Kitabı oku: «Joseph Balsamo Denkwürdigkeiten eines Arztes 1», sayfa 90
CXLII.
Mißgriff
Philipp verlängerte das Gespräch, scheinbar ohne Absicht, während er aus dem Augenwinkel seine Schwester beobachtete, welche genug Selbstbeherrschung zu gewinnen suchte, um ihn nicht durch neue Ohnmachten zu beängstigen.
Philipp sprach viel von seinen Täuschungen, vom Vergessen des Königs, von der Unbeständigkeit von Herrn von Richelieu, und als man sieben Uhr schlagen hörte, ging er ungestüm weg, ohne sich viel darum zu bekümmern, daß Andrée errathen dürfte, was er thun wollte.
Er schritt gerade auf den Pavillon der Königin zu und blieb entfernt genug, um nicht von den Leuten vom Dienst angerufen zu werden, nahe genug stehen, daß Niemand vorübergehen könnte, ohne daß er, Philipp, die vorübergehende Person erkannte.
Er war noch keine fünf Minuten da, als er die steife, beinahe majestätische Gestalt des Doctors, den Andrée ihm bezeichnet hatte, auf sich zukommen sah. Der Tag neigte sich, und so schwer ihm auch das Lesen werden mußte, blätterte doch der würdige Doctor in einer kurz zuvor erst in Cöln erschienenen Abhandlung über Magenlähmung. Allmälig wurde es immer dunkler um ihn her, und der Doctor errieth schon mehr, als er las, da fing ein wandelnder und undurchsichtiger Körper vollends das auf, was den Augen des gelehrten Arztes noch an Licht blieb.
Er schaute empor, sah einen Mann vor sich und sagte:
»Was gibt es?«
»Verzeihen Sie, mein Herr,« erwiederte Philipp, »habe ich die Ehre, mit dem Herrn Doctor Louis zu reden?«
»Ja, mein Herr,« antwortete der Doctor sein Buch schließend.
»Dann ein Wort, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr.«
»Mein Herr, entschuldigen Sie mich, mein Dienst ruft mich zu der Frau Dauphine. Es ist die Stunde, wo ich mich zu ihr begeben muß, und ich kann nicht auf mich warten lassen.«
»Mein Herr . . . (hier macht Philipp eine Bewegung der Bitte, um sich dem Weitergehen des Doctors zu widersetzen), mein Herr, die Person, für welche ich Ihre Bemühung in Anspruch nehme, ist im Dienst der Frau Dauphine. Sie leidet ungemein, während die Frau Dauphine nicht krank ist.«
»Von wem sprechen Sie?« fragte der Doctor.
»Von einer Person, bei der Sie von der Frau Dauphine selbst eingeführt worden sind.«
»Ah! ah! sollte zufällig von Fräulein Andrée von Taverney die Rede sein?«
»Ganz richtig, mein Herr.«
»Ah! ah!« machte der Doctor, den Kopf erhebend, um den jungen Mann anzuschauen.
»Sie wissen also, daß sie leidend ist?«
»Ja, Krämpfe, nicht wahr?«
»Beständige Ohnmachten, ja, mein Herr. Heute ist sie im Verlauf von einigen Stunden drei bis viermal in meinen Armen ohnmächtig geworden.«
»Geht es schlimmer bei der jungen Dame?«
»Ach! ich weiß es nicht; doch Sie begreifen, Doctor, wenn man die Leute liebt . . .«
»Sie lieben Fräulein Andrée von Taverney?«
»Oh! mehr als mein Leben, Doctor.«
Philipp sprach diese Worte mit einer solchen Begeisterung brüderlicher Liebe, daß sich der Doctor in ihrer Bedeutung täuschte.
»Ah! ah!« sagte er, »Sie sind also . . .«
Zögernd hielt der Doctor inne.
»Was wollen Sie damit sagen, mein Herr?« fragte Philipp.
