Kitabı oku: «Jacquot Ohnohr»
Einleitung
Es ist die Geschichte des Meutenführers eines Bojaren, vielleicht des letzten Repräsentanten der alten moskowitischen Sitten aus der Zeit Peter des Großen und Biren's, die ich erzählen will.
Freilich wird in meiner Erzählung ein wenig mehr von dem Herrn und der Dame, als von dem Diener die Rede sein, und meine Geschichte könnte ebenso gut »Die Prinzessin Varvara« oder »Der Fürst Grubenski«, als »Jacquot Ohnohr« betitelt sein; aber was will man sagen, zu einer Zeit, wo man sich eher damit beschäftigt, den Titel eines Romans oder eines Drama's zu suchen, als man den Gegenstand sucht, und wo der Titel die beste Gewähr für den Erfolg leistet, scheint mir Jacquot Ohnohr Alles, was von Originalität erforderlich ist, zu enthalten, um die Neugierde der Leser zu erregen.
Ich werde also bei Jacquot Ohnohr bleiben.
Ich hatte oft in St. Petersburg, in Moskau und besonders in Nichney-Nowgorod von dem Fürsten Alexis Iwanowitsch Grubenski sprechen hören; man erwähnte von ihm die unglaublichsten Uebertriebenheiten; aber diese Uebertriebenheiten, die den am meisten entwickelten englischen Humor weit hinter sich gelassen hätten, wurden selbst hinsichtlich des Burlesken, ich weiß nicht von welchem düsteren Gewölk verdunkelt, welches über diesem fremdartigen Dasein schwebte. Man fühlte, daß, obgleich von der Zeit und von den Anstrengungen derjenigen, welche ein Interesse dabei hatten, ihn ganz verschwinden zu lassen, zur Hälfte ausgelöscht, an dem Leben des Letzten der Bojaren, wie man ihn allgemein in dem Gouvernement von Nichney-Nowgorod nannte, einer von jenen dunkelrothen Flecken haftete, der, gleich denjenigen, die man auf dem Fußboden in der Hirschgalerie in Fontainebleau und des königlichen Cabinets zu Blois zeigt, vergossenes Blut verräth.
Ueberall hat man mir gesagt:
»Wenn Sie sich zufällig in Makarieff aufhalten sollten, so vergessen Sie nicht, dem Kloster gegenüber auf der anderen Seite der Wolga die Ruinen des Schlosses Grubenski zu besuchen. Besonders,« fügte man hinzu, »vergessen Sie nicht, sich die Galerie der Portraits zeigen zu lassen.«
Nur die, welche mit mir gereist sind, können meine Beharrlichkeit unter solchen Umständen schätzen; wenn ich irgendwo eine Sage, eine Ueberlieferung, eine Chronik wittere, so kann keine Einwendung, keine Bitte, kein Widerspruch etwas machen; wenn ich einmal die Spur gefunden habe, verfolge ich sie auch bis zu Ende.
Auch hatte mir der Capitain des Dampfboots, welches mich von Nichney nach Kasan fahren sollte, versprechen müssen, nicht zu verfehlen, in Makarieff anzuhalten, möchte er es nun bei Tage oder bei Nacht passieren.
In der That, sobald man, ich will nicht sagen Makarieff – man sieht Makarieff nicht über der Wolga – sondern die ausgezackten Mauern des alten Klosters, welches bis an das Ufer des Flusses vortritt, aus der Ferne erblickte, kam der Capitain, seinem Versprechen getreu, und sagte:
»Monsieur Dumas, bereiten. Sie sich vor, wenn es noch Ihre Absicht ist, in Makarieff auszusteigen; in zehn Minuten werden wir dort sein.«
Zehn Minuten später waren wir in der That dort, und auf das Zeichen, welches ich ihm gab, stieß ein Boot vom linken Ufer der Wolga ab und kam, mich von dem Dampfboot abzuholen.
Darauf bemerkte ich, daß ein junger russischer Officier, mit welchem ich während unserer Flußfahrt einige Worte gewechselt hatte, dieselben Vorbereitungen wie ich machte.
»Steigen Sie vielleicht auch in Makarieff aus, mein Herr?« fragte ich ihn.
»Ach! ja, mein Herr; ich stehe dort in Garnison.«
»Dieses Ach! ist wenig schmeichelhaft für Makarieff.«
»Es ist ein abscheuliches Loch, und es wundert mich, daß Sie dort aussteigen, da Sie nicht dazu gezwungen sind. Was Teufel haben Sie in Makarieff zu thun?«
»Zwei sehr wichtige Dinge: ich will dort einen Koffer kaufen und das Schloß Grubenski besuchen; und ich gestehe Ihnen, als ich sah, daß Sie Ihr Gepäck in Bereitschaft brachten, freute ich mich über das, was Sie in Verzweiflung setzte. Indem ich Ihre ganze Höflichkeit schätzte, sagte ich mir: Da ist ein Führer, wie gefunden für meinen Einkauf und für meinen Besuch!«
»Was das betrifft,« entgegnete mir der junge Offizier, »da haben Sie sich nicht getäuscht, und ich werde Ihnen dankbar sein, wenn Sie über mich verfügen wollen. Die Zerstreuungen in Makarieff sind selten; Sie bieten mir die Ihrer Gesellschaft an, und ich nehme sie von ganzem Herzen an. Es ist der Honig, womit man den Rand eines Gefäßes bestreicht, worin man den Kindern eine Arznei giebt. Jetzt lassen Sie mich einige Bedingungen stellen.«
»Thun Sie es, ich nehme sie zum voraus an.«
»Sie begreifen, daß Niemand mehr in Makarieff anhält, seitdem die Messe von Makarieff nach Nichney-Nowgorod verlegt worden ist.«
»Außer Denen, die dort einen Koffer kaufen und das Schloß Grubenski besuchen wollen.«
»Ja, aber die sind selten. Es ist keine Herberge mehr in Makarieff, oder wenn noch eine da ist, so ist sie schlimmer, als wenn gar keine da wäre.«
»Ah! da sehe ich, wohin Sie kommen wollen: Sie wollen mir Kost und Wohnung anbieten; ich bin in Rußland schon an diese Art gewöhnt.«
»Gerade so.«
»Ein Anderer würde Umstände machen; ich nehme es an.«
Und ich reichte ihm die Hand.
»Ah! meiner Treu,« sagte er, »ich ließ mir nicht träumen, daß ich ein solches Glück haben würde. Steigen Sie also aus, ich bitte Sie.«
Und in der That legte das Boot, welches uns ans Land bringen sollte, an das Fahrzeug an.
Ich sagte dem Capitain des Dampfschiffes und den wenigen Personen, mit welchen ich während der dreitägigen Fahrt auf der Wolga Bekanntschaft gemacht hatte, Lebewohl und nahm meinen Platz in dem Boote ein.
Mein junger Capitain folgte mir.
»Ah! Sie sind es, Herr Graf!« sagte der Bootsmann zu ihm, als er ihn erkannte; »der Wagen erwartet Sie seit gestern Abend.«
»Ja,« sagte der junge Mann, »ich glaubte gestern anzukommen; aber diese elenden Dampfboote gehen wie Schildkröten. – Und es geht. Alles gut in Makarieff?«
»Gott sei Dank, Herr Graf, Alles geht gut.«
»Ich hoffe, er würde sagen, das Feuer habe die Stadt niedergebrannt und die Garnison sei nach St. Petersburg gerufen oder wenigstens nach Kasan versetzt worden. Es ist Nichts damit; unterwerfen wir uns dem Willen Gottes!«
Und der Graf stieß einen so ernstlichen Seufzer aus, – als hätte er wirklich gehofft, daß die Stadt niedergebrannt sein möchte.
Ein Wagen und ein Bedienter in französischer Livrée erwarteten uns am Ufer des Flusses. Es war keine Droschke, sondern ein eleganter amerikanischer Wagen.
Dieser Anblick gewährte mir eine große Hoffnung: nämlich, daß ich in dem Zimmer, welches mein Wirth mir anbieten würde, ein Bett und eine Waschschale finden dürfte, zwei Dinge, die ich seit meiner Abreise aus Moskau niemals vereint gefunden.
Ich hatte mich nicht getäuscht: das Haus des Grafen Vaninkoff – das war der Name meines jungen Officiers – war nach französischer Mode möbliert und ich fand ungefähr eine Wert von der Wolga mein pariser Schlafzimmer.
Der Thee erwartete uns – zum Glück ächter russischer Thee, schmackhaft und duftend und überdies nach allen Regeln der Wissenschaft bereitet, die sich ein moskowitischer Kammerdiener hinsichtlich des Theé's angeeignet.
Indem wir unsere Gläser leerten – in Rußland wird der Thee aus Gläsern getrunken und nur die Damen haben Auspruch an Tassen – indem wir unsere Gläser leerten, verabredeten wir, daß der Ausflug nach dem Schlosse Grubenski am folgendem Tage nach dem Frühstück gemacht werden solle.
Schon am Abend wurden Befehle ertheilt, daß zwischen zehn und elf Uhr Morgens ein Boot zu unserer Verfügung stehen solle. Ueberdies wollten der Graf Vaninkoff und ich vor dem Frühstück einen Besuch in den zwei oder drei am besten assortierten Koffermagazinen machen.
Um neun Uhr war der Graf auf und wir durcheilten zusammen, natürlich im Wagen, die Stadt; denn als ächter russischer Edelmann machte unser junger Officier, wenn er nicht dazu gezwungen wurde, keine hundert Schritte zu Fuß.
Ich kaufte zwei Koffer. Es versteht sich von selbst, daß mein Wirth nicht gestattete, daß ich sie bezahlte. Was will man sagen? Es ist die Landessitte – man muß sich darein fügen.
Nach einem vortrefflichen Frühstück – der Graf hatte einen französischen Koch – stiegen wir wieder in den Wagen, dann in die Barke und fuhren über die Wolga.
Auf der anderen Seite warteten unser zwei Pferde, die von zwei Bedienten gehalten wurden. Es war ein Berg, so hoch wie der Montmartre, zu übersteigen, und es war eine zu große Anstrengung für einen dieser Männer, welche die Gipfel des Kaukasus auf Wegen erklimmen, die nur den Gemsen und den Steinböcken allein bekannt sind, wenn es sich darum handelt, Schamyl unter den Wolken oder in der Tiefe seiner Abgründe zu bekämpfen.
Wir schwangen uns in den Sattel, und zehn Minuten später hatten wir die Ruinen des Schlosses Grubenski vor uns. Es war ein glänzendes Gebäude, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts nach den Plänen des berühmten Baumeisters Rastrelli errichtet, der den Winterpalast in St. Petersburg und den Palast Tzaritzina in der Nähe von Moskau erbaut hat. Seit dreißig oder vierzig Jahren verlassen, hat er das Schicksal aller verlassenen Dinge gehabt, das heißt, außer einigen Dienstgebäuden, einer Galerie und einem Pavillon ist er in Ruinen zerfallen. Am Fuße desselben ist, gerade seitdem sich das Leben von ihm zurückgezogen, eine Art Uferdorf Namens Niskevo entstanden, und von der Höhe des Berges scheint das Schloß aus der alten Zeit einen düsteren Blick auf die junge Thätigkeit dieses erst gestern geborenen Kindes zu werfen.
Freilich, wenn das Gespenst von Granit seine Augen weiter sendet und nach der Seite der Wolga hinblickt, begegnet es dem Kloster Makarieff, und in der Nacht, wenn Alles um sie her schläft, können die beiden Greise mit Hilfe des Windes sich geheimnißvoll über die Vergänglichkeit der irdischen Dinge mit einander unterreden, indem das Schloß die Zeit beklagt, wo seine Salons, seine Pavillons, eine Galerien von Licht funkelten und mit Gästen angefüllt waren, die das Geräusch ihrer Gesänge, das Klirren der Gläser und die Töne der Instrumente des Festes dem Echo preisgaben, während das Kloster die Zeit der priesterlichen Feierlichkeiten bedauert, wo es zu sechzig Dörfern, seinen Vasallen, mit der Stimme seiner zwölf Glocken und den Gesängen feiner zweihundert Mönche sprach.
Gegenwärtig bewohnen nur noch zwölf Mönche das Kloster. Das Schloß, welches das Geschlecht seiner berühmten Herren hat erlöschen sehen, gehört jetzt dem Zollpächter, Herrn Kirdiapine, dessen Vater ehemals dritter Kellner in der ersten Herberge von Makarieff war, als Makarieff Herbergen hatte, oder vielmehr, als Makarieff eine Messe hatte.
Wir waren von Makarieff zum Flusse gekommen, wir waren vom rechten Ufer zum linken Ufer der Wolga hinübergesetzt, wir hatten den Berg erstiegen, der zu den Ruinen führt, doch hatten wir nur den leichtesten Theil unserer Pilgerschaft zurückgelegt.
Es blieb noch übrig, uns die Schlüssel zu dem Schlosse zu verschaffen.
In der That hatten die zwei oder drei Diener, welchen die Bewachung dieser ehrwürdigen Ruinen anvertraut war, nicht denken können, daß Jemand den Einfall haben würde, sie zu besuchen, da sie nicht fürchteten, daß irgend eine schwarze Bande die zerstören werde, und nicht ohne Grund gemeint, daß sie sich wohl auf einige Zeit entfernen könnten, um ihre Dienste den Schiffscapitainen als Auslader und Lastträger anzubieten, indem ihnen diese Industrie die doppelte Erholung gewährte, jeden Tag in Gesellschaft und an demselben Tische den Genuß von einem oder zwei Gläsern Thee mit Zucker zu haben, welchen Luxus die Leute von der niederen Classe in Rußland am meisten schätzen.
An diesem Tage hatten sie begonnen, wie sie hätten enden sollen, und obgleich es kaum Mittag war, befanden sich meine drei Burschen schon im Wirthshause. Der eine von ihnen willigte ein, sich in Folge des Versprechens von zwanzig Kopeken, die der Kammerdiener des Grafen ihm in unserem Namen zuzusichern das Recht zu haben glaubte, stören zu lassen, und stieg mit den Schlüsseln hinauf.
Das Aufsuchen und die Unterhandlung hatte beinahe eine Stunde gewährt. Uebrigens hatten wir unsere Zeit nicht verloren; durch eine Bresche waren wir in die Gärten eingedrungen, die ehemals zu dem Schlosse gehörten, und wahrscheinlich auch jetzt dazu gehören. Sie bildeten einen ungeheuren Park, der sich zwei Werten weit auf der Höhe des Berges erstreckte und der am Ende dem Abhange folgend bis zur Wolga hinunterging. Aber dort war das Werk der Zeit, im Gegentheil zu dem Zerstörungswerke, gegen die Gebäude ausgeübt, wohlthätig und malerisch gewesen; sich selber überlassen, waren die Bäume zu einer riesenhaften Entwickelung gelangt, wo sie einzeln standen, und wunderbar verwachsen, wo sie vereint waren. Da waren Lindenalleen, die unter der Regierung der Kaiserin Elisabeth gepflanzt sein mußten, und die für die Strahlen der Sonne so undurchdringlich waren, daß es schien, sobald man in diese Alleen eintrat, als wäre man in das Innere der Bergwerke hinuntergestiegen, und als verfolge man einen jener Gänge in den Eingeweiden des Uralgebirges.
An einigen Stellen, wenn man aus diesen Alleen hervorkam, oder in der Mitte von Rasenplätzen, die von hohem Grase und Dornen überwachsen waren, erblickte man steinerne Fußgestelle, auf welchen sich ehemals Statuen, Meisterwerke oder wenigstens Copien von Meisterwerken des Alterthums erhoben. Auf einem dieser Fußgestelle fanden wir noch die Buchstaben JOV… OMNIPOT… und auf einem anderen die Inschrift: Venus und Adonis.
Als wir aus der Hauptallee kamen und uns links wendeten, kamen wir zu dem tiefen und jetzt beinahe ausgetrockneten Bette eines künstlichen Baches; in der Tiefe floß noch ein schwacher Strom von klarem Wasser aus einer benachbarten Quelle, die wir nur mit aller Mühe auffinden konnten, so sehr war sie von hohem Grase überwachen. Dieser Bach war aller Wahrscheinlichkeit nach ehemals der größte Schmuck des Gartens gewesen, den er der ganzen Länge nach schlangenförmig durchfloß; einige Bogen, die mit großer Kühnheit von dem einen Ufer des Baches zu dem andern hinüber geschlagen waren, bildeten bezaubernde Brücken, die noch heute gangbar sind, obgleich sie nutzlos geworden.
An der verborgensten Stelle des Parks entdeckten wir einen Pavillon. Es war das Ochsenauge des Fürsten Alexis; aber ach! seit langer Zeit hatten die Winterstürme – jetzt die einzigen Gäste – die Thüren und Fenster losgerissen und weit weggeworfen. Wenn diese Mauern, welche Ohren und Augen gehabt haben, eine Zunge hätten, so würden sie ohne Zweifel heutiges Tages Geschichten erzählen, worüber die Mauern von Monceaux und Trianon erröthen würden; aber sie sind stumm, außer wenn der Sturm ihnen eine Stimme leiht, und diese düstere und strenge Stimme sagt den Denkmälern, was die Erfahrung jeden Tag dem Menschen sagt: »Es ist nichts Gewisses und Ewiges, als der Tod.«
An der Mauer befanden sich noch ziemlich gut erhaltene mythologische Fresken. Diese Fresken rührten ohne Zweifel von einem französischen Maler aus der Schule Bouchers her; sie stellten Venus und Mars dar, in dem Netze des Vulkan gefangen; die Entführung der Europa durch den famosen weißen Stier, dessen Gestalt Jupiter angenommen hatte; eine Leda, die den göttlichen Schwan liebevoll an ihre Brust drückt; endlich eine Diana im Bade, die von Aetäon überrascht wird.
Die Decke war eingestürzt.
Diesem Pavillon gegenüber befand sich ein Haufen von Steinen und Ziegeln, größtentheils mit Dornen und Epheu überwachen. Ich fragte meinen jungen Officier, ob er wisse, was dieser Haufen Steine und Ziegeln zu bedeuten habe.
»Ich glaube bei einem früheren Ausfluge, den ich zu diesen Ruinen machte, gehört zu haben,« antwortete er mir, »daß diese Trümmer ehemals einen ähnlichen Pavillon bildeten, wie dieser ist.«
»Ist er eingestürzt?« fragte ich.
»Nein, wie man mir versichert, ist er absichtlich zerstört worden.«
»Und warum das? Wissen Sie es?«
»Ich weiß nur, was man über diesen Gegenstand erzählt.«
»Und was erzählt man? Ich sage Ihnen vorher, ich bin der größte Frager auf der Welt.«
»Man erzählt, daß der letzte Fürst Danilo Borisowitsch, als er vor fünfundzwanzig oder dreißig Jahren hier in diesem Pavillon war, einen so seltsamen Fund that, daß er sich nicht nur entschloß, ihn zu zerstören, sondern auch den ersten Streich mit der Haue führte.«
»Und was fand er denn in diesem Pavillon?«
»Ah! das ist gerade das Geheimniß! Man spricht von einem zugemauerten, verbarrikadierten Zimmer, in welches Niemand den Einfall, oder vielmehr den Muth gehabt hatte einzudringen. Der Fürst Danilo trat, ohne daß es Jemand wußte, dort ein, wie man sagt, und sah darin etwas so Schreckliches, daß er todtenblaß herauskam und, wie schon gesagt, den Befehl zu der Zerstörung gab.«
In diesem Augenblick sahen wir den Diener des neuen Besitzers, des Herrn Kirdiapine, den das Versprechen von zwanzig Kopeken aus dem Wirthshause gelockt hatte, auf uns zukommen. Ich befragte ihn über den demolierten Pavillon; aber er wußte noch weniger davon, als der Capitain Vaninkoff, der, wie wir gesehen, nicht viel wußte.
Der Diener hatte die Schlüssel zu dem Schlosse und erbot sich, es uns zu öffnen. Ich nahm es an, indem ich hoffte, Etwas zu finden, was ein Band zwischen dem Schlosse und dem Pavillon herstellen würde.
Der Diener ging voran und führte uns durch eine Seitenthüre ein, die zu dem Vorsaale ging. Kaum war die Thüre geöffnet, als uns eine feuchte und ungesunde Luft entgegen kam; bei jedem Schritte, den wir auf den Pflastersteinen thaten, erhob sich ein dichter Staub, und der Wind, der hinter uns her durch die offene Thüre hereinkam, bewegte an den Wänden die zerrissenen und niederhängenden Lappen einer glänzenden Tapete, die in gerader Linie vermöge eines fürstlichen oder königlichen Geschenks von den Gobelins herstammen mußte.
»Was an dem Schlosse am besten erhalten ist,« sagte uns unser Cicerone, »das ist die Galerie der Portraits.«
Da dies auch aller Wahrscheinlichkeit nach das Interessanteste war, so ließen wir uns dorthin führen und vernachlässigten deshalb die übrigen Theile des Schlosses.
Ich weiß nicht, ob es eine vorgefaßte Meinung oder eine Wirklichkeit war, wenn es wirklich die Wirkung des Pinsels der Künstler war oder der Art, wie die Gemälde beleuchtet waren, aber es schien mir, als ob alle diese Portraits von düsteren Farben uns, welche kamen, um sie in ihrer stummen Vereinigung und in ihrer tiefen Einsamkeit zu stören, Blicke des Hasses und Grolles zuwarfen; man hätte sagen sollen, daß sie von ihren reich ausgeschnitzten Rahmen, die sich aber von der Zeit verbogen und verschoben hatten, zu uns sagen wollten: »Wer seid Ihr, lebende Eindringlinge, überlästige Besucher? Wer hat Euch das Recht gegeben, das Schweigen der Todten zu beunruhigen? Entfernt Euch; wir kennen Euch nicht, und wir sind Euch unbekannt. Ihr mögt uns ansehen und uns befragen, wie Ihr wollt, Ihr werdet Nichts von unserem thörichten Leben, von unseren lärmenden Vergnügungen, von unseren homerischen Gastmählern und unseren ungezügelten Leidenschaften erfahren!«
»Dies ist der Fürst Alexis Iwanowitsch Grubenski,« sagte uns der Mann, der uns begleitete, als wenn er auf die stumme Frage antwortete, die ich an die modernsten dieser Portraits richtete.
Meine Blicke wendeten sich demnach zu dem Bildnisse eines Mannes von hoher Statur. Seine freie Stirn, seine dichten Augenbrauen, eine römische Nase, eine stark vorspringende Unterlippe deuteten einen starken und energischen Willen an, gleich unerbittlich und unwiderstehlich. Sein Mund lächelte, aber es lag etwas Falbes und Drohendes in seinem Lächeln. Es schien mir, daß es für dieses Gesicht nur eines schwachen Widerspruchs bedürfe, um zu machen, daß seine Stirn es mit den Falten des Haffes bedecke, daß seine schwarzen Augen, voll Verschlagenheit, für den Augenblick leicht verschleiert, in der Aufregung eines glühenden Zornes blitzen könnten.
Neben dem Fürsten, in einem Kostüm aus der Zeit Ludwig des Sechzehnten – und man weiß, daß Rußland zu jener Zeit in der Mode um einige Jahre hinter uns zurück war – hing das Portrait einer Frau von hohem Wuchse. Diese Frau trug ein Kleid von gelbem Atlas mit Spitzen besetzt, nach der Mode aus dem Ende der Regierungszeit Ludwig des Sechzehnten, was für uns hinsichtlich des Datums dem Anfange des Kaiserreiches gleich kommt. Ihr Gesicht war bezaubernd; ihre Auge: athmeten einen lebhaften Verstand, vereint mit einer unbeschreiblichen Traurigkeit. Diese Frau mußte gewiß unglücklich gewesen sein, und wenn sie einige Augenblicke der Freude in ihrem Leben gehabt, so waren diese Augenblicke, nachdem sie aufgeleuchtet, mit der Schnelligkeit des Blitzes verschwunden.
»Es ist die Fürstin Marfa Petrowna,« sagte der Diener zu mir, welcher die Aufmerksamkeit bemerkte, die ich auf dieses Portrait richtete, »die Gemahlin des Fürsten Alexis.«
Aber schon hatten sich meine Augen von diesem Portrait, so interessant es war, abgewendet, um sich auf ein anderes zu richten. Diese Dame trug ein hechtblaues Kleid, wie man in Rußland bis zum Jahre 1806 oder 1807 getragen; ihre Taille war schlank und coquett gewölbt, ihre Hand, von reizender Form und voll aristokratischer Feinheit, hielt einen Eisenhartzweig; aber wie seltsam! das Gesicht dieses entzückenden Wesens war mit einer ungeheuren Lage schwarzer Farbe bedeckt.
»Was ist dies für ein Portrait?« fragte ich lebhaft den Diener, der mir die anderen genannt hatte.
»Ah!« entgegnete er mir, »über dieses Portrait kann man nur Muthmaßungen anstellen, denn Niemand weiß es genau. Indessen nach der verbreitetsten Ansicht stellt es die Schwiegertochter des Fürsten Alexis, die Gemahlin des Prinzen Boris Alexiowitsch, die Mutter es Fürsten Danilo, vor.«
»Aber warum diese Lage von schwarzer Farbe auf dem Gesichte?«
»Das mag der Himmel wissen! Wahrscheinlich war die Dame nicht schön.«
»Hat man keine Ueberlieferung davon?«
Der Diener zauderte.
