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Kitabı oku: «La San Felice Band 1»

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Erster Theil

Vorrede

Die Ereignisse, welche ich im Begriff stehe zu erzählen, sind so seltsam, und die Personen, die ich auftreten lassen werde, so außerordentlich, daß ich, ehe ich denselben das erste Capitel meines Buches widme, einige Minuten lang über die Ereignisse und über diese Personen mit meinen künftigen Lesern plaudern zu müssen glaube.

Die Ereignisse gehören jener Periode des Directoriums an, welche den Zeitraum der Jahre 1798 bis 1800 umfaßt.

Die zwei Hauptsachen dieser Periode sind die Eroberung des Königreiches Neapel durch Championnet und die Wiedereinsetzung des Königs Ferdinand durch den Cardinal Ruffo – zwei Thatsachen, von welchen die eine ebenso unglaublich ist als die andere, weil Championnet mit zehntausend Republikanern eine Armee von fünfundsechzigtausend Mann Soldaten schlägt und sich nach dreitägiger Belagerung einer Hauptstadt von fünfhunderttausend Einwohnern bemächtigt, und weil Ruffo mit fünf Mann von Messina abgeht, gleich einem Schneeballe sich durch die ganze Halbinsel wälzt, mit vierzigtausend Mann Sanfedisten in Neapel anlangt und den vertriebenen König wieder auf den Thron setzt.

Es gehört aber auch Neapel mit seiner unwissenden, leicht beweglichen und abergläubischen Bevölkerung dazu, damit dergleichen Unmöglichkeiten historische Thatsachen werden.

Die Geschichte dieser Vorgänge ist mit kurzen Worten folgende:

Invasion der Franzosen; Proclamation der parthenopeichen Republik; Entwicklung der großen Individualitäten, die während der vier Monate, welche diese Republik dauerte, den Ruhm Neapels ausmachten; die sanfedistische Reaction Ruffos; die Wiedereinsetzung Ferdinands und die Metzeleien, welche die Folge dieser Wiedereinsetzung waren.

Was die Personen betrifft, so theilen sich dieselben hier, wie in allen Büchern dieser Art, welche wir geschrieben, in historische und erdichtete.

Es wird unseren Lesern eigenthümlich erscheinen, daß wir die von uns erdichteten Personen, welche den romantischen Theil dieses Buches bilden, ihnen ohne ein Wort der Vertheidigung preisgeben. Unsere Leser sind aber seit länger als einem Vierteljahrhundert in Bezug auf uns so nachsichtig gewesen, daß wir, indem wir nach sieben- bis achtjährigem Schweigen wieder vor ihnen erscheinen, nicht nöthig zu haben glauben, an ihre früheren Sympathien appellieren zu müssen. Mögen sie uns sein, was sie uns stets gewesen sind, und wir werden uns dann nur zu glücklich schätzen.

Dagegen scheint es uns im höchsten Grade nothwendig, einige Worte über mehrere der historischen Personen vorauszuschicken. Außerdem könnten wir leicht Gefahr laufen, daß dieselben, wenn auch nicht für Geschöpfe unserer Phantasie, doch wenigstens für nach unserem Gutdünken herausstaffierte Masken gehalten würden, so sehr stehen diese historischen Personen in ihrer lächerlichen Excentricität oder ihrer bestialischen Rohheit nicht blos außerhalb dessen, was vor unseren Augen geschieht, sondern auch dessen, was wir uns denken können.

So haben wir kein Beispiel von einem König wie Ferdinand der Vierte oder von einem Volke, als dessen Typus uns hier Mammone entgegentritt.

Der Leser sieht, ich halte mich an die beiden Extremitäten der socialen Stufenleiter – an den König, das Staatsoberhaupt, und an den Bauer und Bandenführer.

Beginnen wir mit dem König, und damit die royalistischen Gemüther nicht über Impietät gegen die Monarchie schreien, wollen wir einen Mann befragen, welcher zwei Reisen nach Neapel gemacht und der den König Ferdinand zu der Zeit, wo wir ihn dem Gange unserer Erzählung gemäß auftreten lassen müssen, gesehen und studiert hat.

Dieser Mann ist Joseph Gorani, französischer Bürger, wie er sich selbst tituliert, Verfasser der »geheimen kritischen Memoiren der Höfe und Regierungen und der Sitten der vornehmsten Staaten Italiens.«

Citieren wir drei Bruchstücke aus diesem Buch und zeigen wir den König von Neapel als Schüler, den König von Neapel als Jäger und den König von Neapel als Fischer.

Es ist also jetzt Gorani, welcher spricht, nicht ich.

Die Erziehung des Königs von Neapel

»Als nach dem Tode des Königs Ferdinand des Sechsten von Spanien Carl der Dritte den Thron von Neapel verließ, um den Spaniens zu besteigen, erklärte er den ältesten seiner Söhne für zur Regierung unfähig, machte den zweiten zum Prinzen von Asturien und ließ den dritten in Neapel, wo er, obschon noch sehr jung, als König anerkannt ward.

»Der älteste Prinz war in Folge der schlechten Behandlung verdummt, die er von der Königin erdulden mußte, welche ihn, gleich schlechten Müttern aus der Hefe des Volkes, fortwährend schlug. Sie war eine Prinzessin von Sachsen und von harter, habsüchtiger, herrschsüchtiger und boshafter Gemüthsart.

»Als Carl nach Spanien abreiste, fand er es nothwendig, für den König von Neapel, der noch Kind war, einen Gouverneur zu ernennen. Die Königin machte dieses Amt, eines der wichtigsten, dem Meistbietenden zugänglich.

»Dieser Meistbietende war der Fürst San-Nicandro und erhielt es zugeschlagen.

»San-Nicandro besaß die schmutzigste Seele, welche jemals in dem Kothe von Neapel vegetiert hat. Unwissend, den schimpflichsten Lastern fröhnend, ohne in einem Leben jemals etwas Anderes gelesen zu haben, als Gebetbücher, war er fast fortwährend betrunken und folglich ganz unfähig der wichtigen Mission, einen König zu erziehen, zu genügen.

»Man kann mit leichter Mühe errathen, was die Folgen einer solchen Wahl sein mußten. Da er selbst nichts wußte, so konnte er auch seinen Schüler nichts lehren.

»Dies war ihm aber noch nicht genug, um den Monarchen in einer ewigen Kindheit zu erhalten. Er umgab ihn daher mit Creaturen seines Schlages und entfernte von ihm jeden verdienstvollen Mann, der ihm den Wunsch, sich zu unterrichten, hätte einflößen können. Da er sich im Besitze unbeschränkter Autorität befand, so verkaufte er Gnadenbeweise, Aemter und Titel.

»Um den König unfähig zu machen, auch nur den geringsten Theil der Verwaltung des Königreiches zu überwachen, brachte er ihm frühzeitig Geschmack an der Jagd bei, unter dem Vorwande, daß dies dem Vater gefallen werde, welcher stets ein leidenschaftlicher Freund dieses Vergnügens gewesen war.

»Als ob diese Leidenschaft aber noch nicht hinreichend gewesen wäre, um den jungen König von den Geschäften fern zu halten, gesellte er zu derselben auch noch die des Fischfanges und dies sind gegenwärtig noch die Lieblingsvergnügungen des Königs.

»Derselbe ist sehr lebhaft und war es als Kind in noch höherem Grade. Es waren Vergnügungen nöthig, um ihn jeden Augenblick vollständig zu beschäftigen. Sein Gouverneur suchte ihm neue Erholungen und wollte ihn gleichzeitig von der zu großen Sanftmuth und Herzensgüte heilen, welche den Grundzug seines Charakters bildeten.

»San-Nicandro wußte, daß es ein Lieblingszeitvertreib des Prinzen von Asturien, jetzigen Königs von Spanien, war, Kaninchen zu erwürgen. Er brachte deshalb seinem Zöglinge Geschmack daran bei. Der König erwartete demgemäß die armen Thiere an einem schmalen Durchgange, den man sie zu passieren zwang, und schlug sie mit einer seinen Kräften angemessenen Keule unter lautem Gelächter todt.

»Um einige Abwechslung in diesen Zeitvertreib zu bringen, nahm er Hunde oder Katzen und machte es sich zum Spaß, sie zu prellen, bis sie verendeten. Um dieses Vergnügen noch pikanter zu machen, wünschte er endlich auch Menschen prellen zu sehen, was sein Gouverneur sehr vernünftig fand. Bauern, Soldaten, Arbeiter und selbst Hofcavaliere dienten auf diese Weise dem gekrönten Kinde zum Spielwerk; ein Befehl von Carl dem Dritten aber machte diesem noblen Zeitvertreibe ein Ende und dem jungen Könige war fernerhin blos noch gestattet Thiere zu prellen, mit Ausnahme der Hunde, welche der König von Spanien in seinen besonderen Schutz nahm.

»Auf diese Weise erzog man Ferdinand den Vierten, den man nicht einmal Lesen und Schreiben lehrte. Seine Gemahlin war seine erste Schulmeisterin.«

Der König von Neapel als Jäger

»Eine solche Erziehung mußte ein Ungeheuer, einen Caligula hervorbringen. Die Neapolitaner waren darauf gefaßt, die angeborene Herzensgüte des jungen Monarchen triumphierte aber dennoch über den Einfluß einer so verwerflichen Leitung. Ganz gewiß wäre er noch ein vortrefflicher Fürst geworden, wenn es ihm gelungen wäre, sich seines Hanges zur Jagd und zum Fischfange zu entwöhnen, der ihm viele Stunden raubte, die er mit Nutzen den öffentlichen Geschäften hätte widmen können. Die Furcht aber, einen seinem liebsten Zeitvertreibe günstigen Morgen zu versäumen, ist im Stande, ihm die wichtigste Staatsangelegenheit aus den Augen verlieren zu lassen, und die Königin und die Minister wissen sich diese Schwäche recht wohl zu Nutzen zu machen.

»Im Monat Januar 1788 hielt Ferdinand im Palast von Caserta einen Staatsrath, welchem die Königin, der Minister Acton, Caracciolo und einige Andere beiwohnten. Es handelte sich um eine Sache von der größten Wichtigkeit. Mitten in der Discussion hörte man an die Thüre pochen. Diese Unterbrechung überraschte Alle und man konnte sich nicht denken, wer der Verwegene sei, der einen solchen Augenblick wähle. Der König eilte sofort nach der Thür, öffnete dieselbe und ging hinaus. Es dauerte nicht lange, so trat er mit der Miene und Geberde der lebhaftesten Freude wieder ein und bat, daß man die Berathung möglichst schnell beenden möchte, weil er ein Geschäft von weit größerer Wichtigkeit vorhabe, als das sei, um welches es sich hier handle. Man hob die Sitzung auf und der König zog sich in sein Zimmer zurück, um sich zeitig schlafen zu legen, damit er den nächstfolgenden Morgen vor Tagesanbruch auf den Füßen sein könnte. Diese Angelegenheit, mit welcher keine andere einen Vergleich aushielt, war ein Stelldichein zur Jagd. Das an der Thür des Berathungszimmers erfolgte Anpochen war ein zwischen dem König und seinem Piqueur verabredetes Signal, welches ihn seinem Befehle gemäß benachrichtigte, daß ein Rudel Wildschweine bei Tagesanbruch in dem Walde gesehen worden und daß sie sich jeden Morgen an demselben Ort versammelten. Es ist klar, daß die Staatsrathssitzung aufgehoben werden mußte, damit der König zeitig genug schlafen gehen und in den Stand gesetzt sein konnte, die Wildschweine zu überrumpeln. Wären dieselben entronnen, was wäre dann aus Ferdinands Ruhm geworden?

»Ein andermal ließ an demselben Ort und unter denselben Umständen ein dreimaliges Pfeifen sich hören. Es war dies abermals ein Signal zwischen dem König und seinem Piqueur. Die Königin und die übrigen Mitglieder des Cabinetsraths nahmen diesen Scherz nicht gut auf, der König eilte aber sofort an ein Fenster, öffnete dasselbe und gab seinem Piqueur Audienz, der ihm meldete, daß da und da so eben ein Schwarm Vögel sich niedergelassen und daß Seine Majestät keinen Augenblick zu verlieren habe, wenn sie sich das Vergnügen machen wolle, einen glücklichen Schuß zu thun. Nachdem Ferdinand diese Meldung vernommen, kehrte er schnell von dem Fenster zurück und sagte zu der Königin:

»Liebe Freundin, präsidiere an meiner Stelle und beende diese Angelegenheit nach deinem Dafürhalten.«

Der königliche Fischfang

»Man glaubt ein zum Scherze erdichtetes Märchen zu hören, wenn man vernimmt, daß der König von Neapel nicht blos fischt, sondern daß er auch die gefangenen Fische selbst verkauft. Dennoch ist dies vollkommen wahr. Ich selbst habe diesem belustigenden und in seiner Art einzigen Schauspiel beigewohnt und will dasselbe zu schildern versuchen.

»In der Regel fischt der König in dem Theile des Meeres, welcher sich in der Nähe des Berges Pausilippo drei oder vier Meilen von Neapel befindet. Nachdem er einem ergiebigen Fang gemacht hat, kehrt er ans Land zurück. Sobald er ausgestiegen ist, genießt er das lebhafteste Vergnügen, welches dieser Zeitvertreib für ihn hat. Man legt nämlich das ganze Ergebniß des Fischfanges auf dem Gestade zur Schau und dann kommen die Käufer und schließen ihren Handel mit dem Monarchen selbst ab. Ferdinand gibt dabei nichts auf Credit, sondern streicht das Geld selbst ein, ehe er seine Waare aushändigt, und legt dabei das größte Mißtrauen an den Tag. Es kann dann Jedermann sich dem König nähern und ganz besonders genießen die Lazzaroni dieses Vorrecht, denn der König beweist diesen mehr Freundschaft als allen anderen Zuschauern.

»Dabei aber nehmen die Lazzaroni bereitwillig Rücksicht auf die Fremden, welche den Monarchen in der Nähe sehen wollen.

»Wenn der Verkauf beginnt, wird das Schauspiel außerordentlich komisch. Der König verkauft so theuer als möglich. Er nimmt seinen Fisch selbst in seine königlichen Hände und sagt davon Alles, was nach seiner Meinung geeignet ist, den Käufern Lust zu machen. Die Neapolitaner, welche in der Regel sehr vertraulich und dreist sind, begegnen dem König bei diesen Gelegenheiten mit der größten Freiheit und sagen ihm Beleidigungen, als ob er ein ganz gewöhnlicher Fischhändler wäre, der die Käufer übertheuern wolle. Der König findet an diesen Schmähungen großes Vergnügen und lacht aus vollem Halse darüber. Dann sucht er die Königin auf und erzählt ihr Alles, was bei dem Fangen und Verkaufe der Fische vorgefallen ist und was ihm Stoff zu allerhand Späßen liefert.

»Während der ganzen Zeit aber, wo der König sich mit der Jagd und dem Fischfang beschäftigt, regieren, wie wir bereits gesagt haben, die Königin und die Minister nach ihrem Gutdünken, und man kann sich denken, wie dann die Geschäfte gehen.«

König Ferdinand der Vierte soll uns aber auch noch unter einer neuen Gestalt erscheinen. Diesmal befragen wir nicht mehr Gorani, den Reisenden, der ihn einen Augenblick lang als Fischverkäufer sieht oder wenn er im Galopp vorüberreitet, um sich auf den Sammelplatz zu einer Jagd zu begeben. Wir wenden uns vielmehr jetzt an einen Vertrauten des Hauses, nämlich am Palmieri de Miceiche, Marquis von Villalba, Liebhaber der Maitresse des Königs, welcher uns diesen in dem ganzen Cynismus seiner Feigheit zeigt. Es ist also der Marquis von Villalba, welcher spricht.

»Nicht wahr, Sie kennen die näheren Umstände des Rücktritts Ferdinands und seiner Flucht oder, um richtiger zu sprechen, der Ereignisse in Unteritalien gegen Ende des Jahres 1798? Ich will dieselben mit zwei Worten zurückrufen.

»Sechzigtausend Mann Neapolitaner, von dem österreichischen General Mack commandiert und durch die Anwesenheit des Königs ermuthigt, rückten siegreich vor bis Rom, als Championnet und Macdonald ihre schwachen Corps vereinigten, sich auf diese Arme stürzten und dieselbe in die Flucht schlugen. Ferdinand befand sich in Albano, als er diese furchtbare Niederlage erfuhr.

»Fuimmo! Fuimmo!« fing er an zu rufen. Und er floh in der That.

»Ehe er jedoch in seinen Wagen stieg, sagte er zu seinem Begleiter:

»Mein lieber Ascoli, Du weißt, wie es jetzt überall von Jacobinern wimmelt. Diese Strolche haben nichts Anderes im Sinne, als mich zu ermorden. Laß uns deshalb die Kleider wechseln. Auf der Reise bist Du der König und ich bin der Herzog von Ascoli. Auf diese Weise wird die Gefahr für mich geringer sein!«

»Gesagt, gethan. Der Herzog von Ascoli geht mit Freuden auf diesen unglaublichen Vorschlag ein. Er beeilt sich die Uniform des Königs anzulegen, gibt diesem dafür die einige, setzt sich dann in dem Wagen oben an und nun heißt es: Fahr zu, Kutscher!

»Der Herzog spielt auf der ganzen Fahrt bis Neapel seine Rolle ausgezeichnet und auch Ferdinand, den die Furcht inspiriert, versteht den unterwürfigsten Höfling auf eine Weise zu spielen, daß man glauben sollte, er sei in seinem Leben nie etwas Anderes gewesen.

»Der König vergaß dem Herzog von Ascoli diesen selten vorkommenden Beweis von Anhänglichkeit an die Sache der Monarchie nie wieder und hörte, so lange er lebte nicht auf ihm seine Gunst auf die eclatanteste Weise zu erkennen zu geben. In Folge einer Eigenthümlichkeit aber, welche sich nur aus dem Charakter dieses Fürsten erklären läßt, geschah es, daß er den Herzog oft mit seiner Selbstverläugnung aufzog, während er zugleich sich wegen seiner Feigheit selbst verspottete.

»Eines Tages war ich einmal mit diesem Cavalier bei der Herzogin von Floridia in demselben Augenblick, wo der König ihr den Arm bot, um sie zur Tafel zu führen. Da ich nur schlichter, unbedeutender Freund der Herrin des Hauses war und mich durch die Nähe des letzten Ankömmlings allzusehr geehrt fühlte, so murmelte ich das Domine, non sum dignus zwischen den Zähnen und trat selbst einige Schritte zurück, als die edle Dame, während sie ihrer Toilette einen letzten Blick widmete, das Lob des Herzogs und seiner Anhänglichkeit an die Person ihres königlichen Liebhabers zu preisen begann.

»Ohne Widerspruch, sagte sie, »ist er der wahrhafte Freund, der eifrigste Ihrer Diener u.s.w.«

»Ja, ja, Donna Lucia,« sagte der König, »fragen Sie Ascoli nur, welchen Streich ich ihm gespielt, als wir in Albano die Flucht ergriffen.«

»Hierauf erzählte er die Geschichte von dem Kleiderwechsel und die Art und Weise, auf welche sie ihre Rollen durchgeführt, worauf er mit thränenden Augen und mit der ganzen Kraft seiner Lunge lachend hinzusetzte:

»Er war der König! Wären wir Jacobinern begegnet, so wäre er gehängt worden und ich wäre gerettet gewesen!«

»Alles ist seltsam in dieser Geschichte – eine seltsame Niederlage, eine seltsame Flucht, ein seltsamer Vorschlag und endlich die seltsame Enthüllung dieser Thatsachen in Gegenwart eines Fremden, denn ein solcher war ich für den Hof und besonders für den König, mit welchem ich blos ein- oder zweimal gesprochen hatte. Zum Glück für die Menschheit ist die Selbstverläugnung des redlichen Höflings das am wenigsten seltsame.«

Die Skizze, die wir hier von einer der Personen unseres Buches entwerfen und deren Aehnlichkeit, wie wir fürchten, kaum Glauben finden wird, wäre unvollständig, wenn wir diesen königlichen Polichinell nur von der Lazzaromiseite betrachteten. Von dieser ist er blos grotesk, von der andern aber furchtbar und schrecklich.

Nachstehendes ist eine wörtliche Uebersetzung des Briefes, den er an Ruffo schrieb, als derselbe im Begriff stand, siegreich in Neapel einzuziehen. Es ist dies eine von Haß, Rache und Furcht dictierte Proscriptionsliste.

»Palermo, den 1.Mai 1799.

»Eminenz!

»Nachdem ich die Stelle Ihres Briefes vom 1. April über das Verfahren, das in Bezug auf das Schicksal der zahlreichen Verbrecher einzuhalten sein möchte, welche sowohl in den Provinzen als in der Hauptstadt, wenn dieselbe mit Gottes Hilfe meiner Herrschaft wiedergegeben sein wird, in unsere Hände fallen können, wiederholt durchgelesen und mit der größten Aufmerksamkeit erwogen, muß ich Ihnen vor allen Dingen erklären, daß ich Alles, was Sie mir über diesen Gegenstand schreiben, von jener Weisheit, jener Einsicht und jener Anhänglichkeit durchdrungen finde, wovon Sie mir so viele unzweideutige Beweise gegeben haben und fortwährend noch geben. Ich will Sie daher von meinen Dispositionen in Kenntniß setzen.

»Ich stimme mit Ihnen darin überein, daß wir in unseren Nachforschungen nicht allzu eifrig sein dürfen, um so mehr als die schlechten Subjecte sich so offen zu erkennen gegeben haben, daß man die schlimmsten davon in sehr kurzer Zeit wird festnehmen können.

»Meine Absicht ist daher, daß nur die folgenden Classen von Schuldigen festgenommen und in angemessenen Gewahrsam gebracht werden:

»Sämmtliche Mitglieder der provisorischen Regierung und der Executiv- und Legislativ-Commission von Neapel.

»Sämmtliche Mitglieder der von den Republikanern gebildeten Militärcommission und Polizei.

»Alle, welche den verschiedenen Municipalitäten angehört oder überhaupt ein Amt von der Republik oder den Franzosen übertragen bekommen und angenommen haben.

»Alle, welche der Commission angehört, die sich ihre Aufgabe gestellt, Untersuchungen über die angebliche Verschwendung und Mangelhaftigkeit meiner Regierung vorzunehmen.

»Sämmtliche Officiere, die in meinem Dienste gestanden haben und in den der sogenannten Republik oder der Franzosen übergegangen sind. Es versteht sich hierbei von selbst, daß Officiere in den Fällen, wo sie mit den Waffen in der Hand gegen meine Armeen oder gegen die meiner Bundesgenossen ergriffen worden sind, binnen vierundzwanzig Stunden ohne weitere gerichtliche Procedur erschossen werden.

»In gleicher Weise ist gegen alle Edelleute zu verfahren, welche sich meinen Soldaten oder denen meiner Alliirten mit bewaffneter Hand widersetzt haben.

»Alle, welche republikanische Journale gegründet oder Proclamationen und andere Schriften gedruckt haben, wie zum Beispiel Werke, durch welche meine Völker zur Empörung gereizt oder die Maximen der neuen Regierung verbreitet werden.

»In gleicher Weise festzunehmen sind die Syndici der Städte und die Deputierten der Plätze, welche meinem Stellvertreter, dem General Vignatelli, die Regierung entrissen, sich seinen Operationen widersetzt oder Maßregeln ergriffen haben, welche mit der mir schuldigen Treue in Widerspruch stehen.

»Eben so will ich, daß man eine gewisse Louise Molina San Felice und einen gewissen Vincenzo Cuoco festnehme, welche die Contrerevolution entdeckten, die von den Royalisten beabsichtigt ward, an deren Spitze die Backer, Vater und Sohn, standen.

»Nachdem dies geschehen, ist meine Absicht, eine außerordentliche Commission von einigen sichern und auserwählten Männern zu ernennen, welche die Hauptverbrecher militärisch und nach der ganzen Strenge der Gesetze richten werden.

»Die, welche man weniger schuldig findet, werden um der Ersparniß willen auf Lebenszeit aus meinen Staaten verbannt und ihre Güter confiscirt.

»In dieser Beziehung muß ich Ihnen sagen, daß ich das, was Sie über die Verbannung bemerken, sehr richtig und angemessen gefunden habe, dennoch aber finde ich, daß es im Grunde genommen besser ist, sich dieses Natterngezüchts zu entledigen, als es im Lande zu behalten. Wenn ich eine von meinen festländischen Staaten sehr weit entfernte Insel besäße, so würde ich Ihrem System, diese Verbrecher dorthin zu deportieren, gern beitreten. Die geringe Entfernung meiner Inseln von den beiden Königreichen würde aber Verschwörungen möglich machen, welche diese Leute mit den Bösewichtern und den Unzufriedenen anspinnen werden, deren Ausrottung aus meinen Staaten nicht gelungen wäre.

»Uebrigens werden die bedeutenden Niederlagen und Unfälle, welche die Franzosen, Gott sei Dank, erlitten und die sie hoffentlich noch erleiden werden, die Verbannten in die Unmöglichkeit versetzen, uns zu schaden.

»Dennoch aber muß der Ort der Deportation und die Art und Weise, auf welche sich dieselbe gefahrlos ausführen läßt, wohl erwogen werden und dieser Gegenstand ist es, mit welchem ich mich gegenwärtig beschäftige.

»Was die Commission betrifft, welche alle diese Verbrecher richten soll, so werde ich, sobald ich Neapel wieder in Händen habe, sofort daran denken und bin gesonnen, diese Commission von hier aus nach der Hauptstadt zu schicken.

»Was die Provinzen und die Orte betrifft, wo Sie sind, so kann, wenn Sie damit einverstanden sind, de Fiore in seiner Thätigkeit fortfahren.

»Uebrigens kann man unter den Advocaten der Provinzen und unter den Kronadvocaten, welche nicht gemeinchaftliche Sache mit den Republikanern gemacht, welche der Krone treu geblieben sind und Intelligenz besitzen, eine gewisse Anzahl auswählen und ihnen alle außerordentlichen Vollmachten ertheilen, denn ich will nicht, daß Magistratsbeamte der Hauptstadt oder der Provinzen, welche unter der Republik gedient, selbst wenn sie, wie ich hoffe, durch die unwiderstehliche Nothwendigkeit dazu gezwungen worden, über Verräther zu Gericht zu sitzen, zu deren Zahl ich sie selbst rechne.

»Was diejenigen betrifft, welche nicht unter die oben aufgeführten Kategorien gehören, so stelle ich Ihnen frei, an denselben eine rasche und exemplarische Züchtigung nach der ganzen Strenge der Gesetze vollziehen zu lassen, sobald Sie finden, daß es wirkliche und hervorragende Verbrecher sind und daß Sie diese Züchtigung für nothwendig halten.

»Was die Mitglieder der Gerichtstribunale der Hauptstadt betrifft, so ist, wenn sie keine besonderen Commissionen von den Franzosen und der Republik angenommen, sondern blos ihr Amt verwaltet und die Justizpflege gehandhabt, keine Untersuchung einzuleiten.

»Dies sind für den Augenblick sämmtliche Dispositionen, welche ich Sie beauftrage, auf die Ihnen angemessen erscheinende Weise und an den Orten, wo es möglich sein wird, in Ausführung bringen zu lassen.

»Sobald ich Neapel wieder erobert haben werde, behalte ich mir vor, einige neue Bestimmungen zu treffen, welche durch die Ereignisse und die Mittheilungen, die ich bis dahin erlangt, nothwendig gemacht werden können. Dann aber ist es meine Absicht, meine Pflichten als guter Christ und sein Volk liebender Vater zu erfüllen, die Vergangenheit gänzlich zu vergessen und Allen gänzliche und vollständige Verzeihung zu gewähren, so daß sie des Vergessens ihrer Fehltritte sicher sein können, denn ich schmeichle mir, daß dieselben nicht sowohl durch Böswilligkeit als vielmehr durch Furcht und Kleinmüthigkeit veranlaßt worden.

»Vergessen Sie indessen nicht, daß die öffentlichen Aemter in den Provinzen nur an Personen verliehen werden, die sich gegen die Krone immer gut benommen und folglich niemals die Partei gewechselt haben, denn nur auf diese Weise können wir sicher sein, das, was wir wieder erobert haben, auch zu bewahren.

»Ich bitte den Allerhöchsten, daß er Sie zum Wohle meines Dienstes erhalte, und damit ich Ihnen stets meine wahre und aufrichtige Dankbarkeit zu erkennen geben kann.

»Mittlerweile glauben Sie, daß ich stets bin

»Ihr wohlgeneigter

»Ferdinand.«

Wir haben oben gesagt, daß eine der unglaublichen, beinahe unmöglichen Persönlichkeiten, welche wir in unserem Buche auftreten lassen, damit Neapel während seiner Revolutionstage unsern Lesern in seinem wahren Lichte erscheine, jenes der anderen Extremität der gesellschaftlichen Stufenleiter angehörige Ungeheuer sei, welches halb Mensch, halb Affe, den Namen Gaëtano Mammone führte.

Ein einziger Schriftsteller spricht von ihm, als habe er ihn persönlich gekannt. Dieser Schriftsteller ist Cuoco. Die anderen wiederholen blos, was dieser über ihn sagt.

»Mammone Gaëtano, anfangs Müller, später Oberbefehlshaber der Insurgenten von Sora, war ein blutdürstiges Ungeheuer, mit dessen Barbarei es unmöglich ist etwas zu vergleichen. Binnen zwei Monaten ließ er innerhalb eines kleinen Gebiets dreihundertundfünfzig Unglückliche erschießen, während ziemlich doppelt so viel von seinen Spießgesellen gemordet wurden.

»Ich spreche nicht von dem Gemetzel, von den Gewaltthaten, von den Brandlegungen, ich spreche nicht von den entsetzlichen Gräbern, in welche er die Unglücklichen werfen ließ, die ihm in die Hände fielen, noch von den neuen Todesarten, die seine Grausamkeit erfand.

»Seine Gier nach Blut war so groß, daß er das trank, welches aus den Wunden der Unglücklichen floß, die er ermordete oder ermorden ließ.

»Der, welcher diese Zeilen schreibt, hat gesehen, wie er sein eigenes Blut trank, nachdem ihm zur Ader gelassen worden und wie er mit Begier in der Stube eines Barbiers das Blut derer aufsuchte, welchen man vor ihm zur Ader gelassen. Er speiste fast stets, während auf seinem Tische ein abgeschnittener Kopf stand, und trank aus einem Menschenschädel.

»Dieses Ungeheuer war es, an welches Ferdinand von Sicilien schrieb: »Mein General und mein Freund!«

Was unsere anderen Personen – wir sprechen immer noch von den historischen – betrifft, so gehören sie der Menschheit ein wenig mehr an. Dieselben sind die Königin Marie Caroline, von der wir hier eine vorläufige Skizze zu entwerfen suchen würden, wenn dies nicht schön in einer vom Prinzen Napoleon in dem Senat gehaltenen glänzenden Rede geschehen wäre – Nelson, dessen Biographie Lamartine geschrieben; – Emma Lyonna, von welcher die kaiserliche Bibliothek zwanzig Porträts besitzt; – Championnet, dessen Name einen ehrenvollen Platz in den ersten Blättern unserer Revolutionsgeschichte einnimmt, und welcher, wie Marceau, wie Hoche, wie Kleber, wie Defaix, wie mein Vater, so glücklich war, die Herrschaft der Freiheit nicht zu überleben.

Es sind mit einem Worte einige jener großen poetischen Gestalten, die bei politischen Umgestaltungen auftauchen, die in Frankreich Danton, Camille Desmulins, Biron, Bailly, Madame Roland und in Neapel Hector Caraffa, Manthonnet, Schipani, Cirillo, Cimarosa, Eleonore Pimentel heißen.

Was die Heldin betrifft, welche unserem Buche ihren Namen leiht, so wollen wir ein Wort, nicht über sie selbst, sondern über ihren Namen »die San Felice« sagen.

In Frankreich sagt man, wenn man von einer noblen oder auch nur einfach distinguierten Frau spricht, Madame, in England sagt man Mylady oder Mistreß; in Italien, dem Lande der Vertraulichkeit, sagt man: die Soundso.

Bei uns würde man eine solche Ausdrucksweise sehr übelnehmen, in Italien dagegen, ganz besonders in Neapel, ist sie beinahe ein Adelstitel.

Wenn man in Neapel von dieser armen Frau spricht, welche durch das Uebermaß ihres Unglücks historisch geworden ist, würde es keinem Menschen einfallen zu sagen: Madame San Felice oder die Chevalière San Felice.

Man sagt vielmehr einfach: Die San Felice.

Ich habe daher auch dem Buche den Titel, den es von seiner Heldin entlehnt, ohne Abänderung beibehalten zu müssen geglaubt.

Nachdem ich Dir, lieber Leser, nun gesagt, was ich Dir zu sagen hatte, wollen wir, wenn es Dir gefällig ist, auf die Sache selbst eingehen.

Die San Felice

Erstes Capitel.
Die Galeere Capitane

Zwischen dem Felsen, welchem Virgil den Namen des Vorgebirgs von Milena gibt, und dem Cap Campanella, welches auf einem seiner Abhänge den Erfinder des Compasses geboren werden und auf der andern den Dichter des »befreiten Jerusalem« als Geächteten umherirren sah, öffnet sich der prachtvolle Meerbusen von Neapel.

Dieser stets lachende, stets von Tausenden von Fahrzeugen durchfurchte, stets von den Tönen musikalischer Instrumente und dem Gesang der Lustwandler und Luftfahrer wiederhallende Golf war am 22. September 1798 noch geräuschvoller und freudiger belebt, als er gewöhnlich zu sein pflegt.

Der Monat September ist in Neapel herrlich, denn er liegt zwischen der verzehrenden Hitze des Sommers und der launenhaften Regenzeit des Herbstes.

Der Tag, von welchem wir die ersten Blätter unserer Geschichte datieren, war einer der herrlichsten Tage des genannten Monats.

Die Sonne strömte gleichsam in goldenen Fluten auf dieses ungeheure Amphitheater von Hügeln, welches einen seiner Arme bis Nifida und den andern bis Portici auszustrecken scheint, um die glückliche Stadt gegen die Flanken des Berges St. Elmo zu drücken, welcher gleich einer der Stirn der modernen Parthenope aufgesetzten Mauerkrone die alte Festung überragt.

Der Golf, diese unermeßliche Azurfläche, die einem mit Goldflimmerchen bedeckten Teppich glich, zitterte unter dem Hauch eines leichten balsamischen, wohlduftenden Morgenwindes. Derselbe war so sanft, daß er den Gesichtern, welche er liebkoste, ein unbeschreibliches Lächeln entlockte, und so belebend, daß in der von ihm geschwellten Brust sich sofort jene unermeßliche Sehnsucht nach dem Unendlichen erweckte, welche den Menschen stolzerweise glauben läßt, daß er ein Gott ist, oder wenigstens einer werden kann, und daß diese Welt weiter nichts ist als eine an der Straße nach dem Himmel erbaute Herberge für einen Tag.

Auf der Kirche San Ferdinando, welche die Ecke der Toledostraße und des Platzes San Fernando bildet, schlug es acht Uhr.

Das letzte Summen des Schlages, welcher die Zeit mißt, war kaum im Raume verhallt, als die tausend »Glocken der dreihundert Kirchen von Neapel lustig und geräuschvoll durch die Oeffnungen ihrer Thürme heraussprangen und die Kanonen des Fort Uovo, Castel Nuovo und del Carmine mit donnerähnlichem Gekrach das Geläute der Glocken übertäuben zu wollen schienen, während sie zugleich die Stadt in einen Rauchgürtel hüllten und das Fort St. Elmo, flammend und umwölkt wie ein speiender Krater, angesichts des alten stummen Vulcans einen neuen Vesuv improvisierte.

Glocken und Kanonen begrüßten mit ihrer ehernen Stimme eine prachtvolle Galeere, welche sich in diesem Augenblick von dem Kai ablöste, den Kriegshafen durchschnitt und unter dem Doppeldruck der Ruder und des Segels majestätisch der hohen See entgegenglitt, gefolgt von zehn oder zwölf kleineren Barken, die aber eben so prächtig geschmückt waren als ihre Capitane, welche es an Reichthum mit dem Bucentaurus aufnehmen konnte, welcher sonst den Doge zu seiner Vermählung mit dem adriatischen Meere führte.

Diese Galeere war von einem Officier commandiert, welcher sechs- bis siebenundvierzig Jahre zählen mochte und die kostbare Admiralsuniform der neapolitanischen Marine trug.

Sein männliches Gesicht von strenger, gebieterischer Schönheit war von Wind und Sonne gebräunt. Obschon er zum Zeichen der Ehrfurcht das Haupt entblößt hatte, so trug er doch die mit ergrauendem Haar, durch welches mehr als einmal der scharfe Hauch des Windes gegangen war, bedeckte Stirn hoch, und man errieth gleich auf den ersten Blick, daß, wer auch die vornehmen Personen, die er an Bord hatte, sein mochten, doch er es war, von welchem das Commando ausgegangen.

Das an seiner rechten Hand hängende rothe Sprachrohr wäre das sichtbare Zeichen dieses Commandos gewesen, wenn nicht schon die Natur Sorge getragen hätte, dieses Zeichen auf eine noch weit unauslöschlichere Weise ihm durch den Blitz des Auges und den Ton der Stimme aufzudrücken.

Er hieß Franz Caracciolo und gehörte jener Familie der Fürsten Caraccioli an, welche gewohnt war, den Königen Gesandte und den Königinnen Liebhaber zu liefern.

Er stand auf seiner Quartierbank, wie er am Tage eines Kampfes gethan haben würde.

Das ganze Verdeck der Galeere war mit einem purpurnen Zeltdach versehen, auf welchem das Wappen der beiden Sicilien strahlte und welches bestimmt war, die erhabenen Passagiere, welche sich darunter befanden, vor den Strahlen der Sonne zu schützen. Diese Passagiere bildeten drei Gruppen von verschiedener Haltung und verschiedenem Ansehen.

Die erste dieser Gruppen, die zahlreichste von allen, bestand aus fünf Männern, welche den Mittelpunkt des Schiffes einnahmen und von welchen drei außerhalb des Zeltdaches standen.

Bänder von allen Farben trugen an ihrem Halse Ordenskreuze aller Länder und ihre Brust war mit Sternen und Schnüren bedeckt. Zwei davon trugen als unterscheidende Kennzeichen ihres Ranges an den Tailleknöpfen ihres Rockes goldene Schlüssel und hatten sonach die Ehre, Kammerherren zu sein.

Die Hauptperson dieser Gruppe war ein Mann von siebenundvierzig Jahren, groß und hager, obschon kräftig gebaut. Die Gewohnheit, sich vorwärts zu neigen, um Die, welche mit ihm sprachen, besser zu hören, hatte ihm den Rücken leicht nach vorn gekrümmt.

Trotz eines mit Goldstickereien bedeckten Costüms, trotz der mit Diamanten besetzten Orden, welche auf seiner Brust funkelten, trotz des Titels Majestät, welchen man jeden Augenblick aus dem Munde Derer vernahm, welche mit ihm sprachen, war seine äußere Erscheinung doch gemein und keiner seiner Züge hatte, wenn man sie einzeln ins Auge faßte, eine Spur von königlicher Würde.

