Kitabı oku: «La San Felice Band 8»
Achter Theil
Erstes Capitel.
Erster Tag
Kaum hatte Championnet auf der Straße von Maddalone nach Aversa eine Viertelmeile zurückgelegt, als er einen Reiter in gestrecktem Galopp auf sich zukommen sah.
Es war der Fürst von Maliterno, welches seinerseits vor der Wuth der Lazzaroni floh.
Kaum hatten diese auf dem Castell Sam Elmo die dreifarbige Fahne wehen sehen, als der Ruf: »Zu den Waffen!« die ganze Stadt durchhalte, und von Portici bis nach Pozzuolo Alles, was im Stande war, eine Flinte, eine Pike, einem Knüppel, ein Messer zu tragen, vom fünfzehnjährigen Knaben an bis zum siebzigjährigen Greis, nach der Stadt stürzte und »Tod den Franzosen!« schrie oder vielmehr heulte.
Hunderttausend Mann entsprachen dem Aufrufe der Priester und Mönche, welche eine weiße Fahne in der einen und ein Crucifix in der andern Hand an den Kirchthüren und auf den Ecksteinen der Straßen predigten.
Diese wirksamen Predigten steigerten den Muth der Lazzaroni gegen die Franzosen und die Jakobiner auf den höchsten Gipfel. Jeder an einem Jakobiner oder an einem Franzosen begangene Mord war eine verdienstliche That, jeder fallende Lazzarone ein Märtyrer.
Seit fünf oder sechs Tagen befand sich diese halbwilde Bevölkerung, die man sich in Blut, Plünderung und Brand berauschen ließ, in jenem Stadium des Wahnsinns, wo der in ein Vernichtungswerkzeug umgewandelte Mensch an weiter nichts mehr denkt, als zu tödten und darüber sogar den Instinkt der Selbsterhaltung vergißt.
Als die Lazzaroni aber erfuhren, daß die Franzosen gleichzeitig über Capodichino und Poggioreale vorrückten, daß man schon die Spitze der beiden Kolonnen sehen könne, während eine Staubwolke verrieth, daß die dritte Kolonne die Stadt umging und durch die Moräste und auf der Via del Pascone gegen die Magdalenenbrücke vorrückte, war es, als ob ein elektrischer Schlag mit einem Male diese Menge wie einen Wirbelwind nach den bedrohten Punkten triebe.
Die die Straße von Aversa verfolgende französische Kolonne war von dem General Dufresse commandiert, der Macdonald ersetzte, welcher, in Folge eines Wortwechsels, den er in Capua mit Championnet gehabt, seine Demission gegeben und gleich einem noch von Schaum bedeckten Schlachtroß dieses Trompetengeschmetter und diesen Trommelwirbel hörte, während er selbst zur Ruhe verurtheilt war. Unter General Dufresses Befehlen stand Hector Caraffa, welcher als der Coriolan der Freiheit im Namen der großen Göttin kam, um Krieg gegen den Despotismus zu führen.
Die Kolonne, welche über Capodichino vorrückte, war von Kellermann commandiert, unter dessen Befehlen der General Rusca stand, welchen der Verfasser dieses Buches im Jahre 1814 bei der Belagerung von Soissons fallen sah. Eine Kanonenkugel riß ihm den Kopf ab.
Die über Poggioreale vorrückende Kolonne stand unter dem Commando des Obergenerals selbst, der die Generäle Duhesme und Monnier unter sich hatte.
Die endlich, welche durch die Moräste und die Via del Pascone die Stadt umging, ward von dem General Matthieu Maurice und dem Brigadechef Broussier geführt.
Die auf ihrem Marsche am weitesten vorgerrückte Kolonne war die Championnets, weil sie den schönsten Weg hatte. Sie stützte sich rechts auf die Straße von Capodichino, auf welcher, wie wir eben gesagt, Kellermann marschierte und links auf die Moräste, in welchen Matthieu Maurice manövrierte, der noch an einer Wunde litt, welche ihm eine Kugel Frau Diavolos in der Seite beigebracht.
Duhesme, der ebenfalls noch an zwei Wunden litt und sehr bleich war, bei dem aber das kriegerische Feuer das verlorene Blut ersetzte, commandierte Championnets Avantgarde. Er hatte Befehl, Alles niederzuwerfen, was sich ihm entgegenstellen würde, und er war ganz der Mann zu jenen kräftigen Handstreichen, zu welchen es vor allen Dingen Entschlossenheit und Muth bedarf.
Eine Viertelmeile vor der Porta Capuana stieß er auf eine Masse von fünf- bis sechstausend Lazzaroni. Dieselben schleppten eine Batterie Geschütze mit, welche von den Soldaten des Generals Naselli, die sich ihnen angeschlossen, bedient wurde.
Duhesme schleuderte Monnier und seine sechshundert Mann auf diesen Haufen, mit dem Befehl, sich mit dem Bajonnet den Weg hindurchzubahnen und sich der Geschütze zu bemächtigen, die auf einer kleinen Anhöhe aufgepflanzt waren und über die Köpfe der Lazzaroni hinweg die französische Kolonne niederkartätschten.
Regelmäßigen Truppen gegenüber wäre ein solcher Befehl Unsinn gewesen. Der auf diese Weise angegriffene Feind hätte weiter nichts zu thun gebraucht, als seine Reihen zu öffnen und von beiden Seiten zu feuern, um seine sechshundert Angreifer in einem Augenblick zu vernichten. Den Lazzaroni aber erzeigte Duhesme nicht die Ehre, mit ihnen zu rechnen.
Monnier rückte mit gefälltem Bajonnet vor, drang, ohne sich durch Flintenschüsse, Pistolenschüsse und Dolchstiche abhalten zu lassen, in die Mitte dieser Flut, verschwand darin, stieß Alles nieder, was er erreichen konnte, und wälzte sich mitten unter Geschrei, Geheul und Verwünschungen hindurch, wie ein Strom einen See durchschneidet, während Duhesme an der Spitze seiner Leute und unter dem Feuer der Batterie im Sturmschritt und mit gefälltem Bajonnet kaltblütig den von dem Feinde besetzten Hügel erstieg, die sämtlichen Artilleristen, welche Widerstand zu leisten versuchten, an ihren Geschützen niedermachte, diese tiefer richten ließ und nun auf die Lazzaroni mit ihren eigenen Kanonen feuerte.
Gleichzeitig ließ er, die Unordnung benutzend, welche durch diese Salve unter den Lazzaroni bewirkt ward, zum Angriff blasen und stürzte sich mit dem Bajonnet auf sie.
Nicht im Stande, sich in Angriffskolonnen, um die Batterie wiederzunehmen, oder in Carrés, um Duhesmes Angriff auszuhalten, zu formieren, zerstreuten sich die Lazzaroni über die Ebene wie eine Schaar gescheuchter Vögel.
Ohne sich dann weiter um diese sechs- oder achttausend Mann zu kümmern, marschierte Duhesme dann, die eroberten Kanonen mitnehmend, gegen die Porta Capuana.
Hundert Schritte von dem unregelmäßigen Platz vor der Porta Capuana stieß Duhesme jedoch am Fuße der Anhöhe von Casamuova auf eine kleine Brücke und zu beiden Seiten dieser kleinen Brücke auf mit Schießscharten versehene Häuser, aus welchen ein so gut gezieltes Feuer unterhalten ward, daß die Soldaten zögerten.
Monnier sah dieses Zögern, eilte, seinen Hut auf der Säbelspitze emporhaltend, voran, hatte aber kaum zehn Schritte zurückgelegt, als er gefährlich verwundet niederstürzte.
Seine Officiere und Soldaten eilten herbei, um ihn aufzurichten und von dem Kampfplatz hinweg zu führen, die Lazzaroni aber gaben Feuer auf diesen dichtgedrängten Trupp. Drei oder vier Officiere und acht oder zehn Soldaten fielen auf ihren verwundeten General, die Reihen geriethen in Unordnung und die Avantgarde wich zurück.
Die Lazzaroni stürzten sich sofort auf die Todten und die Verwundeten – auf die Verwundeten, um ihnen vollends den Garaus zu machen, auf die Todten, um sie zu verstümmeln.
Duhesme sah diese Bewegung, rief seinen Adjutanten Ordonneau, befahl ihm, zwei Compagnien Grenadiere zu nehmen und den Uebergang über die Brücke um jeden Preis zu forcieren.
Es waren die alten Soldaten von Montebello und von Rivoldi. Sie hatten mit Augereau die Brücke von Arcole, mit Bonaparte die Brücke von Rivoli forciert.
Sie fällten das Bajonnet und trieben im Sturmschritt durch einen Kugelregen hindurch die Lazzaroni vor sich her und drangen bis auf den Gipfel der Anhöhe.
Der General, die verwundeten Soldaten und Officiere waren gerettet, sahen sich nun aber in einem Kreuzfeuer, welches aus allen Fenstern und von allen Terrassen kam, während in der Mitte der Straße gleich einem Thurm ein Haus von drei Etagen emporragte, welches vom Erdgeschoß bis zum First hinauf Flammen spie.
Zu beiden Seiten dieses Hauses waren Barrikaden errichtet, die bis zur ersten Etage hinaufreichten und die Straße sperrten.
Dreitausend Lazzaroni vertheidigten die Straße, das Haus, die Barrikaden. Fünf- oder sechstausend, die über die Ebene zerstreut waren, schlossen sich, durch Seitengäßchen und Gartenöffnungen kommend, ihren Cameraden an.
Ordonneau sah sich der Position gegenüber und hielt sie für uneinnehmbar. Dennoch zögerte er zum Rückzug zu commandieren, als er plötzlich von einer Kugel getroffen ward und niederstürzte.
Es dauerte nicht lange, so kam Duhesme mit den Kanonen, welche er den Lazzaroni unter dem Feuer der Tirailleurs abgenommen.
Man pflanzte sie auf und bei der dritten Salve schwankte das Haus einen Augenblick, stürzte dann mit furchtbarem Gekrach zusammen und zerschmetterte in seinem Sturz sowohl die, welche sich darin befanden, als die Vertheidiger der Barrikaden.
Nun drang Duhesme mit gefälltem Bajonnet vor und pflanzte unter dem Rufe: »Es lebe die Republik« die dreifarbige Fahne auf den Trümmern des Hauses auf.
Während dieser Zeit aber hatten die Lazzaroni eine riesige Batterie von zwölf Geschützen auf einer Höhe errrichtet, welche den Steinhaufen, auf welchem die Fahne flatterte, bedeutend überragte, und es dauerte nicht lange, so sahen die im Besitz der beiden Barrikaden und der Trümmer des Hauses befindlichen Republikaner sich einem furchtbaren Kartätschenhagel preisgegeben.
Duhesme ließ seine Kolonne hinter den Trümmern und den Barrikaden Posto fassen, befahl dem 25. Regimente reitender Jäger, etwa dreißig Artilleristen hinter sich auf den Sattel zu nehmen, den Hügel, auf welchem die zwölf Geschütze aufgepflanzt standen, zu umreiten und einen Angriff im Rücken zu machen.
Ehe noch die Lazzaroni sich über die Absicht der Chaffeurs klar waren, führten diese quer durch die Ebene und ohne sich an die Musketenschüsse, die man von der Straße aus auf sie abfeuerte, zu kehren, ihren Halbcirkel aus, stießen dann plötzlich ihren Pferden die Sporen in die Flanken, und sprengten im Galopp die Anhöhe hinauf.
Beim Getöse dieses Orcans von welchem der Boden erzitterte, verließen die Lazzaroni ihre halbgeladenen Kanonen.
Die auf der Höhe des Hügels angelangten Artilleristen sprangen von den Pferden und machten sich an die Arbeit und die gleich einer Lawine den entgegengesetzten Abhang hinunterstürzenden Chaffeurs begannen die Verfolgung der Lazzaroni, welche sich über die Ebene zerstreuten.
Seiner Angreifer nun ledig, befahl Duhesme den Sapeurs, einen Weg durch die Barrikade zu bahnen und die Kanonen vor sich herschiebend, rückte er, die Straße reinfegend, vor, während von der Höhe des Hügels die republikanischen Artilleristen auf jede Gruppe, die sich zu formieren versuchte, Feuer gaben.
In diesem Augenblick hörte Duhesme hinter sich den Sturmmarsch schlagen. Er drehte sich um und sah die 64. und 73. Halbbrigade Linientruppen, welche, von Thiébaut geführt, unter dem Ruf: »Es lebe die Republik!« im Sturmschritt heranrückte.
Championnet, der die furchtbare Kanonade hörte und an der Zahl und Unregelmäßigkeit der Flintenschüsse erkannte, daß Duhesme es mit Tausenden von Feinden zu thun hatte, hatte sein Pferd in Galopp gesetzt und Thiébaut befohlen, ihn so schnell als möglich zu folgen und Duhesme zu unterstützen.
Thiébaut hatte sich dies nicht zweimal sagen lassen und war nun da.
Er rückte über die Brücke, über die in den Gassen liegenden Todten hinweg, durch die Öffnungen der Barrikaen, und langte in dem Augenblick an, wo Duhesme, Meister des Schlachtfeldes, seine erschöpften Soldaten Halt machen ließ.
Hundert Schritte vor den ersten Soldaten Duhesmes ragte die Porta Capuana mit ihren Thürmen empor und zwei eine kleine Vorstadt bildende Reihe Häuser kamen, so zu sagen, den Republikanern entgegen.
Plötzlich und in dem Augenblick, wo diese es am wenigsten erwarteten, krachte eine furchtbare Salve von den Terrassen und aus den Fenstern dieser Häuser, während von der Plattform der Porta Capuana zwei kleine hinaufgetragene Kanonen ihren Kartätschenhagel spieen.
»Ha,« rief Thiébaut, »ich fürchtete schon, zu spät zu kommen. Vorwärts, meine Freunde!«
Die von einem der tapfersten Officiere der Armee geführten frischen Truppen drangen trotz des Kreuzfeuers in die Vorstadt ein. Anstatt in der Mitte der Straße zu marschiren, bewegte sich die rechte Seite der Kolonne dicht an den Häusern hin und feuerte auf die links gelegenen Fenster und Terrassen, und die linke Seite that dasselbe auf die rechts gelegenen, während die mit ihren Aexten bewaffneten Sapeurs die Thüren der Häuser einschlugen.
Die mittlerweile hinreichend ausgeruhten Truppen Duhesme's begriffen das von Thiébaut angeordnete Manöver, drangen in die von den Sapeurs geöffneten Häuser, begannen mit den Lazzaronis einen Kampf, Mann gegen Mann, und trieben sie die Treppen hinauf, aus dem Erdgeschoß in das erste Stockwerk, aus dem ersten in das zweite, aus dem zweiten auf das platte Dach oder die Terrasse des Hauses.
Hoch in der Luft sah man dann Lazzaroni und Republikaner in blutigem Kampf.
Die Terrassen bedeckten sich mit Feuer und Rauch, während die Fliehenden, welche nicht Zeit hatten, die Terrassen zu gewinnen und nach dem, was ihre Priester und Mönche ihnen gesagt, glaubten, daß sie von den Franzosen keinen Pardon zu erwarten hätten, zu den Fenstern hinaussprangen, auf dem Pflaster die Beine brachen oder in die Spitzen der Bajonnette stürzten.
Auf diese Weise wurden sämtliche Häuser der Vorstadt genommen und geräumt.
Dann aber, da mittlerweile der Abend eingebrochen, und es nun zu spät war, um die Porta Capmana anzugreifen, während man zugleich irgend eine Ueberrumplung fürchtete, erhielten die Sapeurs Befehl, die Häuser anzuzünden, und Championnet's Corps nahm Stellung vor dem Thore, welches es den nächstfolgenden Tag angreifen sollte und von dem es bald durch einen doppelten Flammenvorhang getrennt war.
Während dies Alles geschah, langte Championnet selbst an, umarmte Duhesme und sagte zu Thiébaut, um ihn für die ausgeführte prächtige Angriffsbewegung zu belohnen:
»Angesichts der Porta Capuana, welche Du morgen nehmen wirst, ernenne ich Dich zum Generaladjutanten.«
»Wohlan,« sagte Duhesme, entzückt über diese Belohmng, die ihm durch einen tapferen Officier gewährt ward, vor welchem er die größte Achtung hegte, »das nenne ich zu einem schönen Grad, und zwar durch ein schönes Thor gelangen.«
Zweites Capitel.
Die Nacht
Auf sämtlichen drei Punkten, wo die Franzosen den Angriff auf Neapel eröffnet, hat man sich mit derselben Erbitterung geschlagen. Von allen Seiten treffen die Adjutanten in dem Hauptquartiere der Porta Capuana ein und finden den Bivouac des Generals zwischen der Via del Vasto und der Arenaccia hinter der Doppelreihe der brennenden Häuser.
Der General Dufresse ist zwischen Aversa und Neapel an einem Punkte, wo der Weg sich verengt, auf ein Corps von zehn- oder zwölftausend Mann Lazzaroni mit sechs Stücken Geschütz gestoßen.
Die Lazzaroni standen am Fuße einer Anhöhe, die Geschütze auf dem Gipfel derselben. Duhesmes Husaren haben fünf Angriffe auf den Haufen gemacht, ohne ihn sprengen zu können. Die Lazzaroni waren so zahlreich und standen so dicht beisammen, daß die Todten, von den Lebenden gehalten, aufrecht stehen blieben.
Es hat mit dem Bajonnet angreifender Grenadiere bedurft, um endlich eine Bresche in diese Menschenmauer zu machen.
Vier von dem General Eblé commandierte leichte Geschütze haben drei Stunden lang auf die Lazzaroni kartätscht und diese haben sich endlich auf die Höhen von Capodimonte geflüchtet, wo Dufresse sie morgen angreifen wird.
Gegen das Ende des Kampfes hat sich ein von Schipani und Manthonnet geführtes Corps Patrioten den Reihen des General Dufresse angeschlossen.
Sie melden, daß Nicolino sich des Castells San Elmo bemächtigt hat. Er hat aber nur dreißig Mann und wird von Tausenden von Lazzaronis blockiert, welche Faschinen aufthürmen und die Thore in Brand stecken, und Leitern herbeischleppen, um die Mauern zu ersteigen. Sie haben sich des am Fuße der Wälle des Castells liegenden Klosters San Martino bemächtigt, oder vielmehr, die Mönche haben sie herbeigerufen und ihnen die Thür geöffnet.
Von den Terrassen des Klosters aus feuern sie gegen das Castell.
Wenn Nicolino nicht noch in der Nacht Beistand erhält, so wird das Castell San Elmo bei Tagesanbruch unrettbar genommen.
Dreihundert Mann werden sich, von Hector Caraffa und den Patrioten geführt, während der Nacht einen Weg bis an die Thore des Castells bahnen; zweihundert davon werden die Garnison verstärken und hundert den Lazzaroni das Kloster San Martino wieder abnehmen.
Kellermann hat sich nach einem erbitterten Kampfe der Höhen von Capodichino bemächtigt, aber über den Campo Santo hinaus hat er noch nicht vorzudringen vermocht.
Er hat die Bäckereien, die Kirchen, die Villa's, welche alle den heldenmüthigsten Widerstand geleistet, nur eine nach der andern mit dem Bajonnet nehmen können.
Die Cavallerie, welche seine Hauptstärke ausmacht, ist ihm unter dieser Menge Hügel, welche das Terrain bedecken, von keinem Nutzen gewesen.
Von seinem Bivouac aus sieht er die lange mit Lazzaroni bedeckte Straße von Foria sich hinziehen. Das umfangreiche Gebäude des Armenhospitals schützt sie. An jedem Fenster desselben sieht man ein Licht. Den nächstfolgenden Tag werden alle diese Fenster Kugeln speien.
Auf der Strada Giovanella ist eine Batterie aufgepflanzt, auf dem Largo delle Pigne liegt ein Bivouac, der großentheils aus Soldaten von der königlichen Armee besteht. Zwei Geschütze vertheidigen den Aufgang des Museo Borbonico, welches auf die große Toledostraße geht.
Mit Hilfe eines Fernrohrs sieht Kellermann die Anführer, welche die Straßen durchreiten und ihre Leute ermuthigen. Einer dieser Anführer trägt die Kapuzinerkutte und reitet auf einem Esel.
Matthieu Maurice und der Brigadechef Broussier haben sich der Moräste bemächtigt.
Freilich haben diese, von einem Netz von Gräben durchschnittenen Moräste nur mit bedeutenden Verlusten genommen werden können, weil die Lazzaroni durch die Unebenheiten des Terrains geschützt werden und die Republikaner ohne Deckung angreifen müssen.
Sie sind bis Granili gedrungen, welches man zu bewachen vergessen, und haben die Straße von Portici abgeschnitten.
Broussier lagert an der Marinella, Matthieu Maurice, der am linken Arm leicht verwundet ist, an der Mühle dell' Inferno.
Den nächstfolgenden Tag werden sie bereit sein, die Magdalenenbrücke anzugreifen, welche von dem Glanz der vor der Bildsäule des heiligen Januarius brennenden Kerzen strahlt.
Von den Fenstern der Granili aus sieht man ganz Neapel von der Marinella bis zur Höhe des Molo. Die Stadt wimmelt von Lazzaroni, die sich zur Vertheidigung rüsten.
Championnet hörte diesen letzten Rapport, als plötzlich sich hinter ihm lautes Geschrei erhebt und in einem ungeheuren Halbkreise, von welchem das eine Ende die Straße von Capma und das andere die Arenaccia berührt, eine Salve kracht.
Die Kugeln jagen die Asche des Feuers empor, an welchem der Obergeneral sich wärmt.
In einem Augenblicke sind Championnet und Duhesme, Monnier und Thiébaut auf den Füßen.
Die dreitausend Mann, aus welchen das Armeekorps des Obergenerals besteht, bilden ein Quarré und erwidern das Feuer der Angreifer, die sie noch nicht kennen.
Es sind dies die Insurgenten sämtlicher Dörfer, welche die Franzosen während des Tages durchzogen haben.
Sie haben sich gesammelt, und greifen ihrerseits an. Sie haben die Dunkelheit benützt, und ihre erste Salve beinahe aus nächster Nähe abgefeuert.
Die Menge der Flintenschüsse verräth, daß man es mit einem Corps von wenigstens vier- bis fünftausend Mann zu thun hat.
Mitten unter dem Knattern des Kleingewehrfeuers aber und über das Geschrei und Geheul der Lazzaroni hinweg hört man jenseits der drohenden Linie Trommelwirbel und Trompetengeschmetter, und dann ein bewunderungswürdig unterhaltenes Pelotonfeuer, welches das Anrücken einer regulären Truppe verräth.
Die Lazzaroni, welche zu überrumpeln glaubten, wurden selbst überrumpelt.
Woher kommt dieser Beistand, der eben so unerwartet ist als der Angriff?
Championnet und Duhesme sehen einander an, und fragen sich vergebens.
Der Trommelwirbel und die Fanfaren kommen näher und der Ruf: »Es lebe die Republik!« wird durch denselben Ruf beanwortet.
Der Obergeneral ruft:
»Soldaten! Es ist Salvato und Villeneuve, welche von Benevento kommen. Werfen wir uns auf dieses ganze Gesindel, welches – ich stehe Euch dafür – nicht wagen wird, uns zu erwarten.«
Duhesme und Monnier formieren ihre Quarrés in Angriffskolonnen, die Chasseurs steigen zu Pferde, Alles setzt sich in unaufhaltsame Bewegung.
Die Reihen der Lazzaroni werden von Salvatos Hußaren und Thiébaut's Chaffeurs durch Duhesme's und Monniers Bajonnette durchbrochen und auf einem Hügel von Todten umarmen sich die beiden Trupps unter dem Rufe: »Es lebe die Republik!«
Championnet und Salvato wechselten einige rasche Worte. Salvato ist, wie immer, gerade im rechten Augenblicke gekommen, und hat seine Gegenwart durch einen Donnerschlag geoffenbart.
»Er wird mit seinen sechshundert Mann nun Matthieu Maurice und Broussier verstärken.
Wenn die Wunde des Ersteren schwerer ist, als man glaubt, oder wenn dieser General, der so häufig getroffen wird, weil er stets voran ist, eine neue Wunde empfängt, so wird Salvato das Commando übernehmen.
Er soll dem General Matthieu Maurice den Befehl überbringen, mit Tagesanbruch die Magdalenenbrücke anzugreifen.
Diese Brücke wird durch die mit Schießscharten versehenen Häuser der Marine und des Fleckens San Loretto vertheidigt; von hinten wird sie durch das Castell del Carmine gedeckt, welches durch sechs Stück Geschütz, durch ein Bataillon Albanesen und durch Tausende von Lazzaroni vertheidigt wird, zu welchen sich etwa tausend Mann von Livorno zurückgekehrte Soldaten gesellt haben.
Gegen drei Uhr Morgens weckte man Championnet, der, in seinen Mantel gehüllt, schlief.
Ein Adjutant Kellermanns hatte ihm Nachrichten von der Expedition gegen das Castell San Elmo gebracht.
Hector Caraffa hatte sich, die Dunkelheit benutzend, durch jene Menge von Hügeln hindurchgeschlichen, welche Capodimonte mit Sam Elmo verbinden.
Abgesehen von der Schwierigkeit des außerordentlich unebenen Terrains, hatte er während des vierstündigen Marsches einen oft ungleichen, aber stets mörderischen, ununterbrochenen Kampf auszuhalten gehabt und nicht weniger als fünf Meilen fortwährender Hinterhalte und überdies ein Quartier des insurgirten Neapels passiren müssen.
Unter das Feuer von San Elmo angelangt, welches ihn so gut als möglich unterstützte, indem es blinde Kanonenschüsse löste, weil man fürchten mußte, daß die Kugeln ihr Ziel verfehlen und, anstatt Feinde, die Freunde treffen würden, hatte Hector Caraffa, anstatt seine Leute in zwei Schaaren zu theilen, seine ganze Streitmacht zusammengenommen, und in dem Augenblick, wo man glaubte, er werde das Castell San Elmo angreifen, sich auf das Karthäuserkloster San Martino geworfen.
Die Lazzaroni, welche einen Angriff nicht erwarteteten, versuchten sich zu vertheidigen, aber vergebens.
Die Patrioten, welche den Franzosen zeigen wollten, daß sie an Muth Niemandem nachstünden, eilten der Kolonne voran und drangen unter dem Ruf: »Es lebe die Republik!« zuerst ein.
In weniger als zehn Minuten waren die Lazzaroni aus dem Kloster hinausgetrieben und die Thore hinter den Franzosen wieder geschlossen.
Hundert Mann blieben verabredetermaßen in der Karthause. Die andern zweihundert stiegen mittelst der Rampe del Petrio nach dem Fort hinauf, dessen Thore ihnen nicht blos als Bundesgenossen, sondern auch als Befreiern geöffnet wurden.
Nicolino ließ Championnet bitten, ihm die Ehre zu gestatten, den nächstfolgenden Tag das Signal zum Kampfe dadurch zu geben, daß er beim ersten Strahl der aufgehenden Sonne einen Kanonenschuß abfeuern ließe.
Diese Ehre ward ihm bewilligt und der General schickte seinen Adjutanten zu allen Corpsanführern, um ihnen zu sagen, daß das Angriffssignal ein Kanonenschuß sein würde, welchen die neapolitanischen Patrioten von der Höhe des Castells San Elmo abfeuerten.
Drittes Capitel.
Zweiter Tag
Schlag sechs Uhr am nächstfolgenden Morgen durchfurchte eine feurige Linie die Dämmerung über der schwarzen Masse des Castells San Elmo, ein Kanonenschuß dröhnte, das Signal war gegeben.
Die französischen Trommeln und Trompeten antworteten und sämtliche während der Nacht von dem General Eblé mit Geschützen versehene, die Straßen von Neapel beherrschende Höhen standen mit einem Male in Feuer.
Auf dieses Signal hin eröffneten die Franzosen den Angriff auf drei verschiedenen Punkten.
Kellermann, welcher die äußerste Rechte commandirte, vereinigte sich mit Dufresse und griff Neapel über Capodimonte und Capodichino an.
Dieser doppelte Angriff hatte das Januariusthor, Strada Foria, zum Ziele.
Der General Championnet sollte, wie er am Abend vorher gesagt, die Porta Capuana sprengen, vor welcher Thiébaut zum Brigadegeneral ernannt worden, und durch die Strada dei Tribunali und über San Giovanni in die Stadt eindringen.
Salvato, Matthieu, Maurice und Broussier sollten, wie ebenfalls schon früher bemerkt worden, die Magdalenenbrücke forcieren, sich des Castells del Carmine bemächtigen, über den Altmarkt in die Strada dei Tribunali und mittelst einer zweiten Colomne, welche dem Meeresstrand entlang marschieren sollte, bis zum Molo vordringen.
Die Lazzaroni, welche Neapel auf der Seite von Capodimonte und Capodichino vertheidigen sollten, waren von Fra Pacifico commandiert.
Die, welche die Porta Capuana vertheidigten, standen unter den Befehlen unseres Freundes Michele des Narren, und die endlich, welche die Magdalenenbrücke und die Porta del Carmine vertheidigten, wurden von einem Gevatter Pagliuccella befehligt.
Bei derartigen Kämpfen, welche nicht darin bestehen, daß man eine Stadt, sondern darin, daß man sämtliche Häuser der Stadt eins nach dem andern erstürmt, ist eine meuterische Bevölkerung weit schrecklicher als eine reguläre Truppe. Eine solche schlägt sich mechanisch mit Kaltblütigkeit, und, wie General Championnet sich ausdrückte, mit so wenig Kosten als möglich, während in einem Kampfe wie der, welchen wir zu schildern versuchen wollen, diese meuterische Bevölkerung den leicht vorauszusehenden und deshalb leicht abzuschlagenden strategischen Bewegungen die wüthemden Aufwallungen der Leidenschaften, die Hartnäckigkeit des Blutdurstes und die listigen Anschläge der persönlichen Erfindungsgabe entgegensetzt.
Es ist dann nicht mehr ein Kampf, sondern ein Gemetzel, ein Blutbad, bei welchem die Angreifer genöthigt sind, die Halsstarrigkeit des Muthes dem Wahnsinn der Verzweiflung entgegenzusetzen.
In dem vorliegenden Falle, wo zehntausend Franzosen einen Angriff auf die Bevölkerung von fünfhunderttausend Seelen machten und auf ihren Flanken und im Rücken von der dreifachen Insurrection der Abruzzen, der Capitanata und der Terra di Lavoro bedroht wurden, während sie zugleich fürchten mußten, eine Armee, deren Trümmer immer noch viermal mehr Mannschaften zählten, als die Franzosen, der Bevölkerung und dieser Insurrection auf dem Seewege zu Hilfe kommen zu sehen, in diesem Falle, sagen wir, handelte es sich ganz besonders einfach, darum, nicht mehr für die Ehre, sondern um der eigenen Erhaltung willen zu siegen.
Cäsar sagte: »In allen Schlachten, die ich geliefert, habe ich für den Sieg gekämpft, bei Munda aber kämpfte ich um das Leben.«
Championnet konnte in Neapel sagen wie Cäsar und mußte, um nicht zu sterben, siegen, wie Cäsar bei Munda gesiegt hatte.
Die Soldaten wußten es. Von der Einnahme von Neapel hing die Rettung der Armee ab. Die französische Fahne mußte daher über Neapel wehen, hätte dieses auch in einen Aschenhaufen verwandelt werden müssen.
Jeder Compagnie waren zwei Mann zugetheilt, welche von der Artillerie zubereitete Brandfackeln trugen. Wo das Geschütz, das Beil und das Bajonnet nicht ausreichten, sollte, wie in den unentwirrbaren Urwäldern Amerikas, hier in diesem unentwirrbaren Labyrinth der Gäßchen und der Vicoli das Feuer einen Weg bahnen.
Beinahe zu gleicher Zeit, das heißt gegen sieben Uhr Morgens, drang Kellermann mit seinen Dragonern voran, in die Vorstadt Capodimonte, Dufresse an der Spitze seiner Grenadiere in die Vorstadt Capodichino ein.
Championnet sprengte die Porta Capuana und Salvato, welcher die dreifarbige Fahne der italienischen Republik, das heißt blau, gelb und schwarz, in der Hand trug, forcierte die Magdalenenbrücke und sah die Kanonen des Castells del Carmine die ersten Reihen seiner Leute um sich herum niederschmettern.
