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Kitabı oku: «La San Felice Band 10»

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Zehnter Theil

Erstes Capitel.
Michele der Kluge

In irgend einem Buche, ob in der Bibel oder in einem profanen Werke weiß ich für den Augenblick nicht und habe auch nicht Zeit nachzusuchen, kommt der Ausspruch vor: Die Liebe ist mächtig wie der Tod.

Dieser Ausspruch, welcher aussieht wie ein Gedanke, ist weiter nichts als eine Thatsache und zwar eine auf diese Weise nicht ganz präcis ausgedrückte.

Cäsar sagt in Shakespeare oder vielmehr Shakespeare läßt Cäsar sagen: »Die Gefahr und ich, wir sind zwei an einem und demselben Tage gebotene Löwen und ich bin der älteste davon.«

Die Liebe und der Tod sind ebenfalls an einem und demselben Tage, nämlich am Tage der Schöpfung, geboren, nur ist die Liebe am ältesten. Ehe man stirbt, hat man geliebt. Als Eva beim Anblick des von Kain erschlagenen Abel in mütterlichem Schmerz die Hände rang und rief: »Wehe! Wehe! Wehe! Der Tod ist in die Welt gekommen!» da war der Tod erst nach der Liebe eingedrungen, denn dieser Sohn, welchen der Tod soeben der Welt entrissen, war der Sohn ihrer Liebe.

Es ist daher nicht richtig, wenn man sagt: »Die Liebe ist mächtig wie der Tod!« Man maß vielmehr sagen: »Die Liebe ist mächtiger als der Tod!« denn alle Tage bekämpft die Liebe den Tod und wirft ihn nieder.

Fünf Minuten nachdem Luisa gesagt hatte: »Gesegnet seien die Dinge, welche Gott geschaffen. Was er thut, das ist wohl gethan!« hatte Luisa Alles vergessen, sogar die Ursache, welche sie zu Salvato geführt.

Sie wußte jetzt blos, daß sie bei Salvato und daß Salvato bei ihr war.

Es ward zwischen ihnen verabredet, daß sie einander erst am Abend verlassen sollten. Noch diesen selben Abend sollte Luisa den Anführer der Verschwörung sprechen und den nächstfolgenden Tag, nachdem er Zeit gehabt, Contreordre zugeben, und sich und seine Mitverschworenen in Sicherheit zu bringen, sollte Salvato den General benachrichtigen, welcher sich dann mit der Civilgewalt über die zur Vereitelung des Complotts nothwendigen Maßregeln für den Fall verständigen sollte, daß die Insurgenten trotz der ihnen von Luisa gemachten Mittheilung bei ihrem Unternehmen beharren sollten.

Nachdem man sich einmal über alles dies besprochen, überließen Salvato und Luisa sich ganz ihrer Liebe.

Sich ganz der Liebe überlassen , wenn man wirklich liebt, heißt Tauben – oder Engelsschwingen leihen, sich hoch über die Erde erheben, auf einer Purpurwolke, auf einem Sonnenstrahle ausruhen, sich betrachten, sich zulächeln, leise sprechen, das Paradies zu seinen Füßen, den Himmel über dem Haupte sehen, und zwischen den zweitausendmal wiederholten Zauberworten: »Ich liebe Dich!« die Klänge der himmlischen Sphären hören.

Der Tag verging wie ein Traum. Das Geräusch der Straße und der Beengung zwischen den vier Mauern eines Zimmers müde, nach Luft, nach Freiheit, nach Einsamkeit schmachtend, eilten sie hinaus ins Freie, welches in den neapolitanischen Provinzen gegen Ende des Januar wieder zu neuem Leben zu erwachen beginnt.

Hier aber, in den nächsten Umgebungen der Stadt, begegnete man auf jedem Schritte einem Neugierigen, einem Zudringlichen.

»Können wir nicht eine Wüste aufsuchen?« sagte Salvato lächelnd.

»Wir wollen nach Pästum fahren,« antwortete Luisa.

Ein Miethwagen fuhr vorüber. Salvato rief den Kutscher an, die beiden Liebenden stiegen ein, das Ziel der Fahrt ward genannt und die Pferde setzten sich in blitzschnelle Bewegung.

Keines von Beiden kannte Pästum. Salvato hatte das südliche Italien verlassen, ehe noch, so zu sagen, ihm die Augen aufgegangen waren, und obschon der Chevalier mit Luisa wohl zwanzigmal von Pästum gesprochen, so hatte er sie doch niemals dahin führen wollen, weil er für sie die verderblichen Einwirkungen der dort herrschenden bösen Luft fürchtete.

Jetzt dachten die beiden Liebenden nicht einmal daran. Hätte das Eine von ihnen die pontinischen Sümpfe genannt, so würde das Andere gesagt haben: »Ja, gehen wir nach den pontinischen Sümpfen,« Es war ja geradezu unmöglich, daß das Fieber in einem solchen Augenblicke Gewalt über sie hätte. Ist das Glück von allen Gegengiften nicht das wirksamste? Luisa war genau über die Oertlichkeiten unterrichtet, welche man passiert, wenn man die Runde um diesen prachtvollen Golf macht, welcher, ehe Salerno existierte, der Golf von Pästum genannt ward. Dennoch ließ sie wie eine unwissende, aber wißbegierige Schülerin der Archäologie Salvato sprechen, weil sie ihm einmal gerne zuhörte. Sie wußte im Voraus, was er sagen wollte, und dennoch war es ihr, als hörte sie Alles, was er sagte, zum ersten Male.

Was aber kein geschriebenes Buch weder dem Einen noch dem Andern hatte mittheilen können, dies war die Majestät der Landschaft, die Erhabenheit der Linien, welche sich den Augen der Reisenden entrollten, als sie an einer der Biegungen der Straße plötzlich die drei Tempel gewahrten, welche sich mit ihrer warmen, dem welken Laube ähnlichen Farbe gegen den dunkeln Azur des Himmels abhoben.

Es waren würdige Ueberreste der strengen Architektur jener am Fuße des Ossa und des Olymp gebotenen hellenischen Stämme, welche bei der Rückkehr von einem fruchtlosen Kriegszug in den Peloponnes, wohin Hyllus, der Sohn des Herkules, sie geführt, ihr Land von den Verhäbiern besetzt fanden, welche, nachdem sie die fruchtbaren Ebenen am Penrios den Lapythern und Jonierv überlassen, sich in der Tryopide niederließen, welche von dieser Zeit an den Namen Doride annahm, und hundert Jahre nach dem trojanischen Kriege den Pelasgern, welche sie bis nach Attika verfolgten, Messena und Tyrenthe, die noch heute durch ihre titanischen Rainen berühmt sind, die Argolide, wo sie das Grabmal Agamemnon’s fanden, und Latonien abnehmen, dessen Bewohner sie zu Heloten machten und wo sie aus Sparta den lebendigen Ausdruck ihres ernsten, düsteren Geistes machten dessen Dolmetscher Lykurgus ward. Sechs Jahrhunderte lang war die Civilisation durch diese Eroberer gehemmt, welche gegen den Gewerbfleiß, gegen die Wirthschaften und Künste gleichgültig oder feindselig gesinnt waren und welche, als sie in ihren messenischen Kriegen eines Dichters bedürften, den Atheniensern ihren Tyktäus abborgten.

Wie konnten diese rauhen Söhne des Olymps und des Ossa in diesen weichen, wollüstigen Ebenen von Pästum leben, mitten unter der Civilisation Großgriechenlands wo die Südwinde ihnen die Wohlgerüche von Sybaris und der Nordwind die Ausströmungen von Baja betrachten ?

Auch erbauten sie mitten unter ihren Feldern von Rosenbäumen, welche zweimal jährlich blühten, gleichsam als Protest gegen diese zierliche, vom sonischen Hauche durchdrungene Civilisation, jene drei furchtbaren Granittempel, welche unter Augustus schon in Trümmern liegend noch heutzutage das sind, was sie zur Zeit des Augustus waren.

Gegenwärtig ist von diesen Besiegern Spartas nichts weiter übrig, als diese drei Granitskelette, wo, von tödtlichen Miasmen umgeben, das Fieber herrscht, und jenes schnurgerade Mauerviereck, welches man binnen einer Stunde umgehen kann.

Die hier umherirrendem von der Malaria verzehrten Gespenster, welche mit hohlem neugierigem Blick den Reisenden betrachten, sind eben so wenig die Nachkommen jener Bewohner, als die ungesunden oder giftigen, in den faulen Sümpfen wachsenden Kräuter die Sprößlinge jener Rosenbäume sind, mit welchen der von Syracus nach Neapel gehende Reisende das Land weit und breit bedeckt sah, und von welchem der Wohlgeruch durch den Wind zu ihm herübergetragen ward.

Zu jener Zeit, wo die Archäologie noch in der Wiege lag und wo die klebrige Natter allein in den einsamen Ruinen herumkroch, gab es nicht wie heutzutage einen Weg, auf welchem man nach jenem Tempel gelangte. Man mußte vielmehr durch jene riesigen Kräuter hindurchschreiten, ohne zu wissen, auf welches giftige Gewürm man Gefahr lief den Fuß zu setzen.

Luisa schien, als man dieses faule Röhricht betreten wollte, zu zögern, Salvato aber nahm sie auf die Arme wie ein Kind, hob sie über die sonnverbrannte, trockene Ernte und setzte sie nicht eher wieder nieder, als bis man die Stufen des größten der Tempel erreicht hatte.

Ueberlassen wir sie jener Einsamkeit, welche sie so weit aufzusuchen gekommen, jener tiefen, geheimnißvollen Liebe, welche sie den Blicken Aller zu verbergen suchten und welche eine eifersüchtige Feder einem Nebenbuhler verrathen.

Sehen wir vielmehr, was die Ursache jenes Geräusches gewesen, welches die beiden Liebenden in dem Nebenzimmer gehört und wodurch sie einen Augenblick lang um so mehr beunruhigt worden, als sie sich vergebens bemüht hatten, die Ursache davon zu entdecken.

Michele war, wie man sich erinnert, Luisa gefolgt und erst aus der Schwelle von Salvatos Zimmer in dein Augenblick stehen geblieben, wo der junge Officier auf Luisa zugeeilt gekommen war und sie an sein Herz gedrückt hatte.

Dann hatte Michele sich discreterweise zurückgezogen, obschon es für ihn in Bezug auf das Gefühl, welches die beiden Liebenden gegen einander hegten, nichts Neues zu erfahren gab. Als aufmerksame Schildwache hatte er sich sodann in der Nähe der Thür niedergesetzt, um weitere Befehle von seiner Milchschwester oder von seinem Brigadechef zu erwarten.

Luisa hatte vergessen, daß Michele da war. Salvato welcher wußte, daß er auf seine Verschwiegenheit rechnen konnte, kümmerte sich nicht darum, und Luisa hatte, wie man sich erinnert, nachdem sie erst ihren Geliebten ohne nähere Erklärung zur Flucht aufgefordert ihm endlich Alles gestanden, ohne jedoch den Namen des Hauptes der Verschwörung zu nennen.

Michele aber kannte diesen Namen. Das Haupt der Verschwörung war, wie Luisa ihrem Geliebten selbst gestand, der junge Mann, der bis um zwei Uhr Morgens auf sie gewartet hatte; der ihr Haus erst um drei Uhr verlassen, und Giovannina hatte auf die Frage des jungen Lazzarone: »Was fehlt denn Luisa heute Morgen? Ist sie, seitdem ich vernünftig geworden, vielleicht närrisch geworden?« die furchtbare Bedeutung ihrer Antwort nicht verstehend gesagt: »Das weiß ich weiter nicht; sie ist so seit dem Besuche, welchen Signor André Backer ihr diese Nacht gemacht hat.«

Das Haupt der Verschwörung war sonach Signor André Backer, der Bankier des Königs, jener junge Mann, der so wahnsinnig in Luisa verliebt war.

Was war aber der Zweck dieser Verschwörung? Kein anderer, als in einer einzigen Nacht die sechs- bis achttausend Franzosen, welche Neapel besetzt hielten,und mit denselben zugleich alle ihre Anhänger zu ermorden.

Michele fühlte, wie er bei dem Gedanken an diese neue sicilische Vesper unter seiner schönen Uniform an allen Gliedern erzitterte.

Er war selbst ein Anhänger der Franzosen und zwar einer der eifrigsten. Demzufolge war er auch einer der Ersten, welche sich darauf gefaßt machen mußten, niedergemetzelt oder gehängt zu werden, denn es war ihm ja prophezeit, daß er Oberst und gehängt werden würde, und Oberst war er schon.

Wenn aber Nanno‘s Prophezeiung in Erfüllung gehen sollte, so lag Michele viel daran, daß es wenigstens so spät als möglich geschähe. Die Frist, welche ihm vom Donnerstag Mittag bis zur Nacht des Freitag gegeben war, schien ihm nicht lang genug zu sein.

Er glaubte deshalb, daß er kraft des Sprichwortes, daß es besser sei, den Teufel todtzuschlagen als sich von demselben todtschlagen zu lassen, keine Zeit zu verlieren habe, um sich gegen den Teufel zur Wehre zu setzen.

Es war ihm dies um so leichter, als sein Gewissen durchaus nicht durch die Zweifel bewegt ward, welche das Herz seiner Milchschwester beunruhigten. Ihm hatte mag keine vertrauliche Mittheilung gemacht; er hatte keinen Schwur geleistet.

Er hatte die Verschwörung erfahren, indem er an der Thür gehorcht hatte, ohne darauf ausgegangen zu sein.

Den Namen des Hauptes der Verschwörung errieth er, weil Giovannina es ihm gesagt, ohne ihm im mindesten Verschwiegenheit zu Pflicht zu machen.

Er war der Ansicht, daß er, wenn er die reaktionären Projecte der Herren Simon und André Backer sich verwirklichen ließe, in der That den Namen eines Narren verdienen würde, welchen man ihm seiner Meinung nach ohne triftigen Grund gegeben. Dagegen glaubte er, daß er in den Augen seiner Zeitgenossen sowohl als in denen der Nachwelt, ebenso wie Thales und Solon, den Namen eines Weisen verdienen würde, wenn er den Ausbruch der Gegenrevolution vereitelte und indem er das Leben zweier Menschen opferte, das von fünfundzwanzig bis dreißigtausend rettete.

Deshalb hatte er, ohne Zeit zu verlieren, das Zimmer neben dem, in welchem sich die beiden Liebenden befanden, verlassen und beim Fortgehen die Thür hinter sich geschlossen, so daß Niemand in das Zimmer treten konnte, ohne gehört zu werden.

Das Geräusch dieser sich schließenden Thier war es eben, was Luisa und Salvato beunruhigt, welche nach unruhiger geworden wären, wenn sie gewußt hätten, in welcher Absicht Michele der Narr, jetzt Michele der Weise, sich entfernt hatte.

Zweites Capitel.
Michele‘s Bedenklichkeiten

Als Michele das Stadthaus verlassen hattest sprang er in ein Calessino, dessen Kutscher er einen Ducaten versprach, wenn er binnen Dreiviertelstunden im Castellamare wäre.

Der Kutscher setzte sein Pferd sofort in Galopp.

Schon vor langer Zeit habe ich die Geschichte dieser unglücklichen gespenstischen Pferde erzählt, welche weiter nichts haben, als dem Athem und welche laufen wieder Wind.

In vierzig Minuten hatte das, welches den Wagen zog, in welchem Michele saß, den Raum zurückgelegt, welcher Salerno von Castellamare trennt.

Michele hatte, als er auf die Brücke gelangte und Giambardella seine Segel richten sah, um einen sich eben erhabenen Wind zu benutzen, anfangs die Idee, sich wieder an Bord dieser Barke zu begeben und mit derselben nach Neapel zurückzukehren.

Der Wind aber, welcher sich einmal gelegt hatte, konnte sich auch wieder legen, oder nachdem er ein erstes Mal von Südost nach Nordost umgesprungen war, zum zweiten Mal nach irgend einem anderen Punkt des Compasses umspringen, wo er ganz conträr ward, so daß man seine Zuflucht wieder zum Ruder nehmen mußte.

Alles dies wäre für einen Narren ganz vortrefflich gewesen, für einen Weisen aber war es viel zu gewagt. Deshalb beschloß er auf dem Landwege zu bleiben, und um schneller fortzukommen, die Entfernung in zwei Stationen zu theilen, von welchen die erste von Castellamare bis Portici, die zweite von Portici bis Neapel reichte.

Auf diese Weise und mittelst eines Ducatens für jede Station konnte er binnen weniger als zwei Stunden im Palast Angri sein.

Wir sagen im Palast Angri, weil Michele vor allen Dingen mit dem General Championnet zu sprechen wünschte.

Während er nämlich so mit Blitzesschnelle entlang rollte und sich dabei verzweifelt am Kopfe kratzte, fühlte er in seinem Gemüth allerhand Zweifel und Bedenklichkeiten erwachen.

Er war ein ehrlich-es, biederes Wesen und konnte sich nicht verhehlen, daß er im Begriffe stand, die Rolle eines Angebers zu spielen.

Ja; aber wenn er auch zum Angeber ward, so rettete er doch auch zugleich die Republik.

Er war deshalb so ziemlich, ja sogar ganz entschlossen, das Complott zu denunciren und nur noch unschlüssig in Bezug auf die Art und Weise, wie dies geschehen sollte.

Wenn er den General Championnet aufsuchte und denselben zu Rathe zog wie einen Beichtvater in einer Gewissenssache, so stand er dann nach seiner Ansicht als ein Mensch da, welcher selbst in den Augen seiner Feinde für ein Muster von Redlichkeit galt.

Deshalb haben wir gesagt, daß er in weniger als zwei Stunden im Palast Angri sein konnte, anstatt zu sagen, daß er binnen weniger als zwei Stunden im Ministerium der Polizei hätte sein können.

Und in der That setzte er eine Stunde fünfzig Minuten, nachdem er Castellamare verlassen, den Fuß auf die erste Stufe der Treppe des Palastes Angri.

Bei der Schildwache erkundigte er sich; ob der General Championnet zu Hause wäre, und die Antwort lautete bejahend.

Im Vorzimmer aber sagte ihm der hier befindliche Ordonnanzsoldat, daß der General Niemanden empfangen könne, weil er mit den Architecten beschäftigt sei, welchen ihm Entwürfe zu dem Grabmal Virgils vorgelegt hätten.

Michele antwortete, er käme in einer weit wichtigeren Angelegenheit, als das Grabmal Virgils sei, und er müsse, wenn nicht das größte Unglück daraus entstehen sollte, den General augenblicklich sprechen.

Alle Welt kannte Michele den Narren, alle Welt wußte, wie er durch Salvatos Vermittlung dem Tode entronnen, wie der General ihn zum Obersten gemacht und welchen Dienst er geleistet, indem er dem heiligen Januarius wohlbehalten eine Ehrengarde zugeführt.

Man wußte auch, daß der General leicht zugänglich war und man setzte ihn deshalb von dem Begehren des improvisirten Obersten in Kenntniß.

Der Obergeneral der Armee von Neapel hatte von jeher es sich zur Regel gemacht, keinen Rath zu verachten.

Demgemäß entschuldigte er sich bei seinen Architecten, welche er im Solon zurückließ, indem er ihnen versprach, zurückzukehren sobald er sich Michele's entledigt hätte, was wahrscheinlich nicht lange dauern würde.

Dann begab er sich in sein Cabinet und befahl Michele vorzulassen.

Dieser erschien und grüßte militärisch. Trotz dieses anscheinenden Aplomb und dieses militärischen Grußes aber schien der arme Junge, der niemals Anspruch darauf gemacht ein Redner zu sein, sehr verlegen zu werden.

Championnet errieth diese Verlegenheit und beschloß mit seiner gewöhnlichen Herzensgüte, dem armen jungen Mann zu Hilfe zu kommen.

»Ah, Du bist es, ragazzo,« sagte er im neapolitanischen Dialekt. »Du weißt, daß ich zufrieden mit Dir bin. Du benimmst Dich sehr gut und predigst wie Don Michelangelo Ceccone.«

Michele fühlte sich ein wenig ermuthigt, als er seinen Dialect so gut sprechen hörte, und ein Mann wie Championnet ihm so große Lobsprüche machte.

»Mein Generale antwortete er, »ich bin stolz darauf und fühle mich glücklich, daß Sie zufrieden mit mir sind, aber das ist nicht genug.«

»Wie , es ist noch nicht genug?«

»Nein, ich muß auch selbst mit mir zufrieden sein?«

»Ah, dann machst Du auch ziemlich große Ansprüche. Mit sich selbst zufrieden sein, dies ist die moralische Glückseligkeit auf Erden. Wo wäre der Mensch, der, wenn er streng sein Gewissen befragt, mit sich selbst zufrieden wäre?«

»Ich, mein General, wenn Sie sich die Mühe nehmen wollen, mein Gewissen zu erleuchten und zu leiten.«

»Mein lieber Freund– sagte Championnet lachend, »ich glaube, Du hast die rechte Thür verfehlt. Du hast geglaubt zu Monsignore Capece Zurlo, Erzbischof von Neapel, zu kommen und bist dagegen zu Jean Etienne Championnet, dem Obergeneral der französischen Armee, gerathen.«

»O nein, mein General,« antwortete Michele, »ich weiß recht wohl, bei wem ich bin. Ich bin bei dem redlichsten, tapfersten und biedersten Soldaten der Armee, die er commandiert.«

»Aha, Du schmeichelst! Wahrscheinlich hast Du eine Bitte anzubringen.«

»O nein; im Gegentheil, ich habe Ihnen einen Dienst zu leisten.«

»Du hast mir einen Dienst zu leisten?«

»Ja, und zwar einen sehr wichtigen.«

»Mir?«

»Ja, Ihnen, der französischen Armee, dem ganzen Lande. Nur muß ich erst wissen, ob ich Ihnen diesen Dienst leisten und dabei ein ehrlicher Mann bleiben kann und ob, wenn ich den Dienst geleistet habe, Sie mir Ihre Hand eben so wieder reichen werden, wie Sie mir dieselbe jetzt gereicht haben.«

»Ich sollte meinen, Du hättest in diesem Punkte einen besseren Führer, als ich sein kann, nämlich dein Gewissen.«

»Eben mein Gewissen ist es, was nicht vollkommen weiß, woran es sich halten soll.«

»Du kennst,« sagte der General, welcher allmälig seine Architecten vergaß und an der Unterhaltung mit dem Lazzarone Vergnügen fand, »Du kennst das Sprichwort: Wenn Du zweifelst, so enthalte Dich.«

»Aber wenn ich mich nun enthalte, und dadurch ein großes Unglück herbeigeführt wird?«

»Also, wie Du eben sagtest, Du zweifelst?« fragte Championnet.

»Ja, mein General, ich zweifle,« entgegnete Michele, »und ich fürchte mich zu enthalten. Unser Land ist ein eigenthümliches, sehen Sie, denn unglücklicher Weise gibt es darin infolge des Einflusses, den unsere Souveraine geäußert haben, keinen moralischen Sinn und kein öffentliches Gewissen mehr. Sie werden niemals sagen hören: Herr Soundso ist ein ehrlicher Mann, oder Herr Soundso ist ein Schurke, sondern Sie hören blos sagen: Herr Soundso ist reich, oder: Herr Soundso ist arm. Wenn er reich ist, so ist dies schon genug und er gilt für einen ehrlichen Mann. Ist er dagegen arm, so, ist er gerichtet und gilt für eine Canaille. Sie haben Lust, Jemanden umzubringen Sie suchen einen Priester auf und sagen zu ihm: »Mein Vater, ist es ein Verbrechen, seinem Nächsten das Leben zu nehmen?« Der Priester antwortet Ihnen: »Das kommt darauf an, mein Sohn. Wenn dein Nächster ein Jakobiner ist, so tödte ihn, ohne für dein Gewissen etwas zu fürchten; ist er aber ein Royalist, so hüte Dich wohl, so etwas zu thun.« Ebenso wie die Ermordung eines Jakobiners in den Augen der Religion ein verdienstliches Werk ist, eben so ist die Ermordung eines Royalisten in den Augen des Herrn ein abscheuliches Verbrechen. »Spioniert und denunziert!« sagte die Königin zu uns. »Ich werde den Spionen so große Gnadenbezeigungen erweisen und die Angeber so reichlich belohnen, daß die ersten Männer des Königreiches sich in Spione und Denuncianten verwandeln werden.« – Wohlan, mein General, was wollen Sie, daß wir werden, wenn wir die allgemeine Stimme sagen hören: »Jeder Reiche ist ein ehrlicher Mann, jeder Arme ist ein Schurke,« und wenn wir die Religion erklären hören: »Es ist gut, die Jakobiner zu tödten; aber es ist unrecht, die Royalisten umzubringen,« und wenn wir endlich selbst königliche Personen sagen hören: »Die Spionage ist ein Verdienst, die Verleumdung eine Tugend.« Es bleibt uns nur Eines noch übrig, nämlich, daß wir zu einem Ausländer gehen und zu ihm sagen: »Du bist in anderen Grundsätzen erzogen worden, als die unsrigen sind. Was meinst Du, was ein ehrlicher Mann unter den und den Umständen thun soll?«

»Laß die Umstände hören,« sagte der General erstaunt.

»Die Umstände sind sehr ernst, mein General,« fuhr Michele fort. »Ohne es zu wollen habe ich in allen ihren Einzelheiten die Geschichte eines Complotts mit angehört. Ich weiß, daß dieses Complott dreißigtausend Personen in Neapel mit Ermordung bedroht; ich weiß, daß die Patrioten und die Royalisten diese bedrohten Personen sind. Was soll ich nun thun?«

»Was anders, als den Ausbruch dieses Complotts verhindern und dadurch dreißigtausend Menschen das Leben retten?«

»Selbst wenn dieses Complott unsere Feinde bedroht.«

»Ganz besonders wenn dieses Complott unsere Feinde bedroht.«

»Wenn Sie so denken, mein General, wie werden Sie dann den Krieg führen?«

»Ich führe den Krieg in der Weise, daß ich am hellen Tage kämpfe, aber nicht in der Nacht morde. Kämpfen ist ruhmreich, Morden ist feige.«

»Ich kann aber das Complott nur dadurch vereiteln, daß ich es denuncire.«

»Nun so denuncire es.«

»Aber dann bin ich —«

»Was denn?«

»Ein Verräther.«

»Ein Verräther ist der, welcher das Geheimniß, welches ihm anvertraut worden, offenbart und in der Hoffnung aus Belohnung seine Mitschuldigen angibt. Waren die Männer, welche conspirirten, deine Mitschuldigen?«

»Nein, mein General.«

»Denunzierst Du sie in der Hoffnung auf eine Belohnung?«

»Nein, mein General.«

»Nun, dann bist Du auch kein Verräther, sondern ein ehrlicher Mann, welcher, weil er nicht will, daß das Uebel großwachse, es mit der Wurzel herausreiße.«

»Wenn nun aber dieses Complott, anstatt die Royalisten zu bedrohen, Sie, mein General, die französischen Soldaten und die Patrioten bedrohte, was müßte ich dann thun?«

»Ich habe Dir deine Pflicht unsern Feinden gegenüber angedeutet, in Bezug auf unsere Freunde ist meine Moral ganz dieselbe. Wenn Du die Feinde rettest, so erwirbst Du Dir ein Verdienst um die Menschheit; rettest Du die Freunde, so erwirbst Du Dir ein Verdienst um das Vaterland.«

»Und Sie werden also fortfahren mir die Hand zu geben?«

»Ich gebe sie Dir.«

»Wohlan, warten Sie, mein General. Ich werde Ihnen einen Theil der Sache sagen und einer andern Person überlassen, Ihnen den Rest zu sagen.«

»Ich höre Dich.«

»Während der Nacht vom Freitag zum Sonnabend soll eine Verschwörung zum Ausbruch kommen. Die zehntausend Mann Deserteure Macks und Naselli's sollen im Bunde mit zwanzigtausend Mann Lazzaroni sämtliche Franzosen und alle Patrioten ermorden. Nach Einbruch der Dunkelheit werden die Thüren der verurtheilten Häuser mit Kreuzen markiert werden und um Mitternacht soll das Blutbad beginnen.«

»Weißt Du das gewiß?«

»So gewiß, als daß ich lebe, mein General.«

»Aber werden die Mörder dann nicht Gefahr laufen, gleichzeitig mit den Jakobinern auch die Royalisten zu morden?«

»Nein, denn die Royalisten werden nur eine Sicherheitskarte vorzuzeigen und ein geheimes Zeichen zu geben haben, um verschont zu bleiben.«

»Kennst Du dieses Zeichen? Kennst Du diese Sicherheitskarte?«

»Auf der Sicherheitskarte ist eine Lilie abgebildet; das Zeichen besteht darin, daß man sich in das erste Glied des Daumens beißt.«

»Und wie kannst Du verhindern, daß dies Complott zum Ausbruch komme?«

»Dadurch, daß ich die Häupter desselben festnehmen ließe.«

»Kennst Du diese Häupter?«

»Ja.«

»Wie heißen Sie?«

»Ja, das ist es eben.«

»Was willst Du damit sagen?«

»Ich will sagen, daß eben hier der Zweifel nicht blos anfängt, sondern sich verdoppelt.«

»Ah so!«

»Was wird man mit den Häuptern des Complotts machen?«

»Man wird ihnen den Proceß machen.«

»Und wenn sie schuldig sind?«

»So werden sie verurtheilt.«

»Wozu?«

»Zum Tode.«

»Nun sehen Sie, dieses ist es eben, wogegen mein Gewissen sich empört. Man nennt mich Michele den Narren, aber niemals habe ich einem Menschen, oder einem Hunde, oder einer Katze, oder auch nur einem Vogel etwas zu Leide gethan. Ich möchte nicht die Ursache zum Tode eines Menschen sein. Ich hätte nichts dagegen, wenn man fortführe mich Michele den Narren zu nennen, aber nie möchte ich, daß man mich Michele den Verräther, Michele den Spion oder Michele den Mörder nennt.«

Championnet betrachtete den Lazzarone mit einem gewissen Grad von Ehrerbietung.

»Wenn ich,« sagte er dann, »Dich nun Michele den ehrlichen Mann taufe, wirst Du Dich mit diesem Titel begnügen?«

»Das heißt, ich werde niemals einen andern verlangen und ich werde meinen ersten Pathen vergessen, um mich nur meines zweiten zu erinnern.«

»Wohlan, im Namen der französischen und neapolitanischen Republik taufe ich Dich hiermit auf den Namen Michele der ehrliche Mann.«

Michele ergriff die Hand des Generals, um sie zu küssen.

»Weißt Du nicht,« sagte Championnet zu ihm, »daß ich den Handkuß zwischen Männern abgeschafft habe?«

»Aber was soll ich dann thun,« fragte Michele, indem er sich hinter dem Ohr kratzte. »Ich möchte Ihnen dennoch sagen, wie dankbar ich Ihnen bin.«

»Nun, dann umarme mich;« sagte Championnet, indem er ihm die Arme öffnete.

Michele umarmte den General, indem er vor Freuden schluchzte.

»Nun,« sagte der General, »wir wollen aber vernünftig mit einander sprechen, regazzo.«

»Ich verlange nichts Besseres, mein General.«

»Du kennst also die Häupter des Complotts?«

»Ja, mein General.«

»Wohlan, nimm einen Augenblick lang an, daß die Enthüllung von einem Andern käme.«

»Gut.«

»Und daß dieser Andere zu mir gesagt hätte: Lassen Sie Michel festnehmen. Er kennt die Namen der Häupter des Complotts.«

»Gut.«

»Daß ich Dich daraufhin hätte festnehmen lassen.«

»Sehr schön.«

»Und daß ich sage: Michele, Du kennst die Namen der Häupter des Complotts. Du wirst mir sie nennen, oder ich lasse Dich erschießen: Was würdest Du dann thun?«

»Ich würde Ihnen sagen: Lassen Sie mich erschießen, mein General. Lieber will ich sterben, als Ursache des Todes eines Menschen sein.«

»Weil Du Hoffnung hättest, daß ich Dich nicht erschießen lassen würde, nicht wahr?«

»Nein, weil ich die Hoffnung hätte, daß die Vorsehung, die mich schon einmal gerettet, mich auch das zweite Mal retten würde.«

»Zum Teufel, die Geschichte wird verwickelt,« sagte Championnet lachend. »Ich kann Dich indeß doch nicht erschießen lassen , um zu sehen, ob Du die Wahrheit sprichst.«

Michele dachte einen Augenblick nach, dann sagte er:

»Es ist also wohl sehr nothwendig, daß Sie das Haupt oder die Häupter des Complotts kennen?«

»Jawohl, durchaus nothwendig. Weißt Du nicht, daß man den Bandwurm nur dadurch curiren kann, daß man ihm den Kopf abreißt?«

»Können Sie mir aber versprechen, daß diese Leute nicht erschossen werden?«

»So lange ich in Neapel sein werde, ja.«

»Aber wenn Sie Neapel verlassen?«

»Dann stehe ich freilich für nichts.«

»Madonna, was soll ich thun?«

»Sinne nach. Siehst Du kein Mittel, um uns beide aus der Verlegenheit zu ziehen ?«

»Ja wirklich, mein General, ich sehe eins.«

»Nenne es.«

»Also, solange Sie in Neapel sein werden, wird wegen des Complotts, welches ich Ihnen entdeckt haben werde, Niemand hingerichtet?«

»Nein, Niemand.«

»Wohlan, es gibt außer mir noch eine Person, welche die Namen der Häupter des Complotts kennt, nur mit dem Unterschiede, daß diese Person wiederum von dem Vorhandensein eines Complotts nichts weiß.«

»Wer ist diese Person?«

»Die Kammerzofe meiner Milchschwester, die Gemahlin des Chevalier San Felice.«

»Und wie heißt diese Zofe?«

»Giovannina.«

»Und wo wohnt sie ?«

»In Mergellina, im Palmbaumhause.«

»Und wie sollen wir etwas von ihr erfahren, wenn sie das Complott nicht kennt?«

»Lassen Sie sie vor den Polizeipräsidenten Bürger Nicolo Fasulo citiren, der ihr drohen wird, sie in’s Gefängniß bringen zu lassen, wenn sie nicht sagt, wer der Mann ist, der ihre Herrin in der vergangenen Nacht bis um zwei Uhr Morgens erwartet und ihr Haus erst um drei Uhr verlassen hat.«

»Und der Mann, den sie nennen wird, ist also das Haupt des Complotts?«

»Ja, ganz besonders wenn sein Vorname mit dem Buchstaben A und sein Familienname mit dem Buchstaben B anfängt. Und nun, mein General, habe ich, so wahr ich Michele der ehrliche Mann bin, Ihnen allerdings nicht Alles gesagt, was ich Ihnen zu sagen habe, wohl aber Alles, was ich Ihnen sagen werde.«

»Und verlangst Du für die Dienste, welche Du Neapel leistest, nichts von mir?»

