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Kitabı oku: «Salvator», sayfa 24
XII
Der Abend eines Commissionärs
Am Abend, zur genannten Stunde, hielt die Reisecaleche, durch den Stellmacher vollkommen in den Stand gesetzt, etwa fünfzig Schritte von der Barrière Croulebarbe.
Der Postillon, der mit verhängten Zügeln und zehn Minuten vor der verabredeten Stunde herbeigekommen war, glaubte Anfangs an eine Mystifikation, als er sah, daß die Personen, die ihn mit solcher Eile hatten kommen lassen, nicht nur sich nicht beim Rendez-vous fanden, sondern sogar nicht einmal Miene machten, zu erscheinen.
Nach einigen Minuten indessen, als er zwei junge Leute erblickte, welche mit raschen Schritten herbeikamen und Arm in Arm gingen, schwang sich der Postillon, der von seinem Pferde gestiegen war, wieder in den Sattel und hielt sich unbeweglich, ohne den Kopf zu drehen, wie ein Postillon von Stein.
Salvator und Justin näherten sich dem Wagen, Roland voran, der, so schnell sie auch marschierten, noch schneller als sie marschierte.
Salvator öffnete den Schlag, ließ den Fußtritt herunter und sagte zu Justin:
»Steigen Sie ein!«
Als er dieses einzige Wort hörte, wandte sich der Postillon um, als hätte er einen elektrischen Schlag gefühlt, und denjenigen, welcher es ausgesprochen, sehend und erkennend, wurde er scharlachroth vor Vergnügen.
Er nahm langsam seinen Hut ab und begrüßte Salvator mit einem freudigen und zugleich ehrerbietigen guten Morgen.
»Guten Morgen, mein Freund!« erwiderte lächelnd Salvator, indem er dem Postillon seine feine, aristokratische Hand reichte; »wie befindet sich Dein wackerer alter Vater?«
»Vortrefflich, Herr Salvator,« antwortete der Postillon; »und hätte er gewußt, Sie reisen, so würde er Sie trotz seiner sechsundsiebzig Jahre selbst geführt haben.«
»Es ist gut; ich werde ihn dieser Tage besuchen. Er wohnt immer noch in der Bastille?«
»Bei Gott!« erwiderte stolz der Postillon, »wer hat das Recht darin zu wohnen, wenn nicht er?«
»In der That, Das ist wahr,« sprach Salvator; »es ist doch das Wenigste, daß ein Eroberer den Platz bewohnt, den er erobert hat!«
Sodann hinter Justin einsteigend, der es sich schon im Wagen bequem gemacht hatte, fragte er seinen Hund:
»Willst Du einsteigen, Roland?«
Roland schüttelte den Kopf.
»Nein?« fuhr Salvator fort; »Du willst lieber zu Fuße gehen? . . . Geh’, Roland, vorwärts.«
»Welche Straße, Herr Salvator?« fragte der Postillon.
»Straße nach Fontainebleau . . . Stille! Du kennst mich nicht!«
»Ohne Ihnen Etwas zu befehlen, Herr Salvator, da ein Geheimniß darunter ist, können Sie einem Freunde sagen, wohin Sie gehen?«
»Dir, ja, mein kleiner Bernard . . . Ich gehe nach der Cour de France.«
»Und Sie werden dort anhalten?«
»Die ganze Nacht.«
»Es ist gut; Sie sollen nicht bespäht werden, das verspreche ich Ihnen.«
»Was willst Du damit sagen?«
»Nichts: das ist meine Sache, Herr Salvator, verlassen Sie sich auf mich! . . . Soll ich sehr rasch fahren?«
»Nein, Bernard, im gewöhnlichen Gange; wir brauchen nicht vor zehn Uhr bei der Cour de France zu sein.«
»Also in kurzem Trab . . . Ich möchte Sie indessen lieber nicht so fahren, Herr Salvator.«
»Und wie möchtest Du mich gern fahren, mein Junge?«
»Wie ich den Kaiser 1815 geführt habe: fünf Meilen in der Stunde.« Sodann leise:
»Sind Sie nicht unser Kaiser, Sie, Herr Salvator: wird man nicht, wenn Sie sagen: »»Zu den Waffen!«« die Waffen ergreifen? wird man nicht, wenn Sie sagen: »»Vorwärts!«« marschieren?«
»Nun wohl, Bernard! . . . « rief lachend Salvator.
»St! Stille! … Bah! sind die Freunde unserer Freunde nicht Freunde? Da dieser Herr mit Ihnen ist, so ist er es,« sagte Bernard.
Und er machte ein Maurerzeichen.
