Kitabı oku: «La San Felice Band 5»
Fünfter Theil
Erstes Capitel.
Ferdinand in Rom
Ganz wie General Mack vorausgesehen, stieß ein Abgesandter ein wenig oberhalb Valmontone wieder zu ihm.
Der General hörte von Allem, was der Major ihm erzählte, weiter nichts, als daß die Franzosen Rom geräumt hatten.
Er suchte sofort den König auf und meldete diesem, daß auf seine Aufforderung die Franzosen sofort den Rückzug angetreten, daß er folglich den nächsten Tag in Rom einziehen und in acht Tagen im vollen Besitze der römischen Staaten sein würde.
Der König befahl sofort die größte Eile, und das nächste Nachtquartier ward in Valmontone genommen.
Am nächstfolgenden Tage setzte man sich wieder in Marsch und machte gegen Mittag in Albano Halt.
Von der Anhöhe herab erblickte man Rom und über Rom hinaus erstreckte sich die Aussicht bis Ostia.
Dennoch aber war es unmöglich, daß die Armee noch denselben Tag in Rom einrückte. Man kam überein, daß sie gegen drei Uhr Nachmittags aufbrechen, auf der Hälfte des Weges sich lagern und daß den nächstfolgenden Tag der König um neun Uhr Vormittags seinen feierlichen Einzug durch das Thor San Giovanni halten und sich direct in die San Carlo-Kirche begeben sollte, um hier eine Dankmesse zu hören.
In der That brach man auch um drei Uhr von Albano auf – Mack zu Pferde und an der Spitze der Armee, der König und der Herzog von Ascoli in einem Wagen, der von dem ganzen Generalstabe des Königs escortiert ward.
Unterhalb der Anhöhe von Albano, das heißt an der Stelle, wo vor eintausendachthundertundfünfzig Jahren der Kampf zwischen Clodius und Milon stattfand, ließ man die appiche Straße, auf welcher man Nachgrabungen angestellt und die man Alterthumsforschern überlassen, links liegen, und machte gegen sieben Uhr in ziemlich zweistündiger Entfernung von Rom Halt.
Der König soupirte unter einem in drei Abtheilungen geschiedenen prachtvollen Zelt mit dem Generale Mack und dem Herzoge von Ascoli, dem Marquis von Malaspina und den anderweiten Günstlingen des kleinen Hofes, der ihm gefolgt war, als man ihm eine Deputation meldete.
Diese Deputation bestand aus zweien der Cardinäle, welche sich nicht für die republikanische Regierung erklärt, aus den von dieser Regierung abgesetzten Behörden und einigen jener Märtyrer, welche die Reaction ihr stets entgegenkommen sieht.
Alle diese Herren kamen jetzt, um die Befehle des Königs für die morgenden Feierlichkeiten entgegen zu nehmen.
Der König war in der heitersten Laune. Auch er sollte ebenso wie Paulus Aemilius, wie Pompejus, wie Cäsar, von welchen Championnet vor drei Tagen dem Major Reischach erzählte, seinen Triumphzug haben.
Es war durchaus nicht so schwer, ein Triumphator zu sein, als es ihm anfangs geschienen.
Welche Wirkung mußte die Nachricht von diesem Triumphe in Caserta und besonders auf dem Molo, auf dem Altmarkte und in Marinella äußern und wie stolz mußten die guten Lazzaroni sich fühlen, wenn sie erfuhren, daß ihr König triumphiert hatte! Er hatte also, und zwar ohne einen einzigen Kanonenschuß abzufeuern, die furchtbare, bis jetzt für unüberwindlich gehaltene französische Republik besiegt. Ganz gewiß war der General Mack, der ihm Alles dies vorhergesagt, ein großer Mann!
Er beschloß demgemäß noch diesen Abend an die Königin zu schreiben und einen Courier an sie abzusenden, um ihr diese gute Nachricht überbringen zu lassen.
Nachdem daher Alles für den folgenden Tag besprochen und die Deputation, nachdem sie die Ehre des Handkusses genossen, entlassen war, ergriff der König die Feder und schrieb:
»Geliebte Gattin.
»Alles geht nach Wunsch. In weniger als fünf Tagen bin ich bis an die Thore Roms gelangt und werde morgen meinen feierlichen Einzug halten. Alles hat vor unsern siegreichen Waffen die Flucht ergriffen und morgen Abend werde ich von dem Palast Farnese aus dem Papst schreiben, daß er, wenn es ihm beliebt, das Weihnachtsfest in Rom feiern kann. Ach, wenn ich meine Krippe hierher bringen lassen und sie ihm zeigen könnte!
»Der Bote, den ich Ihnen sende, um Ihnen diese frohen Nachrichten mitzutheilen, ist mein gewöhnlicher Courier Ferrari. Erlauben Sie ihm zum Lohn mit meinem armen Jupiter zu dinieren, dem in meiner Abwesenheit die Zeit sehr lang werden wird. Antworten Sie mir auf demselben Wege. Beruhigen Sie mich in Bezug auf Ihre theure Gesundheit und die meiner geliebten Kinder, denen ich, Dank Ihnen und unserem berühmten General Mack, einen nicht blos glücklichen, sondern auch ruhmreichen Thron zu hinterlassen hoffe.
»Die Strapazen des Feldzuges sind nicht so groß gewesen, als ich fürchtete. Allerdings habe ich bis jetzt alle Märsche zu Wagen machen können und bin nur dann und wann zur Abwechslung und zum Vergnügen zu Pferde gestiegen.
»Ein einziger schwarzer Punkt schwebt noch am Horizont. Der republikanische General hat bei dem Abmarsch aus Rom fünfhundert Mann und einen Obersten in der Engelsburg zurückgelassen. Zu welchem Zweck hat er dies gethan? Ich kann es mir nicht recht erklären, aber sonst mache ich mir deswegen weiter keinen Kummer, denn unser Freund, der General Mack, versichert mir, daß diese Mannschaft sich auf die erste Aufforderung ergeben werde.
»Auf baldiges Wiedersehen, geliebte Gattin! sei es nun, daß Sie, um das Fest vollständig zu machen, nach Rom kommen und das Weihnachtsfest mit uns hier feiern, sei es, daß ich, nachdem der Frieden wieder hergestellt und der Thron dieses Staates seinem rechtmäßigen Herrscher zurückgegeben ist, glorreich wieder in meine Staaten einziehe.
»Empfangen Sie und theilen Sie mit meinen geliebten Kindern die Umarmungen Ihres zärtlichen Gatten und Vaters
»Ferdinand.«
»Nachschrift. Ich hoffe, daß meinen Känguruhs nichts Schlimmes zugestoßen ist und daß ich dieselben bei eben so erwünschtem Wohlsein wieder antreffe, wie ich sie verlassen. Meine freundlichsten Grüße an Sir William und Lady Hamilton. Was den Helden des Nil betrifft, so muß er noch in Livorno sein. Möge er aber sein, wo er wolle, so setzen Sie ihn von unsern Triumphen in Kenntniß.«
Es war lange her, seitdem Ferdinand keinen so langen Brief geschrieben. Er befand sich aber jetzt einmal in einer enthusiastischen Stimmung, die ihn besonders schreibselig machte. Er las den Brief noch einmal durch, war damit zufrieden, bedauerte, daß er Sir William und Lady Hamilton erst erwähnt, nachdem er an seine Känguruhs gedacht, glaubte aber nicht, daß es um dieses kleinen Gedächtnißfehlers wegen der Mühe verlohne, einen so gelungenen Brief wieder umzuschreiben.
Demgemäß siegelte er ihn zu und ließ Ferrari rufen, welcher von seinem Sturz vollständig wieder hergestellt, seiner Gewohnheit gemäß, fertig gestiefelt herbeikam und versprach, daß der Brief sich den nächstfolgenden Tag noch vor fünf Uhr Abends in den Händen der Königin befinden solle.
Hierauf setzte der König mit dem Herzoge von Ascoli, dem Marquis von Malaspina und dem Herzog von Cirillo sich an den bereits fertig gemachten Spieltisch, um seine Partie Whist zu machen, gewann tausend Ducaten, legte sich in frohester Laune schlafen und träumte, daß er seinen Einzug nicht in Rom, sondern in Paris, nicht in der Hauptstadt der römischen Staaten, sondern in der Hauptstadt Frankreichs hielte und daß er mit einer Lorbeerkrone auf dem Haupte wie Cäsar und wie Karl der Große, den Reichsapfel in der einen und das Schwert in der andern Hand haltend, während sein Königsmantel von den fünf Directoren getragen würde, in die seit dem 10. August verlassenen Tuilerien einzöge.
Der Tag verscheuchte die Illusionen der Nacht, das aber, was davon übrig blieb, genügte, die Eigenliebe eines Mannes zu befriedigen, welchem es in einem Alter von fünfzig Jahren erst eingefallen war, ein Eroberer werden zu wollen.
Er hielt allerdings seinen Einzug noch nicht in Paris, aber doch wenigstens in Rom.
Dieser Einzug war prachtvoll. Der König, der seine mit Goldstickereien bedeckte Feldmarschallsuniform und am Halle und an der Brust eine ungeheure Menge Orden trug, ward an dem Thore San Giovanni zunächst von dem ältesten Senator empfangen, welcher ihm, von den Municipalbeamten begleitet, die Schlüssel der Stadt auf einem silbernen Teller kniend überreichte.
Um die Senatoren und Municipalbeamten herum standen sämtliche Cardinäle, welche Pius dem Sechsten treu geblieben waren. Von hier aus sollte der König sich auf einem im Voraus durch gestreute Blumen und grüne Blätter bezeichneten Wege nach der San Carlokirche, um hier dem »Te Deum« beizuwohnen, und aus der San Carlokirche nach dem Palast Farnese begeben, welcher, wie wir bereits erwähnt, auf der andern Seite der Tiber dicht dem Palaste Corsini gegenüber steht, welchen Championnet so eben erst verlassen.
In dem Augenblicke, wo der König die Schlüssel der Stadt berührte, ward ein lauter Gesang angestimmt. Hundert weiß gekleidete junge Mädchen gingen dem Zuge voran, mit Körben von vergoldetem Binsengeflecht, die mit Rosenblättern gefüllt waren, welche sie, wie am Tage des Frohnleichnamsfestes, in die Luft warfen. Die leeren Körbe wurden sofort durch volle ersetzt, damit der wohlduftende Regen keine Unterbrechung erlitte.
Hinter den Jungfrauen kamen die Chorknaben, welche ihre Weihrauchfässer schwenkten, und so bewegte sich der Zug zwischen einer von der festlich gekleideten Bevölkerung Roms und der Umgegend gebildeten Doppelreihe unter Blumenregen und balsamischer Atmosphäre.
Eine bewundernswürdige Militärmusik – und die von Neapel ist weit berühmt – spielte die heiterten Melodien von Cimarosa, Pergolesi und Paesiello.
Dann kamen in der Mitte eines großen leeren Raumes der König allein, in der emblematischen Abgeschiedenheit der souveränen Majestät.
Auf den König folgte Mack und sein ganzer Generalstab.
Hinter Mack kam eine Masse von dreißigtausend Mann, Truppen, nämlich zwanzigtausend Mann Fußvolk und zehntausend Mann Reiterei, alle neu gekleidet, von prachtvollem Aeußern, in Folge der kürzlich vorher im Felde angestellten zahlreichen Manövers mit guter Haltung einhermarschierend und gefolgt von fünfzig Stück neugegossenen Geschützen mit frisch angestrichenen Laffetten und Munitionskarren.
Alles dies glänzte im Sonnenscheine eines jener herrlichen Novembertage, welche der Herbst des Südens zwischen einem Nebel- und einem Regentage wie einen letzten Abschiedsgruß an den Sommer, oder wie einen ersten Gruß an den Winter hervorbrechen läßt.
Wir haben gesagt, daß der Weg im Voraus bezeichnet war. Man begann daher zu überschreiten, was man die Wüste von San Giovanni nennen konnte, nämlich die Rasenplätze und einsamen Alleen, welche nach Santa Croce in Gerusalemme und nach Santa Maria Maggiore führen, und näherte sich auf diese Weise direct der alten Basilika, deren Wohlthäter Heinrich der Vierte war, und an welcher Ferdinand, in seiner Eigenschaft als Enkel dieses Königs, das Amt eines Canonicus bekleidete.
Auf den Stufen der Kirche, an deren Fuße der König empfangen und mit Freuden und Lobgesängen begrüßt ward, stand die ganze lateranische Geistlichkeit.
Als der Gesang beendet war, stieg der König vom Pferde und erreichte auf prachtvollen Teppichen zu Fuße die Scala Santa, jene von Jerusalem nach Rom gebrachte heilige Treppe, welche zum Hause des Pilatus gehörte und die Jesus, als er sich zum Verhör begab, mit seinen nackten blutigen Füßen berührte, weshalb die Gläubigen sie nur auf den Knien ersteigen.
Der König küßte die erste Stufe und in dem Augenblicke, wo seine Lippen den heiligen Marmor berührten, ließ die Musik Freudenfanfaren ertönen und hunderttausend Stimmen erhoben ein bis in die Wolken empordröhnendes Jubelgeschrei.
Der König verrichtete kniend sein Gebet, erhob sich dann, stieg wieder zu Pferde, ritt über den großen Platz San Giovanni, maß mit den Augen den prachtvollen Obelisken, welcher von Thutmafis dem Zweiten in Theben errichtet, von Cambytes, der alle übrigen umstürzte und verstümmelte, respectirt, von Constantin geraubt und im großen Circus ausgegraben worden, ritt die lange Straße San Giovanni de Laterano, die ganz von Klöstern eingefaßt ist, und sich sanft absteigend bis zum Coliseum hinabzieht, entlang, passierte den berühmten Stadttheil, wo Pompejus sein Haus hatte, und erreichte den Platz Trajans, dessen Säule bis über den Fuß in die Erde gesunken war.
Von hier gelangte er durch eine Biegung im rechten Winkel auf den Corso und auf den Platz von Venedig, welcher am andern Ende derselben Straße ein Seitenstück zu dem Volksplatze bildet, erreichte dann den Platz Colonna und eilte endlich den Corso entlang bis an die kolossale San Carlokirche, wo er unter dem riesigen Portal derselben von der ganzen Geistlichkeit empfangen ward.
Hier stieg er nun zum zweiten Male vom Pferde, ging in die Kirche hinein und hörte unter dem für ihn aufgestellten Thronhimmel das Tedeum.
Dann, nachdem das Tedeum gesungen war, verließ er die Kirche, setzte sich wieder zu Pferde, ritt von demselben Zuge begleitet den Corso immer weiter hinab bis an den Volksplatz, das Ufer der Tiber entlang in umgekehrter Richtung zu der, welche Championnet eingeschlagen, um Rom zu verlassen; passierte dann die Via della Serossa, den großen Platz Navone, das Forum Agonale der Römer, und erreichte nach wenigen Augenblicken, an der Façade des Palastes Braschi vorüberkommend, das Campo dei Fiori und den Palast Farnese, das Ziel eines langen Triumphzuges.
Der ganze Generalstab fand Platz in diesem prachtvollen Hofe, dem Meisterwerke der drei größten Architecten, die es jemals gegeben, San Gallo, Vignola und Michel Angelo.
Zwischen die beiden Springbrunnen, welche die Façade des Palastes schmücken, und die ihre Fluten in die größten Granitbecken werfen, welche man kennt, pflanzte man eben so zur Ehre wie zur Vertheidigung vier Stück Geschütz.
Ein Gastmal von zweihundert Couverts war in der von Hannibal und Augustin Carrachio und ihren Zöglingen gemalten großen Galerie aufgetragen. Die beiden Brüder arbeiteten acht Jahre darin und erhielten dafür ein Honorar von fünfhundert Goldthalern, das heißt dreitausend Francs jetzigen Geldes.
Auf dem Platze des Palastes Farnese schien ganz Rom versammelt zu sein. Trotz der Schildwachen drang das Volk in den Hof, auf die Treppen, die Vorzimmer und bis an die Thüren der Gallerie. Der ununterbrochene Ruf: »Es lebe der König! zwang Ferdinand dreimal, von der Tafel aufzustehen und sich am Fenster zu zeigen.
Außer sich vor Freude und sich für einen würdigen Nebenbuhler jener Helden haltend, deren Spur er einen Augenblick lang auf der heiligen Straße gefolgt war, wollte er nicht bis den nächsten Tag warten, um dem Papst Pius dem Sechsten Meldung von seinem Einzuge in Rom zu machen.
Ganz vergessend, daß der Papst Gefangener der Franzosen und folglich nicht Herr seiner Handlungen war, ging er, erhitzt vom Weine und mit vor Freude und Stolz fast berstendem Herzen, gleich nachdem der Kaffee getrunken war, in ein Arbeitscabinet und schrieb hier folgenden Brief:
»An Seine Heiligkeit Papst Pius den Sechsten, Statthalter unseres Herrn Jesu Christi.
»Fürst der Apostel, König der Könige!
»Eure Heiligkeit wird ohne Zweifel mit der größten Befriedigung erfahren, daß ich unter dem Beistande unseres Herrn Jesu Christi und unter dem erhabenen Schutze des heiligen Januarius heute mit meiner Armee ohne Widerstand in die Hauptstadt der christlichen Welt eingezogen bin. Die Franzosen sind erschrocken beim Anblicke des Kreuzes und vor dem Glanze meiner Waffen entflohen. Eure Heiligkeit kann daher Ihre oberherrliche und väterliche Macht, die ich mit meiner Armee decken werde, wieder übernehmen. Verlassen Sie daher Ihre zu bescheidene Wohnung in der Karthause und kommen Sie, wie unsere heilige Jungfrau von Loretto, auf den Flügeln der Cherubin wieder in den Vatican herabgestiegen, um ihn durch Ihre heilige Gegenwart zu läutern.«
Am Abend fuhr der König von dem fortwährenden Rufe: »Es lebe König Ferdinand! Es lebe Pius der Sechste!« geleitet durch die Hauptstraße der Stadt und über den Platz Navone, den spanischen Platz und den venetianischen Platz. Einige Augenblicke verweilte er in dem Theater Argentina, wo man zu seiner Ehre eine Cantate aufführte, dann bestieg er, um das förmlich in Flammen stehende Rom zu sehen, die höchsten Terrassen des Monte Pincio.
Von dem Thore San Giovanni an bis zum Vatican und von dem Platze des Volkes bis zur Pyramide des Cestus war die Stadt a giorno, das heißt taghell erleuchtet. Ein einziges Gebäude, auf welchem die dreifarbige Fahne wehte und welche einem feierlichen, drohenden Proteste Frankreichs gegen die Besetzung Roms glich, blieb dunkel inmitten dieses Strahlenmeeres und stumm mitten unter diesem Getöse.
Es war dies die Engelsburg.
Die düstere, schweigende Masse dieser Festung hatte etwas Furchtbares und Unheimliches, denn der einzige Ruf, welcher von Viertelstunde zu Viertelstunde hier das Schweigen unterbrach, war der: »Schildwachen, habet Acht!« und das einzige Licht, welches man in der Finsterniß leuchten sah, war die glimmende Lunte der neben ihren Geschützen stehenden Artilleristen.
Zweites Capitel.
Die Engelsburg spricht
Als der König, um den Pincioberg zu besteigen, den Volksplatz passierte, sah er jenen interessanten, aus Frauen und Kindern zusammengesetzten Theil der Bevölkerung um einen Scheiterhaufen herumtanzen, welcher in der Mitte des Platzes loderte. Beim Anblicke des Königs machten die Tänzer Halt, um aus vollem Halse zu schreien: »Es lebe der König Ferdinand! Es lebe Pius der Sechste!«
Der König machte Halt und fragte, was diese wackern Leute hier machten und was dies für ein Feuer sei, an welchem sie sich wärmten.
Man antwortete ihm, daß dieser Scheiterhaufen von dem Holze des Freiheitsbaumes aufgebaut worden, den vor achtzehn Monaten die Consuln der römischen Republik gepflanzt.
Diese Anhänglichkeit an die guten Grundsätze rührte Ferdinand. Er zog daher eine Handvoll Münzen aller Art aus der Tasche, warf sie mitten unter die Volksmenge hinein und rief:
»Bravo, meine Freunde, amüsiert Euch!«
Die Weiber und die Kinder stürzten sich auf die Ducaten und Piaster des Königs Ferdinand. Es fand ein furchtbares Handgemenge statt; die Weiber schlugen auf die Kinder los, die Kinder kratzten die Weiber und es ward wie toll durch einander geschrieen und geheult, obschon die Beschädigungen alle nur unbedeutend waren.
Auf dem Platze Navone sah er einen zweiten Scheiterhaufen.
Er that dieselbe Frage, und erhielt dieselbe Antwort.
Der König griff nun nicht mehr in seine Tasche, sondern in die des Herzogs von Ascoli, nahm eine zweite Handvoll Geld heraus und warf sie, da hier das Volk aus Männern und Frauen bestand, unter die Tänzer und Tänzerinnen hinein.
Diesmal waren es, wie wir soeben sagten, nicht blos Weiber und Kinder, sondern es waren auch Männer darunter. Das starke Geschlecht glaubte größeres Recht auf das Geld zu haben als das schwache; die Liebhaber und die Männer der geschlagenen Frauen zogen ihre Messer, einer der Tänzer ward verwundet und ins Hospital getragen.
Auf dem Platze Colonna fand derselbe Vorgang statt. Diesmal jedoch endete er zum Ruhm der öffentlichen Moral. In dem Augenblicke nämlich, wo die Messer ihre Rolle spielen sollten, ging ein Bürger, den Hut über die Augen herabgezogen und in einen großen Mantel gehüllt vorüber.
Ein Hund bellte ihn an.
Ein Knabe schrie: »Jakobiner!«
Der Ruf des Knaben und das Gebell des Hundes lenkten die Aufmerksamkeit der Streitenden auf den Bürger in dem Mantel und mit dem herabgezogenen Hute und ohne auf seine Worte zu hören, stieß man ihn ohne Weiteres in den Scheiterhaufen, wo er unter dem Freudengeheule des Pöbels jämmerlich umkam.
Plötzlich kam einer dieser Wahnsinnigen auf einen anderweiten herrlichen Gedanken. Diese Freiheitsbäume, welche man umhieb und in Kohlen und Asche verwandelte, waren nicht von selbst hier gewachsen, man hatte sie gepflanzt.
Diejenigen, welche sie gepflanzt hatten, waren natürlich strafbarer, als die armen Bäume, welche sich, und vielleicht nur höchst ungern, hatten pflanzen lassen.
Es galt daher, strenge Gerechtigkeit zu üben und sich an die Pflanzer und nicht an die Bäume zu halten.
Wer hatte aber diese gepflanzt?
»Es waren, wie wir schon oben einmal bemerkt, die beiden Consulen der römischen Republik, Mattei von Valmontone und Zaccalone von Piperno gewesen.
Diese beiden Namen, waren seit einem Jahre gesegnet und geehrt von der Bevölkerung, welcher diese beiden wahrhaft freisinnigen Beamten ihre Intelligenz und ihr Vermögen gewidmet hatten.
Am Tage der Reaction aber verzeiht das Volk eher dem, der es verfolgt, als dem, der sich ihm gewidmet hat, und gewöhnlich werden seine ersten Vertheidiger auch seine ersten Märtyrer.
»Die Revolutionen sind wie Saturn,« sagt Vergniaut, »sie verschlingen ihre eigenen Kinder.«
Ein Mann, welcher Zaccalone gezwungen hatte, seinen Sohn in die Schule zu schicken, ein auf die persönliche Freiheit eifersüchtiger junger Römer, machte daher den Vorschlag, einen der Freiheitsbäume stehen zu lassen, um die beiden Consuln daran zu hängen.
Dieser Vorschlag fand natürlich einstimmig Annahme, und es galt, um ihn in Ausführung zu bringen, nun blos einen Baum als Galgen stehen zu lassen und sich der beiden Consuln zu bemächtigen.
Man dachte an die noch nicht abgehauene Pappel auf dem Platze der Rotunda und da die beiden Beamten, der eine in der Via della Maddalena, der andere in der Via Pie di Marmo wohnten, so betrachtete man diese Nähe als einen von der Vorsehung gefügten glücklichen Umstand.
Man eilte sofort nach ihren Häusern. Zum Glück aber hatten die beiden Beamten ohne Zweifel sehr richtige Begriffe von der Dankbarkeit, die man von den Völkern zu erwarten hat, zu deren Befreiung man beigetragen. Beide hatten Rom verlassen.
Ein Klempner aber, dessen Laden an Matteis Haus stieß und welchem Mattei zweihundert Thaler geliehen, um ihn vom Bankerott zu retten, und ein Kräuterhändler, welchem Zaccalone seinen eigenen Arzt geschickt, um seine Frau von einem gefährlichen Fieber zu kurieren, erklärten, sie wüßten so ziemlich genau den Ort, wohin die beiden Schuldigen sich geflüchtet, und erboten sich, sie auszuliefern.
Dieses Anerbieten ward mit Enthusiasmus angenommen, und um den Weg nicht vergebens gemacht zu haben, begann der tolle Volkshaufen die Häuser der beiden Abwesenden zu plündern und die Möbel zu den Fenstern hinauszuwerfen.
Unter diesen Möbeln befand sich bei jedem eine prachtvolle Stutzuhr von vergoldeter Bronze. Die eine stellte das Opfer Abrahams, die andere Hagar und Ismael in der Wüste umherirrend vor, und jede trug die Unterschrift, welche bewies, daß beide aus ein und derselben Quelle herrührten:
»Den Consuln der römischen Republik die dankbaren Israeliten.«
Und in der That hatten die beiden Consuln ein Decret ausfertigen lassen, kraft dessen die Juden wieder Menschen wurden wie andere, und Antheil an den Rechten des Bürgers erhielten.
Dies erinnerte an die unglücklichen Juden, an welche man nicht dachte, und an die man wahrscheinlich auch nicht gedacht haben würde, wenn sie nicht das Unrecht begangen hätten, dankbar zu sein.
Der Ruf: »Nach dem Ghetto! nach dem Ghetto!« erscholl, und man stürzte nach dem Quartier der Juden.
Seit der Proclamation des Decrets, durch welches die römische Republik die unglücklichen Juden zum Range von Bürgern erhob, hatten sie sich beeilt, die Schranken, welche sie von der übrigen Gesellschaft trennten, zu beseitigen und sie hatten sich in der Stadt ausgebreitet, wo einige von ihnen Zimmer gemiethet und Kaufläden eröffnet hatten.
Gleich nach dem Abmarsche Championnet's aber hatten sie, weil sie sich nun wieder verlassen und schutzlos fühlten, abermals in ihre Quartiere geflüchtet und die Schranken und Thore derselben wieder aufgerichtet, nicht mehr um sich von der Welt zu trennen, sondern um ihren Feinden ein Hinderniß entgegenzustellen.
Es gab daher keinen freiwilligen Widerstand gegen die Menge, sondern blos ein materielles Hinderniß gegen ihr gewaltsames Eindringen.
Dieselbe Menge, welche stets am sinnreichen Auskunftsmitteln so erfinderisch ist, kam nun auf den Gedanken, die Thore und Schranken des Ghetto nicht einzuschlagen, sondern von dem nächsten Scheiterhaufen genommene Feuerbrände darüber hinwegzuschleudern.
Die Feuerbrände folgten rasch auf einander. Die Vervollkommner – es gibt deren überall – überzogen sie mit Pech und Terpentin. Es dauerte nicht lange, so bot der Ghetto den Anblick einer bombardierten Stadt dar und nach Verlauf einer halben Stunde hatten die Belagerer die Genugthuung, an mehreren Stellen Flammen zu sehen, welche fünf oder sechs Feuersbrünste verriethen.
Nach Verlauf einer einstündigen Belagerung stand der ganze Ghetto in Flammen.
Nun öffneten sich die Thore von selbst, und mit entsetzlichem Geschrei stürzte diese ganze unglückliche, aus dem Schlafe aufgeschreckte Bevölkerung, Männer, Frauen und Kinder, halbnackt durch das Thor, wie ein Strom, der die Dämme durchbricht, und verbreitete sich durch die Stadt oder versuchte dies vielmehr.
Dies war es eben, was der Pöbel erwartete. Jeder packte seinen Juden und machte sich ein grausames Vergnügen mit ihm. Das ganze Register der Martern ward an diesen Unglücklichen erschöpft. Die einen zwang man mit nackten Füßen auf glühenden Kohlen zu gehen und dabei ein Schwein in dem Arm zu halten. Andere wurden unter den Achselhöhlen zwischen zwei Hunden aufgehängt, welche man mit den Hinterpfoten nach oben befestigt und die toll vor Schmerz und Wuth ihre Nachbarn zerfleischten.
Ein Anderer endlich, den man bis auf den Gürtel entkleidet und dem man eine Katze auf den Rücken gebunden, ward durch die Stadt geführt und mit Ruthen gepeitscht, so daß das zugleich mit getroffene Thier den Unglücklichen mit Zähnen und Krallen zerriß. Andere, die glücklicher waren, wurden in die Tiber geworfen und einfach schlechtweg ersäuft.
Diese grausamen Belustigungen dauerten nicht blos die ganze Nacht hindurch, sondern auch während des nächstfolgenden und des dritten Tages und boten sich unter so vielen Gestalten dar, daß der König endlich fragte, wer die Menschen seien, die man auf diese Weise marterte.
Man antwortete ihm, es seien Juden, welche die Unklugheit gehabt hätten, sich, dem Dekrete der Republik gemäß, als gewöhnliche Menschen zu betrachten und die demzufolge Christen beherbergt, Eigenthum angekauft, den Ghetto verlassen, sich in die Stadt eingedrängt, Bücher verkauft, von katholischen Aerzten behandeln lassen und ihre Todten bei Fackelschein beerdigt hätten.
Der König Ferdinand konnte kaum glauben, daß alle diese Gräuel wirklich geschehen seien. Endlich aber hielt man ihm das Dekret der Republik, welches den Juden ihre Bürgerrechte zurückgab, vor die Augen und er mußte nun wohl glauben.
Er fragte, wer die von Gott verlassenen Menschen seien, die ein solches Dekret ausgefertigt, und man nannte ihm die Consuln Mattei und Zaccalone.
»Aber man sollte eher diese Menschen strafen, als die, welche von ihnen emanzipiert worden,« rief der König, der selbst in seinen Vorurtheilen noch einen gesunden Menschenverstand bewahrte.
Man antwortete ihm, man habe schon daran gedacht. Man suche auch bereits die Schuldigen und zwei Bürger hätten sich anheischig gemacht, sie auszuliefern.
»Gut,« sagte der König, »sie mögen es thun; es soll jeder von ihnen fünfhundert Ducaten bekommen und die beiden Consuln sollen gehängt werden.«
Die Kunde von der Freigebigkeit des Königs verbreitete sich und verdoppelte den Enthusiasmus. Das Volk fragte sich, was es einem so guten Könige, der seine Wünsche so trefflich unterstützte, darbringen könnte. Man berieth sich über diesen wichtigen Punkt, und da der König sich anheischig machte, die Consuln durch einen wirklichen Henker und an wirkliche Galgen hängen zu lassen, so beschloß man den letzten Freiheitsbaum, den man in dieser Absicht noch hatte stehen lassen, umzuhauen und Scheite daraus zu spalten, damit der König das Vergnügen hätte, sich mit revolutionärem Holze einheizen zu lassen.
Man brachte ihm demzufolge ein ganzes Fuder, welches er freigebigerweise mit tausend Ducaten bezahlte.
Der Gedanke schien ihm überhaupt ein so glücklicher zu sein, daß er die zwei größten Scheite bei Seite legte und mit folgendem Briefe der Königin übersendete:
»Meine theure Gattin!
»Sie haben bereits Kenntniß von meinem glücklichen Einzuge in Rom, ohne daß ich unterwegs auf das mindeste Hinderniß gestoßen wäre. Die Franzosen sind verschwunden wie ein Rauch. Es bleiben allerdings noch die fünfhundert Jakobiner der Engelsburg; dieselben verhalten sich aber so ruhig, daß ich glaube, sie wünschen nur Eins, nämlich vergessen zu werden.
»Mack rückt morgen mit fünfundzwanzigtausend Mann aus, um die Franzosen anzugreifen. Unterwegs wird er sich mit Micheroux Armeekorps vereinigen, so daß er dann achtunddreißig bis vierzigtausend Mann zur Verfügung hat und den Franzosen den Kampf nur mit der sicheren Aussicht, sie zu zermalmen, anbieten kann.
»Wir leben hier in fortwährenden Festlichkeiten. Werden Sie wohl glauben, daß diese elenden Jakobiner die Juden emanzipiert hatten?
»Seit drei Tagen macht das römische Volk in den Straßen von Rom Jagd auf sie, gerade so, wie ich in dem Wald von Persano Jagd auf meine Damhirsche und in den Forsten von Asproni Jagd auf meine Eber machte. Wie es heißt, ist man auch den beiden Consuln der sogenannten römischen Republik auf der Spur. Ich habe auf den Kopf eines jeden einen Preis von fünfhundert Ducaten gesetzt. Ich glaube, es wird ein gutes Beispiel geben, wenn sie gehängt werden, und wenn man sie hängt, so werde ich der Besatzung von der Engelsburg die Ueberraschung bereiten, dieser Hinrichtung beizuwohnen.
»Ich schicke Ihnen zum Kaminfeuer für den Weihnachtsabend zwei große Scheite von dem Freiheitsbaume der Rotunde. Wärmen Sie sich mit allen unsern Kindern gut daran, und denken Sie dabei an Ihren Gatten und Vater, der Sie liebt.
»Morgen erlasse ich ein Edict, um unter diesen Juden wieder ein wenig Ordnung zu machen, sie in ihren Ghetto zurückzuschicken und einer angemessenen Aufsicht zu unterstellen. Ich werde Ihnen von diesem Edict, sobald es erlassen ist, eine Abschrift zustellen.
»Verkünden Sie in Neapel die Gunst, womit die göttliche Güte mich überhäuft. Laffen Sie ein Tedeum von unserm Erzbischof Capece Zurlo singen, der, wie ich glaube, schon bedeutend vom Jakobinismus angesteckt ist. Es wird dies seine Strafe sein. Ordnen Sie öffentliche Festlichkeiten an und fordern Sie Vanni auf, die Angelegenheit jenes verwünschten Nicolino Caracciolo zu beschleunigen.
»Von den Erfolgen unseres berühmten General Mack werde ich Sie in demselben Maße unterrichtet halten, wie ich selbst davon in Kenntniß gesetzt werde.
»Bleiben Sie immer bei guter Gesundheit und glauben Sie an die aufrichtige und ewige Zuneigung Ihres Schülers und Gatten
»Ferdinand B.«
»Nachschrift. Meine besten Grüße an Mesdames. Wenn diese guten Prinzessinnen auch ein wenig lächerlich sind, so sind sie doch deswegen nicht weniger die erhabenen Töchter des Königs Ludwig des Fünfzehnten. Sie können auch Airola ermächtigen, den sieben Corsen, welche ihnen als Leibgarde gedient haben und durch den Grafen Narbonne empfohlen worden, welcher, glaube ich, einer der letzten Minister Ihrer lieben Schwester Maria Antoinette gewesen ist, eine kleine Zahlung zu machen. Dies würde ihnen Vergnügen machen, ohne uns zu etwas zu verpflichten.«
Am nächstfolgenden Tage erließ Ferdinand wirklich, wie er seiner Gemahlin geschrieben, jenes Dekret, welches weiter nichts war, als die Wiederinkraftsetzung des von der »sogenannten« römischen Republik abgeschafften Edicts.
Unser Gewissen als Historiker gestattet uns nicht, eine Sylbe an diesem Decrete zu ändern. Uebrigens ist es das auch heutzutage noch zu Rom in Kraft bestehende Gesetz.
»Artikel 1. Kein in Rom oder in den römischen Staaten wohnhafter Israelit darf Christen beherbergen, oder beköstigen, oder in seinen Dienst nehmen, wenn er nicht in die von den päpstlichen Decreten bestimmte Strafe verfallen will.
»Artikel 2.
Sämtliche Israeliten in Rom und den päpstlichen Staaten müssen ihre bewegliche und unbewegliche Habe innerhalb drei Monaten verkaufen, außerdem wird dieselbe versteigert.
»Artikel 3. Kein Israelit darf ohne Erlaubniß der Regierung in Rom oder in irgend einer andern Stadt des Kirchenstaates wohnen. Im Uebertretungsfalle werden die Schuldigen in ihre betreffenden Ghetti zurückgeführt werden.
»Artikel 4. Kein Israelit darf die Nacht außerhalb seines Ghetto zubringen.
»Artikel 5. Kein Israelit darf freundschaftliche Beziehungen zu einem Christen unterhalten.
»Artikel 6. Die Israeliten dürfen bei Vermeidung von hundert Thaler Gefängnißstrafe und sieben Jahre Gefängniß keinen Handel mit heiligen Zierathen oder mit Büchern irgend welcher Art treiben.
»Artikel 7. Jeder katholische Arzt, der zu einem Juden gerufen wird, muß ihn vor allen Dingen zu bekehren suchen. Wenn der Kranke sich weigert, so muß er ihn ohne Hilfe lassen. Der Arzt, welcher diesem Befehle entgegenhandelt, jetzt sich der ganzen Strenge des heiligen Officiums aus.
»Artikel 8. Die Israeliten dürfen bei Beerdigung ihrer Todten keine Ceremonien veranstalten, namentlich bei Strafe der Confiscation sich keiner Fackeln bedienen.
