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Kitabı oku: «Salvator», sayfa 74
»Ich kann Ihnen nicht sagen, von wem,« machte der Geistliche, indem er den Kopf schüttelte.
»Ich hätte daran denken sollen. Sie sind ihr Beichtvater.
»Glauben Sie mir, nicht in der Beichte habe ich es erfahren,« beeilte sich der Prälat zu sagen.
»Ich glaube es,« sagte Herr Rappt, »ich zweifle nicht daran, Monseigneur. Gut denn,« fügte er hinzu, indem er dem Geistlichen ins Gesicht sah, »es ist die volle Wahrheit. Sie ist allerdings furchtbar, wie Sie sagten; aber ich gestehe sie muthig. Ja, ich habe meine Tochter geheirathet, aber geistig, Monseigneur, wenn Sie mir gestatten, mich so auszudrücken, und nicht sinnlich, wie Sie zu glauben scheinen. Ja, ich habe dieses Verbrechen begangen, furchtbar in den Augen der Gesellschaft, vor dem Code. Aber Sie wissen, der Code ist für zweierlei Arten von Menschen nicht gemacht: für solche, welche unter ihm stehen, wie die Verbrecher der gemeinsten Art und solche, welche über ihm stehen, wie Sie und ich, Monseigneur.«
»Herr Graf,« rief der Bischof lebhaft, indem er, sich rings umsah, als fürchtete er sich, daß Jemand diese Worte hören könnte.
»Nun gut, Monseigneur,« versetzte Graf Rappt, nachdem er einen Augenblick gezögert, »als Austausch für Ihr Geheimniß will ich Ihnen ein anderes anvertrauen, das, wie ich überzeugt bin, Ihnen sicher angenehm sein wird.«
»Was wollen Sie sagen?« fragte der Bischof, indem er die Ohren vorstreckte.«
»Sie erinnern sich einer Unterredung, die wir eines Abends mit einander halten, wenige Stunden vor meiner Abreise nach Rußland, als wir unter den großen Bäumen des Parkes von Saint Cloud spazieren gingen. Es war ungefähr sieben ein halb Uhr.«
»Ich erinnere mich allerdings des Spaziergangs.« sagte der Bischof erröthend; »aber ich erinnere mich nur sehr unbestimmt unseres Gespräches.«
»In diesem Falle will ich Sie daran erinnern; oder vielmehr Ihnen den kurzen Inhalt desselben mittheilten Sie haben mich gebeten, mich für Ihre Ernennung zum Erzbischof zu verwenden. Ich erinnerte mich Ihrer Worte und habe gehandelt. Am Tage nach meiner Rückkehr von St. Petersburg schrieb ich an unsern heiligen Vater, und indem ich Ihn daran erinnerte, daß Sie Mazarinisches Blut in den Adern haben – und namentlich von seinem Geiste besitzen, bat ich ihn dringend, um eine baldige Antwort. Ich erwarte sie in wenigen Tagen.«
»Glauben Sie, daß mich Ihre Güte verlegen macht,« stotterte der Bischof; »ich dachte nicht, daß ich je ein so ehrgeiziges Verlangen geäußert. Ich bedaure, daß das Vergehen, das uns scheidet, mir nicht erlaubt, Ihnen zu danken, wie ich so gerne gewollt. Denn ein Sünder wie . . . «
Graf Rappt fiel ihm ins Wort.
»Warten Sie einen Augenblick, Monseigneur,« sagte er, den Bischof mit einem Lächeln auf den Lippen anblickend, »ich habe Ihnen nur etwas sehr Einfaches gesagt. Sie wünschen Erzbischof zu werden, ich schreibe an unsern heiligen Vater; wir erwarten seine Antwort. Bis dahin geht alles ganz natürlich. Aber das Geheimniß, vernehmen Sie es denn; ich zähle jedoch ganz und gar auf Sie, Monseigneur, wenn ich es Ihnen enthülle, denn es ist ein Staatsgeheimnis . . . «
»Was wollen Sie sagen?« rief der Bischof lebhaft – vielleicht etwas zu lebhaft, denn der Diplomat lächelte mitleidig.