»Ja, mein Freund, ich bin es,« antwortete Justin, »Du hast Recht; und möchte ich da sein an dem Tage, wo man, wie Du vorhin sagtest, wird die Waffen ergreifen und marschieren müssen!«
»Sie sehen, Herr Salvator, Alles geht gut! wir haben nur noch zu singen:
Allons, enfant de la patrie!
Und das Nationallied singend, trieb der Postillon seine Pferde durch einen Peitschenhieb zum Aufbruche an.
Der Wagen ging ab einen Staubwirbel aufwühlend, der, durch die letzten Feuer des Tages vergoldet, ihm eine unbestimmte Ähnlichkeit mit dem vom Himmel aus die Erde herabsteigenden Sonnenwagen verlieh.
Wir werden nicht die Plauderei der zwei Freunde während der Dunkelheit, die sich stufenweise um sie her verdichtete, berichten. Wie man leicht begreift, war es die Hoffnung, welche der Hauptgegenstand des Gespräches wurde. Noch vier Stunden, noch drei, noch zwei, und man würde den Gipfel jener menschlichen Glückseligkeiten berühren, die man seit so langer Zeit durch dichte Wolken und schwarzen Nebel erschaute.
Madame Corby und Schwester Céleste waren entzückt gewesen von dem Ereignisse, das sich vorbereitete; das waren zwei gläubige Herzen, welche wohl hofften, Gott werde Justin in der Stunde der Gefahr nicht verlassen. Die Trennung, welche nothwendig war, konnte nur momentan sein, und man würde sich am Herde der Familie wiedervereinigt finden, um sich nie mehr zu verlassen.
Alles stand also auf das Beste, und bei dieser Veränderung der Lage sah Niemand etwas Anderes als die unaussprechlichen Verheißungen und die höchsten Freuden.
Man hielt in Villejuis so lange an, als man brauchte, um die Pferde zu wechseln.
Salvator neigte sich aus dem Schlage und schaute auf seine Uhr: es war halb zehn.
Nach Verlauf einer Stunde erblickte man das Profil der Fontainen der Cour-de-France, oder, nennen wir sie mit ihrem wahren Namen, der Fontainen von Juvisy, prunkhafte Fontainen, geschmückt mit Trophäen und Genien auf einem Piedestal, wahre Typen der Architektur von Ludwig XV. um die Mitte des 18. Jahrhunderts.
Der Postillon hielt an, stieg vom Pferde und öffnete den Schlag.
»Wir sind da, Herr Salvator,« sagte er.
»Wie! Du bist es, Bernard?«
»Ja, ich bin es!«
»Du hast zwei Posten gemacht?«
»Allerdings.«
»Ich glaubte, das sei verboten.«
»Gibt es etwas, was für Sie, Herr Salvator, verboten ist?«
»Wie ist aber? . . . «
»Hören Sie, wie das gekommen ist. Ich sagte mir: »»Herr Salvator macht einen Coup für das Wohl der Sache; er braucht einen Mann, der weder Augen, noch Ohren hat, der aber vielleicht wohl mit seinen guten Armen versehen ist. Ich bin der Mann!«« Da that ich in Villejuis Folgendes. Ich sagte zu Pierre Lenglumé, an dem die Reihe zu fahren war:
Der Mann’ war der General Lebastard de Prémont.
Salvator führte den General an den Wagen, wo er Platz nahm: dann stieg er selbst hinter ihm ein und sagte: »»Das ist es nicht, Pierre, mein Freund, dieser arme Jacques Bernard hat eine Liebe bei den Fontainen der Cour-de-France: Du mußt ihm Deinen Platz abtreten, damit er ein paar Worte unter vier Augen seiner Particulière sagen kann, und man wird bei der Rückkehr eine Flasche bezahlen. Steht Dir das an?«« »»Eingeschlagen!«« antwortete Lenglumé. Ich schlug ein, und hier bin ich. Habe ich mich nun getäuscht, Herr Salvator? Guten Abend! Ich werde fünf Meilen mehr als meine Rechnung im Leibe haben: ein Liebespostillon wie ich stirbt nicht wegen so wenig . . . habe ich mich nicht getäuscht? Zu ihren Befehlen!«
Salvator reichte Jacques Bernard die Hand.
»Mein Freund,« sagte er zu ihm, »ich glaube nicht, daß ich Deiner heute bedarf; sei aber ruhig, bietet sich Gelegenheit, Deinen guten Willen zu benützen, so werde ich nicht versäumen, es zu thun.
»Abgemacht, Herr Salvator?«
»Abgemacht.«
»Steige wieder auf uns zähle ungefähr hundertfünfzig Schritte.«
»Und dann?«
»Halt an.«
Bernhard schwand sich in den Sattel und hielt nach hundertfünfzig Schritten an; dann stieg er ab und öffnete den Wagenschlag.