»Vorstehendes Decret wird den Ghetti mitgetheilt und in den Synagogen publiciert werden.«
Am Tage nach dem, wo dieses Decret erlassen und angeschlagen ward, nahm der General Mack Abschied vom König, indem er fünftausend Mann zur Bewachung Roms zurückließ, und zog durch das sogenannte Volksthor, um, wie Ferdinand seiner Gemahlin geschrieben, Championnet zu verfolgen und ihn überall, wo er mit ihm zusammentreffen würde, anzugreifen.
In demselben Augenblicke, wo seine Arrieregarde sich in Marsch setzte, kam auf dem entgegengesetzten Ende von Rom, das heißt durch das Thor San Giovanni, ein Zug herein, der sich sehr originell ausnahm.
Vier berittene neapolitanische Gendarmen, die an ihren Tschakos die rothweiße Kokarde trugen, ritten zwei Männern voran, die mit den Armen an einander gebunden waren. Diese beiden Männer trugen weißbaumwollene Mützen und weite Kittel von unbestimmter Farbe, wie die Kranken in Hospitälern zu tragen pflegen.
Sie saßen auf zwei ungesattelten Eseln und jedes dieser Thiere ward von einem Manne aus dem Volke geführt, welcher, mit einem dicken Knüppel bewaffnet, die Gefangenen bedrohte und insultirte.
Diese Gefangenen waren die beiden Consuln der römischen Republik, Mattei und Zaccalone, und die beiden Männer aus dem Volke, welche die Esel führten, waren der Klempner und der Kräuterhändler, welche versprochen hatten, sie auszuliefern.
Sie hatten Wort gehalten, wie man sieht.
Die beiden unglücklichen Flüchtlinge, die in einem Hospitale, welches Mattei in Valmontone, seiner Vaterstadt, gegründet, in Sicherheit zu sein glaubten, hatten sich dorthin geflüchtet und, um sich besser zu verbergen, das Kostüm der Kranken angelegt. Von einem Krankenwärter, welcher Mattei eine Anstellung verdankte, verrathen, waren sie hier ergriffen worden und man führte sie nun nach Rom, damit ihnen hier das Urtheit gesprochen würde.
Kaum hatten sie das Thor San Giovanni passiert, und waren erkannt, als das Volk mit jenem unheilvollen Instinkte, der es treibt, das, was es selbst erhoben und geehrt, wieder in den Staub zu treten und zu schänden, die Gefangenen zu insultiren begann, indem es sie mit Koth, dann mit Steinen warf, dann: »Nieder mit ihnen!« und: »Schlagt sie todt!« schrie und dann seine Drohungen in Ausführung zu bringen suchte.
Die vier neapolitanischen Gendarmen mußten dieser Menge auf das Bestimmteste versichern, daß man die Consuln nur in der Absicht nach Rom zurückbrächte, um sie zu hängen, und daß dies den nächstfolgenden Tag vor den Augen des Königs Ferdinand durch die Hand des Henkers auf dem Platze vor der Engelsburg, dem gewöhnlichen Orte der Hinrichtungen, und zwar zur größeren Schmach der französischen Besatzung geschehen würde.
Dieses Versprechen beschwichtigte die Menge, welche, da sie sich dem Könige Ferdinand nicht unangenehm machen wollte, sich dazu verstand, bis zu den nächstfolgenden Tag zu warten, sich aber für diese Verzögerung dadurch entschädigte, daß es die beiden Consuln immer noch mit Geheul und Hohngeschrei verfolgte, während es sie ununterbrochen mit Koth und Steinen warf.
Die Gefangenen warteten ergebungsvoll, stumm, traurig, aber ruhig und indem sie den Tod weder zu beschleunigen noch abzuwehren suchten. Sie sahen ein, daß für die Alles aus war und daß sie, wenn sie den Klauen des Volkslöwen entrannen, dann nur in die des königlichen Tigers fielen. Sie senkten daher das Haupt und warteten.
Ein Gelegenheitsdichter – dergleichen Dichten mangeln nie, weder bei Triumphen noch bei Niederlagen – hatte die folgenden vier Verse improvisiert und sofort unter das Volk ausgeheilt, welches dieselben nach einer ebenfalls improvisierten Melodie sang:
»Largo, o romano popolo! All' asinino ingresso
Qual fecero non Cesare, non Scipione istesso.
Di questo democratico ed augusto onore è degno
Chi rose un di da console d'impi tiranni il regno.«
In bescheidene Prosa übersetzt, bedeuten diese Verse Folgendes:
»Platz, o römisches Volk, bei dem Eseleinzuge.
wie er weder Cäsar noch Scipio beschieden war.
Dieser erhabenen und demokratischen Ehre war nur der würdig,
welcher einmal als Consul das Reich gottloser Tyrannen regierte.« [Der Verfasser hat in dem Augenblicke, wo er diese Zeilen schreibt, einen Kupferstich aus jener Zeit vor sich liegen, welcher den Einzug jener Unglücklichen darstellt. Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß wir uns in den vier oder fünf letzten Capiteln nicht einen einzigen Augenblick von der Geschichte entfernt haben.]
So mußten die Gefangenen drei Viertheile Roms durchziehen, und wurden dann nach dem sogenannten neuen Gefängnisse gebracht.
Eine unzählige Volksmenge sammelte sich an dem Thor des Gefängnisses und man mußte ihr, damit sie dieses nicht einschlüge, versprechen, daß den nächstfolgenden Tag Mittags die Hinrichtung auf dem Platze vor der Engelsburg stattfinden würde und daß man zum Beweise schon den nächstfolgenden Morgen bei Tagesanbruch den Henker und seine Gehilfen das Schaffot aufschlagen sehen könne.
Zwei Stunden später verkündeten an allen Straßenecken angeschlagene Bekanntmachungen die Hinrichtung für den folgenden Tag Mittag.
Dieses Versprechen bereitete den Römern eine angenehme Nacht. Schon um sieben Uhr Morgens ward in der That das Schaffot auf dem Platze der Engelsburg zwischen dem Triumphbogen Gratians und der Tiber aufgeschlagen.
Es war dies, wie wir gesagt haben, der gewöhnliche Hinrichtungsplatz, und um größerer Bequemlichkeit willen stand das Haus des Henkers nur wenige Schritte davon entfernt auf dem Quai, dem alten Gefängnisse Tordinone gegenüber.
Hier stand es noch im Jahre 1848, wo es, als Rom die Republik proclamierte, welche noch nicht einmal so lange dauern sollte, als die von 1798, demoliert ward.
Während die Zimmerleute des Todes das Schaffot bauten und Galgen aufschlugen – mitten unter den unfeinen Scherzen des Volkes, welches bei dergleichen Gelegenheiten allemal viel Witz entwickelt – schmückte man einen Balcon mit kostbaren Draperien, welche Arbeit sich mit der des Schaffots in die Aufmerksamkeit der Menge theilte. Dieser Balcon war nämlich die Loge, von wo aus der König dem Schauspiele beiwohnen wollte.
Eine ungeheure Volksmenge strömte von allen Richtungen her auf den Platz vor der Engelsburg, der bald so gedrängt voll war, daß man Wachen um das Schaffot herum aufstellen mußte, damit die Zimmerleute ihre Arbeit fortsetzen konnten.
Nur das rechte Tiberufer, auf welchem das Grabmal Hadrians steht, war leer. Die furchtbare Burg, welche in Rom das ist, was die Bastille in Paris war und was das Castell San Elmo in Neapel ist, flößte, obschon stumm und anscheinend unbewohnt, so große Furcht ein, daß Niemand sich auf die Brücke wagte, welche hinüberführt, und sich eben so wenig getraute, am Fuße einer Mauern vorüber zu gehen.
In der That schien die dreifarbige Fahne, die von der Spitze dieser Festung flatterte, diesem ganzen, von blutigen Orgien berauschten Volke zu sagen: »Bedenke wohl, was Du thust! Frankreich ist da!«
Da aber kein französischer Soldat sich auf den Wällen zeigte, da die Ausgänge der Festung sorgfältig geschlossen waren, so gewöhnte man sich allmälig an diese stumme Drohung, gerade so, wie Kinder sich an die Gegenwart eines schlafenden Löwen gewöhnen.
Um elf Uhr führte man die beiden Verurtheilten aus ihrem Gefängnisse heraus und ließ sie wieder ihre Esel besteigen. Man warf ihnen einen Strick um den Hals und die beiden Gehilfen des Henkers faßten jeder ein Ende des Strickes, während der Henker selbst voranschritt.
Begleitet waren sie von jener Brüderschaft von Büßern, welche die Delinquenten auf das Schaffot zu geleiten pflegten, während eine ungeheure Volksmasse hintendrein folgte.
So wurden sie immer noch in ihrer Hospitaltracht nach der Kirche San Giovanni geführt, vor deren Façade man sie von ihren Eseln herabsteigen ließ und auf deren Stufen sie barfuß und knieend Abbitte leisteten.
Der König passierte, indem er sich von dem Palaste Farnese nach dem Hinrichtungsplatze begab, die Via Julia in dem Augenblicke, wo die Gehilfen des Henkers die beiden Verurtheilten, indem sie dieselben an den Stricken zerrten, zum Niederknien zwangen. Früher war unter solchen Umständen die königliche Gegenwart die Rettung des Verurtheilten. Jetzt aber war Alles anders und die königliche Gegenwart machte im Gegentheile die Hinrichtung nur um so sicherer.
Die Menge öffnete sich, um den König passieren zu lassen. Er warf einen unruhigen Seitenblick nach der Engelsburg, machte beim Anblicke der dreifarbigen Fahne eine ungeduldige Geberde, stieg unter dem Beifallsrufe des Volkes aus dem Wagen, erschien auf dem Balcone und begrüßte die Menge.
Einen Augenblick später verkündete lautes Geschrei die Annäherung der Gefangenen.
Voran und hinterher kam ein Detachement neapolitanicher Gendarmen zu Pferde, welche, indem sie sich denen, welche schon auf dem Platze warteten, anschlossen, das Volk zurückdrängten und einen freien Raum machten, auf welchem der Henker und seine Gehilfen ruhig arbeiten konnten.
Die Stille und Einsamkeit der Engelsburg hatte alle Welt beruhigt, so daß man gar nicht mehr an sie dachte.
Einige Römer, die muthiger waren als die andern, wagten sich bis auf die verlassene Brücke und insultierten sogar die Festung auf dieselbe Weise, wie die Neapolitaner den Vesuv insultiren. König Ferdinand lachte nicht wenig darüber, denn es erinnerte ihn an seine guten Lazzaroni vom Molo und bewies ihm, daß die Römer beinahe eben so viel Witz besaßen.
Fünf Minuten vor zwölf Uhr Mittag langte der unheimliche Zug auf dem kleinen Platze an. Die Verurtheilten schienen von Anstrengung und Qualen gänzlich erschöpft, dabei aber ruhig und ergeben zu sein.
Am Fuße des Schaffots ließ man sie von ihren Eseln steigen. Dann löste man ihnen den Strick vom Halse und befestigte ihn am Galgen. Die Büßenden drängten sich näher an die beiden Verurtheilten, ermahnten sie zum Tode und ließen sie das Crucifix küssen.
Mattei sagte, indem er dies that:
»O Christus, Du weißt, daß ich unschuldig und wie Du für das Wohl und die Freiheit der Menschen sterbe.«
Zaccalone sagte:
»O Christus, Du bist mein Zeuge, daß ich diesem Volke verzeihe, wie Du deinen Henkern verziehst!«
Die den Verurtheilten am nächsten befindlichen Zuschauer hörten diese Worte und beantworteten dieselben mit Hohngeschrei.
Dann ließ eine starke Stimme sich vernehmen, welche sagte:
»Betet für die Seelen der Sterbenden!«
Es war die Stimme des Anführers der Büßenden.
Alle knieten nieder, um ein Ave Maria zu beten, selbst der König auf seinem Balcon, selbst der Henker und seine Knechte auf dem Schaffot.
Einen Augenblick lang herrschte feierliches, tiefes Schweigen.
Plötzlich krachte ein Kanonenschuß. Das zerschmetterte Schaffot brach unter dem Henker und seinen Knechten zusammen. Das Thor der Engelsburg öffnete sich und hundert Grenadiere rückten unter Trommelschlag im Sturmschritte über die Brücke und bemächtigten sich, mitten unter dem Schreckensruf der Menge, der wilden Flucht der Gendarmen, des Erstaunens und Entsetzens Aller, der beiden Verurheilten, welche sie in die Engelsburg hineinschleppten, deren Thor sich hinter ihnen schloß, ehe noch Volk, Henker, Büßer, Gendarmen und König sich von ihrer Bestürzung erholt hatten.
Die Engelsburg hatte nur ein Wort gesprochen. Aber, wie man sieht, sie hatte es gut gesprochen und es hatte seine Wirkung geäußert.
Die Römer sahen sich gezwungen, diesen Tag auf das Hängen zu verzichten und sich wieder auf die Juden zu werfen.
König Ferdinand kehrte sehr schlecht gelaunt in den Palast Farnese zurück. Es war die erste Täuschung, die er seit Beginn des Feldzuges erfuhr, und unglücklicherweise für ihn sollte es nicht die letzte sein.
Drittes Capitel.
Nanno tritt wieder auf
Der von dem König Ferdinand an die Königin Caroline gerichtete Brief hatte die Wirkung geäußert, die er davon erwartet. Die Nachricht von dem Triumphe der königlichen Waffen hatte sich mit der Schnelligkeit des Blitzes von Margelina an bis zur Magdalenenbrücke und von der Karthause St. Martin bis nach dem Molo verbreitet, dann war sie von Neapel auf den schnellsten Wegen in das ganze übrige Königreich entsendet worden. Couriere waren nach Calabrien und leichte Fahrzeuge nach den liparischen Inseln abgegangen.
Während so die Boten und Scorridori ihrer Bestimmung entgegeneilten, waren die Wünsche des Siegers befolgt worden.
Die Glocken der dreihundert Kirchen von Neapel verkündeten mit lautem Schalle das Tedeum, und die von allen Castellen krachenden Geschützsalven priesen mit ihrer ehernen Stimme den Herrn der Heerschaaren.
Der Klang der Glocken und der Donner der Kanonen dröhnte daher in alle Häuser von Neapel hinein und erweckte darin je nach den Meinungen derer, die sie bewohnten, Freude oder Verdruß.
Alle, welche zur liberalen Partei gehörten, sahen mit Schmerz den Sieg Ferdinands über die Franzosen, denn es war dies nicht der Triumph eines Volkes über ein anderes Volk, sondern der eines Princips über ein anderes Princip.
Nun aber repräsentierte die französische Idee in den Augen der Liberalen von Neapel die Humanität, die Liebe für das allgemeine Beste, Fortschritt, Aufklärung und Freiheit, während die neapolitanische Idee in den Augen derselben Liberalen nur Barbarei, Egoismus, Stillstand, Verfinsterungssucht und Tyrannei repräsentierte.
Die Liberalen, welche sich moralisch besiegt fühlten, hielten sich daher in ihre Häuser eingeschlossen. Sie sahen ein, daß es für sie nicht gerathen sei, sich öffentlich zu zeigen. Sie dachten an den furchtbaren Tod des Herzogs della Torre und seines Bruders, und beklagten nicht blos für Rom, wo die päpstliche Gewalt wieder hergestellt werden sollte, sondern auch für Neapel, wo nun der Despotismus neuen Boden gewann, den Triumph des Königs Ferdinand, das heißt den Sieg der reactionären Ideen über die revolutionären.
Was die Absolutisten betraf – und die Zahl derselben war groß in Neapel, denn sie bestand aus Allem, was zum Hofe gehörte, oder was von demselben lebte oder abhing und aus dem ganzen Volke. Fischer, Lastträger, Lazzaroni, alle waren jetzt voll Freude und Jubel. Sie rannten in den Straßen umher und schrien: »Es lebe Ferdinand der Vierte! Es lebe Pius der Sechste! Tod den Franzosen! Tod den Jakobinern!«
Und mitten unter ihnen und stärker schreiend als alle Andern sah man Fra Pacifico, der seinen Esel Giacobino nach dem Kloster zurücktrieb.
Das arme Thier war nahe daran, der Last seiner mit Lebensmitteln aller Art angefüllten Körbe zu erliegen und blöckte aus Leibeskräften nach dem Beispiele seines Herrn, welcher behauptete, der Esel beklage die Niederlage seiner Brüder, der Jakobiner.
Dieser Witz fand bei den Lazzaroni, die in der Wahl ihrer Sarcasmen nicht sehr schwierig sind, großen Beifall.
So entlegen von dem Mittelpunkte der Stadt das Haus mit dem Palmbaume oder vielmehr das der Herzogin Fusco, welches an ersteres stieß, auch war, so war das Läuten der Glocken und der Donner des Geschützes doch bis zu Salvato gedrungen, welcher stutzte und horchte wie ein Schlachtroß beim Schmettern der Trompete.
Wie General Championnet durch das letzte anonyme Billet, welches er empfangen und welches, wie man schon errathen, von dem würdigen Doctor Cirillo herrührte, erfahren, ging es mit dem Verwundeten, obschon er noch nicht vollständig wieder hergestellt war, weit besser.
Nachdem er mit Erlaubniß des Arztes von Luisa und deren Zofe unterstützt das Bett verlassen, um sich in einen Sessel zu strecken, hatte er später diesen Sessel verlassen, und von Luisa geführt, einige Male die Runde durch das Zimmer gemacht.
Eines Tages endlich, als Giovannina in Abwesenheit ihrer Herrin sich erboten, ihn eine dieser Promenaden machen zu helfen, hatte er ihr Anerbieten dankend abgelehnt, aber dann ganz allein den beschränkten Spaziergang wiederholt, welchen er seither nur an Luisa's Arm gemacht.
Giovannina hatte sich hierauf, ohne etwas zu sagen, in ihr Zimmer zurückgezogen und lange geweint. Es war klar, daß es Salvato widerstrebte, von der Dienerin die Hilfe zu empfangen, welche ihn, wenn sie von der Herrin kam, so glücklich machte, und obschon sie sehr wohl begriff daß zwischen ihrer Herrin und ihr für einen Mann von Distinction kein Zögern möglich war, so empfand sie nichtsdestoweniger jenen tiefen Schmerz, über welchen die Ueberlegung nichts vermag oder den vielmehr die Ueberlegung nur noch bitterer macht.
Wenn sie durch die Glasthür hindurch ihre Herrin nach dem Weggange des Chevaliers leicht wie ein Vogel nach dem Zimmer des Kranken eilen sah, knirschte sie mit den Zähnen, stieß einen Seufzer aus, welcher einer Drohung glich, und eben so wie sie mit jenem sinnlichen Hange der Frauen des Südens den schönen jungen Mann liebte, ohne es zu wollen, eben so haßte sie ihre Gebieterin unwillkürlich und gewissermaßen ebenfalls ohne es zu wollen.
»O,« murmelte sie, es wird nicht allzu lange dauern, so ist er vollständig wieder genesen. Dann wird er das Haus verlassen und sie wird dann ihrerseits Schmerz empfinden.«
Bei diesen schlimmen Gedanken kehrte das Lächeln wieder auf ihre Lippen zurück und die Thränen trockneten in ihren Augen.
Jedesmal, wo der Doctor Cirillo kam – und seine Besuche wurden immer seltener – beobachtete Giovannina auf seinem Gesicht den Ausdruck von Freude über den Fortschritt, welchen der sich immer mehr bessernde Zustand des Verwundeten machte, und bei jedem Besuche wünschte und fürchtete sie gleichzeitig, daß der Arzt den Kranken für vollständig genesen erkläre.
Am Vorabende des Tages, wo gleichzeitig das Geläute der Glocken und der Donner der Kanonen sich vernehmen ließ, fand Doctor Cirillo sich abermals ein, und sprach mit strahlendem Lächeln, nachdem er Salvato's Athemzug untersucht, ihm mehrmals auf die Brust gepocht und erkannt, daß der Schall immer mehr von seiner Mattigkeit verlor, die Worte, welche gleichzeitig in zwei Herzen, ja sogar in dreien widerhallten:
»Na, in zehn bis zwölf Tagen kann unser Patient zu Pferde steigen und dem General Championnet selbst Kunde von seinem Befinden bringen.«
Giovannina hatte bemerkt, daß bei diesen Worten zwei große Thränen in Luisas Augen traten, daß sie dieselben nur mit Mühe zurückzuhalten vermochte und daß der junge Mann sehr bleich ward.
Was sie selbst betraf, so fühlte sie lebhafter als jemals jene doppelte Empfindung von Freude und Schmerz, welche sie schon mehr als einmal in sich wahrgenommen.
Unter dem Vorwande, Cirillo das Geleite zu geben, war Luisa diesem, als er sich wieder entfernte, gefolgt. Giovannina ihrerseits hatte den Beiden nachgeschaut, bis sie verschwunden waren. Dann war sie an das Fenster, ihr gewöhnliches Observatorium, getreten.
Fünf Minuten später sah sie den Doctor den Garten verlassen, und da ihre Herrin nicht unmittelbar wieder in das Zimmer des Verwundeten trat, so sagte sie:
»Ha, sie weint, sie weint!«
Nach Verlauf von zehn Minuten trat Luisa wieder ein.
Giovannina bemerkte, daß ihre Augen, trotzdem, daß sie dieselben mit frischem Wasser benetzte, noch roth waren, und murmelte wieder:
»Sie hat geweint.«
Salvato seinerseits hatte nicht geweint. – Thränen schienen diesem ehernen Antlitze etwas Unbekanntes zu sein.
Als Luisa das Zimmer verlassen hatte, war ein Kopf blos auf die Hand gesunken und er schien gegen Alles, was ihn umgab, so gleichgültig zu werden, als ob er in eine Bildsäule verwandelt worden wäre. Es war dies überhaupt sein gewohnter Zustand, wenn Luisa nicht in seiner Nähe war.
Bei ihrem Wiedereintritte, ja noch ehe sie wieder eintrat, das heißt beim Geräusch ihrer Tritte, richtete er den Kopf empor und lächelte, so daß diesmal, wie immer, das Erste, was sie beim Wiedereintritte in das Zimmer sah, das Lächeln des Mannes war, den sie liebte.
Das Lächeln ist die Sonne der Seele und ihr geringster Strahl genügt, um jenen Thau des Herzens zu trocknen, welchen man die Thränen nennt.
Luisa ging gerade auf den jungen Mann zu, bot ihm beide Hände und lächelte ebenfalls.
»O, wie glücklich bin ich, daß Sie nun ganz außer aller Gefahr sind!«
Am nächsten Tage war Luisa bei Salvato, als gegen ein Uhr Mittags das Geläute der Glocken und die Geschützsalven begannen. Die Königin hatte die Depesche ihres erhabenen Gemahls erst um elf Uhr Morgens erhalten, und es hatte zweier Stunden bedurft, um die zu dieser freudigen Kundgebung erforderlichen Befehle zu ertheilen.
Salvato zuckte, wie wir gesagt haben, bei diesem doppelten Getöse auf einem Sessel zusammen. Er richtete sich auf seine Füße empor. Seine Stirn runzelte sich, und seine Nüstern erweiterten sich, als ob er schon den Pulverdampf, nicht der öffentlichen Freudenfeste, sondern des Schlachtfeldes witterte, und er fragte, indem er bald Luisa, bald die Zofe ansah:
»Was ist das?«
Die beiden Frauen machten gleichzeitig eine ähnliche Geberde, welche bedeutete, daß sie Salvato's Frage nicht beantworten konnten.
»Geh, und erkundige Dich, Giovannina,« sagte Luisa. »Wahrscheinlich ist heute ein Fest, welches wir vergessen haben.«
Giovannina verließ das Zimmer.
»Was für ein Fest?« fragte Salvato, indem er Luisa ansah.
»Welchen Monatstag haben wir heute?« fragte diese.
»O,« sagte Salvato, »es ist schon lange her, daß ich die Tage nicht mehr zähle.«
Und mit einem Seufzer setzte er hinzu:
»Heute will ich aber wieder anfangen.«
Luisa streckte die Hände nach einem Kalender aus.
»In der That,« sagte sie ganz freudig, »wir haben heute den ersten Adventsonntag.«
»Ist es denn,« fragte Salvato fort, »in Neapel gebräuchlich, die Ankunft unsers Herrn und Heilandes durch Kanonensalven zu feiern? Wenn es das Weihnachtsfest selbst wäre, dann könnte ich es mir allenfalls denken.«
Giovannina trat wieder ein.
»Nun?«, fragte Luisa.
»Signora,« antwortete Giovannina, »Michele ist da.«
»Was sagt er denn?«
»O, ganz merkwürdige Dinge. Er sagt – doch, fuhr sie fort, »es wird am besten sein, wenn er Ihnen dies selbst erzählt, Signora. Sie werden dann selbst urtheilen.«
»Ich komme wieder, mein Freund,« sagte Luisa zu Salvato, »ich will selbst hören, was unser Narr sagt.«
Salvato antwortete durch eine Kopfbewegung und ein Lächeln.
Luisa verließ das Zimmer.
Giovannina machte sich nun darauf gefaßt, von Salvato ausgefragt zu werden.
Sobald aber Luisa hinaus war, schloß er die Augen und versank wieder in eine gewöhnliche Unbeweglichkeit und Schweigsamkeit. Da sie nicht gefragt ward, so wagte sie nicht zu sprechen, wie große Lust sie auch dazu hatte.
Luisa fand ihren Milchbruder im Speisezimmer.
Sein Gesicht strahlte. Er hatte seine Festtagskleider angelegt und von seinem Hute flatterte eine Flut von Bändern.
»Victoria!« rief er, als er Luisa erblickte. »Victoria, Schwesterchen! Unser großer König Ferdinand ist in Rom eingezogen; der General Mack ist auf allen Punkten siegreich, die Franzosen sind ausgerottet, die Juden werden verbrannt und die Jakobiner gehängt! Evviva la Madonna! – Nun, was ist Dir?«
Diese Frage hatte ihren Grund darin, daß Luisa plötzlich blaß ward. Ihre Kräfte wurden ihr, als sie diese Nachricht vernahm, untreu, und sie sank auf einen Stuhl nieder.
Sie begriff in der That nur Eins, und dieses war, daß, wenn die Franzosen siegten, Salvato bei ihr bleiben und dieselben sogar in Neapel erwarten konnte.
Wurden dagegen die Franzosen besiegt, so mußte Salvato Alles, selbst sie, verlassen, um das Unglück seiner Waffenbrüder zu theilen.
»Aber ich frage Dich, was Dir ist?«, sagte Michele.
»Nichts, mein Freund; diese Nachricht ist aber so erstaunlich und unerwartet. – Bist Du derselben auch gewiß, Michele?«
»Nun, hörst Du nicht die Glocken? Hörst Du nicht die Kanonen?«
»Allerdings höre ich sie.«
Und mit halber Stimme murmelte sie:
»Unglücklicherweise wird auch er es hören.«
»Wenn Du noch zweifelst,« sagte Michele, »so kommt hier der Chevalier San Felice, welcher Dir bestätigen wird, was ich gesagt habe. Er ist bei Hofe gewesen; er muß wissen, was dort für Nachrichten eingegangen sind.«
»Mein Gemahl!« rief Luisa; »das ist ja gar nicht seine Stunde!«
Und sie wendete den Kopf rasch nach der Seite des Gartens herum.
In der That war es der Chevalier, der eine Stunde eher als gewöhnlich nach Hause kam. Es war klar, daß er zu dieser Abweichung von der Regel nur durch ein großes Ereigniß bewogen worden sein konnte.
»Rasch, rasch, Michele!« rief Luisa, »geh in das Zimmer des Verwundeten, erwähne aber kein Wort von dem, was Du mir soeben gesagt hat, und sieh zu, daß auch Giovannina schweige. Verstehst Du mich?«
»Ja, ich verstehe, daß ihn dies sehr betrüben würde, den armen jungen Mann. Wenn er mich nun aber wegen des Glockengeläutes und der Kanonensalven fragt?«
»Dann sage, es geschähe wegen des Adventfestes. Geh!«
Michele verschwand in dem Corridor, dessen Thür Luisa wieder hinter ihm verschloß.
Es war die höchste Zeit, denn der Kopf des Chevaliers kam in demselben Augenblick über dem Perron zum Vorschein.
Luisa eilte ihm mit lächelndem Munde, aber unruhig pochendem Herzen entgegen.
»Meiner Treu!« sagte er eintretend, »das ist eine Nachricht, die ich nicht erwartet hätte! König Ferdinand, ein Held! Nun urtheile Einer noch nach dem Scheine. Die Franzosen sind auf dem Rückzuge! Rom ist von dem General Championnet aufgegeben! Und unglücklicherweise finden schon Mordthaten und Hinrichtungen statt, als ob der Sieg durchaus nicht rein bleiben könnte. So verstanden ihn die Griechen nicht. Bei ihnen hieß die Siegesgöttin die Nike; sie machten sie zur Tochter der Kraft und der Tapferkeit und reihten sie mit Themis dem Gefolge Jupiters an. Allerdings, die Römer gaben ihrer Victoria keine Wage als Attribut, ausgenommen, um vielleicht das Gold der Besiegten zu wägen. Vae victis! jagten sie und ich, ich sage: Vae victoribus! so oft die Sieger ihren Trophäen noch Schaffote und Galgen hinzufügen. Ich wäre ein armseliger Eroberer gewesen, Luisa, und will lieber in mein Haus, welches mich anlächelt, einziehen, als in eine Stadt, welche weint.«
»Dann ist es also wahr, was man erzählt, mein Freund?« fragte Luisa, die immer noch zögerte, zu glauben.
»Ja, die Sache ist officiel, meine theure Luisa. Ich habe die Nachricht aus dem Munde Sr. Hoheit des Herzogs von Calabrien selbst und er hat mich eben schnell nach Hause geschickt, damit ich mich umkleide, weil er bei dieser Gelegenheit ein Diner gibt.«
»Zu welchem Du gehen wirst?« rief Luisa hastiger, als sie eigentlich gewollt.
»Mein Gott, ich muß,« antwortete der Chevalier. »Es ist ein Diner von Gelehrten. Es gilt, lateinische Inschriften zu fertigen und Allegorien zu erfinden, wie man deren für die Wiederankunft des Königs bedarf. Man will ihm prachtvolle Feste bereiten, mein Kind, von welchen es – beiläufig gesagt – sehr schwer sein wird, Dich zu dispensieren. Du begreift dies selbst. Als der Prinz in die Bibliothek kam, um mir diese Neuigkeit mitzutheilen, war ich so weit entfernt, darauf gefaßt zu sein, daß ich beinahe von der Leiter heruntergefallen wäre. Dies wäre aber durchaus nicht höflich gewesen, denn ich hätte dadurch bewiesen, daß ich an dem militärischen Genie des Königs große Zweifel gehegt. Nun bin ich da, mein armes Kind, und zwar in so großer Aufregung, daß ich nicht einmal weiß, ob ich die Gartenthür hinter mir verschlossen habe. Du wirst mir beim Ankleiden behilflich sein, nicht wahr? Gib mir Alles, was ich bedarf, um kleine Hoftoilette zu machen. Ein akademisches Diner! Wie werde ich mich in Gesellschaft dieser Pedanten langweilen. Sobald es mir möglich ist, komme ich wieder, vor zehn bis elf Uhr Abends aber wird es kaum geschehen können. Komm' denn also, meine kleine Luisa, komm'! Es ist jetzt zwei Uhr und um drei soll das Diner beginnen. Aber was siehst Du denn?«
Und der Chevalier machte eine Bewegung, um zu sehen, was die Blicke einer Gattin nach der Richtung des Gartens hinzog.
»Nichts, mein Freund, nichts, sagte Luisa, indem sie ihren Gatten bewog, seinen Schritt nach seinem Schlafzimmer zu lenken. »Du hast Recht; Du mußt Dich beeilen, sonst wirst Du nicht fertig.«
Das, was Luisas Blicke anzog und was sie ihren Gatten nicht sehen lassen wollte, war der Umstand, daß er wirklich vergessen hatte, die Gartenthür zu schließen, die sich eben langsam öffnete und die Wahrsagerin Nanno einließ, welche Niemand wieder gesehen, seit sie das Haus verlassen, nachdem sie dem Verwundeten die erste Hilfe angedeihen lassen und die Nacht bei ihm zugebracht hatte.
Sie näherte sich mit ihrem sibyllinischen Schritt. Sie ging die Stufen des Perron hinauf, erschien an der Thür des Speisezimmers, trat, als ob sie gewußt, daß sie hier nur Luisa finden würde, ohne Zögern ein, durchschritt das Zimmer langsam und ohne daß man das Geräusch ihrer Tritte hörte.
Dann, und ohne stehen zu bleiben, um mit Luisa zu sprechen, welche bleich und zitternd ihr zusah, als ob sie ein Gespenst erblickte, verschwand sie, zum Zeichen des Schweigens den Finger auf den Mund legend, in den Corridor, welcher zu Salvato führte.
Luisa trocknete sich mit ihrem Tuche den Schweiß, welcher ihr auf der Stirn perlte, und eilte, um dieser Erscheinung, welche sie als eine wirklich übernatürliche betrachtete, desto sicherer zu entrinnen, in das Zimmer ihres Gatten, worauf sie die Thür hinter sich zuzog.
Viertes Capitel.
Achilles bei Deidamea
Es war für Michele nicht schwer gewesen, dem Instructionen zu folgen, welche Luisa ihm ertheilt, denn mit Ausnahme eines freundschaftlichen Winkes, welchen ihm der junge Officier gegeben, hatte derselbe kein Wort an ihn gerichtet.
Michele und Giovannina hatten sich hierauf in die Brüstung eines Fensters zurückgezogen und hier eine lebhafte, aber in leisem Tone geführte Unterredung begonnen.
Der Lazzarone klärte Giovannina vollends über die Ereignisse auf, über welche er kaum Zeit gehabt, ihr einige Worte zu sagen und welche, wie sie instinktartig fühlte, auf Salvatos und Luisas Geschicke und folglich auch auf das ihrige bedeutenden Einfluß äußern mußten.
Was Salvato betraf, so ahnte er, obschon er diese Ereignisse nicht in ihren Einzelheiten kennen konnte, nach den Kundgebungen von Freude, welchen Neapel sich überließ, recht wohl, daß für die Neapolitaner etwas Glückliches und für die Franzosen etwas Unglückliches geschehen sein mußte.
Dennoch aber glaubte er, es sei, wenn Luisa ihm dieses Ereigniß verschweigen wolle, von seiner Seite ein Verstoß gegen das Zartgefühl, wenn er fremde und ganz besonders dienende, untergeordnete Personen deswegen befragen wollte.
Waltete hier ein Geheimniß ob, so wollte er sich lieber bemühen, es aus dem Munde der Person zu erfahren, die er liebte.
Mitten unter dem Gespräche Ninas mit Michele, mitten in der Träumerei des jungen Officiers knarrte die Thür.
Da Salvato aber nicht sogleich Luisas Tritt erkannte, so schlug er nicht einmal die Augen auf.
Der Lazzarone und die Zofe, welche nicht denselben Grund hatten, wie Salvato, sich in ihre eigenen Gedanken zu versenken, wendeten ihre Augen nach der Thür und stießen einen Ruf des Erstaunens aus.
Es war Nanno, welche die Schwelle überschritt.
Bei dem von Nina und Michele ausgestoßenen Rufe drehte Salvato sich ebenfalls herum, und obschon er die Wahrsagerin früher nur durch die Wolken einer halben Ohnmacht gesehen, so erkannte er sie doch sofort wieder und reichte ihr die Hand.
»Guten Tag, Mutter!« sagte er zu ihr, »ich danke Dir, daß Du deinen Kranken besuchst. Ich fürchtete schon Neapel verlassen zu müssen, ohne Dir danken zu können.«
Nanno schüttelte den Kopf.
»Mein Kranker ist es nicht, den ich zu besuchen komme,« sagte sie, »denn mein Kranker bedarf meiner Hilfe nicht mehr. Auch ist es nicht Dank, was ich hier suche, denn da ich weiter nichts gethan habe, als die Pflicht einer Frau des Gebirges, welche die Heilkräfte der Pflanzen kennt, so habe ich keinen Dank zu beanspruchen. Nein, ich komme, um dem Verwundeten, dessen Narbe sich geschlossen, zu sagen: Höre eine Erzählung aus unseren vergangenen Tagen, welche seit dreitausend Jahren die Mütter ihren Söhnen wieder erzählen, wenn sie fürchten, die in dem Augenblicke, wo das Vaterland in Gefahr ist, in feiger Ruhe einschlafen zu sehen.«
Das Auge des jungen Mannes funkelte, denn eine innere Stimme sagte ihm, daß diese Frau eine geheimen Gedanken kenne.
Die Wahrsagerin stützte ihre linke Hand auf die Lehne von Salvatos Sessel, bedeckte mit der rechten die Hälfte ihrer Stirn und ihrer Augen und schien einen Augenblick lang in der Tiefe ihrer Erinnerung eine seit langer Zeit vergessene Legende zu suchen.
Michele und Giovannina, welche nicht wußten, was sie zu hören bekommen würden, betrachteten Nanno mit Erstaunen, beinahe mit Schrecken.
Salvato verwendete kein Auge von ihr, denn – wir haben es bereits gesagt – er errieth, daß das Wort, welches ihrem Munde entfiele, wie ein Blitz das Dunkel erleuchten würde, das noch in den Ahnungen herrschte, welche die ersten Töne der Glocken und die ersten Salven der Geschütze in ihm erweckt.