Es wäre unmöglich, diesen drei Angriffen in allen ihren Einzelheiten zu folgen. Diese Einzelheiten sind übrigens überall dieselben.
Auf welchem Punkte der Stadt die Franzosen sich auch einen Weg zu bahnen suchten, so fanden sie denselben hartnäckigen unerhörten, tödtlichen Widerstand. Es gab kein Fenster, keine Terrasse, kein Kellerloch, welches nicht seine Vertheidiger gehabt und Feuer und Tod gespien hätte.
Die Franzosen ihrerseits rückten vor, indem sie ihre Artillerie vor sich her schoben, einen Kartätschenhagel vorangehen ließen, die Thüren einschlugen, die Häuser durchlöcherten, aus einem in das andere drangen und die Flammen auf ihren Flanken und hinter sich zurückließen. Die Häuser, die man nicht nehmen konnte, wurden auf diese Weise niedergebrannt.
Mitten aus einem Flammenkrater, dessen Rauch der Wind wie einen Trauerdom über die Stadt hinwegwälzte, hallten die Verwünschungen und das Todesgeheul der Unglücklichen, welche lebendig darin verbrannten.
Die Straßen boten den Anblick eines Gewölbes von Feuer dar, unter welchem ein Blutstrom rann.
Im Besitz einer furchtbaren Artillerie, vertheidigten die Lazzaroni jeden Platz, jede Straße, jeden Durchgang mit einer Intelligenz und Energie, welche die Angreifer weit entfernt gewesen zu erwarten und bald zurückgeschlagen, bald zum Angriff zurückkehrend, flüchteten sie sich in die Nebengäßchen, ohne deswegen den Kampf aufzugeben, sondern denselben mit der Thatkraft der Verzweiflung und mit der Hartnäckigkeit des Fanatismus fortsetzend.
Die Franzosen verfolgten sie bis in die Flammen hinein, welche sie zu verzehren schienen, während sie doch, gleich Dämonen, die in ihrem natürlichen Element kämpfen, rauchend und geschwärzt aus den brennenden Häusern wieder hervorgestürzt kamen, um den Angriff mit größerer Wuth als vorher zu erneuen.
Man kämpft auf einem Trümmerhaufen, die zusammenstürzenden Häuser zerschmettern die Kämpfenden, das Bajonnet durchbricht die Massen, welche sich wieder schließen, und das seltsame Schauspiel eines Kampfes, Mann gegen Mann, zwischen dreißigtausend Kämpfern oder vielmehr von dreißigtausend Einzelkämpfen darbieten, in welchen die gewöhnlichen Waffen unbrauchbar werden.
Die Franzosen reißen das Bajonnet von ihren Musketen und bedienen sich desselben wie eines Dolches, während sie die Musketen selbst, die sie nicht mehr Zeit haben zu laden, in Keulen umwandeln. Die Hände suchen zu erdrosseln, die Zähne zu beißen, die Arme zu erwürgen.
Auf der Asche, auf den Steinen, auf den glühenden Kohlen, in dem fließenden Blute kriechen die Verwundeten, welche gleich mit Füßen getretenen Schlangen noch sterbend tödtlich verwunden.
Der Boden wird Fuß um Fuß streitig gemacht und bei jedem Schritt, den der Fuß thut, trifft er einen Todten oder einen Sterbenden.
Gegen Mittag erhielten die Lazzaroni durch Zufall eine neue Verstärkung. Zehntausend der Ihrigen waren, aufgereizt durch die Mönche und die Priester, zwei Tage vorher auf der Straße von Pontana abmarschiert, um Capua wiederzunehmen.
Von der Kanzel herab hatte man ihnen den Sieg versprochen. Sie zweifelten nicht, daß die Mauern von Capua vor ihnen ebenso fallen würden, wie die von Jericho vor dem Israeliten gefallen waren.
Diese Lazzaroni waren die vom kleinen Molo und von Santa Lucia.
Als jedoch Macdonald, der trotzdem, daß er seine Entlassung gegeben, doch Franzose geblieben war, von dieser Menge den Staub der Ebene aufwirbeln sah, welche das alte Capua von dem neuen trennt, stellte er sich als Freiwilliger an die Spitze der Garnison und während von der Höhe der Wälle zehn Geschütze auf die Masse der Lazzaroni einkartätschten, machte er durch die beiden entgegengesetzten Thore zwei Ausfälle, formierte einen ungeheuern Kreis, dessen Centrum Capua und seine Artillerie waren, während seine Infanterie und deren Musketenfeuer die beiden Flügel bildeten, so daß er unter dieser ganzen dichtgedrängten Masse ein furchtbares Blutbad anrichtete.
Zweitausend todte oder verwundete Lazzaroni blieben auf dem Schlachtfelde zwischen Caserta und Pontana. Alles, was noch unversehrt oder blos leicht verwundet war, ergriff die Flucht und sammelte sich erst bei Casa Nuovo.
Am nächstfolgenden Morgen ließ Kanonendonner sich in der Richtung von Neapel hören.
Noch ermattet von ihrer gestrigen Niederlage, warteten die Lazzaroni jedoch auf Nachrichten vom Kampfe.
Am Morgen erfuhren sie, daß der Tag den Franzosen geblieben, welche ihren Cameraden siebenundzwanzig Kanonen abgenommen, tausend Mann getödtet und sechshundert Gefangene gemacht hatten.
Nun sammelten sie sich, noch siebentausend Mann stark, und marschierten so schnell als möglich den Lazzaronis zu Hilfe, welche die Stadt vertheidigten, und ließen auf ihrem Wege gleichsam als Zeugen des Blutbades diejenigen von ihren Verwundeten zurück, welche, nachdem sie sich am Abend vorher und in der Nacht wieder gesammelt, gleichwohl nicht Kraft genug besaßen, ihnen zu folgen.
Auf dem Largo del Castello angelangt, theilten sie sich in drei Banden.
Die eine rückte durch die Toledostraße dem Largo delle Pigne, die zweite durch die Strada dei Tribunali dem Castello Capuana und die dritte durch die Marina dem Altmarkt zu Hilfe.
Bedeckt mit Staub und Blut, berauscht von dem Wein, der ihnen längs des ganzen Weges geboten worden, warfen sie sich als frische Kämpfer in die Reihen derer, welche seit dem vorigen Abend kämpften. Einmal besiegt, wollten sie, indem sie ihren besiegten Brüdern zu Hilfe eilten, es nicht zum zweiten Male sein.
Jeder Republikaner, der schon einer gegen sechs kämpfte, hatte nun einen oder zwei Feinde mehr niederzuwerfen, und um sie niederzuwerfen, durfte man sie nicht blos verwunden, sondern man mußte sie tödten, denn wir haben es schon gesagt, so lange noch ein Hauch Leben in den Verwundeten war, setzten sie den Kampf hartnäckig fort.
So dauerte der Kampf fast ohne Vortheil auf der einen oder andern Seite bis drei Uhr Nachmittags.
Salvato, Monnier und Matthieu Maurice hatten das Castello del Carmine und den Altmarkt genommen.
Championnet, Thiébaut und Duhesme hatten sich des Castello Capuana bemächtigt und ihre Vorposten bis zum Largo San Giuseppe und dem Drittel der Strada dei Tribunali vorgeschoben.
Kellermann war bis an das äußerste Ende der Strada dei Cristallini gelangt, während Dufresse nach einem erbitterten Kampfe sich des Albergo dei Poveri oder Armenhospitals bemächtigt hatte.
Es trat nun eine Art Waffenstillstand ein, der seinen Grund in der Ermattung hatte. Man war auf beiden Seiten des Würgens müde. Championnet hoffte, daß dieser furchtbare Tag, an welchem die Lazzaroni vier- oder fünftausend Mann verloren, für sie eine Lehre sein und daß sie um Pardon bitten würden.
Als er sah, daß es damit nichts war, entwarf er mitten im Feuer auf einer Trommel eine an das Volk von Neapel gerichtete Proclamation und beauftragte seinen Adjutanten Villeneuve, der seine Function bei ihm wieder übernommen, sie dem Magistrat von Neapel zu überbringen.
Er gab ihm demzufolge als Parlamentär einen Trompeter mit einer weißen Fahne mit.
In der furchtbaren Unordnung aber, deren Beute jetzt Neapel war, hatte der Magistrat eine ganze Autorität verloren. Die Patrioten, welche wußten, daß man ihnen nach dem Leben trachtete, hielten sich versteckt, und Villeneuve ward, trotz seines Trompeters und seiner weißen Fahne, überall, wo er sich zeigte, mit Flintenschüssen empfangen. Eine Kugel zerschlug den Bogen eines Sattels und er mußte wieder umkehren, ohne daß es ihm möglich gewesen war, den Feind von der Proclamation des Generals in Kenntniß zu setzen.
Dieselbe war in italienischer Sprache geschrieben, welche Championnet eben so gut und geläufig redete wie die französische, und lautete wie folgt:
»Championnet, Obergeneral, an das neapolitanische Volk.
»Bürger!
»Ich habe der kriegerischen Rache, welche durch furchtbare Ausschreitungen und die Wuth einiger von euren Meuchelmördern bezahlten Individuen herausgefordert worden, auf einen Augenblick Einhalt gethan. Ich weiß, wie gut das neapolitanische Volk ist, und von ganzem Herzen beklage ich das Unheil, welches ich gezwungen bin, ihm zuzufügen. Deshalb benutze ich diesen Augenblick der Ruhe, um mich an Euch zu wenden, wie ein Vater an seine rebellischen, aber immer noch geliebten Kinder, und um Euch zu sagen: Gebt einen unnützen Widerstand auf, legt die Waffen nieder, und das Leben, das Eigenthum und die Religion sollen nicht angetastet werden. Jedes Haus dagegen, aus welchem ein Schuß fällt, wird niedergebrannt und die Bewohner werden erschossen. Dafern aber die Ruhe wiederhergestellt wird, so will ich die Vergangenheit vergessen und die Segnungen des Himmels werden sich aufs Neue auf dieses glückliche Land herabsenken.
»Neapel, am 3. Pluviose des Jahres VII der Republik (22. Januar 1799).«
Nach der Weise, wie Villeneuve empfangen worden, war wenigstens für diesen Tag keine Hoffnung mehr. Um vier Uhr wurden die Feindseligkeiten mit größerer Erbitterung als je wieder aufgenommen. Sogar die Nacht senkte sich herab, ohne die Kämpfenden zu trennen. Die einen fuhren fort in das Dunkel hineinzuschießen, und die andern warfen sich mitten unter den Leichen auf die glühende Asche und unter die flammenden Trümmer zum Schlafe nieder.
Die gänzlich erschöpfte französische Armee pflanzte, nachdem sie an Todten und Verwundeten tausend Mann verloren, auf dem Castell di Carmine, auf dem Castello Capuana und auf dem Albergo dei Poveri die dreifarbige Fahne auf.
Wie wir bereits gesagt, war ungefähr ein Drittheil der Stadt in ihrer Gewalt.
Es ward Befehl gegeben, die ganze Nacht unter den Waffen zu bleiben, die Positionen gut zu bewachen und den Kampf bei Tagesanbruch wieder aufzunehmen.
Viertes Capitel.
Dritter Tag
Wenn der Befehl, die ganze Nacht unter den Waffen zu bleiben, von dem Obergeneral auch nicht gegeben worden wäre, so hätte doch schon die Sorge für ihre eigene Erhaltung die Soldaten gezwungen, die keinen Augenblick wegzulegen.
Die ganze Nacht hindurch läutete die Sturmglocke auf allen Kirchen in den noch im Besitze der Neapolitaner gebliebenen Theilen der Stadt. Gegen alle Vorposten der Franzosen versuchten die Lazzaroni Angriffe; überall aber wurden sie mit bedeutenden Verlusten zurückgeschlagen.
Während der Nacht empfing Jeder seinen Schlachtbefehl für den nächstfolgenden Tag.
Als Salvato dem General meldete, daß er Meister des Castello del Carmine sei, erhielt er für den nächsten Tag Befehl, mit gefälltem Bajonnet und im Sturmschritt den Strand entlang mit den beiden Spitzen seines Corps gegen das Castello Nuovo vorzurücken und dasselbe um jeden Preis zu nehmen, um die Geschütze desselben sofort gegen die Lazzaroni zu kehren, während Monnier, Matthieu Maurice mit dem andern Drittel sich in ihrer Position halten und Kellermann, Dufresse und der Obergeneral sich in der Strada Foria vereinigen und über den Largo delle Pigne bis in die Toledostraße vordringen sollten.
Gegen zwei Uhr Morgens erschien ein Mann im Bivouac des Obergenerals zu San Giovanni in Carbonara. Trotz der Kleidung eines Bauers aus den Abruzzen erkannte der General doch auf den ersten Blick Hector Caraffa.
Dieser hatte eben das Castell San Elmo verlassen und kam, um Championnet zu melden, daß das Fort, welches blos noch fünf- bis sechshundert Kugeln abzufeuern habe, seine Munition nicht unnütz habe verwenden wollen. Den nächstfolgenden Tag aber werde sein Geschütz, um den Obergeneral zu unterstützen, im Rücken kämpfen, das heißt alle Lazzaroni, die von vorn angegriffen werden würden, überall, wo es möglich sei, von hinten niederschmettern.
Seiner Unthätigkeit müde, kam Hector Caraffa nicht blos, um dem General diese Meldung zu machen, sondern auch um an dem Kampfe des eben angebrochenen Tages theilzunehmen.
Um sieben Uhr schmetterten die Trompeten und wirbelten die Trommeln.
Salvato hatte während der Nacht Terrain gewonnen. Mit fünfzehnhundert Mann brach er auf das gegebene Signal hinter der Douane hervor und rückte im Sturmschritt gegen das Castello Nuovo.
In diesem Augenblick kam ihm ein von der Vorsehung gefügter Zufall zu Hilfe.
Nicolino, welcher sich sehnte, den Angriff seinerseits zu beginnen, spazierte auf den Wällen umher und ermahnte seine Artilleristen, die wenige Munition, welche sie hätten, nützlich zu verwenden.
Einer, der dreister war als die andern, rief ihn.
Nicolino ging auf ihn zu.
»Was willst Du von mir?« fragte er ihn.
»Sehen Sie die Fahne, welche auf dem Castello Nuovo weht?« hob der Artillerist wieder an.
»Allerdings sehe ich sie, entgegnete Nicolino, »und ich gestehe, daß sie mir im höchsten Grade zuwider ist.«
»Wollen Sie mir erlauben, sie zu beseitigen, Herr Commandant?«
»Womit willst Du das thun?«
»Mit einer Kugel.«
»Bist Du wirklich so geschickt?«
»Ich hoffe es, Herr Commandant.«
»Wie viel Schüsse verlangt Du?«
»Drei.«
»Ich bin es zufrieden, aber ich sage Dir im voraus, wenn Du sie mit drei Schüssen nicht herunter hat, so bekommst Du drei Tage Arrest.«
»Wenn ich sie nun aber treffe?«
»Dann bekommst Du zehn Ducaten.«
»Gut, dann sind wir einig.«
Der Artillerist richtete sein Geschütz, feuerte es ab und die Kugel ging mitten durch das Tuch der Fahne hindurch.
»Das war nicht schlecht, sagte Nicolino, »aber es ist nicht genug.«
»Ich weiß es wohl,« antwortete der Artillerist. »Auch werde ich sogleich versuchen, es noch besser zu machen.«
Die Kanone ward zum zweiten Mal mit noch größerer Sorgfalt gerichtet als das erste Mal. Der Artillerist sah erst, von welcher Seite der Wind kam, berechnete die, wenn auch unbedeutende Veränderung, welche dieser Hauch der Richtung der Kugel geben könnte, richtete sich empor, bückte sich abermals, veränderte den Zielpunkt seines Geschützes um den hundertsten Theil einer Linie und hielt dann die Lunte auf das Zündloch.
Ein lauter Knall, welcher den Tumult übertäubte, ließ sich hören und die unten am Fuße der Stange durchschossene Fahne stürzte herab.
Nicolino klatschte in die Hände und gab, ohne zu ahnen, welchen Einfluß dieser Vorfall haben würde, dem Artilleristen die zehn Ducati, die er ihm versprochen.
In diesem Augenblick erschien die Spitze von Salvato's Colonne an der Immacolatella.
Salvato marschierte, wie immer, voran. Er sah die Fahne fallen und obschon er wohl bemerkt hatte, daß ihr Verschwinden durch fremde Einwirkung herbeigeführt worden, rief er:
»Man senkt die Fahne! Das Fort ergibt sich! Vorwärts, meine Freunde, vorwärts!«
Und im Sturmschritt eilte er weiter.
Die Vertheidiger des Castells ihrerseits schrieen, als sie keine Fahne mehr sahen und in der Meinung, man habe sie wirklich freiwillig heruntergenommen, über Verrath. Die Folge hiervon war ein Tumult, während dessen die Vertheidigung erschlaffte.
Salvato benutzte diese Pause, um die Strada del Piliere im Sturmschritt zu passiren.
Er schleuderte seine Sapeurs gegen das Thor des Castells und ließ es durch eine Petarde aufsprengen.
Dann stürzte er in das Innere des Castells und rief:
»Folgt mir!«
Zehn Minuten später war das Fort genommen und das Geschütz desselben zwang, indem es den Largo del Castello und den Riesengang bestrich, die Lazzaroni, sich in die, in diese Straßen ausmündenden Seitengassen zu flüchten, in welchen sie durch die Position der Häuser vor den Kugeln geschützt waren.
Sofort ward die französische dreifarbige Fahne an der Stelle der weißen Fahne aufgepflanzt.
Eine auf dem höchsten Punkt des Castello Capuana stehende Schildwache übermittelte die Nachricht von der Einnahme des Castells an den General Championnet.
Die drei Castelle, in deren Triangel die Stadt eingeschlossen ist, waren somit in der Gewalt der Franzosen.
Als Championnet die Nachricht von der Einnahme des Castells Nuovo erhielt, bewirkte er seine Vereinigung mit Dufresse in der Stradadi Foria.
Er schickte Villeneuve über den freien Strand zu Salvato, um diesem Glück zu wünschen und ihm zu befehlen, die Bewachung des Castello Nuovo einem Officier zu übertragen und sich dann sofort bei ihm, Championnet, einzufinden.
Villeneuve traf den jungen Brigadechef auf dem Walle des Castells stehend und das Auge auf die Mergellina geheftet.
Von hier aus konnte er jenes theure Palmbaumhaus erspähen, welches er seit zwei Monaten nur noch in seinen Träumen gesehen. Sämtliche Fenster desselben waren geschlossen, dennoch aber war es ihm, als sähe er mit Hilfe seines Fernrohres die in den Garten führende Thür des Perrons geöffnet. Mitten in dieser Betrachtung überraschte ihn der Befehl des Generals.
Er übertrug das Commando sofort Villeneuve selbst, nahm sein Pferd und galoppierte davon.
In dem Augenblick, wo Championnet und Dufresse vereinigt die Lazzaroni nach der Toledostraße trieben und während ein furchtbares Feuer nicht blos von dem Largo delle Pigne, sondern auch aus allen Fenstern kam, bemerkte man plötzlich einen leichten Rauch, welcher die Wälle des Castells San Elmo krönte, dann hörte man das Krachen mehrerer schweren Geschütze und sah, daß unter den Lazzaroni eine große Verwirrung entstand.
Nicolino hielt Wort.
Gleichzeitig kam eine Abtheilung Dragoner wie ein reißender Strom durch die Strada della Stalla, während ein lebhaftes Musketenfeuer sich hinter dem Museo Burbonico hören ließ.
Es war Kellermann, welcher seinerseits seine Vereinigung mit den Corps Dufresses und Championnets bewirkte. Binnen wenigen Augenblicken war der Largo delle Pigne gesäubert und die drei Generale konnten sich hier die Hand reichen.
Die Lazzaroni zogen sich durch die Strada Santa Maria in Constantinopoli und die Salita dei Studi zurück.
Um aber über den Largo San Spirito und den Mercatello zu kommen, sahen sie sich genöthigt, unter dem Feuer des Castells San Elmo durchzupassieren, welches trotz der Schnelligkeit, womit diese Passage bewirkt ward, Zeit hatte, fünf oder sechs Todesboten in ihre Reihen zu senden.
Während so der Rückzug der Lazzaroni stattfand, brachte man einen ihrer Anführer, den man nach verzweifeltem Widerstande gefangen genommen, vor Championnet.
Mit Blut bedeckt, mit zerrissenen Kleidern, drohendem Gesicht und spöttischem Tone war er der echte Typus des sich im höchsten Stadium der Exaltation befindenden Neapolitaners.
Championnet zuckte die Achseln, kehrte ihm den Rücken und sagte:
»Es ist gut. Man erschieße diesen Burschen, um den Andern ein Beispiel zu geben.«
»Schön!« sagte der Lazzarone. »Wie es scheint, hat Nanno sich doch geirrt. Ich sollte erst noch Oberst und dann gehängt werden. Gleichwohl aber habe ich es blos bis zum Capitän gebracht und werde durch Pulver und Blei sterben. Es gereicht mir um meines Schwesterchens willen immer noch zum Troste.«
Championnet hörte diese Worte. Er stand im Begriff, den Verurtheilten näher zu befragen, da er aber in diesem Augenblick einen Reiter auf sich zugesprengt kommen sah, und in diesem Reiter Salvato erkannte, so richtete sich eine ganze Aufmerksamkeit auf diesen.
Man schleppte den Lazzarone fort, lehnte ihn an die Mauer des Museo Borbonico und wollte ihm die Augen verbinden.
Dagegen aber erhob er Einspruch.
»Der General,« rief er, »hat gesagt, man solle mich erschießen, aber nicht, daß man mir die Augen verbinden solle!«
Salvato stutzte, als er diese Stimme vernahm, drehte sich um und erkannte Michele, der seinerseits ihn ebenfalls sofort erkannte.
»Sanguedi Cristo!« rief der Lazzarone. »Sagen Sie selbst, Signor Salvato, daß man, um mich zu erschießen, mir nicht erst die Augen zu verbinden braucht.«
Und die ihn umringenden Soldaten zurückstoßend, kreuzte er die Arme und lehnte sich freiwillig an die Mauer.
»Michele!« rief Salvato. »General, dieser Mann hat mir das Leben gerettet; ich bitte Sie, mir das einige zu schenken.«
Und ohne die Antwort des Generals abzuwarten, denn er war überzeugt, daß dieser ihm seine Bitte nicht abschlagen würde, sprang Salvato vom Pferde, durchbrach den Halbkreis der Soldaten, welche schon ihre Musketen fertig machten, um Michele niederzuschießen, und warf sich in die Arme des Lazzarone, den er küßte und an sein Herz drückte.
Championnet erkannte sofort, welchen Nutzen er von diesem Vorfall ziehen konnte. Gerechtigkeit üben ist ein eindringliches Beispiel, aber Gnade üben, ist zuweilen eine gute Berechnung.
Er winkte sofort Salvato, der ihm Michele zuführte. Ein weiter Kreis bildete sich um die beiden jungen Männer und den General.
Dieser Kreis bestand aus siegreichen Franzosen, aus gefangenen Neapolitanern und aus Patrioten, welche herbeigeeilt waren, sei es um Championnet zu beglückwünschen, sei es, um sich unter seinen Schutz zu stellen.
Championnet, welcher diesen Kreis um die ganze Höhe seiner Büste überragt, erhob die Hand zum Zeichen, daß er sprechen wolle, und Alles schwieg
»Neapolitaner,« sagte er auf italienisch, »ich wollte, wie Ihr gesehen habt, diesen Mann, welcher mit den Waffen in der Hand und gegen uns kämpfend gefangen genommen worden, erschießen lassen; mein ehemaliger Adjutant aber, der jetzige Brigadechef Salvato, begehrt von mir die Begnadigung dieses Mannes, welcher, wie er mir sagt, ihm das Leben gerettet hat. Ich begnadige ihn daher nicht blos, sondern wünsche auch dem Manne, der einem französischen Officier das Leben gerettet, eine Belohnung zu Theil werden zu lassen.«
Dann wendete er sich zu dem über diese Sprache nicht wenig verwunderten Michele und fragte ihn:
»Welchen Grad bekleidetest Du unter deinen Landsleuten?«
»Ich war Capitän, Excellenz,« antwortete der Gefangene.
Dann setzte er mit der den Lazzaroni eigenthümlichen Vertraulichkeit hinzu:
»Dabei aber sollte ich nicht stehen bleiben, denn eine alte Hexe hat mir prophezeit, ich würde zum Oberst ernannt und dann gehängt werden.«
»Ich kann und will mich blos mit der Verwirklichung des ersten Theils dieser Prophezeiung befassen,« entgegnete der General, »aber ich befasse mich damit. Ich ernenne Dich zum Oberst im Dienst der parthenopeichen Republik. Organisiere dein Regiment. Für deinen Sold und deine Uniform werde ich sorgen.«
Michele that einen Freudensprung.
»Es lebe der General Championnet!« rief er. »Es leben die Franzosen! Es lebe die parthenopeiche Republik!«
Wir haben bereits bemerkt, daß der General von einer gewissen Anzahl Patrioten umringt war. Michele's Ruf fand daher ein ausgedehnteres Echo, als man erwartet hätte.
»Man hat,« sagte der General, sich zu den ihn umgebenden Neapolitanern wendend, »man hat Euch gesagt, die Franzosen seien Bösewichter, die weder an Gott, noch an die Madonna, noch an die Heiligen glaubten. Man hat Euch aber belogen. Die Franzosen glauben fest an Gott, an die Madonna und ganz besonders an den heiligen Januarius. Der Beweis hierfür ist, daß ich mich in diesem Augenblicke angelegentlich damit beschäftige, der Kirche und den Reliquien des hochheiligen Bischofs von Neapel den ihnen gebührenden Respect dadurch zu verschaffen, daß ich ihnen eine Ehrengarde gebe, wenn Michele die Führung derselben übernehmen will.«
»Ich übernehme sie!« rief Michele, indem er seine rothe wollene Mütze schwenkte »ich übernehme sie und noch mehr, ich bürge für sie.«
»Ganz besonders,« sagte Championnet in gedämpftem Tone, »wenn ich Dir deinen Freund Salvato zum Chef gebe.«
»Ha, für ihn und mein Schwesterchen lasse ich das Leben, Herr General.«
»Du hörst, Salvato,« sagte Championnet zu dem jungen Officier. »Deine Mission ist eine sehr wichtige. Es gilt, den heiligen Januarius unter die Republikaner anzuwerben.«
»Und mir ertheilen Sie den Auftrag, ihm eine dreifarbige Cocarde anzustecken,« antwortete Salvato lachend. »Ich hätte nicht geglaubt, daß ich so viel Beruf zum Diplomaten hätte. Doch gleichviel, man wird thun, was man kann.«
»Feder, Tinte und Papier!« rief Championnet.
Man eilte, das Verlangte herbeizuholen, und binnen wenigen Augenblicken hatte Championnet die Wahl zwischen zehn Bogen Papier und eben so viel Federn.
Ohne vom Pferde zu steigen, schrieb der General auf dem Sattelbogen folgenden an den Cardinal-Erzbischof adressierten Brief:
»Eminenz!
»Ich habe der Wuth meiner Soldaten und der Rache für die von den Volke von Neapel begangenen Verbrechen einen Augenblick lang Einhalt gethan. Benutzen Sie diese Pause, um alle Kirchen öffnen zu lassen, stellen Sie das heilige Sacrament aus und predigen Sie Ruhe, Ordnung und Gehorsam gegen das Gesetz. Unter dieser Bedingung bin ich bereit, einen Schleier über die Vergangenheit zu werfen, und werde bedacht sein, der Religion, der persönlichen Sicherheit und dem Eigenthume Achtung zu verschaffen.
»Sagen Sie dem Volke, daß ich, wer auch meinen gerechten Zorn verdient haben möge, doch der Plünderung Einhalt thun werde und daß Ordnung und Ruhe in diese verrathene und betrogene unglückliche Stadt zurückkehren werden. Gleichzeitig erkläre ich aber auch, daß, so wie ein einziger Schuß aus einem Fenster fällt, ich das betreffende Haus niederbrennen und alle darin befindlichen Bewohner erschießen lassen werde.
»Erfüllen Sie daher die Pflichten Ihres hohen Amtes und Ihr religiöser Eifer wird hoffentlich für die öffentliche Ruhe nützlich sein.
»Ich schicke Ihnen zugleich eine Ehrengarde für die Kirche des heiligen Januarius.
»Neapel, am 4. Pluviose im Jahre VII der Republik (23. Jänner 1799).
»Championnet.«
Michele, der wie alle Andern diesen Brief vorlesen gehört, suchte mit den Augen unter der Menge seinen Freund Pagliuccella. Da er ihn aber nicht fand, so wählte er vier Lazzaroni, von welchen er wußte, daß er auf sie zählen könne wie auf sich selbst, und marschierte Salvato voran, dem eine Compagnie Grenadiere folgte.
Dieser kleine Zug begab sich von dem Largo delle Pigne durch die Strada dell' Orticello, den Vico di San Giacomo di Ruffi und die Strada de l'Arcivescovado, das heißt durch einige der engsten und volkreichsten Gassen des alten Neapel, nach dem nicht weit entfernten erzbischöflichen Palast.
Die Franzosen waren bis jetzt noch nicht in diese Region der Stadt eingedrungen, wo von Zeit zu Zeit einige von dem Volk wie zur Ermuthigung abgefeuerte Flintenschüsse knatterten und wo die Republikaner im Vorüberziehen nur drei Eindrücke lesen konnten: Schrecken, Haß und Bestürzung.
Zum Glück hatte Michele, von Salvato Palmieri gerettet und von Championnet begnadigt und sich im Geiste schon in seiner Oberstenuniform auf einem schönen Pferde einhergaloppieren sehend, sich mit dem ganzen Feuer seines leicht zu lenkenden Gemüths für die Franzosen erklärt und marschierte vor ihnen her, indem er mit der ganzen Kraft seiner Lunge schrie:
»Es leben die Franzosen! Es lebe der General Championnet! Es lebe der heilige Januarius!«
Salvato, welcher bemerkte, daß die Gesichter der Einwohner sich immer noch nicht aufheitern wollten, gab Michele eine Handvoll Carlini und der neuernannte Oberst warf dieselben unter das Volk, indem er diesem auseinandersetzte, welche Mission Salvato beauftragt wäre zu erfüllen.
Es dauerte auch nun nicht lange, so zeigten die Physiognomien der Zuhörer einen sanfteren und wohlwollenderen Ausdruck.
Ueberdies richtete Salvato, der aus den neapolitanischen Provinzen stammte und das Patois von Neapel sprach wie ein Mann von Porto Baffo, von Zeit zu Zeit selbst an seine Landsleute eine kurze Ansprache, welche, durch Micheles ausgeworfene Carlini bekräftigt, ebenfalls ihre Wirkung äußerte.
So gelangte man bis vor den erzbischöflichen Palast, wo die Grenadiere sich unter dem Porticus aufpflanzten.
Michele hielt hier eine lange Rede, um seinen Landsleuten den Zweck dieser Ehrenwache zu erklären.
Er setzte hinzu, daß der dieselbe commandierende Officier ihn in dem Augenblick, wo er erschossen werden sollte, das Leben gerettet habe, und verlangte im Namen der Freundschaft, die man ihm, Michele, immer bewiesen, daß man weder Salvato noch seinen Soldaten, welche die Beschützer des heiligen Januarius geworden seien, irgend eine Beleidigung zufüge.
Fünftes Capitel.
Der heilige Januarius und Virgil
Kaum hatte Championnet den begnadigten Michele, Salvato und die französische Compagnie an der Ecke der Strada del Orticello verschwinden sehen, so fiel ihm eine jener Ideen ein, welche man eine Erleuchtung nennen kann.
Er bedachte nämlich, das beste Mittel, die Reihen der Lazzaroni, welche immer noch hartnäckig weiter kämpfen wollten, aufzulösen und der Plünderung des Privateigenthums Einhalt zu thun, bestünde darin, den Palast des Königs einer allgemeinen Plünderung preiszugeben.
