Kitabı oku: «La San Felice Band 14»
Vierzehnter Theil
Erstes Capitel.
Die Gewissensbisse Fra Pacifico’s
Wie der Traum Athalia’s hatte auch Nelsons Fest mit einem Donnerschlag geendet.
Emma Lyonna hatte erst vor der schrecklichen Erscheinung fest bleiben wollen, aber die Bewegung der See, welche aus Südosten kam, trieb den Leichnam, wie man deutlich sehen konnte, dem Schiffe zu, und Emma eilte rückwärts davon und fiel halb ohnmächtig in einen Sessel.
Da war es, wo Nelson, welcher ebenso unerschütterlich in seinem Muthe, wie unversöhnlich in seinem Haß war, Harry den Befehl ertheilte, welchen wir gehört haben.
Harry gehorchte augenblicklich, ein Boot ward ausgesetzt, sechs Männer und ein Bootsmann stiegen hinein, während der Capitän Harry ihnen folgte.
Wie ein Schwarm Vögel auseinanderfliegt, wenn ein Geier unter sie fährt, so entfernten sich auch die Boote, wie wir bereits erzählt haben, von dem Leichnam, und glitten ohne Musik, mit ausgelöschten Fackeln auf dem Meere dahin, während bei jedem Ruderschlage eine Funkengarbe aufsprühte.
Die, welche durch den Leichnam vom festen Lande getrennt wurden, machten einen weiten Bogen, um ihn zu umgehen, und bewegten ihre Ruder desto mehr, je größer der Kreis war, den sie zu umfahren hatten.
Auf dem Schiffe hatten sich alle Gäste von der Tafel erhoben und drängten sich nach der hinteren, dem Leichnam gegenüberliegenden Seite, während ein Jeder nach seinen Ruderern rief. Nur die englischen Officiere standen auf der Gallerie, und redeten den Leichnam mit mehr oder minder groben Spottreden an, dem sich der Capitän Harry und seine Leute mit kräftigen Ruderschlägen näherten.
Als man bis zu dem Leichnam gekommen, und als Harry sah, daß seine Leute ihn anzugreifen zögerten, ergriff er ihn bei den Haaren und versuchte ihn aus dem Wasser zu ziehen, aber der Körper war so schwer, daß es war, als würde er durch eine unsichtbare Kraft im Meere zurückgehalten, und der Capitän behielt nur die Haare in der Hand.
Er stieß einen Fluch aus, in dem sich vorherrschend Ekel ausdrückte, wusch die Hand im Meere, und befahl Zweien seiner Leute die Leiche an dem Strick zu fassen, welcher noch um ihren Hals befestigt war, und sie in das Boot zu ziehen.
Aber nur der vom Körper getrennte Kopf, welcher nicht die ganze Last desselben zu tragen vermochte, gehorchte den Anstrengungen der Männer und rollte in das Boot.
Harry stampfte mit dem Fuße.
»Ah, Du Dämon!«, murmelte er, »wehre Dich nur, Du wirst doch hier herein müssen, und sollte ich Dir ein Glied nach dem andern abreißen!«
Der König betete in seiner Cajüte, während er den Caplan am Kragen seines Gewandes gefaßt hielt und in nervösem Zittern schüttelte; Nelson ließ der schönen Emma Lyonna Salze einathmen; Sir William versuchte die Erscheinung auf wissenschaftlichem Wege zu erklären; die Officiere spotteten immer ärger, und die Boote fuhren fort sich zu entfernen.
Die Matrosen hatten auf Harrys Befehl den Strick, welcher Caracciolo den Hals zusammenschnürte, unter seinen Armen durchgezogen, und zogen ihn an sich; aber obgleich die Körper im Wasser beinahe ein Drittel ihrer natürlichen Schwere verlieren, so gelang es doch kaum den vereinten Anstrengungen von vier Männern den Rumpf über den Rand des Bootes zu bringen.
Die englischen Officiere klatschten mit lautem Gelächter in die Hände und schrieen:
»Hurrah, es lebe Harry!«
Das Boot erreichte wieder das Schiff und ward unter dem Bugspriet mit einem Tau festgebunden.
Die Officiere, welche gern die Ursache dieses Wunders erfahren wollten, gingen von dem Spiegel nach dem Bug, während die Gäste das Schiff verstohlen auf den Treppen rechts und links verließen, da sie schnell einem Schauspiel entfliehen wollten, welches für die Mehrzahl von ihnen etwas Diabolisches oder doch wenigstens etwas Uebernatürliches hatte.
Sir William hatte mit der Erklärung das Richtige getroffen, daß nach einer gewissen Zeit die Körper der Ertränkten sich mit Wasser und Luft füllten und natürlich auf die Oberfläche des Meeres zurückkämen; was aber erstaunenerregend, außergewöhnlich und wunderbar wäre, sei, daß der Admiral emporgestiegen wäre, und den König so erschreckt hätte, trotz der zwei Kugeln, welche man an seinen Füßen befestigt.
Der Capitän Harry, dessen Bericht wir diese Einzelheiten entnehmen, wog die beiden Kugeln und versichert, daß sie zweihundertundfünfzig Pfund wogen.
Der Caplan der »Minerva«, derselbe, welcher Caracciolo auf den Tod vorbereitet hatte, ward gerufen und zu Rathe gezogen, was man wohl mit dem Leichnam machen sollte.
»Hat man den König über den Vorfall unterrichtet?« fragte er.
»Der König ist Einer der Ersten gewesen, welche die Erscheinung gesehen haben,« gab man zur Antwort.
»Und was hat er gesagt?«
»Er hat in seinem Schrecken erlaubt, daß die Leiche ein christliches Begräbniß erhalte.«
»Nun, dann müssen wir thun, was uns der König befohlen hat,« sagte der Caplan.
So gab man sich denn weiter nicht mit der Angelegenheit ab, und überließ dem Caplan die Sorgen des Begräbnisses.
Doch sollte diesem bald ein Helfer erscheinen, den er gar nicht erwartet hatte.
Die Leiche des Admirals war im vollständigen Bauernanzug, nur ohne Jacke, da man ihm diese wegen der Hinrichtung ausgezogen, in dem Boote liegen geblieben, in welches man ihn aufgenommen.
Der Caplan hatte sich im Hintertheil des Bootes niedergesetzt, und las beim Scheine einer Laterne Gebete für den Todten, welche er in dieser schönen Juninacht eben so gut beim bloßen Licht des Mondes hätte lesen können.
Bei Tagesanbruch sah er ein Boot auf das einige zukommen, welches von zwei Schiffern gerudert ward, und in dem ein einziger Mönch sich befand. Dieser Mönch, welcher sehr groß war, stand vorn im Boote, und zwar so sicher auf der schmalen Spitze desselben, als ob er selbst Seemann wäre.
Da der wachhabende Officier sofort bemerkte, daß die Ankömmlinge mit dem Boote, in welchem die Leiche lag, zu thun hätten, aber nicht mit dem Schiff, und da Nelson befohlen hatte, wenn man selbst nichts thun wollte, es doch wenigstens Anderen thun zu lassen, so bekümmerte man sich nicht um das Boot, welches übrigens nur einen Mönch mit zwei Schiffern trug.
Wirklich ruderten die zwei Schiffer das Boot gerade auf die Barke zu, neben welcher es anlegte.
Der Mönch wechselte einige Worte mit dem Caplan, sprang in die Barke und betrachtete einen Augenblick schweigend den Leichnam, während dicke Thränen seinen Augen entquollen.
Unterdessen stieg der Caplan in das Boot, in welchem der Mönch gekommen, und begab sich an Bord des »Donnerers«.
Er wollte hier die letzten Befehle Nelsons in Empfang nehmen.
Diese lauteten dahin, daß man mit der Leiche machen könnte, was man wollte, da der König seine Erlaubniß zu einem christlichen Begräbniß gegeben hätte.
Dieser Bescheid ward dem Mönch von dem Caplan überbracht. Der Mönch nahm die Leiche in seine starken Arme und trug sie aus der Barke in das Boot, in welchem er gekommen war.
Der Caplan folgte ihm.
Dann ruderten die beiden Matrosen, welche vom Quai del Piliere gekommen waren, auf den Befehl des Mönches gerade nach Santa-Lucia, dem Kirchspiel, welchem Caracciolo angehörte.
Obgleich in Santa-Lucia fast nur Royalisten wohnten, ward Caracciulo doch dort wegen seiner Wohlthätigkeit angebetet. Ueberdies wohnten in Santa Lucia die besten Matrosen der neapolitanischen Marine, und alle, welche unter dem Admiral gedient hatten, erinnerten sich lebhaft der drei Eigenschaften eines Mannes, welcher Anderen befehlen will, nämlich des Muthes, der Güte und der Gerechtigkeit.
Caracciolo vereinigte diese drei Eigenschaften in hohem Maße.
Kaum hatte der Mönch mit einigen ihm begegnenden, Fischern einige Worte gewechselt, und kaum verbreitete sich das Gerücht, daß der Leichnam des Admirals eine Ruhestätte unter seinen alten Freunden suche, als das ganze Kirchspiel in Bewegung gerieth, und der Mönch brauchte, nur das Haus zu wählen, in welchem die Leiche bis zum Begräbniß liegen sollte.
Man gab einem Hause den Vorzug, welches dem Boote am nächsten stand.
Zwanzig Arme erboten sich, die Leiche zu tragen, aber der Mönch nahm dieselbe, wie er es bereits gethan, in seine Arme, schritt mit der theuern Last über den Quai, legte sie auf ein Lager, kam wieder, und holte den Kopf, um ihn ebenso wie den Rumpf zur Ruhe zu bringen.
Er verlangte ein Tuch, in welches er die Leiche hüllen konnte, und nach fünf Minuten kamen zwanzig Frauen gelaufen, von denen jede rief:
»Er war ein Märtyrer, nehmt mein Tuch, er wird meinem Hause Glück bringen.«
Der Mönch wählte das schönste, neueste, feinste, und während der Caplan fortfuhr Gebete zu lesen, die Frauen im Kreise um das Bett knieten, auf welchem der Admiral lag, während die Männer, welche hinter den Frauen fanden, die Thür versperrten und die übrige Menschenmasse bis auf die Straße hinaus reichte, zog der Mönch mit frommer Hand die Leiche aus, legte das Haupt zum Rumpf und hüllte den Körper in ein doppeltes Tuch.
Aus dem benachbarten Hause, welches einem Tischler gehörte, vernahm man Hammerschläge; man nagelte nämlich in Eile einen Sarg für den Admiral zusammen.
Um 9 Uhr brachte man den Sarg, der Mönch legte die Leiche hinein, dann brachten alle Frauen des Kirchspiels entweder Lorbeerzweige, da ja Lorbeer in allen Gärten Neapels wächst, oder Blumen, wie man sie an allen Fenstern sieht, und so ward die Leiche ganz damit überdeckt.
Jetzt begannen die Glocken der kleinen Kirche von Santa-Lucia traurig zu läuten, und die Geistlichkeit erschien an der Thür.
Man schloß den Sarg, sechs Matrosen nahmen ihn auf die Schultern, der Mönch folgte gleich hinter demselben, und ihm folgten wieder alle Bewohner von Santa-Lucia.
Links vom Altar auf dem Chor hatte man eine Steinplatte aufgehoben und die Grabgesänge begannen.
Die Neapolitaner, welche Alles übertreiben, und welche vielleicht in die Hände geklatscht, als sie Caracciolo hängen sahen, zerflossen jetzt in Thränen und Schluchzen, als die Priester an dem Sarge beteten und sangen.
Die Männer schlugen mit der Faust an die Brust, und die Frauen zerkratzten sich mit den Nägeln das Gesicht.
Es war als ob ein allgemeines Unglück, eine unheilvolle Calamität das Königreich heimsuchte.
Diese Betrübniß erstreckte sich jedoch nur von dem Riesenhügel bis zum Castello d’Uovo, denn hundert Schritte davon erwürgte und verbrannte man die Patrioten.
Die Leiche Caracciolos ward in der schnell für ihn bereiteten Gruft und nicht in der, welche seiner Familie gehörte, beigesetzt. Der Stein ward wieder auf die Oeffnung gelegt, und kein Zeichen deutete an, daß hier das Opfer Nelsons und der Vertheidiger der neapolitanischen Freiheit ruhte.
Die San-Luciaten, Männer wie Frauen, beteten bis zum Abend an dem Grabe und der Mönch mit ihnen.
Als der Abend gekommen, erhob sich der Mönch, nahm seinen Stab aus Lorbeerholz, welchen er hinter der Thür des Hauses hatte stehen lassen, in welchem man Caracciolo in den Sarg gelegt, dann stieg er den Riesenhügel hinan, ging durch die Toledostraße, während ihm von der niedrigen Bevölkerung Zeichen der Verehrung gespendet wurden, trat in ein Kloster, kam nach einer Viertelstunde wieder heraus und trieb vor sich einen Esel her, mit welchem er den Weg nach der Magdalenenbrücke einschlug.
Als er die Vorposten der Armee des Cardinals erreichte, empfing er noch zahlreichere und besonders geräuschvollere Beifallsbezeigungen als in der Stadt, und so gelangte er denn unter großer Bewegung, welche seine Erscheinung verursachte, bis zu dem kleinen Hause des Cardinals, wo er wie ein alter Bekannter Einlaß fand.
Er band seinen Esel an einen der Thürringe und stieg die Treppe hinauf, welche nach dem ersten Stockwerk führte. Der Cardinal befand sich auf der Terrasse, welche an der Meereseite lag, um sich in der Kühle des Abends zu laben.
Beim Geräusch der Schritte des Mönches drehte er sich um.
»Ah, Ihr seid es, Fra Pacifico,« sagte er.
»Ja, ich bin es, Eminenz,« sagte der Mönch und seufzte.
»Ah, ah! ich freue mich, Euch zu sehen. Ihr seid ein guter, braver Diener des Königs während des ganzen Feldzuges gewesen. Wollt Ihr etwas von mir? Wenn das, was Ihr erbitten wollt, zu erfüllen in meiner Macht steht, so will ich es thun. Ich sage Euch aber im Voraus,« fügte der Cardinal mit einem bitteren Lächeln hinzu, »daß meine Macht nicht groß ist.«
Der Mönch schüttelte den Kopf.
»Ich hoffe, daß das, was ich von Ihnen erbitten will,« sagte er, »nicht über die Grenzen Ihrer Macht geht.«
»Dann sprecht.«
»Ich möchte Sie um zwei Dinge bitten, Monsignore; erstens um meinen Abschied, da der Feldzug vorüber ist, und dann um die Bezeichnung des Weges, den ich einzuschlagen habe, um nach Jerusalem zu kommen.«
Der Cardinal sah Fra Pacifico erstaunt an.
»Euren Abschied?«, sagte er. »Es scheint mir, als ob Ihr den genommen hättet, ohne mich darum zu fragen.«
»Monsignore, ich war allerdings wieder in mein Kloster zurückgekehrt, aber ich hielt mich daselbst den Befehlen Eurer Eminenz zur Verfügung.«
Der Cardinal machte eine beistimmende Geberde.
»Was den Weg nach Jerusalem betrifft,« sagte er, so ist nichts leichter, als Euch denselben zu bezeichnen. Aber darf ich Euch noch vorher fragen, lieber Fra Pacifico, ohne unbescheiden zu sein, was Ihr im gelobten Lande zu thun beabsichtigt?«
»Eine Wallfahrt nach dem Grabe Jesu zu unternehmen, Eminenz.«
»Werdet Ihr von eurem Kloster dahin gesandt, oder ist es eine Buße, die Ihr Euch selbst auferlegt?«
»Es ist eine Buße, welche ich mir selbst auferlege.«
Der Cardinal blieb einen Augenblick nachdenklich, dann fragte er:
»Ihr habt wohl irgend eine grobe Sünde begangen?«
»Ja, ich fürchte,« erwiederte der Mönch.
»Ihr wißt wohl,« sagte der Cardinal, »daß ich auch große kirchliche Gewalt besitze?«
Der Mönch schüttelte mit dem Kopfe und sagte:
»Eminenz, ich glaube, daß die Buße, welche man sich selbst auferlegt, Gott wohlgefälliger ist als die, welche man sich auferlegen läßt.«
»Und auf welche Weise beabsichtigt Ihr denn zu reisen?«
»Zu Fuß und bettelnd.«
»Die Reise ist aber lang und beschwerlich.«
»Ich bin kräftig.«
»Sie ist auch gefährlich.«
»Um so besser. Ich werde nicht böse sein, wenn ich während derselben auch einmal auf etwas Anderes als den armen Giacobini schlagen kann.«
»Ihr werdet Euch auch, um nicht zu lange Zeit zu eurer Reise zu brauchen, an Schiffscapitäne mit der Bitte um Ueberfahrt wenden müssen.«
»Ich werde mich an Christen wenden, und sobald ich Ihnen sage, daß ich Christum anbeten will, werden Sie mir Ueberfahrt gewähren.«
»Würdet Ihr es aber nicht wenigstens auf alle Fälle vorziehen, wenn ich Euch irgend einem englischen Schiffe empfähle, welches nach Bairuth oder Saint-Jean-d’Acre segelt?«
»Ich will nichts von den Engländern, das sind Ketzer!«, sagte Fra Pacifico mit einem Gesichte, in dem sich Haß sehr deutlich ausprägte.
»Habt Ihr ihnen weiter nichts vorzuwerfen?« fragte Ruffo, indem er den Mönch mit einem durchbohrenden Blick ansah.
»Und dann,« fügte Fra Pacifico hinzu, indem er mit der geballten Faust nach der britannischen Flotte zeigte, »und dann haben sie auch meinen Admiral gehängt!«
»Und dies ist das Verbrechen, für welches Ihr für sie am Grabe Christi Verzeihung erbitten wollt, nicht wahr?«
»Für mich! – nicht für die Engländer.«
»Für Euch?« fragte Ruffo erstaunt.
»Habe ich denn nicht dazu beigetragen?« sagte der Mönch.
»Inwiefern denn?«
»Indem ich einer schlechten Sache diente.«
Der Cardinal lächelte und sagte:
»So haltet Ihr also des Königs Sache für eine schlechte?«
»Ich glaube, daß die Sache, welche meinen Admiral zum Tode brachte, der doch die verkörperte Gerechtigkeit, Ehre und Rechtschaffenheit war, keine gute sein kann.«
Die Stirn des Cardinals umwölkte sich und er seufzte.
»Dann,« fuhr der Mönch mit dumpfer Stimme fort, »hat der Himmel auch ein Wunder geschehen lassen.«
»Was für eins denn?«, fragte der Cardinal, welchen man bereits von der sonderbaren Erscheinung berichtet, die das Fest gestört, welches man am vorhergehenden Abende auf dem »Donnerer« gegeben.
»Der Leichnam des Märtyrers ist aus dem Meeresgrunde, wo er seit dreizehn Tagen gelegen, aufgestiegen, um dem Könige und dem Admiral Nelson Vorwürfe über seinen Tod zu machen, und gewiß hätte Gott das nicht geschehen lassen, wenn der Tod ein gerechter gewesen wäre.«
Der Cardinal senkte das Haupt und sagte dann nach einem augenblicklichen Schweigen:
»Ich verstehe. Und Ihr wollt euren unfreiwilligen Theil an dieser Schuld büßen?«
»Ja wohl, und deswegen bitte ich Sie, mir den geradesten Weg nach Jerusalem zu bezeichnen.«
»Der kürzeste Weg würde der fein, wenn Ihr Euch in Tarent einschifftet und in Bairuth landetet, aber da Ihr den Engländern keinen Dank schuldig sein wollt —«
»Nein, durchaus nicht, Eminenz.«
»Nun, hier habt Ihr eure Marschroute – Soll ich sie aufschreiben?«
»Nein, ich kann nicht lesen, aber ich habe ein gutes Gedächtniß, fürchten Sie nichts.«
»Nun gut. Von hier begebt Euch über Avellino, Benevent nach Manfredonia, von Manfredonia schifft Euch dann entweder nach Scutari oder Delvino ein, dann setzt über den Piräus, und geht nach Saloniki, hier werdet Ihr ein Schiff finden, welches Euch entweder nach Smyrna, Cypern oder nach Bairuth bringen wird. Seid Ihr dann einmal in Bairuth, so könnt Ihr Jerusalem in drei Tagen erreichen. Dort begebt Euch in das Franciscanerkloster, verrichtet eure Andachten am heiligen Grabe, und wenn Ihr Gott um Verzeihung eurer Sünden anfleht, so bittet ihn zugleich, daß er auch mir meine Sünde vergeben möchte.«
»Eure Eminenz hat also auch eine Sünde begangen?« fragte Fra Pacifico, indem er den Cardinal erstaunt anblickte.
»Ja, eine große Sünde, die mir Gott, der in unseren Herzen lesen kann, vielleicht vergibt, aber die mir die Nachwelt nimmermehr vergeben wird.«
»Welche Sünde ist denn das?«
»Ich habe einen König, welcher wortbrüchig, dumm und grausam ist, und welchen die Vorsehung vom Throne gestürzt, wieder auf denselben gesetzt. Geht, Bruder, geht, und betet für uns Beide.«
Fünf Minuten später saß Fra Pacifico auf seinem Esel und ritt nach Nola, der ersten Station auf seinem Wege nach Jerusalem.
Zweites Capitel.
Ein Mann, welcher sein Wort hält
Man wird sich erinnern, daß am Tage der Ankunft des Königs im Golf von Neapel eine englische Kugel die Tricolore zerschossen, welche vom Castell San Elmo herabwehte, und daß man ihre Stelle durch die Parlamentärflagge ersetzt hatte.
Die letztere hatte dem König so reiche Hoffnung eingeflößt, daß er, wie man sich erinnern wird, nach Palermo schrieb, er hoffe, die Capitulation werde am folgenden Morgen unterzeichnet werden.
Der König irrte sich; um aber dem Obersten Mejean Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, müssen wir sagen, daß es nicht seine Schuld war, wenn er sich am nächsten Morgen nicht ergab, sondern vielmehr die des Königs.
Der König hatte sich so gefürchtet, als ihm am Abend des 10. der Leichnam Caracciolos erschienen war, daß er den ganzen nächsten Morgen im Bett liegen blieb, von Fieberfrost geschüttelt, und stets weigerte er sich auf das Deck zu kommen. Es half alles Reden nichts, auch nicht, daß man ihm sagte, daß, da er es gestattet habe, die Leiche früh um 10 Uhr in der Kirche von Santa-Lucia beigesetzt worden sei, er machte eine Bewegung mit dem Kopf, welche zu jagen schien: »Einem solchen Burschen traue ich nicht.«
Während der Nacht wechselte man den Ankerplatz, und ankerte zwischen dem Castello d’Uovo und dem Castello Nuovo.
Von dieser Veränderung benachrichtigt, willigte der König ein, sein Zimmer zu verlassen, aber ehe er sich auf das Deck begab, erkundigte er sich sorgfältig, ob man nichts oben auf der Meeresoberfläche schwimmen sähe.
Man sah nichts, und keine Welle trübte die azurfarbene Fläche.
Der König athmete bei dieser Nachricht freier auf.
Der Herzog della Salandra, Generallieutenant der Truppen Seiner sicilischen Majestät, erwartete ihn, um ihm die Bedingungen zu unterbreiten, unter welchen Mejean sich erbot, das Castell zu übergeben.
Es waren folgende:
»Artikel 1. Die französische Besatzung des Castells San Elmo übergibt sich Eurer Majestät und den Verbündeten zu Kriegsgefangenen, und wird nicht gegen die Mächte ziehen, welche im Kampfe mit der französischen Republik stehen, so lange sie nicht regelmäßig ausgewechselt ist.
»Artikel 2. Die englischen Grenadiere werden gleich am Tage der Capitulation das Thor des Castells besetzen.
»Artikel 3. Die französische Besatzung wird das Castell den Morgen nach der Capitulation mit Waffen und Gepäck verlassen. Vor den Thoren der Festung wird sie warten, bis ihre Stelle durch eine Abtheilung portugiesischer, englischer, russischer und neapolitanischer Soldaten ersetzt werden wird, welche, sobald die Garnison ausgerückt ist, sofort Besitz von dem Castell nimmt. Dann wird sie die Waffen strecken.
»Artikel 4. Die Officiere behalten ihre Degen.
»Artikel 5. Die Besatzung soll so lange auf den englischen Schiffen untergebracht werden, bis die Schiffe bereit sind, welche sie nach Frankreich bringen sollen.
»Artikel 6. Sobald die englischen Grenadiere die Thore besetzt haben, werden alle Unterthanen, Seiner sicilischen Majestät den Verbündeten überwiesen.
»Artikel 7. Eine Wachmannschaft französischer Soldaten soll die französische Fahne vor Zerstörung schützen, und so lange dableiben, bis ein englischer Officier und eine englische Wachmannschaft sie ablöst. Erst dann kann das königliche Banner aufgezogen werden.
»Artikel 8, Alles Privateigenthum bleibt dem Eigenthümer, nur alles Staatseigenthum und alle durch Plünderung erlangten Gegenstände werden mit dem Castell übergeben werden.
»Artikel 9. Die Kranken, welche nicht transportiert werden können, bleiben mit französischen Wundärzten in Neapel, wo sie auf Kosten der französischen Regierung erhalten und von wo aus sie nach ihrer Genesung nach Frankreich zurückgeschickt werden.«
Diese am Abend vorher aufgesetzte Capitulation war bereits von Mejean unterzeichnet, und so war nur noch die Einwilligung des Königs nöthig, damit der Herzog della Salandra und die Capitäns Truebridge und Bailly ihre Namen unterzeichnen konnten.
Der König gab auch seine Einwilligung und so wurde diese Capitulation noch an demselben Tage unterzeichnet.
Cardinal Ruffos Unterschrift fehlt jedoch und das beweist eine vollständige Trennung von den Alliierten.
Obgleich die Capitulation das Datum des 11. trug, war sie doch erst, wie wir bereits gesagt haben, den 12. unterzeichnet worden, so daß erst am 13. die Verbündeten vor die Thore des Castells San Elmo rückten, um dieses in Besitz zu nehmen.
Eine Stunde vorher schickte Mejean zu Salvato und ließ diesen bitten, zu ihm auf sein Zimmer zu kommen.
Salvato leistete der Einladung Folge.
Die beiden Männer grüßten sich höflich, aber kalt. Der Oberst bat Salvato, Platz zu nehmen, und dieser setzte sich.
Der Oberst blieb stehen, indem er sich auf die Stuhllehne stützte.
»Herr General,« sagte er zu Salvato, »erinnern Sie sich noch, was hier in diesem Zimmer vorging, als ich das letzte Mal die Ehre hatte, Sie hier zu empfangen?«
»Ja wohl, Oberst, wir schlossen einen Vertrag.«
»Erinnern Sie sich auch noch, wie die Bedingungen dieses Vertrages lauteten?«
»Wir kamen dahin überein, daß Sie uns, die Signora San Felice und mich, für zwanzigtausend Francs die Person, auf französischen Boden bringen sollten.«
»Sind diese Bedingungen nicht erfüllt worden?«
»Nur für eine Person.«
»Ist es Ihnen möglich, diese Bedingungen auch für die andere Person zu erfüllen?«
»Nein.«
»Was ist nun da zu thun?«
»Nun, mir scheint das sehr einfach. Sie wollten mir einen Dienst erweisen, den ich aber nicht von Ihnen annehmen wollte.«
»Nun, das beruhigt mich. Ich sollte vierzigtausend Francs für die Rettung zweier Personen bekommen, da ich aber nur zwanzigtausend Francs bekommen habe, so werde ich nur eine Person retten. Welche von beiden nun ?«
»Die schwächste, welche sich nicht selbst retten könnte.«
»Haben Sie denn Aussicht, daß Sie sich selbst retten können?«
»Ja wohl.«
»Welche denn?«
»Haben Sie nicht das Papier gesehen, welches an Stelle des Geldes in dem Kästchen lag, und welches mir andeutete, daß man mich überwachte?«
»Wollen Sie mir den Schmerz bereiten, Sie ausliefern zu müssen? Der 6. Artikel der Capitulation bedingt, daß alle Unterthanen des Königs den Verbündeten ausgeliefert werden.«
»Beruhigen Sie sich, ich werde mich selbst ausliefern.«
»Ich habe Ihnen nun mitgetheilt, was ich Ihnen mitzutheilen hatte,« sagte Mejean mit einer Bewegung des Kopfes, welche zu sagen schien: »Jetzt können Sie gehen.«
»Ich habe Ihnen aber noch nicht, Alles gesagt,« erwiederte Salvato, ohne daß die geringste Veränderung in seiner Stimme wahrzunehmen gewesen wäre.
»So sprechen Sie.«
»Habe ich das Recht zu fragen, durch welches Mittel Sie die Rettung der Signora San Felice bewirken werden? Denn Sie werden leicht begreifen, wenn ich mich dem Untergange weihe, so geschieht es, damit sie gerettet werde.«
»Das ist nur zu billig, und das Recht steht Ihnen zu, über diesen Punkt die genaueste Auskunft zu verlangen.«
»Nun wohl, ich höre.«
»Der 9. Artikel der Capitulation sagt, daß die Kranken, welche nicht transportiert werden können, in Neapel bleiben werden. Eine unserer Marketenderinnen ist in diesem Falle. Sie wird in Neapel bleiben und die Signora San Felice wird ihre Stelle und Kleidung annehmen, und ich stehe Ihnen dafür, daß ihr kein Haar gekrümmt werden wird.«
»Das ist Alles, was ich wissen wollte, mein Herr,« sagte Salvato, indem er sich erhob. »Es bleibt mir weiter nichts übrig, als Sie zu bitten, so bald als möglich der Signora die Kleider zu schicken, welche sie anlegen soll.«
»Dies soll binnen fünf Minuten geschehen.«
Die beiden Männer grüßten sich, und Salvato ging fort.
Luisa erwartete ihn voll Angst, denn sie wußte wohl, daß Salvato nur die Hälfte der Summe hatte zahlen können, und sie kannte die Habsucht Mejean’s.
Lächelnd trat Salvato in das Zimmer.
»Nun, wie ist es denn?«, fragte ihn Luisa lebhaft.
»Es ist Alles in Ordnung.«
»Er hat dein Wort angenommen?«
»Nein, ich habe ihm ein Versprechen abgenommen. Du verläßt San Elmo als Marketenderin verkleidet unter dem Schutz der französischen Uniform.«
»Und Du?«
»Ich habe erst noch eine kleine Förmlichkeit zu erfüllen, so daß ich mich einen Augenblick von Dir trennen muß.«
»Welche Förmlichkeit hast Du denn zu erfüllen?« fragte Luisa voll Unruhe.
»Ich habe zu beweisen, daß, obgleich ich in Molisa geboren bin, ich in französischen Diensten stehe. Du weißt, daß nichts leichter ist, da alle meine Papiere im Palaste von Angri sind.«
»Du verläßt mich aber?«
»Nur auf einige Stunden.«
»Einige Stunden! Du sagtest doch vorhin einen Augenblick?«
»Augenblick oder Stunden. Der Teufel, wie man genau bei Dir sein muß!«
Luisa schlang die Arme um Salvato und küßte ihn zärtlich, indem sie sagte:
»Du bist ein Mann, Du bist stark, Du bist wie eine Eiche, während ich ein schwaches Rohr bin. Sobald Du Dich von mir entfernt, beuge ich mich jedem Lüftchen. Was willst Du! Deine Liebe ist Hingebung, meine Liebe aber nur Egoismus.«
Salvato drückte Luisa an sein Herz, und wie er sich auch zu bezwingen suchte, so zitterten eine eisenfesten Nerven so heftig, daß Luisa ihn erstaunt ansah.
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür, und man brachte Luisa den versprochenen Marketenderanzug.
Salvato benutzte das, um den Gedanken Luisas eine andere Richtung zu geben. Er zeigte ihr lachend die verschiedenen Kleidungsstücke, welche sie anlegen sollte, und die Toilette begann.
An dem heiteren Gesichte Luisas konnte man sehen, daß ihr augenblicklicher Verdacht vergessen war. Sie sah reizend aus in dem kurzen Rock mit den rothen Aufschlägen und in dem mit der dreifarbigen Cocarde geschmückten Hute.
Salvato ward nicht müde sie anzusehen und zu sagen: »Ich liebe Dich! ich liebe Dich! ich liebe Dich!«
Sie lächelte, und ihr Lächeln war beredter als alle Worte.
Die Stunde verging wie eine Sekunde.
Die Trommel wirbelte und das war das Zeichen, daß die englischen Grenadiere das Thor des Castells besetzten.
Unwillkürlich schauderte Salvato, und eine leichte Blässe überzog sein Gesicht.
Er warf einen Blick in den Hof, wo die Besatzung unter den Waffen stand.
»Es ist Zeit, daß wir hinabgehen,« sagte er zu Luisa, »und daß wir uns in die Reihen stellen.«
Beide begaben sich hinunter, aber auf der Schwelle blieb Salvato stehen, und überblickte zum letzten Male seufzend das Zimmer, indem er Luisa an sein Herz drückte.
Hier waren sie ja auch glücklich gewesen.
Mit den Worten: »Die Unterthanen Sr. sicilischen Majestät werden den Verbündeten überwiesen,« hatte man die Geißeln gemeint, welche Mejean anvertraut worden waren. Diese Geißeln, fünf an der Zahl, befanden sich bereits auf dem Hofe und bildeten eine Gruppe für sich.
Mejean bedeutete Salvato, sich zu ihnen zu gesellen und Luisa, sich dahinter zu stellen.
Er postierte sich so nahe als möglich, um ihr im Nothfalle sofortigen Schutz leisten zu können.
Man konnte sich nicht beklagen, denn der Oberst Mejean führte das, wozu er sich verpflichtet hatte, mit der gewissenhaftesten Genauigkeit aus.
Die Trommeln wirbelten, der Ruf »Vorwärts ! Marsch!« ertönte.
Die Reihen öffneten sich, die Geißeln nahmen ihre Plätze ein.
Die Tamboure marschierten zum Festungsthor heraus, während die ganze russische, englische und neapolitanische Armee draußen wartete.
An der Spitze derselben standen die drei Oberofficiere, der Herzog della Salandra und die Capitäne Truebridge und Bailly.
Um die Besatzung zu ehren, hielt jeder von ihnen in der einen Hand den Hut und in der andern den gezogenen Degen.
Als man den bezeichneten Ort erreicht, commandierte der Oberst Mejean: »Halt!«
Die Soldaten blieben stehen, und die Geißeln traten vor.
Dann streckten die Soldaten, wie es in der Capitulation gesagt war, die Waffen, während die Officiere ihre Degen behielten, welche sie wieder in die Scheide steckten.
Dann schritt Mejean auf die Officiere der Verbündeten zu und sagte:
»Meine Herren, kraft des 6. Artikels der Capitulation habe ich die Ehre Ihnen die Geißeln zu übergeben, welche im Castell gefangengehalten wurden.«
»Wir bestätigen hiermit, dieselben empfangen zu haben,« sagte der Herzog della Salandra, und fuhr fort, indem er die sich nähernde Gruppe betrachtete, »wir rechneten jedoch nur auf fünf und hier sind sechs.«
»Der Sechste ist keine Geißel,« sagte Salvato, »der Sechste ist ein Feind.«
Dann, als er bemerkte, daß die drei Officiere ihn fest ansahen, während Mejean, nachdem er auch einen Degen wieder in die Scheide gesteckt, sich wieder an die Spitze der Besatzung stellen wollte, sagte er mit stolzer und lauter Stimme:
»Ich bin Salvato Palmieri, neapolitanischer Unterthan, aber General in französischen Diensten.«
Luisa, welche der ganzen Scene mit dem Blick einer Liebenden gefolgt war, stieß einen Schrei aus.
»Er rennt in sein Verderben, sagte Mejean. »Warum hat er denn gesprochen? Es war doch so einfach nichts zu jagen.«
»Wenn er aber in ein Verderben rennt,« rief Luisa, »so muß ich, so will ich mit ihm zu Grunde gehn! Salvato! mein Salvato! erwarte mich.«
Und indem sie aus den Reihen stürzte, den Oberst Mejean, der ihr den Weg versperrte, auf die Seite drängte, warf sie sich dem jungen Manne in die Arme und rief:
»Ich bin Luisa San Felice, und ihm stets treu im Leben und im Tode!«
»Meine Herren, Sie hören es,« sagte Salvato. »Wir haben Sie nur um eine Gnade zu bitten, nämlich uns während der kurzen Frist, die wir noch bis zu unserem Tode haben, nicht zu trennen.«
Der Herzog della Salandra wendete sich zu den beiden anderen Officieren, als ob er sie zu Rathe ziehen wollte.
Diese betrachteten die beiden jungen Leute mit einem gewissen Mitleid.
»Sie wissen,« sagte der Herzog, »daß der König ganz ausdrücklich den Tod der San Felice befohlen hat.«
»Er hat aber nicht verboten, ihren Geliebten mit zum Tode zu verurtheilen,« bemerkte Truebridge.
»Nein.«
»Nun, dann wollen wir für die Beiden thun, was von uns abhängt, wir wollen ihnen diesen letzten Wunsch erfüllen.«
Der Herzog della Salandra gab ein Zeichen, worauf vier neapolitanische Soldaten vortraten.
»Führt diese beiden Gefangenen in das Castello Nuovo,« sagte er. »Ihr haftet mit eurem Kopf für dieselben.«
»Ist es Madame gestattet, diese Verkleidung abzulegen, und ihre Kleider wieder anzuziehen?« fragte Salvato.
»Wo sind denn diese Kleider?« fragte der Herzog.
»In dem Zimmer der Signora im Castello San Elmo.«
»Wollen Sie schwören, daß dies kein Vorwand zu einem Fluchtversuch ist?«
»Ich schwöre Ihnen, daß wir Beide in einer Viertelstunde wieder hier sein werden.«
»Dann gehen Sie, wir verlassen uns auf Ihr Wort.«
Die beiden Männer grüßten sich, und Luisa und Salvato begaben sich wieder in das Castell.
Als Luisa die Thür des Zimmers öffnete, welches sie in der Hoffnung auf Freiheit, Liebe und Glück verlassen, und welches sie wieder als Gefangene und Verurtheilte betrat, sank sie auf einen Sessel und brach in Schluchzen aus.
Salvato kniete vor ihr nieder.
»Luisa,« sagte er, »Gott ist mein Zeuge, daß ich Alles gethan habe, was nur in meiner Macht stand, um Dich zu retten. Stets hast Du Dich geweigert, mich zu verlassen und gesagt: »Wir leben oder sterben zusammen!« Wir haben zusammen gelebt, sind zusammen glücklich gewesen, und haben in wenigen Monaten mehr Freude genossen, als die Hälfte der Menschen in ihrem ganzen Leben genießen. Heute nun, wo die Stunde der Prüfung gekommen ist, fehlt es Dir wohl an Muth? Armes Kind! hast Du deine Kräfte überschätzt? Theuere Seele, hast Du Dich falsch beurtheilt?«
Luisa erhob den Kopf, welchen sie an Salvato’s Brust verborgen, schüttelte ihr langes Haar zurück, welches in ihr ins Gesicht fiel, und sah Salvato durch ihre Thränen hindurch an.
»Verzeihe mir einen Augenblick der Schwäche, Salvato,« sagte sie; »Du siehst wohl, daß ich mich nicht vor dem Tode fürchte, denn ich habe ihn ja gesucht, als ich gesehen, daß Du mich getäuscht hattest, und ohne mich sterben wolltest, geliebter Salvato. Du hast gesehen, ob ich gezögert habe, und ob der Ruf, welcher uns vereinigen sollte, auf sich hat warten lassen.«
»Theure Luisa!«
»Jetzt aber,« fuhr sie fort, »beim Anblick dieses Zimmers, bei der Erinnerung an die schönen Stunden, die wir hier verlebt, bei dem Gedanken, daß sich die Thore seines Kerkers vielleicht für uns öffnen werden, daß wir vielleicht fern und getrennt voneinander dem Tode entgegengehen, wollte mir das Herz brechen. Aber sieh, bei dem Laute deiner Stimme versiegen die Thränen, und Lächeln umspielt wieder meine Lippen. So lange Blut in unseren Adern fließt, so lange werden wir uns lieben, und so lange wir uns lieben, werden wir glücklich sein. Der Tod mag kommen, denn wenn der Tod die Ewigkeit ist, so wird er für uns ewige Liebe sein.«
»Ah, an diesen Worten erkenne ich meine Luisa,« sagte Salvato.
Dann erhob er sich, umschlang Luisa und sagte, während er sie küßte:
»Steh auf, steh auf, Römerin! Steh’ auf, Aria! Wir haben versprochen in einer Viertelstunde zurückzukommen, und wir wollen keine Secunde auf uns warten lassen.«
Luisa hatte ihren Muth wiedergewonnen. Sie legte eilig ihren Marketenderanzug ab und ihre frühere Toilette an, dann stieg sie mit der Majestät einer Königin, mit dem Schritt, welchen Virgil der Mutter des Aeneas zuschreibt, und an welchem man die Göttinnen erkennt, die Treppe hinunter, über den Hof, verließ auf Salvato’s Arm gestützt die Festung, und ging gerade auf die drei Commandanten der alliierten Armee zu.
»Meine Herren,« sagte sie mit erhabener Anmuth und melodischer Stimme, »empfangen Sie hiermit den Dank einer Frau und zugleich den Segen einer Sterbenden, – denn ich habe Ihnen bereits gesagt, daß ich in Voraus verurtheilt bin – weil Sie gestattet haben, daß man uns nicht trennte! Und wenn Sie es möglich machen können, daß man uns zusammen einkerkert, daß wir zusammen die Todesstrafe erleiden und dasselbe Schaffot besteigen dürfen, so werde ich diesen Segen noch unter dem Beil des Henkers erneuern.«
Salvato band seinen Degen los und reichte diesen Bailly und Truebridge, welche davor zurücktraten, dann dem Herzog della Salandra.
»Ich nehme ihn, weil ich dazu gezwungen bin, mein Herr,« sagte dieser; »Gott aber ist mein Zeuge, daß ich Ihnen Ihren Degen viel lieber lassen möchte. Ich will Ihnen noch mehr sagen, mein Herr, ich bin Soldat und nicht Gendarme, und da ich keinen besonderen Befehl in Bezug auf Sie erhalten —«
Dabei sah er die beiden Officiere an, welche ihm zu verstehen gaben, daß sie Alles in seinen Willen stellten.
»Wenn Sie mir die Freiheit geben, sagte Salvato, welcher wohl wußte, was die unterbrochenen Worte und das Zeichen, welches den Gedanken des Herzogs della Salandra ergänzte, bedeuteten, »wenn Sie mir die Freiheit geben, werden Sie dieselbe auch zugleich der Signora schenken?«
»Das ist unmöglich, mein Herr,« sagte der Herzog, »denn die Signora ist mit ihrem Namen vom Könige bezeichnet, sie soll vor Gericht gestellt werden. Ich selbst wünsche aber von ganzem Herzen, daß man sie nicht verurtheilt.«
Salvato verneigte sich und sagte:
»Was sie für mich gethan, das thue ich auch für sie, und unser Schicksal ist im Tode wie im Leben eins.«
Und Salvato küßte die, mit der er sich für die Ewigkeit verlobte, auf die Stirn.
»Signora,« sagte der Herzog della Salandra, »ich habe einen Wagen kommen lassen, so daß Ihnen die Unannehmlichkeit erspart bleibt, durch die Straßen Neapels zwischen vier Soldaten gehen zu müssen.«
Luisa machte eine Geberde des Dankes.
Sie und Salvato begaben sich dann unter dem Geleit von vier Soldaten den Weg des Petrajo hinunter, bis sie den Vico da Santa Maria-Apparente erreichten. Hier erwartete sie ein Wagen, um welchen eine Menge Neugieriger sich versammelt hatte.
Gleich vorn unter der Menge stand ein Mönch des Sanct-Benedictinerordens.
In dem Augenblick, wo Salvato an ihm vorüberging, hob der Mönch seine Capuze.
Salvato zuckte zusammen.
»Was fehlt Dir denn?« fragte Luisa.
»Mein Vater,« murmelte ihr Salvato ins Ohr; »noch ist nichts verloren!«
Drittes Capitel.
Der Krokodilgraben
Wenn man im Castello Nuovo den Kerker zu sehen verlangt, welcher der Krokodilgraben heißt, so zeigt der Kerkermeister zuerst das Skelett des riesenhaften Sauriers, von welchem der Kerker den Namen hat, und welchen man der Sage nach hier gefangen. Dann muß man unter der Thür hinweggehen, über welcher das Gerippe sich befindet, dann wird man vom Kerkermeister an eine enge Thür geführt, durch welche man auf eine Treppe von zweiundzwanzig Stufen gelangt, und welche zu einer dritten, massiven, eichenen, mit Eisen beschlagenen Thür führt, durch welche man in eine tiefe und dunkle Höhle gelangt.
In diesem Grab, dem ruchlosen Werk von Menschen, in welchem sie die lebendigen Leichname ihrer Mitmenschen begraben wollen, stößt man sich an einem Granitblock, den man nicht anders fassen kann, als bei der eisernen Stange, die seine Axe bildet. Dieser Granitblock schließt die Mündung eines Brunnens, welcher mit dem Meere in Verbindung steht. In stürmischen Tagen schleudern nun die aufgeregten und tobenden Wellen ihren Schaum durch die Ritzen des schlecht eingesenkten Steines, so daß das salzige Wasser in die Höhle strömt und den Gefangenen bis in den äußersten Winkel seines Kerkers verfolgt.
Durch diese Oeffnung des Abgrundes, sagt die düstere Legende, erschien das scheußliche Unthier, welches dem Graben den Namen gegeben, aus dem Schooße des Meeres hervorkommend.