»Sie sind also der . . .«
»Wer soll ich denn sein, mein Herr?«
»Ei! bei Gott! der Liebhaber,« erwiederte der Doctor voll Ungeduld.
Philipp machte zwei Schritte rückwärts, fuhr mit der Hand nach der Stirne und wurde bleich wie der Tod.
»Mein Herr,« sagte er, »nehmen Sie sich in Acht, Sie beleidigen meine Schwester.«
»Ihre Schwester? Fräulein von Taverney ist Ihre Schwester?«
»Ja, mein Herr, und ich glaube nichts gesagt zu haben, was auf Ihrer Seite zu einem so seltsamen Mißgriff Anlaß geben konnte.«
»Entschuldigen Sie mich, mein Herr, die Stunde, in der Sie mich angehen, das geheimnißvolle Wesen, mit dem Sie das Wort an mich richteten . . . ich glaubte, ich vermuthete, eine zärtlichere Theilnahme, als die brüderliche . . .«
»Oh! mein Herr, ein Geliebter oder ein Gatte wird meine Schwester nicht tiefer und inniger lieben, als ich sie liebe.«
»Sehr gut, in diesem Fall begreife ich, daß Sie meine Vermuthung verletzt hat, und ich bitte Sie um Entschuldigung; wollen Sie mir erlauben, mein Herr . . .«
Hier machte der Doctor eine Bewegung, um vorüberzugehen.
»Doctor,« sprach Philipp, »ich flehe Sie an, verlassen Sie mich nicht, ohne mich über den Zustand meiner Schwester beruhigt zu haben.«
»Aber was hat Sie denn bei diesem Zustand beunruhigt?«
»Ei! mein Gott, das, was ich selbst gesehen.«
»Sie haben Symptome gesehen, welche eine Unpäßlichkeit offenbaren . . .«
»Eine ernste, Doctor?«
»Je nachdem.«
»Hören Sie, Doctor, es liegt in dem Allem etwas Seltsames . . . man wollte glauben, Sie wollen, Sie mögen mir nicht antworten.«
»Nehmen Sie lieber an, mein Herr, ungeduldig wie ich bin, mich zur Frau Dauphine zu begeben, die mich erwartet . . .«
»Doctor, Doctor,« sprach Philipp, mit der Hand über seine von Schweiß triefende Stirne fahrend, »Sie hielten mich für den Liebhaber von Fräulein von Taverney.«
»Ja, doch Sie haben mich enttäuscht.«
»Sie denken also, Fräulein von Tavernes habe einen Geliebten?«
»Verzeihen Sie, ich bin Ihnen keine Rechenschaft von meinen Gedanken schuldig.«
»Doctor, haben Sie Mitleid mit mir; Doctor, es ist Ihnen ein furchtbares Wort entschlüpft, ein Wort, das in meinem Herzen geblieben ist, wie die abgebrochene Klinge eines Dolches; Doctor, suchen Sie mich nicht auf eine andere Fährte zu bringen; vergebens sind Sie ein zarter und gewandter Mann; Doctor, was für eine Krankheit ist es, über die Sie dem Geliebten Auskunft schuldig waren, während Sie dieselbe vor einem Bruder verbergen wollen? Doctor, ich flehe Sie an, antworten Sie mir.«
»Ich bitte Sie im Gegentheil, mich der Antwort zu überheben, mein Herr, denn aus der Art und Weise, wie Sie mich fragen, ersehe ich, daß Sie nicht Ihrer Herr sind.«
»Oh! mein Gott, Sie begreifen also nicht, mein Herr, daß mich jedes Ihrer Worte weiter gegen den Abgrund treibt, den ich zu erschauen zittere.«
»Mein Herr!«
»Doctor,« rief Philipp mit neuer Heftigkeit, »Sie sagen also hiemit, Sie haben mir ein so furchtbares Geheimniß zu enthüllen, daß ich meiner ganzen Kaltblütigkeit, meines ganzen Muthes bedürfe, um es anzuhören?«
