Kitabı oku: «La San Felice Band 2»
Zweiter Theil
Erstes Capitel.
Der Chevalier San Felice
Wir glauben in einem unserer früheren Capitel, vielleicht in dem ersten, gesagt zu haben, daß der Chevalier San Felice ein Gelehrter war.
Obschon aber die Gelehrten, eben so wie nach Sterne die Reisenden, in eine Menge Kategorien und Unterkategorien getheilt werden können, so zerfallen sie doch in zwei große Hauptgattungen.
Die erste sind die langweiligen Gelehrten.
Die zweite sind die kurzweiligen Gelehrten.
Die erste Gattung ist die zahlreichste und gilt für die gelehrteste.
Wir haben im Laufe unseres Lebens einige kurzweilige Gelehrte kennen gelernt. Dieselben wurden aber in der Regel von ihren Collegen verleugnet, welche behaupteten, sie verdürben das Handwerk, weil sie den Witz und die Phantasie mit der Wissenschaft vermengten.
Wie sehr es ihm auch in den Augen unserer Leser Eintrag thun möge, so müssen wir doch gestehen, daß der Chevalier San Felice der zweiten Gattung, nämlich der Gattung der kurzweiligen Gelehrten, angehörte.
Wir haben auch schon gesagt – obschon es so lange her ist, daß der Leser es vergessen haben kann – daß der Chevalier San Felice ein Mann von fünfzig- bis fünfundfünfzig Jahren war, daß er sich in seiner äußern Erscheinung einfach, aber elegant trug und daß er, weil er in seinen Studien, die sein ganzes Leben lang dauerten, sich keinem besonderen Fach gewidmet hatte, mehr ein Wissender als ein eigentlicher Gelehrter war.
Selbst der Aristokratie angehörend und da er stets am Hofe oder im Umgange mit vornehmen Personen gelebt, da er übrigens in seiner Jugend große Reisen, besonders in Frankreich, gemacht, so besaß er die liebenswürdigen, unbefangenen Manieren eines Buffon, eines Helvetius und eines Holbach, deren sociale Principien er übrigens theilte. Ja er war beinahe nicht ganz frei von der philosophischen Irreligiosität dieser Herren.
Wie Galilei und Swammerdam hatte er das unendlich Große und das unendlich Kleine studiert. Er war von den im Aether kreisenden Welten herabgestiegen bis zu den in einem Wassertropfen schwimmenden Infusorien. Er hatte gesehen, daß die Gestirne in dem Geiste Gottes denselben Platz einnehmen und an der unermeßlichen Liebe, womit der Schöpfer alle seine Creaturen umfaßt, denselben Antheil haben.
Sein Geist, dieser dem göttlichen Herde entsprungene Funke, hatte sich daher daran gewöhnt, Alles in der Natur zu lieben.
Nur hatten die bescheideneren Gegenstände der Schöpfung bei ihm Anspruch auf zärtlichere Wißbegier als die erhabenen, und wir möchten beinahe behaupten, daß die Umgestaltung der Larve in die Nymphe und der Nymphe in den Käfer ihm wenigstens ebenso interessant erschien, als die langsame Bewegung des Kolosses Saturn, welcher neunhundertmal größer ist als die Erde, und mit seinem monstruösen Zubehör von sieben Monden und dem leuchtenden Ringe beinahe dreißig Jahre braucht, um seinen Kreislauf um die Sonne zu vollenden.
Diese Studien hatten ihn ein wenig über das wirkliche Leben hinausgehoben, um ihn dem contemplativen zuzuwenden.
Wenn er daher aus dem Fenster seines Hauses – des Hauses, welches auch das seines Vaters und seines Großvaters gewesen – in einer jener warmen Sommernächte von Neapel unter dem Ruder des Fischers oder im Kielwasser der Barke desselben sich jenes bläuliche Feuer entzünden sah, welches man für den Wiederschein des Vemustermes halten könnte, oder wenn er eine Stunde lang, oft auch die ganze Nacht hindurch, unbeweglich an dieses Fenster gelehnt, den Golf von Lichtern funkeln sah und wenn der Südwind die Wellen aufwühlte und mit feurigen Guirlanden an einander fesselte, welche sich für sein Auge hinter Capri verloren, ganz gewiß aber bis an die Gestade Afrikas reichten, sagte man:
»Was macht dieser Träumer von San Felice da?«
Dieser Träumer von San Felice versetzte sich ganz einfach aus der materiellen Welt in die unsichtbare, aus dem geräuschvollen Leben in das schweigsame.
Er sagte sich, daß diese unermeßliche Feuerschlange, deren Ringe den Erdball umschließen, nichts weiter sei als eine Anhäufung von unsichtbaren Thierchen, und seine Phantasie bebte entsetzt vor diesem unermeßlichen Reichthume der Natur zurück, welche auf unsere Welt, um unsere Welt herum Welten setzt, von welchen wir keine Ahnung haben, und durch welche die erhabene Unendlichkeit, welche sich unsern Augen in Lichtströmen entzieht, sich ohne Unterbrechung an die tiefe Unendlichkeit knüpft, welche, in den tiefsten der Abgründe hinabtauchend, sich in Nacht verliert.
Dieser Träumer von San Felice sah jenseits dieser doppelten Unendlichkeit Gott nicht wie Ezechiel ihn sah, in Stürmen vorüberbrausend; nicht wie Moses ihn sah, im feurigen Busch, sondern strahlend in der majestätisch heiteren Ruhe der ewigen Liebe, als riesige Jacobsleiter, welche durch die ganze Schöpfung hinauf- und hinabsteigt.
Vielleicht könnte man glauben, diese in gleichen Theilen der ganzen Natur zugewendete Liebe müsse jene andern Gefühle, welche den lateinischen Dichter sagen lassen: »Ich bin ein Mensch und ich erachte nichts, was menschlich ist, mir fremd,« eines Theils ihrer Kraft berauben.
Dies war aber bei dem Chevalier San Felice durchaus nicht der Fall, denn gerade bei ihm konnte man jenen Unterschied zwischen Seele und Herz machen, welche dem Vicekönig der Schöpfung gestattet, bald ruhig zu sein wie Gott, wenn er mit seiner Seele betrachtet, bald freudig oder verzweifelt wie der Mensch, wenn er mit seinem Herzen empfindet.
Von allen Gefühlen aber, welche die Bewohner unseres Planeten über die Thiere erheben, die um ihn herum leben, war die Freundschaft dasjenige, welchem der Chevalier den aufrichtigsten und eifrigsten Cultus widmete, und wir legen hierauf ganz besonders Gewicht, weil es einen gewaltigen und ganz speziellen Einfluß auf sein Leben äußerte.
Der Chevalier San Felice, Zögling des von Carl dem Dritten für junge Edelleute gegründeten Collegs, hatte auf demselben zu seinem Mitschüler einen jungen Mann, dessen Abenteuer, Eleganz und Reichthum gegen das Ende des vorigen Jahrhunderts in der neapolitanischen Welt großes Aufsehen machten. Dieser junge Mann war der Fürst Giuseppe Caramanico.
Wäre der junge Fürst weiter nichts gewesen als eben Fürst, so hätte der junge San Felice für ihn wahrscheinlich weiter nichts empfunden, als jenes Gefühl von neidischer Eifersucht, welches die Kinder gegen diejenigen ihrer Genossen empfinden, die wegen ihres hohen Ranges von den Lehrern mit mehr Rücksicht behandelt werden als ihre Mitschüler. Giuseppe Caramanico war aber, abgesehen von seinem Fürstentitel, auch ein liebenswürdiger, gemüthlicher und zutraulicher Knabe, ebenso wie er später ein liebenswürdiger, ehrenhafter, rechtschaffener Mann ward.
Dennoch geschah zwischen dem Fürsten Caramanico und dem Chevalier San Felice das, was unvermeidlich bei allen Freundschaften geschieht – es gab einen Orestes und einen Pylades. Der Chevalier San Felice spielte die Rolle, welche in den Augen der Welt die am wenigsten glänzende, vor dem Auge Gottes aber vielleicht die verdienstlichste war – er ward Pylades.
Man kann sich denken, mit welcher Leichtigkeit der künftige Gelehrte mit einem scharfen Verstand und seiner Wißbegierde seine Mitschüler überflügelte und wie sehr im Gegentheile der künftige Minister in Neapel, der künftige Gesandte in London, der künftige Vicekönig in Palermo mit seiner hochadeligen Sorglosigkeit eine Studien vernachlässigte.
Dennoch hielt mit Hilfe des fleißigen Pylades, welcher für Zwei arbeitete, der träge Orestes sich immer in der ersten Reihe. Er erntete ebenso viel Prämien, ebenso viele ehrenvolle Auszeichnungen und ebenso viele Belohnungen als San Felice, und besaß in den Augen seiner Lehrer sogar noch mehr Verdienst als dieser, denn sie kannten das Geheimniß seiner Ueberlegenheit nicht, oder wollten es nicht kennen.
Diese Ueberlegenheit hielt er ebenso aufrecht, wie die seiner geselligen Stellung und ohne daß es schien, als gäbe er sich deswegen auch nur die geringste Mühe.
Orestes selbst aber kannte dieses Geheimniß und wir müssen ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen zu sagen, daß er es so schätzte, wie es geschätzt zu werden verdiente, wie dies auch aus dem weiteren Verlaufe unserer Erzählung hervorgehen wird.
Die jungen Männer verließen das Collegium und jeder folgte der Laufbahn, zu welcher er sich durch die innere Stimme oder durch einen Rang hingezogen fühlte.
Caramanico widmete sich dem Waffenhandwerk, San Felice der Wissenschaft.
Caramanico trat als Capitän in ein Regiment Liparioten, so genannt von der Insel Lipari, von welcher fast sämtliche Soldaten, aus welchen es zusammengesetzt war, herstammten.
Dieses von dem König errichtete Regiment ward auch von diesem commandiert. Er trug den Titel eines Obersten desselben, und in dasselbe als Officier aufgenommen zu werden, war die höchste Gunst, nach welcher ein neapolitanischer Edelmann trachten konnte.
San Felice dagegen ging auf Reisen besuchte Frankreich, Deutschland, England und blieb fünf Jahre fern von Italien.
Als er nach Neapel zurückkam, traf er den Fürsten Caramanico als Premierminister und Geliebten der Königin Caroline wieder.
Die erste Sorge Caramanicos, als er ans Staatsruder gelangte, war gewesen, seinem lieben San Felice eine unabhängige Stellung zu sichern. Er hatte ihn in seiner Abwesenheit mit Dispensation vom Gelübde zum Maltheserritter ernennen lassen, eine Gunst, auf welche übrigens Alle ein Recht hatten, die ihre Probe bestehen konnten. Zugleich hatte er ihm eine Abtei verliehen, welche zweitausend Ducaten jährlich eintrug.
Diese Rente, in Verbindung mit den tausend Ducaten, die ihm sein väterliches Erbtheil abwarf, machte den Chevalier San Felice, dessen Geschmacksrichtungen die eines Gelehrten, das heißt, sehr einfach waren, zu einem verhältnißmäßig eben so reichen Mann, als der erste Millionär von Neapel war.
Die beiden Jünglinge waren zu Männern herangereift und liebten einander immer noch. Der eine jedoch mit der Wissenschaft, der andere mit der Politik beschäftigt, sahen sie einander nur höchst selten.
Gegen das Jahr 1783 begannen einige Gerüchte, welche über den bevorstehenden Sturz des Fürsten von Caramanico in Umlauf kamen, die Stadt zu beschäftigen und San Felice zu beunruhigen.
Man sagte, Caramanico habe, als Premierminister mit Arbeit überladen, und weil er für Neapel, welches er ganz im Gegensatz zu dem König mehr als eine Seemacht denn als eine Landmacht betrachtete, eine respectable Marine zu schaffen wünschte, sich an den Großherzog von Toscana mit der Bitte gewendet, ihm einen Mann, dessen Namen in Folge einer Expedition gegen die Raubtaaten mit großem Lobe genannt ward, zu überlassen, um ihn mit dem Titel eines Admirals an die Spitze der neapolitanischen Marine zu stellen.
Dieser Mann war der Chevalier John oder Jean Acton von irländischer Abstammung, aber in Frankreich geboren.
Kaum aber sah Acton sich durch Caramanico's Gunst bei dem Hofe von Neapel eingeführt und in einer Stellung, welche er selbst in seinen kühnsten Träumen niemals zu hoffen gewagt, so bot er Alles, was in seinen Kräften stand, auf, um seinen Gönner zu verdrängen – sowohl aus der Zuneigung der Königin als von seinem Ministerposten, den er vielleicht mehr dieser Zuneigung als seinem Rang und Verdienst zu verdanken hatte.
Eines Abends sah San Felice den Fürsten von Caramanico wie einen einfachen Privatmann und ohne gestattet zu haben, daß man ihn anmelde, bei sich eintreten.
San Felice war gerade – es war an einem milden Abend des Maimonats – in dem schönen Garten, den wir zu beschreiben gesucht, beschäftigt, Jagd auf Glühwürmer zu machen, an welchen er bei Rückkehr des Morgens die Abstufung des Lichtes studieren wollte.
Als er den Fürsten erblickte, stieß er einen Freudenschrei aus, warf sich ihm in die Arme und drückte ihn an sein Herz.
Der Fürst erwiederte diese Umarmung mit gewohnter Freundlichkeit, welche durch eine gewisse schwermüthige Zerstreutheit einen noch lebhafteren Ausdruck zu erhalten schien.
San Felice wollte sich mit ihm in das Haus hinein begeben, Caramanico aber, der vom Morgen bis zum Abend in seinem Cabinet gesessen, wollte nicht diese Gelegenheit versäumen, die durch den Orangenwald gewürzte Luft zu athmen.
Ein sanfter Wind wehte vom Meere her; der Himmel war rein, der Mond glänzte an demselben und spiegelte sich in dem Golf Caramanico zeigte auf eine am Stamme des Palmbaumes angebrachte Bank und beide nahmen auf derselben Platz.
Caramanico schwieg einen Augenblick, als ob er sich nicht sofort entschließen könnte, das Schweigen dieser ganzen stummen Natur zu stören. Endlich hob er mit einem Seufzer an:
»Mein Freund, ich komme um Dir Lebewohl zu sagen, vielleicht auf immer.«
San Felice erschrak und sah einen Freund an. Er glaubte nicht recht gehört zu haben. Der Fürst schüttelte wehmüthig den Kopf und fuhr mit dem Ausdruck tiefer Entmuthigung fort:
»Ich bin des Kampfes müde. Ich sehe ein, daß ich mit einem Gegner zu thun habe, der stärker ist als ich. Ein noch länger fortgesetzter Kampf würde mich vielleicht meine Ehre, ganz gewiß aber das Leben kosten.«
»Aber die Königin?«, fragte San Felice.
»Die Königin ist ein Weib, mein Freund,« antwortete Caramanico, »und folglich schwach und unbeständig. Sie sieht heute mit den Augen jenes irländischen Intriguanten, welcher, wie ich sehr fürchte, den Staat seinem Ruin entgegenführen wird. Möge der Thron fallen, aber nur ohne mich. Ich will nicht zu seinem Sturze beitragen – ich gehe.«
»Wohin?« fragte San Felice.
»Ich habe den Gesandtschaftsposten in London angenommen; es ist das eine ehrenvolle Verbannung. Ich nehme meine Frau und meine Kinder mit, denn ich will sie nicht den Gefahren aussetzen, welche ihnen hier drohen könnten. Dennoch aber gibt es eine Person, die ich in Neapel zurücklassen muß, und ich rechne auf Dich, daß Du mich bei ihr ersetzen wirst.«
»Bei ihr?« wiederholte der Gelehrte mit einem gewissen Grade von Unruhe.
»Sei unbesorgt, sagte der Fürst, indem er zu lächeln versuchte. »Es ist keine Dame, es ist ein Kind.«
San Felice athmete wieder auf.
»Ja,« fuhr der Fürst fort. »Mitten in meinen vielfachen Beschwerden und Mißlichkeiten tröstete mich eine junge Frau. Engel des Himmels, ist sie wieder in diesen emporgestiegen und hat mir eine lebende Erinnerung zurückgelassen – ein kleines Mädchen, welches so eben das fünfte Lebensjahr zurückgelegt hat.«
»Ich höre, sagte San Felice, »ich höre.«
»Ich kann diese Tochter weder als die meinige anerkennen, noch ihr eine sociale Stellung bereiten, weil sie während meiner Ehe geboren ist. Uebrigens weiß auch die Königin nichts von der Existenz dieses Kindes und darf auch nichts davon erfahren.«
»Wo ist die Kleine?«
»In Portici. Von Zeit zu Zeit laß ich mir sie bringen, zuweilen besuche ich sie. Ich liebe dieses unschuldige Wesen, welches, wie ich sehr fürchte, an einem unheilvollen Tage geboren ist. Ich schwöre Dir, San Felice – denn Du wirst es nicht glauben wollen – daß es mir weniger schwer ankommt, meinen Ministerposten niederzulegen und Neapel und mein Vaterland zu verlassen, als mich von diesem Kinder zu trennen, denn es ist wirklich und in der That das Kind meiner Liebe.«
»Auch ich liebe,« sagte der Chevalier in seiner einfachen, sanften Weise; »auch ich liebe, Caramanico.«
»Um so besser!« hob der Fürst wieder an, »denn ich habe auf Dich gezählt, daß Du meine Stelle bei ihr vertreten sollst. Ich will, daß sie ein unabhängiges Vermögen besitze. Hier ist eine auf deinen Namen ausgestellte Anweisung auf fünfzigtausend Ducaten. Diese Summe wird sich unter deiner Verwaltung in vierzehn bis fünfzehn Jahren schon durch die Anhäufung der Zinsen verdoppeln. Du wirft die Kosten der Erziehung meiner Tochter einstweilen aus deinen Mitteln bestreiten und später einmal, wenn sie mündig wird oder heiratet, Dich von ihrem Vermögen wiederbezahlt machen.
« »Caramanico!«
»Verzeihe, lieber Freund,« sagte der Fürst lächelnd. »Ich verlange einen Dienst von Dir und an mir ist es daher, meine Bedingungen zu stellen.«
San Felice senkte das Haupt.
»Solltest Du mich weniger lieben, als ich glaubte?« murmelte er.
»Nein, mein Freund,« hob Caramanico wieder an, »Du bist nicht blos der Mann, den ich am meisten liebe, sondern auch der, welchen ich am höchsten auf der Welt achte. Der Beweis hiervon ist, daß ich Dir den einzigen Theil meines Herzens lasse, welcher rein und unversehrt geblieben ist.«
»Mein Freund,« sagte der Gelehrte ein wenig zögernd, »ich möchte Dich um eine Gunst bitten, und wenn mein Verlangen Dir nicht unangenehm ist, so würde ich mich glücklich schätzen, wenn Du mir es gewährtest.«
»Worin besteht es?«
»Ich lebe allein, ohne Familie, beinahe ohne Freunde. Ich langweile mich niemals, weil es unmöglich ist, daß der Mensch sich langweile, während das große Buch der Natur aufgeschlagen vor seinen Augen liegt. Ich liebe im Allgemeinen Alles. Ich liebe das Gras, welches sich am Morgen unter der Last der Thautropfen wie unter einer allzuschweren Bürde beugt. Ich liebe diese Glühwürmer, welche ich suchte, als Du eintratest. Ich liebe den Käfer mit dem goldenen Flügel, in welchem sich die Sonne spiegelt, meine Bienen, welche mir eine Stadt bauen, meine Ameisen, welche mir eine Republik gründen, aber ich liebe nicht etwas mehr als das andere und ich werde von nichts zärtlich geliebt. Wenn es mir nun erlaubt wäre, deine Tochter hierher zu mir in mein Haus zu nehmen, so würde ich sie, dies fühle ich, mehr als alles Andere lieben und sie würde, sobald sie einsähe, wie sehr ich sie liebe, mich vielleicht auch ein wenig lieben. Die Luft des Pausilippo ist vortrefflich, die Aussicht, die ich von meinen Fenstern aus habe, ist prachtvoll. Deine Tochter hätte hier einen großen Garten, in welchem sie den Schmetterlingen nachlaufen könnte, Blumen, so viel sie deren zu pflücken wünschte, und Orangen, die sie mit dem Munde erreichen könnte. Sie würde heranwachsen wie diese Palme und zugleich die Anmuth und Kraft derselben besitzen. Sag, willst Du, daß dein Kind bei mir wohne, mein Freund?«
Caramanico betrachtete ihn mit Thränen in den Augen und billigte das, was er sagte, durch eine sanfte Bewegung des Kopfes.
»Und dann,« fuhr San Felice fort, denn er glaubte, sein Freund sei noch nicht hinreichend überzeugt, »und übrigens hat ein Gelehrter ja nichts zu thun. Ich werde mir es daher zum Vergnügen machen, deine Tochter zu unterrichten; ich werde sie Englisch und Französisch lesen und schreiben lehren. Ich weiß Vielerlei und bin weit unterrichteter, als man glaubt. Es macht mir Vergnügen, Wissenschaften zu treiben, aber es ist mir langweilig davon zu sprechen. Alle diese neapolitanischen Bücherwürmer, alle Akademiker von Herculanum, alle Wühler von Pompeji verstehen mich nicht und sagen, ich sei unwissend, weil ich mich nicht hochtrabender Worte bediene, sondern einfach von den Dingen der Natur und Gottes spreche. Es ist dies aber nicht wahr, Caramanico. Ich weiß wenigstens eben so viel und vielleicht noch mehr als diese Leute, darauf gebe ich Dir mein Ehrenwort. Du antwortet mir nicht, mein Freund?«
»Nein, ich höre Dich, San Felice; ich höre Dich und bewundere Dich. Du bist das auserwählte Geschöpf Gottes. Ja, Du wirst meine Tochter zu Dir nehmen. Sie wird Dich lieben lernen. Aber Du wirst ihr alle Tage von mir erzählen und sie lehren, daß nächst Dir ich es bin, dem sie auf Erden die meiste Liebe schuldig ist.«
»O wie gut Du bist!« rief der Chevalier, sich die Thränen trocknend. »Also, nicht wahr, Du sagtest, sie sei in Portici? Wie soll ich das Haus finden? Wie heißt sie? Du hast ihr doch hoffentlich einen hübschen Namen gegeben?«
»Freund,« sagte der Fürst, »hier ist ihr Name und die Adresse der Frau, in deren Obhut und Pflege sie sich befindet, eben so wie der Befehl an diese Frau, Dich in meiner Abwesenheit als den wirklichen Vater des Kindes zu betrachten. Leb wohl, San Felice,« sagte der Fürst, indem er sich erhob; »sei stolz, mein Freund. Du hast mir das einzige Glück, die einzige Freude, den einzigen Trost bereitet, welchen es mir erlaubt ist noch zu hoffen.«
Die beiden Freunde umarmten sich wie Kinder und weinten wie Frauen.
Am nächstfolgenden Tag reiste der Fürst Caramanico nach London ab und die kleine Luisa Molina bezog mit ihrer Wärterin das Haus des Palmbaumes.
Zweites Capitel.
Luisa Molina
Am Morgen des Tages, wo die kleine Luisa Molina die Stadt Portici verlassen sollte, sah man den Chevalier San Felice, welcher diese Mission keinem anderen Menschen anvertrauen wollte als sich selbst, die Runde durch die Spielwaarenläden der Toledostrafe machen und weiße Schafe, alleinlaufende Puppen und bewegliche Gliedermänner einkaufen, so daß Jeder, der die Nutzlosigkeit dieser Gegenstände für den würdigen Gelehrten kannte, glauben konnte, derselbe sei von irgend einem fremden Fürsten beauftragt, für dessen Kinder eine Sammlung von neapolitanischen Spielsachen in ihrer vollständigsten Ausdehnung zu besorgen.
Wer dies aber geglaubt hätte, würde doch nicht das Richtige getroffen haben, denn alle diese ungewohnten Einkäufe waren zum Zeitvertreib der kleinen Luisa Molina bestimmt.
Dann schritt man zur häuslichen Einrichtung. Das schönste Zimmer des Hauses, das, welches durch das eine Fenster die Aussicht auf den Golf und durch das andere in den Garten gewährte, ward den neuen Bewohnern überlassen.
Eine jene allerliebsten kleinen Bettstellen von Messing, welche man in Neapel so zierlich fertigt, ward neben das Bett der Wärterin gestellt und ein Mückennetz, welches unter der Aufsicht und der Angabe des gelehrten Chevalier gefertigt worden und welches die geschicktesten Combinationen der Angreifer vereiteln mußte, über dem Bett als ein durchsichtiges Zelt befestigt, welches die Kleine während des Schlafes vor allen Insektenstichen sicherstellte.
Einer jener Hirten, welche die Straße von Neapel mit Heerden von Ziegen durchziehen, die sie zuweilen bis in das fünfte Stockwerk der Häuser hinaufbringen, erhielt Befehl, alle Morgen vor der Thür Halt zu machen.
Man wählte aus seiner Heerde eine weiße Ziege, die schönste von allen, um ihre erste Milch der kleinen Luisa zu geben, und die so auserwählte Ziege erhielt sofort den mythologischen Namen Amalthea.
Nachdem der Chevalier auf diese Weise für den Zeitvertreib, die Bequemlichkeit und die materielle Ernährung der Kleinen alle nöthig erscheinenden Vorkehrungen getroffen, ließ er einen großen reich gepolsterten Wagen holen und fuhr damit nach Portici.
Die Uebersiedlung ward ohne irgend welchen Unfall ausgeführt und drei Stunden, nachdem San Felice nach Portici aufgebrochen, kleidete die kleine Luisa, nachdem sie von ihrer neuen Wohnung mit jener Begierde Besitz genommen, welche die Kinder bei einer derartigen Veränderung an den Tag zu legen pflegen, eine Puppe an und aus, die eben so groß war als sie selbst und eine so kostbare und mannigfaltige Garderobe besaß wie die der Madonna des Vescovato.
Viele Wochen, ja sogar viele Monate lang vergaß der Chevalier alle andern Wunder der Natur, um sich nur mit dem zu beschäftigen, welches er jetzt vor Augen hatte.
Was ist auch in der That eine Knospe, welche hervorbricht, eine Blume, welche sich öffnet, oder eine Frucht, welche reift, im Vergleich zu einem jungen Gehirn, welches, indem es sich entwickelt, jeden Tag eine neue Idee gebiert und der am Tage vorher geborenen ein wenig mehr Klarheit verleiht?
Dieser Fortschritt der Intelligenz des Kindes, welcher mit der Ausbildung der Organe gleichen Gang einhält, erweckte in dem Chevalier wohl einige Zweifel in Bezug auf die unsterbliche Seele, welche der Entwickelung der Organe ebenso unterworfen ist, wie die Blume und die Frucht des Baumes von dem Saft abhängen, während im Gegentheil diese selbe Seele, welche man so zu sagen hat geboren werden, groß wachsen und in der Jugend ihre Fähigkeiten erlangen und im reifen Alter dieselben gebrauchen sehen, sie unmerklich aber nichtsdestoweniger sichtbar in demselben Verhältniß verliert, wie diese Organe sich, indem sie alt werden, verhärten und abstumpfen, gerade so wie die Blumen von ihrem Wohlgeruch und die Früchte von ihrem Wohlgeschmack verlieren, wenn ihr Saft vertrocknet.
Wie alle großen Geister war der Chevalier San Felice von jeher ein wenig Pantheist und sogar psychologischer Pantheist gewesen. Indem er Gott zur Universalseele der Welt machte, betrachtete er die individuelle Seele wie etwas Ueberflüssiges. Dennoch bedauerte er sie, eben so wie er bedauerte, daß er nicht Flügel hatte wie der Vogel.
Dennoch grollte er nicht mit der Natur, weil sie an dem Menschen diese himmliche Ersparniß geübt.
Da er sich gezwungen sah, den Glauben an die Fortdauer des Lebens aufzugeben, so flüchtete er sich zu den Umgestaltungen desselben. Die Egypter legten in die Gräber ihrer geliebten Todten einen Käfer. Warum thaten sie das? Weil der Käfer, ebenso wie die Raupe, dreimal stirbt und dreimal wieder geboren wird.
Sollte Gott in seiner unendlichen Güte für den Menschen weniger thun als für das Insekt? So lautete der Ruf jenes Volkes, dessen zahlreiche Nekropolen ihre in geheiligte Binden gewickelten Leichname bis auf uns bewahrt haben.
Der Chevalier San Felice stellte sich allerdings die Frage, die ich mir stelle und die der Leser sicherlich auch sich selbst schon gestellt hat. Erinnert sich die Raupe des Eies? Erinnert sich die Puppe der Raupe? Erinnert sich der Schmetterling der Puppe? Und endlich, um den Kreislauf der Metamorphosen vollständig zu machen, erinnert sich , das Ei des Schmetterlings?
Ach, leider ist dies nicht wahrscheinlich! Gott hat dem Menschen nicht jenen Stolz der Erinnerung geben wollen, eben so wenig, als er ihn den Thieren gegeben hat. Von dem Augenblicke an, wo der Mensch sich dessen erinnern würde, was er gewesen, ehe er Mensch geworden, wäre er unsterblich.
Während der Chevalier alle diese Betrachtungen anstellte, wuchs Luisa heran. Sie hatte, ohne fast es selbst zu bemerken, lesen und schreiben gelernt und stellte auf französisch oder englisch alle Fragen, die sie zu thun hatte, denn der Chevalier hatte ihr ein für allemal begreiflich gemacht, daß er nur die Fragen beantworten würde, welche in einer oder der andern dieser Sprachen erfolgten.
Da nun die kleine Luisa sehr neugierig war und folglich sehr viel Fragen that, so verstand sie sehr bald nicht blos auf französisch und englisch zu fragen, sondern auch zu antworten.
Eben so lernte sie, ohne es zu bemerken, auch noch viele andere Dinge; von der Astronomie so viel, als ein weibliches Wesen wissen muß.
So zum Beispiel:
Luna scheint eine ganz besondere Vorliebe für den Golf von Neapel zu haben, wahrscheinlich weil sie, glücklicher als die Raupe, der Käfer und der Mensch, sich erinnert, früher die Tochter Jupiters und Latonas gewesen, auf schwimmender Insel geboren zu sein, sich Phöbe genannt und Endymion geliebt zu haben und weil sie kokett, wie sie in ihrer Eigenschaft als Dame ist, auf der ganzen Erde keinen helleren Spiegel findet, in welchem sie sich betrachten könnte, als eben den Golf von Neapel.
Luna, welche sie die Lampe des Himmels nannte, beschäftigte überhaupt die kleine Luisa sehr viel. Wenn das Gestirn voll war, so behauptete sie allemal, ein Gesicht darin zu sehen, und wenn es abnahm, so fragte sie, ob es Ratten im Himmel gebe und ob die Ratten da oben den Mond abnagten, wie sie eines Tages hienieden den Käse abgenagt hatten.
Der Chevalier, der sich freute, einem Kinde eine wissenschaftliche Demonstration machen zu müssen, fertigte, um ihr die Sache ihren Verstandeskräften gemäß angemessen zu veranschaulichen, selbst ein Modell von unserem Planetensystem.
Er zeigte ihr, wie der Mond, unser Trabant, neunundvierzigmal kleiner ist als die Erde. Er ließ ihn in einer Minute und unsere Welt den Kreislauf, zu welchem er siebenundzwanzig Tage sieben Stunden und dreiundvierzig Minuten braucht, und gleichzeitig die Umdrehung um sich selbst ausführen, die er in derselben Frist bewirkt.
Er zeigte ihr, daß der Mond bei diesem Umlaufe sich uns abwechselnd nähert und von uns entfernt, daß der fernste Punkt seines Kreislaufes das Apogäum oder die Erdferne heißt, und daß er dann einundneunzigtausend vierhundertundachtzehn Meilen von unserer Erde entfernt ist; daß sein nächster Punkt das Perigäum heißt und nur achtzigtausend und siebenundsiebzig Meilen entfernt ist.
Er erklärte ihr ferner, daß der Mond eben so wie die Erde nur deshalb leuchtet, weil er die Strahlen der Sonne zurückwirft, und daß wir deshalb nur den von der Sonne erleuchteten Theil, aber nicht den sehen können, auf welchen die Erde ihren Schatten wirft, was der Grund ist, daß wir ihn unter verschiedenen Phasen sehen.
Er versicherte ihr, daß das Gesicht, welches sie durchaus im Vollmond sehen wollte, nichts Anderes sei als die Unebenheiten des Mondbodens, die Tiefe der Thäler, worin der Schatten sich verdichtet, und die hervorragenden Gebirge, welche das Licht wiederspiegeln.
Eben so zeigte er ihr auf einem großen Plan unseres Trabanten, den man kürzlich auf der Sternwarte von Neapel gezeichnet, daß das, was sie für das Kinn des Mondes hielt, nichts Anderes war als ein Vulcan, der früher vor Jahrtausenden eben so Feuer ausgeworfen wie jetzt der Vesuv dessen auswarf, und erloschen war, wie der Vesuv einmal verlöschen wird.
Luisa verstand die erste Darlegung nicht, nach der zweiten und dritten aber begann es allmälig in ihrem Geiste zu tagen.
Eines Morgens, als man Tripel gekauft hatte, um ihre kleine hübsche Bettstelle blank zu putzen, sah Luisa den Chevalier eifrig beschäftigt, diesen röthlichen Staub im Mikroskop zu betrachten.
Auf den Fußspitzen schlich sie sich an ihn heran und fragte:
»Was betrachtest Du da, guter Freund San Felice?«
»Wenn ich bedenke, sagte der Chevalier mit sich selbst sprechend und zugleich Luisa's Frage beantwortend, »wenn ich bedenke, daß siebenundachtzig Millionen dieser Infusorien dazu gehören würden, um einen Gran zu wiegen.«
»Hundertsiebenundachtzig Millionen, was?« fragte die Kleine.
Diesmal war die Erklärung eine schwierige und der Chevalier nahm die Kleine auf das Knie und sagte:
»Die Erde, meine kleine Luisa, ist nicht immer das gewesen, was sie jetzt ist, wo wir sie mit Gras bewachsen, mit Blumen geschmückt und von Granat, Orangen- und Lorbeerrosenbäumen beschattet sehen. Ehe sie von den Menschen und den Thieren, welche Du siehst, bewohnt ward, war sie anfangs mit Wasser, dann mit großen Sümpfen, dann mit riesigen Palmbäumen bedeckt. Eben so wie die Häuser nicht von selbst entstanden sind, sondern haben gebaut werden müssen, ebenso hat Gott, der große Baumeister der Welten, auch die Erde bauen lassen. Ebenso nun, wie man Häuser von Steinen, Kalk, Sand und Ziegeln baut, so hat auch Gott die Erde aus verschiedenen Elementen zusammengesetzt und eines dieser Elemente besteht aus kleinen unsichtbaren Thierchen, welche Schalen haben wie die Austern und Panzer wie die Schildkröten. Diese allein haben die Massen zu jener großen Gebirgskette in Peru geliefert, welche man die Cordilleren nennt. Die Apenninen in Mittelitalien, deren äußerste Gipfel Du von hier aus sieht, bestehen aus ihren Trümmern und die ungreifbaren Bruchstücke ihrer Schuppen sind es, welche diesem Messing, indem sie es glätten, erneuten Glanz geben.«
Und er zeigte auf ihre Bettstelle, welche eben von dem Diener geputzt ward.
Ein andermal, als Luisa einen schönen Korallenbaum sah, welchen ein Schiffer von Torre del Greco dem Chevalier gebracht, fragte sie, warum der Korallenbaum Aeste, aber keine Blätter habe.
Der Chevalier erklärte ihr hierauf, daß die Koralle nicht ein vegetabilisches Erzeugniß sei, wie sie glaube, sondern eine animalische Composition. Er erzählte ihr zu ihrem großen Erstaunen, daß Tausende von Polypen sich vereinigten, um mit dem Kalk, von dem sie leben und den die Gewalt der Wellen von den Felsen abreißt, erst diese Aeste zu bilden, welche, allmälig fester werdend, diese schöne hochrothe Farbe gewinnen, womit die Dichter die Lippen der Frauen vergleichen.
Er sagte ihr ferner, daß ein kleines Thier, welches er ihr einmal im Mikroskop zu zeigen versprach, durch Ausfüllung des leeren Raumes, welchen die Korallen zwischen sich lassen, um ganz Sicilien herum einen Gang, ein Trottoir, baut, während andere kleine Thierchen in der Südsee Inseln von dreißig Stunden im Umkreise entstehen lassen, welche sie durch Riffe miteinander in Verbindung bringen, welche später einmal der Schifffahrt bedeutende Hindernisse bereiten werden.
Nach dem, was wir hier mitgetheilt, kann man sich einen Begriff von der Ausbildung machen, welche die kleine, Luisa Molina von ihrem unermüdlichen und gelehrten Freund erhielt. Sie lernte auf diese anschauliche und klare Weise. Alles kennen, was sich überhaupt erklären läßt, so daß in ihrem Kopfe keiner jener unbestimmten Begriffe zurückblieb, welche sonst die Phantasie der Jugend zu beunruhigen pflegen.
Ganz wie San Felice seinem Freund versprochen, wuchs sie schlank und kräftig heran gleich dem Palmbaum, an dessen Fuße die meisten dieser Erklärungen stattgefunden hatten.
Der Chevalier San Felice stand mit dem Fürsten Caramanico in fortwährendem Briefwechsel. Zweimal monatlich gab er ihm Nachricht über Luisa, welche ihrerseits jedem Briefe ihres Lehrers und Pflegevaters einige Worte an ihren Vater hinzufügte.
Gegen das Jahr 1790 kam Fürst Caramanico als Gesandter von London nach Paris, als aber Toulon von den Royalisten an die Engländer ausgeliefert ward und die Regierung des Königreiches beider Sicilien, ohne sich jedoch zu Mr. Pitts Verbündetem zu erklären, Truppen gegen Frankreich schickte, verlangte Caramanico, zu loyal, um die ihm angewiesene Stellung länger einnehmen zu wollen, seine Zurückberufung.
Zu dieser Zurückberufung wollte Acton sich um keinen Preis verstehen, wenigstens sollte Caramanico nicht wieder nach Italien zurück. Deshalb ließ er ihn an die Stelle des kürzlich verstorbenen Marquis Caraccioli zum Vicekönig von Sicilien ernennen.
Der Fürst begab sich auf seinen Posten, ohne Neapel zu berühren.
Die Intelligenz und angeborne Herzensgüte des Fürsten Caramanico, der nun das schöne Land, welches man Sicilien nennt, zu regieren hatte, bewirkten hier sehr bald förmliche Wunder und zwar gerade in dem Augenblick, wo durch den verderblichen Einfluß Actons und Carolinens, nach entgegengesetzter Richtung hin gedrängt, Neapel mit Riesenschritten seinem Verderben entgegenging, wo die Gefängnisse mit den berühmtesten und angesehensten Bürgern sich füllten, wo die Staatsjunta die Wiedereinführung der seit dem Mittelalter abgeschafften Tortur verlangte und die Hinrichtung Emanueles de Deo, Vitalianos und Gaglianis, das heißt dreier Kinder, anbefahl.
Die Neapolitaner verglichen die Schrecknisse, inmitten deren sie lebten, die über ihren Häuptern schwebenden Proscriptions- und Todesstrafen mit dem Loose der Sicilianer und den schutzgewährenden väterlichen Gesetzen, nach welchen diese regiert wurden. Da sie die Königin nur leise anzuklagen wagten, so klagten sie laut ihren Minister Acton an, maßen Alles der Schuld des Ausländers bei und machten aus ihrem Wunsche, daß ebenso wie Acton früher Caramanico verdrängt, jetzt Caramanico jenen verdrängen möchte, kein Hehl.
Man sagte noch mehr. Man sagte, daß die Königin in der süßen Erinnerung an ihre erste Liebe den Wunsch der Neapolitaner theile und, wenn sie sich nicht durch falsche Scham abhalten ließe, sich ebenfalls für Caramanico erklären würde.
Diese Gerüchte gewannen eine Consistenz, welche hätte glauben lassen können, es gäbe in Neapel ein Volk und dieses Volk habe eine Stimme, als eines Tages der Chevalier San Felice von einem Freund einen Brief erhielt, welcher folgendermaßen lautete:
»Freund!
»Ich weiß nicht, was mit mir vorgeht. Seit zehn Tagen erbleicht mein Haar und fällt aus; meine Zähne zittern im Zahnfleisch und lösen sich aus ihren Höhlen. Eine unüberwindliche Mattigkeit, eine totale Niedergeschlagenheit hat sich meiner bemächtigt. Mache Dich, sobald Du diesen Brief erhalten hat, auf den Weg nach Sicilien und beeile Dich anzukommen, ehe ich todt bin.
»Dein Giuseppe.«
Dies geschah gegen das Ende des Jahres 1795. Luisa zählte jetzt neunzehn Jahre und hatte ihren Vater seit vierzehn Jahren nicht gesehen. Sie erinnerte sich seiner Liebe, aber nicht seiner Person. Das Gedächtniß ihres Herzens war treuer gewesen als das ihrer Augen.
