Kitabı oku: «La San Felice Band 7»
Siebenter Theil
Erstes Capitel.
Die Flucht
Von diesem Augenblicke an war die Flucht, wie wir gesagt haben, beschlossen und auf demselben Abend des 21. December festgesetzt.
Man kam überein, daß der König, die ganze königliche Familie – mit Ausnahme des Kronprinzen, seiner Gemahlin und seiner Tochter – Sir William, Emma Lyonna, Acton und die vertrautesten Diener des Palastes auf dem »Vanguard« die Ueberfahrt nach Sicilien machen sollten.
Der König hatte, wie man sich erinnern wird, Caracciolo versprochen, daß, wenn er Neapel verließe, dies nicht anders geschehen solle, als auf dem Schiffe dieses Admirals. Durch die Furcht aber wieder unter das Joch der Königin gebeugt, vergaß er sein Versprechen und faßte aus zwei Gründen einen andern Entschluß.
Der erste dieser Gründe, der von ihm selbst ausging, war die Scham, die er dem Admiral gegenüber empfand, Neapel zu verlassen, nachdem er versprochen, daselbst zu bleiben.
Der zweite, welcher von der Königin ausging, war, daß Caracciolo, die patriotischen Prinzipien des ganzen neapolitanischen Adels theilend, den König, anstatt ihn nach Sicilien zu führen, den Jakobinern ausliefern könnte, die, sobald sie sich im Besitze einer solchen Geißel sähen, ihn dann zwingen würden, die Regierung einzusetzen, welche sie wollten, oder die noch schlimmer, ihm vielleicht den Proceß machten, wie die Engländer mit Karl dem Ersten und die Franzosen mit Ludwig dem Sechzehnten gethan.
Als Trost und zur Entschädigung für die ihm entzogene Ehre beschloß man, daß der Admiral die haben solle, später den Herzog von Calabrien mit dessen Familie und Gefolge nach Sicilien zu bringen.
Man unterrichtete die alten Prinzessinnen von Frankreich von dem gefaßten Entschluß, forderte sie auf, mit Hilfe ihrer sieben Leibgarden nach eigenem Belieben für ihre Sicherheit zu sorgen, und schickte ihnen fünfzehntausend Ducati, um ihnen die zu ihrer Flucht nothwendigen Geldmittel zu gewähren.
Nachdem man diese Pflicht gegen sie erfüllt, bekümmerte man sich nicht weiter um sie.
Den ganzen Tag über schaffte man die Schmucksachen, das Geld, die kostbaren Geräthschaften, die Kunstwerke und Statuen, welche man mit nach Sicilien nehmen wollte, in den geheimen Gang hinab.
Der König hätte gern auch seine Känguruhs mitgenommen, aber dies war ein Ding der Unmöglichkeit und er begnügte sich damit, daß er sie durch einen eigenhändigen Brief der Fürsorge des Obergärtners von Caserta empfahl.
Der Verrath der Königin und Acton's, wovon der Brief des Kaisers ihm den Beweis geliefert, lag ihm schwer auf dem Herzen. Er blieb in seine Gemächer eingeschlossen und weigerte sich, irgend Jemand zu empfangen, möchte es sein wer es wollte.
Diese Instruction ward auch streng in Bezug auf Francesco Caracciolo befolgt, welcher, da er von seinem Schiffe aus das Kommen und Gehen und die Signale an Bord der englischen Schiffe gesehen, sogleich argwohnte, daß etwas im Werke sei, eben so auch in Bezug auf den Marquis Vanni, welcher, nachdem er die Thür der Königin verschlossen gefunden und durch den Fürsten von Castelcicala erfahren, daß die Abreise im Werke sei, verzweiflungsvoll an die Thür des Königs zu pochen kam.
Dieser hatte einen Augenblick lang die Idee, den Cardinal Ruffo kommen zu lassen und als Begleiter und Rathgeber auf der Reise mitzunehmen. Er hatte jedoch die feindselige Gesinnung, welche zwischen Ruffo und Nelson herrschte, recht wohl bemerkt.
Uebrigens ward, wie man weiß, der Cardinal von der Königin gehaßt, und Ferdinand gab, wie immer, seiner Ruhe vor den zarten Rücksichten der Freundschaft und der Dankbarkeit den Vorzug.
Dabei sagte er sich, daß der Cardinal als kluger Mann sich recht wohl allein aus der Affaire ziehen würde.
Die Einschiffung ward auf sieben Uhr Abends festgesetzt. Demgemäß ward verabredet, daß sämtliche Personen, welche sich in Gesellschaft der Majestäten auf dem »Vanguard« einschiffen sollten, sich um zehn Uhr in dem Gemache der Königin zu versammeln hätten.
Schlag zehn Uhr trat der König ein, seinen Hund an der Leine führend.
Es war dies der einzige Freund, auf dessen Treue er sich verlassen konnte, und deshalb nahm er ihn mit.
Er hatte auch an Ascoli und Malaspina gedacht, aber er hatte auch zugleich bei sich gemeint, daß diese ebenso wie der Cardinal sich allein aus der Affaire zu ziehen wissen würden.
Er sah sich in dem großen, nur schwach erleuchteten Raum um – man hatte nämlich gefürchtet, daß eine helle Erleuchtung die beabsichtigte Flucht verrathen könne – und er sah, daß sämtliche Flüchtlinge in verschiedene Gruppen vereinigt oder vielmehr zerstreut standen.
Die Hauptgruppe bestand aus der Königin, ihrem Lieblingssohne, dem Prinzen Leopold, dem jungen Prinzen Albert, den vier Prinzessinnen und Emma Lyonna.
Die Königin saß auf einem Sopha neben Emma Lyonna, die den Prinzen Albert, ihren Liebling, auf dem Schoße hielt, während der Prinz Leopold seinen Kopf an die Schulter der Königin lehnte.
Die vier Prinzessinnen saßen theils um ihre Mutter herum, theils lagen sie auf dem Teppich.
Acton, Sir William und der Fürst von Castelcicala standen miteinander sprechend in der Brüstung eines Fensters und hörten den Wind pfeifen und den Regen gegen die Fensterscheiben anschlagen.
Eine andere Gruppe von Ehrendamen, unter welcher man die Gräfin von San Marco, die intime Vertraute der Königin, bemerkte, stand um einen Tisch herum.
Fern von Allen und in dem Dunkel kaum sichtbar, zeigte sich die Gestalt des Secretärs Dick, welcher nur erst diesen selben Tag so geschickt und treu die Befehle seines Herrn und der Königin ausgeführt, welche er hinfort auch ein wenig als seine Herrin betrachten konnte.
Beim Eintritt des Königs erhoben sich Alle und wendeten sich nach ihm herum. Er gab jedoch ein Zeichen mit der Hand, daß Jeder an seinem Platze bleiben solle.
»Laffen Sie sich nicht stören,« sagte er. »Laffen Sie sich nicht stören. Es lohnt nicht mehr der Mühe.«
Und er setzte sich in einen Lehnstuhl in der Nähe der Thür, durch welche er eingetreten war, und nahm Jupiters Kopf zwischen seine Knie.
Der kleine Prinz Albert, welcher von der Königin nicht sonderlich geliebt, die jedem Kinde so kostbare und so nothwendige Liebe, die er von seiner Mutter vergebens erwartete, bei Andern suchte, glitt, als er die Stimme seines Vaters vernahm, von Emmas Schoß herab, kam auf den König zu und bot ihm seine bleiche, ein wenig krankhaft aussehende, von einem Wald blonden Haares umrahmte Stirn.
Der König strich das Haar des Knaben auf die Seite, küßte ihn auf die Stirn und schickte ihn, nachdem er ihn einen Augenblick lang an seine Brust gedrückt und gedankenvoll betrachtet, zu Emma Lyonna zurück, welche der Knabe seine »kleine Mutter« nannte.
Dumpfes Schweigen herrschte in dem düstern Gemach, und Diejenigen, welche sprachen, thaten dies in leisem Tone.
Es war halb elf Uhr, als der Graf von Thurn, der mit dem Marquis von Nizza, dem Commandanten der portugiesischen Flotte, unter Nelsons Befehle stand, durch das kleine Pförtchen und die Wendeltreppe sich in den Palast begeben sollte. Er hatte zu diesem Zwecke den Schlüssel zu einem der Gemächer des Königs erhalten, welches mittelst einer einzigen festen, beinahe massiven Thür mit diesem Ausgang in Verbindung stand, der in den Kriegshafen führte.
Die Pendule schlug mitten unter dem herrschenden Schweigen halb elf.
Unmittelbar darauf hörte man an die Verbindungsthür pochen.
Warum pochte der Graf von Thurn, anstatt zu öffnen, da er ja den Schlüssel hatte?
Unter den Umständen, in welchen man sich befand, ward Alles, was in einer andern Situation blos eine Ursache zur Unruhe gewesen wäre, zu einer Ursache der Furcht und des Schreckens.
Die Königin zuckte zusammen und erhob sich.
»Was gibt’s?« fragte sie.
Der König begnügte sich hinzuschauen. Er wußte nichts von den getroffenen Verfügungen.
»Nun,« sagte Acton immer ruhig und logisch, »es kann ja weiter Niemand sein als der Graf von Thurn.« »Aber warum pocht er, da ich ihm ja einen Schlüssel gegeben habe?«
»Wenn Eure Majestät erlaubt, sagte er, »so will ich gehen und nachsehen.«
»Ja, gehen Sie,« antwortete die Königin.
Acton zündete ein Licht an und ging hinaus in den Corridor.
Die Königin folgte ihm mit besorgten Blicken. Das bisher unheimliche Schweigen ging in Todtenstille über.
Nach Verlauf von einigen Augenblicken trat Acton wieder ein.
»Nun?« fragte die Königin.
»Die Thür,« antwortete er, »ist wahrscheinlich lange nicht geöffnet worden und der Schlüssel ist daher im Schlosse zerbrochen. Der Graf pochte, um zu erfahren, ob es ein Mittel gäbe, die Thür von innen zu öffnen. Ich habe es versucht, aber es ist nicht möglich.«
»Was sollen wir dann thun?«
»Wir müssen die Thür einschlagen lassen.«
»Haben Sie dem Grafen Befehl dazu gegeben?«
»Ja, Madame, und er führt ihn bereits aus.«
In der That vernahm man das Getöse von kräftigen, gegen die Thür geführten Streichen und dann das Krachen der brechenden Thür.
Dieser Lärm hatte etwas Unheimliches und Furchterregendes.
Tritte näherten sich, die Thüre des Salons öffnete sich und der Graf von Thurn trat ein.
»Ich bitte Eure Majestäten,« sagte er, »um Verzeihung für den Lärm, den ich gemacht, und für die Mittel, die ich gezwungen gewesen bin anzuwenden. Das Zerbrechen des Schlüssels war aber ein Unfall, den man unmöglich voraussehen konnte.«
»Es ist eine Vorbedeutung,« sagte die Königin.
»Wenn es eine Vorbedeutung ist,« entgegnete der König mit seinem natürlichen gesunden Verstand, »so ist es auf alle Fälle die, daß wir besser thun würden, zu bleiben als fortzugehen.«
Die Königin fürchtete, daß ihr erhabener Gemahl eine Anwandlung von Willenskraft haben könnte.
»Gehen wir,« sagte sie daher hastig.
»Es ist Alles bereit, Madame,« sagte der Graf von Thurn, »ich bitte jedoch um die Erlaubniß, dem König eine Ordre mitzutheilen, welche ich heute Abend von dem Admiral Nelson erhalten habe.«
Der König erhob sich und näherte sich dem Armleuchter, in dessen Nähe der Graf von Thurn ihn mit einem Papier in der Hand erwartete.
»Lesen Sie, Sire,« sagte der Graf.
»Die Ordre ist englisch geschrieben,« sagte der König, »und ich verstehe nicht englisch.«
»Ich werde es Eurer Majestät übersetzen. Die Ordre lautet:
»An den Admiral Grafen von Thurn.
»Golf von Neapel, am 21. December.
»Die neapolitanischen Fregatten und Corvetten sind zum verbrannt werden bereit zu machen.«
»Was sagen Sie?« fragte der König.
Der Graf von Thurn wiederholte:
»Die neapolitanischen Fregatten und Corvetten sind zum verbrannt werden bereit zu machen.«
»Wissen Sie gewiß, daß Sie sich nicht irren?«, fragte der König.
»Ich irre mich nicht, Sire.«
»Und warum sollen Fregatten und Corvetten verbrannt werden, die so viel Geld gekostet und zu deren Erbauung zehn Jahre Zeit erforderlich gewesen sind?«
»Damit sie nicht den Franzosen in die Hände fallen, Sire!«
»Aber könnte man sie nicht mit nach Sicilien führen?«
»Lord Nelsons Ordre lautet einmal so, Sire, und eben deswegen habe ich die Eurer Majestät mittheilen wollen, ehe ich sie an den Marquis von Nizza befördere, welcher mit der Vollziehung beauftragt ist.«
»Sire, Sire,« sagte die Königin, indem sie sich dem König näherte, »wir verlieren kostbare Zeit um einer Bagatelle willen.«
»Zum Teufel, Madame,« rief der König. »Sie nennen das eine Bagatelle! Sehen Sie das Budget der Marine während der letzten zehn Jahre nach und Sie werden finden, daß diese Bagatelle sich auf mehr als hundertundsechzig Millionen beläuft.«
»Jetzt schlägt es elf Uhr, Sire,« sagte die Königin, »und Mylord Nelson erwartet uns.«
»Sie haben Recht,« sagte der König, »und Mylord Nelson ist nicht der Mann, der gern wartet, wäre es selbst auf einen König oder eine Königin. – Sie werden die Befehle des Mylord Nelson befolgen, Herr Graf, Sie werden meine Flotte verbrennen. Was England nicht zu nehmen wagt, verbrennt es. Ach, mein armer Caracciolo, Du hattest wohl Recht, und ich habe sehr unrecht gethan, daß ich deinen Rathschlägen nicht gefolgt bin. Gehen wir, meine Herren; gehen wir, meine Damen; lassen wir Mylord Nelson nicht warten.«
Und der König ging, das Licht aus Acton's Händen nehmend, voran.
Alle Uebrigen folgten ihm.
Nicht blos die neapolitanische Flotte war verurtheilt, sondern der König hatte nun auch seine eigene Verurtheilung unterzeichnet.
Wir haben seit jenem 21. Dezember 1798 so viel königliche Fluchten gesehen, daß es heutzutage beinahe nicht mehr der Mühe verlohnt, sie zu beschreiben. Ludwig der Achtzehnte, der am 20. März die Tuilerien verließ; Carl der Zehnte, der am 29. Juli die Flucht ergriff; Ludwig Philipp, welcher am 24. Februar dasselbe that, haben uns eine dreifache Varietät dieser gezwungenen Abreisen gezeigt.
Auch vor nur erst wenigen Jahren haben wir in Neapel den Enkel denselben Corridor wie der Großvater passieren, dieselbe Treppe hinabsteigen und den geliebten Boden des Vaterlands gegen die bittere Verbannung umtauschen gesehen.
Nur sollte der Großvater zurückkehren, während der Enkel aller Wahrscheinlichkeit nach auf immer verbannt ist.
Zu jener Zeit aber war es Ferdinand, welcher zu dieser nächtlichen verstohlenen Abreise den Weg zeigte.
Schweigend ging er entlang, aufmerksam horchend und mit pochendem Herzen.
Auf der Mitte der Treppe, an einem auf den sogenannten Riesenhügel gehenden Fenster angelangt, glaubte er Geräusch auf diesem Hügel zu hören, welcher ziemlich steil von dem Palaisplatze nach der Straße Chiatamone hinabführt.
Er blieb stehen, und da dasselbe Geräusch zum zweiten Mal an sein Ohr schlug, so blies er sein Licht aus, und Alle befanden sich nun im Finstern.
Man mußte demgemäß tastend und Schritt um Schritt die schmale, schwierig zu begehende Treppe weiter hinabsteigen. Sie war sehr steil und, da sie kein Geländer hatte, gefährlich. Indessen man gelangte ohne Unfall bis auf die letzte Stufe hinab und fühlte den freien feuchten Hauch der äußeren Luft.
Man war nun blos noch wenige Schritte von den Einschiffungsplatz entfernt.
In dem Kriegshafen war das zwischen den Steindämmen des Molo und denen des Handelshafens gefangen gehaltene Meer ziemlich ruhig.
Man fühlte aber, daß der Wind heftig wehte, und hörte das Tosen der Wogen, welche sich wüthend an den Gestade brachen.
Als man auf die Art Kai gelangte, welcher sich an den Mauern des Schlosses hinzieht, warf der Graf von Thurn einen raschen fragenden Blick gegen Himmel.
Dieser war mit schweren, rasch und tiefgehenden Wolken bedeckt. Es war als ob ein Luftmeer über dem der Erde rollte und sich herabsenkte, um seine Wogen mit dem des letzteren zu mischen.
In dem engen Zwischenraume, der zwischen den Wolken und dem Wasser vorhanden war, brausten die Stöße jenes furchtbaren Südwestwindes, welcher die Schiffbrüche und Unfälle veranlaßt, deren Zeuge der Golf von Neapel in den schlimmen Tagen des Jahres so oft ist.
Der König bemerkte den unruhigen Blick des Grafen von Thurn.
»Wenn das Wetter zu ungünstig ist,« sagte er, »so sollten wir uns in dieser Nacht nicht einschiffen.«
»Aber es ist Mylords Ordre,« antwortete der Graf »Indessen wenn Eure Majestät sich durchaus weigern –«
»Es ist Mylords Ordre! es ist Mylords Ordre!« wiederholte der König ungeduldig. »Wenn aber nun Lebensgefahr dabei ist? Wollen Sie uns für uns stehen, Graf?«
»Ich werde Alles, was in der Macht eines mit Wind und Meer kämpfenden Menschen steht, thun, um Sie an Bord des »Vanguard« zu bringen.«
»Aber zum Teufel, das ist keine Garantie. Würden Sie sich wohl in einer solchen Nacht einschiffen?«
»Eure Majestät sehen, daß ich blos auf Sie warte, um Sie an Bord des Admiralschiffes zu bringen.«
»Ich meine, wenn Sie an meiner Stelle wären?«
»Wenn ich an Euer Majestät Stelle wäre und Befehle nur von den Umständen und von Gott zu empfangen hätte, dann würde ich mir die Sache allerdings noch reiflicher überlegen.«
»Nun, fragte die Königin ungeduldig, ohne jedoch – so mächtig ist das Gesetz der Etikette – vor ihrem Gemahl in das Boot zu steigen zu wagen, »nun, worauf warten wir?«
»Worauf wir warten?« rief der König.
»Hören Sie nicht, was der Graf von Thurn sagt? Das Wetter ist schlecht, er bürgt nicht für unser Leben und sogar Jupiter gibt mir, an seiner Leine zerrend, den Rath, in den Palast zurückzukehren.«
»Nun, so kehren Sie doch dahin zurück, Sire, und lassen Sie uns Alle in Stücke reißen, wie Sie heute einen Ihrer treuesten Diener in Stücke reißen gesehen haben. Was mich betrifft, so ist mir das Meer mit seinen Stürmen immer noch lieber als Neapel mit seiner Bevölkerung.«
»Meinen treuen Diener beklage ich mehr als irgend Jemand, ich bitte Sie, mir dies zu glauben – besonders jetzt, wo ich weiß, was ich von seinem Tode zu denken habe. Was jedoch Neapel und seine Bevölkerung betrifft, so bin nicht ich es, der etwas davon zu fürchten hätte.«
»Ja, ich weiß das. Da dieses Volk in Ihnen einen Repräsentanten sieht, so betet es Sie an. Ich aber, die ich nicht so glücklich bin, mich dieser Sympathien zu erfreuen, ich gehe.«
Und trotz des der Etikette gebührenden Respects stieg die Königin zuerst in das Boot.
Die jungen Prinzessinnen und der Prinz Leopold, welche daran gewöhnt waren, der Königin mehr als dem König zu gehorchen, folgten ihr, wie junge Schwäne ihrer Mutter folgen.
Nur der kleine Prinz Albert ließ Emma Lyonnas Hand los, lief auf den König zu, faßte ihn am Arme und sagte, indem er ihn nach dem Boote fortzuzerren suchte:
»Komm mit, Papa!«
Der König war gewohnt, nur dann Widerstand zu leisten, wenn er von Jemand anders unterstützt ward. Er schaute sich um, ob Jemand da wäre, der ihm Beistand leisten könnte. Aller Augen senkten sich aber vor seinem Blick, obschon in demselben mehr der Ausdruck einer Bitte als einer Drohung lag.
Die Königin hatte bei den Einen die Furcht, bei den Andern den Egoismus zu Bundesgenossen.
Er fühlte sich vollständig allein und verlassen, senkte das Haupt, ließ sich von dem kleinen Prinzen führen, zog seinen Hund, den Einzigen, der wie er der Meinung war, daß man das Land nicht verlassen solle, nach, stieg seinerseits in das Boot und setzte sich auf eine besondere Bank, indem er sagte:
»Da Ihr es einmal Alle wollt – komm, Jupiter, komm!«
Kaum hatte der König Platz genommen, so commandierte der Lieutenant, welcher für das Boot des Königs die Stelle des Hochbootsmannes versah:
»Abstoßen!«
Zwei mit Stangen bewaffnete Matrosen stießen das Boot von dem Kai ab, die Ruder senkten sich und die Barke schwamm nach dem Ausgange des Hafens.
Die zur Aufnahme der übrigen Passagiere bestimmten Boote näherten sich eins nach dem andern dem Einschiffungsplatz, empfingen ihre edle Ladung und folgten der königlichen Barke.
Diese verstohlene Flucht in der Nacht, trotz Sturmgeheul und Wogengebraus, bildete einen schroffen Gegensatz zu jenem Freudenfest des 2. September, wo man unter den glühenden Strahlender Herbstsonne, auf dem spiegelglatten Meer, unter den Tönen von Cimarosa's Musik, bei Glockengeläute und Kanonendonner, dem Sieger von Abukir entgegengefahren war.
Kaum waren drei Monate vergangen und schon sah man, um diesen Franzosen zu entfliehen, deren Niederlage man allzufrüh gefeiert, sich genöthigt, um Mitternacht, im Finstern, bei hochgehendem Meer, die Gastfreundschaft desselben »Vanguard« in Anspruch zu nehmen, den man damals im Triumphe empfangen.
Jetzt handelte es sich vor allen Dingen darum, zu wissen, ob man ihn erreichen könnte.
Nelson hatte sich dem Eingange des Hafens so weit genähert, als die Sicherheit seines Schiffes ihm erlaubte. Dennoch war immer noch zwischen dem Kriegshafen und dem Admiralschiffe eine Viertelmeile zurückzulegen. Während dieser Fahrt konnten die Boote zehnmal umschlagen und untergehen.
In der That, je mehr die königliche Barke – und man wird uns erlauben, daß wir unter diesen ernsten Umständen uns ganz besonders mit dieser beschäftigen – je mehr die königliche Barke sich dem Ausgange des Hafens näherte, desto wirklicher und drohender erschien die Gefahr.
Das Meer warf, wie wir bereits bemerkt, unter der Gewalt des Südwestwindes, der von den Küsten Afrikas und Spaniens kommt, zwischen Sicilien und Sardinien, zwischen Ischia und Capri durchgeht, ohne von den Balearischen Inseln bis zum Fuße des Vesuv auf irgend ein Hinderniß zu stoßen, ungeheure Wellen, welche, indem sie sich dem Lande näherten, sich auf sich selbst zurückwarfen und diese gebrechlichen Fahrzeuge in ihren nassen Wölbungen zu verschlingen drohten, welche in der Finsterniß wie die Rachen gefräßiger Ungeheuer erschienen.
Als man sich der Grenze näherte, wo man aus einem verhältnißmäßig ruhigen in ein wüthendes Meer übergehen sollte, fühlte selbst die Königin, wie ihr der Muth zu entsinken und ihr Entschluß wankend zu werden drohte.
Der König saß stumm und unbeweglich, hielt seinen Hund zwischen den Knien und krampfhaft am Halse gefaßt, während er mit starrem, von der Furcht erweitertem Auge die langen Wogen betrachtete, welche wie eine Heerde Seerosse gegen den Molo anrannten, an dieser granitenen Schranke zerschellend einen unheimlichen Klageton hören ließen und einen ungreifbaren, zitternden Schaum über die Mauer spritzten, welcher in der Finsterniß wie ein Silberregen aussah.
Trotz dieses furchtbaren Schauspiels, welches das Meer darbot, versuchte der Graf von Thurn, den empfangenen Befehlen gemäß, das Hinderniß zu überwinden und den Widerstand zu zähmen.
Im Vordertheile der Barke mit jenem sichern. Gleichgewicht des Seemanns, welches nur eine Frucht mehrjähriger Schifffahrt ist, wie an den Boden angewurzelt stehend, bot er dem Wind, der ihm den Hut genommen, und dem Meer, welches ihn mit seinem Schaum bedeckte, kühn Trotz und ermuthigte die Ruderer durch den von Zeit zu Zeit wiederholten monotonen, aber festen, lauten Ruf:
»Immer frisch! immer frisch!«
Die Barke schwamm weiter.
Als sie aber an der von uns erwähnten Grenze anlangte, ward der Kampf ernsthaft. Dreimal überstieg das siegreiche Fahrzeug die Wogen und glitt den entgegengesetzten Abhang hinab, dreimal aber warf die nächstfolgende Welle es wieder zurück.
Der Graf von Thurn sah selbst ein, daß es Wahnsinn wäre, mit einem solchen Gegner zu kämpfen, und drehte sich herum, um den König zu fragen :
»Sire, was befehlen Sie? Er hatte aber nicht einmal Zeit diese Frage vollständig auszusprechen. Während der Bewegung, die er machte, während der Secunde, die er so unklug war die Führung der Barke aufzugeben, schlug eine Welle, höher und wüthemder als alle vorhergegangenen, über das Fahrzeug hinweg und bedeckte es mit Wasser.
Die Barke erzitterte und krachte. Die Königin und die jungen Prinzen, welche glaubten, ihr letztes Stündlein habe geschlagen, erhoben ein lautes Geschrei und der Hund ließ ein dumpfes Geheul hören.
»Zurück!« rief der Graf von Thurn. »Bei einem solchem Wetter in See stechen wollen, hieße Gott versuchen. Uebrigens wird das Meer gegen fünf Uhr Morgens wahrscheinlich ruhig werden.«
Die über den ihnen erheilten Befehl augenscheinlich nicht wenig erfreuten Matrosen ruderten sofort in den Hafen zurück und wollten an der nächstgelegenen Stelle des Kaies anlegen.
Zweites Capitel.
Worin Michele sich mit dem Beccajo in allem Ernste veruneinigt
Die fürstlichen Flüchtlinge waren nicht die einzigen, welche in jener furchtbaren Nacht mit dem Sturme und dem Meere zu kämpfen hatten.
Gegen halb drei Uhr war der Chevalier San Felice, seiner Gewohnheit gemäß, nach Hause zurückgekommen und hatte mit einer Aufregung, die sonst gar nicht in seiner Gewohnheit lag, zweimal gerufen:
»Luisa! Luisa!«
Luisa eilte sofort hinaus in den Corridor, denn als sie die Stimme ihres Gatten vernahm, verrieth der Ton derselben ihr sofort, daß etwas Außerordentliches vorgegangen war, und als sie ihn sah, ward sie davon überzeugt.
Der Chevalier war in der That sehr bleich.
Von den Fenstern der Bibliothek aus hatte er gesehen, was in der Straße San Carlo geschehen war, nämlich die Ermordung des unglücklichen Ferrari.
Da der Chevalier trotz seines sanften Aeußern außerordentlichen Muth besaß, und zwar jenen Muth, welcher großen Herzen ein tiefes Gefühl von Menschlichkeit verleiht, so war seine erste Bewegung gewesen, hinunter und dem Courier zu Hilfe zu eilen, in welchem er den des Königs recht wohl erkannte. An der Thür der Bibliothek ward er jedoch von dem Kronprinzen aufgehalten, der mit seiner schmeichelnden kalten Stimme ihn fragte:
»Wo wollen Sie hin, San Felice?«
»Wo ich hin will, wo ich hin will?« antwortete San Felice. »Wissen Eure Hoheit denn nicht, was vorgeht?«
»O doch, ich weiß es. Man ermordet einen Menschen. Ist es aber etwas so Seltenes, wenn in den Straßen von Neapel ein Mensch ermordet wird, daß Sie sich in so hohem Grade damit beschäftigen?«
»Aber der, welchen man jetzt ermordet, ist ein Diener des Königs.«
»Ich weiß es.«
»Es ist der Courier Ferrari.«
»Ich habe ihn erkannt.«
»Aber warum erwürgt man einen Unglücklichen unter dem Rufe: Nieder mit den Jakobinern! da doch im Gegentheil dieser Unglückliche einer der treuesten Diener des Königs ist?«
»Wie? Warum? Haben Sie die Correspondenz Macchiavellis, des Vertreters der herrlichen florentinischen Republik in Bologna, gelesen?«
»Allerdings habe ich sie gelesen, gnädigster Herr.«
»Nun, dann kennen Sie also wohl die Antwort, welche er den florentinischen Magistratspersonen in Bezug auf die Ermordung Ramiro's d’Orco gab, dessen Körper man geviertheilt an den vier Ecken des Marktplatzes von Imola auf vier Pfähle gespießt gefunden?«
»Ramiro d’Orco war wohl ein Florentiner?«
»Ja und deswegen glaubte der Senat von Florenz das Recht zu haben, von dem Gesandten nähere Auskunft über diesen seltsamen Mord zu verlangen.«
San Felice dann eine Weile nach und sagte dann:
»Ja; Macchiavelli antwortete: Erlauchte Herren, ich kann Ihnen über den Tod des Ramiro d’Orco weiter nichts sagen, als daß Cäsar Borgio der Fürst ist, welcher es am besten versteht, die Menschen, je nach ihrem Verdienst, zu erheben und zu vernichten!«
»Wohlan, entgegnete der Herzog von Calabrien mit mattem Lächeln, »dann steigen Sie nur wieder auf Ihre Leiter, mein lieber Chevalier, und erwägen Sie die Antwort Macchiavellis.«
Der Chevalier stieg wieder auf seine Leiter und hatte noch nicht die drei ersten Stufen erstiegen, so begriff er auch schon, daß eine Hand, welche Interesse an Ferraris Tod besaß, die Schläge, die ihn getroffen, geleitet hatte.
Eine Viertelstunde später rief man den Prinzen im Auftrag seines Vaters.
»Verlassen Sie den Palast nicht eher, als bis Sie mich wieder gesehen haben werden,« sagte der Herzog von Calabrien zu dem Chevalier, »denn aller Wahrscheinlichkeit nach werde ich Ihnen etwas Neues mitzutheilen haben.«
In der That trat noch vor Ablauf einer Stunde der Prinz wieder ein.
»San Felice,« sagte er, »Sie erinnern sich wohl noch des mir gegebenen Versprechens, mich nach Sicilien zu begleiten?«
»Ja, Hoheit.«
»Sind Sie immer noch bereit, dieses Versprechen zu halten?«
»Ja wohl, nur –«
»Was?«
»Als ich meiner Gattin erzählte, welche Ehre Eure Hoheit mir zu erzeigen gesonnen sind –«
»Nun?«
»Verlangte sie mich begleiten zu dürfen.«
Der Prinz stieß einen Freudenruf aus.
»Dank für diese gute Nachricht, Chevalier!« rief er. »Ah, dann wird also die Prinzessin eine Begleiterin haben, die ihrer würdig ist. Ihre Gattin, San Felice, ist das Musterbild der Frauen, dies weiß ich, und Sie werden sich erinnern, daß ich sie zur Ehrendame der Prinzessin verlangte, denn sie wäre nicht blos dem Namen, sondern auch der That nach eine wirkliche Ehrendame gewesen. Sie wollten aber damals nicht. Heute kommt sie von selbst zu uns. Sagen Sie ihr, mein lieber Chevalier, daß sie willkommen sein wird.«
»Ich werde es ihr sagen, Hoheit.«
»Warten Sie doch. Ich habe Ihnen noch nicht Alles gesagt.«
»Ich höre.«
»Noch diese Nacht reisen wir Alle ab.«
Der Chevalier machte große Augen.
»Ich glaubte,« sagte er, »der König hätte beschlossen, nur im äußersten Nothfalle fortzugehen.«
»Ja, aber durch Ferraris Ermordung sind alle seine Entschlüsse über den Haufen geworfen worden. Um halb elf Uhr verläßt er das Schloß und begibt sich mit der Königin, den Prinzessinnen, meinen beiden Brüdern, den Gesandten und den Ministern an Bord von Lord Nelsons Schiff.«
»Aber warum nicht an Bord eines neapolitanischen Schiffes? Nach meiner Ansicht ist es eine Beleidigung für die ganze neapolitanische Marine, wenn er auf diese Weise einem englischen Schiffe den Vorzug gibt.«
»Die Königin hat es so gewollt, und ohne Zweifel zur Entschädigung soll ich die Reise mit dem Schiffe des Admirals Caracciolo machen. Folglich werden Sie sich mit mir an Bord dieses Schiffes begeben.«
»Zu welcher Stunde?«
»Dies weiß ich selbst noch nicht. Ich werde es Ihnen sagen lassen. Auf alle Fälle halten Sie sich bereit. Wahrscheinlich wird es zwischen zehn Uhr und Mitternacht geschehen.«
»Sehr wohl, Hoheit.«
Der Prinz ergriff die Hand des Chevaliers, sah ihn an und sagte:
»Sie wissen, daß ich auf Sie rechne.«
»Sie haben mein Wort, Hoheit,« antwortete San Felice, sich verneigend; »und die Ehre, Sie zu begleiten, ist für mich zu groß, als daß ich nur einen Augenblick lang zögern sollte, sie anzunehmen.«
Nachdem der Chevalier dies gesagt, nahm er Hut und Regenschirm und entfernte sich.
Die immer noch grollende Menge erfüllte die Straßen. Auf dem Platze des Palastes selbst hatte man zwei oder drei Feuer angezündet, woran man Fleischstücke von Ferraris Pferd auf den glühenden Kohlenbriet.
Was den unglücklichen Courier betraf, so war er in Stücke zerrissen worden. Der Eine hatte die Beine, der Andere die Arme genommen; dann hatte man Alles auf spitzige Stöcke – die Lazzaronis hatten damals noch weder Piken noch Bajonette – gespießt und trug diese scheußlichen Trophäen unter dem Rufe: »Es lebe der König! Nieder mit den Jakobinern!« in den Straßen umher.
Am Riesenhügel begegnete der Chevalier dem Beccajo, welcher sich des Kopfes des Gemordeten bemächtigt, ihm eine Orange in den Mund gesteckt hatte und diesen Kopf auf der Spitze eines Stockes umhertrug.
Als der Beccajo einen Mann in guter Kleidung – was in Neapel das Kennzeichen des Liberalismus war – erblickte, kam er auf die Idee, den Chevalier zu zwingen, Ferraris Kopf zu küssen.
Wir haben jedoch schon gesagt, daß der Chevalier nicht der Mann war, welcher sich fürchtete. Er weigerte sich, dem an ihn gestellten Verlangen zu willfahren und stieß den elenden Mörder mit Entrüstung zurück.
»Verwünschter Jakobiner!« rief der Beccajo; »ich will, daß Du diesen Kopf küssest und, mannaggia la Madonna, Du wirst ihn küssen!«
Mit diesen Worten drang er wieder auf den Chevalier ein.
Dieser, welcher weiter keine Waffe hatte, als seinen Regenschirm, setzte sich mit demselben zur Wehre.
Bei dem Rufe: »Der Jakobiner! der Jakobiner!« kamen alle jene Verworfenen, für welche dieser Ruf ein Versammlungssignal war, herbeigeeilt und schon bildete sich ein drohender Kreis um den Chevalier, als ein junger Mann diesen Ring durchbrach, den Beccajo durch einen Stoß vor die Brust zehn Schritte weit hinwegschleuderte, seinen Säbel zog, und sich vor den Chevalier stellte.