Er beeilte sich diese Idee einigen der gefangenen Lazzaroni mitzutheilen, welche man unter der Bedingung in Freiheit setzte, daß sie zu den Ihrigen zurückkehrten, und diese von dem Project als von ihnen ausgehend in Kenntniß setzten.
Es war dies ein Auskunftsmittel, um sie selbst für die ausgestandenen Beschwerden und das verlorene Blut zu entschädigen.
Die Mittheilung hatte ganz den Erfolg, welchen der Obergeneral davon erwartete. Die kampflustigsten Lazzaroni gaben, als sie die Stadt zu drei Viertheilen genommen sahen, die Hoffnung zu siegen auf und fanden es folglich vortheilhafter, zu plündern, als noch weiter zu kämpfen.
Kaum war daher diese Art Ermächtigung zum Plündern unter den Lazzaroni, welchen man zu verstehen gab, daß sie vom französischen General ausginge, bekannt, so stürzte die ganze Masse in wilder Verwirrung durch die Toledostraße und die Strada dei Tribunali nach dem königlichen Palast, riß Frauen und Kinder mit sich fort, warf die Schildwachen über den Haufen, schlug die Thore und Thüren ein und überschwemmte wie eine unaufhaltsame Flut die drei Etagen des Palastes.
In weniger als drei Stunden war er bis auf das Blei in den Fenstern vollständig ausgeplündert.
Pagliuccella, den Michele auf dem Largo delle Pigne vergebens gesucht, um ihm sein Glück mitzutheilen, hatte sich unter den Ersten befunden, die nach dem Schlosse stürzten, und es mit einer Wißbegier, die nicht ohne Früchte blieb, vom Keller bis zum Dachboden und von der Façade, welche auf die Kirche San Ferdinando, bis zu der, welche auf die Darsena geht, untersuchten.
Frau Pacifico dagegen hatte, als er Alles verloren sah, die seinem gedemüthigten Muthe gebotene Entschädigung mit Verachtung abgelehnt und mit einer Uneigennützigkeit, welch seiner auf der Fregatte seines Admirals gelernten Disciplin zur Ehre gereichte, sich Schritt um Schritt und nach Art des Löwen, das heißt dem Feind fortwährend das Gesicht zukehrend, über die Infrascata und die Salita dei Capuccini in ein Kloster zurückgezogen.
Dann nachdem das Thor desselben sich hinter ihm geschlossen, hatte er seinen Esel in den Stall gebracht, seinen Stock in den Winkel gestellt und sich unter seine Collegen gemischt, welche in der Kirche das Dies irae, dies illa fangen.
Kein Mensch hätte jetzt in ihm einen der Anführer der Lazzaroni wieder erkannt, welche sich drei Tage lang geschlagen.
Nicolino Caracciolo hatte von der Höhe des Walles von San Elmo alle wechselnden Auftritte des Kampfes vom 21., 22. und 23. Januar verfolgt, und wir haben gesehen, daß er in dem Augenblick, wo er den Franzosen zu Hilfe kommen konnte, nicht verfehlt hatte, sein ihnen gegebenes Versprechen zu halten.
Sein Erstaunen war groß, als er die Lazzaroni, ohne daß es Jemanden einfiel, sie zu verfolgen, ihre Posten verlassen und ohne, wie bei einer Niederlage, die Waffen wegzuwerfen, sich nach dem königlichen Palast nicht zurückziehen, sondern im Gegentheil sich darauf stürzen sah.
Binnen wenigen Augenblicken war ihm jedoch Alles klar.
An der Art und Weise, auf welche sie die Schildwachen niederwarfen, die Thore sprengten, an den Fenstern aller Etagen zum Vorschein kamen und auf die Balcons heraustraten, sah er, daß die Kämpfer, während einer augenblicklichen Waffenruhe, um nicht die Zeit ungenutzt verstreichen zu lassen, sich in Plünderer umgewandelt hatten.
Da er nicht wußte, daß sich diese Plünderung auf Anstiften des französischen Generals organisiert hatte, so ließ er unter das ganze Gesindel drei scharfe Kanonenschüsse feuern, welche siebzehn Personen, unter diesen einen Priester, tödteten, und dem marmornen Riesen einer alten Statue des Jupiter Stator, welche den Palaisplatz schmückte, ein Bein zerschlug.
Wünscht der Leser zu wissen, in welchem Grade die Lust zu plündern sich der Menge bemächtigt und bei ihr jedes andere Gefühl in den Hintergrund gedrängt hatte?
Wir wollen, um diesen Wunsch zu befriedigen, von tausend Thatsachen nur zwei erwähnen. Dieselben werden eine Idee von der Beweglichkeit des Geistes dieser Menschen geben, welche soeben erst Wunder der Tapferkeit verrichtet, um ihren König zu vertheidigen.
Mitten unter diese nur auf Plünderung erpichte Menge schickte der Adjutant Villeneuve, welcher fortfuhr das Castello Nuovo zu behaupten, einen Lieutenant an der Spitze einer Patrouille von ungefähr fünfzig Mann, mit dem Befehle, die Toledostraße so weit hinaufzumarschieren, bis er die französischen Vorposten anrufen könnte.
Der Lieutenant trug Sorge, einige patriotische Lazzaroni voran marschieren zu lassen, welche riefen: »Es leben die Franzosen! Es lebe die Freiheit!«
Bei diesem Rufe fing ein Fischer von Santa Lucia, ein wüthender Bourbonist – die Fischer von Santa Lucia sind noch bis auf heutigen Tag Bourbonisten – an, seinerseits zu schreien: »Es lebe der König!«
Da dieser Ruf leicht einen Wiederhall finden und das Signal zur Niedermetzelung der ganzen Patrouille werden konnte, so packte der Lieutenant den Fischer am Kragen, hielt ihn mit ausgestrecktem Arme fest und commandierte:
»Feuer!«
Der Fischer stürzte, von mehreren Kugeln durchbohrt, unter die Menge hinein, ohne daß es dieser, die sich jetzt mit andern Interessen beschäftigte, eingefallen wäre, ihn zu vertheidigen und zu rächen.
Das zweite Beispiel betraf einen Diener des Palastes, welcher die Unklugheit beging, sich in einer goldbetreßten Livrée zu zeigen. Das Volk riß ihm dieselbe sofort vom Leibe und in Stücke, um das Gold davon abzutrennen, obschon die Eigenthum des Königs war.
In demselben Augenblicke, wo man den Diener des Königs Ferdinand im Hemde stehen ließ, um die Tressen von seiner Livrée zu lösen, langte Kellermann, der mit einem Detachement von zwei- bis dreihundert Mann von Mergellina herabgekommen war, über Santa Lucia auf dem Platze vor dem Schlosse an.
Ehe er jedoch hier ankam, hatte er an der Kirche Santa Maria di Porto Salvo Halt gemacht und nach Don Michelangelo Ciccone gefragt.
Es war dies, wie man sich erinnern wird, derselbe patriotische Priester, welchen Cirillo hatte holen lassen, um die letzten Tröstungen der Religion dem von Salvato in der Nacht vom 22. zum 23. September verwundeten Sbirren zu spenden, der am 23. September Morgens in dem Hause an der Ecke des Löwenbrunnens, wohin er geschafft worden, den Geist aufgab.
Kellermann war Ueberbringer eines Billets von Cirillo welcher den Patriotismus des würdigen Priesters in Anspruch nahm und ihn aufforderte, sich den Franzosen anzuschließen.
Don Michelangelo Ciccone hatte keinen Augenblick gezögert, sondern war Kellermann gefolgt.
Gegen Mittag hatten die Lazzaroni die Waffen niedergelegt, und Championnet durchzog als Sieger die Stadt. Die Kaufleute, die Bürger, der ganze ruhige Theit der Bevölkerung, welche nicht an dem Kampfe Theil genommen, begann nun, da er nicht mehr schießen oder schreien hörte, schüchtern die Thüren und Fenster der Kaufläden und der Häuser zu öffnen.
Schon der erste Anblick des Generals war eine Bürgschaft der Sicherheit, denn er war von Männern umringt, die sich durch ihre Talente, ihre Gelehrsamkeit und ihren Muth die Achtung und Verehrung von Neapel erworben hatten.
Es waren dies die Baffi, die Poério, die Pagano, die Cuoco, die Logoteta, die Carlo Lambert, die Bassal, die Fasulo, die Maliterno, die Rocca Romana, die Ettore Caraffa, die Cirillo, die Manthonnet, die Schipani.
Der Tag des Lohnes war endlich gekommen für alle diese Männer, welche aus dem Stadium des Despotismus in das der Verfolgung gekommen, und nun aus dem Stadium der Verfolgung in das der Freiheit übertraten.
Der General ritt, sowie er eine Thür sich öffnen sah, an dieselbe heran und bemühte sich, die Bewohner, welche sich auf die Schwelle wagten, in ihrer eigenen Sprache zu beruhigen, indem er ihnen sagte, es sei Alles aus und er käme, um den Frieden, aber nicht den Krieg zu bringen und die Freiheit an die Stelle der Tyrannei zu setzen.
Die Neapolitaner sahen, indem sie die Augen auf den Weg warfen, welchen der General hinter sich hatte, daß wirklich da, wo noch wenige Augenblicke zuvor Franzosen und Lazzaroni sich erwürgt, die Ruhe herrschte.
Sie gewannen daher wieder Vertrauen und Muth, und diese ganze Bevölkerung dimezzo ceto, das heißt der Bürgerstand, welcher den Reichthum und die Kraft Neapels ausmacht, begann, die dreifarbige Cocarde aufsteckend und unter dem Rufe: »Es leben die Franzosen! Es lebe die Freiheit! Es lebe die Republik!« sich heiter in den Straßen zu bewegen, die Taschentücher zu schwenken und sich allmälig jener enthusiastischen Freude hinzugeben, welche sich derer bemächtigt, welche, schon in den schwarzen Abgrund des Todes hinabgeschleudert, sich plötzlich und wie durch ein Wunder dem Tage, dem Licht und dem Leben wiedergegeben sehen.
Und in der That, wer kann sagen, wie viel Häuser noch gestanden hätten, und wie viel Patrioten noch am Leben gewesen wären, wenn der Einzug der Franzosen sich um vierundzwanzig Stunden verzögert hätte? Um zwei Uhr Nachmittags erließen Rocca Romana und Maliterno, die in ihrem Amte als Oberhäupter des Volkes bestätigt worden, eine Bekanntmachung in Bezug auf die Wiedereröffnung der Kaufläden. Diese Bekanntmachung war vom Jahre 1 und vom zweiten Tage der parthenopeischen Republik datiert.
Championnet hatte mit Besorgniß gesehen, daß nur der Bürgerstand und der Adel sich ihm angeschlossen hatten, während das Volk sich abseits hielt. Er beschloß daher, den nächstfolgenden Tag einen großen Streich auszuführen.
Er war überzeugt, daß, wenn er den heiligen Januarius auf seine Seite bringen könnte, das Volk demselben überall hinfolgen würde, wohin er ginge.
Er sendete einen Boten an Salvato. Dieser, welcher die Kathedrale, das heißt den wichtigsten Punkt von Neapel, bewachte, war instruiert, seinen Posten nicht anders zu verlassen, als auf einen ihm direct von dem General zugehenden Befehl. Der an Salvato abgesendete Bote instruierte ihn, sich mit der Geistlichkeit der Kathedrale zu besprechen und sie aufzufordern, den nächstfolgenden Tag die heiligen Flaschen zur öffentlichen Verehrung auszustellen, in der Hoffnung, daß der heilige Januarius, für welchen die Franzosen die tiefste Devotion hegten, sich herablassen würde, zu ihren Gunsten ein Wunder zu verrichten.
Die Geistlichen sahen sich auf diese Weise zwischen zwei Feuern.
Wenn der heilige Januarius sein Wunder verrichtete, so waren sie dem Hofe gegenüber kompromittiert.
Verrichtete er es dagegen nicht, so sahen sie sich dem Zorne des französischen Generals preisgegeben.
Sie suchten deshalb die Sache zu umgehen und antworteten, es sei jetzt nicht die Zeit, wo der heilige Januarius sein Wunder zu verrichten pflege, und sie zweifelten sehr, daß er, selbst um der Franzosen willen, von seinen gewohnten Tage abgehen werde.
Salvato ließ durch Michele den Obergeneral von dieser Antwort der Priester in Kenntniß setzen.
Championnet gab hierauf die Rückantwort, es sei dies Sache des Heiligen und nicht der Priester. Diese hätten über die guten oder schlimmen Absichten des heiligen Januarius nicht im Voraus zu urtheilen, und er selbst kenne ein gewisses Gebet, gegen welches, wie er hoffe, der heilige Januarius nicht unempfindlich bleiben würde.
Die Priester antworteten, da Championnet es durchaus verlange, so würden sie die heiligen Gefäße ausstellen, könnten aber ihrerseits für nichts stehen.
Kaum hatte Championnet diese Gewißheit, so ließ er in der ganzen Stadt die Neuigkeit verkünden, daß die heiligen Gefäße den nächstfolgenden Tag ausgestellt werden würden, und daß das Flüssigwerden des kostbaren Blute genau um halb elf Uhr Morgens zu erwarten stünde.
Für die Neapolitaner war dies eine seltsame und ganz unglaubliche Mittheilung. Der heilige Januarius hatte nichts gethan, wodurch ein Verdacht der Parteilichkeit zu Gunsten der Franzosen motiviert worden wäre. Im Gegentheil hatte er sich seit einiger Zeit bis zur Manie lauenhaft und eigensinnig gezeigt.
So war zum Beispiel der König Ferdinand im Augenblick seines Aufbruchs zum römischen Feldzuge persönlich in der Kathedrale erschienen, um den heiligen Januarius um einen Beistand und Schutz zu bitten; der Heilige aber hatte, trotz der inständigen Bitten des Königs, ihm das Flüssigwerden seines Blutes hartnäckig verweigert und eine große Menge Personen hatten dies als die sichere Vorbedeutung einer großen Niederlage betrachtet.
Wenn nun aber der heilige Januarius für die Franzosen etwas that, was er dem König von Neapel verweigert hatte, so mußte er seine Meinung geändert haben und Jakobiner geworden sein.
Um vier Uhr Nachmittags, als Championnet die Ruhe wieder hergestellt sah, stieg er zu Pferde und ließ sich nach dem Grabmal eines andern Schutzpatrons von Neapel führen, für den er eine weit größere Verehrung hegte, als für den heiligen Januarius.
Dieses Grabmal war das des Publius Virgilius Maro, oder wenigstens das, in dessen Trümmern, wie die Archäologen sagen, die Asche des Verfassers der Aeneide geruht hat.
Alle Welt weiß, daß Virgil auf seiner Rückreise von Athen, von wo Augustus ihn zurückholen ließ, in Brundusium starb und daß seine Asche jenes Pausilippo wiedersah, welches er so sehr geliebt und von wo aus er alle jene Orte überschauen konnte, die er in dem sechsten Buch seiner Aeneide unsterblich gemacht.
Championnet stieg an dem von Sannazar errichteten Monument vom Pferde und ging den steilen Abhang hinauf, welcher nach der kleinen Rotunde führt, die man dem Reisenden als das Columbarium zeigt, in welches die Urne mit der Asche des Poeten niedergesetzt ward. In der Mitte des Monuments stand ein wilder Lorbeerbaum, den die Sage als unsterblich bezeichnete.
Championnet brach einen Zweig davon ab, den er in die Schnurschleife eines Hut steckt, erlaubte aber seinen Begleitern nicht mehr als jeder ein Blatt zu nehmen, da mit nicht etwa dem Baume Apollos ein Schaden zugefügt werde und die Verehrung durch ihre Folgen in Profanation ausarte.
Dann, nachdem er eine Weile auf diesen geheiligten Steinen seinen stillen Betrachtungen nachgehangen, verlangte er einen Bleistift, riß ein Blatt aus einem Taschenbuch und entwarf das folgende Decret, welches noch denselben Abend in die Druckerei geschickt und am nächsten Morgen veröffentlicht ward.
»Der Obergeneral Championnet.
»In Erwägung, daß die erste Pflicht einer Republik ist, das Andenken großer Männer zu ehren und dadurch die Bürger zur Nacheiferung anzuspornen, indem man ihnen den Ruhm, welcher den erhabenen Geistern aller Länder und aller Zeiten bis ins Grab folgt, vor Augen führt, »Haben wir beschlossen und verordnen, was folgt:
»1. Dem Dichter Virgil wird an der Stelle, wo ein Grab sich befindet, in der Nähe der Grotte von Pozzuolo, ein Grabmal von Marmor errichtet.
»2. Der Minister des Innern wird eine Preisbewerbung eröffnen, zu welcher alle Entwürfe von Monumenten, welche die Künstler einreichen wollen, zulässig sind. Die Dauer der Preisbewerbung beträgt zwanzig Tage.
»Nach Ablauf dieser Zeit wird eine durch den Minister des Innern ernannte, aus drei Mitgliedern bestehende Commission unter den eingereichten Entwürfen den wählen, welcher ihr der beste zu sein scheint, und die Curie wird das Monument errichten, mit dessen Herstellung der Künstler beauftragt werden wird, für dessen Entwurf man sich entschieden hat.
»Der Minister des Innern ist mit der Ausführung dieser Ordonnanz beauftragt.
»Championnet.«
Es ist merkwürdig, daß die beiden dem Virgil zuerkannten Monumente, das eine in Mantua, das andere in Neapel, von zwei französischen Generalen decretiert worden sind, das zu Mantua von Miollis, das zu Neapel durch Championnet.
Zu dem von Neapel ist aber bis jetzt, also nach fünfundsechzig Jahren, noch nicht der erste Stein gelegt.
Sechstes Capitel.
In welchem der Leser in das Palmbaumhaus zurückkehrt
Die Nothwendigkeit, in welche wir uns versetzt gesehen, den politischen und militärischen Ereignissen, durch welche Neapel in die Gewalt der Franzosen fiel, ununterbrochen zu folgen, hat uns gezwungen, uns von dem romantischen Theile unserer Erzählung zu entfernen, und die passiven Persönlichkeiten, welche diese Ereignisse über sich ergehen ließen, beiseite zu lassen, um uns dagegen mit den activen Personen zu beschäftigen, durch welche diese Ereignisse geleitet worden.
Man erlaube uns daher, nun, wo wir den episodischen Trägern dieser Geschichte die ganze Bedeutung gegeben haben, welche ihnen zukommt, auf die ersten Rollen zurückzukommen, in welchen sich das eigentliche Interesse unseres Drama's concentriert.
Zur Zahl dieser Personen, die man uns vielleicht, obschon mit Unrecht, beschuldigt, vergessen zu haben, gehört die arme Louisa San Felice, die wir gleichwohl keine Secunde lang aus den Augen verloren haben.
Ohnmächtig auf dem Hafendamme in den Armen ihres Milchbruders Michele liegend, während ihr Gatte, seinen Pflichten gegen seinen Fürsten und seinen Versprechungen gegen seinen Freund treu, mit Gefahr eines Lebens sich zu dem Herzog von Calabrien begab und mit Gefahr seines Glückes Luisa in Neapel zurückließ, war diese, nachdem man sie in den Wagen getragen, zum großen Erstaunen Giovanninas wieder in das Palmbaumhaus zurückgebracht worden.
Michele, welcher die wirkliche Ursache des Erstaunens, dem die gerunzelte Stirn und das beinahe drohende Auge Giovanninas einen ganz besonderen Charakter verlieh, nicht kannte, erzählte die Dinge, wie dieselben geschehen waren.
Luisa legte sich, von einem hitzigen Fieber ergriffen, zu Bett. Michele blieb die Nacht im Hause und als an andern Morgen bei Tagesanbruch Luisas Zustand sich nicht gebessert hatte, eilte er, den Doctor Cirillo zu benachrichtigen.
Während dieser Zeit brachte der Briefträger einen an Luisa adressierten Brief.
Giovannina erkannte den Poststempel von Portici. Sie hatte bemerkt, daß jedesmal, wo ein solcher Brief wie der, den sie jetzt in den Händen hielt, eintraf, die Gemüthsbewegung ihrer Herrin beim Empfang desselben eine höchst auffällige war, so wie daß sie sich dann allemal in Salvato's Zimmer zurückzog und einschloß, aus welchem sie später nur mit rothgeweinten Augen wieder herauskam.
Sie errieth daher, daß es ein Brief von Salvato sei, und aufs Gerathewohl und ohne noch zu wissen, ob sie ihn lesen würde oder nicht, behielt sie ihn, indem sie sich zugleich vornahm, sich, wenn nach dem Briefe gefragt würde, dafür, daß sie ihn nicht abgegeben, mit dem Zustand zu entschuldigen, in welchem Luisa sich gegenwärtig befand.
Cirillo kam schleunigst herbei. Er hatte geglaubt, Luisa sei mit abgereist; aus der einfachen Erzählung Micheles aber errieth er Alles.
Man kennt die väterliche Zärtlichkeit, welche der gute Doctor für Luisa hegte. Er bemerkte an der Kranken alle Symptome des Gehirnfiebers und ohne eine Frage an die zu richten, welche die moralische Unruhe, in der sie sich befand, noch hätte steigern müssen, beschäftigte er sich blos mit Bekämpfung des materiellen Uebels.
Zu geschickt, um sich durch eine bekannte Krankheit besiegen zu lassen, sobald diese Krankheit kaum erst ordentlich begonnen, bekämpfte er sie energisch, und nach Verlauf von drei Tagen war Luisa, wenn auch nicht hergestellt, doch wenigstens außer Gefahr.
Am vierten Tage sah sie die Thür sich öffnen und stieß bei dem Anblick der Person, welche eintrat, einen Freudenschrei aus, indem sie ihr zugleich beide Arme entgegenbreitete.
Die Person war ihre Herzensfreundin, die Herzogin Fusco.
Ganz wie San Felice vorhergesagt, war, sobald die Königin abgereist war, die in Ungnade gefallene Herzogin nach Neapel zurückgekommen.
Binnen wenigen Augenblicken sah sie sich nun von dem gegenwärtigen Stand der Dinge in Kenntniß gesetzt.
Seit drei Monaten war Luisa gezwungen gewesen, Alles in ihr Herz zu verschließen. Seit vier Tagen war ihr Herz übervoll und trotz jenes Ausspruches eines großen Moralisten, daß die Männer die Geheimnisse Anderer, die Frauen aber die ihrigen am besten bewahren, hatte Luisa nach Verlauf einer Viertelstunde für ihre Freundin kein Geheimniß mehr.
Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß die Verbindungsthür mehr geöffnet ward als je, und daß die Herzogin zu jeder Stunde des Tages und der Nacht das geheiligte Zimmer zu ihrer Verfügung hatte.
An dem Tage, wo Luisa das Bett verließ, empfing sie abermals einen Brief von Portici.
Giovannina sah mit Unruhe sie diesen Brief in Empfang nehmen. Dann wartete sie, bis derselbe gelesen ward.
Wenn darin der vorhergehende erwähnt ward und Luisa denselben verlangte, so wollte Giovannina ihn hervorsuchen. Man fand ihn dann unversehrt und Giovannina konnte sich, wie wir bereits bemerkt, mit dem Zustand von Unruhe und Zerstreutheit entschuldigen, in welchen sie durch die Krankheit ihrer Gebieterin versetzt worden.
Verlangte diese den Brief nicht, so wollte Giovannina ihn jedenfalls behalten und sich dessen zur Ausführung eines schwarzen Anschlages bedienen, welcher in ihr allerdings noch nicht zur Reife gediehen war, aber dessen Keim sich in ihr immer mehr entwickelte.
Die Ereignisse gingen ihren Gang. Man kennt diese Ereignisse, denn wir haben dieselben ausführlich erzählt.
Die der patriotischen Partei angehörende Herzogin Fusco öffnete ihre Salons wieder und empfing darin alle hervorragenden Männer und Frauen dieser Partei.
Zu der Zahl dieser Frauen gehörte Eleonore Fonseca Pimentel, welche wir bald mit der Seele eines Weibes und dem Muth eines Mannes sich in die politischen Ereignisse ihres Landes mischen sehen werden.
Diese politischen Ereignisse hatten für Luisa, welche bis jetzt sich niemals darum gekümmert, eine außerordentliche Bedeutung erlangt.
So gut die Vertrauten der Herzogin von Fusco auch unterrichtet waren, so gab es doch immer einen Punkt, über welchen Luisa noch besser unterrichtet war.
Es war dies der Marsch der Franzosen auf Neapel.
In der That wußte sie alle drei oder vier Tage ganz genau, wo die Replublikaner standen.
Auch von dem Chevalier hatte sie zwei Briefe erhalten.
In dem ersten, worin er ihr eine glückliche Ankunft in Palermo meldete, gab er ihr sein Bedauern zu erkennen, daß der stürmische Zustand des Meeres sie verhindert hatte, sich mit ihm einzuschiffen, aber er sagte nicht, daß sie ihm nachfolgen sollte.
Der Brief war zärtlich, ruhig und väterlich wie immer. Wahrscheinlich hatte der Chevalier den letzten von Luisa ausgestoßenen Schrei der Verzweiflung nicht gehört oder nicht hören wollen.
Der zweite Brief enthielt über die Situation des Hofes in Palermo Einzelheiten, die man in dem weitern Verlaufe unserer Erzählung finden wird.
Ebensowenig aber als in dem ersten war darin der Wunsch ausgesprochen, daß Luisa Neapel verlassen solle.
Im Gegentheil gab der Chevalier ihr allerhand Rathschläge über die Art und Weise, auf welche sie sich in den politischen Krisen, welche die Hauptstadt bewegen würden, verhalten solle, und unterrichtete sie zugleich, daß das Bankierhaus Baker von ihm beauftragt sei, ihr die Summen, deren sie bedürfen würde, zur Verfügung zu stellen.
Noch denselben Tag erschien der junge André Baker, welchen Luisa seit dem Tage seines Besuches in Caserta nicht wiedergesehen, mit dem Avisbriefe des Chevalier in der Hand in dem Palmbaumhause.
Luisa empfing ihn mit ihrer gewohnten ernsten Freundlichkeit, dankte ihm für seine Aufmerksamkeit, erklärte ihm aber auch zugleich, daß sie, da sie sehr eingezogen lebe, beschlossen habe, während der Abwesenheit ihres Gemahls keine Besuche anzunehmen. Wenn sie in den Fall käme, Geld zu bedürfen, so würde sie entweder selbst nach der Bank kommen, oder Michele mit einer Quittung schicken.
Dies war eine Verabschiedung in aller Form.
André verstand es und entfernte sich seufzend.
Luisa begleitete ihn bis auf den Perron und sagte zu Giovannina, welche die Thür hinter ihm zu schließen kam:
»Wenn Mr. André Backer jemals wiederkommen und mit mir zu sprechen wünschen sollte, so vergiß nicht, daß ich nicht zu Hause bin.«
Man kennt die Vertraulichkeiten der neapolitanischen Dienstleute mit ihrer Herrschaft.
»Ach, mein Himmel!« antwortete Giovannina. »Wie ist es möglich, daß ein so schöner junger Mann Ihnen mißfallen kann, Signora?«
»Er mißfällt mir nicht, entgegnete Luisa kalt, »aber in Abwesenheit meines Gemahls empfange ich einmal Niemanden.«
Giovannina, an deren Herzen die Eifersucht nagte, stand schon im Begriff zu antworten:
»Signor Salvato ausgenommen.«
Sie bezwang sich jedoch und ein zweifelndes Lächeln war die einzige Antwort, die sie gab.
Der letzte Brief, welchen Luisa von Salvato empfangen, war vom 19. Januar datiert und traf am 20. ein.
Der ganze Tag des 20. verging für Neapel in Angst und Unruhe und für Luisa war diese Angst größer als für jeden Andern. Von Michele hörte sie, welche furchtbaren Vertheidigungsanstalten getroffen wurden, und durch Salvato erfuhr sie, daß der Obergeneral geschworen hatte, die Stadt um jeden Preis zu nehmen.
Salvato bat Luisa inständig, wenn man Neapel bombardierte, sich um ihrer persönlichen Sicherheit willen in die tiefsten Keller ihres Hauses zu flüchten.
Diese Gefahr stand besonders zu befürchten, wenn das Castell San Elmo das gegebene Versprechen nicht hielt, sondern sich gegen die Franzosen und die Patrioten erklärte.
Am 21. Morgens gab sich in Neapel eine große Bewegung kund.
Das Castell San Elmo hatte, wie man sich erinnert, die dreifarbige Fahne aufgepflanzt. Es hielt demnach sein Versprechen und erklärte sich für die Patrioten und für die Franzosen.
Luisa freute sich darüber, obschon weder um der Patrioten noch um der Franzosen willen, denn eine politische Meinung hatte sie niemals gehabt. Es schien ihr aber, als ob diese den Franzosen und den Patrioten gewährte Unterstützung die Gefahr mindere, in welcher ihr Geliebter schwebte, weil derselbe von Herzen Patriot und aus freier Wahl Franzose war.
Denselben Tag erhielt sie einen Besuch von Michele. Als einer der Anführer des Volks und entschlossen, bis zum letzten Blutstropfen für eine Sache zu kämpfen, die er allerdings nicht recht verstand, welcher er aber durch die Umgebung angehörte, in deren Mitte er geboren war, kam er, um für den Fall, daß er fiele, von Luisa Abschied zu nehmen und ihr seine Mutter zu empfehlen.
Luisa weinte sehr, als sie von ihrem Milchbruder Abschied nahm; aber nicht alle ihre Thränen flossen um der Gefahr willen, welche Michele lief, denn eine gute Hälfte galt denen, welche Salvato drohten.
Michele versuchte, halb lachend, halb weinend und seinerseits nicht weitersehend, als Luisa's Worten gingen, diese über sein Schicksal zu beruhigen, indem er sie an die Prophezeiung Nannos erinnerte.
Der albanesischen Wahrsagerin gemäß sollte Michele als Oberst sterben und gehängt werden.
Nun aber war er jetzt erst Capitän und wenn er dem Tode ausgesetzt war, so war es der Tod durch das Eisen oder durch das Feuer, aber nicht durch den Strick.
Allerdings, wenn Namno's Prophezeiung in Bezug auf Michele in Erfüllung ging, so mußte sie auch in Bezug auf Luisa in Erfüllung gehen und wenn Michele gehängt ward, so mußte Luisa auf dem Schaffot sterben.
Die Alternative war keine tröstliche.
In dem Augenblick, wo Michele sich von Luisa entfernte, hielt diese ihn bei der Hand zurück und es entrangen sich ihr die Worte, welche schon lange auf ihren Lippen umherirrten:
»Wenn Du Salvato begegnest – «
»O, Schwesterchen!« rief Michele.
Beide hatten einander vollkommen verstanden.
Eine Stunde nach ihrer Trennung hörte man die ersten Kanonenschüsse.
Die Mehrzahl der Patrioten von Neapel, namentlich die, welche in Folge ihres vorgerückten Alters oder des friedlichen Standes, dem sie angehörten, nicht berufen waren, zu den Waffen zu greifen, hatten sich bei der Herzogin von Fusco versammelt.
Hier trafen von Stunde zu Stunde Nachrichten über den Stand des Kampfes ein.
Luisa aber nahm an diesem Kampfe zu viel Interesse, um diese Nachrichten in dem Salon und mitten unter der bei der Herzogin versammelten Gesellschaft zu erwarten.
Allein, in dem Zimmer Salvatos, auf den Knien vor dem Crucifix liegend, betete sie. Jeder Kanonenschuß erschütterte ihr Herz.
Die Herzogin von Fusco fand sich von Zeit zu Zeit bei ihrer Freundin ein und gab ihr Nachricht von den Fortschritten, welche die Franzosen machten, sprach aber auch gleichzeitig mit einem gewissen Grad von Nationalstolz von der wunderbaren Vertheidigung der Lazzaroni.
Luisa antwortete durch einen Seufzer. Es war ihr als ob jede Kugel das Herz Salvatos bedrohte. Sollte dieser furchtbare Kampf denn ewig dauern?
Während der Ereignisse des 21. und 22. warf Luisa sich angekleidet auf Salvato's Bett.
Mehrmals ward von den Lazzaroni Lärm gemacht. Der Ruf, in welchem der Patriotismus der Herzogin stand, war nicht ohne Gefahr.
