Kitabı oku: «Memoiren einer Favorite», sayfa 9
Zweiter Band
Erstes Capitel
Nun war ich Sir John Paynes Geliebte. Es beginnt hiermit die Reihe der traurigsten, vielleicht aber nicht der strafbarsten Ereignisse meines Lebens. Ich habe Gott und den Menschen versprochen, sie aufrichtig zu bekennen und ich meide dieses Geständnis mit voller Aufrichtigkeit tun, um zu beweisen, daß ich es als Reuige tue.
Wenn die Reue über einen Fehltritt in dem Herzen nur infolge der materiellen Unannehmlichkeiten oder Vorurteile, die er nach sich zieht, entstünde, so würde mich nichts bewegen, diese, ich will nicht sagen erste Liebe denn wirklich geliebt habe ich nur einmal in meinem Leben wohl aber diese erste Verirrung zu bereuen. Sir John war ein Gentleman, nobel, freigebig, artig, und ich konnte während der fünf oder sechs Monate, welche unser Verhältnis dauerte, nur zufrieden mit ihm sein.
Das kleine Haus in Piccadilly ward mein, und wenn er mich besuchte, was so oft geschah, als die Pflichten seines Dienstes ihm Zeit dazu ließen so sah es aus, als käme er in meine und nicht in seine Behausung. Die Diener und die Equipage standen zu meinen Befehlen und nach dem Respekt, welchen die Diener mir bewiesen, bemaß ich den, welchen der Herr vor mir hatte.
Als ich in den Möbeln meines Zimmers jene neugierige Untersuchung anstellte, welche die Frauen in dem Gemach, welches sie bewohnen, niemals verfehlen vorzunehmen, fand ich in einer mit meiner Namenschiffre gestickten Börse fünf- bis sechshundert Stück Sterling und in einem Etui einen Schmuck von Türkisen und Diamanten.
Von diesem Augenblick an, wo ich einsah, daß dieses Geld für mich bestimmt war, teilte ich es in zwei gleiche Teile: einen für meine Mutter, den andern für mich. Den ersteren schickte ich auch sofort an meine Mutter ab, ohne ihr jedoch zu sagen, wo ich sei und wie ich zu diesem Gelde gekommen wäre.
Jetzt, wo ein trauriges, unglückliches Alter über mich hereinzubrechen droht, gereicht es mir zum Troste, zu bedenken, daß ich auf der Höhe meines Glücks oder meiner Schande niemals auch nur einen Augenblick lang versäumt habe, für das materielle Wohlbefinden der schlichten Frau zu sorgen, der ich dieses Leben verdanke, welches für mich gleichzeitig so glänzend und so schmerzlich war.
Übrigens wäre ich ohne zwei Gedanken, die mich vorzugsweise beschäftigten, vollkommen glücklich gewesen.
Der erste dieser Gedanken war der an meinen unbekannten Romeo, welcher mich sicherlich alle Abende vergebens am Fuße meines Balkons erwartete.
Der zweite war, was wohl Miß Arabella bei ihrer Rückkehr gesagt haben würde, als sie mich nicht mehr in ihrer Wohnung vorfand.
Ich hatte in der Tat eine seltsame Art und Weise, die Personen zu verlassen, welche mir Gutes erzeigt oder erzeigen gewollt eine Art und Weise, die ihnen eine ganz eigentümliche Meinung von mir beibringen mußte.
Einige Tage lang ward ich durch eine Art Scham bewogen, mich in Piccadilly eingeschlossen zu halten. Am dritten Tage empfing ich den Besuch Amys und ihres Bruders. Die äußere Erscheinung beider erweckte in mir die Vermutung, daß sie ebenfalls ihren Anteil an der Freigebigkeit des Commodore genossen hätten.
Endlich brachte Sir John Payne mich so weit, daß ich mich bereit erklärte, auszugehen. Das Theater war immer noch meine herrschende Leidenschaft und er mietete eine Loge im Drury Lane.
Er hatte, um mich dahin zu führen, den Tag gewählt, wo »Hamlet« gegeben ward. Mit einer gewissen Gemütsbewegung hörte ich die Verse, welche er an Bord des »Theseus« zu mir gesprochen, und indem ich mein Schicksal an das Opheliens kettete, folgte ich dem Unglücke der Tochter des Polonius mit ganzer Seele.
Die beiden Wahnsinnsszenen wurden für mich dasselbe, was die Gartenszene und die Balkonszene in »Romeo und Julia« für mich gewesen waren.