Nanno schlug die Kapuze, welche ihren Kopf bedeckte, auf die Schultern herab und begann in langsam, schleppender Weise, welche weder gesprochen noch gesungen war, die folgende Legende:
»Dies ist es, was die Adler der Trojade den Geiern Albaniens erzählt haben.
»Zu der Zeit, wo das Leben der Götter sich mit dem der Menschen mischte, fand eine Vermählung zwischen einer Göttin des Meeres Namens Thetis und einem König von Thessalien Namens Peleus statt.
»Neptun und Jupiter hatten sich auch mit ihr vermählen wollen, als sie aber erfuhren, daß sie einen Sohn gebären würde, der größer werden würde, als sein Vater, verzichteten sie auf sie.
»Thetis hatte von ihrem Gatten mehrere Kinder, die sie eins nach dem andern ins Feuer warf, um zu erproben, ob sie sterblich wären. Alle kamen eins nach dem andern um.
»Endlich gebar sie einen Sohn, welchen man Achilles nannte. Seine Mutter wollte ihn eben so ins Feuer werfen wie die andern, aber Peleus entriß ihn ihren Händen und bewog sie, ihn, anstatt ihn umzubringen, in den Styx zu tauchen, wodurch er allerdings nicht unsterblich, wohl aber unverwundbar gemacht ward.
»Thetis erhielt von Pluto die Erlaubniß, einmal, aber nur ein einziges Mal, in die Unterwelt hinabzusteigen, um ihren Sohn in den Styx zu tauchen. Sie kniete am Rande des Flusses nieder, faßte den Knaben bei der Ferse und tauchte ihn wirklich ein.
»Auf diese Weise ward der Knabe an allen Theilen seines Körpers unverwundbar, ausgenommen an der Ferse, an welcher seine Mutter ihm festgehalten. Sie befragte deshalb das Orakel.
»Das Orakel antwortete ihr, ihr Sohn würde bei der Belagerung einer großen Sadt unsterblichen Ruhm erwerben, imitten seines Triumphes aber den Tod finden.
»Nun brachte seine Mutter ihn unter dem Namen Pyrrha an den Hof des Königs von Skyros und mischte ihn, als Mädchen gekleidet, unter die Töchter des Königs. So erreichte der Knabe das Alter von fünfzehn Jahren, ohne zu wissen, daß er ein Mann war.«
Als die Albaneserin in ihrer Erzählung so weit gekommen war, unterbrach sie der junge Officier, indem er sagte:
»Ich kenne deine Geschichte, Nanno. Du erzeigt mir die Ehre, mich mit Achill zu vergleichen und Du vergleicht Luisa mit Deidamea. Sei aber unbesorgt, Du wirst nicht nöthig haben, mir wie Ulysses ein Schwert zu zeigen, um mich zu erinnern, daß ich ein Mann bin. Man schlägt sich, nicht wahr?« fuhr Salvato mit funkelndem Blicke fort, »und jener Kanonendonner verkündet einen Sieg der Neapolitaner über die Franzosen? Wo schlägt man sich?«
»Dieses Glockengeläute und diese Kanonenschüsse, antwortete Nanno, »verkünden, daß der König Ferdinand in Rom eingezogen ist, und daß die Metzeleien begonnen haben.«
»Ich danke Dir,« sagte Salvato, indem er die Hand der Wahrsagerin ergriff. »Aber welches Interesse hast Du daran, mir diese Nachricht zu bringen, da Du doch Calabreserin und folglich Unterthanin des Königs Ferdinand bist?«
Nanno richtete sich zu ihrer ganzen Höhe empor.
»Ich bin keine Calabreserin,« sagte sie. »Ich bin eine Tochter Albaniens und die Albanesen sind aus ihrem Vaterlande entflohen, um Niemandes Unterthanen zu sein. Sie gehorchen nur den Nachkommen des großen Skanderbeg und werden niemals einem Andern gehorchen. Jedes Volk, welches sich im Namen der Freiheit erhebt, ist sein Bruder, und Nanno betet für die Franzosen, welche im Namen der Freiheit kommen.«
»Es ist gut,« sagte Salvato, dessen Entschluß gefaßt war.
Dann wendete er sich zu Michele und Nina, welche schweigend diesem Auftritt zusahen.
»Kannte Luisa diese Neuigkeit schon, als ich sie fragte, was das Getöse, welches wir hörten, zu bedeuten habe?« fragte er.
»Nein,« antwortete Giovannina.
»Ich habe es ihr erst mitgetheilt,« setzte Michele hinzu.
»Und was macht sie?« fragte der junge Mann, »warum ist sie nicht hier?«
»Der Chevalier ist in Folge aller dieser Ereignisse früher als gewöhnlich nach Hause gekommen,« sagte Michele, »und meine Schwester kann ohne Zweifel jetzt nicht von ihm fort.«
»Um so besser,« sagte Salvato. »Dann haben wir Zeit, um alle Vorbereitungen zu treffen.«
»Mein Gott, Signor Salvato, rief Giovannina, »Sie wollen uns doch nicht verlassen?«
»Allerdings. Heute Abend reise ich ab, Nina.«
»Und Ihre Wunde?«
»Hat Nanno Dir nicht gesagt, daß dieselbe geheilt ist?«
»Der Arzt sagte aber, daß noch zehn Tage dazu nöthig wären.«
»Dies sagte der Arzt gestern, heute würde er es nicht sagen.«
Dann wendete Salvato sich zu dem jungen Lazzarone und fuhr fort:
»Michele, mein Freund, nicht wahr, Du bist bereit mir einen Dienst zu leisten?«
»Ach, Signor Salvato, Sie wissen, daß ich Alles liebe, was Luisa liebt.«
Giovannina zuckte zusammen.
»Du glaubt also, sie liebe mich, mein wackerer Junge?« sagte Salvato rasch und aus seinem gewöhnlichen Hinbrüten erwachend.
»Fragen Sie Giovannina,« sagte der Lazzarone.
Salvato wendete sich nach der Zofe, diese aber ließ ihm nicht Zeit, sie zu fragen.
»Die Geheimnisse meiner Herrin sind nicht die meinigen,« sagte sie, indem sie sehr bleich ward, »und übrigens glaube ich, sie ruft mich jetzt.«
In der That ließ Ninas Name sich auf dem Corridor hören.
Nina eilte nach der Thür und verließ das Zimmer.
Salvato's Blicke folgten ihr mit einem Gemisch von Erstaunen und Unruhe. Dann und als ob dies nicht der geeignete Augenblick sei, um bei dem Argwohn zu verweilen, der in ihm erwachte, sagte er:
»Komm her, Michele. In dieser Börse sind hundert Louisdor. Bis heute Abend neun Uhr muß ich ein Pferd haben, aber verstehst Du wohl, eines jener kräftigen Thiere, welche zwanzig Lieues in einem Striche zurücklegen.«
»Sie sollen es haben, Signor Salvato.«
»Ferner ein vollständiges Bauernkostüm.«
»Auch dies sollen Sie haben.«
»Und, Michele, setzte der junge Mann lachend hinzu, »den schönsten Säbel, den Du findest. Wähle nach deinem Geschmacke und nach deiner Hand, denn es soll ja dein Obristensäbel sein.«
»Ach, Signor Salvato,« rief Michele mit strahlendem Antlitz, »wie, Sie erinnern sich noch Ihres Versprechens?«
»Es ist jetzt drei Uhr,« sagte der junge Officier. »Du hat daher keine Zeit zu verlieren, wenn Du deine Einkäufe machen willst. Schlag neun Uhr sei mit dem Pferde in dem Gäßchen hinter dem Hause.«
»Es soll geschehen,« sagte der Lazzarone.
Dann näherte er sich Nanno und fuhr fort:
»Sagt einmal, Nanno, da Ihr nun allein mit ihm bleibt, könnt Ihr nicht vielleicht Alles so ordnen, daß die Gefahr, welche meinem armen Schwesterchen droht, beschworen wird?«
»Deswegen komme ich eben,« antwortete Nanno.
»Nun dann bist Du eine brave Frau, auf mein Ehrenwort. Was mich betrifft,« fuhr der Lazzarone mit einer gewissen Schwermuth fort, »wenn Du, damit meine Schwester glücklich werde, durchaus die Rolle des Teufels spielen mußt, nun gut, dann lasse nur das Ende meines Stricks in den Händen des Meisters Donato und beschäftige Dich nur mit ihr. Es gibt vom Pausilippo bis zur Magdalenenbrücke so viele Micheles, daß man nicht weiß, was man damit soll, und so viel Narren, daß man damit handeln könnte, ohne die von Aversa zu zählen. Dagegen aber gibt es in der ganzen Welt nur eine einzige Luisa San Felice. Signor Salvato, Ihr Auftrag wird vollzogen werden und zwar gut, darauf können Sie sich verlassen.«
Mit diesen Worten verließ er das Zimmer.
Salvato war nun mit Nanno allein. Er hatte gehört, was Michele gesagt hatte.
»Nanno,« sagte er, »schon mehrmals habe ich von düsteren Prophezeiungen gehört, welche Du gegen Luisa ausgesprochen. Was ist Wahres daran?«
»Junger Mann, antwortete sie, »Du weißt es. Die Fügungen des Himmels sind niemals so klar ausgesprochen, daß man sich denselben entziehen könnte. Der durch die Linien der Hand bestätigte Ausspruch der Gestirne bedroht die, welche Du liebst, mit einem blutigen Tode, und es ist mir bestimmt offenbart, daß es ihre Liebe zu Dir ist, was ihren Tod herbeiführen wird.«
»Ihre Liebe zu mir, oder meine Liebe zu ihr?« fragte Salvato.
»Ihre Liebe zu Dir, und deshalb gebieten Dir als Franzosen die Gesetze der Ehre, und als Liebenden die Gesetze der Menschlichkeit, sie zu verlassen, um sie niemals wieder zu sehen. Trennt Euch, trennt Euch auf immer! Vielleicht wird diese Trennung das Schicksal beschwören. Ich habe gesprochen.«
Mit diesen Worten zog Nanno wieder ihre Kapuze über die Augen, und trat zurück, ohne weiter die Fragen des jungen Mannes zu beantworten, oder auf seine Bitten zu hören.
An der Thür begegnete die Luisa.
»Du gehst, Nanno?« fragte diese.
»Meine Mission ist vollbracht,« antwortete die Wahrsagerin. »Warum sollte ich noch bleiben?«
»Und kann ich nicht erfahren, was Du hier gewollt hast?« fragte Luisa.
»Dieser da wird es Dir sagen,« entgegnete Nanno, indem sie mit dem Finger auf den jungen Mann zeigte.
Und sie entfernte sich mit demselben geräuschlosen ernsten Tritt, womit sie eingetreten.
Luisa folgte, wie von einer phantastischen Erscheinung bestrickt, ihr mit den Augen. Sie sah sie den langen Corridor durchschreiten, das Speisezimmer passieren, den Perron hinabgehen, dann die Gartenthür öffnen und dieselbe wieder hinter sich zuschlagen.
Trotzdem aber, daß Nanno nun verschwunden war, blieb Luisa immer noch unbeweglich. Es war, als ob gleich der Nymphe Daphne ihr die Füße fest in den Boden gewurzelt wären.
»Luisa!« murmelte Salvato in seinem süßesten Tone. Die Gattin des Chevaliers zuckte zusammen. Der Zauber war gebrochen. Sie drehte sich nach dem Rufenden herum, und sah, daß seine Augen von einem ungewohnten Feuer glühten, welches weder das Feuer des Fiebers noch das der Liebe, sondern das der Begeisterung war.
»Ha,« rief sie, »wehe mir, Sie wissen Alles!«
»Ja, theure Luisa, ich weiß Alles,« antwortete Salvato.
»Dann war Nanno also deswegen gekommen?«
»Ja, deswegen.«
»Und,« hob Luisa mit Anstrengung wieder an, »wann werden Sie uns verlassen?«
»Ich hatte beschlossen, heute Abend um neun Uhr abzureisen, Luisa, aber ich hatte Sie noch nicht wiedergesehen.«
»Und jetzt, nachdem Sie mich wiedergesehen?«
»Werde ich abreisen, sobald Sie wollen.«
»Sie sind gut und sanft wie ein Kind, Salvato, Sie, der furchtbare Krieger! Sie werden heute Abend abreisen, mein Freund, zu der Stunde, zu welcher Sie selbst beschlossen hatten, es zu thun.«
Salvato sah sie erstaunt an.
»Glaubten Sie denn, fuhr Luisa fort, »ich liebte Sie so wenig und besäße so wenig Stolz auf mich selbst, daß ich Ihnen jemals rathen würde, etwas gegen Ihre Ehre zu thun? Ihre Abreise wird mir viel Thränen kosten, Salvato, und ich werde mich, wenn Sie fort sind, sehr unglücklich fühlen, denn jene unbekannte Seele, welche Sie mitgebracht und mir mitgetheilt, nehmen Sie nun auch wieder mit fort, und Gott allein kennt die Trauer und Einsamkeit, welcher nun mein armes Herz anheimfallen wird. O armes, verödetes Zimmer, fuhr sie fort, indem sie sich umschaute, während zwei große Thränen ihren Augen entrollten, ohne jedoch dem Wohlklange ihrer Stimme Eintrag zu thun, »wie oft werde ich des Nachts den Traum anstatt der Wirklichkeit suchen! Wie theuer und poetisch werden mir alle diese alltäglichen Gegenstände erscheinen! Dieses Bett, auf welchem Sie gelitten; dieser Sessel, in welchem ich bei Ihnen gewacht; dieses Glas, aus welchem Sie getrunken; dieser Tisch, auf den Sie sich gestützt; dieser Vorhang, den ich auf die Seite schlug, um einen Sonnenstrahl bis zu Ihnen dringen zu lassen, Alles wird mir von Ihnen erzählen, mein Freund, während Ihnen nichts von mir erzählen wird.«
»Ausgenommen mein Herz, Luisa, welches von Ihnen erfüllt ist.«
»Wenn dies ist, Salvato, dann sind Sie weniger unglücklich als ich, denn Sie werden fortfahren mich zu sehen, Sie kennen die Stunden, welche mir oder vielmehr, welche Ihnen gehörten. Ihre Abwesenheit wird darin keine Veränderung bewirken, mein Freund. Diese Stunden werden mich dieses Zimmer ebenso betreten und verlassen sehen, wie ich es betrat und verließ, während Sie da waren. Keiner der Tage, keiner der Augenblicke, welche wir in diesem Zimmer verlebten, wird vergessen werden, und wo werde ich Sie suchen? Auf dem Schlachtfelde, mitten unter Feuer und Rauch, unter Verwundeten und Todten. O schreiben Sie mir – schreiben Sie mir, Salvato!« setzte Luisa mit einem Ausrufe des Schmerzes hinzu.
»Aber kann ich das auch?«, fragte der junge Mann.
»Wer soll es Ihnen wehren?«
»Wenn einer meiner Briefe fehl ginge, wenn er gefunden würde?«
»Das wäre allerdings ein großes Unglück,« sagte Luisa; »nicht für mich, sondern für ihn.«
»Für ihn? für wen? Ich verstehe Sie nicht, Luisa.«
»Nein, Sie verstehen mich nicht. Nein, Sie können mich nicht verstehen, denn Sie wissen nicht, welch' einen Engel an Güte ich zum Gatten habe. Er würde sich sehr unglücklich fühlen, wenn er mich nicht glücklich wüßte. O, seien Sie unbesorgt, ich werde über seinem Glücke wachen.«
»Aber wenn ich nun an eine andere Adresse schriebe? an die Herzogin Fusco? an Nina?«
»Es ist nicht nöthig, mein Freund. Uebrigens wäre dies auch ein Betrug, und warum soll man einen solchen verüben, wenn nicht die unbedingte Nothwendigkeit dazu vorliegt, ja selbst, wenn sie vorliegt? Nein, Sie werden an mich unter der Adresse schreiben: »An Luisa San Felice, in Mergellina, Palmbaumhaus.«
»Wenn nun aber einer meiner Briefe in die Hände Ihres Gatten geräth?«
»Wem der Brief versiegelt ist, so wird er ihn mir geben, ohne ihn zu entsiegeln. Ist er offen, so gibt er ihn mir, ohne ihn zu lesen.«
»Aber wenn er ihn doch läse?«, sagte Salvato ganz erstaunt über dieses hartnäckige Vertrauen.
»Würden Sie mir in diesem Briefe wohl etwas Anderes sagen, als was ein zärtlicher Bruder einer geliebten Schwester sagen würde?«
»Ich werde Ihnen sagen, daß ich Sie liebe.«
»Wenn Sie mir nichts weiter sagen, als dies, Salvato, so wird er Sie und mich beklagen.«
»Wenn dieser Mann so ist, wie Sie sagen, so ist er mehr als ein Mensch.«
»Aber bedenken Sie doch, mein Freund, daß er mir weit mehr Vater ist, als Gatte. Von meinem fünften Jahre an bin ich unter seinen Augen aufgewachsen. An seinem Herzen erwärmt, finden Sie mich mitleidig, unterrichtet und gebildet. Denn alle diese Eigenschaften verdanke ich ihm. Sie sind gut, nicht wahr, Salvato? Sie sind großherzig und edelmüthig. Ich sehe und beurtheile Sie mit den Augen des Weibes, welches liebt. Wohlan, er ist größer, großherziger und edelmüthiger als Sie, und Gott gebe, daß er nicht Gelegenheit habe, es Ihnen einmal zu beweisen.«
»Aber Sie machen mich ja förmlich eifersüchtig auf diesen Mann, Luisa.«
»Ja, seien Sie eifersüchtig auf ihn, mein Freund, wenn nämlich ein Liebender auf die Zuneigung einer Tochter zu ihrem Vater eifersüchtig sein kann. Ich liebe Sie, Salvato, ich liebe Sie innig, da ich zu der Stunde, wo Sie mich verlassen wollen, es von selbst sage, und ohne daß Sie mich darum fragen. Wohlan, wenn ich Sie Beide in gleicher Gefahr schweben sähe, und mein Beistand nur einen von Ihnen retten könnte, so würde ich ihn retten, Salvato, und dann zurückkehren, um mit Ihnen zu sterben.«
»Ach, Luisa, wie glücklich ist der Chevalier, so geliebt zu werden«
»Und dennoch würden Sie diese Liebe nicht besitzen wollen, Salvato, denn es ist die, welche man für höherstehende, übernatürliche Wesen hegt. Diese Liebe hat nicht diejenige verhindern können, welche ich Ihnen gewidmet habe. Ich liebe ihn mehr als Sie und ich liebe Sie mehr als ihn – damit ist Alles gesagt.«
Indem Luisa dies sagte, ließ sie, als ob der Kampf dieser beiden Neigungen alle ihre Kräfte erschöpft hätte, sich auf einen Stuhl niedersinken. Ihr Kopf neigte sich rückwärts, sie faltete die Hände, und die Augen gegen Himmel kehrend, mit dem Lächeln der Glückseligen auf den Lippen, murmelte sie unverständliche Worte.
»Was machen Sie?« fragte Salvato.
»Ich bete,« antwortete Luisa.
»Zu wem?«
»Zu meinem Schutzengel. Knien Sie nieder, Salvato, und beten Sie mit mir.«
»Seltsam! seltsam!« murmelte der junge Mann, von einer höheren Kraft besiegt.
Und er kniete nieder.
Nach Verlauf von einigen Augenblicken senkte Luisa das Haupt. Salvato hob das seinige empor, und Beide sahen einander mit tiefer Traurigkeit, aber auch mit erhabener Ruhe des Herzens an.
Die Stunden vergingen.
Die traurigen Stunden verfließen mit derselben Schnelligkeit, ja zuweilen noch schneller als die glücklichen. Die beiden Liebenden versprachen sich nichts für die Zukunft, sie sprachen nur von der Vergangenheit.
Nina ging aus und ein, die achteten nicht auf sie. Sie lebten gewissermaßen in einer unbekannten Welt, zwischen Himmel und Erde schwebend. Bei jeder Stunde aber, welche die Uhr schlug, zuckten sie zusammen und seufzten.
Um acht Uhr trat Nina abermals ein.
»Michele schickt das hier,« sagte sie.
Und sie legte ein in eine Serviette gebundenes Packet zu den Füßen der beiden Liebenden nieder.
Sie öffneten das Packet. Es war das von Michel gekaufte Bauernkostüm.
Die beiden Frauen verließen das Zimmer.
Binnen wenigen Minuten hatte Salvato die Kleider angelegt, in welchen er fliehen wollte.
Er öffnete die Thür. Luisa stieß einen Ruf des Erstaunens aus. Er war in der Tracht des Gebirgsbewohners wo möglich noch schöner und anmuthiger als in der des Städters.
Die letzte Stunde verging, als ob die Minuten sich in Secunden verwandelt hätten.
Es schlug neun Uhr.
Luisa und Salvato zählten einen nach dem andern der neun dröhnenden Schläge, obschon sie recht wohl wußten, daß es neun Uhr schlug.
Salvato sah Luisa an. Sie erhob sich zuerst. Nina trat ein.
Sie war todtenbleich, ihre halbgeöffneten Lippen ließen ihre weißen, spitzigen Zähne sehen, und ihre Stimme schien kaum sich hindurchzwängen zu können.
»Michele wartet,« sagte sie.
»Vorwärts,« sagte Luisa, indem sie Salvato die Hand reichte.
»Sie sind edel und groß, Luisa,« sagte dieser.
Und er erhob sich. Dennoch aber und trotzdem er ein Mann war, taumelte er.
»Stützen Sie sich noch einmal auf mich, mein Freund, sagte Luisa, »ach, leider wird es das letzte Mal sein.«
Als sie in das Zimmer traten, welches auf das Gäßchen ging, hörten sie ein Pferd wiehern.
Michele war auf seinem Posten.
»Oeffne das Fenster, Giovannina,« sagte Luisa.
Die Zofe gehorchte.
Ein wenig unter dem Fenster unterschied man in der Dunkelheit eine Gruppe, die aus einem Mann und einem Pferd bestand. Das Fenster öffnete in gleicher Ebene mit dem Fußboden auf einen kleinen Balcon.
Die beiden jungen Leute näherten sich. Nina, welche das Fenster geöffnet, trat auf die Seite und hielt sich hinter ihnen wie ein Schatten. Beide weinten im Dunkel, aber schweigend, ohne zu schluchzen, um nicht eins das andere zu entmuthigen.
Nina weinte nicht. Ihre Augenlider waren trocken und heiß, ihr Athemzug keuchte in der Brust.
»Luisa,« sagte Salvato mit gebrochener Stimme, »ich habe eine goldene Kette für Nina in Papier gerollt. Geben Sie ihr dieselbe in meinem Namen.«
Luisa bejahte durch eine Bewegung des Kopfes und einen Händedruck, aber ohne zu sprechen.
Dann sagte Salvato zu dem jungen Lazzarone:
»Ich danke, Michele. So lange die Erinnerung an diesen Engel« – und hier schlang er seinen Arm um Luisa's Hals – »in meinem Herzen lebt, das heißt, so lange mein Herz schlägt, wird jeder dieser Schläge in mir die Erinnerung an die Freunde wachrufen, in deren Händen ich sie zurücklasse und welchen ich sie anvertraue.«
Mit einer krampfhaften, vielleicht von ihrem Willen unabhängigen Bewegung ergriff Giovannina die Hand des jungen Mannes und drückte ihre Lippen mit einer Heftigkeit darauf, welche dem jungen Mann fast Schmerz verursachte.
Salvato drehte erstaunt das Gesicht nach ihr herum.
Sie trat zurück.
»Signor Salvato,« sagte Michele, »ich habe Ihnen Rechnung abzulegen.«
»Du wirst sie deiner alten Mutter ablegen, Michele, und ihr sagen, daß sie für Luisa und mich zu Gott und der Madonna beten solle.«
»Ach, mein Gott,« sagte Michele, »jetzt fange ich gar an zu weinen.«
»Auf Wiedersehen, mein Freund,« sagte Luisa; »mögen der Allmächtige und alle Engel des Himmels. Sie geleiten!«
»Auf Wiedersehen?«, murmelte Salvato. »Wissen Sie nicht, daß wir in Todesgefahr kommen können, wenn wir einander wieder sehen?«
Luisa ließ ihn kaum ausreden.
»Still, still,« sagte sie, »stellen wir die unbekannten Dinge der Zukunft den Händen Gottes anheim. Was aber auch geschehen möge, so sage ich Ihnen nicht für ewig Lebewohl.«
»Wohlan, es sei!« sagte Salvato, indem er über den Balcon stieg und sich in den Sattel setzte, ohne die beiden Arme zu öffnen, die er um Luisa's Hals geschlungen, welche sich mit der Geschmeidigkeit eines Rohres nach ihm hinbeugen ließ. »Wohlan, es sei, Angebetete meines Herzens! Auf Wiedersehen!«
Und die letzte Sylbe des symbolischen Wortes der Hoffnung verlor sich in einem ersten Kusse zwischen ihren Lippen.
Salvato stieß einen Ruf der Freude und gleichzeitig des Schmerzes aus, gab seinem Pferde die Sporen, so daß es fortgaloppierend ihn aus Luisa's Armen riß und mit ihm in der Finsterniß verschwand.
»Ja, ja,« murmelte die Gattin des Chevaliers, »ja, ja, Dich wiedersehen und dann sterben!«
Fünftes Capitel.
Die Schlacht
Wir haben gesehen, wie Championnet sich aus Rom zurückzog, indem er Thiébaut und seinen fünfhundert Mann feierlich das Versprechen gab, die vor Ablauf von zwanzig Tagen zu erlösen.
Binnen achtundvierzig Stunden, nach zwei forcierten Märschen, befand er sich in Cività Castellana.
Seine erste Sorge war, die Stadt und ihre Umgebungen zu untersuchen.
Cività Castellana, welches man lange mit Unrecht für das alte Vejes gehalten, beschäftigte Championnet zunächst als Archäologen. Indem er aber die Entfernung berechnete, welche Cività Castellana von Rom trennt, eine Entfernung, welche über dreißig Miglien beträgt, begriff er, daß von Seiten jener großen Irrenden, welche man die Gelehrten nennt, ein Irrthum begangen worden, und daß die Ruinen, welche man in einiger Entfernung von der Stadt fand, die von Faleries sein müßten.
Neuere Forschungen haben bewiesen, daß Championnet Recht hatte.
Das Nächste, was er that, war, die von Alexander dem Sechsten erbaute Citadelle, welche jetzt nur noch als Gefängniß diente, in Stand setzen zu lassen und den verschiedenen Corps seiner kleinen Armee ihre Positionen anzuweisen.
Macdonald, welchen er alle Ehren der Schlacht, welche stattfinden sollte, vorbehielt, schickte er mit siebentausend Mann nach Borghetto, indem er ihm befahl, das Postamt und einige dasselbe umgebende kleine Häuser so gut als möglich zur Vertheidigung zu benützen, und sich dabei auf Cività Castellana zu stützen, welches die äußerste Rechte der französischen Armee bildete, oder vielmehr an dessen Fuße die französische Armee gruppiert war.
Den General Lemoine schickte er mit fünfhundert Mann in die zu einer Linken liegenden Engpässe von Terni, indem er zu ihm wie Leonidas zu den Spartanern sagte:
»Laffen Sie sich tödten.«
Casabianca und Rusca erhielten denselben Befehl für die Engpässe von Ascoli, welche die äußerste Rechte bildeten.
So lange Lemoine, Casabianca und Rusca sich hielten, fürchtete Championnet nicht umgangen zu werden, und so lange er nur von vorne angegriffen ward, hoffte er sich vertheidigen zu können.
Endlich schickte er Couriere an den General Pignatelli, welcher im Begriffe stand, zwischen Cività Ducale und Marano seine römische Legion wieder zu formieren, und ließ ihm den Befehl überbringen, sich, so bald seine Mannschaften bereit wären, in Marsch zu setzen, und zu dem Corps des polnischen Generals Kniasewitsch, welcher das zweite und dritte Bataillon der dreißigsten Halbbrigade, zwei Schwadronen vom sechzehnten Dragonerregiment, eine Compagnie vom neunzehnten reitenden Jägerregiment und drei Stück Geschütz unter einem Befehl hatte, zu stoßen, und in welcher Richtung er auch Kanonendonner vernehmen möchte, gerade darauf los zu marschieren.
Ueberdies ward der Brigadechef Lahure mit der fünfzehnten Halbbrigade beauftragt, in Regnano noch vor Cività Castellana Poto zu fassen, und der General Maurice Mathieu, gegen Vignanello zu rücken, um den Neapolitanern die Position vom Orte abzuschneiden, und sie am Uebergange über die Tiber zu hindern.
Gleichzeitig entsendete er Couriere auf der Straße von Spoleto und Foligno, um die Ankunft der von Joubert versprochenen dreitausend Mann Verstärkung zu beschleunigen.
Nachdem er diese Dispositionen getroffen, erwartete er festen Fußes den Feind, dessen Bewegungen er alle von der Höhe seiner Position bei Cività Castellana verfolgen konnte, wo er sich mit seiner Reserve von etwa tausend Mann befand, um sich mit diesen da in den Kampf zu stürzen, wo es nöthig sein würde.
Zum Glück verlor Mack, anstatt mit seiner zahlreichen und prächtigen neapolitanischen Cavallerie Championnet unablässig zu verfolgen, drei Tage in Rom und dann noch drei bis vier Tage damit, daß er seine ganze Streitmacht, das heißt vierzigtausend Mann, sammelte, um gegen Cività Castellana zu marschieren.
Endlich theilte er seine Armee in fünf Colonnen und setzte sich in Marsch.
Wäre Mack ein guter Stratege gewesen, so hätte er folgendermaßen verfahren müssen:
Er hätte das Corps des Generals Naselli, welches Nelson nach Livorno escortiert, über Perugia herbeirufen, die Hauptmacht seiner Armee auf das linke Tiberufer führen, und in Terni sich lagern und endlich mit seiner sechsfachen Streitmacht die kleine Schaar Macdonald's angreifen müssen, welcher zwischen den siebentausend Mann Nasellis und den dreißig- bis fünfunddreißigtausend Mann, welche Mack in der Hand behalten, eingekeilt, diesem doppelten Angriff keinen Widerstand zu leisten vermocht hätte.
Dagegen aber zersplitterte er seine Streitmacht dadurch, daß er in fünf Colonnen vorrückte und die Straße von Perugia freiließ.
Allerdings waren die umwohnenden Bevölkerungen, das heißt die von Rieti, Otricoli und Viterbo, durch die Proclamationen des Königs Ferdinand aufgereizt worden und zeigten sich überall bereit, die Bewegungen des Generals Mack zu unterstützen.
Dieser rückte vor, indem er eine durch ihre übergroße Barbarei lächerliche Proclamation vorausschickte.
Championnet hatte bei seinem Rückzuge aus Rom in den Hospitälern dreihundert Kranke zurückgelassen, welche er der Ehre und Menschlichkeit des feindlichen Generals empfohlen hatte.
Durch eine Depesche des Königs Ferdinand aber von dem Ausfall, welchen die Besatzung der Engelsburg gemacht, und von der Art und Weise unterrichtet, auf welche die beiden zum Tode verurtheilten Consule noch am Fuße des Schaffots gerettet und entführt wurden, erließ Mack ein Manifest, in welchem er Championnet erklärte, daß, wenn er seine Stelle bei Cività Castellana nicht aufgebe und wenn er wagte, sich hier zu vertheidigen, die in den römischen Hospitälern zurückgebliebenen dreihundert Kranken Kopf für Kopf für die Soldaten, die er, Mack, im Kampfe verlöre, bürgen und der gerechten Entrüstung des römischen Volkes preisgegeben werden würden, was so viel hieß, als daß sie zu gewärtigen hätten, vom Pöbel in Stücke gerissen zu werden.
Am Vorabende des Tages, wo man die Spitzen der neapolitanischen Colonnen in der Ferne erblickte, wurden diese Manifeste von Landleuten den französischen Vorposten überbracht und geriethen auf diese Weise in Macdonald's Hände.
Dieser war im höchsten Grade darüber empört, ergriff die Feder und schrieb an den General Mack:
»Herr General, ich habe das Manifest empfangen. Nehmen Sie sich in Acht! Die Republikaner sind keine Meuchelmörder, aber ich erkläre Ihnen meinerseits, daß der gewaltsame Tod eines einzigen Kranken in den römischen Hospitälern das Todesurtheil der ganzen neapolitanischen Armee sein und ich meinen Soldaten Befehl geben werde, keine Gefangenen zu machen.
»Binnen einer Stunde ist Ihr Brief in der ganzen Armee bekannt, wo Ihre Drohungen eine Entrüstung und einen Abscheu hervorrufen werden, die nur durch die Verachtung übertroffen werden können, welche der Mann einflößen wird, der dieselben ausgesprochen.
»Macdonald.«
Und in der That erheilte Macdonald sofort ein Dutzend Abschriften dieses Manifestes und ließ dieselben von den Corpscommandanten ihren Mannschaften vorlesen, während er selbst zu Pferde stieg und nach Cività Castellana galoppierte, um die Proclamation dem General Championnet mitzutheilen und ihn um weitere Befehle zu bitten.
Er traf den General auf der prachtvollen doppelten Bogenbrücke, welche über den Rio Maggiore führt und im Jahre 1712 von dem Cardinal Imperiali erbaut worden.
Er hatte das Fernrohr in der Hand, besichtigte die Zugänge zur Stadt und ließ durch seinen Secretär allerhand Notizen auf eine Landkarte machen.
Als er Macdonald bleich und aufgeregt herangaloppiert kommen sah, rief er ihm von weitem entgegen:
»Ich glaubte, General, Sie brächten mir Nachrichten vom Feind. Jetzt aber sehe ich, daß ich mich irre, denn in diesem Falle würden Sie ruhig und nicht aufgeregt sein.«
»Und dennoch bringe ich dergleichen, General,« sagte Macdonald, indem er vom Pferde sprang. »Hier sind sie.«
Und er überreichte ihm das Manifest.
Championnet las es ohne das mindeste Zeichen von Zorn und zuckte blos die Achseln.
»Kennen Sie den Mann, mit dem wir zu thun haben, nicht?«, sagte er. »Was haben Sie hierauf geantwortet?«
»Ich habe zunächst befohlen, daß das Manifest der ganzen Armee vorgelesen werde.«
»Sie haben wohl daran gethan. Es ist gut, daß der Soldat seinen Feind kenne und es ist noch besser, daß er ihn verachte. Dies ist aber noch nicht Alles. Sie haben wohl dem General Mack auch geantwortet?«
»Ja, ich habe ihm geantwortet, daß jeder neapolitanische Gefangene seinerseits Kopf für Kopf für die kranken Franzosen in Rom bürgen würde.«
»In dieser Beziehung haben Sie unrecht gethan.«
»Unrecht?«
Championnet betrachtete Macdonald mit unaussprechlich sanfter Miene, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte:
»Freund, nicht durch blutige Repressalien müssen die Republikaner ihren Feinden antworten. Die Könige sind nur zu geneigt, uns zu verleumden; geben Sie ihnen nicht einmal Gelegenheit, uns etwas Schlimmes nachzusagen. Reiten Sie wieder zurück zu Ihren Leuten und lesen Sie ihnen den Tagesbefehl vor, welchen ich Ihnen geben werde.«
Mit diesen Worten wendete er sich zu seinem Secretär und dictierte ihm den folgenden Tagesbefehl, welchen der Secretär mit Bleistift niederschrieb:
»Tagesbefehl des Generals Championnet vor der Schlacht bei Cività Castellana. So,« unterbrach sich Championnet, »wird die Schlacht heißen, welche Sie morgen gewinnen werden, Macdonald.«
Und er fuhr fort:
»Jeder gefangene neapolitanische Soldat wird mit der Humanität und Freundlichkeit behandelt werden, welche die Republikaner gegen die Besiegten zu beobachten pflegen.
»Jeder Soldat, der sich gegen einen entwaffneten Gefangenen eine Mißhandlung erlauben sollte, wird ernstlich bestraft werden.
»Die Generale sind für die Ausführung dieser beiden Befehle verantwortlich.«
Championnet ergriff den Bleistift, um zu unterzeichnen, als ein mit Schmutz bedeckter, an der Stirn verwundeter Chaffeur zu Pferde am äußersten Ende der Brücke erschien und gerade auf Championnet zugeritten kam.
»Mein General,« sagte er, »die Neapolitaner haben in Baccano einen Vorposten von fünfzig Mann überfallen und dieselben in dem Wachthause sammt und sonders niedergemetzelt. Damit keiner der Verwundeten entschlüpfen oder mit dem Leben davonkommen möchte, haben sie dann das Haus in Brand gesteckt und es ist unter den Hohnreden der Königlichen und dem Freudengeschrei der Bevölkerung über den Unseren zusammengestürzt.«
»Nun, General,« sagte Macdonald triumphierend, »was sagen Sie zu der Handlungsweise unserer Feinde?«
»Weiter nichts, als daß die unsrige dadurch in um so helleres Licht gestellt wird,« entgegnete Championnet und unterzeichnete einen Tagesbefehl.