San Felice offenbarte ihr nicht sogleich die ganze Wahrheit. Er sagte ihr blos, ihr Vater, welcher leidend sei, wünsche sie zu sehen.
Dann eilte er nach dem Hafendamm, um dort eine Ueberfahrtgelegenheit zu suchen.
Glücklicherweise stand eines jener leichten Fahrzeuge, welche man Speronare nennt, nachdem es Passagiere nach Neapel gebracht, im Begriff leer nach Sicilien zurückzukehren.
Der Chevalier miethete es auf einen Monat, um wegen der Rückreise ohne Sorgen sein zu können, und reiste noch denselben Tag mit Luisa ab.
Alles begünstigte diese traurige Reise. Das Wetter war schön, der Wind war günstig. Nach Verlauf von drei Tagen ging man in dem Hafen von Palermo vor Anker.
Bei dem ersten Schritt, den der Chevalier und Luisa in die Stadt thaten, war es ihnen, als träten sie in eine Todtenstadt.
Eine Atmosphäre der Trauer lag über den Straßen und ein schwarzer Schleier schien die Stadt einzuhüllen, welche sich selbst »die Glückliche« nennt.
Eine Prozession versperrte ihnen den Weg. Man trug die Reliquien der heiligen Rosalia nach der Kathedrale zurück.
Sie kamen vor einer Kirche vorbei. Dieselbe war schwarz ausgeschlagen und man sprach darin das Gebet für die Sterbenden.
»Was gibt es denn?« fragte der Chevalier einen Mann, der in die Kirche wollte. »Warum zeigen alle Palermitaner so betrübte, verzweifelte Mienen?«
»Ihr seid wohl kein Sicilaner?« fragte der Mann.
»Nein, ich bin von Neapel und komme daher.«
»Unser Vater liegt im Sterben,« sagte der Sicilianer.
Und da die Kirche so voll war, daß er nicht mehr hineinkonnte, so kniete er auf die äußern Stufen nieder, und rief, indem er sich auf die Brust schlug, laut:
»Heilige Mutter Gottes, biete mein Leben deinem göttlichen Sohn, wenn das Leben eines armen Fischers wie ich das Leben unseres vielgeliebten Vicekönigs erkaufen kann.«
»Ha!« rief Luisa, »Hörst Du, mein Freund? Mein Vater ist es, für den man betet! Mein Vater ist es, welcher im Sterben liegt. Eilen wir! eilen wir!«
Drittes Capitel.
Vater und Tochter
Fünf Minuten später stand der Chevalier San Felice und Luisa an der Thür des alten Palastes, welcher am äußerten dem Hafen entgegengesetzten Ende der Stadt sich befindet.
Der Fürst empfing Niemanden mehr. Bei den ersten Anwandlungen des Uebels hatte er, unter dem Vorwand, daß es Geschäfte zu regulieren gäbe, seine Gemahlin und seine Kinder nach Neapel geschickt.
Wollte er ihnen das Schauspiel seines Todes ersparen? Wollte er in den Armen der Person sterben, von welcher er sein ganzes Leben hindurch getrennt gewesen? Wenn wir über diesen Punkt noch Zweifel hegen könnten, so würde der von dem Fürsten Caramanico an den Chevalier San Felice gerichtete Brief hinreichen, dieselben zu zerstreuen.
Der ertheilten Instruction gemäß weigerte man sich, die Ankommenden eintreten zu lassen; kaum aber hatte San Felice sich, kaum hatte er Luisa genannt, so stieß der Kammerdiener einen Freudenruf aus und eilte nach dem Zimmer des Fürsten, indem er rief:
»Mein Fürst, er ist es! Mein Fürst, sie ist es!«
Der Fürst, welcher seit drei Tagen sein Sopha nicht verlassen und dem man den Kopf emporrichten mußte, um ihm den beruhigenden Trank einzuflößen, womit man seine Schmerzen zu stillen suchte, richtete sich mit einem Male auf seine Füße empor und sagte:
»Ha, ich wußte wohl, daß Gott, der mich so schwer geprüft, mir diesen Lohn gewähren und mich die beide noch einmal sehen lassen würde, ehe ich sterbe.«
Der Fürst öffnete die Arme.
Der Chevalier und Luisa erschienen an der Thür seines Zimmers.
An dem Herzen des Sterbenden war nur für Eins von ihnen Platz.
San Felice drückte Luisa in die Arme ihres Vaters, indem er zu ihr sagte:
»Geh, mein Kind. Es ist dein Recht.«
»Mein Vater! mein Vater!« rief Luisa.
»Ha, wie schön sie ist! • murmelte der Sterbende, »und wie treulich hast Du das Versprechen gehalten, welches Du mir gegeben, Freund meines Herzens!«
Und während er mit der einen Hand Luisa an seine Brust drückte, reichte er die andere dem Chevalier.
Luisa und San Felice brachen in Schluchzen aus.
»O weinet nicht, weinet nicht!«, sagte der Fürst mit unbeschreiblichem Lächeln. »Dieser Tag ist für mich ein Festtag. Bedurfte es nicht eines großen Ereignisses wie das, welches sich erfüllen wird, damit wir uns in dieser Welt noch einmal wiedersähen? Und wer weiß, vielleicht trennt der Tod weniger als die Abwesenheit. Die Abwesenheit ist eine bekannte, erprobte Thatsache, der Tod ist ein Geheimniß. Umarme mich, theures Kind, ja umarme mich zwanzigmal, hundertmal, tausendmal. Umarme mich für jedes der Jahre, für jeden der Tage, für jede der Stunden, welche seit vierzehn Jahren verflossen sind. Wie schön. Du bist! Und wie danke ich Gott, daß er mir erlaubt hat, dein Bild noch in mein Herz zu schließen und es mit mir ins Grab zu nehmen.«
Und mit einer Energie, deren er sich selbst nicht fähig geglaubt hätte, presste er seine Tochter an seine Brust, als ob er sie wirklich materiell seinem Herzen einverleiben wollte.
Dann wendete er sich zu dem Kammerdiener, welcher auf die Seite getreten war, um San Felice und Luisa vorbeizulassen, und sagte:
»Jetzt darf Niemand zu mir, hörst Du, Giovanni? Nicht einmal der Arzt, nicht einmal der Priester. Nur der Tod hat jetzt das Recht einzutreten.«
Der Fürst sank entkräftet von der Anstrengung in ein Sopha zurück. Seine Tochter kniete vor ihm nieder, so daß er mit seinen Lippen ihre Stirn berühren konnte. Sein Freund blieb neben ihm stehen.
Er hob langsam das Gesicht zu San Felice empor und sagte, während seine Tochter in Schluchzen ausbrach, mit matter Stimme: »
Man hat mich vergiftet. Ich wundere mich blos, daß man so lange damit gewartet hat. Man hat mir drei Jahre Zeit gelassen. Ich habe dieselben benutzt, um diesem unglücklichen Lande einiges Gute zu erzeigen. Ich muß dies meinen Feinden Dank wissen. Zwei Millionen Herzen werden mich beweinen und für mich beten.«
Dann als er bemerkte, daß seine Tochter, indem sie ihn ansah, in ihrer Erinnerung zu suchen schien, setzte er hinzu:
»Ach, Du wirst Dich meiner nicht erinnern; aber wenn Du Dich auch meiner erinnertet, so würdest Du mich doch nicht wieder erkennen. Vor vierzehn Tagen noch, San Felice, war ich trotz meiner achtundvierzig Jahre beinahe noch ein junger Mann. In diesen vierzehn Tagen bin ich um ein halbes Jahrhundert gealtert. Hundertjähriger Greis, es ist Zeit, daß Du stirbst!«
Dann sah er wieder Luisa an, legte seine Hand auf ihr Haupt und sagte:
»Ich aber, ich erkenne Dich. Du hast noch immer das schöne, blonde Haar und die großen schwarzen Augen. Du bist jetzt eine anbetungswürdige Jungfrau, aber Du warst auch schon ein höchst liebenswürdiges Kind. – Als ich sie das letzte Mal sah, San Felice, sagte ich ihr, daß ich sie auf lange Zeit, vielleicht auf immer verließe. Sie brach in Schluchzen aus, wie sie soeben wieder that, aber da es damals noch eine Hoffnung gab, so faßte ich sie in meine Arme und sagte zu ihr: »Weine nicht, mein Kind; Du macht mir Schmerz.« Und sie unterdrückte ihre Seufzer und sagte: »Schweig, Kummer, Papa will es!« Und sie lächelte mich durch ihre Thränen hindurch an. Nein, ein Engel am Thore des Himmels könnte nicht sanfter und lieblicher sein!«
Der Sterbende drückte seine Lippen auf das Haupt der Jungfrau und man sah große, stille Thränen auf das Haar herabrollen, welches er küßte.
»Ach, heute werde ich dies nicht sagen,« murmelte Luisa, »denn heute ist mein Schmerz groß. O mein Vater, mein Vater, ist denn keine Rettung möglich?
»Acton ist der Sohn eines geschickten Chemikers,« sagte Caramanico, »und er hat unter seinem Vater studiert.«
Dann wendete er sich wieder zu San Felice und sagte:
»Verzeihe mir, Luciano, aber ich fühle den Tod immer näher kommen. Ich möchte gern einen Augenblick mit meiner Tochter allein bleiben. Sei nicht eifersüchtig. Ich verlange blos einige Minuten mit ihr, und habe sie Dir vierzehn Jahre gelassen. Vierzehn Jahre! Wie glücklich hätte ich diese vierzehn Jahre sein können! O, der Mensch ist sehr thöricht!«
Der Chevalier, der tief gerührt war, sich von dem Fürsten bei dem Namen nennen zu hören, bei welchem er ihn auf dem Collegium zu nennen gepflegt, drückte die Hand, welche sein Freund ihm bot, und entfernte sich leise.
Der Fürst folgte ihm mit den Augen, und als er verschwunden war, sagte er:
»Nun sind wir allein, meine Luisa. In Bezug auf deine materielle Zukunft bin ich außer Sorgen, denn in dieser Beziehung habe ich die erforderlichen Schritte gethan; wohl aber bin ich in Sorgen in Bezug auf dein inneres Glück. Vergiß, daß ich beinahe ein Fremdling für Dich bin; vergiß, daß wir seit vierzehn Jahren getrennt gewesen. Bilde Dir ein, daß Du stets in der süßen Gewohnheit gelebt hättest, mir alle deine Gedanken anzuvertrauen. Wohlan, wenn dem so wäre und wir jetzt bei der verhängnißvollen Stunde angelangt wären, wo wir angelangt sind, was würdest Du mir zu sagen haben?«
»Weiter nichts, als dies mein Vater: Als wir hierher gingen, begegneten wir einem Manne aus dem Volke, welcher an der Thür einer Kirche kniete, in der man für Dich betete, und der sich dem allgemeinen Gebete mit dem besonderen anschloß: »Heilige Mutter Gottes, biete mein Leben deinem göttlichen Sohne, wenn das Leben eines armen Fischers wie ich das Leben unseres geliebten Vicekönigs erkaufen kann.« Dir, mein Vater, und Gott würde ich nichts Anderes zu sagen haben, als was dieser Mann zu der Madonna sagte.«
»Dieses Opfer wäre zu groß,« antwortete der Fürst mit sanftem Kopfschütteln. »Ich habe mein Leben gelebt, mag es nun gut oder schlecht gewesen sein. An Dir, mein Kind, ist es, das deinige zu leben und damit wir es so glücklich als möglich machen können, so theile mir alle deine Geheimnisse mit.«
»Ich habe keine Geheimnisse mitzutheilen,« sagte Luisa, indem sie ihren Vater mit ihren großen feuchten Augen ansah, in welchen sich ein gewisser Ausdruck von Erstaunen malte.
»Bist Du nicht neunzehn Jahre alt, Luisa?«
»Ja, mein Vater.«
»Aber Du hast doch wahrscheinlich nicht dieses Alter erreicht, ohne Jemanden zu lieben.«
»Ich liebe Dich, mein Vater, ich liebe den Chevalier, der deine Stelle an mir vertreten, damit ist der Kreis meiner Neigungen geschlossen.«
»Du verstehst mich nicht, oder thut blos, als ob Du mich nicht verstündet, Luisa. Ich frage Dich, ob Du keinen der jungen Männer ausgezeichnet hat, welche Du bei San Felice gesehen oder anderwärts getroffen hast.«
»Wir gingen niemals aus, mein Vater, und ich habe bei meinem Vormund nie einen anderen jungen Mann gesehen, als meinen Milchbruder Michele, welcher alle vierzehn Tage erschien, um die kleine Unterstützung zu holen, die ich seiner Mutter gewährte.«
»Dann bist Du also Niemanden mit wirklicher Liebe zugethan?«
»Nein, mein Vater.«
»Und Du hast bis jetzt glücklich gelebt?«
»Ja, sehr glücklich.«
»Und Du wünschtest nichts?«
»Dich wiederzusehen, weiter nichts.«
»Würde eine Reihenfolge von Tagen gleich denen, welche Du bis jetzt verlebst, Dir als ein genügendes Glück erscheinen?«
»Ich würde von Gott nichts Anderes erbitten, als einen solchen Weg, um mich zum Himmel zu führen. Der Chevalier ist so gut!«
»Höre mich an, Luisa: Du wirst den Werth dieses Mannes niemals in seinem vollen Umfange erkennen.«
»Wenn Du nicht da wärest, mein Vater, so würde ich sagen, ich kenne kein besseres, kein zärtlicheres, kein hingebenderes Wesen als ihn. O, alle Welt kennt seinen Werth, mein Vater, nur er selbst nicht, und diese Unkenntniß ist wiederum eine seiner Tugenden.«
»Luisa, ich habe seit einigen Tagen, das heißt seitdem ich nur noch an Zweierlei, an den Tod und an Dich, denke, einen Traum geträumt. Dieser Traum besteht darin, daß Du vielleicht mitten durch diese lasterhafte und verderbte Welt wandeln könntest, ohne Dich mit derselben zu vermengen. Höre, wir haben keine Zeit mit eitlen Vorbereitungen zu verlieren. Sag, die Hand aufs Herz, würdest Du Widerstreben empfinden, die Gattin des Chevalier zu werden?«
Luisa zuckte zusammen und sah den Fürsten an.
»Hast Du mich nicht gehört?« fragte dieser.
»O ja, mein Vater; die Frage aber, welche Du soeben an mich stelltest, war von meinen Gedanken so weit.«
»Gut, meine Luisa, sprechen wir denn nicht weiter davon,« sagte der Fürst, welcher hinter dieser Antwort einen verkappten Widerstand zu sehen glaubte. »Ich that in meinem Egoismus diese Frage mehr um meinet- als um deinetwillen. Wenn man stirbt, siehst Du, ist man voll Unruhe und Ungewißheit, besonders wenn man an das Leben zurückdenkt. Ich wäre ruhig und deines Glückes sicher gestorben, wenn ich Dich einem so großen Geiste, einem so edlen Herzen hätte anvertrauen können. Sprechen wir jedoch nicht weiter davon, sondern rufen wir ihn wieder herein. – Luciano!«
Luisa, drückte ihrem Vater die Hand, wie um ihn zu hindern, den Namen des Chevalier zum zweiten Male auszusprechen.
Der Fürst sah sie an.
»Ich habe Dir noch nicht geantwortet, mein Vater,« sagte sie.
»Nun, so antworte doch! Wir haben keine Zeit zu verlieren.«
»Mein Vater, sagte Luisa, »ich liebe Niemanden, wenn ich aber auch Jemanden liebte, so würde ich doch einen von Dir in einem solchen Augenblick ausgesprochenen Wunsch als einen Befehl betrachten.«
»Ueberlege Dir es wohl,« hob der Fürst wieder an und ein Ausdruck von Freude verklärte sein Gesicht.
»Ich habe gesprochen, mein Vater!« sagte Luisa, deren Antwort die erhabene Situation Festigkeit zu leihen schien.
»Luciano!« rief der Fürst.
San Felice trat wieder ein.
Komm, komm, schnell, mein Freund, sie willigt ein sie ist es zufrieden.«
Luisa reichte dem Chevalier ihre Hand.
»Worein willigt Du, Luisa?« fragte der Chevalier in sanftem, liebkosendem Ton.
»Mein Vater sagt, er würde glücklich sterben, wenn wir ihm versprächen, ich dein Weib und Du mein Gatte zu werden. Ich meinerseits habe das Versprechen gegeben.«
Wenn Luisa auf eine solche Eröffnung wenig vorbereitet gewesen war, so war der Chevalier es noch weniger. Er sah erst den Fürsten und dann Luisa an und rief:
»Aber das ist ja nicht möglich!«
Der Blick, mit welchem er aber Luisa betrachtete, gab deutlich zu verstehen, daß von seiner Seite die Unmöglichkeit nicht kommen würde.
»Nicht möglich? Warum nicht möglich?« fragte der Fürst.
»Sieh uns doch beide an! Sie steht in der ganzen Blüthe der Jugend, an der Schwelle des Lebens. Sie kennt die Liebe nicht, aber sie sehnt sich, sie kennen zu lernen. Und dagegen ich – ich mit meinen achtundvierzig Jahren, mit meinem grauen Haar, meinem durch anhaltende Studien gekrümmten Nacken! Du siehst wohl, daß es nicht möglich ist, Giuseppe.«
»Sie hat mir aber so eben gesagt, daß sie auf der ganzen Welt Niemanden liebe als uns zwei.«
»Das ist es eben! Sie liebt uns beide mit einer und derselben Liebe. Wir beide sind, einer den andern ergänzend, ihr Vater gewesen, Du durch das Blut, ich durch die Erziehung. Bald aber wird diese Liebe ihr nicht mehr genügen. Die Jugend bedarf des Frühlings, die Knospen treiben im März, die Blumen öffnen sich im April, die Hochzeiten der Natur werden im Mai gefeiert. Der Gärtner, welcher die Ordnung der Jahreszeiten verändern wollte, wäre nicht blos ein Unsinniger, sondern auch ein Gottloser.«
»O, dann ist also meine letzte Hoffnung entschwunden,« sagte der Fürst.
»Du sieht es wohl, mein Vater,« rief Luisa, »nicht ich bin es, die sich weigert, sondern er ist es.«
»Ja, ich bin es, der sich weigert; aber ich weigere mich mit meinem Verstand und nicht mit meinem Herzen. Weist der Winter wohl jemals einen Sonnenstrahl zurück? Wenn ich Egoist wäre, so würde ich sagen: Ich nehme das Anerbieten an! Ich würde Dich in meinen Armen davontragen, wie jene räuberischen Götter des Alterthums die Nymphen davontrugen. Du weißt aber, daß Pluto, obschon er ein Gott war, als er sich mit der Tochter der Ceres vermählte, ihr nichts zur Aussteuer geben konnte als eine ewige Nacht, in welcher sie vor Trauer und Langweile gestorben wäre, wenn ihre Mutter ihr nicht sechs Monate Tag zurückgegeben hätte. Denke daher weiter nicht daran, Caramanico.
Indem Du dein Kind und deinen Freund glücklich zu machen glaubtest, würdest Du zwei Herzen mit Trauer erfüllen.«
»Er liebte mich wie seine Tochter, aber zur Gattin will er mich nicht,« sagte Luisa. »Ich liebte ihn wie meinen Vater und dennoch würde ich ihn gern als meinen Gatten sehen.«
»Sei gesegnet, meine Tochter,« sagte der Fürst.
»Und ich, Giuseppe, hob der Chevalier wieder an, »ich bin von dem väterlichen Segen ausgeschlossen. Wie,« fuhr er die Achseln zuckend fort, »wie kommt es, daß Du, der Du alle Leidenschaften erschöpft hast, Dich so über jenes große Geheimniß täuschet, welches man das Leben nennt?«
»Ha,« rief der Fürst, »eben weil ich alle Leidenschaften erschöpft, eben weil ich jene Früchte des Asphaltsees gekostet und voll Asche gefunden, eben deshalb wünschte ich Luisa ein sanftes, ruhiges, leidenschaftsloses Leben, ein Leben, so wie sie es bis jetzt geführt und in welchem sie sich, wie sie selbst versichert, so glücklich gefühlt hat. Nicht wahr, Du sagtest, Du seist bis auf den heutigen Tag stets glücklich gewesen?«
»Ja, mein Vater, sehr glücklich!«
»Hörst Du wohl, Luciano?«
»Gott ist mein Zeuge,« sagte der Chevalier, indem er Luisa beim Kopfe faßte, feine Lippen ihrer Stirn näherte und denselben Kuß darauf drückte, den er ihr alle Morgen gab, »Gott ist mein Zeuge, daß auch ich glücklich gewesen bin. Eben so ist auch Gott mein Zeuge, daß an dem Tage, wo Luisa mich verläßt, um einem Gatten zu folgen, für mich Alles dahin sein wird, was ich auf der Welt liebe, was mich ans Leben fesselt. An diesem Tage, mein Freund, werde ich mein Sterbegewand anlegen und nur noch den Tod erwarten.«
»Nun und dann?« rief der Fürst.
»Hab' ich also nicht Recht?«
»Sie wird aber lieben, sage ich Dir!« rief San Felice in einem so schmerzlichen Tone, wie seine Stimme bis jetzt noch nicht angenommen. »Sie wird lieben, und der Mann, welchen sie lieben wird, werde nicht ich sein. Sag' selbst, ist es nicht besser, daß sie als junges und freies Mädchen liebe, denn als Frau und gebunden? Ist sie frei, so wird sie davonfliegen wie der Vogel, den der Gesang eines andern lockt. Und was fragt der Vogel, welcher davonflattert, darnach, ob der Zweig, auf dem er gesessen, dann zittert, verwelkt und abstirbt?«
Mit einem Ausdruck von Melancholie, der nur dieser poetischen Natur angehörte, setzte er dann hinzu:
»Wenn der Vogel wenigstens zurückkäme, um auf dem verlassenen Zweige sein Nest zu bauen, dann würde vielleicht auch dieser sich wieder erholen.«
»Da ich Dir nicht ungehorsam sein will, mein Vater, sagte Luisa, »so werde ich mich niemals vermählen.«
»Unfruchtbares Reis des von dem Sturme niedergeworfenen Baumes, murmelte der Fürst, »verwelke denn mit ihm.«
Und er ließ den Kopf auf die Brust herabsinken. Eine Thräne fiel aus seinen Augen auf die Hand Luisas, welche diese Hand emporhob und die Thräne schweigend dem Chevalier zeigte.
»Wohlan, da Ihr es beide wollt,« sagte der Chevalier, »so willige ich darein, das heißt, ich willige in das, was ich auf der Welt am meisten gleichzeitig fürchte und wünsche, aber ich stelle eine Bedingung.«
»Welche?« fragte der Fürst.
»Die Vermählung darf nicht eher stattfinden als in einem Jahre. Während dieses Jahres wird Luisa die Welt sehen, die sie bis jetzt noch nicht gesehen. Sie wird viele junge Männer kennen lernen, welche sie noch nicht kennt. Wenn in einem Jahre keiner der Männer, die ihr begegnet sein werden, ihr gefällt, wenn sie in einem Jahre noch immer so bereit ist, auf diese Welt zu verzichten, wie sie es heute ist, wenn sie mit einem Worte in einem Jahre zu mir sagt: »Im Namen meines Vaters, mein Freund, sei mein Gatte!« dann werde ich keinen Einwand weiter erheben und, wenn auch nicht überzeugt, doch wenigstens durch die von ihr bestandene Probe besiegt sein.«
»Ach, mein Freund!« rief der Fürst, indem er die beiden Hände des Chevaliers ergriff.
»Höre an, was ich noch zu sagen habe, Giuseppe,« fuhr dieser fort, »und sei Zeuge des feierlichen Gelübdes, welches ich thue, und der unversöhnliche Rächer desselben, wenn ich ihm untreu werde. Ja, ich glaube an die Reinheit, an die Keuschheit, an die Tugend dieses Kindes, wie ich an die der Engel glaube; aber dennoch ist sie Weib, sie kann straucheln.«
»O!«, murmelte Luisa, indem sie sich mit beiden Händen das Gesicht verhüllte.
»Sie kann straucheln, wiederholte San Felice. »In diesem Falle verspreche ich Dir, Freund, ich schwöre Dir, Bruder, auf dieses Crucifix, vor welchem unsere Hände sich ineinander schließen, wenn ein solches Unglück geschähe, so schwöre ich Dir, diesem Fehltritt gegenüber nur Erbarmung und Verzeihung zu üben und über die arme Sünderin nur die Worte zu sprechen, welche unser göttlicher Erlöser über die Ehebrecherin sprach: »Wer unter Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.« Deine Hand, Luisa!«
Das junge Mädchen gehorchte, Caramanico nahm das Crucifix und hielt es ihnen vor.
»Caramanico,« sagte San Felice, indem er seine Hand mit der Luisas über das Crucifix ausstreckte, »ich schwöre Dir, daß, wenn Luisa in einem Jahre noch ihre heutige Gesinnung bewahrt, sie dann an demselben Tage, in derselben Stunde mein Weib werden wird. Und nun, mein Freund, stirb ruhig. Ich habe geschworen.«
Und in der That, in der folgenden Nacht, das heißt in der Nacht vom 14. zum 15. December 1795, starb der Fürst Caramanico mit lächelndem Munde und die vereinigten Hände des Chevaliers und Luisas in der einigen haltend.
Viertes Capitel.
Ein Probejahr
Die Trauer war groß in Palermo. Das Leichenbegängniß, welches, wie gewöhnlich, während der Nacht stattfand, war prachtvoll. Die ganze Stadt folgte dem Zuge. Die ihrem ganzen Umfange nach in eine brennende Capelle verwandelte Kathedrale konnte die Menge nicht fassen. Diese Menge füllte noch den Platz vor der Kirche und, so groß derselbe auch war, bis in die Toledostraße hinein.
Hinter dem mit einem großen mit silbernen Thränen besäeten und mit den ersten Orden Europas geschmückten Tuche von schwarzem Sammet bedeckten Sarg kam, von zwei Pagen geführt, das Reitpferd des Fürsten.
Das arme Thier keuchte stolz unter seinem goldenen Geschirr, denn es kannte ebensowenig den Verlust, den es erlitten, als das Schicksal, welches seiner harrte.
Als man die Kirche verließ, nahm es wieder seinen Platz hinter dem Leichenwagen ein. In demselben Augenblick aber näherte sich der erste Stallmeister des Fürsten mit einer Lanzette in der Hand, und während das edle Roß ihn erkannte und freudig wieherte, öffnete er ihm die Drosselader.
Das Thier stieß einen schwachen Klageton aus, denn obschon der Schmerz nicht groß war, so mußte die Wunde doch tödtlich sein. Es schüttelte seinen mit Federbüschen von den Farben des Fürsten – das heißt weiß und grün – geschmückten Kopf und setzte seinen Weg weiter fort.
Ein dünner, aber ununterbrochener Blutfaden rann ihm vom Halse über die Brust herab und ließ seine Spur auf dem Pflaster zurück.
Nach Verlauf einer Viertelstunde taumelte es zum ersten Male und richtete sich wiehernd, aber nicht mehr vor Freude, sondern vor Schmerz, wieder auf.
Der Zug bewegte sich unter dem Gesange der Priester, dem Scheine der Kerzen und dem Dampf des Weihrauches durch die schwarz ausgeschlagenen Straßen, unter den Trauerbogen von Cypressen hindurch.
Auf dem Campo santo oder Begräbnißplatz der Capuziner hatte man eine einstweilige Gruft für den Fürsten bereitet, denn seine Leiche sollte später in die Capelle seiner Familie nach Neapel gebracht werden.
Am Thore der Stadt taumelte das Pferd, von dem Blutverlust immer schwächer werdend, zum zweiten Mal. Es wieherte vor Angst und sein Auge ward starr.
Zwei Fremde, zwei Unbekannte, ein Mann und eine junge Dame, führten diesen beinahe königlichen Leichenzug, welchem sich die höchsten Classen der Gesellschaft ebenso angeschlossen hatten wie die tiefsten.
Es war der Chevalier und Luisa, welche ihre Thränen mischten, und das Eine murmelte: »Mein Vater!« das Andere: »Mein Freund!«
an langte bei der Gruft an, die blos durch eine große Steinplatte bezeichnet ward, auf welcher das Wappen und der Name des Fürsten eingegraben war.
Diese Steinplatte ward aufgehoben, um den Sarg einsenken zu lassen und ein unermeßliches, von hunderttausend Stimmen gesungenes De profundis stieg zum Himmel empor.
Das mit dem Tode ringende Pferd, welches bis hierher die Hälfte seines Blutes verloren, war auf die beiden Knie niedergesunken. Es war, als ob das arme Thier ebenfalls für seinen Herrn betete. Als aber der letzte Ton des Gesanges der Priester verhallte, sank es auf der wieder geschlossenen Steinplatte völlig zusammen, streckte sich darauf aus, wie um den Zugang zu bewachen und hauchte den letzten Seufzer aus.
Es war dies ein Ueberbleibsel der kriegerischen und poetischen Gebräuche des Mittelalters. Das Roß durfte den Reiter nicht überleben.
Noch zweiundvierzig andere Pferde, welche die Ställe des Fürsten ausmachten, wurden auf der Leiche des ersten geopfert.
Man löschte die Wachskerzen aus und der ganze unendliche Zug kehrte schweigend wie eine Prozession von Gespenstern in die düstere Stadt zurück, wo kein Licht weder in den Straßen noch an den Fenstern zu sehen war.
Es war, als beleuchtete eine einzige Fackel die ungeheure Todtenstadt und als wäre, nachdem der Tod die Fackel ausgeblasen, Alles wieder in Nacht versunken.
Am nächstfolgenden Tage beim ersten Morgengrauen schifften San Felice und Luisa sich wieder ein und reisten nach Neapel zurück. Drei Monate wurden diesem aufrichtigen Schmerz gewidmet, drei Monate, während welcher man dasselbe Leben führte, wie in der Vergangenheit, nur trauriger.
Als diese drei Monate um waren, verlangte San Felice, daß das Probejahr begönne, das heißt daß Luisa die Welt sähe.
Er kaufte einen Wagen und Pferde, den elegantesten Wagen, die besten Pferde, die er finden konnte. Er vermehrte seinen Haushalt um einen Kutscher, einen Kammerdiener und eine Zofe, und begann sich mit Luisa unter die täglichen Spazierfahrer in Toledo und Chiaja zu mischen.
Die Herzogin von Fusco, ihre Nachbarin, eine dreißigjährige Witwe und Besitzerin eines großen Vermögens, empfing viel Besuch aus der besten Gesellschaft von Neapel. Sie hatte, durch jene in den Italienerinnen so mächtige Sympathie bewogen, ihre junge Freundin oft eingeladen, ihren Abendgesellschaften beizuwohnen, aber Luisa hatte sich stets geweigert, denselben zu folgen und sich dabei auf das zurückgezogene Leben berufen, welches ihr Vormund führte.
Jetzt war es der Chevalier selbst, welcher zu der Herzogin Fusco ging und sie bat, ihre Einladungen an seine Mündel zu wiederholen, was die Herzogin auch mit großem Vergnügen that.
Der Winter von 1796 war daher für die arme Waise gleichzeitig eine Zeit der Feste und der Trauer. Bei jeder neuen Gelegenheit, welche ihr Vormund ihr verschaffte, damit sie sich zeigen und folglich glänzen könne, setzte sie lebhaften Widerstand und aufrichtigen Schmerz entgegen, aber San Felice antwortete mit dem allerliebsten Wahlspruch ihren Kindheit:
»Geh' fort, Kummer! Papa will es.«
Der Kummer ging aber nicht fort, sondern verschwand blos von der Oberfläche. Luisa verschloß ihn in die Tiefe ihres Herzens, aber er leuchtete aus ihrem Auge und malte sich auf ihrem Gesicht, und diese sanfte Melancholie, welche sie einhüllte wie eine Wolke, machte sie nur um so schöner.
Uebrigens wußte man, daß sie, wenn auch nicht eine reiche Erbin, doch wenigstens das war, was man, wenn vom Heiraten die Rede ist, eine gute Partie nennt.
Sie besaß in Folge der von ihrem Vater gebrauchten Vorsicht und der ihrem kleinen Vermögen von dem Chevalier gewidmeten Fürsorge einhundertundzwanzigtausend Ducaten Aussteuer, das heißt eine halbe Million Francs, welche bei dem besten Hause in Neapel, nämlich bei Simon André, Backer und Comp., den königlichen Bankiers, angelegt war.
Uebrigens wußte man nicht, daß San Felice, für dessen natürliche Tochter man sie hielt, irgend eine andere Erbin hätte, und der Chevalier mußte, wenn er auch gerade kein großer Capitalist war, doch ebenfalls ein ganz anständiges Vermögen besitzen.
Wer in dergleichen Angelegenheiten einmal berechnet, der berechnet Alles.
Luisa hatte bei der Herzogin Fusco einen Mann von dreißig bis fünfunddreißig Jahren kennen gelernt, welcher einen der schönsten Namen von Neapel trug und sich in dem Kriege von 1793 bei Toulon rühmlicht hervorgethan hatte. Er hatte eben mit dem Titel eines Brigadiers das Commando eines Cavalleriecorps erhalten, welches bestimmt war, als Hilfstruppen in der österreichischen Armee während des Feldzugs zu dienen, welcher im Jahre 1796 in Italien eröffnet werden sollte. Dieser Mann hieß der Fürst von Moliterno.
Er hatte damals noch nicht jenen Säbelhieb über das Gesicht bekommen, welcher, indem er ihn eines Auges beraubte, ihm den Stempel eines Muthes aufdrückte, welchen übrigens es Niemanden eingefallen wäre, ihm streitig zu machen.
Er besaß einen großen Namen, ein ziemliches Vermögen und einen Palast in Chiaja. Er sah Luisa, verliebte sich in sie, bat die Herzogin Fusco, seine Vermittlerin bei ihrer jungen Freundin zu sein und – trug einen Korb davon.
Luisa war ferner oft in Toledo und in Chiaja, wenn sie mit ihrer schönen Equipage, welche ihr Vormund ihr gekauft, spazieren fuhr, einem liebenswürdigen Cavalier von kaum fünf- bis sechsundzwanzig Jahren begegnet, welcher gleichzeitig der Richelieu und der Saint-Georges von Neapel war.
Es war dies der älteste Bruder von Nicolino Caracciolo, mit welchem wir in dem Palast der Königin Johanna Bekanntschaft gemacht, der Herzog von Rocca Romana.
Viele Gerüchte, welche vielleicht in unsern Hauptstädten des Nordens für einen Edelmann eben nicht sehr ehrenhaft sein würden, die aber in Neapel, dem Lande der lockeren Sitten und der schmiegsamen Moral, nur dazu dienten, sein Ansehen zu erhöhen, waren in Bezug auf ihn in Umlauf und machten ihn für die goldene Jugend von Neapel zu einem Gegenstand des Neides.
Man sagte nämlich, er sei einer der ephemeren Liebhaber, welche der Favoritminister Acton der Königin gestattete, wie Potemkin der Kaiserin Katharina, nämlich unter der Bedingung, daß er selbst der unabsetzbare Liebhaber bliebe.
Eben so behauptete man auch, daß die Königin den Aufwand für die schönen Pferde und die zahlreiche Dienerschaft des Herzogs bestritte, dessen Vermögen nicht bedeutend genug war, um ihm solche Ausgaben möglich zu machen, und daß der Herzog sich einer Gunst erfreue, welche ihm den Weg überallhin bahne.
Eines Tages erschien der Herzog von Rocca Romana, welcher nicht wußte, wie er sich bei San Felice einführen sollte, im Namen des Erbprinzen Francesco, dessen Ober-Stallmeister er war. Er überbrachte dem Chevalier die Ernennung zum Bibliothekar Seiner königlichen Hoheit, einer Art Sinecure, welche der Prinz dem anerkannten Verdienste des Chevaliers anbot.
San Felice lehnte das Anerbieten ab und erklärte sich unfähig, nicht, Bibliothekar zu sein, sondern sich in die tausend kleinen Pflichten zu fügen, welche die Etikette jedem auferlegt, der ein Amt bei Hofe bekleidet.
Am nächstfolgenden Tage fuhr der Wagen des Prinzen an dem Thore des Palmbaumhauses vor und der Prinz erschien selbst, um bei dem Chevalier das Anerbieten seines Oberstallmeisters zu erneuern.
Von der Ablehnung einer solchen Ehre, die von dem künftigen Erben eines Königreiches angeboten ward, konnte natürlich keine Rede sein. San Felice schützte blos eine momentane Schwierigkeit vor und verlangte, daß Seine königliche Hoheit die Aeußerung ihres Wohlwollens noch um sechs Monate vertagen möge.
Nach Ablauf dieser sechs Monate war Luisa entweder die Gattin eines Andern oder die seinige. War sie die Gattin eines Andern, so bedurfte er der Zerstreuung, um sich zu trösten, war sie die einige, so war seine Ernennung ein Mittel, welches ihm die Pforte des Hofes öffnete und für Luisa selbst Zerstreuung gewähren mußte.
Der Prinz Francesco, ein sehr intelligenter Mann, welcher die Wissenschaft aufrichtig liebte, ging auf dieses Verlangen ein, sagte San Felice einige Schmeicheleien in Bezug auf die Schönheit seiner Mündel und entfernte sich.
Rocca Romana hatte aber nun freien Zutritt in dem Hause des Chevaliers und verschwendete an Luisa die Schätze seiner Beredsamkeit und die Wunder seiner Koketterie drei Monate lang, wiewohl vergeblich.
Die Zeit, welche Luisas Schicksal entscheiden sollte, nahte heran und Luisa beharrte trotz aller Verführung, von der sie umringt war, auf ihrem Entschluß, das ihrem Vater gegebene Versprechen zu halten.
San Felice wollte ihr nun genaue Rechnung über ihr ganzes Vermögen ablegen, um es von dem einigen zu trennen und damit Luisa, obschon seine Gattin, vollständig Herrin desselben wäre.
Er bat deshalb die Bankiers Backer, bei welchen die ursprüngliche Summe von fünfzigtausend Ducaten vor fünfzehn Jahren angelegt worden, ihm, wie die Bankiers es nennen, ein Situations-Conto aufzustellen.
André Backer, ältester Sohn von Simon Backer, erschien demgemäß bei San Felice mit allen Papieren, welche diese Capitalanlage betrafen.
Obschon Luisa an allen diesen geschäftlichen Einzelheiten kein großes Interesse nahm, so wollte San Felice doch, daß sie dieser Unterredung beiwohne.
André Backer hatte sie niemals in der Nähe gesehen und ward jetzt von ihrer wunderbaren Schönheit mächtig ergriffen.
Unter dem Vorwand, daß ihm noch mehrere Papiere fehlten, erneuete er seinen Besuch und erklärte endlich seinem Clienten, daß er sich sterblich in seine Mündel verliebt habe.
Er könne, sagte er, wenn er sich verheiratete, aus dem Hause seines Vaters eine Million entnehmen und die fünfhunderttausend Francs Luisa's, wenn sie einwillige seine Gattin zu werden, in Zukunft selbst verwalten. Binnen einigen Jahren werde er dieses Vermögen verdoppelt, vervierfacht, versechsfacht haben. Luisa würde dann eine der reichsten Frauen von Neapel sein. Sie könne dann am Eleganz mit der höchsten Aristokratie wetteifern und die vornehmsten Damen durch ihren Luxus verdunkeln, wie sie dieselben jetzt schon durch ihre Schönheit in den Schatten stelle.
Luisa ließ sich aber durch diese glänzende Perspective durchaus nicht blenden und San Felice, der stolz darauf war zu sehen, wie Luisa um seinetwillen in Moliterno auf Glanz des Namens, in Rocca Romana auf Geist und Eleganz und in André Backer auf Reichthum und Luxus verzichtet hatte, lud den Sohn des reichen Bankiers ein, sein Haus zu besuchen, so oft es ihm beliebe, aber nur unter der Bedingung, daß er gänzlich darauf verzichte, es wieder als Bewerber um Luisa's Hand zu betreten.
Endlich, nachdem die von San Felice selbst festgesetzte Frist am 14. November 1795, dem Jahrestage des von ihm dem sterbenden Fürsten Caramanico gegebenen Versprechens, abgelaufen war, wurden San Felice und Luisa Molina einfach, ohne allen Pomp, nur in Gegenwart des Prinzen Francesco, welcher seinem künftigen Bibliothekar als Zeuge dienen wollte, in der Kirche von Pie di Grotta vermählt.
Unmittelbar nachdem die Vermählung vollzogen war, bat Luisa ihren Gatten, sein Haus wieder ganz auf den Fuß zurückzuversetzen, auf welchem es vorher gestanden, denn sie wünschte mit ihm ganz in derselben einfachen Weise zu leben, in welcher sie mit ihm schon vierzehn Jahre lang gelebt.
Der Kutscher und der Kammerdiener wurden deshalb verabschiedet, der Wagen und die Pferde verkauft.
Man behielt blos noch das Kammermädchen Nina, welches seiner Herrin mit aufrichtiger Anhänglichkeit ergeben zu sein schien.
Die alte Wärterin, welche sich fortwährend nach ihrem Portici gesehnt, ward pensioniert und kehrte erfreut dahin zurück, wie ein Verbannter, der in sein Vaterland zurückgekehrt.
