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Kitabı oku: «Seeabenteuer und Schiffsbrüche»

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Die »Juno«
(1795.)

Als Byron in seiner Jugend Aberdeen in Schottland verließ, um nach Newstead Abbey in England überzusiedeln, kam er in Nottingham zu einem braven Manne, Namens Drury, in Pension, dessen Zuneigung er sich erwarb, und der ihm, während seine Mitschüler einen Spaziergang machten, welcher ihn wegen seines hinkenden Fußes zu sehr angestrengt haben würde, zuweilen erlaubte, seine Bibliothek zu besuchen. Diese an ernsten Büchern reiche Bibliothek hatte eine Abteilung, welche ausschließlich Reisewerke enthielt, und diese Abteilung besuchte der zukünftige Dichter am Liebsten.

Eines Tages fiel ihm die Geschichte von dem Schiffbruche des englischen Schiffes »Juno«, von John Mackay, dem zweiten Hochbootsmanne, in die Hände, und in dieser Erzählung machte die Stelle, welche vom Tode eines jungen Mannes von der Equipage und von dem Schmerze handelte, den dieser Todesfall dem Vater des jungen Mannes vermachte, einen so lebhaften Eindruck auf ihn wie Thomas Moore bei Anführung der erwähnten Stelle sagt, daß man zwanzig Jahre später in seinem »Don Juan« noch Anklänge davon findet.

Diese von Thomas Moore citirte Erinnerung Byrons hatte auch in uns schon längst den Wunsch rege gemacht, John Mackay's ganze Erzählung zu lesen. Da wir jetzt damit beschäftigt sind, einige solcher Schreckensszenen aufzuzeichnen, haben wir uns bemüht, diese Erzählung ausfindig zu machen, und es ist uns gelungen.

Wir geben sie in Nachstehendem, und man wird darin leicht die vom Verfasser des »Don Juan« nachgeahmte Scene erkennen.

1

An der äußersten Spitze des indischen Reiches Birma liegt an der Mündung des Urawaddi, die einen prächtigen Hafen bildet, die Stadt Ranguhn, einer der bedeutendsten Handelsplätze von Pegu.

Zu Anfange Mai des Jahres 1705 lag in ihrem Hafen ein altes englisches Schiff von 450 Tonnen Gehalt, Namens »Juno,« Kapitain Alexander Bremner, welches eine Ladung Teckholz einnahm, um damit nach Madras abzugehen.

Kurz vor der Abreise wurde der zweite Hochbootsmann des Schiffes krank, und es zeigte sich bald, daß er nicht im Stande war, die Seereife mitzumachen.

Da diese Reise, eine Fahrt über den Meerbusen von Bengalen an seiner breitesten Stelle, nicht ohne Gefahr war, besonders während des bevorstehenden Südostpassatwindes, so hielt man es für nöthig, den kranken Hochbootsmann durch einen andern zu diesem Posten befähigten Mann zu ersetzen.

Der Kapitain Bremner hatte nicht nöthig, lange zu suchen. Es meldete sich ein im kräftigsten Alter, das heißt, in den letzten dreißiger Jahren stehender erfahrener Seemann, dessen vorzügliche Zeugnisse bewiesen, daß er die Gewässer, in denen man sich befand, nach allen Richtungen hin befahren hatte. Sein Name war John Mackay.

Der Kapitain Bremner prüfte diesen Mann, untersuchte seine Papiere, und als er die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß er dem in Rede stehenden Posten vollkommen gewachsen sein werde, engagierte er ihn auf ein Jahr.

Da das Fahrzeug, auf dem ein Seemann sich einschifft, für ihn ein Gegenstand von Wichtigkeit ist, weil er demselben sein Leben anvertraut, so untersuchte John Mackay, als er sich an Bord befand, die »Juno« in allen ihren Theilen.

Diese Untersuchung fiel nicht zum Vortheil des Schiffes aus. Die »Juno« war alt, in jeder Beziehung in schlechtem Zustande, und die aus dreiundfünfzig Köpfen bestehende Mannschaft, mit Ausnahme von acht bis zehn Europäern, lauter Lascars, erweckte in dem erfahrenen John Mackay keineswegs hinlängliches Vertrauen, um die Besorgnisse aufzuwiegen, welche das Alter, der schlechte Zustand und die mangelhafte Ausrüstung des Dreimasters in ihm rege gemacht hatten.

Er hielt es daher für nöthig, dem Kapitain ganz offen seine Meinung darüber zu sagen und ihm den üblen Eindruck zu gestehen, den sein Schiff nach genauer Untersuchung auf ihn gemacht hatte.

Der Kapitain Bremner aber war einer von den sorglosen Seeleuten, die auf dem Ozean alt geworden sind, und welche die Vergangenheit als eine Garantie für die Zukunft betrachten. Er antwortete seinem Hochbootsmann, daß er bereits seit zwanzig Jahren auf der »Juno« fahre, daß ihm noch nie ein Unglück begegnet sei, und daß das Schiff, wenn es zwanzig Jahre gut gegangen sei, auch noch eins gut gehen werde, das heißt bis zum Ablaufe des Engagements, das er mit seinem Hochbootsmann abgeschlossen habe.

John Mackay erwiderte darauf, daß die Bemerkung, die er sich erlaubt, durchaus keinen egoistischen Grund habe, sondern daß er sie nur im Interesse der ganzen Mannschaft äußere; daß er, Gott sei Dank, mit dem Meere hinreichend vertraut sei, um nöthigenfalls in einer Schaluppe über den bengalischen Meerbusen zu fahren, daß aber jeder Kommandoposten an Bord eines Schiffes mit einer größeren oder geringeren Verantwortlichkeit verbunden sei, und daß er es demnach für seine Pflicht gehalten habe, ihn auf die Mängel des Schiffes aufmerksam zu machen.

Der Kapitain dankte ihm in einem ziemlich ironischen Tone, und indem er ihm seine Gattin zeigte, die eben an Bord kam, um ihn auf der Fahrt zu begleiten, fragte er ihn, ob er nicht glaube, daß ihm selbst am Meisten an einer glücklichen Reise gelegen sein müsse.

Und in der That, ein flüchtiger Blick auf Madame Bremner war hinreichend, um einzusehen, daß das Wohl einer solchen Frau ihrem Gatten am Herzen liegen mußte.

Madame Bremner, die erst seit kaum einem halben Jahre mit dem Kapitain vermählt war, war wirklich ein reizendes Weibchen. Sie war in Ostindien von europäischen Eltern geboren worden und besaß außer ihrer nicht gewöhnlichen Schönheit die ganze Liebenswürdigkeit und Anmuth der Creolinnen, die in ihrem ganzen Wesen Etwas von der üppigen Natur haben, in deren Schooße sie das Licht der Welt erblickt haben, aufgewachsen sind und sterben sollen.

Ein malayisch er Sklave in seiner malerischen Tracht begleitete sie und vervollständigte das reizende Bild, dessen Hauptfigur sie war.

John Mackay sah daher ein, daß es unschicklich gewesen wäre, wenn er, der nur sein eigenes Leben auf's Spiel setzte, noch länger von den Gefahren gesprochen hätte, in die ein Schiff gerathen konnte, dem sein Kapitain ein so liebenswürdiges Geschöpf anvertraute.

Die letzten Vorbereitungen wurden demnach getroffen, ohne daß sich der Hochbootsmann neue Bemerkungen erlaubte, und am 29. Mai 1795 ging der Dreimaster mit dem Eintritte der Fluth bei einer Wassertiefe von fünfundzwanzig bis dreißig Fuß und schlammigem Grunde, unter Segel.

Sogleich im Anfange glaubte jedoch der Hochbootsmann zu bemerken, daß man das Schiff von der Richtung abweichen ließ, die es einhalten sollte; aber der Kapitain Bremner befuhr schon zu lange diese Gewässer, um annehmen zu können, daß er sich irre. John Mackay bemerkte indessen dem ersten Hochbootsmanne, Namens Wade, daß es ihm scheine, als ob das Schiff weiter nach rechts abhalte, als es sollte, und da dieser die Richtigkeit dieser Bemerkung erkannte, befahl er, daß das Senkblei ausgeworfen werden sollte.

Man hatte in der That noch nicht zwanzig Fuß Wasser.

Die Sache war sehr kritisch. Man benachrichtigte den Kapitain davon, der es nicht glauben wollte; als er sich aber selbst davon überzeugt hatte, befahl er sogleich, den Cours des Schiffes zu ändern.

Noch ehe aber der Steuermann den Helmstock hatte unter den Wind bringen können, verkündete ein heftiger Stoß, daß das Schiff aufgefahren war.

Es war keine Sekunde zu verlieren. Der Kapitain gab auf der Stelle Befehl, daß gebraßt werden sollte, um das Schiff wieder flott zu machen, allein dieser Befehl war unnütz, da es sich lediglich nur noch darum handelte, zu verhindern, daß es abgetrieben wurde.

Es wurden unverzüglich zwei Gabelanker ausgeworfen und man bemerkte zur großen Freude der ganzen Mannschaft, daß das Schiff still lag.

Man hatte nun Zeit, die Sache näher zu untersuchen.

Die »Juno« war auf eine fast steinharte Sandbank gestoßen, ohne jedoch eine Verletzung davon zu tragen, denn es hatte sich noch nirgends ein Leck gezeigt. Die Sache war daher noch nicht so schlimm, als sie Anfangs geschienen hatte. Da verlor plötzlich der eine von den beiden Ankern den Grund und in Folge dessen schleppte alsbald auch der andere.

Sogleich wurde der Befehl zum Auswerfen des Hauptankers gegeben und ausgeführt.

Das schon mit den Wellen treibende Schiff spannte die Ankerkette straff an, aber sie hielt und das Schiff lag wieder still.

Man hatte einen Augenblick in Angst geschwebt, die Unbeweglichkeit des Schiffes aber beruhigte Jedermann wieder.

Der Kapitain Bremner begann jetzt im Stillen die Richtigkeit der Bemerkungen seines zweiten Hochbootsmannes einzusehen; anstatt ihm aber dankbar dafür zu sein, daß er die Gefahr vorausgesehen und darauf aufmerksam gemacht hatte, grollte er ihm fast deshalb.

Uebrigens war, wie gesagt, noch Nichts verloren; wenn man während der Dauer der Ebbe das Scheitern glücklich verhinderte, so konnte man so ziemlich gewiß sein, daß das Schiff mit dem Eintritt der Fluth wieder flott wurde, und da der Unfall keine erheblichen Beschädigungen verursacht hatte, konnte man ohne Aufenthalt die Reise fortsetzen.

Die Hauptsache war für jetzt, daß das Schiff leichter gemacht wurde.

Man zog alle Segel ein. Während 'der Ebbe legte sich das Schiff furchtbar auf die Seite. Man hatte dies erwartet, und einige Augenblicke herrschte Todesangst an Bord, aber der kritische Moment ging ohne neuen Unfall vorüber.

Als der Kapitain bei John Mackay vorbeiging, sagte er mit Stolz zu ihm:

»Nun, ich dächte, die Juno benähme sich für ein altes Schiff nicht ganz schlecht!«

John Mackay schüttelte den Kopf.

Die »Juno« zeigte sich in der That bis jetzt sehr gut; es fragte sich nur, ob sie dies auch fernerhin thun würde.

Die nächsten Augenblicke schienen übrigens die Meinung des Kapitains rechtfertigen zu wollen; mit dem Eintritt der Fluth wurde das Schiff wieder flott, und kaum hatte man dies bemerkt, so wurde der Befehl gegeben, den Anker aufzuziehen. Es wurden nun sogleich alle Segel beigesetzt, und bald befand man sich in so tiefem Wasser, daß ein nochmaliges Auffahren nicht zu befürchten war.

Am ersten Juni sprang der Wind um und blies heftig aus Südwest; fast in dem nämlichen Augenblicke begann die See hoch zu gehen und das Schiff arbeitete mit großer Anstrengung.

John Mackay hatte einen Mann in den Kielraum gestellt; nach Verlauf von etwa vier Stunden kam dieser herauf und meldete, daß das Schiff leck sei.

Dies hatte der Hochbootsmann schon längst befürchtet.

Der Kapitain ging sogleich selbst hinunter und überzeugte sich daß das Wasser wirklich einzudringen begann; leider aber befand sich nicht einmal ein Zimmermann und fast gar kein Handwerkszeug an Bord.

Das Wasser mußte daher ausgepumpt werden. Jedermann ohne Unterschied ging zu dem Ende an die Pumpen und arbeitete tüchtig; aber es war, als ob sich Alles zum Untergange der »Juno« verschworen hätte. Der Ballast des Schiffes bestand aus Sand, und dieser mit Wasser vermischte Sand verstopfte sehr bald die Pumpen. Das Wasser verminderte sich daher nicht, sondern es stieg im Gegentheil, wenn auch langsam, doch fortwährend.

Das stürmische Wetter dauerte acht Tage, während deren das Schiff übermäßig angestrengt wurde.

Es wurde nun berathen, ob man nicht lieber nach Ranguhn zurückkehren sollte, da aber der Kapitain dadurch eingestanden haben würde, daß der zweite Hochbootsmann Recht gehabt, ein Schiffskapitain aber nie Unrecht haben darf, so bemerkte Bremner. Daß die Küste bei Ranguhn so niedrig sei, daß man sie erst in einer Entfernung von wenigen Meilen sehen könne; daß man, wenn man mit einem leicht zu regierenden Schiffe den richtigen Weg einhalten wolle, man in einer Art von Kanal bleiben müsse, der nicht mehr als dreißig Fuß Tiefe habe, daß sich zu beiden Seiten dieses Kanals Sandbänke befänden, auf die man eben schon aufgefahren sei, und welche bei nochmaligem Auffahren das Schiff spalten würden, daß es demnach gerathener sei, die Fahrt auf jede Gefahr hin fortzusetzen, daß überdies das stürmische Wetter bereits acht Tage gedauert habe und es daher wahrscheinlich sei', daß die See sich bald beruhigen und daß es in diesem Falle wohl bald gelingen werde, das Leck zu verstopfen.

Der Kapitain war der Gebieter, seine Meinungsäußerung war ein Befehl, und man segelte daher so gut es bei dem stürmischen Wetter anging, weiter nach Madras.