»Man darf nicht immer. Alles glauben, was man erzählt,« sagte er.
»Aber was erzählt man denn?« fragte ich.
Er schüttelte den Kopf.
»Es giebt nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der die Wahrheit darüber weiß,« sagte er; »aber er hat nie Etwas sagen wollen.«
»Und wer ist – dieser Mann?«
»Sie kennen ihn, Herr Graf.«
»Ich?« rief der junge Capitain.
»Ja, es ist Jacquot Ohnohr.«
»Dessen Enkel im Dienste meines Vaters ist?«
»Gerade derselbe.«
»Er lebt also noch?«
»Er hat eben sein hundertstes Jahr vollendet.«
»Und wo wohnt er?« fragte ich.
»Er wohnt in Makarieff.«
»Hören Sie, Capitain?«
»Ja, aber er hatte das Gelübde abgelegt, wenn er das hundertste Jahr erreichen würde, eine Wallfahrt zu dem Kloster Troiza zu machen. Vorgestern hat er sein hundertstes Jahr erreicht, und gestern ist er abgereist.«
»Sapristi! da habe ich keine Wahrscheinlichkeit!« rief ich.
»Nun, wir wollen sehen,« sagte der Capitain zu mir; »wenn Sie noch einen Tag in Makarieff bei mir bleiben wollen, so verspreche ich Ihnen Eins.«
»Und was denn?«
»Jacquot bei seiner Rückkehr kommen zu lassen, ihn zu bewegen, die Geschichte des Fürsten Grubenski von einem Ende zum anderen zu erzählen, und sie. Ihnen zu schicken.«
»Das wollten Sie thun, Graf?«
»Auf Ehre.«
»In dem Falle bleibe ich nicht blos einen, sondern zwei Tage bei Ihnen.«
Und ich wäre nicht nur zwei Tage, sondern acht Tage, vierzehn Tage, ja einen Monat bei ihm geblieben, hätten mich nicht meine beiden Reisegefährten in Kasan erwartet.
Der Graf Vaninkoff war freilich ein charmanter Mann und überdies ein Mann von Wort.
Und der Beweis davon ist, daß ich zwei Monate nach meiner Rückkehr nach Frankreich das Manuscript erhielt, welches man hier lesen wird, gerade wie er es mir schickte, und woran ich, um ihm nicht seinen originellen Charakter zu rauben, durchaus Nichts, als den Titel, verändert habe.
Es war »Die alten Jahre« betitelt, und schien von einem ehemaligen Intendanten des Fürsten Danilo, Sohnes des Fürsten Boris, Sohnes des Fürsten Alexis, geschrieben zu sein.
Wo und wie der Graf Vaninkoff dieses Manuscript entdeckt hat, weiß ich nicht, und ich glaube auch nicht, daß es von großer Wichtigkeit für meine Leser sein wird, es zu wissen.
Daß es sie unterhalte, ist Alles, was nöthig ist.
I.
Der Rosafarbene Pavillon
Es war am 17. Junius 1828, als der Fürst Danilo und ich auf dem Schlosse Grubenski ankamen.
Der Fürst Danilo kannte dieses Schloß nicht, da er in St. Petersburg erzogen worden und bei Lebzeiten seines Großvaters, des Fürsten Alexis, der etwa vor zwei Jahren gestorben, nie dorthin gekommen war.
Der Fürst Danilo hatte eben seinen Vater, den Fürsten Boris, verloren und wollte das Schloß Grubenski, wovon er so viel hatte reden hören, mit eigenen Augen sehen.
Wir kamen gegen zehn Uhr Abends an; gleich nach der Ankunft legte sich der Fürst nieder, denn er war sehr ermüdet.
Am folgenden Tage um acht Uhr Morgens ließ er mich in sein Zimmer rufen; ich fand ihn noch im Bette.
»Iwan,« sagte er zu mir, »was ist denn das für ein Geheul, welches ich während der ganzen Nacht gehört habe, und welches mich keine Minute schlafen ließ?«
»Gnädigster Herr,« antwortete ich, »es sind wahrscheinlich die Hunde gewesen, die von ihrem Stalle aus die Nähe eines Wildes gewittert haben.«
»O! o!« rief der Fürst Danilo Borisowitsch, die Augenbrauen zusammenziehend; »ist denn ein Hundestall im Schlosse?«
»Ei ja, mein Fürst,« antwortete ich, indem ich ihm eine angenehme Nachricht mitzutheilen glaubte, »Sie besitzen eine vortreffliche Meute: fünfhundert Windhunde, hundertzwanzig Hühnerhunde und sechzig Windspiele, dazu sind etwa vierzig Hundeaufseher angestellt.«
»Da habe ich also hier zwischen sechs – und siebenhundert Hunde und vierzig Männer, um sie zu bedienen?« rief der Fürst.
»So ist es, gnädigster Herr,« versetzte ich.
»Aber diese verwünschten Thiere,« fuhr der Fürst fort, »müssen in einem Tage so viel Brod fressen, daß man hundertundfünfzig arme Leute einen ganzen Monat damit sättigen könnte.«
»O! mehr, gnädigster Herr!«
»Nun bitte ich Dich, Iwan, es so einzurichten, daß alle diese Hunde gehängt oder ersäuft werden; was diese Hundeaufseher betrifft, die kannst Du ja bei irgend einer anderen Arbeit anstellen; die, welche anderswo Geld verdienen können, entlässest Du; und das Geld, welches zur Erhaltung der Meute nöthig war, wollen wir zur Gründung einer Elementarschule in Makarieff oder Niskevo anwenden.«
»Ich werde Eurer Excellenz gehorchen,« antwortete ich. Und mich verneigend, ging ich, um den Befehl zu geben, daß die sechshundert-achtzig Hunde an demselben Abend ersäuft und gehängt werden sollten, wie es Seine Excellenz zu wünschen geruht hatte.
Aber eine halbe Stunde später, als die Execution eben vor sich gehen sollte, kam ein Greis von einigen sechzig Jahren zu dem Fürsten. Sein Gesicht war runzelig, sein weißes Haar fiel über seine Schultern; er hatte keinen einzigen Zahn mehr, aber seine Augen zeigten einen Glanz, welcher andeutete, daß er noch weit von dem Ende seines Lebens entfernt sei.
Sein Kostüm bestand in einem himbeerfarbigen Sammetrocke mit goldenen Tressen, ledernen Beinkleidern und großen sogenannten französischen Stiefeln.
Sein Rock war in der Taille von einem tscherkessischen Gürtel zusammen gehalten, und ein Jagdmesser hing an seiner Seite.
Er hielt seinen dreieckigen Hut in der Hand.
Obgleich ein wenig hart gegen die Hunde, wie wir gesehen haben, war der Fürst Danilo, der sich zum Philanthropen gebildet hatte, vortrefflich gegen die Menschen.
Er empfing den Greis also mit Freundlichkeit und fragte ihn, wer er sei.
»Eurer Gnaden zu Befehl,« versetzte dieser mit noch fester Stimme, »ich bin ein alter Leibeigener Eurer Excellenz; ich heiße Jacquot Ohnohr und war im Augenblick seines Todes erster Stallmeister des Fürsten Alexis, Ihres Großvaters.«
Ohne Zweifel war der Name Jacquot Ohnohr dem Fürsten Danilo nicht unbekannt; denn er erhob lebhaft die Augen zu der Stelle, wo die Ohren fehlten, deren Abwesenheit dem armen Jacquot den Beinamen zugezogen hatte, unter welchem er bekannt war.
»Sei willkommen, mein Freund,« sagte der Fürst Danilo, »und setze Dich nieder; Du bist vielleicht ermüdet?«
»Danke Ihnen, gnädigster Herr. Es würde nicht passend für mich sein, mich vor Eurer Excellenz niederzusetzen; nein, ich komme nur, mich zu Ihren Füßen zu werfen und Sie anzuflehen, meine Bitte zu erfüllen.«
»Welchen Gegenstand betrifft dieselbe, mein Alter?« fragte Danilo Borisowitsch.
»Man sagt mir, gnädigster Herr, daß Sie geneigen, Ihren fürstlichen Zorn auf uns zu werfen.«
»Was ist Dir, mein armer Jacquot? Solltest Du vielleicht den Verstand verloren haben?«
»Ach! gnädigster Herr, es würde nichts. Erstaunenswerthes sein, beim Anblick einer solchen Unmenschlichkeit den Verstand zu verlieren: sechshundert-achtzig Hunde zu tödten, die Niemandem etwas zu Leide gethan haben! Aber, gnädigster Herr, es ist nicht mehr oder weniger, als die Ermordung der unschuldigen Kinder durch den König Herodes! Wie haben sich diese armen Hunde gegen Eure Excellenz vergangen? Glauben Sie mir, es ist kein Scherz, eine solche Quantität Blut zu vergießen, und obgleich es nur Blut von Thieren ist, werden Sie Gott von diesem Blut Rechenschaft ablegen müssen.«
»Genug, Greis! Ich habe beschlossen, daß es so sein soll; höre also auf —«
Aber der Greis unterbrach kühn seinen Herrn.
»Und warum sollte ich aufhören? Bin ich nicht der einzige Vertheidiger, den der gute Gott diesen armen Thieren gegeben hat? Wenn ich schweige, wer wird für sie sprechen? Ich fahre also fort. Wie können Sie, gnädigster Herr, so grausam sein, diese unglücklichen Hunde niedermetzeln zu lassen, denn diese Meute, von Ihren Vorfahren begründet, bildet einen Theil der Familie, sie ist immer neu und doch immer dieselbe, seit länger als hundert Jahren. Ihr Ruf, nachdem er sich durch ganz Rußland verbreitet, ist nach Frankreich gedrungen, und man hat an den fremden Höfen davon gesprochen; mehrere regierende Fürsten haben an Ihre Vorfahren geschrieben oder schreiben lassen, um von der Race zu haben; und plötzlich wollen Sie ohne irgend einen Grund diese so sehr gerühmte Race vernichten? Woran denken Sie, mein kleiner Vater?« sagte der Greis sich erhitzend; »wenn Sie eine solche Handlung begingen, würden sich die Gebeine Ihrer Väter umdrehen in ihrem Grabe und der Geist des armen Alexis aus seinem Sarge hervorgehen, um einen fleischlosen Arm auszustrecken und Sie zu verfluchen. – Erinnern Sie sich also, mein würdiger und lieber Herr, daß die Meute der Fürsten Grubenski unvermindert existiert und sich immer vermehrt hat, seit der Regierung Peter des Großen, ruhmwürdigen Angedenkens! Aus welchem Grunde wollen Sie denn heute so grausam dagegen verfahren? Vergessen Sie nicht, daß die Niedermetzelung der Strelitzen ein Makel gewesen ist, wovon sich der große Kaiser nur mit großer Mühe hat rein waschen können, und doch waren die Strelitzen strafbar, während die Hunde es nicht sind. Es würde für Sie und für Ihre fürstliche Nachkommenschaft eine ewige Schande, eine unauslöschliche Erniedrigung sein, keine Meute zu haben, ohne die Qualen Ihres eigenen Gewissens zu rechnen, dem Sie durch einen solchen Mord eine große Last aufgeladen. Der Hund, gnädigster Herr, ist auch ein Geschöpf Gottes, und es steht in der heiligen Schrift: Der Gerechte erbarmet sich auch eines Viehes! Wie können nun Sie, mein kleiner Vater, der Sie ein so gutes Gesicht haben, so gegen den Willen Gottes handeln? – Sie sehen, gnädigster Herr, ich habe, um mich vor Ihnen darzustellen, das Kostüm angelegt, welches ich trug, als ich die Ehre hatte, erster Stallmeister des Grafen Alexis, Ihres Großvaters, reichen Angedenkens, zu sein; es hat seit sechs Jahren im Schranke gehangen; ich glaubte es nicht mehr anzulegen, als um darin begraben zu werden; sehen Sie, gnädigster Herr, ich habe auch den tscherkessischen Gürtel umgeschnallt, den er mir drei Tage nach der glücklichen Ankunft Ihrer Mutter im Schlosse schenkte – Sie lagen damals noch in der Wiege, mein kleiner Vater. Drei Tage nach dieser Ankunft, die ein Gegenstand der Furcht für Alle war, und die der Himmel indessen doch segnete, fand eine große Jagd statt. Niemand konnte den Fuchs einholen, als unser Nachbar Iwan Ramiroff, der ihn beinahe erreicht hätte; als ich dies sah, eilte ich zur Verfolgung des bösen Thieres, erreichte es und rettete so die Ehre des Hauses. Jetzt habe ich Alles gesagt; Sie können jetzt nach Ihrem Willen handeln; nur werde ich dieses Zimmer nicht eher verlassen, als bis ich für meine Hunde Gnade erlangt habe.«
»Aber was willst Du denn endlich?« fragte der Fürst, der durch diese lange Vertheidigungsrede einigermaßen erweicht wurde.
»Ich will, mein Fürst, wenn es noch immer Ihr Wille ist, die Hunde hängen und ersäufen zu lassen, daß es vorher Eurer gnädigsten Excellenz gefallen möge, mir den Kopf abzuhauen; dann können Sie nach Gefallen diese unschuldigen Thiere niedermetzeln, und keine Stimme wird sich erheben, um sie zu vertheidigen; aber in diesem Kostüm werde ich mich Ihrem Vater, Ihrem Großvater, Ihren Vorfahren und Ahnen darstellen, ich werde ihnen meine armen erwürgten Hunde zeigen, die sie mit so vieler Sorgfalt aufgezogen und wie ihren Augapfel geschützt. Was werden sie bei diesem Anblick sagen? das frage ich Sie. Ich bin ein Mann von altem Schlage,« sagte der Greis, einen Kopf schüttelnd, »und Ihre Sitten von heute sind mir fremd; lassen Sie mich doch so schnell wie möglich abscheiden, um zu Denen zu kommen, deren Gewohnheiten ich ehrte und die mich liebten, weil ich meine armen Hunde liebte.«
Mehr vermochte der arme Greis nicht.
Der heftigen Aufregung, die ihn aufrecht erhalten hatte, folgte eine vollständige Vernichtung; seine Stimme erlosch, sein Athem wurde kurz, seine Beine zitterten, und er wäre rückwärts niedergefallen, wenn der Fürst ihn nicht aufrecht gehalten hätte.
Man trug ihn bewußtlos fort; aber die warme Vertheidigungsrede des alten Jacquot Ohnohr rettete die Hunde, und die Meute, die später verschwinden sollte, wurde diesmal noch gerettet.
Es wurde die Meute nicht nur erhalten, sondern der Fürst Danilo Borisowitsch faßte eine lebhafte Freundschaft für den alten Jacquot Ohnohr. Er ließ ihn oft zu sich kommen, um ihn über die alten Jahre zu befragen, und so brachten sie zuweilen ganze Stunden zu.
Einmal des Abends nach einer dieser langen Unterredungen mit dem Greife, ließ mich der Fürst rufen, und ich gehorchte sogleich einem Befehl.
Ich fand den Fürsten in heftiger Aufregung.
»Iwan Andreowitsch,« fragte er mich, »bist Du im Stande, einige Stunden mit mir zuzubringen?«
»Ich rechne darauf, mein ganzes Leben mit Ihnen zuzubringen, mein Fürst,« antwortete ich ihm.
»Ja, ja, das ist abgemacht; aber ich meine etwas Anderes. Bist Du im Stande, mir beim Demolieren zu helfen?«
»Was denn zu demolieren?« fragte ich.
»Eine steinerne Mauer zu demolieren oder zu durchbrechen. Jacquot hat mir eben eine sehr seltsame Geschichte erzählt, die unsere Familie und mich besonders interessiert. Sieh, Iwan Andreowitsch, ich möchte nämlich gern genau wissen, ob man mir blauen Dunst vormacht, oder ob man mir die Wahrheit sagt. Ich kann keinen Fremden und besonders keinen meiner Leibeigenen in diese Sache einweihen; schlage es mir also nicht ab, Iwan.«
Ich willigte sogleich ein, wie man sich vorstellen kann, und fragte den Fürsten, was ihm Jacquot erzählt habe.
»Morgen, morgen,« entgegnete mir der Fürst. »Am Ende mag Alles nur eine dumme Geschichte sein; es ist meine Meinung, daß der arme Jacquot Ohnohr zu faseln beginnt; er hat mir Dinge erzählt, die mir unmöglich scheinen. Uebrigens will ich mich selber überzeugen. Morgen also werden wir erfahren, woran wir uns zu halten haben; ich rechne auf Dich, Iwan.«
Ich erneuerte dem Fürsten das Versprechen, ihm am folgenden Tage in Allem behilflich zu sein, was er unternehmen würde. Darauf begann der Fürst mit mir über den Ertrag der Güter, über die Feldarbeiten und den Holzschlag zu sprechen; aber während er sich mit mir über diese Dinge unterredete, war er offenbar mit einem anderen Gegenstande beschäftigt; er hörte Nichts von dem, was ich ihm sagte, und seine Worte hatten so wenig Zusammenhang, daß ich sie kaum verstand.
»Auf morgen,« sagte er endlich aufstehend und mir die Hand reichend.
»Morgen wie heute werde ich zu Eurer Excellenz Befehl stehen.«
Ich gestehe, daß das Geheimnißvolle dieses Ereignisses so meinen Geist in Anspruch genommen und meine Einbildungskraft erregt hatte, daß ich in der Nacht nicht schlief. Kaum zeigten sich die ersten Strahlen des Tages, als der Fürst mich rufen ließ.
»Du bist bereit, nicht wahr?« sagte er zu mir, als er mich in sein Cabinet eintreten sah. »Ich bin auch bereit. Wir wollen also gehen.«
Und mir das Beispiel gebend, ging er voran die Treppe hinunter, nachdem er befohlen hatte, daß während seiner Abwesenheit. Niemand in den Garten gehen solle, selbst nicht Jacquot Ohnohr.
Wir gingen durch einen großen Theil des Parks, überschritten die beiden kleinen Brücken, die über den künstlichen Fluß führten, und näherten uns dem rosenfarbigen Pavillon.
In dem Vorzimmer des Pavillon fanden wir zwei Hauen, einige Wachskerzen, eine Kiste von schwarzem Holz von mittler Größe.
Alle diese Gegenstände hatte der Fürst vor unserer Ankunft selber dorthin getragen.
Der Pavillon bestand aus fünf oder sechs Zimmern; nachdem er drei davon durchschritten hatte, blieb der Fürst stehen, schlug mit der Brechstange, die er in der Hand hielt, gegen die Mauer und sagte:
»Hier ist es.«
Gleich darauf machten wir uns ans Werk, und nach Verlauf von anderthalb Stunden zeigte die Mauer eine Oeffnung, die so groß war, daß ein Mann hinein konnte. Der Fürst zündete zwei Wachskerzen an, gab mir eine davon, und wir traten in dieses dunkle und von allen Seiten fest eingemauerte Gemach.
Der Geruch, der aus dieser Grabhöhle hervorkam, hätte mich beinahe vor der Oeffnung zurückgehalten; da ich indessen den Fürsten hatte hineingehen sehen, so folgte ich ihm.
Aber kaum war ich eingetreten, als ich fühlte, wie meine Haare sich auf meinem Kopfe emporrichteten; es war nicht nur ein Leichengeruch, der mir in die Nase drang. Unter Trümmern von halb vermoderten Möbeln lag ein menschliches Skelett am Boden. Bei diesem Anblick bekreuzte sich der Fürst und sagte: »Herr, sei der Seele Deiner Dienerin gnädig! Denn vielleicht ist sie in Verzweiflung gestorben!«
Dann wendete er sich zu mir, nachdem er einige Augenblicke geschwiegen.
»Der Greis hat nicht gelogen,« sagte er.
»Was ist dies?« fragte ich, als ich mich ein wenig von der heftigen Gemüthsbewegung erholt hatte.
»Es sind die Sünden der alten Jahre, mein lieber Andreowitsch. Ich will Dir dies Alles einst erzählen; aber in diesem Augenblicke würde mir die Sache unmöglich sein; hilf mir nur, dies da auflesen.«
Und er gab mir das Beispiel, indem er ehrerbietig die zu seinen Füßen liegenden Knochen auflas; ich half ihm dabei, indem ich mir die äußerste Gewalt anthat. Wir legten alle diese Ueberreste in die mitgebrachte Kiste; der Fürst verschloß sie und steckte den Schlüssel in die Tasche.
Indem wir diese sterblichen Ueberreste auflasen, fanden wir unter ihnen ein Paar diamantene Ohrringe, die Ueberreste eines Perlenhalsbandes, einen goldenen Trauring, etwas Metalldraht und einige Reste Fischbein, woran noch halb vermoderte Lappen Seidenzeug hingen, deren Farbe man unmöglich unterscheiden konnte.
Der Fürst hob sorgfältig die Ohrringe, die Ueberreste des Halsbandes und den Trauring auf; wir trugen die Kiste weg, und von Anstrengung und Gemüthsbewegung ermattet, kehrten wir in das Schloß zurück.
»Laß sogleich fünfzig Arbeiter mit Brechstangen und Hauen herbeikommen,« sagte der Fürst zu dem Schloßvogt, der über den Hof ging.
Ich begab mich in meine Wohnung, um mich zu waschen und meine Kleider zu wechseln.
Als ich zu dem Fürsten zurückkehren wollte, fand ich ihn nicht in dem Cabinet, worin er sich gewöhnlich aufhielt.
»Wo ist der Fürst?« fragte ich einen Kammerdiener.
»Er ist in der Galerie der Portraits,« antwortete mir dieser.
Ich begab mich dorthin und fand ihn auch wirklich noch ganz mit Staub und Mörtel bedeckt – kurz, noch in demselben Zustande, wie er aus dem rosenfarbigen Pavillon gegangen war. Er betrachtete in tiefem Schweigen und mit der vollständigsten Unbeweglichkeit ein weibliches Portrait, dessen Gesicht vermöge einer Laune der alten Besitzer des Schlosses mit einer ungeheuren Lage von schwarzer Farbe bedeckt war.
Die Kiste, welche die Gebeine enthielt, stand auf dem Fußboden gerade unter dem Portrait.
Ich sah den Fürsten an – er weinte still.
Darauf sagte man ihm, daß die Arbeiter gekommen wären.
Er trocknete sein ganz mit Thränen benetztes Gesicht ab und gab mir ein Zeichen, ihm zu folgen.
Der Fürst führte die Arbeiter zu dem rosenfarbigen Pavillon, zeigte ihnen denselben und befahl, ihn bis auf den Grund abzubrechen und die Materialien zu der Kirche zu Niskevo zu tragen, die er gerade in dem Augenblicke bauen ließ. Ehe er aber die Arbeiter anfangen ließ, wollte er noch einmal selber in dieses Grabgemach eintreten, um die Gegenstände, die sich dort finden möchten, in Augenschein zu nehmen.
An einer der Wände befand sich eine mit einer Spitze eingegrabene Inschrift, wovon ich nur lesen konnte, was ich hier mittheile:
»1807 – den 14. October.«
»Lebewohl, mein vielgeliebter Boris! Deine liebe Varvara . . . . hier durch die Grausamkeit Deines . . . .«
»Eine Haue! Eine Haue!« rief der Fürst.
Ich gab ihm mit zitternder Hand eine Haue, denn der Name Boris war der seines Vaters, und dieser Vorname Varvara, der seiner Mutter. Er nahm die Haue, zerschmetterte den Stein, der die Inschrift trug, und rief den Arbeitern zu:
»Brecht ab! Zerstört und vernichtet! Und vor dem Abend muß dieser Pavillon dem Boden gleich gemacht sein!«
Am Abend war der Pavillon bis auf den Grund abgetragen.
Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch erwartete uns ein Wagen des Fürsten am Thore des Schlosses, wir stiegen ein und nahmen die Kiste mit den Gebeinen, gleich einem Sarge in ein schwarzes Tuch mit einem silbernen Kreuze eingehüllt, mit uns.
»Zum Kloster von Makarieff!« sagte der Fürst zu dem Kutscher.
Dort angekommen, fanden wir die Mönche im Hofe versammelt; man setzte die Kiste in dem Gewölbe der Fürsten Grubenski bei, dann waren wir bei einer Trauermesse für die Ruhe der Seele der Fürstin Varvara zugegen.
An demselben Abend reiste der Fürst Danilo Borisowitsch, der Letzte des Stammes der Fürsten Grubenski, nach Petersburg ab, nahm mich allein mit und gab allen seinen Leuten Abschied und Freiheit.
Drei Jahre später starb er und vergaß in seinem Testamente weder mich, noch Jacquot Ohnohr.
Das Gerücht von unserer geheimnißvollen Arbeit und von dem Abtragen des rosenfarbigen Pavillons verbreitete sich schnell im Volk. Da man uns eine schwarze Kiste aus dem Pavillon hatte tragen sehen, so erzählte man, daß der Fürst dort einen mit Gold und Edelsteinen angefüllten Koffer gefunden habe; um diesen Glauben zu bestätigen, erzählte der Fürst Danilo bei einer Rückkehr nach St. Petersburg selber, daß Jacquot Ohnohr einen Versteck entdeckt habe, wo der Fürst Alexis einige Familienkleinodien aufbewahrt habe. Alle Welt wünschte dem Fürsten Glück zu diesem Fund, und da Jacquot Ohnohr und ich Befehl erhalten hatten, bei derselben Erzählung zu bleiben, so glaubten. Alle daran.