Fast immer fand es in dem Kerker eine menschliche Beute, und nachdem es dieselbe verschlungen, stürzte es sich wieder in den Abgrund.
Hier herein, sagt die Volkssage, warfen die Spanier die Frau und die vier Kinder Masaniellos, jenes Königs der Lazzaroni, welcher Neapel befreien wollte, und welcher auf seinem Throne ebenso schwindelig ward wie Caligula oder Nero.
Den Vater und Gatten hatte das Volk verschlungen, das Krokodil, welches dem Volke sehr ähnlich ist, verschlang die Mutter mit ihren Kindern.
Der Commandant vom Castello Nuovo befahl, daß man Salvato und Luisa in diesen Kerker bringen sollte.
Beim Scheine einer Lampe, welche von der Decke herabhing, sahen die beiden Liebenden mehrere Gefangene, welche bei ihrem Eintritt in ihrer Unterhaltung innehielten und ängstliche Blicke auf die Ankömmlinge warfen. Da aber ihre Augen mehr an das Halbdunkel des Kerkers gewöhnt waren, so erkannten sie Luisa und Salvato bald, und empfingen sie mit einem Rufe der Freude und zugleich des Mitleids. Ein Mann warf sich Luisa zu Füßen, eine Frau an ihre Brust, drei Gefangene umgaben Salvato und ergriffen seine Hände, und bald bildeten Alle eine Gruppe, aus deren verworrenen Ausrufen schwer zu erkennen war, ob mehr die Freude als der Schmerz dieselben eingab.
Der Mann, welcher sich Luisa zu Füßen geworfen, war Michele, die Frau, welche an ihrem Halse hing, Eleonora Pimentel, die drei Gefangenen, welche Salvato umringten, waren Domenico Cirillo, Manthonnet und Velasco.
»Ach, arme, liebe kleine Schwester!« rief Michele, »wer hätte uns gesagt, daß die Hexe Nanno so richtig und wahr die Zukunft voraussagte?«
Luisa mußte unwillkürlich schaudern, mit einem traurigen Lächeln ließ sie die Hand über ihren so zarten, durchsichtigen Hals gleiten, und schüttelte dabei mit dem Kopf, als ob sie sagen wollte, daß er dem Henker nicht viele Mühe machen würde.
Ach! sie täuschte sich sogar in dieser letzter Hoffnung.
Die Aufregung, welche unter den Gefangenen durch Salvatos und Luisa’s Ankunft entstanden, hatte sich noch nicht gelegt, als die Thür sich wieder öffnete, und auf der düsteren Schwelle ein Mann von hohem Wuchs erschien, welcher das Costüm eines Generals der Republik trug, wie schon Manthonnet es getragen.
»Zum Teufel,« sagte er, als er eintrat, »ich fühle mich versucht mit Jugurtha zu sagen: Die Bäder Roms sind nicht warm.«
»Hektor Caraffa!« riefen zwei oder drei Stimmen.
»Domenico Cirillo! Velasco! Manthonnet! Salvato! Auf alle Fälle ist hier bessere Gesellschaft wie in dem mamertinischen Gefängniß. Ihr Diener, meine Damen! Ah! die Signora Pimentel! Die Signora San Felice! Hier ist ja Alles beisammen: Wissenschaft, Muth, Poesie, Liebe und Musik. Wir werden nicht Zeit zur Langweile haben.«
»Ich glaube gar nicht, daß man uns überhaupt Zeit dazu lassen wird,« sagte Cirillo mit seiner weichen, traurigen Stimme.
»Aber wo kommst Du denn her, mein lieber Hektor?« fragte Manthonnet. »Ich glaubte, Du seiest schon weit von uns entfernt, und hinter den Mauern von Pescara in Sicherheit.«
»Ich bin auch wirklich dort gewesen,« sagte Hektor. »Ihr habt aber capituliert. Der Cardinal Ruffo schickte mir eine Abschrift eurer Capitulation, und schrieb mir, zu thun, was Ihr gethan. Zu derselben Zeit schrieb mir auch der Abt Pronio, mich unter denselben Bedingungen zu ergeben, indem er mir nicht nur das Leben, sondern auch Ermächtigung versprach, mich nach Frankreich zu begeben. Ich hielt es nicht für entehrend, zu thun, was Ihr gethan, ich unterzeichnete die Capitulation und übergab die Stadt, wie Ihr die Castelle übergeben. Am nächsten Morgen kam der Abt den Kopf hängend zu mir, und wußte nicht, wie er mir die Nachricht beibringen sollte, denn diese war allerdings keine gute. Der König hatte ihm geschrieben, daß, da er mit mir ohne Vollmacht unterhandelt hatte, er mich an Händen und Füßen gebunden ausliefern sollte, wenn er nicht mit seinem Kopfe für meinen büßen wollte. Pronio aber hielt auf seinen Kopf, obgleich derselbe nicht schön war, erließ mich an Händen und Füßen binden und mich auf einem Karren nach Neapel schaffen, wie man ein Kalb zu Markte schleppt. Erst im Castello Nuovo, nachdem sich die Thür hinter mir geschlossen, hat man mich meiner Bande entledigt und hierhergeführt. Das ist meine Geschichte, und jetzt ist die Reihe des Erzählens an Euch.«
Ein Jeder erzählte nun seine Geschichte. Luisa und Salvato begannen. Wir kennen ihre Geschichte, wie auch die Cirillo’s, Velascos, Manthonnets und Eleonora Pimentel’s. Alle waren im Vertrauen auf die Verträge in die Felucken gestiegen, wo sie Nelson jedoch zu Gefangenen gemacht.
»Ich habe Euch eine gute Nachricht mitzutheilen,« sagte Ettore Caraffa, als Alle mit dem Erzählen fertig waren, »Nicolino ist gerettet.«
Ein Freudenschrei entschlüpfte Allen, und man verlangte Genaueres zu hören.
Man wird sich erinnern, daß Salvato, vom Cardinal Ruffo benachrichtigt, Nicolino beauftragt hatte, dem Admiral mitzutheilen, daß sein Leben in Gefahr sei. Nicolino hatte den Pachthof erreicht, auf welchem ein Onkel sich verborgen, jedoch eine Stunde nach der Gefangennahme des Letzteren. Er erfuhr den Verrath des Pächters und hatte sich weiter nicht aufgehalten, sondern zu Ettore Caraffa begeben. Dieser hatte ihn bei sich in Pescara aufgenommen, wo er Theil an der Vertheidigung der Stadt in der letzten Zeit genommen, aber als man sich dem Abte Pronio ergeben wollte, hatte Nicolino kein rechtes Vertrauen in die Sache, sondern verkleidete sich als Bauer und gewann das Gebirge. Von den sechs Verschworenen, welche wir im Schlosse der Königin Johanna zu Anfang unserer Erzählung gesehen haben, war er der Einzige, welcher der Reaction nicht in die Hände fiel.
Diese gute Nachricht erfreute denn die Gefangenen auch sehr, dann aber waren sie auch, wie wir bereits gesagt haben, sehr glücklich, vereinigt zu sein. Allem Anscheine nach würde man sie wohl auch zusammen verurtheilen und hinrichten. Den Girondisten war dasselbe Glück zu Theil geworden und man weiß, daß sie es zu benutzen gewußt hatten.
Man brachte das Abendbrot für Alle und Matratzen für die neuen Ankömmlinge. Während des Essens machte Cirillo seine drei neuen Gefährten mit den Gebräuchen und Gewohnheiten im Gefängnisse bekannt, welches er nun bereits dreizehn Tage und dreizehn Nächte bewohnte.
Die Gefängnisse waren überfüllt, der König selbst gab ja in einem seiner Briefe, wie wir gesehen haben, achttausend Gefangene an.
Jeder dieser Cirkel der Hölle, die gut zu beschreiben es eines Dante bedürfte, besaß eine besonderen Teufel, welche die Verurtheilten quälen mußten.
Sie mußten ihnen die schwersten Ketten anlegen, ihren Durst erregen, die Fastenzeiten verlängern, fast alles Licht entfernen, die Speisen besudeln, und während sie das Leben in eine grausame Plage verwandelten, die Gefangenen doch am Sterben hindern.
Und wirklich sollte man meinen, daß die Gefangenen unter den Martern, welche den schimpflichen Todesstrafen vorausgingen, den Selbstmord wie einen rettenden Engel angefleht hätten.
Drei- bis viermal kam man in der Nacht unter dem Vorwande der Durchsuchung in die Kerker, und weckte die, welche schlafen konnten. Alles war verboten, nicht nur Messer und Gabeln, sondern auch Gläser, denn man sagte, daß man sich mit einem Glasscherben die Adern öffnen könnte. Ebenso verboten waren auch Tischtücher und Servietten, da man sie zerschneiden, zusammendrehen und sich ihrer dann als Stricke, ja sogar als Leiter bedienen könnte.
In der Geschichte sind die Namen von dreien dieser Quälgeister erhalten geblieben.
Einer war ein Schweizer, Namens Dunce, welcher zur Entschuldigung seiner Grausamkeit angab, daß er eine zahlreiche Familie zu ernähren habe.
Der zweite war ein Oberst von Gambs, ein Deutscher, welcher unter Mack gestanden hatte und wie dieser geflohen war.
Der dritte endlich war unser alter Bekannter, Scipio Lamarra, der Fahnenträger der Königin, welchen diese dem Cardinal so warm empfohlen, und welcher seiner königlichen Beschützerin dadurch Ehre gemacht, daß er Caracciolo durch Verrath festgenommen und an Bord des »Donnerers« gebracht hatte.
Die Gefangenen aber hatten sich vorgenommen, daß sie ihren Henkern nicht die Freude machen wollten, sich an ihren Qualen weiden zu können. Kamen sie am Tage, so setzten sie ihre Unterhaltung fort, indem sie auf den Befehl der Visitatoren nur die Plätze wechselten, während Velasco, ein entzückender Musiker, dem man gestattet seine Guitarre mit sich zu nehmen, die Haussuchungen mit den fröhlichsten Melodien und heitersten Gesängen begleitete. Kamen die Quäler in der Nacht, so erhob sich ein jeder, ohne zu klagen oder zu murren, und das geschah schnell, da jeder sich angekleidet niederlegte, weil er ja nur eine Matratze zum Lager hatte.
Unterdessen verwandelte man mit der größten Geschwindigkeit das Kloster Monte Oliveto in ein Tribunal. Dieses Kloster war 1411 von Luzella d’Origlia, dem Günstling des Königs Ladislaus, gegründet worden; Tasso hatte hier ein Asyl gefunden und zwischen dem Gefängniß und dem Wahnsinn eine Rast gemacht. Die Angeklagten sollten hier eine Rast zwischen dem Gefängniß und dem Tode machen.
Die Rat war eine kurze, und der Tod ließ nicht lange auf sich warten. Die Staatsjunta handelte nach dem sicilischen Gesetzbuch, das heißt nach dem alten Verfahren der sicilichen rebellischen Barone. Man nahm, um es anzuwenden, ein Gesetz aus dem Gesetzbuch Rogers, und vergaß, daß Roger, weniger eifersüchtig auf seine Gerechtsame als der König Ferdinand, nicht erklärt hatte, daß ein König nicht mit seinen rebellischen Unterthanen unterhandle, sondern im Gegentheil nicht nur einen Vertrag mit den Bewohnern von Bari und Trami, welche sich gegen ihn empört hatten, unterzeichnet und denselben auch genau erfüllt hatte.
Dieses Verfahren, welches dem des »schwarzen Zimmers« sehr ähnelte, war schrecklich, da dasselbe den Angeklagten durchaus keine Sicherheit bot. Die Anklagen und Spionagen galten so viel wie Beweise, und die Ankläger und Spione so viel wie Zeugen. Wenn der Richter es für gut fand, so kam die Tortur der Rache zu Hilfe, und unterstützte dieselbe, denn Kläger und Vertheidiger waren Männer der Junta, das heißt Männer des Königs, aber nie Männer der Angeklagten.
Ueberdies wurden die Belastungszeugen im Geheimen verhört, ohne den Angeklagten gegenübergestellt zu werden, so daß die Entlastungszeugen nicht ein Gegengewicht ausüben konnten, da sie weder öffentlich noch im Geheimen gefordert wurden, und so mußten die Angeklagten die Last der Anklage allein tragen, wie sie auch der Gnade der Richter vollständig überlassen waren.
Das Urtheil, welches von der Gewissenhaftigkeit derjenigen abhing, welche mit dem Ausspruch beauftragt wurden, stand immer unter der verderblichen Willkür des königlichen Hasses, ohne daß der Angeklagte appellieren durfte, ohne daß ihm Frist gestattet ward, ohne daß er von irgendwo Hilfe erwarten durfte. Der Galgen stand an der Thür des Tribunals, das Urtheil ward während der Nacht gefällt, den folgenden Morgen verkündet und am nächsten Tage vollstreckt. Vierundzwanzig Stunden geistliche Vorbereitung, dann das Schaffot.
Für die, welchen der König sich gnädig erwies, blieb die Grube von Favignana, das heißt ein Grab.
Ehe der Reisende, welcher von Ost nach West wandert, Sicilien erreicht, sieht er zwischen Marsala und Trapani aus dem Meere eine Klippe aufsteigen, welche von einem Castell überragt wird. Das ist das Agusa der Römer, eine verhängnißvolle Insel, welche schon zur Zeit der heidnischen Kaiser ein Gefängniß war. Eine in den Felsen gehauene Treppe führt vom Gipfel nach einer Höhle, welche mit dem Meere in gleicher Ebene liegt. Ein unheimliches Licht fällt herein, welches nie von einem Sonnenstrahl erwärmt wird, und von der gewölbten Decke tröpfelt eisiges Wasser, ein ewiger Regen, welcher den härtesten Granit zernagt und den kräftigsten Menschen tödtet.
Dieser Graben, dieses Grab, diese Gruft, das war die Huld des Königs von Neapel. Doch wir wollen zu unserer Erzählung zurückkehren.
Wir haben gesehen, daß an dem Abende, wo der Beccajo, welcher Salvato gefangen hielt, den Henker bis in seiner Höhle suchte, damit er ihn hängen sollte, Meister Donato den Gewinn ausrechnete, den ihm die zahlreichen Hinrichtungen einbringen würden, die er nothwendiger Weise zu vollziehen hatte.
Auf diesem Gewinn beruhte die Mitgift von dreihundert Ducaten, welche er seiner Tochter an dem Tage zu geben versprach, wo sie Giovanni, den ältesten Sohn des alten Fischers Basso Tomeo, heiraten würde.
Meister Donato hatte auch darüber eine Freude an den Tag gelegt, welche nur die des alten Basso Tomeo gleichkam, als er sah, wie in Folge der treulosen Nichterfüllung der Verträge die Kerker sich mit Angeklagten füllten, und als er aus dem Munde des Königs selbst vernahm, daß er den Rebellen durchaus keine Gnade widerfahren lassen würde.
Es waren achttausend Gefangene, und der niedrigsten Annahme nach standen wenigstens viertausend Hinrichtungen in Aussicht.
Viertausend Hinrichtungen, deren jede mit zehn Ducaten bezahlt ward, gaben also vierzigtausend Ducaten, und das waren zweimalhunderttausend Francs.
So saßen denn Meister Donato und sein Gevatter, der Fischer Basso Tomeo, in den ersten Tagen des Juli an demselben Tisch, wo wir sie schon haben sitzen sehen, leerten eine Flasche Wein von Capri, da sie glaubten sich diesen Extragenuß unter den obwaltenden Umständen gestatten zu dürfen, und rechneten an den Fingern aus, was das Minimum der Hinrichtungen wohl einbringen könnte.
Dieses Minimum konnte zur großen Befriedigung Beider nicht weniger als dreißig- bis vierzigtausend Ducaten einbringen.
Zu Gunsten dieser bedeutenden Summe, und wenn man sie erreichte, versprach Meister Donato die Mitgift bis auf sechshundert Ducaten zu erhöhen.
Meister Donato gestand eben diese Bewilligung zu, und war vielleicht in Folge der guten Laune, in welche ihn die Aussicht auf Galgen und Schaffot, die sich in eben so weite Ferne verlor wie die Sphinxstraße in Theben, versetzt hatte, eben im Begriff noch mehr zu gewähren, als die Thür sich öffnete und ein Gerichtsdiener der Vicaria, im Halbdunkel verborgen, fragte:
»Meister Donato?«
»Tretet näher,« erwiederte dieser, da er nicht wußte, mit wem er es zu thun hatte, und von der Heiterkeit mit fortgerissen ward, in welche ihn seine Berechnungen und der Genuß des Weines versetzt.
»Tretet Ihr selbst näher,« sagte der Gerichtsdienerin befehlendem Tone, »denn ich brauche mir nichts von Euch befehlen zu lassen, sondern Ihr müßt einen Befehl von mir entgegennehmen.«
»Oho, oho!« sagte Vater Basso Tomeo, welcher gewöhnt war im Finstern zu sehen, »es ist mir, als ob ich eine silberne Kette auf einem schwarzen Kleide glänzen sehe.«
»Gerichtsdiener der Vicaria,« antwortete hierauf die Stimme.
»Ich komme im Namen des Fiscalprocurators. Ihr habt es mit ihm auszumachen, wenn Ihr ihn warten läßt.«
»Geht schnell, schnell, Gevatter,« sagte Basso Thomeo. »Es kommt mir vor, als ob hier nicht zu spaßen wäre.«
Und er fing an die Tarantella zu dingen, welche mit dem poetischen Vers beginnt:
»Polichinello hat drei Schweine . . .«
»Hier bin ich!« rief Meister Donato, indem er schnell vom Tisch aufstand und nach der Thür lief.
»Wie Sie gesagt haben, Excellenz, Monsignore Guidobaldi darf man nicht warten lassen.«
Und ohne sich die Zeit zu nehmen, seinen Hut aufzusetzen, eilte Meister Donato dem Gerichtsdiener der Vicaria nach.
Der Weg von der Straße der Seufzer des Abgrundes nach der Vicaria ist kurz.
Die Vicaria ist das alte Castell Capuano. Während der neapolitanischen Revolution spielte sie dieselbe Rolle wie die Conciergerie in der französischen Revolution, die diente den Verurtheilten zur Rast zwischen der Verurtheilung und dem Tode.
Hier wurden die Verurtheilten, um uns des in Neapel geheiligten Ausdrucks zu bedienen, in die Capelle gebracht.
Diese Capelle, die nichts Anderes als der Betsaal des Gefängnisses ist, war seit der Hinrichtung von Emmanuele de Deo, von Galiani und Vitagliano nicht benutzt worden.
Der Fiscalprocurator Guidobaldi begab sich daher in dieselbe, um sie zu untersuchen und Reparaturen vornehmen zu lassen.
Er mußte sehen, ob die Schlösser, Riegel und die in dem Fußboden befestigten Ringe fest und von einer Haltbarkeit seien, der man Alles bieten konnte.
Da er einmal hier war, dachte er zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, und ließ den Scharfrichter holen.
Während unseres Aufenthaltes in Neapel haben wir mit einer gewissen religiösen Ehrfurcht diese Capelle betreten, wo Alles bis auf das große Altarbild, welches man entfernt hat, noch in demselben Zustande wie damals sich befindet.
Sie erhebt sich im Mittelpunkte des Gefängnisses und man gelangt hinein, nachdem man zwei oder drei eiserne Gitterthore durchschritten.
Man muß zwei Stufen hinaufsteigen, ehe man in die wirkliche Capelle, das heißt in das Zimmer kommt, wo der Altar steht. Dieses Zimmer erhält ein Licht durch ein niedriges Fenster, welches mit dem Fußboden in gleicher Höhe liegt und mit zwei Eisenstäben vergittert ist.
Wenn man vier oder fünf Stufen heruntersteigt, so gelangt man aus diesem Zimmer in ein anderes, in welchem die Verurtheilten die letzten vierundzwanzig Stunden ihres Lebens zubrachten.
Starke eiserne, in dem Fußboden befestigte Ringe bezeichnen den Ort, wo die Verurtheilten auf ihren Matratzen dem Todeskampf entgegenharrten.
Ihre Ketten waren an den Ringen angeschmiedet.
Auf einer Mauer befand sich damals und befindet sich heute noch ein großes Frescogemälde, welches Christum am Kreuze und die vor ihm knieende Maria darstellt.
Hinter diesem Zimmer befindet sich ein kleines Cabinet, welches mit demselben in Verbindung steht, aber auch einen besonderen Eingang hat.
Durch diesen Eingang werden die weißen Büßer in das Cabinet geführt, welche die Verurtheilten im Augenblicke des Todes begleiten, ermuthigen und trösten wollen.
Unter dieser Verbrüderung, deren Glieder sich »Bianchi« nennen, gibt es Priester und Laien. Die Priester hören die Beichte, ertheilen die Absolution und das Abendmahl, also die letzten Sacramente, die letzte Oelung ausgenommen.
Diese ist nur für die Kranken bestimmt, und da die Verurtheilten nicht krank sind, sondern »durch Zufall« sterben sollen, so können sie auch nicht die letzte Oelung empfangen, welche das Sacrament des Todeskampfes ist.
Nachdem diese Büßer das Cabinet betreten, wo sie das lange weiße Gewand anlegen, wovon sie den Namen »Bianchi« haben, verlassen sie den Verurtheilten erst, nachdem sein Körper in das Grab gelegt ist.
Sie bleiben während der Zeit von der Gefangenschaft bis zum Tode stets bei ihm. Auf dem Schaffot legen sie ihm die Hand auf die Schulter, um ihm Zeit zu geben, noch eine letzte Mittheilung zu machen, und der Henker darf ihn nicht eher berühren, als bis sie die Hand erheben und sagen:
»Dieser Mann gehört Euch.«
Nach dieser letzten Station auf dem Wege zum Tode führte der Gerichtsdiener der Vicaria den Meister Donato.
Dieser ging in die Vicaria, die links liegende Treppe, welche nach dem Gefängniß führt, hinauf, einen langen, zwischen Kerkern hinführenden Corridor entlang, durch zwei Gitterthore, stieg wieder eine Treppe hinauf, passierte ein drittes Gitterthor, und befand sich an der Thür der Capelle.
Er trat ein. Das erste Gemach, also die eigentliche Capelle, war leer. Er begab sich in das zweite, und erblickte den Fiscalprocurator, welcher die Thür der »Bianchi« mit zwei Schlössern und drei Riegeln verwahren ließ.
Donato blieb unten an der Treppe stehen und wartete ehrfurchtsvoll, bis der Fiscalprocurator ihn bemerken und anreden würde.
Einen Augenblick darauf drehte sich der Fiscalprocurator um, und erblickte den, welchen er hatte holen lassen.
»Ah, da seid Ihr ja, Meister Donato,« sagte er.
»Bereit Ihre Befehle auszuführen, Excellenz,« erwiederte der Scharfrichter.
»Ihr wißt wohl, daß wir nicht wenig Hinrichtungen zu vollstrecken haben?«
»Ja wohl,« erwiederte Meister Donato mit einer Grimasse, die ein Lächeln sein sollte.
»Deßwegen wünschte ich, daß wir, noch ehe angefangen würde, uns über den Preis verständigten, den Ihr dafür verlangt.«
»Nun, das ist sehr einfach, Excellenz,« erwiederte Donato mit unbefangener Miene. »Ich bekomme sechshundert Ducaten festen Gehalt und bei jeder Hinrichtung eine Prämie von zehn Ducaten.«
»Das wäre einfach! Zum Teufel! Das kommt wohl Euch blos so vor, ich finde das durchaus nicht einfach.«
»Warum denn nicht?« fragte Donato mit einem leichten Anflug von Angst.
»Weil man, wenn man bedenkt, daß viertausend Hinrichtungen, von denen jede mit zehn Ducaten bezahlt wird, vierzigtausend Ducaten geben würden, ohne daß man den festen Gehalt dabei berechnet, beinahe das Doppelte von dem, was das ganze Tribunal, vom Schreiber bis zum Präsidenten einnimmt, bezahlen müßte.«
»Das ist wahr, sagte Donato, »aber ich ganz allein verrichte, was sie Alle zusammen verrichten, und meine Arbeit ist viel schwerer, da jene nur verurtheilen, während ich hinrichten muß.«
Der Fiscalprocurator, welcher eben probierte, ob einer der Ringe fest im Fußboden sei, richtete sich auf, rückte die Brille auf die Stirn und betrachtete Meister Donato.
»Ah! ah!« sagte er, »das ist eure Meinung, Meister Donato. Es ist aber doch zwischen Euch und den Richtern ein Unterschied, nämlich der, daß die Richter unabsetzbar sind, während Ihr dagegen abgesetzt werden könnt.«
»Ich? Warum soll ich denn aber abgesetzt werden? Habe ich mich denn je geweigert, meine Pflicht zu erfüllen?«
»Man klagt Euch an, daß Ihr lau für die gute Sache geworden seiet.«
»Ah, ich, der ich die ganze Zeit während der sogenannten Republik die Hände in den Schooß gelegt habe!«
»Weil diese dumm genug gewesen ist, Euch nichts zu thun zu geben. Auf alle Fälle merkt Euch, daß vierundzwanzig Anklagen gegen Euch vorliegen, und mehr als zwölfhundert Bittschriften, in denen man um eure Stelle anhält.«
»O heilige Madonna del Carmine! was sagen Sie da, Excellenz?«
»Und die Anderen wollen alle eure Stelle ohne Vermehrung des Gehaltes, ohne Prämien, sondern nur mit festem Gehalt annehmen.«
»Excellenz, denken Sie doch aber an die Arbeit, welche ich zu thun habe.«
»Diese wird die Zeit aufwiegen, wo Du nichts gethan hast.«
»Eure Excellenz kann doch aber nicht einen armen Familienvater zu Grunde richten wollen?«
»Dich zu Grunde richten? Wie kommst Du denn auf diesen Gedanken? Will ich denn etwas davon haben? Und übrigens ist meiner Ansicht nach ein Mann noch nicht ruiniert, der achthundert Ducaten Gehalt bezieht.«
»Erstens beziehe ich nur sechshundert,« erwiederte Meister Donato lebhaft.
»Die Junta legt Dir aber in Betracht der Verhältnisse zweihundert Ducaten zu.«
»Ach, Herr Fiscalprocurator, Sie wissen wohl, daß das nicht billig ist.«
»Ich weiß nicht, ob es billig ist,« sagte Guidobaldi, dem die Erörterung langweilig zu werden begann, »ich weiß nur, daß Du es annehmen oder lassen kannst.«
»Bedenken Sie doch aber, Excellenz —«
»Du willst also nicht?«
»O ja, o ja!« rief Meister Donato, »ich wollte Sie nur bitten, doch zu bedenken, daß ich eine Tochter habe, welche heiraten will, daß unsere Kinder schwer abzusetzen sind, und daß ich auf die Rückkehr unseres vielgeliebten Königs gehofft, um meine arme Marina auszustatten.«
»Ist deine Tochter hübsch?«
»Ja, sie ist das schönste Mädchen in Neapel.«
»Nun, die Junta wird ein Opfer bringen, und Dir einen Ducaten von jeder Hinrichtung zur Aussteuer deiner Tochter bewilligen. Nur muß sie das Geld selbst holen.«
»Wo denn?«
»Bei mir.«
»Das wird eine große Ehre sein, Excellenz, aber es thut nichts!«
»Was denn?«
»Ich bin ein ruinierter Mann, weiter ist nichts.«
Und Meister Donato begab sich unter Seufzern, welche jeden Andern als einen Fiscalprocurator hätten erweichen können, nach seinem Hause, wo ihn Basso Tomeo und Marina erwarteten; Ersterer voll Ungeduld und die Letztere voll Angst.
Die für Meister Donato so schlimme Nachricht war für Marina und Basso Tomeo gut, da sie, wie die Mehrzahl der Neuigkeiten in der Welt, nach dem philosophischen Gesetz der Ausgleichung den Einen Schmerz, den Anderen Freude bereitete.
Um jedoch die eheliche Empfindlichkeit Giovanni’s zu schonen, sagte man ihm nichts von dem Artikel des Vertrags, welchem zufolge sein Vater mit dem Fiscalprocurator ausgemacht, daß Marina selbst das Geld holen sollte.
Viertes Capitel.
Die Hinrichtungen
Der König verließ Neapel oder vielmehr die Spitze des Pausilippo, da er, wie wir gesagt haben, es nicht gewagt hatte, wenigstens einmal während seines achtundzwanzigtägigen Aufenthaltes im Golfe sich nach Neapel zu begeben, am 6. August gegen Mittag.
Wie man aus dem folgenden an den Cardinal gerichteten Brief sehen kann, war die Ueberfahrt gut, und kein Leichnam wie der Caracciolos stieg vor seinem Schiffe aus dem Meere auf.
Folgendes war der Brief des Königs:
»Palermo, am 6. August 1799.
»Eminentissime!
»Ich will keinen Augenblick zögern, und Ihnen meine glückliche Ankunft in Palermo melden. Wir erfreuten uns der glücklichsten Ueberfahrt von der Welt, denn am Dienstag Früh um elf Uhr waren wir noch am Pausilippo, und heute um zwei Uhr haben wir im Hafen von Palermo bei ausgezeichnetem Winde geankert, während das Meer einem See glich. Ich habe meine ganze Familie in vollkommener Gesundheit angetroffen, und bin empfangen worden, wie Sie es sich denken können. Geben Sie mir Ihrerseits gute Nachrichten über unsere Angelegenheiten. Schonen Sie sich, und seien Sie versichert, daß ich stets bleibe
»Ihr wohlgeneigter
»Ferdinand B.«
Der König aber hatte nicht abreisen wollen, ohne die Junta ihr Amt ausüben und den Henker thätig zu sehen. Am 6. August, also am Tage seiner Abreise, hatten die Hinrichtungen schon lange begonnen, und bereits waren sieben Opfer auf dem Altar der Rache gefallen.
Wir wollen hier die Namen dieser sieben ersten Märtyrer nennen und sagen, wo sie hingerichtet wurden:
An der Porta Capuana:
Am 6. Juli. – Domenico Perla.
Am 7. Juli. – Antonio Tramaglia.
Am 8. Juli. – Giuseppe Lotella.
Am 13. Juli. – Michelangelo Ciccone.
Am 14. Juli. – Nicola Carlomagno.
Auf dem Altmarkt:
Am 20. Juli. – Andrea Vitagliano.
Im Castello del Carmine:
Am 3. August. – Gaetano Rossi.
Ich habe Domenico Perlas Namen nur auf der Liste der Verurtheilten gelesen, und mich vergebens bemüht, zu erfahren, wer er war, und welches Verbrechen er begangen. Die Undankbarkeit des Schicksals erstreckte sich sogar so weit, daß sein Name nicht einmal im Buch der »Märtyrer der italienischen Freiheit« von Otto Vanucci verzeichnet steht.
Ueber den Zweiten, also Tramaglia, haben wir weiter nichts als die einfachen Worte gefunden: »Antonio Tramaglia, Officier.«
Der Dritte, Giuseppe Lotella, war ein armer Speisewirth, welcher sich nahe am Theater der Florentiner etabliert hatte.
Der Vierte, Michelangelo Ciccone, ist ein alter Bekannter von uns; man wird sich des patriotischen Priesters erinnern, welchen Domenico Cirillo holen ließ, damit er die Beichte des Häschers hören möge. Er hatte sich, wie wir gesagt zu haben glauben, durch seine freisinnigen Predigten unter freiem Himmel berühmt gemacht. Er hatte fast neben allen Bäumen der Freiheit Kanzeln errichten lassen, und mit dem Crucifix in der Hand erzählte er im Namen des ersten Märtyrers der Freiheit, für die auch er sterben wollte, die entsetzlichen Gräueltaten des Despotismus, indem er seine Predigten besonders auf das stützte, was Christus und die Apostel stets in Bezug auf Freiheit und Gleichheit verkündigt.
Der Fünfte, Nicola Carlomagno, war Commissär der Republik gewesen. Als er das Schaffot bestiegen, und während man den Strick zurechtlegte, womit er erwürgt werden sollte, warf er noch einen Blick auf die fröhliche und dichtgedrängte Menschenmenge, welche ihn umgab, indem er mit lauter Stimme rief:
»Verblendetes Volk, Du freust Dich heute über meinen Tod, aber es wird der Tag kommen, wo Du ihn mit bitteren Thränen beweinen wirst, denn mein Blut wird über Euch Alle, und wenn Euch das Glück des Todes zu Theil geworden, über eure Kinder kommen!«
Andrea Vitagliano, der Sechste, war ein schöner, liebenswürdiger junger Mann von achtundzwanzig Jahren, den man nicht mit jenem anderen Märtyrer der Freiheit verwechseln darf, welcher vor vier Jahren auf demselben Schaffot starb, wo Emmanuele de Deo und Galiano starben.
Als er das Gefängniß verließ, um die Todesstrafe zu erleiden, sagte er zum Kerkermeister, indem er ihm das wenige Geld gab, welches er bei sich trug:
»Ich empfehle Dir meine Gefährten, sie sind Männer wie Du, und vielleicht bist Du eines Tages auch so unglücklich, wie sie es sind.«
Und lächelnd ging er dem Tode entgegen, lächelnd bestieg er das Schaffot, und lächelnd starb er.
Der Siebente, Gaetano Rossi, war Officier, aber da er im Innern des Castello del Carmine hingerichtet ward, so hat man nichts Näheres über seinen Tod erfahren.
In einer einzigen Bibliothek hätten wir seltsame Einzelheiten über unbekannte Hinrichtungen erhalten können, nämlich im Archiv der »Bianchi, welche, wie wir bereits gesagt, die Verurtheilten auf das Schaffot begleiten, da aber diese Brüderschaft gänzlich der gefallenen Dynastie ergeben ist, so hat sie uns jede Auskunft verweigert.
Nachdem diese ersten Häupter gefallen, und diese ersten Körper auf den Galgen gehängt waren, fand elf Tage lang keine Hinrichtung in Neapel statt. Vielleicht erwartete man Nachrichten aus Frankreich.
Unsere Sache war in Italien noch nicht ganz verloren. Wie wir gesagt haben, war Championnet, in Folge der Revolution vom 20. Prairial wieder an die Spitze der Armee der Alpen gestellt worden, und hatte einen glänzenden Sieg errungen. Nun aber war der Name Championnet’s der Schrecken Neapels, und man hatte ihn so schnell von Civita Castellane nach Capua kommen sehen, daß man glaubte, er würde kaum das Doppelte der Zeit brauchen, um von Turin nach Neapel zu gelangen.
Einige Stimmen nannten bereits den Namen Bonaparte.
Die Königin sagte selbst in einem ihrer Briefe, den wir angeführt zu haben glauben, in Bezug auf die französische Flotte, welche Sicilien bedrohte, daß diese ohne Zweifel den Zweck hätte, Bonaparte aus Egypten zu holen. Die Königin hatte Recht. Nicht das Directorium allein dachte an Bonapartes Rückkehr, sondern auch sein Bruder Joseph schrieb ihm, um ihm den Zustand unserer Armeen in Italien zu schildern, und ihn zur Rückkehr nach Frankreich anzutreiben.
Dieser Brief war Bonaparte bei der Belagerung von Saint-Jean-Acre von einem Griechen Namens Barbaki überbracht worden, dem man dreißigtausend Francs versprochen, wenn er diesen Brief Bonaparte persönlich zustellte. Nun aber erhielt Bonaparte diesen Brief, welcher ihm die erste Anregung zur Rückkehr nach Frankreich gab, im Monat Mai 1799, also in demselben Augenblick, wo der reactionäre Marsch des Cardinals stattfand.
Alle diese Verhältnisse, wie auch der Umstand, daß die Abwesenheit des Königs dem Cardinal einige Macht zurückgegeben, riefen dem Tode ein Halt zu. Ganz besonders schwer kam es dem Cardinal an, Männer hinrichten zu lassen, die er durch seine Capitulation für geschützt erkannte, und unter diesen Männern besonders diesen Stärksten der Starken, jenen tollkühnen Anführer, welcher, eine Leiter auf der Schulter, den Degen zwischen den Zähnen, das Banner der Unabhängigkeit in der Hand, die Mauern der Stadt erstiegen, welche ein Lehngut seiner Familie war, nämlich Hector Caraffa, den er selbst in einem eigenhändigen Brief aufgefordert, sich zu ergeben.
Während dieses Waffenstillstandes zwischen den Henkern und den Verurtheilten empfing der Cardinal jedoch von dem König den folgenden Brief, den wir in einer ganzen Naivetät hier wiedergeben.
»Palermo, am 10. August 1799.
»Eminentissime!
Ich habe Ihren Brief erhalten, und mich sehr über das gefreut, was Sie mir darin über den Frieden und die Ruhe mittheilen, deren man sich in Neapel erfreut:
»Ich billige es, daß Sie Fra Diavolo nicht erlaubt haben, in Gaeta einzuziehen, wie er es wünschte. Während ich aber Ihnen Recht gebe, wenn Sie sagen, daß er weiter nichts als ein Räuberhauptmann sei, so erkenne ich nichtsdestoweniger doch auch an, daß wir ihm große Verbindlichkeiten schuldig sind. Man muß daher fortfahren, sich seiner zu bedienen, und sich wohl hüten, ihn vor den Kopf zu stoßen. Gleichzeitig muß man ihn auch von der Nothwendigkeit überzeugen, vor allen Dingen sich selbst und dann seinen Leuten den Zügel der Disciplin anzulegen, wenn er in meinen Augen ein neues Verdienst erwerben will.
»Gehen wir nun zu etwas Anderem über.
»Als Pronio in Pescara einzog, schickte er einen Adjutanten an mich ab, um mich zu benachrichtigen, daß er den berüchtigten Grafen von Ruvo, dem er Sicherheit des Lebens versprochen, wozu er aber nicht ermächtigt war, wohlbewacht in seiner Gewalt habe. Ich schickte ihm sofort denselben Adjutanten mit dem Befehle zurück, den genannten Ruvo nach Neapel zu schicken und mit seinem Kopfe für ihn zu haften. Thun Sie mir zu wissen, ob Pronio meine Befehle ausgeführt hat.
»Sehen Sie zu, daß Sie bei guter Gesundheit bleiben und glauben Sie, daß ich stets bin Ihr wohlgeneigter
»Ferdinand B.«
Ist es nicht ein seltsamer Umstand, welcher allgemein bekannt zu werden verdient, daß dieser Brief eines Königs die Belohnung eines Räubers und gleichzeitig die Bestrafung eines großen Bürgers anbefiehlt?
Noch merkwürdiger aber ist die Nachschrift:
»Zu Hause angelangt, empfange ich durch zwei von Neapel kommende Schiffe eine Menge Briefe, aus diesen Briefen erfahre ich, daß es Lärm auf dem Altmarkt gegeben hat, weil keine Hinrichtungen mehr vollzogen werden. Ich erhalte über diesen Punkt weder von Ihnen noch von der Regierung irgend welche Nachricht, obschon es Ihre Pflicht wäre, mir dergleichen mitzutheilen.
»Die Staatsjunta darf in ihren Operationen nicht zögern und eben so wenig unbestimmte und allgemeine Berichte erstatten. Wenn die Berichte erstattet sind, so muß sie dieselben binnen vierundzwanzig Stunden verificiren, sich ganz besonders der Rädelsführer bemächtigen und dieselben ohne weitere Umstände aufknüpfen lassen. Man hatte mir Strafvollstreckungen für den Montag versprochen. Ich hoffe, daß man sie nicht auf einen andern Tag verschoben hat. Wenn Sie merken lassen, daß Sie sich fürchten, so sind Sie gebacken.«
»Siete friti« – so steht völlig ausgeschrieben da und es ist unmöglich, diese Worte anders zu übersetzen.
Was meinst Du, lieber Leser, zu diesem Ausdruck? Er klingt nicht sehr königlich, nicht wahr? Dennoch aber ist er bezeichnend.
Nach einer solchen Aufforderung durfte man nicht mehr zögern. Die vorstehenden am 10. August Abends eingegangenen Briefe wurden sofort an die Staatsjunta abgegeben.
Da Hector Caraffa in dem königlichen Briefe ganz besonders genannt war, so beschloß man mit ihm und seinem »Schub«, das heißt mit den Genossen seiner Gefangenschaft, zu beginnen.
Demzufolge ward am nächstfolgenden Tage, am 11. August, bei der von dem Schweizer Duecce geleiteten Mittagsvisitation Befehl gegeben, die Matratzen zusammenzurollen und in einem Winkel aufeinanderzuthürmen.
»Aha!«, sagte Hector Caraffa zu Manthonnet, »wie es scheint, soll es heute Abend losgehen.«
Salvato schlang einen Arm um Luisas Leib und küßte sie auf die Stirn. Luisa ließ, ohne zu antworten, ihren Kopf auf die Schulter ihres Geliebten sinken.
»Arme Frau,« murmelte Eleonora, »der Tod ist für Sie etwas Grausames. Sie liebt!«
Luisa reichte ihr die Hand.
»Nun endlich,« sagte Cirillo, »werden wir das große Geheimniß kennen lernen, über welches seit Socrates bis auf uns so viel gestritten worden, nämlich ob der Mensch eine Seele hat.«
»Warum sollte dies nicht der Fall sein?« fragte Velasco. »Meine Guitarre hat ja auch eine.«
Und er entlockte seinem Instrument einige wehmüthige Accorde.
»Ja, wenn Du sie berührst, dann hat sie eine Seele,« sagte Manthonnet. »Deine Hand ist ihr Leben; nimm deine Hand aber davon hinweg und das Instrument ist todt und die Seele entflohen.«
»Unglücklicher, der nicht darauf glaubt,« rief Eleonora Pimentel, indem sie ihre großen spanischen Augen gegen Himmel richtete.
»Ich glaube daran.«
»Ja, denn Sie sind Dichterin, während ich dagegen Arzt bin,« sagte Cirillo.
Salvato zog Luisa in einen Winkel des Gefängnisses, setzte sich auf einen Stein und ließ sie auf seinem Knie Platz nehmen.
»Höre mich an, Geliebte,« sagte er zu ihr, »zum ersten Male wollen wir ernst und ausführlich über die Gefahr sprechen, in der wir schweben. Heute Abend werden wir vor das Tribunal geführt, heute Nacht werden wir verurtheilt werden, den morgenden Tag werden wir in der Capelle zubringen und übermorgen wird man uns hinrichten.«
Salvato fühlte wie Luisas ganzer Körper in seinen Armen erbebte.
»Wir werden mit einander sterben,« sagte sie seufzend.
»Armes theures Wesen! Deine Liebe ist es, welche spricht; die Natur aber empört sich gegen den Gedanken des Todes.«
»Freund, willst Du, anstatt mich zu ermuthigen, mich schwach und verzagt machen?«
»Ja, denn ich will etwas von Dir erlangen, nämlich daß Du nicht stirbt.«
»Du willst von mir erlangen, daß ich nicht sterbe? Kommt es denn auf mich an, ob ich leben oder sterben will?«
»Du brauchst nur ein Wort zu sprechen, um dem Tode zu entrinnen – wenigstens für den Augenblick.«
»Und Du, würdest Du auch leben?«
»Du weißt, daß ich, als ich Dir jenen in Mönchstracht gekleideten Mann zeigte, zu Dir sagte: Das ist mein Vater! Noch ist nicht Alles verloren!«
»Ja, ganz recht. Und Du hoffst, daß er Dich wird retten können?«
»Um sein Kind zu retten, thut ein Vater Wunder, und mein Vater besitzt einen klugen Kopf, ein muthiges Herz und einen entschlossenen Geist. Mein Vater wird, um mir das Leben zu retten, das seinige nicht ein-, sondern zehnmal aufs Spiel setzen.«
»Wenn er Dich rettet, so wird er mich mit Dir retten.«
»Aber wenn man uns trennt?«
Luisa stieß einen Schrei aus.
»Glaubst Du, daß man so unmenschlich sein wird, uns zu trennen?«, fragte sie.
»Man muß auf Alles gefaßt sein,« sagte Salvato, »selbst auf den Fall, daß mein Vater nur Eins von uns retten könnte.«
»Nun, dann möge er Dich retten.«
Salvato lächelte, indem er leicht die Achseln zuckte.
»Du weißt recht wohl,« sagte er, »daß ich in diesem Falle seine Hilfe nicht annehmen würde, aber —«
»Aber was? Rede aus.«
»Aber wenn Du deinerseits, wenn Du auch gefangen bleibt, doch nicht mehr in Todesgefahr schwebtest, so stünde hundert gegen eins zu wetten, daß wir, mein Vater und ich, Dich ebenfalls retten würden.«
»Mein Freund, ich kann unmöglich errathen, was Du mit diesen Worten eigentlich sagen willst. Theile mir lieber sofort mit, was Du mir zu sagen hast, oder ich verliere den Verstand.«
»Beruhige Dich. Lehne Dich an meine Brust und höre.«
Luisa heftete ihre großen Augen auf ihren Geliebten und sah ihn fragend an.
»Ich höre,« sagte sie.
»Du bist schwanger, Luisa —«
Luisa erbebte zum zweiten Male.
»O mein armes Kind!«, murmelte sie; »was hat es gethan, daß es mit mir zugleich sterben soll?«
»Wohlan, anstatt zu sterben, soll es leben, und dadurch, daß es lebt, seine Mutter retten.«
»Was hätten wir zu diesem Zwecke zu thun? Ich begreife Dich nicht, Salvato.«
»Die schwangere Frau ist geheiligt und das Gesetz kann die Mutter nicht eher mit dem Tode heimsuchen, als bis das Kind nicht zugleich davon betroffen wird.«
»Was sagst Du?«
»Die Wahrheit. Warte das Gericht ab, und wenn Du, wie wir nach dem, was mir der Cardinal Ruffo gesagt hat, nicht anders erwarten können, im voraus verurtheilt bist, so erkläre in dem Augenblick, wo der Richter dein Urtheil verkünden will, deine Schwangerschaft und diese Erklärung an und für sich gibt Dir eine Frist von sieben Monaten.«
Luisa betrachtete Salvato mit traurigem Blick.