Die Ereignisse schienen dem Kapitain Anfangs Recht zu geben. Am 6. Juli legte sich der Sturm, die See wurde ruhiger und das Leck verminderte sich so bedeutend, daß eine einzige Pumpe genügte, um seine Wirkung zu neutralisieren.

Das Schiff wurde nun genau untersucht, und man entdeckte bald, daß sich das Leck am Hintersteven, nicht weit unter dem Wasserspiegel, befand. An dieser Stelle war der Schaden leicht zu reparieren. An dem ersten vollkommen ruhigen Tage wurde das Boot ausgesetzt, und da man, wie gesagt, nicht nur keinen Zimmermann, sondern auch kein Handwerkszeug hatte, mußte man sich damit begnügen, das Leck mit Werg zu verstopfen und darüber zuerst ein Stück getheertes Segeltuch, dann eine Tafel Blattblei zu nageln.

Dies allerdings mangelhafte Aushilfsmittel genügte Anfangs vollkommen, und so lange das Wetter schön war, brauchte man täglich nur kurze Zeit zu pumpen, woraus natürlich Jedermann schloß, daß das Leck verstopft war.

Alle freuten sich, daß man der Gefahr glücklich entronnen war, und Jedermann war heiter, nur John Mackay nicht, der mitten in der allgemeinen Heiterkeit noch immer den Kopf schüttelte und ein englisch es Sprichwort vor sich hin murmelte, dessen Sinn ungefähr lautete;

»Wer's erlebt, wird's sehen!«

2.
Der Besanmastkorb

Leider sollte man bald die traurige Erfahrung machen, daß der zweite Hochbootsmann auf dem ganzen Schiffe der Einzige war, welcher Recht hatte, und daß die »Juno« weit besser gethan haben würde, wenn sie nach Ranguhn zurückgekehrt wäre, so gefährlich auch die Küste von Pegu sein mochte, anstatt ihre Fahrt über den bengalischen Meerbusen, in welchem der Südostpassatwind es erwartete, fortzusetzen.

Als am 12. Juni der Wind stärker wurde und man aus dem schauerlichen knarren in den Fugen der »Juno« ersah, daß sie mit großer Anstrengung arbeitete, ertönte zum zweiten Male der Ruf, der die Mannschaft schon einmal in Angst versetzt hatte:

»Wir sind leck, Herr Kapitän!«

Man eilte sogleich hinunter ins Zwischendeck; das nämliche Leck hatte sich wieder geöffnet, Die schwache Verstopfung, welche bei ruhiger See genügt hatte, erwies sich bei stürmischem Wetter als unzureichend.

Dies Mal war jedoch die Oeffnung viel größer, als das erste Mal, und da die durch den Ballastsand verursachten Uebelstände dadurch vermehrt wurden, erwiesen sich die Pumpen als ungenügend, obgleich fortwährend drei im Gange waren und man das Wasser noch außerdem mit Eimern ausschöpfte.

Am 16. war die Mannschaft, welche seit vier Tagen unausgesetzt arbeitete, durch die Anstrengung und den Mangel an Schlaf fast erschöpft.

Ueberhaupt hatte man alle Ursache zu sehr ernsten Besorgnissen.

Leider war es jetzt zu spät, um noch umzukehren, denn man war von Ranguhn mindestens eben so weit entfernt, als von Madras. Man entschloß sich daher, das Aeußerste zu wagen, alle Segel beizusetzen und so vielleicht den nächsten Punkt der Küste Koromandel zu erreichen.

Hatte man sie erreicht, so wollte man entweder längs derselben hinsegeln oder landen, je nachdem die »Juno« noch die See halten konnte oder außer Stande war, weiter zu segeln.

Das Schiff ging jetzt sehr schnell,sogar schneller, als man gehofft hatte; im Verhältniß seiner Schnelligkeit mußte es sich aber auch anstrengen, und da Jedermann an den Pumpen beschäftigt war, hatte Niemand Zeit, an die Takelage zu denken. Nach Verlauf von; zwei Tagen hatte der Wind alle Segel, mit Ausnahme der Focksegel, zerrissen; man sah sich daher am 18. genöthigt, bis zum 19. Mittags beizulegen, an welchem Tage zu gleicher Zeit die Höhe aufgenommen und dadurch ermittelt wurde, daß man sich unter 170 101 nördlicher Breite befand.

Trotz der fast übermenschlichen Anstrengung, mit der Jedermann, an den Pumpen arbeitete, bemerkte man dennoch, daß das Wasser immer höher stieg und das Schiff zu sinken begann. In dem Maße aber, als es sank, wurde es zugleich so schwer, daß man zu zweifeln begann, ob es sich je wieder zu dem gewöhnlichen Tiefgange werde heben können.

Von diesem Augenblicke an verbreitete sich eine finstere Entmuthigung an Bord,' und da Jedermann verloren zu sein glaubte und alle ferneren Anstrengungen für nutzlos hielt, wurde es sehr schwer, die Leute auf ihrem Posten zu erhalten.

Gegen Mittag indessen ging man auf Befehl des Kapitains und auf Bitten seiner Gattin wieder an die einen Augenblick unterbrochene Arbeit.

Es wurde der Befehl' gegeben, das Focksegel zu stellen; der Befehl wurde ausgeführt und das Schiff ging jetzt nur noch unter diesem einen Segel.

Zu gleicher Zeit arbeitete man mit verdoppelter Anstrengung an den Pumpen und mit den Eimern; nach Verlauf von zwei Stunden aber bemerkte man, daß man damit nur den Todeskampf der »Juno« um einige Stunden verlängere, daß aber das Schiff unrettbar verloren sei.

Die unten arbeitenden Matrosen kamen in der That um acht Uhr Abends herauf und sagten, daß das Wasser bereits das erste Verdeck erreicht habe.

Nachdem John Mackay's Prophezeiungen bezüglich des Schiffes in Erfüllung gegangen waren, bestätigte sich jetzt auch seine Meinung von der Mannschaft; die Lascars, welche drei Viertel derselben bildeten, weigerten sich zuerst, noch länger zu arbeiten, gaben sich der Verzweiflung hin und zogen einige auf dem Schiffe befindliche malayische Matrosen mit in den Abgrund der Entmuthigung. Die Europäer ließen den Muth noch nicht sinken, aber an dem finsteren Ausdrucke ihrer Gesichter war deutlich zu erkennen, daß nur eine moralische Kraft sie noch aufrecht erhielt und daß sie sich über das ihnen bevorstehende Schicksal keine Illusionen machten.

Mochte Madame Bremner die Größe der Gefahr nicht kennen oder war es wirklicher Muth, kurz, dieses schwache Weib, von der man hätte glauben sollen, daß ein Windstoß sie niederwerfen würde, tröstete und ermuthigte alle Anderen.

Am Abend gegen sieben Uhr empfand man einige Stöße und hörte ein eigenthümliches Rauschen.

Das Schiff sank immer tiefer. Die Schiffe haben ihren Todeskampf wie die Menschen; nur klagend und widerstrebender geben sie sich in ihr Schicksal.

Als die Mannschaft sah, daß die Wellen bald über das Schiff zusammenschlagen mußten, verlangte sie mit tumultuarischem Geschrei, daß die Bote ausgesetzt werden sollten; allein es bedurfte nur eines Blickes auf diese beiden Fahrzeuge, um die Gewißheit zu erlangen, daß sie unter den obwaltenden Umständen von keinem Nutzen sein konnten. Man hatte nur die Schaluppe, welche so alt war, daß sie fast unbrauchbar war, und ein kleines Boot mit sechs Rudern.

Nachdem die Mannschaft die beiden Fahrzeuge untersucht hatte, gab sie von selbst den Gedanken auf, sich ihrer zu bedienen.

Um neun Uhr rief der Kapitain den ersten und zweiten Hochbootsmann zu sich, um sich mit ihnen zu berathen, und es wurde verabredet, daß man den Hauptmast kappen wolle, um das Schiff zu erleichtern; durch diese Maßregel durfte man hoffen, es noch vierundzwanzig Stunden über dem Wasser zu halten.

Man ging sogleich an's Werk. Nach wenigen Augenblicken krachte der Mastbaum, neigte sich und fiel.

Unglücklicher Weise aber fiel er nicht über Bord, sondern auf's Verdeck.

Man kann sich denken, welche Verwirrung dieser Sturz verursachte.

Die Leute am Steuerruder konnten das Schiff nicht mehr regieren, es bot den Wellen die Breitseite dar, und im nächsten Augenblicke wurde es von einer Sturzwelle überfluthet, so daß das Wasser von allen Seiteneindrang.

Man hatte die Katastrophe hinausschieben wollen und hatte im Gegentheil ihren Eintritt beschleunigt.

Der Ruf: »Wir sinken! Das Schiff geht unter!« Ertönte von allen Seiten.

Madame Bremner, welche glaubte, daß das Schiff sich noch einige Stunden halten werde und der ihr Gatte wahrscheinlich die wirkliche Größe im Gefahr verschwiegen hatte, war in ihr Zimmer gegangen.

Als der Kapitain fühlte, daß das Schiff mit reißender Schnelligkeit sank, stieß er einen Angstschrei aus und wollte in's Zwischendeck hinunter eilen; er verwickelte sich aber im Tauwerk und hatte nur noch Zeit, dem nicht weit von ihm entfernt stehenden Mackay zuzurufen:

»John, John! Meine Frau!«

Dieser eilte nach der Luke und fand auf der Treppe bereits den ersten Hochbootsmann Wade, der Madame Bremner die Hand reichte. Die junge Frau war sogleich aus dem Bette gesprungen, als sie den Mast hatte niederfallen hören. Beide halfen ihr beim Hinaufsteigen; zu ihrem großen Erstaunen aber hatte sie in der entsetzlichen Verwirrung keineswegs den Kopf verloren. Sie hatte zwar nicht Zeit gehabt, sich vollständig anzukleiden, aber dennoch einen Unterrock über das Hemd gezogen und etwa dreißig Rupien mitgenommen, die in ihrem Zimmer auf dem Tisch e gelegen hatten.

Man wundere sich nicht, daß wir uns bei solchen Nebenumständen aufhalten; man wird bald sehen, daß diese dreißig Rupien dazu bestimmt waren, eine wichtige Rolle in dem grauenvollen Drama zu spielen.

Als die Mannschaft bemerkte, daß das Schiff unter sank, klammerte sich Jedermann an den ersten besten Gegenstand an, der ihm in die Hände kam, und versuchte es, sich über dem immer höher steigenden Wasser zu erhalten.

Wade und John Makay, die sich bei der Luke der Kapitainskajüte befanden, ergriffen die Barkhölzer des Hintertheils und kletterten mit Madame Bremner an den Wandtauen des Besanmastes hinauf.

In dem nämlichen Augenblicke ließ sich ein Knall vernehmen, der einem Kanonenschusse glich, und auf den ein fürchterlicher Stoß folgte; die im Schiffsraume komprimierte Luft hatte das Verdeck gesprengt.

Jetzt glaubte Jedermann, daß Alles verloren sei, und dachte nur noch daran, seine Seele Gott zu empfehlen; kaum aber war das Wasser über dem Verdeck zusammengeschlagen, so hörte die sinkende Bewegung des Schiffes zwar nicht ganz auf, wurde aber so langsam, daß das untere Tauwerk nur allmählig unter sank, so daß die Unglücklichen Zeit hatten, nach und nach die oberen Partieen der Takelage zu erreichen.

Der Kapitain, der zu seiner Gattin gekommen war, welche von den beiden Hochbootsmännern unterstützt wurde, sah indessen so gut wie diese ein, daß sie nicht so in den Strickleitern hängen bleiben konnten und daß sie einen sichereren Zufluchtsort suchen mußten. Der Mastkorb des Besanmastes befand sich etwa zehn Fuß über ihnen; sie stiegen hinauf und waren die Ersten, welche darin ankamen.

Im nächsten Augenblicke fand ihr Beispiel Nachahmer, und der Mastkorb war bald gefüllt. Die übrige Mannschaft setzte sich im Tau- und Segelwerk des nämlichen Mastes fest.

Ein einziger Matrose, der sich am Vordertheil des Schiffes befand, kletterte in den Fockmastkorb hinauf.

Man erwartete nun in ängstlicher Spannung, was Gott, der über das Schicksal der »Juno« entschieden hatte, über die Passagiere verhängen würde.

Das Schiff sank langsam noch etwa zehn Fuß tiefer; dann kam es den unglücklichen Schiffbrüchigen vor, als ob es stationär bliebe und unter Wasser schwebte.

Die beiden Mastkörbe des Fock- und Besanmastes waren noch ungefähr zwölf Fuß über dem Wasser, und Diejenigen, welche der Besankorb nicht mehr hatte aufnehmen können, befanden sich, wie schon erwähnt, mit Ausnahme eines Matrosen, der in den Fockmastkorb gestiegen war, in der Takelage des Besanmastes.

Jetzt bemerkte man, daß dieser schwer beladene Mast zu brechen drohte. Er mußte durchaus erleichtert werden; da aber diese Erleichterung einigen Menschen das Leben kosten konnte, so wurde beschlossen, lieber einen Theil des Takelwerks zu opfern.

In Folge dessen wurde die große Segelstange mit Messern abgeschnitten und in's Meer geworfen.

Obgleich der mit Wasser gefüllte Rumpf des Schiffes gewissermaßen einen Schwerpunkt für die noch aus dem Wasser hervorragenden beiden Maste bildete; so wurden die Unglücklichen, die sich auf dieselben geflüchtet hatten, doch so heftig hin und her geschaukelt, daß sie sich kaum erhalten konnten. Die Meisten von ihnen waren indessen so ermüdet, daß sie trotz der prekären Lage, nachdem sie. sich mit ihren Taschentüchern festgebunden oder auch sich nur mit den Armen umklammert hatten, eingeschlafen waren.

Der zweite Hochbootsmann, John Mackay, gehörte jedoch nicht zu diesen.

Da er eine kräftigere Konstitution und vielleicht auch eine größere moralische Kraft besaß als die Andern, blieben seine Augen offen, um das grauenhafte Schauspiel zu betrachten, bei dem er selbst eine Rolle spielte.