Luisa beschäftigte sich nicht mit dem, was den Andern Grund zur Unruhe gab. Sie dachte nur an Salvato.
Am Morgen des dritten Tages hörte das Musketenfeuer auf und man meldete, daß die Franzosen auf allen Punkten siegreich, aber noch nicht Meister der Stadt wären.
Was war in diesem hartnäckigen, blutigen Kampf geschehen? Lebte Salvato noch oder war er todt?
Mit den drei letzten Kanonenschüssen, welche das Castell San Elmo auf die Plünderer des königlichen Palastes abgefeuert, hatte das Getöse des Kampfes völlig aufgehört.
Nun sollte sie entweder Michele oder Salvato, wenn ihnen kein Unglück begegnet war, wiedersehen – Michele ohne Zweifel zuerst, denn dieser konnte zu jeder Stunde des Tages kommen und Luisa aufsuchen, während Salvato, der nicht wußte, daß sie allein war, sicherlich nicht anders als in der Nacht und auf dem verabredeten Wege sich bei ihr einzufinden wagte.
Luisa stellte sich an das Fenster und heftete die Augen auf die Chiaja. Von dieser Seite her mußten ihr die Nachrichten zugehen.
Die Stunden verflossen. Sie erfuhr die vollständige Uebergabe der Stadt.
Sie hörte das Geschrei der Menge, welche Championnet zu dem Grabmal Virgil's begleitete. Sie erfuhr die für den folgenden Tag angekündigte Flüssigwerdung des wunderthätigen Blutes des heiligen Januarius.
Alle diese Dinge gingen an ihrem Verstande vorüber wie Phantome an dem Bette eines Schlafenden.
Alles dies war nicht das, was sie erwartete, wonach sie verlangte, wonach sie hoffte.
Lassen wir Luisa an ihrem Fenster, kehren wir in die Stadt zurück und wohnen wir den Schmerzen einer andern Seele bei, die nicht weniger unruhig war, als die ihrige.
Man weiß, von wen wir sprechen wollen.
Entweder ist uns das geistige und leibliche Porträt, welches wir von Salvato zu entwerfen gesucht, sehr schlecht gelungen, oder unsere Leser wissen, daß, wie sehnlich auch unser junger Soldat Luisa wieder zu sehen wünschte, doch die Pflicht des Soldaten unter allen Umständen über die Wünsche des Liebenden den Sieg davontrug.
Er hatte sich daher von der Armee getrennt, er hatte sich von Neapel entfernt und sich dieser Stadt wieder genähert, ohne eine Klage, ohne eine Bemerkung laut werden zu lassen, obschon er recht wohl wußte, daß bei dem ersten Worte, welches er zu Championnet von dem Magnete geäußert, der ihn nach Neapel zog, sein General, der für ihn die Zärtlichkeit der Bewunderung, vielleicht von allen Zärtlichkeiten die tiefste, hegte, ihm jede nur mögliche Erleichterung gewährt haben würde, damit er der Erste wäre, der nach Neapel gelangte.
In dem Augenblicke, wo er gerade noch zur rechten Zeit, um Michele das Leben zu retten, den Largo delle Pigne erreichte, und den jungen Lazzarone an seine Brust drückte, schlug sein Herz vor doppelter Freude, erstens weil er sich in größerem Maßstabe erkenntlich für den ihm geleisteten Dienst beweisen konnte, und zweitens weil er, sobald er mit Michele allein war, Kunde über Luisa erhalten konnte und Jemanden hatte, mit dem er von ihr sprechen konnte.
Aber auch diesmal sah er sich in seiner Erwartung getäuscht. Die lebhafte Phantasie des Obergenerals hatte in dem Wiederfinden Salvatos und des Lazzarone ein Ereigniß gesehen, von welchem er Nutzen ziehen konnte. Der Keim der Idee, die dahin gediehen, den heiligen Januarius sein Wunder verrichten zu lassen, hatte sich in seinem Geiste entwickelt und ihn zu dem Entschlusse bewogen, die Kathedrale unter die Bewachung Salvatos zu stellen und Michele zum Führer Salvato's nach der Kathedrale zu wählen.
Man hat gesehen, daß diese doppelte Wahl gut war, denn sie hatte den gewünschten Erfolg gehabt.
Nur war Salvato bis zum nächstfolgenden Tage zur Bewachung der Kathedrale bestimmt, für welche er zu bürgen hatte.
Kaum aber hatte er den erzbischöflichen Palast erreicht, und seine Grenadiere unter dem Portale der Kirche und auf dem kleinen Platze, welcher in die Strada dei Tribunali führt, Posto fassen lassen, so schlang er seine Arme um Michelles Hals, zog ihn in die Kathedrale hinein und sagte weiter nichts zu ihm, als die zwei Worte, in welchen gleichwohl eine ganze Welt von Fragen lag:
»Und sie?«
Michele erzählte mit der tiefen Intelligenz, welche er aus dem dreifachen Gefühle der Verehrung, der Zärtlichkeit und der Dankbarkeit, die er für Luisa hegte, schöpfte, ihm Alles, von den ohnmächtigen Bemühungen Luisas, mit ihrem Gemahle abzureisen, an bis zu dem letzten Worte, welches sie vor drei Tagen aus der Tiefe ihres Herzens gesprochen:
»Wenn Du Salvato triffst –«
Die letzten Worte Luisas und die ersten Worte Salvatos konnten folglich so übersetzt werden:
»Ich liebe ihn immer noch!«
»Ich bete sie mehr an als je!«
Obschon das Gefühl, welches Michele für Affunta hegte, nicht den Grad der Liebe erreichte, welche Salvato und Luisa für einander empfanden, so konnte der junge Lazzarone doch die Höhe ermessen, welche er selbst nicht erreichte, und in seiner überwallenden Dankbarkeit, in jener Freude, zu leben, welche die Jugend in Folge einer großen überstandenen Gefahr empfindet, machte er sich zum Dolmetscher der Gesinnungen Luisa's mit mehr Wahrheit und mit größerer Beredsamkeit, als sie gewagt haben würde es selbst zu thun, und im Namen Luisas, ohne von ihr beauftragt worden zu sein, sagte er ihm zwanzigmal, daß Luisa ihn liebe, während Salvato seinerseits nicht müde ward, es zu hören.
Während Michele so mit Erzählen und Salvato mit Zuhören die Zeit hinbrachten, stand Luisa am Fenster und schaute, ob sie auf der Straße von Chiaja nichts kommen sähe.
Siebentes Capitel.
Michele‘s Gelübde
Die Nacht senkte sich langsam vom Himmel herab.
So lange Luisa hoffen konnte, in der Dämmerung etwas zu unterscheiden, blieb sie am Fenster stehen. Von Zeit zu Zeit richtete sie ihren Blick gegen Himmel, wie um Gott zu fragen, ob der, den sie vergebens auf der Erde suchte, vielleicht oben bei ihm sei.
Gegen acht Uhr glaubte sie in der Dunkelheit einen Mann zu erkennen, welcher den Gang und die Gestalt Michele's hatte.
Der Mann blieb an der Thür des Gartens stehen, ehe er aber noch Zeit hatte, anzupochen, rief Luisa:
»Michele!«
Und Michele antwortete:
»Schwesterchen!«
Bei dem Ton dieser ihn rufenden Stimme eilte Michele herbei und da das Fenster höchstens acht bis zehn Fuß hoch war, so kletterte er, die Mauerritzen zwischen den Steinen benutzend, in die Höhe, klammerte sich an den Balcon und schwang sich in das Innere des Speisesaales.
Auf den ersten Ton von Michele's Stimme, bei dem ersten Blick, den Luisa auf ihn warf, sah sie, daß sie kein Unglück zu fürchten hatte, in so hohem Grade strahlte das Antlitz des jungen Lazzarone von Frieden und Glück.
Was ihr dabei ganz besonders auffiel, war das seltsame Kostüm, welches ihr Milchbruder trug.
Es bestand zunächst aus einer Art Uhlanentschako mit einem Federstutz, welcher ursprünglich einem Tambourmajor gehört zu haben schien, und in einer kurzen, himmelblauen, auf der Brust und auf den Aermeln mit Goldstickereien bedeckten Jacke.
An seinem Halse hing, nur die linke Schulter bedeckend, ein rother Dolman mit nicht weniger kostbaren Stickereien als die der Jacke.
Graue, mit goldenen Treffen besetzte Beinkleider vervollständigten dieses Kostüm, welches noch furchtbarer durch den großen Säbel gemacht ward, den Michele der Freigebigkeit Salvatos verdankte und der, wie die Gerechtigkeit gegen seinen Herrn zu sagen verlangt, während der so eben verflossenen drei Tage nicht müßig geblieben war.
Dies war die Uniform, welche der Obergeneral, die Treue kennend, welche der Lazzarone gegen Salvato bewiesen, sich beeilt hatte, ihm zu schicken.
Michele hatte sie sofort angelegt und, ohne Salvato zu sagen, zu welchem Zwecke, diesen um einen einstündigen Urlaub gebeten, der ihm auch sofort bewilligt ward.
In einem Sprunge war er von der Vorhalle der Kathedrale zu Affunta geeilt, wo sein Erscheinen zu einer solchen Stunde und in einem solchen Kostüm nicht blos das Erstaunen des jungen Mädchens, sondern auch das des alten Basso Tomeo und seiner drei Söhne erweckt hatte, von welchen zwei in einem Winkel beschäftigt waren, sich die empfangenen Wunden zu verbinden.
Michele ging stracks auf den Kleiderschrank zu, nahm aus demselben den schönsten Anzug seiner Geliebten, rollte ihn unter dem Arm zusammen, versprach den nächstfolgenden Tag früh wiederzukommen und entfernte sich unter Harlekinsprüngen und unzusammenhängenden, verworrenen Reden, welche ihm ganz gewiß den Beinamen des Pazzo oder Narren erworben haben würden, wenn er sich dieses Prädicats nicht schon seit langer Zeit erfreut hätte.
Von der Marinella bis zur Margelina ist es weit, denn man muß, um von der einen zur andern zu gelangen, Neapel in seiner ganzen Breite durchschreiten.
Michele kannte aber alle Gäßchen und Durchgänge, die ihm einige Schritte Weges ersparen konnten, so genau, daß er blos eine Viertelstunde brauchte, um bis zu Luisa zu gelangen, und wir haben gesehen, daß er, um diesen Weg so viel als möglich abzukürzen, anstatt durch die Thür in das Haus zu gehen, zum Fenster hineingeklettert war.
»Vor allen Dingen, sagte Michele, indem er von dem Fenstersims in das Zimmer sprang, »er lebt, er befindet sich wohl, er ist nicht verwundet und er liebt Dich über alle Begriffe.«
Luisa stieß einen Freudenruf aus. Dann faßte sie, die Zärtlichkeit, welche sie für ihren Milchbruder hegte, mit der Freude mischend, welche die von ihm gebrachte gute Nachricht ihr bereitete, ihn in ihre Arme und drückte ihn an ihr Herz, indem sie murmelte:
»Michele! lieber Michele! Wie freue ich mich, Dich wiederzusehen!«
»Und Du kannst Dich auch darüber freuen, denn es fehlte nicht viel, so hättest Du mich nicht wiedergesehen. Ohne ihn wäre ich erschossen worden.«
»Ohne wen?« fragte Luisa, obschon sie recht wohl wußte, von wem Michele sprach.
»Nun, ihn!« sagte Michele. »Wen denn sonst? Hätte wohl irgend ein Anderer als Signor Salvato mich vom Tode retten können? Wer zum Teufel hätte sich denn um die Löcher gekümmert, welche sieben oder acht Kugeln in die Haut eines armen Lazzarone machen können? Er aber eilte sogleich herbei und sagte: »Das ist Michele! Er hat mir das Leben gerettet; ich verlange, daß er begnadigt werde!« Dann schloß er mich in die Arme, küßte mich vor allen Leuten und der Obergeneral machte mich zum Oberst, wodurch ich freilich dem Galgen bedeutend näher gekommen bin, meine liebe Luisa.«
Dann, als er sah, daß sie ihn hörte, ohne seine Worte zu verstehen, fuhr er fort:
»Aber um alles dies handelt es sich jetzt nicht. In dem Augenblick, wo ich erschossen werden sollte, that ich ein Gelübde, welches auch Dich mit betraf, Schwesterchen.«
»Mich?«
»Ja, Dich. Ich gelobte nämlich, wenn ich noch davonkäme – und ich versichere Dir, die Aussichten dazu waren durchaus nicht sonderlich – ich gelobte also, wenn ich mit dem Leben davonkäme, so sollte dieser Tag nicht vorübergehen, ohne daß ich mit Dir, Schwesterchen, mein Gebet zum heiligen Januarius verrichtete. Nun ist aber keine Zeit zu verlieren, und da man sich darüber wundern könnte, wenn man eine vornehme Dame wie Dich am Arm Micheles, des Narren, wenn er auch jetzt Oberst ist, in den Straßen von Neapel herumlaufen sähe, so bringe ich Dir ein Kostüm, in welchem man Dich nicht erkennen wird.
Und er ließ das Packet, welches Affuntas Kleider enthielt, zu Luisas Füße niederfallen.
Luisa verstand immer weniger, ihr Instinkt aber sagte ihr, daß diesem Allem für ihr hochklopfendes Herz eine Ueberraschung zu Grunde liege, die ihr Geist nicht errathen könne.
Vielleicht wollte sie auch in Micheles geheimnißvollen Vorschlag nicht weiter eindringen, weil sie fürchtete, ihn dann zurückweisen zu müssen.
»Wohlan,« sagte Luisa, »da Du ein Gelübde gethan hast, mein armer Michele, und Du diesem Gelübde das Leben zu verdanken glaubt, so muß es auch gehalten werden. Wolltest Du demselben untreu werden, so würde Dir dies Unglück bringen. Uebrigens schwöre ich Dir, daß ich nie in besserer Stimmung gewesen bin, zu beten, als gerade in diesem Augenblicke. Aber –« setzte sie schüchtern hinzu.
»Nun, aber?«
»Du erinnerst Dich doch, daß er mir gesagt hatte, das Fenster im Gäßchen eben so offen zu halten wie die Thüren, welche von diesem Fenster in sein Zimmer führen?«
»Und folglich,« sagte Michele, »steht das Fenster und die nach seinem Zimmer führende Thür auch wirklich offen.«
»Ja. Denke Dir, was er gedacht haben würde, wenn er sie verschlossen gefunden hätte.«
»Ja, das würde ihn freilich tief geschmerzt haben. Unglücklicherweise aber ist Signor Salvato, seitdem er wieder hergestellt ist, nicht mehr sein eigener Herr. Diese Nacht hat er die Wache bei dem Obergeneral und da er diesen Posten erst morgen Früh um elf Uhr verlassen darf, so können wir Fenster und Thüren schließen und dem heiligen Januarius das Gelübde lösen, welches ich ihm gethan.«
»Ja, gehen wir, seufzte Luisa, indem sie Affuntas Kleider in ihr Zimmer trug, während Michele die Thüren und Fenster zu schließen ging.
Als er in das Zimmer trat, welches auf das Gäßchen ging, glaubte er einen Schatten zu sehen, der sich in dem dunkelsten Winkel des Zimmers zu verstecken suchte.
Da dies schlimme Absichten verrathen konnte, so ging Michele mit ausgebreiteten Armen darauf zu.
Der Schatten aber, welcher sah, daß er nicht entrinnen konnte, kam auf ihn zu und sagte:
»Ich bin es, Michele. Ich bin auf Signoras Befehl hier.«
Michele erkannte sofort Giovannina's Stimme und da die Sache durchaus nichts Unwahrscheinliches hatte, so kümmerte er sich weiter nicht darum, sondern begann blos die Fenster zu schließen.
»Aber,« fragte Giovannina, »wenn nun Signor Salvato kommt?«
»Er wird nicht kommen,« antwortete Michele.
»Ist ihm vielleicht ein Unglück zugestoßen?« fragte Giovannina in einem Tone, welcher mehr als gewöhnliches Interesse verrieth, und dessen Unklugheit sie auch selbst einsah, denn sie setzte beinahe unmittelbar darauf hinzu:
»In diesem Falle müßte man diese Nachricht Signora mit aller möglichen Schonung beibringen.«
»Signora,« entgegnete Michele, »weiß in dieser Beziehung bereits Alles, was sie zu wissen braucht, und obschon Signor Salvato kein Unglück zugestoßen ist, so kann er doch von da, wo er jetzt ist, nicht eher fort als morgen Früh.«
In diesem Augenblick hörte man Luisas Stimme, welche ihre Dienerin rief.
Giovannina begab sich nachdenklich und die Stirn runzelnd langsam nach dem Zimmer, von wo aus ihre Herrin sie rief, während Michele, an ihre Launen, die er vielleicht bemerkte, aber sich weiter nicht zu erklären suchte, gewöhnt, die Fenster und Thüren schloß, welche Luisa sich zwanzigmal vorgenommen nicht zu öffnen und die sie seit drei Tagen dennoch stets offen hielt.
Als Michele in den Speisesaal zurückkam, war Luisa mit ihrer Toilette fertig.
Er stieß einen Ruf des Erstaunens aus. Noch nie war sie ihm so schön erschienen wie in diesem Kostüm, welches sie trug, als ob es von jeher das ihrige gewesen wäre.
Giovannina ihrerseits betrachtete ihre Herrin mit einem seltsamen Ausdruck von Eifersucht. Sie verzieh ihr, daß sie in ihren Damenkleidern schön war, als Tochter des Volkes aber konnte sie ihr nicht verzeihen, daß sie auch in den Kleidern einer Tochter des Volkes reizend war.
Was Michele betraf, so bewunderte er Luisa auf richtig und naiv, und da er nicht errathen konnte, daß jeder seiner Lobprüche für das Herz der Dienerin ein Dolchstich war, so hörte er nicht auf in allen Tönen des Entzückens auszurufen:
»So schau' doch, Giovannina, wie schön sie ist!«
Und in der That umstrahlte eine Glorie nicht blos der Schönheit, sondern auch des Glückes Luisa's Stirn.
Nach so vielen Tagen der Angst und des Schmerzes gewann das so lange von ihr bekämpfte Gefühl die Oberhand. Zum ersten Male liebte sie Salvato ohne Hintergedanken, ohne Reue, beinahe ohne Selbstvorwurf.
Hatte sie nicht Alles, was sie gekonnt, gethan, um dieser Liebe zu entrinnen? War es nicht das Verhängniß selbst, welches sie an Neapel gefesselt und abgehalten hatte, ihrem Gemahl zu folgen?
Nun aber glaubt ein wahrhaft religiöses Herz, wie das Luisas war, nicht an das Verhängniß. Wenn es aber nicht das Verhängniß war, was sie zurückgehalten, so war es die Vorsehung, und wenn es die Vorsehung war, wie konnte sie dann das Glück fürchten, welches ihr auf diese Weise beschieden war?
Deshalb sagte sie auch zu ihrem Milchbruder in freudigem Tone:
»Ich warte, wie Du siehst, Michele. Ich bin bereit.«
Und mit diesen Worten ging sie voran auf den Perron hinunter.
Nun aber konnte Giovannina nicht umhin, Michele beim Arme zu ergreifen und festzuhalten.
»Wo geht Signora denn hin?« fragte sie.
»Sie geht, um dem heiligen Januarius dafür zu danken, daß er heute das Leben ihres Dieners gerettet hat,« antwortete der Lazzarone, indem er sich beeilte Luisa einzuholen, um ihr einen Arm zu bieten.
Von der Mergellina aus, wo kein Kampf stattgefunden, bot Neapel einen noch sehr ruhigen Anblick dar.
Die Chiaja war in ihrer ganzen Länge erleuchtet und französische Patrouillen durchfurchten die Menge, welche, hocherfreut, den Gefahren entronnen zu sein, welche drei Tage lang einen Theil der Bevölkerung erreicht und den übrigen bedroht, ihre Freude beim Anblick der republikanischen Uniform dadurch zu erkennen gab, daß sie die Tücher und Hüte schwenkte und rief:
»Er lebe die französische Republik! Es lebe die parthenopeische Republik!«
Und in der That, obschon die Republik in Neapel noch nicht proclamiert war, sondern es erst am folgenden Morgen werden sollte, so wußte doch bereits Jeder, daß dies die einzuführende Regierungsform sein würde.
Bei der Annäherung an die Toledostraße verdüsterte sich das Schauspiel ein wenig.
Hier begann die Reihe der niedergebrannten oder der Plünderung preisgegebenen Häuser.
Die ersten waren weiter nichts mehr als ein qualmender Trümmerhaufen, die andern ohne Thüren, ohne Fenster, ohne Läden mit ihren auf dem Pflaster aufgethürmten zerschlagenen Möbeln gaben einen Begriff von dem, was dieses Lazzaroniregiment gewesen, und besonders von dem, was es geworden wäre, wenn es noch einige Tage länger gedauert hätte.
An verschiedenen Punkten, wo man die Todten und die Verwundeten niedergelegt und wo auf den das Straßenpflaster bildenden Steinplatten große Blutflecken zu sehen waren, hielten mit Sand beladene Wagen, und mit Schaufeln versehene Männer warfen den Sand von den Wagen herab, während andere mit Rechen denselben gleichmäßig glatt strichen, wie in Spanien die Diener des Circus thun, wenn die Leichen der Stiere, der Pferde und zuweilen auch der Menschen aus der Arena hinweggeschafft werden.
Auf dem Platze des Mercatello ward das Schauspiel ein noch traurigeres. Vor dem cirkelrunden Platze am Jesuitencollegium hatte man eine Ambulanz errichtet, und während man Spottlieder auf die Königin sang, Feuerwerke abbrannte und Flintenschüsse in die Luft abfeuerte, riß man unter Wuthgeschrei eine unter dem Porticus stehende Statue Ferdinands des Ersten nieder und räumte die letzten Leichen hinweg.
Luisa wendete seufzend die Augen ab und ging vorüber.
Unter dem weißen Thore stand noch eine halb demolierte Barricade und gegenüber, an der Ecke der Strada San Pietro in Mazello, brannte ein Palast nieder und schleuderte, zusammenbrechend, Feuergarben gleich den Raketenbüscheln eines Kunstfeuerwerkes gegen Himmel.
Luisa schmiegte sich zitternd an Michele an. Und dennoch war ihre Angst mit einem Gefühl von freudigem Behagen gemischt, dessen Ursache sie sich selbst nicht zu erklären wußte.
So wie sie sich der alten Kirche näherte, ward ihr Schritt immer leichter und die Engel, welche den heiligen Januarius in den Himmel emporgetragen, schienen ihr ihre Schwingen geliehen zu haben, um sie die Stufen emporzutragen, welche von der Straße aus in das Innere des Tempels führen.
Michele geleitete Luisa in einen der dunkelsten Winkel des Gebäudes, stellte einen Stuhl vor sie hin und stellte einen zweiten neben den ersten; dann sagte er zu ihr:
»Bete; ich komme sogleich wieder.«
Mit diesen Worten eilte er aus der Kirche hinaus.
Er hatte Salvato Palmieri träumend an einer der Säulen gelehnt zu erkennen geglaubt. Er ging auf ihn zu. Es war wirklich Salvato.
»Kommen Sie mit mir, Herr Commandant,« sagte er zu ihm. »Ich habe Ihnen etwas zu zeigen, was, wie ich gewiß weiß, Ihnen Vergnügen machen wird.«
»Du weißt,« antwortete ihm Salvato, »daß ich meinen Posten nicht verlassen kann.«
»Das ist auch nicht nöthig.«
»Wie so?« fragte Salvato.
Michele gab keine Antwort, sondern schritt voran, während Salvato ihm neugierig folgte.
Sie gingen in die Kathedrale hinein und bei dem Scheine der Lampe, die auf dem Chor brannte und die wenigen Andächtigen sichtbar machte, welche gekommen waren, um hier ihre nächtlichen Gebete zu verrichten, zeigte Michele auf eine junge Frau, welche mit der tiefen Sammlung liebender Seelen betete.
Salvato stutzte.
»Sehen Sie?« fragte Michele, mit dem Finger zeigend.
»Was denn?«, fragte Salvato.
»Diese Frau, die so andächtig betet.«
»Nun, und?«
»Nun, Herr Commandant, während ich an Ihrer Statt, und zwar gewissenhaft wachen werde, knien Sie dort neben jene junge Frau nieder. Ich weiß selbst nicht, was mich auf den Gedanken bringt, aber ich glaube, sie wird Ihnen gute Nachrichten von meinem Schwesterchen Luisa mittheilen.«
Salvato betrachtete Michele mit Erstaunen.
»Gehen Sie! Gehen Sie doch!«, sagte Michele, ihn vorwärts schiebend.
Salvato that, was Michele ihm sagte; ehe er aber niederknien konnte, drehte sich Luisa bei dem Geräusche seines Trittes, den sie erkannt, herum, und ein schwacher, halb durch die Majestät des geheiligten Ortes zurückgehaltener Schrei entrang sich der Brust der beiden Liebenden.
Bei diesem unaussprechliches Glück verrathenden Schrei, welcher Michele verkündete, daß Alles seinen Absichten gemäß gelungen war, war die Freude des Lazzarone so groß, daß er trotz der neuen Würde, womit er bekleidet war, trotz der Majestät des Ortes, welche Salvato und Luisa bewogen, ihren doppelten Liebesruf in einem Gebete erlöschen zu lassen, sobald er aus der Kirche hinaus war, eine Reihe von Harlekinssprüngen ausführte, die zu denen, welche er gemacht, als er Affunta verließ, ein würdiges Seitenstück bildeten.
Wenn man dieses Verfahren Micheles, welches den Zweck hatte, die beiden Liebenden einander zu nähern, unbekümmert darum, ob er, indem er sie glücklich machte, nicht zugleich das Glück eines Dritten erschütterte, vom Standpunkte unserer Moralität aus betrachtet, so wird man darin allerdings etwas Unüberlegtes und sogar Tadelnswerthes finden.
Die Moralität des neapolitanischen Volkes ist aber nicht so empfindlich wie die unsere, und wer Michele gesagt hätte, daß er eine zweifelhafte Handlung begangen, würde ihn in großes Erstaunen gesetzt haben, denn er war vielmehr überzeugt, daß er die schönste That seines Lebens vollführt.
Vielleicht hätte er geantwortet, daß er, indem er den beiden Liebenden eine erste Zusammenkunft in einer Kirche verschafft, eben dadurch, indem er sie genöthigt, sich innerhalb der Grenzen des strengsten Anstandes zu halten, das beseitigt habe, was das Alleinsein, die Isolierung, die Dunkelheit an jedem andern Orte Verlockendes und Gewagtes gehabt haben könnten.
Wir sind es aber der strengen Wahrheit schuldig, zu erklären, daß der wackere Junge daran nicht einmal gedacht hatte.
Achtes Capitel.
Der Schutzpatron von Neapel
Wir haben schon von der Wirkung gesprochen, welche die von Championnet ausgegangene Verkündigung des Wunders des heiligen Januarius für den nächsten Tag in Neapel hervorgerufen hatte.
Championnet war entschlossen Alles auf einen Wurf zu setzen. Wenn das Wunder nicht geschah, so gab es eine Empörung zu unterdrücken, geschah es dagegen, so war damit die Ruhe und folglich das Fundament der parthenopeichen Republik gewonnen.
Um diesen unermeßlichen Einfluß des heiligen Januarius auf das neapolitanische Volk zu erklären, wollen wir mit einigen kurzen Worten sagen, auf welche Verdienste dieser Einfluß sich gründet:
Der heilige Januarius ist nicht wie die andern Heiligen des Kalenders ein gewöhnlicher Allerweltsheiliger, der, wie der heilige Petrus und der heilige Paulus, in allen christlichen Kirchen angerufen wird. Nein, der heilige Januarius ist ein localer, patriotischer, neapolitanischer Heiliger.
Der heilige Januarius gehört den ersten Jahrhunderten der Kirche an. Er predigte das Wort Christi zu Ende des dritten und zu Anfang des vierten Jahrhunderts und bekehrte Tausende von Heiden. Wie alle Bekehrer, zog er sich natürlich den Haß der Kaiser zu und starb im Jahre 305 den Märtyrertod.
Ueber diesen Märtyrertod müssen wir, um das Wunder der Flüssigwerdung des Blutes verständlich zu machen, hier einige nähere Einzelheiten erwähnen.
Der Vorrang, den der heilige Januarius vor allen andern Heiligen behauptet, ist nach der Meinung der Neapolitaner unbestreitbar. Allerdings haben die andern Heiligen bei ihren Lebzeiten und selbst nach ihrem Tode einige Wunder verrichtet, welche, nachdem sie von den Philosophen besprochen worden, in der Form einer sagenhaften halben Authenticität bis auf uns gekommen sind, während dagegen das Wunder des heiligen Januarius sich bis auf unsere Zeit fortgesetzt hat und sich zum größern Ruhme der Stadt Neapel und zur vollständigen Beschämung der Atheisten zweimal jährlich erneuert.
Vor Allem guter Bürger, liebt der heilige Januarius in der That und Wahrheit nur sein Vaterland und thut nur für dieses etwas. Wäre selbst die Welt von einer zweiten Sündflut bedroht, oder bräche sie um den unerschrockenen Mann des Horaz herum in Trümmer zusammen, so würde doch der heilige Januarius keinen Finger rühren, um sie zu retten.
Drohen dagegen die Regengüsse des Novembers die Ernten zu ersäufen, oder trocknet die Hitze der Augusttage die Cisternen seines geliebten Vaterlandes aus, so setzt der heilige Januarius Himmel und Erde in Bewegung, um im November Sonnenschein und im August Wasser zu erzwingen.
Hätte der heilige Januarius die Stadt Neapel nicht unter seinen ganz besondern Schutz genommen, so würde sie schon seit zehn Jahrhunderten nicht mehr existieren, oder wäre zu dem Range von Pozzuolo oder Baja herabgesunken.
Und in der That gibt es in der ganzen Welt keine Stadt, welche öfter von einer fremden Macht erobert und beherrscht worden ist. Dank der thätigen und ausdauernden Intervention ihres Schutzpatrons aber sind die Eroberer verschwunden und Neapel steht heute noch.
Die Normannen haben über Neapel regiert, der heilige Januarius aber hat sie verjagt.
Die Schwaben haben über Neapel regiert, aber der heilige Januarius hat sie verjagt.
Das Haus Anjou hat über Neapel regiert, aber der heilige Januarius hat es verjagt.
Die Aragonien haben ihrerseits den Thron von Neapel eingenommen, der heilige Januarius hat sie aber gezüchtigt.
Die Spanier haben Neapel tyrannisiert, aber der heilige Januarius hat sie geschlagen.
Die Franzosen haben Neapel eingenommen, der heilige Januarius aber hat sie wieder hinausgeführt.
Und als wir im Jahre 1836 diese Worte schrieben, setzten wir hinzu:
»Und wer weiß, was der heilige Januarius noch für sein Vaterland thun wird.«
Und in der That, von welcher Art auch die einheimische oder fremde, legitime oder angemaßte, liberale oder despotische Herrschaft sei, die auf diesem schönen Lande lastet, so lebt im innersten Herzen aller Neapolitaner der sie bis zum Stoicismus geduldig machende feste Glaube, daß alle Könige und alle Regierungen verschwinden und die Neapolitaner und der heilige Januarius das Einzige sein werden, was zuletzt in Neapel übrig bleibt.
Die Geschichte des heiligen Januarius beginnt mit der Geschichte von Neapel und wird wahrscheinlich auch nur mit ihr enden.
Die Familie des heiligen Januarius gehört natürlich dem höchsten Adel des Alterthums an. Das Volk, welches im Jahre 1647 seiner von einem Lazzarone befehligten Lazzaronirepublik den Titel einer aller durchlauchtigsten königlichen neapolitanischen Republik gab und im Jahr 1799 die Patrioten mit Steinwürfen verfolgte, weil sie gewagt hatten, das Prädicat »Excellenz« abzuschaffen, würde sich niemals dazu verstanden haben, sich einen Schutzheiligen von plebejischer Herkunft zu wählen. Der Lazzarone ist durch und durch aristokratisch, oder vielmehr er bedarf vor allen Dingen einer Aristokratie.
Die Familie des heiligen Januarius stammt in gerader Linie von der Familie der Januari in Rom, welche hinwiederum vom Janus abzustammen behaupteten.