»Ich weiß nicht, durch welche Voraussetzung Sie sich so verwirren lassen, Herr von Taverney; ich habe nichts von dem Allem gesagt.«
»Oh! Sie thun hundertmal mehr, als wenn Sie mir etwas sagen würden! . . . Sie lassen mich Dinge glauben! Oh! das ist nicht menschenfreundlich, Doctor; Sie sehen, daß ich mir das Herz vor Ihnen zermartere; Sie sehen, daß ich bitte, daß ich stehe; sprechen Sie doch; hören Sie, ich schwöre Ihnen, ich habe kaltes Blut, ich habe Muth . . . Diese Krankheit, diese Schande vielleicht . . . Oh! mein Gott! Sie unterbrechen mich nicht, Doctor!«
»Herr von Taverney, ich habe weder der Frau Dauphine, noch Ihrem Vater, noch Ihnen etwas gesagt; fragen Sie mich nichts mehr.«
»Ja, ja; . . . doch Sie sehen, daß ich Ihr Stillschweigen deute; Sie sehen, daß ich Ihrem Gedanken auf dem düstern, unseligen Weg, wo er sich vertieft, folge; halten Sie mich wenigstens auf, wenn ich irre gehe.«
»Leben Sie wohl, mein Herr,« sprach der Doctor.
»Oh! Sie werden mich nicht so verlassen, ohne mir ja oder nein zu sagen. Ein Wort, ein einziges Wort, das ist Alles, was ich von Ihnen verlange.«
Der Doctor blieb stehen.
»Mein Herr,« sagte er, »so eben, und das hat den unseligen Mißgriff herbeigeführt, der Sie beleidigt . . .«
»Sprechen wir nicht mehr hievon.«
»Im Gegentheil, sprechen wir hievon; so eben sagten Sie mir, Fräulein von Taverney sei Ihre Schwester. Doch etwas vorher haben Sie mir mit einer Begeisterung, die meinen Irrthum veranlaßte, gesagt, Sie lieben Fräulein Andrée mehr als Ihr Leben.«
»Das ist wahr.«
»Wenn Ihre Liebe für sie so groß ist, so muß sie dieselbe durch eine Erwiederung belohnen.«
»Oh! mein Herr, Andrée liebt mich, wie mich Niemand auf dieser Welt liebt.«
»Wohl! dann kehren Sie zu ihr zurück, befragen Sie sie auf dem Wege, wo ich sie zu verlassen genöthigt bin, und wenn Sie Fräulein Andrée liebt, wie Sie sie lieben, so wird sie Ihre Fragen beantworten. Es gibt viele Dinge, die man einem Freunde sagt, die man aber einem Arzte nicht sagt; sie wird sich vielleicht herbeilassen, Ihnen zu sagen, was ich Sie nicht um einen Finger meiner Hand durch eine Aeußerung von mir vermuthen lassen möchte. Guten Abend, mein Herr.«
Und der Doctor machte abermals eine Bewegung gegen den Pavillon.
»Oh! nein, nein, das ist unmöglich!« rief Philipp, wahnsinnig vor Schmerz und jedes seiner Worte durch ein Schluchzen unterbrechend; »nein, Doctor, ich habe schlecht gehört; nein, Sie können mir das nicht gesagt haben.«
Der Doctor machte sich sachte los und sprach mit einem sanften, mitleidsvollen Wesen:
»Thun Sie, was ich Ihnen gerathen habe, Herr von Taverney, und glauben Sie mir, es ist das Beste, was Sie thun können.«
»Oh! bedenken Sie doch, Ihnen glauben heißt auf die Religion meines ganzen Lebens verzichten, heißt einen Engel anklagen und Gott versuchen, Doctor; wenn Sie verlangen, daß ich glauben soll, beweisen Sie wenigstens, beweisen Sie.«
»Gott befohlen, mein Herr.«
»Doctor!« rief Philipp in Verzweiflung.