»Während die Marquise von la Tournelle bei Ihnen war,« fuhr der Graf fort, »war der Arzt des Monseigneur de Quelen bei mir.«
Der Bischof öffnete, als er dies Wort aussprechen hörte, die Augen weit, um zu sehen, ob der, welcher ihn den Besuch des erzbischöflichen Arztes mittheilte, ein Bote guter Nachricht sei.,
Graf Rappt schien nicht zu bemerken, mit welcher Aufmerksamkeit Monseigneur Coletti seinen Worten lauschte und fuhr fort:
»Der Arzt des Erzbischof, der sonst ein ziemlich heiteres Temperament besitzt, wie alle Leute seines Standes, die Geist genug haben, um heiter hinzunehmen, was sie nicht ändern können, schien wir so sehr angegriffen, daß ich nicht umhin zu können glaubte, ihn nur die Ursache seines Kummers zu befragen.«
»Was hatte denn der Doctor?« fragte der Bischof mit erheuchelter Theilnahme, die er etwas wahrscheinlich zu machen suchte. »Ohne gerade die Ehre zu haben, sein Freund zu sein, kenne ich ihn doch genug, um mich für ihn ganz besonders zu interessieren, abgesehen davon, daß er einer der edelsten Christen ist, denn er wird von unsern ehrwürdigen Brüdern von Montrouge in besonderen Schutz genommen.«
»Die Ursache seines Kummers ist leicht zu begreifen,« antwortete Herr Rappt. und Sie werden sie besser begreifen, als irgend Jemand, Monseigneur, wenn ich Ihnen sage, daß unser heiliger Prälat krank ist.«
»Monseigneur ist krank?« rief der Abbé mit einem Schrecken. der in den Augen jedes andern, als eines Comödianten, wie Graf Rappt, sehr gut gespielt gewesen wäre.
»Ja.« antwortete dieser.
»Gefährlich?« . . . fragte der Bischof, indem er seinen Mitunterredner fest ansah.
In diesem Blicke lag ein ganzes Gespräch, eine ganze Frage, eine ausdrucksvolle, dringende Aufforderung zu sprechen. Dieser Blick wollte sagen: »Ich begreife Sie; Sie bieten wir das Erzbisthum Paris als Sühne für Ihr Vergehen an. Wir verstehen uns beide. Aber täuschen Sie mich nicht; fürchten Sie sich, mich zu täuschen, oder wehe Ihnen! Denn, seien Sie überzeugt, ich werde all meine Kräfte anstrengen, Sie zu vernichten.«
Das wollte dieser Blick sagen und vielleicht noch mehr.
Gras Rappt verstand ihn und antwortete bejahend.
Der Bischof fuhr fort:
»Glauben Sie, daß die Krankheit gefährlich genug sei, um befürchten zu müssen, diesen heiligen Mann zu verlieren.«
Das Wort befürchten wollte so viel heißen als hoffen.
»Der Doktor war sehr, unruhig,« sagte Herr Rappt mit bewegter Stimme.
»Sehr unruhig!« sagte Monseigneur Coletti in demselben Tone.
»Ja, sehr unruhig.«
»Die Medizin hat so viele Mittel, daß wir die Hoffnung hegen dürfen, diesen heiligen Mann gerettet zu sehen!«
»Heiliger Mann, das ist das rechte Wort, Monseigneur.«
»Einen Mann, den man nicht wird ersetzen können.«
»Den man wenigstens schwer wird ersetzen können.«
»Wer könnte ihn ersetzen?« fragte der Bischof mit schmerzlichem Tone.
»Der, welcher bereits das ganze Vertrauen Sr. Majestät genießt,« sagte der Graf, »würde dem Könige als der würdige Nachfolger des Prälaten präsentiert werden.«
»existiert ein solcher Mann?« fragte der Bischof bescheiden.
»Ja.« antwortete der künftige Deputirte, »er existiert.«
»Und Sie kennen ihn, Herr Graf?«
»Ja,« wiederholte Herr Rappt, »ich kenne ihn.«
Und bei diesen Worten sah der Diplomat den Bischof auf dieselbe Weise an, wie dieser ihn vorher angesehen, das heißt, er setzte ihm den Stuhl vor die Thüre. Monseigneur Coletti verstand ihn und den Blick demüthig senkend. sagte er:
»Ich kenne ihn nicht!«
»Gut denn, Monseigneur, erlauben Sie mir, Sie mit ihm bekannt zu machen,« sagte Herr Rappt.
