Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 23
Ducis schien gänzlich zu der Idee Talmas bekehrt zu werden, dennoch aber kam es mir vor, als wollte er seinen Hamlet lieber so lassen, wie er wäre, anstatt ihn nochmals von vorn anzufangen. Ebenso wie der Abbé Vertot war er mit seiner Belagerung fertig.
»Ich hatte es Ihnen wohl gesagt,« wiederholte Talma. »Sie besitzen eine abscheuliche Wut, alles zu arrangieren. Es ist gerade so wie mit meinem Monolog, dem berühmten: ›Sein oder nicht sein,‹ welchen Sie mir vollständig verdorben haben. Wollen Sie vielleicht wissen, wie er im Englischen lautet, mein lieber Ducis? Schauen Sie her und hören Sie!«
Alle traten auf die Seite. Talma hielt sich ein paar Sekunden lang die Hand auf die Augen, um seiner Physiognomie Zeit zu geben, sich zu ändern. Dann ließ er langsam die Hand herabsinken, und mit träumerischer Stirn, stierem Auge und gesenktem Haupte begann er in englischer Sprache mit vortrefflichem Akzent jenes berühmte Verhör, wo das Leben den Tod zwingen will, ihm sein Geheimnis zu gestehen.
Talma war erhaben. – O, wäre ich frei, wäre es mir erlaubt gewesen, meine goldene Kette zu brechen, wie würde ich gesagt haben »Nimm mich hin! Trage mich mit dir empor in die Höhe, wo du schwebst, und lass' mich nur an deinem Herzen wieder auf die Erde herabsinken.«
Ach, leider hatte das Schicksal anders über mich verfügt. Verzeihe mir, mein Gott, daß ich nicht zu wählen, oder vielmehr, daß ich nicht zu warten wußte.
Was kann es nützen, wenn ich den Rest dieses berauschenden Abends erzähle? Nach zweiundzwanzig Jahren leuchtet er noch durch die Nacht der Vergangenheit strahlender als meine schönsten Tage.
Wir blieben beisammen bis Tagesanbruch, ohne daß jemand von neun Uhr abends bis sechs Uhr morgens ein einziges Mal daran gedacht hätte, die Stunde schlagen zu hören.
Dreizehntes Capitel
Am drittnächsten Tage, den 30. April, empfingen wir von der englischen Gesandtschaft Billetts, um der Eröffnung oder vielmehr der Prozession der Generalstaaten in Versailles beizuwohnen. Unsere Abreise war auf den Tag nach dieser Zeremonie, das heißt auf den 5. Mai festgesetzt.
Wurden die Stände noch einmal vertagt, so wollten wir unsern Weg weiter fortsetzen, denn Sir William hatte nicht die Absicht, seinen Aufenthalt in Paris noch länger auszudehnen.
Am 3. Mai abends begaben wir uns nach Versailles, um dort zu übernachten. Der englische Gesandte hatte für das halbe Jahr ein Haus dort gemietet, denn er vermutete, daß ganz besonders hier der Puls der Nation schlagen würde, und er hatte uns zwei Zimmer der ersten Etage dieses Hauses eingeräumt, welches in der Straße stand, durch welche die Prozession sich bewegen sollte.
Wir gingen zuerst in eine Tribüne, um die Heiligegeist-Messe zu hören. Ich weiß nicht, ob viele der Anwesenden an die Worte der heiligen Schrift dachten: »Du wirst Völker schaffen, und das Antlitz der Erde wird sich erneuen.« Kurz vor Beendigung des Veni Creator gingen wir fort, um auf der Straße der Prozession unsere Plätze einzunehmen.
Die mit französischen und Schweizergarden besetzten und mit Teppichen belegten breiten Straßen von Versailles vermochten kaum die zahllose Menge zu fassen. Ganz Paris war in Versailles. Die Türen, die Fenster, die Dächer und sogar die Bäume waren mit Zuschauern besetzt. Die mit hellfarbigen Stoffen und wertvollen Shawls bedeckten Balkons dienten den mit Feder und Blumen geschmückten Frauen als Logen. Es war, als ob in dem Augenblick, wo man sich in die Arena des Bürgerkrieges zu stürzen im Begriff stand, die Frauen, die von dem harten Gesetz der Gleichheit getroffen werden sollten, diese Gelegenheit benutzt hätten, um sich noch einmal in ihrer ganzen Toilette und in ihrem vollen Glanz zu zeigen.