»Mein Freund, sagte sie, »gibst Du, der sonst so unerschütterlich an der Ehre festhält, mir den Rath, mich öffentlich zu entehren?«
»Ich gebe Dir den Rath, zu leben, gleichviel durch welches Mittel, dafern Du nur lebst. Begreifst Du?«
Luisa fuhr in demselben Ton und als ob sie nicht verstanden hätte, fort:
»Alle Welt weiß, daß mein Gatte seit länger als sechs Monaten abwesend ist und ich sollte, während man mich ungerecht und wegen eines Verbrechens, welches ich begangen habe, verurtheilt, laut erklären: Ich bin ein treuloses Weib, eine Ehebrecherin! O, ich müßte vor Scham sterben, mein Freund! Du siehst, daß es weit besser ist, auf dem Blutgerüst zu sterben.«
»Aber unser Kind! Hast Du das Recht, es zum Tode zu verurtheilen?«
»Gott ist mein Zeuge, mein Freund, daß, wenn wir am Leben geblieben wären, daß, wenn ich das erste Weinen unseres Kindes gehört, wenn ich einen Athem gefühlt, seine Lippen geküßt hätte – Gott ist mein Zeuge, daß ich dann die Schmach meiner Mutterschaft mit Stolz getragen hätte. Bist Du aber morgen todt und ich in sieben Monaten – denn sterben muß ich doch jedenfalls – so ist das arme Kind nicht blos Waise, sondern auch mit dem ewigen Makel seiner Geburt gebrandmarkt. Ein unbarmherziger Kerkermeister wird es hinter einen Eckstein werfen – es wird erfrieren, es wird verhungern, es wird von den Hufen der Pferde getreten werden. Nein, Salvato, möge es mit uns zugleich verschwinden, und wenn, wie Leonora glaubt und wie auch ich es hoffe, die Seele unsterblich ist, so werden wir mit der Last unserer Verirrungen beladen vor Gott erscheinen, aber auch zugleich in Begleitung des Engels, der uns Gnade erflehen wird.
»Luisa! Luisa!« rief Salvato; »bedenke wohl, besinne Dich!«
»Und er, da drüben! So gut, so edel! Wenn er, während er weiß, daß ich den Muth gehabt, ihn zu betrügen, erführe, daß ich nicht den Muth habe, zu sterben, während alle Welt um ihn herum wissen würde, um welchen Preis ich mein Leben erkauft, unter welcher Last von Scham würde er die Stirn beugen! O, ich brauche blos daran zu denken, fuhr Luisa sich erhebend fort, »um mich stark zu fühlen wie eine Spartanerin, und wenn das Schaffot hier stünde, so würde ich es lächelnd besteigen.«
Salvato sank vor ihr auf die Knie nieder und küßte ihr leidenschaftlich die Hand.
»Ich habe gethan, was ich thun mußte,« sagte er zu ihr. »Ich danke Dir, daß Du thun willst, was Du zu thun hast.«
Fünftes Capitel.
Das Tribunal von Monte Oliveto
Hector Caraffa hatte sich nicht geirrt. Um neun Uhr Abends hörte man die Tritte eines bewaffneten Trupps auf der Treppe, welche nach dem Kerker der Gefangenen führte.
Die Thür öffnete sich und man sah in dem Halbschatten die Musketen der Soldaten glänzen.
Die Schließer traten ein, sie trugen Ketten, welche sie auf das Pflaster des Kerkers warfen und die niederfallend dumpf erklirrten.
Das Blut des edlen Grafen Ruvo empörte sich.
»Ketten! Ketten!« rief er; »dieselben sind doch nicht etwa für uns?«
»Nun, für wen sollen sie denn sonst sein?« fragte einer der Schließer in höhnischem Ton.
Hector machte eine drohende Geberde, sah sich nach einem Gegenstand um, dessen er sich als Waffe bedienen könnte, und wog, da er keinen fand, mit dem Blicke den Felsblock, welcher die Mündung des Brunnens bedeckte, und schickte, wie Ajax, sich an ihn aufzuheben.
Cirillo that ihm Einhalt.
»Freund,« sagte er, »die ehrenvollste Narbe nach der, welche das Eisen des Feindes auf dem Arme eines Helden zurückläßt, ist die, welche die Ketten eines Tyrannen auf dem Arme eines Patrioten zurücklassen. Hier ist mein Arm. Wo sind unsere Ketten?«
Und der edle Greis streckte seine beiden Arme aus.
Als die Thür sich öffnete, spielte Velasco seiner Gewohnheit gemäß Guitarre und sang, indem er sich begleitete, ein lustiges neapolitanisches Liedchen.
Die Schließer traten ein, warfen ihre Ketten auf den Fußboden, aber Velasco ließ sich nicht stören.
Hector sah bald Domenico Cirillo, bald den unerschütterlichen Sänger an.
»Ich schäme mich,« sagte er, »denn ich glaube in der That, daß es hier zwei Männer gibt, welche muthiger sind als ich.«
Und er streckte seinerseits die Arme aus.
Dann kam die Reihe an Manthonnet.
Hierauf näherte sich Salvato. Während man ihn fesselte, stützten Eleonore Pimentel und Michele, welche während der ganzen Zeit, wo sie beiseite mit ihrem Geliebten gesprochen, nicht aus den Augen gelassen hatten, die junge Frau, welche nahe daran war niederzusinken.
Als Salvato gefesselt war, stieß Michele einen Seufzer aus, der seinen Grund mehr in dem Kummer hatte, seine Schwester verlassen zu müssen, als in der Scham über die Behandlung, die er erdulden mußte, und er näherte sich dem Schließer.
Velasco fuhr fort zu singen, ohne daß in seiner Stimme die mindeste Veränderung wahrzunehmen gewesen wäre.
Ein Schließer kam auf ihn zu. Er gab zu verstehen, daß man ihn sein Liedchen aussingen lassen möge, und als er damit fertig war, zerschlug er die Guitarre auf dem Fußboden und streckte die Arme aus.
Die Frauen zu fesseln hielt man nicht für nöthig.
Ein Theil der Soldaten ging wieder die Treppe hinauf, um zwischen sich und ihren Cameraden einen Raum zu schaffen, den dann die Gefangenen einnahmen, denn man konnte die schmale Treppe nur zu Zweien hinter einander hinaufgehen. Dann folgte der übrige Theil der bewaffneten Macht und man gelangte in den Hof.
Hier formierten die Soldaten zwei Reihen, durch welche die Gefangenen eingeschlossen wurden.
Andere dahinter postierte Soldaten, welche Fackeln trugen, leuchteten dem traurigen Zuge.
So durchzog man unter dem Hohngeschrei der Lazzaroni die ganze Strada Medina, vor dem Hause der beiden Backer vorbei, wo die Hohnreden sich verdoppelten, denn man hatte die San Felice erkannt.
Dann bog man in die Strada Monte Oliveto ein, an deren Ende, auf dem Largo desselben Namens, das Thor des in ein Tribunal umgestalteten Klosters sich öffnete.
Die Richter, oder besser gesagt die Henker hielten ihre Sitzungen im zweiten Stockwerke.
Der große Saal, nämlich der des Refectoriums, war zu einem Gerichtshofe umgestaltet.
Schwarz ausgeschlagen, hatte er weiter keine Zierathen, als Fahnentrophäen mit den Wappen der Bourbons von Neapel und von Spanien und ein kolossales Crucifix über dem Kopfe des Präsidenten, das Symbol des Schmerzes, aber nicht der Milde, und welches blos hier zu sein schien, um zu beweisen, daß die menschliche Gerechtigkeit, sei es durch den Haß, sei es durch die Furcht, stets irregeleitet worden ist.
Man ließ die Gefangenen einen langen dunklen schmalen Gang längs des Prätoriums passieren. Sie konnten schon das Gebrüll der Menge hören, welche sie erwartete.
»Elendes Volk!«, murmelte Hector Caraffa. »Wie thöricht, sich dafür zu opfern!«
»Wir opfern uns,« antwortete Cirillo, »nicht blos für dieses Volk, sondern für die ganze Menschheit. Das Blut der Märtyrer ist ein furchtbares Auflösungsmittel für die Throne.«
Man öffnete die Thür, welche auf die für die Angeklagten hergerichtete Estrade führte. Eine Flut von Licht, ein warmer Luftzug, ein Sturm von Geschrei drang bis zu ihnen.
Hector Caraffa, welcher voranschritt, blieb stehen, als ob er ersticken müßte.
»Vorwärts wie in Andria!« sagte Cirillo.
Und der unerschrockene Anführer erschien zuerst auf der Estrade.
Jeder seiner Genossen ward ebenso wie er selbst mit Hohngeschrei und Schmähungen empfangen.
Bei dem An- blicke der Frauen verdoppelte sich das Geschrei.
Als Salvato sah, daß Luisa zusammenknickte wie ein schwaches Rohr, faßte er sie um den Leib und hielt sie aufrecht.
Dann ließ er einen Blick in dem ganzen Saale umherschweifen.
Im ersten Range der Zuschauer, auf das Geländer, welches das Publikum von den Richtern trennte, gestützt, saß ein Benedictinermönch.
In dem Augenblick, wo Salvato’s Augen sich auf ihn hefteten, hob er seine Capuze.
»Mein Vater!«, murmelte Salvato leise in Luisa’s Ohr.
Und Luisa richtete sich unter einem Hoffnungsstrahle auf wie eine schöne Lilie unter einem Sonnenstrahle.
Die Augen der anderen Angeklagten, welche Niemanden in dem Saale zu suchen hatten, richteten sich auf das Tribunal.
Dasselbe bestand aus sieben Richtern mit Einschluß des Präsidenten. Sie saßen in einem Halbkreis, wahrscheinlich weil sie den Areopag der Athenienser nachzuahmen wünschten. Die Vertheidiger und der Procurator der Angeklagten – diese letzte Nachäffung eines Scheines von Gerechtigkeit – standen mit dem Rücken an die Estrade gelehnt. Sie waren mit den Angeklagten nicht einmal in Mittheilung gesetzt worden.
Ein einziger von den Räthen fehlte, Don Vicenzo Speciale, der Richter des Königs.
Man wußte sehr wohl, daß er im Namen Seiner sicilischen Majestät sprach, daß er, obschon nur einfacher Nominalrath, doch der eigentliche Präsident des Tribunals war.
Allerdings gab es einen Mann, welcher eifrig mit ihm kämpfte. Es war dies derselbe, welcher die Besoldung des Henkers herabgesetzt, der Fiscalprocurator Guidobaldi.
Die Angeklagten setzten sich.
Obschon die Fenster des im zweiten Stockwerk befindlichen Tribunalsaales offen standen, so machten doch die zahlreichen Zuschauer und die zahlreichen Lichter die Atmosphäre so heiß und dick, daß sie kaum noch zu athmen war.
»So wahr ich lebe,« sagte Hector Caraffa, »man sieht wohl, daß wir uns hier im Vorgemach der Hölle befinden. Man erstickt ja fast.«
Guidobaldi drehte sich rasch nach ihm herum.
»Du wirst bald auf ganz andere Weise ersticken, sagte er, »nämlich wenn Dir der Strick die Gurgel zuschnürt.«
»O Signor,« antwortete Hector Caraffa, »man sieht wohl, daß Sie nicht die Ehre haben mich zu kennen. Einen Mann meines Namens hängt man nicht, sondern man schlägt ihm den Kopf ab und dann hat er, anstatt keine Luft, deren nur zu viel.«
In diesem Augenblick ging eine Bewegung, die einem Schauer der Furcht und des Schreckens glich, durch den Saal. Die Thür des Berathungscabinets hatte sich soeben geöffnet und Speciale trat ein.
Er war ein Mann von fünfundfünfzig bis sechzig Jahren, mit stark markierten Zügen, glattem, an den Schläfen herabhängendem Haar und kleinen, lebhaften, haßerfüllten schwarzen Augen, die mit einer Starrheit blickten, welche für den, auf welchen sie sich hefteten, schmerzhaft und peinlich ward. Eine wie ein Raubvogelschnabel gekrümmte Nase senkte sich auf schmale Lippen und ein Kinn herab, welches beinahe eben so lang hervorragte wie die Nase.
Der Kopf hatte eine sehr gerade Haltung trotz des sehr sichtbaren Höckers, welcher hinten den langen schwarzen Talar emporhob. Der Mann hätte grotesk ausgesehen, wenn er sich nicht furchtbar gemacht hätte.
»Ich habe, sagte Cirillo zu Hector Caraffa mit gedämpfter Stimme, obschon laut genug, um gehört zu wer- den, »ich habe stets bemerkt, daß die häßlichen Menschen boshaft und die verwachsenen noch schlimmer sind.
Hier, fuhr er fort, indem er mit dem Finger auf Speciale zeigte, »steht.
Einer, der meine Behauptung abermals bestätigt.«
Speciale hörte diese Worte, drehte den Kopf wie auf einem Zapfen herum und suchte mit den Augen den, welcher sie gesprochen.
»Drehen Sie sich noch besser herum, Herr Richter,« sagte Michele zu ihm.
»Ihr Höcker benimmt uns die Aussicht.«
Und er schlug ein lautes Gelächter auf, nicht wenig erfreut darüber, daß er auch sein Wort mit zur Conversation geliefert.
Dieses Gelächter fand in dem Saale ein wahrhaft homerisches Echo.
Wenn dies so fortging, so versprach die Sitzung für die Zuhörer eine sehr amüsante zu werden.
Speciale ward schwarzblau vor Wuth, fast sofort aber stieg ihm die Röthe ins Gesicht, als ob ihn der Schlag rühren sollte.
Mit einem einzigen weiten Schritt legte er die Entfernung zurück, die ihn von seinem Sessel trennte, und sank vor Wuth mit den Zähnen knirschend hinein.
»Beginnen wir sofort die Verhandlungen,« sagte er.
»Graf von Ruvo, Ihr Name, Ihre Vornamen, Ihr Alter und Ihr Stand?«
»Meine Namen?« antwortete der Gefragte.
»Ettore Caraffa, Graf von Ruvo, aus der Familie der Fürsten von Andria. Mein Alter? Zweiunddreißig Jahre. Mein Stand? Patriot.«
»Was haben Sie während der sogenannten Republik gemacht?«
»Sie können noch weiter zurückgehen und mich fragen, was ich unter der Monarchie gemacht habe.«
»Das ist nicht nöthig.«
»Dieser Meinung bin ich nicht und ich werde es Ihnen daher sagen: Ich habe conspiriert und ward von jenem schändlichen Vanni, welcher, als er sich die Kehle abschnitt, nicht ahnte, daß man einen noch Schlechteren als ihn finden würde, in das Castell San Elmo gesetzt. Ich entsprang, begab mich zu dem wackern berühmten Championnet und half ihm mit meinem Freund Salvato hier bei Civita Castellana den General Mack schlagen.«
»Dann,« unterbrach ihn Speciale, »haben Sie also gegen Ihr eigenes Vaterland gedient?«
»Gegen mein Vaterland nicht, blos gegen den König Ferdinand. Mein Vaterland ist Neapel, und der Beweis, daß Neapel nicht der Meinung war, ich hätte gegen mein Vaterland gedient, liegt darin, daß es mich bat, ihm mit dem Grade eines Generals noch ferner zu dienen.«
»Und dieser Aufforderung sind Sie gefolgt?«
»Ja wohl, vom Herzen gern.«
»Meine Herren,« sagte Speciale, »ich hoffe, daß wir uns gar nicht erst die Mühe nehmen werden, über die Strafe zu berathen, welche diesem Verräther, diesem Abtrünnigen zuzuerkennen ist.«
Ruvo erhob sich oder sprang vielmehr auf seine Füße.
»Ha, Elender,« sagte er, indem er seine Fesseln schüttelte und sich gegen Speciale hinüberbog, »diese Ketten sind es, welche Dir den Muth geben, mich zu beleidigen. Wäre ich frei, so würdest Du anders mit mir sprechen.«
»Ich verurtheile Dich zum Tode,« sagte Speciale, »und da Du in deiner Eigenschaft als Fürst das Recht hat, enthauptet zu werden, so soll dies geschehen, aber durch die Guillotine.«
»Amen!«, sagte Hector, indem er sich mit der größten Unbefangenheit wieder setzte und dem Tribunal den Rücken kehrte.
»Jetzt bist Du an der Reihe, Cirillo,« sagte Speciale.
»Dein Name, dein Alter, dein Stand?«
»Domenico Cirillo,« antwortete der Gefragte mit ruhiger Stimme.
»Ich bin sechzig Jahre alt. Unter der Monarchie war ich Arzt, unter der Republik Volksvertreter.«
»Und was bist Du heute mir gegenüber?«
»Dir, Feigling, gegenüber bin ich ein Held.«
»Zum Tode verurtheilt!« heulte Speciale.
»Zum Tode verurtheilt!« wiederholte das Tribunal wie ein geisterhaftes Echo.
»Weiter, Du da unten, der Du die Generalsuniform der sogenannten Republik trägt.«
»Ich?«, fragten Manthonnet und Salvato gleichzeitig.
»Nein, Du, der Du Kriegsminister gewesen bist. Rasch deinen Namen —«
Manthonnet unterbrach ihn.
»Gabriel Manthonnet; zweiundvierzig Jahre alt.«
»Was hast Du unter der Republik gethan?«
»Große Dinge, obschon dieselben nicht groß genug waren, denn zuletzt haben wir capituliert.«
»Was hast Du zu deiner Vertheidigung zu sagen?«
»Ich habe capituliert.«
»Dies ist nicht genug.«
»Das thut mir leid, ich habe aber denen, welche das heilige Gesetz der Verträge mit Füßen treten, keine andere Antwort zu geben.«
»Zum Tode!«
»Zum Tode!« wiederholte das Tribunal.
»Und Du, Michele der Narr!« fuhr Speciale fort; »was hast Du unter der Republik gemacht?«
»Ich bin klug geworden,« antwortete Michele.
»Hast Du etwas zu deiner Vertheidigung zu sagen?«
»Es würde vergeblich sein.«
»Warum?«
»Weil die Wahrsagerin Nanno mir prophezeit hat, daß ich Oberst werden und dann an dem Galgen sterben würde. Oberst bin ich gewesen, und es bleibt mir nur noch übrig, gehängt zu werden. Alles, was ich sagen könnte, würde mich nicht daran hindern. Geniren Sie sich daher nicht, sondern singen Sie auch in Bezug auf mich Ihren Refrain: Zum Tode!«
»Zum Tode!« wiederholte Speciale.
»Nun Sie,« fuhr er fort, indem er mit dem Finger auf Leonora Pimentel zeigte.
Sie erhob sich, schön, ruhig und ernst wie eine Matrone des Alterthums.
»Ich?«, sagte sie.
»Ich heiße Leonora Fonseca Pimentel und bin zweiunddreißig Jahre alt.«
»Was haben Sie zu Ihrer Vertheidigung zu sagen?«
»Nichts, wohl aber habe ich viel zu meiner Anklage zu sagen, denn heutzutage sind es die Helden, welche man anklagt, und die Feiglinge, welche man belohnt.«
»Nun, dann sprechen Sie, da es Ihnen beliebt, sich selbst anzuklagen.«
»Ich war die Erste, welche den Neapolitanern zurief: »Ihr seid frei!« Ich habe ein Journal herausgegeben, in welchem ich die Eidbrüche, die Verworfenheit, die Verbrechen der Tyrannen entschleiert habe; ich habe auf dem Theater San Carlo die Hymne an die Freiheit von Monti declamiert, ich habe —«
»Genug, unterbrach Speciale; »Sie können in dieser Lobrede auf sich selbst auf dem Wege zum Galgen weiter fortfahren.«
Leonora setzte sich ruhig, wie sie aufgestanden war.
»Jetzt Du dort, Guitarrenmann,« sagte Speciale sich zu Velasco wendend, »denn man hat mir gesagt, daß Du Dir im Gefängniß die Zeit mit Guitarrenspielen vertrieben hast.«
»Nun, ist das vielleicht ein Majestätsverbrechen?«
»Nein, und wenn Du weiter nichts gethan hättest als dies, so wärest Du, obschon dies das Vergnügen eines Müßiggängers ist, nicht hier. Da Du aber hier bist, so mache uns das Vergnügen, uns deinen Namen, deinen Vornamen, dein Alter und deinen Stand zu sagen.«
»Und wenn es mir nicht beliebt, Ihnen zu antworten?«
»So wird mich dies nicht abhalten, Dich zum Tode zu schicken.«
»Schön!«, sagte Velasco.
»Ich werde gehen, ohne daß Du mich schickst.«
Und mit einem einzigen Sprunge, dem Sprunge eines Jaguar, schwang er sich über die Estrade hinweg und stürzte mitten in das Prätorium. Dann und ohne daß man Zeit hatte ihn aufzuhalten, ja ehe man noch seine Absicht errathen konnte, eilte er nach dem Fenster, während er mit seinen Ketten um sich herumschlug, und rief: »Platz! Platz!«
Jeder wich vor ihm zurück. Er sprang auf das Fenstersims, verweilte aber hier nur einen Augenblick. Der ganze Saal stieß einen Schreckensruf aus – der Gefangene hatte sich hinausgestürzt.
Beinahe unmittelbar darauf hörte man den Fall eines schweren Körpers, der auf das Pflaster niederschlug.
Es trat in dem bis jetzt so geräuschvollen Saale ein Augenblick peinlichen Schweigens ein. Richter, Angeklagte und Zuschauer wurden von einem unwillkürlichen Schauer überrieselt. Luisa warf sich in die Arme ihres Geliebten.
»Soll ich die Sitzung aufheben?« fragte der Präsident.
»Warum das?« entgegnete Speciale. »Sie hätten ihn jedenfalls zum Tode verurtheilt; er hat sich selbst den Tod gegeben und der Gerechtigkeit ist Genüge geschehen. Antworten Sie, Herr Franzose,« fuhr er sich zu Salvato wendend fort, »und sagen Sie uns, wie es kommt, daß Sie vor uns erscheinen.«
»Ich erscheine vor Ihnen,« sagte Salvato, »weil ich nicht Franzose, sondern Neapolitaner bin. Ich heiße Salvato Palmieri. Ich zähle sechsundzwanzig Jahre, ich bete die Freiheit an; ich verabscheue die Tyrannei. Ich bin es, den die Königin durch ihren Sbirren Pasquale de Simone ermorden lassen wollte. Ich bin es, der, indem ich mich gegen sechs Meuchelmörder vertheidigte, die Kühnheit hatte, zwei davon zu tödten und zwei zu verwunden. Ich habe den Tod verdient – verurtheilen Sie mich.«
»Wohlan,« sagte Speciale, »wir dürfen diesem würdigen Patrioten das, was er von uns verlangt, nicht abschlagen. Zum Tode!«
»Zum Tode!« wiederholte das Tribunal.
Luisa war auf dieses Resultat gefaßt, aber dennoch ließ sie sich einen Seufzer entschlüpfen, welcher einem Aechzen glich.
Der Benedictinermönch hob seine Capuze und wechselte mit Salvato einen raschen Blick.
»Na, nun ist die Signora an der Reihe,« sagte Speziale, »dann sind wir fertig.
Obschon wir Alles eben so gut wissen wie Sie, Signora, so werden Sie doch die Güte haben, uns Ihre kleine Affaire zu erzählen. Vor allen Dingen sagen Sie uns Ihren Namen, Ihren Vornamen, Ihr Alter und Ihren Stand, dann wollen wir zu den Backers übergehen.«
»Steh auf, Luisa, und stütze Dich auf meine Schulter,« sagte Salvato leise.
Luisa erhob sich und nahm den ihr dargebotenen Stützpunkt an.
Als die Zuschauer sie so jung, so schön, so bescheiden sahen, entrang sich ihnen ein Murmeln der Bewunderung und des Mitleid.
»Thürsteher,« sagte Speciale, »gebietet Schweigen.«
»Ruhe!« rief der Thürsteher.
»Sprich,« sagte Salvato.
»Ich heiße Luisa Molina San Felice,« sagte die junge Frau mit sanfter, zitternder Stimme. »Ich zähle dreiundzwanzig Jahre. Ich bin unschuldig an dem Verbrechen, dessen man mich anklagt, aber ich verlange nichts Besseres, als zu sterben.«
»Dann, sagte Speciale, welcher nur ungern die Beweise von Theilnahme sah, welche man der Angeklagten von allen Seiten erwies, dann behaupten Sie wohl, daß nicht Sie es sind, welche die Bankiers Backer denuncirt hat?«
»Sie behauptet dies mit um so mehr Recht,« sagte Michele, »als ich es bin, von welchem diese Denunciation ausgegangen ist. Ich war bei dem General Championnet. Ich gab den Rath, Giovannina zu befragen. Sie hat mit der ganzen Sache nichts zu schaffen gehabt, meine arme kleine Schwester. Sie können sie daher ganz ruhig wieder entlassen und bitten, daß die Sie in ihr Gebet einschließe, denn sie ist eine Heilige.«
»Schweig, Michele, schweig!«, murmelte Luisa.
»Nein, sprich; im Gegentheile, sprich, Michele!« sagte Salvato.
»Und ich kann um so mehr sprechen,« fuhr der Lazzarone fort, »als jetzt, wo ich einmal verurtheilt bin, mir nichts weiter geschehen kann. Wenn ich einmal gehängt werden soll, so kann ich eben so gut die Wahrheit sagen. Die Lügen sind es, welche einen ehrlichen Mann erwürgen, aber nicht der Strang. Wohlan, ich sagte also, daß die Madonna am Fuße der Grotte, ihre Nachbarin, nicht reiner ist als sie. Sie kam ausdrücklich von Pästum zurück, um die armen Backers zu warnen, traf sie aber bereits in den Händen der Soldaten an, von welchen sie in das Castello Nuovo gebracht wurden. Vor seinem Tode hat der Sohn ihr geschrieben, er wisse wohl, daß nicht sie, sondern ich die Ursache seines Todes wäre. Gib einmal den Brief her, Schwesterchen, gib ihn her. Diese Herren werden ihn lesen. Sie sind zu gerecht, um Dich zu verurtheilen, wenn Du unschuldig bist.«
»Ich habe ihn nicht mehr,« murmelte Luisa; »ich weiß nicht mehr, was ich damit gemacht habe.«
»Ich habe ihn,« rief Salvato lebhaft. »Greife einmal in diese Tasche, Luisa, und gib ihn hin.«
»Du willst es, Salvato,« murmelte Luisa.
Dann setzte sie noch leiser hinzu:
»Und wenn man mich nun begnadigte?«
»Möge der Himmel es geben!«
»Aber Du?«
»Mein Vater ist da.«
Luisa zog den Brief aus Salvatos Tasche und reichte ihn dem Richter.
»Meine Herren, sagte Speciale, »wenn dieser Brief auch wirklich von Backers Hand geschrieben sein sollte, so hoffe ich doch, daß sie ihm nicht mehr Vertrauen schenken werden, als er verdient. Sie wissen, daß der junge Backer der Liebhaber dieser Frau war.«
»Der Liebhaber?« rief Salvato. »O, Elender, berühre dieses makellose Wesen nicht auch nur mit deinen Worten!«
»Er hatte sich in mich verliebt, wollen Sie wohl jagen, Signor,« entgegnete Luisa.
»Ja und zwar bis zum Wahnsinn, denn nur ein Wahnsinniger konnte einer Frau das Geheimniß einer Verschwörung anvertrauen.«
»Lesen Sie den Brief« sagte Salvato, indem er sich erhob, »und zwar laut.«
»Ja, laut! laut!« rief das Publicum.
Speciale sah sich demgemäß genöthigt, dieser öffentlichen Stimme zu gehorchen und las den uns bekannten Brief, durch welchen André Backer zum Beweise seines Vertrauens zu Luisa und seiner Ueberzeugung, daß sie mit der Denunciation des royalistischen Complotts nichts zu schaffen gehabt, Luisa den Auftrag erheilte, eine Summe von vierhunderttausend Ducati unter die Opfer des Kampfes zu vertheilen.
Die Richter sahen einander an. Auf eine so vollständig in Abrede gestellte Thatsache hin war es nicht möglich eine Verurtheilung auszusprechen, denn das Opfer ward dadurch gerechtfertigt, während der Schuldige sich selbst anklagte.
Dennoch lautete der Befehl des Königs positiv. Man mußte sie verurtheilen und zwar zum Tode.
Speciale war übrigens auch nicht der Mann, der durch eine solche Kleinigkeit in Verlegenheit gebracht worden wäre.
»Gut,« sagte er. »Das Tribunal läßt diesen Anklagepunkt fallen.«
Diese Worte wurden mit einem Gemurmel des Beifalls aufgenommen.
»Aber,« fuhr Speciale zu Luisa gewendet fort, »Sie sind auch noch eines andern nicht minder schweren Verbrechens angeklagt.«
»Was wäre das für eines?« fragten Luisa und Salvato gleichzeitig.
»Sie sind angeklagt, einem Mann ein Asyl gegeben zu haben, welcher nach Neapel kam, um gegen die Regierung zu konspirieren. Sie haben diesen Mann sechs Wochen lang beherbergt und ihn erst fortgelassen, als er sich zum Kampfe gegen die Truppen des legitimen Königs begab.«
Luisa senkte, anstatt zu antworten, das Haupt und – betrachtete Salvato mit zärtlichem Blick.
»Nun, das laß’ ich mir aber doch gefallen!«, sagte Michele. »Konnte sie ihn vielleicht vor ihrer Thür sterben lassen, ohne ihm Beistand zu leisten? Ist es nicht das erste Gebot des Evangeliums, unseren Nächten beizustehen?«
»Ein Verräther, unterbrach Speciale, »ist Niemandes Nächster.«
Dann, als ob er mit dieser Angelegenheit, welcher sich das öffentliche Interesse in höherem Grade zuwendete, als ihm lieb war, so schnell als möglich fertig zu werden wünschte, sagte er:
»Also Sie gestehen, einen Verschwörer aufgenommen, verborgen gehalten und gepflegt zu haben, der Ihr Haus nur verlassen hat, um mit den Jakobinern und Franzosen gemeinschaftliche Sache zu machen?«
»Ja, ich gestehe es,« sagte Luisa.
»Dies genügt. Dies ist Hochverrath und ein Capitalverbrechen zum Tode!«
»Zum Tode!« wiederholte das Tribunal in dumpfem Tone.
Unter den Zuhörern machte sich ein langes, schmerzliches Murmeln bemerkbar.
Luisa San Felice wendete sich ruhig und die Hand auf das Herz drückend nach den Zuschauern, um ihnen zu danken.
Plötzlich hielt sie unbeweglich und mit stierem Blicke inne.
»Was ist Dir?« fragte Salvato.
»Dort! dort! Siehst Du?« sagte sie, ohne eine Geberde zu machen und indem sie sich blos ein wenig vorwärts neigte. »Er! er! er!«
Salvato neigte sich seinerseits nach der ihm von Luisa angedeuteten Richtung und sah einen Mann von fünfundfünfzig bis sechzig Jahren, schwarz und elegant gekleidet und mit dem auf seinen Frack gestickten Malteserkreuz.
Langsam schritt er durch die Menge, welche vor ihm zur Seite wich, auf das Tribunal zu. Er öffnete das Geländer, welches das Publicum von der Junta trennte, ging bis in die Mitte des Prätoriums und sagte zu den Richtern gewendet, welche ihn erstaunt ansahen:
»Sie haben soeben diese Frau zum Tode verurtheilt, ich komme aber, um Ihnen zu sagen, daß Ihr Urtheil nicht vollstreckt werden kann.«
»Und warum nicht?«, fragte Speciale.
»Weil sie schwanger ist,« antwortete er.
»Woher wissen Sie das?«
»Ich bin ihr Ehegatte, der Chevalier San Felice.«
Unter dem Publicum vernahm man einen Freudenruf, auf der Estrade der Angeklagten einen Ruf der Verwunderung. Speciale war bleich, indem er fühlte, daß seine Beute ihm entschlüpfte.
Die Richter betrachteten einander mit unruhigem Blick.
»Luciano! Luciano!« murmelte Luisa, indem sie dem Chevalier die Hände entgegenstreckte, während große Thränen der Rührung ihren Augen entrollten.
Der Chevalier näherte sich der Estrade; die Soldaten wichen von selbst zurück. Er ergriff die Hand seiner Gattin und küßte dieselbe zärtlich.
»Ha, Du hattest wohl Recht, Luisa,« sagte Salvato leise »dieser Mann ist ein Engel und ich schäme mich, ihm gegenüber so wenig zu sein.«
»Man bringe die Verurtheilten nach der Vicaria,« sagte Speciale, »diese Frau aber,« setzte er hinzu, »führe man in das Castello Nuovo zurück.«
Die Thür, durch welche die Angeklagten eingetreten waren, öffnete sich, um die Verurtheilten hinausgehen zu lassen. Ehe Salvato aber die Estrade verließ, hatte er noch Zeit, einen letzten Blick mit seinem Vater zu wechseln.
Sechstes Capitel.
In der Capelle
Dem von Speciale erheilten Befehl gemäß wurden die Verurtheilten nach der Vicaria gebracht und Luisa in das Castello Nuovo zurückgeführt.
Dennoch hatten die beiden Liebenden, welche bei den Soldaten mehr Mitleid fanden als bei den Richtern, noch Zeit, einander Lebewohl zu sagen und einen letzten Kuß zu wechseln.
Beseelt von Vertrauen auf seinen Vater versicherte Salvato seiner Freundin, daß er der besten Hoffnung lebe und daß er diese Hoffnung selbst am Fuße des Schaffots noch nicht aufgeben würde.
Luisa antwortete nur durch ihre Thränen.
Endlich an der Thür mußte man sich trennen. Die Verurtheilten passierten die Calata Trinita Maggiore, die Strada Trinita und den Vico Stoto; dann brachte die Strada dei Tribunali sie geraden Weges nach der Vicaria.
Luisa dagegen kehrte durch die Strada Monte Oliveto und die Strada Medina in das Castello Nuovo zurück, wo sie kraft einer Empfehlung vom Prinzen Francesco, die ein unbekannter Mann gebracht, in ein besonderes Zimmer eingeschlossen ward.
Wir wollen nicht versuchen, die Situation zu malen, in welcher man sie hier ließ. An unseren Lesern ist es, sich selbst eine Vorstellung davon zu machen.
Was die Verurtheilten betraf, so schritten sie, wie wir bereits gesagt, nach der Vicaria, bis an deren Thor sie von denen escortiert wurden, welche der Sitzung des Tribunals beigewohnt hatten.
Ausgenommen hiervon waren jedoch der Chevalier San Felice und der Mönch, welche sich einander genähert hatten und mit einander bis an die erste Ecke der Strada della Guercia, das heißt bis an die Ecke des Vico desselben Namens, geeilt waren.
Das Thor der Vicaria stand fortwährend offen. Es empfing die Verurtheilten von dem Tribunal, behielt sie zwölf, vierzehn bis fünfzehn Stunden und warf sie dann auf das Schaffot.
Der Hof war mit Soldaten angefüllt. Des Abends breitete man für dieselben unter den Arcaden eine Anzahl Matratzen aus und sie schliefen hier in ihren Capot oder in ihren Mantel gehüllt.
Uebrigens stand man jetzt in den wärmsten Tagen des Jahres.
Es war gegen zwei Uhr Morgens, als die Verurtheilten anlangten, und sie wurden sofort in die Capelle geführt.
Hier wurden sie augenscheinlich erwartet. Das Gemach, in welchem sich der Altar befand, war durch Wachskerzen, das andere durch eine an der Decke hängende Lampe erleuchtet.
Auf der Erde lagen sechs Matratzen. Eine Anzahl Schließer warteten in diesem Gemach.
Die Soldaten machten an dem Thor Halt und hielten sich bereit, Feuer zu geben, wenn in dem Augenblick, wo man den Verurtheilten die Ketten abnähme, von ihnen ein Empörungsversuch unternommen würde.
Dies stand aber nicht zu fürchten. An diesem Punkt angelangt, fühlte jeder, daß nicht blos der neugierige Blick seiner Zeitgenossen, sondern auch das unparteiische Auge der Nachwelt auf ihm ruhte, und keiner war ein so großer Feind seines Rufes, daß er die heitere Ruhe des Todes durch eine unkluge zornige Aufwallung getrübt hätte.
Deshalb ließen sie sich mit derselben Ruhe, als ob es sich um andere Personen handelte, die Ketten abnehmen, welche ihnen die Hände fesselten, und sich diejenigen, durch welche sie an den Fußboden gefesselt wurden, an die Füße legen.
Der Ring war nahe genug an dem Bett und die Kette lang genug, damit der Verurtheilte sich niederlegen konnte.
War er aber aufgestanden, so konnte er sich nicht weiter als um einen Schritt von dem Bett entfernen.
Binnen zehn Minuten war die doppelte Operation ausgeführt. Die Schließer entfernten sich zuerst, dann die Soldaten.
Hierauf schloß sich die Thür mit ihren dreifachen Riegeln und ihren doppelten Gittern.
»Meine Freunde,« sagte Cirillo, sobald das letzte Knarren der Thüren verstummt war, »laßt mich als Arzt Euch einen guten Rathgeben.«
»Ah, in der That,« rief der Graf von Ruvo lachend, »Ihr Rath soll mir sehr willkommen sein, denn ich fühle mich sehr krank, so krank, daß ich die dritte Stunde des Nachmittags nicht überleben werde.«
»Mein lieber Graf, entgegnete Cirillo, ich habe gesagt, einen guten Rath, aber nicht ein Recept.«
»Dann nehme ich meine Bemerkung zurück. Wir wollen annehmen, ich hätte gar nichts gesagt.«
»Ich wette,« sagte Salvato seinerseits, »daß ich den guten Rath, den Sie uns geben wollten, mein lieber Hippokrates, errathe; Sie wollten uns rathen, zu schlafen; nicht wahr?«
»Sehr richtig; der Schlaf ist die Kraft, und obschon wir Männer sind, so werden wir doch, wenn die Stunde da ist, unserer Kraft und zwar unserer ganzen Kraft bedürfen.«
»Wie, mein lieber Cirillo,« sagte Manthonnet, »wie kommt es, daß Sie, der Sie ein Mann der Vorsicht sind, sich in Hinblick auf diese Stunde nicht mit einem gewissen Pulver oder mit einer gewissen Flüssigkeit versehen haben, welche uns der Mühe überhebt, vor den Augen dieser Dummköpfe, der Lazzaroni, am Ende eines Stranges den lächerlichen Tanz aufzuführen, mit welchem wir bedroht sind?«
»Ich habe wohl daran gedacht, aber als Egoist, der ich bin, und da ich nicht ahnte, daß wir gemeinschaftlich sterben würden, habe ich nur für mich allein daran gedacht. Dieser Ring schließt wie der Hannibal’s den Tod dessen in sich, der ihn trägt.«
»Ha!« sagte Caraffa, »nun verstehe ich, warum Sie uns rathen zu schlafen. Sie wären mit uns eingeschlafen, aber nicht wieder mit uns erwacht.«
»Da irrst Du Dich, Hector. Ich bin vollkommen entschlossen, wie Ihr und mit Euch zu sterben, und wenn es unter Euch Einen gibt, der schlecht geschlafen hat und im Augenblick, wo die große Reise angetreten werden soll, einige Schwäche fühlen sollte, so gehört dieser Ring ihm.«
»Zum Teufel, sagte Michele, »das ist sehr verlockend.«
»Willst Du ihn, armes Kind des Volkes, der Du nicht wie wir, wenn es zum Sterben kommt, den Beistand der Wissenschaft und der Philosophie zu Hilfe rufen kannst?« fragte Cirillo.
»Ich danke, ich danke, Doctor,« sagte Michele; »es wäre Schade um das Gift.«
»Aber warum?«
»Nun, weil die alte Nanno mir prophezeit hat, daß ich gehängt werden würde und weil nichts mich abhalten kann, auch wirklich gehängt zu werden. Machen Sie daher Ihr Geschenk irgend Jemanden, dem es freisteht, nach seiner Weise zu sterben.«
»Ich nehme Ihr Anerbieten an, Doctor,« sagte Leonora Pimentel.
»Ich hoffe allerdings davon keinen Gebrauch machen zu müssen, aber ich bin Weib und kann im entscheidenden Augenblick eine Anwandlung von Schwäche haben. Wenn dieses Unglück mich treffen sollte, dann werden Sie mir verzeihen, nicht wahr?«
»Hier ist der Ring,« sagte Cirillo, »aber Sie thun unrecht, wenn Sie an sich selbst zweifeln. Ich bürge für Sie.«
»Gleichviel,« sagte Leonora, indem sie die Hand ausstreckte, »geben Sie nur her.«
Die Matratze des Doctors war von der Leonora’s Pimentel zu weit entfernt, als daß Cirillo den Ring hätte von Hand zu Hand geben können. Er gab ihn daher dem ihm zunächst befindlichen Gefangenen, der ihn seinem Nachbar reichte, welcher ihn Leonora zustellte.
»Man erzählt,« sagte diese, »daß Cleopatra, als man ihr die in einem Korbe Feigen liegende Natter brachte, damit begann, das Thier zu liebkosen, indem sie sagte: Sei mir willkommen, du häßliches kleines Thier. Mir erscheinst du schön, denn du bist die Freiheit. Auch du, o kostbarer Ring, bist die Freiheit und ich küsse dich wie einen Bruder.«
Salvato hatte, wie man gesehen, an dieser Conversation keinen Theil genommen. Er saß auf einem Bett, mit den Ellbogen auf den Knien und den Kopf in die Hände stützend.
Hector Caraffa betrachtete ihn mit Unruhe. Von seiner Matratze aus konnte er bis zu ihm reichen.
»Schläfst Du oder träumst Du?« fragte er.
Salvato richtete ein vollkommen ruhiges Gesicht empor. Es war blos traurig, weil die Traurigkeit der einmal vorherrschende Charakter dieser Physiognomie war.
»Nein,« sagte er, »ich denke nach.«
»Worüber?«
»Ueber einen Gewissensfall.«
»Ha!«, rief Manthonnet lachend, »welch ein Unglück, daß der Cardinal Ruffo nicht hier ist!«
»An diesen würde ich mich nicht wenden, denn der Gewissensfall, von welchem ich spreche, kann nur von Dir allein gelöst werden.«
»Zum Teufel!« rief Hector Caraffa, »ich hätte nicht geglaubt, daß man mich hier einsperrte, um Mitglied eines Concils zu sein.«
»Cirillo, unser Lehrmeister in der Philosophie, in der Wissenschaft, besonders aber in der Ehre, sagte soeben: Ich besitze Gift, aber ich besitze dessen nur für mich allein, deshalb werde ich mich desselben nicht bedienen.«
»Wollen Sie es?« fragte Leonora lebhaft. »Ich würde gern bereit sein, es Ihnen zu überlassen, denn es brennt mir in den Händen.«
»Nein, ich danke. Es ist blos eine einfache Frage, welche mir Ihnen zu stellen bleibt. Sie wollen, mein lieber Cirillo, nicht allein eines sanften und ruhigen Todes sterben, während Ihre Genossen einen grausamen und entehrenden Tod erleiden, nicht wahr?«
»Ja, so ist es. Da ich mit ihnen gleichzeitig verurtheilt bin, so glaube ich, muß ich auch mit ihnen und wie sie sterben.«
»Wenn Sie aber nun anstatt der Möglichkeit zu sterben die Gewißheit zu leben hätten?«
»Dann würde ich das Leben aus denselben Gründen zurückweisen, welche mich bewogen haben, den Tod in einer andern Gestalt zurückzuweisen.«
»Denkt Ihr Alle wie Cirillo?«
»Ja, Alle,« antworteten die vier Männer wie mit einer Stimme.
Leonora Pimentel horchte mit steigender Begier.
»Aber,« fuhr Salvato fort, »wenn eure Rettung die Rettung eines Andern, eines schwachen, unschuldigen Wesens herbeiführen könnte, welches, um sich dem Tode zu entziehen, nur auf Euch rechnet, nur auf Euch hofft und welches ohne Euch sterben würde?«
»O dann,« rief Leonora Pimentel lebhaft, »dann wäre es unsere Pflicht, anzunehmen.«
»Sie sprechen als Weib, Leonora.«
»Und wir, wir sprechen als Männer, « hob Cirillo wieder an, »und eben so wie Leonora sagen wir: Salvato, es wäre unsere Pflicht, anzunehmen.«
»Ist das auch Ihre Meinung, Ruvo?« fragte der junge Mann.
»Ja.«
»Auch die Ihrige, Manthonnet?«
»Ja.«
»Auch die deinige, Michele?«
»Ja, hundertmal ja.«
Dann, nachdem Michele dies gesagt, neigte er sich zu Salvato und sagte:
»Im Namen der Madonna, Signor Salvato, retten Sie sich und retten Sie Luisa. Ha, wenn ich sicher sein könnte, daß sie nicht sterben wird, dann würde ich tanzend zum Galgen gehen und mit dem Strick um den Hals noch rufen: »Es lebe die Madonna!«
»Es ist gut,« sagte Salvato, »ich weiß nun, was ich wissen wollte. Ich danke.«
Und Alles versank wieder in Schweigen.
Nur die Lampe, welche ihr Oel erschöpft hatte, knisterte einen Augenblick, schoß kleine Blitze und erlosch langsam.
Es dauerte nicht lange, so brach ein grauer Schimmer, den Tag verkündend, welcher der letzte Tag der Verurtheilten sein sollte, traurig durch das Gitter der Fenster.
»Dies ist das Sinnbild des Todes,« sagte Salvato. »Die Lampe erlöscht, es wird Nacht, dann kommt die Morgendämmerung.«
»Sind Sie der Morgendämmerung aber auch sicher?« fragte Cirillo.
