Kitabı oku: «La San Felice Band 6»
Sechster Theil
Erstes Capitel.
Nicolino's Verhör
Die wenigen Augenblicke, welche vergingen, bis, nachdem der Commandant Don Roberto sich entfernt, der Gefangene eintrat, wurden von dem Fiscalprocurator dazu angewendet, daß er ein Richtergewand über seine gewöhnlichen Kleider warf, eine ungeheure Perrücke, welche nach seiner Meinung seinem Gesichte Majestät verleihen sollte, auf seinen magern, langen Kopf und auf diese Perrücke wiederum eine viereckige Mütze setzte.
Der Protokollant begann damit, daß er die beiden mit einem N bezeichneten Pistolen und den Brief der Marquise von San Clemente als Ueberführungsbeweise auf den Tisch legte. Dann schritt er zu derselben Toilette, welche sein Vorgesetzter gemacht, natürlich mit Beobachtung des Rangunterschieds, das heißt, sein Gewand war enger, seine Perrücke weniger umfangreich und sein Barett weniger hoch.
Hierauf nahm er an dem kleinen Tische Platz. Der Marquis Vanni setzte sich an den großen, und da er ein ordnungsliebender Mann war, so schob er das vor ihm liegende Papier so zusammen, daß kein Bogen über den andern hervorragte, überzeugte sich, daß Tinte in dem Fasse war, untersuchte den Schnabel seiner Feder, spitzte ihn mit einem Federmesser, egalisierte die beiden Spitzen durch Abkippen auf dem Nagel, zog aus seiner Tasche eine mit dem Porträt des Königs geschmückte goldene Tabatière, stellte sie so, daß sie ihm bequem zur Hand war, weniger um daraus zu schnupfen, als damit mit jener gleichgültigen Miene des Richters zu spielen, welcher mit dem Leben eines Menschen eben so sorglos spielt, wie mit seiner Dose, und erwartete Nicolino Caracciolo in der Haltung, von welcher er glaubte, daß sie die geeignetste sei, um Wirkung auf den Gefangenen zu äußern.
Unglücklicherweise war Nicolino Caracciolo durchaus nicht der Mann, der sich durch die Attitüden des Marquis Vanni hätte imponieren lassen. Die Thür, welche sich hinter dem Commandanten geschlossen, öffnete sich zehn Minuten später vor dem Gefangenen und Nicolino Caracciolo trat mit einer Eleganz gekleidet, welche den wenig comfortablen Aufenthalt in einem Gefängniß durchaus nicht verrieth, mit lächelnder Miene herein und trällerte dabei das »Pria che spunti l'aurora« aus der Oper »Il Matrimonio segreto.«
Begleitet war er von vier Soldaten und hinter ihm drein folgte der Gouverneur. Zwei Soldaten blieben an der Thür stehen, die zwei andern schlossen sich rechts und links an den Gefangenen an, welcher gerade auf den für ihn bereitgestellten Sitz zuging, sich, ehe er sich setzte, mit der größten Aufmerksamkeit rings umschaute, auf französisch die drei Sylben: »Tiens! tiens! tiens!« welche, wie man weiß, bestimmt sind, komisches Erstaunen auszudrücken, murmelte und dann, sich mit der größten Höflichkeit an den Fiscalprocurator wendend, fragte:
»Haben Sie, Herr Marquis, vielleicht zufällig die »Geheimnisse Adolpho‘s« gelesen?«
»Was ist das, die »Geheimnisse Adolpho‘s?« fragte Vanni, indem er seinerseits antwortete, wie Nicolino gewohnt war es zu thun, nämlich durch eine anderweite Frage.
»Es ist ein neuer Roman von einer Engländerin Namens Anna Radcliffe.«
»Ich lese keine Romane, verstehen Sie, mein Herr,« antwortete der Richter in würdevollem Tone.
»Daran thun Sie Unrecht, sehr Unrecht. Es gibt deren sehr amüsante, und ich möchte wohl einen in meinem Gefängniß zu lesen haben, wenn es hell genug dazu wäre.«
»Mein Herr, ich wünsche, daß Sie vor Allem Ihre Aufmerksamkeit darauf lenken – «
»Worauf denn, Herr Marquis?«
»Daß wir hier sind, um uns mit etwas ganz Anderem zu beschäftigen als mit Romanen. Setzen Sie sich.«
»Ich danke Ihnen, Herr Marquis; ich wollte Ihnen blos sagen, daß in den »Geheimnissen Adolpho‘s« die Beschreibung eines Zimmers vorkommt, welches diesem hier vollkommen ähnlich ist. In diesem Gemach hielt der Räuberhauptmann mit seiner Bande Sitzung.«
Vanni rief seine ganze Würde zu Hilfe.
»Angeklagter, ich hoffe, daß diesesmal –«
Nicolino unterbrach ihn.
»Erstens heiße ich nicht Angeklagter, das wissen Sie.«
»Vor dem Gesetze gibt es keine socialen Rangunterschiede, Sie sind angeklagt.«
»Als Verbum laß' ich den Ausdruck gelten, als Substantivum aber nicht. Wessen bin ich denn angeklagt?«
»Sie sind eines Complotts gegen den Staat angeklagt.«
»Aber, mein Himmel, da verfallen Sie schon wieder in Ihre Manie!«
»Und Sie in Ihren Mangel an Ehrerbietung gegen die Gerechtigkeit.«
»Wie? Ich beweise Mangel an Ehrerbietung gegen die Gerechtigkeit? Ach, mein Herr Marquis, ganz gewiß halten Sie mich für einen Andern, denn Niemand respektiert und verehrt die Gerechtigkeit mehr als ich. Die Gerechtigkeit ist ja das Wort Gottes auf Erden. O nein, ich bin nicht so gottlos, daß ich unehrerbietig gegen die Gerechtigkeit sein sollte. Gegen die Richter ist es freilich etwas Anderes, und in Bezug auf diese möchte ich meine Unschuld nicht so keck behaupten.«
Vanni stampfte vor Ungeduld mit dem Fuße.
»Haben Sie sich endlich entschlossen, die Fragen, die ich heute an Sie richten werde, zu beantworten?«
»Es kommt darauf an, was für Fragen Sie an mich stellen werden.«
»Angeklagter!« rief Vanni in heftigem Tone.
»Schon wieder!« rief Nicolino, die Achseln zuckend. »Was kann es Ihnen verschlagen, ob Sie mich Prinz oder Herzog nennen? Ich gebe keiner dieser beiden Benennungen einen Vorzug vor der andern. Ich nenne Sie Marquis, und ganz gewiß, ob ich kaum den dritten Theil der Lebensjahre zähle, welche Sie hinter sich haben, bin ich Prinz oder Herzog seit längerer Zeit, als Sie Marquis sind.«
»Genug über dieses Capitel! Wie alt sind Sie?«
O Nicolino zog eine prachtvolle Uhr aus der Tasche.
»Einundzwanzig Jahre, drei Monate, acht Tage, fünf Stunden, sieben Minuten und zweiunddreißig Secunden. Diesmal, hoffe ich, werden Sie mich nicht eines Mangels an Genauigkeit beschuldigen.«
»Wie heißen Sie?«
»Immer noch Nicolino Caracciolo.«
»Wo wohnen Sie?«
»Im Castell San Elmo, Kerker Nummer drei, in der zweiten Etage, unter dem Zwischenstock.«
»Ich frage Sie nicht, wo Sie jetzt wohnen, sondern wo Sie wohnten, als man Sie festnahm.«
»Als man mich festnahm, wohnte ich gar nicht; ich war auf der Straße.«
»Gut, gut, es kommt auf Ihre Antwort weiter nichts an. Man weiß, wo Sie gewohnt haben.«
»Dann sage ich wie Agamemnon zu Achilles: Warum, Freund, fragst Du mich, da Du es doch schon weißt?«
»Waren Sie bei der Versammlung der Verschwörer, die in der Nacht vom 22.
zum 23. Dezember in den Ruinen des Palastes der Königin Johanna stattfand?«
»Einen Palast der Königin Johanna in Neapel kenne ich nicht.«
»Wie, Sie kennen nicht die Ruinen des Palastes der Königin Johanna auf dem Pausilippo, dem Hause, welches Sie bewohnen, beinahe gerade gegenüber?«
»Ich bitte um Verzeihung, Herr Marquis, wenn ein Mann aus dem Volke, ein Fiakerkutscher, ein Fremdenführer, ja sogar ein Minister des öffentlichen Unterrichts – Gott weiß, woher man in unserer Zeit die Minister nimmt! – einen solchen Irrthum begeht, so ist es leicht begreiflich; wenn aber Sie, ein Archäolog, in der Architectur um dritthalb Jahrhunderte und in der Geschichte um fünfhundert Jahre sich irren, so verzeihe ich Ihnen dies nicht. Sie wollen sagen: Die Ruinen des Palastes Anna‘s Caraffa, der Gattin des Herzogs von Medina, des Günstlings Philipp des Vierten, welche nicht den Erstickungstod starb wie Johanna die Erste, noch an Gift, wie Johanna die Zweite – bemerken Sie wohl, daß ich diese Thatsache nicht behaupte, denn dieselbe ist zweifelhaft geblieben – sondern an der Läusesucht wie Sylla und Philipp der Zweite – das ist nicht erlaubt, Herr Marquis, und wenn ein solcher Irrthum bekannt würde, so wäre es um Ihren Ruf als wissenschaftlich gebildeter Mann geschehen.«
»Nun gut, denn, in den Ruinen des Palastes der Anna Caraffa, wenn Ihnen das lieber ist.«
»Ja, es ist mir lieber. Die Wahrheit ist mir stets lieb. Ich gehöre zur Schule des Philosophen von Genf und mein Wahlspruch ist: Vitam impendere vero. Doch, ich will lieber nicht Latein sprechen; Sie möchten mich nicht verstehen.«
»Waren Sie während der Nacht vom 22. zum 23. December in den Ruinen des Palastes der Anna Caraffa? Antworten Sie: Ja oder Nein!« rief Vanni wüthend.
»Was zum Teufel hätte ich dort zu suchen gehabt? Erinnern Sie sich denn nicht mehr des Unwetters, welches in der Nacht vom 22. zum 23. December tobte?«
»Dann will ich Ihnen sagen, was Sie dort thun wollten. Sie wollten sich verschwören.«
»Ach lieber gar! Wenn es regnet, verschwöre ich mich niemals. Schon bei schönem Wetter ist dies etwas Langweiliges.«
»Haben Sie an jenem Abend Jemanden Ihren Ueberrock geliehen?«
»Wie könnte ich so einfältig sein, in einer solchen Nacht, wo es in Strömen goß, meinen Ueberrock zu verborgen? Selbst wenn ich deren zwei gehabt, hätte ich sie lieber einen über den andern gezogen.«
»Kennen Sie diese Pistolen?«
»Wenn ich sie kennte, so würde ich sagen, man habe sie mir gestohlen, und da Ihre Polizei sehr schlecht eingerichtet ist, so würden Sie den Dieb nicht ausfindig machen, was für Ihre Polizei sehr demüthigend wäre. Nun aber will ich Niemanden demüthigen und deshalb sage ich: Ich kenne diese Pistolen nicht.«
»Dieselben sind aber doch mit dem Buchstaben N bezeichnet.«
»Nun, bin ich denn in ganz Neapel der einzige Mensch, dessen Name mit einem N anfängt?«
»Kennen Sie diesen Brief?«
Und Vanni zeigte dem Gefangenen den Brief der Marquise von San Clemente.
»Ich bitte um Verzeihung, Herr Marquis, dann müßte ich diesen Brief erst genauer sehen.«
»Treten Sie näher.«
Nicolino sah die beiden Soldaten, welche rechts und links neben ihm standen, nach einander an.
»Ė permesso?« fragte er.
Die beiden Soldaten traten auf die Seite, Nicolino näherte sich dem Tisch, ergriff den Brief und betrachtete ihn.
»Aber pfui! wie können Sie einen Mann von Ehre fragen, ob er einen Brief von Damenhand kennt? O, Herr Marquis!«
Mit diesen Worten hielt er den Brief ganz ruhig an einen der Armleuchter und verbrannte ihn.
Wüthend sprang Vanni auf.
»Was machen Sie da!« rief er.
»Nun, sehen Sie es denn nicht? Ich verbrenne diesen Brief. – Briefe, die von Frauen geschrieben worden, muß man stets verbrennen, sonst könnten die armen Wesen ja leicht compromittiert werden.«
»Soldaten!« schrie Vanni.
»Bemüht Euch nicht,« sagte Nicolino, indem er Vanni die Asche des verbrannten Papieres ins Gesicht blies, »es ist geschehen.«
Und dann setzte er sich ruhig wieder auf seinen Schemel.
»Es ist gut,« sagte Vanni. »Wer zuletzt lacht, lacht am besten.«
»Ich habe weder zuerst noch zuletzt gelacht, Herr Marquis,« entgegnete Nicolino in stolzem Tone. »Ich rede und handle als ehrlicher Mann, das ist Alles.«
Vanni stieß eine Art Gebrüll aus, aber er war mit seinen Fragen noch nicht zu Ende, denn er schien sich gewaltsam zu fassen, obschon er seine Tabatière in der rechten Hand wüthend schüttelte.
»Sie sind der Neffe von Francesco Caracciolo, nicht wahr?« hob Vanni wieder an.
»Ich habe diese Ehre, Herr Marquis,« antwortete Nicolino, indem er sich verneigte.
»Sehen sie ihn oft?«
»So oft als ich kann.«
»Sie wissen wohl, daß er von schlechten Grundsätzen angesteckt ist?«
»Ich weiß blos, daß er der ehrlichste Mann in Neapel und der treueste Unterthan des Königs ist, selbst Sie nicht ausgenommen, Herr Marquis.«
»Haben Sie gehört, daß er mit den Republikanern zu thun gehabt habe?«
»Ja, in Toulon, wo er sich so rühmlich gegen sie geschlagen, daß er den verschiedenen Treffen, die er ihnen geliefert, seinen Admiralsrang verdankt.«
»Wohlan,« sagte Vanni, als ob er einen plötzlichen Entschluß faßte, »ich sehe schon, daß Sie nicht sprechen wollen.«
»Wie? Sie finden, daß ich nicht genug spreche? Ich spreche ja beinahe ganz allein.«
»Ich meine, daß wir auf gütlichem Wege kein Geständniß von Ihnen erlangen werden.«
»Auf dem Wege der Gewalt aber auch nicht, das sage ich Ihnen im Voraus.«
»Nicolino Caracciolo, Sie wissen nicht, bis wie weit sich meine richterliche Gewalt erstrecken kann.«
»Bis wie weit sich die Tyrannei eines Königs erstrecken kann, weiß ich allerdings nicht.«
»Nicolino Caracciolo, ich erkläre Ihnen hiermit, daß ich mich genöthigt sehen werde, die Tortur gegen Sie in Anwendung zu bringen.«
»Thun Sie das, Herr Marquis, thun Sie das. Es wird dann jedenfalls die Zeit vertreiben helfen. Man langweilt sich im Gefängniß ohnehin so sehr.«
Und indem Nicolino Caracciolo dies sagte, dehnte er die Arme und gähnte.
»Meister Donato,« rief der Fiscalprocurator aufgebracht, »zeigt dem Angeklagten die Folterkammer.«
Meister Donato zog an einer Schnur und die Vorhänge öffneten sich.
Nicolino sah nun den Henker, seine beiden Gehilfen und die furchtbaren Marterwerkzeuge, von welchen er umgeben war.
»Ah,« rief Nicolino, der sich fest vornahm, vor nichts zurückzubeben. »Das ist eine Sammlung, die sehr interessant zu sein scheint. Kann man sie vielleicht etwas näher betrachten?«
»Sie werden sogleich Gelegenheit haben, sie nur allzu nahe zu betrachten, unglücklicher verstockter Sünder, und sich dann darüber beklagen.«
»Sie irren sich, Herr Marquis,« antwortete Nicolino, indem er ein schönes edles Haupt schüttelte. »Ich beklage mich niemals, ich begnüge mich damit, daß ich verachte.«
»Donato! Donato!« rief der Fiscalprocurator, »ergreift den Angeklagten!«
Das Gitter drehte sich in seinen Angeln, so daß das Verhörzimmer mit der Folterkammer in Verbindung gesetzt ward, und Donato kam auf den Gefangenen zu.
«Ihr seid wohl Fremdenführer?« fragte der junge Mann.
»Ich bin der Henker,« antwortete Meister Donato.
»Herr Marquis von Vanni,« sagte Nicolino, indem er ein wenig bleich ward, aber mit lachendem Munde und ohne einen anderen Beweis von Gemüthsbewegung zu geben, »stellen Sie mich diesem Herrn vor. Den Regeln der englischen Etikette gemäß würde er weder das Recht haben mit mir zu sprechen, noch mich anzurühren, wenn ich ihm nicht vorgestellt werde. Sie wissen, daß wir seit der Einführung der Frau Gesandtin von England bei Hofe unter englischen Gesetzen leben.«
»Auf die Folter! auf die Folter!« heulte Vanni.
»Herr Marquis,« sagte Nicolino, »ich glaube, Sie berauben sich durch Ihre Uebereilung eines großen Vergnügens.«
»Welches?« fragte Vanni keuchend.
»Des Vergnügens, mir selbst den Gebrauch einer jeden dieser sinnreichen Maschinen zu erklären. Wer weiß, ob diese Erklärung nicht hinreicht, das zu besiegen, was Sie meine Verstocktheit nennen.«
»Du hast Recht, obschon dies für Dich ein Mittel ist, die Stunde, welche Du fürchtest, hinauszuschieben.«
»Ist es Ihnen lieber, wenn sofort ans Werk gegangen wird?« sagte Nicolino, indem er Vanni fest anschaute. »Was mich betrifft, so ist es mir ganz gleich.«
Vanni schlug die Augen nieder.
»Nein,« antwortete er, »es soll von mir nicht gesagt werden, daß ich einem Angeklagten, wie strafbarer auch sei, den verlangten Aufschub verweigert habe.«
In der That sah Vanni ein, daß in der Aufzählung, welche er vornehmen sollte, für ihn ein bitterer Genuß und eine düstere Rache liegen würde, weil er dann der physischen Tortur eine vielleicht noch weit schlimmere moralische vorangehen lassen konnte.
»Ah,« rief Nicolino lachend, »ich wußte wohl, daß man durch vernünftige Vorstellungen. Alles von Ihnen verlangen kann. Vor allen Dingen, Herr Fiscalprocurator, wollen wir mit diesem Seil beginnen, welches an einem Flaschenzuge von der Decke herabhängt.«
»Ja, damit wird allerdings der Anfang gemacht.«
»Das nenne ich doch gut getroffen. – Also dieses Seil?«
»Man nennt es die Wippe, mein junger Freund.«
Nicolino verneigte sich.
»Man bindet dem Delinquenten die Hände auf den Rücken, hängt ihm mehr oder weniger schwere Gewichte an die Füße, zieht ihn mittelt dieses Seils bis an die Decke und läßt ihn dann ruckweise bis auf einen Fuß vom Boden wieder herabfallen.«
»Das muß ein untrügliches Mittel sein, die Leute groß zu ziehen. Und,« fuhr Nicolino fort, »diese Art Helm, der dort an der Wand hängt, wie heißt dieser?«
»Dies ist die Cuffia del silenzio, welcher Name sehr bezeichnend ist, denn je mehr Schmerzen man empfindet, desto weniger kann man schreien. Man steckt nämlich den Kopf des Delinquenten in diese eiserne Hülle, welche sich mit Hilfe dieser Schraube, wenn man dieselbe dreht, enger zusammenzieht. Bei der dritten Umdrehung schon treten die Augen aus ihren Höhlen und die Zunge aus dem Munde.«
»Aber mein Gott, was muß da erst bei der sechsten geschehen!« rief Nicolino in demselben spöttischen Ton wie früher. »Und dieser blecherne Sessel mit eisernen Nägeln und einer Art Kohlenbecken darunter, hat dieser auch seinen Nutzen?«
»Sie werden es sehen. Man setzt den Delinquenten nackt darauf, bindet ihn mit den Armen fest an den Sessel und zündet dann in dem Kohlenbecken Feuer an.«
»Das ist aber immer noch nicht so bequem wie der Rost des heiligen Laurentius. Sie können ihn nicht umdrehen. Und diese Keile, dieser Hammer und diese Bretter?«
»Das sind die sogenannten spanischen Stiefel. Man steckt die Beine dessen, an welchem man diese Tortur in Anwendung bringen will, zwischen vier Bretter, bindet diese mit einem Strick zusammen und treibt mittelt dieses Hammers diese Keile zwischen die mittelsten Bretter.«
»Warum treibt man sie nicht sogleich zwischen Röhre und Schienbein? Das wäre ja viel kürzer! – Und dieses von flaschenförmigen Gefäßen umgebene Gestell?«
»Dieses dient zur Anwendung der Wassertortur. Man legt den Delinquenten auf das Gestell, so daß er mit Kopf und Füßen niedriger liegt als mit dem Magen, und füllt ihm dann mittelst eines Trichters fünf bis sechs Kannen Wasser ein.«
»Ich bezweifle, daß die Gesundheiten, welche man in dieser Weise auf Sie trinkt, Herr Marquis, Ihnen viel Glück bringen.«
»Wünschen Sie noch weitere Erklärungen?«
»Nein, ich danke. Es flößt mir dies allzu große Verachtung gegen die Erfinder aller dieser Maschinen, ganz besonders aber gegen Die ein, welche sich derselben bedienen. Ich will weit lieber Angeklagter als Richter, lieber Delinquent als Henker sein.«
»Sie weigern sich also, Geständnisse zu machen?«
»Mehr als je.«
»Bedenken Sie, daß nun nicht mehr Zeit ist, zu scherzen.«
»Mit welcher Tortur beliebt es Ihnen, den Anfang zu machen?«
»Mit der Wippe,« antwortete Vanni, wüthend über diese Kaltblütigkeit. »Henker, zieht diesem Herrn den Rock aus.«
»Ich bitte um Verzeihung. Wenn Sie mir erlauben, so will ich dies selbst thun. Ich bin sehr kitzlig.«
Und mit der größten Ruhe entledigte Nicolino sich seines Rocks, seiner Weste und seines Hemds und enthüllte auf diese Weise einen jugendlichen weißen, vielleicht ein wenig magern, aber vollkommen ebenmäßig geformten Oberkörper.
»Noch einmal frage ich: Wollen Sie gestehen oder nicht?« rief Vanni, indem er verzweifelt seine Tabatière schüttelte.
»Aber,« antwortete Nicolino, gilt das, was ein Edelmann gesagt, nicht ein- für allmal? Freilich, setzte er verächtlich hinzu, »Sie können davon nichts wissen.«
»Bindet ihm die Hände auf den Rücken, rief Vanni; »hängt ihm ein Gewicht von hundert Pfund an jeden Fuß und zieht ihn an die Decke.«
Die Gehilfen des Henkers stürzten sich auf Nicolino, um den Befehl des Fiscalprocurators zu vollziehen.
»Einen Augenblick, einen Augenblick!« rief Meister Donato; »nur behutsam und vorsichtig. Die Sache muß lange dauern. Verrenkt, aber zerbrecht nicht. Die Aristokratie kann dies verlangen.«
Und nachdem er dies gesagt, band er selbst unter Beobachtung der größten Vorsicht und Behutsamkeit, wie er gesagt, dem Angeklagten die Hände auf den Rücken, während die beiden Gehilfen die Gewichte an den Füßen befestigten.
»Du willst also nicht gestehen? Du willst also nicht gestehen?« rief Vanni, indem er sich Nicolino näherte.
»O doch; kommen Sie ein wenig näher,« antwortete Nicolino.
Vanni näherte sich; Nicolino spie ihm ins Gesicht.
»Tod und Teufel!« schrie Vanni; »zieht ihn auf! zieht ihn auf!«
Der Henker und seine Gehilfen schickten sich an, diesem Befehle zu gehorchen, als plötzlich der Commandant Roberto Brandi rasch hereintrat, sich dem Fiscalprocurator näherte und sagte:
»Ein sehr eiliges Billet von dem Fürsten von Castelcicala.«
Vanni ergriff das Billet, indem er die Henker durch einen Wink bedeutete, zu warten, bis er gelesen hätte.
Dann öffnete er das Billet, hatte aber kaum die Augen darauf geworfen, als tödtliche Blässe sein Gesicht überzog.
Er las es zweimal durch und ward noch blässer.
Dann, nachdem er einen Augenblick geschwiegen, fuhr er sich mit dem Tuch über die von Schweiß triefende Stirn.
»Bindet den Delinquenten los, sagte er, »und bringt ihn in sein Gefängniß zurück.«
»Aber was wird aus der Tortur?« fragte Meister Donato.
– »Diese wird vorläufig aufgeschoben,« antwortete Vanni.
Und mit diesen Worten eilte er aus dem Gewölbe hinaus, ohne nur einem Secretär zu befehlen, ihm zu folgen.
»Und Ihr Schatten, Herr Fiscalprocurator,« rief Nicolino ihm nach. »Sie vergessen Ihren Schatten!«
Man band Nicolino los und er legte sein Hemd, eine Weste und einen Ueberrock mit derselben Ruhe wieder an, wie er sie ausgezogen.
»Der Teufel hole das Handwerk!« rief Meister Donato.
»Man ist seiner Sache nie sicher.«
Nicolino schien durch diesen Ausdruck getäuschter Erwartung gerührt zu werden.
»Wie viel verdient Ihr jährlich, mein Freund?« fragte er den Henker.
»Ich habe vierhundert Ducati festen Gehalt, Excellenz, und bekomme für jede Hinrichtung zehn und für jede Tortur vier Ducati. Es sind nun aber schon über drei Jahre her, daß in Folge der Starrköpfigkeit des Tribunals Niemand hingerichtet worden ist, und Sie sehen selbst, in dem Augenblicke, wo ich Sie foltern soll, erhalte ich Contreordre. Ich stünde mich sicherlich weit besser, wenn ich als Henker meine Entlassung gäbe und Sbirre würde, wie mein Freund Pasquale de Simone.«
»Hier, lieber Freund,« sagte Nicolino, indem er drei Goldstücke aus der Tasche nahm; »Ihr dauert mich. Hier sind zwölf Ducati. Es soll Niemand sagen können, daß man Euch umsonst bemüht habe.«
Meister Donato und seine beiden Gehilfen verneigten sich.
Nicolino wendete sich hierauf zu Roberto Brandi, welcher von dem, was vorgegangen war, nichts begriff und sagte:
»Nun, haben Sie nicht gehört, Herr Commandant? Der Herr Fiscalprocurator hat Ihnen befohlen, mich wieder ins Gefängniß zurückzubringen.«
Und nachdem er sich selbst wieder in die Mitte der Soldaten gestellt, welche ihn her escortiert, verließ er den Verhörsaal und kehrte in seinen Kerker zurück.
Der Leser erwartet vielleicht nun die Erklärung der Veränderung, welche in der Physiognomie des Marquis Vanni stattgefunden, als er das Billet des Fürsten von Castelcicala las, und des Befehls, die Tortur auf einen andern Tag zu verschieben, nachdem er gelesen.
Diese Erklärung ist sehr einfach. Wir brauchen zu diesem Zweck dem Leser blos den Inhalt des Billets selbst mitzutheilen.
Derselbe lautete:
»Der König ist vorige Nacht wieder angekommen. Die neapolitanische Armee ist geschlagen. In vierzehn Tagen werden die Franzosen hier sein.
»C.«
Nun hatte der Marquis Vanni bedacht, daß der Augenblick, wo die Franzosen im Begriff stünden, in Neapel einzuziehen, nicht geeignet sei, die Tortur an einem Gefangenen in Anwendung bringen zu lassen, der keines andern Verbrechens angeklagt war, als Anhänger der Franzosen zu sein.
Was Nicolino betraf, der trotz seines Muthes von einer schweren Prüfung bedroht gewesen, so kehrte er in den Kerker Nummer 3 in der zweiten Etage unter dem Zwischenstock, wie er sagte, zurück, ohne zu wissen, welchem glücklichen Zufalle er es zu verdanken hatte, so wohlfeilen Kaufs davongekommen zu sein.
Zweites Capitel.
Der Abbé Pronio
Ungefähr zu derselben Stunde, wo der Fiscalprocurator Vanni seinen Gefangenen wieder in den Kerker zurückführen ließ, erschien der Cardinal Ruffo, einem dem König während der Nacht gegebenen Versprechen gemäß, an der Thür der königlichen Gemächer.
Da Befehl ertheilt worden war, ihn vorzulassen, so gelangte er ohne Hinderniß bis zu dem König.
Der König hatte eben eine Unterredung unter vier Augen mit einem Manne von etwa vierzig Jahren.
Daß dieser Mann ein Abbé war, sah man an der kaum bemerkbaren Tonsur, welche mitten unter einem Wald von schwarzem Haar fast gänzlich verschwand. Uebrigens war er von rüstigem Körperbau und schien eher geschaffen, die Uniform eines Carabiniers als das geistliche Gewand zu tragen.
Ruffo trat einen Schritt zurück.
»Ich bitte um Verzeihung, Sire,« sagte er. »Ich glaubte Euer Majestät allein zu treffen.«
»Treten Sie nur ein, treten Sie nur ein, mein lieber Cardinal!« sagte der König. »Sie stören durchaus nicht. Ich stelle Ihnen den Abbé Pronio vor.«
»Ich bitte um Verzeihung, Sire,« sagte Ruffo lächelnd.
»Ich kenne den Abbé Pronio nicht.«
»Ich auch nicht,« sagte der König. »Der Herr Abbé tritt eine Minute vor Ihnen, Eminentissime, ein; er kommt im Auftrage meines Beichtvater Monseigneur Rossi, Bischofs von Nicosia. Eben hatte er den Mund geöffnet, um mir zu erzählen, was ihn hierherführt. Er wird es nun, anstatt mir allein, uns beiden erzählen. Alles, was ich nach den wenigen Worten, welche der Herr Abbé gesprochen, weiß, besteht darin, daß er ein Mann ist, welcher gut spricht und noch besser zu handeln verspricht. Erzählen Sie Ihre Angelegenheit. Der Herr Cardinal Ruffo ist ein Freund von mir.«
»Ich weiß es, Sire,« sagte der Abbé, indem er sich vor dem Cardinal verneigte, »und zwar einer Ihrer besten Freunde.«
»Wenn ich nicht die Ehre habe, den Herrn Abbé Pronio zu kennen, so sehen Sie, daß dagegen der Herr Abbé Pronio mich kennt.«
»Und wer kennte Sie nicht, Herr Cardinal, Sie, den Befestiger von Ancona! Sie, den Erfinder eines neuen Ofens zur Herstellung von glühenden Kugeln.«
»Ah, da sind Sie gefangen, Eminentissime!« sagte der König lachend. »Sie erwarteten, daß man Ihnen Complimente über Ihre Beredsamkeit und Frömmigkeit mache, und siehe da! man macht Ihnen deren über Ihre kriegerischen Leistungen.«
»Ja, Sire. Wollte Gott, daß Eure Majestät das Commando der Armee lieber Seiner Eminenz anvertraut hätte, anstatt dem hergelaufenen Prahlhans.«
»Herr Abbé, das was Sie da sagen, ist eine große Wahrheit,« bemerkte der König, indem er Pronio die Hand auf die Schulter legte.
Ruffo verneigte sich.
»Ich glaube aber, sagte er, »der Herr Abbé ist nicht blos gekommen, um Wahrheiten zu sagen, welche er mir erlauben wird für Schmeicheleien zu nehmen.«
»Sie haben Recht, Eminenz,« sagte Pronio, indem er sich seinerseits verneigte. »Eine von Zeit zu Zeit und wenn die Gelegenheit sich dazu darbietet, ausgesprochene Wahrheit kann allerdings zuweilen dem Unklugen schaden, der sie jagt, aber niemals dem König, der sie hört.«
»Sie besitzen Geist, mein Herr,« sagte Ruffo.
»Das habe ich mir auch gleich gedacht,« sagte der König, »und dennoch ist er weiter nichts als schlichter Abbé, während ich zur Schande meines Cultusministeriums in meinem Königreiche so viel Esel habe, welche Bischöfe sind.«
»Aber Alles dies sagt uns nicht, was den Abbé zu Euer Majestät führt.«
»Ja, sagen Sie es, sagen Sie es, Herr Abbé. Der Cardinal erinnert mich daran, daß ich noch mehr zu thun habe. Wir hören Sie.«
»Ich werde mich kurz fassen, Sire. Gestern neun Uhr Abends war ich bei meinem Neffen, welcher Postmeister ist.«
»Sehr richtig,« sagte der König.
»Ich sann eben nach, wo ich Sie schon gesehen hätte. Jetzt besinne ich mich. Dort war es.«
»Ja wohl, Sire. Zehn Minuten vorher war ein Courier vorbeigekommen, hatte Pferde bestellt und zu dem Postmeister gesagt: »Laffen Sie vor allen Dingen nicht warten; es ist für einen sehr vornehmen Herrn.« Dann war er lachend weitergesprengt. Ich ward nun neugierig, diesen vornehmen Herrn zu sehen. Als der Wagen hielt, näherte ich mich demselben und erkannte zu meinem großen Erstaunen den König.«
»Er hat mich erkannt und nichts von mir verlangt! Das ist schon sehr hübsch von ihm, nicht wahr, Eminentissime?«
»Ich behielt es mir für diesen Morgen vor, Sire,« antwortete der Abbé, indem er sich verneigte.
»Sprechen Sie weiter! Sie sehen, daß der Cardinal Ihnen zuhört.«
»Mit der größten Aufmerksamkeit, Sire.«
»Der König, den man in Rom wußte, fuhr Pronio fort, »kam allein in einem Cabriolet zurück, von einem einzigen Cavalier begleitet, welcher die Kleider des Königs trug, während der König die Kleider dieses Cavaliers anhatte. Dies war ein Ereigniß.«
»Und zwar ein stolzes,« sagte der König.
»Ich befragte die Postillone von Fondi, und von Postillon zu Postillon bis auf den von Albano zurückgehend, hatten die unsrigen erfahren, daß eine große Schlacht geliefert, daß die Neapolitaner geschlagen worden und daß der König – wie soll ich sagen, Sire?«, fragte der Abbé, sich ehrerbietig verneigend, »daß der König –«
»Ausgerissen war. Entschuldigen Sie, meine Herren, wenn ich mich dieses etwas unedlen Ausdrucks bediene,« sagte der König lachend, »ich weiß aber, daß er hier am rechten Orte ist.«
»Ich kam nun,« fuhr der Abbé fort, »auf den Gedanken, daß, wenn die Neapolitaner wirklich auf der Flucht wären, sie in einem Striche bis nach Neapel rennen würden, und daß es folglich nur ein Mittel gäbe, die Franzosen aufzuhalten, welche, wenn man sie nicht aufhielte, den Besiegten auf den Fersen folgen würden.«
»Und welch ein Mittel wäre dies?« fragte Ruffo.
»Die Abruzzen und die Terra di Lavoro zu revolutionisieren und, da man den Franzosen keine Armee mehr entgegenstellen kann, ihnen ein Volk entgegenzustellen.«
Ruffo sah Pronio an.
»Sollten Sie vielleicht zufällig ein Mann von Genie sein, Herr Abbé?« fragte er ihn.
»Wer weiß,« antwortete dieser.
»Die Sache sieht mir ganz so aus.«
»Laffen Sie ihn weitersprechen, lassen Sie ihn weiter sprechen,« sagte der König.
»Demzufolge nahm ich heute Früh ein Pferd von meinem Neffen und ritt in einem Strich bis Capua. Hier zog ich auf der Post Erkundigungen ein und hörte, daß der Königin Caserta sei. Nun begab ich mich nach Caserta und erschien kühn an der Thür des Königs, als käme ich im Auftrage des Monseigneur Rossi, Bischofs von Nicosia und Beichtvaters Seiner Majestät.«
»Sie kennen aber wohl Monseigneur Rossi?« fragte Ruffo.
»Nein, ich habe ihn niemals gesehen, entgegnete der Abbé, »aber ich hoffte, daß der König im Hinblick auf meine gute Absicht mir die Lüge verzeihen würde.«
»Jawohl, ich verzeihe Ihnen,« sagte der König »Herr Cardinal, ertheilen Sie ihm sofort die Absolution.«
»Nun, Sire, wissen Sie Alles,« sagte Pronio. »Wenn der König auf mein Insurrectionsprojekt eingeht, so wird eine Pulverschlange nicht schneller auffliegen. Ich proclamire den heiligen Krieg, und ehe acht Tage vergehen, insurgire ich das ganze Land von Aquila bis Teano.«
»Und Sie wollen dies ganz allein machen?«, fragte Ruffo.