Salvator stieg aus und ging gegen den Graben.
Zwanzig Schritte von ihm erhob sich ein Mann und zählte bis vier; Salvator zählte bis acht schritt gerade auf den Mann zu.
Der Mann war General Lebastard de Prémont.
Salvator führte den General an den Wagen, wo er Platz nahm; dann steig er selbst hinter ihm ein und sagte:
»Nach Chatillon!«
»An welchen Ort in Chatillon, Herr?«
»Auberge de la Grâce-de-Dieu.«
»Man kennt das . . . Vorwärts, meine Hühnchen!«
Und seine Pferde mit einem Peitschenhiebe antreibend, schlug Jacques Bernard die Straße nach Chatillon ein, und zehn Minuten nachher hielt der Wagen, zitternd aus seinen Achsen, vor der Auberge de la Grâce-de-Dieu an.
Während der Fahrt hatte Salvator Justin dem General vorgestellt: nur wußte der General, wer Justin war, indeß Justin durchaus nicht wußte, wer der General war, und besonders, welchen Dienst er ihm geleistet hatte.
Man kam, wie gesagt, vor die Auberge de la Grâce-de-Dieu.
Man erinnert sich, daß Salvator hier Jean Taureau und Toussaint-Louverture Rendez-vous gegeben hatte.
Die zwei Mohicaner waren auf ihrem Posten, und, seltsamer Weise! obschon sie sich schon seit ungefähr einer Stunde hier befanden, war doch die Flasche, die sie vor sich hatten, noch nicht entpfropft. Man hätte glauben sollen, es sei die zweite, doch die Gläser waren so rein, als ob sie gerade aus der Fabrik kämen.
Beide standen auf, als sie Salvator erblickten, der allein ausgestiegen und in das Wirthshaus eingetreten war.
Salvator schaute umher und sah, daß die zwei Männer in einem Winkel und ganz vereinzelt waren.
Jean Taureau begriff die Befürchtung des Commissionärs und sagte zu ihm:
»Ah! Sie können sprechen, Herr Salvator; Niemand hört uns.«
»Ja,« fügte Toussaint-Louverture bei, »nur Ihre Instructionen, und man wird gehorchen!«
»Sie werden kurz sein,« erwiderte Salvator; »ich kann Eurer heute Nacht bedürfen.«
»Desto besser!« sagte Jean Taureau.
»Ich kann Eurer auch nicht bedürfen.«
»Desto schlimmer!« sprach Toussaint-Louverture.
»In jedem Falle nehme ich Euch mit mir.«
»Hier sind wir.«
»Ihr fragt nicht einmal, wohin ich Euch führe?«
»Wozu? Sie wissen wohl, daß wir, selbst wenn es zum Teufel wäre, gingen,« sagte Barthélemy Lelong.
»Sodann?« fragte Toussaint-Louverture.
»Sodann . . . werde ich Euch an den Platz stellen, wo Ihr bleiben sollt, und bei Eurem Leben erscheint nur, wenn ich sage: »»Herbei!««
»Wenn Sie aber dennoch eine Gefahr laufen, Herr Salvator?«
»Das ist meine Sache.«
»Nun also?«
»Euer Wort, daß Ihr nur erscheint, wenn ich sage: »»Herbei!««
»Ei! man muß es Ihnen wohl geben.«
»Euer Wort.«
»So wahr ich Barthélemy Lelong heiße!«
»So wahr ich Toussaint-Louverture heiße!«
»Es ist gut. – Barthélemy, stecke diese Stricke in Deine Tasche; und Du, Toussaint, stecke dieses Sacktuch in die Deinige.«
»Es ist geschehen.«
»Sagt nun, kennt Ihr den Park von Viry?«
»Ich nicht,« antwortete Toussaint.
»Ich kenne ihn,« erwiderte Jean Taureau.
»Gut! kennt ihn nur Einer von Euch Beiden, das genügt.«
»Nun?«
»Nun wohl, geht querfeldein, und erblickt Ihr eine große weiße Mauer, welche einen Winkel auf der Straße bildet, so haltet an und verbergt Euch in der Umgegend. Ich werde Euch dort wiederfinden.«
»Verstanden,« antworteten gleichzeitig Jean Taureau und Toussaint-Louverture.
»Gut! auf baldiges Wiedersehen also?«
»Auf baldiges Wiedersehen, Herr Salvator.«
Die zwei Mohicaner gingen ab.
Salvator kehrte zum General Lebastard de Prémont und zu Justin zurück, die er, wie gesagt, im Wagen gelassen hatte.