Um acht Uhr Morgens wurden diejenigen der Verurtheilten, welche noch schliefen, durch das Geräusch erweckt, welche das Oeffnen der Thür des ersten Gemaches veranlaßte, das heißt dessen, in welchem sich der Altar befand.
Die Schließer traten in das Gemach der Verurtheilten und ihr Anführer rief mit lauter Stimme:
»Die Todtenmesse!«
»Was soll die Messe?« fragte Manthonnet. »Glaubt man, wir würden nicht ohne dieselbe zu sterben wissen?«
»Unsere Henker wollen den lieben Gott auf ihrer Seite haben,« antwortete Hector Caraffa.
»Ich sehe aber nirgends, daß die Messe durch das Evangelium eingesetzt wäre,« sagte Cirillo seinerseits, »und das Evangelium ist die einzige Richtschnur meines Glaubens.«
»Nun gut,« rief dieselbe gebieterische Stimme, »kettet dann blos die los, welche dem Sacramente beiwohnen wollen.«
»Kettet mich los,« sagte Salvato.
Leonora Pimentel und Michele stellten dieselbe Forderung.
Man kettete alle Drei los.
Sie gingen in das Nebenzimmer. Der Priester stand am Altare, Soldaten hielten die Thür besetzt und man sah in dem Corridor die Bajonnete funkeln, welche verriethen, daß das Detachement zahlreich und daß folglich alle Vorsichtsmaßregeln getroffen waren.
Salvato hatte sich blos losketten lassen, um keine Gelegenheit zu versäumen, sich mit seinem Vater oder den Emissären seines Vaters, welche es vielleicht übernommen hätten, ihn zu retten, in Mittheilung zu setzen.
Leonora hatte verlangt die Messe zu hören, weil sie als Weib und Dichterin sich gedrungen fühlte, an dem göttlichen Geheimnisse theilzunehmen.
Michele hatte es verlangt, weil er als Neapolitaner und Lazzarone überzeugt war, daß ohne Messe ein guter Tod nicht möglich sei.
Salvato blieb in der Nähe der Verhindungsthür zwischen den beiden Gemächern stehen. Mochte er aber die Anwesenden mit den Augen befragen und seinen Blick in den Corridor hinabtauchen lassen, wie er wollte, so sah er doch nichts, was ihn hätte muthmaßen lassen können, daß man sich mit seiner Rettung beschäftigte.
Leonora ergriff einen Stuhl und neigte sich darüber, indem sie sich auf die Lehne stützte.
Michele kniete sich unmittelbar auf die Stufen des Altars nieder.
Michele repräsentierte den unbedingten Glauben, Leonora die Hoffnung, Salvato den Zweifel.
Salvato hörte die Messe mit Zerstreutheit, Leonora hörte sie mit Sammlung, Michele hörte sie mit Begeisterung.
Patriot und Oberst war er nur vier Monate, Lazzarone dagegen sein ganzes Leben lang gewesen.
Als die Messe beendet war, fragte der Priester:
»Wer will communiciren?«
»Ich!« rief Michele.
Leonora verneigte sich, ohne zu antworten.
Salvato schüttelte den Kopf zum Zeichen der Verneinung.
Michele näherte sich dem Priester, beichtete mit leiser Stimme und communicirte.
Dann wurden alle Drei wieder in das Gemach geführt, wo man ihnen ebenso wie ihren Genossen ein Frühstück auftrug.
»Wann ist die Stunde?« fragte Cirillo die Schließer, welche das Mahl herbeibrachten.
Einer davon näherte sich ihm.
»Ich glaube, um vier Uhr, Signor Cirillo,« sagte er.
»Ah,« entgegnete der Doctor, »Du kennst mich also?«
»Ja, Sie haben voriges Jahr mein Weib von einer Brustkrankheit geheilt.«
»Und geht es seit dieser Zeit gut mit ihr?«
»Ja, Excellenz.«
Dann setzte er mit einem Seufzer und leise hinzu:
»Ich möchte Ihnen ein ebenso langes Leben wünschen, als meinem Weibe wahrscheinlich nun noch beschieden sein wird.«
»Mein Freund,« antwortete ihm Cirillo, »die Tage des Menschen sind gezählt. Nur ist Gott weniger streng als Se. Majestät der König Ferdinand. Gott läßt zuweilen Gnade walten, der König Ferdinand aber niemals. Du sagt, um vier Uhr werde die Stunde sein?«
»Ich glaube es,« antwortete der Schließer; »da sie aber Ihrer viel sind, so wird man vielleicht, um Zeit zu gewinnen, eine Stunde eher anfangen.«
Cirillo zog seine Uhr heraus.
»Jetzt ist es halb elf,« sagte er.
Dann, als er im Begriffe stand, sie wieder in die Tasche zu stecken, setzte er hinzu:
»Beinahe hätte ich vergessen sie aufzuziehen. Wenn ich stehen bleibe, so ist dies immer noch für sie kein Grund, auch stehen zu bleiben.«
Und mit diesen Worten zog er gelassen die Uhr auf.
»Gibt es unter den Verurtheilten vielleicht einige, welche den Beistand der Religion zu empfangen wünschen?« fragte der Priester, indem er auf der Schwelle der Thür erschien.
»Nein, antworteten Cirillo, Hector Caraffa und Manthonnet wie aus einem Munde.
»Nun, wie Ihr wollt,« antwortete der Priester.
»Es ist das eine Angelegenheit zwischen Gott und Euch.«
»Ich glaube, mein Vater, antwortete Cirillo, »es wäre richtiger zu sagen, eine Angelegenheit zwischen Gott und dem König Ferdinand.«
Siebentes Capitel.
Das Thor San Agostino alla Zecca
Gegen halb vier Uhr hörten die Verurtheilten die äußere Thür des Cabinets der Bianchi sich öffnen, von welcher sie durch eine starke Scheidewand und durch eine mit Eisenbeschlägen, Vorhängschlössern und Riegeln versehene Thür getrennt waren. Dann vernahmen sie ein Geräusch von Tritten und das Flüstern mehrerer Stimmen. Cirillo zog seine Uhr.
»Halb vier Uhr,« sagte er. »Mein wackerer Schließer hat sich nicht geirrt.«
»Michele,« sagte Salvato zu dem Lazzarone, welcher, seitdem er communicirt hatte, in fortwährendes Gebet versunken war.
Michele stutzte und näherte auf einen Wink von Salvato sich diesem, so weit die Länge seiner Kette es gestattete.
»Excellenz?« fragte er.
»Sieh zu, daß Du Dich nicht von mir entfernt, und wenn sich irgend ein unerwarteter Vorfall ereignete, so benutze denselben.«
Michele schüttelte den Kopf.
»O, Excellenz,« murmelte er, »Nanno hat gesagt, ich würde gehängt werden, und folglich muß ich gehängt werden. Es kann gar nicht anders geschehen.«
»Ach, wer weiß das?« sagte Salvato.
Man hörte die Thür sich öffnen, welche sich der gegenüber befand, die in das Cabinet der Bianchi führte, das heißt die der Capelle, und ein Mann erschien auf der Schwelle des Gemachs der Verurtheilten, während das Klirren der Flintenkolben, welche die Soldaten auf den Boden setzten, bis zu ihnen drang.
Der Anblick dieses Mannes war von der Art, daß man sich nicht wohl in ihm täuschen konnte.
Es war der Henker.
Er zählte die Delinquenten.
»Blos sechs Ducati Prämie,« murmelte er mit einem Seufzer, »und wenn ich bedenke, daß ich eigentlich bei diesem einzigen Geschäft sechzig Ducati verdienen sollte! Indessen denken wir weiter nicht daran.«
Der Fiscalprocurator Guidobaldi trat ein, während ein Gerichtsdiener mit dem Urtheilsspruch der Junta in der Hand voranschritt.
»Kettet die Verurtheilten los,« sagte der Fiscalprocurator.
Die Schließer gehorchten.
»Kniet nieder, um euren Urtheilsspruch zu hören,« sagte Guidobaldi.
»Mit Ihrer Erlaubniß, Herr Fiscalprocurator,« sagte Hector Caraffa, »wir möchten ihn lieber stehend anhören.«
Der spöttische Ton, in welchem diese Worte gesprochen wurden, bewog den Richter mit den Zähnen zu knirschen.
»Es kommt wenig darauf an, ob Ihr ihn kniend, stehend oder sitzend hört, dafern Ihr ihn nur hört und derselbe vollstreckt wird. – Lesen Sie, setzte der Fiscalprocurator dann zu dem Diener hinzu.
Der Spruch verurtheilte Domenico Cirillo, Gabriel Manthonnet, Salvato Palmieri, Michele den Narren und Leonora Pimentel zum Tode durch den Strang und Hector Caraffa zur Enthauptung.
»So ist’s recht,« sagte Hector. »Es läßt sich nichts dagegen einwenden.«
»Dann,« fragte Guidobaldi in spöttischem Tone, »kann man das Urtheil wohl vollstrecken?«
»Jawohl, sobald es Ihnen beliebt. Ich für meine Person bin bereit und setze voraus, daß meine Freunde es ebenfalls sind.«
»Ja,« antworteten die Verurtheilten wie aus einem Munde.
»Dennoch muß ich Dir, Domenico Cirillo, noch Eines sagen,« hob Guidobaldi in einem Tone an, welcher verrieth, daß diese Worte ihm gewaltige Ueberwindung kosteten.
»Und was denn?«, fragte Cirillo.
»Bitte den König um Gnade und vielleicht wird er sie Dir gewähren, weil Du ein Arzt gewesen bist. Auf alle Fälle habe ich, dafern Du diese Bitte stellt, Befehl, eine Frist zu bewilligen.«
Aller Blicke hefteten sich auf Cirillo. Dieser aber antwortete mit einer sanften Stimme, einem ruhigen Gesicht und seinen lächelnden Lippen:
»Vergebens versucht man meinen Ruf durch eine Niedrigkeit zu brandmarken. Ich weigere mich, den mir dargebotenen schimpflichen Rettungsweg zu betreten. Ich bin mit Freunden verurtheilt worden, welche mir theuer sind; ich will auch mit ihnen sterben. Ich erwarte meine Ruhe vom Tode, und ich werde eher nichts thun, um ihn zu fliehen oder auch nur um eine Stunde länger in einer Welt zu bleiben, in welcher Ehebruch, Meineid und Bosheit herrschen.«
Leonora ergriff Cirillos Hand, und nachdem sie dieselbe geküßt, warf sie das Opiumfläschchen, welches sie von ihm erhalten, auf den Fußboden, so daß es zerbrach.
»Was ist dies?« fragte Guidobaldi, als er die Flüssigkeit sich über das Steinpflaster verbreiten sah.
»Ein Gift, welches mich binnen zehn Minuten deinen Klauen entrückt hätte, Elender!« antwortete sie.
»Und warum entsagst Du diesem Gift?«
»Weil es, wie mir scheint, eine Feigheit wäre, Cirillo zu verlassen, sobald er erklärt hat, daß er uns nicht verlassen will.«
»Gut gesprochen, meine Tochter!« rief Cirillo. »Ich werde nicht sagen: »Du bist meiner würdig, sondern: »Du bist deiner selbst würdig.«
Leonora lächelte, warf einen Blick gen Himmel, streckte die Hand aus und sagte mit lächelndem Munde:
»Forsan haec olim meminisse juvabit.«
»Nun,« sagte Guidobaldi ungeduldig, »ist man fertig und hat Niemand weiter noch etwas zu verlangen?«
»Es hat gleich von vornherein Niemand etwas verlangt,« sagte der Graf von Ruvo.
»Und es wird auch Niemand etwas verlangen,« sagte Manthonnet, »ausgenommen, daß diese Komödie angeblicher Milde so schnell als möglich zu Ende gebracht werde.«
»Schließer, öffnet den Bianchi die Thür,« sagte der Fiscalprocurator.
Die Thür des Cabinets öffnete sich und die Bianchi erschienen mit ihren langen weißen Gewändern bekleidet. Es waren ihrer zwölf, für jeden Verurtheilten zwei.
Die Thür des Cabinets schloß sich wieder hinter ihnen. Einer der frommen Bruderschaft näherte sich Salvato, ergriff ihn bei der Hand und machte dabei das Zeichen der Freimauerer.
Salvato gab ihm dasselbe Zeichen zurück, ohne daß sein Gesicht die mindeste Gemüthsbewegung verrieth.
»Sind Sie bereit?« fragte der Büßer.
»Ja,« antwortete Salvato.
Die Antwort hatte einen Doppelsinn, aber Niemand bemerkte etwas davon.
Was Salvato betraf, so erkannte er die Stimme nicht, das maurerische Zeichen aber sagte ihm, daß er es mit einem Freund zu thun hatte. Er wechselte einen Blick mit Michele.
»Bedenke, was ich Dir gesagt habe, Michele,« sagte Salvato.
»Ja, Excellenz,« antwortete der Lazzarone.
»Welcher von Euch heißt Michele?« fragte ein Büßer.
»Ich!« rief Michele lebhaft, denn er glaubte, er werde eine gute Nachricht mitgetheilt erhalten.
Der Büßer näherte sich ihm.
»Ihr habt eine Mutter, nicht wahr?« fragte er ihn.
»Ja,« antwortete Michele mit einem Seufzer, »und das ist eben mein größter Kummer. Die arme Frau! Aber woher wissen Sie das?«
»In dem Augenblick, wo ich in die Vicaria trat, sprach eine arme alte Frau mich an.«
»Excellenz,« sagte sie zu mir, »ich habe eine Bitte an Sie.«
»Was denn für eine?« fragte ich.
»Ich möchte wissen, ob Sie zu den Büßern gehören, welche die Verurtheilten auf das Schaffot begleiten.«
»Ja, dies ist der Fall.«
»Nun denn, einer davon heißt Michele Marino, ist aber mehr unter dem Namen Michele der Narr bekannt.«
»Ist dies,« fragte ich die Alte, »nicht derselbe, welcher unter der sogenannten Republik Oberst war?«
»Ja, der Unglückliche!« antwortete sie; »das ist er!«
»Nun und?«
»Nun, als wackerer Christ, der Sie sind, werden Sie ihn auffordern, beim Heraustreten aus der Vicaria die Augen links zu wenden. Ich werde auf dem Stein der Bankerottirer stehen, um ihn zum letzten Mal zu sehen und ihm meinen Segen zu geben.«
»Ich danke, Excellenz, sagte Michele. »Es ist Thatsache, daß die arme gute Frau mich von ganzem Herzen liebt. Ich habe ihr mein ganzes Leben lang viel Kummer gemacht, heute aber mache ich ihr den letzten.«
Er trocknete sich eine Thräne und fragte dann den Büßer:
»Wollen Sie mir die Ehre erzeigen, mich zu begleiten?«
»Sehr gern,« antwortete Biancho.
»Komm, Michele,« sagte Salvato, »wir wollen nicht auf uns warten lassen.«
»Hier bin ich, Signor Salvato, hier bin ich.«
Und Michele folgte Salvato auf dem Fuße. Die Verurtheilten verließen das Gemach, in welchem sie sich zur geistlichen Vorbereitung befunden, durchschritten das, in welchem ihnen die Messe gelesen worden, und begannen mit dem Henker an der Spitze in den Corridor zu treten.
Sie marschierten in der Reihenfolge, welche ohne Zweifel die war, in der sie hingerichtet werden sollten.
Zuerst kam Cirillo, dann Manthonnet, dann Michele, dann Leonora Pimentel, dann Ettore Caraffa.
Jeder der Verurtheilten marschierte zwischen zwei Bianchi.
An der in den Hof führenden Thür des Gefängnisses stand eine Doppelreihe von Soldaten bis zu der zweiten, welche auf den Platz der Vicaria hinausführte.
Dieser Platz war mit Menschen angefüllt.
Beim Anblick der Verurtheilten erhob die Menge ein furchtbares Geschrei und rief:
»Zum Tode mit den Jakobinern! Zum Tode!«
Es war augenscheinlich, daß ohne die Doppelreihe der Soldaten, welche die Verurtheilten schützte, dieselben nicht fünf Schritte in der Straße hätten zurücklegen können, ohne in Stücke gerissen zu werden. Messer blitzten in Aller Händen und Drohungen funkelten aus Aller Augen.
»Stützen Sie sich auf meine Schulter,« sagte der Büßer, welcher zu Salvato’s rechter Hand einherschritt und sich ihm als Freimaurer zu erkennen gegeben hatte.
»Glauben Sie denn, ich bedürfe einer Stütze?« fragte Salvato lächelnd.
»Nein, aber ich habe Ihnen Instructionen zu geben.«
Man hatte etwa fünfzehn Schritte außerhalb der Vicaria zurückgelegt und sah sich der Säule gegenüber, die auf dem Steine steht, welche man den Stein der Bankerottirer nennt, weil diese im Mittelalter ihre Insolvenz dadurch erklärten, daß sie sich mit dem nackten Hintern auf diesen Stein setzten.
»Halt,« sagte der Büßer, welcher zu Micheles linker Hand schritt.
Die Büßer genießen bei diesen Todesprozessionen eine Autorität, welche es Niemanden einfällt ihnen streitig machen zu wollen.
Meister Donato blieb zuerst stehen, dann machten hinter ihm Büßer, Soldaten und Verurtheilte ebenfalls Halt.
»Junger Mann,« sagte der Büßer, welcher »Halt« gerufen, zu Michele, »sage deiner Mutter Lebewohl. – Weib, setzte er sich zu der Alten wendend hinzu, »gib deinem Sohn den letzten Segen.«
Die Alte stieg von dem Steine, auf dem sie stand, herab und Michele warf sich in ihre Arme.
Einige Secunden lang war weder das Eine noch das Andere im Stande zu sprechen.
Der Büßer, welcher sich Salvato zur Rechten befand, benutzte diesen Umstand, um ihm zu sagen:
»In dem Vico San Agostino alla Zecca wird in dem Augenblick, wo wir der Kirche gegenüber anlangen, ein Tumult entstehen. Eilen Sie dann die Stufen der Kirche hinauf und lehnen Sie sich an die Thür, indem Sie zugleich mit der Ferse daran pochen.«
»Gehört der Büßer zu meiner Linken auch zu den Unsrigen?«
»Nein. Thun Sie, als ob Sie sich mit Michele beschäftigten.«
Salvato drehte sich nach der Gruppe herum, welche durch Michele und seine Mutter gebildet ward.
Michele hatte soeben den Kopf emporgerichtet und schaute sich um.
»Und sie, fragte er, »ist sie nicht bei Euch?«
»Wer denn?« fragte die Alte.
»Assunta.«
»Ihre Brüder und ihr Vater haben sie in das Kloster der Annunciata eingesperrt, wo sie weint und verzweifelt. Sie haben geschworen, wenn sie Dich den Händen der Soldaten entreißen könnten, so solle der Henker nicht das Vergnügen haben, Dich aufzuknüpfen, denn sie würden sich dann die Freude machen, Dich in Stücke zu reißen. Giovanni hat sogar hinzugesetzt: Es wird mich dies einen Ducaten kosten, aber das soll nichts ausmachen.«
»Liebe Mutter, Ihr werdet ihr sagen, daß ich ihr gezürnt, weil sie mich verlassen, daß ich ihr aber nun verzeihe, weil ich weiß, daß sie nicht dafür kann.«
»Wohlan,« sagte der Büßer, »es muß geschieden sein.«
Michele kniete nieder vor seiner Mutter, die ihm beide Hände aufs Haupt legte und ihn im Stillen segnete, denn ein lautes Wort konnte die arme schluchzende Frau nicht mehr hervorbringen.
Der Büßer faßte sie unter dem Arm und setzte sie auf den Stein, auf dem sie wie eine träge Masse, den Kopf auf die beiden Knie stützend, sitzen blieb.
»Ja, gehen wir,« sagte Michele.
Und er stellte sich von selbst wieder in Reihe und Glied.
Der arme Junge war weder ein Freigeist wie Ruvo, noch ein Philosoph wie Cirillo, noch ein Felsenherz wie Manthonnet, noch ein Dichter wie Leonora Pimentel. Er war blos ein Sohn des Volkes, allen Gefühlen zugänglich und verstand nicht dieselben zurückzudrängen oder zu verhehlen.
Er ging mit festem Schritt und aufgerichtetem Haupt, aber thränenfeuchten Wangen.
Man folgte einige Augenblicke lang der Strada dei Tribunali, dann bog man links in den Vico delle Lite ein, durchschritt die Strada Forcella und gelangte dann in den Vico San Agostino alla Zecca.
Am Eingange dieser Straße stand ein Mann mit einem Karren, der mit zwei Büffeln bespannt war.
Salvato kam es vor, als ob der Büßer zu seiner Rechten mit dem Karrenführer ein Zeichen wechselte.
»Halten Sie sich bereit,« sagte der Büßer.
»Wozu?« fragte Salvato.
»Zu dem, was ich gesagt habe.«
Salvato drehte sich um und sah, daß der Mann mit den Büffeln dem Zuge mit einem Karren folgte.
Kurz vor der Estrade del Pendino war die Straße durch einen mit Holz beladenen Wagen versperrt, dessen Axe gebrochen war.
Der Mann spannte seine Pferde ab, um dann den Wagen abzuladen. Fünf oder sechs Soldaten schritten voraus mit dem Rufe: »Platz! Platz!« und versuchten in der That die Straße frei zu machen.
Man befand sich jetzt der Kirche San Agostino alla Zecca gegenüber.
Plötzlich hörte man ein fürchterliches Gebrüll und die Büffel stürzten wie plötzlich toll geworden mit blutigen Augen, heraushängenden Zungen und feuersprühenden Nüstern, während sie den Karren mit donnerähnlichem Getöse hinter sich herschleppten, sich auf den Zug und zerquetschten und zertraten das Volk, womit die Straße angefüllt war, ebenso wie die Nachhut der Soldaten, welche vergebens versuchten, sie mit ihrem Bajonneten aufzuhalten.
Salvato begriff, daß dies der Augenblick war. Mit dem Ellbogen den zweiten Büßer, der ihm zur Linken einherging, auf die Seite schiebend, stieß er den Soldaten, der ihm der nächste war, über den Haufen und sprang mit dem wiederholten Rufe: »Die Büffel! die Büffel!« als ob er blos dieser Gefahr zu entrinnen suchte, die Stufen der Kirche hinan, lehnte sich an die Thür und schlug mit dem Absatze an dieselbe. Die Thür öffnete sich, wie bei einem gut in Scene gesetzten Zauberspiele eine Versenkung sich öffnet, und ehe man Zeit gehabt hatte, zu sehen, wohin er verschwunden war, schloß die Thür sich wieder hinter ihm.
Michele wollte Salvato folgen, aber ein eiserner Arm hielt ihn zurück. Es war der des alten Fischers Basso Tomeo, des Vaters Assunta’s.
Achtes Capitel.
Wie man 1799 in Neapel starb
Vier bis an die Zähne bewaffnete Männer erwarteten Salvato im Innern der Kirche. Einer von ihnen breitete ihm die Arme entgegen. Salvato warf sich ihm an die Brust und rief:
»Mein Vater !«
»Und nun,« sagte dieser, »ist kein Augenblick zu verlieren. Komm’, komm’!«
»Aber,« sagte Salvato sich sträubend. »können wir nicht auch meine Unglücksgenossen retten?«
»Nein, daran ist nicht zu denken,« entgegnete Giuseppe Palmieri. »Denken wir blos an Luisa.«
»Ja, ja, Luisa!«, rief Salvato; »retten wir Luisa.«
Hätte Salvato übrigens auch Widerstand leisten wollen, so wäre ihm dies doch unmöglich gewesen, denn bei dem Getöse der an der Kirchenthür hämmernden Flintenkolben zog Giuseppe Palmieri seinen Sohn mit Riesenkraft nach dem Ausgang, welcher in die Strada dei Chiarettieri al Pendino führt.
An diesem Ausgange erwarteten, von zwei Bauern aus den Abruzzen gehalten, vier fertiggesattelte Pferde, jedes mit einem Carabiner am Sattelbogen, ihre Reiter.
»Dies da ist mein Pferd,« sagte Giuseppe Palmieri, indem er sich in den Sattel schwang, »und hier ist das deinige,« setzte er hinzu, indem er seinem Sohn ein zweites Pferd zeigte.
Ehe sein Vater noch ausgeredet hatte, saß Salvato ebenfalls im Sattel.
»Folge mir!« rief Giuseppe ihm zu.
Und er sprengte voran über den Largo del Elmo, durch den Vico Grande, durch die Strada Egiziaca a Forcella.
Salvato folgte ihm; die beiden anderen Männer galoppierten hinter Salvato drein.
Fünf Minuten später verließen sie Neapel durch das Thor von Nola, schlugen den Weg nach San Corme ein, wendeten sich auf einem durch den Sumpf führenden Weg links, gewannen oberhalb Capodichino die Straße nach Casoria, ließen San Antonio zu ihrer Linken, Acerra zu ihrer Rechten und vertieften sich, Dank der Vortrefflichkeit ihrer Pferde, die beiden Männer, welche ihnen zur Escorte dienten, weit hinter sich lassend, in das Thal der caudinischen Pässe.
Denjenigen unserer Leser, welche Alles erklärt haben wollen, werden wir diese Erklärung jetzt mit kurzen Worten geben.
Giuseppe Palmieri hatte auf einer kurzen Reise, die er nach Molia gemacht, ein Dutzend ihm treuergebene Männer gefunden, die er mit nach Neapel genommen.
Ein alter Freund von ihm, welcher Mitglied der Brüderschaft der Bianchi war, hatte es übernommen, unter dem Vorwand, Salvato als Büßer zu begleiten, den Verurtheilten von dem in Kenntniß zu setzen, was zu einer Rettung unternommen worden.
Einer der von Giuseppe Palmieri mitgebrachten Bauern hatte die Straße durch einen Holzwagen versperrt.
Der andere erwartete das Vorüberkommen des Zuges mit einem mit zwei Büffeln bespannten Karren, welcher beinahe die ganze Breite der Straße einnahm.
Sobald der Zug vorüber war, ließ der Bauer einem jeden seiner Büffel ein Stück brennenden Schwamm in das Ohr fallen. Die Büffel geriethen dadurch natürlich in die größte Wuth, stürzten sich brüllend in die Straße hinein und rannten Alles nieder, was ihnen in den Weg kam.
Dies war die Veranlassung zu der Verwirrung, welche Salvato benutzt hatte.
Durch sein Verschwinden aber war diese Verwirrung nicht beschwichtigt worden.
Wir haben bereits gesagt, daß Michele einen Versuch machte, Salvato zu folgen, daß er aber durch den alten Fischer Basso Tomeo festgehalten ward, welcher geschworen hatte, ihn dem Henker streitig zu machen.
Und in der That hatte sich nicht blos ein Kampf zwischen den Lazzaroni, welche Michele in Stücke reißen wollten, weil er ihre ehrenwerthe Zunft durch das Tragen der französischen Uniform geschändet, sondern auch zwischen ihnen und Michele entsponnen, welcher, wenn es einmal nicht anders war, doch lieber gehängt als in Stücke gerissen werden wollte.
Die Soldaten der Escorte kamen Michele zu Hilfe und es gelang ihnen ihn den Händen seiner ehemaligen Cameraden zu entreißen, leider aber in einem beklagenswerthem Zustand.
Die Lazzaroni sind flink und hatten Zeit gehabt, Michele zwei oder drei Messerstiche zu versetzen.
Die Folge hiervon war, daß man, da der arme Teufel nicht mehr gehen konnte, sich des Karrens bemächtigte, welcher die Straße versperrte, um auf diesem den Verurtheilten den noch übrigen Weg zurücklegen zu lassen.
Was Salvato betraf, so hatte man eine Flucht wohl bemerkt, denn diese war durch die Kolbenschläge beschleunigt worden, welche die Soldaten gegen die Thür der Kirche geführt.
Diese Thür war aber zu fest, als daß man sie einzuschlagen vermocht hätte. Deshalb mußte man um die Kirche und sogar durch die Strada del Pendino um die ganze Gasse herumlaufen.
Man that es; aber dies dauerte eine Viertelstunde, und als man an den Ausgang der Kirche gelangte, war Salvato schon außerhalb Neapel und folglich außer Gefahr.
Von den übrigen Verurtheilten hatte keiner die mindeste Bewegung gemacht, um ebenfalls zu entfliehen.
Als Salvato verschwunden war und Michele auf seinem Karren lag, setzte die Todesprozession sich wieder in Bewegung nach dem Ort der Hinrichtung, das heißt nach dem sogenannten Altmarkte.
Um jedoch dem Volke mehr Genuß zu verschaffen, ließ man den Zug einen großen Umweg durch die Strada Francesca machen, so daß er auf den Quai herauskam.
Die Lazzaroni hatten Leonora Pimentel erkannt, und indem sie unter Geheul und obscönen Geberden zu beiden Seiten der Escorte hertanzten, sangen sie:
»La Signora Dianora,
Che contava neappa lo triato,
Mo alballa muzzo a lo mercato.
»Viva, viva lo papa santo,
Che a marmato i cannoncini,
Per distruggere i giacobini.
»Viva la forca e maestro Donato,
Sant’ Antonio sia lodato!«
Diese Verse bedeuten:
»Die Signora Dianora, welche auf dem Theater sang, tanzt jetzt mitten auf dem Markte.
»Es lebe, es lebe der heilige Vater, welcher kleine Kanonen geschickt hat, um die Jakobiner zu vernichten.
»Es lebe der Galgen und Meister Donato. Der heilige Antonius sei gelobt!«
Mitten unter diesem Geschrei und Geheul, diesen groben Scherzen und Beleidigungen kamen die Verurtheilten auf den Quai heraus, folgten der Strada Nuova und erreichten die Strada dei Sospiri dell’ Abisso, von wo aus sie die in der Mitte des Altmarkts aufgerichteten Hinrichtungswerkzeuge erblickten.
Dieselben bestanden aus sechs Galgen und einem Schaffot.
Einer der Galgen überragte die anderen um wenigstens zehn Fuß.
In Folge eines obscönen Einfalls war dieser Galgen für Leonora Pimentel bestimmt.
Man sieht, der König von Neapel setzte die Aufmerksamkeit gegen eine guten Lazzaroni nicht aus den Augen.
An der Ecke des Vico della Conciaria erwartete ein gräßlich verstümmelter Mann mit einer Narbe, welche sein Gesicht spaltete und die Stelle des einen Auges bedeckte, mit einer Hand, woran die Finger fehlten und mit einem hölzernen Bein, durch welches er sein gebrochenes ersetzt, den Zug, welchem er in Folge einer Schwäche nicht im Stande gewesen war entgegenzugehen.
Es war der Beccajo.
Er hatte Salvato’s Prozeß und Verurtheilung erfahren, und so schlecht geheilt er auch war, eine Anstrengung gemacht, um das Vergnügen zu haben, ihm hängen zu sehen.
»Wo ist er, der Jakobiner? Wo ist er, der Verworfene? Wo ist er, der Bandit?« rief er, indem er die Reihe der Soldaten zu durchbrechen suchte.
Michele erkannte seine Stimme, und obschon fast sterbend, richtete er sich auf seinem Karren empor und rief mit lautem Gelächter:
»Wenn Du Dich hierherbemüht hat, um den General Salvato hängen zu sehen, so hast Du Dir vergebliche Mühe gemacht. Er ist gerettet!«
»Gerettet!« rief der Beccajo, »gerettet! Das ist unmöglich!«
»Nun so frage diese Herren und sieh, was für lange Gesichter sie machen! Indessen hast Du immer noch eine Aussicht für Dich, nämlich wenn Du Dich sofort aufmacht und ihm nachläuft. Du hast gute Beine, Du wirst ihn schon einholen.«
Der Beccajo stieß ein Wuthgeheul aus; noch einmal sah er sich um eine Rache betrogen.
»Platz! Platz!« riefen die Soldaten, indem sie ihn mit Kolbenstößen zurückdrängten.
Und der Zug bewegte sich weiter.
Man langte am Fuße der Galgen an. Hier erwartete ein Gerichtsbeamter die Verurtheilten, um ihnen den Urtheilsspruch nochmals vorzulesen.
Dieses Vorlesen geschah mitten unter Gelächter, Geheul, Schmähungen und brüllendem Gesang.
Als der Urtheilsspruch verlesen war, näherte der Henker sich der Gruppe der Verurtheilten.
In Bezug auf die Reihenfolge, in welcher die Patrioten hingerichtet werden sollten, war keine feste Bestimmung getroffen.
Als Cirillo und Manthonnet den Henker auf sich zukommen sahen, thaten sie einen Schritt vorwärts.
»Welchen von beiden soll ich zuerst hängen?« fragte Meister Donato.
Manthonnet bückte sich, hob zwei Strohhalme von ungleicher Länge auf und gab Cirillo die Wahl.
Cirillo zog den längsten.
»Ich habe gewonnen,« sagte Manthonnet.
Und mit diesen Worten überlieferte er sich Meister Donato.
Als ihm der Strick um den Hals gelegt war, rief er:
»O Volk, heute schmähst Du uns, aber es wird der Tag kommen, wo Du Alle rächst, die für dein Vaterland gestorben sind.«
Meister Donato stieß ihn von der Leiter und sein Körper baumelte in der Luft.
Nun war Cirillo an der Reihe.
Als er auf der Leiter stand, versuchte er ebenfalls einige Worte zu sprechen, der Henker aber ließ ihm nicht Zeit dazu, und unter dem lauten Beifallsgeschrei der Lazzaroni baumelte sein Körper neben dem Manthonnets.
Nun trat Leonore Pimentel vor.
»Du bist noch nicht daran,« sagte der Henker in rauhem Tone zu ihr.
Sie trat einen Schritt zurück und sah, daß man Michele getragen brachte.
Am Fuße des Galgens aber sagte dieser:
»Laßt mich versuchen die Leiter allein hinaufzusteigen, meine Freunde, denn sonst wird man glauben, nicht meine Wunden hätten mir die Kraft geraubt, sondern die Furcht.«
Und ohne gestützt zu werden, stieg er die Stufen hinauf, bis Meister Donato zu ihm sagte:
»So ist’s genug.«
Dann blieb er stehen. Und da ihm der Strick im Voraus um den Hals gelegt worden, so brauchte der Henker ihm nur einen Stoß mit dem Knie zu versetzen, um ihm den Garaus zu machen.
In dem Augenblick, wo er in den leeren Raum hinausgeschleudert ward, murmelte er dem Namen Nanno. Der übrige Theil des Redesalzes, wenn es wirklich ein Redesatz war, ward durch die sich zusammenziehende Schlinge erwürgt.
Jede dieser Hinrichtungen ward mit wahnsinnigem, wüthendem Hurrahgeschrei begrüßt.
Die Hinrichtung aber, welche man mit der größten Ungeduld erwartete, war augenscheinlich die der unglücklichen Leonora Pimentel.
Endlich war sie an der Reihe, denn Meister Donato mußte erst mit den Galgen fertig werden, ehe er zur Guillotine überging.
Der Gerichtsbeamte sagte einige Worte leise zu Meister Donato, welcher sich Leonora näherte.
Die Heldin hatte ihre Ruhe wiedergewonnen, die einen Augenblick lang durch den Anblick dieses Galgens, der höher war als alle übrigen, gestört worden – einen Anblick, der allerdings nicht ihren Muth gebrochen, wohl aber ihr Schamgefühl erschreckt hatte.
»Signora,« sagte der Henker in einem andern Ton als dem, in welchem er fünf Minuten vorher zu ihr gesprochen, »ich bin beauftragt, Ihnen zu sagen, daß, wenn Sie um Begnadigung bitten, Ihnen eine Frist bewilligt werden wird, während welcher Ihr Gesuch an den König Ferdinand abgesendet werden soll, der in seiner Milde vielleicht Ihre Bitte erhört.«
»Bitten Sie um Gnade! Bitten Sie um Gnade!« wiederholten um sie herum die Büßer, welche sie und ihre Genossen hierhergeleitet hatten.
Dieser Beweis von Theilnahme entlockte ihr ein Lächeln.
»Und wenn ich nun um etwas Anderes bitte als das Leben, wird man es mir gewähren?«
»Vielleicht,« entgegnete Meister Donato.
»Wenn dies der Fall ist,« sagte sie, »so bitte ich Euch um ein Beinkleid.«
»Bravo!« rief Hector Caraffa; »eine Spartanerin hätte nicht besser sprechen können.«
Der Henker sah den Gerichtsbeamten an. Man hatte eine weibliche Schwäche erwartet, erhielt aber dagegen die erhabene Antwort einer Heldin.
Der Gerichtsbeamte gab ein Zeichen.
Meister Donato ließ seine unsaubere Hand auf Leonora’s nackte Schulter fallen und zog sie nach dem höchsten Galgen.
Am Fuße desselben angelangt, maß sie die Höhe mit den Augen.
Dann wendete sie sich nach dem Kreise von Zuschauern, welcher das Marterwerkzeug von allen Seiten umringte, und sagte:
»Im Namen des Schamgefühles frage ich: Gibt es eine Familienmutter unter Euch, welche mir ein Mittel gewährt, mich vor dieser Infamie zu bewahren?«
Eine Frau warf ihr die lange silberne Nadel zu, womit sie ihr Haar festgesteckt hatte.
Leonora stieß einen Freudenschrei aus, steckte mit Hilfe dieser silbernen Nadel in der Höhe des Knies das Vorder- und Hintertheil ihres Kleides zusammen und improvisierte das Beinkleid, welches sie vergebens verlangt hatte.
Dann erstieg sie mit festem Fuße die Sprossen der Leiter, indem sie die vier ersten Verse der neapolitanischen Marseillaise hersagte, die sie an dem Tage, wo man den Fall von Altamura erfuhr, auf dem Theater San Carlo gesungen hatte.
Ehe sie noch den vierten Vers beendet, war diese heldenmüthige Seele in den Himmel emporgestiegen.
Die Galgen waren voll bis auf einen. Es war dies der für Salvato bestimmte. Es gab Niemanden mehr zu hängen, wohl aber gab es noch Jemanden zu guillotiniren.
Dies war der Graf von Ruvo.
»Na,« sagte er, als er sah, daß Meister Donato und seine Gehilfen mit dem letzten Cadaver fertig waren, »hoffentlich komme nun ich an die Reihe, wie?«
»O, sei unbesorgt,« sagte Meister Donato, »ich werde Dich nicht lange warten lassen.«
»Wenn ich um eine Gunst bäte, würde mir dieselbe wohl gewährt werden?
»Wer weiß? Bittet nur erst.«
»Wohlan, dann wünsche ich so geköpft zu werden, daß ich das Eisen, welches mir den Hals durchschneiden wird, fallen sehen kann.«
Meister Donato sah den Gerichtsbeamten an. Dieser gab durch eine Geberde zu verstehen, daß nach seiner Ansicht der Erfüllung dieses Wunsches sich kein Hinderniß entgegenstelle.
»Es wird geschehen, wie Du willst,« antwortete der Henker.
Hector Caraffa erstieg nun flink die Stufen des Schaffots und legte, auf der Plattform angelangt, sich selbst auf das Brett, mit dem Rücken nach unten und dem Gesicht gen Himmel gewendet.
So band man ihn fest, dann schob man ihn unter das Fallbeil.
Der über diesen unerschütterlichen Muth vielleicht ein wenig erstaunte Henker zögerte einen Augenblick, ein schreckliches Amt zu verrichten.
»Taglia dunque, per Dio!« rief ihm der Delinquent zu. (»So schneidet doch, bei Gott!«)
Auf diesen Befehl fiel das verhängnißvolle Eisen und Hector Caraffas Kopf rollte auf das Blutgerüst.
Wenden wir die Augen ab von diesem gräßlichen Schauplatz der Metzelei, welchen man Neapel nennt, und richten wir sie wieder auf einen andern Punkt des Königreiches.
Neuntes Capitel.
Die Goelette »der Renner«
Drei Monate waren seit den soeben erzählten Ereignissen verflossen. Vieles hatte sich in Neapel geändert. Die englische Flotte war fort und der Cardinal Ruffo hatte sich ebenfalls entfernt, nachdem er seine Armee aufgelöst und seine Vollmachten zurückgegeben, um nach Venedig zu gehen und als einfacher Cardinal im Conclave Pius dem Sechsten einen Nachfolger zu geben.
Eine der wichtigsten Veränderungen war die Ernennung des Fürsten von Cassero Statella zum Vicekönig von Neapel und die des Marquis Malaspina zum zweiten Geheimsecretär.
Da die Restauration des Königs Ferdinand von nun an gesichert war, so wurden die Belohnungen ausgeheilt.
Für Nelson noch mehr zu thun, als man bereits gethan, war beinahe unmöglich. Er hatte den Degen Philipps des Fünften, er war Herzog von Bronte, er bezog von seinem Herzogthum fünfundsiebzigtausend Livres Rente.
Der Cardinal Ruffo erhielt eine Leibrente von fünfzehntausend Ducati oder fünfundsechzigtausend Francs von den Einkünften von San Giorgio la Malara, einem Lehen des Fürsten von Riccia, welches in Ermanglung von Erben der Regierung anheimgefallen war.
Der Herzog von Baranello, ältester Bruder des Cardinals, bekam die Abtei San Sofia Benevento, eine der reichten des Königreiches.
Francesco Ruffo, der seinen Bruder zum Kriegsinspector ernannt – derselbe, den wir von Nelson halb als Boten, halb als Geißel an den Hof von Palermo schicken gesehen – erhielt eine lebenslängliche Pension von dreitausend Ducati.
Der General Micheroux ward zum Marschall ernannt und erhielt einen diplomatischen Vertrauensposten.
Cesare, der falsche Herzog von Calabrien, bekam dreitausend Ducati Rente und ward zum General ernannt.
Fra Diavolo ward Oberst und Herzog von Cassano.
Pronio, Mammone und Sciarpa wurden zu Obersten und Baronen ernannt, erhielten Pensionen und Landgüter und wurden mit dem Orden des heiligen Georg decorirt.
Ueberdies stiftete man zur Belohnung der Dienste einen neuen Orden, welcher den Namen: »Orden des heiligen Ferdinand und des Verdienstes bekam und die Devise führte: Fidei et Merito.
Nelson war der erste Ritter dieses Ordens, denn den des heiligen Januarius, den ersten des Staates, konnte man ihm als einem Ketzer nicht geben.
Endlich nachdem Ferdinand die ganze Welt belohnt, meinte er, es sei nicht mehr als recht, daß er sich auch selbst belohne.
Er ließ deshalb Canova von Rom kommen und befahl ihm – die Sache ist wirklich so seltsam, daß wir zögern sie zu erzählen, weil wir fürchten müssen, daß man uns nicht glaube, – und befahl ihm, seine eigene Statue als Minerva zu fertigen.
Sechzig Jahre lang sah man das groteske kolossale Meisterwerk in einer Nische über den ersten Stufen der großen Treppe des bourbonischen Museums, wo sie noch stehen würde, wenn ich zur Zeit meiner Ernennung zum Honorardirector der schönen Künste sie nicht von diesem Standpunkt hätte entfernen lassen, nicht weil es eine lächerliche Reproduction Ferdinands, sondern weil es ein Flecken für den Genius des größten Bildhauers Italiens und ein Beweis von der Erniedrigung war, zu welcher der Meißel eines Künstler herabsteigen kann, welcher, wenn er nur einen Grad von Selbstachtung besessen, sich gewiß nicht dazu verstanden hätte, sein Talent durch Ausführung einer solchen Caricatur zu prostituieren.
Hierzu kam, daß, da die neapolitanische Dynastie einmal im glücklichen Zuge war, die schöne melancholische Erzherzogin, welche wir auf der königlichen Galeere gesehen, nachdem sie kurz zuvor jene Tochter geboren, die, wie wir ebenfalls bereits bemerkt, später einmal die Herzogin von Berry werden sollte, im Monat Februar oder März 1800 wieder in gesegneten Umständen war.
Trotz aller von uns erzählten Ereignisse, welche nachtheilig auf ihre Schwangerschaft hätten einwirken können, war diese glücklich bis zum neunten Monate gediehen, so daß man blos auf ihre Entbindung wartete, um, besonders wenn sie einen Prinzen zur Welt brächte, in Palermo eine Reihe von Festen zu veranstalten, welche der doppelten Veranlassung, welche den Grund dazu gegeben, würdig wären.
Auch noch eine andere Frau sah, freilich nicht in einem Palast und nicht von Sammt und Seite umgeben, sondern auf dem Stroh des Kerkers, einer verhängnißvollen und tödtlichen Entbindung entgegen, denn sie sollte dieselbe nicht lange überleben.
Diese andere Frau war die unglückliche Molina Luisa San Felice, welche, wie wir gehört, von ihrem Gatten für schwanger erklärt worden und auf Befehl des in seiner Rache hartnäckigen Königs Ferdinand nach Palermo geführt und einer ärztlichen Untersuchung unterzogen worden, bei welcher sich die Schwangerschaft als unzweifelhaft herausgestellt hatte.
Der König aber, der selbst für das Mitleid so wenig zugänglich war, hatte seinen eigenen Arzt Antonio Villari rufen lassen und ihm unter Androhung der härtesten Strafe befohlen, ihm über den Zustand der Gefangenen die Wahrheit zu sagen.
Antonio Villari erkannte eben so wie seine Collegen die Schwangerschaft, und versicherte sie dem König auf Ehre und Gewissen.
Nun erkundigte der König sich genau, von welcher Zeit an wohl die Schwangerschaft datiere, um zu wissen, wann, nachdem das Kind geboren worden, man die Mutter dem Henker überantworten könne.
Zum Glück war sie gerichtet und verurtheilt und konnte noch an demselben Tage, wo das Kind, das bis jetzt ihr Schutz war, ihrem Leibe entrissen sein würde, ohne weiteren Aufschub hingerichtet werden.