Auf dem Nachhausewege sprach ich von weiter nichts, als von Ophelia, ich träumte die ganze Nacht von ihr und wiederholte die mir im Gedächtnis zurückgebliebenen Bruchstücke der betreffenden Verse.
Shakespeares Werke gab es in der kleinen Bibliothek in Piccadilly nicht, wohl aber hatte Sir John sie an Bord des »Theseus«, und da er im Laufe des Tages sich dorthin zu begeben hatte, so versprach er einen meiner Diener mitzunehmen und mir durch diesen den gewünschten Band zu schicken.
Ich erwartete meinen Shakespeare mit derselben Ungeduld, wie eine andere ein goldenes Armband oder einen Perlenschmuck erwartet hätte. Ich riß dem Diener das Buch förmlich aus der Hand, schloß mich in mein Zimmer ein und versenkte mich in diesem Ozean von Poesie.
Am Abend wußte ich die beiden Wahnsinnsszenen auswendig, und da ich mir die bald traurigen, bald heiteren Mienen gemerkt, womit Ophelia ihren Geliebten am St. Valentinstage besucht, oder das Grab ihres Vaters mit Blumen bestreut, so konnte ich mit jenem mimischen Talent, welches ich von jeher gehabt, nicht bloß die Gebärden, sondern auch die Modulationen wiederholen, welche ich am Abend vorher gesehen oder gehört hatte.
Alles dies geschah für mich allein und vor jenem vergoldeten Spiegel, der mir von Dick prophezeit worden.
Es fehlte mir dabei bloß eins, nämlich ein passendes Kostüm. Das Opheliens war indessen sehr leicht herzustellen, da es ja bloß in einem langen weißen Gewand besteht.
Ich beschloß mir die Befriedigung dieser Grille zu gestatten. Abends beim Souper bat ich Sir John um die Erlaubnis, den nächstfolgenden Tag auszugehen.
Erstaunt sah er mich an.
»Sie bitten mich um Erlaubnis?« sagte er zu mir. »Glauben Sie denn erst meiner Erlaubnis zu bedürfen, wenn Sie ausgehen wollen?«
»Nein,« sagte ich, »aber dennoch wäre ich nicht ausgegangen, ohne es Ihnen zu sagen.«
»Nun, da Sie dies einmal wollen, so setzen Sie vielleicht auch Ihrem Vertrauen die Krone auf, indem Sie mir sagen, warum Sie ausgehen wollen.«
»Ich will Kleiderstoffe einkaufen,« antwortete ich.
»Warum wollen Sie damit nicht Ihre Schneiderin beauftragen?« fragte er. Ich lachte.
»Weil ich mein Kleid selbst zu machen gedenke,« antwortete ich.
»Nun, lassen sie sich wenigstens die Adressen der renommiertesten Kaufläden geben.«
»Das ist nicht nötig. Das, was ich suche, finde ich bei dem ersten besten. Ich weiß eigentlich nicht, warum ich nicht lieber meine Zofe schicke, und ich werde dies auch tun, wenn Sie sich dazu verstehen, mich anderswohin zu begleiten.«
»Überall, wohin Sie mich führen, teure Emma, werde ich auf dem Wege nach dem Paradies zu sein glauben. Es wäre daher sehr töricht von mir, wenn ich mich weigern wollte.«
»Nun, dann ist die Sache abgemacht. Nach dem Frühstück werde ich meine Zofe in die Stadt schicken.«
»Und wir, wo werden wir hingehen?«
»Ins Freie, wenn es Ihnen beliebt. Ich habe ländliche Gelüste für morgen.«
»Und zu welcher Stunde soll unser Ausflug stattfinden?«
»Nach dem Frühstück, wenn es Ihnen recht ist, Mylord.«
Demgemäß ward alles verabredet. Am nächstfolgenden Morgen schickte ich, nachdem ich mich kaum vom Schlaf erhoben, meine Zofe mit dem Auftrage fort, eine Quantität von dem schönsten weißwollenen Stoff, den sie finden könnte, und außerdem einen großen schwarzen Tüllschleier zu kaufen. Sir John hörte mich meine Befehle erteilen, ohne meine Absichten zu verstehen, und wünschte wahrscheinlich sehnlich, daß ich ihm mein Geheimnis wenigstens zum Teil verraten möchte, aber ich sagte kein Wort.
Nach dem Frühstück stiegen wir in den Wagen und ich befahl dem Kutscher, uns aus der Stadt hinaus in die nächsten Felder zu fahren.
Die nächsten Felder von London sind aber immer noch ziemlich weit und wir brauchten über eine Stunde, ehe ich fand, was ich suchte. Endlich ließ ich den Wagen Halt machen und stieg aus.