Neben ihm befand sich Madame Bremner in den Armen ihres Gatten. Es war Nacht. Obgleich es im Monat Juli war, blies der Nachtwind doch empfindlich kalt. Der brave John, der wärmer gekleidet war als der Kapitain, zog seine Jacke aus und gab sie Madame Bremner. Sie dankte ihm durch einen Blick welcher sagen wollte: »Ach, warum hat man Ihren Rath nicht befolgt!«

John hätte sie gern getröstet; da er aber selbst keine Hoffnung mehr hatte, wollte er im Herzen Anderer den Muth nicht heben, der in seinem eigenen völlig gesunken war.

Als er jedoch nach einigen Stunden angstvollen Zweifels sich überzeugt hatte, daß das Schiff unter Wasser schwebend blieb, ohne noch tiefer zu sinken, stieg die Hoffnung in ihm auf, daß sich vielleicht in den vier oder fünf Tagen, während denen der Mensch den Hunger ertragen kann, ein Schiff zeigen und sie aufnehmen könne.

An diesen schwachen Strohhalm klammerte sich der Hochbootsmann fest und der Gedanke an den Tod, in den er sich schon fast ergeben hatte, war ihm wieder gräßlicher als zuvor.

Plötzlich erschrak er; er hatte den Knall eines Kanonenschusses zu hören geglaubt.

Drei Mal glaubte er den nämlichen Knall zu vernehmen; er machte Diejenigen von seinen Unglücksgefährten, welche nicht schliefen, darauf aufmerksam, und sie glaubten ihn ebenfalls zu hören.

Gegen Ende der Nacht erkannten sie jedoch ihren Irrthum.

Von der Ermüdung überwältigt, hatte John Mackay ebenfalls die Augen geschlossen, als einer der Matrosen beim ersten Scheine der Morgenröthe ein Schiff zu sehen glaubte und daher ausrief:

»Ein Segel!«

Es läßt sich denken, welchen Eindruck dieser Ruf auf die Unglücklichen machte.

Die Lascars, welche Muselmänner sind, riefen alsbald mit lauter Stimme ihren Propheten an und auch die Christen sandten ein Dankgebet zum Himmel.

Leider aber war es mit dem Segel wie mit den Kanonenschüssen in der vergangenen Nacht, und als Jedermann den Blick auf den bezeichneten Punkt gerichtet hatte, überzeugte man sich, daß dieser Punkt eben so einsam war wie die ganze unabsehbare Wasserfläche.

3.
Das Floß

Nachdem so die Hoffnung auf Rettung zwei Mal getäuscht worden war, bemächtigte sich der Schiffbrüchigen eine namenlose Verzweiflung.

Der Wind blies fortwährend mit Heftigkeit, die See ging ungeheuer hoch, das Verdeck und die oberen Theile des Schiffes zerbrachen, die Taue, welche den Mast hielten, andren sich zweiundsiebzig Menschen anklammerten, drohten jeden Augenblick zu zerreißen und ließen den entsetzlichsten Ausgang der Katastrophe befürchten.

Schon an diesem ersten Tage stürzten sich Einige, welche jede Hoffnung auf Rettung aufgegeben hatten und der langen Qual einen raschen Tod vorzogen, in's Meer und kamen nicht wieder zum Vorschein, während Andere, die noch gern am Leben geblieben wären, von den Wellen mit fortgerissen wurden und mit übermenschlichen Anstrengungen unter lautem Jammergeschrei vergebens versuchten, durch Schwimmen die verlorene Stütze wieder zu erreichen.

Jetzt erst bemerkte man, daß das Schiff, obgleich der Rumpf sich tief unter dem Wasser befand, noch immer fortschwamm, denn die in's Meer Gefallenen konnten es nicht wieder einholen und man sah Einen nach dem Anderen in den Wellen verschwinden.

Das entsetzliche Schauspiel hatte indessen auch seine gute Seite. Während der ersten drei Tage, wo der Sturm unausgesetzt mit Heftigkeit blies und das Meer in beständiger Aufregung war, dachte man beim Anblick des tobenden Elementes und der nach und nach Umkommenden weniger an den Hunger. Als jedoch der Wind nachließ und die See sich beruhigte, als man hoffen durfte, daß das Schiff nicht tiefer sinken und der Mast sich noch über dem Wasser halten werde, ohne zu brechen, da erschien das bleiche Gespenst des Hungers mit seinem Gefolge entsetzlicher Leiden.

In diesem Augenblicke versuchten es mehrere Männer, denen es im Besanmastkorbe zu eng wurde, den Fockmastkorb zu erreichen, wohin der eine Matrose, der sich darin befand und der sich in seiner Einsamkeit noch unglücklicher fühlte als die Anderen, sie rief.

Von den sechs Mann aber, welche in's Meer sprangen, um den kurzen Zwischenraum zu durchschwimmen, erreichten nur zwei das Ziel; die vier anderen ertranken.

Da John Mackay der Einzige ist, der nicht nur bei der entsetzlichen Katastrophe bis zu Ende die Geistesgegenwart behielt, sondern sie auch ausführlich niedergeschrieben hat, so begleiten wir besonders ihn durch die Angst, die Leiden und die Hoffnungen, die er uns mit der glaubwürdigen Einfachheit eines Seemannes berichtet hat.

Auf die erste Aufregung, in die ihn anfangs die Größe und dann die Fortdauer der Gefahr versetzt hatte, folgte am vierten Tage bei ihm eine finstre Gleichgültigkeit, in der seine Hauptsorge immer die war, so lange und so fest als möglich zu schlafen, damit die Zeit ohne zu große Qualen verging. In Folge dessen wurde ihm das Wehgeschrei und die Klagen seiner Unglücksgefährten deshalb lästig, weil sie ihn aus der Betäubung weckten, in der er seine Leiden weniger fühlte.

In den ersten drei Tagen, während denen Alle beständig zwischen Leben und Tod schwebten, hatte er weniger vom Hunger als von der Kälte zu leiden gehabt, da er beständig durchnässt war und dabei ein heftiger kalter Wind blies.

Am vierten Tage aber, als der Sturm sich gelegt hatte und der Himmel wieder heiter geworden war, als die tropische Sonne ihre Herrschaft wieder antrat und ihre senkrechten Strahlen wie einen glühenden Lavastrom auf seinen Scheitel herabgoß, stellten sich die Qualen des Hungers und in noch weit empfindlicherem Grade die des Durstes ein. Wenn er sie indessen mit den Schilderungen verglich, welche manche Reisende in ihren Berichten davon entwarfen, mußte er gestehen daß sie am ersten Tage nicht so unerträglich waren als er es erwartet hatte.

Zu gleicher Zeit erinnerte er sich aber auch, daß er in einem solchem Werke ein Mittel zur Linderung des Durstes gelesen hatte.

Dieses Buch war die Erzählung des Kapitains Inglefield, Kommandant des »Centaur«, von seinem Schiffbruche. Der Kapitain sagt darin, daß er und seine Leute sich dadurch erhebliche Linderung verschafft hätten, daß sie nach einander eine mit Seewasser getränkte Decke um den bloßen Leib schlugen. Er erklärte diese Erscheinung dadurch, daß das Wasser von den Poren der Haut eingesogen wird, das Salz aber zurückbleibt.

Kaum hatte er sich dieses Mittels erinnert, so beschloß er, es an sich selbst in Anwendung zu bringen und es auch seinen Leidensgefährten mitzutheilen. Er zog seine wollene Unterjacke aus, befestigte sie an einem Stück Kabelgarn, das die Matrosen stets bei sich tragen, tauchte sie in's Meer und zog sie wieder an. War die Jacke getrocknet, so wiederholte er dieses Verfahren noch mehrere Male. Die Anderen folgten seinem Beispiele, als er ihnen die gewünschte Erklärung darüber gab, und Alle empfanden eine merkliche Linderung, was vielleicht eben sowohl der Zerstreuung, welche ihnen diese Beschäftigung verschaffte; als dem Mittel selbst zuzuschreiben war.

Indessen hatte John während des ganzen vierten Tages, dem ersten, an welchem die Sonne wider schien und er die Qualen des Hungers und des Durstes zu fühlen begann, eine sonderbare Unruhe, gleichsam einen Anfang von Delirium empfunden, in welchem ihm der Tod in einer gräßlichen Gestalt erschien, und es bemächtigte sich seiner bei dem bloßen Gedanken daran daß er an den ihm noch bevorstehenden Leiden sterben könne, eine so heftige Verzweiflung, daß er jeden Augenblick hätte laut aufschreien mögen.

Glücklicherweise hatte er in der Nacht vom vierten zum fünften Tage einen wohlthuenden Traum. Wie es fast immer geschieht, wenn man den Tod vor Augen steht und die Gedanken mit einem Male den ganzen Zeitraum zwischen dem Grabe und der Wiege überspringen, erinnerte er sich seiner Jugendjahre, seiner längst verstorbenen Großeltern, seiner vergessenen Nachbarn und seiner jungen Freunde, die in der großen Wüste zerstreut waren, welche die Welt heißt und in der man einander selten wiederfindet, wenn man sich einmal getrennt hat.

Dann verschwanden diese Visionen, um einer noch theuereren Platz zu machen.

Es war dem armen John, als habe er ein hitziges Fieber und als ob er seinen Vater weinend und betend vor seinem Krankenlager knieen sähe. Da dieser Traum ganz den Charakter der Wirklichkeit hatte, war schon der Anblick seines Vaters, den er seit seiner Abreise von Europa vor vier bis fünf Jahren nicht wieder gesehen hatte, eine große Freude für ihn; außerdem ließ das Fieber auch nach und er fühlte sich weit besser, so lange sein Vater betete; hörte er dagegen einen Augenblick auf, so kehrte es mit vermehrter Heftigkeit zurück.

Während übrigens derartige Träume eher aufregen als beruhigen, fühlte John im Gegentheil beim Erwachen stets merkliche Erleichterung; an die Stelle der Unruhe war eine tiefe Schwermuth getreten und die Thränen kamen ihm unwillkürlich in die Augen, denn er schloß aus diesem Traume, daß sein Vater gestorben und einen Augenblick vom Himmel herabgestiegen sei, um ihm Trost und Linderung in seinen Leiden zu bringen.

Am 25. Juni, dem fünften Tage nach dem Sinken des Schiffes, begann der Tod sein Zerstörungswerk unter den Verunglückten. Zwei starben vor Hunger, der Eine plötzlich, wie vom Schlage getroffen, der Andere langsam, unter den fürchterlichsten Qualen.

Seitdem die Schiffbrüchigen ein wenig zur Besinnung gekommen waren, so daß sie einander ihre Ideen mittheilen konnten, hatten der Kapitain und der erste Hochbootsmann immer gesagt, daß man am ersten ruhigen Tage versuchen wollte, ein Floß zu verfertigen.

Dieses Floß war die einzige Hoffnung der Unglücklichen, und Bremner sowohl als Wade versprachen sich den besten Erfolg davon. Das Weiter war jetzt ruhig geworden, das Meer war eben wie ein Spiegel, und man ging daher unverweilt an die Ausführung des großen Planes.

Als Material zu dem Flosse hatte man die Segelstangen des Fockmastes und des Bugspriets, sowie eine Menge kleinerer Raaen und Bretterz es fehlte also weder an Holz noch an Tauen und Leinen. Die besten Schwimmer 'gingen an's Werk und am folgenden Mittag war das Floß fertig.

Die Einschiffung begann.

Der Kapitain, seine Gattin und Wade bestiegen es zuerst. Obgleich John Mackay das enthusiastische Vertrauen zu diesem Rettungsmittel nicht theilte, so bestimmte ihn doch das Beispiel der Anderen, das Floß ebenfalls zu besteigen. Die Last der ganzen Mannschaft war jedoch viel zu groß für das schwache Fahrzeug, und als daher Alle eingeschifft waren, drohte es unterzusinken.

Jetzt entspann sich ein gräßlicher Kampf. Die Stärkeren vertrieben die Schwächeren von dem Flosse und diese mußten in den Mastkorb und in die Takelage zurückkehren, die sie verlassen hatten.

Auch bei dieser Gelegenheit ertranken wieder Einige, ein Beweis, wie erschöpft sie sein mußten, denn das Floß war nicht weiter von dem Wrack entfernt, als die Länge des Taues betrug, mit dem es an demselben befestigt war.

Ehe das Tau gekappt wurde, fragte John den Kapitain, ob er eine Idee habe, in welcher Richtung sich das Land befinde und ob er es einigermaßen für wahrscheinlich halte, daß man es bald zu Gesicht bekommen werde.

Der Kapitain, welcher durchaus nicht wußte, wo er war, gab ihm keine Antwort.

John befahl nun dem Manne, welcher das Tau kappen wollte, es noch nicht zu thun, und bat dann den Kapitain, er solle mit seiner Gattin in den Mastkorb zurückkehren und sich nicht dem Floße anvertrauen, das seiner Meinung nach nicht die mindeste Aussicht auf Rettung darbot.

Aber seine Bitten vermochten nichts über den Kapitain, und da Madame Bremner erklärte, daß sie ihren Gatten nicht verlassen wolle wurde das Tau gekappt und das Floss entfernte sich.

Man ruderte mit Holzstücken, welche die Matrosen von den Wänden des Schiffes losgerissen und denen sie mit ihren Messern die Form von Schaufelrudern gegeben hatten.

Nach Verlauf einer halben Stunde kam Wade zu John Mackay und stieß einen tiefen Seufzer aus.

»Was fehlt Euch?« fragte John.

»Ach, Ihr hattet von Anfang an Recht und habt auch jetzt wieder Recht!« antwortete Wade kopfschüttelnd. »Wir haben weder Kompaß noch Boussole, wissen nicht, in welcher Richtung das Land liegt und gehen einem gewissen Tode entgegen. In unsrem Besanmastkorbe übersahen wir das Meer und konnten in bedeutender Entfernung ein Schiff erkennen; auf dem Floße aber hatten wir nicht einmal diesen Vortheil.«

»Wenn Ihr Lust habt,« sagte John, »wollen wir auf das Schiff zurückkehren.«

Wade blickte nach den beiden Mastkörben und nach den Unglücklichen, die sich noch darin befanden, und nachdem er die Entfernung gemessen hatte, erwiderte er:

»Wir haben nicht mehr die Kraft, das Wrack durch Schwimmen zu erreichen.«

»Allerdings; aber sie werden uns dahin bringen, um das Floß zu erleichtern.«

Er theilte nun sogleich den Anderen mit, daß er und der erste Hochbootsmann auf das Schiff zurück kehren wollten, und wie er vorausgesehen hatte, war Jedermann bereit, sie dahin zu bringen.