Ferdinand gab seinen eigenen Arzt Antonio Villardem Dienste der Gefangenen bei und wollte, damit Niemand seine Rachepläne durchkreuze, nicht blos zuerst, sondern auch allein von der stattgehabten Entbindung in Kenntniß gesetzt werden.
Diese beiden Entbindungen, die der Prinzessin, welche dem Thron einen Erben, und die der Verurtheilten, welche dem Henker ein Schlachtopfer schenken sollte, standen binnen wenigen Wochen nacheinander zu erwarten und zwar so, daß die der Prinzessin der der Verurtheilten voranging.
Dieser Umstand war es, auf welchen den Chevalier San Felice seine letzte Hoffnung gebaut hatte.
In der That war er, nachdem er seine barmherzige Mission in Neapel erfüllt, nachdem er durch seine Erklärung vor dem Tribunal und durch seine Achtung vor der Gefangenen die Ehre des Weibes sichergestellt, wieder nach Palermo zurückgekehrt, um bei dem Herzog von Calabrien, welcher den Palast des Senats bewohnte, seinen gewohnten Posten wieder aufgenommen.
Noch am Tage seiner Ankunft, und als er noch zögerte, vor dem Prinzen zu erscheinen, ließ dieser ihn rufen, reichte ihm die Hand, welche der Chevalier küßte, und sagte:
»Mein lieber San Felice, Sie haben mich um die Erlaubniß gebeten, nach Neapel zu reisen, und ohne Sie zu fragen, was Sie dort zu thun hätten, habe ich Ihnen diese Erlaubniß gegeben. Gegenwärtig haben sich verschiedene Gerüchte, wahre oder falsche, über die Ursache Ihrer Reise verbreitet. Nicht als Fürst, sondern als Freund erwarte ich, von Ihnen von dem, was Sie dort gemacht haben, unterrichtet zu werden. Ich habe Sie sehr lieb, das wissen Sie, und an dem Tage, wo ich Ihnen einen großen Dienst werde leisten können, werde ich der glücklichste Mensch von der Welt sein, ohne deswegen zu glauben, daß ich mich meiner Schuld gegen Sie entledigt habe.«
Der Chevalier wollte sich auf ein Knie niederlassen, der Prinz wehrte es ihm aber, schloß ihn in seine Arme und drückte ihn an sein Herz.
Nun erzählte der Chevalier Alles, seine Freundschaft gegen den Fürsten Caramanico, das Versprechen, welches er demselben an seinem Sterbebett gegeben, seine Vermälung mit Luisa; kurz, er erzählte ihm Alles, ausgenommen Luisas Geständnisse, so daß in den Augen des Prinzen die Vaterschaft des Chevaliers keinem Zweifel unterworfen sein konnte.
Der Chevalier endete damit, daß er Luisas politische Unschuld betheuerte und den Prinzen bat, ihre Begnadigung auszuwirken.
Der Prinz dachte einen Augenblick nach. Er kannte den grausamen rachsüchtigen Charakter seines Vaters; er wußte, welchen Schwur dieser gethan und wie schwer es sein würde, ihn von diesem Schwur zurückzubringen.
Plötzlich aber durchzuckte ein leuchtender Gedanke sein Hirn.
»Erwarten Sie mich hier, sagte er zu dem Chevalier.
»In einer Angelegenheit von dieser Bedeutung muß ich meine Gemahlin zu Rathe ziehen und diese ist überdies eine sehr gute Rathgeberin.«
Mit diesen Worten ging er in das Schlafzimmer der Prinzessin.
Fünf Minuten später öffnete sich die Thür wieder und der Prinz rief, den Kopf durch die Oeffnung steckend, den Chevalier hinein.
In dem Augenblick, wo die Thür des Schlafzimmers der Prinzessin sich hinter San Felice schloß, steuerte eine kleine Goelette, welche durch die Höhe und Biegsamkeit ihrer Masten amerikanische Bauart verrieth, um den Berg Pelegrino, folgte dem langen Hafendamm des Schlosses des Molo, welcher mit der Batterie endet, fuhr mit derselben Leichtigkeit, wie in unseren Tagen ein Dampfschiff zu thun pflegt, zwischen den englischen Kriegsschiffen und den Kauffahrteischiffen aller Länder, welche den Hafen von Palermo füllten, hindurch und ging eine halbe Kabellänge vor dem seit langer Zeit in ein Staatsgefängniß verwandelten Schlosse Castellamare vor Anker.
Wenn das Merkmal, an welchem man, wie wir gesagt, die Nationalität des kleinen Schiffes erkennen konnte, für wenig geübte Augen nicht hinreichend gewesen wäre, so hätte doch die sich an der Spitze des großen Mastes entfaltende Flagge, auf welcher man die Sterne der amerikanischen Union erblickte, bestätigt, daß es auf dem von Christoph Columbus entdeckten Boden gebaut war und daß es, so gebrechlich es auch zu sein schien, kühn und glücklich das atlantische Meer überschifft hatte, gerade wie ein Dreidecker oder eine Fregatte.
Sein mit goldenen Buchstaben am Spiegel angeschriebener Name »The Runner«, das heißt »der Renner«, verrieth, daß es einen Namen seinem Verdienst gemäß, aber nicht von der Laune eines Eigenthümers erhalten hatte.
Kaum war der Anker geworfen, so sah man das Quarantänenboot mit Beobachtung der gewohnten Formalitäten und Vorsichtsmaßregeln auf den »Renner« zusteuern, und dann wurden die herkömmlichen Fragen und Antworten gewechselt.
»Goelette, ahoi!« rief man; »wo kommt Ihr her?«
»Von Malta.«
»Direct?«
»Nein, wir sind in Marsala angelaufen.«
»Zeigt euer Patent.«
Der Capitän, welcher alle diese Fragen auf italienisch, aber mit sehr hörbarem Yankee-Accent beantwortete, reichte das verlangte Papier dar, welches man ihm mit einer Zange aus den Händen nahm und welches, nachdem man es gelesen, ihm auf dieselbe Weise zurückgegeben ward.
»Gut,« sagte der Beamte, »Ihr könnt in das Boot steigen und mit uns nach der Quarantäne kommen.«
Der Capitän ließ eines seiner Boote aussetzen, nahm vier Ruderer mit und passierte, von dem Quarantäneboot begleitet, die ganze Rhede, um das auf der andern Seite des Hafens liegende Quarantänegebäude, die Salute genannt, zu erreichen.
Zehntes Capitel.
Die Nachrichten, welche die Goelette »der Renner«
mitbrachte
Noch am Abend des Tages, wo wir den Chevalier San Felice in das Schlafzimmer der Herzogin von Calabrien gehen und den Capitän der Goelette »der Renner« sich nach der Salute haben begeben sehen, war die ganze königliche Familie bei der Sicilien in demselben Zimmer des Palastes versammelt, wo wir gesehen haben, wie Ferdinand mit dem Präsidenten Cardillo seine Partie Reversis machte, wie Emma Lyonna dem Bankier an Pharotische mit Händen voll Gold die Spitze bot, und die Königin, mit den jungen Prinzessinnen in einen Winkel zurückgezogen, die Fahne stickte, welche der treue und kluge Lamarra dem Cardinal Ruffo überbringen sollte.
Nichts hatte sich verändert. Der König spielte immer noch Reversis; der Präsident Cardillo riß sich immer noch die Knöpfe ab; Emma Lyonna bedeckte den Tisch immer noch mit Gold, während sie zugleich leise mit dem auf ihren Sessel sich stützenden Nelson plauderte, und die Königin und die Prinzessinnen stickten allerdings nicht mehr eine Fahne für den Cardinal, wohl aber ein Danksagungsbanner für die heilige Rosalie, diese sanfte Jungfrau, deren Namen man zu besudeln versuchte, indem man sie zur Beschützerin dieses Thrones machte, welcher jetzt im Begriff stand, sich wieder durch Blut zu befestigen.
Dennoch aber hatten sich seit dem Tage, wo wir unsere Leser zum ersten Mal in dieses selbe Zimmer einführten, die Dinge bedeutend geändert.
Aus einem Verbannten und Besiegten war Ferdinand, Dank dem Cardinal, ein Eroberer und Sieger geworden. Auch wäre die Ruhe dieses majestätischen Antlitzes, welches Canova, wie wir bereits erwähnt, beschäftigt war als Minerva, nicht aus dem Haupte des Jupiter, sondern aus einem herrlichen Marmorblock von Carrara springen zu lassen, noch ganz dieselbe gewesen, wenn nicht einige soeben aus Frankreich eingetroffene Nummern des »Moniteur republicain« ihren Schatten auf die neue Aera geworfen hätten, in welche das sicilische Königthum eintrat.
Die Russen waren nämlich durch Massena bei Zürich und die Engländer durch Brune bei Allmacker geschlagen worden. Die Engländer hatten sich genöthigt gesehen, sich wieder einzuschiffen und Suwarow, welcher zehntausend Mann auf dem Schlachtfelde zurückließ, war nur dadurch entronnen, daß er einen Abgrund, auf dessen Boden die Reuß strömte, auf zwei mit den Gürteln seiner Officiere aneinandergebundenen Fichtenstämmen überschritt und dann, nachdem er den Abgrund passiert, die Brücke, auf welcher er ihn überschritten, in die Tiefe hinabschleudern ließ.
Ferdinand hatte sich mitten unter dem Aerger, welchen diese Nachrichten ihm verursachten, einige Minuten Vergnügen gemacht und zwar dadurch, daß er Nelson mit der Wiedereinschiffung der Engländer und Bailly mit der Flucht Suwarow’s neckte.
Was sollte man hierauf einem Manne entgegnen, der unter gleichen Umständen sich auf so grausame und zugleich so lustige Weise selbst verspottet hatte?
Nelson begnügte sich deshalb blos auf die Lippen zu beißen und Bailly, welcher Irländer, aber von französischer Abkunft war, empfand über die Schlappe, welche die Truppen des Czaar Paul des Ersten davongetragen, nicht allzugroßes Bedauern.
Allerdings war in dem Stande der Angelegenheiten, welche Ferdinand direct interessierten, das heißt an den Angelegenheiten Italiens, nichts geändert. Oesterreich stand in Folge seiner Siege in Deutschland und Italien am Fuße der Alpen, und der Var, die alte französische Grenze, war bedroht.
Hierzu kam, daß Rom und das römische Gebiet durch Burkard und Pronio, die beiden Generale Seiner sicilichen Majestät wiedererobert worden, und daß kraft des zwischen dem General Burkard, Commandanten der neapolitanischen Truppen, der die britischen Truppen commandierende Commodore Truebridge und der Commandant der französischen Truppen General Garnier unterzeichneten Vertrages letztere mit allen Kriegsehren abziehen, aber bis zum 4. Oktober die römischen Staaten verlassen haben sollten.
In Allem diesen gab es, wie der König Ferdinand jagte, »zu essen und zu trinken.« Dann warf er mit seiner neapolitanischen Sorglosigkeit das bekannte Sprichwort, welches die Neapolitaner noch öfter in moralischem als in physischem Sinne anwenden: »Nun, was nicht erstickt, wird fett,« in die Luft, auf die Gefahr hin, daß es ihm wieder auf die Nase fiele.
Seine Majestät machte daher, ohne sich sehr durch die Ereignisse beunruhigen zu lassen, welche in der Schweiz und in Holland vor sich gingen, und sehr ruhig in Bezug auf die, welche in Italien geschehen waren, noch geschahen und geschehen sollten, seine Partie Reversis und neckte gleichzeitig Cardillo, seinen Mitspieler, und Nelson und Bailly, seine Bundesgenossen, als der Kronprinz in den Salon trat, sich gegen den König und die Königin verneigte, mit den Augen den in Palermo beim König gebliebenen und wegen seiner Treue zum Minister der auswärtigen Angelegenheiten ernannten Fürsten von Castelcicala suchte, gerade auf diesen zuging, und sofort ein mit leiser Stimme geführtes Gespräch mit ihm begann.
Nach Verlauf von fünf Minuten durchschritt der Fürst von Castelcicala den Salon seiner ganzen Länge nach, ging seinerseits gerade auf die Königin zu und sagte zu ihr leise einige Worte, welche sie bewogen, rasch den Kopf emporzurichten.
»Melden Sie es Nelson,« sagte die Königin, »und folgen Sie mir dann mit dem Prinzen von Calabrien in das Nebenzimmer.«
Mit diesen Worten erhob sie sich und ging in ein an den großen Salon stoßendes Cabinet.
Einige Sekunden später führte der Fürst von Castelcicala den Prinzen ein, und Nelson folgte, um dann die Thür hinter sich zu schließen.
»Kommen Sie her, Franz,« sagte die Königin zu ihrem Sohn, »und erzählen Sie uns, woher Sie diese ganz schöne Geschichte haben, welche Castelcicala mir soeben erzählt hat.«
»Madame,« sagte der Prinz, indem er sich mit jener Mischung von Furcht und Respekt verneigte, welche er seiner Mutter gegenüber, von der er sich nicht geliebt wußte, stets empfand, »Madame, einer meiner Leute, ein Mann, auf den ich mich verlassen kann, hat, als er sich heute gegen zwei Uhr Nachmittags auf der Polizei befand, sagen hören, der Capitän eines kleinen amerikanischen Schiffes, welches heute in dem Hafen eingelaufen ist und beim Absegeln von Malta durch einen Sturm nach der Richtung des Cap Bon getrieben worden war, sei zwei französischen Kriegsschiffen begegnet, auf deren einem, wie er vollen Grund hat zu glauben, sich der General Bonaparte befand.«
Nelson, welcher sah, mit welcher Aufmerksamkeit Alle die Mittheilung des Prinzen anhörten, ließ sich dieselbe durch den Minister der auswärtigen Angelegenheiten ins Englische übersetzen und begnügte sich dann, die Achseln zu zucken.
»Und haben Sie,« fragte die Königin ihren Sohn, »auf diese, wenn auch nur unsichere und unbestimmte Nachricht hin nicht gesucht jenen Capitän zu sprechen und selbst zu ermitteln, was wohl an diesem Gerücht Wahres ist? In der That, Franz, Sie besitzen eine unverzeihliche Sorglosigkeit.«
Der Prinz verneigte sich.
»Madame,« antwortete er, »mir, der ich mit der Regierung nichts zu schaffen habe, kam es nicht zu, Geheimnisse von dieser Wichtigkeit durchdringen zu wollen, wohl aber habe ich den Mann, der mir dieses Gerücht überbracht, selbst an Bord der amerikanischen Goelette geschickt und ihm befohlen, sich unmittelbar an der Quelle zu erkundigen, und wenn der Capitän ihm ein glaubwürdiger Mann zu sein schiene, denselben mit in den Palast zu bringen.«
»Nun und?« fragte die Königin ungeduldig.
»Nun, Madame, der Capitän wartet im rothen Salon.«
»Castelcicala,« sagte die Königin, »gehen Sie und führen Sie ihn durch die Corridors hierher, damit er nicht durch den Salon komme.«
Es trat unter den drei wartenden Personen tiefes Schweigen ein.
Nach Verlauf einer Minute öffnete sich die Thür wieder und ein Mann trat ein, welcher fünfzig bis fünfundfünfzig Jahre alt sein mochte und eine Phantasieuniform trug.
»Der Capitän Skinner,« sagte der Fürst von Castelcicala, indem er den amerikanischen Touristen einführte.
Der Capitän Skinner war, wie wir eben gesagt, ein Mann, welcher den Mittag des Lebens bereits hinter sich hatte, von etwas über Mittelgröße, vortrefflichem Wuchs und einem ernsten, aber empfänglichen Gesicht mit im Ergrauen begriffenen Haar, welches zurückgestrichen war, als ob der in das Gesicht wehende Sturm sie so gelegt hätte. Er trug keinen Schnurrbart, ein dicker Kinnbart aber tauchte bis in die Cravatte von untadelhaft weißem feinen Battist hinab.
Er verneigte sich ehrerbietig vor der Königin und vor dem Herzog von Calabrien. Nelson begrüßte er wie eine ganz gewöhnliche Person und verrieth dadurch, daß er ihn entweder nicht kannte oder nicht kennen wollte.
»Mein Herr,« sagte die Königin zu ihm, »man versichert mir, daß Sie der Ueberbringer von wichtigen Nachrichten sind. Dies erklärt Ihnen, weshalb ich gewünscht habe, daß Sie sich hierher in den Palast bemühen möchten. Wir haben Alle das größte Interesse daran, diese Nachrichten kennen zu lernen. Damit Sie wissen, mit wem Sie sprechen, bemerke ich, daß ich die Königin Marie Caroline bin; dies da ist mein Sohn, der Herzog von Calabrien, dies da mein Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Fürst von Castelcicala, und dies hier mein Freund, meine Stütze, mein Retter, Mylord Nelson, Herzog von Bronte, Baron vom Nil.«
Der Capitän Skinner schien mit den Augen eine fünfte Person zu suchen, als plötzlich die in den Salon führende Thür des Cabinets sich öffnete und der König eintrat.
Es war augenscheinlich, daß diese fünfte Person es war, welche der Capitän Skinner mit den Augen gesucht hatte.
»Madonna!« rief der König, sich zu seiner Gemahlin wendend, »wissen Sie, theure Freundin, was für Nachrichten sich so eben in Palermo verbreiten?«
»Nein, ich weiß es noch nicht, aber ich werde es sogleich erfahren, denn hier ist der Herr, welcher diese Nachrichten gebracht hat und im Begriff steht, mir sie mitzutheilen.«
»Ah! ah!« sagte der König.
»Ich erwarte, daß die Majestäten mir die Ehre erzeigen, mich zu befragen,« sagte der Capitän Skinner.
»Ich stehe zu Befehl.«
»Man sagt, mein Herr,« hob die Königin an, »daß Sie uns Nachrichten über den General Bonaparte geben können.«
Ein Lächeln umspielte die Lippen des Amerikaners.
»Ja, und zwar sichere, Majestät,« sagte er, »denn vor nur erst drei Tagen bin ich ihm auf der See begegnet.«
»Auf der See!« wiederholte die Königin.
»Was sagt der Herr?« fragte Nelson.
Der Fürst von Castelcicala übersetzte die Antwort des amerikanischen Capitäns ins Englische.
»Wo denn?« fragte Nelson.
»Zwischen Sicilien und dem Cap Bon,« antwortete der Capitän Skinner in vortrefflichem Englisch.
»Also,« bemerkte Nelson, »ungefähr unter dem siebenunddreißigsten Grade nördlicher Breite?«
»Ja, ungefähr unter dem siebenunddreißigsten Grade nördlicher Breite und etwa neun Grad zwanzig Minuten östlicher Länge.«
Der Fürst von Castelcicala übersetzte dem König, was gesprochen ward; für die Königin und den Herzog von Calabrien war keine Uebersetzung nöthig, denn beide sprachen und verstanden englisch.
»Das ist unmöglich,« sagte Nelson. »Sir Sidney Smith blockiert den Hafen von Alexandrien und würde zwei französische Schiffe auf dem Wege nach Frankreich nicht haben passieren lassen.«
»O,« sagte der König, welcher niemals die Gelegenheit versäumte, Lord Nelson einen Hieb zu versetzen, »Sie haben ja die ganze französische Flotte auf dem Wege nach Alexandrien passieren lassen.«
»Blos um sie bei Abukir desto besser zu vernichten,« antwortete Nelson.
»Nun denn, sagte der König, »dann setzen Sie doch den beiden Schiffen, welche der Capitän Skinner gesehen hat, nach und vernichten Sie dieselben auch.«
»Würde,« fragte der Herzog von Calabrien mit ehrerbietiger Geberde gegen seinen Vater und seine Mutter, wie um sich zu entschuldigen, daß er in ihrer Gegenwart das Wort zu nehmen wagte, »würde der Capitän uns wohl sagen, in Folge welcher Umstände er sich unter jenen Breitegraden befand und aus welchen Gründen er glaubt, daß auf einem der beiden französischen Schiffe, denen er begegnete, der General Bonaparte sich befand?«
»Sehr gern, Hoheit,« antwortete der Capitän, sich verneigend. »Ich war von Malta abgesegelt, um die Meerenge von Messina zu passiren, als ich in der Entfernung von einer Meile südlich vom Cap Passaro von einem Sturme ereilt ward. Ich steuerte demgemäß in der Richtung der Insel Maritimo und mit demselben Winde nach dem Cap Bon, obschon ich immer die hohe See zu halten suchte.«
»Und hier?« fragte der Herzog.
»Hier sah ich mich zwei Schiffen gegenüber, in welchen ich französische erkannte und die in mir den Amerikaner erkannten. Uebrigens hatte auch ein Kanonenschuß ihre Flagge in Gewißheit gesetzt und mich aufgefordert, die meinige zu entfalten. Eines der beiden Schiffe forderte mich auf näher zukommen, und als ich dies bis auf Sprechweite gethan, rief ein Mann in Generalsuniform mir zu:
»Goelette, ahoi! habt Ihr englische Schiffe gesehen?«
»Nein, General, antwortete ich; »wir haben keines gesehen.«
»Was macht die Flotte des Admirals Nelson?«
»Ein Theil blockiert Malta, der andere liegt in dem Hafen von Palermo.«
»Wo geht Ihr hin?«
»Nach Palermo.«
»Wohlan, wenn Ihr den Admiral seht, so sagt ihm, daß ich in Italien Revanche für Abukir nehmen werde.«
»Und damit setzte das französische Schiff seinen Weg weiter fort.
»Wissen Sie wie der General heißt, der Sie soeben befragte?« fragte mich mein Lieutenant, welcher während des kurzen Gespräches neben mir gestanden hatte. »Es war Niemand Anderer, als der General Bonaparte selbst.«
Man übersetzte dem Admiral Nelson die ganze Erzählung des amerikanischen Capitäns, während der König, die Königin und der Herzog von Calabrien einander mit unruhigen Blicken ansahen.
»Und,« fragte Nelson, »wissen Sie vielleicht auch den Namen dieser beiden Schiffe?«
»Ja, denn ich war denselben so nahe, daß ich die Namen lesen konnte, antwortete der Capitän. »Das eine hieß der »Muiron«, das andere der »Carère«.
»Was sollen diese Namen heißen?« fragte die Königin den Herzog von Calabrien auf deutsch. »Ich begreife die Bedeutung nicht.
»Es sind zwei Männernamen, Majestät,« antwortete der Capitän Skinner ebenfalls auf deutsch und sprach diese Sprache eben so rein wie die beiden anderen, in welchen er sich bereits ausgedrückt.
»Diese verteufelten Amerikaner!", sagte die Königin auf französisch; »sie reden alle Sprachen.«
»Das müssen wir auch, Majestät,« antwortete der Capitän Skinner in gutem Französisch. »Ein Handelsvolk muß alle Sprachen können, in welchen man nach dem Preise des Ballens Baumwolle fragen kann.«
»Nun, Mylord Nelson,« fragte der König, was sagen Sie zu dieser Mittheilung?«
»Ich sage, daß es eine sehr wichtige und ernste ist, daß man sich deswegen aber nicht allzusehr beunruhigen lassen darf. Lord Keith kreuzt zwischen Corsica und Sardinien, und Sie wissen, das Meer und die Winde sind für England.«
»Ich danke Ihnen, Herr Capitän, für die Nachrichten, die Sie uns gebracht, sagte die Königin zu Mr. Skinner. »Gedenken Sie lange in Palermo zu verweilen?«
»Ich bin ein Tourist, der zu einem Vergnügen reist, Majestät,« antwortete der Capitän, »und dafern Sie nicht etwas Anderes wünschen, so gedenke ich gegen Ende nächster Woche wieder unter Segel zu gehen.«
»Wo würde man Sie finden, Capitän, im Falle man abermaliger Mittheilungen bedürfte?«
»An Bord meines Schiffes. Ich bin dem Fort Castellamare gegenüber vor Anker gegangen, und werde, dafern mir nicht etwas Anderes befohlen wird, dort bleiben, weil ich den Platz sehr bequem finde.«
»Franz,« sagte die Königin zu ihrem Sohne, »Sie werden dafür sorgen, daß der Capitän von dem Platze, den er gewählt hat, nicht verdrängt werde. Man muß wissen, wo man ihn augenblicklich finden kann, im Falle man seiner bedürfte.«
Der Prinz verneigte sich.
»Wohlan, Mylord Nelson,« fragte der König, »was ist jetzt nach Ihrer Ansicht zu thun?«
»Sire, Sie können Ihre Partie Reversis wieder aufnehmen, als ob nichts Außergewöhnliches geschehen wäre. Selbst wenn man annimmt, daß der General Bonaparte in Frankreich landet, so ist dann blos ein Mann mehr da.«
»Wenn Sie nicht bei Abukir gewesen wären, Mylord,« sagte der Capitän Skinner, »so wäre dann auch nur ein Mann weniger da gewesen, dennoch aber ist es wahrscheinlich, daß eben in Folge dieses Mannes weniger die französische Flotte sich gerettet hätte.«
Nachdem der amerikanische Capitän diese Worte, in welchen gleichzeitig ein Compliment und eine Drohung lag, gesprochen, verneigte er sich tief vor den erhabenen Personen, die ihn gerufen, und zog sich zurück.
Dem ihm von Nelson gegebenen Rathe gemäß ging der König, seinen Platz wieder an dem Tische einzunehmen, wo der Präsident Cardillo ihn ungeduldig erwartete, während der Herzog von Ascoli und der Marquis Cirillo geduldig harrten, wie es gut dressierten Höflingen geziemt.
Die Letzteren waren auch mit den Gesetzen der Hofetikette zu genau bekannt, als daß sie sich erlaubt hätten, den König zu befragen. Der Präsident Cardillo dagegen war ein weniger strenger Beobachter des Decorum, als diese beiden Herren.
»Nun, Sire,« fragte er, »verlohnte es denn der Mühe, unsere Partie zu unterbrechen und uns eine Viertelstunde lang mit dem Schnabel im Wasser zu halten?«
»Nein, gewiß nicht, wenigstens dem zufolge, was der Admiral Nelson behauptet,« sagte der König.
»Bonaparte hat Egypten verlassen, und ist, ohne gesehen zu werden, durch die Flotte des Admirals Sidney Smith hindurchgesegelt. Vor vier Tagen befand er sich auf der Höhe des Cap Bon. Er wird durch Mylord Keiths Flotte ebenso hindurchschlüpfen, wie er der Sir Sidney Smiths entschlüpft ist, und binnen drei Wochen in Paris sein. Sie sind am Kartenmischen, Präsident. Wer weiß, ob Bonaparte nicht auch bald ein Spiel mischt.«
Und mit diesem vermeinten Witze, von welchem er selbst ganz entzückt zu sein schien, nahm der König seine Partie wieder auf, als ob in der That das, was er erfahren, nicht der Mühe verlohnt hätte, sie zu unterbrechen.
Elftes Capitel.
Die Ehegatten
Man erinnert sich, wie der Prinz von Calabrien Wind von den Nachrichten bekommen, welche er seiner Mutter mitgetheilt.
Ein ihm ergebener Mann hatte im Polizeibureau einige Worte gehört, welche der Capitän Skinner zu dem Director der Salute gesagt.
Hatte der Capitän diese Worte absichtlich oder zufällig gesprochen? Dies hätte nur er allein sagen können.
Der treuergebene Mann, von welchem der Herzog von Calabrien sprach, war kein Anderer als der Chevalier San Felice, welcher mit einer Empfehlung vom Prinzen den Polizeipräfekten um die Ermächtigung bitten wollte, bis zu der unglücklichen Gefangenen zu gelangen.
Diese Ermächtigung war ihm ertheilt worden, aber nur gegen das Versprechen der vollständigsten Discretion, da die Gefangene durch den König selbst der besonderen Strenge des Präfekten empfohlen worden.
Demgemäß sollte der Chevalier während der Dunkelheit, zwischen zehn und elf Uhr, Einlaß in das Gefängniß seiner Gattin erhalten.
Als er in den Senatspalast zurückkehrte, welchen, wie wir erwähnt, der Kronprinz bewohnte, erzählte er diesem, was er auf dem Polizeibureau von einem amerikanischen Seecapitän über die Begegnung gehört, die derselbe auf dem Meer mit dem General Bonaparte gemacht.
Der Prinz besaß einen weit ausschauenden Blick und errieth sofort die Folgen einer solchen Rückkehr. Die Nachricht erschien ihm deshalb als eine äußerst wichtige, und um sich zu überzeugen, in wie weit sie wahr sei, bat er den Chevalier San Felice, sich sofort an Bord des amerikanischen Schiffes zu begeben.
San Felice würde dem Prinzen zu jeder Zeit mit der Schnelligkeit der Hingebung gehorcht haben; an diesem selben Tage aber hatte der Prinz ihn mit Güte überhäuft und er bedauerte daher, daß er, um ihm einen Dienst zu leisten, nur einen so einfachen Befehl auszuführen hatte.
Der Chevalier war je nach Lage der Sache beauftragt, den amerikanischen Capitän mit zu dem Prinzen zu bringen.
Er hatte sich demzufolge augenblicklich nach dem Hafen begeben, und nachdem er die ihm erheilte schriftliche Erlaubniß, das Gefängniß zu besuchen, in einer Brieftasche verwahrt, nahm er eines jener Boote, welche auf der Rhede hin- und herfahren, und forderte mit einer gewohnten Sanftmuth die darin sitzenden Ruderer auf, ihn nach der amerikanischen Goelette zu bringen.
So gewöhnlich und so häufig auch ein solches Vorkommniß ist, so bleibt das Einlaufen eines Schiffes in einen Hafen doch immer ein Ereigniß. Kaum hatte daher der Chevalier San Felice das Ziel seiner Fahrt bezeichnet, so steuerten die Ruderer sofort mit dem kleinen Schiffe, dessen graziös rückwärtsgeneigte beide Masten durch ihre Höhe zu der Kleinheit des Rumpfes einen so seltsamen Gegensatz bildeten.
Am Bord der Goelette schien streng Wache gehalten zu werden, denn kaum hatte der auf dem Hinterdeck postierte Matrose das Boot bemerkt und vermuthet, daß es nach dem Schiffe steuere, so ward der seit kaum einer Stunde von der Salute zurückgekehrte Capitän von dem bevorstehenden Besuche benachrichtigt und stieg in Begleitung seines Lieutenants, eines jungen Mannes von sechs- bis achtundzwanzig Jahren, rasch auf das Deck hinauf.
Nicht sobald hatten sie jedoch einen raschen Blick auf das Boot geworfen, als sie im Tone des Erstaunens und der Unruhe einige Worte wechselten und der junge Mann die in den Salon hinabführende Treppe verschwand.
Der Capitän wartete allein.
Der Chevalier San Felice glaubte, obschon er nur zwei Stufen zu steigen hatte, um auf das Deck zu gelangen, doch in englischer Sprache fragen zu müssen, ob er an Bord kommen dürfe.
Der Capitän antwortete jedoch durch einen Ruf der Ueberraschung und zog den nicht wenig erstaunten Chevalier auf eine im Hintertheile des Schiffes befindliche, mit einem Messinggeländer umgebene kleine Plattform.
Der Chevalier wußte nicht, was er von diesem Empfang, der übrigens durchaus nichts Feindseliges hatte, denken sollte, und betrachtete den Amerikaner mit fragendem Blick.
Dieser sagte jedoch in vortrefflichem Italienisch:
»Ich danke Ihnen, daß Sie mich nicht erkannt haben, Chevalier, es beweist dies, daß meine Verkleidung gut gewählt ist, obschon das Auge eines Freundes oft weniger scharf ist als das eines Feindes.«
Der Chevalier fuhr fort den Capitän anzusehen und versuchte seine Erinnerungen zusammenzuraffen, konnte sich aber nicht besinnen, wo er diese kräftigen, redlichen Züge schon gesehen.
»Ich werde,« sagte der vermeinte Amerikaner, »mich durch eine traurige, aber edle Erinnerung in Ihr Leben mischen, mein Herr. Ich war in dem Tribunal von Monte Oliveto an dem Tage, wo Sie daselbst erschienen, um Ihrer Gattin das Leben zu retten. Ich folgte Ihnen beim Heraustreten aus dem Tribunal und redete Sie an. Ich trug damals das Gewand eines Benedictinermönches.«
San Felice trat einen Schritt zurück und ward ein wenig bleich.
»Dann,« murmelte er, »sind Sie also der Vater?«
»Ja, Sie entsinnen sich wohl noch dessen, was Sie mir sagten, als ich Ihnen jene halbvertrauliche Mittheilung machte?«
»Ja, ich sagte zu Ihnen: Thun wir Alles, was in unseren Kräften steht, um die Unglückliche zu retten.«
»Und heute?«
»O, heute sage ich von ganzem Herzen dasselbe.«
»Wohlan,« sagte der vorgebliche Amerikaner, »ich bin deswegen hier.«
»Und ich,« sagte der Chevalier, »hoffe, daß diese Nacht mein Vorhaben gelingen werde. Wollen Sie mich vielleicht von Ihren Versuchen unterrichtet halten?«
»Ich verspreche es Ihnen.«
»Aber da Sie mich nicht erkannt haben, was führt Sie dann jetzt zu mir?«
»Der Befehl des Kronprinzen. Es hat sich das Gerücht verbreitet, daß Sie sehr wichtige Nachrichten mitbrächten, und der Prinz schickt mich zu Ihnen in der Absicht, Sie zum König zu führen. Widerstrebt es Ihnen, dem König vorgestellt zu werden?«
»Mir widerstrebt nichts, was unsere Pläne fördern kann, und ich verlange nichts Besseres als die Blicke der Polizei von dem eigentlichen Ziel, welches mich hierherführt, abzulenken. Uebrigens zweifle ich, daß der König unter diesem Costüm und in dieser Stellung den Bruder Giuseppe, den Wundarzt des Klosters vom Monte Cassino, erkennen werde. Sollte er aber auch den Bruder Giuseppe, den Wund- vom Monte Cassino, erkennen, so würde er doch immer noch weit entfernt sein zu ahnen, was derselbe in Palermo vorhat.«
»Nun, dann hören Sie mich.«
»Ich höre.«
»Während Sie mit dem Kronprinzen nach dem Palast gehen, und während der König Sie dort empfangen wird, gelange ich mit dem Erlaubnißschein der Polizei zu der Gefangenen. Ich theile ihr einen heute zwischen uns, der Herzogin von Calabrien und mir verabredeten Plan mit. Gelingt dieser Plan – und ich werde Ihnen heute Abend sagen, worin er besteht – so haben Sie nichts weiter zu thun. Die Unglückliche ist gerettet und die Verbannung tritt für sie an die Stelle der Todesstrafe. Nun aber ist die Verbannung ein Glück für sie, und Gott schenke ihr daher die Verbannung. Scheitert dagegen unser Plan, so hat die Gefangene, wie ich Ihnen hiermit erkläre, keine Hoffnung weiter als auf Sie. Ist dieser Augenblick gekommen, so werden Sie mir sagen, was Sie von mir wünschen. Möge es sich um thätige Mitwirkung oder einfache Bitten handeln, so haben Sie das Recht, Alles zu verlangen. Ich habe bereits mein Glück dem Ihrigen zum Opfer gebracht, ebenso bin ich auch bereit, mein Leben dem Ihrigen zu opfern.«
»Ja, ja, das wissen wir, Sie sind der Engel der Selbstverläugnung.«
»Ich thue, was ich soll, und eben deshalb habe ich die Verbindlichkeit auf mich genommen, welche ich heute erfülle. Sie werden den Palast ungefähr zu derselben Stunde verlassen, wo ich das Gefängniß verlasse. Der Erste von uns, welcher frei wird, erwartet dann den Andern auf dem Platze der vier Cantone.«
»Damit bin ich einverstanden.«
»Nun, so kommen Sie.«
»Ich habe nur noch einen Befehl zu ertheilen, dann stehe ich zu Ihrer Verfügung.«
Man begreift das Zartgefühl, welches Salvato in dem Augenblick, wo der Chevalier auf die Goelette kam, bewogen hatte, sich zu entfernen. Sein Vater aber, welcher errieth, von welcher Unruhe er gemartert würde, wollte, ehe er die Goelette verließ, ihm sagen, was er selbst nur sehr oberflächlich wußte, das heißt den Punkt, auf welchem die Dinge sich dermalen befanden. Es stand diesem gemäß Alles noch gut. Luisa war Gefangene, aber noch am Leben, und der Chevalier San Felice, der Herzog und die Herzogin von Calabrien conspirierten für sie.
Mit solchen Protectionen war es fast unmöglich, daß die Rettung nicht gelänge.
Scheiterte der Plan dennoch, nun dann war es Salvato’s Sache, in Gemeinschaft mit seinem Vater irgend einen verzweifelten Streich nach Art dessen zu versuchen, durch welchen er sich selbst gerettet.
Giuseppe Palmieri ging wieder auf das Deck hinauf. Der Chevalier erwartete ihn in dem Boote, welches ihn hergebracht. Der vorgebliche Capitän ertheilte in der That sehr laut einige Befehle auf amerikanisch und nahm dann neben dem Chevalier Platz.
Wie die Dinge im Palast gegangen waren, und welche Nachrichten der Besitzer der Goelette gebracht, haben wir bereits gesehen. Es bleibt uns jetzt noch übrig, zu sehen, was während dieser Zeit in dem Gefängniß vorgegangen war, und worin der von dem Chevalier und seinen beiden mächtigen Protectoren, dem Herzog und der Herzogin von Calabrien, verabredete Plan bestand.
Schlag zehn Uhr pochte der Chevalier an das Thor der Festung.
Dieses Wort »Festung« verräth, daß das Gefängniß, in welches man die unglückliche Luisa gesperrt, mehr als ein gewöhnliches Gefängniß war. Es war ein Staatsgefängniß.
Der Chevalier ward demgemäß zu dem Gouverneur geführt.
Militärpersonen sind gewöhnlich frei von jenen kleinlichen Leidenschaften, welche in Civilgefängnissen dem Haß der Gewalthaber zum bereitwilligen Werkzeug dienen. Der Oberst, welcher den Posten eines Gouverneurs bekleidete, empfing und begrüßte den Chevalier sehr artig, nahm Kenntniß von der ihm erheilten Ermächtigung, mit der Gefangenen zu verkehren, ließ den Oberaufseher rufen und befahl ihm, den Chevalier in das Zimmer der Person zu führen, welche er Erlaubniß hatte zu besuchen.
Als er bemerkte, daß diese Erlaubniß auf die Verwendung des Prinzen vertheilt worden, und als er in San Felice demgemäß eine der vertrauten Personen des Palastes erkannte, sagte er, indem er von dem Chevalier Abschied nahm:
»Ich bitte Sie, Excellenz, Seiner königlichen Hoheit meine ehrerbietige Huldigung zu Füßen zu legen.«
Der Chevalier, welcher förmlich gerührt war, dieser Courtoisie zu begegnen, während er gefürchtet, irgend eine Brutalität hinnehmen zu müssen, versprach nicht blos, sich des ihm ertheilten Auftrages zu entledigen, sondern auch dem Prinzen zu sagen, welche Rücksicht der Gouverneur auf seine Empfehlung genommen habe.
Der Oberaufseher seinerseits kam, als er sah, mit welcher Höflichkeit der Gouverneur mit dem Chevalier sprach, zudem Schlusse, der Chevalier sei eine sehr vornehme Persönlichkeit und beeilte sich daher, ihn unter fortwährenden Verbeugungen nach Luisa’s Zimmer zu geleiten, welches sich im zweiten Stockwerk eines der Thürme befand.
So wie der Chevalier die Treppen hinaufstieg, fühlte er wie das Herz ihm immer schwerer ward. Er hatte, wie wir bereits gesagt, Luisa seit der Sitzung des Tribunals nicht wieder gesehen, und mußte daher bei ihrem Wiederanblick nothwendig eine tiefe Gemüthserschütterung empfinden.
Als er daher an die Thür des Zimmers gelangte, legte er in dem Augenblick, wo der Schließer den Schlüssel in das Schloß stecken wollte, ihm die Hand auf die Schulter und murmelte:
»Ich bitte, mein Freund, noch einen Augenblick.«
Der Schließer hielt inne. Der Chevalier lehnte sich an die Wand; er vermochte kaum sich noch auf den Füßen zu erhalten.
Die Sinne der Gefangenen erlangen jedoch im Schweigen, in der Einsamkeit und in der Nacht eine ganz besondere, eigenthümliche Schärfe. Luisa hatte Tritte auf der Treppe gehört und bemerkt, daß diese Tritte vor ihrer Thür Halt machten.
Nun aber war jetzt nicht die Stunde, zu welcher Jemand in ihr Gefängniß zu kommen pflegte. Unruhig stieg sie von dem Bett herab, auf welches sie sich völlig angekleidet geworfen. Das Ohr spitzend und die Arme vor sich hinstreckend näherte sie sich der Thür, in der Hoffnung, irgend ein Geräusch zu vernehmen, welches ihr erlaubte, zu errathen, in welcher Absicht man sie zu einer so späten Stunde des Abends besuche.
Sie wußte, daß bis zur Stunde ihrer Niederkunft ihr Leben durch den Engel geschützt war, den sie unter ihrem Herzen trug, aber sie zählte die Tage mit Schrecken, denn schon stand sie im Begriff ihren siebenten Monat zu beenden.
Während der Chevalier an die äußere Mauer gelehnt und die Hand an die Brust drückend das heftige Pochen seines Herzens zu beschwichtigen suchte, horchte Luisa also auf der andern Seite der Thür mit verhaltenem Athem und angstvoll.
Der Chevalier begriff, daß er nicht ewig so stehen bleiben könne. Er bot daher alle seine Kräfte auf und sagte zu dem Schließer mit ziemlich fester Stimme:
»Oeffnet nun, Freund.«
Kaum waren diese Worte gesprochen, so war es ihm, als hörte er von der andern Seite der Thür einen schwachen Schrei. Dieser Schrei aber, wenn es einer war, ward sofort durch des Rasseln des Schlüssels in dem Schlosse erstickt.
Die Thür öffnete sich; der Chevalier blieb auf der Schwelle stehen.
Zwei Schritte davon, im Innern des Zimmers, von einem durch das vergitterte, aber glaslose Fenster fallenden Mondstrahl beleuchtet, kniete Luisa, weiß, mit aufgelöstem Haar, die Hände auf die Knie herabhängen lassend gleich Canovas Magdalena.
Durch die Thür hindurch hatte sie die Stimme ihres Gatten erkannt und erwartete ihn in der Haltung, in welcher die Ehebrecherin Christum erwartete.
Der Chevalier stieß seinerseits einen lauten Ruf aus, hob sie in seinen Armen empor und trug sie halb ohnmächtig auf ihr Bett.
Der Aufseher schloß die Thür, indem er sagte:
»Wenn Sie die elfte Stunde schlagen hören, Excellenz —«
»Schon gut, schon gut,« antwortete ihm San Felice, indem er ihm nicht Zeit ließ auszureden.
Das Zimmer blieb ohne anderes Licht als den Mondstrahl, welcher der Bewegung des nächtlichen Planeten gemäß sich langsam den beiden Gatten näherte.
Wir sollten eigentlich sagen: diesem Vater und dieser Tochter. – Nichts war in der That väterlicher als der Kuß, welchen Luciano auf Luisas bleiche Stirn drückte; nichts war kindlicher als die zitternde Umarmung, in welche Luise den Chevalier schloß.
Keines von beiden sprach ein Wort; man hörte blos ersticktes Schluchzen.
Der Chevalier begriff, daß die Scham nicht die alleinige Ursache von Luisas Schluchzen sei. Sie hatte Salvato nicht wieder gesehen, sie hatte seine Verurtheilung aussprechen hören; sie wußte nicht, was aus ihm geworden sei.
Eine Frage wagte sie nicht zu thun, und der Chevalier wagte in Folge fast übertriebenen Zartgefühls nicht ihren Gedanken zu antworten.
In diesem Augenblick veranlaßten die Gemüthsqualen der Mutter eine so heftige Bewegung des Kindes, daß Luisa einen lauten Schrei ausstieß.
Der Chevalier hatte diese Bewegung gefühlt, und ein Schauer ging ihm durch alle Glieder; mit einer sanften Stimme aber sagte er:
»Beruhige Dich, unschuldiges, ungeborenes Wesen ! dein Vater lebt, er ist frei und aller Gefahr entrückt.«
»O Luciano ! Luciano !« rief Luisa, indem sie dem Chevalier zu Füßen sank. »Aber, fuhr dieser lebhaft fort, »ich bin in einer andern Absicht gekommen, als um dies zu sagen. Ich bin gekommen, um mit Dir von Dir selbst zu sprechen, geliebtes Kind.«
»Von mir?«
»Ja, wir wollen Dich retten, geliebte Tochter.«
Luisa schüttelte den Kopf, um anzudeuten, daß sie dies für unmöglich hielt.«
»Ich weiß es wohl,« entgegnete San Felice, ihren Gedanken beantwortend, »der König hat Dich verurtheilt; wir haben aber ein Mittel, deine Begnadigung zu erlangen.«
»Meine Begnadigung! ein Mittel! Luciano, Du kennst ein Mittel, meine Begnadigung zu erlangen?«
Und sie schüttelte zum zweiten Male den Kopf.
»Ja,« hob San Felice wieder an, »und ich werde Dir dieses Mittel sagen. Die Kronprinzessin ist wieder in gesegneten Umständen.«
»Glückliche Mutter!« rief Luisa. »Sie erwartet nicht mit Angst und Schrecken den Tag, wo sie ihr Kind in ihre Arme schließen wird.«
Und mit diesen Worten warf Luisa sich schluchzend und die Hände ringend zurück.
»Warte doch und fasse Dich,« sagte der Chevalier. »Bete für ihre glückliche Niederkunft, denn der Tag, an welchem diese erfolgt, wird der deiner Freilassung sein.«
»Ich höre Dich,« sagte Luisa, indem sie ihr Haupt wieder emporrichtete und an die Brust ihres Gatten sinken ließ.
