Kitabı oku: «John Davys Abenteuer eines Midshipman»
Erster Teil
I
Es sind etwa vierzig Jahre, daß meinem Vater, dem Capitän Edward Davys, Commandanten der englischen Fregatte »Jono« durch eine der letzten ans dem Linienschiff »Vengeur« kommenden Kanonenkugeln ein Bein zerschmettert wurde.
In Portsmouth, wohin ihm die Nachricht von dem Siege des Admirals Howe vorangeeilt war, fand er seine Ernennung zum Contreadmiral. Leider ward ihm dieser Titel nur als Belohnung bei seinem Uebertritt in den Ruhestand bewilligt; die Lords der Admiralität dachten wohl, der Verlust eines Beines habe den kaum fünfundvierzigjährigen Contreadmiral Edward Davys untauglich für den Seedienst gemacht.
Mein Vater war einer jener braven Seemänner, welche die Nothwendigkeit des Landes nicht recht einsehen und demselben nur dann einige Aufmerksamkeit schenken, wenn frisches Wasser an Bord zu nehmen oder Fisch zu dörren ist. Er war am Bord einer Fregatte geboren und hatte in seiner Kindheit nur Himmel und Meer gesehen. Mit fünfzehn Jahren war er Midshipman, mit fünfundzwanzig Lieutenant, mit dreißig Capitän geworden und hatte seine schönsten und besten Jahre auf einem Kriegsschiffe zugebracht. Das feste Land hatte er nur von Zeit zu Zeit und fast mit Widerwillen betreten, so daß der ehrenwerthe Contreadmiral, der mit verbundenen Augen seinen Weg durch die Behringstraße oder Bassinsbai gefunden haben würde, nicht ohne Führer von Saint-Jams nach Piccadilly hätte gehen können. Er kränkte sich daher nicht über die Wunde selbst, sondern über die Folgen derselben: er war auf mancherlei Unglück und Ungemach, auf Schiffbruch, Feuersbrunst und Kampf, aber nie auf den Ruhestand gefaßt gewesen, und er hatte es kaum für möglich gehalten, daß er einst als Greis in seinem Bett sterben werde.
Die Genesung des Verwundeten ging bei seiner gereizten Stimmung langsam von Statten; seine kräftige Gesundheit siegte indeß über Körperschmerzen und Seelenleiden. Es fehlte ihm übrigens keineswegs an sorgsamer Pflege: Sir Edward hatte einen treuen Diener, wie man sie gemeiniglich nur unter Soldaten und Seeleuten findet. Dieser brave Matrose, der einige Jahre älter war als mein Vater, war von dem Tage an, wo er als Midshipman an Bord der »Königin Charlotte« gekommen war, bis zu dem Kampfe, in welchem er blutend und bewußtlos vom Verdeck der »Juno« getragen wurde, sein beständiger Gefährte gewesen. Tom Smith hätte am Bord der Fregatte bleiben können, aber er mochte sich von seinem Capitän nicht trennen; er suchte um seinen Abschied nach, der ihm in Berücksichtigung des Beweggrundes, den er geltend machte, nebst einer kleinen Pension bewilligt wurde.
Die beiden alten Freunde – denn im Privatleben verschwand der Rangunterschied – sahen sich also plötzlich in einen Lebenskreis versetzt, auf den sie gar nicht vorbereitet waren und der ihnen viele Angst machte; allein sie mußten sich in das Unvermeidliche fügen.
Sir Edward erinnerte sich, daß es ein paar hundert Miles von London ein altes Familiengut und in der Stadt Derby einen Verwalter gebe, der ihm persönlich gar nicht bekannt war und dem er nur von Zeit zu Zeit Prisengelder und andere Summen geschickt hatte, mit denen er nichts anzufangen wußte. Er schrieb an diesen Verwalter und beschied ihn nach London, um sich über sein Vermögen, um welches er sich früher gar nicht gekümmert, die nöthige Auskunft zu verschaffen.
In Folge dieser Einladung kam Mr. Sanders nach London. Seine Rechnungen waren in der größten Ordnung; seit dem Tode meines Großvaters, Sir William Davys, der das Schloß hatte bauen lassen, waren alle Einnahmen und Ausgaben auf das sorgfältigste eingetragen worden. Auch über die von dem gegenwärtigen Besitzer von Williamhouse eingesandten Summen und deren fruchtbringende Verwendung war genaue Rechnung geführt worden. Sanders war beständig auf Arrondirung und Verbesserung der Besitzung bedacht gewesen, so daß sich diese in dem blühendsten Zustande befand. Sir Edward fand zu seinem großen Erstaunen, daß er eine Rente von zweitausend Pfund Sterling und außerdem noch sechshundert Pfund Sterling Ruhegehalt hatte. Der glückliche Zufall hatte ihm ausnahmsweise einen ehrlichen Mann zum Verwalter gegeben.
Wie groß auch der philosophische Gleichmuth des Contreadmirals war, so war ihm diese Entdeckung doch nicht gleichgültig. Er hätte zwar gerne sein Vermögen hingegeben, wenn er dadurch sein verlorenes Bein hätte wieder kaufen und zumal in seinen früheren Wirkungskreis eintreten können; aber da er einmal außer Dienst war, so waren seine über alle Erwartung günstigen Verhältnisse keineswegs zu verachten; er erklärte daher dem Verwalter, daß er entschlossen sei, sein Erbgut zu bewohnen.
Sanders reiste voraus, um in Williamhouse Alles in Bereitschaft setzen zu lassen ; Sir Edward wollte acht Tage später nachkommen.
Diese acht Tage benutzten Sir Edward und Tom zum Ankauf aller irgend auszutreibenden Seereisen und Schiffsgeschichten, von »Gulliver’s Abenteuern« bis zu den »Entdeckungsreisen des Capitän Cook«. Zu diesem Sortiment von nautischen Unterhaltungsschriften packte Sir Edward eine große Erdkugel, einen Zirkel, einen Quadranten, einen Compaß, ein Tagfernrohr und ein Nachtfernrohr.
Als alle diese Sachen eingepackt und die Koffer an einem bequemen Reisewagen befestigt waren, wurden Postpferde bestellt und die beiden Seeleute traten die längste Landreise an, welche sie jemals gemacht hatten.
Wenn den Capitän etwas hätte trösten können, so wäre es gewiß der Anblick der freundlichen heitern Landschaft gewesen: England ist ja ein großer Garten mit Baumgruppen und grünen Wiesen und Bächen und Flüssen; überall findet man die besten Straßen mit Pappelalleen, überall schattige Parks. Aber wie reizend auch dieser Anblick war, Sir Edward konnte doch das Meer nicht vergessen. Das Grün des Oceans schien ihm weit prächtiger als der Teppich der Wiesen; die Pappeln hielten keinen Vergleich aus mit den Masten, an denen sich die Segel blähen, und die schönste Landstraße konnte sich mit dem Verdeck der »Juno« nicht messen.
Der Capitän war also unempfänglich für alte Reize des alten Landes der Bretagner; er kam durch die schönsten Gegenden Englands, aber er fand kein Wort des Lobes. So erreichte er endlich die Anhöhe, von welcher er sein ganzes Erbgut übersehen konnte.
Das Schloß hatte eine reizende Lage; ein kleiner Fluß, der in dem Gebirge zwischen Manchester und Sheffield entspringt, wand sich mitten durch fette Wiesen, bildete einen kleinen See, der eine Stunde im Umfange hatte, und ergoß sich dann bei Derby in den Trent.
Die ganze Landschaft prangte im frischesten Grün, als ob sie eben erst aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen wäre. Eine heitere Ruhe schwebte über dem weiten Thale, welches von der sich durch ganz England ziehenden Hügelkette begrenzt war.
Das Schloß war seit fünfundzwanzig bis dreißig Jahren nicht bewohnt gewesen, aber die Gemächer waren von Mr. Sanders in so gutem Stande erhalten worden, daß die Vergoldungen und die Farben der Stoffe und Tapeten noch wie neu waren.
Für einen Mann, der die Einsamkeit sucht, weite es sein sehr behaglicher Ruhesitz gewesen; aber nicht für Sir Edward. Diese ruhig heitere Natur schien ihm eintönig im Vergleich mit dem ewig bewegten Ocean und dem regen Leben am Bord des Kriegsschiffes.
Er ging seufzend durch die weiten Gemächer, auf deren getäfeltem Fußboden sein hölzernes Bein unheimlich dröhnte, und blieb an den Fenstern jeder Ironie stehen, um mit den vier Himmelsgegenden seiner Besitzung Bekanntschaft zu machen. Tom, der ihm folgte, verbarg sein Erstaunen über die nie gesehene Pracht hinter einer stolzen, naserümpfenden Miene. Als die in aller Stille vorgenommene Inspection beendet war, wandte sich Sir Edward zu seinem Begleiter und fragte ihn:
»Nun, Tom, was sagst Du dazu?«
»Nun, das Zwischendeck ist recht sauber,« antwortete Tom; »es fragt sich nur, ob der Kielraum eben so gut im Stande ist.«
»O! Mr. Sanders hat einen so wichtigen Theil der Ladung gewiß nicht übersehen. Geh hinunter, Tom, und sieh nach. Ich will Dich hier erwarten.«
»Aber ich weiß nicht,« erwiederte Tom, sich hinter dem Ohre kratzend, »ich weiß nicht wo die Luken sind.«
»Ich will sie Ihnen zeigen,« sagte eine aus dem Nebenzimmer kommende Stimme.
»Wer bist Du?« fragte Sir Edward sich umsehend.
»Ich bin der Kammerdiener Eurer Herrlichkeit,« antwortete die Stimme.
»Dann tritt vor.«
Ein großer hübscher Mensch, in einfacher, aber geschmackvoller Livrée erschien in der Thür.
»Wer hat Dich in Dienst genommen?« fragte Sir Edward weiter.
»Master Sanders.«
»So! Was kannst Du denn?«
»Ich kann rasieren, frisieren, Gewehre putzen, kurz Alles was Eure Herrlichkeit von einem Diener verlangen können.«
»Wo hast Du das gelernt?«
»Bei dem Capitän Nelson.«
»Auf welchem Schiffe hast Du gedient?«
»Drei Jahre am Bord des »Boreas.«
»Wo hat Dich denn Sanders aufgegabelt?«
»Als der »Boreas« abgetakelt wurde, zog sich der Capitän Nelson nach Norfolkshire zurück, und ich ging wieder nach Nottingham, wo ich geheiratet habe.«
»Wo hast Du denn deine Frau?«
»Sie ist auch bei Ew. Herrlichkeit im Dienst.»
»In welcher Eigenschaft?«
»Sie hat die Aufsicht über die Wäsche und den Hühnerhof.«
»Wer ist Kellermeister?«
»Die Stelle ist noch nicht besetzt; Mr. Sanders hält den Posten für zu wichtig und wollte nicht darüber verfügen.«
»M. Sanders ist ein unbezahlbarer Mann. Hörst Du wohl, Tom, der Kellermeisterposten ist noch unbesetzt.»
»Ich hoffe,« antwortete Tom, »daß der Keller nicht leer ist.»
»Sie können sich davon überzeugen,« sagte der Kammerdiener.
»Ja, das will ich thun,« sagte Tom, »mit der Erlaubniß des Commandanten.«
Sir Edward gab ihm durch einen Wink zu verstehen, daß er ihm diesen wichtigen Auftrag ertheile, und der brave Seemann folgte dem Kammerdiener.
II
Tom’s Besorgnisse waren ganz unbegründet: der Theil des Schlosses, welcher in diesem Augenblicke der Gegenstand seiner Wißbegierde war, befand sich in demselben vortrefflichen Zustande wie der ganze übrige Haushalt. Tom, der in solchen Dingen ein Kenner war, ließ dem Anordner volle Gerechtigkeit widerfahren: je nachdem die Qualität oder das Alter des Weines es erheischte, standen oder lagen die Flaschen, aber alle waren voll, und ein im Erdboden steckendes Stäbchen mit einem daran genagelten Zettel war gleichsam die Fahne für jedes einzelne Armeecorps. Die ganze Anordnung machte den strategischen Kenntnissen des würdigen Mr. Sanders die größte Ehre.
Tom zollte dieser regelrechten Aufstellung seinen Beifall, und da vor jedem Flaschenbataillon eine Probeflasche ausgestellt war, so hob er ohne weiteres drei dieser Schildwachen auf und erschien mit denselben vor seinem Commandanten.
Sir Edward saß an einem Fenster der Wohnung, die er wegen der Aussicht auf den See für sich gewählt hatte. Der Anblick dieser kleinen Wasserfläche, welche wie ein Spiegel in dem grünen Rahmen der Wiesen glänzte, hatte alle Erinnerungen des Seemannes geweckt; aber als Tom eintrat, sah er sich um, und als ob er sich seiner Wehmuth geschämt hätte, fing er an zu husten, wie es seine Gewohnheit war, wenn er seine Gedanken bezwingen und ihnen eine andere Richtung geben wollte.
Tom sah auf den ersten Blick was für Gefühle den Commandanten erfüllten; aber Sir Edward wollte seine wehmüthige Stimmung nicht merken lassen und nahm einen heitern Ton an.
»Nun, alter Camerad,« sagte er, »der Feldzug scheint nicht schlecht gewesen zu sein; wie ich sehe, hast Du Gefangene gemacht.«
»Ja, Herr Commandant,« antwortete Tom; »der Strand, den ich in Augenschein genommen habe, ist stark bevölkert. Sie können lange aus die künftige Ehre von Altengland trinken , nachdem Sie zu seiner bisherigen Ehre so viel beigetragen haben.«
Sir Edward hielt gedankenlos ein Glas hin, nippte einige Tropfen Bordeaux, den der König Georg nicht verschmäht haben würde, und fing an ein Liedchen zu pfeifen. Dann stand er schnell auf, ging im Zimmer auf und ab, sah die Gemälde an und trat wieder ans Fenster.
»Ich sehe wohl, Tom,« sagte er, »daß unser Quartier so gut ist, wie es am Lande sein kann.«
»Das will ich meinen,« erwiederte Tom, der einen lustigen Ton annahm, um den Commandanten zu erheitern; »ich glaube, daß ich in acht Tagen gar nicht mehr an die »Juno« denken werde.
»O, die »Juno« war eine schöne Fregatte, lieber Tom, sagte Sir Edward seufzend; »sie glitt wie eine Möwe über die Wellen hin – und wie leicht führte sie jedes Manöver aus! wie tapfer war sie im Gefecht! – Doch wir wollen nicht mehr davon reden – oder vielmehr wir wollen recht oft von ihr sprechen. Sie ist unter meinen Augen vom Kiel bis zum Mastkorbe gebaut worden; sie war mein Liebling, mein Kind, – jetzt ist mir’s, als wäre sie verheiratet, auf immer von mir getrennt. Gott gebe, daß ihr Mann gut steuert, denn ich würde untröstlich sein, wenn ihr ein Unglück begegnete. – Komm, lieber Tom, wir wollen in den Garten gehen.«
Sir Edward, der feine Rührung nicht mehr zu verbergen suchte, nahm den Arm seines treuen Gefährten und ging die in den Garten führende Freitreppe hinunter.
Es war einer jener reizenden Parks, von denen die Engländer allen Nationen die Muster gegeben haben, mit Grasplätzen, Blumenfiguren, Gebüschen und Alleen.
Hier und da standen einige hübsche Häuschen. Vor einem derselben bemerkte Sir Edward seinen Verwalter.
Sanders kam auf ihn zu.
»Es freut mich, Master Sanders,« rief ihm der Gutsherr schon von weitem zu, »es freut mich, daß ich Gelegenheit finde, Ihnen meinen wärmsten Dank auszudrücken. Wahrhaftig, Sie sind ein lieber, vortrefflicher Mann.« – Sanders verneigte sich. – »Wenn ich gewußt hätte, wo Sie zu finden sind , würde ich nicht so lange gewartet haben.«
»Ich danke dem Zufall, der Ew. Herrlichkeit hierher geführt hat,« antwortete Sanders, über das Compliment sichtlich erfreut. »In diesem Hause wohne ich in Erwartung Ihrer Verfügungen.
»Gefällt es Ihnen nicht in Ihrer Wohnung?«
»Ja wohl, ich wohne hier seit vierzig Jahren; mein Vater ist hier gestorben und ich bin hier geboren; aber wenn Ew. Herrlichkeit anders darüber verfügen —«
»Zeigen Sie mir das Haus,« sagte Sir Edward.
Sanders führte den Gutsherrn in die »Cottage«, die er bewohnte. Diese Wohnung bestand ans einer kleinen Küche, einer Wohnstube, einem Schlafzimmer und einem Arbeitszimmers in welchem alle auf die Besitzung Williamhouse bezüglichen Schriften und Bücher sorgfältig aufbewahrt wurden. In dem ganzen Häuschen herrschte echt holländische Sauberkeit und Ordnung.
»Wie viel Gehalt haben Sie?« fragte Sir Edward.
»Hundert Guineen. Diesen Gehalt hat bereits mein Vater bezogen und obgleich ich bei seinem Tode erst fünfundzwanzig Jahre alt war, erbte ich seinen Platz und seine Besoldung. Wenn Ew. Herrlichkeit finden, daß es zu viel ist, so werde ich mir jeden Abzug gefallen lassen.«
»Im Gegentheil,« antwortete Sir Edward, »ich will Ihren Gehalt verdoppeln und Ihnen eine Wohnung im Schlosse geben.«
»Ich danke pflichtschuldigst,« erwiederte Sanders; »aber ich erlaube mir gehorsamst zu bemerken, daß eine so beträchtliche Gehaltserhöhung überflüssig ist. Ich gebe kaum die Hälfte meiner Besoldung aus, und da ich nicht verheiratet bin, weiß ich nicht wer meine Ersparnisse einst erben soll. – Und was den Wohnungswechsel betrifft —«
»Nun , sagen Sie gerade heraus, was Sie darüber denken,« sagte der Gutsherr.
»Ich werde mich, wie in allen anderen Dingen, dem Willen Eurer Herrlichkeit fügen und auf Ihren Befehl ausziehen; aber – ich bin an diese Cottage gewöhnt; ich weiß Alles zu finden, ich brauche nur die Hand auszustrecken, um zu nehmen, was ich suche. Hier habe ich meine Jugend verlebt; alle Möbeln stehen noch auf ihrem Platze; hier am Fenster, in diesem Lehnstuhl pflegte meine Mutter zu sitzen; dieses Gewehr hat mein Vater an den Nagel über dem Camin gehängt; dort steht das Bett, in welchem der würdige Greis seinen Geist aufgegeben hat. – Verzeihen Sie mir, aber ich würde es fast als eine Entweihung ansehen, wenn ich Alles dies freiwillig verändern wollte. Doch wenn Ew. Herrlichkeit befehlen —«
»Gott behütet« unterbrach Sir Edward; »ich kenne die Macht der Erinnerungen zu gut, als daß ich die Ihrigen nicht achten sollte. Bleiben Sie hier, lieber Sanders, so lange es Ihnen beliebt. – Bei der Verdoppelung Ihres Gehaltes bleibt es; Sie können ja mit dem Pfarrer Rücksprache nehmen, damit diese Vermehrung Ihrer Besoldung einigen armen Familien zu gute komme. – Wann speisen Sie?«
»Um zwölf Uhr.«
»Ich auch, und merken Sie sich ein- für allemal, daß Sie an meinem Tische essen. – Nicht wahr, Sie machen zuweilen eine Partie L’Hombre?«
»Ja wohl; wenn Herr Robinson Zeit hat, gehe ich zu ihm, oder er kommt zu mir, und wir machen nach vollbrachtem Tagewerk ein Spielchen.«
»Nun, an den Tagen, wo er nicht kommt, werden Sie an mir einen Partner finden, der sich nicht leicht schlagen läßt. Und wenn er kommt, bringen Sie ihn mit, wenn es ihm angenehm ist; wir spielen dann Whist.«
»Ew. Herrlichkeit erweisen mir viel Ehre.«
»Und Sie, lieber Sanders, werden mir Vergnügen machen. Es bleibt also bei der Abrede.«
Sanders empfahl sich mit einer tiefen Verbeugung. Sir Edward nahm wieder Tom’s Arm und setzte seine Wanderung fort.
In einiger Entfernung von der Wohnung des Verwalters fand er das Häuschen des Wildhüters, der zugleich die Aufsicht über die Fischerei hatte.
Der Wildhüter hatte Frau und Kinder, es war eine glückliche Familie. Das Glück hatte sich, wie man sieht, in diese Einsamkeit zurückgezogen, und diese kleine Welt, welche vor der Ankunft des Gutsherrn manche unangenehme Veränderung gefürchtet hatte, ward durch seine Gegenwart bald beruhigt. Sir Edward war in der ganzen englischen Marine durch seine Strenge und seinen Muth bekannt, aber außer Dienst war er der beste, gutherzigste Mann von der Welt.
Er kam etwas ermüdet wieder in’s Schloß, denn es war der längste Spaziergang, den er mit seinem Stelzfuß gemacht; aber er war so vergnügt, wie es in seiner gedrückten Stimmung möglich war.
Sein Lebenszweck war verändert; aber er war noch immer Herr und Gebieter seiner Umgebungen, er war nur aus dem Befehlshaber ein Patriarch geworden, und mit der ihm eignen Raschheit des Entschlusses nahm er sich vor, seine Zeit so regelmäßig einzutheilen, wie er es an Bord seiner Fregatte gewohnt gewesen war. – So blieb er bei seinen alten liebgewordenen Gewohnheiten.
Tom wurde von dieser Zeiteintheilung in Kenntniß gesetzt. George, der Kammmerdiener, gewöhnte sich leicht daran, denn er hatte die strenge Mannszucht des »Boreas« noch nicht vergessen. Der Koch erhielt die nöthigen Befehle, und schon am folgenden Tage war Alles geordnet wie am Bord der »Juno«. Statt der Trommel sollte die Glocke alle Hausgenossen bei Tagesanbruch wecken; eine halbe Stunde nachher sollte, wie aus den Kriegsschiffen, ein Imbiß genommen und dann gekehrt und geputzt werden. Die Thürschlösser, Camine, Feuerschaufeln, Zangen und kupfernen Geschirre erforderten, um das Schloß im comfortablen Zustande zu erhalten, eine eben so strenge Disciplin, wie am Bord der »Juno« geherrscht hatte. Daher wollte der Capitän, von seiner ganzen Dienerschaft gefolgt, das ganze Schloß mustern, und alle dienenden Personen wußten, daß sie im Falle der Fahrlässigkeit die auf den Kriegsschiffen üblichen Strafen zu gewärtigen hatten.
Um zwölf Uhr sollten alle Arbeiten durch das Mittagessen unterbrochen werden. Während der Capitän, wie vormals auf dem Hinterdeck, im Park spazieren ging, wurden Reparaturen an Möbeln, Fenstern und Wäsche vorgenommen. Um fünf Uhr wurde zum Abendessen geläutet, und um acht Uhr begab sich die Hälfte der Dienerschaft zur Ruhe, um der anderen »auf Wache« bleibenden Hälfte die weiteren Arbeiten zu überlassen.
Dieses Leben war freilich so zu sagen nur die Parodie des Seemannlebens, an welches Sir Edward gewöhnt war; es war die Einförmigkeit ohne die Wechselfälle, welche den Reiz und die Poesie desselben ausmachen. Das Schwanken des Schiffes fehlte dem Capitän, wie dem einschlummernden Kinde das Wiegen in den Armen der Mutter fehlt. Er hatte keinen Sturm mehr zu bekämpfen, und die Erinnerung an jene gewaltigen Kämpfe, in denen der einzelne Mensch die Sache einer Nation vertheidigt, wo der Ruhm der Lohn des Siegers, die Schmach die Strafe des Besiegten ist, machte in seinen Augen jede andere Beschäftigung kleinlich und unbedeutend; die Vergangenheit verschlang die Gegenwart.
Sir Edward, der von jeher das Beispiel der Charakterstärke gegeben hatte, ließ nicht merken, was in ihm vorging. Nur Tom, der ebenfalls an die Vergangenheit zurückdachte, bemerkte mit Besorgniß die immer zunehmende Schwermuth seines Herrn.
Dieser innerliche, sorgfältig verborgene Seelenschmerz starker Gemüther ist der gefährlichste; statt sich durch Thränen Luft zu machen, verbirgt er sich in der Brust, und erst wenn die Brust zerspringt, sieht man die Verwüstungen, welche er angerichtet. Eines Abends war der Capitän krank, und am andern Morgen, als er auferstehen wollte, fiel er in Ohnmacht.
III
Im Schlosse herrschte große Bestürzung. Der Verwalter und der Pfarrer, welche noch Tags zuvor ihre Partie Whist mit Sir Edward gemacht hatten, konnten sich diese plötzliche Unpäßlichkeit nicht erklären ; aber Tom gab ihnen die nöthigen Erklärungen über die Ursache und Bedeutung der Krankheit. Es wurde also beschlossen, den Arzt zu Rathe zu ziehen und um Sir Edward nicht merken zu lassen, wie besorgt man um ihn war, sollte der Doktor am folgenden Tage wie zufällig zum Essen kommen.
So verging der Tag in gewohnter Weise. Mit Hilfe seiner großen Willenskraft hatte der Capitän seine Schwäche überwunden; aber er aß sehr wenig, setzte sich auf seinem Spaziergange sehr oft nieder, schlief beim Lesen ein und machte beim Whist einen Fehler um den andern.
Am folgenden Tage kam der Arzt.
Der Besuch bot dem Capitän anfangs eine willkommene Zerstreuung und entriß ihn seiner Erschlaffung; aber bald stellte sich die Abspannung und Gedankenlosigkeit wieder ein.
Der Arzt erkannte die Merkmale des Spleen, jener bedenklichen Gemüthskrankheit, gegen welche die Heilkunst nichts vermag. Er verordnete indeß eine Diät, welche in magenstärkenden Getränken und gebratenem Fleische bestand; dabei sollte der Kranke sich möglichst viele Zerstreuungen verschaffen.
Der erste Theil der ärztlichen Verordnungen war leicht zu befolgen; man findet ja überall Kräutersaft, Bordeaux und Beefsteak; aber an Zerstreuung fehlte es in Williamhouse. Tom hatte bereits alle Hebel in Bewegung gesetzt; man war auf Lectüre, Promenade und Whist beschränkt, und es ließ sich höchstens in der Zeit und Reihenfolge dieser Unterhaltungen eine Veränderung vornehmen; sonst wußte der brave Seemann nichts zu erfinden, was seinen Commandanten der immer mehr überhand nehmenden Erstarrung hätte entreißen können.
Er schlug eine Reise nach London vor; aber Sir Edward erklärte, daß er sich zu schwach fühle eine so weite Reise zu unternehmen, und da es ihm einmal nicht vergönnt sei in einer Hängematte am Bord seiner Fregatte zu sterben, so wolle er doch lieber im Bette als im Wagen den Geist aufgeben.
Ein bedenkliches Symptom fand Tom darin, daß Sir Edward anfing die Gesellschaft seiner Freunde zu meiden. Tom selbst schien ihm jetzt zur Last zu sein. Der Capitän ging wohl noch im Parke spazieren, aber allein; und Abends machte er nicht mehr wie sonst seine Partie, sondern zog sich in sein Zimmer zurück und verbot Jedermann, sogar seinem getreuen Tom, ihm zu folgen. Er aß nicht mehr, als zur Erhaltung des Lebens nothwendig war, die Lectüre hatte keinen Reiz mehr für ihn; Kräutersaft wollte er gar nicht mehr nehmen, und seitdem er seinem Kammerdiener, der ihm in der besten Absicht einige Gewalt anthat, eine Tasse ins Gesicht geworfen hatte, getraute sich Niemand mehr von bitterer Medicin zu sprechen. Tom reichte ihm Thee mit etwas Rum.
Diese Auflehnungen gegen die ärztlichen Vorschriften verschlimmerten das Uebel indeß mit jedem Tage. Sir Edward war nur noch der Schatten von dem, was er früher gewesen; er war menschenscheu und düster; jedes Wort, das ihm mit Mühe entlockt wurde, war von deutlichen Zeichen der Ungeduld begleitet.
Im Park hatte er eine entlegene Allee gewählt, an deren Ende eine aus verschlungenen Zweigen gebildete Laube oder vielmehr Grotte war. Dort saß er oft Stunden lang, ohne daß ihn Jemand zu stören wagte. Vergebens zeigten sich Tom und Sanders zuweilen absichtlich in der Nähe; er schien sie nicht zu sehen, er wollte nicht mit ihnen sprechen.
Das Schlimmste dabei war, daß diese Menschenscheu mit jedem Tage größer wurde und daß der Capitän sich immer mehr von den Schloßbewohnern zurückzog. Ueberdies waren die Nebelmonate vor der Thür und man mußte, wenn nicht Wunder geschah, das Aergste fürchten. Dieses Wunder wirkte Gott durch einen seiner Engel.
Eines Tages, als Sir Edward grübelnd in seiner dunkeln Laube faß, hörte er in der Allee das Rauschen des trockenen Laubes unter einem unbekannten Fußtritte.
Er schaute auf und sah eine weibliche Gestalt, die in ihrem weißen Anzuge und bei ihrem leichten schwebenden Gange einer überirdischen Erscheinung glich, aus sich zukommen. Er sah sie erstaunt an und wartete, ohne einen Laut von sich zu geben.
Die Unbekannte schien etwa fünfundzwanzig Jahre alt zu sein, aber sie konnte auch etwas älter sein. Sie war noch schön, obgleich die erste, bei den Engländerinnen so blendende Jugendfrische vorüber war, aber sie stand, so zu sagen, in der zweiten Blüthe, welche sich durch üppigere Fülle auszuzeichnen pflegt.
Ihre blauen Augen hatten einen unbeschreiblich sanften, milden Ausdruck; ihr langes schwarzes Haar wallte in natürlichen Locken unter dem kleinen Strohhute herab; ihr Gesicht hatte die reinen edlen Zuge, die den Frauen im nördlichen Großbritannien eigen sind, und ihr einfacher, aber geschmackvoller Anzug hielt die Mitte zwischen der Mode des Tages und dem Puritanismus des siebzehnten Jahrhunderts.
Sie wollte die wohlbekannte Güte Sir Edwards für eine arme Witwe mit vier Kindern, deren Versorger Tags zuvor gestorben war, in Anspruch nehmen.
Der Eigenthümer des Hauses, in welchem die Witwe wohnte, befand sich aus Reisen, und der Verwalter forderte den seit einem Jahre rückständigen Miethzins. Der harte, auf den Vortheil seines Herrn bedachte Mann drohte Mutter und Kinder zum Hause hinauszuwerfen. Der Winter war vor der Thür; die arme Familie setzte ihre letzte Hoffnung auf den edelmüthigen Capitän und hatte die nun erscheinende junge Dame zur Fürsprecherin gewählt.
Sie schilderte die Noth der Witwe in so rührender Weise, daß Sir Edwards Augen feucht wurden ; er griff in die Tasche, zog eine mit Gold gefüllte Börse hervor und reichte sie der Abgesandten, ohne ein Wort zu sagen; denn wie Dante’s Virgil hatte er im langen Schweigen das Sprechen verlernt.
Die junge Dante ergriff dankend die Hand des Gutsherrn und küßte sie. Dann entfernte sie sich schnell, um der armen Familie diese unerwartet schnelle Hilfe zu bringen.
Sir Edward glaubte geträumt zu haben. Er sah sich nach allen Seiten um – die weiße Erscheinung war verschwunden. Er konnte sich kaum von der Wirklichkeit dieses Vorfalls überzeugen; doch er konnte nicht zweifeln, die Börse war nicht mehr in seiner Tasche und er fühlte noch den sanften Druck des Kusses aus seiner Hand.
In diesem Augenblick kam Sanders zufällig in die Allee. Der Capitän rief ihm. Sanders sah sich erstaunt um, denn er war an eine solche Vertraulichkeit schon längst nicht mehr gewöhnt.
Sir Edward gab ihm einen Wink. Sanders kam. Der Capitän fragte mit einer Lebhaftigkeit, die seiner Stimme schon lange nicht eigen gewesen war, wer die junge Dame sei, die sich so eben entfernt.
»Es ist Anna Mary,« antwortete der Verwalter, als ob es sich von selbst verstände, daß der Capitän die bezeichnete Person kenne.
»Wer ist denn Anna Mary?« fragte Sir Edward.
»Wie, Ew. Herrlichkeit kennen sie nicht?« fragte Sanders erstaunt.
»Nein« erwiederte der Capitän mit einer Ungeduld, die in seinem apathischen Zustande ein gutes Zeichen war; »nein, ich kenne sie nicht, sonst würde ich nicht fragen wer sie ist.«
»Wer sie ist? Der Himmel hat sie den Armen und Bedrängten als rettenden und tröstenden Engel gesandt. Sie hat vermuthlich um eine Beisteuer zu einem guten Werke gebeten?«
»Ja, ich glaube, sie hat von Nothleidenden gesprochen, denen man helfen müsse.«
»Ganz recht, sie erscheint bei reichen Leuten nur als Bittende, bei armen als Wohlthäterin.»
»Wer ist die Frau?«
»Sie ist noch ein Fräulein, und ein sehr gutes, braves Fräulein.«
»Aber wer ist sie?«
»Das weiß Niemand genau, obgleich man’s wohl vermuthet. Es mögen etwa dreißig Jahre sein, im Jahre 1766 oder 1767, kamen ihre Eltern nach Derbyshire; sie kamen aus Frankreich, wohin sie sich als Anhänger des Prätendenten [Edward, Enkel Jakobs II., der letzte Sprößling des Hauses Stuart.]) begeben haben sollen; ihr Vermögen war confiscirt, und sie ließen sich, da sie mindestens sechzig Miles von London entfernt bleiben mußten, in Derbyshire nieder. – Vier Monate nach der Ansiedlung der Familie wurde die kleine Anna Mary geboren. Im Alter von fünfzehn Jahren verlor sie ihre Eltern und stand mit einer kleinen Rente von vierzig Pfund Sterling allein in der Welt. Es war zu wenig, um einen vornehmen Herrn zu heiraten, und für einen Bauer schickte sich ein so fein erzogenes Fräulein auch nicht; sie blieb also ledig und entschloß sich ihr Leben der Wohlthätigkeit zu widmete. Seitdem hat sie ihren Entschluß mit großem Eifer ausgeführt. Einige medicinische Kenntnisse, welche sie sich erworben, haben ihr die Thüren der armen Kranken geöffnet, und wo die Heilkunst nichts mehr vermag, soll ihr Gebet Alles vermögen. Denn Anna Mary wird von allen Leuten als eine Heilige betrachtet. Es ist daher nicht zu verwundern, daß sie sich die Erlaubniß genommen Ew. Herrlichkeit zu stören; sie hat überall Zutritt und kein Diener getraut sich sie abzuweisen.«
»Das ist recht,« sagte Sir Edward aufstehend; »denn es ist eine brave ehrenwerthe Person. – Geben Sie mir Ihren Arm, lieber Sanders; ich glaube, es ist Essenszeit.«
Er war seit mehr als einem Monate das erste Mal, daß der Appetit des Capitäns der Tischglocke vorauseilte Sanders mußte zum Essen dableiben, der Gutsherr wollte ihn nicht fortlassen. Der Verwalter war sehr erfreut über diese Rückkehr zur Geselligkeit und benutzte die ganz ungewohnte Gesprächigkeit des Capitäns, um von einigen Geschäftssachen zu sprechen, die er wegen der Krankheit aufgeschoben hatte. Aber diese Anwandlung von Gesprächigkeit ging bald vorüber, der Kranke gab dem Verwalter keine Antwort, – Vielleicht hielt er die zur Sprache gebrachten Angelegenheiten keiner Beachtung werth. Kurz, Sir Edward versank wieder in seine gewohnte Schweigsamkeit, und alle Bemühungen ihn zu zerstreuen blieben erfolglos.
IV
Die Nacht verging wie gewöhnlich und ohne daß Tom in dem Zustande des Kranken eine Veränderung bemerkte. Der Tag brach trübe und nebelig an. Tom wollte sich dem Spaziergange seines Herrn widersetzen, er fürchtete die schädliche Einwirkung der Herbstnebel. Aber Sir Edward wurde böse und ging trotz den Gegenvorstellungen des treuen Dieners auf die Grotte zu.
Als er etwa eine Viertelstunde auf seinem Lieblings- play gesessen, sah er Anna Mary in Begleitung von einer Frau und drei Kindern am Ende der Allee erscheinen.
Es waren die Witwe und die Waisen, welche dem Capitän für die ihnen erwiesene Wohlthat danken wollten.
Sir Edward stand auf, um Anna Mary entgegenzugehen; aber kaum hatte er einige Schritte gemacht, so fing er an zu wanken und mußte sich an einen Baum lehnen. Anna eilte ihm zu Hilfe. Die Witwe und die Kinder fielen ihm zu Füßen und faßten seine Hände, welche sie mit Küssen und Thränen bedeckten. Der Ausdruck dieser offenen ungeheuchelten Dankbarkeit rührte den Capitän zu Thränen.
Er wollte seine Rührung bekämpfen, denn er meinte, es zieme sich nicht für einen Seemann so weichherzig zu sein; aber es schien ihm, daß Thränen seine gepreßte Brust erleichtern würden, und ohne Gewalt über sein Herz, das unter der rauhen Hülle so gut geblieben war, überließ er sich seinen Gefühlen. Er nahm die Kleinen einen nach dem andern auf den Arm und küßte sie und versprach ihrer Mutter sie nicht zu verlassen.
Anna Mary sah mit inniger Freude zu; ihr Gesicht, ihr Auge schien verklärt. Dieses Glück war ja ihr Werk. Man sah wohl, daß ihre Züge solchen oft wiederholten Anblicken den sanften heitern Ausdruck verdankten.
In diesem Augenblicke kam Tom, um seinen Herrn nöthigenfalls mit Gewalt ins Schloß zurückzuführen. Als er den Capitän von mehren Personen umgeben sah, ward er in seinem Entschlusse bestärkt, denn er zweifelte nicht, daß man ihm beistehen würde. Er begann in halb keifendem halb bittendem Tone eine lange Anrede, in welchen er dem Kranken zu beweisen suchte, daß er ihm folgen müsse; aber Sir Edward schenkte der Beredtsamkeit des braven Matrosen nur geringe Beachtung.
Einen um so größern Eindruck machten seine Vorstellungen auf Anna. Sie sah ein, daß Sir Edward’s Gesundheitszustand bedenklich war, daß er sich der feuchten Luft nicht aussehen dürfe. Sie traten ihn zu und sagte mit ihrer sanften, einschmeichelnden Stimme:
»Haben Ew. Herrlichkeit wohl gehört?«
»Was denn?« fragte Sir Edward, wie aus einem Traum erwachend.
»Was dieser brave Mann gesagt hat,« erwiederte Anna.
»Was hat er denn gesagt?« fragte der Capitän.
Tom gab durch einen Wink zu verstehen, daß er seine Anrede wieder anfangen wolle; aber Anna kam ihm zuvor.
»Er hat gesagt,« setzte sie hinzu, »daß es gefährlich für Sie sei, in dieser naßkalten Luft zu bleiben, daß Sie sich ins Schloß begeben müssen.«
»Wollen Sie mir Ihren Arm geben und mich führen?« fragte Sir Edward.
»O ja,« antwortete Anna lächelnd, »wenn Sie mir die Ehre erweisen, meinen Arm anzunehmen.«
Der Capitän nahm ihren Arm und ging zum größten Erstaunen Tom’s auf das Schloß zu.
Unten an der Freitreppe stand Anna Mary still, sprach noch einmal ihren Dank aus, verneigte sich höflich und entfernte sich in Begleitung der armen Familie.
Sir Edward blieb wie festgebannt auf der Stelle, wo sie ihn verlassen hatte, und schaute ihr nach, bis sie verschwunden war. Dann ließ er sich seufzend und folgsam wie ein Kind in sein Zimmer führen.
Abends kamen der Doktor und der Pfarrer zum Whist, und der Capitän hatte mit ziemlicher Aufmerksamkeit zu spielen angefangen, als der Arzt, während Sanders Karten gab, plötzlich sagte:
»Wie ich höre, haben Sie heute Anna Mary gesehen?«
»Sie kennen sie?« fragte Sir Edward.
»Allerdings,« antwortete der Doctor, sie ist ja mein College.«
»Ihr College?«
»Ja wohl, und sie macht mir eine sehr gefährliche Concurrenz: sie heilt mehr Kranke mit ihren sanften Worten und Hausmitteln, als ich mit meiner Wissenschaft. Nehmen Sie sie nur nicht als Hausarzt, Commandant, sie wäre im Stande Sie zu curiren.«
»Und mir,« sagte der Pfarrer, »mir führt sie durch ihr Beispiel mehr Seelen zu, als ich durch meine Predigten bekehre. Wenn sie sich’s angelegen sein ließe, würde sie den verstocktesten Sünder ins Paradies führen.«
Von diesem Augenblicke an war nur noch von Anna Mary die Rede, die Karten blieben Nebensache, der Capitän hörte nicht nur aufmerksam zu, sondern nahm auch an dem Gespräch lebhaften Antheil, kurz, es war eine merkliche Besserung eingetreten. Seine trübe, gedrückte Stimmung schwand so lange, als von Mary die Rede war.
Sobald aber Herr Robinson die in der Morgenzeitung gelesenen wichtigen Nachrichten aus Frankreich mittheilte, stand Sir Edward auf und zog sich in sein Zimmer zurück Sanders und der Doctor sannen dann wohl noch eine Stunde auf Mittel, der französischen Revolution Einhalt zu thun; aber ihre gelehrten und wohlgemeinten Theorien blieben eben nur Theorien, die nicht den Weg über den Aermelcanal fanden.
Die Nacht war gut: der Capitän erwachte in ziemlich heiterer Stimmung; aber er war zerstreut und sah sich bei jedem Geräusch um, als ob er Jemand erwartete.
Endlich, als der Thee genommen wurde, meldete der Kammerdiener Miß Anna Mary. Sie wollte sich nach dem Befinden des Gutsherrn erkundigen und von der Verwendung seiner Gabe Rechnung ablegen.
Aus der Aufnahme, welche Miß Anna bei Sir Edward fand, zog Tom den Schluß, daß sie erwartet worden war. Die gestrige Fügsamkeit fand in der ehrerbietigen Begrüßung, mit der die junge Miß empfangen wurde, eine genügende Erklärung.
Nachdem sich Anna Mary nach dem Befinden des Capitäns erkundigt und dieser versichert hatte, daß er sich seit zwei Tagen merklich besser befinde, brachte sie die Angelegenheit der armen Witwe zur Sprache.
Die Börse, welche ihr Sir Edward gegeben, hatte dreißig Guineen enthalten; zehn Guineen hatte Anna zur Zahlung des rückständigen Miethzinses, fünf zum Ankauf der nothwendigsten Lebensbedürfnisse, zwei als Lehrgeld für den ältesten Sohn bei einem Tischler und zwei als Schulgeld für die Tochter verwendet. Das jüngste Kind, ein Knabe, mußte noch bei der Mutter bleiben.
Es blieben der armen Frau also noch elf Guineen, mit denen sie allerdings einige Zeit leben konnte, aber was sollte sie später anfangen, wenn es ihr nicht gelang einen Dienstplatz zu bekommen?
Einen solchen Dienstplatz hatte Sir Edward gerade zu besetzen: George’s Frau brauchte eine Gehilfin. Er erbot sich, Mistreß Denison zu sich zu nehmen und es ward verabredet, daß sie morgen mit dem kleinen Jack ins Schloß kommen sollte.
Anna Mary blieb beinahe zwei Stunden, welche dem Capitän wie eine Minute vergingen. Endlich stand sie auf und empfahl sich, ohne daß er es wagte sie zurückzuhalten, obgleich er Alles in der Welt gegeben haben würde, die schöne Miß noch länger bei sich zu sehen.
Draußen fand sie Tom, der sie erwartete. Der brave Matrose hatte Wunderdinge von ihren Curen gehört, und er zweifelte nicht, daß sie den Commandanten, dessen Zustand er noch vor drei Tagen als hoffnungslos betrachtet, wieder gesund machen werde.
Anna Mary selbst fand die Krankheit Sir Edwards bedenklich. Der Doctor und der Pfarrer hatten ihr nicht verhehlt, welchen seltsamen Einfluß ihr Besuch auf den Kranken gehabt und wie aufmerksam er zugehört, wenn von ihr die Rede gewesen war.
Sie hatte sich gar nicht darüber gewundert ; sie hatte ja, wie der Doctor erzählte, mehr als einmal durch ihre Gegenwart geheilt; sie sah ein, welchen Einfluß das Erscheinen eines weiblichen Wesens auf den gemüthskranken Commandanten haben müsse; sie war zwei Stunden bei ihm geblieben und hatte sich überzeugt, wie wohlthuend das Gespräch auf den Kranken gewirkt hatte. Sie versprach daher morgen wieder zu kommen und ihr Heilmittel selbst zu bringen.
Der Capitän erzählte Jedermann, daß Miß Anna ihn besucht habe. Sobald er erfuhr, daß Mistreß Denison eingezogen sei, ließ er sie herauskommen, unter dem Vorwande, ihr einige Verhaltungsbefehle zu geben, im Grunde aber, um Gelegenheit zu haben von Anna Mary zu sprechen. Mißtreß Denison, welche von der Natur mit großer Zungenfertigkeit begabt war, gab überdies ihrem Dankgefühl den lebhaftesten Ausdruck; sie war unerschöpflich in dem Lobe der »Heiligen«, wie man Anna Mary im Dorfe nannte. Dieses Gespräch wurde endlich durch die Tischglocke unterbrochen. Als sich Sir Edward in den Speisesaal begab, fand er den Doctor.
Die von diesem erwartete Wirkung zeigte sich ganz deutlich. Sir Edward’s Gesicht war heiterer geworden. Der Doctor, der ihn auf so gutem Wege sah, gab ihm den Rath, anspannen zu lassen und nach Tisch mit ihm auszufahren.
Er hatte in dem Dorfe, wo Miß Anna wohnte, einige Kranke zu besuchen und wenn der Capitän diesen Weg zu nehmen beliebe, so würde er ihn mit Vergnügen begleiten, da sein Pony sehr krank sei.
Sir Edward machte anfangs ein finsteres Gesicht; aber sobald er hörte, daß das Dorf, in welchem Miß Anna wohnte, das Ziel der vorgeschlagenen Spazierfahrt sein sollte, ließ er dem Kutscher den Befehl geben, sich bereit zu halten, und von nun an trieb er den Doktor zur Eile, so daß dieser, der gern in Ruhe speiste, sich vornahm solche Vorschläge künftig nur beim Dessert zu machen.
Das Schloß war vier Miles vom Dorfe entfernt; die Pferde legten den Weg in zwanzig Minuten zurück, und gleichwohl ging’s dem Capitän nicht schnell genug.
Endlich hielt der Wagen vor einem Hause, in welchem der Doktor zu thun hatte; es war zufällig dem Hause der Miß Anna gegenüber. Der Doctor sagte es dem Capitän, als er ausstieg.
Es war ein hübsches englisches Häuschen, welches sich mit seinen grünen Fensterläden und rothen Ziegeln gastfreundlich und sauber ausnahm. Während der Doktor bei seinem Kranken war, behielt Sir Edward die Hausthür im Auge: er hoffte Miß Anna herauskommen zu sehen. Aber er sah sich in seiner Erwartung getäuscht, und der Doktor fand ihn in tiefen Gedanken.
Der Jünger Aeskulaps stieg nicht ein; er machte dem Commandanten mit der unbefangensten Miene von der Welt den Vorschlag, der schönen Miß den Besuch zu erwiedern. Sir Edward nahm es sehr bereitwillig an und Beide gingen auf die Hausthür zu. Der Capitän gestand nachher, daß ihm bei diesem Gange über die Straße das Herz stärker geschlagen habe, als bei dem ersten Seegefecht, das er mitgemacht.
Der Doctor klopfte an die Thür und eine alte Gouvernante, welche die Eltern der Miß Anna mit aus Frankreich gebracht hatten, empfing die Fremden. Anna Mary war nicht zu Hause; man hatte sie zu einem an den Blattern erkrankten Kinde gerufen. Aber der Doctor ging trotzdem hinein, um dem Commandanten das Innere des Häuschens zu zeigen.
Es war kaum möglich etwas Anmuthigeres und Freundlicheres zu sehen, als diese »Cottage«. Der kleine Garten glich einem Blumenkorbe, die Zimmer waren sehr einfach, aber mit viel Geschmack verziert ; ein kleines Maleratelier, aus welchem die an den Wänden hängenden Landschaften hervorgegangen waren, und ein Wohnzimmer mit Piano und gewählter Bibliothek bezeugten, daß die Bewohnerin ihre Mußestunden der Kunst und Lectüre widmete.
Miß Anna war Eigenthümerin dieses Häuschens; ihre Eltern hatten es gekauft und es ihr sammt der jährlichen Rente von vierzig Pfund Sterling hinterlassen. Sir Edward, dessen Neugierde dem Doctor große Freude machte, nahm natürlich mit Ausnahme des Schlafzimmers das ganze Haus in Augenschein.
Die Gouvernante wußte sich diese Haussuchung nicht zu erklären; aber sie sah nur, daß die beiden Fremden, zumal der Capitän, der Ruhe bedurften, nachdem sie alle Räume von der Küche bis zum Boden durchwandert hatten. Sie führte daher die beiden Herren in den Salon und entfernte sich, um Thee zu machen. Als Sir Edward mit dem Doctor allein war, versank er wieder in das Stillschweigen, welches er unterbrochen hatte, um an die Haushälterin eine Menge Fragen über Miß Anna und ihre Eltern zu richten; aber dieses Mal war der Arzt ohne Besorgniß, denn dieses Schweigen war kein dumpfes Hinbrüten, sondern ein träumerischer Zustand, der das Gemüth seines Patienten anregte und auf dessen Zustand einen wohlthuenden Einfluß haben konnte.
Während Sir Edward in Gedanken vertieft war, that sich die Thür auf – und statt der Gouvernante erschien Miß Anna, in der einen Hand eine Theekanne, in der andern einen Teller mit Sandwiches tragend. Sie war eben nach Hause gekommen und wollte nun selbst die Honneurs des Hauses machen.
Sir Edward stand mit sichtbarer Freude auf und begrüßte sie.
Anna stellte den Thee auf den Tisch, machte dem Capitän einen französischen Knix und reichte ihm nach englischer Sitte die Hand.
Anna Mary war wirklich reizend: der Weg, den sie gemacht, hatte ihre Wangen stärker geröthet. Dazu kam eine gewisse Befangenheit über den unerwarteten Besuch, verbunden mit dem Bestreben, die beiden Fremden nach Gebühr zu empfangen. Es ist daher nicht zu verwundern, daß Sir Edward ungemein redselig ward. Diese Redseligkeit blieb freilich nicht in den strengen Grenzen der Convenienz und ein strenger Beobachter der Formen würde vielleicht gefunden haben, daß die Lobsprüche in dem Gespräch des Commandanten einen zu großen Platz einnahmen. Aber er sagte was er dachte, und er dachte viel Gutes von Miß Anna.
Ungeachtet seines Redeeifers bemerkte er ein adeliges Wappen an dem Silberzeuge. Diese Entdeckung schmeichelte, er wußte nicht warum, seinem alten aristokratischen Stolz. Sir Edward würde sich beschämt gefühlt haben, eine so hohe Bildung bei einem Mädchen aus dein Volke oder Bürgerstande zu finden.
Der Doctor mußte ihn erinnern, daß der Besuch schon zwei Stunden gedauert. Sir Edward mochte es nicht glauben, aber er sah nach der Uhr und erkannte die Unschicklichkeit eines längeren Verweilens. Er nahm Abschied und ließ sich von Miß Anna versprechen, morgen mit Mademoiselle de Villevieille – so hieß die Gouvernante – den Thee im Schlosse zu nehmen.
»Sie haben zuweilen vortreffliche Ideen, Doctor,« sagte der Capitän, als er wieder im Wagen saß; »ich weiß nicht, warum wir nicht täglich eine solche Spazierfahrt machen; meine Pferde bekommen ja steife Beine, wenn sie gar nicht aus dem Stall kommen.
V
Am andern Morgen stand der Capitän eine Stunde früher als gewöhnlich auf, durcheilte das Schloß und ertheilte persönlich die Weisungen, die er für nothwendig hielt, um den heutigen Besuch in gebührender Weise zu empfangen. Die Ordnung und Sauberkeit, die er in dem Hause der Miß Anna gefunden hatte, gefiel ihm so, daß er beschloß Williamhouse auf denselben Fuß einzurichten. Er ließ daher nicht nur Fußböden und Möbeln bohnen, sondern auch die Gemälde reinigen.
Die bis dahin mit Staub und Schmutz bedeckten Ahnen Sir Williams’ schienen wieder aufzuleben und Alles was in diesen so lange verödet gewesenen Zimmern vorging, mit klaren Augen zu betrachten.
Der Doctor begleitete den Capitän, der für diese Vorkehrungen alles Feuer seiner Jugendjahre wieder gefunden zu haben schien. Auch Sanders kam dazu, und als er die ganze Dienerschaft so emsig beschäftigt sah , fragte er ob etwa der König nach Derbyshire kommen werde, und zu seinem Erstaunen vernahm er, daß alle diese Vorkehrungen getroffen wurden, weil Miß Anna Mary eine Tasse Thee im Schlosse trinken wollte.
Tom wußte seit drei Tagen nicht was er denken sollte; den Spleen fürchtete er nicht mehr, aber er meinte, es spuke dem Commandanten im Kopfe. Nur der Doktor schien aus diesem für Alle dunkeln Wege muthig vorzuschreiten und einen längst entworfenen Plan zu verfolgen.
Der würdige Mr. Robinson freute sich herzlich über die merkliche Besserung Sir Edward’s; er war gewohnt, der Vorsehung die Mittel zu überlassen und ihr für den Erfolg zu danken.
Miß Anna Mary und Mademoiselle de Villevieille kamen zur bestimmten Stunde, ohne zu ahnen, daß ihr Besuch so viele Vorkehrungen veranlaßt hatte. Der Capitän machte in der liebenswürdigsten Weise die Honneurs. Er war wohl noch blaß und schwach, aber wer ihn so flink und geschäftig sah, konnte kaum glauben, daß er derselbe Mann sei, der sich acht Tage vorher langsam und still wie ein Gespenst durch die Zimmer geschleppt hatte.
Während der Thee genommen wurde, klärte sich der im nördlichen England gemeiniglich so trübe Octoberhimmel plötzlich auf und die Sonne schien gar freundlich zwischen den sich zerstreuenden Wolken hindurch. Der Doktor benutzte den schönen Abend, um einen Spazirgang durch den Park vorzuschlagen. Die Besucherinnen willigten ein. Der Doctor bot dem alten Fräulein, der Capitän der Miß Anna den Arm. Anfangs war der Seemann etwas befangen; aber Anna Mary war so heiter und anmuthig, daß seine Verlegenheit schwand, sobald sie anfing zu sprechen. Sie harte viel gelesen, Sir Edward hatte viel gesehen, das Gespräch konnte daher nicht stocken. Er erzählte seine Seereisen und Kriegsfahrten, wie er zweimal in Gefahr gewesen sei zwischen den Eisbergen am Nordpol stecken zu bleiben, und wie er im indischen Ocean Schiffbruch gelitten. Dann kam die Geschichte der elf Seegefechte, die er mitgemacht, zumal der letzten Schlacht, in welcher er das Bein verloren. Er erzählte, wie er sich auf dem Verdeck aufgerichtet und in die Hände geklatscht, als ein feindliches Kriegsschiff, dessen Mannschaft sich nicht habe ergeben wollen, mit Mann und Maus untergegangen sei. Anfangs hörte Anna ans Höflichkeit zu; nach und nach aber schenkte sie der schmucklosen, aber lebhaften Erzählung die größte Aufmerksamkeit Anna lauschte noch immer, als der Capitän längst aufgehört hatte zu sprechen, und der Spaziergang hatte zwei Stunden gedauert, ohne daß Sir Edward müde wurde und Miß Anna sich langweilte. Das Fräulein von Villevieille, welche das Gespräch mit dem Doctor nicht so anziehend zu finden schien, erinnerte endlich ihre junge Herrin, daß es Zeit sei sich nach Hause zu begeben.
Sir Edward war den ganzen Abend sehr vergnügt; aber als er am andern Morgen bedachte, daß Miß Anna keine Ursache habe wieder ins Schloß zu kommen und daß er schwer einen Vorwand zu einem neuen Besuch finden werde, schien ihm der Vormittag endlos lang, und Tom fand ihn wieder sehr traurig und niedergeschlagen.
Der Capitän hatte sein fünfundvierzigstes Jahr erreicht und noch nie geliebt. Er war schon als Knabe in den Seedienst getreten und seine Seele war sofort durch die großartigen Erscheinungen in der Natur gefesselt worden; die zarteren Gefühle waren durch die strenge Mannszucht unterdrückt worden; so lange er am Bord seiner Fregatte gewesen war, hatte er die eine Hälfte der Schöpfung als einen Luxusartikel betrachtet, die Gott den Menschen zum Vergnügen geschenkt, wie die duftenden Blumen und die singenden Vögel. Die Blumen und Vögel dieser Art, welche er kennen gelernt, hatten freilich nichts Anlockendes: es waren einige Wirthinnen, welche in den verschiedenen Seehäfen, wo er sich vor Anker gelegt, die besuchtesten Gasthäuser hielten; Negerinnen an der Küste von Guinea oder Zangebar, Hottentottinnen am Cap oder Patagonierinnen im Feuerlande.
Der Gedanke, daß sein Geschlecht mit ihm aussterben werde, hatte ihm nie große Bekümmerniß gemacht. Diese frühere Gleichgültigkeit machte es sehr wahrscheinlich, daß ihn die erste einigermaßen hübsche und geistreiche Dame völlig umstimmen werde, zumal wenn dieselbe, wie Anna Mary, so viele ausgezeichnete Eigenschaften besaß. Wir haben gesehen, daß dies wirklich der Fall war. Der Capitän, der auf einen Angriff nicht gefaßt gewesen war, hatte nicht an Vertheidigung gedacht, so daß er bei dem ersten Scharmützel kampfunfähig wurde und in Gefangenschaft gerieth.
Sir Edward brachte den Tag zu wie ein Kind, das sein liebstes Spielzeug verloren hat und sich mit keinem andern die Zeit vertreiben will. Er zankte mit Tom, kehrte Sanders den Rücken zu und wurde erst wieder heiterer, als der Doktor zur gewohnten Stunde erschien, um seine Partie zu machen. Aber Sir Edward mochte nicht spielen: er ließ Tom, Sanders und den Pfarrer einen vierten Partner suchen und führte den Doctor unter einem sehr ungeschickten Vorwande in sein Zimmer. Er sprach von allen möglichen Dingen, nur nicht von der Angelegenheit, die er eigentlich auf’s Tapet bringen wollte, erkundigte sich nach dem Patienten im Dorfe und erbot sich ihn morgen dahin zu begleiten. Leider war der Kranke bereits genesen.
Sir Edward wurde nun grob gegen den Doctor, der alle Leute, außer ihm, curirte. Er erklärte, daß er verloren sei, wenn er noch drei so langweilige Tage wie der heutige verleben müsse. Der Doktor verordnete ihm Kräutersaft, Beefsteak und Zerstreuung. Der Capitän schickte den Doctor zu allen Teufeln und ging verdrießlich zu Bett, ohne den Namen Anna Mary ein einziges Mal genannt zu haben. – Der Doctor rieb sich schmunzelnd die Hände – der sonderbare Kauz!
Am folgenden Tage war’s noch schlimmer. Sir Edward war ganz unzugänglich. Er hatte nur einen Gedanken, nur einen Wunsch: Anna Mary zu sehen. Aber wie sollte er sie sehen? der Zufall hatte sie das erste Mal zusammengeführt; die Dankbarkeit hatte Miß Anna wieder zu ihm geführt; der Capitän hatte einen Höflichkeitsbesuch gemacht; Miß Anna hatte seinen Besuch erwiedert, und er hätte mehr Gewandtheit und Weltkenntniß haben müssen, um dieser Verlegenheit ein Ende zu machen. Sir Edward setzte seine Hoffnung nur noch auf Witwen und Waisen; aber es stirbt nicht alle Tage ein armer Teufel, und wenn sich auch ein solcher Fall ereignet hätte, so würde es Anna Mach vielleicht nicht gewagt haben, sich schon wieder als Bittende an ihn zu wenden. Es wäre nicht recht gewesen: Sir Edward war in der Stimmung, alle Witwen der Welt zu versorgen und alle Waisen zu adoptiren.
Das Wetter war unfreundlich, ein Besuch der Miß Anna war also nicht zu erwarten; der Capitän beschloß daher selbst auszufahren und ließ anspannen.
Tom fragte, ob er ihn begleiten solle, aber Sir Edward lehnte es mit harten Worten ab; und als der Kutscher fragte, welchen Weg er fahren sollte, antwortete der Capitän:
»Wohin Du willst.«
Es war ihm jeder Weg gleichgültig; den Weg, welchen er gern gewählt hätte, mochte er nicht nennen.
Der Kutscher besann sich einen Augenblick; dann stieg er auf den Bock und fuhr im scharfen Trabe davon. Es regnete stark, es war dem Kutscher offenbar darum zu thun, bald irgendwo anzuhalten.
Nach einer Viertelstunde hielt er wirklich an. Der Capitän, der bis dahin in Gedanken vertieft gewesen war, steckte den Kopf zum Schlage hinaus. Der Wagen hielt vor der Thür des vormaligen Patienten, den der Doctor besucht hatte, und folglich dem Hause der Miß Mary gegenüber. Der Kutscher erinnerte sieh, daß sein Herr hier unlängst einen zweistündigen Besuch gemacht hatte, und er hoffte, daß der Capitän seinen Besuch wiederholen und besseres Wetter für die Rückfahrt abwarten werde. Sir Edward zog die Schnur; der Kutscher stieg vom Bock und öffnete die Wagenthür.
»Was machst Du denn?« fragte der Capitän.
»Ich halte an, Ew. Gnaden.«
»Warum hältst Du denn hier an?«
»Wollten Ew. Gnaden nicht hierher fahren?«
Der Mann hatte, ohne es zu ahnen, die geheimsten Gedanken seines Herrn errathen. Sir Edward wußte nichts zu erwiedern; er würde den Kutscher ausgezankt haben, wenn er ihn anderswo hingefahren hätte.
»Du hast Recht,« sagte er; »hilf mir aussteigen.
Sir Edward stieg aus und klopfte an die Thür des vormaligen Patienten, dessen Namen er nicht einmal wußte. Der Genesende erschien selbst. Der Capitän sprach von dem Antheil, den er an seiner Krankheit genommen, als er vor vier Tagen mit dem Doktor da gewesen sei, er wünsche sich jetzt persönlich nach seinem Befinden zu erkundigen. Der vormalige Patient, ein dicker Bierbrauer, der sich ans der Hochzeit seiner Tochter den Magen verdorben und deshalb ärztliche Hilfe in Anspruch genommen hatte, fühlte sich sehr geschmeichelt durch den Besuch des Gutsherrn, führte ihn in sein schönstes Zimmer und setzte ihm alle seine Biersorten vor.
Der Capitän stellte seinen Stuhl so, daß er auf die Straße sehen konnte, und schenkte sich ein Glas Porter ein, um wenigstens so lange bis das Glas geleert sein würde, bleiben zu können.
Der Brauer machte dem theilnehmenden Gutsherrn eine sehr genaue Beschreibung der Verdauungsbeschwerden, an denen er gelitten, die aber, wie er versicherte, keineswegs die Folge von Unmäßigkeit, sondern durch zwei Gläschen Wein, die er auf der Hochzeit getrunken, entstanden waren. Er benutzte diese Gelegenheit, die Schädlichkeit des Weines zu beweisen und sich dem Capitän als Bierlieferant zu empfehlen.
Sir Edward bestellte zwei Fässer Bier, und da der Abschluß dieses Geschäfts eine gewisse vertrauliche Annäherung zur Folge hatte, fragte der Brauer, warum Seine Herrlichkeit so aufmerksam auf die Straße schaue.
»Ich sehe die gegenüber stehende Cottage mit den grünen Fensterläden an,« antwortete Sir Edward.
»Aha! Dort wohnt die Heilige,« sagte der Brauer.
Wir wissen bereits, daß Miß Mary allgemein so genannt wurde.
»Recht hübsch,« sagte der Capitän.
»Ja wohl, eine schöne junge Dame,« erwiederte der Brauer, welcher glaubte, der Capitän meine seine Nachbarin, »und sehr gut ist sie. Denken Sie sich, heute hat sie trotz dem Regenwetter einen Weg von fünf Miles gemacht, um eine arme Mutter zu pflegen, die schon sechs Kinder hatte und noch Zwillinge dazu bekommen hat. Sie wollte zu Fuß fort, denn sie läßt sich durch nichts abhalten, wenn ein gutes Werk zu thun ist; aber ich sagte zu ihr: Nehmen Sie meine Carriole, Miß Anna. Sie wollte nicht, aber ich ließ nicht nach, und sie nahm meine Carriole.«
»Hören Sie, lieber Freund,« sagte Sir Edward, »schicken Sie mir vier Fässer Bier.«
»Ueberlegen Sie sich’s recht,« erwiederte der Brauer; »Ew. Herrlichkeit sind einmal hier, vielleicht brauchen Sie mehr.«
»Nein, nein,« sagte der Capitän lächelnd. »Aber ich sprach nicht von Miß Anna: ich meinte die Cottage sei recht hübsch.
»O ja, nicht übel. Aber es ist Alles, was sie besitzt, nebst einer kleinen Rente, von der ihr die Bettler noch die Hälfte wegnehmen. Die arme Miß kann daher nicht einmal ein Glas Bier trinken – sie trinkt nur Wasser.«
»Sie wissen, daß es bei den Französinnen so Sitte ist,« erwiederte der Capitän, »und Miß Anna ist von Mademoiselle de Villevieille, einer Französin, erzogen worden.«
Der Brauer schüttelte den Kopf.
»Nein, Ew. Herrlichkeit,« sagte er, »es ist nicht natürlich Wasser zu trinken, wenn man Bier trinken kann. Ich weiß wohl, daß die Französinnen Wasser trinken und Heuschrecken essen; aber Miß Anna ist eine Engländerin, die Tochter des Baron Lampton, eines braven Herrn, den mein Vater zur Zeit des Prätendenten gekannt hat. Der Baron hat bei Preston-Ponns wie ein Teufel gekämpft, und die Folge davon war, daß er sein ganzes Vermögen verlor und lange nach Frankreich verbannt wurde. – Nein, Ew. Herrlichkeit, sie trinkt aus Noth und nicht ans freien Stücken Wasser – und doch hatte sie ihr Leben lang das beste Bier trinken können.«
»Wie so?«
»Weil mein ältester Sohn so närrisch war sich in sie zu verlieben und sie durchaus heiraten wollte.«
»Und Sie haben Ihre Einwilligung verweigert?«
»Mein Gott! ja , so lange als ich konnte. Ein Bursch, 40 der seine zehntausende Pfund Sterling hat, das Doppelte, Dreifache hätte finden können, sollte ein Mädchen heiraten, das nichts besitzt! Aber er wollte keine Vernunft annehmen, und endlich mußte ich meine Einwilligung geben.«
»Und dann?« sagte der Capitän mit bebender Stimme.
»Dann wollte sie nicht.« – Der Capitän athmete tief auf. – »Natürlich ans Stolz und weil sie von Adel ist. O, ich wollte, daß der Teufel alle Adeligen —«
»Halt,« sagte Sir Edward aufstehend; »ich gehöre auch dazu.«
»O, mit Ew. Herrlichkeit ist es etwas Anderes, erwiederte der Brauer, »ich meine nur die, welche Wasser oder Wein trinken – Sie haben ja vier Fässer Bier bestellt.«
»Sechs!« setzte der Capitän hinzu.
»Ja richtig, sechs!« sagte der Brauer, »ich habe mich geirrt. – Sonst brauchen Ew. Herrlichkeit nichts?« setzte er hinzu, indem er Sir Edward mit der Mühe in der Hand folgte.
»Nein, sonst nichts. Adieu, lieber Freund!«
»Ich empfehle mich Ew. Herrlichkeit.«
Sir Edward stieg wieder in den Wagen.
»Nach Hause?« fragte der Kutscher.
»Nein, zum Doctor,« antwortete Sir Edward.
Es regnete in Strömen. Der Kutscher setzte sich murrend auf den Bock und fuhr im Galopp davon.
In zehn Minuten hielt er an. – Der Doctor war nicht zu Hause.
»Wohin soll ich fahren?« fragte der Kutscher.
»Wohin Du willst,« antwortete der Capitän.
Dieses mal benutzte der Kutscher die Erlaubniß und fuhr nach Hause.
Der Capitän ging, ohne ein Wort zu sprechen, in sein Zimmer.
»Er ist verrückt, sagte der Kutscher leise zu Tom, der ihm in der Vorhalle begegnete.
»Ich fürchte es auch,« antwortete Tom.
Sir Edward war in einer großen Aufregung und dieser Zustand war nach der bisherigen Verstimmung und Abspannung so plötzlich, unerwartet eingetreten, daß den beiden treuen Dienern, welche die wahre Ursache nicht kannten, diese etwas gewagte Meinung nicht zu verargen war. Diese Meinung theilten sie Abends dem Doktor mit, als dieser zur gewohnten Stunde kam.
Der Doktor hörte mit der größten Aufmerksamkeit zu und unterbrach die Mittheilung von Zeit zu Zeit durch einige Worte der Befriedigung. Dann ging er sich die Hände reibend, in Sir Edward’s Zimmer. Tom und Patrice sahen ihm erstaunt nach und schüttelten den Kopf.
»Ach, ich bin sehr krank, lieber Freund!« rief der Capitän dem Doctor zu.
»Wirklich!« erwiederte dieser; »aber es ist recht gut, daß Sie es selbst fühlen.«
»Ich glaube,« setzte der Capitän hinzu, »daß ich seit acht Tagen den Spleen habe.«
»Und ich glaube,« entgegnete der Doctor, »daß Sie ihn seit acht Tagen nicht mehr haben.«
»Alles langweilt mich.«
»Fast Alles.«
»Ich langweile mich überall.«
»Fast überall.«
»Tom ist mir unausstehlich.«
»Ich finde das begreiflich.«
»Hr. Robinson ist mir zuwider.«
»Nun ja, sein Stand ist nicht unterhaltend.«
»Sauders verursacht mir Nervenzucken.«
»Das glaube ich wohl, er ist als ehrlicher Verwalter eine seltene Erscheinung.«
»Und Sie selbst, Doctor, es gibt Augenblicke —«
»Ja; aber es gibt auch andere.«
»Was meinen Sie?«
»Ich habe ein scharfes Auge.«
»Doctor, wir werden uns entzweien!«
»Ich werde Miß Anna bitten, uns wieder auszusöhnen.«
Sir Edward wurde roth wie ein beim Naschen ertapptes Kind.
»Lassen Sie uns aufrichtig reden, Commandant,« setzte der Doktor hinzu.
»Seht gern,« antwortete Sir Edward.
»Haben Sie sich gelangweilt,, als Sie bei Miß Mary zum Thee waren?«
»Nein, nicht eine Minute.«
»Haben Sie sich gelangweilt, als Mary bei Ihnen zum Thee war?«
»Nicht eine Secunde.«
»Würden Sie sich langweilen, wenn Sie jeden Morgen die Gewißheit hätten sie zu sehen?«
»O nein, nie!«
»Würde Ihnen dann Tom noch unausstehlich sein?«
»Tom! ich würde ihn herzlich lieb haben.«
»Würde Ihnen Hr. Robinson noch zuwider sein?«
»Ich glaube, daß ich ihn herzen und küssen würde.«
»Würde Ihnen Sanders noch Nervenzucken verursachen?«
»Es würde mir kein Mensch auf der Welt lieber sein als er.«
»Und würden Sie in Versuchung kommen, sich mir mir zu entzweien?«
»Ich würde Ihr bester Freund sein, so lange ich lebe.«
»Würden Sie sich nicht mehr krank fühlen?«
»Ich würde wieder zwanzig Jahre alt werden.«
»Würden Sie noch den Spleen haben?«
»Ich würde lustig sein wie ein Meerschweinchen.«
»Es ist ja sehr leicht. Anna Mary täglich zu sehen.«
»Wie habe ich das anzufangen? Sagen Sie, Doctor!«
»Sie müssen sie heiraten.«
»Heiraten!« wiederholte der Capitän fast erschrocken.
»Allerdings. Sie wissen wohl, daß sie als Gesellschaftsdame nicht zu Ihnen kommen würde.«
»Aber sie will nicht heiraten.«
»Das sagen alle Mädchen.«
»Sie hat sehr reiche Partien ausgeschlagen.«
»Einen Brauerssohn. Die Tochter des Baron Lampton als Bierwirthin, das wäre in der That hübsch!«
»Ich bin schon alt, Doctor.«
»Sie sind fünfundvierzig, Miß Anna ist beinahe dreißig«
»Und ich habe einen Stelzfuß.
»Miß Anna hat Sie immer so gesehen, sie muß schon daran gewöhnt sein.«
»Dazu kommt mein unausstehliches Temperament.«
»Sie sind der beste Mann von der Welt.«
»Glauben Sie?« erwiederte der Capitän mit liebenswürdiger Offenheit.
»Ich bin fest davon überzeugt.«
»Aber es ist noch ein Hinderniß: ich kann mich nicht entschließen ihr zu sagen, daß ich sie liebe.«
»Es ist ja gar nicht nöthig, daß Sie es sagen.«
»Wer soll’s ihr denn sagen?«
»Ich. Sie dürfen nur befehlen und ich gehorche.«
»Doctor, Sie retten mir das Leben!«
»Das ist ja mein Beruf.«
»Wann wollen Sie hingehen?«
»Morgen, wenn Sie wollen.«
»Warum nicht heute?«
»Heute ist sie nicht zu Hause.«
»Sie können ja warten, bis sie kommt.«
»Ich will meinen Ponny satteln lassen.«
»Nehmen Sie lieber meinen Wagen.«
»Dann lassen Sie anspannen.«
Der Capitän schellte so heftig, daß der Glockezug riß. Patrice eilte ganz erschrocken herbei.
»Anspannen!« rief ihm der Capitän zu.
Patrice entfernte sich in der festen Ueberzeugung, daß sein Herr den Verstand verloren habe. Bald nach Patrice kam Tom. Der Capitän fiel ihm um den Hals. Tom seufzte tief; es war nicht mehr zu bezweifeln, der Capitän war völlig wahnsinnig.
Eine Viertelstunde nachher fuhr der Doctor, mit den ausgedehntesten Vollmachten versehen, nach dem Dorfe.
Der Besuch hatte für Sir Edward und für mich das befriedigendste Resultat: für Sir Edward, weil er sich sechs Wochen nachher mit Anna Mary vermälte; für mich, weil ich zehrt Monate nach der Hochzeit glücklich zur Welt kam.
VI
Aus den ersten drei Jahren meines Lebens ist mir nur erinnerlich, daß meine Mutter sehr zärtlich mit mir war und mich ihr liebes Kind nannte.
So weit als ich zurückdenken kann, sehe ich mich auf einem großen Rasenplatz, der sich vor der Freitreppe des Schlosses ausdehnte und mit spanischem Flieder und Geisblatt bepflanzt war. Während ich mich ans dem weichen Rasen herumtummelte, saß meine Mutter auf einer grünen Bank und las oder stickte und warf mir von Zeit zu Zeit Kußhände zu. Gegen zehrt Uhr Morgens erschien mein Vater, nachdem er die Zeitungen gelesen hatte, aus der Freitreppe; meine Mutter eilte ihm entgegen ; ich trippelte ihr nach und kam gewöhnlich an die Treppe, während sie mit ihm herunterkam. Dann machten wir einen kleinen Spaziergang, dessen Ziel fast immer die »Grotte« war, und setzten uns auf die Bank, auf welcher Sir Edward gesessen, als er Anna Mary zum ersten Male gesehen hatte.
Dann kam Georges und sagte, daß angespannt sei. Wir machten eine zwei- bis dreistündige Spazierfahrt und einen Besuch bei dem alten Fräulein von Villevieille, welche das Häuschen und die kleine Rente meiner Mutter geerbt hatte, oder bei einer nothleidenden Familie, wo Anna Mary immer als tröstender Engel erschien. Endlich kehrten wir ins Schloß zurück und setzten uns mit ausgezeichnetem Appetit zu Tische. Nach dem Essen nahm mich Tom in Beschlag und das war meine größte Freude; er trug mich auf der Schulter, zeigte mir die Hunde und Pferde, kletterte auf die Bäume, um Vogelnester auszunehmen, während ich ihm von unten zurief: »Fall nicht, lieber Tom!«
Endlich ward ich so müde, daß ich die Augen kaum offen halten konnte, und Tom trug mich nach Hause Aber trotz meiner Müdigkeit machte ich ein saures Gesicht , wenn Mr. Robinson kam, weil seine Ankunft fast immer das Signal meines Rückzugs in die Schlafstube war. Wenn ich allzu großen Widerstand leistete, wurde Freund Tom geholt. Er erschien dann im Salon mit einer Miene, die mir großen Respect einflößte, ich folgte ihm willig. Er legte mich dann in eine Hängematte, die er in Bewegung setzte, und fing an gar wundersame Geschichten zu erzählen, die ich aber selten hörte, weil ich gewöhnlich schon bei den ersten Worten einschlief. Dann kam meine Mutter und trug mich aus der Hängematte in mein Bett.
Der Leser verzeihe mir diese mir so theuern Erinnerungen: jetzt sind meine Eltern und Tom todt, und ich befinde mich in dem Alter, wo mein Vater heimkehrte, allein in dem alten Schlosse, in bessert Nachbarschaft keine Anna Mary als tröstender Engel mehr waltet.
Ich erinnere mich des ersten Winters, welcher kam, weil er für mich die Quelle neuer Freuden ward; es lag hoher Schnee und Tom stellte Fallen, Sprenkel und Netze, um die von den Feldern herbeieilenden Vögel zu sangen.
Mein Vater hatte uns einen großen Schuppen überlassen, den Tom mit einem feinen Draht geflochten schloß. Dieser Schuppen war das Gefängniß für alle unsere Vögel, welche hier reichliches Futter und einige in Kasten gesetzte Tannenbäume fanden. Am Ende des Winters waren die eingefangenen Vögel kaum zu zählen. Ich konnte mich nicht satt an ihnen sehen, kaum hielt ich’s bei Tische aus. Meine Mutter war anfangs um meine Gesundheit besorgt, aber als ihr mein Vater meine vollen rothen Backen zeigte, beruhigte sie sich und ließ mich zu meinem Vogelhanse zurückkehren.
Im Frühjahr zeigte mir Tom an, daß wir alle unsere gefiederten Kostgänger in Freiheit setzen würden. Ich wollte es anfangs nicht zugeben ; aber meine Mutter bewies mir mit der ihr so natürlichen Logik des Herzens, daß ich nicht berechtigt sei, die armen überlisteten Vöglein mit Gewalt festzuhalten. Sie erklärte mir, daß es ungerecht sei, die Noth des Schwachen zur Unterjochung zu mißbrauchen ; sie zeigte mir, wie die armen kleinen Gefangenen durch das Drahtgitter zu schlüpfen suchten, um frei und fröhlich in der zu neuem Leben erwachten Natur umherzufliegen. Ein Vogel starb über Nacht: meine Mutter sagte mir, er habe sich zu Tode gegrämt, daß er nicht frei sei. Ich öffnete sogleich den Käfig und alle meine Gefangenen flogen zwitschernd in den Park.
Abends holte mich Tom ab und führte mich, ohne ein Wort zu sagen, an das Vogelhaus. Zu meiner großen Freude sah ich es fast eben so bevölkert wie am Morgens die meisten Vögel hatten bemerkt, daß die Bäume noch nicht dicht gering belaubt waren, um sie gegen die kalte Nachtluft zu schützen, und hatten sich wieder in die Tannen geflüchtet, wo sie ihre lieblichsten Lieder sangen, als hätten sie mir für das Obdach danken wollen. Ich erzählte es meiner Mutter ganz erfreut, und sie erklärte mir was Dankbarkeit sei.
