe Sie satt, ich sehe Sie die Sonne fliehend . . .«

»Gewissensbisse!« rief Marat, Danton unterbrechend. »Gewissensbisse, ich? ich, der ich die Seele eines Lammes habe? . . . Nein, mein Gast, nein . . . glücklicher Weise habe ich keine Gewissensbisse! . . .«

»Kummer also?«

»Ah! Kummer, ja, das ist möglich . . . Kummer, das leugne ich nicht! . . . Jeder empfindsame Mensch kann Kummer haben; jeder starke Mensch kann sich erlauben, ihn zu offenbaren.«

Danton setzte auf eine derbe Weise seine Ellenbogen auf den Tisch, stützte sein breites Kinn in die Höhlung feiner beiden Hände, und sprach mit einer Stimme, deren Härte er ironisch milderte:

»Ich komme auf das zurück, was ich vorhin sagte: der Gelehrte ist kein Gelehrter, der Philosoph ist kein Philosoph, der Publicist ist kein Politiker, oder, besser gesagt, alle diese Fähigkeiten sind in die Haut eines Verliebten genäht!«

Und als er diesen Satz vollendet hatte, punktirte ihn Danton, den der Gedanke des verliebten Marat maßlos zu ergötzen schien, mit einem hochmütigen Gelächter; nichts konnte natürlicher sein, wenn man bedenkt, daß es aus dieser Riesenbrust kam, daß die furchtbaren Ellenbogen des Riesen den Stützpunkt dieses Pygmäen erschütterten, den mit seinen dicken Lippen und seinen großen Zähnen der Lacher auf einen Bissen zu verschlingen schien; wenn man endlich bedenkt, daß der Eine, der freche Hercules war, der die Deianira fesselt, während der Andere kroch einem Käfer ähnlich, welcher sich schämt, daß er seine Flügel verloren.

XI
Was Marat im Jahre 1788 war

Marat wollte sich indessen nicht lange im Verdachte der Schwäche gehalten oder der Unmacht beschuldigt sehen ; er hatte die Eitelkeit, die sich gewöhnlich bei jedem Menschen findet, der nicht fünf Fuß überschreitet, das heißt, eine unbändige Eitelkeit.

»Verliebt!« antwortete er Danton, »und warum nicht?«

Und indem er diese Worte sprach, schlug er auch mit der Faust auf den magern Tisch, und der Stoß scholl fast so laut, als er es unter der Faust des Riesen gethan hatte. Der Zorn steht zuweilen auf einer Stufe mit der Stärke.

»Verliebt!« fuhr er fort, »ja, ich bin es gewesen, und wer weiß? ich bin es vielleicht noch! . . . Ah! lagen Sie! Wahrhaftig, mein lieber Coloß, sollte man nicht glauben, Gott habe den Riesen allein das Monopol der menschlichen Regeneration gegeben, und man müsse Ihre Gestalt haben, um sein Geschlecht fortzupflanzen? Haben wir nicht den Walisisch und die Blicke, den Elephanten und die Milbe, den Adler und den Königsvogel? haben wir nicht die Eiche und den Isop? befruchtet in allen Reichen der Monstruose mehr, als der Mittelmäßige oder der Kleine? Was will Liebe in natürlicher und philosophischer Sprache besagen? Nützliches Vergnügen! Geben wir der Seele davon Alles, was der Seele zukommt, lassen wir aber dem Leibe, was er immer davon zu nehmen weiß. Ich habe anderswo als in den Fabeln von Aesop oder la Fontaine die Liebschaften der Ameisen und der Blattläuse gesehen; es gibt Liebschaften von Atomen, und erfände man ein gutes Mikroskop, so gäbe es sicherlich Liebschaften von Unsichtbaren . . . Entschuldigen Sie also, mein lieber Mikromegas, entschuldigen Sie das Atom Marat, entschuldigen Sie den unsichtbaren Marat, daß er verliebt gewesen ist.«

Und diese Worte sprechend, war Marat leichenbleich geworden, seine hervorspringenden Backenkochen ausgenommen, zu denen das Blut emporgestiegen; zu gleicher Zeit hatte das Fieber zwei Kohlen in seinen Augen entzündet, und seine Nerven bebten, wie Lyrasaiten durch den Sturm ins Spiel gebracht. Man sagt, jede Schlange werde schön in der Liebe: das Axiom muß wohl wahr sein, da Marat in der Erinnerung an seine Liebe beinahe schön geworden war; – schön freilich, wie Marat schön werden konnte, nämlich schön von Häßlichkeit!

»Oh! sachte! sachte, mein Verliebter!« rief Danton, als er diese plötzliche Exaltation wahrnahm; »wenn Sie sich so vertheidigen, ehe ich Sie angegriffen, so werden Sie mir das Recht geben, Sie anzugreifen, nachdem Sie sich vertheidigt. Ich mache Ihnen nicht die Fähigkeit, verliebt zu sein, streitig!«

»Nein, doch Sie machen mir das Recht hierzu streitig,« erwiederte Marat mit schwermüthigem Tone. »Ah! ich verstehe Sie wohl, Danton! Sie schauen mich an, und Sie sagen sich: »»Marat ist klein; Marat ist ganz zusammengeschrumpft, wie ein Thier, welches man das Feuer hat sehen lassen; er hat rothe Augen mit einem schwarzen Punkte, dem jedes Licht einen fahlen Reflex zuwirft; er ist knochig, und feine verkrümmten Knochen sind schlecht bekleidet durch das bisschen Fleisch, das daran hängt; diese Knochen durchbohren da und dort die Hülle in einer Richtung, welche Gott nicht für die Entwickelung der Säugethiere bezeichnet hat; Marat hat kahle Schläfe und flache Haare; seine Haare sehen aus, als wären sie abgenutzt wie die Mähne eines alten Rosses, das die Mühle gedreht hat; seine Stirne ist zurücklaufend; seine Nase biegt sich rechts um, eine gemeine, schmähliche Abweichung von der adeligen Linie; er hat spärliche, wackelige Zähne; er hat dürre, haarige Glieder; es ist eine häßliche Varietät von der Gattung homo, die Plinius und Buffon beschreiben.«« Das ist es, was Sie sich sagen, indem Sie mich sehen, und Sie fügen bei: »»Wie, in dieser zurücklaufenden, gedrückten Stirne sollte der Gedanke bequem bleiben? wie, aus diesem krankhaften, schmählichen Leibe sollte die sympathetische Ausströmung hervorgehen, welche die Träumerei im Herzen der Frauen sich erschließen macht, dieser thierische Magnetismus, der ihnen das Verlangen in den Körper gibt? wie sollte dieser unglückliche Ungestaltete das repräsentieren, was das höchste Wesen in das große Ganze gelegt hat, um es zu schmücken, zu erwärmen, zu beleben? wie sollte er, und wäre es nur für ein Hundertmilliontheilchen, die physische Liebe oder die moralische Liebe repräsentieren?«« Gestehen Sie, daß Sie sich das gesagt haben, oder daß, wenn Sie es auch nicht auf eine so absolute Weise ausdrücken, Ihre Colosseninstincte, Ihr Riesenbewußtsein Sie zu der Vergleichung antreiben und Ihre Lachmuskeln – die risorii – erregen, wenn ich Ihnen sage, ich sei verliebt gewesen.«

»Aber, mein Lieber,« erwiederte Danton, betäubt durch diese Woge gedrängter und wie eine steigende Flut sich folgender Argumente.

»Lachen Sie nicht, es lohnt sich nicht der Mühe: ich bin mehr Ihrer Ansicht, als Sie selbst. Mir scheint, ich habe Ihnen so eben ein Portrait von mir ohne alle Eitelkeit gemalt.«

»Oh! sehr wenig geschmeichelt!«

»Nein, ähnlich! Mein Spiegel ist nicht groß; nichtsdestoweniger genügt er, um mein Gesicht wiederzugeben, und dieses Gesicht, ich weiß es, ist das eines wenig für die Liebe gemachten Geschöpfes . . . »»Aber,«« werden Sie mir sagen, nun, da Sie in der Reaction sind, »»daß man häßlich ist, ist kein Grund, nicht zu lieben: das Herz ist immer schön!«« und tausend andere Aphorismen, welche die Dummköpfe befriedigen würden; doch wir sind nicht dabei, und ich meinerseits werde weiter gehen als Sie; ich werde Ihnen sagen: »»Derjenige hat das Recht, Liebe einzuflößen, welcher schön, stark, gesund und verständig auf die Welt gekommen ist; die wahre Leidenschaft, die befruchtende Leidenschaft, diejenige, der die Natur bedarf, gedeiht schlecht in einem schiefen Körper; eine gerade Klinge hält nicht in einer verkrümmten Scheide!«« Ich sage das, und dennoch füge ich bei: »»Ich bin verliebt gewesen, und ich hatte das Recht, verliebt zu sein.««

Da neigte sich Danton, jeden Spott beiseit lassend, gegen Marat, als wollte er ihn besser sehen, als wollte er ihn sorgfältiger betrachten; einige Momente studierte er ihn stillschweigend mit dem tiefen Blicke eines aufmerksam gemachten Mannes und eines verständigen Mannes.

»Ja, suchen Sie wohl,« sagte Marat traurig, »suchen Sie wohl unter dem Skelett, da man es so deutlich sieht; suchen Sie unter der Zusammenziehung der Muskeln und der Nerven, unter der Abweichung der Knochen die ursprüngliche Construction, suchen Sie unter der reducirten Form des Batrachiers . . . der Kröte, – ich verbessere mich, weil Sie genug schöner Mann sind, um das Griechische nicht zu verstehen,– suchen Sie den Apoll vom Belvedere, den jeder Anatom in der zwanzigsten Generation mit ein wenig Geduld, Zeichnung und Elasticität daraus zu ziehen weiß. Finden Sie ihn? Nein, nicht wahr? Nun wohl, Sie haben Unrecht, mein Lieber: der Apoll fand sich darin, allerdings nicht lange, doch er fand sich darin: das matte, leere Auge von Marat war ein lebhaftes und reines Auge mit glatten, frischen Lidern; die unter den schmutzigen Haaren eingedrückte Stirne war eine poetische Stirne, offen für die duftenden, frühlingsartigen Liebkosungen; der schwindsüchtige, verkrümmte, haarige Körper war ein Endymionstorso, weiß, fest, feucht und frisch. Ja, – nicht wahr, das ist unglaublich? Und dennoch ist es so! ich hatte ein elegantes Bein, einen feinen Fuß und eine schmale Hand; meine Zähne haben den Kuß sinnlicher Lippen herbeigerufen, »das scharfe Gebiß,« wie Jean Jacques sagt; ich bin schön gewesen, ich habe Geist gehabt, ich habe Herz gehabt! Ist das genug, antworten Sie, um mich zu berechtigen, daß ich sage, ich sei verliebt gewesen?«

Danton richtete den Kopf auf, streckte eine Hand gegen Marat aus, ließ die andere an seinem Schenkel herabfallen, und murmelte wie verblüfft mit einer Geberde, welche das aufrichtigste Erstaunen ausdrückte:

»Wahrhaftig!«

»Es ist, wie ich Ihnen zu sagen die Ehre habe,« antwortete ironisch Marat, dessen Philosophie, so groß sie sein mochte, unwillkürlich für die Impertinenz dieses Erstaunens empfindlich war.

»Es ist Ihnen also etwas dem, was Scarron geschah, Aehnliches widerfahren?«

»Mit Federn bedeckt in einen eiskalten Fluß gefallen und gelähmt durch Rheumatismen herausgekommen zu sein? Ja; nur bin ich glücklicher gewesen, als Scarron; ich habe mich mit meinen Beinen herausgezogen; sie sind allerdings verkrümmt, doch so, wie sie sind, bediene ich mich derselben fortwährend. Ich wollte sagen, ich sei nicht ganz und gar kreuzlahm, wie es der arme Couthon in einem Jahre sein wird. Freilich ist Couthon schön, und ich bin häßlich; das gibt eine Ausgleichung.«

»Ich bitte, Marat, spotten Sie nicht, und erklären Sie mir Ihre Metamorphose.«

»Ah! in diesem Falle werde ich Ihnen viel erklären müssen, mein lieber schöner Mann,« sprach Marat mit seiner einschneidenden Stimme, »ich werde Ihnen sagen müssen, wie sanft, unschuldig, gut ich war . . .«

»Wahrhaftig!«

»Wie sehr ich Alles liebte, was glänzt, Alles, was tönt, Alles, was duftet . . . das heißt, wie sehr ich die Kriegsleute liebte, glänzende Helden . . . wie sehr ich die Dichter und die Schönredner liebte, tönende Mühlen . . . wie sehr ich die Frauen und die Aristokraten liebte, duftende Puppen . . .«

»Und besonders, nicht wahr? Sie werden mir sagen, wie Sie dazu gekommen sind, Alles zu hassen, was Sie liebten . . .«

»Ja, Alles, was ich nicht mehr habe . . . Doch wenn ich Ihnen das gesagt haben werde, sprechen Sie, wozu wird Ihnen meine Erzählung dienen?«

»Mir zu beweisen, daß Ihr Wort von vorhin kein leeres Zurückwerfen der Luft follicitirt durch die Bewegung Ihrer Zunge ist.«

»Welches Wort?«

»Das, welches mir am meisten unter denen, die Sie sagten, aufgefallen ist, seitdem ich das Vergnügen habe, mit Ihnen zu sprechen: »»Die Einbildungskraft des Schriftstellers ist oft nur Gedächtnis««

»Ah! dieses Wort ist Ihnen aufgefallen?« versetzte Marat mit einem Lächeln der Befriedigung; »das Wort ist in der That gut construirt, nicht wahr? ja, gut gekommen, in einem Athem und aus einem Geiste, so wie ich selbst war, ehe ich war, was ich bin.«

Und er stand auf, holte seine gewalkten Pantoffeln schleppend seine Feder, schrieb den Satz quer auf ein Stück Papier, nahm von seinem Schreibtische das Manuscript der Abenteuer des jungen Grafen Potocky, und kam dann zu Danton zurück, der sich in einen Lehnstuhl setzte und sich darin ausbreitete auf die Gefahr, das wurmstichige Holzwerk zerspringen zu machen.

»Wissen Sie, was ich zuerst thun müßte?« sagte Marat.

»Ich wette,« erwiederte Danton fast erschrocken, »Sie haben Lust, mir dieses ungeheure Manuscript vorzulesen?«

»Wetten Sie! Sie werden gewinnen . . .«

»Teufel! ein polnischer Roman!«

»Wer hat Ihnen das gesagt?«

»Ich habe den Titel gelesen.«

»Doch . . .«

»Der junge Potocky . . . wären Sie das vielleicht?«

»Wer weiß?«

»Und diejenige, in welche Sie verliebt waren, hatte sie Lucilie geheißen?«

»Vielleicht.«

»Das sind Briefe wie in der Neuen Heloise?« fragte Danton immer mehr erschrocken.

Marat erröthete; diese Anspielung auf den Roman von Rousseau schien ihm die Beschuldigung eines Plagiats zu sein.

»Es gibt mehr als einen Originalschriftsteller in derselben Sprachform.«

»Ich klage Sie nicht an, mein lieber Romanendichter! erzürnen Sie sich also nicht zur Unzeit; nur wäge ich mit den Augen diesen Band; ich finde ihn schwer hinsichtlich der Zeit, die wir mit einander zuzubringen haben, und ich sage mir, was die Abenteuer des jungen Potocky betreffe, so werde ich Geduld haben, um zu warten; während ich, um die Abenteuer von Marat zu erfahren, in einem Striche nach Warschau oder Krakau gehen werde . . . Ah! Sie haben Reisen gemacht?«

»Ja wohl!«

»Sie sind in London, in Edinburgh gewesen, Sie haben, glaube ich, sogar in England Ihr erstes Buch herausgegeben?«

»In England, und zwar in englischer Sprache . . . ja, die Ketten der Sklaverei.«

»Das ist nicht Alles; Sie haben auch im Norden gelebt?«

»In Polen, ja.«

»Nun wohl, ich bitte Sie inständig, lassen Sie mich nicht schmachten! . . . Ich sagte Ihnen gestern nach Ihrer Rede: »»Sie haben viel leiden müssen! Sie drückten mir die Hand und antworteten: »»Frühstücken Sie morgen mit mir.«« Ich bin nicht gekommen, um zu frühstücken: ich bin gekommen, um zu hören, was Sie stillschweigend mir zu sagen versprochen haben. Nun wohl! hier bin ich; ich will den alten Menschen kennen lernen: lüften Sie den Schleier, der ihn vor mir verbirgt! Was den gegenwärtigen Menschen betrifft, – ich bin unbesorgt, Frankreich wird ihn kennen!«

Marat dankte Danton durch eine mehr beredte, als edle Geberde; diese Conversationsschmeichelei, er allein konnte ihre Bedeutung ermessen und finden, sie sei nach der Rechnung seines Stolzes nicht übertrieben.

Danton seinerseits hätte sich dieselbe vielleicht nicht entschlüpfen lassen, hätte er im Jahre 88 das Jahr 93 errathen.

Die Schmeichelei eines großen, starken Mannes war für Marat Befehl; er schickte sich also an, wie die Helden von Homer zu erzählen, und Km seinem Gedächtnisse Zeit zu lassen, ihm die ersten Kapitel zu liefern, und seine heisere Stimme geschmeidig zu machen, trank er aus der abgestoßenen Tasse den Rest der kalt gewordenen Milch, welche Danton zu nehmen verachtet hatte. Er trank wie die Katzen oder wie die Füchse, indem er schief schaute, während er trank, und man sah die Arterie seiner Schläfe beben bei jedem Einsaugen des Trankes.

Als die Tasse leer war, wischte er seine weiß gewordenen Lippen mit der verkehrten Hand ab, strich mit dieser schwarzen, fettigen Hand über feine rebellischen Haare und fing an.

Danton wählte einen Platz zwischen den zwei Fenstern, um keine Bewegung von der Physiognomie des Erzählers zu verlieren. Marat aber, ergründete er nun diese Absicht oder wurden seine Augen durch das Licht verletzt, zog die Vorhänge zu und begann die Erzählung in einem Halbschatten, der Danton durchaus nicht so günstig war, als es das helle Tageslicht gewesen wäre.

Da man sich aber ergeben mußte, so schloß Danton die Augen und öffnete die Ohren: er suchte durch das Gehör zu gewinnen, was er durch das Gesicht verloren hatte.

XII
Der Fürst Obinsky

Marat schloß, wie Danton, einen Moment die Augen, als ob er in sich selbst schaute und seine eigene Stimme hörte, die ihm sachte die Erinnerungen seiner Jugend erzählte.

Dann erhob er plötzlich das Haupt und sprach:

»Ich bin von Neuchatel, Sie wissen das ohne Zweifel; ich bin geboren 1744. Ich zählte zehn Jahre in dem Augenblicke, wo mein ruhmwürdiger Landsmann in die literarische oder vielmehr in die politische Welt die Rede über die Ungleichheit schleuderte; ich war zwanzig Jahre alt, als Rousseau verbannt, um ein Asyl zu suchen, in seine Heimath zurückkehrte. Empfindsam, glühend, leidenschaftlich für den Philosophen begeistert, hatte mich meine Mutter in der ausschließlichen Bewunderung des Meisters erzogen und ihren ganzen Eifer darauf verwendet, aus mir einen großen Mann in der Art des Verfassers vom Contrat social zu machen; sie war hierbei vortrefflich unterstützt worden von meinem Vater, einem würdigen Geistlichen, einem gelehrten und thätigen Manne, der frühzeitig in meinem Kopfe Alles das, was er an Wissen besaß, anhäufte; mit fünf Jahren wollte ich auch Schulmeister werden; mit fünfzehn Jahren Professor; mit achtzehn Schriftsteller, mit zwanzig schaffendes Genie!

»Wie Rousseau, wie meine meisten Landsleute, verließ ich jung meine Heimath, in meinem Kopfe ein ziemlich beträchtliches, aber schlecht geordnetes Magazin von verschiedenen Kenntnissen, eine große Kunde der Kräuter, die ich mir in unseren Gebirgen erworben, mitnehmend, dabei Mäßigkeit, Uneigennützigkeit, viel Eifer und eine Arbeitsmächtigkeit, die ich vor mir bei keinem Menschen gekannt habe.

»Ich fing mit Deutschland und mit Polen an.«

»Und warum gingen Sie nach Deutschland?«

»Ei! wie jeder Abenteuersucher, um zu leben.«

»Und Sie lebten?«

»Sehr schlecht, ich muß es gestehen.«

»Ja, nicht wahr, die Literatur nährte wenig?«

»Hätte ich mich nur an die Literatur gewendet, so würde sie mich gar nicht genährt haben; doch außer der Literatur hatte ich in meinem Dienste das Französische und das Englische, was ich wie meine Muttersprache spreche.«

»Ja, ich erinnere mich, Sie sagten mir in der That, Sie haben Sprachunterricht den Schotten gegeben und in Edinburgh die Ketten der Sklaverei veröffentlicht, ohne Zweifel selbst ein Sklave von denjenigen, welche Sie zum Lehrer17 genommen hatten.«

Marat schaute Danton mit einer Art von Erstaunen an, das diesen fast erröthen machte. Nichts ist betrüblicher für den, welcher es preisgegeben hat, als ein Wortspiel, das schlecht begriffen wird.«

»Wahrhaftig,« sagte Marat mit barschem Tone, »mir scheint, ich höre Herr von Florian oder Herrn Berlin sprechen; es ist Madrigal, was Sie da machen, mein Lieber, und Madrigal, das muß ich Ihnen bemerken, das Madrigal steht Herrn Danton schlecht an.«

»Dann will ich schweigen und mich darauf beschränken, daß ich Sie anhöre, da ich mit meinen Unterbrechungen so wenig Glück habe.«

»Ja, um so mehr als, wenn ich Romane mache, die Geschichten, die ich erzähle, nicht madrigalisch sind. Das werden Sie sogleich sehen.

»Ich komme also auf meine Lectionen zurück, die mich wenig nährten, und auf ein anderes hungriges Geschäft, das mich noch weniger nährte, ich meine die Medicin.

»Ich beschloß, Deutschland zu verlassen und mich nach Polen zu begeben. Das war 1770: ich zählte sechsundzwanzig Jahre, hatte ein paar Thaler im Grunde meiner Börse, viel Hoffnungen im Grunde meines Herzens, und vortreffliche Empfehlungsbriefe obendrein. Der König Stanislaus regierte damals, – Stanislaus August, wohl verstanden, – das war ein Gelehrter, ein unterrichteter Mann, er ist dies Alles, müßte ich sagen, denn er lebt immer noch, der würdige Fürst, und die Philosophie, die Wissenschaft und die Musen helfen ihm ohne Zweifel die Demüthigungen ertragen, welche Rußland, Preußen und Oesterreich in diesem Augenblicke über ihn verhängen.«

»Ich glaube,« sagte Danton, »wenn Sie mir eine philosophisch-politische Unterbrechung erlauben wollen, nachdem Sie mir die madrigalischen Unterbrechungen verboten haben, – ich glaube, daß der ehrliche Monarch wohl daran thut, wenn er die tröstenden Göttinnen zu cultiviren fortfährt; denn es scheint mir nicht sicher, daß er auf dem Throne stirbt, den ihm Katharina, seine strenge Gebieterin, ganz gegeben hat und ihm Stück für Stück wieder nimmt.«

»Diesmal sehen Sie richtig; ich werde auch der Unterbrechung Beifall spenden, statt sie zu tadeln, , und ich bezweifle nicht, König Stanislaus wird glücklich sein, eines Tages, gleichviel wo, die Nelken wiederzufinden, welche der große Condé cultivirte. Doch in der Zeit, um die es sich handelt, regierte, obgleich dumpf bedroht mit der Theilung seines Reiches, dieser Fürst im Frieden. Er liebte, wie gesagt, die Wissenschaften, die Künste, die Literatur, und machte einen edlen Aufwand. Ich, ein dunkler Mensch, – Schweizer durch meinen Landsmann Rousseau, Gelehrter durch meinen Collegen d'Alembert, Philosoph durch die Holbachianer, eine fatale Race, die sich über die ganze Erde verbreitete, – ich wanderte gegen Norden, ganz stolz auf meine siebenundzwanzig Jahre, auf mein wissenschaftliches Gepäck, auf meine schönen, frischen Backen und auf meine kräftige Gesundheit. . . Sie schauen mich an, Danton, und Sie suchen, was aus Allem dem geworden sei . . . Seien Sie unbesorgt, Sie werden erfahren, wie und wo mich dies verlassen hat: das ist meine Geschichte. In meinem jugendlichen Vertrauen sagte ich mir, da Stanislaus Poniatowski einen Thron durch sein gutes Aussehen bei der Großfürstin, nachmaligen Kaiserin, gewonnen habe, so könnte ich wohl mit allen meinen körperlichen und moralischen Vorzügen zwölftausend Livres Einkommen oder Pension bei Stanislaus verdienen. Das war mein Ziel, mein Ehrgeiz. Besitzer dieses Vermögens, würde ich allen Coterien, allen schlimmen Chancen Trotz bieten, ich würde nach Frankreich zurückkehren, um Staatswissenschaft zu studieren, ich würde sie inne haben in dem Alter, wo der Ehrgeiz im Herzen her Menschen treibt; ich könnte ein großer Arzt werden, sollten die Routine und das Vorurtheil fortbestehen; ich könnte ein großer Administrator werden, gelänge es der Philosophie, die Menschheit zu emanzipieren.«

»Das war gut geurtheilt,« sprach Danton mit kaltem Tone; »doch jedes Ding braucht nothwendig seinen Anfang; Alles hängt von diesem Anfange ab; zeigen Sie mir den Ihrigen, und zeigen Sie mir ihn so, wie er war, wenn das möglich ist.«

»Oh! seien Sie unbesorgt, ich werde mich nicht schminken, die Einbildungskraft ist nicht meine Sache; überdies wird hoffentlich die Wirklichkeit genügen, um Sie zu interessieren.«

»Es ist seltsam, daß Sie so die Einbildungskraft verleugnen, Sie, der Sie einen langen Kopf und breite Schläfe haben!«

»Ich verleugne die Einbildungskraft nicht,« erwiederte Marat, »doch ich glaube nur in der Politik Einbildungskraft zu haben: für alles Uebrige gleiche ich ein wenig der Katze in der Fabel, die nur einen Kunstgriff in ihrem Sacke hatte und genöthigt war, ihre Inferiorität gegen den Fuchs, das Thier mit den hundert Mitteln, anzuerkennen. Das Resultat hiervon ist, daß ich, wenn ich Hunger hatte, – was mir zuweilen begegnete, – Lectionen gab und weder viel, noch wenig aß.«

»Und was für Lectionen gaben Sie?«

»Lectionen in Allem, bei meiner Treue! ich bin ungefähr universell, so wie Sie mich sehen: heute, zum Beispiel, verfaßte, schrieb und druckte ich zwanzig Bände physische Entdeckungen, und ich glaube alle Combinationen des menschlichen Geistes über die Moral, die Philosophie und die Politik erschöpft zu haben.«

»Teufel!« rief Danton.

»So ist es!« sprach Marat mit einem Tone, der keine Widerrede zuließ. »Ich gab also Lectionen in Allem, im Lateinischen, im Französischen, im Englischen, in der Chemie, der Physik, der Medicin, der Botanik, ohne Alles das zu rechnen, was an unbekannten Fähigkeiten der Appetit, diese große Anspornung zur allgemeinen Industrie, eingibt.«

»Gut! Sie sind nun also, um Lectionen zu geben, nach Polen abgereist,« sagte Danton, der die Weitschweifigkeit von Marat abzukürzen suchte.

»Ich bin nun nach Polen abgereist. Die Sprache beunruhigte mich nicht: in Polen spricht Jedermann Lateinisch, und ich konnte Lateinisch wie Cicero.«

»Fanden Sie wenigstens Schüler im kriegerischen Lande der Jagellonen?«

»Ich war empfohlen an Würdenträger von Stanislaus. Einer derselben, ein Gebieter von sechs Dörfern, ein Starost Namens Obinsky, an den ich einen sehr dringenden Brief hatte, befand sich zufällig in Warschau, als ich ankam; ich beeilte mich, demselben das Schreiben zu übergeben, das mich ihm empfahl! Die Polen sind umgänglich und gastfreundlich; ihr Nationalstolz läßt sie die Franzosen als Brüder betrachten. Der Fürst las den Brief, heftete aufmerksam die Augen auf mich, als wollte er mich nach meinem physischen Werthe schätzen; dann, nach einem Momente der Prüfung und des Stillschweigens, nickte er leicht mit dem Kopfe. Dieses Nicken schien mir wohlwollend.

»Es war ein Mann von hoher Statur, grau von Haaren, weiß von Gesichte, mit durchdringenden Augen, mit schallender Stimme; er kam dem Wuchse nach einem Riesen gleich; ich, ich maß fünf Fuß, – denn ich bin auf einen Zoll kaum je größer gewesen , als ich jetzt bin; – er imponirte mir von Anfang an.

»Ich war, wie ich Ihnen gesagt habe, naiv, Freund der Großen, geneigt, contemplativ durch die Bewunderung oder thätig durch die Dankbarkeit zu werden; kurz, ein streckbarer Teig den Geschmack erwartend, den die erste Beleidigung oder die erste Wohlthat, edelmüthig oder bitter, in die Seele legen würde, welche diese Materie belebte.

»Der Fürst trat endlich aus seiner Träumerei hervor und sagte:

»»Wir haben viele Franzosen hier, doch Alle sind Militäre, und der König, sobald sie ankommen, beeilt sich, sie entweder zu seiner Freundin Ihrer Majestät der Kaiserin, oder zu seinen Feinden den Opponenten zu schicken, welche auf Bürgerkriege in Podolien sinnen . . . Kennen Sie die Geschichte dieser Spaltungen?««

»»Bei meiner Treue, nein! und ich gestehe offenherzig meine Unwissenheit,«« antwortete ich ein wenig gedemüthigt.

»Der Fürst schien sehr entzückt, einen Gelehrten zu finden, der offenherzig gestand, er wisse etwas nicht.

»»Also,«« sagte er mit einer sichtbaren Befriedigung, »»Sie gestehen also, daß Sie die Schismen von Soltyk, Massalsky und den anderen wüthenden Katholiken nicht kennen?««

»»Mein Gott, nein, Fürst!«« antwortete ich.

»»Nun wohl! desto besser. Sie werden einen vortrefflichen Hofmeister geben, und besonders einen um so vollkommeneren Moralisten, als Sie keinen politischen oder religiösen Sauerteig in Ihre Lotionen mischen werden. Ich habe Ihnen einen Zögling anzuvertrauen.««

»Denken Sie sich meine Freude, mein lieber Danton, meinen Stolz besonders: ein Zögling, mir ein Zögling gegeben von einem Fürsten, einem Großen der Erde, dem unumschränkten Gebieter auf seinen Gütern, mir der muthmaßliche Erbe eines Königreichs von sechs Dörfern. Ich kniete beinahe nieder; der Starost hob mich auf.

»»Ich setze eine einzige Bedingung für meine Protection,«« sagte der Fürst.

»»Sprechen Sie, Durchlaucht.««

»»Sie haben Briefe an den König: Sie werden den König nicht sehen.««

»Ich schaute meinen Gönner mit Erstaunen an. Er bemerkte mein Erstaunen.

»»Das ist sehr natürlich,«« sagte er; »»man gibt Sie mir als einen gelehrten, als einen äußerst gelehrten Mann; wenn ich Sie will, so will ich Sie für mich allein und nicht für Andere; machen Sie sich also nicht zum Voraus verbindlich; überlegen Sie. Wir sind ein wenig eifersüchtig, wir Sarmaten, exclusiv besonders; wollen Sie bei mir leben mit dem Zögling, den ich Ihnen anbiete, wollen Sie tausend Gulden jährlich, außer den Kosten Ihres Unterhalts . . .««

»Das ist hübsch,« bemerkte Danton.

»Das war herrlich!« erwiederte Marat; »ich willigte auch ein. Der Fürst nahm mich sogleich mit sich oder schloß mich vielmehr bei sich ein; von diesem Tage an gehörte ich leider zum Hause!«

Marat stieß einen Seufzer aus, den Danton im Fluge auffaßte.

»Ich begreife,« sagte er; »Sie bereuten alsbald, nachgegeben zu haben; Ihr Zögling war ein großer Bursche von barbarischem Blute, roth, Trinker und thierisch! ein moldauischer Bär, von seiner Mutter schlecht geleckt, der wenig auf Sie hörte und Sie viel schlug!«

»Oh! Sie irren sich,« versetzte Marat.

»Dann war es einer von den Zöglingen, wie sie Juvenal geschildert hat: Arcadius Juvenis?«

»Es war ein fünfzehnjähriges Mädchen, schön, blendend, geistreich , brav, poetisch; eine Fee, ein Engel, eine Gottheit!«

»Au!« murmelte Danton, indem er sich Marat näherte, »das wird interessant! der Roman schürzt sich: Lucilie wird Potocky lieben.«

»Nicht wahr?« sagte Marat mit Bitterkeit.

»Mir scheint, ich wittere den sentimentalen Saint-Preux und die schöne Julie.«

»Warten Sie, warten Sie, lieber Freund, Sie sollen etwas Besseres haben, als Alles dies.«

»Potz Henker! sollten wir unglücklicher Weise statt Saint-Preux und Julie Heloise und Abeilard haben?«

»Oh! nicht ganz. Teufel! wie rasch gehen Sie zu Werke!«

»Ich gehe nicht, ich höre Sie; nur macht das, was Sie mir sagen, in meinem Geiste die Verwunderung entstehen, und aus der Verwunderung entsteht die Supposition.«

»Supponiren Sie also oder supponiren Sie nicht; ich fahre fort.«

»Und ich, ich warte.«

»Ich übergehe mit Stillschweigen mein Erstaunen bei der Vorstellung, welche noch am Abend geschah: getäuscht wie Sie, hatte ich auf einen Schüler gezählt, und nicht auf eine Schülerin; ich übergehe mit Stillschweigen mein Erröthen, mein Beben, mein Unbehagen; ich übergehe mit Stillschweigen meine jugendliche Scham, indem ich, über meinen mageren Philosophenanzug streifend, das Sammetkleid und die Marderpelze von Cäcilie anschaute.«

»Ah! sie hieß Cäcilie? ich glaubte, sie habe Lucilie geheißen.«

»Sie heißt Lucilie in diesem Roman, doch sie hieß Cäcilie in der Geschichte. Das war übrigens der Name einer ausgezeichneten Königin dieses Landes, und diese Königin, Danton, war nie mehr Königin, als die junge Person, der mich der Fürst, sie mir als Zögling übergebend, mich ihr zum Lehrer gebend, vorgestellt hatte . . .«

XIII
Cicilie Obinska

»Röthe, Beben, falsche Scham, Alles dies war nichts, und ich war zu ganz Anderem vorbehalten! Der Fürst, nachdem er mich vorgestellt, fügte bei:

»»Cäcilie, dieser gelehrte Franzose hier wird Dich im Französischen, im Englischen, in den abstracten Wissenschaften unterrichten . . . Er wird ein Jahr hier zubringen, und in einem Jahre wirst Du Alles wissen, was er weiß.««

»Ich schaute ihn fest an und suchte zu errathen, ob er mich aus Unwissenheit, oder in einer bestimmten Absicht so schlecht beurtheile.

»»Oh!«« sagte er, »»ich begreife. . .««

»Ich sah, daß der Fürst nicht aus Unwissenheit so sprach, und daß er im Gegentheile einen sehr scharfen Geist besaß.

»Dann setzte er hinzu:

»»Wundern Sie sich nicht, mein lieber Herr, wenn ich sage, in einem Jahre werde Cäcilie Alles wissen, was Sie wissen: ich kenne ihre Anlagen und ihr Gedächtniß; sie ist ein Mädchen von einem Geiste, mit dem Sie den Ihrigen nicht zu vergleichen vermöchten. Lehren Sie nur, und Sie werden sehen, wie sie lernen wird . . .««

»Ich verbeugte mich.

»»Durchlaucht,«'erwiederte ich ehrerbietig, »»Gott behüte mich, daß ich an den Vorzügen von Fräulein Obinska zweifle; um sie aber alle diese Dinge zu lehren, müßte man mir die materielle Zeit gewähren.««

»»Gut!«« sprach er, »»ich habe Ihnen ein Jahr bestimmt . . . Nun wohl, Cäcilie wird Sie nicht verlassen, oder Sie werden vielmehr Cäcilie in diesem Jahre nicht verlassen: Sie werden ihr also in Wirklichkeit die Summe der Zeit geben, die Sie in sechs Jahren jedem Zögling in Frankreich geben würden. Dort gehen die Mädchen in Assemblées, an den Hof; – ich kenne das: ich bin in Paris gewesen; – sie empfangen bei sich, sie geben eine Stunde des Tages der Cultur des Geistes, und die übrige Zeit Frivolitäten . . . Hier dagegen wird die Prinzessin Obinska zwölf Stunden des Tages auf das Studium verwenden.««

»»Ist es mir erlaubt, Eurer Durchlaucht eine Bemerkung zu machen?««

»»Oh! ja, gewiß.««

»»Zwölf Stunden an einem Tage für das Studium ist zu viel, und das Fräulein wird das nicht aushalten.««

»»Ah!«« versetzte lächelnd der Fürst, denn im Ganzen lächelte er zuweilen, »»Sie nöthigen mich nicht, Sie Ihr Handwerk zu lehren . . . Ja, Sie haben Recht, Doctor, zwölf Stunden müßten das beste Gehirn vernichten, würde man sie ohne Unterlaß und ohne Abwechselung auf das Studium verwenden; da Sie aber hier mit der Prinzessin jeden Morgen zwei Stunden reiten werden; da Sie sodann mit ihr frühstücken werden; da Sie sich einschließen werden, um bis zum Mittag zu schreiben oder an der Tafel zu rechnen; da Sie um Mittag in ihrem Wagen spazieren fahren werden; – man plaudert im Wagen, nicht wahr? – da Sie am Mittagessen, wenn wir Gesellschaft empfangen, auf den Jagden, bei den Abendunterhaltungen bei Cäcilie sein und mit ihr plaudern werden, da Sie sie endlich nicht verlassen werden, so mache ich keine übertriebene Rechnung, wenn ich Ihnen zwölf gute Arbeitsstunden im Tage gebe.««

»So wie der Fürst sprach, schien es mir, als hörte ich die Worte eines Geistes der Träume; so wie er diesen Erziehungsplan erklärte, schien er vor meinen Augen eines von den wunderbaren Gemälden zu entrollen, welche, mittelst des Haschisch, der Alte vom Berge seine eingeschlafenen Adepten sehen ließ. Ich hatte so viel zu denken, daß ich kein Wort zu erwiedern fand.

»Und ich fühlte doch so große Lust in mir, zu antworten, daß ich meine Hände und meine Füße zusammenzog, um mich nicht vom Platze zu rühren, oder um keine Geberde zu machen, die mich aufgeweckt hätte. Ich glaubte zu schlafen.

»Cäcilie hatte ihrerseits, während dieser köstlichen Vision, nicht aufgehört, mich mit einem ruhigen, kalten Äuge anzuschauen, dies jedoch mit einer Beharrlichkeit, die mir heute noch, nach Verlauf von siebzehn Jahren, das Herz wie eine von einem geheimen Dämon auf mich gerichtete unsichtbare Klinge durchbohrt.

»Groß, von gerader Haltung, die Haare dicht, von einem gelblichen Blond, das Auge blau und tief wie die Wogen unserer Seen, kreuzte sie ihre Arme unter ihrem Pelze und hatte die Lippen noch nicht auseinander gethan, so daß ich nicht mehr von ihr erschaut, als was man von einer Statue unter ihren Draperien sieht. Da ich mich nicht erinnerte, daß ich sie hatte in das Zimmer eintreten sehen, da ich sie nicht hatte sich zu ihrem Vater stellen sehen, und da nichts an ihr sich bewegt hatte, nicht einmal ihre langen Wimpern, so konnte ich glauben, die menschliche Form, die ich vor Augen habe, sei einfach eine von jenen Schutzheiligen, welche die polnischen Edelleute im Bilde in ihre Schlösser oder unter den Mantel ihrer Kamine stellen, wie dies einst die Römer mit ihren Laren thaten, und die die stillschweigenden Wächterinnen der Familie und des Herdes sind.

»Dieser Vater, der so viel und so bizarr sprach, diese Tochter, welche so viel schaute und so wenig sprach, Alles dies brachte auf mich eine Wirkung hervor, die ich nicht ausdrücken kann; . . . vielleicht werden Sie dieselbe begreifen.«

»Teufel! ob ich sie begreife . . . ich glaube wohl!« rief Danton. »Doch fahren Sie fort, mein Lieber, ich vermuthete entfernt nicht, alle diese Namen in sky und in ska könnten in so interessanten Geschichten figuriren. Freilich haben wir im Faublas von Louvet de Couvray eine gewisse Lodoiska . . . Haben Sie Faublas gelesen?«

»Nein,« antwortete Marat, »ich lese nie obscöne Bücher.«

»Obscön! Sie finden?« versetzte Danton. »Pest! Sie sind Rigorist! ich finde das nicht obscöner, als die Neue Heloise.«

»Oh! blasphemiren wir nicht!« sagte Marat erbleichend.

»Ja, Sie haben Recht: es ist weder von Faublas, noch von Lodoiska, noch von der Heloise die Rede, sondern es handelt sich um Sie, um eine Geschichte, und nicht um einen Roman. Fahren Sie fort, fahren Sie fort . . . Ich bitte um Verzeihung, daß ich Sie unterbrochen habe.«

Marat fuhr fort:

»Mein Erstaunen war so groß, oder vielmehr meine Betäubung war so vollständig, daß es einen Augenblick gab, wo mir der Kopf herumging, und wo ich von einem Schwindel erfaßt wurde. Während dieses Augenblickes wurde ich – von wem? ich weiß es nicht, wie? ich weiß es nicht; – in ein großes Zimmer geführt, wo ich ungefähr wieder zu mir kam, und wo ich mich mitten unter höflichen, lächelnden Dienern fand, die mir ein gutes Bett und ein gutes Mahl zeigten.«

»Wahrhaftig, mein lieber Freund,« sagte Marat, »wie sehr ich auch Ihnen und mir selbst Sie nicht zu unterbrechen versprach, ich kann dem Verlangen nicht widerstehen, Ihnen zu bemerken, daß es nicht möglich ist, die Feerei auf eine angenehmere Weise zu beginnen; das ist gerade wie in den Debuts der arabischen Mährchen: es versteht sich auch hoffentlich von selbst, daß Sie dem Mahle und dem Bette Ehre anthaten.«

»Ich speiste ziemlich gut,« erwiederte Marat, »doch ich schlief ziemlich schlecht: nach den langen Strapazen des Körpers, nach den großen Erschütterungen des Geistes ruht der nervöse Mensch schwer. Ich besonders hatte einen doppelten Grund, schlecht zu schlafen: mein Körper war gelähmt, mein Geist betäubt; ich träumte indessen, doch mein Traum war eine Art von Extase. Fräulein Obinska hatte mich magnetisirt mit ihren großen, offenen Augen und ihrer schweigsamen Unbeweglichkeit!

»Ich würde indessen lügen, sagte ich Ihnen, ich habe gar nicht geschlafen; ich muß das Bewußtsein verloren haben, da ich erwachend auf einem Stuhle neben mir, beim Scheine einer Nachtlampe, Kleider sah, welche, ich gestehe es, viel schicklicher für das Klima des Landes, in dem ich mich befand, als die von mir aus Frankreich mitgebrachten.

»Ich stand auf, ging gerade auf die Kleider zu und zog sie an, ohne einen Augenblick zu verlieren. Ich vermöchte Ihnen nicht zu sagen, wie stolz und schön ich mich vor dem Spiegel meines Zimmers fand. Ein Rock von der Form derjenigen, welche man seitdem in Frankreich getragen, und denen man den Namen Polonaisen gegeben, eine veilchenblaue Sammethose, Stiefel mit silbernen Sporen, ein reizender Hut mit einer Rundschnur bildeten die Hauptgegenstände meines Anzugs. Ich fand überdies an der Wand über dem Fauteuil, auf das man meine Kleider gelegt hatte, hängend einen Hirschfänger mit einem Griffe von geschnitztem Elfenbein und eine Jagdpeitsche, kurz das ganze Geräth eines reichen Edelmannes. Unter diesem Costume fühlte ich mich der ganzen Erde gleich, und ich hätte gern mit Voltaire, trotz des Hasses, den ich gegen ihn hege, ausgerufen:

Ce n'est pas la naissance, C'est le oostume seul qui fait 1a différence.18

»Während ich vor meiner so verschönerten Person in Entzücken gerieth, verlief die Stunde, und ein Piqueur benachrichtete mich, die junge Prinzessin sei hinabgegangen und erwarte mich.

»Wir waren am Anfange des März; es hatte fünf Uhr Morgens geschlagen; die Erde sprang auf unter den letzten Frösten; nirgends eine andere Helle, als der Reflex des Schnees. Dieses blaßblaue Licht so sanft wie eine Dämmerung erlosch am Horizont in den Krümmungen der Berge, hinter denen man aus gewissen rosenfarbigen Dunststreifen die zukünftige Erscheinung der Sonne errieth.

»Dies war das Gemälde, das mir in die Augen fiel, während ich rasch die breite Treppe hinabstieg, durch deren Fenster man die Ebene erblickte.

»Unten an der großen Treppe befand ich mich im Ehrenhofe.

»Fräulein Obinska saß, wie man mir gemeldet hatte, schon zu Pferde und erwartete mich; ich sah Anfangs, unter den Fackeln, nur die schwarze Silhouette ihres Rosses und die Hermelinjacke, welche sie angezogen, um die freie Bewegung ihrer Hände zu haben, ohne unter der Kälte zu leiden.

»Ich ging von einem Erstaunen zum andern über, verzweifelnd, ob ich je die klare Einsicht der Dinge, die mir begegneten, erreichen werde; diese seltsame Theorie des Vaters durch die Tochter verwirklicht, diese reizende, zarte, schwächliche Frau vor Tag ausgestanden und bereit zur Leibesübung, während ich, ein Mann, noch schlief, war Alles dies, selbst in Polen, nicht wunderbar und sogar unglaublich?«

»Bei meiner Treue, ja!« erwiederte Danton, »und noch viel unglaublicher und wunderbarer wird es sein, Sie zu Pferde zu sehen.«

»Warten Sie,« sagte Marat, »wir kommen hierzu.«

»Ich halte Ihnen den Steigbügel,« versetzte Danton, »vorwärts!«

»Nachdem ich die Prinzessin und die Fackeln, und Alles, was mich umgab, angeschaut hatte, erblickte ich endlich das für mich bestimmte Pferd . . .«

»Ah! ah! die Beschreibung des Pferdes!«

»Es war ein schöner Renner der Ukraine mit spindelförmigen Beinen, mit verständigem Kopfe, mit ungeheurer Mähne. Er scharrte mit dem rechten Fuße den Sand des Hofes, und als ich mich ihm näherte, hörte er auf zu stampfen und schaute mich von der Seite an als ein Thier von Geist, das wissen will, mit was für einem Reiter es werde zu thun haben . . .«

Danton lachte.

»Man konnte glauben,« fuhr Marat fort, »seine Forschung habe den Renner befriedigt, denn er fing wieder an zu scharren und schien so ein Verlangen zu bezeigen, die Promenade unter meiner Leitung zu machen. Ich schaute ihn ebenfalls an, wie man einen Gegner anschaut, dem man mißtraut, und schwang mich in den Sattel.«

»Oh! mein Gott!« rief Danton mit einem Ausdrucke der Enttäuschung, der einem Schrecken glich, »sollten Sie zufällig Reiter sein?«

»Reiter ist nicht das rechte Wort; doch in Boudry, wo ich geboren bin, war ich oft als Gassenjunge auf den Pferden der Postillons geritten, welche leer zurückkamen.«

»Ah! gut! das raubt mir mein ganzes Vergnügen; ich hoffte Sie beim ersten Trabe fallen zu sehen.«

»Geduld! Geduld, Freund!« erwiederte Marat mit seinem bitteren Lächeln; »ich bin im Begriffe, abzugehen, doch ich bin noch nicht zurückgekehrt.«

»Gehen Sie, gehen Sie, ich folge Ihnen.«

»Ich bestieg also das Kosakenpferd,« fuhr Marat fort, »und ging, ohne daß die Prinzessin ein Wort gesprochen, in ihrem Gefolge ab, denn sie war mit ihrem herrlichen Rappen vorausgeritten.«

»Und Sie waren allein?«

»Nein, der Piqueur, der mir gemeldet hatte, es sei Zeit, aufzubrechen, und die Prinzessin erwarte mich, folgte auf dreißig Schritte, seine Büchse an seinem Schulterriemen tragend; doch es waren nicht fünf Minuten verlaufen, als mein Pferd, um an mir das durch den schiefen Blick, welchen ich an seinem Orte einregistrirt habe, angefangene.Studium zu vollenden, statt seinen Weg fortzusetzen, in der Richtung des Stalles umzukehren beschloß.«

»Ah!« rief Danton, »das ist ein sehr unverschämter Beschluß bei einem solchen Reiter.«

»Ich wollte mich demselben auch widersetzen; es schlug aus: ich glaubte, es sei der Augenblick gekommen, die schöne Peitsche zu benützen, die ich in meinem Zimmer gefunden; ich gab meinem Bukephalos einen kräftigen Hieb, den er nicht sobald empfangen, als er mich mittelst eines Seitensprunges auf zehn Schritte, den Kopf voran, in den Schnee schleuderte.«

»Vortrefflich!«

»Das ist ein herrliches Land für die Equitation, dieses Polen, besonders im Winter! Ich drang drei Fuß tief in diese Eiswatte ein; das war Bescheidenheit von meiner Seite: ich hätte fünf Fuß tief eindringen können, ohne den unten liegenden Flechten den geringsten Schaden zu thun.«

Danton lachte aus Leibeskräften.