»Ich verlange weiter nichts von Ihnen, als niemals zu vergessen, daß Sie mein Pathe sind.«

Und indem er diesmal mit aller Gewalt die Hand küßte, welche der General ihm bot, verließ er eiligst das Zimmer, indem er nach den von ihm mitgetheilten Aufschlüssen es dem General überließ, Alles zu thun, was dieser unter den obwaltenden Umständen angemessen finden würde.

Drittes Capitel.
Die Verhaftung

In dem Augenblick, wo Michele das Quartier des Generals Championnet verließ, war es zwei Uhr Nachmittags.

Er sprang in den ersten besten Corricolo, der ihm in den Weg kam, und langte unter Beobachtung desselben Verfahrens wie auf dem Herwege, das heißt, indem er in Portici und in Castellamare den Wagen wechselte, kurz vor fünf Uhr wieder in Salerno an.

Hundert Schritte vor dem Gasthause stieg er ab, bezahlte seinen letzten Kutscher und kehrte zu Fuße in das Gasthaus zurück, ohne mehr Geräusch zu machen, als wenn er eine Promenade nach Eboli oder nach Montalta unternommen hätte.

Luisa war noch nicht zurück.

Um sechs Uhr hörte man das Geräusch eines Wagens. Michele eilte an die Thür.

Es war Luisa, die mit Salvato von Pästum zurückkam. Michele war noch niemals in Pästum gewesen, als er aber die strahlenden Züge der beiden Liebenden erblickte, kam er auf die Vermuthung daß es in Pästum sehr schöne Dinge zu sehen geben müsse.

In der That schien Luisa’s Haupt von einer Glorie des Glückes und das Salvato‘s von einer des Stolzes umglänzt zu sein.

Luisa war schöner, Salvato war größer.

Luisa‘s Schönheit hatte sich durch etwas Unbekanntes und gleichwohl Sichtbares vervollständigt. Es lag jetzt in ihr jener Unterschied, welcher zwischen Galathea als Bildsäule und Galathea als Weib bestanden haben mußte.

Man denke sich, daß die keusche Venus das Paradies betreten habe und unter dem Hauche des Engels der Liebe die Eva der Genesis geworden sei.

Auf ihren Wangen mischte sich das Weiß der Lilie mit dem rosigen Sammethauche der Pfirsiche. In ihren Augen verschmolz der letzte Schimmer der Jungfräulichkeit mit der ersten Flamme der Liebe.

Ihr zurückgebogenes Haupt schien nicht mehr die Kraft zu haben, die Wucht ihres Glückes zu tragen, ihre sich blähenden Nüstern schienen in der Luft neue und bis jetzt unbekannte Wohlgerüche zu athmen. Ihr halbgeöffneter Mund ließ einen keuchenden, wollüstigen Hauch entweichen.

Als Michele sie erblickte, konnte er sich nicht enthalten zu ihr zu sagen:

»Was ist Dir, Schwesterchen? O, wie schön Du bist!«

Luisa lächelte, sah Salvato an und reichte Michele die Hand.

Sie schien zu ihm zu sagen:

»Ich verdanke meine Schönheit dem, welchem ich mein Glück verdanke.«

Dann setzte sie mit sanften liebkosender Stimme die dem Gesange eines Vogels glich, hinzu:

»O, wie schön ist es in Pästum! Wie beklage ich, daß wir nicht morgen, übermorgen alle Tage dahin zurückkehren können!«

Salvato drückte sie an sein Herz. Es war klar, daß er eben so wie Luisa fand, Pästum sei das Paradies der Welt.

Die beiden Liebenden kehrten mit so leichtem Tritt, daß sie die Stufen der Treppe kaum zu berühren schienen, in ihr Zimmer zurück.

Ehe sie dasselbe jedoch betraten, drehte Luisa sich herum und ließ die Worte fallen:

»Michele, in einer Viertelstunde reisen wir ab.«

Nach Verlauf von einer Viertelstunde war der Wagen bereit, aber erst nach Ablauf einer ganzen Stunde kam Luisa herunter.

Diesmal war der Ausdruck ihres Gesichtes ein sehr verschiedener. Es trug einen leichten Anflug von Schwermuth und die Flamme ihres Glückes ward durch Thränen gemildert.

Obschon sie einander den nächstfolgenden Tag wieder sehen sollten, so war doch der Abschied der Liebenden deswegen nicht weniger traurig gewesen.

In der That, wenn man sich liebt und wenn man sich verläßt, wäre es auch nur auf einen Tag, so gibt man s ein Glück einen Tag lang den Händen des Zufalls preis.

Wo wäre die Weisheit, welche vorauszusehen vermöchte, was zwischen zwei Sonnen geschehen wird?

Als Luisa die Treppe hinunterging, begann die Nacht einzubrechen und der Wagen stand schon seit drei Viertelstunden bereit.

Er war mit drei Pferden bespannt.

Es schlug eben sieben Uhr und der Kutscher versprach, gegen zehn Uhr wieder in Neapel zurück zu sein.

Luisa wollte sich geraden Weges zu Backers bringen lassen und in Bezug auf André den Rath befolgen, welchen Salvato ihr gegeben.

Letzterer sollte den nächstfolgenden Tag Nachmittags nach Neapel zurückkommen, um sich zur weiteren Verfügung seines Generals zu stellen.

Zehn Minuten vergingen mit Abschiednehmen. Die beiden Liebenden schienen sich gar nicht trennen zu können.

Bald war es Salvato, welcher Luisa zurückhielt, bald war es Luisa, die sich nicht überwinden konnte, Salvato fortzulassen.

Endlich ging es fort. Die Schellengeläute der Pferde klingelten und Luisas von Thränen benetztes Tuch wehte dem Geliebten ein letztes Lebewohl zu, welches dieser durch Schwenken seines Hutes erwiederte.

Es dauerte nicht lange, so verschwand der Wagen, erst theilweise im Dunkel und dann an der Biegung der Straße vollständig.

So wie Luisa sich von Salvato entfernte, beruhigte sich jene magnetische Gewalt, welche der junge Mann aus sie ausgeübt, und Luisa, welche sich des Grundes erinnerte, der sie hierhergeführt, ward wieder ernst und dieser Ernst ging allmälig in Trauer und Wehmuth über.

Während der ganzen Fahrt sprach Michele kein Wort, wodurch er auf das Geheimniß, welches er erlauscht, oder auf die Reise hingedeutet hätte, welche er mittlerweile gemacht.

Man passierte nach der Reihe Torre del Greco, Portici, Resina, die Magdalenenbrücke, die Marinella.

Die Backer wohnten in der Strada Medina zwischen der Strada dei Fiorentini und der Via Schizzitella.

Schon in Marinella hatte Luisa dem Kutscher befohlen, sie an dem Brunnen Medium das heißt am äußersten Ende der Strada del Malo, absteigen zu lassen.

Am äußersten Ende der Strada del Piliere aber begann Luisa an dem Zusammenlaufe von Menschen, welche sich der Strada del Malo drängten, zu bemerken, daß in diesem Quartier etwas Außerordentliches vorgehen müsse.

Der Strada del Porto gegenüber erklärte der Kutscher, daß es ihm unmöglich sei, mit seinem Wagen weiterzufahren. Sein Pferd liefe Gefahr von Denen niedergestochen zu werden, welche er seinerseits zu überfahren drohte.

Michele that, was er konnte, um Luisa zu bewegen umzukehren, einen andern Weg einzuschlagen oder am Malo ein Boot zu nehmen. Dieses Boot hätte sie in einer halben Stunde nach Mergellina gebracht.

Luisa hatte aber eine Absicht, welche sie als geheiligt betrachtete, und sie weigerte sich, sich zu entfernen.

Uebrigens drängte diese Menge nach der Strada Medina. Das Geräusch welches man hörte, kam von der Strada Medina, und die Worte, welche Luisa erhaschte, erweckten Unruhe in ihrem Herzen.

Es bedünkte sie, als sprachen alle diese Leute, welche sich in die Strada Medina hineindrängten, von Complotten, von Verrath und Blutbad und zugleich glaubte sie dabei den Namen Backer zu hören.

Sie sprang aus dem Wagen und faßte schaudernd den Arm Michele‘s, mit welchem sie sich vom Strome fortreißen ließ.

Im Hintergrunde der Straße sah man Fackeln leuchten und Bajonnette funkeln. Mitten durch den verworrenen Lärm hindurch hörte man zugleich Drohrufe.

»Michele,« sagte Luisa, »steigt doch auf die Einfassung des Brunnens und sag’ mir, was Du siehst.«

Michele gehorchte und konnte von seinem nunmehrigen Standpunkte aus über alle Köpfe hinweg bis in den Hintergrund der Straße sehen.

»Nun?« fragte Luisa.

Michele zögerte zu antworten.

»Aber so sprich doch!« rief Luisa immer unruhiger. Sprich doch, was siehst Du?«

»Ich sehe,« sagte Michele, »Polizeidiener, welche Fackeln tragen, und Soldaten, welche das Haus des Herren Backer bewachen.«

»Ha!« rief Luisa, »man hat sie denuncirt, die Unglücklichen! Ich muß bis zu ihnen hindurchdringen; ich muß sie sehen!«

»Nein, nein, Schwesterchen,« sagte Michele. »Du bist doch nicht selbst mit bei der Sache betheiligt, nicht wahr, nicht?«

»Nein, Gott sei Dank.«

»Nun, dann komm; ziehen wir uns zurück.«

»Nein, nein, im Gegentheile,« sagte Luisa, »wir wollen weitergehen.«

Und Michele beim Arme fassend, zwang sie ihn, von der Brunneneinfassung herabzusteigen und sich wieder mit ihr unter die Menge hineinzudrängen.

In diesem Augenblicke verdoppelte sich das Geschrei und es machte sich unter der Menge eine gewaltige Bewegung bemerkbar. Man hörte die Kolben der Musketen auf dem Pflaster klirren, gebieterische Stimmen riefen: »Platz! Platz!« eine Art Laufgraben öffnete sich und Michele und Luisa sahen sich plötzlich den beiden Gefangenen gegenüber, von welchen der eine – es war der jüngste – in seinen um den Leib herum festgebundenen Armen die weiße Fahne der Bourbons trug.

Sie waren von Männern, theils mit Fackeln, theils mit Säbeln in den Händen, umringt und trotz der Schmähungen und Hohnreden des Pöbels, welcher stets bereit ist, den Schwächsten zu schmähen und zu verhöhnen, schritten sie mit aufgerichteten Häuptern einher wie Leute, welche ihren Glauben laut bekennen.

Ganz bestürzt über diesen Anblick blieb Luisa, anstatt auf die Seite zu treten wie die Andern, unbeweglich stehen, so daß sie sich dem jüngsten der beiden Gefangenen, das heißt André Backer gegenüber sah.

Beide traten, indem sie einander erkannten, einen Schritt zurück.

»Ach, Signora,« sagte der junge Mann mit Bitterkeit, »ich wußte wohl, daß Sie es wären, die mich verrathen hätte, aber ich wußte nicht, daß Sie auch den Muth haben würden, meine Verhaftung mit anzusehen.«

Luisa wollte antworten, läugnen und betheuern, der Gefangene aber schob sie sanft auf die Seite und ging vorwärts, indem er sagte :

»Im Namen meines Vaters und in dem meinigen verzeihe ich Ihnen, Signora. Mögen Gott und der König Ihnen eben so verzeihen wie ich.«

Luisa wollte antworten, die Stimme versagte ihr aber und mitten unter dem Rufe des Volkes. »Sie ist es! Diese Frau ist die San Felice, welche sie denuncirt hat,– sank sie in Micheles Arme.

Die Gefangenen setzten ihren Weg weiter fort nach dem Costello Nuovo, wo sie unter Aufsicht des Commandanten Oberst Massa eingesperrt wurden.

Viertes Capitel.
Die Apotheose

Als Luisa wieder zu sich kam, sah sie sich in einer Art Café, welches die Ecke der Strada del Malo und der Calata San Marco bildet.

Hierher hatte Michele sie durch die Menge hindurchgetragen, welche sich an der Thür angesammelt und nun bemüht war, durch die geschlossenen Fenster und die offenstehenden Thüren hineinzuschauen.

Diese Menschenmasse wiederholte die Worte des Gefangenen und sagte, indem sie mit dem Finger auf Luisa zeigte:

»Sie ist es, die sie verrathen hat.«

Als Luisa die Augen wieder aufschlug, hatte sie anfangs Alles wieder vergessen. Allmälig aber, als sie sich umschaute, als sie sah, wo sie war und die um das Haus herum versammelte Menge erblickte, fiel ihr Alles wieder ein, was geschehen war. Sie stieß einen lauten Schrei aus und bedeckte sich das Gesicht mit den Händen.

»Einen Wagen, im Namen des Himmels, mein lieber Michele, schaffe einen Wagen, damit ich nach Hause zurückkehren kann.«

Luisa‘s Wunsch war nicht schwer zu erfüllen. Es gab damals ebenso wie noch heute zwischen dem Theater San Carlo und dem Theater Fondo einen Droschkenplatz zur Bequemlichkeit der Kunstfreunde, welche zu jener Zeit der Darstellung der Meisterwerke eines Cimarosa und Paesiello beiwohnten und welche gegenwärtig die Opera eines Bellini, eines Rossini oder Verdi besuchen.

Michele ging hinaus, rief einen geschlossenen Wagen herbei, ließ ihn dicht an die auf die Strada del Molo gehende Thür heranfahren, Luisa mitten unter dem Beifallsgeschrei oder Murren der Zuschauer, welche, jenachdem sie Patrioten oder Bourbonisten waren, ihr wegen ihres angeblichen Verraths Dank wußten oder grollten, hineinsteigen, folgte ihr selbst nach und schloß den Schlag, indem er dem Kutscher zurief:

»Nach Mergellina!«

Die Menge theilte sich, der Wagen fuhr fort, passirte den Largo Castello, bog dann in die Strada Chiaja ein und machte nach Verlauf einer Viertelstunde an dem Palmbaumhause Halt.

Michele riß kräftig an der Klingel. Giovannina kam, um zu öffnen.

Ihren Mund umspielte jener schadenfrohe Ausdruck böswilliger Diener, welche eine schlimme Nachricht mitzutheilen haben.

»Na,« sagte sie, zuerst das Wort ergreifend, »es sind in Ihrer Abwesenheit schöne Dinge hier vorgegangen, Signora.«

»Hier?« fragte Luisa.

»Ja hier, Signora.«

»Hier? Meinst Du im Hause oder überhaupt in Neapel?«

»Ich meine hier im Hause.«

»Was ist denn geschehen?«

»Sie hätten mir für den Fall, daß man mich über Signor André Backer befragte, sagen sollen, was ich antworten sollte, Signora.«

»Wie, man hat Dich über Signor Adré Backer befragt?«

»Das wollte ich meinen! Man kam hierher, nahm mich fest, führte mich auf die Polizei und drohte mir mit Gefängniß, wenn ich nicht sogleich sagte, wer in der vergangenen Nacht bei Ihnen gewesen wäre, Signora. Daß Jemand dagewesen war, wußte man, aber nur nicht wer.«

»Und Du hast Signor Backer genannt?«

»Ich mußte wohl. Ins Gefängniß zu spazieren, verspürte ich durchaus keine Lust und meinetwegen war Signor Backer nicht hier.«

»Unglückliche, was hast Du gethan!« rief Luisa, indem sie auf einen Stuhl niedersank und sich das Gesicht mit den Händen bedeckte.

»Was wollen Sie? Ich fürchtete, wenn ich läugnete, trotz meines Läugnens überführt zu werden. Die bösen Zungen würden übrigens, wenn ich Signor Backer‘s Besuch bei Ihnen hätte verhehlen wollen, sofort behauptet— haben, Signor Backer wäre Ihr Geliebter, gerade so wie man von Signor Salvato zu sagen anfängt.«

»O Giovannina!« rief Michele.

Luisa erhob sich, betrachtete die Dienerin mit dem Ausdruck des Erstaunens und des Vorwurfes und sagte dann in sanftem, aber festem Tone:

»Giovannina, ich weiß nicht, welchen Grund Du hast, meine Güte durch so schwarze Undankbarkeit zu vergelten. Morgen verlässest Du mein Haus.«

»Ganz wie Ihnen beliebt, Signora,« antwortete Giovannina keck.

Und sie verließ das Zimmer, ohne sich auch nur umzusehen.

Luisa fühlte wie ihr die Thränen in die Augen traten. Sie reichte Michele die Hand und dieser kniete vor ihr nieder.

»O Michele, mein theurer Michele!« murmelte sie, in Schluchzen ausbrechend.

Michele ergriff ihre Hand und küßte dieselbe. Er war um so tiefer erschüttert, als er in seinem innersten Herzen fühlte, daß all dieses Unheil durch ihn angestiftet worden.

»Das ist ein schlimmer Abend nach einem so schönen Tage,« sagte er. »Armes Schwesterchen! Als Du von Pästum zurückkamst warst Du so glücklich.«

»Ja, ich war glücklich« überglücklich!« murmelte Luisa; »ich weiß aber nicht, welche Stimme mir in’s Ohr flüstert daß mein schönstes und ganz besonders mein reinstes Glück vorüber ist. O Michele, Michele, wie schrecklich war das, was diese Wahnsinnige sagte!«

»Ja« damit sie aber nicht auch Anderen sage, was sie soeben zu Dir gesagt, darfst Du sie nicht fortschicken. Bedenke, daß sie Alles weiß – die versuchte Ermordung Salvato‘s, das Asyl, welches wir ihm gegeben, seinen Aufenthalt im Hause, deinen vertrauten Verkehr mit ihm. Mein Gott, ich für meine Person weiß wohl, daß all diesem nichts Böses zu Grunde liegt. Die Welt dagegen wird viel Böses darin sehen, und wenn Giovannina, anstatt daß sie, wenn sie bei Dir bleibt, ein Interesse daran hat, zu schweigen, es vielmehr, wäre es auch nur aus Rache —, in ihrem Interesse findet, zu sprechen, so wird dein guter Ruf dadurch leiden.«

»Wäre es auch nur aus Rache, sagst Du? Und warum sollte Giovannina sich an mir rächen? Ich habe ihr ja niemals etwas Anderes als Gutes erzeigt.«

»Ein schöner Grund! Es gibt verderbte Gemüther, Schwesterchen, welche, je mehr man ihnen Wohlthaten erzeigt, desto falscher und undankbarer werden. Schon seit einiger Zeit habe ich zu bemerken geglaubt, daß, Giovannina zu dieser Classe gehört. Hast Du selbst nichts davon wahrgenommen?«

Luise betrachtete Michele. Allerdings hatte die Widersetzlichkeit ihrer Dienerin sie seit einiger Zeit mehr als einmal befremdet. Sie hatte sich selbst befragt, was wohl die Ursache dieser Veränderung in Giovanninas Charakter sein könne, aber sich keine Rechenschaft davon zu geben vermocht. Es war möglich, daß sie sich getäuscht hatte; von dem Augenblick an aber, wo Michele diese schlimme Gesinnung der Zofe ebenfalls erkannte, war diese schlimme Gesinnung sicherlich auch vorhanden.

Plötzlich kam ihr ein Gedanke ein. Sie warf einen unruhigen Blick ringsherum und sagte:

»Sieh einmal nach, Michele, ob man uns nicht belauscht.«

Michele näherte sich der Thür, ohne jedoch das Geräusch seiner Tritte zu dämpfen zu versuchen, so daß indem Augenblick, wo Luisas Zimmerthür sich öffnete, die von Ninas Zimmer sich schloß.

Hatte Nina gehorcht, oder war das gleichzeitige Oeffnen der einen und das Schließen der andern Thür blos eine Wirkung des Zufalls ?

Michele schloß die Thür wieder, schob den Riegel vor, nahm wieder seinen Platz zu Luisas Füßen ein und sagte:

»Du kannst sprechen. Ich will nicht sagen: Es hat uns Niemand behorcht, wohl aber kann ich sagen: Es behorcht uns Niemand mehr.«

»Wohlan,« sagte Luisa in gedämpftem Tone und indem sie sich ans Michele herabneigte, »es ist Zweierlei, was mich in meinem Argwohn bestätigt. Als in der vergangenen Nacht der arme André Backer mich besuchte, wußte er ganz genau, was zwischen Salvato und mir geschehen ist. Heute Morgen, während ich in Salerno mit Salvato sprach, traf ein anonymer Brief ein, in welchem Salvato benachrichtigt ward, daß ein junger Mann mich in der vergangenen Nacht um zwei Uhr Morgens in meiner Wohnung erwartet und erst um drei Uhr, nachdem er eine Stunde bei mir zugebracht, mein Haus verlassen habe. Von wem kommen diese Denunciationen, wenn nicht von Giovannina, frage ich?«

»Managgia la Madonna!« murmelte Michele, »das ist eine ernsthafte Geschichte Nichtsdestoweniger aber sage ich: In dem gegenwärtigen Augenblick, und wenn Da nicht völlige Gewißheit hast, mache kein Aufsehen. Ich wurde Dir gern einen andern Rath geben, aber Du würdest ihn nicht befolgen.«

»Welchen ?«

»Ich würde sagen: Begib Dich zu deinem Gemahl, dem Chevalier, nach Palermo. Dadurch wirst Du alle schlimmen Gerüchte ans einmal abschneiden.«

Eine lebhafte Röthe überzog Luisa’s Wangen. Sie ließ den Kopf auf die Hände niedersinken und entgegnete mit halberstickter Stimme:

»Ach, dieser Rath ist gut, und kommt von einem Freunde.«

»Und, nun?«

»Gestern noch hätte ich ihn befolgen können, heute aber kann ich es nicht mehr.«

Und ein tiefer Seufzer entrang sich Luisa’s Herzen.

Michele sah Luisa an und verstand Alles. Die Traurigkeit Neapels bestätigte den Argwohn, welchen die Freude von Salerno in ihm erweckt.

In diesem Augenblicke hörte Luisa in dem Verbindungscorridor nahende Tritte. Dieselben suchten sich nicht zu verhehlen.

Luise richtete den Kopf empor und horchte mit unruhiger Miene. In der Lage, in welcher sie sich jetzt befand, war in der That Alles beunruhigend.

Es dauerte nicht lange, so ward an ihre Thür gepocht, und die Stimme der Herzogin Fusco fragte:

»Liebe Luisa, bist Du du da?«

»Ja wohl, ja wohl; komm herein!« rief Luisa.

Die Herzogin trat ein. Michele wollte aufstehen, Luisas Hand aber hielt ihn fest, wo er war.

»Was machst Du denn hier, meine schöne Luisa?« rief die Herzogin. »Du sitzest allein und beinahe im Finstern mit deinem Milchbruder hier, während man Dir bei mir einen Triumph bereitet.«

»Einen Triumph bei Dir, Theuere?« fragte Luisa ganz erstaunt. »Aus welchem Grunde denn?«

»Auf Grund dessen, was geschehen ist. Ist es denn nicht wahr, daß Du eine Verschwörung, welche uns Alle bedrohte, entdeckt und dadurch, daß Du dieselbe denuncirt, nicht blos uns Alle, sondern auch das Vaterland gerettet hast?«

»O, also auch Du, Amalie!« rief Luisa schluchzend, »auch Du hast mich einer solchen Nichtswürdigkeit schuldig glauben können.«

»Einer solchen Nichtswürdigkeit!« rief ihrerseits die Herzogin welche ihr glühender Patriotismus und ihr Haß gegen die Bourbons die Dinge in einem ganz andern Lichte erscheinen ließ, als dieselben Luisa erschienen. »Nichtswürdigkeit nennst Du eine That, welche eine Römerin zur Zeit der Republik für immer in der Geschichte berühmt gemacht hätte? Ach, warum warst Du nicht heute Abend bei uns, als jene Kunde eintraf! Du hättest dann die Begeisterung gesehen, welche dieselbe hervorrief. Monti improvisirte sofort Dir zu Ehren ein Gedicht. Cirillo und Pagano schlugen vor, Dir die Bürgerkrone zuzuerkennen. Cuoco, welcher die Geschichte unserer Revolution schreibt, behält sich vor, Dir eines der schönsten Blätter zu widmen. Cleonora Pimentel wird morgen in ihrem Moniteur die unvergeßliche Schuld verkünden, welche Neapel Dir gegenüber auf sich genommen. Die Frauen, die Herzogin von Pepoli riefen Dich, um Dich zu umarmen. Die Männer erwarteten Dich auf den Knien, um Dir die Hand zu küssen. Was mich betraf, so war ich stolz darauf, deine beste Freundin zu sein. Morgen wird Neapel sich nur mit Dir beschäftigen; Neapel wird Dir Altäre errichten, wie Athen der Göttin Minerva, der Beschützerin des Vaterlandes, errichtete.«

»Wehe! Wehe!« rief Luisa. »Ein einziger Tag ist hinreichend gewesen, um mir ein doppeltes Brandmal aufzudrücken. O siebenter Februar! Siebenter Februar! Tag des Entsetzens und des Unheils!«

Und beinahe sterbend sank sie rückwärts in die Arme der Herzogin Fusco, während Michele, jetzt erfüllt von Zweifel über die That, die er begangen, erfüllt von Reue, als er die, welche er mehr liebte als sein Leben, in diesem Zustande sah, sich mit feinen Nägeln die blutende Brust zerfleischte.

Am nächstfolgenden Tage, den 8. Februar 1799, las man in dem »Parthenopäischen Moniteur« einen großgedruckten Leitartikel, welcher folgendermaßen lautete:

»Eine bewunderungswürdige Bürgerin, Luisa Molina San Felice, hat gestern Abend Freitag die Verschwörung entdeckt, welche von einigen wahnsinnigen Bösewichtern angestiftet worden, die, auf die Anwesenheit mehrerer Schiffe des englischen Geschwaders in unseren Hafen rechnend, nach getroffener Verabredung mit denselben in der Nacht vom Sonnabend zum Sonntag, das heißt heute Abend, die Regierung stürzen, die guten Patrioten niedermetzeln und eine Gegenrevolution versuchen wollten.

»Die Häupter dieses verruchten Unternehmens waren die Bankiers Backer, Vater und Sohn, beide geborene Deutsche und in der Strada Medina wohnend. Noch gestern Abend sind sie festgenommen und ins Gefängniß gebracht worden. André Backer mußte als Symbol seiner Schande die weiße Fahne tragen, die man bei ihm gefunden.

»Eben so fand man bei ihm auch eine gewisse Anzahl Sicherheitskarten, welche an Diejenigen vertheilt werden sollten, die man verschonen wollte. Jeder, der nicht eine solche Karte bei sich gehabt, wäre dem Tode verfallen gewesen.

»In Folge dieser Festnahme der Haupträdelsführer haben nach verschiedene untergeordnete Verhaftungen stattgefunden und das Kloster San Francesco delle Monache ist in Anbetracht seiner günstigen Lage – es bildet bekanntlich eine Art Insel – zum Gefängniß der Angeklagten bestimmt worden. Die seither darin wohnenden Nonnen haben es demgemäß verlassen und sind in das Kloster der Donna Albina übergesiedelt.

Zur Zahl der Verhafteten gehören außer den beiden Backen Vater und Sohn, der Pfarrer von del Carmine, der Fürst von Canossa, die beiden Brüder Jorio, der seine Magistratsbeamter, der andere Bischof, und ein Richter Namens Giovanni Battista Verchione.

»Im Zollhause hat man überdies ein Depot von hundertzwanzig Musketen und andern Waffen, wie z. B. Säbel und Bajonette, aufgefunden.

»Gepriesen sei Luisa Molina San Felice! Sie hat das Vaterland gerettet!«

Fünftes Capitel.
Die Sanfedisten

Die Encyclia des Cardinals Ruffo hatte in ganz Untercalabrien die Wirkung des elektrischen Funkens hervorgebracht.

Und in der That« je weiter man von Neapel entfernt war, desto mehr vermindete sich der schwache Reflex von Intelligenz, welcher von der Hauptstadt ausging.

Der Cardinal hatte, wie wir bereits erwähnt, seinen Fuß in das antike Brutium, jenes Asyl entflohener Sklaven, gesetzt. Dieser ganze Theil Calabriens befand sich trotz der verflossenen Jahrhunderte immer noch im Zustande der fürchterlichsten Unwissenheit und der vollkommensten geistigen Stumpfheit, so daß dieselben Menschen, welche am Tage vorher, ohne zu wissen, was sie sagten, riefen: »Es lebe die Republik! Nieder mit den Tyrannen!« mit derselben Stimme zu schreien begannen: »Es lebe die Religion! Es lebe der König! Nieder mit den Jakobinern!«

Wehe Denen, welche sich für die bourbonische Suche gleichgültig zeigten und nicht lauter oder wenigstens eben so laut schrieen als die Anderen. Sie wurden mit dem Ruf: »Das ist ein Jakobiner!« begrüßt und dieser Ruf war, sobald er sich hören ließ, hier wie in Neapel ein Todesurtheil.

Die Anhänger der Revolution oder Diejenigen, welche ihre Sympathie für die Franzosen zu erkennen gegeben, sahen sich genöthigt, ihre Häuser zu verlassen und zu fliehen. Niemals hatte das »Dulcia linquimus arva« Virgils einen traurigeren und umfassenderen Wiederhall gesunden.

Alle diese fliehenden Patrioten nahmen den Weg nach Obercalabrien und blieben, dafern es ihnen gelungen war, den Dolchen ihrer Landsleute zu entrinnen, die einen in Monteleone, die anderen in Catanzaro oder Cotrone, den einzigen Städten, in welchen es gelungen war demokratische Behörden einzusetzen. Dieses Beharren auf der republikanischen Meinung ward in den drei Staaten durch die Hoffnung auf die Ankunft der französischen Armee genährt.

Aus allen anderen durch die Encyclica des Cardinals aufgewiegelten Städten sah man Massen von Bürgern hervorkommen, welchen ihr Pfarrer mit dem Kreuze in der Hand voranschritt und die an ihren Hirten weiße Bänder, die sichtbaren Zeichen ihrer politischen Meinungen, trugen.

Diese Schaaren nahmen, wenn sie aus dem Gebirge kamen, die Richtung nach Mileto, dagegen, wenn sie von der Ebene kamen die Richtung nach Palmi.

Ganze von allen waffenfähigen Männern verlassene Städte und Dörfer waren nur noch von Frauen, Greisen und Kindern bewohnt, so daß nur in dem Feldlager bei Palmi binnen wenigen Tagen gegen zwanzigtausend bewaffnete Männer beisammen waren, während das von Mileto beinahe eben so viel zählte.

Alle diese Leute brachten ihre Lebensmittel und ihre Munition mit. Die Reichen gaben den Armen, die Klöster Allen.

Mitten unter diesen Massen von Freiwilligen bemerkte man Geistliche aller Grade, vom einfachsten Dorfpfarrer, dessen Gemeinde nur wenige hundert Seelen zählte, an bis zum Bischofe der großen Städte.

Es gab darunter Grundbesitzer, die Millionen besaßen, ebenso wie arme Taglöhner, welche mit Mühe zehn Grani täglich verdienten.