»Das wäre kein übler Jakobiner!« rief er dann. »Der Chevalier San Felice, Bibliothekar Seiner königlichen Hoheit des Prinzen von Calabrien, sollte ein Jakobiner sein! Ich frage,« fuhr er fort, indem er mit seinem Säbel die Mühle machte, »ich frage, was wollt Ihr denn von dem Chevalier San Felice?«
»Capitän Michele!« riefen die Lazzaroni. »Es lebe der Capitän Michele! Er ist einer der Unsern!«
»Jetzt gilt es nicht, zu rufen: Es lebe der Capitän Michele! sondern vielmehr: Es lebe der Chevalier San Felice! und zwar sogleich.«
Die Menge, welcher es ganz gleich ist, ob sie schreit: »Es lebe der und der !« oder: »Nieder mit dem und dem!« dafern sie nur überhaupt schreien kann, heulte wie aus einer einzigen Kehle:
»Es lebe der Chevalier San Felice!«
Nur der Beccajo schwieg
»Na,« sagte Michelle zu ihm, »wenn Du auch vor der Thür seines Gartens Dir deine Narbe geholt hat, so ist dies doch kein Grund für Dich, nicht auch zu rufen: Es lebe der Chevalier!«
»Und wenn es mir nun nicht beliebt, so zu rufen?« entgegnete der Beccajo.
»Auf das, was Dir beliebt, kommt es jetzt nicht an, sondern nur auf das, was mir beliebt. Entweder,« fuhr Michele fort, »rufst Du: Es lebe der Chevalier San Felice! und zwar auf der Stelle, oder ich schlage Dir auch noch das andere Auge aus deinem Kopf.«
Und Michele schwang seinen Säbel über den Kopf des Beccajo, welcher sehr bleich ward, und zwar mehr aus Angst als vor Zorn.
»Mein Freund, mein guter Michele,« sagte der Chevalier, »laß diesen Menschen in Ruhe. Du siehst ja, daß er mich nicht kennt.«
»Aber wenn er Sie nicht kennt, warum wollte er Sie denn zwingen, den Kopf des Unglücklichen zu küssen, welchen er umgebracht hat? Allerdings wäre es immer noch besser, diesen Kopf, welcher der eines ehrlichen Mannes ist, zu küssen als den einigen, welcher einem Schurken angehört.«
»Hört Ihr es!« heulte der Beccajo.
»Er nennt Jakobiner ehrliche Leute!«
»Schweig, Elender! Dieser Mann war kein Jakobiner, das weißt Du recht wohl. Es war Antonio Ferrari, der Courier des Königs und einer der entschlossensten Diener Seiner Majestät. Wenn Ihr mir nicht glaubt, so fragt hier den Chevalier. Herr Chevalier, sagen Sie diesen Leuten, welche nicht bös sind, aber das Unglück hatten, einem Bösewicht zu folgen, sagen Sie ihnen, wer der arme Antonio war.«
»Meine Freunde, sagte der Chevalier, »Antonio Ferrari, welcher umgebracht worden, ist in der That das Opfer eines beklagenswerthen Irrthumes, denn er war einer der eifrigsten Diener eures guten Königs, welcher in diesem Augenblicke seinen Tod beweint.«
Die Menge hörte mit Bestürzung zu.
»Jetzt wage noch zu sagen, daß dieser Kopf nicht der Ferraris ist und daß Ferrari nicht ein ehrlicher Mann war! Sag' es! So lag es doch, damit ich Gelegenheit habe, Dir die andere Hälfte deines Gesichtes herunter zu hauen.«
Und Michele hob seinen Säbel über den Beccajo.
»Gnade!« rief dieser, indem er auf die Knie niedersank. »Ich will Alles sagen, was Du verlangt.«
»Und ich, ich will nur Eins sagen, nämlich, daß Du ein Bube bist. Mach, daß Du fortkommt, und wenn Du mir jemals wieder in den Weg geräthst, so trage Sorge, mir auf zwanzig Schritte rechts oder links auszuweichen.«
Der Beccajo entfernte sich unter dem Hohngeschrei dieser Menge, welche ihm einen Augenblick vorher noch Beifall zujauchzte und die sich in zwei Banden theilte.
Die eine folgte dem Beccajo, indem sie ihn mit Schimpfreden überhäufte, die andere dagegen Michele und dem Chevalier, indem sie rief:
»Es lebe Michele! Es lebe der Chevalier San Felice!«
Michele blieb an der Thür des Gartens stehen, um seine Escorte zu verabschieden.
Der Chevalier ging in sein Haus hinein und rief, wie wir bereits erwähnt, Luisa.
Wir haben so eben erzählt, was er von den Fenstern der Bibliothek aus mit angesehen und was ihm auf dem Riesenhügel begegnet war – zwei Dinge, die unserer Meinung nach hinreichend waren, um seine Blässe zu erklären.
Kaum hatte er Luisa den Grund mitgetheilt, der ihn zurückführte, so ward sie ihrerseits bleicher als er. Sie entgegnete jedoch kein Wort, sie machte keine Bemerkung, sondern fragte blos:
»Wann wird die Abreise erfolgen?«
»Zwischen zehn Uhr und Mitternacht,« antwortete der Chevalier.
»Ich werde bereit sein,« sagte sie. »Mache Dir keine Sorge um mich, mein Freund.«
Und sie zog sich unter dem Vorwande, ihre Anstalten zur Abreise zu treffen, in ihr Zimmer zurück, indem sie zugleich Befehl gab, das Diner wie gewöhnlich um drei Uhr zu servieren.
Drittes Capitel.
Das Verhängniß
Luisa hatte sich nicht in ihr Zimmer zurückgezogen, sondern in das Salvatos. In dem Kampfe zwischen der Pflicht und der Liebe hatte die erstere gesiegt, nachdem sie aber ihre Liebe der Pflicht geopfert, glaubte sie eben dadurch das Recht erworben zu haben, der Liebe ihre Thränen zu weihen.
Schon seit dem Tage, wo sie zu ihrem Gatten gesagt: »Ich werde mit Dir gehen,« hatte sie viel geweint.
Da sie nicht wußte, auf welchem Wege die Salvato ihre Briefe zusenden sollte, so hatte sie nicht an ihn geschrieben, wohl aber zwei anderweite Briefe von ihm empfangen.
Diese so feurige Liebe, diese so innige Freude, welche sie in jeder Zeile der Briefe des jungen Mannes fand, zerriß ihr das Herz, besonders wenn sie bedachte, welcher bitteren Täuschung Salvato zur Beute fallen würde, wenn er, erfüllt von Hoffnung und Gewißheit, das Fenster offen und Luisa in dem Zimmer glaubend, wo sie in diesem Augenblick so heiße Thränen des Schmerzes vergoß, Luisa abwesend und das Fenster verlassen fände.
Dennoch bereute sie nicht, was sie versprochen, oder wozu sie vielmehr sich erboten. Hätte sie noch einmal die Wahl gehabt, so würde sie jetzt, wo die Stunde der Abreise bevorstand, doch abermals so gehandelt haben, wie sie gethan.
Sie rief Giovannina.
Diese kam herbeigeeilt. Sie hatte von der Küche aus Michele gesehen und ahnte, daß etwas ganz Außerordentliches geschehen sei.
»Nina,« sagte ihre Herrin zu ihr, »diese Nacht verlassen wir Neapel. Ich beauftrage Dich, die Gegenstände, deren ich zum alltäglichen Gebrauche bedarf, zusammen und in einige Kisten zu packen. Du kennst diese Gegenstände ebenso gut als ich, nicht wahr?«
»Allerdings kenne ich sie,« antwortete die Dienerin, »und ich werde thun, was Sie mir befehlen, Signora. Vorher aber werden Sie die Güte haben, mir über etwas Aufschluß zu geben.«
»Worüber? sprich, Nina,« antwortete Luisa, ein wenig verwundert über die steigende Festigkeit, womit die Dienerin auf den ihr erheilten Befehl geantwortet.
»Nun, ich meine über die Worte: Wir verlassen Neapel, nicht wahr, so sagten Sie, Signora?«
»Allerdings sagte ich so.«
»Gedenken Sie mich mitzunehmen, Signora?«
»Wenn Du Lust hat, mitzugehen, ja; solltest Du dagegen keine Lust haben –«
Nina sah ein, daß sie ein wenig zu weit gegangen war.
»Wenn ich nur von mir abhinge, so würde ich Ihnen mit dem größten Vergnügen folgen bis ans Ende der Welt,« sagte sie »unglücklicherweise aber habe ich Familie.«
»Eine Familie zu haben, ist niemals ein Unglück, mein Kind,« sagte Luisa mit ihrer sich stets gleichbleibenden Sanftmuth.
»Entschuldigen Sie, Signora, wenn ich ein wenig zu frei mit der Sprache herausgehe –«
»Du bedarfst keiner Entschuldigung. Du hast eine Familie, sagtest Du, und diese Familie, wolltest Du sagen, wird nicht erlauben, daß Du Neapel verlässest.«
»Allerdings nicht, Signora, das weiß ich bestimmt,« antwortete Giovannina rasch.
»Aber,« fuhr Luisa fort, indem sie bedachte, daß es für Salvato weniger grausam sein würde, wenn er in ihrer Abwesenheit Jemanden fände, mit dem er von ihr sprechen könnte, als wenn die Thür verschlossen und das Haus stumm wäre, »aber würde deine Familie Dir wohl erlauben, daß Du als eine vertraute, mit der Bewachung des Hauses beauftragte Person hier bliebest?«
»O, was das betrifft, ganz gewiß!« rief Nina mit einer Lebhaftigkeit, welche Luisa, wenn sie die mindeste Ahnung von dem gehabt hätte, was in dem Herzen ihrer Dienerin vorging, die Augen hätte öffnen müssen.
Dann sich mäßigend setzte Nina hinzu:
»Es wird stets eine Ehre und eine Pflicht für mich sein, Ihrem Interesse dienen zu können, Signora.«
»Nun dann, Nina, dann wirst Du, obschon ich an deinen Dienst gewöhnt bin, hier bleiben,« sagte Luisa. »Vielleicht dauert unsere Abwesenheit nicht lange. Während dieser Abwesenheit wirst Du zu Allen, welche sich einfinden werden, um mich zu sehen – merke wohl, was ich sage, Nina – Du wirst sagen, die Pflicht meines Gemahls sei, dem Prinzen zu folgen, und meine Pflicht sei, meinem Gatten zu folgen. Du wirst sagen – denn Du, die Du selbst nicht Neapel verlassen willst, begreift besser als irgend Jemand, wie schwer mir dieser Abschied ankommt – Du wirst sagen, daß ich mit thränenden Augen mein erstes und zur Stunde der Abreise mein letztes Lebewohl jedem der Zimmer dieses Hauses und jedem der in diesen Zimmern enthaltenen Gegenstände sagte. Und wenn von diesen Thränen spricht, weißt Du, daß Du es nicht eitle Worte sind, denn Du hast sie selbst fließen sehen.«
Luisa brach bei diesen letzten Worten in lautes Schluchzen aus.
Nina betrachtete ihre Herrin mit einer gewissen Freude und benutzte den Umstand, daß Luisa, weil sie das Tuch vor die Augen hielt, nicht den flüchtigen Ausdruck lesen konnte, der über ihr Gesicht zuckte.
»Und,« hob sie zögernd an, »wenn nun Signor Salvato kommt, was soll ich diesem sagen?«
Luisa nahm das Tuch vom Gesicht und antwortete mit erhabener heiterer Ruhe:
»Daß ich ihn immer noch liebe und daß diese Liebe so lange dauern wird als mein Leben. Sage Michele, er solle nicht fortgehen. Ich habe vor meiner Abreise noch mit ihm zu sprechen und ich rechne darauf, daß er mich bis an das Boot geleitet.«
Nina verließ das Zimmer.
Als Luisa sich allein sah, drückte sie ihr Gesicht in das auf dem Bett liegen gebliebene Kopfkissen, ließ einen Kuß in der auf diese Weise bewirkten Vertiefung zurück und verließ das Zimmer ebenfalls.
Es hatte eben drei Uhr geschlagen und der Chevalier trat mit seiner gewohnten Pünktlichkeit, die durch nichts gestört werden konnte, durch die Thür seines Arbeitscabinets in das Speisezimmer, während Luisa durch die ihres Schlafzimmers hereintrat.
Michele stand draußen vor der Hausthür auf der Terrasse.
Der Chevalier suchte ihn mit den Augen.
»Wo ist denn Michele?« fragte er. »Er ist doch nicht schon wieder fort, hoffe ich?«
»Nein,« sagte Luisa, »hier ist er. Komm doch herein, Michele! Der Chevalier fragt nach Dir und ich habe auch mit Dir zu sprechen.«
Michele trat ein.
»Du weißt wohl, was dieser junge Mann gethan hat?« fragte der Chevalier seine junge Gattin, indem er ihm die Hand auf die Schulter legte.
»Nein,« antwortete Luisa, »jedenfalls aber ist es etwas Gutes gewesen.«
Dann setzte sie in wehmüthigem Tone hinzu:
»In der Marinella nennt man ihn Michele den Narren. Die Freundschaft aber, die er für uns hegt, vertritt, wenigstens in meinen Augen, bei ihm die Stelle des Verstandes.«
»Ach!«, rief Michele, »das war sehr gut gesagt.«
»Es lohnt allerdings nicht der Mühe, davon zu sprechen,« fuhr San Felice mit seinem gutmüthigen Lächeln fort. »Ich bin so zerstreut, daß ich, als ich nach Hause kam, Dir nichts davon gesagt habe. Er hat mir sehr wahrscheinlich das Leben gerettet.«
»Na, wenn es weiter nichts ist!« rief Michele dazwischen.
»Das Leben gerettet! Wieso denn?« fragte Luisa mit einer auffallenden Veränderung in ihrem Ton.
»Denke Dir, daß ein Bösewicht auf mich zukam, welcher mich zwingen wollte, den Kopf jenes unglücklichen Ferrari zu küssen, und der, weil ich dies nicht wollte, mich einen Jakobiner nannte! Es ist bei jetziger Zeit sehr gefährlich, ein Jakobiner genannt zu werden. Das Wort begann auch wirklich schon eine Wirkung zu äußern, Michele aber warf sich zwischen mich und die Menge, schwang seinen Säbel und der Mann ging fort, während er, glaube ich, noch Drohungen gegen mich ausstieß. Was konnte er denn gegen mich haben?«
»Nicht gegen Sie, sondern wahrscheinlich gegen Ihr Haus. Sie erinnern sich, was Doctor Cirillo Ihnen von einem Mord erzählte, welcher in der Nacht vom 22. zum 23. September unter Ihren Fenstern verübt ward. Dieser Mensch ist nun eben einer von jenen fünf oder sechs Schurken, welcher von dem, den sie ermorden wollten, selbst so trefflich bedient wurde.«
»Ah, also unter meinem Fenster hat er die Schmarre davongetragen, welche er unter dem Auge hat?«
»Sehr richtig.«
»Dann begreife ich, daß er diesen Ort mit ungünstigem Auge betrachtet. Aber was geht die Sache mich an?«
»Eigentlich nichts, wenn sie aber auf dem Altmarkt Geschäfte abzumachen haben, so möchte ich sagen: Wenn es Ihnen gleich ist, Herr Chevalier, so gehen Sie nicht ohne mich hin.«
»Ich verspreche es Dir Und nun umarme deine Schwester, mein Sohn, und setze Dich mit uns zu Tische.«
Michele war gewöhnt an diese Ehre, welche der Chevalier und Luisa ihm von Zeit zu Zeit erzeigten. Er machte daher keine Schwierigkeiten, die Einladung anzunehmen, besonders jetzt, wo er, zum Capitän ernannt, einige der Sprossen der sozialen Stufenleiter erstiegen, welche ihn früher von seinem edlen Freunde trennten.
Gegen vier Uhr fuhr ein Wagen an der Hausthür vor und Nina ließ den Secretär des Herzogs von Calabrien ein, welcher mit dem Chevalier in ein Cabinet ging, aber fast sofort wieder herauskam.
Michele hatte gethan, als ob er nichts sähe.
Als der Chevalier wieder aus seinem Cabinet herauskam und nachdem er den Secretär des Prinzen bis an seinen Wagen geleitet, gab er Luisa einen Wink, um sie zu fragen, ob er sie Michele anvertrauen könne.
Luisa, welche wußte, daß Michele noch weit eher für sie als für den Chevalier das Leben lassen würde, antwortete mit »Ja«.
Der Chevalier sah Michele einen Augenblick an.
»Mein lieber Michele,« sagte er zu ihm, »Du wirst uns versprechen, keinem Menschen, wer er auch sei, auch ein einziges Wort von dem Geheimniß mitzutheilen, welches ich im Begriffe stehe Dir anzuvertrauen.«
»Weißt Du, was es ist, Schwesterchen?«
»Ja.«
»Und es gilt also zu schweigen?«
»Du hörst, was der Chevalier Dir sagt.«
Michele machte sich ein Kreuz über den Mund.
»Sprechen Sie. – Es ist so gut, als ob der Beccajo mir die Zunge ausgeschnitten hätte.«
»Wohlan, Michele, diese Nacht reist Alles ab.«
»Wie so, Alles? Wer denn?«
»Der König, die Königin, die königliche Familie, wir selbst.«
Luisa traten die Thränen in die Augen.
Michele warf einen raschen Blick auf sie und sah diese Thränen.
»Und nach welchem Lande reist man denn?«, fragte Michele.
»Nach Sicilien.«
Der Lazzarone schüttelte den Kopf.
»Ich habe nicht die Ehre, zu den Rathgebern des Königs zu gehören,« sagte er dann; »wenn ich aber dazu gehörte, so würde ich zu ihm sagen: Sire, Sie haben Unrecht.«
»Ach, warum hat er nicht so freimüthige Rathgeber, wie Du einer bist, Michele!« sagte Luisa.
»Man hat es ihm gesagt, hob der Chevalier wieder an. »Der Admiral Caracciolo und der Cardinal Ruffo haben es ihm gesagt, die Königin hat aber Furcht, der Minister Acton hat Furcht und in Folge des heute von dem Volke verübten Mordes hat der König beschlossen abzureisen.«
»Ah!« sagte Michele, »nun fange ich an zu begreifen, warum ich unter der Zahl der Mörder Pasquale de Simone und den Beccajo sah. Was Fra Pacifico betrifft, so war der arme Mann dabei wie ein Esel, ohne zu wissen warum.«
»Aber Michele, fragte Luisa, »dann glaubst Du also, die Königin –«
»Still, still, Schwesterchen! In Neapel sagt man dergleichen Dinge nicht, sondern begnügt sich, sie zu denken. Doch gleichviel! Der König hat Unrecht. Wäre der König in Neapel geblieben, so kämen die Franzosen nimmermehr herein. Eher ließen wir uns Alle todtschlagen. Ha, wenn das Volk wüßte, daß der König fort will!«
»Ja, aber es darf es nicht wissen, Michele. Deshalb habe ich Dich schwören lassen, nichts von dem, was ich Dir mittheilen würde, weiter zu sagen. Also, diese Nacht reisen wir ab, Michele!«
»Und mein Schwesterchen auch?«, fragte Michele in einem Tone, aus welchem er nicht alle Ueberraschung bannen konnte.
»Ja, sie verlangt selbst mir zu folgen, das gute, liebe Kind,« sagte der Chevalier, indem er seine Hand über den Tisch ausstreckte, um die Luisa's zu suchen.
»Ja,« sagte Michele, »Sie können sich rühmen, eine Heilige zur Gattin zu haben, Herr Chevalier.«
»Michele!« sagte Luisa.
»O, ich weiß, was ich sage. Und diese Nacht reisen Sie also ab? Madonna! Ich wollte, ich wäre Jemand, dann ginge ich auch mit.«
»O, komm' mit, Michele! komm' mit!« rief Luisa, welche in Michele einen Freund sah, mit dem sie von Salvato sprechen konnte.
»Unglücklicherweise ist es unmöglich, Schwesterchen,« antwortete der Lazzarone. »Ein Jeder hat seine Pflicht; Die deinige will, daß Du gehest, und die meinige befiehlt mir, zu bleiben. Ich bin Capitän und Volksanführer, und ich trage den Säbel nicht blos an der Seite, um über dem Kopfe des Beccajo die Windmühle zu machen, sondern um mich zu schlagen, um Neapel zu vertheidigen, um so viel Franzosen als möglich niederzuhauen.«
Luisa machte eine unwillkürliche Bewegung.
»O, sei unbesorgt, Schwesterchen, hob Michele lachend wieder an, »alle werde ich sie nicht umbringen.«
»Wohlan, um der Sache ein Ende zu machen,« fuhr der Chevalier fort, »wir schiffen uns heute Nacht an der »Vittoria« ein, um hinter dem Castell dell' Uovo an Bord der Fregatte des Admirals Caracciolo zu gehen. Ich wollte Dich bitten, deine Schwester nicht zu verlassen und im Nothfalle für sie im Augenblicke der Einschiffung dasselbe zu thun, was Du vor zwei Stunden für mich thatest, das heißt, sie in deinen Schutz nehmen.«
»O, in dieser Beziehung können Sie unbesorgt sein, Chevalier, für Sie würde ich mich tödten lassen, für Luisa aber ließe ich mich in Stücke reißen. Doch gleichviel, wenn das Volk etwas von dieser Abreise des Königs wüßte, so gäbe es keinen schlechten Aufruhr.«
»Also,« sagte der Chevalier, indem er sich von der Tafel erhob, »ich habe dein Wort, Michele, Du verlässest Luisa nicht eher, als bis sie im Boote ist.«
»Seien Sie unbesorgt; ich verlasse sie von hier bis dorthin eben so wenig, als ihr Schatten an einem sonnenhellen Tage, denn ich weiß heute nicht recht, was Jeder von uns mit dem einigen gemacht hat.«
Der Chevalier, welcher seine sämtlichen Papiere in Ordnung zu bringen, seine Bücher einzupacken und alle angefangenen Manuscripte mitzunehmen hatte, kehrte in sein Cabinet zurück.
Was Michele betraf, der nichts zu thun hatte, als sein Schwesterchen anzusehen, so heftete er seinen wohlwollenden Blick auf sie, und als er sah, wie zwei große Thränen still aus ihren schönen Augen die Wangen herabrollten, sagte er:
»In der That, es gibt Menschen, die ungeheures Glück haben, und der Chevalier gehört zu diesen Menschen. Mannaggia la Madonna! Affunta würde für mich nicht thun, was Du für ihn thut.«
Luisa erhob sich, aber so rasch sie auch in ihr Zimmer zurückkehrte und so schnell sie auch die Thür desselben hinter sich schloß, so hörte Michele doch das Geräusch des Schluchzens, welches sich jetzt, wo sie allein war, unaufhaltsam ihrer Brust entrang.
Wir haben schon bei einer andern Gelegenheit, als Salvato und nicht Luisa Neapel verließ, mit dem Auge die langsame ungleiche Bewegung des Zeigers auf dem Zifferblatte der Uhr verfolgt. Dieser Bewegung folgten gleichzeitig mit uns zwei Herzen, da sie aber sich eins auf das andere stützten, so erschien diese Bewegung ihnen sicherlich weniger schmerzlich, als jenem armen, alleinstehenden Herzen, welches keine andere Stütze hatte, als das Gefühl der erfüllten Pflicht.
Luisa war, wie gewöhnlich, durch ihr Zimmer blos hindurchgegangen und hatte sich auf den Fußspitzen in das Zimmer Salvato's begeben.
Als sie den Corridor durchschritt, vernahm sie mit einem gewissen Grade von Erstaunen einige Töne von Giovannina's Stimme, welche ein heiteres neapolitanisches Liedchen sang.
Bei den Tönen dieser etwas unzeitigen Heiterkeit seufzte Luisa und sagte bei sich selbst:
»Das arme Mädchen! Sie ist froh, daß die Neapel nicht zu verlassen braucht, und wenn ich frei wäre und eben so wie sie in Neapel bliebe, so würde auch ich ein fröhliches neapolitanisches Liedchen singen.«
Und sie kehrte in ihr Zimmer zurück und ihr Herz fühlte sich durch diese Heiterkeit, die zu ihrem Schmerz einen so schroffen Gegensatz bildete, noch mehr bedrückt als vorher.
Wir brauchen nicht erst zu sagen, welche Gedanken Luisas Herz beschäftigten, sobald sie einmal das Heiligthum ihrer Liebe wieder betreten hatte.
Ihr ganzes Leben ging an ihrem Auge vorüber.
Wir sagen, ihr ganzes Leben, denn in ihrer Erinnerung hatte sie erst während der sechs Wochen gelebt, wo Salvato dieses Zimmer bewohnt hatte.
Von dem Augenblicke an, wo der Verwundete auf sein Schmerzenslager getragen worden, bis zu dem, wo, auf ihren Arm gestützt, der Genesene durch das auf das kleine Gäßchen gehende Fenster das Haus verlassen, wo er, ehe er dieses Fenster verließ, in einem ersten und letzten Kusse seine Lippen auf die ihrigen gedrückt und seine Seele in ihre Brust gehaucht, von diesem Augenblicke an ging nicht blos jeder Tag, sondern auch jede Stunde des Tages, traurig oder freudig, düster oder heiter an ihr vorüber.
Und wie immer folgte sie, die Augen des Körpers geschlossen haltend, aber mit den Augen der Seele dieser langen Kette, als sie plötzlich leise an ihre Thür pochen hörte, worauf Michele in seinem sanftesten Tone ihr durch das Schlüsselloch zuflüsterte:
»Ich bin es, Schwesterchen.«
»Komm' herein, Michele, komm' herein,« sagte sie. »Du weißt, daß Du herein darfst.«
Michele trat ein. Er hielt einen Brief in der Hand.
Luisa heftete mit ausgebreiteten Armen und während ihr der Athen in der Brust stockte, die Augen auf diesen Brief.
War ihr in einem solchen Augenblicke der hohe Trost beschieden, von Salvato einen letzten Brief zu erhalten?
»Es ist ein Brief von Portici,« sagte Michele. »Ich habe ihn aus den Händen des Briefträgers empfangen und bringe ihn Dir.«
»O, gib her! gib her!« rief Luisa. »Er ist von ihm!«
Michele übergab ihr den Brief und wollte die Thür schließen. Ehe er dies jedoch that, fragte er:
»Soll ich bleiben oder soll ich gehen?«
»Bleibe, bleibe!« rief Luisa.
»Du weißt ja, daß ich vor Dir keine Geheimnisse habe.«
Michele blieb, hielt sich aber in der Nähe der Thür.
Luisa entsiegelte rasch den Brief und versuchte, wie immer, vergebens zu lesen. Die Thränen und die Gemüthsbewegung umschleierten ihre Augen mit einem Nebel, der sich erst nach einigen Sekunden ein wenig zerstreute.
Endlich konnte sie lesen.
»San Germano, am 19. December, Morgens.«
»Er ist in San Germano, oder vielmehr er war dort, als er diesen Brief schrieb,« sagte Luisa zu Michele.
»Lies, Schwesterchen,« antwortete dieser. »Es wird Dir wohlthun.«
Sie begann wieder – denn sie hatte sich unterbrochen, indem sie den Kopf zurückwarf und den Brief an ihr Herz drückte.
»San Germano, am 19. December, Morgens.
»Theure Luisa!
»Lassen Sie mich mit Ihnen eine große Freude theilen. So eben habe ich den einzigen Menschen wiedergesehen, welchen ich mit einer Liebe liebe, die der gleich ist, welche ich Ihnen geschworen, obschon sie dennoch von ganz anderer Art ist. Ich habe nämlich meinen Vater wiedergesehen.
»Was er ist und wo er ist, dies ist ein Geheimniß, welches ich selbst Ihnen gegenüber bewahren muß, welches ich Ihnen aber dennoch mittheilen würde, wenn ich bei Ihnen wäre. Ein Geheimniß vor Ihnen zu haben! In der That, ich lache selbst darüber. Hat man wohl Geheimnisse vor seiner zweiten Seele?
»Ich habe eine Nacht, von neun Uhr Abends bis sechs Uhr Morgens, bei meinem Vater zugebracht, den ich seit zehn Jahren nicht gesehen hatte. Die ganze Nacht hat er mir von dem Tode und von Gott gesprochen; die ganze Nacht habe ich ihm von meiner Liebe und von Ihnen erzählt.
»Er ist, was selten vorkommt, ein hochgebildeter Geist und ein zärtliches Herz. Er hat viel geliebt und viel gelitten, aber, beklagen Sie ihn, er glaubt nicht. Beten Sie für meinen Vater, Sie, der Engel des Sohnes, und Gott, der Ihnen nichts verweigern kann, wird ihm vielleicht den Glauben schenken.
»Ein anderes Weib als Sie, Luisa, würde sich schon gewundert haben, in diesen Zeilen nicht zwanzigmal die Worte zu finden: »Ich liebe Sie!« Aber dennoch haben Sie dieselben schon hundertmal gelesen, nicht wahr? Wenn ich mit Ihnen von meinem Vater spreche, von welchem ich mit Niemanden sprechen kann, wenn ich Ihnen meine Freude schildere, ihn wiedergesehen zu haben, nicht wahr, dann begreifen Sie wohl, daß dies nichts Anderes ist, als wenn ich mein Herz in Ihre Hände lege und vor Ihnen knieend zu Ihnen sage: »Ich liebe Sie, meine Luisa! Ich liebe Sie.«
»Ich bin also jetzt nur noch zwanzig Meilen von Ihnen entfernt, meine schöne Fee des Palmbaumes, und wenn Sie diesen Brief empfangen, werde ich Ihnen noch näher sein. Die Brigands belästigen uns, morden uns, verstümmeln uns, aber sie halten uns nicht auf. Wir sind aber auch nicht eine Armee, wir sind nicht Soldaten, die sich auf dem Marsche befinden, um in ein Königreich einzufallen und eine Hauptstadt zu erobern. Wir sind eine Idee, welche die Runde um die Welt macht. Doch, da spreche ich ja gar Politik!
»Ich wette, daß ich errathe, wo Sie meinen Brief lesen. Sie lesen ihn in unserm Zimmer, zu Häupten meines Bettes sitzend, in jenem Zimmer, wo wir uns wiedersehen werden und wo ich, indem ich Sie wiedersehe, die langen, fern von ihnen zugebrachten Tage vergessen werde.«
Luisa unterbrach sich. Thränen umflorten ihre Augen und Schluchzen erstickte ihre Stimme.
Michele eilte auf sie zu und kniete vor ihr nieder.
»Muth, Muth, Schwesterchen!«, sagte er zu ihr.
»Was Du thut, ist schön, und der gute Gott wird Dich dafür belohnen. Und wer weiß! Ihr seid beide jung. Vielleicht seht Ihr einander doch einmal wieder.«
Luisa schüttelte den Kopf.
»Nein, nein,« sagte sie mit einer Bewegung, welche ihren festgeschlossenen Augen Thränen auspreßte. »Nein, wir werden einander nie wiedersehen. Und es ist auch besser, wenn ich ihn nicht wiedersehe. Ich liebe ihn zu sehr, Michele, und erst seitdem ich beschlossen, ihn nicht wiederzusehen, weiß ich wie sehr ich ihn liebe.«
»Kurz, Du weißt,« sagte Michele, »daß in deiner Trauer etwas Gutes liegt, wenn Du ihn nicht wiedersieht. Nanno prophezeite eurer Liebe ein trauriges Ende.«
»O,« rief Luisa, »was würde ich mich an alle Prophezeiungen der Welt kehren, wenn ich lieben könnte, ohne mich eines Verbrechens schuldig zu machen!«
»Na, lies nur weiter. Dies wird besser sein,« sagte Michele.
»Nein, sagte Luisa, indem sie den zur Hälfte gelesenen Brief in ihren Busen steckte, »nein, wenn er allzu viel von dem Glück des Wiedersehens spräche, so ließe ich mich vielleicht dadurch bestimmen, von der Abreise zurückzutreten.
In diesem Augenblicke hörte sie die Stimme des Chevalier, welcher sie rief.
Sie eilte in den Corridor hinaus, dessen Thür Michele hinter ihr und hinter sich verschloß.
Die in den Salon führende Thür des Speisezimmers stand offen.
In dem Salon befand sich der Doctor Cirillo.
Eine lebhafte Röthe stieg in Luias Wangen empor. Auch der Doctor Cirillo war in ihr Geheimniß eingeweiht. Uebrigens war ihr nicht unbekannt, daß Salvato's Briefe ihr durch Vermittlung des liberalen Comités zugingen, dessen Mitglied Cirillo war.
»Theure Freundin,« sagte der Chevalier zu Luisa, hier ist unser guter Doctor, den wir seit langer Zeit nicht gesehen und der sich nach deiner Gesundheit erkundigen will. Ich hoffe, er wird damit zufrieden sein.«
Der Doctor begrüßte Luisa, bemerkte aber auf den ersten Blick die moralische Unruhe, von der sie erfüllt war.
»Sie befinden sich besser,« sagte er, »aber vollkommen wiederhergestellt sind Sie noch nicht und es ist mir lieb, daß ich heute gekommen bin.«
Der Doctor betonte das Wort heute. Luisa schlug die Augen nieder.
»Wohlan,« sagte San Felice, »ich muß Sie mit ihr allein lassen. In der That, Ihr Aerzte genießt Vorrechte, welche die Ehemänner selbst nicht besitzen. Zum Glück für Sie hab' ich etwas zu besorgen, sonst würde ich ganz gewiß nicht verfehlen, an der Thür zu lauschen.«
»Daran würden Sie sehr Unrecht thun, mein lieber Chevalier, entgegnete Cirillo, »denn wir haben einander Dinge von der höchsten politischen Bedeutung zu sagen, nicht wahr, Signora?«
Luisa versuchte zu lächeln, ihre Lippen kräuselten sich aber blos, um einen Seufzer entschlüpfen zu lassen.
»Na, vorwärts! Verlassen Sie uns doch, Chevalier!« rief Cirillo. »Die Sache ist ernster, als ich glaubte.«
Und damit drängte er San Felice zu der Thür hinaus, welche er hinter ihm verschloß. Dann kehrte er zu Luisa zurück und ergriff ihre beiden Hände.
»Nun sind wir allein, mein theures Kind,« sagte er zu ihr. »Sie haben geweint?«
»Ja, und viel!«, murmelte sie.
»Seitdem Sie einen Brief von ihm erhalten haben, oder schon vorher?«
»Vorher und seitdem.«
»Ist ihm ein Unfall zugestoßen?«
»Nein, Gott sei Dank!«
»Um so besser, denn er ist eine edle und kräftige Natur, einer jener Menschen, wie wir deren in unserm armen Königreich Neapel niemals genug haben werden. Sie haben also einen andern Grund, bekümmert zu sein?«
Luisa gab keine Antwort, aber ihre Augen wurden wieder feucht.
»Sie haben sich doch nicht etwa über San Felice zu beklagen?« fragte Cirillo.
»O!« rief Luisa, die Hände faltend, »er ist der Engel der väterlichen Güte!«
»Ich begreife. Er reist ab und Sie bleiben da.«
»Er reist ab und ich folge ihm.«
Cirillo betrachtete Luisa mit einem Blick des Erstaunens, welcher allmälig durch Thränen umschleiert ward.
»Und Sie,« sagte er zu ihr, was für ein Engel sind Sie! Ich kenne im ganzen Himmel nicht einen einzigen, dessen Namen Sie nicht würdig wären zu tragen, und welcher würdig wäre, sich den Ihrigen beizulegen.«
»Sie sehen wohl, daß ich kein Engel bin, denn ich weine ja. Die Engel weinen nicht darüber, daß sie ihre Pflicht thun.«
»Thun Sie Ihre Pflicht und weinen Sie dabei, dann ist Ihr Verdienst nur um so größer. Thun Sie Ihre Pflicht, und ich, ich werde es mir zu der meinigen machen, ihm zu sagen, wie sehr Sie ihn lieben, wie viel Sie gelitten haben. Gehen Sie und von Zeit zu Zeit sagen Sie in Ihren Gebeten ein Wort von mir. Stimmen, wie die Ihrige, haben Zutritt zu dem Ohr des Herrn.«
Cirillo wollte ihr die Hände küssen, Luisa aber schlang ihre Arme um seinen Hals.