»Du weißt, fuhr San Felice fort, »daß, wenn die Kronprinzessin von Neapel von einem Prinzen entbunden wird, sie dann das Recht hat, um drei Gnadenacte zu bitten, die ihr niemals abgeschlagen wurden.«
»Ja, das weiß ich wohl.«
»Wohlan, an dem Tage, wo die Entbindung der Kronprinzessin erfolgt, wird sie anstatt um drei Gnadenacte nur um einen bitten und dieser eine wird deine Begnadigung sein.«
»Aber, sagte Luisa, »wenn sie nun eine Prinzessin gebiert?«
»Eine Prinzessin! eine Prinzessin!« rief San Felice, dessen Gedanken diese Alternative sich noch gar nicht vergegenwärtigt hatte. »Dies ist unmöglich. Gott wird es nicht erlauben.«
»Er hat ja schon erlaubt, daß ich ungerecht verurtheilt worden bin,« sagte Luisa mit schmerzlichem Lächeln.
»Das ist eine Prüfung!« rief der Chevalier, »und wir befinden uns hier einmal in einem Prüfungslande.«
»Das ist also unsere einzige Hoffnung?« fragte Luisa.
»Leider ja,« antwortete San Felice, »aber gleichviel. Hier, fuhr er fort, indem er ein Papier aus der Tasche zog, »hier ist eine von dem Herzog von Calabrien verfaßte, von seiner Gattin geschriebene Bittschrift. Unterzeichne dieselbe und setzen wir dann unser Vertrauen auf Gott.«
»Ich habe aber weder Feder noch Tinte.«
»Ich habe Beides, « antwortete der Chevalier.
Mit diesen Worten zog er ein Schreibzeug aus der Tasche und tauchte eine Feder ein.
Dann führte er Luisa, sie stützend, in die Nähe des Fensters, damit sie beim Scheine des Mondstrahles unterzeichnen konnte.
Luisa unterschrieb.
»So,« sagte er, indem er den Kopf emporrichte. »Ich werde Dir diese Feder, diese Tinte und ein Heft Papier dalassen. Du wirst schon Mittel finden, diese Dinge irgendwo zu verbergen. Sie können Dir nützlich sein.«
»Ja, ja, laß mir sie da, mein Freund,« sagte Luisa. »O wie gut Du bist und wie Du an Alles denkst! Aber was ist Dir? wonach schaust Du?«
In der That waren die Blicke des Chevaliers durch die doppelten Gitter des Fensters auf den Theil des Hafens gerichtet, den man durch die Oeffnung hindurch wahrnehmen konnte.
Ungefähr sechzig bis siebzig Schritte vom Fuße des Thurmes schaukelte sich die Goelette des Capitän Skinner.
»Wunder des Himmels!« murmelte der Chevalier.
»In der That, ich fange an zu glauben, daß er bestimmt ist, Dich zu retten.«
Ein Mann spazierte auf dem Deck hin und her und warf von Zeit zu Zeit einen forschenden Blick auf das Fort, als ob er die Mauern desselben durchdringen wollte.
In diesem Augenblick knarrte der Schlüssel im Schloß. Es schlug elf Uhr.
Der Chevalier faßte Luisas Kopf zwischen beide Hände und richtete einen Blick auf das Deck des kleinen Schiffes.
»Siehst Du jenen Mann?« fragte er leise.
»Ja, ich sehe ihn; was ist mit ihm?«
»Wohlan, Luisa, dieser Mann ist es.«
»Was ist er?« fragte die junge Frau schaudernd.
»Er ist derjenige, welcher Dich retten wird, wenn ich Dich nicht rette. Aber,« fuhr der Chevalier fort, indem er Luisa leidenschaftlich auf Stirn und Augen küßte, »ich werde Dich retten, ich werde Dich retten, ich werde Dich retten!«
Und mit diesen Worten eilte er aus dem Gefängniß, dessen Thür sich wieder schloß, ohne daß Luisa es gewahrte. Ihre ganze Seele lag jetzt in ihren Augen, und ihre Augen verschlangen mit ihrem Blick den Mann, welcher auf dem Deck der Goelette hin- und herwandelte.
Zwölftes Capitel.
Kleine Ereignisse, welche sich um große herum gruppieren
Hätte der Auftritt am Tage stattgefunden anstatt in der Nacht, so wäre der Chevalier, ohne sich um den Oberaufseher zu kümmern, die Treppen hinabgestürzt und hätte fortgefahren zu rufen: »Ich werde sie retten!«
In dem Corridor aber herrschte die vollständigte Finsterniß, denn hier war nicht einmal etwas von dem Mondstrahl zu bemerken, welcher Luisa’s Gefängniß erleuchtete.
Der Chevalier sah sich deshalb genöthigt, auf den Schließer und seine Laterne zu warten. Dieser geleitete ihn mit denselben Beweisen von Aufmerksamkeit, womit er ihn bei seiner Ankunft überhäuft. In dem Hofe angelangt, fuhr der Chevalier deshalb mit der Hand in die Tasche, nahm die wenigen Goldstücke, welche sich darin befanden, heraus und bot sie dem Schließer.
Dieser nahm sie, wog sie mit melancholischer Miene in der Hand und schüttelte den Kopf.
»Mein Freund, sagte San Felice, »es ist sehr wenig, das weiß ich wohl, aber ich werde mich deiner erinnern, sei unbesorgt, – obschon nur unter der Bedingung, daß Du der armen Frau, welche deine Gefangene ist, mit aller möglichen Rücksicht begegnet.«
»Ich beklage mich nicht über das, was Sie mir geben, Excellenz; dies sei fern von mir,« antwortete der Aufseher. »Wenn Sie aber wollten, Excellenz, so könnten Sie durch ein Wort mehr für mich thun, als ich jemals für die Gefangene werde thun können.«
»Und was kann ich für Dich thun?« fragte San Felice.
»Ich habe einen Sohn, Excellenz, und seit einem Jahre bitte ich vergebens um seine Anstellung als Schließer in der Festung. Wäre er hier, so würde ich ihn speciell mit der Bedienung der fraglichen Dame beauftragen, womit ich mich nicht selbst beschäftigen kann, da ich nur die allgemeine Aufsicht zu führen habe.«
»Ich bin gern bereit, sagte Felice, welcher sofort an den Nutzen dachte, den er von diesem bescheidenen Gönner ziehen könnte. »Und von wem hängt die Anstellung deines Sohnes ab?«
»Von dem Chef der Polizei.«
»Hast Du Dich schon an diesen gewendet?«
»Ja, aber Sie wissen wohl, Excellenz, ich müßte – hier machte er die Geberde des Geldzählens – »und ich bin nicht reich.«
»Es ist gut; Du wirst eine Bittschrift aufsetzen und mir dieselbe zusenden.«
»Excellenz,« sagte der Oberaufseher, indem er ein Papier aus der Tasche zog, »während Sie in dem Zimmer der Gefangenen waren, habe ich meine Bittschrift schon aufgesetzt, denn ich dachte gleich, daß Sie die Güte haben würden, sich damit zu befassen.«
»Allerdings befasse ich mich damit, mein Freund,« sagte der Chevalier, »und wenn Du nicht erlangt, was Du wünschest, so wird die Schuld nicht an mir liegen. Wenn Du meiner bedarst, so komme zu Seiner königlichen Hoheit dem Herzog von Calabrien und frage nach dem Chevalier San Felice.«
Und die Bittschrift in die Tasche steckend, nahm der Chevalier Abschied von seinem Schützling, verließ die Festung und lenkte seine Schritte nach dem Platze der vier Cantone, wo, wie man sich erinnert, er mit dem angeblichen amerikanischen Capitän zusammentreffen wollte.
Dieser erwartete ihm bereits und kam, als er ihn erblickte, gerade auf ihn zu.
Beide redeten einander mit Fragen an.
Giuseppe Palmieri erzählte seinen Besuch bei dem König, wünschte sich Glück zu der Art und Weise, auf welche er empfangen worden, und besonders zu der Gewißheit, in welcher er sich befand, auf einem Ankerplatz, das heißt in der Nähe des Fortes, bleiben zu können.
Der Chevalier seinerseits theilte ihm sein Project mit und gab ihm, um ihm dasselbe klarer zu machen, das von dem Herzog von Calabrien verfaßte Gnadengesuch zu lesen.
Giuseppe Palmieri näherte sich der vor einer Madonna brennenden Laterne und las.
Der Chevalier hatte sich aber in seiner Zerstreutheit vergriffen und ihm anstatt des Gnadengesuchs des Herzogs das Anstellungsgesuch des Oberschließers zu lesen gegeben.
Giuseppe Palmieri war jedoch nicht der Mann, der einen Umstand, welcher ihm nützlich sein konnte, an sich vorübergehen ließ, ohne die Hand darauf zu legen. Er notierte sich daher vor allen Dingen die Adresse des künftigen Schließers: »Tonino Monti, via della Salute Nr. 7,« dann gab er dem Chevalier das Papier zurück und sagte:
»Sie haben sich vergriffen.«
Der Chevalier griff nochmals in die Tasche und fand hier in der That die Schrift, welche er dem Capitän zu geben geglaubt und statt welcher er ihm die Bittschrift des Oberschließers gegeben.
Giuseppe Palmieri las das Gnadengesuch mit noch größerer Aufmerksamkeit, als er das Anstellungsgesuch gelesen.
»Ja, ohne Zweifel,« sagte er. »Wenn König Ferdinand ein Herz hat, so ist noch Aussicht vorhanden; ich zweifle aber sehr, daß er eines hat.«
Mit diesen Worten gab er das Begnadigungsgesuch in die Hände des Chevaliers zurück.
»Wann,« fragte er, »steht die Entbindung der Prinzessin zu erwarten?«
»Dieselbe kann jeden Tag erfolgen.«
»Nun, dann wollen wir warten, sagte Palmieri. »Wenn nun aber der König sich weigert, oder wenn das Kind der Kronprinzessin ein Mädchen ist?«
»Dann werden Sie diese selbe Bittschrift in Fetzen zerrissen zugesendet erhalten, womit Ihnen gesagt werden soll, daß Sie Ihrerseits handeln können, weil unsererseits keine Hoffnung mehr ist. Käme es anders, so würde das einzige Wort: »Gerettet!« Ihnen Alles sagen, was Sie zu wissen nöthig haben.«
»Aber nicht wahr, Sie geben mir Ihr Wort darauf, daß Sie bis dahin nichts versuchen?«
»Ich gebe es Ihnen, nur werden Sie mir erlauben, mich von der Lage des Zimmers zu unterrichten, welches die Gefangene in der Festung bewohnt.«
Der Chevalier ergriff die Hand des vorgeblichen Amerikaners und drückte sie ihm mit fieberhaft energischer Bewegung.
»Die Jugend vermag vor den Augen des Herrn viel,« sagte er. »Das Fenster der Gefangenen geht gerade auf die Goelette »der Renner«.
Und damit entfernte der Chevalier sich rasch, indem er das Gesicht in dem Mantel barg.
Der Chevalier hatte sich nicht getäuscht und auch diesmal hatten die sympathischen Ergießungen der Jugend ihre magnetischen Strömungen getheilt.
Kaum hatte der Chevalier Luisa’s Zimmer, nachdem er sie auf den Mann aufmerksam gemacht, der in einer halben Kabellänge von dem Fuße der Festung gedankenvoll auf dem Deck der Goelette hin- und herwandelte, verlassen, als Salvato – denn dieser war es wirklich – in der Luft seinen von dem Nachthauche getragenen Namen zu vernehmen glaubte.
Er richtete den Kopf empor, sah aber nichts und glaubte daher sich getäuscht zu haben.
Derselbe Ton schlug aber zum zweiten Male an sein Ohr. Seine Augen richteten sich nun auf die dunkle Oeffnung, welche gegen die graue Mauer abstach, und durch das Gitter dieser Oeffnung hindurch glaubte er eine Hand und ein Tuch sich bewegen zu sehen.
Der Ruf, welcher dem entsprach, der aus dem Herzen der Gefangenen kam, entrang sich dem einigen und die Wellen der Luft erzitterten aufs Neue, in Bewegung gesetzt von dem Namen »Luisa«!
Das Tuch löste sich von der Hand, flatterte einen Augenblick in der Luft und fiel dann am Fuße der Mauer nieder.
Salvato war so klug, einen Augenblick zu warten, sich umzusehen, ob Jemand das soeben Geschehene bemerkt, und nachdem er sich überzeugt, daß Alles zwischen ihm und der Gefangenen geblieben war, setzte er, ohne Jemanden von der Schiffsmannschaft etwas zu sagen, die Jolle aus, und ruderte wie ein Fischer, der seine Angelschnuren legt, nach dem Strande zu.
Ein Streifen Erde von etwa zwölf Schritte Breite trennte den Quai von dem Fuße der Gefängnißmauer und das Glück wollte, daß hier keine Schildwache postiert war.
Salvato band sein Boot am Ufer fest, sah sich mit einem Sprunge am Fuße der Mauer, hob das Tuch auf und kehrte in das Boot zurück.
Kaum hatte er in demselben wieder Platz genommen, so hörte er den gemessenen Tritt einer Patrouille; anstatt aber sich von dem Quai zu entfernen, was leicht hätte Verdacht erregen können, schob er das Tuch rasch in seine Brusttasche und blieb in dem Boote, während er mit seiner Angelschnur allerhand Bewegungen machte.
Die Patrouille erschien am Fuße des Thurmes, der dieselbe führende Sergeant ließ Halt machen, trat vor und näherte sich dem Boote.
»Was machst Du da?« fragte er Salvato, der die Kleidung eines einfachen Matrosen trug.
Salvato ließ sich die Frage zweimal wiederholen, als ob er nicht verstanden hätte, und antwortete dann mit auffallendem englischen Accente:
»Nun, das seht Ihr doch. Ich fische.«
Obschon von den Siciliern verabscheut, verdankten die Engländer doch der Anwesenheit Nelsons gewisse Rücksichten, die man Angehörigen anderer Nationen nicht gewährte.
»Es ist nicht erlaubt, mit Booten an dem Quai anzulegen,« antwortete der Führer der Patrouille, »und es ist in dem Hafen Platz genug zum Fischen, ohne daß Ihr hierher zu kommen braucht. Entfernt Euch daher, Freund.«
Salvato ließ ein mißlauniges Murren hören, zog seine Angelschnur, an welcher er das Glück hatte einen ziemlich großen Fisch hängen zu sehen, aus dem Wasser und ruderte wieder nach der Goelette zurück.
»Na,« sagte der Sergeant, indem er sich wieder zu seiner Patrouille zurückverfügte, »da hat er doch einmal etwas Anderes zu essen als sein ewiges Salzfleisch.«
Dann verschwand er auf einen Augenblick unter einem Gewölbe, dessen dunkle Tiefe er untersuchte, kam dann wieder hervor und setzte seine Nachtrunde den äußeren Mauern der Festung entlang fort.
Was Salvato betraf, so hatte er sich schon hinunter in den Raum der Goelette begeben und küßte das mit einem L, einem S und einem F gezeichnete Taschentuch.
Einer der vier Zipfel war zusammengebunden. Salvato fühlte ihn rasch an und bemerkte, daß ein Papier darin war.
Auf diesem Papiere standen die Worte geschrieben:
»Ich habe Dich erkannt, ich sehe Dich, ich liebe Dich. Dies ist, seitdem ich Dich verlassen, mein erster freudiger Augenblick. Mein Gott, verzeihe mir, weil, wenn ich auf ihn hoffe, ich auf Dich hoffe!
Deine Luisa.«
Salvato ging wieder auf das Deck hinauf. Seine Augen richteten sich sofort wieder nach der Oeffnung. Die weiße Hand war immer noch an dem dunkeln Gitter sichtbar. Salvato schüttelte das Tuch, küßte es und sein Name schlug, von dem Nachthauche getragen, abermals an sein Ohr.
Da es jedoch in einer so hellen Nacht unklug gewesen wäre, einen solchen Austausch von Zeichen länger fortzusetzen, so setzte Salvato sich und verhielt sich unbeweglich, so lange ein an die Dunkelheit gewöhntes Auge durch das doppelte Gitter hindurch noch die weiße Erscheinung erspähen konnte, nach welcher ihn die unkluge Hand nicht mehr leitete.
Einige Augenblicke später hörte man das Geräusch eines das Meer schlagenden Doppelruders, und man sah durch das Labyrinth der den Hafen bedeckenden Fahrzeuge hindurch ein Boot sich nähern, welches am Fuße der kleinen Treppe der Goelette anlegte.
Es war Giuseppe Palmieri, welcher an Bord zurückkehrte.
»Ich kann Dir eine fröhliche Mittheilung machen,« rief Salvato auf englisch, indem er sich in die Arme eines Vaters warf. »Sie ist da, dort an jenem Fenster. Dies da ist ein Tuch und ein Brief von ihr!«
Giuseppe Palmieris Mund umspielte ein unbeschreibliches Lächeln und er murmelte:
»O armer Chevalier, Du hattest wohl Recht, als Du sagtest: Die Jugend ist vor Gott großer Dinge fähig!«
Dreizehntes Capitel.
Die Geburt eines königlichen Prinzen
Einige Tage nach den so eben erzählten Ereignissen befand der König, von einem treuen Anhänger Jupiter begleitet, sich in den Gärten der Bagaria und an dem nördlichen Abhange der Hügel, welche sich in einiger Entfernung von dem Strande erheben, auf der Hühnerjagd.
Er hatte die zwei treuesten Begleiter bei dieser Art Vergnügungen bei sich, nämlich Sir William Hamilton und den Präsidenten Cardillo, welche beide, wie er, ganz vortreffliche Schützen waren.
Die Jagd war höchst ergiebig. Es war jetzt die Zeit der Rückkehr der Wachteln.
Die Wachteln ziehen, wie jeder Jäger weiß, jedes Jahr zweimal. Das erste Mal, in den Monaten April und Mai, ziehen sie von Süden nach Norden. Zu dieser Zeit sind sie mager und ohne Geschmack. Bei dem zweiten Zuge, welcher in den Monaten September und Oktober stattfindet, sind sie dagegen fett und saftig, besonders in Sicilien, welches auf dem Rückwege nach Afrika ihre erste Station ist.
Der König Ferdinand amüsierte sich also – wir wollen nicht sagen wie ein König, denn wir wissen nur zu gut, daß er, obschon wirklich König, sich keineswegs immer amüsiert hatte – wohl aber wie ein Jäger, der im Wildpret schwimmt.
Er hatte fünfzig Schüsse gethan und fünfzig Stück erlegt, und er erbot sich zu wetten, daß er es so bis zu hundert bringen würde, ohne eine einzige zu fehlen.
Plötzlich sah man einen Reiter mit verhängten Zügeln herangesprengt kommen. Durch die Flintenschüsse geleitet hielt er in einer Entfernung von ungefähr hundert Schritten von den Jägern ein Pferd an, richtete sich in den Steigbügeln empor, um zu sehen, welcher von den Dreien der König wäre, und ritt, nachdem er ihn erkannt, gerade auf ihn zu.
Dieser Reiter war ein Bote, den der Herzog von Calabrien dem König, seinem Vater, schickte, um ihm zu melden, daß bei der Prinzessin die Geburtswehen sich eingestellt hätten, und um ihn zu bitten, den Gesetzen der Etiquette gemäß, der Entbindung beizuwohnen.
»Gut,« sagte der König. »Die ersten Wehen, sagt Du?«
»Ja, Sire.«
»Nun, in diesem Falle habe ich noch eine oder zwei Stunden vor mir. Ist Antonio Villari zugegen?«
»Ja, Sire, und noch zwei andere Aerzte.«
»Nun, dann siehst Du ja, daß ich weiter nichts thum kann. Achtung, Jupiter! Ich will noch einige Wachteln schießen. Reite nach Palermo zurück und sage dem Prinzen, daß ich Dir folge.«
Und er ging auf Jupiter zu, welcher, dem Befehl seines Herrn folgend, so unbeweglich stand, als ob er in Stein verwandelt wäre.
Die Wachtel flog auf, der König schoß sie.
»Einundfünfzig, Cardillo,« sagte er.
»Freilich,« sagte der Präsident, ärgerlich erst einunddreißig Stück erlegt zu haben, »mit einem Hund wie der Ihrige ist es kein Wunder. Ich begreife überhaupt nicht, Majestät, warum Sie sich erst die Mühe nehmen, Pulver zu verbrennen und Blei umherzustreuen. An Ihrer Stelle würde ich das Wild mit der Hand fangen.«
Der Diener, welcher dem König folgte, reichte ihm mittlerweile eine frischgeladene Flinte.
»Nun,« sagte der König zu dem Boten, »Du bist ja immer noch nicht wieder fort!«
»Ich warte, um zu wissen, ob Ew. Majestät mir nicht noch andere Befehle zu ertheilen haben.«
»Nun, dann sage meinem Sohn, ich hätte soeben meine einundfünfzigste Wachtel erlegt und Cardillo wäre erst bei der dreißigsten.«
Der Bote galoppierte davon und die Jagd hatte ihren Fortgang. Binnen einer Stunde erlegte der König fernerweite fünfundzwanzig Stück Wachteln.
Eben vertauschte er sein abgeschossenes Gewehr gegen ein frischgeladenes, als er denselben Boten wieder herangesprengt kommen sah.
»Nun,« rief er ihm entgegen, »Du kommst wohl, um mir zu sagen, daß die Herzogin entbunden ist?«
»Nein, Sire; ich komme im Gegentheil, um Ew. Majestät zu melden, daß die Herzogin viel leidet.«
»Aber was will sie denn, daß ich dabei thue?«
»Ew. Majestät wissen doch, daß unter solchen Umständen Ihre Anwesenheit durch das Ceremoniell geboten wird? Es kann sich ein Unglück ereignen.«
»Was gibt es denn?«, fragte der Präsident.
»Weiter nichts, als daß die Sache, wie es scheint, nicht von selbst gehen will,« antwortete Ferdinand.
»Dann sollen wir wohl mitten am Tage die Jagd aufgeben?« fuhr der Präsident fort. »Ew. Majestät können natürlich gehen, wenn Sie wollen; ich für meine Person aber bleibe und gehe nicht eher nach Hause, als bis ich meine hundert Stück erlegt habe.«
»Ha!« sagte Ferdinand, »da fällt mir etwas ein. Reite rasch nach Palermo zurück und befiehl, daß mit allen Glocken geläutet werde.«
»Und kann ich dann Seiner königlichen Hoheit sagen —«
»Du kannst sagen, daß ich Dir auf dem Fuße folge. Hast Du unsere Pferde gesehen?«
»Die Pferde stehen an dem Gitterhor der Bagaria, Sire.«
»Nun gut, dann bestelle im Vorüberreiten, daß man sie hierherbringe.«
Der Bote galoppierte von dannen.
Eine Viertelstunde später waren alle Glocken von Palermo in Bewegung.
»Ha!«, sagte der König, »das wird ihr wohlthun.«
Und er setzte die Jagd weiter fort, bis er seine neunzigste Wachtel erlegt hatte, ohne eine einzige gefehlt zu haben.
»Wollen Sie wetten, daß ich es ohne einen Fehlschuß bis auf hundert bringe, Cardillo?«
»Es lohnt nicht der Mühe.«
»Warum nicht?«
»Weil der Bote soeben wiederkommt.«
»Zum Teufel!« sagte der König. »Achtung, Jupiter! Ich kann doch mittlerweile noch die einundneunzigste schießen.«
Die Wachtel flog auf, der König erlegte sie. Als er sich herumdrehte, war der Bote dicht neben ihm.
»Nun,« fragte Ferdinand, »haben die Glocken Linderung gebracht?«
»Nein, Sire, die Aerzte hegen Befürchtungen.«
»Die Aerzte hegen Befürchtungen!« wiederholte Ferdinand, indem er sich hinter dem Ohr kratzte.
»Dann ist die Sache also ernst?«
»Ja, sehr ernst, Sire.«
»In diesem Falle stelle man das heilige Sacrament aus.«
»Sire, ich muß mir erlauben, Ew. Majestät bemerklich zu machen, daß die Aerzte sagen, Ihre Gegenwart sei dringend nothwendig.«
»Dringend nothwendig,« wiederholte Ferdinand ungeduldig. »Ich kann doch auch nicht mehr dabei thun als der liebe Gott!«
»Ihr Pferd ist da, Majestät.«
»Ich seh’ es wohl. Geh’ nur, geh, mein Junge, und wenn das heilige Sacrament nichts hilft, so werde ich selbst kommen.«
Dann setzte er in gedämpftem Tone hinzu:
»Wohlverstanden, sobald ich erst meine hundert Wachteln erlegt habe.«
Nach Verlauf einer Viertelstunde hatte der König seine hundert Wachteln erlegt. Sir William war ihm dicht auf dem Fuße gefolgt und hatte siebenundachtzig geschossen. Der Präsident Cardillo war hinter Sir William um zehn und hinter dem König um dreiundzwanzig zurück. Auch er war höchst wüthend darüber.
Die Glocken fuhren mittlerweile immer fort zu läuten, und dies bewies, daß es noch nichts Neues gab.
»Alla malora!« sagte der König mit einem Seufzer; »wie es scheint, hat die Prinzessin sich in den Kopf gesetzt, nicht eher fertig zu werden, als bis ich zur Stelle bin. Gehen wir denn. Man hat wohl Recht, wenn man sagt: Des Weibes Wille ist Gottes Wille!«
Dann schwang er sich aufs Pferd und sagte zu den beiden anderen Jägern:
»Ich stelle Euch frei, es noch bis auf hundert zu bringen. Ich meinerseits kehre nach Palermo zurück.«
»In diesem Falle,« sagte Sir William, »folge ich Ew. Majestät. Mein Amt legt mir die Verpflichtung auf, Sie in einem solchen Augenblick nicht zu verlassen.«
»Es ist gut; gehen Sie,« sagte Cardillo, »ich für meine Person bleibe.«
Der König und Sir William setzten ihre Pferde in Galopp.
In dem Augenblick, wo sie die Stadt erreichten, hörte das Glockengeläute auf
»Aha,« sagte der König, wie es scheint, ist die Sache vorbei. Es bleibt uns nur noch übrig zu erfahren, ob es ein Knabe oder ein Mädchen ist.«
Man kam an einer Kirche vorüber. Alle Kerzen waren angezündet, das heilige Sacrament war auf dem Altare ausgestellt und die Kirche mit Betenden angefüllt.
Man hörte das Knallen der Petarden und man sah, wie die Luft von Raketen durchfurcht ward.
»Nun,« sagte der König, »das ist von guter Vorbedeutung.«
Gleich darauf sah er denselben Boten von Weitem gesprengt kommen. Der Bote schwenkte den Hut in der Luft und rief: »Es lebe der König!« Eine Menge Menschen rannten hinter ihm her oder liefen ihm voran. Es war ein Wunder, daß er Niemanden über den Haufen ritt.
Sobald er den König von Weitem erblickte, rief er:
»Ein Prinz! ein Prinz!«
»Na,« sagte der König zu Sir William, »wenn ich dagewesen wäre, so hätte ich auch nicht mehr thun können.«
Das Geschrei des Volkes verkündete die Ankunft Ferdinands im Palast.
Alles schwamm in Freude und Jubel und der König ward mit der größten Ungeduld erwartet.
Der Herzog und die Herzogin von Calabrien hatten sich Luisas Sache sehr zu Herzen genommen, nicht um ihrer selbst willen, denn sie kannten sie kaum persönlich, sondern um ihres Ehegatten willen.
Der arme Chevalier lag mehr todt als lebendig und in größerer Aufregung, als wenn über sein eigenes Schicksal entschieden werden sollte, in einem an das Schlafzimmer anstoßenden Cabinet auf den Knien und betete.
Er kannte nämlich die Königin, und wußte, daß viel zu fürchten, aber wenig zu hoffen stand.
Die junge Mutter lag in ihrem Bett. Sie selbst hegte keinen Zweifel. Wer hätte wohl dem schönen Kinde etwas abschlagen können, welches sie mit so vielen Schmerzen soeben zur Welt geboren? Es wäre dies ja geradezu eine Ruchlosigkeit gewesen.
Sollte dieser Prinz nicht einmal König werden? Und war es daher nicht von glücklicher Vorbedeutung, wenn er durch das Thor der Milde und das Wort »Gnade« stammelnd in das Leben eintrat?
Man hatte, da ein Großvater im Augenblick der Geburt noch nicht da war, Zeit gehabt, ihn Toilette machen zu lassen und ihm ein prachtvolles Spitzengewand anzulegen.
Er hatte das blonde Haar der österreichischen Prinzen, blaue verwunderte Augen, welche sich umschauten, ohne zu sehen, und eine Haut, welche frisch war wie eine Rose und weiß wie Atlas.
Die Mutter hatte ihn neben sich liegen und ward nicht müde, ihn zu küssen. Sie hatte in die Falten des Gewandes, welches seine königlichen Windeln bedeckte, die Bittschrift der unglücklichen Luisa San Felice gesteckt.
Von der Straße herauf hörte man den immer näherkommenden Ruf: »Es lebe der König!«
Der Kronprinz ward bleich. Ihm, der vor seinem Vater stets so furchtsam war, kam es vor, als stünde er im Begriff ein Majestätsverbrechen zu begehen.
Die Prinzessin war muthiger als er.
»O Franz,« sagte sie, »wir können doch diese arme Frau nicht verlassen.«
Der Chevalier, welcher diese Worte hörte, öffnete die Thür des Alcovens und steckte ein bleiches, verstörtes Gesicht herein.
»O mein Prinz!« sagte er im Tone des Vorwurfes.
»Ich habe versprochen, ich werde mein Wort halten,« sagte der Kronprinz. »Ich hörte die Tritte des Königs. Laß Dich nicht sehen, denn dann wäre Alles verloren.«
Der Chevalier schloß die Thür des Cabinets wieder in dem Augenblick, wo der König die des Schlafzimmers öffnete.
»Nun,« sagte er eintretend, »es ist also Alles vorbei, und zwar, Gott sei Dank! Glücklich. Ich wünsche Dir Glück dazu, Franz.«
»Und mir, Sire?« fragte die Wöchnerin.
»Ihnen werde ich meinen Glückwunsch darbringen, sobald ich das Kind gesehen habe.«
»Sire,« sagte die Prinzessin, »Sie wissen, daß mir, weil ich dem Königreich einen Erben geschenkt, das Recht zusteht, mir drei Gnadenacte auszubitten.«
»Und man wird sie Ihnen gewähren, wenn es ein schöner Knabe ist.«
»O, Sire, es ist ein Engel!«
Und sie ergriff das neben ihr liegende Kind und hielt es dem König hin.
»Ah, meiner Treu,« sagte der König, indem er es bei den Händen faßte, »ich hätte es auch nicht besser gemacht, obschon ich mir einbilde, auf diesem Gebiet etwas zu leisten.«
Es trat ein Augenblick des Schweigens ein.
Jeder Athemzug stockte, Aller Herzen hörten auf zu schlagen. Man wartete, daß der König die Bittschrift sehe.
»O!« rief er plötzlich, »was hat das Bürschchen denn da unter dem Arme?«
»Sire,« sagte Marie Clementine, »anstatt der drei Gnadenbeweise, welche man gewöhnlich der Kronprinzessin gewährt, die der Krone einen Erben schenkt, verlange ich nur einen.«
Die Stimme der Prinzessin war, indem sie diese Worte sprach, so zitternd, daß der König sie überrascht ansah.
»Zum Teufel, liebe Tochter,« sagte der König, »wie es scheint, ist das, was Du wünschet, nichts Geringes.«
Und indem er den Knaben in seinen gebogenen linken Arm legte, ergriff er mit der rechten Hand das Papier und faltete es langsam auseinander, indem er den Prinzen Franz, welcher bleich ward, und die Prinzessin Marie Clementine ansah, welche sich auf ihr Kopfkissen zurücksinken ließ.
Der König fing an zu lesen; gleich bei den ersten Worten aber runzelte er die Stirn und der Ausdruck eines Gesichtes ward finster und unfreundlich.
»O,« sagte er, ehe er noch das Blatt umgewendet hatte, »wenn es dies ist, was Ihr von mir erbitten wollt, mein Herr Sohn und meine Frau Schwiegertochter, so habt Ihr Euch vergeblich bemüht. Diese Frau ist verurtheilt, diese Frau wird sterben.«
»Sire!« stammelte der Prinz.
»Und wenn Gott selbst sie retten wollte,« sagte der König, »so würde ich den Kampf gegen Gott beginnen.«
»Sire, im Namen dieses Kindes!« flehte die Prinzessin.
»Da hier!« rief der König, »nehmen Sie es wieder, Ihr Kind. Da haben Sie es, ich gebe es Ihnen zurück.«
Und nachdem er den Neugebornen mit heftiger Geberde auf das Bett zurückgeworfen, verließ er das Zimmer mit dem wiederholten Rufe:
»Nimmermehr! nimmermehr!«
Die Prinzessin Marie Clementine ächzte und schloß ihr weinendes Kind in ihre Arme.
»Armes unschuldiges Wesen!« sagte sie. »Dies wird Dir Unglück bringen.«
Der Prinz sank in einen Lehnstuhl und war nicht im Stande, auch nur ein Wort hervorzubringen.
Der Chevalier stieß die Thür des Cabinets auf und kam bleicher als ein Todter, um die Bittschrift aufzuheben, die auf den Boden gefallen war.
»O mein Freund!« sagte der Prinz, indem er ihm die Hand bot, »Du siehst, an uns liegt die Schuld nicht.«
Der Chevalier aber verließ, ohne, wie es schien, den Prinzen zu sehen oder zu hören, das Zimmer, während er die Bittschrift zerriß und vor sich hin murmelte:
»Dieser König ist ein Ungeheuer!«
Vierzehntes Capitel.
Tonino Monti
In demselben Augenblick, wo der König wüthend aus dem Zimmer der Kronprinzessin hinaus stürzte, und der Chevalier San Felice ihm, die Bittschrift zerreißend, folgte, besprach sich der Capitän Skinner in seiner Cajüte mit einem großen schönen jungen Burschen von fünfundzwanzig Jahren, welcher ihm seine Dienste als Matrose angeboten, über die Höhe des zu bewilligenden Lohnes.
Wenn wir sagen angeboten, so ist dies eigentlich nicht der ganz richtige Ausdruck.
Am Abend vorher hatte nämlich einer von Skinners besten Matrosen, welcher an Bord den Posten eines Hochbootsmannes bekleidete, und in Palermo geboren war, nachdem ihn der Capitän beauftragt, zur Verstärkung der Mannschaft einige Leute anzuwerben, an der Thür des Hauses Nr. 7 in der Strada della Salute einen schönen jungen Mann gesehen, der eine Fischermütze auf dem Kopfe trug, und seine Hosen bis über das Knie hinaufgestreift hatte, so daß ein kräftiges und zugleich schöngeformtes Bein sichtbar war.
Der Hochbootsmann war einen Augenblick vor dem jungen Mann stehengeblieben und hatte ihn mit einer Aufmerksamkeit und Hartnäckigkeit betrachtet, welche Letzteren bewogen, in sicilichem Dialect die Frage auszusprechen:
»Was willst Du von mir?«
»Nichts,« antwortete der Hochbootsmann in demselben Dialect. »Ich sehe Dich an und ich sage Dir, daß es eine Schande ist.«
»Was ist denn eine Schande?«
»Daß ein großer, starker Kerl wie Du, der einen so schönen Matrosen machen würde, bestimmt ist, einen so schlechten Schließer abzugeben.«
»Wer hat Dir denn das gesagt?« fragte der junge Mann.
»Das kann Dir gleich sein, sobald ich es nur weiß.«
Der junge Mann zuckte die Achseln.
»Was willst Du?« sagte er. »Das Fischerhandwerk nährt seinen Mann nicht, das Schließerhandwerk aber bringt täglich zwei Carlini ein.«
»Was! Zwei Carlini täglich, sagte der Hochbootsmann, indem er mit den Fingern knippte. »Ein schöner Lohn für ein so trauriges Handwerk! Ich bin an Bord eines Schiffes, wo die Schiffsjungen zwei Carlini, die Recruten vier und die ausgelernten Matrosen acht Carlini bekommen.«
»Wie? Du verdienst acht Carlini täglich?« fragte der junge Fischer.
»Ich? O, ich verdiene deren zwölf. Ich bin Hochbootsmann.«
»Zum Teufel!« sagte der Fischer, »was für Geschäfte treibt denn dein Capitän, daß er seinen Leuten solche Löhne zahlen kann?«
»Mein Capitän treibt gar keine Geschäfte, er fährt spazieren.«
»Dann ist er wohl reich?«
»O, er ist Millionär.«
»Das ist eine schöne Profession und noch besser als die eines Matrosen für acht Carlini.«
»Die aber immer noch besser ist als die eines Schließers für zwei Carlini.«
»Das ist wohl wahr, mein Vater hat es sich aber einmal in den Kopf gesetzt, daß ich Schließer werden müsse, um einmal sein Nachfolger als Oberaufseher werden zu können.«
»Was bringt ihm denn dieses Amt ein?«
»Sechs Carlini täglich.«
Der Hochbootsmann fing an zu lachen.
»In der That,« sagte er, »das ist eine glänzende Zukunft. Und dein Entschluß steht fest?«
»Ach, Lust habe ich freilich durchaus nicht dazu, aber, setzte er mit der Sorglosigkeit der Südländer hinzu, »etwas muß ich doch machen.«
»Es ist aber nicht sonderlich amüsant, des Nachts aufzustehen, die Runde durch die Corridors zu machen, in die Gefängnisse zu gehen und unglückliche weinende Gefangene zu sehen.«
»O, daran gewöhnt man sich schon. Gibt es nicht überall Leute, welche weinen?«
»Ah, ich sehe schon, wie die Sache steht,« sagte der Hochbootsmann. »Du bist verliebt und willst deshalb aus Palermo nicht fort.«
»Verliebt? ich habe in meinem Leben zweimal geliebt. Die eine Geliebte ward mir um eines englischen Officiers, die andere um eines Canonicus der heiligen Rosalia willen Untreu.«
»Dann bist Du also frei wie die Luft?«
»Ja, ich bin frei wie die Luft. Wenn Du mir einen guten Posten anzubieten hat, so mache mir deine Offerte, denn zum Schließer bin ich noch nicht ernannt, obschon ich seit drei Jahren darauf warte.«
»Einen guten Posten? ich habe keinen andern anzubieten, als den eines Matrosen an Bord meines Schiffes.«
»Und wie heißt dein Schiff?«
»Der Renner.«
»Ah, dann gehörst Du also zu der amerikanischen Mannschaft?«
»Nun, hast Du etwas gegen die Amerikaner?«
»Es sind Ketzer.«
»Mein Capitän ist ein so guter Katholik wie Du und ich.«
»Und Du machst Dich verbindlich mir Aufnahme an Bord deines Schiffes zu verschaffen?«
»Ich werde mit dem Capitän darüber sprechen.«
»Und ich werde acht Carlini täglich bekommen wie die Andern?«
»Ja wohl.«
»Muß man für seine Beköstigung selbst sorgen, oder bekommt man dieselbe?
»Man bekommt dieselbe.«
»Ist sie auch gut und reichlich?«
»Früh setzt es Kaffee und ein kleines Glas Rum, Mittags Suppe, ein Stück Rinder- und Hammelbraten und Fisch, wenn man gerade welchen gefangen hat, und Abends Maccaroni.«
»Da möchte ich es einmal versuchen.«
»Das kommt blos auf Dich an. Jetzt ist es halb zwölf Uhr, um zwölf Uhr wird zu Mittag gegessen. Ich lade Dich hiermit dazu ein.«
»Aber der Capitän?«
»Der Capitän? Glaubst Du, der werde auf Dich achten?«
»Nun, wenn es geht, so nehme ich die Einladung an,« antwortete der junge Mann. »Ich hatte ohnehin weiter nichts zum Mittagessen als ein Stück Baccala.«
»Pfui Spiner!« sagte der Hochbootsmann. »Wir haben einen Hund an Bord, aber so etwas fräße dieser nicht.«
»Madonna,« sagte der junge Mann, »dann gibt es viele Christen, welche nichts Besseres wünschen würden, als Hunde an Bord deines Schiffes zu sein.«
Und indem er seinen Arm in den des Hochbootsmannes schob, ging er mit ihm den Quai entlang bis zur Marina.
An der Marina lag dicht am Ausladungsplatz ein Boot am Strande. Es war von einem einzigen Matrosen bewacht, der Hochbootsmann ließ aber eine Pfeife ertönen und sogleich kamen drei andere Matrosen herbeigeeilt und sprangen in das Boot, in welches der Hochbootsmann und der junge Fischer dann ebenfalls hineinstiegen.
»Nachdem »Renner« und rasch!« rief in schlechtem Englisch der Hochbootsmann, indem er am Steuerruder Platz nahm.
Die Matrosen griffen zu den Rudern und das leichte Fahrzeug glitt über das Wasser hin.
Zehn Minuten später legte es an der Packbordtreppe des »Renner« an.
Der Hochbootsmann hatte die Wahrheit gesagt.
Weder der Capitän noch sein Lieutenant schienen die Ankunft eines Fremden an Bord zu bemerken.
Man setzte sich zu Tisch und da der Fischfang gut gewesen war und einer der Matrosen, ein geborener Provençale, eine sogenannte Boullabaisse bereitet hatte, so war die Mahlzeit noch viel besser, als der Hochbootsmann gesagt hatte.
Wir müssen gestehen, daß die drei Schüsseln, welche aufeinanderfolgten, mittelst einer halben Flasche calabresischen Weines benetzt, auf die Laune des Eingeladenen eine sehr günstige Wirkung hervorzubringen schienen.
Beim Dessert erschien der Capitän auf dem Roß und lenkte, hin und herspazierend, seine Schritte endlich nach dem Vordertheil des kleinen Schiffes.
Bei der Annäherung des Capitäns erhoben sich die Matrosen, und als der Capitän ihnen mit der Hand winkte, sich wieder zu setzen, sagte der Hochbootsmann: »Ich bitte um Entschuldigung, Herr Capitän; ich habe eine Bitte an Sie.«
»Und was willst Du?« fragte der Capitän Skinner, lachend. »Sprich, mein wackerer Giovanni.«
»Es ist nicht für mich, Capitän, sondern für einen meiner Landsleute, mit dem ich in den Straßen von Palermo zusammentraf und den ich eingeladen habe, mit uns zu speisen.«
»Ah so! Wo ist er denn dieser Landsmann von Dir?«
»Hier ist er, Herr Capitän.«
»Und was begehrt er?«
»Eine große Gunst, Herr Capitän.«
»Welche denn?«
»Er wünscht auf Ihre Gesundheit zu trinken.«
»Das will ich ihm gern gestatten,« sagte der Capitän.
»Ich werde ja selbst den Nutzen davon haben.«
»Der Capitän soll leben – hoch! hoch!« riefen die Matrosen wie aus einem Munde.
Skinner verneigte sich dankend.
»Und wie heißt dein Landsmann?« fragte er dann.
»Ach, meiner Treu,« sagte Giovanni, »das weiß ich selbst nicht.«
»Ich heiße Ihr Diener, Excellenz,« antwortete der junge Mann, »und wünschte sehr von Ihnen die Antwort zu hören, daß Sie mein Herr heißen.«
»Ah, Du bist, wie es scheint, nicht ohne Witz, mein Junge.«
»Glauben Sie, Excellenz?«
»Ich bin dessen überzeugt.«
»Meine Mutter sagte es auch, als ich noch ganz klein war, seitdem aber hat Niemand wieder etwas davon bemerkt.«
»Aber Du hast doch auch noch einen andern Namen als den meines Dieners?«
»Ich habe deren noch zwei, Excellenz.«
»Und was für welche?«
»Tonino Monti.«
»Warte einmal, warte einmal,« sagte der Capitän, als ob er sich auf etwas zu besinnen suchte. »Es ist mir, als kennte ich Dich.«
Der junge Mann schüttelte zweifelhaft den Kopf.
»Das sollte mich sehr wundern,« sagte er.
»O ja, ich besinne mich – ja, richtig, so war es.
»Bist Du nicht der Sohn des Oberaufsehers im Fort Castellamare?«
»Allerdings bin ich das. Sie müssen ein Hexenmeister sein, daß Sie so etwas zu errathen wissen.«
»Ein Hexenmeister bin ich nicht, wohl aber der Freund eines Mannes, welcher Dir den Posten eines Schließers zu verschaffen bemüht ist, mit einem Worte, ich bin der Freund des Chevalier San Felice.«
»Aber wird dieser mir auch den gewünschten Posten verschaffen können?«
»Warum sollte er ihn Dir nicht verschaffen können? Der Chevalier ist ja nicht blos der Bibliothekar, sondern auch der Freund des Herzogs von Calabrien.«
»Ja, aber er ist auch der Ehemann der Gefangenen, welche der König so streng beaufsichtigen läßt und welche nur aus Gnade noch lebt. Besäße der Chevalier irgend welchen Einfluß, so würde er zunächst das Leben seiner Gattin zu retten suchen.«
»Eben weil man ihm eine große Gunst verweigert hat oder wahrscheinlich verweigern wird, wird man gern bereit sein, ihm eine klein zu gewähren.«
»Gott möge mir gnädig sein, ihn nicht zu erhören.«
»Warum nicht?«
»Weil es mir viel besser zusagen würde, Ihnen zu dienen, Herr Capitän, als dem König Ferdinand.«
»Aber,« entgegnete der Capitän Skinner lachend, »ich möchte ihm nicht gern Concurrenz machen.«
»O, Sie werden ihm keine Concurrenz machen, Herr Capitän. Ich gebe meine Entlassung, ehe ich noch die Anstellung habe.«
»Ach, Herr Capitän,« sagte Giovanni, »nehmen Sie das Anerbieten an. Tonino ist ein wackerer Junge. Von Kindheit an Fischer, wird er ein ganz vortrefflicher Seemann werden. Ich bürge für ihn und wir werden uns Alle freuen, ihn in das Register der Mannschaft eingetragen zu sehen.«
»Ja! ja!« riefen alle Matrosen.