II.
Der Fürst Alexis
Nein, mein kleiner Vater, sagte eines Tages Jacquot Ohnohr, in einer von den Unterredungen, die seiner glücklichen Vermittelung zu Gunsten der Hunde folgten, zu mir, nein, in der alten Zeit lebte man nicht auf dieselbe Weise, wie heute. Ehemals, wenn man ein großer Herr war, lebte man wie ein großer Herr; aber heute, unter der Regierung unseres guten Kaisers Nicolaus – den Gott erhalte – ist Alles klein und winzig geworden, und der Glanz der alten Zeit verfällt jeden Tag und geht unter; es ist sehr wahrscheinlich, daß die Welt in ihren letzten Tagen ist und mit großen Schritten ihrem Ende entgegen geht. Ach! ich wiederhole es, mein kleiner Vater, Iwan Andreowitsch, fuhr jetzt Ohnohr mit einem tiefen Seufzer fort, indem ich betrachte, was um mich her vorgeht, begegnet es mir zuweilen, daß ich die Sünde begehe, die gottlosen Worte zu flüstern: »Warum, o Herr, hast Du in Deinem Zorne es für gut gehalten, mich noch unter der Zahl der Lebendigen zu lassen? Es würde indessen Zeit sein, daß meine alten Gebeine im ewigen Schlummer ruhten; meine Augen würden die gegenwärtige Zeit nicht sehen und nicht die Thränen vergießen, die sie vergießen.«
Alles ist jetzt auf einen so kleinen und winzigen Maßstab zurückgeführt, so daß sich die fast schämen müssen, welche die alten Tage gesehen haben. Siehst Du, mein Herr, der Fürst Danilo zum Beispiel, kaum besitzt er tausend Seelen, und wenn in diesem Schlosse noch dreißig oder vierzig Diener sind, so ist es Alles.
Kann man das als einen Dienst des Hauses, wie das unsere, betrachten? Ich weiß wohl, daß die Meute schön ist; aber Du weißt wohl, daß, wäre ich nicht gewesen, die arme Meute verschwunden sein würde. Die Meute bleibt also. Aber die Musikanten, die Jäger, die Zwerge, die Narren, die Neger, die Läufer, die Stummen, was ist aus ihnen geworden? Und doch gehörten sie zu jedem Hause, welches ein wenig auf sich hielt. Und nun suche, Iwan Andreowitsch, und Du wirst keine Spur finden, nicht nur bei meinem Herrn, sondern ich kann wohl sagen bei keinem russischen großen Herrn! Sie leben. Alle mit einer kläglichen Sparsamkeit! Ich will wetten, daß Du keinen Einzigen von der ganzen gegenwärtigen Generation finden wirst, der eine Carrosse mit sechs Pferden zu führen versteht; sie fahren Alle ganz ärmlich mit zwei Pferden, ohne Furcht, daß man sie für arme Leute oder für Kaufleute hält.
Aber wozu auch Pferde für diese Leute? Wir sind zu der Abscheulichkeit gekommen, daß man ein einziges Pferd vor einen Wagen spannt, der kaum sichtbar ist; der Lakai setzt sich neben seinen Herrn, kreuzt ruhig die Arme und läßt sich von diesem Herrn fahren, der der Kutscher seines Bedienten geworden ist. Ach! lieber Andreowitsch, das sage ich Dir, und Du kannst es mir aufs Wort glauben, ich kann nicht, ohne mich krank zu fühlen, die tiefe Erniedrigung ansehen, in die wir gefallen sind. Man kann ganz einfach sagen, daß es heutiges Tages keine Würde mehr auf der Erde giebt, und Gott weiß, was daraus werden mag!
Sieh nur, wohin unsere Großen gekommen sind! Einige schämen sich nicht, sich mit der Industrie zu beschäftigen, und Andere haben Kaufmannstöchter geheirathet, und führen ihre Handelsbücher selber. Warum lassen sie nicht lieber gleich ihren Bart wachsen, und tragen ihr Pantalon in den Stiefeln und das Kumakhemd über dem Pantalon? Wenn sie nur einige Reichthümer daraus zögen; aber pah! sie setzen sich mehr und mehr in Schulden; Jeder von ihnen ist mehr schuldig, als er in seinem ganzen Leben ersparen wird. Ach! wenn ihre Väter, ihre Voreltern und ihre Ahnen, die Gott in seinem ewigen Reiche haben möge, aus ihren Gräbern kommen könnten, wie schnell würden sie ihre lieben Enkel in den Marstall schicken, um dort nach den alten guten Sitten eine tüchtige Tracht Schläge mit der Knute oder mit Ruthen zu empfangen, so daß diese es vielleicht für klüger erachten würden, ihre Lebensart zu verändern.
Da, mein kleiner Vater, ist zum Beispiel unser Herr Danilo Borisowitsch, der hat noch etwa tausend Seelen, folglich könnte er ein großer Herr sein. Nun, hat er wohl das Ansehen davon ? Er hat seine Studien gemacht in Moskau auf der Universität, wie sie es nennen, als wäre er der Sohn eines Kaufmanns von der Marschallsbrücke oder von der großen Millione, und dort hat er, wie man mir versichert – ich muß wiederholen, was ich nur schwer glauben kann – mit den Söhnen der Schuhmacher und Schneider auf denselben Bänken gesessen! – Und Du, Iwan Andreowitsch, der Du ein verständiger und achtbarer Mann bist, sage mir, ist es möglich, daß Schuhmacher und Schneider die Kameraden eines Fürsten sein können?
Was ist daraus erfolgt? Er hat weder die Schuhmacher, noch die Schneider geadelt, und hat in ihrer Gesellschaft Manieren angenommen, wie wir gesehen. Als er hierher kam, anstatt eine glänzende Jagd anzuordnen, anstatt dem Adel aus der Nachbarschaft eins von diesen prächtigen Festen anzubieten, wie sie eine Vorfahren zu geben pflegten, welches war ein erster Befehl?
»Laß die Hunde hängen und ersäufen!«
Ich verzeihe ihm, weil der Befehl nicht ausgeführt worden ist. Nein, er zieht es vor, zu den Abendgesellschaften bei den Muschiks zu gehen, mit ihren Töchtern zu tanzen, sich von den Greisen eine Geschichte aus der Zeit Iwan des Schrecklichen erzählen, oder sich irgend ein altes Lied der Kosaken oder der Strelitzen vorsingen zu lassen! Ist das ein Zeitvertreib eines Fürsten würdig? Ohne zu rechnen, daß er alte Bücher und alte Bilder um fabelhafte Preise kauft.
Eines Tages bemerkte er einen alten blinden Bettler, der, an die Mauer eines Bazar gelehnt, mit näselnder Stimme ein altes Lied zu Ehren des heiligen Wladimir sang. Ach! Ihr heiligen Apostel! Als der Fürst dieses Lied hörte, zitterte er vor Freude. Er ergriff den alten Bettler bei der Hand, ließ ihn in seine Carrosse steigen, nahm ihn mit sich aufs Schloß, und führte ihn, dort angekommen, geradeswegs in ein Cabinet; dann setzte er den alten Schelm in einen schönen sammetnen Lehnsessel, und als er ihn so bequem untergebracht hatte, bewirthete er ihn mit Wein und Branntwein, und ließ ihm die besten Gerichte von seiner eigenen Tafel bringen; endlich bat er ihn – da er es ihm doch anbefehlen oder in den Pferdestall schicken konnte, wenn er sich weigerte – er bat ihn, von Neuem anzufangen und das Lied vom heiligen Wladimir zu singen. Als der alte Schelm jetzt völlig überzeugt war, daß der Fürst nicht seiner spotte, stimmte er sein Lied aus voller Kehle an und plärrte es von Anfang bis zu Ende her, während der Fürst sich die Mühe gab, ihn anzuhören, als ob es etwas sehr Kostbares gewesen wäre! Drei Tage lang – Du weißt es, mein kleiner Vater, denn Du warest hier – drei Tage lang beherbergte er diesen schmutzigen Bettler; drei Nächte schlief der alte Bursche in einem Federbette, und als er alle seine Lieder gesungen, gab ihm der Fürst zwanzig Rubel und einen vollständigen Anzug, ließ ihn wieder an den Ort führen, wo er ihn weggenommen hatte, und sagte ganz freudig:
»Es ist Gold, diese Lieder, ächtes Gold! Und ich würde für solche Schätze meinen letzten Morgen Landes geben.«
Nun, Iwan Andreowitsch, ist denn das nicht eine Thorheit?
Und dann, wenn es ihm einfällt, Nachsuchungen anzustellen, da geht es noch anders zu! Da läßt er alle die alten Gräber demolieren! Gott verzeihe ihm, daß er so die Todten in ihren letzten Wohnungen beunruhigt! Hast Du nicht selber gesehen, wie er die Haue in die Hand nahm und zwischen zwei Muschiks die Erde aufwühlte; dann, wenn er irgend ein altes Spielzeug von Kupfer oder ein zerbrochenes irdenes Gefäß findet, welches nicht einmal zu einem Trog für einen Hund gut genug ist, da hüpft er vor Freude und wickelt. Alles in Papier, als hätte er das Hals geschmeide oder das Armband der Königin Subika wiedergefunden!
Nein, nein, beim heiligen Serge, mein kleiner Vater, wir lebten anders, als jetzt, in der guten alten Zeit; damals verkehrten die großen Herren nur mit den großen Herren, und es wurden nicht nur keine so schmutzigen Menschen, wie dieser blinde Bettler, in ihre Paläste eingelassen, um sich auf ihren Lehnsesseln auszustrecken, sondern sie würden nicht einmal gewagt haben, Leute zu ihrem vertrauten Umgange zuzulassen, die nicht von ihrem Range gewesen wären und nicht dasselbe Vermögen besessen hätten; diese sah man nur bei Gelegenheit als bloße Bekannte; man empfing sie nur, um bei Tafel einige Gäste mehr zu zählen, als die Nachbarschaft liefern konnte. Ihrerseits mußten sie, wie man damals sagte, auf dem Seile gehen, und wenn sie sich davon entfernten, trieb man sie mit Peitschenhieben auf den Weg zurück. So muß man verfahren; wenn die Erben nicht vom Frost litten, würden sie so hoch aufschießen, wie die Pappeln.
So lebte man in der guten alten Zeit!
Nehmen wir nur als Beispiel den Fürsten Alexis. Himmel! welch ein schönes Leben ! Das Schloß war ein wahres Paradies: welch ein Reichthum! welch ein Ueberfluß! Das Silberzeug zur Tafel wog allein hundertvierzig Pud (5600 Pfund); im Keller waren Fässer mit Rubeln angefüllt. Die Scheidemünze bewahrte man wie das Getreide in Kisten auf dem Boden auf. Da waren zwei Musikchöre, wovon jedes aus sechzig Musikanten bestand; da waren fünfhundert Reitpferde und zweihundert Wagenpferde; da waren tausend Hunde, achtzehn Narren, zwölf Neger und ebenso viele Stumme. Die geringste Anzahl der Gäste betrug vierzig an der großen Tafel, ohne die kleinen zu rechnen. Man kann wohl sagen, daß unser Haus damals einem vollen Becher glich. Und der Besitzer von dem Allen, Himmel! welch ein großer Herr war er! Man könnte jetzt die ganze Welt am hellen Mittag mit angezündeten Fackeln durchlaufen, ohne seines Gleichen zu finden. – Ach! dies Alles ist vorübergegangen, dies Alles ist verschwunden, um niemals zurück, zukehren: es sind keine zwei Sommer in demselben Jahre! Man darf mir glauben, wenn ich von dem Fürsten Alexis rede, denn ich habe nicht immer das Glück gehabt, bei ihm in Gunst zu stehen.
Ich war zuerst Hundeaufseher bei ihm und dann Stallknecht. Diesen letzteren Posten bekleidete ich, als er eines Tages nach einem Mittagessen mit einigen vertrauten Freunden den Einfall bekam, mich zum Dessert rufen zu lassen, um mit seinem Bären zu kämpfen. Wenn der Fürst Alexis Etwas zu befehlen geneigte, so war. Nichts dagegen einzuwenden.
Der Bär richtete sich auf seine Hintertatzen und wir rangen mit einander. Dies ging ziemlich gut und ich glaube, wenn ich ihm ein Bein untergeschlagen, hätte ich ihn umwerfen können, als das verwünschte Vieh sich besiegt fühlte, mein Ohr erhaschte und es abzubeißen begann.
»Saukinsin!« sagte ich zu ihm, »willst Du loslassen? Nicht? – Einmal, willst Du loslassen? Zweimal, dreimal, willst Du loslassen? Nicht? – Warte!«
Ich zog mein Messer aus der Tasche und stieß es ihm unter der Achselhöhle bis ans Heft in die Brust. Der Bär fiel todt nieder, aber er hatte mein rechtes Ohr zwischen einen Zähnen. Als dies der Fürst Alexis sah, schnitt er mir auch das linke Ohr ab, weil ich den Bären ohne seine Erlaubniß getödtet hatte.
Seit der Zeit nennt man mich Jacquot Ohnohr. Als aber der Fürst seinen Zorn ausgelassen hatte, hegte er weiter keinen Groll gegen mich. Man balgte den Bären aus und stellte ihn in das Vorzimmer gegen einen Baumstamm, so daß es aussah, als ob er hinaufsteigen wolle. Was mich betrifft, ich wurde einige Zeit darauf zum Range eines Meutenführers erhoben.
Zum Unglück ließ ich bei der ersten Jagd, die ich leitete, den Fuchs entkommen und konnte die Hunde nicht wieder auf die Fährte bringen. Der Fürst wurde wüthend und geneigte, mir auf der Stelle eine väterliche Züchtigung von fünfzig Knutenhieben zuzutheilen; als wir dann ins Schloß zurückkehrten, schickte er mich in den Marstall, wo man mir noch hundert Ruthenhiebe zuzählte; darauf erklärte er, ich wäre zu Nichts zu gebrauchen, als die Schweine zu hüten, und in dieser Absicht schickte er mich auf eine seiner Besitzungen und verbannte mich aus dem fürstlichen Hause.
Fünf Jahre später geneigte er mir ein Wohlwollen wieder zu schenken. Die Sache geschah auf folgende Weise.
Eines Morgens ging der Fürst bei Tagesanbruch auf die Jagd. Es fror und schon bedeckte sich die Wolga mit einer leichten Eislage, doch war sie noch so schwach, daß man sie leicht mit einem Fersenstoß zerbrechen konnte. Es war eine Treibjagd, und man schoß mehr als hundert Stück Wild, sowohl Füchse als Hasen. Darauf machte er auf der Hochebene von Niskevo, die sich plötzlich gegen die Wolga absenkt, Halt. Der Fürst Alexis, schon sehr zufrieden mit der Jagd, wollte sich noch ein wenig mehr belustigen. Anfangs setzte er sich auf ein Faß Wodky und nachdem er vorher ein großes Glas von dem Getränk getrunken, hatte er die Gnade, allen mit eigener Hand davon anzubieten. Darauf wollte er seinen Gästen ein Zeichen von seiner guten Laune geben und befahl seinen Jägern, einen Rejak auszuführen, welche Belustigung in unseren Tagen wenig mehr vorkommt.
Ich wußte in der That selber nicht, was der Rejak war und befragte Jacquot Ohnohr darüber.
O! es war eine der anmuthigsten Unterhaltungen, antwortete mir Jacquot Ohnohr. Man mußte von dem Gipfel des Berges, der auf die Wolga hinausging, mit dem Kopf voran in den Fluß stürzen, die Eisrinde durchbrechen, sich untertauchen und an einem mehr oder weniger entfernten Orte wieder hervorkommen.
Es war die Lieblingsunterhaltung des verstorbenen Fürsten Alexis; aber diesmal ereignete es sich, daß Niemand gewandt genug war, die Belustigung des Rejak zu einer Zufriedenheit auszuführen.
Der Eine fiel der Länge nach auf den Fluß und durchbrach das Eis nicht, da er eine zu große Oberfläche bildete; dieser erhielt sogleich fünfzehn Knutenhiebe auf den Rücken, weil er flach auf den Bauch gefallen, während es sich darum handelte, mit dem Kopfe voran das Eis zu durchbrechen. Ein Anderer brach sich den Hals auf einem Vorsprunge des steilen Ufers, ehe er den Fluß erreichte; und drei andere Dummköpfe, die sehr gut untergetaucht waren und das Eis von oben nach unten durchbrochen hatten, wußten es nicht von unten nach oben zu durchbrechen und blieben bei den Fischen zurück.
Der Fürst gerieth hierauf in einen heftigen Zorn, nahm seine Peitsche und rief:
»Ah! Ihr Schurken! unterhaltet Ihr mich so? Ei, ich will Euch peitschen lassen, bis Ihr schwarz werdet.«
Aber er besann sich eines Bessern; als er sah, daß seine Stallknechte und Stallmeister das Experiment nicht machen konnten, wendete er sich an die niederen Adeligen, seine Tischgenossen.
»Nun,« sagte er, »versucht es auch, Ihr Anderen, und zeigt ihnen, daß Edelleute geschickter sind, als Muschiks.«
Aber mit diesen ging es noch viel schlimmer. Einem einzigen gelang es, das Eis auf passende Art zu durchbrechen und er stürzte mit dem Kopfe voran hinein; aber einmal unter dem Eise, fürchtete er ohne Zweifel, daß man ihn zwingen würde, das Kunststück noch einmal zu machen, und er spielte dem Fürsten den Possen, nicht wieder heraufzukommen.
Da überwand die Scham den Zorn bei dem Fürsten Alexis, und in Thränen ausbrechend, wie ein Kind, sagte er:
»Es scheint, als wenn meine letzten Tage gekommen wären, da kein einziger Mann um mich ist, der tapfer und geschickt genug wäre, den Rejak auf passende Weise auszuführen. Ihr seid alle eine Schaar alter Weiber! – O!« fügte er hinzu, »mein armer Jacquot Ohnohr, wo bist Du?« —
Dann wendete er sich zu denen, die ihn umgaben.
»Das war ein wackerer Kerl, und er führte den Rejak dreimal hinter einander aus. Wo ist er? Wo ist er? Führt ihn her!«
Man näherte sich furchtsam dem Fürsten und sagte zu ihm:
»Kleiner Vater Alexis, erinnerst Du Dich nicht mehr, daß Du geneigt hat, ihn zu verbannen, weil er bei Dir in Ungnade gefallen war?«
»Und hätte er das Grab meiner Mutter angespuckt, so soll er doch kommen und ich werde ihm verzeihen.«
Darauf eilten zwei oder drei Männer zu Pferde fort und kamen im Galopp, um mich abzuholen.
Ich bestieg eines von den Pferden und eine Viertelstunde später war ich bei dem Fürsten.
Wenn ich es zugegeben hätte, glaube ich, würde mich der hohe Herr umarmt haben.
Er wollte mir die Sache erklären; da aber keine Zeit zu verlieren war, indem bei der zunehmenden Kälte das Eis jede Minute eine Linie stärker wurde, so sagte ich zu ihm:
»Ich weiß es, mein Fürst, ich weiß es.«
Und ich stürzte mich von der Höhe des Ufers herunter, durchbrach das Eis mit meinem Kopfe und erschien zwanzig Schritte davon wieder.
Noch war keine Viertelstunde vergangen, als ich das Experiment zur großen Genugthuung des Fürsten und zum außerordentlichen Erstaunen der Zuschauer dreimal erneuert hatte.
Ich wollte zum vierten Mal beginnen, obgleich mein Kopf blutig war, aber der Fürst rief mir zu:
»Es ist gut, es ist gut; genug für heute; ich gebe Dir meine Gunst wieder und mache Dich zum Oberaufseher der Meute der Windhunde.«
Und überdies hatte er die Gnade, mir ein Geschenk von fünfundzwanzig Rubel zu machen, ertheilte mir den Befehl, ihm auf allen seinen Jagden zu folgen, gab mir feine Livrée, ernannte mich einige Zeit darauf zum Oberaufseher aller seiner Meuten und verheirathete mich mit einer Kammerfrau.
Von der Zeit an blieb ich immer in seiner Gunst und kann mich rühmen, sein bevorzugter Diener gewesen zu sein.
Im folgenden Jahre hatte ich Gelegenheit, dem verstorbenen Fürsten einen großen Dienst zu leisten, welcher Dienst mich vollends in seiner Gunst befestigte.
Zwanzig Wert von Niskevo, auf der anderen Seite des Waldes von Undol, liegt das Dorf Zabor.
Dort wohnte zu jener Zeit ein ehemaliger Korporal, Namens Solmime. Er war wegen seines Alters und einiger Wunden, die er im Jahre 1799 unter Suwarow erhalten hatte, vom Dienste befreit worden.
Er wohnte in Zabor mit einer jungen Frau, die er aus Litthauen mitgebracht hatte, und die so schön war, daß man sagte, man fände in ganz Rußland, weder in Groß— noch in Klein— Rußland, nicht ihres Gleichen.
Da nun der Fürst Alexis ein so feiner Kenner der Frauen, wie der Pferde und Hunde war, so zog die Frau des Korporal Solmime natürlich eine erhabenen Blicke auf sich.
Er wollte sie zuerst unter irgend einem anständigen und einleuchtenden Vorwande auf das Schloß Grubenski bringen; aber sie verweigerte es ohne Umschweife, und ihr Mann wurde aufgebracht und drohte schwörend, sich entweder bei unserem kleinen Vater, dem Kaiser, über die Beleidigung zu beklagen, die man ihm bereite, oder, was noch kürzer wäre, den Fürsten mit eigener Hand zu tödten.
Eines Tages – es war im Sommer, wie ich mich erinnere – gingen wir, in dem Walde von Undol zu jagen, und nachdem wir ein Dutzend Füchse erlegt hatten, machten wir in der Nähe von Zabor Halt.
Der Fürst war traurig und hielt sich abgesondert; weder der Anblick des Wildes, welches auf dem Rasen lag, noch auch die fünf oder sechs Gläser Wodky, die er zu trinken so gnädig war, konnten die Verstimmung verbannen, die sich seiner bemächtigt hatte. Er richtete so glühende Augen auf das Dorf Zabor, daß man hätte glauben sollen, daß er es anzünden wolle.
»Was liegt mir an Eurem Wild?« sagte er endlich, indem er sich zu uns wendete. »Es ist nicht dieses Wild, welches ich will – ah! was würde ich nicht dem von Euch geben, der mir das Reh bringt, welches sich dort in jenem Dorfe verbirgt!«
Und mit verzweifelter Miene deutete der arme Fürst auf Zabor.
Kaum hatte ich ihn diesen Wunsch aussprechen hören, als ich aufs Pferd sprang und ihm die Sporen in die Seiten stieß.
Vor Solmimes Hause angekommen, sah ich über eine Hecke seine Frau, die in seinen Garten ging und Himbeeren pflückte. Die Hecke mit einem Satze zu überspringen, die Schöne zu umfassen und sie vor mich auf den Sattel zu setzen, war die Sache eines Augenblicks. Ich erreichte im schnellsten Galopp den Ort, wo der Fürst sich befand, und setzte die Frau zu seinen Füßen nieder, nach welcher er zu seufzen geneigte.
»Und nun habe ich Eurer Gnaden Wunsch erfüllt,« sagte ich; »ich wollte Ihnen zeigen, daß ich ein ergebener Diener sei.«
Plötzlich sahen wir den Mann herbei eilen; er war so wüthend, daß er, von seinem Zorn verblendet, den Fürsten beinahe unter die Füße eines Pferdes getreten hätte.
Ich kann nicht genau sagen, wie die Sache vor sich ging. Ich erinnere mich nur, daß der Kampf hitzig war, und daß der Korporal auf dem Platze blieb. Die schöne kleine Litthauerin lebte von jetzt an in Grubenski in einem abgelegenen Pavillon, aus welchem sie drei Jahre später hervorkam, um sich scheeren zu lassen und als Nonne in das Kloster von Zimorag einzutreten. Der Fürst Alexis, der immer eine offene Hand hatte, beschenkte das Kloster reichlich, ließ dort eine Kirche bauen und fügte als Geschenk hundert Morgen Landes hinzu.
Diese Litthauerin war eine vortreffliche Frau: der Herr gebe ihr ihren Antheil an seinem himmlischen Reiche! So lange sie in dem Schlosse wohnte, wußte sie immer den Zorn des Fürsten zu besänftigen. Sobald sie ihn in Wuth gerathen sah gegen irgend einen seiner Muschiks, wußte sie zur rechten Zeit einzuschreiten und auf so wirksame Weise, daß sie mehr als einen Schuldigen von der Prügelstrafe rettete, die einer wartete. Auch als sie starb, waren viele Leute, die für sie beteten.
Ich kündigte dem Fürsten diesen Tod an, und er würde gewiß sehr davon gerührt gewesen sein, wenn ich ihm nicht zu gleicher Zeit den Tod Arabkas, seiner Lieblingshündin, anzuzeigen gehabt hätte.
Es war das zweite Mal, daß man den Fürsten weinen sah.