»Nein, Monseigneur. Ich werde mir zwei Männer der That zugesellen.«
»Und wer sind diese beiden Männer?«
»Der eine ist Gaëtano Mammone, mehr unter dem Namen des Müllers von Sora bekannt.«
»Habe ich,« fragte der König, »diesen Namen nicht bei Gelegenheit der Ermordung jener beiden Jakobiner della Torre nennen gehört?«
»Das ist wohl möglich,« antwortete der Abbé Pronio. »Es geschieht selten, daß Gaëtano Mamone nicht zugegen ist, wenn zehn Meilen in der Runde Jemand umgebracht wird. Er wittert das Blut.«
»Sie kennen ihn also?« fragte Ruffo.
»Er ist mein Freund, Eminenz.«
»Und wer ist der Andere?«
»Ein ungemein vielversprechender Bandit, Sire. Er heißt Michele Pezza, hat aber den Namen Fra Diavolo angenommen, wahrscheinlich weil es nichts Boshafteres gibt, als einen Mönch, und nichts Schlimmeres, als den Teufel. Kaum einundzwanzig Jahre alt, ist er schon Hauptmann einer Bande von dreißig Mann, welche sich in den Gebirgen von Mignano aufhält. Er liebte die Tochter eines Stellmachers in Itri, bewarb sich um ihre Hand, ward aber abgewiesen. Hierauf erklärte er seinem Nebenbuhler, welcher Peppino hieß, offen und ehrlich, daß er ihn umbringen würde, wenn er auf Francesca, so hieß das junge Mädchen, nicht verzichtete. Sein Nebenbuhler wollte nicht zurücktreten und Michele Pezza hielt ihm Wort.«
»Das heißt, er brachte ihn um, nicht wahr?« fragte Ruffo.
»Ja, Eminenz. Vor vierzehn Tagen drang er mit sechs der Entschlossensten seiner Bande während der Nacht durch den an die Gebirge stoßenden Garten in das Haus des Vaters Francescas, entriß ihm seine Tochter und führte sie mit sich fort. Wie es scheint, besitzt der Bursche ein nur ihm bekanntes Geheimniß, die Frauen in ihn verliebt zu machen. Francesca, welche Peppino liebte, betet jetzt Fra Diavolo an und raubt und mordet mit ihm, als ob sie ihr ganzes Leben lang weiter nichts gemacht hätte.«
»Und das sind die Männer, deren Sie sich zu bedienen gedenken?« fragte der König.
»Sire, mit Seminaristen kann man kein Land insurgiren.«
»Der Abbé hat Recht, Sire,« sagte Ruffo.
»Gut, zugegeben. Und mit diesen Mitteln versprechen Sie sich Erfolge?«
»Ich bürge dafür.«
»Und Sie wollen die Abruzzen und die Terra di Lavora insurgiren?«
»Vom Kind bis zum Greise. Ich kenne dort alle Welt und alle Welt kennt mich.«
»Sie scheinen mir Ihrer Sache sehr sicher zu sein, mein lieber Abbé,« sagte der Cardinal.
»So sicher, daß ich Sie ermächtige, Eminenz, mich erschießen zu lassen, wenn ich keinen Erfolg erziele.«
»Dann gedenken Sie wohl, Ihre Freunde Gaëtano Mammone und Fra Diavolo zu Ihren beiden Lieutenants zu machen?«
»Ich gedenke aus ihnen zwei Capitäne zu machen, wie ich bin. Sie sind nicht weniger werth als ich und ich bin nicht weniger werth als sie. Der König möge blos geruhen, mein Patent und die ihrigen zu unterzeichnen, damit wir den Bauern beweisen können, daß wir in seinem Namen handeln, und ich stehe für Alles.«
»Ei, ei!«, sagte der König. »Ich bin nicht übertrieben gewissenhaft, aber zwei solche Kerle zu meinen Capitänen zu ernennen! Sie gestatten mir wohl zehn Minuten Bedenkzeit, Herr Abbé?«
»Zehn, zwanzig, dreißig, Sire; ich fürchte nichts. Das Geschäft ist zu vortheilhaft, als daß Eure Majestät es von sich weisen könnten, und der Herr Cardinal den Interessen der Krone zu eifrig ergeben, als daß er Ihnen nicht dazu rathen sollte.«
»Wohlan, Herr Abbé,« sagte der König, »lassen Sie mich einen Augenblick mit dem Cardinal allein. Wir wollen uns über Ihren Vorschlag besprechen.«
»Ich werde mich in das Vorzimmer begeben, um in meinem Brevier zu lesen, Sire. Wenn Eure Majestät zu einem Entschluß gelangt sind, werden Sie mich rufen lassen.«
»Ja, gehen Sie, Herr Abbé, gehen Sie.«
Pronio verneigte sich und ging.
Der König und der Cardinal sahen einander an.
»Nun, was sagen Sie zu diesem Abbé, Eminentissime?« fragte der König.
»Ich sage: das ist ein Mann, Sire, und die Männer sind rar.«
»Eine Art heiliger Bernhard, der einen Kreuzzug predigt, bedenken Sie doch!«
»Ja, Sire, und er wird vielleicht mehr Glück machen, als der echte gemacht hat.«
»Sie sind also der Meinung, daß ich ein Anerbieten annehmen soll?«
»In der Lage, worin wir uns befinden, erachte ich es für klug und angemessen.«
»Aber sagen Sie mir, wenn man Enkel Ludwigs Vierzehnten ist und sich Ferdinand von Bourbon nennt, kann man doch nicht wohl mit diesem Namen Patente einen Räuberhauptmann und einen Menschen unterzeichnen, welcher das Blut trinkt, wie ein Anderer helles Wasser, denn ich kenne seinen Gaëtano Mammone wenigstens Rufe nach.«
»Ich begreife den Widerwillen, welchen Eure Majestät hiergegen hat. Unterzeichnen Sie aber doch blos das Patent des Abbé und ermächtigen Sie ihn, die der beiden Anderen zu unterzeichnen.«
»Sie sind ein anbetungswürdiger Mann, denn es gibt nichts, wodurch Sie in Verlegenheit gebracht werden könnten. Wollen wir den Abbé wieder hereinrufen?«
»Nein, Sire. Wir wollen ihm Zeit lassen, sein Brevier zu lesen. Wir haben unsererseits einige kleine Geschäfte abzumachen, welche wenigstens eben so großer Beschleunigung bedürfen, als die einigen.«
»Das ist wahr.«
»Gestern fragte Eure Majestät mich um meine Meinung in Bezug auf die Fälschung eines gewissen Briefes.«
»Ich entsinne mich dessen vollkommen und Sie verlangten von mir eine Nacht Bedenkzeit. – Haben Sie wirklich darüber nachgedacht, Eminentissime?«
»Ich habe gar nichts Anderes gethan, Sire.«
»Nun und?«
»Nun, es gibt eine Thatsache, welche Eure Majestäz nicht streitig machen werden, nämlich die, daß ich die Ehre habe, von der Königin verabscheut zu werden.«
»Das ist das Schicksal. Aller, die mir treu und anhänglich sind, mein lieber Cardinal. Wenn wir das Unglück hätten, uns zu veruneinigen, so würde die Königin Sie anbeten.«
»Da ich nun nach meiner Ansicht schon hinreichend von ihr verabscheut werde, so möchte ich, wenn es möglich wäre, Sire, wünschen, daß sie mich nicht noch mehr verabscheue.«
»In welcher Beziehung sagen Sie mir dies?«
»In Bezug auf den Brief des Kaisers von Oesterreich.«
»Was glauben Sie denn?«
»Ich glaube nichts, nach meiner Ansicht aber ist die Sache folgendermaßen zugegangen.«
»Lassen Sie hören,« sagte der König und stemmte sich, um bequemer zu hören, mit dem Ellbogen auf die Armlehne seines Sessels.
»Zu welcher Stunde reisten Eure Majestät mit André Baker an dem Tage, wo dieser junge Mann Ehre hatte, mit Euer Majestät zu dinieren, nach Neapel ab?«
»Zwischen fünf und sechs Uhr.«
»Wohlan, zwischen sechs und sieben Uhr, das heißt eine Stunde nachdem Eure Majestät abgereist waren, erhielt der Postmeister in Capua Befehl, dem Courier Ferrari, wenn derselbe das bei ihm zurückgelassene Pferd wieder holen würde, zu sagen, daß er nicht bis nach Neapel reiten brauche, da Eure Majestät in Caserta seien.«
»Und wer hat dem Postmeister diese Weisung theilt?«
»Ich möchte nicht gern Jemand nennen, Sire, aber ich hindere Eure Majestät nicht, es zu errathen.«
»Weiter, ich höre Sie!«
»Anstatt nach Neapel zu reiten, ritt Ferrari demgemäß nach Caserta.«
»Warum wollte man, daß er nach Caserta käme?«
»Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich um mit ihm einen Verführungsversuch vorzunehmen.«
»Ich habe Ihnen schon gesagt, mein lieber Cardinal, daß ich Ferrari nicht für fähig halte, mich zu verrathen. «
»Man hat sich nicht die Mühe zu geben gebraucht, von seiner Treue zu überzeugen. Ferrari stürzte, was weit besser war, mit dem Pferde, verlor die Besinnung und ward in die Apotheke geschafft.«
»Durch Acton's Secretär, wir wissen das.«
»Hier hat man aus Furcht, daß seine Ohnmacht nicht lange genug dauere und er vielleicht in dem Augenblick wieder zu sich käme, wo man es nicht erwartete, es räthlich gefunden, diese Ohnmacht mit Hilfe einiger Tropfen Laudamum zu verlängern.«
»Wer hat Ihnen dies gesagt?«
»Ich habe nicht nöthig gehabt, Jemanden zu befragen. Wer nicht betrogen sein will, darf sich auf Niemanden verlassen als auf sich selbst.«
Der Cardinal zog, indem er dies sagte, einen Kaffeelöffel aus der Tasche.
»Hier,« sagte er, »ist der Kaffeelöffel, mittelst welchem man dem Courier die Tropfen in den Mund geflößt. Es ist noch wenig davon in dem Löffel zurückgeblieben, was beweist, daß der Verwundete das Laudanum nicht selbst getrunken hat, weil er sonst diesen Bodensatz mit den Lippen hinweggenommen hätte, und der scharfe, durchdringende Geruch des Opiums verräth nach länger als einem Monat, welcher Substanz dieser Bodensatz angehört hat.«
Der König betrachtete den Cardinal mit jenem naiven Erstaunen, welches er allemal zu erkennen gab, wenn man ihm etwas demonstrierte, was er allein nicht gefunden hätte, weil es über die Tragweite seines Verstandes hinausging.
»Und wer hat dies gethan?« fragte er.
»Sire,« antwortete der Cardinal, »ich nenne Niemanden. Ich sage Man. Wer hat das gethan? Ich weiß es nicht. Man hat es gethan, das weiß ich.«
»Und dann?«
»Eure Majestät wollen der Sache auf den Grund gehen, nicht wahr?«
»Versteht sich, ich will der Sache auf den Grund gehen.«
»Wohlan, Sire, als Ferrari durch die Gewalt des Sturzes ohnmächtig und aus übergroßer Vorsicht durch Laudanum betäubt worden, nahm Man den Brief aus seiner Tasche, entsiegelte ihn, indem man das Siegel über eine brennende Kerze hielt. Man las den Brief, und da er das Gegentheil von dem enthielt, was Man hoffte, so entfernte Man die Schrift durch Benetzung mit Oxalsäure.«
»Aber wie können Sie genau wissen, daß man gerade diese Säure angewendet?«
»Hier ist das kleine Fläschchen, welches, ich sage nicht sie enthielt, sondern welches sie enthält. Es ist, wie Sie sehen, kaum die Hälfte des Inhalts zu der Operation nöthig gewesen.«
Und ebenso wie er den Kaffeelöffel aus der Tasche gezogen, zog der Cardinal jetzt ein halbleeres Flacon hervor, in welchem sich eine krystallhelle und augenscheinlich destillirte Flüssigkeit befand.
»Und Sie sagen,« fragte der König, »daß man mit dieser Flüssigkeit die Schrift entfernen kann?«
»Ich bitte Eure Majestät, mir irgendeinen werthlosen Brief zu geben.«
Der König nahm das erste beste beschriebene Blatt von einem Tisch, der Cardinal goß einige Tropfen der Flüssigkeit auf die Schrift, strich sie mit dem Finger so, daß vier bis fünf Zeilen damit bedeckt wurden, und wartete.
Nach einer Weile ward die Schrift gelb und verschwand allmälig ganz.
Der Cardinal spülte das Papier mit gewöhnlichem Wasser ab und zeigte dann dem König zwischen den ober- und unterhalb stehenden Linien einen leeren Raum, den er am Feuer trocknete und auf welchen er dann, ohne weitere Zurichtung, zwei oder drei Zeilen schrieb.
Diese Beweisführung ließ nichts zu wünschen übrig.
»Ah, San Nicandro! San Nicandro!« murmelte der König, »wenn man bedenkt, daß Du mich dies Alles hättest lehren können!«
»San Nicandro selbst nicht, Sire, denn er wußte es nicht, wohl aber hätte er es. Sie durch Andere lehren lassen können, welche kenntnißreicher waren als er.«
»Kommen wir auf unsere Angelegenheit zurück,« sagte der König seufzend.
»Was ist denn weiter vorgegangen?«
»Nachdem man auf diese Weise anstatt der Weigerung des Kaisers eine Zustimmung untergeschoben, hat man den Brief wieder versiegelt und zwar mittelt eines Petschafts, welches dem des Kaisers gleicht; nur hat man, da diese Operation in der Nacht bei Kerzenlicht erfolgte, dazu rothes Siegellack verwendet, welches ein wenig dunkler war als das des echten Siegels.«
Der Cardinal hielt, indem er dies sagte, dem König den Brief so vor die Augen, daß das Siegel nach oben gekehrt war. »Sire,« sagte er, »sehen Sie den Unterschied zwischen dieser aufgetragenen und der unterm Schicht? Auf den ersten Anblick scheint die Farbe dieselbe zu sein, besteht man sie aber genauer, so bemerkt man einen leichten, aber dennoch sichtbaren Unterschied.«
»Das ist wahr!« rief der König. »Es ist wirklich wahr.«
»Uebrigens, hob der Cardinal wieder an, »ist hier die Stange Siegellack, deren man sich beim Nachmachen des Siegels bedient hat. Euer Majestät sehen, daß die Farbe ganz dieselbe ist, wie die der oberen Schicht.«
Der König betrachtete mit Erstaunen die drei Beweisstücke, Löffel, Fläschchen und Siegellackstange, welche Ruffo ihm vor Augen gehalten und eins neben das andere auf den Tisch gelegt hatte.
»Und wie haben Sie sich diesen Löffel, dieses Fläschchen und dieses Siegellack verschafft?« fragte der König, den diese scharfsinnige Ermittelung der Wahrheit in solchem Grade interessierte, daß er davon aufs Genaueste unterrichtet zu sein wünschte.
»O, auf die einfachste Weise, Sire. Ich bin so ziemlich der einzige Arzt Ihrer Colonie San Leucio. Ich komme daher von Zeit zu Zeit in die Apotheke des Schlosses, um diese oder jene Medicamente zu holen. Heute Morgen kam ich wie gewöhnlich, aber mit einer gewissen bestimmten Absicht dahin und siehe da, ich fand diesen Löffel auf dem Nachttisch, dieses Fläschchen in dem Glasschrank und die Stange Siegellack auf dem Tische.«
»Und dies ist Ihnen genügend gewesen, um Alles zu entdecken?«
»Der Cardinal von Richelieu verlangte blos drei Zeilen von der Hand eines Menschen, um ihn an den Galgen zu bringen.«
»Ja,« sagte der König. »Unglücklicherweise aber gibt es Leute, welche man nicht an den Galgen bringen kann, mögen sie gethan haben, was sie wollen.«
»Sire,« sagte der Cardinal, indem er den König fest ansah, »halten Sie viel auf Ferrari?«
»Ja wohl, ich halte viel auf ihn.«
»Wohlan, Sire, es könnte, glaube ich, nichts schaden, wenn man ihn auf einige Zeit entfernte. Ich glaube, die Luft in Neapel ist für ihn in diesem Augenblick äußerst ungesund.«
»Glauben Sie?«
»Ich glaube es nicht blos, Sire, sondern ich bin davon überzeugt.«
»Nun, mein Himmel, die Sache ist ganz einfach. Ich werde ihn wieder nach Wien schicken.«
»Es ist dies allerdings eine anstrengende Reise, Sire, es gibt aber heilsame Anstrengungen.«
»Uebrigens können Sie sich denken, Eminentissime, daß ich mir die Sache vom Herzen schaffen will. Demzufolge schicke ich die Depesche, in welcher der Kaiser mir schreibt, daß er ins Feld rücken werde, sobald ich in Rom eingezogen sein würde, an ihm zurück und frage ihn meinerseits, was er davon denkt.«
»Und damit man nichts ahne, reisen Eure Majestät heute noch mit dem ganzen Hofe nach Neapel zurück, nachdem Sie Ferrari gesagt, daß er mich heute Nacht in San Leucio aufsuchen und meine Befehle eben so ausführen solle, als ob sie von Euer Majestät ausgingen.«
»Und Sie?«
»Ich, ich schreibe in Eurer Majestät Namen an den Kaiser, setze Ihre Zweifel auseinander und bitte ihn, die Antwort an mich zu senden.«
»Sehr schön; aber Ferrari wird in die Hände der Franzosen fallen. Sie können sich leicht denken, daß alle Straßen bewacht werden.«
»Ferrari nimmt den Weg über Benevento und Foggia nach Manfredonia. Hier schifft er sich nach Triest ein und nimmt dann wieder Postpferde bis Wien. Wenn der Wind gut ist, so erspart er zwei Tagreisen und vierundzwanzig Stunden Ermüdung. Die Rückreise macht er dann auf denselben Wege.«
»Sie sind ein wunderbarer Mann, mein lieber Cardinal. Nichts ist Ihnen unmöglich.«
»Und Eure Majestät sind mit diesem Allen einverstanden?«
»Ich müßte sehr difficil sein, wenn ich nicht damit einverstanden wäre.«
»Dann, Sire, wollen wir uns mit etwas Anderem beschäftigen. Sie wissen, jede Minute ist eine Stunde werth, jede Stunde einen Tag, jeder Tag ein Jahr.«
»Wir wollen uns mit dem Abbé Pronio beschäftigen, meinen Sie, nicht wahr?« fragte der König.
»Ganz recht, Sire.«
»Glauben Sie, daß er nun Zeit gehabt hat, sein Brevier zu lesen?« fragte der König lachend.
»Nun, wenn er nicht Zeit gehabt hat, es heute zu lesen,« sagte Ruffo, »so liest er es morgen. Er ist nicht der Mann, der um einer solchen Kleinigkeit willen sein Seelenheil gefährdet glaubte.«
Ruffo klingelte.
Ein Lakai erschien an der Thür.
»Sage dem Abbé Pronio, daß wir ihn erwarten, sprach der König.
Drittes Capitel.
Ein Schüler Macchiavellis
Pronio ließ nicht auf sich warten.
Der König und der Cardinal bemerkten, daß die Lectüre des heiligen Buches ihm nichts von jenem ungezwungenen Wesen geraubt, welches sie an ihm bemerkt hatten.
Er trat ein, blieb auf der Schwelle stehen und verneigte sich ehrerbietig erst vor dem König, dann vor dem Cardinal.
»Ich erwarte Euer Majestät Befehle,« sagte er.
»Meine Befehle werden sehr leicht zu befolgen sein, mein lieber Abbé! Ich befehle, daß Sie Alles thun, was Sie mir zu thun versprochen haben.«
»Ich bin bereit, Sire.«
»Verständigen wir uns jetzt.«
Pronio sah den König an. Es war augenscheinlich, daß er diese Worte: »verständigen wir uns jetzt« nicht verstand.
»Ich frage, welches Ihre Bedingungen sind,« sagte der König.
»Meine Bedingungen?«
»Ja.«
»Ich stelle Euer Majestät keine Bedingungen.«
»Ich frage, wenn es Ihnen so lieber ist, welche Vergünstigungen Sie von mir erwarten?«
»Keine anderen, als Euer Majestät dienen zu dürfen, und wenn es sein muß, mein Leben für Sie zu lassen.«
»Das ist Alles?«
»Ja wohl.«
»Sie verlangen kein Erzbisthum, kein Bisthum, nicht einmal die kleinste Abtei?«
»Wenn ich Euer Majestät gut diene, wenn Alles beendet ist, wenn die Franzosen wieder zum Lande hinausgejagt sind, wenn ich Euer Majestät gut gedient habe, dann werden Sie mich belohnen. Habe ich Ihnen schlecht gedient, so lassen Sie mich erschießen.«
»Was sagen Sie zu dieser Sprache, Cardinal?«
»Ich sage, daß dieselbe mich nicht in Erstaunen setzt, Sire.«
»Ich danke Ihnen, Eminenz,« sagte Pronio, indem er sich verneigte.
»Dann,« sagte der König, »handelt es sich ganz einfach darum, Ihnen ein Patent zu geben.«
»Mir eins, Sire, Fra Diavolo eins und Mammone eins.«
»Sind Sie der Bevollmächtigte dieser Beiden?« fragte der König.
»Ich habe sie nicht gesehen, Sire.«
»Und ohne sie gesehen zu haben, stehen Sie für sie?«
»Wie für mich selbst.«
»Schreiben Sie das Patent für den Abbé, Eminentissime.«
Ruffo setzte sich an den Tisch, schrieb einige Zeilen und las dann Folgendes:
»Wir Ferdinand von Bourbon, König beider Sicilien und von Jerusalem, thun hiermit kund und zu wissen:
»Da wir zu der Beredsamkeit, dem Patriotismus und dem kriegerischen Talent des Abbé Pronio volles Vertrauen haben, so ernennen wir ihn hiermit zu unterm Capitän in den Abruzzen, in der Terra di Lavoro und im Nothfalle in allen andern Theilen unseres Königreichs.
»Wir billigen im Voraus Alles, was er zur Vertheidigung des Gebietes unseres Königreichs und zur Verhinderung des Eindringens der Franzosen thun wird, ermächtigen ihn, Patente gleich diesem zu Gunsten der beiden Personen auszufertigen, die er für würdig erachten wird, ihn in dieser edlen Aufgabe zu unterstützen, und versprechen, diese von ihm gewählten beiden Personen als Anführer von Volksmassen anzuerkennen.
»Urkundlich alles dieses haben wir ihm gegenwärtiges Patent ausgestellt.
»So geschehen auf unserem Schlosse Caserta, am 10. September 1798.«
»Ist es so recht?« fragte der König den Abbé, nachdem er das von dem Cardinal aufgesetzte Document von diesem vorlesen gehört.
»Ja, Sire,« entgegnete der Abbé, »nur bemerke ich, daß Euer Majestät nicht die Verantwortlichkeit der Unterzeichnung der Patente für die beiden Capitäne hat auf sich nehmen wollen, welche ich die Ehre hatte, Ihnen zu empfehlen.«
»Nein, aber ich habe Ihnen das Recht zuerkannt, diese Patente auszufertigen. Ich will, daß diese Leute Ihnen dafür verpflichtet seien.«
»Ich danke Euer Majestät, und wenn Sie dieses Patent mit Ihrer Unterschrift und Ihrem Siegel versehen wollen, so habe ich dann weiter nichts zu thun, als Ihnen meinen unterthänigsten Dank auszusprechen und mich zu entfernen, um Ihre Befehle in Ausführung zu bringen.«
Der König ergriff die Feder und unterzeichnete. Dann nahm er das Siegel aus seinem Sekretär und drückte es neben seine Unterschrift.
Der Cardinal näherte sich dem König und sagte ihm leise einige Worte.
»Sie glauben?« fragte der König.
»Es ist dies meine bescheidene Ansicht, Sire.«
Der König wendete sich nach Pronio herum.
»Der Cardinal,« sagte er, »behauptet, daß Sie, Herr Abbé, besser als sonst Jemand –«
»Sire,« unterbrach Pronio, sich verneigend, »ich bitte Euer Majestät um Verzeihung, aber seit fünf Minuten habe ich die Ehre, Capitän der freiwilligen Truppen des Königs zu sein.«
»Entschuldigen Sie, mein lieber Capitän,« sagte der König, lachend. »Ich vergaß es, oder vielmehr ich erinnerte mich dessen, indem ich eine Ecke Ihres Breviers aus Ihrer Tasche hervorragen sah.«
Pronio zog das Buch, welches die Aufmerksamkeit des Königs erregt hatte, aus der Tasche und bot es ihm dar.
Der König schlug die erste Seite auf und las:
»Den Fürst von Macchiavelli.«
»Was ist das?« fragte er, denn er kannte weder das Werk noch den Verfasser desselben.
»Sire,« antwortete Pronio, »es ist das Brevier den Könige.«
»Kennen Sie dieses Buch?« fragte der König den Cardinal.
»Ich weiß es auswendig.«
»Hm!«, sagte der König. »Ich habe niemals etwas Anderes auswendig gewußt als einige Gebete und glaube selbst diese, seitdem San Nicandro sie mich gelehrt, wieder ein wenig vergessen zu haben. Also, ich sagte Ihnen, Capitän, da Sie nun einmal so genannt sein wollen, daß der Cardinal behauptete – es war dies das, was er mir leise in's Ohr sagte – daß Sie besser als irgend Jemand verstehen würden, eine Proclamation an die Bewohner der beiden Provinzen zu entwerfen, in welchen Sie zunächst Ihr Commando auszuüben, haben werden.«
»Seine Eminenz ist ein guter Rathgeber, Sire.«
»Sie sind also einer Meinung?«
»Vollkommen.«
»Dann setzen Sie sich und entwerfen Sie die Proclamation.«
»Soll ich im Namen Eurer Majestät oder in dem meinigen sprechen?«, fragte Pronio.
»Im Namen des Königs, Herr Capitän, im Namen des Königs,« beeilte Ruffo sich zu antworten.
»Jawohl, im Namen des Königs, weil der Cardinal es will,« sagte Ferdinand.
Pronio verneigte sich gegen den König, um ihm für die Erlaubniß zu danken, daß er nicht blos im Namen seines Souveräns schreiben, sondern sich auch in seiner Gegenwart setzen durfte.
Dann schrieb er, ohne sich lange zu besinnen, ohne etwas auszustreichen, und in einem Fluse Folgendes:
»Während ich mich in der Hauptstadt der christlichen Welt befinde und beschäftigt bin, die heilige Kirche wieder herzustellen, drohen die Franzosen, welchen gegenüber ich Alles gethan habe, um den Frieden zu erhalten, in den Abruzzen einzudringen. Trotz der Gefahr, welcher ich mich dabei aussetze, wage ich mich durch ihre Reihen hindurch, um meine bedrohte Hauptstadt zu erreichen. Sobald ich einmal in Neapel bin, werde ich ihnen mit einer zahlreichen Armee entgegenmarschieren, um sie auszurotten. Mittlerweile erwarte ich, daß die Völker zu den Waffen greifen, daß sie der Religion zu Hilfe eilen, daß sie ihren König oder vielmehr ihren Vater vertheidigen, welcher bereit ist, sein Leben zu opfern, um seine Unterthanen, ihre Altäre ihre Güter, die Ehre ihrer Frauen und ihre Freiheit zu wahren. Ein Jeder, der sich nicht unter die Fahne des heiligen Krieges schaart, wird als Verräther am Vaterland betrachtet, und Jeder, der diese Fahnen, nachdem er einmal zu ihnen geschworen, wieder verläßt, als Rebell und als Feind der Kirche und des Staates betrachtet werden.
»Rom, am 7. December 1798.«
Pronio überreichte seine Proclamation dem König, damit er sie lese. Der König gab sie jedoch weiter an den Cardinal und sagte:
»Ich verstehe nicht gut, Eminentissime.«
Ruffo begann nun seinerseits zu lesen.
Pronio, welcher sich um den Ausdruck der Züge des Königs nicht sonderlich gekümmert, beobachtete dagegen die Wirkung, welche das Lesen der Proclamation auf das Gesicht des Cardinals äußerte, mit der größten Aufmerksamkeit.
Zwei- oder dreimal während des Lesens richtete Ruffo seine Augen auf Pronio und jedesmal sah er die Blicke des neuen Capitäns auf die einigen geheftet.
»Ich hatte mich in Ihnen nicht getäuscht, Herr Capitän,« sagte der Cardinal, als er fertig war, zu Pronio. »Sie sind ein gescheiter Mann.«
Dann wendete er sich zu dem König und fuhr fort: »Sire, ich glaube, Niemand in Ihrem ganzen Königreich hätte eine so geschickte Proclamation zu verfassen vermocht, und Eure Majestät können sie dreist unterzeichnen.«
»Das ist also Ihre Meinung, Eminentissime, und Sie haben nichts daran auszusetzen?«
»Ich bitte Eure Majestät auch nicht eine Sylbe daran zu ändern.«
Der König ergriff die Feder.
»Sie sehen es,« sagte er; »ich unterzeichne vertrauensvoll.«
»Ihr Taufname, Herr Capitän?«, fragte Ruffo, während der König unterzeichnete.
»Joseph, Monseigneur.«
»Und nun, Sire, sagte Ruffo, »da Sie einmal die Feder in der Hand haben, so können Sie Ihrer Unterschrift noch die Worte hinzusetzen:
»Der Capitän Joseph Pronio ist beauftragt, für mich und in meinem Namen diese Proclamation zu verbreiten und darauf zu sehen, daß den darin von mir ausgesprochenen Absichten treulich nachgegangen werde.«
»Das kann ich hinzufügen?« fragte der König.
»Ja, das können Sie, Sire.«
Der König schrieb ohne Widerrede die von Ruffo dictierten Worte.
»Es ist geschehen,« sagte er.
»Nun, Sire,« sagte Ruffo, »während der Capitän Pronio uns ein Duplicat von dieser Proclamation fertigen wird – Sie verstehen, Capitän, der König ist mit Ihrer Proclamation so zufrieden, daß er eine Abschrift davon zu haben wünscht – werden Eure Majestät eine Anweisung von zehntausend Ducati an die Ordre des Capitäns unterzeichnen.«
»Monseigneur!« rief Pronio.
»Laffen Sie mich nur machen, Herr Capitän.«
»Zehntausend Ducati! Ei! ei!« rief der König.
»Sire, ich bitte Eure Majestät –«
»Gut, gut,« sagte der König; »auf Corradino?«
»Nein, auf das Haus André Baker & Comp. Es ist dies viel sicherer und geht ganz besonders weit rascher.«
Der König setzte sich, schrieb die Anweisung und unterzeichnete sie.
»Hier ist das Duplicat der Proclamation,« sagte Pronio, indem er dem Cardinal die Abschrift überreichte.
»Jetzt haben wir es blos miteinander zu thun, Herr Capitän,« sagte Ruffo. »Sie sehen das Vertrauen, welches der König auf Sie setzt. Hier ist eine Anweisung auf zehntausend Ducati. Laffen Sie in einer Buchdruckerei von dieser Proclamation so viel tausend Exemplare drucken, als man in vierundzwanzig Stunden liefern kann. Die ersten zehntausend Exemplare werden heute noch in Neapel angeschlagen, wenn es möglich ist, ehe der König dort ankommt. Jetzt ist es Mittag. In anderthalb Stunden können Sie in Neapel und um vier Uhr können die Proclamationen gedruckt sein. Nehmen Sie zehntausend, zwanzigtausend, dreißigtausend davon mit, verbreiten Sie dieselben in Massen und sorgen Sie dafür, daß bis morgen Abend wenigstens zehntausend Exemplare sich in den Händen des Volkes befinden.«
»Und was soll ich mit dem übrigen Gelde machen, Monseigneur?«
»Dafür kaufen Sie Flinten, Pulver und Kugeln.«
Pronio wollte, außer sich vor Freude, sofort davoneilen.
»Wie!« sagte Ruffo »Sie sehen nicht, Capitän?«
»Was denn, Monseigneur?«
»Der König reicht Ihnen eine Hand zum Kusse.«
»O, Sire!« rief Pronio, die Hand des Königs küssend, »an dem Tage, wo ich mich für Eure Majestät tödten lasse, werde ich meine Schuld noch nicht abgetragen haben.«
Und Pronio entfernte sich, in der That bereit, sich für des König tödten zu lassen.
Der König erwartete Pronios Entfernung augenscheinlich mit Ungeduld. Er hatte an diesem großen Auftritt theilgenommen, ohne recht zu wissen, welche Rolle er dabei spielte.
»Wohlan,« sagte der König, als die Thür sich wieder geschlossen hatte, »wahrscheinlich ist abermals Nicandro daran Schuld, aber der Teufel soll mich holen, wenn ich Ihren Enthusiasmus für diese Proclamation begreife, welche kein wahres Wort sagt.«
»Gerade eben weil sie kein wahres Wort sagt und weil weder Eure Majestät noch ich gewagt hätten schreiben, eben deshalb bewundere ich diese Proclamation.«
»Aber dann,« sagte Ferdinand, »erklären wenigstens, damit ich sehe, ob sie meine zehntausend Ducati werth ist.«
»Wenn Eure Majestät sie ihrem Werth nach sollten, so wären Sie gar nicht reich genug, dies zu thun.«
»Eselskopf«, sagte Ferdinand, indem er sich Faust vor die Stirn schlug.
»Wollen Eure Majestät mir beim Durchlesen der Abschrift folgen?«
»Ich folge Ihnen,« sagte der König und gab dem Cardinal die Abschrift der Proclamation. [Wir ändern kein Wort an dem Text dieser Proclamation, vielleicht einem der unverschämtesten historischen Documente, die Welt aufzuweisen hat.]
Ruffo las:
»Während ich mich in der Hauptstadt der christlichen Welt befinde und beschäftigt bin, die heilige Kirche herzustellen, drohen die Franzosen, welchen gegen über ich Alles gethan habe, um den Frieden zu erhalten, Abruzzen einzudringen!«
»Sie wissen, daß ich noch nicht bewundere.«
»Daran thun Sie Unrecht, Sire. Bemerken Tragweite dieser Worte. Sie sind in dem Augenblick wo Sie diese Proclamation schreiben, in Rom. Sie sind aller Ruhe und ohne andere Absicht, als die heilige wieder herzustellen. Sie lassen dort nicht die Freiheitsbäume umhauen, Sie wollen nicht die Consuln hängen lassen, Sie lassen das Volk nicht die Juden verbrennen oder in die Tiber werfen. Sie sind dort ganz in aller Unschuld und blos im Interesse des heiligen Vaters.«
»Ah,« rief der König, welcher allmälig anfing zu begreifen.
»Sie sind, fuhr der Cardinal fort, »nicht dort, um Krieg gegen die Republik zu führen, denn Sie haben ja den Franzosen gegenüber. Alles gethan, um mit ihnen in Frieden zu leben. Wohlan, obschon Sie Alles gethan haben, um mit ihnen in Frieden, das heißt auf freundschaftlichem Fuße zu leben, drohen die Franzosen doch, in die Abruzzen einzudringen.«
»Ah!« rief der König und verstand nun.
»Folglich,« fuhr Ruffo fort, »geht in den Augen Aller, welche dieses Manifest lesen, und die ganze Welt wird es lesen, der Friedensbruch, der Verrath nicht von Ihnen, sondern von den Franzosen aus. Trotz der Drohungen, welche der Gesandte Garat gegen Sie ausgestoßen, vertrauen Sie ihnen wie Bundesgenossen, welche Sie sich um jeden Preis erhalten wollen. Erfüllt von Vertrauen auf die Redlichkeit dieser Bundesgenossen gehen Sie nach Rom, und während Sie in Rom sind, während Sie nichts Arges ahnen, während Sie ganz ruhig und unbesorgt sind, greifen die Franzosen Sie unversehens an und schlagen Mack. Sie werden selbst zugeben, Sire, daß es durchaus nicht zu verwundern ist, wenn ein unversehens angegriffener General geschlagen wird.«
»Ja,« sagte der König, der immer mehr und mehr begriff, »das ist in der That wahr.«
»Eure Majestät fügen hinzu: Trotz der Gefahr, welcher ich mich dabei aussetze, wage ich mich durch ihre Reihen hindurch, um meine bedrohte Hauptstadt zu erreichen. Sobald ich jedoch einmal in Neapel bin, werde ich ihnen mit einer zahlreichen Armee entgegenmarschieren, um sie auszurotten.« – Sehen Sie, Sire, trotz der Gefahr, welcher Sie sich dabei aussetzen, wagen Eure Majestät sich durch die Reihen der Feinde hindurch, um die bedrohte Hauptstadt zu erreichen. Verstehen Sie, Sire? Sie fliehen nicht vor den Franzosen, Sie wagen sich durch ihre Reihen hindurch, Sie fürchten nicht die Gefahr, sondern bieten ihr vielmehr die Spitze. Und warum setzen Sie Ihre geheiligte Person in so verwegener Weise aufs Spiel? Um Ihre Hauptstadt zu erreichen, zu beschützen, zu vertheidigen, um mit einem Worte mit einer zahlreichen Armee dem Feinde entgegen zu marschieren, um die Franzosen auszurotten.«
»Genug!« rief der König, in lautes Gelächter ausbrechend. »Genug, mein lieber Cardinal. Ich habe verstanden. Sie haben Recht, Eminentissime, Dank dieser Proclamation werde ich in den Ruf eines Helden kommen. Wer zum Teufel hätte das geahnt, als ich in einer Herberge zu Albano mit Ascoli die Kleider wechselte. In der That, Sie haben Recht, mein lieber Cardinal, und Ihr Pronio ist ein Mann von Genie. Da sieht man, wie gut es ist, den Macchiavelli studiert zu haben! Sieh da, er hat sein Buch vergessen.«
»O,« sagte Ruffo, »Sie können es behalten, Sire, um es Ihrerseits zu studieren, er hat nichts mehr daraus zu lernen.«
Viertes Capitel.