»Herr Capitän, sagte Tonino, die Hand aufs Herz legend, »bei der Treue eines Siciliers verspreche ich Ihnen, wenn Sie mir meine Bitte gewähren, so sollen Sie zufrieden mit mir sein.«
»Höre, mein Freund, « antwortete der Capitän, »ich bin mit deinem Anerbieten gern einverstanden, denn Du scheinst mir ein wackerer Junge zu sein. Ich will aber nicht, daß man sagt, ich wäre ein Werber oder Seelenverkäufer und hätte Dich angeworben, während Du betrunken gewesen wärest. Amüsiere Dich daher jetzt mit deinen Cameraden, so lange Du Lust hat, kehre aber heute Abend noch einmal nach Hause zurück. Ueberlege Dir deinen Entschluß die ganze Nacht und morgen der ganzen Tag, und wenn Du dann morgen Abend noch immer auf deiner Absicht beharrst, so komme wieder und wir wollen den Handel abschließen.«
»Es lebe der Capitän!« rief Tonino.
»Es lebe der Capitän!« rief die ganze Mannschaft.
»Hier sind vier Piaster,« sagte Skinner. »Geht ans Land, vertrinkt sie, verschmaust sie – dies geht mich weiter nichts an. Heute Abend aber seid Alle wieder da und laßt mich keine Spur von dem Weine sehen, den Ihr getrunken haben werdet. Jetzt geht.«
»Aber die Goelette, die Goelette, Herr Capitän?« fragte Giovanni.
»Laß zwei Mann an Bord.«
»Es wird aber Niemand dableiben wollen.«
»Laß losen, und jeder der beiden soll als Entschädigung einen Piaster bekommen.«
Man looste und die beiden Matrosen, welche das Loos traf, erhielten jeder einen Piaster.
Abends neun Uhr waren Alle wieder zurück und wie der Capitän empfohlen, heiter, aber weiter nichts.
Der Capitän ließ, wie er alle Abende zu thun gewohnt war, seine Leute die Musterung passieren und forderte dann Giovanni, aber diesen allein, durch eine Geberde auf, ihm in einer Weile in seine Cajüte zu folgen.
Zehn Minuten später lag mit Ausnahme der Matrosen von der ersten Nachtwache an Bord Alles im Schlafe.
Giovanni schlich sich in die Cajüte des Capitäns, der ihn mit seinem Lieutenant erwartete. Beide schienen seiner mit Ungeduld zu harren.
»Nun?«, fragte Skinner.
»Nun, er ist unser, Herr Capitän.«
»Bist Du dessen sicher?«
»So sicher, als ob ich ihn schon in das Register eingeschrieben sähe.«
»Und Du glaubst, daß er morgen —«
»Morgen Abend sechs Uhr hat er unterzeichnet, so wahr ich Giovanni Capriolo heiße.«
»Das gebe Gott!«, murmelte der Lieutenant. »Damit wäre unsere Aufgabe schon zur Hälfte gelöst.«
Und in der That ging am nächstfolgenden Tage, wie Giovanni versprochen und wie wir zu Anfange dieses Capitels bereits erwähnt, Tonino Monti, nachdem man sich über den Lohn geeinigt und auf seinen in dem Contracte ausdrücklich erwähnten Wunsch, auf drei Jahre als Matrose an Bord des »Renners« und erhielt drei Monate Lohn voraus, während er sich zugleich für den Fall, daß er sein Wort bräche, der ganzen Strenge der Gesetze unterwarf.
Fünfzehntes Capitel.
Der Oberaufseher
In dem Augenblick, wo der Neuangeworbene allerdings mit einiger Schwierigkeit, aber doch wenigstens leserlich seinen Namen unter den Contract schrieb, trat ein Matrose in die Cajüte und brachte ein Couvert, welches Papiere enthielt, die ein Bote im Auftrage des Chevalier San Felice mit der ausdrücklichen Bestimmung überbracht, daß dieselben nur dem Capitän Skinner selbst eingehändigt werden sollten.
Schon seit Mittag hatte sich in Palermo das Gerücht verbreitet, daß bei der Herzogin von Calabrien sich die Geburtswehen eingestellt hätten. Die Besitzer der Goelette hatten an diesem Ereignisse ein zu großes Interesse, als daß sie nicht mit zuerst davon unterrichtet gewesen wären. Dann hatte das Glockengeläute und hierauf die Ausstellung des heiligen Sacramentes ihnen die Befürchtungen des Hofes verkündet, bis endlich das Knallen der Kanonenschläge, die Raketen und die Illuminationen sie von dem glücklichen Ausgange unterrichtet hatten, an welchem sie ein so lebhaftes Interesse nahmen, weil das Leben der Gefangenen gewissermaßen davon abhing.
Der Capitän Skinner begriff daher sofort, daß das ihm eingehändigte Couvert die Entscheidung des Königs enthielte, möchte dieselbe nun ausgefallen sein, wie sie wollte.
Er winkte Salvato, der noch einen Blick auf den Contract warf, zu Tonino sagte, es sei Alles so gut, dann den Contract ergriff und denselben in die Tasche steckte.
Tonino, der nicht wenig erfreut war, nun in aller Form der Mannschaft des »Renner« anzugehören, ging wieder auf das Deck hinauf.
Salvato und sein Vater beeilten, sobald sie allein waren, sich, das Siegel zu erbrechen.
Das Couvert enthielt die in acht oder zehn Fetzen zerrissene Bittschrift Luisas.
Man weiß, welche Bedeutung diese Antwort hatte. Dieselbe sagte so klar wie mit Worten: »Der König ist unerbittlich gewesen.«
Außer diesen Fetzen enthielt das Couvert aber auch noch zwei andere Papiere, welche unversehrt waren. Das erste, welches Salvato öffnete, war von der Hand des Chevaliers geschrieben.
Es enthielt folgende Worte:
»Eben stand ich im Begriff Ihnen die beifolgenden Papierfetzen ohne weitere Erläuterung zuzusenden – denn unserer Verabredung gemäß bedeuten sie, daß die Bemühungen der Prinzessin erfolglos gewesen sind und daß von unserer Seite nichts mehr zu hoffen ist – als ich von dem Polizeidirektor die von mir erbetene Ernennung des Tonino Monti zum Posten eines Unterschließers erhielt. Gibt vielleicht diese Ernennung ein Rettungsmittel an die Hand? Ich weiß es nicht und versuche nicht einmal es zu ergründen, so wirr ist es mir im Kopf. Sie aber, Sie sind Männer, welche Erfindungsgabe und Gewandtheit besitzen. Sie haben die Mittel zur Flucht, welche mir fehlen, Ihnen stehen Leute zu Gebote, die ich nicht habe und die ich auch nicht aufzutreiben wüßte. Suchen Sie, erfinden Sie, greifen Sie, wenn es sein muß, zum Wahnsinnigen, zum Unmöglichen, aber retten Sie nur Luisa.
»Ich für meine Person kann die Arme nur beweinen.
»Das Anstellungspatent für Tonino Monti liegt hier bei.«
Diese Mittheilung war eine furchtbare, aber weder Salvato noch sein Vater hatten jemals auf die königliche Milde gerechnet, und die Enttäuschung von dieser Seite war daher weit entfernt auf die Beiden die Wirkung hervorzubringen, welche sie auf den Chevalier San Felice geäußert hatte.
Die beiden Männer sahen einander mit Wehmuth an, aber nicht mit Verzweiflung, ja noch mehr, es erschien ihnen, als ob diese Ernennung Toninos Monti ein Ersatz für die Niederlage wäre, welche ihnen durch die zerrissene Bittschrift verkündet ward.
Sie hatten, wie man gesehen, sich ebenfalls auf diesen Ausgang gefaßt gemacht und, indem sie sich Toninos aufs Gerathewohl hin bemächtigten, demzufolge ihre Maßregeln getroffen.
Ihr Plan an und für sich war noch sehr unbestimmt, oder vielmehr sie hatten noch gar keinen Plan. Sie standen da mit wachsamen Blick, lauschendem Ohr und ausgestrecktem Arm, bereit, die Gelegenheit zu ergreifen, wenn dieselbe sich darböte. Es kam ihnen vor, als sähen sie in Tonino’s Anwerbung einen Lichtschimmer, und dieser Lichtschimmer ward durch die Ernennung des jungen Burschen zum Schließer noch heller.
Von diesem Lichtschimmer geleitet standen sie jetzt im Begriff, ihrem seither flüchtig und ungreifbar gewesenen Traum eine feste Gestaltung zu geben.
Es war sieben Uhr Abends. Um acht schienen sie einen Entschluß gefaßt zu haben, denn die Mannschaft ward benachrichtigt, daß man im Laufe des nächstfolgenden Nachmittags den Anker lichten werde.
Tonino erhielt Erlaubniß, noch denselben Abend oder den nächstfolgenden Tag ans Land zu gehen, um von seinem Vater Abschied zu nehmen. Er erklärte jedoch, er fürchte den Zorn des Alten so sehr, daß er, weit entfernt, Abschied von ihm nehmen zu wollen, sich, wenn er ihn etwa auf das Schiff zukommen sähe, in den untersten Raum verkriechen wurde.
Wie es schien, konnte Salvato und sein Vater sich nichts Besseres wünschen als diese Furcht, die Tonino vor seinem Vater hatte, und sie wechselten eine Geberde der Befriedigung.
Wir werden nun die Ereignisse erzählen, so wie dieselben geschahen, ohne zu versuchen, ihnen eine andere Erklärung als die der Thatsachen zu geben.
Am nächstfolgenden Tage gegen fünf Uhr Abends begann bei bewölktem äußeren Himmel die Goelette ihre Anstalten zum Lichten des Ankers zu treffen.
Während dieser Operation brach, sei es nun in Folge der Ungeschicklichkeit der Mannschaft, sei es in Folge einer mangelhaften Beschaffenheit der Kette, ein Ring in derselben und der Anker blieb im Grunde stecken.
Dieser Unfall ereignet sich nicht selten, und wenn der Anker nicht allzutief steckt, so gehen Taucher auf den Grund hinab, um ihn herauf zu befördern.
Trotz dieses mit dem Anker geschehenen Unfalls fuhr man jedoch fort, das Schiff zum Absegeln fertig zu machen. Nun ward verabredet, daß, da der Anker nur drei Klafter tief stak, ein Boot mit acht Mann und dem Hochbootsmann Giovanni, um den Anker herauszufischen, zurückbleiben und die Goelette am Eingange des Hafens kreuzend das Boot erwarten sollte. Um sich in einer mondlosen Nacht sichtbar zu machen, sollte sie drei Feuer von verschiedenen Farben tragen.
Gegen acht Uhr Abends steuerte die Goelette zwischen den in dem Hafen liegenden sie umgebenden Fahrzeugen hindurch und begann an der verabredeten Stelle zu lavieren, während die acht Matrosen, deren man zum Hinaussegeln aus dem Hafen bedurft hatte, mit dem Boote zurückruderten, um den Anker wieder aufzufischen.
Zu derselben Stunde trat der Oberaufseher des Fortes Castellamare, Ricciardo Monti, in das Zimmer des Gouverneurs und meldete, er habe soeben einen Brief von seinem Sohn erhalten, der ihm melde, daß er zu seiner herzlichen Freude zum Unterschließer ernannt worden und daß er zwischen neun und zehn Uhr mit seinem Vater zusammentreffen wolle, weil er vorher noch einigen Formalitäten auf der Polizei zu genügen habe.
Diesen Brief hatte Tonino ohne Zweifel auf den Rath eines Cameraden geschrieben, um die Aufmerksamkeit seines Vaters von dem Abgang der Goelette abzulenken, wo er sagen hören konnte, daß sein Sohn angeworben sei.
Als Stelldichein war dem alten Monti eines der kleinen Wirthshäuser an der Piazza Marina bezeichnet worden. Ohne Mißtrauen trat er hinein und fragte nach Tonino Monti. Man bezeichnete ihm einen Corridor, der nach einem Zimmer führte, in welchem, wie man ihm sagte, sein Sohn mit drei oder vier Cameraden bei der Flasche säße.
Kaum war er aber in dieses Zimmer, in welchem er mit den Augen vergebens den suchte, der ihn hierherbestellt, eingetreten, so ward er von vier Männern ergriffen, gebunden, geknebelt und auf ein Bett geworfen, indem man ihm jedoch zugleich versicherte, daß er den nächstfolgenden Morgen wieder in Freiheit gesetzt werden und daß ihm kein Leides widerfahren würde, wenn er nicht etwa zu entwichen suchte.
Die einzige Thätlichkeit, welche man ihm zufügte und welche die Anwendung von Gewalt und besonders von Drohungen nothwendig machte, bestand darin, daß man ihm den Schlüsselbund abnahm, welchen er am Gürtel trug und mit dessen Hilfe er in die Zellen der Gefangenen gelangte.
Dieser Schlüsselbund ward durch die halb geöffnete Thür Jemanden gereicht, der hinter dieser Thür wartete.
Eine halbe Stunde später pochte ein junger Mann von Tonino’s Alter und Wuchs an das Thor des Fortes und verlangte im Namen seines Vaters mit dem Gouverneur zu sprechen.
Der Gouverneur befahl den jungen Mann vorzulassen. Letzterer erzählte nun, Ricciardo Monti sei in den Augenblick, wo er die Toledostraße durchschritten, durch einen aus Anlaß der Niederkunft der Prinzessin abgefeuerten Mortarello, welcher gesprungen sei, schwer verwundet und in das Hospital dei Pellegrini geschafft worden.
Der Verwundete hatte sofort seinen Sohn rufen lassen, ihm seinen Schlüsselbund übergeben und ihm befohlen, sich sofort zu Seiner Excellenz dem Gouverneur zu verfügen, den er bereits von der Ernennung seines Sohnes unterrichtet, ihm ein Anstellungspatent zu präsentieren und seinen Vater bis zu einer hoffentlich baldigen Wiederherstellung zu ersetzen.
Der Gouverneur las das Anstellungspatent des neuernannten Unteraufsehers. Es war vollkommen in Ordnung.
In dem Ricciardo Monti zugestoßenen Unfall lag nichts Außerordentliches, denn dergleichen ereigneten sich bei jedem Fest zu Hunderten. Der Gouverneur war übrigens, wie wir bereits erwähnt, auch schon vorher davon benachrichtigt, daß sein Oberaufseher ausgehen wollte, um mit seinem Sohn zurückzukommen. Er schöpfte daher durchaus keinen Verdacht, sondern forderte den falschen Tonino auf die Schlüssel seines Vaters vorläufig zu behalten, sich in Bezug auf seinen Dienst instruieren zu lassen und seinen Posten anzutreten.
Der neue Schließer steckte sein Patent behutsam in die Tasche, hing die Schlüssel, welche er auf den Tisch des Gouverneurs legte, wieder an seinen Gürtel und verließ das Zimmer.
Der von den Wünschen des Gouverneurs in Kenntniß gesetzte Inspector führte ihn von Corridor zu Corridor und zeigte ihm die bewohnten Zimmer. Es waren deren neun.
Als man an dem Luisa’s vorüberkam, blieb der Inspector stehen, um dem jungen Manne zu sagen, daß diese Gefangene eine ganz besonders wichtige sei, und daß man, um sich von ihrer Anwesenheit zu überzeugen, ihr Zimmer dreimal am Tage und zweimal des Nachts zu visitieren habe – das erste Mal um acht Uhr Abends, das zweite Mal um drei Uhr Morgens.
Ueberdies waren an demselben Tage neue Befehle ertheilt worden, welchen zufolge die Wachsamkeit im Innern wie im Aeußern verdoppelt werden sollte.
Als der Rundgang beendet war, zeigte der Inspector dem neuangestellten Schließer noch das Wachzimmer. Der mit der Ueberwachung dieses Theiles der Festung beauftragte Aufseher mußte die ganze Nacht hier bleiben. Er hatte am Tage vier Stunden zum Schlafen. Wenn er sich langweilte, oder wenn er in dem Wachtzimmer einzuschlafen fürchtete, so stand ihm frei, in dem Corridors auf- und abzugehen.
Es war halb zwölf Uhr, als der Inspector und der neue Schließer sich trennten. Ersterer empfahl Letzterem Pünktlichkeit und Wachsamkeit und der Schließer versprach, daß er ganz gewiß noch mehr leisten würde, als man von ihm erwartete.
In der That hätte Niemand, der ihn mit offenem Auge und lauschendem Ohr an der Thür des Wachzimmers gesehen, welches auf den ersten Corridor und den Fuß der Treppe Nr. 1 ging, ihn beschuldigen können, daß er seinem Worte untreu werde.
So stand er unbeweglich da, bis alles Geräusch in dem Fort verstummte.
Es schlug Mitternacht.
Sechzehntes Capitel.
Die Patrouille
Kaum war der zwölfte Glockenschlag verhallt, so gewann der neue Aufseher, den man bis jetzt für eine Bildsäule der Erwartung hätte halten können, wieder Leben, und stieg, als ob er einen plötzlichen Entschluß gefaßt hätte, ohne Eile, aber auch nicht gerade langsam, die Treppe hinauf.
Hätte man seinen Tritt gehört, hätte man ihn vor- übergehen sehen, hätte man eine Frage an ihn gerichtet, so hätte er blos zu antworten gebraucht: »In Abwesenheit meines Vaters habe ich die Beaufsichtigung des Gefängnisses und ich beaufsichtige.«
Alles aber schlief in der Citadelle. Niemand sah ihn, Niemand hörte ihm, Niemand befragte ihn.
In der zweiten Etage angelangt, durchschritt er den Corridor der ganzen Länge desselben nach und kehrte dann wieder um, aber vorsichtiger, mit leisen Tritten, gespanntem Ohr und den Athem anhaltend.
Plötzlich blieb er vor der Thür des Gefängnisses stehen, welches Luisa bewohnte.
Den Schlüssel zu dieser Thür hatte er schon im Voraus zur Hand genommen. Er steckte ihn so vorsichtig in das Schloß und drehte ihn so langsam um, daß man das Knarren kaum hörte.
Die Thür öffnete sich. Diesmal war die Nacht finster. Der Wind pfiff durch die Gitterstangen des Fensters, dessen Oeffnung nicht einmal zu bemerken war, so dicht war die Finsterniß.
Der junge Mann that, den Athem anhaltend, einen Schritt in das Zimmer hinein.
Dann, da er die Gefangene mit den Augen vergeblich suchte, murmelte er:
»Luisa !«
Ein Hauch trug den Namen »Salvato !« an sein Ohr und in demselben Augenblick umschlangen zwei Arme seinen Hals und sein Mund heftete sich auf den einigen.
Ein Flammenhauch, ein Murmeln der Freude ward ausgetauscht. Es war das erste Mal seit dem Tage der Verurtheilung vor dem Tribunal und folglich ihrer Trennung, daß die beiden Liebenden sich Eines in des Andern Armen sahen.
Ohne Zweifel hatte Salvato durch während des Tages gegebene Zeichen Luisa von diesem Besuch unterrichtet, weil er sonst fürchten mußte, daß die Ueberraschung ihr einen Ausruf des Schreckens entlocken würde.
Auch haben wir soeben gesehen, daß sie, erfüllt von Hoffnung, aber auch von Furcht, gewartet hätte, bis Salvato ihren Namen aussprach, ehe sie ihm antwortete.
In der Annäherung dieser beiden, nur eines für das andere lebenden Herzen lag ein Augenblick stummer und unbeweglicher Extase.
Salvato rüttelte sich zuerst auf.
»Wohlan, theure Luisa, sagte er; »es ist kein Augenblick zu verlieren. Wir sind bei dem Moment angelangt, wo unser gemeinsames Schicksal sich entscheiden wird. Ich habe Dir gesagt: sei ruhig und geduldig. Wir werden beide sterben oder beide leben. Du hast auf mich gerechnet; hier bin ich.«
»Ja, Gott ist groß, Gott ist gut. Was kann ich jetzt thun? Wie kann ich Dir beistehen?«
»Höre,« antwortete Salvato; »ich habe eine Arbeit zu verrichten, welche über eine Stunde dauern wird, nämlich die Gitterstangen des Fensters zu durchsägen. Es ist jetzt einige Minuten nach Mitternacht und wir haben folglich noch vier Stunden Nacht vor uns. Wir wollen nichts übereilen, aber diese Nacht muß auch unser Vorhaben gelingen, denn morgen wird Alles entdeckt sein.«
»Ich frage Dich nochmals, was soll ich während dieser Stunde thun ?«
»Ich lasse die Thür halb geöffnet, wie sie jetzt ist. Du stellt Dich so dazwischen, daß Du mit einem Fuße draußen, mit dem andern im Zimmer steht, und horcht ob irgend ein Geräusch uns Gefahr droht. Bei der mindesten Wahrnehmung rufst Du mich; ich gehe hinaus und schließe die Thür. Sobald diese geschlossen ist, bin ich Beamter und manche die Nachtrunde. Niemand, der mir begegnet, kann mich mit Mißtrauen betrachten, da man mich nur in der Ausübung meiner Pflicht antrifft. Eine Viertelstunde später komme ich wieder und beende das begonnene Werk. Also jetzt Muth und Kaltblütigkeit!«
»Sei unbesorgt, mein Freund, ich werde deiner würdig sein,« antwortete Luisa, indem sie ihm mit beinahe männlicher Kraft die Hand drückte.
Salvato zog nun zwei feine stählerne Feilen aus der Tasche, denn eine konnte während der Arbeit zerbrechen. Nachdem Luisa sich seiner Aufforderung gemäß so gestellt, daß sie jedes Geräusch, welches in den Corridors und auf den Treppen entstand, sogleich hören mußte, begann er die Gitterstäbe mit jener festen, sichern Hand zu durchfeilen, welche keine Gefahr zittern machen konnte.
Die Feile war so fein, daß man das Eingreifen ihrer Zähne in das Eisen kaum hörte. Uebrigens wäre dieses Geräusch, selbst wenn es noch bemerkbarer gewesen, durch das Pfeifen des Windes und das erste Rollen des Donners, welches ein heranziehendes Gewitter verkündete, übertäubt worden.
»Sehr schönes Wetter!« murmelte Salvato, indem er leise dem Donner dankte, daß derselbe für ihn Partie nahm.
Und dann setzte er seine Arbeit weiter fort. Nichts störte ihn darin.
Wie er vorausgesehen, waren nach Verlauf einer Stunde vier Stäbe durchsägt, und das Fenster bot nun eine Oeffnung, die groß genug war, um zwei Personen durchzulassen.
Salvato schlug nun einen Ueberrock abermals in die Höhe und wickelte ein Seil los, welches er sich um den Gürtel geschlungen.
Dieses feste, obschon feingeflochtene Seil war mehr als hinreichend lang, um bis auf dem Erdboden hinabzureichen.
An einem der beiden Enden befand sich ein zu diesem Zwecke vorgerichteter Ring, welcher bestimmt war, in den noch in der Mauer steckenden senkrechten Theil der von Salvato durchsägten Gitterstange gesteckt zu werden.
Salvato machte in gemessenen Entfernungen Knoten in das Seil, damit dieselben seinen Händen und Knieen zum Stützpunkt dienten.
Dann verließ er das Zimmer und durchschritt den Corridor bis an die Stelle, wo derselbe an die Treppe stieß.
Hier blieb er über das schwere eiserne Geländer geneigt, mit dem Auge die Finsterniß durchforschend und mit dem Ohr das Schweigen befragend, einen Augenblick lang unbeweglich und den Athem anhaltend stehen.
»Nichts!«, murmelte er mit einem Ausdruck der Freude und des Triumphes.
Dann drehte er sich rasch herum, kehrte in das Zimmer zurück, zog den Schlüssel aus dem Thürschloß, verschloß die Thür von innen, machte das Schloß dadurch, daß er drei bis vier Nägel hineinschob, unbrauchbar, faßte Luisa in seine Arme, drückte sie an seine Brust, sprach ihr Muth ein, befestigte den Ring an der Eisenstange, band Luisas beide Hände, damit sie nicht durch die Wucht auseinandergerissen würden, fest zusammen und forderte sie dann auf, ihre beiden Arme um seinen Hals zu legen.
Erst jetzt begriff Luisa die Fluchtmethode, welche Salvato in Anwendung zu bringen gedachte, und der Muth entsank ihr bei dem Gedanken, daß sie in der freien Luft schweben und daß sie am Halse ihres Geliebten hängend sich dreißig Fuß hoch hinablassen müßte, während Salvato selbst keine andere Stütze hätte als das Seil.
Ihre Furcht war jedoch stumm. Sie sank auf die Knie nieder, hob ihre mit einem Taschentuch zusammengebundenen Hände zum Himmel empor, sprach leise ein kurzes Gebet, stand dann wieder auf und sagte:
»Ich bin bereit.«
In diesem Augenblick spaltete ein Blitz die dichten, tief herabhängenden Wolken, und bei dem Scheine dieses Blitzes konnte Salvato sehen, wie große Schweißtropfen an Luisa’s bleichem Gesicht herabrannen.
»Wenn es dieses Herablassen ist, was Dich schreckt,« sagte Salvato, der mit Recht auf eine eisernen Muskeln sich verließ, »so stehe ich Dir dafür, daß wir ohne Unfall auf den Boden hinabgelangen.«
»Mein Freund,« antwortete Luisa, »ich sage nochmals: ich bin bereit. Ich habe Vertrauen zu Dir und ich glaube an Gott.«
»Dann,« sagte Salvato, »wollen wir auch keine Minute mehr verlieren.«
Er legte das Seil zum Fenster hinaus, versicherte sich seiner Festigkeit, bot Luisa seinen Kopf dar, damit sie die Kette ihrer Arme um seinen Hals lege, stieg auf einen herbeigeholten Schemel, kroch mit Luisa durch die Oeffnung, umklammerte, ohne sich an das Zittern zu kehren, welches den ganzen Körper der armen Luisa schüttelte, mit seinen Knien das Seil, welches er schon mit den Händen gefaßt hielt, und schwang sich ins Freie hinaus.
Luisa hielt einen Schrei zurück, als sie sich über den Steinplatten schweben und schaukeln fühlte, in der Höhe, welche sie so oft mit Entsetzen gemessen, und schloß die Augen indem sie mit ihren Lippen die Salvato’s suchte.
»Fürchte nichts,« murmelte Salvato leise. »Ich habe Kraft genug, um mich an einem Seile hinabzulassen, selbst wenn es dreimal so lang wäre als dieses.«
Und in der That fühlte Luisa sich mit einer langsamen, gemessenen Bewegung hinabsteigen, welche gleichzeitig die Kraft und die Kaltblütigkeit des gewaltigen Gymnastikers verrieth, der sie zu beruhigen suchte.
In der Mitte des Seiles angelangt hielt Salvato jedoch plötzlich inne.
Luisa öffnete die Augen.
»Was gibt es?« fragte sie.
»Still!« flüsterte Salvato.
Er schien mit gespannter Aufmerksamkeit zu horchen.
Nach Verlauf eines Augenblickes fragte er Luisa mit einer Stimme, die nur für sie allein hörbar war:
»Hörst Du nichts?«
»Die Tritte mehrerer Männer, wie mir scheint,« antwortete Luisa mit einer Stimme, welche schwach war wie der letzte Seufzer eines hinsterbenden Windes.
»Es ist eine Patrouille, sagte Salvato. »Wir würden nicht Zeit haben, den Boden zu erreichen, bevor sie zur Stelle käme. Lassen wir sie nur erst vorbei, dann wollen wir uns vollends hinablassen.«
»Mein Gott! mein Gott! Ich habe keine Kraft mehr,« murmelte Luisa.
»Was thut das, sobald nur ich deren noch habe,« antwortete Salvato.
Während dieses kurzen Gespräches hatten die Tritte sich genähert und Salvato, dessen Augen allein offen geblieben waren, sah bei einer von einem Soldaten getragenen Laterne eine Patrouille von neun Mann, welche die Runde am Fuße der Mauer machte.
Salvato erschrak darüber weiter nicht, denn die Finsterniß war so dicht, daß er, wenn ihn nicht etwa ein Blitz beleuchtete, in der Höhe, in welcher er schwebte, unsichtbar war, und übrigens fühlte er, wie er gesagt, in sich Kraft genug, um zu warten, bis die Patrouille vorüber und verschwunden wäre.
In der That ging die Patrouille auch unter den Füßen der beiden Flüchtlinge vorüber. Zum großen Erstaunen Salvato’s aber, der ihr begierig mit den Augen folgte, machte sie am Fuße des Thurmes Halt, wechselte einige Worte mit einer Schildwache, die er noch gar nicht bemerkt, löste dieselbe durch einen andern Mann ab und ging unter das Gewölbe hinein, wo ein Lichtschimmer von der Laterne sichtbar blieb, und bewies, daß sie unter diesem Gewölbe verweilte.
Wie muthig und gestählt Salvato’s Seele auch war, so fühlte er doch, wie ihn ein leiser Schauer durchrieselte. Er hatte sofort Alles errathen.
Das Verlangen des Prinzen von Calabrien und der Prinzessin Marie Clementine hatte den Haß gegen die arme Luisa San Felice von Neuem belebt. Es waren neue Befehle zu strengerer Ueberwachung ertheilt worden, und eine am Fuße eines Thurmes postierte Schildwache war das Resultat dieses Befehles.
Luisa fühlte, als sie an Salvato’s Herzen lag, wie dieses erbebte.
»Was gibt’s?« fragte sie, als sie erschrocken ihre großen Augen aufschlug.
»Nichts,« antwortete Salvato.
»Gott wird uns schützen.«
Und in der That bedurften die Flüchtlinge des Schutzes Gottes in hohem Grade. Eine Schildwache marschierte am Fuße des Thurmes auf und ab, und Salvatos Kräfte, welche wohl zum Hinablassen hinreichten, wären nicht zum Wiederhinaufklettern hinreichend gewesen.
Uebrigens hieß Hinabsteigen der mögliche Tod, Wiederhinaufsteigen dagegen war der sichere Tod.
Salvato zögerte nicht. Er benutzte den Augenblick, wo der Soldat auf seinem regelmäßigen eng begrenzten Gange ihm den Rücken kehrte, und stieg vollends hinab.
In dem Augenblick aber, wo er den Boden berührte, drehte der Soldat sich um und sah zehn Schritte vor sich eine umförmliche Gruppe sich im Dunkel bewegen.
»Wer da?« rief er. Ohne zu antworten rannte Salvato, die vor Schrecken halb ohnmächtige Luisa in seinen Armen haltend, nach dem Meere zu, wo allerdings ein Boot ihm erwartete.
»Wer da?« rief die Schildwache zum zweiten Male und schickte sich an auf die Fliehenden anzuschlagen.
Salvato beschleunigte, sich immer noch stumm verhaltend, seinen Lauf. Er sah das Boot, er erkannte seine Freunde, er hörte die Stimme seines Vaters, welcher ihm »Muth! Muth!« und seinen Matrosen »Haltet dicht an das Land!« zurief.
»Wer da?« schrie der Soldat zum dritten Male um legte an.
Da auch die dritte Frage ohne Antwort blieb, so gab die Schildwache, geleitet durch einen Blitz, welcher in diesem Augenblick den Himmel durchfurchte, nun ohne Weiteres Feuer.
Luisa fühlte wie Salvato zusammenzuckte. Dann stürzte er auf ein Knie nieder und stieß einen Schrei aus, welcher noch mehr Wuth als Schmerz verrieth.
Während der Soldat, der soeben geschossen, schrie: »Zu den Waffen!« versuchte Salvato mit halberstickter Stimme zum letzten Male zu rufen: »Rettet sie!«
Die halb ohnmächtige, vor Schmerz wahnsinnige Luisa, welche mit ihren fest zusammengebundenen Handgelenken und ihren um Salvatos Hals geschlungenen Arm keiner Bewegung fähig war, sah nun wie in einem Traum zwei Trupps Männer oder vielmehr Teufel auf einander losstürzen, die heulend mit einander kämpften und sie mit Füßen traten.
Nach Verlauf von fünf Minuten zerriß der Kampf gleichsam in zwei Theile.
Luisa blieb sterbend in den Händen der Soldaten, die sie zurück nach der Citadelle schleppten, während die Matrosen Salvato in ihr Boot trugen.
Er war todt, denn die Kugel war ihm mitten durchs Herz gegangen, und sein Vater durch einen auf den Kopf erhaltenen Kolbenschlag betäubt.
Als Luisa wieder in ihr Gefängniß trat, ward sie, obschon die erst im siebenten Monat ihrer Schwangerschaft stand, in Folge der so eben erduldeten furchtbaren Gemüthserschütterungen von den Geburtswehen ergriffen und gegen fünf Uhr Morgens von einem todten Kind entbunden.
Eine Gunst oder vielmehr eine Reue der Vorsehung ersparte ihr den letzten Schmerz, sich von ihrem Kind trennen zu müssen.
Siebzehntes Capitel.
Der Befehl des Königs
Acht Tage nach den so eben von uns erzählten Ereignissen sah der Vicekönig von Neapel, Fürst von Cassero Statella, als er sich mit unserem alten Bekannten Malaspina im Theater dei Fiorentini befand, die Thür seiner Loge sich öffnen und durch diese Thür hindurch einen draußen auf dem Corridor stehenden Officianten des Palastes, von einem Marineofficier begleitet.
Der Marineofficier hielt ein mit einem großen rothen Siegel verschlossenes Couvert in der Hand.
»An den Fürsten-Vicekönig,« sagte der Hofofficiant.
Der Marineoffizier verneigte sich und überreichte dem Fürsten die Depesche.
»Von wem?« fragte der Fürst.
»Von Seiner Majestät dem Könige bei der Sicilien, antwortete der Officier, »und da die Depesche von Wichtigkeit ist, so werde ich mir erlauben, Ew. Excellenz um eine Empfangsbescheinigung zu bitten.«
»Dann kommen Sie wohl also von Palermo?« fragte der Fürst.
»Ja, vorgestern bin ich auf der »Sirene« von dort abgegangen, Monsignore.«
»Waren die Majestäten bei guter Gesundheit?«
»Ja, bei ganz vortrefflicher.«
»Stellen Sie in meinem Namen eine Quittung aus, Malaspina.«
Der Marquis zog ein Portefeuille aus der Tasche und begann die Quittung zu schreiben.
»Ew. Excellenz,« sagte der Officier, »haben vielleicht die Güte, den Ort und die Stunde zu bezeichnen, wo die Depesche dem Fürsten zugestellt worden ist.«
»Ah,« sagte Malaspina, »dann ist diese Depesche wohl sehr wichtig?«
»Allerdings, im höchsten Grade, Excellenz.«
Der Marquis stellte den Empfangsschein in der von dem Officier gewünschten Weise aus und kehrte dann in die Loge zurück, deren Thür sich hinter ihm schloß.
Der Fürst las die Depesche eben zu Ende.
»Hier, Malaspina,« sagte er, »das geht Sie an.«
Mit diesen Worten reichte er ihm das Papier.
Der Marquis Malaspina ergriff es und las folgenden bündigen und gleichzeitig furchtbaren Befehl:
»Ich schicke Ihnen die San Felice, damit sie binnen zwölf Stunden nach ihrer Ankunft in Neapel hingerichtet werde. Gebeichtet hat sie und ist folglich zum Sterben bereit.
»Ferdinand B.«
Malaspina sah den Fürsten Caffero-Statella mit erstauntem Blicke an.
»Nun?« fragte er dann.
»Nun, lieber Freund, denken Sie über den Befehl nach; derselbe betrifft Sie.«
Und der Fürst lauschte wieder den schmeichelnden Melodien der Oper »die heimliche Ehe«, jenes Meisterwerkes des armen Cimarosa, welcher vor Furcht, in Neapel gehängt zu werden, kürzlich in Venedig gestorben war.
Malaspina sagte nichts. Er hatte niemals geglaubt, daß zur Zahl seiner Pflichten als Sekretär des Vicekönigs auch die gehöre, die Anstalten zu Hinrichtungen zu treffen.
Wir haben jedoch bereits bemerkt, daß der Marquis ein gleichzeitig gehorsamer und spottliebender Höfling war. Der Fürst von Cassero brauchte sich daher blos zum zweiten Male nach ihm herumzudrehen und zu sagen: »Haben Sie gehört?« um ihn zu veranlassen, sich stumm, aber bereit zu gehorchen, zu verneigen und die Loge zu verlassen.
Er ging die Treppe hinunter, nahm einen am Eingange des Theaters haltenden Wagen und ließ sich nach der Vicaria fahren.
Luisa war gebeugt, sterbend, vernichtet, vor kaum einer Stunde hier angelangt. Man hatte sie in das an die Capelle stoßende Zimmer gebracht, wo wir Cirillo, Caraffa, Leonora Pimentel, Manthonnet und Michele in ihren letzten Augenblicken gesehen.
Die Depesche war von weiter keiner Instruction begleitet, als folgender:
»Se. Excellenz der Fürst von Caffero-Statella ist mit der Hinrichtung dieser Frau beauftragt und wird dafür mit seinem eigenen Kopfe stehen.«
Der Marquis Malaspina sah ein, daß, wie der Vicekönig schon gesagt, es an ihm war, das Weitere zu überlegen.
Er zögerte vielleicht ein wenig, ehe er einen Entschluß faßte; sobald dies aber einmal geschehen, brachte er den Entschluß auch muthig in Ausführung.
Er stieg wieder in den Wagen und sagte zu dem Kutscher:
»Strada dei Sospiri dell’ Abisso!«
Man erinnert sich, wer in dieser Straße wohnte. Es war Meister Donato, der Henker von Neapel.
An der Thür angelangt, empfand der Marquis einiges Widerstreben, in diese fluchbeladene Wohnung zu treten.
»Ruf Meister Donato heraus,« sagte er zu dem Kutscher, »und sage ihm, daß ich ihn zu sprechen wünsche.«
Der Kutscher stieg vom Bock, öffnete die Hausthür und rief:
»Meister Donato, kommt heraus!«
Man hörte nun eine Frauenstimme, welche antwortete:
»Mein Vater ist nicht in Neapel.«
»Wie, Ihr Vater ist nicht in Neapel? Hat er denn Urlaub?«
»Nein, Excellenz,« antwortete dieselbe Stimme näherkommend; »er ist in Berufsgeschäften nach Salerno gereist.«
»Wie, in Berufsgeschäften?« wiederholte Malaspina; »erklären Sie mir das, schönes Kind.«
In der That sah er unter der Thür des Hauses eine junge Frau und dicht hinter ihr einen Mann, welcher ihr Geliebter oder ihr Gatte zu sein schien.
»O, Excellenz, diese Erklärung wird sehr leicht sein, « antwortete die junge Frau, welche keine Andere war als Marina. »Sein College in Salerno ist gestern gestorben und es sind dort vier Hinrichtungen zu vollziehen, zwei morgen, zwei übermorgen. Deshalb ist er heute Mittags abgereist und wird übermorgen Abends wiederkommen.«
»Und hat er Niemanden zurückgelassen, der einstweilen seinen Posten versieht?« fragte der Marquis.
»Nein. Es lag kein Befehl vor, und die Gefängnisse sind, wie es scheint, nun ziemlich leer. Seine Gehilfen hat er ebenfalls mitgenommen, denn er verläßt sich nicht gern auf Leute, mit welchen er noch nicht gearbeitet hat.«
»Könnte nicht dieser junge Mann im Nothalle seine Stelle versehen?« fragte der Marquis, indem er auf Giovanni zeigte.
Giovanni – der Leser hat bereits errathen, daß er es war und daß sein Wunsch, Marina’s Gatte zu werden, von den vollständigsten Erfolg gekrönt worden – Giovanni schüttelte den Kopf.
»Ich bin nicht der Henker,« sagte er.
»Ich bin Fischer.«
»Aber was soll ich dann thun?«, fragte Malaspina. »Wenn Ihr mir nicht hilfreiche Hand leisten wollt, so gebt mir wenigstens einen guten Rath.«
»Nun, sehen Sie, Sie sind hier in dem Quartier der Fleischer – die Fleischer sind der Mehrzahl nach Royalisten. Wenn man erfährt, daß es blos einen Jakobiner zu hängen gibt, so findet sich vielleicht Jemand, welcher sich dazu versteht, dieses Geschäft zu besorgen.«
Malaspina sah ein, daß dies der einzige Ausweg sei, der ihm offenstehe, und da er mit seinem Wagen nicht in das Labyrinth hinein konnte, welches sich vom Quai bis zum Altmarkt erstreckt, so machte er sich zu Fuße auf, um einen Dilettanten des Henkerhandwerkes ausfindig zu machen.
Er wendete sich zu diesem Zweck nach einander an drei wackere Männer, welche sich aber weigerten, obschon er ihnen bis siebzig Piaster bot und ihnen den von der Hand des Königs unterzeichneten Befehl vorwies, welchem zufolge die Hinrichtung binnen zwölf Stunden erfolgen sollte.
Halb verzweifelt verließ er das Haus des Letzteren, indem er murmelte: »Ich kann sie doch nicht selbst abschlachten!« als der Mann, von einem plötzlichen Gedanken erleuchtet, ihn wieder zurückrief.
»Excellenz,« sagte der Fleischer, »ich glaube, ich kenne Ihren Mann.«
»Ah, murmelte Malaspina, »das wäre mir sehr lieb.«
»Ich habe nämlich einen Nachbar. Er ist kein eigentlicher Fleischer, sondern schlachtet blos Hammel und Böcke, aber nicht wahr, Sie bestehen nicht unbedingt darauf, daß es ein wirklicher Fleischer sei?«
»Es liegt mir blos daran, einen Mann zu finden, der das Geschäft verrichten kann, von welchem ich Euch sagte.«
»Nun gut, dann wenden Sie sich an den Beccajo. Er ist von den Republikanern sehr verfolgt worden, der arme Mann, und wird nichts Besseres verlangen, als sich rächen zu können.«
»Und wo wohnt dieser Beccajo?« fragte der Marquis.
»Komm, Peppino,« sagte der Fleischer zu einem Knaben, der in einem Winkel seines Kaufladens auf einem Haufen halbgetrockneter Häute lag; »komm und führe Seine Excellenz zu dem Beccajo.«
Der Knabe stand auf, dehnte sich und machte sich murrend, daß er aus dem ersten Schlafe geweckt worden, fertig, zu gehorchen.
»Komm, mein Junge,« sagte Malaspina, um ihn zu ermuthigen, »wenn wir gute Geschäfte machen, so bekommst Du einen Piaster.«
»Aber wenn Sie keine Geschäfte machen,« sagte der Knabe mit der Logik des Egoismus, »so bin ich dann deswegen immer aus dem Schlafe gestört worden.«
»Da hast Du auch Recht,« sagte Malaspina. »Hier ist der Piaster für den Fall, daß wir keine Geschäfte machen. Machen wir deren, so bekommst Du dann noch einen.«
»Das laß ich mir gefallen! das nenne ich gut gesprochen! Haben Sie die Güte, mir zu folgen, Excellenz!«
»Ist es weit?« fragte Malaspina.
»O nein, Excellenz; gleich da drüben.«
Der Knabe lief voran, der Marquis folgte.
Der Führer hatte die Wahrheit gesprochen. Man brauchte blos die Straße zu überschreiten, um zu dem Beccajo zu gelangen. Der Laden desselben war aber geschlossen, obschon man durch die schlecht zusammengefügten Fensterläden Licht durchschimmern sah.
»Heda, Beccajo!« rief der Knabe, indem er mit der Faust an die Thür schlug.
»Was gibt’s?« fragte eine rauhe Stimme.
»Es ist ein in Tuch gekleideter Herr da, der Euch sprechen will,« sagte der Knabe.
Dieser Ausdruck »in Tuch gekleidet« —vestito di panno – war das Merkmal der Aristokratie, vor welchem sich die Neapolitaner des letztvergangenen Jahrhunderts beugten.
Da die Antwort des Knaben, trotz ihrer Präzision, den Entschluß des Beccajo nicht zu beschleunigen schien, so sagte Malaspina:
»Oeffne, mein Freund. Ich komme im Namen des Vicekönigs, dessen Secretär ich bin.«
Diese Worte wirkten wie der Stab einer Fee. Die Thür öffnete sich wie auf einen Zauberschlag, und beim Schein einer qualmigen, dem Erlöschen nahen Lampe, welche Haufen von Knochen und blutigen Häuten beleuchtete, gewahrte Malaspina ein mißgestaltetes, verstümmeltes, scheußliches Geschöpf.
Es war dies der Beccajo mit seinem ausgeschlagenen Auge, einer verstümmelten Hand, einem hölzernen Bein. An der Thür seines Schlachthauses stehend glich er dem Dämon der Vernichtung.
Malaspina konnte, obschon sein Herz in gewissen Punkten sehr hart und unbeweglich war, sich doch einer Bewegung des Abscheues und Widerwillens nicht enthalten.
Der Beccajo bemerkte es.
»Ja, es ist wahr,« sagte er die Zähne knirschend, was seine Art und Weise zu lachen war, »ich bin nicht schön, Excellenz. Ich kann wohl aber annehmen, daß Sie ohnehin nicht hierhergekommen sind, um eine Statue für das bourbonische Museum zu suchen.«
»Nein, ich suche vielmehr einen treuen Diener des Königs, einen Mann, welcher die Jakobiner nicht liebt, und welcher geschworen hat, sich an ihnen zu rächen. Man hat mich an Euch gewiesen und mir gesagt, daß Ihr dieser Mann wäret.«
»Und man hat Sie nicht getäuscht, Excellenz; haben Sie die Güte einzutreten.«
Trotz des Widerwillens, den der Marquis empfand, in dieses Schlachthaus zu treten, ging er doch hinein.