Ihre ersten Jahre sind dunkel. Erst im Jahre 304, unter dem Pontificat des heiligen Marcelin, wird er zum Bischof des von dem Papst eben erst creirten Bisthums Benevento ernannt.
Welch' ein seltsames Geschick ruht auf diesem Bisthum Benevento, welches mit dem heiligen Januarius beginnt und mit Herrn von Talleyrand endet.
Die letzte Verfolgung, welche die Christen getroffen, hatte unter den Kaisern Diocletian und Maximian stattgefunden. Sie datierte von zwei Jahren, das heißt vom Jahre 302, und war eine der schrecklichsten gewesen. Siebzehntausend Märtyrer vergossen für die neue Religion ihr Blut.
Auf die Kaiser Diocletian und Maximian folgten die Kaiser Constantin und Galerius, unter welchen die Christen einen Augenblick aufathmeten.
Unter der Zahl der Gefangenen, welche unter den vorhergegangenen Regierungen in den Gefängnissen von Cumä zusammengepfercht wurden, befand sich Sofius, Diaconus von Misena, und Proculus, Diaconus von Pozzuolo.
Während der ganzen Zeit, welche die Verfolgung von 302 gedauert, hatte der heilige Januarius niemals verfehlt, ihnen mit Gefahr seines Lebens den Beistand und Trost seines Wortes zu bringen.
Vorläufig freigelassen, hielten die christlichen Gefangenen, welche nun alle Verfolgung überstanden zu haben glaubten, in der Kirche von Pozzuolo einen Dankgottesdienst, bei welchem der heilige Januarius, von Sofius und Proculus unterstützt, fungierte, als plötzlich eine Trompete schmetterte und ein geharnischter Herold in die Kirche hereingeritten kam, um laut ein altes Decret von Diocletian zu verlesen, welches die neuen Cäsaren wieder in Kraft setzten.
Dieses merkwürdige Decret, mag es nun echt oder apokryph sein, befindet sich noch jetzt in dem Archiv des Erzbisthums. Wir können es daher unsern Lesern eben so mittheilen, wie wir ihnen schon einige andere nicht ganz uninteressante historische Documente vorgelegt haben.
Es lautet:
»Diocletian, dreimal groß, immer gerecht, ewiger Kaiser, entbietet allen Proconsuln des römischen Reiches seinen Gruß.
»Da ein Gerücht, welches uns sehr mißfallen hat, nämlich, daß die Ketzerei Derer, die sich Christen nennen, eine Ketzerei, die zu den ruchlosesten gehört, wieder Macht und Ausbreitung gewinnt, daß die sogenannten Christen jenen von einer, ich weiß nicht was für einer Jüdin geborenen Jesus als Gott verehren und den großen Apollo, Merkur, Herkules, ja selbst Jupiter durch Schimpfreden und Verwünschungen beleidigen, während sie denselben Christus anbeten, den die Juden als Zauberer an ein Kreuz genagelt, zu unsern göttlichen Ohren gekommen ist:
»So befehlen wir hiermit, daß alle Christen, Männer und Frauen, in allen Städten und Gegenden, dafern sie sich weigern, unsern Göttern zu opfern und ihren Glauben abzuschwören, den grausamsten Martern unterworfen werden. Zeigen sie sich dagegen gehorsam, so wollen wir geruhen, ihnen Verzeihung zu gewähren. Im entgegengesetzten Falle fordern wir, daß sie mit der Schärfe des Schwertes und mit dem härtesten Tod (pessima morte) gestraft werden.
»Wisset endlich, daß, wenn Ihr unsere göttlichen Befehle verabsäumt, wir Euch selbst mit denselben Strafen belegen werden, womit wir die Schuldigen bedrohen.«
Im weiteren Verlauf unserer Geschichte werden wir, als Seitenstück hierzu, ein oder zwei Dekrete des Königs Ferdinand anzuführen haben. Man kann sie dann mit dem Diocletians vergleichen und man wird sehen, daß sie mit einander große Aehnlichkeit haben, nur sind die des römischen Kaisers in einem besseren Styl abgefaßt.
Wie man sich leicht denken kann, unterwarfen sich weder der heilige Januarius noch die beiden Diaconen diesem Decret.
Der heilige Januarius fuhr fort die Messe zu lesen und die beiden Diaconen, ihm zu assistieren, so daß sie eines schönen Morgens alle drei bei Ausübung ihres Amtes festgenommen wurden.
Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß Diejenigen, welche der Messe beiwohnten, ebenfalls festgenommen wurden, und noch weniger brauchen wir zu erwähnen, daß die Gefangenen sich durch die Drohungen des Proconsuls, welcher Timotheus hieß, nicht einschüchtern ließen, sondern standhaft bei ihrem Bekenntniß blieben.
In dem Augenblick, wo der heilige Januarius festgenommen ward, bat eine alte Frau, die ihn schon als einen Heiligen betrachtete, ihn, ihr einige Reliquien zu schenken. Der heilige Januarius gab ihr die beiden Phiolen, womit er soeben das Wunder des heiligen Sacraments vollzogen, und sagte zu ihr:
»Nimm diese beiden Phiolen, meine Schwester, und sammle darin mein Blut.«
»Aber ich bin gelähmt,« sagte die alte Frau, »und kann keinen Fuß vor den andern setzen.«
»Trinke den übriggebliebenen Wein und das Wasser aus diesen Fläschchen und Du wirst gehen können,« entgegnete der fromme Mann.
Er war es, auf den der Proconsul es ganz besonders abgesehen hatte, weil er es war, den der Herr ganz besonders in seinen Schutz nahm.
Man begann damit, daß man ihn in einen glühenden Ofen warf. Das Feuer erlosch aber und die glühenden Kohlen, welche den Fußboden bedeckten, verwandelten sich in einen Haufen duftender Blumen.
Nun verurtheilte man ihn, in den Circus geworfen und von Löwen zerrissen zu werden.
An dem hierzu festgesetzten Tage drängte sich eine ungeheure Menschenmenge in das Amphitheater. Man war aus allen Gegenden der Provinz herbeigeeilt, denn das Amphitheater von Pozzuolo war eben so wie das von Capua – aus welchem, wie man sich erinnert, Spartacus entsprang – eines der schönsten Campaniens.
Es war übrigens dasselbe, dessen Trümmer heute noch stehen und in welchem zweihundertunddreißig Jahre früher der göttliche Kaiser Nero dem Tiridates, erstem König von Armenien, ein Fest gegeben hatte. Letzterer war durch Corbulon, welcher für Tigranes kämpfte, aus seinem Reich vertrieben worden und kam nun, um den Sohn des Domitius und der Agrippina zu bitten, ihm wieder zu seiner Krone zu verhelfen.
Es war Alles vorbereitet, um den Barbaren in Erstaunen und Verwunderung zu setzen. Die gewaltigsten Thiere, die geschicktesten Gladiatoren hatten aber vor ihm gekämpft, ohne daß dies Eindruck auf ihn zu machen schien.
Nero fragte ihn, was er von diesen Kämpfern denke, deren übermenschliche Anstrengungen den ganzen Circus zu lautem Beifall hingerissen, und Tiridates erhob, ohne ein Wort zu entgegnen, sich lächelnd, schleuderte seinen Wurfspieß in den Circus und durchbohrte zwei Stiere mit einem einzigen Wurf.
Seit dem Tage, wo Tiridates diesen Beweis seiner riesigen Körperkraft gegeben, hatte der Circus noch nie wieder eine so große Anzahl von Zuschauern gesehen.
Kaum hatte der Proconsul auf seinem Throne Platz genommen und kaum hatten die Lictoren sich um ihn herum gruppiert, so wurden die drei Heiligen der Thür gegenüber gestellt, zu welcher die Thiere hereingelassen werden sollten.
Auf einen Wink von Timotheus öffnete sich diese Thür und die wilden Bestien kamen in die Arena hereingeschnaubt.
Bei ihrem Anblicke klatschten dreißigtausend Zuschauer vor Freuden in die Hände.
Die ihrerseits verwunderten Thiere antworteten durch ein drohendes Gebrüll, welches alle Stimmen übertäubte und jeden Beifallslärm zum Schweigen brachte.
Gereizt durch das Geschrei der Menge, verzehrt durch den Hunger, zu welchem ihre Hüter sie seit drei Tagen verurtheilt, angelockt durch den Geruch des Menschenfleisches, womit man sie am Festtagen gefüttert, begannen die Löwen ihre Mähnen zu schütteln, die Tiger hin und her zu springen und die Hyänen sich den Rachen zu lecken.
Wie groß aber war das Erstaunen des Proconsuls, als er sah, wie die Hyänen, die Tiger und die Löwen sich plötzlich zum Zeichen der Ehrfurcht und des Gehorsams zu den Füßen der drei Märtyrer niederstreckten, während die Fesseln des heiligen Januarius von selbst abfielen und er mit seiner nun freigewordenen Hand lächelnd die Zuschauer segnete.
Timotheus, der Proconsul, konnte, wie man leicht begreift, nicht die mindeste Schonung gegen einen elenden Erzbischof zeigen und zwar um so weniger, als bei dem Anblick des letzten von diesem gethanen Wunders fünftausend Zuschauer sofort Christen geworden waren. Als er sah, daß das Feuer nichts über seinen Gefangenen vermochte, und daß die Löwen sich zu seinen Füßen niederstreckten, befahl er, daß der Bischof und die beiden Diaconen durch das Schwert hingerichtet würden.
Es war an einem schönen Herbstmorgen, am 19. September 305, als der heilige Januarius, von Proculus und Sofius begleitet, in die Ebene von Solfatara nach den Forum an einem halb erloschenen Krater geführt ward, um hier vom Leben zum Tode gebracht zu werden.
Kaum aber hatte er zwanzig Schritte in der Richtung des Forum gethan, als ein Bettler sich durch die Menge hindurchdrängte und sich ihm zu Füßen warf.
»Wo bist Du, heiliger Mann?«, fragte der Bettler. »Ich bin blind und sehe Dich nicht.«
»Hier bin ich, mein Sohn,« sagte der heilige Januarius, indem er stehen blieb, um den alten blinden Mann anzuhören.
»O mein Vater,« rief der Bettler, »dann ist es mir also, ehe ich sterbe, vergönnt, den Staub zu küssen, den deine Füße berührt haben.«
»Dieser Mensch ist von Sinnen, sagte der Henker, und wollte den Bettler zurückstoßen.
»Ich bitte Dich, laß ihn herankommen, sagte der heilige Januarius, »die Gnade des Herrn ist mit ihm.«
Der Henker trat achselzuckend auf die Seite.
»Was willst Du, mein Sohn?« fragte der Heilige.
»Ein einfaches Andenken von Dir, sei es, welches es wolle. Ich werde es bis an das Ende meiner Tage bewahren und es wird mir Glück bringen in dieser wie in jener Welt.«
»Aber, mischte der Henker sich ein, weißt Du nicht, daß die Verurtheilten kein Eigenthum mehr haben? Wie kannst Du so dumm sein, einen Menschen, welcher im Begriff steht zu sterben, um ein Almosen zu bitten.«
»Welcher im Begriff steht, zu sterben,« wiederholte der blinde Bettler, und schüttelte den Kopf. »Dies ist doch wohl nicht so ganz gewiß und es wäre nicht das erste Mal, daß er Euch entränne.«
»Sei unbesorgt,« antwortete der Henker. »Diesmal wird er es mit mir zu thun haben.«
»Mein Sohn,« sagte der heilige Januarius, »ich besitze nichts mehr als das Tuch, womit man mir, ehe man mich enthauptet, die Augen verbinden wird. Ich vermache es Dir nach meinem Tode.«
»Und wenn die Söldner mir nicht erlauben, mich Dir zu nähern?«
»Sei unbesorgt, ich werde es Dir selbst bringen.«
»Dank, mein Vater.«
»Lebe wohl, mein Sohn.«
Der Blinde entfernte sich und der Zug setzte sich wieder in Bewegung.
Auf dem Forum angelangt, knieten die drei Märtyrer nieder und der heilige Januarius rief mit lauter Stimme:
»Mein Herr und Gott, ich bitte Dich, gewähre mir heute den Märtyrertod, den Du mir schon zweimal verweigert. Möge unser Blut deinen Zorn beschwichtigen und das letzte sein, welches durch die Verfolgungen der Tyrannen gegen unsere heilige Kirche vergossen wird.«
Dann erhob er sich, umarmte die beiden Genossen seines Märtyrerthums und winkte dem Henker, ein blutiges Werk zu beginnen.
Der Henker enthauptete zuerst Proculus und Sofius, welche, das Lob des Herrn singend, starben; als er sich aber dem heiligen Januarius, näherte, um ihm ebenfalls das Haupt abzuschlagen, ward er von so heftigem krampfhaftem Zittern ergriffen, daß das Schwert ihm aus den Händen fiel und er nicht einmal die Kraft hatte, sich zu bücken und es wieder aufzuheben.
Der heilige Januarius verband sich hierauf selbst die Augen, nahm die Stellung an, welche für die furchtbare Verrichtung die günstigste war, und fragte dann den Henker:
»Nun, worauf wartest Du noch, mein Bruder?«
»Ich werde dieses Schwert nicht eher aufheben können, als bis Du mir die Erlaubniß dazu gibst, und ebenso kann ich Dir auch das Haupt nicht abschlagen, wenn ich nicht aus deinem eigenen Munde Befehl dazu erhalte.«
»Ich erlaube und befehle es Dir nicht blos, mein Bruder, sondern ich bitte Dich darum.«
Sofort fühlte der Henker sich wieder stark und kräftig und führte den verhängnißvollen Streich mit solcher Gewalt, daß nicht blos der Kopf des Heiligen, sondern auch einer seiner Finger mit abgetrennt war.
Was das doppelte Gebet betraf, welches der heilige Januarius vor seinem Tode an Gott gerichtet, so ward es ohne Zweifel erhört, denn der Henker erklärte ihm, indem er ihm den Kopf abschlug, selbst für einen Märtyrer, und in demselben Jahre noch floh Constantin, welcher später Constantin der Große ward und den Triumph der christlichen Religion sicherte, aus Nicomedien, empfing in York den letzten Seufzer seines Vaters und ward von den Legionen Britanniens, Galliens und Spaniens zum Kaiser ausgerufen. Von dem Todesjahr des heiligen Januarius datiert folglich der Sieg der christlichen Kirche.
Am Abend der Hinrichtung gegen neun Uhr näherten sich zwei Personen, gleich zwei Schatten, schüchtern dem verlassenen Forum und suchten mit den Augen die drei Leichen der Hingerichteten, die man auf dem Platze liegen gelassen.
Der eben aufgehende Mond beleuchtete die gelbliche Ebene von Solfatara, so daß man jeden Gegenstand in allen seinen Einzelheiten unterscheiden konnte.
Die beiden Personen, welche allein diesen öden, schauerlichen Ort aufsuchten, waren ein alter Mann und eine alte Frau.
Beide beobachteten einander einen Augenblick lang mit Mißtrauen.
Dann entschlossen sie sich endlich, aufeinander zuzugehen.
Als sie sich einander bis auf drei Schritte genähert hatten, legten beide die Hand an die Stirn und machten das Zeichen des Kreuzes.
Nachdem sie sich auf diese Weise als Christen zu erkennen gegeben, sagte die Frau:
»Guten Abend, mein Bruder.«
»Guten Abend, meine Schwester,« antwortete der Greis.
»Wer bist Du?«
»Ein Freund des heiligen Januarius. Und Du?«
»Eine seiner Verwandten.«
»Aus welcher Gegend bist Du?«
»Ich bin von Neapel. Und Du?«
»Ich bin von Pozzuolo. Was führt Dich zu dieser Stunde hierher?«
»Ich komme, um das Blut des Märtyrers zu sammeln. Und Du?«
»Ich komme, um seine Leiche zu begraben.«
»Hier sind die beiden Fläschchen, mit welchen er seine letzte Messe gelesen. Er gab sie mir, als er die Kirche verließ, und befahl mir, den noch darin befindlichen Rest von Wasser und Wein zu trinken. Ich war gelähmt und hat seit zehn Jahren weder Füße noch Hände rühren können. Kaum aber hatte ich auf den Befehl des nun glückselige heiligen Januarius die Fläschchen geleert, so stand ich an und wandelte.«
»Und ich, sagte der alte Mann, »ich war blind. Ich bat den Märtyrer, als er sich auf dem Wege zu seiner Hinrichtung befand, um ein Andenken an ihn. Er versprach m nach seinem Tode das Tuch zu geben, womit man ihm die Augen verbinden würde. In demselben Augenblick, wo der Henker ihm den Kopf abschlug, erschien er mir, gab mir das Tuch, befahl mir, es mir auf die Augen zu drücken und am Abend hierher zu kommen und seine Leiche zur Erde zu bestatten. Ich wußte nicht, wie ich den zweiten Theil seines Befehles ausführen sollte, denn ich war blind; kaum aber hatte ich die heilige Reliquie an meine Stirn gedrückt, fühlte ich, gleich dem heiligen Paulus auf dem Wege nach Damascus, wie mir die Schuppen von den Augen fielen, und ich bin nun hier, um dem Befehle des hochseligen Märtyrer zu gehorchen.«
»Sei gesegnet, mein Bruder, denn nun weiß ich, daß Du wirklich der Freund des heiligen Januarius bist, der mir zu derselben Zeit wie Dir erschien, um mir zum zweiten Male zu befehlen, sein Blut zu sammeln.«
»Sei gesegnet, meine Schwester, denn ich sehe meinerseits, daß Du wirklich seine Verwandte bist. Doch ich habe noch etwas vergessen –«
»Was denn?«
»Er befahl mir, einen Finger zu suchen, der ihm gleichzeitig mit dem Haupte abgeschlagen worden ist, und diesen Finger wieder mit seinen geheiligten Ueberresten zu vereinigen.«
»Mir sagte er auch noch, ich würde in seinem Blute einen Strohhalm finden, und er befahl mir, denselben sorgfältig in dem kleinsten der beiden Fläschchen zu verwahren.«
»Suchen wir, meine Schwester.«
»Ja, suchen wir, mein Bruder.«
»Zum Glück leuchtet uns der Mond.«
»Das ist abermals eine Wohlthat des Heiligen, denn seit einem ganzen Monate ward der Mond fortwährend durch Wolken verhüllt.«
»Hier ist der Finger, den ich suchte.«
»Und hier ist der Strohhalm, von welchem er sprach.«
Und während der Greis von Pozzuolo den Rumpf, den Kopf und den Finger des Märtyrers in einen Sarg legte, sammelte die alte Frau von Neapel, andächtig niederkniend, mittelst eines Schwammes das kostbare Blut bis auf den letzten Tropfen und füllte damit die beiden Fläschchen, welche der Heilige ihr gegeben.
Es ist dies dasselbe Blut, welches seit fünfzehn und einem halben Jahrhunderte allemal, wenn man es dem Haupte des Heiligen nähert, in Wallung geräth, und in diesem geheimnißvollen, unerklärlichen Flüssigwerden und Wallen, welches jährlich zweimal geschieht, besteht das berühmte Wunder des heiligen Januarius, welches in der Welt so viel Aufsehen macht und welches Championnet gutwillig oder mit Zwang von dem Heiligen zu erlangen gedachte.
Neuntes Capitel.
In welchem der Antor sich genöthigt sieht, seinem Buche: »Der Coricolo« ein ganzes Capitel zu entlehnen, weil er nicht hoffen kann, es besser zu machen
Wir wollen den Reliquien des heiligen Januarius nicht auf den verschiedenen Wanderungen folgen, welche sie durchgemacht und wodurch sie von Pozzuolo nach Neapel, von Neapel nach Benevento und endlich von Benevento nach Neapel zurückgeführt wurden.
Diese Erzählung würde uns in die Geschichte des ganzen Mittelalters hinein verwickeln und man hat diese interessante Epoche so sehr gemißbraucht, daß sie anfängt aus der Mode zu kommen.
Erst seit dem Beginne des sechzehnten Jahrhunderts hat der heilige Januarius einen festen, unabänderlichen Wohnsitz, welchen er nur zweimal jährlich verläßt, um in der Kathedrale der heiligen Clara, dem Begräbnißorte der Könige von Neapel, sein Wunder zu verrichten.
Noch zwei- oder dreimal vielleicht stört man dem Heiligen auf Veranlassung des Zufalls, aber es bedarf dann jener großen Ereignisse, welche ein Königreich bewegen oder eine Provinz aufregen, um ihn seinen ruheliebenden Gewohnheiten untreu zu machen. Jede dieser ausnahmsweisen Ausstellungen wird ein Ereigniß, dessen Erinnerung durch die mündliche Tradition in dem Gedächtnisse des neapolitanischen Volkes sich fort erhält und vergrößert.
Während des ganzen übrigen Jahres weilt der heilige Januarius in dem Palaste des Erzbischofs und zwar in der sogenannten Capelle des Schatzes.
Diese Capelle ward von den neapolitanischen Edelleuten und Bürgern erbaut und ist das Ergebniß eines Gelübdes, welches sie im Jahre 1527, erschreckt durch die Pest, welche in diesem Jahre die treue Stadt Neapel verheerte, gemeinschaftlich thaten.
Die Pest hörte, Dank der Vermittelung des Heiligen, auf und die Capelle ward als Beweis der öffentlichen Dankbarkeit gebaut.
Ganz im Gegensatz zu gewöhnlichen Anbetern, welche, wenn die Gefahr vorüber ist, den Heiligen, den sie angerufen, sehr oft vergessen, entwickelten die Neapolitaner bei der Erfüllung des ihrem Heiligen gegebenen Versprechens eine solche Gewissenhaftigkeit, daß, als Donna Katharina von Sandoval, die Gemahlin des alten Grafen von Lemos, Vicekönigs von Neapel, sich erbot, ihrerseits zur Erbauung der Capelle eine Summe von dreißigtausend Ducaten beizusteuern, die diese Summe zurückwiesen und erklärten, daß sie die Ehre, ihrem heiligen Beschützer eine würdige Wohnung zu gewähren, mit keinem Fremdling, theilen wollten, selbst wenn es ihr Vicekönig oder ihre Vicekönigin wäre.
Da es sonach weder an Geld noch an gutem Willen fehlte, so war die Capelle sehr bald gebaut.
Allerdings hatten, um sich gegenseitig bei gutem Willen zu erhalten, Edelleute und Bürger vor dem öffentlichen Notar Meister Vicenzo de Basis eine Verbindlichkeit übernommen, welche jetzt noch besteht.
Diese Urkunde datiert vom 13. Januar 1527 und die Unterzeichner derselben machen sich darin anheischig, zur Bestreitung der Baukosten die Summe von dreizehntausend Ducati aufzubringen.
Wie es scheint, hatte man aber schon zu jener Zeit Grund, den Kostenanschlägen der Architekten zu mißtrauen, denn das Portal allein kostete fünfunddreißigtausend Ducati, das heißt dreimal so viel, als die zur Erbauung der ganzen Capelle bewilligte und veranschlagte Summe betrug.
Als die Capelle fertig war, beschloß man sie mit Frescogemälden zu schmücken, welche die hauptsächlichen Thaten aus dem Leben des Heiligen vorstellen, und zu diesem Zwecke die ersten Maler der Welt zu berufen.
Unglücklicherweise ward dieser Beschluß von den neapolitanischen Malern nicht gut geheißen, denn diese erklärten ihrerseits, daß die Capelle nur durch einheimische Künstler geschmückt werden dürfe und daß jeder fremde Kunstrival, welcher der Aufforderung entspräche, Ursache haben solle, es bitterlich zu bereuen.
Sei es nun, daß sie von diesem Schwur nichts wußten, sei es, daß sie nicht an die Ausführung desselben glaubten, kurz, die Maler Guido Reni, Dominichino und der Chevalier von Arpino kamen von Neapel, um mitzuhelfen.
Der Chevalier von Arpino ward jedoch genöthigt, die Flucht zu ergreifen, ehe er noch den Pinsel in die Hand genommen.
Guido Reni verließ nach zwei auf ihn unternommenen Mordversuchen, denen er nur durch ein Wunder entging Neapel ebenfalls.
Nur Dominichino, der durch die Verfolgungen, die er erfahren, an den Kampf gewöhnt und eines Lebens, welches seine Nebenbuhler ihm so schmerzlich verbittert, ohnehin müde war, hörte weder auf Beleidigungen noch Drohungen, sondern fuhr fort zu malen.
Er malte nach der Reihe die Frau, welche die Kranken heilt (mit dem Oel der Lampe, welche vor dem Schrein des heiligen Januarius brennt), die Auferweckung des Jünglings und die Kuppel, bis er eines Tages auf seinem Gerüst plötzlich unwohl ward. Man schaffte ihn nach Hause, er war vergiftet.
Nun glaubten die neapolitanischen Maler aller Concurrenz überhoben zu sein, aber dem war nicht so.
Eines schönen Morgens sahen sie Geffi ankommen, welcher zwei seiner Schüler mitbrachte, um Guido Reni, seinen Meister, zu ersetzen.
Acht Tage später waren die beiden Schüler, die man auf eine Galeere gelockt, verschwunden, ohne daß man jemals wieder etwas von ihnen hörte.
Geffi, der sich nun verlassen sah, verlor den Muth und zog sich seinerseits zurück, so daß Espagnolet, Corenzio, Lanfranco und Stanzoni sich allein im Besitz dieses Schatzes von Ruhm und Zukunft sahen, zu welchem sie durch Verbrechen gelangt waren.
Nun malte Espagnolet seinen Heiligen aus dem feurigen Ofen kommend, eine riesige Composition; Stanzoni die von dem Heiligen geheilte Besessene und endlich Lanfranco die Kuppel, an welcher er sich weigerte Hand anzulegen, so lange nicht die von Dominichino an den Ecken der Gewölbe angefangenen Frescogemälde vollständig wieder entfernt wären.
Dieser Capelle, wo auch die Kunst ihre Märtyrer gehabt, wurden die Reliquien des Heiligen anvertraut.
Diese Reliquien befinden sich in einer Nische hinter dem Hauptaltar, die durch eine marmorne Scheidewand in zwei Hälften getheilt ist, damit der Kopf des Heiligen nicht sein Blut ansehen könne, wodurch das Wunder vor der dazu bestimmten Zeit bewirkt werden würde, weil – so sagen die Priester – eben durch die Berührung des Hauptes und der Fläschchen das geronnene Blut flüssig wird.
Diese Nische ist überdies durch zwei Thüren von massivem Silber verschlossen, welche mit dem Wappen Karls des Zweiten, Königs von Spanien, verziert sind.
Zu diesen Thüren gehören zwei Schlüssel, von welchen der eine sich in Verwahrung des Erzbischofs, der andere in der einer Gesellschaft befindet, welche aus der Zahl der Edelleute durchs Loos gewählt wird und welche man die Deputierten des Schatzes nennt.
Man sieht, daß der heilige Januarius sich genau der Freiheit erfreut, welche den Dogen von Venedig zugestanden war, die auch niemals den Umkreis der Stadt überschreiten und ihren Palast nur mit Erlaubniß des Senats verlassen durften.
Wenn diese Abschließung ihre Unannehmlichkeiten hat so hat sie doch auch ihre Vortheile. Der heilige Januarius gewinnt dabei so viel, daß er nicht wie ein Dorfarzt zu jeder Stunde des Tages und der Nacht gestört werden kann.
Auch wissen die Canonici, die Diaconen, die Subdiaconen, die Sakristane bis herab zu den Chorknaben der Capelle sehr wohl, welche Vorzüge ihre Stellung vor der ihrer Collegen, der Hüter der andern Heiligen, hat.
Eines Tages, als der Vesuv seine Streiche machte und seine Lava, anstatt ihren gewöhnlichen Weg zu verfolgen und Torre del Greco zum achten oder neunten Male von der Oberfläche der Erde zu vertilgen, die Richtung auf Neapel nahm, empörten sich die Lazzaroni, welche dabei gerade am wenigsten zu verlieren hatten, die aber wahrscheinlich um der Tradition willen stets an der Spitze der Empörungen stehen.
Diese Lazzaroni strömten nach dem erzbischöflichen Palast und begannen zu schreien, man solle das Haupt des heiligen Januarius nehmen und es der feurigen Ueberschwemmung entgegentragen.
Die Gewährung dieses Verlangens war aber nicht so leicht. Der heilige Januarius befand sich unter doppeltem Verschluß und einer dieser Schlüssel in den Händen des gegenwärtig auf einer Rundreise durch eine Diözese begriffenen Erzbischofs, während der andere in den Händen der Deputierten war, die, mit Bergung ihrer kostbarsten Effecten beschäftigt, der eine dahin, der andere dorthin liefen.
Zum Glück war der diensthabende Canonicus ein Mann, welcher sich der aristokratischen Stellung bewußt war, die sein Heiliger im Himmel und auf der Erde einnahm.
Er erschien auf dem Balcon des erzbischöflichen Palastes, welcher den ganzen mit Menschen bedeckten Platz beherrschte, gab durch eine Geberde zu verstehen, daß er sprechen wolle, wackelte zum Zeichen des Erstaunens über die Kühnheit der Leute, mit welchen er zu thun hatte, mit dem Kopfe und sagte:
»Ihr scheint mir wunderliche Menschen zu sein, daß Ihr hierherkommt und schreit: »Heiliger Januarius! heiliger Januarius!« gerade als ob Ihr schrieet: »Heiliger Fiaker!« oder »heiliger Crispin!« Wisset, Ihr Lumpengesindel, daß der heilige Januarius ein Cavalier ist, der sich nicht so um des ersten besten willen incommodirt.«
»Was!« rief ein Raisonneur. »Jesus Christus incommodirt sich wohl für den ersten besten. Wenn ich das Crucifix verlange, kann man mir ihn wohl verweigern?«
Der Canonicus schlug mit dem Ausdruck niederschmetternder Verachtung ein verächtliches Gelächter auf.
»Das wollte ich eben hören,« hob er wieder an. »Wessen Sohn ist denn Jesus Christus, wenn ich fragen darf? Er ist der Sohn eines Zimmermannes und einer armen Jungfrau. Er ist ganz einfach Lazzarone von Nazareth, während es mit dem heiligen Januarius etwas ganz Anderes ist, denn dieser ist der Sohn eines Senators und einer Patrizierin und folglich, wie Ihr selbst einsehen werdet, eine ganz andere Persönlichkeit als Jesus Christus. Geht doch und sucht den Heiland, wenn Ihr Lust habt. Was aber den heiligen Januarius betrifft, so sage ich Euch er wird sich um euretwillen nicht incommodieren, selbst wenn Ihr in zehnfacher Anzahl hierher kämet und zehnmal so laut schrieet, denn er hat das Recht, sich nicht zu incommodiren.«
»Gehen wir und suchen wir den Heiland,« sagte die Menge.
Und man ging den Heiland zu holen, welcher in der That weniger aristokratisch als der heilige Januarius die Kirche der heiligen Clara verließ und, von seinem volksthümlichen Gefolge begleitet, an den Ort kam, welcher seine barmherzige Gegenwart verlangte.
Sei es nun aber, daß er nicht in die Rechte des heiligen Januarius eingreifen wollte, oder sei es, daß er nicht die Macht hatte, zu der Lava zu sagen, was er zum Meer gesagt, kurz, die Lava fuhr fort sich weiter zu wälzen, obschon sie auf alle nur mögliche Weise beschworen ward.
Die Gefahr stieg daher immer höher, eben so wie das Geschrei mit ihr, als plötzlich die marmorne Bildsäule des heiligen Januarius, welche die Magdalenenbrücke beherrscht und bis jetzt ihre rechte Hand auf das Herz gedrückt gehalten, dieselbe hob und gegen die Lava mit einer gebieterischen Bewegung ausstreckte, welche der glich, mit welcher Neptun ein »Quos ego!« begleitete.
Die Lava machte Halt.
Man kann sich denken, wie hoch der Ruhm des heiligen Januarius nach diesem neuen Wunder stieg.
Der König Carl der Dritte, der Vater Ferdinands, war Zeuge dieser Thatsache gewesen.
Er sann nach, was er thun könne, um den heiligen Januarius zu ehren.
Es war dies nicht so leicht. Der heilige Januarius war Edelmann, der heilige Januarius war reich, der heilige Januarius war heilig, der heilige Januarius war – dies hatte er soeben bewiesen – mächtiger als das Crucifix.