Er hatte große Füße, breite Hände und plumpe Knöchel und Handgelenke. Die niedrige Stirn verrieth Mangel an erhabeneren Gefühlen. Das zurücktretende Kinn, welches auf einen schwachen, unentschlossenen Charakter schließen ließ, hob die übermäßig lange Nase, das Kennzeichen niedriger Triebe, noch mehr hervor. Nur das Auge blickte lebhaft und schelmisch, dabei aber fast immer falsch, zuweilen sogar grausam.

Dieser Mann war Ferdinand der Vierte, Sohn Carls des Dritten, von Gottes Gnaden König beider Sicilien und von Jerusalem, Infant von Spanien, Herzog von Parma, Piacenza und Castro und Erbprinz von Toscana, den die Lazzaroni von Neapel einfacher und ohne so viel Titel und Umschweife den König Nasone nannten.

Der Mann, mit welchem er sich am speciellsten unterhielt und welcher von allen am einfachsten gekleidet war, obschon er den gestickten Leibrock der Diplomaten trug, war ein Greis von neunundsechzig Jahren, klein von Wuchs, mit dünnem, weißem, zurückgestrichenem Haar.

Er hatte jene schmale Gesichtsform, welche der gemeine Mann charakteristisch ein Messerklingengesicht nennt, eine spitzige Nase, ein eben solches Kinn, einen eingekniffenen Mund und ein helles, intelligentes, forschendes Auge.

Seine Hände, auf die er besondere Sorgfalt zu verwenden schien und über welche Manchetten von prächtigen englischen Spitzen herabfielen, waren mit Ringen beladen, deren Gold antiken kostbaren Cameen zur Einfassung diente.

Er trug nur zwei Orden, den des heiligen Januarius und das rothe Band des Bathordens mit dem goldenen Stern, auf welchem man in der Mitte von drei Königskronen ein Scepter zwischen einer Rose und einer Distel sieht.

Dieser Mann war Sir William Hamilton, Milchbruder des Königs Georg des Dritten und seit fünfunddreißig Jahren großbritannischer Gesandter am Hofe des Königreichs bei der Sicilien.

Die drei anderen waren der Marquis Malaspina, Adjutant des Königs, der Irländer John Acton, sein erster Minister, und der Herzog von Ascoli, sein Kammerherr und sein Freund.

Die zweite Gruppe, welche einem Gemälde von Angelica Kaufmann glich, bestand aus zwei Damen, welchen, auch wenn man ihren Rang und ihre Berühmtheit nicht kannte, selbst von dem gleichgültigsten Beobachter nothwendig besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden mußte.

Die ältere der beiden Damen hatte, obschon sie über die glänzende, jugendliche Periode ihres Lebens hinaus war, noch bemerkenswerthe Reste von Schönheit bewahrt.

Ihre mehr große als kleine Gestalt begann eine Corpulenz zu gewinnen, welche die Frische des Teints als vorzeitig hätte erscheinen lassen können, wenn nicht einige tiefe Furchen in dem Elfenbein der breiten gebieterischen Stirn, welche ihren Grund mehr in den Sorgen der Politik und der Last der Krone als in dem Alter selbst hatten, die fünfundvierzig Jahre verrathen hätten, die sie im Begriff stand zu vollenden.

Ihr blondes Haar, von seltener Feinheit und reizender Farbenschattierung, umrahmte in bewunderungswürdiger Weise ein Gesicht, dessen ursprüngliches Oval durch die Einwirkung der Ungeduld und des Schmerzes ein wenig entstellt worden.

Ihre blauen, matten, zerstreuten Augen sprühten, wenn plötzlich der Gedanke sie beseelte, ein düsteres und gewissermaßen elektrisches Feuer, welches, nachdem es der Wiederschein der Liebe und dann die Flamme des Ehrgeizes gewesen, der Blitz des Hasses geworden war.

Ihre früher feuchten und purpurrothen, Lippen, deren untere gegen die obere etwas hervorragende ihrem Gesichte in gewissen Augenblicken einen unaussprechlichen Ausdruck von Verächtlichkeit gab, waren unter den unaufhörlichen Bissen der immer noch schönen und wie Perlen glänzenden Zähne trocken und bleich geworden.

Nase und Kinn hatten ihre griechische Reinheit bewahrt und Hals, Schultern und Arme waren untadelhaft.

Diese Frau war die Tochter der Kaiserin Maria Theresia, die Schwester Marien Antoinettens, es war Marie Caroline, die Königin beider Sicilien, die Gattin Ferdinands des Vierten, den sie aus Gründen, welche wir später sich entwickeln sehen werden, anfangs mit Gleichgültigkeit, dann mit Widerwillen und dann mit Verachtung betrachtete.

Sie stand jetzt in ihrer dritten Phase, welche nicht die letzte sein sollte, und nur die politischen Nothwendigkeiten näherten die hochgestellten Ehegatten einander, welche, abgesehen hiervon, vollständig getrennt lebten.

Der König jagte in seinen Wäldern von Lincola, Persano und Astroni und ruhte in seinem Harem von San Leucio aus, während die Königin in Neapel, in Caferta oder in Portici mit einem Minister Acton Politik trieb oder mit ihrer Favoritin Emma Lyonna, die in diesem Augenblicke wie eine Sclavin zu ihren Füßen lag unter den Orangenlauben ausruhte.

Uebrigens brauchte man auf die letztgenannte Dame nur einen Blick zu werfen, um nicht blos die ein wenig scandalöse Gunst, in der sie bei der Königin stand, sondern auch den wahnsinnigen Enthusiasmus zu begreifen, welche diese Zauberin bei den englischen Malern, welche sie in allen Formen reproducirten und bei den neapolitanischen Dichtern erweckte, welche sie mit der überschwenglichsten Weise besangen.

In der That, wenn die menschliche Natur die Schönheit in ihrer höchsten Vollkommenheit erreichen kann, so hatte Emma Lyonna diese Vollkommenheit erreicht.

Durch vertrauten Umgang mit irgend einer modernen Sappho hatte sie ohne Zweifel jene kostbare Essenz erlangt, welche Phaon von der Venus zum Geschenk erhielt, um sich unwiderstehlich liebenswürdig zu machen.

Das erstaunte Auge schien, indem es sich auf die heftete, anfangs die Umrisse jenes wunderbaren Körpers nur durch den ihr entströmenden Wollustdunst zu erkennen; dann erst durchdrang der Blick allmälig das Gewölk und die Göttin schimmerte hindurch.

Versuchen wir dieses Weib zu malen, welches in die tiefsten Abgründe des Elends hinabstieg und die glänzendsten Gipfel des Glückes erklomm und die zu der Zeit, wo sie vor uns auftritt, an Geist, Anmuth und Schönheit mit der Griechin Aspasia, der Egyptierin Kleopatra und der Römerin Olympia zu rivalisieren im Stande gewesen wäre.

Sie hatte jetzt jenes Alter erreicht, oder schien jenes Alter erreicht zu haben, welches die physischen Vorzüge des Weibes in ihrer Vollendung erscheinen läßt.

Ihre Person bot, wenn der Blick sie zu detaillieren versuchte, gleichsam eine ganze Reihe von blendenden Erscheinungen dar.

Ihr kastanienbraunes Haar umrahmte ein Gesicht, welches so rund war wie das des jungen Mädchens, welches kaum erst zur Mannbarkeit gereift ist.

Ihre irisierenden Augen, deren Farbe unmöglich zu bestimmen gewesen wäre, funkelten unter zwei Brauen, die von Raphaels Pinsel geschaffen zu sein schienen.

Ihr biegsamer weißer Schwanenhals, ihre Schultern und Arme, deren Geschmeidigkeit und anmuthige Rundung nicht an die kalten Schöpfungen des antiken Meißels, sondern an die lebensvollen, gleichsam zuckenden Marmorgebilde Germain Pilous erinnerten, machten selbst diesen in Bezug auf Festigkeit und Azurgeäder den Rang streitig.

Der Mund schien, gleich dem jener Prinzessin, welche eine Fee zur Pathe hatte und bei jedem Worte eine Perle und bei jedem Lächeln einen Diamant fallen ließ, ein unerschöpflicher Schrein von Liebesküssen zu sein.

Bekleidet war sie ganz im Gegensatz zu dem königlichen Costüm Mariens Carolinens, mit einer langen einfachen Tunica von weißem Casimir mit weiten Aermeln, um den Hals herum nach griechischer Weise ausgeschnitten und frei von jedem anderen Zwang, um die Taille herum durch einen Gürtel von rothem Maroquin festgehalten, der mit Gold gestickt, mit Rubinen, Opalen und Türkisen besetzt war und dessen Agraffe in einer prachtvollen Camee mit Sir William Hamiltons Bildmiß bestand.

Außerdem hüllte sie sich, wie in einen Mantel, in einen breiten indischen Shawl von schillernden Farben mit Goldblumen, welcher ihr bei den vertrauten Abendgesellschaften der Königin mehr als einmal zur Aufführung jenes Shawltanzes gedient hatte, den sie erfunden und dessen wollüstige, magische Vollkommenheit von keiner anderen Tänzerin erreicht ward.

Später werden wir Gelegenheit finden, den Augen unserer Leser die seltsame Vergangenheit dieser Dame vorzuführen, welcher wir in diesem gewissermaßen nur als Einleitung dienenden Capitel, welchen Platz sie auch in der zu erzählenden Geschichte einnehmen mag, doch blos einen flüchtigen Blick und oberflächliche Aufmerksamkeit widmen können.

Die dritte Gruppe, welche ein Seitenstück zu dieser bildete und sich rechts neben der des Königs befand, bestand aus vier Personen, nämlich aus zwei Männern von verschiedenem Alter, welche über Wissenschaft und Staatsöconomie sprachen, und einer bleichen, träumerischen jungen Frau, welche ein Kind von einigen Monaten in ihren Armen wiegte und an ihr Herz drückte.

Eine fünfte Person, die Niemand anders war als die Amme des Kindes, eine dicke stämmige Bäuerin in der Tracht der Frauen von Aversa, hielt sich in dem Halbschatten versteckt, wo jedoch trotz ihrer Vorsicht die Stickereien ihres mit Goldschnüren besetzten Mieders ihre Gegenwart verriethen.

Der jüngere der beiden Männer, kaum zweiundzwanzig Jahre alt, mit blondem Haar, noch bartlosem Kinn, von in Folge vorzeitiger Trägheit schon stark gewordenem Wuchse, den das Gift später in leichenähnliche Magerkeit verwandeln sollte, in einem himmelblauen, mit Gold gestickten und mit Schnüren überladenen Leibrock, war der älteste Sohn des Königs und der Königin Marie Caroline, der präsumtive Thronerbe Franz, Herzog von Calabrien.

Von Natur von schüchternem, sanftem Charakter, hatte er an den reactionären Gewaltthätigkeiten der Königin Anstoß genommen, und sich der Literatur und den Wissenschaften zugewendet. Er verlangte nichts weiter, als außerhalb der Maschine der Politik zu bleiben, von deren Räderwerk er zermalmt zu werden fürchtete.

Der, mit welchem er sich unterhielt, war ein ernster, kalter Mann von fünfzig bis zweiundfünfzig Jahren, der nicht gerade ein Gelehrter, wie man es in Italien versteht, wohl aber, was zuweilen weit besser ist, ein Wissender war.

Seine ganze Decoration auf dem auch übrigens sehr einfachen Rock bestand in dem Maltheserkreuz, welches zweihundertjährigen, nie unterbrochenen Adel voraussetzte.

Er war auch in der That ein neapolitanischer Edelmann. Er hieß der Chevalier von San Felice und war Bibliothekar des Prinzen und Ehrencavalier der Prinzessin.

Die Prinzessin, mit welcher wir vielleicht hätten beginnen sollen, war jene junge Mutter, welche wir mit kurzen Worten geschildert und die, als ob sie gefühlt hätte, daß sie bald die Erde gegen den Himmel vertauschen sollte, ihr Kind an das Herz drückte.

Auch sie war, wie ihre Schwiegermutter, eine Erzherzogin des Hauses Habsburg. Sie hieß Clementine. Fünfzehn Jahre alt, hatte sie Wien verlassen, um Franz von Bourbon zu heiraten, und mochte nun der Grund dort gelassene Liebe oder hier gefundene Enttäuschung sein, Niemand, selbst nicht ihre Tochter, wenn diese schon alt genug gewesen wäre, um zu verstehen und zu sprechen, hätte erzählen können, daß man sie ein einziges Mal lächeln gesehen.

Blume des Nordens, welkte sie kaum erblüht in der heißen Sonne des Südens.

Ihre Traurigkeit war ein Geheimniß, an welchem sie langsam hinstarb, ohne sich gegen die Menschen oder gegen Gott zu beklagen. Sie schien zu wissen, daß sie verurtheilt war, und als frommes, reines Sühnopfer fügte sie sich in den Spruch, der nicht um ihrer Sünden, sondern um der eines Andern willen über sie gefällt worden.

Gott, welcher die Ewigkeit hat, um gerecht zu sein, erscheint uns zuweilen in geheimnißvollen Widersprüchen, welche unsere sterbliche und ephemere Gerechtigkeit nicht zu begreifen vermag.

Die Tochter, welche sie an ihr Herz drückte und die kaum erst seit einigen Monaten ihr Auge dem Lichte erschloß, war jene zweite Marie Caroline, welche vielleicht die Schwächen, aber nicht die Laster der ersten besaß. Es war die junge Prinzessin, welche sich später mit dem Herzog von Berry vermälte, der unter dem Dolche Louvel's fiel, und welche allein von der älteren Linie der Bourbons eine sympathische Erinnerung und ein ritterliches Andenken in Frankreich zurückgelassen hat.

Und diese ganze Welt von Königen, Prinzen, Höflingen, welche auf diesem azurnen Meer unter diesem purpurnen Zeltdach unter dem Klange einer melodischen, von dem guten Domenico Cimarosa, Capellmeister und Hofeomponist, dirigierten Musik dahinglitt passirte nach der Reihe Resina, Portici, Torre del Greco und ward nach dem offenen Meer durch jenen weichen Hauch von Baia hinausgetragen, welcher der Ehre der römischen Damen so gefährlich ist und die Rosenbäume von Pästum jährlich zweimal erblühen läßt.

Gleichzeitig sah man am Horizont, noch weit jenseits Capri und des Caps Campanella, ein Kriegsschiff auftauchen, welches seinerseits, als es die königliche Flottille gewahrte, so manövrierte, daß es ein wenig näher kam, während es zugleich einen Kanonenschuß löste.

Eine leichte Rauchwolke stieg an der Seitenwand des Kolosses empor und gleichzeitig sah man die rothe Flagge Englands graziös die Mastspitze erklettern.

Nach einigen Sekunden später hörte man ein langgedehntes Rollen, welches dem des fernen Donnersglich.

Zweites Capitel.
Der Held vom Nil

Das Schiff, welches der königlichen Flottille entgegensteuerte und an dessen Mastspitze wir die rothe Flagge Englands gesehen, hieß der »Vanguard«.

Der Officier, welcher es commandierte, war der Commodor Horaz Nelson, der so eben die französische Flotte bei Abukir vernichtet und Bonaparte und der republikanischen Armee alle Hoffnung auf die Rückkehr nach Frankreich abgeschnitten hatte.

Sagen wir mit wenigen Worten, wer dieser Commodor Horaz Nelson war, einer der größten Seehelden, die es jemals gegeben, der Einzige, welcher dem continentalen Glück Napoleons auf dem Ocean das Gleichgewicht hielt, ja es sogar erschütterte.

Man wird sich vielleicht wundern, uns das Lob Nelson's preisen zu hören, dieses furchtbaren Feindes Frankreichs, der ihm bei Abukir und Trafalgar das beste und reinste Herzblut entrissen.

Männer wie dieser sind aber einmal ein Product der allgemeinen Civilisation, die Nachwelt macht bei ihnen keinen Unterschied der Geburt und des Landes. Sie betrachtet sie vielmehr wie einen Theil der Größe des gesamten Menschengeschlechts, auf welchen dieses mit unendlicher Liebe und unermeßlichem Stolz hinblicken muß.

Einmal in das Grab hinabgestiegen, sind sie nicht mehr Landsleute oder Fremdlinge, nicht mehr Freunde oder Feinde. Sie heißen Hannibal und Scipio, Cäsar und Pompejus, das heißt Werke und Thaten. Die Unsterblichkeit naturalisiert die großen Geister zum Nutzen des Weltalls.

Nelson ward am 29. September 1758 geboren und also zu der Zeit, von welcher wir hier sprechen, ein Mann von neununddreißig bis vierzig Jahren.

Er war geboren in Barnham Thorpes, einem kleinen Dorf der Grafschaft Norfolk. Sein Vater war Pfarrer, seine Mutter starb jung und hinterließ elf Kinder.

Ein Onkel, den er in der Marine hatte und der mit den Walpoles verwandt war, nahm ihn als Aspiranten mit auf den »Redoubtable«, ein Kriegsschiff von vierundsechzig Kanonen. Auf diesem Schiff ging er nach dem Nordpol und brachte sechs Monate im Eismeer zu.

Hier kämpfte er mit einem weißen Bären, der ihn zwischen einen Tatzen erstickt haben würde, wenn nicht einer seiner Cameraden die Mündung seiner Muskete dem Bären ins Ohr gesetzt und denselben durch einen Schuß niedergestreckt hätte.

Dann ging er nach dem Aequator, verirrte sich in einem Walde Perus, schlief am Fuße eines Baumes ein, ward von einer Schlange der schlimmsten Art gestochen, wäre an diesem Stich beinahe gestorben und behielt davon lebenslang schwarzgelbe Flecken gleich denen der Schlange selbst.

In Canada hatte er seine erste Liebschaft und hätte beinahe seine größte Thorheit begangen. Um die Person, welche er liebte, nicht zu verlassen, wollte er seine Entlassung als Fregattencapitän nehmen. Seine Officiere aber bemächtigten sich seiner unvermuthet, banden ihn wie einen Verbrecher oder einen Tollhäusler, trugen ihn auf das »Sea Horse«, welches er damals commandierte, und gaben ihm erst auf offener See die Freiheit wieder.

Nach London zurückgekehrt, verheiratete er sich mit einer jungen Witwe, Namens Mitreß Nisbett. Er liebte sie mit jener Leidenschaft, welche sich in seiner Seele so leicht und so heftig entzündete, und als er wieder zur See ging, nahm er einen Sohn, Namens Josua, mit, den sie von ihrem ersten Manne hatte.

Als Toulon durch den Admiral Trogof und den General Mandet den Engländern überlassen ward, war Horaz Nelson Capitän an Bord des »Agamemnon« und ward mit seinem Schiffe nach Neapel geschickt, um dem Könige Ferdinand und der Königin Carolina die Einnahme des wichtigsten französischen Kriegshafens zu melden.

Sir William Hamilton, der englische Gesandte, traf ihn beim Könige, nahm ihn mit nach Hause, ließ ihn in dem Salon, ging in das Zimmer seiner Gattin und sagte zu ihr:

»Ich bringe Ihnen einen kleinen Mann, der sich nicht rühmen kann, schön zu sein; ich müßte mich aber sehr irren, wenn er nicht später einmal der Stolz Englands und der Schrecken unserer Feinde würde.«

»Und woraus schließen Sie das?« fragte Lady Hamilton.

»Aus den wenigen Worten, die wir gewechselt haben. Er ist im Salon. Kommen Sie, um ihm die Honneurs unseres Hauses zu machen. Ich habe noch niemals einen englischen Officier bei mir empfangen, aber ich will nicht, daß dieser anderswo, als in meinem Hotel wohne.«

Und Nelson wohnte in der englischen Gesandtschaft, deren Hotel an der Ecke des Flusses und der Straße von Chiaja stand.

Nelson war damals, im Jahre 1793, ein Mann von vierunddreißig Jahren, klein von Wuchs, wie Sir William gesagt, bleich von Gesicht, mit blauen Augen und jener Adlernase, welche das Profil der Kriegsmänner auszeichnet und Cäsar und Condé Aehnlichkeit mit Raubvögeln gibt; mit jenem hervorragenden Kinne, welches die bis zur Hartnäckigkeit getriebene Zähigkeit verräth.

Was Haar und Bart betraf, so waren dieselben hellblond und dünn.

Nichts verräth, daß zu jener Zeit Emma Lyonna in Bezug auf Nelsons äußere Erscheinung einer anderen Meinung gewesen sei, als ihr Gatte. Die so zu sagen niederschmetternde Schönheit der Gesandtin aber äußerte ihre Wirkung. Nelson verließ Neapel, nahm die Verstärkungen mit, welche er von dem neapolitanischen Hofe verlangt, und hatte sich in Lady Hamilton verliebt bis zum Wahnsinn.

Geschah es aus reinem Ehrgeiz, oder geschah es, um sich von jener Liebe zu heilen, die, wie er fühlte, unheilbar war, daß er bei der Einnahme von Calvi, wo er ein Auge, oder bei der Expedition nach Tenneriffa, wo er ein Bein verlor, den Tod suchte? Man weiß dies nicht, aber bei diesen beiden Gelegenheiten setzte er sein Leben mit einer solchen Tollkühnheit aufs Spiel, daß man glauben mußte, es läge ihm äußerst wenig daran.

Lady Hamilton sah ihn sonach als Einäugigen und Einbeinigen wieder, und nichts verräth, daß ihr Herz für den verstümmelten Helden ein anderes Gefühl gehegt habe, als jenes zärtliche, theilnehmende Mitleid, welches die Schönheit den Märtirern des Ruhmes schuldig ist.

Am 16. Juni 1798 kam er zum zweiten Male nach Neapel und zum zweiten Male sah er sich der Lady Hamilton gegenüber.

Die Lage war für Nelson eine sehr kritische.

Beauftragt, die französische Flotte in dem Hafen von Toulon zu blockieren und sie, wenn sie denselben verließe, anzugreifen, hatte er gleichwohl diese Flotte sich zwischen den Fingern hindurchschlüpfen gesehen und dieselbe hatte im Vorüberfahren Malta genommen und dreißigtausend Mann in Alexandrien ans Land gesetzt.

Dies war noch nicht Alles. Von einem Sturm umhergetrieben, der seinen Schiffen schwere Beschädigungen zugefügt, an Wasser und Lebensmitteln Mangel leidend, konnte er seine Verfolgung nicht fortsetzen, sondern mußte nach Gibraltar steuern, um sich zu verproviantiren.

Er war verloren. Man konnte des Hochverraths einen Mann anklagen, welcher einen Monat lang in dem mittelländischen Meere, das heißt in einem großen See, eine Flotte von dreizehn Linienschiffen und dreihundert siebenundachtzig Transportschiffen gesucht hatte, nicht blos ohne sie einholen zu können, sondern auch ohne ihren Curs ermittelt zu haben.

Jetzt handelte es sich darum, unter den Augen des französischen Gesandten von dem Hofe der beiden Sicilien die Erlaubniß zu erhalten, daß Nelson in den Häfen von Messina und Syracus Wasser und Lebensmittel und in Calabrien Schiffsbauholz einnehmen dürfte, um seine zerbrochenen Masten und Raaen zu ersetzen.

Nun aber hatte der Hof beider Sicilien einen Friedensvertrag mit Frankreich geschlossen. Dieser Vertrag machte ihm die strengste Neutralität zu Pflicht und wenn man Nelson das, was er verlangte, gewährte, so war dies eine offenbare Verletzung dieses Tractats und ein Bruch dieser Neutralität.

Ferdinand und Caroline verabscheuten aber die Franzosen so sehr und hatten Frankreich einen solchen Haß geschworen, daß Alles, was Nelson begehrte, ihm ohne Bedenken gewährt ward, und Nelson, welcher wußte, daß nur ein großer Sieg ihn retten konnte, verließ Neapel verliebter und wahnsinniger als je, mit dem Schwur, zu siegen oder sich bei der ersten Gelegenheit tödten zu lassen.

Er siegte und wäre beinahe getödtet worden. Niemals seit Erfindung des Pulvers und Anwendung des Geschützes war eine entsetzlichere Seeschlacht geschlagen worden. Von den dreizehn Linienschiffen, aus welchen, wie wir bereits bemerkt, die französische Flotte bestand, konnten nur zwei den Flammen und der gänzlichen Zerstörung durch den Feind entrinnen.

Ein Schiff, der »Orient«, war in die Luft geflogen. Ein anderes Linienschiff und eine Fregatte waren in den Grund gebohrt worden, neun waren in die Hände der Sieger gefallen.

Nelson hatte sich während der ganzen Zeit, welche der Kampf gedauert, als vollkommener Held gezeigt. Er hatte sich dem Tode dargeboten und der Tod hatte ihn nicht gewollt, wohl aber hatte er eine grausame Verwundung davongetragen.

Eine Kugel vom »Wilhelm Tell« hatte eine Raa des »Vanguard« getroffen und die zerschossene Raa war Nelson in demselben Augenblick, wo er den Kopf emporrichtete, um die Ursache des furchtbaren Krachens, welches er hörte, zu erspähen, auf die Stirn gefallen, hatte ihm die Haut des Hirnschädels über das einzige Auge, welches er noch besaß, herabgeschlagen und ihn wie einen von einem Keulenschlage getroffenen Stier von seinem Blut überströmt aufs Deck hingestreckt.

Nelson glaubte, die Wunde sei tödtlich, ließ den Caplan rufen, um sich von diesem den letzten Segen ertheilen zu lassen, und beauftragte ihn mit den letzten Grüßen an seine Familie.

Nach dem Priester aber kam der Chirurg, dieser untersuchte die Hirnschale. Dieselbe war unversehrt. Nur die Stirnhaut war losgerissen und fiel bis über den Mund herab.

Die Haut ward wieder in ihre naturgemäße Lage zurückgebracht, an der Stirn angeheftet und durch eine schwarze Binde festgehalten.

Nelson raffte das seiner Hand entfallene Sprachrohr auf und machte sich wieder an das Werk der Zerstörung, indem er »Feuer!« commandierte.

Es lag der Hauch eines Titans in dem Haß dieses Mannes gegen Frankreich.

Am 2. August, acht Uhr Abends, war, wie wir schon vorhin bemerkten, von der ganzen französischen Flotte nichts weiter übrig als zwei Schiffe, die sich nach Malta flüchteten .

Ein leichtes Fahrzeug trug die Nachricht von Nelsons Siege und der Zerstörung der französischen Flotte an den Hof von Neapel und zur Admiralität von England.

Ganz Europa hallte bis nach Asien wieder von einem unermeßlichen Freudenschrei, so sehr fürchtete man die Franzosen, so sehr verwünschte und verabscheute man die französische Revolution.

Ganz besonders der Hof von Neapel ward, nachdem er vor Wuth geschnaubt, nun vor Freude fast wahnsinnig.

Natürlich war es Lady Hamilton, welche Nelson's Brief empfing, der ihr diesen Sieg meldete, welcher dreißigtausend Mann Franzosen und Bonaparte mit ihnen in Egypten gefangen hielt.

Bonaparte, der Mann von Toulon, des 13. Vendemiaire, von Montenotte, von Dego, von Arcole und von Rivoli, der Ueberwinder Beaulieus, Wurmser's, Alvinzi‘s und des Prinzen Karl, der Schlachtenheld, welcher binnen weniger als zwei Jahren hundert und fünfzigtausend Gefangene gemacht, hundert und siebzig Fahnen erobert, fünfhundert und fünfzig Geschütze von schwerem Caliber, sechshundert Feldkanonen und fünf Brückenequipagen genommen, der Ehrgeizige, welcher gesagt hatte, Europa sei ein Maulwurfshaufen und nur im Orient habe es jemals große Staaten und große Revolutionen gegeben, der abenteuerlustige Feldherr, der, mit neunundzwanzig Jahren schon größer als Hannibal und Scipio, Egypten erobern wollte, um ebenso groß zu sein als Alexander und Cäsar, war nun mit einem Male beseitigt, unterdrückt, aus der Liste der Kämpfenden gestrichen.

Er hatte bei dem großartigen Kriegsspiel endlich einen Gegner gefunden, der glücklicher oder geschickter war als er. Auf dem riesigen Schachbrett des Nil, wo Obelisken die Bauern, Sphinxe die Springer, Pyramiden die Thürme sind, wo die Läufer Kambytes, die Könige Sesostris und die Königinnen Kleopatra heißen, war er auf einmal mattgesetzt.

Die Furcht, welche die vereinten Namen Frankreich und Bonaparte den Souveränen Europas eingejagt, läßt sich am besten nach den Geschenken beurtheilen, welche Nelson von diesen Souveränen empfing, die außer sich vor Freude waren, als die Frankreich gedemüthigt sahen und Bonaparte verloren glaubten.

Die Aufzählung dieser Geschenke ist leicht. Wir brauchen zu diesem Zwecke blos eine von Nelsons eigener Hand geschriebene Notiz zu copiren.

Von Georg dem Dritten empfing er die Würde eines Pairs von Großbritanien und eine goldene Medaille.

Von dem Unterhaus für sich und seine zwei nächsten Erben den Titel eines Baronets vom Nil und von Barnham-Thorpes nebst einer Rente von zweitausend Pfund Sterling, deren Auszahlung vom 1. August 1798, dem Tage der Schlacht, beginnen sollte.

Von dem Oberhause eine gleiche Rente unter denselben Bedingungen und von demselben Tage an beginnend.

Von dem Parlament von Irland eine Pension von tausend Pfund Sterling.

Von der ostindischen Compagnie ein einmaliges Geschenk von zehntausend Pfund.

Von dem Sultan eine Diamantenagraffe, welche auf zweitausend, und einen kostbaren Pelz, der auf eintausend Pfund Sterling geschätzt ward.

Von der Mutter des Sultans eine mit Diamanten besetzte Schatulle, zwölfhundert Pfund im Werthe.

Von dem Könige von Sardinien eine mit Diamanten besetze Tabatière, an Werth zwölfhundert Pfund.

Von der Insel Zante einen Degen mit goldenem Griff und einen Stock mit goldenem Knopf

Von der Stadt Palermo eine Tabatière und eine goldene Kette auf einem silbernen Teller.

Endlich von seinem Freunde Benjamin Hallowell, Capitän des »Swiftsure«, ein echt englisches Geschenk, welches wir durchaus nicht mit Stillschweigen übergehen dürfen.

Wir haben gesagt, daß das französische Schiff, der »Orient«, in die Luft geflogen war. Hallowell ließ den großen Mast aus dem Wasser fischen und an Bord eines Schiffes bringen. Dann ließ er durch einen Schiffszimmermann und Schiffsschlosser aus diesem Mast und dessen Eisenbeschlägen einen Sarg fertigen, mit einer Platte verziert, auf welcher folgendes Ursprungszeugniß eingraviert war:

»Ich bezeuge hiermit, daß dieser Sarg ausschließlich aus dem Holze und Eisen des Schiffes der »Orient« gefertigt ist, von welchem das unter meinem Befehle stehende Schiff Sr. Majestät einen großen Theil in der Bai von Abukir rettete.

»Benj. Hallowell.«

Diesen auf diese Weise hinsichtlich seines Ursprunges legitimierten Sarg machte er Nelson zum Geschenk und fügte folgenden Brief bei:

»An den ehrenwerthen Nelson C. B.

»Geehrter Herr!

»Ich schicke Ihnen beifolgend einen aus dem Maste des französischen Schiffes der »Orient« gefertigten Sarg, damit Sie, wenn Sie einmal aus diesem Leben scheiden, vor allen Dingen in Ihren eigenen Trophäen ruhen können. Die Hoffnung, daß dieser Tag noch fern sei, ist der aufrichtige Wunsch Ihres ergebenen Dieners

»Benj. Hallowell.«

Von allen Geschenken, welche dem glücklichen Sieger dargebracht wurden, schien dieses letztere das zu sein, welches ihn am meisten rührte. Er empfing es mit unverhohlener Freude, ließ es in seine Cajüte bringen und dicht hinter dem Sessel, in welchem er bei Tische saß, an die Wand lehnen.

Ein alter Diener, den der Anblick dieses ominösen Möbels allemal traurig stimmte, brachte den Admiral endlich dahin, daß er es in das Zwischendeck bringen ließ.

Als Nelson den furchtbar zerschossenen »Vanguard« mit dem »Fulminant« vertauschte, blieb der Sarg, der auf dem neuen Schiffe noch keinen geeigneten Platz gefunden, einige Monate auf dem Vorderdeck stehen.

Eines Tages, als die Officiere des »Fulminant« das Geschenk des Capitäns Hallowell bewunderten, rief Nelson ihnen von seiner Cajüte aus zu:

»Bewundern Sie so viel Sie wollen, meine Herren. Für Sie ist er doch nicht gemacht.«

Endlich schickte Nelson ihn, sobald sich Gelegenheit darbot, nach England an seinen Tapezierer mit dem Auftrage, ihn sofort mit Sammet auszuschlagen, weil er ihn bei dem Handwerke, welches er triebe, jeden Augenblick nöthig haben könne und ihn daher unverweilt in vollständige Bereitschaft gesetzt zu sehen wünschte.

Wir brauchen nicht erst zu erwähnen, daß Nelson, nachdem er sieben Jahre später bei Trafalgar gefallen, wirklich in diesem Sarge zur Gruft bestattet ward.

Kommen wir jetzt auf unsere Erzählung zurück.

Wir haben gesagt, daß Nelson mit einem leichten Fahrzeuge die Nachricht von dem Siege bei Abukir nach Neapel und London entsendet hatte.

Gleich nach dem Empfang von Nelsons Briefe eilte Emma Lyonna zu der Königin Caroline und überreichte ihr denselben geöffnet.

Die Königin warf einen Blick darauf und stieß einen lauten Freudenschrei aus. Sie rief ihre Söhne, sie rief den König, sie lief wie eine Wahnsinnige in den Gemächern umher, küßte jeden, der ihr in den Weg kam, schloß die Ueberbringerin der frohen Neuigkeit in die Arme und ward nicht müde zu rufen:

»Nelson! tapferer Nelson! O Retter und Befreier Italiens! Gott schütze Dich! Der Himmel behüte Dich!«

Ohne sich dann weiter um den französischen Gesandten Garat zu kümmern, denselben, welcher Ludwig dem Sechzehnten das Todesurtheil vorgelesen und welchen das Directorium ohne Zweifel als eine Warnung für die neapolitanische Monarchie an diesen Hof gesendet, befahl sie, in der Meinung daß nun nichts mehr von Frankreich zu fürchten stehe, offen, unverhohlen und am hellen lichten Tage alle nothwendigen Anstalten zu treffen, um Nelson in Neapel zu empfangen, wie man einen Sieger empfängt.

Um nicht hinter den andern Souveränen zurückzubleiben, ließ sie, welche ihm mehr schuldig zu sein glaubte, als die andern, weil sie doppelt bedroht war, nämlich durch die Anwesenheit der französischen Truppen in Rom und durch die Proclamation der römischen Republik, durch ihren Premierminister Acton ein Patent ausfertigen, durch welches Nelson mit dreitausend Pfund Sterling jährlicher Rente zum Herzog von Bronte ernannt ward, während der König, als man ihm dieses Patent zur Unterschrift vorlegte, sich vorbehielt, ihm selbst den Degen zu verehren, welchen Ludwig der Vierzehnte seinem Sohn Philipp dem Fünften, als derselbe abreiste, um über Spanien zu regieren, und Philipp der Fünfte seinem Sohn Don Carlos geschenkt, als dieser auf brach, um Neapel zu erobern.

Abgesehen von seinem historischen Werth, welcher unschätzbar war, ward dieser Degen, der den Instructionen des Königs Carl des Dritten gemäß nur dem Vertheidiger und dem Retter der Monarchie der beiden Sicilien gehören sollte, wegen der Diamanten, womit er besetzt war, auf fünftausend Pfund Sterling oder hundert und fünfundzwanzigtausend Francs geschätzt.

Was die Königin betraf, so hatte sie sich vorbehalten, Nelson ein Geschenk zu machen, welches in seinen Augen durch alle Gunstbezeigungen, durch alle Schätze sämmtlicher Könige der Erde nicht aufgewogen werden konnte. Sie hatte sich nämlich vorbehalten, ihm jene Emma Lyonna zu geben, die seit fünf Jahren der Gegenstand seiner glühendsten Träume war.

Demzufolge hatte sie am Morgen jenes 22. September 1798 zu Emma Lyonna, indem sie das kastanienbraune Haar auf die Seite strich, um diese falsche Stirn zu küssen, die anscheinend so rein war, daß man sie für die eines Engels hätte halten können, gesagt:

»Meine vielgeliebte Emma, damit ich König bleibe und damit Du folglich Königin bleibst, muß dieser Mann uns gehören, und damit dieser Mann uns gehöre, mußt Du ihm gehören.«

Emma hatte die Augen niedergeschlagen und ohne zu antworten die beiden Hände der Königin ergriffen und leidenschaftlich geküßt.

Wir wollen nun sagen, wie Marie Caroline eine solche Bitte aussprechen oder vielmehr der Lady Hamilton, der Gemahlin des Gesandten Englands, einen solchen Befehl ertheilen konnte.

Drittes Capitel.
Die Vergangenheit der Lady Hamilton

Bei der kurzen, ungenügenden Schilderung, die wir von Emma Lyonna zu entwerfen gesucht, haben wir gesagt: »die seltsame Vergangenheit dieser Frau.« und in der That war wohl auch selten das Lebensschicksal eines Menschen außerordentlicher als das ihrige. Nie war eine Vergangenheit gleichzeitig düsterer und blendender als die ihrige.

Sie kannte niemals genau das Alter oder den Ort ihrer Geburt. So weit ihre Erinnerung zurückreichte, sah sie sich als Kind von drei oder vier Jahren mit einem armseligen Leinwandröckchen bekleidet, mit nackten Füßen unter Nebel und dem Regen eines nördlichen Landes eine Gebirgsstraße wandernd und sich mit ihrer erstarrten kleinen Hand an die Kleider ihrer Mutter festhaltend, einer armen Bäuerin, von welcher sie, wenn sie zu müde war, oder es den Weg durchschneidende Bäche zu durchwaten gab, auf die Arme genommen ward.

Sie entsann sich auch, daß sie auf dieser Wanderung viel gehungert und gedürstet. Sie erinnerte sich auch ferner, daß, wenn sie durch eine Stadt kamen, ihre Mutter vor der Thür eines reichen Hauses oder vor dem Laden eines Bäckers stehen blieb; daß sie hier entweder um ein Stück Geld bettelte, welches man ihr oft verweigerte, oder um ein Stück Brod, welches man ihr fast allemal gab.

Abends machten Mutter und Tochter in irgend einem einsamen Gehöfte Halt und nahmen die Gastfreundschaft desselben in Anspruch, welche man ihnen entweder in der Scheune oder in dem Stalle gewährte.

Die Nächte, wo man den beiden armen Wanderinnen erlaubte, in einem Stalle zu schlafen, waren festliche Nächte.

Die Kleine erwärmte sich dann rasch durch den milden Hauch der Thiere und empfing am Morgen, ehe sie sich wieder auf den Weg machten, fast immer entweder von der Bäuerin oder von der Magd, welche die Kühe zu melken kam, ein Glas laue schäumende Milch, eine Delicatesse, für welche sie um so dankbarer war, als ihr dieselbe nicht oft geboten ward.