Von allen Bekannten, welche Luisa während der neun Monate erworben, welche sie sich in der Welt bewegte, behielt sie nur eine einzige Freundin.
Diese war die Herzogin Fusco, eine reiche Wittwe, die, wie wir schon bemerkt, höchstens zehn Jahre älter war als Luisa und welcher selbst die geübteste Schmähsucht nichts nachzusagen wußte, ausgenommen, daß sie sich vielleicht ein wenig zu laut und zu frei über die politischen Maßnahmen der Regierung und das Privatleben der Königin aussprach.
Es dauerte nicht lange, so waren die beiden Freundinnen unzertrennlich.
Die beiden Häuser waren früher ein einziges gewesen und blos in Folge einer Erbschaftsrücksicht getheilt worden. Man kam überein, daß, damit man sich ungehindert zu jeder Stunde des Tages und der Nacht sehen könnte, die alte Verbindungsthür, welche seit jener Erbschaftstheilung verschlossen gewesen, wieder geöffnet würde.
Man setzte den Chevalier San Felice von diesem Vorhaben in Kenntniß und dieser ließ, weit entfernt, in die Wiedereröffnung einen Uebelstand zu sehen, vielmehr sofort die deshalb nöthigen Arbeiten bewirken. Nichts konnte ihn für seine junge Frau erwünschter sein, als eine Freundin von dem Range, dem Alter und dem Rufe der Herzogin Fusco.
Von nun an waren die beiden Frauen unzertrennlich.
Ein ganzes Jahr verging in dem vollkommensten Erdenglücke. Luisa war nun einundzwanzig Jahre alt und vielleicht wäre ihr Leben in dieser heiteren, beseligenden Ruhe verflossen, wenn nicht einige unkluge Worte, welche die Herzogin Fusco über Emma Lyonna fallen gelassen, der Königin hinterbracht worden wären.
In Bezug auf ihre Favoritin aber verstand Caroline keinen Scherz und die Herzogin Fusco ward von Seiten des Polizeiministers aufgefordert, einige Zeit auf ihren Gütern zuzubringen.
Sie hatte eine ihrer Freundinnen mitgenommen, welche ebenfalls compromittiert war und Eleonora Fonseca Pimentel hieß. Diese war angeklagt, nicht blos gesprochen, sondern auch geschrieben zu haben.
Die Zeit, welche die Herzogin Fusco in der Verbannung zubringen sollte, war unbestimmt. Eine von demselben Minister ausgehende Notiz sollte ihr melden, daß es ihr erlaubt sei, nach Neapel zurückzukommen.
Sie reiste nach der Basilicata, wo ihre Güter lagen, und übergab Luisa sämmtliche Schlüssel ihres Hauses, damit in ihrer Abwesenheit ihre Freundin jene tausenderlei Verrichtungen bewirken lassen könne, welche die Instandhaltung eines kostbaren und eleganten Mobiliars nöthig macht.
Luisa war nun allein.
Der Prinz Francesco hatte große Freundschaft zu seinem Bibliothekar gefaßt und da er in ihm unter der Hülle eines Weltmannes eine ebenso umfangreiche als tiefe Gelehrsamkeit fand, so konnte er seiner Gesellschaft, welcher er vor der feiner Höflinge den Vorzug gab, nicht mehr entbehren.
Der Prinz Francesco besaß einen sanften, schüchternen Charakter, dem die Furcht später eine außerordentliche Verstellungsgabe lieh.
Erschreckt durch die politischen Gewaltthätigkeiten seiner Mutter, welche er immer unpopulärer werden sah, während er zugleich den Thron unter seinen Füßen wanken fühlte, wollte er die Popularität, deren die Königin verlustig ging, dadurch für sich gewinnen, daß er der von der neapolitanischen Regierung befolgten Politik völlig fremd, ja selbst feindlich erschiene.
Die Wissenschaft bot ihm eine Zuflucht. Er machte sich aus seinem Bibliothekar einen Schild und schien vollständig in eine archäologischen, philologischen und geologischen Studien versenkt, ohne jedoch deshalb den Gang der täglichen Ereignisse, welche nach seiner Meinung einer Katastrophe entgegendrängten, aus den Augen zu verlieren.
Er machte daher jene geschickte, versteckte und freisinnige Opposition, welche unter despotischen Regierungen die Erben der Krone in der Regel zu machen pflegen.
Während dies Alles geschah, hatte der Prinz sich ebenfalls vermählt und mit großem Pomp jene junge Erzherzogin Marie Clementine nach Neapel heimgeführt, deren Melancholie und Blässe an diesem Hofe dieselbe Wirkung äußerten wie in einem Garten eine Nachtblume, welche stets bereit ist, sich den Strahlen der Sonne zu verschließen.
Der Prinz hatte San Felice dringend aufgefordert, seine Gattin mit zu den Festen zu bringen, welche bei Gelegenheit seiner Vermählung stattgefunden. Luisa aber, die von ihrer Freundin, der Herzogin Fusco, über die Sittenverderbniß dieses Hofes sehr genau unterrichtet war, hatte ihren Gatten gebeten, sie von jedem Erscheinen im Palast zu entheben.
Ihr Gatte, der nichts inniger wünschte als seine Gattin ihr keusches Gynäceum allen andern Orten vorziehen zu sehen, hatte sie entschuldigt, so gut er konnte.
War die Entschuldigung als triftig betrachtet worden? Dies wußte man nicht, wenigstens aber hatte man sich damit begnügt.
Seit beinahe einem Jahre aber war, wie wir schon gesagt, die Herzogin Fusco abgereist und Luisa sah sich allein. Die Einsamkeit ist die Mutter der Träume und während Luisa so allein, ihr Gatte im Palast beschäftigt und ihre Freundin in die Verbannung geschickt war, hatte sie begonnen zu träumen.
Worüber, das wußte sie selbst nicht. Ihre Träume hatten keinen Kern und wurden von keinem Phantom bevölkert. Es war ein süßes, berauschendes Streben nach dem Unbekannten. Es mangelte ihr nichts, sie wünschte nichts und dennoch fühlte sie eine seltsame Leere, deren Sitz wenn nicht in ihrem Herzen, doch wenigstens schon in der Nähe desselben war.
Sie sagte bei sich selbst, daß ihr Gatte, der ja Alles wußte, ihr ganz gewiß eine Erklärung dieses für sie so neuen Zustandes geben könne.
Aber sie wußte nicht, warum sie lieber gestorben wäre, als sich an ihn gewendet hätte, um sich über diesen Punkt Aufklärung zu verschaffen.
In dieser Gemüthstimmung befand sie sich eines Tages, als ihr Milchbruder Michele kam und ihr von der albanesischen Wahrsagerin erzählte.
Nach einigem Zögern befahl sie ihm, ihr diese Frau den nächsten Tag Abends zuzuführen, weil ihr Gatte wahrscheinlich bis spät in die Nacht hinein am Hofe durch die Festlichkeiten zurückgehalten werden würde, welche man dort zu Ehren Nelsons und des Sieges gab, den er über die Franzosen erfochten.
Wir haben gesehen, was während dieses Abends auf drei verschiedenen Punkten – in dem englischen Gesandtschaftshotel, in dem Palast der Königin Johanna und im Palmbaumhaus – vorging und wie die Wahrsagerin, durch Michele in dieses Haus eingeführt, sei es nun aus Zufall oder aus Scharfsinn, oder aus wirklicher Kenntniß der geheimmißvollen Wissenschaft, welche unter dem Namen der Kabbala aus dem Mittelalter bis auf unsere Tage gelangt ist, in dem Herzen der jungen Frau gelesen und ihr die Veränderung vorhergesagt hatte, welche das nahe Erwachen der Leidenschaften in diesem noch so keuschen und makellosen Herzen hervorrufen sollte.
Das Ereigniß war, sei es Zufall, sei es Verhängniß, der Vorhersagung dicht auf dem Fuße gefolgt.
Durch ein unwiderstehliches Gefühl zu dem Manne hingetrieben, dem ihr schnelles Erscheinen wahrscheinlich das Leben gerettet, floh sie, wie wir gesehen haben, weil sie zum ersten Male ein Geheimniß für sich allein hatte, die Nähe ihres Gatten, stellte sich schlafend, empfing auf ihre jetzt von so unruhigen Gedanken erfüllte Stirn den ruhigen Gattenkuß, und erhob sich, sobald San Felice das Zimmer verlassen hatte, verstohlen mit nackten Füßen, um mit angstvollem Herzen und unruhigem Blick den über dem Bett des Verwundeten schwebenden Tod zu befragen.
Lassen wir sie mit den Zuckungen einer keimenden Liebe im Herzen am Bett des tödtlich Verwundeten wachen, und sehen wir, was am Tage nach dem, wo der Gesandte Frankreichs den Gästen Sir Willam Hamiltons jenes furchtbare Lebewohl zugerufen, im Cabinetsrath des Königs Ferdinand vorging.
Fünftes Capitel.
Der König
Wenn wir anstatt einer Erzählung historischer Ereignisse, welchen die Wahrheit ein um so furchtbareres Gepräge aufdrückt und welche überdies einen unauslöschlichen Platz in den Annalen der Weltgeschichte eingenommen, blos einen Roman von zwei bis dreihundert Seiten in der Absicht schreiben wollten, einer frivolen Leserin oder einem blasierten Leser durch eine Reihenfolge mehr oder weniger malerischer Abenteuer oder aus unserer Phantasie hervorgegangener, mehr oder weniger dramatischer Ereignisse einige Zerstreuung zu bieten, so würden wir, dem Grundsatz des lateinischen Dichters folgend und der Entwicklung zueilend, unsern Leser oder unsere Leserin sofort den Berathungen jenes Cabinetsraths, zu welchem der König Ferdinand sich einfand, und bei welchem die Königin Caroline den Vorsitz führte, beiwohnen lassen, ohne uns erst die Mühe zu nehmen, sie genauer mit den beiden Souveränen bekannt zu machen, von welchen wir in unserem ersten Capitel einen flüchtigen Schattenriß angedeutet haben.
Wir sind aber überzeugt, daß unsere Erzählung dann allerdings an raschem Gang gewinnen, dagegen an Interesse verlieren würde, denn je besser man die Personen, welche man agieren sieht, kennt, desto größer ist nach unserer Ansicht das Interesse, welches man an ihren guten oder schlimmen Thaten nimmt.
Uebrigens haben die seltsamen Persönlichkeiten, welche wir in den beiden gekrönten Helden dieser Geschichte in den Vordergrund treten zu lassen haben, so viele bizarre Seiten, daß gewisse Stellen unserer Erzählung unglaublich oder unverständlich sein würden, wenn wir nicht hier einen Augenblick Halt machten, um unsere in großen Strichen hingeworfenen Skizzen in zwei sorgfältig ausgeführte Oelporträts zu verwandeln, welche, wie wir im Voraus versprechen, mit den offiziellen Abbildungen von Königen und Königinnen, welche die Minister des Innern an die Hauptorte der Departements und der Cantons schicken, damit man dort die Präfekturen und die Mairien damit verziere, durchaus nichts gemein haben werden.
Gehen wir daher in Bezug auf die Dinge oder vielmehr auf die Personen noch ein wenig weiter zurück.
Der im Jahre 1759 erfolgte Tod Ferdinands des Sechsten rief seinen jüngsten Bruder, welcher in Neapel regierte, auf den spanischen Thron, auf welchem er ihm unter dem Namen Carl der Dritte folgte.
Carl der Dritte hatte drei Söhne.
Der erste hieß Philipp und wäre bei der Thronbesteigung seines Vaters Prinz von Asturien und ein Erbe der spanischen Krone geworden, wenn nicht die schlechte Behandlung, die er von seiner Mutter erfuhr, ihn wahnsinnig oder vielmehr blödsinnig gemacht hatte.
Der zweite Namens Carl füllte die durch die Umverwendbarkeit seines ältesten Bruders entstandene Lücke aus und regierte unter dem Namen Carl der Vierte.
Der dritte endlich hieß Ferdinand und sein Vater hinterließ ihm die Krone von Neapel, welche er mit der Schärfe des Schwertes gewonnen und die er gleichwohl gezwungen war, wieder aufzugeben.
Der junge Prinz, welcher, als sein Vater nach Spanien abging, sieben Jahre zählte, ward unter eine doppelte Vormundschaft, eine politische und moralische, gestellt.
Sein politischer Vormund war Tanucci, Regent des Königreichs; ein moralischer Vormund war der Fürst von San Nicandro, sein Lehrer.
Tanucci war ein feiner, schlauer Florentiner, welcher den ausgezeichneten Platz, den er in der Geschichte einnimmt, nicht seinem eigenen großen persönlichen Verdienst, sondern dem geringen Verdienst der Minister, welche auf ihn folgten, verdankt. Groß an und für sich betrachtet, würde er doch zu einer sehr gewöhnlichen Erscheinung zusammenschrumpfen, wenn man ihn mit einem Colbert oder auch nur mit einem Louvois vergliche.
Was den Fürsten von Nicandro betraf, welcher, wie man versicherte, von der Mutter Ferdinands, der Königin Marie Amelie, [ Wir brauchen wohl nicht erst zu sagen, daß diese Königin Marie Amelie, obschon dieselben Vornamen tragend, mit der achtungswürdigen und geachteten Königin Marie Amelie, der Witwe des Königs Ludwig Philipp, nichts gemeinsam hat als die Verwandtschaft.] derselben Fürstin, welche ihren ältesten Sohn durch schlechte Behandlung blödsinnig gemacht, das Recht gekauft hatte, aus ihrem dritten Sohn, wenn auch nicht einen Blödsinnigen, doch einen Ignoranten zu machen, und der, wie man versicherte, dieses Recht mit dreißigtausend Ducaten bezahlt hatte, so war er der reichste, der bornierteste und verderbteste der Höflinge, welche gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts den Thron der beiden Sicilien umschwärmten.
Man fragt sich, wie ein solcher Mann selbst mit Hilfe von Geld dazu gelangen konnte, Lehrer eines Fürsten zu werden, der einen so intelligenten Mann wie Tanucci zum Minister hatte.
Die Antwort hierauf ist sehr einfach. Taunucci, welcher Regent des Königreichs, das heißt, eigentlicher Regent beider Sicilien war, sah es gar nicht ungern, wenn diese Regentschaft auch über die Volljährigkeit eines vornehmen Mündels hinaus verlängert ward.
Als Florentiner hatte er das Beispiel der Florentinerin Katharina von Medicis vor Augen gehabt, welche nach der Reihe unter Franz dem Zweiten, Carl dem Neunten und Heinrich dem Dritten regiert hatte.
Nun konnte es ihm aber nicht fehlen, unter oder über Ferdinand, wie man will, zu regieren, wenn es dem Fürsten von San Nicandro gelang, aus seinem Zöglinge einen Fürsten zu machen, der eben so unwissend und eine eben so große Null war, wie sein Lehrer.
Wenn dies wirklich Tanuccis Wunsch war, so muß man sagen, daß der Fürst von San Nicandro ihm bereitwilligt entgegenarbeitete. Ein deutscher Jesuit war beauftragt, den König im Französischen zu unterrichten, was dieser aber niemals lernte, und da man es nicht angemessen fand, ihn italienisch zu lehren, so war die Folge davon die, daß er zur Zeit seiner Vermählung weiter nichts sprechen konnte als das Patoisde Lazzaroni, welches er von seiner Dienerschaft und den Kindern aus dem Volke gelernt, welche man zu seiner Zerstreuung zu ihm kommen ließ.
Marie Caroline brachte ihn so weit, daß er sich dieser Unwissenheit schämte, lehrte ihn lesen und schreiben, was er bis jetzt so gut wie nicht gekonnt, und ließ ihn ein wenig im reinen Italienisch unterrichten. In seinen gut gelaunten oder zärtlichen Augenblicken nannte er sie daher auch nicht anders als »meine liebe Schulmeisterin«, indem er auf diese Weise auf die Elemente seiner Erziehung anspielte, welche sie zu vervollständigen gesucht hatte.
Wünscht man ein Beispiel von der Beschränktheit des Fürsten von San Nicandro zu hören? Wir wollen eins erzählen.
Eines Tages fand der würdige Lehrer in Ferdinands Händen die »Memoiren Sullys, welche der junge Prinz zu entziffern suchte, weil er gehört, daß er von Heinrich dem Vierten abstamme und daß Sully Minister Heinrich des Vierten gewesen sei. Das Buch ward ihm sofort weggenommen und dem Unvorsichtigen, der ihm dieses schlechte Buch geliehen, ein scharfer Verweis ertheilt. Wir erwähnen diese erste Erziehung ganz besonders deshalb, damit man dem König Ferdinand für die tadelnswerthen Handlungen, die man ihn im Laufe dieser Erzählung begehen sehen wird, keine schwerere Verantwortlichkeit aufbürde, als die Gerechtigkeit gestattet.
Nachdem wir diesen ersten Punkt der historischen Unparteilichkeit festgestellt, wollen wir sehen, wie es eigentlich mit dieser Erziehung aussah.
Das Gewissen des Fürsten von San Nicandro begnügte sich nicht mit der tröstlichen Ueberzeugung, daß er, da er selbst nichts wußte, seinem Zöglinge auch nichts lehren konnte, sondern um ihn in einer ewigen Kindheit zu erhalten, während doch zugleich die physischen Eigenschaften, womit die Natur ihn begabt, durch tüchtige Leibesübungen entwickelt würden, entfernte er von ihm Alles – Mensch oder Buch – was in seinem Gemüthe das mindeste Licht über das Schöne, über das Gute und über das Wahre verbreiten konnte.
Der König Carl der Dritte war wie Nimrod ein großer Jäger vor dem Herrn. Der Fürst von San Nicandro that Alles, was in seinen Kräften stand, damit wenigstens in dieser Beziehung der Sohn in die Fußstapfen des Vaters träte. Deshalb setzte er alle tyrannischen Jagdgesetze, die selbst unter Carl dem Dritten außer Anwendung gekommen waren, wieder in Kraft. Die Wilddiebe wurden mit Gefängniß, Kettentragen und selbst mit der Wippe bestraft.
Man bevölkerte die königlichen Forsten wieder mit Hochwild. Man vervielfältigte die Aufseher, und damit die Jagd, dieses anstrengende Vergnügen, den jungen Fürsten nicht zu sehr ermüde und damit er während der dadurch nöthig gemachten Erholungszeit nicht auf den allerdings nicht wahrscheinlich, aber doch immer möglichen Gedanken verfiele, irgendeine Wissenschaft studieren zu wollen, brachten seine Lehrer ihm Geschmack am Fischfang, einem ruhigen bürgerlichen Vergnügen, bei, welches nach dem anstrengenden und königlichen Vergnügen der Jagd zur Erholung dienen konnte.
Eins von den Dingen, welche den Fürsten von San Nicandro in Bezug auf die Zukunft des Volkes, über welches sein Zögling zu regieren berufen war ganz besonders beunruhigten, war, daß dieser ein von Natur sanftes und gutes Gemüth besaß. Es war deshalb dringend nöthig, diese beiden Eigenschaften in dem Herzen eines jungen Königs nicht Wurzel fassen zu lassen.
Der Fürst von San Nicandro schlug zu diesem Zwecke folgenden Weg ein.
Er wußte, daß der älteste Bruder seines Zöglings, der, welcher Prinz von Asturien geworden und seinem Vater nach Spanien gefolgt war, während seines Aufenthaltes in Neapel es sich zum großen Vergnügen gemacht hatte, lebendigen Kaninchen die Haut abzuziehen.
Der Fürst suchte auch Ferdinand Geschmack an diesem Zeitvertreib beizubringen, der arme Knabe legte aber dagegen einen solchen Widerwillen an den Tag, daß San Nicandro beschloß, ihn die armen Thiere blos todtschlagen zu lassen.
Um diesem Vergnügen den Reiz der überwundenen Schwierigkeit zu geben, und da man aus Furcht, er werde sich selbst verletzen, einem acht- oder neunjährigen Knaben noch kein Schießgewehr in die Hand geben konnte, so trieb man vierzig bis fünfzig Stück im Netz gefangene Kaninchen in einem Hofe zusammen und jagte sie durch eine in einer Thür angebrachte Oeffnung, hinter welcher der junge König mit einem Stocke stand, und die an ihm vorbeirennenden Thiere erlegte oder fehlte.
Ein anderes Vergnügen, an welchem der Zögling des Fürsten von San Nicandro nicht weniger Geschmack fand, war das, daß er Thiere auf Tüchern prellen ließ. Leider kam er eines Tages auf die unglückliche Idee, einen der Jagdhunde des Königs, seines Vaters, prellen zu lassen, was einen strengen Verweis und das unbedingte Verbot zur Folge hatte, jemals wieder einen dieser edlen Vierfüßler zu behelligen.
Als König Carl der Dritte nach Spanien abgereist war, sah der Fürst von San Nicandro kein Hinderniß mehr, seinem Zögling die verlorene Freiheit zurückzugeben und dieselbe sogar von den Vierfüßlern auf die Zweifüßler zu erstrecken.
So sah er eines Tages, als Ferdinand Ball schlug, unter denen, welche ihm bei diesem edlen Spiel zusahen, einen magern, weißgepuderten und mit einem geistlichen Gewand bekleideten jungen Mann.
Ihn sehen und den unwiderstehlichen Wunsch, ihn prellen zu lassen, empfinden, war das Werk eines Augenblickes.
Ferdinand sagte einem der zum Empfang seiner Befehle bereit stehenden Lakai einige Worte ins Ohr. Der Lakai eilte nach dem Schlosse – der Vorfall ereignete sich in Portici – und kehrte mit einem großen Tuch zurück. Sobald dieses zur Stelle gebracht war, verließen der König und drei Spieler das Spiel, ließen den bezeichneten jungen Mann von dem Lakai packen, auf das Tuch, welches sie an den vier Zipfeln hielten legen, und prellten ihn unter dem Gelächter der Zuschauer und dem Beifallsgeschrei des gemeinen Volkes.
Der junge Mann, welchem diese Schmach zugefügt ward, war der jüngste Sohn einer edlen florentinischen Familie. Die Scham, die er darüber empfand, auf diese Weise dem Prinzen zum Spielwerk und dem Pöbel und Lakaientroß zum Gelächter gedient zu haben, war so groß, daß er Neapel noch denselben Tag verließ, nach Rom ging, hier gleich nach seiner Ankunft erkrankte und nach Verlauf von wenigen Tagen starb.
Der Hof von Toscana beschwerte sich bei den Cabineten von Neapel und Madrid, der Tod eines kleinen Abbé und jüngeren Sohnes war aber von zu geringer Bedeutung, als daß durch den Vater des Schuldigen oder den Schuldigen selbst irgendwelche Genugthuung gegeben worden wäre.
Man begreift, daß der König, als Kind gänzlich mit dergleichen Vergnügungen beschäftigt, sich in der Gesellschaft unterrichteter Leute langweilte und als junger Mann sich derselben schämte.
Er verbrachte deshalb seine ganze Zeit theils auf der Jagd, theils beim Fischfang oder damit, daß er Kinder seines Alters exercieren ließ, indem er sie im Hofe des Schlosses versammelte und mit Besenstielen bewaffnete, Sergeanten, Lieutenants und Capitäne ernannte und die, welche schlecht exercirten oder schlecht commandierten, mit seiner Peitsche durchhieb.
Trotz dieser mangelhaften Erziehung bewahrte der König doch einen gewissen gesunden Menschenverstand, welcher, wenn er nicht in entgegengesetzter Richtung beeinflußt ward, ihn zum Rechten und Wahren führte.
In der ersten Hälfte seines Lebens, nämlich vor der französischen Revolution und so lange er nicht das Eindringen dessen, was er die schlechten Grundsätze nannte, fürchtete, weigerte er sich niemals, Aemter oder Pensionen den Männern zu verleihen, welche ihm als verdienstvoll empfohlen wurden.
Obschon er selbst nur das Patois des Hafendammes sprach, so war er doch für eine erhabene und beredte Sprache durchaus nicht unempfindlich.
Eines Tages gelang es einem Barfüßermönch, Namens Pater Fosco, der von den Mönchen seines Klosters verfolgt ward, weil er gelehrter und ein besserer Prediger war als diese, bis vor den König zu kommen; er warf sich ihm zu Füßen und erzählte ihm, was er von der Eifersucht und Unwissenheit seiner Collegen zu leiden hatte.
Der König ließ, betroffen von der Eleganz seiner Worte und der Energie seiner Ausdrucksweise, ihn lange sprechen und antwortete dann endlich:
»Laßt mir euren Namen da und kehrt in euer Kloster zurück. Ich gebe Euch mein Ehrenwort, daß Ihr das erste erledigte Bisthum erhalten sollt.«
Das erste Bisthum, welches zur Erledigung kam, war das von Monopoli in der Provinz Bari am adriatischen Meere.
Der Gewohnheit gemäß präsentierte der Großalmosenier dem König drei Candidaten, die sämmtlich aus vornehmen Familien bestanden.
Der König Ferdinand schüttelte jedoch den Kopf und sagte:
»Seitdem Ihr beauftragt seid, Candidaten zu präsentiren, habt Ihr mich veranlaßt, sehr viele Bischofsmützen an Esel zu verleihen, für welche ein Packsattel weit angemessener gewesen wäre. Heute beliebt es mir, einen Bischof nach meiner Façon zu machen. Ich hoffe, daß er besser sein wird als alle, welche Ihr mir aufs Gewissen geladen und wegen deren Ernennung ich Gott und den heiligen Januarius um Verzeihung bitte.«
Und die drei Namen durchstreichend, schrieb er den des Pater Fosco hin.
Pater Fosco ward auf diese Weise, wie Ferdinand vorausgesehen, einer der ausgezeichnetsten Bischöfe des Königreichs und als eines Tages Jemand, der ihn predigen gehört, gegen den König nicht blos die Beredsamkeit, sondern auch den musterhaften Lebenswandel des ehemaligen Barfüßermönchs lobte, antwortete Ferdinand:
»Ich würde immer auf diese Weise wählen, bis jetzt habe ich aber nur einen einzigen verdienstvollen Mann unter den Leuten der Kirche kennen gelernt. Der Großalmosemier bringt allemal nur Esel in Vorschlag. Freilich aber kennt der arme Mann Niemanden weiter als seine Stallgenossen.«
Ferdinand gab zuweilen Beweise von einer Gutmüthigkeit und Leutseligkeit, welche an die seines Ahns Heinrichs des Vierten erinnerte.
Eines Tages, als er in Uniform im Park von Caserta spazieren ging, näherte sich ihm eine Bäuerin und sagte zu ihm:
»Man hat mir versichert, mein Herr, daß der König oft in dieser Allee spazieren ginge. Wissen Sie vielleicht, ob ich Aussicht habe, ihm heute hier zu begegnen?«
»Gute Frau,« antwortete Ferdinand, »wann der König hier vorüberkommen wird, kann ich Euch nicht sagen, wenn Ihr aber etwas bei ihm anzubringen habt, so kann ich es ihm mittheilen, weil ich Dienst bei ihm habe.«
»Nun denn,« sagte die Frau, »die Sache ist die. Ich habe einen Prozeß und da ich als arme Witwe dem Berichterstatter beim Spruchgericht kein Geschenk machen kann, so hat dieser die Sache schon seit drei Jahren liegen lassen.«
»Habt Ihr darüber eine Bittschrift aufsetzen lassen?«
»Ja, mein Herr, hier ist sie.«
« »Gebt sie mir und kommt morgen zu derselben Stunde wieder. Ich werde sie Euch, mit der Randbemerkung des Königs versehen wieder zurückgeben.«
»Und ich,« sagte die Witwe, »ich habe blos drei fette Truthühner, wenn Sie aber dies für mich thun, so gehören die drei Truthühner Ihnen.«
»Nun dann kommt morgen mit euren drei Truthühnern wieder, gute Frau, und eure Bittschrift soll erledigt werden.«
Die Witwe fand sich pünktlich ein, aber nicht pünktlicher als der König selbst. Ferdinand hatte die Bittschrift in der Hand, die Frau die drei Truthühner. Er nahm die drei Hühner und die Frau die Bittschrift in Empfang.
Während der König die Hühner betastete, um zu sehen, ob sie wirklich so fett wären, wie die Frau gesagt, schlug die gute Frau die Bittschrift auseinander, um zu sehen, ob dieselbe wirklich mit der Randbemerkung des Königs versehen wäre.
Jedes hatte treulich Wort gehalten. Die Frau entfernte sich nach ihrer Richtung, der König nach der seinigen.
Der König trat in das Zimmer der Königin, während er seine drei Hühner an den Pfoten festhielt. Da Marie Caroline das sich in den Händen ihres Gemahls sträubende Geflügel mit verwundertem Blick betrachtete, sagte er:
»Nun, meine liebe Schulmeisterin, Sie sagen immer, ich taugte zu nichts und würde, wenn ich nicht König wäre, nicht wissen, womit ich mein Brod verdienen sollte. Hier aber bringe ich drei Hühner, welche man mir für eine Unterschrift geschenkt hat.«
Und er erzählte der Königin das ganze Abenteuer.
»Die arme Frau!« sagte die Königin, als er mit seiner Erzählung fertig war.
»Warum arme Frau?«
»Weil sie ein schlechtes Geschäft gemacht hat. Glauben Sie denn, daß der Berichterstatter sich an Ihre Signatur kehren werde?«
»Daran habe ich auch gedacht,« sagte Ferdinand mit schelmischem Lächeln, »aber ich habe meine Idee.«
Die Königin hatte wirklich Recht. Die Empfehlung ihres Gemahls äußerte auf den Berichterstatter nicht die mindeste Wirkung und der Prozeß hatte keinen schnelleren Fortgang als vorher. Die Witwe kam wieder nach Caserta und da sie den Namen des Officiers, der ihr jenen Dienst geleistet, nicht kannte, so fragte sie nach dem Manne, welchem sie drei Truthühner gegeben.
Das Abenteuer war in weiteren Kreisen bekannt geworden und man meldete dem König, daß die Klägerin da sei.
Der König ließ sie eintreten.
»Nun, gute Frau,« sagte er zu ihr, »Ihr kommt wohl, um mir zu melden, daß euer Prozeß entschieden ist?«
»Nein, damit ist es nichts!« sagte sie. »Der König muß in keinem großen Ansehen stehen, denn als ich dem Berichterstatter meine Bittschrift mit der Randbemerkung Seiner Majestät übergab, sagte er: »Schon gut, schon gut; wenn der König so große Eile hat, so wird er es machen wie die Andern, nämlich warten. Wenn Sie daher, setzte die Bäuerin hinzu, »ein gewissenhafter Mann sind, so werden Sie mir meine drei Hühner zurückgeben oder wenigstens bezahlen.«
Der König fing an zu lachen.
»Wiedergeben kann ich sie bei dem besten Willen von der Welt nicht, sagte er; »wohl aber kann ich sie Euch bezahlen.«
Mit diesen Worten nahm er sämmtliche Goldstücke, die er in der Tasche hatte, heraus und gab sie der Frau.
»Was euren Berichterstatter betrifft, setzte er hinzu, »so haben wir heute den 25. März, Ihr werdet aber sehen, daß euer Prozeß schon in der ersten Aprilsitzung entschieden wird.«
In der That, als der Berichterstatter am letzten Tage dieses Monats erschien, um sich seinen Gehalt auszahlen zu lassen, ward ihm im Namen des Königs von dem Schatzmeister gesagt: »Seine Majestät haben befohlen, daß Ihr Gehalt Ihnen nicht eher ausgezahlt werde, als bis der Prozeß, den er Ihnen die Ehre erzeigt, Ihnen zur Beschleunigung zu empfehlen, entschieden sein wird.«
Ganz wie der König vorausgesehen, ward der Prozeß auch wirklich in der ersten Gerichtssitzung entschieden.
So erzählte man von dem Könige in Neapel noch eine Menge derartige Anecdoten, von welchen wir uns begnügen werden, zwei oder drei mitzutheilen.
Eines Tages, als er in dem Walde von Persano jagte, wobei er dieselbe Uniform trug wie sein Gefolge, traf er eine alte Frau, welche schluchzend an einen Baum gelehnt stand.
Er redete sie an und fragte sie, was ihr fehle.
»Ich bin Witwe und habe sieben Kinder, antwortete sie. »Meine ganze Habe besteht in einem kleinen Ackerfeld, und dieses kleine Feld ist mir durch die Hunde und die Piqueurs des Königs verwüstet worden.«
Achselzuckend und mit erneuertem Schluchzen setzte sie dann hinzu:
»Es ist sehr hart, Unterthan eines Mannes zu sein, welcher um des Vergnügens einer Stunde willen kein Bedenken trägt, eine ganze Familie zu ruinieren. Ich frage Sie: Warum verwüstet dieser Tölpel mein Feld?«
»Was Ihr da sagt, ist sehr richtig, liebe Frau,« antwortete Ferdinand, »und da ich im Dienste des Königs stehe, so werde ich ihm eure Beschwerde vortragen, aber dabei natürlich die beleidigenden Ausdrücke verschweigen, deren Ihr Euch soeben bedient habt.«
»Meinetwegen sage ihm, was Du willst, fuhr die Frau immer erbitterter fort. »Von einem solchen Egoisten hab ich nichts Gutes zu erwarten und er kann mir nicht mehr Schaden zufügen, als er mir schon zugefügt hat.«
»Na, darauf kommt weiter nichts an,« sagte der König. »Jetzt zeigt mir wenigstens euer Feld, damit ich beurtheilen kann, ob es wirklich so sehr verwüstet ist, wie Ihr sagt.«
Die Witwe führte ihn nach ihrem Felde. Die Früchte desselben waren in der That von Menschen, Pferden und Hunden niedergetreten und zerstampft, so daß die ganze Ernte verloren war.
Der König sah einige Bauern in der Nähe, rief sie herbei und forderte sie auf, den Schaden, welchen die Witwe erlitten, gewissenhaft abzuschätzen.
Sie taxierten ihn auf zwanzig Ducaten. Der König suchte in seiner Tasche. Er fand darin sechzig.
»Hier,« sagte er zu den beiden Bauern, »hier sind zwanzig Ducaten, die ich Euch als Taxationsgebühren schenke. Was die übrigen vierzig betrifft, so gehören sie dieser armen Frau. Wenn die Könige Schaden anrichten, so können sie nicht weniger thun, als daß sie dafür doppelt so viel bezahlen, als ein einfacher Privatmann bezahlen würde.«
Ein andermal reist eine Frau, deren Mann zum Tode verurtheilt worden, auf den Rath des Advocaten, welcher den Verurtheilten vertheidigt hat, von Aversa ab und kommt zu Fuße nach Neapel, um die Begnadigung ihres Mannes zu erbitten. Es war durchaus nicht schwer in die Nähe des Königs zu gelangen, welcher fortwährend zu Fuß oder zu Pferde in der Toledostraße oder an der Chiaja herumpromenirte.
Diesmal aber war er zum Unglücke oder vielmehr zum Glücke für die Bittstellerin weder im Palaste, noch in Chiaja, noch in Toledo. Er befand sich vielmehr in Capodimonte. Es war gerade die Zeit der Feigendrosseln und sein Vater, Carl der Dritte, hatte das Schloß, welches über zwölf Millionen gekostet, einzig und allein zu dem Zwecke bauen lassen, einen gut gelegenen Ort zur Jagd auf dieses von den Feinschmeckern so geschätzte kleine Wild zu haben.
Die arme Frau war todtmüde, denn sie hatte in schnellem Laufe fünf Meilen zurückgelegt. Sie erschien an der Thür des königlichen Palastes und als sie erfuhr, daß Ferdinand in Capodimonte wäre, bat sie den Commandanten des Palastes um die Erlaubniß, die Rückkehr des Königs erwarten zu dürfen.
Der Commandant ward von Mitleid ergriffen, als er ihre Thränen sah und die Ursache derselben erfuhr. Er bewilligte ihr daher ihr Verlangen. Sie setzte sich auf die erste Stufe der Treppe, auf welcher der König in den Palast heraufkommen mußte.
Wie groß aber auch ihre Angst und Unruhe war, so war die Ermüdung doch noch stärker, und nachdem sie einige Stunden gegen den Schlaf gekämpft, sank sie endlich mit dem Kopfe an die Mauer, schloß die Augen und schlief ein.
Kaum hatte sie seit einer Viertelstunde geschlafen, als der König zurückkam. Er war ein bewunderungswürdiger Schütze, und war an diesem Tage noch geschickter gewesen, als gewöhnlich. Seine Stimmung war deshalb eine außergewöhnlich wohlwollende, als er die Frau erblickte, die auf ihn wartete.
Man wollte sie wecken, der König befahl jedoch durch einen Wink, daß man sie nicht störe. Er näherte sich ihr, betrachtete sie mit einem Gemische von Neugier und Theilnahme und als er die Ecke der Bittschrift sah, welche aus ihrem Brusttuche hervorragte, zog er dieselbe vorsichtig heraus, las sie, verlangte Tinte und Feder, schrieb darunter: »Fortuna e duorme,« was unserem: »Das Glück kommt im Schlafe« entspricht, und unterzeichnete: »Ferdinand B.«
Er befahl hierauf, daß man die Bäuerin unter keinem Vorwande wecke, verbot, daß man sie bei ihm vorlasse, ertheilte Anordnung wegen Aufschub der Hinrichtung und steckte die Bittschrift wieder dahin, wo er sie weggenommen.
Nach Verlauf einer halben Stunde schlug die Bittstellerin die Augen auf, fragte, ob der König zurückgekommen und hörte, daß er, während sie geschlafen, an ihr vorübergegangen sei.
Die arme Frau war außer sich. Sie hatte die Gelegenheit verfehlt, um welcher willen sie einen so weiten und anstrengenden Weg gemacht. Sie bat den Commandanten des Palastes, ihr zu erlauben, zu warten, bis der König wieder ausginge. Der Commandant antwortete, daß ihm dies streng verboten sei und die Bäuerin machte sich verzweiflungsvoll auf den Rückweg nach Aversa.
Ihr erster Besuch nach ihrer Wiederankunft hier war bei dem Advocaten, der ihr den Rath gegeben, die Gnade des Königs anzurufen. Sie erzählte ihm, was geschehen, und wie sie durch eigene Schuld eine nie wiederkehrende Gelegenheit versäumt.
Der Advocat hatte Freunde bei Hofe. Er forderte die Frau auf, ihm die Bittschrift zurückzugeben und sagte, er würde Mittel finden, sie auf anderem Wege an den König zu befördern.
Die Frau gab dem Advocaten die verlangte Bittschrift zurück.
Mechanisch schlug er dieselbe auseinander, hatte aber kaum die Augen darauf geworfen, so stieß er einen Freudenschrei aus. In der Situation, wo man sich befand, bedeutete das von der Hand des Königs geschriebene und unterzeichnete Sprichwort so viel als eine Begnadigung und in der That ward auf die Vorstellungen des Advocaten, auf die Vorzeigung der Marginalbemerkung des Königs und ganz besonders in Folge des von dem König direkt ertheilten Befehls acht Tage später der Gefangene der Freiheit zurückgegeben.
In der Wahl seiner Liebschaften war der König nichts weniger als schwer zu befriedigen. Im Allgemeinen fragte er wenig nach Rang und Bildung, dafern die Person nur jung und schön war. In allen Forsten, worin er dem Vergnügen der Jagd oblag, besaß er hübsche kleine Häuser, die aus vier bis fünf sehr einfach, aber sehr zweckmäßig möblierten Zimmern bestanden.
Hier machte er Halt, um zu frühstücken, oder zu dinieren oder auch um blos einige Stunden auszuruhen.
In jedem dieser kleinen Häuser befand sich eine Wirthin, welche stets aus der Zahl der jüngsten und schönsten Mädchen der benachbarten Dörfer gewählt ward.
Als er eines Tages zu dem Kammerdiener, zu dessen Function es gehörte, darauf zu sehen, daß sein Herr nicht zu oft immer dieselben Gesichter wiederfände, sagte: »Nimm Dich in Acht, daß die Königin nicht erfahre, was hier vorgeht,« antwortete der Kammerdiener, welcher sich sehr frei aussprechen durfte:
»Ach, machen Sie sich doch keine Sorge, Sire, Ihre Majestät die Königin treibt es noch viel toller und geht dabei nicht mit so viel Vorsicht zu Werke.«
»Schweig!« antwortete der König. »Es kann durchaus nichts schaden, wenn die Racen sich ein wenig kreuzen.«
Und in der That, als der König sah, daß die Königin sich so wenig genierte, fand er es angemessen, sich seinerseits ebensowenig zu genieren.
Zuletzt gründete er seine berühmte Colonie Leucio, an deren Spitze er, wie wir bereits früher erzählt, den Cardinal Fabricio Ruffo gestellt hatte.
Diese Colonie zählte fünf- bis sechshundert Einwohner, die unter der Bedingung, daß die Ehemänner und Väter den König niemals in ihr Haus kommen sehen und sich niemals unterstünden, eine Thür öffnen zu lassen, welche ihre Gründe hätte, geschlossen zu bleiben, eine Menge Vorrechte genossen.