Der König verlieh daher dem heiligen Januarius eine Würde, nach welcher dieser sicherlich selbst niemals trachtet, das heißt, er ernannte ihn zum Generalcommandanten der neapolitanischen Truppen mit dreißigtausend Ducati Gehalt.
Deshalb konnte Michele, als Louisa ihn fragte, wo Salvato wäre, ohne zu lügen, antworten:
»Er hat bis morgen Vormittag halb elf Uhr Dienst bei dem Generalcommandanten.«
Und in der That, wie der gute Canonicus gesagt und wir nach ihm wiederholt, der heilige Januarius ist ein aristokratischer Heiliger. Er hat ein Gefolge von untergeordneten Heiligen, welche eine Oberherrschaft ungefähr in derselben Weise anerkennen, wie die römischen Clienten dies in Bezug auf ihren Patron thaten.
Diese Heiligen folgen ihm, wenn er ausgeht, grüßen ihn, wenn er an ihnen vorüber kommt, und erwarten ihn, wenn er nach Hause zurückkehrt. Sie bilden gleichsam seinen Ministerrath.
Diese Schaar untergeordneter Heiligen, diese Wache, dieses Gefolge, dieser Hof des hochseligen Bischofs von Benevento rekrutiert sich auf folgende Weise:
Jede Brüderschaft, jeder klösterliche Orden, jedes Kirchspiel, jeder Privatmann, dem daran liegt, einen ihm befreundeten Heiligen zum Schutzpatron von Neapel unter dem Vorsitze des heiligen Januarius erklären zu lassen, braucht blos eine Statue von massivem Silber zu dem Preise von achttausend Ducati zu stiften, und dieselbe der Capelle des Schatzes anzubieten.
Ist die Statue einmal zugelassen und aufgenommen, so bleibt sie für immer in der genannten Capelle und genießt von diesem Augenblicke an alle Vorrechte ihrer vorschriftsmäßigen Schenkung. Ebenso wie die Engel und Erzengel, die im Himmel ewig Gottes Lob fingen und einen Chor um ihn bilden, preisen sie ewig den heiligen Januarius.
Für diese ihnen gewährte Glückseligkeit aber müssen sie sich dieselbe Abgeschlossenheit gefallen lassen, in welcher der heilige Januarius sich befindet. Selbst die Personen, durch welche sie der Capelle geschenkt worden, können nur dadurch sie aus ihrem geheiligten Gefängnisse erlösen, daß sie den doppelten Werth der Statue, welche sie um ihres persönlichen Vergnügens willen oder im allgemeinen Interesse wieder ans Licht ziehen wollen, in die Hände eines Notars niederlegen.
Sobald die Summe deponiert ist, wird der Heilige auf kürzere oder längere Zeit herausgelassen. Kehrt er zurück und ist seine Identität festgestellt, so kann der mit der Quittung seines Heiligen versehene Eigenthümer seine deponierte Summe wieder zurückziehen.
Auf diese Weise ist man sicher, daß die Heiligen sich nicht verirren, oder daß sie, wenn sie sich verirren, wenigstens nicht verloren gehen, da man ja für das deponierte Geld deren zwei anstatt eines fertigen lassen kann.
Diese Maßregel, welche auf den ersten Blick sehr willkürlich erscheinen kann, ist, wie nicht unerwähnt bleiben darf, erst getroffen worden, nachdem das Capitel des heiligen Januarius durch sein früheres allzugroßes Vertrauen mehrmals zu Schaden gekommen.
So kehrte z.B. die Statue des heiligen Gaëtano, welcher man ohne Caution Urlaub bewilligte, nicht blos nicht an dem bestimmten Tage, sondern überhaupt niemals zurück. Umsonst versuchte man den Heiligen selbst anzuklagen und zu behaupten, daß er, weil er stets eine nur mäßige Neigung zu dem heiligen Januarius gehegt, die erste beste Gelegenheit benutzt habe, um die Flucht zu ergreifen.
Die respectabelsten Zeugnisse fanden sich in Masse ein, um dieser verleumderischen Behauptung zu widersprechen, und nachdem man die sorgfältigsten Nachforschungen angestellt, ermittelte man, daß es ein Fiakerkutscher war, welcher die kostbare Statue entwendet hatte.
Man traf Anstalten zur Verfolgung des Diebes, da dieser aber zwei Tage Vorsprung und seine Flucht mittelst eines mit zwei Pferden bespannten Wagens bewerkstelligt hatte, während die Polizei, die kein Fuhrwerk besaß, sich genöthigt sah, ihn zu Fuße zu verfolgen, so hatte er wahrscheinlich die römische Grenze bereits passiert, so daß alle Nachstellungen, wie gewissenhaft sie auch unternommen wurden, zu keinem Resultat führten.
Von diesem Tage an haftete ein unauslöschlicher Makel auf der früher so respectablen Corporation der Fiakerkutscher, welche bis dahin in Neapel wie in Frankreich den Hunden den Preis der Treue streitig gemacht, nun aber nicht mehr wagte, sich mit einer Börse in der Hand nach der Wohnung des Fahrgastes gehend und mit der Unterschrift: »Zum treuen Kutscher« malen zu lassen.
Wenn Du daher, lieber Leser, in Neapel mit einem Fiakerkutscher in Streit geräthst und glaubt, es lohne der Mühe, deinem Gegner eine jener unsterblichen Injurien, welche nur durch Blut abgewaschen werden können, an den Hals zu werfen, so schwöre ganz einfach bei dem heiligen Gaëtano und Du wirst sehen, daß dein Gegner Dir sofort zu Füßen fällt, um Dich um Verzeihung zu bitten. Allerdings wird er dann in den meisten Fällen wieder aufstehen, um Dir einen Messerstich zu versetzen.
Die Thore der Capelle des Schatzes stehen, wie man sich leicht denken kann, fortwährend offen, um die Heiligen aufzunehmen, welche in den Hofhalt des heiligen Januarius einzutreten wünschen. Die einzige Bedingung sine qua non, welche dabei gestellt wird, ist, daß die Statue von reinem Silber sei, und das vorgeschriebene Gewicht halte.
Sollte indeß die Statue von Gold sein und das Doppelte wiegen, so würde man sie deswegen nicht zurückweisen.
Die Jesuiten allein, welche, wie man weiß, kein Mittel zur Aufrechthaltung oder Vermehrung ihrer Popularität verabsäumen, haben im Verlauf von weniger als drei Jahren fünf Statuen in der Capelle des Schatzes deponiert.
Nachdem wir diese, wie wir glaubten, unumgänglich nothwendigen Einzelheiten mitgetheilt, wird der Leser die Wichtigkeit der von dem Obergeneral der französischen Armee erlassenen Bekanntmachung begreifen.
Zehntes Capitel.
Wie der heil. Januarius sein Wunder verrichtete und welchen Antheil Championnet daran nahm
Schon vor Tagesanbruch an waren die Zugänge zur Kathedrale der heiligen Clara von einer ungeheuren Menschenmenge belagert. Die Verwandten des heiligen Januarius, die Nachkommen der alten Frau, welcher der alte blinde Mann begegnete, als sie das Blut des Heiligen in das Fläschchen sammelte, hatten ihre Plätze in dem Chor eingenommen, aber nicht um, wie dies sonst ihre Gewohnheit ist, das Wunder zu fördern, sondern um es wo möglich zu verhindern.
Die Kathedrale war schon voll und floß in die Straße über. Die ganze Nacht hindurch hatten die Glocken geläutet. Es war als wenn ein Erdbeben sie in Bewegung setzte, so spielten sie jede für sich in völliger Unabhängigkeit durcheinander.
Championnet hatte Befehl gegeben, daß auch nicht eine Glocke in dieser Nacht in Ruhe gelassen werden solle. Nicht blos Neapel, sondern auch alle umliegenden Dörfer, Städte und Einwohnerschaften sollten benachrichtigt werden, daß der heilige Januarius im Begriff stehe, sein Wunder zu verrichten.
Von Tagesanbruch an glichen daher die Hauptstraßen von Neapel Canälen, in welchen sich Fluten von Männern, Frauen und Kinder dahinwälzten.
Die ganze Menschenmasse bewegte sich nach dem erzbischöflichen Palast, um ihren Platz in der Prozession ein- zunehmen, welche sich um sieben Uhr Morgens von diesem Palast nach der Kathedrale in Bewegung setzen sollte.
Gleichzeitig hielten die Fischer von Castellamare und von Sorrento, die Korallenfischer von Torre del Greco, die Maccaroniverkäufer von Portici, die Gärtner von Pozzuolo und Baja, sowie die Frauen von Procida, Ischia, Acera und Maddalone in ihrem kostbarsten Kleiderschmuck durch alle Thore der Stadt ihren Einzug.
Mitten durch diese bunte, lärmende, vergoldete Menge drängte sich von Zeit zu Zeit ein altes Weib mit grauem, verworrenem Haar, gleich der Sibylle von Cumä mit lauterem Geschrei und lebhafter gestikulierend als alle Anderen, ohne sich um die Püffe zu kümmern, die sie austheilte, und übrigens auf ihrem ganzen Wege mit Achtung und Ehrerbietung empfangen.
Es war dies irgend eine Verwandte des heiligen Januarius, die sich verspätet und nun eiligst zu ihren Genossinnen verfügte, um in der Prozession oder auf dem Chor der Kathedrale den Platz einzunehmen, der ihr von Rechtswegen gebührte.
In gewöhnlichen Zeiten und wenn das Wunder an seinem herkömmlichen Tage stattfinden soll, braucht die Prozession einen Tag, um sich von dem erzbischöflichen Palast nach der Kathedrale zu begeben.
Die Straßen sind dann so dicht mit Menschen gefüllt, daß man vierzehn bis fünfzehn Stunden bedarf, um einen Weg von einer Viertelmeile zurückzulegen.
Diesmal aber galt es nicht, sich unterwegs aufzuhalten, an den Thüren der Kaffee- oder Wirthshäuser stehen zu bleiben und dann drei Schritte vorwärts und einen rückwärts zu thun, wie die Pilger, welche ein Gelübde abgelegt haben.
Eine Doppelreihe von republikanischen Soldaten, war von dem erzbischöflichen Palast bis zur Kathedrale aufgestellt, hielt die Passage frei, zerstreute die Gruppen und beseitigte mit einem Worte jedes Hinderniß, auf welches die Prozession stoßen könnte. Dabei aber trugen sie das Bajonnet in der Scheide und statt desselben einen Blumenstrauß in der Mündung der Muskete.
Und in der That, die Prozession sollte heute in sechzig Minuten den Weg zurücklegen, zu welchem sie gewöhnlich fünfzehn Stunden bedurfte.
Schlag sieben Uhr machten Salvato und seine Compagnie, das heißt die Ehrengarde des heiligen Januarius, mit Michele in der Mitte, der seine schöne Uniform und eine Fahne trug, auf welcher mit goldenen Buchstaben die Worte: »Ruhm und Preis dem heiligen Januarius« geschrieben standen, sich auf den Weg von dem erzbischöflichen Palast nach der Kathedrale.
Auch suchte man bei dieser ganz militärischen Ceremonie vergebens jenes seltsame Sich gehenlassen, welches das unterscheidende Kennzeichen der Prozession des heiligen Januarius in Neapel ausmacht.
Gewöhnlich und wenn sie sich selbst überlassen ist, geht die Prozession sich schlängelnd wie die Durance, oder unabhängig wie die Loire. Sie bespült mit ihren Wogen die Doppelreihe der Häuser, welche die Ufer bilden, macht plötzlich Halt, ohne daß man weiß warum, und setzt sich wieder in Bewegung, ohne daß man den Grund errathen kann, welcher ihr die Bewegung zurück gibt.
Man sah jetzt nicht unter den Wogen des Volks jene mit Gold, Schnüren und Ordenskreuzen bedeckten Uniformen der neapolitanischen Officiere glänzen, welche eine umgekehrte Wachskerze in der Hand tragen und jeder von drei bis vier Lazzaroni begleitet sind, die sich unter einander drängen und über den Haufen stoßen, um in einer grauen Papiertüte das von den Kerzen herabträufelnde Wachs aufzufangen, während die Officiere selbst mit stolz emporgerichtetem Kopf, ohne sich um das, was zu ihren Füßen und um sie herum vorgeht, zu kümmern, mit königlicher Freigebigkeit für einen oder zwei Carlini Wachs spenden und die dichtgedrängt an den Fenstern oder auf den Balcons stehenden Damen lorgniren, welche, indem sie thun, als ob sie den Weg der Prozession mit Blumen betreuten, ihre Bouquets den Officieren zum Austausch für ihre Blicke zuwerfen.
Eben so suchte man vergebens um das Kreuz oder die Fahne herum und sich mitten unter das Volk mischend jene Mönche aller Orden und aller Farben – Kapuziner, Karthäuser, Dominikaner, Camaldulenser, beschuhte und unbeschuhte Carmeliter – die einen groß, feist und rund, mit rothbäckigen, viereckig auf breiten Schultern sitzenden Köpfen, einherschreitend wie zu einem ländlichen Fest oder einem Dorfjahrmarkt, ohne Respect vor dem Kreuz, welches sie überragt, vor dieser Fahne, welche ihren flatternden Schatten auf ihre Stirn wirft; lachend, singend, plaudernd, den Ehemännern ihre hörnernen Schnupftabaksdosen bietend, den schwangern Frauen Rathschläge ertheilend, Denen, die es wünschen, Lottonummern bezeichnend und in etwas fleischlicherer Weise, als mit den Regeln ihres Ordens übereinstimmt, die auf den Thürschwellen, auf den Ecksteinen und den Perrons der Paläste stehenden jungen Mädchen betrachtend; – die andern lang, hager, ausgemergelt durch Fasten und Kasteiungen, ihre elfenbeinerne Stirn und ihre hohlen, schwarz geränderten Augen gegen Himmel richtend, einherschreitend, ohne zu sehen, von der Menschenflut fortgetragen, lebende Gespenster, greifbare Phantome, welche sich diese Welt zur Hölle gemacht, in der Hoffnung, daß diese Hölle sie schnurstracks ins Para- dies führen werde, und die an den großen Tagen religiöser Feste die Frucht ihrer klösterlichen Schmerzen in der scheuen Ehrerbietung ernten, von welcher sie sich umgeben sehen.
Nein! Heute gibt es im Gefolge des Kreuzes und der Fahne kein Volk, keine Mönche, weder feiste noch magere, weder ascetische noch weltlich gesinnte.
Das Volk steht dicht gedrängt in den schmalen Straßen und in den Seitengäßchen. Es betrachtet mit drohendem Auge die französischen Soldaten, welche unbefangen, im Schritt, mitten durch diese Menge marschierten, wo jedes Individuum, welches dazu gehört, die Hand am Messer hat und nur den Augenblick erwartet, um es aus dem Busen, aus der Tasche oder aus dem Gürtel zu ziehen und es in das Herz dieses siegreichen Feindes zu stoßen, welcher schon seinen Sieg vergessen und die Mönche in dem Liebäugeln und in den Complimenten ersetzt, aber, weniger gut empfangen als diese, zum Austausch für sein Entgegenkommen nichts weiter erhält als Murren und Zähneknirschen.
Was die Mönche betrifft, so sind sie da, aber unter der Menge zerstreut, welche die leise zu Mord und Empörung aufhetzen.
Diesmal ist, wie verschieden auch das Gewand, welches sie tragen, sein möge, ihre Meinung dieselbe und diese Stimme, wie man in Neapel sagt, schlängelt sich durch die Menge gleich einem Gewitterblitz und flüstert:
»Nieder mit den Ketzern! Nieder mit den Feinden des Königs und unserer heiligen Religion! Nieder mit den Lästerern des heiligen Januarius! Nieder mit den Franzosen! Nach dem Kreuz und der Fahne, die von Geistlichen getragen und nur von Pagliuccella escortiert wurden, welchen Michele sich beigesellt und später zum Unterlieutenant gemacht, und welcher selbst etwa hundert Lazzaroni zusammengerafft, die für den Augenblick Gegenstand der Spottreden ihrer Cameraden und der Verwünschungen der Mönche waren, kamen die fünfundsiebzig silbernen Statuen der untergeordneten Schutzheiligen der Stadt Neapel, welche, wie wir bereits erwähnt, den Hofstaat des heiligen Januarius bilden.
Was den heiligen Januarius selbst betraf, so war während der Nacht sein Haupt nach Santa Clara gebracht worden und stand nun auf dem Altar, der Verehrung der Gläubigen ausgestellt.
Diese Escorte von Heiligen, welchen in Folge einer so großen Vereinigung der geehrtesten Namen des Kalenders und der Märtyrologie gewöhnlich auf ihrem Wege große Verehrung gezollt wird, mußte an diesem Tage über die Art und Weise ihres Empfanges und die Anreden, die man an sie richtete, sehr entrüstet sein.
Und in der That, da man fürchtete, daß die Mehrzahl dieser in Frankreich angebeteten Heiligen dem heiligen Januarius den Rathgeben möchten, die Franzosen zu begünstigen, so machten die Lazzaroni, welche die kleinen Sünden, deren diese Heiligen sich bei ihren Lebzeiten schuldig gemacht, recht wohl kannten, ihnen, so wie sie vorüberkamen, allerhand Vorwürfe darüber, so zum Beispiel dem heiligen Petrus über seinen Verrath, dem heiligen Paulus über seine Abgötterei, dem heiligen Augustin über seine thörichten Jugendstreiche, der heiligen Therese über ihre Verzückungen, dem heiligen Franciscus Borgia über seine Grundsätze, dem heiligen Gaëtano über seinen Leichtsinn, und zwar mit einem lauten Geschrei, welches dem Charakter der Heiligen zur Ehre gereichte, indem dadurch bewiesen ward, daß an der Spitze der Tugenden, welche ihnen das Paradies geöffnet, die Geduld und die Demuth figurierten.
Jede dieser Statuen ward auf den Schultern von sechs Männern getragen, während sechs Priester aus den Kirchen, wo diese Heiligen besonders verehrt wurden, voranschritten. Jede gab zu dem von uns eben erwähnten Bemerkungen Anlaß, welche, so wie der Zug sich der Kirche näherte, geradezu in Drohungen übergingen.
Auf diese Weise gelangten die Statuen endlich in die Kirche der heiligen Clara, machten dem heiligen Januarius demüthig ihre Reverenz und nahmen dann ihre Plätze ihm gegenüber ein.
Nach dem Heiligen kam der Erzbischof Monsignore Capece Zurlo, dem wir schon bei den Unruhen, welche der Ankunft der Franzosen vorangingen, gesehen haben und der stark im Verdacht des Patriotismus stand.
Der Strom mündete in die Kirche der heiligen Clara ein.
Die hundertundzwanzig Mann Salvato's bildeten eine Spalier vom Portal bis zum Chor und er selbst stand mit dem Säbel in der Hand am Eingange des Schiffes.
Das Schauspiel, welches die dichtgefüllte Kirche jetzt darbot, war folgendes:
Auf dem Hauptaltar stand rechts das Haupt des heiligen Januarius, links das Fläschchen mit dem Blute.
Ein Canonicus stand Wache vor dem Altar. Der Erzbischof, der mit diesem Wunder nichts zu thun, hatte sich unter seinen Baldachin zurückgezogen.
Rechts und links vom Altar war eine Tribune errichtet, so daß der Altar sich zwischen demselben befand. Die Tribune links war mit Musikern besetzt, welche mit ihren Instrumenten in der Hand warteten, bis das Wunder geschähe, um es dann sofort durch eine Jubelfanfare zu begrüßen.
Die Tribune rechts war mit alten Frauen gefüllt, die sich die Verwandten des heiligen Januarius nannten und gewöhnlich hierherkamen, um das Wunder durch ihr näheres Verhältniß zu dem Heiligen fördern zu helfen, diesmal aber, um es womöglich zu verhindern.
Am oberen Ende der zu dem Chor führenden Treppe sah man ein großes Geländer von vergoldetem Kupfer, am dessen Oeffnung Salvato mit dem Säbel in der Hand stand.
Vor diesem Geländer, das heißt rechts und links von Salvato, knieten die Gläubigen nieder.
Der vor dem Altar stehende Canonicus ergriff hierauf das Fläschchen, ließ es von ihnen küssen, und zeigte allen das vollkommen geronnene Blut, worauf die Gläubigen sich zurückzogen, um andern Platz zu machen.
Diese Anbetung des kostbaren Blutes begann um neun Uhr Morgens
Der Heilige, welcher gewöhnlich einen, zwei, ja zuweilen sogar drei Tage braucht, um sein Wunder zu verrichten, und es zuweilen selbst nach Verlauf von drei Tagen noch nicht verrichtet, hatte heute nicht länger als dritthalb Stunden dazu.
Das Volk war überzeugt, daß das Wunder nicht geschehen würde, und die Lazzaroni nahmen sich, indem sie sich zählten und die geringe Anzahl von Franzosen sahen, die sich in der Kirche befanden, vor, wenn das Wunder schlag halb elf Uhr nicht geschehen wäre, kurzen Prozeß zu machen.
Salvato hatte seinen hundertundzwanzig Mann befohlen, wenn sie zehn Uhr schlagen hörten und folglich der entscheidende Augenblick herannahte, die Blumenstrauße von den Mündungen ihre Musketen abzunehmen und dafür die Bajonnette aufzupflanzen.
Wenn um halb elf Uhr das Wunder nicht geschähe und Drohungen sich hören ließen, so sollten die hundertundzwanzig Grenadiere, die einen rechts, die anderen links, eine halbe Schwenkung machen und anstatt der Menge den Rücken zu kehren, ihr mit der Spitze der Bajonnette entgegen treten. Auf das Commando »Feuer!« sollte eine furchtbare Fusillade beginnen, denn jeder Grenadier hatte fünfzig Patronen zu verschießen.
Ueberdies war während der Nacht auf dem Mercatello eine Batterie aufgepflanzt worden, welche die ganze Toledostraße, eine andere auf der Strada dei Studi, weiche den Largo delle Pigne und die Strada Foria, und endlich zwei mit dem Rücken aneinander gelehnt, die eine in dem Castello d'Uovo, die andere auf der Vittoria, welche einerseits den ganzen Quai von Santa Lucia, die andere den ganzen Strand von Chiaja überstrich.
Das Castello Nuovo und das Castello del Carmine hielten sich, beide mit französischer Besatzung versehen, auf jedes Ereigniß bereit, und Nicolino, der mit einem Fernrohr in der Hand auf dem Walle des Castells San Elmo stand, brauchte einen Artilleristen nur einen Wink zu geben, um das Feuer zu beginnen, welches wie eine furchtbare Pulverschlange Neapel in Brand stecken sollte.
Championnet stand in Capodimonte mit einer Reserve von dreitausend Mann, an deren Spitze er je nach Umständen einen feierlichen und friedlichen Einzug in Neapel halten oder mit gefälltem Bajonnet in die Toledostraße eindringen sollte.
Man sieht, daß selbst abgesehen von jenem Gebet zum heiligen Januarius, welches entscheidend sein sollte und auf welches Championnet rechnete, alle Maßregeln getroffen waren, und daß, wenn man sich auf der einen Seite anschickte, anzugreifen, man auf der andern bereit war, sich zu vertheidigen.
Uebrigens hatten sich niemals drohendere Gerüchte in den Straßen über eine dichter gedrängte Menge hinwegbewegt und niemals hatte qualvollere Angst und Unruhe die Herzen Derer erfüllt, welche von ihren Balcons oder von ihren Fenstern auf diese Menge herabschauten und erwarteten, entweder, daß der Friede vollkommen hergestellt werde, oder daß das Gemetzel, die Brandstiftungen und die Plünderungen von Neuem ihren Anfang nähmen.
Mitten unter dieser Menge und sie zur Empörung anspornend, befanden sich dieselben Werkzeuge der Königin, welche wir schon so oft bei der Arbeit gesehen, die Pasquale von Simone, der Beccajo und jener fürchterliche calabresische Priester Rinaldi, welcher ebenso wie der Schaum sich nur an Tagen des Sturmes auf der Oberfläche des Meeres zeigt, nur an den Tagen der Emeute und des Gemetzels auf der Oberfläche der Gesellschaft erschien.
All dieses Geschrei, all dieser Tumult, alle diese Drohungen verstummten wie auf einen Zauberschlag, sobald man die erste Vibration des Hammers der Uhren hörte, welcher auf die Glocke schlug und die Stunde bezeichnete. Aufmerksam zählte man die einzelnen Hammerschläge, sobald aber dieselben zu Ende waren, erhob sich auch wieder jenes verworrene Getöse, welches mir mit dem Brüllen des Meeres zu vergleichen ist.
So zählte man die Schläge der achten, der neunten, der zehnten Stunde.
Schlag zehn Uhr nahmen unter dem Schweigen, welches abermals eintrat, während man die Stunde schlagen hörte, Salvatos Grenadiere die Blumensträuße von der Mündung ihrer Gewehre und steckten die Bajonnete auf.
Der Anblick dieses Manövers erbitterte die Zuschauer noch mehr.
Bis jetzt hatten die Lazzaroni sich begnügt, den französischen Soldaten die Faust zu zeigen; diesmal zeigten sie ihnen die Messer.
Die widerwärtigen alten Weiber, welche sich die Verwandten des heiligen Januarius nennen, und die, kraft dieser Verwandtschaft, das Recht zu haben glauben, sich gegen den Heiligen frei aussprechen zu dürfen, bedrohten ihn ihrerseits mit den furchtbarsten Verwünschungen, wenn das Wunder geschähe.
Niemals hatten sich so viel magere, runzlige Arme gegen den Heiligen ausgestreckt, niemals hatten so viele durch Wuth und Alter verzerrte Lippen die gemeinten und gröbsten Injurien an den Fuß des Altars geschleudert.
Der Canonicus, welcher das Fläschchen zeigte und der alle halbe Stunden abgelöst ward, war davon ganz betäubt und schien nahe daran, den Verstand zu verlieren.
Plötzlich hörte man draußen das Geschrei sich verdoppeln. Die Ursache davon war ein Peloton von fünfundzwanzig Mann Husaren, welche, den Carabiner auf der Hüfte, in den freigelassenen Raum, das heißt zwischen das von den französischen Soldaten von dem erzbischöflichen Palaste bis an die Kathedrale gebildete Spalier vorrückten.
Dieses von dem Adjutanten Villeneuve commandierte Detachement bog in eine der die Kathedrale umgebenden kleinen Gassen ein, und machte an der äußern Thür der Sacristei Halt.
Es schlug zehn Uhr und zugleich trat einer jener bereits erwähnten Momente des Schweigens ein.
Villeneuve stieg vom Pferde.
»Meine Freunde, sagte er zu den Husaren, »wenn Ihr mich um zehn Uhr fünfundzwanzig Minuten nicht zurückkommen sehet und das Wunder nicht geschehen ist, so dringet in die Sacristei, ohne Euch an die Drohungen oder selbst an Widerstand, den man Euch vielleicht entgegensetzt, zu kehren.«
Ein einfaches: »Ja, Herr Commandant,« war die Antwort.
Villeneuve ging hierauf in die Sacristei, wo sämtliche Canonici, mit Ausnahme dessen, welcher eben das Fläschchen küssen ließ, versammelt waren und sich gegenseitig ermuthigten, das Wunder nicht zu Stande kommen zu lassen.
Als die Villeneuve eintreten sahen, machten sie eine Bewegung des Erstaunens. Da es aber ein junger Officier von guter Familie mit einem sanften, mehr melancholischen, als strengen Gesichte war, und derselbe lächelnd herein trat, so faßten sie wieder Muth und schickten sich sogar an, ihn über eine solche Ungehörigkeit zur Rede zu stellen, als er auf sie zukommend sagte:
»Meine lieben Brüder, ich komme im Auftrage des Generals.«
»Zu welchem Zwecke?« fragte das Oberhaupt des Capitels in ziemlich sicherem Tone.
»Um dem Wunder beizuwohnen,« antwortete der Adjutant.
Die Priester schüttelten die Köpfe.
»Ah,« sagte Villeneuve, »wie es scheint, fürchten Sie, daß das Wunder nicht geschehen werde?«
»Wir dürfen Ihnen,« antwortete das Oberhaupt des Capitels, »nicht verhehlen, daß der heilige Januarius allerdings nicht günstig gestimmt zu sein scheint.«
»Nun,« entgegnete Villeneuve, »ich dagegen komme, um Ihnen etwas zu sagen, was ihn vielleicht in eine bessere Stimmung versetzt.«
»Das bezweifeln wir,« antworteten sämtliche Priester.
Villeneuve näherte sich hierauf immer noch lächelnd einem Tische und zog mit der linken Hand fünf Rollen, jede von hundert Louisdor, aus der Tasche, während er mit der rechten ein Paar Pistolen aus seinem Gürtel zog, dann seine Uhr herausnahm, und indem er dieselbe zwischen die fünfhundert Louis d'or und die Pistolen legte, sagte:
»Hier sind fünfhundert Louisdor, welche dem ehrenwerthen Capitel des h. Januarius gehören, wenn Schlag halb elf Uhr das Wunder bewirkt ist. Jetzt ist es, wie Sie sehen, Zehn Uhr vierzehn Minuten und Sie haben folglich noch sechzehn Minuten vor sich.«
»Und wenn das Wunder nicht geschieht?«, fragte der Vorsteher des Capitels in leicht spöttischem Tone.
»Ah, das ist etwas Anderes,« antwortete der Officier ruhig, aber indem er aufhörte zu lächeln. »Wenn um halb elf Uhr das Wunder nicht bewirkt ist, so lasse ich um zehn Uhr fünfunddreißig Minuten Sie Alle vom Ersten bis zum Letzten erschießen.«
Die Priester machten eine Bewegung, wie zu entfliehen, Villeneuve aber ergriff mit jeder Hand ein Pistol und rief:
»Daß keiner sich von der Stelle rühre! Mit Ausnahme dessen, welcher hinausgehen wird, um das Wunder zu bewirken.«
»Ich werde es bewirken,« sagte der Vorsteher des Capitels.
»Punkt halb elf Uhr!« bemerkte Villeneuve; »keine Minute eher, keine Minute später.«
Der Canonicus machte eine Geberde des Gehorsams und ging hinaus, nachdem er sich bis zur Erde verneigt.
Es war zehn Uhr zwanzig Minuten.
Villeneuve warf einen Blick auf seine Uhr.
»Sie haben noch zehn Minuten,« sagte er.
Dann, ohne die Augen von der Uhr wegzuwenden, fuhr er mit furchtbarer Kaltblütigkeit fort:
»Der heilige Januarius hat nur noch fünf Minuten. Der heilige Januarius hat nur noch drei Minuten! Der heilige Januarius hat nur noch zwei Minuten.«
Unmöglich wäre es, einen Begriff von dem Tumult zu geben, welcher immer höher steigend dem vereinigten Gebrüll des Meeres und Rollen des Donners glich, als nach zweimaligem vorausgegangenen Klingeln die halbe Stunde schlug.
Todtenstille trat ein.
Langsam dröhnten mitten in diesem Schweigen die beiden Schläge, dann hörte man die Stimme des Canonicus, welcher mit lauter, hallender Stimme in dem Augenblick, wo das Geschrei und die Drohungen wieder begannen, das Fläschchen hoch emporhebend, rief:
»Das Wunder ist geschehen!«
Sofort verstummten Tumult, Geschrei und Drohungen wie auf einen Zauberschlag. Alles stürzte mit dem Gesicht zur Erde nieder und rief: »Ruhm und Preis dem heiligen Januarius!« während Michele aus der Kirche hinauseilend vor der Höhe des Perrons seine Fahne schwenkend rief:
»Il miracolo è fatto!«
Alles fiel auf die Knie.
Dann begannen mit bewundernswürdigem Zusammenklang sämtliche Glocken von Neapel zu läuten.
Championnet hatte Recht gehabt, als er gesagt, er wisse ein Gebet, welches der heilige Januarius nicht verfehlen werde zu erhören.
Und, wie man sieht, der heilige Januarius hatte es wirklich erhört.
Eine von sämtlichen vier Castellen herabkrachende Geschützsalve verkündete Neapel und der ganzen Umgegend, daß der heilige Januarius sich für die Franzosen erklärt habe.