Der Knabe, der ihn geführt und welchem natürlich daran lag, das Resultat der Unterhandlung kennen zu lernen, wollte hinter dem Marquis herschleichen, der Beccajo aber hob seinen verstümmelten Arm.
»Zurück, Junge!« sagte er. »Du hast nichts mit uns zu schaffen.«
Und er schlug dem Knaben, welcher draußen stehen blieb, die Thür vor der Nase zu.
Der Beccajo und der Marquis Malaspina blieben beinahe zehn Minuten lang mit einander eingeschlossen. Dann kam der Marquis wieder heraus.
Der Beccajo begleitete ihn unter unaufhörlichen Verbeugungen bis an die Thür. Als Malaspina sich ungefähr zehn Schritte weit entfernt hatte, begegnete er seinem Führer.
»Ah,« sagte er, »da bist Du ja, Junge!«
»Allerdings bin ich da,« sagte der Knabe; »ich habe gewartet.«
»Und worauf?«
»Ich wollte wissen, ob Sie gute Geschäfte gemacht hätten.«
»Nun und wenn dies nun der Fall wäre?«
»Dann würde ich, wie Sie sich erinnern werden, Excellenz, noch einen Piaster von Ihnen bekommen.«
Der Marquis suchte in seiner Tasche.
»Da, hier hast Du ihn,« sagte er.
Und mit diesen Worten gab er dem Knaben eine Silbermünze.
»Ich danke, Excellenz,« sagte der Knabe, indem er die Münze in dieselbe Hand nahm wie die erste und damit klapperte wie mit Castagnetten. »Gott schenke Ihnen langes Leben.«
Der Marquis stieg wieder in seinen Wagen und befahl dem Kutscher bei dem Theater dei Fiorentini vorzufahren.
Peppino stieg mittlerweile auf einen Eckstein und betrachtete beim Schein der vor einem Madonnenbilde brennenden Laterne die Münze, welche er soeben empfangen, genauer.
»O,« sagte er, »er hat mit anstatt eines Piasters blos einen Ducato gegeben und mich folglich um zwei Carlini bestohlen. Diese vornehmen Herren sind doch rechte Schufte.«
Während Peppino diese Lobrede auf den Marquis Malaspina hielt, fuhr dieser nach dem Theater dei Fiorentini.
An dem Thor des Theaters oder vielmehr auf dem kleinen Platze vor demselben sah er den Wagen des Vicekönigs, woraus er schloß, daß dieser noch im Theater sei.
Er sprang aus dem Wagen, bezahlte seinen Kutscher, ging rasch die Treppe hinauf und ließ sich die Thür der Loge des Fürsten öffnen.
Bei dem Geräusch, welches diese sich öffnende Thür machte, drehte der Fürst sich herum.
»Ah, Malaspina,« sagte der Fürst, »Sie sind es?«
»Ja, mein Fürst,« antwortete der Marquis in seinem gewöhnlichen kurzen Tone.
»Nun?«
»Es ist Alles besorgt und morgen Vormittag zehn Uhr werden die Befehle des Königs vollzogen werden.«
»Ich danke,« antwortete der Fürst. »Setzen Sie sich. Sie haben das Duett des zweiten Actes versäumt, zum Glück aber kommen Sie gerade noch zeitlich genug, um die große Arie: »Pira che spunti l’aurora!« zu hören.
Achtzehntes Capitel
Die Märtyrerin
Gern möchten wir die letzten Einzelheiten, die uns noch zu erzählen übrig bleiben, verschweigen und, am Ende des schmerzenreichen Weges angelangt, einfach auf den Stein eines Grabes die Worte: »Hier ruht Luisa Molina San Felice, die Märtyrerin« schreiben; die unversöhnliche Geschichte aber, welche uns während dieser ganzen langen Erzählung geleitet hat, will, daß wir bis ans Ende gehen, sollten selbst die Kräfte uns versagen und wir wie der göttliche Herr und Meister unterwegs dreimal unter der Wucht unserer Last zusammenbrechen.
Wenigstens aber werden wir – wir schwören dies nicht mit Schrecknissen spielen. Wir erfinden nichts; wir erzählen das Ereigniß, wie ein einfacher Zuschauer der Tragödie es erzählen würde. Ach, leider wird auch dieses Mal die Wirklichkeit Alles übertreffen, was die Phantasie erfinden könnte. Gott des jüngsten Gerichts! Gott der Rache! Gott Michel Angelos! Verleihe uns Kraft, auszuharren bis ans Ende.
Wie wir in dem vorhergehenden Capitel angedeutet, war die Gefangene der Citadelle von Castellamare, nachdem sie kaum ihre schmerzenreiche Niederkunft überstanden, auf der Corvette »die Sirene« von Palermo nach Neapel transportiert, nach ihrer Ankunft hier in das Gefängniß der Vicaria gebracht und in das an die Capelle anstoßende Gemach gesperrt worden.
Hier war sie, da sie weder stehen noch sitzen konnte, buchstäblich auf eine Matratze gefallen. Sie war so schwach, so sterbend, ja man konnte sagen schon so todt, daß man es für unnöthig gehalten hatte, ihr Ketten anzulegen. Die Schließer fürchteten eben so wenig, sie entfliehen zu sehen, als der Jäger die Taube davonfliegen zu sehen fürchtet, welcher sein Schuß bereits beide Flügel zerschmettert hat.
In der That waren die beiden Bande, welche sie noch an das Leben hätten fesseln können, zerrissen. Sie hatte gesehen, wie Salvato zusammenbrach, niedersank und für sie sein Leben aushauchte, und gleich einer Mahnung, daß sie nicht das Recht hätte, den Mann, der sie so sehr geliebt, zu überleben, hatte sie das Kind noch vor der von der Natur bestimmten Zeit sich ihrem Schooße entwinden gesehen.
Ihrem armen zerschmetterten Körper ebenfalls die Seele zu entreißen, war etwas sehr Leichtes.
Sei es nun Mitleid oder sei es, um dem furchtbaren Ceremoniell des Todes zu genügen, fragten ihre Wächter sie, ob sie etwas bedürfe.
Sie besaß nicht die Kraft zu antworten, und begnügte sich, verneinend den Kopf zu schütteln.
Die von dem König Ferdinand gemachte Mittheilung, daß sie auf den Tod vorbereitet sei und ohne nochmalige Beichte sterben könne, war dem Gouverneur der Vicaria gemeldet und der Priester demzufolge erst zu der Stunde bestellt worden, zu welcher sie das Gefängniß verlassen sollte, nämlich acht Uhr Morgens.
Die Hinrichtung sollte erst um zehn Uhr stattfinden, die arme Frau aber, welche unter der Anklage starb, die Hinrichtung der beiden Backers verschuldet zu haben, sollte an der Thür des Hauses derselben und an der Stelle, wo sie erschossen worden, Ehrenerklärung und Abbitte thun.
Dieser Beschluß war noch von einem anderweiten sehr großen Vortheile begleitet. Man erinnert sich jenes Briefes des Königs, worin er dem Cardinal Ruffo schreibt, er wundere sich nicht, daß es auf dem Altmarkt Tumult gegeben habe, da ja seit acht Tagen in Neapel Niemand gehängt worden sei. Nun aber hatte seit länger als einem Monat keine Hinrichtung stattgefunden. Man wußte, daß die Gefängnisse durch die Henker fast geräumt waren. Man konnte deshalb nicht mehr auf dieses beliebte Schauspiel rechnen, um das Volk in Unterwürfigkeit zu erhalten.
Die Hinrichtung der San Felice kam daher sehr gelegen und man mußte sie so auffallend und schmerzlich als möglich machen, um die wilden Bestien des Altmarktes, welche Ferdinand seit sechs Monaten mit Menschenfleisch fütterte und mit Blut tränkte, Geduld zu lehren.
Allerdings bereitete der Zufall, indem er Meister Donato, das heißt den patentierten Henker, entfernte und den Beccajo, das heißt einen dilettierenden Henker, an seine Stelle setzte, in dieser Beziehung dem geliebten Volke Seiner sicilichen Majestät einige süße Ueberraschungen.
Wir werden nicht versuchen zu malen, was diese Nacht der Angst und Pein für die arme Frau war. Allein ihren Geliebten und ihr Kind todt wissend, mit äußerlich und innerlich zerrissenem und verstümmeltem Körper auf diese Sterbematratze geworfen, in diesem Vorgemach des Blutgerüstes, welches so viele Märtyrer vorübergehen gesehen, lag sie da in der furchtbaren Unempfindlichkeit moralischer und physischer Vernichtung und erwachte aus derselben nur, um die Stunden zu zählen, während jeder Schlag wie ein Dolchstich ihr Herz durchbohrte. Wenn das letzte Summen verhallte und sie die Zeit berechnet hatte, welche ihr noch zu leben übrig blieb, ließ sie den Kopf auf die Brust herabsinken und versank wieder in ihre Erstarrung.
Endlich schlug es vier Uhr, fünf Uhr, sechs Uhr und der Tag graute – der letzte.
Er war trüb und regnerisch und stimmte wenigstens insoweit mit der traurigen Ceremonie überein, welche er beleuchten sollte. Es war ein trauriger Novembertag, einer jener Tage, welche den Tod des Jahres verkünden. Der Wind pfiff in den Corridors; der in Strömen fallende Regen peitschte die Fenster. Luisa, welche fühlte, daß die Stunde nahte, erhob sich mit Mühe auf ihre Knie, lehnte ihren Kopf an die Mauer und begann, da sie sich auf diese Weise halb aufgerichtet halten konnte, zu beten.
Aber sie konnte sich auf kein Gebet mehr besinnen, oder vielmehr, da sie die Situation, in der sie sich befand, nie vorhergesehen, so hatte sie auch kein Gebet für dieselbe; ihre Lippen waren nur das Echo eines verzweifelten Herzens und wiederholten: »Mein Gott! mein Gott! mein Gott !«
Um sieben Uhr öffnete man die äußere Thür der Bianchi. Sie schauderte, ohne zu wissen, was das Geräusch, welches sie hörte, bedeutete. Jedes Geräusch aber war für sie ein Schlag, den der Tod an das Thor des Lebens that.
Um halb acht Uhr hörte sie einen schweren hinkenden Tritt in der Capelle, dann öffnete sich die Thür ihres Gefängnisses und sie sah auf der Schwelle desselben eine phantastische, gräßliche Erscheinung, ein Wesen, wie es durch die Umarmungen des Alps erzeugt wird.
Es war der Beccajo mit seinem hölzernen Bein, seiner verstümmelten linken Hand, einem gespaltenen Gesicht, seinem ausgeschlagenen Auge.
Ein breites Hackmesser stak in einem Gürtel neben dem, womit er die Böcke und Hammel abzuschlachten pflegte.
Er lachte.
»Ah, da bist Du ja, meine Schöne,« sagte er. »Ich wußte anfangs gar nicht, welches Glück mir beschieden sei. Ich wußte wohl, daß Du die Verrätherin bist, welche die armen Backers denuncirt hat, aber ich wußte nicht, daß Du das Liebchen jenes nichtswürdigen Salvato gewesen bist. – Dieser ist also todt,« setzte er mit den Zähnen knirschend hinzu, »und ich werde folglich nicht die Freude haben, Euch beiden das Lebenslicht auszublasen. Allerdings,« hob er wieder an, »wäre ich auch ein wenig verlegen gewesen, zu wissen, mit welchem von beiden ich anfangen sollte.«
Dann ging er die drei oder vier Stufen hinab, welche aus der Capelle in das Gefängniß führen, und als er Luisa’s prachtvolles Haar sah, welches ihr aufgelöst über die Schultern herabhing, sagte er:
»Ah, dieses Haar! Schade, daß es abgeschnitten werden muß.«
Dann näherte er sich der Gefangenen.
»Vorwärts!« sagte er; »stehen wir auf, es ist Zeit.«
Und mit brutaler Geberde streckte er die Hand aus, um sie unter dem Arme zu fassen.
Ehe aber noch ein hölzernes Bein ihm gestattet hatte, das Gemach zu durchschreiten, öffnete sich die Thür der Bianchi und ein mit seinem langen weißen Gewand bekleideter Büßer, von dem nur die Augen durch die Oeffnungen seiner Capuze hindurch funkelten, stellte sich zwischen den Henker und das Schlachtopfer, und streckte die Hand aus, um den Beccajo abzuhalten, noch einen Schritt weiter zu thun.
»Ihr werdet diese Frau nicht eher als auf dem Blutgerüst berühren,« sagte er.
Bei dem Klange dieser Stimme stieß Luisa einen Schrei aus, und indem sie Kräfte wiederfand, welche sie selbst für immer verloren zu haben glaubte, richtete sie sich vollends auf ihre Füße empor, lehnte sich aber an die Wand, als ob diese Stimme, so sanft dieselbe auch war, ihr mehr Schrecken verursachte als selbst die drohende oder spöttische Stimme des Beccajo.
»Sie muß aber im Hemd und barfuß gehen, um Abbitte zu thun,« antwortete der Beccajo. »Ferner müssen ihr auch die Haare abgeschnitten werden, damit ich ihr den Kopf abschneiden kann. Wer wird ihr das Haar abschneiden? wer wird ihr das Kleid ausziehen?«
»Ich,« sagte der Büßer in demselben sanften und zugleich festen Tone wie vorher.
»Ja, Du,« sagte Luisa mit unbeschreiblichem Ausdruck und indem sie zugleich die Hände faltete.
»Du hörst,« sagte der Büßer; »geh’ hinaus und erwarte uns in der Capelle. Du hast hier nichts zu thun.«
»Ich habe aber volles Recht auf dieses Weib,« rief der Beccajo.
»Du hast ein Recht auf ihr Leben, aber nicht auf sie selbst. Du hast von den Menschen Befehl erhalten, sie zu tödten. Ich habe von Gott Befehl erhalten, ihr im Tode zur Seite zu stehen. Führen wir jeder den Befehl aus, den wir empfangen haben.«
»Ihre Kleider aber gehören mir, ihr Geld gehört mir, Alles was sie hat, gehört mir. Schon ihr Haar allein ist vier Ducati werth.«
»Hier sind hundert Piaster,« sagte der Büßer, indem er eine mit Gold gefüllte Börse in die Capelle hinauswarf, um den Beccajo zu nöthigen, die sich dort zu holen.
»Schweig und gehe.«
In dem teuflischen Gemüth des Beccajo fand ein augenblicklicher Kampf zwischen der Habsucht und dem Hasse statt. Die Habsucht trug den Sieg davon. Er ging fluchend und schimpfend hinaus in die Capelle.
Der Büßer folgte ihm und schloß die Thür in so weit, daß die Gefangene dadurch neugierigen Blicken entzogen ward.
Wir haben bereits gesagt, worin die Macht der Bianchi bestand und wie ihr Schutz sich auf die letzten Augenblicke der Verurtheilten erstreckte, welche dem Henker erst dann gehörten, wenn sie, die Bianchi, die Hand von der Schulter des Delinquenten hinweggenommen und zu dem Nachrichter gesagt hatten: »Dieser Mann oder dieses Weib ist dein.«
Der Büßer ging langsam die Stufen der Treppe hinunter, zog eine Schere unter seinem Gewand hervor, näherte sich Luisa und zeigte sie ihr.
»Du oder ich?« fragte er.
»Du! o Du!« rief Luisa.
Und sie wandte sich so gegen ihn, daß er jene letzte traurige Verrichtung bewirken konnte, welche man die Toilette des Verurtheilten nennt.
Der Büßer unterdrückte einen Seufzer, hob die Augen gegen Himmel und man konnte durch die Oeffnung seiner Leinwandmaske hindurch große Thränen aus seinen Augen rollen sehen.
Dann faßte er so sanft, als er konnte, mit seiner linken Hand das üppige Haar der Gefangenen zusammen, schob mit der rechten die Schere zwischen seine linke Hand und den Hals, wobei er alle mögliche Vorsicht gebrauchte, um diesen nicht mit dem Eisen zu berühren, und schnitt dann langsam diese Zierde des Lebens ab, welche in der Stunde des Todes ein Hinderniß ward.
»Wem willst Du, daß dieses Haar zugestellt werde?« fragte der Büßer, als das Haar abgeschnitten war.
»Behalte es um der Liebe zu mir willen; ich bitte inständig darum,« sagte Luisa.
Der Büßer drückte, während Luisa es nicht sehen konnte, das Haar an seine Lippen und küßte es.
»Und nun,« sagte Luisa, indem sie sich mit der Hand schaudernd über den entblößten Nacken fuhr, »was bleibt mir nun zu thun?«
»Der Richterspruch verurtheilt Dich, im Hemd und barfuß Abbitte zu thun.«
»Ha, diese Tieger!« murmelte Luisa, deren Schamgefühl sich empörte.
Der Büßer kehrte, ohne ein Wort zu sagen, in das Ankleidezimmer der Bianchi, vor dessen Thür eine Schildwache auf- und abschritt, zurück, nahm ein Büßergewand vom Nagel, schnitt mit seiner Schere die Capuze ab, reichte es dann Luisa und sagte:
»Ach, leider ist das Alles, was ich für Dich thun kann!«
Die Verurtheilte stieß einen Freudenruf aus. Sie hatte begriffen, daß dieses Gewand, welches bis an den Hals hinaufreichte und bis auf die Füße herabfiel, kein Hemd, sondern ein Leilach war, welches ihre Blöße vor Aller Blicken verhüllte und im Voraus das geheiligte Schweißtuch des Todes über sie ausbreitete.
»Ich gehe,« sagte der Büßer; »wenn Du bereit bis, wirst Du mich rufen.«
Zehn Minuten später hörte man Luisas Stimme, welche sagte:
»Mein Vater !«
Der Büßer trat wieder ein.
Luisa hatte ihre Kleider auf einen Schemel gelegt. Sie war jetzt blos mit ihrem Hemd oder vielmehr mit ihrem Gewand bekleidet und ihre Füße waren nackt.
Die Spitze eines derselben lugte unter dem Gewand hervor. Das Auge des Büßers heftete sich auf diesen so zarten Fuß, womit sie auf dem Pflaster von Neapel bis zum Schaffot gehen sollte.
»Gott will,« sagte er, »daß dein Märtyrerthum vollständig sei. Muth, Muth! Du wandelt den Weg zum Himmel.«
Und indem er ihr seine Schulter bot, auf welche sie sich stützte, ging er mit ihr die Stufen der kleinen Treppe hinauf. Die Thür der Capelle aufstoßend sagte er: »Da sind wir.«
»Ihr habt Euch gehörig Zeit genommen,« sagte der Beccajo. »Allerdings, wenn die Verurtheilte hübsch ist —«
»Schweig, Elender!« sagte der Büßer. »Du hast das Recht, den Tod zu geben, aber nicht Beschimpfungen zuzufügen.«
Man stieg die Treppe hinab, passierte die drei Gitterthore und gelangte in den Hof.
Zwölf Priester warteten hier mit den Chorknaben, welche die Banner und Kreuze trugen.
Vierundzwanzig Bianchi hielten sich bereit, die Verurtheilte zu begleiten, und Mönche von verschiedenen Orden, welche unter den Arcaden standen, sollten den Zug vervollständigen.
Der Regen fiel immer noch in Strömen. Luisa schaute sich um. Sie schien etwas zu suchen.
»Was wünschest Du?« fragte der Büßer.
»Ich möchte ein Crucifix haben,« sagte Luisa.
Der Büßer zog ein an einem schwarzen Sammtbande hängendes kleines silbernes Crucifix aus seinem Gewande und hing es ihr um den Hals.
»O mein Heiland!«, sagte sie, »niemals werde ich leiden, was Du gelitten hat, aber ich bin Weib; verleihe mir Kraft!«
Sie küßte das Crucifix, und wie durch diesen Kuß gestärkt sagte sie:
»Gehen wir.«
Der Zug setzte sich in Bewegung. Die Priester gingen voran und stimmten ein Sterbelied an.
Gräßlich in seiner Freude, mit wildem Gelächter, mit der rechten Hand sein Beil schwingend, als ob er Jemanden den Kopf abschlüge und sich mit der Linken auf einen Stock stützend, um seinen hinkenden Gang zu erleichtern, folgte hinter den Priestern der Beccajo.
Dann kam Luisa, den rechten Arm auf die Schulter des Büßers stützend und mit der linken Hand das Crucifix an die Lippen drückend.
Hinter ihnen kamen die vierundzwanzig Bianchi.
Zuletzt, nach den Bianchi, folgten Mönche von allen Orden und allen Farben.
Der Zug kam auf den Platz der Vicaria heraus. Die Menschenmenge war unzählig.
Freudengeschrei begrüßte mit Schmähungen und Verwünschungen untermischt den Zug. Die Verurtheilte war aber so jung, so ergeben, so schön, es waren so viel Gerüchte, von welchen einige nothwendig Interesse und Theilnahme erregen mußten, über sie in Umlauf gekommen, daß nach Verlauf von einigen Augenblicken die Schmähungen und Drohungen allmälig verstummten und Schweigen eintrat.
Der Leidensweg war vorgezeichnet. Durch die Strada dei Tribunali erreichte man die Toledostraße, welche man fast in ihrer ganzen Länge durchzog und in welcher die Häuser von Köpfen erbaut zu sein schienen.
Am äußersten Ende dieser Straße bogen die Priester links ab, um den Largo Castello herum und in die Via Medina ein, wo, wie man sich erinnert, das Haus der Backers stand.
Das Portal desselben war in eine Trauerdecoration verwandelt, deren unterer Theil in einer Art Altar bestand, welcher mit papierenen Blumen und Wachskerzen geschmückt war, welche letzteren der Wind aber ausgelöscht hatte.
Hier machte der Zug Halt und bildete um Luisa herum einen großen Halbkreis, dessen Mittelpunkt sie ward. Der Regen hatte ihr Gewand durchnäßt, so daß es an ihren Gliedern anklebte. Schaudernd vor Frost kniete sie nieder.
»Betet!« sagte ein Priester in hartem Tone zu ihr.
»Selige Märtyrer des Himmels, meine Brüder, betet für eine Unglückliche, die eine Märtyrerin ist wie Ihr!« sagte Luisa.
Nachdem man ungefähr zehn Minuten Halt gemacht, setzte man sich wieder in Bewegung.
Diesmal legte die Todesprozession eine Strecke des bereits gemachten Weges wieder zurück, bog in die Strada del Molo ein, passierte die Strada Nuova, kehrte über den Marktplatz in das alte Neapel zurück und blieb der großen Mauer gegenüber stehen, an welcher die Backers erschossen worden.
Das schlechte Pflaster der Quais hatte die Füße der Märtyrerin blutig geritzt, der rauhe, vom Meere her wehende Wind machte ihr das Blut erstarren. Bei jedem Schritt, den sie that, ächzte sie dumpf, aber dieses Aechzen ward durch den Gesang der Priester übertäubt. Die Kräfte verließen sie, der Büßer hatte aber seinen Arm um ihren Leib geschlungen und hielt sie aufrecht.
Vor der Mauer fand derselbe Auftritt statt wie vor der Thür des Hauses. Luisa kniete nieder oder fiel vielmehr auf ihre Knie und stammelte mit beinahe erloschener Stimme dasselbe Gebet.
Es war augenscheinlich, daß sie, erschöpft durch ihre kaum überstandene Niederkunft, durch die Reise über ein stürmisches, wild aufgeregtes Meer und durch ihre letzten Anstrengungen, kaum noch im Stande war, sich weiterzuschleppen. Hätte sie noch die Hälfte des Weges, den sie schon gemacht, zurückzulegen gehabt, so wäre sie gestorben, ehe sie am Schaffot angelangt wäre.
Sie war aber angelangt. Vom Fuße jener Mauer ihrer letzten Station her hörte sie gleich dem Brausen eines Orkans die zwanzig- oder dreißigtausend Lazzaroni, Männer und Frauen, welche schon den Marktplatz bedeckten, ohne die zu zählen, welche gleich in einen See fließenden Strömen sich durch jene tausend Gäßchen ergossen, welche auf diesen Platz, das Forum des gemeinen Volkes von Neapel, ausmünden.
Wie wäre es Luisa möglich gewesen, in die Mitte dieser dichtgedrängten Menge zu gelangen, wenn nicht die Neugier ein Wunder gewirkt und ihr die Reihen geöffnet hätte.
Sie ging mit geschlossenen Augen, auf ihren Tröster gestützt von ihm gehalten, bis sie plötzlich den Arm, der sie umschlungen hielt, erbeben fühlte.
Unwillkürlich schlug sie die Augen auf. Sie erblickte das Schaffot!
Es war der kleinen Kirche vom heiligen Kreuz gegenüber aufgeschlagen, genau an der Stelle, wo Conradin von Schwaben enthauptet worden.
Es bestand einfach aus einer etwa acht Fuß hohen Plattform mit einem daraufstehenden Block.
Diese Plattform war unbedeckt und ohne Geländer, damit den Zuschauern kein einzelner Umstand des hier aufzuführenden Dramas entgehen möchte.
Eine Treppe führte auf die Plattform hinauf. Diese Treppe, ein Luxusgegenstand, war nicht um der Bequemlichkeit der Verurtheilten willen da, sondern um der des Beccajo willen, weil dieser mit einem hölzernen Bein nicht im Stande gewesen wäre, eine bloße Leiter hinaufzusteigen.
Auf der Kirche zum heiligen Kreuze schlug die zehnte Stunde, als, nachdem die Priester, die Büßer und die Mönche sich um das Schaffot herum aufgestellt hatten, die Verurtheilte den Fuß der Treppe erreichte.
»Muth!« sagte der Büßer zu ihr. »Binnen zehn Minuten wird anstatt meines schwachen Armes die gewaltige Hand Gottes Dich stützen. Es ist von diesem Blutgerüst bis zum Himmel weniger weit als von dem Pflaster dieses Platzes bis auf dieses Blutgerüst.«
Luisa raffte alle ihre Kräfte zusammen und stieg die Treppe hinauf. Der Beccajo war ihr voran auf die Plattform gestiegen, wo seine gleichzeitig scheußliche und groteske Erscheinung mit allgemeinem Geschrei begrüßt worden war. So weit als das Auge reichte, sah man weiter nichts als sich bewegende Köpfe, offene Lippen, begierige und flammende Augen.
Durch eine einzige Oeffnung hindurch sah man den ebenfalls mit Menschen angefüllten Quai und jenseits des Quai das Meer.
»Nun, rief der Beccajo auf einem hölzernen Beine schwankend und sein Beil schwingend, »sind wir endlich bereit?«
»Wenn der Augenblick da sein wird, so werde ich es Dir sagen,« antwortete der Büßer.
Dann setzte er mit unendlicher Sanftmuth zu der Verurtheilten hinzu: »Wünschest Du nichts mehr?«
»Deine Verzeihung! Deine Verzeihung!« rief Luisa, indem sie vor ihm auf die Knie niedersank.
Der Büßer streckte die Hand über ihr gesenktes Haupt.
»Ihr Alle seid Zeugen,« sagte er mit lauter Stimme, »daß ich in meinem Namen, im Namen der Menschen und im Namen Gottes dieser Frau verzeihe.«
Dieselbe rauhe Stimme, welche Luisa vor dem Hause der Backers befohlen hatte zu beten, rief jetzt vom Fuße des Schaffots herauf:
»Seid Ihr ein Priester, der Ihr Absolution ertheilt?«
»Nein,« antwortete der Büßer, »wenn ich aber auch nicht Priester bin, so ist mein Recht doch darum ein nicht weniger heiliges. Ich bin der Gatte der Verurtheilten!«
Und Luisa aufrichtend und seine Capuze zurückwerfend, breitete er ihr beide Arme entgegen und Jeder konnte, trotz des auf seinem Antlitz ruhenden Ausdruckes von Schmerz, die sanften Züge des Chevalier San Felice erkennen.
Luisa sank schluchzend an die Brust ihres Gatten.
Wie verstockt und verhärtet die Herzen der Mehrzahl der Zuschauer auch waren, so blieben doch bei diesem Anblick nur wenig Augen trocken.
Einige, freilich nur wenige Stimmen riefen:
»Gnade!«
Es war der Protest der Menschlichkeit.
Luisa begriff selbst, daß der Augenblick gekommen sei. Sie entriß sich den Armen ihres Gatten, that taumelnd einen Schritt in der Richtung, wo der Henker stand, indem sie sagte:
»Mein Gott! In deine Hände befehl’ ich mich.«
Dann sank sie auf die Knie nieder, legte selbst den Kopf auf den Block und fragte:
»Liege ich so recht?«
»Ja,« antwortete der Beccajo in rauhem Tone.
»Ich bitte Euch, laßt mich nicht lange leiden.«
Es trat Todtenstille ein und der Beccajo hob sein Beil.
Nun aber folgte ein entsetzlicher Auftritt.
Sei es, daß die Hand des Henkers nicht sicher genug war, sei es, daß sie nicht das nöthige Gewicht hatte, kurz der erste Hieb bewirkte blos einen tiefen Einschnitt in den Nacken der Verurtheilten, trennte aber nicht die Wirbel.
Luisa stieß einen lauten Schrei aus, sprang von Blut überströmt in die Höhe und bewegte die Arme wild in der Luft.
Der Henker packte sie bei ihrem kurz abgeschnittenen Haar, drückte sie wieder auf den Block nieder und führte unter dem lauten Geheul und den Verwünschungen der gaffenden Menge einen zweiten und einen dritten Streich, ohne daß es ihm gelang den Kopf vom Rumpfe zu trennen.
Nach dem dritten Streiche entrang Luisa, vor Schmerz wahnsinnig, Gott und die Menschen um Hilfe anrufend und in Blut gebadet, sich seinen Händen und wollte sich mitten unter die Menge hinabstürzen; der Beccajo aber ließ sein Beil fallen, griff zu seinem Schlachtmesser, der Waffe, womit er besser umzugehen wußte, hielt die arme Märtyrerin fest, umschlang sie mit dem einen Arm und stieß ihr sein Messer unter dem Schlüsselbein in die Brust.
Das Blut spritzte in einem funkelnden Strahl heraus, die Arterie war durchschnitten. Diesmal war die Wunde tödtlich.
Luisa ächzte, hob Augen und Hände gegen Himmel und brach dann zusammen.
Sie war todt.
Gleich bei dem ersten Streiche mit dem Beil war der Chevalier San Felice ohnmächtig geworden.
Dies war mehr, als der Pöbel des Altmarktes, so gewöhnt er auch an dergleichen Schauspiele war, ertragen konnte, ohne sich einzumischen. Er stürzte sich auf das Schaffot, welches er binnen wenigen Secunden demolierte, und auf den Beccajo, den er in einem Augenblick in Stücke riß.
Dann baute man aus den Trümmern des Schaffots einen Scheiterhaufen, auf welchem man den Henker verbrannte, während einige fromme Seelen an der Leiche der Hingerichteten beteten, welche man am Fuße des großen Altars in der Kirche del Carmine niedergesetzt.
Den immer noch ohnmächtigen Chevalier hatte man in das Officium der Bianchi gebracht.
* * *
Die Hinrichtung der unglücklichen San Felice war die letzte, welche in Neapel stattfand. Bonaparte, welchen der Capitän Skinner am Bord des »Muiron« gesehen, täuschte, wie König Ferdinand sehr richtig vorausgesehen, die Wachsamkeit des Admiral Keith, landete am 8. October in Fréjus, vollführte am nächstfolgenden 9. November den unter dem Namen des 18. Brumaire bekannten Staatsstreich, gewann am 14. Juni des nächsten Jahres die Schlacht bei Marengo und forderte, indem er mit Oesterreich und dem Königreich beider Sicilien den Frieden unterzeichnete, von König Ferdinand Einstellung der Hinrichtungen, Oeffnung der Gefängnisse und Rückkehr der Verbannten.
Beinahe ein Jahr lang war auf allen öffentlichen Plätzen des Königreiches das Blut der Verurtheilten geflossen und man schätzt die Schlachtopfer der bourbonischen Reaction auf mehr als viertausend.
Die Staatsjunta, welche glaubte,« daß gegen ihre Aussprüche keine Berufung zulässig sei, täuschte sich aber.
In Ermanglung der menschlichen Gerechtigkeit appellierten die Schlachtopfer an die göttliche und Gott hat die gefällten Urtheile cassiert. Das Haus der Bourbonen von Neapel hat aufgehört zu regieren, und dem Worte des Herrn gemäß sind die Sünden der Väter heimgesucht worden an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied.
Nur Gott allein ist groß.
Der Capitän Skinner oder vielmehr Bruder Giuseppe kehrte, nachdem er Salvato die letzten Pflichten erwiesen, in das Kloster auf dem Berge Monte Cassino zurück und die armen Kranken der Umgegend, welche drei oder vier Monate lang vergebens nach ihm sahen von Neuem von der Abenddämmerung bis Tagesanbruch am höchsten Fenster des Klosters einen Lichtschimmer leuchten.
Es war die Lampe des Skeptikers oder vielmehr des verzweifelten Vaters, welcher fortfuhr Gott zu suchen, ihn aber nicht fand.
* * *
Heute, am 25. Februar 1865, um 10 Uhr Abends, habe ich diese Erzählung beendet, die ich am 24. Juli 1863, meinem Geburtstage, begonnen.
Achtzehn Monate habe ich fleißig und gewissenhaft zum Ruhme des neapolitanischen Patriotismus und zur Schmach der bourbonischen Tyrannei dieses Monument aufgebaut. Unparteiisch wie die Gerechtigkeit, möge es unvergänglich sein wie das Erz.
Nachtrag
Im Laufe der Veröffentlichung des historischen Romans, welchen man soeben gelesen, ward von der Tochter der unglücklichen Luisa San Felice der nachstehende Brief an den Redacteur des Journals »l’Indipendente« gerichtet, welches Herr Alexander Dumas in Neapel herausgibt, und in welchem eine italienische Uebersetzung des vorliegenden Romans erschienen ist. Wir theilen diesen Brief hier eben so mit wie die von Herrn Dumas darauf gegebene Antwort, und sind überzeugt, daß diese beiden Documente mit großem Interesse gelesen werden.
Die Verleger.
»An den Herrn Redacteur des »Indipendente« im Neapel.
»Herr Redacteur!
»Als Tochter von Luisa Molina San Felice, welche zur Heldin eines Romanes gewählt worden, den Herr Dumas in dem »Indipendente« veröffentlicht, fühle ich die doppelte Pflicht, die eigentliche Herkunft meiner Mutter zu constatieren, und noch einige andere Ungenauigkeiten zu berichtigen, die in einem Romane vorkommen, welcher historisch sein will, während doch die Geschichte niemals das Alter oder die wesentlichen Umstände der Personen fälscht, welche sie zu schildern unternimmt. Wenn ich dieser Pflicht ein wenig spät genüge, so liegt der Grund darin, daß ich ein zurückgezogenes Leben führe und mich mit der Lektüre von Journalen fast gar nicht befasse.
»Wissen Sie daher, und ich kann es Ihnen durch Documente beweisen, daß meine Mutter Luisa die Tochter von Signor Pietro Molina und seiner Ehegattin Camillo Salinero war. Sie ward geboren am 28. Februar 1764 in einem zu dem Kirchspiel Santa Anna di Palazzo gehörigen Hause, wo sie auch getauft ward. Signor Andrea delli Monti San Felice, der Gatte meiner Mutter, war am 31. März 1763 im Kirchspiel San Liborio geboren und hier auch getauft. Es bestand daher zwischen ihm und seiner Gattin nicht jene große Ungleichheit des Alters, welche der historische Romandichter erwähnt, und die Vermählung ward am 29. September in der Kirche San Marco di Palazzo vollzogen.
»Luisa Molinas Aussteuer betrug übrigens nicht fünfzigtausend Ducati, wohl aber gaben ihre Aeltern ihr eine von sechstausend Ducati, wie aus dem von dem Notar Donato Cervelli aufgesetzten Ehecontract hervorgeht.
»Diese Aufschlüsse würden Herrn Dumas zum Zweck, dem Andenken meiner Mutter eine Verleumdung zu ersparen – denn die Veröffentlichung des Romanes kann ich in Folge der Preßfreiheit nicht verhindern – ertheilt worden sein, wenn er sie verlangt hätte, wogegen er sich, ganz im Widerspruch mit der Wahrheit, in der Geschichte der Bourbons von Neapel Seite 120 und 121 begnügt zu versichern, er sei bei mir gewesen, aber ich hätte meine Mutter verläugnet und ihm jeden Aufschluß verweigert.
»Haben Sie daher die Güte, diesen Brief zu veröffentlichen und in der Ausgabe, welche Sie von dem Roman veranstalten, eine für meine Familie durchaus nicht ehrenwerthe Herkunft, ein durch die Geburtsurkunden widerlegtes Alter und eine geradezu erdichtete Aussteuer zu berichtigen. Die Loyalität, mit welcher Sie zu Werke gehen, gibt mir die Ueberzeugung, daß Sie alle diese Berichtigungen bewirken werden, und ich sage Ihnen im Voraus dafür meinen Dank.
»Ihre ganz ergebene
»Maria Emmanuela delli Monte San Felice.»Neapel, am 25. August 1864.«
Die Antwort des Herrn Alexander Dumas auf diesen Brief lautet folgendermaßen:
»Signora!
»Wenn ich mich in dem Roman: »Die San Felice« kraft der Vorrechte des Romandichters von der materiellen Wahrheit entfernt habe, um in das Gebiet des Idealen hinüberzustreifen, so bin ich dagegen in meiner Geschichte der Bourbons von Neapel, so viel es mir möglich gewesen, jenem geheiligten Pfad des Wahren gefolgt, von welchem der Geschichtsschreiber unter keinem Vorwand abweichen darf.
»Ich sage, so viel es mir möglich gewesen, denn Neapel ist die Stadt, wo es am leichtesten ist, sich zu verirren, wenn man die Wahrheit zu ermitteln bestrebt ist und ihren Spuren zu folgen versucht. Deshalb hatte ich mir auch vorgenommen, mich direct an Sie zu wenden, weil Sie als Tochter des unglücklichen Schlachtopfers des Königs Ferdinand mir das meiste Interesse daran zu haben schienen, daß zum ersten Male Licht in diese finstere, blutige Angelegenheit gebracht werde. Ich versuchte damals zu Ihnen zu gelangen, Signora, aber es war mir unmöglich. Ich beauftragte einen Freund, Ihren Landsmann M. F., meine Stelle zu vertreten. Er hatte die Ehre Ihnen zu sagen, zu welchem Zwecke er Sie zu sprechen wünschte und was der Aufschluß beträfe, den er von Ihnen zu erlangen suchte. Er erhielt jedoch, wie er mir versichert, von Ihnen eine Antwort, die in Bezug auf das Andenken Ihrer Frau Mutter einen solchen Mangel an Ehrerbietung verrieth, daß ich trotz seiner Versicherung nicht glauben kann, diese Antwort sei wirklich von Ihnen gegeben worden. Ich beschloß daher mit einigen Zeitgenossen der Märtyrerin zu sprechen und zu den in den Werken von Coletta, von Cuoco und einigen anderen Historikern enthaltenen Aufschlüssen die hinzuzufügen, welche mir vielleicht auf mündlichem Wege gegeben wurden.
»Ich sprach bei dieser Gelegenheit einen alten zweiundachtzigjährigen Arzt, dessen Namen ich vergessen und welcher den später verheirateten jungen Prinzen della Grazie, eine Tante der Prinzessin Maria und den Herzog von Rocca Romano, Nicolino Caracciolo, welcher auf dem Pausilippo wohnte, zu behandeln gehabt hatte.
»Auf diesem Wege gelang es mir, da Sie, Signora, sich geweigert, für meine Geschichte der Bourbons von Neapel einige Aufschlüsse zu erlangen, welche ich für richtig halte, und gegen diese wenigstens Sie auch nicht protestiert. Ich sage Ihnen aber nochmals, Signora, das dem Romandichter offenstehende Feld ist größer, als der dem Historiker vorgezeichnete Weg. In einem Werke, worin die Einbildungskraft nothwendig eine große Rolle spielt, wollte ich bei Schilderung der beklagenswerthen Periode, in welche das Leben Ihrer Frau Mutter fiel, gewissermaßen aus reinem Zartgefühle, die beiden Hauptpersonen meines Buches, die Helden meiner Erzählung, idealisieren. Ich wollte, daß man Luisa Molina wiedererkenne, aber so wie man im Alterthum die Göttinnen sah, welche den Sterblichen erschienen, das heißt durch eine Wolke hindurch. Diese Wolke sollte dieser Erscheinung Alles benehmen, was sie vielleicht Materielles hätte. Sie sollte die Person von ihren Familienbanden isolieren, damit ihre nächsten Verwandten sie wiedererkennen möchten, aber so wie man einen Schatten wiedererkennt, der aus dem Grabe aufsteigt und der, obschon er wieder sichtbar geworden, doch wenigstens ungreifbar bleibt.
»Deshalb ersann ich für meine Heldin die völlig erdichtete Abstammung von dem Fürsten Caramanico und zwar weil ich aus Luisa Molina ein ganz besonderes Wesen, welches der Inbegriff aller Vollkommenheiten wäre, machen, und auf sie einen jener poetischen Strahlen lenken wollte, welche das Andenken eines Menschen umgeben, der seltener Weise, während er mit der Geschichte des Königs Ferdinand und den Liebesabenteuern der Königin Carolina verwebt ist, die duftige Glorie der Leidenschaft, der Redlichkeit und des Unglücks bewahrt hat.
»Wenn dies, Signora, ein Fehler ist, so gestehe ich, daß ich denselben wissentlich begangen habe, und in meinem Irrthume beharrend, füge ich hinzu, daß, wenn mein Roman, anstatt geschrieben zu sein, erst noch geschrieben werden sollte, Ihre Reclamation, wie richtig sie auch ist, mich nicht bewegen würde, an diesem Theile meiner Erzählung etwas zu ändern.
»Was die zweite Person betrifft, die ich in Scene gesetzt und der ich den Namen Salvato Palmieri gegeben, so brauche ich wohl kaum erst zu sagen, daß dieselbe niemals existierte, oder wenn sie existiert hat, dies doch nicht unter den Verhältnissen geschehen ist, in welche meine Feder diese Persönlichkeit versetzt hat.
»Werden Sie aber den Muth haben, Signora, mir Vorwürfe darüber zu machen, daß ich die so wenig ansprechende Persönlichkeit Ferdinand Ferrys nicht wieder habe aufleben lassen, dieses freiwilligen Kämpfers im Dienste des Todes und Minister des Königs Ferdinand im Jahre 1848? Ferdinand Ferry war unglücklicherweise kein Romanheld, und wäre wohl jene übertriebene Liebe, welche die Chevaliere San Felice für ihn hegte und wodurch sie sich bewegen ließ, das ihr von dem unglücklichen Backer anvertraute Geheimniß zu verrathen, wahrscheinlich genug gewesen, um das beinahe ursprüngliche Interesse zu erwecken, welches ich dieser Liebe bewahren wollte? Mir schien es nämlich, als ob ich, indem ich diese schmerzliche, die Theilnahme in so hohem Grade erregende Geschichte schriebe, aus der Heldin nicht blos eine Märtyrerin, sondern auch eine Heilige machen müßte. Die Liebe ist, von einem gewissen Gesichtspunkte aus betrachtet, eine Religion. Sie hat auch ihre Heiligen und von diesen Heiligen will ich Ihnen nur zwei nennen, welche die nicht am wenigsten beredten und am wenigsten angebeteten des Kalenders sind. Diese beiden sind die heilige Theresia und der heilige Augustin, und Sie sehen, daß ich dabei noch die populärste aller Heiligen vergesse, die, welche zur Vergeltung für die Liebe, welche sie bewogen, so Vieles zu verzeihen, der wiederauferstandene Jesus seiner Erscheinung würdigt – kurz, Sie sehen, daß ich die heilige Magdalena vergesse.
»Kommen wir nun auf den Chevalier San Felice. Mitten unter allen den blutigen Hinrichtungen von neunundneunzig bleibt er eben so vollständig unbemerkt als jener bekannte Vatia, dessen Thurm sich am Fuße des Fusarosees erhebt und von welchem Seneca sagte: »0 Vatia, solus scis vivere!« Sein bleiches Gespenst wird weder von dem Haß noch von der Rache belebt. Der einzige Wiederschein, den er durch die ehebrecherische Liebe seiner Gattin und Ferrys erhält, ist nicht einmal ein blutiger Wiederschein, und diesem Falle, wissen Sie, ist man, wenn man nicht der Don Guttiere Calderons ist, der George Dandin Molières. Ich habe, glaube ich, mit dem erdichteten Helden, den ich geschaffen, etwas Besseres gethan. Ich habe aus ihm nicht einen grausamen oder lächerlichen Ehemann, sondern einen selbstverläugnungsvollen Vater gemacht. Wenn er in meinem Buche an Jahren älter ist, als er in Wirklichkeit war, so ist er gleichzeitig reicher an Tugenden, und wird sich ebenso wie Ihre Mutter, Signora, bei der Nachwelt nicht darüber zu beklagen haben, daß er von der Feder der Geschichte unter die des Poeten und Romanschreibers gerathen ist.
»Und wenn in der Zukunft, Signora, in jener Zukunft, welche das wirkliche und wahrscheinlich einzige Elysium ist, in welchem die Dido und die Virgil, die Francesca und die Dante, die Herminia und die Tasso wieder aufleben, ein Wanderer fragen sollte: »Was ist die San Felice?« so wird er, anstatt sich wie ich an eine Person Ihrer Familie zu wenden, die ihm ebenso wie mir geantwortet ward, entgegnen würde: »Sprechen Sie mir nicht von dieser Frau; ich schäme mich derselben!« lieber mein Buch aufschlagen und zum Glück für den Ruf der Familie wird die Geschichte vergessen werden und der Roman sich in Geschichte verwandeln.
»Genehmigen Sie, Signora, die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung.
»Saint-Gratien am 15. September 1864.»Alexander Dumas.«