»Es gab,« sagt der sanfedistische Schriftsteller Domenico Sacchinelli, welchem wir die Einzelheiten dieses wunderbaren Feldzuges theilweise entlehnen, »es gab unter dieser Menge auch einige ehrliche Leute, die von aufrichtiger Liebe zum Könige und wahrhafter Ehrfurcht vor der Religion beseelt waren; unglücklicherweise aber bestand die Mehrzahl aus Räubern und Mördern, die nur durch Raublust und durch den Durst nach Rache und Blut getrieben wurden.«

Fünf oder sechs Tage nach seiner Ankunft in Catona sah der Cardinal, welcher den ganzen Tag auf seinem Balcon zubrachte, hinter der Landspitze des Leuchtthurmes eine von einem Mönche gesteuerte und von zwei Fischern geruderte kleine Barke auf sich zukommen.

Da Mönch und Fischer die Strömung und den Wind für sich hatten, so ließen die Fischer die Ruder ruhen und der Mönch hielt die Schote des Segels und lenkte das Boot, welches an dem Strande von Catona an derselben Stelle anlegte, wo der Cardinal vor einigen Tagen an’s Land gestiegen war.

Dieser Mönch und Seemann machte anfangs den Cardinal ein wenig neugierig und derselbe nahm sein Fernrohr zu Hilfe, um das Phänomen genauer zu beobachten.

Dieses erklärte sich ihm jedoch sehr bald, denn er erkannte in dem seemännischen Mönche unsern alten Freund Fra Pacifico.

Kaum war die Barke ans Land gestoßen, so sprang der Bruder Capuziner heraus und lenkte mit einem Fuße, der auf dem Lande eben so fest war, wie seine Hand auf dem Meere gewesen, seine Schritte nach dem Hause, wo der Cardinal wohnte.

Dieser kannte Fra Pacifico nicht blos vom Hörensagen, sondern auch persönlich. Er wußte, daß es ein ehemaliger Matrose von der Fregatte »Minerva« war, und eben so war ihm bekannt, auf welche Weise der-Ruf an ihn ergangen. Von Person kannte er ihn, weil er ihn einmal bei dem Könige Ferdinand traf, als er diesem mit seinem Esel Giacobino für seine Krippe saß.

Ebenso hatte er vernommen, welche Heldenthaten der kriegerische Capuziner während der drei Kampftage verrichtet, die der Einnahme von Neapel vorhergegangen waren.

Er beehrte ihn deshalb schon von Weitem mit einer Handbewegung, welche den Mönch bewog, seinen Schritt zu beschleunigen so daß er fünf Minuten später die Ehre hatte, dem Cardinal die Hand zu küssen.

Was aber hatte Fra Pacifico bewogen, sein Kloster zu verlassen und sich nach Calabrien zu begeben?

Wir wollen dies unseren Lesern mit kurzen Worten auseinandersetzen. Die reactionäre Verschwörung Backer's, welche André so unklugerweise Luisa anvertraut und die durch Michele so kluger Weise dem General Championnet verrathen worden, hatte schon seit den letzten Tagen des December, das heißt kaum einige Tage nach Ferdinands Abreise, angefangen sich zu organisierten.

Bis zum 15. Januar waren alle Fäden geknüpft und man suchte einen sichern Mann,, um den König davon in Kenntniß zu setzen.

Man wandte sich an den Vicar der Kirche del Carmine, welche, wie wir bereits erwähnt, ebenfalls mit zu den Verschworenen gehörte.

Der Vicar brachte Fra Pacifico als Boten in Vorschlag und man war sofort damit einverstanden. Fra Pacifico, der schon wegen der Art, wie er seine Almosen einsammelte, in Neapel sehr populär war, hatte durch die letzten Ereignisse noch in so hohem Grade an Popularität gewonnen, daß man seinen Muth und seine royalistische Gesinnung keinen Augenblick bezweifeln konnte.

Fra Pacifico war demzufolge aufgefordert worden, sich nach Palermo zu begeben und den König von dem riesigen Complott in Kenntniß zu setzen, welches man zu seinen Gunsten schmiedete.

Der Mönch hatte diese gefährliche Mission mit Freuden übernommen. Sein Mangel an Beschäftigung lastete wenigstens eben schwer auf ihm, als die Unschuld auf Orestes, und mitten unter seinen beschränkten oder feigen Brüdern schäumte er wüthend in dem Gebiß und gerieth in Zornesausbrüche, welches sich in einem Hagel von Stockschlägen auf dem Rücken des armen Giarobino entluden.

Kaum war er von der Mission, die man ihm anvertraute, unterrichtet und hatte unter der Leitung des Canonicus Jorio das, was er dem König Ferdinand zu sagen hatte, auswendig gelernt – denn man wollte ihm, aus Furcht, daß er in, die Hände der Patrioten fallen könne, nichts Schriftliches anvertrauen – so zog er Giacobino aus dem Stalle, als ob er seine gewöhnliche Almosenrunde machen wollte, verließ mit seinem Lorbeerknüppel in der Hand das Kloster, ging den Largo delle Pigne hinab, bog in die Strada San Giovanni a Carbonara ein, erreichte die Magdalenenbrücke und gelangte, bald zu Fuße gehend bald aufs Giacobino reitend, noch an demselben Tage Salerno.

Er sollte mit möglichst starken Tagmärschen der Küste des thyrrenischen Meeres folgen und mit der ersten Gelegenheit, die er finden würde, nach Sicilien übersetzen.

Nach fünf oder sechs Tagen befand Pacifico sich in Pizzo. Hier hatte er dringende Empfehlungen an einen gewissen Trenta Capelli, einen Freund des Vicars, dessen Anhänglichkeit an die Familie der Bourbons wohlbekannt war.

In der That nahm Trenta Capelli den reisenden Mönch nicht blos bei sich auf, sondern vermittelte auch seine Ueberfahrt nach Palermo.

Fra Pacifico hatte sich demgemäß in Pizzo eingeschifft und nach einer salbungsvollen, rührenden Empfehlung seinen Esel der Obhut Trenta Capellis überlassen, welcher ihm versprochen, für seinen Waffengenossen auf das gewissenhafteste zu sorgen. Fra Pacifico prügelte seinen Esel, ja er konnte fast nicht existieren ohne seinen Esel zu prügeln, aber er wollte nicht, daß Andere ihn prügelten.

Auf dem Rückwege durch Pizzo wollte er sein Thier wieder mitnehmen.

In Palermo glücklich angelangt hatte er seine Schritte unverweilt nach dem königlichen Palast gelenkt. Hier aber hatte er erfahren, daß der König in dem Walde der Ficuzza auf der Jagd war.

Da die Sache keinen Aufschub litt, so verlangte Fra Pacifico nun eine Audienz bei der Königin.

Diese, die ihn dem Namen nach sehr wohl kannte, ließ ihn nicht warten, sondern gab Befehl, ihn sofort vorzulassen.

Fra Pacifico der die Gewalt, welche die Königin ausüben recht wohl kannte, zögerte keinen Augenblick, an sie die Rede zu halten, welche der Canonicus Jorio ihn auswendig gelehrt.

Die Königin fand diese Mittheilung so wichtig, daß sie sofort einen Wagen anspannen, Acton und Fra Pacifico mit entsteigen ließ und nach Ficuzza fuhr.

Hier langte man gerade indem Augenblicke an, wo der König von der Jagd zurückkam.

Er war bei sehr schlechter Laune. Sein Gewehr hatte, was ihm noch niemals begegnet war, zweimal versagt – das erste Mal auf einen Eber, das zweite Mal auf ein Reh.

Der König betrachtete dies nicht blos als einen beklagenswerthen Unfall, sondern auch als eine höchst schlimme Vorbedeutung.

Er kehrte daher Acton den Rücken, begrüßte die Königin in rauher mürrischer Weise und hörte kaum Fra Pacifico an, welcher ihm wie er bereits mit der Königin gethan, alle Einzelheiten des Complottes auseinandersetzte.

Bei dem Namen Backer heiterte das Gesicht des Königs sich-ein wenig auf, bei dem Jerios aber nahm es den Ausdruck der Bestürzung an.

»Die Dummköpfe!« rief er. »Sie conspiriren mit dem ersten Jettatore von Neapel und sie wollen daß ihr Complott gelinge. Ich schützt den Vicar del Carmine, obschon ich ihn nicht kenne, und den Fürsten von Canossa, obgleich ich ihn kenne, sehr hoch, aber aus mein Ehrenwort, ich würde nicht zwei Gran für ihre Köpfe geben. Wer mit Jorio conspirirt, muß des Lebens sehr überdrüssig sein.«

Die Königin hatte gegen die Jettatori – die Leute, welchen man den sogenannten bösen Blick zuschreibt – durchaus nicht dieselbe Abneigung wie Ferdinand, denn sie huldigte nicht denselben Vorurtheilen, dennoch aber besaß sie vor dem schlichten gesunden Menschenverstand des Königs eine gewisse Achtung. Sie stellte daher eine Menge Fragen an Pacifico, die er alle mit der Freimüthigkeit eines Seemannes und dem Vertrauen eines Enthusiasten beantwortete. Fra Pacifico nach stand bei, den getroffenen Vorsichtsmaßregeln nichts zu fürchten und die Verschwörung konnte nicht ermangeln von dem gewünschten Resultate begleitet zu sein.

Der König, die Königin und Acton beriethen sich dann mit einander und man kam überein,Fra Pacifico zu dem Cardinal zu schicken, damit auch dieser erführe, was in Neapel im Werke sei, und damit er sich die kriegerischen und religiösen Eigenschaften des Mönches möglichst zu Nutzen mache.

Nachdem Fra Pacifico die Ehre gehabt, an der Tafel Ihrer sicilischen Majestäten zu speisen, kehrte er demgemäß in Gesellschaft des Königs, der Königin und des Generallieutenants nach Palermo zurück.

Hier traf man sofort Anstalt, ihn so schnell als möglich nach Calabrien zu spedieren, und da er in seiner Eigenschaft als Betheiligter mit zu der diesfallsigen Berathung, gezogen ward, so erklärte er, nach seiner Meinung sei das beste und rascheste Transportmittel ein gutes Boot mit dem lateinischen Segel für die Stunden, wo der Wind ginge, und zwei guten Ruderern für die Stunden, wo keiner ginge.

Demzufolge gab man-ihm tausend Dukaten zum Ankauf oder zum Miethen des Bootes. Der Rest der Summe sollte unter dem Namen einer Gratification dem Kloster zufallen.

Noch an demselben Abend miethete Fra Pacifico gegen Zahlung von sechs Ducaten ein Boot mit zwei Ruderern und stach noch vor Mitternacht in See.

Nach Verlauf von vier Tagen umsegelte das Boot den Leuchtthurm und landete zwei Stunden später, wie wir bereits erzählt, in Catona.

Fra Pacifico überbrachte einen eigenhändigen Brief des Königs an den Cardinal.

Dieser Brief lautete :

»Eminentissime«

»Ich habe, wie Sie sich leicht deuten können, die Nachricht von Ihrer Ankunft in Messina und später die von Ihrer glücklichen Landung in Calabrien mit der lebhaftesten Befriedigung empfangen.

»Ihre Encyclica ist ein Muster von kriegerischer und religiöser Beredsamkeit, und ich zweifle nicht, daß wir in Folge derselben, in Verbindung mit der Popularität Ihres Namens, bald eine tapfere und zahlreiche Armee versammelt sehen werden.

»Ich schicke Ihnen einen unserer guten Freunde, der Ihnen nicht unbekannt ist. Es ist Fra Pacifico aus dem Capuzinerkloster von San-Herem. Er kommt von Neapel und bringt uns Gutes und Schlimmes. Ganz wie das neapolitanische Sprichwort sagt, ist das, was er Ihnen erzählen wird, so gut wie etwas zu essen und zu trinken.

»Das Gute besteht darin, daß man sich in Neapel mit uns beschäftigt und daß man mit dem Gedanken umgeht, diesen Banditen von Jakobinern eine neue sicilianische Vesper zu bereiten. Das Schlimme dagegen besteht darin, daß man in die Reihen der Verschworenen auch Jettatori wie den Canonicus Jorio ausgenommen hat, welche nicht verfehlen können, dem Unternehmen Unglück zu bringen.

»Mehr als jemals, Eminentissime, rechne ich daher auf Sie und sehe mein Heil nur in Ihnen.

»Ich stelle Fra Pacifico mit seiner eigenen Einwilligung eben so wie mit der seines Priors zu Ihrer Verfügung. Er ist, wie Sie wissen, ein wackerer und treu ergebener Diener. Ich zweier nicht, daß er uns von großem Nutzen sein werde, sei es nun, daß Sie sich entschließen, ihn nach Neapel zurückzuschicken, sei es, daß Sie es vorziehen, ihn in Ihrer Nähe zu behalten.

»Verlassen Sie Catona nicht und betreten Sie Calabrien nicht, ohne mir vorher einen ausführlichen Plan über den materiellen und politischen Marsch zu senden, den Sie einzuhalten gedenken. Vor allen Dingen aber empfehle ich Ihnen, den Schuldigen keinen Pardon zu gewähren, sondern dieselben, zum Beispiel für die Anderen, ohne Erbarmen zu strafen, und zwar sobald als das begangene Verbrechen in Gewißheit gesetzt ist. Die allzu große Nachsicht, welche wir geübt, ist die Ursache des beklagenswerthen Zustandes, in welchem wir uns befinden.

»Der Herr fördere und segne Ihr Werk, wie ich in meiner Unwürdigkeit darum bete und Ihnen wünsche,

Ferdinand B.«

Der Cardinal sah sich in der Lage, Fra Pacifico sofort einen Auftrag zu ertheilen.

Derselbe bestand darin, daß er ihn zu Cesare schickte, um diesen aufzufordern seine Vereinigung mit ihm, Ruffo, unverweilt zu bewirken.

Es waren Nachrichten von dem vorgeblichen Kronprinzen eingegangen, und diese Nachrichten waren ungemein zufriedenstellend.

Von dem Augenblick an, wo Cesare sowohl durch den Intendanten von Bari, als auch durch die beiden alten Prinzessinnen als der Herzog von Calabrien anerkannt worden, hätte Niemand gewagt, irgend einen Zweifel an seiner Identität abzusprechen.

Demzufolge und nachdem er in Brindisi die Deputationen aller umliegenden Städte empfangen, setzte er sich in Marsch nach Torent, wo er mit ungefähr dreihundert Mann anlangte.

Hier beschlossen Boccheciampe und dessen Cameraden das Rath, welchen Herr von Narbonne und die alten Prinzessinnen ihnen gegeben, sich zu trennen.

Cesare, das heißt der Prinz Franz, und Boccheciampe, das heißt der Herzog von Sachsen, sollten in Calabrien bleiben. Die Anderen,·nämlich Corbara, Geronda, Colonna Durazzo und Pitta Luga sollten auf der Felucke, welche sie in Brindisi gemiethet und von der sie in Tarent abgeholt werden sollten, sich nach Corfu einschiffen, um dort die Ankunft der türkisch-russischen Flotte zu betreiben.

Wir wollen, um mit den zuletzt genannten fünf Abenteurern fertig zu werden, hier sogleich bemerken, daß, als sie kaum in See gestochen waren, von einer tunesischen Galeere gekapert und zu Gefangenen gemacht wurden. Allerdings wurden sie von dem englischen Consul reklamiert und nach einer Gefangenschaft von einigen Monaten wieder freigelassen. Da sie aber zu spät aus der Sklaverei kamen, um noch an den Ereignissen, welche uns zu erzählen übrigbleiben, theilzunehmen, so begnügen wir uns damit, unsere Leser über das Schicksal dieser jungen Leute zu beruhigen, und kommen wieder auf Cesare und Boccheciampe zurück, welche, wie man sogleich sehen wird, Wunder verrichteten.

Von Tarent gingen sie nach Mesagna, wo sie mit allen ihrem vermeinten Range gebührenden Ehren empfangen wurden. In dieser Stadt blieben sie kurze Zeit, stellten die Ordnung in der Provinz wieder her und setzten sie in den Stand, den Kampf, welchen sie vorbereiteten, zu Gunsten der königlichen Sache zu unterstützen.

In Mesagna erfuhren sie, daß die Stadt Oria sich demokratisiert hätte.

Sofort setzten sich sich in Marsch, verstärkten sich unterwegs um etwa hundert Mann und setzten die bourbonische Regierung wieder ein.

Hier folgten nun zahlreiche Deputationen auf einander. Dieselben Namen nicht blos von Lecco und aus der Provinz Bari, sondern auch aus der Basilicata, das heißt von dem entgegengesetzten äußersten Ende Calabriens.

Cesare empfing die Deputierten mit vieler Würde, aber auch mit dankbarer Freundlichkeit. Er sagte allen, jeder treue Unterthan des Königs müsse zu den Waffen greifen und die Revolution bekämpfen, so daß dieser gnädige Empfang und diese beredten Ansprachen eine bedeutende Vermehrung der Freiwilligen zur Folge hatten.

Freilich gingen die Dinge nicht immer und überall so glatt von Statten. In Francavilla hatten die beiden Parteien auf einander geschossen und waren sich mit Messern zu Leibe gegangen. Die Royalisten, welche sich als die Stärkeren fühlten, hatten einige Demokraten getödtet und verwundet.

Cesare und Boccheciampe kamen bald darauf zur Stelle, und man muß ihnen die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß durch ihre Ankunft diesen Meuchelmorden sofort ein Ziel gesetzt ward.

Wir haben eine Proclamation von Cesare mit der Unterschrift »Franz, Herzog von Calabrien« in den Händen gehabt. In dieser Proclamation sagt der falsche Prinz, sich durch seine Humanität verrathend, daß man, wenn man sich selbst Recht verschaffte, einen Eingriff in die Rechte der königlichen Justiz beginge. Man müsse vielmehr den Behörden die furchtbare Verantwortlichkeit für Leben und Tod überlassen, und Seine königliche Hoheit habe daher mit dem größten Mißfallen bemerkt, daß die Royalisten sich dergleichen Ausschreitungen gestatteten.

Es war sehr unklug von dem falschen Prinzen, in diesem Tone zu sprechen, während König Ferdinand auf gänzliche Vertilgung der Jakobiner drang. In Neapel wäre Cesare sofort als Abenteurer erkannt worden, in Calabrien dagegen fuhr man, trotz dieses unklugen Mitleids, fort ihn für einen Prinzen zu halten!

Nachdem Cesare und Boccheciampe zwei Tage in Francavilla verweilt, begaben sie sich nach Ostuni, welches sie im Zustande der vollkommensten Anarchie vorfanden.

Die durch ihre Ankunft ermuthigte royalistische Partei hatte sich der ganzen Autorität bemächtigt und wollte einen der bekanntesten und intelligentesten Patrioten der Stadt nebst seiner ganzen Familie ermorden.

Dieser Patriot, ein Mann, der nicht blos als Arzt ausgezeichnet war, sondern auch, wie man sogleich sehen wird, ein edles Herz besaß, hieß Airoldi.

Als er die unvermeidliche Gefahr herannahen sah, beschloß er sich zu opfern, dabei aber auch zugleich seine Familie zu retten.

Demzufolge verbarrikadierte er den Haupteingang seines Hauses, welches er sich bereit machte bis auf's Aeußerste zu vertheidigen, während er zugleich seine Familie mittelst einer seit langer Zeit nicht mehr benutzten, in ein finsteres, menschenleeres Gäßchen führenden Thür entfliehen ließ.

Die Banditen warfen sich nun gegen die Vorderseite des Hauses, welche auf die Hauptstraße ging und verbarrikadiert war.

In dem Augenblick, wo die Thier endlich gesprengt war und die Stürmenden wüthend eindringen wollten, feuerte er auf seine Angreifer zwei Schüsse ab. durch welche ein Mann getödtet und ein zweiter verwundet ward. Dann warf er seine abgefeuerte Doppelbüchse hinter sich und überlieferte sich seinen Henkern.

Diese hatten, um ihn, seine Frau und seine drei Kinder zu verbrennen, einen Scheiterhaufen errichtet, mußten sich nun aber zu ihrem Bedauern mit einem Opfer begnügen. Sie banden es auf dem Scheiterhaufens fest und verbrannten es mit langsamen Feuer.

Cesare und Boccheciampe waren von diesem Vorgange unterrichtet worden. Sie setzten sofort ihre Pferde in Galopp, kamen aber trotz aller ihrer Eile dennoch zu spät. Der Doktor hatte soeben seinen Geist aufgegeben.

Wir wissen recht wohl, daß die Geschichte, welche wir unter der Form eines Romans schreiben und der wir vielleicht diese Form blos gegeben, um das Recht zu haben, sie zu veröffentlichen, so wie die Gewißheit, daß sie Leser finde, eine sehr traurige ist und daß die Bourbons von Ferdinand dem Ersten bis auf Franz den Zweiten, von Mammone bis auf La Gala, mitunter sehr verwerfliche Bundesgenossen zu Vertheidigern ihrer Sache gehabt haben.

Gleichwohl aber freut es uns, das Urtheil der Geschichte über mehrere dieser Personen berichtigen zu können.

Den Cardinal Ruffo haben wir bereits geschildert, so wie er war, aber nicht so, wie die Geschichtschreiber , die seine Correspondenz mit Ferdinand nicht gekannt, ihn hingestellt haben.

In gleicher Weise, wenn auch nach einem andern Maßstabe, freuen wir uns, über Cesare und Boccheciampe die Wahrheit sagen zu können.

Ihre Ankunft in Ostuni that dem Blutvergießen und den übrigen Barbareien sofort Einhalt.

Nach unserer Ansicht ist es allerdings eine große Freude und ein großer Stolz, einem Menschen das Leben zu retten; aber ist es nicht ein eben so großer Stolz und eine ebenso große Freude das Andenken eines Menschen von den Flecken, welche ein nicht hinreichend gewissenhafter Geschichtschreiber ihm zugefügt, zu reinigen und in den Augen der Nachwelt zu rechtfertigen?

Dies ist es eben, was wie wir hoffen, unserem Buche ein ganz besonderes Gepräge geben wird, denn mit der größten Gewissenhaftigkeit wird es Licht über Alle und selbst über Diejenigen verbreiten, welche vom Standpunkt unserer Meinung aus unsere Feinde sein würden, wenn wir nicht vom Standpunkt unseres Gewissens aus vor allen Dingen ihr Richter wären.

Auf dem Marktplatz von Ostuni, am Scheiterhaufen des Doktors Airoldi, gesellte Fra Pacifico sich zu Cesare und dessen Begleiter.

Letztere beiden waren eben beschäftigt, Deputationen zu empfangen, welche nicht blos kamen, um dem falschen Prinzen ihre Huldigung darzubringen, sondern auch um ihn um Beistand zu bitten.

Lecce war in zwei Parteien getheilt und die Republikaner waren die stärksten.

Tarent und Martina befanden sich in derselben Lage; Aquaviva war demokratisiert bis zum Fanatismus.

Altamura ganz besonders hatte geschworen sich lieber unter seinen Trümmern zu begraben, als unter der Herrschaft der Bourbons zu bleiben.

Vom Standpunkt der Wirklichkeit aus betrachtet, versprachen die Dinge deshalb keinen so leichten Erfolg, als man anfangs geglaubt.

Fra Pacifico wartete, bis der falsche Prinz die drei oder vier an ihn abgesendeten Deputationen empfangen hatte, meldete dann, daß er im Auftrage des Generalvicars käme.

Cesare ward bleich und sah Boccheciampe an. Seiner Ansicht nach war der einzige Generalvicar, der Jemanden zu ihm schicken konnte, der Prinz Franz.

Der bescheidene Stand des Boten bewies nichts. Cesare selbst wählte zur Beförderung seiner Ordres oder Depeschen gewöhnliche Mönche. Der Mönch wird, wer er auch sei und welchem Orden er auch angehören möge, im südlichen Italien überall gut empfangen, ganz besonders dann, wenn er das Gelübde der Armuth abgelegt hat und einem Bettelorden angehört.

»Wer ist dieser Generalvicar?« fragte Cesare, um sein Gewissen zu beruhigen, obschon er im voraus zu wissen glaubte, welche Antwort er auf diese Frage erhalten würde.

»Dieser Generalvicar,« antwortete Fra Pacifico, »ist Seine Eminenz der Cardinal Ruffo, und hier ist die Depesche, welche ich beauftragt bin Ew. Hoheit zu überreichen.«

Cesare betrachtete Boccheciampe mit dem Ausdruck steigender Unruhe.

»Lassen Sie uns sehen, Monsignore,« sagte Boccheciampe. »Oeffnen Sie diesen Brief und lesen Sie ihn, denn er ist an Sie adressiert.«

In der That lautete die Aufschrift des Briefes:

»An Seine königliche Hoheit den Herzog von Calabrien«

Cesare öffnete den Brief und las:

»Monsignore!

»Ihr erhabener Vater, Seine Majestät der König Ferdinand, welchen Gott noch lange erhalte, hat mir die Ehre erzeigt, mich zu seinem Stellvertreter zu ernennen, und mir zugleich den Auftrag ertheilt, sein von den französischen Jakobinern und deren Principien überfallenes festländisches Königreich wieder zu erobern. Nachdem ich sowohl in Palermo als in Messina und ganz besonders bei meiner Landung in Calabrien am 8. Februar das kühne Unternehmen erfahren, welches Ew. Hoheit Ihrerseits versucht, eben so wie die wunderbare Weise, auf welche Gott dasselbe unterstützt, sende ich einen unserer eifrigsten und erprobtesten Anhänger, um Ew. Hoheit zu melden, daß der König, Ihr Vater, welchen Gott noch lange erhalte, trotz des erhabenen Ranges, welchen Sie einzunehmen bestimmt sind, in Folge des großen Vertrauens. welches er auf mich setzt, geruht hat, Ew. Hoheit unter meine Befehle zu stellen. Demzufolge habe ich die Ehre, Ihnen ferner zu melden, daß, sobald Sie sich der Ruhe der Provinzen, in welchen Sie sich dermalen befinden, versichert haben, es am zweckmäßigsten sein wird, wenn Sie mit Allem, was Sie an freiwilligen Mannschaften Waffen und Munition besitzen, sich mir anschließen, damit wir dann gemeinschaftlich auf Neapel marschieren denn nur dort wird es uns gelingen, die siebenköpfige Hydra zu erlegen und zu vernichten.

»Indem ich Ew. Hoheit es anheimstelle, den Zeitpunkt, wo Sie sich mir anschließen, zu bestimmen, bemerke ich nur noch, daß dies am besten so bald als möglich geschehen wird.

»Ich habe die Ehre zu sein

»Ew. königlichen Hoheit

»gehorsamster Diener und Unterthan

Cardinal Ruffo.«

Diesem Brief: war ein kleines Blättchen beigelegt, auf welches der Cardinal mit seiner feinsten Handschrift die nachfolgenden Worte geschrieben :

»Capitän Cesare der König kennt Ihre Hingebung und billigt dieselbe ebenso wie die Ihrer Gefährten. An dem Tage wo Sie sich mir anschließen, werden Sie auf Ihren Titel als Prinz verzichten, dagegen aber an meiner Seite den Rang eines Brigadiers einnehmen.

»Bis dahin aber bleiben Sie für Alle der Kronprinz, und Gott nehme Sie eben so in seinen Schutz, als ob Sie es wirklich wären.«

»Der Ueberbringer dieses Briefes weiß, obschon er unserer Sache vollkommen ergeben ist, nicht, was Sie ihm werden sagen wollen, und es scheint mir, besonders wenn Sie ihn nach Neapel zurückschicken, wichtig zu sein, daß er dahin mit dem Glauben zurückkehre, Sie seien wirklich der Herzog von Calabrien.«

Cesare las den Brief oder vielmehr die beiden Briefe mit der größten Aufmerksamkeit.

Dann überreichte er sie Boccheciampe, während Fra Pacifico, der den corsischen Abenteurer für den wirklichen Prinzen hielt, ehrerbietig und seine Befehle erwartend in einiger Entfernung stand.

»Ihr könnt wohl lesen, Freund?« fragte Boccheciampe, als er mit den beiden Briefen fertig war, und das der amtlichen Depesche beigefügte besondere Billet wieder an Cesare zurückgegeben hatte.

»Durch die Gnade Gottes, ja,« antwortete Fra Pacifico.

»Wohlan, da Seine Hoheit vor einem so hingebenden Diener, wie Ihr zu sein scheint, kein Geheimnis haben will und außerdem wünscht, daß Ihr den Werth welchen der Cardinal auf Euch legt, kennen lernt, so erlaubt er Euch, von diesem Briefe Kenntniß zu nehmen.«

Fra Pacifico empfing, sich bis auf die Erde verneigend, aus den Händen des vermeinten Herzogs von Sachsen den Brief, welchen er nun seinerseits las.

Hierauf verneigte er sich zum Zeichen des Dankes und gab den Brief demjenigen zurück, welchen er für den Prinzen hielt.

»Wohlan,« sagte dieser, »wir wollen den Instruktionen des Cardinals gemäß mit den wenigen Städten, welche ihre Pflicht vergessen haben, und der königlichen Gewalt Widerstand leisten, so schnell als möglich fertig zu werden suchen und uns dann, ebenfalls seinen Instructionen gemäß, unverweilt ihm zur Verfügung stellen.«

»Und mich, Monsignore,« sagte Fra Pacifico, indem er sich mit dem Selbstvertrauen eines Mannes, welcher weiß, wie nützlich er sein kann, wenn man ihn auf angemessene Weise verwendet, zur ganzen Höhe seiner langen Gestalt aufrichtete, »womit werden Sie mich beschäftigen?«

Die beiden Abenteurer sahen einander an, richteten dann wieder die Augen auf Fra Pacifico, und der vorgebliche Herzog von Sachsen sagte:

»Wir bedürfen eines zuverlässigen und gewandten Boten, welcher uns nach Martina und nach Tarent vorangeht, diese beiden Städte auf unsere Ankunft vorbereitet und daselbst unsere Proclamationen verbreitet.«

»Hier bin ich,« sagte Fra Pacifico, indem er mit seinem Lorbeerknüppel auf den Boden stieß. »Ach-, wenn ich Giacobino hier hätte!«

Cesare und Boccheciampe wußten natürlich nicht, wer Giacobino war, und erfuhren daher auf Befragen von dem Mönch, daß es sein Esel sei, den er, als er sich nach Sicilien eingeschifft in Pizzo zurückgelassen.

Noch denselben Abend brach Pacifico nach Martina auf und nahm eine fast eben so schwere Ladung Proklamationen mit, als sein schmerzlich vermißter Giacobino zu tragen vermochte hätte.

Sechstes Capitel.
Wo der falsche Herzog von Calabrien thut, was der wirkliche hätte thun sollen

Nachdem Fra Pacifico fort, das heißt als der Würfel gefallen war, fragten sich die beiden Abenteurer, was sie wohl zu thun hätten, wenn die beiden Städte Widerstand leisteten.

Allerdings hatten sie eine Art Armee, da dieselbe aber blos mit Messern und schlechten Musketen bewaffnet war und weder Kanonen noch Belagerungsmunition besaß, so kannte sie gegen feste Mauern nichts ausrichten.

In diesem Augenblick ward Seiner königlichen Hoheit dem Herzog von Calabrien gemeldet, daß ein gewisser Giovanni Battista Petrucci um eine Audienz bitten ließe. Im Fall der Herzog von Calabrien ihn nicht selbst empfangen könnte, wünschte er wenigstens von dem Herzog von Sachsen empfangen zu werden, weil die Mittheilungen, die er zu machen habe, von der grüßten Wichtigkeit wären.

In der That wäre es auch sehr indiscret gewesen, um ein Uhr des Morgens zwei so hochgestellte Personen zu stören, dafern es sich blos um gewöhnliches Nachrichten gehandelt hätte.«

Don Giovanni Battista Petrucci ward von den beiden jungen Abenteurern sofort vorgelassen.

Don Giovanni Battista Petrucci war Marineinspector im Namen der Parthenoptischen Republik. Er hatte soeben Befehl erhalten, eine Abtheilung Cavallerie und zwei Geschütze mit Munition und allem sonstigen Zugehör nach Lecce abzusenden. Jetzt kam er, um sich gegen die beiden Prinzen bereit zu erklären, seine Reiter und Kanonen, anstatt sie nach Lecce zu führen, zu ihrer Verfügung zu stellen.

Es versteht sich von selbst, daß die beiden Abenteurer sein Anerbieten welches ihnen so gelegen kam, mit Freuden annahmen.

Cesare ernannte Don Giovanni Battista Petrucci sofort zum Oberinspector der Marine, anstatt daß er bis jetzt gewöhnlicher Inspector gewesen.

Dann stellte er ihm zum beliebigen Gebrauch ein Attest über die von ihm bewiesene Loyalität aus, welches Zeugniß er mit seinem falschen Namen unterschrieb.