»Soll ich Ihnen folgen?« fragte Sir John.
»Jawohl,« antwortete ich.
»Sie sollen mir nicht bloß folgen, sondern mir auch behilflich sein.«
»Wobei?«
»Das werden Sie sogleich sehen.«
Ich betrat die Wiese und begann Kornblumen, Rosmarin und Fenchel zu pflücken. Sir John sah mir zu und machte es wie ich. Als wir jedes einen großen Strauß Feldblumen beisammen hatten, stieg ich wieder in den Wagen.
»Das ist eine seltsame Idee,« sagte Sir John zu mir.
»Sie können sich ja die schönsten Blumen bei den ersten Gärtnern von London holen lassen, anstatt hierher zugehen und diese Heuernte einzufahren.«
»Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich ein einfaches Landmädchen bin? Und müssen denn die Feldblumen in meinen Augen nicht mehr Wert haben als die Blumen der Städte?«
»Wäre ich so unglücklich, daß Sie die Zeit betrauern, wo Sie eine Nymphe der Wiesen von Flintshire waren, anstatt wie jetzt eine der Gottheiten Londons zu sein?«
»Nein, Mylord; obschon meine göttlichen Eigenschaften sehr zweifelhaft sind, da sie ja nur von einem einzigen Anbeter anerkannt werden.«
»O, was das betrifft,« antwortete Sir John, »so brauchen Sie sich bloß zu zeigen, um Ihren Kultus zu einem allgemeinen zu machen. Als Venus auf den Einfall kam, die Welt zu regieren, tauchte sie aus dem Meere auf und damit war alles gesagt.«
»Und,« fragte ich lachend, »geben Sie mir vielleicht den Rat, meinen künftigen Untertanen in demselben Kostüm zu erscheinen wie Miß Aphrodite?«
»O nein! die Sache bekam dem König Kandaules zu schlecht, als daß ich Lust hätte, den Versuch zu wiederholen.« Gegen drei Uhr kehrten wir nach Piccadilly zurück. Sir John ließ mich an der Tür unsers Hauses mit meinem Bündel Heu, wie er sagte, absteigen und setzte seinen Weg weiter fort, weil er noch Geschäfte auf der Admiralität zu besorgen hatte.
Ich fand, daß meine Zofe mit den von mir aufgetragenen Einkäufen wieder da war. Ich hatte ihr befohlen, gleich eine Näherin mitzubringen und diese war ebenfalls schon da. Ich entsann mich des Schnittes, welchen Opheliens Gewand gehabt, ganz genau. Das, was ich nicht graziös genug daran fand, verbesserte ich, und mit jener bewunderungswürdigen Geschicklichkeit, ich will nicht sagen mich anzukleiden, wohl aber mich zu kostümieren, welche ich von jeher besessen, schnitt ich meine Tunika selbst zu und versprach zwei Pfund Sterling zwischen der Arbeiterin und meiner Zofe zu teilen, wenn das Gewand bis um neun Uhr abends fertig oder wenigstens geheftet wäre.
Beide machten, von der Aussicht auf Belohnung angespornt, sich sofort an die Arbeit. Was mich anging, so traf ich unter meinen Feldblumen eine geeignete Auswahl, und ließ sie in Wasser einweichen, damit sie sich bis zum Abend frisch erhielten.
Um sechs Uhr kam Sir John nach Hause zurück. Er war in sehr heiterer Laune. Er hatte um einen zweimonatlichen Urlaub nachgesucht, der ihm auch bewilligt worden, und seine Absicht war, diese zwei Monate ausschließlich mir zu widmen.
Ohne Sir John in dem absoluten Sinne zu lieben, welchen man dem Wort Liebe beilegt, empfand ich für ihn doch innige dankbare Anhänglichkeit, nicht wegen des Luxus, womit er mich umgeben, sondern wegen seiner Freundlichkeit gegen mich, denn mein aristokratischer Stolz ward durch die Formen, in welche Sir John seine Wohltaten kleidete, mehr gerührt, als durch die Wohltaten selbst.
Sir John hatte mich um die Erlaubnis gebeten, erst den nächstfolgenden Tag auf den »Theseus« zurückzukehren und wie man sich leicht denken kann, hatte ich diese Erlaubnis gewährt. Ich sagte ihm sogar, daß ich, um ihn für seinen übertriebenen Ehrgeiz zu belohnen oder zu bestrafen, je nachdem er die Sache nehmen wollte, eine Überraschung bereiten würde.