Endlich erreichten Mutter und Tochter die kleine Stadt Flint, das Ziel ihrer Wanderung. Hier waren Emmas Mutter und John Lyons, ihr Vater, geboren.

Dieser letztere hatte, um Arbeit zu suchen, die Grafschaft Flint verlassen, und hatte sich nach Chester begeben; die Arbeit war aber hier sehr schlecht bezahlt worden. Jung und arm war John Lyons gestorben und seine Witwe kehrte in ihre Heimat zurück, um zu sehen, ob dieselbe sie gastfrei oder stiefmütterlich empfangen würde.

Drei oder vier Jahre später hatte Emma, wie sie sich erinnerte, am Abhange eines grasigen, blumigen Hügels für eine Bäuerin in der Umgegend, bei welcher ihre Mutter als Magd diente, eine kleine Schafherde gehütet und vorzugsweise gern in der Nähe einer durchsichtigen Quelle geweilt, in welcher sie sich selbstgefällig betrachtete, nachdem sie sich mit den um sie herum wachsenden wilden Blumen geschmückt.

Zwei oder drei Jahre später und als sie eben nahe daran war, ihr zehntes Jahr zurückzulegen, ereignete sich ein Glücksfall in der Familie.

Ein Lord Halifax, welcher ohne Zweifel in einer seiner aristokratischen Anwandlungen Emmas Mutter noch schön gefunden, schickte ihr eine kleine Summe, wovon ein Theil für sie selbst und das Uebrige für die Erziehung ihres Kindes bestimmt war.

Emma erinnerte sich, daß sie nun in eine Pensionsschule für junge Mädchen gebracht ward, deren gleichförmige Bekleidung in einem Strohhut, einem himmelblauen Kleid und einer schwarzen Schürze bestand.

In dieser Pensionsschule blieb sie zwei Jahre, lernte hier lesen und schreiben und studierte die ersten Elemente der Musik und des Zeichnens, in welchen Künsten sie in Folge ihrer bewunderungswürdigen Naturanlagen rasche Fortschritte machte, als eines Morgens ihre Mutter kam, um sie wieder abzuholen.

Lord Halifax war gestorben und hatte vergessen, seine beiden Schützlinge in seinem Testament zu bedenken.

Emma konnte daher nicht mehr in der Pensionsschule bleiben, sondern mußte sich entschließen, als Kinderwärterin in die Dienste eines gewissen Thomas Hawarden zu treten, dessen Tochter als junge Witwe gestorben war und drei verwaiste Kinder hinterlassen hatte.

Eine Begegnung, welche sie, während sie mit den Kindern am Strande des Meeres spazieren ging, machte, entschied über ihr Leben.

Eine berühmte Courtiane von London, Miß Arabell genannt, und ein sehr talentvoller Maler, ihr damalige Liebhaber, waren stehen geblieben, der Maler, um ein Bäuerin aus dem Fürstenthurm Wales zu skizzieren, um Miß Arabella, um ihm dabei zuzusehen.

Die Kinder, welche Emma führte, näherten sich neu gierig und stellten sich auf die Fußspitzen, um zu sehen, was der Maler machte.

Emma folgte ihnen. Der Maler drehte sich um, erblickt sie und stieß einen Ruf der Ueberraschung aus.

Emma zählte jetzt dreizehn Jahre und niemals hat der Maler etwas so Schönes gesehen.

Er fragte, wer sie wäre, was sie mache.

Die Schulbildung, welche Emma Lyonna erhalten befähigte sie, diese Fragen mit einer gewissen Eleganz zu beantworten.

Er erkundigte sich, wie viel sie mit der Abwartung dieser Kinder verdiene. Sie antwortete, sie bekäme dafür Kleider, Wohnung und Kost und außerdem monatlich zehn Schillinge.

»Kommen Sie nach London,« sagte der Maler zu ihr »und ich gebe Ihnen fünf Guineen für jedes Mal, wo Sie sich dazu verstehen werden, sich von mir skizzieren zu lassen.

Und er reichte ihr eine Karte, auf welcher die Wort standen: »Edward Romney, Cavendish Square Nr. 8.«

Gleichzeitig zog Miß Arabella aus ihrem Gürtel ein kleine Börse, welche einige Goldstücke enthielt, und bot sie ihr.

Emma erröthete, ergriff die Karte, steckte dieselbe in ihr Mieder, die Börse wies sie instinctartig zurück.

Da Miß Arabella auf ihrem Anerbieten beharrte und sagte, sie solle dieses Geld zur Bestreitung der Kosten ihrer Reise nach London verwenden, so sagte Emma:

»Ich danke Ihnen, Madame. Wenn ich nach London reise, so kann ich es mit den kleinen Ersparnissen thun, welche ich bereits gemacht und ferner machen werde.«

»Von Ihren zehn Schillingen monatlich?« fragte Miß Arabella lachend.

»Ja, Madame,« antwortete das junge Mädchen naiv.

Dabei hatte es vor der Hand sein Bewenden.

Einige Monate später kam Mr. Hawardens Sohn, Mr. James Hawarden, ein berühmter Wundarzt in London, auf Besuch zu seinem Vater. Auch er ward von Emma's Schönheit betroffen und war während der ganzen Zeit, die er in der kleinen Stadt Flint blieb, gut und liebreich gegen sie, nur forderte er nicht, wie Romney, sie auf, nach London zu kommen.

Nachdem er drei Wochen bei seinem Vater zugebracht, reiste er wieder ab und ließ zwei Guineen für die kleine Kinderwärterin zur Belohnung für die Sorgfalt zurück, womit sie eine Neffen abwarte. Emma nahm das Geld ohne Widerstreben.

Sie hatte eine Freundin. Diese Freundin hieß Fanny Strong und hatte ihrerseits einen Bruder, welcher Richard hieß.

Emma hatte nie darnach gefragt, was ihre Freundin triebe, obschon dieselbe besser gekleidet war, als ihre Vermögensumstände zu erlauben schienen. Ohne Zweifel glaubte sie, Fanny werde von ihrem Bruder unterstützt, der für einen Schleichhändler galt.

Eines Tages, als Emma – sie zählte damals ziemlich vierzehn Jahre – vor dem Kaufladen eines Glashändlers stehen geblieben war, um sich in einem großen Spiegel zu betrachten, welcher dem Laden als Schaufenster diente, fühlte sie sich plötzlich an der Schulter berührt. Es war ihre Freundin Fanny Strong, die sie auf diese Weise aus ihrer Extase aufrüttelte.

»Was machst Du da?« fragte Fanny.

Emma erröthete, ohne zu antworten. Wenn sie die Wahrheit hätte sagen wollen, so hätte sie antworten müssen:

»Ich betrachtete mich und fand mich schön.«

Fanny Strong bedurfte aber gar keiner Antwort, um zu wissen, was in Emma's Herzen vorging.

»Ach,« sagte sie, »wenn ich so hübsch wäre wie Du, so bliebe ich nicht lange in diesem abscheulichen Lande.«

»Wo würdest Du denn hingehen?« fragte Emma.

»Ich ginge nach London. Alle Welt sagt, daß man mit einem hübschen Gesicht in London sein Glück machen kann. Geh hin und wenn Du Millionärin geworden bist, so machst Du mich zu deinem Kammermädchen.«

»Wollen wir zusammen hingehen?« fragte Emma Lyonna.

»Ich ginge sehr gern mit, aber wie soll ich es möglich machen? Ich habe nicht sechs Pence im Vermögen und ich glaube auch nicht, daß mein Bruder Dick jetzt viel reicher ist als ich.«

»Ich,« sagte Emma, »ich habe beinahe vier Guineen.«

»Ach, das ist ja mehr, als wir – Du, ich und Dick – alle drei brauchen!« rief Fanny.

Und die Reise ward beschlossen.

Am nächsten Montag fuhren die drei Flüchtlinge, ohne einem Menschen etwas zu sagen, von Chester mit der Personenpost nach London.

Als sie an dem Bureau, wo die Personenpost von Chester Halt machte, ankamen, theilte Emma die zweiundzwanzig Schilling, die sie von ihrem Geld noch übrig hatte, mit Fanny.

Fanny Strong und ihr Bruder hatten die Adresse einer Herberge, wo gewöhnlich Schmuggler verkehrten. Diese Herberge befand sich in der kleinen Villiers Street, die einerseits an die Themse und andererseits an den Strand stößt.

Emma ließ Dick und Fanny dieses Quartier aufsuchen, sie selbst nahm eine Droschke und ließ sich nach Cavendish Square Nr. 8 bringen.

Edward Romney war abwesend. Man wußte auch nicht, wo er war, oder wann er wiederkommen würde. Man glaubte, er sei in Frankreich, und erwartete ihn nicht eher als nach etwa zwei Monaten zurück.

Emma war wie betäubt; an diese so natürliche Möglichkeit, daß Romney nicht da sei, hatte sie gar nicht einmal gedacht.

Plötzlich fiel ihr etwas ein. Sie dachte an Mr. James Hawarden, den berühmten Wundarzt, welcher, als er das Haus seines Vaters verlassen, ihr so freundlich die zwei Guineen geschenkt, welche dazu gedient, den größern Theil der Reisekosten zu bestreiten.

Er hatte ihr eine Adresse nicht gegeben; sie hatte aber zwei- oder dreimal die Briefe, die er an seine Frau geschriehen, auf die Post getragen.

Er wohnte Leicester Square Nr. 4.

Sie stieg wieder in den Miethwagen, ließ sich nach Leicester Square, was von Cavendish Square gar nicht weit entfernt ist, bringen und pochte zitternd an die Thür.

Der Arzt war zu Hause.

Sie fand den würdigen Mann ganz so, wie sie gehofft. Sie sagte ihm Alles und er hatte Mitleid mit ihr, versprach, ihr ein Unterkommen zu verschaffen, und nahm sie mittlerweile in sein eigenes Haus auf, ließ sie an einem Tische Platz nehmen und gab sie einer Frau zur Gesellschafterin.

Eines Morgens theilte er ihr mit, er habe für sie einen Platz in einem der ersten Bijouterieläden von London gefunden; am Vorabend des Tages aber, wo Emma diesen Dienst antreten sollte, wollte er ihr erst noch das Vergnügen machen, sie ins Theater zu führen.

Als im Theater von Drury Lane der Vorhang vor ihr aufging, zeigte sich ihr eine unbekannte Welt.

Man gab »Romeo und Julie,« jenen Liebestraum, der in keiner Sprache seinesgleichen hat.

Geblendet und berauscht kehrte Emma nach Hause zurück. Die ganze Nacht schlief sie nicht eine Secunde, sondern versuchte fortwährend sich einige Bruchstücke der beiden wunderbaren Balconscenen ins Gedächtniß zurückzurufen.

Am nächstfolgenden Tage trat sie ihren Dienst an, vorher aber fragte sie Mr. Hawarden, wo sie das Stück, welches sie am Abend vorher aufführen gesehen, zu kaufen bekommen könne.

Mr. Hawarden ging in seine Bibliothek, nahm hier eine vollständige Ausgabe von Shakespeare vom Brette und schenkte ihr dieselbe.

Ehe noch drei Tage um waren, wußte sie Julia's Rolle auswendig. Sie dachte nach, auf welche Weise sie noch einmal in das Theater gelangen und sich zum zweiten Mal in dem süßen Gift berauschen könne, welches in der magischen Mischung von Liebe und Poesie besteht.

Sie wollte um jeden Preis in jene bezauberte Welt zurückkehren, welche sie nur erst flüchtig gesehen, als plötzlich eine prachtvolle Equipage vor der Thür des Magazins Halt machte.

Eine Dame stieg aus und trat mit jenem gebieterischen Schritt ein, welcher dem Reichthum eigen zu sein pflegt.

Emma stieß einen Ruf der Ueberraschung aus. Sie hatte Miß Arabella erkannt.

Miß Arabella erkannte ihrerseits Emma auch wieder, sagte aber nichts, sondern kaufte für sieben- oder achthundert Pfund Sterling Schmucksachen und ersuchte den Verkäufer, ihr dieselben durch seine neue Ladendemoiselle zuzusenden, indem sie zugleich die Stunde nannte, zu welcher sie wieder nach Hause zurückgekehrt sein würde.

Die neue Ladendemoiselle war Emma.

Zur bestimmten Stunde ließ man sie mit den Schmucksachen in einen Wagen steigen und schickte sie nach Miß Arabella's Hotel.

Die schöne Courtisane erwartete sie. Ihr Glück hatte jetzt die Mittagshöhe erreicht. Sie war die Maitresse des Prinz-Regenten, der damals kaum siebzehn Jahre zählte.

Sie ließ sich von Emma Alles erzählen und fragte sie dann, ob sie bis zu Romneys Rückkehr nicht lieber bei ihr bleiben und ihr die Zeit vertreiben helfen, als wieder in den Kaufladen zurückkehren wollte.

Emma stellte nur eine Frage, nämlich die, ob es ihr erlaubt sein würde, ins Theater zu gehen.

Miß Arabella antwortete ihr, daß alle Tage, wo sie nicht selbst hineinginge, ihre Loge zur Verfügung ihrer Gesellschafterin stünde.

Dann sendete sie die Zahlung für die Schmucksachen und ließ sagen, daß sie Emma bei sich behielte.

Der Juwelier, welcher Miß Arabella als eine seiner besten Kunden betrachtete, hütete sich wohl, sich wegen einer solchen Kleinigkeit mit ihr zu veruneinigen.

In Folge welcher seltsamen Laune faßte aber die damals die flotte Männerwelt beherrschende Courtisane diesen unklugen, unbegreiflichen Wunsch, dieses schöne junge Wesen in ihrer Nähe zu haben?

Miß Arabellas Feinde – und ihr glänzendes Glück hatte ihr deren viele gemacht – gaben für diese Laune eine Erklärung an, welche die in eine Sappho verwandelte englische Phryne sich nicht einmal die Mühe nahm in Abrede zu stellen.

Zwei Monate lang blieb Emma bei der schönen Courtiane, las alle Romane, welche ihr in die Hände fielen, besuchte alle Theater und wiederholte, in ihr Zimmer zurückgekehrt, alle Rollen, die sie gehört, und ahmte alle Ballets nach, welchen sie beigewohnt.

Was für Andere blos eine Erholung war, ward für sie eine Beschäftigung aller Stunden.

Sie hatte nun ziemlich ihr fünfzehntes Jahr erreicht und stand in der ganzen Blüthe ihrer Jugend und Schönheit.

Ihre schlanke, harmonische Gestalt schmiegte sich allen Stellungen an und leistete durch ihre natürlichen Undulationen dasselbe, was die geschicktesten Tänzerinnen erst mühsam erlernt hatten.

Was ihr Gesicht betraf, welches trotz der Wechselfälle ihres Lebens immer noch die makellosen Farben der Kindheit und den jungfräulichen Sammethauch der Keuschheit, zugleich aber auch die ausdrucksvollste Beweglichkeit besaß, so war es eine namentlich in der Stimmung der Freude geradezu blendende Erscheinung. Es war als ob die Offenheit der Seele durch die Reinheit der Züge hindurchleuchtete, so daß ein großer Dichter unserer Zeit, um nicht diesen himmlischen Spiegel zu trüben, in Bezug auf ihren ersten Fehltritt sagt:

»Ihr Fall hatte seinen Entstehungsgrund nicht im Laster, sondern in Unklugheit und Herzensgüte.«

Der Krieg, welchen England damals gegen die amerikanischen Colonien führte, war im lebhaftesten Gange und die Matrosenpresse ward mit aller Strenge gehandhabt. Richard, Fannys Bruder, ward, um uns des geheiligten Ausdrucks zu bedienen, gepreßt und wider Willen zum Seemann gemacht.

Fanny kam herbeigeeilt, um den Beistand ihrer Freundin zu erbitten. Sie fand dieselbe so schön, daß sie überzeugt war, es könne Niemand ihrer Bitte widerstehen, und Emma ward deshalb aufgefordert, ihre Verführungskunst an dem Admiral John Payne zu erproben.

Emma willigte ein. Sie kleidete sich so elegant sie vermochte und ging mit ihrer Freundin zu dem Admiral. Sie erlangte, was sie begehrte, aber der Admiral begehrte ebenfalls und Emma bezahlte Dicks Freiheit, wenn auch nicht mit ihrer Liebe, doch wenigstens mit ihrer Dankbarkeit.

Emma Lyonna hatte nun, als Maitresse des Admiral Payne, ein eigenes Haus, eigene Dienerschaft, eigene Equipage.

Dieses Glück besaß aber nicht blos den Glanz eines Meteors, sondern auch die kurze Dauer desselben. Das Geschwader ging in See und Emma sah das Schiff ihres Geliebten, indem es am Horizont verschwand, sie aller ihrer goldenen Träume berauben.

Emma war aber nicht das Wesen, welches sich wie Dido um eines flatterhaften Aeneas willen das Leben nahm.

Ein Freund des Admirals, Sir Harry Fatherson, ein reicher schöner Gentleman, machte Emma das Anerbieten, sie in der Stellung, worin er sie gefunden, auch ferner zu erhalten.

Emma hatte nun den ersten Schritt auf der glänzenden Bahn des Lasters zurückgelegt. Sie nahm das ihr gemachte Anerbieten an und ward während einer ganzen Saison die Königin der Jagden, der Feste und der Tänze.

Als aber die Saison vorüber war, gerieth sie, von ihrem zweiten Liebhaber verlassen, allmälig in solches Elend, daß sie keine andere Hilfsquelle hatte, als das Troittoir von Haymarket, das schlimmste aller Trottoirs für die armen Geschöpfe, welche den Vorübergehenden ihre Liebe anbieten.

Zum Glücke führte die Kupplerin, an welche sie sich gewendet, um das Handwerk einer öffentlich Prostituierten zu treiben, betroffen von der distinguierten Miene und der Bescheidenheit ihrer Kostgängerin, anstatt sie zu demselben Zwecke zu verwenden wie ihre Genossinnen, sie zu einem berühmten Arzte, welcher ihr Haus oft zu besuchen pflegte.

Es war dies der bekannte Doctor Graham, eine Art mystischer, wollüstiger Charlatan, welcher sich vor der Jugend Londons zu der materiellen Religion der Schönheit bekannte.

Emma erschien vor ihm. Seine Venus Altarte war unter den Zügen der keuschen Venus gefunden.

Er bezahlte diesen Schatz theuer, für ihn aber konnte dieser Schatz keinen zu hohen Werth haben. Nachdem er in Emma's Besitz gelangt, legte er sie auf das Bett Apollos, bedeckte sie mit einem Schleier, der durchsichtiger war als das Netz, in welchem Vulcan seine Venus vor den Augen des Olymps gefangen gehalten, und verkündete in allen Journalen, daß er endlich jenes einzige und erhabenste Exemplar von Schönheit besitze, welches ihm bis jetzt gemangelt, um seinen Theorien den Sieg zu verschaffen.

Auf diesen an die Wollust und die Wissenschaft erlassenen Aufruf eilten alle Anhänger jener großen Religion der Liebe, die ihren Cultus über die ganze Welt ausdehnt, in das Cabinet des Doctors Graham.

Der Triumph war ein vollständiger. Weder die Malerei noch die Bildhauerkunst hatten jemals ein solches Meisterwerk hervorgebracht. Apelles und Phidias waren besiegt.

Die Maler und die Bildhauer drängten sich herbei Romney, der mittlerweile nach London zurückgekehrt war, kam wie die Andern und erkannte das junge Mädchen aus der Grafschaft Flint.

Er malte sie in allen Gestalten – als Ariadne, als Bacchantin, als Leda, als Armida und wir besitzen in der kaiserlichen Bibliothek eine Sammlung von Kupferstichen, welche diese Zauberin in allen wollüstigen Attitüden darstellen, welche das sinnliche Alterthum erfand.

Damals geschah es, daß, durch die Neugier angelockt, der junge Sir Charles Grenville, aus der berühmten Familie jenes Warwick, den man den Königsmacher nannte, und Neffe von Sir William Hamilton, Emma Lyonna sah, und durch ihre vollkommene Schönheit verblendet, sich leidenschaftlich in sie verliebte.

Er machte ihr die glänzendsten Versprechungen. Sie behauptete jedoch, durch das Band der Dankbarkeit an den Doctor Graham gefesselt zu sein, und widerstand allen Verführungskünsten, indem sie erklärte, daß sie diesmal ihren Liebhaber nur verlassen würde, um einem Gatten zu folgen.

Sir Charles gab ein Wort als Edelmann, Emma Lyonna's Gatte zu werden, sobald er das Alter der Mündigkeit erreicht hätte.

Mittlerweile willigte Emma in eine Entführung. Die Liebenden lebten in der That wie Mann und Frau und es wurden drei Kinder geboren, welche späterhin durch ein Ehebündniß legitimiert werden sollten.

Während dieses Verhältnisses verlor aber Grenville in Folge eines Ministerwechsels ein Amt, von welchem der größte Theil seiner Einkünfte abhing.

Dieses Ereigniß trat glücklicherweise ein, nachdem drei Jahre nach Emma's Entführung vergangen waren, und als sie mit Hilfe der besten Lehrer in London in der Musik und im Zeichnen bedeutende Fortschritte gemacht hatte.

Ueberdies hatte sie, während sie sich in ihrer eigenen Sprache vervollkommnete, französisch und italienisch gelernt.

Sie declamierte Verse so gut wie Mistreß Siddons und hatte es in der Kunst der Pantomime zu einem hohen Grade der Vollkommenheit gebracht.

Trotz des Verlustes seines Amtes hatte Grenville sich doch nicht entschließen können, seine Ausgaben einzuschränken. Er schrieb blos an seinen Onkel, um Geld von ihm zu verlangen.

Anfangs erfüllte auch sein Onkel jeden dieser Wünsche, endlich aber antwortete Sir William Hamilton, er gedenke in Kurzem selbst nach London zu kommen und werde diese Reise benutzen, um die Angelegenheiten seines Neffen zu studieren.

Dieses Wort »studieren« erschreckte die jungen Leute nicht wenig. Sie wünschten Sir Williams Ankunft vielleicht eben so sehr herbei, als sie dieselbe fürchteten.

Plötzlich trat er bei ihnen ein, ohne sie vorher von seiner Ankunft benachrichtigt zu haben.

Er war schon seit acht Tagen in London.

Diese acht Tage hatte er angewendet, um Erkundigungen über seinen Neffen einzuziehen, und die Leute, an welche er sich deshalb gewendet, hatten nicht verfehlt, ihm zu sagen, daß die Ursache der zerrütteten Finanzen seines Neffen eine Prostituierte sei, die ihm drei Kinder geboren habe.

Emma zog sich in ihr Zimmer zurück und ließ ihren Liebhaber allein mit ihrem Onkel, der ihm keine andere Wahl ließ, entweder auf Emma Lyonna sofort zu verzichten oder der Erbschaft zu entsagen, welche künftig eine einzige Zuflucht und sein alleiniges Vermögen war.

Dann entfernte er sich, indem er seinem Neffen drei Tage Bedenkzeit gab.

Die ganze Hoffnung der jungen Leute beruhte fortan auf Emma. An ihr war es, von Sir William Hamilton Verzeihung für ihren Geliebten zu erlangen, indem sie Exstrem zeigte, wie sehr Letzterer zu entschuldigen sei.

Anstatt sich ihrem neuen Stand gemäß zu kleiden, legte sie wieder das Costüm ihrer Jugend, den Strohhut und das grobe leinene Röckchen an.

Ihre Thränen, ihr Lächeln, das Spiel ihrer Physiognomie, ihre Liebkosungen und ihre Stimme sollten das Uebrige thun.

Bei Sir William vorgelassen, warf Emma sich ihm zu Füßen. In Folge einer geschickt combinierten Bewegung oder auch eines glücklichen Zufalles lösten sich die Bänder ihres Hutes und ihr schönes kastanienbraunes Haar fiel ihr auf die Schultern herab.

In ihrem Schmerze war die Zauberin unnachahmlich.

Der alte Archäolog, der bis jetzt blos in die Marmorwerke Athens und die Statuen Griechenlands verliebt gewesen, sah zum ersten Mal die lebendige Schönheit über die kalte und bleiche Schönheit der Göttinnen eines Praxiteles und Phidias den Sieg davontragen.

Die Liebe, welche er bei seinem Neffen nicht hatte begreifen können, bemächtigte sich mit Gewalt eines eigenen Herzens, ohne daß er auch nur versucht hätte, sich zu vertheidigen.

Die Schuld seines Neffen, die niedrige Herkunft seiner Maitresse, die scandalösen Einzelheiten ihres Lebens, die Oeffentlichkeit ihrer Triumphe, die Käuflichkeit ihrer Liebkosungen, Alles, sogar die aus diesem Verhältniß hervorgegangenen Kinder, Alles nahm Sir William hin, unter der einzigen Bedingung, daß Emma ihn durch ihren Besitz für das gänzliche Vergessen seiner eigenen Würde belohne.

Emma hatte weit über ihre Erwartung triumphiert, diesmal aber machte sie ihre Bedingungen vollständig. Mit dem Neffen hatte sie ein bloßes Heiratsversprechen vereinigt, jetzt dagegen erklärte sie, daß sie Sir William Hamilton nur als eine anerkannte Gattin nach Neapel folgen würde.

Sir William willigte in Alles.

Emma's Schönheit äußerte in Neapel ihre gewohnte Wirkung. Sie setzte nicht blos in Erstaunen, sondern sie blendete.

Ausgezeichneter Alterthumsforscher und Mineralog, Gesandter von Großbritanien, Milchbruder und Freund Georgs des Dritten, versammelte Sir William in seinem Hause die ersten Männer der Wissenschaft, der Politik und der Kunst, welche die Hauptstadt der beiden Sicilien besaß.

Emma, die selbst Künstlerin war, bedurfte nur weniger Tage, um auch von der Politik und der Wissenschaft zu lernen, was sie davon zu wissen brauchte, und es dauerte nicht lange, so wurden für Alle, welche Sir Williams Salon besuchten, Emmas Urtheile förmliche Gesetze.

Dabei sollte ihr Triumph nicht stehen bleiben. Kaum war sie bei Hofe vorgestellt, so erklärte die Königin Marie Caroline sie zu ihrer intimen Freundin und machte sie zu ihrer unzertrennlichen Günstlingin.

Sie zeigte sich mit der Prostituierten von Haymarket nicht blos öffentlich, fuhr mit ihr in demselben Wagen und trug dieselbe Toilette wie sie, sondern ließ auch, nachdem sie sich des Abends die wollüstigsten Attitüden des Alterthums hatte zeigen lassen, Sir William, der auf diese Gunst ganz stolz war, sagen, daß sie ihm die Freundin, die sie nicht entbehren könne, erst am nächstfolgenden Morgen zurückgeben würde.

Natürlich ward die Günstlingin von allen Seiten auf die eifersüchtige und erbittertste Weise angefeindet.

Die Königin Caroline wußte, welche kecke Vermuthungen in Bezug auf diese wunderbare und plötzliche Vertraulichkeit ausgesprochen wurden; sie war aber eines jener tapferen Gemüther, welche mit stolz erhobenem Haupte der Verleumdung Trotz bieten, und Jeder, der bei ihr gut auf genommen sein wollte, mußte eine Huldigungen zwischen Acton, ihrem Geliebten und ihrer Günstlingin Emma Lyonna theilen.

Man kennt die Ereignisse von 89, das heißt die Einnahme der Bastille und den Zug nach Versailles; die von 93, das heißt den Tod Ludwig des Sechzehnten und Marie Antoinettens; die von 96 und 97, das heißt die Siege Bonapartes in Italien, Siege, welche alle Throne erschütterten und wenigstens für den Augenblick den ältesten und unbeweglichsten von allen, den päpstlichen, zertrümmerten.

Mitten unter diesen Ereignissen, welche am Hofe von Neapel einen so furchtbaren Wiederhall fanden, sah man Nelson, den Vorkämpfer des veralteten Königthums, auftauchen. Sein Sieg bei Abukir gab allen jenen Königen, welche schon die Hand auf ihre wankenden Kronen gelegt hatten, die Hoffnung zurück.

Marie Caroline, die so begierig nach Reichthum, Macht und Ehre trachtete, wollte die ihrige um jeden Preis erhalten.

Man darf sich daher nicht wundern, daß sie, indem sie den Zauber, den sie auf ihre Freunde ausübte, zu Hilfe rief, am Morgen des Tages, wo die Lady Hamilton dem siegreichen Nelson entgegenführte, zu dieser gesagt hatte:

»Dieser Mann muß unser werden, und damit er uns gehöre, mußt Du ihm gehören.«

War es wohl für Lady Hamilton schwierig, für ihre Freundin Marie Caroline in Bezug für den Admiral Horaz Nelson dasselbe zu thun, was Emma Lyonna für ihre Freundin Fanny Strong in Bezug auf den Admiral Payne gethan?

Uebrigens mußte es für den Sohn eines armen Pfarrers von Barnham-Thorpes, für den Mann, der seine Größe seinem eigenen Muth und seinen Ruf seinem eigenen Genie verdankte, ein glorreicher, ihn über die empfangenen Wunden und erlittenen Verstümmlungen tröstender Lohn sein, diese Königin, diesen Hof und als Preis seiner Siege dieses herrliche Geschöpf, welches er anbetete, ihm entgegen: kommen zu sehen.

Viertes Capitel.
Das Fest der Furcht

Aus der am Bord des »Vanguard, der fast eben so verstümmelt war als sein Commandant, aufgehißten englischen Flagge haben wir erfahren, daß Nelson die königliche Flottille, welche ihm entgegenkam, erkannte.

Die Galeere »Capitane« hatte nichts aufzuhissen. Schon seit der Abfahrt von Neapel flatterten die englischen Farben im Gemisch mit denen der beiden Sicilien an ihren Masten.

Als die beiden Schiffe nur noch eine Kabellänge von einander entfernt waren, stimmte die Musik der Galeere das God save the king an, welches die auf den Raaen aufgepflanzten Matrosen des »Vanguard durch drei Hurrahs beantworteten, die sie mit der Regelmäßigkeit ausbrachten, welche die Engländer bei dieser officiellen Demonstration beobachten.

Nelson gab Befehl zum Beilegen, um die königliche Galeere an den »Vanguard« herankommen zu lassen, ließ die Ehrentreppe niederholen und wartete dann auf der obersten Stufe derselben mit entblößtem Haupte und dem Hut in der Hand.

Sämmtliche Matrosen und Marinesoldaten, selbst die, welche bleich und leidend von ihren Wunden noch nicht völlig hergestellt waren, wurden auf das Deck gerufen und präsentierten hier in drei Gliedern aufgestellt das Gewehr.

Nelson erwartete, zuerst den König, dann die Königin, dann den Kronprinzen an Bord eines Schiffes heraufsteigen zu sehen, oder mit andern Worten die vornehmen Gäste allen Regeln der Etiquette gemäß zu empfangen.

Die Königin aber stieß mit echt weiblicher Verführungskunst – Nelson erzählt diese Thatsache in einem Briefe an seine Gattin selbst – die schöne Emma voran, welche erröthend, daß sie bei dieser Gelegenheit mehr galt als die Königin, die Treppe hinaufstieg und, mochte es nun wirkliche Gemüthsbewegung oder gut gespielte Komödie sein, als sie Nelson mit einer neuen Wunde, die Stirn mit einer schwarzen Binde umgürtet und bleich von Blutverlust, wieder erblickte, einen Schrei ausstieß, selbst bleich ward und, nahe daran ohnmächtig zu werden, an die Brust des Helden sank, indem sie murmelte:

»O großer, o theurer Nelson!«

Nelson ließ seinen Hut fallen, umschlang mit einem Ausruf freudigen Erstaunens Emma mit seinem einzigen Arm und drückte sie krampfhaft an sein Herz.

In der Extase, in welche dieser unerwartete Vorfall ihn versetzte, gab es einen Augenblick, wo Nelson, die ganze Welt vergessend, auf unaussprechliche Weise die Freuden, wenn auch nicht des Himmels der Christen, doch wenigstens des Paradieses Mahomed's schmeckte.

Als er wieder zu sich kam, waren der König, die Königin und der ganze Hof mittlerweile an Bord gestiegen.

König Ferdinand der Vierte nahm Nelson bei der Hand, nannte ihn den Befreier der Welt, überreichte ihm den prachtvollen Degen, den er ihm zum Geschenk machte und an dessen Griff nebst dem Großcordon des Verdienstordens vom heiligen Ferdinand, welchen der König vor Kurzem gestiftet, das Ernennungspatent zum Herzog von Bronte hing, eine von der Königin ersonnene echt weibliche Schmeichelei, denn dieser Titel bedeutete so viel als Herzog des Donners.

Bronte war nämlich einer der drei Cyklopen, welche in den flammenden Grotten des Aetna die Donnerkeile Jupiters schmiedeten.

Dann kam die Königin, die ihn ihren Freund, den »Schützer der Krone«, den »Rächer der Könige« nannte und, indem sie die Hand Nelsons mit der Emma's in den ihrigen vereinte, die beiden vereinten Hände drückte.

Nun kamen auch die Andern an die Reihe – Erbprinzen, königliche Prinzessinnen, Minister und Höflinge. Aber was waren ihre Lobsprüche und Liebkosungen neben den Lobsprüchen und Liebkosungen des Königs und der Königin, neben einem Händedruck von Emma Lyonna!

Man kam überein, daß Nelson sich mit an Bord der Galeere »Capitane« begeben sollte, welche mit Hilfe ihrer vierundzwanzig Ruderer sich natürlich schneller bewegte als ein Segelschiff.

Vor allen Dingen aber bat Emma ihn im Namen der Königin, ihnen in allen seinen Einzelheiten diesen glorreichen »Vanguard« zu zeigen, welchem die französischen Kugeln glorreiche Wunden geschlagen, die gleich denen seines Commandanten noch nicht geschlossen waren.

Nelson machte die Honneurs seines Schiffes mit dem Stolze eines Seemannes, und während dieses ganzen Besuches stützte Lady Hamilton sich auf seinen Arm, ließ ihn dem Könige und der Königin alle nähern Umstände des Kampfes vom 1. August erzählen und zwang ihn auf diese Weise von sich selbst zu sprechen.

Der König umgürtete Nelson eigenhändig mit dem Degen Ludwigs des Vierzehnten.

Die Königin überreichte ihm das Patent seiner Ernennung zum Herzoge von Bronte.

Emma hing ihm den Großcordon des heiligen Ferdinand um, wobei sie nicht umhin konnte, mit ihrem schönen, wohlduftenden Haar das Gesicht des überglücklichen Nelson zu streifen.

Es war jetzt zwei Uhr Nachmittags und man brauchte ziemlich drei Stunden, um wieder nach Neapel zurückzugelangen.

Nelson übertrug das Commando des »Vanguard« dem Capitän Henry und stieg unter dem Klange der Musik und unter dem Donner der Geschütze in die königliche Galeere hinab, welche leicht wie ein Seevogel sich von der Flanke des Kolosses ablöste und graziös über die Meeresfläche hinglitt.

Nun war es an dem Admiral Caracciolo, seinerseits die Honneurs des Schiffes zu machen.

Nelson und er waren alte Bekannte. Sie hatten einander bei der Belagerung von Toulon gesehen, sie hatten beide gegen die Franzosen gekämpft und der Muth und die Gewandtheit, welche Caracciolo während dieses Kampfes gezeigt, hatten ihm trotz des ungünstigen Ausganges des Feldzuges bei seiner Rückkehr die Ernennung zum Admiral eingetragen, so daß er in jeder Beziehung mit Nelson in gleichem Range stand, vor welchem er überdies noch den Vorzug der Geburt und einer dreihundertjährigen historischen Berühmtheit voraus hatte.

Dieser kleine Umstand erklärt den Anflug von Kälte, welcher in dem Gruße lag, welchen die beiden Admirale austauschten, und die Eile, womit Franz Caracciolo seinen Posten als Commandant wieder auf der Quartierbank einnahm.

Was Nelson betraf, so zwang die Königin ihn, sich neben sie unter das purpurne Zeltdach der Galeere zu setzen, indem sie erklärte, die anderen Herren möchten gehen, wohin sie wollten, der Admiral aber gehöre nur ihr und ihrer Freundin.

Emma nahm hierauf ihrer Gewohnheit gemäß zu den Füßen der Königin Platz.

Mittlerweile erklärte Sir William Hamilton, der in seiner Eigenschaft als Gelehrter die Geschichte von Neapel besser kannte als der König selbst, diesem, wie die Insel Capri, an welcher man in diesem Augenblicke vorüberkam, den Neapolitanern abgekauft oder vielmehr gegen die Insel Ischia abgetauscht worden und zwar durch Augustus, welcher bemerkt hatte, daß in dem Augenblicke, wo er diese Insel betrat, die dürren, zur Erde herabhängenden Aeste einer alten Eiche sich wieder aufgerichtet und frische grüne Blätter getrieben hatten.

Der König hörte Sir William mit der größten Aufmerksamkeit an und sagte, als derselbe fertig war:

»Mein lieber Gesandter, seit drei Tagen hat der Zug der Wachteln begonnen. Wenn Sie wollen, so können wir in einer Woche auf Capri eine Jagd halten. Wir werden dann diese Vögel dort zu tausenden treffen.«

Der Gesandte, welcher selbst ein großer Jäger war, und besonders dieser Eigenschaft die hohe Gunst verdankte, deren er sich bei dem König erfreute, verneigte sich zum Zeichen der Zustimmung und sparte für eine bessere Gelegenheit eine gelehrte archäologische Abhandlung über Tiberius, seine zwölf Landhäuser und die Wahrscheinlichkeit auf, daß die Azurgrotte den Alten bekannt gewesen, aber damals noch nicht die prachtvolle Farbe gehabt habe, welche sie heute schmückt, und daß sie dieselbe der Veränderung des Wasserniveaus verdanke, welches im Laufe der von Tiberius bis auf uns vergangenen achtzehn Jahrhunderte um fünf bis sechs Fuß höher geworden sei.

Die Commandanten der vier Forts von Neapel hielten mittlerweile ihre Fernröhre auf die königliche Flottille und ganz besonders auf die Galeere »Capitane« gerichtet.

Als sie dieselbe schwenken und auf Neapel zusteuern sah, commandierten sie in der Voraussetzung, daß Nelson sich darauf befände, eine ungeheure Salve von hundert Kanonenschüssen, die ehrenvollste, die es gibt, weil es dieselbe ist wie die, welche sich hören läßt, wenn ein Thronerbe geboren ist.

Nach Verlauf einer Viertelstunde schwiegen die Salven, um jedoch in dem Augenblick wiederzubeginnen, wo die immer noch von der königlichen Galeere geleitete Flottille in den Kriegshafen einlief.

Am Fuße der nach dem Schlosse führenden Anhöhe warteten die Equipagen des Hofes und der britischen Gesandtschaft, welche letzteren an Glanz mit ersteren wetteiferten.

Man war übereingekommen, daß der König und die Königin beider Sicilien an diesem Tage alle ihre Rechte an Sir William und Lady Hamilton abtreten, daß Nelson in der englischen Gesandtschaft absteigen und daß der englische Gesandte das Diner und das Fest geben sollte, wodurch man die Anwesenheit des Siegers zu feiern gedachte.

Was die Stadt Neapel betraf, so sollte sie dieses Fest durch Illumination und Feuerwerk verherrlichen.