Der Bischof zitterte.
»Sie sind es, Monseigneur.«
»Ich!« rief der Bischof; »ich, der Unwürdig! Ich! Ich!«
Und er wiederholte das Wort ich, um ein lebhaftes Erstaunen zu heucheln.
»Sie, Monseigneur,« sagte der Graf, »wenn Ihre Ernennung von mir abhängt, wie dies der Fall ist, wenn ich Minister bin.«,
Der Bischof wäre vor Freude beinahe in Ohnmacht gesunken.
»Wie!« stotterte er.
Der künftige Deputirte ließ ihn nicht weiter reden.
»Sie haben mich verstanden, Monseigneur,« sagte er, »es ist ein Erzbisthum, das ich Ihnen als Lohn für Ihr Schweigen biete. Ich glaube, daß unsere beiderseitigen Geheimnisse sich aufwiegen.«
»So verbinden Sie sich also feierlich,« sagte der Bischof, indem er sich rings umsah, »mich im betreffenden Falle des Erzbisthums »von Paris für würdig finden zu wollen?«
»Ja,« sagte Herr Rappt.
»Und würden im betreffenden Falle,« wiederholte der Bischof, »Ihr Wort nicht verleugnen.«
»Kennen wir denn nicht beide die Bedeutung und den Werth des Schwurs?« sagte der Graf lächelnd.
»Gewiß! gewiß!« machte der Bischof; »unter ehrbaren Leuten verständigt man sich immer! So gut,« fügte er hinzu, »daß, wenn ich Sie bitte, Sie mir dies Versprechen bekräftigen würden?«
»Gewiß, Monseigneur.«
»Selbst schriftlich?« fragte der Bischof mit einer Miene des Zweifeln.
»Selbst schriftlich!« bestätigte der Graf.
»Gut denn,« machte der Bischof, indem er sich nach seinem Tisch hinwandte, auf welchem sich Papier, Feder und Tinte, oder wie man im Theaterjargon sagt, alles zum Schreiben nöthige, befand.
Das Wort Gut denn war so ausdrucksvoll, daß Graf Rappt, ohne um eine weitere Erklärung zu bitten, nach dem Tische ging und schriftlich das mündliche Versprechen bestätigte.,
Er bot dem Bischof das Papier hin, dieser nahm es, las den Inhalt, bestreute es mit Sand, faltete es zusammen, legte es in eine Schieblade und sagte, indem er Herrn Rappt mit einem Lächeln ansah, das ihm gewiß seine Ahne Mephistoheles oder sein Amtsbruder, der Bischof von Autum verrathen:
»Herr Graf, von dieser Stunde an haben Sie keinen ergebeneren Freund als als mich.«
»Monseigneur,« antwortete Graf Rappt, »Gott, der uns hört, möge mich strafen, wenn ich je an Ihrer Zuneigung gezweifelt.«
Und diese beiden rechtschaffenen Männer schieden, nachdem sie sich aufrichtig die Hand gedrückt.
XCVII
Von der Einfachheit und Mäßigkeit des Herrn Rappt
Die Minister gleichen den alten Schauspielers; sie wissen nicht, sich zur rechten Zeit zurückzuziehen. Die Abstimmungen in der Pairskammer hätten Herrn von Villèle vor der Gefahr warnen sollen, die dem Könige drohte. Seit vier Jahren war die erbliche Kammer in beständiger Opposition mit den Wünschen der Regierung. Aber sei es nun, daß Herr von Villèle aus übermäßigem Stolz und Beschränktheit diese beharrliche Opposition gar nicht merkte oder sie zu bemerken verschmähte, er dachte nicht nur nicht daran, abzutreten, sondern die Wahl von achtzig neuen Pairs schien ihm das sichere Mittel, der Pairskammer den wahren Geist wieder einzuflößen.