Am andern Morgen eilte ich an mein Vogelhaus: alle meine gefiederten Kostgänger mit Ausnahme einiger Sperlinge, waren ausgeflogen Tom zeigte mir, wie sie Stroh und Wolle im Schnabel herbeischleppten, um sich Nester zu bauen. Ich hüpfte vor Freude bei dem Gedanken, daß ich kleine Vögel haben und heranwachsen sehen konnte, ohne aus einen Baum klettern zu müssen, wie Tom gethan hatte.
Die schöne Jahreszeit kam; die Sperlinge legten Eier und brüteten. Ich beobachtete dir Entwickelung der Jungen mit einer Freude, an die ich mich noch erinnere, wenn ich vierzig Jahre nachher dieses ganz verfallene Vogelhaus sehe. Es liegt in den frühesten Erinnerungen ein so großer Reiz, daß es wohl gestattet ist, einige Augenblicke auf den grünen, blühenden Fluren zu verweilen, welche man fast immer im Anfange des Lebensweges findet, ehe man eine lange Wanderung durch glühende Vulcane, blutige Felder und Eiswüsten antritt.
Der Sommer kam und unsere Spaziergänge dehnten steh immer weiter aus. – Eines Tages setzte mich Tom, wie gewöhnlich, auf seine Schulter; meine Mutter küßte mich noch zärtlicher als sonst; mein Vater nahm seinen Stock und ging mit uns. Wir gingen durch den Park, an dem Flüschen hinauf, und kamen an den See.
Es war sehr warm. Tom zog Jacke und Hemd aus; dann trat er ans Ufer, hielt die Hände hoch empor, machte einen Sprung, wie die fliehenden Frösche, und verschwand im Wasser.
Ich schrie laut auf und wollte ans Ufer laufen, ich weiß nicht in welcher Absicht, vielleicht um mich ebenfalls in den See zu stürzen; aber mein Vater hielt mich zurück. Ich weinte und rief meinen lieben Tom. – Endlich tauchte er wieder auf und kam ans Ufer. Ich war beruhigt, als ich ihn wieder bei mir sah.
Mein Vater zeigte mir nun die Schwäne, welche leicht auf dem Wasserspiegel glitten, und die einige Fuß tief schwimmenden Fische; dabei erklärte er mir, daß der Mensch mittelst gewisser Bewegungen mehre Stunden in dem Element der Fische und Schwäne bleiben könne. Um mir diese Erklärung recht anschaulich zu machen, ging Tom langsam in den See, ohne unter dem Wasser zu verschwinden; er schwamm vor meinen Augen, streckte von Zeit zu Zeit die Arme nach mir aus und fragte mich, ob ich Lust hätte mit ihm ins Wasser zu gehen. Ich schwankte zwischen Furcht und Verlangen, als mein Vater, der meine Gedanken errieth, zu Tom sagte:
»Quäle ihn nicht länger ; er fürchtet sich.«
Dieses Wort war ein Talisman, der eine wahre Zauberkraft aus mich ausübte. Ich hatte immer gehört, daß Tom und mein Vater mit großer Verachtung von feigen und furchtsamen Menschen sprachen, und ich erröthete bis über die Ohren.
»Nein, ich fürchte mich nicht,« sagte ich entschlossen, »ich will mit Tom ins Wasser gehen.«
Tom stieg wieder ans Ufer. Mein Vater kleidete mich aus und hob mich auf Tom’s Rücken. Ich schlang meine Arme um den Hals des Schwimmers, der nun wieder ins Wasser ging. Er mußte an dem Druck meiner Arme fühlen, daß mein Muth nicht so groß war, wie ich mich gerühmt hatte.
Im ersten Augenblick ging mir in dem kalten Wasser der Athem ans; aber nach und nach gewöhnte ich mich daran. Den folgenden Tag band mich Tom auf ein Bündel Binsen, zeigte mir die Bewegungen und schwamm neben mir. Acht Tage nachher hielt ich mich allein auf dem Wasser; im Herbst konnte ich schwimmen.
Meine Mutter hatte sich meine übrige Erziehung vorbehalten; aber sie wußte ihren Unterricht so angenehm zu machen und so sanft zu befehlen, daß ich gleichsam spielend lernte und sehr gern meine Spiele mit den Lehrstunden vertauschte.
Es war Herbst geworden, das Wetter fing an kalt zu werdens es war mir verboten an den See zu geben, und dies war mir um so unangenehmer, da ich bald merkte, daß dort etwas Ungewöhnliches vorging.
Ich hatte nemlich unbekannte Gesichter in Williamhouse gesehen; mein Vater hatte sich lange mit diesen Fremden unterhalten; endlich schien die Sache abgethan zu sein. Tom begleitete sie bis an die nach der Wiese hinabführende Parkthür, und als er wieder zurückkam, sagte er zu meiner Mutter:
»Für das nächste Frühjahr wird Alles fertig sein.«
Meine Mutter lächelte dabei wie gewöhnlich, es war also nichts Beunruhigendes; aber das Geheimniß reizte doch meine Neugierde. Jeden Abend kamen die fremden Männer ins Schloß, um zu essen und zu übernachten, und täglich gegen Mittag ging mein Vater fort, um ihnen einen Besuch zu machen.
Der Winter kam und mit ihm der Schnee. Dieses Mal hatten wir nicht nöthig Fallen und Netze zu stellen, um s die Vögel einzufangen; wir brauchten nur die Thüren des Vogelhauses aufzumachen und alle unsere vorjährigen Kostgänger kamen wieder mit noch vielen anderen, denen sie vermuthlich in ihrer Sprache die behaglichen Winterquartiere gerühmt hatten. Sie waren insgesammt willkommen und fanden ihren Hanfsamen, ihre Hirse und ihre Tannenbäume wieder.
In diesem Winter lernte ich von meiner Mutter lesen und schreiben, von meinem Vater die Anfangsgründe der Geographie und der Nautik. Ich war ein großer Freund von Reisebeschreibungen. Die Abenteuer Gulliver’s konnte ich von Anfang bis zu Ende erzählen, und aus einer Erdkugel verfolgte ich die Entdeckungsreisen Cook’s und Lapeyrouse’s. Mein Vater hatte auf dem Camin seines Zimmers das Modell einer Fregatte, und bald wußte ich die Namen aller Bestandtheile eines Schiffes. Im folgenden Frühjahr war ich ein sehr geschickter Theoretiker, dem nur noch die Uebung fehlte, und Tom behauptete, ich würde wie Sir Edward einst Contreadmiral werden; aber so oft als er diese Meinung äußerte, warf meine Mutter einen wehmüthigen Blick auf den Stelzfuß ihres Gatten und wischte verstohlen eine Thräne ab, die an ihren Wimpern zitterte.
Der Geburtstag meiner Mutter war im Mai, und zu meiner großen Freude kehrte dieses Fest alljährlich mit den Blumen und dem grünen Laube wieder. An diesem Tage fand ich, statt meiner gewöhnlichen Kleider, eine vollständige Midshipmanuniform. Ich eilte jubelnd in den Salon; mein Vater war in Uniform. Wie gewöhnlich waren alle unsere Bekannten erschienen. – Ich sah mich nach Tom um; er allein fehlte.
Nach dem Frühstück wurde ein Spaziergang an den See vorgeschlagen; der Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Wir brachen auf; aber statt den gewohnten kürzeren Weg über die Wiese zu nehmen, gingen wir den schönen Weg durch den Wald. Ich wunderte mich gar nicht über diese Veränderung unserer gewöhnlichen Marschroute.
Jener Tag ist mir noch so lebhaft im Gedächtniß, als ob es gestern gewesen wäre. – Wie alle Kinder, konnte ich mich auf den langsamen gemessenen Spazierschritt der Gesellschaft nicht beschränken; ich lief voraus und pflückte Maiblumen – da stand ich plötzlich am Saum des Waldes wie versteinert still und meine erstaunten Blicke waren auf den See gerichtet.
»Vater, eine Brigg!« mehr vermochte ich nicht zu sagen.
»Wahrhaftig, er weiß sie von einer Fregatte und Goelette zu unterscheiden!« rief mein Vater hoch erfreut. »Komm her, John, und laß Dich küssen.«
Eine allerliebste kleine Brigg, an deren Mastspitze die englische Flagge wehre, schaukelte sich anmuthig auf dein See. Am Vordertheile stand in goldenen Buchstaben »Anna Mary«. Die unbekannten Arbeiter, welche seit fünf Monaten im Schlosse gewohnt hatten, waren Zimmerleute von Portsmouth. Im April war das Schiff von Stapel gelassen und aufgetakelt worden, ohne daß ich etwas davon erfahren hatte. Als wir aus dem Walde traten, wurden wir von einer Salve seiner aus vier Kanonen bestehenden Artillerie begrüßt. Ich war entzückt.
In der nächsten Bucht des Sees lag die Schaluppe, von Tom und sechs Matrosen bemannt. Die ganze Gesellschaft stieg ein. Tom nahm am Steuer Platz, die Matrosen setzten die Ruder in Bewegung und wir glitten leicht über den See.
Sechs andere Matrosen, unter dem Befehle George’s, erwarteten den Capitän an Bord, um ihm die seinem Range gebührenden Ehren zu erweisen. Sobald Sir Edward aus dem Verdecke war, übernahm er das Commando. Wir wendeten auf dem Anker; die Marssegel wurden ausgespannt, dann senkten sich alle Segel und die Brigg setzte sich in Bewegung.
Ich fühlte eine unaussprechliche Freude, nun wirklich am Bord eines Schiffes zu sein. Als ich die Bewegung unter meinen Füßen fühlte, klatschte ich in die Hände und Freudenthränen traten mir in die Augen. Meine Mutter fing auch an zu weinen, sie dachte, daß ich einst ein wirkliches Seeschiff besteigen würde und daß ihre bis dahin so sanften friedlichen Träume voll von Stürmen und Kämpfen sein würden. Uebrigens freute sich die ganze Gesellschaft herzlich der von meinem Vater bereiteten Ueberraschung. Das Wetter war herrlich und die »Anna Mary« ließ sich lenken wie ein gut zugerittenes Pferd. Wir machten zuerst die Runde um den See, dann fuhren wir von einem Ende desselben zudem andern; endlich warf man zu meinem großen Bedauern die Anker und zog die Segel ein. Wir stiegen in die Schaluppe und fuhren wieder an’s Land. Während wir uns in’s Schloß zurückbegaben, wurden wir, wie bei unserer Ankunft, von einer Geschützsalve begrüßt.
Von jenem Tage an war die Brigg meine einzige Freude, meine einzige Zerstreuung. Mein Vater freute sich herzlich, daß ich so große Lust zum Seedienst hatte, und da die Schiffszimmerleute, welche bei der Festlichkeit die Bemannung gebildet hatten, wieder nach Portsmouth gingen, so ließ er sechs Matrosen von Liverpool kommen. Meine Mutter lächelte wehmüthig und tröstete sich mit dem Gedanken, daß ich noch sieben bis acht Jahre bei ihr zu bleiben hatte, ehe ich mich wirklich einschiffte.
Meine gute Mutter vergaß die Schule, die erste so schmerzliche Trennung, welche indeß den Vortheil hat, auf eine zweite fast immer folgende ernstere Trennung vorzubereiten.
Die verschiedenen Bestandtheile eines Schiffes waren mir bereits bekannt; nach und nach lernte ich auch den Gebrauch derselben. Im Herbste fing ich sogar an kleine Manöver auszuführen. Tom und mein Vater waren abwechselnd meine Exerciermeister. Der übrige Unterricht wurde dabei vernachlässigt, aber man hatte ihn auf den Winter verschoben.
Wenn ich meine Uniform angezogen hatte und an Bord der Brigg war, glaubte ich kein Kind mehr zu sein; meine Gedanken waren voll von Manövern, Stürmen und Schlachten. An einem Ende des Gartens wurde eine Scheibe aufgestellt; mein Vater ließ mir von London eine kleine Kugelbüchse und zwei Scheibenpistolen kommen. Ehe ich aber diese Zerstörungswerkzeuge berührte, sollte ich den ganzen Mechanismus derselben genau kennen lernen. Ein Büchsenmacher von Derby kam zweimal wöchentlich in’s Schloß und zeigte mir, wie ein Gewehrschloß auseinandergenommen und zusammengesetzt wird. Als ich endlich jedes Stück beim Namen nennen konnte, wurden die Schießübungen angefangen und den ganzen Herbst täglich fortgesetzt. Als der Winter kam, wußte ich mein kleines Arsenal schon ziemlich geschickt zu gebrauchen.
Das schlechte Wetter unterbrach keineswegs unsere nautischen Uebungen, es kam meinem Vater vielmehr in meiner seemännischen Ausbildung zu Hilfe. Unser See erlaubte sich bei stürmischem Wetter einen Wellenschlag, wie ein Meer, das Schiff machte recht hübsche Schwankungen. Dann kletterte ich mit Tom am Takelwerke hinauf, um die höchsten Segel einzuraffen. Das waren wirklich Festtage für mich; denn zu Hause hörte ich, wie mein Vater und Tom die heutigen Heldenthaten erzählten, und meine Eigenliebe wuchs fast zur Mannesgröße empor.
So vergingen drei Jahre unter diesen anstrengenden Uebungen, die man mir so anziehend zu machen wußte. Ich war nicht nur ein gewandter und kühner Matrose geworden, sondern ich hatte eine so genaue Kenntniß von dem gesammten Tau- und Takelwerk, daß ich im Stande war den Befehl zu führen. Zuweilen reichte mir mein Vater ein kleines Sprachrohr, und der kleine Matrose spielte nun die Rolle des Capitäns; auf mein Commando führte dann die Mannschaft die Bewegungen aus, welche ich selbst mitgemacht hatte, und ich konnte die von mir gemachten Fehler beurtheilen, wenn ich sah, daß geschicktere Matrosen als ich dieselben Fehler machten.
Uebrigens war meine Ausbildung langsam vorgeschritten, aber in der Geographie war ich so gut bewandert, wie von einem zehnjährigen Knaben zu erwarten. Im Scheibenschießen leistete ich Ausgezeichnetes; Jedermann freute sich, ausgenommen meine gute Mutter, die darin nur ein Zerstörungsstudium sah.
Der Tag kam, an welchem ich das Vaterhaus verlassen sollte.
Mein Vater hatte für meine wissenschaftliche Ausbildung das berühmte aristokratische College zu Harrow-on-the-Hill gewählt. Es war meine erste Trennung von meinen guten Eltern ; sie war schmerzlich, obgleich sich jeder von uns Gewalt anthat, seinen Schmerz zu verbergen. Tom allein sollte mich begleiten; er erhielt von meinem Vater einen Brief an den Doktor Butler, den Director der Lehranstalt, welchem die für besonders wichtig gehaltenen Unterrichtsgegenstande angelegentlichst empfohlen wurden. Turnen, Fechten und Boxen waren dick unterstrichen. Auf die alten Sprachen legte Sir Edward wenig Werth; er verbot indeß meine Theilnahme an dem Unterricht nicht.
Nachdem ich von der Brigg und den Matrosen einen fast eben so zärtlichen Abschied genommen, wie von meinen Eltern, setzte ich mich mit Tom in den Reisewagen meines Vaters. Die Jugend ist selbstsüchtig, sie unterscheidet die Zuneigung nicht von den Genüssen.
Unterwegs war Alles neu und merkwürdig für mich. Leider war Tom wenig geeignet meine Neugierde zu befriedigen, der Weg von London nach Williamhouse war seine einzige Landreise gewesen, und seitdem hatte er das Schloß nicht wieder verlassen. In jeder etwas großen Stadt, wo wir ankamen, fragte ich ob, es London sei.
Endlich kamen wir nach Harrow. Tom führte mich sogleich zu dem Doctor Butler. Dieser war eben an die Stelle des sehr beliebten Drury gekommen, und dieser Wechsel des Directors hatte unter den Schülern einen kaum beschwichtigten Aufstand hervorgerufen. Dieser Umstand machte meine Vorstellung zu einer steifen Förmlichkeit. Der Doctor saß in seinem Lehnstuhl, sah mich forschend an, las den Brief meines Vaters, gab seine Zustimmung durch Kopfnicken zu verstehen, bot Tom einen Stuhl und fragte mich was ich könne. Ich antwortete, daß ich ein Schiff lenken, die Mittagshöhe der Sonne aufnehmen, reiten, schwimmen und schießen könne. Der Pädagog erklärte, ich sei ein Narr, runzelte die Stirn und wiederholte seine Frage. Aber Tom kam mir zu Hilfe und versicherte, daß ich die Wahrheit gesagt.
»Und sonst kann er nichts?« fragte Doctor Butler naserümpfend.
Tom war ganz verblüfft; er glaubte, ich sei in meiner Ausbildung außerordentlich weit vorgeschritten, und hatte es immer für ganz überflüssig gehalten, mich in die lateinische Schule zu schicken, wo ich, wie er meinte, nichts mehr zu lernen hätte.
»Entschuldigen Sie,« erwiederte ich, »ich spreche sehr gut französisch, kann ziemlich viel Geographie, etwas Mathematik und bin einigermaßen in der Geschichte bewandert.
Ich vergaß das irische Kauderwelsch, welches ich wie ein wahrer Erinssohn sprach; ich hatte es von Mrs. Denison gelernt.
»Das ist schon etwas,« sagte der Professor, erstaunt über den zwölfjährigen Knaben, der in den gewöhnlichen Schulkenntnissen hinter den Knaben seines Alters zurück zu sein schien und Vieles wußte, was man sonst erst weit später zu erlernen pflegt. Aber haben Sie denn die Anfangsgründe des Lateinischen und Griechischen nicht gelernt?« setzte er hinzu.
Ich mußte gestehen, daß ich von diesen Sprachen nichts wisse. Der Professor nahm nun ein großes Register und schrieb in dasselbe:
»John Davys, angekommen im College zu Harrow-on-the-Hill den 7. October 1806, in die letzte Classe gesetzt.«
Da er Wort für Wort las, was er niederschrieb, so verstand ich die letzten demüthigenden Worte sehr gut. Das Blut stieg mir ins Gesicht, und ich wollte mich eben entfernen, als die Thür aufging und ein Zögling erschien. Es war ein Jüngling von sechzehn bis siebzehn Jahren, blaß von Gesichtsfarbe, mit feinen Zügen und stolzem, hochfahrendem Wesen. Sein schwarzes lockiges Haar war sorgfältiger geordnet, als sonst bei jungen Leuten der Fall zu sein pflegt. Ueberdies hatte er – ebenfalls eine Seltenheit bei Schülern – feine zarte Hände wie ein Mädchen. An einem Finger trug er einen kostbaren Ring.
»Sie haben mich rufen lassen, Master Butler?« sagte er schon an der Thür mit hochfahrendem Tone.
»Ja, Mylord, antwortete der Professor.
»Darf ich wissen was mir diese Ehre verschafft?« fragte der aristokratische Zögling mit einem sarkastischen Lächeln, das von Keinem unbemerkt blieb.
»Ich wünsche zu wissen, Mylord, warum Sie gestern auf meine Einladung nicht mit den übrigen Zöglingen an meinem Tische erschienen sind.«
»Erlassen Sie mir die Antwort, Sir.«
»Leider kann ich das nicht, Mylord. Das gemeinsame Mahl am Schlusse eines Halbjahres ist ein alter Brauch, dem Sie zuwider gehandelt haben, und ich wünsche die Ursache zu wissen – wenn Sie nemlich eine Ursache angeben können.«
»Ja, ich habe eine Ursache.«
»So lassen Sie hören.«
»Ich will sie Ihnen sagen, Master Butler,« sagte der junge Lord mit der größten Ruhe, »ich würde Sie auch nicht zu Tisch laden, wenn Sie während der Ferien in mein Schloß Newstead kämen, und ich kann doch von Ihnen eine Einladung nicht annehmen, die ich zu erwiedern durchaus nicht geneigt bin.«
»Ich muß Ihnen erklären, Mylord,» erwiederte der Professor, dem die Zornglut ins Gesicht stieg, »daß Sie nicht hier bleiben können, wenn Sie Ihr Benehmen nicht ändern.«
»Und ich, Sir, erkläre Ihnen, daß ich morgen abreise, um in das Trinity-College zu Cambridge zu treten. Hier ist ein Brief meiner Mutter, der Sie von diesem Beschlusse in Kenntniß setzt.«
Bei diesen Worten reichte er den Brief hin, aber ohne näher zu treten.
»Mein Gott, so kommen Sie doch näher, Mylord,« sagte der Professor; »man weiß ja, daß Sie hinken.«
Der junge Lord war tief verletzt; aber statt zu erröthen, wie der Professor, ward er schrecklich blaß.
»Ich bin lahm, Sir,« antwortete der junge Peer, den Brief in seiner Hand zerdrückend; »aber es fragt sich, ob Sir mir folgen werden auf der Bahn, die ich zu wandeln gedenke. – James,« sagte er zu einem hinter ihm stehenden Diener in eleganter Livrée, »laß meine Pferde satteln, wir reiten fort.«
Und er verließ das Zimmer, ohne von dem Professor Abschied zu nehmen.
»Gehen Sie in Ihre Classe, Master Davys,« sagte Doktor Butler nach einer kurzen Pause zu mir, »und nehmen Sie sich das unziemliche Betragen dieses Jünglings zum abschreckenden Beispiel.«
Als wir über den Hof gingen, sahen wir den Zögling, dessen Beispiel mir zur Nichtbefolgung empfohlen worden war, mitten unter seinen Cameraden, die von ihm Abschied nahmen. Ein Diener, der schon zu Pferde saß, hielt ein anderes Pferd am Zügel. Der junge Lord schwang sich behende in den Sattel, winkte noch einmal mit der Hand und ritt im Galopp davon.
»Der scheint mir ein kecker Patron zu sein,« sagte Tom, ihm nachschauend.
»Frage doch, wie er heißt,» sagte ich zu ihm, denn der scheidende Zögling hatte meine Neugierde im höchsten Grade erregt.
Tom redete einen Schüler an, sprach einige Worte mit ihm und kam wieder zu mir.
»Er heißt George Gordon Byron,« sagte er.
Ich bezog also das College zu Harrow-on-the-Hill an dem Tage, wo Lord Byron austrat.
VII
Den folgenden Tag reiste Tom nach Williamhouse zurück, nachdem er die Haupttheile meiner Ausbildung, nemlich Turnen, Fechten und Boten, dem Director dringend ans Herz gelegt hatte. Ich befand mich zum ersten Male in meinem Leben allein unter wildfremden Menschen, wie in einem Walde mit unbekannten Blumen und Früchten, die ich nicht zu kosten wagte, weil ich fürchtete, sie könnten bitter schmecken. Die Folge davon war, daß ich in den Lehrstunden nicht von meinem Papier aufschaute und mich in den ersten zwei bis drei Tagen in einem Winkel auf der Treppe versteckte, statt mit den Anderen im Hofe zu spielen.
In diesen Stunden unfreiwilligen Nachdenkens trat das freundlich ruhige Leben in Williamhouse, wo ich immer bei meinen guten Eltern und bei meinem lieben Tom gewesen war, vor meine Seele ; ich dachte mit Sehnsucht an den See, an die Brigg, an das Scheibenschießen, an die Reisebeschreibungen, an die Spazierfahrten mit meiner Mutter zu den Kranken und Nothleidenden der Nachbarschaft, es war mir sehr traurig zu Muthe. – Am dritten Tage fing ich an zu weinen.
Während ich in meinem Winkel saß und mein in Thränen gebadetes Gesicht mit beiden Händen verhüllte, fühlte ich einen leisen Schlag aus meiner Schulter. Ich machte, ohne mich aufzurichten, eine ungeduldige Bewegung; aber der Camerad, der mich ausgesucht hatte, ließ nicht nach und sagte ernst, aber theilnehmend:
»Wie kommt es, John, daß der Sohn eines so braven Seemannes wie Sir Edward Davys wie ein Kind weint?«
Ich war ganz beschämt, ich sah ein, daß das Weinen eine Schwäche sei.
»Ich weine nicht mehr,« sagte ich, mich ausrichtend.
Der theilnehmende Camerad war etwa fünfzehn Jahre alt; er gehörte noch nicht zu den »Seniors«, aber auch nicht mehr zu den »Fags«. Er sah ernster und gesetzter aus, als in seinem Alter zu ersparten war, und ich brauchte ihn nur anzusehen, um sogleich Vertrauen zu ihm zu bekommen.
»Gut,« sagte er; »Du mußt nicht kindisch sein. Wenn etwa Einer Streit mit Dir anfängt und Du meines Beistandes bedarfst, so komm nur zu mir. Ich heiße Robert Peel.«
»Ich danke,« erwiederte ich.
Robert Peel reichte mir die Hand und ging in sein Zimmer. Ich mochte ihm nicht folgen; aber da ich mich schämte in meinem Versteck zu bleiben, so ging ich in den Hof. Die Schüler belustigten sich mit verschiedenen Spielen. Ein »Großer« kam auf mich zu.
»Hat Dich noch keiner zum »Fag« genommen?« fragte er mich.
»Ich weiß nicht was Du meinst,« antwortete ich.
»Dann nehme ich Dich,« setzte er hinzu.
»Von dieser Stunde an gehörst Du mir; ich heiße Paul Wingfield. Merke Dir den Namen deines Herrn und komm.«
Ich ging willig mit ihm, denn ich wußte nicht was er meinte, und doch wollte ich mir das Ansehen geben, als ob ich ihn verstünde, um nicht lächerlich zu erscheinen. Ich glaubte, es sei ein Spiel. Paul Wingfield nahm wieder Theil am Ballspiel; ich dachte, daß ich sein Partner sei, und stellte mich neben ihn.
Aus sein Geheiß ging ich zurück. In diesem Augenblicke wurde der Ball geworfen; ich wollte ihn aufnehmen und zurückschleudern, aber Paul rief mir zu:
»Rühre den Ball nicht an, kleiner Knips; ich verbiete es Dir!«
Der Ball war sein, er hatte das Recht mich zurückzuhalten und meine Begriffe von Recht und Unrecht stimmten mit seinem Verbot überein. Aber ich fand, daß er mir sein Besitzrecht höflich hätte ausdrücken können, so entfernte ich mich.
»Wohin?« fragte Paul.
»Ich gehe fort,« antwortete ich.
»Wohin denn?«
»Wohin es mir gefällt.«
»Wie, wohin es dir gefällt?«
»Allerdings, ich spiele ja nicht mit und kann gehen wohin mir’s beliebt. Ich glaubte, daß ich mitspielen sollte; ich sehe, daß ich mich geirrt habe. Adieu!«
»Hole nur den Ball dort,« sagte Paul und zeigte ans das andere Ende des Hofes.
»Hole ihn selbst,« antwortete ich; »ich bin kein Bedienter.«
»Warte nur,« sagte Paul Wingfield, »ich will Dich Gehorsam lehren!«
Ich erwartete ihn festen Fußes. Er hatte wohl geglaubt, daß ich die Flucht nehmen würde, denn er war etwas betroffen über meine entschlossene Haltung. Er zögerte; seine Cameraden fingen an zu lachen; die Röthe der Beschämung stieg ihm in’s Gesicht und er kam auf mich zu.
»Hole mir den Ball!« sagte er noch einmal.
»Und weint ich ihn nicht hole?«—
»So bekommst Du Prügel, bis Du ihn holst.«
»Mein Vater hat mir immer gesagt,« antwortete ich ganz ruhig, »daß nur ein erbärmlicher Wicht einen Schwächern schlägt. Du bist also ein erbärmlicher Wicht, wenn Du mich schlägst.«
Paul kam in Wuth und schlug mich mit der Faust lass Gesicht. Des Schlag war so heftig, daß ich wankte und fast zu Boden stürzte. Ich griff nach meinem Messer, aber ich glaubte die warnende Stimme meiner Mutter zu hören. Ich zog die Hand wieder aus der Tasche, und da ich’s mit meinem Gegner nicht aufnehmen konnte, so rief ich ihm noch einmal zu:
»Du bist ein erbärmlicher Wicht, Paul Wingfield!«
Diese Worte würden mir vielleicht eine noch stärkere Züchtigung zugezogen haben; aber zwei Freunde Pauls, Namens Hurzer und Dorset, hielten ihn zurück. Ich ging fort.
Ich war, wie dieser Austritt zeigt, nicht wie andere Knaben. Ich hatte immer unter Männern gelebt. Die Folge davon war, daß mein Charakter meinen Jahren weit vorausgeeilt war. Paul hatte also, ohne es zu ahnen, einen Jüngling geschlagen, als er nur einen Knaben zu schlagen glaubte. Kaum hatte ich den Schlag bekommen, so erinnerte ich mich an viele von meinem Vater und von Tom erzählte Geschichten, wo der Beleidigte mit den Waffen in der Hand Genugthuung von dem Beleidiger gefordert hatte.
»Ja solchen Fällen,« hatte mein Vater oft gesagt, »sei man es seiner Ehre schuldig ; wer eine Ohrfeige geduldig hinnehme, ohne Genugthuung zu fordern, sei entehrt. Da es nun meinem Vater und mir nie in den Sinn gekommen war, vor mir eine Demarcationslinie zwischen Mann und Knabe zu ziehen, oder mir zu sagen, in welchem Alter dieses Ehrgefühl entstehen müsse, so dachte ich, daß ich entehrt sei, wenn ich von Paul Wingfield keine Genugthuung forderte.
Ich ging also langsam in meinen Schlafsaal. Ich hatte meine kleinen Pistolen vor meiner Abreise in meinen Koffer gepackt, denn ich hoffte Gelegenheit zum Scheibenschießen zu haben. Ich zog meinen Koffer unter dem Bette hervor, steckte Pistolen, Pulver und Kugeln in die Taschen und ging zu Robert Peel.
Als ich in sein Zimmer trat, las er; aber als die Thüre aufging, sah er sich um.
»Mein Gott!« sagte er, »was ist denn geschehen, John? Du blutest ja!«
»Paul Wingfield hat mich ins Gesicht geschlagen, antwortete ich; »Du sagtest mir, ich möge nur zu Dir kommen, wenn Jemand Streit mit mir anfinge – und da bin ich.«
»Sei nur ruhig, John,« erwiederte Robert Peel aufstehend; »er soll’s mit mir zu thun haben.«
»Wie, mit Dir?«
»Allerdings; wünschest Du denn nicht, daß ich Dich räche?«
»Nein, ich will Dich bitten mir beizustehen – ich will mich selbst rächen,« antwortete ich und legte meine kleinen Pistolen auf den Tisch.
Peel sah mich erstaunt an.
»Wie alt bist Du?« fragte er.
»Bald dreizehn,« antwortete ich.
»Wem gehören diese Pistolen?«
»Sie gehören mir.«
»Seit wann hast Du schießen gelernt?«
»Seit zwei Jahren.«
»Wer hat Dich’s gelehrt?«
»Mein Vater.«
»Zu welchem Zwecke?«
»Für Fälle, wo ich mich meiner Haut wehren muß.«
»Würdest Du die Wetterfahne treffen?« fragte Paul weiter, öffnete das Fenster und zeigte mir einen Drachenkopf, der sich in einer Entfernung von etwa fünfundzwanzig Schritten knarrend drehte.
»Ich glaube wohl,« antwortete ich.
»So zeige was Du kannst,« setzte Paul hinzu.
Ich lud ein Pistol, zielte sorgfältig und schoß mitten durch den Drachenkopf.
»Bravo!« rief Peel; »seine Hand hat nicht gezittert; er hat Muth.«
Er nahm die Pistolen, legte sie in eine Schublade seiner Commode und steckte den Schlüssel in die Tasche.
»Jetzt komm mit mir, John,« sagte er.
Ich hatte ein so großes Vertrauen zu Robert, daß ich ihm ohne Zögern folgte. Er ging in den Hof. Die Schüler waren in einer Gruppe versammelt; sie hatten den Schuß gehört, und sahen sich erstaunt um. – Robert Peel ging auf Paul Wingfield zu.
»Paul,« sagte er, »weißt Du, wo der Pistolenschuß abgefeuert worden ist?«
»Nein,« antwortete Paul.
»Aus meinem Fenster. Und weißt Du, wer geschossen hat?«
»Nein.«
»John Davys. Und sieh, er hat mitten durch die Wetterfahne geschossen.«
Aller Augen richteten sich auf die Wetterfahne, und Jeder konnte sich überzeugen, daß Robert Peel die Wahrheit gesagt hatte.
»Du hast John geschlagen,« setzte Robert hinzu; »er ist zu mir gekommen, weil er Genugthuung von Dir fordern will; und um mir zu beweisen, daß er im Stande ist, Dir eine Kugel durch die Brust zu jagen, that er den Probeschuß.
Paul erblaßte.
»Du bist stärker als John,« fuhr Robert fort; »aber John ist gewandter als Du ; Du hast einen Knaben geschlagen, der das Herz eines Mannes bat; für diesen Irrthum mußt Du büßen. Du mußt Dich entweder mit ihm schlagen, oder ihn um Verzeihung bitten.«
»Ein Kind um Verzeihung bitten!« fuhr Paul auf.
»Höre,« sagte Robert näher tretend. »Ich will Dir einen Ausweg vorschlagen. Wir sind ziemlich von gleichem Alter, ich führe das Rapier mit derselben Geschicklichkeit wie Du. Wir stecken Jeder einen Zirkel auf einen Stock und machen einen Gang hinter der Mauer. Du hast bis diesen Abend Bedenkzeit.«
In diesem Augenblicke wurde geläutet, und wir gingen wieder in die Schulzimmer.
»Um fünf Uhr,« sagte Robert Peel zu mir, als er mich verließ.
Ich arbeitete mit einer Ruhe, welche alle meine Cameraden in Erstaunen setzte. Der Lehrer merkte nichts. Die abendlichen Freistunden kamen; wir gingen wieder in den Hof. Robert kam auf mich zu.
»Hier,« sagte er und gab mir einen Brief. »Paul schreibt Dir, daß es ihm leid thue, Dich geschlagen zu haben. Mehr kannst Du von ihm nicht verlangen.«
Ich nahm den Brief. Der Inhalt war so wie Robert sagte.
»Jetzt, lieber John,« setzte Peel hinzu und nahm meinen Arm, »sehr
will ich Dir etwas sagen.
Ich habe deinen Wunsch erfüllt, weil Paul Wingfield ein schlechter Camerad ist und weil es mir lieb war, daß er von einem jüngeren einen Denkzettel bekam. Aber wir sind noch keine Männer, wir sind Knaben. Unsere Handlungen haben kein Gewicht, unsere Worte keine Geltung; ich habe noch fünf bis sechs, Du hast noch neun bis zehn Jahre Zeit, ehe wir wirklich eine Stellung in der Welt einnehmen werden. Wir dürfen unseren Jahren nicht vorauseilen. Was für einen Bürger oder Soldaten eine Schmach ist, kann einem Schüler gleichgültig sein. In der großen Welt duellirt man sich, aber auf der Schule klopft man sich. Kannst Du boxen?«
»Nein.«
»Nun, ich will Dich’s lehren; und wenn Dich Einer angreift, ehe Du im Stande bist Dich zu wehren, so werde ich ihn tüchtig durchbläuen.«
»Ich danke, Robert. Wann wirst Du mir die erste Lection geben?«
»Morgen um elf Uhr.«
Robert hielt Wort. – Als der Vormittagsunterricht beendet war, ging ich in sein Zimmer. Das Boxen wurde nach den Regeln der Kunst betrieben und regelmäßig fortgesetzt. Ich besaß eine weit größere Kraft und Gewandtheit als andere Knaben meines Alters, und nach einem Monate konnte ich’s mit den größten meiner Mitschüler aufnehmen. Uebrigens hatte mein Raufhandel mit Paul großes Aufsehen gemacht, und keiner trat mir zu nahe.
Dieses Abenteuer zeigt, wie verschieden ich von anderen Knaben meines Alters war. Ich hatte eine ganz ungewöhnliche Erziehung genossen, die mich körperlich und geistig abgehärtet hatte. Mein Vater und Tom hatten bei jeder Gelegenheit eine so große Verachtung der Gefahr gezeigt, daß ich letztere später nie als ein Hinderniß betrachtete. Diese Unerschrockenheit war bei mir nicht Naturanlage, sondern ein Ergebniß des Unterrichtes.
Uebrigens wurden die in dem Briefe meines Vaters an den Doctor Butler ertheilten Weisungen genau befolgt. Man gab mir, wie mehren größern Schülern, einen Fechtmeister und ich machte sehr rasche Fortschritte in der Fechtkunst. Die schwierigsten Turnübungen waren nichts im Vergleiche mit dem Matrosendienst, den ich auf meiner Brigg versehen hatte, und schon am ersten Tage gab ich Beweise von meiner Kraft und Gewandtheit, welche mir die Anderen nicht nachthun konnten.
Die Zeit Verstrich mir also schneller, als ich erwartet hatte. Ich war aufmerksam und fleißig, und außer meinem hartnäckigen, unbeugsamen Charakter hatte man mir nichts vorzuwerfen. Aus den Briefen meiner guten Mutter ersah ich, daß zu Williamhouse die günstigsten Berichte über mich eingelaufen waren. Ich sah indeß den Ferien mit großer Freude entgegen. Je näher die Abreise von Harrow kam, desto lebendiger wurden meine Erinnerungen an das Vaterhaus. Von Tag zu Tag erwartete ich Tom. Eines Morgens sah ich unsern Reisewagen vor dem Hause halten. Tom stieg aus und hob meinen Vater und meine Mutter aus dem Wagen.
Meine Freude war unaussprechlich. Es gibt im Leben drei oder vier solcher Augenblicke, wo der Mensch ganz glücklich ist; und wie kurz diese Augenblicke auch sind, so genügen sie doch, um das Leben lieb und werth zu machen. Meine Eltern begaben sich mit mir zu dem Doctor Butler. Man lobte mich in meiner Gegenwart nicht allzusehr, aber man gab meiner Mutter deutlich zu verstehen, daß man mit mir zufrieden sei. Meine guten Eltern freuten sich herzlich.
Als wir den Doktor Butler verließen, fand ich Robert Peel, der mit Tom sprach. Tom schien entzückt über das was ihm Robert erzählte. Der Letztere hatte bereits Abschied von mir genommen, weil er den Ferienmonat ebenfalls bei seinen Eltern zubringen wollte. Er hatte sich seit meinem Abenteuer mit Paul Wingfield immer als mein Freund bewährt. Sobald sich eine schickliche Gelegenheit darbot, ging Paul mit meinem Vater auf die Seite und sprach leise mit ihm. Mein Vater kam auf mich zu, küßte mich und sagte für sich hin: »Ja, ja, es wird ein ganzer Mann aus ihm.« Meine Mutter wollte wissen, was es gebe; Sir Edward gab ihr durch einen Wink zu verstehen, sie möge sich gedulden, sie solle es schon erfahren. Die Zärtlichkeit, mit der sie mir gute Nacht wünschte, bewies, daß er im Laufe des Tages Wort gehalten hatte.
Meine Eltern erboten sich, eine Woche mit mir in London zuzubringen; aber meine Sehnsucht nach Williamhouse war so groß, daß ich lieber sogleich nach Derbyshire abreisen wollte. Mein Wunsch wurde erfüllt. Am andern Morgen fuhren wir ab.
Das Wiedersehen meiner Heimat nach dieser ersten Abwesenheit machte einen unbeschreiblichen Eindruck auf mich. Die Hügelkette, welche Chester von Liverpool trennt; die zum Schlosse führende Pappelallee, in welcher mich jeder Baum zu begrüßen schien; der Hofhund, der ans seiner Hütte sprang und fast die Kette zerriß, um mich zu bewillkommnen; Mistreß Denison, die mich in ihrem irischen Kauderwelsch fragte, ob ich sie nicht Vergessen; mein mit freiwilligen Gefangenen angefülltes Vogelhaus; der gute Sanders, der pflichtschuldigst seinen jungen Herrn begrüßte – kurz Alles machte mir Freude, sogar der Doktor und Mr. Robinson, obgleich ich diesen beiden Herren nicht sehr gewogen gewesen war, weil ihre Ankunft fast immer das Signal zum Schlafengehen war.
Ich fand Alles unverändert. Jedes Hausgeräth war an seinem gewohnten Platze. Der Lehnstuhl meines Vaters stand am Camin, der Arbeitstisch meiner Mutter am Fenster, der Spieltisch indem Winkel hinter der Thür.
Alle Bewohner des Schlosses hatten in meiner Abwesenheit ihr ruhiges, zufriedenes Leben fortgesetzt; ich allein hatte einen neuen Weg betreten und fing an mit freudigen, vertrauenvollen Blicken in die Ferne zu schauen.
Mein erster Besuch galt dem See. Ich eilte meinem Vater und Tom voraus, um meine Brigg einen Augenblick früher wiederzusehen. Sie wiegte sich noch immer anmuthig auf derselben Stelle; ihre Wimpel flatterten im Winde; das Boot lag in der Bucht. Ich legte mich in das hohe Gras und weinte vor Freude. Mein Vater und Tom holten mich ein. Wir stiegen in das Boot und begaben uns an Bord.
Das Verdeck war Tags zuvor gescheuert und gebohnt worden: man sah, daß ich in meinem schwimmenden Palast erwartet wurde. Tom feuerte eine Kanone ab. Es war der Signalschuß für die Schiffsmannschaft. Zehn Minuten nachher waren unsere sechs Matrosen am Bord.
Ich hatte von der Theorie nichts vergessen, und meine gymnastischen Uebungen hatten meine Kraft und Gewandtheit vermehrt. Ich führte jedes Manöver so rasch und sicher aus wie der geschickteste Matrose. Mein Vater war überglücklich und sah mich gleichwohl mit Besorgniß im Takelwerk herumklettern. Tom klatschte in die Hände; meine Mutter, die uns nachgekommen war und vorn Ufer zusah, wendete sich oft ab, um meine halsbrechenden Künste nicht zu sehen.
Die Tischglocke rief uns ins Schloß zurück. Es waren viele Gäste geladen, um meine Rückkehr zu feiern.
Der Doktor und Mr. Robinson erwarteten uns vor der Thür. Beide befragten mich über meine Studien und Beide schienen mit meinen Kenntnissen sehr zufrieden.
Nach Tische ging ich mit Tom zum Scheibenschießen. Abends wurde ich, wie vormals, das ausschließliche Eigenthum meiner Mutter.
Ich hatte vom ersten Tage an meine frühere Lebensweise wieder angenommen: ich hatte überall meinen Platz wieder gefunden, und nach drei Tagen erschien mir das verflossene Schuljahr wie ein Traum. O, wie schnell vergehen die schönen frischen Jugendjahre! Und doch erfüllen sie die ganze übrige Lebenszeit mit Erinnerungen! Viele wichtige Dinge habe ich vergessen, aber die geringsten Vorfälle meiner Schuljahre sind tief in mein Gedächtniß eingegraben. – Die fünf Jahre, welche meinem Eintritt in das College folgten, vergingen mir wie ein Tag ; aber wenn ich zurückblicke, schienen sie mir von einer andern Sonne erleuchtet, als meine übrige Lebenszeit. Wie viel Unglück ich nachher auch ertragen habe, ich danke dem Himmel für meine glückliche Jugend.
So kam das Ende des Jahres 1810. Ich war im siebzehnten Jahre.
Meine Eltern holten mich wie gewöhnlich im Spätherbst ab ; aber dieses Mal zeigtest sie mir an, daß ich nicht wieder nach Harrow gehen würde. Ich fand meinen Vater so ernst und meine Mutter so traurig, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Ich hatte diese Nachricht so oft herbeigewünscht, aber sie machte mir doch das Herz schwer.
Ich nahm Abschied von dem Doktor Butler und von allen meinen Mitschülern, mit denen ich übrigens keine große Freundschaft geschlossen hatte. Mein einziger vertrauter Freund war Robert Peel gewesen, und er hatte schon vor einem Jahre die Universität Oxford bezogen.
In Williamhouse fing ich meine gewohnten Uebungen wieder an; aber jetzt schienen meine Eltern keinen Gefallen mehr daran zu finden, und selbst Tom, obschon daran theilnehmend, schien etwas von seiner heitern Laune verloren zu haben. Ich wußte mir’s nicht zu erklären, ich war ebenfalls niedergeschlagen, ohne zu wissen warum. Eines Morgens endlich, als wir beim Thee saßen, brachte George einen Brief mit einem großen rothen Siegel. Meine Mutter stellte die Tasse, welche sie eben zum Munde führte, auf den Tisch. Mein Vater nahm das Schreiben und betrachtete es eine Weile, ohne es zu erbrechen.
»Da nimm,« sagte er und reichte es mir; »es geht Dich an.«
Ich erbrach das Siegel und fand meine Ernennung zum Midshipman am Bord des Kriegsschiffes »Trident«, Capitän Stanbow auf der Rhede von Plymonth vor Anker liegend.
Der von mir so sehnlich herbeigewünschte Tag war gekommen; aber als sich meine Mutter abwendete, um ihre Thränen zu verbergen , als mein Vater das »Rule Britannia« pfiff, um seine Fassung zu bewahren, als sogar Tom mit unsicherer Stimme zu mir sagte: »Jetzt haben wir’s erreicht, Herr Offizier!« – da fühlte ich mich so tief ergriffen, daß ich den Brief fallen ließ, meiner Mutter zu Füßen fiel und weinend ihre Hand küßte.
Mein Vater nahm die Depesche auf und las sie drei- bis viermal, um diesen ersten Gefühlserguß vorübergehen zu lassen. Er selbst bekämpfte seine zärtlichen Gefühle, um sich nicht schwach zu zeigen. Endlich stand er auf, räusperte sich, schüttelte den Kopf und ging einige Male im Zimmer auf und ab.
»John,« sagte er dann, vor mir stehen bleibend, »sei ein Mann!«
Meine Mutter schlang die Arme um meinen Hals, als hätte sie sich stillschweigend dieser Trennung widersetzen wollen, und ich blieb in meiner knieenden Stellung. Eine kurze Pause folgte; dann ließen mich die zärtlichen Arme los und ich stand auf.
»Wann muß er abreisen?« fragte meine Mutter.
»Er muß den 30. September am Bord sein und es ist heute der achtzehnte. Er kann noch sechs Tage hier bleiben: am vierundzwanzigsten reisen wir ab.«
»Kann ich mitreisen ?« fragte meine Mutter schüchtern.
»Ja, das versteht sich,« sagte ich. »Wir wollen uns so spät wie möglich trennen.«
»Ich danke Dir, lieber John!« sagte meine Mutter zärtlich.
»Ich danke Dir, mein Sohn – durch dieses einzige Wort hast Du mich für Alles belohnt, was ich um deinetwillen gelitten habe.«
An dem festgesetzten Tage reiste ich mit meinen Eltern und Tom ab.
VIII
Da mein Vater, um die Abreise möglichst lange aufzuschieben, nur sechs Tage für die Fahrt nach Plymouth gelassen hatte, so ließen wir London links liegen und nahmen unsern Weg durch die Grafschaften Warwick, Glocester und Sommerset. Am Morgen des fünften Tages kamen wir nach Devonshire, und Nachmittags gegen fünf Uhr befanden wir uns am Fuße des Berges Edgecombe, der die Bucht von Plymouth auf der Westseite begrenzt. Wir waren am Ziel unserer Reife. Mein Vater lud uns ein auszusteigen, nannte dem Kutscher den Gasthof, wo er einkehren wollte, und während der Wagen auf der Landstraße weiter fuhr, stiegen wir einen auf den Bergrücken führenden Seitenpfad hinan. Ich hatte meiner Mutter den Arm gegeben, mein Vater wurde von Tom geführt. Ich ging langsam den ziemlich steilen Pfad hinan; die Betrübniß meiner Mutter hatte auch mir das Herz schwer gemacht. Mein Blick war auf einen oben stehenden verfallenen Thurm gerichtet – da sah ich zufällig auf die Seite – ein Schrei der Ueberraschung und Bewunderung entfuhr mir – das Meer war vor mir!
Der Ocean, das Bild des Unermeßlichen, Unendlichen; der ewig klare, unzerbrechliche Spiegel, die unzerstörbare Fläche, welche seit der Erschaffung der Welt gleich geblieben ist; während die Erde, wie ein Mensch alternd, abwechselnd mit Getöse und Schweigen, mit blühenden Fluren und Wüsten, mit Städten und Trümmern bedeckt ist; der Ocean, den ich zum ersten Male sah, zeigte sich mir im günstigsten Lichte, in der Glut der untergehenden Sonne. Ich stand eine Weile sprachlos vor Erstaunen; endlich gewann ich so viel Fassung, daß ich die Einzelheiten des großartigen Bildes betrachten konnte.
Das Meer schien von der Stelle, wo wir waren, ruhig und spiegelglatt zu sein, aber eine breite Einfassung von Schaum, die sich an der Küste hob und senkte, verrieth das immerwährende kräftige Athmen des alten Oceans. Vor uns war die von zwei Vorgebirgen gebildete Bucht; etwas weiter links die kleine Insel St. Nicolas; zu unseren Füßen die Stadt Plymouth mit ihren Tausenden von Maßen, die einem entlaubten Walde ähnlich waren, mit ihren zahlreichen, theils vor Anker liegenden, theils aus- oder einlaufenden Schiffen und ihrem verworrenen Getöse, welches der frische Seewind zu uns emportrug.
Meine Eltern und Tom waren ebenfalls stehen geblieben ; auf jedem Gesicht waren die verschiedenen Eindrücke zu lesen, den dieses großartige Bild auf das Gemüth machte. Mein Vater und Tom freuten sich, einen alten lieben Freund wiederzusehen ; meine Mutter erschrak, wie vor dem Anblick eines Feindes. Nach einigen der Betrachtung gewidmeten Minuten suchte mein Vater mitten im Hafen das Schiff, auf welchem ich meine erste Seereise machen sollte, und mit dem geübten Seemannsauge fand er den »Trident« heraus, wie der Hirt ein Schaf aus seiner Heerde herausfindet, das stattliche Kriegsschiff, welches vierundsiebzig Kanonen führte, wiegte sich stolz auf seinem Anker und zeigte seine dreifache Stückpfortenreihe; am Hauptmast wehte die königliche Flagge.
Capitän Stanbow, der Commandant des Schiffs, war ein alter Waffenbruder meines Vaters. Als wir uns daher den folgenden Tag an Bord des »Trident« begaben, wurde Sir Edward nicht nur als Freund, sondern sogar mit den einem Vorgesetzten gebührenden Ehren empfangen. Sir Edward war, wie schon erwähnt, bei seinem Scheiden aus dem activen Dienst zum Contre-Admiral ernannt worden; Capitän Stanbow behielt meine Eltern und mich zu Tisch; Tom wurde von den Matrosen, in deren Gesellschaft er durchaus speisen wollte, festlich bewirthet, denn der Capitän ließ ihnen doppelte Rationen Wein und Rum verabreichen. Meine Ankunft am Bord des »Trident« gab also Anlaß zu einer Festlichkeit, deren Erinnerung in allen Herzen blieb. Ich war, wie ein alter Römer, unter glücklichen Auspicien eingezogen.
Der Capitän, durch die Thränen meiner Mutter gerührt, erlaubte mir die Nacht noch bei meinen Eltern zu bleiben, jedoch unter der ausdrücklichen Bedingung, daß ich am andern Morgen um zehn Uhr am Bord sein müsse. Unter solchen Umständen ist jede Stunde kostbar. Meine Mutter dankte dem Capitän so innig, als ob ihr jede Minute einen Edelstein eingetragen hätte.
Am andern Morgen um neun Uhr begaben wir uns an den Hafen. Das Boot des »Trident« erwartete mich, denn der neue Gouverneur, den wir nach Gibraltar bringen sollten, war in der Nacht angekommen und die mitgebrachten Depeschen enthielten den Befehl, am 1. October unter Segel zu gehen. Die Scheidestunde hatte geschlagen, und doch bewahrte meine Mutter mehr Fassung, als wir erwartet hatten. Mein Vater und Tom versuchten anfangs heldenmüthig zu scheiden; aber beim Abschiede wurden sie doch von ihren Gefühlen überwältigt, und die beiden eisernen Männer, die vielleicht nie Thränen vergossen hatten, weinten wie Kinder. Ich sah wohl, daß ich diesem Auftritt ein Ende machen mußte ; ich drückte meine theure Mutter noch einmal an mein Herz und sprang in das Boot, welches sogleich vorn Ufer abstieß und rasch auf das Schiff zu fuhr.
Die Gruppe, welche ich verlassen hatte, blieb am Hafen stehen und schaute mir nach, bis ich an Bord gestiegen war. Auf dem Verdeck winkte ich noch ein letztes Lebewohl zurück; meine Mutter antwortete mir mit dein Schnupftuch, und ich begab mich zu dem Capitän, der mir sagen ließ, daß er mich zu sprechen wünsche.
Ich fand ihn in seiner Cajüte mit dem zweiten Lieutenant. Vor ihm lag eine Karte der Umgebungen von Plymouth, auf welcher die Dörfer und Wege, sogar die kleinen Gehölze und einzelnen Häuser sehr genau angegeben waren. Als ich eintrat, schaute er auf und erkannte mich.
»Ah! Sie sind’s?« sagte er freundlich; »ich habe Sie erwartet.«
»Bist ich so glücklich, Capitän, Ihnen schon am Tage meiner Ankunft nützlich sein zu können? Das wäre für mich eine unerwartete Freude, für die ich dem Himmel danke.«
»Vielleicht,« erwiederte der Capitän; »kommen Sie her und sehen Sie.«
Ich trat an den Tisch und warf einen Blick aus die Karte.
»Sehen Sie dieses Dorf?« fragte er.
»Walsmouth?« sagte ich.
»Ja Was glauben Sie, wie weit es von der Küste entfernt ist?«
»Nach dem Maßstabe zu urtheilen, etwa acht Miles.«
»Ganz recht. Kennen Sie das Dorf?«
»Nein, ich habe den Namen nicht einmal gehört.«
»Würden Sie aber mit Hilfe der topographischen Erläuterungen den Weg von der Stadt nach diesem Dorfe finden?«
»O ja.«
»Gut. Halten Sie sich bereit. Um sechs Uhr wird Ihnen Mr. Burke das Uebrige sagen.«
»Sehr wohl, Capitän.«
Ich salutirte und ging wieder aus das Verdeck. Mein erster Blick fiel auf die Stelle des Hafens, wo ich meine theilten Eltern gelassen hatte, aber ich sah sie nicht mehr. Es war also geschehen! ich ließ einen Abschnitt meines Lebens hinter mir zurück. Dieser Lebensabschnitt war eine schöne Wanderung über grüne Auen, im milden Sonnenschein des Frühlings gewesen, die Liebe meiner Theueren hatte mich auf jedem Schritte begleitet. Ich stand nun am Anfange eines rauhen, mühsam zu ersteigenden Pfades.
Während ich, an den Besanmast gelehnt, traurig zum Ufer hinblickte, fühlte ich eine Hand auf meiner Schulter. Es war einer meiner künftigen Cameraden, ein Jüngling von sechzehn bis siebzehn Jahren, der schon drei Jahre gedient hatte. Ich salutirte, und er erwiederte meinen Gruß mit der unter den englischen Seeoffizieren üblichen Höflichkeit.
Dann sagte er mit einem Anfluge von Ironie:
»Mister Davys, der Capitän hat mich beauftragt, Ihnen von der Bramstange des Hauptmastes bis zur Pulverkammer die Honours zu machen. Da Sie aller Wahrscheinlichkeit nach einige Jahre am Bord des »Trident« zubringen werden, so wird es Ihnen nicht unlieb sein, seine nähere Bekanntschaft zu machen.«
»Ich werde diesen Besuch in Ihrer Gesellschaft mit Vergnügen machen, obschon ich vermuthe, daß der »Trident« wie alle Kriegsschiffe von Kanonen ist, und ich hoffe lange Ihr Camerad zu bleiben. Sie kennen meinen Namen; darf ich fragen, wem ich für meine erste Lection zu danken habe?«
»Ich heiße James Bulwer; ich kam vor drei Jahren aus der Marineschule zu London und habe seit dem zwei Reisen gemacht, nach dem Nordcap und nach Calcutta. Sie kommen wahrscheinlich auch aus einer Vorbereitungsschule?«
»Nein,« antwortete ich; »ich war bis jetzt im College zu Harrow-on-the-Hill, und sah vorgestern zum ersten Male das Meer.«
James lächelte.
»Dann,« setzte er hinzu, »fürchte ich nicht Sie zu langweilen; die Gegenstände, welche Sie sehen werden, sind Ihnen gewiß neu und werden Ihr Interesse erregen.«
Ich antwortete mit einer leichten Verbeugung und folgte meinem Cicerone, der mit mir die Treppe am Besanmast hinunter stieg und mich auf das zweite Verdeck führte.
Er zeigte mir den zwanzig Fuß langen Speisesaal, der durch eine nöthigenfalls abzunehmende Scheidewand von der Cajüte getrennt war. Unsere sechs Schlafcabinte waren ebenfalls eingerichtet, daß sie bei einem bevorstehenden Gefecht verschwinden konnten. Vor der großen Cajüte fanden wir den Wachposten, die Küche und Speisekammern u.s.w. Auf jeder Seite, am Steuerbord und Backbord, war eine prächtige Batterie von dreißig Achtzehnpfüdern aufgepflanzt.
Von dem zweiten Verdeck gingen wir zu dem ersten hinunter, welches wir mit gleicher Aufmerksamkeit in Augenschein nahmen. Hier fanden wir die Pulverkammer, die Cajüten des Schreibers, des Geschützmeisters, des Arztes, des Geistlichen und alle Hängematten der Matrosen. Vor den Stückpforten waren achtundzwanzig Kanonen von größerem Caliber aufgepflanzt; es waren Achtunddreißigpfünder, ans Laffeten ruhend und mit Zugwinden und nöthigem Zubehör versehen. Von da gingen wir zum untersten Verdeck hinab. Zuerst machten wir die Runde um die Gallerien, welche angebracht sind, damit man sehen kann, ob während des Gefechtes eine Kanonenkugel unter der Wasserlinie in das Schiff schlägt; dann besuchten wir die Proviantmagazine, sowie die Kammern, wo Taue, Segel und verschiedene Geräthe und Materialien aufbewahrt werden. Endlich kam die Reihe an den Kielraum, den wir eben so sorgfältig in Augenschein nahmen wie die übrigen Schiffsräume.
James hatte Recht; alle diese Gegenstände waren mir zwar nicht so neu, wie er glaubte, aber sie waren doch sehr merkwürdig. Abgesehen von dem Unterschiede zwischen einer Brigg und einem Kriegsschiffe, war mir die ganze Einrichtung wohl bekannt; aber im Vergleich mit dem, was ich bis dahin gescheit hatte, zeigte sich Alles in so kolossalen Verhältnissen, daß ich, wie Gulliver, plötzlich in das Land der Riesen versetzt zu sein glaubte. Wir stiegen wieder auf das oberste Verdeck, und James wollte mir eben das Mast- und Takelwerk zeigen, als zu Tisch geläutet wurde. Die Glocke rief uns zu einem höchst wichtigen Geschäft, wir zögerten daher keine Secunde. – In der Cajüte fanden wir vier andere junge Leute von unserm Alter.
Wer je ein englisches Kriegsschiff betreten hat, kennt die Kost der Midshipman. Die künftigen Howe und Nelson bekamen Tag für Tag halb rohes Roastbeef mit Kartoffeln in der Schale zu essen und dazu sogenannten Porter zu trinken, und dieses einfache Mahl wird auf einem baufälligen, mit einem meistens schmutzigen Tuch belegten Tische servirt. Glücklicherweise war ich in der Lehranstalt an schlechte Kost gewöhnt worden und ließ mir’s recht wohl schmecken, zum großen Aerger meiner Cameraden, welche vermuthlich auf meine Portion mit gezählt hatten.
James, der vermuthlich eine ruhige Verdauung liebte, sagte nichts mehr von unserer früher beabsichtigten Wanderung in die lustigen Regionen des Tauwerks , sondern setzte sich mit den Uebrigen zum Kartenspiel. Es war gerade Zahltag; jeder hatte Geld in der Tasche. Ich hatte von je her einen großen Abscheu vor dem Spiel, der mit den Jahren zugenommen hat. Ich lehnte die Theilnahme ab und ging Wieder auf das Verdeck.
Das Wetter war schön, der Westnordwestwind war unserer Abfahrt höchst günstig. Die Vorbereitungen wurden mit allem Eifer getroffen. Der Capitän ging auf der Steuerbordseite des Hinterdecks auf und ab, von Zeit zu Zeit still stehend, um nachzusehen; aus der Backbordseite gab der zweite Lieutenant lauter und ungeduldiger seine Befehle.
Man brauchte diese beiden Männer nur anzusehen, um die Verschiedenheit ihres Charakters wahrzunehmen.
Capitän Stanbow war bereits ein Sechziger. Der englischen Aristokratie angehörend, war ihm seine Weltsitte zur andern Natur geworden. Er hatte auch einige Jahre in Frankreich gelebt. Sein etwas träges Naturell zeigte sich am deutlichsten, wenn sich einer seiner Untergebenen etwas hatte zu Schulden kommen lassen, und er nahm erst einige Prisen Spaniol, ehe er sich entschloß, die Strafe zu dictiren. Diese Schwäche nahm seinem Urtheil den Anschein der Gerechtigkeit; er that nie einem Unrecht, aber selten strafte er zur rechten Zeit.
Diese im Umgange mit Menschen so angenehme, aber auf einem Kriegsschiffe sehr gefährliche Herzensgüte behielt bei ihm immer die Oberhand. Das schwimmende Gefängniß, wo das Leben vorn Tode, die Zeit von der Ewigkeit nur durch einige Bretter getrennt ist, hat seine eigenthümlichen Sitten, seine absonderliche Bevölkerung: es bedarf eines eigenthümlichen Gesetzbuchs. Der Matrose steht zugleich über und unter dem civilisirten Menschen; er ist hochherzjger, kühner und furchtbarer; aber die beständige drohende Gefahr, welche seine guten Eigenschaften entwickelt, bringt auch die schlechten Neigungen zur Reife. Der Seemann gleicht dem Löwen, der seinem Herrn entweder schmeichelt oder ihn zerreißt. Es bedarf daher anderer Triebfedern um die rauhen Söhne des Oceans anzuregen oder im Zaum zu halten, als um die weichherzigen Kinder des Festlandes zu beherrschen. Und diese gewaltigen Triebfedern wußte unser sanftmüthige ehrwürdige Capitän nicht anzuwenden. Im Gefecht oder Sturm war von dieser Unschlüssigkeit und unzeitigen Milde keine Spur vorhanden. Seine hohe Gestalt wurde dann wahrhaft imponirend, seine Stimme laut und gebietend, und sein Auge sprühte Feuer. Aber sobald die Gefahr vorüber war, verfiel er wieder in seine sanfte Stimmung – der einzige Fehler, den ihm selbst seine Feinde vorwerfen konnten.
Lieutenant Burke bildete einen so auffallenden Gegensatz zu dem Charakter des Capitäns, daß es fast den Anschein hatte, als ob die Vorsehung die beiden Männer auf ein Schiff gewiesen hätte, um sich gegenseitig zu ergänzen und die Schwäche durch Strenge zu bekämpfen.
Burke war ein Mann von sechsunddreißig bis vierzig Jahren. Er war zu Manchester von unbemittelten Eltern geboren ; diese starben, als er kaum seine Studien vollendet hatte. Der Knabe, der nur durch den Ertrag ihrer Arbeit in der Lehranstalt erhalten worden war, nahm Dienste am Bord eines Kriegsschiffes. Die strenge Mannszucht hatte ihn hartherzig gemacht. Im Gegensatze zu dem Capitän Stanbow war er schonungslos, die von ihm dictirten Strafen hatten den Charakter der Rache. Es schien fast, als hätte er seinen Grimm über die harte Behandlung, welche er Vielleicht mit Unrecht erduldet hatte, an seinen Untergebenen auslassen wollen.
Ein anderer, noch auffallenderer Unterschied bestand noch zwischen ihm und seinem würdigen Comrnandanten; im Sturm oder im Gefecht war an Barke eine gewisse Unschlüssigkeit zu bemerken.
Er schien zu fühlen, daß ihm seine- gesellschaftliche Stellung bei der Geburt weder das Recht gegeben habe, den Befehl über andere Menschen zu führen, noch die Kraft mit den Elementen zu ringen. Er zeigte indeß großen Muth im Kampfe und Thätigkeit und Umsicht im Sturm, so daß ihm Niemand eine Pflichtverletzung zur Last gelegt hatte. Aber einem scharfen Beobachter konnte nicht entgehen, daß sein Gesicht blässer, seine Stimme nicht so sicher war wie gewöhnlich; man hätte glauben können, der Muth sei bei ihm nicht sowohl eine Naturgabe als ein Ergebniß der Erziehung gewesen.
Diese beiden Männer, welche die ihnen durch den Dienst angewiesenen Plätze einnahmen, schienen durch eine natürliche Abneigung noch mehr getrennt als durch die Etikette ihres Ranges. Der Capitän war allerdings, wie gegen Jedermann, so auch gegen seinen Lieutenant, anständig und höflich; allein es war nicht zu verkennen, daß seine Stimme, wenn er mit Burke sprach, nicht jenen Ton des Wohlwollens hatte, der ihn bei seinen Untergebenen so beliebt machte. Burke empfing die Befehle des Capitäns in einer ganz eigenthümlichen Weise, und sein Gehorsam hatte etwas Düsteres und Gezwungenes, das gegen die freudige Fügsamkeit der übrigen Schiffsmannschaft sehr abstach.
Als ich indeß an Bord kam, waren sie durch einen ziemlich wichtigen Vorfall zu einmüthigem Handeln gezwungen worden. Man hatte Abends vorher bemerkt, daß sieben Mann beim Appell fehlten.
Anfangs glaubte der Capitän, die sieben Matrosen, von denen Einige als große Freunde des Gin bekannt waren, hätten sich nur im Wirthshause verspätet und sie würden mit einigen Stunden Arrest davonkommen. Aber Burke schüttelte zweifelnd den Kopf; und da die Nacht verging, ohne daß man von den Abwesenheit etwas erfuhr, sah sich der Capitän, wie sehr er auch zur Nachsicht geneigt war, am andern Morgen zu dem Geständnisse gezwungen, daß der Fall bedenklich sei.
Die Desertionen sind auf den englischen Kriegsschiffen ziemlich häufig, denn die Matrosen finden auf den Handelsschiffen der indischen Compagnie oft bessere Bezahlung, als ihnen die Lords der Admiralität bewilligen Sobald aber einmal der Befehl zur Abfahrt gegeben ist, muß das Schiff den ersten günstigen Wind benutzen, und es ist keine Zeit die freiwillige oder gezwungene Rückkehr der Ausreißer abzuwarten. In solchen Fällen greift man gemeiniglich zu dem sinnreichen Mittel der »Matrosenpresse«, indem man in dem ersten besten Wirthshause so viele Leute als eben fehlen, aufgreift und an Bord schleppt. Aber da die ausgesandten Werber alles Gesindel, das ihnen zufällig in die Hände fällt, nehmen müssen, so beschloß der Capitän, Alles aufzubieten, um die sieben gut eingeschulten Matrosen wieder an Bord zu holen.
In allen Seestädten oder deren nächster Umgebung gibt es immer einen oder zwei Schenkwirthe, welche die Ausreißer verstecken. Solche Wirthshäuser sind der Mannschaft aller Schiffe bekannt und natürlich fällt auf dieselben der erste Verdacht, wenn ein Deficit auf einem Schiffe bemerkt wird; die ersten Haussuchungen werden in diesen Schenken vorgenommen. Aber je größer die Gefahr, desto vorsichtiger sind die Wirthe; es ist eine Art Schmuggelei, in welcher die Nachforschungen der Zollwächter gemeiniglich erfolglos bleiben.
Burke hatte dies so oft erfahren, daß er, obschon der Befehl über ein solches Unternehmen weit unter seinem Range war, die nöthigen Anordnungen mit Genehmigung des Capitäns persönlich getroffen hatte.
Morgens hatte man die fünfzehn ältesten Matrosen zusammenberufen und in Gegenwart des Capitäns und des Lieutenants einen Kriegsrath gehalten, in welchem die Meinung der Matrosen maßgebend sein sollte. Denn in derlei Fällen sind die Matrosen weit erfahrener als die Offiziere; und wenn den Letzteren auch die Leitung bleiben mußte, so konnten doch nur Jene die nöthige Auskunft geben. Das Resultat der Berathung war, daß sich die Ausreißer aller Wahrscheinlichkeit nach in dem kleinen Dorfe Walsmouth, bei einem irischen Schenkwirth Namens Jemmy, versteckt hielten. Es wurde also beschlossen in diesem Wirthshause nachzusuchen.
Ueberdies sollte sich ein vorauszusendender Plänkler unter irgend einem Vorwande in die Schenke begeben und von Master Jemmy zu erfahren suchen, in welchem Theile seines Hauses sich die Ausreißer versteckt hielten ; denn die Letzteren wußten ja, daß die Abfahrt des »Trident« sehr nahe bevorstand und hatten deshalb ihre Maßregeln ohne Zweifel mit besonderer Vorsicht genommen.
Aber es war der Ausführung dieses Planes ein großes Hinderniß in den Weg getreten. Der Matrose, der sich als Kundschafter brauchen ließe, würde nach dem Gelingen des Streifzuges den Antheil, den er daran genommen, vielleicht theuer bezahlen müssen, und ein Offizier würde trotz der sorgfältigsten Verkleidung entweder von dem Wirth oder von den Ausreißern unfehlbar erkannt werden. Ich hingegen war erst angekommen und konnte daher keinen Verdacht erregen. Ich konnte daher gute Dienste leisten, wenn ich auch nur den vierten Theil der Klugheit besaß, welche mir der gute Capitän zuschrieb.
Hieraus erklären sich die Fragen des Letzteren und die Weisungen, die ich von dem Lieutenant zu erwarten hatte.
Gegen fünf Uhr meldete mit ein Matrose, daß Mr. Burke mich in seiner Cajüte erwarte.
Ich beeilte mich der Einladung Folge zu leisten. Der Lieutenant erklärte mir mit kurzen Worten was ich zu thun hatte, und nahm aus einem Koffer einen vollständigen Matrosenanzug, den ich gegen meine Uniform vertauschen sollte. Ich mußte gehorchen, wie groß auch mein Widerwillen gegen die mir in dieser Tragikomödie zugetheilte Rolle war. Die starre Disziplin gestattete keine Widerrede, und überdies war der Lieutenant Barke unerbittlich streng gegen seine Untergebenen. Ich verlor daher meine Zeit nicht mit nutzlosen Gegenvorstellungen, zog meine Uniform aus, legte das rothe Flanellhemd, die weiten Beinkleider und die kurze blaue Jacke an, drückte die Mühe aufs rechte Ohr, und nahm mit Hilfe meiner natürlichen Anlagen bald die Manieren eines Strolches an, welche den unterscheidenden Charakter der von mir darzustellenden Person bildeten.
Als meine Verkleidung beendet war, stiegen wir, Burke und ich, sammt den fünfzehn Matrosen, welche den Kriegsrath gebildet hatten, in die Schaluppe. Zehn Minuten nachher waren wir in Plymouth. Da trennten wir uns am Hafen mit der Verabredung, zehn Minuten nach unserer Trennung unter einem von der Rhede sichtbaren alleinstehenden Baume jenseits der Stadt zusammenzukommen. Nach einer Viertelstunde hielten wir Appell, Jeder war an seinem Posten.
Burke hatte den Feldzugsplan bereits entworfen, und als derselbe zur Ausführung kommen sollte, beehrte er mich mit ausführlichen Erläuterungen. Ich sollte so schnell wie meine Beine, deren Geschwindigkeit er zu übertreiben geruhte, laufen könnten, nach Walsmouth vorauseilen, die Uebrigen würden mir unterdessen im gewöhnlichen Schritte folgen.
Da ich in Folge dieser Anordnung fast eine Stunde früher in das Dorf kommen wurde, so sollten mich meine Cameraden bis Mitternacht in einem verfallenen Hause erwarten, welches einen Büchsenschuß vom Dorfe entfernt war. Wenn ich um Mitternacht nicht zurück wäre, so wollten die Andern, in der Voraussetzung, daß ich gefangen oder umgebracht sei, in die Schenke dringen, um mich zu befreien oder meinen Tod zu rächen.
Die Aussicht auf die drohende Gefahr gab dem sonderbaren Auftrage, den ich zu vollziehen hatte, in meinen Augen eine große Wichtigkeit. Ich fühlte wohl, daß mehr Arglist als Muth nöthig war, und ich hatte mich eines gewissen Mißbehagens nicht erwehren können; sobald ich aber einige Gefahr dabei sah, sobald ein Kampf in Aussicht stand, war auch die Möglichkeit des Sieges vorhanden und der Sieg rechtfertigt Alles: es ist der Talisman, der das Blei in Gold verwandelt.
In Plymouth schlugs sieben; ich brauchte anderthalb Stunden, um nach Walsmouth zu kommen; meine Cameraden brauchten mindestens zwei Stunden. Ich nahm Abschied, Burke gab seiner rauhen Stimme einen milden Ton, um mir Glück zu wünschen, und ich eilte davon.
Es war in den nebeligen Herbstmonaten; das Wetter war trübe, schwere Wolken zogen einige Fuß über meinem Kopf vorüber, und von Zeit zu Zeit rauschte ein Windstoß in den Bäumen und trieb mir das abgeschüttelte Laub ins Gesicht. Der hinter den Wolken versteckte Mond verbreitete ein mattes, krankhaftes Dämmerlicht. Bald fing es an zu regnen; in einer halben Stunde war ich durchnäßt. Ich lief indeß, ohne zu rasten, in die traurige öde Nacht hinein.
In etwa anderthalb Stunden bemerkte ich die ersten Häuser von Walsmouth. Ich war ungeachtet des raschen, ununterbrochenen Laufens gar nicht müde. Ich stand still, um mich zu orientiren, denn ich mußte, ohne zu fragen, in Jemmy’s Schenke gehen. Ein Matrose mußte die Schenke kennen, eine Erkundigung würde Verdacht erregt haben.
Da ich nur einige Häuser vor mir sah, so entschloß ich mich in das Dorf zu gehen, ich hoffte die Schenke an einem äußern Zeichen zu erkennen.
Master Jemmy hatte wenigstens keinen Versuch gemacht, durch falschen Schein zu täuschen. Es war eine wahre Spelunke. In der schmalen niedrigen Thür war eine vergitterte Oeffnung, durch welche der Wirth die ankommenden Gäste mustern konnte, ehe er sie einließ.
Ich schaute durch das Gitter; aber es war stockfinster dahinter, und ich konnte nur einige schmale Lichtstreifen bemerken, welche durch die Spalten einer Thür drangen.
»He da!« rief ich und klopfte.
Keine Antwort. – Ich wartete einen Augenblick, rief und klopfte dann wieder, aber ohne Erfolg. Ich ging nun rückwärts einige Schritte von diesem sonderbaren Hause weg, um zu sehen, ob nicht ein anderer Eingang vorhanden sei, denn die Thür war vielleicht nur der Symmetrie wegen da. Aber die Fenster waren sorgfältig verrammelt, ich mußte daher auf dem gewöhnlichen Wege ins Haus zu kommen suchen. Ich trat also zum dritten Male an die Thür; aber dieses Mal blieb mein Gesicht einige Zoll von dem Gitter entfernt; hinter den Eisenstangen bemerkte ich ein anderes Gesicht, welches mich forschend betrachtete.
»Endlich!« sagte ich.
»Wer seid Ihr? Was wollt Ihr?« sagte eine sanfte Mädchenstimme, die ich hier nicht erwartet hätte.
»Wer ich bin, mein schönes Kind?« erwiederte ich. »Ich bin ein armer unglücklicher Matrose, der wahrscheinlich im Hundeloch übernachten wird, wenn Ihr ihn nicht einlaßt.«
»Zu welchem Schiff gehört Ihr?«
»Zum »Boreas«, der morgen Früh unter Segel geht.«
»Kommt herein,« sagte das Mädchen und öffnete gerade so weit, daß ich eben hineinschlüpfen konnte.
Dann schob sie wieder zwei starke Riegel vor und legte überdies noch einen Pfahl quer vor die Thür.
Ich gestehe, daß mir der kalte Schweiß ausbrach, als die Thür so fest hinter mir verrammelt wurde. Aber ich konnte nicht mehr zurück.
Das Mädchen öffnete die Stubenthür. Mein Blick fiel zuerst auf Master Jemmy, dessen bärbeißiges Aussehen wohl geeignet gewesen wäre, einem minder entschlossenen Kundschafter einen Schrecken einzujagen. Es war ein fast sechs Fuß hoher, breitschulteriger Kerl mit rothen Haaren; sein Gesicht verschwand von Zeit zu Zeit hinter dem Tabaksrauch seiner Pfeife, und wenn sich der Rauch verzog, sah ich seine feurigen Augen leuchten, deren scharfer, durchdringender Blick in dem Innersten meiner Seele zu lesen schien.
«Vater,« sagte sie, »es ist ein armer Bursch, der in Strafe verfallen ist und für diese Nacht um ein Obdach bittet.«
»Was bist Du?« fragte Jemmy nach einer kurzen Pause und mit unverkennbarem irischen Accent.
»Wer ich bin?« antwortete ich im Munsterschen Dialekt, den ich sehr geläufig sprach. »Mich dünkt doch, Master Jemmy, das ich es Euch weniger als jedem Andern zu sagen brauche.«
Ja daß ist wahr!« erwiederte der Wirth, der unwillkürlich aufstand, als er das geliebte Idiom seiner grünen Insel hörte.
»Und von reinem Geblüt,« setzte ich hinzu.
»Dann sei willkommen!« sagte er und reichte mir die Hand.
Ich trat vor, um von der Ehre, die mir Jemmy erwies, Gebrauch zu machen. Aber er schien noch ein Bedenken zu haben; er sah mich noch einmal mit seinen funkelnden Augen an und sagte:
»Wenn Du ein Irrländer bist, mußt Du Katholik sein.«
»Wie St. Patrick,« antwortete ich.
»Das wollen wir sogleich sehen,« sagte Jemmy.
Bei diesen Worten, die mir doch einige Angst machten, trat er vor einen Schrank, nahm ein Buch heraus und schlug es auf.
Ich sah ihn sehr erstaunt an.
»Antworte,« sagte er; »wenn Du wirklich Katholik bist, so mußt Du die Messe können.»
Ich verstand sogleich, was er von mir verlangte. Ich hatte als Knabe oft mit dem Meßbuch der Mistreß Denison gespielt und nicht nur die heiligen Bilder betrachtet, sondern mir auch die Responsorien gemerkt. Ich gab daher dreist die auf seine vorgebeteten Sätze passenden Antworten.
»Bravo!« sagte Jemmy und legte das Buch wieder in den Schrank. »Du bist ein Bruder. Jetzt sage, was wünschest Du? Du sollst bedient werden, wenn Du Geld hast.«
»O, das Geld fehlt nicht,« antworte ich und klapperte mit einigen Thalern in der Tasche.
»Dann vivat St. Patrick!« sagte der ehrenwerthe Herbergsvater erfreut. »Mein Junge, Du kommst wie gerufen zu der Hochzeit.»
»Ja der Hochzeit?» erwiederte ich erstaunt.
»Ja wohl. Kennst Du Bob?«
»Bob? freilich kenne ich ihn.«
»Er heiratet.«
»Wirklich?«
»Ja, und eben jetzt ist er in der Kirche.«
»Aber er ist doch nicht der Einzige vom »Trident?« fragte ich.
»Nein, mein Junge, es sind ihrer sieben, gerade so viel wie es Todsünden gibt.«
»Wo sind sie denn?«
»Sie der Kirche. Ich will Dich hinführen.«
»Bemühet Euch nicht, Master Jemmy, erwiederte ich ; »ich kann ja allein hingehen.«
»Ja wohl, damit Dich die Kundschafter Sr. brittischen Majestät auf der Straße packen. Nein, mein Junge, das geht nicht. Komm hierher.«
»Habt Ihr denn einen heimlichen Gang zur Kirche?«
»Ja, wir sind maschinirt wie das Theater in Drurylane, wo in einer Pantomime fünfundzwanzig Verwandlungen vorkommen. Komm mit mir.«
Jemmy faßte mich beim Arm und zog mich sehr freundlich, aber zugleich mit solcher Riesenkraft fort, daß es mir nicht möglich gewesen wäre, den mindesten Widerstand zu leisten. Aber der Gang zur Kirche paßte nicht in meinen Kram, ich hatte nicht den mindesten Wunsch mit den Ausreißern znsammenzutreffen.