Ehe Lady Hamilton an's Land stieg, näherte sie sich dem Admiral Caracciolo und sagte in ihrem sanftesten Ton und mit ihrer graziösesten Miene:

»Das Fest, welches wir unserem berühmten Landsmann geben, wäre unvollständig, wenn der einzige Seemann, der sich ihm gleichstellen kann, sich nicht anschlösse, um einen Sieg zu feiern und einen Toast auf die Größe Englands, das Glück bei der Sicilien und die Demüthigung der übermüthigen französischen Republik auszubringen, welche gewagt hat, den Königen den Krieg zu erklären. Diesen Toast haben wir dem Manne vorbehalten, der bei Toulon so muthig gekämpft, dem Admiral Caracciolo.«

Caracciolo verneigte sich höflich, aber ernst.

»Mylady,« sagte er, »ich bedaure aufrichtig, nicht als Ihr Gast die rühmliche Aufgabe übernehmen zu können, welche Sie mir zutheilen. So schön aber der Tag gewesen, so stürmisch droht die Nacht zu werden.«

Emma ließ einen einzigen Blick am Horizont hinschweifen. Abgesehen von einigen leichten Wolken aber, welche von Procida herkamen, war der Azur des Himmels so durchsichtig wie der ihrer Augen.

Sie lächelte.

»Sie zweifeln an meinen Worten, Mylady, hob Caracciolo wieder an; »ein Mann aber, welcher zwei Drittheile seines Lebens auf dem launenhaften Meer zugebracht, welches man das mittelländische nennt, kennt alle Geheimnisse der Atmosphäre. Sehen Sie jene leichten Dünste, welche am Himmel hingleiten und sich uns rasch nähern? Dieselben bedeuten, daß der Wind, welcher bis jetzt aus Nordwesten kam, nach Westen umspringt. Gegen zehn Uhr Abends wird er von Süden kommen, das heißt, wir werden Sirocco haben. Der Hafen von Neapel steht allen Winden offen und ganz besonders diesem. Ich muß daher die vor Anker liegenden Schiffe. Seiner britischen Majestät überwachen, welche von dem Kampfe hart mitgenommen, vielleicht nicht Kraft genug haben, um dem Sturme zu widerstehen. Das, was wir heute gethan, Mylady, ist so gut wie eine in dürren Worten ausgesprochene Kriegserklärung an Frankreich, und die Franzosen stehen in Rom, das heißt fünf Tagesreisen von uns. Glauben Sie mir: binnen hier und wenigen Tagen werden wir sehr nöthig haben, daß unsere beiden Flotten in gutem Stand seien.«

Lady Hamilton machte eine leichte Bewegung mit dem Kopf, welche einen gewissen Grad von Unmuth zu verrathen schien.

»Fürst,« sagte sie, »ich nehme Ihre Entschuldigung an, die so große Sorgfalt für die Interessen der Majestäten von Britannien und Sicilien verräth. Wenigstens aber hoffen wir, auf unserem Ball Ihre liebenswürdige Nichte, Cäcilie Caracciolo, zu sehen, welche übrigens keine Entschuldigung haben würde, da sie bereits in Kenntniß gesetzt ist, daß wir auf die gleich an demselben Tage zählten, wo wir den Brief des Admirals Nelson erhielten.«

»Ja, darüber wollte ich eben mit Ihnen spreche Madame. Seit einigen Tagen ist die Mutter meiner Nicht meine Schwägerin, so leidend, daß ich heute Morgen, ehe wir aufbrachen, einen Brief von der armen Cäcilie erhielt, welche mir ihr Bedauern zu erkennen gibt, an Ihrem Feste nicht theilnehmen zu können. Zugleich beauftragte sie mich, bei Ihnen, Mylady zu entschuldigen und dies habe ich eben in diesem Augenblicke die Ehre zu thun.«

Während zwischen Lady Hamilton und Franz Caracciolo diese Worte gewechselt wurden, hatte die Königin sich genähert, sie hatte gehorcht und gehört.

Den Beweggrund der doppelten Weigerung des starren Neapolitaners recht wohl verstehend, runzelte sie die Stirn ihre Unterlippe verlängerte sich und eine leichte Blässe übe zog ihr Gesicht.

»Nehmen Sie sich in Acht, Fürst!« sagte sie schneidendem Tone und mit einem drohenden Lächeln, welches jenen leichten Wolken glich, worauf der Admiral Lady Hamilton aufmerksam gemacht und welche das Nahen ein Sturmes verkündete. »Nehmen Sie sich in Acht! Nur die Personen, welche Lady Hamiltons Fest besuchen, werde zu den Festen des Hofes eingeladen.«

»Ach, Madame,« antwortete Caracciolo, ohne das seine heitere Ruhe durch diese Drohung nur im mindest gestört zu werden schien, »das Unwohlsein meiner armen Schwägerin ist so ernst, daß, wenn die von Eurer Majestät dem Admiral Nelson zu gebenden Feste auch einen Monat dauern sollten, sie denselben doch nicht beiwohnen könne wird, und mit meiner Nichte wird dies natürlich derselbe Fall sein, weil ein junges Mädchen von ihrem Alter um ihrem Namen selbst bei der Königin nicht ohne ihre Mutter erscheinen kann.«

»Es ist gut, mein Herr,« antwortete die Königin, die nicht länger an sich zu halten vermochte.

»Zur geeigneten Zeit und am geeigneten Ort werden wir uns dieser Weigerung zu erinnern wissen.«

Dann nahm die Lady Hamiltons Arm und sagte:

»Kommen Sie, liebe Emma.«

Nach einer Weile murmelte sie:

»Ha, diese Neapolitaner! diese Neapolitaner! Ich weiß wohl, daß sie mich hassen, aber ich stehe nicht hinter ihnen zurück. Ich verabscheue sie.«

Und mit raschem Schritt näherte sie sich der Schiffstreppe, jedoch nicht so rasch, daß der Admiral Caracciolo ihr nicht zuvorgekommen wäre.

Auf ein Signal von ihm stimmte die Musik schmetternde Fanfaren an, die Kanonen donnerten von Neuem; die Glocken läuteten alle auf einmal und die Königin mit Wuth im Herzen und Emma mit Scham auf der Stirn stiegen mitten unter allen äußeren Zeichen von Freude und Triumph ans Land.

Der König, die Königin, Emma Lyonna und Nelson bestiegen den ersten Wagen, der Kronprinz, die Kronprinzessin, Sir William Hamilton und der Minister Acton den zweiten, und alle Uebrigen nach ihrem Belieben die folgenden.

Zuerst und auf dem geradesten Weg begab man sich nach der Kirche von Santa Clara, um hier ein Te Deum zu hören und ein Dankgebet zu verrichten.

Horaz Nelson, Sir William Hamilton und Emma Lyonna wären in ihrer Eigenschaft als Ketzer dieser Ceremonie gern überhoben gewesen, der König dagegen war ein zu guter Christ, besonders wenn er Furcht hatte, um zu gestatten, daß man dieses vergäße.

Das Te Deum ward von Monsignore Capece Zurio, Erzbischof von Neapel, gesungen, einem vortrefflichen Mann, dem vom Gesichtspunkte des Königs und der Königin aus nichts weiter zum Vorwurf gemacht werden konnte als allzugroße Hinneigung zu den freisinnigen Ideen.

Assistiert ward er bei Verrichtung dieses Triumphdienstes durch einen zweiten hohen geistlichen Würdenträger, den Cardinal Fabrizio Ruffo, welcher zu jener Zeit blos erst wegen seines eben nicht rühmlichen öffentlichen und Privatlebens bekannt war.

Auch ward die ganze Zeit, welche das Te Deum dauerte, von Sir William Hamilton, der ein eben so großer Sammler von scandalösen Anecdoten als archäologischen Merkwürdigkeiten war, benutzt, um Lord Nelson von den Abenteuern des vornehmen Porporato zu unterrichten.

Diese Mittheilungen bestanden in Folgendem und es ist wichtig, daß unsere Leser diesen Mann kennen lernen, welcher bestimmt ist, im Laufe der Ereignisse, welche wir zu erzählen haben, eine so bedeutende Rolle zu spielen.

Ein italienisches Sprichwort, welches die großen Familien verherrlichen und ihr geschichtliches Alter constatiren soll, sagt: »Die Apostel in Venedig, die Bourbonen in Frankreich, die Colonna in Rom, die San Severini in Neapel, die Ruffo in Calabrien.«

Der Cardinal Fabrizio Ruffo gehörte dieser berühmten Familie an.

Eine Ohrfeige, welche er als Knabe dem schönen Ange Braschi gegeben, welcher später unter dem Namen Pius der Sechste Papst ward, war der Ursprung seines Glückes.

Er war Neffe des Cardinals Tommaso Ruffo, Decan es heiligen Collegs. Eines Tages nahm Braschi, der damals päpstlicher Schatzmeister war, den kleinen Sohn eines Gönners auf die Knie und als der kleine Ruffo mit dem schönen blonden Haar des Schatzmeisters spielen wollte und dieser, indem er den Kopf fortwährend emporrichtete, ihm eine Marter bereitete, welche der des Tantalus glich, ersetzte der Knabe in dem Augenblick, wo Braschi den Kopf wieder zu ihm herabneigte, anstatt die Locken seines Haares zu fassen zu suchen, wie er bis jetzt gethan, ihm aus Leibeskräften eine schallende Ohrfeige.

Dreißig Jahre später fand Braschi, nachdem er Papst geworden, in dem Manne von vierunddreißig Jahren den Knaben wieder, der ihn geohrfeigt. Er erinnerte sich, daß dies der Neffe des Gönners war, dem er Alles zu verdanken hatte, und er machte ihn zu dem, was er in dem Augenblick, wo er jene Ohrfeige empfing, selbst gewesen, nämlich zum Schatzmeister des heiligen Stuhls, ein Amt, von welchem man blos zum Cardinal avanciert.

Fabrizio Ruffo führte das Schatzamt so gut, daß man nach Verlauf von drei oder vier Jahren ein Deficit von drei der vier Millionen entdeckte. Dies betrug also eine Million jährlich.

Pius der Sechste sah, daß er billiger wegkäme, wenn er Ruffo zum Cardinal machte, als wenn er ihn Schatzmeister bleiben ließe.

Demgemäß schickte er ihm den rothen Hut und ließ ihm die Schlüssel zum Schatzamte abverlangen.

Ruffo, der nun, anstatt Schatzmeister mit einer Million, Cardinal mit dreißigtausend Francs jährlich war, wollte nicht in Rom bleiben, um hier die Rolle eines ruinierten Mannes zu spielen.

Er ging daher nach Neapel und suchte, mit einem Empfehlungsbrief von Pius dem Sechsten versehen, um ein Amt bei dem König Ferdinand dem Vierten nach, dessen Unterthan er in seiner Eigenschaft als Calabrese war.

Ueber seine Fähigkeiten befragt, antwortete Ruffo, dieselben seien durchaus kriegerisch. Er habe Ancona befestigt und eine neue Methode zum Glühendmachen der Kugeln erfunden.

Deshalb verlangte oder wünschte er vielmehr einen Posten beim Kriegswesen oder bei der Marine.

Ruffo besaß eben nicht die Gabe, der Königin zu gefallen, und da es die Königin war, welche durch die Unterschrift ihres Günstlings Acton, des Premierministers, über die Anstellungen bei der Marine und beim Kriegswesen verfügte, so ward Ruffo selbst von untergeordneten Aemtern unerbittlich zurückgewiesen.

Der König ernannte nun aus Rücksicht auf den Empfehlungsbrief des Papstes den Cardinal zum Director seiner Seidenmanufacturen in San Leucio.

Ein wie seltsamer Posten dies auch für einen Cardinal war, besonders wenn man das Geheimniß ins Auge faßte, welches der Errichtung dieser Colonie zu Grunde lag, so nahm Ruffo denselben doch an.

Vor allen Dingen brauchte er Geld und der König hatte mit dem Titel des Directors der Colonie von San Leucio eine Abtei verbunden, welche zwanzigtausend Livres Renten eintrug.

Uebrigens war Ruffo sehr unterrichtet und selbst gelehrt, schön von Gesicht, noch jung, tapfer und stolz wie jene Prälaten aus der Zeit Heinrichs des Vierten und Ludwigs des Dreizehnten, welche in ihren freien Augenblicken die Messe lasen und die ganze übrige Zeit den Harnisch trugen und das Schwert handhabten.

Sir Williams Mittheilungen dauerten gerade so lange als das Te Deum des Monsignore Capece Zurio.

Als das Te Deum beendet war, stieg man wieder in die Wagen und begab sich an das äußerste Ende der Straße von Chiaja, wo, wie wir bereits erwähnt, der Palast der englischen Gesandtschaft, eines der schönsten und größten Gebäude in Neapel, stand und noch steht.

Um sich von der Kirche von Santa Clara zu entfernen, mußten eben so wie um dahin zu gelangen, die Wagen im Schritt fahren, so sehr waren die Straßen mit Menschen angefüllt.

Der an die geräuschvollen und leichten Demonstrationen des Südens nicht gewohnte Nelson war ganz berauscht von diesem hunderttausendstimmigen Rufe: »Es lebe Nelson, es lebe unser Befreier!« und förmlich geblendet von den Tüchern aller Farben, die von hunderttausend Armen geschwenkt wurden.

Etwas setzte ihn mitten unter der lärmenden Größe seines Triumphs aber doch ein wenig in Erstaunen.

Es war dies die Vertraulichkeit der Lazzaroni, welche auf die Tritte, auf den Vorder- und Hintersitz des königlichen Wagens stiegen, und ohne daß der Kutscher, die Lakaien oder der Läufer sich darum zu kümmern schienen, den König beim Zopfe oder an der Nase zupften.

Dabei nannten sie ihn »Gevatter Nasone,« hießen ihn Du und fragten, an welchem Tage er wieder in Mergellina seine Fische verkaufen oder in San Carlo Maccaroni speisen würde.

Es war dies ein gewaltiger Abstand gegen die steife Majestät, welche die Könige von England zur Schau trugen, und gegen die Ehrfurcht, welche man gegen sie an den Tag legte.

Ferdinand schien sich aber über diese Vertraulichkeit so sehr zu freuen, beantwortete die zum Theil sehr unfeinen Bemerkungen, die man an ihn richtete, in so heiterem Tone und versetzte denen, welche ihn zu stark zupften, so kräftige Püffe, daß, als man an dem Thor des Gesandtschaftshotels ankam, Nelson in diesem Austausch von Vertraulichkeiten blos die Freudenausbrüche von ihren Vater fanatisch liebenden Kindern und die Schwächen eines gegen seine Kinder allzu nachsichtigen Vaters sah.

Hier harrten seines Siegerstolzes neue Ueberraschungen.

Das Thor des Gesandtschaftshotels war in einen ungeheuren Triumphbogen verwandelt. Ueber demselben war das neue Wappen angebracht, welches der König von England dem Sieger von Abukir mit der Lordswürde zu gleich verliehen.

Zu beiden Seiten dieses Thores waren zwei vergoldete Masten gleich denen aufgepflanzt, die man an Festtagen auf der Piazzetta von Venedig errichtet, und von der Spitze dieser Masten flatterten lange rothe Wimpel mit den beiden Namen Horaz Nelson in goldenen Buchstaben, welche von dem Seewind entrollt und der Dankbarkeit des Volkes sichtbar gemacht wurden.

Die Treppe war ein Gewölbe von Lorbeeren und den seltensten Blumen, welche Nelsons Namenszug, das heißt in H und ein N, bildeten.

Die Livréeknöpfe der Lakaien, das Porzellangeschirr, Alles bis auf die Tischtücher der in der Gemäldegalerie hergerichteten ungeheuren Tafel von achtzig Couverts, Alles bis auf die Servietten der Gäste, war mit diesen beiden von einem Lorbeerkranz umgebenen Anfangsbuchstaben bezeichnet.

Eine Musik, welche sanft genug war, um die Conversation zu gestatten, ließ sich mit ungreifbaren Aromas gemischt hören. Der ungeheure Palast war, gleich dem bezaubernden Wohnsitze Armida‘s, erfüllt von schwebenden Wohlgerüchen und unsichtbaren Melodien.

Man erwartete, um sich zur Tafel zu setzen, nur noch die Ankunft zweier Würdenträger, des Erzbischofs Capece Zurio und des Cardinals Fabrizio Ruffo.

Kaum waren sie angelangt, als den Regeln der königlichen Etikette gemäß, welche verlangt, daß die Könige, wo sie auch sein mögen, in ihrer eigenen Behausung sind, gemeldet ward, daß die Tafel ihrer Majestäten serviert sei.

Nelson erhielt seinen Platz dem König gegenüber, zwischen der Königin Marie Caroline und Lady Hamilton, angewiesen.

Wie jener Apicius, der auch in Neapel wohnte, welchem Tiberius die Fische schickte, die er für sich selbst zu groß und zu theuer fand, und der sich, als er nur noch einige Millionen besaß, das Leben nahm, indem er erklärte, es lohne nicht mehr der Mühe, zu leben, wenn man ruiniert sei, hatte auch Sir William Hamilton, indem er die Wissenschaft unter den Befehl der Gastronomie stellte, die Erzeugnisse der ganzen Welt in Contribution gesetzt.

Tausende von Kerzen spiegelten sich in den Candelabern, in den Krystallen und verbreiteten in dieser Zaubergallerie ein blendenderes Licht, als jemals die Sonne in den heißesten Stunden des Tages und an den hellsten, durchsichtigsten Tagen des Sommers gethan.

Dieses auf den Goldstickereien und den Diamanten der Ordenskreuze spielende Licht schien die vornehmen Gäste mit jener Glorie zu umgeben, welche in den Augen sclavischer Völker aus den Königen, den Königinnen, den Prinzen, den Höflingen, mit einem Worte aus den Großen der Erde, ein Geschlecht von Halbgöttern und erhabenen bevorrechteten Wesen macht.

Bei jedem Gange ward ein Toast ausgebracht und der König Ferdinand gab selbst das Beispiel dazu, indem er den ersten Toast auf die glorreiche Regierung, das unumwölkte Gedeihen und das lange Leben seines vielgeliebten Vetters und erhabenen Verbündeten Georgs des Dritten, Königs von England, ausbrachte.

Die Königin hatte allem Herkommen zuwider die Gesundheit Nelsons, des Befreiers von Italien, ausgebracht.

Ihrem Beispiele folgend, trank Emma Lyonna auf die Gesundheit des Helden vom Nil und verwandelte dann, indem sie Nelson das Glas reichte, in welches sie ihre Lippen getaucht, den Wein in Feuer.

Jeder dieser Toaste ward mit einem donnernden Beifalle aufgenommen, von welchem der Saal erbebte.

So gelangte man zu dem Dessert während eines immer noch wachsenden Enthusiasmus, den ein unerwarteter Umstand bis zum Wahnwitz steigerte.

In dem Augenblicke, wo die achtzig Gäste, um sich von der Tafel zu erheben, nur das Signal erwarteten, welches der König dadurch geben sollte, daß er sich selbst erhob, that er dies auch wirklich und Alle folgten seinem Beispiele.

Der König verließ jedoch die Tafel nicht, sondern blieb an seinem Platze stehen.

Sofort ward von den besten Sängern des Theaters San Carlo unter Begleitung von hundertzwanzig Instrumentalmusikern jener so ernste, tief melancholische Gesang, welchen Ludwig der Vierzehnte von Lulli componieren ließ, um dadurch Jacob den Zweiten, den Verbannten von Windsor und königlichen Gast von Saint-Germain zu ehren, das »God save the King«, angestimmt.

Jeder Vers ward wüthend applaudiert, und der letzte, länger und geräuschvoller als die übrigen, weil man nun den Gesang beendet glaubte, als eine reine, sonore, weithin hallende Stimme folgenden, für diese Gelegenheit hinzugedichten Vers begann, dessen Verdienst mehr in der Absicht, die ihn dictiert, als in wirklich poetischem Werthe bestand:

 
»D'rum Heil Dir, starker Held,
Dich preist die ganze Welt,
Zu Frankreichs Spott.
 
 
Egyptens Wüstensand
Singt, wie das stolze Land,
Wo deine Wiege stand:
Dich segne Gott!«
 

Diese Worte, so mittelmäßig sie auch waren, hatten einen allgemeinen Beifallssturm zur Folge, der im Begriffe stand, sich in noch höherem Grade zu wiederholen, als plötzlich den Gästen das Wort auf der Zunge erstarb und die scheuen Blicke sich nach der Thür wendeten, als ob Bancos Geist oder der steinerne Gast auf der Schwelle des Festsaales erschienen wäre.

Ein Mann von hohem Wuchse und mit drohender Miene stand in der Umrahmung der Thür, mit jenem strengen und doch prachtvollen republikanischen Costüme bekleidet, welches hier in dieser Flut von Licht bis in die geringsten Einzelheiten sichtbar ward.

Er trug den blauen Rock mit breiten Aufschlägen, die rothe goldgestickte Weste, die dicht anliegenden weißen Beinkleider und die umgeschlagenen Stiefel. Die linke Hand stützte sich auf den Griff eines Säbels, die rechte verbarg sich unter dem Brusttheile des Rockes und – o unverzeihliche Frechheit! – auf dem Kopfe trug er den dreieckigen Hut, auf welchem der dreifarbige Federbusch wallte, das Emblem jener Revolution, welche das Volk auf die Höhe des Thrones gehoben und die Könige auf das Blutgerüst herabgeschleudert hatte.

Es war der Gesandte Frankreichs, jener selbe Garat, welcher im Namen des Nationalconvents Ludwig dem Sechzehnten im Gefängniß des Tempel das Todesurtheil vorgelesen hatte.

Man begreift die Wirkung, welche in einem solchen Augenblick durch eine solche Erscheinung hervorgerufen werden mußte.

Mitten unter einer Todtenstille, welche es Niemanden einfiel zu unterbrechen, sagte er in festem, lautem sonorem Tone:

»Trotz der sich fortwährend erneuernden Verräthereien dieses lügnerischen Hofes, welchen man den Hof der beiden Sicilien nennt, zweifelte ich immer noch. Ich wollte mit eigenen Augen sehen, mit eigenen Ohren hören. Ich habe nun gesehen und gehört. Bündiger als jener Römer, welcher in einer Falte seiner Toga dem Senat von Karthago den Frieden oder den Krieg brachte, bringe ich blos den Krieg, denn den Frieden haben Sie heute verläugnet. Also, König Ferdinand, also, Königin Caroline, den Krieg, weil Sie ihn wollen, aber es wird ein Vertilgungskrieg sein, der Ihnen, ich sage Ihnen dies im Voraus, trotz des Mannes, welcher der Held dieses Festes ist, trotz der heuchlerischen Macht, welche er repräsentiert, Thron und Leben kosten wird. Adieu! Ich verlasse Neapel, die Stadt des Meineids. Schließen Sie die Thore derselben hinter mir, versammeln Sie Ihre Soldaten hinter Ihren Mauern, lassen Sie Ihre Festungen von Geschützen starren, vereinigen Sie Ihre Flotten in Ihren Häfen, Sie werden die Rache Frankreichs wohl verzögern, aber nur um so unvermeidlicher und furchtbarer machen, denn Alles wird weichen vor dem Rufe der großen Nation: Es lebe die Republik!«

Und den neuen Belsazar und seine Gäste entsetzt vor den vier magischen Worten stehen lassend, welche er zuletzt gesprochen und welche ein Jeder mit Flammenzügen an der Wand des Festsaales zu lesen glaubte, entfernte er sich gleich dem Herold der alten Römer, welcher den brennenden blutigen Wurfspieß, das Symbol des Krieges, auf den Boden des Feindes schleuderte, mit langsamen Schritten und ließ die Scheide eines Säbels die Marmorstufen der Treppe hinabklirren.

Kaum war dieses Geräusch verhallt, so folgte das eines Postwagens, der, von vier kräftigen Pferden gezogen, davonrollte.

Fünftes Capitel.
Der Palast der Königin Johanna

Es gibt in Neapel am äußersten Ende von Mergellina, an der Straße nach Pausilippo, welche zu der Zeit, von welcher wir hier sprechen, ein kaum fahrbarer schmaler Weg war, eine seltsame Ruine, die ihrer ganzen Länge nach auf einer Felsenklippe steht, welche unaufhörlich von den Wellen des Meeres bespült wird, so daß zu den Stunden der Flut diese bis in die unteren Gemächer eindringt.

Wir haben gesagt, es sei eine seltsame Ruine, und sie ist es auch in der That, denn es ist die eines Palastes, welcher niemals vollendet worden und der sich im Zustand der Hinfälligkeit befindet, ohne jemals das Leben gesehen zu haben.

Das Volk, in dessen Erinnerung das Verbrechen eine hartnäckigere Lebensdauer hat als die Tugend, das Volk, welches in Rom, die wohlthätigen und fruchtbringenden Regierungen Marc Aurel’s und Trajans vergessend, dem Reisenden nicht eine einzige Ruine zeigt, welche sich auf das Leben dieser beiden Kaiser bezöge, das Volk, welches sich heute noch für den Vergifter des Britannicus und den Mörder Agrippinas enthusiasmiert, das Volk bringt den Namen des Sohnes von Domitius Aenobarbus mit allen Monumenten in Verbindung, selbst mit solchen, die achthundert Jahre nach ihm errichtet worden, und zeigt jedem Vorübergehenden die Bäder des Nero, den Thurm des Nero, das Grabmal des Nero.

Eben so macht es das Volk von Neapel, welches die Ruine von Mergellina den Palast der Königin Johanna nennt, obschon ihre dem siebzehnten Jahrhundert angehörende Architektur dieser Behauptung offenbar widerspricht.

Dieser Palast ist nicht durch die königsmörderische Gattin Andreas oder durch die ehebrecherische Maitresse Sergianis Caracciolo erbaut, sondern durch Anna Caraffa, die Gattin des Herzogs von Medina, Günstlings jenes Herzogs Olivarez, den man den Grafenherzog nannte und welcher selbst der Günstling des Königs Philipp des Vierten war.

Olivarez' Sturz hatte auch den Medinas zur Folge, der nach Madrid zurückgerufen ward und in Neapel seine Gattin als Ziel des doppelten Hasses zurückließ, welchen sie durch ihren Stolz, er durch seine Tyrannei erweckt.

Je demüthiger und stummer die Völker während der Glückstage ihrer Unterdrücker sind, desto unversöhnlicher sind sie am Tage des Sturzes derselben.

Die Neapolitaner, welche, so lange die Macht des nun in Ungnade gefallenen Vicekönigs gedauert, kein Murren hören gelassen, verfolgten ihn nun in seiner Gemahlin, und Anna Caraffa verließ, vernichtet durch die Verachtung der Aristokratie und die Schmähungen und Beleidigungen, welche sie vom Pöbel zu ertragen hatte, Neapel, ebenfalls um in Portici zu sterben, während sie ihren Palast als Symbol ihres so plötzlichen Glückswechsels halb vollendet zurückließ.

Seit dieser Zeit hat das Volk diesen Steinkoloß zum Gegenstand eines unheimlichen Aberglaubens gemacht.

Obschon die Phantasie der Neapolitaner nur einen mittelmäßigen Hang zu der nebelhaften Poesie des Nordens hat und die Gespenster, die gewohnten Gäste dicker Dünste, sich nicht in die durchsichtige Atmosphäre der modernen Parthenope wagen, so haben sie doch, man weiß selbst nicht warum, diese Ruine mit unbekannten böswilligen Geistern bevölkert, welche die Ungläubigen behexen, die keck genug sind, sich in dieses Skelett von einem Palast zu wagen, oder die, welche, noch kecker, versucht haben, ihn zu vollenden – trotz des Fluches, der darauf lastet, und trotz des Meeres, welches bei seinem immer höheren Steigen mehr und mehr eindringt.

Man sollte meinen, daß in dem vorliegenden Falle die unbeweglichen und unempfindlichen Mauern menschliche Leidenschaften geerbt haben, oder daß die rachsüchtigen Seelen Medinas und Anna's nach dem Tode wiederum ihren Wohnsitz in diesen verlassenen Räumen genommen haben, deren Bewohnung ihnen bei ihren Lebzeiten nicht gestattet war.

Dieser Aberglaube ward in der Mitte des Jahres 1798 durch die Gerüchte bestätigt, welche sich ganz besonders unter den Bewohnern von Mergellina, das heißt eines Ortes verbreiteten, welcher dem Schauplatz dieser düsteren Traditionen am nächsten liegt.

Man erzählte, man habe seit einiger Zeit in dem Palast der Königin Johanna – denn wir haben es bereits gesagt, das Volk gab ihm beharrlich diesen Namen und wir behalten als Romanschreiber denselben bei, obschon wir als Archäolog dagegen protestieren – man erzählte, man habe Kettengeklirr und Seufzer gehört und durch die gähnenden Fenster unter den düsteren Arcaden blaßblaue Lichterchen gesehen, welche in den feuchten unbewohnten Sälen umherirrten.

Man behauptete endlich – und es war ein alter Fischer Namens Basso Tomeo, welchem man das unbedingteste Vertrauen schenkte, der es erzählte – man behauptete, daß diese Ruinen ein Schlupfwinkel von Uebelthätern geworden seien.

Die Grundlage, worauf Basso Tomeo diese letzte Versicherung stützte, war folgende:

Während einer stürmischen Nacht, wo trotz der Furcht, welche das verwünschte Schloß ihm einflößte, er sich genöthigt gesehen, Zuflucht in einem kleinen Henkel zu suchen, den die Klippe, auf der es erbaut ist, von Natur bildet, hatte er in dem Dunkel der langen Corridors Schatten hinschweben sehen, welche mit dem langen Gewand der Bianchi bekleidet waren, das heißt mit dem Costüm der Büßer, welche den zum Galgen oder zum Schaffot verurtheilten Delinquenten in ihren letzten Augenblicken zur Seite stehen.

Er sagte auch noch mehr. Er sagte, gegen Mitternacht – er konnte genau die Stunde angeben, denn er hatte sie auf der Kirche der Madonna de Piedi Grotta schlagen gehört – habe er einen jener Männer oder jener Dämonen gesehen.

Derselbe war auf dem Felsen, an dessen Fuße das Boot des Fischers lag, einen Augenblick stehen geblieben, und dann an der steilen Böschung, die nach dem Meere hinabführt, herabgleitend, gerade auf ihn zugekommen.

Erschrocken über diese Erscheinung hatte der alte Fischer die Augen geschlossen und sich gestellt, als schliefe er. Einen Augenblick später hatte er gefühlt, wie ein Boot sich unter der Last eines Körpers neigte. Von immer höher steigender Angst gefoltert, hatte er ein wenig die Augen geöffnet, um zu erspähen, was über ihm vorginge, und wie eine Wolke hindurch hatte er jene gespenstische Gestalt gesehen, die sich mit einem Dolche in der Hand über ihn neigte.

Die Spitze dieses Dolches hatte er einen Augenblick später an seiner Brust gefühlt. Ueberzeugt jedoch, daß das menschliche oder übermenschliche Wesen, mit welchem er zu thun hatte, sich blos Gewißheit verschaffen wolle, ob er wirklich schlief, hatte er sich unbeweglich verhalten und seinen Athemzug so gut als möglich dem eines Menschen nachgeahmt, der in den tiefsten Schlaf versenkt ist.

In der That hatte die furchtbare Erscheinung, nachdem sie sich einen Augenblick lang über ihn geneigt, sich plötzlich auf dem Felsen vollständig wieder aufgerichtet und mit demselben Schritt und mit derselben Leichtigkeit, wie sie herabgekommen, den Felsen wieder zu ersteigen begonnen.

Ebenso wie vor dem Herunterkommen war sie dann auch einen Augenblick lang oben stehen geblieben, um sich zu überzeugen, daß Basso Tomeo immer noch schliefe, und dann in die Ruinen hinein verschwunden, aus welchen sie hervorgekommen.

Die erste Bewegung, welche Basso Tomeo gemacht, war die gewesen, daß er nach seinen Rudern griff, um schnell zu entfliehen. Er hatte jedoch bedacht, daß er, wenn er fliehe, gesehen werden, daß man dann merken würde, er habe nicht geschlafen, sondern sich blos so gestellt – eine Entdeckung, welche ihm, sei es nun sofort, sei es später, sehr nachtheilig werden konnte.

Auf alle Fälle war der Eindruck auf den alten Basso Tomeo ein so tiefer gewesen, daß er mit seinen drei Söhnen Gennaro, Luigi und Gaetano, seiner Frau und seiner Tochter Assunta von Mergellina hinweg und nach Marinella, das heißt ans andere Ende von Neapel und auf die entgegengesetzte Seite des Hafens gezogen war.

Alle diese Gerüchte hatten unter der neapolitanischen Bevölkerung, der abergläubischsten, die es gibt, begreiflicherweise eine immer größere Consistenz gewonnen.

Jeden Tag oder vielmehr jeden Abend wurden von dem äußersten Ende von Pausilippo an bis zur Kirche der Madonna de Pie di Grotta an Bord der Barken, auf welchen die Fischer die Stunde erwarten, wo sie ihre Netze auswerfen, oder in dem Wohnzimmer, wo die ganze Familie beisammen saß, neue Geschichten erzählt, von welchen die eine immer schrecklicher war als die andere.

Was die intelligenten Personen betraf, welche nicht so leicht an Geistererscheinungen und verwünschte Ruinen glauben, so waren sie gleichwohl die Ersten, welche diese Gerüchte weiter verbreiteten, oder wenigstens sie ohne Widerspruch weiter erzählen ließen.

Sie maßen nämlich die Ereignisse, welche zu allen diesen Volkssagen Anlaß gaben, weit ernsteren und besonders weit drohenderen Ursachen bei, als Erscheinungen von Gespenstern und Seufzern gemarterter Seelen.

Das, was man sich leise, nachdem man sich vorher mit unruhiger Miene umgeschaut, von Vater zu Sohn, von Bruder zu Bruder, von Freund zu Freund erzählte, war nämlich Folgendes:

Man sagte, die Königin Marie Caroline habe durch die in Frankreich von der Revolution hervorgerufenen Ereignisse, welche den Tod ihres Schwagers Ludwigs des Sechzehnten und ihrer Schwester Marie Antoinettens herbei geführt, bis zum Wahnsinn aufgestachelt, zur Verfolgung der Jacobiner eine Staatsjunta eingesetzt, welche, wie man wußte, drei unglückliche junge Leute, Emanuele de Deo, Vitaliano und Galiani, die alle drei zusammen noch nicht das Alter eines Greises hatten, zum Tode verurtheilt.

In Anbetracht des Murrens aber, welches diese dreifache Hinrichtung hervorgerufen, und da Neapel geneigt war, aus den angeblichen drei Verbrechern drei Märtyrer zu machen, so sagte man, habe die Königin, ihre Rache im Dunklen, aber nicht minder sicher verfolgend, in einem Zimmer des Palastes, welches man wegen der Finsterniß, in welcher die Richter und die Ankläger weilten, das finstere Zimmer nannte, eine Art geheimes, unsichtbares Tribunal errichtet, welches man das Tribunal des heiligen Glaubens nannte.

In diesem Zimmer und vor diesem Tribunal empfange man die Aussagen nicht blos unbekannter, sondern auch maskierter Ankläger; man spreche hier Urtheile, welchen nur die Angeklagten beiwohnten, und die denselben erst bekannt gemacht würden, wenn sie schon dem Vollstrecker dieser Urtheile, Pasquale de Simone, gegenüberstünden, welcher mochte nun die gegen Caroline erhobene Anklage wahr oder falsch sein, in Neapel nur unter dem Namen des Sbirren der Königin bekannt war.

Dieser Pasquale von Simone sagte, wie man versicherte, dem Verurtheilten nur ein einziges leises Wort und sein Stoß war so sicher, daß derselbe allemal tödtlich war.

Uebrigens, erzählte man ferner, ließe der Mörder allemal in der Wunde den Dolch zurück, auf dessen Griff die beiden Buchstaben S. F. – Santa Fede – durch ein Kreuz getrennt eingraviert seien.

Es fehlte nicht an Leuten, welche wirklich derartige Leichen aufgehoben und den rächenden Dolch in der Wunde vorgefunden zu haben erklärten.

Noch weit mehr aber gab es deren, welche gestanden, daß sie bei dem Anblick eines auf der Erde liegenden Cadavers die Flucht ergriffen, und zwar ohne sich erst die Mühe genommen zu haben, nachzusehen, ob der Dolch in der Wunde stecken geblieben sei oder nicht, und noch weit weniger, ob dieser Dolch, wie jener der heiligen Vehme in Deutschland, auf einer Klinge irgend ein Zeichen trug, welches die Hand verrieth, die sich dieser Waffe bedient hatte.

Es war auch noch eine dritte Version in Umlauf, die vielleicht nicht die wahrste, obschon die wahrscheinlichste war.

Dieselbe lautete dahin, daß eine Bande von Missethätern, die in Neapel, wo die Galeeren blos die Landhäuser des Verbrechens sind, so häufig angetroffen werden, für eigene Rechnung arbeite und sich dadurch Straflosigkeit zu sichern wisse, daß sie glauben mache, sie arbeite für Rechnung der königlichen Rache.

Welche von diesen Versionen nun die gegründete sein oder der Wahrheit am nächsten kommen mochte, so öffnete während des Abends jenes selben 22. September, während die Feuerwerke auf dem Schloßplatze, auf dem Mercatello und dem Platze delle Pigue abgebrannt wurden, während die Menge gleich einem zwischen zwei steilen Ufern dahinrauschenden Strom sich unter der Flammenarcade der Illumination in die einzige Arterie, welche das Leben von einem Ende Neapels zum andern trägt, das heißt in die Toledostraße ergoß, während man sich in dem Palast der englischen Gesandtschaft von dem durch die Erscheinung des französischen Gesandten und das von ihm geschleuderte Anathema verursachten Schrecken zu erholen begann – während Alles dies geschah, sagen wir, öffnete sich eine kleine hölzerne Thür, die auf die einsamste Stelle des Weges nach Pausilippo zwischen der Klippe von Frisa und dem Restauranten de la Schiava herausführte, von außen nach innen, um einen Mann heraustreten zu lassen, der sich in einen großen Mantel gehüllt, mit welchem er den unterm Theil seines Gesichtes verdeckte, während der obere Theil sich in dem Schatten verlor, den ein bis auf die Augen hereingezogener breitkrämpiger Hut darüberwarf.

Nachdem dieser Mann die Thür wieder sorgfältig hinter sich verschlossen, schlug er einen schmalen Fußsteig ein, der am Rande der steilen Böschung hin nach dem Meer hinab und unmittelbar nach dem Palaste der Königin Johanna führte.

Anstatt jedoch bis ganz an den Palast zu reichen, endete dieser Fußweg an einem steilen Felsen, welcher den Abgrund um zehn bis zwölf Fuß überragte.

Auf diesem Felsen lag für den Augenblick jedoch ein Brett, dessen anderes Ende auf dem Sims eines Fensters der ersten Etage des Schlosses ruhte und eine bewegliche Brücke bildete, die fast ebenso schmal war als jene Rasirmesserschneide, welche man passieren muß, um die Schwelle von Mahomeds Paradies zu erreichen.

Wie schmal und unsicher diese Brücke aber auch war, so betrat der Mann im Mantel dieselbe doch mit einer Sorglosigkeit, welche verrieth, daß er diesen Weg schon oft gewandelt.