»O, umarmen Sie mich, wie ein Vater seine Tochter umarmt,« sagte sie zu ihm.
Und während der berühmte Arzt sie mit einem Gemisch von Ehrerbietung und Bewunderung umarmte, murmelte sie ihm leise ins Ohr:
»O, Sie werden es ihm sagen! Sie werden es ihm jagen, nicht wahr?
Cirillo drückte ihr zum Zeichen des Versprechens die Hand.
San Felice trat ein und fand Luisa in den Armen seines Freundes.
»Also,« rief er lachend, »Sie ertheilen Ihren Patienten Consultationen, indem Sie dieselben umarmen, Doctor?«
»Nein, wohl aber nehme ich auf diese Weise Abschied von denen, die ich liebe, von denen, die ich achte, von denen, die ich verehre. Ach, Chevalier! Chevalier! Sie sind ein glücklicher Mann.«
»Und er ist so würdig, es zu sein,« sagte Luisa, indem sie ihrem Gatten die Hand bot.
»Das ist nicht immer ein Grund,« sagte Cirillo. »Und nun, auf Wiedersehen, Chevalier, denn ich hoffe, daß wir uns wiedersehen werden. Gehen Sie und dienen Sie Ihrem Fürsten. Ich für meine Person bleibe und werde mich bemühen, meinem Vaterlande zu dienen.«
Dann faßte er die Hand des Chevalier und die Luisa's zusammen in die seinigen.
»Ich wollte, ich wäre der heilige Januarius,« sagte er zu ihnen, »nicht, um zweimal jährlich ein Wunder zu verrichten, obschon dies in unserer Zeit, wo die Wunder rar sind, etwas ganz Hübsches ist, sondern um Euch beide so zu segnen, wie Ihr es zu werden verdient. Lebt wohl.«
Und mit diesen Worten eilte er davon.
San Felice folgte ihm bis auf die Terrasse, sendete ihm noch ein Lebewohl durch eine Handbewegung nach und kehrte dann zu seiner Gattin zurück.
»Um zehn Uhr,« sagte er zu ihr, »wird der Wagen des Prinzen uns hier abholen.«
»Um zehn Uhr werde ich bereit sein, « antwortete Luisa.
Und sie war es auch in der That.
Nachdem sie dem geliebten Zimmer Lebewohl gesagt, nachdem sie von allen Gegenständen, die sich in demselben befanden, Abschied genommen, nachdem sie eine Locke von ihrem schönen blonden Haar abgeschnitten und nachdem sie mit derselben am Fuße des Crucifixes ein Blatt festgebunden, auf welches sie die fünf Worte geschrieben: »Mein Bruder, ich liebe Dich,« ergriff sie den Arm ihres Gatten und stieg verzweiflungsvoll wie Magdalena, aber rein wie die heilige Jungfrau mit ihm in den Wagen des Prinzen.
Michele setzte sich auf den Bock.
Nina küßte mit vor Freude zitternden Lippen die Hand ihrer Gebieterin. Dann ward der Schlag zugeworfen und der Wagen rollte davon.
Wir haben schon erzählt, was für ein Unwetter tobte. Sturm, Hagel und Regen peitschten die Fenster des Wagens, und der Golf, den man, trotz des Dunkels in einem ganzen Umfange sah, war weiter nichts als eine von wilden Wogen durchschnittene Schaumfläche.
San Felice warf einen erschrockenen Blick auf dieses wüthende Meer, welches Luisa, mit einem weit gewaltigeren Sturme in ihrem Innern kämpfend, nicht einmal sah.
Der Gedanke an die Gefahr, welcher er im Begriff stand das einzige Wesen auszusetzen, welches er auf der Welt liebte, erfüllte ihn mit Schrecken. Er wendete die Augen auf Luisa. Sie saß bleich und unbeweglich in der Ecke des Wagens. Ihre Augen waren geschlossen, und da sie in der Dunkelheit nicht gesehen zu werden glaubte, so ließ sie die Thränen ungehindert über die Wangen herabrollen.
Erst jetzt erwachte in dem Chevalier plötzlich der Gedanke, daß seine Gattin ihm ein großes Opfer bringe, von dem er nichts wisse.
Er ergriff ihre Hand und drückte sie an seine Lippen.
Luisa schlug die Augen wieder auf, lächelte ihren Gatten durch ihre Thränen hindurch an und sagte:
»Wie gut Du bist, mein Freund! Wie liebe ich Dich!«
Der Chevalier schlang einen Arm um Luisas Hals, lehnte ihren Kopf an seine Brust, hob die Capuze ihres Atlasmantels, der ihr Haar bedeckte, küßte dasselbe mit zitternder Lippe und diesmal mit mehr als väterlicher Innigkeit.
Luisa seufzte unwillkürlich.
Der Chevalier that, als ob er es nicht bemerkte.
Es dauerte nicht lange, so langte man an der »Vittoria« an.
Ein mit sechs Ruderern bemanntes Boot wartete und hielt sich mit großer Mühe gegen die Wogen, die es auf den Strand zu werfen drohten.
Kaum sahen die Ruderer den Wagen kommen, so riefen sie, in der Voraussetzung, daß die darin befindlichen Personen die wären, welche sie erwarteten, ihnen zu:
»Schnell! Das Meer geht hoch! Wir können das Boot kaum bemeistern!«
Und in der That brauchte San Felice nur einen Blick auf das Fahrzeug zu werfen, um zu sehen, daß es mit Allen, die sich darin befanden, in Gefahr schwebte, von den Wellen verschlungen zu werden.
Er sagte ein Wort leise zu dem Kutscher, dann ebenso zu Michele, faßte Luisa am Arme und ging mit ihr den Strand hinab.
Ehe sie noch den äußersten Rand desselben erreicht hatten, wurden sie von einer, sich auf dem Sande brechenden Woge mit Schaum bedeckt.
Luisa stieß einen lauten Schrei aus.
Der Chevalier faßte sie in seine Arme und drückte sie an sein Herz. Dann rief er Michele durch einen Wink herbei.
»Warte,« sagte er zu Luisa. »Ich steige zuerst in das Boot, und dann wollen wir, Michele und ich, Dir beim Einsteigen behilflich sein.«
Luisa war in jenem Stadium des Schmerzes angelangt, welches der vollständigen Vernichtung der Kräfte vorangeht und kaum noch dem Willen die Fähigkeit läßt, sich auszudrücken.
Sie sank daher, beinahe ohne es zu bemerken, aus den Armen des Chevalier in die ihres Milchbruders.
Der Chevalier näherte sich entschlossen dem Boot, und in dem Augenblick, wo zwei Ruder es mit Hilfe eines langen Hakens, wenn auch nicht unbeweglich, doch wenigstens dem Strande so nahe als möglich hielten, sprang er hinein und rief:
»Vorwärts!«
»Und die kleine Dame?« fragte der Bootführer.
»Die bleibt,« entgegnete San Felice.
»Allerdings ist auch heute kein Wetter, um Frauen einzuschiffen,« entgegnete der Bootführer. »Vorwärts, Jungens! Frisch und flink!«
Binnen einer Seeunde war das Boot schon zehn Klafter weit von dem Gestade hinweg.
Alles dies war so rasch geschehen, daß Louisa nicht Zeit gehabt hatte, den Entschluß ihres Gatten zu errathen, und folglich auch nicht, ihn zu bekämpfen. Als sie das Boot sich entfernen sah, stieß sie einen lauten Schrei aus.
»Und ich! und ich!« rief sie, indem sie sich Micheles Armen zu entreißen suchte, um ihrem Gatten zu folgen; »und ich! Du verlässest mich also?«
»Was wurde dein Vater sagen, dem ich versprochen habe, Dich zu behüten, wenn er sähe, daß ich Dich einer solchen Gefahr aussetze?« entgegnete San Felice, die Stimme erhebend.
»Aber ich kann nicht in Neapel bleiben!« rief Luisa die Hände ringend. »Ich will fort! Ich will mit Dir gehen. Nimm mich mit, Luciano! Wenn ich bleibe, so bin ich verloren.«
Der Chevalier war schon weit hinweg. Ein Windstoß trug die Worte ans Land.
»Michele, ich vertraue sie Dir an.«
»Nein, nein,« rief Luisa verzweiflungsvoll. »Niemanden als Dir will ich mich anvertrauen, Luciano! Du weißt es also nicht! Ich liebe ihn!«
Und indem sie dem Chevalier diese letzten Worte zuwarf, in welche sie ihre ganze noch übrige Kraft gelegt, schien ihre Seele sie zu verlassen. Sie ward ohnmächtig.
»Luisa! Luisa!« rief Michele, indem er vergebens bemüht war, sie ins Leben zurückzurufen.
»Anankè!«, murmelte eine Stimme hinter Michele.
Der Lazzarone drehte sich herum.
Eine Frau stand hinter ihm und bei dem grellen Scheine eines Blitzes erkannte er die Albaneserin Nanno, welche, als sie den Chevalier nach Sicilien gehen und Luisa in Neapel bleiben sah, auf griechisch jenes geheimnißvolle und furchtbare Wort aussprach, welches wir diesem Capitel zur Ueberschrift gegeben: Verhängniß.
In demselben Augenblicke verschwand das Boot, welches den Chevalier hinwegtrug, hinter den düstern, gewaltigen, massiven Mauern des Castell's d'Uovo.
Viertes Capitel.
Gottes Gerechtigkeit
Am 22. Dezember Morgens, das heißt am Tage nach dem, wo die von uns soeben erzählten Ereignisse stattgefunden, standen zahlreiche Gruppen schon von Tagesanbruch an vor den mit dem königlichen Wappen versehenen Proclamationen, welche während der Nacht an die Mauern, von Neapel angeschlagen worden.
Diese Proclamationen bestanden in einem Edict, welchem zu Folge der Fürst von Pignatelli zum Vicar des Königreichs und Mack zum Generallieutenant ernannt wurden.
Der König versprach mit mächtiger Waffenhilfe von Sicilien zurückzukehren.
Die furchtbare Wahrheit war nun endlich den Neapolitanern offenbar. Stets feig, verließ der König sein Volk, wie er seine Armee verlassen. Nur beraubte er diesmal die Hauptstadt zugleich sämtlicher seit Jahrhunderten gesammelten Meisterwerke und alles Geldes, welches er in den Kassen gefunden.
Das verzweifelte Volk eilte nach dem Hafen.
Die Schiffe der englischen Flotte konnten wegen des widrigen Windes nicht auslaufen. An dem von der Mastspitze flatternden Wimpel erkannte man das, auf welchem sich der König befand. Es war dies, wie schon gesagt, der »Vanguard«.
Gegen vier Uhr Morgens hatte, wie der Graf von Thurn vorausgesehen, der Wind sich wirklich ein wenig gelegt und das Meer war etwas ruhiger geworden.
Die Flüchtlinge hatten, nachdem sie die Nacht in dem Hause des Hafeninspektors zugebracht, ohne sich jedoch erwärmen zu können, sich wieder aufgemacht und waren mit großer Mühe an Bord des Admiralschiffes gelangt.
Die kleinen Prinzessinnen hatten Hunger gehabt, aber weiter nichts bekommen können als Salzfisch, hartes Brot und Wasser.
Die Prinzessin Antonia, die jüngste der Töchter der Königin, erzählt in einem Tagebuche, welches uns vorliegt, diese Thatsache und schildert ihre Angst, so wie die ihrer Eltern während dieser furchtbaren Nacht.
Obschon das Meer noch außerordentlich hoch ging und der Hafen schlecht geschützt war, so stiegen doch der Erzbischof von Neapel, die Barone, die Magistratspersonen und die angesehensten Männer des Volkes in Boote und gingen, nachdem sie die muthigten Bootführer durch reichen Lohn gewonnen, den König zu bitten, nach Neapel zurückzukehren, indem sie zugleich versprachen, für die Vertheidigung der Stadt Alles, bis auf den letzten Blutstropfen, zu opfern.
Der König verstand sich jedoch nur dazu, den Erzbischof Capece Zurlo zu empfangen, welcher trotz aller Bitten nur die Worte von ihm erlangen konnte:
»Da das Land mich verrathen hat, so vertraue ich mich dem Meere an.«
Mitten unter diesen Booten befand sich eins, welches nur einen einzigen Passagier führte.
Dieser Mann war schwarz gekleidet, stützte die gesenkte Stirn in die Hände und richtete von Zeit zu Zeit sein bleiches Gesicht empor, um mit stierem, hohlem Auge zu sehen, ob man sich dem Schiffe näherte, welches dem König zum Asyl diente.
Das Schiff war, wie wir gesagt haben, von Booten umringt, vor diesem einzelnen Boote und diesem einzigen Manne aber wichen die andern zurück.
Es war jedoch leicht zu sehen, daß dies aus Widerwillen und nicht aus Ehrerbietung geschah.
Das Boot und der Mann gelangten an den Fuß der Fallreepstreppe des »Vanguard«, hier aber stand ein englischer Marinesoldat, welcher instruiert war, Niemanden an Bord steigen zu lassen.
Der Mann im Boot bestand darauf, daß man ihm die allen Andern verweigerte Vergünstigung gewähre. Seine Hartnäckigkeit lockte einen Marineofficier herbei.
»Mein Herr,« rief der Mann, welchem man den Zutritt zum Schiffe verweigerte, »haben Sie die Güte, meiner Königin zu sagen, daß es der Marquis Vanni ist, welcher um die Ehre bittet, von ihr auf einige Minuten empfangen zu werden.«
Ein Murren erhob sich in sämtlichen übrigen Booten.
Wenn der König und die Königin, welche sich weigerten, den Magistrat, die Barone und die Erwählten des Volkes zu empfangen, Vanni vorließen, so war dies eine Beleidigung für alle Anderen.
Der Officier hatte das an ihn gestellte Verlangen dem Admiral Nelson gemeldet und dieser, welcher den Fiscalprocurator wenigstens dem Namen nach kannte und wußte, was für Dienste dem Königthum durch diesen Beamten geleistet worden, setzte die Königin in Kenntniß.
Der Officier erschien wieder auf der Höhe der Treppe und rief auf englisch:
»Die Königin ist unwohl und kann Niemanden empfangen.«
Vanni, der nicht englisch verstand oder sich stellte, als verstünde er es nicht, fuhr fort, sich an die Treppe anzuklammern, von welcher die Schildwache ihn fortwährend hinwegstieß.
Es erschien ein zweiter Officier, der ihm die Weigerung der Königin in schlechtem Italienisch notificirte.
»Dann fragen Sie den König!« rief Vanni. »Es ist unmöglich, daß der König, dem ich so treu gedient, die Bitte, die ich ihm vorzutragen habe, zurückweise.«
Die beiden Officiere beriethen sich mit einander über das, was zu thun sei, als gerade in diesem Augenblick der König selbst, indem er dem Erzbischof das Geleite gab, auf dem Deck erschien.
»Sire! Sire!« rief Vanni, als er den König erblickte, »ich bin es! Ihr treuer Diener!«
Der König küßte, ohne Vanni zu antworten, dem Erzbischof die Hand.
Der Erzbischof stieg die Treppe hinunter und wich, am Fuße desselben angelangt, Vanni so viel als möglich aus, um ihn nicht auch nur mit den Kleidern zu berühren.
Diese übrigens eben nicht sehr christliche Zurückhaltung ward von den Booten bemerkt und erweckte in demselben ein Gemurmel des Beifalls.
Der König erhaschte diese Demonstration im Fluge und beschloß, Nutzen davon zu ziehen.
Es war eine neue Feigheit, in dieser Beziehung aber hatte Ferdinand aufgehört zu rechnen.
»Sire,« wiederholte Vanni mit entblößtem Haupte und die Arme nach dem Könige ausstreckend »ich bin es!«
»Wer? Sie?« fragte der König in jenem näselnden Tone, welcher ihm in seinen possenhaften Anwandlungen so viel Aehnlichkeit mit Polichinell gab.
»Ja, ich, der Marquis Vanni.«
»Ich kenne Sie aber nicht,« sagte der König.
»Sire,« rief Vanni, »Sie kennen Ihren Fiscalprocurator, den Berichterstatter der Staatsjunta, nicht mehr?«
»Ah, ganz recht,« entgegnete der König. »Sie waren es, welcher sagte, es würde nicht eher wieder Ruhe im Königreich, als bis man sämtliche Edelleute, sämtliche Barone, sämtliche Beamte, mit einem Worte sämtliche Jakobiner hinter Schloß und Riegel gesetzt hätte. Sie waren es, der die Köpfe von zweiunddreißig Personen verlangte und Medici Canzano und Teodoro Montecelli foltern lassen wollte.«
Von Vannis Stirn rieselte der kalte Schweiß herab.
»Sire!« murmelte er.
»Ja,« antwortete der König, »ich kenne Sie aber blos dem Namen nach. Ich habe niemals mit Ihnen, oder vielmehr Sie haben niemals mit mir zu thun gehabt. Habe ich Ihnen jemals einen einzigen Befehl ertheilt?«
»Nein, Sire, das ist wahr,« sagte Vanni den Kopf schüttelnd, »Alles, was ich gethan, habe ich auf Befehl der Königin gethan.«
»Nun dann,« sagte der König, »wenn Sie etwas wünschen, so wenden Sie sich doch an die Königin und nicht an mich.«
»Sire, an die Königin habe ich mich bereits gewendet.«
»So!« sagte der König, welcher sah, wie sehr seine Weigerung von allen Zuhörern gebilligt ward, und der, indem er durch den Beweis von Undankbarkeit, den er gab, seine Popularität ein wenig wieder gewann, die Unterredung, anstatt sie abzukürzen, zu verlängern suchte; »und?«
»Die Königin hat sich geweigert, mich zu empfangen, Sire.«
»Das ist allerdings unangenehm für Sie, mein armer Marquis; da ich es aber niemals gebilligt habe, daß die Königin Sie empfing, so kann ich sie jetzt nicht tadeln, wenn Sie von ihr nicht empfangen werden.«
»Sire,« rief Vanni im Tone eines Schiffbrüchigen, welcher die Planke, an die er sich an klammert und auf die er seine letzte Hoffnung gegründet, seinen Händen entschlüpfen fühlt, »Sire! Sie wissen, daß ich nach den Diensten, die ich Ihrer Regierung geleistet, nicht in Neapel bleiben kam. Wenn Sie mir das Asyl verweigern, um welches ich Sie auf einem der Schiffe der englischen Flotte bitte, so verurtheilen Sie mich zum Tode, denn die Jakobiner werden mich aufknüpfen.«
»Gestehen Sie,« sagte der König, »daß Sie dies auch mit Recht verdient haben.«
»O, Sire! Sire! Meinem Unglück fehlte nur noch, daß Eure Majestät mich aufgeben.«
»Meine Majestät, lieber Marquis, ist hier nicht mächtiger als in Neapel. Die wahre Majestät ist, wie Sie recht wohl wissen, die Königin. Die Königin ist es, welche regiert. Ich gehe auf die Jagd und amüsiere mich – obschon nicht gerade in diesem Augenblick, wie ich Ihnen wohl nicht erst zu versichern brauche. Die Königin hat den General Mack kommen lassen und ihn zum Oberbefehlshaber ernannt. Die Königin ist es, welche den Krieg führt; die Königin ist es, welche nach Sicilien will. Jedermann weiß, daß ich für meine Person gern in Neapel geblieben wäre. Besprechen Sie sich also mit der Königin; ich kann mich nicht mit Ihnen beschäftigen.«
Vanni faßte mit verzweifelter Geberde sich mit beiden Händen am Kopfe.
»Ah doch!«, hob der König wieder an; »ich kann Ihnen einen guten Rath geben –«
Vanni richtete den Kopf empor und ein Strahl der Hoffnung zuckte über sein aschenfahles Gesicht.
»Ich kann,« fuhr der König fort, »Ihnen den Rath geben, an Bord der »Minerva«, auf welcher der Herzog von Calabrien und seine Familie sich eingeschifft hat, zu gehen und den Admiral Caracciolo zu bitten, Sie mitzunehmen. Was jedoch mich betrifft, lieber Marquis, so wünsche ich Ihnen guten Tag und glückliche Reise.«
Und der König begleitete diesen Wunsch mit einem grotesken Geräusch, welches er mit dem Munde machte und welches täuschend das nachahmte, welches der Teufel, von welchem Dante spricht, macht, indem er sich seines Schwanzes als Trompete bedient.
Trotz des Ernstes der Situation erhob sich hier und da ein Gelächter; einige Rufe: »Es lebe der König!« wurden gehört, einmüthig aber war das Geheul und Gepfeife, von welchem Vannis Entfernung begleitet war.
So wenig Aussicht in dem von dem König gegebenen guten Rathe auch lag, so war er doch eine letzte Hoffnung. Vanni klammerte sich an dieselbe und befahl seinem Bootsführer, nach der Fregatte »Minerva« zu rudern, welche sich anmuthig in einiger Entfernung von der englischen Flotte schaukelte und an ihrem großen Mast den Wimpel trug, welcher verkündete, daß sie den Kronprinzen an Bord hatte.
Drei auf der Campagne stehende Männer verfolgten mit Fernröhren den Auftritt, welchen wir soeben erzählt.
Es war der Kronprinz, der Admiral Caracciolo und der Chevalier San Felice, dessen Fernrohr sich, wir dürfen dies nicht unerwähnt lassen, öfter nach der Richtung der Mergellina, wo das Haus mit dem Palmbaume stand, als nach der Seite von Sorento wendete, in welcher Richtung der »Vanguard vor Anker lag.
Der Kronprinz sah das Boot, welches auf die »Minerva« zugerudert kam, und da er den darin befindlichen Mann lange mit dem Könige sprechen gesehen, so richtete er sein Fernrohr auf diesen Mann mit ganz besonderer Aufmerksamkeit.
Plötzlich erkannte er ihn.
– »Es ist der Marquis Vanni, der Fiscalprocurator!« rief er.
»Was will dieser Elende bei mir?« fragte Caracciolo, die Stirn runzelnd. Dann setzte er, sich plötzlich erinnernd, daß Vanni der treue Diener der Königin war, lachend hinzu: »Ich bitte um Verzeihung, Hoheit. Sie wissen, daß Seeleute und Richter nicht eine und dieselbe Uniform tragen. Es ist möglich, daß ein Vorurtheil mich ungerecht macht.«
»Hier handelt es sich um kein Vorurtheil, mein lieber Admiral,« antwortete der Prinz Francesco; »es handelt sich um das Gewissen. Ich verstehe Alles. Vanni fürchtet sich in Neapel zu bleiben. Er will mit uns fliehen. Er hat den König ersucht, ihn an Bord des »Vanguard« aufzunehmen, und da der König sich geweigert hat, so kommt der Unglückliche nun zu uns.«
»Und welcher Meinung sind Euer Hoheit in Bezug auf diesen Menschen?« fragte Caracciolo.
»Wenn er mit einem schriftlichen Befehl von meinem Vater kommt, mein lieber Admiral, so wollen wir, da wir meinem Vater Gehorsam schuldig sind, ihn aufnehmen. Bringt er dagegen keinen schriftlichen Befehl, so sind Sie an Bord Ihres Schiffes unumschränkter Herr und werden thun, was Ihnen beliebt. Komm, San Felice!«
Und der Prinz ging in die Cajüte des Generals, welche dieser ihm überlassen, hinunter, indem er zugleich seinen Secretär mit sich fortzog.
Das Boot näherte sich. Der Admiral ließ einen Matrosen sich auf die letzte Stufe der Treppe stellen, während er selbst mit verschränkten Armen auf der obersten stehen blieb.
»Boot ahoi!« rief der Matrose.
»Wer da?«
»Gut Freund, « antwortete Vanni.
Der Admiral lächelte verächtlich.
»Zurück!« rief der Matrose. »Sprecht mit dem Admiral.«
Die Ruderer, welche wußten, daß Caracciolo in Bezug auf die Disciplin nicht mit sich scherzen ließ, hielten zurück.
»Was wollen Sie?« fragte der Admiral mit seiner rauhen kurzen Stimme.
»Ich bin –«
Der Admiral unterbrach den Antwortenden.
»Ich will nicht wissen, wer Sie sind, mein Herr, denn dies weiß ich so gut wie ganz Neapel. Ich frage Sie nicht, wer Sie sind, sondern: was Sie wollen?«
»Excellenz, da Se. Majestät der König an Bord des »Vanguard« keinen Platz mehr hat, um mich mit nach Sicilien zu nehmen, so schickt er mich zu Ihnen und läßt Sie bitten –«
»Der König bittet nicht, sondern befiehlt. Wo ist der Befehl?«
»Wo der Befehl ist?«
»Ja, ich frage Sie, wo er ist. Ohne Zweifel hat der König, indem er Sie zu mir schickt, Ihnen einen schriftlichen Befehl gegeben, denn er muß wissen, daß ich ohne einen bestimmten Befehl von ihm einen Elenden, wie Sie, nicht in mein Schiff aufnehmen würde.«
»Einen schriftlichen Befehl habe ich nicht,« sagte Vanni bestürzt.
»Nun dann zurück!«
»Excellenz!«
»Zurück!« wiederholte der Admiral.
Dann wendete er sich zu dem Matrosen, der unten an der Fallreepstreppe stand, und setzte hinzu:
»Wenn Du zum dritten Mal »Zurück« gerufen hast und dieser Mensch entfernt sich nicht, so gibst Du Feuer.«
»Zurück!« schrie der Matrose.
Das Boot entfernte sich.
Nun war alle Hoffnung verloren.
Vanni kehrte nach Hause zurück.
Seine Frau und seine Kinder erwarteten nicht, ihn wiederzusehen. Diese Menschenjäger haben Frauen und Kinder wie andere Männer. Ja, man versichert, daß sie zuweilen der Gattenliebe und väterlicher Gefühle fähig sind.
Weib und Kinder eilten ganz erstaunt über seine Rückkehr auf ihn zu.
Vanni zwang sich, ihnen zuzulächeln, und erklärte, er werde mit dem König abreisen; da aber in Folge des widrigen Windes diese Abreise erst in der Nacht erfolgen würde, so sei er gekommen, um wichtige Papiere zu holen, welche er in seiner Eile, Neapel zu verlassen, nicht Zeit gehabt zusammenzusuchen.
Dies war es, was, wie er sagte, ihn noch einmal zurückgeführt hatte.
Vanni küßte seine Frau und seine Kinder, begab sich in ein Cabinet und schloß sich in dasselbe ein.
Er hatte einen furchtbaren Entschluß gefaßt, nämlich den, sich das Leben zu nehmen.
Er ging eine Weile hin und her, begab sich dann aus seinem Cabinet in sein Schlafzimmer, welches unmittelbar daran stieß, und schwankte zwischen den verschiedenen ihm zu Gebote stehenden Todesarten – dem Strick, der Pistole, dem Rasiermesser.
Endlich blieb er bei dem Rasiermesser.
Er setzte sich vor ein Bureau, stellte sich einen kleinen Spiegel gegenüber und legte dann sein Rasiermesser daneben.
Hierauf tauchte er jene Feder, die so oft den Tod eines Nebenmenschen verlangt, in die Tinte und schrieb sich in folgenden Worten sein eigenes Todesurtheil.
»Die Undankbarkeit, deren Opfer ich bin, das Heranrücken eines furchtbaren Feindes, der Mangel an einer Freistätte, haben mich zu dem Entschlusse bewogen, mich dem Leben zu entziehen, welches fortan eine Last für mich ist.
»Man klage Niemanden meines Todes an und möge derselbe den Staatsinquisitoren zum Beispiel dienen.«
Nach Verlauf von zwei Stunden pochte Vannis Gattin, welche allmälig unruhig ward, weil sie das Zimmer ihres Mannes sich nicht wieder öffnen sah und ganz besonders, weil sie kein Geräusch darin hörte, obschon sie mehrmals gehorcht hatte, an die Thür.
Niemand antwortete ihr. Sie rief – abermals blieb Alles stumm.
Man versuchte durch die Thür des Schlafzimmers einzudringen; dieselbe war aber ebenso verschlossen wie die des Cabinets.
Ein Diener erbot sich nun, eine Glasscheibe einzudrücken und durch das Fenster hineinzusteigen.
Man hatte blos dieses Mittel, oder das, die Thür durch einen Schlosser öffnen zu lassen.
Man fürchtete ein Unglück und gab daher dem von dem Diener vorgeschlagenen Mittel den Vorzug.
Die Fensterscheibe ward eingedrückt, das Fenster geöffnet und der Diener stieg hinein.
Er stieß einen lauten Schrei aus und prallte bis an das Fenster zurück.
Vanni hing rückwärts geneigt über die Armlehne seines Sessels. Er hatte sich mit seinem neben ihm auf der Diele liegenden Rasiermesser die Halsschlagadern durchschnitten.
Das Blut war auf den Schreibtisch gespritzt, an welchem so oft Blut verlangt worden; der Spiegel, vor welchem Vanni sich die Arterie geöffnet, war roth davon, der Brief, in welchem er die Ursache seines Selbstmordes erklärte, war damit besudelt.
Er war fast augenblicklich gestorben, ohne Kampf, ohne Schmerz.
Gott, der so streng gegen ihn gewesen, daß er ihm nur das Grab als Zuflucht gelassen, war wenigstens in Bezug auf seinen Todeskampf barmherzig gegen ihn gewesen.
»Aus dem Blute der Gracchen,« sagt Mirabeau, »ward Marius geboren.« Aus dem Blute Vannis erstand Speciale.
Vielleicht wäre es um der Einheit unseres Buches willen besser gewesen, aus Vanni und Speciale eine einzige Person zu machen, die unerbittliche Geschichte aber zwingt uns, zu constatieren, daß Neapel seinem König zwei Foucquier Tinville geliefert hat, während Frankreich der Revolution nur einen lieferte.
Das Beispiel, welches Vanni hätte überleben sollen, ging verloren. Es fehlt zuweilen an Henkern, um Todesurtheile zu vollziehen, niemals aber an Richtern, um dergleichen zu fällen.
Am nächstfolgenden Tage, gegen drei Uhr Nachmittags, als das Wetter sich aufgeheitert hatte und der Wind günstig geworden war, lichteten die englischen Schiffe die Anker, spannten die Segel, stachen in See und verschwanden am Horizont.
Fünftes Capitel.
Der Waffenstillstand
Die Abreise des Königs versetzte, obschon man seit zwei Tagen darauf gefaßt gewesen, Neapel in einen Zustand förmlicher Betäubung.
Das auf den Quais sich drängende Volk, welches, so lange es die englischen Schiffe vor Anker liegen sah, immer noch gehofft hatte, daß der König seinen Entschluß ändern und sich von den Bitten und Versprechungen der Anhänglichkeit rühren lassen würde, blieb, bis das letzte Fahrzeug am grauen Horizont verschwunden war, und ging dann traurig und schweigend auseinander.
Am Abend ging eine seltsame Stimme durch die Straßen von Neapel. Wir bedienen uns hier der neapolitanischen Form, welche unsern Gedanken vortrefflich ausdrückt.
Die Leute, welche einander begegneten, sagten: »Feuer!« aber Niemand wußte, wo dieses Feuer, noch wodurch es verursacht ward.
Das Volk versammelte sich abermals am Strande. Ein dicker von der Mitte des Golfs aufsteigender Rauch wälzte sich, von Westen nach Osten geneigt, zum Himmel empor.
Es war die neapolitanische Flotte, welche auf Befehl Nelsons und unter der Leitung des Marquis von Nizza verbrannt ward.
Es war ein schönes Schauspiel, aber zugleich ein sehr kostspieliges.
Man gab hundert und zwanzig Kanonenboote den Flammen preis.
Diese hundert und zwanzig brennenden Boote bildeten einen einzigen unermeßlichen Scheiterhaufen, während man auf einem andern Punkte des Golfs, wo in einiger Entfernung von einander zwei Linienschiffe und drei Fregatten vor Anker lagen, plötzlich einen Flammenstrahl von einem Schiff zum andern laufen sah.
Sämtliche fünf Fahrzeuge standen mit einem Mal im Feuer und jene Flamme, welche anfangs auf dem Meeresspiegel hingeglitten war, lief nun die Flanken der Schiffe entlang, stieg, ihre Formen zeichnend, an den Masten, an den Raaen, an dem getheerten Takelwerk, an den Mastkörben hinauf bis auf die Mastspitzen, wo die Kriegsflaggen wehten.
Dann, nachdem diese phantastische Illumination einige Augenblicke gedauert, sanken die Schiffe in Asche, erloschen und verschwanden von den Wellen verschlungen.
Dies war das Ende fünfzehnjähriger Arbeiten, dies war die Vernichtung unermeßlicher Summen an einem einzigen Abend und zwar ohne Zweck, ohne Resultat.
Das Volk kehrte in die Stadt zurück, wie an einem Festtage nach einem Feuerwerk; nur hatte das Feuerwerk zwanzig Millionen gekostet.
Die Nacht war düster und still, aber es war jene Stille, welche dem Ausbruch des Vulkans vorangeht.
Am nächsten Morgen mit Tagesanbruch ergoß sich das Volk lärmend und drohend durch die Straßen.
Die seltsamsten Gerüchte waren in Umlauf.
Man erzählte, daß die Königin vor ihrer Abreise zu Pignatelli gesagt hätte:
»Zünden Sie Neapel an, wenn es sein muß. Es gibt in Neapel nichts Gutes als das Volk. Retten Sie das Volk und vernichten Sie alles Uebrige.«
Man blieb vor den Maueranschlägen stehen, auf welchen die Aufforderung zu lesen war:
»Sobald die Franzosen den Fuß auf neapolitanischen Boden setzen, werden alle Gemeinden sich in Masse erheben und das Blutbad beginnen.«
»Im Auftrage des Königs:
»Pignatelli, Generalvicar.«
Uebrigens hatten während der Nacht vom 23. zum 24. December, das heißt während der Nacht, die auf die Abreise des Königs gefolgt war, die Vertreter der Stadt sich versammelt, um sich über die zur Sicherheit Neapels zu ergreifenden Maßregeln zu berathen.
Man nannte die Stadt das, was man in unserer Zeit die Municipalität nennen würde, das heißt sieben von den Sedili gewählte Personen.
Die Sedili waren die Inhaber von Privilegien, welche seit länger als achthundert Jahren bestanden.
Als Neapel noch griechische Stadt und Republik war, hatte es wie Athen Portiken, worin sich die Reichen, die Edlen und die Krieger versammelten, um die öffentlichen Angelegenheiten zu besprechen.
Diese Portiken waren seine Agora.
Unter diesen Portiken oder Hallen gab es runde Sessel, welche man Sedili nannte.
Das Volk und die Bürgerschaft waren von diesen Portiken nicht ausgeschlossen, aus Bescheidenheit aber schlossen sie sich selbst davon aus und überließen sie der Aristokratie, welche, wie wir gesagt haben, darin die Staatsangelegenheiten berieth.
Anfangs gab es vier Sedili, das heißt eben so viel als Neapel Stadttheile hatte, dann sechs, dann zehn, dann zwanzig.
Diese Sedili vermehrten sich zuletzt bis auf neunundzwanzig, da sie sich aber miteinander vermengt hatten, so wurden sie endlich definitiv bis auf fünf reduziert, welchen die Namen der Localitäten beigelegt wurden, in welchen sie sich befanden, das heißt Capuana, Montagna, Nido, Porto und Porta Nuova.
Die Sedili gewannen eine solche Bedeutung, daß Carl von Anjou sie als Gewalten in der Regierung anerkannte. Er gewährte ihnen das Vorrecht, die Hauptstadt und das Königreich zu vertreten, aus ihrer Mitte die Mitglieder des Municipalraths von Neapel zu ernennen, die Einkünfte der Stadt zu verwalten, das Bürgerrecht an Ausländer zu verleihen und in gewissen Sachen zu Gericht zu sitzen.
Allmälig bildeten sich ein Volk und eine Bürgerschaft. Dieses Volk und diese Bürgerschaft verlangten, als sie sahen, daß die Edlen, die Reichen und die Krieger allein die Angelegenheiten Aller verwalteten, ihrerseits ebenfalls eine Seggio oder Sedile, der ihnen auch zugestanden ward, und welchen man den Sedile des Volks nannte.