Eine Majorität indes, zugegeben, daß er sie in der Pairskammer gewann. sicherte ihm noch keineswegs die Majorität in der Deputirtenkammer. Die Opposition hatte rasche Fortschritte in der gewählten Kammer gemacht. Von zehn bis zwölf Stimmen Majorität hatte sie sich nach und nach zu hundertfünfzig Stimmen erhoben. Sechs Neuwahlen hatten im Verlaufs des Jahres in verschiedenen Provinzen stattgehabt, nämlich in Rouen, Orleans, Bayonne, Mamers, Meaux, Saintes und überall drangen die Candidaten der Opposition mit großer Majorität durch. In Rouen hatte der Candidat der Regierung nur sieben und dreißig von neunhundert sieben und sechzig Stimmen auf sich vereinigen können. Und man konnte sich über den drohenden-Charakter dieser Wahlen nicht täuschen, denn unter den Neugewählten befanden sich La Fayette und Lafitte.
Und daran sind alle früheren und gegenwärtigen Regierungen gescheitert. Daran werden auch alle künftigen Regierungen scheitern. Wenn man der Opposition nicht voran geht, muß man ihr folgen! Es heißt sich schlecht an dem Meere rächen, wenn man es peitschen läßt.« Der Appetit wird dadurch nicht gestillt. wenn man ihn zerstreut. »Der Hunger ist ein schlechter Rathgeber, sagt das Sprichwort.
Man wird daher auch von diesem Augenblicke an das alte Schiff der Monarchie, so gut es eben geht, von Diplomaten welche Frankreich fremd sind und einem Minister, welcher der Nation fremd ist, ausgebessert, einen Augenblick umschlagen, sich eine, Minute lang erheben, einunddreißig Monate lang zwischen tausend Klippen lavieren und dann hoffnungslos untersinken sehen.
Herr Rappt war jedoch weit entfernt, auf dem Heimwege von Monseigneur Coletti all diese Reflexionen anzustellen. Er wollte an Herrn von Villèles Stelle treten und hatte gehandelt, wie Herr von Villèle an seiner Stelle gehandelt, das heißt, er war für seine alleinige Rechnung, für sein alleiniges Interesse thätig gewesen. Er wollte vor allem Deputierter, dann Minister sein, und um das zu werden, scheute er vor keinem Mittel zurück. Er sah freilich auf die Hindernisse, auf die er stieß, mit solcher Verachtung herab, daß es sein großes Verdienst war, wenn er sie zu vermeiden suchte.
Als er in das Hotel zurückkam, ging er über die kleine Treppe und trat in sein Cabinet.
Frau von la Tournelle hatte es so eben verlassen: er fand nur Bordier.
»Sie kommen eben recht, Herr Graf.« sagte der Secretär; »ich erwartete Sie mit Ungeduld.«
»Was gibt es, Barbier?« fragte der Deputirte, indem er seinen Hut auf einen Tisch warf und in einen Fauteuil sank.
»Wir sind mit den Wählern noch nicht fertig.« antwortete Bordier. »Wie das?«
»Ich habe alles weggeschickt, was noch da war; nur eine Person will sich nicht wegschicken lassen.«
»Ist der Mensch bekannt?«
»Wie es ein Bürger sein kann. Er verfügt über hundert Stimmen.«
»Wie heißt er?«
»Brewer.«
»Was macht dieser Brewer?«
»Bier.«
»Deßhalb nennt man ihn also den Cromwell des Quartiers.«
»Ja, Herr Graf.«
»Pah!« machte Herr Rappt mit verächtlichem Ausdruck. »Und was will dieser Bierbrauer?«
»Ich weiß nicht genau, was er will, aber ich weiß, was er nicht will; er will nicht von hier weggehen.«
»Was verlangt er denn?«
»Er verlangt, Sie zu sehen und besteht darauf, das Hotel nicht verlassen zu wollen, ohne Sie gesehen zu haben, müßte er auch die ganze Nacht auf Sie warten.«
»Und Sie sagen, daß er hundert Stimmen in seiner Tasche hat?«
»Hundert Stimmen mindestens. Herr Graf.«
»Dann muß man ihn durchaus empfangen.«
»Ich glaube, Sie werden sieh dessen nicht entschlagen können, Herr Graf.«
»Wir werden ihn empfangen.« sagte der künftige Deputirte mit einer Märtyrermiene. »Zuvor jedoch klingeln Sie Baptiste, ich habe seit diesem Morgen nichts gegessen und sterbe vor Hunger.«
Der Secretär lautete Baptiste und der Diener trat ein.