Ich griff unwillkürlich nach meinem Dolch, den ich unter meinem rothen Hemde versteckt trug. Einstweilen folgte ich meinem gewaltigen Führer; ich war entschlossen den Umständen gemäß zu handeln, aber nöthigenfalls das Außerste zu wagen, denn meine ganze Laufbahn hing wahrscheinlich von dem Erfolge dieses gefährlichen Unternehmens ab.
Wir gingen durch zwei oder drei Stuben. In einer derselben stand ein mit Speisen und Getränke beladener Tisch. Dann stiegen wir in einen dunkeln Keller hinab. Jemmy ging, ohne mich loszulassen, langsam und vorsichtig vorwärts. Endlich öffnete er nach kurzem Besinnen eine Thür. Kühle Luft wehte uns entgegen. Ich stieß mit dem Fuße an eine Treppe. Kaum war ich einige Stufen hinaufgestiegen, fühlte ich einen feinen Regen im Gesicht. Ich schaute auf und sah den bewölkten Himmel über mir. Ich sah mich um, wir waren auf einem Friedhofe, an dessen Ende die Kirche mit zwei erleuchteten Fenstern stand.
Der Augenblick der Gefahr kam heran. Ich zog meinen Dolch halb aus der Scheide und schickte mich an weiter zu gehen; aber nun stand Jemmy still.
»Jetzt,« sagte er, »geh nur gerade aus, mein Junge, Du kannst Dich nicht verirren und hast auch sonst nichts zu fürchten. Ich gehe wieder ins Haus. Du kommst mit den Brautleuten zurück; Du wirst am Tische einen Platz für Dich finden.«
Zugleich that sich der Schraubstock auf, in welchem mein Arm eingeklemmt war, und ohne mir Zeit zu einer Antwort zu lassen, kehrte Jemmy um und verschwand sogleich unter dem Treppengewölbe.
Kaum war ich allein, so stand ich still und dankte Gott, daß Master Jemmy mich nicht weiter begleitet hatte. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, bemerkte ich, daß die Kirchhofsmauer nicht hoch war, ich konnte daher entkommen, ohne durch die Kirche zu gehen.
Ich lief auf die Mauer los, stieg rasch an den hervorstehenden Steinen hinauf und sprang an der andern Seite hinunter. Ich stand in einer ganz menschenleeren Seitengasse. Ich wußte nicht genau, wo ich war; aber ich orientirte mich nach dem Winde, der mir auf dem ganzen Wege gerade entgegengeweht hatte; ich brauchte ihm daher nur den Rücken zu kehren, um meines Weges ziemlich sicher zu sein. – So kam ich bald zum Dorfe hinaus.
Links bemerkte ich die an der Landstraße stehenden hohen Bäume. Ich ging auf diese Bäume zu. Dreißig Schritte von der Straße war das verfallene Haus. Unsere Leute waren auf ihrem Posten. Es war kein Augenblick zu verlieren. Ich erzählte ihnen, was geschehen war. Wir theilten unsere Schaar in zwei Haufen und begaben uns im Geschwindschritte, aber schweigend in das Dorf.
Am Ende der zu Jemmy’s Schenke führenden Straße zeigte ich dem Lieutenant Burke die vor dem Wirthshause hängende Laterne und den spitzigen Kirchthurm. Da ich mit den Ortsverhältnissen bekannt war, übertrug mir der Lieutenant die Führung der sechs Mann, welche die Schenke besehen sollten; dann ging er an der Spitze der neun andern auf die Kirche zu. Da die Kirche und die Schenke ziemlich weit entfernt waren, so mußte unser doppelter Angriff gleichzeitig stattfinden, und dies war von Wichtigkeit, um den Ausreißern den Rückzug abzuschneiden.
Ich wollte die mir schon gelungene Kriegslist wieder anwenden. Meine Leute mußten dicht an die Wand treten und ich rief durch das Gitter. Ich hoffte, wir würden ohne Gewaltmittel in das Wirthshaus eindringen; aber es herrschte tiefe Stille in dem Wirthshause und ich sah wohl ein, daß wir Gewalt brauchen mußten.
Ich befahl daher zwei mit Aexten bewaffneten Matrosen die Thür einzuschlagen.
Dies war in wenigen Augenblicken geschehen, und wir stürzten in das Vorhaus.
Die zweite Thür war verschlossen, wir mußten sie einschlagen wie die erste. Die Stube, in welcher mich Jemmy empfangen hatte, war dunkel; sogar das Feuer im Ofen hatte man mit Wasser ausgelöscht. Ein Matrose schlug Feuer; aber wir suchten vergebens eine Lampe oder eine Kerze. Ich dachte an die Laternen und eilte an die Hausthür, um sie abzunehmen; sie war ausgelöscht. Die Besatzung war offenbar gewarnt worden und leistete nun passiven Widerstand, der aller Wahrscheinlichkeit nach eine hartnäckige Gegenwehr in Aussicht stellte. Als ich wieder hineinging, war die Stube hell; einer unserer Leute, ein Kanonier der dritten Backbordbatterie, hatte zufällig eine Lunte bei sich und hatte sie angezündet. Aber es war kein Augenblick zu verlieren, das Licht konnte nur einige Secunden dauern; ich nahm die Lunte, forderte die Matrosen auf mir zu folgen und stürzte in die zweite Stube.
Auch durch die dritte Stube, wo der Tisch gedeckt war, eilten wir ohne Hinderniß. Aber die in den Keller führende Thür war verschlossen. Die Lunte erlosch.
Man hatte indeß nicht Zeit gehabt die Thür zu verrammeln, denn als ich die Hand ausstreckte, fühlte ich den Schlüssel. Ich ging voran, denn der Weg, den ich vorher gemacht hatte, war mir noch ziemlich gut erinnerlich. Ich hatte zehn Stufen gezählt, und als ich aus der letzten war, wandte ich mich rechts; aber kaum war ich in der Finsterniß einige Schritte fortgegangen, so hörte ich eine Stimme, die mir zuflüsterte: »Verräther!« Zugleich fühlte ich einen schweren Gegenstand auf meinen Kopf fallen, als ob sich ein Stein von dem Gewölbe losgemacht hatte. Ich sah Millionen Funken vor den Augen, stieß einen Schrei aus und fiel bewußtlos nieder.
Als ich wieder zur Besinnung kam, lag ich in meiner Hängematte und fühlte an der Bewegung des Schiffes, daß eben die Anker gelichtet wurden. Meine durch einen Faustschlag des herkulischen Jemmy entstandene Betäubung hatte den Erfolg des Unternehmens nicht beeinträchtigt. Der Lieutenant Burke hatte die Brautleute sammt den Zeugen und Hochzeitgästen in der Sacristei überrascht; die Ausreißer waren also wie in einer Falle gefangen worden, und bis auf Bob, der aus dem Fenster gesprungen war, hatte man sie alle festgenommen.
Der Flüchtling war übrigens sogleich ersetzt worden, denn der Lieutenant hatte einen der Hochzeitsgäste »geentert« und sammt den übrigen Gefangenen an Bord des »Trident« geschleppt.
Dieser arme Teufel, der so unerwartet und so ungern Matrose wurde, hieß David und war ein Haarkünstler von Walsmouth.
IX
Obgleich ich durch meine Ohnmacht gehindert worden war, an der Gefangennahme der Ausreißer thätigen Antheil zu nehmen, so ist doch nicht zu läugnen, daß das glückliche Gelingen des Unternehmens großentheils mein Werk war. Als ich daher wieder zum Bewußtsein meines Daseins kam und bald darauf die Augen aufschlug, sah ich unsern braven Capitän, der persönlich erschienen war, um sich von meinem Zustande zu überzeugen.
Da ich mich, abgesehen von einer gewissen Schwere des Kopfes, ganz wohl befand, so antwortete ich ihm, daß ich in einer Viertelstunde auf dem Verdeck sein und meinen Dienst wieder antreten würde. Sobald sich der Capitän entfernt hatte, sprang ich aus meiner Hängematte und kleidete mich um. Die einzige sichtbare Spur, welche von Jemmy’s Faustschlage zurückgeblieben, war eine starke Röthe der Augen. Der herkulische Ire würde mich todtgeschlagen haben, wenn mein Schädel nicht so hart gewesen wäre.
Die Anker waren inzwischen aufgewunden und das Schiff fing an sich nach der Steuerbordseite zu wenden. Ehe diese Wendung vollendet war, überließ der Capitän dem Lieutenant den Befehl am Deck und begab sich in seine Cajüte, um von seinen erst bei der Abfahrt zu erbrechenden Depeschen Kenntniß zu nehmen.
Alle meine Cameraden benützten diese kurze Muße, um mir Glück zu wünschen und nach meinem Befinden zu fragen. Während ich ihnen mein Abenteuer ausführlich erzählte, bemerkten wir eine vom Lande kommende Barke, welche verschiedene Signale gab. Ein Midshipman richtete sein Fernrohr auf das Fahrzeug.
»Beim Himmel!« sagte er, nachdem er die Barke einige Augenblicke gemustert hatte, »dort kommt der Püster Bob.«
»Ein spaßiger Mensch,« sagte ein Matrose; »er nimmt Reißaus, wenn man hinter ihm herläuft, und läuft uns nach, wenn wir an Bord gehen.«
»Er hat sich vielleicht schon mit seiner Gattin gezankt,« sagte ein anderer.
»Ich möchte in seiner Haut nicht stecken,« setzte ein dritter hinzu.
»Still!« gebot eine Stimme, die manchem von uns seine Gänsehaut machte. »Jeder auf seinen Posten! Steuer rechts! Besansegel nach dem Winde gestellt! Sehet Ihr denn nicht, daß das Schiff über Steuer geht.«
Der Befehl wurde sogleich vollzogen und das Schiff hörte in seiner zurückweichenden Bewegung auf. Nachdem es einige Augenblicke still gestanden, fing es endlich an sich vorwärts zu bewegen. – In diesem Augenblicke rief eine Stimme:
»Eine Barke auf der Backbordseite!«
»Sehet zu was sie will,« sagte der Lieutenant, den nichts bewegen konnte, von der einmal vorgeschiebenen Ordnung abzugehen.
»Ohe!« rief dieselbe Stimme zu der Barke hinüber, »was wollt Ihr?«
Als der Matrose die Antwort erhalten hatte, setzte er hinzu:
»Herr Lieutenant, es ist Bob, der Püster, der einen kleinen Abstecher ans Land gemacht hat und wieder an Bord zu kommen wünscht.«
»Werfet dem Kerl ein Seil zu,« sagte der Lieutenant, ohne nach der Barke hin zu sehen, und führet ihn mit den Andern in die Löwengrube.«
Der Befehl wurde pünktlich vollzogen, und ein paar Minuten nachher bemerkte ich über der Schanzkleidung an der Backbordseite den Kopf Bob’s, der den von seinen Cameraden erhaltenen Spitznamen rechtfertigend, aus Leibeskräften schnob.«
»Bravo, alter Pottfisch,« sagte ich zu ihm; »besser spät als gar nicht. Acht Tage bei Wasser und Brot im Kielraum,, und die Sache ist abgethan.«
»Ganz recht, ich verdiene es,« erwiederte Bob in einem fort schnaubend, »und wenn ich so davonkomme, kann ich mich nicht beklagen. – Aber mit Verlaub, Mister Midshipman, zuerst möchte ich mit dem Lieutenant reden.«
»Führet ihn zum Lieutenant,« sagte ich zu den beiden Matrosen, die den Ausreißer schon ergriffen hatten.
Burke stand mit dem Sprachrohre auf dem Hinterdecke und ertheilte seine Befehle, als er Bob kommen sah. Er sah ihn mit seinem ernsten finstern Blick an und fragte:
»Was willst Du?«
»Mit Respect zu melden, Herr Lieutenant,« sagte Bob, indem er seine blaue Mütze zwischen den Fingern drehte, »ich weiß, daß ich strafbar bin und habe für meine Person nichts zu sagen.«
»Das ist ja schön ,« sagte der Lieutenant grinsend.
»Sie würden mich wohl schwerlich wieder gesehen haben,« fuhr Bob fort, »wenn nicht ein Anderer für mich die Zeche bezahlen sollte. Ich dachte mir: Bob, das geht nicht, du mußt wieder an Bord des »Trident«, sonst wärest Du ein Galgenvogel – und da bin ich.«
»Und was weiter?«
»Nun , da ich mich gestellt habe, um meine Strafe zu empfangen und meinen Platz wieder einzunehmen, so brauchen Sie keinen Stellvertreter für mich und werden David zurückschicken. Sehen Sie nur, Herr Lieutenant, dort stehen sein Weib und seine Kinder und jammern.«
Er zeigte mit der Hand auf einige am Ufer stehende Personen.
»Wer hat dem Kerl erlaubt mich anzureden?« fragte Burke.
»Ich, Herr Lieutenant,« antwortete ich.
»Sie bekommen einen Tag Arrest, Mister Davys,« sagte Burke zu mir; »Sie werden sich künftig nicht in fremde Angelegenheiten mengen.
Ich salutirte und trat einen Schritt zurück.
»Herr Lieutenant,« sagte Bob, »das ist nicht recht, und wenn dem armen David ein Unglück geschieht, so haben Sie es vor Gott zu verantworten!«
»Leget den Kerl in Ketten und werfet ihn in den Kielraum!« rief der Lieutenant.
Bob wurde abgeführt. Ich ging die eine Treppe hinunter und er die andere; aber wir begegneten einander aus dem zweiten Verdeck.
»Es ist meine Schuld, daß Sie Strafe bekommen,« sagte er zu mir, »und ich bitte Sie um Verzeihung; aber ich hoffe es wieder gut zu machen.«
»Laß es nur gut sein, Bob,« erwiederte ich; »aber füge Dich in Geduld, wenn Dir deine Haut lieb ist.«
»Ich würde schon Geduld haben,« sagte Bob, »aber der arme David dauert mich.«
Die Matrosen schleppten ihn in den Kielraum und ich begab mich in meine Kammer. – Am andern Morgen kam der Matrose, welcher mich bediente, schloß vorsichtig die Thür und sagte geheimnißvoll:
»Ist es erlaubt, ein paar Worte von Bob zu melden ?«
»Sprich, mein Freund,« sagte ich.
»So hören Ew. Gnaden: Bob sagt, daß er und die anderen Ausreißer Strafe verdient haben, aber es sei Unrecht, den armen David, der gar nichts verbrochen, zu bestrafen.«
»Er hat Recht.«
»Da Ew. Gnaden auch seiner Meinung sind,« fuhr der Matrose fort, »so läßt er Sie bitten, mit dem Capitän darüber zu reden ; der Capitän ist ein guter Herr und leidet kein Unrecht.«
»Es soll heute geschehen, darauf kann sich Bob verlassen.«
Es war sieben Uhr, und da mein Arrest um elf Uhr zu Ende war, so begab ich mich sogleich zum Capitän. Ich sprach, ohne Bob zu nennen, von dem armen David und von der Ungerechtigkeit, ihn mit den Andern in der Löwengrube festzuhalten. Der Capitän stimmte mir bei und ertheilte sofort die nöthigen Befehle.
Ich wollte mich entfernen, aber er hielt mich zurück, ich mußte Thee mit ihm trinken. Der brave Mann hatte erfahren, daß mich der Lieutenant in Arrest geschickt, und wollte mir zu verstehen geben, daß er diese Strafe ungerecht fand , obgleich es sich nicht geziemt hätte, zu meinen Gunsten einen Eingriff in die Regeln der Disciplin zu machen.
Nach dem Frühstück ging ich wieder auf’s Verdeck. Die Matrosen bildeten einen Kreis um einen mir unbekannten Mann: es war David.
Der arme Mann hielt sich mit der einen Hand an einem Tau, während die andere schlaff herabhing ; seine Blicke waren auf das Land gerichtet, das nur noch wie ein leichter Nebel am Horizont sichtbar war, und stille Thränen stürzten ans seinen Augen.
Die Gewalt eines wahren und tiefen Schmerzes ist so groß, daß alle diese an Gefahr, Blut und Tod gewöhnten Meerwölfe sich mitleidig um diesen Mann drängten, der seine Familie und seine Heimat beweinte. David sah nur das Land, welches jeden Augenblick mehr verschwand, und jeden Augenblick nahm die Verzweiflung des Unglücklichen zu. Als das Land endlich völlig verschwunden war, wischte er sich die Augen, als ob er gedacht hätte, daß ihn die Thränen hinderten zu sehen. Dann breitete er die Arme aus und sank bewußtlos nieder.
»Was gibt’s?« fragte Lieutenant Burke, der zufällig vorüberging.
Die Matrosen traten schweigend auf die Seite, so daß er den ohnmächtigen David sehen konnte.
»Ist er todt?« fragte er noch gleichgültiger, als wenn von Fox, dem Hunde des Kochs, die Rede gewesen wäre.
»Nein, Herr Lieutenant,s sagte ein Matrose; »er ist nur ohnmächtig.«
»Schüttet dem Kerl einen Eimer Wasser ins Gesicht, dann wird er schon wieder zur Besinnung kommen.«
Glücklicherweise kam der Schiffsarzt dazu und wiedersetzte sich dem Befehl des Lieutenants, denn ein Matrose kam schon mit einem Eimer Wasser. Der Arzt ließ David in seine Hängematte bringen und öffnete ihm eine Ader. Der Unglückliche bekam endlich sein Bewußtsein wieder.
Unterdessen war die Fregatte mit günstigem Winde an den Inseln Jersey und Guernesey vorbeigesegelt und befand sich im atlantischen Ocean. Als daher David nach zwei Tagen auf das Verdeck kam, sah er nur Himmel und Wasser. Die wieder eingefangenen Ausreißer wurden übrigens milder behandelt, als zu erwarten war: sie betheuerten, daß sie die Absicht gehabt, in der Nacht wieder an Bord zu kommen, aber der Wunsch, bei der Hochzeit eines Cameraden zu sein, habe über die Furcht vor Strafe den Sieg davongetragen. Zu ihrer Rechtfertigung führten sie an: daß sie sich ohne Widerstand hatten verhaften lassen und daß Bob, der entsprungen sei, um der ehelichen Freuden nicht ganz beraubt zu werden, am andern Morgen freiwillig zurückgekehrt sei; das Urtheil lautete auf acht Tage Arrest bei Wasser und Brot in der Löwengrube und zwanzig Hiebe. Die Strafe war milde im Vergleich mit dem Vergehen, wie überall, wo der Capitän Recht zu sprechen hatte.
Der von allen schlechten Matrosen der englischen Marine gefürchtete Donnerstag kam. Der Donnerstag ist der Prügeltag. Um acht Uhr Morgens stellten sich die Seesoldaten in Parade am Backbord und Steuerbord auf; dann erschienen die Delinquenten in Begleitung des Profoßen und seiner beiden Gehilfen. Zum großen Erstaunen der meisten Anwesenden befand sich David unter denen, welche gezüchtigt werden sollten.
»Mister Burke,« sagte der Capitän Stanbow, sobald als er den armen Haarkünstler erkannte, »dieser Mann kann nicht als Deserteur behandelt werden; denn er gehörte nicht zu unserer Mannschaft, als er am Lande festgenommen wurde.«
»Ich lasse ihn auch nicht als Deserteur bestrafen, Capitän,« erwiederte der Lieutenant, »sondern als Trunkenbold. Gestern kam er völlig betrunken auf’s Verdeck.«
»Herr Capitän,« sagte David, »es liegt mir wenig daran, ob ich ein Dutzend Hiebe bekomme, denn ich habe in der Seele einen größern Schmerz, als man meinem Leibe machen kann ; aber zur Steuer der Wahrheit muß ich sagen und ich schwöre es bei meiner Seligkeit, daß ich auf diesem Schiffe noch keinen Tropfen Wein oder Ruhm getrunken habe. Ich berufe mich auf meine Cameraden, denen ich bei jeder Mahlzeit meine Portion gegeben habe.«
»Ja, das ist wahr,« sagten mehre Stimmen.
»Still!« rief der Lieutenant. »Wie kommt es denn,« sagte er zu David, »daß Ihr nicht aufrecht stehen konntet, als Ihr gestern auf das Verdeck kamet?«
»Das Schiff schwankte sehr stark,« antwortete David, »und ich war seekrank.«
»Seekrank!« wiederholte der Lieutenant höhnisch; »besoffen waret Ihr. Ich habe die in solchen Fällen übliche Probe mit Euch vorgenommen, Ihr konntet keine drei Schritte auf den Deckplanken gehen, ohne zu fallen.«
»Ich bin nicht gewohnt auf einem Schiffe zu gehen,« antwortete David.
»Ihr waret besoffen!« schrie der Lieutenant. »Uebrigens kann Euch der Herr Capitän die verdiente Strafe erlassen; er möge indeß bedenken, wie sehr eine solche Nachsicht der Mannszucht schaden würde.«
Der Capitän konnte David nicht begnadigen, ohne dein Lieutenant Unrecht zu geben. Es blieb bei der ersten Bestimmung.
Niemand getraute sich ein Wort hinzuzusetzen, und nachdem alle Anwesenden das vom Profoßen abgelesene Urteil mit entblößtem Haupte vernommen hatten, begann die Execution. Die an körperliche Züchtigung gewöhnten Matrosen ertrugen die Hiebe mit mehr oder minder Gleichmuth. Bob war der vorletzte. Als die Reihe an ihn kam, öffnete er den Mund, als ob er noch etwas zu sagen hätte; aber nach kurzem Besinnen trat er vor. Er schien es auf ein andermal zu verschieben.
Bob wurde von seinen Cameraden nicht mit Unrecht der »Püster« genannt: sobald die Hiebe auf seinen Rücken fielen, fing er so laut an zu schnauben, daß man hätte glauben können, ein Pottfisch schwimme neben der Fregatte. Dies war übrigens die einzige Schmerzensäußerung, die er hören ließ. – Nach dem zwanzigsten Hieb richtete sich Bob auf; seine von der Sonne gebräunte und vom Salzwasser gehärtete Haut war ganz geschwollen, aber kein Tropfen Blut kam hervor. Man sah, daß er sprechen wollte, und tiefe Stille herrschte auf dem Verdeck.
»Ich habe eine Bitte an den Herrn Capitän,« sagte Bob, indem er seinen Kautabak von der einen Backe zur andern schob; »ich bin einmal da und bitte um die Gnade, mir die zwölf Hiebe Davids aufzählen zu lassen.«
»Was sagst Du da, Bob?« rief der Haarkünstler.
»Laß mich doch,« sagte Bob mit einem tiefen schnarrenden Athemzuge. – »Herr Capitän, ich habe nicht zu entscheiden, ob er strafbar ist oder nicht; aber ich weiß, daß er’s nicht aushält. Ja, er wird sterben und Weib und Kinder im Elende zurücklassen. Ich hingegen habe einmal meine sechsunddreißig ausgehalten – und es war bald überwunden.«
»Tritt zurück, Bob,« sagte der Capitän, dessen Augen sich mit Thränen füllten.
Bob gehorchte, ohne ein Wort zu antworten, David trat vor. – Als man ihm Jacke und Hemd auszog und sein weißer schmächtiger Körper zum Vorschein kam, fanden alle Anwesenden, daß Bob Recht hatte.
Ich machte eine Bewegung gegen den Capitän. Dieser bemerkte es; er mochte wohl errathen, was ich ihm zu sagen hatte, denn er gab mir durch eine Handbewegung zu verstehen, daß er eine Störung nicht wünsche. Dann wandte er sich zu dem Profoßen und dessen Gehilfen und sagte: »Thut eure Pflicht.«
Tiefes Stillschweigen folgte diesen Worten. Die neunschwänzige Katze wurde aufgehoben und schlug blaue Striemen auf den Rücken des Unglücklichen; die Striemen, welche durch den zweiten Hieb entstanden, kreuzten die ersten ; bei dem dritten Hiebe kam das Blut tropfenweise hervor; bei dem vierten spritzte es weit weg und besudelte die zunächst Stehenden.
»Genug!« sagte der Capitän.
Alle Anwesenden atmeten tief auf; lauter als alle Anderen schnob Bob. Die Hände David’s wurden losgebunden. Er hatte keinen Laut von sich gegeben, aber er war leichenblaß. Trotzdem trat er festen Schrittes auf den Capitän zu.
»Ich danke Ihnen, Herr Capitän,« sagte er; »ich werde des Mitleids wie der Rache gedenken.«
»Sie haben nur an Ihre Pflichten zu denken,« erwiederte der Capitän.
»Ich bin kein Matrose,« setzte David hinzu; »ich bin Familienvater, und Gott wird mir verzeihen, daß ich jetzt meine Pflichten als Gatte und Vater nicht erfülle, denn es ist nicht meine Schuld.«
»Führt die Sträflinge hinunter. Der Arzt soll sie besuchen.«
Bob bot David seinen Arm.
»Ich danke, mein braver Freund,« sagte David ; »ich denke, ich kann allein hinuntergehen.«
David ging wirklich festen Schrittes die Treppe der ersten Batterie hinunter.
»Es wird ein schlechtes Ende nehmen,« sagte ich leise zu dem Capitän.
»Ich fürchte es,« antwortete er. – »Gehen Sie zu dem armen Teufel, Mister Davys, und suchen Sie ihn zu beruhigen.«
X
Zwei Stunden nachher ging ich hinunter. David lag im heftigen Fieber auf seiner Hängematte. Ich trat näher.
»Nun, Freund David,« sagte ich, »wir geht’s?«
»Gut,« antwortete er kalt, ohne sich zu mir zu wenden.
»Ihr antwortet, ohne zu wissen, wer mit Euch spricht. Ich bin Mr. Davys.«
David wandte sich rasch um.
»Mr. Davys!« sagte er sich aufrichtend und mich anstarrend. »Wenn Sie wirklich Mr. Davys sind, so habe ich Ihnen zu danken. Bob sagte mir, Sie hätten den Capitän gebeten, mich aus der Löwengrube zu holen. Ohne i Ihre Fürbitte wäre ich erst mit den Andern herausgekommen und ich hätte England nicht noch einmal gesehen. Ich danke Ihnen, Mr. Davys.«
»Seid gutes Muthes, lieber David, Ihr sollt eure Heimat wieder sehen und dort bleiben. Der Capitän ist ein vortrefflicher Mann und er hat mir versprochen, daß es Euch bei seiner Rückkehr frei stehen sollte, das Schiff zu verlassen.«
»Ja, der Capitän ist ein vortrefflicher Mann!« erwiederte David mit bitterem Unmuth; »aber er hat zugegeben, daß der schändliche Lieutenant mich peitschen ließ, wie einen Hund – und er wußte doch, daß ich gar nichts verbrochen hatte.«
»Er konnte Euch aber nicht völlig begnadigen, David; der erste Grundsatz der Disciplin ist, daß ein Vorgesetzter nie Unrecht haben darf. Aber Ihr habt ja gesehen, daß er bei dem vierten Hiebe Halt gebot.«
»Ja, ja,« sagte David, »und wenn es dem Lieutenant gefallen hätte, mich hängen zu lassen, würde mir der Capitän ein Drittheil der Strickeslänge erlassen haben.«
»David,« erwiederte ich, man hängt nur Diebe und Mörder, und Ihr werdet nie einen Diebstahl oder Mord begehen.«
»Wer weiß?« antwortete David.
Ich sah wohl, daß ihn meine Worte nur noch mehr reizten. Ich winkte daher Bob, der aus einem Haufen aufgerollter Taue saß und den Branntwein trank, den er erhalten hatte, um Compressen daraus zu machen, und stieg wieder auf das Verdeck. Es war hier Alles so ruhig, als ob gar nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. Niemand schien an die eben beschriebene Scene mehr zu denken. Das Wetter war schön; wir machten mit günstigem Winde unsere acht Knoten in der Stunde. Der Capitän ging auf dem Hinterdeck sinnend auf und ab. Ich blieb in ehrerbietiger Entfernung von ihn stehen. Zwei- oder dreimal ging er vorbei; endlich bemerkte er mich.
»Nun, wie stehts mit ihm?« fragte er.
»Er phantasiert,« antwortete ich, um David als unzurechnungsfähig darzustellen, falls er drohen würde.
Der Capitän schüttelte den Kopf, legte eine Hand aus meine Schulter und erwiederte:
»Mister Davys, für jeden Mann, in dessen Hände Gott eine Gewalt gegeben hat, ist es sehr schwer gerecht zu sein, und aufrichtig gesagt, ich fürchte, daß ich gegen den Unglücklichen nicht gerecht war.«
»Sie waren mehr als gerecht, Herr Capitän,« erwiederte ich; »Sie haben sich gewiß keine Vorwürfe zu machen.«
»Glauben Sie denn, daß Mr. Burke von Davids Schuld nicht überzeugt gewesen sei?«
»Das will ich nicht sagen; aber seine Strenge soll an Barbarei grenzen. Ich gestehe, daß seine Art zu befehlen mir im ersten Augenblicke Lust gemacht hat ihm ungehorsam zu sein.«
»Thun Sie das nicht, Sir,« sagte der Capitän, der seinem Gesichte einen strengen Ausdruck zu geben suchte; »denn ich würde gezwungen sein, Sie zu bestrafen – Lieber Davys,« setzte er mit fast bittendem Tone hinzu, »thun Sie das nicht, ich beschwöre Sie im Namen Ihres Vaters, meines alten Freundes; es würde mir zu schmerzlich sein.«
Wir gingen eine Weile neben einander auf und ab, ohne uns anzusehen; dann sagte der Capitän, absichtlich das Gespräch auf einen andern Gegenstand lenkend:
»Was meinen Sie, Mister Davys, in welcher Höhe wir jetzt sind?«
»Ich glaube in gleichem Breitengrade mit dein Cap Mondego.«
»Sie irren sich nicht,« erwiederte er; »es ist sehr viel für einen Neuling. Morgen umsegeln wir das Cap Sainte-Vincent, und wenn uns die schwarze Wolke dort, die wie ein liegender Löwe aussieht, keinen arglistigen Streich spielt, sind wir übermorgen Abend in Gibraltar.«
Ich sah nach der vom Capitän angedeuteten Richtung hin. Die Wolke bildete einen schwärzlich-m Fleck am Himmel. Aber ich war damals noch zu unerfahren, um auf diese Vorbedeutung einen Werth zu legen. Ich wünschte nur zu wissen, wohin wir von Gibraltar segeln würden. Ich hatte gerüchtweise vernommen, daß wir die Stapelplätze in der Levante besuchen würden, und diese Hoffnung hatte nicht wenig beigetragen, meinen Schmerz über die Trennung von meinen theuren Eltern zu mildern. Ich knüpfte daher an die letzten Worte des Capitäns an und fragte:
»Werden Sie lange in Gibraltar bleiben?«
»Ich weiß es noch nicht. Ich werde dort die Befehle der Admiralität erwarten,« antwortete der Capitän und sah wieder nach der Wolke hin.
Ich wartete eine Weile, ob er das Gespräch wieder aufnehmen würde ; da er schwieg, so salutirte ich und wollte mich entfernen; aber er gab mir einen Wink.
»Hören Sie, lieber Davys,« sagte er, »lassen Sie einige Flaschen Bordeaux heraufbringen und geben Sie sie dem armen David – aber er muß es als ein Geschenk von Ihnen ansehen.«
Ich war so gerührt, daß ich eine Hand des Capitäns ergriff und an meine Lippen ziehen wollte. Er entzog sie mir lächelnd.
»Gehen Sie,« sagte er, »ich« empfehle Ihnen den armen Teufel. Ich werde Alles gutheißen, was Sie thun.«
Als ich wieder auf dem Verdeck war, betrachtete ich die Wolke, die inzwischen, wie eine Operndecoration, eine andere Form angenommen hatte. Sie sah nun aus wie ein riesiger Adler mit ausgebreiteten Flügeln. Am Bord war indeß keine Veränderung wahrzunehmen. Die Matrosen spielten oder plauderten auf dem Verdeck.
Der Capitän setzte seine Promenade auf dem Hinterdeck fort. Der erste Lieutenant saß oder vielmehr lag auf der Laffete einer Coronade. Die Wache saß im Mastkorbe, und Bob schien, an die Backbordverschanzung gelehnt, die vom Schiffe aufgetriebenen Schaumflocken zu betrachten. Ich setzte mich zu ihm und pfiff die Melodie eines alten irischen Wiegenliedes, welches mir Mistreß Denison oft vorgesungen hatte.
Bob hörte eine Weile schweigend zu; aber bald wandte er sich zu mir, nahm seine Mütze ab und sagte zögernd zu mir:
»Mit Respect zu melden, Mister Davys, ich habe von alten erfahrenen Leuten gehört, daß es gefährlich sei den Wind zu rufen, wenn der Großadmiral der Wolken eine so große Ladung in Bereitschaft hat, wie eben jetzt.«
»Du willst damit sagen, alter Püster,« erwiederte ich lachend, »daß meine Musik Dir nicht gefällt und daß ich schweigen soll?«
»Ich habe Ew. Gnaden nichts zu befehlen, ich bin vielmehr jederzeit bereit Ihren Befehlen zu gehorchen; ich habe ja nicht vergessen, was Sie für den armen David gethan. Aber für den Augenblick dürfte es gerathen sein den Wind nicht zu wecken. Wir haben eine hübsche Nordnordwestbrise, und das ist Alles, was ein unter dem weißen Bramsegel, unter den beiden Marssegeln und dem Focksegel fahrendes rechtschaffenes Schiff braucht.«
»Aber, lieber Bob,« erwiederte ich, um ihn gesprächig zu machen, »woraus schließet Ihr denn, daß das Wetter umschlagen müsse? Der ganze Himmel ist ja heiter, bis auf jenen dunkeln Streifen.«
»Mister John,« sagte Bob und legte seine breite Hand auf meinen Arm, »ein Schiffsjunge braucht acht Tage Zeit, um zu lernen, wie man ein Tau splißt oder eine Beschlagleine einzieht; aber ein Seemann braucht eine ganze Lebenszeit, um die Schrift des Himmels in den Wolken lesen zu lernen.«
»Ja, ja,« antwortete ich und schaute wieder auf den Horizont, »ich sehe wohl, daß sich dort etwas zusammenzieht, aber es scheint mir nicht von Bedeutung.«
»Mister John,« sagte Bob mit einem Ernst, der doch einigen Eindruck auf mich machte, »wer die Wolke dort für einen Windstoß oder eine Bö kauft, verdient hundert Procent daran. Es ist ein Sturm im Anzuge, ein tüchtiger Sturm.«
»Wirklich?« erwiederte ich, erfreut über die Gelegenheit, aus seiner Erfahrung einigen Nutzen zu ziehen ; »ich hatte gewettet, daß wir für den Augenblick nur einen hohen Windstoß zu fürchten hätten.«
»Weil Sie nur nach einer Seite hinschauen. Wenden Sie sich nur ostwärts, Mister John. Ich habe noch nicht hingesehen; aber so wahr als ich Bob heiße, ich bin überzeugt, daß dort etwas im Werke ist« .
Ich sah mich um und bemerkte wirklich eine Reihe Wolken, welche wie Inseln aus dem Meere hervorzukommen schienen und ihre grauweißen Köpfe emporstreckten. Bob hatte Recht; es waren zwei Gewitter im Anzuge. Aber ehe der Sturm eine bestimmte Richtung nahm, war nichts zu thun, und Alle am Bord spielten, plauderten oder promenirten ruhig fort.
Nach und nach fing der bisher frische Wind an zu flattern, der Himmel bezog sich, das Meer bekam eine aschgraue Farbe und man hörte den fernen Donner. Da wurde Alles still am Bord, man hörte nur das Flattern des Bramsegels.
»Heda, Topmast!« rief der Capitän dem Matrosen im Mastkorbe zu, »was macht der Wind?«
»Er ist noch nicht ganz still,« antwortete der Mastwächter; »aber er kommt nur noch stoßweise, und jeder Windstoß wird schwächer und wärmer.«
»Komm herunter!« rief der Capitän.
Der Matrose kletterte mit einer Schnelligkeit, welche bewies, daß ihm die Abkürzung seiner Wache gar nicht unlieb war, am Tauwerk herab und nahm mitten zwischen seinen Cameraden Platz. Der Capitän setzte seine Promenade fort und Alles ward wieder still.
»Euer Camerad scheint sich geirrt zu haben,« sagte ich zu Bob; »die Segel blähen sich wieder und das Schiff geht tüchtig vor dem Winde. Sehet nur.«
»Es wird bald anders werden,« erwiederte Bob.
Er hatte Recht. Das Schiff legte noch etwa eine Viertelmeile vor dem Winde rasch zurück; dann fing es an zu schwanken und auf den Wellen zu tanzen.
»Alle an Deck! rief der Capitän.
Sogleich kam die übrige Mannschaft aus allen Winkeln hervor und Jedermann war der weitern Befehle gewärtig.
»Oho!« sagte Bob, »unser Capitän trifft frühzeitig seine Vorkehrungen. Mich dünkt, wir haben noch eine gute halbe Stunde Zeit, ehe sich der Wind entschließt, von welcher Seite er zu blasen gedenkt.«
»Sehet,« sagte ich, »er hat sogar den Lieutenant Burke geweckt – er steht auf.«
»Der Lieutenant hat so wenig geschlafen wie Sie,« erwiederte Bob leise.
»Wie! Sehet ihn nur an, er gähnt ja wie ein Windhund.«
»Man gähnt nicht immer aus Müdigkeit,« entgegnete Bob; »fragen Sie nur den Arzt.«
»Was bedeutet denn das Gähnen sonst noch?«
»Daß das Herz aufschwillt. Sehen Sie nur den Capitän an, er gähnt nicht. – Da wischt sich der Lieutenant das Gesicht mit dem Schnupftuch ab. Und nun geht er gar an erneut Stock, er hat doch sonst einen so sichern Tritt.«
»Was wollt Ihr damit sagen, Bob?«
»Nichts; ich weiß was es bedeutet.«
Burke trat auf den Capitän zu und Beide wechselten einige Worte.
»Achtung!« rief der Capitän.
Dieser mit starker Stimme ertheilte Befehl wirkte wie ein elektrischer Schlag auf die ganze Mannschaft. Der Capitän warf einen Blick auf das Verdeck, um zu sehen, ob jeder auf seinem Posten war; dann fuhr er fort:
»Die Kette des Blitzableiters ins Wasser! Die Eimer und die Feuerspritze gefüllt! die Lunten von den Kanonen weg! die Zündlöcher verstopft! die Stückpforten, Luftlöcher und Fenster geschlossen! Kein Luftzug darf im Schiffe sein!«
In diesem Augenblicke fing es stärker an zu donnern, als ob das Gewitter den angeordneten Vorkehrungen Hohnsprechen wollte. In zehn Minuten waren die Befehle vollzogen und Jedermann nahm seinen Platz auf dem Verdeck wieder ein.
Das Meer war noch ruhig, kein Lüftchen regte sich; die Segel hingen schlaff von den Raaen herab, es wurde immer dunkler und schwüler; die kupferfarbenen Wolken senkten sich immer tiefer und schienen sich auf den Mastspitzen zu lagern.
Unsere geringsten Bewegungen machten ein unheimliches Getöse in dieser Todtenstille, die nur von Zeit zu Zeit durch den Donner unterbrochen wurde, und doch war noch nicht zu bemerken, von welcher Seite der Wind kommen würde. Der Sturm schien, wie ein Missethäter, zu zögern, ehe er sein Zerstörungswerk begann.
Endlich bemerkte man hier und da ganz kleine, von Osten nach Westen treibende Wellen, von den Matrosen »Katzenpfoten« genannt, und die Segel singen an sich zu bewegen.
Ostwärts zwischen Meer und Wolken zeigte sich ein Lichtstreif, als ob ein Vorhang aufgezogen wäre, um den Wind durchzulassen; man hörte ein aus den Tiefen des Oceans aufsteigendes furchtbares Getöse; die Wasserfläche kam in Bewegung und bedeckte sich mit Schaum; dann glitt ein leichter durchsichtiger Nebel von Osten her mit wogenden und schäumenden Fluten. Es war endlich der Sturm.
»Muth, Kinder!« rief der Capitän. »Der Wind kommt vom Lande her und wir haben einen weiten Raum, ehe wir einen Felsen finden. – Das Steuer vor den Wind! – Wir wollen uns treiben lassen, bis der Sturm müde wird uns zu verfolgen.«
Das Schiff, welches eine Zeitlang unbeweglich geblieben war, hatte eine zur raschen Vollziehung dieses Befehls günstige Stellung. Der schwimmende Koloß gehorchte dem Steuer so willig wie ein gut dressiertes Pferd dem Gebiß. Zweimal neigten sich die hohen Mastbäume so tief, daß die Spitzen der Raaen das Meer berührten, und zweimal richteten sie sich wieder auf. Endlich faßten die Segel den Wind und das Schiff tanzte auf den Fluten wie ein von der Peitsche getriebener Kreisel. Es segelte so schnell, daß die nacheilenden Wogen es nicht erreichen konnten.
»Ja, ja,« sagte Bob, wie mit sich selbst redend, »der »Trident« ist ein tüchtiger Segler, und der Capitän kennt ihn so gut wie eine Amme ihren Säugling – Sie können sich keine schönere Lection wünschen, Mister John,« setzte er, sich zu mir wendend, hinzu. »Aber benutzen Sie sie schnell, denn sie wird nicht lange dauern. Was glauben Sie, wie viel der Wind in jeder Secunde macht?«
»Fünfundzwanzig bis dreißig Fuß.«
»Gut geantwortet,« sagte Bob, mit seinen breiten Händen klatschend, »gut geantwortet für einen Midshipman, der das Meer kaum vierzehn Tage kennt; aber der Wind macht jeden Augenblick einige Fuß mehr und wird uns überholen.«
»Nun, dann spannen wir mehr Segel auf.«
»Hm! wir führen alle Segel, die wir tragen können. Sehen Sie nur, Mister John, die Bramstange biegt sich wie eine Weidenruthe. Das Holz hat keinen Verstand, man darf ihm nicht allzu viel zumuthen.«
»Den kleinen Klüver aufgehißt und das Riff des Fortsegels aufgespannt!« rief der Capitän, dessen Stimme das Heulen des Sturms weit übertönte.
Dieser Befehl wurde so rasch und genau vollzogen, als ob das Schiff ganz ruhig seine zehn Knoten in der Stunde zurückgelegt hatte, und der »Trident« trieb noch rascher vor dem Winde. Durch diesen Zuwachs an Segelkraft wurde das Schiff mit dem Vordertheil so heftig in die Wogen getrieben, daß die aus dem Vorderdeck befindlichen Matrosen einige Augenblicke bis an den Gürtel im Wasser waren. Aber das Schiff richtete sich sogleich wieder auf wie ein edles Roß, das nach einem Fehltritt rascher läuft, als vorher.
So segelten wir etwa eine Stunde vor dem Winde, ohne daß das Takelwerk die mindeste Beschädigung erlitt. Der Sturm wurde indeß immer heftiger; die Wellen überholten das Schiff, und eine haushohe Welle schlug auf das Verdeck. Zugleich thaten sich die auf den Mastspitzen hängenden Wollen auf und der nun durchblickende Himmel war glühend wie der Krater eines Vulkans, – ein betäubender Donnerschlag trachte, der einen Augenblick um den Mastkorb zuckende Blitz fuhr an dem Leiter hinab ins Meer.
Diesem Donnerschlage folgte eine kurze unheimliche Stille, und selbst der Sturm schien sich, wie von dieser Kraftanstrengung erschöpft, zu beruhigen.
Der Capitän benutzte diesen Augenblick der Windstille und rief :
»Alle Segel einreffen! – Mister Burke, schicken Sie Leute zu den Geitauen der Marssegel! – Alle hinauf!«
Der Eindruck, den diese gewaltige Stimme auf die Mannschaft machte, ist unbeschreiblich. Wir Alle kletterten in der noch von Schwefelgeruch erfüllten Atmosphäre empor und legten Hand ans Werk. In wenigen Augenblicken senkten sich fünf von den sechs ausgespannten Segeln wie Wolken, die vom Himmel herabkommen. Ich traf mit James in dem großen Mastkorbe zusammen.
»Aha, Sie sind’s,« sagte er, »Mister John. Ich hoffte, wir würden unsere Wanderung bei schönerem Wetter fortsetzen.«
»Soll ich Ihnen oben auf den Masten die Honneurs machen, wie Sie unten im Kielraum?« erwiederte ich lachend. »Dort oben ist noch ein Toppsegel, das vergessen hat mit den anderen herunterzukommen. Mich dünkt, wir sollten’s einziehen.«
Der Sturm, der sich wieder erhebt, wird schon dafür sorgen. Folgen Sie meinem Beispiel, Mister John, und steigen Sie geschwind hinunter.«
»Alle auf das Verdeckt« rief der Capitän. »Nur Einer bleibt oben, um das Toppsegel zu kappen! – Alle herunter!«
Die Matrosen ließen sich’s nicht zweimal sagen. Alle glitten am Tauwerk hinab, so daß ich mich allein im großen Mastkorbe befand. Ich kletterte rasch an der Strickwand hinauf, um die Stange des Toppsegels zu erreichen; aber ehe ich so weit gekommen war, brach der Sturm wieder los.
Ueber mir sah ich das wie ein Ballen aufgeblähte Segel, welches den Mast loszubrechen drohte Ich kletterte so schnell wie es in einem solchen Sturm möglich war. Mir der einen Hand hielt ich mich an der Segelstange fest, mit der andern zog ich meinen Dolch und fing an das Tau zu zerschneiden, welches eine Ecke des Segels an der Raae festhielt. Es wäre eine lange Arbeit gewesen, wenn mir der Sturm nicht zu Hilfe gekommen wäre. Das Tau war noch nicht zur Hälfte durchschnitten, und es zerriß vollends; das andere Tau löste sich ab. Das Segel flatterte einige Augenblicke über meinem Kopfe; dann krachte die Bramstange und das Segel wurde vom Sturm fortgerissen und durch die Luft geschleudert. Zugleich bekam das Schiff einen furchtbaren Stoß. Ich glaubte mitten unter dem Heulen des Windes die Stimme des Capitän Stanbow zu hören, welche meinen Namen rief. Eine ungeheure Woge hatte seitwärts an das Schiff geschlagen; ich fühlte wie es sich, gleich einem angeschossenen Thier, auf die Seite legte, und ich hielt mich mit aller Kraft an der Strickband fest. Die Masten senkten sich und ich sah das Meer unter mir brausen. Einen Augenblick schwindelte mir der Kopf, es schien mir, als ob diese wogenden Abgründe meinen Namen brüllten; ich fühlte, daß meine Hände und Füße nicht mehr genügten mich zu halten, ich packte das Tau mit den Zähnen und schloß die Augen, denn ich erwartete jeden Augenblick in das nasse Grab zu sinken.
Doch der »Trident« war ein zu seetüchtiges Schiff; ich fühlte wie es sich wieder aufrichtete – ich schlug die Augen auf und sah unter mir, wie durch einen Nebel, das Verdeck und die Matrosen. Das war mir genug; ich ergriff ein Tau , glitt hinab und fiel auf das Hinterdeck, zwischen Stanbow und Burke. Alle hatten mich schon aufgegeben. Der Capitän drückte mir die Hand und die überstandene Gefahr wurde schnell vergessen, Burke begrüßte mich mit einer leichten Verbeugung, aber er sprach kein Wort.
Während der von dem Capitän Stanbow angeordneten Wendung des Schiffes hatte uns eine Welle von der Seite gefaßt und die Folge davon war, daß ich einen höchst anmuthigen Bogen in der Luft beschrieb.
Der Capitän hatte inzwischen keine Zeit verloren. Statt der großen Segel, welche bisher die Masten bedeckt hatten, waren nur der kleine Klüver und das Reff des Forkmastes aufgespannt. So war der Vordertheil dem Winde zugekehrt und die Wellen konnten das Schiff nicht mehr von der Seite fassen. Diese Maßregel hatte auch den vollen Beifall Bob’s, der mir zu meiner glücklich überstandenen Luftfahrt Glück wünschte und mir sodann die Vortrefflichkeit und die Ursache dieser Anordnung erklärte.
Nach seiner Meinung war der stärkste Sturm vorüber und der Südostwind mußte bald nach Nordost umspringen. Wenn diese Veränderung der Windrichtung stattfand, hatten wir nur das große Segel aufzuziehen, um die verlorene Zeit wieder einzubringen.
Bob hatte Recht. Der heftigste Sturm war vorüber, obgleich die Wellen noch furchbar tobten , und gegen Abend blies der Wind aus Westnordwest, und am andern Morgen hatten wir wieder die Fahrstraße erreicht, von welcher uns der gestrige Sturm vertrieben hatte.
Denselben Abend war Lissabon in Sicht, und als der Tag zum zweiten Male wieder anbrach, befanden wir uns in der Meerenge von Gibraltar.
Der Anblick der beiden so nahen Küsten ist reizend: auf jeder Seite erheben sich hohe Berge, deren Gipfel mit Schnee bedeckt sind, und am spanischen Ufer liegen maurische Städte zerstreut, welche mehr afrikanisch als europäisch sind und vor Zeiten in einer Anwandlung von Laune über die Meerenge gekommen zu sein scheinen.
Die ganze Mannschaft kam aus das Verdeck, um sich an diesem herrlichen Anblick zu weiden. Ich suchte unter den Matrosen meinen armen David, den ich seit vier Tagen ganz vergessen hatte. Er allein war in seiner verzweifelten Stimmung unten geblieben. Drei Stunden nachher warfen wir unter den Batterien der Festung, mit welcher wir zu gegenseitiger Begrüßung einundzwanzig Kanonenschüsse wechselten, die Anker aus.
XI
Gibraltar ist keine Stadt, sondern eine Festung, deren strenge Disciplin sich bis auf die Bürger erstreckt. Dieser Platz ist daher auch nur als Militärposten von Wichtigkeit; in dieser Beziehung kann seine Bedeutung nicht zu hoch angeschlagen werden.
Nachdem der neue Gouverneur ans Land gestiegen war, sollten wir auf der Rhede die weiteren Befehle der Regierung erwarten. Der Capitän Stanbow gab täglich der einen Hälfte der Mannschaft die Erlaubniß ans Land zu gehen. Wir machten bald mit einigen Offizieren der Besatzung Bekanntschaft und wurden von ihnen in die Häuser eingeführt, wo sie Zutritt hatten.
Unsere Unterhaltungen blieben auf diese Gesellschaften, auf die Benutzung einer sehr schönen öffentlichen Bibliothek und auf Spazierritte in der Umgegend beschränkt. James war mein bester Freund geworden; wir genossen zusammen die wenigen Freuden, welche Gibraltar bietet, und da er auf seinen Sold angewiesen war, so übernahm ich den größten Theil der Ausgaben, ohne jedoch sein Zartgefühl zu verletzen. So hatte ich zwei schöne arabische Pferde für die ganze Dauer unseres Aufenthaltes gemiethet, und James ritt natürlich das eine Pferd.
Eines Tages sahen wir auf einem Spazierritt einen Adler, der auf einem todten Pferde saß und so gierig fraß, daß ich ihm bis auf hundert Schritte nahe kam.
»Ich hatte oft gesehen, wie unsere Bauern ein ganz einfaches Mittel anwenden, um einen im Lager sitzenden Hasen zu fangen: sie beschreiten einen immer engern Kreis um das Thier, bis sie ihm so nahe kommen, daß sie ihn mit einem Stock todtschlagen können.
So kam ich auch dein Adler bis auf fünfundzwanzig Schritte nahe; vielleicht war er in Folge seiner Gefräßigkeit schwerfällig und träge geworden. Ich hielt mein Pferd an, zog ein Pistol aus den Sattelholftern und zielte. Der Adler versuchte nun aufzufliegen; aber ehe er sich vom Erdboden erhoben hatte, zerschoß ich ihm einen Flügel.
James und ich sprangen vom Pferde, um den Adler zu ergreifen. Aber die schwerste Arbeit war noch zu thun; der angeschossene Vogel schien gar nicht geneigt sich ohne Gegenwehr zu ergeben. Ich hätte ihn tödten können, aber wir wollten ihn lebend fangen und mit auf’s Schiff nehmen; wir machten daher einen regelrechten Angriff.
Der Adler war prächtig mit seinen feurigen Augen, welche alle unsere Bewegungen verfolgten. Anfangs wollten wir ihn an der Mitte des Leibes ergreifen, ihm den Kopf unter den Flügel stecken und ihn wie eine Henne forttragen; aber er wehrte sich mit seinem gewaltigen Schnabel so gewandt, daß wir zu anderen Mitteln greifen mußten. Wir zogen unsere Schnupftücher hervor; ich warf dem Adler das meinige über den Kopf und mit dem andern band ihm James die Füße. Der blutende Flügel wurde in der Eile mit meinem Halstuch verbunden, und so wurde der stolze Aar, wie eine Ibismumie eingewickelt, an meinem Sattelknopf hängend nach Gibraltar gebracht. Unser Boot lag im Hafen und führte uns im Triumph nach dem Schiffe.
Da wir durch Signale zu verstehen gaben, daß wir etwas Außerordentliches mitbrachten, so wurden wir von der gesammten am Bord befindlichen Mannschaft an der Leiter erwartet. Wir nahmen sogleich die Hilfe des Wundarztes in Anspruch, um den zerschossenen Flügel amputiren zu lassen. Wir nahmen den Verband ab; aber der tief vermummte Adler nicht ganz leicht von einem Truthahn zu unterscheiden war, so erklärte der angehende Chirurg, das Geschäft gehe den Koch an und nicht ihn. Wir ließen daher den Master Cook kommen, und dieser hielt es nicht unter seiner Würde die Operation vorzunehmen. Als der zerschossene Flügel amputirt und ein neuer Verband angelegt war, banden wir die Fänge des Adlers los und nahmen ihm die Kopfbinde ab. Die ganze Schiffsmannschaft jubelte über den prächtigen Fang, den wir gemacht hatten. Der Gefangene blieb mit Bewilligung des Capitäns am Bord, und acht Tage nachher war Nick so zahm wie ein Papagei.
In Plymouth hatte ich durch die Leitung des Zuges nach Walsmouth einen Beweis von Gewandtheit gegeben; meinen Muth hatte ich im Sturme durch das Lappen des Oberbramsegels gezeigt; ich hatte endlich bewiesen, daß ich ein guter Schütze war, und so wurde ich denn am Bord des »Trident« nicht mehr als Knabe und Neuling, sondern als tüchtiger Seemann betrachtet.
Der Capitän Stanbow war so gütig gegen mich wie er konnte, ohne meine Cameraden zu verletzen; der Lieutenant Burke hingegen schien immer feindseliger gegen mich zu werden. Dies war übrigens ein Unglück, welches ich mit allen meinen der Aristokratie angehörenden jungen Cameraden theilte. Ich mußte mich mit ihnen trösten. Ich war rastlos thätig und eifrig in der Erfüllung meiner Pflichten, und da ich während unseres Aufenthaltes vor Gibraltar keinen Anlaß zur Unzufriedenheit gab, so mußte er eine andere Gelegenheit abwarten, sein Müthchen an mir zu kühlen.
So lagen wir beinahe einen Monat im Hafen von Gibraltar und warteten auf Befehle von England. Endlich, am neunundzwanzigsten Tage wurde ein englisches Schiff signalisirt.
Es war die »Salsette«, eine Fregatte von sechsundvierzig Kanonen, und wir zweifelten nicht, daß sie uns die erwarteten Instructionen bringen werde.
Am Bord herrschte große Freude ; Matrosen und Offiziere waren des unthätigen Lebens müde. Wir hatten uns in unseren Erwartungen nicht getäuscht; noch denselben Abend kam der Capitän der »Salsette an Bord des »Trident« und brachte die ersehnte Depeschen. Außer den Befehlen der Admiralität kamen mehre Privatbriefe; einer dieser Briefe war an David. Der Capitän Stanbow übergab den Brief mit dem Ersuchen ihn abzugehen.
David hatte die Erlaubniß, an’s Land zu gehen, nicht ein einziges Mal benutzt; trotz den dringenden Einladungen Bob’s und seiner Cameraden war er am Bord geblieben und hatte seinen Dienst mit einer Geschicklichkeit und Pünktlichkeit versehen, welche einem geübten Matrosen alle Ehre gemacht hätte. Ich fand ihn in der Segelkammer mit dem Ausbessern des Focksegels beschäftigt und übergab ihm den Brief. Kaum hatte er die Handschrift erkannt, so erbrach er das Siegel mit einer Hast, welche bewies, daß er dem Briefe großen Werth beilegte. Er erblaßte, als er die ersten Zeilen gelesen hatte, seine Lippen bebten und der Schweiß tropfte ihm vom Gesichte. Als er den Brief zu Ende gelesen hatte, legte er ihn zusammen und steckte ihn in seine Brusttasche.
»Was enthält dieser Brief, David?« fragte ich ihn.
»Nichts Unerwartetes,« antwortete er.
»Aber er hat Euch doch sehr angegriffen.«
»Ein Schlag thut immer weh, wenn man auch darauf vorbereitet ist.«
»David,« sagte ich, habt Vertrauen zu einem Freunde.«
»Kein Freund kann jetzt etwas für mich thun; aber ich danke Ihnen, Mister John, und ich werde nie vergessen, was Sie und der Capitän für mich gethan haben.«
»Ihr müßt den Muth nicht verlieren, David.«
»Sie sehen ja, daß ich Muth habe,« antwortete er und nähte wieder an dem Segel.
Er hatte wirklich Muth, aber es war der Muth der Verzweiflung und nicht der Ergebung. Ich verließ den Unglücklichen in einer traurigen Stimmung, deren ich mich nicht erwehren konnte, so oft ich mit ihm in Berührung kam. Ich begab mich wieder zu dem Capitän, um ihm meine Besorgnisse hinsichtlich des armen David mitzutheilen; aber Mister Stanbow ließ mich nicht zu Worte kommen.
»Mister Davys, sagte er, »ich habe Ihnen eine Nachricht mitzutheilen, die Ihnen sehr angenehm sein wird; morgen segeln wir nach Constantinopel ab, wo wir die Vorstellungen, welche unser Botschafter, Mister Adair, im Namen unserer Regierung dem Divan zu machen hat, durch unsere Anwesenheit unterstützen sollen. Sie werden den Orient, das Land der »Tausend und eine Nacht« nun bald sehen; Sie werden es vielleicht durch den Pulverrauch der Kanonen sehen, und dies wird der Poesie des Bildes keinen Abbruch thun. Zeigen Sie der Mannschaft diesen Entschluß an; bei Tagesanbruch muß Alles segelfertig sein.«
Der Capitän hatte richtig gerathen; nichts hatte mir angenehmer sein können, als die Nachricht, die er mir mittheilte. Meine Freude über die bevorstehende Seereise verscheuchte alle übrigen Gedanken und ich beeilte mich dem Lieutenant Burke die auf die Abfahrt bezüglichen Befehle mitzutheilen. Burke hatte wohl bemerkt, daß der Capitän absichtlich mied mit ihm in Berührung zu kommen. Seit der Bestrafung David’s pflegte der Capitän nicht direct, sondern durch meine Vermittlung mit ihm zu verkehren, und der Lieutenant war keineswegs freundlicher gegen mich geworden. Ich war indeß immer so ehrerbietig gegen ihn, wie es die strengste Disciplin erheischte, und er antwortete kalt und höflich.
Noch denselben Abend machten wir uns segelfertig, und da der Wind gut war, liefen wir in der Nacht aus. Am folgenden Nachmittage um vier Uhr war kein Land mehr in Sicht. Als die erste Abendwache , zu der auch ich gehörte, abgelöst worden war und ich eben anfing mich auszukleiden, entstand plötzlich aus dem Hinterdeck ein lautes Getöse und ich hörte deutlich den Schreckensruf: »Mörder! Mörder!«
Ich eilte auf’s Verdeck und dort bot sich mir ein eben so unerwarteter als schrecklicher Anblick. David, ein blutiges Messer in der Hand haltend, wurde von vier kräftigen Matrosen gehalten, während der Lieutenant Burke seine Kleider abwarf und eine große Wunde am linken Oberarm zeigte.
Wie groß auch mein Erstaunen war, so konnte ich doch keinen Augenblick an dem Sachverhalte zweifeln. David hatte den Lieutenant erstechen wollen; zum Glück hatte dieser, durch den Ruf eines Matrosen gewarnt, den Stoß mit dem Arm parirt, und die auf seine Brust gerichtete Klinge war durch den Oberarm gedrungen. David hatte noch einmal zum Stoß ausgeholt, aber Barke hatte ihn beim Handgelenk gefaßt und mit Hilfe einiger Matrosen festgenommen.
Fast zugleich mit mir kam der Capitän Stanbow aufs Verdeck und war Zeuge desselben Schauspiels. Unbeschreiblich war der Ausdruck des Schmerzes in dem Gesicht des würdigen alten Herrn. Er hatte im Herzen immer Partei für David genommen, aber dieses mal gab es keine Gründe zur Entschuldigung einer solchen Gewaltthat; es war ein meuchlerischer Angriff und die Absicht dem Lieutenant das Leben zu nehmen lag klar am Tage. Der Capitän befahl daher David in Ketten zu legen und in den Kielraum zu bringen. Das Kriegsgericht wurde auf den zweiten Tag zusammenberufen.
In der Nacht vor dem zur kriegsrechtlichen Verhandlung bestimmten Tage ließ mich der Capitän rufen. Er fragte mich, ob ich nichts Näheres über diese unglückliche Angelegenheit wisse und ob mir etwas bekannt sei, daß der Lieutenant Burke den Arrestanten wieder schlecht behandelt und dadurch zum Zorn gereizt habe. Ich wußte nicht mehr als der Capitän selbst und konnte daher keine Auskunft geben. Ich versuchte ihn an alle Ungerechtigkeiten zu erinnern, welche der Arrestant erduldet hatte; aber Mr. Stanbow schüttelte traurig den Kopf. Ich erbot mich in den Kielraum zu gehen, um vielleicht von David selbst Einiges zu erfahren; aber mein Anerbieten war den Disciplinargesetzen zuwider: David mußte bis zu seinem Erscheinen vor dem Kriegsgericht allein bleiben. Der Capitän war daher gezwungen bis dahin zu warten.
Am andern Morgen um zehn Uhr versammelte sich das Kriegsgericht in der großen Cajüte. In der Mitte stand ein mit grüner Decke belegter Tisch. Die Richter nahmen an dem Tische Platz: es waren der Capitän Stanbow, die beiden Secondlieutenants, der Bootsmann und James, der als ältester Midshipman zu den Berathungen gezogen wurde. Aus dem Tische lag eine große Bibel. Auf beiden Seiten standen der Profoß und der mit der Anklage beauftragte Offizier, Beide mit entblößtem Haupt, und der Erstere mit gezogenem Degen.
Als die Richter Platz genommen hatten, traten die Matrosen ein und stellten sich im Halbkreise auf. – Der Lieutenant Burke war in seiner Cajüte geblieben.
Der Gefangene wurde hereingeführt. Er war blaß, aber vollkommen ruhig. Alle Anwesenden waren tief ergriffen bei dem Anblick dieses Unglücklichen, den man seiner Familie gewaltsam entrissen und durch grausame Behandlung zu einer verzweifelten That getrieben hatte.
Obgleich das Gesetz in diesem Falle auf der Seite der Gewalt war, so fühlten doch Die, welche es auszuüben hatten, daß Gesetz und Recht nicht immer übereinstimmen ; allein ungeachtet des Mitleids, welches Jedermann mit ihm fühlte, mußte dem Gesetz Genüge geleistet werden.
Nach einer kurzen Pause nahm der Capitän Stanbow das Wort.
»Wie heißet Ihr?« fragte er den Arrestanten.
»David Munson ,« antwortete dieser mit festerer Stimme, als der Capitän gefragt hatte.
»Wie alt seid Ihr?«
»Neununddreißig Jahre und drei Monate.«
»Wo seid Ihr geboren?«
»In dem Dorfe Saltasch.«
»David Munson, Ihr seid angeklagt, in der Nacht vom 4. zum 5. December einen meuchlerischen Angriff auf das Leben des Lieutenant Burke gemacht zu haben.«
»Es ist die Wahrheit, Sir.«
»Welche Beweggründe haben Euch zu diesem Verbrechen bewogen?«
»Einen Theil dieser Beweggründe kennen Sie, Mr. Stanbow,« antwortete David; »ich habe nicht nöthig Sie noch einmal daran zu erinnern; die andern sind aus diesem Briefe ersichtlich.«
Der Angeklagte zog den Brief aus der Tasche, den ich ihm drei Tage zuvor in Gibraltar übergeben hatte, und legte ihn auf den Tisch.
Der Capitän nahm den Brief und las ihn mit sichtlicher Rührung; dann reichte er ihn seinem Nachbar, der ihn ebenfalls flüchtig durchlas. So ging der Brief von Hand zu Hand.
»Was steht in dem Briefe?« fragte der Ankläger.
»Es steht darin, Sir,« sagte David, »daß meine Frau, die schon bei meinen Lebzeiten Witwe geworden, anfangs Alles verkauft hat, was wir besaßen, um ihre fünf Kinder zu ernähren. Dann mußte sie die Mildthätigkeit Anderer in Anspruch nehmen. Eines Tages, als sie kein Almosen erbetteln konnte, ließ sie sich durch den Jammer ihrer nach Brot schreienden Kinder verleiten, bei einem Bäcker ein Brot zu stehlen. Sie ist in Berücksichtigung der mildernden Umstände nur zu lebenslänglichem Gefängniß verurtheilt worden. Meine Kinder hat man in ein Versorgungsbaus gebracht. – O meine Kinder, meine armen Kinder!« rief David schluchzend. – »Ich würde ihm Alles verziehen haben, wie es Christenpflicht ist,« fuhr er nach einer kurzen Pause fort; »ich schwöre es auf die Bibel, die vor Ihnen liegt, meine Herren; ich würde ihm verziehen haben, daß mich meiner Heimat, meiner Familie entrissen hat; ich würde ihm verziehen haben, daß er mich schlagen ließ wie einen Hund – aber die Schmach meiner Familie – meine Frau im Gefängniß, meine Kinder im Versorgungshause! – O, als ich diesen Brief erhielt, war es, als ob alle Teufel der Hölle in mein Herz eingezogen wären und mich zur Rache aufstachelten. Und jetzt im Angesicht des Todes ärgert’s mich nur, daß ich ihn nicht besser getroffen habe.«
»Habt Ihr sonst noch etwas zu sagen?« fragte der Capitän.
»Nein, Sir; ich bitte nur mich nicht zu lange schmachten zu lassen. So lange als ich lebe, werde ich mein unglückliches Weib und meine armen Kinder vor Augen haben; es ist also besser, sobald wie möglich ein Ende zu machen.«
»Führet den Gefangenen hinaus,« sagte der Capitän, der vergebens seine Fassung zu bewahren suchte.
Zwei Marinesoldaten führten David ab. Wir mußten uns ebenfalls entfernen, denn das Kriegsgericht wollte sich sogleich berathen. Wir blieben vor der Thür, um das Urtheil zu erwarten. Nach drei Viertelstunden kam der Profoß heraus und hielt ein mit fünf Siegeln versehenes Papier in der Hand. Es war David Munson’s Todesurtheil.
Alle waren daraus gefaßt gewesen, aber es machte doch einen tiefen, peinlichen Eindruck. Bei mir war das Gefühl der Reue heftiger als je zuvor. Ich hatte zwar an der Verhaftung David’s keinen Antheil genommen, aber ich war doch der Führer des ganzen Streifzugs gewesen. Ich wandte mich ab, um meine Bewegung zu verbergen und sah hinter mir Bob, dem die hellen Thränen über die Wangen rollten.
»Mister John,« sagte er, »Sie sind immer der Schutzengel des armen David gewesen ; werden Sie ihn in einem solchen Augenblick verlassen?«
»Was kann ich denn für ihn thun, Bob? Sage, kennst Du ein Mittel ihn zu retten? Ich will es versuchen und wenn ich mein Leben daran wagen müßte.«
»Ja, ja,« sagte Bob schnaubend; »ja, ich weiß, daß Sie ein braver junger Gentleman sind. Könnten Sie nicht der ganzen Mannschaft vorschlagen, den Capitän insgesammt um Gnade zu bitten? Sie wissen ja, Mister John, wie gut und mitleidig er ist.«
»Eine traurige Hoffnung, Bob, wenn Du sonst keinen Ausweg weißt. – Doch, Du hast Recht, man muß Alles versuchen. Sprich mit der Mannschaft, Bob; wir Offiziere können einen solchen Vorschlag nicht machen.«
»Aber Sie können doch dem Commandanten die Bitte seiner alten Matrosen vortragen? Sie können ihm sagen, daß Alle, in deren Namen Sie sprechen, bereit sind auf einen Wink von ihm zu sterben.«
»In diesem Punkte kann ich thun was Ihr wollt. Verabrede es mit deinen Cameraden.«
Der Vorschlag Bob’s wurde mit großer Freude aufgenommen. Man ersuchte James und mich, dem Capitän die Bitte der gesammten Mannschaft vorzutragen.
»Ich glaube,« sagte ich zu den Matrosen, »daß wir Mr. Burke ersuchen sollten, uns zu dem Capitän zu begleiten.
Er ist an allem Unglück David’s schuld: wenn er einen Funken menschlichen Gefühls hat, so wird er beredter sein als wir.«
Dieser Vorschlag wurde mit düsterem Stillschweigen aufgenommen. Niemand wies ihn indeß zurück; der Zweifel gab sieh nur durch ein leises Gemurmel kund. Bob schüttelte den Kopf und gab seine innere Aufregung durch heftiges Schnauben zu erkennen. Ich beschloß nichts destoweniger, in Gemeinschaft mit James dem ersten Lieutenant die Bitte vorzutragen.
Wir fanden ihn in großer Aufregung. Er ging, den Arm in der Binde tragend, schnell in seinem Zimmer auf und ab. Aber sobald er uns bemerkte, nahm sein Gesicht den gewohnten strengen und finstern Ausdruck an. Wir salutirten schweigend und er betrachtete uns forschend. Endlich nahm er das Wort:
»Darf ich fragen, meine Herren, was mir die Ehre Ihres Besuchs verschafft?«
»Wir haben Ihnen eine hochherzige gute That vorzuschlagen, Mr. Burke.«
Trotz seinem bitteren Lächeln setzte ich hinzu:
»Sie wissen, daß David zum Tode verurtheilt ist?«
»Ja, Sir, er ist einstimmig verurtheilt worden.«
»Und das Urtheil ist gerecht, Mr. Burke; denn es befand sich am Bord nur ein Mann, der ein gutes Wort für den Angeklagten hätte einlegen können, und dieser Mann durfte nicht im Kriegsrathe sitzen. Jetzt, da die Gerechtigkeit ihren Lauf genommen hat, da das Urtheil gesprochen ist, dürfte wohl die Barmherzigkeit ihr Werk beginnen.«
»Ich höre, Sir; Sie sprechen wie unser Prediger. Lassen Sie hören, was Sie von mir wünschen.«
»Die Mannschaft hat daher beschlossen, eine Deputation an den Capitän zu schicken und für David um Gnade zu bitten. Man hat Mr. James und mich zu Fürsprechern gewählt. Aber wie glaubten, Mr. Burke, daß wir nicht das Recht haben einen Schritt zu thun, den Sie sich selbst vielleicht vorbehalten haben.«
Der Lieutenant schwieg einen Augenblick; um seine blassen dünnen Lippen spielte ein höhnisches Lächeln, das ihm eigenthümlich war.
»Sie haben Recht, Gentleman,« antwortete er mit einer leichten Kopfbewegung. »Wenn das Verbrechen an der Person des letzten Bootsmannes begangen und ich bei der Sache nicht betheiligt wäre, so würde ich meiner Pflicht gemäß unbeugsam sein. Aber da der Mordversuch an mir verübt worden ist, so kann ich für Ihren Schützling ein gutes Wort einlegen. Kommen Sie mit mir, ich will Sie zu dem Capitän begleiten.«
Wir hatten trotz dieser beruhigenden Worte nicht viel Hoffnung. Burke war kalt und trocken, wie immer, sein Gesicht war nicht der Spiegel des Herzens, sondern nur die Thür des Gefängnisses, in welchem es eingeschlossen ist.
Wir begaben uns zu dem Capitän. Er saß oder vielmehr lag auf der Laffete der Backbordkanone seiner Cajüte und schien sehr traurig gestimmt. Er stand auf und ging aus uns zu. Burke nahm das Wort und erklärte ihm den Zweck unsers Besuchs. Er sagte etwa dasselbe, was ein Advocat gesagt haben würde: er hielt eine Rede, sprach aber keine Bitte aus. Kein aus dem Herzen kommendes Wort erfrischte seine trockene Rede, und ich sah ein, daß für den Verurtheilten nichts zu hoffen war. Die Antwort entsprach unserer Erwartung ; der Capitän gab sie in kaltem, officiellem Tone, er wußte wohl, daß die Lords der Admiralität erfahren würden, was er gesprochen.
»Ich würde den einstimmigen Wunsch der Mannschaft gern erfüllen, wenn es mir irgend möglich wäre,« sagte er; »Sie wissen wohl, daß mir eine höhere Pflicht gebietet, Ihren Vorstellungen mein Ohr zu verschließen. Der Dienst erheischt die strenge Bestrafung eines so schweren Verbrechens, das Gemeinwohl darf den persönlichen Gefühlen nicht nachstehen. Sie wissen wohl, Mr. Burke, daß ich mich arg compromittiren würde, wenn ich in einer Sache, welche die militärische Disziplin so nahe angeht, die mindeste Nachsicht zeigen wollte.«
»Mr. Stanbow,« entgegnete ich, »bedenken Sie doch die ganz außergewöhnliche Stellung des unglücklichen David; bedenken Sie, daß er durch eine vielleicht gesetzmäßige, aber gewiß ungerechte Gewalt an Bord gekommen ist; bedenken Sie was er gelitten hat, und verzeihen Sie, wie Gott verzeihen würde.«
»Ich muß nach dem Gesetz handeln, Sir,« antwortete Mister Stanbow, »und das Gesetz soll vollzogen werden.»
James wollte das Wort nehmen, aber der Capitän winkte ihm Schweigen zu.
»Dann haben wir nur um Verzeihung zu bitten,» sagte James mit zitternder Stimme.
»Ich gewähre sie Ihnen,« antwortete der Capitän mit ganz verändertem Tone; »ich bin weit entfernt Ihnen zu zürnen, daß Sie Ihrem Gefühl gefolgt sind, und ungeachtet meiner Weigerung gestehe ich, daß ich Ihre Gefühle theile. – Entfernen Sie sich also, meine Herren, und lassen Sie mich mit Mister Burke allein. Sagen Sie der Mannschaft, daß ich sehr bedaure, ihren einstimmig ausgesprochenen Wunsch nicht erfüllen zu können, und melden Sie ihr, daß die Hinrichtung morgen um zwölf Uhr stattfinden wird.«
Wir salutirten und entfernten uns. Der Capitän blieb mit dem Lieutenant allein.
Die Matrosen sahen uns mit banger Erwartung an. Wir schüttelten traurig den Kopf, denn wir hatten nicht den Muth zu sprechen.
»Sie haben also nichts ausgerichtet, Mister John?« fragte Bob.
»Nein, Bob. David hat sich nur auf den Tod vorzubereiten.«
»Das wird er als Mann und Christ thun.«
»Ich hoffe es, Bob.«
»Wann soll er sterben?«
»Morgen um zwölf Uhr.«
»Darf man ihn besuchen?«
»Ich werde den Capitän für Dich um Erlaubniß bitten.«
»Ich danke Ihnen, Mister John,« sagte Bob und ergriff meine Hand, um sie zu küssen.
Ich entzog sie ihm.
»Jetzt, Kinder, an die Arbeit, und Muth gefaßt!«
Die Matrosen gehorchten mit ihrer gewohnten Pünktlichkeit; fünf Minuten nachher war Alles wieder in dem alten Geleise, nur daß tiefes Stillschweigen am Bord herrschte.
Ich hatte eine Art Gewissenspflicht zu erfüllen; ich hatte an dem Zuge theilgenommen, der den unglücklichen David an Bord des »Trident« geführt hatte, und seit dem Augenblicke wo ich das traurige Ende vorausgesehen, konnte ich mich eines peinlichen Gefühls nicht erwehren. Ich ging also hinunter und ließ mich zu David führen. Er saß auf einem Schämel und lehnte die Stirn auf die Knie. Hände und Füße waren ihm gefesselt.
Als die Thür aufging, richtete er sich auf; aber da das Licht der Lampe nicht aus mein Gesicht fiel, so erkannte er mich anfangs nicht.
»Ich bin’s, David,« sagte ich. »Obschon ich eine der unschuldigen Ursachen eures Unglücks bin, wollte ich Euch doch noch einmal sehen, um Euch zu sagen wie herzlichen Antheil ich daran nehme.«
»Ja, ich weiß es, Mister John,« erwiederte David aufstehend; »ja, Sie sind immer gut mit mir gewesen; auf Ihre Fürbitte bin ich aus diesem Gefängniß geholt worden, so daß ich die englische Küste noch einmal sehen konnte; Sie haben ein gutes Wort für mich eingelegt, als mich Mister Burke – Gott verzeihe es ihm! – mit Ruthen peitschen ließ; Sie haben so eben im Namen der Schiffsmannschaft um Gnade für mich gebeten. Gott segne Sie, Mister Davys; Ihr Mitleid möge Ihnen Glück bringen auf Erden und im Himmel!«
»Ihr habt also das Urteil schon vernommen, David?«
»Ja, Mister John, man hat mir’s vorgelesen. Nicht wahr, morgen Mittag ? —«
»Setzt Euch doch, David,« sagte ich, um der Frage auszuweichen; »Ihr müßt der Ruhe bedürfen.«
»Ja wohl, ich bedarf der Ruhe – und Gott wird mir bald die ewige Ruhe schenken. – Sie haben viel gelernt, Mister John; glauben Sie, daß es ein anderes Leben gibt, wo man für die auf Erden erduldeten Leiden belohnt wird?«
»David,« sagte ich, »dies ist nicht Sache der Wissenschaft, sondern des Glaubens, des Herzens, dem die Hoffnung Bedürfniß ist. Ja, David, Ihr werdet einst mit eurer Frau und euren Kindern vereinigt werden, und keine menschliche Macht wird Euch von ihnen trennen.«
»Aber ich habe ein Verbrechen begangen —«
»Bereuet Ihr es?«
»Ich will mir alle Mühe geben, Mister John; jetzt bin ich noch nicht frei von Leidenschaften, mein Haß ist noch nicht erloschen. Meinen Tod habe ich ihm verziehen, Gott weiß es – ich will es auch über mich zu gewinnen suchen, ihm die Schmach meines Weibes, das Elend meiner Kinder zu verzeihen.«
In diesem Augenblicke wurde der Schlüssel gedreht, die Thür that sich auf und der Capitän erschien mit dem Matrosen, der das Amt des Schließers versah.
»Wer ist denn hier?« sagte er, mich ansehend.
»Ich, Mister Stanbow, antwortete ich mit Freude, denn dieser unerwartete Besuch machte mir wieder Hoffnung. »Sie sehen , ich bin gekommen, um dem armen David ein letztes Lebewohl zu sagen.«
Eine kurze Pause folgte. Der Capitän sah zuerst mich und dann den Gefangenen an, dann sagte er zu diesem:
»David, ich komme um als Mensch mein tiefes Bedauern auszudrücken über das Urtheil, welches ich als Richter sprechen mußte; die militärische Disciplin hat es mir zur traurigen Pflicht gemacht. Ich konnte nicht anders.«
»Ich wußte wohl, was ich zu erwarten hatte, Capitän,« erwiederte David; »ich wollte meinem Feinde den Tod geben und habe daher den Tod verdient.«
»Ich habe mit blutendem Herzen meine Pflicht erfüllt,« sagte der Capitän. »Ich habe Euch als Mann von Verstand und Charakter kennen gelernt. Antwortet mir daher, David, glaubt Ihr, daß ich anders hätte handeln können?«
»Ja wohl,« erwiederte David, »Sie hätten ohne Mitleid sein können, wie Master Burke. Aber statt dessen, ich erkenne es mit tiefem Dankgefühle an, haben Sie Alles für mich gethan, was in Ihren Kräften stand. Als Sie meine Verzweiflung sahen, ließen Sie mir durch Mister John versprechen mich freizulassen, sobald wir wieder in einen englischen Hafen einlaufen würden ; als Sie nicht umhin konnten mich zu bestrafen, milderten Sie die Strafe so viel als es in Ihrer Gewalt stand; und nachdem mein Leben verwirkt, kommen Sie zu mir, um mir Ihre Theilnahme zu bezeigen. Ja, Capitän, Sie haben so viel für mich gethan, daß ich noch eine Bitte wage,«
»Saget, was kann ich für Euch thun?« sagte der Capitän, die Hände nach dem Verurtheilten ausstreckend.