Um neun Uhr bat ich deshalb Sir John um die Erlaubnis, mich auf einige Augenblicke in mein Zimmer zu begeben. Er fragte mich lachend, ob dieses Verschwinden mit der in Aussicht gestellten Überraschung zusammenhinge, doch gab ich hierauf keine bestimmte Antwort.
Mein Gewand war fertig.
Ich löste mein langes Haar auf und wand mir einen jener Kränze, wie ich deren als Kind so viele gewunden, um sie sodann aufzusetzen und mich damit in der Quelle zu betrachten. Ich legte mein langes Gewand an, welches einen Teil meiner Brust und meine Arme unverhüllt ließ, raffte alle meine Erinnerungen zusammen, gesellte meine eigenen Inspirationen dazu und öffnete dann die Tür des Salons.
Zum ersten mal wollte ich den Eindruck beurteilen, welchen meine Schönheit, von dem doppelten Zauber der Mimik und der Poesie unterstützt, auf die Menschen ausüben könne.
Allerdings war der Mann, der in diesem Augenblick für mich die gesamte Männerwelt repräsentierte, sehr zu meinen Gunsten eingenommen, so daß ich seine Meinung nicht als allgemeines Gesetz betrachten konnte.
Dennoch aber wagte ich nicht, vor ihn zu treten, ohne vorher noch einen langen und letzten Blick in den verhängnisvollen Goldrahmenspiegel geworfen zu haben.
Das Kompliment, was dieser mir machte, war so vollständig, daß ich nicht mehr zweifelte, sondern keck eintrat.
Sir John stand an den Kamin gelehnt und hielt das Gesicht nach der Tür gewendet. Bei meinem Erscheinen stieß er einen Ruf der Überraschung und Bewunderung aus. Gleich mein erstes Auftreten war von Erfolg begleitet.
Es war dies, wie man leicht begreift, eine große Ermutigung. Ich begann sofort den halb heiteren, halb schwermütigen Gesang, welcher die Wahnsinnsszene eröffnet:
»Wie erkenn' ich dein Treulieb
Vor den andern nun?
An dem Muschelhut und Stab
Und den Sandelschuh'n.«
Sir John streckte die Arme nach mir aus; ich tat aber, als wenn ich ihn nicht sähe, und starr vor mich hinblickend fuhr ich fort:
»Er ist lange tot und hin,
Tot und hin, Fräulein!
Ihm zu Häupten ein Rasen grün,
Ihm zu Fuß ein Stein.«
Sir John klatschte Beifall.
Ich erhob jenen langgezogenen, klagenden Ruf, den ich von der Künstlerin gehört, welche die Rolle der Ophelia spielte, und mit schluchzender Stimme fuhr ich fort:
»Sein Leichenhemd weiß wie Schnee zu seh'n,
Geziert mit Blumensegen,
Das unbetränt zum Grab' mußt' geh'n
Von Liebesregen.«
Sir John kam einen Schritt auf mich zu. Nun erst schien ich ihn zu erblicken, und ich sprach die Worte, welche Ophelia an den König richtet.
»Gottes Lohn! Recht gut.
Sie sagen, die Eule war eines Bäckers Tochter.
Ach, Herr! Wir wissen wohl, was wir sind,
aber nicht, was mir werden können.
Gott segne Euch die Mahlzeit!«
Ohne vermittelnden Übergang verfiel ich dann aus der tiefsten Melancholie in die tollste Heiterkeit und begann das bei uns so beliebte Lied:
»Auf morgen ist Sankt Valentin's Tag,
Wohl an der Zeit noch früh,
Und ich, 'ne Maid am Fensterschlag,
Will sein eure Valentin.
Er war bereit, tat an sein Kleid,
Tät auf die Kammertür,
Ließ ein die Maid, die als 'ne Maid
Ging nimmermehr herfür.«
Dann nahm ich jenen, auf einen Augenblick aufgegebenen starren Blick des Wahnsinns wieder an und fuhr fort:
Ich hoffe, alles wird gut geh'n.
Wir müssen geduldig sein; aber ich kann nicht umhin zu weinen,
wenn ich denke, daß sie ihn in den kalten Boden gelegt haben.
Mein Bruder soll davon wissen.
Kommt; meine Kutsche!
Gute Nacht, süße Damen.«
Und heiter ging ich hinaus, indem ich die nicht vorhandene Melodie eines unbekannten Liedchens trällerte.
»Sie sind eine Zauberin!« sagte der Admiral. »Ein solcher Wahnsinn könnte selbst den König Salomo um den Verstand bringen.«
Ich fuhr jedoch, ohne auf ihn zu hören, und indem ich in meine Stimme einen so schmerzlichen Ausdruck legte, daß ich selbst davor schauderte, fort:
»Sie trugen ihn auf der Bahre bloß,
Leider, ach leider!