Mit Ausnahme des Adels besaß dieser Sedile dieselben Privilegien wie die fünf andern.
Die Municipalität von Neapel bestand damals aus einem Syndicus und sechs Räthen. Neunundzwanzig in den verschiedenen Stadttheilen gewählte Mitglieder, welche an die neunundzwanzig früher existierenden Sedili erinnerten, waren ihnen beigegeben.
Nachdem der König abgereist war, versammelten sich folglich der Syndicus, die zehn Räthe und die den Bürgerstand vertretenden neunundzwanzig Abgeordneten und faßten vor allen Dingen den Entschluß, eine Nationalgarde zu bilden und vierzehn Deputierte zu wählen, welche die Aufgabe hätten, bei den noch unbekannten, jedenfalls aber ernsten sich vorbereitenden Ereignissen für die Vertheidigung Neapels zu sorgen und die Interessen der Stadt wahrzunehmen.
Wir bitten unsere Leser, diese langen Auseinandersetzungen zu entschuldigen. Wir halten dieselben jedoch zum Verständniß der zu erzählenden Thatsachen für nothwendig, über welche die Unbekanntschaft mit der bürgerlichen Constitution von Neapel und den Rechten und Privilegiender Neapolitaner ein gewisses Dunkel werfen würde. Der Leser würde in diesem Falle dem großen Kampfe zwischen Königthum und Volk beiwohnen, ohne, wir wollen nicht sagen die Kräfte, wohl aber die Rechte eines jeden der beiden Kämpfer zu kennen.
Am 24. December also, das heißt am Morgen nach der Abreise des Königs, während man mit der Wahl von vierzehn Deputierten beschäftigt war, begaben sich die Stadt und der Magistrat zu dem Generalvicar Fürsten Pignatelli, um diesem ihre Huldigungen darzubringen.
Der Fürst Pignatelli, ein in der vollsten Bedeutung des Wortes mittelmäßiger Mensch, der Situation, welche die Ereignisse ihm bereitet, nicht im mindesten gewachsen, aber, wie dies immer zu sein pflegt, um desto stolzer und hochmüthiger – empfing die Deputation auf so intolente Weise, daß sie sich fragte, ob die angeblichen Instructionen, welche, wie man behauptete, die Königin zurückgelassen, nicht wirklich ertheilt worden, und ob die Königin nicht in der That das verhängnißvolle Wort gesprochen, welches die Neapolitaner zittern machte.
Mittlerweile waren die vierzehn Deputierten oder vielmehr Repräsentanten, welche die Stadt wählen sollte, gewählt worden.
Als ersten ihre Ernennung und ihre Existenz konstatierenden Act beschlossen sie, trotz des mittelmäßigen Erfolges der ersten Gesandtschaft, an den Fürsten Pignatelli eine zweite zu schicken, die ganz besonders beauftragt werden sollte, den Nutzen der Nationalgarde auseinanderzusetzen, deren Errichtung von der Stadt beschlossen worden.
Der Fürst Pignatelli war jedoch diesmal noch hochmüthiger und brutaler als das erste Mal. Er antwortete den Deputierten, daß die Sicherheit der Stadt nicht ihnen, sondern ihm anvertraut sei und daß er für diese Sicherheit an der geeigneten Stelle Rechenschaft geben werde.
Es geschah nun, was gewöhnlich in den Umständen zu geschehen pflegt, wo die Volksgewalten, Kraft ihrer Rechte, ihre Functionen auszuüben beginnen.
Die Stadt, welcher von der insolenten Antwort des Generalvicars Mittheilung gemacht ward, ließ sich durch diese Antwort durchaus nicht einschüchtern. Sie ernannte neue Deputierte, welche zum dritten Mal vor dem Fürsten erschienen und die, als sie sahen, daß er dieses dritte Mal in noch brutalerem Tone mit ihnen sprach als die beiden ersten, sich begnügten ihm zu antworten:
»Sehr wohl! Handeln Sie Ihrerseits; wir werden unsererseits handeln und dann sehen, zu wessen Gunsten das Volk entscheiden wird.«
Hierauf zogen sie sich zurück.
Man war in Neapel ungefähr so weit, als man in Frankreich nach dem Schwur im Ballspielhaus gewesen. Nur war die Situation für die Neapolitaner klarer, weil der König und die Königin nicht da waren.
Zwei Tage später empfing die Stadt die Ermächtigung, die von ihr decretierte Nationalgarde zu bilden.
Die Schwierigkeit lag aber weit mehr in der Art, sie zu bilden, als darin, ob der Fürst Pignatelli die Autoriation dazu ertheilen würde oder nicht.
Die Errichtung sollte durch Anwerbung geschehen; Anwerbung war aber noch keine Organisation.
Der Adel, welcher in Neapel gewohnt war, alle Aemter zu begleiten, hatte bei dem neuen Corps, das sich auf diese Weise organisierte, die Anmaßung, alle höheren Posten zu beanspruchen, oder wenigstens der Bürgerschaft blos die unteren Grade zu überlassen, aus welchen sie sich nichts machte.
Endlich nachdem man die Sache drei oder vier Tage lang discutirt, kam man überein, daß die Grade zwischen die Bürger und Edelleute in gleicher Weise verheilt werden sollten.
Auf diese Basis hin ward ein ziemlich guter Plan entworfen und die Anwerbungen erreichten binnen drei Tagen die Höhe von vierzehntausend Mann.
Nun aber, nachdem man die Mannschaften hatte, galt es, auch Waffen herbeizuschaffen, und hier stieß man von Seiten des Generalvikars auf hartnäckigen Widerstand.
Nach langem Kampfe erhielt man erst fünfhundert und dann noch zweihundert Gewehre.
Nun wurden die Patrioten – dieses Wort ward schon laut ausgesprochen – aufgefordert, ihre Waffen herzuleihen.
Die Patrouillen begannen sofort die Runde zu machen und die Stadt gewann einen gewissen Anstrich von Ruhe.
Plötzlich aber, und zum großen Erstaunen eines Jeden, erfuhr man in Neapel, daß ein zweimonatlicher Waffenstillstand, dessen erste Bedingung die Wiederherausgabe von Capua sein sollte, am Tage vorher, das heißt am 9. Januar 1799 auf das Verlangen des Generals Mack zwischen dem Fürsten von Migliano und dem Herzoge von Geno im Namen der durch den Generalvicar repräsentierten Regierung einerseits und dem Commissär Archambal für die republikanische Armee andererseits unterzeichnet worden.
Der Waffenstillstand kam Championnet äußerst gelegen und zog ihn aus einer großen Verlegenheit.
Die von dem Könige wegen Niedermetzelung der Franzosen erheilten Befehle waren buchstäblich befolgt worden. Außer den drei großen Banden Promios, Mammones und Fra Diavolo's, welche wir in Thätigkeit gesehen, hatte Jeder sich zur Franzosenhatz aufgemacht.
Tausende von Bauern bedeckten die Landstraßen und trieben sich in den Wäldern und im Gebirge umher, um, hinter Bäumen lauernd, hinter den Felsen versteckt oder in Schluchten liegend, unerbittlich Alle niederzumetzeln, welche die Unklugheit begingen, hinter den Colonnen zurückzubleiben oder sich von ihren Lagerplätzen zu entfernen.
Ueberdies hatten sich die von Livorno zurückgekehrten Truppen des Generals-Naselli, nachdem sie sich mit den Trümmern von Damas Colonne vereinigt, eingeschifft, um die Mündungen des Garigliano zu besetzen und die Franzosen von hinten anzugreifen, während Mack dies von vorn thun sollte.
Die Lage Championnets, der sich mit seinen zweitausend Mann von dreißigtausend Mann Empörern umringt sah und es zu gleicher Zeit mit Mack, der Capua mit fünfzehntausend Mann besetzt hielt, mit Naselli, der deren achttausend hatte, mit Damas, dem noch fünftausend blieben, und mit Rocca Romana und Malinterno, die Jeder ein Regiment Freiwillige commandierten, zu thun hatte, war sicherlich eine sehr ernste.
Macdonald's Armeecorps hatte Capua durch Ueberrumplung nehmen wollen. Dem zu Folge war er bei nächtlicher Weile vorgerückt und hatte schon das Außenwerk San Giuseppe erreicht, als ein Artillerist, welcher Geräusch hörte und Männer in der Dunkelheit vorüberschleichen sah, sein Geschütz aufs Gerathewohl abgefeuert und dadurch die Besatzung alarmiert hatte.
Andererseits hatten die Franzosen den Volturno in der Nähe von Cajazzo passieren wollen, waren aber von Rocca Romana und seinen Freiwilligen zurückgeworfen worden. Rocca Romana hatte bei dieser Gelegenheit Wunder gethan.
Championnet hatte seiner Armee sofort Befehl erheilt, sich um Capua herum zu concentrieren, welches er nehmen wollte, ehe er gegen Neapel marschierte.
Die Armee führte diese Bewegung aus. Nun sah er, wie isoliert er war, und begriff die Gefahr der Situation in ihrem ganzen Umfange. Er war schon bemüht, in irgend einer jener energischen Thaten, zu welcher die Verzweiflung begeistert, das Mittel zu suchen, um sich dieser Lage zu entreißen und den Feind durch irgend einen blendenden Handstreich einzuschüchtern, als er plötzlich und in dem Augenblicke, wo er es am wenigsten erwartete, die Thore von Capua sich öffnen und unter dem Vortritt einer Parlamentärflagge einige höhere Officiere herauskommen sah, welche beauftragt waren, den Abschluß eines Waffenstillstandes zu beantragen.
Diese höheren Officiere, welche Championnet nicht kannte, waren, wie wir bereits gesagt haben, der Fürst von Migliano und der Herzog von Geno.
Der Waffenstillstand, hieß es in den Präliminarien, hatte den Zweck, zum Schluß eines dauernden Friedens zu führen.
Die Bedingungen, welche die beiden neapolitanischen Bevollmächtigten autorisiert waren vorzuschlagen, waren die Herausgabe Capuas und die Absteckung einer Militärlinie, zu deren beiden Seiten die neapolitanischen und die französischen Armeen jede die Entscheidung ihrer Regierung abwarten sollten.
In der Lage, in welcher Championnet sich befand, waren solche Bedingungen nicht blos annehmbar, sondern auch vortheilhaft. Dennoch aber wies Championnet sie zurück, indem er sagte, die einzigen Bedingungen, denen er Gehör geben könne, wären die, deren Resultat die Unterwerfung der Provinzen und die Uebergabe von Neapel wäre.
Die Bevollmächtigten waren nicht autorisiert, so weit zu gehen, und zogen sich deshalb zurück.
Den nächstfolgenden Tag kamen sie mit denselben Rathschlägen wieder, die, wie am Tag vorher, abermals zurückgewiesen wurden.
Endlich, nach zwei Tagen, während welcher die Lage der von allen Seiten eingeschlossenen französischen Armee nur noch schlimmer geworden war, erschienen der Fürst von Migliano und der Herzog von Geno zum dritten Male und erklärten, daß sie ermächtigt seien, auf jede Bedingung einzugehen, welche nicht die Uebergabe von Neapel in sich schlösse.
Dieses neue Zugeständniß der neapolitanischen Bevollmächtigten war in der Lage, in welcher sich die französische Armee befand, so seltsam, daß Championnet an irgend eine List, einen Hinterhalt glaubte.
Er berief seine Generale zusammen und befragte sie um ihren Rath. Die einstimmige Meinung ging dahin, daß man den Waffenstillstand bewilligen solle.
Der Waffenstillstand ward demnach auf zwei Monate und unter den folgenden Bedingungen bewilligt:
Die Neapolitaner sollten die Citadelle Capua mit Allem, was dieselbe enthielte, übergeben.
Eine Contribution von dritthalb Millionen Ducati sollte erhoben werden, um die Kriegskosten zu decken, welche Frankreich durch den von Seiten des Königs von Neapel ausgegangenen Angriff verursacht worden.
Diese Summe sollte auf zweimal, zur Hälfte am 15. Januar, zur Hälfte am 25. desselben Monats, bezahlt werden.
Es ward eine Linie gezogen, zu deren beiden Seiten die beiden Armeen sich zu halten hätten.
Dieser Waffenstillstand war ein Gegenstand des Erstaunens für alle Welt, selbst für die Franzosen, welche nicht wußten, aus welchem Beweggrunde derselbe vorgeschlagen worden. Er ward nach dem Namen des Dorfes Sparasini, wo er abgeschlossen worden, benannt und am 10. Januar unterzeichnet.
Wir, die wir die Beweggründe kennen, welche ihn herbeigeführt und die später sich herausstellten, wollen dieselben mittheilen.
Sechstes Capitel.
Die drei Parteien in Neapel zu Anfang des Jahres 1798
Unser Buch ist, wie der Leser schon längst bemerkt haben wird, eine historische Erzählung, in welcher sich, wie zufällig, auch ein dramatisches Element findet.
Anstatt aber, daß dieses romantische Element die Ereignisse leitete und unter sich beugte, unterwirft es sich gänzlich der Nothwendigkeit der Thatsachen und schimmert gewissermaßen blos hindurch, um diese Thatsachen unter einander zu verknüpfen.
Diese Thatsachen sind so seltsam und die darein verflochtenen Persönlichkeiten so eigenthümlich, daß wir zum ersten Male, seitdem wir die Federführen, uns über den Reichthum der Geschichte beklagt haben, welche über unsere Phantasie den Sieg davongetragen hat.
Wir fürchten daher, wenn die Nothwendigkeit es erfordert, nicht, wir sagen nicht die erdichtete Erzählung – denn Alles, was in diesem Buche steht, ist wahr – sondern die malerische Erzählung auf einige Augenblick zu verlassen und Tacitus von Walter Scott zu trennen.
Das Einzige, was wir bedauern, ist, daß wir nicht gleichzeitig die Feder des römischen Historikers und die des schottischen Romandichters besitzen, denn mit den Elementen, die uns gegeben waren, hätten wir dann ein Meisterwerk geschrieben.
Wir haben Frankreich von einer Revolution in Kenntniß zu setzen, die ihm bis jetzt beinahe unbekannt geblieben ist, weil sie in einer Zeit geschah, wo Frankreichs eigene Revolution eine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, und ferner auch, weil ein Theil der Ereignisse, die wir erzählen, in Folge der Maßregeln der sie unterdrückenden Regierung den Neapolitanern selbst unbekannt blieb.
Nachdem wir dies vorausgeschickt, nehmen wir unsere Erzählung wieder auf und wollen einige Zeilen der Erklärung jenes Waffenstillstandes von Sparasini widmen, welcher am 10. Januar, wo er bekannt ward, Neapel in Erstaunen setzte.
Wir haben gesagt, wie die Stadt Repräsentanten ernannt hatte – wie sie selbst sich zu dem Generalvikar begeben, wie sie Deputationen zu ihm geschickt hatte.
Das Resultat von all' diesem war gewesen, daß man einsah, der Fürst Pignatelli repräsentiere die absolute Gewalt des Königs, eine veraltete, aber noch in voller Macht bestehende Gewalt, und die Stadt, die im Entstehen begriffene Volksgewalt, welche aber schon das Bewußtsein der Rechte besaß, die erst sechzig Jahre später anerkannt werden sollten.
Diese beiden einander natürlich entgegengesetzten und feindseligen Gewalten hatten begriffen, daß sie sich nicht gemeinschaftlich bewegen konnten. Dennoch aber hatte die Volksgewalt über die königliche einen Sieg davongetragen, und dieser bestand in der Errichtung der Nationalgarde.
Abgesehen von diesen beiden Parteien aber, welche die eine den königlichen Absolutismus, die andere die Volkssouveränität repräsentierten, gab es auch noch eine dritte, welche, wenn wir uns so ausdrücken dürfen, die Partei der Intelligenz war.
Es war dies die französische Partei, deren Hauptanführer wir in einem der ersten Capitel dieses Werkes unseren Lesern bereits vorgeführt haben.
Diese Partei, welche die Unwissenheit der unteren Volksclassen in Neapel, die Corruption des Adels, den geringen Gemeinsinn des kaum geborenen und noch niemals zur Führung der öffentlichen Angelegenheiten berufenen Bürgerthums kannte, diese Partei hielt die Neapolitaner für unfähig, etwas durch sich selbst zu unternehmen, und verlangte mit aller Gewalt die französische Invasion, ohne welche, glaubte sie, man sich in bürgerlichen Zwistigkeiten und inneren Streitigkeiten verzehren würde.
Um daher in Neapel eine dauernde Regierung zu gründen – und diese Regierung sollte nach der Ansicht der Männer dieser Partei eine Republik sein – um also eine Republik zu gründen, bedurfte es der festen und ganz besonders redlichen Hand Championnet‘s.
Nur diese Partei allein wußte fest und klar, was sie wollte.
Was die royalistische und die nationale Partei betraf, in Bezug auf welche die Utopisten die Hoffnung nährten, sie in eine einzige verschmelzen zu können, so war bei dieser Alles in Verwirrung und der König kannte die Zugeständnisse, die er machen sollte, eben so wenig, als das Volk die Rechte, die es verlangen konnte.
Das Programm der Republikaner war einfach und klar: die Regierung des Volkes durch das Volk, das heißt durch seine erwählten Vertreter.
Eine der seltsamsten Erfahrungen unserer armen Welt ist, daß die klarsten und einfachsten Dinge allemal die sind, deren Verwirklichung mit den größten Schwierigkeiten verbunden ist.
Nachdem den Häuptern der republikanischen Partei durch die Abreise des Königs freie Bewegung gestattet worden, hatte sie sich nicht mehr im Palaste der Königin Johanna – eine so große Geheimhaltung war nicht mehr nöthig, obschon man immer noch gewisse Vorsichtsmaßregeln beobachten mußte, sondern in Portici bei Schipani versammelt.
Hier hatte man beschlossen, alles nur irgend Mögliche zu thun, um den Einzug der Franzosen in Neapel zu erleichtern und zu fördern und unter dem Schutze der französischen Republik die parthenopeiche Republik zu gründen.
Da aber die Stadt Deputierte zu Hilfe gerufen, ebenso wie die republikanischen Anführer die Thüren ihrer Berathungszimmer einer gewissen Anzahl Männer ihrer Partei geöffnet, und da Alles durch Stimmenmehrheit entschieden ward, so waren die vier Häupter – Nicolino's Einkerkerung in dem Fort San Elmo und Hector Caraffa‘s Abwesenheit hatten nämlich die Zahl der republikanischen Anführer auf vier reducirt – so waren, sagen wir, die vier Anführer nicht mehr mächtig genug gewesen, um die Berathungen zu leiten und die Beschlüsse zu bestimmen.
Es war demgemäß in dem republikanischen Clubb zu Portici mit Ausnahme von vier Stimmen, welche die Cirillos, Manthonnets, Schipanis und Velasco's waren, einmüthig beschlossen worden, Unterhandlungen mit Rocca Romana, welcher sich in dem Gefecht bei Cajazzo gegen die Franzosen ausgezeichnet, und mit Malinterno zu eröffnen, welcher letztere neue Beweise von jenem feurigen Muth gegeben, den er früher in Tirol gezeigt.
Und es wurden ihnen in der That Vorschläge gemacht, durch welche man einem jeden von ihnen eine hohe Stellung in der neuen Regierung, welche in Neapel errichtet werden sollte, anbot, wenn sie sich der republikanischen Partei anschließen wollten.
Der mit dieser Unterhandlung beauftragte Parlamentär stellte den beiden Obersten in beredter Weise das Unheil vor, welches der Rückzug der Franzosen für Neapel zur Folge haben könne, und sei es nun aus Ehrgeiz, sei es aus Patriotismus, kurz die beiden Edelleute verstanden sich dazu, mit den Republikanern ein Abkommen zu treffen.
Mack und Pignatelli waren daher die Einzigen, welche sich der Wiedergeburt Neapels widersetzten, weil, wenn die Civilgewalt und die Militärgewalt verschwunden wären, zu erwarten stand, daß die nationale Partei, welche sich von der republikanischen nur durch Nuancen unterschied, sich mit dieser vereinigen würde.
Wir entlehnen die folgenden Einzelheiten, welche unsere Leser weder in Cuoco, einem gewissenhaften Schriftsteller, aber vorurtheilsvollen Parteimann, noch in Colletta, einem parteiischen und leidenschaftlichen Schriftsteller, welcher fern von Neapel und ohne andere Quellen schrieb, als seine von Haß oder Sympathie erfüllten Erinnerungen, finden werden – wir entlehnen, sagen wir, die folgenden Einzelheiten den »Memoiren zur Geschichte der letzten Revolution von Neapel«, einem im Jahre 1803 in Frankreich erschienenen sehr seltenen und sehr interessanten Werke.
Der Verfasser desselben, Bartolomeo N***, ist Neapolitaner und erzählt mit der Naivetät eines Menschen, der vom Recht und vom Unrecht nur einen unklaren, verworrenen Begriff hat, die Thatsachen, welche seinen Landsleuten zur Ehre gereichen, ebenso wie die, welche ihnen zur Schande angerechnet werden müssen. Er ist eine Art Suetonius, welcher ad narrandum, non ad probandum schreibt.
»Es fand nun,« sagt er, »zwischen dem Fürsten von Malinterno und einem der Anführer der Jakobinerpartei, [Wir haben daher dreist sagen können, daß dieser Anführer der Jakobinerpartei weder Cirillo, noch Schipani, noch Manthonnet, noch Velasco, noch Ettore Caraffa war, weil im Jahre 1803, wo Bartolomeo N. . . ein Buch schrieb, die vier erstern gehenkt und der letztere enthauptet waren.] den ich nicht nennen will, um ihn nicht zu compromittieren, eine Unterredung statt.
»In dieser Unterredung kam man dahin überein, daß Mack in der Nacht zum 10. Januar in Capua ermordet werden, daß Malinterno sofort das Commando der Armee übernehmen und vor die Mauern des königlichen Palastes in Neapel einen seiner Officiere schicken sollte, der hier mit einem Verschworenen zusammentreffen würde, welcher zunächst nach dem Signalement und zweitens an einer verabredeten Parole leicht zu erkennen wäre. Dieser Verschworene sollte, sobald er die Gewißheit von Macks Tode hätte, unter dem Vorwand eines freundschaftlichen Besuchs bis zu dem Fürsten Pignatelli dringen und denselben eben so ermorden, wie man Mack ermordet haben würde. Dann sollte man sich sofort des Castello Nuovo, auf dessen Commandanten man rechnen könne, bemächtigen und hierauf alle sonst zu einer Aenderung der Regierung erforderlichen Maßregeln treffen, während man zugleich mit den Franzosen, die unsere Brüder geworden, einen möglichst vortheilhaften Frieden abschlösse.«
Der Gesandte von Capua fand sich zur bestimmten Stunde vor dem königlichen Palast ein und fand hier die Verschworenen, nur hatte er ihnen anstatt den Tod Mack's die Verhaftung Malinternos zu melden.
Mack, welcher Kunde von dem Complott erhalten, hatte schon am Abend vorher Malinterno festnehmen lassen.
Die Patrioten von Capua jedoch, welche mit denen von Neapel in Verbindung standen, hatten das Volk zu Malinterno's Gunsten aufgewiegelt.
Malinterno war demzufolge freigelassen, jedoch von dem General Mack nach Santa Maria geschickt worden.
Die Verschwörung war sonach verrathen und es wäre, da Mack lebte, unnütz gewesen, sich Pignatellis zu entledigen.
Pignatelli aber, der ohne Zweifel durch Mack von dem Complott, welchem sie beinahe beide zum Opfer gefallen wären, unterrichtet worden, war darüber erschrocken und hatte nun aus Furcht den Fürsten von Migliano und den Herzog von Geno abgesendet, um mit den Franzosen einen Waffenstillstand zu schließen.
Dies war der Grund, weshalb Championnet in dem Augenblick, wo er es am wenigsten erwartete und am wenigsten erwarten konnte, die Thore von Capua sich öffnen und die beiden Abgesandten des Generalvikars herauskommen sah.
Jetzt noch eine kurze Erklärung in Bezug auf die Worte, welche wir so eben unterstrichen haben und die sich auf die beabsichtigte Ermordung Macks und Pignatellis beziehen.
Man würde den französischen Moralisten und ganz besonders Allen, welche das südliche Italien nicht kennen, ein großes Unrecht anthun, wenn man den Mord in Neapel und in den neapolitanischen Provinzen von dem Gesichtspunkt aus betrachten wollte, von welchem aus wir ihn in Frankreich betrachten.
Neapel und selbst Oberitalien haben verschiedene Namen, um den Mord zu bezeichnen, je nachdem er an einem gewöhnlichen Individuum oder an einem Tyrannen ausgeübt wird.
Es gibt in Italien den Menschenmord und den Tyrannenmord.
Der Menschenmord findet zwischen Individuum und Individuum statt. Der Tyrannenmord ist der Mord des Bürgers an dem Tyrannen oder an dem Werkzeuge des Despotismus.
Uebrigens lehrt die Erfahrung, daß nordische Völker – wir nennen hier beispielsweise die Deutschen – diesen schweren moralischen Irrthum theilen. Die Deutschen haben Karl Sand, welcher Kotzebue ermordete, und Staps, welcher Napoleon zu ermorden suchte, beinahe Altäre errichtet.
Der unbekannte Mörder Rossis und Agefilas Milano, welcher den König Ferdinand den Zweiten bei einer Revue durch einen Bajonnetstich zu ermorden versuchte, werden in Rom und in Neapel nicht als gemeine Mörder, sondern als Tyrannenmörder betrachtet.
Dies rechtfertigt die Attentate der Italiener allerdings nicht, wohl aber erklärt es dieselben.
Unter welchem Despotismus Italien auch gebeugt worden sein mag, so ist die Erziehung der Italiener doch immer classisch und folglich republikanisch gewesen.
Nun aber glorificirt die classische Erziehung den politischen Mord, den unsere Gesetze brandmarken, den unser Gewissen verwirft.
Dies ist so wahr, daß die Popularität des Königs Ludwig Philipp durch die zahlreichen Attentate, deren Opfer er im Laufe seiner achtzehnjährigen Regierung beinahe geworden wäre, nicht blos aufrecht erhalten, sondern sogar gesteigert ward.
Man lasse in Frankreich eine Messe für Fieschi, Alibaud oder Lecomte lesen, und kaum werden eine alte Mutter, eine fromme Schwester, ein unschuldiger Sohn des verbrecherischen Vaters derselben beizuwohnen wagen.
An jedem Jahrestage von Milanos Tode wird in Neapel eine Messe für sein Seelenheil gelesen und an jedem dieser Jahrestage vermag die Kirche die Zahl der Betenden nicht zu fassen.
Und in der That, die ruhmreiche Geschichte Italiens liegt zwischen dem Mordversuche des Mucius Sävola gegen den König der Etrusker und der Ermordung Cäsars durch Brutus und Cassius.
Und was thut der Senat, mit dessen Zustimmung Mucius Scävola das Attentat auf Porenna unternommen, als der von dem Feinde Roms begnadigte Mörder mit seinem verbrannten Arme nach Rom zurückgekehrt?
Im Namen der Republik votiert er dem Mörder eine Belohnung und gibt ihm im Namen der Republik, die er gerettet, ein hohes Amt.
Was thut Cicero, der in Rom für den ehrlichen Mann par excellence gilt, als Brutus und Cassius den Cäsar ermorden? Er fügt seinem Buche de officiis ein Capitel bei, um zu beweisen, daß, wenn ein Mitglied der Gesellschaft schädlich ist, jeder Bürger das Recht hat, sich in einen politischen Wundarzt zu verwandeln und dieses Glied von dem socialen Körper abzulösen.
Aus dem, was wir so eben gesagt, geht hervor, daß, wenn wir stolzer Weise glaubten, unser Buch besitze eine Bedeutung, die es nicht hat, wir die Philosophen und selbst die Rechtsgelehrten auffordern würden, diese Betrachtungen zu erwägen, welche es weder den Vertheidigern noch den Angeklagten selbst einfällt, geltend zu machen, wenn ein Italiener und ganz besonders ein Italiener der südlichen Provinzen bei irgend einem politischen Mordattentat ins Spiel kommt.
Nur Frankreich ist in der Civilisation so weit vorgeschritten, daß es Louvel und Sacemaire auf eine und dieselbe Stufe stellt, und wenn es zu Gunsten Charlottens Corday eine Ausnahme macht, so geschieht es in Folge des physischen und moralischen Abscheues, welchen der Batrachier Marat einflößte.
Siebentes Capitel.
In welchem geschieht, was geschehen mußte
Der Waffenstillstand ward, wie wir gesagt haben, am 10. Januar unterzeichnet und die Stadt Capua ward gemäß der getroffenen Uebereinkunft am 11. den Franzosen übergeben.
Am 13. ließ der Fürst Pignatelli die Vertreter der Stadt in seinen Palast kommen.
Dieser Ruf hatte den Zweck, die aufzufordern, die Hälfte der Contribution von dritthalb Millionen Ducati, welche den drittnächsten Tag bezahlt werden sollte, auf die großen Grundeigenthümer und die ersten Handelshäuser von Neapel zu repartiren.
Die Deputierten aber, welche jetzt zum ersten Male höflich empfangen wurden, weigerten sich entschieden, diese impopuläre Mission zu übernehmen, indem sie sagten, diese Sache ginge sie durchaus nichts an, und wer die Verbindlichkeit übernommen, der möge sie auch erfüllen.
Am 14. Januar – die Ereignisse werden mit jedem Tage ernster, so daß wir sie nur bis zum 20. zu notieren brauchen – am 14. gelangten die an den Mündungen des Volturno eingeschifften achttausend Mann des Generals Naselli mit ihren Waffen und ihrer Munition in dem Golf von Neapel an. Man konnte diese achttausend Mann nehmen, damit die Straße von Capua nach Neapel besetzen, sie durch dreißigtausend Mann Lazzaroni unterstützen und auf diese Weise die Stadt uneinnehmbar machen.
Der Fürst Pignatelli, der nicht die mindeste Popularität besaß, hielt sich mit Recht für nicht stark genug, um einen solchen Entschluß zu fassen, den gleichwohl der nahe bevorstehende Bruch des Waffenstillstandes nothwendig machte. Wir sagen »nahebevorstehend«, denn wenn die fünf Millionen, zu welchen man bis jetzt noch keinen Heller aufgetrieben, am nächstfolgenden Tage nicht bereit lagen, so ward der Waffenstillstand von selbst ungültig.
Andererseits wünschten die Patrioten den Bruch dieses Waffenstillstandes, der die Franzosen, ihre Gesinnungsgenossen, abhielt, auf Neapel zu marschieren.
Der Fürst Pignatelli traf in Bezug auf die achttausend Mann, welche in den Hafen einliefen, keine Maßregel.
Als die Lazzaroni dies sahen, bestiegen sie sämtliche Boote, welche von der Magdalenenbrücke bis zur Mergellina am Strande lagen, ruderten bis an die Felucken und bemächtigen sich der Kanonen, der Musketen und der Munition, während die Soldaten sich entwaffnen ließen, ohne den mindesten Widerstand zu leisten.
Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß unsere Freunde Michele, Pagliuccello und Frau Pacifico sich ganz natürlich an der Spitze dieser Expedition befanden, durch welche ihre Leute sich mit einem Male auf bewunderungswürdige Weise bewaffnet sahen.
Als dies geschehen war, fingen die achttausend Lazzaroni an zu schreien: »Es lebe der König! Es lebe die Religion!« und »Nieder mit den Franzosen!«
Was die Soldaten betraf, so wurden sie ans Land gesetzt und erhielten Erlaubniß, sich zu begeben, wohin sie wollten.
Anstatt sich aber zu entfernen, rotteten sie sich in einen Haufen zusammen und schrien lauter als die Andern: »Es lebe der König! Es lebe die Religion!« und »Nieder mit den Franzosen!«
Als der Commandant des Castello Nuovo, Namens Massa, hörte, was vorging und als er dieses Geschrei hörte, begriff er, daß er höchst wahrscheinlich sehr bald angegriffen werden würde und sendete einen seiner Officiere, den Capitän Simonei, ab, um fragen zu lassen, welche Instructionen für den Fall eines Angriffs der Generalvicar ihm ertheile.
»Vertheidigen Sie das Castell,« antwortete der Generalvicar, »aber hüten Sie sich wohl, dem Volke etwas zu Leide zu thun.«
Simonei rapportierte dem Commandanten diese Antwort, welche letzterem ebenso wie Simonei selbst an einem eigenthümlichen Mangel von Klarheit zu leiden schien.
Und in der That, man muß zugeben, daß es schwierig war, das Castell gegen das Volk zu vertheidigen, ohne diesem etwas zu Leide zu thun.
Der Commandant schickte daher den Capitän Simonei nochmals ab, um eine bestimmtere Antwort zu verlangen.
»Lassen Sie blind feuern,« ward ihm geantwortet; »dies wird hinreichen, um die Menge zu zerstreuen.«
Simonei entfernte sich achselzuckend, auf dem Palaisplatz kam ihm aber der Herzog von Geno, einer der Unterhändler des Waffenstillstandes von Sparanisi nachgeeilt, um ihm im Namen des Fürsten Pignatelli zu befehlen, gar nicht feuern zu lassen.
In das Castello Nuovo zurückgekehrt, erzählte Simonei seine beiden Unterredungen mit dem Generalvicar.
In demselben Augenblicke aber, wo er seine Erzählung begann, stürzte sich eine unzählige Menge Volk auf das Castell, sprengte das erste Thor und bemächtigte sich der Brücke und schrie:
»Die königliche Fahne! Die königliche Fahne!«
In der That war seit der Abreise des Königs die königliche Fahne von dem Castell verschwunden, ebenso wie in Abwesenheit des Staatsoberhauptes die Fahne von der Kuppel der Tuilerien verschwindet.
Die königliche Fahne ward dem Wunsche des Volkes gemäß wieder entfaltet.
Nun verlangten die Eindringenden und besonders die Soldaten, welche sich soeben hatten entwaffnen lassen, Waffen und Munition.
Der Commandant antwortete, da er die Waffen und die Munition auf Rechnung habe und dafür verantwortlich sei, so könne er ohne Befehl des Generalvicars weder eine einzige Flinte noch eine einzige Patrone aushändigen. Käme man dagegen mit einem schriftlichen Befehl vom Generalvicar, so sei er bereit, Alles auszuliefern, selbst das ganze Castell.
Während aber der Inspector Minichini mit dem Volke parlamentierte, öffnete das sämtliche Regiment, welches die Thore zu bewachen hatte, dieselben dem Volke.
Die Menge strömte sofort in das Schloß hinein und verjagte den Commandanten und die Officiere.
An demselben Tage und zur selben Stunde bemächtigten sich wie auf Verabredung – und wahrscheinlich hatte auch eine solche stattgefunden – die Lazzaroni der drei andern Forts, nämlich des Castells San Elmo, des Castells del Uovo und des Castells del Carmine.
War diese Bewegung des Volkes eine freiwillige oder geschah sie auf Anstiften des Generalvicars, welcher in der Volksdictatur ein doppeltes Mittel sah, die Plane der Patrioten zu durchkreuzen und die feindseligen Absichten der Königin auszuführen?
Dies blieb ein Geheimniß; obschon aber die Ursachen verborgen blieben, so wurden doch die Thatsachen sichtbar.
Am nächsten Tage, den 15. Januar, gegen zwei Uhr Nachmittags, rollten fünf Kaleschen mit französischen Officieren besetzt, unter welchen sich der Commissär Archambal, Unterzeichner des Tractats von Sparanisi befand, durch die Porta Capuana und nach dem Albergo reale, wo die Herren ausstiegen.
Sie kamen, um die erste Hälfte der fünf Millionen in Empfang zu nehmen, welche dem General Championnet als Entschädigung bezahlt werden sollten, und um, da überall, wo Franzosen sind, auch der französische Charakter sich geltend macht, in das Theater San Carlo zu gehen.
Sofort verbreitete sich das Gerücht, daß sie kämen, um Besitz von der Stadt zu nehmen, daß der König verrathen sei und daß man den König rächen müsse.