»Ach! meine arme Arabka!« sagte er zu mir; »ich erkannte ihre Stimme unter tausend Hunden, und wenn sie in der Nacht heulte – erinnerst Du Dich, mein armer Jacquot, daß ich Dich aufwecken und Dir sagen ließ: Jacquot, Arabka beklagt sich; geh' und sieh, ob diesem lieben kleinen Thiere nicht. Etwas fehlt!«
Und so war es.
Als der Fürst Arabka begraben ließ, zwang er den Pope, die Todtenmesse bei ihr zu halten, und errichtete ihr ein hübsches kleines Grab, wovon man noch die Ruinen im Park sieht.
III.
Die Messe von Makarieff
Du mußt wissen, mein lieber Iwan Andreowitsch, fuhr Jacquot Ohnohr fort, daß ehemals in Makarieff eine prächtige Messe war, die seitdem durch den Willen unseres Vaters, des Czaren, nach Nichney-Nowgorod verlegt wurde, und daß zu dieser Messe nicht nur die Leute in der Umgegend, sondern auch die Kaufleute aus den umliegenden Ländern und selbst aus den entferntesten Theilen der Erde kamen: die Chinesen brachten dorthin ihren Thee, die Kalmucken und die Tartaren ihre Thiere, die Perser ihre Teppiche und ihre Türkisen, so daß man, wenn der Zusammenfluß am stärksten war, wohl rechnen konnte, daß sich drei- bis vierhundert-tausend Menschen in Makarieff befanden.
Um die gute Ordnung zu erhalten, kamen von Nichney, von Kasan und selbst von Saratow Commissaire mit Dragonerregimentern hierher; indessen hatte der Fürst alles Ansehen und alle Macht.
Die Messe wurde am neunten Freitag nach Pfingsten eröffnet. Vom frühen Morgen an war. Alles in Bewegung wie in einem Ameisenhaufen; jeder zeigte sich in feinen festlichen Kleidern, puderte sich und erschien zu Pferde oder im Wagen. Wenn Alles bereit war, kam ein Unterintendant – dieses Amt war gewöhnlich einem ruinierten kleinen Edelmann anvertraut – und begab sich geradeswegs zu dem Fürsten, um ihn zu benachrichtigen, daß es Zeit sei, die Messe zu eröffnen; der Fürst ließ uns dann den Befehl mittheilen, uns alle in Ordnung zu stellen, und wenn man ihm sagte, daß wir seine Befehle erwarteten, erschien er auf der Freitreppe in Galakleidung, die in einem rothen Rocke mit Gold gestickt, in einer Weste von glaciertem Brocat mit silbernen Knöpfen, in einer gepuderten Perrücke, in einem dreieckigen Hute, in kurzen Beinkleidern und einem Degen an der Seite bestand. Außer uns folgten ihm hundert kleine Edelleute von seiner Bekanntschaft und Pagen, alle in Seide gekleidet, und Perrücken auf den Köpfen. Die Fürstin Marfa Petrowna, in einem Kleide à la Pompadour, reich mit Silber gestickt, mit carmoisinrothen Bordüren, die Haare zurückgeschlagen und gepudert, der Hals und die Schultern im eigentlichen Sinne mit Edelsteinen bedeckt, erschien auf dem Perron, von ihren Frauen begleitet, alle in seidenen Gewändern und gepudert und mit den Gesellschafterinnen, alle wie Prinzessinnen gekleidet.
Man muß hier sagen, was die Gesellschafterinnen waren: es war eine Vereinigung der hübschesten Sclavinnen des Fürsten, die einen Harem bildeten, wie der eines Großsultans; wenn ein Bauernmädchen die Maitresse des Fürsten gewesen, war ihre Zukunft gesichert; sie erhielt eine Mitgift von tausend Rubel, um entweder einen von uns zu heirathen oder in ein Kloster einzutreten; wenn sie lieber bei ihren Gefährtinnen im Schlosse bleiben wollte, so blieb sie dort; aber in dem Falle wurde sie der Aufsicht von zwei alten Weibern unterworfen, wovon die eine Vafilika und die andere Uliaschka hieß: es waren in Hinsicht der Häßlichkeit zwei entsetzliche Vogelscheuchen, und in Betreff der Stärke konnten sie mit den kräftigsten unter uns kämpfen. Wenn irgend eine Strafe im Harem auszutheilen war, konnte man sich hinsichtlich des Schlagens auf sie verlassen: sie theilten diese Ruthenhiebe mit dem vollen Hasse aus, den die Häßlichen gegen die Schönen, die Alten gegen die Jungen hegen.
Hinter den Gesellschafterinnen befanden sich die Dienerinnen, mit goldgestickten kurzen Röcken und kleinen Mützen von Marderfellen bekleidet.
»Vorwärts!« sagte der Fürst.
Und der Zug setzte sich in Bewegung.
Fünfzig Reiter eröffneten den Marsch: ihr Kostüm bestand aus einer Tunica von rothem Tuch, einem himmelblauen Pantalon mit silbernen Streifen und einem silbernen Gürtel, gelben Stiefeln, gepuderten Perrücken und gelben Mützen mit Federn von demselben Roth wie die Tunica.
Hinter den Reitern kamen die Compagnien der Jäger, der Meutenführer, der Stallmeister, der Hundeaufseher; dies Alles war in drei Schwadronen getheilt: die ersten trugen rothe Röcke und ritten braune Pferde; die zweiten trugen grüne Röcke und saßen auf hellbraunen Pferden; die dritten endlich trugen blaue Röcke und ritten graue Pferde.
Dann kamen die Stallknechte in himbeerfarbigen Röcken mit gelben Mützen, mit Federn von derselben Farbe, wie die Röcke, verziert, goldene Schärpen tragend, mit einem silbernen Horn darauf gestickt.
Endlich nach den Stallknechten kamen die Angesessenen und die Bekannten von dem niederen Adel, auf den Pferden des Fürsten reitend, jeder nach seinen Mitteln, aber immer so gut wie möglich gekleidet.
Dann kam in geringer Entfernung der Fürst Alexis in einer ganz vergoldeten Carrosse, von sechs weißen Pferden gezogen, deren Schweife und Mähnen schwarz gefärbt waren; hinter der Kutsche fanden vier Heiducken; sechs Läufer folgten zu Fuß mit ihren Federhüten, ihren weißen Beinkleidern, ihren seidenen Schuhen und ihren silbernen Stäben.
Dann kamen die Neger in langen Röcken von dunkelrothem Atlas mit goldenen Gürteln, und sie hatten eine silberne Kette um den Hals und eine rothe Mütze auf dem Kopfe.
Nach ihnen näherte sich die Fürstin Marfa in einer anderen Carrosse, nicht weniger reich, als die erstere, und von Pferden gezogen, nicht weniger schön, als die des Fürsten; um diese Carrosse sprangen ein Dutzend Läufer in Gewändern von Roth und Gold, und alles Uebrige des Kostüms war Weiß und Silber; sie trugen große gepuderte Perrücken und hielten ihre Mützen in den Händen, die nicht für ihre Köpfe paßten.
Der Fürstin folgten einige vierzig vierspännige Wagen; diese vierzig Wagen enthielten die Frauen des Gefolges der Fürstin, und hinter jedem dieser Wagen fanden zwei Lakaien in gelber Tunica.
Am Ufer des Flusses angekommen, fuhren alle auf Fähren hinüber, die alle zum Voraus eingerichtet und mit rothen Sammet geschmückt waren, worauf die Pferde stampften, wie auf dem Rasen, und die Wagen fort rollten, wie über ein Pflaster; dann landete man am anderen Ufer; man begab sich in das Kloster, man hörte dort die Messe, man hielt eine Procession um die Kirche und begab sich dann auf das Feld, wo die Messe gehalten wurde, um die Fahnen der verschiedenen Corporationen zu weihen. Mit eigenen Händen überreichte der Fürst dem Archimandriten die Fahne der Stadt; darauf spielte die Musik, die Musketen wurden abgefeuert und die Artillerie donnerte.
Der Archimandrit sprengte einige Tropfen Weihwasser auf die Fahne, der Fürst hißte sie auf die Spitze des Mastes und dann ertönte bei dem Donner der Kanonen und dem Gewehrfeuer ein unermeßliches Hurrah, von dreihunderttausend Stimmen ausgestoßen.
All' dieser Lärm bedeutete, daß die Messe eröffnet und daß es von diesem Augenblick an erlaubt sei, zu verkaufen. Wenn irgend ein unvorsichtiger Kaufmann es sich hätte einfallen lassen, vor diesem herkömmlichen Signal seine Bude zu öffnen, so würde der Fürst Alexis nicht verfehlt haben, ihn tüchtig auspeitschen und alle seine Waaren ins Wasser oder ins Feuer werfen zu lassen.
Der Fürst begab sich hierauf mit einem Gefolge zu dem Archimandriten, der ihn zur Mittagstafel einlud, während die Bewohner von Makarieff und den umliegenden Dörfern sich in Masse auf einen großen Platz in der Nähe der Messe begaben, wo Tische zu einem großen Bankett aufgestellt waren.
Der Fürst gab an diesem Tage in der That fünf bis sechstausend Gästen ein Bankett; dreihundert Fässer Wein und hundert Fässer Branntewein wurden dem Volke zur Verfügung gestellt, welches weiter Nichts zu thun hatte, als zu trinken und zu essen so viel es wollte; auch trank und aß man so viel, daß es ein schlechtes Jahr war, wenn nicht wenigstens fünfzig Trunkenbolde auf dem Platze blieben. An diesem Tage hatte Niemand das Recht, einen Trunkenbold zu beunruhigen, welchen Ort er auch gewählt haben mochte, um seinen Rausch auszuschlafen. Wenn er quer im Wege vor dem Wagen lag, mußte man ihm ausweichen, auf die Gefahr, mit dem Wagen in den Graben zu werfen; die Fußgänger schritten über diesen würdigen Sohn des Noah hinweg; aber es war jedem verboten, ihn nur mit dem Finger anzurühren, und dieses Verbot galt für jeden, welches auch ein Rang war, und um ein gutes Beispiel zu geben, befolgte es der Fürst zuerst.
Am folgenden Tage gab der Fürst ein Fest im Schlosse Grubenski; er lud dazu alle großen Herren aus der Nachbarschaft ein, die sich alle mit zahlreichem Gefolge dorthin begaben; die vorzüglichsten Kaufleute der Stadt, so wie die, welche aus der Fremde gekommen waren, wurden gleichfalls dazu eingeladen. In den schlechten Jahren betrug die Anzahl der zu diesem Feste Geladenen tausend bis fünfzehnhundert; in den guten Jahren habe ich bis zu dreitausend versammelt gesehen.
Auf dem Rasenplatze hinter dem Schlosse war das Bankett für die geringeren Leute gleich dem am Tage zuvor eingerichtet; es herrschte dort derselbe Ueberfluß an Speisen und Getränken; kaum hörte man sein eigenes Wort bei der Musik, bei den Gesängen und dem Knall der Feuerwaffen; am Abend tanzte man bei dem Scheine der Fackeln und ließ alle Frauen und Mädchen, die man auf der Messe und in der Umgegend finden konnte, herbeikommen.
Wenn die Freudenfeuer erloschen, begab sich der Fürst mit einigen Vertrauten in die Pavillons, und wir Anderen setzten unsere Belustigungen bis zum Anbruch des Tages fort.
Während der ganzen Dauer der Messe, das heißt sechs Wochen lang, fand eine ununterbrochene Folge von Festen und Lustbarkeiten statt.
Um sich selber zu versichern, daß Alles in guter Ordnung zugehe, geneigte der Fürst die Messe alle Tage in Person zu besuchen; wehe denen, die einen Fehler begingen, die Strafe ließ nicht auf sich warten. Er war ein Mann, der es nicht liebte, daß eine Sache sich in die Länge zog; sobald das Vergehen bestätigt war, wurde die Untersuchung angestellt; nach der Untersuchung wurde das Urtheil gefällt; bei ihm bedurfte es keines langen Processes; auch zollten ihm alle Kaufleute eine hohe Bewunderung und nannten ihn ihren kleinen Vater und ihren Wohlthäter. Sie zeigten ebenfalls keine große Achtung vor Papieren und Schreibereien; die prompte und rasche Justiz des Fürsten gefiel ihnen um so mehr, da sie ihnen eine besonders in der Messe sehr kostbare Zeit ersparte und sie aus den Händen der Commissarien, der Assessoren und anderer Richter errettete. Die würdigen Kaufleute wußten wohl, wenn sie mit allen Leuten des Gesetzes zu thun hätten, daß nicht nur alle Vortheile der Messe aus ihren Händen kommen, sondern auch, daß sie bald alle ihre früheren Ersparnisse auf immer aus dem ledernen Sack, der ihnen als Schutzort diente, entfliehen sehen würden.
Die Art, wie der Fürst Justiz übte, war höchst einfach. Er ließ den Delinquenten vor sich erscheinen, und wenn das Vergehen sich bestätigte, wurde der, welcher es begangen hatte, mochte er nun Edelmann, Kaufmann oder Leibeigener sein, mit derselben Unparteilichkeit behandelt. Der Fürst begann damit, ihm eine Strafrede zu halten, und bei dieser Strafrede fehlte es weder an starken Ausdrücken, noch an Beleidigungen; er geneigte sogar zuweilen, die Strafrede durch ein paar Ohrfeigen oder eine Anzahl Peitschenhiebe, die er mit höchst eigener Hand austheilte, zu verstärken; dann ließ er den Schuldigen in den Marstall führen, wo ihm eine mehr oder weniger beträchtliche Anzahl von Peitschen- oder Ruthenhieben zugetheilt wurde, wobei man sich weder nach einer Stellung, noch nach seinem Range, sondern allein nach dem Vergehen richtete, worauf sich der Delinquent zu dem Fürsten begab, um ihm für seine Güte und die Mühe seiner väterlichen Fürsorge zu danken.
Der Fürst hielt ihm eine kleine Rede, die den Umständen angemessen war, reichte ihm die Hand zum Kusse, ließ ihm zu essen und zu trinken geben, und damit war Alles aus.
Die Kaufleute auf der Messe hatten die Vorschrift, an die Reichen so theuer zu verkaufen, wie sie könnten, und sie auf jede Art, sei es nun hinsichtlich der Beschaffenheit, des Gewichts oder des Maßes der Waare zu täuschen; aber hinsichtlich der Armen war der ausdrücklichste Befehl ertheilt worden, ihnen kein Unrecht zu thun.
Einmal lud der Fürst zur Mittagstafel in sein Schloß einen Kaufmann aus Moskau ein, der von jeder Messe in Makarieff fünf- bis sechstausend Rubel Profit mitnahm; sein Handel bestand besonders in Seiden- und kurzen Waaren.
Als die Mittagstafel beendet war und der Fürst so wie der Kaufmann jeder seine Taffe Kaffee in der Hand hielt, entspann sich folgendes Zwiegespräch:
»Wie theuer verkaufst Du Deinen rothen Levantin, Trifon Egoritsch?«
»Ich verkaufe ihn für eine Grivne und vier Allinen, Excellenz,« antwortete der Kaufmann, »wenn er nämlich von der ersten Qualität ist.«
»Bei Dir hat gestern die Frau des Pope Athanasius gekauft.«
»Es ist möglich, gnädigster Herr, ich erinnere mich dessen nicht mehr; es kommen in einem Tage so viele Leute zu mir, daß ich mich nicht an alle erinnern kann, welche kommen.«
»Ich sage Dir, daß die Frau des Pope gestern bei Dir eine Archine Levantin gekauft hat. Um welchen Preis hast Du ihr denselben verkauft?«
»Ich erinnere mich dessen nicht, Excellenz; übrigens ist es möglich, daß sie diesen Levantin bei mir gekauft hat und daß ich ihr denselben doch nicht selber verkauft habe, sondern einer von meinen Leuten.«
»Man rufe mir einen Courier,« sagte der Fürst.
Ich muß Dir nämlich sagen, mein lieber Andreowitsch, daß immer in der Nähe der Freitreppe ein Dutzend Couriere neben ihren völlig gesattelten Pferden hielten, um bereit zu sein, fortzureiten, wenn der Fürst ihnen. Etwas befehlen sollte.
Ein Courier trat ein.
Der Kaufmann wurde bestürzt, denn er glaubte, er würde in den Marstall geführt werden; aber es war Nichts.
Der Fürst Alexis sagte zu dem Courier:
»Du gehst mit diesem Kaufmann zu seiner Bude auf dem Meßplatze und dort wird er Dir ein Restchen von seinem besten Levantin zustellen; damit gehst Du sogleich zu dem Pope Athanasius, verlangt seine Frau Visigha zu sprechen und sagt zu ihr: »Meine kleine Mutter, hier ist ein Restchen Levantin, den Ihnen der Kaufmann Trifon Egoritsch Tschurine aus Moskau zum Geschenke schickt; er hat Ihnen gestern einen zu hohen Preis abgenommen und bittet Sie, von ihm diese Entschädigung anzunehmen.« Was Dich betrifft, Trifon Egoritsch Tschurine, Du wirst wohlthun, Deine Commis ein wenig besser zu überwachen, damit sie den armen Leuten nicht zu viel abnehmen, sonst müßte ich mich auf meine Weise mit Dir abfinden. Diesmal wollen wir nicht weiter gehen, aber nimm Dich in Acht! Ich werde ein Auge auf Dich haben, und wenn Du wieder beginnt, so werde ich Dein Commis sein und Deinen Verkauf übernehmen.«
Kaum waren acht Tage vergangen, als der Fürst erfuhr, daß Tschurine einen armen Bauer bei einem Stück Bafin am Maß betrogen habe.
Er ließ sich ein Pferd geben und ritt sogleich auf den Meßplatz.
»Nun, Trifon Egoritsch,« sagte er zu dem Kaufmann, »wie es scheint, hast Du meinen Rath vergessen; Du hast ein schlechtes Gedächtniß, mein Freund – glücklicherweise ist das meinige gut. Du weißt, was verabredet worden? Ich komme, als Dein Commis bei Dir einzutreten. – Und Ihr anderen Meßkünstler, eilt, Euch von hier zu entfernen! Von diesem Augenblick an bin ich zugleich Commis und Kaufmann.«
Tschurine wußte, daß mit dem Fürsten nicht zu scherzen sei. Er verließ in demselben Augenblick seine Bude und alle seine Commis folgten ihm.
Der Fürst Alexis stellte sich hierauf hinter den Ladentisch und begann mit lautester Stimme zu rufen:
»Ihr alle, ehrliche Leute und liebe Käufer, wir bitten Euch sehr inständig, unsere Bude mit Eurem Vertrauen zu beehren. Wir haben Waaren für jeden Geschmack, prächtige Atlasse, englische Bafins, Nankins aus China; wir haben alle Arten von Putz für die Damen, Strümpfe, Shawls, Batist à la Pompadour. Sagt, was Ihr wünscht, und wir wollen Euch zu billigen Preisen und nach gutem Maß verkaufen. Wir verkaufen unsere Waaren gegen baar; wenn aber Jemand kein Geld hat, so geben wir ihm auch Credit. Wenn er später bezahlt, um so besser, wenn er aber zu bezahlen vergißt, so werden wir ihn darum nicht verfolgen.«
»Du kannst Dir wohl denken, mein kleiner Vater, daß bei einer solchen Aufforderung alle Welt zu der Bude des Fürsten hinströmte. Er hinter seinem Ladentische gab Allen Gehör und maß niemals vier Archinen für fünf aber oft fünf für vier. So hatte er in drei Stunden Alles verkauft, was die Bude des Kaufmanns Tschurine enthielt. Nur fand es sich, daß das baare Geld nicht sehr reichlich einging, da es weniger Käufer gab, die baar zahlten, als solche, die auf Credit kauften.
Als dies beendet war, rief der Fürst Tschurine herbei.
»Hier,« sagte er zu ihm, »ist Deine Bude; ich gebe sie Dir hübsch und gut ausgeräumt zurück. In dieser Schublade ist das baare Geld, und auf diesem Register stehen die Namen und Adressen derjenigen, die auf Credit gekauft haben. Es ist an Dir, das Geld so schnell wie möglich einzutreiben. Ich hoffe, Du wirst weder die Frau mit dem Levantin, noch den Bauer mit dem Bafin vergessen. Jetzt wollen wir zur Mittagstafel ins Schloß gehen, obgleich es eigentlich an Dir wäre, mich einzuladen; denn Du bist mir einen famosen Krug Wein schuldig, weil ich Deine Angelegenheiten so gut geordnet und gemacht habe, daß Du vor allen Anderen Deine Messe beendet hast. Aber ich will es Dir erlassen, und ich bewirthe Dich heute; komm'!«
Tschurine beeilte sich nicht zu gehorchen. Er war sichtbar unruhig.
»O! fürchte. Nichts, Patron,« sagte der Fürst Alexis, »und komm' in allem Vertrauen. Du begreift, daß, wenn ich Lust hätte, Dir eine hübsche Anzahl von Knutenhieben zutheilen zu lassen, so könnte ich es hier ebenso gut, wie in Niskevo thun. Komm' also in aller Ruhe, Patron!«
Es war Nichts zu sagen gegen eine so einfache Rede. Von diesen Worten beruhigt, setzte sich also Tschurine an die Seite des Fürsten in seine Carrosse.
Bei der Mittagstafel nahm Tschurine den Ehrenplatz ein, und während der ganzen Mahlzeit blieb der Fürst hinter seinem Stuhle stehen, bot ihm die besten Bissen an, schenkte ihm den besten Wein ein und nannte ihn beständig Patron.
Dies ist noch nicht Alles. Als er von dem Fürsten Abschied nahm, erhielt der Kaufmann von ihm ein Geschenk, welches von einem hohen Wohlwollen zeugte: er gab ihm einen kleinen Hund und eine kleine Hündin von der Race seiner geliebten Arabka.
Von dem Augenblicke an erschien Tschurine nicht wieder, weder im Schlosse, noch in Makarieff, und im folgenden Jahre sagte man, um eine Abwesenheit zu erklären, der schlechte Verkauf auf der letzten Messe habe so seine Angelegenheiten zerrüttet, daß er sich nie davon erholt habe.
Der Fürst Alexis liebte Diejenigen sehr, welche unerschrocken und frei mit ihm umgingen. Einmal ging er ganz allein und ohne Auszeichnung auf der Messe umher, als ihm ein Kaufmann begegnete, der ihm ungehorsam gewesen war, indem er seine Bude an einer anderen Stelle, als ihm bezeichnet worden, eröffnet hatte. Die Begegnung fand an einer abgelegenen Stelle hinter den Baraken auf einer großen sandigen Ebene statt, an deren Ende sich ein kleiner See von sehr ebenem Grunde erstreckte, und zu welchem man vermöge eines sanften Abhanges gelangte.
Der Fürst erblickte und erkannte feinen Delinquenten, einen Burschen von fünfundzwanzig bis dreißig Jahren, der einen Kopf größer war, als er.
»Komm' hierher, mein Junge,« sagte er zu ihm.
Aber der Kaufmann, der sich überzeugt hielt, daß es sich um eine Haut handelte, bewegte sich nicht von der Stelle und sagte zu dem Fürsten, indem er sich in der Entfernung von etwa vierzig Schritten hielt:
»Nicht so dumm, mein kleiner Vater! Ich weiß, um was es sich handelt; ich wünsche durchaus nicht, mit Ihrem Rohrstock Bekanntschaft zu machen.«
»Ah! Schurke von einem Ellenreiter!« sagte der Fürst, »so beeilst Du Dich, mir zu gehorchen?«
Und er stürzte auf den Kaufmann los, indem er sein Rohr schwang. Der Kaufmann sah ein, daß sein Rücken in einer um so größeren Gefahr war, da der Fürst in einen heftigen Zorn gerieth. Er verlor also keine Zeit, seinen Gegner zu erwarten: – er floh mit der ganzen Schnelligkeit seiner Beine auf den See zu. Der bewegliche Sand der Ebene hinderte ihn sehr auf einer Flucht; aber ebenso wie er dem Kaufmanne hinderlich war, mußte er auch dem Fürsten hinderlich sein. Alle Beide sanken bis an die Knöchel ein. Der Kaufmann, welcher errieth, daß der Fürst, älter und weniger gewandt, als er, schon weit zurückgeblieben sein müsse, sah sich um und bemerkte, daß seine Erwartung sich bestätigte.
»Gut!« sagte er bei sich selber, »ich habe Zeit.«
Und er setzte sich nieder und zog rasch eine Stiefel aus, um bei seinem Laufe weniger gehindert zu sein; dann, als er seine Stiefel ausgezogen hatte, stürzte er sich wieder auf den See zu, und zwar rascher, als vorher.
Als der Fürst Alexis dies sah, dachte er, daß der kleine Kaufmann sehr verständig handle. Er setzte sich auch nieder und legte seinerseits auch die Stiefel ab, dann setzte er seinen Weg fort.
Der Kaufmann lief auf den See zu; der Fürst folgte dicht hinter ihm; der Erstere trat in's Wasser, der Zweite ahmte ihm in allen Dingen nach. Der Kaufmann blieb an einer Stelle stehen, wo ihm das Wasser bis an den Hals ging; da aber der Fürst einen Kopf kleiner war, als er, so ging ihm das Wasser schon bis ans Kinn, während es dem Kaufmann erst bis ans Schlüsselbein ging. Beide waren genöthigt, zwanzig Schritte von einander stehen zu bleiben.
