Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 30

Yazı tipi:

XXXIX.
Compiègne

Am andern Tage erwachte Compiègne trunken und entzückt, oder besser gesagt, Compiègne schlief gar nicht.

Die Vorhut der Haustruppen hatte schon am Abend vorher ihre Wohnungen in der Stadt genommen, und während die Officiere sich mit den Oertlichkeiten bekannt machten, trafen die Notabeln im Einklänge mit dem Intendanten der kleinen Vergnügungen Vorkehrungen für die große Ehre, welche der Stadt zu Theil werden sollte.

Grüne Triumphbogen, reiche Verzierungen von spanischem Flieder und Rosen, lateinische, französische und deutsche Inschriften, Verse und Prosa beschäftigten das picardische Bauherrnamt bis zum Tage.

Die nach unfürdenklichem Gebrauche weiß gekleideten, Mädchen, die schwarz gekleideten Schöppen, die Franziscanermönche in grauem Gewand. die Geistlichkeit, auf das Reichste geschmückt, die Soldaten und die Officiere der Garnison in ihren neuen Uniformen wurden auf ihre Posten gestellt, und Alle hielten sich bereit, zu marschiren, sobald die Ankunft der Prinzessin durch ein Signal verkündigt würde.

Am Tage zuvor abgereist, war der Dauphin gegen eilf Uhr Abends mit seinen beiden Brüdern incognito angekommen. Er stieg am frühen Morgen zu Pferde ohne irgend eine Auszeichnung, als ob er ein einfacher Privatmann gewesen wäre, und galoppirte, begleitet von dem Herrn Grafen von Provence und dem Herrn Grafen d’Artois, von denen der eine fünfzehn, der andere dreizehn Jahre alt war, in der Richtung von Nibecourt fort, wobei er die Straße verfolgte, auf welcher die Frau Dauphine kommen sollte.

Es ist nicht zu leugnen, dieser galante Gedanke war nicht dem jungen Prinzen gekommen, sondern er rührte von Herrn von Lavauguyon, seinem Hofmeister, her, der am vorhergehenden Tage vor den König gerufen, von Ludwig XV. den Befehl erhalten hatte, seinen erhabenen Zögling von allen Pflichten zu unterrichten, die ihm die nächsten vier und zwanzig Stunden auferlegten.

Herr von Lavauguyon hatte es, um in jeder Hinsicht die Ehre der Monarchie zu wahren, für geeignet gehalten, den Herzog von Berry das traditionelle Beispiel der Könige seines Geschlechtes. das Beispiel von Heinrich IV., Ludwig XIII., Ludwig XIV. und Ludwig XV. befolgen zu lassen, welche durch sich selbst, ohne die Illusion des Schmuckes, ihre zukünftige Gemahlin, die auf der Landstraße weniger vorbereitet wäre, die Prüfung eines Gatten auszuhalten, analysiren wollten.

Von raschen Rennern getragen, machten sie drei bis vier Lieues in einer halben Stunde: der Dauphin war ernst weggeritten, während seine Brüder lachten. Um halb neun Uhr kehrten sie in die Stadt zurück: der Dauphin, ernst, wie bei seinem Abgang, der Graf von Provence beinahe verdrießlich, der Graf d’Artois allein heiterer als er es am Morgen gewesen.

Dies kam davon her, daß der Herzog von Berry unruhig, der Graf von Provence neidisch und der Graf d’Artois entzückt war über einen und denselben Gegenstand: darüber, daß sie die Dauphine so schön fanden.

Der ernste, der eifersüchtige und der sorglose Charakter der drei Prinzen war auf dem Antlitz von jedem von ihnen ausgeprägt.

Es schlug zehn Uhr auf dem Rathhause von Compiègne, als der Wächter auf dem Glockenthurm von Claives die weiße Fahne aufziehen sah, welche man entfalten sollte, wenn man die Dauphine erblicken würde.

Er, gab auch ein Zeichen mit der Glocke, das durch einen Kanonenschuß auf dem Schloßplatze erwiedert wurde.

In demselben Augenblick, als hätte er nur diese Ankündigung erwartet, fuhr der König in einem achtspännigen Wagen, mit der doppelten Reihe seiner Haustruppen, gefolgt von der unermeßlichen Menge der Carrossen seines Hofes, in Compiègne ein.