»Ho! ho!« sagte er, »das ist ein Debut, welches im Stande, den Roman zu compromittiren. Sie haben keine Idee, wie sehr mich das ergötzt; ich bin nun ganz vom Wege abgebracht, und Sie können mir erzählen, was Ihnen beliebt. Teufel! ich befürchtete einen Augenblick sehr, Sie haben Ihr Pferd gebändigt und sogar das Leben Fräulein Obinska gerettet, deren mächtiger Rappe nach dem Beispiele Ihres Thieres ausgerissen . . . Gott sei gelobt, nichts von Allem dem existirt.«

»Oh! seien Sie ohne Furcht! die Geschichte, , welche ich erzähle, gehört zu denjenigen, die ihre Resultate können vorhersehen lassen, die aber, dafür stehe ich Ihnen, die Einzelheiten nicht errathen lassen. Fräulein Obinska, als sie sah, daß ich abgeworfen worden war, hielt an, wandte sich anmuthig auf dem Sattel um und betrachtete mich.

»Ich zitterte, während ich mich aus dem Schneehaufen losmachte, ihr Gelächter zu hören, und ich säuberte mich, so gut ich konnte; doch die Prinzessin lachte durchaus nicht; ihr Gesicht war dasselbe, wie ich es seit dem vorhergehenden Abend gesehen, das heißt kalt und unempfindlich.

»»Sie wird mich wenigstens fragen, ob ich mir wehe gethan,«« dachte ich, indem ich wieder aufstieg, wobei der Piqueur gefälliger Weise das Gebiß meines Pferdes hielt.

»Ich täuschte mich: Cäcilie öffnete nicht den Mund; durch dieses Stillschweigen erfolgte, daß ich meinen Weg ziemlich verdrießlich fortsetzte; die Prinzessin ritt aber weder schneller, noch langsamer.

»Nach zehn weiteren Minuten wählte mein Pferd das, wie es scheint, neuen Anlaß zur Klage gegen mich bekommen hatte, eine trockene, geschlagene Chaussee eingefaßt mit Steinen, auf die es mich schleuderte, wie das erste Mal, doch mit sehr verschiedenem Glücke.

»Bei diesem Falle fand ich, statt des weichen Eiderdunenbettes, das die Natur für mich ausgebreitet zu haben schien, ein hartes Granitlager, so daß mein Kopf und meine Schulter geschunden wurden, und daß einige Blutstropfen auf meinen Haaren zum Vorscheine kamen.

»Cäcilie war kaum zehn Schritte von mir entfernt, als mir dieser Unfall begegnete. Der Tag brach an; – in diesem Lande ist er, wie Sie wissen, von der Morgenröthe voll; – sie sah den Diener mich aufheben, sie sah mein Gesicht erbleichen, sie sah mein Taschentuch sich röthen, und gab kein Zeichen einer Gemüthsbewegung von sich.

»Ich war gereizt; überdies litt ich; um ihr ihre Unmenschlichkeit fühlbar zu machen, übertrieb ich mein Ungemach. Ich trocknete also lange meine Haare ab, so daß ich mein ganzes Taschentuch mit Blut befleckte.

»Ich wollte sehen, wie weit die Härte ihres jungen Herzens ginge, das todt und eiskalt zu sein schien, wie die eiskalte, todte Natur, die sie umgab.

»Sie war vielleicht stumm?« fragte Danton.

»Nein, denn ihre Lippen öffneten sich, ihre Zähne thaten sich aus einander, und es fielen von ihren Lippen die zwei lateinischen Worte:

»»Prave equitas!««

»Du reitest schlecht!« rief Danton: »Das war das Ganze?«

»Ja.«

»Oh! das hübsche Sarmatenherzchen!«

»Nicht wahr? Ich wäre vor Zorn beinahe rasend geworden: mit einer Hand ergriff ich die Mähne des widerspenstigen Pferdes, mit der andern hob ich meine Peitsche auf.

»Cäcilie zuckte die Achseln und setzte sich wieder in Marsch.

»»Cave,«« sagte sie, »»te occidet!««

»Und in der That, das tolle Roß hätte mich sicherlich getödtet.

»Fräulein Obinska sprach nicht mehr mit mir während des übrigen Spazierritts; doch ich war in eine Wuth gerathen, welche mit jeder Minute zunahm und einen solchen Grad von Erbitterung in dem Augenblicke erreicht hatte, wo mein Pferd die Laune erfaßte, sich zum dritten Male meiner zu entledigen, daß ich beim ersten Zeichen, welches dasselbe von diesem Entschlusse gab, den Zügel losließ, mit einer Hand die Mähne packte und, mit meinen beiden Fersen eine doppelte Schwingung vollbringend, das Thier grimmig spornte. Ganz erstaunt über diesen fast angreifenden Widerstand, ging mein Pferd mit mir durch; ich ließ es machen; es wollte anhalten, doch nun wollte ich meinerseits nicht, daß es anhielt, und ich spornte es rasend. An das Thier angeklammert durch Bande fast so eng, als die, welche Mazeppa auf seinem Renner der Ukraine festhielten, ermüdete ich das meine dergestalt, daß es sich für besiegt erklärte.

»Dreimal wiederholte sich derselbe Scherz von seiner Seite, und dreimal schloß ich mich wieder, vermittelst der neuen Stabilitätsweise, die ich mir geschaffen hatte, mit einer stolzen Bescheidenheit dem Gefolge der Prinzessin an, welche eben so wenig das Thier beklagte, als sie den Menschen beklagt hatte.

»Von diesem Augenblicke an glaubte ich, ich werde einen Haß gegen Cäcilie fassen, und ich bemühte mich absichtlich, sie nicht anzuschauen; doch sie, sie genoß ruhig ihre Promenade, röthete ihre schönen Wangen in der frischen Morgenluft, ließ ihr Pferd alle Uebungen der Reitschule hinter einander durchmachen , und kam in das väterliche Palais mit einem Männerappetit zurück.

»Ich hatte mir unter Weges die Achtung und die Freundschaft des Piqueur erworben; dieser Mensch bezeugte mir seine ganze Sympathie und gab mir in seinem schlechten Latein sehr vernünftige Rathschläge über die Reitkunst.«

»Teufel!« sagte Danton, »mir scheint, die erste Lection von Saint-Preux bei Julie war weniger hart, als Ihre erste bei der schönen Cäcilie.«

»Es ist wahr; doch sehen Sie, Danton, das rührt von Einem her: Saint-Preux debutirte bei Julie damit, daß er ihr Dinge zeigte, die sie nicht wußte; so daß er von Anfang an sich von ihr bewundern machte, während ich mich im Gegentheile dieser jungen Wilden unter einem ungünstigen Anblicke präsentierte. Ich fühlte wohl das Lächerliche und das Untergeordnete meiner Stellung; indeß sie unstörbar frühstückte, ohne mich anzuschauen oder mir etwas anzubieten, überlegte ich auch in meinem Innern, die Lectionen werden mir eine Genugthuung geben, und Fräulein Obinska, dieses ausgezeichnete, von ihrem Vater so sehr gerühmte Genie, werde bald wahrnehmen, welchen Unterschied der Urheber der Natur zwischen den Geist und die Materie gelegt hat.

»Da sie indessen zu essen aufgehört hatte, und, trotz dieser Unthätigkeit ihres Kinnbackens, sie denselben durchaus nicht damit beschäftigte, daß sie mit mir sprach, so erfaßte mich wieder der Aerger, und ich sagte lateinisch zu ihr, indem ich sie mit einer fast angreifenden Dreistigkeit anschaute:

»»Mein Fräulein, bitten Sie Ihren Herrn Vater, mir mein Wort zurückzugeben.««

»Sie schaute mich ihrerseits starr an und fragte:

»»Cur?««

»»Weil ich Ihnen zwölf Stunden Lectionen und Unterredungen täglich zu geben habe, und weil schon vier vergangen sind, ohne daß Sie sich herabgelassen, ein einziges Wort an mich zu richten. Wäre ich ein Leibeigener, ein Lastthier oder ein Jagdhund, so würde ich mich mit der Kost begnügen, die man mir gibt, und für das Uebrige nach Ihrer Laune thun; doch ich bin ein Mensch, ich verdiene meinen Lebensunterhalt, und bettle nicht darum. Arbeiten wir, mein Fräulein, oder trennen wir uns.««

»Sie löschte meinen Blick unter der Flamme und der Starrheit des ihrigen aus.

»Dann fragte sie:

»»Quid vocatur, gallice, equus?««

»»Cheval,«« antwortete ich.

»»Anglice?««

»»Horse.««

»Und so fuhr sie zehn Minuten fort, mich im Französischen und Englischen nach den Namen von Allem dem zu fragen, was dazu dient, das Pferd auszurüsten und zu schmücken.

»Dann hielt sie inne; nachdem sie aber einen Augenblick überlegt hatte, fragte sie weiter:

»»Quid vocatur, gallice, sanguis?««

»»Sang.««

»Anglice?««

»»Blood.««

»»Quid. Gallice. Capilli?««

»»Cheveux..««

»»Anglice?««

»»Hair.««

»Wonach sie anfing, französisch und englisch, die ganze menschliche Anatomie aufzuzählen.

»Nachdem sie wieder wie das erste Mal überlegt hatte, befragte sie mich über die Bewegung, über die ich ihr eine ziemlich klare Theorie entwickelte; über die Bildung und Circulation des Blutes, was ich ihr sehr ausführlich und umständlich erklärte; endlich forderte sie mich, immer in demselben Tone, auf, ihr ins Französische und ins Englische ungefähr dreißig Verba, fünfzig Substantiva und nur zwölf Adjectiva, ausgewählt unter den ausdrucksvollsten, zu übersetzen.

»Sie hörte aufmerksam zu, ließ sich zwei- und sogar dreimal die Wörter wiederholen, die sie schlecht verstanden hatte, und fragte nach der Orthographie von einigen, die sie in Verlegenheit brachten; als sodann dieses Gespräch, das zwei Stunden dauerte, beendigt war, zog sie sich in ihr Zimmer zurück und ließ mir die Freiheit, mich in das meinige zurückzuziehen; – was ich that.«

»Seltsamer Charakter!« sagte Danton.

XIV
Der Roman schürzt sich

»Ich blieb zwei bis drei Stunden allein in meinem Zimmer, und während dieser paar Stunden hatte ich alle Zeit, zu überlegen; nur um mit Erfolg nachzudenken, hätte ich nöthig gehabt, mehr Selbstbeherrschung zu besitzen: die seltsame Gestalt von Fräulein Obinska, mit ihrer gerade durch ihre unstörbare Ruhe erschrecklichen Stirne, mit ihren großen klaren Augen, mit ihrer Geberde einer Königin, störte mich aber unglücklicher Weise unabläßig in meinen Betrachtungen: seit dem vorhergehenden Tage, das heißt seit achtzehn bis zwanzig Stunden, hatte sie Mittel gefunden, mich mehr Demüthigungen erdulden zu lassen, als ich in meinem ganzen Leben erduldet. Ich haßte diese Frau, denn es war unmöglich, ihre Ueberlegenheit nicht zuzugestehen: es gibt Leute, welche für das Befehlen geboren werden, und diese befehlen mit dem Blicke, mit der Geberde, mit den Händen; das Wort ist bei ihnen nur ein Zugehör des Befehls: die junge Prinzessin war eine von diesen Personen.

»Es kam die Stunde des Mittagmahls, ohne daß ich das Fauteuil verlassen hatte, auf welches ich ganz nachdenkend bei der Rückkehr in mein Zimmer gefallen war.

»Man meldete mir, es sei bei der Prinzessin servirt; ich hatte mich von meinen Unfällen am Morgen ein wenig erholt, und ging besonders ruhiger und mehr in der Stimmung, Alles zu beobachten, hinab.

»Cäcilie hatte bei sich bei Tische zwei weibliche Verwandte, um die sie sich fast nichts bekümmerte, so daß ich sah, es sei die Gewohnheit der Prinzessin, sich um ihrer Gäste willen keinen Zwang anzuthun; gegen das Drittel des Mahles jedoch begann, ohne sich mit den Anwesenden zu beschäftigen, Cäcilie wieder ihre Fragen, und ich begann wieder meine Antworten. Ich bemerkte indessen so viel Unbestimmtes, so viel Unbändigkeit in ihrer Neugierde; es war unter dieser Anhäufung von heterogenen Studien eine so lächerliche Prätension auf Universalität des Wissens, daß ich mir vornahm, die Arbeit zu regeln, wenn ich freier mit ihr wäre, und sie zu zwingen, auf dem Papiere wenigstens den Hauptinhalt aller Wissenschaften festzustellen, die wir plaudernd berühren würden; ich beschloß gleichfalls, Lexica und Grammatiken kaufen zu lassen; doch ehe dieses Project zum Vorschlage kam, war es unnütz geworden.«

»Wie so?« fragte Danton.

»Ja, Sie können sich nicht denken, was geschah.«

»Was geschah?«

»Es geschah, daß nach Verlauf eines Monats von Spazierritten, von Mittagsmahlen, von Conversationen, von academischen Sitzungen, – nach Verlauf eines Monats, hören Sie wohl? – Fräulein Obinska an einem schönen Morgen, während wir frühstückten, im reisten Französisch zu mir sagte:

»»Herr Paul,«« – ich heiße Paul wie der Held von Bernardin de Saint-Pierre, – »»Herr Paul, nun, da ich das Französische und das Englische kann, gehen wir zu einer andern Sprache über.««

»Wie?« rief Danton.

»Ich war ganz verblüfft.«

»Beim Teufel! ich glaube es wohl! sie wagte es, Ihnen das zu sagen, und sie konnte es sagen?«

»Sie konnte es, und sie hatte Recht, es zu wagen; denn, in der That, nach einem Monat war sie des Englischen und des Französischen fast so mächtig als ich; sie behielt alle Wörter im Fluge, sprach sie mit jener Leichtigkeit aus, welche die Gewohnheit der flavischen Sprache gewissen Völkern des Nordens gibt; waren sie dann einmal ausgesprochen, so schien sie dieselben in einem Behälter ihres Gehirnes einzuschließen, von wo sie nur bei Gelegenheit herauskamen. Das Lateinische hatte ihr dazu gedient, mich französisch oder englisch jeden Satz, den sie lernen sollte, aussprechen zu lassen, und ich wiederhole, was man einmal vor ihr gesagt hatte, blieb eben so tief in ihren Geist eingegraben, als sich die Musiknote in das Blei eingräbt. Dieses ganze Gemeng von scheinbar unzusammenhängenden Fragen war das Resultat ihrer geheimen Studien, ihrer inneren Berechnungen. Die Antwort, die ich ihr gab, war ein Schimmer, der für sie einen Horizont von zwanzig Meilen erleuchtete; sie glich jenen Bergleuten, welche ein kleines Loch in einen riesigen Stein graben, ein paar schwarze Körner darein legen und gehen: Plötzlich glänzt eine Flamme, man hört eine Explosion, und es löst sich und rollten fürchterlicher Block, den zwanzig Männer in zwanzig Tagen nicht abgebrochen hätten!

»Diese Masse von Arbeiten hatte Cäcilie in einem Monat aus tausend Millionen von Einzelheiten componirt, welche ich, das Thier der Routine, ich, die organisierte Materie, ich, die plumpe Natur, Stückchen um Stückchen anzuhäufen zwanzig Jahre gebraucht hatte; und ich rühme mich doch, verständig zu sein.

»Von dem, was man dieser Frau einmal gesagt, vergaß sie nichts, war es eine Periode, war es eine Seite, war es ein Kapitel, war es ein Band! Dies, mein Lieber, war der Zögling, mit dem ich es zu thun hatte! Was halten Sie davon?«

»Bei meiner Treue! ich weiß nicht recht, was ich davon halte,« antwortete Danton; »doch ich weiß wohl, was ich fühle, und das gleicht sehr der Bewunderung.«

»Es versteht sich von selbst,« fuhr Marat fort, »Fräulein Obinska, so stolz sie war, wußte mir Dank, daß ich ihr einen solchen Triumph der Eitelkeit verschafft hatte; nur offenbarte sich ihre Freude nicht, wie dies bei einer Andern geschehen wäre, bei einer gewöhnlichen Frau, zum Beispiel, durch eine Verdoppelung von Zärtlichkeit, oder durch die Entwaffnung dieser Festigkeit, die sie mir furchtbar gemacht hatte; nein, Fräulein Obinska war weder mehr, noch minder unangenehm, als sie es von Anfang an gewesen.«

»Ei!« fragte Danton, »dann möchte ich gern wissen, was Sie von ihrer Veränderung wahrnahmen, wenn sie sich nicht geändert hatte?«

»Mein lieber Satyriker, erinnern Sie sich wohl: die Frauen sind extrem in Allem. Cäcilie war, wie die Anderen, das heißt sogar mehr als die Anderen, mit dem gräßlichen Stolze der polnischen Aristokraten begabt. Sie hatte bemerkt, welchen Eindruck sie auf mich gemacht, und das genügte ihr.«

»Ah! sie hatte Eindruck auf Sie gemacht?« sagte Danton.

»Ich leugne es nicht.«

»Nun, nun, der Roman schürzt sich!«

»Vielleicht . . . Doch ich bitte, lassen Sie ihn fortsetzen; er währt schon lange, und die Stunde rückt vor.

»Ich habe Ihnen mit großen Zügen den Vater gemalt; Sie müssen die Tochter kennen, denn ich habe ihr die Vollendung einer Miniature gegeben; Sie sind nicht zu wenig Landschaftsmaler, um sich nicht die Gegend, das Schloß, die Stadt vorzustellen. Bedenken Sie also, was für mich, einen sechsundzwanzigjährigen jungen Mann, – bedenken Sie, was der Frühling war, was der Sommer war, mitten unter dieser Gesellschaft, unter allen diesen Berauschungen des Reichthums, der Schönheit, des Geistes zugebracht.

»Ich war leicht zu bezaubern, ich wurde wahnsinnig, – wahnsinnig vor Liebe! Ja, vor Liebe . . . So wie der Geist von Cäcilie sich des meinigen bemächtigte, so wie diese Frau mich fesselte, mich blendete durch ihre Ueberlegenheit, ward mein Herz, das die einzige Fähigkeit meines Wesens geblieben, deren Macht sie nicht übertraf, ward mein Herz überschwemmt von Liebe, und ich brachte meiner Schülerin mein Wissen, meine Philosophie, meinen Stolz dar, unter der Bedingung, daß sie mir eines Tags ein wenig von ihrem Herzen würde überlassen wollen; und das, Sie begreifen es wohl, war keine gemachte Bedingung: es war eine gefaßte Hoffnung!«

»Sie machten ihr also ein Geständniß, wie die neue Heloise?« fragte Danton.

Marat lächelte stolz und erwiederte:

»Nein, ich wußte zu gut, an welche Frau ich mich wandte; ich hatte zu wohl die Kälte bemerkt, mit der sie meine Bestrebungen aufnahm. Wie hätte ich, demüthig und verliebt, dem unabläßig tyrannischen Befehle widerstanden, der den Augen der adeligen Frau, die man liebt, entschlüpft? . . . Nach einem Studium von drei Monaten wußte Cäcilie all mein Wissen; nach vier Monaten hatte sie meinen Geist entziffert; ich hatte also nur noch Eines zu befürchten: ihr Scharfsinn werde mein Herz entziffern; von dem Tage an, wo sie mich von dieser Seite völlig errathen, war ich, wie ich fühlte, verloren.«

»Das war also ein Wesen von Marmor?« fragte Danton.

»Hören Sie, soll ich Ihnen ein Bekenntnis; machen?«

»Thun Sie es.«

»Ich habe mir immer eingebildet, wenn diese Frau je hätte lieben sollen, so wären ihre Augen auf mich gefallen.«

»Was hinderte sie dann, die Augen zu senken?«

»Es gibt in den menschlichen Gefühlen, in der Art, wie sie geboren werden, sich erzeugen oder sich ersticken, Geheimnisse, die sich nicht erklären lassen. Cäcilie verachtete mich; sie richtete nur bei der äußersten Nothwendigkeit ein Wort an mich; nicht ein einziges Mal hatte sie meinen Arm auf dem Spaziergange oder bei den Uebungen angenommen, und dennoch trieb mich etwas an, sie zu lieben, obschon etwas noch Mächtigeres mich abhielt, es ihr zu sagen.«

»Das ist, bei Gott! der Roman.«

»Ja, der Roman, das heißt der Teufel! Sie werden sehen, ob der Teufel bei mir Unrecht hatte, und ob er durch das Warten verlor.«

»Lassen Sie hören!«

»Ich habe Ihnen gesagt, daß das Frühjahr verging, daß der Sommer verging . . . Nun wohl, es war immer dieselbe Kälte bei diesem Mädchen, und ich fing an der Unglücklichste der Menschen zu werden! Alle meine Ideen hatten sich verwandelt; ich liebte nicht mehr, ich begehrte . . . ich träumte nicht mehr, ich delirirte. Eines Tags, – ah! mein lieber Zuhörer, was wollen Sie? Sie müssen sich wohl mit dieser Formel begnügen, bis Sie eine bessere gefunden haben; – eines Tags, da ich sie so schön und so ungerecht sah, hatte ich einen Augenblick der Schwäche; wir waren auf der Promenade in ihrer Caleche, die sie selbst mitten in den Wäldern führte, – und ich sagte mit einem Gesichte, in welchem sich die Frauen, auch die grausamsten, nie täuschen:

»»Mein Fräulein, wäre es Ihnen gefällig, den Wagen anhalten zu lassen? Ich leide sehr!««

»Sie blies in ein goldenes Pfeifchen, und ihre halbwilden Pferde blieben, gewöhnt, ihr aus dieses Zeichen zu gehorchen, sogleich stehen.

»»Was haben Sie?«« fragte sie mit ihrem kurzen Tone und ihrem durchdringenden Blicke. ,

»»Ich getraue mir nicht, es Ihnen zu sagen; es wäre Ihrer würdig, es zu errathen.««

»»Ich lerne Alles, außer Räthsel zu errathen,«« versetzte sie trocken.

»»Ach!«« erwiederte ich, »»der Ton, den Sie annehmen, um mir zu antworten, beweist mir, daß Sie mich begriffen; ich glaube indessen nicht, Sie schon beleidigt zu haben, nicht wahr? Nun wohl . . .««

»»Nun wohl, was?«« fragte sie.

»»Erlauben Sie mir, mich zu entfernen, ehe mir der Gedanke kommt, die Achtung gegen Sie zu verletzen.««

»»Es steht Ihnen vollkommen frei, sich zu entfernen oder zu bleiben: gehen Sie, wenn Ihnen das zusagt; bleiben Sie, wenn es Ihnen beliebt.««

»Ich erbleichte und sank auf dem Sitze des Wagens zusammen; die Prinzessin schien es nicht zu bemerken; nur entschlüpfte die Peitsche ihren Händen und fiel auf die Erde in dem Augenblicke, wo sie die Pferde angetrieben hatte. Ich sprang aus dem Wagen, nicht um die Peitsche aufzuheben, sondern um mich von den Rädern zermalmen zu lassen. Immer kalt und unempfindlich, errieth der Dämon mein Vorhaben, ehe es gefaßt war, und lenkte mit einem Zuge der Hand die Pferde ab; das Rad, das mich entzwei schneiden sollte, ergriff nur den Flügel meines Rockes.

»Ausgestreckt auf dem Sande, wie ich da lag, schaute ich sie sodann an; sie schleuderte mir einen Blick so leuchtend, so voller Drohungen zu; sie war so bleich, so zornig ohne Zweifel, daß ich es beklagte, daß ich für eine solche Frau hatte sterben wollen.

»Ich stand auf.

»»Quid ergo?«« sagte sie mit einem ungeheuren Uebermuthe.

»»Ecce flagellum; recipe!«« antwortete ich ironisch, während ich wieder meinen Platz bei ihm nahm.

»Und ich hatte im Herzen eine solche Verachtung, im Gehirne eine solche Exaltation, als ich diese Worte sprach, daß ich nicht die Macht besaß, meine Geberde zu messen, und daß ich, indem ich Cäcilie ihre Peitsche zurückgab, mit meiner Hand ihre Hand streifte, die sich ausstreckte, um sie von mir zu nehmen.

»Die Berührung brannte mich, wie es ein glühendes Eisen gethan hätte; sie, indem sie sich gegen mich neigte, um sie mir zu entreißen, stieß mit der Wange an meine Stirne.

»Ich gab einen Seufzer von mir und hätte beinahe das Bewußtsein verloren.

»Cäcilie peitschte ungestüm, wüthend, zwanzigmal hinter einander, ihre gereizten Pferde, welche in einem entsetzlichen Galopp davon jagten und ein wildes Gewieher vernehmen ließen.

»Der Lauf dauerte über eine Stunde.

»Während dieser Stunde machten wir vielleicht zehn Meilen, ich ohne eine Bewegung zu versuchen, sie ohne ein Wort zu sprechen.

»Und das war Alles. Wir kehrten ins Schloß zurück, ich halb todt, sie nervös, schauernd und ergrimmt, die Pferde in Schweiß und Schaum gebadet.«

»Und Sie reisten nach diesem schönen Streiche ab?« fragte Danton.

»Nein, das Fleisch dieser Frau hatte mein Fleisch verzehrt; ich gehörte ihr: sie mußte mir gehören.«

»Ho! ho! das ist nicht mehr Saint-Preux; das ist ganz reiner Valmont.«

»Die Geschichte ist noch nicht zu Ende,« erwiederte Marat lächelnd, »und wir werden vielleicht einen Typus finden, der weniger schaal als Valmont. Warten Sie!«

XV
Der Roman entwickelt sich

Es trat ein Augenblick der Stille ein. Für Marat war es Bedürfniß, Athem zu holen, Danton war es nicht unangenehm, nachzudenken.

»Ich sagte Ihnen,« fuhr Marat fort, »es sei durch meine Adern Feuer geströmt, nicht Blut, warten Sie, warten Sie, mein Roman ist nicht Laclos unterzeichnet, und ich bin kein Romanendichter mit Manchetten; warten Sie, warten Sie!«

Doch abermals die vielfache Ueberlegenheit, die er über Marat hatte, mißbrauchend, sprach Danton:

»Es ist gewiß, daß Sie jung waren; es ist sogar möglich, daß Sie schön waren, – Sie sagen es, und ich glaube es; doch ich muß Ihnen gestehen, ich kann mir nicht erklären, wie Sie sich von einer solchen Frau lieben gemacht hätten.«

»Und wer spricht von sich lieben machen?« entgegnete Marat bitter. »Mich lieben gemacht haben! ich? Die von der Liebe mit ihrer Ungunst verfolgten Leute, welche weder eine Frau, noch eine Geliebte finden konnten, haben zuweilen wenigstens das Glück gehabt, von ihrem Hunde geliebt zu werden. Ich, ich suchte einen zu bekommen: es war eine herrliche schottische Dogge; sie erwürgte mich zu drei Vierteln, als ich ihr eines Tags aus ihrer Suppe einen Knochen nahm, der sie selbst hätte erwürgen können. Mich lieben machen . . . bah! ich habe nur bei meiner ersten Zusammenkunft mit Cäcilie hieran gedacht; seitdem nie mehr!«

»Dann.wird der Roman ganz kurz hier in Ihre Tasse Milch fallen, wie Sie selbst in den Schnee fielen?«

»Oh! nein! Sie kennen mich nicht, lieber Freund: ich habe Beharrlichkeit, sehen Sie, und was ich will, das will ich recht. Sie sind groß, Sie sind stark, Sie sind mir überlegen; – Sie glauben es wenigstens, und ich gebe es zu. – Nun wohl, wenn es mir einfiele, Sie im Einzelkampfe schlagen oder in der Beredtsamkeit besiegen zu wollen, so wären Sie geschlagen oder besiegt, mein Lieber! Nöthigen Sie mich nie, Ihnen einen Beweis hiervon zu geben. . . Ich wollte mich nun an Cäcilie rächen, ich wollte sie unterwerfen, ich wollte sie besiegen, und hierbei benahm ich mich also . . .«

»Mit Gewalt? Ei! mein Lieber, bei der ersten Geberde, die Sie wagen, wird Sie diese Frau krumm und lahm schlagen.«

»Ich machte mir dieselbe Reflexion wie Sie,« erwiederte Marat, »und ich griff zu minder gefährlichen Mitteln.«

»Teufel! Teufel!« rief Danton, »gab es dort einen Codex der Erfindungen des berufenen Marquis de Sade19?«

»Warum Jemand copiren?« erwiederte Marat verächtlich. »Ist man nicht selbst? Warum im Arsenale Anderer Werkzeuge der Ueppigkeit suchen? War ich nicht Mediciner-Botaniker und sehr speciell bewandert im Studium der Schlafmittel?«

»Ah! ja! ein kleines Narcoticum! ich begreife,« rief Danton.

»Nehmen Sie das an, wenn Sie wollen; gewiß ist, daß bei einem unserer Spazierritte, in der Tiefe einer mit Wald bedeckten Schlucht, die junge Prinzessin von einem unüberwindlichen Schlafe befallen wurde. Sie begriff vielleicht, von wo dieser Schlaf ihr zukam, und was das Resultat davon sein sollte. Denn sie schrie: »»Zu Hilfe!«« Da nahm ich sie in meine Arme, um sie vom Pferde steigen zu machen, und da sie das Bewußtsein völlig verloren hatte, so sandte ich den Piqueur weg, um einen Wagen im Schlosse zu holen; so befand ich mich allein mit der Prinzessin.«

»Sehr gut,« sagte Danton, starr und mit einem gewissen Ekel Marat anschauend; »doch wenn man geschlafen hat, besonders einen bewegten Schlaf, so erwacht man wieder.«

»Cäcilie erwachte in der That in dem Augenblicke, wo der Wagen mit ihren Frauen ankam,« antwortete Marat. »Es war nicht nöthig, den Arzt zu holen; der Arzt, das war ich; ich erklärte, Fräulein Obinska laufe keine Gefahr, und Jedermann war zufrieden.«

»Und Sie auch?«

»Oh! ja . . . Ich erinnere mich, daß sie, als sie erwachte, zuerst suchte; da sie mich aber nicht fand, verfolgte sie mich mit den Augen, bis sie mich gefunden hatte. Dann schien ihr Blick zugleich bis in den tiefsten Falten meines Herzens und meines Geistes zu forschen.«

»Das war ein Verbrechen, wissen Sie das?« sagte Danton, »und Sie haben vollkommen Recht, Atheist zu sein; denn wenn es einen Gott gab, mein Lieber, und dieser Gott hätte in diesem Augenblicke auf Ihre Seite geschaut, so würden Sie die Strafe für Ihr Verbrechen erlitten haben, und zwar eine fürchterliche Strafe!«

»Sie werden sehen, ob ich bezahlt bin, an einen Gott zu glauben,« sagte Marat mit einem grimmigen Zähneknirschen. »Ich hatte berechnet, ohne Zeugen, ohne Genossen, ohne Feinde, sei ich nichts ausgesetzt in Folge dieser Handlung, die ich eine Rache nenne, und die Sie ein Verbrechen nennen; in der That, wer konnte mich bei Cäcilie in Verdacht bringen, und hatte sie mich im Verdachte, wie sollte sie es wagen, mich anzugeben?

»Alles ging Anfangs, wie ich es vorhergesehen. Cäcilie behandelte mich fortwährend ohne Bevorzugung, aber auch ohne Haß, sie suchte weder, noch floh sie eine Gelegenheit, mit mir beisammen zu sein; und selbst wenn eine Veränderung bei ihr vorgegangen, so war dies vom Strengen zum Sanften.«

»Oh! der Unglückliche, der nicht entfloh!« rief Danton; »warum flohen Sie denn nicht. Wahnsinniger? . . . Ah! ich errathe es aus ihren Augen!«

»Warum ich nicht floh? Sagen Sie es, scharfsinniger Mann, und wir werden sehen, ob Sie richtig errathen.«

»Sie flohen nicht, weil der Dieb, der nicht entdeckt worden ist, auf Straflosigkeit für einen zweiten Diebstahl hofft.«

»Ah! Sie sind scharfsinniger, als ich glaubte,« antwortete Marat mit einem häßlichen Lächeln. »Ja, ich erwartete die Straflosigkeit, ich erwartete die Gelegenheit bis zum Monat September, das heißt zwei Monate lang.

»Doch, zwei Monate bewältigt, brach der über meinem Haupte angehäufte Sturm endlich los.

»Eines Morgens trat der Fürst Obinsky in mein Zimmer ein; ich kleidete mich an, da ich wie gewöhnlich mit Cäcilie auszureiten gedachte. Ich wandte mich um bei dem Geräusche, das er die Thüre zuschlagend machte, und nahm, um ihn zu empfangen, meine freundlichste Miene an; der würdige Herr hatte gegen mich immer nur Wohlwollen und Aufmerksamkeiten gehabt. Doch die Thüre schließend mit einem Zittern, das ich noch nicht bemerkt, und das mich sogleich sehr beunruhigte, sprach er lateinisch:

»»Galle! Galle, proditor infamis! flecte geuua et ora!««

»Zu gleicher Zeit zog er seinen Säbel aus der Scheide und ließ die Klinge über meinem Kopfe glänzen.

»Ich folgte mit den Augen, vom Schrecken erfaßt, der Schwingung dieser zischenden Klinge.

»Ich stieß einen so entsetzlichen Schrei aus, daß mein Henker zögerte; überdies dünkte ihm der Tod durch den Säbel vielleicht noch zu edel für einen Verbrecher meiner Art.

»Es erschollen mehrere Tritte im Flurgange; der Fürst steckte seinen Säbel wieder in die Scheide und öffnete die Thüre denjenigen, welche sich näherten:

»»Kommt, kommt,«« sagte er zu den erschrockenen Dienern, »»kommt! hier ist ein Schurke, der ein großes Verbrechen begangen hat.««

»Und er deutete mit dem Finger auf mich.

»Ich schauerte, denn erklärte der Starost laut die Schande seiner Tochter, so geschah es, weil er sie zu rächen beschlossen hatte, und diese Rache war mein Tod! ich war verloren!

»Ich glaube, es ist erlaubt, in einem solchen Momente Angst zu haben; überdies bin ich kein Prahler, und ich gestehe, daß es mir manchmal, wenn ich unversehens überfallen werde, an Muth fehlt, wie es gewissen Leuten an Geistesgegenwart gebricht.

»Ich warf mich auf die Kniee, die Hände gefaltet, die entflammten Augen des Fürsten befragend, und meinen Blick nur von ihm abwendend, um ihn auf diese seinen geringsten Willensäußerungen unterworfenen Menschen zu richten, die nur auf eine Geberde warteten, um ihm zu gehorchen.

»»Aber was habe ich denn gethan?«« rief ich ganz zitternd und zugleich hoffend, denn mir schien, wenn mich der Fürst nicht geschlagen, so habe ihn irgend eine Furcht zurückgehalten.

»Doch er antwortete mir nicht einmal und rief seinen Dienern zu:

»»Dieser Franzose, den ich bei mir aufgenommen, den ich bei mir genährt habe, ist ein Verräther, ein Spion der Katholiken, ein Verschwörer abgesandt von den Feinden unseres guten Königs Stanislaus Poniatowski!««

»Da er Lateinisch sprach, so verstand ich ihn. »»Ich!«« rief ich erschrocken, »»ich, ein Spion?«« »»Und,«« fuhr Obinsky fort, »»statt ihn auf eine ehrenvolle Art zu tödten, wie ich es so eben mit meinem Säbel thun wollte, habe ich beschlossen, daß er sterben soll wie die Sklaven und die Verbrecher, das heißt, unter der Knute! Holla! holla! die Knute dem Elenden! die Knute!««

»Ich hatte nicht Zeit, etwas zu erwiedern: zwei Männer bemächtigten sich meiner, und auf ein Zeichen des Starosten schleppte man mich in den Hof, wo der Profoß des Schlosses, – jeder von diesen kleinen Herren, denen das Recht über Leben und Tod bei ihren Leuten zusteht, hat einen Profoß, – wo der Profoß des Schlosses Befehl hatte, mich knuten zu lassen, bis der Tod erfolge.

»Beim zehnten Streiche ward ich, in meinen: Blute gebadet, ohnmächtig!«

Hier machte Marat eine Pause; er hatte Danton durch seine Blässe und den grimmigen Ausdruck seiner Physiognomie erschreckt.

»Ho! ho!« murmelte der Riese, »Fräulein Obinsky hatte nicht Unrecht gehabt, ihre Geheimnisse ihrem Herrn Vater anzuvertrauen: das war ein verschwiegener Beichtiger!«

»So verschwiegen,« antwortete Marat, »daß er mich hätte tödten lassen, damit ich nicht spreche; ich sage tödten, denn der Fürst hatte, ich wiederhole es, befohlen, zu schlagen, bis ich dm letzten Athem ausgehaucht.«

»Mir scheint aber, Sie sind nicht todt,« entgegnete Danton.

»Dank sei es dem Freunde, den ich mir, ich weiß nicht wie, gemacht hatte.«

»Welcher Freund?«

»Der Piqueur, der uns auf unsern Ausflügen folgte, und der, da er die Grausamkeit von Cäcilie sah, Mitleid mit mir bekommen hatte: das war der vertrauteste Freund meines Henkers; er bat für mich bei ihm; der Henker ließ mich ohnmächtig liegen und meldete dem Fürsten, ich sei todt. Glücklicher Weise hatte der Fürst nicht den Gedanken, sich der Thatsache durch sich selbst zu versichern! Man trug mich ohnmächtig in das Zimmer des Piqueur, von wo ich auf einen von den kleinen Friedhöfen geworfen werden sollte, in denen die polnischen Herren einfach die unter der Knute gestorbenen Leibeigenen beerdigen lassen, und hier verband mich mein Piqueur aus seine Weise, das heißt, er legte mir Umschläge mit Wasser und Salz auf meine Wunde.«

»Sie sagen meine Wunde,« bemerkte Danton, der vom Leiden seines Wirthes nicht sehr bewegt schien; »ich glaube, ich hörte Sie erzählen, Sie haben eine zahllose Menge von Peitschenhieben bekommen?«

»Ja,« antwortete Marat; »doch ein geschickter Henker schlägt immer aus dieselbe Stelle, und die zehn Hiebe machen nur einen einzigen Einschnitt, einen gräßlichen Einschnitt, durch den gewöhnlich die Seele mit dem Blute entströmt.«

»Nun, das Salz that Ihnen gute Dienste, nicht wahr?« fragte Danton.

»Gegen Abend, es war ein Sonntag; – ich erinnere mich dessen, weil an diesem Tage Fräulein Obinska beim Fürsten Czartoryski speisen sollte, wo der König Stanislaus speiste; – gegen Abend besuchte mich mein Retter; ich war erschöpft, ich hatte kaum die Kraft, die Augen zu öffnen, der Schmerz entriß mir unaufhörlich Schreie.

»»Jedermann hält Sie hier für todt!«« sagte er lateinisch zu mir, »»und Sie wagen es, zu schreien?««

»Ich antwortete ihm, es geschehe unwillkürlich.

»»Wenn der Herr oder das Fräulein Sie hörten,«« sprach er, »»so würde man Ihnen den Garaus machen, und ich würde dieselbe Strafe erleiden, wie Sie.««

»Ich suchte sodann meine Schreie zu ersticken; hierzu mußte ich aber meine Hand auf den Mund drücken.«

»»Hier ist Ihr Geld,«« fügte er bei, indem er mir meine Börse bot, welche vierhundert Gulden von meinen Ersparnissen enthielt; »»der Herr hatte es mir mit Ihrer übrigen Verlassenschaft geschenkt; doch ohne Geld könnten Sie nicht fliehen, und Sie müssen fliehen.««

»»Wann?«« fragte ich mit Bangigkeit.

»»Ei! sogleich.««

»»Sogleich? Sie sind verrückt! ich kann mich nicht rühren.««

»»In diesem Falle,«« sprach phlegmatisch der redliche Freund, »»in diesem Falle will ich Ihnen die Hirnschale mit einem Pistolenschusse zerschmettern! Sie werden nicht mehr leiden, und ich werde außer Angst sein.««

»Zu gleicher Zeit streckte er die Hand gegen die am Kamine hängenden Pistolen aus.

»»Ei!«« sagte ich mit kläglichem Tone, »»warum haben Sie mich von der Knute gerettet, da Sie mich nun tödten wollen?««

»»Ich habe Sie gerettet,«« antwortete er, »»weil ich auf Ihre Energie hoffte; weil ich dachte, ich werde Sie noch am Abend auf die Beine bringen, Ihnen Ihre Gulden geben, und Sie aus dem Schlosse führen . . . bis vor die Thore von Warschau, wenn es sein müßte; da Sie sich aber selbst verlassen, da Sie, während Sie in größter Eile fliehen müßten, erklären, es sei Ihnen unmöglich, sich zu rühren; da Sie endlich, wenn Sie hier bleiben, mich mit sich ins Verderben stürzen, so ist es besser, daß Sie allein zu Grunde gehen.««

»Diese Worte, und die entschlossene Geberde, die ihnen vorangegangen war, bestimmten mich völlig; ich stand auf; ich stieß keinen Schrei mehr aus, trotz entsetzlicher Leiden; was mich von der Wahrheit des Spruches von Gallienus: Malo pejore minus deletur, überzeugte.«

»Armer Teufel!« sagte Danton, »mir ist, als sähe ich Sie.«

»Oh! Sie haben Recht, armer Teufel! Ich zog einen Mantel über mein von Blut feuchtes Hemd an; der Piqueur steckte meine Börse in meine Tasche, führte mich an der Hand fort und brachte mich in die Stadt auf den abgelegensten Wegen, die er nehmen konnte. Jeder Schritt, den ich machte, riß mir die Seele aus. Ich hörte zehn Uhr im Palais Czartoryski schlagen, und mein Führer sagte mir, er werde mich nun verlassen, da ich keine Gefahr mehr laufe; um zehn Uhr seien die Straßen verödet, und wenn ich ganz gerade der Straße folge, in der wir uns befanden, so werde ich nach fünf Minuten außerhalb der Stadt sein. «

»Ich dankte ihm, wie man einem Lebensretter dankt. Ich bot ihm an, meine vierhundert Gulden mit mir zu theilen; er schlug es aus und erwiederte, ich habe nicht zu viel, um Frankreich zu erreichen; was er so rasch als möglich zu thun mich aufforderte.

»Der Rath war gut; ich verlangte auch nichts Anderes, als ihn zu befolgen. Zum Unglücke hing der Wunsch allein von mir ab; doch die Ausführung hing vom Zufalle ab.«

XVI
Wie sich die Abenteuer von Marat mit denen eines Königs vermengt finden

»Mein Plan, oder vielmehr der des wackern Mannes, welcher mich gerettet hatte, war ganz gemacht. Obgleich er mich zu fliehen antrieb, hatte der Piqueur doch eingesehen, daß ich, verwundet, wie ich war, nicht unmittelbar fliehen konnte. Und er hatte mir eine Rast zugedacht.

»Sobald ich aus der Stadt wäre, sollte ich eine Meile von da, bei einem von seinen Schwägern, einem Köhler seines Standes, wohnen, der mich nur bei Nennung des Namens Michael aufnehmen würde. – Michael, ich habe vergessen, Ihnen dies zu sagen, so hieß der Piqueur. – Hier, mitten im Walde verborgen, sollte ich mich wiederherstellen und unfindbar bleiben bis zu dem Augenblicke, wo ich mich stark genug, suhlte, um Preußen oder Flandern zu erreichen, oder, besser noch, um mich in Danzig einzuschiffen und nach England zu reisen.

»Wer jenes Etwas, das das Geschick der Menschen leitet, war in dieser Nacht beschäftigt, meine Pläne und die von vielen Anderen zu verrücken; dies sei beiläufig gesagt, damit Sie mich nicht der Abgeschmacktheit beschuldigen.

»Wir waren, wie Sie schon wissen, an einem Sonntage, – einem Sonntage des Septembers, dem ersten; das heißt am 3. September 1771.«

Marat hielt inne und schaute Danton an.

»Nun?« fragte dieser.

»Nun, erinnert Sie dieses Datum an nichts?«

»Bei meiner Treue! nein!« erwiederte Danton.

»Mich erinnert es sehr, und ganz Polen zugleich mit mir.«

Danton suchte, aber vergebens.

»Ah!« sagte Marat, »ich sehe Wohl, daß ich Ihnen zu Hilfe kommen muß.«

»Kommen Sie, ich bin nicht stolz.«

»Sie, der Sie so viele Dinge wissen,« fuhr der Erzähler mit einer leichten Färbung von Ironie fort, »Sie wissen ohne Zweifel, daß der König Stanislaus zu politischen Feinden alle Dissidenten der griechischen Kirche, die Lutheraner und die Calvinisten hatte, deren Rechte auf eine freie Uebung ihres Cultus durch die Conferenzen in Kadan im Jahre 1768 anerkannt worden waren?«

»Ich gestehe, daß ich mich wenig um die Religion bekümmert habe, aus dem Gesichtspunkte des Auslands besonders, da mir diese Fragen nicht sehr interessant für Frankreich zu sein schienen.«

»Das ist möglich; doch Sie werden bald sehen, wie interessant sie für einen Franzosen waren,« erwiederte Marat.

»Ich höre.«

»König Stanislaus hatte also die Rechte der Dissidenten anerkannt; doch kaum waren diese Heresiarchen im Genusse der freien Uebung ihrer Religion, als gewisse ultrakatholische Bischöfe und der Adel mit diesen Bischöfen in Podolien ein Bündniß bildeten, um die religiösen Freiheiten zu vernichten, und da Stanislaus, ein redlicher Mann und ein edelmüthiger König, an seinem Worte hielt und den Dissidenten ruhig im Schatten des Thrones zu leben erlaubte, so zettelten die Conföderirten von Podolien gegen diesen Fürsten eine kleine Verschwörung an.«

»Ei! das gleicht sehr dem, was Heinrich IV. begegnete.«

»Ja, abgesehen von der Entwickelung . . . Ich sage also, daß die Bischöfe Soltyk von Krakau und Massalsky von Wilna in Bar gegen den toleranten König conspirirten, und die Verschwörung war folgender Art.«

»Ich höre, um das insurrectionelle Verfahren der Herren Polen zu beurtheilen.«

»Oh! der Plan war einfach, fast naiv: es wurde beschlossen, Stanislaus sollte aus Warschau entführt und sequestirt werden, bis er sich zu bessern versprochen hätte. Im Falle, daß man ihn nicht lebendig entführen könnte, sollte man ihn todt wegbringen, was beinahe auf Eins herauskäme und, nach der Behauptung Einiger, noch sicherer wäre.«

»Wahrhaftig,« sagte Danton, »für Franzosen des Nordens, wie man diese Herren nennt, war das beinahe eben so galant, als bei den Türken!«

»Es mag sein . . . mir gleichviel! Doch beurtheilen Sie die Fatalität: diese Leute waren zu vierzig versammelt und hatten drei Chefs ernannt; sie wählten, um die Entführung zu vollbringen, gerade den ersten Sonntag vom September, den dritten Tag des Monats, denselben, an welchem der Herr Obinsky sich, – er glaubte es wenigstens, – die Befriedigung gegeben hatte, mich unter der Knute sterben zu lassen.

»Es war verabredet, daß, da an diesem Tage der König beim Fürsten Czartoryski speisen würde, die Verschworenen ihn angreifen sollten, sobald sein Wagen in die große öde Straße, wo ich mich befand, gelangt wäre. Man geht in Warschau frühzeitig zu Bette, am Sonntag besonders. Der König fuhr von seinem Wirthe um zehn Uhr weg; er hatte eine kleine Escorte, und ein Adjutant war bei ihm in seinem Wagen.

»Die Verschworenen, alle zu Pferde, lagen im Hinterhalte in einem Gäßchen, durch das der König nothwendig, passieren mußte, um die große Straße zu erreichen.

»Kennen Sie die Einzelheiten oder nur das Factum dieser Entführung?«

»Ich kenne das Factum, nicht mehr.«

»Da ich das Opfer zugleich des Factums und der Einzelheiten war, so will ich Ihnen diese erzählen; doch seien Sie unbesorgt, das wird ungefähr eine Zeit brauchen der gleich, welche es brauchte, daß sie in Erfüllung gingen.