In dem Augenblick jedoch, wo er im Begriff stand das Fenster zu erreichen, kam ein im Innern verborgen gewesener Mann zum Vorschein und vertrat dem Ankommenden den Weg, indem er ihm eine Pistole auf die Brust setzte.

Der Mann im Mantel hatte dieses Hinderniß ohne Zweifel erwartet, denn er schien dadurch nicht im Mindesten erschreckt oder auch nur beunruhigt zu werden.

Er machte vielmehr ein freimaurerisches Zeichen, murmelte dem, der ihm den Weg versperrte, die Hälfte eines Wortes zu, welches letzterer vollendete, indem er zugleich, den Eintritt in die Ruine frei ließ, was dem Manne im Mantel gestattete, von dem Fenstersims in das Zimmer hinabzusteigen.

Nachdem dies geschehen, wollte der Letztgekommene seinen Genossen auf dem Posten am Fenster, wie dies ohne Zweifel Gebrauch war, ablösen, um einen neuen Ankömmling zu erwarten, gerade so, wie auf der obersten Stufe der Treppe der königlichen Gruft von Saint-Denis der letztverstorbene König von Frankreich seinen Nachfolger erwartet.

»Es ist nicht nöthig, sagte der, welcher bis jetzt Wache gestanden. »Wir sind schon Alle eingetroffen, mit Ausnahme Velascos, der erst um Mitternacht kommen kann.«

Beide zogen nun mit vereinten Kräften das Brett an sich, welches die von dem Felsen in die Ruine führende fliegende Brücke bildete, lehnten es an die Wand und verloren, nachdem sie auf diese Weise es jedem Uneingeweihten unmöglich gemacht, ihnen zu folgen, sich in den Schatten, der im Innern der Ruinen noch viel dichter war als außerhalb derselben.

Wie schwarz, diese Finsterniß aber auch war, so schien sie doch für die beiden Genossen kein Geheimniß zu haben.

Beide folgten ohne Zögern einer Art Corridor, in welchen durch die Ritzen der Decke ein Schimmer von Sternenlicht drang, und gelangten so bis an die ersten Stufen einer Treppe, die kein Geländer hatte, aber breit genug war, um ohne Gefahr begangen werden zu können.

An einem der Fenster des Zimmers, nach welchem diese Treppe führte und welches die Aussicht auf das Meer hatte, erkannte man eine menschliche Gestalt, welche durch ihre Schwärze wohl von innen sichtbar war, von außen aber unmöglich zu erkennen gewesen wäre.

Beim Geräusche der Tritte drehte dieser Art Schatten sich herum.

»Sind wir Alle beisammen?«, fragte er.

»Ja, Alle,« antworteten die beiden Stimmen.

»Dann,« sagte der Schatten, »bleibt uns Niemand weiter zu erwarten, als der Abgesandte von Rom.«

»Wenn er nicht bald kommt, so zweifle ich, daß er wenigstens diese Nacht das gegebene Wort wird halten können,« sagte der Mann im Mantel, indem er einen Blick auf die Wogen warf, welche unter dem ersten Hauche des Sirocco zu schäumen begannen.

»Ja, das Meer fängt an zu zürnen,« antwortete der Schatten; »wenn er aber wirklich der Mann ist, den Hector uns versprochen, so wird er sich durch eine solche Kleinigkeit nicht abhalten lassen.«

»Durch eine solche Kleinigkeit! Wie Du doch sprichst, Gabriel! Der Südwind ist losgelassen und in einer Stunde wird das Meer nicht mehr zu halten sein. Es ist der Neffe eines Admirals, der Dir dies sagt.«

»Wenn er nicht zur See kommt, so kommt er zu Lande. Wenn er nicht in einem Boot kommt, so kommt er geschwommen, und wenn er nicht geschwommen kommt, so kommt er in einem Luftballon,« sagte eine junge, frische, kräftige Stimme. »Ich kenne meinen Mann, denn ich habe ihn bei der Arbeit gesehen. Sobald er zu dem General Championnet gesagt hat: »Ich werde gehen,« so wird er auch gehen, müßte er auch das Feuer der Hölle passieren.«

»Uebrigens ist es auch noch Zeit, hob der Mann im Mantel wieder an. »Die Versammlung sollte zwischen elf und zwölf Uhr stattfinden, und – hier ließ er seine Repetiruhr schlagen, »Ihr sehet, es ist noch nicht elf.«

»Dann,« sagte der, welcher sich für den Neffen eines Admirals ausgegeben und der aus diesem Grunde sich auf die Zeit verstehen mußte, »dann bin ich als der Jüngste an der Reihe, an diesem Fenster Wache zu halten und an Euch, die Ihr die reifen Männer und klugen Köpfe seid, ist es, zu berathschlagen. Geht daher hinunter in das Berathungszimmer. Ich bleibe hier und sobald ich ein Boot mit einer Laterne am Bug erblicke, melde ich es Euch sofort.

»Wir haben nicht zu berathen, aber wir haben jedenfalls eine gewisse Anzahl Neuigkeiten auszutauschen. Der Rath, welchen Nicolino uns gibt, ist daher gut, obschon er uns von einem Narren gegeben wird.«

»Wenn man mich wirklich für einen Narren hält, sagte Nicolino, »so gibt es hier vier Männer, die noch unsinniger sind als ich. Es sind dies die, welche, obschon die wissen, daß ich ein Narr bin, mich in ihre Complotte eingeweiht haben, denn, meine guten Freunde, wenn Ihr Euch auch Philomati nennt und euren Sitzungen einen wissenschaftlichen Vorwand gebt, so seid Ihr doch ganz einfach weiter nichts als Freimaurer, eine in dem Königreiche beider Sicilien geächtete Secte, und Ihr habt Euch verschworen, Seine Majestät den König Ferdinand zu stürzen und die parthenopeiche Republik zu errichten, was das Verbrechen des Hochverraths, das heißt die Todesstrafe in sich begreift. Aus der Todesstrafe machen wir, mein Freund Hector Caraffa und ich, uns gar nicht viel, weil wir ja in unserer Eigenschaft als Patrizier enthauptet werden, wodurch unserem Wappen kein Makel zugefügt wird. Du aber, Manthonnet, Du Schipani, und Cirillo, welcher unten ist, Ihr, die Ihr weiter nichts seid als Männer von Herz, von Muth, von Gelehrsamkeit, von Verdienst, Ihr, die Ihr hundertmal mehr werth seid als wir, aber das Unglück habt, bürgerliche Canaillen zu sein, Ihr werdet einfach kurz und hoch gehängt. Ha, ich will nicht lachen, liebe Freunde, wenn ich aus dem Fenster der Mannaja1 Euch am Ende eurer Stricke baumeln sehe, dafern nämlich der illustrissimo Signore Don Pasquale de Simone mich nicht auf Befehl Ihrer Majestät der Königin dieses Vergnügens beraubt. – So geht denn an euere Berathung, geht, und wenn es etwas Unmögliches zu thun gibt, das heißt etwas, was nur ein Narr verrichten kann, so denkt an mich.«

Diejenigen, an welche dieser Rath gerichtet war, schienen derselben Meinung zu sein wie der, welcher ihn gab, denn halb lachend, halb die Achseln zuckend, ließen sie Nicolino als Schildwache am Fenster zurück, gingen eine Wendeltreppe hinunter, auf deren Stufen der Schimmer einer Lampe fiel, die ein Gemach erleuchtete, welches unterhalb des Meeresspiegels in den Felsen gehauen und aller Wahrscheinlichkeit nach von dem Architekten des Herzogs von Medina zu dem edlen Zwecke bestimmt gewesen, unter dem prosaischen Namen eines Kellers zum Aufbewahrungsort der besten spanischen und portugiesischen Weine zu dienen.

In diesem Keller – denn trotz der Poesie und des Ernstes unseres Gegenstandes müssen wir die Dinge bei ihrem richtigen Namen nennen – in diesem Keller saß ein Mann gedankenvoll und in Betrachtungen versunken, mit dem Ellbogen auf einen steinernen Tisch gestützt.

Sein zurückgeschlagener Mantel ließ den Schein der Lampe auf ein bleiches und durch Nachtwachen abgemagertes Gesicht fallen.

Vor ihm auf dem Tische sah man einige Papiere, Schreibfedern, ein Tintenfaß und so, daß er sie mit der Hand erreichen konnte, ein Paar Pistolen und einen Dolch.

Dieser Mann war der berühmte Arzt Domenico Cirillo.

Die drei andern Verschworenen, welche Nicolino zur Berathung geschickt und mit den Namen Schipani, Manthonnet und Hector Caraffa bezeichnet, traten einer nach dem andern in den Ring des bleichen, zitternden Lichtes, welches die Lampe verbreitete, entledigten sich ihrer Mäntel und Hüte, legten Jeder ein paar Pistolen vor sich hin und begannen nicht zu berathen, sondern die Neuigkeiten auszutauschen, welche in der Stadt die Runde machten und welche jeder Einzelne zu sammeln im Stande gewesen war.

Da wir eben so gut oder vielmehr noch besser als sie von Allem unterrichtet sind, was an jenem so ereignißvollen Tage geschehen war, so wollen wir, in der Voraussetzung, daß unsere Leser damit einverstanden sind, die Verschworenen über diesen Gegenstand, der für uns kein Interesse mehr haben könnte, sprechen lassen und dagegen die kurze Lebensgeschichte dieser fünf Männer mittheilen, welche berufen sind, bei den Vorgängen, welche wir zu erzählen beabsichtigen, eine wichtige Rolle zu spielen.

Sechstes Capitel.
Der Abgesandte von Rom

Sehen wir denn, wer eigentlich jene fünf Männer waren, von welchen Nicolino in seiner spöttischen Aeußerung, ohne sich selbst zu schonen, drei dem Galgen und zwei der Guillotine geweiht hatte, eine Prophezeiung, die übrigens bis auf Einen für Alle wörtlich in Erfüllung gehen sollte.

Der, welcher allein gedankenvoll und in Betrachtungen versunken mit dem Ellbogen auf den steinernen Tisch gestützt saß, und, wie wir schon bemerkt, Domenico Cirillo hieß, war ein Mann des Plutarch, einer der gewaltigsten Repräsentanten des Alterthums, die jemals auf dem Boden von Neapel erschienen sind.

Er gehörte weder dem Lande noch der Zeit an, worin er lebte, und er besaß so ziemlich alle Eigenschaften, von welchen eine einzige hingereicht haben würde, um einen großen Mann zu machen.

Geboren war er im Jahre 1734, in demselben Jahre, wo Carl der Dritte den Thron bestieg, zu Grumo, einem kleinen Dorfe.

Seine Familie ist von jeher eine Pflanzschule berühmter Aerzte, gelehrter Naturforscher und unbestechlicher Magistratspersonen gewesen.

Als er zwanzig Jahre alt war, bewarb er sich um den Lehrstuhl der Botanik und erhielt denselben auch.

Dann machte er eine Reise durch Frankreich, lernte Nollet, Buffon, d'Alembert, Diderot und Franklin kennen und würde ohne eine große Liebe zu seiner Mutter – dies sagte er selbst – einem eigentlichen Vaterlande entsagend, gern in dem Vaterlande seines Herzens geblieben sein.

Nach Neapel zurückgekehrt, setzte er seine Studien fort, und ward einer der ersten Aerzte seiner Zeit.

Ganz besonders war er als der Arzt der Armen bekannt.

Er erklärte, die Wissenschaft dürfe, wenn man ein wahrer Christ sein wolle, keine Quelle des Reichthums, sondern müsse vielmehr ein Mittel sein, um dem Elende zu Hilfe zu kommen.

Wenn er daher gleichzeitig zu einem reichen Bürger und einem armen Lazzarone gerufen ward, so ging er vorzugsweise zu dem Armen, dem er, so lange er in Gefahr schwebte, mit seiner Kunst beistand, und ihn später, wenn er sich auf dem Wege der Genesung befand, mit seinem Gelde unterstützte.

Trotzdem, oder richtiger gesagt, eben deswegen war er am Hofe nicht gern gesehen, namentlich im Jahre 1791, einer Zeit, wo die Furcht vor den revolutionären Ideen und der Haß gegen die Franzosen den König Ferdinand und seine Gemahlin Caroline gegen Alles erbitterten, was Neapel an edlen Herzen und intelligenten Köpfen besaß.

Seit dieser Zeit lebte er in halber Ungnade und da er für ein unglückliches Land keine andere Hoffnung sah, als in einer mit Hilfe derselben Franzosen, die er so sehr geliebt, daß er zwischen ihnen und seiner eigenen Mutter und seinem eigenen Vaterlande geschwankt, zu Stande gebrachten Revolution, so trat er mit der philosophischen Entschlossenheit seiner Seele und der ruhig sanften Zähigkeit seines Charakters einem Complott bei, welches den Zweck hatte, die Autorität Frankreichs an die Stelle der Tyrannei der Bourbons zu setzen.

Er verhehlte sich nicht, daß er dabei seinen Kopf aufs Spiel setzte; aber ruhig, ohne falschen Enthusiasmus beharrte er bei seinem Project, so gefährlich dasselbe auch war, ebenso wie er auf dem gefährlichen Vorsatz beharrt haben würde, eine an der Cholera oder am Typhus erkrankte Bevölkerung mit Gefahr seines eigenen Lebens zu pflegen.

Seine Genossen, die jünger und heißblütiger waren als er, fügten sich in allen Dingen seinen Rathschlägen.

Er war der Faden, der sie in dem Labyrinth leitete, das Licht, welchem sie in der Finsterniß folgten, und das melancholische Lächeln, womit er die Gefahr kommen sah, die milde Salbung, womit er von den Auserwählten sprach, welche das Glück haben, für das Wohl des Menschengeschlechts zu sterben, äußerten auf ihr Gemüth einen gewissen Grad jenes Einflusses, den Virgil dem Gestirn zuschreibt, welches bestimmt ist, die Finsterniß der Nacht zu zerstreuen und an ihre Stelle das schützende, wohlwollende Schweigen der Nacht zu setzen.

Hector Caraffa, Graf von Ruvo, Herzog von Andria, derselbe, welcher sich in das Gespräch gemischt, um für die hartnäckige Willenskraft und den kaltblütigen Muth des Mannes zu bürgen, den man erwartete, war einer jener Athleten, welche Gott für die politischen Kämpfe schafft, das heißt eine Art aristokratischer Danton, mit einem unerschrockenen Herzen, einem unversöhnlichen Gemüth und einem schrankenlosen Ehrgeiz.

Er liebte die schwierigen Unternehmungen instinctartig und ging der Gefahr mit demselben Schritt entgegen, womit ein Anderer geflohen wäre. In der Wahl der Mittel war er unbedenklich, dafern er nur das Ziel erreichte.

In seinem Leben energisch, war er, was man nicht für möglich gehalten hätte, in seinem Tode noch energischer. Er war mit einem Wort einer jener gewaltigen Hebel, welche die Vorsehung, die über den Völkern wacht, den zu ihrer Befreiung bestimmten Revolutionen in die Hand gibt.

Er stammte aus der berühmten Familie der Herzöge von Andria und trug den Titel eines Grafen von Ruvo. Er verschmähte jedoch einen Titel und alle diejenigen seiner Ahnen, welche sich keinen Anspruch auf den Dank der Geschichte erworben, und sagte unaufhörlich, unter einem Sclavenvolke könne es keinen wahren Adel geben.

Gleich der erste Hauch der republikanischen Ideen, welche mit Latouche Tréville nach Neapel gekommen, hatte ihn entzündet. Mit seiner gewohnten Kühnheit hatte er sich in die gefährliche Sphäre der Revolutionen geworfen und obschon durch seine Stellung gezwungen, bei Hofe zu erscheinen, war er der eifrigste Apostel und thätigste Verbreiter der neuen Grundsätze geworden.

Ueberall, wo man von Freiheit sprach, sah man wie auf einen Zauberspruch in demselben Augenblick Hector Caraffa erscheinen.

Schon im Jahre 1795 war er deshalb festgenommen und mit den von der Staatsjunta bezeichneten ersten Patrioten nach dem Castel Sam Elmo gebracht worden.

Hier war er zu einer großen Anzahl junger Officiere von der Garnison des Castells in nähere Beziehung getreten. Seine feurigen Worte erweckten auch in diesen die Liebe zur Republik.

Es dauerte nicht lange, so hatten sie sich so innig befreundet, daß er, da er von einem Todesurtheil bedroht ward, nicht zögerte, sie um ihren Beistand zur Flucht zu bitten.

Ein schwerer Kampf fand nun in den edlen Herzen statt.

Die einen sagten, daß man selbst um der Freiheit willen seiner Pflicht nicht untreu werden dürfe, und daß sie, mit der Bewachung des Castells beauftragt, sich eines Verbrechens schuldig machen würden, wenn sie einem Gefangenen zur Flucht behilflich wären, sollte dieser Gefangene selbst ihr Freund, ihr Bruder sein.

Andere dagegen sagten, daß ein Patriot für die Freiheit und für das Wohl ihrer Vertheidiger Alles, selbst die Ehre, opfern müsse.

Ein junger Lieutenant von Castelgirone in Sicilien, der ein eifrigerer Patriot war als alle übrigen, verstand sich endlich dazu, nicht blos der Mitschuldige, sondern auch der Gefährte seiner Flucht zu sein.

Beide wurden bei Ausführung dieser Flucht durch die Tochter eines Officiers der Garnison unterstützt, welche sich in Hector verliebt und ihm ein Seil verschaffte, woran er sich an der Mauer des Castells hinabließ, während der junge Sicilianer ihm unten erwartete.

Die Flucht ward glücklich ausgeführt, leider hatte von den beiden Flüchtlingen der eine nicht dasselbe Glück wie der andere. Der Sicilianer ward ergriffen, zum Tode verurtheilt und sah durch besondere Gunst des Königs Ferdinand seine Strafe in ewige Gefangenschaft in dem entsetzlichen Kerker von Favignana verwandelt.

Hector fand ein Asyl im Hause eines Freundes zu Portici. Von hier aus verließ er auf Pfaden, die nur den Gebirgsbewohnern bekannt waren, das Königreich, begab sich nach Mailand, fand hier die Franzosen und ward sehr bald ihr Freund, wie er der ihrer Grundsätze schon längst war.

Die Franzosen ihrerseits erkannten ebenfalls den Werth dieser Feuerseele, dieser eisernen Willenskraft.

Championnet gab den Flüchtling, ohne ihm besondere Functionen anzuweisen, seinem Generalstabe bei, und als nach dem Sturze Pius des Sechsten und der Proclamation der römischen Republik der französische General nach Rom ging, begleitete Hector ihn dahin.

Auf diese Weise Neapel so nahe und in der Hoffnung, daselbst eine revolutionäre Bewegung zu Stande zu bringen, schlug er, um in das Königreich zurückzugelangen, denselben Weg ein, auf welchem er es verlassen, und nahm, nicht mehr als Geächteter, sondern als Verschwörer die Gastfreundschaft desselben Freundes in Anspruch, bei welchem er schon einmal Zuflucht gefunden und der kein anderer war als Gabriel Manthonnet, den wir bereits genannt.

Von hier aus schrieb Hector an Championnet, er halte Neapel für reif zu einer Erhebung, und forderte ihn auf, ihm einen sichern, ruhigen und kaltblütigen Mann zu schicken, welcher selbst über die Stimmung der Gemüther und den Stand der Dinge urtheilen könne.

Dieser Abgesandte war es, den man erwartete.

Gabriel Manthonnet, bei welchem Hector Caraffa ein Asyl gefunden und welchen es ihm nicht schwer ward, für die Sache der Freiheit zu gewinnen, war, eben so wie er selbst, ein Mann von vier bis fünfunddreißig Jahren und stammte, wie schon sein Name verräth, aus Savoyen.

Seine Körperkraft war herkulisch und sein Wille hielt damit gleichen Schritt.

Dabei besaß er jene Beredsamkeit des Muthes, die der Seele jene erhabenen Worte entlockt, welche die Geschichte mit Flammenschrift aufzeichnet.

Dies hielt ihn jedoch nicht ab, unter gewöhnlichen Umständen sich in jenen witzigen, spöttischen Aeußerungen zu ergehen, welche, ohne bis auf die Nachwelt zu gelangen, bei den Zeitgenossen Glück machen.

Im Jahre 1784 in die neapolitanische Artillerie ein- getreten, war er 1787 Unterlieutenant geworden, 1789 als Lieutenant zu dem Artillerieregiment der Königin versetzt, 1794 zum Hauptmann und endlich zu Anfang des Jahres 1798 zum Commandanten seines Regiments und Adjutanten des Generals Fonseca ernannt worden.

Derjenige von den vier Verschwörern, welchen wir mit dem Namen Schipani bezeichnet haben, war ein geborener Calabrese. Redlichkeit und Tapferkeit waren seine beiden vorherrschenden Eigenschaften. Sicher und zuverlässig, so lange er unter dem Commando zweier genialen Anführer wie Manthonnet und Hector Caraffa stand, ward er, sich selbst überlassen, durch seine Tollkühnheit und durch das Uebermaß eines Patriotismus geradezu gefährlich.

Er war gleichsam eine Kriegsmaschine, ein Mauerbrecher, welcher furchtbare und sichere Stöße führte, aber nur unter der Bedingung, daß er von geschickten Maschinisten in Bewegung gesetzt ward.

Was Nicolini betraf, der an dem auf die Spitze des Pausilippo führenden Fenster des alten Schlosses als Wache zurückgeblieben, so war dieser ein schöner junger Mann von zwanzig bis zweiundzwanzig Jahren, Neffe jenes selben Franz Caracciolo, den wir die Galeere der Königin commandieren und für sich die Einladung zum Bankett und für seine Nichte eine Einladung zum Ball bei dem Gesandten oder vielmehr bei der Gesandtin von England ablehnen gesehen.

Ueberdies war er Bruder des Herzogs Rocca Romana, des elegantesten, kühnsten und ritterlichsten der dienenden Cavaliere der Königin und welcher noch jetzt in Neapel der südliche Typus unseres Herzogs von Richelieu, des Geliebten der Valois und Siegers von Mahon, ist.

Nur war Nicolini als Kind einer zweiten Ehe, Sohn einer Französin. Von seiner Mutter in der Liebe zu Frankreich erzogen, besaß er jenen leichten Sinn und jene Sorglosigkeit gegen Gefahren, welche im Nothfall aus dem Helden einen liebenswürdigen Mann und aus dem liebenswürdigen Mann einen Helden machen.

Während die vier andern Verschworenen mit leiser Stimme und die Hand mechanisch nach ihren Waffen ausstreckend, jene hoffnungsvollen Worte wechselten, wie die Verschwörer deren zu sprechen pflegen, und durch welche hindurch, wie hoffnungsvoll sie auch sein mögen, von Zeit zu Zeit gleichsam der Blitz des Richtschwertes oder des Dolches hindurchleuchtet, sah Nicolini sorglos, wie man es mit zwanzig Jahren ist, von seinen Liebschaften träumend, deren Gegenstand in diesem Augenblick eine der Ehrendamen der Königin war, und darüber die Freiheit von Neapel fast vergessend, ohne die Spitze von Pausilippo aus den Augen zu verlieren, am Himmel sich jenes Ungewitter emporthürmen, welches sein Onkel der Königin und er selbst seinen Genossen prophezeit hatte.

In der That grollte von Zeit zu Zeit ein ferner Donner, welchem Blitze vorangingen, die von Süden nach Norden die dunkle Wolkenmassen spalteten und abwechselnd mit phantastischem Schein den schwarzen Felsen von Capri erleuchteten, der, sobald der Blitz erlosch, wieder in Nacht versank und mit der dunklen Wolkenmasse verschmolz, deren Basis er zu bilden schien.

Von Zeit zu Zeit fuhren Stöße jenes schweren austrocknenden Windes, welcher den der libyschen Wüste geraubten Sand bis nach Neapel trägt, über die Fläche des Meeres, welches phosphorescirend sich sodann auf einen Augenblick in einen Feuersee verwandelte, um beinahe ebenso schnell wieder seinem Dunkel anheimzufallen.

Beim Hauch dieses von den Fischern gefürchteten Windes beeilten eine Menge kleiner Barken sich, den Hafen zu gewinnen. Die einen wurden durch ihre dreieckigen Segel fortgetragen und zogen eine feurige Furche hinter sich her; die andern schwammen aus Leibeskräften und glichen jenen großen Spinnen, die auf dem Wasser laufen, und kratzten das Meer mit ihren Rudern, die bei jedem Schlage eine Garbe flüssiger Funken emporsprühen ließen.

Allmälig verschwanden diese Barken, indem sie sich eiligst dem Lande näherten, hinter der schwerfälligen, unbeweglichen Masse des Castells d'Uovo und dem Leuchtthurm des Molo, dessen gelbliches Licht sich im Mittelpunkte eines Dunstkreises zeigte, welcher dem glich, welcher den Mond bei bevorstehender schlechter Witterung umgibt.

Endlich war das Meer gänzlich vereinsamt, wie um dem Kampf, den die vier Winde des Himmels einander zu liefern im Begriffe standen, freies Feld zu lassen.

In diesem Augenblick erschien an der Spitze des Pausilippo, wie ein Punkt im Raume, eine röthliche Flamme, welche gegen den glühenden Schwefelhauch des Ungewitters und die phosphoreseirenden Ausströmungen des Meeres deutlich abstach.

Diese Flamme bewegte sich in gerader Linie auf den Palast der Königin Johanna zu.

Plötzlich und als ob das Erscheinen dieser Flamme ein Signal wäre, krachte ein Donnerschlag, welcher von dem Cap Campanello bis zu dem Cap Milena rollte, während in derselben Richtung der sich öffnende Himmel dem erschrockenen Auge die unergründlichen Tiefen des Aethers zeigte.

Von direct entgegengesetzten Punkten kommende Windstöße höhlten die Fläche des Meeres mit der Schnelligkeit und dem Getöse einer Wasserhose.

Die Wellen stiegen wie von unterseeischem Sieden emporgetrieben, der Sturm sprengte eine Kette und durch lief den flüssigen Kreis wie ein wüthender Löwe.

Nicolino stieß bei dem furchtbaren Anblick, welchen das Meer und der Himmel auf einmal darboten, einen Ruf aus, welcher die Verschworenen in den Tiefen des alten Palastes bewog, die Treppe hinauf und an das Fenster zu eilen, um zu sehen, um was es sich handelte.

Die Barke, welche, wie nicht zu bezweifeln stand, den erwarteten Abgesandten an Bord hatte, war auf der Hälfte des Weges vom Pausilippo bis zum Palast der Königin Johanna von dem Sturm ergriffen worden. Sofort hatte sie ihr kleines viereckiges Segel gerefft und hüpfte nun scheu auf den Wogen hin, in welche die Ruder zweier kräftiger Männer einzugreifen suchten.

Ganz wie Hector Caraffa gedacht, hatte den jungen Mann mit dem ehernen Herzen, welchen sie erwarteten, nichts aufzuhalten vermocht.

Der im Voraus entworfenen Marschroute gemäß – und noch mehr aus Vorsicht für die neapolitanischen Verschwörer als für den Abgesandten, den eine französische Uniform und sein Titel als Championnets Adjutant in der Stadt eines verbündeten Königreichs, in einer befreundeten Hauptstadt schützen mußten – hatte er die Straße von Rom bei Santa Maria verlassen, um so bald als möglich den Meeresstrand zu gewinnen. Sein Pferd hatte er unter dem Vorwand, daß es zu ermüdet sei, um ihn noch weiter zu tragen, in Pozzuolo zurückgelassen, und hier halb durch Drohungen, halb durch das Versprechen einer reichlichen Belohnung zwei Fischer bewogen, trotz des drohenden Sturmes die Fahrt zu unternehmen, die sie unter dem Weinen und Klagen ihrer Frauen und Kinder begannen, von welchen sie bis auf die feuchten Steinplatten des Hafens begleitet wurden.

Ihre Befürchtung hatte sich als gegründet erwiesen, und in Nisida angelangt, wollten sie ihren Passagier ans Land setzen und sich hinter dem Hafendamme bergen. Der junge Mann aber zog, ohne zornig zu werden, oder vergebliche Worte zu machen, seine Pistolen aus dem Gürtel, und richtete die Mündung derselben auf die widerstrebenden Ruderer, welche, als sie an diesem ruhigen, aber entschlossenen Gesichte sahen, daß es um sie geschehen wäre, wenn sie den Gehorsam verweigerten, sich schweigend in die unerbittliche Nothwendigkeit gefügt hatten.

Sie kamen aus dem kleinen Golf von Pozzuolo in den Golf von Neapel heraus und hatten nun mit dem Sturme zu kämpfen, welcher, als er auf der ganzen, weiten, unermeßlichen Fläche blos diese einzige Barke zu vernichten sah, seine ganze Wuth auf diese concentriert zu haben schien.

Die fünf Verschworenen standen einen Augenblick stumm und unbeweglich da. Der erste Anblick einer großen Gefahr, in welcher ein Mitmensch schwebt, ist anfangs allemal betäubend, dann empfinden wir wie einen gebieterischen und unwiderstehlichen Instinct der Natur, das Bedürfniß, ihm Beistand zu leisten.

Hector Caraffa war der Erste, der das Schweigen brach.

»Seile! Seile!« rief er, indem er sich den Schweiß trocknete, der plötzlich auf seiner Stirn perlte.

Nicolino verstand, legte das Brett über den Abgrund, sprang von dem Fenstersims auf das Brett, von dem Brett auf den Felsen bis an das Thor der Straße und kam zehn Minuten später wieder mit einem Seile zum Vorschein, welches er von einem öffentlichen Brunnen abgerissen.

Während dieser Zeit, so kurz dieselbe auch war, hatte die Wuth des Sturmes sich verdoppelt.

Eben so aber hatte auch die Barke, von dem Sturme getrieben, sich genähert, so daß sie nur noch einige Kabellängen von dem Palaste entfernt war.

Da die Wellen sich aber mit schäumender Wuth an der Klippe brachen, auf welcher der Palast erbaut war, so war die Annäherung an dieselbe, anstatt eine Hoffnung zu bieten, nur neue Gefahr, und der Schaum spritzte den Verschworenen ins Gesicht, während sie sich zu dem Fenster des ersten Stockwerkes herausneigten, das heißt in eine Höhe von zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß über dem Wasser.

Bei dem Scheine des an dem Bug der Barke hängenden Lichtes, welches jede überschlagende Welle auszulöschen drohte, sah man die beiden Ruderer mit angstvoll verstörter Miene sich über ihre Ruder neigend, während aufrecht stehend, als ob er an den Boden der Barke festgenietet wäre, das Haar vom Orkan gepeitscht, aber mit lächelnder Lippe und mit verächtlichem Blicke die Wogen betrachtend, welche gleich der Meute der Scylla ihn bellend umsprangen, der junge Mann einem dem Sturme gebietenden Gotte oder, was noch erhabener ist, einem für die Furcht unzugänglichen Menschen glich.

An der Art und Weise, auf welche er die Hand über die Augen hielt und seinen Blick auf die riesige Ruine richtete, sah man, daß er in der Hoffnung, erwartet zu werden, durch die Dunkelheit hindurch die Anwesenheit derer zu erspähen suchte, welche ihn erwarteten.

Ein Blitz kam ihm zu Hilfe, indem er die rissige, düstere Facade des alten Gebäudes erleuchtete, und er erblickte nun die fünf Männer, welche mit unruhigen Geberden und Mienen wie aus Einem Munde ihm zuriefen:

»Muth! Muth!«

In demselben Augenblicke schlug eine an der Felsenbasis des Palastes sich brechende ungeheure Woge über das Vordertheil der Barke hinweg, löschte das Licht derselben aus und schien sie mit Mann und Maus verschlungen zu haben.

Den Verschworenen stockte der Athem in der Brust. Mit verzweifelter Gebärde zerraufte Hector Caraffa sich das Haar, aber gleich darauf hörte man eine starke ruhige Stimme, welche das Getöse des Sturmes übertäubend, rief:

»Eine Fackel!«

Diesmal war es Hector Caraffa, welcher forteilte. In einer Mauervertiefung lagen für finstere Nächte in Bereitschaft gehaltene Fackeln. Er ergriff eine derselben und entzündete sie an der Lampe, welche auf dem steinernen Tisch stand, und erschien dann sofort auf der äußeren Plattform des Felsens, wo er sich über das Meer hinabneigte und mitten in einer Schaumwolke die harzige, nicht so leicht verlöschende Fackel gegen die Barke hinstreckte.

Wie aus der Tiefe des Meeres auftauchend erschien diese, nur noch einige Fuß von der Felsenbasis des Palastes entfernt, wieder. Die beiden Ruderer hatten ihre Ruder fahren lassen, und riefen auf den Knieen liegend und die Hände gen Himmel streckend die Madonna und den heiligen Januarius um Beistand an.

Nicolino stieg auf den Sims des Fensters, zielte, während der herkulische Manthonnet ihn um den Leib herum festhielt, und schleuderte ein Ende des Seiles, dessen anderes Schipani und Cirillo gefaßt hatten, in das Boot.

Kaum aber hatte man das Seil an das Holz der Barke anschlagen hören, als eine diesmal vom Meere herkommende ungeheure Welle das Boot mit unwiderstehlicher Gewalt an die Klippe schleuderte.

Man hörte ein unheilverkündendes Krachen, auf welches ein Angst- und Nothschrei folgte, dann war die Barke mit Passagier und Ruderern versunken und verschwunden.

Dennoch aber entrang sich Schipani und Cirillo gleichzeitig der Ruf: »Er hat es! er hat es!« und sie begannen das Seil an sich zu ziehen.

In der That sah man nach Verlauf einer Secunde das Meer am Fuße der Klippe sich spalten und beim Scheine der Fackel, welche Hector Caraffa über den Abgrund ausgestreckt hielt, tauchte der junge Adjutant auf, welcher, durch das Anziehen des Seiles unterstützt, den Felsen erkletterte, die Hand ergriff, welche der Graf von Ruvo ihm entgegenstreckte, auf die Plattform sprang und, nachdem sein Freund ihn, trotzdem er vom Wasser troff, an die Brust gedrückt, mit seinem ruhig heitern Blick und in einem Tone, worin es unmöglich war, auch nur die mindeste Veränderung zu erkennen, indem er den Kopf nach seinen Rettern emporhob, nur zwei Worte sprach:

»Ich danke.«

In diesem Augenblicke krachte ein Donnerschlag, welcher den Palast einem Granitfundament entreißen zu wollen schien, ein Blitz schleuderte seine Feuerpfeile durch alle Oeffnungen der Ruine herein und das Meer stieg mit furchtbarem Geheul den beiden jungen Männern bis an die Knie.

Hector Caraffa aber hob mit jenem südlichen Enthusiasmus, der durch die sonstige Ruhe seines Gemüths noch mehr hervorgehoben ward, eine Fackel, wie um dem Ungewitter Trotz zu bieten.

»Rolle Donner! Zucke Blitz! Brülle Sturm!« rief er; »wir stammen von dem Geschlechte jener Griechen, welche Troja verbrannten, und dieser hier, setzte er hinzu, indem er die Hand auf die Schulter seines Freundes legte, »dieser stammt von Ajax, dem Sohne des Oileus. Er wird trotz den Göttern entrinnen.«

Siebentes Capitel.
Der Sohn der Todten

Es ist eine eigenthümliche Erscheinung, daß bei großen Ereignissen in der Natur sowohl als in der Politik – und wir müssen bemerken, daß es der Menschheit keineswegs zur Ehre gereicht – sich das Interesse allemal auf die Individuen concentriert, welche in dem einen wie in dem andern Falle die Hauptrollen spielen und von welchen man die Rettung oder den Triumph erwartet, während die untergeordneten Persönlichkeiten in den Schatten zurückgedrängt werden und man die Sorge, über ihnen zu wachen, jener sorglosen Vorsehung überläßt, welche für geborene oder zu fällige Egoisten ein bequemer Ausweg geworden ist, um alles Unglück, um welches sie selbst nicht Lust haben, sich zu bekümmern, dem lieben Gott aufzubürden.

Es geschah dies auch in dem Augenblick, wo die Barke, die den von den Verschwörern so sehnlich erwarteten Abgesandten trug, gegen die Felsenklippe geschleudert und an derselben zerschmettert ward.

Diese fünf Auserwählten mit redlichen, mitleidigen Herzen, welche als eifrige Apostel der Menschen bereit waren, ihr Leben für ihr Vaterland und ihre Mitbürger zu opfern, vergaßen vollständig, daß zwei Mitmenschen, Söhne desselben Vaterlands und folglich ihre Brüder, in den Abgrund des Meeres verschwunden waren und beschäftigten sich nur mit dem, welchen ein Band, nicht blos des allgemeinen, sondern auch des individuellen Interesses an die fesselte.

Alle ihre Aufmerksamkeit und Hilfe auf ihn concentrierend, glaubten sie, ein für ihre Pläne so nothwendiges Leben sei mit den beiden untergeordneten Existenzen nicht zu theuer bezahlt, und sie dachten daher, so lange die Gefahr dauerte, nicht weiter an dieselben.

»Aber es waren doch auch Menschen, wird der Philosoph murren.

»Nein,« wird der Politiker antworten; »es waren Nullen, die Einheit dagegen eine überlegene Persönlichkeit.«

Wie dem auch sein möge, so bezweifeln wir jedoch, daß die beiden unglücklichen Fischer von denen, welche sie verschwinden gesehen, sehr bemitleidet wurden, denn die Harrenden eilten mit freudiger Miene und offenen Armen dem Freunde entgegen, welcher, Dank seinem Muthe und seiner Kaltblütigkeit, an der Hand seines Freundes, des Grafen Ruvo, wohlbehalten und unversehrt vor sie hintrat.

Es war ein junger Mann von vier- bis fünfundzwanzig Jahren mit schwarzem Haar, welches jetzt, durch das Seewasser an den Schläfen und an den Wangen anklebend, ein von Natur bleiches Gesicht umrahmte, dessen ganze Bewegung und ganzes Leben sich in den Augen zu concentriren schienen, welche übrigens auch vollkommen hinreichten, eine Physiognomie zu beleben, welche ohne die aus diesen Augen zuckenden Blitze aus Marmor gemeißelt zu sein geschienen hätte.

Schwarze, nahe zusammenstehende Augenbrauen verliehen diesem monumentartigen Antlitz einen Ausdruck von unbeugsamem Willen, an welchem Alles, ausgenommen die geheimnißvollen, unwiderstehlichen Machtsprüche des Schicksals, zerschellen mußte.

Hätten die Kleider des jungen Mannes nicht von Wasser getrieft, hätten die Locken seines Haares nicht die Spuren seines Weges durch die schäumenden Wogen getragen, hätte der Sturm nicht gebrüllt wie ein wüthender Löwe, dem seine Beute entronnen ist, so wäre es unmöglich gewesen, auf einer Physiognomie das geringste Anzeichen von Gemüthsbewegung zu lesen, welches verrathen hätte, daß er vor wenigen Augenblicken noch in Todesgefahr geschwebt.

Es war mit einem Worte in jeder Beziehung der Mann, welchen Hector Caraffa versprach, dessen ungestüme Tollkühnheit sich darin gefiel, sich vor dem kalten ruhigen Muthe seines Freundes zu beugen.