Die Gendarmen und die Dragoner machten im Galopp eine Oeffnung in dem Volke, das zwischen dem Verlangen, den König zu sehen, und dem, der Dauphine entgegen zu gehen, getheilt war.

Hundert vierspännige Carrossen, welche den Raum von beinahe einer Lieue einnahmen, führten vierhundert Frauen und eben so viele Herren vom höchsten Adel Frankreichs. Diese hundert Carrossen wurden geleitet von Piqueurs, von Heiducken, von Läufern und Pagen. Die Edelleute vom Hause des Königs waren zu Pferde und bildeten eine funkelnde Armee, welche inmitten des von den Füßen der Pferde aufgewirbelten Staubes wie eine Woge von Sammet, Gold, Federn und Seide glänzte. .

Man machte einen Augenblick Halt in Compiègne, dann entfernte man sich im Schritt aus der Stadt, um bis zu der bestimmten Grenze zu fahren, welche ein auf der Höhe des Dorfes Magny am Wege stehendes Kreuz war.

Die ganze Jugend Frankreichs umgab den Dauphin; der ganze alte Adel befand sich beim König.

Die Dauphine, welche den Wagen nicht gewechselt hatte, rückte ihrerseits in einem berechneten Schritt nach der verabredeten Grenze vor.

Die zwei Truppen trafen endlich zusammen.

Alsbald waren alle Carrossen leer. Auf beiden Seiten stieg die Menge der Höflinge aus; nur zwei Wagen waren noch voll: der eine der des Königs, der andere der der Dauphine.

Der Schlag der Carrosse der Dauphine öffnete sich und die junge Erzherzogin sprang leicht zur Erde.

Die Prinzessin schritt nun auf den Schlag der königlichen Carrosse zu.

Sobald Ludwig XV. seine Schwiegertochter erblickte, ließ er den Schlag seines Wagens öffnen, und stieg ebenfalls rasch aus.

Die Frau Dauphine hatte ihren Gang so glücklich berechnet, daß sie sich vor dem König in dem Augenblick, wo er den Fuß auf den Boden setzte, auf die Kniee warf.

Der König bückte sich, hob die junge Prinzessin auf und umarmte sie zärtlich, während er sie mit einem Blicke bedeckte, unter welchem sie sich unwillkührlich erröthen fühlte.

»Der Herr Dauphin,« sprach der König, und zeigte Maria Antoinette den Herzog von Berry, der sich hinter ihr hielt, ohne daß sie ihn noch, wenigstens offiziell, gesehen hatte.

Nach dem Dauphin kamen seine zwei Brüder, nach den zwei Brüdern die drei Töchter des Königs.

Die Frau Dauphine fand ein artiges Wort für jeden von den drei Prinzen, für jede von den drei Prinzessinnen.

Während diese Vorstellungen ihren Gang nahmen, stand Madame Dubarry, voll Angst wartend, hinter den Prinzessinnen. Sollte sie berücksichtigt, sollte sie vergessen werden?

Nach der Vorstellung von Madame Sophie, der letzten der Töchter des Königs, trat eine Pause von einem Augenblick ein, während dessen jeder Athem keuchte.

Der König schien zu zögern, die Dauphine schien ein neues Ereigniß zu erwarten, auf das man sie zum Voraus aufmerksam gemacht.

Der König schaute umher, erblickte die Gräfin in seinem Bereiche und nahm sie bei der Hand.

Jedermann trat bei Seite. Der König befand sich mitten in einem Kreise mit der Dauphine.

»Die Frau Gräfin Dubarry, meine beste Freundin,« sagte er.

Die Dauphine erbleichte, aber das anmuthigste Lächeln umspielte ihre blassen Lippen, und sie erwiederte:

»Eure Majestät ist sehr glücklich, eine so reizende Freundin zu besitzen, und ich wundere mich nicht über die Zuneigung, welche sie einzuflößen vermag.’’

Alle Welt schaute sich mit einem Erstaunen an, das beinahe zur Betäubung wurde. Die Dauphine befolgte offenbar die Instructionen des österreichischen Hofes und wiederholte wahrscheinlich die ihr von Maria Theresia vorgeschriebenen Worte.

Herr von Choiseul glaubte auch, seine Gegenwart wäre nothwendig. Er schritt hinzu, um ebenfalls vorgestellt zu werden; doch der König machte ein Zeichen mit dem Kopf, die Trommeln rasselten, die Trompeten erklangen, die Kanonen donnerten.