»Die Ungeduld der Verschworenen erlaubte diesen nicht, zu warten, bis der König die große Straße erreicht hatte; überdies war das Gäßchen günstiger für einen Hinterhalt. Sie fingen damit an, daß sie ein Rottenfeuer mit ihren Pistolen auf den Wagen eröffneten; bei diesem Debut zerstreute sich die Escorte, und der Adjutant Machte sich durch den Wagenschlag aus dem Staube. Ein Heiduck allein, der einen Platz auf dem Sitze des Kutschers hatte, hielt Stand, widersetzte sich den Angreifenden und ließ sich von einer Menge von Kugeln durchbohren. Das war der einzige Vertheidiger des Königs; der Kampf währte auch nicht lange.

»Die Verschworenen stürzten sich auf den Wagen, ergriffen Stanislaus in dem Augenblicke, wo er zu fliehen suchte, wie es sein Adjutant gethan hatte, zogen ihn an den Haaren und an den Kleidern im Galopp ihrer Pferde fort, brachten ihm zuerst eine tiefe Wunde am Kopfe durch einen Säbelhieb bei, verbrannten ihm das Gesicht durch einen Pistolenschuß und schleppten ihn am Ende aus der Stadt.

»Was der arme Fürst litt, bildete den Stoff eines langen Gedichtes, das man in Polen singt, wie man einst die Odyssee in Griechenland sang, wie man das Befreite Jerusalem in Venedig sang, wie man heute noch den Orlando Furioso in Neapel fingt. In dieser Odyssee, die man in Polen fingt, kommen Einzelheiten vor, welche Sie vor Entsetzen würden schaudern machen. Sie würden sehen, daß Stanislaus seinen Pelz, seinen Hut, seine Schuhe und eine Börse von Haaren verlor, an der ihm mehr lag, als an dem Gelde, das darin war; daß er zehnmal vor Entkräftung fast umkam, zehnmal die Pferde wechselte, zehnmal den Befehl erhielt, sich zum Tode vorzubereiten, und daß sich alle seine Entführer einer um den andern wie Gespenster zerstreuten, den Anführer ausgenommen, der zuletzt allein bei seinem Gefangenen blieb; er kräftig, unversehrt, bewaffnet wie ein Arsenal; der Gefangene verwundet, erschöpft, in Verzweiflung.

»Dann, in dem Augenblicke, wo es der Gefangene am wenigsten erwartete, wo ein schneller Tod der Gegenstand seines sehnsüchtigsten Wunsches war, beugte der Anführer der Empörer plötzlich ein Knie vor dem König, bat sein Opfer um Verzeihung, und ließ sich am Ende von demjenigen beschützen, welcher nur Gott allein zum Beschützer zu haben glaubte . . . Alles dies dürfte Ihnen aber eine Abschweifung scheinen, mein lieber Danton; ich komme also auf mich zurück. Richten Sie die Augen wieder auf den Ort, wo Sie Ihren Diener gelassen haben; ich trenne mich vom wackeren Michael, das Blut fließt immer aus meiner Wunde, der Schweiß überströmt mich mit dem Blute, der Schwindel macht Bäume und Häuser vor mir wirbeln, ich kenne mich nicht mehr; ich schwanke und rolle rechts und links wie ein Trunkener; im Grunde von Allem dem existiert der Instinct des Lebens immer noch, und mit diesem Reste von Kraft versuche ich es, dem Wege zu folgen, der mir bezeichnet worden ist.

»Plötzlich höre ich das Knallen von Feuergewehren in dem Gäßchen, das ich zu meiner Linken gelassen hatte; ich höre Geschrei der Drohung mit Schreckensschreien vermischt! Ueberdies hatte ich das Geräusch eines Wagens gehört: das beunruhigte mich, denn wenn ich in der Mitte blieb, konnte mich der Wagen zerquetschen; doch beim Lärmen der Schüsse hält er an, und die Pferde stampfen. Was ist das?

»Erschrocken orientiere ich mich, indem ich horche. Was das war, wissen Sie schon, denn ich habe es Ihnen so eben gesagt; es sind die Leute des Königs, die mit verhängten Zügeln in allen Richtungen davonjagen. Zwei oder drei von ihnen wählen die Straße, der ich folge; Einer derselben streift mich im Vorüberreiten, und der Wind feines Laufes ist beinahe genügend, um mich niederzuwerfen. Dann fährt der Wagen unter der Escorte von dreiundvierzig Verschworenen weiter; Wagen und Verschwörer erscheinen am Ende der Straße, wo ich war, und stürmen über mich hin wie ein Orkan, der mich zu Boden wirft; die Pferde springen, ich weiß nicht wie, über mich, ohne mich zu berühren; und derjenige, welcher mich mit den Füßen tritt, ist der arme König Stanislaus, den man fortschleppt! Die Pferde, der Wagen, in den man den Gefangenen hat einsteigen lassen, die Verschwörer mit dem bloßen, durch die Nacht funkelnden Säbel, Alles verschwindet sodann in der Ferne, und ich bleibe auf dem Boden ausgestreckt, nicht mehr athmend, nicht begreifend, und mich aufs Gerathewohl dem heiligen Paulus, meinem Patron, empfehlend, daß er mich aus diesem neuen Unglücke herausziehe.

»Nach Verlauf von fünf Minuten vollkommene Stille, tiefe Nacht, nichts mehr am Horizont, Alles ist verschwunden wie ein Rauch; nur einige Fenster um mich her, die man bei dem Lärmen des wüthenden Galopps geöffnet hat, und die sich ziemlich gleichgültig wieder schließen.

»Die Einwohner von Warschau verzeihen leicht einen Soldatenstreit am Sonntag: der Tumult hat für einen Streit gegolten. Ich, ein armer Verstümmelter, bleibe unbeweglich, zu schwach oder vielmehr zu sehr erschrocken, um es zu versuchen, auszustehen. Alles, was ich verlange, ist, es möge Niemand so neugierig sein, in die Straße zu schauen, es möge Niemand so barmherzig sein, mir Hilfe zu bringen.

»So vergeht eine halbe Stunde, während welcher alle meine Sinne, fast vernichtet durch die vergangene Gefahr, allmälig wieder erwachen und die zukünftige Gefahr zu ahnen anfangen. Während dieser halben Stunde hat die Kühle meine Kräfte wiederbelebt; die Muskeln spannen sich an, die Ideen kehren schärfer in mein Gehirn zurück. Ich erhebe mich und versuche es, die Wanderung wieder zu beginnen. In dem Augenblicke, wo ich mich auf mein Knie stütze, wo ich mich auf eine Hand aufrichte, erscheint eine Fackel am Ende der Straße; es folgen ihr drei, fünf, zwanzig Fackeln! Ein Schwarm von Officieren eilt, sich befragend, unmittelbar hinter zwei Dienern des Königs her; diese hastigen, vor Angst bleichen Leute stoßen sich an dem Leichname des Heiducken, der noch seinen blutigen Säbel in der Hand hält.

»Dann bleibt der ganze Schwarm stehen, commentirt und deliberirt über diesen Leichnam.

»Da jeder Leichnam eine Trauerrede haben will, so riefen zwanzig Stimmen:

»»Es ist ein Braver! – Er hat seinen Fürsten vertheidigt! – Er hat einen Feind getödtet! – Er hat zehn Kugeln bekommen!««

»Und Jeder schaut den durchlöcherten Körper an, untersucht die geröthete Klinge und wiederholt im Chor, wie es die Soldaten von Odin beim Leichenbegängnisse ihres Anführers thun: »»Es ist ein Braver! es ist ein Braver!««'

»Man verliert zehn Minuten mit dieser Lobeserhebung; während dieser zehn Minuten ist es mir gelungen, hundert Schritte zu machen, und da bei mir die Kräfte mit der Nothwendigkeit, sie wiederzufinden, zurückkehren, so werde ich in weiteren zehn Minuten außer der Stadt sein und mich gegen rechts oder gegen links über das Feld wenden können.

»Plötzlich ruft eine Stimme:

»»Sie sind offenbar dieser Straße gefolgt und durch jenes Thor abgegangen. Eilen wir nach dem Thore; sind wir einmal auf dem Wege, so werden wir die Spur der Pferde finden, sie verfolgen und diese Räuber erreichen.««

»Sogleich stürzen sie fort, die ganze Straße einnehmend, wie Fischer, die ein Sägnetz schleppen; nach hundert Schritten treffen sie mich, sie halten mich für einen Flüchtling und strecken die Arme mit gewaltigem Geschrei gegen mich aus.

»Ich fiel vor Schrecken in Ohnmacht.

»Als ich wieder zu mir kam, – was nicht lange anstand, – stritt man über mich und um mich.

»Fragen und Erklärungen kreuzten sich.

»»Wer ist dieser da? ist er todt? – Nein, er ist ohne Zweifel nur verwundet . . . Es ist kein Mann vom Fürsten . . . Kennt man ihn? – Ich nicht! ich nicht! Niemand! – Dann ist es ein Fremder, einer von den Mördern des Königs wahrscheinlich, derjenige vielleicht, den der brave Heiduck verwundet hat. Athmet er noch? – Ja . . . nein . . . doch . . . So tödten wir ihn! hauen wir ihn in Stücke!««

»Und man schickte sich an, zu thun, wie man gesagt hatte. Einer von den Officieren hob seinen Säbel empor.

»»Sta!«« rief ich.

»Ich hatte während dieser paar Secunden überlegt: die Wunde, die mir den Rücken durchfurchte und meine Knochen bloßlegte, glich so ziemlich dem Eindrucke eines Wagenrades.

»»Ich bin kein Mörder,«« fuhr ich immer lateinisch fort; »»ich bin ein armer Student; die Entführer des Königs haben mich umzingelt, niedergeworfen, mit Füßen getreten, und der Wagen Seiner Erhabenen Majestät hat mir die Ehre erwiesen, mir über den Leib zu fahren.««

»Das war im Ganzen genommen möglich; es genügte auch, um mir einen Augenblick Frist zu geben.

»»Meine Herren,«« sprach einer der Officiere des Königs, »»was dieser Mensch da sagt, ist nicht wahrscheinlich, und ich behaupte, daß wir es mit einem der Mörder des Königs zu thun haben; doch desto besser, wenn es sich so verhält; die Vorsehung gestattet, daß er noch lebt und nicht tödtlich verwundet scheint; behalten wir ihn, er wird sprechen, und weigert er sich, zu sprechen, so wird man Mittel finden, ihm die Zunge zu lösen.««

»Die Motion wurde mit Enthusiasmus aufgenommen; fortan, da man mich hatte, da man darauf rechnete, man werde durch mich Auskunft erhalten, glaubte sich Niemand mehr verpflichtet, weiter zu gehen. Eine Stimme rief: »»Nach dem Palaste!«« Alle Stimmen wiederholten: »»Nach dem Palaste!««

»Man nahm mich zu vieren, man trug mich fort, nicht aus Mitleid, sondern ohne Zweifel, weil man bange hatte, zu Fuße gehend werde ich entfliehen.

»Fünf Minuten nachher zog ich im Triumphe in den Palast ein, escortirt von fünfhundert Personen, welche, trotz der vorgerückten Stunde, durchaus hatten wissen wollen, wer der Bandit sei, der die ganze Stadt in Aufruhr bringe. – Was denken Sie hiervon, Danton? ist das ein Abenteuer? Lassen Sie ein wenig Ihre Ansicht hören.«

»Bei meiner Treue!« erwiederte Danton, »Sie haben ein wunderbares Assortiment von Umständen vor mir entrollt! Sie sind prädestinirt, mein lieber Herr Marat . . . Doch ich bitte, fahren Sie fort; ich weiß nicht, ob die Abenteuer des jungen Potocky belustigend sind, daß sie mich aber unendlich interessieren, das weiß ich.«

»Ich glaube es bei Gott wohl!« sagte Marat; »und wäre es anders, so erkläre ich, als Held des Abenteuers, Sie müßten sehr ekel sein, und, ich würde darauf verzichten, Sie zu befriedigen!«

XVII
Wie Marat, nachdem er Bekanntschaft mit den Officieren des Königs von Polen gemacht, mit den Kerkermeistern der Kaiserin von Rußland Bekanntschaft machte

Marat fuhr fort:

»Ich sagte Ihnen, wie ich glaube, Stanislaus habe dem Anführer der Verschwörer, der ihn um Vergebung angefleht, verziehen.«

»Und ich glaube, der König that wohl daran, bemerkte Danton, »denn würde er ihm nicht verziehen haben, so hätte die Verzweiflung, in Ungnade zu sein, diesen Menschen antreiben können, das erhabene Haupt von Stanislaus, das schon aufgehauen war, vollends zu spalten.«

»Sie haben wahrlich Recht,« erwiederte Marat, »und Sie lassen mich die Milde Seiner Majestät unter einem neuen Anblicke betrachten . . . Kurz, man verzieh ihm; was die andern Chefs betrifft, so habe ich seitdem erfahren, daß sie von den Russen gefangen genommen und enthauptet wurden, und zwar ohne Urtheil, ohne Aufschub, wahrscheinlich aus Furcht, sie könnten zu freimüthig von der Intention Ihrer Majestät der Kaiserin Katharina II. hinsichtlich ihres lieben Vasallen des Königs von Polen sprechen.

»Meine Verhöre dauerten fort; ich blieb bei meiner ersten Aussage, die man als Halsstarrigkeit behandelte; endlich entdeckten durch diese Halsstarrigkeit meine Richter, welche sehr hellsehende Leute waren, ich sei sicherlich keines der Häupter des Complottes, sondern einfach ein untergeordneter Verschworener.«

»Und Sie protestierten nicht?« fragte Danton.

»Ich finde Sie abermals spaßhaft! Das hätten Sie gethan? Ei! um zu protestiren, mein Theuerster, mußte ich sagen, wer ich war; ich mußte in Betreff meiner das Gedächtniß vom Herrn Grafen Obinsky und von Fräulein Obinska auffrischen. Stanislaus, der einem der vornehmsten Häupter der Conspiration verziehen hatte, konnte mild gegen einen subalternen Verschworenen meiner Art sein, das war eine Chance doch mild, der Herr Graf Obinsky? doch mild, Fräulein Obinska? nie.

»Und zum Beweise, wie ich hundertmal Recht hatte, dient, daß ich verurtheilt wurde, lebenslänglich an den Festungswerken von Kaminiec zu arbeiten, und daß der erhabene Souverain nicht mehr verlangte.«

»Sie wurden sodann gerettet?«

»Das heißt, ich wurde ins Zuchtgefängniß geschickt. Nennen Sie das gerettet werden, – gut, ich wurde gerettet, ich ziehe es nicht in Abrede. Ich ging nach meinem Bestimmungsorte ab; unglücklicher oder glücklicher Weise war ich kaum in Kaminiec angekommen, als die Pest, welche, wie es scheint, nur auf mich wartete, auch dort ankam! Ich war beinahe geheilt von meinen Knutenhieben, oder von meinem Wagenrade, wie Sie wollen; die Beaufsichtigung war schlaff; ich fand eine leichte Gelegenheit, zu Ihrer Majestät der Kaiserin aller Reussen zu entfliehen . . . und ich entfloh.

»Rußland war nach dem, was ich darüber von Wundern hatte erzählen hören, seit langer Zeit mein Eldorado, und wäre ich nicht in Polen durch die freundlichen Anerbietungen des Grafen Obinsky zurückgehalten worden, so beabsichtigte ich von Anfang an, mich nach den Staaten der Semiramis des Nordens zu begeben, wie sie der Verfasser der Henriade nannte.

»»Dort,«« sagte ich mir, »»werden die Gelehrten geehrt. Herr Diderot empfängt alle Tage Artigkeiten von der Kaiserin, Herr de la Harpe steht im Briefwechsel mit ihr, Herr von Voltaire braucht nur zu wünschen, daß sie ihm Diamanten und Bibliotheken schickt; ich, der ich bescheiden bin, werde mich mit einer kleinen Pension von achtzehnhundert Livres begnügen.«« Sie wissen, daß dies meine Zahl war.«

»Und Sie erhielten Ihre Pension?« fragte Danton.

»Sie werden es sehen . . . Ich hatte kaum das russische Gebiet betreten, da verhaftete man mich als Spion.« «

»Gut!« rief Danton; »doch diesmal erklärten Sie sich hoffentlich?«

»Teufel! ich glaube wohl! Da ich wußte, daß die Entführung des Königs ein von der russischen Regierung angezettelter Streich war, und durchaus nichts von der Enthauptung der zweiundvierzig polnischen Chefs wußte, so erzählte ich mit allen möglichen Einzelheiten, ich habe die Ehre gehabt, an der Entführung von König Stanislaus Theil zu nehmen.

»»Es unterliegt keinem Zweifel,«« sagte ich mir, »»daß die russischen Behörden, nach einer solchen Erzählung Triumphbogen zu meinem Einzuge in Petersburg errichten.««

»Das heißt mächtig schließen!« rief Danton, in ein Gelächter ausbrechend. »Gut! ich sehe vorher, was geschehen wird: sie wurden festgenommen und ins Gefängniß geführt.«

»Vortrefflich! Der Officier, der mich verhörte, war ein Provinz-Untergouverneur; er spitzte das Ohr beim Namen Stanislaus, schaute mich schief an, und da man in diesem Augenblicke in Rußland die Polen wie die Pest fürchtete, und die Pest wie die Polen, so expedirte mich der Gouverneur sogleich in eine Festung, deren Namen er ganz leise sagte, damit ich nicht einmal den Namen der Festung kenne, in welche er mich schickte, und die mitten in einem Flusse genannt ich weiß nicht wie lag.«

»Ah! ist das möglich?« rief Danton.

»Das ist unwahrscheinlich, ich weiß es wohl,« erwiederte Marat, »und dennoch ist es wahr; Sie wissen, es gibt hierüber einen Vers von Boileau . . . Ich hatte seitdem allen Grund, zu denken, dieser Fluß sei die Düna gewesen, und diese Festung Dünaburg; doch ich vermöchte nicht dafür zustehen. Versichern kann ich nur, zum Beispiel, daß ich hier in einen Kerker ungefähr auf dem Niveau des Flusses kam, ferner; daß, wie die Pest nur meine Ankunft in Kaminiec abwartete, um dort einen Besuch zu machen, der Fluß nur meine Einführung in den Kerker erwartete, um auszutreten. Dem zu Folge begann mein Keller sich zu füllen und in acht Tagen stieg das Wasser von zwei Zoll auf drei Fuß.«

»Armer Marat!« sagte Danton, der zu begreifen anfing, die schlimmsten Leiden von Marat seien ihm noch nicht erzählt.

»Mein Rücken,« fuhr Marat fort, ohne beim Mitleid von Danton zu verweilen, »mein Rücken, eine schlecht vernarbte Wunde, öffnete sich der Feuchtigkeit; meine Beine erstarrten zu Eis in diesem fortwährenden Bade, und wurden, von gerade, wie sie waren, verkrümmt; zuvor ganz frei, beugten sich meine Schultern unter dem scharfen Drucke des Schmerzes! In dieser Höhle sind meine Augen erloschen, meine Zähne ausgefallen; meine Nase, die einen gewissen adlerartigen Adel hatte, hat sich gebogen, und alle Knochen meines Leibes sind ihrem Beispiele gefolgt; in dieser Höhle bin ich häßlich, leichenbleich, schmählich geworden; in dieser Höhle habe ich mich an die Finsterniß gewöhnt; seit jener Zeit fürchtet mein ängstliches Auge das Tageslicht; seit jener Zeit liebe ich die Keller, vorausgesetzt, daß sie nicht zu sehr unter Wasser gesetzt sind, weil ich darin nach meinem Belieben gegen die Menschen, gegen Gott blasphemirt habe, und Gott mich nicht zerschmettert hat, die Menschen mir nicht die Zunge durchstochen haben, wie dies, daß man es den Blasphemirern thue, der fromme König Ludwig IX. befohlen hatte; ich liebe endlich die Keller, weil ich aus diesem überzeugt von meiner Superiorität über den Menschen und über Gott hervorgegangen bin.

»Und nun die Moral von dem Allen:

»Ich bin böse geworden, weil mir die Strafe nicht dem Verbrechen angemessen geschienen hat; weil besonders diese Strafe nicht die logische Strafe des Verbrechens war; weil ich es natürlich gefunden hätte, wenn Herr Obinsky mich erdolchte oder unter der Knute sterben ließ; aber es albern, einfältig, brutal, ungeschickt finde, daß man mich in Folge dieses Verbrechens für einen der Mörder von Stanislaus, sodann für einen polnischen Spion gehalten hat, und es in der That eben so dumm, eben so unlogisch, eben so ungerecht ist, daß ich, gerettet nach so vielen Leiden, das heißt, nachdem ich meine Schuld bezahlt, die neue Strafe der Kälte, der Gefangenschaft, des Hungers und des Wassers in diesem Kerker des Gouverneurs, meines letzten Richters, ausgestanden habe. Ich bin also böse, Danton, ja, ich gestehe es, und wenn Sie mir sagen, Gott habe mich durch alle diese übertriebenen Strafen gezüchtigt, so werde ich Ihnen als einfacher Algebrist antworten:

»»Gut, stellen wir die Proportion: Gott hat mich strafen wollen, er hat mich aber auch böse machen wollen; meine Bestrafung hatte das Resultat, das er sich vorgesetzt, denn indem er mich böse machte, ist er die Ursache meines Verbrechens, und mein Verbrechen ist die Ursache meiner Strafe; die Strafen, die ich meine Feinde werde erdulden lassen, – werde ich einmal der Stärkere sein, wenn ich je der Stärkere bin, – er ist auch der Urquell davon.««

»Ist nun nicht ein großes Resultat im Grunde dieses Räthsels verborgen, trägt nicht das Privatübel auf eine unsichtbare Art zum allgemeinen Wohle bei, so gestehen Sie, daß die Hindus sehr Recht haben, wenn sie ein gutes und ein böses Princip annehmen und den oftmaligen Sieg des Bösen über das Gute zugeben.«

Danton beugte das Haupt vor diesem erschrecklichen Vernunftschlusse; er wußte aber noch nicht, wie weit die Ereignisse die Deduction der Consequenzen treiben würden.

Marat trank ein großes Glas Wasser, um die Galle niederzudrücken, welche so viele Erinnerungen aus seinem Herzen in seinen glühenden Schlund emporgehoben hatten.

»Alles dies sagt mir nicht,« sprach Danton, dem dieses Stillschweigen peinlich war, weil er nicht wußte, was er auf das Raisonnement, das er herbeigeführt, antworten sollte, »Alles dies sagt mir nicht, wie Sie, nachdem Sie der Knute des Henkers von Herm Obinsky, den Säbeln der Officiere von Stanislaus, den Festungswerken von Kaminiec und der Pest, welche diese ihretwegen besucht hatte, entkommen waren, den unterirdischen Seen des berufenen Gefängnisses entkamen, das Sie für die Festung Dünaburg halten, dessen Namen Sie mir aber nicht genau anzugeben vermöchten. Wenn Gott Sie manchmal ins Verderben stürzt, so gestehen Sie, daß er Sie immer rettet; wenn die Menschen Sie verfolgen, so gestehen Sie, daß sie Ihnen auch dienen. Ein Graf, ein Starost, der die hohe und die niedere Gerichtsbarkeit über sein Haus hat, verurtheilt Sie zum Tode: ein armer Piqueur, ein Dienstbote, ein Lackei, ein Sklave rettet sie; ein Gouverneur, der strenge Befehle in Betreff eines Ereignisses hat, von dem Sie sich selbst als Mitschuldigen anklagen, schickt Sie in einen Kerker, wo das Wasser eindringt, wo man nicht ohne zu sterben zu bleiben vermöchte; Sie werden darin krank, Sie verkrümmen darin, es mag sein; doch Sie sterben nicht dort, da Sie hier sind. Es ist also ein Mensch zu Ihrer Befreiung angeregt worden, wie ein Mensch zu Ihrer Einkerkerung angeregt worden war, das sehen Sie wohl; die Mildherzigkeit von Jenem gleicht die Grausamkeit von Diesem aus.«

»Ah! darin täuschen Sie sich, mein Lieber! Sie glauben, derjenige, welcher mich aus dem Gefängnisse gerettet, wie der arme Michael, der vielleicht seine gute Handlung mit dem Leben bezahlt hat, habe mich aus Mildherzigkeit gerettet? Ah! ja wohl, enttäuschen Sie sich: derjenige, welcher mich aus dem Gefängnis? erlöst, hat es aus Egoismus gethan.«

»Vielleicht,« erwiederte Danton. »Wie wollen Sie das wissen? Derjenige allein, welchen Sie leugnen, liest im Grunde der Herzen.«

»Gut! Sie werden sehen, ob ich mich irre. Ich hatte natürlich einen Gefangenwärter, der mir täglich eine magere Kost brachte; das war ein Bursche, welcher mit seiner ganzen Familie in einer Art von heißem Ofen wohnte und seine Bequemlichkeit ungemein liebte. Alles ging gut, so lange der Fluß in seinem Bette blieb; als aber die Ueberschwemmungen kamen, und dieser Mensch, um zu mir zu gelangen, genöthigt war, zuerst in meinem Sumpfe zu patschen und dann meinen See zu durchwaten, da stieß er, als Russe, eine Serie von progressiven Flüchen aus, welche im Stande gewesen wären, den Fluß zurückweichen zu machen, hätte der Fluß Wellen so furchtsam wie die gehabt, die beim Anblicke des von Neptun, um die Pferde von Hippolyt zu ängstigen, abgeschickten Ungeheuers erschraken! Der Fluß nahm keine Rücksicht auf die Flüche meines Kerkermeisters und stieg fortwährend, so daß es sich für den braven Mann bald nicht mehr darum handelte, die Füße naß zu machen, sondern er mußte ins Wasser bis an die Kniee und endlich bis an den halben Leib gehen.

»Hierauf verzichtete der Bursche; er erklärte dem Gouverneur, dieser Ort sei für Kerkermeister unbewohnbar; was die Gefangenen betreffe, so sei dies eine ganz geregelte Sache, da der Schlamm eine hinreichende Menge von Ratten und Aalen herbeiführe, um nicht nur einen Gefangenen, sondern sogar zehn Gefangene zu fressen.

»Man habe mich also nur Hungers sterben zu lassen; die Ratten und die Aale würden das Uebrige thun.

»Der Gouverneur antwortete nichts auf diese Klagen des Kerkermeisters, welcher mit großem Widerwillen sein Kaltwasserbad einmal des Tags zu nehmen fortfuhr.

»Da beschloß der Kerkermeister, sein Project auszuführen und mich Hungers sterben zu lassen. Er brachte mir zwei Tage nichts zu essen.

»Obgleich das Leben nichts Süßes für mich war, wollte ich doch nicht sterben. Am zweiten Tage, da ich begriff, es sei dies ein gefaßter Entschluß, stieß ich ein Gebrülle aus; ich habe eine starke Stimme, wie Sie gestern beurtheilen konnten; dieses Gebrülle wurde vom Kerkermeister gehört. Da es von Anderen gehört werden konnte und der Kerkermeister, bezichtigt, er überschreite seine Vollmacht, seinen Platz zu verlieren risquirte, so griff er zu einem Mittel, welches, wie Sie sehen werden, seiner Einbildungskraft alle Ehre machte.

»Vor Allem lief er auf mein Geschrei herbei.

»»Was Teufels haben Sie denn? Fragte er mich, indem er meine Thüre öffnete.

»»Bei Gott! Was ich habe!«« antwortete ich; »»ich habe Hunger!««

»Er kam zu mir und gab mir meine Kost.

»»Hören Sie,«« sagte er zu mir, »»es scheint Sie sind müde , mein Gefangener zu sein?««

»»Ich glaube wohl!«« erwiederte ich.

»»Nun, ich bin es nicht minder, Ihr Wächter zu sein.««

»»Wahrhaftig!««

»Ich schaute ihn an.«

»»So daß, wenn Sie vernünftig seien und mir versprechen wollen, sich nicht wieder fangen zu lassen, heute Nacht…««

»»Nun, heute Nacht?««

»»Sie werden frei sein.««

»»Ich?««

»»Ja,Sie!««

»»Und wer wird mir die Freiheit geben?««

»»Habe ich nicht die Schlüssel von Ihren Ketten und von Ihrem Kerker? . . Essen Sie ruhig, und erwarten Sie mich; heute Nacht verlassen Sie die Festung.««

»»Wenn man aber bemerkt, daß ich entwichen bin, wie wird es Ihnen ergehen?««

»»Man wird es nicht bemerken.««

»»Wie werden Sie es also einrichten?««

»»Gut! das ist meine Sache.««

»Und er schloß die Thüre wieder.

»Ich hatte noch großen Hunger, und dennoch schnitt mir diese Kunde den Appetit ab; ich wußte, daß in allen Ländern der Welt die Kerkermeister die Gefangenen in Rechnung haben, und daß ein Gefangener nicht so verschwindet, ohne daß ein wenig Lärm im Gefängniß entsteht.

»Ich wartete also mehr erschrocken, als freudig über das Glück, das mir versprochen war.

»Ich sah den Tag sich neigen, ich sah die Nacht kommen, ich sah die Finsterniß sich verdichten, ich hörte zehn auf der Uhr der Festung schlagen.

»Beinahe in demselben Augenblicke öffnete sich meine Thüre, und ich erblickte den Kerkermeister. Er hatte eine Laterne in seiner linken Hand und trug auf seiner rechten Schulter eine Last, unter deren Gewicht er schwankte.

»Diese Last hatte eine so seltsame Form, daß sich meine Augen auf sie hefteten und sich nicht davon losmachen konnten. Auf fünfzehn Schritte war es ein Sack; auf zehn war es ein Mensch; auf fünf war es ein Leichnam.

»Ich stieß einen Schreckensschrei aus.

»»Was ist das?«« fragte ich meinen Kerkermeister.

»»Ihr Nachfolger,«« antwortete er mir lachend.

»»Wie, mein Nachfolger?««

»»Ja . . . Begreifen Sie, ich habe zwei Gefangene, für die ich besonders Sorge trage; der Eine ist in einem sehr trockenen Kerker, auf einem guten Strohlager; der Andere ist in einem Keller und hat Wasser bis an den Hals. . . Welcher von Beiden muß sterben? . . . Natürlich der, welcher am Schlimmsten ist . . . Ah! ja wohl, die Gefangenen, sie sind gemacht worden, daß die Kerkermeister darüber des Teufels werden! Einer stirbt, das ist derjenige, welchem es gut geht; der Andere lebt hartnäckig, es ist der, welchem es schlecht geht! . . Bei meinem Ehrenworte, das ist nicht mehr zu verstehen! . . . Hier, nehmen Sie Ihren Kameraden.««

»Und er warf mir den Leichnam in die Arme.

»Ich wußte noch nicht, was seine Absicht war; doch ich ahnte unbestimmt, mein Heil beruhe auf diesem Leichname.

»Ich machte eine Anstrengung, und so erschrocken, so schwach ich war, ich hielt ihn in meinen Armen fest.

»»Gut! .. .«« sprach der Kerkermeister. »»Nun suchen Sie Ihr Bein aus dem Wasser zu ziehen . . . das, an welchem eine eiserne Schelle ist.««

»Ich zog mein Bein zurück, indem ich mich, um mich aufrecht zu halten, an einen der Pfeiler anlehnte, welche das Gewölbe trugen.

»Die Operation dauerte lange; das Wasser hatte das Anlegschloß rostig gemacht, so daß das Innere nicht mehr spielen wollte.

»Der Kerkermeister fluchte wie ein Heide und schob die Schuld auf meinen bösen Willen, weil der Schlüssel nicht angriff.

»Endlich öffnete sich der eiserne Reif, der mir seit drei Monaten das Bein zusammenpreßte. Ich hatte den ersten Theil meiner Freiheit wiedererlangt!

»Der zweite Theil war, außer dem Kerker zu sein; der dritte, außer der Festung zu sein.

»»Nun geben Sie mir das Bein vom Anderen,«« sagte der Kerkermeister.

»»Sie wollen ihn also meinen Platz einnehmen lassen?««

»»Bei Gott! Oh! seien Sie unbesorgt! morgen wird man nicht mehr wissen, ob Sie es sind oder er: die Ratten und die Aale werden ein Gerippe aus ihm gemacht haben, und gute Nacht! es wird nur einen Todten gegeben haben, und ich werde von zwei Gefangenen befreit sein . . . Das ist nicht schlecht gespielt, wie?««

»Ich begriff vollkommen, und fand nicht nur, daß es nicht schlecht gespielt, sondern sogar, daß es vortrefflich gespielt war.

»Ich machte ihm aufrichtig mein Compliment zu seiner Erfindung.

»»Gut!«« sagte er, »»glauben Sie, man sei dergestalt Henker seines Leibes? Das war um ein Seitenstechen zu bekommen, wenn man so einmal jeden Tag das Essen zu Ihnen zu bringen hatte.««

»Wenn das, um ein Seitenstechen zu bekommen für den Gefangenwärter war, der einmal täglich in den Kerker ging, beurtheilen Sie, was der Gefangene erwarten mußte, welcher sich den ganzen Tag darin aufhielt! . . . Sie sehen, mein Lieber, was der Gefangene erwarten mußte: das zu werden, was ich bin!« sprach Marat.

Und er schlug ein Gelächter auf.

Danton war nicht leicht für Eindrücke empfänglich, und dennoch schauerte er bei diesem Gelächter von Marat.

XVIII
Zwei verschiedene Arten, zu sehen

»Sobald der Lebende abgefesselt,« fuhr Marat fort, »sobald der Todte an der Stelle des Lebenden gefesselt war, nahm der Kerkermeister wieder feine Laterne und winkte mir, ihm zu folgen. Das that ich von Herzen gern; doch es war für mich eine andere Arbeit, mich auf meinen gelähmten Beinen zu halten.

»Der Kerkermeister sah, wie es mir fast unmöglich war, ihm zu gehorchen.

»»Ho! ho!«« sagte er, »»nehmen Sie sich in Acht: man begräbt hier die Todten im Flusse, der sie ganz sachte ins Meer führt, das uns von ihnen befreit . . . Ich war im Begriffe, den Todten in den Fluß zu werfen: ich könnte wohl den Lebenden hineinwerfen; nach fünf Minuten würde das auf Eins herauskommen.««

»Diese Drohung brachte ihre Wirkung hervor: wie in der Hütte des Piqueur, wie in den Straßen von Warschau, rief ich um mein Herz Alles, was mir an Blut blieb, vereinigte ich mit meinem Willen Alles, was mir an Kräften blieb, und ich schleppte mich auf den Füßen und den Händen, nicht mehr wie ein Mensch, sondern wie ein unreines Thier, hinter meinem Kerkermeister fort.

»Nach einer Menge von Umwegen, welche mich die Posten und die Schildwachen vermeiden zu lassen zum Zwecke hatten, kamen wir zu einem bedeckten Wege; von dem bedeckten Wege erreichten wir die Schlupfpforte; der Kerkermeister öffnete die Thüre, deren Schlüssel er hatte, und wir befanden uns auf dem Niveau des Flusses.

»»Hier!«« sagte mein Führer zu mir.

»»Wie, hier?«« erwiederte ich.

»»Allerdings . . . Fliehen Sie!««

»»Wie soll ich fliehen?««

»»Schwimmend, bei Gott!««

»»Aber ich kann nicht schwimmen!«« rief ich.

»Er machte eine erschreckliche Bewegung, die ich durch eine Geberde hemmte; denn ich sah ein, daß er überdrüßig der Schwierigkeiten, die ich bei Allem fand, um damit zu Ende zu kommen, im Begriffe war, mich in den Fluß zu stoßen.

»»Nein,«« sagte ich, »»nein . . . Ein wenig Geduld! wir werden ein Mittel finden!««

»»Suchen Sie!««

»»Ist kein Boot da?««

»»Sehen Sie!««

»»Ei! ich bemerke eines dort.««

»»Ja, angekettet.. . Haben Sie den Schlüssel? ich habe ihn nicht.««

»»Mein Gott! was ist zu thun?««

»»Man sagt, die Hunde schwimmen, ohne es gelernt zu haben; Sie, der Sie so gut auf allen Vieren gehen, versuchen Sie es; vielleicht können Sie schwimmen, und Sie vermuthen es nicht.««

»»Warten Sie!«« rief ich.

»»Was?««

»»Am Eingange des bedeckten Weges ist ein Zimmerplatz.««

»»Ja.««

»»Auf diesem Zimmerplatze habe ich Balken am Boden liegen sehen.««

»»Gut!««

»»Helfen Sie mir einen von diesen Balken hierher tragen.««

»»Vortrefflich!««

»»Ich werfe den Balken ins Wasser, setze mich darauf, und empfehle mich der Obhut Gottes!««

»Ah!« unterbrach Danton, »Sie sehen wohl, daß Sie an Gott glauben!«

»Ja, hin und wieder, wie Jedermann,« erwiederte Marat; »es ist möglich, daß ich in diesem Augenblicke an ihn geglaubt habe.«

»Sie haben an ihn geglaubt, da er Sie gerettet hat.«

Marat umging die Erörterung.

»Gesagt, gethan: wir holten einen Balken; wir trugen ihn mit großer Mühe, – das heißt er, denn mir schien er nicht schwerer als eine Feder; beim Schlupfthore angelangt, machten wir sodann das Holzstück flott, und ich legte mich die Augen schließend darauf.«

»Sprechen Sie,« sagte Danton, »gestehen Sie, daß Sie sich auch diesmal Gott empfahlen.«

»Ich erinnere mich dessen nicht,« antwortete Marat; »ich entsinne mich nur, daß ich mich allmälig beruhigte; das Wasser des Flusses war vergleichungsweise weniger kalt, als das meines Kerkers; sodann hatte ich den Himmel über meinem Haupte, zu meiner Rechten und zu meiner Linken die Erde, vor mir die Freiheit!

»Die Strömung des Flusses mußte mich nothwendig gegen irgend ein Gebäude oder an den Eingang einer Stadt tragen. Wäre ich ans Land gekommen, so lief ich Gefahr, getroffen, verhaftet zu werden; hätte ich überdies marschiren können? Zu Wasser war es anders: der Fluß marschirte für mich, und zwar ziemlich rasch; ich mußte eine Meile in der Stunde machen!

»Indem ich mich auf meinem Balken fortführen ließ, hörte ich elf Uhr schlagen; der Tag kam um sieben Uhr. Kam der Tag, so hatte ich also schon ungefähr acht Meilen gemacht.

»Ich befand mich einen Augenblick mitten in einem Nebel, der nach und nach verschwand. Mir schien, als hörte ich durch diesen Morgendunst Menschenstimmen zu mir dringen. . . So wie die Strömung mich weiter trug, wurden diese Stimmen deutlicher; in dem Momente, wo der Nebel sich aufhellte, erblickte ich in der That Schiffsleute, welche mit dem Zerstücken eines gestrandeten Schiffes beschäftigt waren; hinter ihnen lagen die wenigen Häuser eines dürftigen Dorfes.

»Ich erhob die Stimme, rief um Hilfe und machte Zeichen mit der Hand.

»Die Arbeiter gewahrten mich, setzten einen kleinen Kahn ins Wasser, ruderten zuerst auf mich zu, und dann mir nach, denn mein Balken kam einen Augenblick dem Nachen zuvor.

»Endlich holte man mich ein, und ich ging in den Nachen über.

»Diese ganze Operation, die mich mit Freude hätte erfüllen müssen, verursachte mir eine gewisse Bangigkeit. Ich hatte meine Geschichte ganz fertig, und ich hatte Zeit gehabt, sie zu machen; würde man aber an diese Geschichte glauben?

»Der Zufall bediente mich; keiner von diesen Menschen sprach Lateinisch. Man führte mich zum Pfarrer.

»Ich sah, daß der Augenblick, meine Geschichte der Entführung von Stanislaus anzubringen, gekommen war. Der Pfarrer war ein katholischer Priester: er mußte also eine Handlung billigen, welche zur Verherrlichung der katholischen Religion vollführt worden war.

»Diesmal täuschte ich mich nicht: der Pfarrer nahm mich als einen Märtyrer auf, pflegte mich, behielt mich vierzehn Tage bei sich, und einen Wagen benützend, der Waaren nach Riga führend vorüberkam, empfahl er mich dem Fuhrmann und expedirte mich mit den Waaren.

»Nach einem Marsche von acht Tagen war ich in Riga.

»Die Waaren wurden an einen englischen Kaufmann expedirt, bei dem ich damit anfing, daß ich ihm in seiner eigenen Sprache die glückliche Ankunft seiner ganzen Fracht meldete, welche ziemlich bedeutend, weil der größere Theil davon durch Karavanen angekommener Thee war.

»Bei diesem, der ein Protestant, gingen meine ultrakatholischen Heldenthaten in Warschau nicht mehr als Empfehlung; ich gab mich also ganz einfach als einen Sprachmeister, der nach England zu gelangen wünschte. Ein englisches Schiff lag zur Abfahrt bereit im Hafen; der Kaufmann hatte Interessen bei seiner Ladung; er empfahl mich dem Kapitän. Drei Tage nachher durchfurchte das Schiff die Wogen des Baltischen Meeres; acht Tage nachher ging es in Folkestone vor Anker.

»Ich hatte Briefe von meinem Kaufmanne für Edinburgh. Ich kam in der Hauptstadt Schottlands an und wurde hier Professor der französischen Sprache.

»Mit allen meinen Abenteuern hatte ich mein achtundzwanzigstes Jahr und das Jahr 1772 erreicht. Es war dasselbe Jahr, in welchem sich die Veröffentlichung der Briefe von Junius vollendete; England war in der größten Aufregung. Ich habe im Vorübergehen den entsetzlichen Aufruhr gesehen, der wegen Wilkes stattfand, welcher vom Pamphletschreiber plötzlich Lordmayor und Sherif geworden war; ich fing an ebenfalls zu schreiben und gab in englischer Sprache die Ketten der Sklaverei heraus. Ein Jahr nachher erschien ein nachgelassenes Werk von Helvetius, und ich antwortete darauf durch mein Buch: der Mensch, das ich in Amsterdam veröffentlichte.«

»Stellen Sie nicht in diesem Buche ein neues psychologisches System auf?« fragte Danton.

»Ja; doch ich greife ihn an und vernichte den Ideologen, den man Descartes nennt, wie ich später Newton angriff und vernichtete. Alles dies gab mir indessen kaum um zu leben; von Zeit zu Zeit erhielt ich von einem reichen Engländer oder von einem Fürsten, der meiner Ansicht in der Philosophie war, eine goldene Tabatiere, die ich verkaufte; war aber die Tabatiere verzehrt, so mußte ich aufs Neue betteln. Ich entschloß mich, nach Frankreich zurückzukehren; mein Titel als spiritualistischer Arzt bahnte mir einen Weg zum Hofe; ein Buch über galante Medicin, das ich veröffentlichte, war meine Empfehlung beim Grafen von Artois, und ich trat in sein Haus als Arzt seines Marstalles ein.

»Heute bin ich zweiundvierzig Jahre alt; aufgezehrt von der Arbeit, den Schmerzen, den Leidenschaften und den Nachtwachen, bin ich noch jung an Rache und Hoffnung! Obschon Pferdearzt . . . Arzt ohne Kundschaft . . . muß doch ein Tag kommen, wo Frankreich krank genug sein wird, um sich an mich zu wenden, und, dann seien Sie unbesorgt, werde ich ihm zur Ader lassen, bis es Alles ergossen, was es an Blut von Königen, von Prinzen und von Aristokraten in den Adern hat.

»Das ist es, was ich bin, mein lieber schöner Mann, das heißt in moralischer und physischer Hinsicht mißgestaltet und gepanzert gegen jede Empfindsamkeit. Ich war schön abgereist, ich bin häßlich wiedergekommen; ich war gut abgereist, ich bin böse wiedergekommen; ich war als Philosoph und Monarchist abgereist, ich bin als Spiritualist und Republicaner wiedergekommen.«

»Und wie bringen Sie ihren Spiritualismus mit Ihrer Gottesleugnung in Einklang?«

»Ich leugne Gott nicht als großes Ganzes, als intelligente Universalität die Materie belebend; ich leugne Gott als himmlisches Individuum sich mit den menschlichen Ameisen und den irdischen Milben beschäftigend.«

»Das ist schon Etwas,« sagte Danton. »Und was ist aus Fräulein Obinska geworden?«

»Ich habe nie mehr von ihr reden hören . . . Bürger Danton, findest Du es nun seltsam, daß ich die Prätension, Gedächtniß zu besitzen, zur Schau stelle? Findest Du es seltsam, daß ich sage, die Einbildungskraft des Schriftstellers sei häufig nur Gedächtnis? findest Du es endlich seltsam, daß ich, Einbildungskraft und Gedächtniß in einem befruchtenden Principe vereinigend, einen Roman über Polen schreibe und Sätze zu Ehren des jungen Potocky aufstelle?«

»Bei meiner Treue! nein,« antwortete Danton, »nichts wird mich mehr von Ihnen in Erstaunen setzen, mag ich Sie nun Politik, Physik, Spiritualismus oder Roman machen sehen; ich werde mich aber jedes Mal wundern, so oft ich Sie mir ein so schlechtes Frühstück geben sehe, so oft ich Sie so vertraut mit Ihrer Köchin sehe; und sollte sie Albertine heißen, wie ich Sie die Ihrige, glaube ich, habe nennen hören; doch hauptsächlich werde ich mich wundern, so oft ich Sie mit schmutzigen Händen sehe.«

»Warum dies?« fragte Marat naiv.

»Weil der Mann, der die Ehre gehabt, auf eine so verliebte Art die unvergleichliche Cäcilie Obinska einzuschläfern, sich selbst sein Leben lang achten müßte, wie der Priester den Altar verehrt, auf dem er den Weihrauch feiner Opfer verbrannt hat.«

»Alles das ist kindisch!« entgegnete Marat mit Verachtung den Kopf schüttelnd.

»Es mag sein! doch es ist reinlich, mein Lieber, und die Reinlichkeit, sagen die Italiener, ist eine halbe Tugend; da ich nun gar keine Tugend von Ihnen kenne, so müßten Sie wenigstens diese erwerben.«

»Herr Danton,« erwiederte der ungestalte Zwerg, während er die Brodkrümchen und die Milchtropfen abschüttelte, die seinen alten Schlafrock besprenkelten, »will man das Volk lenken, so muß man sich fürchten, zu weiße Hände zu haben.«

»Ei!« rief Danton die Achseln zuckend, »was liegt an der Weiße der Hände, wenn es nur solide Hände sind! . . . Schauen Sie die meinen an!«

Und er hielt Marat. unter die Nase ein Paar von jenen sehr weißen und dicken, kräftigen Patschen, die das Volk in seiner gerechten und pittoresken Sprache Hammelsbüge nennt.

So geringschätzig Marat hinsichtlich der natürlichen Vorzüge war, er konnte doch nicht umhin, zu bewundern.

»Im Ganzen hast Du mich interessiert, Bürger Marat,« sagte Danton; »Du bist ein Gelehrter und ein Beobachter. Ich werde Dich also, wenn Du willst, nehmen wie einen Bären, den man vor der Thüre der Marktbuden zeigt. Deine physische Erscheinung wird die Aufmerksamkeit der Menge vorbereiten. An großen Festtagen wirst Du dem Publicum Obinsky und Obinska erzählen; wir werden einen Tempel dem Piqueur und einen Altar dem Kerkermeister errichten vor Allem mußt Du aber die kleine Bude verlassen, die Du hier inne hast: der Platz ist Deiner nicht würdig, und das Schild ist schlecht. Ein Republicaner, wie wir, im Marstalle von Artois wohnen! ein Fabricius im Register der Gehalte der Dienerschaft aufgeführt sein! ein Arzt, der Frankreich, so viel als nur immer möglich, Blut abzapfen will, mittlerweile mit seiner Lancette die Halsader der prinzlichen Pferde stechen, pfui! das compromittirt!«

»Sie sind gut daran mit Ihren Rathschlägen,« sagte Marat; »Sie mißgönnen mir mein unglückliches Plätzchen in der Sonne; Sie mißgönnen mir meinen armen Kaffee am Morgen, und Sie stopfen sich mit Diners zu fünfzig Louis d'or voll. Ich nähre mich ein Jahr mit dem, was Sie gestern in einer Stunde verschlungen haben.«

»Verzeiht, verzeiht', Meister Diogenes,« erwiederte Danton, »mir scheint, Ihr seid undankbar.«

»Die Undankbarkeit ist die Unabhängigkeit des Herzens,« versetzte Danton.