Um jetzt das Bildniß dieses jungen Mannes zu vollenden, welcher bestimmt ist, wenn auch nicht die Hauptperson, doch wenigstens eine der Hauptpersonen dieser Geschichte zu werden, wollen wir uns beeilen hinzuzufügen, daß er jenes elegante, heroische und republikanische Costüm trug, welches die Hoche, die Marceau, die Detaix, die Kleber nicht blos historisch, sondern auch unsterblich gemacht haben, und wovon mir bei Gelegenheit des plötzlichen Erscheinens des französischen Gesandten Garat in Sir William Hamiltons Bankettsaale eine so genaue Beschreibung mitgetheilt haben, daß es überflüssig wäre, dieselbe hier zu wiederholen.

Der Leser wird vielleicht im ersten Augenblick meinen, es sei für einen mit geheimen Mittheilungen beauftragten Abgesandten sehr unklug gewesen, in Neapel sich in einem Costüm zu zeigen, welches mehr als eine Uniform, welches ein Symbol war.

Wir müssen jedoch hierauf entgegnen, daß unser Held seit bereits achtundvierzig Stunden Rom verlassen und daher eben so wenig als der General Championnet, dessen Abgesandter er war, Kenntniß von den Ereignissen hatte, die sich in einem Tage durch die Ankunft Nelsons und den unzweideutigen Empfang gehäuft, welchen man ihm angedeihen lassen.

Der junge Officier war scheinbar an den Gesandten, den man noch auf seinem Posten glaubte, als Ueberbringer von Depeschen abgeschickt, und die französische Uniform, die er trug, schien Respect in einem Lande einflößen zu müssen, welches, wie man wußte, im Herzen feindlich gesinnt war, aber wenigstens aus Furcht den Schein einer Freundschaft aufrecht zu erhalten suchen mußte, welche ihm in Ermangelung seiner Sympathie ein kürzlich geschlossener Friedenstractat auferlegte.

Die erste Conferenz des Abgesandten sollte mit den neapolitanischen Patrioten stattfinden, die er sich wohl hüten mußte zu compromittieren, denn wenn auch er durch seine Uniform und durch seine Eigenschaft als Franzose geschützt ward, so wurden doch sie selbst durch nichts geschützt, und das Beispiel Emanuels de Deo, Galinianis und Vitalianos, die auf den bloßen Verdacht eines Einverständnisses mit den französischen Republikanern hin gehängt wurden, bewies, daß die neapolitanische Regierung nur auf die Gelegenheit wartete, um die äußerste Strenge zu entwickeln und daß sie diese Gelegenheit, wenn sich dieselbe darböte, nicht versäumen würde.

Nachdem die Conferenz beendet wäre, sollte sie in allen ihren Einzelheiten dem französischen Gesandten mitgetheilt werden und ihm zur Richtschnur seines Benehmens gegen einen Hof dienen, dessen Treulosigkeit mit Recht in der Neuzeit denselben Ruf gewonnen wie die karthaginiensische Treue im Alterthum.

Wir haben gesagt, mit welchem Eifer ein Jeder dem jungen Officier entgegengeeilt war, und man kann sich denken, welchen Eindruck auf die empfängliche Organisation dieser Männer des Südens diese kaltblütige Tapferkeit machen mußte, welche die Gefahr schon vergessen zu haben schien, als diese kaum erst entschwunden war.

Wie begierig die Verschworenen auch sein mochten, die Neuigkeiten zu erfahren, deren Ueberbringer er war, so verlangten sie doch, daß er vor allen Dingen von Nicolind Caracciolo, der von derselben Körpergröße und Stärke war wie er und dessen Haus in der Nähe des Palastes der Königin Johanna stand,2 einen vollständigen Anzug annehme und diesen gegen seinen vom Seewasser durchnäßten zu vertausche, welcher in Verbindung mit der Frische des Ortes, an welchem man sich befand, für die Gesundheit des Gescheiterten ernste Uebelstände zur Folge haben konnte.

Trotz aller Einwendungen, die er dagegen erhob, mußte er doch nachgeben.

Er blieb demgemäß allein mit seinem Freund Hector Caraffa, der durchaus die Stelle eines Kammerdieners bei ihm vertreten wollte.

Als Cirillo, Manthonnet, Schipani und Nicolino wieder eintraten, fanden sie den strengen republikanischen Officier in einen eleganten Stutzer verwandelt, denn Nicolino Caracciolo gehörte, eben so wie sein Bruder der Herzog von Rocca Romana, zur Zahl der jungen Herren, welche in Neapel die Mode angaben.

Als unser Held die Männer, welche sich auf einen Augenblick entfernt, wieder eintreten sah, ging er seinerseits ihnen entgegen und sagte in vortrefflichem Italienisch:

»Meine Herren, mit Ausnahme meines Freundes Hector Caraffa, welcher die Güte gehabt hat, sich für mich zu verbürgen, kennt mich hier Niemand, während ich im Gegentheile Sie alle als gelehrte Männer oder als erprobte Patrioten kenne. Ihre Namen sind zugleich die Geschichte Ihres Lebens und berechtigen Sie zu dem Vertrauen Ihrer Mitbürger. Mein Name dagegen ist Ihnen unbekannt und Sie wissen von mir wie Caraffa und durch Caraffa blos einige muthige Thaten, welche ich mit den bescheidensten und unbekanntesten Soldaten der französischen Armee gemeinsam habe. Wenn man aber im Begriffe steht, für eine und dieselbe Sache zu kämpfen, für eine und dieselbe Idee sein Leben aufs Spiel zu setzen, ja vielleicht auf einem und demselben Blutgerüste zu sterben, so ist die Pflicht eines redlichen Mannes, sich kennen zu lernen und kein Geheimniß für diejenigen zu haben, die keines für ihn haben. Ich bin Italiener wie Sie, meine Herren, ich bin Neapolitaner wie Sie, nur mit dem Unterschiede, daß Sie zu verschiedenen Epochen Ihres Lebens geächtet und verfolgt worden sind, während ich schon vor meiner Geburt geächtet ward.«

Das Wort »Bruder!« entrang sich Aller Munde, die Hände Aller streckten sich den beiden offenen Händen des jungen Mannes entgegen.

»Die Geschichte meines Lebens oder vielmehr meiner Familie ist eine sehr traurige,« fuhr er fort, indem eine Augen ins Weite hinausblickten, als ob er ein für Alle außer für ihn selbst unsichtbares Phantom suchte. »Sie wird hoffentlich für Sie ein neuer Antrieb sein, die verhaßte Regierung zu stürzen, welche auf unserem Vaterlande lastet.«

Er schwieg einen Augenblick und fuhr dann fort:

»Meine ersten Erinnerungen datieren aus Frankreich. Mein Vater und ich, wir bewohnten ein kleines Landhaus, welches ganz allein mitten in einem großen Walde stand. Wir hatten blos einen Diener; wir empfingen Niemandes Besuch; ich entsinne mich nicht einmal mehr des Namens dieses Waldes.

»Oft, am Tage sowohl, als in der Nacht ward mein Vater abgeholt. Er stieg dann zu Pferde, nahm seine chirurgischen Instrumente mit und folgte der Person, welche ihn abrief. Dann erschien er zwei, vier, sechs Stunden, zuweilen erst am nächsten Tage wieder, ohne zu sagen, wo er gewesen war. Erst später erfuhr ich, daß mein Vater Wundarzt war und daß er sich so oft entfernte, um Dienste zu leisten, für welche er niemals Bezahlung annahm.

»Er allein beschäftigte sich mit meiner Erziehung, doch muß ich sagen, daß er mehr auf die Entwicklung meiner körperlichen Kraft und Gewandtheit bedacht war, als auf die meines Geistes.

»Er lehrte mich indessen lesen und schreiben und unterrichtete mich dann in der lateinischen und griechischen Sprache. Wir redeten bald italienisch, bald französisch. Die ganze Zeit, die uns nach diesen verschiedenen Lectionen übrig blieb, ward den Uebungen des Körpers gewidmet.

»Diese bestanden in Reiten, Fechten und Schießen mit Büchse und Pistole.

»Mit zehn Jahren war ich ein vortrefflicher Reiter, eine Schwalbe im Fluge verfehlte ich selten und traf mit meinen Pistolen ein an einem Faden hin- und herbaumelndes Ei fast auf jeden Schuß.

»Ich hatte soeben mein zehntes Jahr zurückgelegt, als wir nach England abreisten. Dort blieb ich zwei Jahre. Während dieser zwei Jahre ward ich im Englischen durch einen Lehrer unterrichtet, den wir ins Haus nahmen und der bei uns aß und schlief. Nach Verlauf von zwei Jahren sprach ich das Englische eben so geläufig wie das Französische und Italienische.

»Ich war etwas über zwölf Jahre alt, als wir England verließen, um nach Deutschland zu reisen. In Sachsen blieben wir. Auf dieselbe Weise, wie ich die englische Sprache gelernt, lernte ich auch die deutsche und nach Verlauf von weiteren zwei Jahren war mir diese letztere Sprache eben so geläufig wie die drei andern.

»Während dieser vier Jahre hatte ich auch meine physischen Studien fortgesetzt. Ich war ein vortrefflicher Reiter, ein Fechter ersten Ranges und hätte dem besten Tiroler Jäger den Preis als Schütze streitig machen können.

»Nie hatte ich meinen Vater gefragt, warum er mich alle diese Studien machen ließ. Ich fand Vergnügen daran und da mein Geschmack mit seinem Willen übereinstimmte, so hatte ich Fortschritte gemacht, die mich selbst angenehm beschäftigten, während sie zugleich ihm zufriedenstellten.

»Uebrigens aber war ich bis jetzt in der Welt umhergewandert, ohne dieselbe eigentlich zu sehen. Ich hatte in drei Ländern gewohnt, ohne sie kennen zu lernen. Mit den Helden des alten Griechenland und des alten Rom war ich genau bekannt, von meinen Zeitgenossen dagegen wußte ich nichts.

»Ich kannte weiter Niemanden als meinen Vater. Mein Vater war mein Gott, mein König, mein Meister, meine Religion. Mein Vater befahl, ich gehorchte. Meine Erkenntnisse und mein Wille kamen von ihm. Von Recht und Unrecht hatte ich für mich selbst nur sehr schwankende Begriffe.

»Ich zählte fünfzehn Jahre, als mein Vater eines Tages zu mir sagte, wie er schon früher zweimal gesagt hatte: »Wir reisen ab.« Es fiel mir nicht einmal ein, ihn zu fragen:

»Wo reisen wir hin?«

»Wir passierten Preußen, den Rheingau, die Schweiz, wir überstiegen die Alpen. Ich hatte erst deutsch, dann französisch gesprochen; plötzlich, als wir am Gestade eines großen Sees anlangten, hörte ich eine neue Sprache reden. Es war die italienische. Ich erkannte meine Muttersprache und zitterte vor Freuden.

»In Genua schifften wir uns ein und in Neapel stiegen wir ans Land. In Neapel hielten wir uns einige Tage auf. Mein Vater kaufte zwei Pferde und schien bei der Wahl derselben mit großer Aufmerksamkeit zu Werke zu gehen.

»Eines Tages kamen zwei herrliche Thiere, Bastarde von der englischen und arabischen Race, in den Stall. Ich versuchte das, welches für mich bestimmt war, und war ganz stolz, Herr eines solchen Thieres zu sein.

»Eines Abends brachen wir von Neapel auf und ritten einen Theil der Nacht hindurch. Gegen zwei Uhr des Morgens langten wir in einem kleinen Dorf an, wo wir Halt machten.

»Hier ruhten wir aus bis um sieben Uhr Morgens.

»Um sieben Uhr frühstückten wir. Ehe wir wieder aufbrachen, sagte mein Vater zu mir: »Salvato, lade deine Pistolen.«

»Dieselben sind schon geladen, mein Vater,« antwortete ich.

»Dann schieße sie ab und lade sie sorgfältig von Neuem, damit sie nicht versagen. Du wirst Dich heute ihrer bedienen müssen.«

»Ich wollte die Pistolen in die Luft abfeuern, ohne weiter etwas zu bemerken, wie ich überhaupt den Befehlen meines Vaters stets blindlings gehorchte. Mein Vater fiel mir jedoch in den Arm.

»Hast Du immer noch eine sichere Hand?« fragte er mich.

»Wünschest Du es zu sehen?«

»Ja.«

»Ein Nußbaum mit glatter Rinde beschattete die andere Seite des Weges. Ich schoß eine meiner Pistolen in den Baum hin ab und doublierte mit der zweiten Kugel die erste so genau, daß mein Vater anfangs glaubte, ich hätte den Baum gefehlt.

»Er stieg vom Pferde und überzeugte sich mit der Spitze eines Messers, daß die beiden Kugeln sich in einem und demselben Loche befanden.

»Gut,« sagte er zu mir. »Jetzt lade deine Pistolen wieder.«

»Es ist bereits geschehen.«

»Nun, dann wollen wir weiterreiten.«

»Ich steckte meine Pistolen in die Holftern und bemerkte, daß mein Vater die seinigen mit frischem Zündkraut versah.

»Gegen elf Uhr Morgens erreichten wir eine Stadt, in welcher sich eine bedeutende Menschenmenge bewegte. Es war Markttag und die Landleute der Umgegend strömten in Massen herbei.

»Wir ließen unsere Pferde im Schritt gehen und erreichten den Platz. Während des ganzen Weges hatte mein Vater sich stumm verhalten. Ich hatte mich darüber weiter nicht gewundert, denn er sprach oft mehrere Tage hinter einander kein Wort.

»Als wir auf dem Marktplatze anlangten, machten wir Halt. Mein Vater hob sich in den Bügeln und ließ die Augen in allen Richtungen umherschweifen.

»Vor einem Café stand eine Gruppe Männer, die besser gekleidet waren als die Andern. In der Mitte dieser Gruppe sprach eine Art Landedelmann von insolentem Aeußern laut, gesticulierte mit einer Reitgerte, die er in der Hand hielt, und machte es sich zum Vergnügen, damit ohne Unterschied auf die Menschen und die Thiere loszuschlagen, welche nahe genug an ihm vorüberkamen.

»Mein Vater berührte mich am Arme. Ich drehte mich nach ihm herum. Er war sehr bleich.

»Was ist Dir, mein Vater?« fragte ich ihn.

»Nichts, « antwortete er. »Siehst Du dort diesen Mann?«

»Welchen?«

»Den mit dem rothen Haar.«

»Ja, ich sehe ihn.«

»Ich werde mich ihm nähern und ihm einige Worte sagen. Wenn ich die Finger zum Himmel emporhebe, wirst Du Feuer geben und ihn mitten in die Stirn schießen. Hört Du wohl? Gerade mitten in die Stirn. – Mach deine Pistole fertig.«

»Ohne zu antworten, zog ich meine Pistole aus der Holfter. Mein Vater näherte sich dem Manne und sagte einige Worte zu ihm. Der Mann ward bleich. Mein Vater sah mich an und richtete den Zeigefinger gegen Himmel.

»Ich gab Feuer, die Kugel traf den Mann mit dem rothen Haar mitten in die Stirn. Er stürzte todt nieder.

»Es erhob sich ein großer Tumult und man wollte uns den Weg versperren; mein Vater aber erhob die Stimme:

»Ich bin Joseph Maggio Palmieri,« sagte er, »und dieser hier,« fügte er hinzu, indem er mit dem Finger auf mich zeigte, »ist der Sohn der Todten!«

»Die Menge öffnete sich vor uns und wir ritten zur Stadt hinaus, ohne daß es Jemanden eingefallen wäre, uns aufzuhalten, oder uns zu verfolgen.

»Sobald wir jedoch einmal aus der Stadt hinaus waren, setzten wir unsere Pferde in Galopp und machten nicht eher Halt, als bis wir das Kloster des Monte Caffino erreicht hatten.

»Am Abend erzählte mein Vater mir die Geschichte, die ich nun Ihnen erzählen will.«

Achtes Capitel.
Das Asylrecht

Der erste Theil der Geschichte, welche der junge Mann so eben erzählt, war seinen Zuhörern so seltsam erschienen, daß sie aufmerksam, stumm und ohne ihn zu unterbrechen zugehört hatten. Ueberdies konnte er aus dem Schweigen, welches sie während der augenblicklichen Pause, die er machte, zu beobachten fortfuhren, das Interesse, welches sie an seiner Erzählung fanden, und den Wunsch abnehmen, das Ende oder vielmehr den Anfang derselben zu hören.

Er zögerte auch nicht seine Erzählung wieder aufzunehmen.

»Unsere Familie,« fuhr er fort, »bewohnte seit undenklichen Zeiten die Stadt Larino in der Provinz Molisa. Ihr Name war Maggio Palmieri. Mein Vater Giuseppe Maggio Palmieri oder vielmehr Giuseppe Palmieri, wie man ihn gewöhnlicher nannte, beendete gegen das Jahr 1778 eine Studien auf der chirurgischen Schule zu Neapel.«

»Ich habe ihn gekannt,« bemerkte Domenico Cirillo. »Er war ein wackerer und redlicher junger Mann und einige Jahr jünger als ich. Gegen 1771 kehrte er in seine Provinz zurück. Es war dies um dieselbe Zeit, wo ich zum Professor ernannt ward. Nach Verlauf einiger Zeit hörten wir, er habe sich in Folge eines Zwistes mit seinem Gutsherrn, eines Zwistes, bei welchem Blut geflossen, genöthigt gesehen, das Land zu verlassen.«

»Seien Sie gesegnet und geehrt,« sagte Salvato, sich verneigend, »Sie, der Sie meinen Vater gekannt und ihm vor seinem Sohn Gerechtigkeit widerfahren lassen.«

»Erzählen Sie weiter, erzählen Sie weiter, sagte Cirillo. »Wir hören Sie.«

»Ja, erzählen Sie weiter!« wiederholten die andern Geschworenen wie aus einem Munde.

»Also gegen das Jahr 1771, wie so eben gesagt worden, verließ Giuseppe Palmieri, mit dem Doctordiplom versehen, Neapel. Er stand bereits im Rufe großer Geschicklichkeit, welche mehrere schwierige, von ihm mit großem Glück ausgeführte Curen außer allen Zweifel stellten.

»Er liebte ein junges Mädchen in Larino. Dieselbe hieß Louisa Angiolina Ferri. Schon vor ihrer zeitweiligen Trennung verlobt, hatten die Liebenden einander drei Jahre lang unverbrüchliche Treue bewahrt und ihre Vermählung sollte das Hauptfest der Rückkehr sein.

»Während der Abwesenheit meines Vaters war jedoch ein Ereigniß geschehen, welches ein Unglück zu nennen war. Der Graf von Molisa hatte sich in Angiolina Ferri verliebt. Sie, die Sie dieses Land bewohnen, wissen besser als ich, was für Menschen unsere Edelleute in der Provinz sind und wie es mit den Rechten steht, welche sie von ihrer Feudalgewalt herleiten. Eines dieser Rechte war auch das, daß sie ihren Gutsumterthanen die Erlaubniß, sich zu verheiraten, je nach ihrem Gutdünken gewähren oder versagen konnten.

»Weder Giuseppe Palmieri noch Angiolina Ferri waren aber Unterthanen des Grafen von Molisa. Beide waren frei geboren und unabhängig, ja noch mehr, mein Vater konnte sich in Folge seines Vermögens fast als dem Grafen ebenbürtig betrachten.

»Dieser hatte Alles – Drohungen eben so wie Versprechungen – aufgeboten, um von Angiolina auch nur einen Blick zu erlangen. Alles war an einer Keuschheit gescheitert, deren Symbol der Name des jungen Mädchens zu sein schien.

»Der Graf gab ein großes Fest und lud sie mit zu demselben ein. Während dieses Festes, welches nicht blos in dem Schloß, sondern auch in den Gärten des Grafen statt finden sollte, wollte sein Bruder, der Baron Bongano, Angiolina entführen und fiel auf das andere Ufer des Tortore in das Schloß Tragonara bringen.

»Angiolina, die wie alle Damen von Larino eingeladen worden, schützte eine Unpäßlichkeit vor, um dem Feste nicht beiwohnen zu müssen, am nächstfolgenden Tage schickte der Graf von Molisa, der nun alle Selbstbeherrschung verlor, seine Campieri ab, um die junge Dame mit Gewalt entführen zu lassen.

»Angiolina hatte, während die Leute des Grafen die Hausthür aufsprengten, nur eben noch Zeit, durch die Gartenthür in den bischöflichen Palast zu fliehen, einen Ort, der an und für sich schon und durch die Nähe der Kathedrale doppelt geheiligt war.

»Aus diesem Grunde genoß er das Asylrecht.

»Auf diesem Punkte waren die Dinge angelangt, als Giuseppe Palmieri nach Larino zurückkam.

»Der bischöfliche Stuhl war damals zufällig erledigt. Ein Vicar vertrat die Stelle des Bischofs. Giuseppe Palmieri begab sich zu diesem Vicar, einem alten Freunde seiner Familie, und die Vermählung ward heimlich in der Capelle des bischöflichen Palastes vollzogen.

»Der Graf von Molisa erfuhr, was geschehen war, trotz seiner Wuth aber respektierte er die Vorrechte des Ortes. Dabei aber umstellte er den ganzen Palast mit Bewaffneten, welche beauftragt waren, alle Einpassirenden, ganz besonders aber alle Auspassierenden genau zu überwachen.

»Mein Vater wußte recht wohl, daß diese Bewaffneten ganz besonders seinetwegen dastanden, und daß für seine Gattin die Ehre, für ihn aber das Leben auf dem Spiele stand.

»Auf ein Verbrechen kommt es unseren Edelleuten nicht an. Der Straflosigkeit sicher, hatte der Graf von Molisa schon seit langer Zeit aufgehört, ein Register über die Meuchelmorde zu führen, welche er selbst verübt, oder durch seine Sbirren hatte verüben lassen.

»Die Leute des Grafen hielten gut Wache. Man sagte, daß Angiolina lebend mit zehntausend und mein Vater todt mit fünftausend Ducaten bezahlt werden würde.

»Mein Vater blieb eine Zeit lang in dem bischöflichen Palast versteckt; unglücklicherweise aber war er nicht der Mann, der einen solchen Zwang lange ertragen konnte. Seiner Gefangenschaft überdrüssig, beschloß er eines Tages seinem Verfolger den Garaus zu machen.

»Nun hatte der Graf von Molisa die Gewohnheit, alle Tage eine oder zwei Stunden vor dem Ave Maria seinen Palast zu Wagen zu verlassen und eine Spazierfahrt bis an das Capuzinerkloster zu machen, welches ungefähr zwei Meilen von der Stadt entfernt war. Hier angelangt, befahl der Graf seinem Kutscher allemal, wieder nach dem Palast zurückzufahren; der Kutscher lenkte um und es ging dann in kurzem Trabe, beinahe im Schritt, nach der Stadt zurück.

»Auf der Mitte des Weges von Larino nach dem Kloster befindet sich der Brunnen des heiligen Pardo, des Schutzpatrones dieser Gegend, und hie und da um den Brunnen herum gibt es Strauchwerk und Hecken.

»Giuseppe Palmieri verließ den bischöflichen Palast in Mönchskleidung und täuschte die Wachsamkeit aller ihm auflauernden Verfolger.

»Unter seiner Kutte hielt er ein paar Degen und ein paar Pistolen verborgen.

»An dem Brunnen des heiligen Pardo angelangt, fand er den Ort günstig gelegen. Er machte Halt und versteckte sich hinter einer Hecke.

»Der Wagen des Grafen kam vorüber. Er ließ ihn fahren. Es war noch eine Stunde Tag.

»Eine halbe Stunde später hörte er das Rollen des zurückkommenden Wagens. Nun warf er sein Mönchsgewand ab und stand in seinen gewöhnlichen Kleidern da.

»Der Wagen näherte sich. Mit der einen Hand faßte Giuseppe Palmieri die entblößten Degen, mit der andern die gespannten Pistolen und stellte sich mitten auf die Straße.

»Als der Kutscher diesen Mann, von dem er schlimme Absichten vermuthete, erblickte, lenkte er die Pferde ein wenig seitwärts, mein Vater aber brauchte nur eine kleine Bewegung zu machen, um sich den Pferden gegenüber zu befinden.

»Wer bist Du und was willst Du?« fragte der Graf indem er sich in seinem Wagen erhob.

»Ich bin Giuseppe Maggio Palmieri,« antwortete ihm mein Vater, »ich will dein Leben.«

»Versetze diesem Schurken einen Peitschenhieb über das Gesicht und fahr zu!« sagte der Graf zu einem Kutscher.

Dann warf er sich wieder in seinen Wagen zurück.

»Der Kutscher hob die Peitsche, ehe dieselbe aber niederfallen konnte, drückte mein Vater eines seiner Pistolen auf ihn ab. Der Kutscher stürzte von seinem Sitz zur Erde herab.

»Die Pferde blieben unbeweglich stehen. Mein Vater trat an den Wagen und öffnete den Schlag.

»Ich komme nicht hierher, um Dich zu ermorden, obschon ich das Recht dazu hätte, weil ich mich im Fall gerechter Nothwehr befinde, sondern um mich ehrlich mit Dir zu schlagen, sagte er zu dem Grafen. »Wähle!! hier sind zwei Degen von gleicher Länge, hier sind auch zwei Pistolen. Von diesen beiden Pistolen ist blos noch eine geladen. Es wäre dies ein wahrhaftes Gottesurtheil.«

»Und mit einer Hand bot er ihm die beiden Degengriffe, mit der andern die beiden Pistolenholftern.

»Mit einem Untergebenen schlägt man sich nicht, sagte der Graf. »Man prügelt ihn einfach durch.«

»Und einen Stock hebend, schlug er meinen Vater ins Gesicht. Mein Vater ergriff die noch geladene Pistole und schoß dem Grafen die Kugel durchs Herz.

»Der Graf zuckte kein Glied und stieß keinen Laut aus. Er war todt.

»Mein Vater legte ein Mönchsgewand wieder an, steckte seine Degen in die Scheide, lud seine Pistolen wieder und kehrte ebenso unbemerkt in den bischöflichen Palast zurück, als wie er denselben verlassen.

»Was die Pferde betraf, so setzten sie sich, als sie sich frei fühlten, von selbst wieder in Bewegung, und da sie den Weg, den sie täglich zweimal zurücklegten, ganz genau kannten, so kehrten sie nach dem Palast des Grafen zurück. Seltsamerweise aber setzten sie, anstatt vor der hölzernen Brücke stehen zu bleiben, welche nach dem Thor des Schlosses führte, als ob sie gewußt hätten, daß jetzt nicht mehr ein Lebender, sondern ein Todter im Wagen saß, ihren Weg weiter fort und blieben erst an der Schwelle einer kleinen Kirche stehen, die unter dem Schutze des heiligen Franciscus stand und in welcher der Graf, wie er wiederholt gesagt, begraben zu sein wünschte.

»In der That ließ auch die Familie des Grafen, welche diesen Wunsch kannte, seine Leiche in dieser Kirche bestatten und errichtete ihm ein Grabmal.

»Dieser Vorfall machte großes Aufsehen. Der zwischen meinem Vater und dem Grafen bestandene Zwist war allgemein bekannt, und es versteht sich von selbst, daß mein Vater alle Sympathien für sich hatte. Niemand zweifelte, daß er der Urheber des Mordes sei, und als ob er selbst wünschte, daß man nicht daran zweifle, hatte er der Witwe des Kutschers eine Summe von zehntausend Francs zustellen lassen.

»Der jüngere Bruder des Grafen erbte das ganze Vermögen, erklärte sich aber auch gleichzeitig zum Erben seiner Rache. Er war es, welcher Angiolina entführen helfen gewollt. Er war ein Elender, der mit einundzwanzig Jahren schon drei oder vier Mordthaten begangen. Was die von ihm außerdem verübten Gewaltthaten betraf, so waren dieselben gar nicht zu zählen.

»Er schwur, daß dieser Schuldige ihm nicht entrinnen solle, verdoppelte die Zahl der Wächter, welche den bischöflichen Palast umringt hielten, und übernahm selbst das Commando derselben.

»Maggio Palmieri fuhr fort sich in dem bischöflichen Palast verborgen zu halten. Seine Familie und die seiner Gattin brachten ihnen Alles, was sie an Lebensmitteln und Kleidungsstücken brauchten.

»Angiolina war im fünften Monat schwanger. Die beiden jungen Ehegatten lebten nur sich und ihrer Liebe und waren so glücklich, als man es ohne die Freiheit sein kann.

»So vergingen zwei Monate. Der 26. Mai war da, der Tag, wo man in Larino das Fest des heiligen Pardo feiert, welcher, wie ich schon bemerkt habe, der Schutzpatron dieser Stadt ist.

»An diesem Tage findet eine große Prozession statt. Die Besitzer von Meiereien schmücken ihre Wagen mit Draperien, Guirlanden, Kränzen und Fähnchen von allen Farben, und bespannen sie mit Stieren, deren Hörner vergoldet und die mit Blumen und Bändern bedeckt sind.

»Diesen Wagen folgt die Prozession, welche, von der ganzen Bevölkerung von Larino und den umliegenden Dörfern begleitet und das Lob des Heiligen singend, die Büste desselben durch die Straßen trägt.

»Nun mußte diese Prozession, um in die Kathedrale zu gelangen, oder um dieselbe zu verlassen, an dem bischöflichen Palast vorbei, welcher den beiden jungen Leuten zur Freistätte diente.

»In dem Augenblick, wo die Prozession und das Volk, auf dem großen Platze der Stadt Halt machend, singend den Wagen umtanzte, näherte Angiolina, an den Gottesfrieden glaubend, sich dem Fenster – eine Unklugheit, vor welcher ihr Gatte sie doch wohlmeinend gewarnt hatte.

»Das Unglück wollte, daß der Bruder des Grafen diesem Fenster gerade gegenüber auf dem Marktplatze stand. Er erkannte Angiolina durch die Fensterscheibe hindurch, entriß einem Soldaten das Gewehr, legte an und gab Feuer.

»Angiolina stieß nur einen Schrei aus und sprach nur zwei Worte: »Mein Kind!«

»Bei dem Knall des Schusses, bei dem Klirren des zersplitterten Fensters, bei dem durch seine Gattin ausgestoßenen Ruf eilte Giuseppe Palmieri eben noch früh genug herbei, um sie in seinen Armen aufzufangen.

»Die Kugel hatte Angiolina gerade mitten in die Stirn getroffen.

»Außer sich vor Schmerz faßte ihr Gatte sie in seine Arme, trug sie auf ihr Bett, neigte sich über sie, und bedeckte sie mit Küssen. Alles aber war umsonst. Sie war todt.

»Bei dieser schmerzlichen letzten Umarmung aber fühlte er plötzlich das Kind, welches im Schoße der Todten zuckte.

»Er stieß einen Schrei aus, ein Blitz durchzuckte ein Gehirn und er ließ seinerseits seinem Herzen die beiden Worte entschlüpfen:

»Mein Kind!«

»Die Mutter war todt, aber das Kind lebte. Das Kind konnte gerettet werden.

»Mit gewaltiger Selbstbeherrschung trocknete er sich den Schweiß, der auf seiner Stirn perlte, und die Thränen, welche seinen Augen entrannen. Dann murmelte er mit sich selbst sprechend: »Sei ein Mann!« Hierauf nahm er sein Besteck, öffnete es, wählte das schärfte seiner Instrumente und entriß, das Leben aus dem Schooße des Todes ziehend, das Kind den zerrissenen Eingeweiden der Mutter.

»Dann legte er es noch mit Blut bedeckt in ein Tuch, welches er mit den vier Zipfeln zusammenknüpfte, nahm das Tuch zwischen die Zähne, eine Pistole in jede Faust, und sprang, selbst mit Blutüberströmt, mit bis an die Ellbogen gerötheten Armen und mit dem Blick den Platz messend, den er zu überschreiten, und die Zahl der Feinde berechnend, die er zu bekämpfen hatte, die Stufen hinab, öffnete das Thor des bischöflichen Palastes und stürzte sich mit gesenktem Haupte mitten unter das Menschengewimmel, indem er zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurchschrie:

»Platz für den Sohn der Todten!«

»Zwei Bewaffnete wollten ihn aufhalten; er schoß sie beide nieder. Ein dritter versuchte ihm den Weg zu versperren; er streckte ihn durch einen Schlag mit der Kolbe seiner Pistole zu seinen Füßen nieder. Er rannte über den Platz trotz des Feuers der Wächter und ohne daß eine ihrer Kugeln ihn getroffen hätte, erreichte einen Wald, durchschwamm den Biferno, sah auf einer Wiese ein ohne Aufsicht weidendes Pferd, schwang sich auf den Rücken desselben, erreichte Manfredonia, ging an Bord eines dalmatischen Fahrzeuges, welches eben den Anker lichtete, und erreichte Triest.

»Das Kind war ich. Das Uebrige des Abenteuers kennen Sie bereits. Sie wissen, wie fünfzehn Jahre später der Sohn der Todten seine Mutter rächte.

»Und nun,« setzte der junge Mann hinzu, »nun, wo ich Ihnen meine Geschichte erzählt habe, nun, wo Sie mich kennen, beschäftigen wir uns mit dem, was ich zu thun gekommen bin. Es bleibt mir noch eine zweite Mutter zu rächen – das Vaterland!«

Neuntes Capitel.
Die Wahrsagerin

Zum Verständnisse der Thatsachen, welche wir hier erzählen und besonders um der Harmonie willen, welche diese Thatsachen gegenseitig bewahren müssen, ist es nöthig, daß unsere Leser einen Augenblick den politischen Theil dieses Werkes, dem wir zu unserm großen Bedauern keinen geringern Umfang zu geben vermocht, verlassen, um mit uns eine Excursion in die malerischen Partien zu unternehmen, welche sich auf solche Weise daran knüpfen, daß wir die eine nicht von der andern trennen können.

Demzufolge gehen wir, wenn unser Leser uns wieder zum Führer nehmen will, wieder über das Brett, welches Nicolino Caracciolo in seinem Eifer, das Seil herbeizuschaffen, welches so viel zur Rettung des Helden unserer Geschichte – denn wir wollen nicht länger verschweigen, daß es die Rolle ist, welche wir ihm bestimmt – beigetragen, von seinem doppelten Stützpunkte wegzunehmen vergessen.

Nachdem wir das Brett passiert, steigen wir die Böschung hinab, gehen zu derselben Thür hinaus, welche uns Einlaß gewährt, und den Abhang des Pausilippo hinunter, bis wir, nachdem wir an dem Grabmale Sannazar's und an dem Landhause des Königs Ferdinand vorbei sind, mitten in Mergellina zwischen dem ebengedachten Gebäude und dem sogenannten Löwenbrunnen vor einem Hause Halt machen, welches in Neapel gewöhnlich das Palmenhaus genannt wird, weil in dem Garten desselben ein stattliches Exemplar dieser Familie eine Kuppel von mit goldenen Früchten geschmückten Orangenbäumen um zwei Drittheile seiner Höhe überragt.

Nachdem wir dieses Haus erreicht, welches wir der Neugier unserer Leser so genau bezeichnet, um nicht die zu erzürnen, welche vielleicht mit einer kleinen Thür zu schaffen haben könnten, die in der Mauer angebracht ist und sich gerade dem Punkte gegenüber befindet, wo wir stehen geblieben sind, verlassen wir die Straße, gehen längs der Gartenmauer hin und erreichen einen Abhang, von welchem wir, wenn wir uns auf die Fußspitzen stellen, vielleicht einige der Geheimnisse erspähen können, welche diese Mauern in sich schließen.

Und es müssen reizende Geheimnisse sein, welchen unsere Leser nicht umhin können ihre ganze Sympathie zuzuwenden, sobald sie nur die Person gesehen, welche uns diese Geheimmisse kennen lehren soll.

Trotz des immer noch rollenden Donners, trotz der leuchtenden Blitze, trotz des heulenden Sturmes, welch die Orangenbäume schüttelt, deren Früchte, sich von ihren Zweigen ablösend, wie ein goldener Regen herabfallen und die Palme hin- und herdreht, deren lange, breite Blätter aufgelösten Haarflechten gleichen, erscheint nämlich eine junge Frauengestalt von zwei- bis dreiundzwanzig Jahre in einem battistenen Pudermantel und mit einem über den Kopf geworfenen Spitzenschleier von Zeit zu Zeit auf eine steinernen Rampe, welche aus dem Garten nach dem erste Stockwerke führt, wo, nach einem Lichtstrahle zu urtheilen der jedes Mal, wo die Thür sich öffnet, sichtbar wird, die Wohngemächer sich zu befinden scheinen.

Diese Erscheinungen sind nicht von langer Dauer, den jedesmal, wenn die Dame erscheint, oder ein Blitz zuckt oder ein Donnerschlag kracht, stößt sie einen leichten Schrei aus, macht das Zeichen des Kreuzes und geht wieder hin ein, indem sie die Hand auf die Brust drückt, wie um da heftige Schlagen ihres Herzens zu beschwichtigen.

Wer sie so, trotz der Furcht, welche ihr der Aufruhr der Elemente einzujagen scheint, so von fünf zu fünf Minuten hartnäckig diese Thür öffnen sähe, welche sie jedes mal mit Zögern öffnet und erschrocken wieder schließt, würde darauf wetten wollen, daß diese ganze Ungeduld und Aufregung eine unruhige oder eifersüchtige Liebende verrathe welche den Gegenstand ihrer Neigung erwartet oder belauert.

Dennoch aber würde man sich, wenn man dies glaubt vollständig täuschen. Keine Leidenschaft hat bis jetzt die Oberfläche dieses Herzens, eines wahrhaften Spiegels der Keuschheit, getrübt und in dieser Seele, wo alle sinnlich und feurigen Gefühle noch schlummern, wacht blos kindische Neugier. Nur diese ist es, welche, die Macht einer jener bis jetzt unbekannten Leidenschaften entlehnend, all diese Unruhe und Aufregung verursacht.

Ihr Milchbruder, der Sohn ihrer Amme, ein Lazzarone der Marinella, hat auf ihr dringendes Bitten versprochen, ihr eine alte Albaneserin zuzuführen, deren Prophezeiungen für untrüglich gelten.

Diese alte Wahrsagerin gehört einer Familie an, welche schon bei dem Tode Skanderbegs des Großen, das ißt im Jahre 1467, die ursprüngliche Heimat mit den Gebirgen Calabriens vertauscht und seit dieser Zeit ihre vermeinte Sehergabe von Generation zu Generation vererbt hat.

Was die junge Dame, welche die Wahrsagerin erwartet, betrifft, so empfindet sie gleichzeitig Furcht, während die Zukunft zu kennen wünscht, welcher sie bis jetzt blos mit seltsamen Ahnungen entgegensieht.

Ihr Milchbruder hatte ihr versprochen, ihr noch diesen Abend um Mitternacht, zu der kabbalistischen Stunde, die Person zuzuführen, welche – während ihr Gemahl bis um zwei Uhr Morgens den Festlichkeiten des Hofes beiwohnen muß – ihr die räthelhaften Geheimnisse jener Zukunft offenbaren kann, die Licht und Schatten für ihre Träume ist.

Sie erwartete also ganz einfach den Lazzarone Michele, der Narr genannt, und die Wahrsagerin Nanno.

»Uebrigens werden wir bald sehen, ob man uns getäuscht hat.

Drei regelmäßig auf einander folgende Schläge haben sich an der kleinen Thür des Gartens in dem Augenblick vernehmen lassen, wo aus den braunen Wolken große, schwer Regentropfen herabzufallen beginnen.