So waren sie zum Beispiel frei vom Militärdienst, hatten ihr besonderes Gericht, durften sich verheiraten, ohne der Einwilligung der Eltern zu bedürfen, und wurden, wenn sie sich verheirateten, unmittelbar vom König selbst ausgestattet.
Die Folge hiervon war, daß die Bevölkerung dieses von diesem zweiten Idomeneus gegründeten zweiten Salenta eine Art Sammlung von unmittelbar durch den König geschlagenen Medaillen ward, wo die Alterthumsforscher noch dem bourbonischen Typus finden können, nachdem er von der ganzen übrigen Erde verschwunden sein wird.
Aus allen den Anekdoten, welche wir hier erzählt, ist leicht zu ersehen, daß der König Ferdinand, wie sein Lehrer, der Fürst von San Nicandro, sehr richtig entdeckt, von Natur keineswegs grausam war.
Sein Leben konnte zu der Zeit, bei welcher wir angelangt sind, das heißt beim Jahre 1798, jedoch schon in zwei Phasen getheilt werden.
Vor der französischen Revolution – nach der französischen Revolution.
Vor der französischen Revolution war er der Mann, den wir gesehen, nämlich naiv, witzig, lebhaft und mehr zum Guten als zum Bösen geneigt.
Nach der französischen Revolution ist er der Mann, den wir sehen werden, das heißt furchtsam, unversöhnlich, mißtrauisch und mehr zum Bösen als zum Guten geneigt.
Bei dem moralischen Porträt, welches wir vielleicht ein wenig allzu ausführlich, aber nur durch Thatsachen, nicht durch Worte gezeichnet, haben wir den Zweck gehabt, die seltsame Persönlichkeit des Königs Ferdinand kennen zu lernen. Von Natur gute Geistesanlagen, keine Erziehung, Gleichgültigkeit gegen allen Ruhm, Abscheu vor jeder Gefahr, wenig Gefühl und Herz, zum Princip gewordene Gewissenlosigkeit, die ebenso wie bei Ludwig dem Vierzehnten zu weit getriebene Vergötterung der königlichen Gewalt, der Cynismus des politischen und des Privatlebens, so wie er durch die tiefe Verachtung der vornehmen Cavaliere, welche ihn umgaben, zu Tage trat, eine Verachtung, die sich auch auf das Volk erstreckte, welches er mit Füßen trat, und in welchem er nur Sclaven sah; niedrige Triebe, welche ihn zu physischen Genüssen verlockten, die unaufhörlich den Körper auf Kosten des Geistes materialisieren – dies sind die Anhaltspunkte, nach welchen man den Mann beurtheilen muß, welcher den Thron fast eben jung bestieg wie Ludwig der Vierzehnte, der beinahe eben alt starb als dieser, und der von 1759 bis 1825, das heißt sechzig Jahre, mit Einschluß seiner Minderjährigkeit, regierte, vor dessen Augen, ohne daß er die Höhe der Ereignisse und die Tiefe der Katastrophen zu ermessen vermocht hätte, alles Große geschah, was in der ersten Hälfte des gegenwärtigen und in der letzten Hälfte des vergangen Jahrhunderts geschehen ist.
Napoleon ging in seiner gesamten Erscheinung während seiner Regierung vorüber. Er sah ihn geboren werd und heranwachsen; er sah ihn sinken und stürzen. Sechzig Jahre vor ihm geboren, sah er ihn fünf Jahre vorher sterben und war ohne jemals einen andern Werth gesehen zu haben, als den eines einfachen gekrönten Statisten, eines der Hauptpersonen jenes riesigen Dramas, welches von Wien bis Lissabon, vom Nil bis zur Moskowa die Welt aus den Fugen hob.
Gott nannte ihn Ferdinand den Vierten, Sicilien nannte ihn Ferdinand den Dritten, der Congreß von Wien nannte ihn Ferdinand den Ersten, die Lazzaroni nannten ihn den König Nasone.
Gott, Sicilien und der Congreß irrten sich. Ein einziger von diesen vier Namen ward wirklich populär und blieb ihm. Es war dies der, welcher ihm von den Lazzare gegeben ward.
Jedes Volk hat seinen König gehabt, welcher den Geist der Nation repräsentiert hat. Die Schotten hatten Robert Bruce, die Engländer hatten Heinrich den Achten, die Deutschen hatten Maximilian, die Russen hatten Iwan den Schrecklichen, die Polen hatten Johann Sobieski, die Spanier hatten Carl den Fünften, die Franzosen hatten Heinrich den Vierten, die Neapolitaner hatten Nasone.
Sechstes Capitel.
Die Königin
Marie Caroline, Erzherzogin von Oesterreich, hatte Wien im Monat April 1768 verlassen, um sich mit Ferdinand dem Vierten in Neapel zu vermählen.
Die kaiserliche Blume betrat ihr künftiges Königreich mit dem Frühlingsmonat.
Sie zählte kaum erst sechzehn Jahre, denn sie war 1752 geboren. Ihr Verstand war jedoch bereits viel ausgebildeter, als man nach ihrem Alter hätte voraussetzen sollen.
Sie war übrigens mehr als unterrichtet, sie war gelehrt. Sie war mehr als intelligent, sie war philosophisch gebildet, obschon in einem gegebenen Augenblick diese Liebe zur Philosophie sich in Haß gegen die verwandelte, welche dieselbe übten.
Sie war schön in der vollständigen Bedeutung des Wortes und wenn sie wollte, liebenswürdig. Ihr Haar war von einem Blond, dessen Gold unter dem Puder hervorschimmerte. Ihre Stirn war breit, denn die Sorgen des Thrones, des Hasses und der Rache hatten noch nicht ihre Furchen gezogen.
Ihre Augen konnten an Durchsichtigkeit mit dem Azur des Himmels wetteifern, unter welchem sie zu regieren kam.
Ihre gerade Nase, ihr ein wenig hervorragendes Kinn, das Zeichen eines absoluten Willens, machte Profil zu einem griechischen.
Ihre Gesichtsform war oval, die Lippen waren feurig und purpurroth, die Zähne weiß wie das weiße Elfenbein.
Ein Hals, eine Brust und Schultern, welche zu schönsten Statuen von Pompeji und Herculanum oder des Museums Farnese würdig gewesen wären, vervollständigten diese prachtvolle Gesamterscheinung.
In unserem ersten Capitel haben wir gesehen, wie ihr dreißig Jahre später von dieser Schönheit noch übrig geblieben war.
Sie redete vier Sprachen korrekt und geläufig – erstens die deutsche, ihre Muttersprache, dann die französische, die spanische und die italienische.
Beim Sprechen jedoch, besonders wenn sie von einem heftigen Gefühl aufgeregt war, machte sich ein kleines Gebrechen in der Aussprache bemerklich und es klang dann, als ob sie ein Steinchen im Munde hätte. Ihre glänzend beweglichen Augen aber und der Scharfsinn und die Logik ihrer Gedanken machten diesen unbedeutenden Mangel bald vergessen.
Sie war stolz, wie es der Tochter Marie Theresiens geziemte. Sie liebte den Luxus und die Macht. Was die anderen Eigenschaften betraf, welche sich in ihr entwickeln sollten, waren dieselben noch unter der jungfräulichen Hülle der sechzehnjährigen Braut verborgen.
Mit ihren deutsch-poetischen Träumen kam sie in dieses unbekannte Land, das Land »wo die Citronen blühen«, wie der deutsche Dichter sagt. Sie kam, um die glücklichen Gefilde, die Campania Felice, zu bewohnen, in welcher Tasso geboren ward, wo Virgil starb.
Feurig und poetisch von Gemüth, versprach sie sich, mit der einen Hand am Pausilippo den Lorbeer zu pflücken, welcher am Grabe des Dichters des Augustus wuchs, mit der andern den, welcher in Sorrente die Wiege des Sängers Gottfrieds von Bouillon beschattete.
Der Gemahl, mit welchem sie verlobt war, zählte ebenfalls sechzehn Jahre. Da er jung und von vornehmer Abstammung war, so war er ohne Zweifel auch schön, galant und tapfer. War er ein Euryalus oder Tancred, ein Nisus oder ein Renaud? Sie ihrerseits war vollkommen bereit Camilla oder Herminia, Clorinde oder Dido zu sein.
Anstatt des Gebildes ihrer jugendlichen Phantasie und ihres poetischen Traumes fand sie aber den Mann, den wir bereits kennen, mit einer großen Nase, großen Händen, großen Füßen, und den Dialekt des Hafendammes mit dem Gebärdenspiel eines Lazzarone sprechend.
Die erste Zusammenkunft fand in Portellaunter einem Pavillon von mit Gold gestickter Seide statt.
Die Prinzessin war von ihrem Bruder Leopold begleitet, welcher beauftragt war, sie den Händen ihres Gemahls zu übergeben.
Wie Joseph der Zweite, sein Bruder, war auch Leopold der Zweite von philosophischen Maximen durchdrungen. Er wollte in seinen Staaten eine Menge Reformen einführen und in der That erinnert sich Toscana, daß unter seiner Regierung die Todesstrafe abgeschafft wurde, während gleichzeitig noch mehrere andere Verbesserungen stattfanden.
Ebenso wie Leopold der Pathe seiner Schwester, war Tanucci der Vormund des Königs. Bei dem erst Blick, welchen die junge Königin und der alte Minister wechselten, mißfielen sie einander wechselseitig. Caroline errieth in ihm die ehrgeizige Mittelmäßigkeit, welche ihre Gemahl, indem man ihn in seiner angeborenen Unwissenheit erhalten, alle Mittel geraubt, später einmal ein großer König oder auch nur ganz einfach ein König zu sein.
Ohne Zweifel hätte sie das Genie eines Gatten, welcher ihr überlegen gewesen, anerkannt, und in ihrer Bewunderung für ihn wäre sie wahrscheinlich dann eine unterwürfige Königin und treue Gattin gewesen.
Dem sollte nicht so sein. Sie erkannte im Gegentheil die tiefe Stufe, auf welcher ihr Gemahl in Bezug auf sein geistige Ausbildung stand, und eben so wie ihre Mutter zu ihren Ungarn gesagt: »Ich bin der König Marie Theresia, so sagte sie zu den Neapolitanern: »Ich bin der Königin Marie Caroline.«
Dies war es aber nicht, was Tanucci wollte. Er wollte weder einen König, noch eine Königin haben, er wollte Premierminister sein.
Unglücklicher Weise enthielt der Ehecontract des königlichen Paares einen kleinen Paragraphen, welcher sich eingeschlichen, ohne daß Tanucci, der die junge Erzherzogin noch nicht kannte, großes Gewicht darauf gelegt hätte. War Caroline hatte nämlich das Recht, den Sitzungen des Staatsraths beizuwohnen, sobald sie ihrem Gemahl einen Thronerben geschenkt haben würde.
Es war dies ein Fenster, welches der Hof von Wien sich in den von Neapel öffnete. Bis jetzt war der Einfluß unter Philipp dem Zweiten und Ferdinand dem Siebenten von Frankreich ausgeübt, nachdem Carl der Dritte den Thron Spaniens bestiegen, ganz natürlich von Madrid gekommen.
Tanucci begriff, daß zu diesem Marie Caroline geöffneten Fenster der österreichische Einfluß eindringen würde.
Freilich erfreute sich Marie Caroline, da sie erst fünf Jahre nach ihrer Vermählung einen Thronerben gebar, des ihr zugestandenen Vorrechtes erst vom Jahre 1774 an.
Mittlerweile hatte sie, verblendet durch Illusionen, an welchen sie hartnäckig festhielt, gehofft, ihrem Gemahl eine vollständig neue Erziehung geben zu können. Es erschien ihr dies um so leichter, als ihre Kenntnisse den jungen König mit Erstaunen erfüllt hatten.
Nachdem er sie mit Tanucci und den wenigen anderen unterrichteten Personen seines Hofes sprechen gehört, schlug er sich verblüfft vor die Stirn und sagte: »Die Königin weiß doch Alles!« Später, als er sah, wohin dieses Wissen ihn führte und wie sehr es ihn von dem Pfad ablenkte, dem er zu folgen gedacht, setzte er den Worten: »Die Königin weiß Alles noch die Bemerkung hinzu: »Und dennoch begeht sie mehr Thorheiten als ich, der ich doch nur ein Esel bin.«
Nichtsdestoweniger aber begann er dem Einflusse dieses überlegenen Geistes zu gehorchen und fügte sich in die Lectionen, welche sie ihm vorschlug. Sie lehrte ihn buchstäblich, wie wir schon gesagt haben, Lesen und Schreiben. Was sie ihn aber nicht lehren konnte, waren jene eleganten Manieren der nordischen Höfe, jene Sorgfalt für ein sauberes Aeußeres, die besonders in den heißen Ländern so selten ist, wo doch das Wasser nicht blos ein Bedürfniß, sondern auch ein Vergnügen sein sollte; jene weibliche Sympathie für die Blumen und für die Wohlgerüche, welche die Toilette von ihnen verlangt, jenes reizende, liebenswürdige Geplauder, welches halb dem Murmeln der Bäche, halb dem Gezwitscher der Heimchen und Nachtigallen entlehnt zu sein schien.
Carolinens Ueberlegenheit demüthigte Ferdinand; Ferdinands Plumpheit stieß Caroline zurück. Allerdings konnte diese in den Augen ihres Gemahls unumstößliche Ueberlegenheit streng genommen durch wirklich unterrichtete Leute streitig gemacht werden, welche in dem Geplauder der Königin weiter nichts sahen als das Ergebniß jenes oberflächlichen Wissens, welches an Ausdehnung gewinnt, was es an Tiefe verliert.
Vielleicht hätte man, wenn man sie so beurtheilte, wie sie beurtheilt werden mußte, bei ihr mehr Geschwätz als Urtheil und ganz besonders jene Pedanterie gefunden, welche den Prinzen des Hauses Lothringen eigen zu sein pflegte und welcher auch ihre Brüder Joseph und Leopold in so hohem Grade huldigten.
Joseph sprach fortwährend, ohne Jemanden Zeit zu lassen, ihm zu antworten, und Leopold besaß alle Eigenschaften eines echten Schulmeisters.
So war auch die Königin. Sie besaß ein sehr fein gechriebenes kleines Manuscript, welches sie selbst gefertigt und welches die Meinungen der Philosophen von Pytagoras an bis auf Jean Jacques Rousseau enthielt. Wenn sie nun Männer zu empfangen hatte, auf welche sie einen gewissen Eindruck zu machen wünschte, so ging sie ihr Manuscript durch und brachte je nach Umständen einige der darin enthaltenen Maximen in der Conversation an.
Seltsamerweise befreundete sie sich, trotzdem sie gern den Freigeist spielte, mit dem Volksaberglauben, welchem die untergeordneten Classen der Bevölkerung von Neapel huldigen.
Wir wollen hier zwei Beispiele von diesem Aberglauben anführen.
Wir haben in dem Buche, welches wir schreiben, nicht blos Könige, Prinzen, Höflinge, Männer, welche ihr Leben einem Princip opfern, und Männer, welche alle Principien dem Gold und königlichen Gunstbezeigungen nachsetzen, sondern auch ein bewegliches, abergläubisches, unwissendes, rohes Volk zu schildern.
Sagen wir daher, mit Hilfe welcher Mittel dieses Volk aufgewiegelt oder beschwichtigt wird.
Der Ocean wird durch den Sturm aufgewühlt, das Volk von Neapel dagegen durch den Aberglauben.
Es gab in Neapel eine Frau, welche man die Steinheilige nannte. Sie behauptete nämlich, ohne irgendwie krank zu sein, alle Tage eine gewisse Quantität kleine Steine von sich zu geben, welche sie als Reliquien an Die vertheilte, welche ihr Glauben schenkten.
Diese Steine besaßen trotz des Weges, auf welchem sie ans Licht gelangten, die Kraft, Wunder zu thun und machten nach kurzer Zeit schon den Reliquien der angesehensten Heiligen von Neapel eine bedenkliche Concurrenz
Diese angebliche Heilige war, obschon nicht krank auf Verlangen ihres Beichtvaters und ihres Arztes in große Hospital der Pellegrini zu Neapel gebracht worden wo sie dieselbe Kost bekam wie die Directoren und schönste Zimmer des Hauses bewohnte.
Nachdem sie hier einmal festen Fuß gefaßt, spielt mit stillschweigender Begünstigung der Aerzte, die dabei ihre Rechnung fanden, die Komödie mit dem Verkauf wunderthätigen Steine in großem Maßstabe weiter.
Wir haben jedoch Unrecht, wenn wir von Verkauf sprechen. Nein, verkauft wurden die Steine nicht, sondern verschenkt. Die Heilige, welche ein Gelübde gethan, niemals gemünztes Geld anzurühren, nahm Kleidungsstücke Schmucksachen, mit einem Worte Geschenke aller Art, tiefster Demuth an.
Dieser kleine Handel, welcher in jedem anderen Lande als Neapel die angebliche Heilige vor das Zuchtpolizeigericht geführt hätte, war in Neapel blos ein Wunder mehr, weiter nichts.
Die Königin ward eine der eifrigsten Anhängerin der Steinheiligen. Sie schickte ihr Geschenke und schrieb sogar an sie – die Königin war überhaupt sehr sehr selig – um sie ihren Gebeten zu empfehlen, von welcher die Erfüllung ihrer Wünsche hoffte.
Man begreift, daß von dem Augenblick an, wo man die Königin in eigener Person, und zwar eine philosophie Königin, zu der Heiligen ihre Zuflucht nehmen sah, Zweifel, wenn es deren noch gab, schwanden oder wenigstens zu schwinden schienen.
Nur die Wissenschaft blieb ungläubig.
Nun ward die Wissenschaft, wir meinen die Wissenschaft der Medicin, zu jener Zeit durch jenen Dominico Cirillo repräsentiert, welchen wir im Palast der Königin Johanna während jener stürmischen Nacht gesehen, wo der Abgesandte Championnets mit so großer Mühe den Felsen erstieg, auf welchem jener Palast steht.
Dominico Cirillo, ein Mann des Fortschritts, welcher wünschte, daß sein Vaterland der Bewegung der Erde folge, woran es nicht theilzunehmen schien, erklärte, es sei eine Schmach für Neapel, daß es in dem Augenblick, wo so viele große Geister für die Aufklärung der Menschheit thätig waren, sich diese Komödie vorspielen lasse, die kaum würdig wäre, in der Nacht des zwölften oder dreizehnten Jahrhunderts aufgeführt zu werden.
Er suchte deshalb vor allen Dingen den Arzt auf, welcher mit der Heiligen im Einverständniß war, und versuchte ihm das Geständniß abzupressen, daß dem wirklich so sei.
Der Arzt versicherte, es handle sich hier in der That um ein Wunder.
Dominico Cirillo erbot sich, wenn er die Wahrheit sagen wollte, ihn persönlich für den Verlust zu entschädigen, welcher das Bekanntwerden der Wahrheit für ihn zur Folge haben würde.
Der Arzt beharrte bei seiner Behauptung.
Cirillo sah, daß er, anstatt eines Betrügers, deren zwei zu entlarven haben würde.
Er verschaffte sich mehrere der von der Heiligen ausgeworfenen Steine, untersuchte sie und überzeugte sich, daß sie aus einfachen am Meeresstrande aufgelesenen Kieseln, aus verhärteter Kalkerde oder aus Bimssteinen befand Keiner gehörte zur Gattung derjenigen, welche sich in so der Stein- oder Grieskrankheit in dem menschlichen Körper bilden können.
Der Gelehrte machte mit seinen Steinen in der Hand bei dem betreffenden Arzte einen abermaligen Versuch, Arzt blieb aber auch jetzt noch bei seiner Behauptung, das hier ein Wunder zu Grunde liege.
Cirillo sah ein, daß der Sache durch ein eclatantes öffentliches Verfahren ein Ende gemacht werden müsse.
Da sein Talent und seine Autorität in Sachen Medicin sämmtliche Hospitäler gewissermaßen seiner Jurisdiction unterstellten, so erschien er eines schönen Morgens in Begleitung mehrerer anderer Aerzte und Chirurgen, er zu diesem Zwecke aufgefordert, plötzlich in dem großen Hospital, trat in das Zimmer der Heiligen und untersuchte ihr Product von der vergangenen Nacht.
Sie hatte vierzehn Steine zur Verfügung der Gläubigen zu stellen.
Cirillo ließ sie einschließen und zwei oder drei Tage lang bewachen. Sie fuhr fort ihrer Gewohnheit gemäß Steine zu Tage zu fördern.
Nur die Zahl der Steine variierte; alle aber waren von derselben Beschaffenheit wie die vorhin erwähnten.
Cirillo schärfte seinem Famulus, den er als Wächter bestellt, ein, die angebliche Heilige auf das Genaueste überwachen. Der Famulus bemerkte, daß die Heilige fortwährend die Hände in den Taschen hatte und damit Zeit zu Zeit nach dem Munde fuhr, als ob die Bonbons zu sich nähme.
Der Wächter zwang sie, die Hände außerhalb der Taschen zu halten, und hinderte sie, damit nach dem Munde zu fahren.
Die Heilige, welche sich nicht durch offenen Widerstand gegen ihren Wächter verrathen wollte, verlangte eine Prise Tabak und brachte, indem sie die Finger an die Nase hielt, gleichzeitig die hohle Hand an den Mund, bei welcher Gelegenheit es ihr gelang, drei oder vier Steine zu verschlucken.
Es waren dies freilich ihre letzten. Der junge Mann hatte den Kunstgriff bemerkt. Er hielt der Heiligen die Hände fest und ließ Frauen hereinkommen, welche auf seinen oder vielmehr auf Girillos Befehl die Heilige entkleideten.
Man fand an der inneren Seite ihres Hemdes einen Beutel angenäht, welcher fünfhundertundsechzehn kleine Steine enthielt.
Ueberdies trug sie um den Hals ein Amulet, welches man bis jetzt für ein Reliquienbehältniß gehalten, das aber, wie man nun fand, ebenfalls gegen sechshundert Steine enthielt.
Es ward über Alles dies ein Protokoll aufgenommen, und Cirillo brachte die Heilige unter der Anklage der Gaunerei vor das Tribunal der Zuchtpolizei. Das Tribunal verurtheilte sie zu drei Monaten Gefängniß.
In dem Zimmer der Heiligen fand man einen Koffer, welcher mit Silbergeschirr, Schmucksachen, Spitzen und anderen werthvollen Dingen angefüllt war. Mehrere dieser Gegenstände, und zwar die kostbarsten, hatte sie von der Königin erhalten, deren Briefe sie ebenfalls dem Gericht vorlegte.
Die Königin war wüthend, und dennoch hatte Prozeß solches Aufsehen gemacht, daß sie dieses Weib in den Händen der Justiz zu entziehen wagte. Ihre Rache verfolgte nun Cirillo und dieser hatte diesem Vorfalle Behelligungen zu verdanken, welche aus ihm, dem Mann der Wissenschaft, einen Mann der Revolution machten.
Was die Heilige betraf, so mangelte es, trotz von Cirillo aufgenommenen Protokolls, trotz des gerichtlichen Urtheilsspruches, welcher sie für schuldig erklärte, Neapel nicht an gläubigen Herzen, welche fortfuhren Geschenke zu schicken und sich ihrem Gebete zu empfehlen.
Das zweite Beispiel von Aberglauben, welches in Bezug auf die Königin erzählen wollen, ist folgendes:
Gegen das Jahr 1777, das heißt zur Zeit der Geburt desselben Prinzen Francesco, welchen wir zuerst der Galeere Capitane gesehen, als er schon zum Manne herangereift war, und von welchem später als dem Gönner des Chevalier San Felice die Rede gewesen ist, gab in Neapel einen Franciscanermönch, der achtzig Jahre und dem es gelungen war, in den Ruf der Heiligkeit kommen – einen Ruf, der von seinem Kloster, welches davon großen Nutzen hatte, immer weiter verbreitet ward.
Die Mönche, eine Collegen, erzählten überall, das Käppchen, welches der alte Mann gewöhnlich trüge vom Himmel die Kraft verliehen erhalten hätte, die Wehen der Gebärenden zu erleichtern, so daß man sich förmlich dieses Käppchen riß, welches die Mönche, wie man denken kann, nur gegen ein Geschenk hergaben.
Die Frauen, welche in Folge der Anwendung des Käppchens eine leichte Niederkunft gehabt, schrieen das Wunder laut aus und befestigten auf diese Weise den Ruf des wunderthätigen Käppchens.
Die, welche eine schwere Niederkunft hatten oder sogar daran starben, wurden beschuldigt, keinen Glauben gehabt zu haben, und das Käppchen erhielt sich deswegen in unvermindertem Ansehen.
Caroline bewies in den letzten Tagen ihrer Schwangerschaft, daß sie zunächst Weib und dann erst Königin und Philosophin war. Sie ließ sich das wunderthätige Käppchen holen und versprach, für jeden Tag, den sie es behalten würde, dem Kloster hundert Ducaten zu schicken.
Sie behielt es fünf Tage, zur großen Freude der Mönche, aber zur großen Verzweiflung anderer im Gebären begriffener Frauen, welche allen Gefahren eines solchen Zustandes ausgesetzt waren, ohne sich des Beistandes des wunderthätigen Käppchens theilhaftig machen zu können.
Wir können nicht sagen, ob das Käppchen des Franciscaners der Königin Glück brachte, ganz gewiß aber brachte es Neapel kein Glück, denn falsch und feig als Prinz war Franz auch falsch und feig als König.
Die Manie, die Gelehrte zu spielen, welche Carolinen eben so eigen war wie ihren Brüdern Joseph und Leopold, war so stark, daß als der junge Prinz Carl, der Thronerbe, welcher im Jahre 1775 geboren war und dessen Geburt seiner Mutter die Thür des Cabinetsraths geöffnet, im Jahre 1778 erkrankte und die berühmtesten Aerzte zu einem Beistand herbeigerufen wurden, Caroline nicht mit der Angst und Unruhe einer Mutter, sondern mit der Dreistigkeit eines Professors sich in alle Consultationen mischte, ihn Rathschläge ertheilte und auf die Behandlung der Krankheit Einfluß zu äußern suchte.
Ferdinand, welcher sich damit begnügte, Vater zu sei und – diese Gerechtigkeit müssen wir ihm widerfahre lassen – außer sich vor Schmerz war, den präsumtive Thronerben einem sichern Tod entgegengehen zu sehen konnte eines Tages eine kalte Dissertation der Königin übe die Ursachen der Gicht, während ihr Kind an den Blatter darniederlag, nicht länger mit anhören. Als er sah, daß trotz seiner wiederholten Winke, die ihr Schweigen geboten immer noch fortfuhr zu sprechen, stand er auf, faßte sie bei der Hand und sagte:
»Aber begreifst Du denn nicht, daß es nicht genügt König zu sein, um die Heilkunde zu verstehen, sondern da diese auch erst gelernt werden muß? Ich bin ein Esel, da weiß ich recht wohl, aber ich begnüge mich auch, zu schweigen und zu weinen. Mache es wie ich oder geh' deine Wege.«
Da sie trotzdem ihre Theorie immer noch weiter auseinandersetzen wollte, schob er sie auf etwas heftigere Weise, als woran sie gewöhnt war, nach der Thür und beschleunigte ihr Hinausgehen durch eine Bewegung mit dem Fuß die man eher von einem Lazzarone erwartet, als von einem König.
Der junge Prinz starb zur großen Verzweiflung seines Vaters. Was Caroline betraf, so benügte sie sich, um ihn zu trösten, die Worte der Spartanerin zu citieren, welche den armen König noch niemals gehört und deren erhabenen Stoicismus er nicht zu würdigen wußte:
»Als ich ihn zur Welt gebar, wußte ich, daß er bestimmt sei, einmal zu sterben.«
Man begreift, daß zwei Individuen von so entgegengesetzten Charakteren nicht in gutem Einvernehmen miteinander bleiben konnten. Obschon daher zwischen Ferdinand und Caroline nicht dieselben Ursachen in Bezug auf Unfruchtbarkeit vorhanden waren, wie zwischen Ludwig dem Sechzehnten und Marie Antoinette, so glänzte doch der Anfang ihrer später an Kindern so gesegneten Ehe nicht durch Fruchtbarkeit.
Ein Blick auf die von Pozzo verfaßte Genealogie dieses Regentenhauses zeigt uns, daß das erstgeborne Kind Ferdinands und Carolinens die junge Prinzessin Marie Theresia war, welche im Jahre 1772 geboren, 1790 Erzherzogin, 1792 Kaiserin ward und 1803 starb.
Es waren sonach vier Jahre vergangen, ohne daß die Verbindung Früchte getragen hätte. Allerdings holte von diesem Augenblick an die Zukunft das, was die Vergangenheit versäumt, wieder ein.
Dreizehn Prinzen und Prinzessinnen bezeugten, daß die Annäherungen der beiden Gatten beinahe ebenso häufig waren, als ihre Zwistigkeiten.
Es ist daher wahrscheinlich, daß, wenn auch ein instinctartiges Gefühl von Widerwillen die Königin anfangs von ihrem Gemahl entfernte, doch politische Berechnung sie ihm bald wieder näherte. Eine junge, schöne, feurige Frau, wie die Königin war, besaß von dem Augenblick an, wo sie das Temperament ihres Gatten studiert, stets ein Mittel, um ihn zu bewegen, das zu thun, was sie wollte.
Ferdinand konnte selbst einer Maitresse nie etwas abschlagen, wie viel weniger seiner Frau, und was für einer Frau – das heißt einer der verführerischsten, die es jemals gegeben.
Das, was anfangs ganz besonders beigetragen hatte, diese feine, gefühlvolle Natur von jener grobsinnlichen und gemeinen zu entfernen, war Ferdinands Vorliebe für die Manieren eines Lazzarone.
So ließ er sich zum Beispiel jedesmal, wo er im Theater San Carlo die Oper anhörte, in seiner Loge ein Souper auftragen. Dieses mehr nahrhafte als delicat Souper wäre ohne Schüssel nationale Maccaroni unvollständig gewesen. Dennoch aber waren es weniger die Maccaroni an und für sich, was der König schätzte, als vielmehr der volksthümliche Triumph, den eine Art, sie zu speisen, ihm bereitete.
Die Lazzaroni entwickeln nämlich beim Verschlucken dieses Gerichts eine ganz besondere Handfertigkeit, welche sie der Verachtung verdanken, welche sie gegen den Gebrauch der Gabel hegen. Nun aber ermangelte Ferdinand, der in jeder Beziehung etwas darin suchte, der König der Lazzaroni zu sein, niemals, seine Schüssel vom Tische zu nehmen, damit an die Brüstung der Loge zu treten, und unter dem lauten Beifallruf des Parterre seine Maccaroni nach Art Polichinell's, des Schutzpatrons der Maccaroniesser, zu verzehren.
Eines Tages, als er dieses Kunststück in Gegenwart der Königin ausgeführt und mit Beifall überschüttet worden, konnte die Königin sich nicht mehr beherrschen. Sie erhob sich und verließ die Loge, indem sie zugleich ihre bei den Damen, die San Marco und die San Clemente, durch einen Wink aufforderte, ihr zu folgen.
Als der König sich umdrehte, fand er die Loge leer.
Dennoch aber erzählt die Geschichte von einem Vergnügen dieser Art, welches Caroline theilte. Damals aber liebte sie noch mit ihrer ersten Liebe und war eben so schüchtern, wie sie später keck ward. Sie hatte in der Maskerade mit entblößtem Gesichte, welche wir sogleich erzählen werden, ein Mittel gefunden, sich dem schönen Fürsten Caramanico zu nähern, welchen wir so frühzeitig in Palermo sterben sahen.
Der König hatte ein Regiment errichtet, welches er oft zu seinem Vergnügen manövrieren ließ und seine Liparoti nannte, weil die Soldaten, aus welchen es zusammengesetzt war, fast sämmtlich von den liparischen Inseln stammten.
Wir haben bereits früher erwähnt, daß Caramanico als Capitän in diesem Regiment diente, dessen Oberst der König selbst war.
Eines Tages befahl der König eine große Revue seines privilegierten Regimentes in der Ebene von Portici, am Fuße des Vesuves, dieser ewigen Vernichtung und Todesdrohung.
Man schlug prachtvolle Zelte auf, unter welche man aus dem königlichen Schloß Weine aller Länder und Eßwaaren aller Gattungen transportierte.
Eines dieser Zelte ward von dem König eingenommen, der das Costüm eines Schenkwirthes, das heißt eine kurze Jacke und Beinkleider von weißer Leinwand, trug. Auf dem Kopf trug er die traditionelle baumwollene Mütze und um die Lenden einen Gürtel von rother Seide, worin anstatt des Degens, womit Vatel sich die Kehle abschnitt, ein ungeheures Küchenmesser stak.
Nie hatte der König sich behaglicher gefühlt als in diesem Costüm, und er hätte es gern sein ganzes Leben lang beibehalten.
Zehn bis zwölf Kellner, die eben so gekleidet waren wie er, hielten sich bereit, den Befehlen ihres Herrn zu gehorchen und Officiere zu bedienen. Es waren dies die ersten Cavaliere des Hofes, die Aristokratie des goldenen Buchs von Neapel.
Das andere Zelt war für die Königin bestimmt. Diese trug wie eine Gastwirthin in der komischen Oper einen Rock von himmelblauer Seide, ein schwarzes, mit Gold gesticktes Mieder und eine rothe silbergestickte Schürze. Halsband, Ohrringe, Armbänder, Alles bestand gleichförmig aus rosenfarbenen Korallen. Busen und Arme waren halb entblößt, und ihr Haar ohne Puder, das heißt in einer ganzen üppigen Fülle und mit dem Glanz einer goldenen Garbe, ward wie eine ihren Damm durchbrechen wollende Cascade durch ein himmelblaues Netz zurückgehalten.
Ein Dutzend junger Hofdamen, die ihrerseits mit aller Eleganz und dem Raffinement gekleidet waren, welches ihre angeborenen Reize hervorzuheben geeignet war, bildeten eine fliegende Escadron, welche die der Königin Katharina von Medicis um nichts zu beneiden hatte.
Mitten unter dieser Maskerade mit entblößtem Gesicht trug aber, wie wir schon angedeutet, nur die Liebe eine Maske. Indem Caroline zwischen den Tischen hin und herging, welche sie mit ihrem Kleide streifte, wodurch sie ihren bewunderungswürdig geformten Fuß sichtbar machte, hatte ein junger Capitän nur Blicke für sie und hob das Bouquet, welches sie, indem sie ihm zu trinken einschenkte, von ihrer Brust verlor, auf, um es an sein Herz zu drücken.
Ach, eines dieser beiden Herzen, welche so feurig bei dem Hauche einer und derselben Liebe schlugen, war schon erloschen. Das andere schlug noch, aber erfüllt von Gefühlen des Hasses und der Rache.
Etwas Aehnliches geschah zehn Jahre später in Petit-Trianon und eine ähnliche Komödie, bei welcher allerdings der plumpen rohen Soldateska keine Betheiligung gestattet war, ward von dem König und der Königin von Frankreich aufgeführt.
Der König war der Müller, die Königin die Müllerin und der Mühlknappe, welcher Dillon oder Coigny hieß, gab an Eleganz, an Schönheit und selbst an Adel dem Fürsten Caramanico nichts nach.
Wie dem auch sein mochte, so wußte das lebhafte Temperament des Königs sich nur schwer in die ehelichen Launen Carolinens zu fügen und er bot die Liebe, welche seine Gattin verschmähte, andern Frauen an.
Dabei aber besaß er eine solche Schwäche für die Königin, daß er zu gewissen Stunden nicht einmal das Geheimniß der Treulosigkeiten bewahren konnte, deren er sich gegen sie schuldig machte.
Dann heuchelte, nicht aus Eifersucht, sondern damit nicht eine Nebenbuhlerin ihr den Einfluß rauben möchte, nach welchem sie trachtete, die Königin ein Gefühl, welches sie nicht empfand, und ließ zuletzt die Dame, deren Name ihr Gemahl ihr mitgetheilt, in die Verbannung schicken.
Es begegnete dies beispielsweise der Herzogin von Luciano, welche der König seiner Gemahlin selbst denuncirt hatte und welche diese auf ihre Güter verweisen ließ. Entrüstet über die Schwäche ihres königlichen Liebhabers, verkleidete die Herzogin sich als Mann, lauerte dem König auf einem seiner Gänge auf und überhäufte ihn mit Vorwürfen.
Der König sah ein Unrecht an, fiel vor der Herzogin auf die Knie nieder und bat sie tausendmal um Verzeihung. Deshalb war sie aber dennoch genöthigt, Neapel zu verlassen und sich auf ihre Güter zurückzuziehen, von welchen der König sie erst nach Verlauf von sieben Jahren zurückrufen ließ.
Ein entgegengesetztes Verhalten hatte für die Herzogin von Cassano Serra eine ähnliche Strafe zur Folge.
Vergebens hatte der König ihr den Hof gemacht. Sie hatte ihm hartnäckigen Widerstand entgegengesetzt.
Der König, der in Bezug auf seine Niederlagen eben so indiscret war als hinsichtlich seiner Triumphe, gestand der Königin, was der Grund seiner üblen Laune sei.
Caroline, für welche eine zu strenge Tugend ein lebendiger Vorwurf war, ließ die Herzogin von Cassano Serra wegen ihres Widerstandes eben so verbannen, wie sie die Herzogin von Luciano um ihrer Schwäche hatte verbannen lassen.
Auch diesmals ließ der König die gewähren.
Allerdings riß ihm zuweilen die Geduld.
Eines Tages hielt sich die Königin, da sie sich zufällig nicht an eine Favoritin hatte halten können, an einen Favoriten. Es war dies der Herzog von Altavilla, gegen welchen sie Grund zur Klage zu haben glaubte. Da die Königin in ihren Anwandlungen von Zorn leicht die Herrschaft über sich selbst verlor, und sich dann in den beleidigendsten Ausdrücken erging, so vergaß sie sich so weit, dem Herzog zu sagen, er erkaufe sich die Gunst des Königs durch Gefälligkeiten, die eines Mannes von Ehre nicht würdig wären.
Der in seiner Würde sich verletzt fühlende Herzog von Altavilla begab sich sofort zu dem König, erzählte ihm, was geschehen, und bat ihn um die Erlaubniß, sich auf seine Güter zurückzuziehen. Der König ging, im höchsten Grade aufgebracht, sofort selbst zur Königin, und da sie, anstatt ihn zu beschwichtigen, ihn durch herbe Antworten noch mehr reizte, so verabreichte er ihr, obschon die Marie Theresiens Tochter und obschon er König war, eine Ohrfeige, welche, wenn sie von der Hand eines Fuhrmanns gekommen wäre, auf der Wange der Tochter eines Lastträgers nicht besser schallen gekonnt hätte.
Die Königin entfernte sich sofort, riegelte sich in ihre Gemächer ein und schmollte, schrie und weinte.
Diesmal blieb aber Ferdinand fest. Die Königin war es, welche zuerst wiederkommen und sogar den Herzog von Altavilla selbst bitten mußte, sie mit ihrem königlichen Gemahl wieder auszusöhnen.
Wir haben bereits erwähnt, welche Wirkung die französische Revolution auf Ferdinand geäußert hatte; man begreift, daß diese Wirkung bei Caroline eine noch weit schrecklichere sein mußte.
Bei Ferdinand war es ein vollkommen egoistisches Gefühl, ein Zurückkommen auf seine eigene Lage und ziemlich große Gleichgültigkeit in Bezug auf das Schicksal Ludwigs des Sechzehnten und Marie Antoinettens, die er nicht kannte, und die Furcht, daß ihm ein ähnliches Schicksal ereilen könne.
Bei Caroline war es vor allen Dingen der Schmerz einer ins Herz getroffenen Familie. Sie, die mit trockenem Auge ihr Kind sterben sah, betete ihre Mutter, ihre Brüder ihre Schwester an. Es war der tödtlich verwundete königliche Stolz, der aber weniger durch den Tod selbst durch die Schmach dieses Todes verletzt worden.
Es war der glühendste Haß gegen dieses verhaßte französische Volk, welches nicht blos die Könige, sondern auch das Königthum so zu behandeln wagte, und sie that einen Racheschwur gegen Frankreich, der nicht minder unversöhnlich war, als der des jungen Hannibal gegen Rom.
Als sie innerhalb eines Zeitraumes von acht Monaten die Nachrichten von dem Tode Ludwigs des Sechzehnten und seiner Gemahlin Maria Antoinette erhielt, verlor sie vor Wuth fast den Verstand.
Sie sah überall Mirabeau's, Dantons und Robespierres. Man konnte in ihrer Gegenwart nicht von Liebe und Treue ihrer Unterthanen sprechen, ohne Gefahr zu laufen, bei ihr in Ungnade zu fallen.
Ihr Haß gegen Frankreich ließ sie in ihren eigen Staaten eine republikanische Partei sehen, welche weit entfernt war darin zu existieren, die sie aber endlich durch ihre unablässigen Verfolgungen selbst hervorrief.
Ein Jacobiner war in ihren Augen Jeder, dessen persönlicher Werth das gewöhnliche Maß überstieg, jeder Unvorsichtige, der eine Pariser Zeitung las, jeder Stutzer, welcher die französische Mode nachahmte, und besonders Jeder, der kurzes Haar trug.