»Wohl! doch es handelt sich hier nicht um das Herz.«

»Um was denn?«

»Um den Magen! das Mahl war gut; warum übel davon sprechen? sollte es schon verdaut sein?«

»Ich spreche übel davon,« antwortete Marat, »weil es, so gut es war, schon verdaut ist und mir Appetit für heute gelassen hat; weil das Diner mit dem Golde der Prinzen bezahlt wurde, wie meine dreihundert und fünfundsechzig elende Mahle mit den Sous ebenderselben Prinzen bezahlt werden; Gold oder Kupfer, Fasan oder Ochsenfleisch, das ist, wie mir scheint, immer Corruption!«

»Aristides vergißt, daß die vom Abbé Roy, im Namen der Prinzen, gegebenen fünfzig Louis d'or der Preis einer Consultation waren.«

»Und meine zwölfhundert Livres sind nicht auch der Preis meiner Consultationen? . . . Nur geben Sie Consultationen für die Prinzen, und ich gebe für ihre Pferde. Bilden Sie sich zufällig ein, Ihr Verdienst stehe zu dem meinigen im Verhältniß von einer Stunde zu dreihundert und fünfundsechzig Tagen?«

Diese Worte sprechend, schwoll der Zwerg vor Zorn und Neid auf; die Galle entzündete sich wie ein Phosphor in seinen Augen; der Schaum stieg ihm aus seine blaurothen Lippen.

»Nun, nun,« sagte Danton, »sachte! Du hast mir gestanden, Du seist böse: gib Dir nicht die Mühe, es mir zu beweisen, mein lieber Potocky! Machen wir Frieden!«

Marat brummte wie eine Dogge, der man ihren Knochen zurückgibt.

»Vor Allem beharre ich bei dem Gesagten,« fuhr Danton fort: »ich werde nicht dulden, daß Du länger hier wohnst; Du spielst eine gemeine Rolle, Freund Marat . . . Oh! ärgere Dich wieder, wenn Du willst; aber höre! Ein Mann wie Du muß nicht das Brod der Tyrannen essen, nachdem er von ihnen alle die hübschen Dinge gesagt hat, die ich Dich gestern im Clubbe habe sagen hören. Sehen wir ein wenig: nimm an, dieser junge Mann, Dein Herr . . . gut! Marat hat keinen Herrn? es sei! Dein Patron; streiten wir nicht über die Worte; nimm an, der Graf von Artois lese Deine kleine Rede über die Rechte des Menschen, nimm an, er lasse Dich kommen, und sage zu Dir: »»Herr Marat, was haben Ihnen meine Pferde gethan, daß Sie mich so schlecht behandeln?«« Was würdest Du antworten? Sprich.«

»Ich würde antworten . . .«

»Du würdest eine Dummheit antworten; denn ich fordere Dich auf, etwas Geistreiches auf eine solche Interpellation zu erwiedern! eine Dummheit, die das Unrecht auf Deine Seite brächte und Deine Laufbahn verderben würde, weil, man immer mit einer Dummheit dem Manne von Geist antwortet, der Recht hat. Du stehst also, um die schöne Rolle zu behalten, um Dich Fabricius Marat zu nennen und Deinem Pathen nicht Abbruch zu thun, mußt Du den königlichen Fleischtopf umwerfen, das vergoldete Täfelwerk verlassen, und man muß Dich einen heroischen Hungerleider nennen; sonst bist Du kein Republicaner, und ich glaube weder mehr an Obinsky, noch an Obinska; richte Dich hiernach.«

Danton punktirte diesen Scherz mit einem ungeheuren Gelächter und mit einem freundschaftlichen Tapps, unter welchem Marat ganz zusammenstürzte.

»Es ist Wahres in Allem dem, was Du da sagst,« murmelte Marat, indem er sich seine Schulter rieb; »ja, man ist sich dem Vaterlande schuldig: erfahre aber meine Meinung über Dich, Danton; Du imponierst mir nicht durch Dich selbst', ich nehme Deine Moral an und verwerfe Dein Beispiel; Du gehörst zu denjenigen, welche Jesus übertünchte Gräber nannte, und von denen Juvenal schrieb:

»Qui Curios simulant, et bacchanalia vivunt; Du bist nur ein falscher Curius, ein Patriot mit Trüffeln.«

»Ei! den Henker!« rief der Coloß, »glaubst Du denn, Gott habe den Elephanten gemacht, daß er von einem Reiskorne lebe? Nein, mein Lieber, der Elephant ist eine höhere Intelligenz, welche bei einem einzigen Mahle verzehrt, was einen ganzen Tag fünfzig gewöhnliche Thiere nähren würde; der zu feinem Dessert alle Blätter eines Orangenwaldes verschlingt, und um sich ein Bund Klee zu nehmen, ein Morgen zertritt, wo man tausend Bunde ernten würde. Nun wohl, das thut dem Ansehen des Elephanten durchaus keinen Eintrag, wie mir scheint; man achtet den Elephanten, und Jeder von seinen Nachbarn hat Angst, er könnte ihm auf den Fuß treten. Bin ich ein falscher Curius, so ist dies so, weil ich finde, daß dieser Curius ein Einfaltspinsel und ein Unsauberer war: er aß Kohlstrunke aus gemeinen Schüsseln von Sabiner Erde; er würde sein Vaterland nicht minder glücklich gemacht haben, hätte er gute Mahle aus schönem Silbergeschirr zu sich genommen! Und dann sagtest Du mir so eben eine Albernheit, Bürger Marat: Du sagtest, Dein Verdienst stehe zu dem meinen nicht im Verhältniß von tausend Livres zu acht Millionen.«

»Ja, das sagte ich, und ich wiederhole es.«

»Was beweist das? Daß ein Gelehrter zweimal in fünf Minuten dieselbe Eselei wiederholen kann; war ich nicht tausend Livres für eine Stunde werth, mein Lieber, so hätte mir, das kannst Du glauben, der Herr Abbé Roy diesen Preis nicht bezahlt; überdies versuche Dir eben so viel geben zu lassen; versuche es!«

»Ich!« rief Marat wüthend; »ich würde mich schämen, die Hand den Aristokraten zu reichen, und wäre es auch für vierundzwanzig tausend Livres täglich.«

»Dann siehst Du wohl, daß ich hundertmal Recht hatte, Dir zu rathen, Du sollst nicht im Lohne des Herrn Grafen von Artois' um drei Franken sieben Sous für vierundzwanzig Stunden bleiben. Zieh aus, Freund Marat! zieh aus.«

Als Danton diese Worte vollendete, wurde ein gewaltiger Lärm auf der Straße hörbar, und man sah durch das Fenster die Leute vom Hotel nach dem Thore laufen, um hier frische Nachrichten zu erhalten.

Marat ließ sich nicht leicht stören; er schickte nur Mademoiselle Albertine auf Erkundigung aus.

Danton war nicht so stolz oder so indolent; er stand beim ersten Geräusche auf, lief an das Fenster des Flurgangs, öffnete es und horchte mit dem Verstande eines erfahrenen Mannes, der ein vorüberziehendes Geräusch verkostet, wie ein Mäkler den Wein verkostet.

Dieses Geschrei, diese Aufregung, diese Geräusche waren eine von den Wirkungen, deren Ursache die Leser gestern uns ins Palais-Royal, unter den Baum von Krakau, begleitend erfahren haben.

Die Ursache war die Ungnade von Herrn von Brienne und die Zurückberufung von Herrn Necker.

Die Wirkung war das Gerücht von dieser Entlassung und dieser Zurückberufung, das sich in Paris verbreitet hatte und die ganze Bevölkerung der Hauptstadt unter einander warf.

XIX
Der Strohmann der Place Dauphine

Die Köchin von Marat kam zu ihrem Herrn zurück; sie hatte sich nach den Umständen erkundigt.

»Ah! Herr,« rief sie, »nun werden wir Lärmen haben!«

»Lärmen, meine gute Albertine!« versetzte Marat, mit der Zunge über seine Lippen streichend wie die Katze, welche in ihre Beute zu beißen im Begriffe ist; »und wer wird diesen Lärmen machen?«

»Herr, es sind die Arbeiter und die jungen Leute von der Basoche, welche rufen: »»Es lebe Herr Necker!««

»Sie haben das Recht dazu, da Herr Necker Minister ist.«

»Aber, Herr, sie rufen noch etwas Anderes.«

»Teufel! und was ist das Andere, was sie rufen?«

»Sie rufen: »»Es lebe das Parlament!««

»Warum sollten sie nicht rufen: »»Es lebe das Parlament!«« da das Parlament lebt, was auch Ludwig XIV. und Ludwig XV. thun mochten, um es zu tödten?«

»Ah! Herr, sie rufen noch etwas Anderes, etwas viel Erschrecklicheres!«

»Sprechen Sie, Albertine!«

»Sie rufen: »»Nieder mit dem Hofe!««

»Ah! ah!« sagte Danton, »Sie wissen gewiß, daß sie das rufen?«

»Ich habe es gehört.«

»Das ist ja ein meuterischer Ruf.«

»Wahr ist es,« erwiederte Marat, indem er seinem Gaste ein Zeichen machte, »wahr ist es, daß sich der Hof unter dem Ministerium dieses unglücklichen Herrn von Brienne sehr hat irre leiten lassen.«

»Ah! Herr, wenn Sie hörten, wie die Arbeiter und die jungen Leute von der Basoche Diesen und noch einen Andern behandeln!«

»Wer ist der Andere?«

»Herr von Lamoignon.«

»Ah! wahrhaftig! unser würdiger Siegelbewahrer . . . Was sagen sie denn von ihm?«

»Sie rufen: »»Ins Feuer Brienne! ins Feuer Lamoignon!««

Marat und Danton schauten sich an; es fand zwischen diesen zwei Männern ein Austausch von Gedanken statt, der sehr leicht in ihren Augen zu lesen war.

Der Eine wollte sagen: »Sollte dieser Aufstand nicht ein wenig von Ihrem Clubbe kommen, mein lieber Marat?«

Und der Andere fragte: »Sollten Sie hierbei nicht ein wenig von dem Golde der Prinzen, der Nebenbuhler des Königs, gesäet haben, mein lieber Danton?«

«Der Tumult, nachdem er wie ein Orkan getost hatte, vertiefte sich indessen und erlosch im Centrum von Paris.

Marat befragte aufs Neue seine Dienerin:

»Und wohin gehen diese wackeren Leute?« fragte er.

»Sie gehen nach der Place Dauphine.«

»Und was wollen sie auf der Place Dauphine' machen?«

»Herrn von Brienne verbrennen.«

»Wie! einen Erzbischof verbrennen?«

»Oh! Herr,« erwiederte Albertine naiv, »vielleicht nur im Bildnisse.«

»Im Bildnisse oder in Wirklichkeit, es wird dort ein Schauspiel geben,« sagte Danton; »sind Sie nicht ein wenig neugierig, dieses Schauspiel zu sehen, mein lieber Marat?«

»Bei meiner Treue, nein!« antwortete der Zwerg: »es sind dort Streiche zu bekommen; die Polizei ist wüthend und wird gewaltig schlagen.«

Danton schaute mit Wohlgefallen seine Fäuste an und sprach:

»So ist es, wenn man Danton ist, statt Marat zu sein; ich kann meine Neugierde befriedigen; die Natur erlaubt es mir.«

»Und mir räth die Natur die Ruhe,« erwiederte Marat.

»Gott befohlen also! ich will ein wenig sehen, was auf der Place Dauphine vorgeht,« sprach der Coloß.

»Und ich, ich will mein Kapitel von Potocky vollenden,« versetzte Marat; »ich bin an einer Beschreibung der blühenden Einsamkeit und der duftenden Thäler.«

»Ho! ho!« rief Danton bebend, »man sollte glauben, man höre etwas wie ein Pelotonfeuer . . . Adieu! adieu!«

Und er stürzte aus dem Zimmer.

Was Marat betrifft, er schnitt seine Feder, – eine Ausgabe, die er sich nur in seinen Augenblicken großer Befriedigung erlaubte, – und fing an ruhig zu schreiben.

Danton hatte richtig gesehen, und Albertine hatte wahr gesprochen: es fand ein Aufruhr statt, und der Aufruhr zog theilweise nach der Place Dauphine, wo sein allgemeiner Sammelplatz war; hier schrie eine geräuschvolle Menge, welche unaufhörlich zunahm, aus vollem Halse: »Es lebe das Parlament! es lebe Necker! nieder mit Brienne! nieder mit Lamoignon!«

Da aber der Abend anrückte, so liefen die Arbeiter nach ihren Geschäften, die Schreiber nach der Amtsstube und dem Justizpalaste, die Bürger nach dem Abendbrode von allen Seiten herbei und vermehrten die Gruppen und das Geräusch.

Das begann mit einem ungeheuren Lärmen von Casserolen und Pfännchen. Welche Hand hatte diesen Riesencharivari organisiert, der wie eine Schlange von tausend Stücken sich in Paris bewegte und unabläßig sich zu verbinden suchte? Niemand hat es je erfahren; nur fand sich am 26. August, um sechs Uhr, ohne daß Jemand hiervon in Kenntniß gesetzt war, alle Welt bereit.

Da der Mittelpunkt dieser Bewegung und dieses Geräusches die Place Dauphine war, so bedeckten sich alle Straßen, alle umliegende Quais, und besonders der Pont-Neuf mit Charivaristen und vornehmlich mit Neugierigen, welche den Charivari sehen wollten, den mit der ganzen Höhe ihres ehernen Rosses die Statue von Heinrich IV. beherrschte.

Eine merkwürdige Sache beim Pariser Volke ist die Liebe, die es für den Nachfolger der letzten Valois bewahrt hat. Verdankt Heinrich IV. seinem Geiste diese Popularität, die sich durch die Generationen fortgepflanzt? seiner ein wenig problematischen Herzensgüte? seinem bekannten Worte über das Huhn im Topfe? seiner Liebschaft mit Gabriele? seinen Streitigkeiten mit d'Aubigne? einer oder der andern von diesen Ursachen, oder allen mit einander? Wir vermöchten es nicht zu sagen; ein Factum aber ist, daß Heinrich IV. diesmal wie immer die Aufmerksamkeit von denjenigen fesselte, welche ihn umgaben und erklärten, – für ihre persönliche Sicherheit vor Allem, – Niemand dürfe über den Pont-Neuf fahren, und diejenigen, welche aus dem Wagen ausgestiegen seien, sollten zu Fuße hinübergehen und die Statue von Heinrich IV. begrüßen.

Der Zufall wollte nun, daß die dritte Carrosse, welche passierte, die des Herzogs von Orleans war.

Wir haben uns am Anfange dieses Werkes viel mit dem Herrn Herzog von Orleans beschäftigt und erzählt, wie er durch seine Anglomanie, seine seltsamen Wetten, seine öffentlichen Ausschweifungen und besonders durch seine schamlosen Speculationen den besten Theil von jener Popularität verloren hatte, die ihm Mirabeau später wiederherstellen sollte.

Die Menge hatte auch kaum den Prinzen erkannt, als sie, ohne mehr Rücksicht für ihn als für einen einfachen Privatmann und mit mehr Absichtlichkeit vielleicht, die Pferde am Zügel faßte, sie vor der Statue des Bearners anhielt, den Wagenschlag öffnete und mit dem Tone, der keine Erwiederung zuläßt, weil es weder die Stimme eines Menschen, noch die von zehn Menschen, sondern die Stimme eines Volkes ist, den Prinzen aufforderte, seinen Ahnherrn zu begrüßen.

Der Prinz stieg lächelnd aus und fing, höflich wie immer, damit an, daß er freundlich die Menge

»Grüßen Sie Heinrich IV.! Heinrich IV.!« rief man ihm von allen Seiten zu.

»Meinen Ahnherrn grüßen? den Vater des Volkes grüßen? ei! sehr gern, meine Herren! Für Sie ist es nur ein guter König; für mich, meine Herren, ist es ein erhabener Ahn!«

Und sich gegen die Brüstung umwendend, verbeugte er sich artig vor der Reiterstatue.

Bei diesen Worten, bei diesem Gruße, bei dem wohlwollenden Lächeln, das der Herzog über der Menge ausbreitete, erhob sich ein Donner von Beifallklatschen und erscholl auf beiden Ufern der Seine.

Mitten unter diesen Bravos, nach denen sein Ohr so gierig war, schickte sich der Prinz an, wieder in seinen Wagen zu steigen, als eine Art von schlecht gekleidetem, schlecht gekämmtem, schlecht rasiertem Riesen, ein Grobschmied, der eine eiserne Stange in der Faust hielt und die Gruppen um den ganzen Kopf überragte, sich ihm näherte, eine schwere Hand auf seine Schulter legte und zum Herzog sagte:

»Grüße ihn nicht so sehr, Deinen Ahnherrn, und suche ihm ein wenig mehr zu gleichen!«

»Mein Herr,« erwiederte der Prinz, »ich strenge alle meine Kräfte an, doch ich bin nicht König von Frankreich, wie es Heinrich IV. war, und wie es Ludwig XVI. ist: ich vermag also nichts für das Volk, als mein Vermögen mit ihm zu theilen; das habe ich in den schlechten Jahren gethan, und das bin ich abermals zu thun bereit.«

Diese Worte, nicht ohne einen gewissen Stolz, sprechend, machte der Prinz einen neuen Schritt gegen seinen Wagen; doch er war mit seinem Grobschmiede noch nicht zu Ende:

»Es ist nicht genug, daß Du grüßest,« fuhr dieser fort, »Du mußt singen: Vive Henri IV!«

»Ja,« schrie die Menge, »ja: Vive Henri IV!«

Und ein ungeheurer Refrain, von zehntausend Stimmen gesungen, wirbelte in der Luft.

Der Prinz mischte seine Stimme sehr gutwillig darein, und als der Refrain vollendet war, erlaubte man ihm, wieder in seinen Wagen zu steigen.

Sobald er eingestiegen, setzte er sich; die Piqueurs schlossen den Schlag, und die Carrosse ging unter den begeisterten Bravos der Menge ab.

Kaum war der Wagen verschwunden, als sich der Tumult bei der Ankunft einer andern Carrosse vermehrte, in der ein sehr bleicher und sehr beängstigter Geistlicher durch tausend drohend in die Höhe gehobene Arme signalisirt wurde.

»Das ist der Abbé von Vermont! der Abbé von Vermont!« riefen die fünfhundert Stimmen, denen diese tausend Arme gehörten.

»Es ist der Abbé von Vermont!« wiederholte der Grobschmied mit einer Stimme, von der man hätte glauben sollen, sie werde durch die Blasebälge seiner Schmiede genährt; »ins Feuer den Abbé von Vermont! ins Feuer den Rath der Königin!«

Und Jeder wiederholte mit gewaltigem Geschrei: »Ins Feuer den Abbé von Vermont!« eine Einstimmigkeit, welche den Geistlichen der Carrosse durchaus nicht zu beruhigen schien.

Man muß gestehen, der erhabene Mann, von dem hier die Rede war, stand, trotz seines Abbétitels durchaus nicht im Geruche der Heiligkeit beim Volke. Sohn eines Dorfwundarztes, Doctor der Sorbonne, Bibliothekar des College Mazarin, war er im Jahre 1769, – auf den Antrag desselben Herrn von Brienne, dessen Hinrichtung im Bildnisse vorzubereiten man sich beschäftigte, – zum Nachfolger für zwei Schauspieler, die man als Vorleser der zukünftigen Dauphine Marie Antoinette gegeben, erwählt und ihr letzter Lehrer der französischen Sprache zu werden bestimmt worden; man hatte den Abbé Vermont nach Wien durch Herrn von Choiseul, den Vertrauten von Maria Theresia, als einen Mann geschickt, zu dem die Kaiserin alles Zutrauen haben könnte. Der neue Professor der zukünftigen Dauphine hatte seinen Gönner nicht lügen gemacht; er war mit Leib und Seele bei der österreichischen Partei eingetreten, welche zu dieser Stunde siegreich mit der französischen Partei kämpfte; er war einer der thätigsten Räthe des kleinen Hofes geworden, der Marie Antoinette nach Frankreich begleitete. Von diesem Augenblicke an waren alle leichtsinnige Handlungen, welche die Dauphine, und sodann die Königin begangen, – die arme Frau ließ es bekanntlich nicht daran fehlen! – alle diese leichtsinnigen Handlungen waren dem Einflusse des Abbé von Vermont zugeschrieben worden. In der That, kaum in Frankreich angekommen, hatte er unter dem Vorwande, seine Eigenschaft als Vorleser müßte ihm auch die des Professors der Geschichte geben, den Historiographen Moreau zurückweisen gemacht, der durch sein Wissen zu den Functionen eines Bibliothekars der Frau Dauphine erhoben worden war. Angestachelt durch den Abbé von Vermont, hatte die Dauphine ihre erste Ehrendame, Frau von Noailles, lächerlich gemacht, und der Spottname Madame l'Etiquette, der dieser geblieben, kam, wie man sagte, nicht von der Königin, sondern vom Abbé. Mehr noch, bei ihrer Ankunft am Hofe hatte die Frau Dauphine viel Zärtlichkeit für Mesdames, die Töchter von Ludwig XV., bezeigt; Madame Victoire besonders hatte mit großer Sympathie diese Zuvorkommenheiten ihrer Nichte erwiedert. Da hatte der Abbé von Vermont sein Ansehen bedroht erachtet und keine Ruhe gehabt, bis es ihm gelungen war, die Frau Dauphine mit ihren drei Tanten zu entzweien. Es war abermals der Abbé von Vermont, der die Königin mit allen mächtigen Familien entzweit hatte, und besonders mit der Familie Rohan, von der eines ihrer Glieder so unheilvoll für sie bei der Halsbandgeschichte wurde; dieser Zwist war Folge der Herabwürdigung gewesen, die die Königin hinsichtlich der Bildung von Madame Clotilde, der ältesten Tochter von Ludwig XV., ausgesprochen hatte, welche von Frau von Marsan erzogen worden. Es war immer der Abbé, der, statt seine Schülerin zu ernsten Studien und geschichtlichen Lecturen anzueifern, sie, ohne jemals eine Vorstellung zu versuchen, alle Bücher, die ihr in die Hände fielen, lesen und alle Spiele, welche die Höflinge ersannen, selbst das berufene Spiel Decampativos, spielen ließ, gegen das die Schamhaftigkeit von Marat im Clubbe der Menschenrechte gedonnert hatte. Er war es, der die Dauphine, als sie Königin geworden war, angetrieben hatte, sich in Opposition mit dem König zu setzen, es zu versuchen, die österreichische Politik von Frau von Pompadour annehmen zu machen und die Zurückberufung von Herrn von Choiseul zu beantragen. Er war es, der bei der Reise des Erzherzogs Maximilian nach Frankreich, – obgleich der Prinz incognito reiste, – die Königin antrieb, zu verlangen, daß ihr Bruder den Vortritt vor den Prinzen von französischem Geblüte habe. Besorgt wegen aller der neuen Gnadenbezeigungen, welche verschiedenen Personen neben ihm zu Theil wurden, hatte er Madame Jules von Polignac um ihr Ansehen beneidet, er hatte es versucht, die Komödie des Cardinals von Fleury bei König Ludwig XV. zu spielen, und sich auf vierzehn Tage vom Hofe verbannt; da er aber sah, daß man ihn nicht zurückrief, so hatte er sich beeilt, wiederzukommen, und war von diesem Augenblicke an der Freund von derjenigen geworden, welche er nicht hatte stürzen können. Unter dem Einflusse des Abbé von Vermont endlich war, wie man versicherte, die Ernennung zur Generalcontrole seines frühern Gönners des Herrn von Brienne geschehen, desselben, dessen Sturz man in der Stunde feierte, wo der Abbé von Vermont, auf dem Pont-Neuf erkannt, in dieser ganzen Menge die von uns so eben mitgetheilte Aufregung hervorbrachte.

Der arme Geistliche, die Ursache dieser ganzen Aufregung, der momentane Sündenbock des Ministeriums und des Hofes, schien nicht genau zu wissen, was alle diese brüllenden Stimmen, alle diese gegen seinen Wagen ausgestreckten Arme wollten; bei dem Geschrei: »der Abbé von Vermont! der Abbé von Vermont!« schaute er umher, als ob dieses Geschrei nicht ihn anginge, und er schien die Person zu suchen, an die es gerichtet; bald aber war er genöthigt, einzusehen, daß es diese Menge mit ihm zu thun hatte, denn in einem Augenblicke war der Wagen angehalten, waren die Schläge geöffnet, und der Abbé wurde, aus der Carrosse gerissen, trotz seiner Protestationen auf die Place Dauphine geschleppt.

Sogleich setzte sich die ganze Menge in Bewegung, um ihm den Cortege zu bilden und der Züchtigung beizuwohnen, die man ihm versprach.

Mitten auf der Place Dauphine erhob sich ein aus Reisbüscheln und Kohle gemischter Haufen zu einer ansehnlichen Höhe; auf diesem Haufen, den die Obsthändler der Nachbarschaft dem Vaterlande anzubieten aufgefordert worden waren, – und den sie mit Enthusiasmus, man muß es zu ihrem Lobe sagen, dargebracht hatten, – machte eine aus Stroh und Weidengeflechte zusammengesetzte, mit der rothen Simarre bekleidete Figur eine ziemlich klägliche Miene; an ihrem Barrett sah man in Eile, in ungeheuren Charakteren, von einem der Festordner geschrieben den Namen Brienne.

Um dieses leblose Opfer, das offenbar der Flamme geweiht war, bewegten sich die Aufrührer vor Ungeduld brüllend; denn sie warteten die Nacht ab, damit ihr Feuer schöner erscheine und die improvisirte Ceremonie durch diesen Verzug Zeit habe, eine größere Anzahl von Zuschauern herbeizuziehen.

Sie waren daher angenehm überrascht, als sie eine Verstärkung von Collegen, Erfindern eines neuen Programms, ankommen sahen, und sie begrüßten mit wüthendem Geschrei die Leute, die ihnen den Abbé von Vermont brachten, welchen mit dem Strohmanne zu verbrennen man die glückliche Idee gehabt hatte.

Das Gesicht des armen Abbé trug das Gepräge eines leicht begreiflichen Schreckens an sich. Man errieth wohl an seinen Geberden, daß der Unglückliche sprach und sich Gehör zu verschaffen suchte; da man ihn aber schreiend fortstieß, da diejenigen, welche ihn hätten hören oder zurückhalten können, selbst von anderen Rasenden, welche noch lauter als sie schrieen, vorwärts gedrängt wurden, so gingen die Klagen oder die Erklärungen des armen Sünders im allgemeinen Geschrei verloren.

Endlich erreichte man den Kohlenhaufen. Der Abbé wurde mit dem Rücken daran gestellt, und man begann, obschon es noch Tag war, die Vorbereitungen zur Execution, indem man dem armen Abbé die Hände band.

In diesem Momente öffnete ein Mann die Menge durch eine mächtige Bewegung seiner breiten Schultern, streckte seine beiden Hände beschützend gegen den Abbé aus und rief:

»Aber, Ihr Dummköpfe, die Ihr seid: dieser Mensch ist nicht der Abbé von Vermont!«

»Oh! Herr Danton, zu Hilfe! zu Hilfe!« rief halb ohnmächtig der arme Geistliche.

So stark der allgemeine Lärm war, die gewaltig schallende Stimme von Danton hatte ihn beherrscht, und einige Personen hatten die Worte gehört, die er gesprochen.

»Wie! dieser Mensch ist nicht der Abbé von Vermont?« wiederholten diejenigen, welche zu Hörer, im Stande gewesen waren.

»Nein, nein,« rief der arme Abbé, »ich bin nicht der Abbé von Vermont . . . seit einer Stunde schreie ich mich zu Tode, um es Euch zu sagen.«

»Aber wer sind Sie denn?«

»Ei! es ist der Abbé Roy!« rief Danton; »der Abbé Roy, der große Neuigkeitsjäger! der Abbé Dreißigtausend-Mann, wie man ihn im Palais-Royal nannte, als er Neuigkeiten von Polen unter dem Baume von Krakau zum Besten gab! der Abbé Roy, im Gegentheile, der Widersacher des Abbé von Vermont! der Abbé Roy, Euer Freund, alle Teufel! . . . Gebt wohl Acht auf das, was Ihr thut: Ihr seid im Begriffe, den guten Schacher statt des bösen zu verbrennen!«

Hier schlug Danton ein Gelächter auf, das von den Nächsten wiederholt wurde und sich im Vertrauen bis zu den Extremitäten fortpflanzte.

»Es lebe der Abbé Roy! es lebe der Freund des Volkes! es lebe der Abbé Dreißigtausend-Mann!« riefen zehn Stimmen, vermehrt durch hundert, dann durch tausend.

»Ja, ja, es lebe der Abbé Roy! und da wir ihn haben,« sagte der Grobschmied, »so diene er uns wenigstens zu etwas: er steige auf den Kohlenhaufen und höre Herrn von Brienne Beichte!«

»Und er soll die Beichte laut wiederholen,« sagte ein Anderer,– »das wird drollig sein!«

»Ja, ja, er höre Brienne Beichte! er höre Brienne Beichte!« sprachen die Umstehenden.

Der Abbé Roy bedeutete durch ein Zeichen, er wolle sprechen.

»Stille!« rief Danton mit seiner Donnerstimme, welche über allen diesen Stimmen gehört wurde.

»Stille! st! . . . bst! stille! . . .« machte die Menge.

Und der Wille ist so mächtig bei den Massen, daß nach einigen Augenblicken eine Stille herrschte, daß man eine Mücke hätte fliegen hören.

»Meine Herren,« sprach der Abbé mit klarer, obschon noch ein wenig zitternder Stimme, »meine Herren, ich verlange nichts Anderes, als Ihnen zu gehorchen und den Verurtheilten Beichte zu hören . . .«

»Ja, ja! gut! bravo! die Beichte! die Beichte!«

»Aber, meine Herren,« fuhr er fort, »ich muß Ihnen zugleich Eines bemerken.«

»Was?«

»Daß Monseigneur der Erzbischof von Sens ein großer Sünder ist.«

»Oh! ja, ja!« sprach laut lachend die Menge.

»Und daß er folglich eine große Anzahl von Sünden begangen bat.«

»Ja! ja! ja!«

»Seine Beichte wird lange währen, sehr lange . . . so lange, daß Sie ihn vielleicht heute nicht verbrennen können.«

»Nun, so werden wir ihn morgen verbrennen.«

»Ja,« sprach der Abbé; »doch der Herr Polizeilieutenant, der Herr Ritter von der Wache . . .«

»Ah! das ist wahr,« sagte die Menge.

»Es wäre also meiner Ansicht nach besser, ihn ohne Beichte zu verbrennen,« fügte der Abbé Roy bei.

»Bravo! bravo! er hat Recht: verbrannt! verbrannt! auf der Stelle verbrannt! . . . Es lebe der Abbé Roy! Es lebe der Abbé Dreißigtausend-Mann! . . . Ins Feuer mit Brienne! ins Feuer!«

Und zu gleicher Zeit trennte sich die Menge in zwei Theile: der eine bildete einen Triumphbogen, unter welchem mit den Flügeln des Sieges und besonders der Angst der Abbé, der beinahe für seinen Collegen bezahlt hätte, forteilte; der andere Theil stürzte nach dem Kohlenhaufen und präludirte beim Lärmen aller Casserolen und aller Kessel des Quartiers durch eine Höllenrunde zu dem Auto da Fe, das den Platz erleuchten sollte.

Auf den Schlag neun Uhr endlich, zur Stunde der Kunstfeuerwerke, erleuchteten sich alle Fenster, die einen durch Lichter, die anderen durch Lämpchen: eine Fackel wurde feierlich an den aus Reisbündeln und Kohle bestehenden Haufen von einem roth gekleideten, den Henker vorstellenden Manne gehalten, und der Haufen fing an flammend zu prasseln, unter den Acclamationen von allen diesen Wahnsinnigen, die der Reflex der Brände mit einer purpurroten, erschrecklich anzuschauenden Tinte färbte, und deren Glutaugen, wie Dante sagt, noch erschrecklicher flammten als die Brände!

XX
Das Haus von Herrn Réveillon, Tapetenhändler im Foubourg Saint-Antoine

Unsere Leser mögen uns erlauben, einen Augenblick die Place Dauphine zu verlassen, wo der Brandhaufen von Herrn von Brienne flammt und ein Geräusch ertönt, das alle Bewohner der Cite auf die Beine gebracht hat, um in einen Theil von Paris zu gehen, in welchem die vollkommenste Stille und ebenso die vollkommenste Dunkelheit herrschen.

Flamme und Getöse werden übrigens dieses Quartier gleichfalls seiner Zeit erleuchten und aufwecken, und ist es einmal aufgeweckt, so wird es für sich allein in ein paar Jahren mehr Getöse und Flammen auswerfen, als seit Empedokles und Plinius dem Aeltern der Aetna und der Vesuv ausgeworfen haben.

Ein Hotel von schönem Ansehen erhob sich in der Rue de Montreuil, im Faubourg Saint-Antoine.

Es war das Eigenthum von Réveillon, dem reichen Tapetenhändler, dessen Name durch die Ereignisse, die sich damit verknüpft haben, ein historischer geworden ist.

In dieser Epoche, wo er noch nicht europäisch, war doch der Name von Herrn Réveillon sehr bekannt im Quartier Saint-Antoine, und sogar in der übrigen Stadt, wegen der sinnreichen Erfindungen von demjenigen, welcher ihn führte, wegen seiner commerciellen Thätigkeit und der Solidität seiner Unterschrift.

Réveillon war in der That Besitzer eines ungeheuren Vermögens, und über fünfhundert in feiner Fabrik verwendete Arbeiter, an denen er durch jeden fünf bis sechs Franken täglich verdiente, unterhielten nicht nur dieses Vermögen, sondern vermehrten es in einer so furchtbaren Progression, daß Niemand sagen konnte, wo dieses Vermögen stille stehen werde.

Man hat viel gesprochen und viel geschrieben über Réveillon; daraus gebt hervor, daß Réveillon sehr bekannt, aber vielleicht schlecht bekannt war.

Wir haben nicht die Anmaßung, Réveillon besser zu kennen, als die anderen Geschichtschreiber, welche von ihm gesprochen; überdies beschäftigen wir uns wenig mit diesen Zufallsreputationen, gemacht durch ein Ereigniß, das sie anhakt und ans Tageslicht zieht, immer sich schämend der Umstände, die sie emporhoben, und jenes Lichtes, das sie mit den Augen blinzeln macht wie eine aufgeschreckte Nachteule, die am Tage aus dem Loche hervorgekommen, welches sie nur bei Nacht zu verlassen pflegte.

Wir werden also von Réveillon nur sagen, was man zu jener Zeit von ihm sagte, oder was man seitdem von ihm gesagt hat.

Réveillon, sagten die Jacobiner, – und hinsichtlich der Jacobiner erlaube man uns hier zu bemerken, daß diejenigen, welche ihre Erscheinung in die Register von 90 oder 91 eingetragen, ihnen einen falschen Geburtsbrief gegeben haben: abgesehen von ihrem von dem Orte, wo sie sich versammelten, entlehnten Namen, bestanden die Jacobiner längst zu der Zeit, wo die Ereignisse vorfielen, die wir erzählen, – Réveillon, sagten also die Jacobiner, war ein harter, herber, geiziger Mann: er hatte vorgeschlagen, den Lohn seiner Arbeiter auf fünfzehn Sous täglich zu reduciren; er war, behaupteten die Führer dieser noch dunklen Partei, einer von. jenen Wucherern bereit, die Theorie der Herren Fleffelles und Berthier in Ausübung zu bringen, welche, als man mit ihnen von der Roth des Volkes sprach, antworteten: »Haben die Pariser kein Brod, so wird man ihnen Gras zu fressen geben; unsere Pferde fressen wohl!«

Die Royalisten und die Gemäßigten hatten dagegen eine ganz andere Idee von dem Tapetenhändler. Er war, sagten sie, ein wackerer Mann, lebend, wie man zu jener Zeit lebte, das Geschäft nehmend, wie er es von seinem Vater erhalten hatte, wenig Oeconomist, wenig Philosoph, wenig Politiker, aber sparsam, vernünftig und moralisch, – lauter Eigenschaften, welche sich im Destillierkolben der Revolutionen in Laster verwandeln.

Réveillon mußte Feinde haben, da er Einfluß hatte. Man betrachtete ihn in der Vorstadt als einen Mann, den man zu schonen hatte. Derjenige, welcher mit einer Geberde tausend Arme in Bewegung setzt, ist nie ein unbedeutender Bürger in den Tagen des Sturms.

An diesem Tage nun, zu welchem wir gelangt sind, einem Sturmtage, wie es nur einen geben konnte, soupirte Herr Réveillon in seinem schönen' Speisezimmer, geschmückt mit Gemälden, deren Copien in gemaltem Papier im Handel waren, während er die Originalien von Malern von einigem Talent gekauft und anständig bezahlt hatte.

Das gute, mehr schwere als elegante Silbergeschirr, das schöne Familientafelzeug, die substantiellen und freigebig gewürzten Gerichte, der gesunde Wein von einer kleinen Meierei in der Touraine bildeten einen angenehmen Schmaus, an dem sechs vortrefflich gesinnte Personen Theil nahmen.

Zuerst Réveillon selbst, dessen Portrait zu malen unnöthig ist, da der Name so viel Werth hat, als ein historisches Portrait; zwei von seinen Kindern und seine Frau, eine vortreffliche Frau; sodann ein fremder Greis und ein Mädchen.

Der Greis war bekleidet mit einem Ueberrocke von einer unbestimmten Farbe, welche einst olivengrün gewesen sein mußte; die Fayon bezeichnete fünfzehn Jahre hinsichtlich des Schnitts; das abgeriebene, fadenscheinige Tuch bezeichnete zwanzig Jahre des wirklichen Gebrauchs.

Das war nicht die Armuth, es war auch nicht die Unreinlichkeit, es war die merkwürdigste Nachlässigkeit, und man kann versichern, daß der Träger dieses Ueberrockes eines gewissen Muthes bedurfte, um ihn auf seinen Schultern, beim hellen Sonnenscheine, in Paris zu zeigen, wenn er am Arme das Mädchen chatte, dessen Portrait wir ebenfalls machen werden, sobald die letzten Lineamente von dem des Greises vollendet sind.

Kehren wir also zu diesem zurück.

Ein langer und schmaler, an den Schläfen sich ausbreitender Kopf, ein lebhaftes Auge, eine lange Nase, ein abgenutzter und cynisch spöttischer Mund, spärliche weiße Haare machten aus diesem Manne einen Greis, obschon er erst vierundfünfzig Jahre alt war.

Man nannte ihn Rétif de la Bretonne, und dieser sehr bekannte, wenn auch damals nicht sehr populäre Name hat sich nicht ganz durch die Reibung der Jahre verwischt, und ist bis zu uns gelangt. Er hatte schon mehr Bände geschrieben, als gewisse Academiker seiner Zeit Zeilen geschrieben hatten.

Sein getreuer Ueberrock, an den er keine dithyrambische Strophen gerichtet, wie es für ihre Kleider gewisse abgeschabte und gutmüthige Dichter unserer Zeit gethan haben, dessen Verdienste er aber dennoch in einem Paragraphe seiner Bekenntnisse gefeiert hat, war der beständige Gegenstand der Bemühungen und Flickereien des zur Linken von Herrn Réveillon sitzenden Mädchens.

Diese reine, frische Jungfrau, eine Blume, die sich im Kiessande einer Druckerei erschlossen, hieß Ingénue: ihr Vater hatte ihr einen Romannamen gegeben; übrigens entgingen schon seit zwanzig Jahren, – was merkwürdig und ein Vorzeichen der politischen und religiösen Umwälzungen war, welche stattfinden sollten, – schon seit zwanzig Jahren, sagen wir, entgingen die Taufnamen dem Einflusse des Kalenders, der bald selbst in einen Katalog von Blumen und Gemüsen verwandelt werden sollte. Dieser Romanname, auf den wir einen besondern Nachdruck legen, und den das Mädchen erhalten hatte, erklärt eine von den Seltsamkeiten des Greifes: er liebte Ingénue weniger als seine Tochter, denn als ein Modell zum Copiren; er widmete ihr weniger eine Zärtlichkeit des Vaters, als eine liebkosende Zuneigung des Schriftstellers.

Uebrigens war die schöne junge Tochter in allen Punkten würdig ihres Namens:20 die jungfräuliche Treuherzigkeit glänzte mild in ihren blauen hervorstehenden Augen. Sie hielt ihren Mund leicht geöffnet durch ein sanftes Lächeln oder ein naives Erstaunen, um, eine entstehende Blüthe, jede Empfindung einzuathmen, die sie der Welt in einem lieblichen süßen Athem zurücksandte! der perlmutterartige Teint, die aschblonden Haare ohne Puder, die reizenden Hände, obwohl ein wenig lang; – Ingénue zählte aber fünfzehn Jahre, und bei den Frauen von diesem Alter haben die Hand und der Fuß ihr ganzes Wachsthum erlangt, – die reizenden Hände, obwohl ein wenig lang, sagen wir, vervollständigten das Gemälde.

Ingénue, mit ihrem jungen und gleichsam nur schüchtern angelegten Leibe, mit ihrer bescheidenen Haltung und ihrem offenherzigen Lächeln, verschönerte das leinene Gewand, das ihr als große Toilette diente. Sie ersetzte den Reichthum dieses Gewebes durch die Eleganz der Form, und so demüthig auch ihre Tracht war, so brauchte es doch, wir wiederholen es, eine große Dosis Muth für Rétif um in Paris mit einem solchen Ueberrocke spazieren zu gehen, neben Ingénue, welche so frisch und so schön in ihrem neuen Gewande.

In dem Augenblicke, wo wir ins Speisezimmer eingetreten sind, trug Rétif die Kosten der Conversation und erzählte den Demoiselles Réveillon moralische Geschichten, die er mit Angriffen auf die Ueberreste eines völlig in Unordnung gebrachten Desserts vermischte, welches Dessert vor seiner Niederlage in schönster Ordnung gewesen sein mußte, denn es war ein Mann von großem Appetit, dieser Meister Rétif de la Bretonne, und seine Zunge that seinen Zähnen keinen Abbruch.

Réveillon, – den die moralischen Geschichten von Rétif de la Bretonne nicht so sehr interessirten, als seine Töchter, und dies vielleicht, weil er, gründlicher unterrichtet als sie, die Moralität des Erzählers kannte, und diese Bekanntschaft den Geschichten viel von ihrer Moralität benahm, – Réveillon entschloß sich, gegen das Ende des Mahles, über Politik mit seinem Gaste zu sprechen.

»Sie, der Sie ein Philosoph sind,« sagte er mit jenem spöttischen Tone, den die Männer des Geldes und der Materie gegen die Männer des Traumes und des Denkens affectiren, »während die Zwiebacke sich verdauen, mein lieber Rétif , erklären Sie mir, warum wir in Frankreich von Tag zu Tag mehr den nationalen Geist verlieren.«

Dieser Eingang erschreckte die Damen, welche, nachdem sie die zwei Männer angeschaut hatten, um sich zu versichern, das Gespräch werde dem ihm gegebenen neuen Impulse folgen, aufstanden, Ingénue mitnahmen und in den Garten gingen, um dort einige kleine Spiele zu spielen.

»Entferne Dich nicht, Ingénue,« sagte Rétif ebenfalls aufstehend und die Krümchen vom letzten Zwiebacke, den er gegessen, abschüttelnd, mit welchen Krümchen sein langer und getreuer Ueberrock bestreut war.

»Nein, mein Vater, ich bin zu Ihren Befehlen,« erwiederte das Mädchen.

»Gut!« sprach Rétif , glücklich, daß man ihm gehorchte, wie alle Väter glücklich sind, welche ihre Kinder zu lenken glauben, während sie von ihnen gelenkt werden.

Sodann sich an Réveillon wendend:

»Ein reizendes Kind, nicht wahr, Herr Réveillon? ein Trost meiner alten Jahre, ein Stab meiner letzten Tage, reine Freuden der Vaterschaft!«

Und er schlug die Augen gottselig zum Himmel auf.

»Sie müssen teufelmäßig freudig sein!« sagte hierauf Réveillon mit jener schalkhaften Gutherzigkeit unserer Bürger.

»Und warum dies?« fragte Rétif de la Bretonne.

»Ei!« antwortete Réveillon, »weil man, darf man Ihren Spionen glauben, Herr Faublas, Ihnen wenigstens ein Hundert Kinder zuschreibt.«

Der Roman von Louvet de Couvray, der gerade erschienen und damals in seiner ganzen Vogue war, hatte Réveillon seinen spöttischen Vergleichungspunkt geliefert.

»Rousseau hat wohl die Wahrheit in seinen Bekenntnissen gesagt,« sprach Rétif de la Bretonne, sichtbar in Verlegenheit gebracht durch den Hieb, den ihm der Tapetenhändler gegeben; »warum sollte ich ihm nicht, wenn nicht durch das Talent, doch wenigstens durch den Muth nachahmen?«

Die vier Worte: wenn nicht durch das Talent, wurden mit jenem Tone ausgesprochen, den selbst die Musik, diese große Lügnerin, welche die Prätension hat, sie drücke Alles aus, nicht wiederzugeben vermöchte.

»Nun wohl,« sagte Réveillon, »wenn Sie wirklich hundert Kinder wie Ingénue gehabt haben, so ist das eine hübsche Familie, und ich fordere Sie auf, nicht wenig Papier schwarz zu machen, um sie zu ernähren.«

Réveillon, huldigte ein wenig dem Vorurtheile, – das noch ziemlich von den Journalen unserer Tage, welche Herrn Leclerc21 Herrn Eugene Sue vorzogen, zugelassen war, – das weiße Papier habe mehr Werth, als das beschriebene Papier.

Es ist nicht an uns, die Frage zu beurtheilen, trotz unserer tiefen Bewunderung für die sauberen Blätter.

»Da man aber,« fuhr Réveillon fort, »da man nicht immer Kinder zeugen kann, und Sie überdies, unter uns gesagt, nicht mehr im Alter sind, um Ihre anderen Uebungen zu vernachlässigen wie diese, was machen Sie im gegenwärtigen Augenblicke, mein lieber nächtlicher Zuschauer22?«

Rétif gab damals unter diesem Titel eine Art von Journal heraus, das ein Seitenstück zu dem Tableau de Paris von Mercier bildete; nur hatten die zwei Freunde das Zifferblatt getheilt: der Eine hatte den Tag genommen, und das war Mercier; der Andere hatte die Nacht genommen, und das war Rétif de la Bretonne.

»Was ich mache?« fragte Rétif , indem er sich in seinen Stuhl zurückwarf.

»Ja.«

»Ich mache den Plan zu einem Buche, das ganz einfach im Stande ist, Paris zu revolutioniren.«

»Ho! ho!« rief Réveillon, auf seine gewaltige Weise lachend, »Paris revolutioniren! die Sache ist nicht leicht!«

»Ei! mein lieber Freund,« entgegnete Rétif de la Bretonne mit jener Vorhersehung, welche nur den Dichtern eigenthümlich ist, »leichter, als Sie glauben . . .«

»Und die Gardes francaises? und die deutschen Regimenter? und die Gardes du corps? und Herr von Biron? und Herr von Bezenval? . . . Glauben Sie mir, mein Lieber, revolutioniren Sie Paris nicht!«

War es Klugheit, war es Geringschätzung, der Verfasser des Pornographen erwiederte nichts auf die Apostrophe, und sagte, die Frage beantwortend, die ihm Réveillon gemacht hatte:

»Sie fragten mich vorhin, warum wir von Tag zu. Tag mehr unsern Patriotismus in Frankreich verlieren?«

»Bei meiner Treue! ja,« sprach Réveillon; »ich bitte, erklären Sie mir das.«

»Nun wohl!« antwortete Rétif , »der Franzose hat sich immer etwas auf seine Häupter eingebildet; er setzt seinen Stolz und sein Vertrauen auf sie. Seit dem Tage, wo er Pharamond auf den Schild erhoben, war es so. Er war groß mit Karl dem Großen, groß mit Hugo Capet, groß mit dem heiligen Ludwig, groß mit Philipp August, groß mit Franz I., mit Heinrich IV., mit Ludwig XIV.! Freilich ist es von Pharamond bis zu Ludwig XVI. weit, Herr Réveillon.«

Réveillon erwiederte lachend:

»Es ist doch ein braver Mann, der arme Ludwig XVI.«

Réveillon zuckte die Achseln auf eine Art, daß er eine Naht von seinem Ueberrocke krachen machte.

»Ein braver Mann! ein braver Mann!« sprach er, »sehen Sie, Sie haben selbst auf die Frage geantwortet, die Sie an mich gestellt. Sagen die Franzosen von ihrem Oberhaupte, er sei ein großer Mann, so haben sie Patriotismus; nennen sie ihn einen braven Mann, so haben sie keinen mehr.«

»Dieser Teufels-Rétif,« rief Réveillon aus vollem Halse lachend, »er hat immer das Wörtchen zum Lachen!«

Réveillon täuschte sich: Rétif lachte nicht, und Rétif sagte dies besonders nicht, um die Anderen lachen zu machen.