Da man erst die Rückkehr Fra Pacificos abwarten mußte, um zu hören; was man von Torent und von Martina zu hoffen und zu fürchten hätte, so beschloß man, um keine Zeit zu verlieren, auf Lecce zu marschieren, welche Stadt eine Deputation schickte, die um Beistand gegen die Republikaner und ganz besonders gegen einen gewissen Fortunato Andreoli bat, welcher sich der Festung bemächtigt und eine aus Jägern und Cavallerie bestehende Bürgergarde organisiert hatte.

Petrucci erbot sich, diese Expedition mitzumachen, um durch seine Anwesenheit seinen Reitern Muth einzuflößen.

« Um neun Uhr Morgens brach nun demgemäß nach Lecce auf. Unterwegs stieß man auf zwei- bis dreihundert Jäger, welche aus der Stadt entflohen waren, weil sie nicht gegen ihre Meinung dienen wollten. Diese Mannschaften vereinigten sich mit der kleinen bourbonischen Armee, welche auf diese Weise nun über tausend Mann zählte.

Cesare zog demgemäß mit einer imposanten Streitmacht in Lecce ein.

Andreoli hatte sich in das Castell zurückgezogen und in dasselbe eingeschlossen. Cesare ließ ihn auffordern, sich zu ergeben, und gab, als er sich weigerte, Befehl zum sofortigen Angriff.

Der Widerstand dauerte nicht lange. Gleich bei den ersten Musketenschüssen öffnete die Garnison eine ins Freie führende Thür und entfloh durch dieselbe.

Dieser Sieg war, obschon leicht, doch von großer Bedeutung. Es war der erste Zusammenstoß, welcher zwischen den Roylisten und den Republikanern stattgefunden, und die Republikaner hatten gleich auf die ersten Flintenschüsse den Platz geräumt.

Wir sagen absichtlich nochmals: »auf die ersten Flintenschüsse,« denn der Kanonen hätte man sich nicht bedienen können.

Man hatte, nämlich nun wohl Artillerie, aber noch keine Artilleristen.

Die Freude war groß. Sämtliche Glocken in Lecce und der Umgegend begannen zu läuten, um den Triumph des Herzogs von Calabrien zu feiern. Abends war die Stadt glänzend erleuchtet.

Am Tage nach der Einnahme von Lecce sah man den durch das Glockengeläute angelockten Fra Pacifico eintreffen. Er hatte sich seiner Mission in den beiden Städten treulich und klug entledigt und berichten nun gleichzeitig Gutes und Böses.

Das Gute bestand darin, daß Tarent bereit war, seine Thore ohne Schwertstreich zu öffnen.

Das Böse bestand darin, daß dagegen Martina sich bereit erklärte, sich bis aufs Aeußersten zu vertheidigen.

Demgemäß beschloß man die kleine Armee in zwei Trupps zu theilen. Der eine dieser Trupps sollte unter Boccheciampes Führung Tarent vollständig für die bourbonische Partei gewinnen und der andere unter Cesare’s Führung langsam auf Martina marschieren, so daß Boccheciampes Colonne ihn einholen könne, ehe er unter den Mauern der Stadt angelangt wäre.

Tarent öffnete, wie Fra Pacifico vorhergesagt, seine Thore, ohne auch nur erst die militärische Aufforderung abzuwarten, und die Bewohner kamen Boccheciampe mit der königlichen Fahne in der Hand entgegen.«

Anders aber war es in Martina. Hier hatte die Stadtbehörde die Vertheidigung beschlossen und einen Preis auf die Köpfe der beiden Prinzen gesetzt, einen von dreitausend Ducaten auf den des Herzogs von Calabrien und einen zweiten von fünfzehnhundert Dukaten auf den des Herzogs von Sachsen.

Man wird vielleicht finden, daß diese Preise eben nicht sonderlich hoch waren; die Stadt Martina war aber durchaus nicht reich.

Eine Viertelstunde vor der Stadt stieß Boccheciampe’s Colonne auf die Cesares und nachdem die Vereinigung bewirkt war, beschloß man einen Sturm auf die Stadt zu unternehmen. Dieser Beschluß worin Anbetracht, daß man wohl Artillerie, aber keine Artilleristen hatte, ein beinahe tollkühner zu nennen.

Man versuchte demgemäß ehe man handgemein würde, alle möglichen Mittel zu einer gütlichen Verständigung.

Man rief einen Trompeter herbei, ließ ihn zu Pferde steigen und gab ihm eine Proclamation an die Bewohner von Martina, worin ihnen mitgetheilt ward, daß die königlichen Truppen, weit entfernt, die geringste Feindseligkeit gegen die Martinesier begehen zu wollen, von denselben weiter nichts verlangten, als Gehorsam gegen ihren legitimen Herrscher. Sollten sie sich jedoch weigern, dieser gerechten Aufforderung nachzukommen, so solle dann das Loos der Waffen die Frage entscheiden.

Der Trompeter ritt fort, während die Blicke der ganzen bourbonischen Armee und besonders die der beiden Anführer ihm folgten.

Er konnte jedoch seinen Auftrag nicht ausrichten, denn in dem Augenblick, wo er in Schußweite kam, ward er mit einer furchtbaren Salve begrüßt und Mann und Roß wälzten sich auf dem Pflaster.

Aber nur das Pferd war todt. Der Mann erhob sich wieder, und obschon er den Hinweg zu Pferde gemacht und den Herweg zu Fuße machen mußte, so legte er gleichwohl letztern viel schneller zurück als erstern.

Die beiden Anführer gaben sofort Befehl zum Sturm und rückten unter einem Kugelregen gegen die Stadt vor, griffen die vor dem Thor stehenden vorgeschobenen Posten an und zwangen sie in die Stadt zurückzukehren.

In diesem Augenblicke aber kam ein sündflutartiger Regen und Hagelschlag den Belagerten zu Hilfe und hinderte die königlichen Truppen, ihren Sieg weiter zu verfolgen. Da ferner unmittelbar nach dem Regen die Nacht einbrach, so sah man sich genöthigt, die Fortsetzung der Belagerung auf den nächstfolgenden Tag zu verschieben.

Fra Pacifico hatte an dem Kampfe keinen Antheil genommen, war aber deswegen nicht unthätig geblieben.

In Lecce, in Tarent, unterwegs, überall hatte er unter der Zahl der Freiwilligen, welche sich dem kleinen Trupp angeschlossen, Mönche gefunden.

Diese Mönche gehörten beinahe alle dem Minoritenorden, das heißt dem des heil. Franciscus, an.

Fra Pacifico, der mit einer Mission vom Cardinal beauftragt war, übte natürlich eine gewisse Suprematie über diese Leute aus. Demzufolge hatte er sie exercirt und, damit die beiden Geschützt nicht unthätig blieben, im Bedienen derselben unterrichtet.

Demzufolge sah man noch am Abend des Scharmützels zum großen Erstaunen der beiden Anführer und zur nicht geringen Erbauung der Armee zwölf Mönche, je sechs Mann, an die beiden Kanonen gespannt, welche auf diese Weise auf eine kleine die Stadt beherrschende Anhöhe dem Thor gegenüber hinaufgeschleppt wurden.

Am nächstfolgenden Morgen mit Tagesanbruch waren die beiden Geschütze schulgerecht aufgepflanzt.

Cesare, welcher bei Tagesanbruch diese von Fra Pacifico getroffenen Anordnungen sah, wollte die Batterie selbst besuchen. Hier ward Alles durch ein einziges Wort erklärt.

Am Bord der »Minerva« war Frau Pacifico während seiner Dienstzeit Oberkanonier gewesen. Jetzt hatte er sich nicht blos selbst wieder seines alten Handwerks erinnert, sondern es während der letztvergangenen zwei oder drei Tage auch den von ihm exercirten Mönchen gelehrt.

Cesare ernannte ihn sofort zum Anführer der Artillerie.

Trotz dieses Zuwachses in seinem Angriffsmaterial, eines Zuwachses, der ihm den Sieg versprach, wollte Cesare immer noch mit Mäßigung gegen die Martinesier zu Werke gehen und schickte daher einen zweiten Parlamentär an sie ab, welcher dieselben Instructionen hatte wie der erste.

Als die Martinesier jedoch den Parlamentär innerhalb Schußweite sahen, begannen sie auf ihn eben so zu feuern, wie sie aus den ersten gefeuert.

Zur Antwort auf dieses Feuer krachten Fra Pacifico’s beide Geschütze und sendeten den Vertheidigern der Mauern einen Kartätschenhagel, der sie decimirte.

Bei dieser Kundgebung einer nicht geahnten Artillerie, welche ohne erst um Erlaubniß zu bitten, sich in die Conversation mischte und sofort ein Dutzend Feinde niederstreckte, trat in den Reihen der Belagerten ein Augenblick des Zögerns ein.

Die royalistischen Anführer benützten denselben.

Beide gebotene Corsen und tapfer wie Corsen, vergaßen sie ihre angebliche Vornehmheit und stürzten jeder mit einem Beil in der Hand auf das Thor los, welches sie sofort einzuschlagen begannen.

Die ganze Armee folgte ihnen mit Enthusiasmus. Die Calabresen hatten noch niemals davon gehört, daß Prinzen bei einer Belagerung die Arbeit von Pionieren und Capuziner die von Artilleristen verrichteten. Das Thor ward binnen wenigen Augenblicken gesprengt und mit Cesare und Boccheciampe an der Spitze drang die kleine Armee in die Stadt wie ein Strom, der seinen Damm durchbrochen hat.

Die Martinesier versuchten diesen Menschenstrom aufzuhalten, ihre Häuser und die freien Plätze zu vertheidigen, sich in den Kirchen zu verschanzen. Schritt um Schritt verfolgt, aus nächster Nähe niedergeschossen, konnten sie sich nicht wieder sammeln, sondern sahen sich gezwungen, die Stadt in wilder Unordnung und als Fliehende durch das Thor zu verlassen, welches dem, zu welchem die Bourbonisten eingedrungen, entgegengesetzt war.

Eine einzige kleine Gruppe von Republikanern sammelte sich um den Freiheitsbaum und ließ sich hier vom ersten bis letzten Mann niedermachen.

Der Freiheitsbaum fiel ebenso wie seine Vertheidiger, ward in Stücke gespalten und zu einem Scheiterhaufen umgestaltet, auf welchem man die Todten und mit denselben auch einige Lebendige verbrannte.

Auch diesmal thaten Cesare und Boccheciampe Alles, was sie konnten, um dem Gemetzel Einhalt zu thun. Es herrschte jedoch unter den Siegern ein solcher Blutdurst, daß diese menschenfreundlichen Bestrebungen von einem weit ungünstigeren Erfolg begleitet waren als in den anderen Städten.

Auf den Fall von Martina folgte der von Aquaviva, und unsere beiden Abenteurer glaubten, es sei nun in der Provinz Alles wieder in das alte Gleis zurückgebracht, als sie erfuhren, daß Bari, trotz des an Martina und Aquaviva statuierten Exempels, die republikanische Regierung proklamiert und geschworen hatte, dieselbe aufrecht zu erhalten.

Dies war dieser Stadt um so leichter, als sie auf dem Seewege einen Succurs von sieben- bis achthundert Mann Franzosen erhalten hatte.

Cesare und Boccheciampe fragten sich eben, ob sie Bari trotz dieser Verstärkung angreifen, oder, die von französischen Bajonneten unterstützte Revolution hinter sich lassend, sich, den Befehlen des Cardinals folgend, mit ihm vereinigen sollten.

Während sie noch so unschlüssig waren, erfuhren sie, daß die Franzosen Bari verlassen hatten und gegen Casa Massima verrückten.

Sie wußten, daß die französische Colonne nur siebenhundert Mann zählte. Die bourbonische Armee zählte deren beinahe zweitausend, das heißt eine beinahe dreifache Streitmacht.

Sie beschlossen deshalb es auf einen Zusammenstoß mit den regulären Truppen ankommen zu lassen.

Uebrigens war dies eine Extremität, zu welcher man ja auf jeden Fall gelangen mußte.

Um sich ihres Vortheils aber noch mehr zu versichern, beschlossen die beiden Freunde den Franzosen einen Hinterhalt zu legen. Sie theilten deshalb ihre Truppen. Boccheciampe ließ tausend Mann dem vorgeblichen Kronprinzen und rückte mit den andern tausend Mann auf der Straße von Monteroni vor.

In dem Thal fand er einen Ort, der zu einem Hinterhalt geeignet war, und setzte sich mit seinen Truppen hier fest.

Cesare dagegen hielt sich auf der Höhe von Casa Massima in Sicht, denn er hoffte auf diese Weise die Blicke des Feindes auf sich zu ziehen und von Boccheciampe’s Hinterhalt abzulenken.

Boccheciampe sollte die Franzosen angreifen und Cesare die Unordnung, welche dieser Angriff in ihren Reihen verursachen würde, benutzen, um über sie herzufallen und sie vollends in die Flucht zu schlagen.

Cesare hatte in Martina und in Aquaviva eine Contribution von zwölf Pferden erhoben, die er Fra Pacifico für seine Artillerie gegeben, welche immer noch durch seine zwölf Mönche bedient ward, die, da er sie dreimal täglich exerciren ließ, ganz vortreffliche Artilleristen geworden waren.

Diesmal postierte man Fra Pacifico und seine Kanonen auf die Landstraße, damit er sich überall hinwenden könnte, wo er gebraucht würde.

Dann wartete man.

Alles kam so, wie man es vorausgesehen, ausgenommen die Entwicklung.

Die nur mit Cesare und dessen Leuten, welche sie auf der Höhe des Hügels von Casa Massima gewahrtem beschäftigten Franzosen gingen richtig in den ihnen von Boccheciampe gelegten Hinterhalt. Mit Nachdruck angegriffen und anfangs nicht wissend, mit wem sie zu thun hätten, ließen sie in ihren Reihen eine zögernde Bewegung eintreten. Sobald sie aber erkannt, was für einen Feind sie zu bekämpfen hatten, zogen sie sich auf dem Gipfel eines sich an den Wald lehnenden Hügels zusammen und marschierten von hier aus, durch ihre Artillerie unterstützt, im Sturmschritt und mit gefälltem Bajonnet auf Boccheciampe los.

In diesem Augenblick wollte der Zufall, daß unter den Bourbonisten sich das Gerücht verbreitete, eine starke Colonne von Patrioten rücke von Bari an, um ihnen in den Rücken zu fallen.

Nun war Alles aus. Die bewaffneten Garben, die Campieri, die Jäger von Lecce waren die Ersten, welche die Flucht ergriffen, und die ganze übrige Colonne folgte ihrem Beispiel.

Vergebens stürzte Cesare an der Spitze einiger treugebliebenen Reiter sich mitten in das Handgemenge hinein. Er konnte die Fliehenden nicht wieder sammeln.

Ein panischer Schrecken hatte sich seiner Leute bemächtigt. Zum Glück für die beiden Abenteurer glaubten die so nachdrücklich angegriffenen Franzosen, als sie nicht blos jeden Angriff, sondern auch jeden Widerstand aufhören sahen, an irgend eine Kriegslist, welche den Zweck hätte, sie in einen zweiten Hinterhalt zu locken.

Deshalb machten sie anfangs kurz Halt, und setzten dann ihren Marsch nur langsam und unter Beobachtung der größten Vorsicht fort.

Es dauerte jedoch nicht lange, so erkannten sie, daß es sich hier um eine wirkliche Niederlage handle, und die republikanische Cavallerie brach daher zur Verfolgung der Fliehenden auf.

In dem Augenblicke, wo sie die Landstraße erreichte, begrüßte Fra Pacifico sie mit zwei Kartätschenschüssen,, die ihnen einige Pferde und einige Mann kosteten. Dann ergriff er mit Zurücklassung eines umgestürzten Munitionswagens, und nachdem er eine mit einer Pulverschlange in Verbindung stehende Lunte gelegt, mit seiner übrigen Artillerie eiligst die Flucht.

Nun wollte der Zufall oder auch eine richtige Berechnung von Seiten Pacifico‘s, daß in demselben Augenblick, wo die Dragoner, um nicht auf den umgestürzten und den Weg versperrenden Munitionswagen zu stoßen, sich in zwei Glieder theilten , welche zu beiden Seiten um den Wagen herumritten, das Feuer sich von der Pulverschlange und von dieser dem Munitionswagen mittheilte, welcher mit furchtbarem Gekrach in die Luft flog und die Pferde und Menschen, welche in das Bereich seiner Trümmer kamen, in Stücke riß.

Damit kam die Verfolgung zum Stillstand. Die Franzosen fürchteten einen neuen Fallstrick von derselben Art, und die Bourbonisten konnten sich daher zurückziehen, ohne weiter belästigt zu werden.

Die Glorie aber, welche sich bis jetzt an ihre göttliche Mission geknüpft, war damit zerstört. Gleich bei dem ersten Kampf mit den republikanischen Truppen waren sie, obgleich diesen dreimal an Zahl überlegen; besiegt worden.

Von den zweitausend Mann, welche die beiden jungen Abenteurer vor dem Kampfe hatten, blieben ihnen kaum fünfhundert.

Die andern hatten sich zerstreut.

Man kam überein, daß Cesare mit vierhundert Mann sich dem Cardinal anschließen und Boccheciampe mit hundert Mann nach Brindisi begeben sollte, um hier wo möglich wieder eine Colonne zu organisieren, womit er seinerseits wieder zu dem Kern der sanfedistischen Armee stoßen könnte.

Fra Pacifico die beiden Kanonen, der noch übrige Munitionswagen und seine zwölf Mönche blieben bei Cesare’s Colonne. Die beiden Freunde umarmten einander und schlugen noch denselben Abend jeder den Weg ein, der ihn seiner Bestimmung entgegenführen sollte.

Siebentes Capitel.
Niccola Addone

Wir haben erzählt, wie Salvato von dem General Championnet nach Salerno geschickt worden war, um daselbst eine Colonne zu organisieren und auf Potenza zu dirigieren, wo man eine Reaction und die furchtbaren Leiden fürchtete, von welchen eine solche stets in einem halbwilden Lande begleitet ist, wo die Bürgerkriege nur der Vormund für persönliche Rachegelüste sind.

Obschon die Ereignisse von Potenza mehr der allgemeinen Geschichte von 1799 als der besonderen Erzählung angehören, mit welcher wir es hier zu thun haben und die den Augen unserer Leser nur die Thaten der Personen, welche darin eine Rolle spielen, vorführen soll, so werden wir doch, da diese Ereignisse sowohl die Zeit, in der sie geschehen, als auch das Volk, unter welchem sie vorfielen, auf furchtbare Weise kennzeichnen, ihnen ein Capitel widmen, aus welches sie ein doppeltes Recht haben, sowohl wegen der Größe der Katastrophe, als auch wegen des unheilvollen Einflusses, den die Reise, welche Micheles Verrath des Backerschen Complotts herbeiführte, auf das Leben der Heldin unserer Geschichte äußerte.

Als der General Championnet aus jener Soirée bei der Herzogin Fusco zurückkehrte, wo Monti‘s Verse vorgelesen, wo der »Parthenopäische Moniteur« gegründet worden und wo der Papagei der Herzogin Dank seinen beiden Lehrern Velasco und Nicolino genesen hatte: »Es lebe die Republik! Nieder mit den Tyrannen!« hatte er in dem Palaste Angri einen reichen Grundbesitzer aus der Basilicata, Namens Niccola, angetroffen.

Don Niccola Addone, wie man ihn in dortiger Gegend, wo noch theilweise spanische Gebräuche herrschten, nannte, wohnte in Potenza und der Bischof Monsignore Serrao war sein intimer Freund.

Monsignore Calao, ein geborener Calabrese, hatte sich während seines Episcopats den Ruf eines gelehrten Mannes von exemplarischem Lebenswandel erworben.

Der Grund hiervon lag einerseits in den von ihm veröffentlichten geschätzten Werken und andererseits in seiner wahrhaft evangelischen Mildthätigkeit und Menschenliebe. Mit Gerechtigkeitsgefühl und edlem Sinn begabt, hatte er die Freiheit als den von dem Evangelium versprochenen Engel des Volkes begrüßt und die liberale Bewegung ebenso wie die neue Doktrin gefördert.

Dieser schöne republikanische Himmel begann aber kurz nach der ersten Morgenröthe sich bereits zu trüben. Ueberall organisieren sich Banden von Sanfedisten. Die Anhänglichkeit an die Bourbons war der Verwand, Plünderung und Mord waren das eigentliche Ziel.

Monsignore Serrao, welcher seine Mitbürger durch seinen Eifer und sein Beispiel compromittirt hatte beschlossen, wenigstens für ihre persönliche Sicherheit zu sorgen.

Er kam auf den Gedanken, aus Calabrien, das heißt aus seiner Heimat, eine Garde jener bewaffneten Männer, die unter dem Namen der Campieri bekannt sind, kommen zu lassen.

Es waren dies Ueberreste jener Söldnerschaaren des Mittelalters, welche sich jedem Edelmanne verdungen, der sie am besten bezahlte. Ihre Abstammung kannte man nicht. Vielleicht waren es Nachkommen der alten Condottieri.

Der arme Bischof glaubte an diesen Leuten, seinen Landsleuten, besonders wenn er sie gut bezahlte, muthige und hingebende Vertheidtger zu haben.

Unglücklicherweise hatte Monsignore Serrao vor einiger Zeit die Handlungsweise eines jener schlechten Priester getadelt, deren es in den südlichen Provinzen so viele gibt, und welche allemal den Blicken ihrer Vorgesetzten dadurch zu entrinnen hoffen, daß sie sich unter die große Menge mischen. Dieser Priester hieß Angelo Felice Vinciguerra.

Er war aus demselben Dorfe wie einer der beiden Anführer der Campieri, der Falsetta hieß.

Der zweite Anführer hieß Capriglione.

Der Priester war schon als Knabe ein intimer Freund von Falsetta gewesen und schloß sich jetzt aufs Neue an ihn an. Er machte ihm begreiflich, daß der Sold, welchen Monsignore Serrao ihm zahlte, so hoch derselbe auch sei, doch keinen Vergleich aushalte mit dem, was ihm die Contributionen, die er auflegen, und die Beute, die er machen könnte, einbringen würden, wenn Capriglione und er, anstatt sich der Aufrechtbaltung der Ordnung zu widmen, sich mit Hilfe der unter ihren Befehlen stehenden Leute zu Meistern der Stadt machten.

Falsetta, welcher Vinciguerras Rathschlägen Gehör gab, theilte dieselben Capriglione mit, welcher ebenfalls sofort darauf einging.

Daß die Mannschaften die Ansichten ihrer Anführer theilten, versteht sich fast von selbst.

Eines Morgens sah Monsignore Serrao der noch im Bett lag, seine Thür sich öffnen, und Capriglione erschien mit der Muskete in der Hand auf der Schwelle, indem er ohne weitere Einleitung jagte:

»Monsignore, das Volk will Ihren Tod.«

Der Bischof erhob die rechte Hand, machte die Geberde eines Mannes, der seinen Segen ertheilt, und sagte:

»Ich segne das Volk.«

Ohne ihm Zeit zu lassen, diesen evangelischen Worten noch etwas hinzuzufügen schlug der Bandit an und gab Feuer.

Der Prälat, welcher sich erhoben, um seinen Mörder zu segnen, sank, die Brust von einer Kugel durchbohrt, todt zurück.

Auf den Knall des Schusses kam der Vicar des Bischofs herbeigeeilt, und da er seine Entrüstung über diesen Mord aussprach, so tödtete Capriglione ihn durch einen Messerstich.

Auf diesen Doppelmord folgte beinahe unmittelbar der Tod zweier der reichsten und angesehensten Gutsbesitzer der Stadt. Sie hießen Gerardangolo und Giovanni Liani. Es waren Brüder.

Das Gerücht, daß die Ermordung des Bischofs durch Capriglione, aber auf Anstiften des Priesters, verübt worden, erhielt dadurch Bestätigung daß am Morgen nach dem Verbrechen der genannte Vinciguerra sich mit der Bande Caprilione’s vereinigte, um die Stadt Potenza in Blut und Trauer zu stürzen.

Liberale, Patrioten, Republikaner, kurz Alle, welche in irgend einer Beziehung den neuen Ideen angehörten, wurden nun von tiefem Schrecken ergriffen und dieser stieg noch höher, als das Gerücht sich verbreitete, daß an dem Tage wo das Fest des Blutes Christi gefeiert werden sollte, das heißt am Donnerstage nach Ostern, die Meister der Stadt gewordenen Briganten mitten unter der Procession nicht blos alle Patrioten, sondern auch alle Reichen niedermetzeln würden.

Der Reichste von Denen, welche von diesem Gerücht bedroht wurden und gleichzeitig einer der rechtschaffensten Bürger der Stadt, war jener Niccola Addone, der Freund des Bischofs, welcher den französischen General bei dessen Rückkunft von der Soirée der Herzogin von Fusco in seinem Quartier erwartete.

Es war ein wackerer, entschlossener Mann und hatte sich in Übereinstimmung mit seinem Bruder Basilio Addone vorgenommen, die Stadt von dieser Mörderbande zu befreien.

Er ließ deshalb diejenigen seiner Freunde zu sich rufen, welchen er den meisten Muth zutraute. Unter der Zahl dieser befanden sich drei Mann, deren Namen, welche sich in keiner Geschichte aufgezeichnet finden, durch die mündliche Tradition bewahrt worden sind.

Diese drei Männer hießen Giuseppe Scafanelli, Jorio Mandiglia und Gaetano Massi.

Noch sieben oder acht andere schlossen sich ebenfalls der Verschwörung an, doch habe ich die ältesten Bewohner von Potenza, von welchen ich ihre Namen erfahren zu können hoffte, vergebens befragt.

In Niccola Addones Hause bei verschlossenen Thüren und Fenstern versammelt, kamen diese Patrioten darin überein, daß man Capriglione, Falsetta und ihre ganze Bande vom Ersten bis zum Letzten mit einem Schlage vernichten müsse.

Um zu diesem Ziele zu gelangen, galt es, sich bewaffnet theils in Addone’s, theils in dem benachbarten Hause zu versammeln.

Die Banditen selbst lieferten, als ob sie mit den Patrioten einverstanden gewesen wären, diesen die Gelegenheit, welche ihnen noch fehlte.

Sie erhoben von der Stadt Potenza eine Contribution von dreitausend Dukaten, wobei sie es den Bürgern überließen, die Art und Weise zu regeln, auf welche diese Contribution auf die einzelnen Bürger vertheilt und wie sie bezahlt werden sollte, dafern die Zahlung nur binnen drei Tagen erfolgte.

Die Contribution ward erhoben und öffentlich in Niccola Addone’s Hause deponirt.

Ein Mann aus dem Volke Namens Gaetano Scoletta, seines Zeichens ein Schuhmacher und unter dem Spitznamen Sarcetta bekannt, übernahm es, den Banditen die Aufforderung zu überbringen, sich bei Addone einzufinden und jeder den ihm zukommenden Antheil in Empfang zu nehmen.

Die deshalb bezeichneten Stunden waren für jeden der Banditen verschieden, damit nicht etwa die ganze Bande in Masse sich einfände, was die Ausführung des Projerts schwierig gemacht haben würde.

Scoletta war beauftragt, während er mit den Banditen plauderte, sie von der innern Einrichtung des Hauses in Kenntniß zu setzen und ihnen unter Anderem zu sagen, daß die Casse aus Furcht vor Dieben in dem abgelegensten Gemach des Hauses verwahrt werde.

An dem bestimmten Tage ließ Niccola Addone zwei kräftige in seinem Dienste stehende Maulthiertreiber, welche der eine Loreto, der andere Surraceno hießen, sich in einer Art Cabinet verstecken, aus welchem man in das Zimmer gelangte, worin, wie Scoletta sagte, der Cassierer sich befand.

Diese beiden Männer standen mit einem Beil in der Hand zu beiden Seiten einer niedrigen Thür, welche man nicht passiren konnte, ohne sich zu bücken. Die beiden mit festen Stielen versehenen Beile waren am Abend vorher zu diesem Zwecke gekauft und geschliffen worden.

Alles war bereit und jeder eine Viertelstunde vor der bestimmten Zeit auf dem ihm angewiesenen Posten.

Die ersten Banditen kamen einer nach dem andern an und wurden sofort nach ihrer Ankunft eingelassen. Nachdem sie einen langen Corridor durchschritten, gelangten sie in das Zimmer, wo Loreto und Sarraceno hinter der Thür standen.

Diese handhabten ihre Beile mit derselben Schnelligkeit und Präcision, womit der Fleischer in seinem Schlachthofe einen Ochsen niederschlägt.

In demselben Augenblick, wo der Bandit niederstürzte warfen zwei andere Diener Addone’s, Namens Piscione und Musano, den Cadaver durch eine Fallthür in einen Stall hinab.

Sobald der Cadaver verschwunden war, trat eine alte Frau, starr wie eine Parze, mit einem Eimer Wasser in der einen und einem Schwamm in der andern Hand, aus einem Nebenzimmer heraus, wusch den Fußboden und zog sich dann wieder stumm und steif wie ein Automat in ihr Zimmer zurück.

Endlich fand auch der Anführer Capriglione sich ein. Basilio Addone, Niccola’s Bruder, folgte ihm, wie um ihm den Weg zu zeigen.

Mitten in dem Corridor aber erwachte in dem unruhigen, mißtrauischen Banditen ohne Zweifel eine bange Ahnung. Er wollte umkehren.

Ohne ihn erst zum Weitergehen bewegen zu wollen, und ohne erst sich in eine Diskussion mit ihm einzulassen, stieß ihm in dem Augenblicke wo er sich umdrehte, Basilio Addone seinen Dolch bis an den Griff in die Brust.

Capriglione stürzte nieder, ohne einen Schrei auszustoßen.

Basilio schleppte ihn in das erste Zimmer, welches sich darbot, schloß ihn, nachdem er sich überzeugt, daß er wirklich todt sei, darin ein und steckte den Schlüssel ruhig in die Tasche.

Was Falsetta betraf, so war er einer der Ersten gewesen, welchen der Kopf gespalten ward.

Sechzehn der Banditen mit Einschluß der beiden Anführer waren schon getödtet und in den Stall hinabgeworfen, als die anderen, die ihre Cameraden wohl hineingehen, aber nicht wieder herauskommen sahen, einen kleinen Trupp bildeten und, von Gennarino, Falsettas Sohn, angeführt, Addones Haus sich näherten, um an die Thür zu pochen.

Sie hatten aber nicht einmal Zeit genug, an dieser Thür zu pochen.

In dem Augenblick, wo sie nur noch etwa fünfzehn Schritte von dem Haus entfernt waren, schoß Basilio Addone, welcher an einem Fenster Schildwache stand, mit derselben festen Hand und mit demselben sichern Blick, womit er Capriglione niedergestochen, Gennarino mitten in die Stirn.

Dieser Schuß war das Signal zu einem furchtbaren Handgemenge. Die Verschworenen, welche einsahen, daß jetzt der Augenblick da war, wo jeder mit seiner eigenen Person eintreten mußte, stürzten auf die Straße hinaus und fielen mit solcher Wuth über die Banditen her, daß alle vom ersten bis zum letzten auf dem Platze blieben.

Man zählte zweiunddreißig Leichen.

Während der Nacht wurden diese zweiunddreißig Leichen eine nach der andern in einer Reihe auf den Marktplatz gelegt, so daß bei Tagesanbruch die ganze Stadt dieses blutige Schauspiel vor Augen haben konnte.

Schon am Abend vorher aber war Niccola Addone abgereist, um Championnet von diesem ganzen Vorgange in Kenntniß zu setzen und ihn zu bitten, eine französische Colonne nach Potenza zu schicken, um daselbst die Ordnung aufrecht zu erhalten und der Reaction Widerstand zu leisten.

Championnet hatte, nachdem er Niccola Addones Bericht angehört, die Dringlichkeit dieses Verlangens eingesehen und Salvato beauftragt, in Salerno die Colonne zu organisierte deren Commando er dann seinem Adjutanten Villeneuve übertrug.

Achtes Capitel.
Der Geier und der Schakal

Als Salvato von Salerno zurückkehrte und in das Cabinet des Generals Championnet trat, dem er die Nachricht von der Landung des Cardinals Ruffo in Calabrien brachte, traf er darin zwei Personen, welche ihm vollständig unbekannt waren und in deren Mitte der Obergeneral, nach seiner gerunzelten Stirn und seiner verächtlich emporgezogenen Lippe zu urtheilen, sich ziemlich unbehaglich zu fühlen schien.

Der eine dieser beiden Unbekannten trug das Costüm der höheren Civilbeamten, das heißt den blauen Frack ohne Epauletten und ohne Stickereien, den dreifarbigen Gürtel, die weißen Beinkleider, Stulpenstiefel und Säbel; der andere die Uniform eines Adjutant-Majors.

Der erste war der Bürger Faypoult, Oberhaupt einer Civilcommission, welche von Paris nach Neapel geschickt worden, um dort Contribution zu erheben und sich dessen zu bemächtigen, was die Römer spolia opima nannten.