Der König nahm die junge Prinzessin bei der Hand, um sie nach seinem Wagen zu führen; sie ging so geleitet an Herrn von Choiseul vorüber. Ob sie ihn sah oder nicht sah, läßt sich unmöglich angeben, es ist nur gewiß, daß sie weder mit der Hand, noch mit dem Kopf ein Zeichen machte, das einem Gruße glich.

In dem Augenblick, wo die Prinzessin in den Wagen des Königs stieg, ließen sich die Glocken der Stadt über all’ dem feierlichen Geräusche hören.

Es fand nun ein Halt von zehn Minuten statt; der König stieg ebenfalls wieder in seinen Wagen und ließ ihn nach Compiègne fahren.

Durch die Ehrfurcht oder die Aufregung im Zaume gehalten, brachen mittlerweile alle Stimmen in einem allgemeinen Gesumme los.

Dubarry näherte sich dem Schlage der Carrosse seiner Schwester; diese empfing ihn mit lächelndem Antlitz: sie erwartete seine Glückwünsche.

»Wissen Sie, Jeanne,« sagte er, mit dem Finger auf einen Cavalier deutend, der an einer der Carrossen vom Gefolge der Frau Dauphine plauderte, »wissen Sie, wer jener junge Mann ist?«

»Nein,« erwiederte die Gräfin; »aber Sie, wissen Sie, was die Dauphine geantwortet hat, als mich der König ihr vorstellte?«

»Es ist nicht hiervon die Rede. Jener junge Mann ist Herr Philipp von Taverney.«

»Derjenige, welcher Ihnen den Degenstich gegeben hat?«

»Ganz richtig. Und wissen Sie, wer das bewunderungswürdige Geschöpf ist, mit dem er plaudert?«

»Das so bleiche und majestätische Mädchen?«

»Ja, das der König in diesem Augenblick anschaut, und nach dessen Namen er aller Wahrscheinlichkeit die Frau Dauphine fragt.«

»Nun?«

»Nun! es ist seine Schwester.«

»Ah!« machte Madame Dubarry.

»Hören Sie, Jeanne, ich weiß nicht warum, aber es scheint mir, Sie müßten ebenso sehr der Schwester, als ich dem Bruder mißtrauen.«

»Sie sind ein Narr.«

»Ich bin vernünftig. Jedenfalls werde ich für den kleinen Jungen sorgen.«

»Und ich werde ein Auge auf das kleine Mädchen haben.«

»Stille!« sagte Jean, »hier kommt unser Freund, der Herzog von Richelieu.«

Der Herzog näherte sich in der That den Kopf schüttelnd.

»Was haben Sie denn, mein lieber Herzog? man sollte glauben, Sie wären unzufrieden.«

»Gräfin,« sprach der Herzog, »scheint es Ihnen nicht, daß wir sehr ernst, und ich möchte beinahe sagen, sehr traurig für den so freudigen Umstand sind, der uns hier versammelt? Ich erinnere mich, daß wir einst einer Prinzessin, so liebenswürdig wie diese, so schön wie diese, entgegenfuhren, ich meine die Mutter von Monseigneur dem Dauphin; wir waren Alle heiterer. Vielleicht weil wir jünger waren?«

»Nein, mein lieber Marschall, weil das Königthum minder alt war,« sprach eine Stimme hinter dem Herzog.

Alle, welche dieses Wort hörten, durchlief es wie ein Schauer. Der Herzog wandte sich um und sah einen alten Edelmann von zierlicher Haltung, der ihm mit einem menschenfeindlichen Lächeln die Hand auf die Schultern legte.

»Gott verdamme mich!« rief der Herzog, »es ist der Baron von Taverney, Gräfin, einer von meinen ältesten Freunden, für welchen ich mir Ihr ganzes Wohlwollen erbitte; der Baron von Taverney-Maison-Rouge.«

»Es ist der Vater!« sagten gleichzeitig Jean und die Gräfin, indem sich Beide verbeugten, um zu grüßen.

»In den Wagen, meine Herren, in den Wagen!« rief der Major der Haustruppen, der die Escorte befehligte.

Die zwei alten Edelleute grüßten die Gräfin und den Vicomte und gingen Beide auf denselben Wagen zu, glücklich, sich nach so langer Trennung wiederzufinden.