Dem zu Folge sich verdüsternd und die Stirne faltend, fuhr er fort:

»Und höre ich auf, vom Könige zu sprechen, gehe ich zu den subalternen Chefs über: sagen Sie mir ein wenig, welche Achtung Sie diesen bewilligen werden?«

»Ah! was das betrifft, lieber Herr Rétif, das ist teufelmäßig wahr.«

»Sagen Sie mir ein wenig, was ein d'Aiguillon war?«

»Oh! d'Aiguillon, an ihm hat man Gerechtigkeit geübt.«

»Ein Maupeou?«

»Ha! ha! ha!«

»Sie lachen?«

»Bei meiner Treue! ja.«

»Nun wohl, diese lächerlichen Minister sind Adler im Vergleiche mit den Brienne und den Lamoignon.«

»Ah! das ist wohl wahr! Doch Sie wissen, daß man Sie entläßt, und daß Herr Necker wieder zu den Geschäften zurückkehrt.«

»Von der Charybdis in die Scylla, Herr Réveillon! von der Charybdis in die Scylla!«

»Ja, ja, zwei Schlünde mit Hundköpfen,« sagte der ehrliche Fabricant auf eines von seinen Bildern deutend, wo mit allen Zuthaten, die sie verschönern, Charybdis, die Rinderdiebin, und Scylla, die Nebenbuhlerin von Circe, dargestellt waren.

Sodann auf das von Rétif ausgesprochene Princip zurückkommend, sagte Réveillon, indem er sich ausstreckte:

»Es ist wirklich wahr, man ist ohne Patriotismus in Frankreich, seitdem man Chefs hat wie die unseren. Ah! ah! hieran habe ich nie gedacht!«

»Das fällt Ihnen auf?« versetzte Rétif , entzückt über sich selbst und über die Fassungskraft von Réveillon.

»Oh! sehr! sehr!«

»Doch dieser auf Sie hervorgebrachte Eindruck, lieber Freund . . .«

»Er ist groß,« unterbrach Réveillon, »in der That sehr groß!«

»Ja, er ist aber nicht rein historisch oder moralisch?«

»Nein! nein!«

»Er ist also persönlich?«

»Nun wohl, ich gestehe es!«

»In wie fern berührt er Sie? Lassen Sie hören.«

»Er berührt mich, in so fern man mich zum Wähler von Paris vorschlägt! Bin ich ernannt . . .«

Réveillon kratzte sich am Ohre.

»Nun, wenn Sie ernannt sind?«

»Bin ich ernannt, so muß ich sprechen, eine Rede halten, ein Glaubensbekenntniß ablegen: es ist ein schöner Gegenstand zum Declamiren, der Ruin des Nationalgeistes in Frankreich, und Ihre Gründe, um die Sache festzustellen, haben mir unendlich gefallen; ich werde mich derselben bedienen.«

»Ah! Teufel!« murmelte Rétif mit einem Seufzer.

»Was haben Sie denn, mein lieber Freund?«

»Nichts! nichts!«

»Doch, Sie haben geseufzt.«

»Nichts, sage ich Ihnen; wenigstens eine Kleinigkeit.«

»Nun?«

»Ich werde wohl einen andern Stoff finden.«

»Stoff wofür?«

»Stoff für eine Brochure.«

»Ah! ah!«

»Ja, ich hatte diesen aufgefaßt, und in Hinsicht dessen nährte ich, wie ich Ihnen gesagt habe, Argumente, welche im Stande waren, Paris zu revolutioniren; da aber Sie, mein lieber Freund, diesen Stoff nehmen . . .«

»Nun?«

»Nun, so werde ich einen andern suchen.«

»Nein,« erwiederte Réveillon, »es ist nicht meine Absicht, Ihnen Nachtheil zu bringen!«

»Ah! bah! eine Kleinigkeit!« versetzte Rétif , sich in seinen Ueberrock drapirend; »ich hätte zwei Blätter hierüber componirt.«

»Warten Sie doch! warten Sie doch . . . Teufel!« sagte Réveillon, sich am Ohre kratzend, »es gäbe vielleicht ein Mittel . . .«

»Ein Mittel, wofür, lieber Herr Réveillon?«

»Wenn Sie wollten . . .«

Réveillon zögerte, Rétif de la Bretonne mit einer bezeichnenden Miene anschauend.

»Wenn ich was wollte?«

»Wenn Sie wollten, wäre Ihre Arbeit nicht verloren, und was sich Gutes hieran fände, wäre für mich gewonnen.«

»Ah!« versetzte Rétif , welcher sehr gut begriff, aber sich den Anschein gab, als begriffe er nicht; »erklären Sie mir doch Ihren Gedanken, lieber Freund.«

»Nun wohl, Sie hätten diese Brochure gemacht,« sagte Réveillon, indem er den Aermel seines schönen Kleides unter den fettigen Aermel des Ueberrockes von Rétif schob, »und sie wäre ausgezeichnet gewesen, wie Alles, was Sie machen.«

»Ich danke,« erwiederte Rétif sich verbeugend.

»Mehr noch,« fuhr der Fabrikant fort . . . »sie würde Ihrer kleinen Börse etwas beigefügt haben . . . Ha! ha! ha!«

Rétif schaute empor.

»Sie hätte Ihren Ruf nicht vergrößert, – das ist unmöglich!«

Rétif verbeugte sich abermals.

»Es ist wahr,« sagte er, »doch das würde meinem Freunde Mercier Vergnügen gemacht haben, und es liegt mir viel daran, ihm zu gefallen, weil er mir sehr hübsche Artikel in seinem Table au de Paris schreibt.«

»Nun, mein lieber Herr Rétif ,« fuhr Réveillon immer freundlicher fort, »Sie werden wieder etwas ersinnen, während ich . . .«

»Nun, Sie?«

»Ich werde nicht leicht einen Gegenstand wie diesen finden, um zu meinen Wählern zu sprechen . . .«

»Ah! das ist wahr . . .«

»Ich mache Ihnen also den Vorschlag . . .« sprach Réveillon.

Hier spitzte Rétif das Ohr.

»Ich mache Ihnen also den Vorschlag, die Brochure vorzubereiten, als wäre es für Sie, das heißt, ein Brouillon davon zu schreiben, und wenn dieses Brouillon fertig ist, es mir abzutreten; ich werde das Publikum ersetzen, das Ihre Arbeit gelesen hätte, und, bei meiner Treue, ich kaufe die ganze Ausgabe und erspare Ihnen zugleich die Kosten des Druckes. Steht Ihnen das an?« sagte Réveillon auf seine reizendste Weise lächelnd.

»Es ist eine Schwierigkeit dabei,« sagte Rstif.

»Bah!«

»Sie wissen nicht, wie ich componire.«

»Nein; componiren Sie anders, als die Anderen, lieber Herr Rétif ; anders, als Herr Rousseau, Herr Voltaire componirten, und Herr d'Alembert oder Herr Diderot componiren?«

»Ei! mein Gott, ja.«

»Wie componiren Sie denn?«

»Ich componire in der That, das heißt, ich bin zugleich der Dichter, der Factor und der Drucker; statt die Feder zu nehmen, halte ich den Winkelhaken, und statt die Buchstaben zu schreiben, welche die Worte und die Zeilen eines Manuskriptes bilden, bediene ich mich sogleich der typographischen Charaktere; kurz, ich drucke, während ich abfasse, so daß mich der Druck nichts kostet, weil ich selbst Drucker bin; und so findet sich mein Gedanke auf der Stelle in Blei gegossen . .. Das ist die Kabel von Minerva, welche ganz bewaffnet aus dem Gehirne von Jupiter hervorkommt.«

»Mit einem Helme und einem Speere,« sagte der Tapetenhändler; »ich habe das an meinem Plafond, gemalt von Seinard, einem artigen Jungen.«

»Glauben Sie nicht, daß ich Sie deshalb zurückweise,« sprach Rétif .

»Sie nehmen also an?«

»Ich nehme das Vergnügen an, Ihnen dieses kleine Geschenk zu machen; doch seien Sie auf Ihrer Hut . . . ist die Sache aus den typographischen Formen ganz componirt. . .«

»Nun wohl,« erwiederte Réveillon, der in seiner Begierde, sich die Idee von Rétif de la Bretonne anzueignen, kein Hinderniß mehr kannte, »nun wohl, man zieht ein Exemplar hier ab; ich habe Pressen für meine Tapeten, und an weißem Papier wird es Ihnen nicht fehlen . . .«

»Aber . . .« fing Rétif wieder an einzuwenden.

»Ei!« unterbrach Réveillon, »sagen Sie, daß Sie einwilligen, mehr brauche ich nicht. Ich werde meine Rede haben . . . nicht zulange, lieber Freund, nicht wahr? . . . und Phrasen über die griechischen Republiken; das macht viel Effect in der Vorstadt. Nun zum Geschäfte: sagen Sie, die Hand auf dem Gewissen, lieber Freund, wie viel denken Sie, daß . . .«

»Oh!« versetzte Rétif , »oh! reden wir nicht hiervon.«

»Doch, doch, reden wir hiervon; Geschäfte sind Geschäfte.«

»Nie, ich bitte Sie.«

»Sie würden mich entsetzlich in Verlegenheit bringen, mein Freund.«

»Warum sollte ich das nicht für Sie thun, den ich seit zwanzig Jahren kenne?«

»Sie ehren mich, lieber Herr Rétif ; doch ich werde nicht unter den Bedingungen annehmen, die Sie mir machen, oder die Sie mir vielmehr nicht machen: der Priester lebt vom Altar.«

»Bah!« erwiederte Rétif de la Bretonne, »das Schriftstellerhandwerk hat seine Nichtwerthe.«

Und er fügte einen Seufzer bei, der seine Freigebigkeit verdarb, und eine tragische Geberde, die seinen Ueberrock krachen machte.

Réveillon hielt ihn zurück.

»Hören Sie,« sagte er, »ich handle: das bringt mein Geschäft mit sich, und ich bin gerade reich, weil ich mir diese gute Gewohnheit zu eigen gemacht habe; doch ich werde nie etwas für nichts annehmen. Verlangten Sie von mir eine von meinen Platten gratis, so würde ich es Ihnen abschlagen: Wurst wieder Wurst! Für Ihr geschwärztes Papier gebe ich Ihnen einmal hundert Franken in klingender Münze; sodann die Tapete von einem Zimmer oder einem Cabinet für Sie, und endlich ein hübsches seidenes Kleid für Ingénue.«

Réveillon war so sehr an die Riffe von Rétif gewöhnt, daß er ihm nicht einmal einen andern Ueberrock anbot.

»Topp!« rief Rétif entzückt: »einmal hundert Livres, sodann eine Tapete für mein Cabinet, ferner ein seidenes Kleid für Ingénue . . . Ah! die Tapete mit Figuren, nicht wahr?«

»Die Grazien und die Jahreszeiten, steht das Ihnen an? herrliche nackte Figuren!«

»Teufel!« erwiederte R«tif de la Bretonne, der vor Begierde, in seinem Cabinet die Grazien und die Jahreszeiten zu haben, brannte, »es ist vielleicht ein wenig zu lebhaft für Ingénue, was Sie mir da anbieten!«

»Bah!« versetzte Réveillon, die Lippen ausstreckend, »wir haben nichts, was ein wenig lebhaft wäre, als diesen Schelm, den Herbst, einen sehr hübschen jungen Mann; doch wir werden ihm Weinranken ausschneiden. Was den Frühling betrifft, er ist, Dank sei es seiner Guirlande, sehr decent, und selbst der Sommer mit seiner Sichel mag passiren.«

»Hm!« versetzte Rétif , »seine Sichel . . . man muß sehen . . .«

»Und dann,« fuhr Réveillon fort, »man steckt die Mädchen nicht in Schachteln, mein Lieber! Werden Sie Ingénue nicht eines Tages verheirathen?«

»Sobald ich nur immer kann, mein lieber Herr Réveillon; ich habe sogar einen gewissen Plan hinsichtlich ihrer Aussteuer.«

»Ah! . . . Wir sagen also hundert Livres, die ich Ihnen gegen die Brochure zustellen werde . . .«

Rétif machte eine Bewegung.

»Oh! das ist mercantilisch . . . Hundert Livres, die ich Ihnen gegen die Brochure zustellen werde, ein hübsches seidenes Kleid für Ingénue . . . Madame Réveillon wird das besorgen, und Madame Réveillon macht die Dinge gut; – endlich die Tapete der Grazien und der Jahreszeiten, die ich Ihnen schicke, wann Sie wollen; nur erinnere ich mich Ihrer Adresse nicht mehr, lieber Herr Rétif .«

»Rue des Bernardins, bei der Place aux Veaux.«

»Sehr gut . . . Und das Manuscript?«

»In zwei Tagen.«

»Welch ein Genie!« rief Réveillon, indem er Rétif anschaute und sich die Hände rieb, »zwei Tage! eine Rede, die mich zum Wähler und vielleicht zum Deputirten machen wird!«

»Das ist also eine abgeschlossene Sache,« sagte Rétif . »Doch, wie viel Uhr ist es, lieber Herr Réveillon?«

»Acht Uhr hat es so eben geschlagen.«

»Acht Uhr! Geschwinde, geschwinde . . . Ingénue soll hereinkommen.«

»So bald? . . . Was drängt Sie?«

»Die Zeit, bei Gott!«

»Ei! lassen Sie sie noch eine halbe Stunde mit meinen Töchtern spielen, welche im Garten sind . . . Hören Sie die Mädchen?«

Und da Réveillon die Thüre mit einem väterlichen Lächeln öffnete, so hörte man vor dieser Oeffnung ein Concert von frischen, munteren Stimmen, welche ein Lied im Chore sangen, sich aushauchen.

Das Wetter war mild, die Nelken und die Rosen des Gartens erfüllten die Luft mit Wohlgerüchen; Rétif streckte schwermüthig seinen verwelkten Kopf durch die Thüre und betrachtete diese ganze lustige, muthwillige Jugend, deren Schatten sich, erbleichend, im ersten Nebel des Abends drehten.

Und diese reizenden Mädchengespenster erweckten in ihm die Erinnerungen an seine Jugend, lebhaftere, aber sicherlich minder keusche Erinnerungen: denn man hätte können unter den Geländern, von denen die Blumen und die Trauben herabhingen, seine Augen von einer Flamme glänzen sehen, welche kühnere Mädchen, als unsere weiße, reine Ingénue, würde erschreckt haben.

Unvermuthet ihren Spielen durch die grobe Stimme von Herrn Réveillon, die sie rief, und durch die furchtsamere Stimme von Rétif , der seine profanen Träume abgeschüttelt hatte, entrissen, nahm Ingénue von ihren Gefährtinnen Abschied und umarmte sie zärtlich. Dann warf sie auf ihre bescheiden entblößten, feuchten Schultern ihr Mäntelchen, das von demselben Stoffe wie ihr Kleid, grüßte, noch belebt von der Hitze des Tanzes, Madame Réveillon, die ihr zulächelte, Herrn Réveillon, der sie als Vater aus die Stirne küßte, und stützte endlich ihren runden, schauernden Arm auf den abgeschabten Aermel des väterlichen Ueberrocks.

Man sagte sich mehrere Male Lebewohl, man winkte sich unter den Mädchen: die Väter empfahlen sich die Erinnerung an ihre gegenseitigen Versprechen, wonach Herr Réveillon Rétif die ungewöhnliche Ehre erwies, ihn in Person bis zur Hausthüre zurückzugeleiten.

Hier empfing der würdige Handelsmann die Begrüßungen einer Gruppe von Arbeitern, welche seiner Fabrik angehörten; diese Leute sprachen sehr eifrig mit einander, schwiegen aber auf die Seite tretend, sobald der Patron erschien.

Réveillon erwiederte mit Würde diesen Gruß, der ein wenig zu demüthig war, um nicht geheuchelt zu sein, schlug die Augen zum Himmel auf, um die Atmosphäre zu sehen, die sich gegen Süden mit einer seltsamen, der eines Brandes gleichenden Tinte färbte, machte seinem Freunde Rétif ein letztes liebreiches Zeichen, und ging in sein Haus zurück.

XXI
Der Vater und die Tochter

Der Schriftsteller, der unter Weges die Vortheile dieses bei Réveillon zugebrachten Abends überdachte, unterließ es, während er Ingénue den Arm gab, doch nicht, zu beobachten, was um ihn her vorging.

Die geschäftige und sogar verstörte Miene der Arbeiter war ihm aufgefallen.

Die Arbeiter von Paris, sobald die Geschäfte beendigt sind, plaudern gewöhnlich oder schlafen, wenn sie sich nicht die Zerstreuung des Theaters oder die der Schenke erlauben.

Plaudern sie, so geschieht es mit dem langsamen, weichen Wesen, das die Anstrengung des Tages verräth, und das immer der unterscheidende Charakter des Parisers gewesen ist, wenn er in sich selbst zurückgeht, um zu fühlen und zu leben, statt zu denken und zu handeln.

Diese thierische Instinctivität ist das Privilegium der bewunderungswürdigen Maschinen, die man die Proletarier von Paris nennt, – Naturen, welche, eben so wohl für die Ruhe, als für die Thätigkeit organisiert, zu jeder Zeit die Combinationen der Staatsbehörde vereitelt haben, die sie zum Handeln bereit glaubte, wenn sie ruhen wollten, und zur Ruhe bereit, wenn es ihre Laune war, zu handeln.

Für jeden wahren Pariser ist die Haltung der Spaziergänger oder der Flaneurs dergestalt bezeichnend, daß er sich nie über ihre Gesinnungen getäuscht hat, sobald er sie an der Ecke der Gassen umherschauen oder auf eine gewisse Art auf offener Straße stationieren sehen konnte.

Rétif begriff also, da er die verstörten und in ihren Schwärmen aufgeregten Arbeiter erblickte, sie beschäftigen sich mit irgend einem Ereignisse, und diesem Ereignisse mangle es nicht an Bedeutung.

Doch seine Einbildungskraft mußte vor den Unwahrscheinlichkeiten stehenbleiben. Guter Gott! was konnte es in dieser Stadt Paris geben? Unzufriedenheit? Ei! man hatte nichts Anderes seit hundert Jahren!

Rétif vergaß daher schnell die Ideen, die in ihm diese Aufregung der Arbeiter entstehen gemacht hatte, und um Ingénue durch ein wenig Conversation zu interessieren, fing er an mit ihr von Moral und gutem Beispiele zu sprechen.

»Ein schönes Haus,« sagte er, »das Haus von Herrn Réveillon! nicht wahr, Ingénue?«

»Oh! ja, lieber Vater.«

»Ein schönes Haus, verdient durch eine schöne Arbeit!«

»Und durch Glück,« erwiederte Ingénue, »denn Viele arbeiten, denen es weniger gelingt.«

»Ho!« machte Rétif .

»Sie, zum Beispiel,« fuhr Ingénue fort, »Sie, der Sie zwölf Stunden des Tages arbeiten und Talent haben . . . .«

»Schließe, schließe . . .«

»Sie haben kein schönes Haus, wie Herr Réveillon, lieber Vater.«

»Das ist wahr,« sagte Rétif hustend, »doch ich habe etwas Anderes.«

»Was denn?«

»Einen wahren Schatz,« antwortete Rétif .

»Einen Schatz?« rief Ingénue mit einer ihres Namens sehr würdigen Naivetät. »Oh! warum machen Sie keinen Gebrauch davon, mein Vater?«

»Mein liebes Kind, das ist ein Schatz allein für meinen Gebrauch, und wenn ich ihn mit Niemand theilen kann, so kann ihn mir dagegen auch Niemand nehmen.«

»Es ist? . . .« fragte Ingénue.

»Es ist vor Allem ein reines Gewissen . ..«

Ingénue machte eine kleine Geberde der Ungeduld.

»Was hast Du?«

»Nichts, mein Vater: ich sprang über die Gosse.«

»Ich sagte Dir ein reines Gewissen, das ist unschätzbar.«

»Mein Vater, hat nicht Jedermann diesen Schatz?«

»Oh! Kind.«

Man sieht wohl, daß Ingénue die Paysanne pervertie nicht gelesen hatte.

»Hast Du die Arbeiten vor der Thüre von Réveillon bemerkt?« fragte Rétif , um abzulenken; »hier Passiren drei, die ihnen gleichen.«

»Sie könnten wohl Recht haben,« erwiederte Ingénue, während sie auf die Seite trat, um drei Menschen, welche sich in aller Hast nach den Quais wandten, vorbeigehen oder vielmehr laufen zu lassen.

»Wackere Arbeiter!« fuhr Rétif fort, »sie gehen nach der Anstrengung des Tages zu ihrem Essen mit so raschem Schritte, als wir, wenn wir zum Vergnügen gehen. Schätzenswerthe Geschöpfe! nicht wahr, Ingénue?«

»Gewiß, mein Vater.«

»Welches Loos kann glücklicher sein, als das der Hausfrau, die sie am Abend erwartet, – vor der Thüre im Sommer, am Herde im Winter? Das Rebholz flammt, oder die Luft kreist; man hört im Hause das Quäcken des jüngsten Kindes und das Lied des Kessels, der das Abendbrod der Familie enthält. Der Arbeiter kommt indessen an; man erwartete ihn mit Ungeduld; er hat heiß, er streckt die Arme gegen seine Frau und feine Kinder aus, empfängt und verschwendet Liebkosungen, welche ein wenig lang für seinen unruhigen Appetit. Das Abendbrod dampft nun auf dem Tische, die Kinder gruppieren sich um die wohlriechende Pfanne; ihre Schemel stoßen und vermengen sich, und die Mutter, welche diese ganze Freude bereitet hat, lächelt und vergißt sich selbst in der Beschauung dieses ruhigen Glückes. Und das fängt alle Tage wieder so an!«

»Ah!« sagte Ingénue, die vielleicht weniger als der schäferliche Schriftsteller Geschmack an dieser Moral fand, welche etwas zu viel gewichst war, um nicht glänzend zu sein; – »mir scheint, ich höre ein seltsames Geräusch. Hören Sie, mein lieber Vater?«

»Wo denn?«

»Dort.«

Und sie streckte die Hand in der Richtung der Brücken aus. Rétif horchte.

»Ich höre nichts,« sagte er; »ist es nicht ein Geräusch von Wagen?«

»Oh! nein, mein Vater, das ist es nicht: man sollte glauben, es sei der Lärm einer ungeheuren Menge von Stimmen.«

»Gut! Stimmen. . . Warum Stimmen? und noch eine ungeheure Menge? Hüte Dich, Ingénue, vor der Uebertreibung, da sie alle gute Naturen verdirbt.«

»Ich glaubte zu hören . . .«

»Glauben ist nicht versichern.«

»Ich habe nicht versichert, mein Vater.«

»Ich sagte also, mein Kind, das Glück der Armen sei beziehungsweise viel größer als das der Reichen.«

»Oh!« machte Ingénue.

»Ja, denn es besteht aus einer kleinen Summe von materiellem Glücke verdoppelt durch eine unberechenbare Summe von moralischen Freuden . . . Ah! Du schaust die schönen Pferde an, welche den Phaeton dieser schönen Dame ziehen?«

»Ich gestehe es, mein Vater.«

»Erinnere Dich der Worte von Rousseau dem Genfer, mein Kind . . .«

»Welcher Worte, mein Vater?«

»»Die Frau eines Kohlenbrenners ist achtungswerther, als die Maitresse eines Fürsten.««

»Achtungswerth besagt nicht glücklich, mein Vater.«

»Ei! Ingénue, welches Glück ist denkbar ohne Achtung? . . . Ich, ich träume nur Eines für Dich.«

»Was, mein lieber Papa?«

»Daß ein guter Arbeiter mit edel gehärteten Händen Deine zarte, sanfte Hand von mir begehre.«

»Sie würden sie ihm geben?«

»Auf der Stelle.«

»Was würde aber dann für Sie aus dem Glücke, das Sie vor einem Augenblicke so gut geschildert haben? Wer würde das Feuer anzünden? wer würde den Kessel fingen machen? wer würde Ihre Suppe bereiten? wer würde die Arme gegen Sie ausstrecken, so oft Sie ohne Geld von Ihren Buchhändlern zurückkommen? Sie sehen wohl, daß Sie, wenn Sie mich nicht hätten, Ihr persönliches Glück dem eines Andern opfern würden!«

»Auch dem Deinigen!«

»Nein, nicht dem meinigen,« entgegnete lebhaft Ingénue, »denn ich, ich wäre nicht glücklich.«

Diese Worte trafen so richtig und so scharf an das Ohr von Rétif , daß er stehen blieb, um den Blick seiner Tochter zu beobachten; doch ein anderer Eindruck hatte schon den vorhergehenden verwischt, und Ingénue schaute nach allen Seiten mit einer Aufmerksamkeit, welche Rétif zu beunruhigen anfing.

Zum Glücke für das Mädchen, das der alte Argus mit seiner ganzen Erfahrung beobachtete, erscholl ein neuer Lärm auf der Seite der Quais und machte zugleich Rétif und seine Tochter horchen.

»Diesmal habe ich gehört!« rief Rétif ; »ja, es sind Stimmen dort, zahlreiche und erzürnte Stimmen.«

Und er nahm eine schräge Richtung gegen rechts. »Wir wenden uns von unserem Wege ab, mein Vater.«

»Ja, wir gehen nach der Seite des Geräusches,« antwortete Rétif ; »das ist ohne Zweifel ein Kapitel, das sich für meinen Nächtlichen Zuschauer vorbereitet.«

XXII
Der Aufstand

Immer nach der Seite eilend, woher der Lärm erscholl, mündeten Rétif und Ingénue am Ende auf die Quais, und der Tumult hatte eben so wenig mehr etwas Dunkles für Sie, als für irgend Jemand.

»Es ist auf der Place Henri IV. oder auf der Place Dauphine!« rief Rétif . »Komm, Ingénue, komm geschwinde! zaudernd würden wir verlieren, was dort zu sehen ist.«

»Vorwärts, Papa!« erwiederte das Mädchen, ein wenig athemlos, verdoppelte aber dennoch die Geschwindigkeit ihres Ganges.

Sie kamen an die Ecke des Quai des Morfondus.

Die Menge war groß auf dem Pont-Neuf: alle Neugierige machten, in der Entfernung gehalten durch das Feuer des verbrannten Strohmannes, Chorus zum Gesange der Aufrührer, welche auf der Place Dauphine tanzten.

Dieses Schauspiel hatte etwas Piquantes: alle Gestalten beleuchtet durch den Reflex der prasselnden Flamme! alle Fenster besetzt! alle Lichter glänzend! alle Schatten an den gerötheten Häusern tanzend!

Rétif , ein Freund des Pittoresken konnte sich eines Freudenschreies nicht erwehren.

Ingénue fühlte sich ein wenig zu bedrängt; sie hatte zu viel Mühe, ihr Mäntelchen und die Falten ihres Kleides zu halten; mit einem Worte, sie beschäftigte sich zu sehr mit der Menge, die sich theilweise mit ihr beschäftigte, um dem Schauspiele die ganze Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdiente.

Rétif , der sich bei einem seiner Nachbarn nach der Ursache, welche alle diese Menschen zu handeln bewege, erkundigt hatte, spendete auch wie die Andern lauten Beifall dem Triumphe der öconomistischen und reformistischen Ideen, die der Brand dieses Strohmannes über Frankreich strahlen machte.

Doch in dem Augenblicke, wo er am Stärksten, mit Commentaren würdig seiner Philosophie, Beifall klatschte, bewerkstelligte sich eine große Bewegung vor ihm und warf auf die Gruppe, zu der er gehörte, die heftigsten Verbrenner von Herrn von Brienne zurück.

Man fing nämlich an über den Häuptern der Menge die Hüte der Soldaten von der berittenen Wache und da und dort einige Mähnen von Pferden, welche ihre Reiter in einem raschen Laufe rüttelten, erscheinen zu sehen.

»Die Wache! die Wache!« riefen dann Tausende von erschrockenen Stimmen.

»Bah! die Wache!« erwiederten die Prahler, seit ihrer Kindheit gewohnt, dieses friedliche Institut zu verachten.

Und ein Theil der Zuschauer blieb hartnäckig an seinem Platze, trotz der Anstrengungen der Furchtsamen, welche fliehen wollten.

An der Spitze der Nachtwache marschierte oder vielmehr galoppierte ihr Commandant, der Chevalier Dubois, ein unerschrockener und zugleich geduldiger Militär, einer der ausgezeichneten Typen von jenen mitten unter den Pariser Tumulten, wie ihre Pferde, geschmeidigen und unerschütterlichen Gendarmerie-Officieren.

Doch an diesem Abend hatte der Chevalier Dubois strenge Befehle und wollte nicht zugeben, daß man Erzbischofs- und Siegelbewahrers-Strohmänner unter dem ehernen Barte von Heinrich IV. verbrenne, der übrigens hierbei wahrscheinlich in seinen Bart lachte.

Er hatte also in Eile eine Handvoll berittene Wachmannschaft versammelt, und begab sich an den Ort des Aufruhrs im heißesten Augenblicke der Gährung.

Ungefähr hundert und fünfzig Mann bildeten seine Schaar. Er ließ sie mit Gewalt mitten auf die Place Dauphine vor den noch flammenden Brandhaufen rücken, der den Meuterern als Wall diente.

Zahlreiche Schreie, mehr ironisch, als beleidigend, empfingen seine Erscheinung.

Er ritt auf die Gruppen zu und befahl ihnen, sich zu zerstreuen.

Man antwortete ihm durch schallendes Gelächter und durch Zischen.

Er fügte bei, er werde angreifen lassen, wenn man den Widerstand fortsetze.

Man erwiederte seine Drohungen durch Steinwürfe und Stockstreiche.

Der Chevalier Dubois wandte sich gegen seine Leute um und befahl ihnen den einfachen Angriff.

Die Reiter setzten ihre Pferde in den Trab; sodann ein wenig Raum gewinnend, Dank sei es dem Schrecken, der die letzten Gruppen lichtete, gingen sie zum Galopp über, und es trat eine völlige Verwirrung unter den Neugierigen ein, die sich über einander warfen.

Bei den Aufständen von Paris finden sich in der That immer zwei verschiedene Elemente: der Aufrührer, der sich voranstellt, um die Unordnung zu beginnen, und der Neugierige, hinter dem sich der Aufrührer schützt, wenn die Dinge im Zuge sind.

Nur spielten zu jener Zeit die Aufrührer ein schönes Spiel: sie forderten heraus und leisteten Widerstand. Tiefe Ueberzeugung oder Gewissen, – sie arbeiteten für ihre Rechnung, oder für Rechnung der Bezahlenden, doch sie arbeiteten am Ende.

Der Angriff der Reiter zerstreute alle Neugierige; es blieben nur die Aufrührer.

Unter den Neugierigen versuchten es Rétif und Ingénue zuerst, zu fliehen; eine Masse von erschrockenen Leuten trennte sie, und Rétif fiel in einen erschrecklichen Wirrwarr von Beinen, Armen, Perrücken und Hüten, die ihre Herren suchten oder von ihren Herren gesucht wurden.

Ingénue, die allein geblieben, stieß gräßliche Schreie aus bei jedem Ausschlagen, das sie von dem Thiere ohne Zügel, ohne Vernunft traf, welches sich unter dem Schrecken bäumte, und das man den Pöbel in Verwirrung nennt.

Zerrissen, verwickelt, gequetscht, war sie nahe daran, auch zu fallen, als plötzlich auf das Geschrei, das sie von sich gab, ein junger Mann herbeilief, mehrere Personen niederwerfend zu ihr gelangte, sie mitten um den Leib faßte, aufhob, mit einer Stärke, der man ihn nicht fähig geglaubt hätte, an sich zog und zu ihr sagte:

»Mademoiselle, Mademoiselle, sputen wir uns!«

»Mein Herr, was wollen Sie?«

»Ei! Mademoiselle, Sie aus der Verlegenheit ziehen.«

»Wo ist mein Vater?«

»Es handelt sich wohl um Ihren Vater! Sie werden errstickt, vielleicht getödtet werden.«

»Mein Gott!«

»Benützen Sie den freien Raum, der sich hier gebildet hat.«

»Mein Vater!«

»Auf! auf! die Wache wird schießen; die Kugeln sind blind . . . Kommen Sie, Mademoiselle, kommen Sie.«

Ingénue widerstand nicht mehr, als sie das Wuthgeschrei der zurückgedrängten Aufrührer, die Flüche der in der Finsterniß geschlagenen Reiter hörte. Plötzlich vernahm man einen Knall: es war ein Pistolenschuß, der den Commandanten Dubois an die Schulter getroffen hatte.

Wüthend, rief er seinen Reitern zu, sie sollen feuern.

Seine Reiter gehorchten. .

Das Feuer begann, und schon bei der ersten Salve konnte man zehn bis zwölf Leichen auf dem Pflaster zählen.

Mittlerweile wandte sich Ingénue, rasch von ihrem unbekannten Retter fortgezogen, nach dem Quartier, in welchem sie wohnte, wobei sie unabläßig wiederholte: »Mein Vater! wo ist mein Vater?«

»Ihr Vater, Mademoiselle, wird ohne Zweifel nach seinem Hause zurückgekehrt sein, in der Hoffnung, Sie dort zu finden . . . Wo wohnt er? wo wohnen Sie?«

»In der Rue des Bernardins, bei der Place aux Veaux.«

»Nun, so führen Sie mich nach jener Seite,« sprach der junge Mann.

»Guter Gott, mein Herr, ich kenne Paris wenig,« erwiederte Ingénue; »ich gehe nie allein aus, und überdies bin ich in diesem Augenblicke so verwirrt . . . Oh! mein Vater! mein armer Vater! wenn ihm nur nichts zugestoßen ist!«

»Mein Freund,« sagte der Unbekannte, sich an einen Mann wendend, der denselben Weg wie er zu machen schien, »bezeichnen Sie mir gefälligst die Rue des Bernardins.«

Der Mann verbeugte sich, ohne zu antworten, und schritt mehr mit der Miene eines Führers, welcher gehorcht, als eines Vorübergehenden, der einen Gefallen thut, voran.

Nach drei bis vierhundert Schritten rief Ingénue:

»Oh! wir sind da! wir sind in der Straße!«

»Gut! nun sind Sie nicht mehr so beängstigt, nicht wahr, da Sie das Haus erkennen, Mademoiselle?«

»Nein, mein Herr,« erwiederte Ingénue, »nein.«

Und immer mehr zitternd, je näher sie hinzukam, verdoppelte sie die Schritte.

Sie gelangten endlich vor die Thüre von Rétif , in einer dunklen Vertiefung dieser dunklen, einsamen Straße, welche nur eine, traurig im Sturmwinde sich schaukelnde, rothe Laterne erleuchtete.

Ingénue wagte es nun erst, demjenigen, welcher sie gerettet, ins Gesicht zu schauen.

Es war ein junger Mann von edlem Gesichte und elegantem Wuchse; ein wenig in Unordnung, offenbarten seine Kleider, – minder noch als der aristokratische Wohlgeruch, der seiner Frisur, seiner Wäsche, kurz seiner ganzen Person entströmte, – den Mann von Stande.

Während ihm Ingénue ihn schüchtern anschauend dankte, fand sie der junge Mann schön und sagte ihr dies durch kühne Blicke.

Ingénue machte ihren Arm vom Arme des Unbekannten los.

»Werden Sie mir nicht anbieten, ein wenig hinaufzugehen, und wäre es nur, um mich zu überzeugen, daß Sie völlig in Sicherheit sind?« fragte er Ingénue mit dem freien Tone, der damals jener Klasse der Gesellschaft angehörte, welche nichts sich verweigern zu sehen gewohnt war.

»Mein Herr,« antwortete Ingénue, »da mein Vater nicht zu Hause ist, so kann ich es nicht auf mich nehmen, Sie bei ihm eintreten zu lassen.«

»Wie werden Sie aber dann selbst in Ihre Wohnung kommen?«

»Ich habe meinen Schlüssel . . . den Schlüssel vom Gange.«

»Ah! sehr gut! . . . Sie sind schön, mein Kind!«

»Mein Herr!« sagte Ingénue mit einem Seufzer, der ihre ganze Bangigkeit verrieth.

»Was wollen Sie?«

»Mein Herr, ich sterbe vor Angst über das Loos meines Vaters.«

»Ah! Sie möchten gern, daß ich schon weggegangen wäre?«

»Oh! wenn Sie meinen Vater retten könnten, wie Sie mich gerettet haben, mein Herr!«

»Sie ist reizend! . . . Wie heißt Ihr Vater?«

»Es ist ein Schriftsteller Namens Rétif de la Bretonne.«

»Der Verfasser vom Pied de Fanchette und von der Paysanne pervertie! . . . Ah! Sie sind seine Tochter! Und wie heißen Sie?«

»Ingénue.«

,»Ingénue?«

»Ja, mein Herr.«

»Göttlich! und in Allem würdig Ihres Namens!« rief der Unbekannte.

Und er verbeugte sich und machte einen Schritt rückwärts, um noch besser das Mädchen zu sehen, das sich in dieser Bewegung täuschte und sie für ein Zeichen der Ehrfurcht hielt.

»Ich gehe nun in unsere Wohnung,« sprach Ingénue; »doch ich bitte um Ihren Namen, damit wir wissen, wem wir so sehr zu Danke verpflichtet sind.«

»Mademoiselle,« versetzte der junge Mann, »ich werde die Ehre haben, Sie wiederzusehen.«

»Mein Gott!«

»Was haben Sie?«

»Dieser Mensch, der dort im Schatten steht und zu warten scheint, nachdem er uns gefolgt ist!«

»Ei! es ist derjenige, welcher uns so gefällig als Führer gedient hat.«

»Was will er aber, da wir an Ort und Stelle sind? . . . Mein Herr, nehmen Sie sich in Acht, unsere Straße ist sehr öde!«

»Oh! seien Sie unbesorgt, Mademoiselle! dieser Mensch . . .«

»Nun? . . .«

»Nun, dieser Mensch ist in meinem Dienste.«

Ingénue zitterte, als sie die Unbeweglichkeit dieses Gespenstes sah. Sie nahm ihren Schlüssel, grüßte ihren Retter und schickte sich an, in ihr Haus einzutreten; doch der Unbekannte hielt sie zurück.

»Es kommt mir eine Idee,« sagte er, »mein schönes Kind . . .«

»Was denn, mein Herr?«

»Diese Ungeduld ist kaum natürlich: man verläßt nicht so schnell einen Mann, der uns einen Dienst geleistet hat, wenn man nicht einen Andern erwartet.«

»Oh! mein Herr! können Sie glauben?« rief Ingénue zuerst erröthend und dann erbleichend.

»Man hat noch außerordentlichere Dinge gesehen, als dies . . . Warum sollte ein hübsches Mädchen nicht einen Liebhaber haben?«

Schamroth, und mehr noch erschrocken als schamroth, öffnete Ingénue ungestüm die Thüre und schlüpfte in den offenen Gang.

Der junge Mann hätte es vergebens versucht, ihr zu folgen, so rasch und geschickt ging sie zu Werke.

Die Thüre that sich wieder zu, und der Schlüssel drehte sich zweimal im Schlosse.

»Ein Aal!« rief der Unbekannte, »ein wahrer Aal!«

Er wandte sich an den Mann, der bei der Gosse stand und wartete.

»Auger,« sagte er, »Du hast dieses junge Mädchen gesehen? Du kennst seine Adresse? Du weißt den Namen des Vaters? Denke wohl an Eines: daß ich dieses Mädchen haben muß!«

»Sie werden es haben, Monseigneur!« antwortete ehrerbietig der Mann, an den diese Worte gerichtet waren. »Doch ich muß Eurer Hoheit bemerken, daß Paris gegenwärtig nicht sicher ist, daß man dort viel todt geschossen hat, daß man auf dem Grevé-Platze noch schießt. Die Kugeln sind blind,

wie vorhin Eure Hoheit dieser kleinen Demoiselle sagte.«

»Laß uns also gehen; behalte aber wohl die Adresse.«

»Es ist geschehen, Monseigneur.«

»Nicht wahr, Du glaubst, daß sie einen Liebhaber erwartet?«

»Ich werde die Ehre haben, dies Eurer Hoheit morgen zu sagen.«

Sechstes bis Zehntes Bändchen

XXIII
Christian

Ingénue kehrte um so schneller in ihre Wohnung zurück, als sie eine Sache fürchtete und eine andere hoffte: fürchtete sie einen jungen Mann auf der Straße, so hoffte sie einen andern im Hause.

Darum hatte sie so bald heimzukehren gewünscht; darum hatte sie so sehr an den Ecken der Straßen geschaut, während Rétif vergebens für sie seine reinste Moral, abgefaßt in Worten, welche elegant genug, um Eindruck zu verdienen, verschwendete; deshalb endlich, statt empfänglich, wie sie es vielleicht gewesen wäre, für die Hingebung des Unbekannten zu sein, der sie dem Volksgedränge auf der Place Dauphine entrissen, deshalb beschränkte sie sich darauf, daß sie ihm auf eine Weise dankte, die ihm Verdacht einflößte.

Die große Tugend der Mädchen gleicht der Reinheit der wieder strahlenden Seen: ihre Durchsichtigkeit entspricht dem Verhältniß der Reinheit des Firmaments.

Derjenige, welchen Auger Monseigneur genannt hatte, schien also kein vermessenes Urtheil gefällt zu haben.

In der That, als Ingénue eintrat und zwei Stockwerke hinaufgestiegen war, fand sie auf dem Ruheplatze, sitzend, den Kopf in seinen Händen, einen andern jungen Mann, der, ihren Tritt erkennend, aufstand.

»Sind Sie es, Mademoiselle Ingénue?« sagte er.

»Ich bin es, Herr Christian.«

»Ich erwartete Sie sehr ungeduldig. Kommt Ihr Vater herauf? Nimmt er, wie gewöhnlich, sein Licht beim Nachbar Specereihändler?«

»Mein Vater ist nicht zurückgekehrt; mein Vater wird vielleicht nicht zurückkehren . . .«

»Wie! mit welchem Tone sagen Sie mir das, Mademoiselle?«

»Sie wissen also nicht, daß man sich schlägt?«

»Man schlägt sich! wo denn?«

»Auf dem Pont-Neuf, die Nachtwache und die Bürger.«

»Ist das möglich?«

»Man schießt, man tödtet Jedermann . . . Ich wäre beinahe getödtet worden; mein armer Vater ist es vielleicht!«

»Weinen Sie nicht! weinen Sie nicht! man darf hoffen . . .«

»Oh! nein, er wäre nach Hause gekommen.«

»Hoffen Sie, sage ich Ihnen, da Sie nach Hause gekommen sind.«

»Man hat mich gerettet! doch er . . .«

»Wer hat Sie gerettet?«

»Ein Mann, ein junger Mann . . . Oh! Herr Christian, mein Vater kommt nicht zurück.«

»Soll ich ihn aufsuchen?«

»Ich möchte es wohl. . . und . . .«

»Ich zählte auf diesen Augenblick, um Ihnen ein Wort, ein einziges zu sagen! . . . Ich weiß, wo Sie zu Mittag gespeist haben; ich sah Sie mit Ihrem Vater weggehen, als die Arbeiter vor der Thüre waren; da eilte ich voraus, um zuerst anzukommen und Sie auf der Treppe zu erwarten.«

»Aber, Herr Christian. . .«

»Und wie lange sind Sie ausgeblieben! mit welcher Bangigkeit habe ich gewartet! wie oft habe ich die Thüre des kleinen Zimmers auf- und zugemacht, das ich im Hause gemiethet, um das Recht zu haben, hier mit einem allen Miethsleuten gemeinschaftlichen Schlüssel einzutreten! Ah! Mademoiselle, es sind nun sechs Wochen, daß ich Sie alle Tage sehe, und drei Tage, daß ich Sie so verstohlener Weise spreche: ich halte es nicht mehr aus, ich muß wissen, was Sie von mir denken.«

»Herr Christian, ich denke, daß Sie ein sehr guter und gegen mich sehr nachsichtiger junger Mann sind.«

»Ist das Alles?«

Ei! dieses Zimmer, das Sie gemiethet und nicht bewohnen, diese Tracht, die nicht Ihre gewöhnliche Tracht ist, die Hast, mit der Sie von mir verlangen, was nur die Gewohnheit allein den Frauen einflößen kann . . .«

»Die Gewohnheit?«

»Kurz, Herr Christian, Sie sehen klar in Ihrem Herzen; ich, ich sehe nicht klar in dem meinigen.«

»Mademoiselle, mir scheint, Sie könnten, wenn Nachbarn uns so auf dem Ruheplatze plaudern sähen, compromittirt werden.«

»So sagen wir uns gute Nacht, Herr Christian.«

»Wie! Sie werden mir nicht erlauben, mich einmal in Ihrer Wohnung zu setzen, dort mit Ihnen zu plaudern? . . . Sie lieben mich also nicht, Mademoiselle?«

»Wie rasch Sie zu Werke gehen, Herr Christian! Sie lieben!«

»Oh! ich hielt Sie für empfänglicher: Ihre Augen sagten etwas Anderes, als was Ihr Mund sagt.«

»Man kommt von oben. . . Gehen Sie! gehen Sie!«

»Das ist die neugierige Alte, von der ich mein Zimmer gemiethet . . . Wenn sie uns gesehen hat. . .«

»Mein Gott!« wiederholte Ingénue, »gehen Sie doch!«

»Und nun öffnet sich eine Thüre im unteren Stocke! Was ist zu thun?«

»Man wird schlecht von mir denken, und ich thue nichts Schlechtes!« rief Ingénue ganz verdrießlich.

»Geschwinde! geschwinde! treten Sie bei Ihnen ein! Die Alte kommt herab und der Nachbar von unten kommt herauf!«

Von Angst ergriffen, öffnete Ingénue die Wohnung, durch deren Thüre Christian hinter ihr rasch eindrang.

Sie schlossen die Riegel sogleich wieder, Christian mit pochendem Herzen, Ingénue mit einer Art von Verzweiflung, die sich durch die Besorgnisse über ihren Vater vermehrte.

Plötzlich ertönte ein rascher Tritt auf dem Ruheplatze; eine durchdringende Stimme machte sich hörbar.

»Ingénue! Ingénue!« rief Rétif, »bist Du da?«

»Mein Vater! mein Vater!« antwortete von innen das Mädchen, halb freudig, halb erschrocken. , »So öffne doch!« sagte Rétif.

»Was ist zu thun?« flüsterte Ingénue Christian zu.

»Oeffnen Sie,« erwiederte dieser.

Und er öffnete selbst.

Rétif stürzte sich weinend vor Freude in die Arme seiner Tochter.

»Wir sind also Beide gerettet?« rief er.

»Ja, mein Vater, ja! . . . Wie sind Sie entkommen?«

»Niedergeworfen, mit Füßen getreten . . . zum Glücke bin ich den Schüssen entgangen . . . alsdann lief ich umher, Dich suchend, Dich rufend . . . Oh! wie habe ich unter Weges gelitten! wie habe ich gelitten, als ich das Fenster nicht erleuchtet sah. Aber, Gott sei gelobt! Du bist da . . . . Wie bist nun Du entkommen?«

»Ein edelmüthiger Unbekannter hat mich weggebracht, hierher geführt . . .«

»Oh! Du hast Deine Lampe nicht angezündet! Wie mir diese Finsterniß bange gemacht hat!«

»Guter Vater!«

Und sie umarmte Rétif noch einmal.

Sie hoffte, Christian werde diesen Augenblick benützen, um sich zu verbergen; er trat aber im Gegenteile hinzu, und über die Schulter des Kindes erblickte Rétif Christian, der ihn grüßte.

»Wer ist da?« sagte er. »Guten Tag, mein Herr . . . Ah! der Herr ist hier!«

Ingénue stammelte.

»Mein Herr,« antwortete Christian, sich dem guten Manne nähernd, »Sie sind mit Recht erstaunt, mich bei Mademoiselle zu sehen . . .«

»Ohne Licht!« fügte Rétif bei.

Dieses Wort ohne Licht fiel bleirecht auf das Mädchen, das den Kopf senkte.

»Wenn Sie nicht etwa der Retter von Ingénue sind, mein Herr,« fuhr der Vater fort, »in welchem Falle Sie mich ganz geneigt sehen, Ihnen zu danken.«

Rétif erinnerte sich seiner Vaterscenen in der Paysanne pervertie; er spielte seine edle Rolle mit Majestät.

Der junge Mann kam nicht aus der Fassung; indeß Ingénue zitternd ein Licht anzündete, erwiederte er:

»Ich bin so eben hierher gekommen, um Mademoiselle meine Liebe zu erklären.«

»Ho! ho!« rief Rétif ein wenig erstaunt, »Sie kennen also Ingénue?«

»Seit langer Zeit, mein Herr.«

»Und ich wußte es nicht!«

»Mademoiselle wußte es auch nicht. . . ich habe nur dreimal die Ehre gehabt, sie zufälliger Weise zu sprechen.«

»Wahrhaftig! wie dies?«

»Mein Herr, ich bewohne ein Zimmer in diesem Hause.«

Rétif ging von einem Erstaunen zum andern über.

Christian fuhr fort:

»Ich bin ein Ciseleur; ich verdiene auf eine ehrenhafte Weise meinen Lebensunterhalt.«

Rétif senkte seine grauen Augen auf die Hände des jungen Mannes.

»Wie viel verdienen Sie?« fragte er.

»Vier bis sechs Franken täglich.«

»Das ist hübsch!« sagte Rétif.