Der zweite war der Bürger Victor Mejean, welchen das Directorium kürzlich an Thiébauds Stelle ernannt, der von Championnet vor der Porta Capuana zum Generaladjutanten gemacht worden.

Der General hatte dem Directorium vorgeschlagen, den erledigten Posten seines Adjutanten durch Villeneuve zu besetzen, welcher in diesem Augenblick beschäftigt war, die Patrioten von Potenza und ganz besonders Niccola und Basilio Addone, die beiden Haupturheber der letzten Katastrophe, zu schützen.

Das Directorium war aber auf den Wunsch des Generals nicht eingegangen, sondern hatte, wie bereits bemerkt, ,Mejean zu seinem Adjutanten ernannt.

Der Bürger Faypoult war ein Mann von fünfundvierzig Jahren, lang, hager, mit gekrümmter Haltung, wie die Schreibe- und Rechenmenschen gewöhnlich haben. Seine Nase glich dem Schnabel eines Raubvogels, die Lippen waren dünn, der Kopf vorn schmal, hinten dich das Kinn hervorragend, das Haar kurz und die Finger an ihren Spitzen abgeplattet.

Der Bürger Mejean war ein Mann von zweiunddreißig Jahren, mit senkrechten Falten auf der Stirn, welche von der Nasenwurzel ausgehend, einen mürrischem sich leicht schlimmen Gedanken hingebenden Menschen verrathen.

Sein Auge, aus welchem in gewissen Augenblicken ein Schimmer des Neides, des Hasses und stiller Wuth leuchtete, hatte gewöhnlich einen stampfen, erloschenen Ausdruck, der durch die Willenskraft hervorgerufen ward.

Dabei nahm er sich in seiner Uniform ziemlich linkisch und unbeholfen aus, worüber man sich auch nicht wundern konnte, sobald man wußte, daß er eines schönen Morgens seine Adjutanten-Epauletten unter dem Kopfkissen einer der zahlreichen Maitressen des Directorialmitgliedes Barras gefunden, welcher sich genöthigt gesehen, ihn wegen einer Regelwidrigkeit in seinen Rechnungen aus seinem Bureau fortzuschicken und zur Armee zu versetzen, nicht als einen braven, redlichen Diener, welchem man ein ehrenvolles Avancement zu Theil werden läßt, sondern als einen unredlichen Beamten, den man durch die Verbannung bestraft.

Als Championnet die Thür seines Cabinets durch eine bekannte Hand öffnen hörte, drehte er sich herum, und als er das gleichzeitig freimüthige und strenge Gesicht Salvatos gewahrte, ging der Ausdruck in seinen Zügen von dem der Verachtung in den des Spottes über.

»Mein lieber Salvato, sagte er »ich habe die Ehre, Ihnen den Herrn Oberst Mejean vorzustellen, den Nachfolger unseres wackeren Thiébaut, den ich, wie Sie wissen auf dem Schlachtfeld zum Generaladjutanten ernannt habe. Ich hatte diesen Posten für unsern lieben Villeneuve gewünscht, die Herren Direktoren haben ihn aber nicht für würdig dazu erachtet. Sie hatten an diesem Herrn hier ganz besondere Dienste zu belohnen und haben ihm daher den Vorzug gegeben. Wir werden indessen für Villeneuve etwas Besseres finden. Hier ist Ihr Patent, Bürger Mejean. Ich kann und werde mich nicht den Bestimmungen des Directoriums widersetzen, sobald dieselben nicht das Interesse der Armee, die ich commandire, und das Frankreichs gefährden. Merken Sie wohl, daß ich nicht sage: und das der Regierung, sondern: und das Frankreichs, dem ich diene, denn ich diene vor allen Dingen Frankreich. Die Regierungen gehen vorüber und ich habe, Gott sei Dank, seit zehn Jahren deren keine kleine Anzahl vorübergehen sehen, diejenigen ungerechnet, die ich wahrscheinlich noch vorübergehen sehen werde, Frankreich aber bleibt. Gehen Sie, mein Herr, gehen Sie Ihren Posten anzutreten.«

Der Oberst Mejean runzelte seiner Gewohnheit gemäß die-Stirn, ward ein wenig bleich, verneigte sich, ohne ein Wort zu sprechen, und verließ das Zimmer.

Der General wartete, bis sich hinter dem Hinausgehenden die Thür geschlossen, gab Salvato einen nur von diesem zu bemerkenden Wink, drehte sich nach dem andern Abgesandten des Directoriums herum und sagte:

»Jetzt, mein lieber Salvato, stelle ich Ihnen den Bürger Jean Baptist Faypoult, Chef der Civilcommission, vor. Er hat sich mit Selbstverläugnung dazu verstanden, eine Mission zu übernehmen, welche schwer und unbequem ist besonders in diesem Lande. Er ist beauftragt Contribution zu erheben und überdies darauf zu sehen, daß ich mich weder zum Cäsar noch zum Cromwell mache. Nach den von ihm bereits gegen mich ausgesprochenen Ansichten glaube ich nicht, daß wir lange einig bleiben. Wenn wir uns ganz veruneinigen – und ein wenig veruneinigt haben wir uns schon – so muß Einer von uns Beiden Neapel verlassen.«

Salvato machte eine Bewegung der Ungeduld, Championnet aber fuhr lächelnd fort:

»Beruhigen Sie sich, mein lieber Salvato. Ich werde nicht derjenige sein, welcher Neapel verläßt – es müßten denn, wohlverstanden, höhere Befehle eintreffen. Mittlerweile,« setzte Championnet sich zu Faypoult wendend hinzu, »haben Sie die Güte, mir die Instruktion der Herren Direktoren dazulassen. Ich werde sie mit Ruhe und Muße studieren. Ich werde Sie bei der Ausführung derjenigen unterstützen, welche ich richtig und angemessen finde, sage Ihnen aber zugleich im Voraus, daß ich mich der Ausführung derer, die ich für ungerecht halte, mit meiner ganzen Macht widersetzen werde. Und nun Bürger,« sagte Championnet, indem er die Hand ausstreckte, um die Instruktionen von dem Chef der Civilcommission zu empfangen, »glauben Sie, daß ich zu viel verlange, wenn ich Sie bitte, mir zum Studium Ihrer Instructionen eine Frist von achtundvierzig Stunden zu bewilligen?«

»Mir,« antwortete der Bürger Jean Baptist Faypoult, »kommt es nicht zu, dem General Championnet die die Zeit vorzuschreiben welche er auf dieses Studium verwenden soll. Dennoch aber werde ich mir erlauben, ihm zu sagen, daß das Directorium eilig hat und daß es wünschenswerth sein wird, wenn er mir erlaubt, die Absichten meiner Regierung so bald als möglich in Ausführung zu bringen.«

»Damit bin ich vollkommen einverstanden. Es liegt keine große Gefahr im Verzuge und achtundvierzig Stunden Verzögerung werden das Wohl des Staates nicht in Frage stellen. Wenigstens hoffe ich das.«

»Nun also, General?«

»Also, übermorgen zu derselben Stunde werde ich Sie erwarten, Bürger Commissär,wenn Sie es so zufrieden sind!«

Faypoult verneigte sich, und verließ das Zimmer, nicht demüthig und stumm wie Mejean, sondern lärmend und mit drohenden Geberden wie Tartüffe, wenn er Orgon bedeutet, daß sein Haus ihm gehört.

Championnet begnügte sich die Achsel zu zucken.

Dann sagte er zu seinem jungen Freund:

»Meiner Treu, Salvato, Sie haben mich nur einen Augenblick verlassen, und bei Ihrer Rückkehr finden Sie mich gleichwohl zwischen zwei garstigen Thieren, zwischen einem Geier und einem Schakal – pfui!«

»Sie wissen aber doch, mein lieber General,« sagte Salvato lachend, »daß Sie nur ein Wort zu sagen brauchen, um mich zu veranlassen, den einen durch einen Faustschlag, den andern durch einen Fußtritt zu entfernen.«

»Nichts wahr, mein lieber Salvato, Sie bleiben bei mir, damit wir den Augiasstall gemeinschaftlich untersuchen? Ich glaube allerdings nicht, daß wir ihn säubern werden; wenigstens aber werden wir verhindern, daß sein Unrath uns überschwemme.«

»Sehr gerne,« antwortete Salvato, »und Sie wissen, daß ich ganz zu Ihren Befehlen stehe. Ich habe Ihnen aber zwei Nachrichten von der größten Wichtigkeit mitzutheilen.«

»Wenn Ihnen ein großes Glück widerfahren wäre, mein lieber Salvato, so würde mich dies freuen, aber nicht in Erstaunen setzen. Ihr Gesicht strahlt förmlich.«

Salvato reichte Championnet lächelnd die Hand.

»Ja, in der That,« sagte er, »ich bin ein glücklicher Mensch; die Nachrichten aber, die ich Ihnen mitzutheilen habe, sind politische Nachrichten die mit meinem Glück oder Unglück nichts zu schaffen haben. Se. Eminenz der Cardinal Ruffo hat die Meerenge passirt und ist in Catona gelandet. Ueberdies hat, wie es scheint, der Herzog von Calabrien den Stiefel umschifft und ist, während Se. Eminenz an der Spanne landete, am Absatz, das heißt in Brindisi, gelandet.«

»Teufel!« rief Championnet. »Das sind allerdings sehr wichtige Neuigkeiten mein lieber Salvato. Halten Sie dieselben für gegründet?«

»Die erste wenigstens ist vollkommen sicher, denn ich habe sie von dem Admiral Caracciolo, welcher heute Morgen in Salerno landete und von Catona kam, wo er den Cardinal Ruffo selbst in der Mitte von drei- bis vierhundert Mann und mit der königlichen Fahne auf dem Hause, welches er bewohnt, wehend, und bereit gesehen, nach Palmi und Mileto zu gehen, wo sich die Sammelplätze für seine Rekruten befinden. Was die zweite Nachricht betrifft, so habe ich sie ebenfalls von ihm. Nur hat er sie nicht bestätigt sondern zweifelt selbst daran, weil er den Herzog von Calabrien eines so energischen Schrittes nicht fähig glaubt. Auf alle Fälle ist aber so viel gewiß, daß, wer auch der Mund sei, welcher den Brand anfacht, doch Untercalabrien und die ganze Terra d‘Otrante in Flammen stehen.«

In diesem Augenblick trat der Ordonnanzsoldat ein und meldete den Kriegsminister.

»Ich lasse ihn bitten, einzutreten,« rief Championnet lebhaft.

Wenige Minuten später trat Gabriel Monthonnet ein.

Der berühmte Patriot hatte wenige Tage vorher wegen der in dem Waffenstillstand von Sparanisi stipulierten zehn Millionen, die noch nicht bezahlt waren, mit dem Obergeneral einen ziemlich ernsten Wortwechsel gehabt. Angesichts der wichtigen Nachrichten aber, welche er empfangen, hatte er seinerseits jeden Groll aufgegeben und kam jetzt zu Championnet wie zu einem militärischen Vorgesetzten und wie zu einem Meister der Politik, um ihn um guten Rath, im Nothfalle selbst um Befehle zu bitten.

»Kommen Sie schnell,« sagte Championnet, indem er ihm mit der ihm eigenthümlichen Offenheit und Freimüthigkeit die Hand bot. »Sie sind willkommen. Eben stand ich im Begriff, Sie holen zu lassen.«

»Dann wissen Sie also, was vorgeht?«

»Ja. denn ich glaube, Sie wollen von der doppelten Landung in Calabrien und in der Terra d’Otranto, mit andern Worten von der Landung des Cardinals Ruffo und des Herzogs von Calabrien sprechen.«

»Ja, ganz recht; diese Kunde ist es, was mich zu Ihnen führt, mein lieber General. Der Admiral Caracciolo, von welchem ich diese Nachricht habe, kommt eben von Salerno und sagt mir, daß er dort den Bürger Salvato getroffen und diesem Alles erzählt habe.«

Salvato verneigte sich.

»Und der Bürger Salvato,« sagte Championnet, »hat mir schon Alles wiedererzählt. Es gilt also, rasch Leute und zwar zuverlässige Leute der Insurrection entgegen zusenden, um dieselbe in Untercalabrien und in der Terra d’Otranto einzuschließen. Wenn wir sie in ihrem eigenen Kessel kochen lassen können, so kann es uns gleich sein, was für eine Brühe dabei herauskommt. Wir müssen jedoch daraus bedacht sein, daß sie nicht einerseits Calabrien und andererseits Altamura überschreite. Ich werde Duhesme Befehl ertheilen, daß er mit sechstausend Mann Franzosen sich zum Ausrücken bereit halte. Wollen Sie vielleicht einen Ihrer Generale und ein neapolitanisches Corps beigeben?«

»Ja, General Ettore Caraffa mit tausend Mann, wenn es Ihnen recht ist,« antwortete Manthonnet. »Nur sage ich Ihnen im Voraus, daß Ettore Caraffa mit der Avantgarde wird marschieren wollen.«

»Um so besser! Er wird lieber unsere Neapolitaner unterstützen, als von ihnen unterstützt sein wollen,« antwortete Championnet lächelnd. »Das wäre für Apulien.«

»In der Basilicata haben Sie wohl schon eine Colonne?«

»Ja, Villeneuve steht mit sechshundert Mann in Potenza. Ich bekenne Ihnen jedoch offen, daß mir durchaus nichts daran liegt, meine Franzosen sich gegen einen Cardinal schlagen zu lassen. Setzen wir einen Sieg voraus, so wird dieser doch ein ruhmloser sein; setzen wir aber eine Niederlage voraus, so ist diese jedenfalls eine schimpfliche. Schicken Sie Neapolitaner und Calabresen hin, wenn Sie können. Besitzen diese auch nicht viel Muth, so besitzen sie doch Haß.«

»Ich kenne einen Mann, General, der für Sie oder vielmehr für uns paßt. Es ist Schipani.«

»Ich habe zweimal mit ihm gesprochen Er scheint mir ein muthiger und patriotischer Mann, aber dabei noch sehr unerfahren zu sein.«

»Das ist allerdings wahr; in Revolutionszeiten aber improvisiren sich die Generale. Hoche, Marceau, Kleber und wie die andern noch alle heißen mögen, sind auch improvisierte Generale, aber deswegen durchaus keine schlechten. Wir wollen zwölfhundert Mann Neapolitaner unter Schipani‘s Befehl stellen und ihm auftragen, alle Patrioten, welche vor dem Cardinal und seinen Banditen fliehen werden, zu sammeln und zu organisieren. Das erste Corps,« setzte Manthonnet hinzu, »das heißt Duhesme mit seinen Franzosen und Caraffa mit seinen Neapolitanern, wird, nachdem es Apulien unterworfen, in Calabrien eindringen, während Schipani mit seinen Calabresen sich darauf beschränken wird, Ruffo und seine Sanfedisten im Schach zu halten. Caraffa‘s Ziel wird sein, zu siegen; das Schipani‘s dagegen, blos Widerstand zu leisten. Nur, General, werden Sie Duhesme befehlen, recht schnell zu siegen, und wir verlassen uns in dieser Beziehung auf ihn, denn wir müssen vor allen Dingen unsere Ernährerin, Apulien, wiedererobern, welches jetzt durch die Bourbonisten zu Lande und die Engländer zur See verhindert wird, uns sein Getreide und sein Mehl zu schicken. Wann werden Sie uns Duhesme und seine sechstausend Mann geben können, General?«

»Morgen, diesen Abend, heute noch. Ganz so wie Sie sagen, wird es am besten sein, wenn so schnell als möglich verfahren wird. Was die Abruzzen betrifft, so machen Sie sich deswegen keine Sorge. Diese werden durch die französischen Posten der Operationslinie zwischen der Romagna und Neapel, sowie durch die Castelle Civitella und Pescara im Zaum gehalten.«

»Nun, dann wird Alles gut gehen. Wie steht es mit dem General Duhesme?«

»Salvato,« sagte Championnet, »Sie werden Duhesme in meinem Namen melden, daß er sich sofort mit dem Grafen von Ruvo zu verständigen und sich bereit zu halten habe, noch diesen Abend aufzubrechen. Sie werden hinzufügen, daß er mir vorher seinen Feldzugsplan vorlegen und nicht meine Befehle, wohl aber meine Rathschläge empfangen wird.«

»Und ich,« sagte Manthonnet« »werde meinerseits Ettore zu ihm schicken.«

»Apropos,« hob Championnet wieder an, »noch ein Wort!«

»Sprechen Sie, General.«

»Sind Sie der Meinung, daß man diese Vorgänge geheimhalte, oder daß man das Volk von Allem in Kenntniß setze?«

»Meine Meinung ist, daß man das Volk von Allem in Kenntniß setzen müsse. Die Regierung, welche wir gestürzt, war eine Regierung der Hinterlist und der Lüge, die unsrige dagegen muß eine Regierung der Offenheit und der Wahrheit sein.«

»Nun, dann handeln Sie nach Ihrer Ansicht, mein Freund, Sie werden sich dabei vielleicht als eben kein guter Politiker zeigen, jedenfalls aber als ein guter wackerer und ehrlicher Bürger bewähren.«

Und die eine Hand Salvato, die andere Manthonnet reichend, folgte Championnet den Beiden mit den Augen, bis die Thür sich hinter ihnen geschlossen hatte.

Dann gewann sein Gesicht wiederum den Ausdruck des Ekels und Widerwillens.

Er streckte sich in einen Sessel, öffnete Faypoult‘s Instructionen, zuckte die Achseln und begann mit gespannter Aufmerksamkeit zu lesen.

Neuntes Capitel.
Adler und Geier

Der Grund, aus welchem Championnet sich in Bezug auf den Bürger Faypoult und die Mission, womit derselbe von Seiten des Directoriums betraut war, so widerspenstig zeigte, lag darin, daß er in dem Augenblick, wo er das Commando der Armee von Rom übernommen, den elenden Zustand gesehen, in welchen die durch Contributionen und andere Bedrückungen aller Art ausgesogene alte Hauptstadt der Welt versetzt worden.

Er hatte die Ursachen dieses Elends erforscht und dabei erkannt, daß man dieselben den Agenten des Directoriums zuzuschreiben habe, welche unter verschiedenen Namen sich in der ewigen Stadt festgesetzt, und während sie selbst dem unerhörtesten Luxus fröhnten, es dem Rest jener schönen Armee an Brod, an Kleidern, an Schuhen und an Sold fehlen ließen.

Championnet hatte sofort an das Directorium geschrieben:

»Bürger Directoren! Die Hilfsquellen der römischen Republik sind schon erschöpft. Schelme und Schurken haben Alles verschlungen. Mit gierigen Augen lauern sie, um sich auch noch des Wenigen zu bemächtigen, was übriggeblieben ist. Diese Blutegel des Vaterlandes verbergen sich unter allen Gestalten, ich aber werde ohne Furcht, daß mein Verfahren Ihre Mißbilligung erfahre, nicht zugeben, daß diese ungestraften Räuber sich auch der Hilfsquellen der Armee bemächtigen. Ich werde dieses gräßlichen Harpyen, welche den durch unsere Opfer eroberten Boden so zu sagen verschlingen, verschwinden zu lassen wissen.

Dann hatte er seine Truppen versammelt und zu ihnen gesagt:

»Wackere Kameraden! Ihr habt viele und große Entbehrungen zu ertragen, das weiß ich. Wartet aber noch einige Tage und das Regiment der Verschwender ist zu Ende. Die Besieger Europas werden dann nicht mehr jener Erniedrigung des Mangels ausgesetzt sein, welcher von Ruhm umstrahlte Stirnen demüthigt.«

»Entweder war Championnet sehr unklug oder er kannte die Menschen, zu welchen er sprach, durchaus nicht hinlänglich. Die Verschwender verfolgen, hieß die Direktoren selbst angreifen, denn die Commission, eine von den Direktoren mit ihrer Vollmacht bekleidete neue Behörde, hatte von ihrer Amtsführung nur dem Direktorium Rechenschaft zu geben.

Um einen Begriff von der Verbindlichkeit zu geben, in welcher diese Beamten zu den fünf Majestäten des Luxemhourg standen, wollen wir blos erwähnen, daß dem Einnehmer der Contributionen ein Antheil von drei Centimes per Franc zugestanden war, was bei sechzig Millionen zum Beispiel für diese den Gefahren des Krieges völlig fernstehenden Beamten eine Summe von einer Million und achthunderttausend Franks ausmachte, während unsere Generale höchstens zwölf- bis fünfzehntausend Franks jährlich bezogen, wenn sie dieselben nämlich überhaupt bekamen.

Ebenso eifrig wie hiermit beschäftigte sich das Directorium, dessen Mitglieder zum Theil hohe Stellungen in der Armee eingenommen mit dem Uebergewicht, welches in Folge eines langen und siegreichen Krieges die von einer hellen Glorie umgebene Militärmacht gewinnen konnte.

Nachdem das Directorium auf diese Weise einmal die Bahn des Zweifels und der Furcht betreten, bestand, da es die Macht der Corruption, welche der Reichthum gibt, recht wohl kannte, eine der ersten Verfügungen, die es traf, darin, nicht zu gestatten, daß in den Händen der Generale sich allzustarke Summen aufhäuften.

Dennoch hatte es seine Vorkehrungsmaßregeln nicht vollständig getroffen. Während es dem Obergeneral das Recht nahm Contributionen zu erheben und zu verwalten, Iieß es ihm gleichwohl das Recht, den Betrag und die Art und Weise dieser Contributionen zu bestimmen.

Als Championnet sich überzeugt hatte, daß man ihm dieses Recht gelassen, erwartete er ruhig den Bürger Faypoult, der, wie man sich erinnert, den drittnächsten Tag zur selben Stunde wieder kommen sollte.

Der Bürger Faypoult, welcher Sorge getragen, seinen Schwiegervater zum Contributionseinnehmer ernennen zu lassen, verfehlte nicht sich pünktlich einzustellen, und fand Championnet noch aus demselben Platze, wo er ihn verlassen, gerade als ob der General seinen Lehnsessel sei achtundvierzig Stunden nicht verlassen hätte.

Der General begrüßte, ohne sich zu erheben, den Eintretenden durch eine Verneigung mit dem Kopfe und zeigte auf einen Sessel dem seinigen gegenüber.

»Nun und?« fragte der Civilcommissär, indem er Platz nahm.

»Wohlan, mein werther Herr,« antwortete der General, »Sie kommen zu spät.«

»Wie, zu spät, um die Contributionen zu erheben?«

»Nein, das nicht; wohl aber um die Sache auf denselben Fuß zu organisieren wie in Rom. Obschon der Antheil von drei Centimes von jedem Franc der Einnahme ein ungeheurer ist, so überlasse ich Ihnen denselben doch.«

»Weil Sie nicht anders können, General, Gestehen Sie es nur.«

»O, dies gestehe ich sehr gern. Wenn ich verhindern könnte, daß Sie auch nur einen Heller bekämen, so würde ich es thun. Bedenken Sie aber wohl, daß Ihre Arbeit sich blos auf die Erhebung der Contribution erstreckt. Auch dies wird Ihnen einen sehr hübschen Gewinn abwerfen, denn schon bei der bloßen Einnahme oder Erhebung fallen zwei Millionen in Ihre Tasche.«

»Wie so,« General? Die Contributionen, welche die französische Regierung von dem Königreich Neapel erheben wird, belaufen sich also auf nicht mehr als sechzig Millionen?«

»Auf fünfundsechzig Millionen. Ich sagte, es würden für Sie ein wenig über zwei Millionen abfallen. Da ich mit einem Rechnungsmenschen zu thun habe, so hätte ich sagen sollen, zwei Millionen einhundertfünfzigtausend Franks.«

»Ich verstehe Sie nicht, General.«

»Wie, Sie verstehen nichts und dennoch ist die Sache sehr einfach. Von dem Augenblick an, wo ich in dem Adel und dem Bürgerstand von Neapel nicht mehr Feinde, sondern Verbündete fand, erklärte ich feierlich, daß ich dem Recht der Eroberung entsage, und ich beschränkte mich darauf, eine Contribution von fünfundsechzig Millionen zur Unterhaltung der Armee zu verlangen. Sie werden einsehen, mein werther Herr, daß ich den König von Neapel nicht fortgejagt habe, um Neapel theurer zu stehen zu kommen, als ihm sein König zu stehen kam, und daß ich die Ketten der Neapolitaner nicht zerbrochen habe, um Sklaven der französischen aus ihnen zu machen. Nur ein Barbar – merken Sie sich das wohl, mein Herr Civilcommissär – nur ein Atilla oder ein Genserich kann einen Sieg wie den unsrigen, das heißt einen Sieg der Principien, dadurch entehren, daß er mit Waffengewalt sich das Eigenthum des Volkes anmaßt, bei welchem er eingezogen ist, indem er ihm die Freiheit und das Glück versprochen hat.«

»Ich bezweifle aber, General, daß das Directorium diese Bedingungen sanktioniert.«

»Es muß dieselben sanktionieren mein Herr,« sagte Championnet stolz, denn ich habe sie nicht blos gestellt, weil ich das Recht hatte, sie zu stellen, sondern ich habe sie der neapolitanischen Regierung vorgeschlagen und sie sind von derselben angenommen worden. Es versteht sich von selbst, daß ich Ihnen das Recht der Controlle zugestehe, Herr Commissär, und daß ich Sie, wenn Sie mich auf einer Ungehörigkeit ertappen können, von ganzem Herzen ermächtige, dies zu thun.«

»General, erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, daß Sie sprechen, als ob Sie von den Instructionen der Regierung noch gar keine Kenntniß genommen hätten.»

»O doch! Aber Sie, mein Herr, sprechen als ob Ihnen das Datum dieser Instructionen unbekannt wäre. Dieselben sind vom 5. Februar, nicht wahr?«

»Ja.«

»Nun wohl, mein Tractat mit der neapolitanischen Regierung datirt vom l. Februar und ist daher um fünf Tage älter.«

»Dann weigern Sie sich also wohl, meine Instruktionen anzuerkennen?«

»O nein. Ich erkenne dieselben an, aber als willkürlich antirepublikanische, unbrüderlich und unfranzösisch weshalb ich Ihnen meinen Tractat entgegenstelle.«

»General,« sagte der Civilcommissär, »anstatt uns den Krieg zu erklären, wie Thoren wollen wir uns doch als Männer von Verstand, die wir sind, lieber verständigen. Neapel ist ein neues Land und es gibt hier Millionen zu verdienen.«

»Für Betrüger und Spitzbuben ja, das weiß ich. So lange ich aber in Neapel bin, sollen Spitzbuben und Betrüger hier nichts zu schaffen haben. Erwägen Sie meine Worte wohl, Herr Civilcommissär; wenn ich Ihnen rathen soll, so reisen Sie mit Ihrem Gefolge so bald als möglich nach Rom zurück. Sie haben auf den Knochen des Gerippes, welches das römische Volk war, noch einige Fetzen Fleisch zurückgelassen. Gehen Sie schnell, um dieselben vollends abzunagen, denn sonst lassen die Raben nichts die Geier übrig.«

Und sich erhebend wies Championnet dem Civilcommissär mit verächtlicher Geberde die Thür.

»Es ist gut,« sagte letzterer. »Sie wollen den Krieg, General, Sie sollen ihn haben.«

»Gut,« antwortete Championnet, »der Krieg ist mein Handwerk; dagegen ist es nicht mein Handwerk, auf die Zufälligkeiten zu speculiren, welche in Folge von Güterbeschlagnahmen, Waaren- und Lebensmittelrequisitionen, betrügerischen Verkäufen und simulierten oder fingierten Rechnungen sich herausstellen. Mein Handwerk ist nicht, die Bürger von Neapel die Brüder der Bürger von Paris nur unter der Bedingung zu beschützen, daß sie sich nur nach meinem Willen regieren lassen, oder die Güter der Emigrirten in einem Lande zu konfiszieren, wo es keine Emigrirten gibt. Mein Handwerk ist endlich nicht, die Depositenbanken um die Habe der Privatpersonen zu plündern, denn dies hieße, während selbst die grausamsten Barbaren Bedenken tragen, das Grab eines einzelnen Menschen zu verletzen, das Grab einer ganzen Stadt beleidigen, es hieße die Gruft von Pompeji aufreißen, um sie der Schätze zu berauben, welche sie seit beinahe zweitausend Jahren birgt. Dies ist nicht mein Handwerk, und wenn es das Ihrige ist, so sage ich Ihnen in voraus, mein Herr, daß Sie es, so lange ich hier bin, nicht ausüben werden. Und nun nachdem ich Ihnen Alles gesagt, was ich Ihnen zu sagen hatte, gehen Sie!«

Schon an demselben Morgen hatte Championnet in der Erwartung dessen, was zwischen ihm und dem Civilcommissär vorgehen wurde, seinen Vertrag mit der neapolitanischen Regierung an den Straßenecken anschlagen lassen, nämlich den Vertrag, welcher die von Neapel für die Bedürfnisse der französischen Armee jährlich zu bezahlende Contribution auf fünfundsechzig Millionen festsetzte.

Am nächsten Morgen fand der General alle seine Plakate mit denen des Civilcommissärs überklebt. Letztere verkündeten, daß kraft des Eroberungsrechtes das Directorium die Krongüter von Neapel, die Paläste und Häuser des Königs, die königlichen Jagden, die Dotationen des Malteserordens, die Klostergüter, die Allodialgüter, die Bauten die Porzellanfabriken und wie Championnet gesagt, sogar die noch in der Asche von Pompeji und in der Lava von Herkulanum begrabenen Alterthümer zum Eigenthum Frankreichs erkläre.

Der General betrachte diesen Erlaß nicht blos als einen Eingriff in seine Rechte, sondern auch als eine Beleidigung, und nachdem er Salvato und Thiébaut abgeschickt, um von dem Civilcommissär Genugthuung zu verlangen, ließ er, als dieser sich weigerte, ihn festnehmen und über die neapolitanische Grenze auf die nach Rom führende Heerstraße bringen.

Diese Maßregel ward von den Neapolitanern mit lautem Beifall begrüßt. Von den Edelleuten und Bürgern geliebt und gesuchter ward Championnet auch bis in die niedrigsten Classen der Gesellschaft herab populär.

Der Pfarrer der St. Annenkirche entdeckte in den schriftlichen Nachrichten seiner Kirche, daß ein gewisser Giovanni Championnet, welcher aber zu dem General in keinerlei Beziehung stand, in dieser Kirche getauft worden war. Er machte die betreffende Stelle des Kirchenbuches bekannt, reklamierte den General als seinen Gemeindeangehörigen und das Volk, welches er durch die Fertigkeit, womit er den neapolitanischen Dialekt sprach, schon mehrfach in Erstaunen gesetzt, fand in der Bekanntmachung des Pfarrers von St. Anna eine natürliche Lösung dieses Räthsels und betrachtete den französischen General von nun an durchaus als seinen Landsmann. Ein solcher Glaube konnte der Sache nützlich werden, und im Interesse Frankreichs ließ Championnet denselben nicht blos bestehen, sondern auch immer mehr überhandnehmen.

Gewitzit durch die blutigen Erfahrungen der französischen Revolution wollte Championnet, während er Neapel mit den unermeßlichen Wohlthaten, die sie erzeugt, beglückte, es doch auch zugleich vor ihren inneren Ausschreitungen und ihren äußeren Fehlern bewahren.

Seine Hoffnung war ein philanthropisches Utopien zu verwirklichen nämlich eine Revolution ohne Verhaftungen ohne Verbannungen, ohne Hinrichtungen zu Stande zu bringen.

Anstatt Saint-Just zu huldigen, welcher empfahl, mit der revolutionären Pflugschar recht tief zu pflügen, wollte er blos die Egge der Civilisation über die Gesellschaft hinwegführen, eben so wie später Fourier alle Fähigkeiten selbst die schlimmen, zu einem socialen Ziel zusammenwirken lassen wollte, eben so wollte auch Championnet die ganze Welt an der allgemeinen Wiedergeburt arbeiten lassen.

Die Geistlichkeit sollte den Einfluß ihrer dem Volke theueren Vorurtheile mäßigen, der Adel das Volk durch die Aussicht auf eine ruhmreiche Zukunft in der neuen Ordnung der Dinge anlocken, auf das Bürgerthum sollte ein Theil der Souveränität der Regierung übergehen, die freisinnigen Classen der Advocaten, der Aerzte, der Gelehrten der Künstler sollten ermuthigt und belohnt und den Lazzaroni endlich durch einen angemessenem ihnen bis jetzt unbekannten Erwerb Geschmack an der Arbeit beigebracht werden.

Dies war der Traum, welchem Championnet sich in der Zukunft von Neapel hingab, als die rauhe Wirklichkeit ihn in dem Augenblicke packte, wo er, friedlicher Herr von Neapel, um die Insurrection in den Abruzzen zu unterdrücken, einerseits die in Rom von dem General Sainte-Suzanne organisierten mobilen Colonnen in Bewegung setzte und Duhesme und Caraffa beauftragte, gegen den Abenteurer zu marschieren welchen man für den Kronprinzen hielt, und wo er, indem er sich anschickte, auf Reggio zu marschieren, sich vornahm, selbst eine starke Colonne nach Sicilien zu führen.