»Nehmen Sie sich in Acht, wenn Sie mit dieser Heftigkeit sprechen, werden Sie bekannt machen, was ich Jedermann zu verschweigen mir gelobt hatte, und was ich gern auch vor Ihnen verborgen hätte.«
»Ja, ja, Sie haben Recht, Doctor,« sagte Philipp mit so leiser Stimme, daß der Hauch erstarb, wie er von seinen Lippen kam; »doch die Wissenschaft kann sich täuschen, und Sie gestehen, daß Sie sich selbst zuweilen getäuscht haben.«
»Selten, mein Herr,« erwiederte der Doctor; »ich bin ein Mann von ernsten Studien, und mein Mund sagt nicht ja, sagen nicht meine Augen und mein Geist, ich habe gesehen, ich weiß, ich bin sicher Ja, gewiß, Sie haben Recht, mein Herr, zuweilen konnte ich mich täuschen, wie sich jedes schwache Geschöpf täuscht; doch aller Wahrscheinlichkeit nach ist es diesmal nicht der Fall. Ruhe, mein Herr, und trennen wir uns.«
Aber Philipp konnte sich nicht so fügen; er legte seine Hand auf den Arm des Doctors mit einer Miene so tiefen Flehens, daß dieser stehen blieb.
»Eine letzte Bitte, mein Herr,« sagte Philipp; »Sie sehen, in welcher Verwirrung sich mein Geist befindet; ich fühle etwas wie Wahnsinn in mir; um zu wissen, ob ich leben oder sterben soll, bedarf ich einer Bestätigung der Wirklichkeit, die mich bedroht. Ich kehre zu meiner Schwester zurück, ich werde nur mit ihr sprechen, wenn Sie sie noch einmal gesehen haben . . . überlegen Sie . . .«
»Es ist Ihre Sache, zu überlegen, mein Herr, denn ich habe dem, was ich gesagt, kein Wort mehr beizufügen.«
»Mein Herr, versprechen Sie mir . . . mein Gott! das ist eine Bitte, die der Henker dem Opfer nicht abschlagen würde . . . versprechen Sie mir, nach Ihrem Besuch bei Ihrer Hoheit der Frau Dauphine zu meiner Schwester zu kommen; Doctor, im Namen des Himmels versprechen Sie mir das!«
»Es ist unnöthig, mein Herr; doch da Ihnen so viel daran gelegen ist, so ist es meine Pflicht, Ihrem Wunsch zu entsprechen; sobald ich die Frau Dauphine verlasse, besuche ich Ihre Schwester.«
»Oh! Dank, Dank. Ja, kommen Sie, und Sie werden dann selbst zugestehen, daß Sie sich getäuscht haben.«
»Ich wünsche es von ganzem Herzen, mein Herr, und wenn ich mich getäuscht, werde ich es mit Freuden bekennen. Guten Abend.«
Endlich freigegeben, entfernte sich der Doctor und ließ Philipp auf der Esplanade zurück, Philipp, der vor Fieber zitterte, von kaltem Schweiß Übergossen war, und im Taumel des Wahnsinns weder den Ort, wo er sich befand, noch den Mann, mit dem er gesprochen, noch das Geheimniß, das er erfahren, mehr kannte.
Einige Minuten lang schaute er, ohne zu begreifen, den Himmel, der sich allmälig mit Sternen besäte, und den Pavillon an, dessen Fenster sich beleuchteten.
CXLIII.
Verhör
Sobald Philipp wieder zum Bewußtsein kam, sobald es ihm wieder sich zum Herrn seiner Vernunft zu machen gelungen war, wandte er sich nach der Wohnung von Andrée.
Doch in demselben Maß, in welchem er dem Pavillon näher kam, verschwand allmälig das Gespenst seines Unglücks; es kam ihm vor, als hätte er einen Traum gehabt, und nicht als hätte er einen Augenblick mit der Wirklichkeit gekämpft. Je mehr er sich vom Doctor entfernte, desto ungläubiger wurde er gegen seine Drohungen. Sicherlich hatte sich die Wissenschaft getäuscht, aber die Tugend war nicht gefallen.