»Nun?« sprach der Vicomte, »soll ich Ihnen etwas sagen, Gräfin? der Vater gefällt mir eben so wenig als die Kinder.«

»Welch ein Unglück, daß dieser kleine Bär von einem Gilbert entflohen ist,« versetzte die Gräfin; »er, der im Hause erzogen wurde, hätte uns Auskunft über Alles dies gegeben.’

»Bah!« rief Jean, »nun, da wir nichts Anderes zu thun haben, werden wir ihn wiederfinden.«

Das Gespräch wurde durch die Bewegung der Carrossen unterbrochen.

Am andern Morgen, nachdem man die Nacht in Compiègne zugebracht, fuhren die zwei Höfe, der Sonnenuntergang eines Jahrhunderts, die Morgenröthe des andern, vermischt nach Paris, in diesen gähnenden Schlund, der sie Alle verschlingen sollte.

XL.
Die Beschützerin und der Schützling

Es ist Zeit, zu Gilbert zurückzukehren, von dessen Flucht uns ein unvorsichtiger Ausruf seiner Beschützerin, Mademoiselle Chon, unterrichtet hat, ohne daß wir mehr von ihm wissen.

Seitdem unser Philosoph im Dorfe Lachaussée bei den Präliminarien des Duells von Philipp von Taverney mit dem Vicomte Jean Dubarry den Namen seiner Beschützerin erfahren hatte, war er in seiner Bewunderung sehr erkaltet.

Oft hatte er, in einem Gesträuche oder hinter einer Hecke verborgen, wenn er mit glühenden Augen Andrée, welche mit ihrem Vater spazieren ging, verfolgte, oft hatte er, sagen wir, zugehört, wie sich der Baron sehr kategorisch in Beziehung auf Meister Dubarry erklärte. Der völlig eigennützige Haß des alten Taverney, dessen Laster und Grundsätze wir kennen, hatte eine gewisse Sympathie in dem Herzen von Gilbert gefunden. Dies kam davon her, daß Fräulein Andrée auf keine Weise dem Bösen widersprach, das der Baron von Madame Dubarry sagte; denn es ist nicht zu leugnen, der Name von Madame Dubarry war in Frankreich sehr verachtet. Was endlich Gilbert völlig auf die Seite des Barons brachte, war der Umstand, daß er Nicole mehr als einmal hatte ausrufen hören: »Ah! wenn ich Madame Dubarry wäre!«

So lange die Reise dauerte, war Chon zu sehr mit ernsten Dingen beschäftigt, um auf die Veränderung der Laune aufmerksam zu werden, welche die Kenntniß seiner Reisegefährtin bei Herrn Gilbert hervorgebracht hatte, Sie kam also in Versailles an, ohne daß sie an etwas Anderes, als daran dachte, wie sie zum Besten des Vicomte den Degenstich von Philipp wenden sollte, der nicht zu seiner größten Ehre ausfallen konnte.


Gilbert hatte kaum die Hauptstadt, wenn nicht Frankreichs, doch wenigstens der französischen Monarchie erreicht, als er jeden schlimmen Gedanken vergaß, um sich einer offenherzigen Bewunderung hinzugeben. Majestätisch und kalt, mit seinen alten Bäumen, welche der Mehrzahl nach zu vertrocknen und vor Alter hinzusterben anfingen, durchdrang Versailles Gilbert mit dem Gefühle religiöser Traurigkeit, dessen sich kein wohl organisirter Geist in Gegenwart großer, durch die menschliche Beharrlichkeit errichteter, oder durch die Macht der Natur geschaffener Werke erwehren kann.

Aus diesem bei Gilbert ungewohnten Eindruck, gegen welchen sich sein angeborner Stolz vergebens sträubte, ging hervor, daß ihn während der ersten Augenblicke das Erstaunen und die Bewunderung schweigsam und geschmeidig machten. Das Gefühl seiner Dürftigkeit und seiner untergeordneten Stellung drückte ihn nieder. Er fand sich sehr ärmlich gekleidet neben diesen von Gold und Ordensbändern bedeckten Herren; sehr klein neben den Schweizern, sehr wankend, wenn er mit seinen mit Eisen beschlagenen Schuhen auf den Mosaikboden und auf den abgeriebenen und gewichsten Marmorplatten der Gallerien gehen mußte.

Dann fühlte er, daß die Unterstützung seiner Beschützerin unerläßlich für ihn war, um etwas aus ihm zu machen. Er näherte sich ihr, damit die Wachen sähen, er käme mit ihr. Aber gerade daß ihm Mademoiselle Chon nothwendig war konnte er ihr nicht verzeihen.