Da der Fürst jetzt nicht weiter konnte, begann er dem Kaufmann zuzurufen:
»Komm' hierher, Schurke,« sagte er zu ihm. »Ich habe eine Rechnung mit Dir abzuschließen.«
»Nein, mein kleiner Vater, ich bin nicht so dumm,« antwortete ihm der Kaufmann, »es ist nicht an mir, meine Rechnung mit Ihnen abzuschließen, sondern Sie wollen die Ihrige mit mir abschließen. Kommen Sie also zu mir, denn ich werde mich nicht von hier entfernen.«
»Du willst mich also ertränken, Feigling?« rief der Fürst.
»Ich weiß nicht, was der gute Gott in dieser Hinsicht bestimmt hat; aber so viel weiß ich, daß ich nicht zu Ihnen gehen werde.«
Und so stritten sie eine gute halbe Stunde, ohne daß der Eine oder der Andere sich vom Platze bewegte; und da ungeachtet des guten Wetters das Wasser ziemlich kalt war, begannen Beide am ganzen Körper zu zittern.
»Nun, Du bist ein wackerer Junge,« sagte endlich der Fürst, »und ich liebe Die, welche muthig sind, wie Du, um so mehr, da ich solche nicht oft treffe. Ich verzeihe Dir Deine Streiche; komm' ins Schloß, ich lade Dich zur Mittagstafel ein.«
»Sie lügen, mein kleiner Vater: es ist kein Mittagsessen, welches meiner dort wartet, sondern eine Strafe.«
»Ich werde Dich nicht mit dem Finger anrühren, ich gebe Dir mein Ehrenwort darauf.«
»Nein; aber Sie werden mich von Anderen anrühren lassen. Wir wissen das.«
»Auf Edelmannsparole!«
»Machen Sie das Zeichen des Kreuzes!«
Der Fürst, der bis an das Schlüsselbein im Wasser stand, machte mehrmals nach einander das Zeichen des Kreuzes, indem er bei jedem Zeichen bei einem heiligen Patron schwur, daß dem listigen Kaufmanne Nichts zu Leide geschehen solle.
Völlig beruhigt durch die Zeichen des Kreuzes und die Eide, ging der Kaufmann aus dem Wasser; der Fürst that dasselbe, und sie begaben sich im besten Vernehmen in das Schloß, wo der Fürst seine Kleider wechselte und sie auch seinen Gast wechseln ließ, indem er ihm Kleider aus seiner eigenen Garderobe gab.
»Ich bin gewiß, daß Du mich ertränkt hättest, wenn ich thöricht genug gewesen wäre, zu Dir zu gehen,« sagte der Fürst zu Konone—Fadeitsch, dies war der Name unseres Kaufmannes, jedesmal, wenn er ihm begegnete.
»Ich weiß es nicht, mein Fürst,« antwortete dieser; »ich hätte gethan, was Gott mir eingegeben.«
Dieser Konone—Fadeitsch war ein schlauer Fuchs.
Der Fürst hatte die Gewohnheit, im Sommer auf einem Lehnsessel nach seinem Dessert einzuschlafen. Zu diesem Zwecke ließ er seinen Sitz auf die Schwelle der Thüre stellen, die zu dem Balkon führte. Während der Siesta des Fürsten mußte jeder das strengste Schweigen beobachten, und dieser Befehl erstreckte sich nicht nur auf das Personal des Schlosses, sondern auch auf alle Diejenigen, die auf ihren Fahrzeugen vorüberkamen, mochten sie nun den Fluß hinauf- oder hinunterfahren – wenn sie ihn nicht befolgten, wurden sie in den Marstall geschickt.
Und damit Alle in Kenntniß gesetzt würden, daß der Fürst allergnädigst geruhe, sich den Süßigkeiten des Schlummers hinzugeben, hißte man auf dem Schlosse eine himmelblaue Fahne auf, die allein zu diesem Gebrauche bestimmt war.
Eines Tages, als er so ruhte, wurde er plötzlich von einer Stimme, die gerade unter einem Balkon sang, aus seinem Schlummer erweckt.
Es war die eines kleinen Edelmannes, der im Garten spazieren ging und sich so weit vergaß, den Befehl zu überschreiten.
Er hatte freilich eine Entschuldigung, denn als er an der Wohnung der Gesellschafterinnen vorüberkam, wurde er so aufgeregt von den zärtlichen Blicken und Winken dieser Damen, welche vermöge der blauen Flagge wußten, daß der Fürst schlafe, so daß er gänzlich den Kopf verlor und aus voller Kehle sang:
»Es führt ein Fußsteig übers Feld – «
Aber wie man leicht begreift, wagte er diese Entschuldigung bei dem Fürsten nicht geltend zu machen.
Als er gewahr wurde, welchen Fehler er gemacht, entfloh der Schuldige, so schnell er konnte.
»Wer hat den »Fußsteig übers Feld« gesungen?« fragte der Fürst erwachend.
Die Bedienten, an die diese Frage gerichtet war, zerstreuten sich nach allen Seiten, um den Schuldigen zu verfolgen und sich seiner zu bemächtigen, wenn es möglich sei.
Glücklicherweise fand dieser auf seinem Wege einen Heuschober, machte sich eine Oeffnung hinein und versteckte sich darin, wie ein Kaninchen, ohne von Jemand gesehen zu werden, außer von den jungen Gesellschafterinnen; aber es war keine Gefahr vorhanden, daß sie das Geheimniß eines Mannes verriethen, der um ihretwillen der Verfolgung ausgesetzt war.
»Wer hat den »Fußsteig übers Feld« gesungen?« rief zum zweiten Mal der Fürst mit gebieterischer Stimme. Und zu gleicher Zeit hörte man den Lärm von den Möbeln und den Spiegeln, welche zerschmettert wurden.
Die Diener fuhren fort, nach allen Seiten wie toll zu laufen; aber sie fanden den Schuldigen nicht.
»Wer hat das Lied gesungen?« rief zum dritten Mal der Fürst mit Donnerstimme, indem er, seine große Peitsche in der Hand, auf der Freitreppe erschien.
Niemand wußte, was man ihm antworten sollte; jeder suchte, jeder lief, und man hörte nur Fragen sich kreuzen und laut dieselbe drohende Stimme rufen:
»Wer hat den »Fußsteig übers Feld« gesungen?«
»Man liefere mir im Augenblick den Schuldigen aus!« sagte der Fürst, »oder alle Rücken sollen mir für seine Zunge leiden!«
Alle Nachsuchungen blieben ohne den geringsten Erfolg.
Der Fürst brüllte wüthend wie ein Bär, der von den Hunden angegriffen wird, und fluchte, daß die Felsen der Grotte und des Wasserfalles hätten davon spalten können.
Der Anführer der Heiducken, welcher einsah, daß sein Rücken einer noch größeren Gefahr ausgesetzt war, als der der anderen – denn wenn diese summarischen Executionen stattfanden, die den Zweck hatten, einen unbekannten Schuldigen aufzufinden, da schlug der Fürst mit eigener Hand die Anführer und verfehlte nie den dreizehnten Schlag hinzuzufügen – der Anführer der Heiducken, sage ich, wendete sich an den Sänger Vasko und bat ihn, die Schuld auf sich zu nehmen.
Vasko, welcher vollkommen wußte, was für ihn daraus entstehen würde, begann damit, es rund abzuschlagen.
Dann bat man ihn mit Thränen, und der Intendant versprach ihm alle möglichen Geschenke, überdies eine Erkenntlichkeit von zehn Silberrubeln.
Vasko wurde gedankenvoll, blinzelte mit dem Auge und kratzte sich hinter dem Ohr; zehn Silberrubel war schon eine hübsche Summe in jener Zeit.
Aber andererseits kam ein Rücken in große Gefahr, denn der Fürst war in großem Zorn.
»Nun,« sagte er endlich, von dem Anblick der Rubel verlockt, »ich nehme es an, aber wohl gemerkt, Ihr Leute, wenn der Fürst mich nicht mit eigener Hand bestraft, so – schlagt nicht so stark.«
Man versprach es ihm.
Während dieser Zeit war der Fürst in den äußersten Zorn gerathen.
»Alle diese Canaillen von Muschiks,« brüllte er, »sollen tausend Peitschenhiebe erhalten; die Bekannten fünfhundert, und was die Gesellschafterinnen betrifft, so lasse man mir Uliaschka und Vasilika kommen.«
Da wurde die Bestürzung allgemein. Niemand wagte mehr ein Wort zu flüstern, kaum athmete man noch.
»Man bringe mir alle Peitschen, die sich in dem Schlosse befinden!« rief der Fürst.
»Da ist der Schuldige! Man hat ihn, hurrah! hurrah!« riefen die kleinen Kosaken, als sie den Intendanten erblickten, dem einige Heiducken folgten, welche Vasko, an Händen und Füßen gebunden, herbeiführten.
Der Fürst setzte sich auf ein Sopha, um sein Urtheil zu sprechen. Man führte Vasko vor ihn, und Alle erwarteten mit Unruhe die Entwickelung dieser schrecklichen Scene.
»Du bist es gewesen, der gesungen hat?« fragte der Fürst.
»Ja, mein Fürst,« stotterte Vasko.
Der Fürst saß einige Augenblicke schweigend und mit gerunzelten Augenbrauen da.
»Du hast eine schöne Stimme!« sagte er endlich. »Man zahle ihm zehn Rubel aus und gebe ihm einen neuen Rock.«
So war der Fürst Alexis gut und milde, wie ein gutes Brod, nur liebte er die Ordnung und hielt darauf, daß die Vorschriften beobachtet wurden.
IV.
Der Namenstag des Fürsten Alexis
Der Namenstag unseres lieben kleinen Vaters, des Fürsten Alexis, fiel fünf Tage nach dem Feste der Fürbitte unserer heiligen Jungfrau, und der Fürst wollte, daß dieser Namenstag mit großem Pomp gefeiert werden solle; in Folge dessen fanden beständig Festlichkeiten und prächtige Bälle statt. Die Eingeladenen begannen vierzehn Tage oder drei Wochen vor dem Feste im Schlosse anzukommen, und unter den vorzüglichsten Gästen bemerkte man zuerst die großen Herren aus der Umgegend, dann den Gouverneur von Kasan, die Woiwoden der umliegenden Provinzen und den General der in Nichney in Garnison stehenden Dragoner. Es kamen Gäste von Moskau und selbst von St. Petersburg, denn alle Freunde des Fürsten Alexis waren glücklich, ihn an seinem Namenstage, zu begrüßen.
Jeder vornehme Gast hatte im Schlosse ein besonderes Zimmer. Die Wahl des Zimmers wurde nach dem Range und der Stellung dessen bestimmt, der es bewohnen sollte. Ein besonderer Pavillon war für den Gouverneur, ein anderer für den General bestimmt.
Die kleinen Adeligen, die immer zu diesem Feste in einer Anzahl von zwölf- bis fünfzehnhundert kamen, brachte man zum Theil bei den Bürgern, zum Theil bei den Muschiks unter.
Sie schliefen dort am Boden oder auf Oefen.
Am Tage vor dem Feste fand ein Abendgottesdienst statt und dann ein Diner, aber ein wahres Fastendiner. Der Fürst wollte sowohl für sich, als für seine Gäste jede Gelegenheit vermeiden, sich während der Nacht irgend ein Vergehen zu Schulden kommen zu lassen, welches die Feierlichkeit des folgenden Tages vermindern und verhindern konnte, daß Alle am nächsten Morgen bei guter Zeit auf waren.
Am folgenden Morgen begaben sich Alle zu dem Fürsten, um ihm Glück zu wünschen; dieser saß in Galakleidung im Salon, hatte zu einer Rechten den Gouverneur und zu einer Linken die Fürstin Marfa Petrowna.
Die Anderen saßen nach ihrem Range. Die kleinen Edelleute standen hinter den Stühlen; die ganze Dienerschaft war in den Thüren versammelt. Dann kam der Dichter, den der Fürst nur für die Feierlichkeiten von der Art unterhielt, welche an diesem Tage stattfanden. Es war ein gewisser Semione Tetisch, der Sohn eines Pope, den man nach Moskau geschickt, um dort das Versemachen zu studieren.
Der Dichter wurde in einer besonderen Wohnung unterhalten, wo er ruhig lebte; eine ganze Arbeit bestand darin, Verse oder ein ländliches Gedicht zu machen, wenn irgend eine Feierlichkeit kam. Bei dieser Gelegenheit schloß man ihn drei Wochen vorher in das Taubenhaus ein, um ihm alle Zerstreuung zu ersparen, und besonders um ihn zu verhindern, sich zu betrinken.
Tetisch, mit einem ganz neuen seidenen Gewande bekleidet, und seinen Kopf mit einer gepuderten Perrücke bedeckt, blieb in der Mitte des Kreises stehen, und nach einer tiefen Begrüßung entfaltete er sein Papier und las die Verse, die er gemacht hatte, und welche Alle mit dem tiefsten Schweigen anhörten. Hierauf näherte er sich dem Fürsten, ließ sich auf ein Knie nieder und überreichte ihm ein Papier. Hierauf reichte ihm der Fürst zum Zeichen einer hohen Genugthuung seine Hand zum Kusse, machte ihm ein Geldgeschenk, befahl, daß man ihm zu trinken und zu essen vorsetze, indem er zugleich anempfahl, ihn zu überwachen, um ihn zu verhindern, an den Folgen seiner Unmäßigkeit zu sterben; was ein Verlust gewesen wäre, da es vielleicht sechs bis acht Jahre bedurft hätte, um einen Dichter von derselben Stärke heranzubilden.
Alle hatten überdies den Befehl erhalten, ihm kein Leid zuzufügen.
Ungeachtet dieses Befehls erlaubte sich eines Tages ein kleiner Edelmann des Fürsten Alexis, dem armen Tetisch einen schlechten Streich zu spielen. Als er ihn beschäftigt sah, seinen Rausch auszuschlafen, und gerade einen Igel gefunden hatte, bekam er den Einfall, das Thier zwischen das Hemde und die Haut des Dichters zu stecken. Dieser erwachte plötzlich mit heftigem Schmerze, und da er in seiner Trunkenheit die Ursache davon nicht errathen konnte, so lief er wie ein Narr gerade auf das Schloß zu und rief mit der ganzen Stärke seiner Lungen:
»Hilfe! – Räuber! – Mörder!«
Zum Unglück begegnete er gerade dem Fürsten, welcher, als er die Ursache des Geschreies des unglücklichen Dichters hörte, sehr über den Streich, den man ihm gespielt, lachte. Aber zu gleicher Zeit befahl er, nachdem er dem kleinen Edelmanne eine gute Strafe hatte zu Theil werden lassen, daß dieser dagegen einen ganzen Tag den erwähnten Igel zwischen einem Hemde und seiner Haut tragen solle.
Nachdem sich Tetisch entfernt hatte, servierte man den Thee, aber nur den großen Personen, weil der Thee vor alten Zeiten noch eine sehr seltene Bewirthung war, deren Gebrauch nur die vornehmen Personen kannten. Die kleinen Edelleute hätten nicht gewußt, wie sie sich dabei benehmen sollten, um ihn mit Zucker zu versehen und ihn zu trinken.
Wenn man den Thee eingenommen hatte, ließ man die Narren kommen. Sie beeilten sich dann, tausend Proben von ihrer Kunst zu geben. Erst wenn sie alle Welt gehörig belustigt hatten und man ihrer überdrüssig war, trieb man sie mit Fußstößen aus der Thüre; dies war der Unterschied, den man zwischen ihnen und dem Dichter machte.
Als man das Mittagsessen anmeldete, begab sich Jeder nach seinem Range in den Speisesaal. Das eine Ende der Tafel nahm unsere kleine Mutter Marfa Petrowna mit ihren Damen, das andere unser kleiner Vater Alexis und seine Herren ein. Drei Mal während der Mittagstafel trank man auf die Gesundheit des Fürsten, und bei jeder Gesundheit stießen die Gäste ein entsetzliches Hurrah aus, die Kanonen donnerten, die Trompeten erschallten, die Sänger stimmten im Chor eine Cantate an, die Zwerge machten Grimassen, die Neger tanzten und die Gäste zerbrachen mit lautem Krachen alles Porzellan und alles Glas, welches ihnen unter die Hände kam, um dem Amphitryo ein langes und glückliches Leben zu wünschen.
Dann erhob sich der Bär, der Liebling des Fürsten, der Nachfolger dessen, der mir das Ohr abgebissen hatte, von dem Lärm aufgeregt, auf feine Hinterfüße und begann einen Tanz, wobei er gewiß mehr Grazie, Gewandtheit und Leichtigkeit zeigte, als der dritte Theil der Gäste, beschwert von dem vielen Trinken, hätten zeigen können.
Um sieben Uhr begann der Ball. Er wurde mit einer Polonaise eröffnet, welche die Fürstin Marfa mit dem Gouverneur tanzte.
Um zehn Uhr wurde der Ball unterbrochen, um einem Schäferspiele Platz zu machen. Alle begaben sich in die große Galerie. Bei dem Geräusche, welches durch diese Ortsveränderung hervorgebracht wurde, spielten die Musiker italienische Stücke, welche den Lärm so viel wie möglich übertäubten.
Wenn die Zuschauer saßen, wurde der Vorhang aufgezogen.
Dann sah man die Heldin des Stückes hinter einem Baum hervorkommen. Meistens, und so lange sie jung blieb, war es die schöne Duniaka, die Tochter des Webers Egor, die erste Schönheit nicht nur in Makarieff, sonder auch auf zwanzig Meilen in der Runde. Ihre zurückgeschlagenen Haare waren gepudert und mit Blumen geschmückt. Ihr bezauberndes Gesicht wurde noch pikante gemacht durch zwei oder drei künstlich aufgelegte Schönpflästerchen. Sie trug ein prächtiges Kleid von blauen Atlas und hielt einen Hirtenstab in der Hand mit roten farbigen Bändern verziert.
Nach einer Verbeugung gegen den ganzen Saal näherte sie sich dem Fürsten und hielt eine Anrede in Verse an ihn, die von Semione Tetisch herrührten.
Als Duniaka diese Verse recitiert hatte, erschien ihr Gefährtin Paraka, als Schäfer verkleidet, mit gepuderter Haar, Wamms, Weste und Beinkleid von Atlas tragend. Darauf begannen sie sich in Versen von Liebe und von Schafen zu unterhalten, Darauf setzten sich Schäfer und Schäferin neben einander nieder und liebkosten sie auf so zärtliche und verliebte Weise, daß nicht nur die jungen Leute, sondern auch die Greise vor Vergnüge erbebten.
Tetisch hatte Anfangs große Mühe gehabt, die beide Dämchen dahin zu bringen, die Verse auf passende Weise zu recitieren; da. Beide nicht lesen konnten und sehr träge waren, so behaupteten sie, sie könnten die Verse, die ihnen der Dichter vorsagte, nicht verstehen und folglich auch nicht behalten; aber der Fürst Alexis hatte Vasilika und Uliaschka rufen lassen; die beiden Furien waren jede mit einer Handvoll Ruthen gekommen, hatten den Widerstrebenden eine Strafe zugetheilt, und wie durch ein Wunder wußten sie am folgenden Tage ihre Rollen, ohne daß es nöthig war, daß man ihnen ein Wort zublies.
Alle waren, wie gewöhnlich, sehr erfreut von dem Schäferspiele, und der Fürst Alexis ließ darauf Tetisch rufen, um die verdienten Complimente in Empfang zu nehmen; aber wie gewöhnlich war Tetisch außer Stande, vor dem Fürsten zu erscheinen. Er schlief einen Rausch aus, was ihn nicht verhinderte, jedes Jahr ein sehr schönes Schäferspiel zu liefern.
Um ein Uhr servierte man das Abendessen. Beim Abendessen wurden nur sechzig Gerichte gereicht, weil es nicht gesund sei, gegen die Nacht viel zu essen; dagegen aber wurden Weine und Getränke in großer Fülle servirt; Jeder mußte ein Glas leeren, sobald es gefüllt war, oder der Fürst ließ den Wein oder den Liqueur über den Kopf oder die Kleider derjenigen ausschütten, die nicht auf passende Weise tranken.
Nach dem Abendessen ging Jeder, wohin es ihm gefiel. Der Fürst Alexis begab sich mit fünfzehn oder zwanzig seiner intimsten Freunde in einen von den Pavillons im Garten. Ihre erste Sorge war, sich aller überflüssigen Kleidungsstücke zu entladen; dann ließ der Fürst einen großen goldenen Becher mit Cyperwein füllen, und nachdem er ihn auf einen Zug geleert, reichte er ihn einem seiner Freunde, der ihn wieder einem anderen gab, und so der Reihe nach.
Wenn der letzte von den Freunden des Fürsten den Becher geleert hatte, sagte dieser:
»Man lasse den Olymp zu uns heruntersteigen.«
Sogleich traten etwa zwanzig von den Gesellschafterinnen herein, welche alle die Kostüme der heidnischen Göttinnen trugen, von den neun Musen bis zu den drei Grazien; alle waren von entzückender Schönheit und Jugend.
Dann folgten Tänze, um die Augen zu entzücken, und Gesänge, um die Seelen zu erheben.
Und mit diesen und ähnlichen Unterhaltungen, mein lieber Iwan Andreowitsch, schloß das Fest des Fürsten.
V.
Der Jahrestag des 14. October
»Aber die Prinzessin Varvara, ihr rosenfarbiger Pavillon, ihre schwarze Kiste und ihre Inschrift an der Mauer?« sagte ich zu Jacquot Ohnohr. »Es scheint mir, als ob wir dies Alles ein wenig vergessen.«
»Nein, nein, sei ruhig, Iwan Andreowitsch, wir kommen dahin, und ich erzähle Dir die Sachen nicht in der Ordnung, wie sie geschehen sind, sondern in der Ordnung, wie ich sie erfahren habe.
Wie Du hast bemerken können, liebte der Fürst Alexis die Jagd sehr; aber die, welche er ganz besonders liebte, war die Bärenjagd. In jener Zeit waren die Wälder weniger zu Grunde gerichtet, als gegenwärtig, und es war reichlich Wild jeder Art vorhanden. Jeden Winter erlegten wir gewöhnlich wenigstens einige dreißig Bären. Sobald der Winter begann und sich bemerklich machte, schickte der Fürst vierzig Männer in die Wälder umher aus, um die Lager der Bären zu entdecken. Alle Bauern der Herrschaft und selbst die der benachbarten Besitzungen wurden davon in Kenntniß gesetzt und sie verfehlten nie, ins Schloß zu kommen, um ihre Entdeckungen mitzutheilen, denn sie wußten, daß der Fürst diejenigen großmüthig bezahlte, die ihm durch einen guten Rath das Vergnügen seiner Lieblingsjagd verschafften.
Er griff einen Bären allein an und gab niemals zu, daß ein Anderer, als er, ihn erlegte. Alle hatten ein- für allemal diesen Befehl von ihm erhalten:
»Fallt niemals über den Bären her, als bis er mich zu Boden geworfen hat und anfängt mich zu verzehren; wenn Euch Euer Kopf lieb ist, so rührt ihn nicht an und laßt mich machen.«
Er erlegte den Bären nicht mit der Flinte oder der Lanze, sondern nur mit dem Messer und dem Fangeisen; und ich kann Dir die Versicherung geben, mein kleiner Vater, daß er mehr als hundertfünfzig mit eigener Hand erlegt hat. Oft befand er sich in sehr gefährlichen Lagen; zweimal glaubte er, er werde auf dem Platze bleiben müssen. Das erste Mal wurde ihm ein Schenkel halb abgefressen; das zweite Mal umarmte ihn der Bär so, daß seine Knochen krachten; diesmal rief er um Hilfe; es war das einzige Mal. Man führte ihn ohnmächtig im Schlitten fort und er wurde so krank, daß er beinahe daran gestorben wäre. Aber Gott hatte Mitleid mit ihm und er wurde wieder hergestellt.
Wenn wir auf unsere entfernten Jagden auszogen, die im Herbste stattfanden, blieben wir etwa sechs Wochen vom Schlosse fern. Dann nahm der Fürst die ganze Meute und sein ganzes Gefolge mit, vierhundert Jäger mit tausend Windhunden, hundertfünfzig Hundeaufseher und zwei- oder dreihundert von den kleinen Edelleuten. Zuweilen trafen wir unterwegs mit zwei oder drei großen Herren zusammen, die eben so reich waren, wie der Fürst, so daß wir einer Armee glichen, die in den Krieg zieht und nicht Cavalieren, die auf die Jagd gehen.
Von Zeit zu Zeit machten wir bei Peter Alexiowitsch Muransky Halt. Es war ein sehr reicher Herr, aber von kläglichem Charakter. Dies kam daher, weil er von kränklicher Constitution war und sehr an Rheumatismus litt, der ihm nicht gestattete, anders als auf zwei Krücken zu gehen, was ihn nicht verhinderte, wenn er die Hörner, das Geschrei und all' den Lärm hörte, den wir machten, uns mit seinen beiden Krücken auf der Freitreppe entgegenzukommen.