»Bringen Sie mir Bouillon und ein Stück Brot,« sagte Graf Rappt. »Wenn Sie nach der Küche gehen, lassen Sie den Herrn eintreten, der im Vorzimmer ist.«
Dann wandte er sich nach dem Secretär um und sagte:
»Sie haben genaue Notizen über diesen Mann?«
»Ziemlich genaue,« sagte der Secretär, indem er folgende Notizen von einem Blatte Papier ablas:
»Brewer, Bierbrauer, ein offener, ehrlicher Mann; Freund des Apothekers Renaud; Sohn von Bauern, durch fünfunddreißigjährige angestrengte Arbeit emporgekommen; Feind von Schmeicheleien und zu großer Höflichkeit; vertrauensvoll gegen seines Gleichen; mißtrauisch gegen alle Andern, sehr geschätzt im ganzen Quartier. Hundert Stimmen.«
»Gut, sagte Graf Rappt; »das wird nicht lange dauern. Wir werden bald mit ihm zurechtkommen.«
Der Diener meldete:
»Herr Brewer.«
Ein Mann von fünfzig und einigen Jahren, von großer Statur und biederem Gesicht, trat in das Cabinet.
»Mein Herr,« sagte der Neuankömmling, sich verbeugend, »verzeihen Sie einem Unbekanntem daß er sich mit so viel Beharrlichkeit zu Ihnen drängt.«
»Herr Brewer!« antwortete der Deputirte, indem er aufmerksam das Gesicht des Fremden betrachtete, als sollte er in den Linien seines Gesichtes die Richtungslinie des Benehmens entdecken, das er gegen ihn einschlagen müsse, »Herr Brewer,« .sagte er, »Sie sind kein Unbekannter für mich, weit gefehlt; denn ich kenne den Namen meiner Feinde (und Sie zählen zu diesen) beinahe eben so gut, als den meiner Freunde.«
»Ich bin durchaus nicht Ihr Freund, mein Herr; aber ich bin eben so wenig auch Ihr Feind. Ich bin ganz gegen Ihre Candidatur und werde es wahrscheinlich immer sein, nicht wegen Ihrer Person, sondern wegen des Systems (ein unheilvolles System meiner Ansicht nach), dem Sie huldigen. Abgesehen von dieser rein politischen Feindschaft, huldige ich Ihren großen Talenten.«
»Sie schmeicheln mir, mein Herr,« sagte Graf Rappt, Verlegenheit heuchelnd.
»Ich schmeichle nie, mein Herr,« sagte der Brauer mit ärgerlicher Miene; »ich schmeichle sowenig, als ich es gerne habe, wenn man mir schmeichelt. Aber es ist, glaube ich Zeit, Ihnen die Ursache meines Besuches zu sagen, wenn Sie erlauben.«
»Sprechen Sie, Herr Brewer.
»Mein Herr, ich las gestern in meinem Journal zu meinem großen Erstaunen, denn der Constitutiosnel ist nicht gerade das Organ der Regierung, ich las, sage ich, ein Wahlmanifest, ein Glaubensbekenntniß, das mit Ihrem Namen unterzeichnet war. Ist es wirklich von Ihnen?«
»Zweifeln Sie daran, mein Herr?« rief Graf Rappt.
»Ich werde so lange daran zweifeln, mein Herr, bis Sie es mir persönlich versichert haben,« antwortete der Wähler kalt.
»Gut denn, mein Herr,« sagte der Graf, »ich versichere Sie, daß es von mir ist.«
»Ich fand dieses Glaubensbekenntniß,« fuhr der Bierbrauer fort, »so patriotisch, so mit den Gedanken der liberalen Partei übereinstimmend, somit den Ueberzeugungen, für welche ich gelebt und für welche ich sterben würde, im Einklang, daß ich mich tief gerührt fühlte, und daß die Meinung, die ich Bisher von Ihnen hatte, dadurch erschüttert worden ist.«
»Mein Herr!« unterbrach ihn der künftige Deputirte.