Das Floß kehrte zu dem Wrack zurück, die beiden Hochbootsmänner schwangen sich in die Takelage, nahmen ihren vorigen Platz ein, und das Floß stieß wieder ab.

Man sollte meinen, daß diese Trennung zwischen Unglücklichem welche seit sechs Tagen gemeinschaftlich die nämlichen Drangsale ertragen hatten, schmerzlich sein mußte; aber dem war nicht so, denn der Egoismus und die Todesfurcht hatten jedes andere Gefühl in ihnen erstickt. Die Leute auf dem Floße sahen die beiden Hochbootsmänner ohne Bedauern in den Mastkorb hinaufsteigen, und eben so gleichgültig sahen die hier Befindlichen ihre Kameraden wieder abstoßen.

»Die einzige Person, für die man wirkliche Theilnahme empfand, war die arme Madame Bremner, die alle Leiden und Entbehrungen mit bedauernswerthem Muthe ertragen hatte und aus deren Munde anstatt der Klagen, die auch den stärksten Männern entschlüpften, bis jetzt nur Worte des Trostes gekommen waren.

Anfangs schien es, als ob sie für ihren Gatten eine Last gewesen wäre; dieses Gefühl hatte bei dem Kapitain seinen Grund wahrscheinlich in der Idee, daß sie es ihm, besonders nach Mackay's Warnungen. schwerlich verzeihen werde, daß er sie in eine so schreckliche Lage versetzt hatte. Als er aber fühlte, daß seine Kräfte abnahmen, kehrte er zu ihr zurück, klammerte' sich gewissermaßen an sie an, verließ sie keinen Augenblick mehr und würde es auch nicht zugegeben haben, daß sie ihn verließ.

Die auf dem Wrack Zurückgebliebenen sahen dem Floße lange nach, bis es endlich ihrem Blicke entschwand. Inzwischen brach die Nacht herein und die Unglücklichen waren auf's Neue in schwarze Dunkelheit gehüllt.

Am folgenden Tage glaubte Einer von ihnen in geringer Entfernung einen schwimmenden Gegenstand zu erkennen.

Aller Blicke richteten sich sogleich auf diesen Gegenstand und die Unglücklichen erkannten mit großem Erstaunen das am vorigen Tage abgefahrene Floß, welches von der entgegengesetzten Seite zurückkam.

Die armen Leute hatten bis zur völligen Erschöpfung ihrer Kräfte gerudert, und man wird sich einen ungefähren Begriff von ihren Kräften machen können, wenn man bedenkt, daß sie seit sieben Tagen keine Nahrung zu sich genommen hatten. Dann hatten sie sich neben einander niedergelegt, und so erwarteten sie in stummer Verzweiflung, wie Gott über sie bestimmen würde.

Gott hatte beschlossen, daß sie zu ihren Unglücksgefährten zurückkehren sollten. Nachdem sie die ganze Nacht auf der See umher getrieben hatten, befanden sie sich am Morgen plötzlich wieder auf fünfzig Schritt vom Wrack der »Juno.«

Die hier Zurückgebliebenen reichten ihnen die Hand und halfen ihnen in die Mastkörbe, wo sie ihre vorigen Plätze wieder einnahmen.

4.
Der Todeskampf

In Folge eines Gefühls von Mitleid und Achtung, das noch im Herzen der Unglücklichen schlummerte und das besonders durch den braven John geweckt wurde, erhielten Madame Bremner und ihr Gatte die nämlichen Plätze im Besanmastkorbe wieder, die sie früher inne gehabt hatten.

Der Kapitain war so schwach, daß er ganz ohne Besinnung zu sein schien, und er war im gewöhnlichen Zustande ein gesunder und kräftiger, an alle Leiden und Entbehrungen, denen man auf der See ausgesetzt ist, seit dreißig Jahren gewöhnter Seemann.

Seine Gattin dagegen, ein zartes und nervenschwaches Weib, halte alle diese Anstrengungen, Entbehrungen und Leiden mit seltenen Muthe und wunderbarer Kraft ertragen.

Kaum war er wieder im Mastkorbe angekommen, so wurde er vom Delirium ergriffen; in diesem Zustande glaubte er einen mit allerhand Speisen besetzten Tisch zu sehen, fragte in unzusammenhängenden Worten, warum man ihn von diesem Tische entfernt halte; warum man ihm ein Stück Brot und ein Glas Wasser verweigere, da man doch einen solchen Ueberfluß von Speise und Trank vor ihm aufgestellt und er so großen Hunger und Durst habe.

Der Todeskampf eines Sterbenden ist immer ein peinliches Schauspiel, aber im gewöhnlichen Leben spielt dabei nur der Trennungsschmerz die Hauptrolle; Die, welche den Sterbenden umgeben, vergießen Thränen an seinem Lager und diese Thränen strömen um so reichlicher, wenn der Weinende selbst aus jeder Gefahr ist. Ein Andres ist es mit dem Todeskampfe eines Unglücklichen, welcher Hungers stirbt und der von anderen Unglücklichen umgeben ist, denen ein gleiches Loos bevorsteht. Da erblickt Jeder im Todeskampfe des Anderen das Bild seines eigenen Todeskampfes. Auch sie empfinden schon die nämlichen Leiden, denen der Sterbende erliegt; das Delirium, das ihn ergriffen hat, wird auch sie in kürzerer oder längerer Frist ergreifen, auch sie wird früher oder später der Tod in seine Knochenarme schließen. Da steht man keine lindernden Thränen fließen; nur trockene Augen, eine finstere Verzweiflung, knirschende Zähne, wenn man die ersten Symptome der Schmerzen, die man vor Augen steht, in sich selbst verspürt, rasendes Gebrüll anstatt,der Klagen, Verwünschungen anstatt der Trostworte.

Am 1. Juli endlich, elf Tage nach dem Untergange des Schiffes, gab der Kapitain den Geist auf.

In seinen krampfhaften Todeszuckungen hatte er seine Gattin so fest umklammert, daß man kaum im Stande war, sie aus seinen Armen und Händen zu befreien.

Uebrigens wollte sie noch nicht glauben, daß er todt sei, und als er sie so fest an seine Brust drückte, gab sie. es anfangs nicht zu, daß man sie seiner letzten Umarmung entriß. Es kostete große Mühe, sie von der traurigen Wahrheit zu überzeugen. Endlich ließ sie sich von ihm losmachen und sonderbarer Weise versiegten auch in dem nämlichen Augenblicke ihre Thränen.

Die Mannschaft vertheilte die wenigen Kleidungsstücke des Kapitains unter sich und warf dann seinen Leichnam in's Meer.

Als Madame Bremner das Geräusch des Falles im Wasser hörte, stieß sie einen leisen Schrei aus, rang die Hände und fiel in Ohnmacht;

John Mackay leistete ihr nach Möglichkeit Beistand, und als sie wieder zu sich gekommen war, konnte sie wieder weinen.

Während der fünf Tage, welche zwischen der Rückkehr des Floßes und dem Tode des Kapitains verstrichen waren, hatte sich, außer verschiedenen aufeinanderfolgenden Todesfällen, kein Unfall ereignet. Einer oder der Andere empfand plötzlich Leibschmerzen, bekam Zuckungen und war binnen wenigen Augenblicken verschieden. Zuweilen umklammerte er im Todeskampfe einen Gegenstand mit solcher Heftigkeit, daß mehrere Männer ihre ganze Kraft aufbieten mußten, um seine Hände davon loszumachen.

Bei Einem wollte dies durchaus nicht gelingen und man ließ seinen Leichnam zwei Tage lang an dem Taue hängen, das er mit beiden Händen umklammert hatte. Als aber die Verwesung eintrat, schnitt man ihn an den Handgelenken ab, weil das Tau, an welchem er hing, mit dazu diente, den Mast am Schiffe festzuhalten.

Die Hände blieben hängen und der Körper fiel in's Meer.

Am Morgen des 28. Juni, drei Tage vor dem Tode des Kapitains, hatte der erste Hochbootsmann Wade erklärt, daß er nicht im Stande sei, diese Untätigkeit länger zu ertragen. Das Floß war noch unten am Besanmaste angebunden. Er fragte, ob einige Leute sich mit ihm einschiffen und noch einmal ihr Glück versuchen wollten. Acht Mann gingen auf den Vorschlag ein und fuhren mit dem Hochbootsmanne ab, obgleich John Mackay Alles aufbot, um sie zurückzuhalten. Wie das erste Mal, verlor man nach einigen Stunden das Floß aus dem Gesichte. Aber am folgenden Tage erblickte man es nicht wieder; der Wind. hatte sich am vorigen Abende erhoben und aller Wahrscheinlichkeit nach war das Floß untergegangen.

Dieser Wind, der den Abgefahrenen zum Verderben gereichte; hatte für die Zurückgebliebenen ein glückliches Resultat. Es hatte während der Nacht stark geregnet, die Schiffbrüchigen hatten Wasser auffangen und damit ihren Durst löschen können. So war wenigstens das schreckliche Leiden auf kurze Zeit gelindert.

Von diesem Augenblicke an vergingen selten zwei Tage, ohne daß ein neuer Wind wieder Regen brachte, und dieser verschaffte den Unglücklichen in Verbindung mit den in Meerwasser getauchten Kleidungsstücken merkliche Erleichterung. So oft sie ein wenig frisch es Wasser genießen konnten, empfanden sie in der That mehrere Stunden lang selbst die Qualen des Hungers in vermindertem Grade.

Am Todestage des Kapitains Bremner starben indessen noch zwei Andere im Besanmastkorbe und ebenfalls zwei im Fockmastkorbe.

Beide Parteien standen übrigens in keiner andern Verbindung mit einander, als daß sie sahen, was vorging; denn sie hatten nicht mehr die Kraft, sich durch Zurufe gegenseitig verständlich zu machen.

John wunderte sich jeden Morgen, daß er noch lebte, und er war jedes Mal beim Erwachen überzeugt, daß dieser Tag sein letzter sein und daß er die kommende Nacht nicht mehr erleben werde. Er hatte immer gehört, daß der Mensch nur eine gewisse Zeit, acht bis höchstens zehn Tage, die Nahrung entbehren könne, und am elften Tage, an welchem der Kapitain starb, lebte er noch immer.

An diesem Abende war die See ruhiger, als sie seit langer Zeit gewesen; einige Lascars verließen daher den Besanmastkorb, um nach dem Fockmastkorbe hinüber zu schwimmen, welcher nie so voll gewesen war, als jener und in dem durch den Tod der zwei Matrosen eine neue Lücke entstanden war. Mit großer Mühe legten sie die kurze Strecke zurück und kletterten unter dem Beistande ihrer Kameraden in den Mastkorb hinauf.

Vom 1. und 2. Juli an verfielen die noch lebenden in eine so große Schwäche, daß sie kaum noch sahen und hörten, was um sie her vorging, und diese Betäubung, von der selbst die Stärksten nicht verschont blieben, brachte sogar das Gefühl des Hungers in ihnen zum Schweigen. Wenn es. ein wenig regnete, schienen sie aus ihrer Lethargie zu erwachen und es entstand eine ungewöhnliche Bewegung unter ihnen; Jeder strengte sich an so viel Wasser als möglich aufzufangen, und wenn das Wasser getrunken war, wurden einige matte, traurige Worte gewechselt, worauf die vorige Stille und Unbeweglichkeit zurückkehrte.

Die heftigsten Qualen verursachten den erschöpften Leuten jetzt nicht mehr Hunger und Durst, sondern die Kälte. Obgleich man sich in der Nähe des Aequators befand, waren die Nächte dennoch empfindlich kalt, und man hörte dann gewöhnlich einige Jammerlaute und das Geklapper der zusammenschlagenden Zähne. Gegen Morgen wurde_es wieder wärmer und die erstarrten Glieder erhielten ihre vorige Elastizität wieder; aber nun begann eine andre Qual: – die Gluth der senkrecht herabfallenden Sonnenstrahlen. Ueber diese Leiden vergaß man die der vergangenen Nacht und sehnte sich nach dem kühlen Abendwinde, wie man sich des Nachts nach der Sonnenwärme sehnte.

Dabei ereigneten sich denn auch individuelle Dramen, welche Diejenigen, vor deren Augen sie sich zutrugen, kaum bemerkten.

Wir haben schon gesagt, daß fast Jedermann, obgleich Alle den nämlichen Qualen erlagen, eines anderen Todes starb. So war zum Beispiel der Sohn des Hochbootsmanns Wade, ein kräftiger und gesunder Jüngling, fast auf der Stelle und ohne einen Seufzer gestorben, während ein anderer, viel schwächerer junger Mann von gleichem Alter Hunger und Durst zwölf Tage lang ertrug und erst am dreizehnten Tage sein Ende herannahen fühlte.

Der Vater dieses jungen Mannes befand sich ebenfalls unter der Mannschaft, aber Beide waren getrennt worden, indem der Vater jener einzelne Matrose war, der sich in den Fockmastkorb begeben hatte, während sein Sohn sich auf dem Besanmaste befand.