Wer hatte ein Interesse daran, dieses Gerücht zu verbreiten? Ohne Zweifelder, welcher fünf Millionen zahlen sollte, aber nicht im Stande war, diese eingegangene Verpflichtung zu erfüllen, und der, da er nicht in Geld bezahlen konnte, auf irgend eine Weise loszukommen suchte, wie verwerflich und strafbar dieselbe auch wäre.
Gegen sieben Uhr Abends begaben sich fünfzehn- bis zwanzigtausend Soldaten oder bewaffnete Lazzaroni mit dem Rufe: »Es lebe der König! Es lebe die Religion! Nieder mit den Franzosen!« nach dem Albergo reale.
An der Spitze dieser ungeheuren Rotte standen dieselben Männer, welche man an der Spitze der Emeute gesehen, durch welche die Brüder della Torre den Tod gefunden, so wie der, bei welcher der unglückliche Ferrari in Stücke gerissen worden, das heißt die Pasquale, die Rinaldi, die Beccajo.
Was Michele betraf, so werden wir später sagen, wo er war.
Zum Glücke befand sich Archambal im Palaste bei Pignatelli, welcher, da er ihn nicht in Geld bezahlen konnte, ihn mit schönen Worten zu bezahlen suchte.
Die andern Officiere waren im Theater.
Die ganze fanatisierte Rotte stürzte weiter nach San Carlo. Die Schildwachen an der Thür desselben wollten Widerstand leisten und wurden sofort niedergestoßen.
Man sah plötzlich eine heulende, drohende Flut Lazzaroni das Parterre überschwemmen.
Der Ruf: »Nieder mit den Franzosen!« hallte in der Straße, in den Corridors, in dem Zuschauerraume.
Was vermochten zwölf oder fünfzehn blos mit ihren Säbeln bewaffnete Officiere gegen Tausende von Mördern? Eine Anzahl Patrioten umringten sie, bildeten mit ihren Körpern eine Schutzmauer und drängten sie in den dem Volke unbekannten und nur zum Gebrauch des Königs bestimmten Corridor, welcher aus dem Theater in den Palast führte.
Hier fanden die Archambal bei dem Fürsten, und ohne von den fünf Millionen auch nur einen Heller erhalten zu haben, aber nachdem sie in Lebensgefahr geschwebt, machten sie sich, von einem starken Piket Cavallerie escortiert, wieder auf den Weg nach Capua.
Beim Anblick dieser in das Theater eindringenden Volksmassen hatten die Schauspieler den Vorhang fallen lassen und die Vorstellung unterbrochen.
Was die Zuschauer betraf, so dachten diese, ohne sich darum zu kümmern, was den Franzosen zustoßen könne, nur daran, sich in Sicherheit zu bringen.
Wer die Flinkheit der neapolitanischen Hände kennt, kann sich einen Begriff von der Plünderung machen, welche während der Invasion stattfand. Mehrere Personen wurden an den Ausgangsthüren erdrückt, andere auf den Treppen über den Haufen gerannt und zertreten.
Die Plünderung setzte sich bis auf die Straße hinaus fort. Diejenigen, welche nicht in das Theater hineingekommt, mußten doch auch ihren Antheil an der Beute haben.
Unter dem Vorwand, sich zu überzeugen, ob nicht Franzosen darin versteckt seien, öffnete man alle vorüberfahrenden Wagen und wer darin saß, ward ausgeplündert.
Die Mitglieder der Municipalität, die Patrioten, die angesehensten Männer von Neapel versuchten vergebens, Ordnung unter dieser Menge herzustellen, welche, die Straßen durchziehend, raubte, stahl und mordete.
Sie begaben sich, als sie dies sahen, zu dem Erzbischof von Neapel, Monsignore Capece Zurlo, einem von Allen hochgeachteten Mann von sanftem Gemüth und exemplarischem Lebenswandel, und baten ihn, Alles und wenn nöthig den Pomp der Religion aufzubieten, um diesen verworfenen Pöbel, der sich wie ein Lavastrom durch die Straßen von Neapel wälzte, zur Ordnung zu bringen.
Der Erzbischof stieg in einen offenen Wagen, gab seinen Dienern Fackeln in die Hände und durchpflügte sozusagen diese Menge nach allen Richtungen, ohne jedoch einem einzigen seiner Worte Gehör verschaffen zu können, denn seine Stimme ward fortwährend übertäubt durch die Rufe: »Es lebe der König! Es lebe die Religion! Es lebe der heilige Januarius! Nieder mit den Jakobinern!«
Und in der That, das Volk war, da es die drei Castelle in seiner Gewalt hatte, Meister der ganzen Stadt und begann die Einweihung seiner Dictatur dadurch, daß es unmittelbar unter den Augen des Erzbischofs den Mord und die Plünderung organisierte.
Seit Masaniello, das heißt seit hundert und zweiundfünfzig Jahren, war das Roß, welches das Volk von Neapel zum Wappen hat, nicht ohne Zaum und Zügel losgelassen worden. Jetzt stürzte es sich mit Wollust in diesen Zustand und brachte die versäumte Zeit wieder ein.
Bis jetzt waren die Ermordungen so zu sagen zufällig gewesen; von diesem Augenblick an aber wurden sie systematisch.
Jeder elegant gekleidete Mann, welcher kurz abgeschnittenes Haar trug, ward mit dem Namen Jakobiner bezeichnet und dieser Name war ein Todesurtheil.
Die Frauen der Lazzaroni, welche an den Tagen der Revolution stets wilder und grausamer sind als ihre Männer, begleiteten dieselben, mit Scheren, Messern und Rasiermessern bewaffnet, und vollführten unter Geheul und Gelächter an den Unglücklichen, die von ihren Männern verurtheilt worden, die gräßlichsten und obscönsten Verstümmlungen.
In diesem verhängnißvollen Augenblicke, wo das Leben aller rechtschaffenen Leute in Neapel nur an einer Laune, einem Worte, einem Faden hing, dachten einige Patrioten an ihre gefangenen Freunde, welche von Vanni in den Kerkern der Vicaria und del Carmine vergessen worden.
Sie verkleideten sich als Lazzaroni und schrien, man müsse die Gefangenen befreien, um die Streitmacht des Volkes durch so viel tapfere Arme zu vermehren.
Der Vorschlag ward mit lautem Beifall aufgenommen. Man eilte nach den Gefängnissen, man befreite die Gefangenen, mit diesen aber auch zugleich fünf- bis sechstausend Sträflinge, Veteranen des Mordes und des Raubes, welche sich in der Stadt verbreiteten und den Tumult und die Verwirrung verdoppelten.
Es ist bemerkenswerth, welche Rolle in Neapel und überhaupt in den südlichen Provinzen Italiens die Sträflinge bei allen Revolutionen spielen.
Da die despotischen Regierungen, welche in Süditalien von den spanischen Vicekönigen bis zum Sturze Franz des Zweiten, das heißt seit 1503 bis 1860 auf einander gefolgt sind, es sich stets vor allen Dingen zum Princip gemacht haben, das moralische Gefühl zu corrumpieren, so folgt daraus, daß der Galeerenclave dort nicht denselben Abscheu einflößt wie bei uns.
Anstatt in ihre Bagnos eingeschlossen und von der Gesellschaft, welche sie ausgestoßen, abgeschnitten zu sein, mischen sie sich dort unter die Bevölkerung, weil sie beiderseitig an einander nichts zu verderben haben.
Ihre Zahl ist ungeheuer, beinahe doppelt so groß als in Frankreich, und in einem gegebenen Augenblicke sind sie für die Könige, welche ihren Beistand nicht verschmähen, denn derselbe ist eine mächtige und furchtbare Hilfe in Neapel, worunter wir hier sämtliche neapolitanische Provinzen verstehen.
Lebenslängliche Galeerenstrafe gibt es nicht. Wir haben eine übrigens sehr leicht anzustellende Berechnung gemacht, bei welcher sich für die lebenslängliche Galeere ein durchschnittlicher Zeitraum von neun Jahren herausstellt. So haben sich seit 1799, das heißt seit fünfundsechzig Jahren, die Thore der Galeeren sechsmal geöffnet und allemal durch das Königthum, welches 1799, 1806, 1809, 1821, 1848 und 1860 die Reihen seiner Kämpfer auf diesem Wege recrutierte.
Wir werden sehen, wie der Cardinal Ruffo mit diesen seltsamen Hilfstruppen zu thun hatte und da er nicht wußte, wie er sich derselben entledigen sollte, sie bei allen Gelegenheiten ins Feuer trieb.
Ich hatte während der dritthalb Jahre, die ich in Neapel verlebt, etwa hundert Galeerensträflinge zu Nachbarn, welche ein in derselben Straße gelegenes, zum Bagno gehörendes Haus bewohnten.
Diese Menschen waren bei keiner Arbeit beschäftigt und verbrachten ihre Zeit in der vollkommensten Unthätigkeit. In den frischen Stunden des Sommers, das heißt von sechs bis zehn Uhr Morgens und von vier bis sechs Uhr Abends, lagen oder saßen sie auf der Mauer und betrachteten den prachtvollen Horizont, der nur das sicilische Meer zur Grenze hat.
»Was sind das für Leute?« fragte ich eines Tages einen Beamten.
»Gentiluomini (Gentlemen),« antwortete der Gefragte.
»Was haben sie denn gethan?«
»Nulla! Hanno amazzato. (Nichts! Sie haben gemordet.)« Und in der That ist in Neapel der Mord weiter nichts als eine Handbewegung und der unwissende Lazzarone, der niemals über die Geheimnisse des Lebens und des Todes nachgedacht, raubt das Leben und gibt den Tod, ohne weder eine philosophische noch moralische Idee von dem zu haben, was er raubt und was er gibt.
Man denke ich hiernach die blutige Rolle, welche in Situationen wie die, in welcher wir so eben Neapel gezeigt, Menschen spielen, deren Urbilder die Mammone sind, welche das Blut ihrer Gefangenen trinken, und die La Gala, welche dieselben kochen lassen und verzehren.
Achtes Capitel.
Der Fürst von Malinterno
Es mußte so schnell als möglich, Abhilfe geschafft werden, oder Neapel war verloren und die Befehle der Königin wurden buchstäblich ausgeführt, das heißt der Bürgerstand und der Adel verschwanden in einem allgemeinen Blutbade und es blieb nichts übrig als das Volk oder vielmehr der Pöbel.
Die Deputierten der Stadt versammelten sich in der alten Basilika San Lorenzo, in welcher die Rechte des Volks und die der königlichen Gewalt so oft discutirt worden.
Die republikanische Partei, welche, wie wir gesehen, zu dem Fürsten von Malinterno schon in Beziehung gestanden und diesen Versprechungen gemäß auf ihn rechnen zu können glaubte, weil sie den von ihm in dem Feldzuge von 1796 bewiesenen Muth kannte und wußte, was er erst vor einigen Tagen für die Vertheidigung von Capua gethan brachte ihn als General in Vorschlag.
Die Lazzaroni, welche ihn gegen die Franzosen kämpfen gesehen, hatten kein Mißtrauen und begrüßten seinen Namen mit Beifall.
Sein Einzug sollte mitten unter dem allgemeinen Enthusiasmus erfolgen.
In dem Augenblick, wo das Volk schrie: »Ja! ja! Malinterno! Es lebe Malinterno! Nieder mit den Franzosen! Nieder mit den Jakobinern!« erschien Malinterno zu Pferde und bis an die Zähne bewaffnet.
Das neapolitanische Volk ist ein Volk von Kindern und leicht durch theatralische Effekte zu kirren. Die Ankunft des Fürsten in der Mitte der Bravos, welche eine Ernennung kund gaben, erschien ihm als eine Fügung der Vorsehung.
Bei seinem Anblick verdoppelte sich das Geschrei. Man umringte ein Pferd, wie man am Abend vorher und noch am Morgen den Wagen des Erzbischofs umrungen, und jeder heulte mit jener Stimme, die man nur in Neapel hört:
»Es lebe Malinterno! Es lebe unser Vertheidiger! Es lebe unser Vater!«
Maliterno stieg vom Pferde, überließ es den Händen der Lazzaroni und trat in die Kirche San Lorenzo.
Von dem Volke schon angenommen, ward er von dem Municipium als Dictator proclamiert und mit unumschränkter Gewalt bekleidet, während man ihm zugleich freistellte, sich einen Lieutenant oder Stellvertreter selbst zu wählen.
Noch in derselben Sitzung und ehe noch Maliterno die Kirche verließ, meldete man eine Deputation, welche beauftragt war, sich zum Generalvicar zu begeben und ihm zu sagen, daß die Stadt und das Volk fernerhin keinem andern Anführer gehorchen wollten, als dem, welchen sie gewählt, und daß dieser so eben erwählte Anführer der Signor San Girolamo, Fürst von Maliterno, sei.
Der Generalvicar sollte daher durch die Deputation aufgefordert werden, die von dem Municipium geschaffenen und von dem Volke angenommenen und proclamierten neuen Gewalten anzuerkennen.
Die Deputation, welche sich freiwillig erboten und angenommen worden, bestand aus Manthonnet, Cirillo, Schipani, Velasco und Pagano.
Sie begab sich nach dem Palast.
Die Revolution hatte seit zwei Tagen Riesenschritte gemacht. Das von ihr getäuschte Volk lieh ihr augenblicklich seine Unterstützung und diesmal kamen die Deputierten nicht mehr als Bittende, sondern als Herren.
Diese Veränderungen werden unsere Leser, welche dieselben unter ihren Augen haben stattfinden sehen, nicht in Erstaunen setzen.
Cirillo ward beauftragt, das Wort zu führen.
Seine Anrede war kurz. Er ließ den Titel Fürst und selbst das Prädicat Excellenz weg.
»Mein Herr,« sagte er zu dem Generalvicar, »wir kommen im Namen der Stadt, um Sie aufzufordern, auf die Vollmacht zu verzichten, welche Sie vom König empfangen, und um Sie zu bitten, uns, oder vielmehr der Municipalität, die zu Ihrer Verfügung liegenden Staatsgelder zu übergeben und durch ein Edict – das letzte, welches Sie erlassen werden – unbedingten Gehorsam gegen die Municipalität und gegen den vom Volke zum General ernannten Fürsten von Maliterno zu gebieten.«
Der Generalvicar gab keine bestimmte Antwort, sondern verlangte vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, indem er sagte, guter Rath komme über Nacht.
Der gute Rath, den die Nacht ihm brachte, war, sich mit dem Rest des königlichen Schatzes bei Tagesanbruch nach einem eben nach Sicilien abgehenden Schiffe zu flüchten.
Kehren wir jetzt zu dem Fürsten von Maliterno zurück. Die Hauptsache war, das Volk zu entwaffnen und dadurch den Metzeleien Einhalt zu thun.
Der neue Dictator verließ, nachdem er den Patrioten sein Wort gegeben und geschworen, in jeder Beziehung Hand in Hand mit ihnen zu gehen, die Kirche, bestieg wieder sein Pferd, zog den Säbel und ernannte, nachdem er den Ruf: »Es lebe Maliterno!« durch den Ruf: »Es lebe das Volk!« beantwortet, Don Lucio Caracciolo, Herzog von Rocca Romana, der wegen seines glänzenden Kampfes bei Calazza fast ebenso populär war als er selbst, zu einem Lieutenant.
Der Name des schönen Edelmanns, welcher seit fünfzehn Jahren dreimal die Meinung gewechselt und sich dafür durch einen dritten Verrath Verzeihung erkaufen sollte, ward mit ungeheuer betäubendem Beifall begrüßt.
Der Fürst von Maliterno hielt hierauf eine Rede, um das Volk aufzufordern, die Waffen in einem benachbarten Kloster niederzulegen, welches bestimmt war, als Hauptquartier zu dienen, und befahl bei Todesstrafe Gehorsam gegen alle Maßregeln, welche er für nothwendig halten würde, um die öffentliche Ruhe wieder herzustellen.
Gleichzeitig ließ er, um seinen Worten mehr Nachdruck zu geben, in allen Straßen und auf allen Plätzen Galgen errichten und die Stadt von aus den muthigsten und rechtschaffenden Bürgern zusammengesetzten Patrouillen durchstreifen, welche beauftragt waren, die auf frischer That ergriffenen Diebe und Mörder festzunehmen und ohne Weiteres aufzuknüpfen.
Zunächst beschloß man dann, anstatt der weißen Fahne, das heißt der königlichen, die Fahne des Volkes, das heißt die dreifarbige, aufzupflanzen.
Die drei Farben des neapolitanischen Volkes waren blau, gelb und roth.
Denen, welche Erklärungen über diese Veränderung verlangten und etwas dagegen einzuwenden versuchten, antwortete Malitermo, er wechsele die neapolitanische Fahne deshalb, um nicht den Franzosen eine zu zeigen, welche vor ihnen geflohen sei.
Das Volk, nicht wenig stolz darauf, seine Fahne zu haben, war damit einverstanden.
Als man am Morgen des 17. Januar in Neapel die Flucht des Generalvicars und das neue Unheil erfuhr, womit diese Flucht Neapel bedrohte, wendete die Wuth des Volkes, da man es für zwecklos hielt, Pignatelli, den man einmal nicht einholen konnte, zu verfolgen, sich ausschließlich gegen Mack.
Eine Bande Lazzaroni machte sich auf, um ihn zu suchen.
Nach ihrer Behauptung war Mack ein Verräther, welcher mit den Jakobinern und den Franzosen complottirt hatte und der folglich gehängt zu werden verdiente.
Diese Bande schlug die Richtung nach Caserta ein, wo man ihn zu finden glaubte.
Er befand sich auch mit dem Major Reischach, dem einzigen Officier, der ihm in diesem großen Unglücke treu geblieben, in der That hier, als man ihn von der Gefahr, in der er schwebte, in Kenntniß setzte.
Diese Gefahr war eine sehr ernste. Der Herzog von Salamtra, welchen die Lazzaroni auf der Straße von Caserta getroffen und den sie für Mack gehalten, hätte beinahe das Leben eingebüßt.
Es blieb dem unglücklichen General Mack nur noch ein Ausweg, nämlich der, ein Asyl unter dem Zelte Championnet's zu suchen.
Man erinnert sich aber, daß er diesen in dem Briefe, den er ihm beim Beginne des Feldzuges durch den Major Reischach zugesendet, gröblich beleidigt, und daß er übrigens, als er Rom verließ, gegen die Franzosen einen so grausamen Tagesbefehl erlassen, daß er auf die Großmuth des französischen Generals nicht zu hoffen wagte.
Der Major Reischach beruhigte ihn jedoch, indem er sich erbot, voran zu reisen und ihm den Weg zu bahnen.
Mack nahm dieses Anerbieten an und zog sich, während der Major seine Mission erfüllte, in ein kleines Haus zu Cirnao zurück, welches er wegen seiner einsamen Lage für völlig sicher hielt.
Championnet campirte vor der kleinen Stadt Aversa und hatte eben, sich immer noch für historische Monumente interessierend, mit einem getreuen Thiébaut in einem alten verlassenen Kloster die Trümmer des Schlosses besucht, wo Johanna ihren Gemahl ermordet, ja sogar die Ruinen des Balcons, wo Andreas mit der von der Königin selbst aus Seide und Golddraht geflochtenen zierlichen Schnur gehängt worden.
Er erklärte dem in dergleichen Dingen weniger bewanderten Thiébaut, wie Johanna für dieses Verbrechen dadurch Absolution erhalten, daß sie Avignon dem Papste Clemens dem Vierzehnten für sechzigtausend Thaler verkauft, als plötzlich ein Reiter an der Thür des Zeltes Halt machte und Thiébaut einen Ruf der Freude und der Ueberraschung ausstieß, als er seinen ehemaligen Cameraden, den Major Reischach, erkannte.
Championnet empfing den jungen Officier mit derselben Artigkeit, wie er ihn in Rom empfangen, und gab ihm sein Bedauern zu erkennen, daß er nicht eine Stunde früher gekommen, um an der soeben gemachten archäologischen Promenade Theil zu nehmen.
Dann bot er ihm, ohne sich nach dem Beweggrund, der ihn hierhergeführt, zu erkundigen, seine Dienste wie einem Freunde an, und als ob dieser Freund nicht die neapolitanische Uniform trüge.
»Vor allen Dingen, mein lieber Major, sagte er, »erlauben Sie, daß ich mit einem Danke beginne. Ich habe bei meiner Rückkunft nach Rom den Palast Corsini, den ich Ihnen anvertraut hatte, in dem bestmöglichen Zustand gefunden. Es fehlte kein Buch, keine Karte, keine Feder. Ich glaube sogar, daß man während der beiden Wochen, die er bewohnt gewesen ist, sich keines der Gegenstände bedient hatte, deren ich mich alle Tage bediene.«
»Wohlan, Herr General, wenn Sie für den kleinen Dienst, den Sie von mir empfangen zu haben behaupten, sich mir zu so großem Danke verpflichtet fühlen, so können Sie mir Ihrerseits einen großen leisten.«
»Und was wäre das für einer?« fragte Championnet lächelnd.
»Zweierlei zu vergessen.«
»Bedenken Sie wohl! Vergessen ist weniger leicht als sich erinnern. Was soll ich vergessen? Laffen Sie hören!«
»Erstens den Brief, den ich Ihnen vom General Mack nach Rom überbrachte.«
»Ich sollte meinen, Sie hätten sehen müssen, daß ich diesen Brief schon fünf Minuten, nachdem ich ihn gelesen, vergessen hatte. Was ist das Zweite, was ich vergessen soll?«
»Die Proclamation in Bezug auf die Spitäler.«
»Diese,« antwortete Championnet, »kann ich nicht vergessen, aber ich verzeihe sie.«
Reischach verneigte sich.
»Mehr kann ich von Ihrer Großmuth nicht verlangen,« sagte er. »Der unglückliche General Mack ist jetzt –«
»Ja, ich weiß es. Man verfolgt ihn. Man spürt ihm nach, man will ihn ermorden. Wie Tiberius sieht er sich genöthigt, jede Nacht in einem andern Zimmer zu schlafen. Warum kommt er aber nicht einfach zu mir? Allerdings kann ich ihm nicht, wie der König von Persien dem Themistokles, fünf Städte eines Königreichs zu einem Unterhalt geben, aber ich habe mein Zelt. Es ist für Zwei groß genug und unter diesem Zelt wird er die Gastfreundschaft des Soldaten empfangen.«
Kaum hatte Championnet diese Worte gesprochen, als ein mit Staub bedeckter Reiter von einem mit Schaume und Schweiß triefenden Pferde sprang und schüchtern an der Schwelle des Zeltes erschien, welches der französische General ihm soeben angeboten.
Dieser Reiter war Mack, welcher erfahren, daß die zu seiner Verfolgung abgesendeten Lazzaroni die Richtung nach Carnava eingeschlagen, und deshalb die Rückkehr seines Boten und Championnets Antwort nicht erst abwarten zu dürfen geglaubt hatte.
»Herr General, rief Reischach, »treten Sie ein! Treten Sie ein. Wie ich Ihnen gesagt hatte, unser Feind ist der edelmüthigste aller Menschen.«
Championnet erhob sich und kam Mack mit ausgestreckter Hand entgegen.
Mack glaubte ohne Zweifel, diese Hand streckte sich aus, um ihm seinen Degen abzuverlangen.
Mit gesenktem Haupte, erröthender Stirn und stumm zog er ihn aus der Scheide, faßte ihn bei der Klinge und bot dem französischen General den Griff.
»General,« sagte er zu ihm, »ich bin euer Gefangener und hier ist mein Degen.«
»Behalten Sie ihn,« antwortete Championnet mit seinem feinen Lächeln. »Meine Regierung hat mir verboten, Geschenke anzunehmen, die in England fabricirt sind.«
Machen wir ein Ende mit dem General Mack, den wir auf unserm Weg nicht mehr finden werden und den wir – wir müssen dies gestehen – ohne Bedauern verlassen.
Mack ward von dem französischen General nicht wie ein Gefangener, sondern wie ein Gast behandelt. Schon am Tage nach seiner Ankunft gab er ihm einen Paß nach Mailand und stellte ihn zur Verfügung des Direktoriums.
Das Direktorium begegnete aber Mack nicht mit derselben Courtoisie, mit welcher Championnet ihm begegnet war. Es ließ ihn festnehmen, wies ihm eine kleine französische Stadt zum Aufenthalt an und wechselte ihn vor der Schlacht bei Marengo gegen den Vater dessen aus, der diese Zeilen schreibt, und der durch Ueberrumpelung des Königs Ferdinand bei Brindisi gefangengenommen worden.
Trotz seiner Niederlagen in Belgien, trotz der Unfähigkeit, die er in diesem römischen Feldzug bewiesen, erhielt der General Mack im Jahre 1804 das Commando der baierischen Arme.
Im Jahre 1805, bei der Annäherung Napoleons, schloß er sich in die Festung Ulm ein, wo er nach zweimonatlicher Belagerung die schimpflichste Capitulation unterzeichnete, die jemals in den Annalen des Krieges erwähnt worden. Er ergab sich mit einer Besatzung von 35.000 Mann.
Diesmal aber machte man ihm den Proceß und er ward zum Tode verurtheilt, welche Strafe jedoch in lebenslängliches Gefängniß verwandelt ward.
Nach Verlauf von zwei Jahren ward er begnadigt und in Freiheit gesetzt.
Vom Jahre 1808 an verschwindet er von dem Schauplatz der Welt und man hört nichts weiter von ihm sprechen.
Man hat sehr richtig gesagt, daß ihm zu dem Rufe des ersten Generals seines Jahrhunderts weiter nichts fehlte, als keine Armeen zu commandieren gehabt zu haben.
Fahren wir nun fort in seiner ganzen historischen Einfachheit das Register der Ereignisse zu entrollen, welche die Franzosen nach Neapel führten und die übrigens ein Sittengemälde bilden, welchem weder die Farbe noch das Interesse fehlt.
Neuntes Capitel.
Der Bruch des Waffenstillstandes
Die Lazzaroni wollten, wüthend darüber, daß der General Mack ihnen entschlüpft war, einen so weiten Weg nicht umsonst gemacht haben.
Sie marschierten demgemäß gegen die französischen Vorposten und jagten diese zurück. Da der General Championnet dem Thiébaut gleich beim ersten Schusse, den er hörte, befohlen hatte, nachzusehen, was es gäbe, so sammelte dieser die durch diesen unvermutheten Ueberfall Versprengten wieder und machte mit ihnen auf die ganze Rotte einen Angriff in dem Augenblick, wo sie die zwischen den beiden Armeen gezogene Demarcationslinie überschritt.
Er tödtete einen Theil, schlug den andern in die Flucht, blieb aber, ohne ihn zu verfolgen, innerhalb der der französischen Armee vorgezeichneten Grenzen.
Zwei Ereignisse hatten den Waffenstillstand gebrochen – die Nichtbezahlung der in dem Vertrag stipulierten fünf Millionen und der Angriff der Lazzaroni.
Am 19. Januar sahen die vierundzwanzig Deputirten der Stadt, welchen Gefahren sie durch diese beiden Insulten ausgesetzt wurden, die, einem Sieger zugefügt, nicht verfehlen konnten, ihn zu bestimmen, auf Neapel zu marschieren.
Sie machten sich deshalb auf den Weg nach Caserta, wo Championnet sein Hauptquartier hatte. Sie brauchten jedoch nicht ganz so weit zu gehen, weil der General mittlerweile bis Maddalone vorgerückt war.
Der Fürst von Maliterno befand sich an ihrer Spitze.
Als sie vor dem französischen General erschienen, begannen alle auf einmal zu reden.
Die einen baten, die andern drohten, wieder andere begehrten demüthig Frieden, während noch andere sich in Herausforderungen und Schmähreden ergingen.
Championnet hörte mit seiner gewöhnlichen Artigkeit und Geduld zehn Minuten lang zu, dann aber, als es ihm unmöglich war, von Allem, was gesagt ward, auch nur ein Wort zu verstehen, entgegnete er in vortrefflichem Italienisch: »Meine Herren, wenn Einer von Ihnen die Güte haben wollte, das Wort im Namen Aller zu ergreifen, so zweifle ich nicht, daß wir uns endlich verständigen, oder wenigstens verstehen würden.«
Dann wendete er sich zu Maliterno, den er an der tiefen Narbe, welche er auf Stirn und Wange trug, erkannte, und sagte:
»Fürst, wenn man sich zu schlagen weiß wie Sie, so muß man sein Land mit dem Wort ebenso gut zu vertheidigen wissen, wie mit dem Säbel. Wollen Sie mir die Ehre erzeigen, mir zu sagen, was Sie hierherführt? Ich schwöre Ihnen, daß ich Sie mit dem größten Interesse anhören werde.«
Diese so reine Beredsamkeit, diese so vollkommene Freundlichkeit setzte die Deputierten in Erstaunen.
Sie schwiegen, traten einen Schritt zurück und überließen dem Fürsten von Maliterno die Aufgabe, die Interessen Neapels zu vertheidigen.
Da wir nicht wie Titus Livius uns anmaßen, die Reden der Personen zu machen, welche wir auftreten lassen, so beeilen wir uns zu sagen, daß wir an dem Text der Rede des Fürsten von Maliterno kein Wort ändern.
»General,« sagte er zu Championnet gewendet, »seit der Flucht des Königs und des Generalvicars befindet sich die Regierung des Königreichs in den Händen des Senats der Stadt. Wir können daher mit Ihnen, Excellenz, einen dauernden und zu Recht bestehenden Tractat schließen.«
Bei dem Titel Excellenz lächelte der republikanische General und verneigte sich. Der Fürst überreichte ihm ein Packet.
»Hier ist ein Brief, fuhr er fort, »welcher die Vollmachten der hier anwesenden Deputierten enthält. Vielleicht betrachten Sie, der Sie als Sieger und an der Spitze einer siegreichen Armee so rasch von Civita Castellana bis Maddalone gelangt sind, die zehn Meilen, die Sie noch von Neapel trennen, als eine geringe Entfernung. Sie werden jedoch bemerken, daß diese Entfernung eine unermeßliche, ja selbst unübersteigliche ist, wenn Sie bedenken, daß Sie von bewaffneten und muthigen Bevölkerungen umgeben sind und daß sechzigtausend in Regimenter eingeheilte Bürger, vier feste Castelle und mehrere Kriegsschiffe eine Stadt vertheidigen, welche fünfhunderttausend durch die Religion begeisterte und durch die Unabhängigkeit exaltierte Einwohner zählt. Nehmen Sie auch an, daß der Sieg fortfährt, Ihnen treu zu bleiben und daß Sie als Eroberer in Neapel einziehen, so wird es Ihnen doch unmöglich sein, sich darin zu behaupten. Alles läßt Ihnen daher räthlich erscheinen, Frieden mit uns zu schließen. Wir bieten Ihnen nicht blos die in dem Vertrag von Sparanisi stipulirten dritthalb Millionen Ducati, sondern auch so viel Geld, als Sie von uns verlangen werden, so lange Sie sich in den Schranken der Mäßigung halten. Ueberdies stellen wir, damit Sie den Rückzug antreten können, Lebensmittel, Wagen, Pferde und endlich Straßen zur Verfügung, für deren Sicherheit wir Ihnen bürgen. Sie haben große Erfolge errungen, Sie haben Kanonen und Fahnen erobert, Sie haben eine große Anzahl Gefangene gemacht, Sie haben vier Festungen genommen – wir bieten Ihnen einen Tribut und bitten Sie um Frieden wie einen Sieger. Sie ernten folglich Ruhm und Geld zugleich. Erwägen Sie, General, daß wir für Ihre Armee viel zu schwach sind, daß, wenn Sie uns den Frieden bewilligen, wenn Sie sich dazu verstehen, nicht in Neapel einzuziehen, die Welt Ihrer Großmuth Beifall zollen wird. Wenn dagegen der verzweifelte Widerstand der Einwohner, auf welchen wir das Recht haben zu zählen, Sie zurückschlägt, so werden Sie nur die Schmach ernten, Ihr Unternehmen gescheitert zu sehen.«
Championnet hörte nicht ohne Erstaunen diese lange Rede an, die ihm mehr eine Vorlesung als eine Improvisation zu sein schien.
»Fürst,« antwortete er dem Redner höflich, aber kalt, »ich glaube, Sie begehen einen schweren Irrthum, Sie sprechen mit Siegern, wie Sie mit Besiegten sprechen würden. Der Waffenstillstand besteht aus zwei Gründen nicht mehr. Der erste ist, daß Sie am 15. nicht die Summe bezahlt haben, welche Sie bezahlen sollten; der zweite ist, daß Ihre Lazzaroni uns innerhalb unserer Linien angegriffen haben. Morgen marschiere ich gegen Neapel. Treffen Sie Ihre Anstalten, mich zu empfangen. Ich meinerseits habe bereits meine Anstalten getroffen, in die Stadt einzuziehen.«
Der General und die Deputierten wechselten gegenseitig einen kalten Gruß. Der General kehrte in sein Zelt zurück und die Deputierten machten sich auf den Rückweg nach Neapel.
In Zeiten der Revolution aber wechselt, wie in den Gewittertagen des Sommers, das Wetter sehr schnell, und der am Morgen heitere Himmel ist am Mittag dicht umwölkt.
Die Lazzaroni glaubten, als sie Maliterno mit den Deputierten der Stadt nach dem französischen Lager aufbrechen sahen, sie seien verrathen, und aufgereizt durch die in den Kirchen predigenden Priester und durch die in den Straßen predigenden Mönche, welche alle den kirchlichen Egoismus mit dem königlichen Mantel bedeckten, stürzten sie nach dem Kloster, in welchem sie ihre Waffen niedergelegt, bemächtigten sich derselben wieder, erklärten Malitermo der Dictatur, die sie ihm am Tage vorher übertragen, verlustig und ernannten Anführer oder stellten sich vielmehr wieder unter das Commando der früheren.
Man hatte die königlichen Fahnen abgenommen, aber dafür noch nicht die Fahne des Volkes aufgepflanzt.
Die königlichen Fahnen kamen überall wieder zum Vorschein.
Ueberdies bemächtigte sich das Volk einer Anzahl von sieben oder acht Geschützen, zog sie durch die Straßen und pflanzte sie in der Toledostraße, auf der Chiaja und auf dem Largo del Pigne auf.
Nun begannen die Plünderungen und die Hinrichtungen. Die Galgen, welche Maliterno errichten lassen, um Räuber und Mörder zu hängen, dienten jetzt, um die Jakobiner zu hängen.
Ein bourbonischer Sbirre denuncierte den Advocaten Fasulo. Die Lazzaroni brachen in sein Haus ein. Er hatte nur eben noch Zeit, mit seinem Bruder über die Terrasse zu entfliehen. Man fand bei ihnen einen Kasten mit französischen Kokarden und wollte nun ihre junge Schwester erwürgen, die sich aber durch ein großes Crucifix schützte, welches sie in die Arme schloß. Die religiöse Scheu that den Mördern Einhalt und sie begnügten sich damit, daß sie das Haus plünderten und in Brand steckten.
Maliterno kam von Maddalone zurück, als er zum Glück für ihn noch außerhalb der Stadt von den Flüchtlingen, denen er begegnete, erfuhr, was darin vorging.
Er schickte nun zwei Boten ab, welchen er jedem ein Billet übergab, von welchem sie vorher Kenntniß genommen. Wenn sie festgehalten wurden, so sollten sie diese Billets zerreißen oder verschlucken und, da sie den Inhalt auswendig wußten, wenn sie den Händen der Lazzaroni entschlüpften, ihren Auftrag dennoch ausführen.
Eines dieser Billets war für den Herzog von Rocca Romana bestimmt. Maliterno meldete ihm, wo er sich verborgen hielt, und forderte ihn auf, nach Einbruch der Nacht mit etwa zwanzig Freunden sich bei ihm einzufinden.
Das andere war an den Erzbischof. Diesem ward bei Todesstrafe befohlen, Schlag zehn Uhr Abends sämtliche Glocken läuten zu lassen, sein Capitel eben so wie die ganze Geistlichkeit der Kathedrale zu versammeln und das Blut und den Kopf des heiligen Januarius auszustellen.
Das Uebrige, hieß es in dem Billet, sei seine Sache.
Zwei Stunden später langten die beiden Boten ohne Unfall an dem Ort ihrer Bestimmung an.