In der Nacht vom 15. zum 16. März erhielt jedoch Championnet vom Directorium Befehl, sich sofort in Paris beim Kriegsminister einzufinden. Oberster Herrscher in Neapel, von Allen geliebt und geachtet, mitten in der Macht, die er geschaffen, und in welcher es ihm ein Leichtes gewesen, sich zu erhalten, beugte dieser Mann, welchen man des Ehrgeizes und der Hartnäckigkeit beschuldigte, gleich einem Römer der Heldenzeit sich vor dem empfangenen Befehl, wendete sich zu Salvato, der eben in seiner Nähe war, und sagte:

»Ich gehe zufrieden. Ich habe meinen Soldaten den fünfmonatlichen Sold ausgezahlt, den sie zu fordern hatten. Ich habe ihre zerfetzten Uniformen durch gute Kleider ersetzt. Sie haben jeder ein Paar neue Schuhe und essen besseres Brod, als sie jemals in ihrem Leben gegessen haben.«

Salvato drückte ihn an sein Herz.

»Mein General,« sagte er zu ihm, »Sie sind ein Mann des Plutarch.«

»Und dennoch,« murmelte Championnet, »hatte ich noch Vieles zu thun, was mein Nachfolger wahrscheinlich nicht thun wird. Wer erlebte aber wohl je die vollständige Verwirklichung seiner Träume? Niemand.«

Dann setzte er, indem er seine Uhr zog, mit einem Seufzer hinzu:

»Es ist ein Uhr Morgens. Ich werde mich nicht erst schlafen legen, denn ich habe nun vor meiner Abreise noch viel zu besorgen. Seien Sie morgen um drei Uhr wieder bei mir, mein lieber Salvato, und beobachten Sie über das, was mir so eben begegnet ist, das unbedingteste Schweigen.«

Am nächstfolgenden Tage Schlag drei Uhr war Salvato im Palast Angri. Nirgends waren Anstalten zu bemerken, welche auf eine Abreise hingedeutet hätten.

Championnet arbeitete wie gewöhnlich in seinem Cabinet. Als er den jungen Mann eintreten sah, erhob er sich und bot ihm die Hand.

»Sie sind sehr pünktlich, mein lieber Salvator,« sagte er zu ihm, »und ich danke Ihnen dafür. Wenn Sie es zufrieden sind, so wollen wir jetzt eine kleine Promenade machen.«

»Zu Fuße?« fragte Salvato.

»Ja, zu Fuße,« antwortete Championnet. »Kommen Sie.«

An der Thür blieb Championnet stehen, warf einen letzten Blick auf das Cabinet, welches er seit zwei Monaten bewohnt, und worin er so große Dinge entschieden, decretiert und ausgeführt.

»Man versichert, daß die Wände Ohren haben,« sagte er. »Wenn sie vielleicht auch eine Stimme haben, so beschwöre ich diese, zu sprechen und zu bezeugen, oh sie jemals etwas sprechen gehört oder thun gesehen, was, seitdem ich als Obergeneral diese Thür geöffnet, die ich jetzt als Angeklagter hinter mir schließe, nicht zum Wohl der Menschheit gewesen wäre.«

Und er schloß die Thür und ging mit lächelnder Miene auf Salvato’s Arm gestützt die Treppe hinab.

Zehntes Capitel.
Der Angeklagte

Der General und sein Adjutant gingen die Toledostraße entlang bis zum bourbonischen Museum, dann die Strada dei Studi hinab, über den Largo delle Pigne, in die Strada Foria hinein, und erreichten auf diese Weise Poggioreale.

Hier wartete ein Wagen auf Championnet, dessen ganzes Gefolge aus seinem auf dem Bock sitzenden Kammerdiener Scipio bestand.

»Wohlan, mein lieber Salvato,« sagte der General, »die Stunde der Trennung ist da. Mein Trost ist, daß ich, während ich den schlimmen Weg einschlage, wenigstens Sie auf dem guten zurücklasse. Werden wir uns jemals wiedersehen? Ich bezweifle es. Aus alle Fälle sind Sie mir mehr Freund, beinahe Sohn gewesen. Bewahren Sie mein Andenken.«

»O, stets, stets!s murmelte Salvato. »Aber was sollen diese bangen Ahnungen? Sie sind ja blos abberufen, das ist Alles.«

Championnet zog ein Zeitungsblatt aus der Tasche und reichte es Salvato. Dieser faltete es aus einander. Es war der »Moniteur« Er las darin folgende Zeilen:

»In Erwägung, daß der General Championnet seine Autorität und Gewalt dazu gebraucht hat, die Ausübung der von uns dem Commissär Faypoult übertragenen Vollmacht zu verhindern, und sich folglich offen gegen die Regierung empört hat, wird der Bürger Championnet, Divisionsgeneral und Commandant der Armee von Neapel, zur Haft gebracht, vor ein Kriegsgericht gestellt und wegen Gesetzesbruch gerichtet werden.«

»Sie sehen, lieber Freund,« hob Championnet wieder an, »daß die Sache ernster ist, als Sie glaubten.«

Salvato seufzte, zuckte die Achseln und sagte :

»General, Eines kann ich versichern, nämlich, daß wenn Sie verurtheilt werden, es dann auf der Welt eine Stadt gibt, welche selbst Athen an Undankbarkeit übertrifft. Diese Stadt wird Paris sein.«

»Ach leider!« sagte Championnet. »Wenn ich Themisiokles wäre, so würde ich mich darüber trösten.«

Und nachdem er Salvato seinerseits ans Herz gedrückt, sprang er in den Wagen.

»Und Sie reisen so allein, ohne alle Escorte?« bemerkte Salvato.

»Die Angeklagten stehen blos unter der Obhut Gottes,« antwortete Championnet.

Die beiden Freunde wechselten einen letzten Gruß und der Wagen rollte davon.

– — —

Der General Championnet hat an den Ereignissen, welche wir bis jetzt erzählt, einen zu großen Antheil gehabt und in Neapel ein allzu lebhaftes Andenken zurückgelassen, als daß wir, indem wir ihn nach Frankreich begleiten, ihm nicht bis an das Ende seines ruhmreichen Lebens folgen möchten, welches übrigens nicht lange sein sollte.

Als er Rom passirte, erwartete ihn ein letzter Triumph. Das römische Volk, welches er freigemacht, schenkte ihm eine vollständige Ausrüstung, Waffen, Uniform und Pferd mit der Inschrift:

»Dem General Championnet

die Consuln der römischen Republik.«

Ehe er die ewige Stadt verließ, empfing er überdies von der neapolitanischen Regierung folgenden Brief:

»General!

»Nichts kann Ihnen den Schmerz der provisorischen Regierung malen, als sie die verhängnißvolle Nachricht von Ihrem Abgange erfuhr. Sie sind es, der unsere Republik gegründet hat; auf Ihnen ruhen unsere süßesten Hoffnungen. Tapferer General! Unser Bedauern, unsere Liebe, unsere Dankbarkeit begleiten Sie. Wir wissen nicht, von welcher Art die Absichten Ihres Nachfolgers in Beziehung auf uns sein werden. Wir hoffen, der Ruhm und seine Pflicht werden ihm theuer genug sein, um ihn zu veranlassen, Ihr Werk zu befestigen. Von welcher Art aber auch seine Handlungsweise sein möge, so können wir doch niemals die Ihrige, jene Mäßigung, jene Milde, jenen offenen, biedern Charakter und jene große, edelmüthige Seele vergessen, die Ihnen Aller Herzen zuwendeten. Diese Sprache ist nicht die der Schmeichelei. Sie sind fort und wir haben von Ihnen nichts weiter zu erwarten als freundliches Andenken.«

Wir haben gesagt, daß die Erinnerung, welche Championnet in Neapel zurückließ, eine nachhaltige war. Sein Abgang ward hier in der That als eine öffentliche Calamität betrachtet und zwei Jahre später schrieb der Historiker Cuoco in der Verbannung:

»O Championnet! Du hast jetzt aufgehört zu leben. Dein Andenken aber wird in diesem Buche die Huldigung empfangen, welche der Festigkeit und deiner Gerechtigkeit gebührt. Was schadet es Dir, daß das Directorium Dich unterdrücken wollte? Dich zu erniedrigen stand nicht in seiner Macht. Von dem Tage an welchem Du in Ungnade fielst, wurdest Du der Abgott unserer Nation.«

In Bologna überreichte der General Lemoine dem neuen Scipio, welcher eher das Capitol zu besteigen schien, um den Göttern Dank zu sagen, als nach dem Forum zu wandern, um hier angeklagt zu werden, einen Brief von Barras in dem er sich von der von seinen Collegen gegen Championnet gefüllten Entscheidung vollständig isolierte, ihn seinen Freund nannte und seiner Abberufung ein glorreiches Ende und eine glänzende Genugthuung voraussagte.

Championnets Ueberraschung war daher auch groß, als er in Mailand um Mitternacht geweckt ward und man ihm im Namen Scherer’s, Obergenerals der Armee in Italien, ein neues Decret des Directoriums bekannt machte, welches ihn der Widersetzlichkeit gegen die Regierung beschuldigte, weshalb er zu sechsjähriger Gefangenschaft zu verurtheilen sei.

Der Verfasser des Championnet mitgetheilten Decrets war der Director Merlin, derselbe, welcher nach dem Sturz der Behörde, welcher er angehörte, seine Carriere auf einer untergeordneten Stelle unter Bonaparte von Neuem beginnen mußte und später unter Napoleon Generalprocurator ward.

Wir brauchen nicht zu sagen« daß der General Scherer, welcher Championnet von Merlins Decret in Kenntniß setzte, derselbe Scherer war, der auf demselben Kriegsschauplatze, wo der Verbannte so viele Siege errungen, von dem österreichischen General Kray und dem russischen General Suwarow so grausam geschlagen werden sollte.

Gleichzeitig aber und indem Championnet das Opfer dieser beklagenswerthen, verkehrten Maßnahmen war, empfand er einen großen Trost.

Joubert, einer der eifrigsten Anhänger der Revolution und einer der ruhmreichsten Diener der Republik, gab, als er hörte, daß sein College in Anklagestand versetzt worden, seine Entlassung.

Erfüllt von Vertrauen zu dem Tribunal, vor welchem er erscheinen sollte, schrieb Championnet auch noch in derselben Nacht an Scheren um ihn zu fragen, in welcher Festung er sich als Gefangener stellen solle, und an Barras, um ihn zu bitten, daß man seine Verurtheilung beschleunigen möge.

Wenn man sich aber auch beeilt hatte, Championnet von Neapel zu entfernen, damit die Commissäre des Directoriums dort ihr Plünderrungssystem in Ausführung bringen könnten, so beeilte man sich doch keineswegs, ihn zu richten, denn man wußte recht wohl im Voraus, wie das Ende des Processes sein würde.

Scherer zog sich daher dadurch aus der Verlegenheit, daß er Championnet, anstatt ihn vor Gericht zu stellen, auf Reisen schickte. Er schickte ihn demgemäß von Mailand nach Modena, von Modena zurück nach Mailand und von Mailand endlich als Gefangenen nach Turin.

Hier wohnte Championnet in der Citadelle, als er eines Morgens, so weit sein Blick reichte, die ganze Straße, welche von Italien nach Frankreich führte, mit Fußgängern, Karten und Bagagewagen bedeckt sah. Es war unsere auf dem Rückzuge begriffene Armee, unsere Armee, die weit mehr durch Scherer’s Unerfahrenheit als durch Kray‘s Genie und Suwarow‘s Muth geschlagen worden.

Die Arrieregarde unserer siegreichen Armee, welche nun die Avantgarde unserer geschlagenen Armee bildete, bestand größtentheils aus Lieferanten, Civilcommissären und anderen dergleichen Beamten, welche, von den Oesterreichern und Russen gejagt, gleich Raubvögeln in einem Striche nach Frankreich zurückflohen, um hinter den Grenzen desselben ihre Beute in Sicherheit zu bringen.

Auf diese Weise sah Championnet sich gerächt. Leider war diese Rache zugleich die Schmach Frankreichs. Alle diese Unglücklichen flohen, weil Frankreich besiegt war.

Zu diesem schon so schmerzlichen moralischen Gefühl gesellte sich der noch weit schmerzlichere materielle Anblick der unglücklichen Soldaten, welche barfuß und mit zersetzter Kleidung die Gelder eskortirten, um welche man sie selbst beraubt und betrogen.

Championnet sah diese unglücklichen Soldaten, welche er zum Siege geführt, als Flüchtlinge wieder. Er sah die, welche er gekleidet, nackt und entblößt, die, welche er genährt, vor Hunger dem Tode nahe und die, denen er Vater gewesen, als Waisen wieder. Es waren die Veteranen seiner Armee von der Sambre und Maas.

Sobald sie erfuhren, daß der Mann, der ihr Anführer gewesen, jetzt sich als Gefangener hier befand, wollten sie die Thore seines Kerkers sprengen und ihn an ihre Spitze stellen, damit er sie von Neuem gegen den Feind führe. Diese Armee, eine durch und durch aus der Revolution hervorgegangene, war mit einer Intelligenz begabt, welche die Armeen des Despotismus nicht besitzen, und diese Intelligenz sagte ihr, daß, wenn der Feind gesiegt, er diesen Sieg mehr der Unerfahrenheit unserer Generale als dem Muth und dem Verdienst der seinigen verdanke.

Championnet weigerte sich das Commando zu übernehmen, ergriff aber eine Muskete, um als Freiwilliger zu kämpfen.

Zum Glück hielt sein Vertheidiger ihn davon zurück.

»Was wird Ihr Freund Joubert denken,«– sagte er, »wenn er erfährt, was Sie gethan – er, der seine Entlassung gegeben, weil man Ihnen Ihren Degen genommen. Wenn Sie fallen, ohne vorher vor dem Kriegsgericht gestanden zu haben, so wird man sagen, Sie hätten den Tod gesucht, weil Sie sich schuldig gefühlt.«

Championnet sah die Richtigkeit dieser Schlußfolgerung ein.

Einige Tage nach dem Rückzuge der französischen Armee, und als sie auf dem Punkte stand, Turin zu verlassen, zwang man den General Moreau, welcher Scherer in dem Commando der Armee von Italien gefolgt war, Championnet nach Grenoble zu schicken.

Es war dies beinahe sein Vaterland. In Folge eines eigenthümlichen Spiels des Zufalls war sein Reisegefährte derselbe General Mack, welcher in Caserta ihm einen Degen hatte zurückgeben wollen, den er durchaus nicht annehmen gewollt, und jener selbe Pius Vl., den die Revolution nach Valencia schickte, um dort zu sterben.

In Grenoble sollte über Championnet Gericht gehalten werden.

»Sie stellen Championnet vor die Schranken eines französischen Tribunals,« rief Maria Joseph Chénier auf der Rednerbühne des Rathes der Fünfhundert. »Ohne Zweifel wollen Sie ihn nöthigen, Abbitte dafür zu thun, da er den letzten Thron Italiens gestürzt.«

Der Erste, welcher von dem Kriegsgericht als Zeuge aufgerufen ward, war sein Adjutant Villeneuve.

Dieser trat mit festem Schritt vor den Präsidenten und nachdem er den Angeklagten ehrerbietig gegrüßt, sagte er:

»Warum rufen Sie nicht gleichzeitig mit mir sämtliche Genossen seiner Siege auf? Das Zeugniß derselben würde eben so einmüthig sein wie ihre Entrüstung. Hören Sie den Ausspruch eines berühmten Geschichtschreibers: »Eine ungerechte Macht kann einen rechtschaffenen Mann wohl mißhandeln, aber nicht entehren!«

Während der Proceß noch schwebte, kam der denkwürdige 30. Prairial, welcher Treilhard, la Revellière«,Lapaux und Merlin aus dem Directorium entfernte, um es durch Gohier, Roger-Ducos und den General Maulin zu ergänzen.

Cambacérès bekam das Portefeuille; der Justiz, François de Neuschateau das des Innern und Bernadotte das des Krieges.

Sobald Bernadotte ans Ruder gelangt war, ertheilte er Befehl, den gegen Championnet , seinen Waffengefährten in der Armee der Sambre und Maas, anhängig gemachten Proceß niederzuschlagen, und schrieb ihm folgenden Brief:

»Mein lieber Camerad!

Das Executiv-Directorium ernennt Sie mittelst Decret vom 17. d. M. zum Obercommandanten der Alpenarmee. Dreißigtausend Mann erwarten mit Ungeduld unter Ihren Befehlen wieder die Offensive aufzunehmen.

»Vor vierzehn Tagen waren Sie noch Gefangener; der dreißigste Prairial hat Sie in Freiheit gesetzt. Die öffentliche Meinung klagt gegenwärtig Ihre Unterdrücker an. Ihre Sache ist deshalb sozusagen eine nationale. Können Sie wohl ein glücklicheres Loos wünschen?

»Viele Andere finden in der Revolution einen Vorwand, um die Republik zu verleumden. Für Männer wie Sie ist die Ungerechtigkeit blos ein Grund, das Vaterland um so mehr zu lieben. Man hat Sie dafür strafen wollen, daß Sie Throne umgestürzt. Sie werden sich an den Thronen rächen, welche die Form unserer Regierung bedrohen. Gehen Sie, mein Herr, und bedecken Sie die Spuren Ihrer Ketten mit neuen Lorbeeren, verwischen Sie oder vielmehr bewahren Sie diese ehrenvolle Spur. Es ist für die Freiheit nicht nachtheilig, wenn wir die Attentate des Despotismus uns beständig vor Augen halten. Ich um- arme Sie, wie ich Sie liebe.

»Bernadotte.«

Championnet begab sich zur Alpenarmee, das Unglück Frankreichs aber hatte Zeit gehabt, über das Glück die Oberhand zu gewinnen. Joubert, welcher vierzehn kostbare Tage, die er seiner Armee hätte schenken sollen, seiner jungen Frau widmete, verlor die Schlacht bei Novi und suchte den Tod, den er auch fand.

Weniger glücklich als sein Freund verlor Championnet die Schlacht bei Fossano, und da er nicht wie Joubert dabei den Tod aus dem Schlachtfelde fand, so ward er krank und starb, indem er sagte:

»Glücklicher Joubert!«

In Antibes hauchte er seinen letzten Seufzer aus. Seine Leiche ward in dem Fort Carre beigesetzt.

In den Schubfächern seines Secretärs fand man wenig über hundert Franks, und sein Generalstab bestritt die Kosten seines Begräbnisses.

Elftes Capitel.
Die Armee des heiligen Glaubens

Am 16. März, ziemlich zu derselben Stunde, wo Championnet, aus Salvato’s Arm gestützt, Neapel verließ, begegnete der Cardinal Ruffo, indem er den kleinen Flecken Borgia passirte, einer Deputation der Stadt Catanzaro, welche ihm entgegenkam.

Diese Deputation bestand aus dem Präsidenten der Rota oder des Tribunals, Don Vicenzo Petrolli, dem Cavalier Don Antonio Peruccioli, dem Advokaten Saverio Landari, Don Antonio Greco und Don Alessandro Nava.

Saverio Landari ergriff in seiner Eigenschaft als Advocat das Wort, und setzte dem Cardinal die folgenden Thatsachen in ihrer ganzen Einfachheit und Klarheit auseinander:

»Obschon die Royalisten beinahe alle Einwohner, welche im Verdachte standen, der republikanischen Partei anzugehören, getödtet, in die Flucht geschlagen oder festgenommen hatten, so befand sich doch die Stadt Catanzaro immer noch im Zustande der furchtbarsten Anarchie, und Mord, Raub und persönliche Rache waren an der Tagesordnung.

Demzufolge ward im Namen aller rechtschaffenen Leute, die sich noch in der unglücklichen Stadt befanden, der Cardinal inständig gebeten, ihr so bald als möglich zu Hilfe zu kommen.

Die Lage mußte eine sehr ernste sein, da die Royalisten Beistand gegen die Leute ihrer eigenen Partei verlangten.

Allerdings hatten einige der Mitglieder der Deputation, welche Catanzaro dem Cardinal entgegensendete, demokratischen Comités angehört und der Präsident Don Vicenzo Petrolli, welcher Mitglied der provisorischen Regierung gewesen, war einer von Denen, welche auf den Kopf des Cardinals und den des Hofraths Fiore einen Preis gesetzt hatten.

Der Cardinal that, als ob er von diesem Allen nichts mehr wüßte. Ihm lag vor allen Dingen daran, daß die Städte ihm ihre Thore öffneten, mochten nun die Personen, durch welche dieses Oeffnen erfolgte, sein, wer sie wollten.

Demzufolge fragte er, um dem Uebel durch das schnellstmögliche Mittel zu begegnen, wer der Anführer des Volkes in Catanzaro sei.

Man antwortete ihm, es sei dies ein gewisser Don Francesco de Giglio.

Der Cardinal verlangte Feder und Tinte, und schrieb, ohne vom Pferde zu steigen, auf dem Knie Folgendes:

»Don Francesco de Giglio!

»Der Krieg, wie Sie ihn führen, ist gut gegen die hartnäckigen Jakobiner, welche sich mit den Waffen in der Hand tödten oder gefangennehmen lassen, aber nicht gegen die, welche durch Drohung oder Gewalt gezwungen worden sind, sich den Rebellen anzuschließen, besonders wenn diese letzteren bereuen und sich der Gnade des Königs in die Arme werfen. Mit noch weit triftigerem Grunde hat dieser Krieg gegen die friedlichen Bürger gar keine Entschuldigung.

»Demzufolge befehle ich Ihnen und aus Ihre eigene Verantwortlichkeit den Mordthaten, der Plünderung und überhaupt jeder Gewaltthätigkeit sofort Einhalt zu thun.«

Dieser Befehl ward unter dem Schutze einer Cavallerie-Escorte sofort nach Catanzaro befördert.

Dann setzte der Cardinal, von der Deputation begleitet, seinen einen Augenblick lang unterbrochenen Marsch nach Catanzaro weiter fort.

Die Avantgarde sah sich, als sie an dem Fluß Corace, dem Crotalus des Alterthums, anlangte, in Ermangelung von Brücken genöthigt, hindurchzufahren oder zu schwimmen.

Mittlerweile machte der Cardinal, der die von ihm in Rom gepflogenen archäologischen Studien noch nicht vergessen hatte, einen Abstreifen um die Ruinen eines griechischen Tempels zu besuchen.

Diese Ruinen welche man heute noch sieht, und welche der Verfasser dieses Buches, derselben Straße wie der Cardinal Ruffo folgend, auch besucht hat, sind die eines Tempels der Ceres, und eine Stunde weit davon liegen die Ruinen von Amphissum, wo Cassiodorus, erster Consul und Minister Theodorichs, Königs der Gothen, starb. Cassiodorus war-beinahe hundert Jahre alt geworden und sein Uebergang aus dieser Welt in die andere erfolgte in einem kleinen Asyl, welches die ganzes Umgegend beherrscht und wo er sein letztes Buch, eine Abhandlung über die Seele, schrieb.

Der Cardinal passirte, nachdem die Uebrigen ihm vorangegangen, den Corace ebenfalls, und machte an dem Strande von Catanzaro Halt, einer herrlichen Gegend, mit Villas besät, in welchen die vornehmen Familien die Wintersaison zuzubringen pflegen.

Da de -Strand von Catanzaro dem Cardinal keinen Schutz zur Unterbringung seiner Truppen bot und da überdies die Winterregengüsse mit jener in Calabrien gewöhnlichen Heftigkeit sich einzustellen begannen, so beschloß er einen Theil seiner Armee zur Blockade von Cotrone zu entsenden, wo die königliche Garnison in den Dienst der Republikaner getreten war, wo sämtliche flüchtige Patrioten der Provinz sich gesammelt hatten, und wo auf einem aus Aegypten gekommenen Schiff zweiunddreißig französische Artillerieofficiere, ein Oberst und ein Chirurg gelandet waren.

Der Cardinal detachirte deshalb von seiner Armee zweitausend Mann reguläre Truppen und ganz besonders die Compagnien der Capitäne Joseph Spadea und Giovanni Celia.

Diesen beiden Compagnien gab er nach eine dritte, aus Linientruppen bestehend, mit zwei Kanonen und einer Haubitze bei.

Die ganze Expedition ward unter die Befehle des Oberstlieutenants Perez de Veto gestellt. Als Parlamentär commandirte er den Capitän Dardano de Marcedusa.

Ein Bandit der schlechtesten Sorte, der aber das Terrain vollständig kannte, weil er seit zwanzig Jahren darin das Handwerk eines Straßenräubers übte, ward mit der wichtigen Funktion eines Führers der Armee beauftragt.

Dieser Bandit, Namens Pansanera, hatte sich durch zehn oder zwölf Mordthaten berühmt gemacht. Am Tage der Ankunft des Cardinals auf dem Strande von Catanzaro warf er sich ihm zu Füßen und bat ihn, seine Beichte zu hören.

Der Cardinal begriff sofort, daß ein Mann, der so mit der Muskete auf der Schulter, der Patrontasche auf dem Rücken und mit Dolch und Pistolen im Gürtel zu ihm kam, kein gewöhnlicher Bußfertiger sei.

Er stieg deshalb vom Pferde, ging ein wenig abseits von der Straße und setzte sich am Fuße eines Baumes nieder.

Der Bandit kniete nieder und entrollte unter den Anzeichen der tiefsten Reue die lange Kette seiner Verbrechen.

Der Cardinal konnte unter den Werkzeugen, welche er verwendete, nicht lange wählen. Dieses hier konnte ihm nützlich sein. Er begnügte sich daher mit der Versicherung der Reue des Mannes, ertheilte, ohne erst weiter zu erörtern, ob diese Reue auch aufrichtig sei, ihm die Absolution und beeilte sich dann, die topographischen Kenntnisse, welche Don Alonzo Pansanera im Kriege gegen die Gesellschaft sieh erworben, zum Vortheil des Königs nutzbar zu machen.

Die Gelegenheit dazu bot sich sehr bald dar und Pansanera ward, wie wir bereits bemerkt, zum Führer der Expeditionscolonne ernannt.

Diese setzte sich in Bewegung und der Cardinal blieb zurück, um die Armee wieder zu ordnen und die Reaction zu organisieren.

Nach Verlauf von drei Tagen setzte er sich seinerseits in Marsch; da er aber, wenn er dem Meeresstrande folgte, drei Etappen machen mußte, ohne einen bewohnten Ort zu passieren, so beauftragte er seinen Proviantcommissär Don Gaetano Peruccioli, eine gewisse Anzahl Wagen mit Brod, Zwieback, Schinken, Käse und Mehl zu beladen und sich dann auf Cotrone in Marsch zu setzen.

Gegen Ende des ersten Tages gelangte man an das Ufer des Flusses Trocchia, welcher in Folge von Regengüssen und durch geschmolzenen Schnee sehr angeschwollen war.

Während des Ueberganges, der nur mit großer Schwierigkeit und folglich in großer Unordnung bewirkt ward, verschwand der Proviantcommissär und sein Proviant mit der ganzen Administration.

Man sieht, daß Don Alonzo Pansanera es nicht besser gemacht hatte als Goetano Peruccioli.

Erst am Tage vorher zu seiner Function ernannt, hatte er keine Zeit verloren, den Grundstein zum Gebäude seines Reichthums zu legen. [Man weiß, daß wir in dem ganzen historischen Theile dieser Erzählung die reine und einfache Geschichte berichten. Wir erfinden nichts, verschweigen aber auch nichts.]

Erst am Abend und als die Armee Halt machte, um zu bivouakiren, gewahrte man Peruccioli‘s Verschwinden durch den gänzlichen Mangel an Lebensmitteln. Man hatte demzufolge an diesem Abend nichts zu essen.

Am nächstfolgenden Morgen fand man glücklicherweise nach zweistündigem Marsch ein Magazin vortrefflichen Mehles und stieß auf einige Rudel halb wilder Schweine, wie man dergleichen in Calabrien auf jedem Schritte begegnet.

Dieses doppelte Manna ward freudig willkommen geheißen und sofort in Specksuppe verwandelt. Der Cardinal aß davon wie die Anderen, obschon es Sonnabend und folglich Fasttag war. In seiner Eigenschaft als hoher Würdenträger der Kirche besaß er für seine Person Vollmachten, die er auf die ganze Armee ausdehnte.

Die sanfedistische Armee konnte daher ohne Bedenken ihre Specksuppe essen und fand dieselbe vortrefflich. Der Cardinal war derselben Meinung wie die Armee.

Ein Umstand, welcher den Cardinal nicht weniger in Erstaunen setzte als das Verschwinden des Proviantcommissärs Peruccioli, war das Erscheinen des Marquis Taccone, der auf Befehl des Generals Acton die Armee des heiligen Glaubens als Schatzmeister begleiten sollte und sich jetzt zu diesem Zwecke an sie anschloß.

Der Cardinal befand sich gerade in dem Mehlmagazin, als man ihm den Marquis Taccone meldete. Derselbe kam in einem ungünstigen Augenblick. Der Cardinal war bei schlechter Laune, denn er hatte seit vorigen Mittag nichts gegessen.

Er glaubte, der Marquis Taccone brächte ihm die fünfhunderttausend Ducaten, die er sich in Messina nicht verschaffen gekonnt, oder vielmehr er that, als ob er es glaubte. Der Cardinal war ein zu erfahrener Mann, als daß er dergleichen Irrthümer begangen hätte.

Er saß an einem Tische und expedierte auf einem Schemel, den man mit vieler Mühe aufgetrieben, Befehle.

»Ah, da sind Sie ja, Marquis,« sagte er, ehe noch dieser die Schwelle überschritten hatte. »Ich habe von Seiner Majestät bereits Nachricht erhalten, daß Sie die fünfhunderttausend Dukaten wiedergefunden hätten und mir dieselben überbringen würden.«

»Ich?« sagte Taccone erstaunt. »Da muß der König falsch berichtet sein.«

»Aber,« fragte der Cardinal, »was wollen Sie denn sonst hier? Es wüßte denn sein, daß Sie als Freiwilliger eintreten.

»Ich bin von dem Generalcapitän Acton geschickt, Eminenz.«

»In welcher Eigenschaft?«

»In der Eigenschaft eines Schatzmeisters der Armee.«

Der Cardinal brach in in lautes Gelächter aus.

»Glauben Sie vielleicht,« fragte er, »ich habe Ihnen fünfhunderttausend Ducaten zu geben, um die Million vollständig zu machen?«

»Ich bemerke mit Schmerz,« sagte der Marquis Taccone, »daß Sie mich im Verdacht der Untreue haben, Eminenz.«

»Nein, Marquis, da irren Sie sich, Nicht der Untreue, sondern des Diebstahls beschuldige ich Sie, und so lange Sie mir nicht den Beweis vom Gegentheil liefern, werde ich diese Anklage aufrecht erhalten.«

»Monsignore,« sagte Taccone, indem er ein Portefeuille aus der Tasche zog, »ich werde die Ehre haben, Ihnen zu beweisen, daß diese Summe und viele andere auf Befehl des Generalcapitäns Acton zu verschiedenen Zwecken verwendet worden sind.«

Und sich dem Cardinal nähernd, öffnete er sein Portefeuille.

Der Cardinal blickte mit seinem scharfen Auge hinein, und als er eine Menge Papiere darin gewahrte, die ihm nicht blos sehr wichtig, sondern auch sehr interessant zu sein schienen, so streckte er die Hand aus, ergriff das Portefeuille und rief der vor seiner Thür stehenden Schildwache zu:

»Laßt zwei eurer Cameraden kommen. Dieselben werden diesen Herrn beim Kragen nehmen, eine Viertelmeile von hier hinwegführen und aus der Landstraße stehen lassen. Wenn der Herr Miene macht umzukehren so schießt ihn nieder wie einen Hund, denn ein Hund steht in meiner Achtung weit höher als ein Dieb.«

Dann wendete er sich wieder zu dem durch diesen Empfang nicht wenig verblüfften Marquis Taccone und fuhr fort:

»Wegen Ihrer Papiere seien Sie unbesorgt. Ich werde genaue Abschriften davon nehmen, dieselben sorgfältig nummerieren lassen und dem König übersenden. Kehren Sie daher nach Palermo zurück. Ihre Papiere werden eben so schnell dort sein, als Sie.«

Und um dem Marquis Taccone zu beweisen, daß er ihm die Wahrheit sagte, begann der Cardinal die Durchsicht seiner Papiere, noch ehe der Marquis das Zimmer verlassen hatte.

Der Cardinal hatte, indem er sich des Portefeuille des Marquis Taccone bemächtigt, einen Hauptfund gethan.

Da uns dieses Portefeuille jedoch nicht selbst vorliegt, so werden wir uns begnügen, bei dieser Gelegenheit zu wiederholen, was Domenico Sacchinelli, der Biograph des berühmten Cardinals, sagt.