So lange man sprechen konnte, wechselten die Leute in den beiden Mastkörben zuweilen einige Worte, und wenn die Stimme erlosch, begnügte man sich mit Zeichen und Winken. Als nun der unglückliche Vater aus dem Winken des jungen Mannes ersah, daß dieser dem Tode nahe war, schien er seine ganze Kraft wieder zu gewinnen, obgleich er bereits seit einigen Tagen fast unbeweglich gelegen hatte, stieg eiligst herab und kroch auf allen Vieren auf dem noch über dem Wasser befindlichen Plattbord des Wracks hinüber zu seinem Sohne. Er erreichte ihn glücklich, nahm ihn auf die Arme und trug ihn auf die Planken des noch nicht ganz versunkenen Hinterkastells, wo er ihn an das Geländer lehnte, damit das Wasser ihn nicht wegspülen konnte. Bekam der junge Mann einen jener Anfälle von Leibschmerz, die wir als Vorboten des Todes bezeichnet haben, so hob der Vater ihn auf und trocknete ihm den Schaum von den Lippen. Fielen einige tropfen Regen, so fing er sie mit ängstlicher Sorgfalt auf, rang das damit getränkte Stück Leinwand oder Zeug über dem Munde seines Sohnes aus und erfrischte seine brennende Zunge mit dem kühlenden Wasser. So brachte er fünf Tage auf dem Hinterkastell zu. Endlich starb aber der Sohn trotz der sorgsamsten Pflege. Der unglückliche Vater hob ihn nun wieder auf, drückte ihn mit einer Kraft, die man einem Menschen, welcher sechzehn Tage Nichts gegessen hat, kaum zutrauen sollte, an die Brust und hoffte noch lange, daß er zum Leben zurückkehren werde, bis endlich ein Zweifel an seinem Tode nicht mehr möglich war. Jetzt schien ihm Alles, selbst sein eigenes trauriges Loos, gleichgültig zu sein. Er blieb noch so lange in finsterem Hinbrüten bei dem Leichname, bis eine Stoßwelle ihn über Bord spülte; dann sah er ihn in den dunklen Fluthen versinken, und als er ihn nicht mehr erkennen konnte, hüllte er sich in ein Stück Segeltuch und legte sich nieder, um nicht wieder aufzustehen. Er _mußte jedoch noch zwei Tage gelebt haben, denn so oft eine Welle über seinen Körper hinwegging, sahen Diejenigen, welche das ganze Drama mit angstvollen Blicken beobachtet hatten, seine Glieder convulsivisch zusammenzucken.

Diese Scene war so herzzerreißend, daß sie einen tiefen Eindruck auf die Unglücklichen machte, obgleich das Gefühl ihrer eigenen entsetzlichen Lage jede Theilnahme für die Leiden Anderer zu ersticken schien.

Das Schiff wurde indessen von den Wellen des Ozeans, aber beständig unter Gottes Leitung, umher geworfen, ohne daß Jemand hätte sagen können, nach welcher Gegend es verschlagen wurde.

Endlich, am Abende des 10. Juli, zwanzig Tage nach dem Versinken der »Juno« richtete einer der Schiffbrüchigen den Blick lange auf einen Punkt, stand auf, um besser sehen zu können, und rief plötzlich aus:

»Ich sehe Land!«

5.
Die dreißig Rupien der Madame Bremner

Dieser Rettungsruf machte Anfangs, so unglaublich dies auf den ersten Anschein klingen mag, auf Niemanden einen bemerkbaren Eindruck; die Apathie diese: Unglücklichen war so groß, daß Keiner aufstand, um sich durch eigne Anschauung von der Wahrheit der Thatsache zu überzeugen.

Einige Minuten Zeit waren nöthig, damit der durch die körperliche Erschöpfung geschwächte Geist der armen Leute die angekündigte Nachricht zu fassen vermochte, und nach Verlauf dieser ersten Minuten entstand eine Anfangs kaum merkliche Bewegung, bis nach und nach endlich Alle mit gespannter Erwartung den Blick auf den bezeichneten Punkt richteten.

Aber der Tag war schon zu weit vorgerückt, als daß man noch hätte erkennen können, ob es wirklich Land oder nur ein Trugbild war, welches die Phantasie der Schiffbrüchigen zuweilen auf dem einsamen Ozeane erblickt.

Merkwürdiger Weise aber schien man Anfangs kaum einigen Werth auf dieses glückliche Ereigniß zu legen; Aller Blicke hatten sich schweigend auf den bezeichneten Punkt gerichtet, dann war, wie gesagt, die Nacht hereingebrochen und hatte Alles in ihren dunkeln Mantel gehüllt.

Bald aber schien sich die Sehnsucht nach dem rettenden Lande im Herzen der Unglücklichen zu regen; das Gespräch wurde lebhafter, Jedermann äußerte seine Meinung und endlich war man allgemein der Ansicht, daß es Land gewesen sein müsse.

Nur John Mackay behauptete, daß es kein Land sei, und daß, selbst wenn es dies wäre, von einer gewissen Aussicht auf Rettung noch keineswegs die Rede sein könne.

Die unglückliche Madame Bremner, welche durch den Tod ihres Gatten und durch ihre eigenen Leiden schon völlig zu Boden gedrückt gewesen war, klammerte sich jetzt mit der Kraft der Verzweiflung an den schwachen Hoffnungsschimmer, und John Mackay's beharrliches Leugnen, daß das Gesehene Land sei, sowie seine Gleichgültigkeit gegen diese Nachricht, wenn sie auch auf Wahrheit beruhen sollte, machten sie vollends ganz unglücklich.

»Warum wollt Ihr denn nicht glauben, daß wir in der Nähe einer Küste sind? « rief sie aus; »und warum scheint Ihr Euch ganz und gar nicht darnach zu sehnen, wenn Ihr es auch glauben wolltet?«

»Weil ich erstens wirklich nicht glaube, daß ein Land in der Nähe sein kann,« antwortete der Hochbootsmann, »und dann, weil es in diesem Falle nicht unsere Rettung, sondern gerade unser unvermeidliches Verderben sein würde.«

»Unser Verderben? Warum denn?«. fragte die arme Frau,mit einem fieberglühenden Blicke.

»Weil wir das Schiff nicht regieren und daher unmöglich in einen Hafen steuern können, weil es eben deshalb in bedeutender Entfernung von der Küste auf den Grund stoßen und dann unfehlbar von den Wellen zertrümmert werden wird. Wenn Sie nicht mehr die Kraft in sich fühlen, Ihre Leiden zu ertragen, so wünschen Sie die Nähe, einer Küste herbei, und Sie können überzeugt sein, daß wie dann gewiß von allen unsern Qualen erlöst werden.«

Diese Prophezeiung aus dem Munde eines so erfahrenen Seemannes, wie John Mackay, versetzte Jedermann in eine verzweiflungsvolle Bestürzung, und mit der Hoffnung, die er den Unglücklichen geraubt hatte, erlosch auch das Gepräch wieder.

John erzählt selbst, daß die Ankündigung von der Nähe einer Küste ihm einen so geringen Trost gewährt habe; daß er eingeschlafen sei und am folgenden Morgen, als er erwachte, nicht einen Blick auf den Punkt des Horizonte geworfen habe, wo man sie gesehen haben wollte.

In dem nämlichen Augenblicke aber bewegte einer von den im Fockmastkorbe befindlichen Matrosen sein Taschentuch und versuchte das Wort »Land!« auszurufen.

Man sah das wehende Tuch und ahnte, was der Mann sagen wollte; aber der Ruf seiner schwachen Stimme schlug nur als ein unverständlicher Laut an's Ohr der in dem andern Mastkorbe befindlichen Schiffbrüchigen.

Beim Anblicke dieses Taschentuches regte sich jedoch auch in John Mackay der Wunsch, aufzustehen und sich umzusehen; da er sich aber gerade in einer bequemen Stellung befand, konnte er sich kaum dazu entschließen, und es bedurfte der ganzen Energie seines Willens, damit er seiner Neugierde endlich die Bequemlichkeit aufopferte. Die Folge seines Zauderns war, daß einer seiner Nebenmänner eher aufstand und erklärte, daß er wirklich Land sehe; seinem Beispiele folgte bald ein Dritter, und binnen wenigen Minuten standen Alle, der Hochbootsmann nicht ausgenommen, aufrecht im Mastkorbe.

John Mackay mußte nun ebenfalls zugeben, daß Das, was man vor Augen sah, wirklich einer Küste glich.

Als jedoch Madame Bremner ihn fragte, ob er glaube, daß es die Küste Koromandel sei, konnte sich der wackere Seemann, trotz der Schrecklichkeit der Situation, nicht enthalten, über diese naive Frage zu lächeln.

Im Laufe des Tages wurde indessen das Vorhandensein einer Küste in der angegebenen Richtung so augenscheinlich, daß auch John Mackay es nicht mehr leugnen konnte. Welches Land es aber war, davon hatte er, so wenig als alle Anderen, nicht die entfernteste Idee.

Jedermann schwebte nun in einer unbeschreiblichen Angst; merkwürdiger Weise aber erwachte mitten in der allgemeinen Angst einige Hoffnung in John, und auch diese Hoffnung hatte er wieder aus einem religiösen Gedanken geschöpft.

Dieser religiöse Gedanke, der in Johns Herzen aufgestiegen, war der, daß Gott die Schiffbrüchigen unmöglich habe so lange leiden lassen können, um in dem Augenblicke, wo er ihnen die Hoffnung wiedergab, ihren Leiden durch den Tod ein Ende zu machen.

Als daher Madame Bremner ihn durch einen Blick befragte, als ob sein Ausspruch ein Orakel wäre, das über Leben und Tod entscheiden sollte, erhob John Mackay Augen und Hände zum Himmel und sprach das Wort aus:

»Ich hoffe!«

Von nun an verwendeten die unglücklichen kein Auge mehr von der Küste. Leider aber zeigte es sich, je näher man derselben kam; immer deutlicher, daß sie höchst wahrscheinlich unbewohnt war.

Der Hochbootsmann traf seine Anstalten für die Nachtruhe, fest überzeugt, daß diese seine letzte Nacht sein und daß das Schiff vor dem nächsten Morgen auffahren und auseinander gehen werde.

Er war jedoch so ermüdet, daß er dem ungeachtet fest schlief.

Kurz vor Sonnenaufgang wurde er wirklich, wie alle anderen Schlafenden, durch eine heftige Erschütterung geweckt; das Schiff war auf eine Klippe gestoßen. Ein schwacher Schrei, der aber sogleich wieder erstarb, entschlüpfte jedem Munde.

Darauf folgte eine ängstliche Stille.

Die Stöße wiederholten sich noch mehrere Male, und sie waren so heftig, daß jedes Mal die beiden Maste erschüttert wurden und die Schiffbrüchigen nicht in den Mastkörben aufrecht stehen konnten, sondern sich niederlegen und anhalten mußten.

Zwischen neun und zehn Uhr Morgens fiel das Meer um mehrere Fuß, und der noch vorhandene Theil des Verdecks erschien über dem Wasserspiegel.

Es war nun die Rede davon, daß man auf das Verdeck hinuntersteigen wolle.

Dies war aber keine Kleinigkeit in dem Zustande, in den die zwanzigtägige Hungersnoth die noch Lebenden versetzt hatte. Man wird sich leicht eine Vorstellung davon machen können, welchen Anblick diese Unglücklichen darbieten mußten, die sich zwanzig Tage lang von Nichts als einigen Tropfen Regenwasser genährt hatten!

Man versuchte es indessen, und wie der Mensch so ziemlich Alles kann, was er will, es gelang.

Ja, noch mehr, der Kanonier und der Hochbootsmann unternahmen es sogar, Madame Bremner hinunter zu tragen, und sie erreichten auch nach unsäglichen Anstrengungen die Schwigtingen; hier aber verließen sie die Kräfte, und sie konnten nicht weiter.

Sie wendeten sich nun an diejenigen,Lascars, die noch am Wenigsten erschöpft waren, und zwei von ihnen erboten sich, Madame Bremner vollends hinunter zu tragen; da sie aber wußten, daß die arme Frau dreißig Rupien gerettet hatte, verlangten sie acht davon für ihre Mühe.

Der Kanonier und John Mackay versprachen sie ihnen im Namen der Madame Bremner.

Sie stiegen nun bis zu ihr hinauf, nahmen sie auf die Arme und brachten sie glücklich auf's Verdeck.

Kaum waren sie hier angekommen, so verlangten sie die Auszahlung der acht Rupien.

Madame Bremner war so froh, daß sie nicht mehr in dem unglücklichen Mastkorbe war, in dem sie so unsäglich gelitten hatte, und sie setzte, trotz Mackay's Aussagen, so große Hoffnungen auf die vor ihren Blicken liegende Küste, daß sie ihnen mit Vergnügen Alles gegeben haben würde, was sie besaß. Aber der Hochbootsmann machte sie darauf aufmerksam, daß die zweiundzwanzig Rupien ihr ganzes Vermögen wären und daß es am Ende besser sei, sie erforderlichen Falls für das Gemeinwohl Aller zu verwenden, als sie zwei Schurken zu geben, welche schändlich genug waren, um sich. in einer solchen Lage einen kleinen Dienst bezahlen zu lassen, den sie einer Frau, und noch dazu der Gattin ihres Kapitains, erzeigt hatten.

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John Mackay versichert übrigens, daß dieser Zug das einzige Beispiel von Habsucht und Egoismus gewesen sei, das man der Mannschaft zum Vorwurfe machen,konnte.

Das Hinuntersteigen auf das Verdeck hatte so große Anstrengungen gekostet, daß Jedermann nur an die Ruhe dachte, mit Ausnahme einiger Malayen und Lascars, die sogleich Alles durchstöbertem um zu sehen, ob sie nicht in irgend einem Winkel etwas Geld fänden. Während sie damit beschäftigt waren, machte der Hochbootsmann die Entdeckung, daß der obere Theil des Steuerruders von den Wellen abgerissen worden war und daß man durch die entstandene Oeffnung leicht in die Constabelkammer gelangen konnte.

Sobald das Zwischendeck vom Wasser frei war, was ungefähr um zwei Uhr Nachmittags geschah, ging man hinab, um zu sehen, ob man vielleicht einen nutzbaren Gegenstand fände; allein das Meer hatte hier einen langen Besuch abgestattet und sich Alles angeeignet, bis auf vier Kokosnüsse, die man unter dem Tauwerk entdeckte. Was nun geschah, tröstete einigermaßen hie Rechtschaffenen über die unmenschliche Habsucht der beiden Lascars. Die, welche die vier Kokosnüsse gefunden hatten: behielten sie nicht für sich, obgleich sie das Recht dazu gehabt hätten, sondern sie erklärten, daß diese kostbaren Früchte das gemeinschaftliche Eigenthum Aller seien und redlich getheilt werden sollten. Die einzige Prämie, die sie beanspruchten, war die Milch.

Die Nüsse waren jedoch so alt, daß 'sich die Milch in eine Art ranziges Oel verwandelt hatte, das unmöglich den Durst löschen konnte.

Auch die fleischigen Theile waren so trocken und hart geworden, daß sie fast gar keinen Nahrungsstoff mehr enthielten und daß Diejenigen, welche Etwas davon aßen, heftiges Magendrücken bekamen. Ueberhaupt quälte Alle der Durst weit mehr als der Hunger.