Gegen sieben Uhr Abends kam Rocca Romana allein, meldete aber, daß seine zwanzig Freunde bereit seien und sich an dem ihnen zu bezeichnenden Orte einfinden würden.
Malitermo schickte ihn sofort nach Neapel zurück, indem er ihn bat, sich mit seinen Freunden um Mitternacht auf dem Platze des Dreieinigkeitsklosters einzufinden, wo er ebenfalls hinzukommen versprach. Gleichzeitig sollten sie von ihren Dienern so viele als möglich zusammenrufen und dieselben ebenso wie sich selbst gut bewaffnen.
Die Parole war Vaterland und Freiheit. Man sollte sich um nichts kümmern. Maliterno nahm die ganze Verantwortlichkeit auf sich.
Diesen Befehl sollte Rocca Romana weiter befördern und dann sofort zurückkommen. Im Falle Beide abwesend wären, sollte man an Manthonnet schreiben, welcher seinerseits unterrichtet war.
Um zehn Uhr Abends ließ, dem empfangenen Befehl gehorsam, der Cardinal-Erzbischof sämtliche Glocken läuten.
Bei diesem unerwarteten Klange, welcher von dem Fluge eines Schwarmes Vögel mit ehernen Schwingen herzurühren schien, machten die Lazzaroni erstaunt in ihrem Zerstörungswerke Halt.
Die einen, welche glaubten, es sei ein Freudensignal, sagten, die Franzosen hätten die Flucht ergriffen, die andern dagegen glaubten, man riefe sie zu den Waffen, weil die Franzosen die Stadt angegriffen hätten.
In dem einen und dem andern Falle aber, und was auch Jeder glauben mochte, eilte er nach der Kathedrale.
Hier sah man den Cardinal, umgeben von seiner Geistlichkeit, in der mit Tausenden von Wachskerzen erleuchteten Kathedrale.
Der Kopf und das Blut des heiligen Januarius waren auf dem Altar ausgestellt.
Man kennt die Devotion der Neapolitaner gegen die Reliquien des Beschützers ihrer Stadt. Beim Anblick dieses Blutes und dieses Hauptes, welche in der Politik vielleicht eine weit größere Rolle gespielt haben als in der Religion, begannen selbst die Wüthendsten und Wildesten sich zu beruhigen und sanken in der Kirche, wenn sie in dieselbe einzudringen vermocht, oder draußen, wenn die Menge, welche die Kathedrale erfüllte, sie gezwungen hatte auf der Straße zu bleiben, auf die Knie nieder und alle, inn- und außerhalb der Kirche, begannen zu beten.
Nun schickte die Procession, mit dem Cardinal-Erzbischof an der Spitze, sich an, die Kirche zu verlassen und die Stadt zu durchziehen.
In diesem Augenblick erschienen zur Rechten und zur Linken des Prälaten und gleichsam als Repräsentanten der Volkstrauer der Fürst von Maliterno und der Herzog von Rocca Romana, schwarz gekleidet, barfuß und mit Thränen in den Augen.
Das Volk sah auf diese Weise plötzlich die beiden vornehmsten Herren von Neapel, welche man beschuldigt, die Stadt zu Gunsten der Franzosen verrathen zu haben, den Zorn Gottes gegen diese Franzosen anrufend.
Nun fiel es Keinem mehr ein, die des Verrathes zu beschuldigen, sondern man war nur bedacht, mit ihnen zu beten und sich zu demüthigen.
Das ganze Volk folgte den von dem Erzbischofe getragenen heiligen Reliquien und bewegte sich in Procession durch einen großen Theil der Stadt, um dann wieder in die Kirche zurückzukehren, von welcher man ausgezogen war.
Hier bestieg Maliterno die Kanzel und hielt an das Volk eine Rede, in welcher er sagte, der heilige Januarius, der himmlische Beschützer der Stadt, werde sicher nicht gestatten, daß dieselbe in die Hände der Franzosen falle.
Dann forderte er Alle auf, nach Hause zu gehen, von den Anstrengungen des Tages auszuruhen und sich durch den Schlaf zu stärken, damit Diejenigen, die kämpfen wollten, bei Tagesanbruch sich mit den Waffen in der Hand einfinden könnten.
Zuletzt ertheilte der Erzbischof allen Anwesenden seinen Segen und alle entfernten sich, indem jeder bei sich selbst die von dem Erzbischofe gesprochenen Worte wiederholte:
»Wir haben nur zwei Hände wie die Franzosen; für uns aber ist der heilige Januarius.«
Nachdem die Kirche geleert war, wurden auch die Straßen einsam.
Nun holten Maliterno und Rocca Romana ihre Waffen, welche sie in der Sacristei gelassen, und begaben, im Schatten entlang schleichend, sich nach dem Dreieinigkeitsplatze, wo ihre Gefährten sie erwarteten.
Sie fanden hier Manthonnet, Velasco, Schipani und dreißig oder vierzig Patrioten.
Die Frage war, sich des Castells San Elmo zu bemächtigen, in welchem sich, wie man sich erinnert, Nicolino Caracciolo als Gefangener befand. Rocca Romana, welchen das Schicksal seines Bruders eben so beunruhigte, wie die Andern um das ihres Freundes besorgt waren, hatten beschlossen, ihn zu befreien.
Um dies zu thun, bedurfte es der Ausführung eines Handstreiches.
Nachdem Nicolino der von Vanni beabsichtigten Tortur so glücklich entronnen war, konnte er doch dem Tode nicht entrinnen, sobald die Lazzaroni sich des Castells San Elmo bemächtigten, des einzigen, auf welches sie, seiner uneinnehmbaren Lage wegen, keinen Angriff unternommen.
Maliterno hatte deshalb während seiner vierundzwanzigstündigen Dictatur, da er Nicolino die Thüren seines Kerkers nicht zu öffnen wagte, weil er dann fürchten mußte, von den Lazzaroni des Verraths beschuldigt zu werden, drei oder vier Leute, welche zu einer Dienerschaft gehörten, unter die Garnison des Castells gemischt. Durch einen dieser Leute hatte er die Parole vom 20. bis 21. Januar erfahren. Sie lautete: Parthenope und Pausilippo.
Er beabsichtigte nun eine Patrouille zu fingieren, welche aus der Stadt käme, um dem Commandanten des Castells Befehle zu überbringen, dann in die Citadelle einzudringen, und sich derselben zu bemächtigen.
Unglücklicherweise waren Maliterno, Rocca Romana, Manthonnet, Velasco und Schipani zu allgemein bekannt, um selbst das Commando des kleinen Trupps zu übernehmen. Sie mußten es deshalb einem ihrer Parteiangehörigen Manne aus dem Volke übertragen. Dieser aber, der mit dem Kriegsgebrauche nicht vertraut war, gab, anstatt das Wort Parthenope als Parole, das Wort Napoli, in der Meinung, es sei dies ganz einerlei.
Die Schildwache durchschaute sofort den Betrug und rief zu den Waffen. Der kleine Trupp ward demgemäß durch eine lebhafte Musketensalve und drei Kanonenschüsse empfangen, welche aber glücklicherweise den Angreifern keinen Schaden zufügten.
Dieser Mißerfolg war ein in doppelter Beziehung ungünstiger.
Erstens ward auf diese Weise Nicolino Caracciolo nicht in Freiheit gesetzt und zweitens erhielt Championnet nicht das Signal, welches die Republikaner ihm versprochen.
Championnet hatte nämlich den Republikanern das Versprechen gegeben, im Laufe des 21. Januar in Sicht von Neapel zu sein, und die Republikaner hatten ihm ihrerseits versprochen, daß er zum Zeichen des Einverständnisses die dreifarbige französische Fahne auf dem Castell Sam Elmo wehen sehen solle.
Da aber ihr nächtlicher Angriff mißlungen war, so konnten die Championnet das ihm gegebene Wort nicht halten.
Maliterno und Rocca Romana, welche einfach Nicolino Caracciolo befreien wollten und blos die Bundesgenossen, aber nicht die Mitschuldigen der Republikaner waren, hatten von diesem Theile des Geheimnisses keine Kenntniß.
Für die Einen wie für die Andern war daher das Erstaunen um so größer, als man am 21. bei Tagesanbruch dennoch die französische Tricolore auf den Thürmen des Castells San Elmo flattern sah.
Erzählen wir, auf welche Weise dieser unerwartete Wechsel vor sich gegangen und die französische Fahne auf dem Castell aufgepflanzt worden war.
Zehntes Capitel.
Ein Kerkermeister, welcher menschlich denken lernt
Man erinnert sich, wie in Folge des von Roberto Brandi, des Gouverneurs von San Elmo, dem Fiscalprocurator Vauni überbrachten Billets letzterer die Zurüstungen zur Folter hatte aufschieben und Nicolino Caracciolo wieder in den Kerker Nr. 3 in der zweiten Etage, unter dem Zwischenstock, wie der Gefangene sagte, hatte zurückführen lassen.
Roberto Brandi hatte von dem Inhalt des von dem Fürsten Castelcicala an Vanni gerichteten Billets keine Kenntniß; an der Veränderung aber, die in dem Gesicht des Fiscalprocurators vorging, an der Blässe, welche seine Wangen überzog, an dem von ihm erheilten Befehl, Nicolino wieder in sein Gefängniß zurückzubringen, an der Schnelligkeit, womit er die Folterkammer verlassen, hatte Brandi ohne Mühe errathen, daß die in dem Brief enthaltene Nachricht eine sehr ernste sein müsse.
Gegen vier Uhr Nachmittags hatte er wie alle Welt durch Pronios Maueranschlage die Rückkunft des Königs nach Caserta erfahren, und am Abend von der Höhe der Mauern des Castells dem Triumphzuge des Königs beigewohnt und sich an dem Anblick der Illumination geweidet, welche die Folge davon gewesen.
Die Ursache dieser Rückkunft des Königs hatte ihm, ohne eine so elektrische Wirkung auf ihn zu äußern, wie auf Vanni, dennoch Stoff zum Denken gegeben.
Er bedachte, daß Vanni in seiner Furcht vor den Franzosen augenblicklich sich enthalten, Nicolino foltern zu lassen, und daß auch er am Ende von den Franzosen zur Rede gesetzt werden könnte, weil er Nicolino gefangen gehalten.
Deshalb kam er auf den Gedanken, sich für den nun sehr leicht möglichen Fall, daß die Franzosen wirklich in Neapel einzögen, seinen Gefangenen selbst zum Freunde zu machen.
Gegen fünf Uhr Abends, das heißt in dem Augenblick, wo der König durch die Porta Campana einzog, ließ der Commandant des Castells sich demgemäß den Kerker des Gefangenen öffnen, näherte sich ihm mit einer Artigkeit, welche er übrigens gegen ihn niemals gänzlich aus den Augen gesetzt, und sagte:
»Herr Herzog, ich hörte gestern, daß Sie sich gegen den Herrn Fiscalprocurator über die Langweile beklagten, welche Ihnen der Mangel an Büchern in Ihrem Gefängniß verursachte.«
»Allerdings habe ich mich darüber beklagt, antwortete Nicolino mit seinem unverwüstlichen guten Humor. »Wenn ich mich im Genusse meiner Freiheit befinde, so bin ich mehr ein Singvogel, wie die Lerche oder die Amsel, als ein Träumer, wie der Uhu. Sitze ich aber einmal im Käfig, so ist mir ein Buch, wie langweilig es auch sein möge, immer noch lieber als unser Schließer, welcher gewohnt ist auf die weitschweifigsten Fragen blos mit dem Worte Ja oder Nein zu antworten, wenn er nämlich überhaupt eine Antwort gibt.«
»Wohlan denn, Herr Herzog, ich werde die Ehre haben, Ihnen einige Bücher zu schicken, und wenn Sie mir sagen wollen, welche Ihnen am angenehmsten wären –«
»Wie? Haben Sie denn hier eine Bibliothek im Castell?«
»Ja, zwei- bis dreihundert Bände.«
»Was den Teufel! In der Freiheit wäre dies genug für mein ganzes Leben, im Gefängniß würde ich damit wenigstens sechs Jahre ausreichen. Haben Sie vielleicht den ersten Band der Annalen des Tacitus, worin die Liebschaften des Claudius und die Ausschweifungen der Messalina erzählt werden? Es würde mir Vergnügen machen, dies wieder zu lesen, was nicht der Fall gewesen ist, seitdem ich die lateinische Schule verlassen habe.«
»Einen Tacitus haben wir allerdings, Herr Herzog, aber der erste Band fehlt. Wünschen Sie vielleicht die andern?«
»Ich danke. Ich bin ein specieller Freund von Claudius und habe mich auch für Messalina stets aufs Lebhafteste interessiert. Da ich nun finde, daß unsere erhabenen Souveräne, mit welchen ich das Unglück gehabt, mich in aller Unschuld zu veruneinigen, in vielen Punkten mit diesen beiden Persönlichkeiten große Aehnlichkeit haben, so hätte ich gern, nach Art Plutarchs, Parallelen gezogen, welche, wenn ich sie unsern Souveränen vorgelegt, ganz gewiß das herrliche Ergebniß gehabt hätten, mich mit ihnen wieder auszusöhnen.«
»Es thut mir leid, Herr Herzog, daß ich Ihnen in dieser Beziehung nicht gefällig sein kann. Verlangen Sie aber ein, anderes Buch, und wenn es sich in der Bibliothek befindet –«
»Sprechen wir nicht weiter davon. Haben Sie vielleicht die Neue Wissenschaft von Vico?«
»Nein, dieses Buch kenne ich nicht, Herr Herzog.«
»Wie! Sie kennen Vico nicht?«
»Nein, Herr Herzog.«
»Ein Mann von Ihrer Bildung kennt Vico nicht! Das ist seltsam. Vico war der Sohn eines kleinen Buchhändlers in Neapel. Neun Jahre lang war er Lehrer der Neffen eines Bischofes, dessen Namen ich, wie so viele Andere mit mir, vergessen habe, trotzdem daß dieser Bischof zuversichtlich hoffte, sein Name werde länger leben als der Vico's. Während nun der Bischof die Messe las, den Segen spendete und seinen drei Neffen eine väterliche Erziehung gab, schrieb Vico ein Buch, welches er, wie ich bereits die Ehre gehabt, Ihnen zu sagen, die »Neue Wissenschaft« betitelte – ein Buch, in welchem er in der Geschichte der verschiedenen Völker drei Zeitalter unterschied, welche gleichmäßig aufeinander folgen, nämlich das göttliche, die Kindheit der Völker, während welcher die Gottheit Alles ist und wo die Priester die Autorität besitzen; die heroische, oder das Zeitalter der physischen Kraft und der Helden, und das Zeitalter der Humanität oder der Civiliation, nach welchem die Menschen wieder in den Urzustand zurückkehren. Da wir nun jetzt im heroischen Zeitalter stehen, so wollte ich eine Parallele zwischen Achilles und dem General Mack ziehen, und da dieselbe sicherlich zu Gunsten dieses berühmten Generals ausgefallen wäre, so hätte ich mir in diesem einen Freund erworben, welcher meine Sache dem Marquis Vanni gegenüber geführt hätte, der diesen Morgen so schnell verschwand, ohne ums Lebewohl zu sagen.«
»Mit dem größten Vergnügen würde ich Ihnen behilflich sein, Herr Herzog; wir haben aber keinen Vico.«
»Nun gut; lassen wir dann die Historiker und die Philosophen beiseite und gehen wir zu den Chronikschreibern über. Haben Sie vielleicht die Chronik des Klosters vom heiligen Erzengel in Bajano? Da ich jetzt eingesperrt bin wie ein Mönch, so bin ich für meine ebenfalls eingesperrten Schwestern, die Nonnen, von dem lebhaftesten Wohlwollen beseelt. Denken Sie sich, mein lieber Herr Commandant, daß diese würdigen Nonnen es möglich zu machen gewußt, mittelst einer geheimen Thür, zu welcher sie gleichzeitig mit der Aebtissin einen Schlüssel besaßen, ihre Liebhaber in die Gärten einzulassen. Eine der Schwestern, welche ihr Gelübde erst seit einigen Tagen abgelegt und folglich noch nicht Zeit gehabt hatte, alle Bande, die sie an die Welt knüpfte, zu lösen, traf ihre Maßnahmen unrichtig, verwechselte das Datum und gab zweien ihrer Liebhaber in einer und derselben Nacht Rendezvous. Die beiden jungen Männer begegneten sich, erkannten einander und nahmen die Sache, anstatt leicht, wie ich sie genommen haben würde, ernst, das heißt, sie zogen die Degen. Man sollte niemals mit dem Degen in ein Kloster gehen. Einer der beiden jungen Männer stach den andern nieder und ergriff dann die Flucht. Man fand die Leiche, Sie verstehen, mein werther Herr Commandant, daß man unmöglich sagen konnte, sie sei allein dahin gekommen. Man stellte eine Untersuchung an, und wollte den Gärtner fortjagen. Der Gärtner denuncirte nun die junge Schwester, welcher man den Schlüssel abnahm, während die Aebtissin allein das Recht erhielt, einzulassen, wen sie wollte, bei Tage wie bei Nacht. Diese Beschränkung war zwei jungen Nonnen aus den vornehmsten Familien Neapels sehr unangenehm. Sie bedachten, daß, da eine ihrer Genossinnen zwei Liebhaber für sich allein hätte, sie wohl einen Liebhaber für alle Beide haben könnten. Sie verlangten ein Clavier.
»Ein Clavier ist ein sehr unschuldiges Möbel und eine Aebtissin müßte einen sehr schlechten Charakter haben, wenn sie zwei armen Nonnen, die weiter keine Zerstreuung haben, als die Musik, ein Clavier verweigern wollte. Man brachte das Clavier. Unglücklicherweise war die Thür der Zelle so eng, daß es nicht hindurchging. Es war eines Sonntags in dem Augenblicke der großen Messe. Man nahm sich vor, sobald dieselbe vorüber wäre, das Clavier an Seilen durch das Fenster hereinzuziehen. Die Messe dauerte drei Stunden. Eine Stunde brauchte man, um das Clavier hinaufzuziehen, und ebenso hatte man eine Stunde gebraucht, um es von Neapel bis in das Kloster zu schaffen. Dies waren zusammen fünf Stunden. Die armen Nonnen waren förmlich heißhungrig nach Musik. Als die Fenster und Thüren geschlossen waren, beeilten sie sich daher, das Instrument zu öffnen. Dieses aber hatte sich aus einem Clavier in einen Sarg verwandelt. Der schöne junge Mann, welcher darin stak und welchen die beiden guten Freundinnen zu ihrem Gesanglehrer zu machen gedacht, war erstickt. Nun gerieth man in Bezug auf diesen zweiten Cadaver in neue Verlegenheit, denn dieser war in einer Zelle noch weit schwieriger zu verbergen, als der erste in einem Garten. Die Sache ward ruchbar. Neapel hatte damals einen sehr strengen jungen Prälaten zum Erzbischof. Dieser überlegte, auf welche Weise er das gegebene öffentliche Aergerniß bestrafen sollte. Ein förmlicher Proceß würde die ganze Welt von dem Scandal unterrichtet haben, welcher so nur in Neapel bekannt war. Er beschloß daher die Sache ohne Proceß abzumachen. Demgemäß ging er zu einem Apotheker, ließ sich einen möglichst starken Schierlingsextract bereiten, steckte das Fläschchen ein, begab sich in das Kloster und ließ die Aebtissin und die beiden Nonnen vor sich kommen. Dann theilte er den Schierlingsaft in drei Theile und zwang die Verbrecherinnen, jede ihren Theil von dem durch Sokrates geheiligten Gifte zu trinken. Sie starben unter den fürchterlichsten Schmerzen. Der Erzbischof besaß aber eine große Gewalt und verzieh ihnen ihre Sünden in articulo mortis. Dann aber schloß er das Kloster und schickte die andern Nonnen zur Buße in die strengsten Klöster ihres Ordens. Sie verstehen mich, Herr Commandant. Ich habe die Geschichte vielleicht in einem oder in dem andern Punkte nicht ganz genau erzählt, hätte aber große Lust, daraus einen moralischen Roman nach Art der »Nonne« von Diderot oder ein Familiendrama nach Art der »Opfer des Klosters« von Monvel zu machen. Dies hätte mich während der längeren oder kürzeren Zeit, die ich noch Ihr Gast zu bleiben gezwungen bin, auf angenehme Weise beschäftigt. Sie haben nichts von Allem diesen. Geben Sie mir daher, was Sie wollen – die Schriften des Polybius, die Commentatarien Cäsars, die Märtyrergeschichte des heiligen Januarius. Es ist mir Eines so recht wie das Andere, mein bester Herr Commandant, und ich werde Ihnen für Alles zu gleichem Danke verpflichtet sein.«
Der Commandant Brandi ging in seine Wohnung hinauf und wählte aus seiner Bibliothek fünf oder sechs Bände, welche Nicolino sich aber nicht die Mühe nahm zu öffnen.
Am nächstfolgenden Tage gegen acht Uhr Abends trat der Commandant wieder in Nicolino's Gefängniß und zwar in Begleitung eines Schließers, welcher zwei brennende Kerzen trug.
Der Gefangene hatte sich schon auf sein Bett geworfen, obschon er noch nicht schlief. Erstaunt über diesen Luxus, riß er die Augen auf. Vor drei Tagen hatte er eine Lampe verlangt und man hatte ihm dieselbe verweigert.
Der Schließer setzte die beiden Kerzen auf den Tisch und entfernte sich wieder.
»Ah, mein werther Herr Commandant,« rief Nicolino, »wollen Sie mir vielleicht die Ueberraschung bereiten, mir eine Abendgesellschaft zu geben?«
»Nein, ich mache Ihnen einen einfachen Besuch, mein lieber Gefangener, und da ich nicht gern im Dunkeln spreche, so habe ich, wie Sie sehen, Licht bringen lassen.«
»Ich wünsche mir zu Ihrer Antipathie gegen die Finsterniß aufrichtig Glück, aber dennoch erscheint es mir unmöglich, daß nur der Wunsch, ein wenig mit mir zu plaudern, Sie ohne irgend eine äußere Ursache bewogen habe, so splendid zu sein. Was haben Sie mir zu sagen?«
»Ich habe Ihnen etwas sehr Wichtiges zu sagen, woran ich schon sehr lange gedacht.«
»Und nun sind Sie mit Ihrem Nachdenken darüber fertig?«
»Ja.«
»Nun, so sprechen Sie.«
»Sie wissen, mein werther Herr, daß Sie sich auf ganz besondere Empfehlung der Königin hier befinden?«
»Gewußt habe ich es nicht, aber ich vermuthete es.«
»Und zwar unter Beobachtung der strengsten Abgeschlossenheit.«
»Was dies betrifft, so habe ich allerdings Gelegenheit gehabt, mich davon zu überzeugen.«
»Nun wohl, denken Sie sich, mein werther Gast, daß, seitdem Sie hier sind, schon zweimal eine Dame dagewesen ist, um mit Ihnen zu sprechen.«
»Eine Dame?«
»Ja, eine verschleierte Dame, welche aber durchaus nicht ihren Namen nennen wollte, sondern blos erklärte, sie käme im Auftrage der Königin, zu deren Haushalt sie gehöre.«
»Wie!« rief Nicolino, »sollte das vielleicht Elena gewesen sein? In der That, dies würde mich wieder mit ihr aussöhnen. Und Sie haben ihr natürlich consequent den Zutritt verweigert?«
»Da sie im Auftrage der Königin kam, so glaubte ich, ihr Besuch könnte Ihnen nicht angenehm sein, und ich fürchtete Ihnen keinen Gefallen zu erzeigen, wenn ich sie bei Ihnen vorließe.«
»Ist die Dame jung?«
»Ich glaube es.«
»Ist die hübsch?«
»Ich wollte darauf wetten.«
»Wohlan, mein bester Herr Commandant, eine hübsche junge Frau kommt einem Gefangenen, der seit sechs Wochen von aller Welt abgeschlossen ist, niemals ungelegen, käme sie selbst im Auftrage des Teufels.«
»Wenn also,« fragte Roberto Brandi, »diese Dame wiederkommen sollte?«
»Wenn diese Dame wiederkommen sollte, so lassen Sie sie herein, mordieu!«
»Es ist mir lieb, daß ich dies weiß. Ich weiß selbst nicht weshalb, aber ich vermuthe, daß sie diesen Abend wiederkommen wird.«
»Mein bester Herr Commandant, Sie sind ein ganz liebenswürdiger Mann und wissen ein Gespräch zu führen, welches Feuer und Leben hat, aber Sie verstehen, wären Sie auch der geistreichste Mann von Neapel –«
»Ja, so würden Sie die Conversation dieser Dame doch der meinigen vorziehen. Gut, ich bin ein gutmüthiger Mensch und besitze keine Eigenliebe. Jetzt vergessen Sie aber besonders Eins oder vielmehr Zweierlei nicht.«
»Was denn?«
»Erstens, daß, wenn ich die Dame nicht schon früher eingelassen, dies deshalb geschehen ist, weil ich fürchtete, ihr Besuch würde Ihnen mißfallen, und zweitens, daß wenn ich sie heute einlasse, ich dies thue, weil Sie mir versichern, ihr Besuch sei Ihnen angenehm.«
»Ja wohl versichere ich Ihnen dies, mein lieber Herr Commandant. Sind Sie nun zufriedengestellt?
»Versteht sich. Nichts macht mir mehr Freude, als meinen Gefangenen kleine Dienste zu leisten.«
»Ja, nur nehmen Sie sich damit ein wenig Zeit.«
»Herr Herzog, Sie kennen das Sprichwort: Dem, der warten kann, kommt Alles noch gelegen.«
Mit diesen Worten erhob sich der Commandant freundlich lächelnd, grüßte seinen Gefangenen und entfernte sich.
Nicolino folgte ihm mit den Augen und fragte sich, was wohl seit dem gestrigen Tage Außerordentliches geschehen sein könnte, um in dem Benehmen seines Richters und seines Kerkermeisters eine so große Veränderung in Bezug auf ihn herbeizuführen.
Noch hatte er keine genügende Antwort auf diese eine eigene Frage gefunden, als die Thür seines Kerkers sich wieder öffnete und eine verschleierte Dame eintrat, welche ihren Schleier zurückschlug und sich ihm in die Arme warf.
Elftes Capitel.
Die Diplomatie des Gouverneurs des Castells San Elmo
Ganz wie Nicolino Caracciolo errathen, war die verschleierte Dame keine andere als die Marquise von San Clemente.
Auf die Gefahr hin, in Ungnade zu fallen und ihre Stellung bei der Königin zu verlieren, die ihr übrigens von dem, was geschehen, kein Wort gesagt, und sich in ihrem Benehmen gegen sie durchaus nicht geändert hatte, war sie, wie Roberto Brandi gesagt, schon zweimal dagewesen, um Nicolino zu sprechen.
Der Commandant war aber unbeugsam gewesen; keine Bitte hatte ihn zu rühren, ja selbst das Anerbieten eines Geschenkes von tausend Ducati hatte ihn nicht zu bestechen vermocht.
Dennoch war der Commandant Brandi nicht etwa die Perle der ehrlichen Leute, wohl aber war er klug genug, um zu berechnen, daß, wenn ein Posten jährlich zehn- bis zwölftausend Ducati einbringt, man sich nicht der Gefahr aussetzen muß, desselben für ein tausend verlustig zu gehen.
In der That, obschon der Gehalt des Gouverneurs des Castells San Elmo eigentlich nur fünfzehnhundert Ducati betrug, so zog er doch, da er die Gefangenen auch zu beköstigen hatte und die Verhaftungen in Neapel schon seit langer Zeit an der Tagesordnung waren und dies auch noch lange zu sein versprachen, eben so wie Delaunay, der als Gouverneur der Bastille zwölftausend Francs fixen Gehalt hatte, dennoch hundertundvierzigtausend Francs von seinem Amte zog, von einem Castell statt fünf- oder sechstausend Francs deren jährlich vierzig- bis fünfzigtausend.
Daraus erklärt sich Roberto Brandis Rechtschaffenheit. Als er die Nachricht vom 9. December, das heißt die Rückkunft des Königs und den Marsch der französischen Armee gegen Neapel erfuhr, hatte er sofort weiter gesehen als der Marquis Vanni, der sich Nicolino blos nicht zu einem unversöhnlichen Feind machen wollte.
Roberto Brandi faßte nämlich sofort den Entschluß, sich in Nicolino nicht blos einen Freund, sondern auch einen Gönner und Beschützer zu erwerben.
Zu diesem Zwecke hatte er, wie wir gesehen, versucht, in das Herz seines Gefangenen, ehe dieser noch eine Absicht ahnen konnte, jenes Samenkorn zu streuen, welches so selten keimt und noch seltener Früchte trägt, nämlich das Gefühl der Dankbarkeit.
Obschon aber Nicolino Caracciolo nur ein halber Neapolitaner und mütterlicherseits Franzose war, so war er doch nicht so naiv, die Veränderung, welche er seit dem gestrigen Tage in dem Benehmen des Commandanten wahrgenommen, einer freiwilligen Sympathie zuzuschreiben.
Wir haben auch bereits gesehen, wie er sich fragte, was für außerordentliche Ereignisse es wohl seien, welche diese Umwandlung herbeigeführt haben könnten.
Die Marquise setzte ihn von der Katastrophe zu Rom und von der bevorstehenden Flucht der königlichen Familie nach Palermo in Kenntniß und gab ihm damit zugleich jeden Aufschluß, den er wünschen konnte.
Nicolino war aber – wir brauchen dies unserm Lesern nicht erst zu sagen, denn sie werden es hoffentlich schon selbst bemerkt haben – ein Mann von Geist. Er beschloß so viel Nutzen als möglich von der Situation zu ziehen, indem er Roberto Brandi sich ihm allmälig nähern ließ.
Ganz gewiß war mit dem Gouverneur des Castells San Elmo und den Republikanern in Zukunft und in einem gegebenen Augenblick ein für alle Welt vortheilhafter Pact zu schließen.
Bis jetzt waren alle Annäherungen von Roberto Brandi ausgegangen, während Nicolino seinerseits sich zu nichts verbindlich gemacht hatte.
Obschon die inständigen Bitten der Marquise von San Clemente, bei ihm vorgelassen zu werden – Bitten, die endlich mit Erfolg gekrönt worden – in Nicolino, ein so großer Skeptiker er auch war, wenig Zweifel an ihrer Anhänglichkeit übrig gelassen hatten, so hatte er doch, sei es nun, daß dieser Rest von Zweifel hinreichend war, um ihn ihr gegenüber zurückhaltend zu machen, oder sei es, daß er fürchtete, sie werde belauert und könne, wenn er ihr eine Botschaft an seine Gesinnungsgenossen auftrüge, diese und gleichzeitig sich selbst kompromittieren, die zwei Stunden, welche sie bei ihm zubrachte, nur dazu benutzt, um mit ihr von seiner Liebe zu sprechen und ihr dieselbe zu beweisen.
Die Liebenden trennten sich entzückt von einander und mit innigerem Gefühle als je. Die Marquise versprach Nicolino, alle Abende, wo sie nicht Dienst bei der Königin hätte, bei ihm zuzubringen, und da man Roberto Brandi über die Möglichkeit befragte, dieses Project in Ausführung zu bringen und er seinerseits kein Hinderniß entgegengesetzt, so kam man überein, daß Alles so geschehen solle.
Der Commandant wußte recht wohl, daß die verschleierte Dame die Marquise von San Clemente, das heißt eine in hoher Gunst stehende Ehrendame der Königin war, und mit Hilfe eines sehr einfachen Schaukelsystems gedachte er stets auf die Füße zu kommen, entweder durch die Marquise, wenn die königliche Partei den Sieg behauptete, oder durch Nicolino, wenn im Gegentheil die Republikaner die Oberhand gewannen.
Die Tage vergingen, wir haben gesehen auf welche Weise, mit Widerstandsprojekten von Seiten des Königs und dann von Seiten der Königin.
In Nicolino's Lage änderte sich nichts, ausgenommen, daß die freundliche Begegnung, die der Commandant ihm bewies, nicht blos dieselbe blieb, sondern sich auch noch immer mehr bethätigte. Er bekam Weißbrod, drei Gerichte zum Frühstück, fünf zum Mittagessen, französischen Wein, so viel er wollte, und die Erlaubniß, zweimal täglich auf dem Walle spazieren zu gehen, obschon er in dieser Beziehung sein Ehrenwort geben mußte, nicht etwa hinunter zu springen.
Seine Situation erschien ihm, besonders nach dem Verschwinden des Fiscalprocurators und dem Erscheinen der Marquise, gar nicht so verzweifelt, daß er, um sich derselben zu entreißen, einen Selbstmord riskiert hätte. Ohne sich daher lange bitten zu lassen, gab er sein Ehrenwort und konnte auf dieses hin ganz nach Belieben sich Bewegung machen.
Durch die Marquise, welche gewissenhaft Wort hielt und die in Folge der Gleichgültigkeit, welche sie gegen den Gefangenen affectirte, und die Vorsicht, welche sie bei ihren Besuchen anwendete, durchaus nicht beunruhigt ward, erfuhr Nicolino alle Neuigkeiten des Hofes. Er kannte den König und glaubte nicht an einen ernsten Widerstand desselben.
Da die Marquise sich unter der Zahl der Personen befand, welche den Hof nach Palermo begleiten sollten, so erfuhr er die Wahrheit hierüber zwischen sieben und acht Uhr am Abend des 21. Dezember selbst, das heißt drei Stunden vor der Flucht der königlichen Familie.
Von dem, was eigentlich vorgehen sollte, wußte die Marquise nichts. Sie hatte blos Befehl erhalten, sich um zehn Uhr Abends in den Gemächern der Königin einzufinden, wo ihr dann von dem gefaßten Entschluß Mittheilung gemacht werden würde. Die Marquise zweifelte aber nicht, daß der gefaßte Entschluß der zur Abreise sei.
Sie kam daher, um Nicolino auf jeden Fall Lebewohl zu jagen. Dieser Abschied machte sie zu nichts verbindlich, und wenn sie dablieb, so war es immer noch Zeit, ihn zu erneuen.
Man weinte viel, man versprach, sich stets zu lieben, man ließ den Commandanten kommen, welcher sich verbindlich machte, die Briefe der Marquise, wenn sie an ihn adressiert würden, an Nicolino zu befördern, und ebenso die Briefe Nicolinos, nachdem er sie vorher gelesen, der Marquise zuzusenden.
Nachdem auf diese Weise Alles verabredet war, wechselte man so nahe als möglich einige Ausdrücke einer Verzweiflung, die aber so ruhig war, daß sie selbst den Liebenden keine allzugroßen Besorgnisse für einander einflößte.
Eine leichtherzige Liebe und vernünftige Leidenschaft ist etwas außerordentlich Schönes. Gleich den Seevögeln im Sturme benetzt sie nur die Spitze ihrer Schwingen. Der Wind trägt sie in der Richtung, in welcher er weht, und anstatt gegen ihn zu kämpfen, läßt sie sich, unter Thränen lächelnd, in graziöser Attitüde, gleich Flaxmann's Oceaniden, von ihm dahintragen.
Der Kummer der Trennung äußerte auf Nicolino's Appetit eine sehr bedeutende Einwirkung. Er soupirte auf eine Weise, daß sein Kerkermeister, den er zwang, mit ihm auf die Gesundheit der Marquise zu trinken, sich darüber entsetzte. Der Kerkermeister protestierte gegen die Gewalt, die ihm angethan ward, aber er trank doch.
Ohne Zweifel hatte der Schmerz Nicolino bis weit in die Nacht hinein wach gehalten, denn als der Commandant gegen acht Uhr Morgens in den Kerker seines Gefangenen trat, fand er ihn fest eingeschlafen.
Dennoch war die Neuigkeit, welche er ihm brachte, ernst genug, daß er es über sich gewann, munter zu werden.
Man hatte dem Commandanten, um sie an den innern und äußern Mauern des Castells anzuschlagen, einige der Proclamationen zugesendet, welche die Abreise des Königs meldeten, seine baldige Rückkehr versprachen und den Fürsten Pignatelli zum Generalvicar und den General Mack zum Generallieutenant des Königreichs ernannten.