Macdonald schien diese Mäßigung zu mißbilligen und Championnet fuhr daher fort:
»Glauben Sie mir, dies ist die richtige Art und Weise, auf welche die Civilisation der Barbarei antworten muß. Gehen Sie, Macdonald. Ich bitte Sie als Freund, diesen Tagesbefehl sofort publiciren zu lassen, und wenn es sein muß, so befehle ich es Ihnen als Ihr General.«
Macdonald stand einen Augenblick stumm und gleichsam zögernd da, plötzlich aber fiel er Championnet um den Hals und rief:
»Gott wird morgen mit Ihnen sein, mein theurer General, denn Sie sind gleichzeitig die Gerechtigkeit, der Muth und die Güte.«
Dann schwang er sich wieder in den Sattel, kehrte zu seinen Leuten zurück, ließ sie in Reih und Glied treten, ritt an ihrer Front hinab und las ihnen den Tagesbefehl vor, welcher mit enthusiastischem Beifall aufgenommen ward.
Es waren dies die letzten schönen Tage der Republik. Unsere Soldaten hegten damals noch einige jener großen vom Jahre 1789 geborenen Ideen, welche später in Bewunderung und Hingebung für einen einzigen Mann übergehen sollten. Unsere Krieger blieben dann noch eben so groß, aber sie waren weniger gut.
Championnet schickte sofort Couriere an Lemoine und an Casabianca, um ihnen zu melden, daß sie aller Wahrscheinlichkeit nach den nächstfolgenden Tag angegriffen werden würden, und um ihnen zu befehlen, ihm, falls sie zurückgedrängt würden, sofort Couriere zuzusenden, damit er seine Maßregeln treffen könnte.
Lahure seinerseits ward von dem, was in Baccano geschehen, durch denselben Chaffeur unterrichtet, welcher dem Gemetzel entronnen war und der, noch von dem gestrigem Kampf blutend, bei dem morgenden in die vordersten Reihen gestellt zu werden verlangte, um seine Cameraden und sich selbst zu rächen.
Gegen drei Uhr Nachmittags entfernte Championnet sich von Cività Castellana, visitierte zunächst die Vorposten des Brigadechefs Lahure und dann das Armeecorps Macdonald's.
Er mischte sich unter die Soldaten und erinnerte sie daran, daß sie die Männer von Arcole und Rivoli seien, daß sie gewohnt seien, drei gegen einen zu kämpfen, und daß ein Kampf gegen vier folglich etwas Neues wäre, wovor sie nicht zu erschrecken brauchten.
Dann besprach er seinen Tagesbefehl und den des Generals Mack.
Er sagte ihnen, daß der republikanische Soldat, der Verbreiter der revolutionären Ideen, ein bewaffneter Apostel sei, während die Soldaten des Despotismus weiter nichts als Miethlinge ohne Ueberzeugung seien. Er fragte sie, ob sie ihr Vaterland liebten, ob sie die Freiheit als das Ziel der Bestrebungen einer wirklich intelligenten Nation betrachteten, und ob sie mit dieser doppelten Ueberzeugung, welche den dreihundert Spartanern beinahe den Sieg über das unermeßliche Heer eines Kerxes verschafft, glaubten, daß zehntausend Franzosen durch vierzigtausend Neapolitaner besiegt werden könnten.
Bei dieser väterlichen Anrede, die von Allen verstanden ward, weil Championnet weder hochtrabende Worte noch bildliche Ausdrücke anwendete, lächelten Alle und begnügten sich zu fragen, ob es nicht an Munition fehlen würde.
Auf Championnet's Versicherung, daß so etwas nicht zu fürchten stehe, antworteten sie:
»Nun, dann wird Alles gut gehen.«
Diesen Abend ließ Championnet unter jede Compagnie ein Faß Wein von Montefiascone, das heißt ziemlich eine halbe Flasche der Mann, vortreffliches, unter seinen Augen in Cività Castellana frisch gebackenes Brot und eine Ration Fleisch von einem halben Pfund vertheilen. Es war dies ein sybaritisches Mahl für diese Leute, welche seit drei Monaten Mangel an Allem gelitten und deren Löhnung seit sechs Monaten im Rückstand war.
Dann ließ er nicht blos den Anführern, sondern auch den Soldaten die größte Wachsamkeit empfehlen.
Am Abend wurden in den französischen Bivouacs große Feuer angezündet und die Regimentsmusiken spielten die Marseillaise und »Partant pour la Syrie.«
Die natürlich feindselig gesinnten Bevölkerungen betrachteten mit Erstaunen von ihren in Gebirgsschluchten versteckt liegenden Dörfern aus diese Menschen, welche den nächstfolgenden Tag kämpfen und wahrscheinlich sterben sollten, und die sich durch Gesänge und Feste auf Kampf und Tod vorbereiteten. Selbst für die, welche nicht begriffen, war das Schauspiel ein großartiges.
Die Nacht verging ohne Alarm, als aber die Sonne aufging, beleuchtete sie die ganze Armee des Generals Mack, die in drei Colonnen anrückte.
Eine vierte, welche, ohne gesehen zu werden, gegen Terni anrückte, verrieth sich durch den Staub, den sie am Horizont aufwirbelte.
Eine fünfte endlich, welche schon am Abende vorher von Baccano nach Ascoli abgerückt, war unsichtbar.
Die unter dem unmittelbaren Commando Macks gebliebenen drei Colonnen zählten nahe an dreißigtausend Mann.
Sechstausend sollten unsere Vorposten auf der äußersten Linken angreifen, viertausend das Dorf Vignanello, welches das ganze Schlachtfeld beherrschte, besetzen, und die Hauptmasse, die, welche aus zwanzigtausend Mann bestand und von Mack persönlich commandiert ward, Macdonald und seine siebentausend Mann angreifen.
Championnet hatte seine Reserve auf den Anhöhen des Berges aufgestellt, auf dessen höchstem Punkte er selbst mit dem Fernrohre in der Hand hielt. Seine Ordonnanzofficiere umgaben ihn, bereit, seine Befehle überall hin zu tragen, wo es nöthig wäre.
Der Brigadechef Lahure war der, dessen Mannschaften zuerst ins Feuer kamen.
Er hatte seine Streitmacht vor dem Dorfe Regnano aufgestellt, dessen erste Häuser er mit Schießscharten hatte versehen lassen.
Die Soldaten, welche Lahure angriffen, waren dieselben, welche am Abende vorher in Baccano die Gefangenen niedergemetzelt hatten. Mack hatte sie Blut lecken lassen, wie man mit Tigern zu thun pflegt, nicht um sie muthiger, sondern grimmiger zu machen.
Der Angriff erfolgte in kräftiger Weise, es lebten aber in der französischen Armee in Bezug auf den Muth der neapolitanischen Truppen Traditionen, welche sie zu keinem sonderlich furchtbaren Schreckbild für unsere Soldaten machten. Lahure warf daher mit seiner fünfzehnten Brigade, das heißt mit etwa tausend Mann, jenen ersten Angriff zurück, zum großen Erstaunen der Neapolitaner, welche hartnäckig zum Angriff zurückkehrten, aber zum zweiten Male zurückgeschlagen wurden.
Als der Chevalier Micheroux, welcher die feindliche Colonne commandierte, dies sah, ließ er Artillerie vorrücken und schmetterte die ersten Häuser nieder, in welche sich unsere Tirailleurs in den Hinterhalt gelegt. Die Häuser stürzten sehr bald ein und ihre Vertheidiger waren nun schutzlos.
Es trat eine augenblickliche Verwirrung ein, welche der neapolitanische General benutzte, um eine Angriffscolonne von dreitausend Mann vorrücken zu lassen, welche sich auf das Dorf stürzte und es nahm.
Lahure andererseits hatte aber eine kleine Truppe hinter einer Anhöhe wieder formiert, so daß in dem Augenblicke, wo die Neapolitaner aus dem Dorfe herausrückten, sie von einem so heftigen Feuer begrüßt wurden, daß die Reihe des Zurückweichens wieder an sie kam.
Micheroux ließ nun die Franzosen durch drei Colonnen angreifen, eine von dreitausend Mann, welche durch die Hauptstraße des Dorfes weiter vorrückte, und zwei von fünfzehnhundert Mann, welche es umgingen.
Lahure erwartete muthig den Feind hinter der natürlichen Verschanzung, wo er Posto gefaßt, und erlaubte seinen Soldaten nicht eher zu feuern, als bis der Feind dicht heran wäre.
Die Soldaten gehorchten pünktlich, die neapolitanischen Massen waren aber so tief, daß sie immer noch fortfuhren vorzurücken, weil die hinteren Glieder die vorderen drängten.
Lahure sah, daß er forciert werden würde. Deshalb befahl er seinen Leuten ein Carré zu formieren und sich Schritt um Schritt auf Cività Castellana zurückzuziehen.
Das Manöver ward ausgeführt wie auf dem Paradedeplatze. Drei Bataillone formierten sich augenblicklich unter dem Feuer der Neapolitaner und hielten, ohne sich zu lösen, mehrere glänzende Cavallerieangriffe aus.
Championnet verfolgte die glänzende Vertheidigung von der Höhe seines Felsens aus. Er sah Lahure sich bis an die Brücke von Cività Castellana zurückziehen, gleichzeitig aber bemerkte er, daß diese Verfolgung die Reihen der Neapolitaner in Unordnung gebracht hatte. Er endete sofort einen Ordonnanzofficier an den wackern Führer der fünfzehnten Halbbrigade, um ihm zu sagen, daß er wieder die Offensive ergreifen solle, während er ihm zugleich, um diese Bewegung zu unterstützen, fünfhundert Mann Verstärkung schickte.
Lahure verbreitete diese Nachricht sofort in den Reihen der Soldaten, welche sie mit dem Rufe: »Es lebe die Republik!« aufnahmen und die, als sie diese versprochene Verstärkung im Sturmschritte mit gefälltem Bajonnet anrücken sahen und die Trommeln wirbeln hörten, sich mit solchem Ungestüm auf die Neapolitaner stürzten, daß diese, welche auf diesen Angriff nicht gefaßt waren, weil sie schon Sieger zu sein glaubten, anfangs erstaunt stehen blieben, dann, nachdem sie einen Augenblick gezögert, Kehrt machten und die Flucht ergriffen.
Lahure verfolgte sie, machte fünfhundert Mann Gefangene, tödtete sieben- bis achthundert Mann, nahm zwei Fahnen, die vier Geschütze, womit sie die mit Schießscharten versehenen Häuser zertrümmert hatten, und zog als Sieger wieder in Regnano ein, wo er wieder dieselbe Position nahm, die er vor der Schlacht inne gehabt.
Während dieser Zeit befahl der Anführer der dritten Colonne, welche den rechten Flügel des Hauptangriffes bildete, und der sich Vignanellos bemächtigt hatte, als er den General Maurice Mathieu mit einer Colonne, die um zwei Drittel weniger stark war als die seine, anrücken sah, seinen Leuten, vor das Dorf zu rücken, eine Batterie von vier Geschützen aufzupflanzen und die Franzosen anzugreifen.
Dieser Befehl ward ausgeführt. Der General Maurice Mathieu gab aber seinen Soldaten einen solchen Impuls, daß sie, obschon durch den forcierten Marsch, den sie den ganzen Tag vorher gemacht, noch ermüdet, den Feind gleich anfangs zurücktrieben und ihn dann so nachdrücklich angriffen, daß er sich genöthigt sah, nach Vignanello zu fliehen und zwar so schnell und in solcher Verwirrung, daß die Artilleristen nicht einmal Zeit hatten ihre Geschütze wieder zu bespannen.
Sie gaben blos eine einzige Salve und ließen die Geschütze mit ihren Munitionskarren in den Händen von etwa fünfzig Dragonern, welche die ganze Cavallerie des Generals Maurice Mathieu ausmachten.
Dieser befahl die vier Geschütze auf das Dorf zu richten, dessen Bewohner für die Neapolitaner Partei ergriffen und auf die Franzosen gefeuert hatten.
Zugleich ließ er ihnen ankündigen, daß er das ganze Dorf in einem Schutthaufen verwandeln und Bauern und Neapolitaner über die Klinge springen lassen würde, wenn die letzteren es nicht augenblicklich räumten.
Erschreckt durch diese Drohung, räumten die Neapolitaner das Dorf und machten, dicht verfolgt, erst in Borghetto Halt.
Sie verloren fünfhundert Mann Todte, fünfhundert Gefangene, eine Fahne und die vier Kanonen, welche in unsern Händen blieben.
Der Angriff des Centrums war ernster. Mack commandierte hier in eigener Person und hatte dreißigtausend Mann zur Verfügung.
Macdonald's zwischen Otricolo und Cantalupo stehende Avantgarde ward von dem General Duhesme commandiert, welcher kürzlich erst von der Rheinarmee zu der römischen versetzt worden.
Man kennt die Rivalität, welche zwischen der Rheinarmee und der italienischen bestand, die stolz darauf war, unter den Augen Buonapartes selbst gekämpft und glänzendere Siege als ihre Nebenbuhlerin errungen zu haben.
Duhesme wollte den Soldaten von Tessin und Mincio gleich bei der ersten Gelegenheit zeigen, daß er würdig sei sie zu commandieren.
Anstatt den Angriff abzuwarten, befahl er daher zwei Bataillonen vom fünfzehnten leichten und vom elften Liniemregiment, die gegen die anrückende Colonne sofort anzugreifen.
Zugleich ließ er durch zwei kleine leichte Geschütze den Feind in die rechte Flanke fassen, stellte sich selbst an die Spitze dreier Schwadronen vom neunzehnten Chaffeurregiment und griff den Feind in dem Augenblicke an, wo dieser ihn anzugreifen glaubte.
So ganz unversehens gefaßt, ward die neapolitanische Avantgarde kräftig auf das Hauptcorps zurückgeworfen.
Als Macdonald diese kleine Schaar verloren und von den Fluten der Neapolitaner fast verschlungen sah, befahl er, die Avantgarde mit zweitausend Mann zu unterstützen.
Diese zweitausend Mann rückten im Sturmschritte vor und brachten die erste Colonne so in Unordnung, daß sie sich auf die zweite, zehn- bis zwölftausend Mann starke, warf.
Bei dieser rückgängigen Bewegung hatte die neapolitanische Colonne zwei Kanonen, welche man eben erst aufgepflanzt, sechs Munitionskarren, zwei Fahnen und sechshundert Gefangene zurückgelassen. Fünf- bis sechshundert todte oder verwundete Neapolitaner lagen in dem leeren Raume, welcher sich von dem Punkte, von wo die französische Avantgarde abgerückt war, bis zu dem erstreckte, zu welchem sie vorgedrungen.
Dieser Raum blieb jedoch nicht lange leer, denn Duhesme und seine Leute, welche sich gezwungen sahen, sich vor der zweiten Colonne zurück zu ziehen und auf ihren Flanken durch die Trümmer der Avantgarde, die sich wieder gesammelt und durch als Tirailleurs mitkämpfende Bauern beunruhigt wurden, wichen allerdings blos Schritt um Schritt zurück, wichen aber doch.
Macdonald schickte einen Adjutanten an Duhesme, um ihm zu sagen, daß er wieder in seine erste Position zurückkehren, Halt machen, Bataillonscarrés formieren und den Feind mit dem Bajonnet empfangen sollte.
Gleichzeitig befahl er einer Batterie von vier Geschützen, die auf einem kleinen Hügel stand, von wo aus sie die Neapolitaner von der Seite fassen konnte, ihr Feuer zu beginnen, während er selbst mit dem übrigen Theil seiner Truppen, das heißt mit ziemlich fünftausend Mann, in zwei Angriffscolonnen geheilt, als einfacher Oberst ebenfalls um Angriffe schritt.
Championnet, der das unermeßliche Schachbrett beherrschte, vergaß seine eigene Verantwortlichkeit, um Macdonald zu folgen, den er wie einen Bruder liebte. Er sah ihn mit einem Gefühle, welches er nicht bemeistern konnte, als General und Soldat zugleich mit jener Ruhe commandieren und kämpfen, welche das unterscheidende Kennzeichen von Macdonald's Muth war, einem Muthe, welcher zehn Jahre später bei Wagram den Kaiser, der sich doch auf Muth verstand, in Erstaunen setzte.
Gern wäre er hinter ihm gewesen, um ihm zuzurufen, daß er Halt machen und das Leben seiner Leute und das einige mehr schonen solle. Aber wider Willen war er genöthigt, zu bewundern und dieser Unerschrockenheit Beifall zuzuklatschen.
Dennoch fragte sich Championnet, ob er ihm nicht einen Ordonnanzofficier zuschicken solle, um ihn aufzufordern, zum Rückzuge blasen zu lassen, und Lahure einerseits und Maurice Mathieu andererseits den Neapolitanern in die Flanke zu schicken, als er sah, daß Macdonald diesen Rückzug von selbst ausführte.
Gleichzeitig formierte, um denselben zu erleichtern, Duhesme sich wieder in Colonnen und führte mit der Spitze derselben einen so kräftigen Stoß gegen das Centrum, daß dieses zurückweichen mußte.
Macdonald, der dadurch frei ward, formierte sich seinerseits in Bataillonscarrés und schien es sich zum Spiel zu machen, die Angriffe der neapolitanischen Cavallerie bis auf fünfzig Schritte abzuwarten und auf den beiden Seiten, von welchen er angegriffen ward, immer höhere Leichenhaufen von Menschen und Pferden aufzuthürmen.
Duhesme, welcher nichts weiter wollte, als seinen Chef frei machen, hatte sich wieder in Carré formiert und das Schlachtfeld bot den Anblick von dreißigtausend Mann, welche sechs lebendige Redouten belagerten, die jede aus zwölfhundert Mann bestanden und Ströme von Feuer spieen.
Als Mack sah, daß er es mit einem Feind zu thun hatte, der sich auf diesem Weg nicht werfen ließ, beschloß er seine zahlreiche Artillerie in Anwendung zu bringen.
Er ließ deshalb auf zwei das Schlachtfeld beherrschenden Punkten zwei Batterien, jede von zwanzig Kanonen, aufpflanzen, deren Kreuzfeuer die Carrés von der Seite faßte, während zehn andere Geschütze speciell das Duhesmes, welches das Centrum bildete, von vorne faßten, um, wenn es gelänge, eine Bresche darin zu öffnen, dann eine furchtbare Colonne hinein zu schleudern, welche er bereit hielt, um das Centrum der republikanischen Armee zu sprengen.
Championnet sah mit Unruhe den Kampf eine Gestalt annehmen, wobei Muth und Genie nichts mehr auszurichten vermochten. Er warf einen forschenden Blick auf die tiefen Massen Macks, die am Horizont wogten, als er die Augen links wendend plötzlich gegen Rieti zu Waffen durch eine sich rasch nähernde Staubwolke hindurch blitzen sah.
Er glaubte, es sei dies eine neue Verstärkung, welche Mack erhielte, vielleicht die von ihm am Tage vorher nach Ascoli geschickten Truppen, welche auf den Kanonendonner wieder heranrückten.
Er drehte sich herum, um einen seiner Ordonnanzofficiere, Namens Villeneuve, der sich durch sein besonders scharfes Auge auszeichnete, zu befragen, und gewahrte gerade auf der entgegengesetzten Seite, das heißt auf der Straße von Viterbo, ein zweites Corps, welches ihm noch beträchtlicher zu sein schien als das erste und mit gleicher Schnelligkeit gegen das Schlachtfeld vorrückte.
Es war, als ob diese beiden Corps, mochten sie nun angehören, wem sie wollten, verabredet hätten, jedes von seiner Seite zur selben Stunde, beinahe zur selben Minute einzutreffen, um an einem und demselben Kampfe Theil zu nehmen.
War es vielleicht das Corps des Generals Naselli, der von Florenz herbeikam, und war Mack ein geschickterer Feldherr, als man geglaubt? Plötzlich stieß der Adjutant Villeneuve einen Freudenruf aus, streckte die Hände nach der Staubwolke, welche auf der Straße von Viterbo zwischen Ronciglione und Monterosse von dieser zahlreichen Truppenmasse aufgewirbelt ward, aus und rief:
»Mein General, die dreifarbige Fahne!«
»Ha!« rief Championnet, »es sind die Unsrigen Joubert hält Wort.«
Dann richtete er seine Blicke wieder auf die andere Truppenmasse, die von Rieti herkam.
»Morbleu!«, sagte er, »das wäre beinahe zu viel Glück.«
Die Augen Aller, welche den General umringten, richteten sich auf den Punkt, den er mit dem Finger bezeichnete und Aller Mund entrang sich ein einziger Ruf:
»Die dreifarbige Fahne! die dreifarbige Fahne!«
»Es ist Pignatelli und die römische Legion; es ist Kniasewitsch mit seinen Polen, einen Dragonern und Chasseurs; es ist mit einem Worte der Sieg.«
Dann mit stolzer Geberde die Hand gegen Rom ausstreckend, rief der republikanische General: Nun, König Ferdinand, kannst Du, wie Richard der Dritte, deine Krone für ein Pferd anbieten.«
Sechstes Capitel.
Der Sieg
Championnet wendete sich zu seinem Adjutanten Villeneuve und fragte:
»Sehen Sie Macdonald von hier?«
»Ich sehe ihn nicht blos, General,« antwortete der Adjutant, »sondern ich bewundere ihn auch.«
»Und Sie thun wohl daran. Es ist dies eine schöne Studie für Euch junge Leute. So muß man im Feuer stehen.«
»Sie kennen das, General,« sagte Villeneuve.
»Wohlan, reiten Sie hinüber zu ihm, sagen Sie ihm, er solle noch eine halbe Stunde so aushalten und der Tag sei dann unser.«
»Weiter soll ich nichts zur Erklärung hinzufügen?«
»Nein, ausgenommen, daß er, wenn er unter den Neapolitanern eine gewisse Unruhe bemerkt, deren Ursache er sich nicht erklären kann, sich wieder in Angriffscolonne formieren, Sturmschritt schlagen lassen und vorrücken soll. Zwei dieser Herren werden Ihnen folgen, fuhr Championnet fort, indem er auf zwei junge Officiere zeigte, die seine Befehle ungeduldig erwarteten, »um Sie, im Falle Ihnen ein Unglück zustoßen sollte, zu ersetzen. Wie ich hoffe, entgegengesetzten Falls, mein lieber Villeneuve, geht einer von den beiden Herren zu Duhesme und der andere reitet nach den Carrés links. Dort sagen Beide dasselbe und setzen blos hinzu: »Der General verantwortet Alles.«
Die drei Officiere sprengten, stolz darauf, von Championnet gewählt worden zu sein, im Galoppe davon, um sich ihres Auftrages zu entledigen.
Championnet folgte ihnen mit den Augen. Er sah die braven jungen Männer sich in die glühende Hölle hineinwagen und sich jeden auf den ihm angewiesenen Posten begeben.
»Wackere Jugend,« murmelte er, »mit solchen Männern müßte man sehr ungeschickt sein, wenn man sich schlagen ließe.«
Mittlerweile rückten die beiden republikanischen Corps rasch vor. Die Cavallerie kam voran, die Infanterie marschierte im Sturmschritte, ohne daß irgend etwas ihre Annäherung den Neapolitanern verrieth, welche von ihnen augenscheinlich überrumpelt werden mußten.
Plötzlich bliesen auf den beiden Flanken der königlichen Armee die republikanischen Trompeten zum Angriffe und gleich zwei Lawinen, die Alles, was ihnen im Wege steht, niederwerfen, stürzten sich die beiden Cavalleriecorps auf die compacte Masse, in welche sie der Infanterie den Weg bahnten, während um sie herum drei leichte Feldkanonen manövrierten wie fliegender Donner.
Was Championnet vorausgesehen, geschah.
Die Neapolitaner, welche nicht wußten, woher diese neuen Gegner, die vom Himmel gefallen zu sein schienen, kamen, begannen in Unordnung zu gerathen.
Macdonald und Duhesme erkannten an dem Hin- und Herschwanken des Feindes und an dem Schwächer werden seines Feuers, daß in der Armee des Generals Mack etwas Außerordentliches und Unvorhergesehenes vorging; daß dies wahrscheinlich das war, was Championnet angedeutet, und daß der Augenblick gekommen sei, die von ihm gesendeten Instructionen in Ausführung zu bringen.
Macdonald brach dem zu Folge seine Carrés, Duhesme that dasselbe, die andern Chefs ahmten diese Bewegung nach, die Carrés verlängerten sich zu Colonnen und schlossen sich aneinander an wie die Rümpfe dreier unermeßlicher Schlangen. Der furchtbare Sturmmarsch erdröhnte, die drohenden Bajonnette senkten sich, der Ruf: »Es lebe die Republik!« erscholl und die Neapolitaner wichen vor dem unwiderstehlichen Anprall der furia francese zurück.
»Wohlan, Freunde,« rief Championnet den fünf- bis sechshundert Mann zu, welche er als Reserve zurückbehalten, »man soll nicht sagen, unsere Brüder hätten vor unseren Augen gesiegt, ohne daß wir an dem Siege theilgenommen hätten. Vorwärts!«
Und seine Leute in das furchtbare Kampfgewühl hineinführend, machte auch er seine Bresche in die lebende Mauer.
Mitten in diesem unermeßlichen Wirrwarr hätte sich leicht ein großes Unglück ereignen können. Nachdem die neapolitanische Streitmacht gesprengt war, wie der Keil die Eiche sprengt, stieß das Corps Kellermanns und das, welches von Rieti kam, das heißt Kellermanns Dragoner und Kniasewitschs Polen, auf einander und hielten sich für zwei feindliche Corps.
Die Dragoner hoben schon die Säbel und die Polen senkten die Lanzen, als plötzlich zwei junge Männer mit dem Rufe: »Es lebe die Republik!« in den freien Raum stürzten und sich einander in die Arme warfen.
Diese beiden jungen Männer waren, von Kellermanns Seite, Hector Caraffa, der, wie man sich erinnert, zu Joubert gesendet worden, um diese Verstärkung zu verlangen, und von Kniasewitsch und Pignatellis Seite Salvato Palmieri, welcher eben von Neapel angelangt, um sich wieder seinem Generale zur Verfügung zu stellen, mitten unter die Polen und die römische Legion hineingerathen war.
Beide hatten, der langen Ruhe überdrüssig, von ihrem Muthe und ihrem Hasse geleitet, sich an die Spitze der Colonne gestellt und begegneten nun gleich Schnittern, welche jeder von einem andern Ende des Feldes begonnen haben, einander im Centrum der neapolitanischen Armee.
Sie erkannten einander eben noch zeitig genug, damit nicht Franzosen und Polen auf einander einhieben.
Wenn man sich nach dem, was wir bis jetzt erzählt, einen richtigen Begriff von dem Charakter der beiden jungen Leute gemacht hat, so muß man begreifen, welche reine und tiefe Freude sie empfanden, als sie nach zweimonatlicher Trennung unter dem aus zehntausend Kehlen erschallenden Rufe: »Victoria! Victoria!« einander wieder umarmten.
Und in der That, der Sieg war vollständig.
Die drei Colonnen Duhesmes und Macdonald's waren ebenso wie die unter Kellermann und Kniasewitsch bis in das Herz der neapolitanischen Armee gedrungen und hatten jeden Widerstand vor sich niedergeworfen.
Championnet kam, um die Niederlage vollständig zu machen. Sie war furchtbar, unerhört, unglaublich. Dreißigtausend Neapolitaner flohen besiegt, zerstreut nach allen Richtungen, verfolgt von zwölftausend siegreichen Franzosen, die alle ihre Bewegungen mit unerschütterlicher Kaltblütigkeit kombinierten, um einen an Zahl dreimal überlegenen Feind mit einem einzigen Schlage zu vernichten.
Mitten in diesem furchtbaren Chaos, mitten unter Todten, Sterbenden, Verwundeten, verlassenen Geschützen, geöffneten Munitionswagen, auf dem Boden umhergestreut liegenden Waffen und Gefangenen, die sich tausendweis ergaben, fanden die Anführer sich zusammen.
Championnet schloß Salvato Palmieri und Hector Caraffa in seine Arme und ernannte Beide auf dem Schlachtfelde zu Brigadechefs, indem er ihnen ebenso wie Macdonald und Duhesme alle Ehren eines Sieges ließ, den er geleitet, drückte Kellermann, Kniasewitsch und Pignatelli die Hand, sagte ihnen, daß durch die Rom gerettet sei, daß es aber nicht genüge, Rom zu retten, sondern daß man auch Neapel erobern müsse und daß man demzufolge den Neapolitanern keine Zeit, sich zu erholen, lassen dürfe, sondern sie im Gegentheile aufs Aeußerste verfolgen und wo möglich dem Könige und seiner Armee die Engpässe der Abruzzen abschneiden müsse.
In Gemäßheit des Planes, welchen er seinen Officieren auseinandergesetzt, befahl Championnet den am wenigsten ermüdeten Corps, sich wieder in Marsch zu setzen und den Feind zu verfolgen, oder sogar wo möglich zu überholen.
Salvato Palmieri und Hector Caraffa erboten sich, den Corps, welche über Civita Ducale, Tagliacozzo und Sora in das Königreich beider Sicilien einbrechen sollten, als Führer zu dienen. Championnet nahm dieses Anerbieten an, Maurice Mathieu und Duhesme wurden mit dem Commando der beiden Avantgarden beauftragt, welche die eine über Albano und Terracina, die andere über Tagliacozzo und Sora vorrücken sollten.
Unter ihren Befehlen sollten sie Kniasewitsch und Pignatelli, Lemaire, Rusca und Casabianca haben, welche man benachrichtigen würde, daß sie ihre Positionen aufzugeben hätten, während Championnet und Kellermann die verschiedenen zerstreuten Corps sammeln, im Vorbeimarschiren Lahure in Regnano mitnehmen, wieder in Rom einziehen und hier wieder die republikanische Regierung einsetzen sollten. Dann sollte die französische Armee, ihrer Avantgarde so schnell als möglich folgend, sofort gegen Neapel marschieren.
Nachdem man diesen Kriegsrath zu Pferde unter freiem Himmel, mit den Füßen im Blute, gehalten, begann man die Trophäen zu sammeln.
Dreitausend Todte lagen auf dem Schlachtfelde, ebenso viel Verwundete und fünftausend Gefangene waren entwaffnet und nach Civita Castellana geführt, achttausend Gewehre lagen auf dem Boden umhergestreut, dreißig Kanonen und sechzig Munitionskarren rechtfertigten, von ihren Artilleristen und ihren Pferden verlassen, die Prophezeihung Championnets, welcher gesagt, daß mit zwei Millionen Patronen es zehntausend Franzosen niemals an Kanonen fehlen würde.
Mitten unter den Bagagewagen und allen sonstigen in die Gewalt der republikanischen Armee gefallenen Kriegsgeräthschaften brachte man dem General Championnet auch zwei Wagen voll Gold.
Es war dies die Kriegscasse der königlichen Armee, eine Summe von nicht weniger als sieben Millionen.
Ein Theil der von Sir William auf die Bank von England ausgestellten, von Nelson endossirten und von dem Hause Backer discontierten Tratte sollte daher zur Zahlung des rückständigen Soldes der französischen Armee verwendet werden.
Jeder Soldat erhielt hundert Francs. Dies machte im Ganzen eine Million und zweihunderttausend Francs. Der Antheil der Todten ward ebenfalls berechnet und unter die Ueberlebenden verheilt. Jeder Corporal erhielt hundertundzwanzig Francs, jeder Sergeant hundertundfünfzig, jeder Souslieutenant vierhundert, jeder Lieutenant sechshundert, jeder Capitän tausend, jeder Oberst fünfzehnhundert, jeder Brigadechef zweitausendfünfhundert, jeder General viertausend.
Die Vertheilung geschah noch denselben Abend bei Fackelschein durch den Zahlmeister der Armee, der seit dem Beginne des Feldzuges von 1792 sich noch nie so reich gesehen.
Fünfzehnhunderttausend Francs beschloß man zu reservieren, um Kleidungsstücke und Schuhwerk für die Soldaten zu kaufen, der Rest, das heißt beinahe vier Millionen, ward nach Frankreich geschickt.
In seinem Briefe an das Direktorium, worin Championnet seinen Sieg meldete und die Namen aller derer nannte, welche sich ausgezeichnet, legte er zugleich Rechenschaft ab über die drei Millionen und fünf- oder sechshunderttausend Francs, die er verheilt, oder über deren Verwendung er Bestimmung getroffen.
Dann fragte er, ob die Herren Directoren ihn ermächtigen wollten, auch für sich die Summe von viertausend Francs zu behalten, die er an die übrigen Generale vertheilen lassen, die er aber sich nicht erlaubt, auch sich selbst zuerkennen.
Die Nacht war eine Festnacht. Die Verwundeten unterdrückten ihr Aechzen, um ihre Waffengefährten nicht traurig zu stimmen. Die Todten wurden vergessen. War es für sie nicht genug, an einem Siegestage gestorben zu sein? Mittlerweile hatte König Ferdinand, der in Rom geblieben war, dieselbe Lebensweise begonnen, die er gewohnt war in Neapel zu führen.
Selbst am Tage der Schlacht war er mit einem Gefolge von dreihundert Mann nach Corneto auf die Wildschweinsjagd gegangen, und da es unmöglich gewesen war, in Rom eine Meute gute Hunde zusammenzubringen, so hatte er seine Hunde in Bagagewagen mit Postpferden aus Neapel holen lassen.
Am Abend vorher hatte er von Mack eine zwei Uhr Nachmittags in Baccano geschriebene Depesche erhalten. Die selbe war in folgenden Worten abgefaßt:
»Sire, ich habe die Ehre. Ew. Majestät zu melden, daß ich heute die französische Avantgarde angegriffen habe, welche nach kräftigem Widerstande vernichtet worden ist. Der Feind hat fünfzig Mann verloren, während die allgütige Vorsehung erlaubt hat, daß wir nur einen Todten und zwei Verwundete haben.
»Man versichert mir, daß Championnet die Keckheit hat, mich in Civita Castellana zu erwarten. Morgen mit Tagesanbruch marschiere ich gegen ihn, und wenn er sich nicht zurückzieht, so zermalme ich ihn.
»Um acht Uhr Morgens werden Ew. Majestät meine Kanonen oder vielmehr Ihre Kanonen hören und können dann sagen: Der Tanz hat begonnen!
»Heute Abend rückt ein Corps von viertausend Mann aus, um die Engpässe von Ascoli zu forcieren, und mit Tagesanbruch ein ebenso starkes Corps, um den von Terni zu passieren und dem Feind in den Rücken zu fallen, während ich ihn von vorn angreifen werde. Morgen, so Gott will, erhalten Ew. Majestät gute Nachrichten von Civita Castellana, und wenn Sie ins Theater gehen, so hören Sie vielleicht im Zwischenacte, daß die Franzosen die römischen Staaten geräumt haben.
»Ich habe die Ehre, in tiefster Unterthänigkeit zu verharren 2c.
»Mack.«
Dieser Brief war dem Könige sehr angenehm gewesen. Er hatte denselben beim Dessert erhalten und laut vorgelesen; dann hatte er seine Partie Whist gemacht, dem Marquis Malaspina hundert Ducaten abgewonnen und sich darüber sehr gefreut, denn der Marquis Malaspina war sehr arm. Dann hatte er sich niedergelegt, in einem Striche bis sechs Uhr geschlafen, wo man ihn geweckt, war um halb sieben Uhr nach Corneto aufgebrochen, hier um zehn Uhr angelangt, hatte gehorcht, den Kanonendonner gehört und gesagt:
»Das ist Mack, welcher Championnet zermalmt. Der Tanz hat begonnen.«
Dann war die Jagd angegangen. Der König hatte mit eigener Hand drei Wildschweine erlegt, war sehr zufrieden nach Rom zurückgekehrt, hatte einen Seitenblick auf die Engelsburg, deren dreifarbige Fahne ein Auge sehr unangenehm berührte, geworfen, sein Gefolge belohnt und regalirt und dann sagen lassen, daß er das Theater Argentina besuche, wo man »il Matrimonio segreto« von Cimarosa und ein Gelegenheitsballet unter dem Titel: »Der Einzug Alexanders in Babylon« aufführte.
Es versteht sich von selbst, daß unter Alexander Niemand anders zu verstehen war als der König Ferdinand.
Der König dinierte behaglich mit seinen Vertrauten, dem Herzoge von Ascoli, dem Marquis Malaspina, dem Herzoge de la Salsandra, seinem Oberjägermeister, den er mit seinen Hunden zugleich von Neapel hatte kommen lassen, seinem ersten Stallmeister, dem Fürsten von Migliano, seinen beiden diensthuenden Hofmarschällen, dem Herzoge von Sora und dem Fürsten Borghese und endlich seinem Beichtvater Rossi, Erzbischof von Nicosia.
Um acht Uhr stieg er in den Wagen und begab sich nach dem festlich erleuchteten Theater Argentina.
Man hatte ihm eine prachtvolle Loge eingerichtet, mit einem in dem dazugehörigen kleinen Salon fertig servierten Tische, damit er in dem Zwischenacte seine Maccaroni essen könnte, wie in Neapel. Da bekannt geworden war, daß dieses Schauspiel noch außer dem auf dem Zettel angekündigten stattfinden würde, so war das Haus bis zum Brechen gefüllt.
Der Eintritt des Königs ward mit rauschendem Beifalle begrüßt.
Er hatte in dem Palaste Farnese Befehl zurückgelassen, ihm die Couriere, welche vielleicht vom General Mack anlangten, in das Theater nachzuschicken, und der seinerseits ebenfalls hiervon benachrichtigte Regisseur hielt sich in großem Kostüm bereit, den Vorhang aufziehen zu lassen und dem Publicum zu verkünden, daß die Franzosen die römischen Staaten geräumt hätten.