Worin Michele der Narr zum Capitän ernannt wird und später zum Oberst ernannt zu werden hofft
An demselben Tage, gegen vier oder fünf Uhr Nachmittags, begann eines jener dumpfen drohenden Geräusche, gleich denen, welche den Stürmen und Erdbeben vorangehen, in den alten Stadttheilen von Neapel sich erhebend, allmälig die ganze Stadt zu durchbrausen.
Männer, welche schaarenweise aus der Buchdruckerei des Signor Florio Giordani am Platze Mercatello, den linken Arm mit großen bedruckten Blättern beladen und den rechten mit einem Pinsel und einem Topf voll Kleister bewaffnet, herauskamen, zerstreuten sich nach den verschiedenen Theilen der Stadt und ließen jeder eine Reihe von Anschlägen hinter sich, um welche sich die Neugierigen sammelten und mit Hilfe deren man seine Spur verfolgen konnte, mochte er nun durch die Strada del Infrascato nach dem Romero hinauf oder über den sogenannten Altmarkt nach dem Castell-Capuano hin abgehen, oder endlich über den Largo delle Pigne den Albergo dei Poveri erreichen, oder die Toledostraße ihrer ganzen Länge nach durchwandelnd über den Riesenabhang in Santa Lucia oder über die Brücke und die Riviera di Chiaja in Mergellina herauskommen.
Diese Reihe von Maueranschlägen, welche, indem sie nach allen Punkten der Stadt ausgingen, ein so großes Geräusch verursachten, war die Proclamation des Königs Ferdinand oder vielmehr des Capitäns Pronio, womit dieser, dem Rathe des Cardinals Ruffo gemäß, die Mauern der Hauptstadt beider Sicilien emaillieren ließ, und dieses immer höher steigende, lauter werdende Geräusch, welches sich in allen Stadttheilen erhob, war die Wirkung, welche das Lesen dieser Proclamation auf die Einwohner hervorbrachte.
In der That erfuhren dadurch die Neapolitaner mit einem Schlage die Rückkehr des Königs, welchen sie in Rom, und das Anrücken der Franzosen, welche sie auf dem Rückzuge begriffen glaubten.
In Folge dieses ein wenig verworrenen Berichts über die stattgehabten Ereignisse, wobei aber ebendiese Verwirrung ein Geniestreich war, erschien der König als die einzige Hoffnung des Landes, als der rettende Engel des Königreichs.
Er hatte sich durch die Reihen der Franzosen hindurchgewagt, denn schon hatte sich das Gerücht verbreitet, daß er während der Nacht in Caserta angelangt sei.
Er hatte seine Freiheit aufs Spiel gesetzt, er hatte sein Leben gefährdet, um zu kommen und mit seinen treuen Neapolitanern zu sterben.
König Johann bei Poitiers und Philipp von Valois bei Crecy hatten nicht mehr gethan. Es war unmöglich, eine solche Hingebung zu verrathen und solche Opfer nicht zu belohnen.
Deshalb sah man auch vor jedem dieser Maueranschläge eine dichtgedrängte Gruppe, welche die Proclamation discutirte, commentierte und kritisierte.
Diejenigen Personen unter diesen Gruppen, welche lesen konnten – und die Zahl derselben war nicht groß – erfreuten sich des Uebergewichts, welches ihre Bildung ihnen gab. Sie führten das Wort, und da sie thaten, als ob sie den Inhalt des Gelesenen verstünden, so äußerten sie augenscheinlich einen entschiedenen Einfluß auf diejenigen, welche nicht lesen konnten, sondern ihnen mit starrem Blick, gespitztem Ohr und offenem Munde zuhörten.
Auf dem Altmarkt, wo die Volksbildung noch weniger verbreitet war als überall anderwärts, hatte sich eine ungeheure Gruppe an der Thür des Beccajo gesammelt und in der Mitte derselben, nahe genug an dem Maueranschlag, um diesen lesen zu können, konnte man unsern Freund Michele den Narren bemerken, welcher, sich der Vorrechte erfreuend, die seine ausgezeichnete Schulbildung ihm verlieh, der erstaunten Menge die in der Proclamation enthaltenen Neuigkeiten mittheilte.
»Aus allem diesem, sagte der Beccajo mit seinem rohen gesunden Menschenverstand und indem er sein scharfes Auge, das einzige, welches die furchtbare Wunde, die er von Salvatos Hand in Mergellina erhalten, ihm gelassen, »aus allem diesem ist mir blos so viel klar, daß diese Schufte von Republikanern, welche die Hölle verschlingen möge, dem General Mack tüchtig das Fell gegerbt haben.«
»Davon sehe ich in der ganzen Proclamation kein Wort,« antwortete Michele. »Indessen muß ich sagen, daß es mir selbst wahrscheinlich ist. Wir unterrichteten Leute nennen dies zwischen den Zeilen lesen.«
»Zwischen den Zeilen oder auf den Zeilen,« sagte der Beccajo, »wahr ist und bleibt, daß die Franzosen – und möge der letzte an der Pest sterben – auf Neapel marschieren und vielleicht noch vor Ablauf von vierzehn Tagen hier sein werden.«
»Ja,« sagte Michele, »denn aus der Proclamation ersehe ich, daß sie in die Abruzzen eindringen, was augenscheinlich der Weg nach Neapel ist. Es kommt aber blos auf uns an, daß sie nicht bis nach Neapel gelangen.«
»Und wie soll man sie daran hindern?« fragte der Beccajo.
»Nichts leichter als dies,« sagte Michele.
»Du nimmst zum Beispiel dein großes Messer, Pagliuccella nimmt seine große Flinte, ich nehme meinen großen Säbel, kurz ein Jeder von uns nimmt irgend etwas, und dann marschieren wir gegen sie.«
»Und dann marschieren wir gegen sie,« wiederholte brummend der Beccajo, welcher Micheles Vorschlag ein wenig gewagt fand. »Das ist sehr bald gesagt.«
»Und noch leichter gethan, Freund Beecajo. Es ist dazu blos Eins nöthig. Freilich findet sich dieses Eine nicht unter dem Fell der Schöpfe, welche Du abschlachtest. Es ist nämlich Muth nöthig. Ich weiß aus guter Quelle, daß die Franzosen nicht mehr als zehntausend Mann zählen. Nun aber sind wir in Neapel sechzigtausend Lazzaroni, alle gesund und kräftig, mit guten Armen, guten Beinen und guten Augen.«
»Guten Augen, guten Augen, wiederholte der Bercajo, welcher in Michele‘s Worten eine Anspielung auf seinen Unfall fand. »Das kommt darauf an.«
»Wohlan, fuhr Michele fort, ohne sich an die Unterbrechung des Beccajo zu kehren, »wir bewaffnen uns jeder mit irgend etwas, wäre es auch nur mit einem Stein und einer Schleuder, wie der Schäferknabe David, und schlagen jeder einen Sechstelfranzosen todt. Dann wird es keine Franzosen mehr geben, denn wir zählen sechzigtausend und wie Franzosen nur zehntausend. Es wird dies ganz besonders Dir, Beccajo, nicht schwer fallen, denn Du sagst ja, Du habest schon allein gegen sechs gekämpft.«
»Ja,« sagte der Beccajo, »jeder, der mir in die Hände fällt –«
»Ja, entgegnete Michele, »nach meiner Meinung dürfen wir aber nicht warten, bis die Franzosen Dir in die Hände fallen, weil dann wir es sein würden, die in die ihrigen fielen. Wir müssen ihnen entgegengehen; wir müssen sie überall bekämpfen, wo wir auf sie stoßen. Es gilt Mann gegen Mann. Ich fürchte Dich nicht, ich fürchte Pagliuccella nicht, ich fürchte Basso Tomeos drei Söhne nicht, welche immer sagen, daß sie mich umbringen wollen, aber es niemals thun. Sechs Männer, welche sich vor einem fürchten, sind Feiglinge.«
»Michele hat Recht, Michele hat Recht!« riefen mehrere Stimmen.
»Nun gut,« sagte Michele, »wenn ich Recht habe, so beweist es mir. Ich verlange nichts Besseres, als mich tödten zu lassen. Diejenigen, welche sich mit mir tödten lassen wollen, mögen es mir sagen.«
»Ich! ich! ich! Wir! wir!« riefen fünfzig Stimmen.
»Willst Du unser Anführer sein, Michele?«
»Jawohl,« sagte Michele, »ich verlange nichts Besseres.«
»Es lebe Michele! Es lebe Michele! Es lebe unser Hauptmann!« riefen eine große Anzahl von Stimmen.
»Schön! Da bin ich schon Capitän,« sagte Michele. »Wie es scheint, beginnt Nannos Prophezeiung in Erfüllung zu gehen. Pagliuccella, willst Du mein Lieutenant sein?«
»O, sehr gern, sagte der, an welchen Michele's Frage gerichtet war; »Du bist ein guter Junge, obschon Du auf das, was Du weißt, ein wenig stolz bist. Indessen da man doch immer einen Anführer haben muß, so ist es besser, wenn dieser Anführer lesen, schreiben und rechnen kann, als wenn er von diesem allem nichts versteht.«
»Wohlan,« fuhr Michele fort, »diejenigen, welche mich zu ihrem Anführer wollen, mögen mich mit den Waffen, die sie sich verschaffen können, in der Strada Carbonara erwarten. Ich für meine Person will meinen Säbel holen.«
Es folgte nun eine große Bewegung unter der Menge. Etwa hundert Mann, welche bereit waren, Michele den Narren als ihren Anführer anzuerkennen, verließen die Gruppe und begannen die vorgeschriebene Waffe zu suchen, ohne welche Niemand in die Mannschaft des Capitäns Michele aufgenommen ward.
An dem andern Ende der Stadt, zwischen der Toledostraße und dem Vomero, auf der Höhe der Infrascata, am Fuße der Salita dei Capuccini geschah mittlerweile auch etwas.
Fra Pacifico hatte, als er mit seinem Freund Giacobino von seiner Bettelrunde zurückkehrte, eine Menge Leute gesehen, welche, den linken Arm voll Anschlagzettel, diese überall an den Mauern, wo sie einen passenden Platz fanden, so anklebten, daß das Lesen möglich war.
Der Bruder Bettelmönch näherte sich mit andern Neugierigen einem dieser Anschlagzettel, entzifferte denselben nicht ohne Mühe, denn er war lange noch kein so großer Gelehrter wie Michele.
Indessen er entzifferte den Inhalt und bei den unerwarteten Nachrichten, die er dadurch erfuhr, erwachte, wie man sich denken kann, ein kriegerisches Feuer mehr als je, als er sah, daß die ihm so verhaßten Jakobiner im Begriff standen, die Grenze des Königreiches zu überschreiten.
Wüthend schlug er mit seinem Knüppel auf den Boden, verlangte das Wort, stieg auf einen Eckstein und setzte, während er seinen Esel am Stricke hielt, unter tiefem Schweigen des ungeheuren Zuhörerkreises, welchen eine Popularität um ihn versammelt, auseinander, was die Franzosen eigentlich seien.
Nun aber waren nach Fra Pacificos Erklärung die Franzosen samt und sonders Gotteslästerer, Tempelschänder, Räuber, Frauenschänder, Kindesmörder und Gottesläugner, die an kein Wunder glaubten. Er versicherte, daß sie weiter nichts seien als Bastarde des Teufels, und führte als Beweis hierfür an, daß alle Franzosen, die er gesehen, auf irgend einem Punkte ihres Körpers die Spur von einer Klaue trügen, ein sicheres Kennzeichen, daß sie alle bestimmt seien, in die des Satans zu fallen.
Deshalb sei es nothwendig, sie durch alle möglichen Mittel zu verhindern, nach Neapel zu gelangen, oder Neapel würde bis auf das letzte Haus niedergebrannt, von der Oberfläche der Erde verschwinden, als ob es von der Asche Pompejis oder von der Lava Herculanums bedeckt wäre.
Fra Pacificos Rede, ganz besonders der Schluß derselben, machte auf seine Zuhörer den gewaltigsten Eindruck. Ein lautes, enthusiastisches Geschrei erhob sich und zwei oder drei Stimmen fragten, ob in dem Falle, daß das neapolitanische Volk sich gegen die Franzosen erhöbe, Frau Pacifico in eigener Person mit gegenden Feind marschieren würde.
Fra Pacifico antwortete hierauf, daß nicht blos er, sondern auch ein Esel Giacobino im Dienste der Sache des Königs und des Altars stünden und daß er sich anheischig mache, auf diesem bescheidenen Streitroß Alle, welche mit ihm kämpfen wollten, zum Siege zu führen.
»Wir sind bereit! Wir sind bereit!« erscholl es nun von allen Seiten.
Fra Pacifico verlangte blos fünf Minuten Zeit, ging rasch die Salita dei Capuccini hinauf, um die Ladung eines Esels an die Küche des Klosters abzuliefern, und erschien in der That fünf Minuten später wieder, aber diesmal auf seinem Esel reitend, um im Galopp wieder seinen Platz in der Mitte des von ihm auserwählten Kreises einzunehmen.
Es war jetzt ziemlich sechs Uhr Abends und Neapel befand sich, ohne daß Ferdinand das Mindeste davon ahnte, in dem von uns geschilderten Zustand von Aufregung und Erbitterung, als er mit gesenktem Haupte und sich fragend, welcher Empfang in seiner Hauptstadt ihn erwarte, zu der Porta Capuana hereinfuhr, wobei er, um sich nicht der Unbeliebtheit theilhaftig zu machen, welche auf der Königin und ihrer Günstlingin lastete, Sorge trug, sich in dem Augenblick, wo man die Stadt betrat, von ihnen zu trennen und ihnen als fernerweit zu verfolgenden Weg das Thor del Camino, die Marinella, die Via del Piliero und den Largo del Castello vorschrieb, während er selbst die Strada Carbonara, die Strada Foria, den Largo delle Pigne und die Toledostraße verfolgen wollte.
Die beiden königlichen Wagen trennten sich demzufolge an der Porta Capuana. Die Königin erreichte mit Lady Hamilton, Sir William und Nelson den königlichen Palast auf dem eben angegebenen Wege, und der König fuhr mit dem Herzog von Ascoli, einem getreuen Achates, direct durch die in so vielen Beziehungen berühmte und berüchtigte Porta Capuana.
Man wird sich erinnern, daß gerade der Porta Capuana gegenüber, auf dem Platze, welcher sich vom Fuße der Stufen der Kirche San Giovanni nach Carbonara erstreckt, auf demselben Platze, wo sechzig Jahre später Agefilas Milano hingerichtet ward, es war, wo Michele zufällig und weil dieser Platz der Mittelpunkt der populären Stadttheile ist, seine Leute aufgefordert hatte, sich einzufinden.
Dieser Trupp hatte sich unterwegs beinahe verdoppelt, weil jeder die Freunde, denen er begegnete, mit sich fortzog, so daß in dem Augenblick, wo der König erschien, um diesen Platz zu passiren, mehr als zweihundert und fünfzig Menschen darauf versammelt waren.
Der König wußte recht wohl, daß er in der Mitte seiner Lazzaroni niemals etwas zu fürchten hätte. Er erstaunte daher, ohne zu erschrecken, als er mitten unter dieser zahlreichen Menge und beim Scheine der von hundert zu hundert Schritten brennenden seltenen Laternen und der zahlreicheren, vor Madonnenbildern brennenden Wachskerzen Säbel und Musketenläufe blitzen sah.
Er neigte sich demzufolge aus dem Wagen, berührte den, welcher ihm der Anführer des Trupps zu sein schien, an der Schulter und fragte ihn im neapolitanischen Patois:
»Lieber Freund, kannst Du mir vielleicht sagen, was hier vorgeht?«
Der Mann drehte sich herum und sah sich unmittelbar dem König gegenüber.
Dieser Mann war Michele.
»Ha!«, rief er, außer sich vor Freude, den König zu sehen und vor Stolz, von ihm berührt worden zu sein, »ha, Seine Majestät! Seine Majestät der König Ferdinand! Es lebe der König! Es lebe unser Vater! Es lebe der Retter Neapels!«
Und der ganze Trupp schrie wie aus einer einzigen Kehle:
»Es lebe der König! Es lebe unser Vater! Es lebe der Retter Neapels!«
Wenn der König erwartet hatte, bei seiner Rückkehr in seiner Hauptstadt durch irgend einen Ruf begrüßt zu werden, so war es sicher nicht dieser.
»Hörst Du sie?« fragte er den Herzog von Ascoli. »Was zum Teufel schreien sie denn?«
»Sie schreien: Es lebe der König, Sire,« antwortete der Herzog mit einer gewohnten Ernsthaftigkeit. »Sie nennen Sie ihren Vater; sie nennen Sie den Retter Neapels.«
»Weißt Du das gewiß?«
Die Rufe verdoppelten sich.
»Nun,« sagte der König, »wenn diese Leutchen es einmal durchaus wollen –«
Und halb zum Wagenschlage heraustretend sagte er:
»Ja, meine Kinder, ja, ich bin es. Ja, es ist euer König, es ist euer Vater und wie Ihr sehr richtig sagt, ich komme zurück, um Neapel zu retten, oder mit Euch zu sterben.«
Dieses Versprechen verdoppelte den Enthusiasmus, welcher in förmlichen Wahnsinn ausartete.
»Pagliuccella,« schrie Michele, »lauf mit zehn Mann voraus! Fackeln! Fackeln! Lichter an die Fenster!«
»Es ist nicht nöthig, Kinder!« rief der König, den allzu helles Licht lästig war. »Es ist nicht nöthig. Wozu so viel Beleuchtung?«
»Damit das Volk sehe, daß Gott und der heilige Januarius ihm seinen König gesund und unversehrt wiedergegeben und ihn mitten unter den Gefahren geschützt haben, in welchen er geschwebt, indem er sich durch die Reihen der Franzosen hindurchgewagt, um in seine treue Stadt Neapel zurückzukehren,« rief Michele.
»Fackeln! Fackeln! Lichter an die Fenster!« schrieen Pagliuccella und seine Leute, während sie wie Besessene durch die Strada Carbonara rannten. »Der König kehrt zu uns zurück! Es lebe der König! Es lebe unser Vater! Es lebe der Retter von Neapel!«
»Ich glaube,« sagte der König zu Ascoli, »man muß den Leutchen den Willen thun! Lassen wir sie daher machen. Der Abbé Pronio ist aber ganz gewiß ein gescheiter Mann!«
Die Rufe Pagliuccellas und seiner Lazzaroni äußerten eine zauberhafte Wirkung. Mit Fackeln und Kerzen stürzte man in Massen aus den Häusern hervor, alle Fenster wurden beleuchtet, und als man in die Strada Foria gelangte, sah man sie ihrer ganzen Länge nach funkeln, wie Pia am Tage der Luminara.
Die Folge hiervon war, daß der Einzug des Königs, welcher unter dem Schweigen und mit der Schmach einer Niederlage zu geschehen gedroht, im Gegentheil den Glanz eines Sieges und den Jubelschall eines Triumphes gewann.
Auf der Höhe des Museo Borbonico konnte das Volk nicht länger mit ansehen, daß sein König von Pferden gezogen ward. Es spannte dieselben ab, sich selbst vor, und zog ihn weiter.
Als der Wagen des Königs mit seinem Gespann in die Toledostraße einbog, sah man, von der Infrascata herabkommend, einen zweiten Trupp sich an den Micheles des Narren anschließen.
Dieser zweite Trupp, der nicht weniger enthusiastisch und lärmend war als der erste, stand unter Führung des Frau Pacifico, der auf seinem Esel ritt und seinen Knüppel auf der Schulter trug wie Herkules seine Keule, und zählte nicht weniger als zwei- bis dreihundert Personen.
Man zog die Toledostraße entlang. Dieselbe rieselte buchstäblich vom Licht, während dieses ganze, mit brennenden Fackeln bewaffnete Volk einem phosphoreseirenden Meere glich.
Die Menge war so dicht, daß der Wagen kaum vorwärts konnte.
Niemals hatte ein Triumphator des Alterthums, nie hatte Paulus Aemilius, der Besieger des Perseus, nie hatte Pompejus, der Besieger des Mithridates, niemals hatte Cäsar, der Besieger der Gallier, ein Gefolge wie das welches diesen fliehenden König in seinen Palast zurückführte.
Die Königin fand, als sie durch öde, finstere Straßen hindurch in dem königlichen Palast anlangte, denselben stumm und beinahe vereinsamt.
Es dauerte jedoch nicht lange, so hörte sie ein dumpfes fernes Geräusch gleich dem Grollen eines heranziehenden Gewitters.
Zögernd trat sie auf den Balcon hinaus, denn sie hörte überdies in der Straße und auf dem Platze das Rennen des Volkes, ohne zu wissen, wohin es rannte.
Dann vernahm sie immer deutlicher das näherkommende Getöse und Rufen; sie sah jene Ströme von Licht, welche die Toledostraße herabkamen und sich auf den königlichen Palast zuwälzten.
Sie hielt dieselbe für die Lava einer Revolution. Sie erschrak, denn sie dachte an dem 5. und 6. October, den 21. Juni und den 10. August ihrer Schwester Antoinette.
Sie sprach schon von Flucht, Nelson bot ihr schon ein Asyl an Bord eines Schiffes, als man ihr meldete, es sei der König, den das Volk im Triumphe zurückführe.
Die Sache erschien ihr mehr als unglaublich; sie erschien ihr unmöglich. Sie zog Emma, Nelson, Sir William, Acton zu Rathe. Keine dieser Personen, selbst nicht Acton, dieser große Verächter der Menschheit, konnte sich diese Verirrung des moralischen Sinnes bei einem ganzen Volke erklären.
Man wußte aber nichts von der Proclamation Pronios, welche der König oder vielmehr der Cardinal durch ihren Verfasser hatte drucken und anschlagen lassen, ohne Jemanden etwas davon zu sagen, und der philosophische Mangel an Geistesgegenwart verhinderte die von uns eben genannten vornehmen Persönlichkeiten, zu bedenken, von welchen erbärmlichen kleinen Zufällen, wenn ein Thron erschüttert ist, die Wiederbefestigung oder der Sturz desselben abhängt.
Die endlich mit großer Mühe wieder beruhigte Königin eilte abermals auf den Balcon. Ihre Freunde folgten ihr.
Acton allein blieb zurück.
Das Volk verachtend, als Ausländer gehaßt und als Urheber alles Unglücks, welches dem Throne zustieß, betrachtet, vermied er es, sich dem Publicum zu zeigen, welches ihn beinahe stets mit Murren, ja zuweilen sogar mit Insulten empfing.
So lange er sich von Carolinen geliebt führte oder geliebt glaubte, hatte er dieser Impopularität. Trotz geboten; seitdem er aber fühlte, daß er für die Königin nichts weiter war als ein Gegenstand der Furcht und ein Werkzeug des Ehrgeizes, hatte er aufgehört, der öffentlichen Meinung zu trotzen, die ihm übrigens – diese Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren lassen – höchst gleichgültig war.
Das Erscheinen der Königin auf dem Balcon ward nicht bemerkt, oder schien wenigstens keine Sensation hervorzurufen, obschon der Platz vor dem Schlosse dicht mit Menschen angefüllt war.
Alle Blicke, alle Rufe, alle Wallungen des Herzens galten dem Könige, der sich durch die Reihen der Franzosen hindurch gewagt, um zu seinem Volk zurückzukommen, und mit diesem zu sterben.
Die Königin befahl nun, den Herzog von Calabrien von der Ankunft seines Vaters zu benachrichtigen, da die Anwesenheit seiner Mutter nicht genügt hatte, ihn in die großen Gemächer zu locken.
Die Königin ließ außerdem alle übrigen königlichen Kinder herbeiholen, machte ihnen Platz auf dem Balkon und stellte sich hinter sie.
Das Erscheinen der königlichen Kinder auf dem Balcon ward von einigem Geschrei begrüßt, lenkte aber nicht die Aufmerksamkeit der Menge ab, welche fortwährend dem königlichen Zuge zugewendet blieb, dessen Spitze eben Santa Brighitta zu passiren begann.
Was Ferdinand betraf, so neigte er sich allmälig der Meinung des Cardinals Ruffo zu, den er immer mehr und mehr als einen guten Rathgeber anerkannte. Zehntausend Ducati für einen solchen Einzug war nicht theuer, besonders wenn man diesen Einzug mit dem verglich, den er erwartete und den sein königliches Gewissen, so wenig streng dasselbe auch war, ihn ahnen ließ.
Der König stieg aus dem Wagen. Nachdem das Volk ihn gezogen, wollte es ihn tragen. Es nahm ihn daher auf seine Arme und trug ihn die große Treppe hinauf bis an die Thür seiner Gemächer.
Die Menge war so zahlreich und das Gedränge so groß, daß der König von dem Herzog von Ascoli getrennt ward, auf welchen Niemand achtete und der mitten in dieser Menschenwoge verschwand.
Der König zeigte sich auf dem Balcon, reichte dem Prinzen Franz die Hand, küßte seine Kinder unter dem wahnsinnigen Jubelruf von hunderttausend Kehlen, und drängte die sämtlichen jungen Prinzen und Prinzessinnen zu einer einzigen Gruppe zusammen, welche er mit seinen Armen umschlang, indem er rief:
»Auch diese werden mit Euch sterben!«
Und das ganze Volk antwortete wie aus einem Munde:
»Für unsern König und seine Kinder lassen wir uns tödten bis auf den letzten Mann!«
Der König zog sein Taschentuch und that, als ob er sich eine Thräne trocknete.
Die Königin entfernte sich bleich und zitternd von dem Balcon und begab sich zu dem im Hintergrund des Zimmers stehenden Acton, welcher sich mit der Hand auf einen Tisch stützend diesem seltsamen Schauspiel mit seinem irländischen Phlegma zusah.
»Wir sind verloren,« sagte sie. »Der König wird hier bleiben.«
»Seien Sie unbesorgt, Madame,« entgegnete Acton, sich verneigend. »Ich mache mich anheischig, ihn wieder fort zubringen.«
Das Volk stand in der Toledostraße und auf dem sogenannten Riesengange noch lange, nachdem der König verschwunden war und man die Fenster geschlossen hatte.
Der König begab sich in seine Zimmer, ohne auch nur zu fragen, was aus Ascoli geworden sei, den man ohnmächtig, gequetscht, mit Füßen getreten und halb todt nach Hause getragen hatte.
Allerdings sehnte sich der König vor allen Dingen nach seinem Hund Jupiter, den er über sechs Wochen lang nicht gesehen.
Fünftes Capitel.
Geliebte und Gattin
Gewöhnliche Gemüther, deren Blick auf der Oberfläche der Dinge hingleitet, hatten vielleicht, als sie diese unerwartete, plötzliche und beinahe allgemeine Manifestation sahen, geglaubt, daß nichts auch nur vorübergehend einen Thron stürzen könne, welcher auf der breiten Basis eines ganzen Volkes ruhte.
Intelligentere Geister dagegen, welche sich nicht durch eitle Worte und durch diese beiden Neapolitanern so häufig vorkommenden äußeren Demonstrationen blenden ließen, sahen jenseits dieses, wie alle volksthümlichen Manifestationen, blinden Enthusiasmus die düstere Wahrheit, das heißt den König auf der Flucht, die neapolitanische Armee geschlagen, die Franzosen auf dem Marsche nach Neapel und die unvermeidlichen Folgen hiervon.
Eines der Häuser, wo die Nachricht von dem, was geschehen, anfangs die lebhafteste Sensation hervorgerufen, weil die dieses Haus bewohnenden zwei Individuen verschiedenen Richtungen angehörten und übrigens vollkommen unterrichtet waren, weil sie jedes, das eine in Bezug auf das Herz, das andere in Bezug auf die socialen Verhältnisse, an dem Ausgange dieser Ereignisse ein großes Intresse hatten, war das Haus, welches unsern Lesern unter dem Namen des Palmbaumhauses so wohl bekannt ist.
Luisa hatte Salvato Wort gehalten. Seit der Abreise des jungen Mannes, seitdem er jenes Zimmer verlassen, in welchem er, nachdem er sterbend hineingetragen worden, allmälig unter dem Auge und durch die Pflege der jungen Gattin des Chevalier wieder zum Leben zurückgekehrt war, hatte sie alle Augenblicke, welche die Abwesenheit ihres Gatten ihr freiließ, in diesem Zimmer zugebracht.
Luisa weinte nicht, Luisa beklagte sich nicht. Sie fühlte nicht einmal das Bedürfniß, mit Jemanden über Salvato zu sprechen.
Giovannina, welche sich über dieses Schweigen ihrer Herrin in Bezug auf den jungen Mann wunderte, hatte versucht, sie zum Reden zu bringen, aber es war ihr nicht gelungen. Sobald Salvato einmal fort und abwesend war, kam es Luisa vor, als dürfe sie nur noch mit Gott von ihm sprechen.
Die Reinheit dieser Liebe, so mächtig und gewaltig dieselbe auch war, hatte in ihr eine wehmüthige, heitere Ruhe zurückgelassen. Sie trat in das Zimmer, lächelte allen Geräthschaften desselben zu, begrüßte sie kopfnickend und zärtlich mit den Augen, setzte sich auf ihren gewohnten Platz, das heißt zu Häupten des Bettes, und träumte.
Diese Träume, in welchen die verflossenen zwei Monate Tag für Tag, Stunde für Stunde, Minute für Minute an ihren Augen vorübergingen, wo die Vergangenheit – Luisa hatte zwei Vergangenheiten, eine, welche sie vollständig vergessen, und eine, an welche sie unaufhörlich dachte – diese Träume, wo die Vergangenheit, sagen wir, sich wieder aufbaute, ohne daß es dabei einer Anstrengung des Gedächtnisses bedurft hätte, diese Träume gewährten ihr einen unendlichen Genuß.
Von Zeit zu Zeit, wenn ihre Erinnerungen bei der Stunde der Trennung angelangt waren, legte sie die Hand n die Lippen, wie um den einzigen und raschen Kuß, welchen Salvato beim Scheiden daran gedrückt, zu fixieren, und dann genoß sie noch einmal die ganze Wollust desselben.
Früher bedurfte ihre Einsamkeit der Arbeit oder der Lectüre. Jetzt ward Nadel, Bleistift, Musik, Alles vernachlässigt.
Waren ihre Freunde oder ihr Gatte zugegen, dann lebte Luisa mit einem Fuße in der Vergangenheit, mit dem andern in der Gegenwart. War sie allein, so versank sie vollständig in die Vergangenheit und lebte in dieser in künstliches Leben, welches weit süßer war als das wirkliche.
Kaum waren vier Tage vergangen, seitdem Salvato fort war, und diese vier Tage hatten einen unermeßlichen Platz in Luisas Leben eingenommen.
Ihr Raum bildete darin gleichsam einen ruhigen, einsamen und tiefen blauen See, welcher den Himmel wiederspiegelte. Wenn Salvatos Abwesenheit lange dauerte, so mußte dieser ideale See im Verhältniß zu der Dauer der Abwesenheit immer größer werden. Dauerte die Abwesenheit ewig, so mußte dieser See dann Luisas ganzes Leben mit Vergangenheit und Zukunft umfassen, die Hoffnung in die Zukunft, die Erinnerung in die Vergangenheit versenken und konnte zuletzt, wie das Meer, keine sichtbaren Ufer mehr haben.
In diesem Leben des Gedankens, welches das materielle Leben in den Hintergrund drängte, gewann, wie in einem Traum, Alles eine Form, die dem Traume glich, in welchen es versenkt war.
Auf diese Weise sah sie ohne Ungeduld jenen so sehnlich erwarteten Brief unter der Gestalt eines weißen Segels kommen, welches, erst ein unbemerkbarer Punkt am Horizont, allmälig größer ward und sich langsam, die blaue Flut mit seinem schneeigen Fittig streifend, den Gestade näherte, auf welchem sie ruhte.
Diese durch die Abreise Salvatos erweckte, durch die Hoffnung auf eine Rückkehr – eine Perle, welche das bestimmte Versprechen des jungen Mannes in Luisas Herz niedergelegt – gemilderte Melancholie war so süß, daß selbst der Chevalier, dessen ewige Güte durch ihren Anblick genährt zu werden schien, sie nicht bemerkte und folglich auch nicht nöthig hatte, seine junge Gattin nach der Ursache zu fragen.
Jene zärtliche und tiefe Freundschaft, halb Dankbarkeit, halb kindliche Zärtlichkeit, die sie für ihn hegte, ward durch diese Liebe, welche sie für einen Andern empfand, nicht beeinträchtigt.
Vielleicht war allerdings ihr Lächeln ein wenig matt, wenn sie auf der Terrasse des Hauses stand, um seine Rückkehr von der Bibliothek zu erwarten; vielleicht lag, wenn sie diese Rückkehr begrüßte, die Feuchtigkeit einer Thräne in ihrer Stimme; hätte aber der Chevalier etwas davon bemerken sollen, so hätte man ihn erst darauf aufmerksam machen müssen.
San Felice war daher der ruhige, glückliche Mann geblieben, welcher er von jeher gewesen.
Jedes von ihnen aber empfand eine andere Unruhe, als sie die Rückkehr des Königs nach Caserta vernahmen.
San Felice hatte, als er in den königlichen Palast kam, den Prinzen abwesend gefunden. Der Adjutant desselben war beauftragt, ihm zu sagen, Seine königliche Hohheit sei gegangen, einen Besuch bei dem König zu machen, welcher in der verwichenen Nacht in aller Eile von Rom zurückgekehrt sei.
Obschon dieses Ereigniß ihm als ein sehr ernstes und wichtiges erschien, so hatte er doch, da er nicht wußte, daß seine Gattin ein anderes Interesse als er daran hatte, den königlichen Palast keine Minute eher verlassen und war erst zu einer gewohnten Stunde nach Hause zurückgekehrt.
Hier angelangt, hatte er Luisa diese Rückkehr mehr als etwas Außerordentliches denn als etwas Beunruhigendes erzählt.
Luisa aber, welche durch die vertraulichen Mittheilungen Salvatos erfahren, daß eine Schlacht bevorstand, hatte sofort daran gedacht, daß die Rückkehr des Königs mit dieser Schlacht in Zusammenhang stehe und mit Sicherheit jene Vermuthung ausgesprochen, welche den Chevalier durch ihre Richtigkeit in Erstaunen gesetzt, die Vermuthung nämlich, daß, wenn der König zurückgekommen sei, wahrscheinlich ein Zusammenstoß zwischen den Franzosen und den Neapolitanern stattgefunden habe und daß die Franzosen die Sieger gewesen seien.
Indem Luisa aber diese Vermuthung, die für sie eine Gewißheit war, aussprach, bedurfte sie ihrer ganzen Selbstbeherrschung, um ihre Gemüthsbewegung nicht sehen zu lassen, denn die Franzosen hatten sicherlich nicht ohne Kampf gesiegt.
In diesem Kampfe mußte es eine größere oder geringere Anzahl von Todten und Verwundeten gegeben haben, und wer konnte ihr versichern, daß Salvato sich weder unter der Zahl der Verwundeten, noch unter der der Todten befand?
Unter dem ersten besten Vorwande zog Luisa sich in ihr Zimmer zurück und vor demselben Crucifix, welches ihr sterbender Vater umklammert gehalten, auf welches San Felice geschworen, den Willen des Fürsten Caramanico zu erfüllen, Luisa zu heiraten und sie glücklich zu machen, betete sie lange und inbrünstig, ohne ihrem Gebet einen Beweggrund zu geben und es Gott anheimstellend, diesen Beweggrund zu entdecken, wenn wirklich ein solcher vorhanden war.
Um fünf Uhr hörte San Felice lautes Gelärme auf der Straße. Er näherte sich dem Fenster, sah Leute nach allen Richtungen hineilen und Zettel an die Mauern kleben, welche jeder sich beeilte zu lesen.
Er ging auf die Straße hinunter, näherte sich einem der Anschlagzettel und las wie die Andern die unbegreifliche Proclamation.