»Meine Kinder!« sagte David, dem würdigen Greise zu Füßen fallend, »meine Kinder sind hilflos, wenn sie aus dem Versorgungshause entlassen werden —«
»Fürchtet nichts für sie, David,« unterbrach der Capitän, »ich werde für eure Kinder sorgen. Mögen Sie mir verzeihen, daß ich Ihnen den Vater genommen, wie Ihr mir verzeihet, daß ich Euch euren Kindern entrissen! Und sobald ich wieder nach England komme, werde ich den König für eure Frau um Gnade bitten; meine vierzig Dienstjahre werden schon etwas vermögen.«
»Dank! tausend Dank!« rief David schluchzend. »O, jetzt fürchte ich den Tod nicht mehr, ich begrüße ihn sogar als den Retter der Meinigen. – Jetzt bin ich wieder ein Christ geworden, mein Haß ist verschwunden und ich möchte Mister Burke jetzt zwischen Ihnen und Mister John sehen —«
»Genug! genug! Ihr nehmet mir sonst allen Muth. Umarmet mich, unglücklicher Dulder, wir müssen scheiden.«
Der Verurtheilte umarmte den Capitän mit freudigem Selbstbewußtsein und mit einem über seine jetzige Stellung weit erhabenen Anstande.
»Kann ich jetzt noch etwas für Euch thun, David?«
»Die Ketten sind mir lästig, Mister Stanbow, und ich fürchte daß ich nicht schlafen kann. Ich bedarf der Stärkung, denn ich möchte als Mann sterben.«
»Die Ketten sollen Euch abgenommen werden, David. – Habt Ihr sonst noch einen Wunsch?«
»Senden Sie mir den Schiffsprediger.«
»Bob bittet um die Erlaubniß, ihn zu begleiten,« setzte ich hinzu, »und die Nacht bei David zu bleiben.«
»Bob mag kommen und gehen wann er will.«
»Sie sind sehr gütig, Mister Stanbow. Heute danke ich Ihnen auf Erden, morgen werde ich im Himmel für Sie beten.«
Der Capitän hielt die Hand auf die Augen und wandte sich ab. Ich klopfte an die Thür, der wachhabende Matrose öffnete und wir gingen hinaus. Mister Stanbow gab sogleich Befehl, alle Wünsche David’s pünktlich zu erfüllen. In der Batterie fand ich Bob, der uns erwartete, um zu erfahren, ob ihm seine Bitte gewährt sei.
Ich zeigte ihm an, daß er zu David gehen und doppelte Portionen Abendessen, Wein und Grog mitnehmen könne. Dieses Mal konnte ich Bob nicht hindern, mir die Hände zu küssen.
Um vier Uhr kam ich auf Wache; ich blieb daher bis zwei Uhr Nachts auf dem Verdecke. In dieser ganzen Zelt sah ich Bob nicht zum Vorschein kommen, er hatte also seinen Freund David nicht verlassen.
Um zwei Uhr wurde ich abgelöst; aber ehe ich mich in mein Zimmer begab, erkundigte ich mich, ob die Befehle des Capitäns vollzogen worden waren.
Alle Weisungen des Letzteren waren pünktlich befolgt worden; man hatte dem Gefangenen die Ketten abgenommen, der Geistliche war hinuntergegangen, um ihm die Tröstungen der Religion zu bieten; er war bis ein Uhr bei ihm geblieben. David und Bob waren allein. Ich lauschte an der Thür, um zu wissen, ob sie schliefen. Beide waren noch wach; Bob tröstete seinen Freund so gut als er konnte.
»Im Grunde, David,« sagte Bob, »ist’s doch nur ein Augenblick. Du hast Dich gewiß schon verschluckt; gerade so ist’s. Ich habe dreißig Mann an einem Tage am Bord hängen sehen; es waren brasilische Seeräuber, die wir gefangen genommen hatten, und in einer halben Stunde waren sie alle expedirt: es ist also durchschnittlich eine Minute für jeden. Und mit Dir, David, wird’s noch geschwinder gehen, denn die ganze Mannschaft ist ja beisammen, damals hingegen war sie zerstreut.«
»Ich fürchte eigentlich nicht den Tod, sondern die Vorbereitungen,« sagte David mit ziemlich fester Stimme.
»Die Vorbereitungen, David, werden ganz freundschaftlich getroffen; es ist nicht so, als wenn am Lande ein Dieb von dem Henker und feinen Gehilfen aufgeknüpft wird und eine Menge Gesindel als Zuschauer hat. Hier ist’s anders: Du wirft von Jedermann bedauert, David, und wenn jeder Matrose einen Monat von seinem Leben hergeben müßte, um Dich wieder mobil zu machen, so würde sich gewiß keiner ausschließen.
Die Offiziere würden gern doppelt so viel von ihrem Leben hergeben, und der Capitän am meisten, obschon er nicht lang mehr zu leben hat.«
»Das ist mir ein großer Trost, Bob, sagte David tief aufathmend, als ob ihm ein Stein vom Herzen gefallen wäre; »ich fürchtete verachtet zu werden, weil die Todesart —«
»O nein, David, Du wirst nicht verachtet!«
»Aber glaubst Du, Bob, daß mich vor Aller Augen ein Offizier umarmen würde, wie heute der würdige Capitän gethan hat? Ja, er hat mich umarmt, als ob ich ein Mann von seinem Stande gewesen wäre; wir waren freilich allein —«
»Nun, was das betrifft, David, so kenne ich einen, der es gewiß thun würde, wenn es Dir Freude macht, nemlich Mr. John.«
»Ja, ja, er ist sehr gut gegen mich gewesen, und ich werde es weder in diesem noch in jenem Leben vergessen.«
»Soll ich ihm deinen Wunsch mittheilen?«
»Nein, Bob, es war ein hoffärtiger Gedanke, der mir durch den Kopf fuhr, und die Hoffart ziemt sich nicht für einen Christen, der bald eines solchen Todes sterben soll. Nein, es soll Alles nach Vorschrift geschehen. Aber wer wird meinen armen Leib begraben?«
»Wer? ich, David,« antwortete Bob schnaubend, »und kein Anderer soll Dich anrühren. Du sollst Dich rühmen können, so sauber in deine Hängematte genäht zu werden,-als wenn die beste Nährerin von Piccadilly verschrieben worden wäre. Dann binde ich Dir einen Sandsack an den Fuß, damit Du recht geschwind zu Grunde gehest. Dort unten auf dem Meeresgrunde ruht sich’s gut; Du wirst in keinen Sarg eingezwängt und ich werde Dir einst nachfolgen. Denn ich hoffe mein Leben als braver Seemann am Bord eines Schiffes zu beschließen und nicht wie ein Lump im Spital zu verenden. Sei also ruhig, David, und verlaß Dich auf mich.«
»Ich danke Dir, Bob, antwortete der Verurtheilte. »Jetzt bin ich ruhig – so ruhig, daß ich schlafen möchte.«
»Gute Nacht, David,« sagte Bob; »ich wollte nicht zuerst davon sprechen, aber ich möchte auch ein paar Stunden schlafen.«
Die beiden Freunde trafen ihre Vorkehrungen für die Nachtruhe, und bald darauf hörte ich das laute Schnarchen Bob’s und die leiseren Athemzüge Davids. Ich ging nun in mein Zimmer; aber ich konnte kein Auge schließen. Bei Tagesanbruch war ich auf dem Verdeck.
Als ich auf das Vorderdeck ging, stieß ich mit dem Fuße an einem Gegenstand, der neben dem Hauptmast befestigt war. Ich bückte mich, um zu sehen was es sei, und erkannte eine am Fußboden befestigte Zugrolle.
»Warum ist diese Rolle hier?« fragte ich einen Matrosen.
Dieser zeigte schweigend auf eine andere, an der großen Raae befestigte Rolle. Ich verstand nun Alles: die Vorbereitungen zur Hinrichtung wurden bereits getroffen. Ich schaute am Hauptmast hinauf und sah zwei Matrosen, welche die Justizflagge am Mastkorbe festbanden. Die Flagge war noch um ihren Stock gewickelt; ein daran gebundener Bindfaden hing bis auf das Verdeck herab, um bei der Hinrichtung gezogen zu werden und die Flagge frei wehen zu lassen.
Alle diese Vorbereitungen wurden in tiefster Stille getroffen; nur Nick, der auf dem einen Ende der großen Raae saß, schrie von Zeit zu Zeit in den trüben nebligen Morgen hinein.
Um acht Uhr wurde die Wache abgelöst. Die ausziehenden Matrosen begaben sich mit düsterem Schweigen auf ihren Posten. Um halb neun fand die Inspection wie gewöhnlich statt. Um neun Uhr kam der Capitän aus der großen Cajüte und ging auf das Hinterdeck. Alle sahen ihn verstohlen an und erkannten an seinem ernsten entschlossenen Gesicht, daß das gesprochene Urtheil unabänderlich war.
Um halb zwölf wurde getrommelt. Die Seesoldaten stellten sich am Steuerbord und Backbord auf; das Hinterdeck blieb für die Offiziere, das Vorderdeck für die Matrosen frei. Zehn Minuten vor zwölf fehlte unter den Offizieren nur der Lieutenant Burke, unter den Matrosen nur Bob.
Ein Ende des über die Rolle laufenden Strickes war in einen Knoten geschürzt, das andere Ende ward von sechs kräftigen Matrosen gehalten.
Fünf Minuten vor zwölf erschien David auf der Treppe des Vorderdecks; auf der einen Seite ging Bob, auf der andern der Geistliche. Sein Gesicht war sehr blaß, aber seine Haltung war ruhig und sicher. Er warf einen flüchtigen Blick auf die Vorbereitungen, und als er sah, daß die hinter ihm gehenden Soldaten ihn nicht vorwärtstrieben, sagte er zu dem Geistlichen:
»Was habe ich noch zu thun?«
»Ihre Seele Gott zu empfehlen.«
»Ja, ja,« sagte Bob leise. »Nur Muth, David!«
David nickte ihm wehmüthig lächelnd zu und ging bis an den Hauptmast. Hier sah er sich um, als ob er den Anwesenden das letzte Lebewohl sagen wollte. Sein Blick blieb aus mir haften.
Ich erinnerte mich nun des Wunsches, den er geäußert hatte. Ich ging auf ihn zu.
»David,« sagte ich, »habt Ihr hinsichtlich eurer Familie noch einen Wunsch?«
»Nein, Mister John; Sie haben gehört was der Capitän gesagt hat, und ich weiß, daß er Wort halten wird.«
»So umarmet mich – und sterbet mit Fassung.«
Er wollte mir zu Füßen fallen. Ich schloß ihn in meine Arme. – In diesem Augenblicke schlugs zwölf.
»Ich danke Ihnen, Mister John,« sagte er. – »Jetzt entfernen Sie sich – die Stunde schlägt.«
Zwei Matrosen traten auf ihn zu: der eine legte ihm den Strick um den Hals, der andere zog ihm die Mütze über die Augen. Eine kurze schauerliche Stille folgte; alle Blicke waren auf den Unglücklichen gerichtet. Dann gab der Profoß das Zeichen und die Matrosen zogen rasch und kräftig an.
Das Gebet, welches David leise sprach, wurde plötzlich abgebrochen. Während er in die Höhe gezogen wurde, trachte ein Kanonenschuß und die Flagge wehte oben am Hauptmast. – David hatte aufgehört zu leben.
Sobald die traurige Ceremonie vorüber war, entfernten sich alle Anwesenden, bis auf die wachhabenden Matrosen und zwei Seesoldaten, welche eine Stunde Schildwache stehen mußten. – Nach einer Stunde ließen sie den Hingerichteten herab. Bob hatte die ganze Zeit am Fuße des Hauptmastes gewartet.
Er nahm den Leichnam seines Freundes, trug ihn hinunter und begann die Vorkehrungen zur Bestattung. Einige Matrosen wollten ihm dabei behilflich sein, aber Bob lehnte es ab.
Um vier Uhr Nachmittags wurde getrommelt. Die ganze Schiffsmannschaft erschien auf dem Verdeck.
Der Leichnam war wie gewöhnlich in eine Hängematte eingenäht worden. Am Fußende hatte Bob einen ungewöhnlich schweren Sandsack befestigt. Der Geistliche segnete die Leiche ein.
Diese an sich schon so traurige Feierlichkeit war in der Abenddämmerung noch ergreifender. Die ganze Mannschaft stand entblößten Hauptes auf dem Verdecke und hörte andächtig dem ganzen Gebete zu.
Sobald die Andacht zu Ende war, und die Versammlung mit »Amen« antwortete, wurde der Todte in’s Meer versenkt.
Dieses Ereigniß versetzte die ganze Schiffsmannschaft in eine traurige Stimmung, und diese Trauer war noch in allen Herzen, als wir zwei Tage nachher in Sicht von Malta kamen.
XII
Kaum war das Schiff in dem Hasen von Malta eingelaufen, so ward es von kleinen, mit Melonen, Orangen, Granaten, Trauben und Feigen beladenen Barken umringt. Diese Früchte wurden mit so mannigfaltigem Geschrei und einem so sonderbaren Kauderwelsch feilgeboten, daß wir die Verkäufer für die Eingebornen einer Südseeinsel hätten halten können, wenn wir nicht eines der Wunderwerke der Civilisation vor Augen gehabt hätten.
Ich schweige von den Festungswerken, welche Malta gegen jeden feindlichen Angriff schützen. Caffarelli sagte zu dem über seinen leichten Sieg erstaunten General Bonaparte: »Wir können uns glücklich schätzen, daß die Besatzung uns die Thore geöffnet hat.« Ein Grundriß der Festung wird dem Leser mehr sagen, als alle Beschreibungen; unbeschreiblich aber ist das Bild, welches der Ausschiffungsplatz von Lavalette darbietet. Unsere überall so geachteten Uniformen vermochten uns kaum einen Weg zu bahnen durch die Krämer, welche auf der Straße Kaffee brannten, durch die Weiber, welche uns mit ihren Obstkörben verfolgten, durch die schreienden Eiswasserverkäufer und die zerlumpten Bettler, deren ausgestreckte Hüte eine nur mit Gewalt zu durchbrechende Schranke bildeten. Uebrigens scheint das Geschäft, trotz der Concurrenz, recht gut zu sein; jeder Bettler vermacht seinem Sohne seinen Platz auf den Stufen der vom Hafen zur Stadt führenden Strada, wie ein Lord seinem Erstgeborenen den Sitz im Oberhause überläßt. Das Gebiet, auf welchem diese erblichen Veränderungen vor sich gehen, scheint von den Bettlern auf ewige Zeiten in Besitz genommen zu sein. Ueberall hört man in den mannigfaltigsten Modulationen den Klageruf: »Nix mangiare!« Ein alter zerlumpter Araber, der weder italienisch noch maltesisch konnte, formulirte seine Ansprache an die Vorübergehenden folgender Maßen:
»Nix padre, nix madre, nix mangiare, nix bevere!«
Er wollte damit sagen: »Ich habe keinen Vater und keine Mutter, nichts zu essen und zu trinken!« Die Matrosen aller Länder, welche in Malta landeten, waren über den kläglichen Ton, mit welchem er sein: »Nix mangiare« hervorgurgelte, so betroffen, daß sie die Stufen, auf denen der Bettler sein Geschäft betrieb, mit diesen beiden seltsam zusammen gestellten Wörtern benannten.
Die Nationaltracht der Malteser besteht in einer mit drei oder vier Reihen glockenförmiger Metallknöpfe besetzten Jacke, in einem rothen Kopftuche und einem Gürtel von gleicher Farbe; sie haben im Allgemeinen scharfe, stark markirte Gesichtszüge und tückisch lauernde schwarze Augen. Die Weiber verbinden mit diesen natürlichen Mängeln eine widerliche Unsauberkeit. Die einzigen hübschen Frauen, welche man hier sieht, sind Sicilianerinnen. Man erkennt auf den ersten Anblick die griechische Abkunft; sie haben schön geforrnte Gesichter, große feurige Augen, deren Blicke vorzugsweise auf den Epauletten der Offiziere und den Achselschnüren der Midshipman zu ruhen scheinen. Sie nehmen das ausschließliche Recht der Liebschaften mit den Seeleuten für sich in Anspruch; die Malteserinnen machen ihnen zuweilen wohl Concurrenz, allein der Sieg bleibt doch fast immer ihren schönen Nachbarinnen.
Wir fanden den Contrast zwischen Stadt und Hafen sehr auffallend; wir wurden aus dem lustigen lärmenden Treiben auf einmal in traurige öde Straßen versetzt. Die Hauptursache dieser gedrückten Stimmung war eine Reihe von Hinrichtungen, welche unlängst stattgefunden hatten. Die ganze Insel verspürte noch die Nachwehen. Ein ganzes Regiment hatte sich empört und war durch Strick, Feuer Und Schwert vernichtet worden. Diese Militärrevolte war von so außerordentlichen Umständen begleitet, daß ich nicht unterlassen kann dieselben ausführlich zu erzählen.
Der Krieg zwischen England und Frankreich zog sich in die Länge und die unter der Bevölkerung Großbritanniens und Irlands ausgehobenen Recruten reichten nicht mehr aus. Es mußten andere Mittel ausfindig gemacht werden, um der englischen Armee die nöthigen Verstärkungen zuzuführen; die Regierung unterhandelte daher mit Speculanten, welche in andern Ländern Rekruten anwarben.
Die Blicke dieser ehrenwerthen Lieferanten wandten sich anfangs auf die Albanesen, »die Schweizer Griechenlands«, welche ihren Muth und ihr Blut an die südeuropäischen Mächte verkaufen, so wie sich die Alpenbewohner an Frankreich, Rom und Neapel verdingen. Ein emigrirter Franzose, der als treuer Anhänger der Bourbons nicht nach Frankreich zurückkehren wollte, machte dem Kriegsminister den Antrag, in Griechenland zu werben. Der Antrag wurde angenommen, und der rastlos thätige Mann, der durch seinen Haß gegen die napoleonische Regierung noch mehr angeeifert wurde, bildete in kurzer Zeit ein aus Albanesen, Slavoniern, Griechen und Smyrnioten bestehendes, starkes Corps, welches, ich weiß nicht warum, den Namen Frohberg erhielt.
Die von Herrn de Méricourt mitgebrachten deutschen Offiziere führten unter diesen zusammengewürfelten Truppen die preußische Mannszucht ein und die Leute, welche bisher in fast unbeschränkter Freiheit gelebt hatten, mußten täglich dreimal exerciren. Anfangs schien es vortrefflich zu gehen, und das Frohberg’sche Freicorps war nach einiger Zeit genügend eingeübt, um Parade zu machen und den Garnisonsdienst zu thun. Es wurde daher nach Malta geschickt und im Fort Ricasoli einquartirt.
Hier sollte das Frohberg’sche Corps an europäische Disciplin gewöhnt werden. Um dieses Resultat schneller zu erzielen, gab man den deutschen Offizieren einige englische Unteroffiziere als Exerciermeister bei. Diese wollten den feurigen Südländern ihr nordisches Phlegma einbläuen; die kleinsten Vergehen wurden mit körperlichen Züchtigungen bestraft; diese Leute, welche durch ein Wort, eine Geberde zum Zorn gereizt und zu blutiger Rache getrieben werden, bekamen Stockprügel und Maulschellen. Anfangs murrten sie leise, als ob sie ihren Gebietern zu verstehen geben wollten, daß sie Zähne und Krallen hätten; sie wurden mit immer größerer Strenge behandelt.
Es wurde nun mit wahrhaft griechischer Vorsicht und Verstellung eine Verschwörung angezettelt, und als man eines Tags einen Soldaten wegen eines kleinen Vergebens aus den Reihen reißen und züchtigen wollte, eilten alle an die Thore, schlossen sie von innen, fielen über die verhaßten Offiziere her und ermordeten sie.
Die Kunde von dem Gemetzel verbreitete sich bald in der Stadt. Es rückten Truppen gegen das Fort an; aber die Empörer waren schon im Vertheidigungsstande: von der Seeseite war das Fort nicht zu nehmen; auf der Landseite mußten zuerst die Außenwerke genommen werden, und dies konnte nur mit sehr großem Verlust geschehen. Der General Woog schloß daher das Fort auf allen Seiten ein.
Die Empörer waren nur für einige Tage mit Lebensmitteln versehen; Sie mußten daher die Portionen vermindern und sich die größten Entbehrungen auflegen. Aber es fehlte an einer einheitlichen Leitung ; es entstanden Streitigkeiten unter diesen Leuten, denen Eintracht so noth that: jedes Volk sonderte sich von den übrigen ab, um ein eigenes Corps zu bilden, die verschiedenen Parteien wurden immer erbitterter gegen einander; jede Mahlzeit gab zu einem Zank Veranlassung, und bald war das Fort Ricasoli, wie Dante’s Hölle, von Geschrei und Wehklagen erfüllt. Es schien fast, als ob die Empörer an einander das Geschäft des Henkers verrichten wollten, und es wäre wahrscheinlich geschehen, wenn nicht ein Theil der Besatzung ein Thor geöffnet und sich den Engländern auf Gnade und Ungnade ergeben hätte. Im Fort waren nur noch hundertfünfzig Mann; diese aber waren entschlossen es zu vertheidigen, so lange noch ein Stein auf den Mauern bleiben würde.
Uebrigens war ihre Lage durch die Flucht ihrer Kameraden verbessert worden; die Lebensmittel konnten nun länger ausreichen ; dadurch gewannen sie Zeit, und da sie die Unthätigkeit ihrer Feinde für Furcht hielten, so hofften sie eine ehrenvolle Capitulation zu erlangen. Ueberdies waren es sämmtlich Griechen, die sich unter einander besser vertrugen, als mit den Albanesen und Slavoniern. Sie schienen also keineswegs gesonnen sich zu ergeben, und täglich sah man sie in ernster drohender Haltung auf den Mauern erscheinen.
In einer Nacht wurden sie indeß durch den Ruf: Zu den Waffen! geweckt. An eine unthätige Blockade gewöhnt, waren sie ruhig eingeschlafen. Aber der Capitän Collins von der englischen Marine hatte von dem General Woog die Erlaubniß erhalten, mit einer Schaar von Freiwilligen auf eigene Faust einen nächtlichen Angriff zu unternehmen. Dieser kühne Handstreich gelang zum Theil, und trotz der verzweifelten Gegenwehr der Belagerten befanden sich die Engländer bei Tagesanbruch im Besitz aller Werke.
Dreißig bis vierzig Rebellen wurden getödtet und die übrigen gefangen, bis auf sieben Soldaten, welche sich in das Pulvermagazin geflüchtet hatten. Für muthige Männer in so verzweifelter Lage war der Ort selbst, wo sie sich versteckt hatten, eine furchtbare Waffe. Der Capitän Collins vertheilte nun seine Soldaten in die umliegenden Werke und ließ alle Zugänge besetzen. Den Unglücklichen blieb daher nichts übrig, als sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben oder sich in die Luft zu sprengen.
Inzwischen wurden die Gefangenen vor ein Kriegsgericht gestellt und ohne Ausnahme zum Tode verurtheilt.
Es war seit der englischen Occupation das erste Mal, daß ein solches Urtheil auf der Insel Malta gefällt wurde; die strengsten Strafen waren bis dahin für die Soldaten aus Stockprügel, für die Offiziere auf Arrest beschränkt geblieben. Diese Verurtheilung von mehr als hundert Personen machte daher einen furchtbaren Eindruck. Die Galgen wurden sogleich errichtet und am zweiten Tage nach dem Urtheilspruch führte man die Verurtheilten zum Richtplatz. Die Ungeschicktheit der Henker empörte die Malteser; eine Meuterei war zu fürchten. Die Engländer selbst hatten Mitleid mit den Unglücklichen und gaben Befehl die Hinrichtungen einzustellen.
Um sechs Verurtheilte zu hängen hatte man beinahe zwei Stunden gebraucht. Die Uebrigen wurden ins Gefängniß zurückgeführt und in der Nacht nach La Floriana gebracht.
Man glaubte anfangs, die Todesstrafe solle in Zwangsarbeit verwandelt werden; allein man irrte sich, die Unglücklichen sollten erschossen werden.
La Floriana ist ein offener Platz nahe bei den inneren Festungswerken. Die eine Seite wird von der nicht sehr hohen Mauer eines öffentlichen Gartens begrenzt; gegenüber ist eine Bastei; die dritte Seite ist von Casernen besetzt, die vierte ist offen und stößt an das Glacis.
Wenn die Verurtheilten bis dahin noch einige Hoffnung gehabt hatten, so mußte jede Hoffnung schwinden, als sie diesen Platz betraten. Man hielt es nicht für angemessen, die mindeste Schonung gegen sie zu beobachten. Es würde vielleicht zu lange gedauert haben, neunzig Verurtheilten die Augen zu verbinden. Man stellte sie in der Mitte des Platzes auf; auf das Commando Feuer! schoß das ganze Regiment, und zwei Drittheile der Verurtheilten sanken todt oder verwundet nieder.
Der Anblick ihrer verstümmelten Cameraden gab den unverletzt gebliebenen Delinquenten die Kraft und Gewandtheit von wilden Thieren. Sie benutzten die der ersten Salve folgende Unordnung und liefen wie wahnsinnig in verschiedenen Richtungen fort. Einige eilten den Festungswerken zu, um sich zu verstecken; andere sprangen über die Gartenmauer und liefen querfeldein. Aber man hatte für diesen Fall die nöthigen Vorkehrungen getroffen: einige an den Thoren der Basteien aufgestellte Streifwachen verfolgten die Fliehenden. Es begann eine wahre Treibjagd. Alle wurden auf dem freien Felde niedergeschossen. Die anderen, welche sich in die Festungswerke geflüchtet hatten, waren noch leichter einzuholen; sie wurden mit dem Bajonnet getödtet.
Mitten in diesem Gemetzel erregte ein Vorfall die allgemeine Aufmerksamkeit. Einer der Flüchtlinge entfernte sich von seinen Leidensgefährten und lief auf einen alten Brunnen zu. Er wußte vielleicht nicht was er that, oder er hoffte in dem Brunnen einen sanftern Tod zu finden. Einige Schritte von dem Brunnen stieß er an einen Stein und fiel. Dieser Unfall schien seinen Entschluß zu ändern, denn er stand schnell wieder auf, lief auf das Glacis zu und stürzte sich fünfzig Fuß tief in den mit Schlamm gefüllten Graben. Er blieb stecken und sank immer tiefer ein, bis nur sein Kopf noch sichtbar blieb. Ein Soldat hatte Mitleid mit dem Unglücklichen und schoß ihn todt.
Inzwischen bewachten die im Fort Ricasoli zurückgebliebenen sieben Rebellen das Pulvermagazin; sie hörten das Feuern und sahen wohl ein, daß sie keine Gnade zu erwarten hatten, wenn sie mit den Waffen in der Hand gefangen würden. Sie versuchten daher Unterhandlungen mit dem General Woog anzuknüpfen; aber alle ihre Anträge wurden zurückgewiesen und die Antwort lautete: Ergebt Euch auf Gnade und Ungnade.
Die Unglücklichen sahen also keine Rettung, denn ihre Lebensmittel gingen stark auf die Neige. Sie versuchten täglich neue Unterhandlungen anzuknüpfen und erhielten täglich dieselbe Antwort. Sie versuchten mit ihrem angebornen Scharfsinn neue Ausflüchte: bald verlangten sie einen Waffenstillstand von einigen Stunden, bald versprachen sie sich zu ergeben, wenn man ihnen einige Lebensmittel liefern wolle; aber alle diese Versuche scheiterten an dem Starrsinn des Generals. So verging eine Woche.
Endlich, am siebenten Tage, erschien einer von ihnen, Namens Anastasius Iremachos, den sie zum Anführer gewählt hatten, an der Mauer, um ein neues Anliegen vorzutragen. Er war ein schlauer, unternehmender Grieche, ein moderner Ulysses, aber bei aller Kühnheit vorsichtig genug, um eine unnütze Gefahr zu vermeiden. Er steckte, wie gewöhnlich, sein bleiches, abgemagertes Gesicht durch eine Maueröffnung und verlangte eine Unterredung mit einem Agenten des Gouverneurs. Diese Bitte wurde ihm gewährt und ein Offizier erschien.
Iremachos schilderte ihm mit stehenden Tone die Noth der Belagertem seit gestern hätten sie den furchtbarsten Feind, den Durst, zu bekämpfen. Die Schläuche seien leer und sie bäten um einen Trunk Wasser. Sie wüßten wohl, daß sie den Tod zu erwarten hätten, wenn sie sich ergäben; sie wollten noch einige Tage leben. Wenn man ihnen diese Bitte nicht gewährte, seien sie entschlossen sich denselben Abend mit dem Pulvermagazin in die Luft zu sprengen. Sie verlangten nur einen Trunk Wasser, sonst würden sie schlag neun das Pulvermagazin anzünden.
Der General Woog blieb unerbittlich; er glaubte nicht an die Drohung, oder er wollte, den Militärgesetzen gemäß, nicht mit Meuterern unterhandeln. Der Offizier entfernte sich. Die Soldaten, welche die Entschlossenheit ihrer Gegner kennen gelernt hatten, sahen dem Anbruch der Nacht mit banger Erwartung entgegen, zumal da Iremachos die Drohung noch einige mal wiederholte.
Die Nacht brach um halb acht Uhr an, denn es war im Oktober. Es war eine finstere, sternenlose Nacht; die unheimliche Stille wurde nur von Zeit zu Zeit durch das Geschrei der Belagerten unterbrochen. So verging noch eine Stunde; dann erschienen die sieben Griechen auf der Plattform des Pulvermagazines. Jeder hatte eine brennende , Fackel in der Hand. Iremachos verlangte noch einmal Wasser. Als keine Antwort erfolgte, schwangen die Griechen ihre Fackeln und führten unter lauten Verwünschungen einen Todtentanz auf.
Der Capitän Collins ließ eine Abtheilung Soldaten auf den äußern Wall marschiren und auf die Griechen feuern. Aber keiner der Letztern wurde getroffen. Es war indeß eine Warnung für sie; alle löschten ihre Fackeln aus und verschwanden in der Dunkelheit wie Gespenster.
Man konnte nun über ihr Absicht nicht mehr im Zweifel sein. Der Capitän Collins commandirte sogleich zum Rückzuge. Während sich die Soldaten eilends zurückzogen, schlug’s neun auf der Johanniskirche. In demselben Augenblicke erbebte die Erde , ein furchtbares Getöse folgte, der Hafen wurde einige Sekunden taghell erleuchtet, alle Fenster zersprangen – und nachdem die ganze Insel gezittert hatte, als ob ihre letzte Stunde gekommen wäre, war Alles wieder dunkel und die schauerliche Stille wurde nur durch das Geschrei der durch die Explosion Verwundeten unterbrochen.
Bei Tagesanbruch war die Verwüstung in ihrem ganzen Umfange zu sehen. Das Fort war sammt den Gräben ein Trümmerhaufe, auf welchem verstümmelte Leichen zerstreut lagen. Von den Belagerten war nicht die mindeste Spur mehr vorhanden.
Da die getödteten Soldaten zu den englischen Truppen gehörten und auf der Insel keine Verwandten hatten, so wandte sich das Mitleid den Unglücklichen zu, welche durch barbarische Strenge zu einem so verzweifelten Schritte getrieben worden waren. Man wunderte sich nicht mehr, daß die Klepythen, welche bis dahin frei wie die Adler ihrer Berge gelebt hatten, die demüthigende Disciplin der preußischen Soldaten nicht ertragen mochten, und obgleich die Griechen die Ursache der Verwüstung waren, so fiel der Haß doch auf die Engländer.
Man hatte dieses entsetzliche Ereigniß noch nicht vergessen, denn die Trümmer rauchten noch und die Leichen waren kaum begraben, als sich das Gerücht verbreitete, der Geist eines jener unglücklichen Griechen sei einem zu seinem Casal zurückkehrenden alten Priester erschienen. Der Priester, hieß es, sei auf einem mit Früchten, Fischen und Fleisch beladenen Esel geritten und habe zum Zeitvertreib ein maltesisches Nationallied gesungen. Der Esel machte, trotz seiner schweren Last, einen so ungewohnten Seitensprung, daß der Priester dachte, es müsse hinter seinem Rücken etwas Außerordentliches vorgehen. Er sah sich um und bemerkte eine Gestalt, welche das Gewehr auf ihn anschlug und ihm Halt zurief. Der Priester sprang von seinem Esel und lief neben demselben, so daß ihm der Körper des Thieres als Schutz gegen den drohenden Gewehrlauf diente. So kam er glücklich in sein Dorf.
Diese Geschichte machte unter den abergläubischen Maltesern natürlich großes Aufsehen. Der englische Gouverneur schenkte der Erzählung des Priesters wenig Glauben; er ließ zur Beruhigung der Gemüther Nachforschungen anstellen. Ein Regiment erhielt Befehl, die Insel zu durchsuchen, und in einer Felsenhöhle entdeckte man die sieben Griechen,welche sich in den Pulvermagazine versteckt gehalten hatten. Wie sie der Explosion entkommen waren, konnte man noch weniger begreifen als die Erscheinung eines Gespenstes. Sie wurden sogleich nach ihrer Verhaftung befragt.
Sie hatten keine Ursache etwas zu verschweigen. Iremachos, der die ganze Unternehmung geleitet hatte, gab über diese auffallende Thatsache die verlangte Erklärung. Er hatte einen Fluchtplan entworfen, der von seinen Cameraden gebilligt worden war. Die Griechen hatten mit der ihrem Stamme eigenen Entschlossenheit und Ausdauer sofort Hand aus Werk gelegt. Von jenem Tage an handelten sie mit reifer Ueberlegung, um die Ausführung des Planes möglich zu machen. Nach genauer Besichtigung der Festungswerke dachte Iremachos, man könne das Mauerwerk an der Seeseite ohne große Mühe durchbrechen, und die Arbeit wurde sogleich begonnen.
Sie fanden die Steine noch weicher und folglich die Arbeit noch leichter, als sie gehofft hatten; aber es war zu fürchten, daß sie Verdacht erregen würden, wenn sie sich Morgens nicht zeigten. Iremachos beschloß daher das Pulvermagazin in die Luft zu sprengen. Die Maueröffnung konnte dann als eine Folge der Explosion betrachtet werden. Die Flüchtlinge wollten die Verwirrung benutzen, um in einer Barke, die man gewiß an der Küste finden würde nach Sicilien hinüber zu fahren.
Dieser Plan war, wie wir gesehen, in Ausführung gebracht worden. Die Griechen hatten ihre Noth furchtbare geschildert, als sie wirklich war, und sie hatten ihre Rolle so gut gespielt, daß die Belagerer irregeführt würden. Zu der bestimmten Stunde verließen sie die Plattform und krochen aus der Maueröffnung, nachdem sie von dieser bis zum Magazin Pulver gestreut hatten. Sobald es auf der Johanneskirche neun schlug, zündeten sie das Pulver an und liefert querfeldein. Sie hatten sich in ihren Berechnungen nicht geirrt; die Oeffnung verschwand zugleich mit der Mauer, in welcher sie angebracht war, und Jedermann glaubte, die unglücklichen Griechen hätten unter den Trümmern des Fort Ricasoli ihr Grab gefunden.
Aber hier war ihr Glück zu Ende; sie suchten vergebens eine Barke. Am dritten Tage endlich sahen sie eine ans Ufer gezogene Schaluppe, welche sie rasch flott zu machen suchten. Aber der Patron überraschte sie und rief um Hilfe. Die Flüchtlinge hatten eben nur Zeit mitten unter den Felsen an der Küste einen Versteck zu suchen. Die folgenden Tage verstrichen, ohne ihnen ein Mittel zur Flucht zu bieten. Ente ganze Woche lebten sie nur von Schalthieren, welche sie Nachts an der Küste sammelten und von Wurzeln und Blättern. Aber trotz dieser Entbehrungen verübten sie keine Gewaltthat, bis zu jenem Tage, wo einer von ihnen, durch den Hunger gedrängt, den für ihn und seinen Gefährten so unheilvollen Versuch machte, mit dem alten Priester den vom Markte mitgebrachten Mundvorrath zu theilen.
Die Unglücklichen wußten nur zu gut, was ihnen bevorstand. Aber wie bleich und abgezehrt ihre Gesichter auch in Folge der Leiden und Entbehrungen waren, ihre Augen strahlten noch von Muth und Entschlossenheit. – Sie wurden vor ein Kriegsgericht gestellt und erschlossen.
Die Malteser hatten kurz vor unserer Ankunft den letzten Ueberrest des Frohbergischen Corps umkommen sehen, und der Eindruck war so tief gewesen, daß wir uns über die Grabesstille in der Stadt wunderten. Wir waren übrigens nur ans Land gegangen, um frisches Wasser einzunehmen; sobald dies geschehen war, begaben wir uns wieder an Bord des »Trident«, und da der Wind günstig war, so gingen wir denselben Abend wieder unter Segel.
Wir segelten dir ganze Nacht und den folgenden Tag vor dem Winde, ohne daß der Lieutenant Barke auf dem Verdeck erschien. Abends wurde die Wache abgelöst und wie gewöhnlich in die Sechsunddreißigpfünder-Batterie zur Ruhe geschickt. Als Jeder seit einer Stunde von den ionischen Wogen in seiner Hängematte geschaukelt worden war, pfiff eine Kugel in unserem Takelwerk und schlug durch das kleine Klüversegel; eine zweite Kugel, welche sogleich folgte, hatte unser Focksegel zur Zielscheibe erkoren. Die Schildwache war vermuthlich eingeschlafen, und ein uns begegnendes Schiff hatte uns seine Karte überreicht. In der dunkeln Nacht war nicht sogleich zu ermitteln, ob es ein Linienschiff, eine Fregatte oder ein Kanonenboot war.
Als ich auf das Verdeck eilte, schlug eine dritte Kugel in die Ankerwinde. Der Erste, der mir begegnete, war der Lieutenant Burke, der einige widersprechende Befehle ertheilte; seine Stimme hatte nicht die gewohnte Festigkeit und zum zweiten Male kam mir der Gedanke, daß er nicht wirklich tapfer sei und sich nur mit Mühe beherrsche. In dieser Meinung wurde ich noch bestärkt, als ich auf dem Hinterdeck die feste, entschiedene Stimme des Capitäns hörte.
»Achtung!l« rief der alte Seemann, der in Sturm und Kampf immer eine großer Energie zeigte. »Zu den Waffen! Jeder auf seinen Posten! Die Hängematten aufgehängt! – Wo ist der Signalwächter?«
Ein unbeschreiblicher Tumult folgte; aber in weniger als zehn Minuten war Jeder auf seinem Posten.
Unterdessen hatten wir eine Schwenkung gemacht, welche uns außer Sicht des Feindes gebracht hatte.
Aber als wir bereit waren ihm zu antworten, befahl der Capitän gerade auf ihn zuzuhalten. Gleich darauf sahen wir seine weißen Segel in der Dunkelheit auftauchen, ein plötzlich aufblitzender Flammengürtel zog sich um ihn, wir hörten unser Takelwerk krachen und einige Splitter von den Raaen fielen auf das Verdeck.
»Es ist eine Brigg!« rief der Capitän. »Ei! Du vorwitziges Ding sollst für deine Keckheit büßen. – Still! – Holla! Brigg!« rief er durch sein Sprachrohr, »wer seid Ihr? Wir sind der »Trident«, brittisches Linienschiff von 74 Kanonen.«
Eine dröhnende Stimme, welche dem Meergeiste anzugehören schien, antwortete:
»Und wir sind der »Monkey«, Sloop Sr. Majestät.«
»Nicht möglich!« sagte der Capitän.
»Nicht möglich!« wiederholte die Mannschaft.
Allgemeines Gelächter. Denn es war Niemand verwundet worden.
Ohne die kluge Vorsicht des Capitäns würden wir auf die Unserigen geschossen haben, wie sie aus uns geschossen hatten, und wahrscheinlich würden wir uns erst beim Eurem an dem Hurrahruf in der gleichen Sprache erkannt haben. Der Capitän des »Monkey« kam an Bord und entschuldigte sich. Während wir am Theetische saßen, wurden die Hängematten wieder herabgelassen. die Signale eingezogen und die Kanonen wieder zurückgeschoben. Wer nicht ans Wache war, legte sich ruhig schlafen.
Zweiter Teil
I
Kaum hatten wir im Hasen von Smyrna die Anker ausgeworfen und unsere Signale gegeben, so schickte uns der englische Consul ein Schreiben mit dem Ersuchen, einen vornehmen Engländer mit nach Constantinopel zu nehmen. Dieser Reisende habe ein Empfehlung-schreiben der Admiralität vorgewiesen, welches ihn ermächtige mit seinem Gefolge an Bord jedes in der Levante stationirten englischen Kriegsschiffs zu gehen. Der Capitän ließ antworten, daß er bereit sei den Lord zu empfangen, aber dieser müsse sich beeilen, denn er habe nur wissen wollen, ob ein ihn betreffender Regierungsbefehl da sei, und werde Abends wieder unter Segel gehen.
Gegen vier Uhr Nachmittags kam der vornehme Passagier mit zwei Freunden und einem albanesischen Diener an Bord. Auf einer Seereise ist der unbeutendste Vorfall ein Gegenstand der Neugierde und Zerstreuung: daher war auch die ganze Mannschaft auf dem Verdeck, um unsere Gäste zu empfangen.
Der zuerst heraufsteigende Passagier war ein schöner junger Mann von etwa fünfundzwanzig Jahren, von stolzer Haltung, mit schwarzem lockigen haare und ungemein zarten Händen. Er trug eine mir nicht bekannte gestickte Uniform mit Epauletten, enge lederne Beinkleider und Stiefel darüber. Während er die Leiter heraufstieg, gab er seinem Diener in neugriechischer Sprache, die er sehr geläufig sprach, einige Befehle. Sobald ich ihn bemerkte, konnte ich meinen Blick nicht von ihm abwenden; ich erinnerte mich dieses schöne Gesicht schon irgendwo gesehen zu haben, und der Ton seiner Stimme bestärkte mich in dieser Ueberzeugung. Als der Passagier das Verdeck betrat, begrüßte er die Offiziere und wünschte sich Glück, nach einem Jahre der Abwesenheit wieder unter Landsleuten zu sein. Der Lieutenant Burke erwiderte diese höfliche Anrede mit seiner gewohnten Kälte und führte, dem erhaltenen Befehl gemäß, die Passagiere in die Cajüte des Capitäns.
Gleich darauf ging der Capitän mit ihnen auf das Hinterdeck, wo sämmtliche Offiziere versammelt waren. Er nahm den vornehmen jungen Mann bei der Hand und trat auf uns zu.
»Meine Herren,« sagte er, »ich habe die Ehre Ihnen Lord George Byron und seine beiden Freunde, die ehrenwerthen Herren Hobhouse und Ekenhead, vorzustellen. Ich habe nicht nöthig, Ihnen alle seinem Talent und seinem Stande gebührende Achtung zu empfehlend.«
Wir verneigten uns.
Ich hatte mich nicht geirrt: der hochgeborne Dichter war der Jüngling, der unmittelbar nach meiner Ankunft zu Harrow-on-the-Hill die Lehranstalt verlassen hatte und über den ich seitdem gar sonderbare, aber fast immer verschiedene Urtheile gehört hatte.
Lord Byron war damals übrigens mehr durch seine Sonderbarleiten als durch sein Talent bekannt; man erzählte von ihm die seltsamsten Streiche, die eben sowohl ein Narr als ein Genie begangen haben konnte. Er rühmte sich nur zwei Freunde, Mathew und Long, gehabt zu haben, und Beide waren ertrunken. Dies hatte ihn jedoch nicht abgehalten ein leidenschaftlicher Schwimmer zu werden. Uebrigens war er auch im Reiten und Fechten sehr geübt. Seine Gelage im Schlosse Newstead hatten in ganz England großes Aufsehen gemacht. Er lebte daselbst mit einem Bäern und die Gesellschaft, welche er empfing, bestand aus Jokeys, Borern und Poeten, welche in Mönchsgewändern die Nächte hindurch zu zechen und aus dem Schädel eines alten Abbé Champagner zu trinken pflegten.
Er hatte erst die »Hours of Idleness« veröffentlicht, eine Sammlung von Gedichten, welche schon durch Anmuth der Form sich auszeichneten, aber sein wunderbares poetisches Talent noch nicht ahnen ließen. Diese Gedichte waren in der »Edinburgh Review« sehr scharf beurtheilt worden, und diese Kritik hatte den Dichter so sehr entmuthigt, daß einer seiner Freunde, der ihn beim Lesen derselben fand, glaubte, er sei krank oder es sei ihm ein großes Unglück begegnet.
Aber die Reaktion trat gleich darauf ein; der durch die Kritik verletzte Dichter beschloß sich durch die Satyre zu rächen. Seine berüchtigte Epistel an die schottischen Kritiker erschien unter dem Titel: English Bards and Scotch Reviewers«, und der Poet fühlte sich erleichtert. Aber er war des Lebens in England überdrüssig geworden; er besuchte Portugal, Spanien, Malta, wo er mit einem Generalstabsoffizier Händel bekam, aber sich mit diesem auf dem Kampfplatz aussöhnte. Von Malta schiffte er sich nach Albanien ein. Er hatte nun dem alten Europa und den christlichen Sprachen Lebewohl gesagt. Er begab sich nach Tebelin, um den gefürchteten Ali Pascha zu begrüßen. Dieser wußte, daß ihn ein vornehmer Engländer besuchen werde, und stellte einen Palast und seine schönsten Pferde zur Verfügung des Fremden. Vielleicht erkannte der scharfblickende Pascha in ihm das große Genie; genug, es entspann sich zwischen ihm und Lord Byron ein sehr freundschaftliches Verhältnis.
Er blieb einen Monat in Tebelin; dann begab er sich nach Athen. Hier wohnte er bei der Witwe des Viceconsuls, Mistreß Theodora Makri, deren ältester Tochter er zum Abschiede das bekannte, mit den Worten: »Maid of Athens,« beginnende Gedicht widmete.
Endlich war er nach Smyrna gereist und hatte daselbst im Hause des Generalconsuls die beiden ersten Gesänge von »Childe Harold« vollendet.
Bald nach seiner Ankunft am Bord erinnerte ich ihn an unser Zusammentreffen im College zu Harrow. Er verweilte gern bei den Erinnerungen aus der frühern Jugendzeit und sprach lange mit mir von den Lehrern, von Wingfield, den er gekannt hatte, und von Robert Peel, der sein Freund war. Dies war übrigens in den ersten Tagen unserer Bekanntschaft der einzige Gegenstand unsers Gespräche. Nachher erzählte ich ihm das Schicksal des armen David und die Empörung des Frohberg’schen Corps. Er hatte von dem Aufruhr gehört, aber die näheren Umstände waren ihm nicht bekannt. Endlich wurden wir vertrauter, und da ich von mir nicht viel zu sagen hatte, so drehte sich das Gespräch fast immer um ihn.
So viel ich in diesen traulichen Mittheilungen urtheilen konnte, war der Charakter Byron’s ein Gemisch von widerstreitenden, oft ganz entgegengesetzten Gefühlen. Er war stolz auf seine Geburt, auf seine echt aristokratische Schönheit, auf seine Geschicklichkeit im Reiten, Fechten und Schwimmen; er sprach fast immer von seinen kühnen Spielen, selten von seinem Genie. Obgleich er sehr mager war, hatte er eine fast lächerliche Furcht vor dem Fettwerden; vielleicht war dies eine Nachahmung Napoleons, für den er damals schwärmte und dessen Unterschrift er durch die Anfangsbuchstaben seines Taufe und Familiennamens N. B. (Noel Byron) nachbildete.
Er hatte durch das häufige Lesen von Young’s Schriften eine düstere Weltansicht bekommen, welche in der Anwendung auf das prosaische Leben der modernen Gesellschaft zuweilen ihre lächerliche Seite hatte. Er fühlte das selbst, und sprach zuweilen achselzuckend von seinen berüchtigten Orgien in Newstead Abbey, wo er und seine Freunde versucht hatten, die Genossen Heinrichs V. und die Räuber Schiller’s in Scene zu setzen. Da dieses Wunderbare, welches ihm die Civilisation verweigerte, seinem Herzen Bedürfniß war, so suchte er es in diesem Lande der alten Erinnerungen, mitten unter den Nomadenvölkern, am Fuße der altberühmten Berge Athos, Pindos und Olymp. Dort schien ihm wohl zu sein, die Luft behagte ihm und er hatte eben genug Abenteuer und Gefahren zu bestehen, um Neugierde und Muth beständig wach zu erhalten. Er lebte seit seiner Abreise aus England, wie er sich ausdrückte, wie unser Schiff, mit ausgespannten Segeln.
Nächst mir hatte er den Adler, welchen ich mit von Gibraltar gebracht hatte, am meisten liebgewonnen. Nick, fast immer auf dem Bord der am Hauptmast befestigten Schaluppe saß, lebte seit der Ankunft Byron’s herrlich und in Freuden; der edle Lord fütterte ihn täglich mit Tauben und Hühnern, die der Koch zuvor schlachten mußte, ohne daß es Lord Byron sah, denn er konnte das Abschlachten eines Thieres nicht sehen. Er erzählte mir, er habe einst bei der Quelle von Delphi zwölf Adler ausstiegen sehen, und diese sehr seltene Erscheinung, die sich ihm auf dem Parnaß dargeboten, habe in ihm die Hoffnung geweckt, daß die Nachwelt einst seinen Namen feiern werde.
Am Meerbusen von Lepauto, unweit Vostizza hatte er auch einen jungen Adler angeschossen, aber dieser war trotz der sorgsamsten Pflege einige Tage nachher gestorben.
Nick schien seinem Geflügellieferanten sehr dankbar zu sein, und sobald er ihn bemerkte, schrie er vor Freude und schwenkte seine Flügel. Lord Byron berührte ihn ohne die mindeste Besorgniß und Nick that ihm nie etwas zu Leide. So, meinte der Poet, müsse man die wilden oder reißenden Thiere behandeln; er habe dieses Benehmen bewährt gefunden bei Ali Pascha, bei seinem Bären und bei seinem Hunde Boatswain, der an der Wuth gestorben sei, ohne daß er aufgehört habe ihn zu liebkosen und ihm mit der bloßen Hand den giftigen Geifer abzuwischen.
Lord Byron schien mir hinsichtlich des Charakters große Aehnlichkeit mit Jean Jacques Rousseau zu haben. Ich sagte es ihm eines Tags; an dem Eifer, mit welchem er; diese vermeinte Aehnlichkeit zurückwies, war leicht zu erkennen, daß ihm der Vergleich nicht angenehm war. Uebrigens sagte er, sei ich nicht der Erste, der ihm dieses Compliment gemacht, und er betonte dieses Wort. In der Erwartung, daß eine genauere Erörterung dieses Streitpunctes einen neuen Charakterzug zum Vorschein bringen werde, beharrte ich bei meiner Meinung.
»Ich bemerke, mein junger Freund,« sagte er, »daß Sie von einer Krankheit befallen sind, welche ich allen meinen Umgebungen mitzutheilen pflege. Kaum hat man mich gesehen, so stellt man Vergleiche an, und dies ist für mich sehr demüthigend, denn die erste Wahrscheinlichkeit, welche sich daraus ergibt, ist Mangel an Originalität. Kein Mensch hat sich wohl mehr als ich mit Anderen vergleichen lassen müssen: mit Young, Aretin und Timon von Athen, mit Popkins, Chénier und Mirabeau, mit Diogenes, Pope, Dryden, Burns, Savage, Chatterton, Churchill, Kean, Alsieri, Brummel; man hat mich sogar mit einer immer erleuchteten Alabastervase, mit einer Phantasmagorie, mit einem Gewitter verglichen. – Mit Rousseau habe ich vielleicht am allerwenigsten Aehnlichkeit. Er schrieb in Prosa, ich schreibe in Versen; er war ein Mann aus dem Volke, ich gehöre der Aristokratie an; er war Philosoph, ich verabscheue die Philosophie; er war vierzig Jahre alt, als er sein erstes Werk herausgab, ich schrieb das meinige mit achtzehn Jahren; sein erstes Werk erwarb ihm den Beifall von ganz Paris, das meinige ward von ganz England scharf getadelt; er bildete sich ein, daß die ganze Welt gegen ihn conspirire, und aus der Behandlung, welche mir zu Theil wird, könnte man schließen, daß ich gegen die Menschheit conspirire; er war ein wissenschaftlicher Botaniker, ich liebe die Blumen, weil sie mir Freude machen; sein Gedächtniß war schlecht, das meinige ist ausgezeichnet; er schrieb mit großer Mühe, ich durchstreiche selten ein Wort, das ich geschrieben; er konnte weder reiten, noch fechten, noch schwimmen; ich gehöre zu den besten Schwimmern, bin ein ziemlich guter Fechter, zumal mit dem Claymore, und daß ich boxen kann, habe ich dadurch bewiesen, daß ich einst Purling zu Boden geworfen und ihm die Kniescheibe ausgesetzt habe; endlich reite ich recht gut, obgleich mit einiger Aengstlichkeit, seitdem ich mir beim Barrièresprung eine Rippe gebrochen- Sie sehen also, daß ich mit Rousseau gar keine Aehnlichkeit habe.
»Ew. Herrlichkeit sprechen nur von äußerlichen Gegensätzen,« erwiederte ich, »Sie schweigen von der Aehnlichkeit des Gemüths und des Talents.«
»Ich bin begierig, Mr. John, diese Aehnlichkeit kennen zu lernen.«
»Darf ich ganz offen reden?«
»Sagen Sie ohne Bedenken Ihre Meinung.«
»Die Zurückhaltung Rousseau’s, sein schwacher Glaube an die Freundschaft, sein Mißtrauen gegen die Menschen, die Nichtachtung der Kritik und die Neigung, das Publikum in Masse zum Vertrauten zu nehmen – alle diese Eigenthümlichkeiten hatten gewiß einigen Einfluß auf die Entwickelung Ihres Genius. Endlich hatte Rousseau seine »Bekenntnisse« geschrieben und damit gleichsam seine Statue öffentlich zur Schau gestellt. Sie haben mir zwei Gesänge von »Childe Harold« vorgelesen, und diese kommen mir vor wie eine Büste des Verfassers der »Hours of Idleness« und der Satyre auf die englischen und schottischen Poeten.«
Lord Byron sann einige Augenblicke nach; dann erwiederte er lächelnd.
»Sie kommen unter allen meinen Kritikern vielleicht der Wahrheit am nächsten, und in diesem Falle ist sie recht schmeichelhaft. Rousseau war ein großer Mann, und ich danke Ihnen, Mr. John. Sie sollten für eine Review schreiben, ich könnte dann hoffen einmal nach Verdienst gewürdigt zu werden.«
Diese für mich höchst interessante Unterredung fand in den herrlichsten Umgebungen statt, während wir zwischen den unzähligen Inseln hindurchsegelten, welche wie Blumenkörbe in das Meer, dem die Liebesgöttin entstiegen, geschüttet, zu sein schienen. Troß des widrigen Windes hatten wir nach einigen Tagen das duftende Scio und Mitylene, das alte Lesbos, hinter uns. Endlich, acht Tage nach unserer Abfahrt von Smyrna, sahen wir Tenedos, den vorgeschobenen Posten von Troas, und vor uns that sich die Meerenge auf, welche ihren Namen von Dardanos erhalten hat. Wir bewunderten die herrliche Landschaft, die sich vor unseren Augen ausbreitete, als wir durch einen Kanonenschuß vom Fort unsern Betrachtungen entrissen wurden. Eine türkische Fregatte rief uns an und zwei Boote mit einigen Soldaten und einem Offizier kamen auf unser Schiff zu, um zu ermitteln, ob wir nicht ein unter englischer Flagge segelndes russisches Kriegsschiff wären. Wir rechtfertigten uns, wurden aber trotzdem aufgefordert, einen Ferman der hohen Pforte abzuwarten, ehe wir uns dem heiligen Stambul näherten.
Wir mußten uns diese unangenehme Formalität gefallen lassen. Lord Byron war über diesen Aufenthalt sehr erfreut, ich nicht minder. Er bat um Erlaubniß ans Land zu gehen; ich wünschte das Commando der Chaluppe, die ihn ans Ufer bringen sollte; die Einwilligung des Capitäns war leicht erlangt und so beschlossen wir am folgenden Tage die Gefilde zu besuchen »wo einst Troja stand.«
Kaum hatte Lord Byron die Schaluppe bestiegen, so bat er mich in seiner Ungeduld, so viel Wind wie möglich mit dem Segel zu fassen; ich gab ihm zu bedenken, daß wir uns der Gefahr aussetzten umzuschlagen, denn die Strömung der Meerenge war hier noch ziemlich stark und nahe an der Küste wurde die Gefahr durch die Brandung noch vergrößert. Er fragte mich, ob ich nicht schwimmen könne. Da ich in dieser Frage einen Zweifel an meinem Muthe sah, so forderte ich den edlen Lord auf seinen Rock auszuziehen um sich nöthigenfalls freier bewegen zu können, und richtete das Segel vollständig nach dem Winde. Gegen meine Erwartung und Dank der Geschicklichkeit des Steuermannes landeten wir glücklich am Vorgebirge Sigeuin, jetzt Cap Jenischer genannt.
In wenigen Augenblicken waren wir Alle auf dem Hügel, ans welchem, der Sage nach, Achilles begraben liegt und um welchen Alexander auf seinem Kriegszuge dreimal nackt und mit Blumen bekränzt die Runde machte. Einige Klafter von diesem angeblichen Grabe liegen die Trümmer einer Stadt, die uns ein griechischer Mönch als die Ueberreste von Troja bezeichnete; aber zum Unglück für ihn bemerkten wir von der Anhöhe das von dem Berge Ida und dem Kilkalasiegebirge eingeschlossene Thal, in welchem Troja gestanden haben muß. Der in diesem Thale fließende Bach ist der berühmte Skamander, von Homer Xanthus genannt; oberhalb des Dorfes Enai vereinigt er sich mit dem Simois und wird von da ein ganz stattlicher Fluß.
Wir nahmen den Weg in dieses Thal. Lord Byron setzte sich auf einen Felsblock, Ekenhead und Hobhouse schossen Becassinen, als ob sie in den Sümpfen von Cornwall gewesen wären, und ich sprang zu meiner Unterhaltung über den Xanthus.
Nach einer Stunde war Lord Byron über die Stelle, wo einst die Stadt des Priamus gestanden, noch mehr in Zweifel als bei unserer Ankunft. Hobhouse und Ekenhead hatten ein paar Dutzend Becassinen und drei Hasen geschossen; und ich war dreimal ins Wasser oder vielmehr in classischen Schlamm gefallen.
Lord Byron beschloß den Skamander bis zu der Stelle zu verfolgen, wo er sich ins Meer ergießt; ich schickte daher einen Boten nach der Schaluppe mit dem Befehl, uns am Cap Jeni-scher zu erwarten. Wir setzten dann unsere Wanderung fort. In Bornabaschi frühstückten wir, und eine Stunde nachher waren wir an der Küste der Meerenge, an derselben Stelle, wo sie zwischen dem neuen asiatischen Castell und der aus europäischer Seite vorspringenden Landspitze am schmalsten ist. Lord Byron hatte Lust, das kühne Wagstück Leander’s zu wiederholen und über die hier etwa eine Meile breite Meerenge zu schwimmen.
Wir versuchten ihm diese Thorheit auszureden; aber alle unsere Gegenvorstellungen bestärkten ihn in seinem Entschlusse, welchen er wahrscheinlich ausgegeben haben würde, wenn wir ihm nicht widersprochen hätten; denn die Willenskraft hatte bei ihm etwas von kindischem oder weiblichem Eigensinn. Diese Beharrlichkeit bildete übrigens einen Theil seines Genies. Man sprach ihm das Talent des Versemachens ab, er faßte den Vorsatz, die Kritik zu Schanden zu machen, und wurde ein großer Dichters er war mit einem verkrüppelten Fuße geboren, er kämpfte mit eiserner Willenskraft gegen dieses Gebrechen und galt für einen der schönsten Männer seiner Zeit.
Wir gaben ihm zu bedenken, daß es sehr warm sei, daß er eben gefrühstückt habe und daß die Strömung stark sei; es fehlte wenig, so hätte er sich mit Schweiß bedeckt und ohne eine Minute zu warten ins Wasser gestürzt.
Es wäre vergebens gewesen ihm diesen abenteuerlichen Gedanken ausreden zu wollen. Aus mein dringendes Bitten entschloß er sich jedoch, die Ankunft der Schaluppe abzuwarten; ich sah in dieser Verzögerung einen doppelten Vortheil: er hatte Zeit sich abzukühlen und zu verdauen, und überdies konnte ihm die Schaluppe in geringer Entfernung folgen und so die größte Gefahr beseitigen. Ich stieg auf den höchsten Punkt der Küste und gab den in der Schaluppe befindlichen Matrosen durch wohlbekannte Signale den Befehl schnell heranzurudern. Als ich wieder auf den Sammelplatz kam, war Lord Byron ganz entkleidet; zehn Minuten nachher war er im Wasser. Ich folgte ihm in der Entfernung von zehn Schritten.
Ein gute halbe Stunde ging es vortrefflich, er legte, ohne weit abwärts getrieben zu werden, zwei Drittheil seines nassen Weges zurück. Dann aber bemerkte ich an der Art wie er die Brust fast ganz aus dein Wasser hob, daß er müde zu werden begann. Ich sagte es ihm und wollte auf ihn zu rudern; aber er winkte zurück. Ich gehorchte, um ihm den Willen zu thun, ohne ihn jedoch aus den Augen zu lassen. Bald wurde sein Athem sehr laut und ohne etwas zu sagen, näherte ich mich. Nach und nach fingen seine Glieder an zu erstarren und er schwamm nur noch stoßweise; endlich schlug ihm das Wasser zweimal über dem Kopfe zusammen, und zum dritten Male rief er um Hilfe. Wir hielten ihm ein Ruder hin – er ergriff es und wir zogen ihn in die Schaluppe.
Er zeigte nun das Kindische und Eigensinnige seines Charakters, er war verdrießlich, als ob ihm ein Unglück geschehen wäre, oder vielmehr beschämt, wie nach einer Niederlage. Seine Oberlippe zog sich mit einem höhnischen Ausdrucke in die Höhe, und er sprach kein Wort, während wir ihn an Bord zurückbrachten.
Uebrigens gab er sich nicht überwunden; er fand die Ursache des Mißlingens mit Recht in der Schnelligkeit der Strömung und meinte an einer breiteren aber ruhigern Stelle der Meerenge leichter von einer Küste zur andern schwimmen zu können. Es wurde daher beschlossen, den folgenden Tag nach Abydos zu gehen; Lord Byron wollte dann sein Wagstück an derselben Stelle wiederholen, wo Leander das seinige so oft vollbracht hatte. – Nachdem diese Verabredung getroffen war, begaben wir uns wieder an Bord des »Trident«.
Als am andern Morgen der Tag graute, waren wir am Lande. In dem kleinen Dorfe Renn-Keni nahmen wir Pferde und so ritten wir, die Mühlen, Hütten und Springbrunnen am Ufer links lassend, an der asiatischen Küste hinauf. Wir bildeten eine Cavalcade, welche würdig gewesen wäre, an einem Carnevalsaufzuge auf den Pariser Boulevards oder auf dem Corso einer italienischen Hauptstadt theilzunehmen. Es war heiß, obgleich der europäische Winter bereits begonnen hatte; ein heißer Stand erhob sich unter den Hufen unserer Pferde und weckte unsere Sehnsucht nach einem grünen schattigen Cypressenwalde, den wir vor uns erblickten. Als wir dem Walde auf etwa zweihundert Schritte nahe gekommen waren, sprengte eine Abtheilung türkischer Reiter aus demselben hervor, versperrte uns den Weg und rief uns an.
Wir verstanden die gurgelnden Kehllaute nicht und konnten sie natürlich nicht beantworten. Wir sahen einander unschlüssig an, Lord Byron machte Miene, den Eintritt in den Wald zu erzwingen; er setzte sein Pferd in Galopp. Die türkischen Reiter zogen ihre Säbel, und Lord Byron hätte es wahrscheinlich auf ein Scharmützel ankommen lassen, wenn unser Führer seinem Pferde nicht in den Zügel gefallen wäre.
Der Führe lief nun auf die Türken zu und erklärte ihnen, daß wir englische Reisende wären und die Landschaft Troas in der friedlichsten Absicht besuchten. Die Reiter hatten uns für Russen gehalten und die Pforte führte damals Krieg mit Rußland. Wie wir von Moskau an die Meerenge der Dardanellen gekommen sein könnten, hatten sie nicht erwogen, denn einer ruhigen Ueberlegung ist der Türke nicht fähig.
Diese zum Kampf sich rüstende türkische Reiterschaar bot übrigens einen höchst malerischen Anblick- Wie Raubthiere schienen die Moslem Blut zu wittern; statt ruhig und ernst zu bleiben, wie die Menschenmauern, aus denen unsere westeuropäischen Heere bestehen, ließen sie ihre Pferde tanzen und schienen sich anzueifern, wie der Löwe, der brüllt und mit dem Schweif seine Seiten schlägt. Uebrigens nahm sich diese Truppe mit ihren betreßten Zacken, ihren Turbanen, ihren feurigen arabischen Pferden weit pittoresker aus als die schönsten französischen oder englischen Regimenter, die wir je gesehen.
Während dieser kurzen Unterhandlung, deren Ergebniß noch nicht vorauszusehen war, warf ich einen Blick auf Lord Byron. Seine Wangen waren sehr blaß, aber seine Augen funkelten und seine halbgeöffneten Lippen zeigten seine blendendweißen Zähne. Man sah wohl, daß der scandinavische Wolf gern mit dem orientalischen Tiger gerauft hätte. Zum Glück kam es nicht dazu. Unser Führer brachte den türkischen Offizier zur Vernunft, die Säbel wurden wieder in die Scheiden, die Pistolen in die Gürtel gesteckt und die caraeolirenden Pferde wurden ruhig. Man winkte uns herbei, und nun befanden wir uns ganz freundschaftlich mitten unter den Türken, welche wir fünf Minuten zuvor als Feinde betrachtet hatten.
Lord Byron hatte Recht gehabt, daß er indem Cypressenwalde ausruhen wollte. Es war kühl und schattig darin. Wir setzten uns an einen klaren, namenlosen Bach, der sich stolz wie die Donau oder Rhone ins Meer ergießt, und nahmen unsern Mundvorrath aus dein Korbe. Wir hatten Champagner, Bordeaux und eine kolossale Wildpretpastete mitgebracht. Ich habe nie an einem schönem Platze und in angenehmerer Gesellschaft gefrühstückt. Lord Byron war in der heitersten Stimmung; er erzählte uns seinen ganzen Aufenthalt zu Tebelin und sein seltsam freundschaftliches Verhältniß zu Ali-Pascha. Er bot mir Empfehlungsbriefe an, die ich annahm, ohne zu vermuthen, daß sie mir einst von Nutzen sein könnten. Es war mir mehr um ein Autograph des Dichters als um eine Empfehlung an den alten Pascha zu thun.
Nach beendeter Mahlzeit zogen wir weiter und nach zwei Stunden kamen wir in ein elendes Dorf, welches nur von Zeit zu Zeit wegen des historischen und mythologischen Interesses dieser Gegend von neugierigen Reisenden und Alterthumsforschern besucht wird. Zu unserm großen Erstaunen fanden wir hier einen englischen Consul. Dieser war ein italienischer Jude, der mit einer Griechin verheiratet war. Sein zerlumptes Aussehen war gewiß nicht Folge von Dürftigkeit, denn die englische Regierung läßt ihre Agenten wohl in sehr seltenen Fällen Mangel leiden; es mußte wohl schmutziger Geiz und Nachlässigkeit die Ursache sein, denn die Lumpen des Mannes waren mit dem ekelhaftesten Ungeziefer bedeckt.
Wir entzogen uns so schnell wie möglich den Complimenten, mit denen uns der Vertreter unserer Nation überhäufte und begaben uns an die Küste, von wo aus der zweite Schwimmversuch gemacht werden sollte. Dieses Mal unternahm Mr. Ekenhead das Wagstück gemeinschaftlich mit Lord Byron.
Ich hatte große Lust mich den beiden Schwimmern anzuschließen; die Sache schien mir nicht sehr schwer, denn die Entfernung von Abydos nach Sestos kann nicht viel über anderthalb englische Meilen betragen; aber ich mußte in der Schaluppe über das Leben meiner beiden Landsleute wachen, und die Verantwortung war zu groß, als daß ich mir eine leichtsinnige Handlung hätte erlauben dürfen.
Beide waren vortreffliche Schwimmen Ekenhead schien dem Lord Byron auf den ersten Anblick überlegen zu sein; seine Bewegungen waren regelmäßiger, kräftiger. Lord Byron konnte wegen seines Klumpfußes das Wasser nicht ganz gleichmäßig treten, und kam auf langen Strecken etwas von der geraden Richtung ab. Dies war in einer Strömung natürlich noch mehr der Fall als in ruhigem Wasser. Wie Tags zuvor folgte ich ihm auf drei Ruderlängen mit der Schaluppe; aber dieses Mal erreichte er in einer Stunde und achtzehn Minuten glücklich die andere Küste. Die Strömung war oberhalb der Dardanellen nicht so stark wie unterhalb; aber trotzdem erreichte er das Land etwa drei englische Meilen unterhalb der Stelle, auf welche er es abgesehen hatte. Ekenhead landete acht Minuten früher als er. Wir konnten auf der europäischen Seite nicht landen, ohne die türkischen Gesetze zu übertreten, und blieben daher einen Flintenschuß weit von der Küste.
Lord Byron, der sich von seiner gestrigen Anstrengung noch nicht erholt hatte, war so erschöpft, daß er fast besinnungslos auf den Sand niederfiel. Ein armer Fischer, der seine Netze ausbesserte und von Zeit zu Zeit einen Blick auf die beiden Schwimmer geworfen hatte, kam auf ihn zu und erbot sich ihn in seine Hütte zu führen. Byron verstand den Mann und antwortete ihm, daß er das Anerbieten annehme. Ekenhead wollte bei ihm bleiben, aber Byron fand es romantischer allein zu bleiben. Ich band seine Kleider zusammen, befestigte das Päckchen auf meinem Kopfe und schwamm ans Land. Dann schwamm ich mit dem ebenfalls ganz erschöpften Ekenhead zu der Schaluppe zurück. Als wir uns wieder ankleideten, rief uns Lord Byron zu, wir möchten nicht besorgt sein, wenn er den andern Tag nicht wieder am Bord erschiene.
Der Tinte hatte keine Ahnung von dem hohen Range seines Geistes, aber er behandelte ihn mit aller von der Gastfreundschaft gebotenen Rücksicht. In fünf Tagen hatte sich Lord Byron vollkommen erholt und benutzte eine nach Tenedos zurückkehrende Barke, um sich wieder an Bord des »Trident« zu begeben. Sein Wirth gab ihm beim Abschiede ein großes Brot, einen Käse und einen mit Wein gefüllten Schlauch; er zwang ihn einige Goldstücke im Werthe von je zwanzig Centimen anzunehmen und wünschte ihm glückliche Reise. Byron nahm dieses Geschenk an und dankte dem armen Türken, aber sobald er an Bord kam, schickte er seinen getreuen Stefano, den von Ali-Pascha erhaltenen Diener, an den Fischer ab, um diesem ein Sortiment Netze, eine Jagdflinte, ein Paar Pistolen, sechs Pfund Pulver und zwölf Ellen Seidenstoff für seine Frau zu überbringen. Alles dies wurde dem Fischer noch denselben Tag übergeben, und der brave Mann war ganz erstaunt; über dieses prächtige Geschenk für eine so armselige Bewirthung. Er entschloß sich ebenfalls über die Meerenge zu fahren, um seinem Gast für die schönen Sachen zu danken. Als er mitten im Canal war, warf ein jäher Windstoß seinen Kahn um, und der Unglückliche, der nicht so gut schwimmen konnte wie Lord Byron und Ekenhead, ertrank in der Nähe unseres Schiffes.
Wir erfuhren diese traurige Nachricht zwei Tage nachher, und Lord Byron war tief betrübt. Er schickte der armen Witwe fünfzig spanische Thaler nebst seiner Adresse in London und ließ ihr sagen, daß sie unter allen Umständen auf ihn zählen könne. Er nahm sich vor sie selbst zu besuchen, als wir Abends den ersehnten Ferman erhielten, der uns endlich die Durchfahrt zwischen den Dardanellen eröffnete. Wir hatten acht Tage gewartet und der Capitän wollte die verlorene Zeit so viel als möglich wieder einbringen. Wir lichteten daher sogleich die Anker, und den zweiten Tag um drei Uhr Nachmittags erreichten wir die Spitze des Serai.
II
Diese zweitägige Fahrt durch den Hellespont, hatte so herrliche,Landschaftsbilder vor unsern Augen entrollt, daß wir an der Spitze des Serai in Versuchung kamen zu fragen, wo denn das von den Reisenden so gepriesene Constantinopel sei, welches an malerischer Pracht nur mit dein Golf von Neapel zu vergleichen. Aber als wir, um den Capitän nach Galata zur englischen Gesandtschaft zu führen, die Schaluppe bestiegen hatten und in das Goldene Horn fuhren, breitete sich die alte Kaiserstadt vor uns aus mit ihrem Häuser Amphitheater, mit ihren vergoldeten Kuppeln, ihren von dunklen Cypressen beschatteten Friedhöfen, und wir erkannten nun die schöne Hetäre, welche Constantin von Rom abwendig machte und ihn mit ihren Reizen an sich fesselte.
Es wäre damals nicht rathsam gewesen, durch die Straßen von Galata ohne Schutzwache zu gehen. Mr. Adair, der von unserer Ankunft schon unterrichtet war, hatte uns einen Janitscharen geschickt, dessen Anwesenheit andeutete, daß wir unter dem Schutz des Sultans standen. In diesem Lande, wo Jedermann bewaffnet ist, sind Händel sehr häufig und werden auf der Stelle ausgefochten; die Sicherheitsbehörde schreitet gewöhnlich zu spät ein und kann nichts thun, als den Mörder bestrafen: es war also nothwendig, uns der gegen die Griechen und Russen erbitterten Bevölkerung als Angehörige einer befreundeten Nation zu erkennen zu geben.
Unsere Matrosen blieben in der Schaluppe unter der Aufsicht meines Freundes James; ich begleitete den Capitän Stanbow und Lord Byron zur Gesandtschaft.
Unterwegs fanden wir das Gedränge so groß, daß der Janitschar mit seinem Stocke dareinschlagen mußte, um uns einen Weg zu bahnen. Die Ursache des Zusammenlaufs war ein Grieche, der zur Hinrichtung geführt wurde und zwischen zwei Henkersknechten durch die Hauptstadt von Galata schritt. Wir sahen ihn vorbeigehen. Es war ein schöner Greis mit weißem Bart; er schritt mit fester, sicherer Haltung durch den schreienden und schimpfenden Pöbel.
Dieser Anblick machte auf uns Alle einen peinlichen Eindruck, zumal aus Lord Byron, der sogleich unsern Dolmetscher fragte, ob der Unglückliche auf Verwendung des Gesandten und durch Bezahlung eines beträchtlichen Lösegeldes nicht zu retten sei: aber der Dolmetscher hielt erschrocken einen Finger auf den Mund. Trotz dieser dringenden Mahnung konnte Lord Byron nicht unterlassen, dem Greise in neugriechischer Sprache zuzurufen: »Fasse Muth, Märtyrer!« Der Grieche sah sich um nach dem Manne, der diese tröstenden Worte gesprochen; er blickte zum Himmel auf, um anzudeuten, daß er bereit sei zu sterben. In demselben Augenblicke hörte man einen andern Zuruf hinter einem vergitterten Fenster; man sah Finger zwischen dem Gitterwerk hervorkommen und daran rütteln.
Diese Stimme schien dem alten Griechen bekannt zu sein. Er stand still; aber der eine Henker trieb ihn mit der Spitze seines Jatagans weiter. Lord Byron, über diese Grausamkeit empört, fuhr auf, und ich selbst ergriff unwillkürlich meinen Dolch. Der Capitän Stanbow faßte uns Beide beim Arm.
»Kein Wort, oder Sie sind des Todes!« sagte er in englischer Sprache und zeigte auf den Janitscharen, der uns mit scheelen Blicken anzusehen begann. Dann wartete er uns festhaltend, bis der Zug vorüber war.
Bald ließ das Gedränge nach und wir gingen weiter. In zehn Minuten kamen wir, noch ganz erschrocken, in das Botschaftshotel. Der Beweggrund zu unserer Reise nach Constantinopel war nicht mehr vorhanden. Die Genugthuung, welche wir durch unsere Anwesenheit unterstützen sollten, war gewährt worden und der Gesandte hatte im Namen der britischen Regierung die verlangte Entschuldigung erhalten. Die amtliche Unterredung zwischen dem Capitän Stanbow und Mr. Adair war daher kurz, so daß Lord Byron gleich darauf vorgestellt wurde.
Nach den üblichen Begrüßungen fragte Byron den Gesandten, was für ein Verbrechen der zum Tode verurtheilte Greis begangen. Mr. Adair zuckte traurig die Achseln. Der alte Grieche hatte drei schwere Verbrechen begangen, von denen jedes in den Augen der Türken den Tod verdiente: er war reich, arbeitete im Stillen an der Befreiung seines Volkes und hieß Athanasius Dukas, das heißt, er war einer der letzten Sprößlinge des königlichen Stammes, der im dreizehnten Jahrhundert geherrscht hatte. Auf die dringenden Vorstellungen seiner Freunde hatte er anfangs Constantinopel verlassen; aber nach einigen Monaten war er zurückgekehrt, um seine Familie zu sehen. Kaum in Galata angekommen, war er verhaftet worden; seine Tochter, eine ausgezeichnete Schönheit, war geraubt und für zwanzigtausend Piaster an einen reichen Türken verkauft worden; seinen Palast hatte man zu Gunsten des Großherrn confiscirt und seine Frau hinausgestoßen; die Unglückliche hatte vergebens .in einigen griechischen Häusern ein Unterkommen gesucht. Endlich hatte ihr der englische Gesandte in seinem Hause ein .sicheres, unverletzliches Asyl geboten; sie hatte dieses großmüthige Anerbieten mit Dank angenommen; aber seit gestern Abend war sie verschwunden und man wußte nicht wo sie war.
Mr. Adair bot dem Lord Byron für die ganze Zeit seines Aufenthaltes eine Wohnung im Gesandtschaftshotel an; aber der Poet, der eine Beschränkung seiner Freiheit fürchtete, lehnte es entschieden ab, er wünschte ein kleines türkisches Haus zu finden, wo er nach Landessitte leben könne. Er nahm übrigens die ihm angebotene diplomatische Gönnerschaft an, falls Mr. Adair eine Audienz beim Sultan haben würde; Lord Byron konnte dann in seinem Gefolge Platz finden. Unsere Ankunft in Constantinopel machte dies mehr als wahrscheinlich.
Wir verließen Mr. Adair nach einer Stunde traulichen und anziehenden Gesprächs und setzten dann – immer in Begleitung unseres Janitscharen – die Wanderung durch die Straßen von Galata fort. Wir bemerkten indeß bald, daß er uns nicht denselben Weg führte, den wir gekommen waren; wir wollten eben unsern Dolmetscher um die Ursache fragen, als dieser, unsere Absicht errathend, mit dem Finger auf die Mitte des Platzes zeigte, den wir eben betreten hatten. Wir bemerkten eine noch nicht erkennbare Gruppe; wir schauderten, obgleich wir noch nicht ahnen konnten, woraus dieselbe bestand.