Die Rücksichten, welche der Commandant jetzt seinem Gefangenen widmete, machten es ihm zur Pflicht, ihm diese Proclamation eher als Jemandem andern mitzutheilen.
Die Nachricht war in der That eine ernste, Nicolino aber war darauf vorbereitet. Er begnügte sich zu murmeln; »Arme Marquise!«
Dann als er das Heulen des Windes in den Corridors und das Plätschern des Regens über seinem Kopfe hörte, setzte er, wie Ludwig der Fünfzehnte, als er den Leichenzug der Frau von Pompadour vorüberkommen sah, hinzu:
»Sie wird schlechtes Wetter auf ihrer Reise haben.«
»Ja,« antwortete Roberto Brandi, »das Wetter ist so schlecht, daß die englischen Schiffe noch auf der Rhede liegen und nicht auslaufen gekonnt haben.«
»Wirklich!« rief Nicolino. »Und kann man, obschon jetzt nicht die Stunde der Promenade ist, ein wenig auf den Wall hinaufgehen?«
»Ja wohl. Der Ernst der Situation wäre eine Entschuldigung, wenn man mir aus meiner Gefälligkeit ein Verbrechen machen wollte. Nicht wahr, Herr Herzog, in diesem Falle würden Sie die Güte haben zu sagen, daß Sie diese Gefälligkeit von mir verlangt haben?«
Nicolino ging auf den Wall hinauf und erkannte, in seiner Eigenschaft als Neffe eines Admirals, wie er sagte, auf dem »Vanguards und der »Minerva« die Flaggen, welche die Anwesenheit des Königs auf einem dieser Schiffe und die des Herzogs von Calabrien auf dem andern verkündeten.
Der Commandant, der ihn auf einen Augenblick verlassen, fand sich wieder ein und brachte ihm ein vortreffliches Fernrohr.
Mit Hilfe desselben konnte Nicolino alle Scenen des von uns bereits erzählten Drama’s verfolgen.
Er sah die Municipalität und den Magistrat, welche kamen und den König vergebens baten, nicht abzureisen.
Er sah den Cardinal-Erzbischof an Bord des »Vanguard« steigen und dieses Schiff wieder verlassen.
Er sah Vanni, nachdem derselbe von der »Minerva« zurückgewiesen worden, verzweifelt hinter den Hafendamm zurückkehren.
Ein- oder zweimal sah er sogar die schöne Marquise auf dem Deck erscheinen. Es kam ihm vor, als richtete sie die Augen traurig gegen Himmel und trocknete sich eine Thräne.
Dieses Schauspiel erschien ihm so interessant, daß er den ganzen Tag mit dem Fernrohr in der Hand auf dem Walle blieb und seinen Beobachtungsposten nur verließ, um in aller Eile zu frühstücken und später zu dinieren.
Am nächstfolgenden Morgen war es abermals der Commandant, welcher zuerst in die Zelle des Gefangenen trat.
Es hatte sich, meldete er, seit dem vorigen Abend nichts verändert. Der Wind war noch immer widrig und die Schiffe lagen immer noch im Hafen.
Endlich gegen drei Uhr lichtete man die Anker. Die Segel fielen graziös an den Masten herab und schienen den Wind aufzufordern, ihnen günstig zu sein.
Der Wind gehorchte, die Segel blähten sich auf, Linienschiffe und Fregatten setzten sich in Bewegung und schwammen langsam nach der offenen See.
Nicolino erkannte an Bord des »Vanguard« eine Dame, welche unzweideutige Geberden der Erkennung machte, und da diese Dame keine andere sein konnte als die Marquise von San Clemente, so sendete er ihr durch, die Weite ein zärtliches und letztes Lebewohl zu.
In dem Augenblick, wo die Flotte hinter Caprea zu verschwinden begann, meldete man Nicolino, daß sein Diner aufgetragen sei, und da ihn nun nichts mehr auf dem Walle zurückhielt, so stieg er rasch hinunter, um die Gerichte, welche immer delicater wurden, nicht kalt werden zu lassen.
Denselben Abend ging der Commandant, besorgt um den Gemüthszustand, in welchem sich ein Gefangener nach den furchtbaren Aufregungen des Tages befinden mußte, in seine Zelle hinunter und fand ihn mit einer Flasche Syrakuser beschäftigt.
Der Gefangene schien sehr bewegt zu sein. Seine Stirn war träumerisch und sein Auge feucht.
Er reichte dem Commandanten wehmüthig die Hand, schenkte ihm ein Glas Syrakuser ein und stieß kopfschüttelnd mit ihm an.
Dann, nachdem er sein Glas bis auf den letzten Tropfen geleert, sagte er:
»Wenn man bedenkt, daß Alexander der Sechste seine Gäste mit einem solchen Nektar vergiftete! Dieser Borgia muß ein großer Bösewicht gewesen sein.«
Ueberwältigt von der Gemüthsbewegung, welche diese historische Erinnerung in ihm hervorrief, ließ Nicolino nach wenigen Augenblicken den Kopf auf den Tisch niedersinken und schlief ein.
Zwölftes Capitel.
Was der Gouverneur des Castells San Elmo erwartete
Wir haben nicht nöthig, jedes der Ereignisse, welche wir bereits an unseren Augen vorübergehen gesehen, noch einmal die Musterung passieren zu lassen. Nur wird es nicht unzweckmäßig sein, zu erwähnen, daß von der Höhe der Festungswälle des Castells San Elmo Nicolino mit Hilfe des vortrefflichen Fernrohrs, welches der Commandant ihm gelassen, Alles mit ansah, was in den Straßen von Neapel vorging.
Was die Ereignisse betraf, die nicht am hellen lichten Tage geschahen, so erzählte der Commandant Roberto Brandi, welcher für seinen Gefangenen ein wirklicher Freund geworden, dieselbe ihm mit einer Treue und Genauigkeit, welche einem seinem Souverän rapportierenden Polizeipräfecten zur Ehre gereicht haben würde.
So sah Nicolino von der Höhe des Walles das furchtbare und prachtvolle Schauspiel der Verbrennung der Flotte, erfuhr den Vertrag von Sparanisi, konnte mit den Augen den Wagen folgen, in welchen die französischen Officiere kamen, welche die dritthalb Millionen erheben wollten, erfuhr den nächstfolgenden Tag, in welcher Münze die dritthalb Millionen bezahlt worden, wohnte endlich allen Auftritten bei, welche auf die Abreise des Generalvikars von der Ernennung Maliterno‘s zur Dictatur bis zu der Buße folgten, welche wir ihn mit Rocca Romana thun gesehen.
Alle diese Ereignisse würden Nicolino, wenn er sie blos mit seinen Augen gesehen hätte, ziemlich dunkel geblieben sein, die Erklärungen des Commandanten aber brachten für ihn Licht hinein und spielten in diesem politischen Labyrinth die Rolle des Ariadnefadens.
So erreichte man den 20. Januar.
An diesem Tage erfuhr man den definitiven Bruch des Waffenstillstandes in Folge der Unterredung zwischen dem französischen General und dem Fürsten von Maliterno, und man wußte, daß um sechs Uhr Morgens die französischen Truppen sich in Bewegung gesetzt hatten, um gegen Neapel zu marschieren.
Bei dieser Nachricht heulten die Lazzaroni vor Wuth und stellten, alle Disciplin mit Füßen tretend, Michele und Pagliuccello an ihre Spitze, indem sie schrieen, daß sie nur diese beiden als ihre Anführer anerkennen würden.
Dann begannen sie gemeinschaftlich mit den Soldaten und den Officieren, welche mit dem General Naselli von Livorno zurückgekommen waren, Kanonen nach Poggioreale, Capodichino und Capodimonte zu schleppen. Anderweite Batterien wurden an der Porta Capuana, auf der Marinella, auf dem Largo delle Pigne und auf allen Punkten aufgepflanzt, wo die Franzosen in Neapel einzudringen versuchen konnten.
Während dieses Tages, wo man die Verteidigungsanstalten traf, waren trotz der Bemühungen Michelles und Pagliuccellos die Plünderungen, Brandstiftungen und Mordthaten am fürchterlichsten gewesen.
Von den Walle des Castells San Elmo herab sah Nicolino mit Entsetzen die Grausamkeiten, welche verübt wurden.
Er wunderte sich, daß er die republikanische Partei keine Maßregeln gegen diese Gräuel treffen sah, und fragte sich, ob das republikanische Comité in solche Unthätigkeit versunken sei, daß es die Lazzaroni die Stadt beherrschen ließe, ohne etwas gegen diese Ungeheuerlichkeiten zu thun zu versuchen.
In jedem Augenblicke erhob sich von irgend einem Punkte der Stadt neues Geschrei, welches bis zu der Höhe heraufdrang, auf welcher die Festung steht.
Plötzlich stiegen Rauchwirbel von einer Häusergruppe empor und zogen sich, von dem Sirocco getrieben, wie ein Vorhang zwischen die Stadt und das Schloß. Metzeleien, die in den Straßen begonnen worden, setzten sich die Treppen hinauf fort und entwickelten sich auf den Terrassen der Paläste beinahe in Schußweite von den Schildwachen.
Roberto Brandi überwachte die Thore und Ausfallpförtchen des Castells, dessen Schildwachen er verdoppelt, mit dem Befehle, auf Jeden zu feuern, der sich nähern würde, seien es Lazzaroni oder Republikaner.
Augenscheinlich führte er einen bei sich selbst beschlossenen Plan einem verborgenen Ziele entgegen.
Die königliche Fahne flatterte immer noch auf den Mauern des Castells und war trotz der Abreise des Königs keinen Augenblick verschwunden. Diese Fahne, das Unterpfand der Treue des Commandanten, erfreute die Augen der Lazzaroni.
Sein Fernrohr in der Hand, suchte Nicolino in den Straßen von Neapel vergebens einige bekannte Gesichter.
Maliterno war, wie man weiß, nicht nach Neapel zurückgekehrt, Rocca Romana hielt sich verborgen und Manthonnet, Schipani, Cirillo und Velasco warteten.
Um zwei Uhr Nachmittags löste man die Schildwachen ab, wie dies von zwei zu zwei Stunden geschah.
Plötzlich kam es Nicolino vor, als ob die Schildwache, die sich ihm am nächsten befand, ihm ein Zeichen mit dem Kopfe gäbe.
Er that, als ob er es nicht bemerkte, wendete aber nach Verlauf einiger Secunden seine Augen wieder nach dieser Richtung.
Diesmal blieb ihm kein Zweifel. Das Zeichen war um so sichtbarer, als die drei andern Schildwachen die Augen theils auf den Horizont in der Richtung von Capua, wo man die Franzosen debouchiren zu sehen erwartete, theils auf Neapel gerichtet, welches mit Feuer und Schwert kämpfte, auf die vierte Schildwache und den Gefangenen nicht im Mindesten achteten.
Nicolino konnte deshalb seine Schritte nach der Schildwache lenken und in einer Entfernung von kaum einem Schritt an ihr vorübergehen.
»Wenn Sie heute dinieren, so achten Sie auf Ihr Brod,« warf die Schildwache ihm im Vorübergehen zu.
Nicolino stutzte, setzte aber seinen Weg weiter fort.
Seine erste Regung war eine Regung der Furcht. Er glaubte, man wolle ihn vergiften.
Nachdem er etwa zwanzig Schritte zurückgelegt, kehrte er um, ging wieder an der Schildwache und fragte:
»Gift?«
»Nein,« antwortete der Soldat, »ein Billet.«
»Ah,« sagte Nicolino, dem es etwas leichter ums Herz ward, und sich von der Schildwache entfernend, hielt er sich von nun an abseits, ohne wieder nach jener Richtung zu blicken.
Die Republikaner entschlossen sich also endlich zu etwas. Der Mangel an Initiative ist der Hauptfehler des neapolitanischen Adels und Mittelstandes. Eben so bereit wie das Volk, dieser durch den geringsten Wind aufzuwirbelnde Staub, zu Emeuten ist, eben so schwierig in Bezug auf Revolutionen ist die Aristokratie und der bessere Bürgerstand.
Der Grund hiervon liegt darin, daß bei jeder eintretenden Veränderung der Mittelstand und die Aristokratie einen Theil von dem, was sie besitzen, zu verlieren fürchten, während das Volk, welches nichts besitzt, nur gewinnen kann.
Es war drei Uhr Nachmittags, Nicolino dinierte um vier und hatte folglich nur noch eine Stunde zu warten. Diese Stunde kam ihm aber vor wie ein Jahrhundert.
Sie ging endlich vorüber, während Nicolino die Halb- und Viertelschläge auf den dreihundert Kirchen Neapels zählte.
Er stieg von dem Wall herab, fand seinen Tisch gedeckt wie gewöhnlich und sein Brod auf dem Tisch. Er betrachtete es nachlässig, sah aber keine Ritze darin. Die Rinde war rund herum glatt und unversehrt. Wenn ein Billet sich im Innern befand, so konnte es nur beim Backen selbst hineinpracticirt worden sein.
Der Gefangene begann eine falsche Mittheilung zu vermuthen.
Er sah den Schließer an, der seit der steigenden Verbesserung seiner Mahlzeiten beauftragt war, ihn bei Tische zu bedienen, und hoffte an ihm eine Ermuthigung zum Brechen des Brodes wahrzunehmen.
Der Schließer zuckte aber keine Miene.
Nicolino sah, um eine Ursache zu haben, ihn fortzuschicken, nach, ob auf dem Tische nichts fehle. Der Tisch war aber vollkommen serviert.
»Mein lieber Freund,« sagte Nicolino zu dem Schließer, »der Commandant ist so gütig gegen mich, daß ich nicht bezweifle, er werde mir eine den Appetit fördernde Flasche Asprino verabfolgen lassen, wenn ich ihn darum bitte.«
Der Asprino ist in Neapel ungefähr dasselbe, was der Wein von Suresne in Paris ist.
Der Schließer verließ die Zelle und machte mit den Schultern eine Bewegung, welche bedeutete:
»Das nenne ich doch einen wunderlichen Einfall, Weinessig zu verlangen, wenn man Lacrymä Christi und Monte de Procida auf dem Tische hat!«
Da ihm aber eingeschärft worden, gegen den Gefangenen artig und gefällig zu sein, so beeilte er sich so sehr, zu gehorchen, daß er, um schneller fortzukommen, als er sich entfernte, nicht einmal die Thür der Zelle verschloß.
Nicolino rief ihn zurück.
»Was gibt es, Excellenz?« fragte der Schließer.
»Ich bitte Euch, eure Thür zu verschließen, mein Freund, antwortete Nicolino. »Offene Thüren führen die Gefangenen in Versuchung.«
Der Chevalier, welcher wußte, daß aus dem Castell San Elmo die Flucht unmöglich war, dafern man sich nicht, wie Hector Caraffa, an einem Seil von der Mauer herabließ, schloß die Thür, nicht um seiner Pflicht zu genügen, sondern um gegen Nicolino nicht ungefällig zu sein.
Nachdem der Schlüssel in dem Schlosse die Bewegung und das Geräusch gemacht, welches verrieth, daß er zweimal herumgedreht worden, erbrach Nicolino, nun sicher, nicht überrascht zu werden, sein Brot.
Man hatte ihn nicht getäuscht. Mitten in der Krume stak ein zusammengerolltes Billet, welches, fest an dem Teig anklebend, verrieth, daß es, ganz wie der Gefangene gedacht, nur beim Backen des Brotes hineingebracht worden sein konnte.
Nicolino horchte, und da er kein Geräusch hörte, so öffnete er rasch das Billet.
Es enthielt folgende Worte:
»Werfen Sie sich auf Ihr Bett, ohne sich auszukleiden. Beunruhigen Sie sich nicht wegen des Geräusches, welches Sie von elf Uhr bis Mitternacht hören werden. Es wird durch Freunde verursacht werden. Halten Sie sich blos bereit, sie zu unterstützen.«
»Zum Teufel!«, murmelte Nicolino, »man hat wohl gethan, mich zu benachrichtigen. Ich hätte die Freunde für Lazzaroni gehalten. Lesen wir noch das Postscript.«
»Es ist dringend nothwendig, daß morgen Früh bei Tagesanbruch die französische Fahne von den Mauern des Castells San Elmo wehe. Wenn unser Versuch scheitern sollte, so thun Sie Ihrerseits, was Sie können, um diesen Zweck zu erreichen. Das Comité stellt fünfhunderttausend Francs zu Ihrer Verfügung.«
Nicolino zerriß das Billet in ungreifbare Stückchen, welche er in seiner ganzen Zelle umherstreute.
Eben war er mit dieser Operation fertig, als der Schlüssel sich wieder in dem Schloß umdrehte, und sein Aufseher mit einer Flasche Asprino in der Hand eintrat.
Nicolino, der von seiner Mutter einen französischen Gaumen geerbt, hatte den Asprino niemals leiden können; bei der gegenwärtigen Gelegenheit aber glaubte er seinen Vaterland ein Opfer bringen zu müssen. Er füllte demgemäß sein Glas, hob es empor, brachte einen Toast auf den Commandanten aus, leerte es auf einen Zug und schnalzte mit der Zunge, als ob er ein Glas Chambertin, Chateau Laffitte oder Bouzi getrunken hätte.
Die Bewunderung des Schließers für Nicolino verdoppelte sich. Man mußte mit heroischem Muthe begabt sein, um ein Glas solchen Wein zu trinken, ohne das Gesicht zu verziehen.
Das Diner war heute noch besser als gewöhnlich. Nicolino machte darüber dem Gouverneur, welcher, wie er seit einiger Zeit gewöhnlich that, ihm beim Kaffee seinen Besuch machte, sein Compliment.
»Ihre schmeichelhafte Anerkennung,« sagte Roberto Brandi, »gebührt nicht dem Koch, sondern dem Asprino, welcher Ihnen erst rechten Appetit gemacht hat.«
Nicolino pflegte nach seinem Diner, welches er, besonders seitdem es besser geworden, bis um halb fünf, ja zuweilen bis sechs Uhr Abends ausdehnte, nicht wieder auf den Wall zu gehen. Aufgeregt jedoch, nicht durch den Asprino, den er getrunken, wie der Commandant glaubte, sondern durch das Billet, welches er empfangen, und da er sah, daß der Commandant auch guter Laune war und weil er nicht zweifelte, daß Neapel des Nachts einen wenigstens ebenso merkwürdigen Anblick gewähre als am Tage, beklagte er sich so hartnäckig über ein gewisses Drücken im Magen und einen gewissen Schwindel im Kopfe, daß der Commandant ihn selbst fragte, ob er nicht ein wenig frische Luft schöpfen wolle.
Nicolino ließ sich einen Augenblick lang bitten, verstand sich aber endlich, um gegen den Commandanten nicht ungefällig zu erscheinen, dazu, mit ihm auf den Wall hinaufzugehen.
Neapel bot am Abend dasselbe Schauspiel dar wie während des Tages, ausgenommen, daß es durch die Finsterniß hindurch gesehen um so entsetzlicher ward. Plünderung und Mord wurden jetzt beim Schein der Fackeln ausgeführt, welche, gleich Besessenen sich in der Nacht umherbewegend einen von dem Tode erfundenen phantastischen furchtbaren Tanz auszuführen schienen.
Die hier und da lodernden Feuersbrünste mit ihrem sich von den Flammen ablösenden dicken Rauch boten Nicolino dasselbe Schauspiel dar, wie Rom achtzehnhundert Jahre früher dem blutdürstigen Nero dargeboten hatte.
Hätte Nicolino sich mit Rosen bekränzen und Verse von Horaz zur Leier singen wollen, so hätte ihn nichts gehindert, sich für den göttlichen Kaiser, den Nachfolger des Claudius und Sohn der Agrippina und des Domitius, zu halten.
Einen so großen Spielraum aber gestattete Nicolino seiner Phantasie nicht. Er hatte ganz einfach ein Schauspiel von Mord und Brand vor Augen, wie Neapel seit der Empörung Masaniello's keines wieder gegeben, und er sah mit Muth im Herzen die Geschütze, deren eherner Hals in den Wall hinausragte, und sagte sich, daß er, wenn er anstatt Roberto Brandi Gouverneur des Castells wäre, sehr bald dieses ganze Gesindel zwingen würde, eine Zuflucht in dem Schlupfwinkel zu suchen, aus welchem es hervorgekommen.
In diesem Augenblick fühlte er, wie eine Hand sich auf seine Schulter legte, und als ob man eine geheimsten Gedanken gelesen, sagte eine Stimme zu ihm:
»Was würden Sie thun, wenn Sie an meiner Stelle wären?«
Nicolino brauchte sich nicht erst umzudrehen, um zu wissen, wer so sprach. Er erkannte die Stimme des würdigen Commandanten.
»So wahr ich lebe,« antwortete er, »ich würde keinen Augenblick zögern, sondern im Namen der Humanität und der Civilisation diese Mörder niederschießen.«
»Wie? Das sollte ich thun, ohne vorher zu wissen, was jeder Kanonenschuß, den ich abfeuerte, mir einbringen oder mich kosten würde? In Ihren Jahren freilich und als Anhänger der französischen Grundsätze sagen Sie: Thue, was Du sollst, möge daraus kommen, was da wolle.«
»Das hat der Ritter Bayard gesagt.«
»Ja, aber in meinem Alter und als Familienvater sage ich: Die richtige Wohlthätigkeit beginnt im eigenen Hause. Dies hat allerdings nicht der Ritter Bayard gesagt, wohl aber sagt es der gesunde Menschenverstand.«
»Oder der Egoismus, mein werther Herr Gouverneur.«
»Das sieht sich verteufelt ähnlich, mein werther Herr Gefangener.«
»Aber was wollen Sie eigentlich?«
»Ich will nichts. Ich stehe in aller Ruhe hier auf meinem Balcon. Hier kann mich nichts erreichen. Ich sehe zu und erwarte.«
»Daß Sie zusehen, sehe ich wohl, worauf Sie aber warten, weiß ich nicht.«
»Ich erwarte, was der Gouverneur einer uneinnehmbaren Festung allemal erwartet. Ich erwarte, daß man mir Anträge mache.«
Nicolino nahm diese Worte für das, was sie waren, das heißt für eine Eröffnung; abgesehen aber davon, daß er keinen Auftrag hatte, im Namen der Republikaner zu unterhandeln – obschon er diesen Auftrag sich im Nothfalle selbst ertheilt hätte – empfahl ja das Billet, welches er empfangen, ihm ganz einfach, sich ruhig zu verhalten, und, wenn es in seiner Macht stünde, die Ereignisse, welche von elf bis zwölf Uhr diese Nacht stattfinden sollten, fördern zu helfen.
Wie konnte er wissen, ob das, was er mit dem Commandanten verabredete, wie vortheilhaft es auch nach seiner Ansicht für die Interessen der künftigen parthenopäischen Republik wäre, mit den Planen der Republikaner sich vertrüge?
Er verhielt sich daher schweigend. Als der Commandant Roberto Brandi dies sah, machte er zum dritten oder vierten Male pfeifend die Runde um die Wälle, indem er den Schildwachen die größte Wachsamkeit einschärfte und den Artilleristen befahl, mit brennender Lunte an ihren Geschützen stehen zu bleiben.
Dreizehntes Capitel.
In welchem man sieht, wie die französische Fahne auf dem Castell San Elmo aufgepflanzt worden war
Nicolino hörte schweigend zu, wie der Commandant mit ziemlich lauter Stimme Befehle ertheilte, damit dieselben von seinem Gefangenen gehört würden.
Diese verdoppelte Wachsamkeit beunrurigte ihn. Er kannte jedoch die Klugheit und den Muth der Männer, welche ihm die empfangene Aufforderung zugesendet, und er vertraute ihm.
Nur ward ihm jetzt klarer als je, daß alle Aufmerksamkeiten, die ihm von dem Gouverneur der Festung erwiesen worden, keinen andern Zweck hatten, als ihn zu bewegen, eine Eröffnung zu machen, oder auf die ihm gemachte einzugehen, was ohne Zweifel geschehen wäre, wenn Nicolino nicht in Folge der empfangenen Mittheilung damit noch zurückhalten zu müssen geglaubt hätte.
Die Zeit verging, ohne daß eine Wiederannäherung zwischen dem Gouverneur und seinem Gefangenen stattgefunden hätte. Nur blieb diesem, als hätte man ihn vergessen, erlaubt, auf dem Walle zu bleiben.
Es schlug zehn Uhr. Man erinnert sich, daß dies die von Maliterno bezeichnete Stunde war, wo der Erzbischof bei Todesstrafe sämtliche Glocken in Neapel läuten lassen sollte.
Mit dem letzten Schlage der Stunde ertönten daher alle Glocken mit einem Male.
Nicolino war auf Alles vorbereitet, ausgenommen auf dieses Glockenconcert, und der Gouverneur war, wie es schien, darauf eben so wenig gefaßt als er, denn bei dem unerwarteten Geläute näherte er sich seinem Gefangenen und betrachtete ihn mit dem Ausdrucke des Erstaunens.
»Ja, ich verstehe, sagte Nicolino. »Sie fragen mich, was dieses furchtbare Getöse bedeutet. Eben wollte ich dieselbe Frage an Sie richten.«
»Dann wissen Sie es also nicht?«
»Nein, durchaus nicht. Und Sie?«
»Ich weiß es auch nicht.«
»Nun, dann wollen wir einander versprechen, daß der Erste von uns Beiden, der es erfährt, es dem Andern mittheilt.«
»Ich verspreche es Ihnen.«
»Es ist unbegreiflich, aber interessant, und ich habe meine Loge im San Carlo-Theater oft theuer bezahlt, um ein Schauspiel zu sehen, welches nicht so viel werth war als dieses.«
Gegen Nicolino's Erwartung ward das Schauspiel aber immer interessanter und seltsamer. Mitten in ihrer höllischen Blutarbeit durch eine Stimme gefesselt, welche von oben herab zu ihnen zu sprechen schien, eilten, wie wir bereits erzählt, die Lazzaroni, welche die himmlische Sprache schlecht verstehen, in die Kathedrale, um hier die Auslegung zu verlangen.
Man weiß, was sie hier fanden. Die Kirche war taghell erleuchtet, das Haupt und das Blut des heiligen Januarius ausgestellt, der Cardinal-Erzbischof stand in seinen Prachtgewändern da und Rocca Romana und Maliterno als Büßende, barfuß, im Hemd und mit dem Strick um den Hals.
Die beiden Zuschauer auf der Höhe des Walles, für welche das Schauspiel gleichsam in Scene gesetzt zu sein schien, sahen dann die seltsame Procession unter Thränen und Wehklagen aus der Kirche herauskommen.
Die Fackeln waren so zahlreich und verbreiteten einen solchen Glanz, daß mit Hilfe eines Fernrohres, welches der Commandant holen ließ, Nicolino den Erzbischof unter seinem Baldachin das heilige Sacrament tragend erkannte, während die neben ihm herschreitenden Canonici das Blut und das Haupt des heiligen Januarius trugen.
Hinter diesen folgten Maliterno und Rocca Romana in ihrem seltsamen Kostüme und, wie der vierte Officier Marlboroughs, nichts tragend, oder vielmehr von allen Lasten die schwerste tragend, nämlich die Sünden des Volkes.
Nicolino wußte, daß sein Bruder Rocca Romana ebenfalls ein großer Zweifler war und daß Maliterno in dieser Beziehung die Ansichten seines Bruders theilte.
Trotz der ernsten Gedanken, die ihn beschäftigten, brach er daher, als er die beiden Büßer erkannte, in ein homerisches Gelächter aus.
Was sollte diese Komödie bedeuten? in welcher Absicht ward sie gespielt? Nicolino konnte ich es nicht anders erklären als durch jene der Stadt Neapel ganz besonders eigenthümliche Mischung des Grotesken mit dem Heiligen.
Ohne Zweifel sollte ihm zwischen elf Uhr und Mitternacht dies Alles klar werden.
Roberto Brandi, der keine Erklärung erwartete, schien unruhiger und ungeduldiger zu sein als sein Gefangener, denn auch er kannte Neapel und ahnte, daß unter dieser religiösen Komödie ein ungeheurer Fallstrick verborgen liege.
Nicolino und der Commandant folgten mit den Augen und mit der größten Aufmerksamkeit der Procession auf den verschiedenen Evolutionen, welche sie von ihrem Austritt aus der Kathedrale bis zu ihrer Rückkehr ausführte.
Dann hörten sie das Geräusch sich vermindern, die Fackeln erloschen eine nach der andern und es folgten Schweigen und Finsterniß.
Einige Häuser, welche man in Brand gesteckt, fuhren noch fort zu brennen, aber es kümmerte sich Niemand darum.
Es schlug elf Uhr.
»Ich glaube,« sagte Nicolino, welcher den Weisungen des Billets zu folgen und in seine Zelle zurückzukehren wünschte, »ich glaube, die Vorstellung ist beendet. Was meinen Sie dazu, Herr Commandant?«
»Ich meine, daß ich Ihnen noch etwas zu zeigen habe, ehe Sie in Ihre Zelle zurückkehren, mein lieber Gefangener.«
Und er winkte Nicolino, ihm zu folgen.
»Bis jetzt,« sagte, er, »haben wir uns mit dem beschäftigt, was in Neapel von der Mergellina an bis zur Porta Capuana, das heißt im Westen, Süden und Osten geschieht. Beschäftigen wir uns nun auch ein wenig mit dem, was im Norden vorgeht. Obschon nach dieser Richtung hin wenig Lärm zu hören und wenig Licht zu sehen ist, so lohnt es doch der Mühe, daß wir unsere Aufmerksamkeit einen Augenblick lang dorthin lenken.«
Nicolino ließ sich von dem Gouverneur nach dem Theile des Walles führen, welcher der Stelle, von welcher aus er so eben noch Neapel betrachtet, gerade entgegengesetzt war, und sah auf den Hügeln, welche die Stadt vom Capodimonte bis zum Poggioreale umgeben, eine Linie von Feuern, welche die Regelmäßigkeit einer im Marsch begriffenen Armee zeigte.
»Ah, ah!« sagte Nicolino, »das scheint mir allerdings etwas Neues zu sein.«
»Ja, und zwar etwas nicht ganz Uninteressantes, nicht wahr?« fragte der Commandant.
»Ist es die französische Armee?«, fragte Nicolino dagegen.
»Ja wohl, sie selbst,« antwortete Roberto Brandi.
»Dann wird sie also morgen in Neapel einziehen.«
»O nein! Man zieht nicht so ohne weiteres in Neapel ein, wenn die Lazzaroni nicht wollen, daß man hier einziehe. Man wird sich zwei, vielleicht drei Tage lang schlagen.«
»Nun und dann?« fragte Nicolino.
»Und dann? – Nichts,« antwortete der Commandant. »An uns ist es zu überlegen, was der Gouverneur des Castells San Elmo bei einem solchen Kampfes einen Bundesgenossen, seien dieselben, welche es wollen, Gutes oder Böses erzeigen kann.«
»Und kann man erfahren, wem im Fall eines Kampfes Ihre Gunst sich zuwenden würde?«
»Meine Gunst! Kann ein Mann von Geist wohl im Voraus bestimmen, wem seine Gunst sich zuwenden wird, mein lieber Gefangener? Ich habe Ihnen mein Glaubensbekenntniß abgelegt, indem ich Ihnen sagte, ich sei Familienvater und indem ich Ihnen das französische Sprichwort citierte: Die rechte Wohlthätigkeit beginnt im eigenen Hause. Kehren Sie jetzt in Ihre Zelle zurück und denken Sie hierüber nach. Morgen werden wir über Politik, Moral und Philosophie plaudern, und da die Franzosen noch ein anderes Sprichwort haben, welches sagt: »Guter Rath kommt über Nacht,« so halten Sie diese Nacht Ihr Ohr offen, um mir morgen sagen zu können, was für Rathschläge sie Ihnen gebracht haben wird. Gute Nacht, Herr Herzog.«
Und da man während dieses Gesprächs an der Treppe angelangt war, welche in die unterirdischen Gefängnisse führte, so geleitete der Schließer Nicolino in seine Zelle zurück und schloß ihn wie gewöhnlich in dieselbe ein.
Nicolino befand sich hier in der vollständigsten Finsterniß.
Zum Glück waren die Weisungen, die man ihm ertheilt, nicht schwer zu befolgen. Er tastete sich nach seinem Bett, fand es und warf sich angekleidet darauf.
Kaum lag er so seit fünf Minuten, so hörte er einen Alarmruf und dann folgten ein ziemlich lebhaftes Gewehrfeuer und drei Kanonenschüsse.
Dann versank Alles wieder in lautloses Schweigen.
Was war geschehen?
Wir müssen sagen, daß trotz Nicolinos erprobtem Muthe das Herz ihm gewaltig pochte, als er diese Frage an sich stellte.
Noch waren nicht anderweite zehn Minuten vergangen, so hörte Nicolino Jemand die Treppe herabkommen, der Schlüssel ward im Schloß umgedreht, die Riegel knarrten und die Thür öffnete sich, um den würdigen Commandanten beim Scheine eines Lichtes einzulassen, welches er selbst in der Hand trug. Er schloß die Thür mit der größten Vorsicht wieder hinter sich, setzte das Licht auf den Tisch, nahm einen Stuhl und setzte sich neben das Bett des Gefangenen, welcher, durchaus nicht wissend, worauf dies Alles hinauslaufen würde, ihn gewähren ließ, ohne ein einziges Wort an ihn zu richten.
»Wohlan,« sagte der Gouverneur, nachdem er Platz genommen, »ich sagte Ihnen wohl, mein lieber Gefangener, daß das Castell San Elmo für die Frage, welche morgen entschieden werden soll, eine gewisse Bedeutung habe.«
»Und warum, mein lieber Commandant, kommen Sie zu einer solchen Stunde, um sich bei mir zu Ihrem Scharfsinn Glück zu wünschen?«
»Weil es für die Eigenliebe immer eine gewisse Genugthuung ist, zu einem Manne von Geist wie Sie sagen zu können: Sie sehen wohl, daß ich Recht hatte, und ferner, weil ich glaube, daß, wenn wir bis morgen warten, um unsere kleinen Geschäfte zu besprechen, worüber Sie heute Abend nicht sprechen wollten – ich weiß jetzt auch warum – weil, wenn wir damit bis morgen warten, es dann leicht zu spät sein könnte.«
»Aber,« fragte Nicolino, dann ist wohl, seitdem wir einander gute Nacht gewünscht, etwas sehr Wichtiges geschehen?«
»Sie werden dies selbst beurtheilen. Die Republikaner, welche, ich weiß nicht wie, meine Parole, welche Pausilippo und Parthenope hieß, erfahren hatten, erschienen vor der Schildwache. Derjenige aber, welcher von ihnen beauftragt war, Parthenope zu sagen, verwechselte die neue Stadt mit der alten und sagte Napoli anstatt Parthenope. Die Schildwache, welche wahrscheinlich nicht wußte, daß Parthenope und Napoli ein und dasselbe sind, machte Lärm. Der Posten gab Feuer, meine Artilleristen gaben Feuer und der Handstreich mißlang. Wenn Sie, mein lieber Gefangener, sich in Erwartung dieses Handstreichs unausgekleidet auf Ihr Bett geworfen haben, so können Sie sich nun immer auskleiden und schlafen legen, dafern Sie nicht lieber aufstehen wollen, damit wir hier an diesem Tische einander gegenüber sitzend wie zwei gute Freunde mit einander plaudern können.«
»Wohlan,« sagte Nicolino, indem er sich erhob, »raffen Sie Ihre Trümpfe zusammen, decken Sie Ihr Spiel auf und plaudern wir.«
»Plaudern wir,« wiederholte der Gouverneur. »Das ist sehr bald gesagt.«
»Aber, mein Himmel, Sie haben es mir ja angeboten!«
»Ja, aber erst wünsche ich einige Aufklärungen zu haben.«
»Welche? Sprechen Sie.«
»Haben Sie hinreichende Vollmacht, um mit mir sprechen zu können?«
»Ja.«
»Das also, was wir besprechen, wird von Ihren Freunden ratificirt werden?«
»Auf Cavalierparole.«
»Dann steht kein Hinderniß mehr entgegen. Setzen Sie sich, mein lieber Gefangener.«
»Ich sitze.«
»Die Herren Republikaner möchten also das Castell San Elmo wohl gern haben, wie?«
»Nach dem eben versuchten Handstreich würden Sie mich als einen Lügner betrachten, wenn ich Ihnen sagte, der Besitz des Castells sei den Republikanern vollkommen gleichgültig.«
»Und wenn nun Signor Roberto Brandi, der jetzige Gouverneur dieses Castells, den sehr hohen und sehr mächtigen Signor Nicolino, Herzog von Rocca Romana und Fürsten Caraccioli, an seine Stelle treten ließe, was würde der arme Roberto Brandi bei diesem Tausche verdienen?«
»Signor Roberto Brandi hat mir, glaube ich, mitgetheilt, daß er Familienvater ist. Ich habe vergessen zu sagen, Gatte und Familienvater.«
»Nun, das schadet nichts, da Sie ja das Vergessene noch in Zeiten nachholen. Sie haben also eine Frau?«
»Ja, eine Frau.«
»Und wie viel Kinder?«
»Zwei ganz allerliebste Kinder, besonders die Tochter, welche ich nun bald zu verheiraten suchen muß.«
»Aber Sie haben doch nicht etwa Absichten mit ihr auf mich?«
»So hoch wage ich meine Augen nicht zu erheben. Es ist blos eine einfache Bemerkung, die ich mache, und die mir Ihrer Aufmerksamkeit würdig erscheint.«
»Und ich bitte Sie, zu glauben, daß ich diesem Umstande meine Aufmerksamkeit im höchsten Grade widme.«
»Und was glauben Sie dann, was die Republikaner von Neapel für den Mann, der ihnen einen sehr großen Dienst leistet, so wie für die Frau und Kinder dieses Mannes thun können?«
»Nun, was meinen Sie zu zehntausend Ducati –«
»O!« unterbrach der Gouverneur.