Der König hörte Cimarosas Meisterwerk mit einer Zerstreutheit, die er nicht bemeistern konnte. Zu allen Zeiten für den Zauber der Musik nicht sonderlich zugängig, war er diesen Abend noch gleichgültiger als an andern Abenden. Es war ihm immer, als hörte er noch den Kanonendonner vom Vormittag, und er lauschte weit mehr auf das Geräusch, welches sich im Corridor vernehmen ließ, als auf die Töne des Orchesters und der Sänger.
Die Oper war zu Ende. Man rief den Castraten Veluti heraus, welcher, obschon über vierzig Jahre alt und außerhalb des Theaters gesehen sehr runzelig, die Liebhaberinnen immer noch mit dem größten Erfolge spielte und nun bescheiden mit dem Fächer in der Hand, die Augen niederschlagend, als ob er erröthete, herauskam, um dem Publikum seine drei Reverenzen zu machen.
Zwei Lakaien in großer Livrée trugen nun die servierte Tafel in die Loge des Königs. Auf dieser Tafel standen zwei Armleuchter, jeder mit zwanzig Kerzen, und zwischen denselben eine riesige Schüssel Maccaroni mit einer appetitlichen Tomatoschicht bedeckt.
Nun war die Reihe, seine Vorstellung zu geben, an dem König.
Er näherte sich dem Rande der Loge, und verkündete durch eine gewohnte Pantomime dem römischen Publikum, daß es die Ehre haben solle, ihn seine Maccaroni nach Art Polichinells essen zu sehen.
Das römische Publikum, welches in seinen Kundgebungen etwas zurückhaltender ist, als das neapolitanische, nahm diese mimische Verkündigung ziemlich kalt hin. Der König machte aber dem Parterre eine Geberde, welche sagen wollte:
»Ihr wißt nicht, was Ihr sehen werdet. Wenn Ihr es gesehen habt, werdet Ihre eine ganz andere Meinung von mir bekommen.«
Dann wendete er sich zu dem Herzoge von Ascoli und sagte:
»Es scheint hier eine Cabale im Spiele zu sein.«
»Dann ist es nur ein Feind mehr, über welchen Ew. Majestät triumphieren werden,« antwortete der Höfling.
Der König dankte seinem Freunde durch ein Lächeln, nahm die Maccaronischüssel in die eine Hand, trat an den Rand der Loge, bewirkte mit der andern Hand die Mischung des goldenen Apfels mit dem Teige und öffnete, nachdem diese Mischung bewirkt war, einen unverhältnißmäßig großen Mund, in welchen er mit der die Gabel verschmähenden Hand eine Cascade von Maccaroni hinabschleuderte, welche man nur mit jener berühmten Cascade von Terni vergleichen konnte, welche der General Lemoine von Championnet beauftragt war gegen die Neapolitaner zu vertheidigen.
Bei diesem Anblicke brachen die Römer, die sonst so ernst sind und von der Würde eines Staatsoberhauptes einen so hohen Begriff bewahrt haben, in lautes Gelächter aus.
Es war nicht mehr ein König, den sie vor Augen hatten, es war vielmehr Pasquino, es war Marforio, ja es war noch weniger als dies, es war der groteske Narr Osque Pulcinella.
Der König, der durch dieses Gelächter, welches er für Beifall hielt, ermuthigt ward, hatte schon die Hälfte seiner Schüssel geleert und schickte sich eben an, die den Rest bildende dritte Cascade zu verschlingen, als plötzlich die Thür der Loge sich mit einem solchen gegen alle Regeln der Etikette verstoßenden Geräusch öffnete, daß er mit offenem Munde und emporgehobener Hand sich auf dem Absatze herumdrehte, um zu sehen, wer der Unverschämte sei, welcher sich erlaubte, ihn mitten in dieser wichtigen Beschäftigung zu stören.
Der Unverschämte war der General Mack in eigener Person, aber so bleich, so verstört und so mit Staub bedeckt, daß der König, ohne erst zu fragen, was für Nachrichten er brächte, seine Schüssel fallen ließ und sich mit seinem Battisttuche die Finger wischte.
»Was gibt es?« fragte er dann.
»Ach, Sire,« antwortete Mack.
Beide hatten sich verstanden.
Der König trat rasch in den Salon der Loge, indem er die Thür hinter sich verschloß.
»Sire,« sagte der General, »ich habe das Schlachtfeld und die Armee verlassen, um Ew. Majestät selbst zu sagen, daß Sie keinen Augenblick zu verlieren haben.«
»Um –?«
»Um Rom zu verlassen.«
»Um Rom zu verlassen?«
»Ja, wenn Sie nicht Gefahr laufen wollen, daß die Franzosen die Engpässe der Abruzzen noch vor Ihnen erreichen.«
»Die Franzosen eher als ich in den Engpässen der Abruzzen! Mannaggio san Gennaro! Ascoli! Ascoli!«
Der Herzog trat in den Salon.
»Sage den Anderen, daß sie bis zu Ende der Vorstellung bleiben, hörst Du? Es kommt viel darauf an, daß man sie in der Loge sehe, damit man nichts ahne, Du kommt mit mir.«
Der Herzog von Ascoli übermittelte den Befehl des Königs den Höflingen, die sich über diese plötzliche Störung den Kopf zerbrachen, dennoch aber weit entfernt waren, die ganze Wahrheit zu ahnen. Dann eilte er dem Könige nach, welcher schon den Corridor erreicht hatte und zurückrief:
»Ascoli, Ascoli! so komm' doch, Du Dummkopf! Hast Du nicht gehört, daß der berühmte General Mack sagte, es sei kein Augenblick zu verlieren, wenn nicht diese schuftigen Franzosen noch vor uns in Sora anlangen sollen?«
Siebentes Capitel.
Die Rückkehr
Mack hatte Recht gehabt, die Schnelligkeit der Bewegungen der französischen Armee zu fürchten. Schon in der Nacht, welche auf die Schlacht gefolgt war, hatten die beiden Avantgarden, die eine von Salvato Palmieri, die andere von Hector Caraffa geführt, den Weg nach Civita Ducale eingeschlagen, in der Hoffnung, die eine über Tagliacozzo und Capistrello nach Sora, und die andere über Tivoli, Palestrina, Valmontone und Ferentina nach Caprano zu gelangen, und auf diese Weise den Neapolitanern den Engpaß der Abruzzen zu versperren.
Was Championnet betraf, so sollte er, nachdem er seine Geschäfte in Rom beendet hätte, den Weg durch die pontinischen Sümpfe nach Velletri und Terracina nehmen.
Bei Tagesanbruch brach er, nachdem er Lemoine und Casabianca von dem am vorigen Tage erfochtenen Sieg in Kenntniß setzen lassen und ihnen befohlen, auf Civita Ducale zu marschieren, um zu den Armeecorps unter Macdonald und Duhesme zu stoßen, und mit denselben gemeinschaftlich den Weg nach Neapel einzuschlagen, mit seinen sechstausend Mann auf, um nach Rom zurückzukehren, legte an diesem Tage fünfundzwanzig italienische Meilen zurück, campirte in der Storta und erschien am nächstfolgenden Morgen acht Uhr an der Porta del Popolo, zog unter den Begrüßungsalven der Engelsburg in Rom wieder ein, besetzte das linke Tiberufer und erreichte den Palast Corsini, wo er, wie der Baron von Reischach ihm versprochen, Alles noch an demselben Platze fand, wo er es gelassen.
Noch denselben Tag ließ er folgende Proclamation anschlagen: .
Römer!
»Ich hatte Euch versprochen, vor Ablauf von zwang Tagen wieder in Rom zu sein. Ich halte Wort, ich bin schon am siebzehnten wieder da.
»Die Armee des neapolitanischen Despoten hat gewagt, der französischen Armee den Kampf anzubieten.
»Eine einzige Schlacht ist hinreichend gewesen, sie zu vernichten, und von der Höhe eurer Wälle könnt Ihr ihre Trümmer nach Neapel fliehen sehen, wohin unsere siegreichen Legionen ihr voran eilen werden. Dreitausend Todte und fünftausend Verwundete bedeckten gestern das Schlachtfeld von Civita Castellana. Die Todten werden das ehrenvolle Begräbniß des auf dem Schlachtfelde gefallenen Soldaten, das heißt das Schlachtfeld selbst, finden. Die Verwundeten werden als Brüder behandelt werden, denn sind dies nicht alle Menschen vor den Augen des Ewigen, der sie geschaffen?
»Die Trophäen unseres Sieges sind fünftausend Gefangene, acht Fahnen, zweiundvierzig Kanonen, achttausend Flinten, sämtliche Munition, sämtliche Bagage, sämtliche Lagereffecten und endlich die Kriegskasse der neapolitanischen Armee.
»Der König von Neapel ist auf der Flucht, um seine Hauptstadt wieder zu erreichen, in welche er, begleitet von den Verwünschungen seines Volkes und von der Verachtung der Welt, in schimpflicher Weise wieder einziehen wird.
»Noch einmal, der Gott der Armeen hat unsere Sache gesegnet – es lebe die Republik!
»Championnet.«
Noch denselben Tag ward die republikanische Regierung in Rom wieder eingesetzt. Die beiden dem Tode auf so wunderbare Weise entronnenen Consuln Mattei und Zaccalone hatten ihren Posten wieder übernommen, und auf der Stelle, wo das zur Schande der Menschheit von dem römischen Pöbel zerstörte Grabmal Duphots gestanden, errichtete man einen Sarkophag, an welchen man in Ermangelung der den Hunden vorgeworfenen Ueberreste seinen glorreichen Namen schrieb.
Der König von Neapel hatte, wie Championnet gesagt, die Flucht ergriffen; da aber gewisse Seiten dieses seltsamen Charakters unseren Lesern unbekannt bleiben würden, wenn wir uns, wie Championnet in seiner Proclamation, damit begnügen wollten, diese Thatsache einfach zu erwähnen, so werden wir sie um die Erlaubniß bitten, ihn auf seiner Flucht zu begleiten.
An der Thürdes Theaters Argentina hatte Ferdinand seinen Wagen gefunden und war mit Mack hineingesprungen, während er Ascoli zurief, hinter ihnen einzusteigen.
Mack hatte sich ehrerbietig auf den Vordersitz gesetzt.
»Setzen Sie sich hinter, Herr General,« sagte der König, der seinem Hang zum Spott nicht widerstehen konnte, ohne zu bedenken, daß er sich selbst verspottete. »Ich glaube, Sie werden noch einen hinreichend langen Weg rückwärts zu machen haben, ohne daß Sie damit eher anzufangen brauchen, als es unbedingt nothwendig ist.«
Mack stieß einen Seufzer aus und setzte sich neben den König.
Der Herzog von Ascoli nahm auf dem Vordersitze Platz. Man fuhr an dem Palast Farnese vor. Ein Courier war mit einer Depesche vom Kaiser von Oesterreich eingetroffen. Der König öffnete sie rasch und las:
»Mein geliebter Bruder, Cousin, Onkel, Schwiegervater und Bundesgenoß.
»Gestatten Sie mir, Ihnen meine aufrichtigen Glückwünsche zu dem Erfolge Ihrer Waffen und zu Ihrem Sieg reichen Einzuge in Rom darzubringen.«
Der König las nicht weiter.
»Nicht übel!« sagte er. »Diese Glückwünsche kommen gerade zur rechten Zeit!«
Und er steckte die Depesche in die Tasche.
Dann sah er sich ringsum und fragte:
»Wo ist der Courier, der diesen Brief gebracht hat?
»Hier bin ich, Sire,« antwortete der Courier, indem er herantrat.
»Ah, Du bist es, mein Freund! Hier hast Du etwas für deine Mühe,« sagte der König, indem er ihm seine Börse gab.
»Werden Euer Majestät die Ehre erzeigen, mir eine Antwort an meinen erhabenen Souverain mitzugeben?«
»Jawohl, nur werde ich Dir dieselbe mündlich ertheilen, weil ich zum Schreiben keine Zeit habe. Nicht wahr, Mack, ich habe keine Zeit?«
Mack schlug die Augen nieder.
»Es thut nichts,« sagte der Courier. »Ich kann Eurer Majestät dafür bürgen, daß ich ein gutes Gedächtniß habe.«
»So, daß Du sicher bist, deinem erhabenen Souverain zu berichten, was ich Dir sagen werde?«
»Ja, bis auf die kleinste Sylbe.«
»Nun wohl, dann sage ihm in meinem Namen – hörst Du wohl? – in meinem Namen –«
»Ich höre, Sire.«
»Sage ihm, daß sein Bruder und Cousin, Onkel, Schwiegervater und Bundesgenoß, der König Ferdinand, ein Esel ist.«
Der Courier prallte erschrocken einen Schritt zurück.
»Richte diese Botschaft aus bis auf die kleinste Sylbe,« hob der König wieder an, »und Du wirst die größte Wahrheit gesagt haben, welche jemals aus deinem Munde gekommen ist.«
Der Courier zog sich verblüfft zurück.
»Und nun,« sagte der König, »da ich Seiner Majestät dem Kaiser von Oesterreich Alles zu wissen gethan, was ich ihm mitzutheilen hatte, wollen wir aufbrechen?«
»Darf ich mir erlauben, sagte Mack, ›Eurer Majestät bemerklich zu machen, daß es nicht gerathen sein wird, die Ebene von Rom zu Wagen zu passieren?‹
»Und wie wollen Sie denn, daß ich sie passiere? Zu Fuße vielleicht.«
»Nein, wohl aber zu Pferde.«
»Zu Pferde? Und warum denn zu Pferde?«
»Weil Eure Majestät zu Wagen genöthigt sein werde, immer auf der Heerstraße zu bleiben, während Sie zu Pferde im Nothfall einen Querweg einschlagen können. Als vortrefflicher Reiter und mit einem guten Pferde brauchen Sie dann nicht zu fürchten, auf schlimme Begegnungen zu stoßen.«
»Ah malora!« rief der König, »dann kann man also deren machen?« »Wahrscheinlich ist es nicht, aber ich darf Eurer Majestät nicht verschweigen, daß diese nichtswürdigen Jakobiner gewagt haben zu sagen, wenn der König ihnen in die Hände fiele, so –«
»Nun und?«
»So würden sie ihn, wenn es in der Stadt wäre, an den ersten Laternenpfahl, und wenn es auf freiem Felde wäre, an den ersten besten Baum aufknüpfen.«
»Fuimmo, Ascoli! Fuimmo! Was macht Ihr denn dort, Ihr Taugenichtse? Zwei Pferde! Zwei Pferde! Die besten! Diese Spitzbuben würden sicherlich Wort halten. Aber dennoch können wir doch nicht bis nach Neapel reiten.«
»Nein, Sire, antwortete Mack. »In Albano werden Sie den ersten besten Postwagen nehmen.«
»Sie haben Recht. Ein Paar Stiefel! In seidenen Strümpfen kann ich keinen Courierritt machen. Ein Paar Stiefel! Hörst Du, Schuft?«
Ein Lakai stürzte die Treppe hinauf und kam mit einem Paar langer Stiefel zurück.
Ferdinand zog im Wagen seine Stiefel an, ohne sich um seinen Freund Ascoli mehr zu kümmern, als ob derselbe gar nicht existierte.
In dem Augenblicke, wo er mit dem Anziehen seines zweiten Stiefels fertig war, brachte man die beiden Pferde.
»Zu Pferde, Ascoli! Zu Pferde!« sagte Ferdinand.
»Was zum Teufel machst Du denn in der Wagenecke? Ich glaube, Gott verzeihe mir, Du schläft!«
»Zehn Mann Escorte,« rief Mack, »und einen Mantel für Se. Majestät!«
»Ja,« sagte der König, indem er zu Pferde stieg, »zehn Mann Escorte und einen Mantel für mich!«
Man brachte ihm einen Mantel von dunkler Farbe, in welchen er sich hüllte.
Mack stieg ebenfalls zu Pferde.
»Da ich nicht eher ruhig sein werde, als bis ich Euer Majestät außerhalb der Mauern der Stadt sehe, so bitte ich um die Erlaubniß, Sie bis zum Thore San Giovanni begleiten zu dürfen.«
»Glauben Sie denn, daß ich in der Stadt etwas zu fürchten habe, General?«
»Gesetzt der Fall – obschon es nicht wahrscheinlich ist –
»Zum Teufel, rief der König, »gleichviel! Setzen wir den Fall!«
»Gesetzt der Fall, daß Championnet Zeit gehabt hätte, den Commandanten der Engelsburg zu benachrichtigen, und daß die Jakobiner die Thore bewachen.«
»Das ist möglich,« rief der König, »das ist möglich! Brechen wir auf!«
»Brechen wir auf, sagte Mack.
»Nun, welchen Weg werden wir nehmen, General!«
»Ich geleite Sie nach dem einzigen Stadtthore, Sire, von welchem man nicht voraussetzen wird, daß Sie es passieren, weil es dem Thore von Neapel gerade entgegengesetzt ist. Ich geleite Sie demgemäß nach dem sogenannten Volksthore, welches übrigens auch von hier aus das nächste ist. Die Hauptsache für uns ist, so schnell als möglich aus Rom hinauszukommen. Haben wir einmal die Stadt im Rücken, so machen wir die Runde um die Festungswerke, und in einer Viertelstunde sind wir an dem Thor San Giovanni.«
»Diese verwünschten Franzosen müssen doch ganz ausgefeimte Teufel sein, General, daß sie einen so schlauen Mann wie Sie geschlagen haben.«
Während dieses Gespräches hatte man ein Stück Weges zurückgelegt und war bis an das äußerste Ende von Ripetta gelangt.
Der König ergriff Macks Pferd beim Zügel.
»Holla, General, sagte er, »was sind das für Leute, welche zu dem Volksthor hereingezogen kommen?«
»Wenn sie materiell die Zeit gehabt hätten, dreißig Meilen in fünf Stunden zurückzulegen, so würde ich sagen, es seien die Soldaten Eurer Majestät, welche fliehen.«
»Und sie sind es auch, General; sie sind es! O, Sie kennen sie nicht, diese Bürschchen. Wenn es gilt, die Flucht zu ergreifen, so haben die Flügel an den Fersen.«
Der König hatte sich nicht geirrt. Es war in der That der Vortrab der Fliehenden, welche etwas über zwei Meilen in der Stunde zurückgelegt hatten, und wieder in Rom einzuziehen begannen.
Der König hielt sich den Mantel vor das Gesicht und ritt mitten durch sie hindurch, ohne erkannt zu werden.
Einmal aus der Stadt hinaus, schlug der kleine Trupp sich rechts, folgte der Mauer Aurelians, kam an dem Thor San Lorenzo, dann an der Porta Maggiore vorüber, und gelangte endlich an jenes verhängnißvolle Thor San Giovanni, wo der König vor sechzehn Tagen mit so großem Pomp die Schlüssel der Stadt in Empfang genommen hatte.
»Und nun,« sagte Mack, »hier ist die Landstraße, Sire. In einer Stunde werden Sie in Albano sein. Dort sind Sie dann außer aller Gefahr.«
»Sie verlassen mich, General?«
»Sire, meine Pflicht war, vor allen Dingen an den König zu denken. Jetzt ist meine Pflicht, an die Armee zu denken.«
»Gehen Sie und thuen Sie, was Sie können. Was aber auch geschehen möge, so bitte ich Sie, nicht zu vergessen, daß nicht ich es bin, der den Krieg gewollt, und der Sie von Ihren Geschäften, wenn Sie deren in Wien hatten, abgehalten hat, um Sie nach Neapel kommen zu lassen.«
»Ach, leider ist dies sehr wahr, Sire, und ich bin bereit, zu bezeugen, daß es die Königin ist, welche Alles gethan hat. Gott schütze Eure Majestät.«
Mack grüßte den König, setzte sein Pferd in Galopp, und sprengte denselben Weg zurück, welchen er gekommen war.
»Und Dich,« murmelte der König, indem er seinem Pferd die Sporen in die Flanken stieß und die Straße von Albano entlang galoppierte, »und Dich, Dummkopf, hole der Teufel!«
Man sieht, daß seit dem Tage des Staatsraths der König seine Meinung in Bezug auf seinen Obergeneral nicht geändert hatte.
Welche Anstrengungen die zehn Mann der Escorte auch machten, um dem König und dem Herzog von Ascoli zu folgen, so waren doch die beiden vornehmen Cavaliere zu gut beritten, und Ferdinand, welcher den Schritt angab, hatte zu viel Furcht, als daß sie nicht sehr bald einen bedeutenden Vorsprung gewonnen hätten.
Uebrigens darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß bei dem Vertrauen, welches Ferdinand zu seinen Unterthanen hatte, er, im Fall irgend eine Gefahr ihm auf dieser Straße gedroht hätte, die Escorte nicht als eine sehr wirksame Hilfe betrachtete, und als der König und sein Begleiter an die nach Albano hinaufführende Anhöhe gelangten, waren die zehn Reiter schon längst wieder umgekehrt.
Während dieses ganzen Rittes ward der König von panischen Befürchtungen beunruhigt. Wenn es auf der Welt irgend einen Ort gibt, welcher, besonders während der Nacht, gespenstische Erscheinungen darbietet, so ist es die Campagna von Rom mit ihren verfallenen Aquaducten, welche im Finstern einhermarschierenden Reihen von Riesen gleichen, mit ihren Grabmälern, welche plötzlich bald rechts, bald links von der Straße emportauchen, und jenem geheimmißvollen Geräusch, welches dem Wehklagen der Schatten gleicht, denen diese Grabmäler zur Wohnung gedient haben.
Jeden Augenblick näherte Ferdinand sein Pferd dem seines Begleiters, raffte die Zügel zusammen, um es, da nöthig, über den Graben setzen zu lassen, und fragte:
»Siehst Du, Ascoli? Hörst Du, Ascoli?«
Und Ascoli, welcher ruhiger war als der König, weil er muthiger war, schaute sich um und antwortete:
»Ich sehe nichts, Sire;« horchte und antwortete: »Sire, ich höre nichts.«
Und Ferdinand setzte mit seinem gewöhnlichen Cynismus hinzu:
»Ich sagte zu Mack, ich wüßte nicht gewiß, ob ich Muth hätte. Wohlan, jetzt bin ich über diesen Punkt mit mir einig. Ich habe bestimmt keinen Muth.«
So kam man in Albano an. Die beiden Flüchtlinge hatten kaum eine Stunde gebraucht, um diesen Weg zurückzulegen.
Es war beinahe Mitternacht. Alle Thüren waren geschlossen, die des Posthauses ebenso wie die anderen.
Der Herzog von Ascoli erkannte es an der über der Thür befindlichen Ueberschrift, stieg vom Pferde und pochte tüchtig an.
Der Postmeister, der schon seit drei Stunden im Bette lag, kam, wie gewöhnlich, übelgelaunt und murrend, um zu öffnen. Ascoli sprach aber jenes magische Wort, welches alle Thore öffnet:
»Seid unbesorgt; man wird Euch gut bezahlen.«
Das Gesicht des Postmeisters klärte sich sofort auf.
»Was befehlen Ihre Excellenzen?« fragte er.
»Einen Wagen, drei Postpferde und einen Postillon, welcher gut fährt,« sagte der König.
»In einer Viertelstunde sollen Ihre Excellenzen alles dies haben, sagte der Postmeister, und setzte dann, da ein feiner Regen zu fallen begann, hinzu:
»Wollen die Herren nicht mittlerweile in mein Zimmer treten?«
»Ja, ja,« sagte der König, dem plötzlich etwas einfiel, »Du hast Recht, ein Zimmer. Schnell ein Zimmer!«
»Und was soll mit Ihren Pferden geschehen, meine gnädigen Herren?«
»Bringt sie in den Stall. Man wird sie in meinem Namen, im Namen des Herzogs von Ascoli, wieder abholen, hörst Du?«
»Ja, Excellenz.«
Der Herzog von Ascoli sah den König an.
»Ich weiß, was ich sage,« bemerkte Ferdinand. »Gehen wir immer und verlieren wir keine Zeit.«
Der Postmeister führte sie in ein Zimmer, wo er zwei Lichter anzündete.
»Ich habe blos ein Cabriolet zur Verfügung,« sagte er.
»Nun gut, dann nehmen wir das Cabriolet, wenn es nur gut und dauerhaft ist.«
»O, das ist es, Excellenz! Man könnte damit bis in die Hölle fahren.«
»So weit führt unser Weg uns hoffentlich nicht und die Sache ist gut.«
»Dann werden Sie mir also mein Cabriolet abkaufen meine gnädigen Herren?«
»Nein, das nicht; wir lassen Dir aber unsere beiden Pferde da, welche fünfzehnhundert Ducati kosten, Dummkopf.«
»Dann sind die Pferde also mein?«
»Wenn man sie Dir nicht wieder abverlangt. Verlangt man sie zurück, so wird man Dir dein Cabriolet bezahlen; mach' aber nun schnell!«
»Sogleich, sogleich, Excellenz.«
Und der Wirth, welcher nun den König ohne Mantel und seine Brust ganz mit Orden bedeckt sah, entfernte sich, indem er rücklings und sich bis zur Erde verneigend sich zur Thür hinausbewegte.
»Das ist gut,« sagte der Herzog von Ascoli. »Nun werden wir sofort bedient werden. Die Orden Eurer Majestät haben ihre Wirkung gethan.«
»Glaubst Du, Ascoli?«
»Eure Majestät haben es selbst gesehen. Es fehlte nicht viel, so hätte sich dieser Mensch auf allen Vieren entfernt.«
»Nicht wahr, mein lieber Ascoli,« sagte der König in einschmeichelndsten Tone, »nicht wahr, Du weißt nicht, was Du thun sollst?«
»Ich, Sire?«
»Ja, Du,« sagte der König. »Vielleicht aber wirst Du es nicht wollen.«
»Sire!« rief Ascoli in ernstem Tone. »Was Eure Majestät will, das will ich auch.«
»O, ich weiß, daß Du mir ergeben, ich weiß, daß Du mein einziger Freund und der einzige Mensch bist, von welchem ich so etwas verlangen kann.«
»Ist es schwer?«
»So schwer, daß, wenn Du an meiner Stelle wärest und ich an der deinigen, ich nicht wüßte, ob ich für Dich das thun würde, was ich jetzt von Dir verlangen will.«
»O, Sire, das ist kein Grund,« antwortete Ascoli lächelnd.
»Ich glaube, Du zweifelt an meiner Freundschaft?« sagte der König; »das ist nicht recht.«
»Die Hauptsache, worauf es in diesem Augenblicke ankommt, Sire,« entgegnete der Herzog mit Würde, »ist, daß Eure Majestät nicht an der meinigen zweifeln.«
»Und wenn Du mir diesen Beweis gegeben haben wirst, dann werde ich an nichts mehr zweifeln, dafür bürge ich Dir.«
»Aber worin besteht dieser Beweis, Sire? Ich muß mir erlauben, Euer Majestät bemerklich zu machen, daß Sie mit einer wahrscheinlich sehr einfachen Sache viel Zeit verlieren.«
»Ja, einfach ist die Sache, sehr einfach,« murmelte der König. »Also Du weißt doch, womit diese Schufte von Jakobinern mir gedroht haben?«
»Ja, Sie haben gedroht, Eure Majestät aufzuknüpfen, wenn Sie ihnen in die Hände fiele.«
»Wohlan, mein lieber Freund, wohlan, mein lieber Ascoli, es gilt, die Kleider mit mir zu wechseln.«
»Ja,« sagte der Herzog, »damit, wenn die Jakobiner uns erwischen –«
»Du verstehst mich! Wenn sie uns erwischen, werden sie sich in der Meinung, daß Du der König seist, nur mit Dir beschäftigen. Ich kann dann mittlerweile entschlüpfen, Du gibt Dich hierauf zu erkennen, und hat dann, ohne große Gefahr zu bestehen, den Ruhm, deinem Monarchen das Leben gerettet zu haben. Du begreift also?«
»Es handelt sich durchaus nicht um die mehr oder weniger große Gefahr, die ich bestehe, Sire. Es handelt sich einfach darum, daß ich Eurer Majestät einen Dienst leiste.«
Und der Herzog von Ascoli zog seinen Rock aus, bot ihn dem König dar und sagte weiter nichts als:
»Ich bitte um den Ihrigen, Sire.«
Ein so großer Egoist der König auch war, so fühlte er sich doch durch diese Selbstverläugnung gerührt. Er schloß den Herzog in seine Arme und drückte ihn an sein Herz. Dann zog er seinen eigenen Rock aus, half dem Herzog beim Anziehen desselben mit der Gewandtheit und Schnelligkeit eines erfahrenen Kammerdieners, und knöpfte ihn, was Ascoli auch thun mochte, um ihn davon abzuhalten, von oben bis unten zu.
»So,« sagte der König.
»Nun die Ordensbänder.«
Er begann damit, daß er ihm das des heil. Georg Constantin um den Hals hing.
»Bist Du nicht Comthur des St. Georg-Ordens?« fragte der König.
»Allerdings, aber ohne Comthurei. Eure Majestät hatten immer versprochen, für mich und für die ältesten Söhne meiner Familie eine zu stiften.«
»Ich stifte sie, Ascoli, ich stifte sie mit einer Jahresrente von viertausend Ducati, hörst Du?«
»Ich danke, Sire.«
»Vergiß nicht, mich daran zu erinnern, denn ich wäre im Stande, es zu vergessen.«
»Ja,« sagte der Herzog mit einem kleinen Anflug von Bitterkeit, »Eure Majestät sind sehr zerstreut, das weiß ich.«
»Still! Sprechen wir in einem solchen Augenblicke nicht von meinen Fehlern. Das wäre nicht großmüthig. Du hast aber doch wenigstens den Maria Theresien- Orden?«
»Nein, Sire, diese Ehre habe ich nicht.«
»Sei unbesorgt; ich werde ihn Dir durch meinen Schwiegersohn verleihen lassen. Also, mein armer Ascoli, Du hast nur den St. Januarius-Orden?«
»Ich habe den St. Januarius-Orden ebenso wenig als den Maria Theresien-Orden, Sire.«
»Du hast den St. Januarius-Orden nicht?«
»Nein, Sire.«
»Du hast den St. Januarius-Orden nicht? Cospetto, das ist ja aber eine Schande! Ich verleihe ihn Dir, Ascoli Ich gebe Dir gleich den, welcher sich an meinem Rocke befindet. Du hast ihn redlich verdient. Wie gut Dir dieser Rock sitzt! Man sollte meinen, er wäre für Dich gemacht.«
»Eure Majestät, haben vielleicht nicht bemerkt, daß der erwähnte Orden mit Diamanten besetzt ist.«
»O, das weiß ich recht wohl.«
»Und daß er vielleicht sechstausend Ducati werth ist.«
»Ich wollte, er wäre zehntausend werth. Der König zog seinerseits den Rock des Herzogs an, woran in der That sich weiter nichts als das einfache silberne Kreuz des St. Georg-Ordens befand, und knöpfte ihn rasch zu.
»Es ist eigenthümlich,« sagte er, »wie wohl ich mich in deinem Rocke fühle, Ascoli. Ich weiß nicht wie es kommt, aber in dem meinigen war es mir, als müßte ich ersticken. Ah!«
Und der König athmete tief auf.
In diesem Augenblicke hörte man den Tritt des Postmeisters, welcher sich dem Zimmer näherte.
Der König ergriff den Mantel und schickte sich an, ihr dem Herzog auf die Schultern zu werfen.
»Was wollen Sie denn thun, Sire?« rief Ascoli.
»Ich gebe Ihnen Ihren Mantel um, Sire.«
»Aber ich werde niemals zugeben, daß Eure Majestät –«
»O doch, Du wirst es schon zugeben.«
»Aber, Sire –«
»Ruhe!«
Der Postmeister trat ein.
Die Pferde sind angespannt, meine gnädigen Herren, meldete er. Dann blieb er verwundert stehen. Es schien ihm, als wäre zwischen den beiden Reisenden eine Veränderung vorgegangen, die er sich nicht recht erklären könnte, und als hätte der goldgestickte Rock den Rücken ebenso gewechselt wie die Orden die Brust.
Mittlerweile gab der König dem Herzog von Ascoli den Mantel um.
»Seine Excellenz,« sagte er dann, »wünscht, um unterwegs nicht gestört zu werden, das Postgeld gleich bis nach Terracina zu bezahlen.«
»Nichts leichter als dies,« sagte der Postmeister. »Wir haben acht und eine Viertel Postmeile. Zwei Francs das Pferd, macht dreizehn Ducati. Zwei Pferde Vorspann, jedes zwei Francs, einen Ducato – sind zusammen vierzehn Ducati. Wie viel bezahlen die gnädigen Herren den Postillonen?«
»Einen Ducato, wenn sie gut fahren; nur bezahlen wir die Postillone nicht im voraus, weil sie dann nicht gut fahren würden.«
»Mit einem Ducato Trinkgeld,« sagte der Postmeister, indem er sich vor Ascoli verneigte, »werden Eure Excellenz fahren wie der König.«
»Sehr richtig!« rief Ferdinand, »Seine Excellenz will auch wirklich fahren wie der König.«
»Aber,« sagte der Postmeister, sich immerfort an Ascoli wendend, »wenn Ihre Excellenz so große Eile haben, o könnte man einen Courier vorausschicken, um immer die Pferde bereit halten zu lassen.«
»Ja wohl, ja wohl!« rief der König. »Seine Excellenz hatte nicht daran gedacht. Einen Ducato für den Courier, einen halben Ducato für das Pferd, dies sind noch vier Ducati mehr. Vierzehn und vier ist achtzehn – hier sind zwanzig. Der Ueberschuß ist für die Störung, die wir so spät verursacht haben.«
Und der König bezahlte, nachdem er in die Westentasche des Herzogs gegriffen, mit dessen Gelde, und lachte nicht wenig über den guten Streich, den er ihm spielte.
Der Postmeister nahm ein Licht und leuchtete Ascoli, während Ferdinand diensteifrig sagte:
»Nehmen Sie sich in Acht, Excellenz, hier ist eine Schwelle. Nehmen Sie sich in Acht, Excellenz, hier fehlt eine Stufe in der Treppe. Nehmen Sie sich in Acht, Excellenz, hier liegt ein Stück Holz im Wege.«
Als sie den Wagen erreichten, trat Ascoli, ohne Zweifel aus Gewohnheit, auf die Seite, um den König zuerst einsteigen zu lassen.
– »Nimmermehr, nimmermehr!« rief der König, indem er sich tief verneigte und den Hut abnahm. »Nach Ihnen, Excellenz.«
Ascoli stieg nun zuerst ein, wollte sich aber links setzen.
»Rechts, Excellenz! rechts!« sagte der König. »Es ist schon zu viel Ehre für mich, daß ich mit Ihnen, Excellenz, in einen und denselben Wagen steigen darf.«
Und nach dem Herzog einsteigend setzte der König sich links.
Ehe man es sich versah, war auch der Postillon auf sein Pferd gesprungen, und der Wagen rollte nun rasch in der Richtung nach Velletri entlang.
»Bis Terracina ist Alles bezahlt, ausgenommen der Postillon und der Courier!« schrie der Postmeister noch nach.
»Seine Excellenz bezahlt doppeltes Trinkgeld!« rief der König zurück.
Auf dieses verlockende Versprechen hin knallte der Postillon mit seiner Peitsche und das Cabriolet sauste an den Schatten vorüber, welche man zu beiden Seiten des Weges sich mit außerordentlicher Schnelligkeit bewegen sah.
Diese Schatten beunruhigten den König.
»Mein Freund,« fragte er den Postillon, »was sind das für Leute, welche denselben Weg verfolgen wie wir, und welche laufen, als ob sie gehetzt würden?«
»Excellenz,« antwortete der Postillon, »wie ich gehört, hat heute eine Schlacht zwischen den Franzosen und den Neapolitanern stattgefunden, in welcher letztere geschlagen worden sind. Diese Leute hier sind Flüchtlinge.«
»Meiner Treu,« sagte der König zu Ascoli, »ich glaubte immer, wir wären die Ersten; man hat uns aber überholt. Das ist demüthigend! Was für flinke Beine müssen diese Strolche haben. Postillon, sechs Francs Trinkgeld, wenn Ihr sie überholt!«
Achtes Capitel.
Nelson's Befürchtungen
Während auf der Landstraße von Albano nach Velletri der König Ferdinand an Schnelligkeit mit seinen Unterthanen wetteiferte, ließ die Königin Caroline, welche bis jetzt nur erst den Sieg ihres erhabenen Gemahls kannte, seinen Instructionen gemäß in allen Kirchen das Tedeum und in allen Theatern Jubelcantaten singen.
Jede Hauptstadt, Paris, Wien, London, Berlin, hat ihre Gelegenheitsdichter, aber wir sagen es laut, zum Ruhme der italienischen Musen: kein Land hält in Beziehung aufgereimte oder metrische Lobgesänge einen Vergleich mit Neapel aus.
Es war, als ob seit der Abreise des Königs und besonders seit seinen Erfolgen zwei- bis dreitausend Dichter mit einem Male zur Kenntniß ihres wahren Berufs gekommen wären. Es war ein förmlicher Regen von Oden, Cantaten, Sonetten, Akrostichen, Terzinen, Quatrinen und Distichen, – ein Regen, der in eine förmliche Sündflut überzugehen drohte.
Die Sache war schon so weit gediehen, daß die Königin, welche es für unnöthig hielt, den offiziellen Dichter des Hofes, Signor Vacca, mit einer Arbeit zu beschäftigen, welcher sich so viel andere gewidmet zu haben schienen, ihn nach Caserta hatte kommen lassen, um ihn zu beauftragen, unter den zwei- oder dreihundert Gedichten, welche jeden Tag aus allen Stadttheilen Neapels eingingen, die zehn oder zwölf poetischen Ergüsse zu wählen, welche verdienen würden, im Theater gelesen zu werden, wenn außerordentliche Soirée im Schlosse, und in dem Salon, wenn einfache Soirée wäre.