Wie jeder forschende Geist ward er zunächst von dem Wunsche beseelt, die Lösung dieses politischen Räthels zu finden, und fragte deshalb Luisa, ob sie mit ihm bis in die Stadt gehen wolle, um Erkundigungen einzuziehen.
Sie lehnte dies ab und er ging daher allein.
Während seiner Abwesenheit kam Cirillo. Dieser wußte noch nichts davon, daß Salvato fort war.
Luisa erzählte ihm Alles – wie Nanno gekommen war und in ihrer bilderreichen Sprache unter der Form einer griechischen Legende Salvato zu verstehen gegeben hatte, daß die Franzosen im Begriff stünden zu kämpfen, und daß er mit ihnen kämpfen müsse.
Cirillo, der nicht mehr wußte als San Felice, war sehr unruhig, versicherte aber Luisa, daß Salvato, wenn ihm nicht ein Unglück zugestoßen sei, auf irgendeinem Wege seinen Freunden Nachricht von sich geben würde.
Zugleich versprach Cirillo, sobald er etwas erführe, es ihr sofort mitzutheilen.
Luisa sagte ihm nicht, daß sie in dieser Beziehung Hoffnung hatte, wenigstens eben so schnell unterrichtet zu werden als er.
Cirillo war schon lange fort, als San Felice zurückkam.
Er hatte den Triumphzug des Königs mit angesehen und zu dem Patriotismus der Neapolitaner die Achseln gezuckt. Die verwickelte und dunkle Seite der Proclamation war einem scharfsinnigen Geist nicht entgangen und sein Herz war nicht so naiv, daß es nicht an irgend einen Betrug geglaubt hätte.
Er bedauerte, Cirillo nicht gesehen zu haben, den er als Mensch liebte und als Arzt bewunderte.
Um elf Uhr zog er sich in sein Zimmer zurück und Luisa begab sich in das ihrige, oder vielmehr in das Salvatos, wie sie gewohnt gewesen zu thun, als er noch da war, und wie sie dies noch jetzt zu thun pflegte, wo er nicht mehr da war. Die Furcht hatte ihrer Liebe etwas Leidenschaftlicheres verliehen, als dieselbe sonst hatte. Sie kniete vor dem Bette nieder, weinte viel und drückte wiederholt ihre Lippen auf das Kissen, worauf das Haupt des verwundeten geruht.
Ein leichtes Geräusch bewog sie, sich umzudrehen Giovannina war ihr gefolgt. Sie richtete sich auf, den schämte sich, von dem jungen Mädchen überrascht zu werden.
Letztere entschuldigte sich, indem sie sagte:
»Ich hörte weinen, Signora, und ich glaubte, Sie dürften vielleicht meiner.«
Luisa begnügte sich, den Kopf zu schütteln. Sie enthielt sich zu sprechen, denn sie fürchtete, daß ihre von Thränen benetzten Worte mehr sagen würden, als sie beabsichtigte.
Am nächstfolgenden Tage war Luisa bleich und abgespannt. Sie erklärte dies mit dem Lärm, welchen das die ganze Nacht hindurch durch das Abfeuern von Petarden und Mortarelli gemacht.
Der Chevalier war eben mit seinem Frühstück fertig als ein Wagen an der Thür vorfuhr.
Giovannina öffnete und ließ den Secretär des Prinzen ein.
Der Prinz, welcher um zwölf Uhr dem Ministerrathe beiwohnen sollte, und ehe er sich dorthin begäbe, mit Felice zu sprechen wünschte, schickte ihm seinen Wagen und ließ ihn bitten, sich, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren bei ihm einzufinden.
Auf dem Perron stieß der Chevalier auf den Briefträger, welcher, da er die äußere Thür offen gefunden, hereingekommen war. Er hatte einen Brief in der Hand.
»Ist dieser Brief an mich?« fragte San Felice.
»Nein, Excellenz; er ist an Signora.«
»Wo kommt er her?«
»Von Portici.«
»Dann tragt ihn schnell hinein. Wahrscheinlich ist er von Signora‘s alter Gouvernante.«
Und San Felice setzte seinen Weg weiter fort und stieg in den Wagen, welcher im scharfen Trabe fortfuhr.
Luisa hatte das kurze Zwiegespräch zwischen dem Briefträger und ihrem Gatten gehört. Sie ging Ersterem entgegen und nahm ihm den Brief aus den Händen.
Dieser Brief war von unbekannter Hand geschrieben.
Sie öffnete ihn mechanisch, warf einen Blick auf die Unterschrift und stieß einen Schrei aus.
Der Brief war von Salvato.
Sie drückte ihn an ihr Herz und eilte, sich in ihr heiliges Zimmer einzuschließen. Es kam ihr vor, als wäre es eine Ruchlosigkeit, den ersten Brief, den sie von ihrem Freund erhielt, anderwärts zu lesen, als in diesem Zimmer.
»Von ihm!« murmelte sie, indem sie in den zu Häupten des Bettes stehenden Sessel sank. »Von ihm!«
Einen Augenblick lang war sie nicht im Stande zu lesen. Das Blut, welches nach dem Herzen zurückströmte und ins Gehirn emporstieg, machte ihre Schläfe pochen und umschleierte ihre Augen. Salvato schrieb vom Schlachtfelde:
»Danken Sie Gott, meine Vielgeliebte! Ich kam noch rechtzeitig zum Kampfe und bin dem Siege nicht fremd geblieben. Ihre frommen, jungfräulichen Gebete sind erhört worden. Gott hat, durch den schönsten seiner Engel angerufen, über mir und meiner Ehre gewacht.
»Nie war ein Sieg vollständiger, geliebte Luisa. Noch auf dem Schlachtfeld drückte mein theurer General mich an sein Herz und ernannte mich zum Brigadechef. Macks Armee ist verschwunden wie ein Rauch. Ich gehe jetzt nach Civita-Ducale, von wo aus ich Mittel finden werde, Ihnen diesen Brief zuzusenden. In der Verwirrung, welche eine Folge unseres Sieges und der Niederlage der Neapolitaner sein wird, ist es unmöglich, auf die Post zu rechnen. Ich liebe Sie mit einem zugleich von Liebe und Stolz geschwellten Herzen. Ich liebe Sie! Ich liebe Sie!«
»Civita-Ducale, zwei Uhr Morgens.
»Nun bin ich Ihnen schon um zehn Lieues näher. Wir, Hector Caraffa und ich, fanden einen Bauer, welcher sich dazu versteht, sich auf meinem Pferde, welches ich hier gelassen und wofür Sie Michele nochmals meinen Dank abstatten wollen, sofort auf den Weg zu machen. Er wird nicht eher Halt machen, als bis das Pferd unter ihm stürzt, und dann sofort ein anderes nehmen. Er übernimmt es, einen Brief an den unserer Freunde zu überbringen, bei welchem Hector in Portici sich versteckt hielt. Ihr Brief wird in den seinigen eingeschlossen sein und er wird Ihnen denselben zugehen lassen.
»Ich sage Ihnen das, damit Sie nicht erst nachforschen, auf welche Weise dieser Brief in Ihre Hände gelangt. Dies würde Ihre Gedanken einen Augenblick von mir abwenden. Nein, ich will, daß Sie sich ganz der Freude hingeben, mich zu lesen, ebenso wie ich mich ganz dem Glück hingebe, Ihnen zu schreiben.
»Unser Sieg ist so vollständig, daß ich nicht glaube, es werde von uns noch eine Schlacht zu liefern sein. Wir marschieren jetzt direkt auf Neapel, und wenn uns, wie dies wahrscheinlich ist, nichts aufhält, so kann ich Sie in acht oder höchstens zehn Tagen wiedersehen.
»Sie werden das Fenster, durch welches ich mein Asyl verlassen habe, offen lassen und ich werde durch dieses selbe Fenster dahin zurückkehren. Ich werde Sie in demselben Zimmer wiedersehen, wo ich so glücklich gewesen bin. Ich werde Ihnen dorthin das Leben zurückbringen, welches Sie mir dort gegeben.
»Ich werde keine Gelegenheit versäumen, Ihnen zu schreiben. Sollten Sie jedoch keinen Brief weiter von mir erhalten, so beunruhigen Sie sich deswegen nicht, denn meine Boten sind dann treulos gewesen, oder angehalten worden, oder umgekommen.
»O Neapel, mein theures Vaterland, meine zweite Liebe nach Ihnen! Neapel, Du wirst also frei werden!
»Ich will meinen Courier nicht länger aufhalten. Ich will Ihre Freude nicht verzögern. Ich bin zweimal glücklich – durch unser Glück und das Ihrige. Auf Wiedersehen, meine Angebetete! Ich liebe Sie! ich liebe Sie!
»Salvato.«
Luisa las den Brief des jungen Mannes zehnmal, ja zwanzigmal vielleicht. Sie hätte ihn unaufhörlich wieder gelesen, das Maß der Zeit fehlte ihr.
Plötzlich pochte Giovannina an die Thür.
»Der Herr Chevalier kommt zurück,« sagte sie.
Luisa stieß einen Schrei aus, küßte den Brief, verbarg ihn an ihrem Herzen, warf, indem sie das Zimmer verließ, einen Blick nach jenem andern Zimmer, durch dessen Fenster Salvato sie verlassen und durch welches er zu ihr zurückkehren sollte.
»Ja, ja,« murmelte sie dem Fenster zulächelnd.
Diese Liebe war so fruchtbar, daß sie allen leblosen, unempfindlichen Gegenständen, welche Luisa umgaben und auch Salvato umgeben hatten, ein gewisses Leben verlieh.
Luisa trat durch die eine Thür in den Salon, während ihr Gemahl durch die andere eintrat.
Der Chevalier war sichtlich zerstreut.
»Was fehlt Dir, mein Freund?« fragte Luisa, indem sie auf ihn zuging und ihn mit ihren durchsichtig feuchten Augen betrachtete. »Du bist traurig.«
»Nein, mein Kind,« antwortete der Chevalier, »traurig bin ich nicht, wohl aber unruhig.«
»Hast Du den Prinzen gesprochen?« fragte Luisa.
»Ja,« antwortete der Chevalier.
»Und hat deine Unruhe ihren Grund in der Unterredung, die Du mit Seiner Hoheit gehabt hast?«
Der Chevalier machte eine bejahende Kopfbewegung.
Luisa versuchte in seinen Gedanken zu lesen.
Der Chevalier setzte sich, faßte Luisa, die vor ihm stand, bei den Händen und betrachtete sie einerseits.
»Sprich, mein Freund,« sagte Luisa, in welcher eine bange Ahnung zu erwachen begann. »Ich höre Dich.«
»Die Lage, in welcher die königliche Familie sich befindet,« sagte der Chevalier, »ist wenigstens so ernst, als wir gestern Abends voraussahen. Es ist keine Hoffnung übrig, die Franzosen am Einzuge in Neapel zu hindern, und die königliche Familie hat daher den Entschluß gefaßt, sich nach Sicilien zurückzuziehen.«
Ohne zu wissen warum, fühlte Luisa, wie sich ihr das Herz zuschnürte.
Der Chevalier sah in Luisas Gesicht den Wiederschein dessen, was in seinem Herzen vorging. Seine Lippe zitterte, sein Auge schloß sich halb.
»Höre wohl, was ich Dir sagen will, mein Kind, begann er dann wieder in jenem mildväterlichen Tone, den er zuweilen Luisa gegenüber annahm. »Der Prinz sagte zu mir: Chevalier, Sie sind mein einziger Freund. Sie sind der einzige Mensch, mit welchem es mir wahrhaftes Vergnügen macht, zu plaudern. Die wenige gediegene Bildung, die ich besitze, verdanke ich Ihnen. Den wenigen Werth, der in mir wohnt, habe ich von Ihnen. Ein einziger Mensch kann mir die Verbannung erträglich machen, und dieser Mensch sind Sie, Chevalier. Ich bitte Sie daher, ich flehe Sie darum, wenn ich fort muß, so gehen Sie auch mit.«
Luisa fühlte, wie sie von einem Schauer durchrieselt ward.
»Und – was hast Du geantwortet, mein Freund?« fragte sie mit zitternder Stimme.
»Ich hatte Mitleid mit diesem königlichen Unglück, mit dieser Schwäche in der Größe, mit, diesem Fürsten ohne Freund in der Verbannung, mit diesem Thronerben ohne Diener, weil er vielleicht im Begriff steht, die Krone zu verlieren, und ich versprach, was von mir verlangt ward.«
Luisa zuckte zusammen. Dieses Zucken blieb von dem Chevalier, der noch ihre Hände festhielt, nicht unbemerkt.
»Aber,« hob er lebhaft wieder an, »verstehe wohl, Luisa. Mein Versprechen ist ein rein persönliches und bindet blos mich. Da Du dem Hofe, an welchem Du es verschmäht hast, deinen Platz einzunehmen, fern steht, so hast Du keinerlei Verbindlichkeit gegen irgend Jemand.«
»Glaubst Du, mein Freund?«
»Ja, ich glaube es. Es steht Dir, geliebtes Kind meines Herzens, frei, in Neapel zu bleiben, und dieses Haus, welches Du liebst, diesen Garten, in welchem Du als Kind gespielt und Dich herumgetummelt hat, diesen kleinen Winkel der Erde, wo Du siebzehnjährige Erinnerungen gesammelt, nicht zu verlassen. Denn es sind siebzehn Jahre, daß Du hier bist und daß Du die Freude meines Herdes ausmacht, obschon es mir ist, als wärest Du erst seit gestern da.«
Der Chevalier seufzte.
Luisa antwortete nichts und er fuhr fort:
»Die Herzogin Fusco, welche von der Königin verbannt worden, wird, sobald die Königin sich entfernt hat, ihrerseits zurückkommen. Hast Du dann eine solche Freundin zur Seite, so hege ich um deinetwillen nicht mehr Furcht, als ob Du bei deiner Mutter wärest. In vierzehn Tagen werden die Franzosen in Neapel sein, aber Du hast von den Franzosen nichts zu fürchten. Ich kenne sie, denn ich habe lange unter ihnen gelebt. Sie bringen meinem Vaterlande die Wohlthaten, von welchen ich gewünscht, daß es damit durch seine Souveräne beschenkt worden wäre – Freiheit und Aufklärung. Alle meine Freunde und folglich auch die deinigen sind Patrioten. Keine Revolution kann Dich beunruhigen, keine Verfolgung kann Dich erreichen.«
»Also, mein Freund,« fragte Luisa, »Du glaubst, daß ich ohne Dich glücklich leben kann?«
»Ein Ehemann wie ich, liebes Kind,« sagte San Felice mit einem Seufzer, »wird von einer Frau deines Alters nicht schwer vermißt.«
»Aber wenn ich auch zugeben will, daß ich ohne Dich leben könnte, wirst Du, mein Freund, ohne mich leben können?«
San Felice schlug die Augen nieder.
»Du fürchtest, daß dieses Haus, dieser Garten, dieser kleine Winkel Erde mir fehlen würden, fuhr Luisa fort, »aber wird Dir nicht meine Nähe fehlen? Wird unser seit siebzehn Jahren gemeinsames Leben, wenn es sich plötzlich löst, in Dir nicht etwas zerreißen, woran Du nicht blos gewöhnt bist, sondern was Dir auch unentbehrlich ist?«
San Felice gab keine Antwort.
»Gibst Du, wenn Du nicht den Prinzen verlassen willst, der doch nur dein Freund ist,« fuhr Luisa in gepreßtem Tone fort, »mir wohl einen Beweis von Achtung, wenn Du mir vorschlägt, Dich zu verlassen, Dich, der Du zugleich mein Vater und mein Freund bist, Dich, der Du Einsicht und Bildung meinem Geiste, Güte meinem Herzen und Gott meiner Seele eingepflanzt hast?«
San Felice seufzte.
»Als Du dem Prinzen verspracht, ihm zu folgen, glaubtest Du da, daß ich Dir nicht folgen würde?« fragte Luisa.
Eine Thräne fiel aus den Augen des Chevalier auf Luisa's Hand.
»Wenn Du dies gedacht hat, mein Freund,« fuhr sie mit einer sanften, schmerzlichen Bewegung des Kopfes fort, »so hast Du Dich geirrt. Mein sterbender Vater hat uns vereinigt, Gott hat unseren Bund gesegnet und nur der Tod kann uns trennen. Ich gehe mit Dir, mein lieber Freund.«
San Felice richtete rasch ein von Glück strahlendes Antlitz empor, und es war nun eine Thräne von Luisa, welche ihrerseits auf die Hand des Gatten fiel.
»Aber dann liebst Du mich also? Segen des gütigen Gottes! Dann liebst Du mich also?« rief der Chevalier.
»Mein Vater,« sagte Luisa, »Du bist undankbar gewesen. Bitte deine Tochter um Verzeihung.«
San Felice warf sich auf die Knie nieder und küßte die Hände seiner Tochter, während sie, die Augen gen Himmel richtend, murmelte:
»Nicht wahr, mein Gott, wenn ich nicht thäte, was ich thue, so wäre ich beider unwürdig?«
Sechstes Capitel.
Die beiden Admirale
Der Prinz Franz hatte, indem er San Felice die Flucht der königlichen Familie nach Sicilien als etwas Festbeschlossenes dargestellt, im Namen seines Vaters und seiner Mutter zu sprechen geglaubt, in der That und Wahrheit aber hatte er blos im Namen der Königin gesprochen.
Von dieser Seite war die Flucht wirklich beschlossen und man wollte sie um jeden Preis.
Der König dagegen, der, so blind er auch war und eben in Folge seiner Blindheit den Enthusiasmus eines Volkes sah, und die von hunderttausend Menschen ausgesprochenen Betheuerungen hörte, vom Ersten bis zum Letzten für ihn zu sterben, hatte wieder die Idee aufgenommen, seine Hauptstadt zu vertheidigen und von der Feigheit der Armee an die Thatkraft dieses Volkes zu appellieren, welches sich ihm so freiwillig darbot.
Er erhob sich daher am Morgen des 11. December, das heißt am Tage jenes unglaublichen Triumphs, welchem wir versucht haben, unsere Leser beiwohnen zu lassen, noch ohne festbestimmten Entschluß, sich aber mehr dem des Widerstandes als dem der Flucht zuneigend, als man ihm meldete, daß der Admiral Francesco Caracciolo seit einer halben Stunde sich im Vorzimmer befinde und darauf warte, daß es bei Seiner Majestät Tag werde.
Durch die Einflüsterungen der Königin aufgereizt, liebte Ferdinand den Admiral nicht, konnte aber nicht umhin, ihn zu achten. Sein bewunderungswürdiger Muth in verschiedenen Treffen, die er mit den Barbaresken bestanden, das Glück, womit er seine Fregatte, die »Minerva«, von der Rhede von Toulon hinweggeführt, als dieses den Engländern durch Bonaparte wieder abgenommen ward, die Kaltblütigkeit, welche er bei dem Schutze entwickelt, den er andern Schiffen angedeihen lassen, welche er, wenn auch durch Kugeln verstümmelt und durch den Sturm entmastet, ohne ein einziges zu verlieren, zurückgeführt, hatten ihm den Admiralsgrad erworben.
Man hat in den ersten Capiteln dieser Erzählung die Beweggründe gesehen, welche die Königin zur Beschwerde über den Admiral zu haben glaubte, und daß es ihr mit ihrer gewöhnlichen Gewandtheit gelungen war, den König ziemlich stark gegen ihn einzunehmen.
Ferdinand glaubte, Caracciolo käme jetzt, um von ihm die Begnadigung Nicolinos zu verlangen, der sein Neffe war, und erfreut, durch die falsche Stellung, in welche sich ein Mitglied seiner Familie gebracht, etwas zu haben, wobei er den Admiral fassen konnte, gab er Befehl, ihn sofort vorzulassen.
Der Admiral trat, mit seiner Galauniform bekleidet, ruhig und würdig ein, wie immer. Seine hohe sociale Stellung brachte seit vierhundert Jahren die Häupter seiner Familie in Berührung mit den Monarchen, welche sich auf dem Throne von Neapel gefolgt waren. Er verband daher mit jener hohen Würde jene vollkommene Courtoisie, wovon er der Königin eine Probe durch die doppelte Weigerung gegeben, welche er im Namen seiner Nichte und für sich selbst ausgesprochen, den Festlichkeiten beizuwohnen, welche der Hof dem Admiral Nelson gegeben.
Diese Courtoisie setzte, mochte sie kommen, von welcher Seite sie wollte, Ferdinand, bei welchem sie nicht die vorherrschende Eigenschaft war, stets ein wenig in Verlegenheit.
Als er daher sah, wie der Admiral ehrerbietig in einiger Entfernung stehen blieb und, der Etikette des Hofes gemäß, wartete, bis der König zuerst das Wort an ihn richten würde, hatte er nichts Eiligeres zu thun, als die Conversation mit dem Vorwurf zu eröffnen, den er gegen ihn vorzubringen hatte.
»Ah, sind Sie es, Herr Admiral!« sagte er. »Wie es, scheint, liegt Ihnen sehr viel daran, mich zu sprechen.«
»Allerdings, Sire,« antwortete Caracciolo, sich verneigend. »Ich hielt es für dringend nothwendig, die Ehre zu haben, bis zu Euer Majestät zu gelangen.«
»O, ich weiß schon, was Sie herführt,« sagte der König.
»Um so besser für mich, Sire,« sagte Caracciolo. »In diesem Falle ist es eine Gerechtigkeit, welche der König meiner Treue widerfahren läßt.«
»Ja, ja. Sie wollen für jenen Taugenichts von Nicolino, Ihren Neffen, sprechen, nicht wahr? Wie ich höre, hat er sich in eine schlimme Geschichte verwickelt, denn es handelt sich um nichts Geringeres, als um ein Hochverrathsverbrechen. Ich sage Ihnen aber im Voraus, daß jede Bitte, selbst die Ihrige, vergeblich sein, und daß die Gerechtigkeit ihren Verlauf haben wird.«
Ein Lächeln zeigte sich auf dem strengen Gesicht des Admirals.
»Eure Majestät irren sich,« sagte er. »Vor großen politischen Katastrophen treten kleine Familienunfälle in den Hintergrund. Ich weiß nicht und will nicht wissen, was mein Neffe gethan hat. Wenn er unschuldig ist, so wird seine Unschuld sich aus der Instruction des Processes ergeben, eben so wie die des Chevalier von Medici, des Herzogs von Canzano, Marie‘s Pogano und so vieler anderen Angeklagten ergeben hat, die man, nachdem man sie drei Jahre gefangen gehalten, der Freiheit hat zurückgeben müssen. Ist er dagegen schuldig, so wird die Gerechtigkeit ihren Gang gehen. Nicolino ist von edler Abkunft. Er wird das Recht haben, enthauptet zu werden, und Eure Majestät weiß, das Schwert ist eine so edle Waffe, daß sie selbst in den Händen des Henkers den, der davon getroffen wird, nicht entehrt.«
»Aber dann, sagte der König, nicht wenig erstaunt über diese so einfache und so ruhige Würde, von welcher seine Natur, sein Temperament, sein Charakter ihm keinen klaren Begriff gaben, »aber wenn Sie nicht gekommen sind, um von Ihrem Neffen zu sprechen, was haben Sie mir sonst zu melden?«
»Ich komme, Sire, um mit Ihnen von Ihnen selbst und dem Königreiche zu sprechen.«
»Aha,« sagte der König, »Sie kommen also, um mir gute Rathschläge zu geben?«
»Wenn Eure Majestät sich herabläßt, mich zu Rathe zu ziehen,« antwortete Caracciolo mit ehrerbietiger Kopfbewegung, »so werde ich mich glücklich und stolz schätzen, meine bescheidene Erfahrung zu Ihrer Verfügung zu stellen. Im entgegengesetzten Falle werde ich mich begnügen, Ihnen mein Leben und das der wackern Seeleute zu bieten, welche ich die Ehre habe zu befehligen.«
Der König würde sich gefreut haben, wenn er eine Gelegenheit gehabt hätte, sich zu erzürnen. Einer solchen Zurückhaltung und einer solchen Ehrerbietung gegenüber gab es aber keinen Vorwand zum Zorn.
»Hm!« sagte er, »hm!«
Nachdem er zwei oder drei Secunden geschwiegen, setzte er hinzu:
»Nun gut, Admiral, ich werde Sie zu Rathe ziehen.«
In der That wendete er sich auch schon nach Caracciolo, als ein durch die Thür der Gemächer eintretender Lakai sich dem König näherte und ihm in gedämpftem Tone einige Worte sagte, welche Caracciolo nicht hörte und auch nicht zu hören suchte.
»Ah, ah,« sagte der König, »er ist also da?»
»Ja, Sire, und er sagt, daß Eure Majestät ihm gestern in Caserta gesagt hätten, daß Sie ihn zu sprechen wünschten.«
»Das ist wahr.«
Dann wendete sich der König zu Caracciolo und setzte hinzu:
»Kann das, was Sie mir zu sagen haben, in Gegenwart eines Zeugen gesagt werden?«
»In Gegenwart der ganzen Welt, Sire.«
»Dann,« sagte der König, indem er sich wieder zu dem Lakai wendete, »laß ihn hereinkommen. Uebrigens, setzte er zu Caracciolo hinzu, »ist der Mann, welcher Eintritt begehrt, ein Freund, ja mehr als ein Freund – ein Bundesgenosse; es ist der berühmte Admiral Nelson.«
In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür und der Diener rief in feierlichem Tone:
»Lord Horaz Nelson vom Nil, Baron von Buroham-Thorpes, Herzog von Bronte.«
Ein leichtes Lächeln, welches nicht frei von Bitterkeit war, umspielte bei der Aufzählung aller dieser Titel Caracciolo's Lippen.
Nelson trat ein. Er wußte nicht, daß schon Jemand bei dem König war. Er heftete sein graues Auge auf den Mann, der ihm im Cabinet des Königs zuvorgekommen, und erkannte den Admiral Caracciolo.
»Ich habe wohl nicht nöthig, Sie einander vorzustellen, meine Herren?« sagte der König. »Sie kennen sich.«
»Von Toulon her, ja, Sire,« sagte Nelson.
»Ich habe die Ehre, Sie schon länger zu kennen, Mylord, antwortete Caracciolo mit einer gewöhnlichen Courtoisie. »Ich kenne Sie seit dem Tage, wo Sie an der Küste von Canada mit einer Brigg sich gegen vier französische Fregatten schlugen und denselben durch ein Manöver entschlüpften, welches man bis dahin für unausführbar hielt. Es war dies, glaube ich, im Jahre 1786. Es sind also nun zwölf Jahre her.«
Nelson verneigte sich. Er, der rauhe Seemann, war mit dieser Sprache nicht vertraut.
»Mylord,« sagte der König, »der Admiral Caracciolo kommt, um mir eine Rathschläge in Bezug auf die Situation anzubieten. Sie kennen dieselbe. Setzen Sie sich und hören Sie, was der Admiral sagen wird. Wenn er fertig ist, so werden Sie antworten, wenn Sie etwas zu antworten haben. Nur sage ich Ihnen im Voraus, daß ich mich sehr freuen würde, wenn zwei so ausgezeichnete Männer, die sich auf die Kunst des Krieges so gut verstehen, einer und derselben Meinung wären.«
»Wenn Mylord, wie ich überzeugt bin,« sagte Caracciolo, »ein wahrer Freund des Königreichs ist, so hoffe ich, daß es in unsern Ansichten nur leichte Verschiedenheiten in Bezug auf das Einzelne geben kann, die uns nicht abhalten werden, in der Hauptsache übereinzustimmen.«
»Sprich, Caracciolo, sprich, sagte der König, indem er in die Gewohnheit der Könige von Spanien und Neapel, ihre Unterthanen zu dutzen, zurückverfiel.
»Gestern,« entgegnete der Admiral, »verbreitete sich in der Stadt das, wie ich hoffe, unverbürgte Gerücht, daß Euer Majestät, an der Vertheidigung Ihres festländischen Königreiches verzweifelnd, den Entschluß gefaßt hätten, sich nach Sicilien zurückzuziehen.«
»Und Du wärest wohl, wie es scheint, entgegengesetzter Meinung?«
»Sire,« antwortete Caracciolo, »ich bin jetzt und stets der Meinung, welche die Ehre gegen die Rathschläge der Schande geltend zu machen sucht. Es gilt die Ehre des Königreichs, Sire, und folglich auch die Ihres Namens und diese Ehre verlangt, daß Ihre Hauptstadt bis aufs Aeußerste vertheidigt werde.«
»Du weißt aber doch, wie unsere Sache steht?«
»Ja, Sire, ich weiß, daß sie schlecht steht, aber verloren ist sie noch nicht. Die Armee ist gesprengt, aber nicht vernichtet. Wenn Sie viertausend Tode und sechs bis achttausend Gefangene von zweiundfünfzigtausend Mann in Abzug bringen, so bleiben Ihnen noch vierzigtausend, das heißt eine Armee, die immer noch viermal stärker ist als die der Franzosen. Ueberdies hat Ihre Armee vor diesen den Vortheil, daß sie auf heimischem Boden kämpft, fast undurchdringliche Engpässe vertheidigt und von der Bevölkerung von zwanzig Städten und sechzig Dörfern unterstützt wird. Hierzu kommen noch drei ohne Belagerungsmaterial uneinnehmbare Festungen – Civitella del Tronto, Gaëta und Pescara, abgesehen von Capua, dem letzten Bollwerk von Neapel, bis wohin die Franzosen nicht einmal dringen werden.«
»Und würdest Du die Aufgabe, die Armee wieder zu sammeln, übernehmen?«
»Ja, Sire.«
»Dann erkläre mir, auf welche Weise. Du wirst mir damit Vergnügen machen.«
»Ich habe viertausend Seeleute unter meinen Befehlen, Sire. Es sind dies erprobte Leute, und nicht Soldaten von gestern, wie die Ihrer Landarmee. Geben Sie mir Befehl, Sire, und ich stelle mich sofort an die Spitze dieser Mannschaft. Tausend Mann werden den Paß von Itri nach Sessa vertheidigen, tausend den von Sora nach San Germano, tausend den von Castell di Sangro nach Isernia. Die tausend andern – Seeleute sind zu Allem zu gebrauchen, dies weiß Mylord Nelson besser als irgend Jemand, denn er hat mit den einigen Wunderdinge verrichtet – die tausend andern werden, in Pionniere verwandelt, diese drei Pässe befestigen und den Dienst von Artilleristen versehen. Mit ihnen halte ich, wäre es auch nur mittelt unserer Enterpiken, den Anprall der Franzosen, wie furchtbar er auch sein möge, aus, und wenn Ihre Soldaten sehen werden, wie die Seeleute sterben, Sire, so werden sie sich hinter diesen sammeln, besonders wenn Euer Majestät zur Stelle ist, um ihnen als Fahne zu dienen.«
»Und wer wird während dieser Zeit Neapel bewachen?«
»Der Kronprinz, Sire, und die achttausend Mann unter dem Befehl des Generals Maselli, welche Mylord Nelson nach Toscana geführt hat, wo sie jetzt nichts mehr zu thun haben. Mylord Nelson hat, glaube ich, einen Theil seiner Flotte in Livorno zurückgelassen. Er möge ein leichtes Schiff mit dem Befehle Seiner Majestät absenden, diese achttausend Mann frische Truppen nach Neapel zurückzuführen, und sie können mit Gottes Hilfe binnen acht Tagen hier sein. Sie sehen also, Sire, welche ungeheure Streitmacht Ihnen noch zur Verfügung steht – fünfundvierzig oder fünfzigtausend Mann Truppen, die Bevölkerung von dreißig Städten und fünfzig Dörfern, welche sich erheben wird, und hinter all' diesem Neapel mit seinen fünfhunderttausend Seelen. Was sind zehntausend Franzosen in diesem Ocean?«
»Hm,« sagte der König und sah Nelson an, welcher sich immer noch schweigend verhielt.
»Es wird dann, fuhr Caracciolo fort, »für Euer Majestät immer noch Zeit sein, sich einzuschiffen und sich nach Sicilien zurückzuziehen. Bedenken Sie doch: die Franzosen haben kein einziges bewaffnetes Schiff, während Sie drei Flotten im Hafen haben – die Ihrige, die portugiesische und die Seiner britischen Majestät.«
»Was sagen Sie zu dem Vorschlag des Admirals, Mylord?« fragte der König, indem er Nelson diesmal in die absolute Nothwendigkeit versetzte, antworten zu müssen.
»Ich sage, Sire,« versetzte Nelson, indem er sitzen blieb und fortfuhr mit einer Feder in der linken Hand allerhand Hieroglyphen auf ein Blatt Papier zu kritzeln, »ich sage, daß es nichts Schlimmeres auf der Welt gibt, als einen einmal gefaßten Entschluß zu ändern.«
»Hatte der König schon einen Entschluß gefaßt?« fragte Caracciolo.
»Nein, wie Du siehst, noch nicht – ich zögere, ich schwanke.«
»Die Königin, sagte Nelson, »hat beschlossen, abzureisen.«
»Die Königin?« entgegnete Caracciolo, indem er den König nicht Zeit ließ, selbst zu antworten. »Nun gut, dann möge sie gehen. Die Frauen können unter den Umständen, in welchen wir uns befinden, sich von der Gefahr entfernen, die Männer aber müssen ihr die Spitze bieten.«
»Mylord Nelson ist, wie Du siehst, Caracciolo, für die Abreise.«
»Ich bitte um Verzeihung, Sire, antwortete Caracciolo; »ich glaube nicht, daß Mylord Nelson seine Meinung ausgesprochen habe.«
»Sprechen Sie dieselbe aus, Mylord,« sagte der König, »ich bitte Sie darum.«
»Meine Meinung, Sire, ist dieselbe wie die der Königin, das heißt, ich werde Euer Majestät mit Freuden in Sicilien eine sichere Zufluchtsstätte suchen sehen, welche Neapel nicht mehr bietet.«
»Ich bitte Mylord Nelson inständig, seine Meinung nicht leichthin auszusprechen,« sagte Caracciolo, zu seinem Collegen gewendet, »denn er weiß im Voraus, wie schwer die Meinung eines Mannes von seinem Verdienst in die Wagschale fällt.«
»Ich habe gesprochen und nehme mein Wort nicht wieder zurück,« antwortete Nelson hartnäckig.
»Sire,« antwortete Caracciolo, »Mylord Nelson ist Engländer; vergessen Sie das nicht.«
»Was wollen Sie damit sagen?« fragte Nelson stolz.
»Ich will damit sagen, daß Sie, wenn Sie Neapolitaner wären, anstatt Engländer zu sein, anders sprechen würden.«
»Und warum sollte ich, wenn ich Neapolitaner wäre, anders sprechen?«
»Weil Sie dann die Ehre Ihres Vaterlandes in Auge haben würden, anstatt das Interesse Großbritanniens.«
»Und welches Interesse hat denn Großbritannien an dem Rathe, welchen ich dem König gebe?«
»Indem man die Gefahr vergrößert, wird man sich später auch einen um so größeren Lohn ausbitten. Man weiß, daß England den Besitz von Malta wünscht, Mylord.«
»England besitzt Malta bereits. Der König hat es ihm gegeben.«
»O Sire,« rief Caracciolo im Tone des Vorwurfs, »man hatte es mir wohl gesagt, aber ich wollte es nicht glauben.«
»Und was zum Teufel wolltest Du denn, daß ich mit Malta machte?«, sagte der König. »Es ist ja weiter nichts, als ein Felsen, der höchstens taugt, um darauf Eier in der Sonne zu kochen.«
»Sire,« sagte Caracciolo, ohne weiter das Wort an Nelson zu richten, »ich bitte Sie im Namen aller wahrhaft neapolitanischen Herzen im Königreiche, nicht mehr auf die fremden Rathschläge zu hören, welche Ihren Thron immer weiter an den Rand des Abgrundes bringen. Der Minister Acton ist Ausländer, Sir William Hamilton ist Ausländer, Mylord Nelson selbst ist Ausländer – wie wollen Sie, daß diese Herren in der Würdigung der neapolitanischen Ehre mit Gerechtigkeit zu Werke gehen?«
»Das können Sie wohl fragen, ganz gewiß aber gehen wir in der Würdigung der neapolitanischen Feigheit mit Gerechtigkeit zu Werke,« antwortete Nelson, »und eben deshalb und nach dem, was in Civita Castellana geschehen ist, sage ich zum König: Sire, Sie können sich nicht mehr den Männern anvertrauen, von welchen Sie, sei es nun aus Furcht, sei es aus Verrath, verlassen worden sind.«
Caracciolo ward todtenbleich und legte unwillkürlich die Hand an den Degengriff. Er besann sich jedoch, daß Nelson nur eine Hand hatte, um den einigen zu ziehen, und daß diese Hand obendrein die linke war. Er begnügte sich daher damit, daß er sagte:
»Jedes Volk hat seine schwachen Stunden, Sire. Diese Franzosen, vor welchen wir fliehen, haben dreimal Ihr Civita Castellana gehabt – Poitiers, Crecy und Azincourt. Ein einziger Sieg hat aber hingereicht, um diese drei Niederlagen vergessen zu machen – Fontenoy.«
Caracciolo sprach diese Worte, indem er Nelson ansah, der sich auf die Lippen biß. Dann wendete er sich wieder zu dem König und fuhr fort:
»Sire, die Pflicht eines Königs, der sein Volk liebt, ist, ihm Gelegenheit zu bieten, sich von einer solchen Niederlage wieder aufzuraffen. Der König erlasse daher einen Befehl, er sage ein Wort, er gebe einen Wink, und kein Franzose wird aus den Abruzzen, in welche sie so unklug gewesen sind, sich hineinzuwagen, wieder herauskommen.«
»Mein lieber Caracciolo,« sagte der König, dessen geheime Wünsche durch die Worte des Admirals sich geschmeichelt fühlten, »Du bist ganz der Meinung eines Mannes, dessen Rathschläge ich hochschätze. Du bist ganz der Meinung des Cardinals Ruffo.«
»Es fehlte Ew. Majestät weiter nichts, als einen Cardinal an die Spitze Ihrer Armee zu stellen,« sagte Nelson mit verächtlichem Lächeln.