Abgesehen von dem völligen Mangel an Speise und Trank, an den sich die Unglücklichen fast gewöhnt zu haben schienen, war der Aufenthalt in der Constabelkammer viel erträglicher, als in den Mastkörben. Es war noch seine Aussicht vorhanden, an's Land zu gelangen; hätte man solche aber auch gehabt, so war es, da die entdeckte Küste unbewohnt zu sein schien, noch immer besser, ruhig und sanft in dieser Kammer zu sterben, als von Tigern zerrissen zu werden. Außerdem konnte man von einem Schiffe gesehen und von ihm aufgenommen werden, was eigentlich noch die einzige wirklich annehmbare Hoffnung war.

Der Anblick des Landes schien übrigens schon einen günstigen Einfluß auszuüben, denn seit dem man es entdeckt hatte, war noch Niemand wieder gestorben. Aller Blicke waren beständig auf die rettende Küste gerichtet, von der man kaum eine Stunde entfernt war.

Um zwei Uhr Nachmittags zeigten sich Gruppen lebender Geschöpfe am Ufer, welche aussahen, wie menschliche Gestalten. Diese Nachricht verbreitete sich sogleich auf dem unglücklichen Schiffe, und wer sich noch von der Stelle bewegen konnte, schleppte sich auf die Schanzverkleidung, um durch Schwenken von Kleidungsstücken und möglichst lautes Rufen die Aufmerksamkeit dieser Leute auf sich zu ziehen. Sie entfernten und zerstreuten sich jedoch bald wieder, ohne daß sie dem Schiffe die mindeste Aufmerksamkeit geschenkt zu haben schienen, und die Schiffbrüchigen zweifelten daher fast daran, daß es Menschen gewesen waren.

Dem ungeachtet hob der Anblick der Küste und der Geschöpfe, von denen sie bewohnt war, was für welche es auch sein mochten, ihre Kräfte wieder, und man sprach davon, um jeden Preis an's Land zu gelangen, sollte man auch bei dem Versuche umkommen. In Folge dessen gingen Diejenigen, welche sich noch am Kräftigsten fühlten, in die Constabelkammer hinunter, wo man Spieren und Segelstangen gesehen hatte, schafften mit großer Mühe etwa ein halbes Dutzend davon hinauf und warfen sie ins Meer. Aber diese wenigen Stämme waren nicht hinreichend, um Alle zu retten, und die Kräfte der Unglücklichen waren zu erschöpft, als daß sie mehr hätten herausschaffen können.

Leider war auch keine Hoffnung, daß die gesunkenen Kräfte zurückkehrten, denn durch jede Anstrengung wurden sie noch mehr vermindert. Man legte sich nieder und wartete.

Am Abende, als die Fluth zu steigen begann, sprangen sechs Lascars, die kräftigsten von allen noch Lebenden, in's Meer, umklammerten die Spieren und ließen sich von der Fluth an's Ufer treiben, das sie auch, trotz der heftigen Brandung, vor den Augen der auf dem Schiffe Zurückgebliebenen glücklich erreichten.

Diese konnten nun sehen, wie sie einen Bach fanden und mit unverkennbaren Zeichen von Freude daraus tranken; dann legten sie sich, da sie wahrscheinlich nicht die Kraft hatten, weiter zu gehen und eine andre Nahrung zu suchen, am Strande nieder und schliefen ein.

Am folgenden Morgen vor Tagesanbruch waren die Schiffbrüchigen wieder auf der Schanzverkleidung, um bei den ersten Strahlen der Sonne das Land wieder zu sehen und zu erfahren, ob den sechs Lascaren, um,die man während der Nacht sehr besorgt gewesen, kein Unglück begegnet war.

Zum Glück war ihnen Nichts geschehen; man sah sie an der Stelle, wo sie sich am vorigen Abende niedergelegt hatten, aufstehen, wieder an den Bach gehen und daraus trinken.

Nur zu gern hätten die noch auf dem Schiffe Befindlichen das Beispiel ihrer Gefährten nachgeahmt und es ebenfalls versucht, das Land zu erreichen. Aber sie waren so schwach, daß sie Alle zusammen nicht die kleinste Spiere auf's Verdeck tragen konnten. Es befanden sich in der That nur noch zwei Frauen, von denen die eine Madame Bremner war, ein Mann von etwa fünfzig Jahren, der schon bei der Abreise kränklich gewesen war, und drei noch ältere Männer an Bord. Merkwürdiger Weise hatten gerade diese schwächlichen Geschöpfe zum Erstaunen des kräftigen und gefunden John Mackay, der jetzt nicht minder erschöpft war als sie, Entbehrungen und Anstrengungen ertragen, denen die stärksten und jüngsten Männer erlegen waren.

Gegen Mittag bemerkte man eine große Anzahl Leute, wahrscheinlich Eingeborene des Landes, die sich am Strande versammelten und dann auf die Stelle zu gingen, wo die sechs Lascars sich wieder niedergelegt hatten.

Diese schienen keinen andern Wunsch zu haben, als nur immer in der Nähe des Baches zu bleiben.

Dieser Anblick erregte natürlich die Aufmerksamkeit der auf dem Schiffe Zurückgebliebenen im höchsten Grade. In der That, konnte Das, was jetzt vor ihren Augen geschah, über ihr Loos entscheiden, und es war unbestreitbar die interessanteste und spannendste Scene in dem ganzen entsetzlichen Drama.

Die beiden Gruppen blieben in einiger Entfernung von einander stehen und schienen einige eher freundschaftliche als feindselige Worte zu wechseln; dann schloß sich die kleinere Gruppe der größeren an, vermischte sich mit ihr, und während Einige am Ufer ein Feuer anzündeten, wahrscheinlich um Reis zu kochen, kamen die Anderen dem Schiffe so nahe als möglich und schwenkten Tücher, um den dort Befindlichen zu verstehen zu geben, daß sie ebenfalls an's Land kommen sollten.

Diese Winke machten einen ergreifenden Eindruck auf die Unglücklichen. Anstatt der wilden Thiere, von denen die Küste hätte bewohnt sein können, fand man Menschen, welche den an's Land Gekommenen Beistand leisteten und auch den noch Kommenden solchen zu leisten bereit waren. Die guten Leute hatten jedoch keine Boote, und hätten sie auch welche gehabt, so würden sie sie wegen der starken Brandung nicht haben benutzen können; aber die tröstende Stimme der Hoffnung sagte den Schiffbrüchigen, daß sie gewiß ein Mittel finden würden, um zu ihnen zu gelangen und sie zu retten.

In folge dieser neu belebten Hoffnung beschloß jetzt der Hochbootsmann John Mackay, der in dem Anblicke des Vorgangs am Ufer wieder ein wenig Kraft gefunden hatte, alles Mögliche zu versuchen, um ebenfalls an's Land zu gelangen.

Er theilte den Anderen seinen Entschluß mit und bat sie, daß sie ihm behilflich sein möchten, noch einige Spieren 'in's Meer zu werfen.

Der Kanonier, der Equipagenmeister und der junge Mensch, von dem wir gesprochen haben, vereinigten ihre Anstrengungen, um diesen Zweck zu erreichen; nach einigen Augenblicken aber verließen sie die Kräfte und sie legten sich traurig wieder auf's Verdeck nieder.

John Mackay und der junge Mann setzten nun die Arbeit allein fort.

Mit unsäglicher Mühe gelang es ihnen, eine Spiere an einer Leine in's Meer zu lassen; am andren Ende dieser Leine befestigten sie eine losgerissene Planke der Bordwand, und so hatte Jeder von ihnen ein Stuck Holz, das ihn bei dem Versuche unterstützen konnte.

Als jedoch John in's Wasser springen wollte, sank ihm der Muth, und er war nahe daran, wieder umzukehren, um lieber auf dem Schiffe den Tod zu erwarten, anstatt ihm entgegen zu gehen. Das Beispiel seines jungen Gefährten ermuthigte ihn indessen, und er entschloß sich endlich zu dem Wagstücke, besonders da er überlegte, daß die Leute nicht ewig am Ufer bleiben würden und daß er wahrscheinlich am folgen den Tage noch weniger Kraft haben werde, als heute. Er nahm daher Abschied von der unglücklichen Madame Bremner, die nicht mehr gehen und kaum noch sprechen konnte, und versprach ihr, daß, wenn er die Küste erreichen sollte und es ihm möglich wäre, ihr irgendwie Hilfe zu senden', dies unverzüglich geschehen solle.

Sie gab ihm eine von den zweiundzwanzig Rupien, die sie noch besaß und die sie, um so sorgfältiger verwahrte, als sie schon Gelegenheit gehabt hatte, ihren Werth schätzen zu lernen.

John Mackay schwang sich nun auf sein Stück Holz, von dem sich die Leine von selbst ablöste, während er ein kurzes Gebet sprach; dies dünkte ihm ein gutes Vorzeichen, denn er erblickte in dieser ersten Bewegung nach dem Ufer die leitende Hand Gottes.

Kaum befand er sich im Wasser, so bemerkte er mit freudigem Erstaunen, daß seine erstarrten Glieder, die er noch vor fünf Minuten kaum hatte bewegen können, ihre ganze Gelenkigkeit und selbst ein wenig Kraft wieder erhielten.

Er überzeugte sich jedoch bald, daß die Spiere, anstatt ihn zu unterstützen, ihn in seinen Bewegungen hinderte. Bei jedem Wellenschlage drehte sie sich, so daß er unter das Wasser gedrückt wurde. Auch bemerkte er bald, daß die Fluth ihn nicht dem Lande zu, sondern in paralleler Richtung mit der Küste forttrieb. Er sah ein, daß er diese Anstrengungen nicht lange werde ertragen können, und versuchte daher, das Drehen der Spiere zu verhindern; zu dem Ende umschlang er sie mit einem Arme und einem Beine und ruderte mit dem andren Arme und dem andren Beine in gerader Richtung auf die Küste zu. Eine Zeitlang ging dies vortrefflich und er begann schon wieder Muth zu fassen, als plötzlich eine große Welle über ihn weg ging, ihm die Spiere entriß und ihn, fast betäubt durch das heftige Sturzbad, eine Strecke weit mit fort schwemmte.

Es gelang ihm indessen, wieder über das Wasser zu kommen, in dem nämlichen Augenblicke aber wurde er durch eine neue Woge abermals hinunter gedrückt.

Dies Mal glaubte der arme John, daß sein Ende gekommen sei und er wollte sich schon dem Spiele der Fluthen überlassen, als er plötzlich einen heftigen Stoß fühlte.

Eine Welle hatte ihn gegen die Spiere geworfen, die ihm die vorhergehende entrissen hatte.

Er erfaßte sie wieder, wurde abermals einige Male von ihr herumgedreht, fühlte aber dabei, daß er den sandigen Meeresgrund streifte, woraus er schloß, daß die Küste nicht mehr weit entfernt sein konnte, obgleich er sie noch nicht sah..

Eine von den immer zahlreicher und heftiger auf einander folgenden Wellen schleuderte ihn endlich gegen eine Kuppe, an die er sich festhielt, damit ihn die nächste Welle nicht wieder zurückwerfen konnte; zu gleicher Zeit ließ er die Spiere los, und die nächste Welle ging in der That vorüber, ohne daß sie ihn von seinem Riffe losreißen konnte.

Er schleppte sich nun mit ungeheurer Anstrengung bald auf dem Grunde fort, bald umklammerte er wieder einen Felsen, und so erreichte er nach und nach glücklich das Ufer.

Als er aber hier ankam; war er so erschöpft, daß er, ohne sich darum zu kümmern, ob die Wogen der Brandung ihn erreichen und wieder in die offene See spülen konnten, an einen Stein gelehnt auf den Sand niederfiel und sogleich einschlief.

Als er wieder erwachte, sah er sich von etwa zwölf Männern umgeben, welche die Hindusprache sprachen, und dies war eine große Freude für ihn, denn er hatte schon gefürchtet, daß die Küste nicht zum Gebiete der ostindischen Compagnie gehören möchte.

Da er diese Sprache ein wenig kannte, knüpfte er sogleich ein Gespräch mit den Leuten an und erfuhr, daß sie Rajas oder Landleute waren, der Punkt der Küste, auf dem er gelandet, sechs Tagereisen von Chittagong oder Islamabad, der Hauptstadt des britischen Bezirks gleiches Namens, entfernt war, welche neunzig Lieues von Kalkutta, an der Grenze des Reiches Arakan liegt.

John fragte hierauf die Leute, in deren Mitte er sich befand und welche ihm diese beruhigenden Aufschlüsse gegeben hatten, ob sie ihm nicht einige, wenn auch ungekochte Körner Reis geben, könnten. Sie antworteten ihm, daß er mit ihnen zu seinen Leidensgefährten kommen solle, wo sie für ihn das Nämliche thun wollten, was sie schon für diese gethan hätten.

John. versuchte aufzustehen, war es aber nicht im Stande. Zwei Männer halfen ihm auf die Füße, und da er auch nicht gehen konnte. nahmen sie ihn auf die Arme und trugen ihn nach einer etwa vierhundert Schritt entfernten andren Gruppe von Menschen.

Auf dem Wege dahin kamen sie an einen Bach. Als John dieses klare Wasser sah, bat er seine Träger um die Erlaubniß, daraus trinken zu dürfen.

Sie wollten ihm dies anfangs nicht gestatten; auf seine dringenden Bitten aber legten sie ihn endlich am Rande des Baches nieder, und er trank daraus so viel Wasser als er nur konnte, denn er fürchtete, daß er ihn nicht wiederfinden möchte, wenn sein Mund ihn einmal verlassen hätte.

Die Hindus rissen ihn endlich mit Gewalt davon weg, weil sie mit Recht besorgten, daß eine zu große Quantität Wasser ihm nachtheilig werden könnte.

Das reine frische Wasser hatte ihm jedoch im Gegentheil so wohl gethan, daß er beim Aufstehen zu seiner großen Freude bemerkte, daß er gehen konnte. So erreichte er, auf die Arme seiner Führer gestützt, die zweite Gruppe.