Und er schaute fortwährend die Hände des jungen Mannes an, welcher, da er endlich diese Beobachtung bemerkte, rasch, indem er sie an einander rieb, seine für einen Ciseleur ein wenig weißen Finger verbarg.

Rétif schwieg einige Augenblicke.

»Und,« sprach er sodann, »Sie kommen, um meiner Tochter zu sagen, daß Sie sie lieben?«

»Ja, mein Herr, ich kam in dem Momente, wo Mademoiselle ihre Thüre schloß; ich bat sie inständig, mich eintreten zu lassen.«

»Sie hat eingewilligt?«

»Ich sprach mit ihr von Ihnen, mein Herr, von Ihnen, über den sie besorgt war.«

»Ja, ja, von mir, über den sie besorgt war.«

Rétif schaute Ingénue an, welche rosenfarbig wie eine Rose und mit schmachtenden Augen dastand.

»War es möglich, daß sie nicht liebte oder nicht geliebt wurde?« dachte er.

Er nahm den jungen Mann bei der Hand und sagte:

»Ich kenne Ihre Eindrücke; lassen Sie nun Ihre Absichten hören.«

»Ich möchte gern Mademoiselle Ingénue heirathen, wenn sie mich lieben wollte.«

»Sie heißen?«

»Christian.«

»Christian! das ist kein Name.«

»Es ist der meinige.«

»Das ist ein fremder Name.«

»Ich bin in der That fremd, oder ich bin vielmehr von fremden Eltern geboren: meine Mutter ist eine Polin.«

»Und Sie sind Arbeiter?«

»Ja, mein Herr.«

»Ciseleur?«

»Ich habe die Ehre gehabt, Ihnen dies schon zu sagen,« erwiederte Christian erstaunt und sogar beunruhigt durch die Beharrlichkeit, mit der ihn Rétif befragte.

»Ingénue,« sprach Rétif, »bleibe hier, daß ich dem Herrn das Innere der Familie zeige, in welche einzutreten er die Ehre zu haben begehrt.«

Ingénue setzte sich an den Tisch, Christian folgte Rétif.

»Sie sehen hier mein Arbeitscabinet,« sagte der Romanendichter, indem er Christian in ein anstoßendes, armselig mit Portraits und Kupferstichen austapezirtes Zimmer einführte; »hier sind die Portraits von allen denjenigen, welche mich erzeugt haben, hier die Bilder von allen denen, welchen ich das Leben gegeben habe. Diese Pastelle stellen meinen Vater, meine Mutter, meinen Großvater, meine Großmutter vor; diese Stiche sind die Gegenstände der interessantesten Scenen meiner Romane. Die Ersten waren und sind noch ehrenwerthe Ackersleute, aus dem Volke hervorgegangen, – obschon ich vom Kaiser Pertinax abzustammen behaupte.«

»Ich wußte das nicht,« sagte der junge Mann erstaunt.

»Weil Sie meine Werke nicht gelesen haben,« erwiederte Rétif kalt; »Sie hätten darin eine von mir selbst aufgestellte Genealogie gefunden, die unverwerflich beweist, daß meine Familie von Pertinax abstammt, welcher Name im Lateinischen Rétif bezeichnet.«

»Ich wußte das nicht,« wiederholte Christian.

»Daran muß Ihnen wenig liegen,« sagte Rétif. »Was bekümmern Sie, ein Ciseleur, sich darum, daß Ihr Schwiegervater von einem Kaiser abstammt?«

Christian erröthete unter dem Blicke des Romanendichters. Dieser Blick war allerdings mit einem peinlichen Scharfsinne bewaffnet.

»Aber,« fuhr Rétif fort, »was Sie in Erstaunen setzen wird, ist, daß sich das Blut der Kaiser so sehr in meinen Adern geschwächt hat, daß der Bauer nun vorherrscht, und daß nie ein Kaiser die Hand meiner Tochter bekäme, wenn er sie verlangen würde; ich habe die genealogische Leiter dergestalt umgestürzt, daß mir der Bauer das Ideal der Aristokratie zu sein scheint: träte ich mit einem König in ein verwandtschaftliches Verhältniß, so würde ich mir etwas zu vergeben glauben; ich nähme nicht einmal einen einfachen Edelmann an.«

So sprechend, setzte Rétif seine Erforschung der Hände und des Gesichtes von Christian fort.

»Was denken Sie hiervon?« fragte er nach dieser Rede.

»Alles, was Sie mir da sagen, mein Herr,« erwiderte der junge Mann, »ist ein vollkommen vernünftiges Raisonnement; doch mir scheint, Sie drehen das Vorurtheil auf eine sehr willkürliche und sehr tyrannische Art um.«

»Wie so?«

»Ja, die Philosophie zertritt den Raceadel; doch ich glaube, daß die Philosophen, während sie mit aller Erbitterung das Princip vernichten, im Grunde die guten Ausnahmen noch respectiren.«

»Sicherlich! . . . Doch worauf zielen Sie ab?«

»Auf nichts, mein Herr, auf nichts,« antwortete lebhaft Christian.

»Sie vertheidigen aber gegen mich den Adel, Sie, ein Ciseleur?«

»Gerade wie Sie ihn gegen mich, einen Ciseleur, angreifen, Sie, der Abkömmling von Kaiser Pertinax.«

Rétif blieb geschlagen, war aber nicht sehr zufrieden.

»Sie haben Geist, mein Herr,« sagte er.

»Ich habe gerade genug, um Sie zu verstehen, mein Herr, und das ist Alles, wonach ich trachte,« antwortete Christian.

Rétif lächelte.

Christian hatte sich durch diese artige Antwort mit seinem zukünftigen Schwiegervater ausgesöhnt.

Doch das war nicht die Rechnung von Rétif: er war, was sein Name im Französischen bedeutet, was starrsinnig im Lateinischen bedeutet: starrsinnig.

»Gestehen Sie,« sagte er zu dem jungen Manne, »gestehen Sie, daß Sie, wie alle junge Leute, hierher gekommen sind, um sich von meiner Tochter Ingénue lieben zu machen, und daß Sie keinen andern Zweck haben.«

»Sie täuschen sich, mein Herr, da ich Ihre Mademoiselle Tochter zu heirathen begehre.«

»Gestehen Sie wenigstens, daß Sie sich von ihr geliebt wissen.«

»Muß ich offenherzig sein?«

»Da es kein anderes Mittel gibt, seien Sie es.«

»Nun wohl, ich hoffe, daß Mademoiselle Ingénue keine Abneigung gegen mich hegt.«

»Sie haben es an gewissen Merkmalen gesehen?«

»Mir scheint, ich habe es bemerkt.«

»Bei Eurem Zusammentreffen?«

»Ja, mein Herr, und das hat mich so kühn gemacht,« fuhr der junge Mann fort, bethört durch die falsche Gutmüthigkeit des Romanendichters.

»Ich sehe also,« rief dieser plötzlich aufstehend, »ich sehe, daß Sie schon Ihre Maßregeln getroffen hatten; daß Sie geschickt gegen die arme Ingénue Ihre Verführungsmittel und Ihre Fallen angewendet hatten!«

»Mein Herr!«

»Ich sehe, daß Sie sich ihr, diese Wohnung im Hause miethend, genähert und heute Abend, da Sie mich abwesend, vielleicht todt glaubten, bei ihr eingeschlichen haben!« >

»Mein Herr! mein Herr! Sie beurtheilen mich unwürdig!«

»Ach! mein Herr, ich bin ein erfahrener Mann; ich kenne die Schliche; ich bin eben daran, ein Buch zu schreiben, das mein großes Werk sein wird und den Titel hat: Das menschliche Herz enthüllt.

»Sie kennen das meinige nicht, mein Herr, das glaube ich Ihnen versichern zu dürfen!«

»Wer sagt das menschliche Herz, sagt alle Herzen.«

»Ich beteure. . .«

»Beteuern Sie nicht, es wäre unnütz . . . Sie haben Alles gehört, was ich Ihnen gesagt habe?«

»Ja, gewiß: doch lassen Sie mich nun auch reden.«

»Wozu?«

»Es geziemt sich nicht für einen billigen Mann, sich zum Richter und zur Partei in seiner eigenen Sache zu machen! es geziemt sich nicht für einen Romanendichter, der die Gefühle so gut malt, keinem Gefühle Gehör zu geben! lassen Sie mich sprechen.«

»Sprechen Sie, da Sie durchaus darauf dringen.«

»Mein Herr, wenn Ihre Tochter einige Neigung für mich hat, wollen Sie sie unglücklich machen? Ich sage nichts von mir . . . indessen bin ich vielleicht wohl werth, daß man von mir spricht.«

»Ah! ja,« rief Rétif über dieses Wort herfallend, – ein Vorwand, auf den er wartete; »ah! ja, Sie sind werth. . . Sie sind werth. . . doch Gott weiß, ob es nicht vielleicht gerade das ist, was ich Ihnen vorwerfe! Sagen wir es, Sie sind zu viel werth.«

»Ich beschwöre Sie, keine Ironie.«

»Ei! ich bin nicht ironisch, mein lieber Herr. Sie kennen meine Bedingungen, mein Ultimatum, wie man in der Politik sagt.«

»Wiederholen Sie mir dasselbe,« rief der junge Mann ganz in Traurigkeit versunken.

»Ein Arbeiter, ein Kaufmann werden die einzigen Freier sein, die ich für meine Tochter annehme.«

»Da ich Arbeiter bin . . .« sagte schüchtern Christian.

Rétif erhob aber die Stimme und sprach:

»Ein Arbeiter? ein Kaufmann? schauen Sie Ihre Hände an und lassen Sie sich Gerechtigkeit widerfahren!«

Bei diesen Worten drapirte sich Rétif mit einer majestätischen Geberde in seinen schlechten Ueberrock, und grüßte den jungen Mann mit einer Miene, welche weder eine Bestreitung, noch eine Erwiederung zuließ.

XXIV
Wie der Verdacht von Rétif auf eine traurige Art bestätigt wird

Beinahe weggejagt durch den vom Kaiser Pertinax abstammenden Demokraten, ging Christian an dem Tische vorüber, auf welchen sich in dem Augenblicke, wo ihr Vater und ihr Geliebter verschwunden waren, die trostlose Ingénue, zitternd und mit pochendem Herzen, mit den Ellenbogen gestützt hatte.

Christian zitterte nicht weniger, als diejenige, welche er liebte.

»Gott befohlen, Mademoiselle!« sagte er, »leben Sie wohl! da Ihr Herr Vater der grausamste und störrigste Mensch ist.«

Ingénue stand so rasch auf, als ob eine Feder sie emporgehoben hätte, und schaute ihren Vater mit lebhaften, klaren Augen an, welche, wenn nicht eine Herausforderung, doch wenigstens die nachdrücklichste Protestation enthielten.

Rétif schüttelte seine Schultern, als wollte er den Sturm verjagen, der sich auf ihn niedersenkte, führte Christian bis auf den Ruheplatz, grüßte ihn höflich, und schloß die Thüre wieder hinter dem jungen Manne nicht nur mit dem Schlüssel, sondern auch mit den Riegeln.

Dann kehrte er zurück, und er fand Ingénue an demselben Orte, wo er sie gelassen hatte, stehend, aufrecht und unbeweglich vor dem Lichte; sie richtete kein Wort an ihn.

Rétif fühlte sich sichtbar unbehaglich; es kostete ihn Ueberwindung, Ingénue entgegen zu sein; doch es hätte ihn noch viel mehr gekostet, auf seine Vorurtheile zu verzichten.

»Du bist mir böse?« sagte er nach einem kurzen Stillschweigen.

»Nein,« antwortete Ingénue, »ich habe nicht das Recht hierzu.«

»Wie, Du hast nicht das Recht hierzu?«

»Sie sind nicht mein Vater?«

Ingénue begleitete diese Worte mit einem fast bitteren Ausdrucke und einem fast ironischen Lächeln.

Rétif schauerte: es war das erste Mal, daß er bei Ingénue einen solchen Ausdruck und ein solches Lächeln fand.

Er trat ans Fenster, öffnete es und sah langsam und mit gesenktem Kopfe, nachdem er die Hausthüre wieder geschlossen, den jungen Mann weggehen.

Alle Bewegungen von Christian offenbarten die heftigste Verzweiflung.

Einen Augenblick kam Rétif die Idee, wenn er sich getäuscht hätte, und wenn der junge-Mann, dessen Verbindung er ausgeschlagen, wirklich ein Arbeiter wäre; aber er dachte noch einmal an die elegante Sprache, an die weißen Hände, an den seiner ganzen Person entströmenden aristokratischen Wohlgeruch. Ein solcher Liebhaber konnte kein Ciseleur sein, wenn es nicht etwa ein Ciseleur war wie der Ascanio von Benvenuto Cellini: das war vielmehr ein Edelmann.

In jedem Falle liebte dieser Edelmann Ingénue sichtbar dergestalt, daß er sie durch einen gewaltsamen Versuch in seinen Besitz zu bekommen trachten oder sein Leben durch einen Streich der Verzweiflung opfern würde.

Welche Vorwürfe hätte er sich zu machen, wenn die Dinge dahin kämen! – abgesehen von den Gefahren, die er, sicherlich der Rache einer Familie in Trauer ausgesetzt, lief. Welche Gewissensbisse für ein empfindsames Herz, für eine philanthropische Seele, für einen Freund von Herrn Mercier, das empfindsamste Herz und die philanthropischste Seele, die es seit Jean Jacques Rousseau gegeben!

Was würde man sagen, denken von einem Romanendichter, welcher fähig eines solchen Mißbrauchs der väterlichen Gewalt?

Rétif wollte wenigstens ins Reine kommen hinsichtlich der Idee, Christian könnte ein Arbeiter sein, eine Idee, die ihn seltsam quälte, – denn, sagen wir es zum Lobe unseres Romanendichters, die von uns erwähnte Furcht vor der Gefahr, die er von Seiten einer beleidigten oder verzweifelten Familie laufen könnte, war nur secundär.

Einen raschen Entschluß fassend, nahm dem zu Folge Rétif seinen Hut und seinen Stock, den er in eine Ecke gestellt hatte, und lief hastig nach der Treppe. Ingénue, mochte sie nun begriffen haben, was im« Geiste ihres Vaters vorging, mochte ihr Herz ohne' Galle unfähig sein, einen Groll zu hegen, Ingénue lächelte Rétif zu.

Durch dieses Lächeln ermuthigt, stürzte Rétif mit der Behendigkeit eines fünfzehnjährigen Läufers die Stufen hinab.

Er versicherte sich zuerst, daß ihn Christian weder gesehen, noch gehört hatte, und eilte ihm dann den Mauern folgend nach, – bereit, anzuhalten und sich unsichtbar zu machen, sollte der junge Mann den Kopf umdrehen.

Die Nacht war finster, und es herrschte eine tiefe Einsamkeit: diese zwei Umstände begünstigten den Plan von Rétif.

Ueberdies ging der junge Mann seines Weges ohne ein einziges Mal nach der Seite der Rue des Bernardins zu schauen, obschon er in dieser Straße sein Leben ließ.

Rétif folgte ihm in einer Entfernung von ungefähr fünfzig Schritten; er sah ihn auf den Pont Saint-Michel münden, sich der Brustmauer nähern und einen Augenblick auf diese steigen.

Immer in seinen Fußstapfen, wollte der Greis schreien, um ihn zu verhindern, daß er sich ertränke, das er für seine Absicht hielt; doch gerade in diesem Augenblicke machte sich das Geschrei, das von der Place Dauphine kam, mit zunehmender Heftigkeit hörbar, und mitten unter diesem Geschrei erscholl ein entsetzliches Krachen.

Dieser doppelte Lärm machte zugleich die zwei Männer schauern, von denen der Eine den Andern bedauerte, und änderte ohne Zweifel den Entschluß von demjenigen, welcher sich ertränken wollte.

Christian trennte sich von der Brustmauer und lief mit einer wunderbaren Geschwindigkeit in der Richtung der Place Dauphine fort, das heißt den Schüssen entgegen.'

»Er hat seinen Entschluß geändert,« dachte Rétif, und er sucht einen Schuß; das ist entschieden ein Edelmann: das Ertränken widerstrebte ihm.«

Hiernach lief Rétif seinem vermeinten Schwiegersohne nach; dieser schoß wie ein Pfeil zwischen den die umgekehrter Richtung herbeikommenden Flüchtlingen hin und mitten durch die sehr belebten Gruppen, welche man dahin und dorthin, unter tausendfachem wildem Geschrei, Flinten und Säbel schwingend, laufen sah.

Es ist in der That Zeit, dem Leser zu sagen, ms nach der ersten von den Herren Soldaten der Nachtwache abgefeuerten Salve geschah.

Wüthend, daß die Eifrigsten von ihnen todt oder lebendig zu Boden gestreckt waren, drangen die Anführer, da sie die Reiter ein wenig durch die Charge die sie gemacht, verzettelt sahen, muthig auf diese mit Steinwürfen und mit Streichen mit eisernen stanzen, Hämmern und Stöcken ein.

Es ist höchst interessant und seltsam zu sehen, wie bei einem Aufruhre Alles Waffe wird, und zwar tödtliche Waffe.

Der Kampf entspann sich also Leib an Leib, ein erschrecklicher Kampf, der einer großen Anzahl Reiter das Leben kostete, denn man muß es sagen, laut sagen zum Lobe des Volkes von 1789, das man oft mit dem Pöbel von 1793 verwechselt hat, dieses Volk schlug sich bei den ersten Ausständen der Revolution muthig und loyal, obschon es sich mit ungleichen Waffen schlug.

Indem sie sich der Pistolen, der Carabiner, der Säbel der Besiegten, der Verwundeten und der Todten bemächtigten, gelang es den Aufrührern, die Nachtwache in die Flucht zu schlagen, und stolz auf diesen ersten günstigen Erfolg, schritten sie sogleich zum Angriffe eines Postens der Soldaten der Nachtwache zu Fuße, welche während des Kampfes ihre Kameraden nicht vertheidigt hatten, indeß es ihnen doch so leicht gewesen wäre, die Menge zwischen zwei Feuern zu überfallen und in wenigen Augenblicken zu zerstreuen, da sie bei der Statue von Heinrich IV. postiert waren, und der Commandant Dubois den Aufruhr gegen sie von der Tiefe der Place Dauphine hintrieb.

Nach dem Siege fiel auch das Volk, das ohne Zweifel diese Unthätigkeit für Schwäche hielt, über diesen Posten her, und genöthigt, sich nun seinerseits zu vertheidigen, vertheidigte sich derselbe schlecht, ließ seine Gewehre im Stiche, und suchte sein Heil in der Flucht, die den Tod der Mehrzahl herbeiführte.

In den ersten Augenblicken des Zorns, der Berauschung oder der Begeisterung, welche auf seine Siege folgen, reißt das Volk nieder oder es verbrennt, da es sich nicht für das Böse, was man ihm angethan, durch Erwiederung an lebenden Geschöpfen rächen will, so rächt es sich an leblosen Gegenständen: das gewährt ihm dieselbe Befriedigung und thut nur den Steinen und dem Holze weh.

Gerade in diesem Momente des Triumphes und der Volksberauschung kamen Christian und Rétif de la Bretonne beim Orte der Scene an.

Doch der Rausch fing an sich zu zerstreuen.

Die in Eile abgeschickten Detachements empfingen die Sieger auf dem Grève-Platze mit einem so kräftigen, so wohlgenährten Feuer, daß das Drittel von denjenigen, welche diesen Weg genommen hatten, niedergemäht wurde! Dieses letzte Kleingewehrfeuer war das, welches Christian und Rétif vom Pont Saint-Michel aus gehört hatten, und welches das Echo zur Place Dauphine zurücksandte, wohin Christian so rasch lief.

Er mündete durch den Quai des Morfondus aus, gegenüber von dem Posten, der brannte, und dessen Brand den ganzen Fluß bis zum Louvre erleuchtete, was ein zugleich erschreckliches und prächtiges Schauspiel bot.

Doch in diesem angezündeten Posten hatten die Brandstifter die Flinten der Soldaten vergessen.

Diese Flinten waren aber geladen.

Es geschah also in dem Momente, wo das Dach des kleinen Gebäudes, wie ein Krater, einsank, daß ein Prasseln sich plötzlich in dem Ofen hörbar machte, daß man einen zwanzigfachen Knall vernahm, daß acht bis zehn Schreie,hierauf antworteten , und daß auch diesmal vier bis fünf Personen sich blutend auf das Pflaster niederlegten.

Die in dem Posten vergessenen Gewehre der Nachtwache waren, erhitzt, losgegangen und hatten in der Menge der Triumphatoren acht bis zehn Personen getroffen und mehr oder minder schwer verwundet.

Hiervon die Schreie, die man vernahm, hiervon die Verwundeten, welche sich blutig auf dem Pflaster wälzten. Der Erste, der fiel, war Christian: eine Kugel hatte ihn in den Schenkel getroffen.

Rétif hätte diesen Fall nicht begriffen, ohne den unglaublichen Eifer, mit dem die Menge die Verwundeten aufhob, sie pflegte und beklagte.

Die Menge wurde zu diesem guten Werke angeregt durch einen Mann von colossalen Formen, mit ausdrucksvollem Gesichte, dessen Häßlichkeit verschwand, um einen großartigen Charakter unter der Gemüthsbewegung, die sich seiner bemächtigt, und unter den Reflexen des Brandes, die seine Züge färbten, anzunehmen.

Dieser Mann eilte von einer Seite herbei, um Christian beizustehen, während von der andern Rétif hinzulief, um ihn zu unterstützen.

Beide, da sie ihm am nächsten waren, empfingen seine ersten Worte.

Man beeiferte sich um ihn, man fragte ihn nach seinem Namen und seiner Wohnung.

Halb ohnmächtig, dem Schmerze unterliegend, bemerkte er nicht, daß unter der Zahl derjenigen, welche ihm Hilfe leisteten, Rétif de la Bretonne war.

»Ich heiße Christian,« sagte er; »ich bin Page des Grafen von Artois. . . . Tragen Sie mich nach dem Marstalle, wo ein Wundarzt sein muß.«

Rétif gab einen Ausruf von sich, der, bei seinem ganzen Schmerze, den Triumph seines Verdachtes zusammenfaßte; und da es sieben bis acht Personen unternommen hatten, den Verwundeten nach seinem Domicil zu tragen, da er ihn wohl gepflegt von denjenigen, welche ihn umgaben, wohl lebend trotz seiner Wunde sah; da der Mann, in dessen Arme er zugleich wie in die seinigen gefallen war, ihn nicht zu verlassen versprach, bis er in den Händen des Chirurgen wäre, von dem der Verwundete sagte, – so kehrte Rétif mit langsamen Schritten zu Ingénue oder vielmehr zu sich zurück, indem er sich fragte, ob er diese traurige Kunde dem Mädchen mittheilen sollte, oder ob es nicht besser wäre, allmälig in das Vergessen der Abwesenheit diese übel angekommene Leidenschaft fallen zu lassen, – eine Art von Kunststück, das immer den Familienvätern glückt, wenn sie es zu ihrem Glücke mit Liebschaften zu thun haben, welche mit Eigenliebe gefüttert sind.

Verlassen wir nun einen Augenblick Christian, der sich unter gutem Geleite nach dem Marstalle von Artois begibt, und Rétif de la Bretonne, welcher ganz allein nach seinem Hause zurückkehrt, um mit breiten Strichen die kaum skizzirten Conturen von diesem ersten Gemälde unserer Bürgerkriege festzustellen.

Von den Behörden mit schwachen Mitteln und dem Vertrauen einer beständigen Superiorität angefangen, wurde der Kampf noch ein paar Stunden durch die im Athem erhaltene Verzweiflung des Muthes fortgesetzt.

Er fing sodann am andern Tage wieder an und dauerte bis zum dritten Tage.

Doch die Gewalt blieb am Ende den Truppen des Königs. Das größte Unglück für die in Aufrührer verwandelten Charivaristen war der Angriff auf das Hotel des Ritters vor der Wache, in der Rue Meslay, – ein Angriff mit Flintenschüssen von den Truppen empfangen, welche, die Rebellen zwischen zwei Feuern bedrängend, sich dieselben einander gegen ihre Bajonnete zusendend, eine Schlächterei unter den Empörern und den Neugierigen anrichteten, die die ganze Straße mit Blut färbte.

Wonach die Rebellion aufhörte; doch die Revolution hatte angefangen.

XXV
Der Versucher

Am andern Tage, nach all diesem Schießen und Erschießen, das ein so trauriges Resultat für unseren jungen Pagen und für die gleichsam kaum angelegte Liebschaft von Ingénue gehabt hatte, trat der Mensch, den wir an der Mauerecke des Hauses von Rétif de la Bretonne verborgen gesehen haben, beim hellen Sonnenscheine in dieses Haus ein.

Dieser Mensch, der hier wie jene geheimnißvollen Personen erschien, welche am Ende eines zweiten Actes eintreten, um den Gang des begonnenen Dramas zu verändern, war ein Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren, eine Art von Lackei ohne Livree, ein flaches Gesicht mit frecher Miene, ein Ueberrest von den großen Lackeien des vorigen Jahrhunderts, welche in das folgende Jahrhundert übergetreten waren, deren Race aber, nachdem sie so sehr geglänzt, zu erlöschen anfing und nicht einmal mehr die Ehrenbezeugungen des Galgens erhielt.

Er war bekleidet mit einem schwarzgrauen Rocke, mit einem von den Röcken, welche keinen Stand bezeichnen. Er schien ein Bürger zu sein, ein Huissier, der am Sonntag ausgeht, oder ein Notarsschreiber, der eine Einladung zu einer Hochzeit sucht.

Ingénue, die immer Nachricht von Christian zu erhalten erwartete, schaute am Fenster, als dieser Mann, nachdem er ihr von unten einen Gruß und ein Lächeln zugesandt, die Schwelle des dunklen Ganges überschritt, der zu der gekrümmten Treppe führte, mittelst welcher man sechzig Stufen ersteigend zu der Wohnung von Rétif de la Bretonne gelangte.

So sehr sie Anfangs erstaunt war, daß sie von einem Manne gegrüßt wurde, den sie nicht kannte, so vermuthete Ingénue doch, dieser Mann komme zu ihrem Vater, und bedenkend, es sei ein unbekannter Freund des Urhebers ihrer Tage, schickte sie sich an, zu öffnen, im Falle, daß man klopfen sollte.

Man klopfte.

Ingénue öffnete ohne irgend ein Mißtrauen die Thüre.

»Herr Rétif de la Bretonne?« fragte der Unbekannte.

»Er wohnt hier, mein Herr,« antwortete das Mädchen.

»Ich weiß das, Mademoiselle,« sagte der Mann mit dem schwarzgrauen Rocke; »nur wollen Sie mir sagen, ob ich ihn in diesem Augenblicke sprechen könnte.«

»Ich bezweifle es, mein Herr, mein Vater componirt, und er liebt es nicht, in seiner Arbeit gestört zu werden.«

»Ich würde es in der That bedauern, ihn zu stören; – und dennoch, Mademoiselle, ist das, was ich ihm mitzutheilen hätte, von der größten Wichtigkeit.«

Und so sprechend, schob der Fremde Ingénue sachte vor sich hin; er drang ins erste Zimmer ein und offenbarte seine Absicht, sich nicht der ersten Weigerung zu ergeben, dadurch, daß er seinen Hut auf den Tisch legte und seinen Stock in eine Ecke stellte.

Wonach er, einen Lehnstuhl erblickend, sich in diesen niederließ, sein Schnupftuch aus der Tasche zog, zum Zeichen der Befriedigung ein ah! ausstieß und seine Stirne mit seinem Schnupftuche abwischte, wie ein Mensch, dessen Gesicht andeutet: »Wissen Sie, Mademoiselle, daß Sie sehr hoch wohnen?«

Ingénue folgte mit den Augen dem Fremden, und ihre Augen drückten Erstaunen aus. Sie hatte offenbar von ihrem Vater einen Befehl erhalten, der schon halb verletzt war.

Der zwanglose Mann schien zu begreifen, was im Geiste von Ingénue vorging.

»In der That, Mademoiselle,« sprach er, »was ich Herrn Rétif de la Bretonne zu sagen hatte, kann ich auch wohl Ihnen sagen.«

»Dann sagen Sie es, mein Herr, denn ich würde lieber, wenn das möglich wäre, meinen Vater nicht stören.«

»Ja, ja,« fuhr der Mann mit einem Blicke fort, der, ohne daß sie wußte, warum, Ingénue die Augen niederschlagen machte, »ja, es ist sogar besser, wenn ich so verfahre; denn am Ende läßt sich die Angelegenheit, die mich hierher führt, unter uns Beiden in Ordnung bringen, und Ihr Vater hat streng genommen nichts darein zu sehen.«

»Wovon ist denn aber die Rede?« erkundigte sich schüchtern Ingénue.

»Ei! von Ihnen, Mademoiselle.«

»Von mir?« rief Ingénue mit Verwunderung.

»Allerdings; Sie sind wohl hübsch genug hierzu, wie mir scheint.«

Ingénue erröthete.

»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte sie, »ich wünschte zu wissen, mit wem ich zu sprechen die Ehre habe.«

»Oh! Mademoiselle, mein Name wird Sie nichts lehren, denn Sie kennen ihn sicherlich nicht.« »Gleichviel, mein Herr.«

»Auger, Mademoiselle.«

Ingénue grüßte den Kopf schüttelnd.

Der Name Auger hatte sie wirklich nichts gelehrt.

Doch es war an dem Mädchen eine solche Miene der Unschuld, daß, so wenig er empfänglich für solche Mienen zu sein schien, der Unbekannte Ingénue fortwährend anschaute, ohne etwas zu sagen.

Dieses Stillschweigen war seltsam, denn man sah wohl, daß der Unbekannte etwas zu sagen hatte, daß das, was er zusagen hatte, bis an den Rand seiner Lippen kam, und daß er dennoch nicht zu sprechen wagte.

»Ich höre,« bemerkte Ingénue.

»Ei! es ist. . .«

»Sie zögern?«

Derjenige, welcher sich den Namen Auger gegeben hatte, streckte die Hand gegen Ingénue aus, und diese machte einen Schritt rückwärts.

»Ei! es ist so schwer zu sagen,« sprach er.

Ingénue erröthete abermals.

Diese Röthe schien eine Schranke zu sein, welche die Worte des Fremden nicht zu übersteigen wagten.

»Bei meiner Treue!« sagte er, »ich will lieber mit Ihrem Vater reden, als mit Ihnen, Mademoiselle.«

Ingénue sah ein, daß es nur dieses Mittel gab, sich des Unbekannten zu entledigen, und auf die Gefahr, was ihr Vater auch sagen dürfte, sprach sie:

»So warten Sie, mein Herr, ich will meinen Vater benachrichten.«

Und sie trat beim Romanendichter ein.

Rétif de la Bretonne war im Begriffe, seine Pariser Nächte zu veröffentlichen, und an diesem Werke arbeitete er.

Er war an seinem Tische, ein Heft lag im Bereiche seiner Hand, und er setzte nach seiner Gewohnheit, statt zu schreiben.

Die Details des Buches machten ihn mit einer Miene der Selbstzufriedenheit lächeln; man konnte sich hierin nicht täuschen.

Rétif war ein großer Arbeiter, und wie alle große Arbeiter, wenn man sie zu oft stört, machte er gewaltigen Lärmen über diese Störung; war aber seine Thüre ein paar Stunden nicht geöffnet worden, so haßte er es nicht, gestört zu werden, obgleich er, um den Schein zu wahren, immer ein wenig brummte.

»Mein Vater, entschuldigen Sie mich,« sagte Ingénue, »es ist ein Fremder da, Herr Auger, der Sie in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünscht.«

»Herr Auger?« versetzte Rétif, in seinen Erinnerungen suchend; »ich kenne ihn nicht.«

»Nun wohl, mein lieber Herr, wir werden Bekanntschaft machen,« sprach eine Stimme hinter Ingénue.

Rétif de la Bretonne wandte sich gegen den Punkt, von dem die Stimme kam, und erblickte einen Kopf, der sich hinter der Schulter seiner Tochter erhob.

»Ah! ah!« rief der Romanendichter, »was gibt es?«

»Mein Herr,« erwiederte Auger, »würden Sie wohl die Güte haben, mich allein zu hören?«

Rétif de la Bretonne entließ seine Tochter mit einem Blicke; Auger folgte ihr mit den Augen, bis die Thüre hinter ihr geschlossen war, und als die Thüre geschlossen, athmete er wieder.

»Ah! bei meiner Treue!« sagte er, »nun fühle ich mich freier! Die unschuldige Miene dieser reizenden Person verwandelte mir das Wort auf den Lippen in Eis.«

»Und warum dies, mein Herr?« fragte Rétif mit einer Art von Erstaunen, das während des ganzen Verlaufes der Unterredung zunehmen sollte,

»Ei!« erwiederte der Unbekannte, »wegen der Frage, die ich an Sie zu richten habe, mein lieber Herr.«

»Und was für eine Frage ist dies?«

»Gehört Mademoiselle wohl ganz sich?«

»Wie verstehen Sie das?« fragte Rétif erstaunt, »Ganz sich! Ich begreife Sie nicht.«

»Dann will ich mich begreiflich machen.«

»Sie werden mir einen Gefallen thun.«

»Ich gab mir die Ehre, Sie zu fragen, mein Herr, ob Mademoiselle Ingénue keinen Mann habe.«

»Nein, gewiß nicht.«

»Auch keinen Liebhaber?«

»Ah! mein Herr!« rief Rétif, indem er sich um mehrere Zoll emporstreckte.

»Ja, ich begreife,« sagte Auger mit einer erschrecklichen Dreistigkeit, »von Anfang scheint die Frage indiscret, und dennoch ist sie es nicht.«

»Ah! Sie glauben?«

»Sicherlich, denn Sie wünschen, daß Ihre Tochter reich und glücklich sein möge?«

»Allerdings; das ist der Wunsch jedes Vaters, der eine Tochter vom Alter der meinigen hat.«

»Nun wohl, mein Herr, Mademoiselle Ingénue würde ihres Glückes verfehlen, wäre sie nicht frei.«

Rétif dachte, der Mann mit dem schwarzgrauen Rocke wolle ihn um die Hand seiner Tochter bitten, und er maß ihn vom Kopfe bis zu den Füßen.

»Ho! ho!« murmelte er, »Anträge?«

»Nun wohl, ja, mein Herr, Anträge,« erwiederte Auger. »Was gedenken Sie aus der jungen Person zu machen?«

»Eine ehrliche Frau, wie ich ein ehrliches Mädchen aus ihr gemacht habe.«

»Ja, das heißt sie an einen Mechaniker, an einen Künstler, an einen armen Teufel von Dichter oder Zeitungsschreiber verheirathen.«

»Nun wohl . . . was dann?«

»Was dann?. . . Ich denke, man mußte Ihnen schon eine gute Zahl Anträge dieser Art machen.«

»Gestern erst machte man mir einen, und zwar einen höchst ehrenvollen.«

»Ich hoffe, Sie haben ihn ausgeschlagen?«

»Und, ich bitte, warum hoffen Sie das?«

»Ei! weil ich Ihnen heute etwas Besseres anzubieten habe.«

»Etwas Besseres! Sie wissen ja nicht, was man mir angeboten.«

»Gleichviel.« .

»Doch . . .«

»Ich brauche es nicht zu wissen, weil ich einer Sache sicher bin.«

»Welcher Sache?«

»Daß ich Ihnen heute, wie gesagt, etwas Besseres anbiete, als man Ihnen gestern angeboten hat.«

»Ah! ah!« dachte Rétif.

»Ingénue geht im Aufweiche. Gut!«

»Ueberdies weiß ich, oder vielmehr errathe ich. . .«

»Wer der Freier war?«

»Ein kleiner junger Mann!«

»Ja.«

»Ohne einen Sou!«

»Ich weiß es nicht.«

»Ohne Stand!«

»Verzeihen Sie, er nannte sich Ciseleur.«

»Sehen Sie, er nannte sich . . .«

»Ja, mein Herr, denn in Wirklichkeit war er Edelmann.«

»Edelmann?«

»Ja, mein Herr, Edelmann!«

»Nun wohl, ich, ich biete Ihnen etwas Besseres an als dies, Herr Rétif.«

»Gut!«

»Ich biete Ihnen einen Prinzen an.«

»Um meine Tochter zu heirathen?«

»Bei meiner Treue! ja.«

»Sie scherzen?«

»Nicht im Geringsten.«

»Einen Prinzen?«

»Ganz einfach; man kann das nehmen, man kann es lassen.«

Der Zweifel fing an sich des Herzens von Rétif zu bemächtigen, während ihm instinctartig die Röthe zu Gesichte stieg.

»Um zu heirathen, sagen Sie?« wiederholte er mit einer mißtrauischen Miene.

»Um zu heirathen.«

»Ein Prinz würde ein armes Mädchen Heirathen?«

»Ah! ich sage nicht, er werde sie in Notre-Dame heirathen,« erwiederte frecher Weise Auger, den die Treuherzigkeit und die Langmuth von Rétif kühn machten.

»Nun, mein Herr,« fragte Rétif, Auger starr anschauend, »wo wird er sie denn heirathen?« ,

»Hören Sie,« sprach Auger, indem er vertraulich seine breite Hand auf die Schulter des Romanendichters legte, »genug der Scherze, und lassen Sie uns die Frage offen in Angriff nehmen: der Prinz hat Ihre Tochter gesehen, und er liebt sie.«

»Welcher Prinz?« fragte Rétif mit eisigem Tone.

»Welcher Prinz? welcher Prinz?« versetzte Auger, ein wenig aus der Fassung gebracht trotz seiner Dreistigkeit. »Bei Gott! ein sehr großer Prinz, ungeheuer reich! Ein Prinz!«

»Mein Herr,« sprach der Romanendichter, »ich weiß nicht, was Sie mir mit all Ihrem Lächeln sagen wollen, doch es verspricht mir zu viel oder zu wenig.«

»Lassen Sie mich vor Allem sagen, was es Ihnen verspricht, Herr Rétif: Geld, viel Geld, ungeheuer viel Geld!«

Rétif schloß die Augen mit einem Ausdrucke so scharf bezeichneten Ekels, daß Auger rasch beifügte:

»Geld! man sollte glauben, es sei Ihnen so wenig in die Hände gekommen, daß Sie nicht wissen, was das ist, Herr Rétif.«

»Wahrhaftig, mein Herr,« sprach Rétif, »ich weiß nicht, ob ich schlafe oder wache; wache ich, so scheint mir, ich bin sehr gut, daß ich Sie anhöre.«

»Hören Sie mich immerhin an, mein Herr, und Sie werden nicht dabei verlieren, denn Sie werden meine Definition des Geldes vernehmen . . . Ah! Sie, der Sie sich bemühen, Ihre Phrasen folgerecht zu setzen, wägen Sie ein wenig diese Sätze nach ihrem Werthe ab. Das Geld, mein lieber Herr Rétif. . .«

»Mein Herr . . .«

»Ah! nun unterbrechen Sie mich beim Anfange meiner Definition.«

Rétif schaute umher, ob Niemand da sei, der ihm Auger nach der Thüre treiben helfen könnte; doch er war allein, und allein war er nicht stark genug, um mit einem so kräftigen jungen Manne, wie es Auger war, fertig zu werden.

Er faßte also Geduld.

Ueberdies fand er in seiner Eigenschaft als Beobachter, als socialer Schriftsteller, als Sittenmaler das Gespräch nicht ohne Interesse für ihn, und er wollte wissen, was noch an prinzlichen Unverschämtheiten unter dieser neuen Gesellschaft blieb, welche die Philosophie affectirte und nach der Freiheit trachtete.

Auger, der nicht errathen konnte, was wirklich im Herzen von Rétif vorging, und der überdies, da er die Menschen fast immer verächtlich gefunden, sich daran gewöhnt hatte, dieselben zu verachten, Auger fuhr fort:

»Das Geld, mein lieber Herr Rétif, ist eine Wohnung in einem anderen Hause als dieses, in einer anderen Straße als diese; es ist ein Mobiliar in dieser Wohnung, und unter Mobiliar, das begreifen Sie wohl, verstehe ich nichts Ihren wurmstichigen Tischen und Ihren hinkenden Stühlen Aehnliches; nein, unter Mobiliar verstehe ich Fauteuils mit gutem Utrechter Sammet, Meubles von Rosenholz, Vorhänge von brochirter Seide, einen Teppich für den Winter, gut gewichste Parquets für den Sommer . . . lassen Sie mich sprechen, alle Teufel! einen Kammerdiener, um die Parquets zu wichsen und Decken vor die Fauteuils zu legen; auf dem Kamin eine gute Uhr von Boule oder von vergoldetem Bronze; Buffets mit Porzellanen und Silberzeug darauf; Keller mit Burgunderweinen für die Tage, wo Sie nichts arbeiten werden, und mit Bordeauxwein für die Tage, wo Sie arbeiten werden.«

»Mein Herr! mein Herr!« rief Rétif, der sich zu betäuben anfing.

»Lassen Sie mich doch vollenden, alle Teufel! Unter einem Mobiliar verstehe ich eine gute Bibliothek, nicht von Scharteken, wie die, welche ich dort auf ungehobelten und von Ihnen selbst angenagelten Brettern sehe, sondern schöne, gute Bücher oder vielmehr abscheuliche Bücher, – denn das sind diejenigen, welche Sie lieben, meine Herren Romanenschreiber, meine Herren Dichter, meine Herren Journalisten! – Herr von Voltaire schön eingebunden, Jean Jacques Rousseau vergoldet, die Enzyklopädie vollständig, tausend Bände! In Ihrer Holzkammer ein ewiger Vorrath aus den königlichen Waldungen; in Ihrer Office unversiegbare Lampen, unverbrennbare Kerzen; in Ihrer Garderobe Alles paarweise, was Sie nie gehabt haben: so zwei Fräcke, zwei Ueberröcke, zwei Westen, zwei Paar Hosen, zwei seidene Bequemröcke für den Winter, zwei Schlafröcke von Kattun für den Sommer, Spitzen, feine Hemden, ein spanisches Rohr mit einem ciselirten goldenen Knöpfe, eine Toilette, die Sie um fünfzehn Jahre verjüngen und machen wird, daß die Frauen sich umdrehen, wenn sie Sie vorübergehen sehen.«

»Die Frauen?«

»Ja, gerade wie als Sie fünfundzwanzig Jahre alt waren und jene schönen Spaziergänge eines verliebten Hercules mit Mademoiselle Ginant und drei Anderen machten! . . . Ah! Sie sehen, daß ich Ihre Bücher lese, Herr Rétif de la Bretonne, obschon sie sehr schlecht gedruckt sind; wir wissen auch von Ihren Geschichten, wir haben das Drama: die Braut studiert! – Nun wohl, Sie werden Alles bekommen, was ich Ihnen gesagt habe, Herr Rétif de la Bretonne; Sie werden ein Hotel, Meubles und Geld haben; Sie werden Alles das haben und noch mehr, oder ich will meinen Namen Auger verlieren!«

»Doch der Schluß von Alle dem?«

»Der Schluß von Alle dem ist, daß der Prinz, indem er Ihre Tochter heirathet, ihr alle diese Dinge als Mitgift aussetzt.«

»Ah! Sie spotten meiner,« rief Rétif wüthend, indem er seine schwarze Sammetmütze auf seinen Kopf drückte, »oder Sie kommen im Ernste und tragen mir unverschämter Weise einen ehrlosen Handel an.«

»Ich trage Ihnen allerdings einen Handel an, mein lieber Herr Rétif, nur täuschen Sie sich im Beiworte: der Handel ist nicht ehrlos, er ist vortrefflich, vortrefflich für Sie, vortrefflich für Ihre Tochter.«

»Wissen Sie, mein Herr, daß das, was Sie mir da anbieten, einfach die Schande ist?«

»Die Schande? sind Sie verrückt?«

»Ei! mir scheint . . .«

»Die Schande! Gut! Mademoiselle Ingénue Rétif, Bastardtochter, entehrt, weil sie einen Prinzen geliebt hat! Bei meinem Worte, das begreife ich nicht! oder haben Sie im Ernste die Genealogie genommen, durch die Sie sich vom Kaiser Pertinax abstammen ließen? . . . Ist Odette von Champdivers entehrt gewesen? ist Agnes Sorel entehrt gewesen? ist Diana von Poitiers entehrt gewesen? ist Marie Touchet entehrt gewesen? ist Gabriele d'Estrées entehrt gewesen? ist Fräulein de la Balliére entehrt gewesen? sind Frau von Montespan, Frau von Maintenon entehrt gewesen? und Frau von Parabère, Frau von Phalaris, Frau von Sabran, Frau von Mailly, Frau von Vintimille, Frau von Chateauroux, Frau von Pompadour, ist Alles dies entehrt gewesen? sagen Sie mir! Ah! Sie sind ein Narr mit Ihrer Vornehmthuerei, mein lieber Herr Rétif! Und bemerken Sie wohl, daß ich Ihnen einen herrlichen Theil mache, und daß ich nicht einmal annehme, Ihre Tochter könnte eine Frau von Fontanges sein.«

»Ah!« rief Rétif mit einem wachsenden Erstaunen, »es ist also der König?«

»Beinahe.«

»Der Graf von Prov. . .«

»Keinen Eigennamen, lieber Herr Rétif! Es ist Seine Hoheit der Prinz Geld! Was Teufels wollen Sie mehr wissen? Und wenn ein Prinz wie dieser an eine Thüre klopft, mein lieber Rétif, so muß man meiner Ansicht nach diese Thüre mit beiden Flügeln öffnen!«

»Oh!« rief Rétif, »ich schlage es aus! ich will es nicht! eher Armuth und Elend!«

»Das ist sehr schön,« erwiederte Auger ruhig, »doch Sie haben wahrhaftig schon mehr elend, als Sie ertragen können, lieber Herr! Sie setzen mühsam Bücher, die nicht immer gut sind; Sie verdienen wenig, Sie verdienen immer weniger, und je älter Sie werden, desto weniger werden Sie verdienen; Sie tragen denselben Ueberrock seit zwanzig Jahren! . . . sagen Sie nicht nein, Sie haben das in Ihren Vierziger gedruckt; Mademoiselle endlich, der ich eine halbe Million anbiete, hat fast kein Kleid mehr, und wäre Herr Réveillon nicht in das Mittel getreten, so hätte sie gar keines mehr.«

»Mein Herr, mein Herr, ich bitte, bekümmern Sie sich um das, was Sie angeht.«

»Das thue ich auch.«

»Wie, das thun Sie?«

»Ja, es geht mich an, daß Mademoiselle Ingénue, die so schön, auch elegant ist, und Niemand, das erkläre ich Ihnen, wird das seidene Kleid so gut getragen haben, und vor einem kleinen Lackei wie sie gegangen sein.«

»Das ist möglich; dennoch schlage ich es aus.«

»Wie albern! . . . Warum schlagen Sie es aus?« »

»Erstens, mein Herr, beleidigen Sie mich, und ich würde Ihnen diese Handvoll Lettern ins Gesicht werfen, fehlte es mir nicht an ? . . . Doch ich will Ingénue rufen, und sie wird Ihnen selbst antworten.«

»Thun Sie das nicht, das wäre noch alberner! Rufen Sie aber Mademoiselle Ingénue, so wette ich Eines: daß ich Sie überrede.«

»Sie! Sie würden mein Kind verleiten?« rief Rétif.

»Warum des Teufels glauben Sie denn, daß ich mir die Mühe gegeben, hierher zu kommen?«

»Entsetzlich!« rief der Romanendichter mit einer Geberde voll theatralischer Majestät.

»Vor Allem,« fuhr Auger fort, »ist der Prinz, in dessen Namen ich spreche, reizend.«

»Dann ist es nicht Herr von Provence,« bemerkte Rétif naiv.

»Gehen wir hierüber weg.«

»Nein, mein Herr, im Gegentheile, verweilen wir hierbei! Was würde mein Freund Herr Mercier sagen, der mich für den Tugendhaftesten der Menschen erklärt hat?«

»Ah! ja, sprechen wir ein wenig von Herrn Mercier! das ist auch Einer, der sehr moralisch! ein Mann, der nichts achtet, der findet, Herr Racine und Herr Despreaur haben die französische Poesie zu Grunde gerichtet, während er Trauerspiele in Prosa macht! Ei! haben Sie sein letztes Product gelesen, mein tugendhafter Herr? Karl II., König von England, an einem gewissen Orte. Ah! das ist hübsch! Alle Sterne, mein Herr, wie glücklich sind Sie, daß Sie Herrn Mercier zum Freunde haben, und wie beneide ich Sie um dieses Glück!«

»Herr Auger!«

»Sie haben Recht, unser Gespräch ist eine Angelegenheit, und zwar eine ernste Angelegenheit; überlassen wir uns also nicht der rhetorischen Figur, welche man die Ironie nennt; bedenken Sie übrigens, mein lieber Herr Rétif, ich komme gutmüthig, um Sie um Ihre Einwilligung bei einer Sache zu bitten, während ich mich streng genommen dieser Bitte vollkommen überheben kann.«

»Was sagen Sie?«

»Ei! allerdings, ich sage Ihnen, ich komme von Seiten eines Prinzen, das heißt eines allmächtigen Mannes; mein Prinz braucht Ihnen nur Ihre Tochter zu nehmen, und Sie werden sehen, ob Ihre Erlaubniß hierzu nöthig ist.«

Bei diesen unklugen, unvorsichtig hingeschleuderten Worten riß Rétif seine Sammetmütze von seinem Kopfe, trat sie in einem Parorysmus des Zornes mit Füßen und rief:

»Mir meine Tochter nehmen! Man komme nur! Ah! die schönen vornehmen Herren, die Prinzen, die Unterdrücker, die Tyrannen!«

»La, la, la, mein lieber Herr Rétif,« erwiederte Auger mit spöttischer Miene, »Sie gerathen in die Gemeinplätze; Alles das ist von Juvenal bis Jean Jaques Rousseau, von Tacitus bis Didenot einige hundert Male gesagt und geschrieben worden. Nehmen Sie sich in Acht, mein lieber Herr Rétif, seien Sie auf Ihrer Hut.«

»Ich werde die Nachbarn aufwiegeln!« rief Rétif.