Man nahm wieder den Weg, auf welchem man bis Chatillon gefahren war, und man kam auf die Landstraße von Fontainebleau zu der Stelle, wo ein abhängiger Weg nach dem Pont Godeau und von da nach dem Schlosse Viry führt.
Das geübte Auge von Salvator erkannte zwei in der Finsternis schleichende Schatten: es waren Barthélemy Lelong und Toussaint-Louverture.
Man folgte dem abhängigen Wege, man kam zum Pont Godeau, und man erblickte von fern die weiße Mauer, welche bei Nacht ein durch die Ebene laufender Fluß zu sein schien.
Man stieg aus, man brachte den Wagen in eine Baumgruppe, die sich unmittelbar bei der Landstraße erhob, und aus der die Natur ausdrücklich für diesen Umstand einen ungeheuren Schoppen gemacht zu haben schien; man ermahnte zur Stille Jacques Bernard, der ganz stolz darauf war, an dem geheimnißvollen Ereignisse, das sich vorbereitete, Theil zu haben.
Als der Wagen untergebracht war, schlug man, statt beständig dem nach Viry führenden Vicinalwege zu folgen, – Salvator an der Spitze, hinter ihm Justin, dem der General folgte, – einen kleinen Fußpfad ein, der zur Mauer des Schlosses führte.
Man rückte vor per amics, silentia lunae, wie Virgil sagt, in einer der letzten Frühlingsnächte oder vielmehr in einer der ersten Sommernächte. Die Luft war lau, der Himmel voll Sturm, und jeden Augenblick spielte der falbe Mond, der, wie wir gesagt haben, den Reisenden seine befreundete Stille lieh, Versteckens, wie es die Kinder hinter einem Baume thun, – bald sich unter einer schwarzen Wolke verschleiernd, bald wiedererscheinend und sich aufs Neue verschleiernd.
Sie kamen so alle Drei zu dem uns bekannten Gitter: sie zogen sich gegen rechts und gelangten an den Ort der Mauer, wo Justin hinüberzusteigen pflegte. Hier bezeichnete man dem General das Manoeuvre, das zu vollführen war. Salvator stellte sich an die Mauer und machte die Leiter. Justin gab das Beispiel, indem er zuerst hinaufstieg und aus die andere Seite der Mauer mit einer Behendigkeit sprang, welche bewies, wie sehr er mit dieser Uebung vertraut war: der General folgte ihm, und obschon er fünfzehn Jahre älter als Justin, blieb er doch an Geschicklichkeit und Leichtigkeit nicht zurück.
Roland glaubte, nun sei die Reihe an ihm: er schickte sich seinerseits an, seinen Anlauf zu nehmen, als er durch einen Wink seines Herrn zurückgehalten wurde. Dieser hatte die zwei Gefährten nicht vergessen, welche im Vorsprunge gewesen waren, die er aber Dank sei es der Peitsche von Jacques Bernard, zurückgelassen hatte und nun an der Ecke der Mauer erwarten wollte.
Er war hier nicht fünf Minuten, als er Jean Taureau und Toussaint-Louverture erblickte, deren Schatten sich am Horizont wie Riesensilhouetten zu zeichnen anfingen. Die Erscheinung war um so fantastischer, als man sie herbeikommen sah, ohne das Geräusch ihrer Tritte zu hören.
Sie kamen so zu Salvator, der nun erst bemerkte, sie gehen barfuß.
»Bravo!« sagte er leise: »ich erwartete Euch.«
»Hier sind wir!« antworteten die zwei Männer.
»Folgt mir.«
Der Zimmermann und der Kohlenbrenner gehorchten.
Bei dem Orte der Mauer angelangt, wo Justin und der General übergestiegen waren, blieb Salvator stehen.
»Es ist hier!« sagte er.
»Ah! ah!« erwiderte Jean Taureau, »es handelt sich darum, auf die andere Seite zu passieren, wie es scheint.«
»Oh! mein Gott, ja, und man wird Euch zeigen, wie das gemacht wird, Freund Jean Taureau,« sagte Salvator. »Hier, Roland!«
Roland kam zu seinem Herrn und richtete sich selbst auf seinen Hinterpfoten an der Mauer aus.
Salvator hob den Hund bis zur Höhe der Mauer empor; dieser hing sich an die Kappe mit seinen Vorderklauen an und sprang, sich mit seinen Hinterklauen unterstützend, in den Park. Salvator schwang sich empor, ergriff die Mauerkappe mit der Hand, und er hob sich, mit der Stärke des Faustgelenkes, langsam und durch eine geschickte Gymnastik.
In einer Secunde war er rittlings aus dem Steinkamme.
»Nun ist es an Euch!« sagte er.
Die zwei Männer schauten den Wall an, der vor ihnen emporragte.
»Teufel! Teufel!« machte Jean Taureau.