Wir wissen bereits, denn wir haben es früher gesehen, daß Madame Dubarry in Versailles schöne Gemächer bewohnte, welche einst Madame Adelaide bewohnt hatte. Das Gold, der Marmor, die Wohlgerüche, die Teppiche, die Spitzen berauschten Anfangs Gilbert, eine durch Instinkt sinnliche Natur, einen durch den Willen philosophischen Geist, und erst nachdem er seit geraumer Zeit da war, bemerkte er, zuvor in die innere Betrachtung der vielen Wunder versunken, die seinen Geist geblendet hatten, daß er sich in einer mit Sarsche ausgeschlagenen kleinen Mansarde befand, daß man ihm Fleischbrühe, den Rest von einer Hammelskeule und einen Topf Crême vorgesetzt, und daß der Diener, der ihm dies vorsetzte, mit dem Tone eines Gebieters gesagt hatte: »Bleiben Sie hier!« wonach er sich zurückgezogen.

Ein letzter Winkel des Gemäldes, es war allerdings der herrlichste, hielt ihn indessen noch unter dem Zauber. Man hatte ihn zwar unter dem Dache einquartiert; doch von dem Fenster seiner Mansarde aus sah er den ganzen Park von Marmor überschmelzt; er erblickte die Wasser, bedeckt mit jener grünlichen Kruste, welche die Vernachlässigung über sie ausgebreitet, und jenseits der Wasser die Gipfel der Bäume, zitternd wie die Wellen des Oceans, die buntscheckigen Ebenen und die blauen Horizonte der benachbarten Berge. Das Einzige, an was Gilbert in diesem Augenblick dachte, war, daß er wie die ersten Herren Frankreichs, ohne ein Höfling oder ein Lackei zu sein, ohne irgend eine Empfehlung der Geburt und ohne irgend eine Gemeinheit des Charakters, in Versailles, das heißt in dem Palaste des Königs wohnte.

Während Gilbert sein kleines Mahl verzehrte, das übrigens sehr gut war, wenn er es mit denjenigen verglich, welche ihm gewöhnlich zugekommen; während er statt des Nachtisches zum Fenster seiner Mansarde hinausschaute, begab sich Chon, wie man sich erinnert, zu ihrer Schwester, flüsterte dieser in das Ohr, ihr Auftrag bei Frau von Béarn sei erfüllt, und theilte ihr sodann laut den Unfall mit, der ihrem Bruder in dem Wirthshause von Lachaussée begegnet war, einen Unfall, den wir trotz des Lärmens, welchen er bei seiner Geburt gemacht, ein dem Schlunde sich verlieren und sterben sahen, in dem Schlunde, worin so viele andere noch viel wichtigere Dinge sterben sollten, in der Gleichgültigkeit des Königs.

Gilbert war in eine von den Träumerelen versunken, welche bei ihm so häufig den Dingen gegenüber vorkamen, die das Maaß seines Verstandes oder seines Willens überstiegen, als man ihn benachrichtigte, Mademoiselle Chon lade ihn ein, hinabzukommen; er nahm seinen Hut, bürstete ihn, verglich aus dem Augenwinkel sein abgetragenes Kleid mit dem neuen Kleide des Bedienten, sagte sich, das Kleid des letzteren sei eine Bedientenlivree und erröthete nichtsdestoweniger, als er hinab ging, vor Scham, daß er sich so wenig im Einklang mit den Menschen fand, an welche er stieß, und mit den Dingen, die vor seinen Augen vorfielen.

Chon ging gleichzeitig mit Gilbert in den Hof, nur bediente sie sich der großen Treppe und er stieg eine Art von Nebenleiter hinab..

Ein Wagen wartete. Es war ein niedriger, viersilbiger Phaeton, dem kleinen historischen Wagen ähnlich, in welchem der große König zugleich Frau von Montespan, Frau von Fontanges und sogar die Königin spazieren führte.

Chon stieg ein und machte es sich auf dem ersten Sitze mit einer großen Kiste und einem kleinen Hunde bequem. Die zwei andern Plätze waren für Gilbert und eine Art von Intendanten, Namens Grange, bestimmt.