»Wir werden Sie als Störer des öffentlichen Friedens verhaften lassen.«

»Ich schreibe gegen den Prinzen.«

»Wir führen Sie in die Bastille.«

»Ich werde eines Tags aus der Bastille herauskommen, und an diesem Tage . . .«

»Bah! Sie sind alt, und die Bastille wird länger währen als Sie.«

»Vielleicht!« antwortete Rétif mit einem Tone, der Anger schauern machte.

»Sie schlagen also aus, um was sich alle unsere vornehme Herren zur Zeit unseres seligen Königs Ludwig XV. bewarben?«

»Ich bin kein vornehmer Herr.«

»Sie wollen lieber Ihre Tochter von dem ersten dem besten gemeinen Kerl nehmen lassen, als sie einem Prinzen geben?«

»»Die Frau eines Kohlenbrenners ist schätzbarer, als die Maitresse eines Fürsten.««

»Das ist bekannt,« erwiederte Auger, »und Rousseau, als er dies in einem Buche schrieb, das er Frau von Pompadour widmete, war, was er oft gewesen ist, ein entsetzlich einfältiges, dummes, tölpisches Thier! Doch Sie, vernehmen Sie, was geschehen wird: Ihre Tochter wird nicht die Frau eines Prinzen sein, wohl aber die Maitresse eines Kohlenbrenners.« ,

»Zurück, Versucher!«

»Phrasen! glauben Sie mir, ziehen Sie Ihre Tochter zu Rathe; denn bin ich es nicht, so wird sie ein Anderer beschwatzen, und zwar minder vortheilhaft, das schwöre ich Ihnen. Ich fasse mich also kurz: – Anerbieten eines Prinzen; – Allmacht eines Prinzen; – Reichthümer dieses Prinzen; – persönliche Eigenschaften des genannten Prinzen, welche wohl fähig, die junge Person zu verführen, ohne daß ich die Hände dabei im Spiele habe, und obgleich Sie die Ihrigen gebrauchen; – Geheimniß, Sicherheit, Glück ohne Aufsehen! Mit einem Worte, jeden Vortheil, weder Jammer, noch Abenteuer, Protection für Ihre Werke, welche nicht Gefahr laufen sollen, von der Hand des Henkers verbrannt zu werden, Pensionen, Auszeichnungen, Stellen. . . Gefällt es Ihnen vielleicht, zu reisen?«

»Nichts von Alle dem gefällt mir! verstehen Sie, Herr Kuppler?«

»Teufel! Sie sind sehr schwierig!. . . Was wollen Sie denn?«

»Ich will, daß meine Tochter sich ehrlich verheirathe.«

»Hierzu kamen wir auf einem Blumenpfade.«

»Ho! ho!« rief Rétif.

»Es gibt kein ho! ho! Ihre Tochter wird heirathen, darauf gebe ich Ihnen mein Wort.«

»Wie! meine Tochter wird sich verheirathen, wenn der Prinz sie entehrt hat?«

»Sie werden sich also immer dieses einfältigen Wortes bedienen?«

»Ich bediene mich desselben, weil es das einzige ist, das meinen Gedanken ausdrückt.«

»Ei! mein lieber Herr, das beweist, daß Ihr Gedanke fast eben so abgeschmackt ist, als das Wort. Die Gunstbezeigungen eines Prinzen von Geblüt ehren und entehren nicht, verstehen Sie? die Demoiselles wie Madmoiselle Ingénue. Derjenige nun, welcher sich nicht geehrt gefunden hätte, Ihre Tochter ohne Namen und Stand zu heirathen, wird sehr geehrt sein, sie geformt durch den illustren Umgang mit einem Großen und ausgesteuert mit wenigstens dreißigtausend guten Livres zu heirathen . . . Ah! schön, nun verstopfen Sie sich die Ohren, wie es die Gefährten vom Ulysses bei den Gesängen der Sirenen thaten. Ei! mein lieber Herr, die Papas und die Mamas haben keine andere Melodie als diese während der Regierung unseres vielgeliebten Königs Ludwig XV. gehört, und sie gewöhnten sich vollkommen daran. Ich, der ich mit Ihnen spreche, habe in den Händen von Herrn Lebel, – den ich in meiner Jugend zu kennen die Ehre hatte, und der mir die ersten Rathschläge hinsichtlich der Haltung im Leben gab, – ich habe in den Händen von Lebel Briefe von Edelleuten und Rittern des St. Ludwigs-Ordens gesehen, welche ihn als um eine große Gunst für ihre Tochter baten, in das artige Kloster, das man den Hirschpark nannte, eintreten zu dürfen, und sie äußerten nur eine Furcht: sie seien nicht hübsch genug, um hier zugelassen zu werden. Nun wohl, Sie, Sie haben dies für Mademoiselle Ingénue nicht zu befürchten, da sie reizend ist.«

»Mein Herr,« sprach Rétif, »was Sie da sagen, ist leider wahr: es gab für Frankreich eine Aera der Sittenverderbniß, während welcher die Großen den Schwindel der Schande zu haben schienen! Ja, ich weiß , daß, als Ihr angeblich vielgeliebter König, Ihr Tyrann Ludwig XV. zur Maitresse Madame d-Etioles aus dem Bürgerstande und Madame Dubarry aus dem Volke nahm, ich weiß, daß der Adel laut seine Privilegien, dem König Maitressen zu liefern, reclamirte; doch, Gott sei Dank! wir sind nicht mehr in diesen Zeiten: Ludwig XV. ist gestorben, wie er gelebt hat, und wir sind mit des Himmels Gunst auf dem Wege der Wiedergeburt! Hören Sie also auf, mich in Versuchung zu führen, wie Sie es thun, Herr Auger, denn die Versuchung ist fruchtlos und wird nur zu Ihrer Beschämung gereichen; und sogar, wenn ich Ihnen eine Wahrheit zu sagen und einen Rath zu geben habe, so ist die Wahrheit, daß Sie ein garstiges Handwerk treiben, Herr Auger, und der Rath, Sie würden wohl daran thun, diesen Stand mit einem andern zu vertauschen und ein ehrlicher Arbeiter zu werden, statt zu sein, was Sie sind, verstehen Sie? ein Werkzeug des Verderbens, der Thränen und der Schande! Das hatte ich Ihnen meinerseits zu sagen, Herr Auger; sodann blieb mir noch Eines beizufügen: daß es, da Sie nichts mehr bedürfen, und ich Ihrer nie bedurft habe, das Beste ist, wenn wir uns trennen.«

»Sehr gern, mein lieber Herr Rétif, denn wahrhaftig Sie sind nicht mehr belustigend, wenn Sie predigen, als wenn Sie schreiben; doch unsere Trennung auf die Art, wie Sie sagen, wird mich nöthigen, Ihnen etwas zu bedeuten.«

»Was?«

»Etwas Schmerzliches.«

»Reden Sie, ich warte.«

»Daß ich Ihnen den Krieg erkläre.«

»Erklären Sie immerhin.«

»Und daß ich Sie nach dem Beispiele der Generale, welche Aufforderungen an eine Festung haben ergehen lassen, von diesem Augenblicke als gebührend aufgefordert betrachte.«

»Es sei.«

»Und wenn ich Mademoiselle Ingénue, oder vielmehr ihr Haus belagere. . .«

»So wird man sich vertheidigen.«

»Sie erregen mein Mitleid!«

»Und Sie, Sie erregen keine Furcht bei mir.«

»Guten Tag also! ich will mit dem Mädchen selbst anbinden.«

»Thun Sie das!«

»Ich werde alte Weiber haben, welche zu Ihnen heraufkommen.«

»Ich bin auch alt, und wir sind dann unter uns Alten.«

»Ich werde Commissionäre haben.«

»Ich öffne Ihnen selbst die Thüre.«

»Der Prinz wird kommen.«

»Ich will ihm aufmachen.«

»Nun, und dann?«

»Ich werde ihn wegen seiner Liebe beschämen.«

»Wie so?«

»Mit Reden, wie er noch nie gehört hat, und Sie auch nicht, Herr Auger.«

»Sie werden ihn langweilen.«

»Ganz richtig, er wird gehen.«

»Ah! Sie sind ein Mann von Geist, Herr Rétif: es wird ein Verdienst dabei sein, Sie zu bekämpfen.«

»Ah!« sprach Rétif mit einem Gefühle des Insichselbstgehens, wie es den Philosophen jener Zeit ganz eigenthümlich war, »ah! Sie glauben nicht, wie sehr mir daran liegt, dieses Mädchen rein zu erhalten!«

»Für wen?«

»Ei! für mich, bei Gott!«

»Bah! sollten Sie eine neue Ausgabe von Ihren Liebschaften mit Ihrer Tochter Zephira machen? Hierüber, ich bemerke es Ihnen im Voraus, werden wir ein paar Worte dem Polizeilieutenant sagen.«

»Nein, mein Herr, ich liebe meine Tochter, und ich bewahre sie für mich, weil die Reinheit eines Mädchens der schönste Schatz eines Vaters ist.«

»Ei! Sie wiederholen sich abermals mein guter Freund; es macht mir kein Vergnügen mehr, Sie zu hören, und ich gehe. Auf Wiedersehen!«

»Leben Sie wohl!«

»Oh! nein, wir werden uns gewiß wiedersehen, und zwar sehr bald. . . Hören Sie dieses Geräusch?«

»Welches Geräusch?«

»Das Geräusch von dem, was in meiner Tasche klingt.«

Und nachdem er in seiner Hosentasche im Golde gestört hatte, zog er eine Handvoll heraus und ließ vor den Augen des zitternden Greises die schillernden Reflexe des bestechenden Metalles schimmern.

Rétif schauerte.

Dieser Schauer entging dem Versucher nicht.

»Sehen Sie,« sagte er, »das ist das, was Herr von Beaumarchais, – ein Mann, der ungefähr so moralisch wie Sie, nur besitzt er ein wenig mehr Geist als Sie, lieber Herr Rétif, – den Nerven des Krieges nennt! Ein schönes Kartätschenfeuer! wie?. . . und die breite Bresche, die wir hiermit der Ehre von Mademoiselle Ingénue machen werden.«

Und nach dieser erschrecklichen Drohung streckte Auger hohnlächelnd seine Hand voll Gold vor den Augen von Rétif aus und ging dann rückwärts ab.

Dieser geschickt eingerichtete Abgang führte viel mehr als alle Drohungen und alle Versprechungen des Abgesandten vom Prinzen Rétif de la Bretonne zur Ueberlegung und von der Ueberlegung zur Furcht.

Nachdem Auger abgegangen war, blieb er nachdenkend stehen, biß sich in die Hand und sagte den Kopf schüttelnd:

»Er wird mir meine Tochter nehmen. . . er hat Recht . . . ist es nicht heute, so wird es morgen sein.«

Sodann pathetisch den Arm zum Himmel erhebend:

»Entsetzliche Zeit, die Zeit, wo ein Vater genöthigt ist, solche Dinge zu hören – von Seiten eines Verführers, – ohne es zu wagen, vor die Thüre denjenigen zu werfen, welcher sie ihm sagt, aus Furcht, eine Stunde nachher in die Bastille eingesperrt zu werden! Glücklicher Weise behauptet mein Freund Mercier, das werde sich Alles ändern.«

Nach einem Augenblicke fügte er bei:

»Oh! Ingénue ist ein vernünftiges, redliches Mädchen . . . ziehen wir sie zu Rathe.«

Und er rief in der That Ingénue, ließ sie neben sich sitzen, erzählte ihr die blendenden Anträge von Auger, und verbarg ihr nicht die Bangigkeiten, die sie ihm einflößten.

Ingénue lachte.

Sie hatte im Grunde des Herzens die Waffe, welche gegen alle Verführungen stark macht, – eine junge und wahre Liebe.

»Du spielst die Muthige!« sagte Rétif zu dem lachenden Kinde, »was gibt Dir denn so viel Vertrauen? Mit welchem Talisman hoffst Du zugleich gegen die Bosheit, gegen das Laster, gegen die Macht und gegen das Mißgeschick zu kämpfen? mit welchen Kräften wirst Du die Liebe dieses Prinzen zurückschlagen? sprich!«

»Mit zwei Worten, mein Vater.«

»Und diese sind?«

»Ich liebe Einen.«

»Gut! dann sind mir die Stärkeren!« rief Rétif de la Bretonne. Und er öffnete seine Hand, welche immer noch voll Druckschrift war, und beeilte sich, ganz freudig, diese Phrase und dieses Factum in den Roman seines Lehens zu setzen.

XXVI
Die Treuherzigkeit von Ingénue

Während Rétif die Phrase seiner Tochter, bald in Cicero, bald in Garmond, bald in Borgis, wie sich gerade die Charaktere unter seinen Fingern boten, setzte, sann er über die Phrase nach.

Dieses Nachsinnen, dem sich der Romanendichter überließ, beruhigte ihn ungemein über den thätigen Antheil , den Ingénue an den Projecten von Auger nehmen könnte, zu gleicher Zeit aber beunruhigte es ihn sehr über den Herzenszustand des Mädchens.

Einem Mädchen, das im Stande, so offenherzig zu sagen: »Ich liebe Einen«, konnte es nicht an einer gewissen Entschlossenheit fehlen, mit der jeder Familienvater eine gewisse Consequenz verknüpft.

Eine Folge hiervon war, daß allmälig Rétif de la Bretonne seine Arbeit hemmte; er preßte die Lippen zusammen, gesticulirte mit dem rechten Arme, machte von Zeit zu Zeit: »Hm! hm!« und beschloß, in Erfahrung zu bringen, woran er sich sowohl hinsichtlich der Liebe von Ingénue, als hinsichtlich des Mannes, welcher der Gegenstand derselben, zuhalten habe.

Er begab sich also wieder zu seiner Tochter, welche ganz nachdenkend beim Fenster saß und die silbernen Strahlen einer Waldrebe entblätterte, deren Stängel vor dem Fenster in den ersten Lüften des Herbstes zitterte.

Rétif rückte einen Stuhl hinzu und setzte sich zu Ingénue; er hatte zu der Unterredung, die er mit ihr beginnen sollte, alle Hilfsquellen seiner Diplomatie in Bereitschaft gesetzt.

»Meine Liebe,« sprach er zu ihr, – so nannte Rétif seine Tochter, – »Du weißt also, was lieben ist, da Du mir so eben gesagt hast, Du liebest Einen?«

Ingénue schlug ihre großen blauen Augen zum Romanendichter auf und antwortete sodann mit einem Lächeln:

»Ich glaube, ja, mein Vater.«

»Und woher weißt Du das? wer kann es Dich gelehrt haben?«

»Vor Allem, mein Vater, vergessen Sie, daß Sie mir sehr oft Stellen aus Ihren Büchern vorlesen.«

»Nun?«

»In Ihren Büchern findet sich immer Liebe.«

»Das ist wahr; doch ich wähle, um sie Dir vorzulesen, die besten Stellen aus.«

»Die besten Stellen?« fragte Ingénue.

»Das heißt die unschuldigsten,« erwiederte Rétif.

»Die Liebe ist also nicht unschuldig?« bemerkte Ingénue mit einer Anmuth, welche nichts Affectirtes hatte.

»Reizend! reizend!« rief Rétif. »Warte, daß ich das aufschreibe: das ist zugleich das Seitenstück und die Milderung vom Andern.«

Und er nahm ein Blättchen Papier und schrieb darauf den Satz von Ingénue, der sich in seiner weiten Tasche Hunderten von Notizen derselben Art beigesellte, welche Rétif hier je nach seinem Bedürfnis; holte.

Ingénue war mittlerweile nachdenkend geblieben.

»Du hast gesagt: »»Vor Allem, mein Vater . . .«« fuhr Rétif fort: »es gibt also ein sodann?«

»Ich verstehe nicht recht.«

»Damit will ich sagen, Du habest anderswo als in meinen Büchern das Dasein der Liebe gelernt?«

Ingénue lächelte, schwieg aber.

»Sprich,« sagte Rétif, »wo und wie hast Du bemerkt, Du liebest?«

»Ich wußte nicht, daß ich liebe, mein Vater, als ich jedoch Einen sah, den ich nicht liebte, da errieth ich sogleich, mein Herz gehöre einem Andern.«

»Du hast Einen gesehen, den Du nicht liebtest?«

»Einen schönen jungen Mann.«

»Von welchem Alter?«

»Sechsundzwanzig bis siebenundzwanzig Jahre.«

»Guter Gott!« rief Rétif, »Du hattest mir das nicht gesagt, mein Kind!«

»Doch, mein Vater, ich glaube Ihnen gesagt zu haben, getrennt von Ihnen, verirrt auf den Kreuzwegen, zitternd vor Angst habe ich den Arm eines Unbekannten angenommen, der mich nach Hause geführt.«

»Ach! ach! wie viel schöne junge Leute in unseren kleinen Angelegenheiten, meine arme Ingénue!«

»Das ist nicht meine Schuld, mein Vater,« erwiederte naiv das Mädchen.

»Nein, mein Kind., es ist sicherlich nicht Deine Schuld . . . Ein schöner junger Mann von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren. . . elegant?«

»Sehr elegant, mein Vater.«

»Das ist es! Schöne Augen, groß, schlank, die Unterlippe ein wenig hängend?«

»Ich vermöchte das nicht zu sagen.«

»Rufe Deine Erinnerungen zurück.«

»Ich glaube, ja.«

»Es war der Prinz!«

»Ah! wahrscheinlich!« rief Ingénue.

»Warum wahrscheinlich?«

»Weil er mir gesagt hat, um mich zu beruhigen; – ich war erschrocken über die Gegenwart eines Menschen, der uns folgte; – weil er mir gesagt hat: »»Seien Sie ohne Furcht, dieser Mensch gehört mir!««

»Hinterhalte! Fallen!« rief Rétif. Ach! mein Haus hat seine Ruhe verloren. . . Oh! die Großen! ob! das Volk! oh! die Freiheit! . . . Nun aber, nachdem Du von demjenigen gesprochen, welchen Du nicht liebst, sprich mir von dem, welchen Du liebst!«

»Ei! Sie wissen wohl, wer derjenige ist, welchen ich liebe, mein Vater.«

»Gleichviel, nenne mir ihn immerhin.«

»Es ist Herr Christian.«

»Ich vermuthete es,« murmelte Rétif.

Und er ließ seinen Kopf auf seine Brust fallen.

Der arme Romanendichter war in der That sehr in Verlegenheit, wie er auf dem Wege, dem er denselben wollte folgen sehen, den von seiner Tochter angefangenen Roman führen sollte.

Er befand sich wieder in der Lage, in der er sich auf dem Quai gesehen, als der junge Mann gefallen war, das heißt, er war unschlüssig, ob er Ingénue das Unglück, das ihrem Liebhaber widerfahren, erzählen oder nicht erzählen sollte.

Ein schlechtes Gefühl gewann die Oberhand, wie es fast immer beim Menschen geschieht, wenn der Mensch überlegt: Rétif war, was alle Väter sind, ein wenig eifersüchtig auf seine Tochter; er behandelte sie wie eine Person seiner Einbildungskraft; er wollte nicht, daß dieses Kind, dem er den Namen Ingénue gegeben, nicht die Treuherzigkeit selbst seil das hätte seinen dramatischen Combinationen Zwang angethan und das Modell verdorben, nach welchem er alle Tage Greuze-Bilder auszuarbeiten beschäftigt war.

Er wollte lieber nichts sagen. Gestehen, daß Christian verwundet war, hieß das Interesse und folglich die Liebe, welche Ingénue für ihn hegte, verdoppeln; Ingénue in der Ungewißheit lassen hieß dagegen ihr Herz dem Zweifel preisgeben.

»Ach!« rief er, »Herr Christian! . . .«

»Nun, was?« fragte das Mädchen mit einer zurückhaltenden Trockenheit, welche für fünfzehn Jahre später eine in moralischer Hinsicht kräftig constituirte dreißigjährige Frau versprach. »Was gibt es gegen Christian zu sagen?«

»Daß er ein Lügner ist.«

»Er?«

»Daß es ein Mensch ist, der Dich zu verführen sucht wie die Andern.«

»Warum?«

»Weil Christian, der Dir gesagt hat, er sei ein Arbeiter, nicht wahr?«

»Ja.«

»Er ist kein Arbeiter.«

»Ich weiß es wohl.«

»Wie! Du weißt es wohl?«

»Ja, das war leicht zu sehen.«

»Und Du hast es gesehen?«

»Sogleich . . . Hernach?«

Dieses so bittere hernach piquirte Rétif.

»Wie, hernach?« fragte er.

»Allerdings, hernach?« erwiederte Ingénue mit derselben Festigkeit.

»Hernach,« sprach der Romanendichter, »werden wir untersuchen, ob Mademoiselle Ingénue Rétif de la Bretonne, welche die Liebe eines Prinzen ausschlägt, die eines schlimmen Subjectes von einem Pagen annehmen könnte.«

»Ein Page?« rief Ingénue mit einem Ausdrucke des Schreckens, der Rétif nicht entging.

»Page eines Prinzen!« sagte Rétif, der mit Glück ein besonderes Gewicht auf die von ihm hervorgebrachte Wirkung legte, welche sich durch die Blässe von Ingénue verrieth, so wohl begründet war der Ruf der Herren Pagen im ganzen Umfange des Königreichs.

Wäre Ingénue gestanden, sie würde sicherlich niedergesunken sein; sie saß, neigte das Haupt und wiederholte: »Ein Page!«

»Ein Page des Herrn Grafen von Artois,« sprach Rétif, »das heißt der Diener eines Ausschweiflings!«

Sodann erschrocken über das, was ihm entschlüpft war, dämpfte er die Stimme und fügte bei:

»Denn wir dürfen es sagen in voller Offenherzigkeit, mit der edlen Offenherzigkeit, die sich für ein redliches Gemüth und einen freien Mann geziemt. . .«

Und er sprach so leise, daß ihn seine Tochter, an die er sich wandte, kaum verstand.

»Denn wir dürfen es sagen, der Herr Graf von Artois ist ein Erzlibertin, ein Mädchenverführer, ein Roué bestimmt, die Heldenthaten der Regentschaft fortzusetzen!«

»Nun wohl,« unterbrach Ingénue, welche wieder ein wenig Festigkeit erlangt hatte, »was hat Alles dies mit Herrn Christian gemein?«

»Was das mit ihm gemein hat? . . . Ei! mir scheint, Du kennst das Sprichwort: »»Wieder Herr, so der Diener!«« Ich hoffe, wir stellen uns nicht vor, Christian sei ein Tugendspiegel!«

»Warum nicht?« murmelte Ingénue schwach.

»Das ist unmöglich, denn in diesem Falle würde er nicht im Dienste Seiner Königlichen Hoheit bleiben.«

»Ah!« sagte das Mädchen, »übertreiben Sie nicht, mein Vater?«

»Und überdies kommt mir ein Gedanke,« rief plötzlich Rétif mit der Energie, die er aus seinem Triumphe schöpfte: »wer weiß, ob dieser Bursche nicht sogar in derselben Absicht wie der Andere zu Dir kam?«

»Welcher Andere, mein Vater?«

»Ei! dieser Auger . . . Ganz zuverlässig, bei Gott! das ist klar wie der Tag, Herr Christian ist ein Emissär desselben Prinzen; das ist die Verkettung dieser Intrigue. Der Graf von Artois hat seinen Pagen zu Dir geschickt; der Page ist unter Weges angehalten worden, er hat Dir Auger geschickt.«

Rétif hatte die Worte: Unter Weges angehalten, mit einer so seltsam freudigen Betonung ausgesprochen, daß Ingénue lebhaft den Kopf aufrichtete.

Sie hatte einen unbestimmten Verdacht geschöpft, nicht hinsichtlich des Unglücks, das Christian widerfahren war, sondern hinsichtlich irgend eines Hindernisses, das ihr Vater zwischen ihr und ihm erhoben.

»Wie, angehalten?« fragte sie. »Was wollen Sie damit sagen?«

Rétif sah ein, welche Unklugheit er begangen, und er erröthete.

»Ei! allerdings,« antwortete er, »wurde er nicht von mir angehalten, als ich ihn überführte, er sei kein Arbeiter?«

»Es ist wahr,« sagte Ingénue; »doch wie haben Sie erfahren, er sei ein Page? »Das ist ganz einfach, bei Gott!«

»Nun?«

»Ich ging ihm nach.«

»Sie sind ihm nachgegangen?«

»Du hast es wohl gesehen.«

»Er hat Ihnen also gesagt, er sei ein Page des Grafen von Artois?«

»Er hat es mir nicht gesagt,« antwortete Rétif, der nicht ganz zu lügen wagte.

»Wie haben Sie es denn erfahren?«

»Ich ließ ihn in den Marstall eintreten; ich ließ meinen Mann vorübergehen, und als er vorübergegangen war, fragte ich den Portier: »»Wer ist dieser junge Mann?«« Er antwortete mir: »»Ein Page vom Marstalle von Monseigneur dem Grafen von Artois, der hier wohnt.««

»Ah! er wohnt im Marstalle des Grafen von Artois?« wiederholte Ingénue.

»Ja,« erwiederte Rétif unvorsichtig.

Ingénue neigte zum zweiten Male das Haupt, doch diesmal unter dem Gewichte eines seltsamen Gedankens, der ihr Gehirn durchzog.

Rétif begriff; er befürchtete, zu viel gesprochen zu haben.

»Oh!« setzte er mit einer scheinbar vollkommen beruhigten Miene hinzu, »auf dieser Seite kannst Du ruhig sein, das ist wohl vorbei!«

»Warum dies?«

»Ei! weil er nicht wiederkommen wird.«

»Wer wird nicht wiederkommen?«

»Herr Christian, bei Gott!« »Herr Christian wird nicht wiederkommen?« fragte Ingénue mit Bangigkeit.

»Nein.«

»Warum nicht?«

»Weil er wüthend ist, daß er gescheitert. Nie verzeiht ein Verführer seine Niederlage.«

»Da Sie mir aber sagen, er komme für einen Andern, und nicht um seinetwillen . . .«

»Ein Grund mehr, und da Herr Auger gekommen ist, so hat Christian verzichtet.«

Die Niedergeschlagenheit, die sich bei dieser Behauptung in den Zügen von Ingénue offenbarte, beunruhigte Rétif.

»Höre, mein Kind,« sagte er, »nicht wahr, Du bist stolz?«

»Oh! ja.«

»Du kannst nicht zugeben, daß Dich ein Mann verachtet?«

»Nein, gewiß nicht.«

»Nun wohl, es verachtet Dich derjenige, welcher kam, um Dich für einen Andern zu erhandeln.« »Herr Auger?«

»Nein, der Page. . . Ich weiß, bei Gott! wohl, daß Du Herrn Auger nicht liebst.«

Ingénue schüttelte den Kopf.

»Herr Christian hat nie um mich gehandelt,« sagte sie.

»Was läßt Dich das glauben?«

»Er hat mir nie gesagt, er komme im Auftrage einer andern Person.«

»Er hat es Dir nie gesagt, das war aber dennoch die Wirklichkeit.«

Ingénue schüttelte abermals den Kopf.

»Es war ein seltsames Mittel, mir für einen Andern den Hof zu machen, sich für sich selbst lieben zu lassen.«

Diese einfache und scharfe Logik schmetterte Rétif nieder.

»Oh!« sagte er stammelnd, »vertraue nicht hierauf, meine arme Ingénue; die Verführer haben so vielerlei Kunstgriffe und Ränke.«

»Herr Christian gebrauchte keinen Kunstgriff.«

»Sie stellen Fallen.«

»Herr Christian hat mir keine Falle gestellt.«

»Das kannst Du ja nicht wissen!«

»Sehr gut, im Gegentheile! Ein Mann, der Fallen stellt, wäre nicht, wie Christian, sanft, freundlich, leutselig, unterwürfig, folgsam gegen meine geringsten Willensäußerungen gewesen.«

»Im Gegentheile! im Gegentheile!« rief Rétif, »darin liegt gerade die List.«

»Er hätte nicht eine Frau respectirt, wie Christian mich respectirte.«

»Doch, doch! weil er sie für einen Andern bewahrte.«

»Er würde sie nicht umarmt haben, wenn er sie für einen Andern bewahrt hätte.«

»Er umarmte Dich?« fragte Rétif ganz verblüfft.

»Ja,« antwortete einfach das Mädchen.

Rétif kreuzte die Arme und ging dramatisch in seinem kleinen Zimmer auf und ab.

»Oh! Natur!« murmelte er.

»Nun, erklären Sie das?« sagte Ingénue, welche unbarmherzig ihre Raisonnements verfolgte.

»Ich erkläre nichts,« brummte Rétif; »nur wiederhole ich, daß Herr Christian ein ausschweifender Mensch ist, da er Dich geküßt hat.«

»Oh!« entgegnete das Mädchen, »ich habe ihn auch geküßt, und ich bin nicht ausschweifend, mein Vater.«

Der unnachahmliche Ausdruck, mit dem diese Worte gesprochen wurden, machte allen Zorn des Romanendichters schmelzen; er fühlte, daß er seine Kaltblütigkeit wiedererlangen und gegen eine solche Unschuld List gebrauchen mußte.

»Dann habe ich Dir noch Eines zu sagen, mein Kind,« fügte er bei.

»Sprechen Sie, mein Vater, ich höre.«

»Ist Herr Christian kein Ausschweifung, so mag ich ihn immerhin weggejagt haben, – er wird wiederkommen.«

»Oh! dessen bin ich sicher.«

»Wenn er also nicht wiederkommt? . . .«

Rétif hielt zögernd inne, denn er fühlte, daß er eine schlechte Handlung beging.

»Nun, wenn er nicht wiederkommt?« fragte Ingénue, die Stirne faltend.

»Wenn er nicht wiederkommt, wirst Du endlich glauben, daß Du Dich über ihn getäuscht hast, und daß er es nur auf Deine Tugend, aus Laune oder Sittenlosigkeit, abgesehen hatte?«

»Mein Vater!«

»Wirst Du glauben?«

»Nein!«

»Gestehe doch! denn, wahrhaftig, Du machst mir bange mit Deiner Zähigkeit: Du hast das Ansehen einer gemüthlosen Frau.«

»Oh!« sagte sie lächelnd.

»Antworte.«

»Nun, ich gestehe, daß es mich, wenn Herr Christian nicht wiederkommt, sehr in Erstaunen setzen wird.«

»Ah! ah! das wird Dich nur in Erstaunen setzen? Du bist äußerst gut!«

»Das wird mir auch Argwohn über ihn erregen.«

»Den Argwohn, er sei vom Prinzen abgesandt worden, wie Herr Auger.«

»Nein, nie.«

»Welchen Argwohn denn?«

»Den, Sie haben ihn entmuthigt, Sie haben ihm Angst gemacht, Sie haben ihn verhindert, mich zu lieben, wie er es wollte.«

»Wie wollte er es?«

»Was weiß ich? vielleicht ohne mich zu heirathen.«

»Ah!« rief Rétif ganz freudig, »ich finde meine Tochter wieder . . . Nun wohl, ich mache eine Wette mit Dir . . . willst Du?«

»Mein Vater,« sprach Ingénue mit einem sichtbaren Leiden, »ich bitte, lachen Sie nicht so; Sie thun mir weh!«

Rétif hörte jedoch nicht, oder wollte nicht hören. Er fuhr fort:

»Ich wette, daß binnen vierzehn Tagen . . . nein, vierzehn Tage, das ist nicht genug . . . ich wette, daß binnen einem Monat Herr Christian nicht wiedererscheinen wird.«

Warum gerade binnen einem Monat?« fragte Ingénue, welche abermals Rétif bei einer Blöße berührte: »warum, wenn er zu kommen aufhört, wird es für vierzehn Tage oder für einen Monat sein, und nicht für immer?«

»Ich sage,« antwortete Rétif gleichsam aus dem Sattel gehoben, »ich sage einen Monat, wie ich sagen würde sechs Monate, wie ich sagen würde ein Jahr, wie ich sagen würde immer . . . Weiß ich es?«

»Dann weiß ich mehr als Sie, mein Vater.«

»Du?«

»Ja, ich.«

»Und Du sagst?«

»Ich sage, wenn er binnen einem Monat nicht wiederkommt, so wird er nie wiederkommen.«

»Gewiß.«

»Ich füge aber noch bei: kommt er bis morgen nicht wieder, so wird er binnen einem Monat nicht wiederkommen.«

»Sehr gut, Liebe! sehr gut!« rief Rétif entzückt, Ingénue seinem Sinne beipflichten zu sehen.

Dann sagte er leise zu sich selbst:

»Wie viel Dinge wird es binnen einem Monat nicht geben, welche entweder Christian bei Ingénue, oder Ingénue bei Christian in Vergessenheit bringen werden!«

Dieser würdige Schriftsteller, der große Homer der Liebeshelden, rechnete ohne die Jugend, welche das Glück beherrscht, und ohne das Glück, das fast immer die Jugend begünstigt.

Da Ingénue sicher war, sie werde von nahe oder von fern Christian am Abend oder am andern Tage sehen, so erlangte sie ihr ruhiges Gesicht wieder und wartete.

Was Rétif betrifft, er nahm, ganz keuchend von diesem heftigen Kampfe, die Composition seiner Pariser Nächte wieder auf.

XXVII
Herr Auger

Auger, der illustre Gegenstand des von uns so eben erzählten langen Gespräches, hatte dem Herrn Grafen von Artois Versprechungen und Herrn Rétif de la Bretonne Drohungen gemacht.

Es handelte sich nun darum, die einen zu halten und die andern zu verwirklichen.

Er war indessen in Drohungen und Versprechungen weiter gegangen, als ihm in Wirklichkeit zu gehen möglich wurde.

Was die Versprechungen betrifft, so hat man das Resultat des bei Rétif de la Bretonne gemachten Versuches gesehen.

Was die Drohungen betrifft, so hatten sich die Zeiten ein wenig geändert; man erlangte die geheimen Verhaftsbefehle nicht mehr so leicht, wie zur Zeit von Herrn von Sartine; Ludwig XVI., ein ehrlicher Mensch, hatte Velleitäten eines gerechten Mannes; es begegnete ihm wohl zuweilen, daß er sich bestimmen ließ, wie bei Beaumarchais, einen Schriftsteller nach Saint-Lazare oder nach der Bastille zu schicken, er wollte aber wenigstens, daß dieser Schriftsteller einen Fehler oder ein Vergehen wirklich oder dem Anscheine nach begangen habe.

Es war also nicht möglich, einen geheimen Verhaftsbefehl gegen Rétif de la Bretonne zu verlangen. Der Grund, er habe als Vater nicht zur Schande seiner Tochter einwilligen wollen, ein vortrefflicher Grund bei Ludwig XV., war ein sehr schlechter bei Ludwig XVI.

Rétif hatte dies wohl vorhergesehen, als er muthig den Krieg angenommen.

Er fing auch an Ingénue zu überwachen.

Diese Ueberwachung machte acht Tage lang die Spürhundseigenschaften von Herrn Auger die rechte Fährte verfehlen.

Das war viel! Der Herr Graf von Artois hatte Auger nur vierzehn Tage gegeben; überdies hatte Auger nur so viel von ihm verlangt.

Rétif verließ seine Tochter nicht mehr; er stellte sich mit ihr ans Fenster, und erschien Auger am einen oder am andern Ende der Straße, so lächelte er ihm ironisch zu, oder er grüßte ihn mit einer spöttischen Miene.

So bloßgestellt, entfernte sich der Mercur von Monseigneur dem Grafen von Artois wüthend.

Die Vorsichtsmaßregeln von Rétif de la Bretonne erstreckten sich auf die kleinsten Details.

Nicht ein Brod, nicht eine Gewürztüte fand beim Schriftsteller Einlaß, ohne visitirt worden zu sein. Rétif erfand Kriegslisten, um das Vergnügen zu haben, sie zu bekämpfen.

Ging er mit Ingénue aus, so war es ein Argus, der in den Seiten seines zwanzigjährigen Ueberrocks viel mehr Augen hatte, als Argus, der Spion der Königin der Götter, je an seinem ganzen Leibe gehabt haben mochte.

Auger, der Tag und Nacht lief, war am Ende zum Umfallen müde.

In den Kirchen, bei den Kaufleuten stand er immer auf der Wache, doch er wurde immer zurückgeschlagen: zurückgeschlagen, wenn er verdächtige Emissäre schickte, denen Rétif de la Bretonne, wie er es ihm versprochen, unhöflicher Weise die Thüre vor der Nase schloß; zurückgeschlagen, wenn er schrieb, oder schreiben ließ, und ein altes Weib unter der Haube einer Nachbarin oder der Vermummung einer Devoten sich Ingénue nähern wollte, um ihr einen Brief zuzustecken; zurückgeschlagen sogar, wenn er es versuchte, mit Ingénue, welche sich übrigens durchaus nicht hierzu hergab, einen einfachen Blick zu wechseln.

Es blieb ihm also nichts mehr übrig, als Gewalt anzuwenden, wie er dies Rétif de la Bretonne gedroht hatte. Eines Abends versuchte er es.

An diesem Abend kam Ingénue mit ihrem Vater von ihrem gewöhnlichen Spaziergange zu Réveillon zurück. Auger fiel wie ein Verzweifelter über sie her; er wollte die Tochter von ihrem Vater trennen, sie in seinen Armen forttragen, und in einem Fiacre, der an der Ecke der Straße wartete, entführen.

Rétif, statt einen Kampf zu beginnen, in welchem er sicherlich unterlegen wäre, schob seinen Stock zwischen die Beine des Mädchenräubers und schrie aus Leibeskräften: »Wache!«

Ingénue, die sich nicht im Geringsten um Herrn Auger bekümmerte und nur Gedächtniß und Wünsche für Christian hatte, obschon er nicht wieder erschienen war, Ingénue schrie auch.

Auger verwickelte sich die Beine in den Stock von Rétif und rollte in die Gosse; er wollte aufstehen und sich seiner Beute, die ihm entging, wieder bemächtigen, doch das Geschrei seiner Opfer zog Zeugen an die Fenster, während zu gleicher Zeit eine Rotte von der Nachtwache am Ende der Straße erschien, wo der Angriff stattfand.

Auger hatte nur Zeit, über Hals und Kopf davon zu laufen, wobei er die Vorsehung verfluchte, welche die Jungfrauen von den Wüstlingen befreit, und die Patrouillen, die die Schwachen gegen die Starken beschützen.

Auger hielt sich aber nicht für geschlagen. Er nahm sich vor, wiederanzufangen.

»Wäre ich nicht allein gewesen,« sagte er zu sich selbst, »so würde das Mädchen entführt worden sein, und einmal entführt und im Hause des Prinzen, – bei meiner Treue, dann wurde der Prinz verantwortlich für den Ausgang!«

Auger nahm einen Gehilfen an.

Auger hatte aber ohne Rétif de la Bretonne gerechnet; der Greis war noch viel hartnäckiger darauf bedacht, sich seine Tochter nicht entführen zu lassen, als Auger, sie ihm zu entführen. Seit dem Versuche des Mädchenräubers ließ Rétif, so oft er von Réveillon, dem einzigen Hause, das seine Tochter besuchte, zurückkam, Arbeiter von der Fabrik hinter sich gehen, Leute, welche im Allgemeinen sehr wenig Freunde der Aristokraten, weshalb sie auch mit Leidenschaft auf die Chance, einige kräftige Hiebe auszutheilen, lauerten und gern einwilligten, sich in den Winkel der Weichsteine oder in Thorwege zu kauern, um durch eine scheinbare, trügerische Einsamkeit den Feind der Ruhe von Ingénue anzulocken.

Auger machte den Betrunkenen nach; er hatte sich als Kutscher gekleidet. Sein Gefährte, der eben so wenig trunken als er, half ihm den Weg versperren; sie sangen der Eine und der Andere mit einer weinschweren Stimme.

Als Rétif zur Einöde der Bernardins kam, – Abends um halb zehn Uhr, eine in diesen Quartieren ungebührliche Stunde, – stolperte Auger, der den Tritt und den Gang seiner Opfer erkannte, auf Ingénue zu und versicherte, er wolle sie küssen.

Sie schrie; er fiel über sie her, und diesmal hatte er Zeit, sie in seine Arme zu fassen.

Rétif rief um Hilfe, doch der Gefährte von Auger packte ihn zugleich bei seiner Perrücke und bei der Gurgel.

Es war schon zu spät: das Signal war gegeben, der Ruf war gethan. Unsere zwei Kreuzweghelden sahen sich, ehe sie nur einen Schritt gegen den Fiacre gemacht, von vier kräftigen Burschen umringt, welche mit Stöcken und mit Ochsenziemern bewaffnet auf den Rücken der Entführer loszuarbeiten anfingen, wobei sie jeden Schlag mit einem Epitheton begleiteten, das um so unhöflicher, als es verdient war.

Auger fand sich also genöthigt, Ingénue loszulassen, und sein Gefährte mußte bei Rétif dasselbe thun; der Vater und die Tochter benützten dieses Verlassen, um ihre Thüre zu erreichen und hinter sich zu schließen, und als sie ihre fünf Stockwerke erklettert, hatten sie Zeit, sich ans Fenster zu stellen, ehe die Züchtigung, die man auf der Straße ertheilte, völlig beendigt war.

Man muß auch gestehen, daß es die vier Rächer nicht bei der Gerechtigkeit bewenden ließen, sondern daß sie mit Enthusiasmus zu Werke gingen: sie fanden ein großes Vergnügen am Geschäfte und ließen es deshalb so lange als möglich währen; dem zu Folge bearbeiteten sie die Seiten von Herrn Auger und seinem Begleiter, bis der Begleiter von Herrn Auger auf dem Platze liegen blieb.

Was Herrn Auger betrifft, – ihm gelang es, sich durchgewalkt aus dem Staube zu machen, Dank sei es einer Pistole, mit der er bewaffnet war; er entschloß sich, dieselbe zu zeigen, und die Stöcke hatten Angst davor.

Diese Scene machte großen Lärm im Quartier und stellte Ingénue als eine uneinnehmbare Modelle hervor.

Der Commissär hob den Verwundeten auf, und man sprach davon, ihn zu henken, weil er auf offener Straße geraubt.

Dieses Abenteuer benahm jede Hoffnung und jede Begeisterung Herrn Auger: nachdem er sich von seinen Wunden wieder erholt, kam er eines Abends mit hängenden Ohren zum Prinzen, in dem Augenblicke, wo dieser sich zu Bette gelegt hatte.

Zum Unglücke für Herrn Auger war an diesem Abend Seine Königliche Hoheit übler Laune; sie hatten gegen den Herrn Herzog von Orleans, indem sie französische Pferde gemeinschaftlich mit englischen rennen ließ, zweitausend Louis d'or verloren; sie hatte eine Predigt vom König wegen ihrer Irreligiosität bekommen, und war von der Königin geschmäht worden, weil sie dem König den Rücken zugewandt.

An diesem Abend war es also kein lenksamer Prinz.

Auger wußte Alles dies, doch es stand Auger weder die Wahl der Stunde, noch die des Augenblicks zu.

Auger hatte nur vierzehn Tage verlangt, um zu reussiren; man war am siebzehnten, und zu Bette gehend hatte der Prinz gesagt:

»Seit acht Tagen habe ich nichts mehr von Herrn Auger gehört; man hole mir diesen Burschen, daß ich ihm die Ohren reibe.«

Der Lackei hätte sich bald außer Athem gelaufen; doch zehn Minuten, nachdem der Befehl gegeben war, befand sich Herr Auger im Vorzimmer des Grafen von Artois.

Als er vor Seiner Königlichen Hoheit erschien, bearbeitete der Prinz sein Kopfkissen mit gewaltigen Faustschlägen: er suchte einen Rücken, um sich in Athem zu setzen, wie Mercur.

»Ah! Herr Auger!« rief der Prinz, »sind Sie endlich da! das ist ein Glück, bei meiner Treue! Ich glaubte, Sie seien nach Amerika abgereist. Werde ich wenigstens von Ihrer Seite gute Chance haben?«

Auger antwortete mit einem traurigen, gedehnten Seufzer.

Der Prinz begriff.

»Was ist das?« fragte er; »Sie bringen mir also das Mädchen nicht?«

»Ach! Monseigneur,« antwortete der unglückliche Liebesbote, »leider, nein!«

»Ich bitte, warum nicht?«

»Weil alle Mißgeschicke der Welt über mich losgebrochen sind, Monseigneur.«

Hiernach erzählte Auger auf das Allerkläglichste die Mißgeschicke, die ihn betroffen hatten.

Der Prinz hörte ihn ohne das geringste Mitleid an. Auger war in Verzweiflung: keine Sympathie für so viel Unglücksfälle erschien auf dem Gesichte des Prinzen.

»Sie sind ein Dummkopf!« sagte Seine Hoheit, als die Erzählung beendigt war.