Als wir näher kamen, erkannten wir einen knienden enthaupteten Leichnam. In dem Kopfe, der zwischen den Knien steckte, erkannten wir das greise Haupt des alten Griechen, den wir vor einer Stunde hatten vorbeigehen sehen. Neben dem Leichnam saß eine Frau, deren Stirn auf beiden Händen ruhte. Von Zeit zu Zeit richtete sie sich auf, um einen neben ihr liegenden Stock zu ergreifen und die Hunde zu verjagen, welche das Blut auflecken wollten. Diese Frau war die Witwe des Märtyrers, die Tags vorher aus dem Botschaftshotel verschwunden war. Die Änderung des Weges, über die wir uns wunderten, war eine Aufmerksamkeit des Janitscharen; er wollte uns wahrscheinlich einen Begriff von der Gnade seines Herrn geben.
Wir waren wirklich in einem glücklichen Moment nach Constantinopel gekommen, wir spielten hier die Rolle der, Helden in »Tausend und Eine Nacht.« Ich kam in Versuchung, diese Hinrichtung mit allen Nebenumständen für einen Traum zu halten und der Anblick der uns umgeben, den wunderbaren Trachten war ganz geeignet mich in meiner Täuschung zu erhalten. In Constantinopel bemerkt man wenig oder keine zerlumpte Menschen; alle Kleider scheinen für vornehme Leute gemacht zu sein; ein türkischer Bauer oder Schiffer sieht eben so malerisch aus wie ein Großwürdenträger, und die Frau des Krämers trägt oft mehr Geschmeide als die Gemahlin eines Parlamentsmitgliedes in einer Pairie zu London. In jeder Familie gibt es einen vom Vater auf den Sohn vererbten Anzug, der »Kairam« genannt, den man nur bei festlichen Gelegenheiten trägt. Nach dem Feste legt man ihn wieder in die Truhe und bewahrt ihn auf bis zum nächsten Feste. Solche Anzüge trug man schon zur Zeit Mohammeds II. denn in Constantinopel ist die Nationaltracht keiner Mode unterworfen, obgleich sie in manchen Einzelheiten viele Abwechslungen darbietet. Ein geübtes Auge erkennt auf den ersten Blick den türkischen Dandy, der eben so sorgfältig Toilette macht wie ein Pflastertreter in London oder Paris. Der Schnitt des Bartes, die Falten des Turbans, die Krümmung der gelben Babuschen, die Arabesken an den Pistolen und die Zierathen am Kandschar sind hochwichtige Angelegenheiten für den eleganten Osmanli.
Der Turban ist unter allen Bekleidungsstücken am meisten von der Laune des Trägers abhängig; er macht dem Türken eben so viel zu thun wie die Cravate dem Pariser. Es gibt candiotische, egyptische, rumelische Turbane; der Syrier ist an dem gestreiften, der Emir von Aleppo au dem grünen, der Mameluk an dem weißen Turban zu erkennen. Uebrigens sieht man in Constantinopel, wie in allen großen Städten, eine wahre Mosaik von Trachten, zu welcher die Westeuropäer mit ihren einfachen armseligen Anzügen die unscheinbarsten Steine liefern.
Ich weiß nicht welchen Eindruck dieser seltsame Anblick auf meine Begleiter machte; ich für meine Person befand mich in einem fieberhaften Zustande, als ich wieder an Bord kam. Auch Lord Byron schien trotz der Kälte, die er zur Schau trug, sehr tief bewegt, und er würde sich gewiß seinen Eindrücken überlassen haben, wenn er es nicht darauf abgesehen hätte, nicht nur durch seinen Geist, sondern auch durch sein Aeußeres zu imponiren. Er war freilich schon länger als ein Jahr auf Reisen, und die Hälfte dieser Zeit hatte er in Griechenland zugebracht, er war daher auf das Schauspiel, welches wir vor Augen hatten, einigermaßen vorbereitet. Mit mir war’s anders: ich war kaum zwei Monate von meiner Heimat entfernt und fast ohne Uebergang aus dem Alltagsleben in diese ganz fremde Welt versetzt worden. Ich war so überreizt, daß ich jeden Augenblick ein außerordentliches erschütterndes Ereigniß erwartete.
Der Tag verging indeß, ohne daß sich etwas Ungewöhnliches zutrug. Einige türkische Bummler kamen mit ihren langen Pfeifen an Bord, um ein englisches Kriegsschiff in Augenschein zu nehmen. Wir hatten aber eine beträchtliche Ladung Pulver, weil wir bei unserer Abfahrt noch nicht gewußt hatten, in welcher Stimmung wir die hohe Pforte finden würden: das Rauchen konnte daher nicht gestattet werden. Als wir dies den Türken nach langen Unterhandlungen begreiflich gemacht hatten, schienen sie sehr erstaunt, daß wir Maßregeln genommen, um ein Unglück zu verhüten; sie meinten, alle Vorsicht sei vergebens, wenn Mohammed einmal beschlossen habe, daß ein Unglück geschehen solle. Sie nahmen unsere Aufforderung sehr übel und setzten sich mit untergeschlagenen Beinen auf unsere Caronaden. Das war ebenfalls nicht zulässig, und der Geschützmeister ließ sie ersuchen sogleich aufzustehen und einen andern Platz zu suchen. Dieser Mangel an Gastfreundschaft beleidigte sie dergestalt, daß sie nicht länger bleiben mochten. Sie begaben sich in sehr übler Laune in ihre Schaluppe zurück, und der letzte spuckte ingrimmig auf das Verdeck.
Diese Ungezogenheit wäre dem Türken beinahe theuer zu stehen gekommen. Bob, der sich in seiner Nähe befand, hatte ihn schon beim Arm gefaßt und wollte mit seinem Barte das Verdeck abwischen, als ich dem Türken zu Hilfe kam. Bob war nur schwer zu bewegen, den linken Arm des Osmanli loszulassen, und ich sah mich genöthigt die rechte Hand des Letzten zu ergreifen, weil er seinen Kandschar faßte. Bob, der diese drohende Bewegung sah, sprang zurück und ergriff einen Hebebaum. Ich benutzte diesen Moment, um den Türken zu entfernen; die Schaluppe setzte sich in Bewegung und die Gegner wurden getrennt.
Auf dem Verdeck war nur ein Handelsjude, Namens Jakob, zurückgeblieben. Ich habe nie eine merkwürdigere Verkörperung des Schachergeistes gesehen; seine Taschen waren voll von Mustern und in einem Kästchen trug er ein Sortiment der verschiedensten Sachen. Er handelte mit allen möglichen Waaren, mit Cashmirs und Pfeifen, Korallen und Rosenöl. Er gab mir die Adresse seines Ladens in Galata, wo seiner Vesicherung nach der beste Tabak in Constantinopel zu finden sei; er führe sogar den allerfeinsten Latakie, der eigens für den Großherrn aus Syrien gebracht werde. Ich nahm die Adresse und versprach ihm einen baldigen Besuch. Der Jude sprach ziemlich gut englisch, und ein solcher Mann war viel werth für einen Fremden, der, wie Lord Byron, auf Abenteuer ausgeht, und für einen wachen Träumer wie ich.
Einstweilen fragten wir ihn, ob er uns einen kündigen Führer verschaffen könne; Lord Byron wollte die Runde um die Ringmauern von Constantinopel machen, und ich hatte von dem Capitän die Erlaubniß erhalten ihn zu begleiten. Jacob erbot sich zum Führer; er wohnte seit zwanzig Jahren in Stambul, kannte die Stadt besser als die meisten eingeborenen Türken, und da er weder sociale nach religiöse Vorurtheile hatte, so versprach er uns Alles zu erzählen, was er von interessanten Persönlichkeiten und Lokalitäten wisse. Wir nahmen sein Anerbieten an, mit dem Vorbehalt, einen andern Führer zu nehmen, falls wir aus unserer ersten Wanderung mit diesem nicht zufrieden wären.
Wir brachen sehr früh auf, und da einige Theile der Ringmauern an den Bosporus stoßen, so nahmen wir eine Barke, die uns bis zu dem Schloß der Sieben Thürrne führte. Hier stiegen wir ans Land.
Unser Jude erwartete uns mit Pferden, die er für uns gemiethet hatte; er war ermächtigt sie uns zu verkaufen, wenn sie uns gefielen.
Die Pferde, welche in der Rangordnung zu Constantinopel etwa dieselbe Stelle einnehmen wie die Fiakerpferde in Frankreich und England, schienen uns feurig und flink: die arabische Rasse verläugnet selbst in den Miethgäulen das edle Blut nicht.
Die arabischen Pferde gehen nur im Schritt oder galoppiren; der Trab ist im Orient unbekannt. Wir ritten langsam, da wir Alles genau in Augenschein nehmen wollten.
Constantinopel bietet von der Landseite einen wo möglich noch reizendere Anblick als vom Bosporus oder vom Goldenen Horn. Man denke sich einen vier englische Meilen langen Raum, von den sieben Thürmen bis zum Palast Constantins, umgeben von gewaltigen dreifachen Zinnen, die mit Epheu bewachsen sind. Aus diesen Ringmauern erheben sieh 118 Thürme. Auf der andern Seite des Weges liegen die türkischen Friedhöfe, in deren hohen schattigen Cypressen eine Anzahl von Tauben, Nachtigallen und Finken nisten. Alles dies spiegelt sich in dem azurblauen Meere und ist von einem Himmel überwölbt, den die Götter des Alterthums, die wahrlich wußten was schön und behaglich, zum dauernden Wohnsitz erkoren hatten.
Bei dein halb verfallenen,casernenartigen Palast Constantins setzten wir sammt unsern Pferden über das Goldene Horn. Unser Jude führte uns auf einen Hügel, Burgnlu genannt, der etwa eine englische Meile von der Ringmauer entfernt ist. Die Aussicht ist überraschend schön: man sieht das Marmorameer, den Olymp, die asiatischen Gefilde, Stambul und den Bosporus, der sich durch prächtige mit Landhäusern und Palästen besetzte Gärten windet. An dieser Stelle pflanzte Mohammed II., entzückt über dieses Eden, seine Fahne auf und schwur bei dem Propheten, daß er Constantinopel nehmen oder vor den Mauern sein Leben lassen werde. Nach fünfundfünfzigtägiger Belagerung hielt er sein Wort.
Ermüdet und erhitzt stiegen wir vor einem Kaffeehaus ab. Kaum hatten wir die Schwelle überschritten, so sahen wir uns gezwungen alle Nationaleitelkeit bei Seite zu setzen und zu gestehen, daß die Türken das Leben zu genießen verstehen. Statt uns, wie man in England oder Frankreich gethan haben würde, in ein Gastzimmer zu weisen oder in ein kleines Cabinet einzupferchen, führte uns der Wirth durch einen hübschen Garten an einen Springbrunnen. Wir legten uns auf den weichen schwellenden Rasen; der Wirth brachte uns Pfeifen, Limonade, Kaffee und Backwert, so daß wir ganz orientalisch frühstückten. Lord Byron war mit diesen Genüssen, welche ihm Griechenland geboten, bereits bekannt; mir hingegen war Alles neu, ich war entzückt.
Als wir einige Pfeifen von dem besten Tabak unseres Juden getaucht hatten, stiegen wir wieder zu Pferde und ritten weiter. In einer Viertelstunde kamen wir an eine griechische Kirche, welche im ganzen Lande ein Gegenstand großer Verehrung ist.
Der Mönch, welcher uns umherführte, zeigte uns nicht sogleich das Innere der Kirche, sondern führte uns an einen mit vergoldetem Geländer umgebenen Teich. Er krümelte ein mitgebrachtes Stück Brot ins Wasser und einige Fische, welche ich für Schleien zu erkennen glaubte, kamen sogleich vom Grunde an die Oberfläche und erhaschten das Futter, welches ihnen der Mönch mit auffallenden Geberden und Begrüßungsformeln zuwarf. Ich hatte immer geglaubt, daß in derlei Fällen die Fische dankbar sein müßten; hier aber war’s umgekehrt, die Mönche gaben ihnen in Brotkrumen nur einen kleinen Theil dessen zurück, was sie an Almosen einbrachten. Das Ereigniß, welches diese Fische zum Gegenstande der Verehrung gemacht hat, bezieht sich aus die Eroberung von Constantinopel, und ich erzähle es so wieder, wie es von der Volkssage mitgetheilt wird.
Mohammed II., welcher die eroberte Stadt zur Metropole seines Reiches machen wollte, glaubte seinen Soldaten für ihre Mühe etwas schuldig zu sein; er erlaubte ihnen zu plündern, verbot ihnen aber jede Brandstiftung. Die Soldaten machten von dieser Erlaubniß den gewissenhaftesten Gebrauch und da ihnen nur drei Tage bewilligt waren, so verloren sie keine Zeit. Die entlegensten Schlupfwinkel wurden durchsucht, selbst Kirchen und Klöster wurden nicht verschont. Die Mauer, an welche sich die Kirche dieses Klosters lehnte, galt für unersteigbar; der Archimandrit, auf den Schuh des heil. Dimitri vertrauend, ließ ganz unbesorgt Fische zur Mahlzeit backen.
Während dieser gastronomischen Vorbereitungen erschien ein Mönch und meldete ganz erschrocken, daß die Türken die Marter durchbrochen hatten und die Kirche plünderten. Diese Schreckenskunde schien dem Archimandriten so unglaublich, daß er, auf die in der Pfanne bratenden Fische zeigend, antwortete: »Ich werde eher glauben, daß diese Fische aus der Pfanne springen und auf dem Fußboden schwimmen werden, als daß Du die Wahrheit sprichst.«
Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so verließen die Fische sammt und sonders die Bratpfanne und hüpften auf den Steinplatten umher.
Ueber dieses Wunder erstaunt, nahm der Archimandrit die Fische auf und eilte zu dem Teich, aus welchem er sie genommen hatte. Aber kaum hatte er den Garten betreten, so erschien ein Türke und schoß ihn nieder. Der tödtlich verwundetet Archimadrit sank am Ufer des Wassers nieder. Die Fische sprangen nun in den Teich, während der Märtyrer den Geist aufgab.
Die Nachkommenschaft jener Fische zieht nun viele Pilger und neugierige Reisende herbei, und jeder macht dem Kloster ein Geschenk. Wir waren freilich keine Rechtgläubigen, aber der Mönch, der die Honneurs machte, hatte sich über unsere Gabe nicht zu beklagen.
Von dem Kloster begaben wir uns auf einen Friedhof, dessen dunkles Grün wir schon von weitem bemerkt hatten. Wie die alten Römer, suchen sich auch die Türken die ewige Ruhe möglichst behaglich zu machen. Einer der größten Genüsse wird in diesem heißen Klima durch Schatten und Kühle geboten, und diese Genüsse, welche im Orient so selten sind, wollen die Osmanli wenigstens nach ihrem Tode finden. Daher sind die türkischen Friedhöfe nicht nur ein kühles Ruhelager für die Verstorbenen, sondern auch ein angenehmer Spaziergang für die Lebenden. Am Ende jedes Grabes sieht eine blau oder rosenroth angestrichene kleine Säule mit goldener Inschrift, und auf der Säule steckt ein Turban. Man kommt in Versuchung, diese Gräber für eigenthümliche, fast komische Verzierungen der schattigen Laubgänge zu halten. Hier erwarten die Lüstlinge von Stambul, behaglich auf Polstern ruhend, die Liebesbriefe oder mündlichen Botschaften, welche ihnen ihre Schönen durch griechische Sclavinnen oder Jüdinnen senden.
Nach Sonnenuntergang werden diese herrlichen Gärten von den Spaziergängern freilich verlassen; sie werden dann der Sammelplatz der Diebe oder ein Hinterhalt für die lauernde Rache, und nicht selten findet man Morgens einen Leichnam, der, durch die Schönheit des Ortes angelockt, ein Grab gesucht zu haben scheint.
Der Tag neigte sich, wir hatten den Weg um die Ringmauern, d.i. etwa achtzehn englische Meilen, gemacht; wir ersuchten daher unsern Führer, uns schnell die größten Merkwürdigkeiten in der Stadt zu zeigen.
Aber dies machte eine neue Vorsichtsmaßregel nothwendig: wir mußten uns zur englischen Gesandtschaft begeben und einen Janitscharen mitnehmen, um in der heiligen Stadt, deren Umgebungen schon mit Bedauern den Giaurs überlassen sind, nicht insultirt oder wohl gar angegriffen zu werden. Mr. Adair ließ sogleich nach türkischer Sitte Pfeifen, Limonade und Kaffee bringen: nach kurzer Rast brachen wir wieder auf, um noch einmal über das Goldene Horn zu setzen. Der Weg führte uns wieder durch die Straße, wo wir den unglücklichen Greis auf seinem Todesgange gesehen hatten.
Ich blickte unwillkürlich zu dein Fenster auf, wo ich die weibliche Stimme gehört hatte; ich glaubte durch das Gitter zwei feurige Augen zu sehen. Ich blieb etwas hinter den Anderen zurück; ein zarter Finger schob sich durch das Gitter und liest einen Gegenstand fallen, den ich nicht erkannte.
Ich ritt einige Schritte vorwärts, rief einen Lastträger herbei, um ihm mein Pferd zu übergeben, und stieg ab, als ob ich selbst etwas verloren hätte.
Die schone Unsichtbare hatte einen Ring mit einem sehr werthvollen Smaragd fallen lassen.
Es war nicht zu bezweifeln, daß sie den kostbaren Ring absichtlich hatte fallen lassen; ich nahm ihn daher auf und steckte ihn an den Finger in der Erwartung, daß es der Talisman sei, der mich einst zu einem Liebesabenteuer führen werde.
Für einen Neuling hatte ich übrigens meine Evolution recht geschickt ausgeführt; Niemand errieth die Ursache meiner Zurückbleibens, ausgenommen unser Jude, der ein paarmal einen verstohlenen Blick auf meine Hand warf; aber es war vergebens, denn der Ring war unter meinem Handschuh versteckt.
Ich gestehe, daß ich den Kopf voll von abenteuerlichen Ideen hatte und den Wunderdingen, welche uns noch gezeigt wurden, nur sehr geringe Aufmerksamkeit widmete.
Diese Wunderdinge bestanden indem Aeußern von Aja Sofia, denn das Innere ist den wahren Gläubigen vorbehalten; ferner in dem Hippodrome und dem Obelisken, in den Cisternen, in einigen mageren, räudigen Löwen, welche der Großherr in einem Wagenschuppen gefangen hält, in einigen Bären und einem Elephanten, Kaum war die Pforte des Serai mit ihrem Zierath von abgeschlagenen Köpfen und abgeschnittenen Ohren im Stande mich meinen Träumen zu entreißen, und ich kam mit allen Abenteuern von »Tausend und Eine Nacht« im Kopfe an Bord des »Trident« zurück. Ich begab mich sogleich in mein Zimmer, verriegelte die Thür und betrachtete den Ring. Vielleicht würde eine verborgene Inschrift meine Zweifel lösen; aber ich entdeckte nichts, es war ein einfacher goldener Ring mit einem allem Anscheine nach sehr werthvollen Smaragd, und die sorgfältigste Untersuchung eröffnete meinen Muthmaßungen ein immer weiteres Feld.
Ich ging auf das Verdeck, um die Sonne hinter den europäischen Bergen untergehen zu sehen. Die ganze Mannschaft war im Sonntagsstaate versammelt, alle Arbeit ruhte.Einige schliefen auf dein Fußboden, andere lagen auf den aufgerollten Tauen und lasen, andere gingen ernst und schweigend auf und ab.
Plötzlich hörte man lautes Geschrei am Ufer – Aller Blicke richteten sich neugierig nach dieser Seite hin.– Aus einem Thore des großen Serai kam ein von tobenden Menschen verfolgter Türke und sprang in eine Barke, welche er mit der Hast der Verzweiflung losmachte.
Anfangs schien der Flüchtling unschlüssig, welchen Weg er nehmen sollte; aber als sich seine Verfolger ebenfalls in die am Ufer liegenden Schaluppen geworfen hatten und ihm nachruderten, so fuhr er auf den »Trident« zu. Ohne die feindselige Haltung unserer Schildwache, welche das Gewehr auf ihn anschlug zu beachten, ergriff er die Leiter an der Backbordseite, kletterte rasch herauf, lief an die Ankerwinde, kniete nieder, zerriß seinen Turban, schlug ein Kreuz und sprach einige Worte, die Niemand verstand.
In diesem Augenblicke kam Jakob mit Lord Byron, der ihn eben bezahlt hatte, auf das Verdeck, und erklärte daß der Flüchtling, welcher wahrscheinlich ein Verbrechen begangen, den Islam abschwöre und durch diese Zeichen und Worte zu verstehen gebe, daß er Christ werden wolle, um unseres Schutzes ganz sicher zu sein. Unser Dolmetscher täuschte sich nicht; gleich darauf wurde die Auslieferung des Mörders mit lautem Geschrei verlangt, und der »Trident« war von mehr als fünfzig Barken umringt, welche mindestens fünfzehnhundert Menschen enthielten.
Man muß dieses Schauspiel gesehen haben, um sich einen Begriff davon zu machen. – Wie ihre Renner, welche nur Schritt und Galopp kennen, haben die Türken keinen Mittelweg zwischen träger Ruhe und ungeheurer Aufregung. In diesem letzteren Falle gebärden sie sich wie Teufel; alle ihre Bewegungen sind toll und todesdrohend, wie der Zorn, der sie erfüllt; sie berauschen sich nicht in Wein, dessen Genuß ihnen der Prophet untersagt hat, sondern durch den Anblick des Blutes. Sobald sie Blut sehen, sind sie keine Menschen mehr, sondern wilde Thiere, die sich weder durch Vernunftgründe noch durch Drohungen beschwichtigen lassen. Es war in der That ein Wunder, daß der Dolmetscher etwas verstehen konnte unter diesem Wortschwall, unter diesem Geschrei und Gebrüll.
Diese Scene hatte etwas Phantastisches und nahm einen so drohenden Charakter an, daß alle Matrosen instinct mäßig und ohne Befehl zu den Waffen griffen, als ob das Schiff in Gefahr gewesen wäre, von den Türken geentert zu werden. Die Schreier wurden indeß ziemlich kleinlaut, als sie diese Vorkehrungen sahen, und der Lieutenant Burke, der inzwischen auf das Verdeck gekommen war, befahl unseren Juden, die Türken zu fragen, was sie wollten.
Als Jacob zu sprechen versuchte, ging das Schreien und Toben wieder an; die Säbel und Kandschare fuhren aus der Scheide und der Tumult wurde drohender als zuvor.
»Nehmet den Mann,« sagte Burke auf den Flüchtling zeigend, der entblößten Hauptes mit zugleich erschrockenen und zornigen Blicken seine Verfolger anstarrte und den Fockmast umfaßt hielt; »nehmet den Mann und werfet ihn in’s Meer!
»Wer gibt an meinem Bord Befehle, wenn ich da bin?« sagte eine dröhnende Stimme, welche, wie im Sturm und im Kampfe, alle anderen Stimmen übertönte.
Alle sahen sich um und erkannten den Capitän, der unbemerkt auf das hohe Hinterdeck gekommen war und den ganzen Auftritt übersah. Burke schwieg und erblaßte. Auch die Türken mochten in dein großen Manne mit dem weißen Haar und der gestickten Uniform wohl den Befehlshaber der Christen erkennen, denn alle Gesichter wandten sich zu ihm und das Rachegeschrei wurde lauter.
Der Capitän fragte Jakob, wie man in türkischer Sprache Schweigen gebiete, führte sein Sprachrohr zum Munde und rief das ihm vorgesagte Wort mit so gewaltiger Stimme, daß es wie ein Donnerschlag in die tobende Menge fiel.
Der Tumult hörte sogleich auf, die Säbel und Kandschare kehrten in ihre Scheiben zurück, die drohend erhobenen Ruder sanken. Jacob benutzte nun die Stille und fragte, was der Flüchtling verbrochen.
Alle Stimmen erwiderten im Chor: »Er hat getödtet! er muß es mit seinem Leben büßen!«
Jakob gab durch einen Wink zu verstehen, daß er sprechen wolle; die Türken schwiegen.
»Wen hat er getödtet? wie hat er’s gemacht?«
Ein Mann richtete sich auf und sagte
»Ich bin der Sohn des Ermordeten; das Blut an seinem Kaftan ist das Blut meines Vaters. Ich schwöre bei diesem Blut, daß ich sein Herz haben will; ich will es ihm aus der Brust reißen und den Hunden vorwerfen.«
»Wie hat er getödtet?« fragte Jacob.
»Aus Rache. Er mordete zuerst meinen Bruder-, der im Hause war, und dann meinen Vater, der vor der Thür stand. Er hat sie Beide, den Knaben und den Greis, in meiner Abwesenheit meuchlings ermordet, ohne daß sie sich vertheidigen konnten. Er hat den Tod verdient!«
»Antwortet ihnen, daß es wohl wahr sein mag,« sagte der Capitän; »aber dann muß er vom Gericht verurtheilt werden.«
Jacob schien diese Worte nicht recht ins Türkische übersetzen zu können; endlich gelang eo ihm und das Schreien und Toben fing wieder an.
»Wir wollen den Mörder haben! Er muß sterben!« riefen die Türken.
»Er soll nach Stambul gebracht und dem Kadi übergeben werden.«
»Nein, nein! wir wollen ihn haben, und wenn Ihr ihn nicht ausliefern wollt, so holen wir ihn – wir schwören es bei Mohammed’s Kameel!«
»Aber im Koran steht geschrieben: Du sollst nicht schwören bei dem Kameel!« antwortete Jakob.
»Nieder mit dem Juden!« schrien die Türken, die wieder ihre Säbel und Kandschare zogen. »Nieder mit den Christen!«
»Die Leitern am Steuerbord und Backbord aufgezogen!« befahl der Capitän mit dem Sprachrohr. »Der Erste, der uns nahe kommt, wird niedergeschossen!«
Der Befehl wurde sogleich vollzogen, und gegen zwanzig Mann, mit Carabinern und Büchsen bewaffnet, stiegen zu den Marsen hinauf.
Diese Vorkehrungen, deren Bedeutung nicht in Zweifel zu ziehen war, beruhigten einigermaßen den Zorn der wilden Rotte, welche sich etwa dreißig Schritte vom Schiffe zurückzog. Während dieses Rückzugs fielen zwei Schüsse, welche glücklicherweise Niemanden von der Schiffsmannschaft verwundeten.
»Feuert eine mit Pulver geladene Kanone ab!« befahl der Capitän, »und wenn diese Warnung nicht genügt, so schießet scharf auf eine Barke!«
Eine kurze Pause folgte diesem Befehl, dann wurde ein blindgeladener Sechsunddreißigpfünder abgefeuert; eilte Rauchwolke stieg vom Hinterdeck zu den Raaen auf und wirbelte in der stillen Luft langsam zum Himmel empor.
Als sich die Rauchwolke zerstreut hatte, sahen wir alle Backen dem Ufer zueilen; nur eine blieb zurück. In dieser stand der Sohn des Ermordeten und hob drohend seinen Kandschar.
»Dreißig wohlbewaffnete Marinesoldaten in die Schaluppe!« rief der Capitän, »den Mörder zum Kadi geführt!«
Die Schaluppe wurde sogleich hinabgelassen und der Mörder hineingesetzt. Dreißig Mann nahmen mit geladenen Gewehren in der Schaluppe Platz, welche sogleich, von zwölf kräftigen Ruderern in Bewegung gesetzt, über den Wasserspiegel glitt.
Die Barken beschrieben einen großen Kreis und folgten von fern der Schaluppe.
Das Schiff machte nun eine Schwenkung, um seine ganze Batterie gegen das Ufer zu richten und nöthigenfalls unsere Leute zu schützen; aber die Vorsicht war überflüssig, die Türken hielten sich in gemessener Entfernung und die Soldaten stiegen unbelästigt ans Land.
Die Türken landeten ebenfalls, ohne sich um ihre Fahrzeuge weiter zu kümmern; dann zogen sie, unsern Soldaten nach, in die Stadt.
Zehn Minuten nachher kamen die Unsrigen wieder aus der Stadt und stiegen in die Schaluppe Der Mörder war dem Strafgericht überliefert. Capitän Stanbow hatte seine Schuldigkeit gethan, wie in allen Fällen, wo es aus gesundes Urtheil und unbeugsamen Muth ankam.
Eine Zeitlang hörten wir das Volk noch am Ufer schreien und toben; nach und nach, als es völlig dunkel geworden war, hörte der Tumult ganz auf. So warteten wir etwa eine Stunde. Um gegen jeden Ueberfall sicher zu sein, ließ der Capitän eine Rakete steigen. Einige Augenblicke war die Stadt, von den Sieben Thürmen bis zum Schlosse Constantins, hellerleuchtet; aber wir bemerkten nichts als ein Rudel Hunde, welche auf dem Ufer nach Futter suchten.
Am anderen Morgen erhielt der Capitän Stanbow für sich und alle Offiziere des »Trident« von dein Gesandten eine Einladung, den Sultan zur Moschee zu begleiten. Se. Hoheit wollte dem Propheten öffentlich danken, daß er den Kaiser Napoleon zu einer neuen Kriegserklärung gegen Rußland inspiriert. Nach der Rückkehr aus der Moschee sollten wir im Serai speisen und dann dem Sultan vorgestellt werden.
Zugleich erhielt Lord Byron die briefliche Nachricht, daß in Pera ein kleines Haus für ihn bereit sei und daß er einziehen könne, wann es ihm beliebe. Unser Gast traf sogleich seine Vorkehrungen, und noch denselben Abend verließ er das Schiff sammt seinen Reisegefährten Hobhouse und Ekenhead und seinen zwei griechischen Dienern. Ich erhielt die Erlaubniß, Lord Byron in seine neue Wohnung zu begleiten; um neun Uhr Abends sollte ich jedoch wieder am Bord des »Trident« sein.
Das für Lord Byron gemiethete Haus war sehr hübsch und ganz nach türkischer Art eingerichtet. Es stand mitten in einem schönen Garten, umgeben von Cypressen, Platanen und Sykomoren; vor den Fenstern waren große Beete mit Tulpen und Rosen, welche in diesem herrlichen Klima zu jeder Jahreszeit blühen. Die innere Einrichtung war sehr einfach, fast dürftig, wie überall im Orient; sie bestand aus Binsenmatten, Divans und einigen Schränken oder vielmehr Koffern, welche theils angestrichen, theils mit Perlmutter und Elfenbein eingelegt waren. Der Gesandte hatte übrigens drei Betten geschickt, denn er glaubte doch, daß der Poet, wie sehr er auch für das orientalische Leben schwärmte, nicht gern in vollen Kleidern auf Polstern schlafen würde. Lord Byron war sehr unwillig über diese Zumuthung und schickte dem Gesandten die drei Betten sogleich zurück.
III
Der zu unserm Empfange beim Sultan bestimmte Tag kam. Während ich, um gegen die türkischen Offiziere nicht allzu sehr abzustechen, mit ungewöhnlicher Sorgfalt Toilette machte, kam Jacob in meine Cajüte und schloß mit geheimnißvoller Miene die Thür, als ob er mir im Vertrauen etwas Wichtiges zu sagen hätte. Dann schlich er auf den Fußspitzen heran und hielt einen Finger auf den Mund.
Ich sah ihm lachend zu; ich dachte, alle diese geheimnißvollen Vorkehrungen würden auf nichts Anderes hinauslaufen, als auf das Anerbieten einer eingeschmuggelten Waare. Nachdem er sich noch einmal umgesehen hatte, ob wir auch wirklich allein wären, begann er leise:
»Sie haben an der linken Hand einen Ring mit einem Smaragd —«
»Ja wohl,« sagte ich, angenehm überrascht, denn ich hoffte über das räthselhafte Abenteuer einige Aufklärung zu erhalten.
»Dieser Ring,« fuhr Jacob fort, »ist Ihnen an dem Tage, wo wir die Runde um die Stadt machten, aus einem Fenster in Galata zugeworfen worden.«
»Ganz recht; aber woher wißt Ihr das?«
»Eine Schöne hat ihn fallen lassen,« setzte er hinzu, ohne meine Frage zu beantworten. – »Wünschen Sie sie zu sehen?«
»Das versieht sich.«
»Wissen Sie aber auch, welcher Gefahr Sie sich aussetzen?«
»Was kümmert mich die Gefahr?«
»Dann kommen Sie diesen Abend um sieben Uhr zu mir.«
»Ich werde kommen.«
»Still! da kommt Jemand.«
James kam, und Jakob ließ uns allein. Mein junger Camerad, der bereits in Gala war, schaute dem Juden lächelnd nach.
»Aha!« sagte er, »Sie scheinen schon mit dein Signor Mercurio in geheimen Unterhandlungen zu stehen. Ich wünsche Ihnen mehr Glück, als ich gehabt habe, lieber John. Ich lasse mir nur noch Tabak von ihm liefern, denn was er mir geboten, ist weit hinter meinen Erwartungen und seinen Versprechungen zurückgeblieben Er wird Ihnen, wie mir, Cireassierinnen, Griechinnen und Georgierinnen versprechen, als ob er das reichste Sortiment hätte – und dann liefert er Ihnen eine lumpige Jüdin, die ein Eckensteher in Piccadilly verschmähen würde.«
»Sie irren sich, James,« sagte ich bei dem Gedanken erröthend, daß meine Wonneträume ein solches Ende nehmen würden; »ich suche kein Abenteuer, ich werde vielmehr von einem Abenteurer aufgesucht. Sehen Sie diesen Ring.«
Ich zeigte ihm den Smaragd.
»Ei, der tausend! dann ist‘s noch schlimmer,« sagte er. »Ich habe Geschichten gehört von sprechenden Blumensträußen, von stummen Sklaven und lebenden Ledersäcken, welche gar jämmerlich schreien, wenn sie ins Meer geworfen werden. Ich weiß nicht, ob alle diese Geschichten wahr sind; aber ich weiß, daß wir auf dem Schauplatz sind, wo sie sich zutragen sollen.«
Ich schüttelte zweifelnd den Kopf.
»Darf ich wissen,« fuhr er fort, »wir dieser mächtige Talisman in Ihre Hände gekommen ist?«
»Man hat mir ihn aus dem vergitterten Fenster zugeworfen, wo wir den lauten Schrei hörten, als der alte Grieche zum Richtplatz geführt wurde. Sie werden sich erinnern.«
»Ja wohl. In jenem Hause erwartet man Sie?«
»Ich vermuthe es.«
»Wann, wenn ich fragen darf?«
»Diesen Abend, zwischen sieben und acht Uhr.«
»Sind Sie entschlossen hinzugehen?«
»Allerdings.«
»Gehen Sie, Theuerster; denn mich würde nichts abhalten, wenn ich an Ihrer Stelle wäre. Inzwischen werde ich thun, was Sie thun würden, wenn ich an Ihrer Stelle und Sie an der meinigen wären.«
»Was werden Sie thun?«
»Das ist mein Geheimniß.«
»Nun, thun Sie was Sie wollen, James; ich baue auf Ihre Freundschaft.«
James reichte mir die Hand, und da meine Toilette vollendet war, gingen wir auf’s Verdeck.
Eine Geschützsalve vom Serai verkündete dem Volke von Stambul, daß der Sultan bald erscheinen werde. Die Kanonen vor der Janitscharencaserne und zu Tophana antworteten; darauf zogen alle im Bosporus ankernden Schiffe ihre Flaggen auf und feuerten ebenfalls ihre Geschütze ab.
Der Anblick von Constantinopel war in jenem Augenblicke wirklich zauberisch. Das ganze Goldene Horn war in Flammen; auf unserm Schiffe, welches Flammen spie wie die andern, sah man zwischen den Rauchwolken rothe Häuser, Festungswerke, Moscheen, Minarets, Gärten, Friedhöfe mit ihren dunklen Cypressen, ein Amphitheater von seltsam aufeinandergethürmten Gebäuden, welche hinter dem in der Luft hängenden Dunstschleier riesige Dimensionen, phantastische Formen annahmen. Kurz, das Ganze glich einem Traumgesicht; man konnte sich in einem Feenlande glauben.
Dieser Kanonendonner rief uns zum Serai. Wir stiegen daher eilends in die Schaluppe des Capitäns und ruderten dem Lande zu. Am Ufer standen reich aufgezäumte Pferde für uns bereit; ich erhielt einen prächtigen Apfelschimmel, der würdig gewesen wäre, von einem Feldherrn am Tage einer Schlacht geritten zu werden. Ich bestieg das edle Thier mit einer Leichtigkeit und regelrechten Haltung, um die ich von mehr als einem Marineoffizier beneidet wurde. Am Thor fanden wir den englischen Botschafter, der eben mit Lord Byron angekommen war. Der Letztere sah in seinem reich mit Gold gestickten scharlachrothen Frack aus wie ein englischer Adjutant. Diese Ceremonie, zu welcher ihn der Botschafter eingeladen hatte, um seine Neugierde zu befriedigen, war für den Poeten eine hochwichtige Angelegenheit geworden; er hatte durchaus wissen wollen, welchen Platz er in dem Zuge einnehmen werde, denn er hielt viel auf die Vorrechte seines Ranges, selbst den Ungläubigen gegenüber. Mr. Adair versicherte vergebens, daß er ihm einen besonderen Platz nicht anweisen könne, daß überdies die Türken in dem Ceremoniel nur die zur Gesandtschaft gehörigen Personen berücksichtigten und von der unter dem englischen Adel üblichen Rangordnung gar keinen Begriff hätten: Lord Byron entschloß sich erst zum Mitgehen, als ihm der in Sachen der Etikette wohl bewanderte österreichische Botschafter bei seinen zweiunddreißig Ahnen betheuert hatte, daß er, ohne sich zu compromittiren, im Gefolge Mr. Adair’s einen beliebigen Platz wählen könne.
Wir ritten in den ersten Hof, wo wir bleiben sollten, bis wir in dein vorbeikommenden Zuge den uns zugewiesenen Platz einnehmen würden.
Der Zug ließ nicht lange aus sich warten. An der Spitze erschienen Janitscharen. Nach den pomphaften Beschreibungen, die man mir von dieser Truppe gemacht hatte, waren die unansehnlichen, schmutzigen Söldner mit ihren hohen Mützen kaum wieder zu erkennen. Sie marschirten mit ihren weißen Stäben ohne alle militärische Ordnung und schrien ans Leibeskräften das »Mohammed Resul Allah«. Diese weltberühmte Truppe erinnerte mich unwillkürlich an die Miliz Falstaff’s, welche immer ein homerisches Gelächter weckt, wenn sie, von ihrem schmerbäuchigen Werber geführt, auf dem Theater von Drurylane oder Haymarket erscheint.
An der Ehrerbietung oder vielmehr Furcht, mit welcher die Janitscharen empfangen wurden, war indeß leicht zu sehen, daß sie ihr früheres Ansehen noch keineswegs verloren hatten. Selim hatte mit der Schlange gekämpft, ohne sie zu erdrücken, und die Schlange hatte sich erbitterter und furchtbarer wieder aufgerichtet; dem energischen Mahmud war es vorbehalten, die sieben Köpfe der Hydra mit einem Schlage abzuhauen.
Nach den Janitscharen kamen die Delhis mit ihren Wurfspießen und ihren Mützen, an denen Fähnlein flatterten wie au den Piken unserer Uhlanen.
Dann folgten die Topigi oder Bombardiere, welche das am besten organisirte Corps des türkischen Reiches bilden, denn sie bestehen ans jungen Männern der ersten Familien von Stambul und haben zu Tophana unter der Leitung von französischen Offizieren einige militärische Vorbildung erhalten.
Während ich ihnen neugierig nachschaute, erschienen die Großen des Reiches plötzlich in ihren malerischen, von Gold strotzenden Gewändern, welche in Bezug auf Schnitt und Verzierung fast alle dein vormaligen griechischen Kaiserhofe entlehnt sind. Mitten unter ihnen glänzten der Ulema, der Mufti und der Kislar Aga, das ist der Siegelbewahrer, das Oberhaupt der Geistlichkeit und der Anführer der schwarzen Eunuchen. Eine seltsame Dreieinigkeit, welche gleichen Rang und ziemlich gleiche Gewalt hat.
Unter diesen drei Großwürdenträgern fesselte der Kislar Aga am meisten meine Aufmerksamkeit, und es ist nicht zu läugnen, daß er derselben in jeder Hinsicht würdig war. Abgesehen von seinem Amt als Wächter des »Gartens der Glückseligkeit«, welches ganz geeignet ist die Neugierde eines Europäers zu erregen, empfahl er sich ungemein durch seine Persönlichkeit, welche merkwürdig häßlich war. Auf seinem kurzen gedrungenen Rumpfe saß ein unförmlich dicker Kopf mit gelben Augen, welche seinem aufgedunsenen, mürrischen Gesicht einige Aehnlichkeit mit einem in halbschlummer versunkenen Uhu gaben.
Dieser koboldartige Halbmann war indeß der Gebieter von Athen. Es ist vielleicht eine besondere Auszeichnung für diese Stadt, daß sie einen Eunuchen zum Statthalter bekommen hat. Und was noch merkwürdiger, was kaum glaublich, aber wahr: der Kislar Aga besaß, nach dem Sultan, den reichsten und zahlreichsten Harem. In Westeuropa würde man dies für einen höchst seltsamen, überflüssigen Luxus halten, aber in Stambul ist es einmal der Brauch.
Endlich erschien der Sultan Mahmud II. Gegen meine Erwartung wurde er nicht mit Jubel, sondern mit tiefem, ehrerbietigem Stillschweigen empfangen. Der Großherr hatte übrigens etwas Würdevolles, Achtunggebietendes in seinem Aeußern, und imponirte selbst den Ungläubigen. Man ahnte schon damals in ihm den festen, unversöhnlichen Charakter, den er später bewährt hat. Sein tiefliegendes funkelndes Auge schien in der Tiefe der Seele zu lesen; die Flügel seiner wohlgebildeten Nase bewegten sich beim Athemholen; seine festgeschlossenen Lippen, welche von dem langen schwarzen Barte fast ganz bedeckt waren, hatten selbst beim Stillschweigen einen gebieterischen Ausdruck; sein Gesicht, das nach antikem Modell in Bronze gegossen zu sein schien, zeigte auf seiner ganzen olivenfarbenen Fläche keine jener Falten, welche als Folgen heftiger Leidenschaften zurückzubleiben pflegen. Kein Zug deutete auf innere Erregung, das ganze Antlitz war ernst und regungslos, fast wie eine Todtenmaske; nur von Zeit zu Zeit schossen einige Blitze aus seinen Augen hervor.
Man sah es diesem Manne an, daß er Millionen Menschen beherrschte und daß er sich seiner schrankenlosen Gewalt wohl bewußt war. Das unter ihm zitternde und ungeachtet des langsamen Schrittes mit Schaum bedeckte Pferd war ein Sinnbild des von Mahmud gezügelten, überwältigten Volkes.
Als der Sultan an seinen Unterthanen vorbeiritt, verhüllten sie sich das Gesicht, als ob sie gefürchtet hätten, durch seinen Anblick geblendet zu werden. Und gleichwohl war sein Anzug auf den ersten Anblick einfacher als der des letzten Offiziers in seinem Gefolge; der schwarze Marbupelz war das einzige Abzeichen seiner Würde. Sein einziger Schmuck war das Diadem mit dem berühmten Diamant Eghrikapu, der im Jahre 1679 von einem Bettler in einem Kehrichthaufen gefunden und gegen drei hölzerne Löffel vertauscht wurde.
Vor dem Sultan schritt sein Schatzmeister, der dem Volke kleine neugeprägte Silbermünze zuwarf, und hinter ihm sein Secretär, der die ihm überreichten Bittschriften und Gesuche in ein gelbes Portefeuille steckte. – Ich weiß nicht wer noch kam und habe mich auch nicht darnach erkundigt.
Der Gesandte winkte uns; wir ritten in ritten leeren Raum, den man eigens für uns zwischen der Garde des Sultans und einer Cavallerieabtheilung gelassen hatte. So schlossen wir uns, erstaunt über diesen orientalischen Pomp, dem Gefolge des Großherrn an.
Wir mußten durch die ganze Stadt reiten; denn die Achmet-Moschee, in welcher das Dankgebet gehalten werden sollte, ist an der Südseite des Hippodromplatzes. Diesen in den byzantinischen Annalen so berühmten Namen haben die Türken in ihre Sprache übersetzt: At Meidam bedeutet dasselbe wie Hippodrom, Pferderennbahn.
Der Zug bewegte sich bald über prächtige Plätze, bald durch so enge Gassen, daß wir nur zu Zweien neben einander reiten konnten. – Auf dem Hippodromplatze wurde Halt gemacht, der Sultan stieg vom Pferde und ging mir seinen ersten Offizieren in die Moschee. Uns als Ungläubigen war der Eintritt nicht gestattet; aber um uns dieses Verbot minder empfindlich zu machen, hatte es der Sultan auf den größten Theil seines Gefolges ausgedehnt. Die Zurückbleibenden warteten an dem Obelisk des Theodosius.
Ich benützte diese Muße, um dieses merkwürdige Bauwerk zu betrachten. Von diesem dreieckigen, wunderschön verzierten Granitblock, welcher vormals die Mitte des Stadiums bezeichneten, sind alle Janitscharenaufstände ausgegangen, welche seit fünf Jahrhunderten so oft das Serail erschütterten, und von hier ging später, im Juni 1826, der Befehl zur Vernichtung dieser gewaltthätigen Miliz aus.
Mach einer halben Stunde kam der Sultan aus der Moschee, um dem Dscheridspiel beizuwohnen. Dies ist eine Art Turnier und ein Lieblingsvergnügen der Türken und Egypter. Der Turnierplatz war an dem sogenannten Süßen Wasser, dem gewöhnlichen Spaziergange der Liebenden.
Der Zug setzte sich wieder in Bewegung. Wir ritten wieder an Constantins Palast vorüber und am Ufer fort, bis auf den bezeichneten Platz, welcher auf zwei Seiten von kleinen amphitheatralischen Erhöhungen eingeschlossen war. In der Mitte war die Plattform für den Sultan und seinen Hof, und dem Sultan gegenüber, am andern Ende des Platzes war eine Baumgruppe, unter welcher sich die Zuschauer aus dem Volke versammelt hatten.
Sobald der Sultan Platz genommen hatte, füllten sich die Stufen auf der einen Seite mit Männern, auf der andern mit Frauen. Nicht ohne Erstaunen sah ich die Frauen aus den ersten Häusern der Stadt einem öffentlichen Feste beiwohnen; sie waren freilich verschleiert und von den Männern getrennt, aber doch freier als die Frauen im Alterthum, welche gemeiniglich von den gymnastischen Spielen und der Rennbahn ausgeschlossen waren.
Die Türkinnen werden in der That weit weniger streng behandelt, als man in Europa glaubt: mit Ausnahme der streng bewachten Frauen des Großherrn verkehren sie mit einander, gehen ins Bad, besuchen Kaufläden und Spaziergänge, empfangen ihre Aerzte und sogar einige Freunde. Sie sind freilich immer verschleiert; aber sie sind weit entfernt von der Sklaverei, zu welcher sie nach unserer Meinung verurtheilt sein sollen.
In Europa sind die geputzten Frauen die Hauptzierde aller Gesellschaften und Versammlungen; hier hingegen mußte diese Ehre den Männern zuerkannt werden. In ihren langen Schleiern, welche nur die Augen sehen lassen, glichen die in vier Reihen sitzenden Zuschauerinnen einer Schaar von Gespenstern; die Männer hingegen boten in ihren von Gold und Edelsteinen strotzenden Anzügen einen prächtigen Anblick. Der Sultan saß unter einem Thronhimmel, von vierhundert weißgekleideten jungen Leuten umgeben.
Sobald Mahmud II. Platz genommen hatte, wurde das Zeichen gegeben, und sogleich erschienen vier Reiterhaufen, welche von den an den vier Ecken aufgestellten Wachen eingelassen wurden, auf dem Turnierplatz. Es waren junge Männer aus den angesehensten Familien des Reichs; sie trugen kein besonders Costüm, außer einer kurzen Jacke, deren Farbe und Verzierungen dem Belieben eines jeden Reiters überlassen waren. Alle ohne Ausnahme ritten arabische Hengste, und sie sprengten mit solchem Ungestüm von vier Seiten heran, daß ich einen furchtbaren Zusammenstoß fürchtete; aber die vortrefflichen Reiter parirten schnell ihre Pferde und hielten mitten auf der Rennbahn an.
Dieser Stillstand dauerte jedoch nur wenige Augen blicke. Die Reiter sprengten gegen einander an, wichen sich aber mit staunenswerther Gewandtheit aus und vermischten sich mit so rasender Schnelligkeit, daß man in diesem Getümmel nichts unterscheiden konnte; die ganze Cavalcade bildete einen Wirbel von rothen Sätteln, vergoldeten Steigbügeln, funkelnden Jataganen, blitzenden Edelsteinen.
Diese Reitübung, mit welcher das Fest begann, gab einen hohen Begriff von der Gewandtheit der Türken. Die schwierigsten, verwickeltsten Schwenkungen und Wendungen wurden mit staunenswerther Regelmäßigkeit und Geschicklichkeit ausgeführt, wie Tanzfiguren von einem tüchtig eingeschulten Balletcorps.
Endlich erschienen nubische Knaben mit stumpfen Wurfspießen von dem schweren biegsamen Palmenholz. Die Reiter ritten an ihnen vorüber und jeder nahm seinen Dscherid. Dann kamen noch andere Knappen, welche Stäbe mit Haken trugen. Diese Stäbe dienten zur Wiederaufnahme der gefallenen Dscherids, ohne daß die Reiter nöthig hatten vom Pferde zu steigen. Als alle Reiter bewaffnet waren, entfernten sich die Knappen und das Kampfspiel begann.
Zuerst machten die Reiter im gestreckten Galopp die Runde um die Rennbahn und schwenkten ihre Wurfspieße. Dann wandte sich einer von ihnen plötzlich um, und schleuderte die harmlose Waffe auf seinen Hintermann. Die allgemeinen Evolutionen verwandelten sich in Einzelkämpfe, in denen Jeder seinen Gegner zu treffen und zugleich dessen Dscherid auszuweichen suchte. Nun mußten auch die Hakenstäbe ihre Dienste thun und sie wurden mit staunenswerther Geschicklichkeit gehandhabt. Andere noch gewandtere Reiter verschmähten dieses Mittel, die Wurfspieße vom Boden aufzunehmen; sie glitten, ohne anzuhalten, bis fast unter den Bauch ihrer Pferde hinab und nahmen die Dscherids mit der Hand auf.
Ich glaubte nach Granada, mitten unter die berühmten Kampfspiele der Abenceragen und Segris versetzt zu sein, und das glänzende maurische Ritterthum schien aus dem Grabe erstanden zu sein, um dieses Wunderland, aus welchem es vertrieben worden, wieder zu erobern.
Dieses prächtige Turnier dauerte zwei Stunden. Die Kämpfenden hatten weder Helm noch Visir, aber keiner von ihnen wurde verwundet, was übrigens nicht immer der Fall ist. Endlich gab eine schauderhafte Musik, mit welcher das Kampfspiel begonnen hatte, das Zeichen zum Abzuge.
Sogleich hörten die Dscherids auf zu fliegen und nahmen ihren Platz aus dem Sattelknopfe wieder ein. Neue Evolutionen begannen in mannigfaltigen Verschlingungen. Plötzlich kehrten die vier Reiterschaaren einander den Rücken und verschwanden durch die vier Ecken mit derselben phantastischen Schnelligkeit, welche wir bei ihrem Erscheinen bewundert hatten.
Eine kleine Weile blieb die Rennbahn leer. Dann erschienen Taschenspieler, wandernde Komödianten und Bärenführer. Während einige von ihnen tanzten, führten andere ihre Possenspiele auf, machten ihre Kunststücke und zeigten ihre Thiere, so daß sich jeder Zuschauer an dem ihm am meisten zusagenden Schauspiele weiden oder den Blick von der einen grotesken Gruppe zur andern schweifen lassen konnte. Ich muß zu meiner Beschämung gestehen, daß ich die Sympathie des Lord Sussex in »Kenitworth« theilte, der sich bekanntlich gegen Shakespeare für den Bären entscheidet ich widmete mich ganz der Betrachtung dieses anmuthigen Thieres. Sein Führer, ein gravitätischer Türke, der so wenig lachte wie der Bär, hatte freilich auch einigen Antheil an dieser Bevorzugung; man sah es ihm an, daß er von der Seidenquaste seines Fes bis zu dem Schnabel seiner Babuschen von der ihm zu Theil gewordenen Ehre durchdrungen war. So oft als der Großherr seine Zufriedenheit zu erkennen gab, stand der Bärenführer, der den Beifall auf sich und seinen Petz bezog, still, verneigte sich mit Anstand, ließ den Bären ebenfalls eine Reverenz machen und fuhr dann in seinen Künsten fort, bis der Sultan zu meinem größten Leidwesen aufstand, um sich in das Serai zur Tafel zu begeben. Der Bärentanz hatte nun ein Ende, die Taschenspieler und Komödianten brachen ihre Vorstellungen ab, und in wenigen Augenblicken war die Arena leer.
Ich dachte unaufhörlich an mein Stelldichein, und da ich nicht wußte, ob ich aus dem Serai entwischen könnte, so beschloß ich auf die Ehre, mit dem Großherrn zu speisen, zu verzichten; ich überließ einem Diener den Zügel meines Pferdes und ging unbemerkt ans Ufer, von wo ich in einer Barke nach der Vorstadt Galata hinüberfuhr. Mit Hilfe der Adresse, welche mir Jacob gegeben hatte, fand ich bald sein Magazin.
Der Jude hatte mich nicht so früh erwartet, denn das Stelldichein war auf sieben Uhr festgesetzt und es war kaum fünf aber ich erklärte ihm die Ursache meiner Pünktlichkeit und ersuchte ihn um einen Imbiß als Ersatz für das geopferte Festmahl. Jakob war ein unbezahlbarer Mensch, der zu allen Geschäften, zum Commissionär wie zum Abgesandten zu gebrauchen war. Er trieb sogleich eine so gute Mahlzeit auf, wie sie in Constantinopel zu finden, nemlich ein gesottenes Huhn, Reis mit Safran und Backwerk. Nach dem Essen rauchte ich köstlichen Tabak.
Als ich, von der meinen Lippen entströmenden duftenden Wolke umgeben, auf einem Divan lag, erschien Jacob in Begleitung einer tief verschleierten weiblichen Gestalt und verschloß sorgfältig die Thür. Ich glaubte, es sei die Göttin, die mir in der Gestalt einer schönen Sterblichen zu erscheinen geruhe, und stand rasch auf; aber Jacob unterbrach meine eben beginnenden Huldigungen mit der Mahnung:
»Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
»Mich dünkt doch,– erwiederte ich, »daß ich im Zuge bin Ihren Rath zu befolgen.«
»Sie irren sich, diese ist nur die Dienerin.
»Ah so!« sagte ich etwas verblüfft.
»Hören Sie,« sagte Jacob zu mir, »es ist noch Zeit umzukehren. Sie lassen sich in ein Abenteuer ein, welches in allen Ländern der Welt, insbesondere aber zu Constantinopel gefährlich ist. Ich habe Geld erhalten, um Ihnen ein Stelldichein vorzuschlagen, ich habe es gethan; aber um keinen Preis der Welt möchte ich die Verantwortung für die möglichen Folgen auf mich nehmen.«
Ich zog meine Börse ans der Tasche, schüttete den Inhalt derselben in meine Hand und gab ihm die Hälfte meiner Barschaft.
»Hier!« sagte ich, »nehmt einige Zechinen zum Dank für eure Botschaft und zum Beweise, daß ich bereit bin das Abenteuer zu unternehmen.«
»Wohl an denn!« setzte Jakob hinzu und nahm der an der Thür stehenden Dienerin, welche von unserer Unterredung nichts verstand, den langen Schleier und das weite Gewand ab. Gott behüte Sie!«
Ich gestehe, daß mir etwas ängstlich zu Muthe ward, als ich sah, daß ich mich wie eine Mumie in dieses Gewand und diesen Schleier hüllen sollte. Aber ich war schon zu weit gegangen, um zurückzutreten; ich ging also auf dem abenteuerlichen Pfade weiter.
»Und was habe ich zu thun, wenn ich dieses Gewand angelegt habe?« fragte ich den Juden. »Gebet mir wenigstens einige Weisungen.«
»Ich kann mich ganz kurz fassen,« antwortete er. »Folgen Sie dem Sclaven, der Sie führen wird, und unter keinem Vorwande sprechen Sie ein Wort, denn dieses Wort würde Sie ins Verderben stürzen.«
Diese Verhaltungsmaßregeln waren keineswegs beruhigend; aber der Leser weiß, daß es mir nicht an Muth fehlte, und überdies trieb mich der Dämon der Neugierde. Ich steckte daher meinen Dolch so, daß ich ihn zur Hand hatte, und ließ mir die Arme in das Kleid einzwängen und den Schleier über den Kopf werfen.
In dieser Vermummung, welche jede menschliche Gestalt unkenntlich macht, hatte ich die täuschendste Aehnlichkeit mit der Sclavin, welche ihre Zufriedenheit durch ein Zeichen des Einverständnisses mit dem Juden zu erkennen gab.
»Was habe ich jetzt zu thun?« sagte ich ungeduldig. »Folgen Sie wir,« antwortete Jakob, »und vor Allem —«
Er hielt einen Finger auf den Mund.
Ich nickte ihm zu, öffnete die Thür und ging in das Magazin hinunter.
Hier erwartete uns ein schwarzer Sklave. Durch meine Verkleidung getäuscht, hielt er mich für die Person, welche er hergeführt hatte, und eilte sogleich vor die Thür, um einen Esel, das gewöhnliche Reitthier der Türkinnen, loszubinden. Jacob begleitete mich, hob mich auf den Sattel und ich ritt pochenden Herzens fort.
IV
Es ging etwa zehn Minuten durch größtentheils enge Straßen, die mir ganz unbekannt waren. Endlich hielten wir vor einem recht ansehnlichen Hause. Mein Führer öffnete die Thür und verschloß sie wieder, als ich eingeritten war. Ich befand mich in einem viereckigen Hofe der meinem Esel wohl bekannt zu sein schien, denn er ging von selbst an eine dem Eingange gegenüber befindliche Thür. Ich wollte auf die Steinplatten springen, aber der Sclave trat rasch näher, beugte ein Knie, um mich auf dasselbe treten zu lassen, und richtete dabei den Kopf auf, damit ich mich mit der Hand darauf stütze. Ich fügte mich dem üblichen Ceremoniel, und als ich sah, daß er sich anschickte den Esel in den Stall zu führen, gab ich ihm durch eine gebieterische Geberde zu verstehen, daß er vorangehen solle. Er gehorchte mit einer Pünktlichkeit, welche bewies, daß er mit der Zeichensprache vertraut war.
Es war ein Glück für mich, indem Labyrinth von Gängen und Zimmern mich zurecht finden zu können. Ich suchte mich, für den Fall, daß ein schneller Rückzug nothwendig würde, so gut als möglich zu orientiren, und ans der Anzahl von umherschleichenden oder wie Bildsäulen stehenden Dienern schloß ich, daß wir uns in einem vornehmen Hause befanden. Nachdem ich durch eine lange Reihe von Zimmern gegangen war, that sich eine Thür auf und ich trat in ein hellerleuchtetes eleganteres Zimmer. Mein Führer schloß die Thür hinter mir und ich stand vor einem kaum fünfzehnjährigen, wunderbar schönen Mädchen.
Meine erste Sorge war, den vergoldeten Riegel vorzuschieben; dann betrachtete ich staunend und wonnetrunken die Fee, deren Schloß mir ein Zauberstab geöffnet zu haben schien. Sie lag aus seidenen Polstern; ihr blaßrother, mit Silber gestickter seidener Kaftan schmiegte sich fest an ihren schlanken Leib und war so weit ausgeschnitten, daß Hals und Schultern entblößt waren die langen weiten Aermel hingen hinten herab und zeigten die durchsichtigen Unterarme. Der Kaftan war mit einem kostbaren Gürtel zusammengehalten. Auf dem Kopfe trug sie den Kalpok das allerliebste kirschrothe Sammtkäppchen, von welchem eine goldene Eichel herabhängt. Das Haar war gescheitelt und in den Schleifen mit Edelsteinen und Perlen geschmückt. Zwei lange Flechten hingen über die Schultern herab. Ihre Gesichtszüge waren außerordentlich schön und regelmäßig; es war der reine griechische Typus mit den großen schwarzen Augen, der geraden Nase und den Korallenlippen.
Diese Musterung dauerte nur wenige Augenblicke. Die schöne Griechin streckte den Kopf vor und sah mich betroffen an. Ich dachte an meine Verkleidung und sah wohl, daß sie noch zweifelte, ob ich wirklich der Erwartete sei. Ich warf daher rasch mein Gewand und meinen Schleier ab und stand als Midshipman vor ihr. Sie stand nun auf und sagte, die Hände nach mir ausstreckend, in italienischer Sprache:
»Herr Offizier, retten Sie mich! Ich beschwöre Sie bei der heiligen Jungfrau.«
»Wer sind Sie?« fragte ich und eilte auf sie zu, um sie zu halten, denn ich sah, daß sie wankte. »Und aus welcher Gefahr soll ich Sie retten?«
»Wer ich bin?« antwortete sie. »Ach, ich bin die Tochter des Unglücklichen, den Sie auf seinem Todesgange gesehen haben. Und die Gefahr, aus der Sie mich retten können, besteht in den Nachstellungen des Unmenschen, der meisten Vater morden ließ, um mich in seine Gewalt zu bekommen.«
»Was kann ich für Sie thun?« sagte ich. »Reden Sie, verfügen Sie über mich.«
»Vor Allem müssen Sie wissen was ich fürchte und hoffe Hören Sie, ich werde mich kurz fassen.«
»Wir sollten die kostbare Zeit nicht mit Worten verlieren,« entgegnete ich; »Sie sind jung und schön, Sie haben in Ihrem Unglück Vertrauen zu meiner Entschlossenheit und Aufrichtigkeit; ist das nicht genug?«
»Nein, ich glaube, daß für den Augenblick nichts zu fürchten ist. Der Tsukadar [Befehlshaber der Pagen.] muß wegen des Festes im Serai bleiben, und ein Fluchtversuch ist jetzt nicht zu wagen, denn es sind noch zu viele Leute wach und auf der Lauer.«
»So reden Sie.«
»Mein Vater war ein Grieche, von königlichem Geblüt und reich: drei Verbrechen, welche in Constantinopel nicht verziehen werden. Der Tsukadar zeigte ihn an, mein Vater wurde verhaftet und ich verkauft; er wurde ins Gefängniß, ich hierher geschleppt; er wurde zum Tode, ich zum Leben verurtheilt. Meine Mutter allein blieb verschont.«
»Ich habe sie gesehen,« antwortete ich; »es war ohne Zweifel die Frau, welche bei dem Leichnam Ihres unglücklichen Vaters wachte.«
»Ja, ja,« antwortete die junge Griechin händeringend, »ja, das war sie!«
»Fassen Sie Muth!« sagte ich.
»O ja, ich habe Muth,« erwiederte sie mit unheimlichem Lächeln; »Sie werden es gelegentlich sehen. Ich wurde also in das Haus meines Herrn gebracht – in das Haus des Unmenschen, der meinen Vater gemordet und mich mit dem Gelde meiner Familie gekauft hatte; er sperrte mich hier ein. Am folgenden Tage hörte ich ein Getümmel; ich hoffte noch, ohne zu wissen was ich hoffte. Ich eilte ans Fenster – mein Vater wurde zum Tode geführt!«
»Sie steckten also die Finger durch das Gitter? und Sie stießen jenen Schmerzensschrei aus, der mich so tief erschütterte?«
»Ja, ich war’s. Und ich sah, wie Sie zum Fenster heraufschauten und Ihren Dolch ergriffen; ich ahnte, daß Sie ein edles Herz haben und mich retten würden, weint es in Ihrer Macht stände.«
»Sagen Sie, was ich thun soll.«
»Aber zu diesem Zwecke mußte ich eine Verbindung mit Ihnen anknüpfen. Ich entschloß mich, den Anblick meines Peinigers zu ertragen. Ja, ich bezwang mich – ich blieb gelassen im Angesicht des Unholds, der mit dem Blute meines Vaters besudelt war; ich redete ihn an, ohne ihn zu verfluchen. Er wähnte nun meine Zuneigung gewonnen zu haben und schickte mir in der Freude seines Herzens diese prächtigen Kleider und kostbaren Geschmeide. – Eines Morgens erschien Jacob, der reichste Juwelier in Constantinopel.«
»Wie,« sagte ich erstaunt, »der Schacherjude?«
»Ja wohl. Ich habe ihn schon lange gekannt. Mein Vater, der mir gern eine Freude machte – ich war sein einziges Kind – hatte zuweilen Schmucksachen und Stoffe von ihm gekauft. Ich gab ihm durch einen Wink zu verstehen, daß ich ihn zu sprechen wünschte, er sagte nun zu dem Tsukadar, daß er nichts von dem was ich wünschte bei sich habe, daß er aber den folgenden Tag wiederkommen wolle. Den folgenden Tag hatte der Tsukadar Dienst im Serai; aber er befahl den Juden auch in seiner Abwesenheit vorzulassen. Zwei seiner Hüter sollten bei der Unterredung zugegen sein. Inzwischen sah ich Sie zum zweiten Male, denn in der Erwartung Sie wiederzusehen, brachte ich meine ganze Zeit am Fenster zu. Ich ließ meinen Ring fallen, Sie nahmen ihn mit so sichtbarer Freude auf, daß ich seit jenem Augenblicke versichert war einen Freund zu haben.
»Am folgenden Tage kam Jacob wieder. Der Hüter gingen nicht von der Stelle; aber ich sagte ihm in italienischer Sprache was ich wünschte und hoffte. Ich beschrieb ihm Ihre Person, von der Farbe Ihrer Haare bis zu der Form Ihres Dolches; ich hatte Alles im Gedächtniß behalten. Er sagte, daß er Sie zu kennen glaube; denken Sie sich meine Freude! – Da ich nicht wußte, ob wir uns wiedersehen würden, verabredeten wir Alles auf heute, weil der Tsukadar wegen des Festes im Serai sein muß. Meine Amme, welche man mir mehr aus Gleichgültigkeit als aus Mitleid gelassen hatte, sollte sich wie gewöhnlich in Begleitung eines Kapidschi Jakob begeben, um Parfümerien zu kaufen; dort sollten Sie warten, ihren Schleier und ihr Gewand nehmen und statt ihrer hierherkommen. Unterdessen sollte sie zu meiner Mutter gehen, und diese mit Hilfe einiger treugebliebenen Diener am Thurme von Galata eine Barke bereit halten. Wenn Sie das Stelldichein annehmen würden, sollte mir Jakob eine Guitarre schicken. – Die Guitarre habe ich heute erhalten – da ist sie, – und Sie sind auch da. Sind Sie entschlossen mir beizustehen? Wie Sie sehen, ist bis jetzt Alles gelungen, das Uebrige hängt von Ihnen ab.«
»Sagen Sie, was soll ich thun?«
»Durch diese lange Zimmerreihe können wir nicht gehen; der einzige Ausweg ist durch das Fenster dieses Cabinets.«
»Aber es ist zwölf Fuß vom Erdboden —«
»Das darf Sie nicht kümmern, Sie können mich an meinem Gürtel hinablassen. Aber hinter diesem Gitter sind Eisenstangen.«
»Ich werde eine derselben mit meinem Dolch losmachen.«
»Dann wollen wir Hand ans Werk legen; denn ich glaube, daß es Zeit ist.«
Ich ging in das Cabinet. Hinter den blaßrothen Vorhängen sah ich die Eisenstäbe. Ich warf einen Blick auf die Straße und glaubte zwei Männer an der nahen Straßenecke zu bemerken; und fing nichtsdestoweniger meine Arbeit an, denn ich glaubte nicht, daß sie als Wächter da seien.
Der Stein war weich, und ich konnte mit jedem Dolchstoß kleine Stückchen davon losmachen. Die junge Griechin sah mir aufmerksam zu. Meine Rolle war gewechselt; aber ich weiß wirklich nicht, ob ich trotz ihrer wunderbaren Schönheit nicht stolzer war, von ihr zum Retter gewählt zu sein, als ihre Liebe erworben zu haben. Es war in meinem Abenteuer etwas Ritterliches, und ich war auf alle Folgen gefaßt, zu jedem Opfer bereit.
Während ich eifrig arbeitete und das Ende des Eisenstabes sich schon zu lösen begann, legte die Griechin eine Hand aus meinen Arm und lauschte auf ein Geräusch. So stand sie einige Augenblicke regungslos wie eine Bildsäule, ohne ein anderes Lebenszeichen zu geben, als daß sie meinen Arm immer fester drückte.
»Er kommt nach Hause.« sagte sie endlich.
»Was ist zu thun?« fragte ich.
»Das hängt von den Umständen ab. Vielleicht kommt er nicht hierher, und dann liegt uns wenig daran, ob er zu Hause ist oder nicht.«
Sie lauschte wieder eine kleine Weile; dann sagte sie:
»Er kommt!«
Ich machte eine Bewegung, um ins Zimmer zu eilen und ihm entgegenzutreten, wenn er die Thür öffnen würde.
»Nein Wort, keine Bewegung, sonst sind Sie verloren!« flüsterte sie mir zu; »und ich bin es mit Ihnen.«
»Aber ich kann doch nicht so versteckt bleiben! Es wäre feig und erbärmlich von mir.«
»Still!« sagte sie, indem sie eine Hand auf meinen Mund hielt und mir mit der andern den Dolch entriß. »Schweigen Sie und lassen Sie mich machen.«
Sie eilte ins Zimmer und versteckte meinen Dolch unter den Polstern, auf denen sie gelegen, als ich gekommen. In diesem Augenblicke wurde an die andere Thür geklopft.
»Wer ist da?« fragte die Griechin, indem sie den Polster wieder zurechtlegte.
»Ich!« antwortete eine starke, aber sanfte Mannesstimme.
»Ich will meinen Herrn und Gebieter sogleich einlassen,« antwortete die Griechin, »denn er ist willkommen bei seiner Sclavin.«
Sie zog schnell die Cabinetsthür zu, schob den Riegel vor, und ich blieb in meinem Versteck, wo ich Alles hören, wenn auch nicht sehen konnte was vorging.
In meinem vielbewegten, gefahrvollen Leben habe ich mich nie in einer so peinlichen Stimmung befunden, wie damals. Ich war unbewaffnet und konnte weder zu meiner Vertheidigung noch zum Schutz des Mädchens, welches mich zu Hilfe gerufen, das Mindeste thun; ich mußte ein schwaches Wesen, welches nur die den Griechen eigene Schlauheit für sich hatte, eine Partie spielen lassen, in welcher mein Leben der Einsatz war. Wenn sie verlor, so war ich in dem Cabinet gefangen, wie ein Wolf in der Falle, ohne entkommen oder mich wehren zu können; wenn sie gewann, so hatte sie der Gefahr trotz geboten wie ein Mann, und ich war versteckt gewesen wie ein Weib. Ich suchte irgend eine Waffe, aber ich fand nur Polster, einige Strohstühle und Blumenvasen. Ich trat leise an die Thür und lauschte.
Sie sprachen türkisch, und da ich ihr Geberdenspiel nicht sehen konnte, so verstand ich nicht was sie sagten. Aus der sanften Stimme des Mannes war indeß zu schließen, daß er mehr bat als drohte. Nach einigen Augenblicken hörte ich die Klänge der Guitarre und den reinen, wohlklingenden, feierlich ernsten Gesang der Griechin.
Ich war im höchsten Grade erstaunt.
Dieses kaum fünfzehnjährige Mädchen, welches noch vor wenigen Augenblicken den Tod des Vaters und das eigene Elend beweint hatte; dieses Mädchen, welches eben in dem glücklich begonnenen Befreiungswerke unterbrochen worden war, welches mich im Nebenzimmer versteckt hielt und keine andere Hoffnung hatte als den unter dem Polster verborgenen Dolch – dieses Mädchen sang in Gegenwart des furchtbar gehaßten Mannes mit so ruhiger Stimme, als ob sie im trauten Familienkreise gewesen wäre.
Ich lauschte und wartete; es war mir, als ob ich, wie im Traume, von einer höheren Macht aus der Wirklichkeit gerissen würde. – Der Gesang hörte auf. Das nun folgende Gespräch wurde noch zärtlicher, als das vorige gewesen war. Dann folgte eine kurze tiefe Stille, welche plötzlich durch einen dumpfen Schmerzensschrei unterbrochen wurde.
Ich stand mit angehaltenem Athem und starrte die Thür an. Ich hörte noch ein leises Stöhnen – dann war Alles still. Mein Herz pochte so laut, daß ich die leichten Fußtritte, welche sich der Thür näherten, kaum hörte. Der Riegel wurde zurückgeschoben, die Thür that sich auf und im Mondlicht, welches durch das offengebliebene Fenster fiel, sah ich die junge Griechin in das Cabinet treten. Sie trug nur ein langes Oberkleid; ihr Gesicht war leichenblaß und bis auf die Edelsteine und Perlen im Haar hatte sie ihren Schmuck abgelegt. Ich wollte einen Blick in das Zimmer werfen, aber das Licht war ausgelöscht, ich konnte in der Dunkelheit nichts unterscheiden.
»Wo bist Du?« sagte sie zu mir; denn ich war vor der schauerlichen Erscheinung zurückgewichen und stand in einem Winkel.
»Hier,« antworte ich, einen Schritt vortretend.
»Nun, ich habe das Meine gethan, sagte sie; »jetzt thue das Deine.«
Sie reichte mir den Dolch Sie hielt ihn beim Griff, ich faßte ihn bei der Klinge. – Die Klinge war warm und feucht. Ich öffnete die Hand und bemerkte im Mondschein, daß sie voll Blut war. Er war das erste Menschenblut, das mich berührte. Ich fühlte mich von einem eisigen Schauer durchbebt; aber ich sah ein, daß keine Zeit zu verlieren war, und legte wieder Hand ans Werk.
Die beiden Männer standen noch an der Straßenecke, aber ich kümmerte mich nicht um sie und arbeitete rüstig weiter, obgleich sie aufmerksam zu werden schienen. Endlich hob ich die Eisenstange heraus; der dadurch entstehende Zwischenraum war so breit, daß wir hindurchkriechen konnten. Das äußere Holzgitter war leicht beseitigt. – Gleich darauf eilte der eine der beiden Männer mitten auf die Straße und sagte:
»Sind Sie es, John? Ich bin mit Bob gekommen, um Ihnen nöthigenfalls beizustehen.«
»James! Bob!« rief ich erstaunt. – Dann wandte ich mich zu der jungen Griechin, welche kein englisch verstand: »Jetzt sind wir gerettet. – Nein, nein,« sprach ich zum Fenster hinaus, »ich brauche nur ein Seil; habt Ihr eins bei Euch?«
»Wir haben sogar eine Strickleiter,« antwortete James. – »Komm hierher, Bob, und steile Dich an die Wand.«
Der Matrose gehorchte. James stieg rasch auf seine Schultern und reichte mir die beiden Enden einer Strickleiter, welche ich an den zwei noch übrigen Eisenstäben befestigte. James, der inzwischen wieder aus die Erde gesprungen war, zog nun die Leiter straff, so daß meine schöne Schutzbefohlene leichter hinuntersteigen konnte. Sie verlor keine Zeit und war in wenigen Secunden auf der Straße, zum größten Erstaunen meiner beiden Freunde, welche nicht wußten, was es bedeutete. In einem Augenblicke war ich bei ihnen.
»Mein Gott! was ist denn geschehen?« sagte James; »Sie sind ja leichenblaß und voll Blut. Werden Sie etwa verfolgt?«
»Nein, es müßte uns denn ein Gespenst auf den Fersen sein,««antwortete ich. »Aber es ist jetzt nicht Zeit, Ihnen die Geschichte zu erzählen. Wir haben keinen Augenblick zu verlieren.«
»Wo wartet die Barke?« fragte ich meine junge Griechin.
»Am Thurme von Galata,« antwortete sie, »aber ich weiß den Weg nicht.«
»Ich weiß ihn,« antwortete ich und faßte ihre Hand, um sie fortzuziehen; aber in demselben Augenblicke bemerkte ich, daß sie barfuß war.
Ich wollte sie auf den Arm nehmen; aber Bob kam mir zuvor, hob sie auf wie eine Feder und lief dem Ufer zu. James reichte mir ein Paar Pistolen, und so eilten wir Bob nach und nahmen ihn in die Mitte.
Wir eilten ohne Hinderniß weiter. Am Ende der Straße sahen wir plötzlich das Marmorameer wie einen Spiegel glänzen. Wir wandten uns nun links und gingen am Ufer fort; mehre Barken fuhren zwischen Galata und Constantinopel nach beiden Richtungen.
Eine einzige Barke lag still, vier Klafter vom Ufer. Wir blieben stehen, und die junge Griechin sah einen Augenblick betroffen nach dem Fahrzeuge hinüber, denn dieses schien leer zu sein. Es erhob sich indeß eine Gestalt in der Barke.
»Meine Mutter!« sagte sie schluchzend.
»Mein Kind!« antwortete eine tiefbewegte Stimme; »mein Kind, bist Du es? Es erschienen nun vier Ruderer, welche sich versteckt gehalten hatten; die Barke schoß wie eine Schwalbe über das Wasser und war in einem Augenblicke am Ufer. Mutter und Tochter sanken einander in die Arme; dann fiel uns die Mutter zu Füßen und fragte, wem sie für die Rettung ihres Kindes zu danken habe. Ich hob sie auf und sagte leise zu ihr:
»Es ist kein Augenblick zu verlieren. Fort, um des Himmel willen, fort! Ihr Leben steht auf dem Spiel.«
»So leben Sie wohl,« sagte die junge Griechin, meine Hand drückend. »Gott allein weiß, ob wir uns wiedersehen werden. Wir wollen nach Kardiki in Epirus, wo unsere noch lebenden Verwandten wohnen. Nennen Sie mir Ihren Namen, Freund, damit ich ihn im Gedächtniß behalte und täglich für den Träger desselben beten kann.«
»Ich heiße John Davys,« antwortete ich. »Ich hätte gern mehr für Sie gethan; aber ich habe gethan, was ich konnte.«
»Und ich heiße Wasiliki,« erwiederte die junge Griechin; »und Gott sagt mir, daß wir uns nicht zum letzten Male sehen.«
Sie sprang in die Barke und riß das kostbare Geschmeide, welches sie zu meinem Erstaunen nicht abgelegt hatte, aus den Haaren.
»Hier,« setzte sie hinzu, »nehmen Sie die Belohnung, welche ich Jakob versprochen. Gott schenke Ihnen einen Lohn, der besser ist als alle Diamanten der Welt!«
Der Schmuck fiel zu meinen Füßen nieder. Die Barke stieß schnell vom Ufer ab. Eine Zeit lang sah ich die weißen Gewänder der beiden Griechinnen noch im Mondschein schwimmen, endlich verschwand die Barke wie ein Traumgesicht und verlor sich in der Ferne.
Ich stand eine Weile wie versteinert am Ufer, und ich würde gewiß Alles, was ich diesen Abend erlebt hatte, für einen Traum gehalten haben, wenn ich nicht den Brillantschmuck vor Augen und den Namen Wasiliki im Gedächtniß gehabt hätte.
V
Sobald die Barke verschwunden war und wir uns allein am Ufer befanden, dachten wir an unsere Sicherheit. Unsere Lage war eben nicht erfreulich; denn wir waren alle Drei um Mitternacht ohne Erlaubniß am Lande, und überdies war der Weg von Galata nach Tophana von Schaaren herrenloser Hunde bedeckt, welche uns als Fremde zu erkennen schienen und folglich sich für berechtigt hielten uns aufzufressen. Endlich bedachte ich, daß ich zwar an dem Morde nicht betheiligt war, daß aber der Ermordete ein Sohn Mohammed’s, und zwar ein angesehener Mann war.