Gilbert beeilte sich, um seinen Rang zu behaupten. hinter Chon Platz zu nehmen. Ohne Schwierigkeiten zu machen, sogar ohne nur hieran zu denken, setzte sich der Intendant hinter die Kiste und den Hund.

Mademoiselle Chon, in Geist und Herz Allem ähnlich. was Versailles bewohnte, fühlte sich freudig, den großen Palast zu verlassen, um die Luft des Waldes und der Wiesen zu athmen, wurde mittheilsam, wandte sich, als sie kaum aus der Stadt gefahren, halb um und sagte:

»Nun! wie finden Sie Versailles, Herr Philosoph?«

»Sehr schön, Madame; aber verlassen wir es schon?«

»Ja, wir gehen diesmal zu uns.«

»Das heißt zu Ihnen, Madame,« entgegnete Gilbert mit dem Tone eines menschlich werdenden Bären.

»Das wollte ich sagen. Ich werde Sie meiner Schwester zeigen, suchen Sie ihr zu gefallen, darnach trachten in diesem Augenblick die vornehmsten Herren Frankreichs. Hören Sie, Herr Grange, Sie werden diesem Jungen einen vollständigen Anzug machen lassen.«

Gilbert erröthete bis über die Ohren.

»Was für einen Anzug, Madame?« fragte der Intendant; »die gewöhnliche Livree?«

Gilbert sprang von seinem Sitze auf.

»Die Livree!« rief er, und schleuderte dem Intendanten einen wilden Blick zu.

Chon brach in ein Gelächter aus.

»Nein, Sie lassen machen  . . . ich werde es Ihnen sagen; ich habe einen Gedanken, den ich meiner Schwester mittheilen will. Wachen Sie nur darüber, daß dieser Anzug zu gleicher Zeit mit dem von Zamore fertig wird.«

»Gut, Madame.«

»Kennen Sie Zamore?« fragte Chon Gilbert, der aber dieses ganze Gespräch sehr bestürzt war.

»Nein, Madame,« antwortete er, »ich habe nicht diese Ehre.«

»Es ist ein zukünftiger Gefährte von Ihnen, der Gouverneur des Schlosses Luciennes werden wird. Machen Sie sich zu seinem Freunde; Zamore ist im Grunde ein gutes Geschöpf, trotz seiner Farbe.«

Gilbert war im Begriff zu fragen, von welcher Farbe Zamore sei, aber er erinnerte sich der Moral, die ihm Chon in Beziehung auf seine Neugierde gelesen, und hielt aus Furcht vor einem zweiten Verweise an sich.

»Ich werde mich bemühen,« begnügte er sich mit einem Lächeln voll Würde zu antworten.

Man kam nach Luciennes. Der Philosoph hatte Alles gesehen: die frischbepflanzte Straße, die große Wasserleitung, welche ein römisches Werk zu sein scheint, die schattigen Abhänge, die Kastanienbäume mit dem dichten Blätterwerk, die Ebenen und Wälder endlich, welche einen so herrlichen Anblick bieten, und in ihrer Flucht gegen Maisons die zwei Ufer der Seine begleiten.

»Das ist also der Palast, welcher nach der Aussage des Herrn Baron von Taverney Frankreich so viel Geld gekostet hat?« sprach Gilbert ’zu sich selbst.

Freudige Hunde und geschäftige Bedienten liefen herbei, um Chon zu begrüßen, und unterbrachen Gilbert mitten in seinen aristokratisch-philosophischen Betrachtungen.

»Ist meine Schwester schon angekommen?« fragte Chon.

»Nein, Madame, aber man erwartet sie.«

»Wer dies?«

»Der Herr Kanzler, der Herr Polizeilieutenant, der Herr Herzog d’Aiguillon.«

»Gut! öffnen Sie mir geschwind das chinesische Cabinet, ich will meine Schwester zuerst sehen; Sie werden sie benachrichtigen, daß ich da bin, hören Sie? Ah! Sylvie,« fuhr Chon fort, indem sie sich an eine Art von Kammerfrau wandte, welche sich der Kiste und des kleinen Hundes bemächtigt hatte, »geben Sie die Kiste und Misapouf Herrn Grange und führen Sie meinen kleinen Philosophen zu Zamore.«

Mademoiselle Sylvie schaute umher und suchte ohne Zweifel, von welcher Sorte von Thieren Chon spreche; als aber ihre Blicke und die ihrer Gebieterin gleichzeitig auf Gilbert haften blieben, bedeutete ihr Chon durch ein Zeichen, es sei von dem jungen Manne die Rede.