»Nun, meinem Ahn, Ludwig dem Dreizehnten oder dem Vierzehnten – ich weiß nicht mehr genau welchem – hat es aber doch nichts geschadet, daß er einen Cardinal an die Spitze seiner Armeen stellte, und ein gewisser Richelieu, welcher Rochelle eroberte, fügte dadurch der Monarchie keinen Nachtheil zu.«
»Wohlan, Sire,« rief lebhaft Caracciolo, sich an diese Hoffnung anklammernd, welche der König ihm gab, »es ist der gute Genius Neapels, welcher Sie beseelt. Folgen Sie den Rathschlägen des Cardinals Ruffo und ich, was soll ich weiter sagen, ich werde seinen Befehlen folgen.«
»Sire,« sagte Nelson, indem er sich erhob und sich vor dem König verneigte, »Ew. Majestät werden, hoffe ich, nicht vergessen, daß, wenn auch die italienischen Admirale den Befehlen eines Priesters gehorchen, doch ein englischer Admiral nur den Befehlen einer Regierung gehorcht.«
Und Caracciolo einen Blick zuwerfend, in welchem man die Drohung eines ewigen Hasses lesen konnte, entfernte Nelson sich durch dieselbe Thür, durch welche er hereingekommen und welche nach den Gemächern der Königin führte.
Der König folgte Nelson mit den Augen, und als die Thür sich hinter Letzterem geschlossen, sagte er:
»Schön! Das ist der Dank für meine zwanzigtausend Ducati Rente, für mein Herzogthum Bronte, für meinen Degen Philipps des Fünften und für mein Großkreuz des St. Ferdinandordens. Der Mann spricht sich etwas kurz, aber dafür desto deutlicher aus.«
Dann wendete er sich wieder zu Caracciolo.
»Du hast Recht, mein lieber Francesco,« sagte er zu ihm; »alles Unheil hat seinen Grund in den Fremdlingen. Mr. Acton, Sir William, General Mack, Lord Nelson, die Königin selbst – Irländer, Deutsche, Engländer, Oesterreicher überall – Neapolitaner nirgends. – Welch ein Bulldog ist dieser Nelson! Du hast ihn schön wüthend gemacht. Wenn wir jemals Krieg mit England haben sollten und Du ihm in die Hände geriethest, dann wäre deine Rechnung geschlossen.«
»Sire,« sagte Carracciolo lachend, »selbst auf, die Gefahren hin, welchen ich mich aussetze, indem ich mir den Sieger von Abukir zum Feinde mache, fühle ich mich glücklich, den Beifall Euer Majestät erworben zu haben.«
»Sahst Du das Gesicht, welches er Dir zog, als Du ihm – wie hieß es gleich? – Fontenoy unter die Nase riebst?«
»Ja, Sire.«
»Dann haben die Herren Engländer also wohl bei Fontenoy tüchtige Hiebe bekommen?«
»Ja wohl, ja wohl.«
»Wenn man bedenkt, daß, wenn San Nicandro nicht einen Esel aus mir gemacht hätte, ich auch auf diese Dinge antworten könnte! Unglücklicherweise ist es nun zu spät, um diesen Schaden wieder gutzumachen.«
»Sire,« sagte Caracciolo, »werden Sie mir erlauben, meinen Rath nochmals zu wiederholen?«
»Es ist nicht nöthig, denn ich bin ganz deiner Meinung. Heute noch werde ich Ruffo sehen und wir werden die Sache noch einmal miteinander besprechen. Aber warum zum Teufel hast Du, frage ich jetzt, wo wir wieder mit einander allein sind, warum hast Du Dir die Königin zum Feinde gemacht? Du weißt doch, daß, wenn sie haßt, sie dann auch unerbittlich haßt.«
Caracciolo machte eine Kopfbewegung, welche andeutete, daß er auf diesen Vorwurf des Königs keine Antwort zu geben habe.
»Na,« sagte Ferdinand, »es ist dies gerade so wie mit mir und San Nicandro. Was geschehen ist, ist geschehen; sprechen wir nicht weiter davon.«
»Also,« sagte Caracciolo, auf den Gedanken, der ihn fortwährend beschäftigte, zurückkommend, »ich nehme die Hoffnung mit, daß Eure Majestät dieser schmachvollen Flucht entsagt haben und daß Neapel bis aufs Aeußerste vertheidigt werden wird?«
»Nimm mehr als die Hoffnung, nimm die Gewißheit mit. Heute findet ein Cabinetsrath statt und ich werde erklären, daß es mein Wille ist, in Neapel zu bleiben. Ich habe mir Alles, was Du mir über unsere Vertheidigungsmittel gesagt, wohl gemerkt, deshalb sei unbesorgt. Was Nelson betrifft, nicht wahr, so muß man ihm Fontenoy unter die Nase reiben, wenn man will, daß er sich auf die Lippen beiße? Es ist gut; man wird sich dessen erinnern.«
»Darf ich noch um eine letzte Gnade bitten, Sire?«
»Sprich.«
»Wenn gegen alles Erwarten Euer Majestät dennoch fortginge –«
»Ich sage Dir aber ja, daß ich nicht fortgehe!«
»Nun, Sire, wenn in Folge irgend eines Zufalls, in Folge einer unerwarteten Wendung Euer Majestät doch fortgingen, dann, hoffe ich, daß Sie der neapolitanischen Marine nicht die Schmach anthun werden, auf einem englischen Schiffe abzureisen.«
»O, was das betrifft, so kannst Du unbesorgt sein. Wenn ich in diese äußerste Nothwendigkeit versetzt würde, dann stünde ich freilich nicht für die Königin. Die Königin würde thun, was ihr beliebte, ich aber gebe Dir mein Ehrenwort, daß ich auf deinem Schiffe, auf der »Minerva«, abreise. Also nun weißt Du es. Wechsle deinen Koch, wenn er schlecht ist, und schaffe Maccaroni und Parmesankäse an, wenn Du davon keine hinreichende Quantität am Bord hat. Auf Wiedersehen. – Fontenoy hieß jener Ort, nicht wahr?«
»Ja, Sire.«
Und Caracciolo entfernte sich, entzückt über das Ergebniß seiner Unterredung mit dem König, und rechnete mit Bestimmtheit auf die ihm gegebene doppelte Versprechung.
Der König folgte ihm mit den Augen und mit dem Ausdruck unverkennbaren Wohlwollens.
»Und wenn man bedenkt,« sagte er, »daß man um einer Megäre wie die Königin und um einer Buhlerin wie Lady Hamilton willen sich mit solchen Männern entzweit!«
Siebentes Capitel.
In welchem der Unterschied zwischen freien und unabhängigen Völkern auseinandergesetzt wird
Der König hielt das Caracciolo gegebene Versprechen. Laut und entschlossen erklärte er im Cabinetsrath, daß er nach der Volksmanifestation, deren Zeuge er am Abende vorher gewesen, sich vorgenommen habe, in Neapel zu bleiben und den Franzosen den Einmarsch in sein Königreich bis aufs Aeußerste streitig zu machen.
Gegen eine so bestimmt ausgesprochene Erklärung war keine Opposition möglich. Diese Opposition hätte nur durch die Königin geschehen können, und beruhigt durch Actons positives Versprechen, daß er ein Mittel finden würde, den König zur Abreise nach Sicilien zu bewegen, hatte sie einem offenen Kampf entsagt, in welchem Ferdinand, wie dies bei seinem Charakter vorauszusehen war, die größte Starrköpfigkeit entwickelt haben würde.
Als der König den Cabinetsrath verließ, fand er den Cardinal Ruffo in seinem Zimmer.
Dieser hatte seinerseits und einer gewohnten Pünktlichkeit gemäß gethan, was er mit dem König verabredet.
Ferrari war in der Nacht bei ihm gewesen und eine Stunde später nach Wien mit dem gefälschten Brief abgereist, welcher dem Kaiser vorgelegt werden sollte.
Es lag Ferdinand viel daran, sich mit dem Kaiser nicht zu veruneinigen, denn dieser war in Folge des Einflusses, den er in Italien ansübte, der Einzige, der ihn gegen Frankreich aufrecht erhalten konnte, eben so wie in entgegengesetzter Beziehung Frankreich die einzige Macht war, welche den Kampf gegen Oesterreich aufzunehmen vermochte.
Eine im Namen des Königs von Ruffo's Hand geschriebene und von diesem unterzeichnete erklärende Note begleitete den Brief und gab zu diesem Räthel den Schlüssel, ohne welchen der Kaiser es niemals hätte begreifen können,
Der König erzählte ihm, was zwischen ihm, Caracciolo und Nelson gesprochen worden. Ruffo zollte dem König Beifall und bestand auf einer Conferenz zwischen ihm und Caracciolo in Gegenwart des Königs.
Es ward beschlossen, die Nachricht von der Wirkung abzuwarten, welche Pronios Manifest in den Abruzzen hervorgerufen haben würde. Je nach diesem Ergebniß wollte man einen Entschluß fassen.
Noch denselben Tag empfing der König den Besuch des jungen Corsen Cesare. Man erinnert sich, daß er ihn zum Capitän gemacht und ihm befohlen hatte, sich ihm in seiner neuen Uniform vorzustellen, damit er, der König, sich überzeugen könne, daß seine Befehle ausgeführt worden und daß der Kriegsminister dem jungen Mann sein Patent ausgestellt.
Acton, der mit der Vollziehung des königlichen Willens beauftragt war, hatte Sorge getragen, dies zu thun, und der junge Mann, den die Thürsteher wegen seiner Aehnlichkeit mit dem Kronprinzen anfänglich für diesen angesehen, präsentierte sich bei dem König mit seiner Uniform bekleidet und im Besitze eines Patents.
Der junge Capitän war freudig erregt und stolz. Er kam, um dem König seine Dienste und die seiner Cameraden zu Füßen zu legen.
Ein einziger Umstand verhinderte sie, sofort Beweise von diesem Diensteifer zu geben.
Die alten Prinzessinnen hielten sie bei ihrem ihnen gegebenen Wort, ihnen als Leibgarde zu dienen, und wollten dieses Wort nicht eher zurückgeben, als bis sie sich an Bord des Schiffes befänden, welches sie nach Triest bringen sollte.
Die sieben jungen Leute hatten sich daher verbindlich gemacht, sie bis nach Manfredonia, den Ort ihrer Einschiffung, zu begleiten. Von Manfredonia wollten sie, sobald die Prinzessinnen einmal eingeschifft wären, nach Neapel zurückkehren, um ihren Platz unter den Vertheidigern des Thrones und des Altars einzunehmen.
Es dauerte nicht lange, so liefen die Nachrichten ein, welche man von Pronio erwartete.
Dieselben übertrafen Alles, was man hoffen konnte. Die Stimme des Königs hatte einen Wiederhall gefunden, als ob es die Stimme Gottes gewesen wäre.
Die Priester, die Edelleute, die Beamten hatten sich zum Echo derselben gemacht; der Ruf: »Zu den Waffen!« hallte von Isoletta bis nach Capua und von Aquila bis nach Itri.
Pronio hatte auch Fra Diavolo und Mammone gesprochen und die ihnen zugedachte Mission angekündigt.
Mit Begeisterung hatten sie sich dazu bereiterklärt. Mit ihrem Patent in der Hand und dem Namen des Königs im Munde hatte ihre Macht keine Grenzen, denn das Gesetz schützte sie, anstatt sie zu zügeln.
Von nun an konnten sie ihrer Brigandage eine politische Farbe geben und versprachen, das ganze Land aufzuwiegeln.
Die Brigandage ist nämlich in den Provinzen des südlichen Italiens eine nationale Sache. Sie ist eine einheimische Frucht, welche im Gebirge gedeiht. Man könnte, wenn man von den Naturerzeugnissen der Abruzzen, der Terra di Lavoro, der Basilicata und Calabriens spricht, sagen: Die Thäler erzeugen Getreide, Mais und Feigen; die Hügel Oliven, Nüsse und Trauben, die Gebirge Briganden.
Die Brigandage ist in den von mir soeben aufgezählten Provinzen ein Handwerk wie jedes andere. Man ist Brigand ebenso, wie man Bäcker, Schneider oder Schuhmacher ist. Das Handwerk hat nichts Entehrendes. Der Vater, die Mutter, der Bruder, die Schwester des Brigand werden durch das Handwerk ihres Sohnes oder ihres Bruders durchaus nicht geschändet, weil ja das Handwerk selbst nicht zum Makel gereicht.
Der Brigand arbeitet acht oder neun Monate des Jahres, das heißt im Frühling, Sommer und Herbst. Nur die Kälte und der Schnee vertreiben ihn aus dem Gebirge und in sein Dorf zurück. Er betritt dasselbe wieder und ist willkommen. Er begegnet dem Richter, grüßt ihn und wird von ihm wieder gegrüßt. Oft ist er der Freund, zuweilen der Verwandte desselben.
Bei Rückkehr des Frühlings greift er wieder zu seiner Flinte, seinen Pistolen, einem Dolch und kehrt in die Gebirge zurück.
Daher das Sprichwort: Die Brigands kommen mit den Blättern hervor.
Seitdem es in Neapel eine Regierung gibt – und ich habe alle Archive vom Jahre 1503 bis auf unsere Zeit zu Rathe gezogen – gibt es auch Ordonnanzen gegen die Brigands und seltsamerweise sind die Ordonnanzen der spanischen Vicekönige genau dieselben wie die der italienischen Gouverneure, weil die Verbrechen dieselben sind: Diebstähle mit Einbruch, Raub mit bewaffneter Hand auf der Heerstraße, Erpressungsbriefe mit Androhung von Brandstiftung, Verstümmelung und Mord und Verwirklichung dieser angedrohten Verbrechen, wenn die Briefe nicht die erwartete Wirkung äußern.
In Zeiten der Revolution gewinnt die Brigandage riesige Verhältnisse. Die politische Meinung wird ein Vorwand, die Fahne eine Entschuldigung.
Der Brigand gehört stets der Reactionspartei an, das heißt er ist für Thron und Altar, weil nur diese beiden dergleichen Bundesgenossen annehmen, während dagegen die Liberalen, die Progressisten und die Revolutionäre sie zurückweisen und verachten.
Die berüchtigtsten Jahre in den Annalen der Brigandage sind die Jahre politischer Reaction, wie zum Beispiel 1799, 1809, 1821, 1848, 1862, das heißt alle Jahre, wo die absolute Gewalt, nachdem sie eine Niederlage erlitten, die Brigandage zu Hilfe ruft.
Die Brigandage ist in diesem Falle um so mehr unausrottbar, als sie von den Behörden unterstützt wird, welche zu andern Zeiten die Aufgabe haben, sie zu unterdrücken. Die Syndici, die Adjuncte, die Capitäne der Nationalgarde sind nicht blos Manutengoli, das heißt: Unterstützer der Brigands, sondern oft selbst dergleichen.
Hauptsächlich sind es die Priester und die Mönche, welche die Brigandage moralisch unterstützen. Sie sind die Seele derselben. Die Brigands, welche von ihnen den Aufstand haben predigen hören, empfangen, wenn sie sich demselben angeschlossen, von ihnen geweihte Medaillen, welche sie unverwundbar machen sollen. Werden sie zufällig trotz der Medaille verwundet, todtgeschlagen oder erschossen, so ist die auf Erden ohnmächtige Medaille eine untrügliche Einlaßmarke in den Himmel.
Der gefangene Brigand steht mit dem Fuße auf ersten Sprosse jener Jacobsleiter, welche direkt in das Paradies führt. Er küßt die Medaille und stirbt heldenmüthig, in der Ueberzeugung, daß die tödtliche Kugel ihn die übrigen Stufen ersteigen läßt.
Woher aber rührt dieser Unterschied zwischen den Individuen und den Massen? Woher kommt es, daß der Soldat zuweilen beim ersten Kanonenschuß flieht, während der Bandit als Held stirbt?
Wir wollen versuchen, es zu erklären, denn ohne diese Erklärung würde der weitere Verlauf unserer Erzählung eine gewisse Unruhe in dem Gemüth unserer Leser zurücklassen. Sie würden sich fragen, woher dieser moralische und physische Widerspruch zwischen denselben Menschen, wenn sie in Massen versammelt sind, und wenn sie einzeln kämpfen.
Der Grund ist folgender:
Der Muth der Massen ist die Tugend der freien Völker.
Der persönliche Muth ist die Tugend der Völker welche blos unabhängig sind.
Beinahe alle Gebirgsvölker – die Schweizer, die Corsen, die Schotten, die Sicilianer, die Montenegriner, die Albanesen, die Drusen, die Circassier – können die Freiheit sehr wohl entbehren, dafern man ihnen die Unabhägigkeit läßt.
Erklären wir nun den ungeheuren Unterschied, welcher zwischen den beiden Worten Freiheit und Unabhängigkeit besteht.
Die Freiheit ist der Verzicht, welchen jeder Bürger auf einen Theil seiner Unabhängigkeit leistet, um davon einen gemeinschaftlichen Fonds zu bilden, welchen man das Gesetz nennt.
Die Unabhängigkeit ist für den Menschen der vollständige Gemuß aller seiner Fähigkeiten, die Befriedigung aller seiner Wünsche.
Der freie Mensch ist der Mensch der Gesellschaft; er stützt sich auf seinen Nachbar, welcher sich seinerseits auf ihn stützt; und da er bereit ist, sich für den Andern zu opfern, so hat er das Recht zu verlangen, daß die Andern sich auch für ihn opfern.
Der unabhängige Mensch ist der Mensch der Natur. Er verläßt sich nur auf sich selbst. Sein einziger Bundesgenosse ist das Gebirge und der Wald; sein Schutz ist ein Feuerrohr und ein Dolch, seine Hilfstruppen sind Auge und Ohr.
Aus freien Männern bildet man Armeen, aus unabhängigen Männern macht man Banden.
Zu freien Männern sagt man wie Bonaparte bei den Pyramiden: »Schließt die Reihen!«
Zu unabhängigen Männern sagt man wie Charrette bei Machecoul: »Macht Euch lustig, Jungens!«
Der freie Mann erhebt sich auf den Ruf eines Königs oder seines Vaterlands. Der unabhängige Mann erhebt sich auf den Ruf eines Eigennutzes und seiner Leidenschaft.
Der freie Mann kämpft.
Der unabhängige Mann schlägt todt.
Der Freie sagt: Wir.
Der Unabhängige sagt: Ich.
Der freie Mensch ist die Brüderlichkeit.
Der unabhängige Mensch ist blos der Egoismus.
Nun befanden sich die Neapolitaner im Jahre 1798 nur erst im Zustand der Unabhängigkeit. Sie kannten weder die Freiheit noch die Brüderlichkeit. Deshalb wurden sie in regelmäßiger Schlacht durch eine Armee überwunden, welche fünfmal weniger zahlreich war als die ihrige.
Die Landleute der neapolitanischen Provinzen sind aber stets unabhängig gewesen.
Auf den Ruf der Mönche, die im Namen Gottes, auf den Ruf des Königs, der im Namen der Familie, besonders auf den Ruf des Haffes, der im Namen der Habgier, der Plünderung und des Mordes sprach, erhob sich daher Alles.
Jeder nahm sein Gewehr, sein Beil, sein Messer und rückte ins Feld ohne andern Zweck als die Vernichtung, ohne andere Hoffnung als Plünderung.
Er unterstützte seinen Anführer, ohne ihm zu gehorchen, und folgte seinem Beispiel, aber nicht seinen Befehlen.
Massen waren vor den Franzosen geflohen, einzelne Männer marschierten gegen sie.
Eine Armee war verschwunden, ein Volk tauchte aus dem Boden auf.
Es war auch Zeit. Die Nachrichten, welche von der Armee einliefen, lauteten fortwährend ungünstig.
Ein Theil der Armee hatte sich unter den Befehlen eines General Moesk, den Niemand kannte – nicht einmal Nelson, der in seinen Briefen fragt, wer er sei – nach Calvi zurückgezogen und sich dort verschanzt.
Macdonald, welcher, wie wir erwähnt, von Championnet beauftragt worden, den Sieg zu verfolgen und den Rückzug der königlichen Truppen zu beunruhigen, hatte dem General Maurice Mathieu Befehl gegeben, diese Stellung zu nehmen.
Mathieu faßte demgemäß auf allen Höhen, welche die Stadt beherrschte, Posto und forderte den General Moesk auf, sich zu ergeben.
Dieser erklärte sich dazu bereit, aber unter Bedingungen, auf welche nicht eingegangen werden konnte.
General Maurice Mathieu gab sofort Befehl, in die Mauern eines Klosters Bresche zu schießen und durch dieselbe in die Stadt einzudringen.
Nachdem der zehnte Schuß abgefeuert worden, erschien ein Parlamentär. Ohne denselben aber sprechen zu lassen, sagte der General Maurice Mathieu zu ihm:
»Entweder sich auf Gnade und Ungnade ergeben, oder über die Klinge springen.«
Die Königlichen ergaben sich auf Gnade und Ungnade.
Die Schnelligkeit der von Macdonald geführten Schläge rettete einen Theil der von Mack gemachten Gefangenen, konnte sie aber nicht alle retten.
In Ascoli waren dreihundert Republikaner an Bäume gebunden und erschossen worden.
In Abricalli hatte man dreißig Kranke oder Verwundete, von welchen einige so eben erst amputiert worden, in der Ambulanz erschlagen.
Die andern waren auf dem Stroh liegend ohne Erbarmen verbrannt worden.
Championnet aber hatte, seiner Proclamation treu, alle diese Barbareien blos durch Acte der Humanität erwidert, welche zu den Grausamkeiten der königlichen Soldaten einen eigenthümlichen Gegensatz bildeten.
Nur der General Damas, ein französischer Emigrant und der in dieser Eigenschaft seinen Degen dem Dienste Ferdinands widmen zu müssen geglaubt, hatte in Folge jener furchtbaren Niederlage bei Civita Castellana die Ehre der weißen Fahne aufrecht erhalten.
Von dem General Mack, der nur an Eins gedacht, nämlich den König zu retten, mit einer Colonne von siebentausend Mann vergessen, ließ er den General Championnet, welcher, wie man weiß, eben nach Rom zurückgekehrt war, um die Erlaubniß bitten, durch die Stadt marschieren zu dürfen und zu den Trümmern der königlichen Armee am Teverone zu stoßen – Trümmern, welche, wie wir bereits gesagt, immer noch fünfmal zahlreicher waren als die siegreiche Armee.
Championnet ließ einen jener jungen Officiere kommen, die gleich einer Pflanzschule seine Umgebung bildeten.
Es war der Generalstabschef Bonami.
Diesem befahl er, von dem Stand der Dinge Kenntniß zu nehmen und ihm darüber Bericht zu erstatten.
Bonami stieg zu Pferde und brach sofort auf.
Diese großartige Epoche der Republik ist die, wo jeder Officier der französischen Armeen, so wie er an den Augen des Lesers vorübergeht, eigentlich eine Beschreibung verdient, welche an die erinnert, die Homer in der Iliade den griechischen Anführern, und Tasso in dem »befreiten Jerusalem« den Befehlshabern der Kreuzzüge widmet.
Wir wollen uns jedoch damit begnügen, zu sagen, daß Bonami, wie Thiébaut, einer jener denkenden und entschlossenen Männer war, zu welchen ein General sagen kann: »Sehen Sie mit Ihren Augen und handeln Sie den Umständen gemäß.«
An der Porta Solara begegnete Bonami der Cavallerie des Generals Rey, welche in die Stadt zurückzumarschieren begann.
Er unterrichtete diesen von dem, um was es sich handelte, und forderte, ohne durch einen Befehl dazu berechtigt zu sein, ihn auf, Recognoscirungen auf der Straße von Albano und Frascati vorzunehmen.
Er selbst ging an der Spitze eines Detachements Cavallerie über die Ponte Molla, im Alterthum die Milviusbrücke, und ritt so rasch, als sein Pferd ihn zu tragen vermochte, in der Richtung weiter, wo, wie er wußte, der General Damas zu finden war, während General Rey mit seinem Detachement und Macdonald mit seiner leichten Cavallerie ihm folgten.
Bonami hatte sich so beeilt, daß er die Truppen Macdonald's und Reys hinter sich gelassen, welche wenigstens eine Stunde brauchten, um ihn einzuholen. Um ihnen dazu Zeit zu lassen, präsentierte er sich als Parlamentär.
Man führte ihn zum General Damas.
»Sie haben an den Obercommandanten der französischen Armee geschrieben, General?« sagte er zu ihm. »Er schickt mich zu Ihnen, damit Sie mir auseinandersetzen, was Sie von ihm wünschen.«
»Freien Durchmarsch für meine Division,« antwortete der General Damas.
»Und wenn er Ihnen denselben verweigert?«
»Dann bleibt mir nur ein Ausweg: mich durchzuschlagen.«
Bonami lächelte.
»Sie sehen wohl selbst ein, General,« sagte er, »daß es eine Sache der Unmöglichkeit ist, Ihnen und Ihren siebentausend Mann gutmüthig den Durchmarsch zu gestatten. Was das Durchschlagen betrifft, so sage ich Ihnen im Voraus, daß dies ein schweres Stück Arbeit sein würde.«
»Was schlagen Sie mir dann aber sonst vor, Oberst?« fragte der emigrierte General.
»Was man dem Commandanten eines Corps in der Lage, worin sich das Ihrige befindet, gewöhnlich vorschlägt, General – die Waffen zu strecken.«
Nun war die Reihe des Lächelns an dem General Damas.
»Mein Herr Generalstabschef, « antwortete er, »wenn man an der Spitze von siebentausend Mann steht und jeder dieser siebentausend Mann mit achtzig Patronen versehen ist, dann ergibt man sich nicht, sondern man schlägt sich durch oder man stirbt.«
»Nun gut, dann sei es so,« sagte Bonami, »schlagen wir uns denn, General.«
Der General schien nachzudenken.
»Geben Sie mir sechs Stunden,« sagte er, »um einen Kriegsrath zu versammeln und mich mit diesem über die mir von Ihnen gemachten Vorschläge zu berathen.«
Bonami glaubte hierauf nicht eingehen zu dürfen.
Sechs Stunden brauchen Sie nicht,« sagte er. »Ich gewähre Ihnen eine Stunde.«
Dies war gerade so viel Zeit, als der Generalstabschef bedurfte, um seine Infanterie herankommen zu lassen.
Man kam daher überein, daß der General Damas, da er sich einmal in der Gewalt der Franzosen befand, in einer Stunde seine Antwort geben würde.
Bonami setzte sein Pferd wieder in Galopp und ritt zurück, dem General Rey entgegen, um den Marsch seiner Truppen zu beschleunigen.
Der General Damas aber benutzte diese Stunde seinerseits ebenfalls, und als Bonami mit seinen Truppen zurückkam, fand er, daß Damas in guter Ordnung auf der Straße von Orbitello auf dem Rückzuge begriffen war.
Sofort machten der General Rey und der Generalstabschef Bonami an der Spitze, der eine eines Detachements vom sechzehnten Dragoner-, der andere einer Abtheilung vom siebenten Chasseurregiment, sich an die Verfolgung der Neapolitaner und holten sie an der Storta ein, wo sie sofort einen energischen Angriff auf sie eröffneten.
Die Arrièregarde der Neapolitaner machte Halt, um den Republikanern die Spitze zu bieten.
Rey und Bonami stießen zum ersten Mal bei diesem Feind auf ernsten Widerstand, vernichteten ihn aber durch ihre wiederholten Angriffe.
Mittlerweile brach die Nacht ein. Die Selbstverläugnung und der Muth der Arrièregarde hatten die Armee gerettet. Der General Damas benützte die Dunkelheit und seine Kenntniß des Terrains, um seinen Rückzug weiter fortzusetzen.
Die Franzosen, welche zu ermüdet waren, um ihren Sieg zu verfolgen, kehrten nach der Hueta zurück, wo sie die Nacht zubrachten.
Bonami ward zum Lohn für die Intelligenz, womit er bei der Unterhandlung zu Werke gegangen, und für den Muth, den er im Kampfe gezeigt, von Championnet zum Brigadegeneral ernannt.
Der General Damas war aber mit den Republikanern noch nicht fertig. Macdonald schickte einen seiner Adjutanten ab, um Kellermann, welcher mit Truppen, die nicht so ermüdet waren als die, welche am Tage gekämpft, in Borchetta lag, von der Richtung, welche die neapolitanische Colonne genommen, in Kenntniß zu setzen.
Kellermann raffte sofort seine Truppen zusammen und marschierte über Ronceglione auf Toscanelli, wo er auf die Colonne des General Damas stieß.
Diese Truppen, welche, von einem neapolitanischen General befehligt so leicht flohen, hielten unter einem französischen Anführer festen Stand, und wehrten sich auf das Kräftigte.
Damas ward aber trotzdem zum Rückzug gezwungen, den er deckte, indem er sich selbst zur Arrièregarde begab, wo er mit bewunderungswürdigem Muth kämpfte.
Einer jener Angriffe, wie Kellermann sie zu machen verstand, und eine Wunde, welche der emigrierte General empfing, entschieden den Sieg zu Gunsten der Franzosen.
Schon hatte der größere Theil der neapolitanischen Colonne Orbitello erreicht und Zeit gehabt, an Bord der neapolitanischen Schiffe zu gehen, welche im Hafen lagen. In die Stadt hineingedrängt, hatte Damas eben noch Zeit, die Thore hinter sich schließen zu lassen und erhielt, sei es nun aus Rücksicht auf seinen Muth, sei es, daß der französische General seine Zeit nicht an die Erstürmung eines elenden Nestes verschwenden wollte, gegen Zurücklassung einer Artillerie das Zugeständniß, sich mit seiner Avantgarde ohne weitere Belästigung einschiffen zu dürfen.
Das Ergebniß hiervon war, daß der einzige General er neapolitanischen Armee, welcher in diesem kurzen und schmachvollen Feldzuge seine Pflicht gethan, ein französischer General war.
Achtes Capitel.
Die Brigands
Ueberall Sieger und in der Meinung, daß ein Marsch nach Neapel durch nichts gehemmt werden würde, ertheilte Championnet Befehl, die neapolitanischen Grenzen in drei Colonnen zu überschreiten.
Der linke Flügel rückte unter Macdonalds Führung in die Abruzzen und sollte die Engpässe von Capistrello und Sora forcieren.
Der rechte Flügel rückte unter Führung des Generals Rey durch die pontinischen Sümpfe, Terracina und Fondi in die Campania.
Das Centrum rückte unter Championnets eigener Führung über Valmontane, Ferentino und Ceperano in die Terra di Lavoro.
Drei Citadellen – alle drei fast uneinnehmbar – vertheidigten die Zugänge zum Königreiche – Gaëta, Civitella del Tronto und Pescara.
Gaëta beherrschte die Straße des tyrrhenischen Meeres; Pescara die Straße des adriatischen Meeres; Civitella del Tronto stand auf dem Gipfel eines Berges und beherrschte die jenseitigen Abruzzen.
Gaëta ward durch einen alten Schweizergeneral Namens Tschudi vertheidigt. Er hatte viertausend Mann unter seinen Befehlen und als Vertheidigungsmittel siebzig Kanonen, zwölf Mörser, zwanzigtausend Musketen, Lebensmittel auf ein Jahr, Schiffe im Hafen – mit einem Wort, Land und Meer gehörte ein.
Der General Rey forderte ihn auf, sich zu ergeben.
Der schon sehr alte Tschudi hatte kürzlich erst eine junge Frau geheiratet. Es war ihm bange um diese und wer weiß, ob nicht vielleicht auch um sich selbst. Anstatt sich zu halten, zog er den Bischof zu Rathe, welcher seinem Beruf gemäß für den Frieden sprach, und versammelte die Magistratspersonen der Stadt, welche natürlich diesen Vorwand benutzten, um Gaëta die Leiden einer Belagerung zu ersparen.
Dennoch zögerte man noch und der französische General ließ eine Haubitze auf die Stadt abfeuern. Diese feindselige Demonstration genügte, um Tschudi zu veranlassen, eine Deputation an die Belagerer abzusenden und diese fragen zu lassen, welche Bedingungen sie stellten.
»Uebergabe auf Gnade und Ungnade, oder strenges Kriegsrecht,« antwortete General Rey.
Zwei Stunden später ergab sich der Platz.
Duhesme, welcher mit fünfzehnhundert Mann die Küste des adriatischen Meeres entlang marschierte, schickte an den Commandanten von Pescara, welcher Pricard hieß, einen Parlamentär, um ihn zur Uebergabe aufzufordern.
Der Commandant ließ, als ob er die Absicht gehabt hätte, sich unter den Trümmern der Stadt zu begraben, den französischen Officier seine Vertheidigungsmittel in allen ihren Einzelheiten besichtigen, zeigte ihm die Festungswerke, die Waffen, die mit Munition und Proviant gefüllten Magazine und schickte ihn dann zu Duhesme mit den stolzen Worten zurück:
»Eine auf diese Weise verproviantierte Festung ergibt sich nicht.«
Dennoch hinderte dies den Commandanten nicht, auf den ersten Kanonenschuß die Thore zu öffnen und diese so gut befestigte Stadt dem General Duhesme zu übergeben.
Dieser fand darin sechzig Kanonen, vier Mörser und eine Besatzung von neunzehnhundert Mann.
Was Civitella del Tronto, einen schon durch seine Lage festen und durch die Kunst noch fester gemachten Platz, betraf, so ward derselbe durch einen Spanier Namens Jean Lecombe vertheidigt und war mit zehn Geschützen von schwerem Caliber armiert, so wie mit Kriegsmunition und Lebensmitteln reichlich versehen.
Der Platz konnte sich ein Jahr halten, hielt sich aber blos einen Tag und übergab sich nach einer Belagerung von zwei Stunden.
Es war daher, wie wir in dem vorigen Capitel gesagt, die höchste Zeit, daß die Bandenanführer an die Stelle der Generale und die Brigands an die Stelle der Soldaten traten.
Mit Blitzesschnelligkeit hatten unter Pronios Leitung drei Banden sich organisiert – die, welche er selbst commandierte, die Gaëtano Mammones und die Fra Diavolos.
Pronio war der Erste, der mit den französischen Colonnen zusammenstieß.
Nachdem Duhesme sich Pescaras bemächtigt und daselbst eine Besatzung von vierhundert Mann zurückgelassen, schlug er die Straße nach Chieti ein, um der ihm ertheiten Ordre gemäß eine Vereinigung mit Championnet vor Capua zu bewirken. Als er in Tocco ankam, hörte er ein lebhaftes Musketenfeuer in der Richtung von Sulmona und trieb seine Leute zu vermehrter Eile an.
In der That hatte eine von dem General Rusca commandierte französische Colonne, nachdem sie ohne Mißtrauen und unter Trommelschlag in die Stadt Sulmona eingerückt war, plötzlich aus allen Fenstern einen Kugelregen auf sich herabhageln gesehen. Ueberrascht durch diesen unerwarteten Angriff, hatte sie einen Augenblick lang zögernd Halt gemacht.
Pronio, der in der Kirche San Panfilo im Hinterhalt lag, benützte diesen Umstand, machte mit etwa hundert Mann einen Ausfall aus der Kirche und griff die Front der Franzosen an, während das Feuer aus den Fenstern sich verdoppelte; trotz der Bemühungen Rusca’s geriethen seine Leute in Unordnung und er verließ Sulmona eiligst, während er in den Straßen etwa zwölf Todte und Verwundete zurückließ.
Bei dem Anblick der Soldaten Pronios aber, welche die Todten verstümmelten, bei dem Anblick der Einwohner, welche den Verwundeten vollends den Rest gaben, stieg den Republikanern die Schamröthe ins Gesicht. Sie formierten sich von selbst wieder, erhoben ein lautes Rachegeschrei und drangen wieder in die Stadt ein, indem sie gleichzeitig das Feuer aus den Fenstern und das der Straße erwiederten.