Und manche Trän' fiel in Grabesschoß.«
»Emma!« rief Sir John, »Emma! Antworten Sie mir, ich bitte darum.«
»Adieu, mein Turteltäubchen,« sagte ich zu ihm, indem ich in meiner Rolle fortfuhr. Dann fiel ich wieder in den ersten schmerzlichen Ausdruck, breitete meinen schwarzen Schleier auf den Fußteppich, entblätterte meine Blumen und sang dazu:
»Hinunter! Man trage ihn hinunter!
Wehe! Wehe! Dreimal Wehe!«
Sir John wollte mich unterbrechen, ich ließ ihm aber nicht Zeit dazu, bot ihm eine Blume und sagte mit lächelndem Munde:
»Da ist Vergißmeinnicht, das ist zum Andenken:
Ich bitte Euch, liebes Herz, gedenkt meiner!
Und da ist Rosmarin, das ist für die Treue.
Da ist auch Fenchel für Euch und Aglei.
Da ist Raute für Euch und hier ist welche für mich.
Ihr könnt Eure Raute mit einem Abzeichen tragen.
Da ist Maßlieb. Ich wollte Euch ein paar Veilchen geben,
aber sie welkten alle, da mein Vater starb.
Sie sagen, er nahm ein gutes Ende.«
Dann sank ich mit gen Himmel gerichteten Augen auf die Knie nieder und murmelte anscheinend gedankenlos:
»Der kleine gute Robin
Ist meine ganze Lust.«
Nun aber konnte der gute Sir John sich nicht mehr beherrschen. Er umschlang mich mit seinen Armen, hob mich auf, drückte mich an seine Brust und sagte:
»Genug, genug! Oder Sie machen mich wahnsinnig.«
Der Ausdruck seiner Augen und die Gemütsbewegung, welche sich in seiner Stimme verriet, strafte seine Worte durchaus nicht Lügen. Ich brach in ein lautes Gelächter aus.
»Wie?« sagte er, »Ist das wieder Wahnsinn? Spielen Sie Ihre Rolle weiter? Ins Himmelsnamen, antworten Sie mir ernsthaft.«
»Meine Rolle ist, Ihnen zu gefallen, Mylord, aber nicht Sie zu erschrecken. Ophelia ist in den Fluß gestürzt und ertrunken. Emma Lyonna aber lebt und liebt Sie.«
Freudig warf ich mich an seine Brust. Die Wirkung, welche ich hervorgebracht, stand nicht zu bezweifeln und diese Wirkung hatte meine kühnsten Hoffnungen übertroffen. Nur dachte ich in meinem innersten Herzen unwillkürlich fortwährend an meinen armen unbekannten Romeo, dessen sanfte Stimme mir unter den großen Bäumen von Miß Arabellas Garten so schön antwortete.
Zweites Capitel
Gern möchte ich schnell über diesen Teil meines Lebens hinweggehen, welcher, obschon in den Augen der Sittenprediger vielleicht der tadelnswerteste, doch der ist, welcher mir am wenigstens Reue einflößt.
Ich war ein armes, von meiner Kindheit an verlassenes Mädchen. Ich war niemandem Rechenschaft über meine Handlungsweise schuldig, nicht einmal meiner Mutter, für welche schon meine Geburt eine Antwort auf die Vorwürfe gewesen wäre, welche sie mir vielleicht gemacht hätte. Ich hing nur von mir ab, ich erwartete alles von mir; zu meinem Unglück schön, ward ich durch einen angeborenen Instinkt zu allen Freuden der Jugend, zu allen Verführungen des Luxus und des Reichtums hingetrieben. Welche moralische oder physische Stütze hätte ich in Anspruch nehmen können, selbst wenn ich die Absicht gehabt hätte, gegen die Versuchung zu kämpfen?
Da ich aber das Gute nicht von dem Bösen zu unterscheiden wußte, so betrat ich einen abschüssigen Pfad, der mir immer angenehmer, immer blumenreicher vorkam. Das Leben erschien mir in der Gestalt eines schönen, wie der Frühling mit Blumen bekränzten Jünglings. Ich ergriff den dargebotenen Arm dieses falschen Beschützers und stützte mich darauf, ohne zu wissen, welchem Ziele wir entgegengingen und in welchen Morast oder in welche dürre Wüste er mich führen würde.