Sehr gerechterweise aber und da es eine ausgemachte Sache ist, daß es weit mehr ermüdet, zehn- bis zwölftausend Verse täglich zu lesen, als fünfzig oder auch hundert dergleichen zu machen, – was in Anbetracht der Bequemlichkeit, welche die italienische Sprache für diese Art Arbeit darbietet, das für den patentierten Lobredner Seiner Majestät Ferdinand des Vierten festgesetzte Minimum und Maximum war – hatte man für die ganze Zeit, welche diese Ueberflutung von Poesie und diese Arbeit, der er sich nicht entziehen konnte, dauern würde, den Gehalt des Signor Vacca verdoppelt.
Der Tag des 9. December 1798 hatte mitten unter den arbeitsvollen Tagen, die ihm vorausgegangen waren, Epoche gemacht. Der Signor Vacca hatte im Ganzen genommen neunhundert verschiedene Geistesproducte durchgemacht, nämlich hundert und fünfzig Oden, hundert Cantaten, dreihundert und zwanzig Sonette, zweihundert und fünfzehn Akrostichen, achtundvierzig Quatrinen und fünfundsiebzig Distichen.
Eine Cantate, welche der Capellmeister Cimarosa sofort in Musik gesetzt, vier Sonette, drei Akrostichen, eine Quatrine und zwei Distichen waren des Vorlesens im Theater des Schlosses von Caserta, wo an diesem selben Abend des 9. December eine außerordentliche Vorstellung stattgefunden hatte, würdig erachtet worden.
Diese Vorstellung bestand aus der Oper »Die Horatier« von Dominico Cimarosa und einem der dreihundert Ballete, welche in Italien unter dem Titel »die Gärten der Armida« componiert worden sind.
Man hatte die Cantate gesungen, die beiden Oden declamiert, die vier Sonette, die drei Akrostichen, die Quatrine und die beiden Distichen, aus welchen das poetische Gepäck dieses Abends bestand, gelesen und zwar vor den sechshundert Zuschauern, welche dieser Saal faßt, als gemeldet ward, daß ein Courier angekommen sei, welcher der Königin einen Brief von ihrem erhabenen Gemahl bringe, welcher Brief, da er die neuesten Nachrichten vom Kriegstheater enthalte, der Versammlung mitgetheilt werden sollte.
Man klatschte in die Hände, man verlangte mit Enthusiasmus das Vorlesen des Briefes, und der kluge Ritter Ubaldo, welcher sich bereit hielt, durch einen kurzen Pfiff mit seinem silbernen Stäbchen die Ungeheuer zu zerstreuen, welche die Zugänge zu Armida's Palast bewachen, ward beauftragt, das Publicum von dem Inhalt des königlichen Schreibens in Kenntniß zu setzen.
Er trat vor in seinem Harnisch, mit einem roth und weißen Federbusch, den Nationalfarben des Königreiches beider Sicilien, auf dem Helm, verneigte sich dreimal, küßte ehrerbietig die Unterschrift und las dann in lautem, verständlichem Tone den Zuschauern folgenden Brief vor:
»Liebe Gemahlin!
»Heute Morgen war ich auf der Jagd von Corneto, wo man für mich Ausgrabungen von etruskischen Grabmälern veranstaltet, welche, wie man behauptet, dem grauen Alterthum angehören. Es wäre dies ein großes Fest für Sir William gewesen, wenn seine Faulheit ihm gestattet hätte, Neapel zu verlassen. Da ich aber in Cumä und in Sant' Agata dei Goti und in Nola Grabmäler habe, die noch viel älter sind als die etruskischen, so ließ ich meine Gelehrten sich nach Belieben daran ergötzen und begab mich sofort nach dem Sammelplatze der Jagd.
»Während der ganzen Zeit, welche diese Jagd dauerte, – die übrigens weit anstrengender und weit weniger ergiebig ist als meine Jagden in Persano oder Asproni, denn ich habe nicht mehr als drei Wildschweine erlegt, von welchen aber eins, welches mir drei meiner besten Hunde ruinierte, über zweihundert Rottoli wog – hörten wir den Kanonendonner in der Richtung von Civita Castellana. Es war Mack, welcher beschäftigt war, die Franzosen genau auf dem Punkte zu schlagen, wo er uns erklärt, daß er sie schlagen würde, was, wie Sie sehen, einer strategischen Wissenschaft zur größten Ehre gereicht. Um halb vier Uhr, in dem Augenblicke, wo ich nach Beendung der Jagd nach Rom zurückkehrte, hatte der Kanonendonner noch nicht aufgehört. Wie es schien, vertheidigten sich die Franzosen, doch ist dies für uns weiter nichts Beunruhigendes, denn sie zählen blos achttausend Mann, und Mack hat deren vierzigtausend.
»Ich schreibe Ihnen, ehe ich mich zu Tische setze. Man erwartete mich nämlich erst um sieben Uhr, ich kann aber schon eine halbe Stunde nach sechs, so daß ich, obschon ich großen Hunger hatte, mein Diner noch nicht fertig fand und mich gezwungen sah, zu warten. Sie sehen aber, daß ich diese halbe Stunde nützlich anwende, indem ich an Sie schreibe.
»Nach dem Diner werde ich in das Theater Argentina gehen und dort »il Matrimonio segreto« hören, worauf ein mir zu Ehren componiertes Ballet stattfinden wird. Es führt den Titel: »Der Einzug Alexanders des Großen in Babylon.« Brauche ich Ihnen, die Sie die personificirte Gelehrsamkeit sind, wohl erst zu sagen, daß dies eine zarte Anspielung auf meinen Einzug in Rom ist? Wenn dieses Ballet so ist, wie man mir versichert, so werde ich den Verfasser desselben nach Neapel schicken, damit er es auf dem Theater San Carlo ebenfalls in Scene setze.
»Im Laufe des Abends erwarte ich die Nachricht von einem großen Siege und werde, sobald ich dieselbe erhalte, sofort wieder einen Courier an Sie abfertigen.
»Da ich vor der Hand weiter nichts hinzuzufügen habe, als daß ich Ihnen und unseren lieben Kindern eine Gesundheit wünsche, welche der meinigen gleicht, so bitte ich Gott, daß er Sie in einen heiligen Schutz nehme.
»Ferdinand B.«
Wie man sieht, verschwand der wichtigere Theil dieses Briefes vollständig unter dem beiläufigen. Es war darin von der Eberjagd, welche der König gehalten, weit mehr die Rede, als von der Schlacht, welche Mack geliefert.
Ludwig der Vierzehnte war der Erste, welcher in seinem autokratischen Stolze sagte: Der Staat, das bin ich! Diese Maxime war aber, schon ehe sie von Ludwig dem Vierzehnten materialisiert ward, die aller despotischen Königsgewalten, und ist es seitdem auch immer geblieben.
Trotz seines egoistischen Anstrichs brachte Ferdinands Brief die Wirkung hervor, welche die Königin davon erwartete, und Niemand erkühnte sich, die Opposition so weit zu treiben, daß er die Hoffnung des Königs in Bezug auf das Ergebniß der Schlacht nicht geheilt hätte.
Als das Ballet zu Ende, das Theater geräumt, die Lichter ausgelöscht und die Gäste wieder in die Wagen gestiegen waren, die fiel nach den in der Nähe von Caserta und Santa Maria gelegenen Landhäusern zurückbringen sollten, kehrte die Königin mit ihren Vertrauten, welche, da sie im Schlosse wohnten, zum Souper bei ihr blieben, in ihre Gemächer zurück.
Diese Personen waren vor allen Emma, die diensthabenden Ehrendamen, Sir William, Lord Nelson, welcher seit erst drei oder vier Tagen von London zurück war, wohin er die achttausend Mann des Generals Naselli geleitet; ferner der Fürst von Castelcicala, dem ein Rang beinahe zur Höhe der erlauchten Wirthe erhob, die ihn zur Tafel luden, oder der edlen Gäste, an deren Seite er Platz nahm, während das Handwerk, zu welchem er sich hergab, ihn moralisch unter das Bedientengeschmeiß stellte, welches ihm aufwartete; ferner Acton, der, da er sich die auf ihm lastende Verantwortlichkeit keineswegs verhehlte, seit einigen Tagen eine verdoppelte Ehrfurcht vor der Königin an den Tag legte, denn er fühlte wohl, daß am Tage des Mißerfolgs, wenn dieser Tag käme, die Königin seine einzige Stütze sein würde.
Außerdem waren an demselben Abend auch noch die beiden alten Prinzessinnen da, welche die Königin in Folge des Umstandes, daß ihr Gemahl sie aufgefordert hatte, nicht zu vergessen, daß die Damen Victoire und Adelaide doch immer die Töchter Ludwigs des Fünfzehnten seien, eingeladen hatte, eine Woche in Caserta zu verleben, und gleichzeitig die sieben Leibgardisten mitzubringen, welche, ohne der neapolitanischen Armee einverleibt zu sein, da sie auf die Empfehlung des Königs von dem Minister Ariola den Sold und den Grad als Lieutenants erhalten, mit den Gardeofficieren essen und wohnen und von diesen fétiert werden sollten, so lange die alten Prinzessinnen von der Königin fétiert würden.
Um die alten Damen bis auf die Person ihrer Leibgardisten zu honorieren, wurden sie ermächtigt, für jeden Abend einen derselben zum Souper einzuladen, der dann für diesen Abend ihr Ehrencavalier ward.
Sie waren seit vorigen Abend angelangt und hatten an diesem die Reihe der Einladungen mit Herrn von Boccheciampe begonnen. An dem heutigen Abend war Jean Baptist von Cesare an der Reihe, und da die Prinzessinnen sich, nachdem sie das Theater verlassen, auf einen Augenblick in ihre Gemächer zurückgezogen hatten, so war Cesare – welcher dem Schauspiele im Parterre, dem Platz der Officiere, beigewohnt – gegangen, um sie aus ihrem Zimmer abzuholen, um sie zur Königin zu begleiten, und sich dieser und ihren vornehmen Gästen vorstellen zu lassen.
Wir haben gesagt, daß Boccheciampe dem corsischen Adel und Cesare einer alten Familie von Caporali, das heißt ehemaligen militärischen Districtscommandanten, angehörte, und daß beide ein sehr angenehmes Aeußeres hatten. Dieses angenehme Aeußere, welches ihm selbst recht wohl bekannt war, hatte Cesare an diesem Abend noch durch Hinzufügung alles dessen zu erhöhen gesucht, was die Toilette eines Lieutenants einem hübschen Gesicht von dreiundzwanzig Jahren und einer distinguierten Haltung hinzuzufügen gestattet.
Dennoch aber konnte dieses hübsche Gesicht von dreiundzwanzig Jahren und diese Haltung, so distinguiert sie auch war, nicht der alleinige Grund des Rufes sein, welchen die Königin bei einem Anblick ausstieß, und der von Emma, von Acton, von Sir William und von beinahe allen Gästen wiederholt ward.
Dieser Ruf war ganz einfach ein Ruf des Erstaunens über die außerordentliche Aehnlichkeit, welche Jean Baptiste von Cesare mit dem Prinzen Franz, Herzog von Calabrien, hatte. Es war derselbe rosige Teint, dieselben hellblauen Augen, dasselbe blonde Haar, nur ein wenig dunkler, derselbe Wuchs, nur vielleicht ein wenig länger und schlanker.
Cesare, welcher den Thronerben niemals gesehen, und folglich nichts von der Gunst wußte, welche der Zufall ihm durch diese Aehnlichkeit mit einem Königssohne erzeigt, erschrak anfangs ein wenig über diesen geräuschvollen Empfang, den er natürlich nicht erwartet hatte.
Er zog sich jedoch als Mann von Geist aus der Affaire, indem er sagte, der Prinz werde hoffentlich ihm die unfreiwillige Kühnheit, ihm ähnlich zu sehen, verzeihen, und was die Königin beträfe, so werde sie, da alle ihre Unterthanen ihre Kinder wären, keinen Groll gegen die hegen, welche für sie nicht blos das Herz, sondern auch die Aehnlichkeit eines Sohnes hätten.
Man setzte sich zu Tische. Das Souper war sehr heiter. Die beiden alten Prinzessinnen hatten, indem sie sich so in eine Umgebung versetzt sahen, welche an Versailles erinnerte, beinahe den Verlust vergessen, den sie durch den Tod ihrer Schwester erlitten, einen Verlust, über den sie sich nicht trösten zu können geglaubt. Es ist jedoch ein Vorrecht der Hoftrauer, daß sie in Violet getragen wird und nur drei Wochen dauert.
Das Souper war ganz besonders um dessentwillen so heiter, weil alle Welt ebenso wie der König und nach den Mittheilungen des Königs überzeugt war, daß zur gegenwärtigen Stunde der Kanonendonner, den man gehört, die Niederlage der Franzosen verkünde. Diejenigen, welche nicht so fest davon überzeugt waren, oder wenigstens die, welche unruhiger waren als die andern, thaten sich Gewalt an, und suchten ihre Physiognomien mit den lachendsten Gesichtern auf gleiches Niveau zu bringen.
Nur Nelson schien, trotz der Flammengluten, womit Emma Lyonna's Blick ihn gleichsam überschwemmte, ein wenig nachdenklich zu sein, und stimmte nicht mit in den allgemeinen Hoffnungschor ein, womit man dem Haß und dem Stolz der Königin schmeichelte.
Caroline bemerkte endlich diese Zerstreutheit des Siegers von Abukir, und da sie dieselbe nicht auf Rechnung von Emmas Sprödigkeit bringen konnte, so erkundigte sie sich endlich bei ihm selbst nach den Ursachen seines Schweigens und Mangels an Frohsinn.
»Ew. Majestät wünscht zu wissen, welche Gedanken mich beschäftigen?« fragte Nelson. »Wohlan, selbst auf die Gefahr hin, daß meine Freimüthigkeit der Königin mißfalle, muß ich als einfacher, gerader Seemann, der ich bin, sagen: Majestät, ich bin unruhig.«
»Unruhig! Und warum Mylord?«
»Weil ich es immer bin, wenn ich Kanonendonner höre.«
»Mylord,« sagte die Königin, »wie mir scheint, vergessen Sie, was dieser Kanonendonner für Sie zu bedeuten hat.«
»Sehr richtig, Madame, und weil ich mich des Briefes erinnere, auf welchen Sie hindeuten, ist meine Unruhe eine doppelte, denn wenn Eurer Majestät ein Unglück zustieße, so würde diese Unruhe sich in Reue und Gewissensbisse verwandeln.«
»Aber warum haben Sie dann jenen Brief geschrieben?«, fragte die Königin.
»Weil Sie mir versichert hatten, Madame, daß Ihr Schwiegersohn, der Kaiser von Oesterreich, gleichzeitig mit Ihnen ins Feld rücken würde.«
»Und wer sagt Ihnen, daß dieses nicht geschehen ist, oder nicht geschehen wird?«
»Wenn es geschehen wäre, Madame, so müßten wir etwas davon wissen. Ein deutscher Kaiser setzt sich nicht mit einer Armee von zweihunderttausend Mann in Marsch, ohne daß die Erde ein wenig erzittert, und wenn er jetzt noch nicht ins Feld gerückt ist, so wird es auch vor dem Monat April nicht geschehen.«
»Aber,« fragte Emma, »hat er nicht dem König geschrieben, daß dieser ins Feld rücken solle, und versichert, daß er, sobald der König in Rom wäre, sich mit seine Armee ebenfalls in Marsch setzen werde?«
»Ja, ich glaube,« stammelte die Königin.
»Haben Sie diesen Brief mit Ihren eigenen Augen gesehen, Madame?« fragte Nelson, indem er sein graues Auge auf die Königin heftete, als ob dieselbe eine ganz einfache gewöhnliche Frau wäre.
»Nein, der König hat es aber Acton gesagt,« entgegnete die Königin stammelnd. »Uebrigens aber, selbst wenn wir uns getäuscht haben sollten, oder wenn der Kaiser von Oesterreich uns getäuscht hätte, wäre dies für uns wohl Grund, zu verzweifeln?«
»Ich sage nicht gerade, daß wir Grund haben, zu verzweifeln, aber wohl fürchte ich, daß die neapolitanische Armee allein nicht stark genug wäre, den Anprall der Franzosen auszuhalten.«
»Wie, Sie glauben, daß die zehntausend Mann Franzosen des Generals Championnet sechzigtausend Mann Neapolitaner besiegen können, die von dem General Mack befehligt werden, der für den ersten Strategen Europas gilt?«
»Ich sage, Madame, daß der Ausgang jeder Schlacht zweifelhaft ist, daß das Schicksal Neapels von der abhängt, welche gestern geliefert worden; ich sage endlich, daß, wenn Mack unglücklicherweise geschlagen wäre, die Franzosen binnen vierzehn Tagen in Neapel sein würden.«
»Mein Gott, was sagen Sie da?«, murmelte Madame Adelaide erbleichend. »Wie? Wir sollten abermals genöthigt sein, wieder zum Pilgerstabe zu greifen? Hören Sie, meine Schwester, was Mylord Nelson sagt?«
»Ich höre es,« antwortete Madame Victoire mit einem Seufzer der Resignation. »Ich stelle aber unsere Sache dem Herrn anheim.«
»Dem Herrn? Das ist vom Standpunkt der Religion aus sehr gut gesagt; nach meiner Ansicht aber sind dem Herrn schon so viel Sachen, die der unseren gleichen, anheimgestellt, daß er nicht Zeit hat, sich damit zu beschäftigen.«
»Mylord, sagte die Königin zu Nelson, auf dessen Worte sie mehr Gewicht legte, als sie sich selbst merken lassen wollte; »Sie haben dann also eine sehr geringe Meinung von unsern Soldaten, wenn Sie glauben, daß sie nicht einmal sechs gegen einen die Republikaner schlagen können, welche Sie mit Ihren Engländern in gleicher, oft sogar in geringerer Zahl angreifen.«
»Auf dem Meere, ja, Madame, weil das Meer das Element der Engländer ist. Auf einer Insel geboren werden ist dasselbe, wie auf einem vor Anker liegenden Schiffe geboren werden. Auf dem Meere, dies sage ich dreist, nimmt ein englischer Seemann es mit zwei französischen auf, auf dem Lande aber ist es etwas Anderes. Das was die Engländer zur See sind, das sind die Franzosen zu Lande. Madame, Gott weiß, ob ich die Franzosen hasse! Gott weiß, ob ich geschworen habe, einen Vertilgungskrieg gegen sie zu führen! Gott weiß endlich, ob ich wünsche, daß Alles, was von dieser nichtswürdigen Nation, die ihren Gott verläugnet und ihrem König den Kopf abschneidet, noch übrig ist, in einem Schiffe wäre und daß ich mit dem armen »Vanguard«, so verstümmelt er auch ist, dieses Schiff entern könnte! Wenn man aber auch einen Feind verabscheut, so ist dies noch kein Grund, ihm nicht Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Haß ist nicht Verachtung. Wenn ich die Franzosen verachtete, so würde ich mir nicht die Mühe nehmen, sie zu hassen.«
»Aber, Mylord, sagte Emma mit einer jener anmuthigen verführerischen Kopfbewegungen, die nur ihr eigen waren, spielen Sie doch nicht die Rolle des Unglücksvogels! Die Franzosen werden zu Lande von dem General Mack eben so geschlagen werden, wie sie zur See von dem Admiral Nelson geschlagen worden sind. – So eben höre ich den Knall einer Peitsche, der uns neue Nachrichten verkündet. Hören Sie, Madame? Hören Sie, Mylord!? – Ganz gewiß ist das der Courier, den der König uns versprochen hat.«
Und in der That hörte man das wiederholte Knallen einer Peitsche sich rasch dem Schlosse nähern.
Es war nicht schwer zu errathen, daß das Knallen dieser Peitsche die schallende Musik war, wodurch die Postillone ihre Ankunft zu verkünden pflegen. Gleichzeitig aber – und dieser Umstand mußte etwas unerklärlich erscheinen – hörte man das Rollen eines Wagens. Dennoch erhoben sich Alle unwillkürlich und lauschten.
Acton that noch mehr. Er war von Allen offenbar am aufgeregtesten und wendete sich nach der Königin herum.
»Erlauben Euer Majestät, daß ich mich erkundige? fragte er.
Die Königin antwortete durch eine bejahende Kopfbewegung.
Acton eilte nach der Thür und heftete die Augen auf die Gemächer, durch welche die Meldung von dem Eintreffen eines Couriers oder der Courier selbst kommen mußte.
Man hatte das Rollen des Wagens gehört, welcher unter dem Gewölbe der großen Treppe Halt machte.
Plötzlich bewegte Acton, drei Schritte zurückprallend, sich wie ein Mensch, in dessen Auge sich eine unmögliche Erscheinung zeigt, rücklings wieder in den Saal herein.
»Der König!« rief er, »der König! Was soll das heißen?«
Neuntes Capitel.
Alles verloren und die Ehre mit
In der That trat beinahe gleichzeitig der König von dem Herzog von Ascoli gefolgt herein.
Einmal angelangt, und da es nun nichts mehr zu fürchten gab, hatte der König wieder seinen Rang angenommen und war vorangegangen.
Er befand sich in einer eigenthümlichen Gemüthstimmung. Der Verdruß, den ihm seine Niederlage einflößte, kämpfte in ihm mit der Freude, der Gefahr entronnen zu sein, und er empfand jenes ihm angeborene Bedürfniß zu spötteln, welches aber unter den jetzt obwaltenden Umständen ein immer bittreres ward.
Man nehme hierzu das physische Uebelbefinden eines Menschen oder vielmehr eines Königs, welcher fast ohne etwas zu essen an einem kalten Decembertage und in einer regnerigen Nacht sechzig Lieues in einem elenden Caleffino zurückgelegt hat.
»Brrr!« sagte er, indem eintrat und sich die Hände rieb, ohne wie es schien, von den anwesenden Personen Notiz zu nehmen; »hier ist es besser als auf der Straße von Albano. Was meinst Du dazu, Ascoli?«
Dann als die Gäste der Königin sich in Reverenzen erschöpften, fuhr er fort: »Guten Abend, guten Abend! Ich freue mich sehr, die Tafel gedeckt zu finden. Seit Rom haben wir auch nicht einen einzigen Bissen Fleisch genossen. Nichts als Brod und Käse! Pfui über die schlechten Wirthshäuser meines Königreichs! Wie beklage ich die armen Teufel, welche darauf angewiesen sind! Zu Tische, Ascoli, zu Tische! ich habe Hunger wie ein Wolf!«
Und der König setzte sich zur Tafel, ohne sich darum zu kümmern, ob er Jemanden seinen innegehabten Platz wegnähme.
Ascoli mußte sich neben ihn setzen.
»Sire, würden Sie wohl die Güte haben, meine Unruhe zu beschwichtigen?«, sagte die Königin, indem sie sich ihrem erhabenen Gemahl näherte, von welchem der Respect alle Uebrigen fern hielt.
»Darf ich fragen, welchem Umstande ich das Glück dieser unerwarteten Rückkehr verdanke?«
»Madame, Sie haben mir, glaube ich San Nicandro ist es wenigstens nicht gewesen – die Geschichte von Franz dem Ersten erzählt, welchen ach, ich weiß nicht welcher Schlacht als Gefangener, ich weiß nicht welches Kaisers, an seine Frau Mutter einem langen Brief schrieb, welcher mit der schönen Redensart endete: Alles verloren, nur die Ehre nicht. Wohlan, nehmen Sie an, ich käme von Pavia – so hieß die Schlacht, wie mir eben einfällt – nehmen Sie an, ich käme von Pavia und sagte, weil ich nicht so dumm gewesen bin, mich gefangen nehmen zu lassen, wie der König Franz der Erste, anstatt Ihnen zu schreiben, mündlich –«
»Alles verloren, nur die Ehre nicht?« rief die Königin erschrocken.
»O nein, Madame,« sagte der König mit schneidendem Gelächter; »die Redensart gestaltet sich ein klein wenig anders und heißt in unserem Falle: Alles verloren und die Ehre mit.«
»O Sire!«, murmelte Ascoli, welcher als Neapolitaner sich dieses Cynismus des Königs schämte.
»Wenn die Ehre nicht verloren ist, Ascoli,« sagte der König, indem er die Stirn runzelte und mit den Zähnen knirschte – ein Beweis, daß er für die Situation nicht so unempfindlich war, als er sich stellte – »wonach liefen denn jene Leute, welche so schnell rannten, daß es mir trotz eines Trinkgeldes von anderthalb Ducato die größte Mühe gekostet hat, sie zu überholen? Nach der Schande!«
Niemand wagte zu sprechen und es herrschte eisiges Schweigen, denn ohne noch etwas zu wissen, muthmaßte man schon Alles.
Der König saß, wie wir schon gesagt haben, und hatte den Herzog von Ascoli neben sich Platz nehmen lassen. Die Gabel ausstreckend, nahm er von der vor ihm stehenden Schüssel einen gebratenen Fasan, schnitt ihn in zwei Theile und legte die eine Hälfte auf seinen Teller und die andere Hälfte auf den Ascolis.
Dann sah er sich um und bemerkte, daß Alle standen, selbst die Königin.
»Setzen Sie sich doch! setzen Sie sich doch!«, sagte er. »Wenn Sie schlecht soupirt haben, werden die Dinge deswegen nicht besser gehen.«
Er schenkte sich ein Glas Bordeauxwein ein und schob dann die Flasche Ascoli hin.
»Auf die Gesundheit des Generals Championnet!« rief der König. »Das nenne ich einen Mann von Wort! Er hatte den Republikanern versprochen, noch vor dem zwanzigsten Tage wieder in Rom zu sein, und er wird schon den siebzehnten dahin zurückgekehrt sein. Er verdiente diesen vortrefflichen Bordeauxwein zu trinken, während mir von Rechtswegen eigentlich weiter nichts zukäme, als elender Asprino.«
»Wie, Sire, was sagen Sie?« rief die Königin. »Championnet ist in Rom?«
»So gewiß als ich in Caserta. Nur ist er vielleicht dort nicht besser empfangen worden als ich hier.«
»Wenn Sie nicht besser empfangen worden sind, Sire, wenn man Ihnen nicht den Empfang bereitet hat, zu welchem Sie berechtigt sind, so müssen Sie es auf Rechnung des Erstaunens bringen, in welches uns Ihre Gegenwart in dem Augenblick versetzt hat, wo wir das Glück, Sie wieder zu sehen, so wenig erwarteten. Vor kaum erst drei Stunden empfing ich einen Brief von Ihnen, welcher mir einen Courier versprach, der mir-Nachrichten von der Schlacht bringen sollte.«
»Nun, Madame,« entgegnete der König, »dieser Courier bin ich selbst und die Nachricht ist: »Wir sind aufs Haupt geschlagen!« Was sagen Sie dazu, Mylord Nelson, Sie, der Sieger aller Sieger?«
»Eine halbe Stunde zuvor, ehe Euer Majestät anlangte, gab ich meine Befürchtungen in Bezug auf eine Niederlage zu erkennen.«
»Aber Niemand wollte daran glauben, Sire, setzte die Königin hinzu.
»So ist es mit der Hälfte aller Prophezeiungen und gleichwohl ist Mylord Nelson in seinem Vaterlande, kein Prophet. Auf alle Fälle war er es, der Recht hatte, und die Andern hatten Unrecht.«
»Aber, Sire, die vierzigtausend Mann, mit welchen der General Mack, wie er sagte, die zehntausend Republikaner Championnets zermalmen wollte!«
»Wie es scheint, ist Mack kein so guter Prophet wie Mylord Nelson, und die zehntausend Republikaner Championnets haben im Gegentheile die vierzigtausend Mann des Generals Mack zermalmt. Sage, Ascoli, wenn ich bedenke, daß ich an den Papst geschrieben, er solle auf Cherubimsittigen kommen, um mit mir in Rom das Osterfest zu feiern! Ich hoffe, daß er sich nicht allzusehr beeilt haben wird, die Einladung anzunehmen. Geben Sie mir einmal diese Wildschweinskeule her, Castelcicala. Von einem halben Fasan wird man nicht satt, wenn man seit vierundzwanzig Stunden so gut wie nichts gegessen hat.«
Dann wendete er sich zu der Königin und fragte sie:
»Haben Sie noch weitere Fragen an mich zu richten, Madame?«
»Noch eine letzte, Sire.«
»Heraus damit!«
»Ich möchte Eure Majestät fragen, zu welchem Zwecke diese Maskerade –«
Und Caroline zeigte auf Ascoli mit seinem gestickten Rock, seinen Kreuzen und Ordensbändern.
»Was für eine Maskerade meinen Sie?«
»Der Herzog von Ascoli ist ja als König gekleidet!«
»Ah, ganz richtig! Und der König als Herzog von Ascoli. Vor allen Dingen aber setzen Sie sich. Es ist mir lästig, wenn ich dasitze und esse, während Sie Alle um mich herumstehen, besonders Ihre königlichen Hoheiten,« sagte der König, indem er sich erhob und sich gegen die beiden alten Prinzessinnen verneigte.
»Sire,« sagte Madame Victoire, »von welcher Art auch die Umstände sein mögen, unter welchen wir Sie wiedersehen, so können doch Eure Majestät überzeugt sein, daß wir uns glücklich schätzen, Sie wiederzusehen.«
»Ich danke, ich danke. Wer ist denn jener schöne junge Lieutenant dort, der sich erlaubt, meinem Sohne ähnlich zu sehen?«
»Einer von den sieben Garden, welche Sie den königlichen Prinzessinnen gestattet haben,« sagte die Königin.
»Herr von Cesare ist von guter corsischer Familie, Sire, und übrigens adelt die Epaulette.«
»Dafern nämlich der, welcher sie trägt, sie nicht schändet. Wenn das, was Mack mir gesagt hat, wahr ist, so gibt es in meiner Armee eine niedliche Menge Epauletten, welche auf andere Schultern gehören. Dienen Sie meinen Cousinen gut, Herr von Cesare, und wir werden Ihnen ein Paar dieser Epauletten aufheben.«
Der König forderte die Gesellschaft durch eine Handbewegung nochmals auf Platz zu nehmen, und man setzte sich, obschon Niemand aß.
»Und nun,« sagte Ferdinand zur Königin, »Sie fragten mich, warum Ascoli als König gekleidet wäre, und warum ich mich als Ascoli gekleidet hätte? Ascoli wird Ihnen dies erzählen. Erzähle, Herzog, erzähle!«
»Nicht mir kommt es zu, Sire, mich der Ehre zu rühmen, welche Euer Majestät mir erzeigt hat.«
»Er nennt das eine Ehre! Armer Ascoli! Wohlan, ich will Ihnen selbst die Ehre erzählen, die ich ihm angethan. Denken Sie sich, es fiel mir ein, daß diese elenden Jakobiner gesagt hatten, sie würden mich aufknüpfen, wenn ich ihnen in die Hände fiele.«
»Ach, das wäre ihnen wohl zuzutrauen!«
»Sehen Sie, Madame, Sie sind auch dieser Meinung! Wohlan, da wir uns gleich so wie wir waren aufmachen mußten, weil wir keine Zeit hatten, uns zu verkleiden, so sagte ich in Albano zu Ascoli: Gib mir deinen Rock und nimm den meinigen, damit, wenn diese Schurken von Jakobinern uns anhalten, sie glauben, Du seiest der König, und mich fliehen lassen. Wenn ich dann in Sicherheit bin, wirft Du ihnen erklären, daß Du nicht der König bist! Ein Umstand aber, an welchen der arme Ascoli nicht gedacht hatte, setzte der König, in ein lautes Gelächter ausbrechend, hinzu, »ist der, daß, wenn wir gefangen genommen worden wären, unsere Feinde ihm gar nicht Zeit gelassen haben würden, sich zu erklären, sondern ihn vor allen Dingen gehängt hätten, um seine Auseinandersetzungen später zu hören.«
»O doch, Sire, ich hatte daran gedacht,« antwortete der Herzog einfach, »und eben deshalb ging ich auf den Vorschlag ein.«
»Du hattest daran gedacht?«
»Ja, Sire.«
»Und trotzdem nahmst Du meinen Vorschlag an?«
»Eben deswegen nahm ich ihn an, wie ich bereits die Ehre gehabt, Euer Majestät zu sagen,« entgegnete Ascoli sich verbeugend.
Der König fühlte sich abermals gerührt von dieser so einfachen und edlen Hingebung. Ascoli war von seinen Höflingen der, welcher am wenigsten von ihm verlangt, und für welchen es ihm folglich niemals eingefallen war, etwas zu thun.
»Ascoli,« sagte der König, »ich habe Dir schon gesagt, und ich wiederhole, Du wirst diesen Rock behalten, so wie er ist, mit allen Ordensbändern und Kreuzen zum Andenken an den Tag, wo Du Dich erbotest, deinem König das Leben zu retten, und ich, ich werde, ebenfalls zum Andenken an diesen Tag deinen Rock behalten. Wenn Du jemals eine Gnade von mir zu erbitten oder mir einen Vorwurf zu machen hast, Ascoli, so wirst Du diesen Rock anziehen und zu mir kommen!«
»Bravo, Sire,« rief Cesare, »das nenne ich eine Belohnung!«
»Ei, ei, junger Mann,« sagte Madame Adelaide, »Sie vergessen wohl, daß Sie die Ehre haben, mit dem König zu sprechen?«
»Ich bitte um Verzeihung, Hoheit! Niemals habe ich mich dessen lebhafter erinnert, denn niemals habe ich einen König größer gesehen.«
»Ah!ah!«, sagte Ferdinand, »in diesem jungen Manne steckt etwas Gutes. Komm einmal her! Wie heißest Du?«
»Don Cesare, Sire.«
»Cesare, ich habe Dir schon gesagt, daß Du ein Paar Epauletten verdienen könntest, die ich vielleicht Ursache haben werde, einem Feigling von den Schultern reißen zu lassen. Du sollst aber nicht bis dahin warten und ich werde Dir diese Schmach nicht zumuthen. Ich ernenne Dich schon jetzt hiermit zum Capitän. Acton, Sie werden darauf sehen, daß ihm morgen ein Patent ausgefertigt werde, und demselben eine Gratification von tausend Ducati beifügen.«
»Welche Eure Majestät mir wohl erlauben, mit meinen Cameraden zu theilen?«
»Du wirst thun, wie Du wünschet, auf alle Fälle aber stellst Du Dich mir morgen mit den Insignien deines neuen Grades vor, damit ich mich überzeugen kann, daß meine Befehle ausgeführt worden sind.«
Der junge Mann verneigte sich, und kehrte, sich rückwärts bewegend, auf einen Platz zurück.
»Sire,« sagte Nelson, »erlauben Sie mir, Ihnen meinen Glückwunsch darzubringen. Sie sind diesen Abend zweimal König gewesen.«
»Rechnen Sie das auf die Tage, wo ich vergesse, es zu sein, Mylord,« antwortete Ferdinand mit jenem Ausdruck, welcher zwischen Spott und Gutmüthigkeit schwankte und es so schwer machte, sich ein richtiges Urtheil über ihn zu bilden.
Dann wendete er sich zu dem Herzog und sagte:
»Nun, Ascoli, damit wir wieder auf unsern Gegenstand zurückkommen – ist der Handel abgeschlossen?«
»Ja, Sire, und die Dankbarkeit ist ganz auf meiner Seite,« antwortete Ascoli. »Nur möchte ich Eure Majestät bitten, mir eine kleine Tabatière von Schildkrot zurückzugeben, auf welcher sich das Porträt meiner Tochter befindet und die in der Tasche meiner Weste steckt. Ich werde dafür meinerseits jenen Brief von Sr. Majestät dem Kaiser von Oesterreich herausgeben, welchen Sie, Sire, in die Tasche steckten, nachdem Sie blos die erste Zeile davon gelesen.«
»Das ist wahr; ich entsinne mich. Gib her, Herzog.«
»Hier ist der Brief, Sire.«
Der König nahm den Brief aus den Händen Ascoli's und öffnete ihn mechanisch.
»Unser Schwiegersohn befindet sich doch wohl?« fragte die Königin mit einer gewissen Unruhe.
»Ich hoffe es. Uebrigens werde ich es Ihnen sogleich jagen, denn dieser Brief ward mir, wie Ascoli eben bemerkt hat, in dem Augenblicke zugestellt, wo ich zu Pferde stieg.«
»So daß Sie,« fuhr die Königin fort, »nur die erste Zeile davon gelesen haben?«
»Ja, die erste Zeile, welche mir zu meinem siegreichen Einzug in Rom Glück wünscht. Da der Augenblick hierzu übel gewählt war, weil ich ja eben im Begriff stand, Rom auf eben nicht sonderlich siegreiche Weise zu verlassen, so hielt ich es nicht für gerathen, mit dem Lesen dieses Briefes lange Zeit zu verlieren. Jetzt ist es etwas Anderes und wenn Sie erlauben, so will ich –«
»Thun Sie es, Sire,« sagte die Königin sich verneigend.
Der König fing an zu lesen. Bei der zweiten oder dritten Zeile aber veränderten sich seine Züge plötzlich und gewannen einen finstern Ausdruck.
Die Königin und Acton wechselten einen Blick und ihre Augen hefteten sich begierig auf diesen Brief, welchen der König fortfuhr still und mit steigender Aufregung zu lesen.
»Aber, sagte der König, »beim heiligen Januarius, das ist seltsam und wenn die Furcht mich nicht geblendet hat –«
»Aber was gibt es denn, Sire?« fragte die Königin.