Die reinsten und edelsten Bestrebungen für den socialen Fortschritt wurden als Verbrechen betrachtet, die nur durch den Tod oder lebenslängliche Gefangenschaft gesühnt werden könnten.
Nachdem Emanuele de Deo, Vitagliano und Cagliani, drei Knaben, welche zusammen kaum fünfundsechzig Jahre zählten, grausam auf dem Schloßplatz hingerichtet worden, wurden Männer wie Pagano, Conforti und Cirillo eingekerkert.
Der Argwohn der Königin verstieg sich bis unter die höchste Aristokratie; der Fürst Colonna, ein Caracciolo, ein Riario und endlich jener Graf von Ruvo, den wir mit Cirillo unter der Zahl der Verschwörer im Palaste der Königin Johanna figurieren gesehen, wurden ohne irgend welchen Beweggrund festgenommen, nach dem Castell San Elmo geführt und dem Kerkermeister zur schärfsten Bewachung übergeben.
Der König und die Königin, die sonst in allen Dingen so wenig harmonierten, stimmten dennoch von diesem Augenblicke an in einem Punkte, ihrem Hasse gegen die Franzosen, vollkommen überein.
Nur war der Haß des Königs träger Art und würde sich damit begnügt haben, die ferne von sich zu halten, während Carolinens Haß thätig war, und nicht blos das Fernhalten der Franzosen, sondern auch ihre Vernichtung verlangte.
Ihr stolzer Charakter hatte die sorglose Gemüthsart Ferdinands schon längst unter ihren Willen gebeugt. Zuweilen empörte er sich allerdings dagegen, wenn ein gesunder Menschenverstand ihm zeigte, daß man ihn verleite, von dem geraden Wege abzuweichen. Mit der Zeit, Geduld und Beharrlichkeit aber erreichte die Königin das Ziel, welches sie sich einmal gesteckt.
So hatte sie in der Hoffnung, an irgend einer Coialition gegen Frankreich Theil zu nehmen, oder diesem auf eigene Faust den Krieg erklären zu können, durch Acton‘s Vermittlung, beinahe ohne Vorwissen ihres Gemahls, Armee von siebzigtausend Mann ausgehoben und organisiert, eine Flotte von hundert größeren und kleineren Schiffen gerüstet, ein bedeutendes Material zusammengebracht und mit Einem Worte alle Dispositionen getroffen, damit Befehl des Königs der Krieg jeden beliebigen Tag beginnen könne.
Sie war noch weiter gegangen. Da sie die Unfähigkeit der neapolitanischen Generale, welche noch niemals Armee im offenen Felde commandiert, recht wohl kannte und wußte, daß die Soldaten nur geringes Vertrauen zu ihnen haben würden, so hatte sie ihren Neffen, den Kaiser Oesterreich, um einen seiner Generale, den Baron Mack ersucht, welcher für den ersten Strategen seiner Zeit galt.
Der Kaiser hatte ihre Bitte gewährt und man erwartete nun mit jedem Augenblicke die Ankunft dieser wicht Persönlichkeit, eine Ankunft, von welcher nur die Königin und Acton unterrichtet waren, während der König nicht Mindeste davon wußte.
Während dieser Zeit geschah es, daß Acton, welcher sich Meister der Situation fühlte, und in der ganzen Welt nur einen einzigen Mann kannte, der ihn stürzen und an seine Stelle setzen konnte, den Entschluß faßte, sich des Mannes, dessen Entfernung ihm nicht mehr genügte, vollständig zu entledigen.
Eines Tages erfuhr man in Neapel, daß der Fürst Caramanico, Vicekönig von Sicilien, krank, den nächstfolgenden, daß er dem Tode nahe, den dritten, daß er gestorben sei.
Keinem Herzen vielleicht bereitete dieser Tod eine so furchtbare Erschütterung, wie dem Carolinens. Jene Liebe, die erste von allen, war durch die Trennung nur um so größer geworden und konnte nur durch den Tod ausgerottet werden. Keine der Fibern, deren sie sich bemächtigt, ward bei diesem schmerzlichen Kampfe verschont und die Qual war um so größer, als sie dieselbe den neugierigen Blicken, welche sie umgaben, verbergen mußte.
Sie schützte Unwohlsein vor, schloß sich in das entlegenste ihrer Gemächer ein, wälzte sich auf dem Fußboden, zerraufte sich das Haar, stöhnte wie ein verwundeter Panther, lästerte den Himmel, verwünschte den König, ihre Krone, den Anbeter, den sie nicht geliebt und der ihr den einzigen Mann tödtete, den sie je liebte. Sie fluchte sich selbst und mehr als Allem, dem Volke, welches diesen Tod auf den Gassen ausschreiend, sie anklagte, ihrem Mitschuldigen, Acton, dieses Menschenopfer gebracht zu haben.
Endlich nahm sie sich vor, alle diese in ihr Herz und Blut getretene Galle gegen Frankreich und die Franzosen zu kehren.
Während dieser qualvollen Stunden durfte nur eine einzige Person, die Vertraute aller ihrer Geheimnisse und welche sie zur Verbündeten ihres Hasses zu machen gedachte, bis zu ihr gelangen.
Es war dies ihre Favoritin, Emma Lyonna.
Die zwei Jahre, welche seit jenem Todesfalle, dem größten Schmerze vielleicht in Carolinens ganzem Leben, verflossen waren, hatten vielleicht die Maske von Gleichgültigkeit, welche sie auf ihrem Gesichte trug, undurchdringlicher gemacht, aber die Wunden, welche im Inneren bluteten, keineswegs vernarben lassen.
Allerdings hatte die Entfernung Bonapartes, der jetzt abgeschnitten in Egypten stand, die Ankunft des Siegers von Abukir mit seiner ganzen Flotte in Neapel, die Gewißheit, daß sie durch jene Circe, Lyonna, Nelson zum Verbündeten ihres Hasses und Mitschuldigen ihrer Rache machen würde, ihr eine jener bitteren Freuden bereitet, welche die einzigen sind, welche es den traurigen Herzen, den verzweifelten Seelen vergönnt ist zu fühlen.
In dieser Stimmung hatte der Auftritt, welcher am Abend vorher im Palast der englischen Gesandtschaft stattgefunden, das heißt die Drohung des französischen Gesandten und seine Kriegserklärung, weit entfernt die unversöhnliche Feindin der Franzosen geschreckt zu haben, im Gegentheil ihr Ohr wie der so lange und so ungeduldig erwartete Schlag der ersehnten Stunde berührt.
Anders war es mit dem König, auf welchen jener Auftritt einen sehr unangenehmen Eindruck gemacht, in Folge dessen er eine sehr schlechte Nacht zugebracht.
Als er in sein Zimmer zurückkam, hatte er daher auch befohlen, daß für ihn den nächstfolgenden Tag zu seiner Zerstreuung eine Schweinsjagd in dem Forste von Asproni veranstaltet werde.
Siebentes Capitel.
Das erleuchtete Zimmer
Es war ziemlich zwei Uhr Morgens, als der König und die Königin das Hotel der englischen Gesandtschaft verließen und nach dem Palast zurückkehrten.
Der König, der, wie wir eben gesagt, noch sehr mit dem stattgehabten Auftritt beschäftigt war, schlug sofort den Weg nach feinem Zimmer ein und die Königin, welche ihn selten einlud, ihr in das ihrige zu folgen, setzte dieser eiligen Entfernung kein Hinderniß entgegen, sondern schien ebenfalls sich so schnell als möglich auf ihr Zimmer begeben zu wollen.
Der König verhehlte sich den Ernst der Situation durchaus nicht. Nun gab es einen Mann, welchen er unter ernsten Umständen stets mit einem gewissen Vertrauen zu Rathe zog, weil er dies selten gethan, ohne auch wirklich einen guten Rath von ihm erhalten zu haben. Die Folge hiervon war, daß er diesem Manne einen wirklichen Vorzug vor dem ganzen Schwarm der Höflinge, die ihn umgaben, zugestand.
Dieser Mann war der Cardinal Fabricio Ruffo, den wir unsern Lesern gezeigt, als er dem Erzbischof von Neapel bei der Feierlichkeit assistierte, welche zu Ehren der Ankunft Nelsons in der Kathedrale von Neapel stattfand.
Ruffo war mit bei dem von Sir William Hamilton dem Sieger von Abukir gegebenen Souper gewesen. Es hatte daher Alles gesehen und Alles gehört und beim Aufbruch hatte der König ihm nur die Worte zu jage gebraucht:
»Ich erwarte Sie diese Nacht im Palast.«
Ruffo hatte sich verneigt und damit zu verstehen gegeben, daß er Seiner Majestät zu Befehl stünde. In der That befand sich der König seit kaum er zehn Minuten in seinem Zimmer und hatte eben dem diensthabenden Kammerherrn gesagt, daß er den Cardinal er warte, als man ihm auch schon meldete, der Cardinal sei da und lasse fragen, ob es dem König beliebe, ihn zu empfangen.
»Er soll hereinkommen, rief Ferdinand so laut, da der Cardinal es hörte, »freilich beliebt es mir, ihn zu empfangen.«
Der auf diese Weise aufgeforderte Cardinal erwartet nicht erst den Ruf des Thürstehers, sondern entsprach der dringenden Ruf des Königs durch sofortiges persönliche Erscheinen.
»Nun, Eminentissime, was sagen Sie zu dem, was soeben geschehen?« fragte der König, indem er sich in eine Sessel warf und den Cardinal durch eine Geberde einlud sich ebenfalls zu setzen.
Der Cardinal, welcher wußte, daß die größte Ehrerbietung, welche man den Königen erweisen kann, darin besteht, daß man ihnen, sobald sie befohlen haben, sofort gehorcht, weil jede Einladung von ihrer Seite ein Befehl ist nahm einen Stuhl und setzte sich.
»Ich sage, daß dies eine sehr ernste Angelegenheit ist, entgegnete der Cardinal. »Glücklicherweise haben Euer Majestät sich dieselbe um der Ehre Englands willen zugezogen und die Ehre Englands verlangt daher, Sie zu unterstützen.«
»Was denken Sie, im Grunde genommen, von diesem Bulldog, diesem Nelson? Seien Sie aufrichtig, Cardinal.«
»Euer Majestät sind so gütig gegen mich, daß ich gegen Sie stets offen bin.«
»Nun, so sprechen Sie.«
»Was Muth betrifft, so ist er ein Löwe, was militärischen Instinct betrifft, so ist er ein Genie, was aber Geist betrifft, so ist er glücklicherweise ein ganz mittelmäßiger Mensch.«
»Glücklicherweise, sagen Sie?«
»Ja, Sire.«
»Und warum glücklicherweise?«
»Weil man ihn mit zwei Lockspeisen führen kann, wohin man will.«
»Und welche sind diese?«
»Die Liebe und der Ehrgeiz. Die Liebe ist die Sache der Lady Hamilton, der Ehrgeiz ist die Ihrige, Sire. Seine Geburt ist eine gemeine, seine Erziehung so gut wie keine. Er hat eine Rangstufen erstiegen, ohne den Fuß in ein Vorzimmer zu setzen und indem er ein Auge in Calvi, einen Arm auf Teneriffa und die Haut einer Stirn bei Abukir gelassen. Behandeln Sie diesen Menschen wie einen vornehmen Herrn. Sie werden ihn berauschen und wenn er einmal berauscht ist, so können Sie mit ihm machen, was Sie wollen. Ist man der Lady Hamilton sicher?«
»Die Königin ist ihrer sicher, wie sie sagt.«
»Nun dann brauchen Sie nichts weiter. Durch diese Frau werden Sie Alles erlangen. Sie wird Ihnen gleichzeitig den Gatten und den Liebhaber geben; beide sind in sie vernarrt.«
»Ich fürchte nur, daß sie die Spröde spiele.«
»Emma Lyonna sollte die Spröde spielen? Ruffo mit dem Ausdruck der tiefster Verachtung. »Da wohl nicht Ihr Ernst, Sire?«
»Ich sage nicht, daß sie spröde sei, sondern daß die Spröde spielen werde.«
»Und warum sollte sie das?«
»Er ist eben kein sonderlich schöner Mann, dieser Nelson, mit seinem einen Arme, seinem einen Auge und je zerfetzten Stirn. Wenn es so viel kostet, ein Held zu sein will ich lieber bleiben, was ich bin.«
»Mein Himmel, die Frauen haben sehr eigenthümliche Ideen und übrigens liebt Lady Hamilton die Königin auf so wunderbare Weise. Was sie nicht aus Liebe thut wird sie aus Freundschaft thun.«
»So, so,« sagte der König in dem Tone eines Menschen, welcher die Lösung einer schwierigen Angelegen der Vorsehung anheimstellt.
Dann fuhr er zu Ruffo gewendet fort:
»Haben Sie mir in dieser Sache keinen guten Rat zu geben?«
»Allerdings. Den einzigen, welcher überhaupt angemessen ist.«
»Und dieser wäre?« fragte der König.
»Euer Majestät haben einen Allianzvertrag mit Ihrem Neffen, dem Kaiser von Oesterreich, geschlossen.«
»Ich habe dergleichen Verträge mit aller Welt geschlossen und dies ist es eben, was mich in Verlegenheit setzt.«
»Aber, Sire, Sie sollen doch eine gewisse Anzahl Soldaten zu der bevorstehenden Coalition stellen.«
»Ja, dreißigtausend.«
»Und Sie sollen ihre Bewegungen mit denen Oesterreichs und Rußlands combinieren.«
»So ist es besprochen.«
»Wohlan, wie dringend man Sie auch auffordern möge, Sire, so warten Sie, ehe Sie den Feldzug beginnen, bis die Oesterreicher und Russen ihn erst selbst begonnen haben.«
»Das ist allerdings meine Absicht. Sie können sich denken, Eminenz, daß ich mir nicht das Vergnügen machen werde, den Krieg ganz allein gegen die Franzosen zu führen. Aber –«
»Was wollen Sie sagen, Sire?«
»Wenn Frankreich die Coalition nun nicht abwartet? Den Krieg hat es mir schon erklärt, wenn es nun denselben wirklich gegen mich beginnt?«
»Nach dem, was man mir aus Rom berichtet, glaube ich Ihnen versichern zu können, Sire, daß die Franzosen jetzt nicht im Stande sind, einen Krieg gegen Sie zu beginnen.«
»So, so. Nun, dies beruhigt mich ein wenig.«
»Wenn Euer Majestät mir erlauben wollte – «
»Was denn?«
»Ihnen einen zweiten Rath zu ertheilen.«
»Jawohl, versteht sich.«
»Euer Majestät hatte blos einen von mir verlangt. Allerdings ist der zweite die Folge des ersten.«
»Sprechen Sie, sprechen Sie.«
»Wohlan, an Ihrer Stelle, Sire, würde ich eigenhändig an meinen Neffen, den Kaiser, schreiben, um von ihm, nicht officiell, sondern vertraulich, zu erfahren, wann er den Feldzug zu beginnen gedenkt, und nachdem ich dies wüßte, würde ich meine Bewegungen, nach den einigen regeln.«
»Sie haben Recht, Eminentissime, und ich werde sofort an ihn schreiben.«
»Haben Sie einen sichern Mann, mit welchem Sie den Brief absenden können, Sire?«
»Ich habe meinen Courier Ferrari.«
»Aber sicher, sicher, sicher?«
»Mein lieber Cardinal, Sie verlangen einen dreimal sichern Mann, während es doch schwierig ist, einen zu finden, der es nur einmal sei.«
»Nun, und wie steht es mit diesem?«
»Ich halte ihn für sicherer als die Andern.«
»Hat er Ihnen schon Beweise seiner Treue gegeben?«
»Hundert.«
»Wo ist er?«
»Wo er ist? Nun, natürlich hier. Er schläft gestiefelt und gespornt in einem meiner Vorzimmer, um zu jeder beliebigen Stunde des Tages oder der Nacht bereit zu sein, auf den ersten Befehl zu Pferde zu steigen.«
»Erst müssen wir schreiben, dann wollen wir ihn suchen.«
»Schreiben, das ist leicht gesagt, Eminenz. Wo zum Teufel soll ich zu dieser Stunde Tinte, Papier und Feder finden?«
»Das Evangelium sagt: »Quaere et invenies.«
»Was heißt das? Lateinisch verstehe ich nicht, Eminenz.«
»Suchet, so werdet ihr finden.«
Der König ging an seinen Secretär, öffnete alle Schubfächer eins nach dem andern, fand aber nichts von dem, was er suchte.
»Das Evangelium lügt,« sagt er.
Und ganz zerknirscht sank er wieder in seinen Sessel.
»Was wollen Sie, Cardinal!« setzte er mit einem Seufzer hinzu, »das Schreiben ist mir zuwider.«
»Aber dennoch sind Sie entschlossen, Sire, sich heute Nacht noch diese Mühe zu machen.«
»Allerdings, aber Sie sehen selbst, daß ich keine Schreibmaterialien habe. Ich müßte alle meine Leute wecken und übrigens können Sie sich denken, lieber Freund, wenn der König nicht schreibt, so hat Niemand Federn, Tinte oder Papier. O, ich brauchte nur die Königin darum bitten zu lassen. Diese hat Alles, sie ist eine famose Schreiberin. Erführe man aber, daß ich geschrieben hätte, so würde man glauben, der Staat sei in Gefahr, was auch übrigens ganz wahr ist. Der König hat geschrieben. An wen? Warum? Es wäre dies ein Ereigniß, welches den ganzen Palast in Aufruhr versetzte.«
»Nun denn, Sire, muß ich wohl finden, was Sie vergeblich suchen.«
»Und wo wollen Sie es denn suchen?«
Der Cardinal verneigte sich gegen den König, ging hinaus und kam eine Minute später mit Papier, Tinte und Federn zurück.
Der König betrachtete ihn mit dem Ausdrucke der Bewunderung.
»Wo zum Teufel haben Sie das her, Eminenz?« fragte er.
»Ich habe es mir ganz einfach von Ihren Leuten geben lassen.«
»Wie, also trotz meines Verbots haben diese Halunken Papier, Tinte und Federn?«
»Sie müssen dies wohl haben, um die Namen derjenigen aufschreiben zu können, welche eine Audienz bei Ihnen begehren, Sire.«
»Aber ich habe ja niemals etwas davon gesehen.«
»Weil man Alles in einem Schranke versteckt hielt. Ich habe den Schrank entdeckt und hier ist nun Alles, was Sie brauchen, Majestät.«
»In der That, Sie sind ein Mann, der sich zu helfen weiß! Jetzt, Eminentissime,« fuhr der König in kläglichem Tone fort, »sagen Sie mir, ist es wirklich nothwendig, daß dieser Brief von meiner eigenen Hand geschrieben sei?«
»Jedenfalls wird dies am besten sein; die Sache hat dann einen vertraulichen Anstrich.«
»Nun, dann dictiren Sie mir.«
»O, Sire!«
»Dictiren Sie mir, sage ich, denn sonst bringe ich zwei Stunden zu, ehe ich mit einer halben Seite fertig bin. Ach, ich hoffe nur, daß San Nicandro nicht blos zeitlich, sondern auch in alle Ewigkeit verdammt ist, weil er einen solchen Esel aus mir gemacht hat.«
Der Cardinal tauchte eine frisch geschnittene Feder in das Tintenfaß und reichte sie dem König.
»Nun, so schreiben Sie, Sire.«
»Dictiren Sie, Cardinal.«
»Da Ew. Majestät es befehlen, sagte Ruffo, sich verneigend.
Und er dictirte:
»Vielgeliebter Bruder, Cousin und Neffe, Bundesgeosse und Conföderierter!
»Ich muß Sie ohne Verzug von dem in Kenntniß setzen, was gestern Abend im Palaste des Gesandten von England geschehen. Lord Nelson hat auf der Rückkehr von Abukir in Neapel frischen Proviant eingenommen; Sir William Hamilton gab ihm ein Fest und der Bürger Garat, Gesandter der französischen Republik, benutzte diese Gelegenheit, um mir im Namen seiner Regierung den Krieg zu erklären.
»Lassen Sie mich daher durch denselben Courier, welchen ich Ihnen sende, wissen, von welcher Art Ihre Dispositionen für den bevorstehenden Krieg sind, und bestimmen Sie ganz besonders genau die Zeit, zu welcher Sie ins Feld zu rücken gedenken, da ich durchaus nichts Anderes thun will, als gleichzeitig mit Ihnen und in Uebereinstimmung mit Ihnen.
»Ich werde die Antwort Ew, Majestät erwarten, um mich in jeder Beziehung nach den Instructionen zu richten, welche Sie mir ertheiten werden.
»Da das Gegenwärtige keinen andern Zweck hat, so nenne ich mich, indem ich Ihnen alles mögliche Gedeihen wünsche,
»Ew. Majestät
»guten Bruder, Cousin und Onkel,Bundesgenossen und Conföderierten.«
»Uff!«, seufzte der König.
Und er richtete den Kopf empor, und sah den Cardinal fragend an.
»So ist es gut, Sire. Sie haben blos noch zu unterzeichnen.
Der König unterzeichnete seiner Gewohnheit gemäß: »Ferdinand B.«
»Wenn ich bedenke, fuhr der König fort, »daß ich ohne Ihre Hilfe mit dem Schreiben dieses Briefes die ganze Nacht zugebracht hätte! Ich danke Ihnen, mein lieber Cardinal, ich danke Ihnen.«
»Was suchen Sie, Majestät?« fragte Ruffo, welcher sah, daß der König unruhig umhersuchte.
»Ein Couvert.«
»Wir wollen eins machen,« sagte Ruffo.
»Das ist wieder etwas, was San Nicandro mich nicht gelehrt – Couverts machen! Allerdings, da er vergessen hatte, mich schreiben zu lehren, so mußte er die Kunst des Couvertmachens als überflüssig betrachten.«
»Erlauben Sie mir, Majestät?« fragte Ruffo.
»Wie, ob ich erlaube?«, sagte der König, indem er sich erhob. »Setzen Sie sich hierher, auf meinen Platz, mein lieber Cardinal.«
Der Cardinal setzte sich in den Sessel des Königs und falzte und schnitt mit großer Gewandtheit das Papier zurecht, welches dem königlichen Briefe zur Hülle dienen sollte.
Ferdinand sah ihm mit bewunderndem Blicke zu.
»Wollen Sie mir nun sagen, Majestät, wo Ihr Siegel ist?« fragte der Cardinal.
»Ich will es Ihnen geben, ich will es Ihnen geben; bleiben Sie sitzen,« sagte der König.
Der Brief ward zugesiegelt und der König schrieb dann die Adresse darauf Dann stützte er das Kinn auf die Hand und versank in Gedanken.
»Ich wage nicht zu fragen, Sire,« bemerkte Ruffo sich verneigend.
»Ich will,« sagte der König, immer noch in Gedanken versunken, »daß Niemand erfahre, daß ich diesen Brief an meinen Neffen geschrieben, ebensowenig als durch wen ich ihn abgesendet habe.«
»Dann, Sire,« sagte Ruffo lachend, »müssen Sie mich am Ausgange des Palastes ermorden lassen.«
»Sie, mein lieber Cardinal, sind für mich nicht Jemand. Sie sind ein zweites Ich.«
Ruffo verneigte sich.
»O, bedanken Sie sich nicht. Die Schmeichelei ist eben nicht groß.«
»Aber was sollen wir dann beginnen, Sire? Sie müssen doch Ferrari durch Jemand holen lassen.«
»Das ist es eben, worüber ich nachdenke.«
»Wenn ich wüßte, wo er ist, sagte Ruffo, »so würde ich ihn holen.«
»Ja, das würde ich auch thun, sagte der König.
»Sie sagten aber doch, er sei im Palast, Sire?«
»Da ist er allerdings, der Palast ist aber ein wenig groß. Doch, warten Sie! In der That, ich bin noch dümmer, als ich glaubte.«
Mit diesen Worten öffnete er die Thür seines Schlafzimmers und pfiff.
Ein großer Jagdhund sprang von dem Teppich, auf welchem er neben dem Bett seines Herrn gelegen, in die Höhe, setzte seine beiden Vorderpfoten dem König auf die mit Orden und Schnüren bedeckte Brust und begann ihm das Gesicht zu lecken – eine Beschäftigung, welche dem Herrn ebenso viel Vergnügen zu machen schien, als dem Hunde.
»Ferrari hat ihn aufgezogen,« sagte der König. »Er wird mir Ferrari sofort holen.«
Dann veränderte er die Stimme und sprach zu einem Hunde, als ob er mit einem Kinde gesprochen hätte:
»Wo ist denn der arme Ferrari, Jupiter? Wir wollen ihn suchen. Talliho! Talliho!«
Jupiter schien ihn vollkommen zu begreifen. Er that drei oder vier Sprünge durch das Zimmer, schnüffelte und stieß ein freudiges Gewinsel aus. Dann kratzte er an der Thür eines geheimen Ganges.
»Ah, wir werden ihn also wiedersehen, mein guter Hund,« sagte der König.
Und nachdem er an dem Armleuchter eine kleine Kerze entzündet, öffnete er die Thür des Ganges und sagte:
»Such, Jupiter, such.«
Der Cardinal folgte dem König zunächst, um ihn nicht allein zu lassen, dann aber auch aus Neugier.
Jupiter rannte bis an das äußerste Ende des Ganges und kratzte hier an einer zweiten Thür.
»Wir sind also auf dem rechten Wege, mein guter Jupiter?« fuhr der König fort.
Und er öffnete diese zweite Thür, wie er die erste geöffnet. Dieselbe führte in ein leeres Vorzimmer.
Jupiter lief auf eine Thür zu, welche der, durch welche er hereingekommen, entgegengesetzt war, und richtete sich an dieser Thür in die Höhe.
»Schön!« sagte der König; »schön!«
Dann wendete er sich zu Ruffo und sagte:
»Wir brennen vor Ungeduld, Cardinal.«
Und er öffnete auch diese dritte Thür.
Dieselbe führte nach einer kleinen Treppe.
Jupiter rannte dieselbe etwa zwanzig Stufen hinauf und begann dann wieder an einer Thür zu kratzen, indem er zugleich ein kurz abgebrochenes Gewinsel ausstieß.
»Zitto! zitto!« sagte der König.
Er öffnete hierauf auch diese vierte Thür, wie er die drei andern geöffnet. Diesmal jedoch war er am Ziel seiner Wanderung angelangt. Der Courier lag vollständig angekleidet und gestiefelt auf einem Feldbett.
»Ha!« rief der König, ganz stolz auf den Scharfsinn seines Hundes, wenn ich bedenke, daß nicht ein einziger meiner Minister, nicht einmal der der Polizei, das zu leisten vermocht hätte, was soeben mein Hund geleistet!«
Trotz der Luft, welche Jupiter verspürte, auf das Bett seines Pflegevaters Ferrari zu springen, gab der König ihm einen Wink mit der Hand, und der Hund hielt sich sofort hinter ihm.
Ferdinand ging stracks auf den Schläfer zu, und berührte ihn an der Schulter.
Wie leicht auch diese Berührung war, so weckte sie doch den Courier sofort. Er setzt sich auf, und sah sich mit dem scheuen Blicke eines Menschen um, welchen man aus seinem ersten Schlafe aufweckt. In der nächsten Secunde erkannte er den König, sprang von dem Feldbett herunter und stand steif mit an den Körper angedrückten Ellbogen da, um die Befehle seiner Majestät zu erwarten.
»Kannst Du abreisen?« fragte ihn der König.
»Ja, Sire,« antwortete Ferrari.
»Kannst Du in einem Striche nach Wien reiten?«
»Ja, Sire.«
»Wie viel Tage brauchst Du bis Wien?«
»Das letzte Mal, Sire, habe ich fünf Tage und sechs Nächte gebraucht. Ich habe aber bemerkt, daß ich noch schneller vorwärts kommen und zwölf Stunden gewinnen könnte.«
»Und wie viel Zeit brauchst Du in Wien, um auszuruhen?«
»So lange als die Person, an welche Ew. Majestät schreibt, braucht, um mir eine Antwort zuzustellen.«
»Dann kannst Du also in zwölf Tagen wieder hier sein?«
»Noch eher, wenn man mich nicht warten läßt, und wenn mir kein Unfall zustößt.«
»Du wirst in den Stall hinuntergehen, und Dir selbst ein Pferd satteln.«
»Ja, Sire.«
»Dann wirst Du auf einem und demselben Pferde so weit als möglich reiten, es dann bei irgend einem Postmeister zurücklassen und auf dem Rückwege wieder mitnehmen.«
»Ja, Sire.«
»Du wirst Niemanden sagen, wo Du hingehst.«
»Nein, Sire.«
»Du wirst diesen Brief dem Kaiser selbst übergeben, und Niemanden anders.«
»Ja, Sire.«
»Und die Antwort wirst Du Dir hier von Niemanden abnehmen lassen, selbst nicht von der Königin.«
»Nein, Sire.«
»Hast Du Geld?«
»Ja, Sire.«
»Nun gut, so gehe denn.«
»Ich gehe, Sire.«
Und in der That nahm der wackere Mann sich nur die nöthige Zeit, um den Brief des Königs in eine kleine, nach Art eines Portefeuilles in dem Futter seiner Weste angebrachte kleine Ledertasche zu schieben, ein kleines Packet, welches ein wenig Wäsche enthielt, unter den Arm zu nehmen und seine Couriermütze aufzusetzen.
Hierauf schickte er sich, ohne weiter etwas zu verlangen, an, die Treppe hinabzugehen.
»Nun, Du nimmst ja nicht Abschied von Jupiter?« sagte der König.
»Ich wagte es nicht, Sire,« antwortete Ferrari.
»Ach, so umarmt Euch doch! Seid Ihr nicht zwei alte Freunde und beide in meinem Dienste?«
Der Mann und der Hund warfen sich Eins in die Arme des Andern. Beide warteten blos auf die Erlaubniß des Königs.
»Ich danke, Sire,« sagte der Courier.
Und er trocknete sich eine Thräne und stürzte dann die Stufen hinab, um die versäumte Zeit wieder einzubringen.
»Ich müßte mich sehr irren, sagte der Cardinal, »wenn Sie nicht hier einen Mann hätten, der sich bei der ersten Gelegenheit für Sie tödten lassen wird, Sire.«
»Das glaube ich selbst,« sagte der König.
»Auch gedenke ich ihm Gutes zu erzeigen.«
Ferrari war schon lange verschwunden, als der König und der Cardinal noch nicht den Fuß der Treppe erreicht hatten.
Sie gelangten in das Zimmer des Königs auf demselben Wege zurück, welchen sie eingeschlagen, um es zu verlassen, und schlossen die Thüren, die sie hinter sich offen gelassen, wieder zu.
Ein Thürsteher der Königin wartete im Vorzimmer, und überbrachte einen Brief von Ihrer Majestät.
»O!« rief der König, indem er einen Blick auf die Uhr warf, »drei Uhr Morgens, das muß etwas sehr Wichtiges sein.«
»Sire, die Königin hat gesehen, daß Ihr Zimmer noch erleuchtet ist und mit Recht geglaubt, daß Euer Majestät noch nicht schlafen gegangen sei.«
Der König öffnete den Brief mit dem Widerwillen, welchen er beim Lesen der Briefe, die er von seiner Gemahlin erhielt, allemal an den Tag legte.
»Nicht übel, sagte er, gleich nachdem er die ersten Zeilen gelesen, »da ist meine Jagdpartie zu allen Teufeln.«
»Ich wage nicht Euer Majestät zu fragen, was dieser Brief meldet.«
»O, immer fragen Sie, fragen Sie, Eminenz. Er meldet mir, daß nach der Rückkehr von dem Feste und in Folge der eingegangenen wichtigen Nachrichten der Generalcapitän Acton und Ihre Majestät die Königin beschlossen haben, heute Dienstag einen außerordentlichen Cabinetsrath zu halten. Der gute Gott segne die Königin und Signor Acton. Quäle ich sie wohl? Mögen sie doch thun, was ich thue, nämlich mich in Ruhe lassen!«
»Aber, Sire,« entgegnete Ruffo, »diesmal muß ich Ihrer Majestät der Königin und dem Generalcapitän Recht geben. Ein außerordentlicher Cabinetsrath scheint mir dringend nothwendig zu sein und je eher er stattfindet, desto besser wird es sein.«
»Nun gut. Dann werden Sie aber auch mit dabei sein, mein lieber Cardinal.«
»Ich, Sire? Ich habe nicht das Recht, dem Cabinetsrath beizuwohnen.«
»Aber ich habe das Recht, Sie dazu einzuladen.«
Ruffo verneigte sich.
»Ich nehme Ihr Anerbieten an, Sire,« sagte er. »Andere werden ihr Genie mitbringen, ich werde meine Treue und Anhänglichkeit bringen.«
»Gut, gut. Sagt der Königin, ich würde morgen zu der Stunde, welche sie bezeichnet, das heißt um neun Uhr, im Cabinetsrath sein. Sie verstehen, Eminenz?«
»Ja, Sire.«
Der Thürsteher der Königin entfernte sich.
Ruffo wollte ihm folgen, als man den Hufschlag eines Pferdes hörte, welches unter dem Gewölbe des Palastes hindurchgaloppierte.
Der König ergriff die Hand des Cardinals.
»Das ist jedenfalls Ferrari,« sagte er. »Sie, Eminenz, werden einer der Ersten sein, die von dem, was mein lieber Neffe antworten wird, Kenntniß erhalten.«
»Ich danke, Sire.«
»Gute Nacht, Eminenz. Man möge sich morgen im Cabinetsrath nur tapfer halten. Ich sage der Königin und dem Herrn Generalcapitän im Voraus, daß ich nicht bei guter Laune sein werde.«
»Ach, Sire,« sagte der Cardinal lachend, »guter Rath kommt über Nacht.«
Der König trat in sein Schlafzimmer und läutete, daß die Glocke hätte bersten mögen. Der Kammerdiener kam ganz erschrocken herbeigeeilt, denn er glaubte, der König sei plötzlich unwohl geworden.
»Man kleide mich aus und bringe mich zu Bett!« rief der König mit Donnerstimme. »Ein andermal werdet Ihr übrigens nicht vergessen meine Jalousien zu schließen, damit man nicht sieht, daß mein Zimmer um drei Uhr Morgens noch erleuchtet ist.«
Erzählen wir nun, was in dem dunklen Zimmer der Königin vorgegangen war, während wir erzählt, was in dem erleuchteten Zimmer des Königs geschah.
Achtes Capitel.
Das dunkle Zimmer
Kaum hatte die Königin ihre Appartements betreten, als der Generalcapitän Acton sich anmelden ließ, weil er ihr zwei wichtige Neuigkeiten mitzutheilen habe. Ohne Zweifel war aber nicht er es, den die Königin erwartete, oder er war nicht der Einzige, den sie erwartete, denn sie antwortete ziemlich kurz:
»Gut, er möge in den Salon treten; sobald ich frei bin, werde ich zu ihm kommen.«
Acton war an dergleichen kurze Abfertigungen gewöhnt. Schon seit langer Zeit bestand zwischen ihm und der Königin keine Liebe mehr. Er war der Geliebte dem Namen nach, wie er Premierminister war, was auch nicht hinderte, daß es außer ihm noch andere Minister gab.
Nur das Band der Politik fesselte dieses ehemalige Liebespaar noch aneinander. Acton bedurfte, um am Ruder zu bleiben, des Einflusses, den die Königin auf den König besaß, und die Königin bedurfte für die Pläne ihrer Rache oder ihrer Sympathien, welche sie mit gleicher Leidenschaftlichkeit verfolgte, Actons Genie für die Intrigue und seine grenzenlose Gefälligkeit, welcher bereit war, um ihretwillen Alles zu ertragen.
Die Königin entledigte sich rasch ihrer ganzen Galatoilette, ihrer Blumen, ihrer Diamanten, ihrer Juwelen. Sie wischte die rothe Schminke ab, womit die Frauen und besonders die Hofdamen zu jener Zeit ihre Wangen bemalten, und warf einen langen weißen Pudermantel über, ergriff einen kleinen Leuchter, betrat einen einsamen Gang und gelangte, nachdem sie beinahe eine ganze Etage durch- schritten, in ein isoliertes, einfach möbliertes Zimmer, aus welchem eine geheime Treppe, zu welcher die Königin einen Schlüssel und ihr Sbirre Pasquale de Simone einen zweiten hatte, auf die Straße führte.
Die Fenster dieses Zimmers blieben während des Tages vollständig geschlossen, so daß nicht der mindest Lichtstrahl hineindrang.
Eine bronzene Lampe nahm die Mitte des Tisches auf welchem sie festgeschraubt war, und ein über Flamme gestülpter Schirm war so construiert, daß er dieses Licht blos auf den Umkreis des Tisches concentrirte und das ganze übrige Zimmer im Dunkel gehüllt ließ.
Hier erwartete man die Denunciationen. Wenn die Denunzianten, trotz des Schattens, welcher in den Tiefen des Zimmers herrschte, erkannt zu werden fürchteten, so konnten sie mit verlarvtem Gesicht eintreten, oder in dem Vorzimmer eine jener langen Büßerkutten anlegen, welche den Leichnam auf den Kirchhof oder den Delinquenten aufs Schaffot begleiten – furchtbare Gewänder, welche die Menschen einem Gespenst ähnlich machen und, indem sie nur Platz für die Augen lassen, die zu diesem Zwecke angebrachten Löcher den leeren Augenhöhlen eines Todtenschädels gleichen lassen.
Die drei Inquisitoren, welche an diesem Tische saßen, haben eine so traurige Berühmtheit erlangt, daß ihre Namen unsterblich geworden sind. Sie hießen Castel Cicala, Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Guidobaldi, Vicepräsident der seit vier Jahren in Permanenz erklärten Staatsjunta, und Vanni, Fiscalproeurator. Die Königin hatte zur Belohnung seiner guten Dienste letzteren kürzlich zum Marquis gemacht.
In dieser Nacht aber war der Tisch leer, die Lampe erloschen, das Zimmer einsam. Das einzig lebende oder scheinbar lebende Wesen, welches es bewohnte, war eine Wanduhr, deren eintöniger Pendelschlag allein das düstere Schweigen störte, welches von der Decke sich herabzusenken und auf dem Fußboden zu lasten schien.
Es war als hätte die Finsterniß, welche ewig in diesem Zimmer herrschte, die Luft desselben verdickt und jenem Dunste gleichgemacht, welcher über den Sümpfen schwebt. Man fühlte, wenn man eintrat, daß man nicht blos in eine andere Temperatur, sondern auch in eine andere Atmosphäre kam und daß diese, welche nicht mehr aus den Elementen bestand, welche die äußere Luft bilden, immer schwieriger zu athmen ward.
Das Volk, welches die Fenster dieses Zimmers fortwährend geschlossen sah, hatte ihm den Namen des dunklen Zimmers gegeben, und in Folge der unbestimmten Gerüchte, welche darüber, wie über alles Geheimnißvolle, in Umlauf gekommen, mit dem furchtbaren Divinationsinstinct, der es charakterisiert, beinahe gesehen, was darin vorging.
Da jedoch nicht das Volk es war, welches durch diese unheimliche Finsterniß bedroht ward, da die Machtsprüche, welche aus diesem düsteren Zimmer ergingen, über sein Haupt hinweg weit Höhergestellte trafen, so war es wohl der gemeine Mann, der am meisten von diesem Zimmer sprach, aber er war es auch zugleich, der, wenn es um und um kam, am wenigsten davon fürchtete.
In dem Augenblicke, wo die Königin bleich und von dem Scheine der Kerze, die sie in der Hand hielt, beleuchtet, wie Lady Macbeth in dieses Zimmer mit der dumpfen Atmosphäre eintrat, ließ jenes Ausheben sich hören, welches dem Schlage vorangeht, und gleich darauf schlug die Wanduhr halb drei.
Das Zimmer war, wie schon bemerkt, leer und die Königin schien, als ob sie erwartet hätte irgend Jemand zu finden, sich über diese Einsamkeit zu wundern.
Einen Augenblick zögerte sie, vorwärts zu gehen, bald aber überwand sie den Schrecken, der sie bei dem unerwarteten Geräusche der Uhr ergriffen, warf einen Blick in die beiden Ecken des Zimmers, welche der Seite, auf welcher sie eingetreten, entgegengesetzt waren, und nahm langsam und nachdenklich an dem Tische Platz.
Dieser Tisch war ganz im Gegensatze zu dem in dem Zimmer des Königs mit Actenstücken bedeckt, wie das Bureau eines Gerichtshofes und mit Schreibmaterialien für drei Personen versehen.
Die Königin blätterte zerstreut in den Papieren umher. Ihre Augen durchliefen dieselben, ohne sie zu lesen, ihr gespanntes Ohr versuchte das mindeste Geräusch zu erhaschen, ihr Geist irrte weit außerhalb ihres Körpers umher.
Nach Verlauf von einigen Minuten konnte sie ihre Ungeduld nicht mehr bemeistern. Sie erhob sich, ging an die Thür, welche auf die geheime Treppe führte, lehnte das Ohr daran und horchte.