Einmal – höre mir wohl zu, mein kleiner Vater, denn wir kommen zu einem schrecklichen Ereigniß, kamen wir bei diesem Herrn in einem entsetzlichen Wetter an. Es regnete in Strömen und der Wind wehte so stark, daß er einen Kosaken vom Pferde warf. Es war unmöglich, bei einem solchen Wetter abzureisen, und anstatt eines einfachen Halts bei Muransky mußten wir die Nacht dort zubringen. Jeder suchte sich ein Lager so gut er es finden konnte. Muransky wollte seinem Freunde Alexis sein Zimmer abtreten, der sich aber beharrlich weigerte, es anzunehmen, so daß man ihm einen einzeln stehenden Pavillon anwies, der seit langer Zeit nicht bewohnt gewesen war und nur zwei Zimmer enthielt. Der Fürst nahm natürlich das, worin ein Bett war, und ich lag in dem anderen auf einem Teppich, den man mir am Boden ausbreitete.
Ich hatte bemerkt, daß der Fürst während des ganzen Tages besonders traurig gewesen war, was ihm übrigens seit einigen Jahren am Jahrestage des 14. Oktober begegnete.
Am Morgen war er vor einer kleinen Kirche vom Pferde abgestiegen, dort eingetreten und hatte ein Gebet verrichtet mit vielen Zeichen des Kreuzes und Seufzern.
Der Fürst legte sich wie gewöhnlich nieder, aber ohne mit mir zu sprechen. Nur zwei- oder dreimal fragte er mich:
»Du schläft in dem Nebenzimmer, nicht wahr, Jacquot?«
Und jedesmal antwortete ich ihm:
»Ja, mein Fürst.«
Gegen Mitternacht nahm der Sturm noch zu, blies in die Schornsteine und pfiff durch die Gänge, so daß man fast von Sinnen kam; man hätte es für Wehklagen und Schluchzen halten können, die Fensterladen schlugen krachend gegen die Mauern und die Zweige der Bäume rauschten und knarrten, so daß man einen Schauder bekam.
Es schlug zwölf Uhr – wo, weiß ich nicht; und man hätte denken sollen, die Uhr wäre in unserem Zimmer.
Plötzlich hörte ich die Stimme des Fürsten Alexis, nicht mehr wie gewöhnlich stolz und spottend, sondern sanft und fast flehend.
»Schläfst Du, mein lieber Jacquot?« fragte er mich.
»Nein, ich schlafe nicht, mein kleiner Vater. Was wünschen Sie?« fragte ich ihn.
»Ich weiß nicht, was mir ist, aber ich habe Furcht.«
Ich glaubte unrecht gehört zu haben; der Fürst sollte Furcht haben? Es war unmöglich – er, der, wie man sagt, weder Gott noch Teufel fürchtete.
»Sie sagen, Sie haben Furcht?« sagte ich.
»Ja,« antwortete der Fürst mit fast erloschener Stimme.
»Und wovor denn?«
»Hörst Du dieses Geheul?«
»Dieses Pfeifen, wollen Sie sagen, mein kleiner Vater? Es ist der Wind, der es hervorbringt.«
»Nein, nein, Jacquot,« sagte der Fürst, »es ist nicht der Wind, es ist etwas Anderes.«
»Was ist es denn?«
»Horch! horch!«
Ich horchte.
»Ei! ja, ja,« sagte ich, »ich höre auch Ihre Hunde, welche heulen.«
»Aber unter dem Geheul hörst Du nicht eins, welches wir nicht hören sollten?«
»Wie! eins, welches wir nicht hören sollten?«
»Ja, das der armen Arabka!«
»Sie kommen von Sinnen, mein lieber kleiner Vater!« sagte ich zu ihm, während ich selber einen Schauder empfand; »wie sollte es denn Arabka sein, welche heult, die schon über zehn Jahre todt ist?«
»Sie ist es, sie ist es,« sagte der Fürst; »als sie lebte, hätte ich ihre Stimme unter tausenden erkannt, um so mehr Grund jetzt, da sie todt ist. Nun, hörst Du?« fügte der Fürst hinzu, »sie verläßt den Hundestall und nähert sich uns. Hörst Du? sie ist nur noch fünfhundert Schritte entfernt. Nur noch zweihundert Schritte; sie wird gleich an unsere Thüre kommen.«
In der That näherte sich ein vereinzeltes Geheul mehr und mehr.
»Es ist in der That möglich, mein lieber kleiner Vater, daß einer von Ihren Hunden aus dem Hundestalle entkommen ist und Ihrer Spur folgt. Sie geben ihnen zuweilen selber zu fressen.«
»Es ist Arabka, sage ich Dir! ach! Du weißt nicht, Du weißt nicht Alles, was auf dieser Welt. Uebernatürliches geschieht!«
»Aber was kann Arabka wollen, mein Fürst? Sie haben ihr ein hübsches kleines Grabmal errichten, Sie haben ihr so schöne Gebete sprechen lassen.«
»Halt, habe ich Dir nicht gesagt, daß sie an die Thüre kommen würde? Hörst Du, hörst Du?«
In der That ließ sich ein langgehaltenes, schmerzliches, klägliches Geheul auf der Schwelle des Pavillons hören.
»Ja, ja,« sagte der Fürst, »Du kommst, mir mein nahes Ende anzukündigen, meine arme Arabka? – Ach! es ist schrecklich! Mein Gott, mein Gott! habe Mitleid mit der Seele. Deines Dieners!«
Obgleich selber sehr aufgeregt, wollte ich dem Fürsten beweisen, daß es nicht Arabka sei, sondern irgend einer von der Meute, der den Hundestall verlassen. Folglich stand ich in der Dunkelheit auf und ging auf die Thüre zu.
Der Fürst hörte mich.
»Was machst Du, Jacquot?« sagte er zu mir, »was machst Du? Oeffne die Thüre nicht, hüte Dich wohl! Wenn Du die Thüre öffnet, wird sie eintreten.«
Es war schon zu spät; die Thüre war offen. Zu meinem großen Erstaunen sah ich keinen Hund, weder auf der Schwelle, noch in der Nähe des Pavillons.
Aber ich hörte die Stimme des Fürsten, welcher in Todesangst rief:
»Du hast mich nicht gehört, Jacquot, Du hast die Thüre geöffnet und da kommt Arabka in mein Zimmer. Geh' fort, böses Thier, geh' fort! Nähere Dich nicht meinem Bette! Ach! sie leckt mir die Hände mit ihrer eisigen Zunge, das Gesicht – zu Hilfe! zu Hilfe! ich sterbe!«
Und die Stimme des Fürsten verstummte mit einem Röcheln.
Ich war gewiß keinen Hund vorübergelassen zu haben. Ich schloß rasch die Thüre und lief zum Fürsten, nachdem ich ein Licht angezündet.
Er lag ohnmächtig in seinem Bette. Ich sah mich im ganzen Zimmer um: es war kein Hund da, weder Arabka, noch ein anderer.
Das Gesicht des Fürsten war in Schweiß gebadet. Seine Fäuste waren vor Schrecken krampfhaft geballt.
Ich schüttete ihm Wasser ins Gesicht. Er erbebte und öffnete die Augen.
»Sie ist fort?« fragte er.
»Aber, mein kleiner Vater, sie ist gar nicht hereingekommen.«
»Ich sage Dir, daß ich sie gesehen habe, wie sie durch die Thüre eintrat und auf mein Bett zuging.«
»Wie wollen Sie sie in der Nacht gesehen haben? Sie war schwarz wie die Hölle, darum nannten wir die Arabka.«
»Ja, aber ihre Augen funkelten wie zwei Kohlen und erleuchteten das Zimmer um sie her. Das treue Thier kam, mir zu sagen, daß es Zeit ist, an meine Seele zu denken.«
»Ei, mein kleiner Vater, da kommen Sie immer auf diesen thörichten Einfall zurück.«
»Nein, nein, ich bin siebzig Jahre alt, und gestern hat mir geträumt, daß ich mich mit Maka, der Kuhmagd, verheirathete. Träumen, daß man sich verheirathet, ist ein Zeichen des Todes. An dem Tage, als wir das Schloß verließen, hat eine Sau dreizehn Ferkel geworfen, auch ein Zeichen des Todes. Endlich am letzten Jahrestage meiner Geburt zerbrach ein Spiegel von selber – ebenfalls ein Zeichen des Todes, Jacquot – ein Zeichen des Todes.«
»Nun,« sagte ich, »mein lieber Fürst, da Sie so überzeugt sind, daß Ihre Stunde näher kommt, so müssen Sie sich mit geistlichen Dingen beschäftigen.«
»Das ist Dir leicht zu sagen, Jacquot,« entgegnete der Fürst mit dumpfer Stimme; »die geistlichen Dinge, ja, das ist es gerade, was mich in Verlegenheit setzt.«
»Was Sie in Verlegenheit jetzt? Ei, der erste beste Pope wird Ihnen für hundert Rubel alle Sünden vergeben, so daß Ihr Gewissen so rein ist, wie ein Spiegel! Sie haben sich das Leben süß, gut und angenehm gemacht; aber Sie haben weder getödtet, noch gemordet.«
Der Fürst hustete, als müßte er ersticken.
»Ei, wer sagt Dir, Jacquot Petrowitsch,« fragte er, »daß ich weder getödtet, noch gemordet habe?«
Ich sah ihn, wie es scheint, mit verwirrten Augen an.
»Jacquot,« sagte er zu mir, »laß mir das Licht zurück, wirf Dich im anstoßenden Zimmer zum Gebete nieder, und sobald der Tag anbricht, hole mir einen Priester.«
Ich gehorchte. Ich begab mich in mein Zimmer und begann zu beten.
Den Fürsten hörte ich die ganze Nacht seufzen, schluchzen und sich vor die Brust schlagen.
Bei Tagesanbruch stand ich auf und streckte meinen Kopf durch die Thürspalte des Fürsten.
»Wollen Sie noch den Pope, mein kleiner Vater?« fragte ich ihn.
»Mehr, als je,« entgegnete er mir.
Ich ging, den Pope zu holen, und brachte ihn mit mir.
»Hier ist der Pope,« sagte ich zu dem Fürsten; »Sie können ganz ruhig sein, es ist ein armer Teufel, mit dem Sie für zehn Kopeken. Alles anfangen können, was Sie wollen.«
Der Priester trat ein.
Es war ein junger Mann von achtundzwanzig bis dreißig Jahren, mit bleicher Stirn und strengem Auge; er übte erst seit einem Jahre sein Amt in einem armen Dorfe in der Nachbarschaft aus.
Ich ließ sie mit einander allein.
Zehn Minuten lang ging. Alles gut; aber nach Verlauf von zehn Minuten hörte ich die Stimme des Fürsten, welche sich in drohendem Tone erhob.
»Ah! Du willst mir wegen einer solchen Bagatelle die Absolution nicht geben, Priester,« sagte er zu ihm; »wenn ich Dir hundert Rubel, wenn ich Dir fünfhundert Rubel, wenn ich Dir tausend Rubel anbiete?«
»Mein Fürst,« antwortete der Priester mit ruhiger Stimme, »wenn Sie mir alle Reichthümer unseres Vaters, des Kaisers Nicolaus, anböten, könnte ich Ihnen doch die Absolution nicht geben. Es ist ein Mord, ein vorsätzlicher, lange vorbereiteter Mord und mit kaltem Blute ausgeführt. Gehen Sie zu dem Archimandriten oder zu dem Metropolitan; sie haben größere Macht, als ein armer Pope. Aber mir ist es unmöglich.«
»Ich werde Dich mit Ruthen peitschen lassen, elender Heuchler, bis kein Stück von Deiner Haut mehr mit dem anderen zusammenhält,« sagte der Fürst.
»Mein Leben ist in Ihren Händen, gnädigster Herr, aber meine Seele ist in Gottes Macht. Wenn es ihm gefällt, daß ich als Märtyrer sterbe, so wird meine Seele nur um so schneller zu ihm kommen.«
Da hörte ich die Stimme des Fürsten, welcher sanfter wurde und sich bis zur Bitte herabließ.
Aber ohne milder zu werden, blieb die Stimme des Anderen fest und verneinend.
»So geh' fort, Elender!« rief der Fürst, »und zeige Dich nie wieder vor mir!«
Der Priester ging mit demselben Schritte, womit er eingetreten war, hinaus, ohne einen Augenblick von den Drohungen des Fürsten bewegt zu werden. Er segnete mich im Vorübergehen und ging durch die Thüre des Pavillons hinaus.
Bleich und mit gesträubtem Haar kam der Fürst hinter ihm her. Er hielt eine Peitsche in der Hand. Er öffnete die Thüre des Pavillons, die der Pope eben hinter sich zugemacht hatte, als wollte er ihn verfolgen. Als er ihn aber so ruhig sich entfernen sah, fiel ihm die Peitsche aus den Händen und er rief ihm zu:
»Um Gotteswillen, beten Sie für mich, mein Vater!«
Dann, als ich sah, daß meinem armen Herrn die Kräfte fehlten, lief ich zu ihm, fing ihn in meinen Armen auf und setzte ihn auf den Lehnsessel nieder.
Er war schwach geworden, wie ein Kind.
»Und Du auch, nicht wahr, Jacquot Petrowitsch, Du wirst für mich beten?« fuhr der Fürst fort. »Heute wollen wir aufs Schloß zurückkehren; wenn wir dort angekommen sind, gehst Du zu dem Archimandriten von Kasan und bestellt mehrere Gebete für mich; er muß beten, das ist eine Sache; ich gebe ihm mehr als tausend Rubel jährlich; wenn er sich gut benimmt, soll er für seine Kirche eine Glocke haben, deren Ton man auf der einen Seite bis Saratow und auf der anderen bis Nichney hören so Mein Testament ist gemacht; es ist gerade Muransky, uns Wirth, den ich zum Vollstrecker meines Willens ernannt habe; ihm allein kann ich diese ernste Sache anvertrauen. Mein Sohn Boris ist todt; ich kenne meinen Enkel Danilo nicht, der immer in St. Petersburg gewohnt hat. All meine Nachbarn sind Trunkenbolde ohne Treue und Glauben. Muransky vertraue ich meine weltlichen Angelegenheiten an; aber Dir, Jacquot, und dem Archimandriten vertrau ich meine Seele an. Du und der Pater Trifon, bedenken das wohl, werden vor Gott für dieselbe verantwortlich sein.
»Wenn ich todt bin, Jacquot, soll man mich in Gewölbe unserer Familie zu den Füßen meines Vater beisetzen, und Du wirst vierzig Messen in der Kirche für mich lesen lassen; überdies wirst Du mich in das Register der Synode eintragen lassen, damit man auf immer für mich bete. Du wirst selber bei dem Einschreiben zugegen sein, denn diese Popen sind sehr listige Kerle!
»Da fällt mir ein, die heilige Jungfrau in unseren Kirche bedarf sehr eines Perlenhalsbandes und einer Decke von Silberstoff für ihren Altar; ich klage mich an, mich gestellt zu haben, als sehe ich nicht, daß ihr diese beiden Dinge fehlten. Der Intendant, an den ich Dir eine Anweisung geben werde, wird Dir die Perlen und die Silberbarren, deren Du bei dieser Gelegenheit bedarf, zustellen. Du wirst die Bestellung in Moskau machen, aber nicht bei dem Schuft Zubriloff: er behauptet, daß ich ihm noch zweitausend Rubel schuldig bin; und da er weiß, daß ich sie ihm nie bezahlen werde, so würde er das Perlenhalsband und die Silberbarren dafür behalten. Ah! der verwünschte Kerl!« sagte der Fürst, die Fäuste ballend, aufstehend und seine Peitsche aufhebend und mit großen Schritten im Zimmer auf- und abgehend, »wenn mir dieser je in die Hände fällt, soll er nur durch meine Knute umkommen!«
Aber in diesem Augenblick schlug ein schlecht befestigter Fensterladen, vom Winde getrieben, gegen die Mauer.
Der Fürst erblaßte und wurde wieder ganz zitternd.
»Gott habe Mitleid mit meiner Seele!«
»Aber sehen Sie nicht, mein Fürst, daß es Nichts ist! Nur ein Fensterladen, welcher umschlägt, das ist Alles.«
»Du findest immer, daß es Nichts ist, Du. – Wovon sprachen wir doch zuletzt? Ah! ich erinnere mich. Du kaufst keine seidenen Stoffe, um meinen Sarg damit zu bedecken, denn als mein Vetter, der Fürst Wladimir, im letzten Jahre nach Paris abreiste, gab ich ihm das nöthige Geld mit, um mir ein Stück lyoneser Seidenzeug zu kaufen. Du wendet es an, um meinen Sarg damit zu bedecken. Indessen hege ich in dieser Hinsicht eine Furcht.«
»Welche, mein kleiner Vater?« fragte ich ihn.
»Es scheint, als wenn mein Vetter Wladimir in Paris ein unordentliches Leben führt und daß er beträchtliche Summen im Spiel verliert. Nun weiß ich, was ein Spieler ist. Er kann ebenso gut, wie das eine, das Geld verlieren, welches ich ihm mitgegeben, ohne sich darum zu kümmern, daß ich durch seine Schuld in Gefahr komme, auf unpassende Weise in die andere Welt zu gehen und mich als ein Barfüßer vor dem ewigen Vater darzustellen.
»Du ladet den sämmtlichen Adel aus der Umgegend zu meinem Begräbniß ein, so wie auch alle die kleinen Adeligen, denn ich halte darauf, daß mein Begräbniß glänzend sei und daß viele Leute dazu kommen. Nur lade Kartschaguine nicht ein; ich verabscheue ihn von ganzem Herzen. Er nimmt, unter dem Vorwande, daß er von Rurik abstammt, eine Miene der Wichtigkeit und Ueberlegenheit gegen mich an, die mir entsetzlich die Nerven aufregt, denn ich glaube in jeder Hinsicht höher zu stehen, als er. Vor allen Dingen vergiß nicht, mir eine reiche Mütze von Goldbrocat, mit Perlen eingefaßt, aufzusetzen. Du sorgt selber dafür, daß sie gut gemacht werde; man verfertigt sie gegenwärtig auf klägliche Weise, so daß sie weder Form noch Facon haben.«
»Ich werde das Alles thun, mein Fürst; aber jetzt, da der Sturm sich gelegt hat, jetzt, da der Tag angebrochen ist, würden Sie nicht wohl thun, ein wenig zu schlafen?«
Der Fürst Alexis folgte meinem Rathe und legte sich wieder nieder. Ich setzte mich in dem Nebenzimmer nieder, bereit, auf den ersten Ruf zu ihm zu kommen. Ich hörte, wie er sich in seinem Bette umwendete, gleich einem Menschen, der nicht schlafen kann. Endlich nannte er mit klagender Stimme meinen Namen, und als ich in sein Zimmer trat, sagte er: »Komm' und setze Dich dort nieder.«
Und er deutete auf einen Stuhl am Kopfende seines Bettes.
Ich gehorchte.
»Höre,« sagte er zu mir, »nur zu Dir habe ich volles Vertrauen, mein armer Jacquot Ohnohr, und ich will Dir Alles gestehen. Nach den Andeutungen, die ich erhalten habe, ist meine Furcht, daß ich an einem der Unfälle sterben werde, die dem Menschen unterwegs begegnen, wenn er am wenigsten daran denkt. Auf diese Weise würde ich ohne Beichte und Absolution sterben. Nun höre, was ich von Dir erwarte: wenn ich plötzlich sterben sollte und ehe ich Zeit gehabt, Absolution zu erhalten, gehst Du zu Fuß – verstehst Du wohl? – den Pilgerstab in der Hand, nach Moskau, verlangt den Metropolitan zu sprechen, beichtet anstatt meiner und verrichtet für mich die Buße, die er Dir auferlegen wird. Auf diese Weise hoffe ich, wird meine arme Seele einige Erleichterung erhalten. Wirst Du das thun, Jacquot?«
»Ebenso gewiß, wie ich mein Leben für Sie hingeben würde, mein kleiner Vater,« antwortete ich ihm, »werde ich es thun.«
»Nun, so höre,« sagte der Fürst zu mir.
Und er erzählte mir eine entsetzliche Geschichte.
VI.
Die Fürstin Marfa Petrowna
»Endlich werde ich die Geschichte der Prinzessin Varvara erfahren!« sagte ich.
»Noch nicht, Iwan Andreowitsch, noch nicht,« antwortete mir Jacquot Ohnohr; »jede Sache muß nach der Reihe kommen und wir müssen mit der Geschichte der Fürstin Marfa Petrowna beginnen.
Die Fürstin Marfa Petrowna hat in ihrem Leben viel Kummer erfahren; sie hat wenig glückliche Tage erlebt; sie war eine wahrhafte Märtyrin, und Gott schenke ihr sein ewiges Reich!
Ihr Vater, der Fürst Peter Iwanowitsch hatte sie Anfangs dem Fürsten Alexis verweigert, dessen früheres Leben ihm kein großes Vertrauen einflößte; aber der Fürst Alexis, der dem Grafen Orloff auf einer Expedition gegen die Türken gefolgt war, wurde von diesem abgeschickt, um der Kaiserin Katharina den Sieg bei Tschesme mitzutheilen. Die Kaiserin fragte den Fürsten Alexis, was sie für ihn thun könne, und dieser, der sehr in die schöne Marfa Petrowna verliebt war, sagte, er wünsche. Nichts so sehr, als der Gemahl der Tochter ihres Günstlings, Peter Iwanowitsch Trotinski zu werden. Ohne eine Bemerkung zu machen, setzte sich die Kaiserin an ihr Bureau und schrieb folgenden Brief:
»In Betracht der Dienste, die uns der Fürst Alexis Petrowitsch Grubenski geleistet und da wir ihn für die gute Nachricht belohnen möchten, deren Ueberbringer er gewesen, wünschen wir, daß es Dir gefallen möchte, ihm Deine Tochter Marfa Petrowna zur Ehe zu geben, und wir bitten Dich, diese Angelegenheit ohne den geringsten Verzug in Ausführung zu bringen. »Möge der Allerhöchste Dich in feinen heiligen Schutz nehmen.«
»Deine
wohlaffectionierte»K a t h a r i n a.«
Als der Fürst Trotinski diesen Brief erhielt oder vielmehr ihn las, erbebte er Anfangs heftig; dann machte er drei Kniebeugungen vor dem Krucifix und sagte:
»Der Wille der Kaiserin geschehe; wir gehören alle Gott und ihr.«
Vierzehn Tage später wurde die Hochzeit vollzogen.
Die Ceremonie war nicht heiter; es hatte mehr das Ansehen, als ob die Braut zum Tode, als zur Trauung geführt werde; die Folge war, damit diese Traurigkeit nicht unrichtig erklärt werde, daß fast gar kein Hochzeitsfest stattfand und daß alle sich entfernten, nachdem man an dem Balle die Polonaise getanzt hatte.
Die Trauung fand in St. Petersburg statt; aber fast sogleich nach derselben reiste der Fürst zu seinen Besitzungen ab und nahm seine junge Gemahlin auf da Schloß Grubenski mit.
Sechs Monate vergingen, ohne daß man sagen konnte wie die jungen Ehegatten mit einander lebten. Niemand wurde ins Schloß eingelassen, und nur, wenn man zufällig die Fürstin Marfa sah, bemerkte man in ihre Zügen die Zeichen einer unaussprechlichen Traurigkeit.
Nach und nach setzte der Fürst Alexis seine frühen Lebensweise wieder fort, indem er die Fürstin Marfa ganz allein ließ, und entschädigte sich dafür, daß er keine Gäste bei sich empfing, indem er die Feste, Jagden und Vergnügungen aller Art benutzte, welche ihm die benachbarte großen Herren anboten.
Daraus erfolgte, daß die Fürstin wenig Unterhaltung im Inneren des Hauses hatte und daß die Heirath ihr bald als unerträglich erschien. Der Fürst seinerseits, ohne Zweifel dieser Melancholie überdrüssig, behandelte seine Gemahlin auf die härteste Weise und oft hörte man ein solches Gepolter, besonders in dem Schlafzimmer der Fürstin, daß es war, als ob Alles drunter und drüber gehe; man behauptete sogar, daß der Fürst an den Tagen wenn er betrunken zurückkehre oder sich zu Hause berausche sich nicht auf Vorwürfe beschränke, sondern sich gegen die Fürstin Thätlichkeiten erlaube, die für den nächsten und die folgenden Tage Spuren auf dem Gesichte und den Händen der armen Frau zurückließen.
Die Fürstin war von sanftem und geduldigem Charakter; sie fand nur Thränen, um sie den leidenschaftlichen Ausbrüchen ihres Gemahls entgegen zu stellen; aber diese Sanftmuth und diese Geduld, anstatt den Fürsten zu beruhigen, erbitterten ihn. Er begann damit, auf seinen Reisen nach St. Petersburg und Moskau seine Ausschweifungen fortzusetzen; dann hielt er sich außerhalb seines Hauses einige livländische Mädchen; endlich kam er dahin, in seinem eigenen Schlosse Gesellschafterinnen zu haben, wie wir es erzählt haben, und zwar ohne daß die Fürstin sich jemals bei irgend Jemand darüber beklagte, gewöhnt, wie sie war, ihren Schmerz in sich selbst zu verschließen.