Elftes Capitel.
Die parthenopeische Republik
Kaum hörte Championnet das Glockengeläute und die vierfache Freudensalven, so begriff er sofort, daß das Wunder geschehen sei, und verließ Capodimonte, um seinen feierlichen Einzug in Neapel zu halten.
Er durchzog die ganze Stadt, zunächst die Strada dei Cristallini, den Largo delle Pigne, den Largo San Spirito und den Mercatello entlang, mitten unter der lärmendsten Freude und dem tausendfach wiederholten Ruf:
»Es leben die Franzosen! Es lebe die französische Republik! Es lebe die parthenopeiche Republik!«
Dieses ganze Volk, welches drei Tage lang gegen ihn gekämpft, welches seine Soldaten verstümmelt, erwürgt und verbrannt, welches eine Stunde vorher noch bereit war, die abermals zu erwürgen, zu verstümmeln, zu verbrennen, war durch das Wunder des heiligen Januarius sofort bekehrt worden und von dem Augenblicke an, wo der Heilige für die Franzosen war, fand es keinen Grund mehr, gegen dieselben zu sein.
»Der heilige Januarius weiß besser als wir, was zu thun ist,« sagten sie. »Thun wir daher wie der heilige Januarius.«
Von Seiten des mezzo ceto und des Adels, welche durch die französische Invasion der bourbonischen Tyrannei entrissen wurden, waren die Freude und der Enthusiasmus nicht weniger groß.
Alle Fenster waren mit dreifarbigen französischen und dreifarbigen neapolitanischen Fahnen geschmückt, welche ihre Falten und Farben miteinander mischten.
Tausende von jungen Frauen standen an den Fenstern, schwenkten ihre Tücher und riefen:
»Es lebe die Republik! Es leben die Franzosen! Es lebe der Obergeneral!«
Die Kinder liefen vor seinem Pferde her, indem sie kleine gelb-roth-schwarze Fähnchen hin- und herschwenkten.
Allerdings waren noch einige Blutflecken auf dem Pflaster zu sehen und die Trümmer vieler niedergebrannten Häuser rauchten noch, in diesem Lande der Sensation des Augenblicks aber, wo die Gewitter vorüberziehen, ohne an dem azurblauen Himmel Spuren zurückzulassen, war die Trauer schon vergessen.
Championnet begab sich direct nach der Kathedrale, wo der Erzbischof Copece Zurlo ein Te Deum an dem Altare sang, worauf das Haupt und das Blut des heiligen Januarius den Blicken Aller ausgestellt waren.
Aus Dankbarkeit für den besondern Schutz, welchen der Heilige den Franzosen gewährt, beschenkte Championnet ihn mit einer mit Diamanten besetzten Mitra, welche der Heilige auch anzunehmen geruhte und sich ohne Widerstand aufsetzen ließ.
Wir werden später sehen, wie theuer dem Erzbischof diese Schwäche für die Franzosen zu stehen kommen sollte.
Während man in der Kirche das Te Deum sang, ward an allen Straßenecken folgende Proclamation angeschlagen:
»Neapolitaner! [Wir citieren alle diese Originaldocumente, die sich in keiner Geschichte finden und von uns aus den Verstecken hervorgezogen worden sind, in welchen sie seit vierundsechzig Jahren vergraben lagen.]
»Seid frei und wisset eure Freiheit zu benutzen. Die französische Republik wird in eurem Glück eine reichliche Entschädigung für ihre Mühen und Kämpfe finden. Wenn es unter Euch noch Anhänger der gestürzten Regierung gibt, so steht denselben frei, dieses Land der Freiheit zu verlassen. Sie mögen ein Land fliehen, wo es nur noch Bürger gibt, und als Sclaven zu Sclaven zurückkehren.
»Von diesem Augenblick an nimmt die französische Armee den Namen der neapolitanischen Armee an und macht sich durch einen feierlichen Schwur verbindlich, eure Rechte aufrecht zu erhalten, und so oft als die Interessen eurer Freiheit es verlangen werden, für Euch die Waffen zu ergreifen. Die Franzosen werden den Cultus und die geheiligten Rechte des Eigenthums und der Person achten. Von Euch ernannte Behörden werden durch eine weise, väterliche Verwaltung über der Ruhe und dem Glück der Bürger wachen, die Gräuel der Unwissenheit verschwinden machen, die Wuth des Fanatismus beschwichtigen und Euch mit einem Worte ebensoviel Liebe beweisen, als die gestürzte Regierung Euch Treulosigkeit und Verrath bewiesen hat.«
Ehe Championnet die Kirche verließ, errichtete er, indem er Salvato der Freiheit zurückgab, eine Ehrengarde, welche den heiligen Januarius nach dem erzbischöflichen Palast zurückgeleiten und unter der Parole: »Achtung dem heiligen Januarius« bewachen sollte.
Schon am Morgen war in der sichern Erwartung, daß der heilige Januarius die Gefälligkeit haben würde, sein Wunder zu verrichten – eine Gefälligkeit, an welcher Championnet nicht zweifelte – eine provisorische Regierung eingesetzt worden.
Gleichzeitig hatte man sechs Comités ernannt, nämlich das Centralcomité, das Comité des Innern, das Comité der Finanzen, das Comité der Justiz und Polizei und das Comité der Gesetzgebung.
Sämtliche Mitglieder dieser Comités gehörten auch der provisorischen Regierung an.
Cirillo und Manthonnet, die Verschwörer in den ersten Capiteln unserer Geschichte, waren ebenfalls Mitglieder der provisorischen Regierung und Manthonnet überdies Minister des Krieges. Ettore Caraffa ward zum Chef der neapolitanischen Legion ernannt. Schipani sollte eines der ersten Commandos der Armee übernehmen, sobald dieselbe wieder organisiert sein würde. Nicolino blieb Commandant des ersten Castells San Elmo. Velasco hatte weiter nichts sein wollen als Freiwilliger.
Aus der Kathedrale begab sich Championnet nach der Kirche des heiligen Laurentius.
Diese Kirche ist für die Neapolitaner, welche sich seit dem zwölften Jahrhundert nie selbst regiert haben, eine Art Municipalität, in welche sie sich in den Tagen der Unruhe oder Gefahr zurückgezogen haben, um die Gewählten und Anführer des Volkes zu befragen.
Der General war von den Mitgliedern der provisorischen Regierung begleitet, welche, wie wir bereits bemerkt, gleichzeitig die Mitglieder der Comités waren.
Hier nahm Championnet, inmitten einer unzähligen Menge, das Wort und sagte in vortrefflichem Italienisch Folgendes:
»Bürger, Ihr werdet provisorisch die neapolitanische Republik regieren. Die definitive Regierung wird durch das Volk ernannt werden, sobald Ihr selbst, als Wähler und Gewählte nach den Vorschriften regierend, welche das Ziel dieser Revolution gewesen sind, die Arbeit, welche die Abfassung neuer Gesetze nöthig macht, abgekürzt haben werdet. In dieser Hoffnung habe ich Euch die Aufgabe der Gesetzgebung und der Regierung vorläufig übertragen. Ihr besitzt demnach unbeschränkte Autorität; zugleich aber lastet auch eine unermeßliche Verantwortlichkeit auf Euch. Bedenket, daß das öffentliche Wohl oder das schwerste Unheil des Vaterlandes, euer Ruhm oder eure Schande in euren Händen liegt. Ich habe Euch ernannt, eure Namen sind mir weder durch Gunst noch durch die Intrigue vorgeschlagen, sondern blos durch euren guten Ruf empfohlen worden. Ihr werdet durch eure Werke dem Vertrauen entsprechen, welches in Euch nicht blos Männer von Genie, sondern auch warme und aufrichtige Freunde des Vaterlandes sieht.
»Bei der Einsetzung der neapolitanischen Republik werdet Ihr, soviel die Sitten und Gesetze es erlauben, die französische Constitution, die Mutter der neuen Republik und der neuen Civilisation, zum Vorbild nehmen. Machet, indem Ihr euer Vaterland regiert, die parthenopeiche Republik zur Freundin, Bundesgenossin, Gefährtin und Schwester der französischen Republik. Laßt sie eins und untheilbar sein. Hoffet kein Glück getrennt von ihr. Wenn die französische Republik wankt, dann ist auch der Sturz der neapolitanischen nahe.
»Die französische Armee, welche für eure Freiheit bürgt, wird, wie ich Euch schon gesagt, den Namen der neapolitanischen Armee annehmen. Sie wird eure Rechte aufrecht erhalten und Euch bei euren Arbeiten unterstützen. Sie wird mit Euch und für Euch kämpfen, und indem sie für eure Vertheidigung stirbt, keinen andern Preis von Euch verlangen, als eure Bundesgenossenschaft und Freundschaft.«
Diese Rede endete unter dem Beifalle, dem Freudenrufe und den Freudenthränen des Volkes.
Dieses Schauspiel war neu für das Land, diese Worte waren den Neapolitanern unbekannt. Es war das erste Mal, daß man unter ihnen das große Gesetz der Verbrüderung der Völker, den höchsten Wunsch des Herzens, das letzte Wort der menschlichen Civilisation verkündete.
Auch war dieser Tag, der 24. Januar 1799, ein Festtag für die Neapolitaner, gerade so wie der 14. Juli für die Franzosen.
Die Republikaner umarmten sich, wenn sie einander in den Straßen begegneten, und hoben dankend die Augen gen Himmel empor.
Zum ersten Male fühlten die Körper und die Seelen sich frei in Neapel. Die Revolution von 1647 war die Revolution des Volkes, eine durch und durch materielle und fortwährend drohende gewesen. Die von 1799 war die Revolution des Bürgerstandes und des Adels, das heißt eine durch und durch intellectuelle und humane.
Die Revolution Masaniellos war die Zurückforderung der Nationalität eines besiegten Volkes von einem siegenden, Championnets Revolution dagegen war die Zurückforderung der Freiheit von Seiten eines unterdrückten Volkes einem Unterdrücker gegenüber.
Es bestand demnach zwischen den beiden Revolutionen ein ungeheurer Unterschied und ganz besonders ein ungeheurer Fortschritt.
Ein rührender Vorgang kennzeichnete den Beginn der neuen Aera.
Wir haben schon von den drei ersten Märtirern der italienischen Freiheit, Vitagliano, Galiano und Emanuele de Deo, gesprochen.
Dieser Letztere hatte die Begnadigung, welche man ihm bot, wenn er seine Mitschuldigen verriethe, zurückgewiesen. Es waren blutjunge Leute, die alle drei zusammen zweiundsechzig Jahre zählten, zwei davon waren gehängt und dann der dritte, Vitagliano, − da die Hinrichtung der beiden ersten eine gewisse Bewegung unter dem Volke hervorgerufen – von dem Henker aus Furcht, daß der Verurtheilte ihn durch einen augenblicklichen Aufstand zu seinen Gunsten entrissen werden könne, erdolcht, und todt, mit der blutenden Wunde in der Seite, aufgeknüpft worden.
Jetzt organisierte sich freiwillig eine patriotische Deputation und zehntausend Bürger ungefähr begrüßten im Namen der erwachten Freiheit die Familien der edlen jungen Männer, deren Blut den Platz geweiht, auf welchem man jetzt im Begriffe stand, den Freiheitsbaum zu pflanzen.
Am Abend wurden in allen Straßen und auf allen Plätzen Freudenfeuer angezündet und wie um sich mit dem heiligen Januarius, einem Nebenbuhler in der Volksgunst, zu verbünden, schleuderte der Vesuv Flammen welche mehr eine Theilnahme an der allgemeinen Freude als eine Drohung zu sein schienen.
Diese stummen und von keinem Lavaerguß begleiteten Flammen waren eine Art feuriger Busch, ein politischer Sinai.
Und Michele, der Narr, der, mit seiner prachtvollen Uniform bekleidet, auf einem prachtvollen Pferde unter seiner Lazzaroni-Armee hin- und hersprengte und heute ebenso: »Es lebe die Freiheit!« schrie, wie er am Tage vorher: »Es lebe der König!« geschrien, sagte zu diesem ganzen Gesindel:
»Da seht Ihr es selbst. Heute Morgen erklärte der heilige Januarius sich für die Jakobiner, und heute Abend setzt der Vesuv die rothe Mütze auf.«
Zwölftes Capitel.
Ein kleiner Sturm
Der Leser hat hoffentlich nicht vergessen, daß Nelson, nachdem er vom 21. zum 23. Februar durch widrige Winde in dem Hafen von Neapel zurückgehalten worden, endlich, eine starke Brise von Nordwesten benutzend, gegen drei Uhr Nachmittags unter Segel gegangen und daß die englische Flotte denselben Abend auf der Höhe der Insel Capri in der Dämmerung verschwunden war.
Stolz auf den Vorzug, dessen Gegenstand er von Seiten der Königin war, hatte er Alles gethan, um diese Gunst anzuerkennen, und schon seit drei Tagen waren, als die erhabenen Flüchtlinge ihn um eine Gastfreundschaft baten, an Bord des »Vanguard« alle Vorkehrungen getroffen, damit diese Gastfreundschaft eine so umfassende und zufriedenstellende als möglich sei.
Demgemäß hatte er, indem er sein Zimmer in der Campanje für sich behielt, das große Officierszimmer hinter der oberen Batterie für den König, die Königin und die jungen Prinzen in Bereitschaft setzen lassen. Die Kanonen waren hinter Draperien verschwunden und jeder Zwischenraum ein mit der größten Eleganz ausgeschmücktes Gemach geworden.
Die Minister und die Höflinge, welchen der König die Ehre erzeigte, sie mit nach Palermo zunehmen, waren ihrerseits in dem sogenannten Officiersaal einquartiert, das heißt in dem Theile des Zwischendecks, um welchen herum sich die Cajüten befinden.
Caracciolo hatte noch mehr gethan. Er hatte dem Kronprinzen und der Prinzessin Clementine ein eigenes Zimmer und ihrem Gefolge den Officiersaal abgetreten.
Das Umspringen des Windes, mit dessen Hilfe Nelson hatte den Anker lichten können, war, wie wir bereits erwähnt, zwischen drei und vier Uhr Nachmittags erfolgt. Der Wind wehte jetzt anstatt aus Süden aus Westnordwest.
Kaum hatte Nelson diese Veränderung bemerkt, so hatte er Henry, seinem Flaggencapitän, den er mehr als einen Freund denn als einen Untergebenen betrachtete, Befehl gegeben, die Anker lichten zu lassen.
»Müssen wir uns weit auf der Höhe von Capri halten?« sagte der Capitän.
»Bei diesem Winde ist es nicht nöthig,« antwortete Nelson. »Wir werden geradeaus steuern.«
Henry studierte einen Augenblick lang den Wind und schüttelte dann den Kopf.
»Ich glaube nicht, daß dieser Wind aushält,« sagte er.
»Gleichviel; benutzen wir ihn so lange wir ihn haben,« entgegnete Nelson. »Obschon ich bereit bin, für den König und die königliche Familie zu sterben und meine Leute vom ersten bis zum letzten Mann tödten zu lassen, so werde ich doch die Majestäten nicht eher als in Sicherheit gebracht betrachten, als bis sie in Palermo sein werden.«
»Welche Signale sollen den andern Schiffen gegeben werden?«
»Sie sollen die Anker lichten wie wir, sich in unserm Fahrwasser halten, nach Palermo steuern, übrigens aber unabhängig manövrieren.«
Die Signale wurden gegeben und man hat gesehen, daß das Geschwader in See stach.
Auf der Höhe von Capri aber legte sich der Wind mit Einbruch der Nacht und es ergab sich, daß der Capitän Henry Recht gehabt hatte.
Diese augenblickliche Windstille verschaffte den seit drei Tagen von der Seekrankheit gemarterten vornehmen Flüchtlingen Gelegenheit, etwas Nahrung zu sich zu nehmen und ein wenig auszuruhen.
Wir brauchen nicht erst zu sagen, daß Emma Lyonna nicht ihrem Gemahl in den Officiersaal gefolgt, sondern bei der Königin geblieben war.
Sofort nach beendetem Souper ging Nelson, welcher demselben beigewohnt, wieder auf das Deck hinauf. Ein Theil der Prophezeiung Henrys war schon in Erfüllung gegangen, denn der Wind hatte sich gelegt, und er fürchtete für den übrigen Theil der Nacht, wenn auch nicht einen Sturm, doch wenigstens einen Windstoß.
Der König hatte sich auf sein Bett geworfen, konnte aber nicht schlafen. Ferdinand war ebenso wenig Seemann als Krieger. Alle jene erhabenen Schauspiele und großartigen Bewegungen des Meeres, welche den Traum poetischer Geister ausmachen, gingen für ihn gänzlich verloren.
Er kannte von dem Meere weiter nichts als die Krankheit, welche es verursacht, und die Gefahren, mit welchen es droht.
Gegen Mitternacht, als er sah, daß, obschon sonst der Schlaf ihm niemals fehlte, er sich hier vergebens hin- und herwälzte, stand er auf und stieg, von seinem treuen Jupiter gefolgt, welcher die Krankheit seines Herrn getheilt und noch theilte, eine der beiden Treppen der Companje hinauf.
In dem Augenblick, wo sein Kopf aus der Luke auftauchte, sah er drei Schritte vor sich Nelson und Henry, welche den Horizont mit Unruhe zu betrachten schienen.
»Du hattest Recht, Henry,« sagte Nelson. »Die alte Erfahrung hatte Dich nicht getäuscht. Ich bin ein Soldat des Meeres, Du dagegen bist ein Mann des Meeres. Der Wind hat nicht blos nicht ausgehalten, sondern wir werden auch einen kleinen Sturm bekommen.«
»Wozu noch kommt, Mylord,« antwortete Henry, »daß wir hier in einer sehr schlechten Lage sind, ihn auszuhalten. Wir hätten denselben Curs einhalten sollen wie die »Minerva«.
Nelson konnte sich nicht enthalten, seinen Verdruß durch eine Geberde zu verrathen.
»Ich liebe den stolzen, hochmüthigen Caracciolo, welcher die »Minerva« commandiert, ebensowenig, als Sie ihn lieben, Mylord; Sie werden aber zugeben, daß er auch das Compliment verdient, welches Sie die Güte hatten mir soeben zu machen. Er ist ein echter Seemann, und der Beweis davon ist, daß er, indem er zwischen Capri und das Cap Campanella hineingesteuert ist, Capri auf der Windseite und den ganzen Golf von Salerno unter dem Winde hat, so daß er der Heftigkeit des wahrscheinlich losbrechenden Sturmes weit weniger ausgesetzt sein wird als wir.«
Nelson wendete sich mit Ungeduld nach der schwarzen Masse, welche sich vor ihm emporthürmte, und gegen welche von Südosten her sich keinerlei Schutz darbot.
»Nicht übel!« sagte er. »Wir sind noch eine Meile von Capri entfernt.«
»Ich wollte wir wären deren zehn noch entfernt,« sagte Henry zwischen den Zähnen hindurch, aber doch nicht so leise, daß Nelson es nicht gehört hätte.
Plötzlich kam ein Windstoß aus Westen, der Vorläufer des Sturmes, von welchem Henry sprach.
»Laß die Stagsegel reffen und den Wind anholen,« sagte Nelson.
»Sie fürchten doch nichts für die Masten, Mylord?« fragte Henry.
»Ich fürchte die Küste, weiter nichts,« antwortete Nelson.
Henry wiederholte mit jener vollen, sonoren Stimme des Seemanns, welcher den Winden und den Wellen gebietet, das Commando, welches zugleich den Matrosen des Quarterdecks und dem Manne am Steuerruder galt.
Der König hatte das Gespräch und das Commando gehört, ohne etwas davon zu verstehen. Dennoch aber hatte er errathen, daß man von einer Gefahr bedroht ward, und daß diese Gefahr von Westen kam.
Er stieg deshalb vollends auf die Campanje hinauf und obschon Nelson eben so wenig die italienische als König Ferdinand die englische Sprache verstand, so fragte er doch:
»Ist vielleicht Gefahr vorhanden, Mylord?«
Nelson verneigte sich, wendete sich zu Henry und sagte:
»Ich glaube, Se. Majestät erzeigt mir die Ehre, mich zu befragen. Antworten Sie, Henry, wenn Sie verstanden haben, was der König gefragt hat.«
»Gefahr, Sire,« antwortete Henry, »ist auf einem von Mylord Nelson commandierten Schiffe niemals vorhanden, denn seine Voraussicht kommt allen Gefahren zuvor. Ich glaube blos, daß wir einen kleinen Sturm haben werden.«
»Dennoch aber finde ich die Witterung ziemlich schön,« sagte der König, indem er über seinem Kopf den Mond betrachtete, der an dem bewölkten, hie und da sichtbaren dunkelblauen Himmel hinglitt.
»Ueber uns dürfen wir nicht blicken, Sire,« bemerkte Henry. »Dort unten am Horizont vor uns – sieht Euer Majestät dort jene schwarze Linie, welche langsam am Himmel aufwärts steigt und von dem eben so schwarzen Meer nur durch einen Lichtstreifen getrennt ist, der ein Silberfaden zu sein scheint? Binnen zehn Minuten wird der Sturm über uns losbrechen.«
Ein zweiter mit Feuchtigkeit beladener Windstoß brauste einher und unter einem Druck legte der »Vanguard sich auf die Seite und ächzte.
»Das große Segel gerefft!« rief Nelson, indem er Henry die Conversation mit dem König fortsetzen ließ, und seine Befehle ohne Vermittlung direkt erheilte.
»Das große Focksegel gerefft!« Dieses Manöver ward mit einer Schnelligkeit ausgeführt, welche verrieth, daß die Mannschaft die Bedeutung desselben verstand, und das einesteils einer Leinwand entledigte Schiff steuerte unter Klüver-, Mars- und kleinem Focksegel weiter.
Nelson näherte sich Henry und sagte ihm einige Worte auf englisch.
»Sire,« hob Henry zum König gewendet wieder an, »Mylord ersucht mich, Euer Majestät bemerklich zu machen, daß in einigen Minuten der Sturm über uns losbrechen und daß, wenn Sie auf dem Deckbleiben, der Regen vor Ihnen nicht mehr Respekt haben wird als vor dem letzten unserer Seecadeten.«
»Kann ich die Königin beruhigen und ihr sagen, daß es keine Gefahr hat?« fragte der König, dem es nicht unlieb war, beiläufig selbst beruhigt zu werden.
»Ja, Sire,« antwortete Henry, »mit der Hilfe Gottes stehen Mylord und ich für Alles.«
Der König ging hinab, wieder gefolgt von Jupiter, welcher entweder in Folge der Seekrankheit oder in Folge einer banger Ahnung, wie die Thiere zuweilen bei Annäherung einer Gefahr haben, ächzend hinter seinem Herrn herschlich.
Ganz wie Henry vorhergesagt, waren kaum einige Minuten vergangen, so brach der Sturm über den »Vanguard« los und erklärte, von furchtbarem Donner und sündflutartigem Regen begleitet, der ganzen Flotte den Krieg.
Ferdinand war ein förmlicher Spielball des Unglücks. Nachdem er durch das Land verrathen worden, verrieth ihn auch das Meer.
Trotz der Versicherung, welche der König seiner Gemahlin, als er zu ihr hinunterkam, gegeben, begriff sie doch gleich bei den ersten Stößen, welche das Schiff empfing, und bei dem ersten Aechzen, welches es hören ließ, daß der »Vanguard« mit dem Orkan handgemein geworden. Da sie sich unmittelbar unter dem Verdeck befand, so hörte sie ganz deutlich jenes hastige, unregelmäßige Stampfen der Matrosen, welches die Gefahr durch die Bemühungen verkündet, welche man unternimmt, um sie zu bekämpfen.
Sie saß auf ihrem Bett mit ihrer ganzen Familie um sich herum, während Emma wie gewöhnlich sich zu ihren Füßen gelagert hatte.
Lady Hamilton, die von der Seekrankheit verschont geblieben, hatte sich gänzlich den Dienstleistungen gewidmet, deren die Königin, die Prinzessinnen und die beiden jungen Prinzen Albert und Leopold bedurften. Sie erhob sich von den Füßen der Königin nur, um dem einen eine Tasse Thee, dem andern ein Glas Zuckerwasser zu reichen, um ihre königliche Freundin auf die Stirn zu küssen und ihr einige jener Worte zu sagen, welche durch Betheuerung unverbrüchlicher Anhänglichkeit den gebrochenen Muth wieder aufrichten.
Nach Verlauf von einer halben Stunde kam Nelson ebenfalls in die Cajüte herunter.
Der Sturm war vorüber. Ein Sturm aber, der zuweilen ein bald vorübergehender Uebelstand und blos bestimmt ist, den Himmel zu säubern, ist zuweilen auch nur der Vorläufer eines noch furchtbareren Ungewitters. Nelson konnte daher der Königin auch nicht sagen, daß Alles vorüber sei, und ihr ebensowenig eine vollkommen ruhige Nacht versprechen.
Ihrer Einladung folgend setzte er sich und trank eine Taffe Thee. Die Kinder der Königin, mit Ausnahme des kleinen Prinzen Albert, waren eingeschlafen, und die Ermüdung und Sorglosigkeit hatten die Furcht besiegt, welche ebenso wie die Seekrankheit ihre Aeltern wach hielt.
Nelson befand sich seit ungefähr einer Viertelstunde in dem großen Gemach und schien schon seit fünf Minuten die Bewegungen des Schiffes genau zu beobachten, als leise an die Thür gepocht ward, und nachdem auf den Befehl der Königin die Thür geöffnet worden, ein junger Officier auf der Schwelle erschien.
Es war augenscheinlich, daß er zu Nelson wollte.
»Ah, Sie sind es, Mr. Parkenson,« sagte der Admiral; »was gibt es?«
»Mylord,« antwortete der junge Mann, »der Capitän Henry schickt mich, um Ihnen zu melden, daß seit fünf Minuten der Wind nach Süden umgesprungen ist und daß wir, wenn wir denselben Curs beibehalten, fürchten müssen, auf den Strand von Capri geworfen zu werden.«
»Nun gut, sagte Nelson, »dann ändert den Curs.«
»Mylord, das Meer geht hoch, das Schiff arbeitet sich nur mit Mühe vorwärts und hat seine ganze Schnelligkeit verloren.«
»Aha!« sagte Nelson; »Ihr glaubt, der Curs werde sich gar nicht ändern lassen.«
»Das Schiff rollt, entgegnete Mr. Parkenson.
Nelson erhob sich, grüßte lächelnd den König und die Königin und folgte dem Lieutenant.
Der König verstand, wie wir bereits bemerkt haben, nicht englisch; die Königin verstand es allerdings, da ihr aber die Seeausdrücke nicht geläufig waren, so verstand sie blos, daß eine neue Gefahr im Begriff stand aufzutauchen. Sie warf deshalb Emma einen fragenden Blick zu.
»Wie es scheint,« antwortete Emma, »gilt es ein schwieriges Manöver auszuführen und man wagt nicht es in Abwesenheit des Admirals vorzunehmen.«
Die Königin runzelte die Stirn und seufzte. Emma erhob sich und ging, über den beweglichen Fußboden hinwegtaumelnd, nach der Thür, um zu horchen.
Nelson, welcher die Gefahr begriff, war rasch wieder auf die Campanje hinaufgestiegen.
Der Wind war, wie der Lieutenant Parkenson gesagt, nach Süden umgesprungen. Es wehte jetzt ein förmlicher Sirocco und das Schiff war in der vollen Gewalt desselben.
Der Admiral warf einen raschen, unruhigen Blick um sich herum.
Der Himmel war, obschon noch umwölkt, doch stellenweise hell. Rechts sah man Capri und hatte sich dieser Insel schon so weit genähert, daß man bei dem matten, durch das Gewölk hindurchfallenden Mondlicht die weißen Punkte unterscheiden konnte, welche die Häuser bezeichnen.
Ganz besonders aber sah man eine breite weiße Schaumfranse, welche sich der ganzen Insel entlang streckte und verrieth, mit welcher Wuth die Wogen sich dort brachen.
Kaum hatte Nelson einen Blick um sich geworfen, so entwarf er sich auch sofort ein richtiges Bild von der Situation.
Der Südwind hatte sich in den Segeln gefangen und die Masten begannen zu knarren und zu knacken.
Mit seiner der Mannschaft so wohlbekannten Stimme rief der Admiral:
»Fertigmachen zum Wenden!«
Dieses Manöver war ein sehr gewagtes und es konnte dabei leicht geschehen, daß das Schiff auf die Seite geworfen ward.
Kaum hatte die Mannschaft begonnen den Befehl des Admirals auszuführen, als es war, als hätten der Wind und das Meer das Commando verstanden und sich vorgenommen, ihm gemeinschaftlich Widerstand zu leisten, Das Marsegel blähte sich, als ob es bersten müßte, der Mast bog sich wie ein dünnes Rohr und ließ ein furchtbares Knarren hören. Wenn er brach, so war das Schiff verloren.
In diesem Augenblick der Angst fühlte Nelson, wie er leicht am linken Arm berührt ward.
Es war Emma, die neben ihm stand. Er drückte seine Lippen mit fieberhafter Energie auf ihre Stirn, stampfte mit dem Fuße, als ob das Schiff es hören könnte, und murmelte:
»So wende doch! Wende doch!«
Das Schiff gehorchte. Es wendete und nach einigen Minuten des Zweifels steuerte es in westnordwestlicher Richtung.
»Gut,« murmelte Nelson aufathmend. »Nun haben wir hundertundfünfzig Meilen Wasser vor uns, ehe wir auf die Küste stoßen.«
»Meine werthe Lady Hamilton,« sagte eine Stimme, »haben Sie die Güte, mir das, was Mylord soeben gesagt hat, ins Italienische zu übersetzen.«
Die Stimme war die des Königs, welcher, als er Emma sich hatte entfernen sehen, ihr gefolgt und hinter ihr auf die Campanje gestiegen war.
Emma erklärte dem König die Worte des Admirals.
»Aber,« sagte der König, der von der Schifffahrtskunde keinen Begriff hatte, »wie mir scheint, steuern wir nicht nach Sicilien, sondern im Gegentheile nach Corsica.«
Emma übermittelte die Bemerkung des Königs dem Admiral.
»Sire,« antwortete Nelson mit einem gewissen Grade von Ungeduld, »wir machen einen Umweg, um lavieren zu können, und wenn Euer Majestät mir die Ehre erzeigen will, auf der Campanje zu bleiben, so werden Sie in zwanzig Minuten sehen, wie wir abermals wenden und die versäumte Zeit wieder einbringen.«
»Sie wollen wenden? Ja, jetzt versteh' ich,« sagte der König. »Sie wollen das, was Sie vorhin ausführten, noch einmal vornehmen lassen, aber ist es Ihnen nicht möglich, etwas weniger oft zu wenden? Vorhin war es mir, als wenn Sie mir die Seele ausrissen.«
»Sire,« antwortete Nelson, »befänden wir uns im atlantischen Meere und steuerte ich unter einem ähnlichen Winde von den Azoren nach Rio de Janeiro, so würde ich, um Euer Majestät ein Unwohlsein zu ersparen, welchem ich selbst unterworfen bin und welches ich folglich sehr wohl kenne, Wendungen von sechzig bis achtzig Meilen machen. Leider aber befinden wir uns im mittelländischen Meere, wir steuern von Neapel nach Palermo und müssen daher Wendungen von höchstens drei bis vier Meilen machen. Uebrigens,« fuhr der Admiral fort, indem er einen Blick auf Capri warf, wovon man sich jetzt immer weiter entfernte, »übrigens können Euer Majestät ruhig in Ihr Gemach zurückkehren und die Königin beruhigen. Ich stehe für Alles.«
Der König athmete nun einerseits auf, obschon er Nelson's Worte nicht direct verstanden hatte. Nelson hatte dieselben aber mit solcher Ueberzeugung ausgesprochen, daß diese sich Emma's Herzen und von diesem auch dem des Königs mitgetheilt hatte.
Ferdinand ging demgemäß wieder hinunter, verkündete, daß alle Gefahr vorüber sei und daß Emma ihm folge, um der Königin dieselbe Versicherung zu geben.