Dort fand er nicht allein den jungen Menschen; mit dem er zu gleicher Zeit das Wrack verlassen hatte, so wie die vorher an's Land geschwommenen Lascars, sondern auch den Kanonier und den Equipagenmeister, die sich nach ihm den Wellen anvertraut und die Küste ebenfalls glücklich erreicht hatten.

6.
Die Rupien der Madame Bremner finden abermals nützliche Verwendung

Die Freude des unglücklichen John über das Wiedersehen seiner Leidensgefährten, über seine Rettung und über den Anblick des Reises, den er kochen sah, war so groß, daß sie ihn fast um den Verstand gebracht hätten.

In Folge dessen dachte er in diesem Augenblicke gar nicht an die arme Madame Bremner: denn er war nicht im Stande, seine Gedanken zu sammeln, noch weniger sie mit Worten auszudrücken und hatte nur eine unbestimmte verworrene Erinnerung von dem Geschehenen.

Der Reis war inzwischen gar geworden. John nahm einige Körner in den Mund, kauete sie, konnte sie aber nicht hinunterschlucken. Als einer der Rajas seine vergeblichen Anstrengungen sah, goß er zum Scherz ein wenig Wasser in die Hand und warf es ihm in's Gesicht. Von diesem Waffe: bekam er einige Tropfen in den Mund und sie spülten die Reiskörner mit hinunter; durch wiederholte Anstrengungen erhielten überdies seine Schlingmuskeln ihre Elastizität wieder, und bald konnte er schlucken. Anfangs mußte er jedoch zu jedem Löffel Reis auch einen Löffel Wasser nehmen. Diese Erstarrung der Halsmuskeln war indessen noch nichts gegen die andren Qualen des armen John. Durch die Hitze und Trockenheit waren nicht nur die Lippen, sondern die ganze Mundhöhle aufgesprungen und bei jeder Bewegung der Kinnladen quoll das Blut aus den Rissen, die ihm unerträgliche Schmerzen verursachten.

Der Schlummer machte diesen Schmerzen ein Ende. Kaum hatte John einige Löffel Reis und etwa in Glas Wasser genossen, so übermannte ihn auf's Neue der unwiderstehliche Schlaf, in den er schon einmal versunken war, und er erwachte erst gegen Abend wieder.

In diesem Augenblicke des Erwachens fühlte sich der wackere Mann wie neu geboren, denn alle seine Körper- und Geisteskräfte kehrten allmählig zurück und damit auch sein Gedächtniß.

Er erinnerte sich der jüngsten Vergangenheit und rief mit einem Ausdrucke von Angst und Reue aus:

»Ach! die arme Madame Bremner!«

Er sagte hierauf den Rajas, daß noch die Gattin des Kapitains und einige andere Personen auf dem Schiffe zurückgeblieben seien und daß diese Personen Geld hätten, um sie zu belohnen, wenn sie einen Versuch zu ihrer Rettung machen wollten.

Die zweifache Hoffnung, eine gute That zu verrichten und Geld zu verdienen, hatte den günstigen Erfolg, daß die Raja's versprachen, das Wrack während der Nacht im Auge zu behalten. Ihrer Meinung nach mußte in der Nacht die Fluth das Schiff noch näher an die Küste treiben und dadurch das Rettungswerk erleichtert werden.

Dies war Alles, was der arme John noch verstand, denn die unüberwindliche Schlafsucht überfiel ihn auf's Neue; er sank zu Boden und schlief schon fest, als der Raja noch sprach.

Um Mitternacht wurde er geweckt und ihm gemeldet, daß die Dame mit ihrem Sclaven glücklich an's Land gebracht worden sei.

Er stand sogleich auf und ging zu ihr, ohne mehr einer Stütze zu bedürfen.

Madame Bremner saß am Feuer; sie hatte eben ein Glas Wasser getrunken und ein wenig Reis gegessen. Ihr Gesicht war der Spiegel der höchsten irdischen Freude.

John's Bemerkung, daß sie Geld habe, wäre fast ihr Verderben geworden. Einige von den am Strande umherstreifenden Raja's hatten schon das Komplott angezettelt, sich auf das Wrack zu begeben und sie auszuplündern; ein rechtschaffener Birmane aber, der John Mackay schon seinen Turban gegeben, hatte sich vor den Räubern auf das Schiff begeben und die unglückliche Frau gerettet, ohne einen Lohn dafür zu verlangen.

In der nämlichen Nacht ging das Wrack auseinander. Der Rumpf blieb zwischen einigen Riffen eingeklemmt, das Verdeck aber wurde so nahe 'an's Ufer getrieben, das die bis zuletzt auf dem Schiffe gebliebenen beiden Männer ebenfalls, gerettet werden konnten.

Die Naht war sehr unfreundlich z es regnete in Strömen und die obdachlosen Schiffbrüchigen hatten viel von der Kälte zu leiden. Am Morgen gaben ihnen die Eingeborenen noch ein wenig Reis, erklärten aber zu gleicher Zeit, daß sie in Zukunft nichts mehr umsonst bekommen könnten, sondern Alles, was sie ferner haben wollten, bezahlen müßten.

Die Unbesonnenheit, welche John Mackay begangen hatte, indem er von den Rupien der Madame Bremner sprach, trug ihre Früchte.

Die Lascars, welche zuerst an's Land geschwommen waren und auch zuerst die unglückliche Witwe des Kapitains in Kontribution gesetzt hatten, trafen ein Abkommen mit den Eingeborenen und nahmen von nun an mit an ihren Mahlzeiten Theil, denn ihre Religionsgebräuche erlaubten ihnen nicht, mit Leuten andren Glaubens an einem Tische zu essen.

Madame Bremner, die sich jetzt doppelt freute, daß sie einiges Geld gerettet hatte, weil es nicht nur ihr selbst, sondern auch den Anderen nützlich wurde, unterhandelte mit den Eingeborenen, und sie erklärten sich bereit, für zwei Rupien täglich sie und die übrige gerettete Mannschaft vier Tage lang mit Lebensmitteln zu versorgen.

Nach Verlauf dieser vier Tage hoffte man hinlänglich gestärkt zu sein, um das nächste Dorf zu erreichen, welches dreißig Meilen nördlich lag.

Die Schiffbrüchigen wunderten sich darüber, daß die Eingeborenen, anscheinend aus keinem anderen Grunde, als um sie zu bedienen, am Strande blieben; beim Eintritte der Ebbe aber wurden ihre Absichten offenbar. Sie begaben sich auf das Schiff und durchsuchten es, um zu sehen, ob sie vielleicht noch etwas Werthvolles darin fänden.

Sie fanden nichts, als einige zerbrochene Gewehre, ein wenig Eisen und Blei und das Kupfer der Beschläge.

Diese Plünderung machte einen schmerzlichen Eindruck auf den guten John, denn kein braver Seemann steht es gern, wenn das Schiff, auf dem er gefahren ist, verstümmelt wird. Er bemerkte daher den Eingeborenen, daß ihre Spekulation zwar für den Augenblick vortheilhaft sei, ihnen aber in der Folge leicht nachtheilig werden könne', indem die Besitzer des Schiffes wahrscheinlich früher oder später ihr Eigenthum von ihnen zurückfordern würden. Diese Bemerkung wurde jedoch sehr übel aufgenommen und er sollte bald erfahren, daß er besser gethan hätte, sie nicht zu äußern.

Von diesem Augenblicke an erhielt er von den Reislieferanten immer die kleinsten Portionen und wurde stets zuletzt bedient. Ohne einen braven Birmanen, der ihm seinen Turban geliehen und der Madame Bremner gerettet hatte, würden sie ihn vielleicht sogar haben hungern lassen.

Es war übrigens ein großes Glück, daß ihnen die Nahrung so spärlich zugemessen wurde; denn im entgegengesetzten Falle hätten sie sich durch zu reichliches Essen den Tod zuziehen können. Da aber die Eingeborenen nicht deshalb so geizig waren, um den Schiffbrüchigen das Leben zu erhalten, wußten diese ihnen ihre Knauserei keines Weges Dank.

Wahrscheinlich um ihren Reisvorrath zu schonen, gingen mehrere von den Raja's auf die Jagd und erlegten einige Stück Wild, die sie ganz in der Nähe ihrer Gäste brieten, ohne ihnen jedoch etwas davon anzubieten; diese hoben demüthig die abgenagten Knochen auf und kochten sich eine Suppe davon, die ihnen so vortrefflich schmeckte, daß sie sie bis auf den letzten Tropfen genossen.

Die Zeit verging indessen, ohne daß sich bei der schmalen Kost die Kräfte der Unglücklichen heben wollten. Besonders Madame Bremner war noch so schwach, daß sie sich nicht auf den Füßen erhalten konnte. Sie fragte daher die Hindus, ob sie sie und ihren Sclaven nicht bis zum nächsten Dorfe in einen Palankin tragen könnten.

Die Unterhandlungen dauerten lange, denn die die Börse der Madame Bremner sei unerschöpflich. Endlich ließen sie sich bereit finden, für zwölf Rupien den Transport zu übernehmen.

So besaß also die arme Dame noch zwei Rupien.

Für diese beiden letzten Rupien wollte man sie und ihre drei Begleiter bis zum nächsten Dorfe noch mit Reis versehen.

Die vier Personen, für welcher dieser Handel abgeschlossen wurde, waren Madame Bremner, ihr Sclave, John Mackay und der junge Mann, der mit ihm an's Land geschwommen war.

John fürchtete sehr, daß er nicht die Kraft haben werde, den Palankin zu Fuße zu begleiten. Er wollte daher mit den Hindus auch wegen seiner Transportirung unterhandeln; aber sie verlangten dafür sechzehn Rupien baar, indem sie behaupteten, er sei noch einmal so schwer als Madame Bremner.

Der arme John mußte sich demnach entschließen, auf ein Bambusrohr gestützt, neben dem Palankin her zu gehen.

Der Aufbruch fand am 17. Juli statt.

Die kleine Truppe, welche den Palankin begleitete, bestand aus John, dem Kanonier, dem Equipagenmeister und dem jungen Matrosen. Die Lascars hatten nähere Bekanntschaft mit den Eingeborenen, gemacht und blieben bei ihnen.

Man ging zuerst ungefähr zwei Meilen weit; dann wurde eine Stunde Halt gemacht. Während dieser kurzen Rast schlief' John wieder ein. Als er aber erwachte, fühlte er sich so matt, daß er nicht glaubte, weiter mit fortkommen zu können. Es gelang ihm jedoch, sich wieder aufzuraffen; aber er mußte so oft ausruhen, daß er es für besser hielt, zurückzubleiben, damit wenigstens die Anderen nicht aufgehalten würden.

Der junge Matrose, dessen besondere Zuneigung er sich erworben hatte, blieb bei ihm, und daß dieser ihn nicht verließ, durfte er überzeugt sein, denn er fürchtete sich so sehr vor den Tigern, daß er sich keine zwanzig Schritt weit zu entfernen wagte.

Gegen vier Uhr Nachmittags verloren sie ihre Gefährten aus den Augen. In dem nämlichen Augenblicke aber bemerkten sie eine Truppe Eingeborener von Arrakan, welche Mogs genannt werden. Diese Indier waren am Strande damit beschäftigt, Reis zu kochen und sie sahen entweder; die beiden Wanderer nicht oder achteten nicht auf sie.

John, dem die Träger des Palankins keinen Reis gegeben hatten, empfand eine große Sehnsucht, an der Mahlzeit Theil zu nehmen, welche dort am Ufer gekocht wurde; da er aber die Sprache der Mogs nicht verstand und besonders auch kein Geld hatte, wußte nicht, wie er die Befriedigung seines Wunsch es erlangen sollte.

Bitten dünkten ihm, wenn nicht das sicherste, doch das mindest gefährlichste Mittel. Er näherte sich daher den Mogs mit ausgestreckter Hand und flehender Miene, und da sein abgezehrtes Gesicht so wie die Lumpen, in die er gehüllt war, keinen Zweifel an seiner Bedürftigkeit gestatteten, schien der Häuptling der Truppe im ersten Augenblicke Mitleid zu empfinden, so daß er ihn auf portugiesisch fragte, wie er in diesen traurigen Zustand gerathen sei.

Zum Glück verstand John etwas von dieser Sprache, und er konnte daher auf die an ihn gerichtete Frage antworten. Er erzählte seinen Schiffbruch, schilderte die entsetzlichen Hungerqualen, welche er und seine Unglücksgefährten zwanzig Tage lang ertragen hatten, sagte, auf welche wunderbare Art sie endlich an's Land gekommen waren, wie sie hier mit Hilfe der Rupien der Madame Bremner einige Unterstützung gefunden hatten und wie sie endlich von den Palankinträgern unterwegs zurückgelassen worden waren, weil sie kein Geld gehabt hatten, um sich ebenfalls tragen zu lassen.

Der Häuptling glaubte dieser Erzählung um so eher, da er vor einer Stunde einen von zwei Hindus getragenen Palankin, den die beiden Unglücksgefährten John's begleiteten, hatte vorüberkommen sehen.

Der Häuptling hatte ein gutes Herz; er tadelte die gefühllosen Menschen, die einen Unglücklichen hatten verlassen können, und führte John mit der majestätischen Würde eines Königs, der einem andren Fürsten die Gastfreundschaft gewährt, an sein Feuer, indem er sowohl ihn als seinen jungen Begleiter einlud, daran Platz zu nehmen.

Dann legte er ihm das Beste von seiner Mahlzeit vor, rieth ihm aber, nicht zu viel zu essen, nicht aus Geiz, sondern weil es nöthig sei, daß er seinen geschwächten Magen nicht überlade, und versprach ihm, daß er bis zur Ankunft im Dorfe für sie Beide sorgen wolle.

Ex gab ihnen in der That Reis auf drei Tage und sagte ihnen, daß die wilden Thiere den Rauch und das Feuer scheuten, so daß sie sich gegen ihre Angriffe sicher schützen könnten, wenn sie des Abends, ehe sie sich zur Ruhe niederlegten, ein tüchtiges Feuer anzündeten. Da sie kein Feuerzeug besaßen; zeigte er ihnen, wie man mit zwei Stücken Bambusrohr Feuer anzündete.

Da außerdem die Wunden, die sie an den Füßen und Beinen hatten, vom Staube und Sande verunreinigt waren und ihnen heftige Schmerzen verursachten, wusch er sie ihnen selbst und legte heilende Kräuter auf, verband sie dann sorgfältig mit alter Leinwand und wünschte ihnen, nachdem sie sich gehörig restauriert und ausgeruht hatten, glückliche Reise.