Es war augenscheinlich, daß etwas Großes begann. Was war wohl das Resultat davon? Das wußte noch kein Mensch. Zuerst sahen wir am Ende der Straße eine schwarze Masse erscheinen. Dies war der dritte Stand. Fünfhundertfünfzig Deputierte, darunter dreihundert Advokaten, Magistratspersonen, lauter oder beinahe lauter unbekannte Namen, mit Ausnahme eines einzigen, der sich durch seine Skandalgeschichten bekannt gemacht.
Soll ich freimütig sein wie immer? Es war dies der, den ich vor allen andern zu sehen gekommen war: Honoré Riquetti de Mirabeau. Frankreich und das Ausland hatten bereits von seinem Namen widergehallt. Seine Liebschaften, seine Entführungen, seine Gefangenschaften bildeten einen ergreifenderen und furchtbareren Roman als irgendeiner der von der Phantasie der Dichter geträumten.
Ich hatte nur eine Frage: »Wo ist Mirabeau?«
Man zeigte ihn mir.
Von weitem sah ich zurückgeworfen jenes gebieterische Haupt, durch überwältigende Häßlichkeit gekennzeichnet und nach Art der Löwen einen Wald von Haaren schüttelnd. Er war die Gesellschaft einer ganzen Epoche in einem einzigen Menschen vereinigt. Ich sage ausdrücklich in einem Menschen, denn die andern schienen neben ihm nur Schatten zu sein. Ich folgte ihm mit den Augen, so lange ich ihm folgen konnte.
Sein Erscheinen oder vielmehr das des ganzen dritten Standes erweckte einen Sturm von Beifallsbezeigungen und Bravorufen, welcher aufhörte, als der Adel erschien.
Ganz im Gegensatz zum dritten Stande, der sich durch die Einfachheit und Gleichförmigkeit seiner Kleidung ausgezeichnet, bot der ganz in Samt und Seide gekleidete Adel eine Zusammenstellung der lebhaftesten Farben dar, die durch die prachtvollsten Stickereien noch mehr hervorgehoben wurden. Ich erkundigte mich nach dem Namen von etwa zwanzig dieser berühmten »Ofeurs«, aber keiner von allen diesen Namen war mir bekannt.
Man zeigte mir Lafayette, den Helden Amerikas. Ich erwartete eine jener kräftigen Naturen zu sehen, welche von der Vorsehung berufen sind, mit ihrer Feder, mit ihrer Stimme oder mit ihrem Degen die großen Prinzipien aufrecht zu erhalten. Ich sah aber bloß einen schlanken, bleichen oder vielmehr blonden und rosenwangigen jungen Mann, der durch nichts die Rolle verriet, welche er in der Vergangenheit gespielt, am allerwenigsten aber die, welche er in der Zukunft spielen sollte.
Der Adel zog vorüber, nur der Herzog von Orleans ward mit Beifall, aber dies auch auf förmlich wahnsinnige Weise begrüßt. Man wollte dadurch die Königin kränken und war nur auf Rache gegen sie bedacht.
Schon seit langer Zeit war der Krieg zwischen Philipp von Orleans und Maria Antoinette erklärt. Man führte für diese Antipathie die seltsamsten Ursachen an. Dieselbe dauerte schon seit acht oder neun Jahren und sollte nur auf dem Schafott erlöschen, welches sie beide durch einen Zwischenraum von zweiundzwanzig Tagen voneinander getrennt bestiegen.
Nach dem Adel kam die Geistlichkeit. Das allgemeine Schweigen war dasselbe. In der Geistlichkeit schienen bloß die beiden Stände vereinigt zu sein, welche wir soeben einzeln vorüberziehen gesehen – der Adel und der dritte Stand.
Zuerst kamen etwa dreißig Prälaten in violetten Gewändern.
Dann ein Musikkorps.
Auf dieses folgten etwa zweihundert Geistliche in dem schwarzen Priestergewand.
Diesen näherte sich das Volk unwillkürlich, wenn auch ohne Beifallsbezeigungen. Sie waren das Volk der Kirche, das Volk, welches in früheren Jahrhunderten nicht bloß das allgemeine Volk repräsentierte, sondern auch die Freiheiten des Volkes geschützt hatte. Später war es dieser Mission ein wenig untreu geworden; man war aber gern bereit, ihm dies zu verzeihen, wenn es nur wieder in den guten Weg einlenkte. Dem König wurden seinerseits einige Beifallsbezeigungen gespendet, aber sie waren weit von denen entfernt, womit man Mirabeau und den Herzog von Orleans überhäufte.