Bei der Durchsicht dieser Papiere, welche sich alle aus geheime Ausgaben bezogen,« schreibt er, »gewann dir Cardinal die Ueberzeugung, daß der größte Feind des Königs niemand Anderer war, als Acton. Deshalb schrieb er, durch seinen Eifer hingerissen, an den König, indem er ihm sämtliche Papiere, von welchen er vorsichtigerweise eine Abschrift zurückbehalten, übersendete, die Worte: »Sire, die Gegenwart des Generals Acton in Palermo gefährdet die Sicherheit Eurer Majestät und die der königlichen Familie!«

Sacchinelli, welchem wir diese Thatsache entlehnen und der, nachdem er Secretär des Cardinals gewesen, dessen Biograph ward, konnte in der Eile nichts weiter erhaschen als die zwei hier mitgetheilten Zeilen, denn der Cardinal schrieb den ganzen Brief an den König eigenhändig und beeilte sich dann ihn sofort abzusenden.

Mit völliger Gewißheit können wir jedoch hierbei erwähnen, daß die fünfhunderttausend Dukaten sich niemals wiederfanden.

Bei der Nachricht von dem Verschwinden des Proviantcommissärs Peruccioli hatte der Cardinal es nicht für räthlich erachtet, den von dem Regen angeschwellten Fluß zu passiren. Während man die für die Expedition nothwendigen Lebensmittel herbeischaffte, fiel das Wasser wahrscheinlich wieder.

Am 23. März früh war der Fluß in der That passierbar geworden, und da man mittlerweile eine genügende Quantität Proviant zusammengebracht, so befahl der Cardinal seinen Truppen sich in Bewegung zu setzen, sprang selbst zuerst mit seinem Pferde in das Wasser und ritt, obschon es ihm bis an den Gürtel ging, glücklich hindurch. Die ganze Armee folgte ihm.

Nur drei Mann wurden von der Strömung mit fortgerissen, aber durch Schiffer von Pizzo wieder gerettet.

In dem Augenblick, wo der Cardinal das entgegengesetzte Ufer erreichte, kam ein Bote mit verhängtem Zügel und ganz mit Koth bespritzt auf ihn zugesprengt, um ihm zu melden, daß die Stadt Cotrone am Tage vorher, am 22. März, genommen worden sei.

Diese Mittheilung ward mit dem lauten Rufe: »Es lebe der König! es lebe die Religion!« begrüßt.

Der Cardinal setzte seinen Weg in forcirten Tagmärschen weiter fort und kam über Cutro am zweiten Osterfeiertage in Sicht von Cotrone.

Die Stadt rauchte an mehreren Stellen und hier und da bemerkte man sogar noch helle Flammen.

Als der Cardinal näher kam, hörte er Schüsse und lautes Geschrei, welches ihm verrieth, daß seine Gegenwart dringend nothwendig war.

Er setzte sein Pferd in Galopp, kaum hatte er aber das Stadtthor hinter sich, so machte er entsetzt Halt.

Die Straßen waren mit Leichen besäet, die verwüsteten Häuser hatten weder Thüren noch Fenster mehr und einige, wie wir bereits bemerkt brannten noch.

Verweilen wir einen Augenblick bei Catrone dessen Zerstörung eine der schmerzlichsten Episoden jenes unheilvollen Krieges war.

Cotrone, über dessen Namens fünfundzwanzig Jahrhunderte hingegangen sind und in dieser Zeit blos einen Buchstaben von seinem ursprünglichen Platze verrückt haben, ist das alte Kroton oder Crotone, die Nebenbuhlerin von Sybaris. Es war die Hauptstadt einer der ältesten Republiken Großgriechenlands in dem Brutium. Die Reinheit seiner Sitten, die Weisheit seiner Instructionen, welche man dem Pythagoras verdankte, welcher hier eine Schule gründete, machte es zur Feindin von Sybaris.

Kroton war der Geburtsort mehrerer berühmten Athleten, unter andern des berühmten Milo, welcher wie Martin (du Nord) und Mathieu (de la Drôme), wenn auch nicht aus dem Departement, doch aus der Stadt, wo er geboren war, ein Anhängsel an seinen Namen machte.

Er war es, der sich den Kopf mit einem Strick umschnürte und diesen dann durch Aufblähen der Schläfe sprengte. Er war es, der einen Stier im Geschwindschritt um den ganzen Circus herumtrug, dann durch einen einzigen Faustschlag tödtete und im Laufe des Tages aufaß.

Der berühmte Arzt Democetes, welches am Hofe des Polykrates von Samos, jenes allzuglücklichen Tyrannen, der die Ringe, welche er ins Meer warf, in dem Bauche der Fische wiederfand, lebte, war ebenfalls von Kroton ebenso wie jener Alkmäon, ein Schüler des Amyntas, welcher ein Buch über das Wesen der Seele und mehrere medicinische Abhandlungen schrieb, und der Erste war, welcher Schweinen und Affen die Leiber aufschnitt, um sich von dem Bau des menschlichen Körpers Kenntniß zu verschaffen.

Kroton ward von Pyrrhus verwüsten, van Hannibal genommen und von den Römern, welche hier eine Colonie anlegten, wieder erobert.

Zu der Zeit, bei welcher wir in unserer Erzählung angelangt sind, war Cotrone nur noch eine Art Marktflecken, hatte aber nichtsdestoweniger den Namen seiner Ahnherrin bewahrt. Es hatte einen kleinen Hafen, ein Schloß an der Küste, Ueberreste von Festungswerken und Mauern, welche es zu einem festen Platze machten.

Da die Republikaner hier die Mehrzahl bildeten, so sah die königliche Garnison in dem Augenblicke, wo die Revolution zum Ausbruch kam, sich genöthigt, mit ihnen in Unterhandlung zu treten. Der Commandant Foglia war abgesetzt und als Royalist festgenommen worden. Zu seinem Nachfolger wählte man den Capitän Ducarne, der, als des Patriotismus verdächtig, im Gefängniß saß. In Folge eines in derartigen Umständen sehr häufig vorkommenden Wechsels hatte Foglia, den er auf seinem Posten als Commandant ersetzt, ihn dagegen in seinem Kerker ersetzt.

Zu dieser Garnison, auf welche man nicht allzusehr rechnen durfte, gesellten sich sämtliche Patrioten, welche vor Ruffo und Cesare die Flucht ergriffen, sich in Cotrone vereinigt und hier eingeschlossen hatten, ebenso wie die zweiunddreißig Franzosen, die, wie wir bereits bemerkt, aus Aegypten gekommen waren.

Diese zweiunddreißig Franzosen waren die eigentliche Widerstand leistende Kraft der Stadt, und der Beweis hiervon lag darin, daß von diesen zweiunddreißig Mann nicht weniger als fünfzehn sich tödten ließen.

Die von dem Cardinal gegen Cotrone abgesendeten zweitausend Mann vermehrten sich unterwegs auf förmlich lawinenhafte Weise. Sämtliche Bauern in der Umgebung von Cotrone und Catanzaro, welche eine Flinte tragen konnten, nahmen diese Flinte auf die Schulter und schlossen sich der Expedition an. Ueberdies lag, abgesehen von der sanfedistischen Armee, eine große Masse jener bewaffneten Individuen, welche sich bei jeder Gelegenheit und zu jeder Zeit zusammenfinden, in der Nähe von Cotrone und wartete auf den Augenblick, wo der Streich ausgeführt werden konnte, während sie sich mittlerweile und um nur etwas zu thun, die Zeit damit vertrieb, daß sie die Verbindungen und den Verkehr der Stadt mit den Dörfern abschnitt, und die besten Positionen einnahm.

Am Morgen des grünen Donnerstags, am 21. März ward der Parlamentär-Officier, Capitän Dardano, von dem Anführer der royalistischen Expedition nach Cotrone beordert.

Die Cotronesen empfingen ihn, nachdem sie ihm die Augen verbunden. Er zeigte nun seine von dem Cardinal unterzeichneten Beglaubigungsschreiben vor, beging dabei aber vielleicht einen Verstoß gegen die Etikette, denn man warf ihn ins Gefängniß, stellte ihn vor eine Militärcommission und verurtheilte ihn zum Tode, weil er gegen die Republik brigandirt habe.

Das Zeitwort brigandiren ist neapolitanischen Ursprungs, und man wird uns erlauben, es unübersetzt anzuwenden, weil es sich wirklich durch kein anderes wiedergeben läßt.

Als die Sanfedisten sahen , daß ihr Parlamentär nicht zurückkam, und als sie auch auf die an die Stadt erlassene Aufforderung sich zu ergeben, keine Antwort erhielten, so beschlossen sie keinen Augenblick länger zu verlieren, sondern den Capitän Dardano, wenn er nach lebte, zu retten, oder wenn er todt wäre, zu rächen.

Demzufolge nahmen sie ihre Zuflucht wieder zu ihrem Führer Pansanera, gruppierten sich um ihn, gaben ihm, um größerer Sicherheit willen, einen Mann aus der dortigen Gegend bei und rückten, so geführt, während einer finstern Nacht bis unter die Mauern der Stadt, wo sie auf der Nordseite eine vortheilhafte Stellung einnahmen.

Sie benutzten die Dunkelheit noch weiter, um ihre wenigen Geschütze nachkommen zu lassen und aufzupflanzen.

Nur zwei Compagnien Linientruppen zeigend, versteckten sie die Freiwilligen, das heißt eine Masse von drei. bis viertausend Mann, in den Vertiefungen des Terrains, ohne sich um den Regen, welcher in Strömen goß, weiter zu kümmern, als daß sie ihre Patrontaschen und die Schlösser ihrer Gewehre möglichst trocken zu erhalten suchten.

So blieben sie die ganze Nacht zum Charfreitag.

Mit Tagesanbruch ließ der Commandant der Expedition, Oberlieutenant Perez, als Herausforderung zum Kampfe einige Hohlkugeln und Granaten in die Stadt werfen.

Bei dem Getöse, welches das Platzen dieser Wurfgeschosse verursachte, und beim Anblick der beiden ruhig, ungedeckt dastehenden Compagnie Linie glaubten die Crotonesen, der Cardinal, von dessen Anmarsch sie unterrichtet gewesen, stünde mit einer ganzen regulären Armee vor ihren Mauern.

Man wußte, daß die in schlechtem Zustand befindliche Festung nur einen sehr mittelmäßigen Widerstand würde leisten können.

Es versammelte sich demzufolge ein Kriegsrath bei dem französischen Oberstlieutenant, welcher laut und offen erklärte, es gäbe nur zwei Dinge zu ergreifen, und hinzusetzte, daß er in seiner Eigenschaft als Fremder sich der Majorität anschließen würde.

Diese beiden Entscheidungen waren:

Entweder mußte man die Anträge, welche der Cardinal durch seinen Parlamentär gestellt, annehmen, in welchem Falle der Parlamentär augenblicklich in Freiheit gesetzt werden mußte.

Oder man mußte einen kräftigen Ausfall machen und die Briganden vertreiben, sofort auf den Wällen Platz nehmen und hinter ihnen einen verzweifelten Widerstand leistend die französische Armee erwarten, welche, wie man sagte, auf dem Marsch nach Calabrien war.

Man hatte sich für die letztere entschieden. Der französische Oberstlieutenant erklärte sich damit einverstanden und Alles machte sich zu dem Ausfall fertig, von dessen Erfolg die Rettung oder der Fall der Stadt abhängen mußte.

Demzufolge rückten an demselben Tage um neun Uhr Morgens mit Trommelschlag und mit brennender Lunte die Republikaner aus der Stadt.

Die Royalisten ihrerseits, welche nur eine schmale Front darboten und drei Viertheile ihrer Streitmacht verbargen hielten, ließen ganz ruhig ein Manöver ausführen, durch welches die Republikaner sie zu umzingeln glaubten.

Kaum aber hatte von beiden Seiten das Geschützfeuer begonnen, als die versteckten Massen, welche ihren Schlachtplan nach den Rathschlägen Pansanera’s entworfen, rechts und links hervorbrachen, während die beiden Compagnien Linie und die Artillerie das Centrum bildeten und den Republikanern die Spitze boten.

Von dem abschüssigen Terrain begünstigt, stürzten sich die beiden Flügel im Sturmschritt auf die Flanke der Republikaner und gaben, als sie sich bis auf halbe Schußweite genähert, rechts und links eine Salve, welche in Folge der Geschicklichkeit der Schützen eine furchtbare Wirkung äußerte.

Die Patrioten sahen auf den erstere Blick den Hinterhalt, in welchen sie gefallen waren, und da es hier weiter keine Wahl gab, als sich auf der Stelle niedermachen zu lassen und die Stadt dem Feinde preiszugeben oder einen raschen Rückzug zu bewirken und die Niederlage, welche man erfahren, hinter den Mauern wieder gut zu machen zu suchen, so entschlossen sie sich zu Letzterem und der Befehl zum Rückzug ward gegeben.

Da die Patrioten jedoch umzingelt waren, so konnte dieser Rückzug nur in der größten Unordnung und Hast bewirkt werden. Sie mußten ihre Artillerie zurücklassen und wurden so dicht verfolgt, daß, da Pansanera und sieben oder acht seiner Leute gleichzeitig mit diesen an dem Stadtthore anlangten, die Zugbrücke nicht aufgezogen werden konnte.

Die Republikaner konnten selbst das Thor, durch welches sie zurückkehrten, nicht verschließen, und da die Sanfedisten sich zu Herren desselben machten, so waren erstere gezwungen, die Stadt aufzugeben und sich in die Citadelle zu werfen.

Da das Thor offen geblieben und ohne Vertheidigung war, so stürzten die Sanfedisten hinein und schossen auf Alles, was ihnen in den Weg kam, Männer, Frauen, Kinder, ja selbst auf Thiere, und verbreiteten Schrecken und Entsetzen nach allen Seiten.

Sobald jedoch wieder ein wenig Ordnung hergestellt war, vereinigten sich die isolierten Streitkräfte und agierten gemeinschaftlich gegen die Citadelle.

Die Angreifer begannen damit, daß sie sich aller in der Nähe gelegenen Häuser bemächtigten und aus allen Fenstern derselben das Feuer eröffneten.

Während aber zwischen den regulären Truppen und den Vertheidigern des Schlosses dieses Kleingewehrfeuer gewechselt ward, rückten die beiden Compagnien Linientruppen in die Stadt, pflanzten ihre Artillerie auf und eröffneten das Feuer ihrerseits.

Der Zufall wollte, daß eine Haubitze den Stock der republikanischen Fahne knickte und das Banner mit den drei neapolitanischen Farben, welches man auf der Citadelle aufgepflanzt, herabwarf.

Bei diesem Anblick glaubte die alte königliche Garnison, die sich den Patrioten nur wider Willen angeschlossen, es sei dies für sie ein Wink vom Himmel, wieder royalistisch zu werden.

Demgemäß kehrte sie sofort ihre Waffen gegen die Republikaner und die Franzosen, ließ die Zugbrücke der Citadelle nieder und öffnete die Thore.

Die beiden Compagnien Linie drangen sofort in die Citadelle ein, und die auf siebzehn Mann zusammengeschmolzenen Franzosen wurden mit den Patrioten in dieselbe Citadelle eingeschlossen, in welcher sie ein Asyl gesucht.

Der zum Tode verurtheilte Dardano, an welchem aber das Urtheil noch nicht vollzogen worden, ward in Freiheit gesetzt.

Von diesem Augenblicke an war die Stadt Cotrone allen Schrecknissen eines mit Sturm genommenen Platzes, das heißt dem Mord, der Plünderung, der Schändung und der Brandstiftung preisgegeben.

Der Cardinal kam in dem Augenblicke an, wo seine von Blut, Gold, Wein und Wollust berauschte Armee der unglücklichen hinsterbenden Stadt den Waffenstillstand der Erschöpfung gewährte.

Zwölftes Capitel.
Kleine Geschenke unterhalten die Freundschaft

Während das Pferd des Cardinals Ruffo, seinen genialen Herrn tragend, in der Stadt Cotrone bis an den Bauch in Blut watete und sich beim Anblick und dem Getöse der in den Flammen zusammenbrechenden Häuser emporbäumte, lag der König der Jagd, dem Fischfang und dem Spiel ob.

Wir wissen nicht, was für Verbesserungen die Verbannung für seinen Fischfang und sein Spiel zur Folge gehabt hatte, wohl aber wissen wir, daß niemals selbst der heilige Hubertus, der Schutzpatron der Jäger, von solchen Genüssen umgeben war wie die, in deren Mitte der König Ferdinand den Verlust seines Königreiches vergaß.

Die Ehre, welche er dem Präsidenten Cardillo dadurch erzeigt, daß er eine von ihm veranstaltete Jagd auf seinem Landgut Illice besuchte, hatte vielen Leuten und unter andern auch der Aebtissin der Ursulinerinnen von Caltanisetta schlaflose Nächte bereitet.

Ihr so ziemlich auf der Hälfte des Weges zwischen Palermo und Girgenti gelegenes Kloster besaß umfangreiche Ebenen und Forsten. Diese an und für sich schon sehr wildreichen Ebenen und Forsten wurden von der vortrefflichen Aebtissin durch eine Zufuhr von Damwild, Hirschen und Wildschweinen noch mehr bevölkert, und als die Jagd eines Königs wahrhaft würdig geworden, begab sich die Aebtissin selbst mit vier ihrer hübschesten Nonnen nach Palermo, bat um eine Audienz bei dem König und richtete an ihn das Ersuchen, den armen Nonnen, über deren Seelenheil sie zu wachen hatte, die Freude einer Jagd zu bereiten.

Dieses Anerbieten war von so seltenen und so verlockenden Umständen begleitet, daß der König sich wohl hütete es abzulehnen.

Es ward demnach verabredet, daß der König den nächstfolgenden Tag mit der Aebtissin und ihren vier Adjutantinnen abreisen, und einen Tag lang im Kloster sich durch Andachtsübungen auf die Niedermetzelung der Hirsche und Rehe vorbereiten sollte, gerade wie Carl der Neunte auf dieselbe Weise sich auf die Niedermetzelung der Hugenotten vorbereitet, worauf dann den nächstfolgenden Tag der Uebergang von dem contemplativen Leben zum thätigen stattzufinden hätte.

Der König reiste in der That ab. Ein vorausgeschickter Courier hatte der übrigen Schwesterschaft verkündet, daß die Wünsche der Aebtissin erhört worden und daß der König erst allein ankommen, daß aber sein ganzer Hof baldigst nachfolgen würde.

Der König versprach sich von dieser unter so neuen Umständen veranstalteten Jagdpartie großes Vergnügen. In dem Augenblick, wo er in den Wagen steigen wollte, überreichte man ihm im Namen der Königin die Nummer des »Parthenopäischen Moniteur« welche die Entdeckung des Complotts Backer und die Verhaftung der beiden Anführer des Complotts, das heißt des Vaters und des Sohnes, meldete.

Man erinnert sich der großen Freundschaft, welche der König dem jungen André gewidmet. Sein Zorn war daher doppelt groß, erstens weil er ein Complott entdeckt sah, welches ihn , ohne daß er sich selbst dareinzumischen brauchte, gleichzeitig der Franzosen und der Jakobiner entledigen sollte, und zweitens weil er nun die beiden Männer verhaftet wußte, die mitten in einer Gleichgültigkeit, die er recht wohl bemerkt, so große Beweise von Anhänglichkeit gegeben hatten.

Zum Glück ließen die Unternehmungen des Cardinals und die Truebridge’s, welche wunderschön von Statten gingen, ihm die Hoffnung auf Rache. Er notierte sich den Namen Luisa Molina San Felice und schwur bei sich selbst, daß, wenn er jemals wieder den Thron bestiege, die »Mutter des Vaterlands« den Titel, mit welchem der »Parthenopäische Moniteur« sie geschmückt,theuer bezahlen sollte.

Zum Glück machten bei Ferdinand die Empfindungen, ganz besonders die peinlichen und schmerzlichern, sich nicht mit Hartnäckigkeit geltend. Nachdem er Simon und André Backer einen Seufzer gewidmet und sich vorgenommen, die San Felice mit dem Tode zu bestrafen, überließ er sich gänzlich den geradezu entgegengesetzten Gefühlen, welche in seinem Gemüth durch vier junge hübsche Nonnen und eine Aebtissin erweckt werden mußten, welche die Ehrfurcht vor dem Königthum so weit trieb, daß die leisesten Wünsche des Königs für sie eben so geheiligte Befehle waren, als ab sie ihr durch Engel vom Himmel überbracht worden wären.

Alle Welt kannte den Eifer des Königs für die Jagd, deshalb war man in Palermo nicht wenig erstaunt, als in der Nacht ein Courier eintraf, welcher meldete, daß der König, weil er sich von der Reise ein wenig ermüdet gefühlt und der Ruhe bedürfe, sagen ließe, nicht daß die Jagd abbestellt sei, wohl aber, daß der Aufbruch der übrigen Jäger achtundvierzig Stunden später stattfinden solle. Der Bote war beauftragt die allzu großen Besorgnisse zu beschwichtigen, welche dieser Gegenbefehl in Palermo erwecken konnte und zu sagen, der Klosterarzt selbst hege in Bezug auf die Gesundheit des Königs durchaus keine Befürchtung, sondern habe blos aromatische Bäder angeordnet.

In dem Augenblick, wo der Courier abgegangen war, hatte der König sein erstes Bad genommen.

Die Chronik sagt nicht, ob das Zimmer der Aebtissin sich wie das des Präsidenten Cardillo dem des Königs gegenüber befand und ob ihn um vier Uhr Morgens die Lust anwandelte, zu sehen, wie eine Aebtissin in ihrer Nachthaube sich ausnähme, wie ihn früher die Lust angewandelt, zu sehen, wie ein Präsident in seiner baumwollenen Mütze aussähe. Sie sagt blos, daß der König eine ganze Woche in dem Kloster blieb, daß man dann fünf Tage hinter einander jagte, daß die Jagden eben so ergiebig waren, wie in den Wäldern von Persano und Asperoni, daß der König sich sehr amüsierte und daß die frommen Schwestern aller Zerstreuungen theilhaftig wurden, welche sie von seiner königlichen Gegenwart hoffen konnten.

Der König versprach feierlich wiederzukommen und nur unter dieser Bedingung hoben die heiligen Tauben die Flügel, unter welchen sie ihn schirmten.

Auf der Hälfte des Weges von Caltanisetta nach Palermo begegnete der König einem Courier des Cardinals. Dieser Courier brachte ihm einem Brief, welcher einen vollständigen Bericht über die Einnahme von Cotrone und die Gräuel enthielt, welche dort verübt worden.

Der Cordinal beklagte dieselben, entschuldigte sich deswegen bei dem König und sagte ihm, daß er da die Stadt in seiner Abwesenheit genommen worden, dieselben nicht habe verhindern können.

Zugleich fragte er, was er mit den siebzehn Franzosen machen solle, welche mit den calabresischen Patrioten in der Citadelle eingeschlossen seien.

Der König wollte keine Zeit verlieren, dem Cardinal seine ganze Zufriedenheit zu erkennen zu geben. Es war bereits vorher bestimmt, daß in Villafrati Halt gemacht werden sollte, weil der König hier dinieren wollte. Er verlangte Feder und Tinte und schrieb dem Cardinal eigenhändig den nachstehenden Brief.

Wenn wir zu unserem Bedauern nicht im Stande gewesen sind, unsern Lesern den Brief des Cardinals Ruffo vorzulegen, so haben wir dagegen das Vergnügen, sie die Antwort des Königs lesen zu lassen, welche wir nach dem Original übersetzt haben und für deren Echtheit wir bürgen:

»Villafrati, am 5. April 1799.

»Eminentissime! Soeben erhalte ich auf dem Wege von Caltanisetta nach Palermo Ihren Brief vom 26. März, worin Sie mir das Schicksal der unglücklichen Stadt Cotrone erzählen. Die Plünderung und Verwüstung, welche dieser Ort erfahren, thut mir sehr leid, obschon eigentlich die Bewohner das, was ihnen widerfahren ist, durch ihre Rebellion gegen mich mit Recht verdient haben. Deshalb sage ich Ihnen nochmals, daß mit meinem Willen Denem die sich gegen mich und Gott aufgelehnt, kein Erbarmen zu Theil werden soll. Was die Franzosen betrifft, die Sie in der Festung vorgefunden haben, so befehle ich, daß dieselben sofort nach Frankreich zurückgeschickt werden, denn man muß sie als eine mit der Pest behaftete Menschenrasse betrachten und sich durch die Entfernung vor der Berührung mit ihnen schützen.

»Ich habe Ihnen nun meinerseits auch einige Nachrichten mitzutheilen. Der Commodore Truebrigde hat mir zwei Berichte zugesendet, einen von Procida,, der mir am vergangenen Sonntag in Caltanisetta, wohin ich mich, um mich zu sammeln, zurückgezogen, zuging, und den andern vorgestern. Da Niemand in meiner Umgebung englisch verstand, so habe ich diese Berichte sofort nach Palermo geschickt, damit Lady Hamilton sie mir übersetze. Sobald ich diese Uebersetzung erhalte, sende ich Ihnen eine Abschrift davon.

»Ich hoffe, daß die Nachrichten, welche Sie erhalten, und die, welche ich bei meiner Ankunft erfahre, und welche ich Ihnen ebenfalls sofort melden werde, Ihnen nach dem, was Circello, der ein wenig englisch radebrecht, davon verstanden hat , keinen Schmerz bereiten werde. Truebridge verlangt, daß man ihm einen Richter schickt, welcher die Rebellen verhöre und verurtheile. Ich habe Cardillo geschrieben, er solle einen nach seinem Ermessen wählen, so daß, wenn er meinen Befehl ausgeführt hat und der Richter am Montag abgereist ist, er, wenn Gott und der Wind ihm günstig gewesen sind, zur gegenwärtigen Stunde schon tüchtig unter den Angeklagten aufgeräumt und viele casicavalli gemacht haben muß, denn ich habe ihm einschärfen lassen, mit denselben keine langen Umstände zu machen.

Ihnen, Eminentissime, empfehle ich meinerseits in Uebereinstimmung mit dem zu handeln, was ich Ihnen geschrieben, und zwar mit der größten Beschleunigung. Tüchtige Stockhiebe und kleine Stücke Brod machen gute Kinder,« so sagt das neapolitanische Sprichwort.

»Wir sind hier in der größten Besorgniß, denn wir warten auf Nachricht von unseren lieben kleinen Russen. Wenn sie bald kommen, so hoffe ich, daß wir in kurzer Zeit Hochzeit machen und mit Gottes Hilfe das Ende dieser verwünschten Geschichte sehen werden.

»Ich bin in Verzweiflung, daß das Wetter immer noch so regnerisch bleibt, denn der Regen ist unseren Operationen sehr hinderlich. Ich hoffe, daß er nicht Ihrer Gesundheit schadet. Die unsrige ist, Gott sei Dank, gut, und wäre sie auch schlecht, so würden die guten Nachrichten, die wir von ihnen erhalten, sie wieder gutmachen. Der Herr erhalte Sie und segne Ihre Operationen, wie dies wünscht und unwürdiger Weise vom Himmel erbittet

»Ihr wohlgeneigter

Ferdinand B.«

In dem vorstehenden Brief kommt eine Redensart vor, welche unsere mit der italienischen Sprache oder vielmehr mit dem neapolitanischen Dialekt derselben nicht vertrauten Leser nicht verstanden haben werden. Es ist die, wo der König in scherzhafter Weise sagt, daß der Richter hoffentlich unter den Rebellen schon tüchtig ausgeräumt und gehörig viel casicavalli gemacht habe.

Jeder, der in den Straßen von Neapel herumgewandelt ist, hat die Decken der Käseverkaufsläden mit einer Eßwaare verziert gesehen, welche ganz besonders in Calabrien fabricirt wird. Dieselbe hat die Form einer ungeheuern Steckrübe mit einem Kopf. In einer sehr harten Schale enthält dieses Product eine gewisse Quantität frische Butter, welche in Folge vollständiger Luftleere dieser Hülle sich jahrelang frisch erhält.

Diese Käse, wie man sie nennt, werden an dem Halse aufgehängt und heißen casicavalli.

Wenn der König daher sagt, er hoffe, daß der Richter gehörig viel casicavalli gemacht, so will er ganz einfach damit sagen, er hoffe, daß eine gute Anzahl Patrioten gehängt sein würden.

Was das königliche Sprichwort: »Mit tüchtigen Stockhieben und kleinen Stücken Brot macht man gute Kinder.« betrifft, so glaube ich nicht, daß dasselbe einer näheren Erklärung bedarf. Es gibt fast kein Volk, welches nicht aus dem Munde eines seiner Könige ein Sprichwort von derselben Art vernommen und welches nicht seine Revolution gemacht hätte, um weniger harte Stockhiebe und größere Stücke Brot zu bekommen.

Das Erste, was der König Ferdinand bei seiner Ankunft in Palermo verlangte, war die Uebersetzung der Briefe, die er von Truebridge erhalten. Diese Uebersetzung lag bereits fertig vor.

Er brauchte sie deshalb blos dem Briefe beizufügen den er in Villafrati an den Cardinal geschrieben und ein und derselbe Bote konnte Alles mitnehmen.

»An Lord Nelson.

»3. April 1799.

»Die neapolitanischen Farben wehen auf allen Inseln von Ponza. Noch niemals, Mylord, haben Sie einem solchen Feste beigewohnt. Das Volk ist buchstäblich närrisch vor Freude und verlangt mit lautem Geschrei seinen vielgeliebten Monarchen. Bestände der Adel aus Leuten von Ehre oder Grundsätzen, so würde nichts leichter sein, als die Armee auf die Seite des Königs zu bringen.

Schaffen Sie blos tausend Mann englische tapfere Soldaten und ich verspreche Ihnen, daß der König binnen achtundvierzig Stunden wieder auf seinem Throne sitzt. Ich bitte Sie, Mylord, den Capitän Cianchi dem Könige ganz besonders zu empfehlen. Es ist dies ein braver, muthiger Seemann, ein guter und loyaler Unterthan, welcher seinem Vaterlande Gutes zu erzeigen wünscht. Wenn die ganze Flotte des Königs von Neapel aus Männern wie er zusammengesetzt gewesen wäre, so hätte das Volk sich nicht empört.

»Ich habe einen Brigand Namens Francesco, einen ehemaligen neapolitanischen Officier, an Bord. Er hat seine Güter auf der Insel Ischia. Er war Commandant des Forts, als wir uns desselben bemächtigten. Das Volk hat seine nichtswürdige dreifarbige Uniform in Fetzen gerissen und die Knöpfe abgetrennt, auf welchen die Freiheitsmütze zu sehen war. Da er sich auf diese Weise ohne Uniform sah, so hatte er die Keckheit, seine alte Uniform als neapolitanischer Officier wieder anzuziehen. Ich habe ihm dieselbe gelassen, ihm aber die Epauletten und die Cocarde abgerissen und ihn gezwungen diese Gegenstände über Bord zu werfen. Hierauf erzeigte ich ihm die Ehre, ihn in doppelte Ketten legen zu lassen. Das Volk hat den Freiheitsbaum umgehauen und die auf demselben wehende Fahne zu Charpie zerzupft, so daß ich Ihnen und auch dem Könige nicht den kleinsten Fetzen davon zu Füßen legen kann. Was dagegen den Freiheitsbaum betrifft, so bin ich in dieser Beziehung glücklicher und sende Ihnen davon zwei Scheite mit den Nennen Derer, welche sie mir gegeben haben.

»Ich hoffe, der König wird sich ein Feuer davon machen, und sich daran wärmen.

»Truebridge.«

»Nachschrift. – In diesem Augenblicke erfahre ich, daß Caracciolo die Ehre gehabt hat, als gemeiner Soldat auf Wache zu ziehen und daß er gestern am Thore des Palastes Schildwache gestanden. Sie wissen wohl, schon, daß Carcciolo bei dem Könige seine Entlassung gegeben?«

Wäre Nelson so ehrlich gewesen, diesen Brief bei einer späteren Gelegenheit vorzulegen, so hätte, wie man sehen wird, diese Nachschrift vielleicht eine große Einwirkung auf das Urtheil der Richter geäußert, als man dem Admiral den Proceß machte.

Der zweite, einen Tag später, nämlich vom 4. April 1799, datirte Briefe des Admiral Truebridge lautete:

»Die französischen Truppen belaufen sich aus etwas über zweitausend Mann. Vertheilt sind dieselben folgendermaßen:

»dreihundert Mann in dem Fort San Elmo,

»zweihundert Mann in dem Castell d’Uovo,

»eintausendvierhundert Mann in dem Castello Nuovo,

»hundert Mann in Pozzuolo,

»dreißig Manns in Baja,

»Ihre Gefechte in Salerno sind von großen Verlusten begleitet gewesen, und nicht ein Einziger von ihren Mannschaften ist ohne Wunde zurückgekommen. Sie waren eintausentfünfhundert Mann stark.