Auf das Geräusch dieser Schläge schwebt etwas, was einer Gazewolke gleicht, an dem Geländer der Rampe hin die Gartenthür öffnet sich, läßt zwei Personen eintreten um schließt sich dann wieder hinter ihnen.

Eine dieser Personen ist ein Mann, die andere ein Frau.

Der Mann trägt leinene Hosen, die rothwollene Mütze und den Fischerkittel der Marinella.

Die Frau hat sich in einen großen schwarzen Mantel gehüllt, auf dessen Schultern, wenn es hell genug wäre einige von einer vormaligen Stickerei zurückgebliebene verblichene Goldfäden schimmern würden.

Von dem übrigen Costüm der Frau sieht man nicht und nur ihre beiden Augen leuchten aus dem Schatten her vor, den die ihren Kopf bedeckende Capuze über das Gesich wirft.

Beim Durchschreiten des Raumes, welcher die Thür von den ersten Stufen der Rampe trennt, hat die jung Frau dem Lazzarone zugeflüstert:

»Du hast ihr doch nicht gesagt, Michele, wer ich bin, nicht wahr, nicht?«

»Nein, liebe Schwester, bei der Madonna, sie kennt nicht einmal den Anfangsbuchstaben deines Namens.«

Oben auf der Rampe angelangt, trat die junge Frau zuerst ein. Der Lazzarone und die Wahrsagerin folgten ihr.

Als sie das erste Zimmer durchschritten, konnte man den Kopf einer jungen Zofe sehen, welche einen Tapetenvorhang aufhob und mit neugierigem Blick ihrer Gebieterin und den seltsamen Gästen folgte, welche sie bei sich einführte.

Der Vorhang fiel hinter ihnen.

Wir treten ebenfalls ein.

Der Auftritt, welcher hier stattfinden wird, hat zu viel Einfluß auf die künftigen Ereignisse unserer Geschichte, als daß wir denselben nicht auf das Umständlichte erzählen sollten.

Das Licht, von welchem wir von Zeit zu Zeit einen Strahl in den Garten fallen gesehen, kam aus einem kleinen Boudoir, welches nach Art derer von Pompeji mit Divans und Vorhängen von rosenfarbener Seide mit hellblauen Blumen ausgestattet war.

Die Lampe, welche jenen Schein verbreitete, befand sich in eine Alabasterkugel eingeschlossen und stand auf einem Tisch von weißem Marmor, dessen einziger Fuß einen Greif mit ausgebreiteten Flügeln vorstellte.

Ein Sessel von griechischer Form, welchem die Reinheit seiner Sculptur Anspruch auf einen Platz in dem Boudoir Aspasiens hätte geben können, verrieth, daß das Auge eines Kunstliebhabers die Ausstattung dieses Zimmers in ihren geringsten Einzelheiten geleitet hatte.

Eine dem Eingang, welchen unsere drei Personen passiert hatten, gegenüber befindliche Thür führte in eine Reihe Zimmer, welche die ganze Länge des Hauses einnahmen. Das letzte dieser Zimmer stieß nicht blos an das Nachbarhaus, sondern hatte auch eine Verbindungsthür, welche in letzteres führte.

Diese Thatsache hatte in den Augen der jungen Frau ohne Zweifel eine gewisse Bedeutung, denn sie machte Michele darauf aufmerksam, indem sie zu ihm sagte:

»Im Falle, daß mein Gemahl nach Hause käme, würde Nida uns sofort benachrichtigen und Ihr würdet Euch dann beide durch das Haus der Herzogin Fusco entfernen.«

»Ja, Signora,« antwortete Michele, indem er sich ehrerbietig verneigte.

Als die Wahrsagerin, welche eben im Begriffe war ihren Mantel abzunehmen, diese letzten Worte hörte, drehte sie sich um und fragte in einem Tone, der einen gewissen Anflug von Bitterkeit hatte:

»Seit wann nennen sich Milchgeschwister einander nicht mehr Du? Sind Kinder, welche an einer und derselben Brust gesogen, nicht ebenso nahe mit einander verwandt als die, welche unter einem und demselben Herzen getragen worden? Nennt Euch Du, Kinder!« fuhr sie in sanftem Tone fort. »Gott freut sich, wenn seine Geschöpfe trotz der Entfernung, die sie trennt, einander lieben.«

Michele und die junge Dame sahen einander mit erstauntem Blicke an.

»Sagte ich Dir nicht, daß es wirklich eine Zauberin ist, Schwesterchen?« rief Michele. »Ich zittere an allen Gliedern.«

»Warum zittert Du, Michele?« fragte die junge Dame.

»Weißt Du, was sie mir erst heute Abend, ehe wir hiehergingen, prophezeit hat?«

»Nein.«

»Sie hat mir prophezeit, ich würde in den Krieg ziehen, Oberst werden und –«

»Nun, was noch?«

»Es läßt sich nicht gut sagen.«

»Sag' es nur!«

»Und am Galgen enden.«

»Ach, mein armer Michele!«

»So ist es aber.«

Die junge Dame richtete ihre Augen mit einer gewissen Scheu wieder auf die Albaneserin.

Diese hatte sich ihres Mantels vollständig entledigt und denselben auf die Erde geworfen. Sie zeigte sich nun in ihrem von langem Gebrauch etwas unscheinbar gewordenen, aber immer noch reichen Nationalcostüme.

Nur war es nicht der mit früher glänzenden Blumen geschmückte weiße Turban, welcher ihr Haupt umschloß und unter welchem lange, schwarze, mit Silberfäden gemischte Haarflechten hervorfielen, auch war es nicht das rothe, goldgestickte Mieder, ebensowenig als der braunrothe, schwarz und blau gestreifte Rock, welcher die Aufmerksamkeit der jungen Dame fesselte. Es war dies vielmehr der Blick der grauen durchbohrenden Augen der Wahrsagerin, welche auf sie geheftet waren, als ob sie in ihrem tiefstem Herzen lesen wollte.

»O Jugend, neugierige, unkluge Jugend!« murmelte die Wahrsagerin, »wirst Du denn stets durch eine Macht, die stärker ist als dein Wille, getrieben werden, jener Zukunft entgegenzueilen, welche doch so schnell Dir entgegenkommt?«

»Bei dieser unerwarteten Anrede, die in gellendem, schneidendem Tone erfolgte, durchrieselte ein Schauer die Adern der jungen Frau und sie bereute in diesem Augen blicke fast, Nanno gerufen zu haben.

»Es ist noch Zeit,« antwortete diese, als ob ihrem begierig forschenden, durchdringenden Auge kein Gedanke verborgen bleiben könnte. »Die Thür, welche uns Einlas gewährt, steht noch offen und die alte Nanno hat zu oft unter dem Baume von Benevento geschlafen, um nicht an Wind, Donner und Regen gewöhnt zu sein.«

»Nein, nein,« murmelte die junge Frau, »da Ihr einmal da seid, so bleibt.«

Und sie sank in einem Sessel, der neben dem Tisch stand, warf dem Kopf zurück und war auf diese Weise den vollen Schein der Lampe ausgesetzt.

Die Wahrsagerin näherte sich ihr um zwei Schritt und sagte, wie mit sich selbst sprechend:

»Blondes Haar und schwarze Augen – große, schöne helle, feuchte, samtene, wollüstige Augen.«

Die junge Frau erröthete und bedeckte sich das Gesich mit beiden Händen.

»Nanno!«, murmelte sie.

Diese aber schien sie nicht zu hören und die Hände betrachtend, welche ihr die weitere Musterung des Gesicht unmöglich machten, fuhr sie fort:

»Die Hände sind rund und mit Grübchen versehen. Die Haut derselben ist rosig, weich, fein, matt und lebhaft zu gleicher Zeit.«

»Nanno!« sagte die junge Frau, indem sie die Hände auseinander that, wie um sie zu verbergen, wobei aber ein lächelndes Gesicht zum Vorschein kam, »ich habe Euch nicht gerufen, daß Ihr mir Complimente machen sollt.«

Nanno aber fuhr, ohne auf sie zu achten, fort, indem sie sich wieder an das ihr aufs Neue preisgegebene Gesicht hielt:

»Die Stirn ist schön, weiß, rein, von blauen Aederchen durchfurcht. Die schwarzen, gutgezeichneten Augenbrauen beginnen an der Wurzel der Nase und zwischen ihnen zeigen sich drei oder vier kleine gebrochene Linien. O schönes Geschöpf, Du bist dem Dienste der Venus geweiht!«

»Nanno! Nanno!« rief die junge Frau.

»So laß' sie doch schwatzen, Schwesterchen!«, sagte Michel. »Sie behauptet, Du seist schön. Weißt Du das nicht vielleicht selbst? Sagt Dir dein Spiegel es nicht alle Tage? Ist nicht Jeder, der Dich sieht, derselben Meinung wie dein Spiegel? Sagt nicht alle Welt, daß der Chevalier San Felice seinen Namen in der That trägt, weil er nicht blos glücklich3 heißt, sondern es auch ist?«

»Michele!« rief die junge Frau, unzufrieden, daß ihr Milchbruder auf diese Weise den Namen ihres Mannes und zugleich den ihrigen verrieth.

Die ganz in ihre Betrachtung versunkene Wahrsagerin fuhr aber fort:

»Der Mund ist klein und roth, die Oberlippe ist ein wenig größer als die Unterlippe, die Zähne sind weiß und gut geordnet. Die Lippen sind korallenfarbig. Das Kinn ist rund, die Stimme ist weich, ein wenig schleppend und wird leicht heiser. Sie sind an einem Freitag geboren, nicht wahr? Um Mitternacht, oder kurz vor oder nach Mitternacht?«

»Ja, das ist wahr, « murmelte die junge Frau mit einer Stimme, die in der That durch die Gemüthsbewegung, welche sie empfand und welcher sie wider Willen nachgab, ein wenig heiser geworden war; »meine Mutter hat mir oft gesagt, daß mein erstes Weinen sich mit dem letzten Summen der Pendule gemischt, welche die Stunde geschlagen, die den letzten Tag des April von dem ersten des Mai trennte.«

»April und Mai! Die Monate der Blumen! Ein Freitag, der Tag, welcher der Venus geweiht ist. Nun er klärt sich Alles. Darum regieret die Venus!« hob die Wahrsagerin wieder an, »die Venus, die einzige Göttin, welche ihre Herrschaft unter uns bewahrt, während alle übrigen Götter die ihre verloren haben. Sie sind unter der Vereinigung der Venus und des Mondes geboren, Signora, und die Venus trägt den Sieg davon und gibt Ihnen diesen weißen runden Hals von mittlerer Länge, welchen wir den elfenbeinernen Thurm nennen. Die Venus gibt Ihnen diese runden, ein wenig herabfallenden Schultern, dieses wallende seidenweiche Haar, diese zierliche runde Nase mit den sich blähenden, sinnlichen Nüstern.«

»Nanno,« sagte die junge Frau in gebieterischem Tone, indem sie sich aufrichtete und die Hand auf den Tisch stützte.

Die Unterbrechung war jedoch vergeblich.

»Venus,« fuhr die Albaneserin fort, »gibt Ihnen diesen geschmeidigen Wuchs, diese feinen Gelenke, diese Fuß eines Kindes; Venus gibt Ihnen die Vorliebe für elegante Kleider von hellen zarten Farben. Venus macht Sie sanft, leutselig, naiv, geneigt zu romantischer, aufopfernder Liebe.«

»Ob ich zur Aufopferung geneigt bin, weiß ich nicht Nanno,« sagte die junge Frau in sanftem, beinahe traurigem Ton; »was jedoch die Liebe betrifft, so irrst Du Dich sicherlich.«

Dann sank sie, als ob ihre Füße nicht mehr die Kraft hätten, sie zu tragen, in ihrem Sessel zurück und setzte mit einem Seufzer hinzu:

»Denn ich habe noch nie geliebt!«

»Du hast noch nie geliebt!« hob Nanno wieder an, und in welchem Alter sagst Du das? Mit zweiundzwanzig Jahren, nicht wahr? Aber warte nur! warte nur!«

»Du vergissest, daß ich vermält bin,« sagte die junge Frau in einem schmachtenden Tone, welchem sie umsonst Festigkeit zu geben versuchte, »und daß ich meinen Gatten liebe und achte.«

»Ja, ja! Dies weiß ich Alles, entgegnete die Wahrsagerin, »aber ich weiß auch, daß er beinahe dreimal so alt ist als Du. Ich weiß, daß Du ihn liebt und achtet, aber ich weiß auch, daß Du ihn liebst wie einen Vater und daß Du ihn achtest wie einen Greis. Ich weiß, daß Du die Absicht, ja sogar den Willen hast, rein und tugendhaft zu bleiben, aber was vermögen die Absicht und der Wille gegen den Einfluß der Gestirne? – Habe ich Dir nicht gesagt, daß Du aus der Vereinigung der Venus und des Mondes, der beiden Gestirne der Liebe, hervorgegangen bist? Vielleicht aber entrinnst Du ihrem Einflusse doch noch. Laß uns deine Hand sehen. Hiob, der große Prophet, sagt: »In die Hand der Menschen hat Gott die Zeichen gelegt, an welchen man sein Werk erkennt.«

Und die Wahrsagerin streckte ihre runzelige, knochige, schwarze Hand aus, in welche sich, wie in Folge eines magischen Einflusses, die weiche, weiße und feine Hand der San Felice legte.

Zehntes Capitel.
Das Horoskop

Es war die linke Hand, die, in welcher die Kabbalisten des Alterthums die Geheimnisse des Lebens lesen zu können behaupteten, gerade wie dies auch von Kabbalisten der Neuzeit noch geschieht.

Nanno betrachtete einen Augenblick lang die Rückseite dieser reizenden Hand, ehe sie dieselbe umdrehte, um in dem Innern zu lesen, gerade wie man ein Buch, welches Aufschluß über unbekannte und übernatürliche Dinge geben soll, einen Augenblick in der Hand hält, ohne sich mit dem Oeffnen zu übereilen.

Sie betrachtete die Hand, wie man ein schönes Marmorkunstwerk betrachtet, und murmelte:

»Die Finger sind lang, glatt und ohne Knoten – die Nägel rosenfarben, schmal und spitzig – eine Künstlerhand, eine Hand, welche bestimmt ist, allen Instrumenten, den Saiten der Leier ebenso wie den Fasern des Herzens Töne zu entlocken.«

Endlich drehte sie die schauernde Hand, welche zu ihren gebräunten einen so wundersamen Gegensatz bildete, herum und ein stolzes Lächeln verklärte ihr ganzes Gesicht.

»Hatte ich nicht Alles gut errathen?«, sagte sie.

Die junge Frau betrachtete die Wahrsagerin mit unruhigem Blick.

Michele seinerseits näherte sich, als ob er etwas von der Chiromantie verstünde.

»Beginnen wir mit dem Daumen, hob die Wahrsagerin wieder an. »Er ist es, in welchem sich alle andern Zeichen der Hand wiederholen. Der Daumen ist das Hauptorgan des Willens und der Einsicht. Blödsinnige werden gewöhnlich ohne oder mit mißgestalteten Daumen geboren. Die Epileptischen schließen in ihren Anwandlungen die Daumen eher als die andern Finger. Um den bösen Blick zu beschwören, streckt man den Zeigefinger und Goldfinger aus und verbirgt den Daumen in der flachen Hand.«

»Das ist wahr, Schwesterchen, rief Michele. »So mache ich es allemal, wenn ich das Unglück habe, dem Canonicus Jorio zu begegnen.«

»Das erste Glied des Daumens, das, welches den Nagel trägt, ist das Zeichen der Willenskraft. Bei Ihnen ist das erste Gelenk des Daumens kurz, folglich sind Sie schwach, ohne Willen und leicht zu verleiten.«

»Das könnte man fast übelnehmen, rief lachend die junge Frau, welcher diese mehr wahre als schmeichelhafte Erklärung gegeben ward.

»Sehen wir einmal den Venusberg, sagte die Wahrsagerin, indem sie mit ihrem Nagel, welcher einer in Ebenholz gefaßten Hornkralle glich, auf den fleischigen, erhabebenen Theil drückte, welcher die Basis des Daumens bildete. »Dieser ganze Theil der Hand, in welchem die Zeugung und die sinnlichen Begierden liegen, ist der unwiderstehlichen Göttin gewidmet. Die Lebenslinie umgibt ihn wie ein Bach, der am Fuße eines Hügels rinnt, und sondert ihn ab wie eine Insel. – Venus, welche bei Ihrer Geburt regiert hat, Venus, welche gleich jenen Feen, die als verschwenderische Pathen jungen Prinzessinnen erschienen, Venus, welche Ihnen Anmuth, Schönheit, Melodie, Liebe zu schönen Formen, den Wunsch zu lieben, das Bedürfniß zu gefallen, Wohlwollen, Mitleid und Zärtlichkeit verliehen hat, zeigt sich hier mächtiger als jemals. – Ach, wenn wir auch die andern Linien eben so günstig fänden wie diese, obschon –«

»Obschon?«

»Nichts.«

Die junge Frau betrachtete die Wahrsagerin, deren Augenbrauen sich einen Augenblick lang gerunzelt hatten.

»Dann gibt es wohl noch andere Linien als die des Lebens?« fragte sie.

»Ja, es gibt deren drei. Er sind diese drei Linien, welche in der Hand das M bilden, welches das gemeine Volk als den ersten Buchstaben des Wortes Mors, der Tod, bezeichnet, und von welchem es glaubt, es sei von der Natur selbst bestimmt, den Menschen daran zu erinnern, daß er sterblich ist. Die beiden andern sind die Linie des Herzens. Hier ist sie. Sie erstreckt sich von der Basis des Zeigefingers bis zu der des kleinen Fingers. Jetzt sehen Sie noch die Kopflinie. Es ist die, welche die Mitte der Hand durchschneidet.«

Michel näherte sich abermals und verfolgte die Demonstrationen der Wahrsagerin mit gespannter Aufmerksamkeit.

»Warum hast Du nicht auch mir dies Alles erklärt? fragte er sie. »Hieltest Du mich für zu dumm, um es zu begreifen?

Nanno zuckte die Achseln, ohne ihm zu antworten, und fuhr dann fort sich an die junge Frau zu wenden.

»Folgen wir vor allen Dingen der Linie des Herzens,« sagte sie. »Schau, wie sie sich von dem Berg des Jupiter, das heißt von der Basis des Zeigefingers, bis zum Berg des Mercur, das heißt bis zur Basis des kleinen Fingers, erstreckt! Ist sie kurz, so bedeutet die Glück, ist sie allzulang, wie bei Dir, so bedeutet sie furchtbare Leiden. »Unter dem Saturn, das heißt unter dem Mittelfinger, bricht sie sich. Dies bedeutet Verhängniß. Sie hat eine lebhaft rothe Farbe, welche gegen das matte Weiß der Hand absticht. Dies ist Liebe, feurige, bis zur Heftigkeit gesteigerte Liebe!«

»Das ist es eben, was mich abhält, an deine Vorhersagungen zu glauben, Nanno,« sagte die San Felice lächelnd. »Mein Herz ist ruhig.«

»Warte nur! warte nur! hab' ich Dir schon gesagt,« entgegnete die Wahrsagerin heftig werdend. »Warte nur, warte nur, Ungläubige, denn der Augenblick, wo eine große Veränderung in deinem Schicksal eintreten soll, ist nicht mehr fern. Hier bemerke ich noch ein unheilvolles Anzeichen. Schau. Die Linie des Herzens vereinigt sich, wie Du siehst, mit der Kopflinie zwischen Daumen und Zeigefinger. Es ist dies, wie gesagt, ein unheilverkündendes Zeichen, welches aber durch ein entgegengesetztes Zeichen in der andern Hand bekämpft werden kann. Sehen wir einmal die rechte Hand!

Die junge Frau gehorchte und reichte der Sibylle die Hand, welche sie verlangte.

Nanno schüttelte den Kopf.

»Hier sehe ich dasselbe Zeichen,« sagte sie, »dieselbe Vereinigung.«

Gedankenvoll ließ sie die Hand fallen und da sie nicht sogleich wieder fortfuhr zu sprechen, so hob die San Felice an:

»Sprich doch. Ich sage Dir nochmals, daß ich Dir nicht glaube.«

»Um so besser, um so besser,« murmelte Nanno. »Möge die Wissenschaft trügen, möge das Unfehlbare nicht in Erfüllung gehen!«

»Was bedeutet denn die Verschmelzung dieser beiden Linien?«

»Schwere Verwundung, Gefangenschaft, Todesgefahr.«

»Ach, wenn Du mir mit körperlichen Leiden drohst, Nanno, dann wirst Du mich allerdings schwach werden sehen. Hast Du nicht selbst gesagt, daß ich nicht muthig sei? Und wo werde ich verwundet werden? Sprich.«

»Es ist seltsam. – An zwei Stellen – am Hals und in der Seite.«

Dann ließ sie die linke Hand ebenso wieder sinken, wie sie die rechte hatte sinken lassen, und fuhr fort:

»Vielleicht aber entrinnst Du der Gefahr doch – hoffen wir!«

»Nein,« hob die junge Frau wieder an, »vollende, Du durftest mir nichts sagen, oder Du mußt mir Alles sagen.«

»Ich habe Alles gesagt.«

»Dein Ton und deine Augen beweisen, daß dies nicht der Fall ist. Uebrigens hast Du auch gesagt, daß es drei Linien gäbe.«

»Die Lebenslinie, die Linie des Herzens und die Kopflinie.«

»Nun und?«

»Nun, Du hast nur zwei geprüft – die Lebenslinie und die Linie des Herzens. Es bleibt also noch die Kopflinie übrig.«

Und mit gebieterischer Geberde reichte sie der Wahrsagerin nochmals die Hand hin.

Nanno ergriff dieselbe und sagte mit verstellter Gleichgültigkeit:

»Du kannst es eben so gut sehen wie ich. Die Kopflinie durchschneidet die Ebene des Mars und neigt sich unter den Berg des Mondes. Dies bedeutet: Traum, Phantasie, Chimäre – das Leben, wie es im Mond, nicht wie es hiemieden ist.«

Plötzlich stieß Michel, welcher die Hand seiner Schwester aufmerksam betrachtete, einen Schrei aus:

»Schau doch, Nanno!« rief er.

Und er deutete mit dem Ausdruck des gewaltigsten Schreckens auf ein Zeichen in der Hand seiner Milchschwester.

Nanno drehte den Kopf herum.

»Aber so schau doch!« rief er nochmals. »Luisa hat in der hohlen Hand dasselbe Zeichen wie ich.«

»Dummkopf!« rief Nanno.

»Meinetwegen nenne mich einen Dummkopf,« rief Michel. »Ein Kreuz in der Mitte dieser Linie bedeutet Tod auf dem Blutgerüst – hast Du mir das nicht selbst gesagt?«

Die junge Frau stieß einen lauten Schrei aus und betrachtete mit scheuer Miene abwechselnd ihren Milchbruder und die Wahrsagerin.

»So schweig doch!« rief letztere, indem sie ungeduldig mit dem Fuße stampfte.

»Sieh, Schwesterchen, sieh!« sagte Michel, indem er seine linke Hand öffnete. »Schau selbst, ob wir nicht beide dasselbe Zeichen haben – ein Kreuz.«

»Ein Kreuz!« wiederholte Luisa erbleichend. Dann faßte sie die Wahrsagerin beim Arme und rief:

»Weißt Du, daß dies wahr ist, Nanno? Was soll das heißen? Gibt es in der Hand des Menschen wirklich Zeichen je nach seinem Stande, und ist das, was für den einen tödtlich ist, für den andern gleichgültig? Da Du einmal begonnen hast, so vollende auch.«

Nanno machte ihren Arm sanft von der Hand los, welche sich bemühte ihn festzuhalten.

»Peinliche Dinge dürfen wir nicht enthüllen, sagte sie, ›wenn sie, das Siegel des unbedingten Verhängnisses tragend, trotz aller Anstrengungen des Willens und des Verstandes unvermeidlich sind.‹

Nach einer Pause setzte sie hinzu:

»Vorausgesetzt, daß die bedrohte Person, in der Hoffnung, das Verhängniß zu bekämpfen, nicht diese Offenbarung von uns verlangt.«

»Verlange, Schwesterchen, verlange!« rief Michel; »Du bist reich, Du kannst fliehen. Vielleicht existiert die Gefahr, welche Du läuft, blos in Neapel. Vielleicht würde sie Dich in Frankreich, in England, in Deutschland nicht verfolgen.«

»Und warum willst Du nicht auch fliehen?« antwortete Luisa. »Du behauptet ja, daß wir beide ein und dasselbe Zeichen tragen?«

»Ach, mit mir ist es etwas Anderes. Ich kann Neapel nicht verlassen. Ich bin an die Marinella gefesselt wie der Stier an's Joch. Ich bin arm und muß mit der Arbeit meiner Hände nicht blos mich, sondern auch meine Mutter ernähren. Was sollte aus der armen alten Frau werden, wenn ich fortginge?«

»Und wenn Du stirbst, was wird dann aus ihr?«

»Wenn ich sterbe, so hat Nanno die Wahrheit gesprochen, Luisa, und wenn sie die Wahrheit gesprochen hat, so werde ich, ehe ich sterbe, Oberst sein. Wohlan, wenn ich Oberst bin, dann gebe ich ihr mein ganzes Geld und sage zu ihr: Lege dies auf die Seite, Mama, und wenn man mich dann hängt – denn mich hängt man – so ist sie meine Erbin.«

»Oberst! Armer Michele! Du glaubst an diese Prophezeiung?«

»Nun, was ist weiter dabei? Es ist stets gut, das Schlimmste vorauszusetzen. Meine Mutter ist alt, ich bin arm und wenn wir Eines oder das Andere das Leben verlieren, so ist der Verlust für Keines sonderlich groß.«

»Und Affunta?« fragte die junge Frau lächelnd.

»O, Affunta macht mir weniger Unruhe als meine Mutter. Affunta liebt mich, wie eine Geliebte ihren Anbeter liebt, aber nicht wie eine Mutter ihren Sohn liebt. Eine Witwe tröstet sich mit einem anderen Mann, eine Mutter aber tröstet sich nicht mit einem andern Kind. Doch lassen wir die alte Mechelemma und kommen wir wieder auf Dich zurück, Schwesterchen, auf Dich, die Du jung, reich, schön und glücklich bist. O Nanno, Nanno! Höre, was ich sage: Du mußt Luisa augenblicklich mittheilen, woher die Gefahr kommen wird, oder wehe Dir!«

Die Wahrsagerin hatte ihren Mantel wieder aufgerafft und war eben beschäftigt, ihn sich wieder um die Schultern zu werfen.

»Nein, so darfst Du nicht fort, Nanno!« rief der Lazzarone, indem er auf die Albaneserin zusprang und sie beim Handgelenke packte. »Mir kannst Du sagen, was Du willst, meiner Schwester aber – Luisa – o nein, nein, das ist etwas Anderes! Du hast es selbst gesagt. Wir haben an einer und derselben Brust gesogen. Gern will ich wenn es sein muß, zweimal sterben, einmal für mich, einmal für sie, aber ich will nicht, daß man auch nur ein Haar auf ihrem Haupte krümme. Hörst Du wohl?«

Und er zeigte auf die junge Frau, welche bleich, unbeweglich und keuchend in ihren Lehnsessel zurückgesunken war und nicht wußte, welchen Grad von Glauben sie der Albaneserin schenken sollte. Jedenfalls aber war sie heftig aufgeregt.

»Nun, da Ihr es alle Beide wollt,« sagte die Wahrsagerin, indem sie sich Luisa näherte, »so wollen wir es versuchen. Wenn das Schicksal beschworen werden kann, wohlan, dann wollen wir es beschwören, obschon es,« setzte sie hinzu, »ein Verbrechen gegen den Himmel ist, gegen das zu kämpfen, was einmal geschrieben steht. Gib mir noch einmal deine Hand, Luisa.«

Luisa reichte ihr die zitternde, geballte Hand und die Albaneserin sah sich genöthigt, ihr halb mit Gewalt die Finger aufzubrechen.

»Dies hier ist die Linie des Herzens, welche unter dem Berge des Saturn sich in zwei Stümpfe bricht. Hier ist auch das Kreuz in der Mitte der Kopflinie und hier ist endlich die zwischen dem zwanzigsten und dem dreißigsten Jahre plötzlich unterbrochene Lebenslinie.«

»Und Du siehst nicht, woher die Gefahr kommt? Du kennt nicht die Ursachen, welche bekämpft werden müßten?« rief die junge Frau, aufgestachelt von der Angst, welche ihr Milchbruder für sie an den Tag gelegt und welche sie durch ihre Augen, durch das Zittern ihrer Stimme und die Aufregung ihres ganzen Wesens ebenfalls zu erkennen gab.

»Die Liebe, immer die Liebe!« rief die Zauberin; »eine unheilvolle, unwiderstehliche, tödtliche Liebe!«

»Aber kennst Du wenigstens den, welcher der Gegenstand derselben sein wird?« fragte Luisa, indem sie aufhörte sich zu wehren und zu läugnen, denn der Ton der Ueberzeugung, in welchem die Wahrsagerin sprach, verfehlte nicht, allmälig seine Wirkung zu äußern.

»Dein Loos ist ein düster umwölktes, armes Geschöpf!« antwortete die Sibylle. »Ich sehe ihn, aber ich kenne ihn nicht. Er erscheint mir wie ein Wesen, welches nicht dieser Welt angehört. Er ist das Kind des Eisens und nicht des Lebens. Er ist – unmöglich! und dennoch ist es so – er ist von einer Todten geboren!«

Die Wahrsagerin stand mit starrem Blicke da, als ob sie unbedingt in dem Dunkel der Zukunft lesen wollte. Ihr Auge erweiterte sich und nahm die runde Form des Auges der Katze oder der Eule an, während sie mit der Hand eine Geberde machte, als ob sie einen Schleier zu entfernen suchte.

Michel und Luisa sahen einander an. Der kalte Schweiß perlte auf der Stirn des Lazzarone. Luisa war weißer als der battistene Pudermantel, in welchen sie sich gehüllt.

»Ha!« rief Michel nach einem Augenblick des Schweigens, indem er sich mit Gewalt aus der abergläubischen Angst aufrüttelte, welche ihn zu Boden drückte; »wie albern sind wir, daß wir auf diese alte Närrin hören! Daß ich gehängt werde, ist allerdings wohl möglich. Ich bin ein unruhiger Kopf und in unserer Lage, mit meinem Charakter, sagt man oft ein Wort, man wird handgemein, man fährt mit der Hand in die Tasche, man zieht ein Messer heraus, man öffnet es, man läßt sich vom Teufel blenden, man sticht seinen Gegner nieder; er fällt, er ist todt, man wird von einem Sbirren festgenommen, man wird von dem Polizeicommissär verhört, dann von dem Richter verurtheilt, Meister Donato, der Henker, packt einen an der Schulter, wirft einem den Strick um den Hals und patsch! da hängt man. Aber Du, Schwesterchen, was kannst Du mit dem Blutgerüst gemein haben? Welches Verbrechen könntest Du mit deinem Taubenherzen auch nur träumen? Wen könntest Du mit deinen kleinen Händen umbringen? Denn man bestraft die Leute doch nur dann mit dem Tode, wenn sie Jemanden umgebracht haben, und übrigens werden hier zu Lande die Reichen wegen so etwas gar nicht hingerichtet. Willst Du etwas Neues wissen, Nanno? Von heute an wird man nicht mehr sagen: »Michele, der Narr, sondern man wird sagen: »Nanno, die Närrin.«

In diesem Augenblick faßte Luisa ihren Milchbruder am Arme und zeigte mit dem Finger auf die Wahrsagerin.

Diese stand immer noch stumm und unbeweglich auf derselben Stelle. Nur hatte sie sich ein wenig vorwärts geneigt und schien durch Aufbietung ihrer ganzen Willenskraft allmälig etwas in jener Nacht zu erkennen, welche sie einen Augenblick vorher sich beklagt hatte immer dichter werden zu sehen.

Ihr magerer Hals streckte sich aus ihrem schwarzen Mantel hervor und ihr Kopf bewegte sich von rechts nach links wie der einer Schlange, die sich zum Sprunge anschickt.

»Ha, jetzt sehe ich ihn!« rief sie plötzlich. »Es ist ein schöner junger Mann von fünfundzwanzig Jahren mit schwarzen Augen und schwarzem Haar. Er kommt, er nähert sich. Auch er ist von einer großen Gefahr bedroht – von Todesgefahr. Zwei, drei, vier Männer folgen ihm. Sie tragen Dolche unter ihren Kleidern –«

Dann, wie von einer plötzlichen Offenbarung betroffen, setzte sie beinahe freudig hinzu:

»Ach, wenn man ihn doch umbrächte!«

»Nun?« fragte Luisa erstaunt und mit zitternder Begier an den Lippen der Wahrsagerin hängend, »wenn man ihn umbrächte, was würde dann geschehen?«

»Wenn man ihn umbrächte, so wärest Du gerettet, denn er ist es, der deinen Tod herbeiführen wird.«

»O mein Gott!« rief die junge Frau ebenso fest überzeugt, als ob sie selbst sähe, was Nanno zu sehen glaubte, »o mein Gott! Wer er auch sein mag, schütze ihn!«

In demselben Augenblick hörte man unter den Fenstern des Hauses den Doppelknall zweier Pistolenschüsse, dann lautes Schreien und Fluchen, dann nichts weiter als das Klirren von Eisen gegen Eisen.

»Signora! Signora!«, rief die Zofe, welche mit verstörtem Gesicht hereingestürzt kam, »man ermordet einen Menschen unter den Mauern des Gartens.«

»Michele!« rief Luisa, die Hände faltend und die Arme ausstreckend, »Du bist ein Mann und Du hast ein Messer. Willst Du einen Nebenmenschen ermorden lassen, ohne ihm Hilfe zu leisten?«

»Nein, bei der Madonna, das werde ich nicht thun!« rief Michele.

Mit diesen Worten eilte er ans Fenster und öffnete es, um auf die Straße hinabzuspringen. Plötzlich aber stieß er einen lauten Schrei aus, warf sich zurück und duckte sich nieder bis unter das Fenster.

»Pasquale de Simone, der Sbirre der Königin!« murmelte er mit vor Furcht halb erstickter Stimme.

»Wohlan,« rief die San Felice, »dann ist es an mir, den Unglücklichen zu retten!«

Und sie eilte nach der Rampe.

Nanno machte eine Bewegung, um sie zurückzuhalten, schüttelte aber den Kopf und ließ die Arme sinken.

»Geh nur, arme Verurtheilte,« sagte sie; »möge der Schicksalsspruch der Gestirne in Erfüllung gehen.«

Elftes Capitel.
Der General Championnet

Man wird sich erinnern, daß, als wir Salvato Palmieri verließen, derselbe im Begriff stand, den Verschworenen die Antwort des Generals Championnet mitzutheilen.

Eben so wird man sich entsinnen, daß Hector Caraffa im Namen der italienischen Patrioten an den französischen General, der so eben das Commando der Armee von Rom übernommen, geschrieben hatte, um ihn von der Stimmung der Gemüther in Neapel zu unterrichten und ihn zu fragen, ob man im Falle einer Revolution auf die Unterstützung nicht blos der französischen Armee, sondern auch der französischen Regierung rechnen könne.

Der General Championnet war zu der Zeit, bei welcher wir jetzt angelangt sind, ein Mann von sechsunddreißig Jahren mit sanften, einnehmenden Zügen.

Hinter dieser Physiognomie, welche mehr die eines Weltmannes als die eines Soldaten war, barg sich jedoch eine gewaltige Willenskraft und ein Muth, der jede Probe bestand.

Er war der natürliche Sohn eines Wahlpräsidenten der, weil er ihm nicht seinen Namen geben wollte, ihm den eines kleinen Landgutes in der Umgegend von Valence, seiner Vaterstadt, beilegte.

Es war ein abenteuerlustiger Geist und Rossebändiger, ehe er Menschenbändiger ward. Mit zwölf oder fünfzehn Jahren ritt er die widerspänstigsten Thiere und zwang sie, ihm zu gehorchen.

Mit achtzehn Jahren begann er einem oder dem andern jener beiden Phantome nachzujagen, welche man den Ruhm oder das Glück nennt, ging nach Spanien und trat unter dem Namen Bellerose unter die wallonischen Truppen.

In dem Lager von Saint-Roch, welches man vor Gibraltar geschlagen, traf er in dem Regiment Bretagne mehrere seiner Schulcameraden und erhielt von seinem Oberst Erlaubniß, die wallonische Garde zu verlassen und, wie seine Freunde, als Freiwilliger zu dienen.

Nach dem Friedensschluß kehrte er nach Frankreich zurück und sein Vater empfing den verlorenen Sohn mit offenen Armen.

Bei den ersten Bewegungen von 1789 trat er aufs Neue in den Militärdienst.

Die Kanone des 10. August donnerte und die erste Coalition bildete sich.

Jedes Departement bot nun ein Bataillon Freiwillige.

Das der Drôme stellte das sechste.

Championnet ward zum Anführer desselben ernannt und marschierte damit nach Besançon. Diese Bataillone von Freiwilligen bildeten die Reservearmee.

Als Pichegru Besançon passirte, um das Commando der Armee am Oberrhein zu übernehmen, fand er hier Championnet wieder, den er gekannt, als er, wie dieser jetzt, Chef eines Freiwilligen-Bataillons gewesen war.

Championnet bat ihn inständig, ihn zur activen Armee zu berufen. Sein Wunsch ward ihm gewährt.

Von diesem Augenblick an schrieb Championnet seinen Namen neben die Namen eines Joubert, Marceau, Hoche, Kleber, Jourdan und Bernadotte.

Er diente abwechselnd unter diesen oder war vielmehr ihr Freund. Sie kannten den abenteuerlustigen Charakter des jungen Mannes so gut, daß, wenn es sich um irgend eine schwierige, beinahe unmöglich auszuführende Expedition handelte, es fast allemal hieß: »Wir wollen Championnet hinschicken.«

Und dieser rechtfertigte, indem er als Sieger zurückkehrte, allemal das Sprichwort, welches sagt: »Glücklich wie ein Bastard.«

Diese Reihe von Erfolgen ward durch den Titel eines Brigadegenerals, dann durch den eines Divisionsgenerals belohnt, welcher letztere an den Küsten der Nordsee von Dünkirchen bis Vließingen commandierte.

Der Frieden von Campo Formio rief ihn nach Paris zurück.

Er begab sich dorthin und behielt von seinem ganzen militärischen Haushalt blos einen jungen Adjutanten.

Bei den verschiedenen Treffen, die er mit den Engländern gehabt, hatte Championnet einen jungen Capitän bemerkt, welcher zu jener Zeit, wo alle Welt tapfer war, es dennoch möglich zu machen gewußt hatte, sich durch seine Tapferkeit auszuzeichnen. Kein Gefecht hatte stattgefunden, an welchem er theilgenommen, ohne daß man von ihm eine glänzende That erzählte.

Bei der Einnahme von Altenkirchen war er der Erste gewesen, der die Sturmleitern erstiegen.

Bei dem Uebergange über die Lahn hatte er unter dem Feuer des Feindes den Fluß sondiert und eine Furt gefunden.