Hatte ihm nicht der Doctor dadurch vollkommen Recht gegeben, daß er zu seiner Schwester zurückzukehren versprochen?
Als aber Philipp Andrée gegenüberstand, war er so verändert, so bleich, so entstellt, daß nun seine Schwester über ihn in Besorgniß gerieth und sich fragte, wie in so kurzer Zeit eine solche Veränderung an ihm habe vorgehen können.
Nur Eines konnte eine solche Wirkung auf Philipp hervorgebracht haben.
»Mein Gott! mein Bruder,« fragte Andrée, »ich bin also sehr krank?«
»Warum?« versetzte Philipp.
»Weil die Berathung mit dem Doctor Louis Dich erschreckt hat.«
»Nein, meine Schwester, der Doctor ist nicht unruhig, und Du hast mir die Wahrheit gesagt. Ich habe sogar große Mühe gehabt, ihn zu bestimmen, wiederzukommen.«
»Ah! er kommt?«
»Ja, er kommt; das wird Dir nicht unangenehm sein. Andrée?«
Philipp tauchte seine Blicke in die des Mädchens, während er diese Worte sprach.
»Nein,« antwortete sie ganz einfach, »wenn Dich nur dieser Besuch ein wenig beruhigt, mehr verlange ich nicht; doch sage mir mittlerweile, woher kommt Deine furchtbare Blässe, die mich so sehr erschreckt?«
»Das beunruhigt Dich, Andrée?«
»Du fragst!«
»Du liebst mich also zärtlich, Andrée?«
»Was meinst Du?«
»Ich frage Dich, Andrée, ob Du mich immer noch liebest, wie in unserer Jugendzelt?«
»Oh! Philipp! Philipp!«
»Ich bin also für Dich eines der kostbarsten Wesen, die Du auf Erden hast?«
»Oh! das kostbarste, das einzige,« rief Andrée. Dann fügte sie erröthend und verwirrt bei: »Entschuldige, Philipp, ich vergaß . . .«
»Nicht wahr, unser Vater, Andrée?«
»Ja.«
Philipp nahm seine Schwester bei der Hand und sprach, indem er sie zärtlich anschaute:
»Andrée, glaube nicht, daß ich Dich je tadeln würde, wenn Dein Herz eine Zuneigung in sich schlöße, welche weder die Liebe wäre, die Du für Deinen Vater hegst, noch die, die Du für mich hast . . .«
Dann ihr näher rückend, fuhr er fort:
»Du bist in einem Alter, Andrée, wo das Herz der Mädchen lebhafter zu ihnen spricht, als sie es selbst wollen, und Du weißt, eine göttliche Vorschrift gebietet dem Weibe Vater und Mutter zu verlassen, um dem Mann zu folgen.«
Andrée schaute Philipp einen Augenblick an, als spräche er eine fremde Sprache, die sie gar nicht verstünde.
Dann lachte sie mit einer Naivetät, die nichts wiederzugeben vermöchte, und rief:
»Mein Mann! hast Du nicht von meinem Mann gesprochen, Philipp? Ei! mein Gott! er muß noch geboren werden, oder ich kenne ihn wenigstens nicht.«
Bewegt durch diesen so wahren Ausruf von Andrée, näherte sich ihr Philipp, schloß ihre Hand in die seinigen und sagte:
»Ehe man einen Mann hat, meine gute Andrée, hat man einen Bräutigam, einen Geliebten.«
Andrée schaute Philipp ganz erstaunt an und duldete es, daß der junge Mann seine gierigen Augen bis in die Tiefe ihres klaren jungfräulichen Blickes tauchte, in dem sich ihre ganze Seele spiegelte.