Pronio und seine Leute unterhielten jedoch, hinter den Thürgewänden und in den engen Gäßchen versteckt, ein so furchtbares Feuer, daß die Franzosen vielleicht zum zweiten Male genöthigt gewesen wären, zurückzuweichen, als man plötzlich eine lebhafte Fusillade von dem andern Ende der Stadt her vernahm.
Es war Duchesme, welcher mit seinen Leuten Sulmona umgangen hatte und nun Pronio in den Rücken fiel.
Pronio lief, in jeder Hand ein Pistol, auf eine Arrièregarde zu, sammelte sie wieder, sah sich Duhesme gegenüber, feuerte eine seiner Pistolen auf ihn ab und verwundete ihn in dem Arm. Ein Republikaner stürzte sich mit geschwungenem Säbel auf Pronio, dieser aber schoß ihn mit seiner zweiten Kugel nieder, raffte eine Muskete auf und deckte den Rückzug an der Spitze seiner Leute, indem er diesen in ihrem Dialekt einen Befehl ertheilte, den die Franzosen nicht verstanden.
Dieser Befehl lautete dahin, daß die Brigands durch die kleinen Gäßchen der Stadt entfliehen sollten, um die Gebirge zu gewinnen.
Binnen wenigen Augenblicken war die Stadt leer. Die, welche die Häuser besetzt gehalten, entflohen durch die Gärten. Die Franzosen waren Herren von Sulmona, nur hatten diesmal die Brigands ein Mann gegen zehn gekämpft. Sie waren besiegt, aber sie hatten den Republikanern grausame Verluste zugefügt.
Dieses Treffen ward daher in Neapel als ein Triumph betrachtet.
Fra Diavolo vertheidigte seinerseits mit etwa hundert Mann, nach der schimpflichen Uebergabe von Gaëta, in tapferer Weise die Brücke von Garigliana, die von dem Adjutanten Gourdel und etwa fünfzig Mann Republikanern an gegriffen ward, welche der General Rey, der von der Organisation der Banden nichts wußte, abgesendet hatte, um sich der Brücke zu bemächtigen.
Die Franzosen wurden zurückgeschlagen und der Adjutant Gourdel, ein Bataillonschef, mehrere Officiere und Soldaten, die verwundet auf dem Kampfplatz liegen blieben, halb todt aufgehoben, an Bäume gebunden und unter dem Jubelgeheul der Bewohner von Mignano, Sessa und Traetta und unter dem Furientanz der Weiber, welche bei diesen Gelegenheiten stets grausamer sind als die Männer, langsam verbrannt.
Fra Diavolo wollte sich anfangs diesen Mordthaten, diesen teuflischen Quälereien widersetzen. In einer Anwandlung von Mitleid feuerte er seine Pistolen und seine Kugelbüchse auf die Verwundeten ab. In dem Stirnrunzeln der Männer und an den Schimpfreden der Weiber aber merkte er, daß er durch dergleichen Beweise von Menschlichkeit seine Popularität gefährdete.
Er entfernte sich von dem Scheiterhaufen, auf welchem die Republikaner ihre Todesqualen erlitten, und wollte Francesca davon hinwegführen.
Diese aber wollte von dem Schauspiel nichts einbüßen. Sie riß sich von ihm los und tanzte und heulte toller und wüthender als die andern Frauen.
Was Mammone betraf, so stand er bei Capistrello, vor Sora, zwischen dem See Fucino und dem Liri.
Man meldete ihm, daß man von Weitem, von den Quellen des Liri her, einen Officier in französischer Uniform in Begleitung eines Führers kommen sähe.
»Bringt mir die beide her,« sagte Mammone.
Fünf Minuten später standen sie vor ihm.
Der Führer hatte das Vertrauen des Officiers verrathen und ihn, anstatt zu dem General Lemoine, an welchen er einen Befehl von Championnet überbringen sollte, zu Gaëtano Mammone geführt.
Es war einer der Adjutanten des Obergenerals, Namens Claie.
»Du kommst gerade recht,« sagte Mammone zu ihm. »Ich hatte Durst.«
Man weiß bereits, mit welcher Flüssigkeit Mammone gewohnt war, seinen Durst zu löschen.
Er ließ dem Adjutanten Rock, Weste, Halsbinde und Hemd abnehmen, die Hände binden und ihn dann an einen Baum fesseln.
Dann legte er den Finger auf die Pulsader am Halse des Gefangenen, um genau die Stelle zu ermitteln, wo sie schlug, und stieß, nachdem er sie gefunden, seinen Dolch hinein.
Der Adjutant sprach nicht, bat nicht, stieß keinen Klageton aus. Er wußte, in welche Cannibalenhände er gefallen war, und dachte, gleich dem Gladiator des Alterthums, nur an Eins – gut zu sterben.
Zum Tode getroffen, stieß er keinen Ruf aus und ließ keinen Seufzer entschlüpfen.
Das Blut spritzte in einem langen Strahl aus der Wunde. Mammone heftete seine Lippen an den Hals des Adjutanten, wie er sie auf die Brust des Herzogs Filomarino geheftet und sättigte sich mit Wollust an jenem flüssigen Fleisch, welches man Blut nennt.
Dann, als ein Durst gelöscht war, während der Gefangene noch zuckte, durchschnitt er die Bande, welche diesen an den Baum fesselten, und verlangte eine Säge.
Die Säge ward ihm gebracht.
Um fortan das Blut aus einem dem Getränke angemessenen Gefäß zu trinken, sägte er dem Gemordeten die Hirnschale oberhalb der Augenbrauen durch, schüttete die Gehirnmasse heraus, wusch diesen furchtbaren Becher mit dem Blute, welches noch aus der Wunde floß, drehte das Haar auf dem Wirbel des Kopfes zusammen und band es mit einem Strick, um das Gefäß daran wie an einem Fuß zu fassen, und ließ dann den übrigen Körper in Stücke schneiden und den Hunden vorwerfen.
Als hierauf seine Spione ihm meldeten, daß eine kleine Abtheilung Republikaner, etwa dreißig bis vierzig Mann zählend, auf der Straße von Tagliacozzo heranrücke, befahl er seinen Leuten, die Waffen zu verbergen, Blumen und Olivenzweige zu pflücken, die Blumen den Frauen und die Olivenzweige den Männern und den Knaben in die Hände zu geben, so dem Detachement entgegen zu gehen und den dasselbe commandierenden Officier einzuladen, mit seinen Leuten Theil an dem Fest zu nehmen, welches das Dorf Capistrello, in welchem nur Patrioten wohnten, zum Zeichen der Freude über die Ankunft der Franzosen veranstaltet habe.
Singend brachen die Friedensboten auf. Alle Häuser des Dorfes öffneten sich. Eine große Tafel war auf dem Platze der Mairie aufgestellt und man besetzte sie mit Wein, Brot, Fleischspeisen, Schinken und Käse.
Eine zweite Tafel ward für die Officiere in dem großen Zimmer der Mairie serviert, dessen Fenster auf den Platz gingen.
Eine Stunde vor der Stadt stießen die abgesendeten Boten auf das von dem Capitän Tremeau commandierte kleine Detachement.
Ein Führer und Dolmetscher, Verräther wie immer, welcher das Detachement führte, erklärte dem republikanischen Capitän, was diese Leute, diese Kinder und Frauen, welche ihm mit Blumen und Olivenzweigen in den Händen entgegenkamen, begehrten.
Der Capitän, ein muthiger, biederer Mann, hatte keine Ahnung von Verrath. Er küßte die hübschen Mädchen, welche ihm Blumen überreichten, und befahl seiner Marketenderin ihr Branntweinfaß zu leeren.
Man trank auf die Gesundheit des Generals Championnet, auf das Gedeihen der französischen Republik und machte sich dann Arm in Arm und die Marseillaise singend auf den Weg nach dem Dorfe.
Gaëtano Mammone erwartete mit dem ganzen übrigen Theile der Einwohnerschaft das französische Detachement am Eingange des Dorfes, wo es mit Jubelgeschrei bewillkommt ward.
Man fraternisierte abermals und dann ging es unter immerwährenden Freudenrufen weiter nach der Mairie.
Hier war, wie wir gesagt haben, eine Tafel hergerichtet. Man legte so viel Couverts auf, als Soldaten da waren.
Die wenigen Officiere dinierten mit dem Syndicus, den Adjuncten und dem Gemeinderath, welcher durch Gaëtano Mammone und die hervorragendstender unter seinen Befehlen stehenden Brigands repräsentiert ward, im Innern des Hauses oder sollten hier dinieren.
Die über den ihnen bereiteten Empfang hocherfreuten Soldaten stellten ihre Gewehre zehn Schritte weit von der für sie bereiteten Tafel in Pyramiden, die Frauen nahmen ihnen ihre Säbel ab, um die Kinder damit Soldatenspielen zu lassen, und dann setzten sie sich; die Flaschen wurden entkorkt und die Gläser gefüllt.
Der Capitän Tremeau, ein Lieutenant und zwei Sergeants nahmen gleichzeitig in dem Parterrezimmer Platz Mammone's Leute schlichen sich zwischen die Tafel und die Gewehre, welche der Capitän, um größerer Vorsicht willen, unterwegs hatte laden lassen, und die Officiere wurden an ihrer Tafel im Innern des Hauses von einander getrennt, indem zwischen je zwei von ihnen drei oder vier Brigands Platz nahmen.
Das Signal zum Blutbad sollte von Mammone gegeben werden. Er wollte an einem der Fenster den mit Wein gefüllten Hirnschädel des Adjutanten Claie emporheben und die Gesundheit des Königs Ferdinand ausbringen.
Alles geschah, wie es befohlen worden. Mammone näherte sich dem Fenster, füllte, ohne gesehen zu werden, den noch blutigen Schädel des unglücklichen Officiers mit Wein, faßte ihn bei dem zusammengedrehten Haar, wie man einen Becher beim Fuße faßt, erschien dann am mittelten Fenster und hob ihn empor, indem er den verabredeten Toast ausbrachte.
Sofort antwortete die ganze Einwohnerschaft durch den lauten Ruf:
»Nieder mit den Franzosen!«
Die Brigands stürzten sich auf die in Pyramiden auf gestellten Gewehre; die, welche unter dem Vorwand, sie zu bedienen, die Franzosen umgaben, traten zurück, ein furchtbares Feuer wurde aus nächster Nähe eröffnet und die Republikaner fielen von den Kugeln ihrer eigenen Waffen getroffen. Diejenigen, welche nicht getroffen oder nur verwundet waren, wurden von den Frauen und den Kindern niedergemetzelt, die sich ihrer Säbel bemächtigt hatten.
Was die im Innern des Hauses sitzenden Officiere betraf, so wollten sie ihren Soldaten zu Hilfe eilen.
Jeder von ihnen ward jedoch von fünf oder sechs Männern gepackt, die ihn auf seinem Platze festhielten.
Mit triumphierender Miene näherte sich Mammone ihnen, mit seinem blutigen Becher in der Hand, und erbot sich, ihnen das Leben zu schenken, wenn sie aus dem Schädel ihres Cameraden auf die Gesundheit des Königs Ferdinand trinken wollten.
Alle vier wiesen dieses Ansinnen mit Abscheu zurück.
Nun ließ Mammone Nägel und Hämmer bringen, zwang die Officiere die Hände auf den Tisch zu legen und ließ sie daran festnageln.
Dann warf man durch die Fenster und die Thüren Reisigbündel und Strohbüschel in das Zimmer und schloß die Fenster und Thüren, nachdem man das Reisig und das Stroh in Brand gesteckt.
Die Qualen der Republikaner waren jedoch weniger lang und weniger grausam, als ihr Henker gehofft hatte. Einer der Sergeanten hatte den Muth, eine festgenagelten Hände loszureißen, und leistete mit dem Degen des Capitäns Tremeau seinen drei Cameraden den entsetzlichen Dienst, sie zu erstechen, worauf er sich dann selbst den Tod gab.
Die vier Helden starben mit dem Ruf: »Es lebe die Republik!«
Diese Nachrichten gelangten nach Neapel, wo sie den König Ferdinand nicht wenig erfreuten.
Als er sah, daß seine treuen Unterthanen ihn auf so wirksame Weise unterstützten, beschloß er fester als je, Neapel nicht zu verlassen.
Lassen wir jetzt Mammone, Fra Diavolo und den Abbé Pronio die betretene Laufbahn weiter verfolgen und sehen wir, was bei der Königin vorging, die im Gegensatz zu ihrem Gemahl fester als je entschlossen war, die Hauptstadt zu verlassen.
Neuntes Capitel.
Der unterirdische Gang
Caracciolo hatte die Wahrheit gesprochen. Es lag im Interesse der Politik Englands, daß Ferdinand und Caroline, aus ihrer festländischen Hauptstadt vertrieben, sich nach Sicilien flüchteten, wo sie weder von ihren Truppen noch von ihren Unterthanen, sondern nur noch von den englischen Schiffen und den englischen Seeleuten irgend welche Hilfe zu erwarten hatten.
Dies war der Grund, weshalb Nelson, Sir William und Emma Lyonna die Königin zu der Flucht drängten, welche übrigens auch schon durch ihre persönlichen Befürchtungen eindringlich angerathen ward.
Die Königin wußte, wie sie gehaßt und verabscheut ward; sie wußte, daß im Falle des Ausbruchs einer republikanischen Bewegung ihr Gemahl durch das Volk vertheidigt werden würde, während ihr selbst in einem solchen Falle keine andere Aussicht blieb, als auf Gefangenschaft und Tod.
Das Gespenst ihrer Schwester Antoinette, welches an dem in einer einzigen Nacht weiß gewordenen Haar den Kopf in der Hand hielt, stand Tag und Nacht vor ihr.
Zehn Tage nach der Rückkunft des Königs, das heißt am 18. December, befand sich die Königin zu einer engeren Berathung mit Acton und Emma Lyonna in ihrem Schlafzimmer.
Es war acht Uhr Abends. Ein furchtbarer Sturm schlug mit seinen scheuen Fittigen an die Fenster des königlichen Palastes und man hörte das Brausen des Meeres, welches sich an den aragonesischen Thürmen des Castello Nuovo brach.
Eine einzige Lampe erleuchtete das Zimmer und concentrirte ihren Schein auf einen Plan oder Grundriß des Palastes, worauf die Königin und Acton begierig etwas zu suchen, aber nicht finden zu können schienen.
In einem Winkel des Zimmers gewahrte man im Halbschatten eine unbewegliche stumme Gestalt, welche, gleich einer Bildsäule einen Befehl zu erwarten und zur Vollziehung desselben sich bereit zu halten schien.
Die Königin machte eine Geberde der Ungeduld.
»Aber dieser geheime Gang ist dennoch vorhanden,« sagte sie. »Ich weiß es gewiß, obschon man ihn seit langer Zeit nicht mehr benützt.«
»Und Euer Majestät glauben, daß dieser geheime Gang Ihnen nothwendig ist? «
»Unumgänglich nothwendig!« sagte die Königin. Die Sage behauptet, daß er in den Kriegshafen führte, uni mittelt dieses Ganges können wir, ohne gesehen zu werden, unsere Kleinodien, unser Gold und die kostbaren Kunstgenstände, welche wir mitnehmen wollen, an Bord englischen Schiffe bringen. Wenn das Volk unsere Abreise argwohnt und uns nur einen einzigen Koffer an Bord »Vanguard« transportieren lassen sieht, so wird es sofort Emeute machen und dann wird es uns nicht mehr möglich sein fortzukommen. Wir müssen daher diesen gehe Gang durchaus wieder ausfindig machen.«
Und die Königin begann mit Hilfe eines Vergrößerungsglases hartnäckig wieder die Bleistiftstriche zu suchen, welche den unterirdischen Gang andeuten konnten, in welchen sie ihre ganze Hoffnung setzte.
Acton, welcher sah, wie eifrig die Königin in dieser Beziehung beschäftigt war, richtete den Kopf empor, suchte mit den Augen die vorhin erwähnte dunkle Gestalt und sagte, nachdem er sie gefunden:
»Dick!«
Der junge Mann zuckte zusammen, als ob er gar nicht erwartet hätte, gerufen zu werden und als ob ganz besonders sein Geist, der Herrscher des Körpers, ihn tausend Meilen weit von der Stelle hinwegversetzt hätte, wo er sich materiell befand.
»Gnädiger Herr,« antwortete er.
»Sie wissen wohl, wovon die Rede ist, Dick?«
»Nein, durchaus nicht, gnädiger Herr.«
»Aber dennoch sind Sie seit beinahe einer Stunde hier, mein Herr,« sagte die Königin mit einer gewissen Ungeduld.
»Ja, das ist wahr, Majestät.«
»Dann müssen Sie auch gehört haben, was wir gesprochen, und wissen, was wir suchen.«
»Mein Gebieter hatte mir nicht gesagt, daß es mir erlaubt wäre, zu horchen, und folglich habe ich nichts gehört.«
»Sir John,« sagte die Königin im Tone des Zweifels, »Sie haben da einen kostbaren Diener.«
»Auch habe ich Euer Majestät gesagt, wie viel ich auf ihn halte.«
Dann wendete Sir John Acton sich zu dem jungen Mann, welchen wir in der Nacht, wo Ferrari mit dem Pferde stürzte und dann längere Zeit ohnmächtig war, schon die Befehle seines Herrn auf so intelligente und so passive Weise ausführen gesehen haben, und sagte:
»Kommen Sie hierher, Dick.«
»Hier bin ich, gnädiger Herr,« sagte der junge Mann, indem er sich näherte.
»Sie sind wohl ein wenig Architect, nicht wahr?«
»Allerdings habe ich zwei Jahre lang die Baukunst studiert.«
»Nun dann kommen Sie hierher und suchen Sie. Vielleicht finden Sie, was wir nicht finden. Es muß nämlich in diesem unterirdischen Gewölben einen geheimen Gang geben, welcher aus dem Innern des Palastes in den Kriegshafen führt.«
Acton trat von dem Tische hinweg und überließ seinen Platz seinem Secretär.
Dieser neigte sich über den Plan, richtete sich aber sofort wieder empor und sagte:
»Dieses Suchen ist, glaube ich, zwecklos.«
»Warum?«
»Wenn der Architekt des Palastes in den Grundgewölben einen geheimen Gang angebracht hat, so wird er sich wohl gehütet haben, ihn auf dem Plan anzudeuten.«
»Aber warum?« fragte die Königin wieder mit ihrer gewöhnlichen Ungeduld.
»Nun, Majestät, weil von dem Augenblick an, wo der Gang auf dem Plane angedeutet wäre, er kein geheimer Gang mehr sein würde, da er dann ja Allen, welche den Plan kennten, bekannt sein müßte.«
Die Königin lachte.
»Wissen Sie, daß das, was Ihr Sekretär da sagt, ziemlich logisch ist?« fragte sie.
»Ja, so logisch, daß ich mich schäme, es nicht selbst gefunden zu haben,« antwortete Acton.
»Wohlan, Mr. Dick,« sagte Emma Lyonna, »helfen Sie uns nun diesen unterirdischen Gang ausfindig machen. Ist er einmal aufgefunden, so fühle ich mich vollkommen geneigt, ihn, wie eine Heldin in einem Roman, von Anna Radcliffe, zu untersuchen und dann der Königin über meine Entdeckungen Bericht zu erstatten.«
Richard sah, ehe er antwortete, den General Acton an, wie um ihn erst um Erlaubniß zu fragen.
»Sprechen Sie, Dick, sprechen Sie,« sagte der General zu ihm. »Die Königin erlaubt es, und ich habe zu Ihrer Intelligenz und Ihrer Discretion das größte Vertrauen.«
Dick verneigte sich leicht.
»Vor allen Dingen,« sagte er dann, »müßte man, glaube ich, den ganzen Theil des Grundgewölbes unter- suchen, welcher auf den Binnenhafen geht. Wie gut versteckt die Thür auch sein mag, so ist es dennoch unmöglich, daß man nicht eine Spur davon finde.«
»Dann,« sagte die Königin, »müssen wir warten bis morgen und es geht eine Nacht verloren.«
Dick näherte sich dem Fenster.
»Warum das, Majestät?«, sagte er. »Der Himmel ist bewölkt, aber wir haben Vollmond. So oft er zwischen zwei Wolken hindurchgeht, verbreitet er so viel Licht, als zu meiner Nachforschung erforderlich ist. Ich brauche weiter nichts als die Parole, damit ich im Innern des Hafens ungehindert umhergehen kann.«
»Nichts ist einfacher als dieses,« sagte Acton. »Wir werden miteinander zu dem Gouverneur des Schlosses gehen.
Dieser wird Ihnen nicht blos die Parole geben, sondern auch die Schildwachen instruieren lassen, damit dieselben sich nicht weiter um Sie kümmern, sondern Sie ruhig machen lassen, was Sie zu thun haben.«
»Dann, gnädiger Herr, wollen wir, wie Ihre Majestät sagt, keine Zeit verlieren.«
»Ja, gehen Sie, General, gehen Sie,« sagte die Königin. »Und Sie, junger Mann, bemühen Sie sich, der guten Meinung, welche wir von Ihnen haben, Ehre zu machen.«
»Ich werde mein Möglichstes thun, Majestät,« sagte Dick.
Und nachdem er sich ehrerbietig verneigt, verließ er hinter dem Generalcapitän das Zimmer.
Nach Verlauf von zehn Minuten kehrte Acton allein zurück.
»Nun?«, fragte die Königin.
»Nun,« antwortete er, »unser Spürhund sucht die Fährte, und es sollte mich sehr wundern, wenn er wieder käme, ohne etwas gefunden zu haben.«
In der That begann Dick, nachdem ihm die Parole mitgetheilt worden und der wachthabende Officier die Schildwachen in geeigneter Weise instruiert hatte, seine Nachforschungen und entdeckte in einem zurücktretenden Winkel der Mauern ein mit Rot und Spinnweben bedecktes eisernes Gitter, an welchem, ohne darauf zu achten, alle Welt mit der Sorglosigkeit der Gewohnheit vorüberging.
Ueberzeugt, daß er eins der äußersten Enden dieses geheimen Ganges gefunden, war Dick nun auf weiter nichts bedacht, als auch das andere zu entdecken.
Er kehrte ins Schloß zurück, erkundigte sich, wer der älteste Diener unter all dem in den unteren Etagen wimmeln den Lakaiengeschmeiß sei, und erfuhr, daß dieses der Vater des Kellermeisters wäre, welcher, nachdem er diesen Posten vierzig Jahrelang bekleidet, denselben seit zwanzig an seinen Sohn abgetreten habe.
Der Greis zählte zweiundachtzig Jahre und hatte sein Amt unter Carl dem Dritten angetreten, der ihn im Jahre seiner Thronbesteigung aus Spanien mit hierhergebracht.
Dick ließ sich zu dem Kellermeister führen.
Er fand die ganze Familie bei Tische. Sie bestand aus zwölf Personen. Der Greis war der Stamm, die übrigen waren die Zweige.
Letztere bestanden aus zwei Söhnen, zwei Schwiegertöchtern und sieben Kindern und Enkeln.
Von den beiden Söhnen war der eine Kellermeister des Königs wie sein Vater, der andere Hofschlosser.
Der Großvater war ein schöner, noch aufrecht einherschreitender kräftiger Greis, der auch von seiner Intelligenz nichts verloren zu haben schien.
Dick trat ein, und sagte auf spanisch zu ihm:
»Die Königin verlangt Euch.«
Der Greis stutzte. Seit dem Weggange Carls des Dritten, das heißt seit vierzig Jahren, hatte Niemand seine Sprache mit ihm geredet.
»Die Königin verlangt mich?« rief er erstaunt auf Neapolitanisch.
Sämtliche Tischgäste erhoben sich von ihren Sitzen.
»Ja, die Königin verlangt Euch,« wiederholte Dick.
»Mich?«
»Ja, Euch.«
»Wissen Sie auch gewiß, daß Sie sich nicht irren, junger Herr?«
»Ja, ich weiß es gewiß.«
»Und wann soll ich zu ihr kommen?«
»Sofort, augenblicklich.«
»Aber ich kann doch nicht so vor Ihrer Majestät erscheinen?«
»Sie verlangt Euch so, wie Ihr gerade seid.«
»Aber Excellenz –«
»Die Königin wartet.«
Der Greis erhob sich, durch den an ihn ergangenen Ruf mehr geängstet als geschmeichelt, und betrachtete seine Söhne mit einer gewissen Unruhe.
»Sagt eurem Sohn, dem Schlosser, er solle sich nicht schlafen legen, fuhr Dick in spanischer Sprache fort; »wahrscheinlich wird die Königin diesen Abend auch ihn bedürfen.«
Der alte Mann setzte seinen Sohn in neapolitanischer Sprache von diesem Befehle in Kenntniß.
»Seid Ihr bereit?« fragte Dick.
»Ich stehe Ihnen zur Verfügung, Excellenz, antwortete der Greis.
Und mit beinahe ebenso festem, obschon etwas schwererem Tritt, als der seines Führers war, stieg er die Diensttreppe hinauf, welche Dick zu passiren räthlich fand, und durchschritt die Corridors.
Die Thürsteher hatten den jungen Mann mit dem Generalcapitän aus dem Zimmer der Königin herauskommen sehen. Sie erhoben sich, um seine Rückkunft zu verkünden; er bedeutete sie jedoch durch eine Handgeberde, sich nicht zu bemühen, und pochte dann leise an der Thür des Zimmers der Königin.
»Herein!« rief die gebieterische Stimme Carolinens, welche ahnte, daß nur Dick die Discretion besäße, sich nicht anmelden zu lassen.
Acton sprang auf, um die Thür zu öffnen, hatte aber noch nicht zwei Schritte gethan, als Dick, die Thür aufstoßend, eintrat, während er den alten Kellermeister im Vorzimmer zurückließ.
»Nun, Mr. Dick,« fragte die Königin, »was haben Sie gefunden?«
»Was Eure Majestät suchten, hoffe ich wenigstens.«
»Sie haben den unterirdischen Gang gefunden?«
»Ich habe einen seiner Ausgänge gefunden und hoffe Euer Majestät den Mann zuzuführen, welcher den andern finden wird.«
»Den Mann, welcher den andern finden wird?«
»Den ehemaligen Kellermeister des Königs Karl des Dritten, einen Greis von zweiundachtzig Jahren.«
»Haben Sie ihn befragt?«
»Ich glaubte mich nicht dazu ermächtigt und habe daher diese Sorge Euer Majestät vorbehalten.«
»Wo ist dieser Mann?«
»Hier,« sagte der Secretär, indem er auf die Thür zeigte.
»Er möge eintreten.«
Dick ging nach der Thür.
»Kommt herein,« sagte er.
Der Greis trat ein.
»Ah! Ihr seid es, Pacheco,« sagte die Königin, die ihn erkannte, denn sie war fünfzehn oder zwanzig Jahre von ihm bedient worden. »Ich wußte nicht, daß Ihr noch unter den Lebenden weilt. Ich freue mich, Euch noch gesund und munter zu sehen.«
Der Greis verneigte sich.
»Ihr könnt mir eben wegen eures hohen Alters einen Dienst leisten.«
»Ich stehe Euer Majestät zu Befehl.«
»Ihr müßt aus der Zeit des hochseligen Königs Karl des Dritten noch von einem geheimen Gange, welcher aus den Kellergewölben des Schlosses in den innern Theil des Kriegshafens führt, Kenntniß besitzen, oder wenigstens davon sprechen gehört haben.«
Der alte Mann legte die Hand an die Stirn.
»In der That,« sagte er, »es ist mir so etwas erinnerlich.«
»Nun dann besinnt Euch, Pacheco. Wir müssen heute noch diesen Gang ausfindig machen.«
Pacheco schüttelte den Kopf.
Die Königin machte eine Geberde der Ungeduld.
»Mein Himmel,« sagte Pacheco, »man ist nicht mehr jung. Wenn man zweiundachtzig Jahre zählt, verliert man allmälig das Gedächtniß. Ist es mir vielleicht erlaubt, meine Söhne zu Rathe zu ziehen?«
»Was sind eure Söhne?« fragte die Königin.
»Der älteste, Euer Majestät, welcher fünfzig Jahre zählt, ist mir in meinem Amte als Kellermeister gefolgt. Der Andere, welcher achtundvierzig Jahre zählt, ist Schlosser.«
»Schlosser, sagt Ihr?«
»Ja, Schlosser, Euer Majestät zu dienen!«
»Schlosser, Euer Majestät hören es,« sagte Dick. »Um die Thür zu öffnen, wird man eines Schlossers bedürfen.«
»Gut, gut,« sagte die Königin. »Geht und zieht eure Söhne zu Rathe, aber blos eure Söhne, nicht die Frauen derselben.«
»Gott schütze Euer Majestät,« sagte der Greis, indem er sich verneigte, um sich dann zu entfernen.
»Begleiten Sie diesen Mann, Mr. Dick,« sagte die Königin, »und kommen Sie so bald als möglich wieder, um mir das Ergebniß der Conferenz mitzutheilen.«
Dick verneigte sich und folgte Pacheco.
Eine Viertelstunde später kam er zurück. »Der geheime Gang ist gefunden, sagte er, »und der Schlosser ist bereit, auf Befehl Euer Majestät die Thür zu öffnen.«
»General, « sagte die Königin, »Sie haben in Mr. Dick einen kostbaren Mann, den ich Ihnen wahrscheinlich früher oder später abverlangen werde.«
»Dieser Tag, Madame,« antwortete Acton, »wird der sein, an welchem eine und meine innigsten Wünsche in Erfüllung gehen. Was befehlen Euer Majestät mittlerweile?«
»Komm,« sagte die Königin zu Emma Lyonna. »Es gibt Dinge, welche man mit eigenen Augen sehen muß.«
Zehntes Capitel.
Die Sage vom Berge Cassino
An demselben Tage und zu derselben Stunde, wo die Thür des geheimen Ganges sich vor der Königin öffnete, und wo Emma Lyonna ihrem gegebenen Versprechen gemäß als Romanheldin sich in diesen unterirdischen Raum wagte, während Richard oder Dick ihr mit einer Fackel voranschritt, ritt ein junger Mann zu Pferde den Berg Casino hinauf, welchen man gewöhnlich nur zu Fuße oder mit Hilfe eines Maulthieres ersteigt.
Sei es nun, daß er zu dem sichern Gang seines Thieres oder in seine Führung desselben volles Vertrauen setzte, oder sei es, daß er an die Gefahr gewöhnt und diese ihm gleichgültig geworden war, kurz er war zu Pferde von San Germano aufgebrochen und hatte trotz der Bemerkungen, die man über seine schon in Bezug auf das Hinaufreiten große Unklugheit, die beim Herabreiten noch gefährlicher werden mußte, gemacht, den steinigen Pfad eingeschlagen, der nach dem vom h. Benedictus gegründeten Kloster führt, welches die höchste Kuppe des Berges Casino krönt.
Unter ihm breitete sich das Thal aus, in welchem sich, um sich später bei Gaëta ins Meer zu ergießen, der Garigliano hinschlängelt, an dessen Ufern Gonzalvo von Core dova im Jahre 1503 die Franzosen schlug.
Jetzt konnte der Reiter in Folge eines seltsamen Glückwechsels, so wie er weiter hinaufkam, die Bivouacs der französischen Armee unterscheiden, welche nach dreihundert Jahren durch den Sturz der spanischen Monarchie die Niederlage Bayards zu rächen kam, die für ihn fast eben so glorreich gewesen als ein Sieg.
Bald zu einer Rechten, bald zu einer Linken, je nach den Zickzacks, welche der Weg machte, hatte er die Stadt San Germano mit ihrer alten, jetzt in Trümmern liegenden Festung, die auf der Stelle erbaut worden, wo das alte Cassinum der Römer gestanden und die eben so wie die Stadt, welche davon beherrscht ward, diesen Namen bis zum Jahre 844 trug, der Zeit, wo Lothar, der erste König von Italien, nachdem er sich in dem Herzogthume Benevento und Calabrien, von wo er die Saracenen vertrieben, festgesetzt, der Erlöserkirche einen Finger des h. Germanus Bischofs von Capua, zum Geschenk machte.
Diese kostbare Reliquie gab der italienischen Stadt den Namen des Heiligen und der übrige Theil des Körpers, welcher nach Frankreich in das Benedictinerkloster, das man im Walde von Ledia erbaute, geschickt ward, gab diesen selben Namen der französischen Stadt, in welcher Heinrich der Zweite, Carl der Neunte und Ludwig der Vierzehnte geboren worden. Wir meinen die Stadt Saint-Germain en Laye – Sanctus Germanus in Ledia.
Der Monte Cassino, welchen in diesem Augenblicke jener unvorsichtige Reiter hinaufritt und der, wie man sieht, den Namen nicht geändert, sondern sich begnügt hat, das Wort Cassinum zu italienisieren, ist der heilige Berg der Terra di Lavoro.
Hierher flüchteten sich die großen moralischen Schmerzen und das große politische Unglück. Carloman, Bruder Pipin‘s des Kleinen, ruht hier in seiner Gruft; Gregor der Siebente machte hier Halt, ehe er nach Salerno ging, um dort zu sterben. Drei Päpste waren Aebte dieses Klosters – Stephan der Neunte, Victor der Dritte und Leo der Zehnte.
Im Jahre 497 zog sich der im Jahre 480 geborene heilige Benedictus, angewidert von dem Schauspiel der Sittenverderbniß in Rom, nach Sublaqueum, heutzutage Subiaco, zurück, wo der Ruf einer Tugend ihm zahlreiche Schüler zuführte und später schwere Verfolgungen zuzog. Im Jahre 529 verließ er das Land, machte in Cassinum Halt und beschloß, als er den die Stadt beherrschenden Berg sah, vielleicht weniger, um sich dem Himmel zu nähern, als vielmehr sich über die Dünste zu erheben, womit der Garigliano das Thal bedeckt, auf dem höchsten Punkte dieses Berges ein Mönchskloster eines Ordens zu gründen.
In Ermanglung der Geschichte, welche uns hier verläßt, erlaube man uns, die Sage zu Hilfe zu rufen.
Der heilige Benedictus, welcher damals noch schlechtweg Benedict hieß, war nicht sobald auf dem Gipfel des genannten Berges angelangt, als er auch die Schwierigkeit einsah, mit welcher der Transport der nothwendigen Baumaterialien bis zu einer solchen Höhe verbunden sein würde.
Er kam deshalb auf den Einfall, sich bei dieser Arbeit durch den Satan helfen zu lassen.
Der Satan hatte den heiligen Benedictus oft versucht, aber dieser hatte sich niemals überwinden lassen.
Es war aber nicht genug, daß man sich vom Satan nicht hatte überwinden lassen; um ihm Gesetze geben zu können, mußte man ihn überwunden haben.
Es galt sonach, den Teufel in eine Lage zu versetzen, wo er nichts verweigern konnte.
Sei es nun durch eigenes Nachdenken, oder sei es durch himmlische Eingebung – kurz, eines Morgens glaubte der heilige Benedictus gefunden zu haben, was er suchte. Er ging nach Cassinum hinunter und trat in die Werkstatt eines wackern Schlossers, von dem er wußte, daß er ein guter Christ war, denn er hatte ihn selbst erst vor einer Woche getauft.
Diesem befahl er, ihm eine Zange zu machen.
Der Schlosser bot ihm eine sehr schöne, bereits fertige an, der heilige Benedictus dankte jedoch dafür.
Er wollte nämlich eine ganz besondere Zange mit zwei Haken an der Stelle, wo die Spitzen zusammentreffen. Er weihte das Wasser, in welchem der Schlosser ein glühendes Eisen härten wollte, und empfahl ihm vor allen Dingen seine Arbeit nie zu beginnen oder zu beenden, ohne das Zeichen des Kreuzes gemacht zu haben.
»Wünscht Ihr, daß ich Euch die Zange bringe, wenn sie fertig ist?« fragte der Schlosser.
Der heilige Benedictus bewohnte nämlich, bis sein Kloster erbaut sein würde, eine Grotte, welche noch heute auf der Höhe des Monte Cassino von den Gläubigen als die Wohnung des Heiligen verehrt wird.
»Nein,« antwortete der heilige Benedictus, »ich werde sie selbst holen. Wann wird sie fertig sein?«
»Uebermorgen, Mittag.«
»Gut, übermorgen denn.«
An dem bestimmten Tage, zur bestimmten Stunde trat der heilige Benedictus in die Werkstatt des Schlossers und in zehn Minuten kam er wieder heraus und trug in seinen Händen die Zange, die er aber sorgfältig unter seinem Mantel verbarg.
Es vergingen wenig Nächte, wo, während der heilige Benedictus in seiner Grotte die Kirchenväter las, der Teufel nicht entweder zur Thür oder zum Fenster hereinkam und den frommen Mann auf tausenderlei verschiedene Weise in Versuchung zu führen bemüht war.