»Ueberdies sagt man, daß bei dem Angriff auf eine Stadt, Namens Andria, in den Abruzzen dreitausend Mann Franzosen gefallen sind. Die Franzosen und die neapolitanischen Patrioten sind uneinig. Es herrscht großes Mißtrauen zwischen ihnen. Es geschieht oft, daß beim Patrouilliren des Nachts, wenn der Eine ruft: »Wer da?« und der Andere antwortet: »Es lebe die Republik!« man nun gegenseitig Schüsse wechselt. Sie sehen, Mylord, daß es nicht gerathen ist, sich des Nachts in die Straßen von Neapel zu wagen.

»In diesem Augenblicke erhalte ich die Nachricht, daß ein Priester Namens Albavena in Ichia die Revolte predigt. Ich schicke sechzig Mann Schweizer und dreihundert Mann treue Unterthanen ab, um Jagd auf ihn zu machen. Noch im Laufe dieses Tages hoffe ich ihn todt oder lebendig in meine Gewalt zu bekommen.

»Ich bitte Sie, Mylord, von dem König einen rechtschaffenen Richter zu verlangen, der mit dem rückkehrenden »Perseus« hierherkommt, denn sonst ist es mir unmöglich so fortzufahren. Die Elenden können jeden Augenblick mir aus den Händen und von dem Volke in Stücke gerissen werden. Um dieses zu beschwichtigen müssen schleunigst ein Dutzend Republikaner gehängt werden.«

Kaum hatte Truebridge diese beiden Briefes expediert und das kleine griechische Postschiff, welches dieselben nach Palermo trug, aus den Augen verloren, als er in der Richtung von Salerno ein kleines Fahrzeug auf seine Fregatte zukommen sah.

Es gingen ihm nämlich jeden Augenblick wichtige Mittheilungen vom Lande zu. Nachdem er sieh daher überzeugt, daß die Barke es wirklich mit dem »Sea Horse« auf welchem er sich befand, zu thun hatte, erwartete er, daß sie das Schiff angreifen würde. Dies geschah auch, nachdem sie die unter solchen Umständen gewöhnlichen Fragen beantwortet hatte.

In der Barke befanden sich zwei Männer, von welchen der eine eine Art Hühnerkorb vom Kopfe nahm und auf das Deck brachte. Hier angelangt, fragte er wo Seine Excellenz der Commodore Truebridge wäre.

Truebridge trat vor. Er sprach ein wenig italienisch und konnte daher den Mann mit dem Hühnerkorbe selbst befragen.

Dieser wußte selbst nicht, was er brachte. Er war blos beauftragt, den ihm übergebenen Gegenstand an den Commodore zu überbringen und sich eine Quittung ausstellen zu lassen, um dadurch zu beweisen, daß er und sein Camerad sich ihres Auftrages entledigt.

Ehe Truebridge die Quittung ausstellte, wollte er wissen, was der Korb enthielte. Demzufolge durchschnitt , er den Bindfaden, womit das Stroh festgeschnürt war, und fuhr, mitten im Kreise seiner durch die Neugier angelockten Officiere und Matrosen stehend, mit der Hand in das Stroh hinein, zog sie aber mit einer Geberde des Ekels sofort wieder heraus.

Aller Lippen öffneten sich, um zu fragen, was es gäbe. Die an Bord der englischen Schiffe herrschende Disciplin aber ließ diese Frage nicht laut werden.

»Oeffne diesen Korb,« sagte Truebridge zu dem Manne, der ihn gebracht, während er sich gleichzeitig die Finger mit seinem battistenen Taschentuch abwischte, gerade wie Hamlet zu thun pflegt, nachdem er Yoricks Schädel in der Hand gehalten.

Der Mann gehorchte, und man sah zunächst einen dichten schwarzen Haarwuchs zum Vorschein kommen. Eben die Berührung mit demselben hatte in dem Commodore das Gefühl von Ekel erweckt, welches er nicht zu unterdrücken im Stande gewesen.

Der Mann, der den Korb gebracht, war jedoch nicht so empfindlich wie der aristokratische Capitän. Nach dem Kopfhaar brachte er die Stirn, nach der Stirn die Augen und nach den Augen den übrigen Theil des Gesichtes zum Vorschein.

»Da,« sagte er, indem er einen frisch abgeschnittenen Kopf fest bei den Haaren packte und aus dem Korbe zog, in welchem er auf einer Schicht Kleien oder Sägespäne ruhend, mit der größten Sorgfalt emballirt war, »da, das ist der Kopf des Don Carlo Granosio di Gassoni.«

Indem er den Kopf vollends aus seiner Hülle herauszog, fiel zugleich ein Billet mit heraus.

Truebridge hab es auf. Es war an ihn gerichtet und enthielt die folgenden Zeilen: [Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, daß wir an dem Billet keinen Buchstaben ändern, sondern uns begnügen, die wörtliche Uebersetzung davon mitzuteilen.]

»An den Commandanten der englischen Station.

»Salerno, 24. April Morgens.

»Mein Herr!

»Als treuer Unterthan Sr. Majestät meines Königs Ferdinand, welchen Gott noch lange erhalte, habe ich die Ehre, Ew. Excellenz den Kopf des Don Carlo Granosio di Gaffoni zu übersenden, welcher unter der Verwaltung des schändlichen Commissärs Ferdinand Ruggi angestellt war. Genannter Granosio ist von mir, während er sich auf der Flucht befand, an einem Orte, die Puggi genannt, in dem District von Ponte Cognaro getödtet worden. Ich bitte Ew. Excellenz diesen Kopf anzunehmen und meine That als einen Beweis meiner Anhänglichkeit an die Krone betrachten zu wollen.

»Ich bin mit dem Ew. Excellenz gebührenden Respect der treue Unterthan des Königs,

»Giuseppe Maniutio Vitella.«

»Eine Feder und ein Blatt Papier!« befahl Truebridge, nachdem er gelesen.

Man brachte ihm das Verlangte.

Er schrieb in italienischer Sprache:

»Ich Endesunterzeichneter bekenne, von Giuseppe Maniutio Vitella durch seinen Boten den wohlerhaltenen Kopf des Don Carlo Granosio die Gassoni empfangen zu haben und beeile mich, ihm zu versichern, daß mit der ersten Gelegenheit dieser Kopf nach Palermo an den König übersendet werden soll, der, wie ich nicht bezweifle, ein solches Geschenk zu würdigen wissen wird. Am 24. April 1799, vier Uhr Nachmittags.

»Truebridge.«

Der Commodore wickelte eine Guinee in die Quittung und gab sie dem Ueberbringen welcher sich beeilte zu seinem Cameraden zurückzukehren wahrscheinlich weniger vor Begierde die Guinee mit ihm zu theilen, als um ihm das Ereigniß zu erzählen.

Truebridge befahl einem seiner Matrosen den Kopf bei dem Haar zu nehmen, ihn wieder in den Sack zu stecken und den Korb wieder in den Zustand zu setzen, in welchem er sich vor dem Oeffnen befunden.

Dann, nachdem dies geschehen, sagte er:

»Trage ihn in meine Cajüte.«

Mit jenem den Engländern eigenthümlichen Phlegma setzte er dann achselzuckend bei sich selbst hinzu:

»Ein niedlich-er Schlafgenoß! Wie Schade, daß ich mich wieder von ihm trennen muß!«

Und in der That, als schon den nächstfolgenden Tag sich Veranlassung fand, ein Schiff nach Palermo zu senden, ward das kostbare Geschenk des Giuseppe Maniutio Vitella an den König spedirt.

Dreizehntes Capitel.
Ettore Caraffa

Man erinnert sich, daß der Commodore Truebridge in seinem Briefe an Lord Nelson von zwei Schlappen sprach, welche die mit den Franzosen vereinigten neapolitanischen Patrioten erlitten – die eine vor der Stadt Andria, die andere in der Umgegend von Salerno.

Diese Nachricht, von welcher die eine Hälfte auf Wahrheit, die andere auf Unwahrheit beruhte, war die Folge des Planes, welcher, wie man sich erinnert, zwischen Manthonnet, dem Kriegsminister der Republik, und Championnet, dem Obergeneral der französischen Armee, verabredet worden.

Eben so erinnert sich der Leser, daß Championnet abberufen worden war, um von seinem Verhalten Rechenschaft zu geben.

Als Championnet Neapel verließ, waren die beiden Colonnen schon unterwegs. Da jede derselben von einer unserer Hauptpersonen geführt wird, so wollen wir sie begleiten, die eine auf ihrem Siegeszuge, die andere in ihrem Unglück.

Die stärkste dieser beiden Colonnen, aus sechstausend Mann Franzosen und tausend Mann Neapolitanern bestehend, war nach Apulien dirigiert worden. Es galt die Kornkammer Neapels wieder zu erobern, welche durch die englische Flotte blockiert und fast gänzlich in die Gewalt der Bourbons gefallen war.

Die sechstausend Mann Franzosen waren von dem General Duhesme commandirt, welchen wir in dem Feldzuge gegen Neapel Wunder der Tapferkeit verrichten gesehen, und die tausend Mann Neapolitaner von einer der Hauptpersonen dieser Geschichte welche wir den Augen unserer Leser vorgeführt, nämlich von Ettore oder Hektor Caraffa, Grafen von Ruvo.

Der Zufall wollte, daß die erste Stadt, gegen welche die französisch-neapolitanische Colonne marschieren sollte, Andria war, eine alte Lehnsherrschaft seiner Familie, deren Oberherr er als das älteste Glied seiner Familie gegenwärtig war.

Andria war gut befestigt; Ruvo hoffte aber, daß eine Stadt, deren Gutsherr er war, seinem Worte nicht widerstehen würde. Er machte demzufolge von allen Mitteln Gebrauch und begann Unterhandlungen, um die Bewohner zur Annahme der republikanischen Grundsätze zu bestimmen.

Alles aber war vergebens und er sah ein, daß er genöthigt sein würde, ihnen gegenüber die letzten Beweisgründe der Könige, welche Tyrannen bleiben, oder der unterdrückten Völker, welche frei werden wollen, nämlich Pulver und Blei, in Anwendung zu bringen.

Ehe er sich aber Andria’s bemächtigen konnte, mußte er San Severo besetzen.

Die in San Seneka versammelten Bourbonisten hatten den Titel einer vereinigten Armee von Apulien und der Abruzzen angenommen. Diese Schaar, welche sich auf zwölftausend Individuen belaufen konnte, bestand aus dem dreifachen Element, welches alle sanfedistischen Armeen jener Zeit bildete, das heißt aus den Ueberresten der royalistischen Armee Mack’s, aus den Sträflingen welche der König vor seiner Flucht aus Neapel hatte in Freiheit setzen lassen, [Denen, welche diese Sympathie Ferdinands des Ersten für die Sträflinge bezweifeln, antworten wir durch einen Auszug aus einem seiner Briefe an den Cardinal Ruffo: »In Civita Veechia fahren unsere guten Sträflinge fort sich zu vertheidigen, und die mit den Cisalpinern vereinigten Franzosen sind, nachdem sie einen Angriff gemacht, muthig von Ihnen zurückgeworfen worden. Nur der Kaiser rührt sich noch nicht.«] um dem Volke, welches er verließ, das furchtbare Zersetzungsmittel des Verbrechens beizumischen, und aus einigen echten Royalisten deren Enthusiasmus sie diese Nachbarschaft übersehen ließ.

Diese Schaar, welche San Severo verlassen, weit diese Stadt ihren Vertheidigern keine feste Position darbot, hatte eine Anhöhe besetzt, deren Wahl verrieth, daß die commandirenden Anführer nicht ohne militärische Kenntnisse waren. Es war ein kleiner mit Lorbeerbäumen beflanzter Hügel, der eine breite und lange Ebene beherrschte. Die Artillerie der Sanfedisten bestrich alle Zugänge, welche zu der Ebene führten, auf welcher eine schöne und zahlreiche Cavallerie manövrierte.

Am 25. Februar hatte Duhesme, um seine Nachhut zu decken, Broussier und Ettore Caraffa in Foggia zurückgelassen und war gegen San Severo marschiert.

Als er sich den Bourbonisten näherte, hatte er sich begnügt, ihnen sagen zu lassen:

»In Bovino habe ich die Empörer und drei des Diebstahls schuldige Soldaten erschießen lassen. Euch wird es ebenso gehen. Wollt Ihr lieber den Frieden?«

Die Bourbonisten antworteten :

»Und wir, wir haben die Republikaner, die Bürger und die patriotischen Priester, welche den Frieden verlangten, erschossen. Strenge gegen Strenge. Wir wollen den Krieg.«

Der General theilte seine Streitmacht in drei Detachements. Das eine marschierte gegen die Stadt, die beiden andern umzingelten die Anhöhe, damit kein Sanfedist entrinnen könne.

Der General Forest, welcher eines von diesen beiden Detachements commandirte, langte zuerst an. Er hatte ziemlich fünfhundert Mann, sowohl Infanterie als Cavallerie, unter seinen Befehlen.

Als die Sanfedisten diese fünfhundert Mann sahen und berechneten, daß sie über zwölftausend Mann stark waren, ließen sie in San Severo die Sturmglocke läuten und rückten in die Ebene dem Feinde entgegen.

Als das französische Detachement diese Menschenlawine sich die Anhöhe herabwälzen sah, formierte es sich in ein Bataillonscarré und machte sich fertig, sie mit dem Bajonnet zu empfangen. Noch aber hatte der Angriff nicht begonnen, als man ein lebhaftes Musketenfeuer hörte, welches in San Severo selbst stattfand, und gleichzeitig sah man aus einem der Thore die Fliehenden herausgestürzt kommen.

Es war Duhesme in eigener Person, welcher die Stadt angegriffen, sich ihrer bemächtigt hatte und nun auf der Forest entgegengesetzten Seite zum Vorschein kam.

Dieses Erscheinen gab dem Kampf sofort eine andere Gestalt. Die Sanfedisten sahen sich genöthigt, sich in zwei Trupps zu theilen. In dem Augenblick aber, wo sie mit dieser Bewegung fertig waren und den Kampf begannen, erschien die dritte Colonne von einer dritten Seite und schloß die Bourbonisten vollends ein.

Diese, welche sich in ein doppeltes Kreuzfeuer genommen sahen, versuchten ihre erste, unklugerweise von ihnen verlassene Position wieder zu gewinnen.

Auf drei Seiten aber wirbelten die Trommeln und die Franzosen rückten im Sturmschritt gegen die Sanfedisten an.

Sobald als das furchtbare Bajonnet an dieser von der Anhöhe in Unordnung herabgekommenen Schaar sein Werk beginnen konnte, war es nicht mehr ein Kampf, sondern eine Metzelei. Duhesme hatte dreihundert hingeschlachtete Patrioten und die seinem Parlamentär gegebene insolente Antwort zu rächen.

Die Trompeten fuhren fort zu schmettern und das Signal zur Vertilgung zu geben. Das Blutbad dauerte drei Stunden. Dreitausend Leichen blieben auf dem Schlachtfeld und drei Stunden später hätte man das Doppelte gezählt, wenn nicht plötzlich, gleich jenen Römern, welche kamen, um Coriolan um Gnade zu bitten, eine Schaar Frauen, ihre Kinder an der Hand führend und in Trauerkleidern, aus der Stadt San Severo herausgekommen wären, um das Mitleid der Franzosen anzuflehen.

Duhesme hatte geschworen, die Stadt niederzubrennen; beim Anblick dieses großen Schmerzes von Töchtern, Schwestern, Müttern und Gattinnen aber ließ er Gnade ergehen.

Dieser Sieg hatte ein großes Resultat und brachte eine bedeutende Wirkung hervor. Sämtliche Bewohner des Gargano, des Berges Toburno und des Corvino sendeten Deputationen und stellten Geißeln zum Zeichen der Unterwerfung. Duhesme schickte die der Cavallerie abgenommenen Fahnen nach Neapel.

Nachdem San Severo genommen war, blieb den Bourbonisten keine wichtige Stellung weiter als Andria und Trani.

Wir haben gesagt, daß die Expedition abgegangen war, während Championnet noch an der Spitze der französischen Truppen in Neapel stand. Wir haben seiner Abberufung beigewohnt und gesagt, unter welchen Bedingungen er abberufen ward.

Einige Tage nach dem Kampfe bei San Severo rief Macdonald, welcher an Championnet‘s Stelle zum Obergeneral ernannt worden, Duhesme zu sich.

Broussier ersetzte Duhesme und erhielt die Oberleitung der Bewegungen, welche gegen Andria und Trani unternommen werden sollten. Er vereinigte mit der siebzehnten und vierundsechzigsten Halbbrigade die Grenadiere von dem sechsundsiebzigsten und sechzehnten Dragonerregiment, sechs leichte Geschütze, ein unter dem Commando des Brigadechefs Berger aus den Abruzzen eingetroffenes Detachement und die Legion Caraffa‘s welche vor Begier brannte, ihrerseits zu kämpfen, denn sie war bei den letzten Ereignissen nicht betheiligt gewesen.

Andria und Trani hatten ihre Festungswerke restauriert und zu den alten Werken, welche diese Städte vertheidigten, neue hinzugefügt. Alle ihre Thore waren mit Ausnahme eines einzigen, vermauert und hinter einem jeden hatte man einen breiten Gräben angelegt und denselben mit einer breiten Brustwehr umgeben. Die Straßen waren durchschnitten und verbarrikadiert, die Häuser mit Schußscharten versehen und die Thüren vernagelt.

Am 21. März marschierte man gegen Andria. Am nächstfolgenden Tage mit Tagesanbruch war die Stadt eingeschlossen und die Dragoner wurden unter den Befehlen des Brigadechefs Leblanc so postiert, daß die Communication zwischen Andria und Trani dadurch unterbrochen ward.

Eine aus zwei Bataillonen und der Legion Caraffa’s gebildete Colonne ward mit dem Angriff auf das Thor Camazza beauftragt, während der General Broussier das von Trani angreifen sollte, und der Adjutant des Generals Duhesme, Ordonneau, der von der Wunde, die er bei dem Angriff Neapels erhalten, wieder hergestellt war, gegen das Thor Barra verrückte.

Wir haben bereits gesagt, was Ettore Caraffa war, Krieger, General und Soldat zugleich, mehr aber Soldat als General, ein Löwenherz dessen eigentliches Vaterland das Schlachtfeld war. Er übernahm nicht blos das Commando seiner Colonne, sondern stellte sich auch an die Spitze derselben, ergriff mit der einen Hand seinen blanken Degen, mit der andern die gelbrothblaue Fahne, schritt unter einem Hagel von Kugeln bis an den Fuß der Mauern, nahm mit einer Leiter das Maß des Walles, stellte sie auf den Punkt, wo sie bis an den oberen Rand reichte, rief : »Wer mich lieb hat, der folge mir!« und begann wie einer der Helden Homer‘s oder Tasso’s den Stürmenden voranzuklettern.

Der Kampf war ein furchtbarer. Ettore Caraffa kletterte den Degen zwischen den Zähnen, in der einen Hand seine Fahne und mit der andern den Baum seiner Leiter haltend, Sprosse um Sprosse hinauf, ohne daß die Geschosse aller Art, die man auf ihn herabregnen ließ, im Stande gewesen wären ihn aufzuhalten.

Endlich erfaßte er den oberen Rand einer Schießscharte und nichts vermochte ihn zum Loslassen zu bewegen.

Ein Rad mit seinem Degen schuf einen weiten leeren Kreis um ihn herum und mitten in diesem leeren Kreis sah man ihn zuerst die dreifarbige Fahne auf den Mauern von Andria aufzupflanzen. Während er, kaum von einigen Mann gefolgt, sich der Mauer bemächtigte und trotz der Anstrengungen eines zehnmal bedeutenderen Trupps als der seinige sich darauf behauptete, zerschmetterte eine Haubitze , das Thor von Trani und die Franzosen stürzten durch diese Presche in die Stadt.

Hinter dem Thore aber fanden sie den Graben, in welchen sie fielen, den sie aber binnen wenigen Augenblicken ausgefüllt hatten.

Nun, einer dem andern helfend und während die Verwundeten ihre Schultern denen liehen, die es nicht waren, überschritten mit jener französischen Furie welcher nichts zu widerstehen vermag, die Soldaten Broussier‘s den Graben, drangen im Sturmschritt in die Straßen, trotz eines Kugelregens, welcher aus allen Häusern kommend in wenigen Minuten zwölf Officiere und hundert Soldaten tödtete, und kamen so auf den Marktplatz, wo sie sich festsetzten Ettore Caraffa und seine Colonne schlossen sich hier ihnen an. Ettore troff vom Blute Anderer und dem seinigen.

Ordonneau‘s Colonne, welche nicht durch das Thor von Barra hatte eindringen können, weil dasselbe zugemauert war, hörte das Feuern im Innern der Stadt und schloß daraus, daß Caraffa oder Broussier eine Bresche gefunden und dieselbe benutzt hätte. Sie begann daher im Geschwindschritt um die Stadt herum zu marschieren, fand das Thor von Trani gesprengt und drang durch dasselbe ein.

Auf dem Marktplatze, wo nach dem furchtbaren Kampfe, den wir zu schildern versucht, die drei französischen Colonnen und die neapolitanische Colonne zu einander stießen, erklärte sich jene wahnsinnige Wuth, welche die Bewohner von Andria beseelt und wovon wir nur ein einziges Beispiel anführen wollen.

Zwölf in einem Hause verbarrikadierte Männer waren von einem ganzen Bataillon belagert worden.

Dreimal wurden sie aufgefordert, sich zu ergeben, und dreimal weigerten sie sich.

Man ließ nun Artillerie kommen und das Haus zusammenschießen. Alle fanden ihren Tod unter den Trümmern, aber keiner ergab sich.

Die Erklärung welche man fand, war folgende:

Auf dem Marktplatz war ein Altar mit einem großen Crucifix errichtet, und am Tage vor dem Kampfe am frühen Morgen hatte man gefunden, daß das Christusbild einen Brief in der Hand hielt. Dieser mit dem Namen »Jesus« unterzeichnete Brief sagte, daß weder die Musketen noch die Kanonenkugeln der Franzosen Macht über die Bewohner von Andria hätten, und verkündete zugleich eine bedeutende Verstärkung.

In der That langten auch während des Abends vierhundert Mann von dem Corps an, welches sich in Bitonto sammelte, und vereinigte sich, die in dem Briefe enthaltene Vorhersagung verwirklichend, mit den Belagerten oder vielmehr mit Denen, welche es den nächsten Tag werden sollten.

Die Vertheidigung war, wie man gesehen hat, eine erbitterte, die Franzosen und die Neapolitaner verloren am Fuße der Mauern dreißig Officiere und zweihundertfünfzig Unterofficiere und Soldaten. Von Seiten der Bourbonisten mußten zweitausend Mann über die Klinge springen.

Ettore Caraffa war der Held des Tages. Am Abend fand Kriegsrath statt. Caraffa stimmte wie Brutus, der seine Söhne verurtheilt, für die vollständige Vernichtung der Stadt und verlangte, daß Andria, sein Lehnsgut, zur Sühne und zum Schrecken für Andere, in einen Schutthaufen verwandelt werde.

Die französischen Anführer bekämpften diesen Antrag, dessen rauher Patriotismus ihren milderen Gesinnungen widersprach. Caraffa’s Stimme behielt aber die Oberhand. Andria ward verurtheilt, niedergebrannt zu werden, und mit derselben Hand, womit er die Leiter an die Mauern gelehnt, legte Ettore Caraffa die Brandfackel an den Fuß der Häuser. Es blieb nun noch Trani übrig, – Trani, welches, weit entfernt, durch das Schicksal Andria‘s eingeschüchtert zu werden, seine Energie auf seine Drohungen nur verdoppelte.

Broussier marschierte mit seiner kleinen Armee, die durch die beiden Kämpfe von San Severo und Andria um mehr als fünfhundert Mann vermindert worden, gegen Trani.

Diese Stadt war noch besser befestigt als Andria. Man betrachtete sie als das Bollwerk der Insurrection und als den Hauptwaffenplatz der Empörer, denn sie war von einer bastionirten Mauer umgeben, ward von einem regelmäßig angelegten Fort geschützt und von mehr als achttausend Mann vertheidigt.

Diese an Führung der Waffen gewöhnten achttausend Mann bestanden aus Seeleuten, Corsaren und Soldaten der neapolitanischen Armee.

Zu einer andern Zeit, wo man strategisch zu Werke gegangen wäre, hätte Trani vielleicht die Ehre einer regelmäßigen Belagerung erfahren. Dazu aber fehlte es an Zeit und an geeigneten Persönlichkeiten, weshalb man, anstatt geschickte Combinationen vorzunehmen, sich mit gewagten Handstreichen begnügen mußte.

Broussier, der an der Spitze der Expedition stand, trug auch in der That Bedenken, einen sofortigen Angriff auf eine Stadt zu unternehmen, die eine Garnison von achttausend Mann mit ausgezeichneten Officieren zählte, mit guten Befestigungen versehen war und eine aus Barken und Booten bestehende Flottille im Hafen liegen hatte. Auf Alles aber, was Broussier, hierauf gestützt, geltend machte, antwortete Ettore Caraffa:

»Dafern nur eine Leiter vorhanden und hoch genug ist, um mit ihr die Mauern von Trani ersteigen zu können, werde ich Tran nehmen, wie ich Andria genommen habe.«

Broussier fügte sich, durch diese heldenmüthige Zuversicht überzeugt. Er ließ die Armee in drei Colonnen und auf drei verschiedenen Wegen vorrücken, um die Stadt vollständig einzuschließen.

Im Laufe des l. April näherten sich die Avantgarden bis auf Pistolenschußweite. Die Nacht brach ein und man war beschäftigt, verschiedene Breschebatterien aufzupflanzen.

Ettore Caraffa verlangte bei den allgemeinen Combinationen außer Betracht gelassen zu werden und, seiner eigenen Eingebung folgend, nach Belieben über seine Leute verfügen zu dürfen.

Man gestand ihm dies zu.

Am 2. April mit Tagesanbruch eröffneten die Batterien ihr Feuer in der Richtung von Biseglia.

Was Hektor und seine Leute betraf, so hatten sie schon vor Tagesanbruch die Mauern umgangen und waren, ohne eine schwache Stelle erspäht zu haben, auf die andere Seite von Trani bis an den Meeresstrand gelangt.

Hier machte Caraffa Halt, ließ seine Leute sich verstecken, entledigte sich seiner Kleider und sprang in’s Meer, um auf diese Weise weiter zu recognosciren.

Der allgemeine Angriff ward, wie wir bereits bemerkt, von Broussier in eigener Person geleitet. Er rückte deshalb mit einigen Compagnien Grenadiere, die von der vierundsechzigsten Halbbrigade unterstützt wurden, vor und ließ Faschinen zum Ausfüllen der Gräben und Leitern zum Er steigen der Mauern mitnehmen.

Die Belagerten hatten die Absicht des Generals errathen und sich in Masse auf den von ihm bedrohten Theil der Mauer geworfen, so daß er, kaum auf Schußweite herangerückt, von einem Kugelregen begrüßt ward, der beinahe die ganze Reihe seiner Grenadiere und den Capitän mitten unter seinen Leuten niederstreckte.

Die durch die Heftigkeit des Feuers und den Fall ihres Capitäns bestürzt gemachten Grenadiere zögerten einen Augenblick.

Broussier befahl ihnen, den Marsch gegen die Mauern weiter fortzusetzen, zog den Säbel und ging voran.

Plötzlich aber hörte man in der Richtung vom Meere her eine lebhafte Kanonade und zugleich gab sich unter den Vertheidigern der Mauern eine bedeutende Unruhe kund.

Einer von ihnen stürzte, durch eine Kugel in zwei Hälften gerissen, von den Zinnen in den Graben herab.

Woher kamen diese Kugeln, welche die Belagerten auf ihren eigenen Wällen tödteten?

Von Caraffa, welcher sein Wort hielt.

Er war, wie wir bereits bemerkt haben, bis an den Strand gelangt, hatte seine Kleider abgeworfen und war in’s Meer gesprungen, um seine Recognoscirung weiter fortzusetzen.

Dabei hatte er eine kleine unter den Klippen verborgene Sternschanze entdeckt, welche, da sie, als nach dem Meere zu gelegen, nicht bedroht war, ihm schlecht bewacht zu sein schien.

Er kehrte deshalb zu seinen Leuten zurück und verlangte zwanzig Freiwillige, die aber alle schwimmen könnten.

Es erboten sich deren sofort vierzig.

Caraffa befahl ihnen, nur ihre Unterbeinkleider anzubehalten, sich die Patronentasche auf den Kopf zu binden, den Säbel zwischen die Zähne, die Muskete in die linke Hand zu nehmen, mit der rechten zu schwimmen und, indem sie sich so gedeckt als möglich hielten, der Schanze zu nähern.

Gänzlich nackt, diente Caraffa ihnen zum Führer, ermuthigte sie und griff ihnen unter die Schultern, wenn einer oder der andere zu ermüden begann.

So erreichten sie den Fuß der Mauer, fanden eine durchlöcherte Stelle und erkletterten mittelst derselben die Höhe der Bastion, ehe sie noch von der Schildwache bemerkt wurden, welche man erdolchte, ohne daß sie Zeit gehabt hätte, auch nur einen einzigen Schrei auszustoßen.

Hektor und seine Leute stürzten in das Innere der Bastion, machten Alles nieder, was sich darin vorfand, kehrten die Kanonen sofort gegen die Stadt und fingen an zu feuern. [Dieser so kühne und so glückliche Handstreich ward mir von dem General Exelmans erzählt, welcher, zu jener Zeit Adjutant, sich unter der Zahl der vierzig Schwimmer befand und der zweite Mann war, der in die Schanze drang.]

Eine dieser Kugeln war es, welche den bourbonischen Soldaten zerriß und von der Mauer herabwarf, dessen Tod und Fall dem General Broussier triftigen Grund gab, zu vermuthen, daß in der Stadt etwas Außerordentliches vorgehe.

Als die Bourbonisten sahen, daß der Angriff von der Seite kam, wo sie die Vertheidigung postiert, und der Tod gerade von dem Punkte, von welchem aus sie ihre Rettung erwarteten, erhoben sie ein lautes Geschrei und eilten nach der Richtung, woher diese neuen Angreifer kamen, welche schon durch ihre auf dem Strande zurückgelassenen Anführer verstärkt zu werden begannen.

Die Grenadiere ihrerseits ergriffen, als sie die Vertheidigung erschlaffen sahen, wieder die Offensive, marschierten gegen die Mauern, lehnten Leitern daran und liefert Sturm.

Nach einem Kampfe von kaum einer halben Stunde krönten die Franzosen als Sieger die Mauern, und Ettore Caraffa sprang nackt wie Romulus von David, seine halbnackten und vom Wasser triefenden Leute anführend, in eine der Straßen von Trani hinab, denn Meister der Mauern und der Bastion sein, hieß noch nicht Meister der Stadt sein. In der That waren auch alle Häuser mit Schießscharten versehen.

Auch diesmal veranlaßte Ettore durch sein Beispiel eine andere Art des Angriffs. Man erkletterte die Häuser, wie man die Mauern erklettert. Man schlug die Terrassen oder glatten Dächer ein und sprang dann in das Innere hinab. Anfangs kämpfte man in der Luft wie jene Phantome, welche Virgil den Tod Cäsars verkünden sah, dann von Zimmer zu Zimmer, von Treppe zu Treppe, Mann gegen Mann, mit dem Bajonnet, der den Franzosen vertrautesten, ihren Feinden schrecklichsten Waffe.

Nach dreistündigem erbitterter Kampfe entsanken die Waffen den Händen der Angreifer. – Trani war genommen.

Es trat ein Kriegsrath zusammen. Broussier war zur Milde geneigt. Noch nackte mit Staube bedeckt, marmoriert von feindlichem und eigenem Blute, den schartigen geschlagenen Säbel in der Hand, warf Ettore Caraffa wie ein zweiter Brennus seine Meinung in die Waagschale und drang auch diesmal damit durch. Sein Rath lautete: »Schwert und Feuer!«

Die Belagerten mußten demgemäß über die Klinge springen und die Stadt ward in einen Schutthaufen verwandelt.

Die französischen Truppen verließen Trani, während es noch rauchte. Caraffa zog gleich einem mit der Rache der Götter gewaffneten Richter, zugleich mit aus und durch Apulien, wo er überall Verderben und Verheerung hinter sich zurückließ, wie an dem andern Ende von Italien andererseits von den Soldaten Ruffo‘s geschah.

Wenn die Insurgenten ihn um Mitleid für die empörten Städte auflehnten, so antwortete er stets: »Habe ich wohl eine eigene Stadt geschont?«

Wenn sie ihn um ihr Leben baten, so zeigte er seine Wunden, von welchen einige immer noch frisch genug waren, um noch zu bluten, und antwortete darauf zeigend: »Habt ich wohl mein eigenes Leben geschont?«

Zu derselben Zeit aber, wo die Nachricht von dem dreifachen Siege Broussier‘s, Duhesme‘s und Ettore Caraffa‘s in Neapel eintraf, erfuhr man dort zugleich auch die Niederlage Schipani‘s.

– Ende den zehnten Theiles -

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04 aralık 2019
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