»Wie Du, ein Zimmermann, Meister über Meister, Meister über Alle . . . !«
»Ei! hat Toussaint-Louverture nicht bange, ich drücke ihn platt, und will er mir als Leiter dienen, so kann das wohl gehen,« erwiderte Jean Taureau.
»Ich habe nicht bange!« erwiderte Toussaint-Louverture.
»Ich bin hundertfünfzig Kilogramme schwer, das muß ich Dir zum Voraus bemerken, Toussaint,« sagte Barthélemy Lelong.
»Das ist etwas mehr als zwei Kohlensäcke,« antwortete Toussaint, »und man hat wohl bis drei getragen. Doch ich . . . ?«
»Oh! bin ich einmal oben, so bekümmere Dich um nichts.«
»Steige also!« sagte Toussaint.
Der Kohlenbrenner leistete Jean Taureau den Dienst, den Salvator eine Viertelstunde vorher Justin und dem General geleistet hatte.
In einigen Secunden faß Jean Taureau auf dem Gipfel Salvator gegenüber. Es war Zeit, so kurz die Aufsteigung gedauert hatte, Toussaint fing an sich unter dem Gewichte des Riesen zu biegen.
»So!« sagte er.
Und er zog aus seiner Tasche das Paquet Stricke, und brachte am Ende eine Art von Schleife an.
»Faß das an, und zwar solid!« sagte er zu Toussaint.
Toussaint gehorchte dem Befehle und packte den Strick.
»Hältst Du?« fragte Jean Taureau.
Ja.«
»Aber fest?«
»Fest, sei ruhig.«
»Dann aufgezogen!« sprach Jean Taureau.
Und er zog mit einer Hand Toussaint an sich, packte ihn mit der andern Hand beim Kragen seines Sammetwammses, und brachte ihn auf das Niveau der Mauerkappe, wie er es mit einem Kinde gethan hätte.
Hier angelangt, wollte sich Toussaint mit beiden Händen an der Mauerkappe anklammern.
»Oh! es ist nicht der Mühe werth,« sagte Jean Taureau.
Und er nahm den Kohlenbrenner unter den Beinen mit der andern Hand, hob ihn über den Kamm der Mauer, gab ihm seine, einen Augenblick für die horizontale verlassene, senkrechte Lage wieder und ließ ihn in den Park fallen.
Dann schickte er sich an, dasselbe zu thun, und sagte:
»Nun ist die Reihe an mir.«
Aber Salvator legte ihm die Hand auf den Schenkel wie ein Mensch, der Stillschweigen verlangt, und flüsterte:
»Horch!«
»Was?«
»St!«
Man hörte in der Ferne den Galopp eines Pferdes.
Dieser Galopp kam immer näher.
Sodann hörte man ein Gewieher.
Kam dies von dem galoppierenden Pferde, oder von den zwei Rossen, welche am Wagen angespannt warteten? Das konnte Salvator nicht unterscheiden; der Schatten des Pferdes und der des Reiters singen an gerade auf der Höhe der Baumgruppe zu erscheinen, wo der Wagen verborgen war.
Der Reiter näherte sich rasch.
»Zu Boden, Jean Taureau! zu Boden!« rief Salvator.
Jean Taureau ließ sich mehr fallen, als daß er sprang.
Wie er es schon einmal gethan hatte, wars sich Salvator in das Innere des Parkes zurück, ohne die Mauerkappe zu verlassen.
Dann hob er sich mit den Kräften seiner Hände auf und legte seine Augen an die Höhe der Kappe.
Der Reiter kam in seinen Mantel gehüllt vorüber.
Trotz des Mantels erkannte Salvator Lorédan von Valgeneuse.
»Er ist es,« sagte er.
Und er sprang leicht zu Boden, während Roland ein dumpfes Geknurre vernehmen ließ.
»Vorwärts!« sagte Salvator, »es ist keine Zeit zu verlieren, wenn wir überhaupt nicht schon zu viel Zeit verloren haben!«
Salvator eilte durch den Park: die zwei Männer folgten ihm.
XIII
Die Nacht eines Commissionärs
Wo befanden sich Justin und Mina? Das war die Frage.
An den Tagen, wo Mina Justin erwartete, hielt sie sich bei der Bank auf, wo Salvator zum ersten Male das Mädchen gesehen hatte: doch es hatte sich noch kein Umstand geboten, wo Justin an einem Tage kam, an welchem er nicht erwartet wurde: wenn sie sich verließen, verabredeten die jungen Leute ihr nächstes Rendez-vous.
Salvator lief nach der Seite des Schlosses. Der General, der mit Justin herabgestiegen war, war diesem gefolgt.