Übrigens, und ich darf dies nicht verschweigen, hat eine der guten oder schlimmen Eigenschaften meiner Veranlagung darin bestanden, daß ich immer in der Gegenwart gelebt habe. Diese Gegenwart war, mit der Vergangenheit verglichen, zu der Zeit, von welcher ich jetzt spreche, ein Leben materieller Genüsse, die hoch über den sechzehn Jahren standen, die ich bis jetzt durchlebt.
Die Welt, die mich nicht kannte, machte mir keine Vorwürfe und ich selbst machte mir auch keine. Alles trieb mich daher zum Vergessen der Vergangenheit, zur Sorglosigkeit in bezug auf die Zukunft. Es war mir als hätte ich, so lange meine Schönheit dauerte, von der Unbeständigkeit des Glücks nichts zu fürchten, und indem ich an mein jugendliches Alter dachte und mich in meinem Spiegel betrachtete, sagte ich, daß ich, Gott sei Dank, noch lange schön zu sein hätte.
Man erinnert sich, daß Sir John Payne auf zwei Monat Urlaub genommen, und daß er diese zwei Monate ausschließlich mir widmen wollte. Nachdem ihm dieser Urlaub erteilt worden, fragte er mich, wo ich hinzugehen, was ich vorzunehmen wünschte.
Ich stellte die Wahl ganz ihm anheim. Ich kannte ja nichts außerhalb des Zirkels, in welchem ich bis jetzt gelebt. Ich wünschte nichts, sondern fühlte bloß einen unwiderstehlichen Zug nach dem Unbekannten.
Sir John entschied, daß wir nach Frankreich gingen. Ich klatschte vor Freuden in die Hände. Ich hatte viel von Frankreich sprechen hören, aber es war mir nie eingefallen, daß ich dieses Land selbst zu sehen bekommen könnte.
Ich verstand nicht Französisch, Sir John aber redete diese Sprache ganz geläufig und konnte mir alles, was ich nicht selbst verstand, übersetzen.
Wir brachen auf. Jener Drang nach dem Unbekannten war die Krankheit jener Zeit, und ich, das winzige Atom, ward von dem Strudel mit fortgerissen.
Es gibt Momente, wo die Nationen ihrer selbst überdrüssig und von der Wirklichkeit ermüdet, sich in den Traum flüchten und nicht bloß nach dem trachten, was nicht ist, sondern auch nach dem, was nicht sein kann.
So unwissend ich auch war, so berührte mich doch jener Hang Frankreichs zu dem Unmöglichen auf seltsame Weise. Not und Armut waren hier groß, der Luxus aber war noch größer. Die Fürsten und großen Herren ruinierten sich mit einem Eifer und mit einer Sorglosigkeit, welche nicht schlimmer hätte sein können, selbst wenn sie den Vulkan gekannt hätten, auf welchem die Gesellschaft damals einherwandelte.
Aber was fragte man darnach? Der Kardinal von Rohan suchte den Stein der Weisen; Cagliostro hatte, wie man versicherte, das Lebenselexier entdeckt; Mesmer die Heilung aller Krankheiten durch den Magnetismus; Franclin hatte den Blitz besiegt und führte ihn gefangen auf einem Drahte in die Tiefen der Erde; und Montgolfier stellte eine neue Straße in den unendlichen Räumen des Himmels in Aussicht. Die alte Welt konnte immerhin in den Abgrund versinken, eine neue tauchte empor.
Diese beiden Monate vergingen für mich in einem ununterbrochenen Taumel. Sir John hatte die schönsten Pferde, die schönsten Wagen, die ersten und besten Logen in allen Theatern. Ich sah Lekain, ich sah Mademoiselle Raucourt, Orosman, Athalia, Britannicus, ich hörte die »Ihpigenia in Tauris« von Gluck und die »Dido« von Piccini. Greuza, der Maler der Unschuld, fertigte mein Porträt und überall, wohin ich kam, wiederholte mir ein bezauberndes Murmeln, daß ich schön sei.
Ich fühlte mich so glücklich, daß Sir John eine Verlängerung seines Urlaubs um einen Monat zu erbitten wagte; man gewährte ihm diese Verlängerung, sagte ihm aber zugleich, daß er nach Ablauf dieses Monats sich zur Verfügung der Regierung bereit zu halten habe.
Der Krieg mit Amerika ward immer erbitterter, Frankreich drohte sich daran zu beteiligen, und England fühlte aller Wahrscheinlichkeit nach sehr bald das Bedürfnis, jenseits des atlantischen Meeres einen großen Schlag zu führen.