Diese beiden letzten Gründe trieben uns zur Eile an, obgleich wir wußten, daß wir bei unserer Rückkehr an Bord eine Strafe zu erwarten hatten. Wir gingen, von heißhungrigen Hunden verfolgt, rasch am Ufer fort. Von Zeit zu Zeit kamen diese Thiere uns so nahe und mit so unverkennbar feindseligen Absichten, daß wir gezwungen waren uns umzudrehen und sie abzuwehren. Bob trug einen tüchtigen Knotenstock, mit welchem er sie zurücktrieb; aber kaum waren wir zwanzig Schritte weiter gegangen, so waren uns die Hunde wieder auf den Fersen. Wenn einer von uns zurück geblieben oder gefallen wäre, so hätten sie ihn wahrscheinlich zerrissen, und dann wäre es um uns Alle geschehen gewesen, denn sobald sie einmal Blut gekostet, würden sie nicht mehr zurückgewichen sein.
Die Hunde verfolgten uns bis Tophana, wo Bob und James endlich ihre Barke fanden. James stieg zuerst ein, ich folgte ihm; Bob deckte den Rückzug, und das war keineswegs leicht. Unsere Gegner kamen uns so nahe, daß Bob einen der zudringlichsten mit dem Stocke niederschlug. Die andern fielen sogleich über den todten Hund her und fraßen ihn.
Bob benutzte diese Pause, um das Vorhängschloß der Kette aufzuschließen und ebenfalls in die Barke zu springen. Dann stießen wir vom Ufer ab. Die Hunde gaben durch ein fürchterliches Geheul zu erkennen, wie sehr sie bedauerten, keine nähere Bekanntschaft mit uns gemacht zu haben. Hundert Schritte vom Ufer nahm uns Bob die Ruder ab und trieb das Boot schneller fort, als wir Beide es vermocht hatten.
Man muß die lauen stillen Nächte im Orient kennen gelernt haben, um sich einen Begriff davon zu machen. Constantinopel bot im Mondschein mit den bunten Häusern, vergoldeten Kuppeln und zerstreuten Baumgruppen einen feenhaften Anblick. Der Himmel war tiefblau und ganz wolkenlos; in dem ruhigen spiegelglatten Meere waren alle Sterne sichtbar. Unser unweit des Serai von Scutari, gegenüber dem Leanderthurm vor Anker liegendes Schiff hatte hinter sich den Leuchtthurm, der auf dem Vorgebirge des Hafens von Chalcedon steht, und vor dem hellstrahlenden Lichte erhoben sich die schlanken Mastbäume mit dem viel verschlungenen Tauwerk, welches in der Ferne wie Spinnengewebe aussah.
Dieser Anblick erinnerte uns au unsere Lage, die wir im Anschauen der wundervollen Landschaft vergessen hatten. Bob mußte langsam rudern, um weniger Geräusch zu machen und weniger leuchtende Wellen aufzutreiben. Wir hofften so das Schiff zu erreichen, ohne von der Schildwache bemerkt zu werden, oder, wenn sie zu unseren Freunden gehörte, ohne daß sie Notiz von uns nähme. Dann gedachten wir in eine jener Luken zu schlüpfen, die an den Flanken eines Kriegsschiffes immer offen stehen, uns ruhig in unsere Hängematten zu legen und am andern Morgen zur Wache auf das Verdeck zu kommen, als ob nichts Ungewöhnliches vorgefallen wäre. Aber leider kam es anders.
Als wir dem »Trident« auf dreißig Schritte nahe gekommen waren, rief uns die Schildwache an:
»Holla! Barke, was wollt Ihr?«
»An Bord gehen,« antwortete ich, die Hände an den Mund haltend.
»Wer seid Ihr?«
»Die Midshipman John und James, und der Matrose Bob.«
»Zurück!«
Wir sahen einander ganz erstaunt an, denn wir erkannten in der Schildwache einen vertrauten Freund Bob’s, der gewiß gern bereit gewesen wäre, unser kleines Vergehen zu vertuschen. Ich nahm daher wieder das Wort und rief ihm zu:
»Du hast mich nicht verstanden, Patrick. Wir sind ja vom Schiffe und wollen an Bord, James, Bob und ich. Erkennst Du denn meine Stimme nicht? ich bin John Davys.«
»Zurück!« rief aber Patrick noch einmal, und mit so starker, gebieterischer Stimme, daß ich wohl einsah, eine dritte Aufforderung dieser Art müsse das ganze Schiff wecken. Bob, der die Gefahr erkannte, fing sogleich wieder an zu rudern.
Wir erriethen seine Absicht und gaben ihm durch Kopfnicken unsere Zustimmung zu erkennen. Er wollte außer Sicht des »Trident« kommen und dann einen Kreis beschreiben und mit noch größerer Vorsicht als vorhin heranrudern, um zu sehen, ob wir am Backbord nicht glücklicher sein würden, als am Steuerbord. Als wir daher außer Sicht waren, hielten wir einen Augenblick an, um das Ende der Ruder mit unseren Taschentüchern und mit einem kleinen Segel zu umwickeln; dann fing Bob wieder an so leise zu rudern, daß wir selbst gar kein Geräusch hörten, und unsere Ankunft nur durch den nachziehenden leuchtenden Streif verrathen wurde.
Wir hofften mittelst dieser Kriegslist unbemerkt an Bord zu kommen; aber als wir dem »Trident« aus fünfzig Schritte nahe gekommen waren, sahen wir das Gewehr des Backbordpostens still stehen, und gleich daraus wurden wir angerufen:
»Heda, Barke! Was wollt Ihr?«
»An Bord gehen,« antwortete James, der nun ebenfalls ungeduldig wurde.
»Zurück!« rief die Stimme.
Wir nahmen keine Notiz von der Warnung und ließen Bob weiter rudern.
»Zurück!« wiederholte die Schildwache und senkte das Gewehr. »Zurück, oder ich schieße!«
Dahinter steckt Lieutenant Burke,« murrte Bob.
»Wir müssen umkehren, es bleibt uns nichts Anderes übrig.«
»Wann können wir denn an Bord gehen?« fragte ich den Soldaten.
»Morgen Früh, wann die Wache abgelöst wird,« war die Antwort.
Wir mußten noch vier Stunden warten; aber es war nichts zu thun, wir ruderten bis auf die vorschriftsmäßige Entfernung zurück. Bob erbot sich, uns an’s Ufer zu rudern, wo wir es uns bequemer machen konnten als in der Barke; aber die Gesellschaft, die wir am Lande gefunden hatten, verleidete uns den nächtlichen Aufenthalt daselbst. Wir wollten lieber mitten im Bosporus bleiben. Unsere Strafe wäre wohl zu ertragen gewesen, wenn sie sich auf diese nächtliche Rast in der wunderschönen Landschaft beschränkt hätte; aber die Präliminarien hatten uns gelehrt, daß wir mehr zu erwarten hatten. Worin dieses »Mehr« bestehen würde, wußten wir freilich noch nicht, aber der bekannte Charakter Burke’s machte uns doch etwas besorgt. Daher verlebten wir, trotz des herrlichen Sonnenaufgangs, der mich zu jeder andern Zeit entzückt haben würde, vier peinliche Stunden. Endlich hörten wir den lauten Pfiff, das Zeichen zum Ablösen der Wache, und wir ruderten nun ungehindert auf das Schiff zu.
Als wir das Verdeck betraten, erblickten wir den Lieutenant Burke in voller Uniform sammt den übrigen Offizieren, welche ein Kriegsgericht zu bilden schienen. Da ein Dienstvergehen wie das unserige bei den Midshipman nur durch ein paar Tage Arrest und bei den Matrosen durch einige Hiebe bestraft wird, so konnten wir anfangs nicht glauben, daß diese gewaltige Zurüstung uns gelte. Aber wir wurden bald enttäuscht; Lieutenant Burke wollte uns als Ausreißer behandeln. Kaum hatten wir das Verdeck betreten, so sah er uns mit seinen tückischen Augen an, legte sein Gesicht in noch ernstere Falten als gewöhnlich und fragte:
»Wo kommen Sie her?«
»Vom Lande, Sir,« antwortete ich.
»Wer hat Ihnen die Erlaubniß gegeben?«
»Sie wissen, daß ich im Gefolge des Capitäns war.«
»Aber Sie hatten, wie die Andern, um zehn Uhr wieder am Bord sein sollen. Außer Ihnen sind Alle zurückgekommen.«
»Wir kamen um zwölf Uhr, aber wir wurden zurückgewiesen.«
»Auf ein Kriegsschiff geht man nicht um Mitternacht.«
»Ich weiß wohl, daß es eine ungewöhnliche Stunde ist; aber ich weiß auch, daß gewisse Umstände eine Ausnahme rechtfertigen.«
»Haben Sie eine Erlaubniß des Capitäns?«
»Nein, Sir.«
»Sie bekommen einen Monat Arrest.
Ich verneigte mich und trat einen Schritt zurück; aber ich blieb, um zu hören was er über James und Bob verfügen werde.
Als Burke mit mir fertig war, wandte er sich zu James und sagte mit seinem dämonischen Lächeln:
»Waren Sie auch im Gefolge des Capitäns?«
»Nein, Sir,« antwortete James; »ich will mich auch nicht entschuldigen: ich bin ohne Erlaubniß ans Land gegangen. Ich habe Strafe verdient, bestrafen Sie mich also – und zwar für Zwei.«
»Aha!« höhnte Burke, »es scheint, daß wir eine neue Auflage der Geschichte von Damon und Pythias haben sollen. – Warum sollte ich Sie denn für Zwei bestrafen?«
»Weil ich Bob auf meine Verantwortung mitgenommen habe.«
»Auf Ihre Verantwortung?« erwiederte Burke mit dem ihm eigenen höhnischen Lächeln, – »die Verantwortung eines Midshipman!«
James biß sich vor Aerger die Lippen blutig, aber er sagte kein Wort, obgleich ihm Burke absichtlich genügende Zeit zur Antwort ließ.
»Dies ist also Alles, was Sie zu Ihrer Vertheidigung zu sagen haben?« fuhr der Lieutenant nach einer kurzen Pause fort.
»Ja,« antwortete James »Sie bekommen einen Monat Arrest, und Bob bekommt zwanzig Hiebe.«
»Herr Lieutenant,« sagte ich vortretend, »würden Sie die Güte haben mir eine Privatunterredung zu bewilligen?«
Burke sah mich erstaunt an; er schien sich über meine Kühnheit zu wundern.
»Was haben Sie mir zu sagen?« fragte er.
»Dinge, welche vielleicht Ihren Entschluß lindern werden.«
»In Bezug auf Sie?«
»Nein, Sir, in Bezug auf James und Bob.«
»Sind denn diese Dinge so geheim, daß die Mittheilung derselben nur unter vier Augen geschehen kann.«
»Ich halte es wenigstens für schicklich, sie Ihnen ohne Zeugen zu sagen.«
»So kommen Sie mit mir in die Cajüte.«
Er ging auf das Hinterdeck zu; dann sah er sich irrte und sagte, auf James deutend, zu den Marinesoldaten:
»Führet den Herrn in seine Cajüte und stellet eine Schildwache vor seine Thür. Und diesen Schlingel,« setzte er, auf Bob zeigend, hinzu, »werfet in die Löwengrube und leget ihm Ketten an.«
Dann ging er mit der größten Ruhe und pfeifend die Treppe hinunter.
Ich folgte ihm ohne die mindeste Hoffnung, etwas für meine beiden Freunde zu erwirken; aber ich hielt es für Gewissenspflicht, den Versuch zu machen.
In der Cajüte stand Burke still und sagte, ohne sich zu setzen:
»Jetzt reden Sie, Sir; wir sind allein.
Ich erzählte ihm nun ausführlich die Ursache meiner Abwesenheit: wie ich das Stelldichein anfangs für eine Liebesintrigue gehalten, wie die Sache aber einen tragischen Ausgang genommen. Ich erklärte ihm endlich, wie James und Bob für meine Sicherheit und mein Leben gefürchtet und eine Strafe verwirkt hätten, um mir nöthigenfalls zu Hilfe zu kommen.
Burke hörte mir schweigend zu; als ich meine Erzählung beendet hatte, erwiederte er mit hämischem Lächeln:
»Die Geschichte ist allerdings sehr rührend; aber Se. britische Majestät hat uns nicht nach Constantinopel geschickt, um auf Abenteuer auszugehen und irrende Ritter zu spielen. Sie werden es daher begreiflich finden, daß Ihre Erzählung, wie interessant sie auch sei, meinen Entschluß nicht ändert.«
»In Bezug auf mich, allerdings, Sir,« erwiederte ich; »aber werden Sie James und Bob für ihre übergroße Hingebung bestrafen?«
»Ich bestrafe jede Uebertretung der Disciplinargesetze,« antwortete Burke.
»Auch ohne Berücksichtigung der Ursache?«
»Ja, ohne alle Rücksicht.«
»Sie scheinen von übertriebenem Pflichtgefühl geleitet zu werden, Sir,« erwiederte ich; »wenn ich es mit dem Capitän zu thun hätte —«
»Leider haben Sie es mit mir zu thun,« unterbrach der Lieutenant mit seinem unvermeidlichen Hohnlächeln. »Capitän Stanbow ist am Lande geblieben und in seiner Abwesenheit habe ich am Bord zu befehlen. Ich befehle Ihnen also, sich in ihr Zimmer zu begeben und Ihren: Arrest anzutreten.«
»Sie wissen ja, daß ich meine Strafe willig hinnehme; ich bitte nur James und Bob um Nachsicht.«
»Mr. James bekommt sechs Wochen Arrest und Bob dreißig Hiebe.«
Ich erblaßte und zitterte vor Wuth; aber ich bezwang mich noch und sagte gelassen:
»Mr. Burke, Sie sind ungerecht.«
»Wenn Sie noch ein Wort sagen,« erwiederte er, »so verdopple ich die Dosis.«
Ich trat einen Schritt auf ihn zu.
»Sie treten meiner Ehre zu nahe,« sagte ich. »Meine Freunde haben nichts gethan, um die größere Strafe zu verdienen: sie werden glauben, ich sei mit Ihnen hinuntergegangen, um sie zu verleumden! Bestrafen Sie mich, geben Sie mir doppelte Strafe; aber erlassen Sie sie denen, die sich für mich geopfert haben!v
»Genug, Sir. Gehen Sie!«
Ich wollte noch eine Gegenvorstellung machen, aber Burke hob drohend seinen Stock.
Was bei dem Anblick dieser Geberde in mir vorging, ist unmöglich zu beschreiben. Ich fühlte wie mir das Blut ins Gesicht schoß. Wäre ich meiner ersten Regung gefolgt, würde ich ihn auf der Stelle erdolcht haben; aber das Schreckbild des unglücklichen David trat als warnende Erscheinung vor meine Seele – ich athmete tief auf, denn ich glaubte ersticken zu müssen, und verließ eilends die Cajüte. In diesem Augenblick war der strenge Arrest eine Wohlthat für mich. Ich fühlte das Bedürfniß des Alleinseins.
Sobald ich mich in meinem Zimmer befand, warf ich mich fast besinnungslos zu Boden und gab kein anderes Lebenszeichen, als ein krampfhaftes Röcheln und Schluchzen. Wie lange ich so lag, weiß ich nicht. Endlich richtete ich mich auf, und von nun an waren alle meine Gedanken auf die Rache gerichtet, deren Möglichkeit sich mir darbot.
Ich war den ganzen Tag so mit diesen Gedanken beschäftigt, daß ich die Speisen, welche man mir schickte, gar nicht anrührte und die ganze Nacht aus dem Stuhl zubrachte. Anscheinend war ich jedoch ruhig, und der Matrose, der mir mein Frühstück brachte, konnte nicht merken, was in mir vorging. Uebrigens aß ich in seiner Gegenwart, um keinen Verdacht zu erregen, und fragte ihn, ob Capitän Stanbow wieder am Bord sei. Er sei gestern Abends wieder zurückgekommen, antwortete der Matrose, und habe unsere doppelte Verurtheilung mit großem Mißfallen vernommen. Alle Offiziere hätten die Contumaz über den Lieutenant Burke verhängt, um ihr Mißfallen über seine ungerechte Strenge zu erkennen zu geben. Diese Demonstration machte mir Freude, denn sie bewies mir, daß man Burke’s Benehmen eben so beurtheilte wie ich selbst, und ich wurde dadurch in meinem Entschlusse bestärkt.
Die über einen Offizier verhängte »Contumaz« bedarf einer Erklärung für die mit dem Seeleben nicht bekannten Leser. Wenn ein Offizier durch übertriebene Strenge seine Untergebenen gegen sich erbittert hat, so üben diese eine Art Wiedervergeltung aus, welche vielleicht grausamer ist, als irgend eine der gewöhnlichen Strafen, die auf einem Kriegsschiffe in Anwendung kommen. Sie versammeln sich zu einer Art Kriegsgericht und erklären ihren Offizier auf längere oder kürzere Zeit in »Contumaz«. Dieses Urtheil muß jedoch einstimmig gefällt werden, denn Alle haben dasselbe gemeinschaftlich zu vollziehen.
Ein in Contumaz befindlicher Offizier ist ein Paria, ein Aussätziger, ein Verpesteter. Man kommt ihm nicht anders nahe, als wenn es der Dienst erheischt, man gibt ihm nur die durchaus nothwendigen Antworten. Wenn er die Hand bietet, so bleibt man mit untergeschlagenen Armen stehen; wenn er eine Cigarre anbietet, so lehnt man sie ab; wenn er das Vorderdeck betritt, so geht man auf das Hinterdeck. Bei Tische bietet man ihm keine Speise an; alle herumgereichten Schüsseln kehren bei seinem Nachbar zur rechten oder linken um; er muß sich selbst bedienen, wenn er essen will. Da nun das Leben am Bord eines Schiffes keineswegs reich an Zerstreuungen ist, so wird eine solche Vereinzelung mit der Zeit im höchsten Grade peinlich. Es ist zum Rasendwerden. In den meisten Fällen spannt daher der Offizier gelindere Saiten auf. Dann wird wieder in das alte Geleis eingelenkt; er wird wieder ein Mensch und kommt in den Genuß seiner bürgerlichen Rechte; er hört auf eine Ausnahme zu sein und nimmt wieder Theil an dem gemeinsamen Leben. Gibt er aber nicht nach, so wird er von Jedermann gemieden; so lange der Starrsinn nicht gebrochen ist, dauert die Contumaz.
Es war zu erwarten, daß ein Mann von so störrischem Charakter, wie der Lieutenant Burke, nicht leicht nachgeben werde. Die über ihn verhängte Contumaz änderte überdies sehr wenig in seiner Lebensweise. Doch darauf kam es nicht an; die Hauptsache war die Kühnheit, einen höhern Offizier in Verruf zu erklären. Burke wurde wo möglich noch düsterer und strenger.
Ich hatte in meiner Einsamkeit nur Einen Gedanken. Zuweilen, wenn ich über die mir angethane Beleidigung nachsann, schnürte sich mein Herz zusammen und das Blut stieg mir ins Gesicht; zuweilen freilich fühlte ich meinen Entschluß wanken und ich suchte dieses rohe gehässige Benehmen zu entschuldigen.
In dieser versöhnlichen Stimmung war ich am ersten Donnerstage meines Arrestes. Es war Prügeltag, und ohne Zweifel mußte Bob heute seine Strafe erleiden. Ich hatte mir sogar vorgenommen, auf meine Rache zu verzichten, wenn ihm Burke die Hälfte seiner Strafe erlassen würde.
Es war eine Art Mittelweg, den ich gewählt hatte, um mein beleidigtes Ehrgefühl mit der Vernunft in Einklang zu bringen. Ich hatte diesen Donnerstag daher mit einiger Unruhe erwartet, denn er sollte mich in meinem Entschlusse bestärken oder zur Verzichtleistung auf denselben bewegen. Der Tag kam. Ich hörte an den gemessenen Schritten der Marinesoldaten, daß sie aufmarschirten. Es dauerte ziemlich lange, bis sie wieder abmarschirten; es waren fünf oder sechs Matrosen zu bestrafen. Dies war immer der Fall, wenn Burke in Abwesenheit des Capitäns den Befehl führte. Einige Klagetöne drangen bis zu mir; aber ich kannte Bob gut zu, als daß ich ihm diese Aeußerung von Schwäche hätte zutrauen können.
Endlich marschirten die Soldaten wieder in die Sechsunddreißiger Batterie. Die Executionen waren zu Ende; aber binnen einer Stunde konnte ich nichts erfahren, denn der Matrose pflegte mir erst um ein Uhr mein Mittagessen zu bringen.
Der Matrose, welcher diesem Tag den Dienst bei mir hatte, war Patrick, derselbe, der Befehl erhalten hatte, auf uns zu schießen, wenn wir dem Schiffe zu nahe kämen. Diesen Befehl hatte ihm Burke gegeben, so bald er erfahren hatte, daß der Capitän am Lande bleiben werde und daß ich nicht mit auf der Liste seiner Begleiter stand. Schon Morgens hatte sich der arme Bursche bei mir entschuldigt: der Befehl sei mit der größten Strenge ertheilt worden. Ich hatte ihn ersucht, mir das Resultat der Execution mitzutheilen und dabei die Hoffnung ausgesprochen, daß Bob die dreißig Hiebe, welche ihm der Lieutenant in der ersten Aufwallung des Zorns zuerkannt, nicht erhalten werde. Ich konnte an eine so ungerechte Strenge nicht glauben, und erwartete endlich sogar mit Zuversicht, was ich von Herzen wünschte. Als daher Patrick erschien, sah ich ihn mit fast lachender Miene an und sagte:
»Nun, wie ist’s abgelaufen?«
»Schlecht für den armen Bob, Master John.«
»Wie! hat er wirklich die zwanzig Hiebe bekommen?
»Dreißig hat er bekommen.«
»Dreißig!« rief ich entrüstet; »aber er war ja nur zu zwanzig verurtheilt.«
»Das dachte ich auch, Euer Gnaden, und Alle waren meiner Meinung. Bob selbst war auf die Verschärfung nicht gefaßt. Als er schnaubend sein Contingent bekommen hatte, wollte er sich aufrichten, aber der Profoß zeigte ihm seine Rechnung, und er sah, daß er zehn Hiebe in den Kauf bekommen sollte.«
»Hat er sich nicht beschwert?« rief ich wüthend.
»Ja wohl; aber er hat nichts dabei gewonnen, als daß er erfahren, wem er die Gratification verdankt.«
»Nun, wem denn?«
»Ich weiß nicht, ob’s wahr ist: man sagte ihm, er möge sich bei Ihnen bedanken. Dann legte er sich wieder nieder und sagte: »Nun, das ist etwas Anderes; was von Mr. John kommt, ist willkommen. Schlaget nur zu!«
»Weißt Du gewiß,« sagte ich, »daß Bob dreißig Hiebe bekommen hat?«
»Ich habe sie ja gezählt. Sie können ja Bob selbst fragen, sobald Sie ihn sehen.«
»Es ist gut,« sagte ich. »Ich danke Dir, Patrick, Ich weiß ich Alles, was ich wissen wollte.«
Der Matrose, der weit entfernt war, den Sinn dieser Worte zu errathen, salutiere und ging fort.
Burke war nun verloren.
VI
Von nun an schwankte ich nicht mehr, mein Entschluß war unerschütterlich. Ich ließ mich jedoch nicht, wie David, zu einer blinden Rache hinreißen, welche mißlingen kann und dann auf den Thäter zurückfällt. Ich wollte die Mannschaft von ihrem Peiniger befreien, aber nicht durch einen Mord.
Burke hatte seinen Stock gegen mich aufgehoben, er hatte mich als Gentleman beleidigt, und als solcher mußte er mir Genugthuung geben. Wenn ich im ehrlichen Zweikampfe fiel, so war nichts weiter zu thun; wenn mir hingegen das Glück günstig war, so mußte ich meine militärische Laufbahn aufgeben; denn nachdem ich den Degen gegen einen Vorgesetzten gezogen, durfte ich kein englisches Kriegsschiff wieder betreten. Ich war daher entschlossen, nach dem Duell in Griechenland, Kleinasien oder Egypten eine Zuflucht zu suchen und im Orient zu bleiben. Ein einziger Gedanke bekämpfte diesen Entschluß: die Erinnerung an meine Eltern, von denen ich dann wahrscheinlich auf immer getrennt bleiben würde. Aber Beide waren charakterfest, und ich war überzeugt, daß zumal mein Vater mein Verhalten billigen würde.
Ich begann sogleich meine Vorkehrungen zu treffen. Ich revidierte meine Kasse: sie enthielt fünfhundert Pfund Sterling, theils in Gold und theils in Wechseln, und dies war mehr als ich brauchte, um zwei Jahre sorgenfrei zu leben. Dann schrieb ich an meine Eltern einen langen zärtlichen Brief, in welchem ich Alles, was sich am Bord des »Trident« zugetragen, ausführlich erzählte. Der Streifzug nach Walsmouth, die gewaltsame Anwerbung David’s, seine Bestrafung, sein Tod, die mir widerfahrene Beleidigung, Alles stand darin. Ich schloß mit der Erklärung, daß ich Genugthuung fordern würde, und falls ich Sieger bliebe, sollte eine Nachschrift das Ergebniß des Duells melden; für den Fall, daß ich fiele, wollte ich den Capitän Stanbow in einem bereit zu haltenden Schreiben ersuchen, meinen Eltern den Scheidebrief, den man bei mir finden würde, zuzusenden.
Als ich diese Vorkehrungen getroffen hatte, war ich ruhiger: ich sah darin den Anfang der Ausführung meines Entschlusses und die Unmöglichkeit der Umkehr. Ich war nun auf die Mittel bedacht. Es wäre eine Tollheit gewesen, den Lieutenant Burke am Bord des »Trident« herauszufordern: ich entwarf daher einen ganz andern Plan.
Burke mußte sich in seinen eigenen Angelegenheiten oder in Dienstsachen von Zeit zu Zeit zum englischen Gesandten begeben. Er war weder gesellig noch wißbegierig und begab sich gewöhnlich allein und auf dem kürzesten Wege dahin. Dieser Weg führte über einen der schönsten und größten Friedhofe von Constantinopel; dort wollte ich ihn allein erwarten, denn ich wollte Niemanden compromittiren, und ihn zum Zweikampf zwingen. Die Wahl der Waffen war mir gleichgültig; jeder von uns würde natürlich seinen Degen tragen, und überdies wollte ich ein Paar Pistolen mitnehmen.
Inzwischen kam die Reihe an Bob, bei mir Wache zu stehen. Sobald der arme Bursch eintrat und mir mein Frühstück brachte, fiel ich ihm um den Hals; er hatte, wie gewöhnlich, die erlittene Strafe schon vergessen, und überdies versicherte er, daß er weit entfernt sei mir die Verschärfung derselben zuzuschreiben, er überließ die Ehre dem Lieutenant Burke.
Dieser, sagte Bob, sei noch immer »in Contumaz«; es werde gewiß ein schlechtes Ende mit ihm nehmen, denn er sei unglaublich verhaßt. Dies war auch meine Meinung und es war mir gar nicht unlieb, daß Alle mit mir übereinstimmten; es schien mir, daß mich die Vorsehung, die mich zum Rächer so vieler braven Leute erkoren, nicht verlassen könne.
Ich erkundigte mich nach dem Juden Jacob. Er war zuweilen an Bord gekommen und hatte nach mir gefragt; aber er durfte mich in meinem Arrest nicht besuchen. Ich fand seine Unruhe ganz begreiflich; ich hatte ihm den Brillantschmuck der schönen Wasiliki zu übergeben. Ich beauftragte Bob ihm zu sagen, daß ich ihm den Schmuck bringen würde, sobald ich frei wäre, und daß ich ihn meinerseits auch um einen Dienst, den ich gut bezahlen würde, zu ersuchen hätte.
Der erste Tag meiner Freilassung rückte näher und ich hatte Alles vorbereitet, um die erste Gelegenheit zur Ausführung meines Entschlusses benutzen zu können. – Nach einem Monate, Stunde für Stunde, wurde ich aus meinem Arreste entlassen.
Ich machte sogleich dem Capitän einen Besuch. Der würdige alte Herr war gütig und wohlwollend wie immer. Er machte mir sanfte Vorwürfe, daß ich mir keinen Urlaub von ihm erbeten, und ließ sich das Abenteuer mit der jungen Griechin, die aufopfernde Freundschaft James’ und Bob’s, unsere Rückkehr an Bord des »Trident« und meinen Auftritt mit Burke ausführlich erzählen. Ich verschwieg ihm nichts, denn Capitän Stanbow verdiente als Freund meines Vaters mein volles Vertrauen. Als ich ihm erzählte, wie beleidigend sich der Lieutenant gegen mich benommen, erblaßte der alte Herr.
»Hat er das wirklich gethan?« sagte er.
»Ja, Sir,« antwortete ich.
»Aber Sie haben es ihm doch verziehen? Er ist von Sinnen.«
»Ja,« erwiederte ich lächelnd, »aber er ist tobsüchtig, und solchen Menschen muß man die Hände binden.«
»Was wollen Sie damit sagen?« fragte der Capitän unruhig.
»Lieber John, vergessen Sie nicht, daß Gehorsam gegen Vorgesetzte die erste Pflicht des Seemanns ist.«
»Habe ich jemals meine Pflicht verletzt?« entgegnete ich.
»Nein, John, Sie sind einer meiner besten Offiziere, ich gebe Ihnen mit Vergnügen dieses Zeugniß.«
»Es hat gerade jetzt hohen Werth für mich, da ich eben aus dem Arrest komme.«
Capitän Stanbow seufzte.
»Aber warum haben Sie mich nicht um Urlaub gebeten?« fragte er noch einmal.
»Warum haben Sie nicht gesagt, daß ich Ihnen Urlaub gegeben? Ich würde Sie nicht Lügen gestraft haben.«
»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen,« sagte ich zu Thränen gerührt, »aber ich sage nie eine Unwahrheit.«
»Eben deshalb wünsche ich von Ihnen die Versicherung, daß Sie Alles vergessen haben.«
Ich schwieg.
»Nun, es ist in diesem Augenblicke zu viel verlangt, ich sehe es ein. Der erste Eindruck der Ihnen widerfahrenen Unbild ist noch zu stark, als daß man eine solche Selbstverläugnung von Ihnen erwarten könnte. Zerstreuen Sie sich, es ist Ihnen nach so langer Haft Bedürfniß; Sie werden heiterer und in versöhnlicherer Stimmung zurückkommen. Wollen Sie an’s Land gehen?«
»Für den Augenblick danke ich verbindlichst. Wenn ich etwa Geschäfte habe, werde ich um Urlaub bitten.«
»So viel als Sie wollen.
Aber hören Sie wohl, John, lassen Sie sich den Urlaub von mir geben. In allen Dingen, die von mir abhängen, wenden Sie sich nur an mich. Vergessen Sie nicht, daß Ihr ehrenwerther Vater, mein alter Freund, Sie mir und keinem Andern anvertraut hat; ich habe also für Sie einzustehen, so lange wir kein Gefecht haben oder Schiffbruch leiden. – Haben Sie Geld?«
»Ja, Sir.«
»Sagen Sie es aufrichtig, wenn Sie etwas brauchen; Sie wissen ja, daß mich Sir Edward zu Ihrem Banquier ernannt hat«
»Ich habe noch fünfhundert Pfund Sterling.«
»Nun, ich sehe wohl, daß ich heute nichts für Sie thun kann. Morgen wird sich vielleicht eine Gelegenheit finden.«
»Tausend Dank, Mr. Stanbow. Sie sagen, daß Sie nichts für mich thun können? Sie irren sich, denn Sie thun mit Ihren gütigen Worten mehr als König Georg mit seiner ganzen Macht. – Leben Sie wohl, mein verehrter Herr. Ich werde von Ihrem gütigen Anerbieten Gebrauch machen; wenn ich ans Land gehen muß, werde ich um Urlaub bitten.«
»Ich will Ihnen den Urlaub lieber sogleich geben, John; es wäre möglich, daß ich gerade nicht am Bord wäre, und meine Abwesenheit könnte Ihnen neuen Verdruß bereiten.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch und schrieb einige Worte auf einen Zettel.
»Hier ist ein schriftlicher Urlaub. Sie haben nur das Datum einzuschreiben. – Besinnen Sie sich, ehe Sie fortgehen: Haben Sie sonst noch ein Anliegen?«
»Nun, ich will von Ihrer Güte Gebrauch machen, Capitän.«
»Lassen Sie hören.«
»Sie wissen, daß James anfangs zu einem Monat Arrest verurtheilt war, daß aber in Folge meiner Fürbitte seine Strafe auf sechs Wochen ausgedehnt wurde.«
»Ja, ich weiß es.«
»Ich bitte für James um Nachlaß dieser vierzehn Tage.«
»Es ist schon gesehen.«
»Wie so?«
»Ja, ich habe schon vor Ihrer Freilassung den Befehl gegeben, damit Niemand sagen könne, Sie hätten darum gebeten. James ist zugleich mit Ihnen entlassen worden.«
»jetzt erlauben Sie mir,« sagte ich erfreut, »daß ich Ihnen die Hand küsse.«
»Kommen Sie in meine Arme, lieber John.«
Ich sank an seine Brust. Er drückte mich zärtlich an sein Herz.«
»Ach! wie glücklich wären wir,« sagte er seufzend, »wenn wir den Unhold nicht am Bord hätten.«
»Nicht wahr, Mr. Stanbow,« erwiederte ich mit Eifer, »er ist Ihnen verhaßt, wie der ganzen Schiffsmannschaft? – und wer Sie dieser Plage entledigte —«
»Still!« unterbrach der Capitän. »Nur die Lords der Admiralität haben diese Gewalt. Wir müssen ruhig warten. Jetzt gehen Sie, lieber John. Adieu! Ihre Cameraden haben Sie seit einem Monate nicht gesehen, sie werden sich nach Ihnen sehnen. – Es bleibt bei der Abrede: Sie wenden sich in allen Dingen an mich.«
Ich nickte schweigend; denn an meiner bewegten Stimme würde er vielleicht gemerkt haben, was in meinem Herzen vorging. Dann verneigte ich mich und verließ die Kajüte.
Capitän Stanbow hatte Recht: alle meine Cameraden erwarteten mich auf dem Verdeck und James mit ihnen, so daß mein Erscheinen einem Triumph ähnlich war.
Die Mannschaft empfing mich mit lautem Hurrahruf, den der Lieutenant Burke in seiner Cajüte hören mußte. Außer den Mahlzeiten und den nothwendigen Dienstverrichtungen war er seit einem Monate nicht sichtbar gewesen; er zog den freiwilligen Arrest in seiner Cajüte dem Alleinsein auf dem Verdeck vor. Das ganze Offizierscorps hatte beschlossen, James und mir zu Ehren ein großes Festessen zu geben. Der morgende Tag wurde dazu bestimmt und sofort eine Deputation an den Capitän geschickt, der mit seiner an gewohnten Güte die Erlaubniß dazu gab.
Als die Abendwache abgelöst wurde, kam Burke auf das Verdeck. Es war das erste Mal, daß ich ihn seit unserm Wortwechsel sah; das Blut wallte mir auf und ich mußte mir großen Zwang anthun, um meinen Grimm nicht merken zu lassen. Mein Herz pochte vor wilder Freude bei dem Gedanken, daß es mir bald vergönnt sein werde, blutige Rache an dem Unholde zu nehmen; die Wollust, ihn niederzustoßen, schien mir durch lebenslängliche Verbannung nicht zu theuer erkauft. Er sah noch finsterer und bärbeißiger aus, als sonst. Niemand sprach mit ihm. Die »Contumaz« war noch nicht aufgehoben.
Lieutenant Burke, für den die Theilnahme an dem Festessen wohl wenig Reiz haben mochte, zeigte dem Capitän an, daß er sich in Geschäften zu dem Gesandten begeben müsse und erst nach Ablösung der Abendwache wieder an Bord kommen werde. Als ich es erfuhr, fühlte ich mich von einem Schauer durchbebt, wie sehr ich mich auch nach einer Gelegenheit, mit meinem Todfeinde am Lande zusammenzutreffen, gesehnt hatte: in entscheidenden Momenten findet, trotz des festesten Entschlusses, ein Widerstreit zwischen dem persönlichen Interesse und dem Willen statt. Es lag allerdings in meinem Interesse, die nur dem Capitän bekannte Beleidigung zu verschlucken und eine Laufbahn zu verfolgen, welche mich durch das Ansehen meines Vaters und die Empfehlung des Capitän Stanbow zu den höchsten Graden führen konnte; aber mein Selbstgefühl war verletzt durch eine Drohung, welche nur eine Memme sich gefallen läßt. Dazu kam die Ueberzeugung, daß ich mich für das allgemeine Wohl opferte, und die Gewißheit, daß mir der Dank der ganzen Schiffsmannschaft ins Grab oder ins Exil folgen werde. Mein Wille siegte über das persönliche Interesse; mein Entschluß stand fest und ich sah dem morgenden Tage mit Ungeduld entgegen.
Meine Gemüthsbewegung war mir wohl zu verzeihen. Ein Duell mit einem Vorgesetzten ist kein gewöhnliches Duell! ich hatte im glücklichsten Falle das Exil zu erwarten. Und in meinem Alter war das Exil eine lange schmerzliche Trennung von Allem, was mir in der Welt lieb und theuer; es war die Vernichtung meiner Aussichten und Hoffnungen; es war die ungewisse Zukunft, zu welcher ich mir selbst den Weg bahnen mußte.
Diese düsteren Betrachtungen, denen ich mich den ganzen Tag überließ, vermochten meinen Entschluß nicht zu erschüttern. Ich schlief wenig, und gleichwohl war meine Nacht ziemlich ruhig. Am andern Morgen bat ich den Capitän um Erlaubniß, ans Land zu gehen. Er erwiederte lachend, es sei nicht nöthig, da er mir einen schriftlichen Urlaub gegeben; aber ich sagte, daß ich diesen für eine andere Gelegenheit aufsparen wolle. Ich nahm von James Abschied mir dem Versprechen, um Mittag wieder an Bord zu sein.
Ich hatte zwei Besuche zu machen: bei unserm Juden Jacob und bei Lord Byron. Dem Erstern übergab ich den von Wasiliki erhaltenen Schmuck und fügte noch ein Geschenk von fünfundzwanzig Guineen hinzu. Dann beauftragte ich ihn, ein nach den griechischen Inseln, nach Kleinasien oder Egypten bestimmtes und segelfertiges Schiff ausfindig zu machen und die Ueberfahrt für eine Person zu bezahlen. Zu diesem Zwecke gab ich ihm noch fünfundzwanzig Guineen. Er versprach mir, den Auftrag im Laufe des Tags zu vollziehen. Das Versprechen war in der That nicht zu halten, denn es fuhren täglich Schiffe nach den Dardanellen ab. Außerdem beauftragte ich Jacob, mir einen vollständigen griechischen Anzug zu kaufen.
Lord Byron empfing mich freundlich, wie immer. Ueber mein Ausbleiben besorgt, hatte er den Capitän Stanbow besucht und nach mir gefragt. Er hatte erfahren, daß ich im Arrest sei und er mich nicht sprechen könne. Ich sagte ihm, daß ich Urlaub zu einer Reise nach Griechenland zu nehmen beabsichtigte, und ersuchte ihn um ein Empfehlungsschreiben an Ali Pascha, den ich zu besuchen wünschte. Er setzte sich sogleich an den Schreibtisch, schrieb den Brief zuerst englisch, um mich zu überzeugen, wie dringend er mich empfehle, und ließ ihn dann von seinem griechischen Kammerdiener übersetzen. Dann unterschrieb er seinen Namen und drückte sein Siegel bei, welches über seinem Wappen die Inschrift führte: »Crede Byron.«
Es war Zeit an Bord zurückzukehren. Ich nahm von ihm Abschied, ohne ihm etwas zu sagen, ich hoffte ihn noch einmal wiederzusehen.
Der »Trident« war voll Freude. Man hatte, wie zu einem bevorstehenden Kampfe, alle Scheidewände ausgehoben und ein für zwanzig Personen gedeckter Tisch nahm die ganze Länge des improvisirten Speisesaales ein.
Ich war der eigentliche Held des Festessens. Man hätte glauben können, Alle wüßten um meinen Entschluß und wollten durch eine freundschaftliche Demonstration Abschied von mir nehmen. Beim Dessert wurden nach englischer Sitte Toaste ausgebracht. Eins Toast galt der Freundschaft, und James, der neben mir saß, küßte mich im Namen Aller. Ich war zu Thränen gerührt und sagte leise das Wort »Lebewohl.«
Es schlug sechs, ich hatte keine Zeit zu verlieren.
Ich sagte, daß ich mich in einer wichtigen Angelegenheit entfernen müsse; die Erlaubniß wurde mir mit den bei solchen Gelegenheiten üblichen Neckereien ertheilt.
Ich begab mich, ohne etwas merken zu lassen, in mein Zimmer. Im Hinuntergehen gab ich Bob den Befehl, ein Boot bereit zu halten, um mich ans Land zu rudern.
Alles war bereit. Ich schnallte meinen mit Gold und Wechseln auf Smyrna, Malta und Venedig gefüllten Gürtel um; untersuchte meine Brieftasche, um zu sehen, ob meine Papiere in Ordnung; steckte ein Paar Pistolen in die Taschen, hängte ein Miniaturbild meiner Mutter an den Hals, das ich zärtlich küßte, ehe ich meinen Rock zuknöpfte, winkte das Boot herbei und stieg aus einer Stückpforte.
Kaum war ich dreißig Schritte vom Schiffe entfernt, so rief James, der mich bemerkte, die ganze Tischgesellschaft auf das Verdeck. Man schickte mir nun ein so lautes Hurrah nach, daß der Capitän aus seiner Cajüte kam. Ich kann nicht beschreiben, was in mir vorging, als ich den verehrten Greis, den ich nun nicht mehr sehen sollte, mitten unter den jungen Leuten bemerkte. Die Thränen kamen mir in die Augen und ich war einen Augenblick unschlüssig; aber ich brauchte nur die Augen zu schließen, um den verhaßten Burke und seine beleidigende Geberde zu sehen, und ich winkte meine Ruderern zu, sich zu beeilen.
Wir landeten an dem Thore von Tophana. Als ich ans Land sprang, fiel mir das eine meiner Pistolen aus der Tasche. Bob, der während der ganzen Fahrt sehr nachdenklich geschienen, hob das Pistol ans und gab mir es zurück. So befand er sich allein mit mir am Ufer.
»Mr. John,« sagte er, »Sie haben kein Vertrauen zu Bob, weil er ein gemeiner Matrose ist, und Sie haben Unrecht.«
»Wie so, lieber Freund?« fragte ich.
»O, ich kenne meine Leute,« antwortete er; »Sie sind nicht wegen eines zärtlichen Stelldichein ans Land gegangen.«
»Wer hat Dir das gesagt?«
»Niemand. Auf jeden Fall denken Sie an Bob, wenn Sie ihn brauchen; Sie wissen ja, daß er Tag und Nacht, mit Leib und Seele zu Ihrer Verfügung steht.«
»Ich danke Dir, Bob. Wenn Du wirklich, was ich bezweifle, errathen hast, was mich ans Land führt, so wirst Du auch einsehen, daß es unzart von mir wäre, Jemanden in eine solche Geschichte zu verwickeln. Aber wenn man morgen Früh weder mich noch Mr. Burke am Bord sieht, so sage James, er möge mit Erlaubniß des Capitäns ein Boot nehmen und dann mit Dir einen Spaziergang über den Friedhof von Galata machen; vielleicht erfahret Ihr dann etwas über uns.«
»Ja, ja,« sagte Bob, »ich dachte mir’s wohl. Aber Sie sind mein Vorgesetzter, Mr. John, und ich habe nicht das Recht Einwendungen zu machen; aber einen guten Rath kann Jedermann geben. Trauen Sie ihm nicht, Sir, trauen Sie ihm nicht!«
»Ich danke, Bob, ich bin auf meiner Hut. – Jetzt aber, Freund, versprich mir bei Deiner Ehre: kein Wort!«
»So wahr ich Bob heiße!«
»Hier,« setzte ich hinzu und zog meine Börse, »trinket auf meine Gesundheit.«
»Hört Ihr wohl?« sagte Bob, der einem Matrosen das Geld in die Hand schüttete und die leere Börse in die Brusttasche steckte, »da ist ein Geschenk von Mr. John.«
»Hurrah! Master John soll leben,« jubelten die Matrosen.
»Ja, ja,« sagte Bob. »Master John soll leben, das ist wohl gesprochen; und der liebe Gott wird euern Wunsch erhören. – Leben Sie wohl, Mr. John. Muth wünsche ich Ihnen nicht, den haben Sie wie ein Admiral – aber Vorsicht, Mr. John, Vorsicht!«
»Sei nur ruhig, Bob. – Jetzt adieu!«
Ich hielt einen Finger auf den Mund, um ihm noch einmal Stillschweigen zu empfehlen.
»Schon gut, es bleibt bei der Abrede,« sagte Bob.
Ich reichte ihm die Hand, er küßte sie, ehe ich es hindern konnte. Dann sprang er in das Boot und nahm ein Ruder.
»Vorwärts!« sagte er zu den andern Matrosen. – »Auf Wiedersehen, Mr. John, vergessen Sie meinen Rath nicht!«
Ich nickte ihm zu und nahm den Weg zu der Gesandtschaft, welcher, wie schon erwähnt, über den Friedhof von Galata führte.
VII
Es war ein prächtiger türkischer Friedhof, einer der schönsten um Constantinopel. Unter den dunklen Tannen und grünen Platanen war es selbst am Tage lauschig und still. An dem Grabe eines Mädchens stand ich still. Die scheinbar abgebrochene Säule hatte nur die halbe Höhe der andern Grabmäler und als Verzierung ein in Marmor gehauenes Gewinde von Rosen und Jasmin, liebliche Sinnbilder der Unschuld bei allen Völkern. Von Zeit zu Zeit ging geräuschlos eine tief verschleierte Türkin vorüber. Ringsum herrschte tiefe Stille; man hörte nur den Gesang der Nachtigallen, welche im Orient gern die schattigen Friedhöfe aufsuchen, und denen die Türken oft stundenlang zuhören, weil sie sie für die Geister dahingeschiedener Jungfrauen halten.
Ich betrachtete sinnend diese kühle, frische Oase und beneidete fast die Todten, welche unter so herrlichen Bäumen ruhen und so lieblich besungen werden. Ich dachte an mein vergangenes Leben zurück, an meinen Seedienst, an die Strafen, die zwei- oder dreimal die Folge des grundlosen Hasses Burke’s gewesen waren, an das geräuschvolle Festessen, wo ich vor einer Stunde in die tollen Scherzt eingestimmt hatte. Ich verglich dieses tolle Treiben mit der würdevollen Ruhe der Türken, die wir Barbaren nennen, weil sie den größten Theil ihres Lebens sitzen und rauchen, ohne sich um die hohlen Träume der Wissenschaft oder um die schwankenden und blutigen Theorien der Politik zu kümmern, und nur den Eingebungen ihrer Laune folgen, die ihnen Weiber, Waffen, Pferde, Wohlgerüche als für sie geschaffene Dinge zeigt; dieser Naturphilosophen, welche sich am Ende eines üppigen Lebens in einer Oase niederlegen, um in einem Paradiese wieder zu erwachen. Es schien mir, als ob mein bisheriges Leben nur ein wahnsinniger Fiebertraum gewesen sei.
Mein Entschluß hatte sich in diesen Träumereien nicht geändert, aber es war mir fast gleichgültig geworden, was für ein Ende das Duell nehmen werde, und ich fühlte einen an Sorglosigkeit grenzenden Muth.
In dieser Stimmung, welche mir einen so großen Vortheil über meinen Gegner geben mußte, hörte ich näherkommende Fußtritte. Ich sah noch nicht, wer es war, aber ich ahnte, ich wußte, daß es Burke war, denn ich war in diesem Augenblicke gleichsam mit einem übernatürlichen Anschauungsvermögen begabt. Ich ließ ihn bis auf drei oder vier Schritte nahe kommen; dann erst hob ich den Kopf und stand meinem Feinde gegenüber.
Er war so weit entfernt mich zu dieser Stunde und an diesem Orte zu erwarten, und ich trat ihm mit so drohender Haltung entgegen, daß er einen Schritt zurücktrat und mich fragte, was ich von ihm wolle.
Was ich von Ihnen will,« erwiederte ich lachend, »Ihr Erblassen beweist mir, daß Sie es ahnen. Doch um Ihnen jeden Zweifel zu nehmen, will ich’s Ihnen sagen. Es ist möglich, daß in Birmingham oder Manchester, wo Sie geboren sind, die Vorgesetzten gegen ihre Untergebenen den Stock erheben, und daß diese sich’s gefallen lassen; ich weiß es nicht und will’s nicht wissen. Aber unter Gentleman – und dies scheinen Sie nicht zu wissen – ist es Sitte, daß Befehle mit gebührender Höflichkeit gegeben und empfangen werden, und daß für jede Beleidigung in Wort oder Geberde Genugthuung gegeben werden muß. Sie haben den Stock gegen mich gehoben, Sir, wie gegen einen Hund oder einen Sclaven; dies ist eine Beleidigung, für welche ein Gentleman das Leben des Beleidigers nehmen oder das seinige hingeben muß. Sie haben Ihren Degen, ich den meinigen; vertheidigen Sie sich.«
»Mr. John,« erwiederte der Lieutenant noch mehr erblassend, »Sie vergessen, daß die Militäirgesetze einem Midshipman verbieten, sich mit einem Lieutenant zu schlagen.«
»Ich weiß es,« antwortete ich; »aber die Militärgesetze verbieten einem Lieutenant nicht, sich mit einem Midshipman zu schlagen. Sie sind also in Ihrem Recht, und das genügt. Ueber den Militärgesetzen stehen die Gesetze der Ehre, denen alle übrigen Rücksichten weichen müssen. Vertheidigen Sie sich.«
»Bedenken Sie doch, daß dieser Kampf, wie er auch ausgehen möge, verderblich für Sie werden muß. Lassen Sie daher ab und stürzen Sie sich nicht ins Unglück.«
Er machte eine Bewegung, aber ich streckte den Arm aus.
»Ich danke Ihnen für die Warnung, Sir; aber sie kann meinen Entschluß nicht ändern. Ich habe einen ganzen Monat Zeit gehabt zu überlegen und meine Vorkehrungen zu treffen; ich bin auf Alles gefaßt. Vertheidigen Sie sich!«
»Ich bin Ihr Vorgesetzter,« sagte Burke mit unsicherer Stimme; »ich bin älter als Sie und muß Ihnen zu bedenken geben, daß Ihre Zukunft verscherzt und Ihr Leben in Gefahr ist, sobald Sie Ihren Degen ziehen. Was wollen Sie dann anfangen?«
»Das will ich Ihnen sagen, Sir. Wenn ich falle, so ist Alles aus; ein Todter steht nicht mehr unter den Militärgesetzen. Man wird mich auf diesem oder einem andern Friedhofe begraben; und es ist immerhin besser, hier im kühlen Schatten zu ruhen, als in eine Hängematte genäht und den Haifischen vorgeworfen zu werden. Für den Fall, daß ich Sie tödte, habe ich bereits einen Platz aus einem Schiffe bezahlt, welches diese Nacht unter Segel geben wird – wohin, ist mir ziemlich gleichgültig. Ich kann überall leben, denn mein Vater hat zwanzigtausend Pfund Sterling Einkünfte und ich bin der einzige Sohn. Ich werde freilich meinen Gehalt als Midshipman verlieren und die Aussicht, mit Vierzig Jahren Schiffslieutenant zu werden; aber ich habe dann den Gesetzen der Ehre Genüge geleistet und nicht nur mich, sondern auch Bob, James, David und die ganze Schiffsmannschaft gerächt. Um diesen Preis kann man schon etwas wagen. – Jetzt können Sie also ganz außer Sorgen sein, Sir, und haben keine Ursachen mehr, mir die verlangte Genugthuung zu verweigern; haben Sie also die Güte Ihren Degen zu ziehen.«
»Ich bin Ihr Vorgesetzter, Sir,« erwiederte Burke, dessen Aufregung immer größer wurde, »und als solcher hatte ich das Recht Sie zu bestrafen. Es würde keine Mannszucht mehr am Bord geben, wenn man einem Offizier jede Strafe, die er verhängt, zum Vorwurf machen wollte. Ich habe Sie nach dem am Bord der englischen Kriegsschiffe gültigen Vorschriften bestraft, und dafür haben Sie keine Genugthuung zu fordern.«
Er machte einen neuen Versuch sich zu entfernen; aber ich trat ihm in den Weg.
»Ich fordere die Genugthuung ja nicht für die Strafe,« erwiederte ich mit derselben kalten Ruhe, »sondern für die Beleidigung; ich beklage mich nicht über den Arrest, sondern über die Geberde.«
»Die Geberde war unwillkürlich, und wenn ich mein Bedauern darüber ausdrücke, so haben Sie nichts mehr zu sagen.«
»Allerdings, Sir; ich habe noch etwas zu sagen, was ich längst bemerkte, aber nicht glauben mochte: Sie sind eine Memme!«
»Sir,« rief Burke vor Zorn bebend, »jetzt beleidigen Sie mich und ich fordere Genugthuung dafür. Morgen werden wir uns sprechen.«
»Sie wollen Zeit gewinnen, mich anzuzeigen und Ihren Untergebenen vor ein Kriegsgericht zu stellen.«
»Wie können Sie denken, Sie —«
»Von Ihnen kann ich Alles denken.«
»Sie irren sich; ich schlage mich nicht auf Degen, denn ich habe nie einen Fechtboden betreten und wäre daher im Nachtheil; auf Pistolen, das lasse ich gelten.«
»Gut, ich habe schon dafür gesorgt,« erwiederte ich und zog meine Pistolen aus der Tasche. »Sie brauchen nicht bis morgen zu warten. Die beiden Waffen sind ganz gleich geladen; überdies können Sie wählen.«
Burke wankte, der kalte Schweiß rann ihm von der Stirn.
»Das ist ein Hinterhalt« sagte er, als er einige Fassung wieder gewonnen hatte. »Das ist ein Mord!«
»Die Furcht nimmt Ihnen den Verstand, Sir,« erwiederte ich; »hier ist nur der ein Mörder, der auf einen falschen Bericht einen Unglücklichen zur Verzweiflung getrieben. Denn man mordet auf verschiedene Arten, und der schuldigste Mord ist der unter dem Scheine der Gesetzlichkeit verübte. Sie sind der Mörder David’s. – Ich bitte Sie, Sir, fassen Sie nur ein bischen Muth und schänden Sie wenigstens nicht Ihre Uniform, die ja auch die meinige ist.«
»Ich schlage mich nicht ohne Zeugen.« sagte Burke.
»Dann behandle ich Sie als einen erbärmlichen Wicht. Ich kann jetzt nicht mehr an Bord gehen; aber morgen werde ich einen Brief schicken, in welchem ich Alles erzählen werde, was zwischen uns vorgegangen ist. Dann haben Sie nur die Wahl, entweder zu schweigen – und in diesem Falle werden Sie für Jedermann ein Gegenstand der Verachtung sein – oder Sie erklären meine Angaben für Verleumdung, und da der Ueberbringer des Briefes nicht Ihr Untergebener sein wird, so müssen Sie sich rechtfertigen, sonst wird man Sie als einen ehrlosen Menschen aus der englischen Marine stoßen.« Ich trat einen Schritt auf ihn zu. »Man wird Ihnen die Epauletten abreißen, wie ich sie Ihnen abreißen will; man wird Sie anspeien, wie ich zu thun willens bin.«
Ich trat ihm so nahe, daß ich die Hand ausstreckte, um die Drohung in Ausführung zu bringen.
Burke konnte nun nicht mehr zurück. Er zog seinen Degen; ich warf meine Pistolen weg und zog ebenfalls meinen Degen. Sogleich kreuzten sich die Klingen, denn in der Erwartung, daß ich nicht Zeit zum Pariren haben würde, drang er auf mich ein; aber ich hatte Bob’s Warnung nicht vergessen, ich war auf meiner Hut.
Ich bemerkte sogleich, daß Burke gelogen hatte: er war ein sehr gewandter Fechter. Ich gestehe, daß es mich freute, denn die Gleichheit der Kräfte machte unsern Zweikampf zu einem Gottesurtheil. Der einzige Vortheil, den ich vor ihm voraus hatte, war meine Ruhe. Burke bot übrigens seine ganze Gewandtheit auf, er sah wohl ein, daß unser Kampf nicht mit einer Schramme enden werde, und daß er mein Leben haben müsse, um das seinige zu retten.
So kämpften wir etwa fünf Minuten. Wir standest einander so nahe, daß wir nicht nur mit der Klinge, sondern auch mit dem Degengriff parirten. Wir mochten wohl Beide das Nachtheilige dieser Stellung einsehen, denn wir traten zugleich zurück, so daß wir einander nicht erreichen konnten. Aber ich trat sogleich wieder einen Schritt vor und wir befanden uns auf regelrechter Mensur.
Es ging nun meinem Gegner wie im Sturm oder im Gefecht: im ersten Moment war er immer zaghaft, dann gewann das Ehrgefühl oder die Nothwendigkeit die Oberhand, und Burke bekam Muth.
Niemand hatte in ihm den geübten Fechter geahnt; ich war anfangs erstaunt über seine Kraft und Gewandtheit, aber ich war ihm vollkommen gewachsen, denn diesem Theile meiner Ausbildung war auf ausdrückliches Verlangen meines Vaters und Tom’s die größte Sorgfalt gewidmet worden. Diese Entdeckung überraschte meinen Gegner und machte ihn wieder unschlüssig. Er hatte mehr Muskelkraft als ich, aber ich hatte eine leichtere Hand als er. Ich drang auf ihn ein, er fiel mir in den Stoß und gab dadurch zu erkennen, daß er im Nachtheil sei. Zwei- oder dreimal streifte meine Degenspitze seine Brust. Burke fiel mir immer wieder in den Stoß ganz regelrecht wie auf einem Fechtboden. Ich drang immer heftiger auf ihn ein – seine Degenspitze streifte mir die Wange. Das Blut floß.
»Sie sind verwundet,« sagte er.
Ich lächelte und drang so ungestüm auf ihn ein, daß er einen Schritt zurückwich. Weiter konnte er aber nicht zurück, denn er hatte ein Grab hinter sich.
Nun wurde der Kampf erst recht erbittert. Ich fühlte ein paarmal die kalte Klinge. Keiner von uns gab einen Laut von sich, es war zwischen unseren Klingen kein Platz für Worte. Endlich fühlte ich in einem raschen Ausfall einen seltsamen Widerstand – Burke stieß einen Schrei aus: meine Klinge war ihm durch den Leib gedrungen und die Spitze bog sich an dem Marmor des Grabmals um, so daß ich den Degen nicht aus der Wunde ziehen konnte. Ich trat rasch zurück, die Klinge blieb stecken.
Die Vorsicht war überflüssig, Burke konnte mich nicht verfolgen, er war tödtlich verwundet. Er versuchte noch einen Schritt vorzutreten, aber der Degen fiel ihm aus der Hand, er wankte, schrie, focht wüthend mit den Armen in der Luft und sank zu Boden.
Ich gestehe, daß in diesem Augenblicke mein Zorn schwand, um dem Mitleid zu weichen. Ich stürzte auf Burke zu und machte noch einen Versuch, die Degenklinge aus der Wunde zu ziehen, aber es war nicht möglich, obgleich er selbst mit aller Kraft zugriff.
Diese letzte Anstrengung ward ihm verderblich. Er öffnete den Mund, als ob er sprechen wollte, aber seine Lippen färbten sich mit Blut, seine Augen brachen, sein Körper zuckte zwei- oder dreimal – dann gab er unter leisem Röcheln den Geist auf.
Ich konnte ihm nun nicht mehr helfen und war auf meine Sicherheit bedacht. Es war inzwischen völlig Nacht geworden. Ich nahm meine Pistolen auf; es waren ausgezeichnete Waffen, die großen Werth für mich hatten. Dann verließ ich den Friedhof und begab mich zu Jacob. Er erwartete mich unserer Verabredung gemäß; er hatte ein nach Malta, Palermo und Livorno bestimmtes neapolitanisches Schiff ausfindig gemacht und einen Platz für mich bezahlt. Mit Tagesanbruch sollten die Anker gelichtet werden. Auch für Kleider hatte er gesorgt; ein prächtiger Palikarenanzug lag auf einem Divan, ein anderer einfacherer auf einem Sessel.
Ich zog sogleich meine Uniform ans und legte den einen neuen Anzug an. Er paßte mir sehr gut, als ob er für mich gemacht wäre. Mit Säbel und Jatagan kam mir diese neue Garderobe auf achtzig Guineen zu stehen; ich legte noch siebzig zu den fünfundzwanzig, die ich dem Juden Vormittags gegeben hatte, und so war er für seine Mühe bezahlt. Ich ersuchte ihn, für den Transport zu sorgen; dies war schon geschehen: um elf Uhr Abends sollte uns eine Barke am Thurme von Galata erwarten.
Ich benutzte diese Zwischenzeit, um unter den Brief an meinen Vater ein Postscriptum zu setzen. Ich erzählte ihm den Hergang des Duells, erklärte ihm die Nothwendigkeit meiner Flucht und schloß mit der Bitte, mir einen Credit auf Smyrna zu eröffnen. Da ich im Orient zu bleiben wünschte, so glaubte ich in dieser Stadt unter der cosmopolitischen Bevölkerung am sichersten zu sein.
Ich schrieb auch an Lord Byron, um ihm für sein Wohlwollen zu danken, und bat ihn, seinen Einfluß bei den Lords der Admiralität geltend zu machen, wenn er sich etwa während meines Processes in England befände. Er kannte Burke; er wußte wie verhaßt derselbe bei der ganzen Schiffsmannschaft und wie sehr dieser Haß begründet war. Ich hoffte nicht, daß seine Fürsprache aus die richterliche Entscheidung einen Einfluß haben werde, aber sein Zeugniß mußte die öffentliche Meinung gewiß zu meinen Gunsten stimmen.
Jacob erhielt sowohl diesen Brief als auch die an den Capitän Stanbow und an meinen Vater zur Besorgung; er sollte sich am andern Morgen an Bord des »Trident« begeben, dem Capitän die Briefe übergeben und die Stelle bezeichnen, wo man die Leiche Burke’s finden würde.
Die Stunde war gekommen: wir hüllten uns in unsere Mäntel und begaben uns an den Thurm von Galata.
Die Barke war bereit, wir stiegen sogleich ein; denn es war bald Mitternacht und das Schiff, welches wir aufsuchten, lag im Hafen von Chalcedon vor Anker, so daß wir in schräger Richtung über den ganzen Canal fahren mußten. Zum Glück waren unsere Matrosen gute Ruderer, so daß wir in wenigen Minuten das Goldene Horn und die Spitze des Serai hinter uns hatten.
Die Nacht war heiter und das Meer ruhig. Mitten im Canal, unweit des Leanderthurms sah ich die Umrisse unseres, stattlichen Schiffs, dessen Maste und Tauwerk an dem hellen Mondhimmel deutlich sichtbar waren. Dieser Anblick ergriff mich tief. Der »Trident« war ja meine zweite Heimat; Williamhouse und der »Trident« waren meine Welt; nächst meinen Eltern und Tom, die in Williamhouse waren, lag mir Alles, was sich an Bord des »Trident« befand, am meisten am Herzen. Ich mußte mich nun von Allen trennen, die mir theuer geworden waren: von dem würdigen Capitän Stanbow, den ich wie einen Vater verehrte; von James, dessen aufrichtige Freundschaft sich keinen Augenblick verläugnet hatte; von Bob, dem echten Seemanne, der unter der rauhen Schale ein so vortreffliches Herz hatte. Von Allen, sogar von dem Schiffe selbst, trennte ich mich mit Bedauern.
Wir kamen dem »Tridents so nahe, daß der wachhabende Offizier in der stillen Nacht mein Lebewohl hätte hören können, wenn ich ihn angerufen hätte. – Es war einer der peinlichsten Augenblicke meines Lebens. Ich bereute keineswegs meine That, denn sie war das Ergebniß langen Nachdenkens und festen Entschlusses; allein ich konnte mir nicht verhehlen, daß ich meine ganze Laufbahn verscherzt hatte und einer ungewissen, wahrscheinlich gefahrvollen Zukunft entgegenging.
Bald bemerkten wir in dem hellen Schimmer des Leuchtthurmes die im Hafen von Chalcedon vor Anker liegenden Schiffe.. Jacob zeigte mir in der Ferne das Mastwerk des neapolitanischen Schiffes, an dessen Bord ich erwartet wurde. Als wir näher kamen, musterte ich es mit forschendem Seemannsblick. Der »Trident« war eines der schönsten englischen Linienschiffe, daher konnte der Vergleich nur zum Nachtheil der neapolitanischen Brigg ausfallen; aber sie schien mir ein guter Segler zu sein. Der Kiel hatte eine gute Form und war sowohl zur Aufnahme einer hinlänglichen Menge von Waaren, als auch zum kräftigen Zertheilen der Wellen geeignet. Das Mastwerk war, wie bei allen für das griechische Inselmeer bestimmten Schiffen, ziemlich niedrig und auf das oft nothwendige Verbergen hinter den Felseneilanden berechnet. Diese Vorsicht, welche gegen die damals ziemlich häufigen Seeräuber ergriffen worden war, konnte dem Schiffe in der Nähe des Landes und bei Anbruch der Nacht günstig sein; aber sie konnte ihm schädlich werden, wenn es ans offenem Meere fliehen mußte.
Diese Bemerkungen machte ich mit dem raschen Blick des Seemannes, der alle guten und schlechten Eigenschaften eines Schiffes kennt, ehe er dasselbe bestiegen. Als ich daher auf das Verdeck der »Bella Levantina« kam, wußte ich schon, was von ihr zu halten; ich hatte nur noch mit der Schiffsmannschaft Bekanntschaft zu machen.
Man erwartete mich am Bord; ich brauchte also der mich italienisch anrufenden Schildwache nur zu antworten: »Passagiere«, und sogleich wurde mir die Strickleiter zugeworfen. Meine Sachen waren nicht schwer zu transportieren, denn wie der Philosoph des Alterthums trug ich meine ganze Habe bei mir. Ich bezahlte meine Ruderer, nahm Abschied von Jacob, der mir allerdings in seinem Interesse, aber mit seltener Treue gedient hatte, und kletterte mit seemännischer Behendigkeit an meinen neuen Bord-
Auf dem Verdeck fand ich einen Mann, der beauftragt war, mir meine Cajüte anzuweisen.
VIII
Nach den Abenteuern, die ich im Laufe des Tages gehabt hatte, ist es leicht erklärlich, daß ich schlecht schlief. Obgleich ich mich erst um zwei Uhr zur Ruhe begeben hatte, war ich doch bei Tagesanbruch schon auf dem Verdeck.
Die Vorkehrungen zur Abfahrt wurden getroffen, und der Capitän begann bereits die nöthigen Befehle zu ertheilen, so daß ich Gelegenheit hatte, die ganze Schiffsmannschaft kennen zu lernen.
Der Capitän war von Salerno. An den ersten Befehlen, die er ertheilte, erkannte ich, daß seine Vaterstadt wegen ihrer alten Academie berühmter ist, als wegen ihrer Marineschule. Die Mannschaft bestand aus Calabresen und Sicilianern. Da die »Bella Levantina« eigens für die Fahrten im Archipel bestimmt war, so hatte sie ein halb kriegerisches, halb kaufmännisches Aussehen, so daß ihr Verdeck einen zugleich furchtbaren und unterhaltenden Anblick darbot. Die Geschütze bestanden in zwei Steinböllern und einem langen Achtpfünder, welcher letztere auf seiner Laffete ruhte und nach Belieben auf das Vorder- oder Hinterdeck, auf den Steuer- oder Backbord geschoben werden konnte. Ueberdies fand ich auf dem Verdeck ein ganz ansehnliches Arsenal, bestehend aus etwa vierzig Musketen, einem Dutzend Stutzbüchsen und aus den nöthigen Säbeln und Aexten, um unsere Mannschaft bewaffnen und einen Angriff abwehren zu können.
Da sich zwei Stunden vor Tagesanbruch sein frischer Ostwind erhoben hatte: so waren alle Vorbereitungen zur Abfahrt getroffen, und das Schiff wurde nur noch durch einen Anker gehalten. Alle Matrosen waren auf dem Verdeck; nach und nach kamen auch die Passagiere zum Vorschein. Es waren fast lauter griechische und maltesische Kaufleute, die nicht reich genug waren, um selbst Schiffe zu befrachten und daher die Ueberfahrt für sich und ihre Waaren bezahlten.
Die Matrosen standen an der mit Hebebäumen bespickten Winde und warteten auf den Befehl zum Aufwinden des Ankers. Der Capitän, der eine so ansehnliche Gesellschaft vor sich sah, glaubte derselben importiren zu müssen; er griff zu dem hier ganz überflüssigen Sprachrohr und ließ das dröhnende Commandowort erschallen.
Die Matrosen gehorchten mit einem Eifer, der mir Freude machte. Man beurtheilt die Schiffsmannschaft nach einem Manöver und den Capitän nach einem Commando. Die Folge wird lehren, daß ich sowohl den Capitän als die Mannschaft gleich anfangs richtig beurtheilt hatte.
Zugleich wurden die Bramsegel aufgespannt und die Raaen so aufgebraßt, daß das Schiff gewendet wurde. Als aber der Anker in eine senkrechte Stellung kam, vermochten ihn die an der Winde arbeitenden Matrosen nicht weiter herauf zu bringen, sie mußten ihre ganze Kraft aufbieten, um nicht zurückgedrängt zu werden.
Dieser Verlegenheit machten auf einmal vier Matrosen ein Ende, welche freiwillig herbeieilten, um den anderen zu helfen, und den vereinten Kräften gelang es, den Anker in wenigen Minuten von dem Meeresgrunde heraufzuziehen. Ich glaubte, man werde ihn, wie gewöhnlich, bis zum Bord ausziehen und an seinem Platz befestigen; aber der Capitän schien für den Augenblick etwas Anderes zu thun zu haben, denn er ließ ihn nur mit den Haken »aufkatzen«. Ich machte eine Bewegung; ich wollte ihm zurufen, er möge doch den Anker gehörig befestigen lassen; aber ich bedachte, daß ich hier nichts zu sagen hatte und gab meine Mißbilligung durch Achselzucken zu erkennen.
In diesem Augenblicke wurde ich mit einigen neugriechischen Worten angeredet die ich nicht verstand. Ich sah mich um und erblickte vor mir einen jungen Mann von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren, dessen regelmäßige Schönheit mich an die Bildwerke des griechischen Alterthums erinnerte. Die Augen des jungen Mannes glühten fieberhaft, und er war in seinen Mantel gehüllt, obgleich die eben aufgehende Sonne schon sehr warm schien.
»Entschuldigen Sie, Signor,« sagte ich italienisch; »ich verstehe das Neugriechische nicht. Sie sprechen vielleicht englisch, französisch oder italienisch?«
»Ich habe ebenfalls um Entschuldigung zu bitten,« erwiederte er italienisch; »ich hielt Sie, durch Ihre Kleidung getäuscht, für einen Landsmann.«
»Ich habe nicht die Ehre,« antwortete ich lächelnd; »ich bin ein Engländer;« ich reise zu meinem Vergnügen, und habe diese Tracht gewählt, weil ich sie bequem und zumal schöner als unsere westeuropäische Kleidung finde. – Ich habe Ihre Worte nicht verstanden, aber an dem Tone Ihrer Stimme glaubte ich zu erkennen, daß Sie mich um etwas fragten. Jetzt können wir einander verstehen, ich bin bereit zu antworten, wenn Sie Ihre Frage gefälligst wiederholen wollen.«
»Sie haben sich nicht geirrt, Signor; wir Kinder des Inselmeeres fahren beständig von einer Insel zur andern, wir sind eigentlich geborene Seeleute, und ein fehlerhaftes Schiffsmanöver entgeht uns nicht. Sie scheinen meine Ansicht über das letzte Commando des Capitäns zu theilen, denn ich sah, daß Sie die Achseln zuckten. Ich fragte Sie also, ob Sie Seemann sind, und im Bejahungsfalle würde ich Sie gebeten haben, mir zu erklären, was für ein Fehler gemacht worden ist.«
»Der Fehler ist sehr leicht zu erklären: da steh das Schiff in Bewegung setzt, hätte der Anker an seinem Platz befestigt werden sollen, statt durch einen einfachen Haken gehalten zu werden; oder wenn der Capitän irgend einen Grund hatte so zu verfahren, hätte et die Hebebäume aus der Winde nehmen lassen sollen. Denn im Fall, daß der Ankerhaken bricht, fällt der Anker wieder ins Meer und die sich rasch zurückdrehende Winde würde dann eine Art Katapult und alle diese Hebebäume mitten unter uns schleudern.«
»Das leuchtet mir vollkommen ein,« sagte der junge Mann hustend und etwas Blut ausspeiend; »könnten Sie den Capitän denn nicht im Namen aller Passagiere aufmerksam machen?«
»Es ist zu spät!« rief ich und zog den jungen Griechen hinter den Besanmast. »Nehmen Sie sich in Acht!«
Der schwere Anker war wirklich wieder ins Meer gefallen und die Winde drehte sich mit der Schnelligkeit des Zeigers einer Taschenuhr, deren Feder gebrochen ist. Wie ich vorausgesehen hatte, wurden die stecken gebliebenen Hebebäume über das Verdeck geschleudert. Einige Matrosen wurden getroffen, der Capitän selbst wurde gegen den Hauptmast geworfen. Diesem Augenblicke der Verwirrung folgte allgemeine Bestürzung. Die Ankerwinde stand bald darauf still; aber das Schiff bekam einen so heftigen Stoß, daß einige der auf dem Verdeck befindlichen Personen umfielen.
Da ich auf diesen Unfall gefaßt war, so schlang ich den linken Arm um den jungen Griechen und hielt mich mit der linken Hand am Besanmast; wir blieben daher aus den Füßen. Doch das war nicht Alles: das Thau riß durch diesen furchtbaren Stoß und das Schiff wurde mit dem Vordertheil gegen den Wind gedreht, so daß es verkehrt; nämlich mit dem Hintertheile nach vorn, fortgetrieben wurde. Der Capitän, der sich nicht zu helfen wußte, gab ganz widersinnige Befehle, welche von der Mannschaft pünktlich vollzogen wurden. Das Schiff ächzte, der Schaum der Wellen spritzte über das Verdeck. Ein Zimmermann kam athemlos herauf, und meldete, eine Welle haben die Lukenthüren aufgerissen und das erste Verdeck überschwemmt.
Ich sah, daß keine Zeit zu verlieren war, wenn das Schiff gerettet werden sollte. Ich eilte auf das Hinterdeck entriß dem Capitän das Sprachrohr, setzte es an den Mund und rief laut:
»Ruhe! – Achtung! Der Zimmermann mit seinen Gehilfen in die Cajüte, um die Lukenthüren einzusetzen!– Das Steuer gegen den Backbord! – Die Focksegel gegen den Wind! Die Marssegel aufgezogen!«
Alle diese Befehle wurden pünktlich vollzogen; das Schiff drehte sich mit wunderbarer Leichtigkeit und segelte nun vor dem Winde, als ob es von einer Meergöttin gezogen würde. Der Anker war freilich verloren; aber, abgesehen von dem Geldverlust, war dieses Unglück nicht so groß, denn wir hatten noch zwei andere Anker am Bord.
Das Sprachrohr gab ich indeß noch nicht zurück; ich gab meine Befehle, bis alle Segel gut gestellt, die Taue straff gezogen und die Verdecke gekehrt waren. Dann näherte ich mich dem Capitän, der inzwischen ganz erstaunt zugesehen hatte, und gab ihm sein Sprachrohr zurück.
»Signor Capitano,« sagte ich, »verzeihen Sie, daß ich mich in Ihre Angelegenheiten gemengt habe; aber Ihre Anordnungen berechtigten zu der Vermuthung, daß Sie mit dem Teufel im Bunde seien, um uns Alle in die Hölle zu expediren. Jetzt sind wir im Zuge, nehmen Sie das Zeichen des Commandos zurück. Ehre dem Ehre gebührt.«
Der Capitän nahm sein Sprachrohr, ohne ein Wort zu sagen, und ich begab mich wieder zu dem jungen Griechen, der sich unterdessen auf die Laffete des Achtpfünders gesetzt hatte.
Wir waren von gleichem Alter und der Dienst, den ich der gesamten Schiffsgesellschaft erwiesen, beförderte die gegenseitige Annäherung. Dazu kam, daß ich verbannt und er leidend war, daß ich Trost und er Hilfe suchte.
Er war der Sohn eines vor drei Jahren verstorbenen reichen Handelsherrn in Smyrna. Seine Mutter hatte ihn nach Constantinopel geschickt, weil sie von der Zerstreuung und Luftveränderung einen heilsamen Einfluß auf seine Gesundheit erwartete; zugleich sollte er ein Handelsgeschäft überwachen, welches sein Vater in seinen letzten Lebensjahren gegründet hatte. Aber nach zweimonatlicher Abwesenheit fühlte er sich kranker als zuvor, ersehnte sich nach Hause und befand sich auf der Rückreise. Seine Krankheit, die er »il sottile Malo« nannte, war leicht als eine ziemlich weit vorgeschrittene Lungenschwindsucht zu erkennen. In einer Viertelstunde war ich mit seinen Verhältnissen bekannt. Ich erzählte ihm nun ebenfalls, was ich nicht mehr zu verschweigen brauchte: den Streit mit meinem Vorgesetzten, das Duell mit ihm und seinen Tod. Er bot mir mit liebenswürdigem Vertrauen, welches nur der Jugend eigen ist, eine Zuflucht in seinem Hause an und versicherte, daß seine Familie mich mit Freuden willkommen heißen werde.
Ich nahm die Einladung ebenso zwanglos an, wie sie gemacht wurde. Erst jetzt fiel es uns ein, uns gegenseitig nach unseren Namen zu fragen. Er hieß Emanuel Apostoli.
Während dieser traulichen Mittheilungen bestärkten mich verschiedene Anzeichen in der Ueberzeugung, daß mein neuer Freund kränker sei, als er selbst glaubte. Ich war in Williamhouse der beständige Begleiter meiner Mutter bei ihren Krankenbesuchen und oft auch der geneigte Zuhörer des Doktors gewesen, so daß ich wohl im Stande war einige Arzneien richtig anzuwenden, eine Ader zu schlagen, einen Arm kunstgerecht einzusetzen oder eine Wunde zu verbinden. Ich beschloß daher den armen Apostoli zu behandeln. Dies war ganz einfach; die Behandlung solcher Krankheiten besteht hauptsächlich in einer zweckmäßigen Diät. Ein Arzt war nicht am Bord, wohl aber ein Schrank mit Medicamenten. Nachdem ich ihn über sein Befinden und die frühere ärztliche Behandlung befragt hatte, rieth ich ihm nur, eingesottene Früchte und Gemüse zu essen und Unterkleider von Flanell zu tragen. Der Patient, der mich für einen eben so geschickten Arzt als tüchtigen Seemann hielt, erklärte mir mit wehmüthigem Lächeln, daß er sich meinen Anordnungen willig fügen werde.
Ich war überglücklich, in meiner Verlassenheit einen warmen, aufrichtigen Freund gefunden zu haben. Apostoli erzählte mir von seiner Schwester, welche schön wie ein Engel sei; von seiner Mutter, die ihn innig liebte, denn er sei der einzige Sohn; von seinem unter dem türkischen Joch schmachtenden Vaterlande. Ich erzählte ihm von Williamhouse, von meinen Eltern, von Tom, sogar von dem alten Doktor, dessen wohlthätige Lehren ich nach zehn Jahren und in weiter Ferne in Anwendung brachte, und ich fand einen süßen Trost in diesen traulichen Mittheilungen.
So segelten wir den ganzen Tag bei günstigem, aber schwachem Winde, ohne die Küsten zu beiden Seiten aus den Augen zu verlieren. Gegen Abend sahen wir die Insel Limno (das alte Lemnos), welche wie ein vorgeschobener Posten vor dem Golf von Mondania liegt.
Apostoli stieg auf das Verdeck, um die Sonne hinter den Gebirgen von Rumili untergehen zu sehen; aber als die Nacht anbrach, mußte er in die Cajüte hinuntergehen. Er folgte willig meinen Anordnungen; ich saß vor seiner Hängematte und erzählte ihm, um ihn zu zerstreuen, die verschiedenen Abenteuer meines Lebens. Als ich ihm die Rettung der schönen Wasiliki erzählte, brach er in Thränen aus und fiel mir um den Hals.