»Das ist wahr, Monseigneur,« erwiederte Auger sich verbeugend; »ich habe das schon längst bemerkt.«

»Doch es ist nicht Alles, daß Sie ein Dummkopf sind: Sie sind ein schlechter Diener.«

»Ach! was das betrifft, Hoheit . . .«

»Sie sind ein Schlingel!«

»Monseigneur!«

»Ein Erzschuft! . . . Wie! es ist nicht genug, daß Sie scheitern, Sie compromittiren auch noch meine Livree, welche ohnehin nicht sehr populär ist, dadurch, daß sie Stockschläge bekommt?«

»Aber, Monseigneur, das. ist nicht meine Schuld; es ist Verhängniß!«

»Wenn ich mir folgen wollte, würde ich Sie völlig desavouiren; ich sage mehr . . .«

»Oh! Monseigneur, Sie können nicht mehr sagen!«

»Doch, mein Herr! und im Falle, daß man Ihnen nachspüren sollte, ließe ich Sie henken.«

»Das wäre eine traurige Belohnung für die Mühe, die ich mir um Ihretwillen, Monseigneur, gegeben, und für das Uebel, das ich ausgestanden!«

»Ein schönes Uebel! eine große Mühe! ein kleines Mädchen, keine Unterstützung, keine Bekanntschaft und als Leibwache ein Sieche!«

»Diejenigen, welche auf die Schultern von mir und meinem Gefährten geschlagen haben, waren keine Siechen, Monseigneur.«

»Man wird einmal durchgeprügelt, ich gebe das zu; doch, alle Teufel! das ist ein Grund mehr, um seine Genugthuung zu nehmen.«

»Das war nichts Leichtes, Monseigneur: das ganze Quartier war unterrichtet.«

»Ein schöner Grund! wo die Stärke scheitert, bleibt die List.«

»Der alte Vater ist ein wahrer Fuchs, Monseigneur.«

»Man entledigt sich des Vaters.«

»Unmöglich! dieser Blattschmierer ist zugleich von Eisen und von Baumwolle.«

»Was verstehen Sie hierunter?«

»Von Eisen, um zu schlagen; von Baumwolle, um Schläge zu empfangen.«

»Man kirrt das Mädchen.«

»Um ein Mädchen zu kirren, Monseigneur, muß man es sprechen oder wenigstens sehen.«

»Nun?«

»Ganz unmöglich, es zu sehen oder zu sprechen, Monseigneur.«

»Sie haben also nicht die geringste Einbildungskraft,« rief wüthend der Prinz; »Sie sind also ein ungeschicktes, dummes Thier, ein einfacher Liebeshausknecht? Sie sind also nicht so viel werth als ein Savoyard? Sie sind unter einem Auvergnat? Ich wette, daß der Erste der Beste, den ich nehme, Herr Auger, daß der Commissionär von der Straßenecke die Sache, bei der Sie gescheitert sind, abmachen und zwar gut abmachen wird.«

»Ich möchte glauben, nein, Monseigneur.«

»Ei! mein Herr, wie machten es denn Bontems, Bachelier, Lebel, diese Helden? wie machte es der Kammerdiener des Regenten? wie machte es der Secretär von Herrn von Richelieu? Gibt es ein Beispiel, daß Bachelier oder Lebel, Bontems oder Raffe je eine Frau entkommen ist? War nicht Monceaur zur Zeit des Regenten da? der Hirschpark zur Zeit von Ludwig XV.? Unmöglich! unmöglich, mein Herr? . . . Ei! alle Teufel! das ist das erste Mal, daß ein König oder ein Prinz dieses Wort hört.«

»Monseigneur, wenn jedoch die Macht der Ereignisse . . .«

»Dummheit! Dummheit! Herr Auger, nichts bezwingt die Menschen: es sind die Menschen im Gegentheile, – ich spreche von den geschickten Menschen, wohlverstanden, – es sind die Menschen, welche die Ereignisse bezwingen! Teufel! ich habe die kleine Person gesehen, Herr Auger; ich bin in ihr Zimmer hinaufgegangen; und hätte die Wohnung nicht so stark nach Druckpapier und bestaubtem Schunde gerochen; wäre ich versichert gewesen, daß nicht ein Liebhaber in einem Schranke verborgen, bereit, Scandal zu machen; wäre ich mit einem Worte ein einfacher Officier von meinen Garden gewesen, statt ich selbst zu sein, so hatte ich die kleine Person, und ich ging nicht vor dem andern Morgen von ihr weg!. . . Ist das wahr, mein Herr?«

»Gewiß, Monseigneur.«

»Doch nein, ich bin einfältig genug, die Dinge als Prinz zu treiben! ich habe meinen Bontems, meinen Bachelier, meinen Lebel, den ich bezahle! und die Sache scheitert durch die Schuld von demjenigen, welcher sie sollte reussiren machen. . . Ich habe Unglück in der That, daß ich ein Prinz von Geblüt bin: der winzigste Schüler der Basoche würde mir ins Gesicht lachen, daß ich nicht über Mademoiselle Ingénue Rétif de la Bretonne zu siegen vermocht!«

»Ich bitte Monseigneur flehentlich . . .«

»Sie sind ein Schulfuchs, Herr Auger! gehen Sie in die Schule!«

»Aber, Monseigneur, Bachelier, Lebel, Bontems und alle die Männer, welche Eure Hoheit mir anzuführen die Gnade gehabt hat, alle diese Männer lebten in einer andern Zeit.«

»Ja, ich weiß es, mein Herr, in einer Zeit, wo die Prinzen so treue, so verständige, so geschickte Diener hatten, daß sie nur zu wünschen brauchten, um den eifrigsten Gehorsam zu finden.«

»Monseigneur, jene Zeit war die gute Zeit, doch heute sind die Tage schlecht.«

»In welcher Hinsicht war die Zeit, von der ich spreche, besser als die unsere? Reden Sie, mein Herr.«

»In der Hinsicht, daß Herr Bachelier Befehle in blanco, geheime Verhaftsbriefe in blanco hatte. . . wenn ich sage Herr Bachelier, so sage ich Herr Lebel, so sage ich Herr Bontems; sie befahlen allen Commissären von Paris, sie befahlen der Maréchaussée in der Provinz. Für den Herrn Herzog von Orleans Regenten gab es so viele vornehme Damen, daß er nicht bis zu den Bürgersfrauen herabstieg, und der gegenwärtige Herr Herzog von Orleans versorgt sich mit Pferden, Wagen und Maitressen in England.«

»Gut! und der Herr Herzog von Richelieu, als er jung war und den Prinzessinnen von Geblüt den Hof machte, trotz des Staatsoberhauptes, ihres Vaters? . . . Ist Mademoiselle Ingénue schwieriger zu erlangen, als Mademoiselle von Valois, und ist Herr Rétif de la Bretonne mächtiger, als Philipp von Orleans?«

»Ich wage es, Eurer Hoheit zu wiederholen, daß sich alle gute Traditionen verlieren; man muß sich, wie Herr Mercier sagt, einem Kataklysmos nähern; was einst als eine Gnade betrachtet wurde, wird heute eine Schande genannt. Wahrhaftig, Monseigneur, entschuldigen Sie, daß ich Ihnen solche Dinge sage, ich weiß nicht, ob es die Prinzen sind, welche gehen, oder die ehrlichen Frauen, welche kommen; doch man weicht heute vor Allem zurück, und zum Beweise dient, daß Eure Königliche Hoheit mir erklärt, wenn man die Räuber von Ingénue verfolge, werde sie mich überliefern, um gehenkt zu werden. Ist das ermuthigend, Monseigneur? Ah! man gebe mir einen geheimen Verhaftsbefehl, einen Einlaß in die Bastille für diesen Rétif de la Bretonne!. . . er hat das hundertmal verdient, und es wird ihm kein Unrecht widerfahren; man gebe mir ein Piquet Polizeiagenten, um diejenigen durchzuwalken, welche uns gewalkt haben, und ich garantiere Eurer Königlichen Hoheit, daß die Schöne, ehe zwei Tage vergehen, genommen sein wird; nur muß man hierzu weder den Lärmen, noch die Schläge fürchten; die Schläge, ich fürchte sie nicht, und ich habe sie muthig empfangen; doch vom Lärmen will Eure Königliche Hoheit nichts wissen.«

»Nein, gewiß nicht, das will ich nicht. Es ist ein schönes Verdienst, mich zu befriedigen, wenn Sie mich dabei ins Spiel bringen. Bei Gott! gebe ich Ihnen eine Armee, so ist es beinahe sicher, daß Sie Rétif bezwingen werden; gebe ich eine Anweisung, um vier Kanonen aus dem Invalidenhause zu nehmen, so scheint es mir wahrscheinlich, daß Sie die Thüre von Mademoiselle Ingénue sprengen werden; was ich aber verlange, verstehen Sie wohl? das ist Geschicklichkeit, Einbildungskraft, Diplomatie. Sie antworten mir, die Zeiten haben sich geändert; beim Teufel! das ist so, da ich Sie noch nicht für die Schmach, mit der Sie mich bedecken, an einen Ast habe aufhängen lassen. Sind solche Demoiselles schwieriger, als zur Zeit von Bachelier und Lebel, Teufel! so mußten Sie sich stärker als Lebel oder Bachelier zeigen, – das ist das Ganze! Ich höre alle Tage sagen, die Welt gehe vorwärts, das Jahrhundert mache Fortschritte, die Erleuchtung breite sich aus: , gehen Sie mit der Welt vorwärts, mein Herr! machen Sie Fortschritte mit dem Jahrhundert, und da die Erleuchtung sich ausbreitet, so sehen Sie klar!'

Auger wollte antworten, doch von seinem Zorne fortgerissen, war der Prinz so weit gegangen, daß er nicht zurückweichen konnte.

Der Graf von Artois richtete sich in seinem Bette auf, deutete mit einer kaiserlichen Geberde nach der Thüre und rief:

»Hinaus, mein Herr! hinaus!«

»Monseigneur,« erwiederte Auger sich verbeugend, »ich werde es ein andermal besser machen.«

»Durchaus nicht, Sie begreifen mich nicht: ich befehle Ihnen, zu gehen, um nicht wiederzukommen.«

»Wie, Monseigneur?«

»Ich will Ihre Dienste nicht mehr.«

»Wie! Eure Hoheit jagt mich fort?« rief Auger ganz verblüfft.

»Ja.«

»Ohne Motiv?«

»Wie, ohne Motiv?«

»Ich will sagen, ohne daß ich ein Unrecht begangen.«

»Es ist eines, zu scheitern, und dieses, Gott sei Dank! haben Sie gehabt!«

»Monseigneur, lassen Sie mich noch versuchen. . .«

»Nie.«

»Vielleicht werde ich eine List finden.«

»Unnöthig! Will ich dieses Mädchen, so werde ich es haben, doch durch einen Andern als Sie, mein Lieber; das wird das Mittel sein, Ihnen zu beweisen, daß Sie ein Esel sind. Gehen Sie!«

Der Prinz hatte diesmal als Gebieter gesprochen; es war also nichts zu erwiedern. Er zog eine Börse aus seinem Secretär, warf sie Auger zu, wandte sich nach dem Bettgange um, und hörte auf zu sprechen.

Einen Augenblick verwirrt durch das, was er einen schwarzen Undank nannte, hob Auger die Börse auf, ging ab und sagte dabei laut genug, daß es der Prinz hörte:

»Es ist gut, ich werde mich rächen!«

Da aber diese Drohung den Prinzen nicht berühren konnte, so drehte er sich nicht einmal um: er verschnaubte seinen Zorn oder er schnarchte.

Monseigneur der Graf von Artois hatte Unrecht, zu schnarchen; es gibt keinen kleinen Feind, nicht einmal für einen großen Prinzen.

Zeuge Madame Dubarry, die einen Augenblick eine größere Prinzessin war, als die Prinzessinnen von Geblüt, und die zum Feinde einen kleinen Neger hatte, der ihr denselben Kopf abschlagen ließ, an welchem sie spielend dieselbe Krone von Frankreich probiert hatte, die Maria Antoinette so großes Unglück bringen sollte!

XXVIII
Der Pfarrer Bonhomme

Man fragt sich ohne Zweifel , welche Art von Rache Herr Auger, ein elender Lackei, an Seiner Königlichen Hoheit Monseigneur dem Grafen von Artois, Prinzen von Geblüt, nehmen konnte.

Herr Auger verlor allerdings sein Vermögen und seine Zukunft, – da es zuweilen eine andere Zukunft als den Galgen für die Elenden von der Gattung von Herrn Auger gibt; – Herr Auger figurierte nicht mehr unter den Werkzeugen des Hofes: Herr Auger fand nicht mehr unter seinem Zahne das gar gebackene Brod der Knechtschaft, das so mächtige Reize für die feigen Herzen und die niedrigen Seelen hat.

Das sind, gestehen wir es, Beschwerden, die man nicht vergibt.

Der Herr Graf von Artois hätte dies bedenken müssen, ehe er sich einen Feind wie Herrn Auger machte; doch, wie gesagt, der Prinz hatte sich mit der unklugen Sorglosigkeit der Jugend gegen die Wand umgedreht und, statt zu überlegen, geschnarcht.

Unselige Gleichgültigkeit!. . . Die Zeiten ändern sich, und der mikroskopische Feind nimmt in gewissen Stunden die Verhältnisse des Riesen Mikromegas an.

Verweilen wir übrigens nicht bei einer Hauptinhaltsanzeige, welche dem Leser zu viel sagen könnte; die Rache von Herrn Auger wird aus der Erzählung hervorgehen, die man nun lesen soll.

Drei Tage nach dieser heftigen Scene zwischen dem Diener und dem Herrn erschien ein bleicher Mensch, mit verstörten Zügen, ohne Athem und ohne Kraft, beim Pfarrer des kleinen Kirchspiels Saint-Jacques-du-Chardonnet.

Es hatte ein Uhr Nachmittags geschlagen; es war ein glänzender Herbsttag, leuchtend wie das Lächeln eines Greises oder wie ein Sonnenuntergang.

Der Pfarrer hatte so eben sein Mittagessen beendigt. Er hatte alle Obliegenheiten seines Amtes verrichtet. Auf einer Rasenbank in seinem Garten sitzend, las er statt seines Breviers eine Brochure, die so eben erschienen war und von den Einen Herrn von Mirabeau, von Anderen Herrn Danton, von Anderen wieder Anderen zugeschrieben wurde.

Immerhin ist gewiß, daß die Schrift, wer auch ihr Verfasser sein mochte, äußerst patriotisch war.

Dieser würdige Pfarrer, ein Zögling der Menschenliebe des Jahrhunderts und gewiegt von der Port-Roval-Philosophie, übte einen Fantasiecultus, der noch nicht definirt war, aber sechzig Jahre später durch die Lehre des Abbé Chatel repräsentiert werden sollte; es war eine Mischung von Unglauben und Religion, einen revolutionären Glauben für den Gebrauch der redlichen Leute bildend: der gefährlichste von allen Glauben, weil er die Leute an Gott zu glauben dispensierte.

Doch der würdige Pfarrer betrachtete das nicht von so nahe; man lebte nicht mehr in der Zeit der Prälaten, welche zugleich die Uebung des Geistes und des Gewissens ad usum Ecclesiae coordinierten.

Vollgepfropft sowohl von patriotischen, als philosophischen Lecturen, respektierte unser würdiger Pfarrer Gott, bekümmerte sich aber unendlich viel mehr, als es der Papst gestattet hätte, um die zeitlichen Angelegenheiten Frankreichs. Das war sicherlich einer von den Geistlichen, welche vier Jahre später mit Begeisterung den Eid der Constitution leisteten und der Revolution aus ihren Wickelbändern hervorgehen halfen; ehrliche Utopisten, reine Herzen, vorwurfsfreie Verräther, welche an Händen und Füßen gebunden den Jacobinern den König und Gott überlieferten, wenn man Gott den Menschen überliefern konnte; einer von jenen Priestern, mit einem Worte, welche die Königin so verächtlich zurückwies, als sie das Schaffst erblickte, das ihr den Himmel bezeichnete.

Der Abbé Bonhomme, – ein vortrefflicher Name für einen christlichen Seelenhirten, – las also diese Brochure, als Mademoiselle Jacqueline, seine Dienerin, ihm in seinem Kärtchen rief, daß er dem bleichen, verstörten Manne antworte, von dem wir so eben gesprochen.

Der Abbé gab Befehl, diesen Mann zu ihm zu führen; vorläufig aber verbarg er seine Brochure unter einer Bank, in einem Resedenbusche.

Die Priester sind, wie die Aerzte, ein wenig Physiognomiker; man muß gestehen, daß man selbst in den guten Zeiten nicht zu ihnen geht, ohne ihrer zu bedürfen; so daß es ihre Gewohnheit und ihr Instinct ist, in Unruhe zu gerathen, wenn man sie angeht, welche Art von Dienst man auch von ihnen verlangen mag.

Nach dem Aeußeren dieses Mannes urtheilend, er gehöre zum dienenden Volke, und er sei sehr geängstigt, setzte sich der Pfarrer wieder auf seine Bank, hob seine mit einer großen Brille beladene Nase zu dem Unbekannten empor und fing damit an, daß er ihn in der Entfernung hielt, indem er folgende Worte an ihn richtete:

»Es ist gut, mein Herr . . . Was wollen Sie von mir?«

Der Mann blieb stehen; seine geheuchelte oder wirkliche Gemüthsbewegung war sichtbar; er drehte seinen Hut zwischen seinen zitternden Fingern hin und her.

»Ein schlimmes Gesicht!« murmelte der Abbé Bonhomme, »ein schlimmes Gesicht!«

Und er schaute, ob Demoiselle Jacqueline, seine Dienerin, nahe genug wäre, um seinen Ruf zu hören und darauf zu antworten.

Der Mann bemerkte, welche Wirkung er hervorbrachte, und nahm eine immer demüthigere Miene an.

»Herr Pfarrer,« stammelte er, »ich komme, um Ihnen eine Mittheilung im Vertrauen zu machen.«

»Ah!« dachte Bonhomme, »das ist ein Dieb, den man verfolgt . . . Schlimme Geschichte!«

»Mein Herr,« erwiederte er, »ein Priester ist kein Notar: er empfängt keine vertrauliche Mittheilungen, er hört Beichten.«

»Das ist gerade die Gunst, die ich von Ihnen zu erlangen wünsche, Herr Pfarrer. Wollen Sie mich Beichte hören?« fragte der bestürzte Mann.

»Die Pest über diesen Burschen!« sagte der Pfarrer in seinem Innern; »ich machte eine so gute Verdauung, als er kam . . .«

»Aber, mein lieber Herr,« fügte er laut bei, »eine Beichte ist immer etwas sehr Ernstes, und das macht sich nicht in einem Garten. Warten Sie also, bis ich in der Kirche, in meinem Beichtstuhle bin, und dann werden wir sehen . . .«

»In diesem Falle, Herr Pfarrer, erlauben Sie mir, Sie zu fragen, wann Sie in Ihrem Beichtstuhle sein werden?«

»Morgen, übermorgen . . .«

Der Unbekannte schüttelte den Kopf auf eine verzweifelte Art.

»Oh! ich werde nicht bis dahin warten,« sagte er.

»Das thut mir leid; doch ich habe über dieses Kapitel Regeln, die ich mir gemacht. Ich höre am Morgen, von acht Uhr bis Mittag Beichte, und nie später, wenn nicht große Dringlichkeit obwaltet.«

»Es ist zu spät, Herr Pfarrer! es ist zu spät! ich muß sogleich die Absolution haben . . .«

»Das begreife ich ganz und gar nicht,« erwiderte Bonhomme mit einer gewissen Bangigkeit.

»Es ist jedoch leicht zu begreifen: ich muß die Absolution haben, bevor ich sterbe.«

»Mein lieber Freund,« entgegnete der Pfarrer, »erlauben Sie mir, Ihnen zu bemerken, daß Sie entfernt nicht das Aussehen eines Mannes in Todesgefahr haben.«

Und er bewegte sich auf seinem Rasensitze hin und her, immer mehr beunruhigt über die Wendung, die diese Sache nahm.

»Das wird aber binnen einer Stunde geschehen sein, Herr Pfarrer.«

»Wie so?«

»Weil, nachdem ich die Absolution für mein Verbrechen erlangt habe . . .«

»Sie haben also ein Verbrechen begangen, und darum wollen Sie beichten?«

»Ein abscheuliches Verbrechen, Herr Pfarrer!«

»Ho! ho!« rief Bonhomme, dessen Bangigkeit mehr und mehr wuchs.

Und er sing an umherzuschauen, um, im Falle der Gefahr, seine Vertheidigungs- oder Fluchtmittel zu erkennen.

Der Mann fuhr fort, ohne daß es schien, als schenkte er den klugen Vorbereitungen, die der Pfarrer traf, eine Aufmerksamkeit:

»Ein Verbrechen, nach welchem ich nicht mehr leben kann, und für das ich wenigstens die Absolution eines Priesters haben muß, damit ich ruhiger vor Gott erscheine.«

»Ei!« erwiederte der Pfarrer, »Sie schlagen da einen unmöglichen Weg ein.«

»Warum?«

»Ich kann Sie nicht sich tödten lassen.«

»Oh! verhindern Sie mich doch! verhindern Sie mich doch!« rief der Mann mit einem Lächeln, das den Priester vor Schrecken in Eis verwandelte.

»Verhindere ich Sie nicht, so ist dies so, weil ich weniger stark bin, als der Teufel, von dem Sie besessen sind! Ich verstehe unter dem Teufel den bösen Geist; denn,« fügte er, so erschrocken er war, mit einem Lächeln bei, »Sie halten mich nicht für fähig, an den Teufel zu glauben, wie ein Geistlicher des Mittelalters, und die Schrift sagt doch: Diabolus; alle heilige Bücher nennen ihn; ich würde im Ganzen also nur meine Pflicht thun, wenn ich an den Teufel glaubte.«

»Sie ziehen es aber vor, nicht an ihn zu glauben!« sagte der Mann mit einer Sanftheit, welche nicht ganz von Ironie frei war.

»Man hat seine Ideen, mein Freund.«

»Gewiß, Herr Pfarrer, haben Sie die Ihrigen; ich, ich habe die meinigen, und besonders die, mich am Ende der Straße in die Seine zu stürzen, sobald ich absolviert sein werde.«

»Aber, mein lieber Herr,« entgegnete der Pfarrer, »ich kann Sie nicht absolvieren, wenn Sie solche Projecte haben: der Selbstmord ist eine Todsünde; Ihr Verlangen allein, sich zu tödten, constituirt diese Sünde: Sie können nicht zerstören, was Gott gemacht hat.«

»Sind Sie ganz sicher, daß es Gott ist, der mich gemacht hat, Herr Pfarrer?« fragte der Sünder mit jenem ironischen Zweifel, von dem er schon ein erstes Mal ein Zeichen gegeben hatte.

Der Pfarrer schaute denjenigen an, welcher ihn fragte, und antwortete sodann wie ein Mensch, dessen Verstand dem Glauben eine ungeheure Concession gewährt:

»Ich muß es glauben, wie ich an den Teufel glaube, da in der Schrift steht, Gott habe den Mann und das Weib gemacht . . . Ich wiederhole Ihnen also, wenn Sie sterben, so werden Sie im Stande der Todsünde sterben; was keine kleine Sache, besonders wenn, wie Sie sagen, Ihr Gewissen schon beladen ist.«

»Beladen, überladen, erdrückt, Herr Pfarrer! so daß ich diese Last nicht mehr ertragen kann, und daß Sie in mir einen Mann sehen, dessen sich die Verzweiflung ganz und gar bemächtigt hat.«

»Ah! ah!« sagte der Pfarrer, in dem die Menschenliebe erwachte und allmälig die Stelle der Furcht einnahm; »die Verzweiflung, das heilt sich.«

Oh! Herr Pfarrer, wenn Sie ein Mittel kennen, so bezeichnen Sie es mir.«

»Existirt das Mittel nicht, so gibt es wenigstens den Arzt. . . Ich bin dieser Arzt.«

»Oh! Herr Pfarrer!«

»An mich wenden sich die Seelen, wenn sie leiden.«

»Ich habe mich auch an Sie gewandt.«

»Seien Sie willkommen, mein Sohn.«

»Sie wollen mich also Beichte hören!«

»Ja,« antwortete der würdige Pfarrer.

Und er stand auf, um in die Kirche zu gehen.

Doch es war so mild, so warm, so schön, daß es Sünde gewesen wäre, diese gute Luft und diese reizenden Schatten zu verlassen. Der Garten sandte in der That seine Wohlgerüche und seine Kühle hinzu; der Nasensitz des Pfarrers hatte die behagliche Geschmeidigkeit angenommen, welche eine Gefälligkeit der leblosen Dinge gegen die Bedürfnisse des Leibes zu sein scheint.

Der Pfarrer, der schon halb aufgestanden war, sank, einen Seufzer ausstoßend, wieder auf seine Bank zurück und sprach dann:

»Ich habe sagen hören, Gott liebe die in seinem Angesichte, das heißt in freier Luft, unter freiem Himmel, vor seiner Natur gemachten Offenbarungen, und die Geheimnisse des Menschen kommen ihm besser durch die Wolken zu, als durch die steinernen Mauern einer Kathedrale.«

»Das ist auch meine Ansicht,« murmelte demüthig der Sünder.

»Nun wohl,« fuhr der Pfarrer sehr zufrieden fort, »es widerstrebt Ihnen also nicht, mir ins Ohr, hier, fern von allen Zeugen, zu erzählen, was Sie mir im Beichtstuhle erzählt hätten? Ihre Wunde ist schmerzlich, reizen wir sie nicht durch die Verrückung.«

»Gern,« erwiederte der Mann, der sich trefflich mit dem Vorschlage des Pfarrers zu vertragen schien, »muß ich niederknien, mein Vater?«

Der Pfarrer schlug die Augen auf, schaute umher, und sah an einem unteren Fenster seine Dienerin, welche dieser Scene mit Neugierde folgte.

Er machte seinen Bußfertigen auf sie aufmerksam.

»Nun wohl,« sagte dieser, der mit ihr bei seiner Einführung in den Garten Bekanntschaft gemacht hatte, »das ist Mademoiselle Jacqueline. . . ich kenne sie.«

»Ja? . . .« erwiederte der Pfarrer. »Nun wohl, Sie auf den Knieen sehend, würde sie nicht begreifen, und sie könnte kommen, was uns beengen müßte, während sie unser Gespräch so nur natürlich finden kann. Setzen Sie sich also zu mir und fangen Sie an.«

XXIX
Die Beichte

Der Unbekannte faltete die Stirne, machte einige Schmerzensgrimassen, und geberdete sich in verschiedenen Zuckungen.

Der Pfarrer, der nicht völlig beruhigt war, wich ein wenig zurück und fragte sodann:

»Vor Allem, wie heißen Sie, mein Freund?«

»Auger, Herr Pfarrer.«

»Auger,« wiederholte dieser maschinenmäßig; »was machen Sie?«

»Herr Pfarrer, ich bin oder ich war vielmehr im Dienste von Monseigneur dem Grafen von Artois.«

»In welcher Eigenschaft?« fragte der gute Pfarrer mit Erstaunen.

»In der Eigenschaft . . .«

Auger schien zu zögern.

»In der Eigenschaft eines Vertrauten,« fuhr er fort.

Das Erstaunen des Pfarrers nahm immer mehr zu, wie man leicht glauben wird.

»Nun wohl,« sagte er, »das ist aber eine herrliche Protection, mein Freund, und Sie könnten, wie mir scheint, in der Macht des Prinzen ein souveraines Mittel für Ihre Mißgeschicke finden, welche es auch sein mögen.«

»Ich glaubte Ihnen gesagt zu haben, Herr Pfarrer, ich gehöre nicht mehr dem Prinzen.«

»Er hat Sie also weggeschickt?«

»Nein, Herr Pfarrer, ich habe meinen Abschied genommen.«

»Warum?«

»Oh! weil mir die Art der Dienste, die ich zu thun genöthigt war, nicht angestanden hat . . . Man ist arm, doch man hat menschliche Gefühle.«

»Sie setzen mich in Erstaunen,« sprach mit Theilnahme der Pfarrer, indem er sich seinem Bußfertigen näherte. »Und welche Art von Diensten konnte denn der Herr Graf von Artois von Ihnen verlangen, daß Sie Bedenken hegten, ihm solche zu leisten?«

»Herr Pfarrer, Sie kennen den Grafen von Artois?«

»Als einen reizenden Prinzen, voll Geist und Biederkeit,« antwortete der Pfarrer.

»Ja, doch von ausschweifenden Sitten.«

»Aber . . .« versetzte der Pfarrer erröthend.

»Kurz, Sie wissen, was ich meine, nicht wahr?«

»Ich bin da, um Sie anzuhören, mein Sohn.«

Und der brave Mann hüllte sich in die Strenge des Beichtigers und schickte sich an, Dinge zu hören, für welche, wie er zu glauben anfing, die Dunkelheit der Kirche und der Schatten des Beichtstuhles nicht zu dicht gewesen wären.

»Ich war also,« fuhr Auger fort, »im Dienste des Herrn Grafen von Artois für seine Vergnügungen.«

»Ah! mein Sohn!«

»Mein Vater, ich habe Sie zum Voraus darauf aufmerksam gemacht: ich muß Ihnen zugleich schmähliche und entsetzliche Dinge sagen..«

»Warum haben Sie sich entschlossen, ein solches Gewerbe anzunehmen, mein Sohn?«

»Was wollen Sie? man muß leben.«

»Gut suchend,« bemerkte der Priester, »hätten Sie vielleicht bessere Existenzmittel gefunden.«

»Das habe ich mir auch gesagt, jedoch zu spät.«

»Wie lang sind Sie bei Seiner Königlichen Hoheit geblieben?«

»Drei Jahre.«

»Das war viel.«

»Endlich habe ich sie verlassen.«

»Sehr spät, wie Sie sagen.«

»Besser spät, als nie, mein Vater.«

»Sie haben Recht . . . Fahren Sie fort.«

»Ich wurde vom Prinzen beauftragt . . . Ah! mein Vater, hier packt mich die Scham an der Gurgel und erstickt mich.«

»Muth, mein Sohn!«

»Ich wurde vom Prinzen beauftragt . . . Ach! ich weiß nicht, wie ich eine solche Schändlichkeit einem würdigen Manne Ihrer Art erzählen soll.«

Der Priester bekreuzte sich.

»Ich wurde,« fuhr Auger fort, »ich wurde von Seiner Königlichen Hoheit beauftragt, ein Mädchen von diesem Quartier zu verführen.«

»Oh! mein Gott!« murmelte der Pfarrer mit einem sichtbaren Gefühle des Entsetzens.

»Ja, Herr Pfarrer, eine schöne, reizende junge Person, der Stolz und die Hoffnung ihres alten Vaters!«

»Unglücklicher! Unglücklicher!« murmelte der Priester.

»Sie sehen wohl, daß ich der Vergebung unwürdig bin!« sagte Auger.

»Nein, denn es ist keine Sünde so groß, daß sie nicht vergeben werden könnte; aber es ist gräßlich, einen solchen Auftrag angenommen zu haben!«

»Ach! ich schaudere auch! doch die Gewohnheit des Verbrechens verhärtet.«

»Und Sie haben das Unglück gehabt, zu reussiren?«

»Nein, Herr Pfarrer.«

Der Priester athmete.

»Hätte ich reussirt, – Seine Hoheit bezahlte mich theuer genug, daß es mir gelingen sollte, – hätte ich reussirt, so würde ich Ihnen nicht sagen: »»Ich werde mich tödten,«« nein, ich wäre schon todt!«

»Fahren Sie immer fort,« sprachen Priester.

»Sie willigen ein, mich anzuhören, mein Vater?«

»Ja, Sie interessiren mich,« erwiederte naiv der brave Mann. »Erzählen Sie weiter, mein Sohn. . . Bis jetzt sehe ich noch kein Verbrechen.«

»Sie sind sehr gut, Herr Pfarrer,« sprach der Sünder mit jener Nuance von Ironie, welche bei ihm Gewohnheit zu sein schien; »doch wir sind noch nicht beim Ende.«

Der Pfarrer schauerte.

»Großer Gott!« murmelte er, »was muß ich noch hören?«

»Ich nahm also den schändlichen Auftrag an, für das Vergnügen von Monseigneur das unschuldige Mädchen zu verführen, und ich schritt mit einer Art von Wuth zum Werke; denn es ist merkwürdig, zu sehen, wie die schlimmsten Handlungen, wenn man sie als Gewerbe ergriffen, Energie und Eifer denjenigen einflößen, welche sie vollführen.«

»Das ist wahr, man wäre ein zu tugendhafter Mensch, und man würde zweimal den Himmel verdienen, entwickelte man beim Gutes thun den vierten Theil der Entschlossenheit, die man beim Böse sthun anwendet.«

»Ein erstes Mal scheiterte ich.«

»Das Mädchen widerstand?«

»Nein, diesmal handelte es sich darum, den Vater selbst zu verführen.«

»Wie, den Vater verführen?«

»Ja, indem man ihn bestimmen würde, den Handel, seine Tochter zu verkaufen, anzunehmen.«

»Oh! Sie versuchten? . . .«

»Ja, Herr Pfarrer . . . Ich hoffe, das ist schon ein Verbrechen . . . nicht wahr?«

»Ist es nicht ganz und gar ein Verbrechen, so ist es wenigstens eine sehr schlimme Handlung,« antwortete der würdige Mann, traurig den Kopf schüttelnd.

Auger schien niedergeschmettert durch diese Kundgebung und seufzte tief.

»Zum Glücke schlug es der Vater aus,« sagte er, »Oh! er hatte Muth, denn ich bedrängte ihn gewaltig.«

»Wackerer Mann von einem Vater!« murmelte der Priester.

»Da beschloß ich, mich an die Tochter zu wenden.«

»Aergerliche Beharrlichkeit!«

»Glücklicher Weise wurden Briefe, Drohungen, Geschenke, Alles von ihr zurückgewiesen! Ich scheiterte unablässig und immer!«

»Das sind, bei meinem Worte, ehrliche Leute!« sagte der Priester. »Und wußten sie, daß Sie im Namen des Prinzen sprachen?«

»Sie wußten es, Herr Pfarrer.«

»Ich wundere mich, daß Sie diese Leute nicht geschont haben, da Sie dieselben so beharrlich in ihrer Redlichkeit sahen.«

»Verhärtet, Herr Pfarrer, ich war verhärtet, sage ich Ihnen!« rief Auger.

Und er schluchzte.

Der Priester hatte Mitleid mit diesem großen Schmerze, und um ihn zu besänftigen, sagte er:

»Das sind indessen keine unverzeihliche Verbrechen, und Ihre gute Gemüthsart übertreibt die Fehler.«

»Ei! Herr Pfarrer, Sie wissen also nicht, daß ich noch nicht beim Ende meiner Erzählung bin? . . . Ach! die Verbrechen haben auf sich warten lassen, doch sie werden sogleich kommen.«

Der Pfarrer horchte; er war auf Alles vorbereitet.

»Nun,« fuhr Auger fort, »nun kam der Augenblick, wo ich, nachdem ich mit der List und der Ueberredung gescheitert war, durch die Gewalt siegen wollte.«

Der Priester schaute ihn mit einer neuen Bangigkeit an.

»Ich beschloß, das Mädchen zu rauben.«

»Mein Gott!«

»Ich gewann für dieses Project einen von meinen Freunden, einen kräftigen, entschlossenen Mann, welcher einwilligte, sich des Vaters zu bemächtigen, während ich die Tochter entführen würde . . . Ah! Herr Pfarrer! Herr Pfarrer! der Angriff geschah. . .«

»Ein Hinterhalt?«

»Auf offener Straße! das Blut floß! . . .«

»Blut?«

»Der Angriff kostete einem Menschen das Leben. . .«

»Ein Mord?«

»Das ist das Verbrechen, Herr Pfarrer; das ist das gräuliche Attentat, dessen ich mich schuldig gemacht habe; und da die Gerechtigkeit der Menschen, die mich bis jetzt vergessen, sich erinnern kann; da ich nicht auf einem Schaffst sterben will, so bin ich entschlossen, Gott meine Seele anzubieten, – befreit, wie ich hoffe, durch die Absolution, die Sie mir in Berücksichtigung meiner Reue geben werden.«

Der Ausdruck von Auger war so pathetisch, seine stehenden Geberden hatten so viel Beredtsamkeit, seine Thränen bezeichneten solche Gewissensbisse, daß der würdige Pfarrer nicht mehr widerstehen konnte; es hatte ihn überdies das den reinen Menschen, welche sich in Gegenwart eines großen Verbrechers finden, natürliche Entsetzen ergriffen: er zitterte zugleich vor Angst und vor Mitleid.

»Sie haben den Vater ermordet? Ah! ah!« murmelte er.

»Oh! nein, Gott sei Dank!« erwiederte Auger ruhiger; »ich habe nicht gemordet!«

»Also ist es Ihr Freund, der gemordet hat?«

»Er auch nicht; im Gegentheile.«

»Der Vater ist aber doch das Opfer dieses Hinterhaltes geworden?«

»Nein, nicht der Vater.«

»Wer also denn? Erklären Sie sich.«

»Mein Freund, Herr Pfarrer! mein Freund, den ich angeworben hatte, um mich bei diesem unglücklichen Versuche zu unterstützen.«

»Ah!« sagte der Priester, wie um eine große Last erleichtert, »ah! nicht der arme Vater ist getödtet worden? . . . Ah! das ist ein bedeutender Unterschied: das Leben dieses unschuldigen Mannes wäre von sehr großem Gewichte unter den Inzichten gewesen, die sich gegen Sie vor dem Gerichte Gottes erheben werden. Doch erklären Sie mir, denn, wahrhaftig, ich begreife nicht . . .«

»Das ist gräßlich, Herr Pfarrer! Dieses Mädchen und ihr Vater sahen unsern Angriff vorher; sie ließen sich geleiten und vertheidigen. Mein Freund wurde bei dem Kampfe so schwer verwundet, daß er in Folge hiervon starb, und ich trage die Schuld dieses Todes, da er sich auf meinen Antrieb in die Sache eingelassen hat . . . Ja, ich bin der Mörder, Herr Pfarrer, der einzige, der wahre Mörder, ich, der ich den Unglücklichen gezwungen habe, den Kampf zu beginnen, ich, der ich das Verbrechen herausgefordert habe!«

Und indem er diese Worte sprach, überließ sich Auger auf der Bank des Pfarrers der heftigsten, der bezeichnendsten Pantomime.

Das war ein erschrecklich anzuschauender Schmerz.

Der Pfarrer war niedergeschmettert; er fühlte, was Alles Schändliches diese durch die Seufzer und die Thränen verstümmelte Erzählung enthielt; er beklagte das geschehene Böse, und mit einem redlichen Sinne und einer lobenswerthen Festigkeit des Herzens dankte er Gott, daß er noch mehr Unglück verhindert, als er gestattet habe.

Auger, der im Geiste des Pfarrers besser las, als der Pfarrer selbst, ließ ihn diese Berechnung machen, und geberdete sich fortwährend verzweiflungsvoll.

Der Pfarrer unterbrach ihn und sagte:

»Ihr Schmerz ist begreiflich, und dennoch gestehe ich Ihnen, daß ich Sie minder strafbar finde, als ich befürchtete.«

»Ah!« rief Auger mit tiefem Ausdrucke, »sagen Sie mir auch die Wahrheit, mein Vater?«

»Ich spreche zu Ihnen im Namen des Herrn, mein Sohn, und wie es der Herr selbst thun würde.«

»Ist das möglich, und hätte ich das Glück, daß für mich noch Barmherzigkeit auf dieser Welt wäre?«

»Gott bietet Ihnen, wenn nicht die volle Verzeihung, doch wenigstens den Trost an. Doch ich habe Sie noch zu befragen.«

»Ah! Sie wissen Alles, mein Vater!«

»Außer dem Ende dieses Abenteuers.«

»Nun wohl, nach dem Tode meines Kameraden öffneten sich mir sogleich die Augen: ich lief zum Herrn Grafen von Artois, und statt die neuen Mittel anzunehmen, die er zu meiner Verfügung stellte, brach ich mit ihm und forderte meinen Abschied.«

»Das ist gut! das ist gut!« rief der Priester in seiner Naivität, »obgleich es gefährlich ist!«

»Ah! für einen Menschen, der zu sterben resigniert ist, bleibt nichts gefährlich, mein Vater! In der That, was kann mir Schlimmeres widerfahren, als der Tod? Die Schande! nun wohl, der Selbstmord, zu dem ich entschlossen bin, erspart mir sie, und Ihre Absolution wird mich denselben muthig erdulden lassen.«

»Sie wissen, daß ich Ihnen die Absolution in dem Falle, daß ich sie geben zu müssen glaube, nur gegen ein förmliches Versprechen, gegen einen heiligen Eid, sich nicht an Ihrem Leben zu vergreifen, geben werde.«

Auger schrie auf, seufzte, krümmte sich, und suchte fortwährend den Pfarrer zu überreden, es sei nie ein reumüthigerer Christ vor dem Bußgerichte erschienen.

Er trieb die Schmähungen, die er an sich richtete, und die Schläge, die er sich auf die Brust gab, so weit, daß der gute Pfarrer, ernst geworden und sich als Märtyrer der Wahrheit hervorstellend, keinen Anstand nahm, zu ihm zu sagen:

»Mein Sohn, der wahre Verbrecher bei dieser Sache sind nicht Sie.«

»Wer ist es denn?« fragte Auger mit einem äußerst geschickt gespielten Erstaunen.

»Es ist der Prinz, der Sie antrieb. Der Prinz hat sie, seine Rolle vergessend, – denn die Prinzen haben eine Obliegenheit für die Seelen, – in das Verbrechen gestürzt, um eine Zerstreuung mehr zu haben! Jede Laune der Großen kostet uns, uns Kleinen, entweder ein Theilchen von unserer Ehre, oder ein Krümchen von unserer Glückseligkeit: sie mästen sich mit unserem Blute und löschen sich den Durst mit unseren Thränen . . . O mein Gott!« fuhr er fort, den Herrn in dem allgemein zu jener Zeit angenommenen Style anredend, für welchen Rousseau den Geschmack gegeben hatte, »o mein Gott! hast Du denn die mächtigen Menschen nur gemacht, um die Schwachen zu verschlingen? o mein Gott! wann wird denn der trotz der Verheißungen Deines Sohnes so lange ersehnte Tag kommen, wo die Schwachen durch die Starken beschützt sein werden?«

Hierauf schwieg er, obgleich fortgerissen durch seine Gemüthsbewegung, weil der wackere Pfarrer, so sehr er auch Patriot war, sich nicht zu stark compromittiren wollte; denn hätte am Ende der Herr Graf von Artois diese große Strenge erfahren, so konnte er ihm bedeutend beim Tribunal der Pfründen schaden.

Gestehen wir indessen, daß er seine Priesterpflicht, und zwar viel besser, als viele Andere, gethan hatte.

»Auf, auf!« sprach er zu Auger, »weinen Sie nicht mehr! Ihre Schuld ist ungeheuer, doch Ihre Reue ist so groß, daß Sie mich gerührt haben . . .

Fahren Sie fort zu bereuen, und darum fahren Sie auch fort zu leben. Die Reue mehrerer Jahre tilgt in den Augen Gottes die Schuld eines Tages.«

»Hoffen Sie das, mein Vater?«

»Ja, ja, mein Sohn! und nicht von Ihnen wird man die größte Rechenschaft über das, was vorgefallen ist, fordern, sondern vom Anstifter, vom Prinzen. Glauben Sie also mir, Ihr Gewissen darf höchstens mit einem Drittel des Verbrechens belastet sein.«

Durch diesen bewunderungswürdigen Vorschlag, der die schwerste Last von seinem Gewissen nahm, gelang es dem Pfarrer Bonhomme, die Augen von Auger zu trocknen.

Doch er täuschte sich, wenn er am Ende zu sein glaubte, und Auger hatte noch nicht seine ganze Komödie gespielt. .

Dieser rief auch, zu seinem Ausgangspunkte zurückkehrend, und als ob nichts vorgefallen wäre:

»Nein, ganz entschieden, Herr Pfarrer, – je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr sehe ich, es ist unmöglich, daß ich fortlebe.«

»Und warum, mein Gott?« rief der Pfarrer, der nicht die Kraft in sich fühlte, den Kampf wieder zu beginnen.

»Oh! es kommt mir ein Gedanke, ein schrecklicher, gräßlicher Gedanke, der mir fortan weder bei Tage, noch bei Nacht Ruhe lassen wird.«

»Was für ein Gedanke ist denn das? Lassen Sie hören.«

»Quitt gegen Gott, oder beinahe quitt durch die Büßung meines Verbrechens, konnte ich mich wieder erfreuen, wenn ich die Erde verließ; bleibe ich aber hier. . .«

»Nun?«

»Dann habe ich die Vergebung von denjenigen, welche ich beleidigt, zu erlangen. Glauben Sie denn, ich könnte ruhig schlafen, so lange das Bild dieses beschimpften Mädchens und dieses beleidigten, bedrohten Vaters um Rache schreiend in meiner Erinnerung bleiben wird?«

»Beruhigen Sie sich, mein Sohn!«

»Wie soll ich mich beruhigen,« rief Auger mit einer wachsenden Aufregung, »während es mir scheint, ich höre sie mir mein Verbrechen vorwerfen? ich soll mich beruhigen, während ich alle Tage dem ausgesetzt bin, daß ich ihnen auf der Straße begegne, daß ich mit den Ellenbogen an sie stoße, daß ich ihre Stimme höre?. . . Oh! mich beruhigen, nein, nein, nie!«

»Ah! um Gotteswillen,« rief der Pfarrer Bonhomme, »seien Sie vernünftig, oder bei meiner Treue, ich nehme meine Absolution zurück.«

»Aber,« versetzte Auger, »nicht wahr, Sie begreifen mich, mein Vater? Die Opfer meiner schwarzen Bosheit wohnen in diesem Quartier; sie wohnen zwei Schritte von hier; gehe ich von Ihnen weg, so bin ich der Gefahr ausgesetzt, ihnen zu begegnen.«

»Lassen Sie hören, kenne ich sie?«

»Dem Namen nach? Ah! gewiß, Herr Pfarrer.«

»Wer ist es?«

»Das Mädchen heißt Ingénue; der Vater heißt Rétif de la Bretonne.«

»Wie! Rétif de la Bretonne, der Romanenschreiber, der Tagblattschmierer?«

»Mein Gott, ja, mein Vater,« antwortete Auger.

»Der Verfasser des Pornographe, der Paysanne pervertie, dieser gefährlichen Bücher . . .?«

»Ganz richtig.«

»Ah! ah!« machte der Priester.

Diese ah! ah! hörend und zu ihrem richtigen Werthe schätzend, bemerkte Auger, wie viel der Name der Opfer ihrer Sache an Interesse in den Augen des guten Pfarrers benommen hatte.

»Und dennoch,« murmelte der Pfarrer, wie genöthigt, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wem sie gebührte, »er hat muthig widerstanden! ich hätte es, bei meiner Treue, nicht geglaubt, da ich gesehen, welche Moral er in seinen Romanen bekennt.«

»Nun wohl, ja,« erwiederte Auger, »das ist unglaublich, und dennoch muß ich es glauben; die Tochter ist ein Muster von Reinheit, der Vater ein Typus von Ehre; die Achtung dieser wackeren Leute ist mir noch unentbehrlicher als das Leben, Herr Pfarrer . . . Ja, ohne ihre Achtung kann ich mich offenbar nicht entschließen, zu leben.«

Und immer weicher werdend, sing Auger an heiße Thränen zu weinen.

Der Pfarrer schaute ihn mit einer verlegenen Miene an, welche besagen wollte: »Was Teufels kann ich hierbei thun?«

»Mein Gott!« rief Auger, »gibt es denn kein Mittel, meinen Frieden mit diesen braven Leuten zu unterhandeln, und werde ich mit ihrem Grolle beladen bleiben? eine schwere Bürde, mein Vater! eine schwere Bürde, die mich erdrücken wird.«

»Lassen Sie hören,« fragte der Pfarrer, »was ist im Ganzen Ihre Absicht? Sagen Sie, mein Sohn, haben Sie ihnen eine Genugthuung anzubieten?«

»Oh! jede, die sie haben wollen! doch ich bin ein so elendes Wesen, daß ich Grauen bei ihnen erregen muß!. . . hätte ich wenigstens die Hoffnung. . .!«

Auger hielt zögernd inne.

1.Cornel.
2.Nein, das ganze Weltall kann nichts sehen,
  was der äußern Herrlichkeit des Palais-Cardinal gliche;
  eine ganze Stadt, mit Pracht gebaut,
  scheint ans einem alten Graben durch Wunder hervorgegangen zu sein
  und läßt uns nach ihren kostbaren Dächern denken,
  alle ihre Einwohner seien Götter oder Könige.
3.Gemahlin von Ludwig XV.
4.Ein unübersetzbarer Calembour: cherchant des loataires, Miethsleute suchend, und cherchant des loques à terre, Fetzen auf der Erde suchend.
5.Diese hölzerne Galerie wurde durch eine steinerne ersetzt.
6.Oh! fürchte nicht, ich vergesse ihn,
  den Tag, den seligen Augenblick,
  wo wir, von Liebe trunken,
  Beide, ohne zu wissen, wie,
  uns in einer raschen Aufwallung
  voll Zärtlichkeit uns unser ganzes
  Leben lang zu lieben schworen.
7.Du, deren Bild in meinem Herzen eingegraben ist,
  Du, die Du meinen ersten Gedanken,
  die ersten Laute, die mein Mund gebildet,
  die ersten Tritte, die ich der Erde eingedrückt,
  empfingst, unter einem anderen Himmel
  eine andere Welt suchend, sah ich Dein
  Schiff in die Ferne auf der Woge fliehen.
  Welche Klagen folgten meinem Abschied!
  Wie viel Thränen entflossen meinen Augen!
  Wie liebe ich noch nach einer Abwesenheit
  von fünfzehn Jahren dieses Col (Name eines Schlosses, das Herrn Desforges, einem reichen Pflanzer der Insel Bourbon, gehörte.),
  den Zeugen der Spiele meiner Kindheit!
8.In der treuen Freundschaft mehr noch als in der Liebe liebte mein Herz Alles, was es liebte, mehr als einen Tag.
9.Ja, es ist entschieden, ich verlasse Paris; hier sein Haupt bekränzend, verwandle ein liebenswürdig .Volk das Jahr in einen langen Festtag; ich reise ab! Wo sind meine Matrosen? Kommt, besteigt das Schiff und durchfurcht die Wogen; dem sanften Zephyr überlaßt das Segel und befragt den Stern von Venus!
10.Hier liegt Azor, geliebt von meiner Sylvie;
  er hatte denselben Hang wie Sie, Herr Damon:
  er hat sein Leben mit dem Beißen zugebracht;
  an einem Stockstreiche ist er gestorben!
11.Im edlen Gasthause zum Ungeziefer
  wohnt man sehr reinlich!
  Rivarol besorgt dort die Küche
  und Champcenetz die Wohnung.
12.Der Hof hat Deine Talente ausgepfiffen;
  Paris klatscht Deinen Wunderwerken Beifall.
  Grétry, die Ohren der Großen
  sind oft große Ohren!
13.Marius wurde am Ende seines Lebens Trinker, um die Gewissensangst zu betäuben, und das brachte ihm den Tod, D. Uebers.
14.Es sind drei Thüren an dieser Höhle:
  die Hoffnung, die Schande, der Tod;
  durch die erste tritt man ein,
  durch die zwei andern geht man hinaus.
15.Um dadurch die Frösche zum Schweigen zu bringen. D. Uebers.
16.Die Rectoren der Universität hatten den Titel Vetter des Königs.
17.Das Wortspiel mit maitre, Lehrer oder Herr, läßt sich nicht übersetzen.
18.Nicht die Geburt, die Kleidung allein macht den Unterschied.
19.Verfasser der scandalösesten Romane, welche die erotische Literatur Frankreichs geliefert hat.
20.Ingénue, treuherzig.
21.ein Papierfabrikant.
22.Le spectateur nocturne.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
04 aralık 2019
Hacim:
700 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain

Benzer kitaplar