Der heilige Benedictus setzte einen Pact folgenden Inhaltes auf:
»Im Namen des allmächtigen Herrn, Schöpfers des Himmels und der Erde und Jesu Christi, seines einzigen Sohnes:
»Ich, Satan, wegen meiner Empörung vom Himmel verworfener Erzengel, mache mich verbindlich, seinem Diener, dem heiligen Benedictus, mit aller meiner Macht das Kloster, welches er auf der Höhe des Berges Cassinum errichten will, bauen zu helfen, indem ich die Steine, die Säulen, die Balken und mit einem Worte alle zur Erbauung des genannten Klosters erforderlichen Bestandtheile hinauschaffe und pünktlich und redlich allen Befehlen gehorche, welche er mir ertheilen wird.
»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.«
Benedictus legte das Papier zusammengefaltet, mit der Feder und dem Tintenfaß, dessen er sich bedient, auf den Tisch.
Denselben Abend traf er seine Zurüstungen und wartete dann ruhig.
Diese Zurüstungen bestanden darin, daß er das äußerste Ende der geweihten Zange ins Feuer legte und glühend machte.
Man hätte aber meinen sollen, der Satan habe geahnt, daß man ihm eine Schlinge gelegt, denn er ließ drei Tage oder vielmehr drei Nächte auf sich warten.
In der vierten Nacht kam er endlich und zwar während eines Unwetters, welches die ganze Schöpfung über den Haufen werfen zu wollen schien.
Trotz des unaufhörlich krachenden Donners und trotz des Leuchtens der Blitze that der heilige Benedictus, als ob er schliefe.
Er schlief aber nur mit einem Auge in der Nähe seines Feuers und so, daß er die Zange bequem erreichen konnte. Er stellte sich so gut schlafend, daß der Satan sich dadurch täuschen ließ.
Dieser näherte sich auf den Spitzen seiner Krallen und streckte den Hals über die Schulter des Heiligen.
Darauf wartete der heilige Benedictus eben. Rasch ergriff er die Zange und packte den Teufel damit geschickt an der Nase.
Hätte der Satan blos mit einer gewöhnlichen Zange zu thun gehabt, so hätte er, möchte dieselbe so glühend gewesen sein, als sie wollte, darüber gelacht; aber es war, wie man sich erinnert, eine Zange, die unter Gebet geschmiedet und in geweihtem Wasser gehärtet worden. Als der Satan sich gepackt fühlte, begann er rechts und links zu hüpfen, dem heiligen Benedictus das Feuer ins Gesicht zu blasen und ihm mit seinen Krallen zu drohen. Bei der Länge der Zange hatte aber der fromme Mann nichts zu fürchten, und je mehr der Satan hin- und hersprang, je mehr er Feuer und Flammen spie, je mehr er dem heiligen Benedictus drohte, desto fester drückte dieser mit der einen Hand die Zange zusammen und machte mit der andern das Zeichen des Kreuzes.
Satan sah, daß er es mit einem Stärkeren als er zu thun hatte, daß Gott der Bundesgenosse des Heiligen war, und er wünschte zu kapitulieren.
»Gut,« sagte der heilige Benedictus, »mir ist es auch recht. Lies das Pergament, welches auf dem Tische liegt, und unterschreib es.«
»Wie, fragte der Satan, »soll ich lesen, während mir eine Zange zwischen beide Augen gehalten wird? Gaëta
»Lies mit einem Auge.«
Der Satan mußte thun, was der fromme Einsiedler begehrte, und las, furchtbar schielend, das Pergament.
Wenn der Satan sich einmal gefangen sieht, so ist er ein guter Teufel und zeigt sich gewöhnlich sehr fügsam. Es gilt dann blos, daß man die Gelegenheit zu benutzen verstehe.
Nachdem er das Pergament gelesen, sagte er:
»Wie willst Du, daß ich unterzeichne? Ich kann ja nicht schreiben.«
»Nun, dann mache dein Kreuz,« antwortete der Heilige.
Bei diesen Worten: »Mache dein Kreuz« that der Satan einen solchen Satz, daß er ohne die Haken, welche der Heilige Sorge getragen, an der Spitze der Zange anbringen zu lassen, seine Nase aus dem Schraubstock, in welchen sie geklemmt war, herausgerissen haben würde.
»Wohlan,« sagte der Satan, »ich glaube, das Kürzeste ist, zu unterzeichnen.«
Und er ergriff die Feder.
»Jetzt,« sagte der Heilige, »gilt es die Sache regelmäßig zu besorgen. Beginnen wir mit Monatstag und Jahreszahl. Besonders, setzte der Heilige hinzu, »wollen wir leserlich schreiben, damit sich keine Zweideutigkeit herausstelle.«
Der Satan schrieb mit sehr schöner Handschrift: »Am 24. Juli des Jahres 529.«
»So ist es geschehen,« sagte er.
»Nur keine Faulheit,« entgegnete der Heilige. »Setzen wir hinzu: Unsers Herrn Jesu Christi.«
Der Satan stand im Begriff zu unterschreiben, der heilige Benedictus that ihm aber Einhalt.
»Noch einen Augenblick, sagte er. »Attestieren wir die Schrift.«
Der Satan sah sich seufzend gezwungen zu schreiben, aber endlich schrieb er:
»Die obige Schrift wird hiermit attestiert.«
»Und nun unterschreibe,« sagte der Heilige.
Der Satan hätte gern eine neue Ausflucht gemacht, aber der Heilige drückte die Zange noch schärfer zusammen als bisher, und Satan, um der Sache ein Ende zu machen, beeilte sich, seinen Namen zu schreiben.
Der Heilige überzeugte sich, daß von den fünf Buchstaben keiner fehlte, daß der Schnörkel beigefügt war, befahl dem Satan, das Pergament vierfach zusammenzubrechen, und legte dann seinen Rosenkranz darauf.
Dann öffnete er die Zange.
Mit einem einzigen Satze flog der Satan zur Grotte hinaus. Drei Tage lang verheerte ein fürchterlicher Sturm die Abruzzen und machte sich bis nach Neapel fühlbar. Der Vesuv, der Stromboli und der Aetna warfen Flammen aus. Da jedoch dieser Sturm vom Satan und nicht vom Herrn ausging, so erlaubte der Herr nicht, daß dadurch ein Mensch oder irgend ein anderes lebendes Geschöpf umkam.
Kaum hatte das Unwetter sich beruhigt, so ließ der heilige Benedict einen Architekten rufen.
Der Heilige ward, obschon er noch nicht canonisiert war, doch in dem ganzen Lande schon so verehrt, daß schon am nächstfolgenden Tag ein Architect herbeigeeilt kam.
Der Heilige setzte ihm auseinander, was er wünschte und zeigte ihm den Platz, auf welchem er ein Kloster erbauen wollte.
Es war dieses, wie wir schon gesagt haben, der höchste Punkt des Berges. Zu jener Zeit gelangte man dahin mittelt eines schmalen Steiges, den die Ziegen gebahnt.
Trotz der großen Ehrerbietung gegen den Heiligen konnte der Baumeister sich doch nicht des Lachens enthalten.
Der fromme Mann fragte ihn nach der Ursache seiner Heiterkeit.
»Von wem wollt Ihr denn die Baumaterialien bis hier herauschaffen lassen?« fragte der Architect.
»Das ist meine Sache,« antwortete der Heilige.
Da derselbe weite Reisen gelacht hatte, so glaubte der Baumeister, er habe vielleicht im Orient gewisse dynamische Mittel kennen gelernt, welche früher nur den Egyptern bekannt waren, die, wie man weiß, für die größten Mechaniker des Alterthums galten, und da der fromme Einsiedler von dem Baumeister weiter nichts verlangte als eine Zeichnung, so entwarf er ihm dieselbe auf der Stelle.
Am nächstfolgenden Tage citierte der heilige Benedictus, mit seinem Pact in der Hand, den Satan.
Der Satan kam herbeigeeilt.
Der heilige Benedictus hatte Mühe, ihn wieder zu erkennen, denn der Satan hatte vor Wuth die Gelbsucht bekommen, und seine Nase war so roth wie eine glühende Kohle.
In der Regel erfüllt der Satan, wenn er eine Verbindlichkeit einmal übernommen hat, dieselbe auch treulich. In dieser Beziehung muß man ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen.
Der Heilige gab ihm das Verzeichniß der verschiedenen Materialien, deren er bedurfte, und der Satan rief ungefähr zwanzig seiner flinksten Teufel, welche sich augenblicklich an die Arbeit machten.
Der vom Heiligen gewählte Ort befand sich in der Nähe eines Waldes und eines dem Apollo geweihten Tempels. Der Heilige befahl daher dem Satan vor allen Dingen, den Wald anzuzünden. Der Satan rieb sich mit der Nase an einem harzigen Baum und dieser, der sich sofort entzündete, theilte die Flammen dem ganzen Walde mit.
Hierauf befahl der Heilige dem Satan, den heidnischen Tempel verschwinden zu lassen, jedoch mit Ausnahme einiger sehr schönen Säulen, welche er für die Kirche seines Klosters reservierte.
Der Satan nahm die Säulen eine nach der andern auf die Schulter und trug, damit kein Schaden daran geschehe, sie selbst an den von dem Heiligen bezeichneten Ort; dann blies er auf den noch übrigen Theil des Tempels und derselbe verschwand.
Der Heilige, der sich mit einem Hammer bewaffnet, schlug mittlerweile die Bildsäule des Gottes in Stücke.
Dank der Mitwirkung des Satans ward das Kloster sehr rasch erbaut. Wenn man den Antheil, welchen der Teufel an diesem Werke hatte, bezweifeln sollte, so verweisen wir die Ungläubigen auf die Fresken von Giordano, vielleicht das Meisterwerk dieses Künstlers, weil er es nach seiner Rückkehr aus Spanien, das heißt während der schönsten Entfaltung eines Talents, ausführte, und welche den Fürsten der Hölle und seine vornehmsten Minister vorstellen, wie sie eben, obschon mit großem Widerwillen, beschäftigt sind, das Kloster des heiligen Benedictus zu erbauen.
Das erste von dieser wunderbaren Macht, welche der heilige Benedictus über den Dämon errungen, erbaute Kloster stand in seinem Glanze und der heilige Benedictus, der jetzt sechzig Jahre zählte, in einem ganzen Ruhme da, als Totila, König der Gothen, welcher viel von dem heiligen Gründer sprechen gehört, auf den Einfall kam, ihn zu besuchen.
Da die Gothen auch noch nicht Christen waren, so war es die Neugier und nicht der Glaube, welche Totila nach dem Berge Cassinum führte. Er beschloß daher, sich selbst zu überzeugen, ob der Mann, welchem er einen Besuch abzustatten gedachte, in der Gnade Gottes hoch genug stünde, um eine Verkleidung zu durchschauen. Er legte deshalb die Kleider eines seiner Diener Namens Riga an, gab diesem die einigen und stieg unter der Menge verloren, nach dem Kloster hinauf, in der Hoffnung, den heiligen Benedictus auf diese Weise zu täuschen.
Von dem bevorstehenden Besuche des Königs unterrichtet, ging der heilige Benedictus ihm entgegen, und als er Riga, welcher mit dem königlichen Mantel bekleidet und mit der Krone auf dem Kopfe an der Spitze des Zuges einherschritt, von Weitem erblickte, rief er ihm zu:
»Mein Sohn, leg‘ dieses Gewand ab, denn es kommt Dir nicht zu!«
Bei dieser Anrede, welche bewies, daß der Geist Gottes mit seinem Diener war, sank Riga, von Reue und Demuth erfüllt, auf die Knie nieder und sämtliche Andern, selbst der König, ahmten ihm nach.
Der heilige Benedictus ging, ohne sich bei irgendeinem Andern aufzuhalten, gerade auf Totila zu und hob ihn auf.
Dann, nachdem er ihm Vorwürfe über seine Ausschweifungen und Sittenlosigkeit gemacht, ermahnte er ihn, sich zu bessern, prophezeite ihm, daß er Rom erobern, nachdem er es erobert, neun Jahre regieren und dann sterben würde.
Totila entfernte sich ganz zerknirscht und versprach, sich zu bessern.
Ungefähr zu derselben Zeit, das heißt am 12. Februar 543, starb die heilige Scholastica, die Zwillingsschwester des heiligen Benedictus. Der Heilige, welcher sich eben betend in seinem Oratorium befand, hörte einen Seufzer, hob die Hände zum Himmel empor und sah, da das Dach offen war, eine Taube vorüberfliegen, welche zum Himmel emporstieg.
»Das ist die Seele meiner Schwester!« rief er freudig. »Dank und Preis sei dem Allerhöchsten!«
Dann rief er seine Mönche, meldete ihnen die frohe Nachricht und alle gingen singend und zum Zeichen der Freude grüne Zweige und Blumen in den Händen haltend, den Körper zu holen, aus welchem die Seele in der That entflohen war, und begruben sie in der für die Heilige und ihren Bruder schon bereiteten Gruft.
Das nächstfolgende Jahr – andere Chronisten jagen dasselbe Jahr – am 21. März, ging der h. Benedictus selbst aus dem Leben sanft und schmerzlos in ein anderes ein und setzte sich, reich an Jahren, an Ruhm und Wundern, zur rechten Hand des Herrn.
Sein Körper ward neben der Leiche der heiligen Scholastica in dieselbe Gruft gebettet.
Der heilige Benedictus war zu Norcio in Umbrien geboren. Er stammte aus der edlen Familie der Guardati. Seine wegen ihrer himmlischen Liebe und Wohlthätigkeit bekannte Mutter ward mit ihm und seiner Schwester zugleich unter dem Namen der heiligen Abundantia heiliggesprochen.
Die Mutter und die Schwestern aller jener großen Heilgen aus der Verfallzeit Roms und aus dem Mittelalter, deren Homer der Dichter Dante war, sind beinahe alle ebenfalls heilig, und, auf ihre Söhne und ihre Brüder gestützt, haben diese Frauen, die Genossinnen ihres Lebens, Theil an der Verehrung, die letztern erwiesen wird.
So erscheint neben dem heiligen Augustin die heilige Monica und neben dem heiligen Ambrosius die heilige Marcellina.
Das von dem heiligen Benedictus erbaute Kloster ward – ohne Zweifel, nachdem der Satan die Oberhand gewonnen – im Jahre 808 von seinen Bundesgenossen, den Saracenen, niedergebrannt. Schon im Jahre 589 war es von den Lombarden geplündert worden, und war zur Zeit der Normannen eine förmliche Festung.
Die Aebte, welche schon damals den Bischofstitel führten, nahmen nun den eines ersten Barons des Königreichs an, welchen sie noch bis auf den heutigen Tag tragen.
Auf die Barbaren folgten Erderschütterungen und warfen das Kloster aus seinen Fundamenten, zum ersten Mal im Jahre 1349 und zum zweiten Mal im Jahre 1649.
Urban der Fünfte, Wilhelm von Grimuard, in Avignon erwählt, der aber das Papstthum nach Rom zurückführte, ein frommer, gelehrter und mit Kunstsinn begabter Papst, der Freund Petrarcas und der von der Tiara in einem Benedictinerkloster aufgesucht ward, trug viel zum Wiederaufbau des heiligen Klosters bei.
Man kennt die Dienste, welche durch die fleißigen Jünger des heiligen Benedictus in Frankreich der Geschichte geleistet worden sind.
Auf dem Berge Caffino wurden von ihnen die größten Autoren des Alterthums bewahrt.
Im neunten Jahrhundert ließ der Abt Desiderio, aus dem Hause der Herzoge von Capua, durch eine Mönche den Horaz, den Terenz, den Ovid und die Idyllen des Theokrit abschreiben.
Ueberdies ließ er aus Constantinopel Mosaikkünstler kommen, welche man zur Zahl derer rechnen muß, welche die Kunst in Italien wieder aufblühen ließen.
Der Weg, welcher sich an den Seiten des Berges, auf welchem das Kloster erbaut ist, hinaufschlängelt, ward von dem Abt Ruggi angelegt. Er ist mit großen Steinplatten von verschiedener Größe, gleich denen der antiken Straßen, belegt – Steinplatten, wie man sie auf der Via Appia findet, welche die Römer die Königin der Straßen nannten, und welche in einer Entfernung von zwei Meilen von hier vorüberführt.
Der Weg, welchen der Reiter verfolgte, ist es, was zu dieser archäologischen Abschweifung Anlaß gegeben hat. In einen großen Mantel gehüllt kümmerte der Reiter sich wenig um die Gewalt des Windes, der ruckweise wehend zuweilen sich plötzlich legte, um die ihn begleitenden starken Regengüsse herabströmen zu lassen.
Dazu, und obschon man im Monat December stand, donnerte und blitzte es wie in der Nacht, wo der Satan sich so zu seinem Nachtheil in die Grotte des heiligen Benedictus wagte.
War der Regen vorüber, so erhob sich der Wind von Neuem, und wälzte schwere Wolkenmassen so dicht über die Erde hinweg, daß der Reiter darin verschwand, um an einer lichten Stelle wieder zum Vorschein zu kommen und zwar ohne daß Regen, Donner, Blitze und Wolken Gewalt über ihn geäußert oder ihn bewogen hätten, von dem Augenblick seines Aufbruchs an den Schritt seines Pferdes zu beschleunigen oder zu verzögern.
Nach einem dreiviertelstündigen Ritt auf dem Gipfel des Berges angelangt, verschwand er ein letztes Mal, nicht in den Wolken, sondern in der Grotte, welche, wie die Sage behauptet, dem heiligen Benedictus zur Wohnung gedient, und sah sich, als er wieder zum Vorschein kam, dem riesigen Kloster gegenüber, welches, sich von dem grau und schwarz marmorierten Himmel abhebend, mit der imposanten Majestät unbeweglicher Dinge vor ihm emporragte.
Elftes Capitel.
Der Bruder Joseph
Die Klöster der südlichen Provinzen Italiens und besonders die der Terra di Lavoro, der Abruzzen, und der Basilicata, sind, welchem Orden sie auch angehören mögen und wie friedlich dieser Orden auch sei, nachdem sie im Mittelalter gegen die Einfälle der Barbaren errichtete Citadellen gewesen, in unserer Zeit Festungen gegen Invasionen geblieben, welche an Barbarei denen des Mittelalters nichts nachgeben.
Wir meinen die Invasionen der Brigands.
In diese Bauwerke, welche zugleich einen religiösen und kriegerischen Charakter besitzen, gelangt man nur über Zugbrücken, durch Fallgatter und auf Leitern, welche weggenommen werden können.
Nach Einbruch der Nacht, das heißt ungefähr um acht Uhr Abends, öffnen die Thore der Klöster sich nur in Folge mächtiger Empfehlungen oder auf einen Befehl des Abtes.
So ruhig der junge Mann sich auch anscheinend zeigte, so war er doch nicht ohne Sorge, das Kloster des Berges Cassino geschlossen zu finden. Da er aber zu dem Besuche, den er hier zu machen gedachte, nur eine Nacht hatte, und diesen Besuch nicht auf den nächsten Tag verschieben konnte, so hatte er sich aufs Gerathewohl hin auf den Weg gemacht.
Mit dem Armeecorps des Generals Championnet um sieben und ein halb Uhr in S. Germano angelangt, hatte er sich, ohne vom Pferde zu steigen, erkundigt, ob man unter den Benedictinern des heiligen Berges einen gewissen Bruder Joseph kenne, der gleichzeitig der Chirurg und Arzt des Klosters sei.
Seine Frage ward sofort durch eine Flut von Segenssprüchen und Lobpreisungen beantwortet worden.
Bruder Joseph war zehn Meilen weit in der Runde als ein außerordentlich geschickter Arzt bewundert, und als ein von der reinsten Nächstenliebe beseelter Menschenfreund verehrt.
Obschon er dem Orden nur durch das Gewand angehörte, denn er hatte kein Gelübde abgelegt und war einfach dienender Bruder, so hatte sich doch nie ein christlicheres Herz den physischen und moralischen Schmerzen der Menschheit gewidmet.
Wir sagen den moralischen, denn das, was den Priestern zur Erfüllung ihrer brüderlichen und tröstenden Mission ganz besonders fehlt, ist, daß sie, weil sie niemals Väter oder Gatten gewesen sind, weil sie niemals eine theure Gattin oder ein geliebtes Kind verloren haben, nicht die irdische Sprache kennen, welche man mit verwaisten Herzen sprechen muß.
In einem erhabenen Vers läßt Virgil die Königin Dido sagen, daß man vorzugsweise mit solchen Schmerzen Mitleid empfindet, welche man selbst erfahren. Eben dieses theilnehmende Mitleid ist es, worein Gott die Milderung der moralischen Schmerzen gelegt hat. Mit dem Leidenden weinen, heißt ihn trösten.
Die Priester aber, welche Worte für alle Leiden haben, besitzen doch selten Thränen für den Schmerz, wie furchtbar er auch sein möge.
Dies war aber durchaus nicht der Fall mit dem Bruder Joseph, dessen vergangenes Leben man übrigens durchaus nicht kannte und der eines Tages in das Kloster gekommen war, um die Gastfreundschaft desselben gegen Ausübung seiner Kunst in Anspruch zu nehmen.
Bruder Josephs Antrag war angenommen worden. Man hatte ihm Gastfreundschaft gewährt, und nun hatte nicht blos seine Wissenschaft, sondern auch sein Herz, seine Seele, seine ganze Person sich seinen neuen Mitbürgern gewidmet. Es gab keinen physischen oder moralischen Schmerz, dem er nicht Tag und Nacht bereit gewesen wäre, Trost oder Linderung zu bringen.
Gegen die moralischen Schmerzen hatte er Worte, die er aus der Tiefe seines Herzens schöpfte.
Man hätte meinen sollen, er selbst sei eine Beute aller dieser Schmerzen gewesen, welche er durch den Balsam der Thränen trocknete, den Gott uns gegen die Qualen gegeben, welche ohne diesen Balsam tödtlich werden würden, ebenso, wie er uns gegen das Gift das Gegengift gegeben.
In Bezug auf physische Schmerzen schien Bruder Joseph von der Natur nicht weniger begabt zu sein, als er es von der Vorsehung in Bezug auf die moralischen war.
Wenn er das Uebel nicht allemal heilte, so gelang es ihm wenigstens fast immer den Schmerz zu lindern. Das Mineral- und das Pflanzenreich schienen ihm, um ihn diesen Zweck erreichen zu helfen, ihre verborgensten Geheimnisse anvertraut zu haben.
Handelte es sich anstatt jener langen und furchtbaren Krankheiten, welche ein Organ allmälig zerstören und durch diese Zerstörung langsam den Tod herbeiführen, um einen jener Unfälle, welche plötzlich und unerwartet das Leben in seinen Quellen angreifen, dann war es ganz besonders Bruder Joseph, welcher hier der wunderbare Operateur ward.
Das Bistouri, in den Händen Anderer ein Werkzeug der Vernichtung, ward in den seinigen ein Werkzeug der Erhaltung. Bei dem ärmsten wie bei dem reichsten Verwundeten brachte er schon alle jene Vorsichtsmaßregeln in Anwendung, welche die moderne Wissenschaft erfunden hat, um die Einführung des Eisens in die Wunde weniger schmerzhaft zu machen.
Mochte nun Einbildung des Patienten oder die Geschicklichkeit des Operateurs der Grund sein, kurz der Kranke sah ihn stets mit Freude kommen, und wenn neben einem Schmerzenslager Bruder Joseph jenes furchtbare Besteck mit den unbekannten Instrumenten öffnete, erweckte dieses in dem Herzen des armen Kranken, anstatt eines Gefühls des Entsetzens, stets einen Strahl der Hoffnung.
Uebrigens bezeichneten die Landleute der Terra di Lavoro und der Abruzzen, welche alle den Bruder Joseph kannten, ihn durch ein Wort, welches ihre unwissende Dankbarkeit für einen doppelten physischen und moralischen Einfluß ganz vortrefflich ausdrückte. Sie nannten ihn nämlich den Zauberer.
Und Tag und Nacht, ohne sich jemals darüber zu beklagen, daß er in seinen Studien unterbrochen, oder mitten im Schnee des Winters oder der Sonnenglut des Sommers aus dem Schlafe geweckt wird, erhob sich Bruder Joseph ohne eine Miene oder Geberde der Ungeduld, mit lächelndem Munde von seinem Sessel oder von seinem Bett, fragte den Schmerzensboten: »Wohin soll ich kommen?« und ging dann hin.
Dies war der Mann, welchen der junge Republikaner aufzusuchen kam, denn an einem blauen Mantel, an dem mit der dreifarbigen Kokarde geschmückten dreieckigen Hute, den er auf seiner gleichzeitig ruhigernten und kriegerischen Stirn trug, war es, wenn man auch noch nicht bis in die Mitte des Generalstabes des Obercommandanten gedrungen war, leicht, in dem nächtlichen Reiter einen Officier der französischen Armee zu erkennen.
Anstatt, wie er erwartet, die Thore des Klosters geschlossen und das Innere desselben in Schweigen versunken zu finden, fand er zu einem Erstaunen diese Thore offen, während die Glocke, diese Seele der Klöster, ein wehklagendes Geläute anstimmte.
Er stieg ab, band sein Pferd an einen eisernen Ring, bedeckte es mit jener beinahe brüderlichen Fürsorge, welche der Reiter seinem Pferd widmet, mit seinem Mantel, ermahnte es zur Ruhe und Geduld, als ob er es mit einem vernünftigen Wesen zu thun gehabt hätte, überschritt die Schwelle, ging in das Kloster hinein, verfolgte einen langen Corridor und gelangte so, durch ein Licht und fernen Gesang geleitet, bis in die Kirche.
Hier harrte seiner ein ergreifendes Schauspiel.
In der Mitte des Chores stand eine mit einem weißen und schwarzen Tuche bedeckte Bahre auf einer Estrade.
Um den Chor herum, in den Betstühlen, knieten die betenden Mönche.
Tausende von Kerzen brannten auf dem Altar und um das Trauergerüst herum.
Von Zeit zu Zeit ließ die langsam geschwungene Glocke ihre Schmerzensklage in die Luft hinaushallen.
Es war der Tod, der in das Kloster eingezogen war, und bei seinem Eintritte die Thür offen gelassen hatte.
Der junge Officier gelangte bis an den Chor, ohne daß das Klirren einer Sporen einen einzigen der Betenden bewogen hätte, den Kopf herumzudrehen.
Er befragte alle diese Gesichter eins nach dem andern mit den Augen und unter steigender Angst, denn unter denen, welche um den Sarg beteten, erkannte er nicht den, welchen er aufzusuchen gekommen war.
Endlich näherte er sich mit kaltem Schweiß auf der Stirn und mit zitternder Stimme einem der Mönche, welche, gleich den unbeweglichen auf ihren curulichen Stühlen sitzenden römischen Senatoren, wenigstens dem Geiste nach die Erde verlassen zu haben schienen, um dem Abgeschiedenen in die unbekannte Welt zu folgen, und fragte, indem er ihn mit dem Finger an der Schulter berührte:
»Mein Vater, wer ist gestorben?«
»Unser frommer Abt,« antwortete der Mönch.
Der junge Mann athmete auf.
Dann, als ob er einiger Minuten bedurft hätte, um jene Gemüthsbewegung zu besiegen, die er so gut in seine Brust zu verschließen verstand, daß sie niemals in seinen Zügen durchleuchtete, schwieg er einen Augenblick, während dessen eine dankbaren Blicke sich gegen Himmel richteten.
Dann fragte er:
»Ist Bruder Joseph abwesend oder krank, daß ich ihn nicht unter Euch sehe?«
»Bruder Joseph ist weder abwesend noch krank. Er ist in seiner Zelle, wo er wacht und arbeitet, was auch beten heißt.«
Dann wendete der Mönch sich zu einem Novizen und sagte:
»Führt diesen Fremdling in die Zelle des Bruders Joseph.«
Und ohne den Kopf herumgewendet, ohne die beiden, an welche er das Wort gerichtet, angesehen zu haben, stimmte der Mönch wieder in den gedämpften Trauergesang ein und versenkte sich wieder in eine Abgeschiedenheit von der Welt.
Was seine Unbeweglichkeit betraf, so war diese keinen Augenblick lang unterbrochen worden.
Der Novize forderte den Officier durch einen Wink auf, ihm zu folgen.
Beide schritten den Corridor entlang, in dessen Mitte der Novize eine Treppe von imposanter Bauart betrat, die durch das matte und zitternde Licht der Wachskerze, welche er in der Hand hielt und die alle Gegenstände unsicher und beweglich machte, noch imposanter erschien.
So erstiegen die Beiden vier Stockwerke von Zellen.
Endlich im vierten Stockwerke bog der Knabe links ab, schritt bis an das äußerste Ende des Corridors, zeigte auf eine Thür und sagte zu einem Begleiter:
»Dies hier ist die Zelle des Bruders Joseph.«
Während der Novize mit dem Lichte näher trat, um die Thür zu bezeichnen, las der junge Mann an derselben folgende Worte:
»In dem Schweigen spricht Gott zum Herzen des Menschen.«
»In der Einsamkeit spricht der Mensch zum Herzen Gottes.«
»Ich danke, sagte der junge Officier zu seinem Führer.
Dieser entfernte sich, ohne ein Wort hinzuzufügen, denn er war schon angesteckt von jener Unempfindlichkeit des Klosters, durch welche die Mönche ihre Entsagung von menschlichen Dingen zu beweisen glauben, während sie dadurch doch nur ihre Gleichgültigkeit gegen die Menschheit an den Tag legen.
Der junge Mann blieb unbeweglich vor der Thür stehen. Er drückte die Hand aufs Herz, wie um das stürmische Pochen desselben zu beschwichtigen, und sah, wie der Knabe sich entfernte und der leuchtende Punkt, als welcher seine Kerze in der dichten Finsterniß des unabsehbaren Corridors erschien, immer kleiner ward.
Der Knabe erreichte die Treppe und stieg dieselbe langsam hinab, ohne nur ein einziges Mal die Augen nach dem Fremdling herumgewendet zu haben, den er geführt.
Der Wiederschein seiner Kerze spielte noch einen Augenblick an den Mauern, ward immer bleicher und verschwand endlich ganz, während man noch einige Sekunden lang das immer schwächer werdende Geräusch eines schleppenden Trittes auf den Steinplatten der Treppe vernehmen konnte.
Der junge Mann, auf welchen alle diese Einzelheiten des klösterlichen Automatenlebens einen lebhaften Eindruck machten, pochte endlich an die Thür.
»Herein!« sagte eine sonore Stimme, bei deren lebhaftem Ausdruck der Anpochende zusammenzuckte, so sehr contrastierte sie mit Allem, was er soeben gesehen und gehört.
Er öffnete die Thür und sah sich einem Manne von ungefähr fünfzig Jahren gegenüber, der aber deren kaum vierzig zu zählen schien. Eine einzige Falte, die des Nachdenkens, furchte seine Stirn, aber kein Silberfaden glänzte als Vorbote dieses Alters in dem üppigen schwarzen Haar, in welchem man die Spur der Tonsur vergebens suchte.
Die linke Hand auf einen Todtenkopf stützend, wendete er mit der Rechten die Blätter eines Buches um, in welchem er aufmerksam las.
Eine Schirmlampe beleuchtete dieses Gemälde, indem es dasselbe in einen Lichtkreis einschloß. Der übrige Theil dieses Gemachs blieb in Halbschatten gehüllt.
Der junge Mann näherte sich mit ausgebreiteten Armen. Der Lesende richtete den Kopf empor und betrachtete mit Erstaunen die glänzende Uniform, welche ihm unbekannt zu sein schien.
Kaum aber befand sich der, welcher sie trug, in dem von der Lampe geworfenen leuchtenden Ringe, als ein zwiefacher Ruf dem Munde der beiden Männer entfuhr:
»Salvato!«
»Mein Vater!«
Es waren in der That der Vater und der Sohn, welche nach zehnjähriger Trennung einander wiedersahen und sich in die Arme sanken.
Unsere Leser hatten in dem nächtlichen Reiter wahrscheinlich Salvator bereits wiedererkannt, vielleicht aber haben sie nicht vermuthet, daß Bruder Joseph sein Vater war.
Zwölftes Capitel.
Vater und Sohn
Die Freude des seit zehn Jahren aller Genüsse des Familienlebens beraubt gewesenen Vaters, der, indem er seinen Sohn wieder sah, in sich gleichzeitig die sanftesten und die mächtigsten Fibern der väterlichen Liebe erwachen fühlte, schien die ganze Stufenleiter der menschlichen Empfindungen durchzumachen und in seinem Ausdruck, der durch seine Milde etwas Bezauberndes und durch seine Gewalt etwas Furchtbares hatte, gleichzeitig an die Klage der Taube und an das Brüllen des Löwen zu streifen.
Er eilte seinem Sohne nicht entgegen, sondern er stürzte sich auf ihn. Es genügte ihm nicht, ihn auf die Wangen zu küssen, sondern erfaßte ihn in die Arme, hob ihn empor, wie er mit einem Kinde gethan haben würde, drückte ihn an sein Herz, schluchzte und lachte durcheinander und schien einen Ort zu suchen, wohin er ihn für immer, außerhalb der Welt, fern von der Erde, in der Nähe des Himmels bringen könnte.
Endlich warf er sich auf einen Schemel von Eichenholz, hielt seinen Sohn, wie die Madonna von Michel Angelo den Gekreuzigten, auf den Knien, während seine keuchende Stimme nur immer und immer wieder rief:
»Wie, Du bist es! Mein Sohn! mein Salvato! mein Kind! Du bist es! Du bist es!«
»O mein Vater, mein Vater!« antwortete der junge Mann, selbst keuchend. »Ich schwöre Dir, daß ich Dich liebe, wie nur ein Sohn lieben kann, aber ich schäme mich beinahe der Schwäche dieser Liebe, wenn ich sie mit der Größe der deinigen vergleiche.«
»Nein, nein, schäme Dich nicht, mein Sohn,« antwortete Palmieri. »Die fruchtbare Natur, die Ifis mit den hundert Brüsten, will es so – unermeßliche, unendliche Liebe in dem Herzen der Eltern, beschränkte Liebe in dem der Kinder! Sie schaut vor sich, diese gute, immer logische und intelligente Natur. Sie hat gewollt, daß das Kind sich über den Tod des Vaters trösten könne, welcher diese Welt vor ihm verlassen soll; daß dagegen der Vater untröstlich sei, wenn er unglücklicherweise das Kind, welches bestimmt war, ihn zu überleben, sterben sieht. Sieh mich an, Salvato, und unsere zehnjährige Trennung entschwinde in deinem Blick.«
Der junge Mann heftete seine großen schwarzen, ein wenig scheuen Augen auf seinen Vater, indem er seinem strengen Gesicht den sanftesten Ausdruck gab, den er ihm geben konnte.