Sir John hütete, als er mir die Verlängerung seines Urlaubs mitteilte, sich wohl, mir etwas von der ihm dabei gestellten Bedingung zu sagen. Er wollte keinen Schatten auf meine Freude werfen. Wir blieben demgemäß noch einen Monat, dann aber mußten wir nach England zurückkehren.
Diese Reise blieb wie ein bezaubernder Traum ein Teil meiner steten Erinnerung. Ich hatte die Königin von Frankreich zweimal gesehen einmal in der Oper bei der Aufführung der »Dido« von Piccini, das zweitemal in der Comédie Française bei der Aufführung von »Orosman«.
Es war dies die glückliche Epoche ihres Lebens. Sie ward noch geliebt und verehrt, der Haß und die Verleumdung kamen erst später. Sie hatte ihrerseits mich ebenfalls bemerkt und gefragt, wer ich wäre. Die Erinnerung an mich blieb ihren Gedanken so gegenwärtig, daß, als drei Jahre später Madame Lebrun, ihre Malerin, nach London kam, diese mich im Namen der Königin bat, mich von ihr malen zu lassen. Es war dies eine zu große Ehre, als daß ich dieselbe zurückgewiesen hätte, und man versicherte mir, daß sie dieses Porträt ihrer Privatgalerie einverleibte.2
Bei meiner Rückkunft nach London fand ich, wie ich gestehen muß, mein kleines Haus in Piccadilly ein wenig öde und es dauerte nicht lange, so bat Sir John, welcher ohne Zweifel fürchtete, daß ich mich langweilte, mich um die Erlaubnis, mir einige seiner Freunde vorzustellen. Wir empfingen demzufolge einmal wöchentlich, dann zweimal, dann dreimal, dann alle Tage.
Sir John, dem ich meine niedrige Herkunft eben sowenig verschwiegen hatte, wie ich das auch sonst getan hatte, fragte mich wie besorgt, ob ich imstande sein würde, die Rolle einer Herrin vom Hause zu spielen. Gleich vom ersten Tage an aber war er in dieser Beziehung beruhigt. Es ist dies eines der eigentümlichsten Geschenke, welche die Natur mir verliehen hat. Sie schuf mich zur großen Dame und in dieser Beziehung hatte ich mir keine Ausbildung anzueignen, sondern besaß sozusagen dieselbe bereits von meiner Geburt an.
Eines Abends erinnerte der Admiral mich an jene Scenen aus »Hamlet«, welche zu Anfang unseres Verhältnisses einen so tiefen Eindruck auf ihn hervorgebracht. Er fragte mich, ob ich für die Freunde, welche den Thee mit uns einnahmen, nicht thun wolle, was ich für ihn allein gethan. Da die Frage mit leiser Stimme an mich gestellt ward, so konnte ich eben so leise antworten, daß es mir für den Augenblick an einigen der nothwendigen Requisiten, ganz besonders an wilden Blumen mangle, daß ich aber den nächstfolgenden Abend bereit sein würde, mein zweites Debüt vor ihm zu versuchen.
Unsere Freunde wurden eingeladen, nächstfolgenden Abend wieder zu kommen, und Sir John deutete ihnen an, daß ich ihnen eine Überraschung bereiten würde.
Am nächsten Tage durchwanderten wir, Sir John und ich, allerdings nicht die Wiesen, wie wir vor zehn Monaten gethan, denn die Felder waren jetzt mir Schnee bedeckt, wohl aber die Kaufläden, wo künstliche Blumen zu haben waren, um hier Kornblumen, Rosmarin und die Maßlieben zu finden, welche noch auf drei oder vier Monate von der Erde verbannt waren.
Ich weiß nicht, welches wehmütige Gefühl sich meiner bemächtigte, als ich diese künstlichen Blumen anstatt natürlicher zu einem Strauße zusammenband.
Sir John schien mir ebenfalls niedergeschlagen zu sein. Von Zeit zu Zeit bemerkte ich, daß er die Augen unverwandt auf mich geheftet hielt. Wenn dann unsere Blicke sich begegneten, so versuchte er zu lächeln.
Seit einigen Wochen ging er alle Tage auf die Admiralität und empfing fortwährend Botschaften von derselben entweder in seiner Wohnung oder auf dem »Theseus«. Beinahe alle Tage erteilte er geheime Befehle und traf Anstalten, welche er mir zu verheimlichen suchte.
Es war augenscheinlich, daß in unserem Geschicke irgendeine Veränderung vorzugehen im Begriffe stand.