»Ja, mein .Herr,« fuhr der Wähler unbekümmert darum fort, »ich hätte viel gegeben, wenn ich, nachdem ich jene Zeilen gelesen, die Hand dessen hätte drücken können, der sie geschrieben.«
»Mein Herr,« unterbrach ihn Herr Rappt wieder, indem er verschämt die Augen senkte, »Sie rühren mich wirklich; die Sympathie eines Mannes, wie Sie, ist mir werthvoller als alle öffentlichen Gunstbezeugungen.«
»Ich hätte mich indeß nicht zu diesem Schritte entschlossen,« fuhr der Bierbrauer fort, ohne durch das Compliment, das ihm der Graf an den Kopf schleuderte, im Mindesten gerührt zu sein, »ich hätte mich, wie gesagt, nicht entschlossen, Ihnen einen Besuch zu machen, wenn mein alter Freund Renaud vormals Apotheker im Faubourg Saint Jacques, nicht zu mir gekommen wäre, als er von Ihnen wegging.«
»Ein großer Bürger, Ihr Freund Renaud!« sagte der Gras mit einem gewissen Enthusiasmus.
»Ein guter Bürger!« wiederholte Herr Brewer; »einer von denen, welche die Revolutionen machen und keinen Nutzen daraus ziehen. Die Loyalität, von der Sie meinem alten Freunde Beweise gaben, hat mich entschieden, zu Ihnen zu gehen und Ihnen diesen Besuch zu machen. Der Zweck, um alles zu sagen, welchen dieser Besuch und diese Unterredung haben soll, ist der, die Gewißheit mit mir fortzunehmen, daß ich Ihnen mit altem Vertrauen meine Stimme geben, und meine Freunde veranlassen kann, das Gleiche zu thun.«
»Hören Sie mich an, Herr Brewer,« sagte der Candidat, indem er plötzlich den Ton wechselte, denn er sah ein, daß er bisher den falschen Weg eingeschlagen, und daß der rauhe, militärische Ton besser für Herrn Brewer passe, als der sanfte Ton des Höflings. »Hören Sie mich .an, ich werde ganz offen mit Ihnen sprechen.«
Ein Anderer, als Herr Brewer, wäre, wenn er aus dem Munde des Grafen die Worte gehört: »Ich werde ganz offen mit Ihnen sprechen,« mißtrauisch geworden und auf seiner Hut gewesen; aber Herr Brewer war zu naiver Natur. Gerade die, welche am mißtrauischsten gegen die Regierungen sind, lassen sich am naivsten von der Heuchelei derer, die sie repräsentieren, fangen. Der Brauer war deßhalb ganz-Ohr.
»Ich bin kein Stimmenbettler, mein Herr,« fuhr der Graf fort; »ich bitte Niemanden um seine Stimme; ich werde mir nicht Ihre Stimme erbetteln, wie es vielleicht mein Gegner gethan oder thun wird, der liberaler als ich zu sein vorgibt.« Nein, nein; ich wende mich an das Gewissen; um die Stimme des öffentlichen Gewissens werde ich. Alle die, welche mir die Ehre erzeigen, mir ihre Stimme zu geben, müssen mich von Grund auf kennen. Der Mann, der seine Mitbürger vertreten soll, darf kein zweifelhafter Charakter sein. Das Vertrauen muß zwischen Wähler und Gewähltem ein gegenseitiges sein. Ich nehme das Mandat nur unter dieser Bedingung an; und ich gebe Ihnen das Recht, wenn ich ein andermal wieder vor Ihnen erscheine, Rechenschaft über die Art zu fordern, wie ich Sie repräsentiert. Verzeihen Sie mir, mein Herr, daß ich so mit Ihnen spreche; Sie finden vielleicht sogar, daß ich etwas ungezwungen mit Ihnen verfuhr er aber die Offenheit zwingt mich, so zu handeln.«
»Sie kränken mich durchaus nicht, mein Herr,« sagte der Bierbrauer; »weit entfernt. Fahren Sie fort, ich bitte Sie.«
In diesem Moment trat Baptiste ein und brachte eine Platte, auf der eine Tasse Bouillon, ein Stück Brot, eine Flasche Bordeaux und ein Glas standen, welche er auf den Tisch stellte.
»Setzten Sie sich doch, lieber Herr Brewer,« sagte der Candidat, indem er nach dem Tische ging.
»Achten Sie nicht auf mich, ich bitte Sie, mein Herr,« sagte der Wähler.
»Sie werden mir erlauben, mein Mahl einzunehmen?« fragte der Graf, indem er sich setzte.