»Nichts, Madame, nichts. Seine Majestät der Kaiser theilt mir eine Nachricht mit, auf welche ich nicht gefaßt war. Das ist Alles.«
»Nach dem Ausdruck Ihres Gesichts, Sire, fürchte ich, daß es eine schlimme Nachricht sei.«
»Und Sie irren sich durchaus nicht, wenn Sie dies glauben, Madame. Wir haben heute unsern Tag. Sie wissen, es gibt ein Sprichwort, welches sagt: Die Raben fliegen in Schwärmen. Wie es scheint, machen die schlimmen Nachrichten es eben so wie die Raben.«
In diesem Augenblicke näherte sich ein Lakai dem König, neigte sich zu seinem Ohr herab und sagte:
»Sire, die Person, nach welcher Euer Majestät, als Sie aus dem Wagen stiegen, fragen ließen, und welche zufällig in San Leucio war, erwartet Euer Majestät in Ihrem Gemach.«
»Gut, gut,« antwortete der König. »Ich komme sogleich. Warte. Erkundige Dich, ob Ferrari – nicht wahr, er war es, der die letzte Depesche brachte?«
»Ja, Sire?«
»Wohlan, erkundige Dich, ob er noch hier ist.«
»Ja, Sire, er wollte wieder abreisen, als er Ihre Ankunft erfuhr.«
»Gut. Sage ihm, er solle sich nicht von der Stelle rühren. In einer Viertel- oder halben Stunde werde ich seiner bedürfen.«
Der Lakai entfernte sich.
»Madame,« sagte der König, »Sie werden mich entschuldigen, wenn ich Sie verlasse. Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, daß ich nach der etwas forcierten Fahrt, die ich gemacht, der Ruhe bedarf.«
Die Königin verneigte sich zum Zeichen der Zustimmung.
Der König wendete sich hierauf an die beiden alten Prinzessinnen, welche, seitdem sie den Stand der Dinge kannten, nicht aufgehört hatten mit einander zu flüstern, und sagte:
»Meine Damen, gern hätte ich Ihnen eine sicherere und besonders dauerndere Gastfreundschaft angeboten, auf alle Fälle aber und selbst wenn Sie genöthigt wären, mein Königreich zu verlassen und es Ihnen nicht beliebte, dahin zu kommen, wohin wir vielleicht genöthigt werden zu gehen, so würde ich doch für Ihre königlichen Hoheiten keine Besorgnisse hegen, so lange Sie den Capitän Cesare und eine Cameraden zur Leibgarde haben.«
Dann setzte er, zu Nelson gewendet, hinzu:
»Mylord Nelson, morgen oder vielmehr heute werde ich Sie wiedersehen, nicht wahr? Unter den Umständen, in welchen ich mich befinde, muß ich die Freunde kennen lernen, auf welche ich rechnen kann, und bis zu welchem Grade ich auf dieselben rechnen kann.«
Nelson verneigte sich.
»Sire,« entgegnete er, »ich hoffe, Euer Majestät hat an meiner Hingebung und der Freundschaft meines erhabenen Souveräns, so wie der Unterstützung, welche die englische Nation Ihnen zu leisten bereit ist, niemals gezweifelt und wird auch nie daran zweifeln.«
Der König machte eine Geberde, welche gleichzeitig bedeutete: »Ich danke, und: »Ich rechne auf Ihr Versprechen.«
Dann näherte er sich Ascoli und sagte zu diesem:
»Dir, mein Freund, danke ich nicht. Du hast, wenigstens nach deiner Meinung, etwas so Einfaches gethan, daß es nicht der Mühe verlohnt, davon zu sprechen.«
Zuletzt wendete er sich zu dem Gesandten Englands herum.
»Sir William Hamilton, fuhr er fort, »entsinnen Sie sich noch, daß ich mir in dem Augenblick, wo dieser unglückliche Krieg beschlossen ward, ebenso wie Pilatus von Allem, was daraus entstehen könnte, die Hände wusch?
»Ich entsinne mich dessen recht wohl, Sire. Es war der Cardinal Ruffo, welcher Ihnen dabei das Waschbecken hielt,« antwortete Sir William.
»Wohlan, komme was da wolle, so geht es mich nichts mehr an. Es geht blos Die an, welche Alles gemacht haben, ohne mich zu Rathe zu ziehen und die da, wo sie mich zu Rathe gezogen, meinen Rathschlägen kein Gehör geschenkt haben.«
Nachdem er noch einen vorwurfsvollen Blick auf die Königin geworfen, entfernte er sich.
Die Königin ging rasch auf Acton zu.
»Haben Sie gehört, Acton?«, sagte sie.
»Er nannte, nachdem er den Brief des Kaisers gelesen, den Namen Ferrari.«
»Das hörte ich allerdings auch, Ferrari weiß aber nichts. Es geschah ja Alles während seiner Ohnmacht und seines Schlafes.«
»Gleichviel. Es wird für uns gerathen sein, uns dieses Menschen zu entledigen.
Zehntes Capitel.
Wo St. Majestät damit beginnt, nichts zu begreifen, und damit endigt, nichts begriffen zu haben
Die Person, welche der König in seinem Cabinet erwartete und die sich, als er nach ihr gefragt, zufällig in San Leucio befunden, war der Cardinal Ruffo, das heißt der Mann, zu welchem der König in schwierigen Fällen stets seine Zuflucht genommen.
Zu dem schwierigen Falle, in welchem sich der König bei seiner Ankunft befand, hatte sich aber eine unerwartete Verwicklung gesellt, welche ihn noch eifriger wünschen ließ, die Meinung seines Rathgebers zu vernehmen.
Der König eilte daher sofort in sein Zimmer, indem er rief: »Wo ist er? Wo ist er?«
»Hier bin ich, Sire,« antwortete der Cardinal, indem er Ferdinand entgegenkam.
»Vor allen Dingen bitte ich Sie um Verzeihung, Herr Cardinal, daß ich Sie um zwei Uhr des Morgens habe wecken lassen.«
»Von dem Augenblicke an, wo mein ganzes Leben Euer Majestät gehört, stehen meine Nächte ebenso wie meine Tage zu Ihrer Verfügung.«
»Sie müssen wissen, Eminenz, daß ich der Hingebung meiner Freunde niemals mehr bedurft habe als in diesem Augenblicke.«
»Ich schätze mich glücklich und stolz, daß der König mich zu der Zahl derer rechnet, auf deren Hingebung er sich verlassen kann.«
»Als Sie mich auf so unerwartete Weise zurückkommen sahen, ahnten Sie wohl, was geschehen ist, nicht wahr?«
»Der General Mack hat sich wahrscheinlich schlagen lassen.«
»Ja, dies hat er sehr flink besorgt – mit einem einzigen Male und mit einem einzigen Schlage. Unsere vierzigtausend Neapolitaner haben, wie es scheint, nichts als Feuer gesehen.«
»Brauche ich Ihnen wohl zu sagen, Sire, daß ich dies erwartet habe?«
»Aber warum riethen Sie mir dann zum Krieg?«
»Euer Majestät werden sich erinnern, daß ich diesen Rath Ihnen nur unter einer Bedingung gab.«
»Was war das für eine Bedingung?«
»Es war die, daß der Kaiser von Oesterreich zu derselben Zeit, wo Euer Majestät gegen Rom marschieren würden, an den Mincio rückte. Wie es aber scheint, hat der Kaiser dies nicht gethan.«
»Da berühren Sie ein ganz anderes Geheimniß, Eminentissime.«
»Wie so?«
»Sie entsinnen sich wohl des Briefes, durch welchen der Kaiser mir meldete, daß er, sobald ich in Rom wäre, ins Feld rücken würde, nicht wahr?«
»Vollkommen. Wir haben diesen Brief mit einander gelesen und besprochen.«
»Ich muß ihn hier in meiner geheimen Mappe haben.«
»Nun und, Sire?« fragte der Cardinal.
»Wohlan, nehmen Sie Kenntniß von diesem anderen Briefe, den ich in Rom in dem Augenblick erhielt, wo ich den Fuß in den Steigbügel setzte und den ich erst heute Abend vollständig gelesen. Wenn Sie dann von der ganzen Sache etwas begreifen, so erkläre ich nicht blos, daß Sie klüger sind als ich, wozu nicht sonderlich viel gehört, sondern daß Sie geradezu ein Hexenmeister sind.«
»Sire, dies wäre eine Erklärung, die ich Sie bitten würde, für sich zu behalten. Ich stehe in Rom schon nicht sonderlich gut angeschrieben.«
»Lesen Sie! lesen Sie!«
Der Cardinal ergriff den Brief und las:
»Mein lieber Bruder und Cousin, Onkel und Schwiegervater und Bundesgenoß.«
»Ah,« sagte der Cardinal, indem er sich unterbrach, »dieser ganze Brief ist von der eigenen Hand des Kaisers.«
»Lesen Sie! lesen Sie!« sagte der König wieder.
Der Cardinal las:
»Gestatten Sie mir vor allen Dingen, Ihnen zu Ihrem siegreichen Einzuge in Rom Glück zu wünschen. Der Gott der Schlachten hat Sie beschützt und ich danke ihm für den Schutz, den er Ihnen gewährt. Es ist dies ein umso größeres Glück, als zwischen uns ein großes Mißverständnis obzuwalten scheint –«
Der Cardinal sah den König an.
»O, Sie werden sogleich sehen, Eminentissime. Sie sind noch nicht zu Ende.«
Der Cardinal las weiter:
»In dem Briefe, welchen Sie mir die Ehre erzeigen, mir zu schreiben, um mir Ihre Siege zu melden, sagen Sie, daß ich nun einerseits mein Versprechen, blos zu halten brauchte, wie Sie die Ihrigen gehalten, und Sie sagen mir zu deutlich, dieses Versprechen, welches ich Ihnen gegeben, wäre, sofort, ins Feld zu rücken, sobald Sie in Rom sein würden.«
»Nicht wahr, Eminentissime, Sie erinnern sich vollkommen, daß der Kaiser, mein Neffe, sich in dieser Weise verbindlich gemacht hatte?«
»Ich glaube, es steht in seiner Depesche mit dürren Worten geschrieben.«
»Uebrigens,« fuhr der König fort, welcher, während der Cardinal den ersten Theil des Briefes las, seine Mappe geöffnet und darin das erste Schreiben gefunden hatte, »werden wir die Sache sogleich genauer beurtheilen können. Hier ist der Brief meines lieben Neffen. Wir wollen ihn mit diesem vergleichen und werden bald sehen, wer Unrecht hat, ob der Kaiser oder ich. Lesen Sie weiter.«
Der Cardinal las weiter:
»Dies habe ich Ihnen aber nicht blos nicht versprochen, sondern Ihnen im Gegentheile positiv geschrieben, daß ich nicht eher als bis zum Eintreffen des Generals Suwaroff und seiner vierzigtausend Russen, das heißt gegen den nächstkünftigen Monat April, ins Feld rücken würde.«
»Sie sehen ein, Eminentissime, hob der König wieder an, »daß einer von uns beiden den Verstand verloren haben muß.«
»Ich möchte lieber sagen, einer von uns dreien,« bemerkte der Cardinal, »denn ich habe es eben so gelesen wie Eure Majestät.«
»Nun denn, fahren Sie fort.«
Der Cardinal heftete seine Augen wieder auf die Depesche und las:
»Ich bin dessen, was ich Ihnen sage, mein lieber Onkel und Schwiegervater, um so sicherer, als ich auf den Rath, den Sie mir gegeben, den Brief, den ich die Ehre gehabt an Sie zu richten, einem ganzen Inhalte nach mit eigener Hand geschrieben –«
»Sie hören! mit eigener Hand!«
»Ja, aber ich muß ebenso wie Euer Majestät sagen, daß ich die Sache absolut nicht begreife.«
»Sie werden sehen, Eminentissime, daß von der erhabenen Hand meines Neffen weiter nichts geschrieben ist, als die Adresse, die Ueberschrift und der Gruß.«
»Ich entsinne mich dessen vollkommen.«
»Nun, dann lesen Sie weiter.«
Der Cardinal fuhr fort:
»Und daß ich, um dem, was ich die Ehre gehabt, Euer Majestät zu sagen, streng treu zu bleiben, durch meinen Secretär eine Abschrift von jenem ersten Briefe habe abnehmen lassen.
Diese Abschrift sende ich Ihnen hierbei, damit Sie dieselbe mit dem Originale vergleichen und sich durch den Augenschein überzeugen, daß in den von mir gebrauchten Ausdrücken keine Zweideutigkeit gelegen hat, welche Sie zu einem solchen Irrthum hätte verleiten können.«
Der Cardinal sah den König an.
»Verstehen Sie hiervon etwas?« fragte Ferdinand.
»Eben so wenig als Sie, Sire, aber erlauben Sie mir, daß ich zu Ende lese.«
»Immer zu! immer zu! Wir sind da in ein schönes Labyrinth gerathen, mein lieber Cardinal!«
»Und wie ich die Ehre habe, Ew. Majestät zu sagen,« fuhr Ruffo fort zu lesen, fühle ich mich doppelt glücklich, daß die Vorsehung Ihren Waffen den Sieg verliehen hat, denn wenn Sie, anstatt zu siegen, geschlagen worden wären, so wäre es mir, ohne den von mir gegen die verbündeten Mächte übernommenen Verbindlichkeiten untreu zu werden, unmöglich gewesen, Ihnen zu Hilfe zu kommen, und ich hätte mich zu meinem großen Bedauern genöthigt gesehen, Sie Ihrem schlimmen Schicksal zu überlassen. Zum Glück hat die Vorsehung, indem sie Ihnen den Sieg verliehen, mir diesen großen Schmerz erspart –«
»Ja, den Sieg!«, sagte der König. »Ein schöner Sieg!«
»Empfangen Sie nun, mein geliebter Bruder und Cousin, Onkel, Schwiegervater –«
»Et caetera, et caetera!« unterbrach der König. »Jetzt, mein lieber Cardinal, wollen wir einmal die Abschrift des vorgeblichen Briefes ansehen, den ich zum Glück im Original aufbewahrt habe.«
Diese Abschrift lag wirklich dem Briefe bei. Ruffo hielt sie in der Hand, er las sie.
Es war dies die Abschrift der Depesche, welche von der Königin und Acton erbrochen, und weil dadurch ihre Wünsche nicht unterstützt wurden, von ihnen durch den gefälschten Brief vertauscht worden war, den der König jetzt in der Hand hielt und im Begriffe stand mit der Copie zu vergleichen, welche der Kaiser ihm übersendete.
Wenn wir – wie dies um der Klarheit unserer Erzählung willen nothwendig ist – unsern Lesern diese Abschrift des echten Briefes vorgelegt haben werden, wird man sich einen Begriff von dem Erstaunen machen, in welches der König versetzt werden mußte.
»Schloß Schönbrunn, am 28. September 1798.
»Geliebter Bruder, Cousin, Onkel und Bundesgenosse!
»Ich antworte Ew. Majestät eigenhändig, eben so wie Sie mir geschrieben haben. Meine Meinung lautet in Uebereinstimmung mit der meines Ministerraths dahin, daß wir den Krieg gegen Frankreich nicht eher beginnen dürfen, als wenn wir alle unsere Aussichten auf Erfolg beisammen haben. Eine dieser Aussichten, worauf ich ganz besonders rechne, ist die Mitwirkung von vierzigtausend Mann russischer Truppen unter Führung des Feldmarschalls Suwaroff, dem ich das Obercommando unserer Armeen zu übertragen gedenke. Diese vierzigtausend Mann werden aber erst gegen das Ende des Monats März hier sein.
»Ziehen Sie, mein geliebter Bruder, Cousin und Onkel, daher die Sache in die Länge und verzögern Sie die Eröffnung der Feindseligkeiten auf alle nur mögliche Weise. Ich glaube nicht, daß Frankreich mehr als wir von dem Wunsche beseelt ist, Krieg zu führen. Benutzen Sie diese friedliche Stimmung. Führen Sie für das, was geschehen, irgend einen beliebigen Grund an und im Monat April werden wir dann mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln den Feldzug beginnen.
»Da somit der Gegenstand meines jetzigen Schreibens erledigt ist, bitte ich, mein lieber Bruder, Cousin, Onkel und Bundesgenosse, daß Gott Sie in einen heiligen Schutz nehme.
Franz.«
»Und nun, nachdem Sie die angebliche Abschrift gelesen,« sagte der König, »lesen Sie das Original und Sie werden sehen, ob es nicht gerade das Gegentheil sagt.«
Mit diesen Worten reichte er dem Cardinal den von Acton und der Königin gefälschten Brief, welchen Ruffo eben so vorlas wie den ersten.
Wir wollen ihn eben so wie den ersten wiederholen, da unsere Leser sich wohl vielleicht des Inhalts entsinnen, sicherlich aber den Wortlaut vergessen haben.
»Schönbrunn, den 28. September 1798.
»Werthgeschätzter Bruder, Cousin, Onkel und Bundesgenosse!
»Nichts konnte mir angenehmer sein, als der Brief, welchen Sie mir geschrieben und in welchem Sie mir versprechen, sich in allen Dingen nach meinem Rathe zu richten.
»Die Nachrichten, welche ich aus Rom erhalten, melden mir, daß die französische Armee sich dort in dem erbärmlichsten Zustande befindet. Mit der Armee von Ober-Italien ist ganz dasselbe der Fall.
»Nehmen Sie, mein werthgeschätzter Bruder, Cousin, Onkel und Bundesgenosse, die eine auf sich, ich werde die andere auf mich nehmen. Sobald ich erfahren, daß Sie in Rom eingerückt sind, rücke ich mit hundertundvierzigtausend Mann ins Feld. Sie haben Ihrerseits sechzigtausend, ich erwarte vierzigtausend Mann Russen. Dies ist mehr, als nöthig ist, damit der nächste Friedensschluß, anstatt der Friede von Campo Formio, der Friede von Paris heiße.
»Da somit der Gegenstand meines jetzigen Schreibens erledigt ist, bitte ich, mein lieber Bruder, Cousin, Onkel und Bundesgenosse, daß Gott Sie in einen heiligen Schutz nehme.
Franz.«
Der Cardinal versank, nachdem er zu Ende gelesen, in tiefe Gedanken.
»Nun, Eminentissime, was meinen Sie dazu?« fragte der König.
»Daß der Kaiser Recht hat, aber daß Eure Majestät deswegen nicht Unrecht haben.«
»Was soll das heißen?«
»Daß, wie Eure Majestät schon bemerkt haben, hier irgend ein furchtbares Geheimniß, ja vielleicht mehr als ein Geheimniß, ein Verrath dahintersteckt.«
»Ein Verrath! Wer sollte ein Interesse daran haben, mich zu verrathen?«
»Das heißt mich nach den Namen der Schuldigen fragen, Sire, und diese kenne ich nicht.«
»Aber wäre es nicht möglich, sie kennen zu lernen?«
»Suchen wir sie. Ich verlange nichts Besseres, als der Spürhund Eurer Majestät zu sein. Jupiter fand Ferrari auch. Da ich gerade Ferrari erwähne, Sire, so fällt mir dabei ein, daß es vielleicht gut wäre, diesen zu befragen.«
»Dies war auch mein erster Gedanke und ich habe ihm sagen lassen, daß er sich bereithalten sollte.«
»Nun, dann bitte ich, daß Eure Majestät ihn rufen lassen.«
Der König klingelte und es trat derselbe Lakai ein, welcher ihm die Meldung bei Tafel gemacht.
»Wo ist Ferrari?« fragte der König.
»Er wartet im Vorzimmer, Sire.«
»Er soll hereinkommen.«
»Eure Majestät haben mir gesagt, daß Sie dieses Mannes sicher wären,« bemerkte Ruffo.
»Das heißt, Eminentissime, ich habe Ihnen gesagt, daß ich einer sicher zu sein glaubte.«
»Wohlan, ich gehe weiter als Eure Majestät; ich bin seiner sicher.«
Ferrari erschien an der Thür gestiefelt, gespornt und bereit aufzubrechen.
»Komm her, wackerer Freund,« sagte der König.
»Ich stehe zu den Befehlen, Eure Majestät. Meine Depeschen, Sire.«
»Heute Abend handelt es sich nicht um Depeschen, mein Freund,« sagte der König.
»Es handelt sich blos um Beantwortung unserer Fragen.«
»Ich bin bereit, Sire.«
»Fragen Sie, Cardinal,« sagte der König.
»Mein Freund,« sagte Ruffo zu dem Courier, »der König hat das größte Vertrauen zu Euch.«
»Und dieses Vertrauen glaube ich durch fünfzehnjährige gute und treue Dienste verdient zu haben, Monseigneur.«
»Deshalb ersucht der König Euch, eure Gedanken zu sammeln und will Euch durch meinen Mund bedeuten, daß es sich um eine sehr wichtige Angelegenheit handelt.«
»Ich erwarte das Weitere, Monseigneur,« sagte Ferrari.
»Nicht wahr, Ihr erinnert Euch noch der geringfügigsten Umstände, von welchen eure letzte Reise nach Wien begleitet war?« fragte der Cardinal.
»So genau, als ob ich soeben erst davon zurückkäme, Monseigneur.«
»Gab der Kaiser den Brief, den Ihr dem König gebracht, Euch wirklich selbst?«
»Ja wohl, er selbst, Monseigneur, und ich habe bereits die Ehre gehabt, dies dem König zu sagen.«
»Der König wünscht aber diese Versicherung noch einmal aus eurem Munde zu hören.«
»Ich habe die Ehre, die ihm hiermit zu geben.«
»Wo thatet Ihr den Brief des Kaisers hin?«
»In diese Tasche hier,« sagte Ferrari, indem er seine Jacke öffnete.
»Wo habt Ihr Halt gemacht?«
»Nirgends weiter, als wo ich die Pferde gewechselt habe.«
»Wo habt Ihr geschlafen?«
»Ich habe nicht geschlafen.«
»Hm!« sagte der Cardinal, »aber ich habe gehört, – Ihr habt es selbst gesagt – es sei Euch ein Unfall begegnet.«
»Ja, im Schloßhofe, Monseigneur. Ich wendete mein Pferd zu kurz, es glitt mit allen Vieren aus, ich schlug mit dem Kopfe gegen einen Eckstein und verlor die Besinnung.«
»Wo erlangtet Ihr dieselbe wieder?«
»In der Apotheke.«
»Wie lange waret Ihr ohne Besinnung?«
»Das ist leicht zu berechnen, Monseigneur. Als mein Pferd stürzte, war es ein oder halb zwei Uhr Morgens, und als ich die Augen wieder aufschlug, begann eben der Tag zu grauen.«
»In den ersten Tagen des Monats Oktober beginnt es gegen halb sechs, vielleicht erst um sechs des Morgens hell zu werden, und eure Ohnmacht hätte sonach ungefähr vier Stunden gedauert.«
»Ja, ungefähr, Monseigneur.«
»Und wer war bei Euch, als Ihr die Augen wieder aufschlugt?«
»Der Secretär Sr. Excellenz des Generalcapitäns, Herr Richard, und der Chirurg von Santa-Maria.«
»Habt Ihr keinen Verdacht, daß man den Brief berührt habe, welcher sich in eurer Tasche befand?«
»Als ich erwachte, war es mein Erstes, daß ich danach fühlte. Er war noch immer an Ort und Stelle. Ich untersuchte das Siegel und das Couvert. Beides schien mir unversehrt zu sein.«
»Dann hattet Ihr also doch Grund zu zweifeln?«
»Nein, Monseigneur, ich that es unwillkürlich.«
»Und dann?«
»Dann, Monseigneur, reichte man mir, da der Wundarzt von Santa-Maria mich während meiner Ohnmacht verbunden hatte, eine Tasse Fleischbrühe. Ich machte mich wieder auf die Füße und überbrachte dem König meinen Brief. Uebrigens waren Sie ja dabei selbst zugegen, Monseigneur.«
»Ja, mein lieber Ferrari, und ich glaube dem König versichern zu können, daß Ihr Euch in dieser ganzen Angelegenheit als ein guter, treuer Diener benommen habt. Dies ist Alles, was man von Euch zu wissen wünschte; nicht wahr, Sire?«
»Ja,« antwortete Ferdinand.
»Der König gestattet, daß Ihr Euch entfernt, mein Freund und die Ruhe genießet, deren Ihr so sehr bedürft.«
»Darf ich Se. Majestät fragen, ob ich mich in irgend etwas Ihrer Güte unwürdig gemacht habe?»
»Nein, im Gegentheile, mein lieber Ferrari,« sagte der König, »Du bist mehr als jemals der Mann meines Vertrauens.«
»Weiter wünschte ich nichts zu wissen, Sire, denn dies ist der einzige Lohn, nachdem ich trachte.«
Und der Courier entfernte sich hocherfreut über die Versicherung, welche der König ihm gab.
»Nun?« fragte Ferdinand.
»Nun, Sire, wenn eine Vertauschung oder Fälschung des Briefes stattgefunden hat, so ist es während der Ohnmacht dieses Unglücklichen geschehen.«
»Aber er sagte Ihnen ja, Eminentissime, das Siegel und das Couvert wären unverletzt gewesen.«
»Ein Abdruck von einem Siegel ist sehr leicht zu nehmen.«
»Dann hätte man also die Unterschrift des Kaisers nachgemacht? Auf alle Fälle müßte der, welcher den Streich ausgeführt, ein sehr geschickter Fälscher sein.«
»Die Unterschrift des Kaisers nachzumachen hat man nicht nöthig gehabt, Sire.«
»Wie aber hat man es denn angefangen?«
»Bemerken Sie wohl, Sire, daß ich nicht sage, was man gemacht hat.«
»Was sagen Sie denn?»
»Ich sage Ew. Majestät, was man machen gekonnt hätte.»
»Und dies wäre?«
»Nehmen Sie an, Sire, daß man sich ein Siegel verschafft oder fertigen lassen, welches den Kopf des Kaisers Marcus Aurelius vorstellt.«
»Und dann?«
»Dann hat man vielleicht das Siegellack erweicht, indem man es über die Flamme eines Lichtes gehalten, den Brief geöffnet, auf diese Weise gefaltet –»
Und Ruffo faltete den Brief in der That gerade wie Acton gethan.
»Warum hätte man den Brief so falten sollen?« fragte der König.
»Um die Ueberschrift und die Unterschrift zu schützen, dann mittelst irgend einer Säure die Schrift zu entfernen und anstatt dessen, was erst auf dem Papier stand, das darauf zu schreiben, was gegenwärtig darauf steht.«
»Halten Sie dies für möglich, Eminentissime?«
»Nichts ist leichter als dies und ich sage sogar, daß, wie Sie selbst zugeben werden, Sire, auf diese Weise allein es sich erklären läßt, daß zwischen einer Ueberschrift und einer Schlußformel von der Hand des Kaisers ein Brief von anderer Hand niedergeschrieben worden ist.«
»Cardinal! Cardinal!« rief der König, nachdem er den Brief nochmals aufmerksam betrachtet, »Sie sind ein sehr gescheiter Mann.«
Der Cardinal verneigte sich.
»Und was ist nun nach Ihrer Meinung zu thun?« fragte der König
»Gestatten mir Ew. Majestät, den noch übrigen Theil der Nacht darüber nachzudenken.« entgegnete der Cardinal. »Morgen werden wir dann weiter davon sprechen.«
»Mein lieber Ruffo,« sagte der König, »vergessen Sie nicht, daß, wenn ich Sie nicht zum ersten Minister mache, der Grund davon darin liegt, daß es nicht in meiner Macht steht.«
»Davon bin ich so fest überzeugt, daß ich, obschon ich nicht Minister bin, gegen Ew. Majestät doch von derselben Dankbarkeit mich beseelt fühle, als ob ich es wäre.«
Und den König mit gewohnter Ehrfurcht begrüßend, entfernte sich der Cardinal, während der König, durchdrungen von Bewunderung, ihm nachschaute.
Elftes Capitel.
In welchem Vanni das Ziel erreicht, nach welchem er so lange gestrebt
Man erinnert sich der Mahnung, welche der König Ferdinand in einem seiner Briefe an die Königin ausgesprochen.
Diese Mahnung lautete dahin, daß man Nicolino Caracciolo nicht lange im Gefängniß schmachten, sondern den Fiscalprocurator Marquis Vanni auffordern solle, den Proceß des Angeklagten so schnell als möglich zu instruieren.
Unsere Leser haben sich hoffentlich in der Absicht dieser Mahnung nicht geirrt und dieselbe nicht etwa auf Rechnung der Menschenliebe gebracht.
Nein, der König hatte eben so wie die Königin seine Gründe, den Angeklagten zu hassen. Er erinnerte sich, daß der elegante Nicolino Caracciolo, als er von dem Pausilippo herabgekommen, um in dem Golf von Neapel Latouche Tréville und seine Seeleute zu feiern, einer der Ersten gewesen, welcher sein Auge dadurch beleidigt, daß er dem Puder entsagte, seinen Zopf den neuen Ideen opferte und sich den Backenbart wachsen ließ, und daß er endlich eben so einer der Ersten gewesen, welche einen ganz verwerflichen Weg einschlugen, indem sie insolenterweise die kurzen Beinkleider gegen Pantalons vertauschten.
Uebrigens war Nicolino, wie man weiß, Bruder des schönen Herzogs von Rocca Romana, der mit Recht oder Unrecht für den Gegenstand einer jener zahlreichen und rasch vorübergehenden Launen der Königin gegolten, welche von der Geschichte, die dergleichen Einzelheiten verschmäht, nicht aufgezeichnet, wohl aber von der Lästerchronik der Höfe, die davon lebt, bestätigt werden.
An dem Herzog von Rocca Romana, welcher an seinem Kostüm keinen Knopf geändert, der sich nichts abgeschnitten, der sich nichts stehen gelassen hatte und folglich innerhalb der strengsten Regeln der Etiquette geblieben war, konnte aber der König sich nicht rächen und es war ihm daher nicht unlieb – so gutmüthig ein Ehemann auch sein mag, so hegt er gegen die Liebhaber seiner Frau doch immer einigen Groll – es war ihm daher nicht unlieb, da er keinen plausiblen Vorwand hatte, um sich an dem ältesten Bruder zu rächen, einen zu finden, der ihm gestattete, den jüngeren zum Gegenstand seiner Rache zu machen.
Uebrigens war Nicolino Caracciolo – was ihm einen ganz besonderen Anspruch auf die Antipathie des Königs verlieh – mit dem Erbfehler behaftet, eine Französin zur Mutter zu haben, und überdies, während er schon von Geburt halb Franzose war, es in Bezug auf die Meinung ganz zu sein.
Uebrigens aber hat man gesehen, daß der Argwohn des Königs, so unbestimmt und instinktartig derselbe auch in Bezug auf Nicolino Caracciolo war, doch nicht alles Grundes entbehrt hatte, denn Nicolino gehörte jener großen Verschwörung an, welche sich bis nach Rom erstreckte und den Zweck hatte, indem sie die Franzosen nach Neapel rief, mit denselben Aufklärung, Fortschritt und Freiheit einziehen zu lassen.
Man erinnert sich, in Folge welcher Verkettung von unerwarteten Umständen Nicolino Caracciolo sich veranlaßt gesehen, dem vom Meerwasser durchnäßten Salvato Kleider und Waffen zu leihen, wie ein Brief von Frauenhand, den er in der Tasche seines Ueberrocks gelassen und welcher von Pasquale de Simone gefunden ward, von diesem der Königin und von der Königin dem Minister Acton zugestellt worden.
Wir haben beinahe dem chemischen Experiment beigewohnt, welches, indem es das Blut entfernte, die Schrift unversehrt gelassen, und eben so haben wir wirklich dem poetischen Experiment beigewohnt, welches dadurch, daß es die Dame verrieth, gestattet hatte, sich ihres Liebhabers zu bemächtigen.
Dieser, wie man sich erinnert, festgenommene und nach dem Castell San Elmo gebrachte Liebhaber war aber Niemand anders als unser leichtsinniger, sorgloser, abenteuerlustiger Freund Nicolino Caracciolo.
Der Leser wird uns verzeihen, wenn wir hier Mehreres, was wir bereits erzählt, nochmals berühren. Wir wünschen so viel als möglich durch einige Zeilen – auch wenn dieselben überflüssig sein sollten – die größtmögliche Klarheit in unsere Erzählung zu bringen, welche, trotz unserer Bemühungen, durch die zahlreichen Personen, die wir auf der Bühne erscheinen lassen, verdunkelt werden könnte, besonders da ein Theil derselben zuweilen während mehrerer Capitel, zuweilen während eines ganzen Bandes genöthigt ist zu verschwinden, um andern Platz zu machen.
Man verzeihe uns daher einige Abschweifungen um des guten Vorsatzes willen und mache unsern guten Vorsatz nicht zu einem von denen, womit der Weg zur Hölle gepflastert ist.
Das Castell San Elmo, nach welchem Nicolino gebracht worden, war, wie wir schon gesagt zu haben glauben, die Bastille von Neapel.
Dieses Castell, welches in allen Revolutionen von Neapel eine große Rolle gespielt und folglich im Verlauf dieser Geschichte ebenfalls eine spielen wird, ist auf der Höhe des Berges erbaut, welcher die alte Parthenope beherrscht.
Wir wollen nicht, wie unser gelehrter Archäolog Sir William Hamilton that, untersuchen, ob der Name Erme, der erste Name des Castells San Elmo, von dem alten phönizischen Wort erme, welches hoch, erhaben bedeutet, herrührt, oder ob er ihm wegen der Priaptatuen gegeben ward, mit deren Hilfe die Bewohner von Nikopolis die Grenzen ihrer Felder und ihrer Häuser bezeichneten, und welche die Terme nannten.
Da der Himmel uns nicht den durchdringenden Blick verliehen hat, welcher in der tiefen Finsterniß der Etymologien sieht, so werden wir uns damit begnügen, daß wir diese Benennung auf eine Capelle des heiligen Erasmus zurückführen, welche dem Berg, auf dem sie stand, ihren Namen lieh.
Der Berg hieß demzufolge anfangs der Berg Sa Erasmo, später in Folge der gewöhnlichen Verstümmelung die ein Name im Munde des Volkes erfährt, San Erme bis endlich San Elmo daraus ward.
Auf dieser Höhe, welche die Stadt und das Meer beherrscht, ward zuerst auf dem Platze, wo früher die Capelle gestanden, ein Thurm erbaut, den man Belfort nannte. Dieser Thurm ward von Karl dem Zweiten von Anjou, mit dem Beinamen der Hinkende, in ein Schloß verwandelt. Die Befestigungen desselben wurden verstärkt als Neapel von Lautrec, nicht im Jahre 1518, wie Signor Giuseppi Galanti, Verfasser des Buches »Neapel und seine Umgebungen« sagt, sondern im Jahre 1528 belagert ward. Von dieser Zeit an ward es auf Befehl des Kaisers Karl des Fünften eine regelmäßige Festung.
Wie alle Festungen zunächst dazu bestimmt, die Bevölkerungen, in deren Mitte oder über deren Köpfen sie errichtet sind, zu vertheidigen, kam San Elmo allmälig da hin, daß es die Bevölkerung von Neapel nicht blos nicht mehr vertheidigte, sondern sie bedrohte.
Von diesem letzteren Gesichtspunkt aus ist das düstere Schloß heute noch der Schrecken der Neapolitaner, welche bei jeder Revolution, die sie machen oder vielmehr machen lassen, von der neuen Regierung, die auf die alte folgt, die Demolierung dieser Zwingburg verlangen.
Die neue Regierung, welche sich populär machen muß, beschließt auch sofort die Demolierung des Castells San Elmo, hütet sich aber wohl, es auch wirklich zu demolieren.
Beeilen wir uns jedoch in Anbetracht, daß man gegen die Steine eben so gerecht sein muß, als gegen die Menschen, hinzuzufügen, daß das ehrliche und friedliche Castell San Elmo, diese ewige Vernichtungsdrohung für die Stadt, sich bis jetzt stets darauf beschränkt hat, zu drohen, und daß es noch nie etwas vernichtet, wohl aber unter gewissen Umständen geschützt hat.
Wir sagten soeben, daß man gegen die Steine ebenso gerecht sein müsse, wie gegen die Menschen. Kehren wir diesen Ausspruch um und sagen wir jetzt, daß man gegen die Menschen ebenso gerecht sein müsse wie gegen die Steine.
Wenn der Marquis Vanni den Proceß Nicolino nicht thätiger betrieben hatte, so war dies, Gott sei Dank, weder aus Faulheit noch aus Nachlässigkeit geschehen.
Nein, der Marquis verlangte als echter Fiscalprocurator nur Schuldige, und da er deren selbst da zu finden wünschte, wo es keine gab, so war er weit entfernt, einen solchen Vorwurf zu verdienen.
Dabei aber war der Marquis von Vanni nach seiner Art ein gewissenhafter Mann. Er hatte den Proceß des Fürsten von Tersia sieben Jahre und den des Chevalier von Medici und Derer, die er hartnäckig die Mitschuldigen desselben nannte, drei Jahre dauern lassen. Diesmal hatte er einen wirklich Schuldigen in den Händen. Er hatte Beweise seiner Strafbarkeit; er war sicher, daß dieser der dreifachen Thür, welche seinen Kerker verschloß, und der dreifachen Mauer, welche das Castell Sam Elmo umgab, nicht entschlüpfen könne, und es kam ihm daher auf einen Tag, eine Woche und selbst einen Monat nicht an, um zu einem zufriedenstellenden Resultat zu gelangen.