Der Abend kam, die Freunde vom gestrigen Tage fanden sich wieder ein. Sie waren sehr neugierig in bezug auf die Überraschung, die ich ihnen bereitete und welche Sir John ihnen mit einer gewissen Feierlichkeit versprochen. Nach dem Tee oder vielmehr während des Tees begab ich mich aus dem Salon in mein Schlafzimmer. Hier verwandelte ich mich binnen wenigen Augenblicken in Ophelia, und gerade in dem Momente, wo man am wenigsten erwartete, mich wieder erscheinen zu sehen, öffnete ich die Tür.
Ein einstimmiger Ruf verkündete, daß ich den beabsichtigten Effekt machte.
Mein Erfolg war unermeßlich. Zum ersten Male debütierte ich vor Zuschauern.
Bis jetzt hatte ich bloß für mich allein oder für eine einzige Person deklamiert, ein einziges Mal war mir von einem unbekannten Zuhörer Beifall gespendet worden. Was Sir John betraf, so hatte ich von ihm mehr als Beifall erlangt und die Wirkung, welche ich dieses zweite Mal hervorbrachte, erschien mir noch größer als die erste.
Der Enthusiasmus war ein allgemeiner. Man rief »Da capo! da capo!« Man bat den Admiral, mich zu einer nochmaligen Vorführung der Szene zu bewegen, aber ich weigerte mich hartnäckig. Ich war überzeugt, daß die Fehler, welche den Augen meiner Zuschauer bei dieser ersten Probe entgangen waren, bei der zweiten klar zu Tage treten würden.
»Wenn jedoch,« sagte ich, »einer dieser Herren die Rolle des Romeo übernehmen wollte, so würde ich gern bereit sein, die Julia in der Balkonszene zu spielen.«
Unglücklicherweise waren Sir Johns Gäste im Bereiche des Vergnügens besser bewandert als in dem der Literatur und folglich mit der Muse Shakespeares nicht so vertraut, daß sie die von mir ihnen zugemutete Aufgabe zu lösen vermocht hätten.
Mit einem lebhaften Gefühl der Reue und Trauer dachte ich jetzt an den armen Harry, welcher mir in Miß Arabellas Garten einen so poetischen und liebeerfüllten Romeo improvisiert hatte.
Der Schleier der Nacht, der sich über sein Gesicht gebreitet und mir seine Züge verhüllt, so daß nur seine Stimme zu mir gedrungen war, ließ dieser Erinnerung etwas ungemein Romantisches und Geheimnisvolles.
»Wie schade,« sagte Sir John, »daß mein Freund Featherson nicht in London ist, er, der den Shakespeare so gut auswendig kann wie Garrid. Sobald ich Sheridan zu sehen bekomme, werde ich ihn fragen, wo er ist.«
»Er ist ja hier,« antwortete einer unserer Gäste.
»Wissen Sie das gewiß, Sir Georg?« fragte der Admiral.
»Jawohl. Ich habe ihn gestern gesehen und gesprochen.«
»Kann man erfahren, wo er wohnt?«
»Nichts leichter als dies. Ich werde mich bei seinem Onkel erkundigen, der sein Hotel auf dem Haymarket hat.«
Ich weiß selbst nicht, warum ich den Worten, welche der Admiral und Sir Georg gewechselt, mit der größten Aufmerksamkeit, ja sogar mit einem gewissen Herzklopfen zugehört hatte.
Der Admiral drehte sich nach mir herum. »Und,« fragte er, »wenn man nun Featherson ausfindig macht, werden Sie sich dann dazu verstehen, mit ihm die beiden Szenen zu spielen?«
»Jawohl, sehr gern,« antwortete ich. »Aber,« setzte ich lächelnd hinzu, »warum wollen Sie dieselben nicht selbst lernen?«
»Ach,« antwortete Sir John mit einem Seufzer, »ich könnte mich fast versucht fühlen, es zu tun. Harry wird sich jedoch dieser Aufgabe jedenfalls besser entledigen als ich.«
»Harry!« rief ich. »Wer ist dieser Harry?«
»Harry, meine liebe Emma, ist Feathersons Taufname.«
»Ich bitte um Entschuldigung,« sagte ich.
»Haben Sie vielleicht einen Harry gekannt?« fragte mich Sir John mit einer gewissen Neugier.
»Allerdings habe ich diesen Namen einmal nennen gehört,« antwortete ich; »es war nicht der eines vornehmen Lord, sondern der eines armen Künstlers, und mein Harry,« setzte ich lachend hinzu, »hatte sicherlich mit Sir Harry Featherson nichts gemeinsam.«
Man kam überein, daß Sir Georg Sir Harry ausfindig machen und daß man, wenn man ihn fände, die Aufführung der beiden Szenen aus »Romeo und Julia« mit ihm arrangieren sollte.