»Ich bitte Sie, thun Sie das, mein Herr.«
»Ich bitte tausendmal um Vergebung wegen der Art, wie ich Sie empfange, lieber Herr; aber ich bin ein ganz einfacher Mann, das sehen Sie; ich habe einen tiefen Abscheu gegen alles, was nach Eitelkeit schmeckt. Ich speise, wenn ich kann, ganz einfach und frugal. Man kommt nicht zu sich; ich habe einfache Bedürfnisse; mein Großvater war Arbeiter und ich bin stolz darauf.«
»Der meinige auch,« sagte der Bierbrauer einfach, »ich war fünfzehn Jahre sein Hofknecht.«
»Das ist eines weitere Sympathie, lieber Herr Brewer! eine Sympathie, der ich mich rühme, denn es verbindet den Gedanken zweier Menschen, die frühzeitig das Elend, die Nüchternheit kennen gelernt! Mein Mahl ist zu bescheiden, um Ihnen anbieten zu können, es zu theilen. Wenn Sie mir jedoch die Freundschaft erzeigen wollen, etwas zu genießen . . . «
»Ich danke Ihnen tausend Mal,« unterbrach ihn der Brauer verlegen. »Aber wie,« fügte er erstaunt, beinahe bestürzt, hinzu, »ist das wirklich Ihr ganzes Mahl?«
»Allerdings, lieber Herr Brewer! haben wir denn Zeit zu speisen? Können Männer, welchen ihr Vaterland wirklich am Herzen liegt, sich um materielle Interessen kümmern? Und dann, ich wiederhole Ihnen. ich verabscheue die Genüsse der Tafel aus tausend Gründen, unter anderem aus einem, den Sie billigen werden, das bin ich gewiß; es blutet mir das Herz, wenn ich daran denke, daß in einem einzigen Diner, das ohne Bedürfniß, ohne Grund, aus reiner Ostentation, aus reinem Vorurtheil gegeben wird, Summen Geldes vergeudet werden, mit denen man zwanzig Familien speisen könnte.«
»Das ist sehr wahr, mein Herr,« unterbrach ihn der Wähler gerührt.
»Ich wurde in der Schule des Unglücks erzogen, mein Herr!« fuhr der Candidat fort; »ich kam in Holzschuhen nach Paris und ich bin stolz darauf, statt darüber zu erröthen. Ich weiß deßhalb, was die Leiden der arbeitenden Klasse bedeuten wollen. Ach! Wenn alle Menschen wie ich den Werth des Geldes zu schätzen wüßten, man würde sich zweimal besinnen, ehe man den unglücklichen Steuerpflichtigen, die bereits so schwer belastet sind, neue Steuern auferlegte.«
»Nun, mein Herr, das ist’s, woraus ich hinaus wollte . . . wir verstehen uns; ich hasse die Regierung wegen der übertriebenen, tollen Verschwendung der Diener der Monarchie.«
»Was wallen Sie damit sagen?«
»In der vorletzten Sitzung, mein Herr, – erlauben Sie, daß ich es Ihnen jetzt sage, nachdem wir uns verstehen, – waren Sie einer der eifrigsten Vertheidiger neuer Steuern, mit denen man das Volk bedrohte. Ihr ganzes System, und ich habe es aufmerksam studiert, zielte auf die Vermehrung des Budgets, statt auf die Verminderung desselben. Sie sahen das Glück des Landes nur in der Vermehrung und der Bereicherung der Beamten, wie es die kaiserliche Regierung gemacht; kurz, Sie suchten die größte Anzahl von Individuen durch das Interesse an sich zu fesseln, statt das Vertrauen aller durch die Liebe zu gewinnen.«
»Hören Sie mich an, lieber Herr Brewer; denn abgesehen daran, daß Sie ein ehrbarer Mann sind, sind Sie auch noch ein Mann von Geist. Ich werde deßhalb noch offener gegen Sie sein, wenn es möglich, als ich es bisher war.«
Ein anderer Mann als Brewer wäre immer mißtrauischer geworden; Herr Brewer dagegen wurde immer weniger mißtrauisch.«
»Vor bald zwei Jahren, ich gestehe es, lieber Herr Brewer, vertheidigte ich dieses System; warum soll man seine Irrthümer nicht offen eingestehen? Aber es ist der einzige Fehler, den ich mir in meinem ganzen Leben vorzuwerfen habe. Was wollen Sie? ich trat in die politische Carrière. Ich war nur Militär und wußte nichts von den bürgerlichen Angelegenheiten. Ich hatte bis dahin im Lager, in der Fremde, auf dem Schlachtfelde gelebt. Und dann hatte ich es mit einer mit dem Tode ringenden Regierung zu thun, die uns ihren despotischen Willen aufzwang. Was soll ich Ihnen sagen, der Strom riß mich mit sich fort, und ich ließ mich fortreißen! Ich habe mehr der Nothwendigkeit, als der Ueberzeugung nachgegeben; ich wußte, daß das System schlecht, verwerflich war. Aber um ein altes System über den Haufen zu werfen, bedarf es einer neuen Regierung.«
»Das ist wahr,« sagte der Bierbrauer aus Ueberzeugung.