»Meine Schwester,« sprach Philipp, »seit Deiner Geburt hast Du mich für Deinen besten Freund gehalten; ich habe Dich meinerseits als meine einzige Freundin betrachtet; Du weißt, nie verließ ich Dich den Spielen meiner Kameraden zu Liebe. Wir sind mit einander groß geworden und nichts hat unser blindes gegenseitiges Vertrauen gestört; Andrée, warum mußtest Du Dich seit einiger Zeit so ohne alle Gründe und zuerst gegen mich verändern?«
»Ich habe mich gegen Dich verändert, Philipp? Erkläre Dich. In der That, ich begreife nichts von dem, was Du mir sagst, seitdem Du zurückgekommen bist.«
»Ja, Andrée,« sprach der junge Mann, während er sie an seine Brust preßte; »ja, meine süße Schwester, die Leidenschaften der Jugend sind auf die Neigungen der Kindheit gefolgt, und Du hast mich nicht mehr gut oder nicht mehr sicher genug gefunden, um mir Dein von der Liebe bewältigtes Herz zu zeigen.«
»Mein Bruder, mein Freund,« erwiederte Andrée immer mehr erstaunt, »was sagst Du mir denn da? Was sprichst Du denn zu mir von Liebe?«
»Andrée, ich greife muthig eine Frage voll Gefahr für Dich, voll Bangigkeit für mich selbst an. Ich weiß wohl, daß ich mich in Deinem Geist zu Grunde richte, wenn ich mir Dein Vertrauen in diesem Augenblick erbitte oder es von Dir fordere; doch ich will lieber, und glaube mir, es ist grausam für mich, dies zu sagen, ich will lieber fühlen, daß Du mich weniger liebst, als Dich dem Unglück bloßgestellt lassen, welches Dich bedroht, einem furchtbaren Unglück, wenn Du in dem Stillschweigen verharrst, das ich beklage und dessen ich Dich einem Bruder, einem Freund gegenüber nicht für fähig gehalten hätte.«
»Mein Bruder, mein Freund.« sagte Andrée, »ich schwöre Dir, daß ich Deine Vorwürfe durchaus nicht begreife.«
»Andrée, soll ich sie Dir begreiflich machen?«
»Oh! ja, gewiß.«
»Doch wenn ich, durch Dich ermuthigt, mit zu viel Schärfe spreche, wenn ich die Röthe auf Deiner Stirne hervorrufe, wenn ich die Scham auf Deinem Herzen lasten mache, dann schreibe es nur Dir selbst zu, Dir, die Du mich durch ungerechtes Mißtrauen genöthigt hast, bis im Grunde Deiner Seele zu wühlen, um ihr Dein Geheimniß zu entreißen.«
»Thue es, Philipp, und ich schwöre Dir, daß ich Dir nicht über das, was Du thun wirst, grollen werde.«
Philipp schaute seine Schwester an, stand ganz bewegt auf und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab. Es war zwischen der Anschuldigung, die er in seinem Innern gegen sie erhob, und der Ruhe des Mädchens ein so seltsamer Widerspruch, daß er nicht wußte, bei welchem Gedanken er beharren sollte.
Andrée schaute ihrerseits ihren Bruder mit Erstaunen an und erkaltete allmälig in der Berührung dieser Feierlichkeit, welche so sehr von dem sanften brüderlichen Ansehen verschieden war.
Ehe Philipp wieder das Wort genommen hatte, stand Andrée ebenfalls auf und schlang ihren Arm um den ihres Bruders.
Dann blickte sie ihn mit unaussprechlicher Zärtlichkeit an und sagte:
»Höre, Philipp, schaue mich an, wie ich Dich anschaue!«
»Oh! sehr gern,« erwiederte der junge Mann, seine glühenden Augen auf Andrée heftend; »was willst Du mir sagen?«
»Ich will Dir sagen, Philipp, daß Du immer ein wenig eifersüchtig auf meine Freundschaft gewesen bist: das ist ganz natürlich, da ich meinerseits eifersüchtig auf Deine Bemühungen und Deine Zuneigung war; nun! schaue mich an, wie ich Dir gesagt habe.«
Das Mädchen lächelte.