Nach einigen Augenblicken hörte sie das Knarren eines Schlüssels, welcher im Schlosse umgedreht ward, und murmelte jenes Wort, welches die Ungeduld verrieth, mit welcher sie wartete:
»Endlich!«
Dann öffnete sie die auf eine dunkle Treppe führende Thür und fragte:
»Bist Du es, Pasquale?«
»Ja, Majestät,« antwortete eine Männerstimme vom Fuße der Treppe herauf.
»Du kommst sehr spät,« sagte die Königin, indem sie sich mit finsterer Miene und gerunzelter Stirn wieder auf ihren Platz setzte.
»Meiner Treu, es hätte nicht viel gefehlt, so wäre ich gar nicht gekommen, antwortete der, welchem der Vorwurf gemacht worden, daß er sich nicht genug beeilt habe.
Die Stimme näherte sich immer mehr.
»Und warum wärest Du beinahe gar nicht gekommen?«
»Weil ich ein sehr schweres Stück Arbeit zu verrichten hatte, sagte der Mann, welcher nun endlich an der Thür des Zimmers erschien.
»Aber es ist doch wenigstens verrichtet?« fragte die Königin.
»Ja, Madame, Dank sei Gott und dem heiligen Pasquale, meinem Schutzpatrone. Es ist verrichtet, und gut verrichtet, aber es ist theuer zu stehen gekommen.«
Indem der Sbirre diese Worte sagte, legte er auf einen Sessel einen Mantel, welcher Gegenstände enthielt, die bei Berührung mit dem Möbel einen Metallklang hören ließen.
Die Königin sah ihm mit einem Ausdrucke zu, in welchem sich Neugier und Widerwillen mischten.
»Wieso, theuer zu stehen gekommen?«, fragte sie.
»Einer von meinen Leuten ist getödtet und drei sind verwundet worden, weiter nichts.«
»Es ist gut; man wird der Witwe eine Pension aussetzen und den Verwundeten angemessene Gratifikationen bewilligen.«
Der Sbirre verneigte sich zum Zeichen des Dankes.
»Dann waren es also Mehrere?« fragte die Königin.
»Nein, Madame, er war allein, aber dieser Mensch ist ein wahrer Löwe und ich mußte auf zehn Schritte Entfernung mit meinem Messer nach ihm werfen, sonst wäre es um mich eben so geschehen gewesen wie um die Andern.«
»Aber endlich?«
»Endlich ward ich mit ihm fertig.«
»Und Du hast ihm dann die Papiere mit Gewalt abgenommen?«
»O nein, er hat sie vielmehr gutwillig hergegeben; er war todt.«
»Ah,« sagte die Königin mit einem leichten Schauder. »Dann sahst Du Dich also genöthigt, ihn zu tödten?«
»Ja wohl, eher zweimal als einmal. Und dennoch that es mir wehe. Ich schwöre Ihnen, Majestät, wenn es nicht für Ihren Dienst gewesen wäre, so hätte ich es nicht gethan.«
»Wie, es hat Dir Ueberwindung gekostet, einen Franzosen umzubringen? Ich hätte nicht geglaubt, daß Du gegen die Soldaten der Republik so weichherzig wärest.«
»Es war kein Franzose, Madame,« sagte der Sbirre, den Kopf schüttelnd.
»Was erzählst Du mir da für eine Geschichte?«
»Niemals hat ein Franzose den neapolitanischen Dialect so gesprochen, wie dieser arme Teufel ihn sprach.«
»Was!« rief die Königin. »Ich will doch nicht hoffen, daß Du einen Fehlgriff begangen hat? Ich hatte Dir ganz bestimmt einen Franzosen bezeichnet, welcher zu Pferde von Capua nach Pozzuolo gekommen war.«
»Ganz recht, Majestät, und der sich dann in einer Barke von Pozzuolo nach dem Palast der Königin Johanna hinüberrudern ließ.«
»Einen Adjutanten des Generals Championnet.«
»Ganz recht, dieser ist es, mit dem wir zu thun gehabt haben. Uebrigens hat er Sorge getragen, uns auch selbst zu sagen, daß er es sei.«
»Du hast ihn also angeredet?«
»Ja wohl, Madame. Als ich ihn so flott neapolitanisch plappern hörte, fürchtete ich einen Mißgriff zu begehen und fragte ihn, ob er wirklich der wäre, den ich beauffragt war zu tödten.«
»Wie dumm!«
»Nicht gar so dumm, denn er antwortete mir ja.«
»Er hat Dir ja geantwortet?«
»Sie begreifen, Majestät, daß er mir recht wohl etwas Anderes hätte antworten können. Er hätte sagen können, er sei von Baffo Porto oder von Porta Capuana, und er hätte mich in große Verlegenheit gebracht, denn ich wäre außer Stand gewesen, ihm das Gegentheil zu beweisen. Es fiel ihm aber gar nicht ein, Ausflüchte zu machen. Ich bin der, welchen Ihr suchet, sagte er und piff! paff! lagen zwei meiner Leute von zwei Pistolenschüssen niedergestreckt und flitsch! flatsch! stürzten zwei andere von Säbelhieben getroffen ebenfalls zu Boden. Er erachtete es wahrscheinlich seiner unwürdig, eine Lüge zu machen, denn er war ein wackerer Mann, dafür stehe ich.«
Die Königin runzelte die Stirn bei dieser Lobrede, welche der Mörder seinem Schlachtopfer hielt.
»Und er ist todt?«
»Ja, Majestät, er ist todt.«
»Und was habt Ihr mit der Leiche gemacht?«
»Es näherte sich gerade eine Patrouille und da ich wenn ich mich compromittiert, auch zugleich Euer Majestät compromittiert hätte, so überließ ich dieser Patrouille die Mühe, die Todten aufzuheben und die Verwundeten verbinden zu lassen.«
»Dann wird man ihn als einen französischen Officier erkennen.«
»Woran denn? Hier ist ein Mantel, hier sind seine Pistolen, hier ist ein Säbel, was ich Alles von dem Schlachtfelde mit fortgenommen habe. Ah, er wußte sich dieses Säbels und dieser Pistolen sehr gut zu bedienen, das kann ich versichern. Was seine Papiere betraf, so hatte er weiter nichts bei sich als dieses Portefeuille und diesen Wisch der daran kleben geblieben ist.«
Und der Sbirre legte ein mit Blut besudeltes Portefeuille auf den Tisch. Ein Zettel, der einem Briefe glich, klebte daran und ward durch das getrocknete Blut festgehalten.
Der Sbirre riß den Zettel mit gleichgültiger Miene von dem Portefeuille ab und warf dann beides wieder auf dem Tisch.
Die Königin streckte die Hand aus, ohne Zweifel aber zögerte sie, dieses blutige Portefeuille zu berühren, denn sie hielt inne und fragte:
»Und seine Uniform, was hast Du mit dieser gemacht?«
»Das war wieder etwas, was ich mir nicht erklären kann. Er hatte gar keine Uniform an, sondern trug unter seinem Mantel einfach weiter nichts als ein kurzes Röckchen von grünem Sammet mit schwarzen Schnüren. Da ein fürchterliches Ungewitter tobte, so hat er wahrscheinlich seine Uniform bei einem Freunde gelassen, der ihm dafür diesen Rock geliehen.«
»Das ist sonderbar, sagte die Königin. »Man hatte mir doch das Signalement genau angegeben. Uebrigens werden die in diesem Portefeuille enthaltenen Papiere alle unsere Zweifel beseitigen.«
Und mit ihren beschuhten Fingern, deren Spitzen roth gefärbt waren, öffnete sie das Portefeuille und nahm aus demselben einen Brief, welcher die Aufschrift trug:
»An den Bürger Garat, Gesandten der französischen Republik in Neapel.«
Die Königin erbrach das Siegel mit dem Wappen der Republik, öffnete den Brief und stieß bei den ersten Zeilen, die sie las, einen Freudenruf aus.
Diese Freude stieg, so wie die Königin weiterlas, immer höher, und als sie fertig war, sagte sie:
»Pasquale, Du bist ein kostbarer Mann und ich werde dein Glück machen.«
»Das haben Sie mir schon sehr lange versprochen, Majestät, antwortete der Sbirre.
»Diesmal werde ich Wort halten; sei unbesorgt. Hier ist mittlerweile eine Abschlagszahlung.«
Sie ergriff ein Stück Papier und schrieb einige Zeilen darauf.
»Nimm diese Anweisung auf tausend Ducaten. Fünf hundert davon sind für Dich und fünfhundert für deine Leute.«
»Ich danke, Majestät, sagte der Shirre, indem er auf das Papier blies, um die Tinte zu trocknen, ehe er es in die Tasche steckte. »Ich habe Ihnen aber noch nicht Alles gesagt was ich zu sagen habe, Majestät.«
»Und ich habe Dich noch nicht um Alles gefragt, was ich Dich zu fragen habe. Vorher aber laß mich noch einmal diesen Brief lesen.«
Die Königin las den Brief zum zweiten Mal und schien dieses zweite Mal nicht weniger befriedigt zu sein als das erste Mal.
Nachdem sie fertig war, fragte sie:
»Nun, mein treuer Pasquale, was hattest Du mir zu jagen?«
»Ich hatte Ihnen zu sagen, Majestät, daß von dem Augenblick an, wo dieser junge Mann von halb zwölf Uhr an bis ein Uhr Morgens in den Ruinen des Palastes der Königin Johanna gewesen, daß er von dem Augenblick an, wo er seine militärische Uniform gegen einen bürgerlichen Rock vertauscht, nicht allein geblieben ist. Ohne Zweifel hatte er von seinem General auch Briefe an noch andere Personen als den französischen Gesandten.«
»Das dachte ich eben in dem Augenblick, wo Du mir es sagtest, mein lieber Pasquale. Und hast Du in Bezug auf diese Personen irgend welche Vermuthung?« setzte sie hinzu.
»Nein, noch nicht; ich hoffe aber, daß wir bald etwas Neues erfahren werden.«
»Ich höre Dich, Pasquale,« sagte die Königin, indem sie den Sbirren mit dem Licht ihrer Augen so zu sagen überflutete.
»Von den acht Mann, die ich für die Expedition dieser Nacht commandiert, schickte ich zwei wieder fort, weil ich glaubte, daß sechs genug wären, um mit diesem Adjutanten fertig zu werden. Es wäre mir beinahe theuer zu stehen gekommen, daß ich mit falschem Gewicht gewogen, aber das thut weiter nichts. Jene zwei Mann habe ich nämlich oberhalb des Palastes der Königin Johanna in den Hinterhalt gelegt und ihnen befohlen, den Leuten, welche vor oder mit dem Manne, mit welchem ich es selbst zu thun, herauskommen würden, nachzuschleichen und zu ermitteln, wer sie sind oder wenigstens, wo sie wohnen.«
»Nun und?«
»Nun, ich habe ihnen befohlen, dann mit mir am Fuße der Statue des Riesen wieder zusammenzutreffen, und wenn Sie erlauben, Majestät, so will ich jetzt gehen und sehen, ob sie auf ihrem Posten sind.«
»Geh und wenn sie da sind, so bringe sie mit hierher. Ich will sie selbst befragen.«
Pasquale de Simone verschwand in dem Corridor und man hörte das Geräusch seiner Tritte, so wie er die Stufen der Treppe hinabging, allmälig verhallen.
Als die Königin allein war, warf sie einen Blick auf den Tisch und erblickte hier jenes zweite Papier, welches der Sbirre einen Wisch genannt und, nachdem er es von dem Portefeuille, an welchem es klebte, abgerissen, mit diesem zugleich auf den Tisch geworfen.
Ueber ihrem Eifer, den Brief des Generals Championnet zu lesen, und in ihrer Freude, nachdem sie denselben gelesen, hatte sie das Papier ganz vergessen.
Es war ein Brief auf feinem Papier geschrieben. Die Handschrift war die einer Dame und zierlich, fein, aristokratisch. Gleich bei den ersten Worten erkannte die Königin einen Liebesbrief.
Er begann mit den beiden Worten:
»Caro Nicolino.«
Zum Unglück für die Neugier der Königin hatte das Blut beinahe die ganze beschriebene Seite überschwemmt. Man konnte nur das Datum, welches der 20. September war, erkennen und in den letzten Zeilen das Bedauern lesen, welches die Person, die den Brief geschrieben, empfand, daß sie sich nicht an dem gewohnten Ort einfinden könne, weil sie die Königin begleiten müsse, die dem Admiral Nelson entgegenführe.
Die Unterschrift bestand nur in einem einzigen Buchstaben, einem Anfangsbuchstaben, einem E.
Diesmal wußte die Königin nicht, was sie denken sollte.
Ein Brief von Frauenhand, ein Liebesbrief, ein Brief vom 20. September datiert, ein Brief endlich von einer Person, welche sich entschuldigte, daß sie an dem gewohnten Orte nicht erscheinen könne, weil sie die Königin begleiten müsse, ein solcher Brief konnte nicht an den Adjutanten Championnets geschrieben worden sein, welcher am 20. September, das heißt drei Tage vorher, noch fünfzig Meilen von Neapel entfernt war.
Es gab nur eine Wahrscheinlichkeit und der Scharfsinn der Königin kam sehr bald darauf.
Dieser Brief hatte sich ohne Zweifel in der Tasche des Rockes befunden, welchen der Abgesandte des General Championnet von einem seiner Mitverschworenen in dem Palast der Königin Johanna geliehen erhalten. Der Adjutant hatte sein Portefeuille, nachdem er es aus seiner Uniform genommen, in dieselbe Tasche gesteckt. Das aus der Wunde fließende Blut hatte den Brief an das Portefeuille geleimt, obschon dieser Brief und dieses Portefeuille durchaus nichts miteinander gemein hatten.
Die Königin erhob sich, ging an den Sessel, auf welchen Pasquale den Mantel gelegt, untersuchte diesen Mantel und fand, indem sie ihn auseinanderschlug, den Säbel und die Pistolen, welche darin lagen. Der Mantel war augenscheinlich ein einfacher Dienstmantel, wie ihn die französischen Cavallerieofficiere zu tragen pflegten.
Der Säbel war, ebenso wie der Mantel, dienstmäßig. Er hatte jedenfalls dem Unbekannten angehört, aber nicht so war es mit den Pistolen.
Diese waren sehr elegant, stammten aus der königlichen Gewehrfabrik in Neapel, waren rothgeschäftet und zeigten auf einem Plättchen den eingravierten Buchstaben N.
Es begann in dieser geheimnißvollen Angelegenheit allmälig zu tagen. Ohne Zweifel gehörten diese Pistolen demselben Nicolino, an welchen der Brief adressiert war.
Die Königin legte die Pistolen mit dem Briefe bei Seite, und wartete auf weitere Ergebnisse. Es war dies wenigstens der Anfang einer Spur, welche zur Ermittelung der Wahrheit führen konnte.
In diesem Augenblicke kam Simone zurück und brachte seine beiden Leute mit.
Die Aufschlüsse, welche diese gaben, waren von geringem Werthe.
Fünf oder sechs Minuten nach dem Weggange des Adjutanten hatten sie geglaubt, ein mit drei Mann besetztes Boot sich entfernen zusehen, als ob es nach der Stadt ginge, denn das Meer war mittlerweile ruhig geworden.
Zwei von diesen Personen ruderten. Lange hatte dieses Boot nicht beobachtet werden können, denn es entzog sich den Blicken der Sbirren, die ihm nicht auf dem Wasser folgen konnten, natürlich sehr bald.
Beinahe in demselben Augenblicke aber erschienen zur Entschädigung der Spione drei andere Personen an der Thür, welche auf die Straße des Pausilippo herausführte.
Nachdem sie sich eine Weile umgeschaut, ob die Straße frei wäre, wagten sie sich heraus, indem sie zugleich die Thür hinter sich verschlossen.
Anstatt jedoch die Straße in der Richtung von Mergellina, wie der junge Adjutant gethan, hinunter zu gehen, gingen sie dieselbe in der Richtung der Villa des Lucullus hinauf.
Die beiden Sbirren folgten den drei Unbekannten.
Nachdem man etwa hundert Schritte zurückgelegt, erstieg einer der Unbekannten die Böschung rechts und schlug einen kleinen Fußsteig ein, auf welchem er hinter den Aloe- und Cactusgebüschen verschwand.
Er mußte sehr jung sein. Es ließ sich dies aus der Leichtigkeit abnehmen, womit er die Böschung erkletterte, ebenso wie aus dem frischen Klange der Stimme, womit er seinen beiden Freunden zurief:
»Auf Wiedersehen!«
Die Andern erstiegen den Abhang ebenfalls, aber langsamer, und zwar mittelt eines Pfades, welcher längs der Felsenwand hinführte und in der Richtung nach Neapel sie nach Vomero bringen mußte.
Die Sbirren schlugen denselben Weg ein, als aber die beiden Unbekannten sahen, daß man ihnen folgte, blieben sie stehen, zogen jeder ein paar Pistolen aus Gürtel und riefen den Sbirren zu:
»Keinen Schritt weiter, oder wir schießen Euch nieder!«
Da diese Drohung in einem Tone erfolgte, welcher in Bezug auf die Ausführung derselben keinen Zweifel übrig ließ so blieben die beiden Sbirren, welche keine Instruction hatten, die Sache aufs Aeußerste zu treiben und übrigens auch nur mit ihren Messern bewaffnet waren, unbeweglich stehen und begnügten sich, den beiden Unbekannten mit den Augen zu folgen, bis sie die Gestalten aus dem Gesichte verloren.
Es war demnach von diesen Leuten kein weiterer Aufschluß zu erwarten, und der einzige Faden, mit Hilfe dessen man die in dem Labyrinthe des Palastes der Königin Johanna verlorene Verschwörung wieder aufsuchen konnte, war jener an Nicolino adressierte Liebesbrief und die in der königlichen Gewehrfabrik gekauften und mit einem N bezeichneten Pistolen.
Die Königin gab Pasquale durch einen Wink zu verstehen, daß er sich mit seinen Leuten entfernen könne. Dann warf sie den Säbel und den Mantel, die ihr für den Augenblick von keinem Nutzen sein konnten, in einen Schrank und nahm das Portefeuille, die Pistolen und den Brief mit.
Acton wartete immer noch.
Die Königin legte die Pistolen und das Portefeuille in das Schubfach eines Secretärs und behielt blos den blutbefleckten Brief, mit welchem sie in den Salon trat.
Als Acton sie erscheinen sah, erhob er sich und begrüßte sie, ohne über sein langes Warten die mindeste Ungeduld zu verrathen. Die Königin ging auf ihn zu.
»Sie sind Chemiker, nicht wahr?« fragte sie.
»Wenn ich auch nicht Chemiker in der vollen Bedeutung des Wortes bin, Majestät,« antwortete Acton, »so besitze ich wenigstens einige Kenntnisse von der Chemie.«
»Glauben Sie, daß man das Blut, welches diesen Brief besudelt, entfernen könne, ohne daß zugleich die Schrift verschwindet?«
Acton betrachtete den Brief und seine Stirn verdüsterte sich.
»Majestät, sagte er, »zum Schrecken und zur Strafe Derer, welche es vergießen, hat die Vorsehung gewollt, daß das Blut Spuren zurücklasse, welche ungemein schwer zu entfernen sind. Wenn die Tinte, mit welcher dieser Brief geschrieben, wie eine andere gewöhnliche Tinte blos aus einem einfachen Farbstoff und einem Aetzmittel zusammengesetzt ist, so wird die Operation schwierig sein, denn der Chlorkalk, welcher das Blut entfernt, wird auch die Tinte angreifen. Enthält dagegen, was aber nicht wahrscheinlich ist, die Tinte alpetersaures Silber, oder ist sie aus thierischer Kohle und Copalgummi zusammengesetzt, so wird eine Chlorauflösung das Blut hinwegnehmen, ohne der Tinte zu schaden.«
»Es ist gut. Thun Sie Ihr Möglichstes. Es kommt sehr viel darauf an, daß ich den Inhalt dieses Briefes kennen lerne.«
Acton verneigte sich.
Die Königin hob wieder an:
»Sie haben mir sagen lassen, daß Sie mir zwei wichtige Neuigkeiten mitzutheilen hätten. Worin bestehen dieselben?«
»Der General Mack ist heute Abend während des Festes angelangt und, da ich ihn eingeladen, bei mir abgestiegen, wo ich ihn nach meiner Nachhausekunft vorfand.«
»Er ist willkommen und ich glaube, daß ganz entschieden die Vorsehung für uns ist. Worin besteht die zweite Neuigkeit?«
»Dieselbe ist nicht weniger wichtig als die erste, Majestät. Ich habe einige Worte mit dem General Nelson gewechselt und er ist im Stande, in Bezug auf das Geld Alles zu thun, was Sie wünschen, Majestät.«
»Ich danke. Dies macht die Reihe der guten Nachrichten vollständig.«
Caroline trat an das Fenster, schlug die Vorhänge auseinander, warf einen Blick nach dem Zimmer des Königs und sagte, als sie dasselbe noch erleuchtet sah:
»Zum Glück ist der König noch wach. Ich werde ihm schreiben, daß heute Morgen eine außerordentliche Sitzung des Cabinetrathes stattfinden wird und daß er derselben durchaus beiwohnen müsse.«
»Wenn ich nicht irre, so beabsichtigte er heute eine Jagd zu veranstalten, entgegnete der Minister.
»Gleichviel, sagte die Königin in verächtlichem Tone. »Er kann sie auf einen andern Tag verschieben.«
Dann ergriff sie eine Feder und schrieb den Brief, welchen wir bereits kennen.
Acton blieb immer noch stehen und schien einen letzten Befehl zu erwarten.
»Gute Nacht, mein lieber General,« sagte die Königin mit huldvollem Lächeln. »Es thut mir leid, daß ich Sie so lange aufgehalten, wenn Sie aber erfahren werden, was ich gemacht habe, so werden Sie sehen, daß ich meine Zeit nicht verloren habe.«
Sie reichte Acton die Hand. Dieser küßte sie ehrerbietig, verneigte sich tief und that einige Schritte, um sich zu entfernen.
»Apropos,« sagte die Königin.
Acton drehte sich wieder um.
»Der König wird in dem Cabinetsrath bei sehr schlechter Laune ein.«
»Das fürchte ich auch,« sagte Acton lächelnd.
»Empfehlen Sie Ihren Collegen, kein Wort zu sprechen und nur zu antworten, wenn sie gefragt werden. Die ganze Komödie muß zwischen dem König und mir gespielt werden.«
»Und ich bin überzeugt, sagte Acton, »daß Sie, Majestät, die gute Rolle gewählt haben.«
»Ich glaube es selbst,« sagte die Königin. »Uebrigens werden Sie ja sehen.«
Acton verneigte sich zum zweiten Male und entfernte sich.
»Ha,« murmelte die Königin, indem sie ihren Frauen klingelte, »wenn Emma thut, was sie mir versprochen, so wird. Alles gut gehen.«
Neuntes Capitel.
Der Arzt und der Priester
Kommen wir mit den Ergebnissen dieser so ereignißvollen Nacht zu Ende, damit wir fortan in unserer Erzählung weiter fortfahren können, ohne stehen bleiben oder umkehren zu müssen.
Wenn unsere Leser das letzte Capitel mit Aufmerksamkeit gelesen haben, so werden sie sich erinnern, daß die Verschwörer nach Salvato Palmieris Fortgange sich in zwei Gruppen, jede von drei Personen, geheilt hatten – eine, die den Pausilippo hinaufgegangen war, und eine zweite, welche sich in einem Boote zu Wasser entfernt.
Die Gruppe, welche den Pausilippo hinaufgegangen war, bestand aus Nicolino Caracciolo, Velasco und Schipani.
Die andere, welche sich mit Hilfe eines Bootes entfernt, welches unter dem großen Porticus des Palastes der Königin Johanna, einem Porticus, welchen das Meer bespült und wo sie dem Sturm getrotzt, gelegen hatte, bestand aus Dominico Cirillo, Hector Caraffa und Manthonnet.
Hector Caraffa hielt sich, wie wir bereits erwähnt, in Portici versteckt. Manthonnet wohnte daselbst und hatte, da er ein großer Liebhaber des Fischfangs war, ein eigenes Boot. In diesem Boote begab er sich, von Hector Caraffa unterstützt, von Portici nach dem Palast der Königin Johanna. Beide tüchtige Ruderer, legten sie bei ruhiger Witterung den Weg in zwei Stunden zurück. Wehte ein günstiger Wind, so spannten sie die Segel auf und dann brauchten sie gar nicht zu rudern.
Diese Nacht kehrten sie zurück wie gewöhnlich. Sie mußten rudern, denn der Wind hatte sich gelegt und das Meer war ganz ruhig.
Im Vorüberfahren wollten sie Cirillo in Mergellina absetzen. Cirillo wohnte am äußersten Ende der Chiaja und deshalb waren sie, anstatt direkt auf Portici zuzusteuern, von den Sbirren gesehen worden, während sie das Gestade entlang ruderten.
Dem Landhaus des Königs, welches jetzt dem Fürsten Torlonia gehört, gegenüber angelangt, ließen sie Cirillo aussteigen und wählten dazu eine Stelle, von wo aus man leicht den Weg erreichen konnte, der später eine Straße geworden ist.
Dann waren sie wieder in das Meer hinausgesteuert, um an der Spitze des Castels d'Uovo vorbeizurudern.
Cirillo hatte daher die Straße mit leichter Mühe und ohne bemerkt worden zu sein, erreicht, als er, nachdem er etwa hundert Schritte zurückgelegt, plötzlich eine Gruppe erblickte, die aus etwa zwanzig Mann Soldaten bestand.
Dieselben standen mitten auf der Straße und schienen lebhaft mit einander zu sprechen. Ihre Gewehre glänzten im Scheine der beiden Fackeln.
Bei demselben Scheine, der sich auf ihren Waffen spiegelte, schienen sie zwei Männer zu betrachten, die quer über die Straße hinweglagen.
Cirillo sah nun, daß es eine in Ausübung ihrer Funktion begriffene Patrouille war.
Es war nämlich dieselbe, welche Pasquale de Simone kommen gehört und vor welcher er die Flucht ergriffen, um nicht die Königin zu compromittieren.
Ganz wie der Sbirre vermuthet, hatte die Patrouille, am Platze des Kampfes angelangt, einen Todten und einen Verwundeten auf dem Lastrico liegend gefunden. Die bei- den andern Verwundeten – der, welcher einen Säbelhieb über das Gesicht bekommen, und der andere, dem durch eine Kugel die Schulter zerschmettert worden, waren noch im Stande gewesen, durch die kleine Gasse zu entfliehen, welche an dem nördlichen Theile des Gartens der San Felice hinführte.
Die Patrouille hatte mit leichter Mühe erkannt, daß einer der beiden Männer todt war und daß es durchaus überflüssig war, sich mit diesem zu beschäftigen. Sein Camerad dagegen, obschon er ohnmächtig war, athmete noch und diesen konnte man vielleicht retten.
Man war nur zwanzig Schritte von dem sogenannten Löwenbrunnen entfernt. Einer der Soldaten ging hin, um in seiner Mütze Wasser zu holen. Er schüttete dasselbe dem Verwundeten ins Gesicht und dieser schlug, überrascht durch diese unerwartete Frische, die Augen auf und kam wieder zu sich. Als er sich von Soldaten umringt sah, versuchte er sich zu erheben, aber vergeblich. Er war vollständig gelähmt und konnte nur den Kopf rechts oder links drehen.
»Aber, meine Freunde, sagte er, »wenn mir nichts weiter übrig bleibt, als zu sterben, könnte man mich dann nicht wenigstens auf ein etwas weicheres Bett tragen?«
»Der arme Teufel hat Recht, sagten die Soldaten.
»Mag er sein, wer er wolle, so müssen wir ihm gewähren, was er verlangt.«
Sie versuchten ihn in ihren Armen aufzuheben.
»Ha!« rief der Verwundete; »ich bitte Euch, geht mit mir um, als ob ich von Glas wäre, mannaggia la Madonna!«
Dieser Fluch, einer der größten, den ein Neapolitaner ausstoßen kann, verrieth, daß die Bewegung, welche man mit dem Verwundeten vorgenommen, ihm den empfindlichsten Schmerz verursacht hatte.
Als Cirillo diese Gruppe sah, war sein erster Gedanke, ihr aus dem Wege zu gehen, unmittelbar darauf aber fiel ihm ein, daß diese Patrouille und die Männer, welche sie von dem Pflaster aufhob, mitten auf der Straße sich bei fanden, welche Salvato Palmieri hatte einschlagen müssen, um sich zu dem französischen Gesandten zu begeben, und er kam ganz natürlich auf die Vermuthung, daß dieser Zusammenlauf durch irgend eine Katastrophe herbeigeführt worden sein könne, bei welcher der Abgesandte des Generals Championnet eine Rolle gespielt.
Er näherte sich daher entschlossen in demselben Augenblick, wo der Officier, der die Patrouille commandierte, die Thür eines Hauses einzuschlagen drohte, welches auf der andern Seite des Löwenbrunnens stand und die Ecke der Straße bildete.
Einer der hervorragenden Charakterzüge der Bewohner von Neapel ist nämlich der Widerwille, den sie instinctartig empfinden, ihrem Mitmenschen Beistand zu leisten, wäre er selbst in Todesgefahr.
Auf Befehl des Officiers und besonders in Folge der von den Soldaten gegen die Thür geführten Kolbenschläge öffnete sich endlich dieselbe und Cirillo hörte zwei oder drei Stimmen, welche fragten, wo man einen Wundarzt finden könne. Seine Pflicht und eine Neugier bewogen ihn gleichzeitig sich anzubieten.
»Ich bin Arzt, doch nicht Wundarzt,« sagte er, »aber im Nothfall kann ich auch ein wenig Chirurgie treiben.«
»Ach, Herr Doktor, sagte der Verwundete, welchen man eben getragen brachte und welcher Cirillos Worte gehört, »ich fürchte, daß Sie an mir einen schlechten Kunden finden werden.«
»Nun,« sagte Cirillo, »die Stimme klingt noch nicht schlecht.«
»Ich kann fast, weiter nichts mehr bewegen als die Zunge,« sagte der Verwundete, »und deshalb mache ich davon so viel als möglich Gebrauch.«
Mittlerweile hatte man eine Matratze aus einem Bett gezogen, dieselbe auf einen in der Mitte des Zimmers stehenden Tisch geworfen und legte nun den Verwundeten darauf.
»Einige Kissen unter den Kopf,« sagte Cirillo. »Der Kopf eines Verwundeten muß stets hoch liegen.«
»Ich danke, Herr Doctor, ich danke, sagte der Sbirre. »Ich weiß es Ihnen ebenso Dank, als wenn Ihre Bemühungen etwas nützten.«
»Und wer sagt Euch denn, daß meine Bemühungen nichts nützen werden?«
»Hm! Ich verstehe mich ein wenig auf Wunden, und diese da geht bis auf den Grund.«
Er forderte Cirillo durch eine Geberde auf, sich ihm zu nähern. Cirillo neigte sein Ohr zu dem Munde des Verwundeten.
»Nicht als ob ich an Ihrer Kunst zweifelte,« sagte dieser, »aber Sie würden, glaube ich, wohl thun, wenn Sie nach einem Priester schickten.«
»Entkleidet diesen Mann mit der größten Vorsicht, sagte Cirillo, dann wendete er sich zu dem Besitzer des Hauses, welcher mit seiner Frau und seinen beiden Kindern den Verwundeten neugierig betrachtete. »Schickt einen von euren beiden Knaben nach der Kirche Santa Maria di Porto Salvo und laßt nach Don Michelangelo Ciccone fragen.«
»Ah, den kennen wir! Lauf, Tore, lauf! Du hast gehört, was der Herr Doctor gesagt hat.«
»Ich gehe, sagte der Knabe.
Und er verließ eiligst das Haus.
»Zehn Schritte von hier ist eine Apotheke, rief Cirillo ihm nach; »wecke im Vorübergehen den Apotheker und sage ihm, daß der Doctor Cirillo ihm sogleich ein Recept schicken werde. Er möge immer seine Thür öffnen und warten.«
»Aber zum Teufel, was für ein Interesse haben Sie denn daran, daß ich am Leben bleibe?« fragte der Verwundete den Arzt.
»Ich, mein Freund?– entgegnete Cirillo, »ich habe weiter kein Interesse, als das der Humanität.«
»Was für ein sonderbares Wort,« sagte der Sbirre mit schmerzlich krampfhaftem Lächeln; »es ist das erste Mal, daß ich es höre. Ah, Madonna del Carmine!«
»Was gibt es?« fragte Cirillo.
»Man thut mir wehe beim Herunterziehender Kleider.«
Cirillo nahm sein Besteck aus der Tasche, zog ein Bistouri heraus und trennte die Beinkleider, die Weste und das Hemd des Sbirren so auf, daß seine ganze linke Seite entblößt ward.
»Das laß ich mir gefallen!«, sagte der Verwundete. »Das ist ein Kammerdiener, der sein Geschäft versteht. Wenn Sie eben so gut wieder zusammenzunähen als aufzuschneiden verstehen, so sind Sie ein geschickter Mann, Doctor.«
Dann setzte er auf die zwischen den falschen Rippen gähnende Wunde zeigend hinzu:
»Sehen Sie, hier ist es.«
»Ich sehe es wohl,« sagte der Doctor.
»Eine schlimme Stelle, nicht wahr?«
»Waschen Sie diese Wunde jetzt mit frischem Wasser und so behutsam als möglich, sagte der Arzt zu der Wirthin des Hauses. »Haben Sie recht weiche Tücher?«
»Ich glaube kaum,« sagte die Frau.
»Nun, dann nehmen Sie mein Taschentuch. Mittlerweile wird man zu dem Apotheker gehen und dieses Recept hier machen lassen.«
Er schrieb nun mit seinem Bleistift das Recept zu einem beruhigenden Tranke, der aus Brunnenwasser, essigsaurem Ammoniak und Citronensyrup zusammengesetzt war.
»Aber wer wird das denn bezahlen?« fragte die Frau, indem sie die Wunde mit dem Tuche des Doctors wusch.
»Nu, wer sonst als ich?« entgegnete Cirillo.
Zugleich wickelte er ein Geldstück in das Recept und sagte zu dem zweiten Knaben:
»Lauf schnell! Was Du auf dieses Geldstück herausbekommst, ist dein.«
»Doctor,« sagte der Sbirre, »wenn ich wieder auf komme, so werde ich Mönch und wende mein ganzes Leben dazu an, für Sie zu beten.«
Der Doctor hatte mittlerweile eine silberne Sonde aus seinem Besteck gezogen und näherte sich nun dem Verwundeten.
»Na, lieber Freund, sagte er zu ihm, »jetzt gilt es Mann zu sein.«
»Sie wollen wohl meine Wunde sondieren?«
»Ich muß, damit ich weiß, woran ich mich zu halten habe.«
»Darf ich dabei fluchen?«
»Ja, aber bedenkt wohl, daß man Euch hört und daß man Euch sieht. Wenn Ihr zu laut schreit, so wird man jagen, Ihr seit ein Feigling, und wenn Ihr zu viel flucht, so wird man sagen, Ihr seit ein Lästerer.«
»Sie sprachen von einem niederschlagenden Trank, Doctor. Es wäre mir nicht unlieb, wenn ich vor der Operation einen Löffel davon zu mir nehmen könnte.«
In diesem Augenblick trat der Knabe ganz außer Athem wieder ein und hielt eine kleine Flasche in der Hand.
»Mutter,« sagte er, »es sind sechs Grani für mich geblieben.«
Cirillo nahm ihm die Flasche aus der Hand.
»Einen Löffel, sagte er.
Man gab ihm einen. Er goß so viel als derselbe faßte von dem Trank hinein und reichte ihn dem Verwundeten.
»Ha!« sagte dieser nach einem Augenblick, »das thut mir wohl.«
»Deswegen gebe ich es Euch.«
Dann setzte Cirillo in ernstem Tone hinzu:
»Na, seid Ihr nun bereit?«
»Ja, Doctor,« sagte der Verwundete, »ich werde mich bemühen, Ihnen Ehre zu machen.«
Der Doctor senkte langsam, aber mit fester Hand die Sonde in die Wunde.
So wie das Instrument in derselben verschwand, verzerrte das Gesicht des Patienten sich immer mehr, aber er ließ keinen Klageton hören. Der Schmerz und der Muth waren, so sichtbar, daß in dem Augenblick, wo der Doctor seine Sonde wieder herauszog, die Soldaten, welche diesem unheimlichen und ergreifenden Schauspiel beiwohnten, ein beifälliges Gemurmel hören ließen.
»Nun, war es so recht, Doctor?« fragte der Sbirre, ganz stolz auf sich selbst.
»Es war mehr, als ich von dem Muthe eines Menschen erwartet hätte, mein Freund,« antwortete Cirillo, indem er sich mit dem Aermel seines Rockes den Schweiß von der Stirn trocknete.
»Geben Sie mir noch einmal zu trinken, oder es wird mir übel,« sagte der Verwundete mit erlöschender Stimme.
Cirillo reichte ihm einen zweiten Löffel von dem stärkenden Trank.
Die Wunde war nicht blos schwer, sondern, wie der Verwundete selbst vermuthet, tödtlich. Die Spitze des Säbels war zwischen der Fehlrippe hindurchgedrungen, hatte die Aorta durchschnitten und das Zwerchfell durchstoßen. Alle Hilfe der Kunst mußte sich darauf beschränken, daß sie durch Zusammenschnüren der Wunde den Blutverlust minderte und auf diese Weise das Leben noch um einige Augenblicke verlängerte.
»Gebt mir Leinwand, sagte Cirillo, indem er sich umschaute.
»Leinwand?«, sagte der Wirth des Hauses.
»Wir haben keine.«
Cirillo öffnete einen Schrank, nahm ein Hemd heraus und riß es in kleine Stückchen.
»Was machen Sie denn da?« rief der Hauswirth. »Sie zerreißen mir ja mein Hemd!«
Cirillo nahm zwei Piaster aus der Tasche und gab sie ihm.
»O um diesen Preis,« sagte der Mann, »können Sie alle zerreißen.«
»Aber Doctor,« sagte der Verwundete, »wenn Sie viel solche Patienten haben wie ich, so können Sie unmöglich reich werden.«
Aus einem Theile des Hemdes machte Cirillo ein Bäuschchen, aus dem andern eine Binde.
»Fühlt Ihr Euch jetzt besser?«, fragte er den Verwundeten.
– Dieser schöpfte tief und zögernd Athem.
»Ja,« sagte er dann.
»Nun,« mischte der Officier sich ein, »dann könnt Ihr wohl meine Fragen beantworten?«
»Ihre Fragen, wozu?«
»Ich muß mein Protokoll aufnehmen.«
»Ah,« sagte der Verwundete, »Ihr Protokoll! Dies will ich Ihnen in vier Worten dictiren. Doctor, noch einen Löffel von Ihrem Stoff.
Der Sbirre trank noch einen Löffel von dem schmerzstillenden Tranke und hob dann wieder an:
»Wir lauerten unser sechs einem jungen Manne auf, um ihn zu ermorden. Einen von uns hat er getödtet, drei von uns verwundet und ich bin einer von den drei Verwundeten. Das ist die ganze Geschichte.«
Man kann sich denken, mit welcher Aufmerksamkeit Cirillo die Erklärung des Sterbenden angehört hatte. Sein Argwohn war sonach gegründet. Dieser junge Mann, welchen die Sbirren erwarteten, um ihn zu ermorden, war ohne Zweifel Salvato Palmieri gewesen. Welcher Andere als er hätte übrigens auch von sechs vier Mann kampfunfähig zu machen vermocht?
»Und wie heißen eure Cameraden?« fragte der Officier.
Der Verwundete machte eine Grimasse, welche einem Lächeln glich.
»Sie sind sehr neugierig, lieber Freund,« sagte er. »Wenn Sie diese Namen durch irgend Jemanden erfahren, so wird es doch wenigstens nicht durch mich geschehen. Uebrigens wenn ich sie Ihnen auch sagen wollte, so würde Ihnen dies nicht viel nützen.«
»Nun doch wenigstens so viel, daß ich sie festnehmen lassen kann.«
»Glauben Sie? Nun, dann will ich Ihnen Jemanden nennen, der diese Namen kennt, und es steht Ihnen dann frei, zu ihm zu gehen und ihn darnach zu fragen.«
»Und wer ist dieser Jemand?«
»Pasquale de Simone. Wollen Sie eine Adresse wissen? Er wohnt Basso Porto, an der Ecke der Straße Catalana.«
»Der Sbirre der Königin,« murmelten die Umstehenden leise.
»Ich danke, mein Freund,« sagte der Officier. »Mein Protokoll ist fertig.«
Dann wendete er sich zu seinen Leuten und sagte:
»Auf denn, vorwärts! Wir versäumen hier schon seit einer Stunde die Zeit.«
Und man hörte das Klirren der Waffen und das Geräusch der sich entfernenden Tritte.
Cirillo blieb bei dem Verwundeten stehen.
»Na, haben Sie gesehen, wie diese guten Leutchen sich aus dem Staube machen?«, sagte der Sbirre.