»Wozu die Bretter zu einem neuen Schiffe verwenden? fuhr Herr Rappt lebhafter fort; »man muß sie schwimmen, untergehen lassen und ein neues construiren. Das thue ich im Stillen! Ich lasse diese alte, wurmstichige Monarchie untergehen und kehre, wie der verlorene Sohn, voll Scham und Reue, aber auch gestählt und voll Kraft und Muth zur Freiheit zurück.«
»O, wie schön das ist, mein Herr!« rief der Wähler bis zu Thränen gerührt; »wenn Sie wüßten, wie glücklich ich bin, Sie so sprechen hören und wie wohl es mir thut.«
»Ehemals, wie Sie sagten,« fuhr der Graf immer wärmer werdend fort, denn er fühlte, daß die Veste eingenommen sei, und daß es gelte, sich ganz und gar in ihren Besitz zu setzen, »ehemals wollte ich die Zahl der Beamten verringern und die Besoldungen erhöhen; jetzt bin ich ganz anderer Ansicht, ich will die Besoldungen verringern und die Zahl der Beamten erhöhen. Je mehr Menschen bei der Staatsmaschine betheiligt sind, desto mehr wird die Regierung gezwungen sein, der Stimme des Volks zu gehorchen oder zu weichen. Je mehr eine Maschine Räder hat, desto größer ist ihre Kraft; denn wenn ein Rad bricht, ersetzt es das andere; das ist ein mathematisches Gesetz. Ich will die Maschine nicht mehr durch das Interesse fesseln, sondern durch die Liebe. Das ist mein Wunsch, das ist mein Ziel. bis zu dem Augenblicke, wo sich die Gelegenheit bieten wird, Frankreich zu geben, was allen Menschen gebührt, die Freiheit, welche Gott uns gegeben und die Monarchien uns nehmen.«
»Ich kann Ihnen nicht sagen, mein Herr, wie gerührt ich bin,« rief der Bierbrauer, indem er plötzlich aufstand. »Ich bitte Sie tausendmal um Vergebung, daß ich Ihnen eine so kostbare Zeit geraubt. Aber ich gehe vollkommen aufgeklärt, entzückt, bezaubert, voll Vertrauen und Hoffnung auf Sie von hier.. Sie haben einen Ton voll Biederkeit und Offenheit, der mir keinen Zweifel läßt. Wenn Sie mich getäuscht hätten, mein Herr, so würde ich an nichts mehr glauben: ich würde Gott leugnen.«
»Ich danke Ihnen. mein Herr,« sagte der Candidat, indem er aufstand, »und um alles, was wir besprochen, zu besiegeln, geben Sie mir die Hand.«
»Von ganzem Herzen, mein Herr,« antwortete der Wähler, indem er Herrn Rappt die Hand bot, und mit ihr die ganze Dankbarkeit eines Ehrenmannes.«
In diesem Augenblick erschien Baptiste, welchem Bordier geläutet hatte und geleitete Herrn Brewer hinaus, welcher im Weggehen sagte:
»Wie man mich über diesen braven Mann getäuscht hat! Alles ist so einfach an ihm, bis auf sein frugales Mahl.«
Baptiste kehrte, nachdem er Herrn Brewer begleitet, zurück und meldete:
»Das Diner für den Herrn Obersten ist serviert.«
»Nun lassen Sie uns speisen, Bordier,« sagte Herr Rappt lächelnd.