Es wurde nun fest beschlossen, daß ich vorläufig in Smyrna bleiben sollte. Von Smyrna wollten wir Chios besuchen und Teos, die Vaterstadt Anakreon’s, und Klazomenä, wo der Dichter Simonides nach seinem Schiffbruche eine so gastliche Aufnahme fand, und Erythnä, die Vaterstadt der erythnäischen Sibylle, welche den Fall von Troja vorhersagte, und der Seherin Athenais, welche die Siege Alexander’s prophezeite.
Diese Entwürfe hielten mich einen Theil der Nacht wach. Ich bedachte so wenig wie Apostoli, daß wir auf Sand bauten; ich sah mich schon im Geiste in Begleitung des kundigsten Führers, den der Zufall oder vielmehr die Vorsehung an mich gewiesen, auf der Wanderung durch Griechenland. Dann fühlte ich plötzlich, wie seine Hand feucht und sein Puls rasch und unregelmäßig wurde. Dies erinnerte mich, daß dieses lange Wachen meinem lieben Patienten schaden müsse, und begab mich in meine Cajüte, um ihn seinige Stunden schlummern zu lassen.
Bei Tagesanbruch stieg ich auf das Verdeck, und Apostoli kam auch bald. Er hatte eine ziemlich gute, obschon durch Fieberschweiß gestörte Nacht gehabt; aber seine Stimmung war heiter und ruhig. In der Nacht waren wir weitergefahren und befanden uns vor dem Canal, der Marmora, vormals Proconnesos, von der Halbinsel Artaki trennt. Apostoli hatte die Insel und die Halbinsel besucht, er kannte die Geschichte der altberühmten Stadt Cyzikos, deren Trümmer auf den letztern zu sehen sind. Die Halbinsel Artaki war vor Zeiten eine Insel, aber der schmale Canal, der sie vom Festlande trennte, ist jetzt verschüttet. Hier schiffte sich Anacharsis ein, um das Land der Scythen, seine Heimat, wieder zu erobern. Cyzikos hatte damals einen marmornen Tempel, der später durch ein Erdbeben zerstört wurde; die Säulen aber wurden nach Byzanz gebracht, um die Stadt Constantins zu schmücken. Nach der Seeschlacht, in welcher die Athener unter Alcibiades die Spartaner besiegten, kam die Stadt in die Gewalt der Sieger.
Alle diese, theils vergessenen, theils mir unbekannten Geschichten hatten für mich einen unaussprechlichen Reiz; ich hatte ja den classischen Boden vor Augen, und der Erzähler war ein Nachkomme jener alten Griechen, deren Wissenschaft und Kunst ein Erbtheil der ganzen übrigen Welt geworden ist. Apostoli war stolz auf die Vergangenheit seines Volkes und hoffte auf die Zukunft; es schien fast, als hätte er, wie einst die Sibyllen, in dem Buche des Schicksals die nahe bevorstehende Wiedergeburt seiner schönen Argolis gelesen. Apostoli stammte nemlich aus Nauplia, und obschon seine Familie seit zwei Menschenaltern in Kleinasien gewohnt hatte, hing er doch mit warmer Liebe an seinem Heimatlande, wie jener junge Grieche, von welchem Virgil erzählte, daß er das Heimweh bekam, wenn er an Argos dachte.
Alles entzückte, begeisterte ihn, und die älteste Sage hatte für ihn den« Reiz der Wirklichkeit. Die Meerenge, der wir mit vollen Segeln zufuhren, war für ihn nicht die Straße der Dardanellen, sondern der alte Hellespont, der seinen Namen von der Tochter des Athamas erhalten. Von dem alten Lampsacos sind kaum noch ein paar hundert zwischen Trümmern zerstreute Häuser übrig; aber in der Phantasie des jungen Griechen wurde es wieder die berühmte Stadt, wo man den Sohn der Aphrodite und des Bacchus verehrte, und welche Alexander ohne die sinnreiche Fürbitte des Anaximenes zerstört haben würde. Dann kamen Sestos und Abydos, doppelt berühmt durch die Liebe Leanders und den Hochmuth des Xerxes. Kurz Alles bekam wieder Leben durch seine anziehenden Erzählungen, – Alles, selbst die längst von der Landkarte verschwundene Stadt Dardanos, welche der einst von ihr beherrschten Meerenge nur ihren Namen gelassen hat.
Die Entfernung von der Insel Marmora bis zu der Landspitze, auf welcher das asiatische Schloß liegt, legten wir in anderthalb Stunden zurück; denn mit Hilfe der Strömung liefert wir in das ägeische Meer ein, als die letzten Strahlen der untergehenden Sonne den beschneiten Gipfel des Berges Ida vergoldeten.
Es wehte ein kalter Wind von Thracien herüber, und trotz der Schönheit des Rundgemäldes schickte ich Apostoli in seine Cajüte mit dem Versprechen, bald nachzukommen. Er hatte den ganzen Tag an heftigen Beklemmungen gelitten, und ich hatte beschlossen, ihm Abends Blut zu lassen.
Sobald ich in seine Cajüte trat, reichte er mir vertrauensvoll – nicht die Hand, sondern den Arm.
Er mochte wohl zu viel gesprochen haben oder sich durch seine patriotischen Erinnerungen zu sehr aufgeregt haben; seine Wangen glühten und seine Augen waren ungewöhnlich feurig. Ich zögerte also keinen Augenblick und öffnete ihm mit sicherer Hand eine Ader. Die Wirkung entsprach meiner Erwartung. Kaum hatte Apostoli drei bis vier Unzen Blut verloren, so athmete er leichter und das Fieber ließ nach. Bald schloß er die Augen und schlief sanft ein. Ich lauschte eine kleine Weile auf seinen leisen regelmäßigen Athem und verließ dann seine Cajüte, um den schönen Abend noch zu genießen.
Vor der Cajüte fand ich einen Matrosen, der den »Signore Inglese« im Namen des Steuermannes ersuchte sich auf das Verdeck zu bemühen.
IX
Dieser Steuermann war ein Sicilianer aus dem Dorfe La Pace, unweit Messina, dessen Muth und Kaltblütigkeit ich schon beim Auslaufen aus dem Hafen von Chalcedon bemerkt hatte. Als ich den Fehler des Capitäns wieder gut gemacht und das Schiff der drohenden Gefahr entrissen hatte, war er auf mich zugekommen und hatte mir mit der Aufrichtigkeit eines alten Seemannes seine Freude zu erkennen gegeben. Seitdem hatten wir oft im Vorbeigehen einige Worte gewechselt und waren gute Freunde geblieben.
Er saß an der Schiffswand und hielt ein Nachtfernrohr in der Hand; er gab mir einen Wink und reichte mir sein Fernrohr.
»Verzeihen Sie,« sagte er, »daß ich Sie bemüht habe. Ich möchte wissen, was Sie von einem weißen Punkte denken, der gegen Nordnordwest sichtbar ist. Es scheint mir ein Schiff zu sein, das ich bei Sonnenuntergang hinter der Landspitze von Coccino hervorkommen sah. Wenn ich nicht irre, so nimmt es denselben Weg wie wir, oder es verfolgt uns. In diesem lebten Falle wäre es mir lieb, wenn Sie das Commando führten, denn der Capitän wird sich nicht zu helfen wissen.«
»Haben Sie denn keinen Lieutenant am Bord?« fragte ich.
»Ja wohl, wir hatten einen; aber er ist trank geworden und konnte und wir mußten ihn leider in Scutari zurücklassen. Er ist ein guter Seemann und unter mißlichen Verhältnissen, wie die in Aussicht stehenden, wäre sein Rath nicht zu verachten. Wenn Vostra Signoria freilich Ihren Rath geben wollen, so haben wir nichts zu verlieren.«
»Sie erweisen mir zu viel Ehre,« antwortete ich lachend; »aber ich will Ihnen immerhin sagen, was ich davon denke.«
Ich richtete das Fernrohr auf den angezeigten Punkt, und in dem hellen Mondschein erkannte ich eine griechische Feluke, welche mit vollen Segeln auf uns zukam; sie mochte etwa drei Seemeilen entfernt sein und schien schneller zu segeln als wir. In diesem Augenblicke rief der Matrose im Mastkorbe: »Ein Segel!«
»Ja wohl, ein Segel,« murrte der Steuermann. »Glaubt er etwa, daß wir schlafen oder blind sind? – Ja wohl, es ist ein Segel, und ich wünschte, wir wären zwanzig Meilen weiter südlich, bei Mitylene.«
»Geben Sie nur Acht,« sagte ich, »es ist vielleicht ein zweites Segel.«
»Ja, ja, das ist wohl möglich,« erwiederte der Steuermann; »denn die Piraten sind wie die Schakale, sie gehen zuweilen paarweise auf den Raub aus. – Ohe!« rief er zum Mastkorbe hinauf, »in welcher Richtung ist das Segel?«
»Nordnordwest, gerade unter unserm Winde,« antwortete der Matrose.
»Ganz recht,« sagte ich zu dem Steuermann, »und wenn wir angegriffen werden, haben wir’s wenigstens nur mit einem zu thun. – Inzwischen sollten wir aber doch den Capitän wecken.«
»Leider, ja,« antwortete der Steuermann; »denn es wäre mir lieber, wenn Sie seinen Platz einnehmen könnten. – Aber sollten wir nicht noch einige Segel aufspannen?«
»Das könnte wohl nicht schaden,« antwortete ich, »er würde es gewiß anordnen. Uebrigens,« setzte ich, wieder durch das Fernrohr schauend, hinzu, »übrigens ist keine Zeit zu verlieren, denn die Piraten kommen uns mit jedem Augenblicke näher. Lassen Sie daher den Capitän wecken und die wachhabenden Matrosen müssen sich bereit halten. Sie kennen doch den Ort, wo wir uns befinden?«
»So gut wie Messina, ich würde das Schiff mit verbundenen Augen von Tenedos nach Cerigo führen.«
»Wie trägt die »Bella Levantina« ihre Segel?«
»Wie eine Spanierin ihre Mantilla, Vostra Signoria; Sie können sie alle bis zum Toppsegel aufspannen und die Cokette hat noch nicht genug.«
»Das ist schon etwas,« sagte ich.
»Ja wohl, aber keineswegs genug.«
»Glauben Sie denn, daß eine Feluke schneller segle?«
»Eine gewöhnliche Feluke wohl nicht, denn die »Bella Levantina« ist gar flink; aber ich glaubte am Backbord und Steuerbord des uns verfolgenden Schiffes einen verdächtigen Schaum bemerkt zu haben.«
»Und was schließen Sie daraus?«
»Daß die Feluke außer ihren Flügeln auch Schwimmfüße haben mag.«
»Ja, dann wundert’s mich nicht mehr, daß sie so schnell ist,« antwortete ich.
Ich schaute wieder durch das Fernrohr. Die Feluke war noch näher gekommen und schien nur noch zwei Seemeilen entfernt zu sein.
»Wahrhaftig Sie haben Recht!« sagte ich nach kurzer Beobachtung; »ich sehe die Bewegungen der Ruder. Es ist kein Augenblick zu verlieren – Heda! seid Ihr bereit?«
»Ja,« antworteten die Matrosen.
»Streiche das große und das Besansegel und spannet das Oberbramsegel auf!«
»Wer gibt Befehle an meinem Bord?« fragte in diesem Augenblicke der Capitän, während die Matrosen den Befehl vollzogen.
»Einer, der wacht, während Sie schlafen, Signor,« antwortete ich, »und der Ihnen jetzt den Befehl in der Voraussetzung übergibt, daß Sie dieses Mal die Gefahr besser abwenden werden, als das erste Mal.«
Ich reichte dem Steuermann das Fernrohr und setzte mich auf den Ankerbalken am Steuerbord.
»Was gibt’s denn?« fragte der Capitän.
»Ein griechischer Pirat macht Jagd auf uns,« antwortete der Steuermann. »Wenn Sie etwa glauben, Capitän, daß es nicht der Mühe werth war, Sie zu merken, so können Sie wieder schlafen gehen.«
»Nicht möglich!« rief der Capitän erschrocken.
»Ueberzeugen Sie sich selbst,« antwortete der Steuermann und reichte dem Capitän das Fernrohr.
»Glauben Sie wirklich, daß es ein Pirat sei?« sagte der Capitän nachdem er den bezeichneten Punkt beobachtet hatte.
»Ich möchte meines Seelenheiles eben so gewiß sein, dann würde ich ruhig das Zeitliche segnen.«
»Was ist zu thun?«
»Wollen Sie meinen Rath befolgen, Signor?« sagte der Steuermann.
»Sprich.«
»Sie wollen wissen, was zu thun ist. Ich rathe Ihnen diesen Signore Inglese, der dort auf dem Ankerbalken am Backbord sitzt, zu fragen.«
»Signor,« sagte der Capitän, auf mich zutretend, »wollen Sie mir sagen, was Sie an meiner Stelle thun würden?«
»Ich würde die schlafende Mannschaft augenblicklich wecken und die Passagiere zu einer Berathung einladen.«
»Alle auf’s Verdeckt-« rief der Capitän mit einer Stimme, welche durch die Furcht eine so große Kraft bekam, daß man muthigen Entschluß darin hatte finden können.
Der Boostmann wiederholte sogleich den Befehl und die abgelöste Mannschaft erschien halb nackt auf dem Verdeck. Der Capitän wendete sich wieder zu mir und sah mich fragend an.
»Sie wissen, wie viele Segel Ihr Schiff tragen kann,« sagte ich zu ihm; »darnach ertheilen Sie Ihre Befehle; denn so viel ich mit bloßen Augen sehen kann, kommt uns die Feluke immer näher.«
»Das Reff des Besamsegels und des großen und kleinen Marssegels aufgespannt!« rief der Capitän. Dann wandte er sich, während die Matrosen seinen Befehl vollzogen, wieder zu mir und sagte: »Ich glaube, daß wir nicht mehr wagen können. Sehen Sie nur, Signor, die Bramstange biegt sich wie eine Reitgerte.«
»Sie haben doch Reservemasten?«
»Ja wohl, Signor; aber ein zerbrochener Mast ist eine große Ausgabe für die Rheder.«
»Welche Sie vermeiden wollen, indem Sie sich das Schiff kapern lassen. Sie wissen gut zu rechnen Capitän, und ich wünsche Ihren Rhedern Glück, daß sie ihr Schiff einem so sparsamen Bevollmächtigten zur Führung anvertraut haben.«
»Ueberdies,« setzte der Capitän sich verbessernd hinzu, »habe ich immer gesehen, daß die »Bella Levantina« bei zu schnellem Segeln Wasser eingelassen hat.«
»Sie haben doch Pumpen?«
»Ja wohl, Signor.«
»Nun, dann lassen Sie noch das Oberbramsegel aufspannen, und wir werden später sehen, ob es nöthig ist, auch die Reffe loszumachen.«
Der Capitän war ganz betroffen über meinen Vorschlag, als die Passagiere nach und nach auf dem Verdeck erschienen. Diese waren aus dem ersten Schlaf geweckt, und, da sie wohl merkten, daß man ihre Ruhe nicht ohne Noth gestört habe, so kamen sie mit lächerlich verblüfften Gesichtern. Unter ihnen war der arme Apostoli, der sogleich auf mich zukam.
»Was gibt’s denn?« fragte er mit seinem wehmüthigen Lächeln. »Ihnen hatte ich seit zwei Monaten den ersten ruhigen Schlaf zu danken, nun werde ich ohne Erbarmen geweckt.«
»Was es gibt, lieber Apostoli?« erwiederte ich.
»Ein Wettrennen mit den Nachkommen Ihrer Vorfahren. Wenn wir nicht flink auf den Füßen sind, so müssen wir gute Arme haben.«
»Werden wir von einem Piraten verfolgt?«
»Sie haben’s errathen. Wenn Sie sich dorthin wenden, so können Sie den Feind sehen.«
»Es ist wahr,« sagte Apostoli. »Können wir denn nicht noch mehr Segel aufspannen?«
»Ja wohl,« antwortete ich, »wir haben wohl noch einige Lappen aufzuspannen, aber wir werden keinen großen Vorsprung bekommen.«
»Man muß Alles versuchen,« meinte Apostoli; »und wenn sie uns dennoch einholen, so schlagen wir uns!«
»Lieber Freund,« sagte ich, »das spricht Ihr Geist, und nicht Ihr Körper. Und wissen Sie auch, ob der Capitän zum Widerstand geneigt ist?«
»Wir werden ihn dazu zwingen!« sagte Apostoli. »Sie sollten hier befehlen, John; Sie haben das Schiff schon gerettet, und Sie werden es noch einmal retten.
Ich schüttelte zweifelnd den Kopf.
»Warten Sie,« sagte Apostoli und wandte sich zu den Passagieren, denen der Capitän unsere mißliche Lage erklärte. »Meine Herren!« rief er mit aller Anstrengung seiner schwachen Stimme, »wir müssen einen schnellen, muthigen Entschluß fassen Unser Leben, unsere Freiheit, unsere Habe, Alles steht jetzt auf dem Spiele; Alles hängt von gut oder schlecht gegebenen Befehlen ab. Ich fordere den Capitän auf, bei seiner Ehre zu erklären, ob er sich für fähig halt, die drohende Gefahr abzuwenden, und ob er die Verantwortung übernimmt.«
Der Capitän stammelte einige unverständliche Worte.
»Sie wissen ja,« entgegnete ein Passagier, »daß der Lieutenant krank in Scutari liegt und daß der Capitän allein im Stande ist den Befehl zu führen.«
»Sie haben ein kurzes Gedächtniß, Gaetano,« sagte Apostoli; »denn Sie scheinen schon vergessen zu haben, daß ein Anderer uns einer mindestens eben so großen Gefahr durch einige Worte entrissen hat. In der Gefahr ist der Erfahrenste oder der Muthigste der wahre Anführer und Befehlshaber. Wir haben wohl Muth, aber hier ist der einzige erfahrene Seemann.«
Er streckte die Hand nach mir aus.
»Ja, ja,« riefen alle Passagiere; »ja, der englische Offizier soll unser Capitän sein.«
»Meine Herrn, « antwortete ich aufstehend, »da es sich hier nicht um Höflichkeitsformen oder um Vorrang, sondern um eine Lebensfrage handelt, so nehme ich es an. Aber ich muß Sie im voraus mit meinen Absichten bekannt machen.
»Lassen Sie hören!« riefen alle Stimmen.
»Ich werde so schnell wie möglich segeln, und ich hoffe Sie in irgend einen Hafen nach Skyros oder Mitylene zu führen, ehe uns die Feluke einholt.«
»Sehr wohl,« antworteten Alle einstimmig.
»Wenn uns hingegen die Piraten einholen, so wehre ich mich auf’s Aeußerste, und ich werde das Schiff lieber in die Luft sprengen, als mich ergeben.«
»Das ist auch meine Meinung,« setzte Apostoli hinzu; »es ist besser kämpfend zu fallen, als gehängt oder ins Meer geworfen zu werden.«
»Wir wollen bis auf den Tod kämpfen!« rief die Schiffsmannschaft. »Waffen her!«
»Still!« gebot ich; »Ihr habt nicht zu entscheiden. – Sie haben gehört, was ich gesagt habe, meine Herren; ich lasse Ihnen fünf Minuten Bedenkzeit. Berathen Sie sich.«
Ich nahm meinen Platz wieder ein, die Passagiere beriethen sich ein paar Minuten, dann kamen Sie, von Apostoli geführt, auf mich zu.
»Bruder,« sagte Apostoli, »Du bist einstimmig zu unserm Anführer gewählt worden. Von dieser Stunde an hast Du über unser Leben, unsere Kraft, unsere Habe zu verfügen.«
»Und ich,« sagte der Capitän, ebenfalls näher tretend, »ich erbiete mich der Mannschaft Ihre Befehle mitzutheilen oder als Matrose mit Hand anzulegen.
»Bravo!« riefen Passagiere und Mannschaft. »Evviva der englische Offizier! Evviva der Capitän!«
»Gut, Signori,« erwiederte ich und reichte dem Capitän die Hand – »Jetzt Achtung!«
Alle schwiegen und erwarteten meine Befehle.
»Signor Contromastro,«[Hochbootsmann.] sagte ich zu dem Steuermanne, der diese beiden Posten am Bord der »Bella Levantina« vereinigte, »sehen Sie auf den Compaß und sagen Sie uns, wie weit wir von den Freibeutern entfernt sind, damit ich sehe, ob Ihre Schätzung mit der meinigen übereinstimmt.«
Der Hochbootsmann machte schnell die Berechnung.
»Sie sind genau zwei Seemeilen von uns.«
»Ganz richtig,« antwortete ich.
»Jetzt wollen wir sehen, was die »Bella Levantina« in der Gefahr vermag. – Achtung! alle Beisegel aufgespannt!«
Die Schiffsmannschaft gehorchte mit einer Pünktlichkeit, welche bewies, welche Wichtigkeit sie dem Resultat eines solchen Befehls beilegte. Das war in der That die letzte Anstrengung der »Bella Levantina«, und wenn sie der Feluke nicht den Vorsprung abgewann, so blieb uns nichts übrig, als uns zum Kampf zu rüsten.
Das Schiff selbst schien wie ein lebendes Wesen die Gefahr zu begreifen und sobald es den Druck der letzten Segel fühlte, neigte es sich noch etwas mehr vorwärts, so daß der Schaum bis auf das Verdeck spritzte.
Inzwischen hatte ich, auf die Erfahrung des Steuermannes vertrauend, das Fernrohr wieder zur Hand genommen und auf die Feluke gerichtet. Diese hatte ebenfalls alle Segel ausgespannt, und an dem zu beiden Seiten aufsprudelnden Wasser war zu ersehen, daß die Ruderer nicht müßig waren. Es herrschte übrigens aus dem Verdeck tiefe Stille, so daß man das geringste Knarren der Maste hören konnte. Dieses Knarren schien mir meine Unbesonnenheit vorzuwerfen, aber ich war entschlossen, keine Warnung dieser Art zu beachten; wo viel zu gewinnen war, mußte auch viel eingesetzt werden.
Dieser Zustand angstvoller Spannung dauerte etwa eine Stunde, ohne daß übrigens der mindeste Unfall stattfand. Ich befahl nun dem Hochbootsmanne, wieder nach dem Compaß zu sehen.
Während er seine Berechnung machte, beobachtete ich die Feluke, die mir etwas entfernter zu sein schien.
»Per la Santa Rosalia!« rief der Hochbootsmann, »wir bekommen den Vorsprung, Signor. Ja, so wahr ich lebe, die Feluke bleibt zurück.«
»Wie viel?« fragte ich, freier aufathmend.
»Bis jetzt freilich noch wenig – etwa eine Viertelmeile.«
»Das nennen Sie wenig!« erwiederte ich.
»Eine Viertelmeile in einer Stunde! Sie sind sehr ungenügsam, lieber Contromastro; ich wäre schon mit der Hälfte zufrieden gewesen. Meine Herren,« sagte ich zu den Passagieren, »Sie können sich jetzt zur Ruhe begeben; morgen Früh können uns die Piraten nichts mehr anhaben – es müßte denn, wie es zuweilen der Fall ist, ein paar Stunden nach Sonnenaufgang völlige Windstille eintreten.«
»Und was dann?« fragten einige Passagiere.
»Dann wäre freilich an Flucht nicht mehr zu denken; wir würden uns zum Kampfe rüsten müssen. Bis fünf Uhr haben Sie jedoch nichts zu fürchten; legen Sie sich daher wieder schlafen, um für den Nothfall Kräfte zu sammeln.«
Die Passagiere gingen in ihre Cajüten. Apostoli wollte bleiben, aber ich schickte ihn hinunter; die Aufregung hatte, ohne daß er es selbst bemerkte, seinen Zustand verschlimmert; das Fieber hatte sich wieder sehr heftig eingestellt. Nach kurzem Widerstreben gehorchte er wie ein Kind.
»Jetzt, Signor,« sagte ich zu dem Capitän, als wir allein waren, »jetzt kann sich die Hälfte der Mannschaft zur Ruhe begeben. Wenn der Wind so fortdauert, so würde ein Kind zur Lenkung des Schiffes genügen; wenn sich der Wind aber legt, so brauchen wir alle rüstigen Arme, und für diesen Fall ist es gut, daß sie Kräfte sammeln.«
»Alle, die nicht auf Wache sind, unter das Verdeck!« rief der Capitän.
Fünf Minuten nachher waren nur noch die wachhabenden Matrosen auf dem Verdeck-
Die »Bella Levantinas glitt leicht über die Fluten hin wie eine Seeschwalbe, denn der Wind war ungemein günstig. Die Feluke war nach einer halben Stunde wieder eine Viertelmeile zurückgeblieben; wir konnten daher bei anhaltend günstigem Winde hoffen, im Laufe des folgenden Tages einen Hafen des Archipels zu erreichen.
Ich hatte einen raschen Fortschritt in der Militärhierarchie gemacht: vom Midshipman war ich auf einmal Capitän geworden. In der Freude meines Herzens vergaß ich, daß diese augenblickliche Beförderung am Bord eines unbedeutenden Handelsschiffes stattgefunden hatte, und ich bildete mir nicht wenig ein auf meine Würde, welche nur aus der Gefahr hervorgegangen war und mit dieser ein Ende nehmen mußte. Dieser provisorische Befehl nahm übrigens meine volle Thätigkeit in Anspruch und vertrieb wenigstens meine trüben Gedanken. Ich dachte,daß ich wohl ein eigenes Schiff haben und zu meinem Vergnügen reisen oder auch nach Indien oder Amerika Handel treiben könnte. Dann würde ich vielleicht meinen jugendlichen Thatendurst befriedigen und mein freiwilliges Exil vergessen. Und da wir damals Krieg mit Frankreich führten, so würde ich vielleicht das Glück haben, eine glänzende Waffenthat gegen mein Disciplinarvergehen in die Wagschale zu legen und für dasselbe Verzeihung zu erlangen; dann würde ich mit dem inzwischen erworbenen Grade wieder in die englische Marineeintreten, und in die Fußstapfen meines Vaters tretend ein Nelson oder Howe worden. Es ist doch ein wundersames Ding die Phantasie; sie wirft eine Brücke über das Unmögliche und verirrt sich in Zaubergärten, von denen man sich nie träumen ließ!
Mit diesen Gedanken beschäftigte ich mich noch eine Weile; es war zwei Uhr, und da wir einen immer größern Vorsprung vor der Feluke bekamen, so überließ ich dem Steuermanne die Lenkung des Schiffes, hüllte mich in meinen Mantel und legte mich auf einen Steinböller.
Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte, als ich geweckt und beim Namen gerufen wurde. Ich schlug die Augen auf und der Hochbootsmann stand vor mir.
»Was gibt’s?« fragte ich.
»Was Sie gefürchtet, ist eingetroffen,« war die Antwort; »der Wind hat sich gelegt und wir kommen nicht mehr von der Stelle.«
Es war eine traurige Nachricht; aber es war keine Zeit zu verlieren, um der drohenden Gefahr zu begegnen. Ich warf meinen Mantel auf das Verdeck und stieg zum Mastkorbe hinauf, um das Wetter zu beobachten. In der Höhe wehte noch von Zeit zu Zeit ein leises Lüftchen, aber kaum stark genug, um die höchsten Segel aufzublähen. Ich sah mich nun nach der Feluke um; sie war nur noch als weißer Punkt am Horizont sichtbar, aber sie war doch noch zu sehen; sie hatte offenbar auf diese Windstille gezählt und ihre Verfolgung fortgesetzt; sie war indeß etwa drei Seemeilen von uns entfernt.
Wir waren dem Cap Baba, dem alten Lectum Promontorium, gegenüber; südöstlich vor uns lag Mitylene, dessen Berge ich deutlich sah, und Skyros, die Wiege des Achill und das Grab des Theseus; aber die erstere dieser beiden Inseln war etwa sieben, die andere wohl zehn Meilen entfernt. Hatte der Wind noch drei Stunden angehalten, so waren wir gerettet gewesen; aber es war zu erwarten, daß in fünf Minuten selbst das leise Lüftchen, welches noch wehte, ganz aufhören und völlige Windstille eintreten würde.
Um indeß Alles zu thun, was in meinen Kräften stand, stieg ich wieder aufs Verdeck hinunter und ließ alle unteren Segel einreffen, so daß nur die oberen aufgespannt blieben. Die »Bella Levantina« schien einen Augenblick aufzuathmen, als sie von dieser Segellast befreit war, und so glitt sie, die letzten schwachen Luftströme auffangend, noch eine halbe Meile auf dem Wasserspiegel fort; dann stand sie still und ließ traurig die Segel an den Stangen und Masken herabhängen; es war völlige Windstille eingetreten.
»Jetzt einen Schiffsjungen und eine Trommel,« sagte ich zu dem Hochbootsmann, auf seine Frage, was ich beschlossen; »und sogleich Alarm geschlagen.«
X
Sobald das Instrument, welches die Schiffsmannschaft zu den Waffen rief, seine melodischen Klänge erschallen ließ, erschienen alle am Bord befindlichen Personen auf – dem Verdeck; daraus entstand eine arge Verwirrung, welche mir die Nothwendigkeit strenger Disciplin zeigte. Ich ließ die ganze Mannschaft auf das Verdeck treten, rief die Passagiere auf das Hinterdeck und erklärte ihnen, daß die gefürchtete Windstille eingetreten sei. Dabei zeigte ich mit der einen Hand auf die schlaff herabbängenden Segel, mit der andern auf die schon deutlich sichtbare Feluke, welche durch Ruder in Bewegung gesetzt wurde. Es bleibe uns nun nichts übrig, als uns zum Kampf zu rüsten; denn in vier Stunden würden uns die Piraten einholen und unser Schiff entern, wenn sich nicht unverhofft der Wind wieder aufmachte und uns die Möglichkeit der Flucht eröffnete. Die Kaufleute würden vielleicht feig gewesen sein, wenn sie nur für ihr Leben gefürchtet hätten: aber sie hatten ihre Waaren zu vertheidigen, und sie waren muthig wie Löwen.
Es wurde daher beschlossen, mir das Commando zu übertragen und den Capitän jeder Verantwortung zu entheben. Ich benutzte daher diese entschiedene Stimmung und theilte einige Passagiere, welche die kräftigsten und muthigsten zu sein schienen, den Kämpfenden zu; die übrigen beauftragte ich unter Leitung eines Matrosen, der Geschützmeister auf einem sardinischen Schiffe gewesen war, Zündpulver zu bereiten und Patronen anzufertigen. Aber vergebens suchte ich Apostoli zu zwingen, mit den Letzteren hinunterzugehen; zum ersten Male widersetzte er sich meinem Willen, er wollte durchaus bei mir bleiben. Ich behielt ihn daher als Adjutant auf dem Verdeck.
Als diese Theilung stattgefunden hatte und das Verdeck von einem Theile der Passagiere geräumt war, nahm ich das Sprachrohr, um voraus zu wissen, ob meine Befehle ordentlich zur Ausführung kommen würden, setzte es an den Mund und rief:
»Achtung!«
Sogleich hörte jedes Geräusch auf und Alle warteten. Ich commandirte weiter:
»Ein Mann in den Mastkorb, um den Wind zu beobachten! – Gepäck und Hängematten in das Netzwerk der Schanzkleidung! – Die Waffen auf das Verdeck!«
In demselben Augenblicke kletterte ein Mann mit der Behendigkeit eines Affen an der Strickwand des Hauptmastes zum Mastkorbe hinauf; die übrigen verschwanden durch die Luken, kamen aber sogleich wieder mit ihren Hängematten, welche sie an der Schanzkleidung befestigten und mit getheerter Leinwand bedeckten. Unterdessen ließ der-Hochbootsmann die Gewehre in mehre Pyramiden zusammenstellen und die Säbel und Aexte in mehre Haufen vertheilen.
Alles dies geschah wohl nicht so schnell wie am Bord eines Kriegsschiffes; aber ich sah doch mit Vergnügen, daß keine Verwirrung dabei entstand; dies gab mir gute Hoffnung für die Zukunft. Ich sah Apostoli an, der unter dem Besanmast saß und mir mit seinen sanfte wehmüthigen Lächeln antwortete.
»Nun, mein braver Hellene,« sagte ich zu ihm, »wir werden also gegen Brüder, Athener gegen Messenier, kämpfen?«
»Ach ja,« antwortete Apostoli, »leider ist es so; aber hoffentlich ist die Zeit nicht mehr fern, wo sich alle Kinder der gemeinsamen Mutter und alle Bekenner des gemeinsamen Glaubens zusammenscharen werden, um die Unterdrücker zu bekämpfen.«
»Glaubst Du wirklich?« erwiederte ich zweifelnd.
»O gewiß!« sagte Apostoli mit dem Eifer der Ueberzeugung. »Die Panagia [Die heilige Jungfrau.] kann ihre Kinder nicht verlassen haben. Und wenn die Zelt kommt, werden dieselben Piraten, welche jetzt die Schmach und der Schrecken des Archipels sind, sein Ruhm und seine Ehre sein; denn sie sind nicht durch eigene Wahl, sondern durch die Unterdrückung und durch die Noth dazu getrieben worden.«
»Du bist sehr nachsichtig gegen deine Landsleute, Apostoli!« – Dann sagte ich zu dem Hochbootsmann, der meine weiteren Befehle erwartete: »Wählen Sie die zur Bedienung der beiden Steinböller und des Achtpfünders tauglichen Leute, und lassen Sie die Enterhaken an die Raaen hängen!«
»Und Du bist sehr streng, John,« antwortete mir Apostoli; »denn Du beurtheilst, wie alle Franken, die übrigen Völker immer von dem Standpunkte der europäischen Civilisation. Du weißt nicht, was wir seit vier Jahrhunderten leiden; Du weißt nicht, daß uns seit vier Jahrhunderten nichts gehört, weder das Vermögen unserer Väter noch die Ehre unserer Töchter; Du weißt nicht, daß es nur für diese Seeadler eine Freiheit gibt; sie stürzen sich auf ihre Beute und verbergen sich dann in ihren Horsten, welche dem türkischen Despotistnus unerreichbar sind. So ist es mit jedem unterdrückten Volke. Spanien hat seine Guerillas, Calabrien seine Räuber, das griechische Gebirge seine Klepythen, der Archipel seine Piraten. Sobald der Tag der Freiheit kommt, werden sie nützliche Staatsbürger.«
Ich lächelte zweifelnd.
»Höre, John,« setzte Apostoli hinzu und legte seine Hand auf meinen Arm, »merke wohl, was ich Dir sage: Wenn Du aus deinem Vaterland verbannt bleibst, so wähle Griechenland zur Heimat; die Griechen sind mitleidig und hochherzig wie alle Menschen, die zu Leiden und Armuth verurtheilt sind. Und bald wirst Du hören, wie der Freiheitsruf von Berg zu Berg, von Insel zu Insel erschallen wird; dann wirst Du der Freund, der Waffenbruder derselben Leute werden, gegen welche Du jetzt rüstest; Du wirst in einem Zelte mit ihnen ruhen, aus einem Glase trinken, dein Brot mit ihnen theilen.
»Und wann wird diese ersehnte Zeit kommen?« sagte ich.
»Das weiß Gott!« antwortete Apostoli; »aber lange kann sie nicht mehr ausbleiben, denn das Volk erwartet sie seit vierhundert Jahren. Je älter die Unterdrückung, desto näher ist die junge Freiheit.«
»Es ist geschehen, Capitano,« sagte der Contromastro; »haben Sie sonst etwas zu befehlen?«
»Der Zimmermann oder Kalfaterer – wenn ein solcher am Bord ist – soll die Taue rings um das Schiff befestigen und Klammern und Gürtel daran festbinden, um nöthigenfalls, wenn das Schiff leck wird, sogleich kalfatern zu können. Und wenn dies geschehen ist, soll er hölzerne Stöpsel, Werg und Bleiplatten in Bereitschaft halten. Auch Körbe und leichte Gepäckstücke müssen bereit sein, um ins Meer geworfen zu werden, falls Jemand über Bord fällt.«
Während diese Befehle vollzogen wurden, warf ich einen Blick auf die immer größer werdende Feluke.
»Habt Ihr Wind da oben?« rief ich zum Mastkorbe hinauf.
»Nein, Signor,t antwortete der Matrose, »kein Lüftchen weht. Wenn uns die kleine schwarze Wolke, die dort hinter Skyros aufsteigt, keinen Wind bringt, so werden wir wohl den ganzen Tag nicht von der Stelle kommen.«
Ich bemerkte wirklich am Horizont eine dunklen Punkt, den man auf dem Verdeck für eine Klippe hätte halten können. Es war eine geringe Hoffnung. In unserer Lage war ein Sturm weniger zu fürchten als ein Kampf mit den Piraten; ich würde ein paar Stunden Wind um jeden Preis gekauft haben.
»Was glauben Sie,« fragte ich den Hochbootsmanm »wie lange die Feluke noch braucht, um uns einzuholen?«
»Etwa drei Stunden, Signor.«
»Ja, ja, das glaube ich auch. – Lassen Sie Kannen mit Trinkwasser auf das Verdeck stellen, damit sich die Leute, ohne von ihren Posten zu gehen, während des Kampfes erfrischen können.«
»Sehr wohl, Signor.«
»Bruder,« sagte Apostoli zu mir, »die Feluke scheint eine andere Richtung zu nehmen. Vielleicht hat sie es nicht auf uns abgesehen.«
Ich nahm schnell das Fernrohr und richtete es auf die Feluke; sie schien wirklich auf das Cap Porto Petëra, im Alterthum Methymna genannt, lossteuern zu wollen.
»Wahrhaftig, Du hast Recht!« sagte ich. »Lieber Apostoli, ich wünsche von Herzen, daß ich mich geirrt; ich würde deinen Landsleuten mit Vergnügen Abbitte thun. Was sagen Sie dazu?« fragte ich den Hochbootsmann, der den Kopf schüttelte.
»Die Freibeuter werden die schwarze Wolke gesehen haben und Wind wittern; ohne Zweifel wollen Sie uns den Weg nach Mitylene abschneiden.«
»Sie haben Recht, Contromastro; ich weiß nicht, wo ich meinen Kopf hatte, daß ich die Absicht nicht errieth. Ja, ja, sie wollen uns hindern, das Land zu erreichen. – Und kein Lüftchen?«
»Nein, Capitän.«
»Nun, dann wollen wir in Gottes Namen warten.«
Wir warteten vier Stunden, denn der Umweg, den die Piraten machen mußten, hatte uns Zeit gewonnen. Sie hatten einen Halbkreis beschrieben und wandten uns nicht mehr die Steuerbordseite, sondern die Backbordseite zu; sie waren indeß noch etwa drei Seemeilen entfernt, als der Matrose im Mastkorbe rief:
»Ohe! ein schwacher Windstoß!«
Ich sprang rasch auf.
»Von welcher Seite?« rief ich hinauf.
Der Matrose wartete einen Augenblick, um eine genaue Antwort geben zu können; dann antwortete er:
»Westsüdwest.«
»Nun?« fragte Apostoli.
»Lieber Freund, der Wind könnte uns nicht ungünstiger sein, und ich fange an zu glauben, daß die Piraten mit dem Teufel im Bunde sind. Es bleibt uns nichts übrig, als das Schiff zu wenden und vor dem Winde zu fliehen, wenn wir auch wieder umkehren müssen. – Ohe! rief ich dem Matrosen im Mastkorbe zu, »wird der Wind stärker?«
»Ja, Signor.«
»John!» sagte Apostoli hastig, »die Feluke ändert ihre Richtung.«
Ich nahm das Fernrohr wieder zur Hand. Die Feluke wurde blos mit Hilfe ihrer Ruder und ihres Steuers gewendet, und als ob die Piraten unsere Absicht errathen hätten, schickten sie sich an, uns den Wind abzugewinnen.«
»Sie verstehen das Commando zu führen, Signor,« sagte der Contromastro zu mir; »aber der Capitän der Feluke scheint auch ein tüchtiger Seemann zu sein.«
»Das mag sein, aber ich hoffe, daß wir ihm zuvorkommen werden.«
Ich ertheilte meine Befehle zum Wenden; das Manöver wurde mit großer Schnelligkeit ausgeführt.
»Die »Bella Levantina« segelt!« riefen die Matrosen erfreut.
Das Schiff ging einige Minuten über Steuer, dann fing es mit den ausgespannten Segeln den Wind auf und fuhr auf Lemnos zu. Ich beobachtete die Feluke, welche inzwischen auch ihre Segel aufgesetzt hatte. Die beiden Schiffe segelten nun in fast paralleler Richtung.
Wir waren der Feluke so nahe gekommen, daß man die Einzelheiten selbst mit unbewaffnetem Auge beobachten konnte.
Es war ein wahres Raubschiff, langgestreckt wie eine Pirogue, mit zwei etwas nach vorn geneigten Masten; die beiden dreieckigen (sogenannten lateinischen) Segel waren mit der breiten Seite an einer Raa befestigt, welche länger war als der Mast. Die Feluke führte zwei Kanonen auf dem Vorderdeck und vierundzwanzig Steinböller, welche im Dahlbord auf gabelbeinigen Stützen ruhten. Die Ruderer, deren griechische Mützen wir deutlich sahen, saßen nicht auf Bänken, sondern auf den Querbalken der Luken und stützten ihre Füße auf andere zu diesem Zwecke angebrachte Querhölzer. Da der Wind noch schwach war, so war uns die Feluke an Schnelligkeit weit überlegen, und ich sah wohl, daß wir ihr auf Pistolenweite in den Wurf kommen mußten.
Ich ließ nun unsere drei Kanonen an den Steuerbord bringen, die Schießgewehre, Aexte und Säbel unter der Mannschaft und den Passagieren vertheilen, einige Kisten mit Patronen auf das Verdeck tragen und schickte ein Dutzend Matrosen zu den Marsen hinaus, um von oben zu feuern.
Diesen Vorkehrungen folgte eine kurze erwartungsvolle Stille. Die schwarze Wolke hatte sich unterdessen von Skyros über den ganzen südlichen Horizont verbreitet und drohte ein Gewitter zu werden. Ein warmer flatternder Wind wehte; hohe Wellen, welche aus der Tiefe aufzusteigen schienen, bedeckten das Meer mit zitterndem Schaum; aber alle diese Anzeichen, welche wir zu einer andern Zeit sorgfältig beobachtet haben würden, fanden keine Beachtung in der weit größern Gefahr.
Die beiden Schiffe kamen unmerklich näher, ohne daß das eine oder andere bedeutend im Vortheil zu sein schien; sie waren nur noch eine Seemeile von einander entfernt, und man sah auf dem Verdeck der Feluke ganz deutlich, wie die Mannschaft, welche etwa doppelt so stark wie die unserige zu sein schien, ihrerseits die letzten Vorbereitungen zum Kampf traf.
Es war also nicht zu bezweifeln, es waren Piraten, die es aus uns abgesehen hatten. Die Freibeuter waren überdies bald darauf bedacht, jeden Zweifel zu haben; denn plötzlich bedeckte sich der Dahlbord der Feluke mit Rauch, und ehe der Knall hörbar wurde, schlug ein Kartätschenhagel einige Schritte von der »Bella Levantina« ins Meer. Die Piraten hatten in ihrer Raublust die Entfernung schlecht berechnet und aus zu großer Entfernung geschossen.
»Mit Ihrer Erlaubniß, Signor,« sagte der Contromastro zu mir, »möchte ich den Gruß der Rothkappen erwiedern. Diese Person hier,« sagte er, die eine Hand auf die Kanone legend, »ist sehr wohl erzogen: sie spricht nur selten, aber jedes Wort, das aus ihrem Munde kommt, ist besser als das Geschnatter, welches wir so eben gehört haben.«
»Nun, so lösen Sie ihr die Zunge,« erwiederte ich; »denn ich möchte auch hören, ob sie in gewählten Ausdrücken zu sprechen weiß. Ich vermuthe, daß Sie ihr Hofmeister gewesen sind, und zweifle nicht, daß sie Ihnen Ehre machen wird.«
»Sie erwartet nur Ihren Befehl, Signor.«
»Richten Sie sie nur gerade auf den Rumpf der Feluke.«
Der Hochbootsmann schob seine Kanone in die Stückpforte, zielte und commandirte Feuer.
Der mit der brennenden Lunte bereitstehende Matrose feuerte die Kanone ab und die Kugel schlug mitten unter die Ruderer.
»Bravo, Contromastro!« sagte ich; »Sie legen alle Ehre ein mit Ihrem Zögling. Aber Sie werden’s hoffentlich nicht dabei bewenden lassen?«
»O nein, Signor,« antwortete der Steuermann, der dieser Schießübung Geschmack abzugewinnen schien. »Rosalia – so habe ich sie zu Ehren der Schutzpatronin von Palermo getauft – Rosalia ist wie meine selige Mutter: wenn sie einmal angefangen hat zu sprechen, so kann sie nicht mehr schweigen.«
Während die Kanone wieder geladen wurde, stieg eine neue Rauchwolke aus den Flanken der Feluke auf, und da die beiden Schiffe einander näher gekommen waren, so hörte man die Kartätschen im Takelwerk rasseln; in demselben Augenblicke fiel ein Matrose vorn Mastkorbe auf die Strickwand des Hauptmastes und von da auf das Verdeck. Die Piraten, welche die Wirkung des Schusses sahen, jubelten laut.
Aber der Tod, der die »Bella Levantina« heimsuchte, kehrte mit der Kugel des Contromastro an Bord der Feluke zurück, und dem Freudengeschrei folgten lange Flüche. Die Kugel hatte zwei Piraten getödtet.
»Immer besser, Contromastro,« sagte ich. »Aber die beiden Steinböller sind ja stumm wie die Fische; sollen sie denn nicht auch ihre Stimme hören lassen?«
»Sogleich, Signor! Es ist noch nicht Zeit. Pazienza pazienza! wie wir Sicilianer sagen. – Gehet doch hinter die Wand,« rief er der Mannschaft zu; »es wird gleich wieder ein Hagelschauer kommen.«
Ein neuer Kartätschenhagel schlug auf das Verdeck und streckte einen unserer Leute zu Boden; zwei andere wurden verwundet.
Die Piraten brachen in ein neues Jubelgeschrei aus; aber wie das erste Mal wurde dasselbe durch das Feuer unserer Steinböller und unseres Achtpfünders unterbrochen. Drei Ruderer fielen, wurden aber sogleich ersetzt, so daß der rasche Lauf der Feluke nicht verzögert wurde.
Wir gewannen indeß die Ueberzeugung, daß es den Piraten nicht gelingen werde, die »Bella Levantina« zu entern. Das Gewitter betheiligte sich nun andern Kampfe; der Donner fing an zu grollen und der immer stärker werdende Wind gab unserem Schiffe einen glücklichen Impuls.
»Jetzt Muth gefaßt!« rief ich der Mannschaft zu. »Ihr sehet, daß uns der Himmel günstig ist und daß uns das Gewitter wie mit der Hand vorwärts schiebt. Bis jetzt haben uns die Freibeuter noch keinen großen Schaden gethan, denn etwas Fleisch und Knochen können wir eher verlieren als Holz.«
»Nur pazienza, Signor,« sagte der Steuermann, der inzwischen seine Feuerschlünde wieder gerichtet hatte. »Feuer!«
Die Schüsse krachten von beiden Schiffen zugleich. Ich hörte einige Klagelaute; ich sah mich um und erblickte zwei Mann, die mit dem Tode rangen. – Ich rief zwei Matrosen.
»Wir dürfen die Todten nicht hier liegen lassen, sie hindern und entmuthigen die Kämpfenden,« sagte ich leise zu ihnen; »traget die Leichen hinunter und werfet sie auf der Backbordseite in’s Meer, damit es die Piraten nicht sehen.«
Die beiden Matrosen gehorchten und ich beobachtete die Feluke.
Die beiden Schiffe waren einander so nahe gekommen, daß ein kräftiger Mann einen Stein von einem Bord zum andern hätte werfen können. Es war nun Zeit, das Gewehrfeuer zu beginnen. Der Befehl, den ich gab, wurde sofort von dem Anführer der Piraten wiederholt, und die Kugeln pfiffen hinüber und herüber.
Die Ruderer der Feluke boten alle Kräfte auf; aber der Wind kam uns zu Hilfe und wir gewannen einen kleinen Vorsprung. Sie schickten uns nun in einer Entfernung von kaum vierzig Schritten einen furchtbaren Kartätschenhagel zu, den wir mit unseren drei Kanonen und mit unseren Gewehren beantworteten. Dann lenkten sie in unsere Spur ein und fingen an Jagd auf uns zu machen.
Gleich daraus feuerten sie ihre beiden großen Kanonen ab; eine Kugel schlug dicht über dem Wasserspiel in unser Hintercastell, die andere durchlöcherte zwei Segel.
»Können Sie denn Ihre Rosalia nicht auf das Hinterdeck bringen lassen?« fragte ich den Steuermann.
»Ja wohl, Signor, wir sind schon dabei. – Vorwärts, Du Faulpelz!« sagte er zu einem Matrosen, dem der Daumen der rechten Hand durch eine Kartätschenkugel zerschmettert worden war; »hilf ein bischen schieben, Du kannst nachher deine Hand schütteln so viel Du willst. – So ist’s gut!«
Aber man hatte nicht Zeit die Kanone wieder zu laden; ein treuer Schuß fiel und gleich darauf krachte es über mir.
»Nehmen Sie sich in Acht, Capitano!« riefen mehre Stimmen- Ich schaute hinauf.
Die Bramstange des Besanmastes war durchschossen und neigte sich unter der Last ihrer Segel nach der Steuerbordseite. Zugleich wurde das Hinterdeck mit Segeltuch, Holz und Tauwerk bedeckt, und das Schiff, seiner beiden wichtigsten Segel beraubt, kam nun nicht mehr mit der bisherigen Schnelligkeit von der Stelle.
»Alles abgehauen!« rief ich, ohne das Sprachrohr an den Mund zu setzen; »Alles gekappt – und ins Meer!«
Die Matrosen, welche die Dringlichkeit dieser Maßregel einsahen, stürzten sich auf das Tauwerk und kappten mit Aexten, Säbeln und Messern alle Taue und Leinen,« welche die Kreuzstange am Besanmast festhielten. Dann warfen sie den ganzen unbrauchbaren Plunder über Bord.
Trotz der Schnelligkeit, mit welcher dieser Befehl vollzogen wurde, erkannte ich an der langsamen Fortbewegung des Schiffes, daß das Entern nicht zu vermeiden war. Ich sah mich um und bemerkte, daß unser Verlust nicht groß war; drei bis vier Matrosen waren todt, eben so viele kampfunfähig. Die übrigen Wunden waren leicht, so daß wir, mit Inbegriff der Passagiere, noch gegen dreißig wehrhafte Männer waren. Ich gab Befehl die Patronenmacher herzuholen und sagte dann zu Apostoli, der keinen Augenblick von meiner Seite gegangen war:
»Bruder, wir haben uns nach Kräften vertheidigt. Jetzt ist’s zu spät, uns zu ergeben; was wird uns geschehen, wenn wir gefangen werden?«
»Wir werden niedergesäbelt oder gehängt,« antwortete der junge Grieche gelassen.
»Aber Du als Grieche wirst doch mit dem Leben davonkommen? Es sind ja deine Landsleute.«
»Um so weniger darf ich auf Schonung zählen. Die Piraten erhören selten Einen, der in ihrer Sprache um Gnade bittet.«
»Wenn das ist,« sagte ich, »so laß Dir eine brennende Lunte geben, und wenn ich Dir zurufe: Es ist Zeit! so steige durch die Luke am Hinterdeck hinunter und schleudere die Lunte in die Pulverkammer.«
»Gut,« antwortete Apostoli mit seinem sanften wehmüthigen Lächeln, als ob ich ihm eine ganz gewöhnliche Weisung gegeben hätte;»es soll geschehen.«
Ich reichte ihm die Hand; er sank in meine Arme.
Dann ergriff ich eine Axt, setzte das Sprachrohr an und rief aus allen Kräften:
»Das Steuer ganz gegen den Wind! – Jedermann halte sich zum Entern bereit!«
Der Befehl wurde schnell vollzogen, und die »Bella Levantina«, statt länger noch vor dem Winde zu fliehen, wandte sich langsam und kehrte der sich rasch nähernden Feluke die Flanke zu. Diese fuhr mit ihrem Bugspriet in die Strickwand unseres Besanmastes und zertrümmerte durch den heftigen Zusammenstoß einen Theil unserer Schiffswand. Zugleich krachte eine so furchtbare Geschützsalve, daß die »Bella Levantina« erbebte; die Piraten feuerten ihre zwölf Steinböller ab. Zum Glück hatte ich gesehen wie sich die Lunten senkten und Zeit gehabt, den Umstehenden zuzurufen: »Werfet Euch zu Boden!«
Wer mir folgte, blieb unversehrt, wer meinen Warnungsruf nicht gehört hatte, wurde von den Kartätschen niedergeschmettert. Als wir uns wieder aufgerichtet, sahen wir durch den Pulverrauch die Piraten, welche, Dämonen gleich, von ihren Segelstangen herabkletterten, von ihrem Bugspriet stiegen, oder von ihrem Bord auf den unsrigen sprangen. Es war nun kein Befehl mehr zu geben, keine Vorschrift mehr zu befolgen; ich sprang einige Schritte vorwärts und schlug den ersten Freibeuter, der mir in den Wurf kam, mit der Axt nieder.
Es wäre unmöglich, die nun folgende Greuelscene zu beschreiben. Jeder unternahm einen Einzelkampf auf Tod und Leben. Apostoli hatte meine Pistolen, denn er war zu schwach, um Säbel oder Art zu führen, und zweimal sah ich meinen Gegner durch einen Schuß fallen, den ich nicht abgefeuert. Ich stürzte mich wie rasend in das Kampfgewühl, denn ich wollte unsere leicht vorauszusehende Niederlage nicht überleben; aber wunderbarer Weise war ich nach einer Viertel- stunde des wüthendsten Kampfes noch unverletzt.
In diesem Augenblicke stürzten zwei Piraten zugleich auf mich los. Der eine mochte höchstens achtzehn Jahre alt sein, der andere war ein Vierziger. Den Erstern traf ich mit der Art oben am Schenkel; er stürzte mit einem Schrei zu Boden. Ich stürzte auf den Andern los, um ihm den Kopf zu spalten; aber mit der einen Hand faßte er schnell den Stiel meiner Waffe und mit der andern versetzte er mir einen Dolchstoß, der glücklicherweise meinen mit Goldstücken gefüllten Gürtel traf. Um die Wiederholung des Stoßes zu verhindern, umfaßte ich meinen Gegner mit beiden Armen, und während ich ihn fest an mich drückte, sah ich mich auf dem Verdeck um, Die Piraten drangen auf allen Seiten vor. – »Es ist Zeit!« rief ich Apostoli zu, der sogleich durch die Luke am Hinterdeck verschwand.
Der Pirat war ein sehr starker Mann, aber ich war ihm an Gewandtheit überlegen. Wir kamen immerfort mit einander ringend an eine Stelle, wo die Brustwehr durch den Zusammenstoß der beiden Schiffe zerbrochen war; und da wir diese Bresche nicht bemerkten, so fielen wir ins Meer, ohne daß uns Jemand beachtete.
Kaum waren wir im Wasser, so fühlte ich, daß der Pirat seinen Arm losmachte. Ich ließ, dem Triebe der Selbsterhaltung folgend, ebenfalls meinen Gegner los, schwamm eine Weile unter dem Wasser und tauchte erst einige Schritte hinter der »Bella Levantina« wieder auf.
Zu meinem Erstaunen flog das Schiff nicht in die Luft; denn ich kannte Apostoli zu gut, als daß ich hätte fürchten können, er werde meinen Befehl nicht vollziehen. Ich wartete einige Secunden, und da die erwartete Explosion nicht erfolgte, so dachte ich, meinem armen Freunde könne ein Unfall zugestoßen sein.
Die Piraten waren nun völlig Herren des Schiffe; ich benützte daher die eintretende Dämmerung, um mich schwimmend zu entfernen und wo möglich ein etwa zwei Meilen entferntes kleines Eiland zu erreichen. Ich schwamm so viel als möglich unter dem Wasser, um mich den Blicken der Piraten zu entziehen; ich tauchte nur von Zeit zu Zeit auf, um Athem zu holen. Allein trotz aller Vorsicht war ich doch bemerkt worden; das bewiesen einige nicht weit von mir ins Wasser schlagende Kugeln. Aber keine traf mich, und ich befand mich bald außer Schußweite.
Meine Lage war indeß sehr mißlich. In ruhiger See würde ich die zwei Seemeilen ohne große Anstrengung zurückgelegt haben; aber die Wellen gingen immer höher, der Donner grollte und von Zeit zu Zeit verbreiteten die leuchtenden Blitze eine furchtbare Helle über der weiten Wasserwüste.
Ueberdies wurde ich durch meine Kleider, insbesondere durch die Fustanella, in meinen Bewegungen gehindert. Nach einer halben Stunde begannen meine Kräfte zu schwinden, ich sah ein, daß ich verloren war, wenn ich mich dieser unbequemen Last nicht entledigte; ich legte mich daher auf den Rücken, und mit großer Mühe gelang es mir die Schnüre meiner Fustanella zu zerreißen. Ich streifte sie ab und schwamm weiter.
Eine halbe Stunde hielt ich’s noch aus; aber die Wellen gingen immer höher, meine Kräfte schwanden immer mehr. Es waren nicht, wie bei gewöhnlichem Wetter, die Fluten zu durchschneiden, ich mußte mich von den Wellen bald in die Höhe treiben bald in die Tiefe schleudern lassen.
Einmal, als ich auf einem dieser Wasserberge war, leuchtete ein Blitz und ich sah rechts in noch großer Entfernung das Felseneiland. Ich hatte die Richtung verloren; wie sollte ich das Eiland erreichen? Ich war zu ermüdet, es schien unmöglich.
Ich schwamm auf dem Rücken, um mich auszuruhen; aber es war zu entsetzlich, kopfüber in diese dunklen nassen Thäler geschleudert zu werden. Ich fühlte heftige Beklemmungen und Ohrensausen, meine Bewegungen wurden unregelmäßig, es drängte mich in meiner Angst um Hilfe zu rufen, obgleich ich wohl wußte, daß nur Gott mich hören könnte. Alle meine Erinnerungen traten nun wie Traumbilder vor meiner Seele. Ich sah meine Eltern und Tom, den Capitän Stanbow, James, Bob, Burke; manche Dinge, an die ich Jahre lang nicht gedacht hatte, schwebten mir so lebhaft und deutlich vor, als ob sie sich erst gestern ereignet hätten; andere schienen mir Offenbarungen aus einer andern Welt. Von Zeit zu Zeit fühlte ich, daß die Fluten über mich hinweggingen – mit unerhörter Anstrengung arbeitete ich mich dann wieder empor – ich sah den Himmel wieder, er schien mir schwarz und mit blutrothen Sternen besäet. Ich schrie laut auf, und es schien mir, als ob mir Stimmen antworteten.
Endlich waren meine Kräfte zu Ende.
Ich hob mich bis an den Leib aus dem Wasser und sah mich mit Entsetzen um. In diesem Augenblicke sah ich in dem grellen Lichte eines Blitzes einen Gegenstand, der einem Felsen ähnlich war, aber von dem Kamme einer Welle in die Tiefe, in meine Nähe geschleudert wurde, Zugleich hörte ich deutlich meinen Namen rufen. Ich wollte antworten, aber mein Mund füllte sich mit Wasser. Es schien mir, als ob ich von einem Tau ins Gesicht geschlagen würde; ich faßte es mit den Zähnen, dann mit den Händen. Eine Bewegkraft zog mich fort; ich ließ es willig geschehen – dann fühlte ich nichts mehr: ich war ohnmächtig.
Als ich wieder zum Bewußtsein kam, befand ich mich in der Cajüte der Bella Levantina« und Apostoli saß vor meiner Hängematte.
XI
Apostoli erzählte mir mit kurzen Worten, was geschehen war. Er hatte das Schiff nicht in die Luft sprengen können, weil der Capitän, der meine Absicht errathen, die Pulverkammer unter Wasser gesetzt hatte. Er begab sich daher wieder auf das Verdeck, um mich aufzusuchen. Auf der Treppe begegneten ihm zwei Piraten, welche den von mir verwundeten jungen Griechen in die Cajüte des Capitäns brachten. Der Verwundete war in Gefahr zu verbluten und verlangte jammernd einen Arzt. Apostoli ergriff nun begierig die sich zu meiner Rettung darbietende Gelegenheit und gab mich für den Schiffsarzt aus. Ich allein, sagte er, sei im Stande den Schwerverwundeten zu retten, man möge Befehl geben, dem Gemetzel Einhalt zu thun, wenn es noch Zeit sei.
Die beiden Piraten eilten sogleich auf’s Verdeck und befahlen im Namen des Sohnes des Capitäns, die Waffen augenblicklich ruhen zu lassen.
Apostoli folgte ihnen, und suchte mich, aber er fand mich nirgends. In diesem Augenblicke brachen die Piraten in lauten Jubel aus; ihr Capitän, der in dem Gewühl verschwunden war, kletterte an einem Tau wieder herauf und sprang auf das Verdeck. Apostoli erkannte den Mann, mit welchem ich gerungen hatte, und eilte auf ihn zu, um ihn zu fragen, was aus mir geworden sei. Der Pirat wußte es nicht, er vermuthete, ich sei ertrunken. Apostoli sagte, ich sei Arzt und allein im Stande den Sohn des Capitäns zu retten.
Der trostlose Vater fragte, ob mich Niemand gesehen; zwei Piraten erklärten, sie hätten auf einen Mann geschossen, der sich schwimmend in der Richtung des Felseneilandes entfernt habe. Der Capitän ließ sogleich eine Schaluppe aussetzen; er war unschlüssig, ob er sich zu seinem verwundeten Sohn begeben oder mit in die Schaluppe steigen sollte; aber Apostoli sagte ihm, er sei mein Herzensbruder und werde mich mit Hilfe der heil. Jungfrau gewiß auffinden. Der Capitän ging daher in die Cajüte hinunter und Apostoli stieg mit den Ruderern in die Schaluppe.
Bald sahen die Bootsleute etwas Weißes schwimmen, und fischten es auf. Es war meine Fustanella. Sie wußten nun, daß sie mir auf der Spur waren, und ruderten dem Eilande zu, denn sie vermutheten mit Recht, daß ich dasselbe zu erreichen suchte.
Nach einer halben Stunde zeigte ihnen ein Blitz einen mit den Wellen kämpfenden Schwimmer – und sie erreichten mich in dem Augenblicke, wo ich wahrscheinlich den Tod gefunden hätte, wenn die Rettung noch länger ausgeblieben wäre.
Als mir Apostoli diese Erklärung gegeben hatte, that sich die Thür meiner Cajüte auf und der Capitän trat ein.
Auf den ersten Blick erkannte ich meinen Gegner, obgleich sein Gesicht einen ganz andern Ausdruck hatte; denn jetzt war tiefe Niedergeschlagenheit an die Stelle der Wuth getreten; er kam nicht mehr als Feind, sondern als Bittender.
Als er sah, daß ich wieder zur Besinnung gekommen war, eilte er auf mich zu und sagte in italienischer Sprache:
»Bei der heiligen Jungfrau beschwöre ich Euch, Signor Medico, rettet meinen Fortunato! Ihr möget von mir verlangen was Ihr wollt.«
»Ich weiß nicht, ob ich deinen Sohn retten kann,« antwortete ich dem Piraten; »aber vor Allem verlange ich, daß keiner von den Gefangenen umkomme; das Leben deines Sohnes bürgt mir für das Leben des geringsten Matrosen.«
»Rette meinen Fortunato!« wiederholte der Pirat; »und ich will mit meinen eigenen Händen Den erwürgen, der den Gefangenen ein Haar krümmt. Aber Du mußt mir schwören, Fortunato nicht zu verlassen, bis er geheilt oder todt ist.«
»Ich schwöre es.«
»So komm,« sagte der Pirat.
Ich sprang von meiner Hängematte und folgte dem Capitän mit Apostoli in die Cajüte, wo der Verwundete lag.
Ich erkannte diesen ebenfalls wieder. Er war ein schöner Jüngling mit schwarzem Haar und dunkler Gesichtsfarbe. Dir Lippen des Kranken waren violett, er konnte kaum noch sprechen; von Zeit zu Zeit verlangte er zu trinken, denn er hatte ein heftiges Fieber. Ich hob die Decke auf, unter welcher er lag, und fand ihn in seinem Blute schwimmend. Die etwa fünf Zoll lange und anderthalb Zoll tiefe Wunde war am Oberschenkel. Ich bemerkte sogleich, daß die Pulsader nicht verletzt war, die Wunde war also nicht tödtlich.
Vor allem wusch ich die Wunde mit dem frischesten Wasser, welches auszutreiben war, und als das Blut gestillt war, legte ich Charpie hinein und umwickelte den Schenkel mit einer Binde, so daß die klaffenden Ränder der Wunde zusammengezogen wurden. Als der Verband angelegt war, ließ ich den Kranken mit Gurten aufheben, um ihm eine frische Matratze Hund reine Leinentücher unterlegen zu lassen. Dazu verordnete ich die strengste Diät und des häufige Benetzen der Wunde mit frischem Wasser.
Dann begab ich mich selbst zur Ruhe, denn ich war nach den Anstrengungen des letzten Tages ganz erschöpft.
Ich war nun wieder mit Apostoli allein. Erst jetzt erkannte ich die Größe seiner Aufopferung und Geistesgegenwart. Wir sanken einander in die Arme und freuten uns des unverhofften Wiedersehens. Denn ohne die Hilfe, welche mir mein Freund gebracht, wäre mein Leichnam auf einen Felsen geworfen und eine Beute der Raubvögel geworden.
Dann erkundigte ich mich nach unserer Schiffsmannschaft. Es waren nur dreizehn Mann und fünf Passagiere dem Gemetzel entgangen; alle Verwundeten beider Parteien waren ins Meer geworfen worden, und unter diesen war der arme Contromastro. Unser Capitän hatte den Piraten erzählt, was vorgegangen war; wie die »Bella Levantina« wider seinen Willen Widerstand geleistet; er hatte bewiesen, daß er im entscheidenden Augenblicke durch Ueberschwemmung der Pulverkammer das Schiff und alle am Bord befindlichen Menschen gerettet, und so hatte man ihm das Leben geschenkt.
Ueber das Schicksal der Gefangenen beruhigt, ging ich zu Bett und schlief sogleich ein.
Um zwei Uhr erwachte ich; ich dachte sogleich an meinen Verwundeten, und, obgleich man mich nicht gerufen hatte, so stand ich doch auf und ging in die Cajüte des Capitäns. Er saß vor dem Lager seines Sohnes, dessen Wunde er von Zeit zu Zeit anfeuchtete. Sein Gesicht, welches im Kampfe so furchtbar gewesen war, hatte einen zärtlich besorgten Ausdruck angenommen; er war kein Piratenhäupting mehr, sondern ein liebevoller Vater. Sobald er mich erblickte, reichte er mir die Hand und winkte mir Stillschweigen zu, um den Kranken nicht zu wecken.
Der junge Grieche schlief ruhig und fieberlos. Sein Athem war schwach, aber regelmäßig. Nie hatte ich ein schöneres Gesicht gesehen: von den schwarzen Haaren umwallt, erinnerte es an die edlen Köpfe Tizian’s und Van-Dyk’s. Es ging also Alles nach Wunsch und ich beruhigte den Vater; aber er war nicht zu bewegen, das Lager seines Sohnes zu verlassen.
Ich begab mich wieder in meine Cajüte und schlief bis acht Uhr Morgens. Dann ging ich wieder zu Fortunato. Er wachte und hatte Fieber; dies beunruhigte mich durchaus nicht, denn es war der gewöhnliche Verlauf der Krankheit; ich verordnete kühlende Getränke und besuchte dann meinen andern Patienten.
Dieser war leider in einem bedenklichen Zustande; die Aufregung während des Kampfes und die Anstrengungen, die er zu meiner Rettung gemacht, hatten seine Kräfte erschöpft. In der Nacht hatte er stark gehustet und Blut ausgeworfen; dann hatte sich das Fieber eingestellt, und nun war er so schwach, daß er nicht einmal versuchte sich aufzurichten.
Meine ärztlichen Kenntnisse waren zu Ende, und ich verordnete nur einige jener harmlosen Mittel, welche zur Beruhigung des Kranken dienen. Dann blieb ich bei Apostoli, um ihn zu zerstreuen.
Er zeigte mir nun sein reines edles Gemüth, das nie einen unlauteren Gedanken gehabt hatte. Er war, wie alle Lungenkranke, weit entfernt das Gefährliche seines Zustandes zu ahnen; er hielt seine Krankheit für das in Griechenland ziemlich häufige Wechselfieber.
Ich blieb den ganzen Tag bei ihm; er sprach von seiner Mutter, von seiner Schwester, von seinem Heimatlande, keine andere Liebe hatte diese ursprünglichen Gefühle aus seinem Herzen verdrängt; er glich einer eben aufblühenden duftenden Lilie.
Abends ging ich auf das Verdeck. Die beiden nothdürftig ausgebesserten Schiffe segelten neben einander etwa zwei Seemeilen von einer Küste, welche ich schon gesehen hatte, als wir Lord Byron von Smyrna abholten; ich hielt sie für die Küste von Scio. Wie viel hatte ich seitdem erlebt, und wie wenig hatte ich alle diese Ereignisse geahnt, als ich fünf oder sechs Monate zuvor am Bord des »Trident« dasselbe Meer befahren hatte!
So bald ich das Verdeck betrat, fiel mir die Ehrerbietung der ganzen Mannschaft auf: man sah in mir einen sehr gelehrten Arzt und hielt mich nach orientalischer Sitte hoch in Ehren. Ich sah übrigens keinen Matrosen oder Passagier der »Bella Levantina«, daher vermuthete ich, daß sie sich am Bord der Feluke befanden.
Nach einer Stunde ging ich wieder zu Apostoli hinunter. Er war etwas ruhiger. Ich verschwieg ihm, daß wir bald an Scio und folglich auch an Smyrna vorbeisegeln würden. Er fragte auch nicht mehr, welchen Weg wir genommen; es schien fast, als sei es ihm gleichgültig, wo er auf Erden wandelte, und als denke er nur an den Himmel.
In der Nacht hatten wir einen der im Inselmeere so häufigen Stürme. Ich ging von Apostoli zu Fortunato. Beide waren von der schwankenden Bewegung des Schiffes sehr angegriffen. Ich sagte zu Constantin – so hieß der Piratencapitän – daß es nothwendig sei wegen der beiden Kranken zu landen.
Er berieth sich in griechischer Sprache mit seinem Sohne; dann ging er auf’s Verdeck, vermuthlich um zu sehen wo wir waren. Als er sich überzeugt hatte, daß wir die südliche Spitze von Scio umschifften und uns auf der Höhe von Andros befanden, beschloß er den andern Morgen zu Nicaria den Anker auszuwerfen. Ich setzte Apostoli davon in Kenntniß; er empfing die Nachricht mit seinem gewohnten wehmüthigen Lächeln und meinte, der Aufenthalt am Lande werde ihm wohl thun.
Es war der dritte Tag nach Fortunato’s Verwundung; es war Zeit, den Verband abzunehmen. Ich traf die nöthigen Vorkehrungen, aber Constantin ersuchte mich zu warten, er wolle sich entfernen.
Dieser Seeräuber, der an Kampf und Blutvergießen gewöhnt war, mochte nicht sehen, daß sein Sohn verbunden wurde. Er ging auf das Verdeck, und ich blieb allein mit Fortunato und einem jungen Piraten, den man mir als Diener gegeben hatte.
Ich nahm den Verband ab und fand die Wunde etwas entzündet, ich strich daher Wachssalbe auf die frische Charpie, verband die Wunde mit derselben Sorgfalt wie das erste Mal und verordnete das Benetzen derselben mit schleimigem Wasser. Als ich den frischen Verband angelegt hatte, ging ich auf’s Verdeck, um dem Vater die Nachricht zu bringen, daß Fortunato auf dem Wege der Genesung sei.
Er war bei Apostoli, der sich etwas stärker fühlte und sich nach frischer Luft sehnte. Beide waren auf dem Verdeck und betrachteten die am Horizont wie eine Klippe auftauchende Insel Nicaria, das vorläufige Ziel unserer Reise. Links lag Samos, welches mit seinen Olivenwäldern vom Meere kaum zu unterscheiden war. Kaum hatte ich ihm die freudige Nachricht überbracht, so eilte Constantin zu dem Verwundeten und ließ mich mit Apostoli allein.
Es war das erste Mal, daß ich ihn seit dem Kampfe im hellen Sonnenlicht wieder sah, und obgleich auf diesen Anblick vorbereitet, erschrak ich über die traurige Veränderung, welche in diesen drei Tagen mit ihm vorgegangen war. Diese drei Tage hatten freilich mehr erschütternde Vorfälle gebracht, als unter gewöhnlichen Verhältnissen eben so viele Jahre; seine Backenknochen waren stärker geröthet; seine Augen waren um ein Drittheil größer geworden, und seine Stirn war beständig mit Schweiß bedeckt.
»Komm, mein Aeskulap,« sagte er lächelnd; »komm und laß Dir die Insel zeigen, wo wir Dir eitlen Tempel bauen wollen, Fortunato und ich, wenn Du uns geheilt hast. Es ist freilich nur ein Felseneiland, aber die modernen Götter sind nur so kurze Zeit am Ruder, daß sie weniger Ansprüche machen müssen, als die Götter des Alterthums.«
»Wie nennst Du denn die Insel, wo Du mir einen Tempel erbauen willst?«
»O, sei nur unbesorgt,« erwiederte er, »die Huldigungen der Menschen sollen Dir nicht lästig werden, denn das Eiland war schon zu Strabo’s Zeit unbewohnt; aber Du wirst Tag und Nacht das Brausen des Meeres hören; die Eisvögel von Delos und Mekoni werden Dich heimsuchen; und von Zeit zu Zeit wird ein Pirat, der in ritten Seehafen nicht einlaufen mag und dessen Söhnlein im Kampf verwundet worden, insgeheim Hilfe bei Dir suchen. Und dann wird ein Tag kommen, wo Du alle umliegenden Inseln, Leuchtthürme strahlen sehen wirst; dann wird das feurige Kreuz zum dritten Male über Constantinopel glänzen, und der Freiheitsruf wird erschallen von Berg zu Berg, von Albanien bis zum Cap Sant’ Augelo, vom Golf von Salonik bis Candia. Dann wirst Du eine Menge Barken, nicht mit Piraten, sondern von Kriegern bemannt, langbeschwingten Adlern gleich über das Meer gleiten sehen; Du wirst manchen Todesschrei hören, aber nicht mehr von Sklaven. – Und ich,« fuhr Apostoli mit seinem wehmüthigen Lächeln fort, »wenn ich außerhalb meines Vaterlandes sterben soll, so wünsche ich mir nur eines jener schönen Gräber, welche schon vor zweitausend Jahren einen Namen hatten, damit wenigstens mein Geist Zeuge sei der Wiedergeburt von Hellas.«
»Ei! welche schönrednerische Sibylle hat Dir denn eine solche Wiedergeburt versprochen?« fragte ich kopfschüttelnd.
»Die, welche nie aufgehört Orakel zu sprechen, deren Tempel weder zu Dodona noch zu Delphi, sondern im Menschenherzen ist: die Hoffnung.«
»Die ist noch trügerischer als die anderen,« erwiederte ich; »denn sie schreibt ihre Prophezeiungen nicht einmal auf Blätter, sondern aus Wolken: jene wurden vom Winde nur zerstreut, und es fand sich wenigstens etwas davon wieder; diese aber werden durch den leisesten Hauch verjagt und verschwinden spurlos.«
Apostoli sah mich einen Augenblick an; dann sagte er lächelnd:
»Bist Du denn in deinem Unglauben so glücklich? Höre, John, das größte Unglück kommt dem Glück sehr nahe, so wie das höchste Glück zum Unglück werden kann. Dort ist Samos,« setzte er hinzu und zeigte auf die größere der beiden Inseln, auf welche wir zusteuerten; »hier lebte einst Polykrates, der immer glücklich gewesen war; überall, wo er Krieg geführt, war er Sieger geblieben; er hatte hundert Schiffe mit je fünfzig Ruderern, und tausend Bogenschützen, die tapfersten und geschicktesten in ganz Griechenland; er hatte sich zum Herrn vieler Inseln und mehrerer Städte des Festlandes gemacht; er hatte die Lesbier in einer Seeschlacht besiegt und von den Gefangenen um seine Stadt einen noch sichtbaren tiefen Graben machen lassen. Kurz, in ganz Griechenland war das Glück des Polykrates sprichwörtlich geworden. Als er gar keinen Wunsch mehr hatte, erhielt er ein Schreiben von Amasis, dem Könige Egyptens, der Vordem ein Bündnis mit ihm geschlossen hatte. Dieser Brief lautete:
»»Es ist eine Freude, das Glück eines Freundes und Bundesgenossen zu erfahren; allein so beständige Erfolge wie die deinigen gefallen mir nicht, denn ich weiß, wie neidisch die Gottheit ist. Ich wünsche daher für mich und für Alle, die mir theuer sind, bald Glück bald Mißgeschick, und es ist mir lieber, daß das Leben wechselvoll sei, als daß es im ungetrübten Glücke vergehe; denn ich kenne keinen Menschen, dessen langes Glück nicht am Ende durch irgend eine starke Erschütterung vernichtet worden wäre. Wenn Du daher meinen Rath befolgen willst, so suche deinem Glücke selbst ein Ende zu machen: nimm dein kostbarstes Kleinod, dessen Verlust Dich am tiefsten betrüben würde, und wirf es von Dir, so daß es aus immer für Dich verloren ist. Und wenn Dir nach diesem Verluste das Glück fortwährend günstig sein sollte, so greife wieder zu demselben Mittel.««
»Dies schrieb Amasis, der egyptische Pharaone, an Polykrates, den Tyrannen von Samos, und dieser versank zum ersten Male in tiefes Nachdenken. Endlich beschloß er den Rath seines Bundesgenossen zu befolgen. Der kostbarste, theuerste Gegenstand, den er besaß, war ein goldener Ring, in welchen ein von Theodoros, dem Sohn des Telclkes, gravierter Smaragd gefaßt war, und durch den Verlust dieses Ringes wollte er sich vor tiefem Fall bewahren. Er bestieg daher eine seiner Barken, ließ sich weit auf das Meer hinausrudern und warf daselbst in Gegenwart Aller den Ring in die Fluten. Dann lehrte er nach Samos zurück und vergoß die ersten Schmerzesthränen, welche jemals sein Auge befeuchtet hatten.«
»Einige Tage nachher bat ein Fischer um die Erlaubniß, dem Tyrannen von Samos einen prächtigen unbekannten Fisch, den er eben gefangen, zum Geschenk anbieten zu dürfen Polykrates, dessen Neugierde erregt ward, ließ den Fischer vor sich kommen.
»»Ich lebe nur von meiner Hände Arbeit,« sagte der arme Mann, »aber ich wollte diesen Fisch doch nicht auf dem Markte verkaufen; er schien mir deiner würdig, und ich bringe ihn Dir.««
»»Wohlgesprochen und wohlgethan,«« erwiederte der König, »»trage den Fisch in meine Küche und verzehre ihn mit mir, ich lade Dich zu Gaste.««
»Der Fischer gehorchte und versprach Abends wiederzukommen. Aber ehe es Abend wurde, brachte der Koch dem Polykrates den ins Meer geworfenen Ring, den er in den Eingeweiden des Fisches gefunden hatte. – Als Amasis dies erfuhr, löste er das mit Polykrates geschlossene Bündniß auf, denn er fürchtete, seine Seelenruhe könne durch das unfehlbar bevorstehende große Unglück getrübt werden.«
»Nun, was geht daraus hervor, lieber Apostoli?« sagte ich lachend; »daß es damals wie jetzt Menschen gab, welche das Unglück eines Freundes nicht zur Hälfte tragen mochten, und daß Amasis ein Feigling war, dem Kambyses die Ohren hätte abschneiden sollen.«
»Er hatte aber doch Recht,« erwiederte Apostoli; »denn eines Tages, als sich Oretes und Mitrobates, zwei Feldherren des Cyrus, vor dem Palast befanden, stritten sie sich um den Vortritt; jeder rühmte seine Verdienste und setzte die seines Nebenbuhlers herab. Ich weiß nicht, was Oretes dem Mitrobates vorwarf, aber dieser sagte zu jenem: »»Wie kannst Du Dich zu den Feldherren eines so großen Königs wie der unserige zählen? Du hast ihm nicht einmal diese Insel Samos, welche deiner Provinz so nahe liegt, erobern können! Und es wäre doch so leicht gewesen, denn Polykrates hat sich mit fünfzehnhundert Streitern in den Besitz der Insel gesetzt.«« – Oretes durch diesen Vorwurf tief verletzt, faßte von nun an den Entschluß, Samos zu erobern.