»Kommen Sie,« sagte Sylvie.

Immer mehr erstaunt folgte Gilbert der Kammerfrau, während Chon, leicht wie ein Vogel, in einer der Seitenthüren des Pavillon verschwand.

Ohne den befehlenden Ton, in welchem Chon mit ihr gesprochen, hätte Gilbert Mademoiselle Sylvie eher für eine vornehme Dame als für eine Kammerfrau gehalten. Sie glich in der That, was das Costume betraf, viel mehr Andrée als Nicole. Sylvie nahm Gilbert bei der Hand und richtete ein anmuthiges Lächeln an ihn, denn die Worte von Mademoiselle Chon deuteten in Beziehung auf den Ankömmling, wenn nicht Zuneigung, doch wenigstens Laune an.

Dies war Mademoiselle Sylvie, wohlverstanden, ein großes, schönes Mädchen, mit dunkelblauen Augen, weißem, leicht mit Sommersprossen bestecktem Teint und herrlichen, glühend blonden Haaren. Ihr frischer, feiner Mund, ihre weißen Zähne, ihr fleischiger Arm brachten auf Gilbert einen von jenen sinnlichen Eindrücken hervor, für welche er so zugänglich war, einen Eindruck, der ihn durch ein zartes Beben an den Honigmond erinnerte, von welchem Nicole gesprochen.

Die Frauen bemerken stets dergleichen Dinge; Mademoiselle Sylvie bemerkte es also und fragte lächelnd:

»Wie heißen Sie, mein Herr?«

»Gilbert, Mademoiselle,« antwortete unser junger Mann mit einer ziemlich sanften Stimme.

»Nun, Herr Gilbert, kommen Sie und machen Sie Bekanntschaft mit dem Seigneur Zamore.«

»Mit dem Gouverneur des Schlosses Luciennes?«

»Mit dem Gouverneur.«

Gilbert streckte seine Arme, bürstete seinen Rock mit einem Aermel und fuhr mit seinem Sacktuch über seine Hände. Er hatte im Grunde etwas bange, vor einer so wichtigen Person zu erscheinen, aber er erinnerte sich der Worte: »Zamore ist ein gutes Geschöpf,« und diese Worte beruhigten ihn.

Er war bereits der Freund einer Gräfin, der Freund eines Vicomte und sollte der Freund eines Gouverneur werden.

»Ei!« dachte er, »verleumdet man den Hof, da es so leicht ist, hier Freunde zu bekommen? Diese Leute sind gastfreundlich und gut, glaube ich.«

Sylvie öffnete die Thüre eines Vorzimmers, das eher ein Boudoir zu sein schien; die Füllungen waren von Schildplatt mit vergoldetem Kupfer incrustirt. Man hätte es für ein Atrium von Lucullus halten können, wären nicht bei dem alten Römer die Incrustationen von reinem Gold gewesen.

Hier ruhte auf einem ungeheuren Fauteuil unter Kissen begraben, die Beine gekreuzt, und Pastillen von Chocolade knaupelnd, der Seigneur Zamore, den wir kennen, den aber Gilbert nicht kannte.

Die Wirkung, welche die Erscheinung des zukünftigen Gouverneur von Luciennes auf den Philosophen hervorbrachte, prägte sich auf eine seltsame Weise in seinem Gesichte aus.

»Oh!« rief er, indem er ganz erstaunt das fremdartige Gesicht betrachtete, denn es war das erste Mal, daß er einen Neger sah; »oh! oh! was ist das?«

Zamore erhob nicht einmal den Kopf und fuhr fort seine Zeltchen zu kauen, wahrend seine Augen weiß vor Vergnügen anzuschauen waren.

»Das ist Herr Zamore,« antwortete Sylvie.

»Er?« versetzte Gilbert voll Verwunderung.

»Allerdings,« erwiederte Sylvie, unwillkührlich über die Wendung lachend, welche diese Scene nahm.

»Der Gouverneur?’ fuhr Gilbert fort, »dieser Affe Gouverneur des Schlosses Luciennes? Gehen Sie doch, Mademoiselle, Sie spotten meiner.«

Bei diesen Worten richtete sich Zamore auf und zeigte seine weißen Zähne.