Dann kam die Königin. Seit meinem ersten Besuch in Paris war eine furchtbare Veränderung mit ihr vorgegangen. Anstatt der liebenswürdigen Sanftheit, die sich sonst in ihren Zügen aussprach, lag jetzt darin etwas Hartes, Trockenes, Undankbares.
Man schrie ihr ins Ohr: »Es lebe der Herzog von Orleans!« Und mitten unter diesen Rufen ließ ein Pfeifen sich hören. Sie ward bleich und war nahe daran, ohnmächtig zu werden. Fast sofort aber ermannte sie sich, ihren Mut zusammenraffend, wieder, richtete den Kopf empor, schleuderte einen haßerfüllten, herausfordernden Blick umher und nahm dann wieder ihre gewohnte harte, verächtliche Miene an.
Als die Königin vorüber war, trat ich vom Fenster zurück und setzte mich. Ich empfand dieselbe Wirkung, als wenn mir ein Stück Eis ins Herz gedrungen wäre. Wenn man mir in diesem Augenblicke gesagt hätte: »Dieses eiserne Rohr wird sich nicht beugen und deshalb zerbrochen werden,« so würde man mich dadurch keineswegs in Erstaunen gesetzt haben.
Wir ruhten einen Augenblick aus und dann, nachdem wir gesehen, was mir sehen gewollt, machten mir uns wieder auf den Rückweg nach Paris. Unterwegs erklärte Sir William mir die Situation. Es war ein wirklicher Kampf, der sich zwischen der niedern Geistlichkeit, zwischen dem dritten Stand und den vom Adel unterstützten Prälaten und Edelleuten entspann.
Alle diese Fragen waren zu ernst, als daß ich meine Gedanken lange dabei hätte verweilen lassen. Mein böser Genius wollte, daß ich mich in die Politik eines andern Landes mengte. Hierzu aber ward ich durch ein doppeltes Gefühl verleitet durch meine innige Freundschaft für die Königin Karoline und durch meine unwiderstehliche Liebe zu Nelson.
Jetzt kann weder das eine noch das andere dieser Gefühle mir zur Entschuldigung gereichen, dies weiß ich wohl; da ich aber eine so furchtbare Rechenschaft abzulegen habe, so will ich dies lieber im Namen meiner Liebe und Selbstverleugnung, als im Namen meines persönlichen Interesses tun.
Am nächsten Tage, den 5. Mai 1789, verließen wir Paris. Wir nahmen den Weg durch Belgien und die Schweiz, gingen über den St. Gotthard, fuhren über den Lago Maggiore, erreichten Livorno mit der Post, fanden hier unsere Felucke und stiegen am 20. Mai an der Immacolatella ans Land.
Als wir das Gesandtschaftshotel betraten, fand Sir William hier ein Billett des Königs vor, welches folgendermaßen lautete:
»Am Tage nach Ihrer Ankunft, mein lieber Sir William, werde ich Sie zum Diner im Schlosse von Caserta erwarten; die Königin aber, welche mit Ihrer liebenswürdigen Gemahlin eine nähere Bekanntschaft zu machen wünscht, als dies bei einer offiziellen Vorstellung geschehen kann, wird dieselbe zwischen elf und zwölf Uhr erwarten.
Bleiben Sie daher bis um vier Uhr bei Ihren Geschäften, aber schicken Sie uns Lady Hamilton als die Taube der Arche, um uns zu melden, daß Sie ans Land gestiegen sind.
Ihr wohlgewogener
Ferdinand B.«
Sir William antwortete:
»Sire! Die Taube wird zur bestimmten Stunde bei Ihnen sein. Erwarten Sie aber nicht, daß sie den Ölzweig bringe. Ich zweifle, daß man sich sobald wieder in Frankreich mit der Kultur dieser Bäume wird beschäftigen können.
Ich meinerseits werde zu der mir angedeuteten Stunde Ew. Majestät für die mir bewiesene Güte danken.
Ich habe die Ehre zu sein
Ew. Majestät
Alleruntertänigst gehorsamster Diener
W. Hamilton.«
Mein Triumph war, wie man sieht, vollständig.
Vierzehntes Capitel
Ich hatte aus Frankreich eine Menge Kleider mitgebracht. Ich zögerte einige Zeit, um zu erfahren, in welcher Art von Toilette ich mich bei der Königin präsentieren sollte. Ich entschied mich für das einfachste.
Ein Kleid von weißem Atlas, eine weiße Feder im Haar, ein hellblauer Kaschmir auf den Schultern, dies war der ganze Luxus, den ich entfaltete.
Um zehn Uhr machte ich mich auf den Weg nach Caserta, um elf Uhr stieg ich am Fuß der großen Treppe aus.
In der ersten Etage öffnete man mir eine Tür, welche in einen Korridor führte. Die Königin erwartete mich in ihren kleinen Gemächern.
Ich brauche nicht erst zu sagen, wie gewaltig das Herz mir pochte. Ich fühlte, daß ich bleich ward, denn mein ganzes Blut strömte mir nach dem Herzen zurück.
Endlich, nachdem sich drei oder vier Türen geöffnet und geschlossen hatten, öffnete man die letzte. Ich war wie geblendet, aber dennoch hörte ich den mir voranschreitenden Lakai die Worte aussprechen:
»Lady Hamilton!«
Ich trat ein, ohne etwas zu sehen. Ein Nebel hatte sich über meine Augen gebreitet. Ich wollte eine Verbeugung machen. Ich taumelte und mußte mich an einem Sessel anhalten. Ich fühlte, wie jemand mich um den Leib faßte und stützte:
»Was fehlt Ihnen, Mylady?« sagte eine wohlwollende Stimme zu mir.
»Ich bitte um Verzeihung, Madame,« stammelte ich, »die Aufregung, welche mir die so lange gewünschte und so lange erwartete Ehre, vor Ew. Majestät erscheinen zu dürfen, verursacht.«
»Mein Gott, bin ich denn so imposant?«
»Sie sind Königin, Madame.«
»Da irren Sie sich. Ich bin Weib und ein Weib, welches eine Freundin sucht. Wenn Sie mir diese Freundin bringen, so werden Sie mir mehr gegeben haben, als ich Ihnen jemals vergelten kann. Nachdem ich dies vorausgeschickt, bitte ich Sie, sich zu setzen, damit ich Sie mit Muße betrachten kann.«
Ich machte eine Bewegung, um mein Gesicht mit den Händen zu bedecken.
»Wollen Sie mir wohl gestatten, dieses reizende Antlitz zu betrachten, welches ich bis jetzt nur von der Seite oder verstohlen gesehen?«
Ich stieß zwei- oder dreimal einen halberstickten Schrei aus und fing an zu schluchzen.
»Aber für so töricht hätte ich Sie nicht gehalten,« rief die Königin. »Soll ich mich vielleicht bei Ihnen entschuldigen?«
»O Madame,« murmelte ich.
»Kokette!« sagte sie. »Ganz im Gegensatz zu den Frauen, welche wenn sie weinen, häßlich werden, weiß sie, daß die Tränen sie nur noch schöner machen. Es ist ja nur eine einzige Frau hier und Sie brauchen daher nicht la civetta zu spielen. Lassen Sie mich Ihnen die Augen trocknen und plaudern wir dann.«
Die Königin wollte mir in der Tat die Augen trocknen. Ich warf mich ihr zu Füßen und küßte ihr die Hände.
»Na, das wird schon besser,« sagte sie, »und wenn ich Sie auf beide Wangen geküßt haben werde, so sind wir dann quitt.«
Mit diesen Worten umarmte und küßte sie mich.
»So,« sagte sie dann, »nun sind die Kinderpossen vorbei, nicht wahr? Nehmen Sie wieder Platz neben mir und lassen Sie uns gute Freunde sein. Es müßte denn sein, daß Sie nicht wollten. Dann aber ist die Schuld nicht mehr mein.«
Ich fand hierauf nichts zu antworten, sondern lächelte bloß auf die dankbarste Weise.
»Wohlan,« fuhr die Königin fort, indem sie mit meinem Haar spielte, »ich liebe nicht die Vormittage, welche mit Regen anfangen.«
»Ach, Madame,« stammelte ich, »wer hätte mir jemals gesagt, daß eine große Königin, daß die erhabene Tochter Maria Theresiens«
»Still, still! – oder vielmehr, da Sie von einer Königin sprechen – ich weiß, daß Sie meine Schwester in Versailles gesehen haben – in ihrem letzten Briefe schreibt sie mir, daß die Dinge in Frankreich einen immer schlimmeren Verlauf nehmen, daß sie sehr leidend ist und körperlich immer mehr verfällt. Was ist an diesem allen wohl wahr?«
»Ach, Majestät, ich hatte die Königin von Frankreich seit acht Jahren nicht gesehen und ich muß allerdings gestehen, daß sie in diesen acht Jahren von der schönen und glücklichen Seite des Lebens Abschied genommen zu haben scheint.«
»Und ich, die ich sie seit neunzehn Jahren nicht gesehen, wie würde ich sie wohl wiederfinden! Die arme Antoinette!«
»Dennoch zählt sie erst dreiunddreißig Jahre,« entgegnete ich, »und mit dreiunddreißig Jahren ist man noch jung.«
»Wenn man Königin ist, nicht,« antwortete Karoline, indem sie die Stirn runzelte. »Übrigens, wenn die Angelegenheiten sich immer trüber gestalten, so werden wir die Aufgabe haben, dies reiflich zu überlegen. Jetzt lassen Sie mich einmal Ihre Toilette in Augenschein nehmen. Ich weiß nicht, ob Sie Ihrem Kleide gut stehen, oder ob Ihr Kleid Ihnen gut steht. Gewiß aber ist, daß es reizend, geschmackvoll ist. Ich werde mir ein ganz genau ähnliches fertigen lassen. Einen blauen Kaschemirshawl wie der Ihrige habe ich schon und wir werden dann aussehen wie zwei Schwestern.«
»O Madame!«
»Natürlich werden Sie die jüngste sein. Wie alt sind Sie? Dreiundzwanzig?«
»Etwas über sechsundzwanzig, Madame.«
»Ihr Gesicht hat einen unschätzbaren Fehler, meine Liebe, nämlich den, daß es zu Ihrem Vorteil lügt. Mit mir ist gerade das Gegenteil der Fall. Ich bin stets älter erschienen, als ich bin. Sie werden mir doch nicht etwa Komplimente machen? Morgen schicken Sie mir Ihr Kleid und ich werde mir sofort ein ähnliches fertigen lassen. – Aber wer stört uns denn da? – Ah, es ist der König – ich kenne seinen Tritt.«
»Der König, Madame?« rief ich, indem ich mich erhob. »Ich bin, wie Sie gesehen haben werden, in Dingen der Etikette durchaus nicht bewandert. Was soll ich tun?«
»Was Sie tun sollen? Bleiben sollen Sie. Übrigens macht der König mir niemals lange Besuche.«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür und der König trat mit Geräusch ein. Wenn ich übrigens sage »der König«, so muß ich bemerken, daß ich mich glücklich schätzte, von der Königin soeben gehört zu haben, daß sie ihn an seinem Tritt erkannte, denn ich würde in dem Bauer, welcher jetzt in das Zimmer der Königin trat, nun und nimmermehr einen König vermutet haben.
Man denke sich einen noch jungen Mann von hohem, ziemlich gut geformten Wuchse, obschon seine Füße zu groß und seine Hände zu dick waren, in Jagdschuhen von großen ledernen Gamaschen, einer Weste von Hirschleder, samtner Jacke und dergleichen Beinkleidern, von frischer Gesichtsfarbe, zurücktretender Stirn und eben so geformtem Kinn, einer ungeheuren Nase, die ihm das Ansehen nicht eines Adlers, sondern eines Papageien gaben, mit einer Stutz- und Zopfperücke und in der Hand an den Pfoten drei Truthühner haltend, welche aus Leibeskräften zappelten und glucksten.
Hierzu denke man sich noch gemeine Gebärden und eine gemeine Sprech- und Ausducksweise und man hat einen ungefähren Begriff von dem, was Ferdinand der Vierte war.
»Aber, mein Gott, was ist Ihnen denn begegnet?« rief die Königin. »Ich bin allerdings daran gewöhnt, Sie von der Jagd zurückkommen zu sehen, heute aber scheinen Sie etwas noch Besseres zu tun, denn ich glaube, Sie kommen aus dem Hühnerstalle.«
»Ach, meine liebe Schulmeisterin,« sagte Ferdinand – mit diesem Namen nannte er sie, wenn er bei guter Laune war, denn sie war es, welche ihn hauptsächlich Lesen und Schreiben gelehrt hatte »Sie haben mir immer gesagt, wenn ich nicht König wäre, so würde ich nicht wissen, womit ich mein Brot verdienen sollte. Dies hier aber wird Ihnen das Gegenteil beweisen. Sehen Sie einmal diese drei Truthühner an.«
»Ich sehe dieselben.«
»Und nun machen Sie mir das Vergnügen, sie zu betasten.« »Es ist geschehen, mein Herr.«
»Nun Sie, Mylady.«
Mit diesen Worten hielt der König die Truthühner mir vor die Augen. Ich wußte nicht, was ich tun sollte, ich zögerte.
»Betasten Sie doch!« sagte er.
»Da Sie davon essen werden, so kann es nicht schaden, wenn Sie sich überzeugen, daß sie fett sind. Ich hoffe doch, daß wir Sir William mit bei Tische haben.«
»Er wird die Ehre haben, Ihrer Einladung zu folgen, Majestät.«
»Und daran wird er wohl tun! Er wird die Truthühner schmausen, die ich gewonnen habe.«
»Aber, mein Herr,« sagte die Königin im Tone der Ungeduld, »so kommen Sie doch mit der Geschichte dieser unglücklichen Vögel zu Ende.«
»O, Sie können sagen: mit der meinigen, denn dieselbe ist mit der dieser Tiere so innig verflochten, daß keine von der andern getrennt werden kann. Denken Sie sich, daß ich gestern, als ich im Garten spazieren gehe, einer armen Frau begegne, welche vor mir stehen bleibt und sagt:
›Mein Herr, man hat mir gesagt, ich sollte hierhergehen, wenn ich dem König begegnen wollte. Glauben Sie, daß er bald vorbeikommt?‹
›Nichts ist wahrscheinlicher als dies, gute Frau.‹«
»Aber wie wird er gekleidet sein, damit ich ihn erkenne?«
Ich hatte Lust, ihr das Signalement von San Marco oder Ascoli zu geben; ich zog es jedoch vor, das Abenteuer zu Ende zu verfolgen.
»Höret,« sagte ich, »da der König nicht alle Tage spazieren geht, und Ihr daher warten könntet bis zum Abend, ohne daß er vorüberkäme, so wollen wir etwas Besseres tun. Wenn Ihr ihm vielleicht eine Bittschrift zu überreichen habt, so will ich dieselbe zur Beförderung übernehmen.«
»Da würden Sie mir allerdings einen großen Gefallen tun,« sagte die gute Frau.
»Ich bin eine arme Witwe und habe weiter nichts als drei Truthühner; wenn Sie aber Wort halten, so will ich Ihnen dieselben geben.«
»Sind sie fett?« fragte ich, denn Sie können sich denken, daß ich nicht Lust hatte, die Katze im Sacke zu kaufen.«
»Jawohl, fett wie Gänse, mein Herr,« antwortete die Frau.
»Nun gut, dann ist die Sache abgemacht. Kommt morgen mit Euren drei Truthühnern. Habt Ihr Eure Bittschrift bei Euch?«
»Ja.«
»Dann gebt sie her, morgen werde ich sie Euch mit dem darauf geschriebenen Beschluß des Königs wieder zustellen. Ich gebe Euch Eure Bittschrift zurück, Ihr gebt mir die drei Truthühner und wir sind quitt.«
»Sie können sich denken meine Damen, daß ich nicht verfehlt habe, mich zur rechten Zeit einzufinden. Ich hatte einen Mann als Schildwache aufgestellt, und sobald als er kam und mir sagte: »Es ist eine Bäuerin mit drei Truthühnern unten,« ging ich hinunter, gab der guten Frau ihre von mir mit Resolution versehene Bittschrift zurück und sie übergab mir ihre drei Truthühner. Die arme Frau! Ich fürchte sehr, daß sie dieses Opfer vergeblich gebracht hat.«
»Warum?«
»Weil die Richter auf meine Empfehlung keine sonderliche Rücksicht nehmen werden. Diesmal aber bin ich entschlossen, wenn es sein muß, einen Staatsstreich auszuführen, damit man dieser armen Witwe Gerechtigkeit widerfahren lasse – das heißt, wenn ihre Truthühner wirklich fett sind.«
Und der König ging, in ein lautes Gelächter ausbrechend, wieder hinaus und nahm seine drei Truthühner mit, um sie selbst in die Küche zu tragen.