In den Laufgräben von Laubach hatte er eine Fahne erobert.

In dem Gefecht bei den Dünen endlich hatte er an der Spitze von dreihundert Mann fünfzehnhundert Mann Engländer angegriffen. Durch eine verzweifelte Charge, welche das Regiment des Prinzen von Wales machte, wurden die Franzosen zurückgedrängt, der junge Capitän aber verschmähte es, auch nur einen Schritt zurückzuweichen.

Championnet, der ihm mit den Augen folgte, sah ihn von Weitem vom Feind umringt verschwinden. Bewunderer der Tapferkeit wie jeder Tapfere, stellte Championnet sich an die Spitze von etwa hundert Mann und griff die Engländer an, um den jungen Capitän zu befreien. An der Stelle angelangt, wo derselbe verschwunden war, fand er ihn mit dem einen Fuße auf der Brust des englischen Generals stehend, dem er mit einem Pistolenschuß den Schenkel zerschmettert, umthürmt von Leichen und selbst durch drei Bajonetstiche verwundet. Er zwang ihn, das Handgemenge zu verlassen, empfahl ihm seinen eigenen Wundarzt und als er wieder hergestellt war, erbot er sich, ihn zu einem Adjutanten zu machen.

Der junge Capitän nahm das Anerbieten an.

Es war Salvato Palmieri.

Als er seinen Namen nannte, war derselbe für Championnet ein neuer Gegenstand des Erstaunens. Es war augenscheinlich, daß er Italiener war.

Da er übrigens keinen Grund hatte, seine Herkunft zu läugnen, so bekannte er sie selbst.

Und dennoch hatte jedesmal, wenn es sich darum handelte, von englischen oder österreichischen Gefangenen irgend welche Auskunft zu erlangen, Salvato sie in ihrer Sprache mit derselben Leichtigkeit befragt, als ob er in Dresden oder in London geboren wäre.

Salvato hatte sich begnügt, Championnet zu antworten, er sei noch ganz jung nach Frankreich gekommen und habe dann später seine Erziehung in England und Deutschland vollendet. Es sei daher durchaus nicht zu verwundern, daß er das Deutsche, das Französische und das Englische eben so geläufig redete wie seine Muttersprache.

Championnet, welcher einsah wie nützlich ein gleichzeitig so tapferer und so unterrichteter junger Mann ihm werden könne, behielt, wie wir schon oben erwähnt, von seinem ganzen militärischen Haushalt nur ihn und brachte ihn mit nach Paris zurück.

Bei dem Abgange Bonapartes nach Egypten hatte, obschon man den Zweck der Expedition nicht kannte, Championnet verlangt, dem Glücke des Siegers von Arcole und Rivoli zu folgen; Barras aber, an dem er sich gewendet, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:

»Bleib lieber bei uns, Bürger General. Wir werden deiner auf dem Continent bedürfen.«

Und in der That, als Bonaparte fort war, verlangte Joubert, welcher das Commando der Armee von Italien übernahm, daß man ihm Championnet beigebe, damit derselbe die Armee von Rom commandiere, welche bestimmt war, Neapel zu überwachen und, wo nöthig, zu bedrohen.

Barras, der ganz besonderes Interesse an ihm nahm, hatte diesmal, indem er ihm seine Instruction ertheilt, zu ihm gesagt:

»Wenn der Krieg von Neuem ausbricht, so bist Du von den republikanischen Generalen der erste, welcher mit der Entthronung eines Königs beauftragt wird.«

»Die Absichten des Direktoriums werden ausgeführt werden, antwortete Championnet mit einer Einfachheit, die eines Spartaners würdig war.

Und seltsamerweise sollte dieses Versprechen sich auch in der That verwirklichen.

Championnet ging mit Salvato nach Italien ab. Er sprach das Italienische schon mit ziemlicher Geläufigkeit und es fehlte ihm nur noch die Uebung in der Sprache. Von diesem Augenblick an aber sprach er mit Salvato nur italienisch und im Hinblick auf das, was geschehen konnte, übte er sich mit ihm sogar in dem neapolitanischen Dialect, welchen Salvato im Scherz von seinem Vater erlernt hatte.

In Mailand, wo der General sich kaum einige Tage aufhielt, machte Salvato Bekanntschaft mit dem Grafen Ruvo und stellte ihn dem General Championnet als einen der edelsten Cavaliere und feurigsten Patrioten von Neapel vor.

Er erzählte ihm, wie Hector Caraffa, von den Spionen der Königin Caroline verrathen, von der Staatsjunta verfolgt und eingekerkert, aus dem Castel San Elmo entsprungen sei, und erbat für ihn die Gunst, dem Generalstabe folgen zu dürfen, ohne demselben durch irgend einen Grad anzugehören.

Beide begleiteten ihn nach Rom.

Das dem General Championnet erheilte Programm war folgendes:

»Mit den Waffen jeden feindlichen Angriff auf die Unabhängigkeit der römischen Republik zurückzuschlagen und den Krieg auf das neapolitanische Gebiet überzutragen, wenn der König von Neapel die Invasionsprojecte, die er so oft angekündigt, in Ausführung brächte.«

Einmal in Rom hatte Graf Ruvo, wie wir schon oben erzählt, nicht dem Wunsch zu widerstehen vermocht, thätigen Antheil an der revolutionären Bewegung zu nehmen, welche, wie man sagte, auf dem Punkte stand, in Neapel zum Ausbruch zu kommen.

Verkleidet hatte er sich in diese Stadt eingeschlichen und durch Salvatos Vermittlung die italienischen Patrioten mit den französischen Republikanern in Verbindung gesetzt, indem er zugleich den General dringend ersuchte, ihnen Salvato zu senden, zu welchem Championnet das größte Vertrauen hatte und welcher nicht verfehlen konnte, seinen Landsleuten ein ähnliches Vertrauen einzuflößen. Der Zweck dieser Mission war, den jungen Mann mit eigenen Augen sehen zu lernen, auf welchem Punkte die Sachen stünden, damit er, zu dem General zurückgekehrt, ihm Auskunft über die Mittel geben könnte, welche die Patrioten zu ihrer Verfügung hatten.

Wir haben gesehen, welche Gefahren Salvato zu bestehen hatte, um bis an den Ort der Versammlung zu gelangen und wie er, da die Verschworenen kein Geheimniß vor ihm hatten, er auch seinerseits kein solches vor diesen haben wollte, damit die seinen Patriotismus nach der Stellung berechnen könnten, welche die Ereignisse ihm bereitet hatten.

Unglücklicherweise aber waren die Mittel, welche Championnet bei dem Commando, welches er empfangen, zur Verfügung standen und welche den Schutz der römischen Republik zum Zweck hatten, weil entfernt, seinen Bedürfnissen zu entsprechen.

Er kam in der ewigen Stadt ein Jahr an, nachdem die Ermordung des General Duphot, welche Pius der Sechste, wenn auch nicht veranlaßt, doch wenigstens ungestraft gelassen, zur Besetzung Roms und Proclamation der römischen Republik geführt hatte.

Berthier war es, der die Ehre hatte, die Welt von dieser Auferstehung in Kenntniß zu setzen.

Er hatte seinen Einzug in Rom gehalten, hatte das Capitol erstiegen wie ein Triumphator des Alterthums und war dieselbe heilige Straße gewandelt, welche siebzehn Jahrhunderte früher die Besieger des Weltalls gezogen waren.

Auf dem Capitol angelangt, hatte er unter dem wahnsinnigen Geschrei: »Es lebe die Freiheit! Es lebe die römische Republik! Es lebe Bonaparte! Es lebe die unüberwindliche französische Armee!« zweimal die Runde um den Platz gemacht, auf welchem die Bildsäule des Marcus Aurelius steht.

Dann, nachdem er Schweigen erbeten, welches ihm augenblicklich gewährt ward, hatte der Herold der Freiheit folgende Rede gehalten:

»Manen eines Cato, Pompejus, Brutus, Cicero und Hortensius, empfangt die Huldigung freier Männer in diesem Capitol, wo Ihr so oft die Rechte der Völker vertheidigt, und die römische Republik durch eure Beredsamkeit oder eure Thaten berühmt gemacht. Die Söhne der Gallier kommen mit dem Oelzweig in der Hand an diesen erhabenen Ort, um die von dem ersten Brutus gegründeten Altäre der Freiheit wieder aufzurichten. Und Du, römisches Volk, welches Du so eben dein legitimes Recht wiedererlangt, erinnere Dich, welches Blut in deinen Adern fließt. Wirf dein Auge auf die Monumente des Ruhmes, welche Dich umgeben; übe die Tugenden deiner Väter, zeige Dich würdig deines alten Glanzes und beweise Europa, daß es noch Seelen gibt, welche die Tugenden deiner Väter noch nicht vergessen haben.«

Drei Tage lang hatte man Rom illuminiert, Feuerwerke abgebrannt, Freiheitsbäume gepflanzt, getanzt, gesungen, geschrieen: »Es lebe die Republik!«

Aber der Enthusiasmus war von kurzer Dauer gewesen. Zehn Tage nach Berthiers Rede, welche außer der Ansprache an die Manen Catos und Hortensius das Versprechen unverbrüchlicher Achtung gegen die Einkünfte und Reichthümer der Kirche enthielt, hatte man auf Befehl des Direktoriums die Schätze dieser selben Kirche in die Münze getragen, um sie hier einschmelzen und in Gold- und Silbermünzen verwandeln zu lassen, aber nicht mit dem Bild der römischen, sondern mit dem der französischen Republik, um sie dann in die Cassen, Manche sagten des Luxembourg, Andere in die der Armee zu werfen.

Die, welche sagten: in die Cassen der Armee, waren in bedeutender Minorität, und die, welche es glaubten, in noch bedeutenderer.

Dann hatte man die Nationalgüter zum Verkauf ausgeboten und da das Directorium zur höchsten Noth Geld für die Armee in Egypten bedurfte, so waren diese Güter in aller Eile und zu einem Preise weit unter ihrem Werth verkauft worden.

Dann hatte man die reichen Eigenthümer zu Geldzahlungen und Naturallieferungen aufgefordert, und auf diese Weise den Patriotismus derselben bedeutend abgekühlt.

Die Folge hiervon war, daß trotz der von den reichen Classen der Gesellschaft gebrachten Opfer, da die Bedürfnisse des Directoriums sich unaufhörlich erneuerten, selbst die unentbehrlichsten Ausgaben nicht bestritten werden konnten und der Sold der Nationaltruppen und die Gehalte der öffentlichen Beamten nach Verlauf von drei Monaten einen Rückstand ausmachten, welcher von demselben Tage an datirte, an welchem die Republik proclamiert worden.

Die Arbeiter, welche keinen Lohn mehr erhielten, und übrigens, wie man weiß, auch keine große Lust zur Arbeit mehr besaßen, hatten ihrerseits die Arbeit verlassen und sich theils in Bettler, theils in Banditen verwandelt.

Was die Behörden betraf, welche mit dem Beispiele einer spartanischen Redlichkeit hätten vorangehen sollen, so waren sie, da sie keinen Heller Gehalt ausgezahlt erhielten, noch viel käuflicher und bestechlicher, als sie vorher gewesen.

Die mit der Ernährung des Volkes beauftragte Magistratur der Annona, einer Institution des alten römischen Kaiserreiches, welche sich auch noch unter den Päpsten erhalten, war nicht im Stande gewesen mit discreditiertem Papiergeld die nothwendigen Anschaffungen zu machen und erklärte, da es nun an Mehl, Oel und Fleisch fehlte, sie wisse nicht, wie sie einer Hungersnoth vorbeugen solle.

Als daher Championnet ankam, sagte man sich leise, es gebe in Rom nur noch auf drei Tage Lebensmittel und wenn der König von Neapel mit seiner Armee nicht schnell genug herbeikäme, um die Franzosen zu verjagen, den heiligen Vater wieder auf seinen Thron zu setzen und dem Volke den Ueberfluß zurückgegeben, so würden die Bewohner sich bald in die Alternative versetzt sehen, Einer den Andern aufzufressen oder Hungers zu sterben.

Dies war es, was Salvato beauftragt war, den neapolitanischen Patrioten vor allen Dingen mitzutheilen, die erbärmliche Lage der römischen Republik, eine Lage, der man durch Sparsamkeit und Redlichkeit die Spitze zu bieten versuchen wollte.

Um damit einen Anfang zu machen, hatte Championnet sämmtliche Agenten des Fiscus aus Rom hinausgejagt und sich anheischig gemacht, alle Geldsendungen für das Directorium, von welcher Seite sie auch kämen, für die Bedürfnisse der Stadt und der Armen zu verwenden.

Das, was Salvato in Bezug auf die Situation der französischen Armee, die kaum blühender war als die der römischen Republik, hinzuzufügen hatte, war Folgendes:

Die Armee von Rom, deren Commando Championnet so eben übernommen und welche nach den Aufstellungen, die er von dem Directorium erhalten, sich auf zweiunddreißigtausend Mann belief, bestand in der That aus nur achttausend Mann.

Diese achttausend Mann, welche seit drei Monaten keinen Heller Löhnung erhalten, litten Mangel an Schuhwerk, an Kleidung, an Brot und waren umzingelt von der Armee des Königs von Neapel, die aus sechzigtausend Mann bestand, welche sämmtlich gut gekleidet, gut beschuht, gut genährt waren und jeden Tag richtig bezahlt wurden.

Die ganze Munition der französischen Armee bestand in einhundertundachtzigtausend Stück Patronen, so daß also der Mann fünfzehn Schüsse thun konnte.

Kein fester Platz war mit Lebensmitteln oder Pulver versehen, und der Mangel war so groß, daß man in Civita Vecchia nicht einmal im Stande gewesen war, auf ein Seeräuberschiff zu feuern, welches in halber Kanonenschußweite von dem Fort eine Fischerbarke genommen.

Man hatte im Ganzen nur neun Geschütze, alle übrigen waren eingeschmolzen worden, um die Herstellung von Kupfergeld zu ermöglichen.

Einige Festungen hatten allerdings noch Geschütze, in keiner aber paßten, mochte nun Verrätherei oder Nachlässigkeit zu Grunde liegen, die Kugeln zu dem Caliber der Kanonen; in einigen waren auch keine Kugeln da.

Die Arsenale waren eben so leer als die Festungen. Vergebens hatte man versucht, zwei Bataillone Nationalgarden zu bewaffnen, und dies in einem Lande, wo man keinem Menschen begegnete, der nicht seine Flinte, wenn man zu Fuße ging, auf der Schulter trug, oder, wenn er ritt quer über dem Sattel liegen hatte.

Championnet hatte aber an Joubert geschrieben und man wollte ihm von Alexandrien und Mailand aus eine Million Patronen und zehn Geschütze mit allem Zubehör schicken.

Was die Kugeln betraf, so hatte Championnet Gießöfen errichten lassen, wo täglich vier- bis fünftausend Stück fertig wurden.

Er ließ deshalb die Patrioten ersuchen, nichts zu übereilen, weil er noch wenigstens einen Monat bedürfe, umgerüstet zu sein, aber noch nicht etwa zum Angriff, sondern nur erst zur Vertheidigung.

Salvato überbrachte einen in diesem Sinne geschriebenen Brief an den französischen Gesandten in Neapel, einen Brief, worin Championnet dem Gesandten Garat seine Lage auseinandersetzte und ihn bat, Alles aufzubieten, um einen Bruch zwischen den beiden Höfen zu verzögern.

Dieser zum Glück in einem guten Portefeuille verwahrte Brief war von der Einwirkung des Wassers nicht berührt worden.

Uebrigens kannte Salvato auch den Inhalt und hätte ihn, wenn der Brief unleserlich gewesen wäre, Wort für Wort dem Gesandten erzählen können.

Nur hätte der Gesandte, wenn er den Brief erhielt, nicht gewußt, welchen Grad von Vertrauen er dem Ueberbringer schenken konnte.

Nachdem alle diese Thatsachen den Verschworenen auseinandergesetzt worden, trat ein Augenblick des Schweigens ein, während dessen sie einander ansahen und sich gegenseitig mit den Augen befragten.

»Was sollen wir nun thun?« fragte der Graf von Ruvo, der Ungeduldigste von allen.

»Den Instructionen des Generals folgen,« antwortete Cirillo.

»Ich wenigstens werde mich denselben gemäß sofort zu dem Gesandten Frankreichs begeben,« setzte Salvato hinzu.

»Dann beeilen Sie sich!« rief von der obersten Stufe der Treppe eine Stimme, bei welcher alle Geschworenen und selbst Salvato zusammenzuckte, denn diese Stimme war bis jetzt noch nicht gehört worden.

»Der Gesandte reist, wie man versichert, noch heute Nacht oder morgen früh nach Paris ab, setzte die Stimme hinzu.

»Velasco!« riefen Nicolino und Manthonnet gleichzeitig.

Dann setzte Nicolino allein fortfahrend hinzu:

»Seien Sie unbesorgt, Signor; es ist der sechste Freund, den wir erwarteten und der in Folge meiner Nachlässigkeit, meiner großen Nachlässigkeit, über das Brett gekommen ist, welches ich vergessen habe wegzunehmen – und zwar habe ich es nicht einmal, sondern zweimal vergessen – das erste Mal, als ich das Seil holte, und das zweite Mal, als ich die Kleider brachte.«

»Nicolino! Nicolino!« sagte Manthonnet, »Du wir uns noch an den Galgen bringen.«

»Das habe ich Dir schon lange gesagt,« entgegnete Nicolino lachend. »Warum wählt Ihr einen Narren zu eurem Mitverschworenen?«

Zwölftes Capitel.
Der Kuß eines Ehemannes

Wenn die von Velasco mitgeheilte Nachricht auf Wahrheit beruhte, so war kein Augenblick zu verlieren, denn von Championnet's Gesichtspunkt aus konnte diese Abreise des Gesandten, die einer Kriegserklärung gleichkam, großes Unglück zur Folge haben. Salvato's Ankunft verhinderte vielleicht noch diese Abreise, indem sie den Bürger Garat bewog, noch zu temporisiren.

Jeder wollte Salvato nach dem französischen Gesandtschaftshotel begleiten, Salvato aber war mit Hilfe einer Erinnerung sowohl als eines Planes der Stadt recht wohl im Stande, sich allein zurechtzufinden und lehnte deshalb die ihm angebotene Begleitung hartnäckig ab.

Derjenige von den Verschworenen, welchen man mit ihm gesehen hätte, wäre, sobald der Zweck seiner Mission bekannt ward, verloren gewesen und die Beute der Polizei von Neapel oder das Ziel des Dolches der Sbirren der Regierung geworden.

Uebrigens brauchte Salvato nur dem Strand des Meeres zu folgen und sich stets links von demselben zu halten, um nach der französischen Gesandtschaft zu gelangen, welche sich in dem ersten Stockwerk des Palastes Caramanico befand.

Er lief deshalb nicht Gefahr, sich zu verirren. Die dreifarbige Fahne und die Fasces mit der Freiheitsmütze mußten ihm das Haus hinreichend kenntlich machen.

Aus Vorsicht sowohl als aus Freundschaft vertauschte er jedoch eine von dem Meerwasser naßgewordenen Pistolen gegen die Nicolinos, gürtete dann unter einem Mantel seinem Säbel um, den er aus dem Schiffbruch gerettet und welchen er kurz an den Carabinerhaken hing, um nicht durch das Klirren auf dem Steinpflaster verrathen zu werden.

Man kam überein, ihn zuerst fortgehen zu lassen. Zehn Minuten nach seinem Weggange sollten die sechs Verschworenen einer nach dem andern sich ebenfalls entfernen und jeder einzeln nach Hause zurückkehren.

Etwaige Verfolger oder Nachschleicher sollten dadurch von der Fährte abgebracht werden, daß man jenen Umwegen folgte, die in dem Labyrinth, welches unentwirrbarer ist als das der Insel Creta und welches man die Stadt Neapel nennt, so leicht zu vervielfachen sind.

Nicolino führte den jungen Adjutanten bis an die Thür und zeigte ihm die den Pausilippo hinabführende Straße und die noch hier und da in der Mergellina leuchtenden wenigen Lichter, indem er sagte:

»Dies ist Ihr Weg. Lassen Sie sich von Niemanden folgen oder anreden.«

Die beiden jungen Männer wechselten dann noch einen Händedruck und trennten sich.

Salvato schaute sich um. Die Straße war gänzlich menschenleer. Uebrigens war das Ungewitter auch noch nicht ganz vorüber und obschon der Regen aufgehört hatte herabzuströmen, so kreuzten sich noch zahlreiche und häufig vom Rollen des Donners begleitete Blitze nach allen Richtungen des Himmels.

Als Salvato die dunkelste Ecke des Palastes der Königin Johanna passirte, war es ihm, als sähe er den Schattemriß eines Mannes sich an der Wand abzeichnen. Er glaubte jedoch nicht, daß es der Mühe verlohne, deswegen stehen zu bleiben. Er war bewaffnet; was machte er sich daher aus einem Menschen?

Nachdem er jedoch etwa zwanzig Schritte zurückgelegt, schaute er sich doch um.

Er hatte sich nicht geirrt. Der Mann ging quer über die Straße hinweg und schien die linke Seite des Weges gewinnen zu wollen.

Zehn Schritte weiterhin glaubte er über der Mauer, welche nach der Seite des Meeres zu der Straße zur Brustwehr dient, einen Kopf zu erkennen, welcher bei seiner Annäherung hinter dieser Mauer verschwand.

Er neigte sich über die Brustwehr, schaute über dieselbe auf die andere Seite, sah aber weiter nichts als einen Garten mit dichtbelaubten Bäumen, deren Aeste bis zur Höhe der Brustwehr hinaufreichten.

Während dieser Zeit war der andere Mann näher gekommen und ging jetzt mit Salvato parallel. Dieser that als suchte er sich ihm zu nähern, ohne jedoch die Stelle, wo der Kopf verschwunden war, aus dem Auge zu verlieren.

Bei dem Schein eines Blitzes sah er denn auch ganz deutlich, daß ein Mann über die Mauer stieg und, wie er, nach Mergellina hinabging.

Salvato legte die Hand an seinen Gürtel, überzeugte sich, daß seine Pistolen nicht leicht herausgezogen werden konnten, und setzte seinen Weg weiter fort.

Die beiden Männer verfolgten immer noch parallel die Straße, der eine ein wenig vor ihm links, der andere ein wenig hinter ihm rechts.

Dem Landhause des Königs gegenüber standen zwei Männer mitten auf dem Wege und stritten sich mit jenem lebhaften Geberdenspiel und mißtönenden Geschrei, welches in Neapel den Leuten aus dem Volk eigen zu sein pflegt.

Salvato spannte seine Pistolen unter dem Mantel, und da er einen Hinterhalt zu argwohnen begann, weil er sah, daß die Leute nicht von der Stelle wichen, so ging er gerade auf sie zu.

»He da, Platz da!« rief er auf neapolitanisch.

»Warum denn?«, fragte einer der Männer in spöttischem Tone und den Streit, in welchem er bis jetzt begriffen gewesen, vergessend.

»Weil,« antwortete Salvato, »die Mitte des Straßenpflasters Seiner allergnädigen Majestät des Königs Ferdinand für die Edelleute bestimmt ist und nicht für Lümmel wie Ihr.«

»Und wenn man Euch nun doch keinen Platz machte, entgegnete der andere Streiter, »was würdet Ihr dazu sagen?«

»Ich würde gar nichts sagen, sondern mir selbst Platz machen.

Mit diesen Worten zog er seine beiden Pistolen aus dem Gürtel und ging auf die beiden Männer los.

Diese traten auf die Seite und ließen ihn vorbei, folgten ihm aber.

Salvato hörte den, welcher der Anführer zu sein schien, zu dem Andern sagen:

»Er ist es!«

Nicolino hatte, wie man sich erinnern wird, Salvato empfohlen, nicht blos sich nicht anreden, sondern auch sich nicht folgen zu lassen. Uebrigens verriethen die drei Worte, die er soeben vernommen, hinreichend, daß ihm wirklich Gefahr drohte.

Er blieb stehen. Als die Männer ihn stehen bleiben sahen, thaten sie dasselbe, das heißt, sie blieben ebenfalls stehen.

Sie waren ungefähr zehn Schritte einer von dem andern entfernt.

Der Ort war abgelegen und einsam.

Links stand ein Haus, dessen Fensterläden geschlossen waren und an welches die Mauern eines Gartens anstießen, über welche hinweg man die Gipfel eines Waldes von Orangebäumen zittern und den biegsamen Helmbusch einer prächtigen Pappel sich abwechselnd beugen und emporrichten sah.

Auf der rechten Seite war das Meer.

Salvato that wiederum zehn Schritte vorwärts und blieb dann abermals stehen.

Die Männer, welche gleichzeitig mit ihm weitergeschritten waren, blieben nun auch gleichzeitig wieder stehen.

Nun kehrte Salvato um. Die vier Männer, welche sich einander genähert und die, wie man mit Gewißheit voraussetzen konnte, einer und derselben Bande angehörten, erwarteten ihn.

»Ich will, sagte Salvato, als er nur noch vier Schritte von ihnen entfernt war, »ich will nicht blos, daß man mir nicht den Weg versperre, sondern ich will auch nicht, daß man mir folge.«

Zwei der Männer hatten schon ihre Messer gezogen und hielten dieselben in der Hand.

»Na,« sagte der Anführer, »vielleicht können wir, wenn es um und um kommt, uns verständigen, denn nach der Art und Weise zu urtheilen, wie Ihr das Neapolitanische sprecht, so ist es unmöglich, daß Ihr ein Franzose seid.«

»Und was geht es Dich an, ob ich Franzose oder Neapolitaner bin?

»Das ist meine Sache. Antwortet jetzt offen.«

»Ich glaube gar, Du erlaubt Dir mich auszufragen, Schurke?«

»O, was ich thue, mein Herr Edelmann, thue ich für Euch und nicht für mich. Also: Seid Ihr der Mann, welcher in französischer Uniform von Capua zu Pferde angelangt, in Pozzuolo eine Barke genommen und trotz des Sturmes zwei Fischer gezwungen hat, ihn nach dem Palast der Königin Johanna zu rudern?«

Salvato hätte mit nein antworten und von seiner Fertigkeit im Sprechen des neapolitanischen Dialekts Gebrauch machen können, um die Zweifel des Fragenden zu vermehren. Er war jedoch der Meinung, daß man selbst einen Sbirren nicht belügen dürfe und daß eine Lüge stets etwas sei, wodurch die Menschenwürde herabgesetzt werde.

»Und wenn ich nun dieser Mann wäre, antwortete er daher, »was würde dann geschehen?«

»Ah, wenn Ihr es wäret,« sagte der Mann in dumpfem Tone und den Kopf schüttelnd, »dann würde weiter nichts geschehen, als daß ich genöthigt wäre, Euch umzubringen, dafern Ihr Euch nicht dazu verstündet, mir die Papiere, deren Ueberbringer Ihr seid, gutwillig zu geben.«

»Dann müßtet Ihr euer Zwanzig sein anstatt Vier, Ihr Schurken! Euer Vier sind nicht genug, um einen Adjutanten des Generals Championnet umzubringen oder auch nur zu berauben.«

»Er ist es!« rief der Anführer. »Wir müssender Sache ein Ende machen. Hierher, Beccajo, hierher!«

Auf diesen Ruf kamen zwei Männer von einer kleinen dunklen Thür in der Gartenmauer her und näherten sich rasch, um Salvato von hinten anzufallen.

Salvato hatte aber bereits mit feinen beiden Pistolen Feuer auf die beiden Männer gegeben, welche ihre Messer in der Hand hatten, und einen davon getödtet, den andern verwundet.

Dann knöpfte er seinen Mantel auf, schleuderte ihn weit von sich hinweg, riß den Säbel aus der Scheide, spaltete mit einem Hiebe dem, welchen der Anführer unter dem Namen Beccajo zu seinem Beistande herbeigerufen, das Gesicht und versetzte dem andern eine tödtliche Stichwunde.

Er glaubte nun sich seiner Angreifer entledigt zu haben, da von sechs nun schon vier kampfunfähig waren. Er hatte es nur noch mit dem Anführer und einem seiner Sbirren zu thun, der sich klüglich zehn Schritte weit von ihm entfernt hielt, und glaubte mit diesen beiden letzten leicht fertig zu werden, als er in dem Augenblick, wo er sich nach ihnen umdrehte, um über sie herzufallen, eine Art Blitz zucken sah, welcher aus der Hand des Anführers zischend auf ihn zugeflogen kam. Gleichzeitig empfand er in der rechten Seite der Brust einen lebhaften Schmerz.

Der Mörder der sich ihm nicht zu nähern gewagt, hatte sein Messer nach ihm geworfen. Die Klinge war zwischen dem Schlüsselbein und der Schulter verschwunden und nur der Griff zitterte außerhalb der Wunde.

Salvato ergriff das Messer mit der linken Hand, riß es aus der Wunde und that einige Schritte rückwärts, denn es war ihm, als wenn ihm der Boden unter den Füßen entwiche.

Dann stieß er, einen Stützpunkt suchend, an die Mauer und lehnte sich an dieselbe. Fast unmittelbar darauf schien Alles mit ihm sich im Kreise zu drehen und seine letzte Empfindung war, daß er glaubte, die Mauer werde ihn eben so treulos verlassen wie der Erdboden.

Ein Blitz, welcher den Himmel spaltete, erschien ihm nicht mehr bläulich, sondern blutroth.

Er streckte die Arme aus, ließ seinen Säbel fallen und sank ohnmächtig nieder.

In dem letzten Schimmer von Bewußtsein, der ihn von der Vernichtung trennte, glaubte er die beiden Männer auf sich zustürzen zu sehen.

Er machte eine Anstrengung, um sie zurückzustoßen, aber Alles erlosch in einem Seufzer, von welchem man hätte glauben können, es sei ein letzter.

Es geschah dies einige Sekunden nachdem bei dem Doppelknalle der Pistolen das Fenster im Hause der San Felice sich geöffnet und bei dem Schreckensruf Michels: »Pasquale de Simone, der Sbirre der Königin!« die junge Frau mit dem muthigen Rufe geantwortet hatte: »Wohlan, dann ist es an mir ihn zu retten!«

Obschon aber die Entfernung von dem Boudoir nach der steinernen Rampe und von der Rampe bis zur Gartenthür nicht groß war, so waren, als Luisa mit zitternder Hand diese Thür öffnete, die Mörder doch schon verschwunden und nur der Körper des jungen Mannes, der an der Gartenthür angelehnt gelegen, fiel in dem Augenblick, wo die San Felice diese Thür öffnete, mit dem oberen Theil in den Garten herein.

Mit einer Kraft, deren sie sich selbst niemals fähig geglaubt hätte, zog die junge Frau den Verwundeten in den Garten, verschloß und verriegelte die Thür hinter ihm und rief außer sich vor Schrecken und Angst: »Nina, Michele und Nanno, zu Hilfe!«

Alle Drei kamen herbeigeeilt.

Michele hatte von seinem Fenster aus die Meuchelmörder fliehen sehen. Eine Patrouille, deren langsamen, gemessenen Tritt man vernahm, hätte sich wahrscheinlich blos damit beschäftigt, die Todten hinwegzuschaffen und die Verwundeten aufzuheben.

Es stand daher nichts mehr für die zu fürchten, welche dem jungen Officier beistanden, dessen Spur selbst für das geübteste Auge so gut wie verloren war.

Michele faßte den jungen Mann um die Mitte des Leibes und hob ihn auf, während Nina die Füße trug und Luisa den Kopf stützte.

Mit jenen sanften Bewegungen, deren Geheimniß die Frauen in Bezug auf die Kranken und Verwundeten allein besitzen, schaffte man den Verwundeten in das Innere des Hauses.

Nanno war zurückgeblieben. Zur Erde niedergebückt, murmelte sie zwischen den Zähnen magische Worte und suchte ihr bekannte Kräuter unter denen, welche in der Ecke des Gartens und in den Spalten der Mauern wuchsen.

In dem Boudoir angelangt, blieb Michele gedankenvoll stehen, dann schüttelte er plötzlich den Kopf und sagte:

»Schwesterchen, es wird nun nicht lange mehr dauern, so kommt der Chevalier nach Hause. Was wird er sagen, wenn er sieht, daß Du in seiner Abwesenheit und ohne ihn zu Rathe zu ziehen, diesen schönen jungen Menschen in sein Haus gebracht hast?

»Er wird ihn beklagen, Michele, und sagen, daß ich wohl daran gethan habe, antwortete die junge Frau, indem sie ihre von sanft heiterer Ruhe strahlende Stirn emporrichtete.

»Ja ganz gewiß würde dem so sein, wenn es sich hier um eine gewöhnliche Mordthat handelte. Wenn der Chevalier aber erfährt, daß der Mörder Pasquale de Simone ist, wird er, der zum Haushalt des Prinzen Francesco gehört, wohl das Recht zu haben glauben, einem von dem Sbirren der Königin verwundeten Manne ein Asyl zu gewähren?«

Luisa dachte eine Weile nach und hob nach einigen Secunden an:

»Du hast Recht, Michele. Wir wollen sehen, ob der Verwundete irgend ein Papier bei sich hat, welches uns andeutet, wohin wir ihn bringen lassen können.«

Man mochte aber in den Taschen des Verwundeten suchen, wie man wollte, so fand man in denselben nichts als seine Börse und seine Uhr.

Es bewies dies, daß er es nicht mit Räubern zu thum gehabt.

Was dagegen seine Papiere betraf, wenn er deren bei sich gehabt, so waren sie verschwunden.

»Mein Gott, mein Gott, was sollen wir thun?« rief Luisa. »Ich kann doch ein menschliches Wesen in einem solchen Zustande nicht verlassen!«

»Schwesterchen,« sagte Michele im Tone eines Menschen, der ein Auskunftsmittel gefunden. »Wenn der Chevalier plötzlich dazugekommen wäre, als Du Dir von Nauno wahrsagen ließest, wären wir dann nicht sofort in das Haus deiner Freundin, der Herzogin Fusco, verschwunden, welches leer steht und wozu Du die Schlüssel hast?«

»Ja, Du hast Recht, Du hast Recht, Michele!« rief die junge Frau. »Ja, tragen wir ihn in das Haus der Herzogin. Man kann ihn dort in eines der Zimmer bringen, deren Fenster auf den Garten gehen. Es gibt dort auch eine Ausgangsthür. Ich danke Dir, Michele. Wenn der arme junge Mann nicht stirbt, so können wir ihm auf diese Weise alle Pflege angedeihen lassen, welche sein Zustand verlangt.«

»Und,« fuhr Michele fort, »dein Gemahl kann, da er von nichts weiß, im Nothfall seine Unwissenheit betheuern, was er nicht thun würde, wenn man ihn von der Sache unterrichten wollte.«

»Ganz recht, Du kennst ihn. Er würde nicht läugnen. Er darf nichts erfahren – nicht als ob ich an einem guten Herzen zweifelte, sondern, wie Du sagst, ich darf ihn nicht in Widerstreit mit seiner Pflicht als Freund des Prinzen und feinem Gewissen als Christ bringen. Leuchte uns, Nanno,« sagte die junge Frau zu der Wahrsagerin, welche eben mit einem Bündel Pflanzen von verschiedenen Gattungen wieder in's Zimmer trat. »Es da in diesem Hause hier keine Spur von diesem jungen Manne zurückbleiben.«

Und der Zug setzte sich, während Nanno leuchtete, in Bewegung, durchschritt drei oder vier Zimmer und verschwand endlich hinter der Verbindungsthür, welche in das Nachbarhaus führte.

Kaum aber hatte man den Verwundeten in einem von der San Felice selbst bezeichneten Zimmer auf ein Bett gelegt, als Nina, die Zofe, welche weniger in Gedanken versunken war als ihre Herrin, dieselbe lebhaft am Arme faßte.

Luisa begriff, daß die Zofe sie auf etwas aufmerksam machen wollte und horchte.

Es ward an die Thür des Gartens gepocht.

»Das ist der Chevalier. – Schnell, schnell, Signora!« sagte Nina. »Legen Sie sich mit Ihrem Pudermantel zu Bett. Für alles Uebrige lassen Sie mich sorgen.«

»Michele! Nanno!« rief Luisa, indem sie ihnen mit einer letzten Geberde den Verwundeten empfahl.

Ein Wink von den Beiden beruhigte sie, insoweit als sie beruhigt werden konnte.

Dann bewegte sie sich wie in einem Traume befangen, an die Wände anstoßend, keuchend und unzusammenhängende Worte murmelnd nach ihrem Zimmer und hatte nur eben noch Zeit, ihre Strümpfe und ihre Pantoffeln auf einen Stuhl zu werfen, sich auf ihr Bett zu strecken und mit hochklopfendem Herzen, aber verhaltenem Athem die Augen zu schließen und sich zu stellen, als ob sie schliefe.

Fünf Minuten später trat der Chevalier San Felice, den Nina wegen des Verriegelns der Gartenthür, als sei sie daran Schuld, um Verzeihung gebeten, auf den Fußspitzen, mit lächelndem Gesicht und mit dem Licht in der Hand, in das Schlafzimmer seiner Gattin.

Einen Augenblick lang blieb er vor dem Bett stehen, betrachtete Luisa beim Schimmer der rosenfarbenen Wachskerze, die er in der Hand hielt, drückte dann langsam seine Lippen auf ihre Stirn und murmelte:

»Schlafe unter der Obhut des Herrn, Du reiner Engel, und der Himmel behüte Dich vor jeder Berührung mit den Engeln der Finsterniß, die ich so eben verlassen habe.«

Die Unbeweglichkeit, welche er für Schlaf hielt, respectirend, verließ er dann das Zimmer auf den Fußspitzen, wie er es betreten, schloß leise die Thür des Schlafzimmers seiner Gattin und begab sich in das seinige.

Kaum aber war der Schimmer der Wachskerze von den Wänden des Zimmers verschwunden, als die junge Frau sich auf den Ellbogen emporrichtete und mit stierem Auge und gespanntem Ohr lauschte.

Alles war wieder in Schweigen und Dunkel versunken.

Luisa hob nun langsam die seidene Decke ihres Bettes, setzte vorsichtig ihren Fuß auf den Porzellanfußboden, ließ sich auf ein Knie nieder und stützte sich an das Kopfende des Bettes.

So lauschte sie nochmals. Durch das überall herrschende vollkommene Schweigen beruhigt, öffnete sie die Thür, welche der, durch welche ihr Gemahl eingetreten, entgegengesetzt war, gelangte in den Corridor, welcher in das Haus der Herzogin führte, öffnete die Verbindungsthür und bewegte sich leicht und stumm wie ein Schatten bis an die Schwelle des Zimmers, in welchem der Verwundete lag.

Er war immer noch ohnmächtig.

Michele stampfte Kräuter in einem metallenen Mörser und Nanno drückte den Saft dieser Kräuter auf die Wunde des Kranken.

– Ende des ersten Theiles -
1.Italienischer Name der Guillotine.
2.Der Verfasser hat denselben Nicolino Caracciolo, von welchem hier die Rede ist, persönlich gekannt. Derselbe bewohnte noch im Jahre 1860 dieses Haus, wo er 1863 in einem Alter von dreiundachtzig Jahren starb.
3.Wir brauchen wohl kaum zu erwähnen, daß die Worte: San Felice im Italienischen heilig glücklich bedeuten.

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04 aralık 2019
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