Sagen wir, Salvator lief, so irren wir uns: man konnte unmöglich laufen in diesem Parke, wo Alles Gestrüppe, Dornen, Nesseln, hohes Gras war: wo die Hand des Menschen in Jahren nicht durchgekommen zu sein schien, in diesem Parke, der, zum Täuschen, an den Urwald der Rue d’Enfer erinnerte.
Roland neigte sich, mit dumpfem Stöhnen, gegen die Dickung, wo das Grab des Kindes war: Salvator aber, während er sich einen Weg durch das Gestrüppe bahnte, hielt den Hund bei sich zurück.
Man kam an das Ufer des Teiches.
Hier blieben Jean Taureau und Toussaint-Louverture einen Augenblick stehen: Salvator suchte mit den Augen die Ursache dieses Zögerns.
Und, in der That, was die zwei Männer aufgehalten hatte, waren die mythologischen Bilder, in Bewegung gesetzt durch das Kommen und Gehen des Mondes, diese Bilder, die sich von ihren Basen loszumachen und die Verletzer ihrer Domänen angreifen zu wollen schienen.
Roland erkannte vollkommen den Teich, und er wollte sich aufs Neue niedertauchen: Salvator hielt ihn aber zurück.
»Später! später, Roland!« flüsterte er ihm zu: »heute haben wir etwas Anderes zu thun.«
Von hier aus konnte man alle Fenster der alten Facade sehen. Keines von diesen Fenstern war erleuchtet.
Salvator horchte: es schien ihm, er höre, – in einer der, welcher er gefolgt war, ganz entgegengesetzten Richtung, – die Stimme von Justin, der Mina rief.
»Der Unkluge!« sagte er. »Freilich weiß er nicht . . . «
Und er fing an in der Richtung der Stimme zu laufen, indem er zu den zwei Männern sagte:
»Kehret dahin zurück, woher wir kommen, und was auch geschehen mag, wie dies verabredet ist, rührt Euch nicht, wenn ich Euch nicht rufe.«
Die zwei Männer hatten sich orientiert: sie schlugen den Weg wieder ein, dem sie gefolgt waren.
Salvator und Roland umgingen den Teich: sie wählten, um diese krumme Linie zu beschreiben, den dunkelsten Kreis, das heißt das Ufer zunächst beim Walde.
Roland lief voran: man hätte glauben sollen, er errathe, was sein Herr suche.
Der Hund und der Mensch kamen in eine der Queralleen des Parkes in dem Augenblicke, wo sich Justin und Mina einander in die Arme warfen.
Die erste Person, welche Mina, als sie die Augen umherlaufen ließ, erblickte, war der General. Sie stieß einen kleinen Schreckensschrei aus.
»Sei ohne Furcht, liebes Kind,« sagte Justin: »es ist ein Freund.«
Zu gleicher Zeit erschienen von der andern Seite Salvator und Roland.
»Geschwinde! geschwinde!« sagte Salvator; »es ist keine Minute zu verlieren.«
»Was geschieht denn?« fragte Mina ein wenig erschrocken.
»Es geschieht, meine liebe Mina, daß wir Sie entführen.«
»Mina? . . . « murmelte der General. »Das ist der Name meiner Tochter?«
Und er ging mit ausgestreckten Armen auf Mina zu.
Salvator ließ ihm aber nicht Zeit, ein Wort mit dem Kinde zu wechseln.
»Stille und Eile!« sagte er. »Sie werden sich im Wagen Alles erzählen, was Sie sich zu erzählen haben. In zwei Tagen und zwei Nächten haben Sie wohl Zeit hierzu!«
Und unterstützt von Justin zog er Mina nach dem Orte der Mauer fort, wo man sie mußte hinübersteigen lassen.
»Steigen Sie, Justin!« sagte Salvator.
»Aber meine arme Mina?« fragte Justin.
»Steigen Sie!« wiederholte Salvator; »ich sage Ihnen, es ist keine Minute zu verlieren.«
Justin gehorchte.
»Leben Sie wohl, Herr Salvator! Gott befohlen, mein bester Freund!« flüsterte das Mädchen, indem es seine weiße Stirne dem jungen Manne darbot.
»Gott befohlen, meine Schwester!« antwortete Salvator.
Und er drückte seine Lippen auf ihre Stirne. »Ah! mir auch,« sagte der General. »Einen Kuß, mein Kind!«
Die Lippen des Generals nahmen den Platz der Lippen von Salvator ein: dann streckte er die Hand über dem Haupte von Mina aus und sprach mit einer Stimme voller Thränen:
»Sei glücklich, Kind! ein Vater, der seine Tochter seit fünfzehn Jahren nicht gesehen hat, segnet Dich . . . Gott befohlen!«
»Vorwärts! vorwärts!« sagte Salvator, »jede Minute hat den Werth einer Stunde, jede Stunde den Preis eines Tages!«
»Ich warte!« sprach Justin, der schon rittlings aus dem Kamme der Mauer saß.