Uebrigens gehörte er, wie wir bereits bemerkt, in Bezug auf Instinkt und Gewohnheiten zu den Thieren des Katzengeschlechts, und man weiß, daß der Tiger mit dem Menschen spielt, ehe er ihn in Stücke reißt, ebenso wie die Katze mit der Maus, ehe sie dieselbe frißt.
Der Marquis Vanni machte es sich daher ebenfalls zum Vergnügen, mit Nicolino Caracciolo zu spielen, ehe er ihm den Kopf abschlagen ließ.
Es darf hierbei jedoch nicht unerwähnt bleiben, daß bei diesem tödtlichen Spiel, wo der mit dem Gesetz, der Tortur und dem Schaffot Gerüstete, mit dem nur mit seinem Geist Gerüsteten kämpfte, nicht allemal der siegte, welcher alle Aussichten auf Sieg für sich hatte. Dies war durchaus nicht der Fall.
Nach vier aufeinander folgenden Verhören, welches jedes über zwei Stunden gedauert, und in welchen Vanni versucht hatte, seinen Angeklagten auf alle mögliche Weise hin und her zu drehen, war der Richter nicht weiter gekommen und der Angeklagte nicht schwerer compromittiert als am ersten Tage, das heißt, der Verhörsrichter war so weit gekommen, daß er den Namen, die Vornamen, die Eigenschaften, das Alter, die gesellschaftliche Stellung Nicolino's ermittelt hatte, was ganz Neapel wußte, ohne deswegen erst von einer einmonatlichen Einkerkerung und einer dreiwöchentlichen Untersuchung Gebrauch zu machen, trotz seiner Neugier aber – und der Marquis Vanni war ganz gewiß einer der neugierigsten Criminalbeamten des Königreichs bei der Sicilien – hatte er nichts weiter zu erfahren vermocht.
Nicolino hatte sich nämlich das Dilemma gestellt: »Entweder bin ich schuldig, oder ich bin unschuldig. Wenn ich schuldig bin, werde ich nicht so dumm sein, Geständnisse zu thun, welche mich compromittieren. Bin ich dagegen unschuldig, so habe ich nichts zu gestehen und werde folglich nichts gestehen.
Das Resultat dieses Vertheidigungssystems war, daß Nicolino auf alle Fragen, welche Vanni stellte, um etwas Anderes zu erfahren, als was alle Welt wußte, das heißt den Namen, die Vornamen, das Alter, die Wohnung und die gesellschaftliche Stellung des Angeklagten, durch andere Fragen antwortete, indem er Vanni im Tone der lebhaftesten Theilnahme fragte, ob er verheiratet sei, ob eine Frau hübsch sei, ob er sie liebe, ob er Kinder von ihr habe, wie alt dieselben seien, ob er Brüder und Schwestern habe, ob sein Vater noch lebe, ob seine Mutter gestorben sei, wie viel ihm die Königin für das Handwerk, welches er triebe, bezahle, ob sein Marquistitel auf den ältesten Erben einer Familie übergehen würde, ob er an Gott, an die Hölle, an das Paradies glaube u.s.w.
Alle diese Abschweifungen suchte er dadurch zu rechtfertigen, daß er erklärte, er hege für Alles, was den Marquis beträfe, eine wenigstens eben so lebhafte Sympathie, wie der Marquis Vanni für ihn, und es müsse ihm folglich erlaubt sein, wenn auch nicht dieselben Fragen – so weit triebe er die Indiscretion nicht – doch wenigstens analoge an ihn zu stellen.
Die Folge hiervon war, daß am Schlusse eines jeden Verhörs der Marquis Vanni sich etwas weniger vorgeschritten fand als zu Anfange, und daß er nicht einmal wagte, alle Possen und Albernheiten, welche Nicolino ihm gesagt, von dem Sekretär zu Protokoll nehmen zu lassen.
Nachdem er endlich dem Gefangenen bei seinem letzten Besuche gedroht, ihn, wenn er fortführe, die ehrwürdige Göttin, welche man die Gerechtigkeit nennt, zu verhöhnen, der Tortur unterwerfen zu lassen, erschien er am Morgen des 9. November – das heißt einige Stunden nach der Ankunft des Königs in Caserta, eine Ankunft, welche in Neapel noch gar nicht und nur den wenigen Personen bekannt war, welche die Ehre gehabt hatten, den König zu sehen – in dem Castell San Elmo, diesmal fest entschlossen, wenn Nicolino fortführe, dasselbe Spiel mit ihm zu treiben, seine Drohungen in Ausführung zu bringen und jene famose Tortur sicut in cadaver in Anwendung zu bringen, welche ihm zu seinem großen Bedauern von der Majorität der Staatsjunta verweigert worden, von der er glücklicherweise diesmal nicht abhängig war.
Vanni, dessen Gesicht ohnehin nie ein sehr heiteres war, hatte daher an diesem Tage einen noch düsterern Ausdruck als gewöhnlich.
Ueberdies war er von Meister Donato, dem Henker von Neapel, begleitet, welcher wiederum zwei seiner Gehilfen mitgebracht, um den Gefangenen zu foltern, wenn derselbe, wir wollen nicht sagen, bei einem Läugnen, wohl aber bei den unzeitigen Scherzen beharrte, die in den Annalen der Justiz noch nie ihres Gleichen gehabt.
Wir sprechen nicht von dem Secretär oder Protokollanten, welcher Vanni auf allen seinen Gängen so unverbrüchlich begleitete und der in seiner Ehrfurcht vor dem Fiscalprocurator in dessen Gegenwart so unbedingtes Schweigen beobachtete, daß Nicolino behauptete, es sei nicht ein Mensch von Fleisch und Bein, sondern ganz einfach ein eigener Schatten, welchen Vanni als Protokollanten habe kostümieren lassen, nicht um, wie man hätte glauben können, dem Staat den Gehalt für diesen untergeordneten Beamten zu ersparen, sondern um immer einen Secretär bei der Hand zu haben, welcher bereit wäre, seine Verhöre niederzuschreiben.
Zu dieser großen Feierlichkeit der Tortur, welche in Neapel eben so wie in dem ganzen Königreich beider Sicilien, seitdem Don Carlos den Thron von Neapel bestiegen, das heißt seit fünfundsechzig Jahren, nicht mehr in Anwendung gekommen, und welche der Marquis Vanni die Ehre haben sollte wieder ins Leben zu rufen, und zwar nicht, indem er sie in anima vili, sondern an einem Mitgliede einer der ersten Familien von Neapel in Anwendung brachte, hatte Don Roberto Brandi, Gouverneur des Castells, Befehl erhalten, in der alten Folterkammer des Schlosses Alles neu herrichten zu lassen.
Der Gouverneur, ein eifriger Diener des Königs, hatte zwei Jahre früher den Verdruß gehabt, Ettore Caraffa aus seiner Festung entschlüpfen zu sehen und sich deshalb jetzt beeilt, seine Hingebung für den König dadurch zu beweisen, daß er den Befehlen des Fiscalprocurators pünktlich gehorchte, so daß, als dieser sich anmelden ließ, der Gouverneur ihm mit dem Lächeln des befriedigten Stolzes entgegenkam.
»Kommen Sie,« sagte er zu ihm, »und ich hoffe, daß Sie mit mir zufrieden sein werden.«
Mit diesen Worten führte er Vanni in das Gemach, welches er vollständig neu für Nicolino Caracciolo hatte in Stand setzen lassen, welcher nicht ahnte, daß der Staat um seinetwillen für Marterinstrumente die ungeheure Summe von siebenhundert Ducati ausgegeben, wovon nach dem in Neapel herrschenden Gebrauch und Herkommen der Gouverneur die Hälfte in eine Tasche gesteckt hatte.
Vanni stieg unter dem Vortritte Don Robertos und gefolgt von einem Secretär, dem Henker und dessen beiden Gehilfen in dieses Museum des Schmerzes hinab, und wie ein General vor dem Treffen das Feld besichtigt, auf welchem er die Schlacht liefern will, und Notiz von den Eigenschaften des Terrains nimmt, von welchem er Vortheil für den Sieg ziehen kann, studierte er eins nach dem andern diese Sammlung von Werkzeugen, welche größtentheils aus den Arsenalen der Kirche und den Archiven der Inquisition hervorgegangen sind, und beweisen, daß die ascetischen Gehirne am erfinderischesten sind in diesen Maschinen, welche den Zweck haben, die verborgensten Fasern des Menschenherzens vor Angst und Schmerz erzittern zu machen.
Jedes Werkzeug war an einem richtigen Ort und ganz besonders in gutem, wirksamen Zustand.
In diesem nur von Fackeln, welche durch an der Wand angebrachte eiserne Hände gehalten wurden, erleuchteten unheimlichen Raum Meister Donato und seine beiden Gehilfen zurücklassend, traten der Marquis Vanni und der Gouverneur in das anstoßende Gewölbe, welches von dem erstern durch ein eisernes Gitter getrennt war, an welchem ein Vorhang von schwarzem Stoffe herabfiel.
Das durch diesen Vorhang sichtbare Licht der Fackeln nahm sich auf diese Weise nur um so gespenstischer und unheimlicher aus.
Auch die Instandsetzung dieses Zimmers, des Sitzes des ehemaligen geheimen Tribunals, verdankte man der Sorgfalt des Gouverneurs Don Roberto.
Es hatte weiter nichts Eigenthümliches als den vollständigen Mangel an Zutritt für das Tageslicht. Das ganze Mobiliar bestand aus einem mit einem grünen Teppich bedeckten Tisch, der durch zwei Leuchter mit fünf Armen beleuchtet ward und worauf man Papier und Schreibzeuge sah.
Ein Armsessel bezeichnete die Mitte dieses Tisches. Auf der andern Seite, dem Sessel gegenüber, befand sich der Schemel des Angeklagten und neben dem großen Tische, welchen man die Ehrentafel nennen konnte und der augenscheinlich für den Richter reserviert war, stand ein kleiner für den Protokollanten bestimmter Tisch.
Ueber dem Sitze des Richters hing ein großes aus Eichenholz geschnitztes Crucifix, von welchem man nicht wußte, ob es hier angebracht war, um den Unschuldigen aufrecht zu erhalten und zu ermuthigen, oder um den Schuldigen zu schrecken.
Eine von der Decke herabhängende Lampe beleuchtete diesen furchtbaren Todeskampf, welcher nicht der des mit dem Wort der Versöhnung auf den Lippen sterbenden Erlösers, sondern der des bösen Schächers zu sein schien, welcher seinen letzten Seufzer mit einer letzten Lästerung aushauchte.
Der Fiscalprocurator hatte bis jetzt Alles schweigend besichtigt, und Don Roberto, der noch immer nicht die Lobsprüche vernahm, auf welche er ein Recht zu haben glaubte, erwartete mit Unruhe irgend einen Beweis von Zufriedenheit.
Dieser Beweis fiel, wenn er auch auf sich hatte warten lassen, dann um so schmeichelhafter aus. Vanni rühmte laut diese ganze unheimliche Inscenierung und versprach dem würdigen Commandanten, daß die Königin von dem Eifer, den er für ihren Dienst entwickelt, in Kenntniß gesetzt werden sollte.
Ermuthigt durch das Lob eines in dergleichen Dingen so erfahrenen Mannes, sprach Don Roberto den schüchternen Wunsch aus, daß die Königin einmal das Castell San Elmo besuchen und mit eigenen Augen diese prachtvolle Marterkammer sehen möchte, die nach seiner Meinung weit merkwürdiger war als das Museum von Capodimonte.
Eines wie hohen Ansehens sich aber Vanni auch bei der Königin erfreute, so wagte er doch nicht, diese hohe Gunst dem würdigen Gouverneur zu versprechen, welcher, indem er einen Seufzer des Bedauerns ausstieß, gezwungen war, sich mit der Gewißheit zu begnügen, daß der Königin ein genauer Bericht sowohl über die Mühe, die er sich gegeben, als über den Erfolg, den er erlangt, erstattet werden würde.
»Und nun, mein lieber Commandant,« sagte Vanni, »gehen Sie wieder hinauf und schicken Sie mir den Gefangenen ohne Fesseln aber unter guter Escorte. Ich hoffe, daß der Anblick dieser Räume ihn von selbst auf vernünftigere Gedanken bringen wird, als in welche er sich bis jetzt verirrt. Es versteht sich von selbst, setzte Vanni in verbindlichem Tone hinzu, »daß, wenn es Sie interessiert, die Tortur in Anwendung bringen zu sehen, Sie den Gefangenen hierher begleiten können. Es wird vielleicht für einen Mann von Intelligenz wie Sie interessant sein, die Art und Weise zu studieren, auf welche ich diese Operation dirigieren werde.«
Don Roberto gab dem Fiscalprocurator in den wärmsten Ausdrücken seine Dankbarkeit für die ihm ertheilte Erlaubniß zu erkennen und erklärte, daß er mit Freuden davon Gebrauch machen werde.
Nachdem er sich hierauf vor dem Marquis bis zur Erde verneigt, entfernte er sich, um den von demselben erhaltenen Befehl zu vollziehen.
Zwölftes Capitel.
Ulysses und Circe
Kaum hatte der König, wie wir gesehen, auf die Meldung des Lakaien den Speisesaal verlassen, um sich in sein Zimmer zu dem ihn erwartenden Cardinal Ruffo zu begeben, als, ob er das alleinige und einzige Band gewesen wäre, welches die von verschiedenen Gefühlen bewegten Gäste unter einander zusammenhielt, ein jeder sich beeilte, sich auf sein Zimmer zu begeben.
Der Capitän von Cesare geleitete die alten Prinzessinnen, welche außer sich waren, daß sie, nachdem sie genöthigt gewesen, vor der Revolution aus Paris und Rom zu fliehen, nun, abermals durch denselben Feind verfolgt, wahrscheinlich auch gezwungen sein würden, aus Neapel zu fliehen.
Die Königin theilte Sir William mit, daß sie nach den Nachrichten, welche ihr Gemahl gebracht, einer Freundin zu sehr bedürfe, um ihre theure Emma Lyonna nicht bei sich zu behalten.
Acton ließ seinen Secretär Richard rufen, um ihm die Aufgabe anzuvertrauen, zu entdecken, weswegen oder um wessen Willen der König in seine Gemächer zurückgekehrt sei.
Der in seine Functionen als Kammerherr wieder eingesetzte Herzog von Ascoli folgte dem König in seinem mit Ordenssternen und Ordensbändern bedeckten Rock, um ihn zu fragen, ob er seiner Dienste bedürfe.
Der Fürst von Castelcicala verlangte nach seinem Wagen, um schleunigst nach Neapel zu fahren, und hier seine Sicherheit und die seiner Freunde zu überwachen, welche durch den Triumph der französischen Jakobiner, worauf ganz natürlich der der neapolitanischen folgen mußte, in grausamer Weise gefährdet worden.
Sir William Hamilton ging in sein Zimmer hinauf, um eine Depesche an seine Regierung zu schreiben, und Nelson kehrte mit gesenktem Haupte und von düstern Gedanken erfülltem Herzen in sein Zimmer zurück, welches die Königin mit zartsinniger Aufmerksamkeit Sorge getragen, nicht allzu weit von dem zu wählen, welches sie ihrer Freundin Emma für die Nächte, wo sie dieselbe bei sich behielt, reservirte, dafern nämlich nicht während dieser Nächte ein und dasselbe Zimmer und ein und dasselbe Bett beide Freundinnen aufnahm.
Auch Nelson hatte eben so wie Sir William Hamilton zu schreiben, aber nicht eine Depesche, sondern einen Brief. Er war im mittelländischen Meere nicht Obercommandant, sondern stand hier unter den Befehlen des Admirals Lord St. Vincent, ein untergeordnetes Verhältniß, welches ihm nicht allzu fühlbar ward, denn der Admiral begegnete ihm mehr als Freund denn als Untergebenen, und der letzte Sieg Nelsons hatte diesen mit den größten Berühmtheiten der englischen Marine auf gleiche Stufe erhoben.
Dieses vertrauliche Verhältniß zwischen Nelson und seinem Obercommandanten wird durch die Correspondenz Nelsons mit dem Lord St. Vincent constatiert, welche sich im fünften Bande seiner in London herausgekommenen »Briefe und Depeschen« findet, und diejenigen unserer Leser, welche gern Originaldocumente zu Rathe ziehen, können die Briefe nachschlagen, welche der Sieger von Abukir vom 22. September an, der Zeit, mit welcher unsere Erzählung beginnt, bis zum 9. December, dem Tage, bei welchem wir jetzt angelangt sind, geschrieben hat.
Sie werden darin in allen Einzelheiten die unwiderstehlichen Fortschritte der wahnsinnigen Leidenschaft lesen, welche Lady Hamilton ihm einflößte, einer Leidenschaft, welche ihn die Sorge für seine Pflichten als Admiral und als Mensch, ja die noch wichtigere Sorge für seine Ehre vergessen machen sollte.
Diese Briefe, welche die Verwirrung seines Geistes und die Leidenschaft seines Herzens malen, wären vor der Nachwelt eine Entschuldigung, wenn die Nachwelt, die den Geliebten Kleopatras seit zweitausend Jahren verdammt hat, ihr Urtheil widerrufen könnte.
Sobald als Nelson, betroffen von einer Katastrophe, die nicht blos eine große Störung in den Angelegenheiten des Königreichs, sondern auch wahrscheinlich in den seines Herzens einen großen Umsturz herbeiführen mußte, weil die englische Admiralität dadurch genöthigt ward, in Bezug auf ihre Mittelmeer-Flotte neue Dispositionen zu treffen, in einem Zimmer angelangt war, ging er sofort an ein Bureau und begann unter dem Eindruck des Berichtes, welchen der König erstattet, wenn nämlich die dem Munde Ferdinands entfallenen Worte ein Bericht genannt werden können, den folgenden Brief:
»An den Admiral Lord St. Vincent.
»Mein lieber Lord!
»Die Dinge haben seit meinem letzten von Livorno datierten Briefe eine sehr veränderte Gestalt gewonnen und ich fürchte sehr, daß Seine Majestät der König beider Sicilien im Begriff stehe, eines seiner Königreiche, ja vielleicht alle beide zu verlieren. Der General Mack war, wie ich gleich argwohnte, und Ihnen, glaube ich, auch gesagt habe, weiter nichts als ein Prahler, der seinen Ruf als großer Feldherr ich weiß nicht wo, auf dem Schlachtfelde aber ganz gewiß nicht gewonnen hat. Allerdings war die Armee, die ihm zur Verfügung gestellt ward, eine sehr traurige, aber wer hätte geglaubt, daß sechzigtausend Mann sich von zehntausend schlagen lassen würden?
»Die neapolitanischen Officiere haben nicht viel Ehre verloren, denn Gott weiß, daß sie deren nur wenig zu verlieren hatten, dennoch aber haben sie nun auch dieses Minimum verloren.«
So weit war Nelson in einem Briefe gekommen und man sieht, daß der Sieger von Abukir sich über die Besiegten von Civita Castellana ziemlich hart aussprach. Viel- leicht hatte er in der That das Recht, in Bezug auf Muth etwas große Ansprüche zu machen, dieser rauhe Seemann, welcher als Kind schon fragte, was die Furcht sei und der sie niemals gekannt, obschon er bei jedem Kampf einen Fetzen von seinem Fleische zurückließ, so daß die Kugel, die ihm bei Trafalgar den Tod gab, nur noch die Hälfte von ihm selbst und die lebendigen Ueberreste eines Helden tödtete.
So weit, sagen wir, war Nelson in seinem Brief gekommen, als er hinter sich ein Geräusch hörte gleich dem, welches der Flügelschlag eines von Blume zur Blume flatternden Schmetterlings oder verspäteten Sylphs machen würde.
Er drehte sich um und erblickte Lady Hamilton.
Er stieß einen Freudenruf aus, Emma Lyonna aber legte mit reizendem Lächeln den Finger an den Mund und forderte lachend und anmuthig, wie die Statue des glücklichen Schweigens – es gibt, wie man weiß, mehrere Gattungen des Schweigens – ihn durch eine Geberde auf, sich ruhig zu verhalten.
Dann näherte sie sich bis zu seinem Sessel, neigte sich über die Lehne und sagte mit halber Stimme:
»Folgen Sie mir, Horaz! Unsere theure Königin erwartet Sie und will mit Ihnen sprechen, ehe sie ihren Gemahl wiedersieht.«
Nelson stieß einen Seufzer aus, als er bedachte, daß einige von London eintreffende, seine Bestimmung ändernde Worte ihn von dieser Zauberin entfernen könnten, welche durch jede Geberde, jedes Wort, jede Schmeichelei und jede Liebkosung der Kette, in welche sie ihn bereits geschlagen, ein neues Glied hinzufügte. Ein Raub jenes Taumels, den er allemal empfand, wenn er nach augenblicklicher Abwesenheit diese blendende Schönheit wiedersah, erhob er sich mühsam von einem Sitz.
»Führen Sie mich,« sagte er zu ihr. »Sie wissen, daß ich von dem Augenblicke an, wo ich Sie sehe, nichts mehr sehe.«
Emma band die Gazeschärpe los, welche sie um ihren Kopf gewunden und deren sie sich zugleich als Hauptschmuck und als Schleier bediente, wie man auf den Miniaturgemälden von Isabey sieht, und warf ihm eins der Enden zu, welches er im Fluge erhaschte und fieberhaft an seine Lippen drückte.
»Kommen Sie, mein lieber Theseus,« sagte sie zu ihm. »Hier ist der Faden des Labyrinths, sollten Sie mich auch verlassen wie eine zweite Ariadne. Nur sage ich Ihnen im voraus, daß, wenn dieses Unglück mir begegnet, ich mich von Niemand trösten lassen werde, selbst nicht von einem Gott.«
Sie ging voran und Nelson folgte ihr. Hätte sie ihn in die Hölle geführt, so wäre er auch in diese mit ihr hinabgestiegen.
»Hier, meine theure Königin,« sagte Emma, »bringe ich Ihnen den Mann, der gleichzeitig mein König und mein Sclave ist. Hier ist er.«
Die Königin saß auf einem Sopha in dem Boudoir, welches Emma Lyonnas Zimmer von dem ihrigen trennte. Eine noch nicht völlig erloschene Flamme leuchtete aus ihrem Auge. Diesmal war es die des Zornes.
»Kommen Sie her, Nelson, mein Vertheidiger, sagte sie, »setzen Sie sich neben mich. Ich bedarf des Anblicks und der Berührung eines Helden, um mich über unsere Erniedrigung zu trösten. Haben Sie ihn gesehen,« fuhr sie fort, indem sie verächtlich den Kopf zurückwarf, »haben Sie ihn gesehen, diesen gekrönten Possenreißer, der sich zum Boten seiner eigenen Schande macht? Haben Sie gehört, wie er über seine eigene Feigheit witzelte? Ach, Nelson, Nelson, es ist traurig, wenn man eine stolze Königin und einmuthiges Weib ist, einen König zum Gemahl zu haben, welcher weder das Scepter noch den Degen zu führen versteht.«
Sie zog Nelson neben sich nieder. Emma setzte sich auf einige auf dem Fußboden liegende Kiffen und betrachtete mit ihrem magnetischen Blick, während sie – wie Amy Robsart mit Leicesters Halskette – mit Nelsons Sternen und Ordensbändern spielte, den Mann, den sie beauftragt war zu bestricken.
»Der König ist ein großer Philosoph, Madame,« entgegnete Nelson.
Die Königin sah Nelson an und runzelte ihre schönen Augenbrauen.
»Legen Sie wirklich, sagte sie, »den Namen eines Philosophen einem Manne bei, welcher alle Würde vergißt? Daß er, da er als Lazzarone erzogen worden, nicht das Genie eines Königs besitzt, ist wohl begreiflich, denn Genie ist eine Gabe, mit welcher der Himmel sehr geizig umgeht; aber daß er auch nicht das Herz eines Mannes hat, das ist entsetzlich! In der That, Nelson, Ascoli war es, der diesen Abend nicht blos den Rock, sondern auch das Herz eines Königs besaß. Der König war weiter nichts als der Lakai Ascolis, und wenn man bedenkt, daß, wenn jene Jakobiner, vor welchen er sich so sehr fürchtet, ihn gefangen genommen hätten, er ihn hätte hängen lassen, ohne ein Wort zu jagen, um ihn zu retten! Die Tochter Maria, Theresia's und das Weib Ferdinands zu sein, dies ist, wie Sie selbst zugeben werden, eine jener Launen des Zufalls, welche Zweifel an der Vorsehung erwecken könnten.«
»Aber,« sagte Emma, »ist es nicht besser, daß dem so sei, und sehen Sie nicht, daß es ein Wunder der Vorsehung ist, aus Ihnen zugleich einen König und eine Königin gemacht zu haben? Besser ist es Semiramis zu sein, als Artemisia, besser Elisabeth als Maria von Medicis.«
»O,« rief die Königin, ohne auf Emma zu hören, »wenn ich ein Mann wäre, wenn ich einen Degen trüge!«
»Mehr als dieser würde er doch nicht leisten,« sagte Emma, indem sie mit Nelsons Degen spielte, »und von dem Augenblicke an, wo dieser Sie beschützt, bedarf es, Gott sei Dank, keines andern!«
Nelson legte seine Hand auf Emma's Haupt und betrachtete sie mit dem Ausdruck unendlicher Liebe.
»Ach, theure Emma,« sagte er zu ihr, »Gott weiß, daß die Worte, welche ich auszusprechen im Begriffe stehe, mir das Herz zerreißen, aber glauben Sie, daß ich, als ich Sie vorhin in einem Augenblick sah, wo ich es am wenigsten erwartete, geseufzt hätte, wenn ich nicht auch meine Befürchtungen hegte?«
»Sie?« fragte Emma.
»O, ich errathe, was er sagen will,« rief die Königin, indem sie sich das Tuch an die Augen drückte. »O, ich weine! Ja es ist wahr, aber es sind Thränen der Wuth.«
»Ja, ich aber errathe nicht,« sagte Emma, »und was ich nicht errathe, muß man mir erklären. Nelson, was verstehen Sie unter Ihren Befürchtungen? Sprechen Sie, ich will es.«
Und indem sie einen Arm um seinen Hals schlang, und sich mit Hilfe dieses Armes anmuthig erhob, küßte sie seine verstümmelte Stirn.
»Emma,« sagte Nelson, »glauben Sie mir, daß, wenn diese Stirn, welche unter Ihren Lippen vor Stolz strahlt, nicht gleichzeitig vor Freude strahlt, dann der Grund davon der ist, daß ich in naher Zukunft einen großen Schmerz voraussehe.«
»Ich, ich kenne nur einen Schmerz auf dieser Welt,« sagte Lady Hamilton; »es wäre der, von Ihnen getrennt zu sein.«
»Sie sehen, daß auch Sie zu errathen verstehen, Emma.«
»Wir sollten uns trennen!« rief Emma mit einem bewunderungswürdig gut gespielten Ausdruck des Schreckens. »Und wer könnte uns jetzt trennen?«
»Mein Gott, die Befehle der Admiralität, eine Laune von Monseigneur Pitt! Kann man mich nicht absenden, um Martinique und Trinité zu nehmen, ebenso wie man mich nach Calvi, nach Teneriffa, nach Abukir geschickt hat? Bei Calvi ließ ich ein Auge zurück, bei Teneriffa einen Arm, bei Abukir die Haut meiner Stirn. Wenn man mich nach Martinique oder nach Trinité schickt, so verlange ich nichts weiter, als daß ich dort den Kopf lasse und damit Alles aus sei.«
»Wenn Sie aber auch einen solchen Befehl erhielten, dann würden Sie, hoffe ich, demselben nicht gehorchen.«
»Was sollte ich sonst thun, Emma?«
»Sie würden dem Befehle, mich zu verlassen, wirklich gehorchen?«
»Emma, Emma, sehen Sie nicht, daß Sie sich zwischen meine Pflicht und meine Liebe stellen, das heißt, mich zum Verräther machen, oder zur Verzweiflung treiben?«
»Wohlan, entgegnete Emma, »ich gebe zu, daß Sie nicht zu dem König Georg dem Dritten sagen können: »Sire, ich will Neapel nicht verlassen, weil ich bis zum Wahnsinn die Frau Ihres Gesandten liebe, welche ihrerseits mich liebt bis in den Tod, aber wohl können Sie zu ihm sagen: »Mein König, ich will nicht eine Königin verlassen, deren einzige Stütze, deren einziger Vertheidiger ich bin. Gekrönte Häupter sind sich gegenseitig zum Schutz verpflichtet, und Sie werden eins für den andern Rechenschaft vor dem Gott geben müssen, der sie zu seinen Auserwählten gemacht hat; und wenn Sie ihm auch nicht gerade dies sagen, weil ein Unterthan nicht auf diese Weise zu seinem König spricht, so kann Sir William es ihm sagen, dem einem Milchbruder gegenüber Rechte zustehen, die Sie nicht besitzen.«
»Nelson,« sagte die Königin, »ich bin vielleicht eine große Egoistin, aber wenn Sie uns nicht beschützen, so sind wir verloren, und wenn man Ihnen die Frage so stellt, daß es einen Thron aufrecht zu erhalten, ein Königreich zu beschützen gibt, finden Sie dann nicht, daß sie eine so hohe Bedeutung gewinnt, daß ein Mann von Muth wie Sie schon etwas wagt, um uns zu retten?«
»Sie haben Recht, Madame, antwortete Nelson. »Ich hatte nur meine Liebe im Auge, und dies ist nicht zu verwundern, denn diese Liebe ist der Polarstern meines Herzens. Euer Majestät macht mich sehr glücklich, indem sie mir eine Hingebung zeigt, wo ich nur eine Leidenschaft sah. Noch heute Nacht werde ich an meinen Freund Lord St. Vincent schreiben, oder vielmehr den bereits angefangenem Brief an ihn beenden. Ich werde ihn inständig bitten, mich in Ihrem Dienste zu lassen, oder, noch besser, mich demselben zuzutheilen. Er wird das verstehen und an die Admiralität schreiben.«
»Und,« sagte Emma, »Sir William wird einerseits direkt an den König und an Mr. Pitt schreiben.«
»Begreifen Sie, Nelson, fuhr die Königin fort, wie sehr wir Ihrer bedürfen und welche unermeßlichen Dienste Sie uns leisten können? Aller Wahrscheinlichkeit nach werden wir uns genöthigt sehen, Neapel zu verlassen in die Verbannung zu gehen –«
»Glauben Sie, daß die Dinge wirklich schon so verzweifelt stehen, Madame?«
Die Königin schüttelte mit wehmüthigem Lächeln den Kopf.
»Ich sollte meinen,« fuhr Nelson fort, »wenn der König wollte –«
»Es wäre ein Unglück, wenn er wollte, Nelson, ein Unglück für mich, glauben Sie mir das. Die Neapolitaner verabscheuen mich. Die Neapolitaner sind ein Volk, welches eifersüchtig ist auf jedes Talent, auf jede Schönheit, auf jeden Muth. Von jeher unter das deutsche, französische oder spanische Joch gebeugt, nennen sie Alles, was nicht neapolitanisch ist, ausländisch, und hassen und verläumden es. Sie hassen Acton, weil er in Frankreich geboren ist; sie hassen Emma, weil diese in England geboren ist; sie hassen mich, weil ich in Oesterreich geboren bin. Nehmen Sie an, daß mit einem Aufgebot von Muth, dessen der König auch keineswegs fähig ist, man die Trümmer der Armee sammele und die Franzosen in dem Engpasse der Abruzzen aufhalte, so werden die sich selbst überlassenen Jakobiner von Neapel die Abwesenheit der Truppen benutzen und sich empören, um dann die Greuelscenen, welche Frankreich 1792 und 1793 erlebt, sich hier erneuern zu lassen. Wer sagt Ihnen, daß sie es mit mir nicht eben so machen werden wie mit Marie Antoinette, und mit Emma wie mit der Prinzessin von Lamballe? Der König wird sich mit Hilfe seiner Lazzaroni, die ihn anbeten, stets aus der Affaire ziehen. Er hat die Aegide der Nationalität für sich, Acton aber, Emma und ich, lieber Nelson, wir sind verloren. Ist es daher nicht eine große Rolle, die Ihnen von der Vorsehung zugetheilt worden, wenn es Ihnen gelingt, für mich das zu thun, was Mirabeau, was Herr von Bouillé, was der König von Schweden, was Barnave, was Herr von Lafayette, was meine beiden Brüder, mit einem Worte, zwei Kaiser für die Königin von Frankreich nicht zu thun vermocht haben?«
»Es wäre das ein zu hoher Ruhm, nach welchem ich nicht trachte, ein ewiger Ruhm, Madame,« sagte Nelson.
»Können Sie ferner nicht geltend machen, Nelson, daß wir uns eben durch unsere Anhänglichkeit an England in die Gefahr gestürzt haben? Wenn die Regierung beider Sicilien, den mit der Republik geschlossenen Verträgen treu, Ihnen nicht erlaubt hätte, in Syracus Wasser und Lebensmittel einzunehmen und Ihre Schiffe wieder in Stand zu setzen, so wären Sie gezwungen gewesen, sich in Gibraltar zu verproviantiren und Sie hätten dann die französische Flotte nicht mehr bei Abukir gefunden.«
»Das ist wahr, Madame, und ich wäre dann selbst verloren gewesen, weil für diesen Fall anstatt eines Triumphs ein entehrender Proceß meiner harrte. Wie hätte ich sagen können: Meine Augen waren auf Neapel gerichtet, da meine Pflicht war, nach Tunis zu schauen?«
Und endlich: sind die Feste, die wir in unserem Enthusiasmus für Sie Ihnen gegeben, nicht die nächste Ursache, daß dieser Krieg zum Ausbruch gekommen ist? Nein, Nelson, das Schicksal des Königreichs der beiden Sicilien ist an Sie gefesselt und Sie sind wiederum an das Schicksal seiner Souveräne gefesselt. Man wird in Zukunft sagen: Diese Souveräne waren von Allen verlassen, von allen Bundesgenossen, ihren Freunden, ihren Verwandten; sie hatten die Welt gegen sich, aber sie hatten Nelson für sich und Nelson rettete sie.«
Und bei der Geberde, welche die Königin machte, indem sie diese Worte aussprach, streckte sie die Hand gegen Nelson aus. Nelson ergriff diese Hand, ließ sich auf ein Knie nieder und küßte sie.
»Madame, sagte Nelson, indem er sich durch die Schmeichelei der Königin zum Enthusiasmus hinreißen ließ, »wollen Sie mir etwas versprechen?«
»Sie haben das Recht, Alles von Denen zu verlangen, die Ihnen Alles zu verdanken haben werden.«
»Wohlan, dann verlange ich Ihr königliches Wort, Madame, daß von dem Tage an, wo Sie Neapel verlassen werden, es das Schiff Nelsons und kein anderes sein wird, welches Ihre geheiligte Person nach Sicilien bringt.«
»O, das schwöre ich Ihnen, Nelson, und ich füge hinzu, daß da, wo ich bin, meine einzige, meine ewige Freundin, meine theure Emma Lyonna bei mir sein wird.«
Und mit einer vielleicht etwas leidenschaftlicheren Bewegung, als diese Freundschaft, wie groß sie auch war, gestattete, nahm die Königin Emma's Kopf zwischen ihre beiden Hände, näherte ihn rasch und lebhaft ihre Lippen und küßte sie auf beide Augen.
»Sie haben mein Wort, Madame,« sagte Nelson. »Von diesem Augenblicke an sind. Ihre Freunde meine Freunde und Ihre Feinde meine Feinde, und wäre es mein eigener Untergang, ich werde Sie rächen.«
»O,« rief Emma, »Du bist in der That der Ritter der Könige und der Vorkämpfer der Throne. Du bist ganz so, wie ich mir den Mann geträumt, dem ich meine ganze Liebe und mein ganzes Herz widmen sollte.«
Und diesmal drückte die moderne Circe ihre Lippen nicht auf die narbenbedeckte Stirne, sondern auf die bebenden Lippen des Helden.
In diesem Augenblicke ward leise an die Thür gepocht.
»Gehen Sie hier hinein, Freunde meines Herzens,« sagte die Königin, indem sie auf Emmas Zimmer zeigte. »Es ist Acton, welcher mir eine Antwort bringen will.«
Nelson zog berauscht von Schmeichelei, Liebe und Stolz Emma in dieses von wohlduftender Atmosphäre er füllte Zimmer, dessen Thür sich hinter ihnen von selbst zu schließen schien.
Binnen einer Secunde änderte sich der Ausdruck in dem Gesichte der Königin auf eine Weise, als ob sie eine Maske angelegt oder abgenommen hätte. Ihr Auge ward schroff und in kurzem Tone sprach sie das einzige Wort:
»Herein!«
Es war wirklich Acton.
»Nun, fragte sie, »wer erwartete den König?«
»Der Cardinal Ruffo,« antwortete Acton.
»Wissen Sie, was sie miteinander gesprochen haben?«
»Nein, Madame, aber ich weiß, was sie gemacht haben.«
»Und was haben sie gemacht?«
»Sie haben Ferrari rufen lassen.«
»Ich dachte mir es wohl. Ein Grund mehr, Action, zu dem, was Sie wissen.«
»Bei der ersten Gelegenheit wird es geschehen. Haben Euer Majestät mir noch sonst etwas zu befehlen?«
»Nein,« antwortete die Königin.
Acton verneigte sich und verließ das Zimmer.
Die Königin warf einen eifersüchtigen Blick auf das Zimmer Emmas und kehrte schweigend in das ihrige zurück.