»Er brachte in Erfahrung, daß Polykrates sich zum Herrn des Meeres machen wollte, und schickte Myrsas, den Sohn des Gyges, mit folgender Botschaft an ihn ab:
»»Ich weiß, Polykrates, daß Du große Pläne entworfen hast; aber da ich auch weiß, daß Dir zur Ausführung derselben das nöthige Geld fehlt, so biete ich Dir ein Mittel, deine Macht zu vergrößern und mir zugleich das Leben zu retten. Kambyses trachtet mir nach dem Leben, ich habe Kenntniß von seinen Anschlägen. Ich mache Dir daher den Antrag, mich mit allen meinen Schätzen von hier abzuholen. Ein Theil dieser Schätze soll Dir gehören, den Genuß des Uebrigen wirst Du mir lassen; mit deinem Antheil wirst Du dich leicht zum Beherrscher von ganz Griechenland machen können. Wenn Du zweifelst, ob ich wirklich so große Schätze besitze, so kannst Du einen Vertrauten schicken, dem ich sie zeigen werde.««
»Polykrates schickte den Meandrios, einen der angesehensten Bürger von Samos, und Oretes zeigte ihm acht große Kisten voll Steine, auf welche er eine Schichte Goldbarren gelegt hatte; dann kehrte Meandrios nach Samos zurück und erzählte dem Polykrates was er gesehen.
»Polykrates beschloß sich nun selbst nach Magnesia zu begeben. Vergebens suchte ihn seine Tochter zurückzuhalten: sie habe ihn im Traum als Leiche gesehen und Jupiter habe, ihn gewaschen und die Sonne gesalbt. Alle Vorstellungen blieben fruchtlos, das Gold hatte den Polykrates geblendet, seine glücklichen Tage gingen zu Ende; er verließ Samos und fuhr in Begleitung seines Arztes Democedes und vieler Hofleute und Diener den Meander hinauf. Nach seiner Ankunft in Magnesia wurde er von Oretes festgenommen und ans Kreuz geschlagen. So ging der Traum seiner Tochter in Erfüllung, denn Jupiter schickte einen starken Regen und die Sonne ihre glühenden Strahlen auf ihn herab.
»Wir Griechen,« fuhr Apostoli, »sind eben so unglücklich wie Polykrates glücklich war. Worten wir die Geißel, mit der man uns schlägt, ins Meer werfen, sie würde gewiß von einem Fisch verschluckt und unseren Tyrannen überbracht werden. Nichts deutet auf unser Glück, sowie nichts auf sein Unglück deutete. Aber zu dieser Stunde streiten sich vielleicht vor dem Palast des Sultans Mahmud ein Vesir und ein Pascha, deren einer unsere Freiheit braucht, um seinen Kopf zu retten. Woher unsere Wiedergeburt kommen wird? Ich weiß es noch nicht; aber glaube mir, John, sie wird nicht lange mehr auf sich warten lassen. O wärest Du doch einer von Denen, welche diesem Licht entgegengehen!«
Ich gestehe, daß solche Orakel in Apostoli’s Munde einigen Eindruck auf mich machten, ich habe immer an die Prophezeiungen der Sterbenden geglaubt; wer dem Grabe nahe ist, dürfte wohl über dasselbe hinaussehen können.
Während wir uns die alten Sagen von Samos vergegenwärtigten, waren wir unserm Ziel nahe gekommen und liefen in einen kleinen Hafen ein, wo die beiden Schiffe einen sichern Ankerplatz fanden.
Die Piraten brachten sogleich zwei Zelte ans Land und schlugen dieselben in einiger Entfernung von einander auf, das eine an einem Bache, das andere in einem Wäldchen.
In diesen Zelten wurden Polster und Teppiche ausgebreitet; die Zeltöffnungen befanden sich auf der Landseite, so daß die Kranken die Insel Samos, im Hintergrunde den Gipfel des Berges Mylale und ans beiden Seiten Ephesus und Milet, oder vielmehr die Stelle, wo diese Städte einst standen, sehen konnten. Um diese beiden Zelte errichteten die Piraten ihr Lager.
Als diese Vorkehrungen beendet waren, brachte man Fortunato in das eine Zelt; das andere bezog Apostoli. Dann mußte ich noch einmal schwören, vor der völligen Genesung Fortunato’s keinen Fluchtversuch zu machen, und erhielt nun meine Freiheit. Dieser Schwur war überflüssig, denn ich würde Apostoli um keinen Preis der Welt verlassen haben.
In diesem herrlichen Klima, welches sich nicht verändert hat, seitdem Athene hier zweimal im Jahre reife Trauben fand, war die Nachtkühle nicht zu fürchten. Ich schlief in Apostoli’s Zelte. Constantin blieb bei seinem Sohne. Die Piraten lagerten sich um uns, und nur wenige blieben auf den Schiffen.
Am andern Morgen schickte Constantin eine Barke nach Samos, um frische Lebensmittel zu kaufen. Auf mein Ersuchen brachte man eine Ziege, deren Milch von nun an meinem kranken Freunde zur ausschließlichen Nahrung diente.
Fortunato, dessen Wunde wieder frisch verbunden wurde, befand sich ganz nach Wunsch. Apostoli’s Zustand hingegen war sehr bedenklich; jeden Abend war das Fieber starker, jeden Morgen fühlte er sich schwächer.
An den ersten Tagen bestiegen wir in der Frühe oder Abends einen Hügel, welcher den höchsten Punkt der Insel bildete; aber bald wurde auch dieser kurze Spaziergang zu ermüdend für ihn. Täglich machte er einige Schritte weniger und wählte einen nähern Ruheplatz. Endlich mußte er vor seinem Zelt bleiben, und erst jetzt fing er an die Gefahr seines Zustandes einzusehen.
Apostoli gehörte zu den Menschen, welche selbst bei Unbekannten Theilnahme erwecken; er wurde von den Piraten herzlich bedauert. Ich bezweifelte daher nicht, daß ihm Constantin erlauben werde, nach Smyrna zu den Seinigen zurückzukehren. Ich hatte mich nicht geirrt: der Pirat war sogleich bereit meine Bitte zu gewähren und erbot sich sogar ihn in einer Barke nach Teos führen zu lassen. Von da konnte er leicht nach Smyrna gebracht werden.
Ich theilte meinem Freunde die erwünschte Nachricht mit; aber zu meinem großen Erstaunen nahm er sie ziemlich kalt auf.
»Und Du?« fragte er; »wirst Du mich begleiten.«
»Ich habe nicht um Erlaubniß gefragt.
Apostoli lächelte traurig.
Ich ging wieder zu dem Piraten, der sich eine kleine Weile mit Fortunato berieth. Dann sagte er zu mir, ich hätte ihm mein Wort gegeben, seinen Sohn vor dessen völliger Genesung nicht zu verlassen, und da Fortunato noch an sein Schmerzenslager gefesselt sei, so könne er mich nicht fortlassen.
Apostoli, dem ich diese Antwort überbrachte, sann einen Augenblick nach; dann faßte er meine Hände und zog mich an seine Seite.
»Höre, Bruder,« sagte er, »wenn ich meiner Mutter beim Abschiede einen Sohn, meiner Schwester einen Bruder hätte zurücklassen können, so würde ich es gern gethan haben; sie würden sich bald getröstet haben, weil sie mehr behalten als verloren hätten. Aber da es nicht sein konnte, so ist es besser ihnen den Schmerz der letzten Augenblicke zu ersparen. Ich habe meinem Vater die Augen zugedrückt, und ich weiß aus Erfahrung, wie schmerzlich es ist, Tag für Tag am Krankenbett die ausbleibende Genesung und den zögernden Tod zu erwarten. Der Schmerzenskampf ist länger und peinlicher für die Angehörigen als für den Leidenden. Ich würde bei dem Anblick ihres Schmerzes meine Kraft verlieren. Zu Hause würden mich die trostlose Mutter, die jammernde Schwester nicht lassen wollen; hier wird mich Gott abrufen. – Ich bin sogar mit dem Gedanken umgegangen, meiner Mutter meinen Tod zu verheimlichen, ihr sagen zu lassen, ich sei auf Reisen, und Dir Briefe zu übergeben, welche Du ihr von Zeit zu Zeit schicken würdest, als ob ich noch lebte. Meine Mutter ist bejahrt und kränklich; vielleicht hätten wir sie täuschen können, bis man ihr ans ihrem Sterbelager gesagt hätte, daß sie mich nicht verlassen, sondern zu mir kommen werde. Doch ich mag’s nicht thun, John; der Gedanke, nach dem Tode noch zu lügen, ist mir peinlich.«
Ich sank in seine Arme.
»Aber warum gibst Du Dich so traurigen Gedanken hin, lieber Apostoli?« sagte ich. »Du bist jung, Du bewohnst ein Land, wo die Luft so mild, die Natur so schön ist; deine Krankheit ist in unserm kalten feuchten Norden wohl tödtlich, hier gewiß nicht. Wir wollen nicht mehr an den Tod, sondern nur an dritte Genesung denken. Und wenn Du wieder gesund bist, gehen wir zu deiner Mutter, und statt des einzigen Sohnes wird sie zwei Söhne haben.
»Ich danke Dir, John,« antwortete Apostoli mit seinem wehmüthigen Lächeln; »aber eine Täuschung ist nicht mehr möglich. – Du sagst, ich sei jung?«
Er versuchte aufzustehen, und sank kraftlos zurück.
»Du siehst. Was nützt es mir, daß ich zwanzig Jahre alt bin, wenn ich schwach bin wie ein Greis? Ich wohne in einem Lande, wo die Luft mild und die Natur schön ist; aber diese milde Luft durchglüht mir die Brust, diese schöne Natur fängt an vor meinen Augen zu verschwinden. Denn täglich verlieren die mich umgebenden Gegenstände an Gestalt und Farbe, ich sehe nur noch durch einen immer dichter werdenden Schleier. Bald wird mir der hellste Sonnenschein nur noch als Dämmerung erscheinen, und aus der Dämmerluft werde ich sanft in die dunkle Nacht übergehen. Versprich mir, John, dann Alles zuthun, was ich von Dir verlange.«
Ich nickte schweigend, es wäre mir unmöglich gewesen zu sprechen.
»Wenn ich todt bin,« fuhr er fort, »so schneide mir die Haare ab und zieh diesen Ring von meinem Finger. Die Haare bestimme ich meiner Mutter, den Ring soll meine Schwester erhalten; sie sollen meinen Tod von Dir erfahren, denn Du wirst ihnen diese Trauerbotschaft schonender als jeder Andere überbringen. Du wirst, wie die Boten im Alterthum, mit einem Stengel Eisenkraut vor ihnen erscheinen, und da sie lange nichts von mir gehört haben und nicht wissen werden, was aus mir geworden, so werden sie errathen, daß ich todt bin.«
»Es soll Alles geschehen, was Du wünschest,« antwortete ich; »aber sprich so nicht mehr, ich kann’s nicht ertragen.«
Ich stand auf, um mich zu entfernen, denn ich konnte mich der Thränen nicht erwehren.
»Bleib doch,« sagte aber Apostoli, »und sei nicht so traurig. Du weißt wohl, daß wir sterben, um wieder aufzuleben, und daß wir Griechen uns immer für unsterblich gehalten haben, gleichviel was für Götter wir verehrten. Orpheus und der heilige Hieronymus, die tausend Jahre nach einander gelebt, haben uns in der gleichen Sprache Hymnen an Pluto und Gebete an Christus hinterlassen.
Er begann nun in seiner schönen melodischen Sprache die uralte Hymne an den Pluto. – Ich würde vergebens versuchen den Eindruck zu schildern, den diese von einem Nachkommen des Agamemnon gesprochenen begeisterten Worte auf mich machten. Es schien mir, als ob ich um zweitausend Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt worden i wäre und einem jener griechischen Weisen zuhörte, die durch ihr Leben wie durch ihren Tod ein belehrendes Beispiel gegeben haben. Und um diese Täuschung vollkommen zu machen, sah ich vor mir die Piraten, welche sich, wie ermüdete Seevögel, auf der Insel des Ikarus niedergelassen hatten und nur das Ende des Schwanengesanges zu erwarten schienen, um wieder nach ihrem Felsenneste zu fliegen.
Die Sonne ging eben hinter den Inseln Andros und Tenos unter, und die Luft war so rein, daß man in einer Entfernung von mehren Meilen die an der Küste von Samos zerstreuten Fischerhütten sah. Um Apostoli zu zerstreuen, lenkte ich seine Aufmerksamkeit auf das herrliche Landschaftsbild.
»Ja,« sagte er, »Du siehst es, und ich sehe es auch noch mit den Augen des Geistes; aber mit den Augen des Körpers sehe ich es nicht mehr. Alles ist für mich mit einem Schleier bedeckt, der morgen gelüftet wird. Morgen werde ich nicht nur die gegenwärtigen, sondern auch die vergangenen und die zukünftigen Dinge sehen. Glaube mir, John, wer in solchem Glauben stirbt, ist glücklicher als der Lebende, der nicht glaubt.«
»Das kann mir nicht gelten, Apostoli,« erwiederte ich; »denn obgleich unsere Religion in einigen Glaubenssätzen verschieden ist, so bin ich doch, wie Du, von einer treuen, liebevollen Mutter erzogen worden, ich glaube und hoffe.«
»Höre,« sagte Apostoli, »ich wünsche einen Priester. Rufe Constantin, ich will ihn darum bitten – und noch um manches Andere.«
»Was willst Du denn von ihm? Bedenke doch, daß Alles, was Du von einem Andern erbittest, ein Raub an mir ist.«
»Ich will ihn um die Freiheit der gefangenen Matrosen und Reisenden bitten; ich will ihn bitten, sie an meinem Todestage frei zu lassen, damit sie und ihre Angehörigen mein Andenken segnen.«
»Und Du glaubst, daß er Dir diese Bitte gewähren wird?«
»Führe mich in das Zelt zurück, John, denn die Luft ist kühl, dann hole ihn.«
Ich geleitete Apostoli bis an sein Lager, denn er war so schwach, daß er sich nicht mehr allein aufrecht halten konnte. Dann holte ich Constantin.
Beide blieben wohl eine halbe Stunde beisammen. Ich verstand nicht was sie sprachen, aber an dem Ton, in welchem das Gespräch geführt wurde, war leicht zu errathen, daß Constantin Alles bewilligte, was Apostoli von ihm begehrte. Ein einziger Gegenstand wurde etwas lebhafter erörtert; aber Constantin sagte einige Worte in bittendem Tone, und Apostoli ließ nach.
»Nun?« fragte ich, als Constantin fort war.
»Morgen Früh kommt ein Priester, und an meinem Todestage werden alle Gefangenen frei; Du allein, John, mußt bleiben, bis Fortunato völlig geheilt ist. Verzeihe mir; er beschwor mich bei meiner Mutter, von meiner Bitte abzustehen, und so habe ich ihm in deinem Namen versprochen, daß Du ihn nach Keos begleiten wirst.«
»Ich werde halten, was Du versprochen, Apostoli. Es gilt mir ziemlich gleich, wohin ich gehe, ich bin ja ein Verbannter. Aber wie hast Du von Constantin ein solches Opfer erlangt?«
»Wir Beide,« antwortete Apostoli, »sind Mitglieder der Hetärie, jenes Bundes, der die Wiedergeburt Griechenlands zum Zweck hat, und nach unseren Statuten darf man eine Bitte, die ein Freund auf dem Sterbelager ausspricht, nicht abschlagen. Ich habe ihn um die Freilassung der Gefangenen gebeten, und er hat eingewilligt.«
»Das macht Dich größer als deine Vorfahren!« sagte ich; »ein alter Grieche würde eine Hekatombe verlangt haben. – Du hast ein Wort des Friedens, der Versöhnung gesprochen; denn Du willst nicht nur beweint werden, Viele sollen Dich auch als ihren Wohlthäter und Erretter segnen.«
Apostoli lächelte wehmüthig. Ich sah, daß er leise betete, und ließ ihn allein. – Ich erstieg den Hügel, das gewöhnliche Ziel unserer Wanderung, als Apostoli noch einige Kraft hatte.
Oft hatte er, einen Kirschlorberzweig abbrechend und in einen Erdhügel steckend, zu mir gesagt: »Wenn ich meine letzte Ruhestätte wählen könnte, so möchte ich hier begraben werden.«
Der letzte Zweig, den er in die Erde gesteckt hatte, war noch da, als ob er dem Sterbenden den Platz aufbewahrt hätte. Ich legte mich neben dem verweilten Zweige nieder; vor mir schimmerte die Quelle eines dem Meere zufließenden Baches und ringsum, so weit das Auge reichte, waren die zahllosen Inseln, gleich Blumenkörben, über den blauen Wasserspiegel verbreitet. Es mußte für einen Sterbenden in der That ein Trost sein, einen solchen Platz zur Ruhestätte zu wählen.
Als ich wieder in das Zelt kam, schlief Apostoli ziemlich ruhig; aber eine halbe Stunde nachher wurde der Schlaf durch einen Husten mit starkem Blutauswurf unterbrochen. Zwei- oder dreimal wurde der Leidende in meinen Armen ohnmächtig und jedes mal sah er mich beim Erwachen mit jenem sanften, wehmüthigen Lächeln an, das ich nur bei denen gesehen habe, welche schon in der Jugend dem Tode geweiht sind.
Endlich, gegen zwei Uhr Nachts, ruhte der Kampf zwischen Leben und Tod. Das Leben war besiegt und schien den Feind nur noch um eine kurze Frist zu bitten, um mit Ruhe und Ergebung zu erlöschen.
Bei Tagesanbruch kam der griechische Priester, den man von Samos geholt hatte. Apostoli freute sich herzlich. Ich wollte sie allein lassen; aber er wollte sich nicht von mir trennen.
»Bleibe, John,« sagte er, »die Zeit unseres Zusammenseins ist ja ohnehin kurz bemessen.«
Dann erzählte er dem alten Geistlichen sein reines fleckenloses Leben. Der tiefgerührte Priester zeigte auf den Sterbenden und dann auf die Piraten, welche sich vor dem Zelte versammelt hatten.
»Sehen Sie,« sagte er zu mir, »dieser muß scheiden – Jene bleiben.«
»Gottes Rathschlüsse sind unerforschlich,« sagte Apostoli; »mich schwachen Menschen ruft er zu sich, um für die Freiheit zu beten; die Starken bleiben hier, um zu kämpfen.«
»Ja, erwiederte der Mönch, »in Kurzem wirst Du im Grabe den Racheruf deiner Brüder hören; vor Gottes Throne vermagst Du mehr für dein Vaterland zu thun, als hienieden.«
»So heiße ich denn den Tod willkommen!« sagte Apostoli mit Begeisterung.
»Amen!« sagte Constantin, der eben in das Zelt trat und an dem Lager des Sterbenden niederkniete.
Der Priester spendete ihm das Abendmahl. Und ich begann nun an die nahe Wiedergeburt Griechenlands zu glauben, als ich einen Jüngling, einen bejahrten Mönch und einen Piratenhäuptling, die doch durch ihre sociale Stellung, sowie durch ihren Wandel und ihr Lebensziel so weit von einander verschieden waren, durch ein geheimnißvolles Band, durch gemeinsame Liebe und Hoffnung vereinigt gesehen.
Als die heilige Handlung beendet war, schien Apostoli noch ruhiger als zuvor. – Sobald sich der alte Mönch entfernt hatte, sehnte sich der Kranke ins Freie; wir trugen ihn auf der Matratze vor das Zelt. Kaum war er draußen, so erklärte er mit Entzücken, daß er den trüben Schleier nicht mehr vor den Augen habe, daß er den Himmel wieder sehe und das Meer, und sogar die Küste, welche uns in den ersten Morgenstrahlen nur als ein am Horizont schwebender Dunst erschien. Seine Augen strahlten so freudig, sein Gesicht war so heiter, daß ich an seinen nahen Tod nicht glauben mochte. Ich setzte mich an seine Seite; er sprach nur von seiner Mutter und Schwester, nicht mehr wie in den letzten Tagen, sondern wie ein Wanderer, der lange abwesend war und seine Theueren bald wieder sehen wird.
So verging der ganze Tag. Es war indeß nicht zu verkennen, daß die körperliche Schwache im Verhältniß des geistigen Aufschwungs zunahm. Der Abend kam – ein warmer duftiger stiller Abend. Apostoli hatte eine Zeitlang nicht gesprochen; als die Sonne hinter den Bergen von Andros unterging, schien er wieder Kraft zu bekommen; er richtete sich auf, um das sinkende Gestirn noch länger zu sehen – endlich streckte er die Arme nach dem erglühenden Abendhimmel aus, lispelte das Wort Lebewohl und ließ den Kopf auf meine Schulter sinken.
Der arme Apostoli war todt – er hatte ohne Schmerz, ohne Kampf geendet, wie eine erlöschende Flamme, wie ein schwindender Glockenton.
Ich schnitt ihm, seinem Wunsche gemäß, die Haare ab und zog ihm den Ring vom Finger.
Die ganze Nacht wachte ich bei ihm. Morgens kamen zwei Frauen von Samos, welche den Todten wuschen, mit duftenden Salben einrieben, sein Haupt mit Blumen bekränzten und ihm eine Lilie aus die Brust steckten. Dann ging ich mit zwei Piraten auf den Hügel und ließ an der Stelle, wo er die Kirschlorberzweige eingepflanzt, ein Grab machen.
Im Laufe des Tages wurden die am Bord der »Bella Levantina« befindlichen Waaren an Bord der griechischen Feluke gebracht. Abends kam der alte Mönch wieder, kniete vor dem Todten nieder und sprach die üblichen Gebete. Dann wurden die Gefangenen vor das Zelt geführt; sie erkannten Apostoli, er war ihnen lieb geworden und sie beweinten ihn.
Vier Piraten trugen den offenen Sarg. Voran schritt der Priester, gefolgt von zwei Chorknaben mit brennenden Fackeln; hinter der Leiche gingen die beiden Frauen von Samos. Jede trug aus dem Kopfe eine Schüssel mit gekochtem Weizen und einer aus Mandelteig geformten weißen Taube; der Rand der Schüssel war mit Trauben, Feigen und Granaten belegt. Als der Zug auf den Begräbnißplatz kam, stellte man die beiden Schüsseln auf die Leiche und ließ sie so lange als der Priester das letzte Gebet sprach. Dann wurden die Schüsseln herumgereicht und jeder der Anwesenden aß einen Bissen davon. Inzwischen wurde der Sargdeckel festgenagelt, und bald hörte man das unheimliche, zuerst dröhnende und dann immer schwächer werdende Poltern der Erde auf dem Holz, welches den mir so theuren Freund umschloß. Als die Todtengräber ihr Geschäft beendet hatten, streckte Constantin den Arm aus und sagte zu den Gefangenen:
»Der hier Ruhende hat vor seinem Ende um eure Freiheit gebeten. Dort ist euer Schiff das ich Euch zurück gebe; das Meer ist Euch offen, der Wind günstig – gehet, Ihr seid frei.«
Dies war die einzige Rede, welche an dem Grabe Apostoli’s gehalten wurde.
Die Vorbereitungen zur Abfahrt wurden sogleich getroffen, die Passagiere, welche zu ihrer großen Freude mit dem Verlust ihrer Waaren davonkamen, und der Capitän, der sein Schiff wieder erhielt, konnten diese bei einem Piratenführer unerhörte Großmuth nicht begreifen. Ich selbst fing an diesen Mann anders zu beurtheilen. Fortunato, der dem Sarge nicht hatte folgen können, lag vor seinem Zelt; er hatte den Zug gesehen. Ich ging zu ihm und reichte ihm weinend die Hand.
»Ja, er war ein würdiger Sohn Griechenlands,« sagte er. »Sie sehen, daß wir das erste Versprechen gehalten haben; das zweite werden wir seiner Zeit eben so treu halten.«
Fortunato, dessen Wunde zu vernarben begann, konnte nun ohne Bedenken wieder an Bord gebracht werden. Ich schied mit schwerem Herzen von dieser Insel, auf welcher mein theurer Freund ruhte. Noch denselben Abend liefen beide Schiffe aus dem kleinen Hafen aus und entfernten sich in verschiedenen Richtungen von Nicaria.
Als die Sonne unterging, geradezu der Stunde, wo Apostoli gestern entschlafen war, fiel eine von Norden nach Süden ziehende Schaar Schwäne auf den Hügel, wo sein Grab war.
»Siehst Du?« sagte Fortunato zu mir; »es sind die Seelen der Märtyrer, welche einen Seligen heimsuchen.«
Dann kam die Nacht und bald verloren wir die Insel Nicaria aus dem Gesicht.
Dritter Teil
I
Am andern Morgen, als wir erwachten, befanden wir uns mitten im ägäischen Meere und segelten auf die unter dem Namen Cykladen bekannte Inselgruppe zu. Gegen Abend fuhren wir durch die Meerenge, welche Tenos von Mykone trennt, und warfen dann in dem Hafen einer kleinen Insel den Anker aus.
Constantin sagte, daß wir hier übernachten würden, und lud mich ein, einige seiner Leute auf den Wachtelfang zu begleiten und nachher mit ihm und Fortunato das Nachtessen einzunehmen.
Diese Unterhaltung hatte in meiner trüben Stimmung keinen großen Reiz für mich; aber als ich erfuhr, daß diese kleine Landzunge unter dem modernen Namen Ortygia den altberühmten Namen Delos verbarg, so stieg ich in die Schaluppe – nicht um Wachteln zu fangen, sondern um die schwimmende Wiege der Diana und des Apollo zu besuchen. Diese Insel soll vor Zeiten, wie Plinius berichtet, reich an Palmen gewesen sein, allein jetzt würde man vergebens einen einzigen Palmbaum auf derselben suchen. Um der flüchtigen Latona eine Zuflucht zu bieten, hatte Neptun die Insel mit einem Schlage seines Dreizacks aus dem Meere hervorgetrieben; anfangs schwamm sie unstät auf den Wellen umher, bis Jupiter sie mit diamantenen Ketten zwischen Skyros und Mykone an den Meeresgrund fesselte. Latona wurde von Geburtsschmerzen befallen, und sobald sie die ersten Klagetöne hören ließ, stiegen Thoa, Dione und Amphitrite aus dem Meere und eilten ihr zu Hilfe. Latan gebar nun die beiden Götterkinder Apollo und Diana.
In Folge dieser Sage war Delos ein geweihter, heiliger Ort, an welchem die Griechen ihren Staatsschatz aufbewahrten. Die Athener schickten alljährlich ein Schiff dahin, um Opfer zu bringen, und von dem Augenblicke, wo der Priester des Apollo das Schiff mit Blumen bekränzte, bis zur Rückkehr desselben in den Hafen durste in Athen kein Mensch getödtet werden. So wurde auch das über Sokrates verhängte Todesurtheil dreißig Tage aufgeschoben, weil es am Tage nach der Abfahrt gesprochen wurde und die Rückkehr abgewartet werden mußte.
In einer Stunde machte ich die Runde um die jetzt unbewohnte und mit Trümmern bedeckte Insel. Die Matrosen hatten eine große Menge Wachteln in Netzen gefangen. Wegen der außerordentlichen Menge dieser Vögel hat die Insel den Namen Ortygia (Wachtelinsel) erhalten.
Fortunato und Constantin erwarteten mich zum Abendessen. Es war das erste Mal, daß wir zusammen an einem Tische aßen, und man machte ein kleines Festmahl daraus. Uebrigens hatte ich nie Ursache gehabt, mich über die Behandlung von Vater und Sohn zu beklagen; die beiden Piraten besaßen eine Bildung, welche mit ihrem Gewerbe unvereinbar schien und mich in Erstaunen setzte. Diesen Abend waren sie noch freundlicher und zutraulicher als gewöhnlich. Nach dem Essen, nachdem jeder von uns einen Becher mit Wein zweimal geleert hatte und die Diener uns die brennenden Pfeifen reichten, konnte ich meine Verwunderung über diese freundliche Behandlung nicht verbergen. Beide sahen sich lächelnd an.
»Wir waren auf diese Frage gefaßt,« sagte Constantin zu mir; »Du beurtheilst uns so, wie uns jeder Andere an deiner Stelle beurtheilen würde. Wir haben also nichts dagegen zu sagen.
Er erzählte mir nun seine Geschichte – die alte und immer neue anziehende Geschichte von erlittenem Unrecht, welches den Menschen antreibt, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen und das Böse mit Bösem zu vergelten. Constantin war von Geburt ein Mainote; seine Voreltern gehörten zu den kühnen, freiheitliebenden Bewohnern des Tapgetosgebirges, welche von den Türken nie unterjocht wurden. Sein Vater Denretrius hatte eine junge Griechin geliebt, welche mit ihren Eltern nach Constantinopel gegangen war. Er war seiner Geliebten gefolgt und hatte sich in Pera niedergelassen. Dort lebte er glücklich im Kreise seiner Familie, als in dem benachbarten Hause eines Türken Feuer ausbrach. Acht Tage nachher verbreiteten sich allerlei bedenkliche Gerüchte. Man sagte, die Griechen hätten das Haus ihres Feindes angezündet, und der Pöbel, diesen willkommenen Vorwand benützend, umzingelte in der Nacht den ganzen Stadttheil; alle Häuser der Griechen wurden erstürmt, Fortunato und Constantin wehrten sich eine Zeitlang; aber nachdem der Vater des Letztern ermordet worden war, flüchteten sie sich mit dem Rest ihrer Familie durch eine Hinterthür und nahmen alles Geld mit, das sie in der Eile zusammenraffen konnten. Hans und Waaren mußten sie im Stich lassen. Sie erreichten das Marmorameer, und von da den Archipel, wo sie Piraten wurden. Seit dem beraubten sie die Kaufleute und verbrannten deren Schiffe, so wie man ihre Waaren geraubt, ihr Haus angezündet hatte. Wenn ihnen ein Türke in die Hände fiel, so mußte er für den Tod ihres gemordeten Vaters büßen.
»Jetzt,« sagte Fortunato, als sein Vater diese Erzählung beendet hatte, »Jetzt wirst Du unsere Unruhe begreifen, wie wir deine Neugier natürlich fanden. Du hattest mir eine Wunde geschlagen, und wie Achill hast Du sie geheilt. Du bist daher für uns ein Bruder geworden; aber für Dich sind wir nur Piraten und Räuber. Von den Griechen, unseren Landsleuten, haben wir nichts zu fürchten; auch nicht von den Türken, deren Kriegsschiffen wir so leicht entkommen, wie die Schwalbe der Eule entwischt, und die uns in unserer Veste nicht anzugreifen wagen. Aber Du, John, gehörst einem Volke an, dessen Macht sich über die ganze Erde erstreckt; seine leichtbeschwingten Schiffe sind überall gleich zur Stelle ; einer seiner Söhne wird nie ungestraft beleidigt. Du sollst Dich nie über uns zu beklagen haben, John; schwöre uns daher, unsere Zufluchtstätte nie zu verrathen. Wir bitten nicht um eine Freundschaft, aber verlangen Verschwiegenheit, die Du jedem Gastfreunde schuldig bist. Wenn Du uns dieses Versprechen nicht geben willst, so bleiben wir hier, bis ich völlig geheilt bin. Dann bist Du frei, und wir geben Dir an Gold und Edelsteinen was Du verlangst; denn,« setzte Fortunato, mit dem Fuße an eine Schatulle stoßend, hinzu, »wir haben in diesem Koffer so viel, daß wir selbst den Aeskulap bezahlen könnten. Dann kannst Du uns verlassen und Dich bei deinem Consul beklagen, und Vielleicht werden wir uns mit den Waffen in der Hand wiederfinden.«
Er machte einen Rosenkranz vom Halse los und warf ihn auf den Tisch.
»Willst Du hingegen bei uns bleiben, so schwöre mir bei dieser Reliquie, welche mein Großvater von dem Patriarchen erhalten hat, daß Du uns nie anzeigen, nie Klage führen willst, und noch diesen Abend werden wir absegeln; morgen bist Du unser Freund, unser Gast, unser Bruder; unser Haus ist das deine und wir haben kein Geheimniß mehr vor Dir.«
»Du weißt ja, Fortunato,« erwiederte ich, »daß ich gerichtet bin, wie Du, daß ich den Beistand meiner Nation nicht anrufen kann, sondern mich um meiner Sicherheit willen verbergen muß. – Du sprichst von Belohnung? Sieh diesen Gürtel, er ist voll Gold und Wechsel. Ich gehöre einer reichen Familie an, und ich brauche nur an meinen Vater zu schreiben, um jedes Jahr das Doppelte dieser Summe zu erhalten. Ich habe nur Eine Pflicht zu erfüllen: ich muß mich persönlich zu Apostoli’s Mutter und Schwester begeben, um ihnen seinen Tod anzuzeigen und die mir anvertrauten Andenken zu übergeben. Versprich mir, daß ich frei sein werde, wenn ich mich dieses Auftrages entledigen will, und dann werde ich auf diese Reliquie den verlangten Schwur leisten.«
Fortunato sah seinen Vater an, der ihm beistimmend zunickte.
Dann nahm er die Reliquie, küßte sie, sprach leise ein kurzes Gebet und sagte:
»Ich schwöre in meinem und meines Vaters Namen, daß Du frei sein sollst, sobald Du es verlangst, und daß wir zur Reise nach Smyrna oder nach einem andern Orte, wohin Du Dich begeben willst, alle uns zu Gebote stehenden Mittel zu deiner Verfügung stellen wollen.«
»Und ich,« sagte ich, ebenfalls aufstehend, »ich schwöre bei dem Grabe unseres gemeinsamen Bruders Apostoli, daß ich kein Wort sprechen werde, das Euch in Gefahr bringen könnte, Ihr müßtet denn nichts mehr zu fürchten haben oder mir mein Wort zurückgeben.«
»Es ist gut,« sagte Fortunato mir die Hand reichend, »Du hast’s gehört, Vater; gib also Befehl zur Abfahrt, denn Du wirst Dich, eben so wie ich, nach Hause sehnen, um die zu beruhigen, welche um uns in Sorgen sind.«
Constantin ertheilte sogleich einige Befehle in griechischer Sprache, und einige Minuten nachher setzte sich die Feluke in Bewegung.
Als ich am andern Morgen erwachte und auf das Verdeck stieg, fuhren wir mit vollen Segeln und Rudern auf eine große Insel zu , welche uns zwei Landzungen entgegenstreckte. Hinter dem Hafen, der durch diese zwei Landzungen gebildet wurde, erhob sich ein Berg, der mir mehr als sechshundert Metres hoch zu sein schien.
Die Matrosen sangen fröhliche Lieder, welche von der am Hafen zusammenströmenden Bevölkerung beantwortet wurden. Unsere Rückkehr war offenbar ein Fest für die ganze Insel.
Fortunato kam trotz seiner Schwäche auf das Verdeck, er hatte, wie sein Vater, seine prächtigsten Kleider angelegt. Endlich liefert wir in den Hafen ein und warfen vor einem sehr schönen, von Maulbeerbäumen umgebenen Hause den Anker. Aus einem Fenster dieses Hauses wehte ein weißes, mit Gold gesticktes Schnupftuch. Fortunato und Constantin beantworteten diesen Gruß durch Pistolenschüsse: es war das Zeichen einer glücklich vollendeten Reise. Der Jubel wurde immer lauter, und wir stiegen mitten unter einer fröhlichen Menschenmenge ans Land.
Wir waren auf der Insel Zea, dem alten Ceos, wo Nestor auf seiner Rückkehr aus dem trojanischen Kriege landete und wo der Dichter Simonides geboren ist.
II
Das Haus Constantin’s stand allein, von Oliven- Maulbeer- und Citronenbäumen umgeben, am nordwestlichen Abhange der Eliasberges. Auf der Plattform welche sich vor dem Hause ausbreitete, hatte man eine weite Aussicht über den Hafen, an welchem im Halbkreise das Städtchen erbaut ist, über das Meer, von dem Golf von Aegina bis Negroponte. Nordwärts, hinter dem Vorgebirge von Sunium, bemerkte man die Gebirgskette des Parnaß, hinter welcher Athen liegt.
Zu der Hausthür führte ein leicht zu vertheidigender Fußpfad , der sich bis zum Gipfel des Eliasberges hinaufzog. Dort stand, einem Adlerhorst gleich, eine Festung, in welche man sich nöthigenfalls zurückziehen konnte. Eine oben aufgestellte Schildwache konnte in weiter Ferne jedes sich nähernde Schiff sehen.
Wie alle der wohlhabenden Classe gehören den Häuser hatte es einen von hohen Mauern umgebenen Vorhof, ein Erdgeschoß und oben einen den ganzen ersten Stock umschließenden Balcon; dann einen zweiten Hof, der nur auf einer verschließbaren Treppe zugänglich war und zu einem abgesonderten Pavillon führte. Hinter diesem lag ein großer schöner mit Wällen umgebener Garten, in welchem man ungesehen spazieren gehen konnte.
Im Erdgeschoß, welches eigentlich nur eine große Säulenhalle war, hausten Constantin’s Diener, sämmtlich in Klepythentracht. Die Wände und Pfeiler waren mit kostbaren Waffen, Säbeln, Pistolen und langen Flinten bedeckt. Dieses kriegerische Vorgemach, in welchem seine Leute am Tage spielten und in der Nacht schliefen, erinnerte an den feudalen Prunk des fünfzehnten Jahrhunderts. Wir gingen mitten durch diese stattliche Schaar, welche ihren Häuptling wie Soldaten und nicht wie Diener begrüßten; man ahnte in dem Gehorsam dieser Leute eine Willensfreiheit und Unabhängigkeit, durch welche sowohl der Befehlshaber als die Untergebenen in den Augen eines Fremden sehr gewannen: es war Hingebung, keine Dienstbarkeit.
Constantin sprach mit jedem einige freundliche Worte, nannte sie mit Namen und erkundigte sich, wie es schien, nach ihren Angehörigen; dann stellte er mich als den Retter seines Sohnes vor. Einer von ihnen kam sogleich auf mich zu und küßte mir mit würdevollem, anmuthigem Anstande die Hand. Fortunato, dem das Gehen noch schwer wurde, wurde von vier Klepythen die äußere Treppe hinauf getragen.
Der erste Stock bestand ans drei lustigen Zimmern, deren Wände ganz mit Divans umgeben waren. Auch hier hingen prächtige Waffen, lange Pfeifen und Rosenkränze an den Wänden. Kaum waren wir in das mittlere Zimmer getreten, so brachten uns zwei schöne, reichgekleidete Knaben den Kaffee und die brennenden Pfeifen. Wir tranken einige Tassen Kassee und rauchten einige Pfeifen; dann führte mich Constantin in mein Zimmer, welches die östliche Ecke des Hauses bildete, zeigte mir eine zum Erdgeschoß hinabführende Treppe, die ich nach Belieben benutzen konnte, und begab sich in seine Wohnung, welche er sorgfältig verschloß.
Ich blieb allein und konnte mit Muße über meine seltsame Lage nachdenken.
Ich hatte in wenigen Monaten so viel erlebt, daß ich zuweilen zu träumen glaubte. Meine früheste Jugend hatte ich unter der zärtlichen Obhut meiner Eltern verlebt; das Vaterhaus war meine Welt gewesen; dann hatte ich den Schulzwang mit der strengen Disciplin eines Kriegsschiffes vertauscht – und nun war ich auf einmal frei wie der Vogel in der Luft, dessen Schwingen noch zu schwach sind, einen großen Raum zu durchfliegen. – Wo war ich ? In einem Piratennest, welches mich bis jetzt an die Höhle des Capitän Rolando in »Gil Blas« erinnerte. Aber wohin sollte ich mich wenden, wenn ich fortgehen würde? Ich wußte es nicht. Es standen mir freilich alle Pforten der Welt offen, aber eine, die Pforte meines Heimatlandes, sollte mir auf immer verschlossen bleiben.
Ich weiß nicht wie lange ich so gegrübelt haben würde, wenn nicht ein durch die Jalousien fallender Sonnenstrahl mich auf dem Divan heimgesucht hätte. Ich stand auf, um diesem unwillkommenen Besuch auszuweichen; aber als ich ans Fenster trat, vergaß ich, warum ich ausgestanden war. Zwei in lange weite Gewänder gehüllte weibliche Gestalten gingen über den Hof, dem Pavillon zu, an dessen vergittertem Fenster ich bei der Einfahrt in den Hafen ein Schnupftuch hatte wehen sehen. Wer waren diese Frauen, von denen weder Constantin noch Fortunato ein Wort gesprochen hatten? Vermuthlich Fortunato’s Schwestern, denn dieser war noch zu jung, um schon verheirathet zu sein, und Constantin war nicht mehr jung genug, um eine Frau von dem Alter der beiden Unbekannten zu haben. Denn jung waren sie, das sah ich an ihrem leichten, sichern Gange.
Die Thür des Pavillons schloß sich hinter den beiden Frauen. Ich blieb am Fenster stehen, und statt die mir vorhin lästige Oeffnung zu schließen, suchte ich sie zu vergrößern, um zu sehen, und vielleicht auch um gescheit zu werden; aber ich bedachte, daß Constantin, der sich ohne Zweifel in die orientalischen Sitten hinein gelebt hatte, Verdacht schöpfen und mir in einem andern Theile des Hauses eine Wohnung anweisen könne. Ich verhielt mich daher ganz ruhig hinter dem Fenster, denn ich hoffte die eine oder die andere Nachbarin zu sehen. Zwei zahme Turteltauben setzten sich auf den Rand des Papillonfensters, der Gitterrahmen wurde aufgehoben, eine kleine weiße Hand kam zum Vorschein und nahm die der Venus geweihten Vögel in das Zimmer.
O Eva, unsere gemeinsame Mutter, wie gern verzeihen dir deine Kinder die Sünde, durch welche sie sterblich geworden sind! Wie gewaltig ist doch die Neugierde, welche Du der Welt hinterlassen hast! fühlte sich doch einer deiner x Söhne nach so vielen Generationen von dem Erbübel durchdrungen! Als er die schöne Hand sah, verschwanden Vaterland und Familie in seiner Erinnerung, wie aus einem Theater ein düsterer Wald oder seine schauerliche Höhle verschwindet, um einem Feenschloß Platz zu machen. Diese Hand hatte den Vorhang aufgezogen, der mir den wahren Horizont verbarg: Zea war nicht mehr das kleine Felseneiland, Constantin war nicht mehr der Anführer der gegen die Gesetze aller Nationen sich auflehnenden Piraten; ich selbst war nicht mehr der arme heimatlose Midshipman. Zea war das liebliche Ceos, wo Nestor der Pallas Athene einen Tempel baute; Constantin war ein König, wie Idomeneus, der die Kreter gegen Troja führte, und ich war ein Verbannter, der, wie der Sohn des Anchises, eine verliebte Dido oder eine keusche Lavinia suchte.
Während ich mich in diesen goldenen Träumen wiegte, that sich die Thür auf und man meldete mir, daß mich Constantin zum Essen erwarte.
Ich freute mich, daß er nicht selbst gekommen war; denn ich stand wie eine Bildsäule am Fenster, und mein Wirth hätte aus meiner Befangenheit leicht schließen können, was ich erwartete. Zum Glück war’s einer seiner Pagen, der nur Neugriechisch sprach und zur Geberdensprarhe seine Zuflucht nehmen mußte, um sich mir einigermaßen verständlich zu machen. Ich verstand ihn leicht und folgte ihm sehr bereitwillig, denn ich hoffte die schöne Hand bei Tische zu sehen.
Ich irrte mich; Constantin und Fortunato waren allein an der mit asiatischen Speisen besetzten, aber nach europäischer Art servirten Tafel.
Das Voressen bestand in einem kegelförmigen Reisberge, der aus einer großen Schüssel mit saurer Milch hervorragte, aus gebackenen Eiern und Gemüse. Der zweite Gang bestand in gesottenem Geflügel, Kalbsbraten und Fischroggen, mit Knoblauch und Zimmt gewürzt. Als Dessert wurden Orangen, Feigen, Datteln und Granaten aufgetragen. Den Beschluß machten Pfeifen und Kaffee.
Bei Tische sprachen wir von gleichgültigen Dingen, ohne daß Constantin und Fortunato meine Herzensangelegenheit berührten. Als wir einige Pfeifen geraucht hatten, sagte mir Constantin, ich könne von meiner Freiheit Gebrauch machen, und auf die Jagd gehen oder die Alterthümer der Insel besuchen. Ich zog diese letztere Unterhaltung vor; er ließ mir sogleich ein Pferd satteln und beorderte einige Bewaffnete mich zu begleiten.
Dieser Befehl, ein Pferd zu satteln, schien mir überflüssig auf einer Insel, welche kaum sechs bis acht Stunden im Umfange hat. Ich fand es sonderbar, daß so kräftige und an Strapazen gewöhnte Männer wie Constantin und Fortunato Pferde nöthig hatten, um sich von einem Punkte ihrer Besitzungen zum andern zu begeben. Ich nahm aber das Anerbieten an und begab mich mit Constantin in den ersten Hof.
Das Pferd wurde sogleich vorgeführt. Es war eines jener schönen Renner von Elis, deren von Homer gepriesene Rosse sich bis in unsere Zeit fortgepflanzt hat. Der Stallknecht hatte indeß beim Aufzäumen einen kleinere Fehler gemacht: er wußte nicht für wen das Pferd bestimmt war und hatte einen rothsammetnen, mit Gold gestickten Frauensattel aufgelegt. Jetzt ward mir Alles erklärlich: die Pferde dienten gewöhnlich meinen geheimnißvollen Nachbarinnen zum Reiten, und da Constantin den Befehl zum Satteln ohne weitere Erklärungen gegeben hatte, so führte der Stallknecht das Pferd in seinem gewöhnlichen Sattelzeuge vor. Constantin sagte ihm einige Worte und gleich darauf erschien das Pferd wieder mit einem Palikarensattel.
Es war zwei Uhr Nachmittags; ich hatte nicht mehr Zeit, die Runde um die Insel zu machen, und mußte unter den Trümmern der einst mächtigen Städte Karthäa, Koresos und Wuli wählen. Ich entschied mich für Karthäa, dessen Ruinen noch fest »Polis«, d. i. die Stadt, genannt werden.
Unterwegs sah ich junge Zeoten, welche die Maulbeerblätter einsammelten. Die Seide von Zea wird noch in ganz Griechenland gesucht, wenn sie auch nicht mehr so berühmt ist wie im Alterthum. Die ganze Insel ist überdies sehr gut angebaut, alle südlichen Geländer waren mit Weinstöcken und Obstbäumen bepflanzt. Diese große Fruchtbarkeit ist wohl die Ursache der großen Vorliebe der Zeoten für ihre Heimat.
Die Zeoten haben diese Abneigung gegen jede Ortsveränderung von ihren Vorfahren geerbt. In Folge der Uebervölkerung wurde ein Gesetz erlassen , welches alle Greise über sechzig Jahre dem Tode weihte. Es stand diesen allerdings frei die Insel zu verlassen, wenn sie ihrem Schicksal entgehen wollten; aber sie entfernten sich so ungern von ihrer Heimat, daß sie gemeiniglich vorzogen, einander zu einem Festmahl einzuladen und mit Blumen bekränzt, bei Zither- und Posaunenklag den mit Schierlingstrank gefüllten Becher zu leeren.
Die Zeoten waren übrigens gegen ihre Sprößlinge nicht viel zärtlicher als gegen ihre Greise. Als sie einst von den Athenern belagert und hart bedrängt wurden, beschlossen sie alle Kinder zu ermorden, weil diese die Eltern hinderten sich ausschließlich den Vertheidigungsarbeiten zu widmen. Zum Glück erfuhren dir Arbeiter diesen Beschluß und hoben die Belagerung auf, um nicht die Ursache und die Zeugen solcher Gräuelthaten zu sein.
Karthäa war, wie schon erwähnt, die Vaterstadt des Dichters Simonides, des »Lieblings der Götter«, wie er genannt wurde. Diesen Beinamen verdankte er folgendem Vorfalle:
Skophas, der im Faustkampfe gesiegt hatte, ließ von dem Poeten seinen Sieg besingen. Simonides lobte nicht nur den Athleten, sondern auch Castor und Pollux, die beiden Schutzgottheiten der Kämpfer. Skophas zahlte dem Dichter ein Dritttheil der Summe und wies ihn wegen der übrigen zwei Drittheile an die von ihm so schön besungenen Söhne des Tondar. Die Poeten scheinen damals, wie jetzt, an pünktliche Bezahlung nicht gewöhnt gewesen zu sein, denn Simonides nahm die Drittelabzahlung und zugleich die Einladung zu einem Festessen an. Bei der Mahlzeit meldete man dem Simonides, daß ihn zwei mit Staub bedeckte Männer, welche eine weite Reife gemacht zu haben schienen, vor der Thür erwarteten. Simonides stand auf und folgte dem Sclaven.
Draußen bemerkte er wirklich zwei Männer, die sich umfaßt hielten. Er ging auf sie zu; aber kaum hatte er die Schwelle überschritten, so hörte er hinter sich ein furchtbares Getöse. Er sah sich um – das Haus des Skophas war eingestürzt und hatte den Athleten sammt den Gästen unter den Trümmern begraben. Simonides suchte nun die beiden jungen Männer, aber sie waren verschwunden. Es waren Castor und Pollux, welche den von Skophas auf sie gezogenen Wechsel angenommen und dem Poeten ihre Schuld bezahlt hatten.
Die meisten dieser uns so wohl bekannten Sagen sind an den Orten, denen sie einen so poetischen Reiz verleihen, längst vergessen; in ganz Griechenland sind nur Wenige, welche, wie Apostoli, den alten Sagenschatz kennen und werth halten. Einige historische Thatsachen, wie der Tod des Sokrates, der Zug durch die Thermopylen und die Schlacht bei Marathon, sind wohl im Gedächtniß der Spartaner und Athener geblieben; aber sie wissen nicht, zu welcher Zeit und unter welchen Göttern diese Ereignisse stattgefunden haben; alle diese Erzählungen haben sich von Mund zu Mund, vom Vater auf den Sohn vererbt. Alle meine Fragen über Karthäa blieben unbeantwortet. Ich fragte freilich in italienischer Sprache und mein Führer antwortete in neugriechischer: wenn ich auf die Trümmer zeigte, führte er immer nur das Wort Polis im Munde.
Gegen sechs Uhr verließ ich die todte Stadt, um zu der lebenden zurückzukehren. Der Abend war herrlich, und die letzten Sonnenstrahlen gaben der Luft die der Dämmerung vorausgehende Durchsichtigkeit; ich sah ganz deutlich das Felseneiland Giaros und die Insel Andros; vor mir erhob sich der Eliasberg mit seinen grünen Bäumen und zaekigen Felsen, und seitwärts lagen die violetten Berge von Negroponte und der blaue Golf. Endlich kam ich um den Fuß des Eliasberges noch zeitig genug, um die Sonne hinter der Kette des Parnaß untergehen zu sehen.
Constantin und Fortunato erwarteten mich zum Abendessen. Die Speisen waren äußerst einfach und mit meinem sehr bedeutenden Appetit keineswegs im Einklange; ich würde sogar dem zu Mittag verschmähten Fischroggen mit Knoblauch tüchtig zugesprochen haben. Die castaoeae molles des Hirten Virgil’s bildeten die Hauptspeise; übrigens gab es nur saure Milch und Obst. Zum Glück aßen die beiden Anderen sehr wenig, so daß ich wenigstens an der Quantität ersetzen konnte, was an der Qualität fehlte.
Nach diesem idyllischen Abendessen tranken wir Kaffee und rauchten. Dann stand Constantin auf, und es stand mir frei, mich in mein Zimmer zu begeben.
Ich machte von dieser Erlaubniß sogleich Gebrauch; ich wollte sehen, ob sich an den Jalousien meiner Nachbarinnen nichts verändert, und der Mond schien so hell, daß die Musterung kaum schwerer als am hellen Tage war.
Dann beschloß ich die Runde um die Ringmauer zu machen, um zu sehen, ob nicht noch ein anderer Eingang vorhanden. Ich ging in den ersten Hof hinunter.
Anfangs fürchtete ich, wir wären vielleicht der strengen Ordnung des Kriegszustandes unterworfen ; aber ich irrte mich, man konnte die ganze Nacht ungehindert aus- und eingehen. Ich benutzte diese Freiheit, um meinen Plan in Ausführung zu bringen.
Aber wie sehr mir die Musterung auch am Herzen lag, ich konnte doch nicht unterlassen, eine kleine Weile still zu stehen und die wunderherrliche Mondlandschaft zu betrachten. Unter mir lag die Stadt mit dem Hasen und das stille blaue Meer, in welchem sich alle Sterne des Himmels spiegelten. Und drüben auf der dunklen, wolkenähnlichen Höhe, auf der Küste von Attika brannte ein großes Feuer, vermuthlich ein Waldbrand, von einem unvorsichtigen Hirten angezündet.
Ich stand eine Weile und staunte das furchtbar schöne Schauspiel an; dann begann ich meinen Spaziergang um die Besitzung Constantins und suchte vergebens eine Thür, eine Oeffnung, eine Schießscharte, welche für Blick oder Stimme die Verbindung zwischen dem Aeußern und Innern vermitteln könnte. Alles war durch fünfzehn Fuß hohe Mauern hermetisch abgesperrt. Ich erstieg nun schnell den Berg, um von da vielleicht in den Garten zu sehen; aber das Haus war so gebaut, daß es immer zwischen den hervorragenden Punkten und dem Ziel des Blickes stand. Ich ging verstimmt wieder in mein Zimmer, denn ich war für die Zukunft auf meine Beobachtungen durch die Jalousien beschränkt.
Ich war im Begriff mich auf meinen Divan zu werfen und den Schlaf zu Hilfe zu rufen, denn ich hoffte, ein Traum werde mir zeigen, was ich in der Wirklichkeit nicht sehen konnte – da hörte ich die Töne einer Gusla, aber so schwach und gedämpft, daß ich anfangs nicht zu unterscheiden vermochte, woher sie kamen. Ich öffnete zuerst die zu meiner Treppe führende Thür, dann die auf den Hafen und auf den Hof gehenden Fenster, ohne daß die Töne näher zu kommen schienen; als ich endlich an die zu Constantin’s Wohnung führende Verbindungsthür trat, wurden die Saitenklänge lauter. Ich stand lauschend still; ich konnte nicht mehr zweifeln, die Klänge waren zu entfernt, um aus dem Nebenzimmer zu kommen, aber gewiß kamen sie aus dem zweiten, aus Fortunato’s Zimmer. Ob aber der junge Grieche oder ob eine der beiden Bewohnerinnen des Pavillons sang, konnte ich nicht sagen, denn ich hörte nur die Saitenklänge.
Ich versuchte nun die Thür zu öffnen; aber es war nicht möglich, sie war verschlossen. – Ich blieb nichtsdestoweniger stehen und lauschte mir angehaltenem Athem. Bald ward meine Geduld oder vielmehr meine Neugierde belohnt; die zweite Thür zwischen Constantin’s und Fortunato’s Zimmer that sich auf, und ich hörte nicht nur die Saitenklänge lauter und deutlicher, sondern auch eine weibliche Stimme.
Der Gesang war so ausdrucksvoll, daß ich die Worte hätte verstehen können, wenn’s nicht neugriechisch gewesen wäre. Es schien mir übrigens eine jener Romanzen zu sein, in denen die Griechen Trost und Hoffnung suchen. Denn es war nicht das erste Mal, daß ich dieses Lied hörte; ich hatte diese wehmüthige klagende Weise oft von unseren Ruderern gehört, und ich erkannte sie wieder, wie man einen schönen Kopf von Raphael oder Guido Reni, von welchem man in einem Wirthshause einen schlechten Kupferstich gesehen, im Vatican oder im Palazzo Pitti wieder erkennt.
Der Ohrenschmaus war übrigens nur von kurzer Dauer: die Thür schloß sich wieder und ich hörte nur noch die leisen gedämpften Töne, welche zuerst meine Aufmerksamkeit erregt hatten und bald ganz schwiegen.
Ohne Zweifel wollte die Sängerin, welche während meines Spazierganges zu Fortunato gekommen war, in ihre Wohnung zurückkehren. Ich trat daher aus Fenster, und gleich darauf sah ich zwei weiße verschleierte Frauen über den Hof gehen und in dem Pavillon verschwinden.
III
Den andern Morgen fand ich die Verbindungsthür offen, und zur Frühstücksstunde ging ich ohne Hinderniß aus Constantin’s in Fortunato’s Zimmer. Der erste Gegenstand, der mir mitten unter den Säbeln und Pistolen als neuer Zierath auffiel, war die Gusla, deren Klänge ich Abends zuvor gehört hatte. Ich fragte Fortunato mit scheinbarer Gleichgültigkeit, ob er dieses Instrument spiele, und er antwortete, daß jeder Grieche die Gusla spiele, wie jeder Spanier die Guitarre.
Ich nahm das Instrument von der Wand und entlockte den Saiten einige Accorde, denn die Fingersetzung ist auf der Gusla etwa so wie auf der Viola und Mandoline. Constantin und Fortunato hörten mir mit großem Vergnügen zu; auch für mich war es ein großer Genuß dieselbe Gusla zu spielen, weiche mir Abends vorher so süße Töne zugeschickt hatte. Es schien mir, als ob noch ein Rest der gestrigen Melodie darin sei; meine Hand berührte dieselben Saiten, welche unter einer andern Hand so lieblich erklungen waren, und nach einigen einleitenden Arcorden begann ich fast unwillkürlich die Melodie, welche mich so entzückt hatte. Aber ich besann mich, ich wollte mich nicht verrathen ; ich sang eine Arie von Cimarosa, die mir gerade einfiel.
Ich mochte wohl nach einer meinen naiven Bewunderern unbekannten Methode, oder in meiner erregten Stimmung mit besonderem Ausdrucke singen; genug, man spendete mir großen Beifall, und ich glaubte sogar zu bemerken, daß sich derselbe nicht auf meine sichtbaren Zuhörer beschränkte, sondern auf die Bewohnerinnen des Pavillons ausdehnte, denn es schien mir, als ob sich die Jalousien bewegten. Nach dem Frühstücke bat ich Constantin um die Erlaubniß, das Instrument mit in mein Zimmer zu nehmen.
Ich hütete mich indeß wohl, sogleich zu spielen; ich fürchtete Argwohn zu erregen und unter irgend einem Vorwande oder auch ohne Vorwand in ein anderes Zimmer verbannt zu werden. Ich hätte dann nicht mehr hoffen können, einen Wunsch zu befriedigen, den ich bis setzt nur als Neugierde betrachten konnte und der gleichwohl, ich wußte nicht warum, schon zärtlichere Gefühle in mir weckte.
Ich beschloß daher, wie gestern einen Spazierritt zu machen; und da mir Constantin in dieser Hinsicht völlige Freiheit gelassen hatte, so ging ich hinunter und verlangte ein Pferd.
Man brachte mir ein anderes Pferd, das von noch feinerer Race zu sein schien, als das gestrige. Sobald ich es sah, ahnte ich, daß es der kleinen Hand angehöre. Ich bebandelte das schöne Thier so zart wie möglich; aber ich bemerkte bald, daß es meine Schonung für Unerfahrenheit nahm; ich mußte daher Peitsche und Sporen gebrauchen, um ihm zu zeigen, daß es sich irrte. Uebrigens bewies es mir, nachdem ich dreimal die Runde auf dem Hofe gemacht hatte, durch seine Fügsamkeit, daß es seinen Irrthum eingesehen hatte.
Dieses Mal nahm ich weder Führer noch Begleitung. Ich überließ Pretty, so nannte ich mein Pferd, die Wahl des Weges, in der Ueberzeugung, daß es mich an einen reizenden Ort führen werde. Ich irrte mich nicht; Pretty wählte einen Gebirgspfad, der bald in ein wunderschönes, von Granat- und Kirschlorbeerbäumen beschattetes Thal führte. Ein schäumender Waldbach stürzte ans malerischen Felsengruppen hervor; die beiden Abhänge der Berge waren mit Maulbeerbäumen und wilden Weinreben bedeckt und am Wege standen prächtige purpurrothe Blumen, welche aus Persien stammen und von den alten Botanikern Alhagi genannt werden. Die Felsen, welche für den Geologen das größte Interesse haben müssen, bestanden aus perlmutterartigem Glimmer, weißem und blaßrothem Feldspath, grünlicher Hornblende und prächtigem Serpentin. Der Weg führte zu einer natürlichen Grotte. Hier stand Pretty still ; es mochte wohl das gewöhnliche Ziel seiner Ausflüge sein. Ich stieg ab und wollte ihn an einen Baum binden, aber er wehrte sich mit edlem Selbstgefühle; ich nahm ihm daher den Zaum ab und ließ ihn weiden. Ich trat in die Grotte. Auf der mit Moos bedeckten Bank lag ein Buch; ich schlug es auf, es waren die »Sepolcri« von Ugo Foscolo.
Dieser Fund machte mir unbeschreibliche Freude. Dieses Buch, welches kurz vorher erschienen war, gehörte ohne Zweifel meiner Nachbarin; sie verstand also italienisch, und wenn ich sie sprechen konnte, so hatten wir eine gemeinsame Sprache, in welcher wir uns verständlich machen konnten. Die Sepolcri sind übrigens ein Nationalbuch für jeden Griechen, da der Verfasser aus Corfu stammt und seine Klagen eben so gut auf die Erniedrigung Griechenlands als auf den Verfall Italiens eine Anwendung finden können.
Ich blieb eine Stunde in der Grotte; bald las ich einige Zeilen, bald richtete ich meinen Blick auf eine Schlucht, durch welche man das azurblaue Meer mit den vielen weißen Segeln bemerkte; bald endlich betrachtete ich einen Hirten, der in alterthümlichem Gewande an dem jenseitigen Hügel stand und seine Heerde weiden ließ. Aber meine Blicke und Gedanken waren durch nichts zu fesseln, ich dachte immer an die kleine Hand, welche unter den Jalousien hervorgekommen war und die Tauben hereingenommen hatte.
Endlich steckte ich das Buch in die Tasche und rief Pretty, dem Beispiele des Stallknechtes folgend, durch einen Pfiff herbei. Das schöne Thier trabte sogleich auf mich zu und ließ sich willig den Zaum wieder anlegen; es schien sich zu freuen, daß ich ihm so großes Vertrauen bewiesen hatte. Zwei Stunden nachher stand es wieder an seiner Krippe.
Nach der Mahlzeit, welche mir schrecklich lang schien, blieb ich bis zum Abend an meinem Fenster, ohne daß mir ein mittelbares oder unmittelbares Zeichen die Anwesenheit meiner Nachbarin angedeutet hätte.
Abends hörte ich in Fortunato’s Zimmer dieselben Klänge wie gestern. Ich hatte in meiner Ungeduld einen Augenblick mein Fenster verlassen, um etwas zu lesen, und vermuthlich waren meine beiden Nachbarinnen gerade in jenem Moment über den Hof gekommen. Ich begab mich wieder auf meinen Posten, und bald sah ich sie in den Pavillon zurückkehren. Beide waren verschleiert, aber ich glaubte zu bemerken, daß die eine, die kleinere, sich zweimal nach mir umsah.
Den andern Morgen begab ich mich in das Städtchen, das ich nur bei meiner Ankunft im Vorbeigehen gesehen hatte. Ich ging zu einem Kaufmann und kaufte ein Stück Seidenstoff, um ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen. Er sprach, wie die meisten handeltreibenden Bewohner des Archipels, ziemlich geläufig italienisch, und ich fragte ihn gesprächsweise, wer die Frauen seien, welche den Pavillon hinter Constantin’s Hause bewohnten. Er sagte mir, es seien seine beiden Töchter. Ich fragte um ihre Namen: die ältere hieß Stephana, die jüngere Fatinitza; jene war die größere, diese die kleinere.
Es war also Fatinitza, welche sich zweimal nach mir umgesehen hatte. Es freute mich; es lag etwas ungemein Liebliches, Anziehendes in diesem Namen, den ich im Stillen so gern nannte.
Der Kaufmann setzte hinzu, daß die eine Schwester sich in kurzem verheiraten werde, aber er wußte nicht welche. Der Bräutigam sei der Sohn eines reichen Seidenhändlers und heiße Christo Panayoti; wahrscheinlich wisse dieser selbst nicht, welche von den beiden Schwestern ihm zugedacht sei.
Als ich mein Erstaunen hierüber äußerte, sagte der Kaufmann, daß ein Türke oder ein Grieche vor dem Hochzeitstage selten seine Braut zu sehen bekomme; er verlasse sich gemeiniglich auf Matronen, welche seine Zukünftige bei ihren Eltern oder im Bade kennen gelernt und für ihre Schönheit und Sittsamkeit bürgen. Christo Panayoti habe sich dieser Sitte gefügt: er habe um eine von Constantin’s Töchtern geworben und dem Vater die Wahl überlassen, da er keine von Beiden kenne.
Diese Erklärung war keineswegs geeignet mich zu beruhigen; denn Constantin konnte dem Bewerber eben so gut seine jüngere wie seine ältere Tochter geben, und ich fühlte, daß ich untröstlich sein würde, wenn sich Fatinitza verheiratete. Dies klingt fast widersinnig , denn ich hatte ihr Gesicht noch gar nicht gesehen, und sie wußte vielleicht gar nicht, daß ich in der Welt war. Aber es war wirklich so: ich war eifersüchtig, als ob ich geliebt hätte.
Mehr verlangte ich von dem Kaufmann nicht zu wissen; ich bezahlte und ging fort. Ein hübsches Mädchen von zwölf bis vierzehn Jahren, welches alle Schätze des Magazins mit lüsternen Blicken betrachtet hatte, folgte mir und betrachtete das von mir gekaufte Stück Seide. »Bella, bellissima!« sagte die hübsche kleine Zeotin für sich. Ich wollte ihr eine Freude machen. Ich wußte nicht, was ich mit meinem Päckchen anfangen sollte ; ich fragte sie, ob sie es wolle. Sie lächelte zweifelnd und wies ihre wunderschönen Zähne. Ich gab ihr den Stoff und sie sah mir erstaunt nach.
Diesen Abend hörte ich die Gusla nicht: Fortunato, der sich wieder stark fühlte, war zu seinen Schwestern hinübergegangen. Ich sah ihn mit Constantin über den Hof gehen, und ich sah wohl ein, daß ich von nun an der Freude, meine beiden Nachbarinnen vorbeigehen zu sehen, entsagen mußte. Stephana und Fatinitza hatten gegen die griechische Sitte ihre Gemächer verlassen, weil Fortunato sie nicht besuchen konnte; aber sobald er genesen war, hatten sie keine Ursache mehr, sich einer solchen Uebertretung der Landessitte schuldig zu machen.
Der folgende Tag verging, ohne daß sich etwas Neues zutrug. Ich überließ mich meinen eifersüchtigen Gefühlen, ohne etwas Anderes zu sehen, als die auf dein Hofe flatternden Tauben. Ich streute Körner und Brotkrumen auf den Rand meines Fensters. Die Tauben kamen; aber als ich Miene machte sie zu erhaschen, flogen sie davon und kamen den ganzen Tag nicht wieder.
Auch die folgenden Tage verstrichen ohne besondere Ereignisse. Constantin behandelte mich wie seinen Sohn, Fortunato wie seinen Bruder; aber von der übrigen Familie sagten sie kein Wort.
Ein schöner junger Mann in prächtiger Kleidung besuchte sie zwei- oder dreimal; ich fragte um seinen Namen, es war Christo Panayoti.
Nachdem ich alle Mittel, Fatinitza wiederzusehen, vergebens versucht hatte, ging ich wieder zu dem Seidenhändler, der mir aber nichts zu sagen wußte. Ich sah die junge Griechin wieder, die in dem Kleide, welches ich ihr geschenkt, in den Straßen von Zea umherstolzirte. Ich wechselte eine Guinee gegen venecianische Zechinen und gab ihr zwei, um ihren Schmuck zu ergänzen. Sie durchbohrte die kleinen Goldstücke und befestigte sie an ihren mit langen Flechten herabfallenden Haaren. Dann trat ich wieder an mein Fenster, aber meine Nachbarin blieb, wie immer, hermetisch verschlossen.
Ich Zwar sehr niedergeschlagen, als Constantin eines Abends in mein Zimmer kam und mir sagte, eine seiner Töchter sei krank und er werde mich morgen zu ihr führen. Zum Glück waren wir ohne Licht und ich konnte ihm den Eindruck verbergen, den diese unerwartete Nachricht auf mich machte. Ich bezwang meine Aufregung und antwortete in einem Tone, der nur ganz gewöhnliche Theilnahme ausdrückte, daß ich zu jeder beliebigen Stunde bereit sei. Ich fragte ihn, ob er die Krankheit für gefährlich halte; aber er antwortete mir, daß er nur eine Unpäßlichkeit darin erblicke.
Ich schloß die ganze Nacht kein Auge; ich stand wohl zwanzigmal von meinem Divan aus und trat ans Fenster, um zu sehen, ob der Tag anbrach. Endlich drangen die ersten Sonnenstrahlen durch die Rohrstäbe des Fensterladens – der ersehnte Tag war da.
Unter gewöhnlichen Umständen war ich mit meinem Anzuge immer sehr schnell fertig; dieses Mal widmete ich demselben größere Sorgfalt. Ich besaß zwei Anzüge, die mir Jacob verkauft hatte. Ich wählte den schöneren, einen albanesiscben Anzug von violettem Tuch, mit Silber gestickt. Anfangs schwankte ich zwischen dem weißen Turban und der rothen Mütze mit der seidenen Quaste; endlich entschied ich mich für die Mütze, um mein blondes Lockenhaar nicht zu verhüllen. Diese Entscheidung erfolgte erst nach langem innerem Kampfe, der einer Cokette alle Ehre gemacht haben würde. Um acht Uhr kam Constantin, um mich abzuholen. Ich hatte ihn schon drei Stunden erwartet.
Ich folgte ihm mit scheinbarer Ruhe, aber mit heftig pochendem Herzen. Wir gingen die Haupttreppe hinab und über den Hof, den ich so oft zum Gegenstande meiner Beobachtung gemacht hatte.
Als ich in den Pavillon trat, fühlte ich meine Knie wanken. Constantin sah sich um; die Besorgniß, meine Unruhe zu verrathen, gab mir meine Fassung wieder, und ich erstieg hinter ihm eine mit türkischen Teppichen belegte Treppe.
Wir traten in ein Zimmer, wo mich Constantin einige Augenblicke allein ließ.
Das Zimmer war ganz türkisch eingerichtet; die Decke war geschnitzt und mit bunten Farben bemalt. Die weißen Wände waren mit seltsamen Arabesken in Gestalt von Blumen, Fischen, Vögeln, Schmetterlingen und Früchten geschmückt, und alle diese Gestalten waren kunstvoll in einander verschlungen. Um den ganzen Saal erstreckte sich ein hellblauer Divan mit Silber gestickt, und Polster von demselben Stoffe lagen auf dem Fußboden umher.
Mitten im Zimmer war ein kleines Wasserbecken mit Goldfischen, und am Rande desselben saßen girrend zwei perlmutterfarbene Täubchen, wie sie Euphrodite auf Paphos oder Cythere gewiß nicht schöner gehabt hat. In einer Ecke brannten auf einem Dreifuß von antiker Form Späne von Aloeholz und Jasminessenz; der stärkere Dampf entwich durch das offene Fenster, während nur der feinere Duft im Zimmer zurückblieb. Ich trat an die Jalousie, welche meinem Fester gerade gegenüber war; unter dieser Jalousie war die schöne Hand hervorgekommen, die mir fast den Verstand geraubt hatte.
Constantin kam nun zurück; er bat um Entschuldigung, daß er mich hatte warten lassen, und schob die Schuld auf die weiblichen Launen. Fatinitza, welche sich nach dreitägiger Unpäßlichkeit entschlossen meinen Besuch anzunehmen, habe allerlei Bedenken gehabt, aber doch endlich eingewilligt. Ich benutzte sogleich die Erlaubniß und ersuchte Constantin mich seiner Tochter vorzustellen.
Das zweite Zimmer will ich nicht beschreiben. Meine Aufmerksamkeit wurde durch die junge Patientin gefesselt.
Fatinitza lag auf seidenen Polstern; den Kopf lehnte sie an den Divan, als hätte sie nicht die Kraft gehabt ihn zu tragen. Ich blieb an der Thür stehen. Constantin trat auf sie zu, um ihr einige Worte in neugriechischer Sprache zu sagen, so daß ich unterdessen Muße hatte sie zu betrachten.
Sie hatte nach türkischer Sitte das Gesicht mit einem kleinen, spitz geschnittenen, unten mit Rubinen besetzten Schleier bedeckt. Von dem mit Blumen gestickten Käppchen wallte eine aus kleinen Perlen gemachte Quaste herab. Das Haar hing ihr an den Wangen in Locken, im Nacken in langen Zöpfen mit eingeflochtenen kleinen Goldstücken herab. Auch ihr Hals war mit venecianischen Zechinen geschmückt, und unter diesem Halsbande schmiegte sich ein seidenes Mieder um Busen und Schultern. Die Aermeln waren aufgeschlitzt und auf der einen Seite mit Haken von Golddraht, auf der andern mit Perlknöpfen besetzt. Der weiße runde Arm war mit vielen goldenen Spangen verziert, und die kleine Hand hielt nachlässig das Bernsteinrohr einer langen Pfeife. Ein feiner Kashmirgürtel ward von einer mit Edelsteinen besetzten Schnalle zusammengehalten. Die weiten, weißen, mit Gold gestickten Beinkleider gingen bis an die Knöchel herab und die Nägel der kleinen unbekleideten Füße waren wie die Nägel der Finger roth gefärbt.
Nach Beendigung dieser flüchtigen Musterung, welche mir bewies, daß sie ihrem Anzuge ungewöhnliche Sorgfalt gewidmet hatte, gab mir Constantin einen Wink, näher zu treten. Fatinitza bebte zurück wie eine zitternde Gazelle, und ihre durch den Schleier sichtbaren Augen nahmen einen Ausdruck unruhiger Neugierde an. Ich trat langsam näher.
»Was fehlt Ihnen denn?« fragte ich in italienischer Sprache; »beschreiben Sie mir Ihre Schmerzen.«
»Es fehlt mir nichts mehr,« antwortete sie hastig ; »ich habe keine Schmerzen.«
»Närrin!« sagte Constantin; »seit acht Tagen bist Du ganz umgewandelt, Alles langweilt Dich, sogar deine Tauben, deine Gusla, deine Kleider. Sei vernünftig, Kind; Du klagtest über Kopfschmerzen.«
»O ja,« erwiederte Fatinitza und ließ den Kopf wieder auf den Divan sinken.
»Wollen Sie mir Ihre Hand reichen?« fragte ich.
»Meine Hand? warum denn?«
»Weil ich sonst Ihre Krankheit nicht beurtheilen kann.«
»Nein,« sagte sie abwehrend.
Ich wandte mich zu Constantin, um seine Vermittlung in Anspruch zu nehmen.
»Sie müssen sich darüber nicht wundern,« sagte er begütigend; »unsere Mädchen gehen nur mit dem Vater und den Brüdern um; wenn sie ausgehen oder ausreiten, sind sie immer tief verschleiert.«
»Aber ich,« entgegnete ich, »komme als Arzt; sobald Sie geheilt sind, werde ich Sie nie wiedersehen, und Sie müssen schnell wieder gesund werden.
»Warum denn?« fragte sie.
»Werden Sie sich nicht verheiraten?«
»Ich nicht, meine Schwester,« sagte Fatinitza hastig.
Ich athmete tief auf, ein Stein fiel mir vom Herzen.
»Nun, dann müssen Sie gesund werden, um zur Hochzeit Ihrer Schwester zu gehen.«
»Ich will gern wieder gesund werden,« sagte sie seufzend; aber warum soll ich Ihnen denn die Hand geben?«
»Weil ich Ihren Puls fühlen muß.«
»Können Sie nicht auf den Armel greifen?«
Nein, durch die Seide würde ich die Pulsschläge nicht gehörig fühlen können.«
»Aber mein Puls schlägt sehr stark,« entgegnete Fatinitza.
Ich lächelte.
»Nun, ich will einen Vorschlag 1nachen,« sagte Constantin; »können Sie durch Gaze den Puls fühlen?«
»Ja wohl.«
»Gut, so legen Sie Gaze auf.«
Constantin reichte mir einen dünnen Schleier, der mit vielen anderen Toilettegegenständen auf dem Divan lag. Fatinitza wand den Schleier um die Hand, die sie mir nach einigem Sträuben überließ.
Unsere beiden Hände erbebten bei der Berührung; es wäre schwer gewesen zu sagen, welche am fieberhaftesten war. Der Puls der reizenden Patientin war rasch und unregelmäßig; aber dies konnte eben so gut eine Folge der Aufregung als der Krankheit sein. Ich fragte, worüber sie sich zu beklagen habe.
»Mein Vater hat es Ihnen schon gesagt,« antwortete sie ; »ich habe Kopfschmerzen und kann nicht schlafen.«
Eben so ging mir’s auch seit einigen Tagen, und ich war seht mehr als je entschlossen, von dieser Krankheit – nicht zu genesen. Ich wandte mich zu Constantin.
»Nun,« fragte er, »was fehlt ihr?«
»In London oder Paris,« antwortete ich lächelnd, »würde ich antworten, die Patientin leide an Vapeurs, und den fleißigen Besuch der Oper oder eine Badereise als Cur vorschlagen; aber in Ceos, wo die Civilisation noch nicht so weit vorgerückt ist, erkläre ich ganz einfach, daß diese Kopfschmerzen durch das Bedürfnis der freien Luft und Zerstreuung verursacht worden sind. Warum sollte die Signorina nicht reiten? Der Eliasberg ist von reizenden Thälern umgeben. Ein Thal insbesondere finde ich wunderschön; am Ende ist eine Grotte, in der man so schön träumen und ungestört lesen könnte. – Kennen Sie diese Grotte?« fragte ich Fatinitza.
»Ja wohl, ich habe immer sehr gern diesen Weg genommen.«
»Warum reiten Sie nicht mehr hin?«
»Weil sie seit meiner Rückkehr nicht mehr ausgehen will,« antwortete Constantin.
Um mich als Arzt mehr in Respect zu setzen, verordnete ich außer der häufigen Bewegung in freier Luft ein möglichst warmes Fußbad für den Abend; dann stand ich auf, um durch einen zu langen Besuch keinen Argwohn zu erregen und ließ, meine Mahnung wiederholend, die Kranke allein. Als ich die Thür schloß, eilte Stephana herbei, um das Ergebniß der ärztlichen Berathung zu erfahren. Aber an Stephana lag mir wenig, meine Gedanken, meine Wünsche, meine Liebe waren ihrer Schwester gewidmet.
Constantin begleitete mich bis in mein Zimmer zurück, um Fatinitza zu entschuldigen. Aber sie bedurfte keiner Entschuldigung. Diese unseren westländischen Frauen ganz unbekannte Scheu war für meine Phantasie ein neuer Zauber. Die erste Begegnung machte einen so tiefen Eindruck auf mich, daß ich nach mehr als fünfundzwanzig Jahren nur die Augen zu schließen brauche, um die reizende Fatinitza vor mir zu sehen, wie sie auf den Polstern da lag , und die mindesten Einzelheiten schweben meiner Phantasie vor; ihr schönes Haar mit den eingeflochtenen kleinen Goldmünzen, ihr Zechinenhalsband, ihr Käppchen mit der Perlenquaste, ihr seidenes Mieder, ihr Kashmirgürtel, ihre weiten gestickten Beinkleider, ihre zarten Hände, ihre kleinen, rosigen Füße. Es scheint mir, als brauchte ich nur den Arm auszustrecken, um sie zu berühren.
O mein Gott! die Erinnerung ist zuweilen eine Gabe deiner Barmherzigkeit, öfter aber die Dienerin deines Zorns!