»Gut!« sagte Salvator, und mit einem Sprunge nahm er seinen Platz ihm gegenüber.
»Nehmen Sie nun,« sagte er zum General, »nehmen Sie nun das Kind in Ihre Arme und heben Sie es bis zu uns empor.«
Der General hob Mina in die Höhe, wie Milon von Kroton ein Lamm emporgehoben hätte: sodann, indem er sie aus der Fläche seiner ausgestreckten Hände hielt, brachte er sie ganz nahe an die Mauer. Sobald Mina im Bereiche der zwei jungen Leute war, umschlang jeder von ihnen ihren Leib mit einem Arme, während der General, die Hand unter ihren vereinigten Füßen durchschiebend, die Aufsteigung unterstützte.
Als Mina aus der Mauerkappe saß, sagte Salvator:
»Und nun steigen Sie hinab, Justin.«
Justin sprang aus den Weg.
»Treten Sie nahe an die Mauer,« fuhr Salvator fort; »stützen Sie sich mit dem Kopfe und mit beiden Händen daran . . . So ist es gut!«
Dann fügte er gegen Mina bei, indem er sie aufhob und sich umdrehen ließ:
»Mein Kind, stellen Sie jeden von Ihren Füßen auf eine von den Schultern von Justin.«
Das Mädchen vollführte die vorgeschriebene Bewegung.
»Biegen Sie sich auf Ihren Knieen, Justin.«
Justin bog sich auf seinen Knieen.
»Ein wenig mehr.«
Justin bog sich noch mehr.
»Knieen Sie nieder.«
Justin kniete nieder.
»Nun sind Sie gerettet,« sprach Salvator, indem er die zwei Hände von Mina losließ.
»Noch nicht!« rief eine Stimme.
Und der Knall eines Feuergewehrs wurde hörbar.
Zu gleicher Zeit, als die Stimme rief: »Noch nicht!« und der Schuß ertönte, sprang Mina, die nur noch zwei Fuß vom Boden war, leicht auf den Rasen, den die Mauer begrenzte.
Den Pistolenschuß hörend und die Stimme von Herrn von Valgeneuse erkennend, stieß das Mädchen einen Schrei aus.
»Rettet Euch! und glückliche Reise!« rief Salvator, von der Mauer in den Park springend.
Der General war schon nach der Seite gestürzt, wo er die Flamme gesehen hatte.
»Zurück, General!« sagte Salvator, indem er Herrn Lebastard de Prémont mit Gewalt auf die Seite schob, um selbst zu passieren; »das ist meine Sache.«
Der General machte ihm Platz.
Salvator eilte nach dem Orte, von wo der Schuß ausgegangen war, und fand sich von Angesicht zu Angesicht Herrn von Valgeneuse gegenüber.
»Ah! ich habe Dich ein erstes Mal gefehlt,« rief dieser; »doch mit diesem Schusse werde ich Dich nicht fehlen.«
Und er senkte den Laus seiner Pistole, daß sie beinahe die Brust von Salvator berührte. Noch eine Secunde, der Drücker bewegte sich und der junge Mann war todt; doch in diesem Augenblicke stürzte ein Thier, springend wie ein Tiger herbei, und packte den Grafen bei der Gurgel: es war Roland, der seinem Herrn zu Hilfe gekommen.
In seinem Laufe hob er die Hand empor, welche die Pistole hielt, und der Schuß ging in die Luft.
»Ah! bei meiner Treue, mein lieber Herr Lorédan,« sagte Salvator, »wissen Sie, daß wenig gefehlt hat, und Sie hätten Ihren Vetter getödtet? . . . «
Unter dem Stoße, den ihm Roland gegeben, war der Graf von Valgeneuse rückwärts gefallen, und er hatte fallend die Pistole losgelassen.
Roland ließ seine Gurgel nicht los.
»Ei! mein Herr,« sagte der Graf sich sträubend, »werden Sie mich durch diesen Hund erwürgen lassen?«
»Roland,« rief Salvator, »hier! . . . herbei!«
Der Hund ließ zu seinem großen Leide den Grafen los und setzte sich knurrend wieder zu seinem Herrn.
Lorédan erhob sich auf sein Knie, und wahrend er sich aufrichtete, zog er ein Stilet aus seiner Tasche; doch. Dank sei es einem neuen Zwischenfalle, hatte der Graf nicht Zeit, sich der Waffe zu bedienen, die er zu Hilfe gerufen: zu seiner Rechten war Jean Taureau, zu seiner Linken Toussaint-Louverture.