Emma folgte dem Könige in der That. Da sie aber, von der geraden Linie abweichend, den Weg durch Nelson's Cajüte nahm, so begann die Königin erst nach einer halben Stunde, vollständig beruhigt, den Kopf auf die Schulter ihrer Freundin lehnend, sich dem Schlafe zu überlassen.
Der Sturm, welcher Nelson beinahe an die Küste von Capri geworfen, hatte auch Caracciolo getroffen, obschon auf weniger empfindliche Weise. Erstens ward seine Gewalt theilweise durch die hohen Gebirge der Insel gebrochen und ferner hatte der neapolitanische Admiral, da er mit einem leichteren Schiffe manövrierte, eher damit zu Stande kommen können, als Nelson mit dem schwerfälligen »Vanguard«, der noch die Spuren der Kugeln von Abukir trug.
Als demgemäß Nelson, nachdem er zwei oder drei Stunden Ruhe genossen, bei Tagesanbruch wieder auf die Campanje seines Schiffes stieg, sah er, nachdem es ihm mit großer Mühe gelungen war, Capri zu umsegeln, daß Caracciolo und sein Schiff sich auf der Höhe des Cap Licosa, das heißt um fünfzehn bis zwanzig Meilen voraus befanden.
Dies war aber noch nicht Alles.
Während Nelson nur mit den drei kleinen Marsegeln, dem Klüver- und dem kleinen Focksegel steuerte, hatte Caracciolo seine sämmtlichen Segel beibehalten und kam mit jeder Wendung besser in den Wind.
Zum Unglücke bestieg in diesem Augenblicke der König seinerseits die Campanje und sah Nelson, welcher, mit dem Fernrohre in der Hand, den Lauf der »Minerva« mit eifersüchtigem Blick verfolgte.
»Wohlan,« fragte der König den Lieutenant Henry, »wo sind wir jetzt?«
»Sie sehen es, Sire,« antwortete Henry. »Wir haben so eben Capri umsegelt.«
»Wie,« sagte der König, »dieser Felsen ist immer noch Capri?«
»Ja, Sire.«
»Dann haben wir also seit gestern drei Uhr Nachmittags nur sechs- bis achtundzwanzig Meilen zurückgelegt?«
»Ja, ungefähr.«
»Was sagt der König?« fragte Nelson.
»Er wundert sich, daß wir keine größere Strecke zurückgelegt haben, Mylord.«
Nelson zuckte die Achseln.
Der König errieth die Frage des Admirals und die Antwort des Capitäns, und da Nelsons Geberde ihm ein wenig respectwidrig erschien, so beschloß er, sich dafür zu rächen und den Stolz des Admirals zu demüthigen.
»Wonach,« fragte er, »schaute denn Mylord, als ich auf die Campanje heraufkam?«
»Nach einem Schiffe, welches uns im Winde steuert.«
»Vor uns, wollen Sie sagen, Capitän.«
»Es ist das Eine und das Andere der Fall.«
»Und was ist es für ein Schiff? Zu unserer Flotte gehört es wohl nicht?«
»Warum sollte es nicht dazugehören, Sire?«
»Weil, da der »Vanguard« das beste Schiff und Mylord Nelson der beste Seemann der Flotte ist, kein anderes Schiff und kein anderer Capitän uns überholen kann.«
»Was sagt der König?« fragte Nelson.
Henry übersetzte dem englischen Admiral Ferdinands Antwort.
Nelson biß sich auf die Lippen.
»Der König hat Recht,« sagte er. »Niemand sollte das Admiralschiff überholen, besonders wenn es die Ehre genießt, die Majestäten an Bord zu haben. Demgemäß soll auch der, welcher sich dieser Unangemessenheit schuldig gemacht, dafür gestraft werden, und Sie, Capitän Henry, werden dem Fürsten Caracciolo augenblicklich signalisieren, daß er nicht mehr den Wind gewinnen, sondern uns erwarten soll.«
An Nelsons Miene errieth Ferdinand, daß der Streich getroffen, und da er aus dem kurzen, gebieterischen Tone schloß, daß der englische Admiral einen Befehl ertheilte, so folgte er dem Capitän Henry mit den Augen, um ihn diesen Befehl ausführen zu sehen.
Henry stieg von der Campanje herab, entfernte sich auf einige Minuten und kam mit verschiedenen nach einer gewissen Reihenfolge geordneten Flaggen zurück, welche er selbst an dem Signaltau befestigen ließ.
»Haben Sie, fragte Nelson, »der Königin gemeldet, daß ein Kanonenschuß gelöst werden wird, und daß sie nicht darüber zu erschrecken braucht?«
»Ja, Mylord,« antwortete der Capitän Henry.
In der That hörte man in demselben Augenblick einen Knall, und eine Rauchsäule stieg an der obern Batterie empor.
Gleichzeitig stiegen die von Henry herbeigebrachten fünf Flaggen an dem Signaltau in die Höhe und verkündeten den Befehl Nelsons in seiner ganzen Brutalität.
Der Kanonenschuß hatte den Zweck, die »Minerva« aufmerksam zu machen, denn sie zog auch sofort eine Flagge auf, um zu erkennen zu geben, daß sie das Signal des »Vanguard« erwarte.
Welche Wirkung aber auch der Anblick der Signale auf Caracciolo hervorbrachte, so beeilte dieser sich doch, zu gehorchen.
Er setzte sein Besansegel und das große Segel bei und ließ dieselben so stellen, daß sie den Wind schnitten.
Nelson verfolgte mit dem Fernrohr in der Hand das von ihm anbefohlene Manöver. Er sah die Segel der »Minerva« zur Hälfte reffen, nur das Focksegel blieb voll und die Schnelligkeit der Fregatte verminderte sich sofort um mehr als die Hälfte, während Nelson dagegen, welcher einen verhältnißmäßigen Grad von Windstille sich entwickeln sah, alle Segel bis auf die kleinsten Bramsegel beisetzen ließ.
Binnen wenigen Stunden hatte der »Vanguard« die »Minerva« eingeholt.
Nun erst drehte diese ihre Segel wieder in den Wind. Obschon aber Caracciolo so mit nur wenigen Segeln steuerte und sich von nun an eine Viertelmeile hinter den »Vanguard« hielt, so blieb er doch von dem mit allen seinen Segeln, steuernden schwerfälligen Coloß stets genau in derselben Entfernung.
Dreizehntes Capitel.
Ein großer Sturm
Als Ferdinand an der Leichtigkeit des Manövers der »Minerva« sah und bemerkte, wie dieselbe ihrem Commandanten gleich einem gut dressierten Pferd gehorchte, begann er zu bedauern, daß er sich nicht lieber bei seinem alten Freund Caracciolo eingeschifft, wie er demselben ja auch versprochen.
Er ging in das große Gemach hinab und fand die Königin und die jungen Prinzessinnen ziemlich ruhig.
Seitdem der Tag angebrochen, hatten sie ein wenig ausgeruht. Nur der kleine Prinz Albert, dessen Gesundheit überhaupt schwächlich war, litt an immer noch fortwährendem Erbrechen und ruhte in Emma Lyonna's Armen, welche, bewunderungswürdig in ihrer Hingebung, sich keinen Augenblick Ruhe gegönnt, sondern sich nur mit der Königin und deren Kindern beschäftigt hatte.
Man lavierte den ganzen Tag, nur ward dasselbe, so wie die See anfing hoch zu gehen, immer schwieriger. Bei jeder Wendung des Schiffes verdoppelten sich die Leiden des jungen Prinzen.
Gegen drei Uhr Nachmittags ging Emma Lyonna auf das Verdeck.
Es bedurfte blos ihrer Gegenwart, um die Runzeln von Nelson's Stirn zu verscheuchen. Sie kam, um ihm zu sagen, daß der Prinz sich sehr unwohl befände und daß die Königin fragen ließe, ob es nicht möglich sei, irgendwo zu landen oder den Curs zu ändern.
Man befand sich jetzt so ziemlich auf der Höhe von Amantea und konnte allerdings in den Meerbusen von Santa Euphemia einlaufen. Was mußte aber dann Caracciolo denken? Nichts Anderes, als daß der »Vanguard « nicht habe die See halten können, und daß Nelson, dieser Besieger der Menschen, seinerseits durch das Meer besiegt worden sei.
Seine maritimen Unfälle waren auch in der That fast eben so berühmt wie seine Siege. Vor kaum einem Monat hatte in dem Meerbusen von Lyon ein Schiff bei einem Sturm seine sämtlichen drei Masten verloren und war, rasiert wie ein Ponton, im Schlepptau eines andern weniger beschädigten Schiffes in den Hafen von Cagliari eingelaufen.
Er befragte den Horizont mit jenem forschenden Blick des Seemanns, welchem alle Anzeichen der Gefahr bekannt sind. Das Wetter sah durchaus nicht beruhigend aus.
Die hinter den Wolken, welchen sie nur mit Mühe einen gelblichen Glanz verlieh, versteckte Sonne sank langsam nach Westen hinab und durchfurchte den Himmel mit jenen breiten Strahlen, welche Wind für den nächstfolgenden Tag verkünden und dem Lootsen die sprichwörtliche Bemerkung entlocken: »Sehen wir uns vor! Die Sonne liegt vor Anker!«
Der Stromboli, welchen man in der Ferne grollen zu hören begann, war vollständig unsichtbar, ebenso wie der Archipel von Inseln, über welchen er in einer Masse von Dünsten emporragt, die auf dem Meere zu schwimmen und den Flüchtigen entgegenzukommen schienen.
Von der entgegengesetzten Seite, das heißt gegen Norden, sah der Himmel ziemlich frei aus. So weit aber das Auge reichte, sah man weiter kein Schiff als die »Minerva«, welche, genau dieselben Evolutionen ausführend, wie der »Vanguard«, der Schatten desselben zu sein schien.
Die andern Schiffe waren, indem sie die von Nelson ertheilte Erlaubniß zum unabhängigen Manövrieren benutzten, entweder in den Hafen von Castellamare oder in westlicher Richtung in das hohe Meer hinausgeflüchtet.
Wenn der Wind so blieb, und man auch ferner den Curs nach Palermo einhielt, so mußte die ganze Nacht und wahrscheinlich auch den ganzen nächstfolgenden Tag laviert werden.
Dann hatte man also noch zwei bis drei Tage auf dem Meere zuzubringen, und Lady Hamilton versicherte, dies könne der kleine Prinz nicht aushalten.
Hielt dagegen derselbe Wind aus und man steuerte auf Messina zu, so konnte man, wenn man die Strömung benutzte, trotz des widrigen Windes vielleicht noch während der Nacht in diesen Hafen gelangen.
Wenn Nelson auf diese Weise seinen Curs änderte, so gehorchte er nur einem Befehl des Königs. Demgemäß entschied er sich für Messina.
»Henry,« sagte er, »geben Sie der »Minerva« das Signal.«
»Was für eins denn?«, fragte Henry.
Es trat ein Augenblick des Schweigens ein. Nelson überlegte, in welchen Ausdrücken der Befehl gegeben werden könnte, ohne daß seine Eigenliebe dadurch verletzt ward.
»Der König befiehlt dem »Vanguard« nach Messina zu steuern,« sagte er. »Die »Minerva« kann ihren Curs nach Palermo weiter fortsetzen.«
Nach Verlauf von fünf Minuten war der Befehl übermittelt.
Caracciolo antwortete, er werde gehorchen.
Nelson brauchte nur seine Segel leicht dem Südwind zu öffnen und der Mann am Steuerruder erhielt Befehl, die Richtung so zu nehmen, daß man Salina auf der Windseite behielt und zwischen Panaria in Lipari hindurch passirte.
Wenn der Sturm zu heftig ward, so konnte Nelson nun, nachdem er sich Caracciolos entledigt, in den Golf von Santa Euphemia flüchten.
Nachdem er seinen Befehl erheilt, warf er einen letzten Blick auf die »Minerva«, welche immer noch fortfuhr mit der Leichtigkeit eines Vogels zu lavieren und zu wenden.
Dann ging er, die Aufsicht über das Schiff seinem getreuen Henry überlassend, in das große Gemach, wo das Diner aufgetragen war.
Niemand hatte bis jetzt dasselbe berührt, nicht einmal der König Ferdinand, ein so starker Esser er auch sonst war. Erstens die Seekrankheit und dann zweitens eine dumpfe fortwährende Unruhe hatten ihn seines Appetites gänzlich beraubt.
Indessen der Anblick Nelsons beruhigte wie gewöhnlich die vornehmen Flüchtlinge wieder und alle näherten sich der Tafel, mit Ausnahme Emma Lyonna’s und des kleinen Prinzen, dessen Erbrechen immer heftiger ward und einen geradezu beunruhigenden Charakter annahm.
Zweimal hatte der Schiffsarzt Beaty das königliche Kind besucht, bekanntlich aber kennt man bis auf den heutigen Tag noch nicht das Mittel, durch welches sich diese furchtbare Krankheit sofort beseitigen ließe.
Doctor Beaty hatte sich darauf beschränkt, Thee und Limonade in großen Tassen zu verordnen. Der kleine Prinz wollte aber von Niemanden etwas empfangen als aus der Hand Emma's, so daß die Königin, welche übrigens den Zustand ihres Sohnes nicht in der vollen ernsten Bedeutung desselben begriff, in einer Anwandlung von mütterlicher Eifersucht das Kind gänzlich der Obhut Emmas überlassen hatte.
Was den König betrifft, so war er für die Leiden Anderer unempfindlich, und obschon er seine Kinder mehr liebte, als dieses von der Königin geschah, so hielt doch die Sorge um sich selbst ihn ab, der Krankheit des jungen Prinzen die Aufmerksamkeit zu widmen, welche dieselbe verdiente.
Nelson näherte sich dem Knaben, um sich Emma Lyonna zu nähern.
Seit einiger Zeit ward der Wind allmälig schwächer und das Schiff schaukelte schwerfällig hin und her. Auf die Marter des Wendens folgte nun die des sogenannten Rollens.
»Sehen Sie?«, sagte Emma, indem sie Nelson den beinahe leblosen Körper des Kindes hinhielt.
»Ja,« antwortete Nelson; »ich begreife, warum die Königin mich hat fragen lassen, ob ich nicht in irgend einen Hafen einlaufen könnte. Unglücklicherweise kenne ich in dem ganzen lipariotischen Archipel nicht einen einzigen, dem ich ein Schiff von der Größe des »Vanguard« anvertrauen möchte, besonders wenn es die Geschicke eines Königreiches an Bord hat, und von Messina, von Milazzo und dem Meerbusen von Santa Euphemia sind wir jetzt noch weit entfernt.«
»Es scheint mir,« sagte Emma, »als legte sich der Sturm.«
»Sie wollen sagen der Wind, denn von einem eigentlichen Sturm hat nicht die Rede sein können. Gott bewahre uns davor, Mylady, einen Sturm zu sehen, besonders in diesen Gegenden. Ja, der Wind legt sich, aber es ist nur ein Waffenstillstand, den er uns gewährt, und ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß ich eine noch schlimmere Nacht fürchte, als die gestrige war.«
»Das, was Sie da sagen, lautet nicht beruhigend, Mylord,« sagte die Königin, welche sich leise der Cajüte genähert und da sie englisch sprach, das, was Nelson gesagt, gehört und verstanden hatte.
»Euer Majestät können aber wenigstens überzeugt sein, daß Ehrfurcht und Hingebung stets Wache halten werden,« antwortete Nelson.
In diesem Augenblick öffnete sich die Thür des oberen Zimmers und der Lieutenant Parkenson fragte, ob der Admiral nicht bei den königlichen Majestäten sei. Nelson hörte die Stimme des jungen Officiers und ging ihm entgegen.
Beide wechselten einige Worte in leisem Tone.
»Gut,« sagte Nelson dann laut, und wieder den Commandoton annehmend, fuhr er fort: »Lassen Sie die Kanonen auf das Sorgfältigste festbinden. Ich gehe jetzt auf das Deck, Madame,« setzte Nelson zu der Königin gewendet, hinzu. »Wenn ich nicht eine so kostbare Ladung an Bord hätte, so würde ich den Capitän Henry das Schiff nach seinem Gutdünken führen lassen. Da ich aber die Ehre genieße, Ew. Majestät an Bord zu haben, so will ich mich in dieser Beziehung auf Niemanden anders verlassen, als auf mich selbst. Ich bitte daher Ew. Majestät, sich nicht zu beunruhigen, wenn ich mich des Glückes beraube, in Ihrer Nähe zu weilen.«
Mit diesen Worten ging er rasch auf die Thür zu.
»Warten Sie, warten Sie, Mylord,« sagte Ferdinand, »ich gehe mit.«
»Was sagt Se. Majestät?« fragte Nelson, der nicht italienisch verstand.
Die Königin übersetzte ihm die Worte ihres Gemahls.
»Um Gottes willen, Madame,« sagte Nelson, »suchen Sie den König zu bewegen, daß er hier bleibe. Auf der Campanje würde er die Officiere einschüchtern und dem Manövriren hinderlich sein.«
Die Königin setzte ihren Gemahl von Nelson's Wunsch in Kenntniß.
»Ach, Caracciolo, Caracciolo!«, murmelte der König, indem er in einen Lehnstuhl sank.
Nelson brauchte nur den Fuß auf die Campanje zu setzen, um zu sehen, daß nicht blos etwas Ernstes, sondern auch etwas Ungewohntes an Bord vorging. Das Ernste war nicht mehr ein kleiner, sondern ein großer Sturm, der sich am Himmel aufthürmte.
Das Ungewohnte war der Compaß, welcher nicht mehr unverbrüchlich nach einer Richtung zeigte, sondern von Nord nach Ost variierte.
Nelson begriff sofort, daß die Nähe des Vulcans magnetische Strömungen hervorrief, deren Einfluß die Nadel des Compasses gehorchte.
Unglücklicherweise war die Nacht sehr dunkel. Kein Stern war am Himmel zu sehen, wonach das Schiff sich hätte richten können, und bei der nun eingetretenen Unzuverläßlichkeit des Compasses mußte man so zu sagen aufs Gerathewohl steuern.
Wenn der Südwind fortfuhr sich zu legen und das Meer ruhiger ward, so ward die Gefahr geringer und schwand sogar vollständig. Man konnte dann beilegen und den Anbruch des Tages erwarten.
Unglücklicherweise aber war dem nicht so, und es war klar, daß der Wind im Süden sich blos legte, um sich von einer andern Seite zu erheben.
Die letzten Stöße des Südwindes wurden immer schwächer und hörten endlich ganz auf. Es dauerte nicht lange, so hörte man die schweren Segel an die Masten anschlagen.
Eine furchtbare Ruhe senkte sich auf die Wogen herab. Matrosen und Officiere sahen einander angstvoll an.
Dieses drohende Schweigen des Himmels schien ein Waffenstillstand zu sein, den ein edelmüthiger, aber sterblicher Feind bewilligt, um denen, die er bekämpfen will, Zeit zu lassen, sich zum Kampfe zu rüsten. Die Flamme eines Lichtes würde senkrecht gegen den Himmel gestanden haben. Das Wasser schlug traurig an die Wände des Schiffes und aus den Tiefen des Meeres stiegen unbekannte, geheimnißvoll feierliche Töne herauf.
»Das ist eine furchtbare Nacht, welche sich da bereitet, Mylord,« sagte Henry.
»Na,« sagte Nelson, »sie wird immerhin nicht so schrecklich sein wie der Tag von Abukir.«
»Ist das der Donner, den man hört?« fragte Henry. »Und wenn dies der Fall ist, wie kommt es, daß das Gewitter hinterherkommt und der Donner vornweg grollt?«
»Es ist nicht der Donner, sondern der Stromboli,« entgegnete Nelson. »Wir werden einen furchtbaren Sturm bekommen. Laffen Sie Bramsegel, die kleinen Marsegel, das große Segel und das Besansegel reffen.«
Henry wiederholte den Befehl des Admirals. Durch die drohende Gefahr angespornt, sprangen die Matrosen in das Takelwerk hinauf und binnen weniger als fünf Minuten lagen die gewaltigen Leinwandflächen unschädlich und festgebunden auf ihren Raaen.
Die Ruhe ward immer tiefer. Die Wogen hörten auf sich am Vordertheil des Schiffes zu brechen. Selbst das Meer schien eine nahe bevorstehende gewaltige Veränderung mit Bangigkeit zu erwarten.
Auf einmal begannen leichte Windstöße gleichsam um die Masten herumzuhüpfen und plötzlich sah man, so weit der Blick in der Finsterniß zu reichen vermochte, die Oberfläche des Meeres wogen.
Dieses Wogen erzeugte dichten Schaum, ein furchtbares Gebrüll erdröhnte vom Horizont und der Westwind, der gewaltigste von allen, stürzte sich auf die Flanken des Schiffes, welches, indem es ihn voll von der Seite empfing, feine Masten unter diesem unwiderstehlichen Anprall beugte.
»Steuerruder auf!« rief Nelson; »Steuerruder auf!«
Dann setzte er leise und wie mit sich selbst sprechend hinzu:
»Jetzt gilt es das Leben.«
Der Steuermann gehorchte. Eine Minute lang, welche der Mannschaft ein Jahrhundert zu sein schien, blieb das Schiff über Backbord geneigt.
Während dieses Augenblickes banger Erwartung riß die Befestigung einer Kanone auf der Steuerbordseite, das Geschütz rollte über die ganze Breite des Schiffes, tödtete einen Mann und verwundete deren fünf oder sechs. Henry machte eine Bewegung, um auf das Deck hinabzuspringen.
Nelson hielt ihn am Arme fest. »Nur immer kaltblütig!« sagte er. »Die Leute mögen sich mit ihren Beilen bereit halten. Wenn es sein muß, so lasse ich das Schiff rasieren wie einen Ponton.«
»Es richtet sich auf! es richtet sich auf!« riefen mit einem Male hundert Matrosenstimmen.
Und in der That richtete das Schiff sich langsam und majestätisch empor gleich einem ritterlichen, muthigen Gegner, welcher seinen Feind begrüßt, ehe er den Kampf beginnt.
Dann spaltete es, dem Steuerruder gehorchend und seinen hohen Spiegel dem Winde darbietend, die Wellen und trieb vor dem Winde her.
»Sehen Sie einmal, ob der Compaß wieder richtig geht,« sagte Nelson zu dem Capitän Henry.
Henry ging nach dem Compaßhäuschen und kam wieder zurück.
»Nein, Mylord,« meldete er, »und ich fürchte, daß wir gerade auf den Stromboli zutreiben.«
In diesem Augenblick hörte man, wie zur Antwort auf einen von Westen her dröhnenden Donnerschlag, von der andern Seite jenes Gebrüll, welches den Ausbrüchen des Vulkans vorangeht. Dann schoß ein ungeheurer Flammenstrahl gegen Himmel empor, erlosch aber schon im nächsten Augenblick.
Dieser Flammenstrahl war kaum eine Meile entfernt.
Ganz wie Henry gefürchtet, trieb man gerade auf den Vulkan zu, welcher jetzt ausdrücklich ein Leuchtfeuer angezündet zu haben schien, um Nelson auf die Gefahr aufmerksam zu machen.
»Steuerruder nach Backbord!« rief der Admiral.
Der Steuermann gehorchte dem Admiral und das Schiff gehorchte, indem es sich von Ostsüdost nach Südost wendete, dem Steuermann.
»Sie wissen, Mylord,« sagte Henry, »daß von Stromboli bis Panaria, das heißt auf einer Strecke von sieben bis acht Meilen, das Meer mit kleinen Inseln und Felsen bedeckt ist, die bis kaum an den Wasserspiegel heraufreichen.«
»Ja,« sagte Nelson, »stellen Sie eine Ihrer besten Wachen, einige zuverlässige Leute in die Klüsen und befehlen Sie Mr. Parkenson, daß er das Sondieren überwache.«
»Ich werde selbst gehen,« sagte Henry. »Man hänge eine Laterne in die Ketten der Wanten des großen Mastes Mylord muß von der Campanje aus hören können, was ich sagen werde.«
Dieses Commando bereitete die Mannschaft auf eine Krisis vor.
Nelson näherte sich dem Compaß, um ihn selbst zu überwachen. Der Compaß ging noch nicht wieder regelmäßig.
»Land vorn!« rief der Matrose im Besanmastkorbe.
»Steuerruder Backbord!« rief Nelson.
Das Schiff wendete den Bug leicht nach Süden. Der Sturm benutzte diesen Umstand, um sich in seine Segel zu verfangen.
Man hörte ein Krachen. Eine Wolke schien einen Augenblick vor dem »Vanguard« herzuschweben. Man hörte das Reißen mehrerer Taue, und ein ungeheurer Fetzen Leinwand ward unter dem Winde fortgetragen.
»Es ist nichts!« rief Henry. »Das große Focksegel ist gerissen!«
»Brandung auf Steuerbordseite!« rief der Mann im Mastkorbe wieder.
»Sondiert!« befahl Nelson.
»Sieben Faden,« antwortete Henry. »Ich glaube aber, wir segeln zu schnell. Wenn wir Brandungen vor uns haben, so glaube ich nicht, daß wir ihnen ausweichen können.«
»Das Besansegel und das große Marsegel gerefft! Das Focksegel zur Hälfte gerefft! Sondiert!«
»Sechs Faden!« antwortete Henry.
»Wir sind in der Enge zwischen Panaria und Stromboli,« sagte Henry, dann setzte er in leisem Tone hinzu:
»In zehn Minuten sind wir gerettet oder liegen auf dem Boden des Meeres.«
Und in der That, anstatt jener Regelmäßigkeit, welche die Meereswellen, selbst mitten im Sturm, insofern bewahren, als sie eine hinter der andern herlaufen, schienen sie jetzt einander zu zerschellen, und man sah in diesem Schaumchaos, dessen Gebrüll an das Geheul der Hunde Scyllas erinnerte, weiter nichts als eine einzige dunkle Linie zwischen einer Doppelmauer von Brandungen gezogen.
In diesen schmalen Canal stand der »Vanguard« im Begriff hineinzusegeln.
»Wie viel Faden?« fragte Nelson.
»Sechs.«
Der Admiral runzelte die Stirn.
Ein Faden weniger und der »Vanguard« stieß auf den Grund.
»Mylord,« sagte der Steuermann mit dumpfer Stimme, »das Schiff geht nicht mehr.«
In der That war die Bewegung des »Vanguard« kaum noch bemerkbar, und nachdem er sich vor dem Sturme mit einer Geschwindigkeit von elf Knoten in der Stunde bewegt, würde man jetzt, wenn man das Loth geworfen hätte, höchstens noch drei Knoten gezählt haben.
Nelson schaute sich um. Der von den kleinen Inseln, zwischen welchen man jetzt hindurchsteuerte, gebrochene Wind hätte auf die oberen Segel, wenn dieselben beigesetzt gewesen wären, keinen sonderlichen Druck auszuüben vermocht. Andererseis schien eine unterseeische Strömung dem Gange des Schiffes entgegenzuarbeiten.
»Wie viel Faden?« fragte Nelson.
»Immer noch sechs,« antwortete Henry.
»Mylord,« sagte der alte Steuermann, ein geborener Sicilianer aus dem kleinen Dorfe Pace, welcher sah, mit welchen Gedanken Nelson sich vorzugsweise beschäftigte; »Mylord, darf ich mir ein paar Worte erlauben?«
»Sprich,« entgegnete Nelson.
»Es ist die Strömung, welche wiederkehrt.«
»Was für eine Strömung?«
»Die der Meerenge. Zum Glück gibt sie uns einen halben oder vielleicht einen ganzen Fuß Wasser mehr.«
»Du glaubst also, daß die Strömung bis hier herauf reiche?«
»Sie reicht bis nach Paolo, Mylord.«
»Oberbramsegel und Oberfocksegel beigesetzt!« rief Nelson.
Obgleich dieser Befehl die Matrosen überraschte, so ward er doch mit jenem blinden, stummen Gehorsam ausgeführt, welcher die erste Eigenschaft des Seemannes ist, besonders in den Stunden der Gefahr.
Man sah daher, sobald der Befehl durch den wachthabenden Officier wiederholt war, sich die hohen Segel entrollen, die allein vom Wind erreicht werden konnten.
»Es geht wieder, es geht wieder!« rief der Steuermann in einem freudigen Tone, welcher die nun überstandene Furcht verrieth, daß der »Vanguard«, anstatt der ihm vorgezeichneten Bahn treulich zu folgen, in die ihn umgebenden Brandungen hineingerathen würde.
»Sondiert!« rief Nelson.
»Sieben Faden!« rief Henry.
»Brandungen vor uns!« rief der Matrose im Korbe des Besanmastes.
»Brandungen, Steuerbord!« rief der Matrose, der an dem Krahnbalken auf dem Vorderdeck lehnte.
»Steuerruder nach Steuerbord!« rief Nelson mit Donnerstimme; »scharf, scharf, scharf!«
Diese dreifache Wiederholung des ertheilten Befehls verrieth die drohende Nähe der Gefahr.
Das Schiff gehorchte in der That nur in dem Augenblick, wo die vereinte Kraft zweier Matrosen das Ruder ganz nach Steuerbord drehte und das äußerste Ende der Spiere schon beinahe den Schaum der Wellen berührte.
Die ganze auf dem Deck anwesende Mannschaft war der Bewegung des Schiffes mit besorgtem Blick gefolgt. Zehn Sekunden Widerstand gegen das Steuerruder und es stieß auf den Grund.
Unglücklicherweise befand sich das Schiff, indem es Backbord hielt, in der Linie des Windes, ohne daß dieser durch irgend ein Hinderniß gebrochen worden wäre. Ein furchtbarer Stoß packte das Schiff, welches sich zum zweiten Male über Steuerbord neigte, so daß das äußerste Ende der großen Raaenden silbernen Gipfel einer Woge streifte.
Gleichzeitig bogen sich ächzend die Masten, und da sie nicht durch die unteren Segel gestützt wurden, so zerbrachen die drei obersten Stangen mit fürchterlichem Getöse.
»Leute mit Messern in die Mastkörbe hinauf!« commandierte Nelson. »Durchschneidet das Takelwerk, und werft die Stangen in das Meer!«
Ein Dutzend Matrosen sprangen, um diesem Befehle zu gehorchen, in die Wanten, die sie trotz der geneigten Richtung mit der Behendigkeit von Affen erkletterten. Einmal an der Stelle, wo die Beschädigung geschehen war, angelangt, begannen sie mit solcher Erbitterung in dem Takelwerk herumzuarbeiten, daß nach Verlauf von einigen Minuten Segel, Raaen und Stangen im Meere lagen.
Das Schiff richtete sich langsam wieder auf, in demselben Augenblicke aber drang eine ungeheure Woge in das Bugsprietsegel, welches, da es eine solche Last nicht tragen konnte, seine Raa mit einem Getöse zerbrach, daß man hätte glauben mögen, das ganze Schiff berste auseinander.
Auch dieses Mal entging man auf wunderbare Weise dem Schiffbruch. Die Matrosen schöpften wieder Athem und sahen sich um wie Menschen, welche aus einer Ohnmacht wieder zum Leben erwachen.
In demselben Augenblicke vernahm man eine Frauenstimme, welche rief:
»Mylord, im Namen des Himmels, kommen Sie zu uns herunter!«
Nelson erkannte die Stimme Emma's, welche ihn zu Hilfe rief.
Er warf einen besorgten Blick um sich herum, hinter sich hatte er den dampfenden, grollenden Stromboli, rechts und links die Unermeßlichkeit, vor sich eine Wasserfläche, welche sich bis an die Küsten Calabriens erstreckte und auf welcher das Schiff, majestätisch aus den Klippen hervorgegangen, verstümmelt, aber dennoch als Sieger dahinschwebte.
Nelson gab nun Befehl, alle noch übrigen Segel beizusetzen.
Dann nachdem er Henry das Sprachrohr, das heißt das Symbol des Oberbefehls, übergeben, beeilte er sich die Treppe der Campanje hinabzusteigen, an deren Fuß er Emma Lyonna fand.
»Ach, mein Freund,« sagte sie, »kommen Sie, kommen Sie schnell. Der König hat vor Angst den Verstand verloren, die Königin ist ohnmächtig und der kleine Prinz ist todt.«
Nelson trat ein. In der That lag der König auf den Knien und barg das Gesicht in den Kissen eines Sessels. Die Königin saß zurückgelehnt auf einem Divan und hielt die leblose Hülle ihres Sohnes in den Armen.