»Siehst Du ein Geheimniß in meinen Augen?« fuhr sie fort.
»Ja, ja, ich sehe eines,« erwiederte Philipp, »Du liebst Jemand?«
»Ich!« rief das Mädchen mit einem so natürlichen Erstaunen, daß die geschickteste Komödiantin sicherlich nicht im Stande gewesen wäre, den Ton dieses einzigen Wortes nachzuahmen.
Und sie lachte abermals.
»Ich liebe Jemand?« versetzte sie.
»Dann liebt man Dich?«
»Meiner Treue, das ist schlimm, denn in Betracht, daß sich die unbekannte Person nie gezeigt und folglich nie erklärt hat, ist dies eine rein verlorene Liebe.«
Nun, da er seine Schwester mit so viel Treuherzigkeit über diese Frage lachen und scherzen sah, da er das so durchsichtige Blau ihrer Augen, ihre so unschuldsvolle, so reine Haltung wahrnahm, sagte sich Philipp, der das Herz von Andrée mit einer gleichmäßigen Bewegung an seinem Herzen schlagen fühlte, ein Monat Abwesenheit könne keine solche Veränderung im Charakter eines tadellosen Mädchens hervorbringen; der Verdacht gegen die arme Andrée sei unwürdig, die Wissenschaft lüge; er gestand sich, der Doctor Louis habe eine Entschuldigung, da er weder die Reinheit, noch die trefflichen Instincte von Andrée kenne, da er glauben dürfe, sie gleiche allen den adeligen Mädchen, welche, geblendet durch unwürdige Beispiele oder fortgerissen durch die frühreife Hitze eines verdorbenen Blutes, der Jungfrauschaft ohne Bedauern, ohne Stolz entsagen.
Ein letzter Blick, den er auf Andrée warf, erklärte Philipp die Fehlbarkeit des Doctors. und er fühlte sich über seine Erklärung so glücklich, daß er seine Schwester umarmte wie jene Märtyrer, die, indem sie die Reinheit der Jungfrau Maria bekannten, zugleich auch ihren Glauben an ihren göttlichen Sohn bekannten.
In der Zeit dieser Wogungen seines Innern hörte Philipp auf der Treppe die Tritte des Doctor Louis, der getreu seinem Versprechen im Hause erschien.
Andrée bebte: in der Lage, in der sie sich befand, wurde Alles für sie ein Ereigniß.
»Wer kommt da?« fragte sie.
»Der Doctor Louis wahrscheinlich,« antwortete Philipp.
In demselben Augenblick öffnete sich die Thüre, und der von Philipp mit so viel Angst erwartete Arzt trat in der That in das Zimmer ein.
Es war, wie gesagt, einer von den ernsten, redlichen Männern, für welche die Wissenschaft ein Priesterthum ist, dessen Geheimnisse sie mit religiöser Ehrfurcht studiren.
In dieser ganz materialistischen Zeit suchte der Doctor Louis, eine seltene Erscheinung, unter den Krankheiten des Körpers die Krankheiten der Seele zu entdecken; er schritt geradezu und rücksichtslos auf diesem Wege fort, kümmerte sich wenig um Gerüchte und Hindernisse, und sparte seine Zeit, dieses Erbtheil der emsigen Leute, mit einem Geize, der ihn oft gegen die Müßigen und Schwätzer grob werden ließ.