»Ja,« antwortete Cirillo, »und ich begreife recht wohl, daß Ihr nichts habt jagen wollen, was eure Cameraden compromittieren könnte. Werdet Ihr Euch aber auch weigern, mir einige Aufschlüsse zu geben, welche Niemanden compromittiren und nur mich interessieren?«
»O Ihnen, Herr Doctor, will ich gern Alles sagen, was Sie zu wissen wünschen. Sie haben sich sehr freundlich gegen mich gezeigt und Sie würden mich gerettet haben, wenn dies überhaupt hätte geschehen können. Ich muß Sie jedoch bitten, mich schnell zu fragen, denn ich fühle, daß ich immer schwächer werde. Sagen Sie mir daher rasch, was Sie zu wissen wünschen. Die Zunge wird mir schwer. Es ist dies der Anfang des Endes, wie wir es nennen.«
»Ich werde mich kurz fassen. War der junge Mann, welchen Pasquale de Simone erwartete, um ihn umzubringen, nicht ein junger französischer Officier?«
»Allerdings schien er dies zu sein, obschon er das Neapolitanische mit derselben Geläufigkeit sprach wie Sie und ich.«
»Ist er todt?«
»Das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, wohl aber weiß ich, daß er, wenn nicht todt, doch wenigstens schwer verwundet ist.«
»Saht Ihr ihn fallen?«
»Ja, aber ich lag schon selbst am Boden und beschäftigte mich in diesem Augenblick mehr mit mir selbst als mit ihm.«
»Nun, was saht Ihr überhaupt? Rafft eure ganze Erinnerung zusammen. Es liegt mir sehr viel daran, zu erfahren, was aus diesem jungen Manne geworden ist.«
»Wohlan, ich sah, daß er gegen die Thür des Palmbaumgartens fiel, und dann war es mir, als sähe ich durch eine Wolke hindurch, daß die Thür des Gartens sich öffnete, und eine weißgekleidete Dame den jungen Mann hineinzog. Es ist jedoch sehr leicht möglich, daß dies nur eine Sinnestäuschung und daß das, was ich für eine weißgekleidete Dame angesehen, in Wirklichkeit der Todesengel war, welcher die Seele des Sterbenden in Empfang nahm.«
»Und dann saht Ihr weiter nichts?«
»O doch. Ich sah den Beccajo, welcher davonrannte und sich den Kopf mit beiden Händen hielt. Er war durch das Blut ganz geblendet.«
»Ich danke, mein Freund, ich weiß nun Alles, was ich wissen wollte. Uebrigens ist mir, als hörte ich – Cirillo horchte.«
»Ja, es ist der Priester und sein Glöckchen; ich habe es auch schon gehört. Wenn man der ist, um dessentwillen dieses Glöckchen kommt, so hört man es von Weitem.«
Es trat einen Augenblick Schweigen ein, während dessen das Glöckchen immer näher kam.
»Also,« sagte der Sbirre zu Cirillo, »nicht wahr, es ist nun Alles aus? Es handelt sich nicht mehr darum, an die Dinge dieser Welt zu denken.«
»Ihr habt mir bewiesen, daß Ihr ein Mann seid. Ich werde zu Euch sprechen wie zu einem Manne: Ihr habt eben noch Zeit, Euch mit Gott auszusöhnen.«
»Amen,« sagte der Sbirre. »Und jetzt noch einen Löffel von Ihrem Tranke, damit mir der Muth nicht untreu wird, denn ich fühle mich sehr elend.«
Cirillo that, was der Verwundete verlangte.
»Jetzt drucken Sie mir einmal derb die Hand.«
Cirillo drückte ihm die Hand.
»Noch derber!« sagte der Sbirre, »ich fühle sie ja nicht.«
Cirillo druckte mit aller Kraft die Hand des schon gelähmten Sterbenden.
»Dann machen Sie über mir das Zeichen des Kreuzes. Gott ist mein Zeuge, daß ich es selbst machen möchte, aber ich kann nicht.«
Cirillo machte das Zeichen des Kreuzes, und der Verwundete sprach mit einer Stimme, welche immer schwächer ward, die Worte:
»Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.«
In diesem Augenblicke erschien der Priester an der Thür hinter dem Knaben, welcher ihn geholt. Zu seiner Rechten hatte er das Kreuz, zu seiner Linken das Weihwasser und er selbst trug das heilige Viaticum.
Bei einem Eintritte fielen alle Anwesenden auf die Knie nieder.
»Man hat mich hierher gerufen?« fragte er.
»Ja, mein Vater,« sagte der Sterbende. »Ein armer Sünder steht im Begriffe den Geist aufzugeben, wenn er nämlich einen hat, und bei dieser schweren Aufgabe wünscht er, daß Sie ihn mit Ihrem Gebete unterstützen. Um Ihren Segen wagt er nicht zu bitten, weil er sich desselben unwürdig fühlt.«
»Meines Segens sind alle Menschen theilhaftig, mein Sohn,« antwortete der Priester, »und je größer der Sünder ist, desto mehr bedarf er desselben.«
Mit diesen Worten rückte er sich einen Stuhl an das Kopfende des Bettes, und setzte sich, mit dem Ciborium in den Händen und das Ohr dicht an den Mund des Sterbenden haltend.
Cirillo hatte nun nichts mehr bei diesem Menschen zu thun, dessen letzte Stunde er, so viel in seinen Kräften stand, erleichtert. Der Arzt war mit seiner Aufgabe fertig, und es war nun an dem Priester, die einige zu beginnen.
Er entfernte sich daher, denn er wünschte so schnell als möglich sich auf dem Kampfplatze umzusehen und sich zu überzeugen, daß der Sbirre ihm in Bezug auf Salvato Palmieri die Wahrheit gesagt.
Der Leser kennt die Oertlichkeiten bereits an dem Palmbaume, welcher ein zierliches Haupt über die Orangen- und Citronenbäume hin- und herwiegte.
Der Sbirre hatte den Platz gut bezeichnet. Cirillo ging sofort auf die kleine Gartenthür zu, durch welche der Sbirre den Verwundeten verschwinden zu sehen geglaubt hatte. Er bückte sich, um den unteren Theil der Thür zu besichtigen, und glaubte wirklich Spuren von Blut daran zu erkennen.
Waren diese schwarzen Flecke aber wirklich Blut oder blos Feuchtigkeit? Cirillo hatte sein Taschentuch in den Händen der Frau gelassen, welche die Wunde des Sbirren gewaschen. Er band daher ein Halstuch ab, tauchte einen Zipfel desselben in das Wasser des Löwenbrunnens und rieb dann damit den Theil des Holzes, welcher von dunklerer Färbung zu sein schien als die übrige Thür.
In einer Entfernung von einigen Schritten, in der Richtung des Palastes der Königin Johanna, brannte eine Laterne vor einem Madonnenbild.
Cirillo stieg auf einen Eckstein und hielt das weißbatistene Tuch so nahe als möglich an die Laterne.
Es stand außer allem Zweifel – es war wirklich Blut.
»Salvato Palmieri liegt drinnen, sagte er, indem die Hand nach dem Hause des Chevalier San Felice ausstreckte.
»Es fragt sich nun: ist er todt oder lebt er noch? Dies muß ich heute noch erfahren.«
Er schritt über den Platz und kam wieder an dem Hause vorbei, in welches man den Sbirren getragen Er warf einen Blick hinein.
Der Verwundete war so eben gestorben und Don Michelangelo Ciccone betete an seinem Lager.
In dem Augenblick, wo Dominico Cirillo in seine Wohnung zurückkam, schlug auf der Kirche von Pie di Grotta die dritte Morgenstunde.
Zehntes Capitel.
Der Cabinetsrath
Außer den Sitzungen, welche bei der Königin in jenem dunklen Zimmer stattfanden, in welches wir unsere Leser eingeführt und die man mit Recht für Inquisitionssitzungen halten konnte, fanden jede Woche im Palast vier regelmäßige Sitzungen des Cabinetsrathes statt, nämlich Montag, Mittwoch, Donnerstag und Freitag.
Die Personen, welche diesen Cabinetsrath bildeten, waren:
Der König, wenn er durch die Wichtigkeit des zu verhandelnden Gegenstandes dazu genöthigt ward.
Die Königin, wegen deren Recht diesen Sitzungen beizuwohnen wir bereits die erforderliche Erklärung gegeben.
Der Generalcapitän Jean Acton, Vorsitzender des Cabinetsrathes.
Der Fürst von Castel Cicala, Minister der auswärtigen Angelegenheiten, der Marine, des Handels und in seinen Mußestunden Spion, Denunciant und Richter.
Der Brigadier Giovanni Baptista Ariola, Kriegsminister, ein intelligenter und verhältnismäßig rechtschaffener Mann.
Der Marquis Saverio Simonetti, Minister der Justiz und der Begnadigung.
Der Marquis Ferdinand Corradino, Minister des Cultus und der Finanzen, welcher der mittelmäßigte von allen Ministern gewesen wäre, wenn er in dem Cabinetsrath nicht Saverio Simonetti getroffen hätte, der noch mittelmäßiger war als er.
Bei großen Gelegenheiten kamen zu diesen Herren noch der Marquis de la Sambuca, der Fürst Carini, der Herzog von San Nicolo, der Marquis Balthasar Cito, der Marquis del Gallo und die Generale Pignatelli, Colli und Parisi.
Ganz im Gegensatz zu dem König, welcher Ton zehn Cabinetsrathssitzungen höchstens einer beiwohnte, war die Königin im Besuche derselben sehr eifrig.
Allerdings schien sie oft bloße Zuhörerin der Discussion zu sein und saß fern von der Tafel in einem Winkel oder in einer Fensterbrüstung mit ihrer Favoritin Emma Lyonna, welche sie mit in den Sitzungssaal brachte, als gehörte sie mit zu ihr und als hätte dies ebensowenig zu bedeuten, wie wenn der König seinen Lieblingshund mit brachte.
Jedes spielte seine Komödie. Die Minister thaten als ob sie discutirten, Ferdinand that als hörte er aufmerksam zu, Caroline that als wäre sie zerstreut, der König kratzte seinem Hunde den Kopf, die Königin spielte mit Emmas Haar und Favorit und Favoritin lagen der eine zu den Füßen seines Herrn, die andere auf den Knieen ihrer Herrin.
Die Minister machten im Vorübergehen oder in den Zwischenpausen der Discussionen dem Hunde eine Liebkosung und der schönen Emma eine Schmeichelei, und Liebkosung und Compliment wurden durch ein Lächeln des Herrn oder der Herrin belohnt.
Der Generalcapitän Jean Acton, der einzige Pilot, auf welchem die Verantwortlichkeit für dieses Schiff ruhte, welches von dem aus Frankreich wehenden revolutionären Wind hin- und hergetrieben ward und überdies in den Klippen jenes gefährlichen Meeres umhersteuerte, in welchem binnen sechs Jahrhunderten acht verschiedene Dynastien scheiterten, Acton, sagen wir, schien mit gerunzelter Stirn, düsterem Blick und zitternder Hand, als ob er wirklich ein Steuerruder in derselben hielte und allein im Stande wäre, den sei der Situation, das Herannahen der Gefahr zu begreifen.
Auf die englische Flotte sich stützend, der Mitwirkung Nelson's fast sicher und stark besonders in ihrem Haß gegen Frankreich, war die Königin nicht blos entschlossen, der Gefahr Trotz zu bieten, sondern auch ihr entgegenzugehen und sie herauszufordern.
Was Ferdinand betraf, so war bei ihm gerade das Gegentheil der Fall.
Er hatte bis jetzt mit Aufbietung aller Hilfsquellen seiner erheuchelten Biederkeit so laviert, daß er, wenn er auch nicht Frankreich zufriedengestellt, demselben doch wenigstens keinen direkten Anlaß gegeben, sich mit ihm zu überwerfen.
In Folge der von Caroline begangenen Unklugheiten waren aber die Ereignisse rascher vorgeschritten, als der König berechnet hatte, welcher, anstatt ihnen einen beschleunigten Anstoß zu geben, sie lieber mit weiser Langsamkeit sich entrollen lassen wollte.
Deshalb war man, wie wir gesehen, Nelson entgegengefahren.
Deshalb hatte man, trotz der mit Frankreich abgeschlossenen Verträge, die englische Flotte in dem Hafen von Neapel empfangen.
Deshalb hatte man dem Sieger von Abukir ein glänzendes Fest gegeben.
Deshalb hatte der Gesandte der Republik, dieser Hinterlist, dieser Lügen und Beleidigungen überdrüssig, ohne zu berechnen, ob Frankreich seinerseits dazu bereit wäre, im Namen seiner Regierung der Regierung der beiden Sicilien den Krieg erklärt.
Deshalb hatte endlich der König, der schon für Dienstag den 27. September eine große Jagd veranstaltet, zu welcher drei Fanfaren das Signal geben sollten, wie wir bereits gesehen, in Folge eines Briefes von der Königin seine Jagd wieder abbestellt und sich genöthigt gesehen, dieselbe in eine Cabinetrathssitzung zu verwandeln.
Uebrigens waren die Minister und Räthe durch Acton von der wahrscheinlich üblen Laune. Seiner Majestät im voraus unterrichtet und aufgefordert worden, sich in pythagoräisches Schweigen zu hüllen.
Die Königin war zuerst in den Berathungssaal getreten und fand hier außer den Ministern und Räthen den Cardinal Ruffo.
Sie ließ ihn fragen, welchem glücklichen Umstande man das Vergnügen seiner Gegenwart verdanke.
Ruffo antwortete, er sei auf ausdrücklichen Befehl des Königs da.
Die Königin und der Cardinal wechselten hierauf von der einen Seite eine leichte Verneigung des Kopfes, von der andern eine tiefe Verbeugung.
Dann erwartete man schweigend die Ankunft des Königs.
Ein Viertel auf zehn öffneten sich beide Flügelthüren und die Thürsteher meldeten:
»Der König!«
Ferdinand trat mit einer unzufriedenen, mürrischen Miene ein, welche gegen den freudigen, triumphierenden Gesichtsausdruck der Königin gewaltig abstach.
Sein Hund Jupiter, mit welchem wir bereits Bekanntschaft gemacht, folgte ihm mit gesenktem Kopfe und mit herabhängendem Schweife. Obschon die Jagd auf einen andern Tag verschoben worden, so hatte der König doch, wie um gegen die ihm angethane Gewalt zu protestieren, sein Jagdcostüm angelegt.
Es war dies ein Trost, den er sich gewährte, und den nur der zu schätzen wußte, welcher seinen Fanatismus für das Vergnügen kannte, dessen man ihn beraubt.
Bei seinem Eintritte erhoben sich alle Anwesenden, selbst die Königin.
Ferdinand sah sie von der Seite an, schüttelte den Kopf und seufzte wie ein Mensch, der sich dem Stein des Anstoßes aller seiner Vergnügungen gegenüber sieht.
Nachdem er die tiefen Verbeugungen der Minister und Räthe durch einen allgemeinen Gruß rechts und links und durch einen persönlichen und besonderen für den Cardinal Ruffo beantwortet, sagte er in trägem Tone:
»Meine Herren, es thut mir außerordentlich leid, daß ich mich genöthigt gesehen habe, Sie an einem Tage zu bemühen, wo Sie vielleicht, wie ich, anstatt einer Cabinetrathssitzung beizuwohnen, sich mit Ihren Vergnügungen oder andern Angelegenheiten zu beschäftigen gedacht haben. Ich schwöre, daß es nicht meine Schuld ist; wie es aber scheint, haben wir sehr dringende und wichtige Angelegenheiten zu besprechen, welche, wie die Königin behauptet, nur in meiner Gegenwart besprochen werden können. Ihre Majestät wird Ihnen die Sache vortragen und Sie werden dann darüber urtheilen, und mich mit Ihrem guten Rathe unterstützen. Setzen Sie sich, meine Herren.«
Mit diesen Worten nahm er auch selbst ein wenig hinter den Andern und der Königin gegenüber Platz.
»Komm her, mein armer Jupiter,« sagte er dann, indem er sich mit der Hand auf den Schenkel schlug, »wir werden uns schön amüsieren!«
Der Hund kam gähnend herbei, und streckte sich wie eine Sphynx zu seinen Füßen nieder.
»Meine Herren, sagte die Königin mit jener Ungeduld, welche das dem ihrigen so ganz entgegengesetzte Thun und Wesen ihres Gemahls stets in ihr erweckte, »die Sache ist sehr einfach, und wenn der König heute aufgelegt wäre, davon zu sprechen, so würde er sie Ihnen in zwei Worten mittheilen.«
Als sie sah, daß Alle mit der größten Aufmerksamkeit horchten, fuhr sie fort:
»Der französische Gesandte, der Bürger Garat, hat diese Nacht Neapel verlassen, nachdem er uns zuvor den Krieg erklärt.«
»Und,« sagte der König, »es muß hierbei noch bemerkt werden, meine Herren, daß wir diese Kriegserklärung nicht gewollt haben, und daß unsere gute Freundin, die englische Regierung, ihren Zweck erreicht hat. Wir werden nun sehen, wie sie uns unterstützen wird. Dies ist Actons Sache.«
»Und die des tapferen Nelson,« sagte die Königin. »Uebrigens hat er bei Abukir gezeigt, was das Genie im Bunde mit dem Muthe auszurichten vermag.«
»Gleichviel, Madame,« sagte der König. »Ich zögere nicht, Ihnen offen zu sagen, daß der Krieg mit Frankreich eine schlimme Geschichte ist.«
»Aber,« entgegnete die Königin ärgerlich, »Sie werden selbst zugeben, daß die Geschichte weniger schlimm ist, seitdem der Bürger Buonaparte, obschon er sich den Sieger von Dego, von Montenotte, von Arcole und von Mantua nennt, abgeschnitten in Egypten sitzt, wo er bleiben wird, bis Frankreich eine neue Flotte gebaut hat, um ihn zu holen. Er wird dadurch hoffentlich Zeit gewinnen, die Rüben wachsen zu sehen, zu welchen das Directorium ihm den Samen geliefert, damit er die Ufer des Nil damit besäe.«
»Ja,« antwortete der König in nicht weniger ärgerlichem Tone, »in Ermangelung des Bürgers Buonaparte, der übrigens sehr gütig ist, wenn er sich blos den Sieger von Dego, von Montenotte, von Arcole und von Mantua nennt, da er sich mit Recht auch den von Roveredo, von Baffano, von Castiglione und von Millesimo nennen könnte – bleiben Frankreich noch Massena, der Sieger von Rivoli, Bernadotte, der Sieger von Tagliamento, Augereau, der Sieger von Lodi, Jourdan, der Sieger von Fleurus, Brune, der Sieger von Alkmer, Moreau, der Sieger von Rastatt, und dies sind Sieger genug für uns, die wir noch niemals gesiegt, abgesehen von Championnet, dem Sieger der Dünen, den ich vergessen und der, wie ich Ihnen beiläufig bemerklich mache, nur dreißig Meilen, das heißt drei Tagemärsche weit von uns steht.«
Die Königin zuckte die Achseln mit einem verächtlichen Lächeln, welches Championnet galt, dessen augenblickliche Ohnmacht sie erkannte, welches der König aber auf sich bezog.
»Ich kann mich höchstens um zwei bis drei Meilen geirrt haben, Madame,« sagte er. »Seitdem die Franzosen Rom besetzt halten, habe ich oft genug gefragt, wie viel die Entfernung betrage, um es zu wissen.«
»O, ich will Ihnen Ihre geographischen Kenntnisse gar nicht streitig machen, Majestät,« sagte die Königin, indem sie ihre Unterlippe auf das Kien herabhängen ließ.
»Ich verstehe; Sie begnügen sich, mir meine politischen Fähigkeiten streitig zu machen. Obschon aber San Nicandro sein Möglichstes gethan hat, um einen Esel aus mir zu machen und obschon ihm dies nach Ihrer Meinung unglücklicherweise auch sehr wohl gelungen ist, so muß ich doch diesen Herren, welche die Ehre haben, meine Minister zu sein, bemerklich machen, daß die Sache sich verwickelt. Es handelt sich jetzt nicht mehr darum wie im Jahre 1793, drei oder vier Schiffe und fünf- oder sechstausend Mann nach Toulon zu schicken, die übrigens, Schiffe sowohl als Mannschaften, in einem schönen Zustande von Toulon zurückkamen, denn der Bürger Buonaparte hatte, obschon er damals noch Sieger von nichts war, die nicht schlecht zugerichtet. Es handelt sich jetzt nicht mehr darum wie im Jahre 1796, der Coalition vier Regimenter Cavallerie zu liefern, welche allerdings Wunder in Tirol von Tapferkeit verrichteten, was aber nicht verhinderte, daß Cuto gefangengenommen ward und Moliterno das schönste seiner Augen dort ließ. Bemerken Sie wohl, daß wir 1793 sowohl als 1796 noch durch die ganze Breite Oberitaliens gedeckt waren, weil dieses von den Truppen unseres Neffen besetzt war, der, ohne daß ich ihm einen Vorwurf daraus machen will, keine Eile zu haben scheint, einen Feldzug zu beginnen, obschon der Bürger Buonaparte ihm durch den Vertrag von Campo Formio die Krallen verteufelt verschnitten hat. Aber unser Neffe Franz ist ein kluger Mann. Er begnügt sich, um den Feldzug zu eröffnen, nicht mit den sechzigtausend Mann, welche Sie ihm anbieten, sondern er erwartet auch noch die fünfzigtausend, welche der Kaiser von Rußland ihm verspricht. Er kennt die Franzosen, denn er hat schon zu seinem Nachtheil mit ihnen zu thun gehabt.«
Und Ferdinand, welcher seine gute Laune wieder ein wenig zu gewinnen begann, lachte über seine eigenen Bemerkungen, und rechtfertigte dadurch jene so wahre und deshalb so betrübende Maxime Larochefoucauld's, daß in dem Unglücke eines Freundes stets etwas liegt, was uns Vergnügen macht.
»Ich muß,« antwortete Caroline, die sich durch die Heiterkeit, welche der König auf Kosten seines Neffen an den Tag legte, verletzt fühlte, »ich muß dem König bemerklich machen, daß es der neapolitanischen Regierung nicht wie dem Kaiser von Oesterreich freisteht, Zeit und Stunde zu wählen. Nicht wir sind es, die Frankreich den Krieg erklären, sondern Frankreich erklärt ihn uns und hat ihn uns schon erklärt. Wir müssen daher so bald als möglich sehen, welche Mittel uns zur Führung dieses Krieges zur Verfügung stehen.«
»Allerdings müssen wir das sehen, sagte der König. »Beginnen wir mit Dir, Ariola. Man spricht von fünfundsechzigtausend Mann. Wo sind deine fünfundsechzigtausend Mann?«
»Wo sie sind, Sire?«
»Ja, zeige sie mir.«
»Nichts leichter als dies, und der Generalcapitän Acton ist hier und kann Ew. Majestät sagen, ob ich lüge.«
Acton nickte bejahend mit dem Kopf.
Ferdinand sah Acton von der Seite an. Er hatte zuweilen Anwandlungen, nicht von Eifersucht, denn dazu war er zu sehr Philosoph, wohl aber von Neid. Acton gab daher in Gegenwart des Königs nur dann ein Lebenszeichen von sich, wenn Ferdinand selbst das Wort an ihn richtete.
»Der Generalcapitän wird für sich antworten, wenn ich ihm die Ehre erzeige ihn zu befragen,« sagte der König. »Mittlerweile antworte für Dich selbst, Ariola. Wo sind deine fünfundsechzigtausend Mann?«
»Zweiundzwanzigtausend stehen im Lager von San Germano, Sire.«
So wie Ariola die Truppen herrechnete, zählte Ferdinand, mit dem Kopfe nickend, an den Fingern.
»Ferner haben wir sechzehntausend Mann in den Abruzzen,« fuhr Ariola fort, »achttausend in der Ebene von Sessa, sechstausend in den Mauern von Gaëta, zehntausend sowohl in Neapel als an den Küsten, endlich dreitausend in Benevento und Ponto Corvo.«
»Die Rechnung stimmt, sagte der König, als Ariola mit seiner Aufzählung fertig war; »ich habe sonach wirklich eine Armee von fünfundsechzigtausend Mann.«
»Die sämmtlich neu nach österreichischer Manier uniformiert sind.«
»Das heißt wohl weiß?«
»Ja, Sire, anstatt wie früher grün.«
»Ach, mein lieber Ariola,« rief der König mit einem Ausdrucke grotesker Schwermuth, »mögen meine Soldaten nun weiß oder grün uniformiert sein, so laufen sie doch davon.«
»Sie haben eine beklagenswerthe Meinung von Ihren Unterthanen, Majestät,« antwortete die Königin.
»Eine beklagenswerthe Meinung, Madame? Im Gegentheile ich halte meine Unterthanen für sehr klug, ja sogar für zu klug, und eben deshalb zweifle ich, daß sie sich wegen Dingen todtschlagen lassen, die sie nichts angehen. Ariola sagt uns, er habe fünfundsechzigtausend Mann. Unter diesen fünfundsechzigtausend Mann sind allerdings fünfzehntausend Mann alte Soldaten, aber diese alten Soldaten haben noch niemals einen Schuß abgefeuert, noch eine Kugel pfeifen gehört. Diese laufen vielleicht erst bei dem zweiten Schusse davon, das ist wohl möglich. Was aber die fünfzigtausend Anderen betrifft, so datieren dieselben von sechs Wochen oder einem Monat, und wie sind diese fünfzigtausend Mann überdies zusammengebracht worden! Ach, meine Herren, Sie glauben, ich achte auf nichts, weil ich während des größten Theils der Zeit, wo Sie hier discutiren, mit Jupiter plaudere, der ein ungemein kluges Thier ist. Ich überhöre aber von Allem, was Sie sprechen, kein Wort. Ich lasse Sie blos gewähren. Widerspräche ich Ihnen, so wäre ich genöthigt, Ihnen zu beweisen, daß ich mich auf das Regieren besser verstehe als Sie, und dies macht mir nicht Vergnügen genug, daß ich es deshalb auf die Gefahr ankommen ließe, mich mit der Königin zu veruneinigen, welcher das Regieren großes Vergnügen macht. Wohlan, jene fünfzig- tausend Mann sind von Ihnen nicht kraft eines Gesetzes oder unter Anwendung des Losziehens angeworben worden. Sie haben dieselben vielmehr mit Gewalt aus ihren Dörfern entführt und ihren Familien entrissen, ganz nach der Laune Ihrer Intendanten und Unterintendanten. Jede Gemeinde hat Ihnen von je tausend Seelen acht Recruten geliefert, aber soll ich Ihnen sagen, wie man dabei zu Werke gegangen ist? Anfangs hat man die Reichsten aufgeschrieben, diese aber haben sich losgekauft und sind nicht zur Armee abgegangen. Dann hat man die weniger Reichen aufgeschrieben, da aber diese bezahlen konnten, so sind sie eben so wenig zur Armee abgegangen als die ersten. So immer tiefer herabsteigend und nachdem man drei oder vier Contributionen erhoben, wovon man Dir, mein armer Corradino, obschon Du mein Finanzminister bist, wohlweislich nichts gesagt, ist man bis auf die gekommen, die keinen Grano besaßen, um sich loskaufen zu können. Diese mußten denn auch zuletzt wirklich zur Armee abgehen. Jeder dieser Soldaten repräsentiert daher eine lebendige Ungerechtigkeit, eine offenkundige Erpressung. Kein rechtmäßiger Grund knüpft ihn an den Dienst, kein moralisches Band hält ihn unter der Fahne zurück; er wird blos durch die Furcht vor harter Strafe gefesselt. Und Sie wollen, daß diese Leute sich todtschlagen lassen, um ungerechte Minister, habgierige Intendanten, diebische Unterintendanten und überdies einen König zu stützen, welcher der Jagd und dem Fischfang obliegt, der sich Vergnügen macht und sich mit seinen Unterthanen nur insofern beschäftigt, daß er mit seiner Meute ihre Felder überschwemmt und ihre Ernte ruiniert? Da wären sie sehr dumm. Wenn ich Soldat in meinem Dienst wäre, so desertierte ich schon den ersten Tag und würde lieber Straßenräuber, denn die Straßenräuber fechten wenigstens für sich selbst und lassen sich für sich selbst todtschlagen.«
»Ich muß gestehen, daß in dem, was Sie da sagen, Sire, sehr viel Wahres liegt,« antwortete der Kriegsminister.
»Zum Teufel, hob der König wieder an, »ich spreche stets die Wahrheit, wohlverstanden, wenn ich zum Lügen keinen Grund habe. Laß uns mittlerweile die Sache noch näher ins Auge fassen. Ich gebe zu, daß Du deine fünfundsechzigtausend Mann hast. Sie stehen neu uniformiert mit der Muskete auf der Schulter, dem Degen an der Seite und der Patromtasche auf dem Rücken in Schlachtordnung da. Wen willst Du an ihre Spitze stellen, Ariola? Dich vielleicht selbst?«
»Sire,« antwortete Ariola, »ich kann nicht zugleich Kriegsminister und Obergeneral sein.«
»Und Du willst daher lieber Kriegsminister bleiben– das kann ich mir wohl denken.«
»Sire!«
»Ich sage Dir, daß ich mir das recht wohl denken kann.«
»Wie steht's mit Dir, Pignatelli? Hättest Du Lust, den Oberbefehl über Ariolas fünfundsechzigtausend Mann zu übernehmen?«
»Sire,« antwortete der General, welchen der König angeredet, »ich gestehe, daß ich eine solche Verantwortlichkeit nicht auf mich nehmen möchte.«
»Das wären Zwei. Wie steht's mit Dir, Colli?« fuhr der König fort.
»Ich müßte das Amerbieten auch ablehnen, Sire.«
»Und wie wäre es mit Dir, Parisi?«
»Sire, ich bin blos Brigadier.«
»Ja, ja, eine Brigade oder auch allenfalls eine Division wollt Ihr wohl commandieren, aber einen Feldzugsplan entwerfen, strategische Combinationen ersinnen und einen kampfgeübten Feind angreifen und besiegen, dazu will sich keiner von Euch anheischig machen.«
»Ew. Majestät brauchen sich wegen eines Obergenerals kein Kopfzerbrechens zu machen,« sagte die Königin; »dieser Obergeneral ist bereits gefunden.«
»Wie!« rief Ferdinand, »doch hoffentlich nicht in meinem Königreiche?
»Nein, Majestät, seien Sie unbesorgt, antwortete die Königin. »Ich habe meinen Neffen um einen Mann ersucht, dessen militärischer Ruf gleichzeitig dem Feinde imponiert, und den Ansprüchen unserer Freunde genügt.«
»Und wie heißt derselbe?« fragte der König.
»Es ist der Baron Carl Mack. Haben Sie etwas gegen ihn zu erinnern?«
»Weiter nichts, entgegnete der König, »als daß er sich von den Franzosen hat schlagen lassen. Da dies aber allen Generalen des Kaisers, mit Einschluß seines Onkels und Ihres Bruders, des Prinzen Carl, begegnet ist, so ist mir Mack ebenso recht als ein Anderer.«
Die Königin biß sich auf die Lippen bei diesem unerbittlichen Spott des Königs, welcher den Cynismus so weit trieb, daß er in Ermangelung Anderer sich selbst zur Zielscheibe nahm.
Sie erhob sich daher und fragte:
»Sie nehmen also den Baron Carl Mack als Obergeneral Ihrer Armee an?«
»Ja wohl, mit dem größten Vergnügen,« antwortete der König.
»In diesem Falle erlauben Sie –«
Und die Königin näherte sich der Thür.
Der König folgte ihr mit den Augen und konnte nicht errathen, was sie machen wolle, als plötzlich ein Jagdhorn, von zwei mächtigen Lippen und einer gewaltigen Lunge geblasen, in dem Hofe des Palastes, auf welchen die Fenster des Berathungssaales gingen, so laut zu schmettern begann, daß die Fensterscheiben davon erzitterten und die Minister und Räthe, welche nicht wußten, was diese unerwartete Fanfare bedeuten solle, einander mit erstaunten Blicken ansahen.
Dann richteten sich Aller Augen auf den König, wie um von ihm die Erklärung dieser gemeinen Unterbrechung zu verlangen.
Der König schien jedoch ebenso erstaunt zu sein als die Andern und Jupiter ebenso erstaunt als der König.
Ferdinand horchte einen Augenblick, als ob er seinen eigenen Ohren nicht traute, dann sagte er:
»Was fällt denn diesem Wichte ein? Er muß doch wissen, daß die Jagd abbestellt ist; warum gibt er das erste Signal?«
Der Piqueur fuhr fort wüthend in ein Horn zu blasen.
Der König erhob sich in großer Aufregung. Es war augenscheinlich, daß ein heftiger Kampf in ihm stattfand.
Er ging an das Fenster und öffnete es.
»Willst Du wohl schweigen, Dummkopf?« rief er.
Dann schloß er das Fenster ärgerlich wieder und kam dann, immer von Jupiter gefolgt, um wieder seinen Platz in seinem Lehnsessel einzunehmen.
Während der Bewegung aber, die er gemacht, war unter dem Schutze der Königin eine neue Person auf der Bühne erschienen.
Die Königin hatte nämlich, während der König mit seinem Piqueur sprach, die Thür, welche aus dem Berathungszimmer in ihre Gemächer führte, geöffnet und die fragliche Person eingelassen.
Jeder betrachtete mit Ueberraschung und Erstaunen den Unbekannten, und von Seiten des Königs geschah dies mit nicht weniger Ueberraschung als von Seite der Andern.
Elftes Capitel.
Der General Baron Carl Mack
Der, welcher dieses allgemeine Erstaunen hervorrief, war ein Mann von fünf- bis sechsundvierzig Jahren, groß, blond, bleich, in österreichischer Uniform, mit den Abzeichen der Generalswürde und unter andern Decorationen auch mit dem Marie Theresienorden und dem des heil. Januarius geschmückt.
»Sire,« sagte die Königin, »ich habe die Ehre, Ihnen, den Baron Carl Mack vorzustellen, welchen Sie soeben zum Obergeneral Ihrer Armee ernannt haben.«
»Ah, mein lieber General, sagte der König, indem er mit einem gewissen Erstaunen den St. Januariusorden betrachtete, womit der General geschmückt war und welchen der König sich nicht erinnern konnte, ihm verliehen zu haben: »ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
Dann wechselte er mit Ruffo einen Blick, welcher zu sagen schien: »Aufgepaßt!«
Mack verneigte sich tief, und stand ohne Zweifel im Begriffe, dieses Compliment des Königs zu beantworten, als die Königin wieder das Wort ergriff und sagte:
»Sire, ich glaubte, wir dürften die Ankunft des Barons in Neapel nicht abwarten, um ihm einen Beweis der Achtung zu geben, welche Sie ihm zollen, und habe ihm daher, ehe er Wien verließ, durch Ihren Gesandten die Insignien Ihres Ordens vom heil. Januarius zustellen lassen.«
»Und ich, Sire,« sagte der Baron mit einem Enthusiasmus, der vielleicht ein wenig zu theatralisch war, um aufrichtig zu sein, »ich bin, getrieben von Dankbarkeit für die Güte Ew. Majestät, mit der Schnelligkeit des Blitzes herbeigeeilt, um Ihnen zu sagen: Sire, mein Degen gehört Ihnen.«
Mit diesen Worten zog Mack die Klinge aus der Scheide. Der König schob seinen Sessel einen Schritt zurück. Ebenso wie Jacob der Erste liebte er nicht den Anblick des blanken Eisens.
Mack fuhr fort:
»Dieser Degen gehört Ihnen und Ihrer Majestät der Königin, und wird nicht eher ruhig in seiner Scheide schlafen, als bis er diese verruchte französische Republik gestürzt hat, welche die Verläugnung der Menschenwürde und die Schmach Europas ist. Nehmen Sie meinen Schwur an, Sire?« fuhr Mack fort, indem er in furchtbarer Weise seinen Degen schwang.
Ferdinand, der für seine Person kein Freund theatralischer Geberden war, konnte mit seinem bewundernswürdigem gesunden Menschenverstande nicht umhin zu sehen, welche lächerliche Prahlerei in dem Auftreten des Generals Mack lag, und mit seinem spöttischen Lächeln murmelte er in seinem neapolitanischen Patois, welches, wie er wußte, für Jeden, der nicht am Fuße des Vesuv geboren worden, unverständlich war, das einzige Wort:
»Ceuza!«
Gerne würden wir diese Art Ausruf, welcher den Lippen des Königs Ferdinand entschlüpfte, übersetzen, unglücklicher Weise aber gibt es in keiner Sprache ein Wort, welches ganz genau dasselbe bedeutete. Begnügen wir uns daher zu sagen, daß es so ziemlich die Mitte zwischen Geck und Dummkopf bezeichnet.
Mack, der in der That nicht verstanden hatte und mit dem Degen in der Hand wartete, daß der König seinen Schwur annehme, drehte sich ziemlich verlegen nach der Königin herum.
»Ich glaube,« sagte Mack zur Königin, »Seine Majestät hat mir die Ehre erzeigt, mir etwas zu sagen.«
»Seine Majestät,« antwortete die Königin, ohne aus der Fassung zu kommen, »hat Ihnen durch ein einziges, ausdrucksvolles Wort seine Dankbarkeit zu erkennen gegeben.«
Mack verneigte sich und steckte, während das Gesicht des Königs seinen Ausdruck von gutmüthigem Spott beibehielt, seinen Degen wieder in die Scheide.
»Und nun,« sagte der König, der nun einmal die Bahn des Spottes betreten, welcher er gar so gern folgte, » hoffe, ich, daß mein lieber Neffe, indem er mir einen seiner besten Generale schickt, diese nichtswürdige französische Republik zu stürzen, mir gleichzeitig einen von dem Hofkriegsrath ausgearbeiteten Feldzugsplan übermittelt.«
Diese mit vollkommen gutgespielter Naivetät gestellte Frage war ein neuer Spott von Seiten des Königs, denn der Hofkriegsrath hatte die Pläne zu dem Feldzug von 96 und 97 ausgearbeitet, Pläne, nach welchen die österreichischen Generale und der Erzherzog Carl selbst geschlagen worden.
»Nein, Sire,« antwortete Mack, »ich habe Seine Majestät den Kaiser, meinen erhabenen Herrn, gebeten, mir in dieser Beziehung freie Hand zu lassen.«
»Und er hat Ihnen hoffentlich diese Bitte bewilligt, nicht wahr?« fragte der König.
»Ja, Sire, er hat mir diese Gnade erzeigt.«
»Und Sie werden sich dann wohl unverweilt mit dieser Aufgabe beschäftigen, mein lieber General? Denn ich gestehe, daß ich der Mittheilung dieses Planes mit großer Ungeduld entgegensehe.«
»Die Sache ist bereits gemacht, antwortete Mack im Tone eines Menschen, der mit sich selbst vollkommen zufrieden ist.
»Ah!« sagte Ferdinand, der seiner Gewohnheit gemäß sofort wieder gutgelaunt war, wenn er Jemanden fand, den er verspotten konnte, »Sie hören es, meine Herren. Ehe noch der böse Garat uns im Namen der nichtswürdigen französischen Republik den Krieg erklärt hatte, war die nichtswürdige französische Republik, Dank dem Genie unseres Obergenerals, schon geschlagen. Wir stehen sichtlich unter den Schutze Gottes und des heiligen Januarius Dank, mein lieber General, Dank!«
Mack, der dieses Compliment buchstäblich nahm, verneigte sich tief vor dem König.
»Welch ein Unglück,« rief dieser, »daß wir nicht eine Karte unserer Staaten und der römischen Staaten hier haben, um den Operationen des Generals auf dieser Karte zu folgen. Man sagt, der Bürger Buonaparte habe in seinem Cabinet in der Rue Chantereine zu Paris eine große Karte, auf welcher er seinen Secretären und Adjutanten im voraus die Punkte bezeichnet, wo er die feindlichen Generale schlagen wird. Der Baron würde uns im voraus diejenigen bezeichnet haben, auf welchen er die französischen Generale schlagen wird. Du wirst eine ähnliche Karte wie die des Bürgers Buonaparte für das Kriegsministerium anfertigen lassen und dem Baron Mack zur Verfügung stellen, hörst Du, Ariola?«
»Es wäre dies überflüssige Mühe, Sire. Ich besitze bereits eine ganz vortreffliche Karte.«
»Die eben so gut ist wie die des Bürgers Buonaparte?« fragte der König.
»Ich glaube es,« antwortete Mack mit selbstzufriedener Miene.
»Wo ist sie, General?« fragte der König wieder; »wo ist sie? Ich sterbe vor Ungeduld, eine Karte zu sehen, auf welcher man den Feind im Voraus schlägt.«
Mack gab einem Thürsteher Befehl, ihm das Portefeuille zu bringen, welches er in dem Nebenzimmer gelassen.
Die Königin, welche ihren Gemahl kannte, sich durch die erheuchelten Complimente, welche er ihrem Schützling machte, nicht täuschen ließ und fürchtete, dieser werde endlich bemerken, daß er der Spottsucht des Königs zur Zielscheibe diente, wendete ein, daß jetzt vielleicht nicht der geeignete Augenblick sei, sich mit diesem Detail zu beschäftigen. Mack aber, welcher diese Gelegenheit, seine strategische Wissenschaft durch drei oder vier anwesende Generale bewundern zu lassen, nicht versäumen wollte, verbeugte sich mit ehrerbietiger Beharrlichkeit und die Königin gab nach.