»Ja,« sagte Palmieri, indem er Salvato mit einem eigenthümlichen Gemisch von Liebe und Stolz betrachtete, »ja, ich habe Dich zu einer starken, kräftigen Eiche erzogen und nicht zu einem zierlichen Palmbaum, dem Schilfrohr der heißen Zone. Ich würde daher unrecht daran thun, wenn ich mich heute darüber beklagen wollte, daß ich dieses feste Holz mit einer rauhen Rinde bedeckt sehe. Ich wollte, daß Du ein Mann und ein Krieger würdest, und Du bist geworden, was ich beabsichtigte. Laß mich die Epauletten küssen, welche Dich als Brigadechef bezeichnen; sie beweisen deinen Muth. Du hast die Kraft gehabt, mir zu gehorchen, als ich bei unserm Abschied zu Dir sagte:
»Schreibe mir nicht eher, als bis Du meiner Liebe und meiner Fürsorge bedarfst. Ich fürchtete die irdischen Schwächen und hoffte einen Augenblick, daß, durch mein Streben gerührt, Gott sich meinem Geiste offenbaren würde, denn wenn mein Herz glauben will –beklage mich, mein Sohn! – beharrt der Geist dennoch auf seinem Zweifel. Aber nicht wahr, Du hast nicht die Kraft gehabt, in meiner Nähe vorüber zu gehen, ohne mich zu sehen, ohne mich zu umarmen, ohne mir zu sagen: Mein Vater, es bleibt Dir auf der Welt ein Herz, welches Dich liebt, und dieses Herz ist das deines Sohnes! Dank, mein geliebter Salvato, Dank!«
»Nein, mein Vater, nein, ich habe nicht gezögert, denn eine innere Stimme sagte mir, daß ich Dir eine Freude brächte, die Du schon lange erwartet. Und dennoch, als ich unterwegs war, kam wieder der Zweifel über mich. Am Fuße dieses Berges trennten wir uns vor zehn Jahren, ich, um mich in der Welt zu verlieren, Du, um mit Gott allein zu sein. Ich bin gekommen, ohne mein Pferd zu einem schnelleren Schritt anzutreiben, ohne es zu einem langsameren zu nöthigen, aber ich fühlte, wie sehr Dich ich liebe, als ich, nachdem ich die Schwelle der Kirche überschritt und an den Eingang des Chors gelangt war, mitten unter allen jenen über den Sarg des Abtes geneigten Häuptern vergebens das deinige suchte. Einen Augenblick lang quälte mich der Gedanke, daß Du, mein geliebter Vater, unter jenem Leichentuch schlummertest. Ich erschrak fast selbst über den veränderten Ton meiner Stimme, als ich fragte, wo Du wärest. Ein Wort beruhigte mich, ein Jüngling führte mich hierher. Deiner Thür gegenüber fühlte ich mich wieder vom Zweifel erfaßt, ich zitterte, Dich versteinert zu finden wie jene murmelnden Statuen, welche ich im Schiff der Kirche gesehen und welche ebensowenig der Menschheit anzugehören schienen wie die Memnonsäule, denn Töne von sich geben, heißt nicht leben. Dennoch aber bedurfte es, um mich wieder zu beruhigen, nur jenes von Dir ausgesprochenen Wortes: »Herein!« Mein Vater, mein Vater, Dank sei Gott, Du bist der einzige Lebende unter allen diesen Todten.«
»Ach, mein lieber Salvato,» antwortete Palmieri, »dennoch war es dieser künstliche Tod, den ich suchte, als ich mich in ein Kloster zurückzog. Das Kloster hat das Gute, daß es den Selbstmord siegreich bekämpft. Nach einem großen Schmerz, nach einem unersetzlichen Verlust sich in ein Kloster zurückziehen, heißt sich moralisch eine Kugel durch den Kopf jagen; es heißt, wie die Kirche sagt, den Leib tödten, ohne die Seele zu berühren, und hierin beginnt eben für mich der Zweifel, weil das Gebot mit der Natur im Widerspruch steht. Nach dem Ausspruch der Kirche den Menschen abstreifen, heißt nach Vollkommenheit trachten, während eine geheime Stimme mir zuruft, daß der Mensch desto besser ist, je mehr er Mensch ist, und folglich durch die Wissenschaft, durch die Wohlthätigkeit, durch das Genie, durch die Kunst, durch Herzensgüte auf das ganze Menschengeschlecht einwirkt. Derjenige, welcher in dieser frommen Zurückgezogenheit, sagen unsere Brüder, von dem irdischen Geräusch am wenigsten bemerkt, ist der, welcher, weil er von der Erde am weitesten entfernt, Gott am nächsten ist. Ich wollte meinen Körper und meinen Geist unter diesen Ausspruch beugen und noch lebend mich zur Leiche machen. Mein Geist und mein Körper lehnten sich jedoch dagegen auf und sagten: »Die Vollkommenheit ist, wenn sie überhaupt existiert, in der entgegengesetzten Richtung zu finden. Lebe in der Einsamkeit, aber nur um zum Nutzen der Menschheit den Schatz der Wissenschaft, den Du erworben, zu verdoppeln. Lebe im Nachdenken, aber dein Nachdenken sei fruchtbar. Verwandle deinen Schmerz in einen aus Philosophie, Menschenliebe und Thränen zusammengesetzten Balsam, um damit die Schmerzen anderer zu heilen. Heißt es nicht in der Iliade, daß der Rost von der Lanze des Achilles die Wunden heilte, welche diese Lanze zugefügt? Allerdings hat die arme Menschheit mich gut unterstützt, indem sie zu mir kam, während ich zögerte, zu ihr zu gehen, und indem sie das Wort des Lebens anstatt das Wort des Todes zu Hilfe rief. Ich folgte dem Ruf, der mich lockte. Allen, welche nach mir schrien, antwortete ich: »Hier bin ich!« Ich bin nicht vollkommener, sicherlich aber nützlicher geworden. Und, seltsamer Weise, indem ich mich von den gemeinen Grundsätzen entfernte, folgte ich immer mehr jener Stimme meines Gewissens, welche zu mir sagte: Du hast im Laufe deiner Existenz drei Personen das Leben gekostet; anstatt aber Buße zu thun, anstatt zu fasten, anstatt zu beten – was nur dir von Nutzen sein kann, wenn man nämlich annehmen kann, daß das vergossene Blut durch Gebet, Fasten und Buße wirklich gesühnt wird – lindere so viel Schmerzen, als Dir möglich ist, verlängere das Leben so vieler Menschen als Du kannst, und glaube mir, die Dankgebete derer, deren Leben Du verlängert und deren Schmerzen Du gelindert, werden die Anklage der Elenden ersticken, welche Du vor ihrer Zeit aus dem Leben gesendet, damit sie vor dem Richterstuhl des Höchsten Rechenschaft von ihren Verbrechen geben!»
»Bleibe bei diesem Leben der Liebe und der Selbstaufopferung. Du hast den rechten Weg gewählt, mein Vater. Diese Menschen, welche Dich umgeben – ich habe von ihnen und von Dir sprechen gehört, man fürchtet sie und man achtet sie; Dich aber liebt und segnet man.«
»Und dennoch sind sie glücklicher als ich, wenigstens vom Gesichtspunkt der Religion aus betrachtet. Sie beugen sich unter den Glauben, ich aber kämpfe mit dem Zweifel. Warum hat Gott den fluchbeladenen Baum der Erkenntniß in sein Paradies gesetzt? Warum muß der Mensch, um zum Glauben zu gelangen, stets einem und zwar oft dem gesündesten und besten Theile seiner Vernunft entsagen, während die unerbittliche Wissenschaft uns nicht blos verbietet, irgend etwas ohne Beweis zu behaupten, sondern auch nur zu glauben?«
»Ich verstehe, mein Vater. Du bist ein rechtschaffener Mann, ohne auf Vergeltung zu hoffen; Du thut Gutes, ohne Lohn zu erwarten. Du glaubst, mit einem Worte, nicht an ein anderes Leben als das unsrige.«
»Und Du, glaubst Du an ein anderes?« fragte Palmieri.
Salvato lächelte.
»In meinem Alter,« sagte er, »beschäftigt man sich wenig mit jenen ernsten Fragen des Lebens und des Todes, obschon ich bei dem Beruf, den ich gewählt, fortwährend zwischen Tod und Leben schwebe und sehr oft dem Tode näher bin als jene Greise, welche mit schlotternden Knien und weißem Haar an das Thor des Campo santo pochen.«
Salvato schwieg einen Augenblick und setzte dann hinzu:
»Auch ich habe kürzlich an jenes Thor gepocht, wenn ich aber auch die Antwort auf die Frage, welche ich an das Grab richtete, nicht mit Gewißheit erwartete, so erwartete ich sie wenigstens mit Hoffnung. Warum machst Du es nicht wie ich, mein Vater? Warum versuchst Du wie Hamlet die Nacht des Grabes zu durchdringen und zu erforschen, welche Träume sich während des ewigen Schlafes in unserm Gehirn bewegen werden? Warum, nachdem Du recht gelebt, fürchtest Du, schlimm zu sterben?»
»Ich fürchte nicht, schlimm zu sterben, mein Sohn, ich fürchte blos, ganz zu sterben. Ich bin einer von denen, welche nicht zu lehren verstehen, was sie nicht glauben. Meine Kunst ist nicht so untrüglich, daß sie ewig gegen den Tod zu kämpfen verstünde. Nur Herkules kann sicher sein, ihn stets zu überwinden. Wenn nun im Vorgefühl seines nahen Endes ein Kranker zu mir sagt: Sie können als Arzt nichts mehr für mich thun. Versuchen Sie, da Sie mich nicht heilen können, wenigstens mich zu trösten, dann benütze ich nicht die Ermattung seines Geistes, um in ihm einen Glauben zu erwecken, der nicht in mir selbst lebt, sondern ich schweige, um nicht einem Sterbenden eine Versicherung ohne Beweis, eine Hoffnung ohne Gewißheit zu geben. Ich bestreite nicht die Existenz einer übernatürlichen Welt, sondern ich begnüge mich – und dies ist schon genug – nicht daran zu glauben. Da ich nun aber nicht daran glaube, so kann ich diese übernatürliche Welt denen, welche in dem Dunkel des Todeskampfes sie suchen, auch nicht versprechen. Da ich, sobald ich einmal meine Augen für immer geschlossen, fürchte, weder das Weib, das ich geliebt, noch den Sohn, den ich liebe, wiederzusehen, so kann ich auch nicht zu dem Ehegatten sagen: Du wirst dein Weib wiedersehen, oder zu dem Vater: Du wirst dein Kind wiedersehen.«
»Aber ich, ich habe meine Mutter wiedergesehen, das weißt Du.«
»Nein, dem ist nicht so gewesen, mein Sohn. Eine Frau aus dem Volke, ein plumpes, von Furcht erfülltes Gemüth sagte: Es stand am Bett des Knaben ein Schatten, welcher ihn singend wiegte, und ich, damals noch jung und Freund des Wunderbaren, sagte: Ja, das kann wohl sein! Ich glaubte damals sogar, daß dem so gewesen sei. Wenn man aber alt wird – Du wirst es selbst erfahren, Salvato, – wenn man alt wird, stellt sich der Zweifel ein, weil man sich der furchtbaren und unvermeidlichen Wirklichkeit immer mehr nähert. Wie oft bin ich in dieser Zelle allein mit jenem verzehrenden Gedanken an das Nichts, welcher in einem gewissen Alter ins Leben tritt, um es nie wieder zu verlassen und welcher als unsichtbares, aber greifbares Gespenst neben uns einherwandelt – wie oft, sage ich, bin ich bei jener Erinnerung an die poetische Legende deiner Kindheit niedergekniet und habe zu der Stunde, wo, wie die Sage behauptet, die Gespenster erscheinen, in das tiefste Dunkel gehüllt, Gott angefleht, zu meinen Gunsten des Wunder zu erneuen, welches er für Dich gethan; aber niemals hat Gott mich einer Antwort gewürdigt. Ich weiß, daß er einem Atom, wie ich bin, keine Kundgebung seiner Macht und seines Willens schuldig ist, aber dennoch wäre es gut, nachsichtig und barmherzig von ihm gewesen, wenn er mich erhört hätte. Er hat es nicht gethan.«
»Er wird es noch thun, mein Vater.«
»Nein, denn dies wäre ein Wunder und die Wunder gehören nicht zur logischen Ordnung der Natur. Was sind wir übrigens, daß Gott in seiner unwandelbaren Ewigkeit sich die Mühe nehmen sollte, den von ihm der Schöpfung vorgeschriebenen Gang zu ändern? Was sind wir für ihn? Ein unbemerkbarer Auswuchs der Materie, auf welchem seit Jahrhunderttausenden ein complicirtes, unerklärliches, flüchtiges Phänomen vor sich geht, welches man das Leben nennt. Dieses Phänomen erstreckt sich im Pflanzenreiche vom Moose bis zur Ceder, im Thierreiche vom Infusorium bis zum Mastodon. Das Meisterwerk des Pflanzenreiches ist die Sensitive, das Meisterwerk des thierischen Lebens ist der Mensch. Worin beruht die Ueberlegenheit, welche das zweibeinige ungefiederte Thier Platos über die andern Thiere besitzt? In einem Zufall. Seine Ziffer ist auf der Leiter der geschaffenen Wesen die höchste, denn sie gab ihm das Recht zu einem vollständigern Theil seiner Individualität, als seinen unter ihm stehenden Brüdern verliehen ward. Wer sind die Homer, die Pindar, die Aeschylos, die Sokrates, die Perikles, die Phidias, die Demosthenes, die Cäsar, die Virgil, die Justinian, die Karl der Große? Ein wenig besser organisierte, ein wenig vollkommenere Gehirne als die des Elephanten oder des Affen. Was ist das Kennzeichen dieser Vollkommenheit? Der Ersatz des Instinkts durch die Vernunft. Was ist der Beweis dieser höhern Organisation? Die Fähigkeit zu sprechen, anstatt zu bellen oder zu brüllen. Wenn aber der Tod kommt, wenn er das Wort auslöscht, wenn er die Vermunft vernichtet, wenn der Schädel dessen, welcher Karl der Große, Justinian, Virgil, Cäsar, Demosthenes, Phidias, Perikles, Sokrates, Aeschylos, Pindar oder Homer war, sich wie der Aoricks mit schönem, gutem Schlamme füllt, dann ist Alles gesagt. Die Posse des Lebens ist ausgespielt und das in der Laterne erloschene Licht entzündet sich niemals wieder. Du hast oft den Regenbogen gesehen, mein Kind. Es ist ein unermeßlicher Bogen, der sich von einem Horizont zum andern erstreckt und bis in die Wolken emporsteigt, dessen beide äußersten Enden aber die Erde berühren. Diese beiden äußersten Enden sind das Kind und der Greis. Studiere das Kind und Du wirst sehen, daß, so wie sein Gehirn sich entwickelt, sich vervollkommnet und reift, auch der Gedanke, das heißt die Seele, sich entwickelt, sich vervollkommnet und reift. Studiere den Greis und Du wirst im Gegensatze hierzu sehen, daß, sowie das Gehirn erschlafft, sich vermindert und erstarrt, der Gedanke, das heißt die Seele, sich trübt, dunkler wird und endlich erlischt. Mit uns geboren, ist sie dem fruchtbaren Wachsthum der Jugend gefolgt, und ehe sie mit uns stirbt, folgt sie dem Alter in seiner unfruchtbaren Hinfälligkeit. Wo war der Mensch, ehe er geboren ward? Niemand weiß es. Was war er? Nichts. Was wird er sein, wenn er nicht mehr ist? Nichts, das heißt das, was er war, ehe er geboren ward. Wir müssen in einer andern Gestalt fortleben, sagt die Hoffnung. Wir müssen in eine bessere Welt übergehen, sagt der Stolz. Was kommt mir darauf an, wenn ich während der Reise das Gedächtniß verloren, wenn ich vergessen habe, daß ich gelebt, und wenn dieselbe Nacht, welche das Diesseits der Wiege umhüllte, sich auch auf das Jenseits des Grabes erstreckt? Erst an dem Tage, wo der Mensch die Erinnerung an seine Umgestaltung und an seine Wanderungen bewahrt, wird er unsterblich und der Tod für ihn nichts weiter sein als ein Zufall seiner Unsterblichkeit. Nur Pythagoras erinnerte sich eines vorhergegangenen Lebens. Aber was will ein Thaumaturg, welcher sich erinnert, gegen eine ganze Welt bedeuten, welche vergißt? »Doch, setzte Palmieri den Kopf schüttelnd hinzu, »genug über diese trostlose Frage. Die Einsamkeit gebiert diese schlimmen Träume. Ich habe Dir mein Leben erzählt; erzähle Du mir das Deine. In deinem Alter schreibt das Leben sich mit goldenen Buchstaben. Wirf einen Strahl deiner Morgenröthe und deiner Hoffnungen in meine Dämmerung und meine Zweifel. Sprich, mein geliebter Salvato, und laß' mich selbst den Ton meiner Worte, selbst den Hall meiner Stimme vergessen.«
Der junge Mann gehorchte. Er hatte seinerseits seinem Vater die ganze Morgendämmerung einer Existenz zu erzählen. Er schilderte ihm seine Kämpfe, seine Triumphe, seine Gefahren, seine Liebe.
Palmieri lächelte bald, bald weinte er. Er wollte die Wunde sehen, er wollte die Brust untersuchen, und wie der Vater nicht müde ward, zu fragen, eben so wenig, als der Sohn müde ward, zu antworten, so sahen sie so den Tag kommen und mit dem Tage drang zu ihnen das Wirbeln der Trommeln und das Schmettern der Trompeten herauf, welche ihnen verkündeten, daß es Zeit sei, sich wieder zu trennen.
Palmieri wollte aber erst so spät als möglich von seinem Sohne scheiden und, eben so wie er zehn Jahre früher gethan, geleitete er ihn Arm in Arm und sein Pferd am Zügel führend bis an die ersten Häuser von San Germano.
Dreizehntes Capitel.
Die Antwort des Kaisers
Mittlerweile ging die Zeit mit ihrer unverbrüchlichen Regelmäßigkeit ihren Gang und obschon durch Pronio‘s, Gaëtano Mammones und Fra Diavolo‘s Banden von allen Seiten geneckt und beunruhigt, verfolgte die französische Armee eben so unaufhaltsam wie die Zeit ihren dreifachen Weg durch die Abruzzen, die Terra di Lavoro und jenen Theil der Campania, deren Küsten das tyrrhenische Meer bespült.
In Neapel war man von allen Bewegungen der Republikaner unterrichtet und man wußte dort bereits am 20. December, daß das Hauptcorps, das heißt das, welches von dem General Championnet in eigener Person commandiert ward, am 18. Abends in San Germano campiert hatte und nun über Mignano und Calvi gegen Capua vorrückte.
Am 20., acht Uhr Morgens, hatten der Fürst von Malitermo und der Herzog von Rocca Romana, jeder an der Spitze eines Regiments Freiwilliger, die man unter der adeligen oder reichen Jugend Neapels und der Umgegend zusammengebracht, Abschied von der Königin genommen, um dann den Republikanern entgegen zu marschieren.
Je näher die Gefahr rückte, desto schroffer theilten sich die Parteien des Königs und der Königin in zwei verschiedene Lager.
Die Partei des Königs bestand aus dem Cardinal Ruffo, dem Admiral Caracciolo, dem Kriegsminister Ariola und allen Denen, welche, auf die Ehre des neapolitanischen Namens haltend, den Widerstand um jeden Preis und die bis aufs Aeußerte getriebene Vertheidigung Neapels verlangten.
Die Partei der Königin, welche aus Sir William, Emma Lyonna, Nelson, Acton, Castelcicala, Vanni und Guidobaldi bestand, verlangte die Aufgebung Neapels und schnelle Flucht ohne Kampf oder Aufschub.
Abgesehen hiervon war das Gemüth der Königin noch in anderer Beziehung von großer Unruhe erfüllt.
Sie fürchtete jeden Augenblick die Rückkehr Ferrari‘s. Der König konnte, wenn er sich auf freche Weise hintergangen sah und endlich erfuhr, an wen er sich all' des Unheils, wovon das Königreich heimgesucht ward, zu halten hatte, wie alle schwache Naturen eben aus seiner Furcht einen Augenblick der Energie und des Willens schöpfen und während dieses Augenblicks auf immer jenem Drucke entschlüpfen, den seit zwanzig Jahren sein Minister, den er niemals geliebt, und eine Gattin, die er nicht mehr liebte, auf ihn ausübten.
So lange Caroline jung und schön gewesen, hatte sie stets ein untrügliches Mittel, den König zu ihr zurückzuführen, zur Verfügung gehabt und hatte davon Gebrauch gemacht. Jetzt aber hatte sie, wie Shakespeare sagt, angefangen, das Thal des Lebens hinabzusteigen, und der König entzog sich, von jungen hübschen Frauen umgeben, ihren Bestrickungen mit leichter Mühe.
Am Abend des 20. December fand ein Cabinetsrath statt, in welchem der König sich offen und fest für die Vertheidigung aussprach.
Dieser Cabinetsrath ward erst um Mitternacht geschlossen.
Von Mitternacht bis ein Uhr blieb die Königin in ihrem dunklen Zimmer und ließ Pasquale de Simone kommen, welcher aus dem Munde Actons, der ihn bei der Königin erwartete, geheime Instructionen erhielt.
Halb zwei Uhr machte Dick sich auf den Weg nach Benevento, wohin schon vor zwei Tagen durch einen vertrauten Diener eins der raschesten Pferde aus Actons Ställen gebracht worden.
Der 21. December begann mit einem jener Orcane, welche in Neapel gewöhnlich drei Tage dauern und zu dem Sprichwort Nasce, pasce, mori – er wird geboren, nährt sich und stirbt – Veranlassung gegeben haben.
Trotzdem daß bald der Regen in Strömen herabgoß, bald der Wind mit ungeheurer Wuth raste, erfüllte das Volk, im unklaren Vorgefühl einer großen Katastrophe, die Straßen, Plätze und Durchfahrten.
Ein ganz besonderes Vorzeichen eines zu erwartenden außerordentlichen Umstandes war, daß das Volk sich nicht in den alten Stadttheilen drängte, und wenn wir sagen das Volk, so meinen wir jene Masse von Seeleuten, Fischern und Lazzaroni, welche in Neapel die Stelle des Volks vertritt.
Im Gegentheil bemerkte man zahlreiche, lebhafte, lautsprechende und wüthend gestikulierende Gruppen von der Strada del Molobis nach dem Palaisplatze, das heißt auf der ganzen Straße des Largo del‘ Castello, des Theaters San Carlo und der Straße Chiaja. Diese Gruppen schienen, während sie den königlichen Palast umgaben, die Toledostraße und die Strada del Piliero zu überwachen.
In der Mitte dieser Gruppen sprachen drei Männer, die sich schon bei vorhergegangenen Emeuten bemerkbar gemacht, ganz besonders laut und gestikulirten am lebhaftesten.
Diese drei Männer waren Pasquale de Simone, ferner der Beccajo mit der furchtbaren Narbe, welche sein Gesicht durchkreuzte und das Auge spaltete, und drittens Fra Pacifico, der, ohne in das Geheimniß eingeweiht zu sein, und ohne zu wissen wovon die Rede war, seinem heftigen lärmsüchtigen Charakter den Zügel schießen ließ und mit einem Lorbeerknüppel bald auf das Pflaster, bald auf die Mauer, bald auf den armen Giacobino, den Sündenbock der Leidenschaften des furchtbaren Franciscaners, losschlug.
Diese ganze Menge schien, ohne es selbst zu wissen, auf Jemanden oder auf etwas zu warten, und der König, der es eben so wenig wußte, den aber diese Zusammenrottung beunruhigte, betrachtete, hinter der Jalousie eines Fensters des Zwischenstocks versteckt, während er mechanich einen Hund Jupiter liebkoste, diese Menge, welche von Zeit zu Zeit, gleich dem Rollen des Donners oder dem Brüllen der Meereswogen, den doppelten Ruf: »Es lebe der König!« und »Nieder mit den Jakobinern!« hören ließ.
Die Königin, welche sich erkundigt hatte, wo der König sei, befand sich mit Acton im Nebengemach, bereit, den Umständen gemäß zu handeln, während Emma in dem Cabinet der Königin mit der Gräfin von San Marco die geheimsten Papiere und die kostbarsten Schmucksachen ihrer königlichen Freundin zusammenpackte.
Gegen elf Uhr kam ein junger Mann auf einem englischen Pferde in gestrecktem Galopp über die Magdalenenbrücke gesprengt, ritt die Marinella, die Strada Nuova, die Strada del Piliero den Largo di Castello, die Strada San Carlo entlang, wechselte mit Pasquale de Simone und dem Beccajo einige Zeichen, bog durch das große Thor in die Höfe des königlichen Palastes ein, sprang vom Pferde, warf den Zügel desselben einem Stallknecht zu und trat, als ob er im voraus gewußt, wo er die Königin finden würde, in das Cabinet, wo sie ihn mit Acton erwartete und dessen Thür, als er sich ihr näherte, sich wie auf einen Zauberschlag vor ihm öffnete.
»Nun?« fragte die Königin und Acton gleichzeitig.
»Er folgt mir,« sagte der junge Mann.
»Wann ungefähr wird er hier sein?«
»In einer halben Stunde.«
»Sind Die, welche ihn erwarten, in Kenntniß gesetzt?«
»Ja.«
»Wohlan; gehen Sie in mein Cabinet und sagen Sie Lady Hamilton, sie solle Nelson benachrichtigen.«
Der junge Mann stieg die Diensttreppen mit einer Schnelligkeit hinauf, welche verrieth, wie vertraut er mit allen Schlichen des Palastes war, und setzte Emma Lyonna von den Wünschen der Königin in Kenntniß.
»Haben Sie einen sichern Mann, um ein Billet an Mylord Nelson zu besorgen?«
»Ich werde selbst der Bote ein,« antwortete der junge Mann.
»Sie wissen doch, daß keine Zeit zu verlieren ist.«
»Ich kann es mir denken.«
» Dann – Sie ergriff die Feder und ein Blatt Papier auf dem Schreibtisch der Königin und schrieb folgende einzige Zeile:
»Wahrscheinlich muß es heute Abend geschehen, halten Sie sich bereit. »Emma.«
Der junge Mann eilte mit derselben Schnelligkeit, womit er die Treppen erstiegen hatte, dieselben wieder hinab, durchschritt die Höfe, lenkte seine Schritte den nach dem Kriegshafen führenden Abhang hinab, warf sich in eine Barke und ließ sich trotz Sturm und Regen nach dem »Vanguard« rudern, welcher mit abgenommenen Stangen, um dem Sturm weniger Anhalt zu bieten, fünf oder sechs Kabellängen von dem Kriegshafen, umringt von andern unter den Befehlen des Admirals Nelson stehenden englischen und portugiesischen Schiffen, vor Anker lag.
Der junge Mann, welcher, wie unsere Leser bereits errathen haben, kein Anderer als Richard oder Dick war, ließ sich bei dem Admiral anmelden, erstieg rasch die Fallreepstreppe, fand Nelson in einer Cajüte und überreichte ihm das Billet.
»Die Befehle der Königin sollen ausgeführt werden, entgegnete Nelson, »und damit Sie dies bezeugen können, sollen Sie selbst Ueberbringer derselben sein.«
Er wendete sich hierauf zu einem seiner Officiere und sagte:
»Henry, lassen Sie die Schaluppe aussetzen, und sich bereit halten, diesen Herrn an Bord der »Alkmene« zu bringen.«
Dann steckte er Emmas Billet in die Tasche und schrieb seinerseits: [Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß die Autographen dieser sämtlichen Billets in den Händen des Verfassers sich befinden.]
»(Ganz geheim und vertraulich.)
»Drei Barken und der kleine Kutter »Alkmene« werden sich, nur mit blanken Waffen versehen, pünktlich halb acht Uhr an der »Vittoria« einfinden.
»Eine einzige Barke wird anlegen, die andern werden sich mit gehobenem Ruder in gewisser Entfernung halten.
Das anlegende Boot wird das des »Vanguard« sein.
»Sämtliche Boote werden sich noch vor sieben Uhr unter dem Befehle des Commandanten Hope an der »Alkmene«– einfinden.
»Enterhaken in den Schaluppen.
»Sämtliche andere Schaluppen des »Vanguard« und der »Alkmene« werden sich mit Messern und die Canots mit ihren Carronaden bewaffnet an Bord des »Vanguard« unter dem Befehl des Capitäns Hardy versammeln, der Punkt acht Uhr aufbrechen wird, um auf der Hälfte des Weges von Molosiglio in See zu stechen.
»Jede Schaluppe muß mit vier bis sechs Soldaten bemannt sein.
»Im Falle man Unterstützung bedürfen sollte, ist dies durch Feuersignale anzuzeigen.
»Horaz Nelson.«
»Die »Alkmene« wird sich bereit halten, um, wenn es nöthig sein sollte, während der Nacht ebenfalls in See zu gehen.«
Während diese Befehle mit einer Ehrerbietung empfangen wurden, welche der Pünktlichkeit ihrer Vollziehung gleichkam, sprengte ein zweiter Courier über die Magdalenenbrücke, verfolgte denselben Weg wie der erste, ritt den Kai della Marinella hinauf, die Strada Nuova entlang und bog in die Strada del Piliero ein.
Hier begann er die Volksmenge dichter zu finden und trotz seines Kostüms, in welchem man sofort einen Cabinetscourier des Königs erkannte, ward es ihm schwierig, seinen Weg fortzusetzen und dabei sein Pferd in gleichmäßigem Gange zu erhalten.
Uebrigens ließen Leute aus dem Volke, als ob es absichtlich geschähe, sich von seinem Pferde stoßen und fingen dann an zu schimpfen.
Ferrari, denn dieser war es, antwortete, gewohnt, seine Uniform respektiert zu sehen, anfangs durch einige rechts und links geführte nachdrückliche Peitschenhiebe. Die Lazzaroni wichen aus Gewohnheit auf die Seite und schwiegen.
Als er aber an die Ecke des Theaters San Carlo kam, wollte ein Mann dem Pferde quer über den Weg laufen und that dies auf so ungeschickte Weise, daß er über den Haufen geritten ward.
»Freunde,« rief er niederstürzend, »das ist kein Courier des Königs, wie sein Kostüm Euch vielleicht glauben macht. Es ist ein verkappter Jakobiner, der sich aus dem Staube macht. Nieder mit dem Jakobiner! Nieder mit ihm!«
»Ein Jakobiner! Ein Jakobiner! Nieder mit ihm!« schrie die Menge.
Pasquale de Simone schleuderte sein Messer nach dem Pferde, so daß es diesem bis an das Heft in die Schulter drang.
Der Beccajo stürzte sich ebenfalls darauf, und öffnete, gewohnt, den Schafen und Hammeln das Blut abzuzapfen, ihm die Halsschlagader.
Das Pferd bäumte sich, wieherte vor Schmerz, und schlug mit den Vorderfüßen aus, während ein Blutstrom auf die Umstehenden spritzte.
Der Anblick des Blutes übt auf die Völker des Südens einen magischen Einfluß. Kaum fühlten sich die Lazzaroni von der rothen, lauen Flüssigkeit benetzt, kaum athmeten sie den herben Geruch, den es verbreitet, als sie sich auch sofort mit grimmigem Gebrülle auf den Mann und auf das Pferd stürzten.
Ferrari fühlte, daß er, wenn ein Pferd zusammenbräche, verloren sei. Deshalb hielt er es, so viel er konnte, mit dem Zügel und den Knieen aufrecht; das unglückliche Thier war aber zum Tode verwundet.
Es taumelte rechts und links, knickte mit den Vorderbeinen, raffte sich in Folge einer verzweifelten Anstrengung seines Herrn wieder auf und that einen Satz vorwärts.
Ferrari war jetzt nur noch fünfzig Schritte von der Hauptwache des Palastes entfernt. Er rief um Hilfe, aber seine Stimme ward übertäubt von dem hundertmal wiederholten Rufe: »Nieder mit dem Jakobiner!«
Er riß eine Pistole aus der Halfter, in der Hoffnung, daß der Knall des Schusses eher gehört werden würde, als sein Hilferuf.
Gerade in diesem Augenblicke brach das Pferd zusammen. In Folge dieses Stoßes ging das Pistol zufällig los und die Kugel traf einen acht- oder zehnjährigen Knaben, welcher sofort todt niederstürzte.
»Er mordet die Kinder!« rief eine Stimme.
Auf diesen Ruf stürzte Fra Pacifico, welcher sich bis jetzt ziemlich ruhig gehalten, unter die Menge, die er mit seinen spitzen harten Ellbogen wie mit Keilen von Eichenholz auseinanderdrängte.
So gelangte er bis in die Mitte des Gewirres, gerade in dem Augenblicke, wo der mit seinem Pferde gestürzte unglückliche Ferrari wieder auf die Füße zu kommen suchte.
Ehe ihm dies aber gelang, schmetterte die Keule des Mönches auf seinen Kopf herab und er stürzte wie ein von dem Hammer des Schlächters getroffener Stier.
Dies war es aber nicht, was man wollte.
Unter den Augen des Königs sollte Ferrari sterben.
Die fünf oder sechs in das Geheimniß des Dramas eingeweihten Sbirren umzingelten den Körper und vertheidigten ihn, während der Beccajo, ihn bei den Füßen zehrend, rief: »Platz, Platz für den Jakobiner!«
Den Cadaver des Pferdes ließ man, wo er war, nachdem man ihn nämlich geplündert, und dann folgte man dem Beccajo.
Nachdem man zwanzig Schritte zurückgelegt, sah man sich dem Fenster des Königs gegenüber.
Der König, welcher die Ursache dieses furchtbaren Tumults wissen wollte, öffnete die Jalousie.
Bei seinem Anblick ging das Geschrei in wildes Freudengebrüll über.
Als der König dieses Geheul hörte, glaubte er, es sei wirklich ein Jakobiner, dem die Volksjustiz den Garaus mache. Er hatte gegen diese Art, ihn von seinen Feinden zu befreien, durchaus nichts einzuwenden.
Deshalb verneigte er sich gegen das Volk mit lächelndem Munde, und das Volk, welches sich dadurch ermuthigt fühlte, wollte seinem König zeigen, daß es einer würdig wäre.
Es hob den unglücklichen, blutenden, zerrissenen, verstümmelten, aber noch lebenden Ferrari auf seinen Armen empor.
Der Cadaver hatte soeben wieder Bewußtsein erlangt.
Er öffnete die Augen, erkannte den König, breitete die Arme gegen ihn aus und rief:
»Hilfe! Hilfe! Sire, ich bin's! Ich, Ihr Ferrari!«
Bei diesem unerwarteten, entsetzlichen, unerklärlichen Anblick taumelte der König zurück und sank im Hintergrund des Zimmers halb ohnmächtig in einen Sessel, während dagegen Jupiter, der weder Mensch noch König war, und deshalb keinen Grund hatte undankbar zu sein, ein Schmerzensgeheul ausstieß und mit blutrünstigen Augen und schäumender Schnauze zum Fenster hinaus seinem Freunde zu Hilfe sprang.
In diesem Augenblicke öffnete sich die Thür des Zimmers. Die Königin trat ein, faßte den König bei der Hand, zwang ihn, sich zu erheben, zog ihn an das Fenster, zeigte ihm dieses Volk von Cannibalen, welches den unglücklichen Ferrari in Fetzen riß, und sagte:
»Sire, da sehen Sie die Menschen, von welchen Sie erwarten, daß dieselben Neapel und uns vertheidigen. Heute erwürgt dieses Volk Ihre Diener, morgen wird es unsere Kinder und übermorgen uns selbst erwürgen. Beharren Sie immer noch auf Ihrem Wunsche, hier zu bleiben?«
»Lassen Sie alle Anstalten treffen,« rief der König. »Heute Abend reise ich ab.«
Und immer noch die Ermordung des unglücklichen Ferrari zu sehen, immer noch seine um Hilfe rufende sterbende Stimme zu hören glaubend, floh er, das Gesicht mit den Händen bedeckend, die Augen schließend, sich die Ohren zuhaltend, in das seiner Gemächer, welches von der Straße am weitesten entfernt war.
Als er zwei Stunden später wieder herauskam, war das Erste, was er sah, Jupiter, der, mit Blut bedeckt, auf einem Stück Tuch lag, welches, nach der noch daran ersichtlichen Verbrämung zu urtheilen, dem unglücklichen Courier gehört zu haben schien.
Der König kniete neben Jupiter nieder, überzeugte sich, daß sein Liebling keine ernste Wunde davongetragen, und zog, um zu wissen worauf das treue, muthige Thier sich gebettet, trotz seines Aechzens ein Stück von Ferraris Jacke hervor, welches der Hund seinen Henkern streitig gemacht und entrissen hatte.
In Folge einer Fügung der Vorsehung war dieses Stück Jacke gerade das, in welchem sich die Ledertasche befand, welche bestimmt war, die Depeschen zu verwahren.
Der König öffnete den Knopf, der sie verschloß, und fand den kaiserlichen Brief, welchen der Courier zur Antwort auf den Brief des Königs zurückgebracht, noch unversehrt.
Der König gab den Kleiderfetzen dem Hunde zurück, der sich, ein dumpfes Wehgeheul ausstoßend, wieder darauf niederstreckte. Dann kehrte er in sein Zimmer zurück, schloß sich in dasselbe ein, entsiegelte den Brief des Kaisers und las:
»An meinen werthgeschätzten Cousin, Onkel, Schwiegervater und Bundesgenossen.
»Den Brief, welchen Sie mir mit Ihrem Courier Ferrari übersenden, habe ich niemals geschrieben, sondern es ist derselbe vom ersten bis zum letzten Worte gefälscht.
»Der, welchen ich die Ehre hatte, Eurer Majestät zu schreiben, war seinem ganzen Inhalte nach von meiner Hand und rieth, anstatt zum Beginn der Feindseligkeiten aufzufordern, vielmehr nicht eher etwas zu unternehmen, als bis zum nächsten Monat April, weil ich nicht eher als bis dahin auf die Ankunft unserer guten und treuen Bundesgenossen, der Russen, rechnen kann.
»Wenn die Schuldigen zu der Zahl derer gehören, welche Eurer Majestät Gerechtigkeit erreichen kann, so verhehle ich nicht, daß es mir lieb sein würde, die so gestraft zu sehen, wie sie es verdienen.
»Ich habe die Ehre zu sein Eurer Majestät ergebener Bruder, Cousin, Neffe, Schwiegersohn und Bundesgenosse.
»Franz.«
Die Königin und Acton hatten ein überflüssiges Verbrechen begangen, doch nein, wir irren uns. Dieses Verbrechen hatte seinen Nutzen, denn es bestimmte Ferdinand, Neapel zu verlassen und sich nach Sicilien zu flüchten.