Deshalb hatte er Philipp bei ihrem ersten Zusammentreffen auf eine so ungeschlachte Weise behandelt; er hatte ihn für einen von jenen nur mit galanten Abenteuern beschäftigten Höflingen gehalten, die dem Arzt schmeicheln, um sich Complimente über ihre Liebesheldenthaten machen zu lassen, und die ganz stolz darauf sind, daß sie eine Verschwiegenheit zu bezahlen haben. Sobald sich aber die Medaille drehte und der Doctor statt des mehr oder minder verliebten Gecken das düstere und bedrohliche Antlitz des Bruders erscheinen sah; sobald an der Stelle einer Unannehmlichkeit ein Unglück sichtbar wurde, fühlte sich der philosophische Arzt bewegt, und bei den letzten Worten von Philipp sagte der Doctor zu sich selbst:
»Ich konnte mich nicht nur täuschen, sondern ich wollte, ich hätte mich getäuscht.«
Deshalb hatte er dann auch, selbst ohne die dringende Bitte von Philipp, Andrée zu besuchen beschlossen, um sich durch eine schärfere, entscheidendere Prüfung über die Wahrscheinlichkeiten Rechenschaft zu geben, die ihm die erste Untersuchung geliefert.
Er trat also ein, und sein erster Blick, diese Besitznahme des Arztes und des Beobachters, heftete sich schon aus dem Vorzimmer auf Andrée, die er nicht mehr verließ.
War es durch den Anblick des Doctors veranlagte Aufregung, war es eine natürliche Erscheinung. Andrée wurde gerade von einem der Anfälle erfaßt, welche Philipp erschreckt hatten, und sie wankte und fuhr mit einer schmerzlichen Geberde mit ihrem Sacktuch an ihre Lippen.
Philipp, der ganz mit dem Empfang des Doctors beschäftigt war, hatte nichts gesehen.
»Doctor,« sagte er, »seien Sie willkommen und verzeihen Sie mir mein etwas brutales Wesen; als ich Sie vor einer Stunde anredete, war ich eben so aufgeregt, als ich in dieser Minute ruhig bin.«
Der Doctor hörte einen Augenblick auf, Andrée anzuschauen, und lenkte seine Beobachtung auf den jungen Mann, dessen freudiges Lächeln er analysirte.
»Sie haben mit Ihrer Fräulein Schwester gesprochen, wie ich es Ihnen gerathen?« fragte er.
»Ja, Doctor, ja.«
»Sie sind beruhigt?«
»Ich habe den Himmel mehr und die Hölle weniger im Herzen.«
Der Doctor nahm die Hand von Andrée und fühlte dem Mädchen lange den Puls.
Philipp schaute ihm zu und schien zu sagen:
»Oh! thun Sie es, Doctor, ich fürchte nun die Erklärungen des Arztes nicht mehr.«
»Nun! mein Herr?« fragte er mit triumphirender Miene.
»Herr Chevalier,« erwiederte der Arzt, »wollen Sie mich mit Ihrer Schwester allein lassen.«
Ganz einfach ausgesprochen, schlugen diese Worte den Stolz des jungen Mannes nieder.
»Wie! abermals?« sagte er.
Des Doctor machte eine Geberde.
»Es ist gut, ich verlasse Sie, mein Herr,« sprach Philipp mit düsterer Miene.
Dann zu seiner Schwester:
»Andrée sei redlich und offen gegen den Doctor.«
Das Mädchen zuckte die Achseln, als könnte es nicht einmal begreifen, was man zu ihm sagte.
Philipp fuhr fort:
»Während er Dich über Deine Gesundheitsumstände befragt, werde ich einen Gang im Park machen. Die Stunde, auf die ich mein Pferd bestellt habe, ist noch nicht gekommen, so daß ich Dich vor meinem Abgang noch einmal sehen und einen Augenblick mit Dir sprechen kann.«
Und er drückte Andrée die Hand und suchte dabei zu lächeln.
Aber es war für das Mädchen etwas Krampfhaftes, Gezwungenes in diesem Händedruck und in diesem Lächeln.
Der Doctor geleitete Philipp mit ernster Miene bis zur Thüre, die er schloß.
Wonach er zurückkam und sich auf denselben Sopha setzte, auf dem Andrée saß.