»So warten Sie doch und lassen Sie mich ausreden.«
»Sehr richtig; reden Sie aus.«
»Ich sage nochmals: was meinen Sie zu zehntausend Ducati Gratification für Sie, zehntausend Ducati Nadelgeld für Ihre Frau, zehntausend Ducati Taschengeld für Ihren Sohn und zehntausend Ducati Aussteuer für Ihre Tochter?«
»Also vierzigtausend Ducati.«
»Ja, vierzigtausend Ducati.«
»Alles in Allem?«
»Nun!«
»Also einhundertundneunzigtausend Francs.«
»Sehr richtig.«
»Finden Sie nicht, daß es solcher Männer, wie Sie deren repräsentieren, unwürdig ist, nicht runde Summen zu bieten?«
»Zweihunderttausend Francs, zum Beispiel?«
»Ja, für zweihunderttausend Livres überlegt man sich die Sache.«
»Und womit würde man abschließen?«
»Na, um nicht lange hin und her zu handeln, mit zweihundert und fünfzigtausend Livres.«
»Zweihundert und fünfzigtausend Livres sind ein hübscher Pfennig.«
»Das Castell San Elmo ist aber auch ein hübscher Steinklumpen.«
»Hm!«
»Sie weigern sich?«
»Ich gehe mit mir zu Rathe.«
»Mein lieber Gefangener, wir haben den ganzen Tag in Sprichwörtern gesprochen. Gestatten Sie mir noch eins. Ich verspreche Ihnen, daß es das letzte sein soll.«
»Theilen Sie mir es mit.«
»Wohlan, man sagt, daß jedem Menschen einmal in seinem Leben die Gelegenheit geboten wird, sein Glück zu machen, und daß die Hauptsache für ihn dann ist, sich diese Gelegenheit nicht entschlüpfen zu lassen. Die Gelegenheit streift dicht an meiner Hand vorüber, ich packe sie bei ihren drei Haaren, und lasse sie nicht wieder los.«
»Ich will es mit Ihnen nicht so genau nehmen, mein werther Herr Gouverneur,« hob Nicolino wieder an, »und zwar um so weniger, als Sie sich immer sehr gut gegen mich benommen haben. Sie sollen Ihre zweihundert und fünfzigtausend Francs haben.«
»Gut, abgemacht.«
»Sie begreifen aber, daß ich nicht zweihundert und fünfzigtausend Francs in der Tasche habe.«
»Mein Himmel, wenn man alle Geschäfte blos gegen bar machen wollte, so würde man gar keine machen.«
»Dann werden Sie sich also mit meiner Handschrift begnügen?«
Roberto Brandi erhob sich und verneigte sich.
»Ich begnüge mich mit Ihrem Wort,« sagte er dann. »Spielschulden sind heilig und wir spielen in diesem Augenblick und zwar hoch, denn es geht um unsern Kopf.«
»Ich danke Ihnen für Ihr Vertrauen zu mir, Herr Gouverneur,« antwortete Nicolino mit Stolz. »Ich werde Ihnen beweisen, daß ich desselben würdig bin. Jetzt handelt es sich blos noch um die Ausführung, um die Mittel.«
»Um zu diesem Zwecke zu gelangen, werde ich Sie bitten, gegen mich so gefällig als möglich zu sein.«
»Erklären Sie sich näher.«
»Ich habe die Ehre gehabt, Ihnen zu sagen, daß, da ich einmal die Gelegenheit beim Schopfe halte, ich dieselbe auch nicht loslassen würde, ohne dadurch mein Glück zu machen.«
»Sehr richtig. Ich sollte aber meinen, eine Summe von zweihundert und fünfzigtausend Francs –«
»Macht wohl nicht glücklich, Herr Herzog. Sie, der Sie Millionen besitzen, werden dies zugeben.«
»Ich danke schön.«
»Ich möchte gern fünfhunderttausend Francs haben.«
»Herr Commandant, es thut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß Sie Ihrem Wort untreu werden.«
»Aber warum das, wenn ich den Mehrbetrag nicht von Ihnen verlange?«
»Ja, dann ist es allerdings etwas Anderes.«
»Und wenn es mir nun gelingt, mir von Seiner Majestät dem König Ferdinand für meine Treue denselben Preis zu verschaffen, welchen Sie mir für meinen Verrath bieten?«
»O, das war ein häßliches Wort, welches Sie da aussprachen.«
Der Commandant ergriff mit dem den Neapolitanern eigenthümlichen komischen Ernst das Licht, schaute zur Thür hinaus und unter das Bett, worauf er das Licht wieder auf den Tisch setzte.
»Was machen Sie da?« fragte Nicolino.
»Ich wollte sehen, ob Jemand uns behorchte.«
»Warum?«
»Nun, wenn wir nur unser Zwei hier sind, so wissen Sie wohl, daß ich ein Verräther bin, der vielleicht ein wenig geschickter und geistreicher ist als die andern, aber das ist auch Alles.«
»Und wie gedenken Sie von dem König Ferdinand zweihundert und fünfzigtausend Francs als Preis Ihrer Treue zu erlangen?«
»Eben zu diesem Zwecke bedarf ich Ihrer ganzen Gefälligkeit.«
»Rechnen Sie darauf, nur erklären Sie sich näher.«
»Um meinen Zweck zu erreichen, mein lieber Gefangener, darf ich nicht Ihr Mitschuldiger, sondern ich muß Ihr Schlachtopfer sein.«
»Was Sie mir da sagen, ist ziemlich logisch. Laffen Sie nun hören, wie Sie mein Schlachtopfer werden können.«
»Das ist sehr leicht.«
Der Commandant zog ein Paar Pistolen aus der Tasche.
»Hier sind Pistolen,« sagte er.
»Das sind ja die meinigen!« rief Nicolino.
»Der Fiscalprocurator hat vergessen, sie mitzunehmen. Sie wissen wohl, wie er geendet hat, dieser gute Marquis Vanni?«
»Sie haben mir seinen Tod mitgetheilt und ich habe Ihnen darauf geantwortet, daß es mir leid thut, ihn nicht bedauern zu können.«
»Das ist wahr. Sie haben sich also durch Ihre geheimen Anhänger in dem Castell Ihre Pistolen, die ich weiß nicht wo lagen, verschafft und mir eine derselben bei meinem Eintritt in Ihre Zelle auf die Brust gesetzt.«
»Sehr gut,« rief Nicolino lachend. »So ungefähr.«
»Nehmen Sie sich in Acht; sie sind geladen. Dann haben Sie, mir fortwährend mit der Pistole drohend, mich an diesen in die Wand eingemauerten Ring gebunden.«
»Womit denn? Mit meinem Betttüchern?«
»Nein, mit einem Strick.«
»Ich habe ja aber keinen.«
»Ich bringe Ihnen einen mit.«
»Ah, Sie sind ein vorsichtiger Mann!«
»Wenn man will, daß etwas gelinge, so darf man nichts verabsäumen.«
»Und dann?«
»Nun dann, wenn ich fest an diesen Ring gebunden bin, verstopfen Sie mir mit Ihrem Taschentuch den Mund, damit ich nicht schreie. Sie schließen mich ein und benutzen den Umstand, daß ich unklugerweise alle Mannschaften, deren ich sicher bin, als Patrouillen ausgeschickt und im Innern und an den Thoren nur Verräther gelassen, um eine Meuterei anzuzetteln.«
»Und wie soll ich diese Meuterei bewirken?«
»Nichts leichter als dies. Sie bieten Mann für Mann zehn Ducati. Es sind etwa dreißig Mann, nehmen Sie mit Hinzurechnung der Officianten fünfunddreißig an, so sind dies dreihundertundfünfzig Ducati. Sie vertheilen ihre dreihundertundfünfzig Ducati sofort, Sie ändern die Parole und befehlen, Feuer auf die Patrouillen zu geben, wenn dieselben darauf bestehen, wieder herein zu wollen.«
»Und wo soll ich diese dreihundertundfünfzig Ducati hernehmen?«
»Aus meiner Tasche. Nur wäre dies eine Rechnung für sich, verstehen Sie.«
»Die zu den zweihundertundfünfzigtausend Francs noch hinzukämen; gut, gut.«
»Sind Sie einmal Meister des Castells, so binden Sie mich los, lassen mich in Ihrem Kerker und behandeln mich eben so schlecht, als ich Sie gut behandelt habe. Dann eines Nachts, wenn Sie mir meine zweihundertundfünfzigtausend Francs bezahlt und meine dreihundertundfünfzig Ducati wiedergegeben haben, lassen Sie mich aus Mitleid zur Thür hinauswerfen. Ich gehe nach dem Hafen hinunter, ich miethe ein Boot, einen Speronare, eine Felucke. Nach tausend überstandenen Gefahren lande ich in Sicilien, melde mich bei dem König Ferdinand und bitte ihn um den Preis meiner Treue. Die Höhe der Summe ist meine Sache. Uebrigens kennen Sie dieselbe.«
»Ja, zweihundertundfünfzigtausend Francs.«
»Also nun wären wir über Alles einig?«
»Ja.«
»Und ich habe Ihr Ehrenwort?«
»Sie haben es.«
»Nun denn ans Werk. Sie haben das Pistol, welches Sie, damit kein Unglück geschehe, auf den Tisch legen können. Hier sind die Stricke und hier ist die Börse. Ziehen Sie die Stricke immer scharf an, aber nehmen Sie sich in Acht, daß Sie mich nicht mit dem Taschentuche ersticken. Sie haben noch eine gute halbe Stunde, ehe die Patrouille zurückkommt.«
Alles geschah genau so, wie der intelligente Gouverneur es vorausgesehen, und man hätte meinen sollen, er habe seine Befehle im Voraus ertheit, damit Nicolino auf kein Hinderniß stoßen möge.
Der Commandant ward gebunden, gefesselt, geknebelt und dann eingesperrt.
Nicolino begegnete keinem Menschen, weder auf den Treppen noch in den Gewölben. Er ging gerade auf die Hauptwache zu, trat ein, hielt eine prachtvolle patriotische Rede, und als er gegen das Ende derselben ein gewisses Zögern unter seinen Zuhörern bemerkte, so klimperte er mit seinem Geld und sprach das magische Wort, welches Alles mit sich fortreißen mußte, aus:
»Zehn Ducati der Mann.«
Und in der That verschwand von diesem Augenblicke an jede Spur von Zögern oder Unentschlossenheit und Alle schrieen: »Es lebe die Freiheit!«
Man stürzte sich auf die Waffen, man eilte auf die Posten und die Wälle, man drohte der Patrouille, auf die zu schießen, wenn sie nicht sofort in den Tiefen des Vomero oder in den Quergäßchen der Infrascata verschwände.
Und in der That die Patrouille verschwand, wie ein Gespenst auf dem Theater durch eine Versenkung verschwindet.
Dann machte man sich an die Anfertigung einer dreifarbigen Fahne, die man nicht ohne Mühe endlich aus einem Stück von einer alten weißen Fahne, einem blauen Fenstervorhang und einer rothen Fußdecke zu Stande brachte.
Nachdem man mit dieser Arbeit fertig war, riß man die weiße Fahne vom Thurm des Castells herunter und pflanzte die dreifarbige auf.
Endlich schien Nicolino plötzlich an den armen Commandanten zu denken, dessen Functionen er sich angemaßt.
Er stieg daher mit vier Mann in seinen Kerker hinab, ließ ihn, indem er ihm das Pistol auf die Brust setzte, losbinden und von dem Knebel befreien, worauf er ihn trotz seines Aechzens, Bittens und Flehens an seiner Stelle in dem berüchtigten Kerker Nr. 3 in der zweiten Etage unter dem Zwischenstocke zurückließ.
Auf diese Weise kam es, daß Neapel, als es am Morgen des 21. Januar erwachte, die französische Tricolore auf dem Castell San Elmo wehen sah.
Vierzehntes Capitel.
Die candinischen Pässe
Championnet sah es auch das ihm heilige Banner, und gab seiner Armee sofort Befehl, gegen Neapel zu marschieren, um gegen elf Uhr Morgens den Angriff auf die Stadt zu eröffnen.
Wenn wir einen Roman schrieben anstatt eines historischen Werkes, wo die Phantasie nur Zugabe ist, so würden wir, wie ich nicht bezweifle, ein Mittel gefunden haben, um Salvato wieder nach Neapel zu führen, wäre es auch nur in Gesellschaft der französischen Officiere, welche hierher kamen, um die durch den Waffenstillstand von Sparanisi stipulierten fünf Millionen zu erheben.
Anstatt ihn mit seinen Cameraden ins Theater gehen, oder sich mit Archambal um die Erhebung der fünf Millionen – eine Erhebung, die, wie man sich erinnert, niemals stattfand – bekümmern zu lassen, hätten wir ihn dann nach jenem Palmbaumhause geführt, wo er wenigstens die Hälfte jener Seele zurückgelassen hatte, an welche der skeptische Wundarzt von Monte Casino nicht glauben konnte.
Anstatt eines langen, wohl interessanten, aber kalten Berichtes, wie dies jede politische Erzählung ist, hätten wir dann leidenschaftliche Scenen gehabt, die durch die Befürchtungen gehoben worden wären, welche die furchtbaren Metzeleien, deren Getöse bis zu der armen Luisa drang, ihr eingeflößt hätten.
Wir sehen uns aber einmal genöthigt, uns in die unbeugsamen Forderungen der Thatsachen zu fügen, und von welchem heißen Wunsche Salvato auch beseelt sein mochte, so mußte er doch vor allen Dingen den Befehlen seines Generals folgen, welcher in seiner Unbekanntschaft mit dem unwiderstehlichen Magnete, der seinen Brigadechef nach der Richtung von Neapel zog, ihn von diesem Ziele eher entfernt, als demselben genähert hatte.
In San Germano, in demselben Augenblicke, wo, nachdem er die Nacht im Kloster des Monte Cassino zugebracht, Salvato seinen Vater umarmt und verlassen, hatte Championnet ihm Befehl ertheit, die siebzehnte Halbbrigade zu nehmen und auf einem Umwege, um die übrige Armee zu decken und ihr den Weg zu bahnen, über Venafro, Marcone und Ponte Landolfo auf Benevento zu marschieren. Dabei sollte Salvato sich mit dem Obergeneral fortwährend in Mittheilung halten.
Auf diese Weise mitten unter die Brigands hineingeworfen, hatte Salvato alle Tage einen neuen Angriff zurückzuschlagen und alle Nächte einen Ueberfall zu entdecken und zu vereiteln. Salvato aber, der in dem Lande geboren war und die Sprache des Landes redete, war in Folge seiner Kaltblütigkeit, seines Muthes und seiner strategischen Studien sowohl der Mann des großen Krieges, das heißt der regelmäßigen Feldschlacht, als auch in Folge seiner unermüdlichen Thätigkeit, seiner fortwährenden Wachsamkeit und jenes Instinktes der Gefahr, welchen Fenimore Cooper uns bei den rohen Völkern Nordamerikas in so hoher Entwicklung zeigt, gleichzeitig der Mann des kleinen Krieges, das heißt des Krieges in den Gebirgen.
Während dieses langen und schwierigen Marsches, wo man im Monat Dezember zugefrorne Flüsse zu passieren, mit Schnee bedeckte Berge zu ersteigen und grundlose, morastige Straßen zu verfolgen hatte, konnten seine Soldaten, in deren Mitte er lebte, während er den Verwundeten beistand, die Matten ermunterte, die Starken lobte, in ihm den gleichzeitig überlegenen und guten Menschen erkennen und da sie ihm weder einen Irrthum, noch eine Schwäche, noch eine Ungerechtigkeit vorzuwerfen hatten, so schaarten sie sich um ihn, nicht blos mit dem Respekt der Untergebenen gegen ihren Anführer, sondern auch mit der Liebe von Kindern zu ihrem Vater.
In Venafro angelangt, hatte Salvato erfahren, daß der Weg oder vielmehr der Fußsteig über das Gebirge ungangbar sei.
Bis nach Isernia war er auf einer ziemlich schönen Straße gelangt, die er Schritt um Schritt von den Brigands erkämpfen müssen. Von dort aus hatte er auf einem Umwege über Berge, Waldungen und Thäler das Dorf oder vielmehr die Stadt Bocano erreicht.
Er brauchte fünf Tage, um diesen Weg zurückzulegen, den man, unter gewöhnlichen Umständen und zur guten Jahreszeit, in einem einzigen Tagmarsche machen kann.
In Bocano war es, wo er den Waffenstillstand von Sparanisi erfuhr und den Befehl erhielt, Halt zu machen und neue Instructionen zu erwarten.
Als der Waffenstillstand von Sparanisi gebrochen war, setzte Salvato sich wieder in Marsch und erreichte unter fortwährendem Kampf Marcone. Hier erfuhr er die Unterredung Championnets mit den Deputierten der Stadt und den von dem Obergeneral an demselben Tage gefaßten Entschluß, den nächstfolgenden Tag den Angriff auf Neapel zu eröffnen.
Seine Instructionen wiesen ihn an, auf Benevento zu marschieren und dann sofort die Richtung auf Neapel zu nehmen, um den General bei einem Angriff am 21. Januar zu unterstützen.
Am 20. Januar Abends zog er nach einem doppelten Tagmarsch in Benevento ein. Die Ruhe, mit welcher dieser Marsch vor sich gegangen, flößte Salvato große Besorgnisse ein.
Wenn die Brigands ihm den Weg von Marcone bis Benevento freigelassen, so war es ohne Zweifel in der Absicht geschehen, um ihm denselben anderwärts und in einer bessern Position streitig zu machen.
Salvato, der die Gegend, in welcher er sich befand niemals vorher besucht, kannte sie wenigstens in strategischer Beziehung.
Er wußte, daß er nicht von Benevento nach Neapel gelangen konnte, ohne das alte Thal Caudia, das heißt jene verhängnißvollen caudinischen Pässe zu passieren, wo dreihunderteinundzwanzig Jahre vor Christo die von dem Consul Spurnius Posthumus befehligten römischen Legionen von den Samnitern geschlagen und gezwungen wurden, unter dem Joch durchzugehen.
Eine jener Erleuchtungen, welche Männer des Krieges zuweilen haben, sagte ihm, daß dies die Stelle sei, wo die Brigands ihn erwarteten.
Da die Karten über die Terra di Lavoro und über die Capitanata unvollständig waren, so beschloß Salvato, die Gegend selbst zu untersuchen.
Um acht Uhr Abends verkleidete er sich als Bauer, bestieg ein bestes Pferd, ließ sich von einem vertrauten Hußaren, der eben so beritten war wie er, begleiten und machte sich auf den Weg.
Ungefähr eine Meile von Benevento ließ er seinen Hußaren und die Pferde in einem Gehölz zurück und ging allein weiter.
Das Thal verengte sich immer mehr und mehr und Salvato konnte beim Scheine des Mondes die Stelle unterscheiden, wo es sich ganz zu schließen schien. Es war augenscheinlich, daß eben an dieser Stelle die Römer, wiewohl zu spät, die Schlinge erkannt hatten, die man ihnen gelegt.
Anstatt dem Wege zu folgen, schlich Salvato zwischen den Bäumen hin, welche den Thalgrund einsäumen, und gelangte so an ein Gehöft, welches ungefähr fünfhundert Schritte weit von diesem Engpasse entfernt stand.
Er sprang über eine Hecke und sah sich in einem Obstgarten.
Ein heller Schein fiel aus einem Theile des Wohnhauses, welches von dem übrigen Gehöfte getrennt stand.
Salvato schlich an eine Stelle, wo er in das erleuchtete Gemach hineinspähen konnte.
Die Ursache des hellen Scheines war ein Backofen, den man soeben geheizt und an welchem zwei Männer sich bereit hielten, etwa hundert Stück Brode einzuschieben.
Es war augenscheinlich, daß eine solche Menge Brod nicht zum Gebrauch für den Gehöftebesitzer und seine Leute bestimmt war.
In diesem Augenblicke ward heftig an das auf die Heerstraße gehende Thor des Gehöftes gepocht.
»Sie sind es,» sagte einer der beiden Männer.
Salvato's Blick reichte nicht bis an das große Thor, er hörte es jedoch in seinen Angeln knarren und sah bald in den von dem brennenden Holze des Backofens geworfenen hellen Ring vier Männer treten, in welchen er, ihrer Tracht zufolge, Brigands erkannte.
Sie fragten, zu welcher Stunde der erste Schub fertig sein würde, wie viel man deren in der Nacht backen könnte und wie viel Brode mit vier Schüben geliefert werden könnten.
Die beiden Bäcker antworteten, daß sie um halb zwölf mit dem ersten Schub, um zwei Uhr mit dem zweiten und um fünf mit dem dritten zu Stande sein würden. Jeder Schub würde hundert bis hundertundzwanzig Brode liefern.
»Das ist aber nicht sehr viel, antwortete einer der Brigands, den Kopf schüttelnd.
»Wie viel seid Ihr denn?« fragte einer der Bäcker.
Der Brigand, welcher schon gesprochen, zählte einige Augenblicke lang an den Fingern.
»Achthundertundfünfzig Mann ungefähr,» sagte er dann.
»Dann kämen sonach ziemlich anderthalb Pfund Brod auf den Mann,» sagte der Bäcker, welcher bis jetzt geschwiegen.
»Das ist nicht genug,» antwortete der Brigand.
»Gleichwohl aber müßt Ihr Euch damit begnügen, entgegnete der Bäcker in kurzem Tone. »Der Ofen faßt nicht mehr als hundertundzehn Brode auf einmal.«
»Nun gut denn; in zwei Stunden werden die Maulthiere hier sein.«
»Dann werden sie aber eine gute halbe Stunde warten müssen, das sage ich Euch im Voraus.«
»Du scheinst zu vergessen, daß wir Hunger haben.«
»Nun dann nehmt das Brod mit, wie es ist, sagte der Bäcker, »und backt es selbst.«
Die Brigands sahen ein, daß mit Leuten, welche auf Alles, was man ihnen sagte, solche Antworten hatten, nichts anzufangen wäre.
»Hat man vielleicht Nachrichten von Benevento?« fragten sie dann.
»Ja,» entgegnete einer der Bäcker.
»Ich bin erst vor einer Stunde von dort zurückgekommen.«
»Hatte man dort etwas von den Franzosen gehört?»
»Sie waren eben dort einzogen.«
»Sagte man, daß sie sich dort aufhalten würden?«
»Man sagte, sie würden sich morgen mit Tagesanbruch wieder in Marsch setzen.«
»Nach Neapel?«
»Ja, nach Neapel.«
»Wie stark waren sie?«
»Ziemlich sechshundert Mann.«
»Wie viel Franzosen könnte man, wenn man sie tüchtig zusammenpreßte, in deinen Ofen schieben?«
»Acht.«
»Wohlan, wenn es uns morgen Abend am Brod fehlt, so werden wir doch Fleisch haben.«
Ein schallendes Gelächter folgte auf diesen Cannibalenwitz und die vier Brigands entfernten sich, nachdem sie die beiden Bäcker nochmals zu möglichster Eile aufgefordert, zu dem Thore hinaus, welches auf die Landstraße führte.
Salvato durchschritt, den von dem Feuer des Backofens geworfenen hellen Ring vermeidend, den Obstgarten, überkletterte den zweiten Heckenzaun, folgte in einer Entfernung von hundert und fünfzig Schritten den vier Mann, welche wieder zu ihren Cameraden stießen, sah sie den Berg ersteigen und konnte bei dem ziemlich hellen Mondschein ganz in aller Bequemlichkeit das Terrain studieren.
Er hatte Alles gesehen, was er sehen wollte, und sein Plan war gemacht. Er ging diesmal vor der Bäckerei, anstatt hinter derselben, vorbei, kehrte zu einem Hußaren zurück, stieg wieder zu Pferde und langte noch vor Mitternacht wieder in seinem Quartier an.
Hier suchte er den Ordonnanzoffizier des Generals Championnet auf. Es war dies derselbe Villeneuve, welchen wir in der Schlacht bei Civita Castellana über das ganze Schlachtfeld haben hinwegreiten sehen, um Macdonald die Ordre zur Wiederaufnahme der Offensive zu überbringen.
Championnet ließ Salvato sagen, daß er gegen Mittag den Angriff auf Neapel eröffnen würde. Er forderte ihn deshalb auf, so schnell als möglich zu marschieren, um noch zeitig genug zum Kampfe anzulangen, und ermächtigte Villeneuve, bei ihm zu bleiben und ihm als Adjutant zu dienen, indem er ihn zugleich vor den candinischen Pässen warnen ließ.
Salvato erzählte nun Villeneuve die Ursache seiner Abwesenheit. Dann nahm er ein großes Blatt Papier und eine Feder und entwarf einen ausführlichen Plan des Terrains, welches er so eben besucht und auf welchem den nächstfolgenden Tag der Kampf stattfinden sollte.
Hierauf warfen die beiden jungen Männer sich auf ihre Matratzen und schliefen ein.
Bei Tagesanbruch wurden sie von den Trommeln der fünfhundert Mann Infanterie und von dem Lärm der fünfzig bis sechzig Hußaren geweckt, welche die ganze Cavallerie des Detachements ausmachten.
Die Fenster des Zimmers, in welchem Salvato geschlafen, gingen auf den Platz, wo der kleine Trupp sich sammelte. Er öffnete sie und forderte die Officiere, die aus einem Major, vier Hauptleuten und acht oder zehn Lieutenamts und Unterlieutenants bestanden, auf, zu ihm hinaufzukommen.
Der Plan, den er während der Nacht gezeichnet, lag ausgebreitet auf dem Tische.
»Meine Herren,« sagte er zu den Officieren, »betrachten Sie aufmerksam diese Karte. Wenn wir auf dem Terrain, welches Sie durch dieses Studium eben so genau kennen lernen werden als ich, angelangt sind, werde ich Ihnen erklären, was es zu thun gibt. Von der Gewandtheit und Intelligenz, womit Sie mich unterstützen werden, hängt nicht blos der Erfolg des Tages, sondern auch unser Aller Rettung ab. Die Lage ist ernst, denn wir haben es mit einem Feind zu thun, welcher nicht blos den Vortheil der Uebermacht, sondern auch den der Position vor uns voraus hat.«
Salvato ließ Brod, Wein und Fleisch bringen und forderte die Officiere auf, davon zu genießen und gleichzeitig die Topographie des Terrains zu studieren, auf welchem der Kampf stattfinden sollte.
Was die Soldaten betraf, so fand eine Austheilung von Lebensmitteln unter sie auf dem Marktplatze von Benevento statt. Zugleich brachte man ihnen vierundzwanzig jener großen Glasflaschen, welche jede ungefähr zehn Kannen enthalten.
Nachdem die Mahlzeit vorüber war, ließ Salvato Appell schlagen und die Soldaten bildeten einen großen Kreis, in welchen Salvato mit den Officieren hineintrat.
Da es, wie wir schon erwähnt, nicht mehr als sechshundert Mann waren, so konnte er bequem von allen verstanden werden.
»Meine Freunde, hob er an, »wir werden heute einen schönen Tag haben, denn wir werden einen Sieg auf derselben Stelle erfechten, wo einmal das erste Volk der Welt geschlagen ward. Ihr seid Männer, Soldaten und Bürger, aber nicht Eroberungsmaschinen oder Werkzeuge des Despotismus wie die Cambytes, die Darius und die Xerxes hinter sich herschleppten. Das, was Ihr den Völkern, gegen die Ihr kämpft, bringt, ist die Freiheit, aber nicht die Sclaverei, das Licht, aber nicht die Nacht. Wisset daher, auf welchem Boden Ihr marschiert und welche Völker sich vor Euch hier bewegt haben.
»Vor ungefähr zweitausend Jahren machten amnitische Hirten – so hieß das Volk, welches diese Gebirge bewohnte – den Römern glauben, die Stadt Luceria, heutzutage Lucera, stünde auf dem Punkte, genommen zu werden und man müsse, um ihr noch rechtzeitig Hilfe zu bringen, die Apenninen passieren. Die römischen Legionen setzten sich, von dem Consul Spurnius Posthumus geführt, in Marsch. Da sie aber von Neapel kamen, wohin wir wollen, so verfolgten sie den Weg, welcher dem unsrigen entgegengesetzt ist. An einem Engpasse angelangt, an welchem wir in zwei Stunden ebenfalls anlangen werden, und wo die Brigands uns erwarten, sahen die Römer sich zwischen zwei steilen, dichtbewaldeten Felsen, und als sie an der engsten Stelle des Thales ankamen, fanden sie dieselbe durch einen ungeheuren Haufen ungeheurer und übereinandergethürmter Bäume versperrt. Sie wollten umkehren. Die Samniter aber schnitten ihnen den Weg ab, und ließen von den steilen Bergeshöhen Felsenstücke auf sie herabrollen, von welchen sie zu Hunderten zermalmt wurden. Der samnitische Anführer Cajus Pontius hatte ihnen diese Schlinge gelegt, als er aber die Römer in derselben gefangen sah, erschrak er über das Gelingen seines Plans, denn hinter den römischen Legionen stand das Heer und hinter dem Heere das mächtige Rom. Allerdings konnte er die beiden Legionen bis auf den letzten Mann vernichten und brauchte zu diesem Zwecke weiter nichts zu thun, als Granitblöcke auf sie herab zu schleudern, aber er ließ damit einhalten und seinen Vater Eremnius herbeirufen, um sich mit diesem zu berathen. Eremnius war ein weiser Mann.
»Vernichte die Alle,« sagte er, »oder laß sie frei und ehrenvoll abziehen. Tödte deine Feinde oder mache Dir Freunde aus ihnen.«
»Cajus Pontius lieh aber diesen weiten Rathschlägen kein Gehör. Er schenkte den Römern das Leben, aber nur unter der Bedingung, daß sie, das Haupt beugend, unter einem von Keulen, Lanzen und Wurfspießen ihrer Sieger gebildeten Gewölbe oder Joch hindurchgingen. Die Römer begannen natürlich schon nach kurzer Zeit, um diese Demüthigung zu rächen, einen Vertilgungskrieg gegen die Samniter und eroberten endlich ihr ganzes Land.
»Heute, Soldaten, ist, wie Ihr selbst sehet, der Anblick dieses Landes weit entfernt ein so furchtbarer zu sein wie damals. Jene steilen Felsen sind verschwunden, um einem sanften Abhang Platz zu machen, und Gebüsche von zwei bis drei Fuß Höhe sind an die Stelle des ihn sonst bedeckenden Waldes getreten.
In der vergangenen Nacht habe ich mich, auf unsere Rettung bedacht, als Bauer verkleidet und das Terrain selbst untersucht. Ihr habt Vertrauen zu mir, nicht wahr? Wohlan, ich sage Euch: da, wo die Römer besiegt, werden wir triumphieren.«
Ein lautes Hurrah und der Ruf: »Es lebe Salvato!« erscholl ringsum. Die Soldaten pflanzten, ohne erst den Befehl dazu abzuwarten, die Bajonette auf, stimmten die Marseillaise an und setzten sich in Marsch.
Als man sich dem uns bereits bekannten einzeln stehenden Gehöft bis auf eine Viertelstunde Weges genähert, empfahl Salvato das tiefste Schweigen. Ein wenig weiter hin machte die Straße eine Biegung.
Wenn die Brigands nicht eine Strecke vor der Bäckerei Schildwachen postiert hatten, so konnten sie die Disposition, welche Salvato zu treffen im Begriff stand, nicht erfahren. Dies war es, worauf der jugendliche Brigadechef gerechnet hatte. Die Brigands wollten die Franzosen überfallen und dem Wege aufgestellte Schildwachen verriethen den Plan.
Die Officiere hatten ihre Instructionen im Voraus erhalten. Villeneuve machte mit drei Compagnien einen Umweg, marschierte längs des Obstgartens und verbarg sich dann in dem Graben, mit dessen Hilfe Salvato den zu ihrem Hinterhalt zurückkehrenden vier Brigands über fünfhundert Schritte weit hatte folgen können.
Er selbst postierte sich mit seinen sechzig Hußaren hinter das Gehöft. Der Rest seiner Mannschaft sollte, von dem Major, einem alten Soldaten, auf dessen Kaltblütigkeit er rechnen konnte, geführt, zum Schein in den Hinterhalt fallen, einen Augenblick Widerstand leisten, dann sich zerstreuen und den Feind bis über die Bäckerei hinauslocken, indem sie ihrem Rückzug allmälig den Anschein einer Flucht gäbe.
Das, was Salvato gehofft, ging vollständig in Erfüllung. Nach einem Musketenfeuer, welches etwa zehn Minuten dauerte, kamen die Brigands, als sie die Franzosen zurückweichen sahen, mit lautem Geschrei aus ihren Verstecken hervorgestürzt.
Wie über die Zahl und das Ungetüm ihrer Angreifer erschreckend, wichen die Franzosen in Unordnung zurück und kehrten den Rücken.
Lautes Geheul folgte nun auf das Geschrei und die Drohungen, und nicht bezweifelnd, daß die Republikaner vollständig in die Flucht geschlagen seien, begannen die Brigands sie, ohne irgend eine Vorsichtsmaßregel anzuwenden, zu verfolgen. Villeneuve ließ sie erst ordentlich aus ihrem Hinterhalt auf die Straße heraus, sprang dann plötzlich aus dem Graben auf, seine drei Compagnien thaten dasselbe und eröffneten aus nächster Nähe ein Feuer, welches über zweihundert Mann niederstreckte.
Gleichzeitig brach Salvato mit seinen sechzig Reitern hinter dem Gehöft hervor und spaltete, rechts und links Alles niedersäbelnd, die Colonne, während auf das Commando »Halt!« die vermeinten Fliehenden Kehrt machten die vermeinten Sieger in die Bajonette rennen ließen.
Es war ein fürchterliches Gemetzel. Die Brigands sahen sich durch die Soldaten Villeneuve's und die des Majors gleichsam in einen Ring eingeschlossen und in der Mitte dieses Ringes hieben und feuerten Salvato und seine sechzig Hußaren nach Herzenslust.
Fünfhundert Brigands blieben auf dem Kampfplatz. Die, welche entflohen, gewannen unter dem doppelten Feuer, welches ihre Reihen lichtete, die Höhe des Gebirges.
Eine Stunde vor Mittag war Alles beendet und Salvato und seine sechshundert Mann, welche drei oder vier Tode und höchstens ein Dutzend Verwundete zählten, machten sich im Geschwindschritt wieder auf den Weg nach Neapel, wohin dumpfer Kanonendonner sie lockte.