Als Salvator zu Roland sprechend rief: »Hier! herbei!« da glaubten die zwei Männer das verabredete Signal zu hören, und liefen hinzu. Man erinnert sich, daß ihnen Salvator empfohlen hatte, zu kommen, wenn er: »Herbei!« rufen würde.
Jean Taureau, der beim Mondscheine die Waffe in der Hand von Lorédan glänzen sah, packte diese Hand beim Faustgelenke und drückte den Arm des Grafen dergestalt, daß man die Knochenfügung krachen hörte.
»Nun,« sagte Jean Taureau, »lassen Sie dieses Kleinod los, das Ihnen zu nichts dienen kann.«
Und er verdoppelte seinen Druck.
Unter den eisernen Muskeln des Zimmermanns, der ihm das Faustgelenke zermalmte, stieß Herr von Valgeneuse einen Schrei aus ungefähr ähnlich dem, welchen ein armer Sünder, den man auf die Folter spannt, ausstoßen muß; seine Finger waren gezwungen, sich zu öffnen und das Stilet loszulassen, das zu seinen Füßen fiel.
»Heb’ auf, Toussaint,« sagte Barthélemy Lelong; »das kann uns dazu dienen, unsere Pfeifen auszuräumen.«
Toussaint bückte sich und hob das Stilet auf.
»Was haben wir nun,« fragte Jean Taureau, sich an Salvator wendend, »was haben wir nun mit dem Herrn Grafen zu thun?«
»Ei!« antwortete Salvator mit derselben Ruhe, »legt ihm Euer Sacktuch aus den Mund und bindet ihm die Hände und die Füße mit den Stricken, die Ihr in Eurer Tasche habt.«
Toussaint-Louverture zog sein Sacktuch aus seiner Tasche, und Jean Taureau die Stricke aus der seinigen.
Während dieser Operation war Jean Taureau genöthigt, die Hand des Grafen loszulassen: in der Hoffnung, zu entkommen, benützte dieser den Augenblick der Freiheit, den man ihm ließ, machte einen Seitensprung und schrie:
»Zu Hilfe!«
Doch sich gegenüber fand er den General, der sich bis dahin stumm und unbeweglich verhalten hatte, – ein Zuschauer dessen, was vorging.
»Mein Herr,« sprach der General, den Laus einer Pistole in der Höhe der Stirne von Lorédan ausstreckend, »ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, machen Sie eine einzige Bewegung, um zu entwischen, geben Sie einen einzigen Schrei von sich, um dadurch zu Hilfe zu rufen, so zerschmettere ich Ihnen den Schädel wie einem tollen Hunde.«
»Ich habe es also mit einer Räuberbande zu thun?« sagte Herr von Valgeneuse.
»Nein,« erwiderte Salvator, »Sie haben es mit Ehrenmännern zu thun, welche geschworen, Ihren Händen das Mädchen zu entreißen, das Sie schändlicher Weise entführt haben.«
Und er winkte Toussaint-Louverture und Jean Lelong und sagte:
»Auf, das Sacktuch! auf, die Stricke; nur legt das Sacktuch so an, daß der Gefangene nicht erstickt, und bindet die Stricke gerade nur so, daß er sich weder seiner Hände, noch seiner Füße bedienen kann. Ich komme in einem Augenblicke zurück.«
»Bedürfen Sie meiner, mein Herr?« fragte der General.
»Nein, bleiben Sie und leiten Sie die Operation.«
Der General nickte beistimmend mit dem Kopfe, und Salvator verschwand.
Mit einer wunderbaren Geschicklichkeit legte Toussaint-Louverture das Sacktuch um den Mund des Grafen, während ihn Jean Taureau vom Kopfe bis zu den Füßen zusammenschnürte und das Ende des Strickes mit dem Knoten des Sacktuches verknüpfte.
Herr Lebastard de Prémont schaute mit gekreuzten Armen zu.
Nach zehn Minuten hörte man den Tritt eines Pferdes gedämpft durch das hohe Gras der Allee und Salvator erschien, mit einer Hand am Zügel das Roß des Grafen, mit der andern ein Brecheisen haltend.
»Es ist geschehen, Herr,« sagte Jean Taureau, »und zwar wohl geschehen, dafür stehe ich Ihnen.«
»Ich bezweifle es nicht,« erwiderte Salvator. »Während wir nun den Herrn auf seinem Pferde festsetzen, nimm dieses Brecheisen und öffne das Gitter.«
Das Pferd hatte einen Zaum und eine Trense; man nahm ihm die Trense ab, und mit dem dünnen ledernen Riemen befestigte man den Grafen auf seinem Pferde.