»Ich Gouverneur,« sagte er, »nicht Affe.«

Gilbert ließ einen unruhigen Blick von Zamore auf Sylvie übergehen, und dieser Blick wurde zornig, als er sah, daß die junge Frau, obgleich sie an sich zu halten bemüht war, in ein Gelächter ausbrach.

Zamore aber tauchte ernst und unempfindlich seine schwarze Klaue wieder in den Atlaßsack und setzte sein Geknaupel fort.

In diesem Augenblick öffnete sich die Thüre und Herr Grange erschien, von einem Schneider gefolgt.

»Hier,« sagte er, auf Gilbert deutend, »hier ist die Person, für welche das Kleid sein soll; nehmen Sie das Maaß, wie ich Ihnen erklärt habe, daß es genommen werden muß.«

Gilbert reichte maschinenmäßig seine Arme und seine Schultern, während Sylvie und Herr Grange im Hintergrunde des Zimmers plauderten und Mademoiselle Sylvie immer mehr bei jedem Worte lachte, das der Intendant zu ihr sagte.

»Ah! das wird reizend sein,« versetzte Mademoiselle Sylvie; »und bekommt er auch die spitzige Mütze wie Sganarelle?«

Gilbert hörte nicht einmal die Antwort; er stieß den Schneider ungestüm zurück, und wollte sich um keinen Preis zu dem Reste der Ceremonie hergeben. Er kannte Sganarelle nicht, aber der Name und besonders das Gelächter von Mademoiselle Sylvie deuteten ihm an, daß es eine außerordentlich lächerliche Person sein mußte.

»Es ist gut,« sagte der Intendant zu dem Schneider, »thun Sie ihm keine Gewalt an; Sie wissen genug, nicht wahr?«

»Gewiß,« antwortete der Schneider; »überdies schadet die Weite bei solchen Kleidern nie; ich werde es weit halten.«

Hienach entfernten sich Mademoiselle Sylvie, der Intendant und der Schneider, und ließen Gilbert mit dem kleinen Neger, der fortwährend Pastillen kaute und seine weißen Augen in ihren Höhlen drehte. Welche. Räthsel für den armen Provinzbewohner, welche Befürchtungen, welche Pein besonders für den Philosophen, der seine Menschenwürde noch klarer in Luciennes als in Taverney gefährdet sah, oder zu sehen glaubte!

Er versuchte es indessen, mit Zamore zu sprechen. denn es kam ihm der Gedanke, es wäre vielleicht ein indischer Prinz, wie er solche in den Romanen von Herrn Crebillon Sohn gesehen hatte.

Aber der indische Prinz trat, statt ihm zu antworten, vor jeden Spiegel, beschaute sein herrliches Costume, wie es eine Braut mit ihrem Hochzeitkleide macht, setzte sich sodann auf einen Stuhl mit Röllchen, dem er den Impuls mit seinen Füßen gab, und machte etwa zehnmal die Fahrt durch das Vorzimmer mit einer Schnelligkeit, welche zum Beweis für sein tiefes Studium in dieser geistreichen Uebung diente.

Plötzlich erscholl ein Glöckchen. Zamore sprang von seinem Stuhle herab, den er an der Stelle ließ, wo er angehalten hatte, und eilte durch eine der Thüren des Vorzimmers in der Richtung des Geräusches der Glocke fort.

Die Eilfertigkeit, mit der er dem silbernen Klange gehorchte, überzeugte Gilbert vollends, daß der Neger kein Prinz war.

Gilbert hatte einen Augenblick Lust, durch dieselbe Thüre wie Zamore wegzugehen, als er aber an das Ende des Ganges kam, der in einen Salon führte, erblickte er so viel blaue und rothe Ordensbänder, Alles bewacht durch so unverschämte, so freche Bedienten, daß er fühlte, wie ein Schauer seine Adern durchlief. und Schweiß aus der Stirne in sein Vorzimmer zurückkehrte. So verging eine Stunde; Zamore kam nicht wieder; Mademoiselle Sylvie war immer noch abwesend; Gilbert rief mit allen seinen Wünschen ein menschliches Gesicht herbei, und wäre es das des abscheulichen Schneiders gewesen, welcher die Mystification, mit der man ihn bedroht, in das Werk zu setzen hatte.

Nach Ablauf dieser Stunde öffnete sich die Thüre, durch die er eingetreten, wieder, ein Lackei erschien und sprach:

»Kommen Sie.«

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
1798 s. 15 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain