Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 35
Zweites Capitel
Wir wollen hier einige Worte über den Verbrecher oder vielmehr über den ersten Unschuldigen sagen, der so vielen Opfern den blutigen Weg zum Schafott und zum Galgen öffnete.
Da die Königin sich in Neapel befand, um das Osterfest daselbst zu feiern, was sie niemals unterließ, so hörten wir erzählen, daß die Kirche del Carmine, eine der berühmtesten Kirchen Neapels, durch eine furchtbare Ruchlosigkeit geschändet worden sei.
Ich muß jedoch erst etwas über die Kirche del Carmine selbst sagen.
Die Kirche del Carmine war von der Königin Elisabeth, der Mutter des jungen Conradin, gegründet worden. Elisabeth kam mit einem goldbeladenen Schiff, um ihren Sohn aus den Händen des Herzogs von Anjou oder vielmehr aus denen des Königs von Neapel loszulaufen, allein sie kam zu spät. Das Gold, mit welchem sie das unglückliche Kind hatte loslaufen wollen, ward nun zum Bau einer Kapelle verwendet, in welcher man die irdischen Überreste Conradins und die des Herzogs von Österreich, seines Freundes, der, da er nicht ohne ihn leben konnte, mit ihm sterben wollte, beisetzte.
Im Jahre 1438 schoß René d'Anjou, als er Neapel belagerte, eine Kugel nach dem großen Kruzifix, welches oben auf dem Altar angebracht war, unter welchem Conradin begraben lag. Das Kruzifix neigte jedoch den Kopf auf die rechte Schulter, so daß die Kugel daran vorbeiflog, ohne es zu berühren; und in die Mauer hineinfuhr. Das Kruzifix stand bereits in dem Rufe großer Heiligkeit. Durch ein ganz eigentümliches Wunder des Himmels wachsen auf seinem Haupte Haare, wie auf einem lebendigen Haupt, und an jedem Ostertage schneidet der Syndikus von Neapel das Haar mit einer goldenen Schere ab. Nachdem er dem Könige, der Königin und den königlichen Prinzen einen Teil von diesen Haaren gegeben, verteilt er die übrigen unter die Gläubigen.
In dem Kreuzgange dieser Kirche ward auch Masaniello 1647 ermordet.
So stand denn die Kirche del Carmine, welche an den Altmarkt, also an den bevölkertsten Teil von Neapel stößt, wegen dieser halb historischen, halb religiösen Traditionen, nicht nur bei den Lazzaroni, sondern auch bei den anderen Klassen der Gesellschaft in hohem Ansehen.
Am Ostersonntag 1794 nun, gerade in dem Augenblicke, wo der Priester die Hostie emporhielt, ließen sich abscheuliche Gotteslästerungen hören und ein bleicher Mann mit emporgesträubtem Haar, schweißbedeckter Stirn und schäumendem Munde bahnte sich, indem er rechts und links um sich schlug, einen Weg durch die Menge, stürzte auf den Altar zu, schlug den Priester auf die Wange, riß ihm die Hostie aus den Händen und zertrat dieselbe mit den Füßen.
Im Mittelalter würde man gesagt haben, dieser Mann sei vom Teufel besessen und man hätte ihm denselben ausgetrieben.
Im achtzehnten Jahrhundert betrachtete man ihn wie einen Gotteslästerer und Tempelschänder, einen Verbreiter der schändlichen Prinzipien Frankreichs und man machte ihm den Prozeß.
Dieser war nicht lang. Der Schuldige leugnete nicht nur nichts, entschuldigte nichts, sondern leugnete auch im Angesichte der Richter Gott, Jesum und die heilige Jungfrau.
Er hieß Tommaso, war aus Messina, siebenunddreißig Jahre alt, hatte drei Brüder und eine Schwester, keine Eltern mehr und hatte nicht einmal, soviel man wußte, eine Wohnung.
So sagte er wenigstens.
Die Geistlichkeit zog großen Vorteil aus diesem Vorfall. Sie sagte, daß dieser Mann die Ruchlosigkeit der Zeit repräsentierte und ein lebendiges Symbol der Verderbtheit wäre, in welche die revolutionären Prinzipien die Menschen gestürzt hätten.
Was die Richter betraf, so glaubten sie den Abscheu, den ein solches Verbrechen in ihnen erweckte, nicht deutlich genug ausdrücken zu können. Sie verurteilten den Schuldigen nicht nur zum Tode am Galgen, sondern er sollte auch auf dem Wege zur Richtstätte einen Knebel im Munde tragen, weil man fürchtete, daß die Lästerungen, welche er in seiner letzten Stunde ausstoßen würde, den guten Christen ein Greuel sein könnten.
Außerdem sollten drei Tage vor der Hinrichtung in allen Kirchen öffentliche Gebete gelesen werden, damit dieses Verbrechen gesühnt würde.
Nur zwei Richter, der Präsident Cito und der Rat Potenza, waren gegen die Todesstrafe und verlangten, daß Tommaso Amato in ein Irrenhaus gebracht würde.
Der 17. Mai, ein Sonnabend, ward für die Hinrichtung bestimmt.
Man führte den Verurteilten durch alle Straßen Neapels, nur mied man diejenigen, welche in der Nähe des königlichen Palastes lagen, weil man in einer derselben dem König hätte begegnen und eine solche Begegnung den Verurteilten hätte retten können. Die Geistlichkeit wollte ganz Neapel zeigen, was ein Gotteslästerer war.
Endlich führte man den Verurteilten auf den Marktplatz, wo die Hinrichtung stattfinden sollte. Die Vianchi, das heißt die Glieder der Bruderschaft, welche das traurige Vorrecht genießen, die Verurteilten in ihrer letzten Stunde moralisch und physisch zu stützen, begleiteten ihn, wie auch zehn bis zwölf andere Bruderschaften von allen Farben, die in Neapel existieren.
Trotz des langen und ermüdenden Weges, welchen der Verurteilte zurückgelegt, hielt ihn doch eine gewisse fieberhafte Aufregung aufrecht. Er stieg die Leiter mit so festem Tritt hinauf, als ob er nicht gewußt hätte, daß jede Stufe ihn dem Tode näherführte. Als die Hinrichtung vorüber war, warf man seine Leiche auf einen Scheiterhaufen, worauf man die Asche des Scheiterhaufens, mit der sich die seinige vermischt hatte, in alle vier Winde streute.
Noch an dem Abend des Tages, an welchem diese Hinrichtung ganz Neapel mit Schrecken erfüllte, kam ein Brief des Generals Danero, Gouverneurs von Messina, welcher bat, daß man einen unglücklichen Wahnsinnigen, Namens Tommaso Amato, der aus dem Hospitale von Messina entflohen wäre, zurückschicken möchte.
So geheim man diesen Brief auch zu halten versuchte, so ward derselbe dennoch bekannt, und ganz Neapel wußte, da die Jakobiner sich beeilten, die Nachricht zu verbreiten, daß die Richter die Aufregung eines Wahnsinnigen für die Ruchlosigkeit eines Atheisten gehalten hatten.
Dieser Irrtum, welcher dem Eifer der Richter hätte Einhalt tun sollen, schien denselben im Gegenteil gerade zu verdoppeln. Sie bestimmten, daß die Tribunalsitzungen ohne Unterbrechung fortdauern sollten und daß nur zur Essens- und Schlafenszeit Ausnahmen stattfinden dürften.
Zu derselben Zeit ungefähr war es auch, daß England, welches die Niederlage von Toulon rächen wollte, beschloß, gegen Korsika zu Felde zu ziehen. Das Kabinett von St. James hatte schon seit langer Zeit die Kräfte Paolis erprobt und wußte, daß es auf diesen Mann den seine Landsleute für den Größten hielten, der je in ihrem Lande geboren worden, rechnen könnte.
Die Königin war von diesem Plane durch Sir William Hamilton oder vielmehr durch mich unterrichtet. Es handelte sich nämlich darum, sie dahin zu bringen und das war nicht schwer daß sie, dem Vertrage zwischen England und dem Königreiche beider Sizilien gemäß, ihre Truppen mit denen der Engländer vereinigte. Hierauf ließ der König das Gerücht verbreiten, daß er für diese Expedition zehn Millionen aus seiner Privatschatulle gegeben habe, die Königin zeigte sich auf den Promenaden und im Theater mit falschen Diamanten geschmückt und sagte, daß sie ihre echten Edelsteine den Bedürfnissen des Staates geopfert habe.
Nelson ward mit der Belagerung von Calvi beauftragt. Eine Kugel, die einige Schritte von ihm in den Boden schlug, schleuderte einen Hagel von Kieseln in die Höhe. Einer dieser Kiesel traf Nelson am linken Auge und schlug es ihm aus.
Wenn man wissen will, aus welchem Metalle das Herz dieses rauhen Seemanns bestand, welchem die Kugeln Frankreichs ein Glied nach dem andern abrissen, bis er es endlich, für zwei vernichtete Flotten, bei Trafalgar niederschmetterte, so muß man den Brief lesen, den er noch an demselben Tage, wo er die furchtbare Wunde erhielt, an den Admiral Hood schrieb:
»Mein lieber Lord!
Aus den Nachrichten, die Sie über die Schlacht erhalten haben, ist Ihnen wahrscheinlich nichts von einer allerdings an und für sich sehr unwichtigen Sache bekannt geworden. Es handelt sich nämlich um eine leichte Wunde, die ich heute Morgen erhalten habe, und die leicht sein muß, da ich Ihnen heute Abend noch schreiben kann.
Seien Sie meiner aufrichtigsten Hochachtung und Treue versichert.
Horace Nelson.«
Sir William und ich, wir erhielten auch Nachricht von dieser leichten Wunde, ohne zu ahnen, daß damit der Verlust eines Auges gemeint war.
Die Königin, die noch nicht voraussehen konnte, welche Dienste Nelson ihr einige Jahre später leisten würde, nahm dennoch ein gewisses Interesse an dem Vorfalle.
Als der König erfuhr, daß Nelson ein Auge verloren hatte, fragte er:
»Welches denn?«
»Das linke, Sire,« antwortete man.
»Gut,« sagte er, »das wird ihn also nicht hindern, auf die Jagd zu gehen.«
Schon lange hatte ich, seitdem ich in Neapel war, einen Ausbruch des Vesuvs zu sehen gewünscht und ich hatte Sir William lachend gebeten, daß er, da er so vertraut mit dem Vulkane wäre, diesem doch befehlen möchte, für mich ein tüchtiges Erdbeben hervorzurufen.
Mein Wunsch war erfüllt.
Am 12. Juni abends kam Sir William und da ich noch bei der Königin war, so holte er mich bei der letzteren ab. »Madame,« sagte er zu mir, nachdem er die beiden Majestäten begrüßt hatte, »ich komme soeben von dem Observatorium. Sie haben einen mit einem Erdbeben verbundenen Ausbruch des Vesuvs gewünscht, und wenn ich den Voranzeigen glauben darf, so werden Sie bald einen sehen und zwar einen sehr schönen.«
»Gut,« rief der König, »weiter fehlte uns nichts!«
»Mein Herr,« sagte die Königin, »es gibt Augenblicke, in denen die Natur an den Ereignissen des menschlichen Lebens teil zu nehmen und mit in den Zorn der Menschen auszubrechen scheint. Sie wissen doch, welche Anzeichen dem Tode Cäsars vorausgingen.«
»Meiner Treu, nein, Madame. Ich habe Sir William einmal von etwas wie von einem Kometen sprechen hören, allein die Kometen sind mir ziemlich gleichgültig, während mir die Erdbeben Furcht einflößen, erstens mir persönlich, wie alle Gefahren, deren Ursache ich nicht vollkommen begreife, und zweitens ruinieren sie mich durch die Wiederherstellungskosten . . . Erinnern Sie sich noch, was mich das Erdbeben von 1783 gekostet hat?«
»Ich hoffe, daß Sie im vorkommenden Falle,« erwiderte die Königin, »nicht nach diesem Erdbeben wieder dieselben Torheiten begehen werden, denn wir können jetzt einen besseren Gebrauch von unserem Gelde machen, als es zum Wiederaufbau der Hütten Ihrer Calabreser verwenden.«
»Vielleicht wäre es aber dazu besser angewendet, als daß wir es in einem Krieg gegen Frankreich ausgeben. Frankreich ist ein furchtbarer Vulkan, Madame, der nicht nur die Hütten, sondern die Paläste umstürzt.«
»Fürchten Sie nicht, daß die Jakobiner von Paris Ihnen Caserta und Portici nehmen?«
»O, o!«
Die Königin zuckte die Achseln.
»Sagen Sie, was Sie wollen, Madame,« fuhr Ferdinand fort, »ich fürchte die Jakobiner von Paris mehr als die von Neapel. Zum Teufel! Ich kenne mein Neapel! Ich bin hier geboren und mit drei F mache ich, was ich will.«
»Und welche sind diese drei F?« fragte ich lachend den König.
»Wie, meine liebe Emma,« sagte die Königin, »du kennst nicht den beliebten Wahlspruch des Königs?«
»Nein, Madame.«
»Mit drei F regiert man ganz Neapel: »Forca, Festa, Farina..«3
»Ist dies auch Ihre Meinung, Madame?« fragte ich lachend.
»Meine Meinung ist die, daß zwei F zuviel sind und daß die ›Forca‹ allein genügt.«
»Es droht uns also ein Erdbeben; wenigstens meinen Sie es wohl, Sir William?«
»Ich fürchte es.«
Der König klingelte, ein Diener erschien an der Tür.
»Laß anspannen,« befahl der König.
»Wo wollen Sie denn hin?« fragte Karoline.
»Nach Caserta,« erwiderte Ferdinand.
»Und Sie?«
»Ich bleibe hier.«
»Und Sie, Madame?« fragte mich der König.
»Wenn die Königin bleibt, so bleibe ich auch,« erwiderte ich.
»Und Sie, Sir William?«
»Sire, mir ist es gerade recht, dieses Phänomen in der Nähe studieren zu können.«
»Dann studieren Sie, mein Freund, studieren Sie! Zum Glück sind Sie weder korpulent, noch leiden Sie an Asthma wie jener römische Gelehrte, der in Stabia erstickte. . . . Wie hieß er nur?«
»Plinius, Sire.«
»Ja Plinius, so hieß er. Nun sagen Sie einmal, ich wüßte nichts vom Altertum, Madame?«
»Ah, mein Herr, wer hat Ihnen denn je einen solchen Vorwurf machen können? Wenn man den Herzog von San-Nicandro zum Lehrer gehabt hat, so weiß man alles.«
»Nun, Madame,« sagte der König, »man weiß schon sehr viel, wenn man weiß, daß man nichts weiß. Weil ich anstatt der Intelligenz Instinkt besitze, so ergreife ich die Flucht. Viel Vergnügen, meine Damen! Viel Vergnügen, Sir William!«
Und als der Diener wieder erschien, um zu melden, daß angespannt sei, rief der König: »Hier bin ich!« und eilte hinaus.
Einen Augenblick darauf hörten wir das Rollen des Wagens, der Seine Majestät aus Neapel hinwegführte.
Drittes Capitel
Marie Karoline war von Natur tapfer und mutig und sie liebte es besonders, wenn der König einen neuen Beweis seiner Feigheit lieferte, einen Beweis ihres Mutes zu geben. Obgleich die Luft drückend war, obgleich der Sirocco, dieser Wind, den jeder Neapolitaner für seinen persönlichen Feind hält, heftig wehte, so schlug sie sowohl mir, als auch Sir William vor, mit ihr, sozusagen, der Gefahr entgegenzugehen und durch die Marina bis zur Magdalenenbrücke zu fahren.
Sir William besaß die mutige Kaltblütigkeit eines wahren englischen Gentleman, und wenn es sich um wissenschaftliche Dinge handelte, so trieb er diese Kaltblütigkeit bis zur Verwegenheit. Er nahm daher den Vorschlag der Königin mit Freuden an.
Ohne den wissenschaftlichen Enthusiasmus meines Gemahls zu teilen, ohne den launenhaften Wunsch nach Abenteuern der Königin zu besitzen, konnte ich mich dennoch nicht weigern, wenn beide eine vielleicht nur eingebildete Gefahr suchten, es gleichfalls auf diese Gefahr ankommen zu lassen. Ich hätte es allerdings lieber gesehen, wenn ich hätte zurückbleiben und das Erdbeben abwarten können, allein die Scham bewog mich, ihm entgegenzugehen.
Als es Mitternacht schlug, stiegen wir unter dem Portal des Palastes in den Wagen.
»Nach der Magdalenenbrücke!« befahl die Königin.
Der Kutscher gehorchte, fuhr über den Largo del Castello und noch ehe die Uhren die zwölfte Stunde ausgeschlagen hatten, waren wir auf dem Molo.
Der afrikanische Wind hatte sich vollständig gelegt, die wenige Luft, die man einatmete, war mit Schwefel geschwängert und trotz des Rollens des Wagens hörte man das unterirdische Geräusch, welches den großen vulkanischen Explosionen vorangeht und der ganzen Natur ein unbestimmtes Vorgefühl der Gefahr einflößt, noch ehe die Gefahr selbst vorhanden ist.
Das Meer bewegte sich, nicht in langen, übereinanderrollenden Wellen, wie wenn ein Sturm im Anzuge ist, sondern es kochte wie ein über dem Feuer hängender Kessel und das Kochen stieg von dem Boden auf die Oberfläche. Dieses Sieden machte den ganzen Golf, der von Phosphor funkelte, zu einem großen Feuerspiegel.
Der Mond schwamm in einem aschfarbenen Dunst. Um elf war er hinter dem Vulkan aufgegangen, und obgleich er kaum im zweiten oder dritten Tage des Abnehmens stand, so glich er, als er über dem Krater aufstieg, einer ungeheuren, aus einem kolossalen Mörser in die Luft geschleuderten Bombe.
Die ganze beklagenswerte Einwohnerschaft des Basso Porto hatte sich in die Höhlen verkrochen, die sie sich unter den Häusern gegraben und das Rollen des Wagens war das einzige, was die Einsamkeit der engen und dunklen Gäßchen störte, welche nach den Kais führten. Einige unruhige und verirrte Hunde suchten sich auf ihren vier Beinen festzuhalten, als ob sie die Erde bereits unter sich zittern fühlten, und heulten den Mond kläglich an.
Ich faßte die Hand der Königin.
»Was fehlt dir?« fragte sie. »Deine Hand ist ja eiskalt!«
»Ich fürchte mich,« erwiderte ich.
»Beruhigen Sie Ihre Gemahlin doch, Mylord,« sagte die Königin, »denn sonst könnte sie ohnmächtig werden.«
In diesem Augenblicke blieb ein Mann, der trotz der drückenden Hitze in einen Mantel gehüllt war, stehen und sah erstaunt den Wagen vorbeifahren. Und allerdings war dies, obgleich Sir William uns begleitete, keine Stunde, zu welcher Frauen gewöhnlich und besonders in einem solchen Viertel, spazieren fuhren.
»Königin Karoline,« sagte dieser Mann, »Sie versuchen Gott!«
Und er verschwand in einem kleinen überwölbten Gäßchen, welches das Seufzergäßchen heißt, weil die zum Tode Verurteilten durch dieses Gäßchen gehen und von hier das Schafott zuerst erblicken.
»O mein Gott, Madame!« rief ich aus, »wer war denn das?«
»Irgendein von Vanni vergessener Jakobiner, der mir droht, weil er nichts anderes tun kann,« flüsterte die Königin.
Wir kamen bis zur Magdalenenbrücke, an der hohen Statue des heiligen Januarius aber wollten die Pferde durchaus nicht weiter.
Der Kutscher peitschte vergebens auf sie los, sie gingen nicht, bäumten sich und drängten sich rückwärts an die Brustwehr der Brücke.
»Madame, Madame!« rief ich, indem ich die Hand der Königin faßte, »dieser Mann war kein Feind, sondern vielmehr ein Freund. . . . Fahren Sie nicht weiter! versuchen Sie Gott nicht!«
»Was ist denn mit deinen Pferden, Gaetano?« fragte die Königin.
»Ich weiß es nicht, Madame,« sagte der Kutscher, »sie wollen durchaus nicht an der Statue des heiligen Januarius vorüber.«
»Ist jemand oder etwas auf dem Wege, was sie erschrecken könnte?«
»Ich sehe nichts, Madame; die Tiere sehen aber oft Dinge, welche die Menschen nicht sehen.«
»Haben Sie gehört, was dieser Dummkopf schwatzt?« fragte die Königin Sir William.
»Madame,« erwiderte dieser, »Ihr Kutscher konstatiert eins der Probleme der Natur, ohne es zu erklären. Es ist bis zur Evidenz erwiesen, daß bei Finsternissen, Erdbeben, kurz bei allen großen Erschütterungen der Natur, die Tiere von ihrem Instinkt davon benachrichtigt werden, noch ehe der Mensch durch seinen Verstand gewarnt ward. Allem Anscheine nach wird der Berg bald etwas von sich hören lassen.«
Und als ob der Vesuv nur diesen Augenblick abgewartet hätte, um seinem Zorne Luft zu machen, ließ sich mit einem Male ein schreckliches Brüllen vernehmen und ein heftiger Stoß schleuderte den Wagen ein Stück rückwärts.
Die Pferde wieherten und ohne irgendeine Bewegung zu machen, bedeckten sie sich mit Schweiß, wie das Meer sich mit Schaum bedeckt.
»Madame, Madame!« rief der Kutscher, »ich sagte es wohl, daß meine Pferde etwas sähen, was ich nicht bemerke. Sehen Sie, sehen Sie!«
Und er zeigte mit dem Finger auf den Gipfel des Berges.
Ein schwarzer, dicker Rauch begann aus dem Krater in vertikaler Richtung wie ein ungeheurer Turm aufzusteigen. Durch diesen Rauch zuckten Blitze, auf die furchtbare Donnerschläge, die einer Batterie von wohl hundert Kanonen glichen, folgten.
Die Königin faßte meine Hand und drückte dieselbe. Dieses eherne Herz begann Furcht zu fühlen. Ich sank beinahe ohnmächtig zusammen. Sir William war entzückt.
»Wenn Ihre Majestät durchaus hier bleiben wollen,« sagte Gaetano mit zitternder Stimme, »so bitte ich die Herrschaften inständig, auszusteigen, denn ich kann nicht mehr für meine Pferde stehen.«
In diesem Augenblicke erdröhnte ein furchtbarer Donnerschlag, wir empfanden einen heftigen Stoß und es war mir, als ob alles um mich herum schwankte.
»Madame, um Himmels willen!« rief ich, »wir wollen umkehren, wir wollen umkehren!«
Die Königin brauchte das jedoch nicht erst zu befehlen, denn mit einer Bewegung, welche die Hand des Kutschers ohnmächtig machte, drehten sich die Pferde von selbst um und jagten dann, ohne daß sie aufzuhalten waren, im tollsten Galopp die Brücke hinab und die Marina entlang.
»Madame, Madame!« rief der Kutscher, der sich vergebens festzuhalten suchte, »ich bin nicht mehr Herr meiner Pferde.«
»Nun, dann schütze uns Gott!« sagte die Königin.
Ein neuer Donnerschlag, furchtbarer als alle bisherigen, erdröhnte; ich fühlte, wie ein Schauder durch meine Adern rieselte und ward vor Schrecken ohnmächtig.
Als ich die Augen wieder öffnete, stand der Wagen, Gaetano hielt die Pferde am Gebiß und wir befanden uns dem Seufzergäßchen gegenüber.
In dem Augenblicke, wo der Wagen eben an der Biegung des Kais zerschellen wollte, war derselbe Mann, der der Königin zugerufen, Gott nicht zu versuchen, den Pferden in den Zügel gefallen und hatte sie in der Gefahr, von ihnen zertreten zu werden, mit übermenschlicher Kraft zum Stehen gebracht.
Der Stoß war so heftig gewesen, daß Gaetano von seinem Sitze geworfen worden war. Er hatte sich jedoch sogleich wieder erhoben und die Pferde beim Gebiß gefaßt.
Als der Unbekannte sah, daß der Kutscher wieder Herr seiner Tiere war, hatte er sich entfernt und war verschwunden.
Ich hatte nichts gesehen. Ich erwachte wie aus einem Traume. Die Königin ließ mich an ihrem Flakon riechen.
»O, Gott sei Dank!« rief ich aus, als ich wieder zu mir kam, »daß Ew. Majestät kein Unglück zugestoßen ist!« Und ich warf mich in ihre Arme, indem ich sie mit Tränen und Küssen bedeckte.
Dies war vielleicht seltsam, die Königin übte aber auf mich dieselbe Kraft aus, wie der Magnetiseur auf den Magnetisierten. Wenn ich bei ihr war, so war es mir stets, als ob meine Seele fortwährend strebte, aus meinem Körper zu fliehen und sich mit der ihrigen zu vereinigen.
Gaetano stieg wieder auf seinen Sitz und die Pferde schienen wie durch einen Zauberspruch beruhigt zu sein, so daß wir glücklich im Palais anlangten.
Ich war wie zerschlagen. Die Königin befahl mir, mich auf mein Zimmer, welches an das ihrige stieß, zu begeben und mich zu Bett zu legen.
Sir William bat um die Erlaubnis, auf die Terrasse des Palastes gehen zu dürfen, um von da aus die Phänomene des Vulkans besser beobachten zu können. Ich glaube, daß er sich, um ein geologisches Problem zu lösen, wie Empedolles in den Krater gestürzt und seinen Pantoffel auf dem Gipfel des Berges zurückgelassen hätte.
Ich sah weiter nichts von dem Erdbeben, man erzählte aber Folgendes davon:
Die Stöße folgten schnell aufeinander, indem sie sich besonders von Norden nach Süden, also von Portici nach Torre-del-Annunziata, erstreckten.
Wie immer, blieb Neapel auch diesmal verschont.
Gegen drei Uhr des Morgens bedeckte sich der Weg längs des Fußes des Berges mit Flüchtlingen, die ihre Wohnungen verließen und wie hinter einem Wall hinter der Magdalenenbrücke oder vielmehr hinter der Statue des heiligen Januarius, der von dem höchsten Punkt der Brücke die Stadt beschützt, Zuflucht suchten.
Die Sonne war hell am reinen Himmel aufgestiegen, bald aber hatte sich die Rauch- und Aschensäule, die aus dem Krater des Vesuvs emporstieg, über das ganze Firmament verbreitet. Die Wasser, welche der Spiegel des Himmels sind, überzogen sich mit grauer Farbe und das Tageslicht verschwand allmählich wie bei einer Finsternis.
Als ich mich erhob, hätte man schwören mögen, daß es abends um acht und nicht frühmorgens um zehn Uhr sei.
Von diesem Augenblicke an bis zum übernächsten Morgen, also vom 13. bis zum 15. Juni, zeigte sich die Sonne nicht mehr, das Toben im Berge verdoppelte sich und die Finsternis ward mit jeder Minute dichter.
Am folgenden Morgen wäre es, wenn die Uhren den Lauf der Zeit nicht angezeigt hätten, geradezu unmöglich gewesen, zu sagen, ob es Morgen, Abend oder Nacht sei. Die Finsternis war so groß, daß man sich in Chiaja und in Toledo, das heißt in den beiden größten Straßen Neapels, in einem finstern Zimmer zu befinden glaubte.
Der Kardinal-Erzbischof holte aus der Kathedrale, von allen Geistlichen der Stadt begleitet, die vergoldete Büste des heiligen Januarius und begab sich damit, von dem ganzen Adel, welcher Gebete sprach, und von dem ganzen Volk, welches Hymnen sang, begleitet, auf die Magdalenenbrücke, wo er den heiligen Beschützer der Stadt um Gnade anflehte.
Die Königin hörte die Messe, die dieser Zeremonie voranging, da ich aber protestantisch war, konnte ich nicht mitgehen. Wenn das Volk eine Ketzerin in einer Kirche gesehen hätte, so wäre es imstande gewesen, mir die Katastrophe zuzuschreiben und mich in Stücke zu zerreißen.
Der Erzbischof, der Adel und das Volk beteten von zwei Uhr nachmittags bis zum Abend auf der Brücke. Wenn ich aber sage Abend, so ist dies unrichtig, denn es gab jetzt weder Tag noch Abend und nur die Glocken, welche das Ave Maria läuteten, zeigten die Wiederkehr der Nacht an.
In der Nacht vom 15. zum 16. zog ein Knall, als ob eine Pulvermühle in die Luft flöge, aller Aufmerksamkeit an, denn die ganze Bevölkerung von Neapel war auf den Straßen. Die furchtsamsten der Bewohner lagen mit dem Gesicht auf der Erde und die minder erschreckten lagen auf den Knien oder beugten sich wenigstens unter der Last des furchtbaren Ereignisses.
Eine unermeßliche Feuergarbe flog aus dem Krater bis an den Himmel und fiel dann in flammenden Trümmern auf den Abhang des Berges. Hierauf quoll aus dem Gipfel des Berges ein doppelter Feuerstrom, wovon sich der eine Arm nach Resina, der andere nach Torre-del-Greco wandte.
Dreißigtausend Personen, Männer, Frauen und Kinder, folgten erstarrend diesem doppelten Lavastrom mit den Blicken.
Die ganze Ebene, welche sich zwischen dem Vulkan und Resina ausdehnte und alle Landhäuser, welche auf dieser Ebene standen, wurden von Lava überströmt; an den Toren von Resina aber stand die furchtbare Überschwemmung, wie auf ein überirdisches Gebot, plötzlich still.
Zum Unglück geschah dies nicht bei Torre-del-Greco. Eine frühere Lavaüberschwemmung hatte die Hälfte der Stadt bedeckt, war dann plötzlich stillgestanden und hatte eine dunkle Klippe gebildet, welche beinahe hundert Meter weit den von der Lava verschonten Teil der Stadt umgab.
Auf dieser Klippe hatte sich, wie auf einem neuen tarpesischen Felsen, eine neue Stadt erhoben und den verbindenden Teil zwischen der alten und der neuen Stadt bildete eine in die Lava gehauene Treppe.
Diesmal ward nun sowohl die alte, wie die neue Stadt vollständig verheert und überschwemmt. Der vulkanische Strom durchfloß die neue Stadt an ihrer Basis und von der Höhe der Klippe riß er sie wie einen feurigen Katarakt auf die alte Stadt herab, welche er verschlang und bis an die höchsten Häuser und den Glockenturm überdeckte. Dann stürzte der Strom, welcher die Trümmer zweier Städte mit sich fortriß, dem Meere zu, wo er einen Damm bildete, hinter welchem die Schiffe Schutz finden konnten.
Dies geschah alles in der Nacht vom 15. zum 16., als ob die schreckliche Katastrophe, um den Gipfelpunkt ihrer Furchtbarkeit zu erreichen, des Schreckens bedurft hätte, welchen die Finsternis einflößt.
Am Morgen des 16. erschien die Sonne, die man drei Tage lang nicht gesehen, wieder am heiteren Himmel. Ein Teil des Vesuvs war vom Vesuv selbst verschlungen worden; der höchste Teil des Berges war in den Krater gestürzt und da er von einer Höhe nun mehr als tausend Meter herabstürzte, hatte er den Krater eingedrückt und dabei mit einem furchtbaren Getöse die ungeheure Feuergarbe aufsprühen lassen, die das Meer in einer Runde von zehn Meilen erleuchtet und die beiden Lavaströme hatte austreten lassen, die das Land überschwemmt hatten. Durch diesen Sturz ward der Kegel des Berges, der bis dahin der niedrigste gewesen, der Beherrscher der Lüfte.
Während dieser Trauer- und Schreckensstunden hörten alle Arbeiten, nur nicht die der Staatsjunta, auf, denn einige von ihr erlassene Aktenstücke datieren von den drei Tagen des Erdbebens. Der Zorn Gottes hatte den Zorn der Könige nicht besänftigt.
An dem Morgen nach der Nacht, in welcher durch das Durchgehen der Pferde das Leben der Königin und das unsrige in Gefahr schwebte, und in welcher wir durch die wunderbare Dazwischenkunft des geheimnisvollen Unbekannten gerettet worden waren, hatte die Königin den Polizeichef zu sich beschieden und diesem befohlen, die genauesten Nachforschungen zur Entdeckung ihres Retters anzustellen.
Alle Mühe war jedoch nutzlos und obgleich der Polizeichef seine geschicktesten Agenten ausgeschickt hatte, so vermochte doch keine Hand den Schleier zu lüften, der auf diesem seltsamen Ereignisse ruhte.
Der König schrieb am 15., daß er, da das Wetter sich wieder aufgeheitert habe, am 17. auf die Jagd gehen, und folglich erst den 18. zurückkommen werde.
Vom dem, was in Neapel oder dessen Umgebungen hätte geschehen können, erwähnte er kein Wort. Ihm selbst war kein Unglück zugestoßen, alles andere war ihm gleich.