Der Thürsteher brachte eine große Mappe, auf deren einer Seite das österreichische Wappen, auf der andern der Name und die Titel des Generals Mack in Golddruck zu sehen waren.
Der General zog eine große Karte der römischen Staaten mit ihren Grenzen heraus und breitete sie auf die Tafel.
»Achtung, mein lieber Kriegsminister! Achtung, meine Herren Generale!« sagte der König. »Verlieren wir kein Wort von dem, was der Baron uns sagen wird. Sprechen Sie, Baron, man hört Sie.«
Der Officier näherte sich dem Tische mit lebhafter Neugier. Der Baron Mack stand – man wußte damals nicht warum, und hat es auch später niemals erfahren – in dem Rufe, einer der ersten Strategen der Welt zu sein.
Die Königin, welche sich an etwas, was sie als eine Mystification von Seite des Königs betrachtete, nicht betheiligen wollte, trat ein wenig auf die Seite.
»Wie, Madame,« rief der König, »in dem Augenblicke, wo der Baron einwilligt uns zu sagen, wo er diese Republikaner, die Ihnen so sehr verhaßt sind, schlagen wird, entfernen Sie sich?«
»Ich verstehe nichts von der Strategie,« entgegnete die Königin ärgerlich. »Vielleicht,« fuhr sie fort, indem sie mit der Hand auf den Cardinal Ruffo zeigte, »würde ich Jemanden, der sich darauf versteht, blos den Platz wegnehmen.«
Und sich einem Fenster nähernd, trommelte sie an dem Glase.
In demselben Augenblicke und als ob sie damit ein verabredetes Signal gegeben, schmetterte eine zweite Jagdfanfare.
Der König blieb stehen, als ob ihm die Füße plötzlich in dem Mosaik angewurzelt wären, welches den Fußboden des Zimmers bildete. Sein Gesicht veränderte sich, und ein Ausdruck von Zorn trat an die Stelle der spöttischen Gutmüthigkeit, die bis jetzt darauf geschrieben stand.
»Ha,« rief er, »entweder haben diese Menschen den Verstand verloren, oder sie haben sich verschworen, mich um den meinigen zu bringen. Jetzt haben wir nicht Zeit, den Hirsch oder den Eber zu jagen, wir jagen den Republikaner!«
Dann eilte er zum zweiten Male an das Fenster, welches er mit noch größerer Heftigkeit als das erste Mal aufriß.
»Wirst Du endlich schweigen, Dummkopf!« rief er. »Ich weiß wirklich nicht, was mich abhält, hinunter zu kommen und Dir mit eigener Hand den Hals umzudrehen.«
»O, Sire,« sagte Mack, »das wäre zu viel Ehre für diesen gemeinen Kerl.«
»Glauben Sie, Baron?«, sagte der König, eine gute Laune wieder gewinnend. »Nun, lassen wir ihn dann leben, und beschäftigen wir uns nur mit Ausrottung der Franzosen. Laffen Sie Ihren Plan sehen, General, lassen Sie sehen.«
Und er schloß das Fenster mit größerer Ruhe, als man nach dem Zustande von Erbitterung hätte hoffen können, worein ihn der Schall des Horns versetzt, und welchem er glücklicherweise durch die abgedroschene Schmeichelei des Generals Mack wie durch ein Wunder wieder entrissen worden.
»Sehen Sie, meine Herren,« sagte Mack im Tone eines Professors, welcher seine Zöglinge unterrichtet, »unsere sechzigtausend Mann sind längs dieser Linie, welche sich von Gaëta bis Aquila erstreckt, auf vier bis fünf Punkte verheilt.«
»Sie wissen, daß wir deren fünfundsechzigtausend haben,« sagte der König; »seien Sie daher nicht allzu sparsam.«
»Ich bedarf deren nur sechzigtausend, Sire, sagte Mack; »meine Berechnungen gründen sich auf diese Ziffer, und selbst wenn Ew. Majestät hunderttausend Mann hätten, so würde ich Ihnen nicht einen Tambour mehr abnehmen. Uebrigens bin ich über die Stärke der Franzosen ganz genau unterrichtet. Sie haben kaum zehntausend Mann.«
»Dann, sagte der König, »sind wir also sechs gegen einen. Dies beruhigt mich vollständig. Im Feldzuge von 96 und 97 waren die Soldaten meines Neffen nur zwei gegen einen, als sie von dem Bürger Buonaparte geschlagen wurden.«
»Ich war nicht dabei, Sire,« antwortete Mack mit selbstgenügsamem Lächeln.
»Das ist wahr,« antwortete der König mit gut erheuchelter Einfalt. »Es war weiter Niemand dabei als Beaulieu, Wurmser, Alvinzi und der Prinz Carl.«
»Sire, Sire,« murmelte die Königin, indem sie Ferdinand am Schooße seines Jagdrockes zupfte.
»O, fürchten Sie nichts, sagte der König, »ich weiß, mit wem ich zu thun habe, und übrigens werde ich ihn blos so weit kratzen, als er mir den Kopf herreckt.«
»Ich sagte also,« hob Mack wieder an, »daß das Gros unserer Truppen, ungefähr zwanzigtausend Mann, in San Germano steht und daß die vierzigtausend andern am Tronto, in Sessa, in Tagliacozzo und in Aquila campiren. Zehntausend Mann gehen über den Tronto und verjagen die französische Besatzung aus Ascoli, dessen sie sich bemächtigen, und rücken gegen Fermo vor. Viertausend Mann rücken von Aquila aus, besetzen Rieti und marschieren auf Terni; fünf- oder sechstausend rücken von Tagliacozzo nach Tivoli, um Streifzüge nach der Sabina zu machen; achttausend verlassen das Lager von Seffa und rücken auf der appischen Straße in die römischen Staaten ein, sechstausend Mann endlich schiffen sich nach Livorno ein, um den Franzosen, welche sich über Perugia zurückziehen, den weiteren Rückzug abzuschneiden.«
»Der General Mack, bemerkte der König, »sagt uns nicht, wie der Bürger Bonaparte ganz genau, wo er den Feind schlagen wird, aber er sagt uns wenigstens, wohin sich derselbe zurückzieht.«
»O,« rief Mack triumphierend, »ich werde Ihnen auch sagen, wo ich den Feind schlage.«
»Ah, lassen Sie sehen, sagte der König, welcher plötzlich an dem Kriege beinahe eben so viel Vergnügen zu finden schien, als er an der Jagd gefunden haben würde.
»Mit Ew. Majestät und zwanzig- bis fünfundzwanzigtausend Mann rücke ich von San Germano aus.
»Sie rücken mit mir von San Germano aus?«
»Ich marschiere auf Rom.«
»Abermals mit mir?«
»Ich debouchire durch die Landstraßen von Ceparano und Frosinone.«
»Das sind sehr schlechte Straßen, General! Ich kenne sie; ich ward einmal dort umgeworfen.«
»Der Feind verläßt Rom.«
»Wissen Sie das gewiß?«
»Rom ist kein Platz, welcher vertheidigt werden könnte.«
»Und wenn der Feind Rom verlassen hat, was macht er dann?«
»Er zieht sich auf Civita-Catellana zurück, was eine furchtbar feste Position ist.«
»Aha, und in dieser lassen Sie ihn, nicht wahr?«
»Nein; ich greife ihn an, und schlage ihn.«
»Sehr schön. Wenn Sie ihn nun aber nicht schlügen?«
»Sire, sagte Mack, indem er die Hand auf die Brust legte und sich vor dem König verneigte, »wenn ich die Ehre habe, Ew. Majestät zu sagen, daß ich ihn schlagen werde, so ist es so gut, als wäre er schon geschlagen.«
»Nun, dann geht Alles gut,« sagte der König.
»Haben Ew. Majestät gegen den Plan, welchen ich Ihnen vorgelegt, irgend welche Einwendungen zu erheben?«
»Nein, es gibt nur einen einzigen Punkt, über welchen wir uns zu verständigen haben würden.«
»Und welcher wäre das, Sire?«
»In Ihrem Feldzugsplane sagen Sie, daß Sie von San Germano mit mir ausrücken.«
»Ganz recht, Sire.«
»Dann werde ich also den Krieg mitmachen?«
»Ohne Zweifel.«
»Dies ist die erste Mittheilung, die ich darüber höre. Und welchen Grad bieten Sie mir in meiner Armee an? Ich begehe doch keine Indiscretion, wenn ich mich bei Ihnen darnach erkundige?«
»Das Obercommando, Sire. Ich würde mich glücklich und stolz fühlen. Ihren Befehlen zu gehorchen.«
»Das Obercommando? Hm, hm!«
»Würden Sie dieses zurückweisen, Majestät? Man hatte mir dennoch Hoffnung gemacht –«
»Wer hatte Ihnen Hoffnung gemacht –«
»Ihre Majestät, die Königin.«
»Ihre Majestät die Königin ist sehr gütig. Ihre Majestät die Königin vergißt aber in der allzu hohen Meinung, die sie von jeher von mir gehabt und die sie auch bei dieser Gelegenheit von mir kundgibt, daß ich nicht ein Kriegsmann bin. Ich sollte das Obercommando übernehmen?« fuhr der König fort. »Hat San Nicandro mich vielleicht zu einem Alexander oder einem Hannibal erzogen? Bin ich vielleicht auf der Kriegsschule zu Brienne gewesen wie der Bürger Buonaparte? Habe ich vielleicht den Polybius, Cäsar’s Commentarien, den Chevalier Folard, Montecuculi und den Marschall von Sachsen gelesen, wie der Prinz Carl? Habe ich überhaupt etwas gelesen, was mich fähig machte, schulgerecht geschlagen zu werden? Habe ich vielleicht andere Truppen commandiert, als meine Liparioten?«
»Sire, antwortete Mack, »ein Nachkomme Heinrichs des Vierten und ein Enkel Ludwigs des Vierzehnten weiß dies Alles, ohne es jemals gelernt zu haben.«
»Mein lieber General,« sagte der König, »so etwas müssen Sie Jemanden sagen, der noch dümmer ist als ich.«
»Sire,« rief Mack ganz erstaunt, einen König so freimüthig eine Meinung über sich selbst aussprechen zu hören.
Mack wartete; Ferdinand kratzte sich hinter dem Ohr.
»Und dann?« fragte Mack, als er sah, daß das, was der König noch zu sagen hatte, nicht allein zum Vorschein kommen würde.
Ferdinand schien noch zu überlegen. Nach einer Weile hob er an:
»Eines der ersten Erfordernisse eines Generals ist der Muth, nicht wahr?«
»Das ist allerdings unbestreitbar.«
»Dann besitzen Sie also wohl Muth?«
»Sire –«
»Sie wissen ganz bestimmt, daß Sie Muth besitzen, nicht wahr?«
»O!«
»Wohlan, ich weiß es von mir nicht ganz bestimmt.«
Die Königin erröthete bis an die Ohren. Mack sah den König mit Erstaunen an. Die Minister und Räthe, welche den Cynismus des Königs kannten, lächelten. Nichts was von dieser seltsamen Persönlichkeit, die man König Ferdinand nannte, ausging, konnte sie in Erstaunen setzen.
»Indeß,« fuhr der König fort, »es ist möglich, daß ich mich irre und daß ich Muth besitze, ohne es selbst zu wissen. Wir werden ja sehen.«
Dann drehte er sich nach seinen Räthen, Ministern und Generalen herum und sagte:
»Meine Herren, Sie haben den Feldzugsplan des Barons gehört, nicht wahr?«
Alle gaben durch entsprechende Geberden zu verstehen, daß dies der Fall sei.
»Und Du billigt ihn, Ariola?«
»Ja, Sire,« antwortete der Kriegsminister.
»Du auch, Pignatelli?«
»Ja, Sire.«
»Du auch, Colli?«
»Ja, Sire.«
» Du auch, Parisi?«
»Ja, Sire.«
Zuletzt wendete er sich zu dem Cardinal, der, wie er schon während der ganzen Sitzung gethan, sich ein wenig beiseite hielt.
»Und Sie, Ruffo?« fragte er.
Der Cardinal schwieg.
Mack hatte jede der Beifallserklärungen mit einem Lächeln begrüßt. Er betrachtete daher mit Erstaunen den Mann der Kirche, welcher sich nicht beeilte wie die Andern, sich ebenfalls einverstanden zu erklären.
»Vielleicht, sagte die Königin, »hatte der Herr Cardinal einen bessern Plan ausgearbeitet.«
»Nein, Majestät, antwortete der Cardinal, ohne die Fassung zu verlieren. »Ich wußte ja nicht, daß der Krieg so nahe bevorstünde, und es hatte mir auch Niemand die Ehre erzeigt, mich um meine Meinung zu befragen.«
»Wenn Sie, Eminenz, sagte Mack in spöttischem Tone, »einige Bemerkungen zu machen haben, so bin ich bereit, dieselben zu hören.«
»Ohne Ihre Erlaubniß, Excellenz, würde ich nicht gewagt haben, meine Meinung auszusprechen, antwortete Ruffo mit außerordentlicher Courtoisie, »da Sie mich aber dazu ermächtigen –«
»O thun Sie es! thun Sie es, Eminenz,« sagte Mack lachend.
»Wenn ich Ihre Combinationen richtig verstanden habe, Excellenz,« sagte Ruffo, »so ist der Zweck des Feldzugsplanes, den Sie uns die Ehre erzeigt uns vorzulegen, dieser –«
»Ja, lassen Sie hören, sagte Mack, welcher nun seinerseits Jemanden gefunden zu haben glaubte, den er zum Besten halten könnte.
»Ja, lassen Sie hören,« sagte Ferdinand, welcher schon im voraus den Sieg dem Cardinal zuschrieb und zwar aus dem einzigen Grunde, weil die Königin ihn haßte.
Die Königin stampfte vor Ungeduld mit dem Fuße.
Der Cardinal sah diese Bewegung, kehrte sich aber weiter nicht daran. Er kannte die Abneigung der Königin gegen ihn und ließ sich dadurch nicht sonderlich beunruhigen. Mit vollkommener Fassung fuhr er daher fort:
»Durch Ausdehnung Ihrer Linie, Excellenz, hoffen Sie mit Hilfe Ihrer großen numerischen Ueberlegenheit die äußersten Spitzen der französischen Linie zu umgehen, die Corps eins auf das andere zu werfen und da ihnen der Rückzug durch Toscana abgeschnitten sein würde, sie zu vernichten oder gefangen zu nehmen.«
»Sie haben meine Idee vollkommen richtig aufgefaßt, Eminenz,« sagte Mack ganz vergnügt. »Ich werde den Feind gefangen nehmen vom ersten bis zum letzten Mann und nicht ein einziger Franzose soll nach Frankreich zurückkehren, um zu erzählen, wo seine Cameraden geblieben sind. Dies geschieht, so wahr ich Baron Carl Mack heiße. Haben Sie vielleicht etwas Besseres in Vorschlag zu bringen?«
»Wenn ich befragt worden wäre, entgegnete der Cardinal, »so würde ich wenigstens etwas Anderes vorgeschlagen haben.«
»Und was hätten Sie vorgeschlagen?«
»Ich hätte vorgeschlagen, die neapolitanische Armee blos in drei Corps zu theilen. Ich hätte fünfundzwanzig oder dreißigtausend Mann zwischen Rieti und Terni concentrirt; ich hätte zwölftausend Mann zum Angriff auf den linken Flügel der Franzosen bestimmt und zehntausend Mann in die pontinischen Sümpfe geschickt, um sie auf den rechten Flügel zu werfen. Endlich hätte ich achttausend Mann nach Toscana geschickt. Dann hätte ich mit Aufbietung aller Kräfte und mit der äußersten Energie, deren ich fähig gewesen wäre, versucht, das Centrum des Feindes zu durchbrechen, seine beiden Flügel in der Flanke zu fassen und sie zu hindern, sich wechselseitig Beistand zu leisten. Mittlerweile hätte die toscanische Legion, nachdem sie alle Verstärkungen, welche das Land selbst zu liefern vermocht, an sich gezogen, sich uns genähert, um uns je nach Umständen zu unterstützen. Dies hätte der jungen und unerfahrenen neapolitanischen Armee erlaubt, in Massen zu agieren, was ihr Vertrauen zu sich selbst gegeben haben würde. Dies,« sagte Ruffo, »ist es, was ich vorgeschlagen hätte. Ich bin aber weiter nichts als ein schlichter Mann der Kirche und beuge mich vor der Erfahrung und dem Genie des Generals Mack.«
Mit diesen Worten that der Cardinal, welcher sich dem Tische genähert, um auf der Karte die Bewegungen anzudeuten, welche er ausgeführt haben würde, einen Schritt zurück, um dadurch zu erkennen zu geben, daß er auf eine weitere Discussion verzichte.
Die Generale sahen einander mit Ueberraschung an. Es war klar, daß Ruffo einen ganz vortrefflichen Rath gegeben hatte.
Mack setzte, indem er die neapolitanische Armee in zu viele kleine Corps theilte, dieselben der Gefahr aus, einzeln selbst von einem nicht sehr zahlreichen Feind geschlagen zu werden. Ruffo's Plan war dagegen von dieser Gefahr völlig frei.
Mack biß sich auf die Lippe. Er fühlte, wie sehr der eben entwickelte Plan den Vorzug vor dem einigen verdiente.
»Mein Herr,« sagte er, »es steht dem König noch frei, zwischen Ihnen und mir, zwischen Ihrem Plan und dem meinigen zu wählen. In der That, setzte er mit erzwungenem Gelächter hinzu, »taugt für einen Krieg, den man einen heiligen Krieg nennen kann, ein Peter von Amiens besser als ein Gottfried von Bouillon.«
Der König wußte nicht genau, wer Peter von Amiens und Gottfried von Bouillon gewesen seien, während er aber mit Mack für seine eigene Person seinen Scherz trieb, wollte er ihn jedoch nicht unzufrieden machen.
»Was sagen Sie da, mein lieber General!« rief er. »Ich finde für meinen Theil Ihren Plan ganz vortrefflich und Sie haben gesehen, daß dies auch die Meinung dieser Herren ist, denn es haben sich alle damit einverstanden erklärt. Ich billige denselben von Anfang bis Ende und möchte keine einzige Bestimmung desselben geändert sehen. Also die Armee haben wir. Gut. Wir haben nun auch den Obergeneral. Gut, sehr gut. Es fehlt uns nun weiter nichts mehr als das Geld. Wie steht es, Corradino?« fuhr der König fort, indem er sich zu dem Finanzminister wendete. »Ariola hat uns seine Mannschaften gezeigt, zeige Du uns deine Thaler.«
»Ach, Sire,« antwortete der Minister, welchem der König auf diese Weise so zu sagen die Pistole auf die Brust setzte, »Euer Majestät wissen recht wohl, daß die Ausgaben, welche die Ausrüstung und Bekleidung der Armee erforderlich gemacht, die Staatscassen vollständig geleert haben.«
»Das ist eine schlimme Mittheilung, Corradino, eine sehr schlimme Mittheilung. Ich habe immer gehört, das Geld sei der Nerv des Krieges. Haben Sie gehört, Madame? Es ist kein Geld da.«
»Sire,« antwortete die Königin, »das Geld wird Ihnen eben so wenig fehlen, als Ihnen die Armee und der Obergeneral gefehlt hat, und wir haben vorläufig eine Million Pfund Sterling zu Ihrer Verfügung.«
»Schön,« sagte der König, »und wer ist der Alchymit, der auf diese Weise die Kunst besessen, Gold zu machen? »Ich werde die Ehre haben, Ihnen den Mann vorzustellen, Sire,« sagte die Königin, indem sie wieder auf die Thür zuschritt, durch welche sie schon den General Mack eingeführt.
Sie öffnete diese Thür und sagte, zu einer noch unsichtbaren Person sprechend:
»Mylord, wollen Sie die Güte haben, dem König zu bestätigen, was ich so eben die Ehre gehabt ihm zu versichern, nämlich daß es ihm, um Krieg gegen die Jacobiner zu führen, nicht an dem nöthigen Geld fehlen werde?«
Aller Augen wendeten sich nach der Thür und Nelson erschien mit strahlendem Antlitz auf der Schwelle, während hinter ihm, gleich einem elysäischen Schatten, die leichte, ätherische Gestalt Emma Lyonnas verschwand, welche so eben durch einen ersten Kuß die Hingebung Nelson's und die Subsidien Englands erkauft hatte.
Zwölftes Capitel.
Die Insel Malta
Das Erscheinen Nelsons in einem solchen Augenblick war bedeutsam.
Es war der böse Genius Frankreichs in eigener Person, welcher an den Verhandlungen des Cabinetsraths von Neapel theilnahm und mit der Allmacht eines Goldes Carolinens Lügen und Verrath unterstützte.
Alle Welt kannte Nelson, ausgenommen der General Mack, der, wie wir bereits bemerkt, erst während der Nacht angelangt war.
Die Königin ging auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und führte den künftigen Sieger von Civita Castellana dem Sieger von Abukir entgegen.
»Ich stelle, sagte sie, »den Helden des Landes dem Helden des Meeres vor.«
Nelson schien sich durch dieses Compliment nicht sehr geschmeichelt zu fühlen. Er war indessen in diesem Augenblick bei zu guter Laune, um sich durch einen Vergleich verletzt zu fühlen, obgleich derselbe ganz zu Gunsten seines Nebenbuhlers lautete. Er begrüßte Mack höflich, wendete sich dann zu dem König und sagte:
»Sire, ich fühle mich glücklich, Ihnen und Ihren Ministern melden zu können, daß ich von meiner Regierung die Vollmacht erhalten habe, mit Ihnen im Namen Englands jede Frage zu verhandeln, welche sich auf den Krieg mit Frankreich bezieht.«
Der König fühlte sich gefangen.
Caroline hatte ihn während seines Schlafes geknebelt, wie die Liliputer mit Gulliver thaten. Er mußte gute Miene zum bösen Spiele machen.
Dennoch versuchte er sich an den letzten Einwurf anzuklammern, der sich seinen Gedanken darbot.
»Sie haben gehört, Mylord, wovon die Rede ist, sagte er »und unser Finanzminister, welcher weiß, daß wir hier unter Freunden sind, und daß man vor seinen Freunden kein Geheimniß zu haben pflegt, hat uns offen gestanden, daß er kein Geld mehr in seinen Cassen hat. Ich äußerte daher, daß ohne Geld kein Krieg möglich sei.«
»Ew. Majestät haben dadurch, wie stets, tiefe Weisheit an den Tag gelegt,« antwortete Nelson. »Glücklicherweise aber habe ich hier Mr. Pitts Vollmacht, welche mich in den Stand jetzt, diesem Uebelstande abzuhelfen.«
Und Nelson legte auf die Berathungstafel eine Vollmacht, welche in folgenden Ausdrücken abgefaßt war:
»Lord Nelson, Baron von Nil, ist ermächtigt, bei seiner Ankunft in Neapel sich mit Sir William Hamilton, unserem Gesandten am Hofe beider Sicilien, zu verständigen, um unseren erhabenen Verbündeten, den König von Neapel, in allen Bedrängnissen zu unterstützen, in welche ein Krieg gegen die französische Republik ihn versetzen könnte.
»London, den 7. September 1798.»W. Pitt.«
Acton übersetzte diese Zeilen dem Könige, welcher den Cardinal zu sich rief, gleichsam um eine Verstärkung gegen den neuen Verbündeten der Königin zu haben.
»Und, Mylord, sagte Ferdinand, »Sie können wirklich, wie die Königin sagte, eine Summe zu unserer Verfügung stellen?«
»Ja, eine Million Pfund Sterling, sagte Nelson.
Der König wendete sich zu Ruffo, wie um ihn zu fragen, wie viel eine Million Pfund Sterling eigentlich sei.
Ruffo errieth die Frage.
»Es sind dies ungefähr fünf und eine halbe Million neapolitanische Ducaten,« antwortete er.
»Hm!« sagte der König.
»Diese Summe,« sagte Nelson, »ist nur eine erste Subsidie, um dem Bedürfnisse des Augenblickes zu begegnen.«
»Ehe Sie aber Ihre Regierung aufgefordert haben, uns diese Summe zu schicken, ehe Ihre Regierung dieselbe absendet, und ehe endlich das Geld in Neapel ankommt, kann ziemlich lange Zeit verstreichen. Wir stehen jetzt im Winteräquinoctium und ein Schiff braucht durchschnittlich zur Hin- und Rückreise vier bis sechs Wochen. Während dieser vier bis sechs Wochen werden die Franzosen vollends Zeit haben, in Neapel zu sein.«
Nelson wollte antworten, aber die Königin schnitt ihm das Wort ab.
»Ew. Majestät kann sich über diesen Punkt beruhigen,« sagte sie. »Die Franzosen sind jetzt nicht im Stande, Krieg mit uns anzufangen.«
»Aber mittlerweile, entgegnete Ferdinand, »haben sie uns denselben doch schon erklärt.«
»Wer hat ihn uns erklärt?«
»Der Gesandte der Republik. Man sollte meinen, ich sagte Ihnen damit etwas ganz Neues!«
Die Königin lächelte verächtlich.
»Der Bürger Garat hat sich übereilt,« sagte sie. »Er hätte noch eine Weile gewartet, oder seine Kriegserklärung nicht erlassen, wenn ihm die Lage des Generals Championnet in Rom bekannt gewesen wäre.«
»Und Sie kennen also diese Lage besser, als der Gesandte selbst, Madame?«
»Ich glaube es.«
»Sie stehen wohl mit dem Generalstabe des republikanischen Generals in Briefwechsel?«
»Auf Briefwechsel mit fremden Personen würde ich mich nicht verlassen, Sire.«
»Dann haben Sie wohl Ihre Nachrichten von dem General Championnet selbst?«
»Sehr richtig, und hier ist der Brief, welchen der Gesandte der Republik diesen Morgen erhalten haben würde, wenn er sich gestern Abends nicht so sehr beeilt hätte abzureisen.«
Mit diesen Worten zog die Königin den Brief hervor, welchen der Sbirre Pasquale de Simone am Abend vorher Salvato Palmieri abgenommen und dann in dem dunklen Zimmer der Königin zugestellt hatte. Die Königin zog den Brief aus dem Couvert und reichte ihn dem König.
Der König warf die Augen darauf.
»Das ist ja Französisch,« sagte er in demselben Tone, in welchem ein Anderer vielleicht gesagt hätte:
»Das ist ja Hebräisch.«
Dann gab er den Brief Ruffo, als ob er sich auf diesen allein verließe.
»Herr Cardinal, sagte er, »übersetzen Sie uns diesen Brief ins Italienische.«
Ruffo ergriff den Brief und las unter dem tiefsten Stillschweigen Folgendes:
»Bürger Gesandter!
»Erst seit einigen Tagen in Rom angelangt, halte ich es für meine Pflicht, den Zustand, in welchem die Armee, zu deren Commando ich berufen worden bin, sich befindet, zu Ihrer Kenntniß zu bringen, damit Sie das Benehmen, welches Sie einem treulosen Hof gegenüber einzuhalten haben, der, getrieben durch England, unsern ewigen Feind, nur den günstigen Augenblick erwartet, um uns den Krieg zu erklären, nach den Angaben richten können, die ich Ihnen machen werde.«
Bei den Worten »uns den Krieg zu erklären«, sahen die Königin und Nelson einander lachend an. Nelson verstand weder Französisch noch Italienisch, wahrscheinlich aber war ihm eine englische Uebersetzung dieses Briefes im Voraus mitgetheilt worden.
Ruffo fuhr, ohne dadurch in seinem Vorlesen unterbrochen zu werden, fort:
»Erstens besteht die Armee, die auf dem Papier mit fünfunddreißigtausend Mann angegeben steht, in der That und Wahrheit aus blos achttausend Mann, denen es an Schuhwerk, Kleidern und Brod fehlt und die seit drei Monaten keinen Heller Löhnung erhalten haben. Diese achttausend Mann haben blos einhundertundachtzigtausend Stück Patronen unter sich zu theilen, so daß also fünfzehn Schuß für den Mann kommen. Kein fester Platz ist auch nur mit Pulver hinreichend versehen und man ist in Civita Vecchia nicht im Stande gewesen, auf ein Seeräuberschiff zu schießen, welches sich der Küste genähert.«
»Da hören Sie, Sire,« sagte die Königin.
»Ja, ich höre, sagte der König. »Fahren Sie fort, Herr Cardinal.«
Der Cardinal hob wieder an:
»Wir haben nicht mehr als fünf Feldgeschütze und einen Park von vier Feuerschlünden. Unser Mangel an Flinten ist so groß, daß ich nicht im Stande gewesen bin, zwei Bataillone Freiwillige zu bewaffnen, welche ich gegen die Insurgenten zu verwenden gedachte, die uns von allen Seiten umzingeln.«
Die Königin wechselte mit Mack und Nelson einen abermaligen Wink.
»Unsere Festungen sind in nicht besserem Zustande als unsere Arsenale,« fuhr Ruffo fort zu lesen. »In keiner derselben sind die Kugeln und die Geschütze von einem und demselben Caliber. In einigen gibt es Kanonen, aber keine Kugeln, in andern Kugeln, aber keine Kanonen.
»Dieser beklagenswerthe Zustand erklärt mir die Instructionen des Directoriums, welche ich Ihnen hiermit zusende, damit Sie sich darnach richten. Jeder feindliche Angriff auf die römische Republik soll mit Waffengewalt zurückgeschlagen und der Krieg selbst auf das neapolitanische Gebiet übergetragen werden, aber nur in dem Falle, daß der König von Neapel eine seit so langer Zeit angekündigten Invasionsprojekte in Ausführung bringen sollte –«
»Sie hören, Sire,« sagte die Königin, »von achttausend Mann, fünf Geschützen und einhundert und achtzigtausend Patronen haben wir, glaube ich, nicht viel zu fürchten.«
»Lesen Sie weiter, Eminentissime,« sagte der König, sich die Hände reibend.
»Ja, fahren Sie fort, sagte die Königin, »und Sie werden sehen, was der französische General selbst von seiner Position denkt.«
»Sie begreifen aber mit leichter Mühe, Bürger Gesandter,« fuhr der Cardinal fort, »daß ich mit den Mitteln, welche mir zur Verfügung stehen, nicht im Stande wäre, einen feindlichen Angriff abzuschlagen, geschweige denn den Krieg auf das neapolitanische Gebiet überzutragen.«
»Nun, beruhigt Sie das, Sire?« fragte die Königin.
»Hm!«, entgegnete der König, »hören wir erst das Ende.«
»Ich kann Ihnen daher nicht genug empfehlen, das gute Einvernehmen zwischen der Republik und dem Hofe der beiden Sicilien so lange aufrecht zu erhalten, als die Würde Frankreichs es gestattet und mit allen möglichen Mitteln die Ungeduld der neapolitanischen Patrioten zu beschwichtigen. Jede Bewegung, welche eher als in drei Monaten, das heißt vor der Zeit geschehe, welche ich brauche, um die Armee zu organisieren, wäre verfrüht und würde unfehlbar scheitern.
»Mein Adjutant, ein sicherer Mann von erprobtem Muthe und der, in den Staaten des Königs von Neapel geboren, nicht blos das Italienische, sondern auch das neapolitanische Patois spricht, ist beauftragt, Ihnen diesen Brief zuzustellen und sich mit den Anführern der republikanischen Partei in Neapel zu besprechen. Schicken Sie mir ihn so schnell als möglich mit einer ausführlichen Antwort zurück, welche mir Ihre Situation dem Hofe der beiden Sicilien gegenüber genau auseinandersetzt.
»Brüderlichkeit!
»Championnet.«
»18. September 1798.«
»Nun, Sire,« sagte die Königin, »wenn Sie erst halb beruhigt waren, so muß Sie dies vollkommen beruhigen.«
»Ueber einen Punkt ja, Madame; über einen andern aber nicht.«
»Ha, ich verstehe. Sie meinen die republikanische Partei, an welche es Ihnen so viel Mühe kostet zu glauben. Wohlan, Sie sehen, daß dieselbe nicht ganz ein Phantom ist. Sie existiert, denn man muß sie ja beschwichtigen und die Jacobiner selbst sind es, welche diesen Rathgeben.«
»Aber wie zum Teufel sind Sie in den Besitz dieses Briefes gelangt?« fragte der König, indem er das Blatt aus den Händen des Cardinals nahm und mit neugierigem Blick betrachtete.
»Dies ist mein Geheimniß, Sire, antwortete die Königin, »und Sie werden mir erlauben, es zu bewahren.«
»Ich habe aber, glaube ich, Mylord Nelson das Wort in dem Augenblick abgeschnitten, wo er eine von Ihnen an ihn gestellte Frage beantworten wollte. Ich sagte, daß im September und Oktober das Meer so stürmisch und unsicher ist, daß wir vielleicht vier bis sechs Wochen brauchten, um das Geld, dessen wir so dringend bedürfen, aus England zu erhalten.«
Die Aeußerung des Königs ward Nelson verdolmetscht.
»Sire, antwortete er, »dieser Fall ist schon vorgesehen und Ihre Bankiers, die Herren Backer Vater und Sohn, werden Ihnen mit Hilfe ihrer Geschäftsfreunde in Messina, Rom und Livorno einen Wechsel von einer Million Pfund discontiren, den Sir William Hamilton ausstellen und der von mir endossiert werden wird. Eure Majestät braucht in Anbetracht des ziemlich hohen Betrages der Summe die Bankiers blos im Voraus zu benachrichtigen.«
»Gut, gut,« sagte der König; »lassen Sie Sir William den Wechsel ausstellen, endossiren Sie ihn, geben Sie ihn mir, und ich werde mich dann mit den Bankiers verständigen.«
Ruffo sagte dem Könige einige Worte leise ins Ohr.
Ferdinand nickte.
»Meine freundliche Bundesgenossin, die englische Regierung, sagte er dann, »gibt, eine wie gute Freundin des Königreiches beider Sicilien sie auch sein möge, doch ihr Geld nicht umsonst weg, das weiß ich recht wohl. Was verlangt sie für ihre Million Pfund Sterlinge?«
»Etwas sehr Einfaches, was Ihnen durchaus von keinem Nachtheile sein kann, Majestät.«
»Was denn?«
»Sie verlangt, daß, wenn die Flotte des Königs von England, welche jetzt im Begriffe steht, Malta zu blockieren, dieses den Franzosen wieder abgenommen haben wird, Ew. Majestät darauf verzichte, Ihre Rechte auf diese Insel geltend zu machen, damit der König von England, welcher im mittelländischen Meere weiter keine Besitzung hat, als Gibraltar, aus Malta eine Station und Verproviantirungsstelle für die englischen Schiffe machen könne.«
»Nun, von meiner Seite wird diese Abtretung sehr leicht sein. Malta gehört nicht mir, sondern dem Orden.«
»Ja, Sire, wenn aber Malta wiedergenommen ist, so wird der Orden aufgelöst sein,« machte Nelson bemerklich.
»Und wenn der Orden aufgelöst ist,« beeilte Ruffo sich zu sagen, »so fällt Malta an die Krone der beiden Sicilien zurück, denn der Kaiser Carl der Fünfte schenkte es als Erbe des Königreiches den Hospitaliterrittern, welche im Jahre 1535 durch Soliman den Zweiten von der Insel Rhodus vertrieben worden waren. Wenn England nun einer Station im Mittelmeere bedarf, so kann es für Malta recht wohl fünfundzwanzigtausend Millionen Francs zahlen, das würde durchaus nicht zu theuer sein.«
Vielleicht hätte sich über diesen Punkt eine längere Discussion entsponnen, als plötzlich eine dritte Fanfare sich in dem Hofe vernehmen ließ und eine nicht weniger unerwartete und seltsame Wirkung hervorbrachte, als die beiden ersten.
Was die Königin betraf, so wechselte sie mit Mack und Nelson einen Blick, welcher jagen wollte: »Bleiben Sie nur ruhig, meine Herren. Ich weiß, was es ist.«
Der König aber, der es nicht wußte, eilte an das Fenster und öffnete es, ehe noch die Fanfare zu Ende war.
Dieselbe gab das Signal, welches mit dem Namen des Hallali bezeichnet wird.
»Nun,« rief der König wüthend hinunter, »wird man mir endlich erklären, was diese drei elenden Fanfaren jagen wollen?«
»Sie wollen sagen, daß Ew. Majestät aufbrechen kann, wenn sie will,« antwortete der Jäger, der das Signal geblasen. »Sie können sicher sein, Majestät, nicht unverrichteter Sache heimzukehren, denn die Wildschweine sind umzingelt.«
»Umzingelt!« rief der König. »Die Wildschweine sind umzingelt?«
»Ja, Sire, ein Rudel von fünfzehn Stück.«
»Fünfzehn Stück! Hören Sie, Madame, rief der König, sich zu einer Gemahlin wendend, »fünfzehn Wildschweine! Hören Sie, meine Herren? Fünfzehn Wildschweine! Hörst du, Jupiter, fünfzehn! fünfzehn! Fünfzehn!«
Dann kehrte er an das Fenster zurück.
»Aber weißt Du denn nicht,« rief er dem Hornbläser in verzweiflungsvollem Tone zu, »weißt Du denn nicht, Unglücklicher, daß heute keine Jagd ist?«
Die Königin näherte sich.
»Und warum soll denn heute keine Jagd ein, Sire?« fragte sie mit ihrem reizendsten Lächeln.
»Nun, weil ich dieselbe auf das von Ihnen mir in vergangener Nacht geschriebene Billet abgestellt habe.«
Und er drehte sich nach Ruffo herum, wie um diesen zum Zeugen zu nehmen, daß der Befehl in seiner Gegenwart ertheilt worden.
»Das ist wohl möglich, Sire,« hob die Königin wieder an, »ich aber dachte an den Verdruß, welchen die Entbehrung dieses Vergnügens Ihnen bereiten würde, und in der Voraussetzung, daß der Cabinetsrath bald beendet sein und uns noch Zeit lassen werde, einen Theil des Tages der Jagd obzuliegen, ließ ich den Boten anhalten. Es ist deshalb bei dem ersten von Ihnen erheilten Befehle geblieben, nur mit dem Unterschied, daß ich, statt der neunten Stunde, die elfte als die bezeichnet habe, wo Sie aufbrechen würden. Eben schlägt es elf Uhr, die Cabinetsrathssitzung ist beendet, das Wild ist aufgescheucht und umzingelt und es hält Sie daher nichts ab, Sire, sich auf den Weg zu machen.«
So wie die Königin sprach, ward das Gesicht des Königs immer strahlender.
»Ach, meine liebe Schulmeisterin, « – man erinnert sich, daß dies der Name war, mit welchem Ferdinand seine Gemahlin in gutgelaunten Augenblicken anredete, – »ach, meine liebe Schulmeisterin, Sie sind würdig, nicht blos Acton als Premierminister, sondern auch den Herzog della Salandra als Oberjägermeister zu ersetzen. Sie haben sehr Recht. Der Cabinetsrath ist beendet. Sie haben Ihren Feldherrn zu Lande, Sie haben Ihren Feldherrn zur See, wir erhalten fünf oder sechs Millionen Ducati, auf die wir nicht gerechnet hatten. Alles, was Sie thun, wird wohlgethan sein und ich verlange von Ihnen weiter nichts, als daß Sie den Feldzug nicht eher beginnen, als bis der Kaiser dasselbe thut. So wahr ich lebe, ich fühle mich jetzt ganz kriegerisch gestimmt. Ich glaube, ich besitze Muth! Auf Wiedersehen, meine Herren! Auf Wiedersehen, Ruffo!«
»Und Malta, Sire?« fragte der Cardinal.
»Man mache mit Malta, was man wolle! Ich habe es dreiundsechzig Jahre entbehrt und kann es daher recht wohl auch ferner entbehren. Es ist ja weiter nichts als ein elender Felsen, der nur zweimal jährlich, wenn die Wachteln ziehen, zur Jagd taugt. Aus Mangel an Wasser kann man dort keine Fasanen halten, und es wächst dort keine Handvoll Gemüse, so daß man genöthigt ist, Alles von Sicilien zu beziehen. Die Engländer mögen Malta nehmen und mir die Jacobiner vom Halse schaffen, weiter verlange ich nichts. – Fünfzehn Wildschweine, Jupiter, Taho! Jupiter, Taho!«
Und der König verließ das Zimmer, indem er eine vierte Fanfare pfiff.
»Mylord,« sagt die Königin zu Nelson, »Sie können Ihrer Regierung schreiben, daß die Abtretung Maltas an England von Seiten des Königs beider Sicilien auf keine Schwierigkeit stoßen wird.«
Dann wendete sie sich zu den Ministern und Räthen.
»Meine Herren,« sagte sie, »der König dankt Ihnen für die guten Rathschläge, welche Sie ihm ertheilt haben. Die Sitzung ist geschlossen.«
Nachdem sie sich dann gegen Alle grüßend verneigt und Ruffo einen ironischen Blick zugeworfen, kehrte sie, von Mack und Nelson gefolgt, in ihre Gemächer zurück.