Die Königin sah ihm mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke von Verachtung nach, richtete dann ihren Blick wieder auf mich und sagte:
»Sie haben ihn gesehen; etwas Weiteres brauche ich nicht hinzuzufügen.«
Meine Augen weilten nun auf ihr selbst und ich betrachtete sie mit der größten Aufmerksamkeit.
Sie war, wie sie gesagt hatte, siebenunddreißig Jahre alt, so daß bei ihr schon die Schönheit der Matrone auf die der jungen Frau folgte. Sie besaß den weißen Teint der Frauen des Nordens, wunderschönes blondes Haar, blaue Augen, welche fähig waren, jeden Ausdruck, von dem der zärtlichsten Liebe bis zu dem des glühendsten Hasses, wiederzugeben. In letzterem Falle besaß ihr Gesicht eine Härte, welche man ihm nimmermehr zugetraut hätte.
Die Nase war gerade und gut geformt und der Mund, obschon schön, doch durch jenes den Prinzessinnen aus dem Hause Österreich eigentümliche Hervorragen der Unterlippe ein wenig entstellt. Die Schultern, die Arme und die Hände waren prachtvoll, dabei aber ließ die Gewohnheit der königlichen Majestät all' diesem eine Steifheit, welche die Königin der Anmut des Weibes in hohem Grade beraubte.
Die Italiener haben für diese Art von Anmut, welche in Italien ganz besonders mangelt, ein Wort geschaffen. Sie nennen sie Morbidezza Die nachlässige Grazie der Kreolinnen würde davon den vollständigsten Begriff geben.
Während ich die Königin betrachtete, tat sie in bezug auf mich dasselbe und schien mich ebenso genau zu mustern wie ich sie. Es erwachte in uns beiden gleichzeitig derselbe Gedanke. Wir fingen beide an zu lachen.
Sie umschlang mich mit ihren Armen, drückte mich an sich und küßte mich mit einem Ungestüm, welches man eher von einem Liebhaber als von einer Freundin erwartet hätte.
Ich stutzte. Es erinnerte mich dies an Miß Arabellas Freundschaft.
Wir aßen die Truthühner gebraten und als Pastete zum Diner; sie waren fett, aber hart, was seinen Grund dann hatte, daß der König nicht einige Tage warten gewollt, um sich von ihrer Qualität zu überzeugen.
Kommen wir mit dieser Truthühnergeschichte sofort zu Ende.
Ganz wie Ferdinand gedacht, hatte seine Signatur nicht den mindesten Einfluß. Der Richter hatte die Empfehlung gelesen, und da er sie bloß als eine der vielen betrachtete, welche die Monarchen sich durch ungestümes Bitten oder Achtlosigkeit abnötigen lassen, die Achseln gezuckt und die Bittschrift beiseite gelegt. Die Folge davon war, daß nach Verlauf von vierzehn Tagen der König der Witwe abermals begegnete. Sie machte ihm heftige Vorwürfe und beschuldigte ihn, ihre Gutmütigkeit gemißbraucht zu haben, indem er ihr weisgemacht, er kenne den König.
»Ich will Euch etwas sagen,« entgegnete Ferdinand.
»Kommt heute über vierzehn Tage wieder und wenn dann Euer Prozeß nicht gewonnen ist, so mache ich mich verbindlich, Euch für jedes Eurer Truthühner hundert Dukaten zu geben.«
Die gute Frau schüttelte den Kopf. Es war augenscheinlich, daß sie an die Entschädigung ihrer Truthühner ebensowenig glaubte, als an das Gewinnen des Prozesses und sie brummte zwischen den Zähnen hindurch noch allerlei von Intriganten, welche viel versprächen und sich im voraus bezahlen ließen, aber ihr Versprechen nicht hielten.
Der König notierte sich den Namen des Berichterstatters und schrieb an den Justizschatzmeister, ihm seinen monatlichen Gehalt, welcher den drittnächsten Tag fällig geworden wäre, nicht zu bezahlen, indem er zugleich befahl, ihm, wenn er die Ursache wissen wollte, zu sagen, daß er bezahlt werden würde, sobald er den von dem Könige empfohlenen Prozeß expediert hätte, aber keine Stunde eher.
Vierzehn Tage später übergab der König der guten Frau das Dezisum, durch welches sie ihren Prozeß gewann und indem er sich zu erkennen gab, fügte er zugleich die dreihundert Dukaten hinzu, welche er für die drei Truthühner versprochen.