Nach und nach wurde diese Gleichgültigkeit des Fürsten Alexis für seine Gemahlin zum Haß; er stellte allen Umgang mit ihr ein, und wahrscheinlich wäre ein Geschlecht mit ihm zu Ende gewesen, wenn die Fürstin ihm nicht im ersten Jahre ihrer Ehe den Prinzen Boris Alexiowitsch geboren hätte. So lange der junge Prinz im Schlosse verweilte, war er ein großer Trost für die arme Mutter. Sie beschäftigte sich mit seiner Erziehung, für die sie sehr eifrig sorgte; sie gab ihm deutsche und französische Lehrer, überwachte selber die Fortschritte, die er in diesen beiden Sprachen machte, die er wie seine Muttersprache redet so daß der junge Prinz Boris im Alter von zwölf Jahre so viel davon verstand, wie die Söhne in den russische Familien im Alter von zwanzig Jahren verstehen.
Aber sobald der junge Prinz Boris fünfzehn Jahr alt war, führte der Fürst Alexis, welcher fürchtete, da diese Erziehung, von einer Frau überwacht, einen zu weiblichen Charakter annehmen möchte, seinen Sohn selber zu dem jungen Czar Paul dem Ersten, welcher den Thron bestiegen hatte, und da der Zufall wollte, daß der Prinz Boris eine aufgeworfene Nase hatte was eine von der Bedingungen der Gunst bei dem Kaiser Paul dem Erster war – so ernannte ihn dieser augenblicklich zum Fähnrich im Regimente Paulowsky, welches er eben gegründet hatte,
Von dem Augenblicke an, als ihr Sohn die arme Fürstin verlassen hatte, führte sie, deren letzte Freude er gewesen war, das Leben einer Nonne und begann wie ein Licht zu erlöschen. Sie erschien nur noch bei feierlichen Gelegenheiten, wie an dem Tage der Eröffnung der Messe oder beim Geburtstagsfeste des Fürsten, und dann geschah es auf ausdrücklichen Befehl ihres Gemahls, daß sie ihre Galakleidung anlegte und bei allen den großen Ceremonien zugegen war, immer stumm und schweigend und nur mit einem Kopfnicken oder mit einem Zeichen der Hand antwortend.
Während der ganzen übrigen Zeit blieb sie in ihr Zimmer eingeschlossen, suchte ihre einzige Zerstreuung im Gebet und in der Verfertigung von Schmuck für die Kirchen.
Der Fürst empfing seine Gäste, ohne sich darum zu kümmern, was seine Gemahlin that, welche, wie wir gejagt haben, beständig einsam blieb, so daß auf der einen Seite Bacchanalien, Ausschweifung und glänzende Heiterkeit, auf der anderen Gebet und andächtige Betrachtung herrschten; oft war die Einsamkeit der Fürstin von der Art, daß es ihr begegnete, sich zu Bette zu begeben, ohne zu Abend gespeist zu haben, denn sie hatte keine Dienerin, welcher sie einen Befehl ertheilen konnte, da die ganze Dienerschaft beschäftigt war, dem Fürsten und seinen Gästen zu gehorchen.
Es kam sogar ein Augenblick, wo die Fürstin Marfa Petrowna ihrer größten Zerstreuung, der Lektüre, beraubt wurde. Sie weinte so sehr, daß ihr Gesicht sich trübte und sie fast blind wurde.
Zum Glück befand sich unter den Bekannten, die sich im Schlosse aufhielten, ein kleiner Edelmann, Namens Bielussoff; er hatte ein bescheidenes Erbtheil durch eine böse Chicane verloren, die ihm einer von seinen mächtigen Nachbarn gespielt hatte; als er sich ohne Subsistenzmittel fand, kam er, sich dem Fürsten Alexis anzuschließen, und er lebte, wie viele Andere, von seiner Freigebigkeit. Es war ein Mann mehr alt als jung, voll guter Eigenschaften, sanft und ruhig und freundlich gegen Jedermann; er hatte nur einen einzigen Fehler, der ihn von seines Gleichen unterschied: nämlich, daß man ihn nicht bewegen konnte, Wein oder Branntwein zu trinken. Dagegen war er in der heiligen Schrift und in religiöse Dingen sehr erfahren, und er brachte den größten Theil seiner Zeit über dicke alte Bücher geneigt zu, die all möglichen heiligen und profanen Gegenstände enthielten übrigens war er sehr pünktlich in allen Pflichten, welch die Religion auferlegt, indem er immer noch vor den Pope in die Kirche kam und erst zuletzt hinausging.
Da die Fürstin sich wegen ihres schwachen Gesicht nicht mehr mit der Lektüre beschäftigen konnte, so ließ sie Bielussoff zu sich kommen und bat ihn, ihr Vorleser zu werden.
So vergingen noch fünf oder sechs Jahre, während die Fürstin immer mehr abnahm.
Eines Tages reiste der Fürst Alexis ab, um auf die Jagd zu gehen; aber von seiner Abreise an begegneten ihm nichts als Widerwärtigkeiten; kaum hatte er die erster Hecken des Schlosses hinter sich gelassen, als ihm auf seinem Wege ein Pope begegnete. Nun weißt Du, mein lieber kleiner Vater, wenn man auf die Jagd geht und einem Pope begegnet, so kann man gewiß sein, am ganzen Tage kein anderes Wild zu treffen. Du kannst Dir wohl denken, daß der Fürst Alexis den unglücklichen Pop nicht vorüberließ, der ihm die Jagd verdarb, ohne ihr ein wenig zu schütteln; aber kaum hatte er dem armer Manne einige zwanzig Peitschenhiebe zugetheilt, als sein Pferd plötzlich stürzte und ihn beinahe getödtet hätte indem es ihn über seinen Kopf weg in einen Morast warf. Der Fürst kam wohlbehalten wieder heraus; aber er war genöthigt, sich ganz umzukleiden, da er vom Kopf bis zu den Füßen mit Schlamm bedeckt war.
Man jagte an diesem Tage elf Füchse und drei wilde Schweine auf; die Füchse zeigten sich so listig, daß man keinen einzigen erlegen konnte; die wilden Schweine boten den Hunden Trotz, schlitzten einigen zwanzig von den besten den Leib auf und zogen davon, ohne daß man einen einzigen tödten konnte. Der Fürst theilte uns allen sammt und sonders einige Peitschenhiebe zu; aber dies beruhigte seinen Zorn nicht, und am Abend kehrte er düster und drohend wie eine Gewitternacht in das Schloß zurück.
Im Augenblicke seiner Ankunft stellte man ihm einen Brief von dem Prinzen Boris zu. Sobald er seine Blicke darauf warf, begann er ein Gebrüll wie ein wüthender Löwe auszustoßen; dann hörten wir ein heftiges Geräusch von Spiegeln, Möbeln, Fensterscheiben, die zertrümmert wurden. Niemand konnte errathen, woher dieser heftige Zorn kam, noch auf wen er fallen würde. Wir drängten uns in die Ecken und jeder richtete in seinem Innern das Gebet zum Himmel:
»O Herr, wende das Unglück, wovon wir bedroht werden, von uns ab.«
Endlich hörte man die Worte aus dem Zimmer kommen:
»Man lasse diesen Augenblick die Fürstin Marfa Petrowna hierher kommen.«
Ein Heiduck eilte sogleich hinaus, um den Befehl zu erfüllen, kehrte aber nach einigen Augenblicken zurück und sagte dem Fürsten, bei dem Krankheitszustande der Fürstin wäre es ihr unmöglich, herunterzukommen.
Er hatte noch nicht ausgesprochen, als ihn ein Faustschlag zu Boden streckte, und seitdem fehlten ihm fünf oder sechs Zähne.
Der Fürst sprang über den armen Teufel weg und stieg wie ein Orkan zu der Fürstin hinauf. Diese lag sehr traurig und krank auf einem Sopha ausgestreckt; neben ihr an einem Tische faß Bielussoff und las ihr laut das Martyrthum der heiligen Varvara vor.
»Ei, Madame,« rief der Fürst; »Sie haben Ihrem Sohne so gute Grundsätze eingeflößt, daß er sich eben mit einer Thörin vermählt hat; dies mußte übrigens einem Sohne begegnen, der von einer Mutter erzogen worden, die, wie Sie, ihre Nächte wie ihre Tage mit ihren Liebhabern zubringt.«
Die Fürstin stieß nur einen Schrei aus; sie versuchte sich aufzurichten, doch hatte sie nicht die Kraft dazu und fiel ohne Bewußtsein wieder auf ihr Kanapee zurück.
Am Abend verbreitete sich die Nachricht, daß die Fürstin todt sei; am folgenden Tage verschwand Bielussoff, ohne daß man je erfuhr, was aus ihm geworden.
Am Tage dieses Verschwindens lag die Fürstin Marfa Petrowna auf ihrem Paradebette ausgestreckt. Gott gebe ihrer Seele den Frieden des Himmels!
Das Begräbniß der Fürstin war prächtig; es waren drei Archimandriten und hundert Popen zugegen. Obgleich sie sehr wenig bekannt war, gab sie doch von ihrer Einsamkeit aus so viel Almosen, daß jeder sie beweinte, und besonders die Armen. Der Fürst Alexis vergoß keine Thräne; indessen hatte er ein sehr niedergeschlagenes Aussehen, und von Zeit zu Zeit zeigte er eine krampfhafte Bewegung.
Während der sechs Wochen, die auf dieses traurige Ereigniß folgten, ernährte man im Schlosse eine Menge Bettler; jeden Sonnabend gab man jedem von ihnen ein Stück Geld; das Begräbniß allein kostete fünftausend Rubel.
Während der Mittagstafel, welche in Folge der Beerdigung gegeben wurde, unterhielt sich der Fürst Alexis nur auf andächtige Weise mit den Archimandriten über die beste Art, als ein guter Christ zu leben, und über die wirksamsten Mittel, seine Seele zu retten; er sprach rührende Lobprüche über die engelgleichen Tugenden der Verstorbenen aus und gab in sehr lebhaften Ausdrücken das tiefe Bedauern und die unermeßliche Verzweiflung zu erkennen, die er wegen ihres Verlustes empfand.
Die Archimandriten versuchten Worte des Trostes auszusprechen; aber der Fürst antwortete dem, der ihn tröstete, mit noch mehr Beredtsamkeit:
»Offenbar kann ich nicht ohne sie auf dieser Welt hienieden bleiben, und ich bitte Sie, mein Vater, mich unter die Zahl Ihrer Mönche aufzunehmen.«
»Es ist ein sehr heilsames Vorhaben, mein lieber Fürst,« antwortete ihm der Archimandrit; »aber um gut zu sein, muß jedes Vorhaben nach reiflicher Ueberlegung ausgeführt werden.«
»Wozu nützt es zu überlegen,« rief der Fürst »fürchten Sie, daß ich nicht hinlänglich für meinen Eintritt zahlen werde? Fürchten Sie Nichts! Ich werde Ihnen 40.000 Rubel mitbringen; es ist nicht mehr nöthig, Ersparnisse zu machen.«
»Indessen haben Sie einen Sohn,« sagte der Archimandrit.
»Wen denn?« rief der Fürst; »Boris? das ist ein Strauchdieb, dem ich rathe, wenn ihm seine Haut lieb ist, sich nicht vor mir zu zeigen; er ist die wahre Ursache meines Schmerzes, der Bösewicht! Er ist der wahre Mörder seiner Mutter! Er hat sich eben ohne unsere Segen und ohne uns vorher von diesem schönen Vorhaben in Kenntniß gesetzt zu haben, mit einer Landstreicherin verheirathet; er hat seine Mutter getödtet, sage ich Ihnen mein Vater; denn als die Fürstin Marfa hörte, welch Schande er über unser Haus gebracht, fiel sie ohne Bewußtsein zurück, dann kam ein Schlaganfall, und es war zu Ende mit meiner lieben Frau! Aber er soll mir dafür zahlen! der Schurke! ich will ihn und seine Närrin auf dem Stroh lassen, und wenn Sie mich nicht in Ihr Kloster aufnehmen wollen, verheirathe ich mich wieder, um bald andere Kinder zu haben.«
Am folgenden Tage geneigte der Fürst, um seine Schmerz zu zeigen, mit eigener Hand zahlreiche Streiche auszutheilen; Alle, welchen er begegnete, waren mehr oder weniger strafbar; die kleinen Edelleute und seine Bekannten wurden eben so wenig verschont, wie die Muschiks, um sie fanden ihre Stellung bei dem Fürsten so wenig haltbar, daß sie nach und nach verschwanden.
Aber dem Himmel sei Dank! der Fürst blieb nur einige Wochen in dieser üblen Stimmung; nach Verlauf einiger Zeit zog er eines Morgens auf die Bärenjagd, und da diese Jagd ihm vortrefflich glückte, so verschwand sein Schmerz, wie durch einen Zauber, und von diesem Tage nahm sein Leben wieder eine gewohnte Art und Weise an, nur daß er bei den Bällen, Festen und Unterhaltungen zusehens alterte, und oft geschah es, wenn er sich auf der Jagd, wie es seine Gewohnheit war, auf ein Faß Branntwein setzte, daß ihm das Glas aus der Hand fiel und er ganz düster und nachdenkend wurde. Dann verstummte das Lachen und das Freudengeschrei derjenigen, die ihn begleiteten, plötzlich; aber nach einigen Augenblicken dieses düsteren Schweigens war er der Erste, der den Kopf erhob und plötzlich ein altes Trinklied anstimmte, wovon alle im Chor den Schlußvers wiederholten. «
VII.
Die Prinzessin Varvara
Gerade ein Jahr nach dem Tode der Fürstin Marfa Petrowna überreichte man dem Fürsten Alexis einen Brief von seinem Sohne, dem Prinzen Boris.
Er las den Brief; dann mit schrecklichen Flüchen rief er seinen Intendanten und den Vorgesetzten seiner Dienerschaft vor sich und erheilte ihnen folgenden Befehl:
»Hört mich an, Ihr Alle, und vergesse Niemand ein Wort von dem, was ich sagen will! Der Prinz Boris wird morgen mit seiner Närrin von Frau hier ankommen; ich verbiete Euch allen ausdrücklich, sie anders als mit Beleidigungen zu begrüßen. Man läßt sie bis zu mir kommen, aber man spannt ihnen die Pferde nicht ab, denn ich habe ihnen nur eine kleine Lektion zu geben, und wenn das geschehen ist, werde ich sie aus dem Schlosse jagen. Habt Ihr mich verstanden?«
»Ja, mein Fürst,« antworteten der Intendant und der Vorgesetzte der Dienerschaft; »Sie können ruhig sein, es soll geschehen, wie Sie es wünschen.«
Und in der That geschah es so. Am folgenden Tage gegen elf Uhr meldete man, daß der Wagen des Prinzen und seiner Gemahlin auf das Schloß zukomme.
Ich kann Dir nicht sagen, mein lieber Iwan Andreowitsch, was die beiden jungen Ehegatten bei ihrer Ankunft in Niskevo zu leiden hatten. Der Prinz hielt sich düster und schweigend in seinem Wagen; die Prinzessin antwortete mit sanftem Lächeln, aber indem sie bittere Thränen vergoß, auf die Beleidigungen und Grobheiten, womit man sie von allen Seiten überhäufte; man hatte ausdrücklich für diese Gelegenheit etwa hundert Gassenjungen zusammengebracht, die ihnen vom Eingange des Dorfes bis zum Schlosse beständig zuschrieen.
Der Fürst Alexis hielt eine große Peitsche von gedrehtem Leder in der Hand und erwartete in dem großen Salon die Ankunft seines Sohnes und seiner Schwiegertochter; seine Augen glänzten, wie die eines Wolfes, der in der Nacht eine Schafherde umgeht. Wir verbargen uns so gut wir konnten in allen Winkeln, denn wir sahen, daß sich ein furchtbares Ungewitter vorbereitete. Ich hatte insgeheim einen Pope kommen lassen und ihn in ein abgelegenes Zimmer gebracht, für den Fall, daß das Einschreiten eines Priesters nothwendig werden sollte, wenn der Fürst zu einem äußersten Mittel käme.
Es herrschte in dem ganzen Schlosse ein Schweigen, wie in der Natur, wenn ein Orkan losbrechen will.
Die beiden jungen Ehegatten erschienen endlich auf der Schwelle des Salons.
Bei ihrem Eintritt machte der Fürst eine rasche Bewegung des drohenden Zornes und erhob seine Peitsche; aber beim Anblick dieser jungen Frau, so schön, so sanft, so rein, daß sie ein vom Himmel herabgekommener Engel zu sein schien, fiel dem Fürsten die Peitsche aus den Händen, sein Gesicht veränderte plötzlich einen Ausdruck, und drohend, wie es gewesen war, wurde es in wenigen Secunden freundlich und lächelnd.
Die jungen Leute wollten sich dem Vater zu Füßen werfen, aber der Prinz Boris führte diese Bewegung allein aus; denn der Fürst Alexis gestattete es der jungen Frau nicht; er umfaßte sie mit der einen Hand und streichelte ihr mit der anderen das Kinn, indem er mit seiner einschmeichelndsten Stimme sagte:
»Ah! da bist Du ja, kleine Schelmin! Ei, ei, jetzt verstehe ich meinen Herrn Sohn; denn Du bist sehr hübsch! Umarme mich, Duschinka; wir werden schon Bekanntschaft machen, sei nur ruhig.«
Dann wendete er sich zu seinem Sohne.
»Sei willkommen, Boris,« sagte er zu ihm; »ich wollte Dir nur eine Lehre geben; da ich aber Deine Frau sehe, habe ich keinen Muth dazu. Gott sei mit Dir!«
Die Wendung, welche die Sache nahm, verursachte uns ein großes Erstaunen; aber wir müssen auch sagen, daß die Prinzessin von so glänzender Schönheit und so engelgleicher Milde war, daß sie nur durch den Blick ihrer schönen Augen den Zorn eines Tigers hatte entwaffnen können.
Ich lief in das Zimmer, wo der Pope eingeschlossen war, und ließ ihn aus dem Schlosse gehen, ohne daß ihn Jemand bemerkte.
An diesem und den folgenden Tagen fand ein großes Fest in dem Schlosse statt; Festlichkeiten und Bälle folgten einander wie in den schönsten vergangenen Zeiten; nur kamen während der Mittagstafel keine Bären, keine Gesellschafterinnen vor, und es lagen keine Betrunkene in den Gängen ausgestreckt; Alles ging in der vollkommensten Ordnung zu, und wenn einer von den Freunden des Fürsten ganz leise zu sagen wagte: »Werden wir nicht einen Umgang durch die Pavillons halten und einige Worte mit dem Olymp reden?« da warf ihm der Fürst Alexis einen so strengen Blick zu, daß der unbesonnene Freund fühlte, wie die Zunge sich in seinem Munde lähmte.
Und alle diese Veränderungen gingen unter dem Einflusse und vermöge der Rathschläge Varvara's vor.
Sie durfte nur sagen: »Genug, mein kleiner Vater! – Es ist nicht gut, was Sie da thun!« – und der Fürst Alexis handelte im Augenblick nach ihrem Rathe.
Nicht nur hatte man aufgehört, die Leute in den Marstall zu schicken, sondern auch alle Peitschen, alle Knuten und Karbatschen waren zur großen Freude Aller verbrannt worden.
Dies war noch nicht Alles; der Fürst Alexis verheirathete alle seine Gesellschafterinnen von der ersten bis zur letzten, und diejenigen von den kleinen Adeligen und den Bekannten, welche einen unruhigen Charakter und eine zu große Neigung zu der Flasche hatten, wurden auf die vom Schlosse entfernten Besitzungen geschickt.
Die Folge davon war, daß bei uns eine Reinheit der Sitten und eine Ordnung eingeführt wurde, die man nie zuvor gekannt hatte.
Die Jagd selbst ging nicht mehr wie sonst vor sich; der Fürst hatte aufgehört, sich auf Fässer Branntwein zu setzen und unmäßig zu trinken; er leerte wohl noch zwei oder drei kleine Gläser Wodky und bewirthete wohl noch eine Kameraden damit; aber im Vergleich zur Vergangenheit erhielt er sie und sich selber in der strengsten Nüchternheit.
»Man muß nicht zu viel trinken,« sagte er zu seinen Gästen; »denn wenn Duschinka es erführe, würde sie mich schelten.«
Dieser Zustand währte ein ganzes Jahr, und es war sehr davon die Rede, den kleinen Prinzen Danilo kommen zu lassen, der mit seiner Amme zurückgeblieben war, und den seine Eltern nicht mitzubringen gewagt hatten, da sie nicht gewußt, wie die Sache ausfallen würde; aber er war schon dreizehn Monate alt, man schrieb, daß er schon allein zu gehen anfange, und der Fürst Alexis sagte, er sterbe vor Verlangen, seinen Enkel zu sehen.
Zum Unglück wurde während dieser Zeit der Friede gebrochen, der auf die Schlacht bei Austerlitz gefolgt war, und der Feldzug von 1806 eröffnet; der Prinz Boris war noch im Dienste, und als er die Nachricht erhielt, daß man wieder gegen Frankreich zu Felde ziehen wolle, mußte er abreisen, um sich der Armee anzuschließen.
Die Prinzessin Varvara wollte durchaus ihren Gemahl begleiten; aber der Fürst Alexis bat sie mit Thränen in den Augen, ihn nicht so in seinem Alter zu verlassen; der Prinz Boris war ebenfalls der Meinung, daß es weder klug, noch passend sei, daß seine Gemahlin ihn zur Armee begleite; die Prinzessin gab folglich den Bitten ihres Schwiegervaters und dem Rathe ihres Gemahls nach und willigte ein, im Schlosse zu bleiben.
Ich erinnere mich noch vollkommen an den traurigen und herzzerreißenden Abschied der beiden Ehegatten; man hätte denken sollen, daß sie die Ahnung hatten, daß sie einander nicht wiedersehen würden.
Der Fürst Alexis segnete seinen Sohn, indem er ihn mit einem Heiligenbilde berührte, umarmte ihn zärtlich, ermahnte ihn zur Tapferkeit und dem Kaiser Alexander gut zu dienen.
»Was Deine Frau betrifft,« sagte er zu ihm, »so sei ihretwegen ohne Unruhe; sie soll hier ein so angenehmes und ruhiges Leben haben, wie das einer Königin nur sein könnte.«
Nach der Abreise des Prinzen Boris wurde das Leben im Schlosse, wie in der Vergangenheit, und noch stiller fortgesetzt, denn die Prinzessin empfand einen tiefen Kummer über die Abreise ihres Mannes; aus diesem Grunde wurden die Besuche immer seltener, und von Bällen und Mittagstafeln war nicht einmal mehr die Rede.
Der Fürst Alexis verließ seine Schwiegertochter fast nie und suchte sie durch alle möglichen Mittel über das Schicksal ihres Mannes zu beruhigen.
Zum Unglück empfand der Feind des Menschengeschlechts einen heftigen Unwillen, als er diese so sanfte und friedliche Traurigkeit betrachtete, die fast dem Glück gleich kam, erregte im Herzen des Fürsten böse Gedanken und flößte ihm eine strafbare Liebe ein, so daß er alle Mittel seines Geistes in Bewegung setzte, um sie zu bewegen, dieselbe zu theilen.
Wie man leicht denken kann, wurde die junge Prinzessin in Schrecken gesetzt, als sie hörte, wie der, welcher ihrem Gemahl versprochen hatte, sie zu überwachen, eine solche Sprache gegen sie führte. Mit aller Milde, deren sie fähig war, wollte sie ihm das ganze Entsetzen des Verbrechens vorstellen, welches er beabsichtigte; aber der Satan hatte schon eine zu große Herrschaft über das Herz des Fürsten erlangt, als daß er Vernunft annehmen konnte.
Der Kampf währte mehrere Monate.
Endlich, eines Tages, als man auf die Jagd gehen wollte und die Jäger schon am Fuße der Freitreppe warteten, trat der Fürst um sechs Uhr Morgens in das Zimmer seiner Schwiegertochter, unter dem Vorwande, ihr Lebewohl zu sagen; er blieb bis sieben Uhr dort.
Dann hörte man ihn plötzlich rufen:
»Man schicke mir Uliaschka und Basilika!«
Die beiden Weiber kamen, stets bereit, den Befehlen des Fürsten zu gehorchen; sie fanden ihn mit seiner Schwiegertochter ringend, die nicht schreien konnte, da sie ein Taschentuch zwischen den Zähnen hatte.
»Nun, Ihr Weiber, bringt mir diese Taube in Ordnung, wie Ihr wißt.«
Darauf banden die beiden Henkerinnen der armen Prinzessin die Arme auf den Rücken und entfernten sich bedächtig.
»Eine Fanfare !« rief der Fürst, das Fenster öffnend und es sogleich wieder schließend.
Zweihundert Hörner ertönten zugleich, womit sich das Geheul der Jagdhunde vereinte, die plötzlich von dieser Fanfare erweckt wurden.
Dieses Geräusch verhinderte, das Geschrei der Prinzessin Varvara zu hören.
Die Feste und Bacchanalien wurden im Schlosse Grubenski wieder begonnen; die Gesellschafterinnen kehrten in ihre Zimmer zurück, die seit achtzehn Monaten verlassen gewesen; die Pavillons wurden erleuchtet, um die Prinzessinnen des Olymp wieder zu empfangen, und unter den Gesängen und Tänzen ertönte wieder wie ehemals das Geschrei derjenigen, welche man in den Marstall schickte, um dort die Knute zu empfangen.
VIII.
Die Vertauschung
Die Prinzessin Varvara war krank, so krank, daß sich Niemand mehr ihrem Zimmer näherte, daß die Niemand sah oder mit ihr redete; wenn sie in den Teich gefallen und darin ertrunken wäre, hätte sie nicht mehr vom Schlosse entfernt sein können, als sie es zu sein schien; nur erzählte man, daß sie durchaus nach Memel abreisen wolle, wo ihr Mann war, daß der Fürst Alexis sich aber ausdrücklich dieser Reise widersetze.
Unter den Dienern des Fürsten befand sich ein gewisser Grinchka Chatune, welcher, um sich dem Kriegsdienste zu entziehen, zehn Jahre seiner Jugend bei dieser Bande von Seeräubern auf dem süßen Wasser zugebracht, welche gegen Ende des letzten Jahrhunderts auf der Wolga kreuzten, die Fahrzeuge enterten, die Waaren wegnahmen und sich der Reisenden bemächtigten, um ein Lösegeld zu erhalten.
An einem schönen Tage war er dieses Lebens überdrüssig geworden und zu dem Fürsten gekommen, um ihm Alles zu gestehen und um seinen Schutz zu bitten, das heißt, um Straflosigkeit; der Fürst stellte sich gern der Justiz der Gouverneure entgegen; dies gab ihm selber einen Begriff von einer Macht und befriedigte seinen Stolz; er nahm also Grinchka unter seine Diener auf bewilligte ihm nach und nach sein Vertrauen und gab ihm endlich freien Zutritt zu einer Person. Zum Dank für diesen Schutz war Grinchka der Spürer des Fürsten geworden; durch Grinchka wußte dieser Alles, was auf seinen Besitzungen vorging, so daß Alle Grinchka fürchteten und verabscheuten, und daß man selbst so weit ging zu sagen, wenn er mit den Seeräubern auf der Wolga gemeinschaftliche Sache gemacht, so habe er in dem Walde von Saratow in einer Nacht seine Seele dem Teufel verkauft und sich seit jener Zeit der Zauberei und allen Arten abscheulicher Künste hingegeben.
Nun hatte sich Grinchka eines Tages eines Briefes bemächtigt, den die Prinzessin Varvara an ihren Gemahl schrieb, um sich über ihren Schwiegervater zu beklagen. Welche Beschuldigung brachte sie gegen den Fürsten Alexis vor? Niemand erfuhr es je; aber was leicht zu sehen war, ist, daß der Fürst, nachdem er diesen Brief gelesen, in düsteres Nachdenken versank, den ganzen Tag in den großen Zimmern des Schlosses umherirrte, indem er seine Hände hinter dem Rücken hielt und den Marsch der Strelitzen pfiff, was immer bei ihm das Zeichen einer großen Zerstreutheit war.
Am folgenden Tage verdoppelte sich diese Zerstreutheit, nachdem er einen Brief von dem Secretair des Gouverneur von Kasan erhalten hatte; dieser Mann, der ihm sehr ergeben war, warnte ihn, auf einer Hut zu sein, da der Gouverneur von Kasan, obgleich er zu seinen Freunden gehöre, nicht umhin könne, eine Visitation bei ihm anzustellen und eine Untersuchung einzuleiten, und zwar in Folge eines Briefes, den er von der Prinzessin Varvara erhalten; nur, fügte der Secretair hinzu, würde er es so anordnen, daß der Besuch erst in vier oder fünf Tagen stattfinden solle, damit, wenn irgend Beweise der Schuld vorhanden wären, man Zeit habe, dieselben verschwinden zu lassen. Als der Fürst von diesem Briefe Kenntniß genommen hatte, ging er in seinem Zimmer auf und ab, noch viel finsterer und gedankenvoller, als am Tage zuvor; den ganzen Tag aß und trank er nicht; es schien ein düsteres Gewölk bereit, Donner und Blitze zu schleudern; auch wagte keiner von uns, sich ihm in den Weg zu stellen.
Als der Abend gekommen war, ließ er seine verdammte Seele Grinchka Chatune rufen und blieb bis zum Tage mit ihm eingeschlossen.
Trieben sie irgend eine teuflische Zauberei, das kann Niemand sagen; Gott allein weiß, was zwischen ihnen vorgegangen.
Als der Morgen gekommen war, gab der Fürst Alexis den Befehl, alles Nöthige zu der Reise der Prinzessin Varvara vorzubereiten, welche zu ihrem Gemahl nach Memel gehen sollte; der Tag verging mit Vorbereitungen, und am Abend hielt ein Wagen vor der Freitreppe an.
Dann sah man die Prinzessin, das Gesicht blaß von Krankheit und Seelenleiden, die große Treppe des Schlosses herunterkommen und bis zur äußeren Balustrade gehen; dort sagte sie. Allen Lebewohl, näherte sich respectvoll dem Fürsten Alexis, beschränkte sich aber darauf, ihm die Hand zu küssen, ohne ein einziges Wort auszusprechen; nur konnte jeder bemerken, daß sie krampfhaft erbebte, als sie die Hand des Fürsten berührte, und beinahe auf die Ouadersteine der Treppe niedergefallen wäre.
»Gott schütze Dich, Schwiegertochter,« sagte der Fürst Alexis zu ihr.
Dann wendete er sich zu den Frauen und sagte:
»Man setze sie in die Kutsche.«
Man half der Prinzessin Varvara beim Einsteigen in die Kutsche. Vorn zum Kutscher setzte sich Chatune und auf den Hintersitz Uliaschka und Vasilika, das heißt, dieselben Frauen, die ihr einen Monat vorher die Hände gebunden hatten.
Als die Diener dies sahen, wechselten sie einen Blick voll Traurigkeit, denn jeder dachte bei sich selber, daß diese Begleitung nichts Gutes bedeute, und daß sich irgend ein großes Unglück vorbereite.
Um elf Uhr Abends ging der Fürst Alexis allein aus dem Schlosse, stieg in den Garten hinunter und begab sich gerades Wegs zu dem rosenfarbigen Pavillon, wo er einen Theil der Nacht zubrachte. Um fünf Uhr Morgens kehrte er von dort zurück, verschloß die Thüre mit der größten Sorgfalt und warf den Schlüssel in den Teich.
Von dem Morgen wurden alle Thüren, die zu dem Garten führten, fest verschlossen und verrammelt und es wurde. Allen strenge verboten, dort einzudringen oder sich auch nur zu nähern.
In derselben Nacht, als der Fürst aus dem Schlosse ging, um sich in den rosenfarbigen Pavillon zu begeben, geschah ein anderes sehr seltsames Ereigniß.
Aringa, die Tochter des Stallknechts Nikisoff verschwand, ohne daß man eine Nachricht von ihr erhielt. Sie litt seit vier Wochen an einem starken Wechselfieber und war schon in gesunden Tagen nicht besonders anziehend, so daß an eine Entführung nicht zu denken war. – Das seltsame Verschwinden war Allen sehr auffallend, aber Niemand wagte auszusprechen, was er darüber dachte.
Vierzehn Tage später kehrte Chatune mit den beiden Weibern, welche die Prinzessin Varvara auf ihrer Reise begleitet hatten, auf das Schloß zurück; sie erzählten, die Prinzessin wäre immer kränker geworden, so wie sie sich von dem Schlosse entfernt hätten, und diese Krankheit hätte so zugenommen, daß die arme junge Frau in einem kleinen Dorfe habe anhalten müssen; sie habe einen Arzt Wien lassen, aber er habe ihr nicht helfen können und die Prinzessin wäre am dritten Tage ihres Aufenthalts im Dorfe gestorben.
Chatune übergab dem Fürsten Alexis die Papiere, welche diesen traurigen Todesfall bestätigten. Diese Papiere waren die Bescheinigungen von dem Gouverneur der nächsten Stadt bei dem Dorfe, wo die Prinzessin gestorben war, von dem Arzte, der sie vor ihrem Tode behandelt und von dem Popen, der bei ihrem Begräbniß fungiert hatte.
Der Fürst Alexis nahm alle diese Papiere, und nachdem er sie gelesen, schloß er sie sorgfältig in seinen Secretair.
Darf ich Dir noch erst sagen, mein kleiner Vater, Iwan Andreowitsch, daß die Prinzessin Varvara auf einem Umwege in den rosenfarbigen Pavillon gebracht wurde, daß der Fürst Alexis von diesem Teufel Chatune und den beiden Furien Vasilika und Uliaschka unterstützt, die Prinzessin Varvara in das Zimmer einmauerte, wo man ihren Körper wieder gefunden, während man anstatt ihrer in den Wagen, der die Prinzessin zu ihrem Gemahl bringen sollte, die Tochter des Stallknechts Nikisoff setzte, die am Fieber krank lag, unterwegs starb und unter dem Namen und anstatt der Prinzessin Varvara begraben wurde?
Uebrigens wurden alle Spuren dieser unglücklichen Geschichte bald verlöscht. Chatune und seine beiden Mitschuldigen blieben nicht lange in dieser Welt: am zweiten Tage nach ihrer Rückkehr nach Grubenski befahl ihnen der Fürst Alexis, augenblicklich das Schloß zu verlassen und auf einem seiner Meierhöfe auf der andern Seite der Wolga zu wohnen. Es war im Herbste und der Fluß war voll von Treibeis, welches die Ueberfahrt sehr gefährlich machte. Chatune und die beiden Weiber gehorchten dennoch, denn Niemand hätte gewagt, sich den Befehlen des Fürsten zu widersetzen; aber sie waren noch nicht in der Mitte des Flusses, als das schwache Fahrzeug, worin sie sich befanden, von den Eisschollen umgeworfen wurde, so daß die, welche darin saßen, in den Fluthen verschwanden und ohne Rettung untergingen.
Als das Gerücht sich verbreitete, daß einige von unseren Leuten in der Wolga ertränken, liefen wir rasch zum Flusse hin und sahen den Fürsten Alexis, seine Hände hinter dem Rücken haltend, auf einem ausgehöhlten Felsen stehen; der Wind hatte ihm die Mütze entrissen die zehn Schritte von ihm entfernt lag, und seine grauen Haare im Winde wehend betrachtete er ruhig die drei Körper, welche der Fluß in seinem raschen Laufe mit sich fortführte und die von Zeit zu Zeit wieder auf der Oberfläche erschienen.
Als Alles völlig verschlungen war, die drei menschlichen Körper, so wie auch das schwache Fahrzeug, welches sie getragen, bekreuzte sich der Fürst andächtig, denn er sprach ohne Zweifel ein Gebet für die Ruhe der Seelen derjenigen, welche eben vor seinen Augen untergegangen; dann hob er seine Mütze auf und kehrte in seine Wohnung zurück.
So gingen alle Spuren dieses traurigen Ereignisses – auf immer verloren, bis zu dem Tage, wo man die Leiche oder vielmehr die Gebeine der Prinzessin Varvara in dem rosenfarbigen Pavillon wiederfand, so daß nicht nur die Gouverneure von Kasan, sondern auch die von ganz Rußland hätten zwanzig Nachforschungen und ebenso viel Haussuchungen anstellen können, ohne irgend etwas zu entdecken.
Ebenso wie die Körper in der Tiefe des Flusses liegen, blieb die Gewissensqual und Reue in der Tiefe des Herzens des Fürsten Alexis zurück, und als er glaubte, daß das Geheul Arabka's seine Todesstunde verkündige, kam das schreckliche Geheimniß an den Tag, und er hatte nicht eher Ruhe, als bis er mir Alles erzählt hatte.
Freilich zwei Stunden später, als das Ungewitter vorüber war; als die Sonne wieder erschien und man dem Fürsten meldete, daß man fünf oder sechs Eber auf gespürt, war dieser plötzlich wieder umgewandelt, vergaß oder schien zu vergessen, was geschehen war, und sprang auf wie ein Schlachtroß, wenn es die Trompete hört. Und mit der Lebhaftigkeit eines jungen Mannes von fünfundzwanzig Jahren aus seinem Pavillon hervorgehend, rief er mit volltönender Stimme:
»Zu Pferde! zu Pferde!«
Und sich in den Sattel schwingend, ritt er nur unvollständig bekleidet im Galopp davon, ohne seinem Testamentsvollstrecker Muransky Lebewohl gesagt zu haben.
Wir folgten einen Spuren und galoppierten, so schnell unsere Pferde uns tragen wollten, dem Uraginskiwalde zu.
IX.
Schluß
Acht Tage später kehrte man ins Schloß zurück.
In dem großen Salon bezeugten einige hundert Flaschen Wein, wovon die meisten ganz einige halb leer und zwölf oder fünfzehn noch nicht geöffnet waren, und fünf oder sechs angestochene Fässer Branntwein wenn nicht den guten Geschmack, doch wenigstens die Belustigung der Gäste, die sich dort vereinigt fanden, und rechtfertigte vollkommen die lärmende Heiterkeit, die man dort hörte und die in vollen Fluthen durch die Thüren und Fenster scholl.
Es waren einige dreißig Gäste dort vereinigt; jeder trank nach Gefallen, und wenn Ermüdung und Trunkenheit endlich einen von ihnen zwang, auf einige Augenblicke Ruhe zu suchen so schlief er ein, wo er sich befand, sei es nun auf dem Fußboden, sei es auf einem reichen Kanapee; unter den daliegenden Körpern, die Beine ausgestreckt, die Hände krampfhaft die Flaschenhälse umfassend.
Die Gesellschafterinnen in mythologischem Kostüm sangen leichtfertige Lieder und tanzten entsprechende Tänze.
Der Fürst, seit mehreren Tagen nicht gekämmt, nicht rasiert oder gepudert, ohne Rock und nur ein Beinkleid und seine Weste tragend, saß auf einem großen Lehnsessel, von wo er dem Gelage zu präsidieren schien.
»Nun, Ihr Teufel und Teufelinnen!« sagte er, »wollen wir versuchen ein wenig heiterer zu sein; denn auf mein Wort, Ihr langweilt mich zum Sterben.«
Ich kann Dir nicht sagen, Iwan Andreowitsch, wie viel Geld der Fürst zu jener Zeit ausgab; er vertheilte Hände voll Perlen und Edelsteine an die Gesellschafterinnen, ohne die Ohrringe, die Nadeln, die Broschen, die Ringe, die Schlösser, endlich die goldenen mit Diamanten verzierten Schmucksachen, ohne die kostbaren Stoffe von Atlas, Seide und Sammet zu rechnen. Es war ein wahrhaftes goldenes Zeitalter für alle diejenigen, welche ihn umgaben, und es giebt mehr als einen Muschik, der sich den Bart abgeschnitten hat und dessen Reichthum sich aus jener Zeit herschreibt.
Ich glaube übrigens, daß der Fürst zu jener Zeit nicht recht bei Sinnen war.
Eines Morgens meldete man ihm, daß Magistratspersonen gekommen wären, und daß es sich um nichts Geringeres handle, als um eine Haussuchung in dem Schlosse Grubenski.
Bei dieser Nachricht ließen alle die Arme sinken; der Lärm des Gelages verstummte, als wäre es durch einen Donnerstreich unterbrochen worden; der Fürst allein brach in ein lautes Lachen aus.
»Jeder begebe sich an seinen Posten und halte die Knuten bereit! Sie sollen eine hübsche Haussuchung halten, diese Herren Beamten.«
Alle zerstreuten sich im Augenblick und brachten alles im ganzen Hause in Ordnung.
Eine Viertelstunde später kam in der That ein Dragonermajor im Schlosse an, der von zwei Beamten begleitet war, welche beauftragt waren, dort eine Haussuchung anzustellen.
Der Fürst Alexis befand sich in Galakleidung und mit gepuderten Haaren in einem schönsten Salon.
Als die Beamten und der Major dorthin kamen, stand der Fürst Alexis kaum von seinem Lehnsessel auf, und ohne ihnen Sitze anzubieten, fragte er in kurzem und kaltem Tone, was zu ihren Diensten stehe.
»Wir haben den Befehl erhalten, mein Fürst,« antwortete einer von den Beamten, »zu einer sehr strengen Untersuchung hinsichtlich gewisser Verbrechen zu schreiten, deren Sie beschuldigt werden und deren Sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach gegen die Person der verstorbenen Prinzessin Varvara schuldig gemacht haben.«
»Ah! ah! ah! Du hast diesen Befehl erhalten,« rief der Fürst, »und Du kommst hierher, um ihn auszuführen? Du wagt, im Schlosse Grubenski Deine Muschiknase zu zeigen? – Weißt Du, wer ich bin? – Wer hat Dich hierher geschickt? Diese Canaille von Woiwode oder dieser Schurke von Gouverneur? Sie mögen sich in Acht nehmen, wenn Ihr von ihnen kommt, denn ich werde nach meiner Weise mit ihnen verfahren; Sie können ebenso gut auch einen Besuch in meinem Marstalle machen; und was Dich betrifft, Dich —«
»Mäßigen Sie sich, mein Fürst!« fiel der Major ein; »ich habe fünfzig Dragoner bei mir und ich bin weder von dem Woiwoden noch von dem Gouverneur zu Ihnen geschickt.«
»Von wem sind Sie denn geschickt?«
»Von unserem Vater, den Kaiser Nicolaus, der soeben ruhmvoll den Thron bestiegen hat.«
Sobald der Fürst Alexis diese letzten Worte gehört hatte, erbebte er am ganzen Körper, nahm einen Kopf zwischen seine Hände und murmelte mit dumpfer Stimme :
»Ich bin verloren! ich bin verloren!«
Er hatte nicht im Geringsten erwartet, daß diese Sache bis zu dem Kaiser gelangen würde.
Hierauf näherte er sich dem Major mit ruhiger und demüthiger Miene und schwur ihm bei allen Heiligen zu, daß er durchaus nicht wisse, welches Verbrechens er angeklagt werden könne, und wenn die Prinzessin Varvara noch am Leben wäre, würde sie die Erste sein, seine Unschuld zu betheuern.
»Die Prinzessin Varvara selber ist es, die Sie anklagt,« sagte der Major, »und hier ist ihre Klage.«
Der Fürst fuhr erschrocken zurück. Hatte Chatune ihn verrathen? War die Prinzessin nicht gut eingemauert gewesen?
Er nahm die Anklage mit zitternder Hand und richtete eine Blicke darauf: sie trug die Jahreszahl 1807 und es waren neunzehn Jahre her; aber der Kaiser Nicolaus hatte bei seiner Thronbesteigung gesagt, er wolle, daß alle Klagen, die seit zwanzig Jahren gegen die Großen seines Reiches erhoben worden, an ihn geschickt werden sollten, damit er darüber verfüge.
Als der Fürst sah, daß die Anklage von der Handschrift seiner Schwiegertochter sei, ließ er mit der Miene der tiefsten Entmuthigung seine Arme sinken; darauf nahmen der Major und die beiden Richter um einen Tisch Platz, worauf sie ihre Papiere ausbreiteten. Der Fürst Alexis sah dies Alles, aber mit so niedergeschlagener Miene, daß er nicht zu sehen schien; er blieb stehen, warf verwirrte Blicke um sich und wiederholte die Worte:
»Ich bin verloren! ich bin verloren!«
Der Major, der bei der Untersuchung den Vorsitz führte, richtete hierauf das Wort an den Fürsten.
»Fürst Alexis, in Uebereinstimmung mit einem förmlichen Befehl. Seiner kaiserlichen Majestät, in seinem Cabinet der geheimen Angelegenheiten gegeben, möge es Dir gefallen, mit der gewissenhaftesten Wahrheit auf alle Fragen zu antworten, die Dir vorgelegt werden sollen in Betreff des entsetzlichen Verbrechens, welches Du —«
»O! haben Sie Mitleid mit mir, und richten Sie mich nicht zu Grunde!« fiel der Fürst ein; »sein Sie mein Vater und Wohlthäter. Vielleicht habe ich in meiner Jugend und selbst in meinem reifen Alter Verbrechen begangen; aber heute, sehen Sie, bin ich ein armer Greis mit grauem Haar; ich bin mehr als siebzig Jahre alt —«
Und der Fürst Alexis warf sich dem Major zu Füßen.
Da siehst Du, mein lieber Andreowitsch, was die Furcht vor dem Czar thut! Der Fürst Alexis war ein großer Herr – ein so großer Herr, daß er sich nicht gescheut hätte, einen Gouverneur oder selbst einen Minister mit seiner Peitsche zu schlagen, wenn der Eine oder der Andere seinen Zorn erregt hätte; aber dem majestätischen und schrecklichen Zorne des Czar gegenüber erkannte er sich so demüthig und klein, daß er dem Major zu Füßen fiel.
»Richten Sie nicht einen armen Greis zu Grunde,« fuhr er mit flehender Stimme fort; »ich habe gewiß nicht mehr lange zu leben, denn die, welche mir in die andere Welt vorausgegangen sind, haben mich benachrichtigt, daß ich dort erwartet werde. – Richten Sie mich nicht zu Grunde, ich werde in ein Kloster gehen und dort das Mönchsgewand anlegen; haben Sie Barmherzigkeit mit mir, und ich werde Sie mit Gold bedecken; Alles, was hier ist, gehört Ihnen, nur richten Sie mich nicht zu Grunde!«
»Es ist genug,« sagte der Major. »Nun, stehe auf! Wie, schämst Du Dich nicht, Dich so zu meinen Füßen hinzuschleppen? Du bist doch ein Edelmann, Du bist ein Fürst! stehe also auf und beantworte die Fragen, die ich vermöge des Befehls. Seiner "Majestät an Dich richten werde.«
Der Fürst erhob sich und versuchte eine zuversichtliche Miene anzunehmen.
»Da Sie wollen, daß ich Ihnen antworte,« sagte er, »so antworte ich Ihnen: ich weiß nicht, was Sie jagen wollen.«
»Achte auf Deine Worte, Fürst, und hüte Dich, daß dieser Saal nicht ein Gerichtssaal für Dich werde! Wenn Du nicht freiwillig die Wahrheit sagen willst, so haben wir wirksame Mittel, um Dich mit Gewalt zum Reden zu bringen.«
Bei dieser Drohung sank der Fürst Alexis auf einen Lehnsessel nieder und wurde todtenblaß; seine Augen waren verstört und er begann schwer und mit Anstrengung zu athmen.
»Ich bin verloren, ohne Rettung verloren,« murmelte der Unglückliche. »Ich bin jetzt zu schwach, um die Tortur auszuhalten; ich werde wahnsinnig werden, wenn ich es nicht schon bin.«
Der Major sah ihn an und bemerkte, daß er in der That nicht einen vollen Verstand hatte.
Er verschob also die weitere Untersuchung auf den folgenden Tag, nachdem er die Anordnung getroffen, daß Niemand mit dem Fürsten verkehren solle.
Der tiefsten Verzweiflung hingegeben, wanderte dieser wie eine verdammte Seele in den großen und zahlreichen Gemächern seines Schlosses umher, die plötzlich einsam geworden, dabei riß er sich seine weißen Haare aus und ließ ein klägliches Gestöhn hören.
So aufs Gerathewohl weitergehend, kommt er in die Galerie der Portraits und wirft einen unwillkürlichen Blick auf das Portrait der Prinzessin Varvara.
Plötzlich bleibt er unbeweglich stehen, sein Haar richtet sich auf seinem Kopfe empor, sein Auge wird starr.
Es scheint ihm, als wenn sich das Gesicht der Prinzessin auf der Leinwand belebt, als wenn dieser Kopf, eben noch unbeweglich, sich leicht auf und nieder bewegt und ihm ein Zeichen giebt, und dann glaubt er die sanfte und engelgleiche Stimme der Prinzessin dreimal murmeln zu hören:
»Mörder! Mörder! Mörder!«
Der Fürst Alexis fiel wie eine leblose Masse auf den Fußboden nieder; die gelähmte Zunge konnte kein Wort hervorbringen und die widerstrebenden Glieder keine Bewegung machen.
Man fand ihn am Boden, man trug ihn fort, man legte ihn auf sein Bett; darauf wurde er von einem unbeschreiblichen Delirium ergriffen, während dessen er Worte ohne Zusammenhang aussprach, die Niemand verstehen konnte. Seine Augen hatten einen schrecklichen Glanz.
Der Major hatte Mitleid mit ihm und ließ einen Arzt holen; auch gestattete er, daß seine Leute ihn bedienten.
Der Arzt öffnete dem Kranken eine Ader, worauf er eine große Erleichterung empfand. Von diesem Augenblick an begann der Fürst zu reden, obgleich eine Zunge ihm nur mit Schwierigkeit gehorchte.
Darauf rief er seinen Intendanten, gab ihm das – Zeichen, ihm ganz nahe zu kommen und sagte:
»Du lässest das Gesicht des Portrait der Prinzessin Varvara mit einer starken Lage von schwarzer Farbe überstreichen!«
Der Intendant ließ diesen Befehl vollziehen und kam, ihm zu melden, daß er gethan, wie er geboten.
»Es ist gut,« sagte er; »da wird sie nicht zu dem Major sprechen, wie sie zu mir gesprochen.«
Man glaubte, er verfalle wieder in sein Delirium.
Man irrte sich: er war todt.
Als der Fürst gestorben war, wurde jede Untersuchung unnöthig, und die Haussuchung fand nicht statt.
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Dies war der Grund, daß der Major und die beiden Richter die Ueberreste der Prinzessin nicht fanden, welche erst von dem Fürsten Danilo nach der ihm von mir gemachten Mittheilung entdeckt wurden.