Der arme John war tief gerührt von dieser Menschenfreundlichkeit des Moghäuptlings, nachdem er die Habsucht der Lascars und die Gefühllosigkeit der Hindu's kennen gelernt hatte. Er konnte sich kaum entschließen ihn zu verlassen. Leider führte den Häuptling, der ein Hausirkrämer war, sein Weg nach einer ganz entgegengesetzten Richtung, denn er kam von Chittagong, seinem gewöhnlichen Wohnorte, und begab sich nach Arrakan, um seine Waaren dort abzusetzen.

Man mußte sich daher trennen. John wußte nicht, wie er sich gegen den edelmüthigen Indier dankbar bezeigen sollte; seine Thränen sprachen für ihn, und der Häuptling konnte nicht zweifeln, daß er seine Güte an keinen Undankbaren verschwendet hatte.

7.
Schluß

Zwei Lieues weiter hin fanden John und seine Begleiter Madame Bremner mit ihrer Eskorte in einer Hütte, wo sie Reis aßen.

John nahm stolz seinen Reis aus dem Quersacke, den er auf den Rücken trug und bereitete für sich und seinen Begleiter das Abendessen.

Während sie noch speisten, kamen mehrere von den Hindu's mit den sechs Lascars an, welche bei ihnen geblieben waren, um das Wrack der »Juno« auszuplündern.

Sie hatten ebenfalls dem Hausirer begegnet, dieser hatte ihnen wegen ihrer Unmenschlichkeit Vorwürfe gemacht, die ihnen natürlich sehr gleichgültig gewesen waren, ihnen aber auch gesagt, daß John Mackay ein angesehener Mann sei, der beim Gouverneur von Kalkutta wahrscheinlich auf strenge Bestrafung ihres Verfahrens antragen werde, und dies hatte einen sehr lebhaften Eindruck auf sie gemacht.

Sie begannen daher von diesem Augenblicke an, John mit mehr Rücksicht zu behandeln. Dieser aber wies ihre zu späten Artigkeiten mit Stolz zurück und nahm nur das Anerbieten des Führers an, seinen Reissack zu tragen.

Am folgenden Tage kamen die Reisenden an einen Fluß; durch sorgfältige Untersuchung desselben überzeugten sie sich, daß er wegen seiner Tiefe und seiner reißenden Strömung zur Flutzeit schwer zu passieren sein werde. Sei warteten daher bis zum Eintritt der Ebbe und benutzten diese Stunden zur Verfertigung eines Floßes von Baumstämmen.

Als das Meer sich zurückgezogen hatte, wurde das Floß vom Stapel gelassen, mehrere Hindu's schwammen nebenher, um es zu halten, damit es nicht vom Strome fortgerissen wurde, und man erreichte ohne Unfall das jenseitige Ufer.

John's Beine waren abermals so steif geworden, daß er schon fürchtete, er werde wieder zurückbleiben müssen; endlich aber überwand er durch festen Willen seine, Schwäche und erreichte kurz nach der kleinen Karawane den nächsten Haltort.

Am folgenden Tage kam man in dem von den Hindu's bewohnten Dorfe an. John war so ermüdet, daß er in die erste beste Hütte trat, deren Thür er offen fand, und sich, nachdem er um Entschuldigung gebeten hatte, auf eine Matte niederlegte, wo er sogleich in den unwiderstehlichen Schlaf versank, der ihn schon mehrere Male übermannt hatte.

Als er wieder erwachte, sah er sich von mehreren Hindu's umgeben, deren Theilnahme sein Zustand erweckt hatte und die ihn zu dem Zemindar des Dorfes begleiteten, von dem er sehr freundlich aufgenommen und mit allerhand Erfrischungen bewirthet wurde.

John war so wenig an diese Theilnahme von Seiten der Hindu's gewöhnt, daß die Aufmerksamkeiten des Zemindars anfangs einen sehr wohlthuenden Eindruck auf ihn machten; als er aber erfuhr, daß er sich nur noch hier Meilen von Ramu, der ersten Factorei der Compagnie befand, und, was nach dem ihm zu Theil gewordenen Empfange etwas ganz Natürliches war, den Zemindar bat, daß er ihm dazu behilflich sein solle, diese Factorei baldmöglichst zu erreichen, sah er mit dem größten Erstaunen, daß Jener, angeblich aus Rücksicht auf seinen Gesundheitszustand, seine ganze Beredsamkeit aufbot, um ihn zurückzuhalten, indem er ihm zugleich versprach, daß er ihn in vierzehn Tagen, wenn er sich völlig wieder erholt haben werde, in einem Boote von dreißig Rudern nach Kalkutta befördern lassen wolle.

Diese Bitten und Theilnahmebezeigungen waren zu auffallend und erzwungen, als daß John nicht sogleich hätte ahnen sollen, daß der Zemindar ein Interesse daran hatte, ihn möglichst lange von einer Stadt entfernt zu halten, wo er von seinem Schiffbruche Anzeige machen konnte.

Durch weiteres Nachdenken befestigte sich immer mehr die Ueberzeugung in ihm, daß der Zemindar nicht allein bei der bisherigen Plünderung der »Juno« betheiligt gewesen war, sondern daß er sich auch das Plünderungsmonopol für die Zukunft sichern wollte.

Die Ladung, welche, wie wir gesagt haben, ganz aus Teckholz bestand, mußte sich in der That vollkommen gut konserviert haben und sie war für den habgierigen Zemindar eine zu starke Versuchung, als daß er ihr hatte widerstehen können.

John bestand demnach darauf, daß er ihn auf der Stelle nach Ramu bringen lassen solle; als er aber sah, daß der Zemindar es sich fest vorgenommen hatte, ihn durch alle ihm zu Gebote stehenden Mittel zurückzuhalten, fügte er sich anscheinend den Bitten des Spitzbuben, traf aber Anstalten, um am folgenden Tage heimlich allein abzureisen.

Als er jedoch eben aufbrechen wollte, trat der Zemindar bei ihm ein.

Der schlaue Patron' hatte seine Absicht errathen und ging nun ganz offen zu Werke, indem er John bat, ihm ein Zeugniß darüber auszustellen, daß er keinen Antheil an der Plünderung der »Juno« genommen habe. Er sagte, daß er dieses Zeugnisses bedürfe, damit die Behörde des Distrikts Islamabad, die ihren Sitz in Chittagong hatte, ihn für das, was dem Schiffe schon begegnet sei und was ihm noch begegnen konnte, nicht verantwortlich machte.

Unter dieser Bedingung, oder vielmehr gegen diese Gefälligkeit wollte er ihm zu seiner Weiterreife nach Ramu oder nach jedem andren beliebigen Orte ein Boot zur Verfügung stellen.

John war vor Allem darum zu thun, daß er nach Ramu kam. Er stellte daher dem Zemindar das verlangte Zeugniß aus, schickte demselben aber eine ausführliche Erzählung des Schiffbruchs der »Juno« voraus, so daß die Behörde aus dem Zeugnisse ersah, daß Einige von den Schiffbrüchigen gerettet waren und der Unterstützung bedurften.

Es zeigte sich bald, daß John sehr Recht gehabt hatte, wenn er dem Zemindar nicht traute, denn anstatt daß ihm dieser am folgenden Tage die versprochenen Weiterbeförderungsmittel lieferte, begab er selbst sich mit seinem Zeugnisse nach Ramu, um es dem Phugedar vorzulegen. Als dieser sah, daß in dem Papiere von englischen Schiffbrüchigen die Rede war, übersandte er es dem Leutnant Towers, der ein in Ramu stehendes Truppendetachement commandirte. Towers ließ hierauf den Zemindar rufen, legte ihm mehrere Fragen vor und da er die Zweideutigkeit seiner Antworten bemerkte, schickte er sogleich ein Boot mit einer Eskorte, Lebensmitteln und Geld nach Ramu.

Außerdem überbrachte der Anführer der Eskorte auch einen Brief an John Mackay, dem, wie sich leicht denken läßt, in seinem Dorfe bange wurde, als er sah, daß der Zemindar verschwunden war.

Da am Abend des 22. das versprochene Boot noch immer nicht angekommen war und ihm, so oft er in der Wohnung des Zemindars nachfragte, jedes Mal gesagt wurde, er sei ausgegangen, beschloß John endlich, am folgenden Morgen auf jede Gefahr hin abzureisen. Damit sein Vorhaben durch den Einkauf von Lebensmitteln nicht verrathen wurde, legte Jeder von seinen Begleitern einen Theil des Abendessens zurück, worauf John sich zur Ruhe begab, mit der Absicht, am folgenden Morgen vor Tagesanbruch seinen Marsch anzutreten.

Er war jedoch kaum eingeschlafen, so wurde an seine Thür geklopft und ihm die Ankunft des Bootes nebst einer Eskorte gemeldet.

Am folgenden Morgen verließ die ganze Gesellschaft das Dorf und kam gegen Mittag in Ramu an.

Der Leutnant Towers erwartete die Schiffbrüchigen am Ufer des Flusses und führte sie sogleich in seine Wohnung. Madame Bremner erhielt sein eigenes Zimmer und die Anderen wurden in den übrigen Räumen des Hauses untergebracht.

Drei Tage lang durften sie an nichts weiter denken, als an ihre Pflege und Erholung; John Mackay sagt, daß der Leutnant, während dieser drei Tage ihr Diener, ihr Arzt und selbst ihr Koch gewesen sei.

Am 26. schifften sie sich auf zwei Boten wieder ein und kamen am 28. in Chittagong an, wo der Leutnant Price das Commando hatte.

Sie wurden dort eben so gut aufgenommen wie in Ramu, und der Leutnant Price zeigte sich nicht minder aufmerksam gegen sie als Towers.

Nachdem John Mackay, der noch immer sehr angegriffen war, wieder einen Tag ausgeruht hatte, begab er sich zu Mr Thomson, dem Gerichtsverweser des Districts Islamabad, und gab seine Erklärung zu Protokoll. Thomson sandte sogleich eine Wache zu dem Schiffe, um den Plünderungen Einhalt zu thun. Dann wurde ein genauer Bericht von allem Geschehenen abgefaßt und von Madame Bremner, der Witwe des Kapitains, dem zweiten Hochbootsmanne John Mackay und dem Kanonier Thomas Johnson unterzeichnet.

Dieser Bericht wurde den Eigenthümern des Schiffes. in Madras übersandt.

Acht Tage später, als John Mackay sich wieder vollkommen gesund und kräftig fühlte, kehrte er zu der »Juno« zurück, um zu retten was möglich war. Dies geschah am 8. August.

Er miethete dazu ein Boot und nahm mehrere Zimmerleute, sowie das nöthige Handwerkszeug mit.

Am 12. kam er in Ramu an, wo er beim Leutnant Towers ausruhte; am 14. setzte er die Reise in einem Palankin fort, und am 17. erreichte er die Bai, in welcher das Schiff gescheitert war und der er den Namen »Junobai« gab.

Es wurden zwei Hütten gebaut und am folgenden Tage das ganze Holz des Schiffsrumpfes am Strande aufgeschichtet und in Brand gesteckt, um das Eisen zu erhalten, das Einzige an dem alten Gerippe, was noch einigen Werth hatte.

Zu Anfang des Novembers kam der Kapitain Galloway mit dem Schiffe »Restauration«, das von Kalkutta abgesandt war, um das Eisen und die Holzladung einzunehmen, in der Bucht an.

Am 25. war die Ladung eingenommen und an dem nämlichen Tage ging die »Restauration« mit John Mackay an Bord wieder nach Kalkutta unter Segel, wo sie am 12. December 1795 glücklich eintraf.

Will der Leser nun noch wissen, was nach dieser entsetzlichen Katastrophe aus den Hauptpersonen unserer Erzählung wurde, so wollen wir es ihm sagen.

Nachdem John Mackay sich von dem Unglücke völlig erholt hatte, wurde er zu Anfang des Jahres 1796 zum Commandanten eines Schiffes der ostindischen Compagnie ernannt, mit dem er nach Europa segelte, wo er im Monat August 1796 ankam.

Madame Bremner wurde nach vollständiger Herstellung von ihren Leiden schöner und liebenswürdiger als je und sie schloß bald eine zweite, sehr vortheilhafte Verbindung.

Der junge Matrose endlich, der so große Furcht vor den Tigern gehabt hatte, nach der Katastrophe aber noch weit mehr Furcht vor dem Meere bekam, blieb in Chittagong, wo er als Hausirer rechtschaffen lebte und starb, welchen Beruf er wahrscheinlich zur Erinnerung an die portugiesischen Hausirer gewählt, bei denen er an dem Abende, als er und John Mackay von den Hindu's unterwegs zurückgelassen worden waren, so freundliche Aufnahme gefunden hatte.

Bontekoe.
(1619)

1

Zu Ende des Monat Mai 1619 segelten drei holländische Schiffe, der »Nieuw-Zeeland«, Kapiain Peter Thyß, der »Enekhuisen«, Kapitain Johann Janß, und der »Nieuw-Hoorn«, Kapitain Bontekoe, nachdem sie, ohne anzulaufen, das Kap der guten Hoffnung umschifft hatten, bei herrlichsten Wetter an der Küste von Natal hin.

Es war 182 Jahre her, seitdem der Portugise Bartholomäus Diaz, welcher abgesandt worden war, um den bekannten Priester Johann aufzusuchen, diesen Papst des Orients, den man seit drei Jahrhunderten suchte, das Kap umschifft hatte, ohne es zu ahnen, indem ihn ein Sturm auf seinen luftigen Schwingen von Süden nach Osten trug.

Von diesem Tage an war eine neue Wasserstraße nach Ostindien eröffnet. Um die zukünftigen Schiffsfahrer nicht abzuschrecken, hatte der König Johann II. von Portugal den Namen des »Sturmkaps« den ihm Bartholomäus Diaz bei seiner Zurückkunft nach Lissabon gegeben hatte, in den ermuthigenderen Namen »Kap der guten Hoffnung« verwandelt, den es bis auf den heutigen Tag behalten hat.

Zehn Jahre später kam de Gama an die Reihe. Er sollte Diaz's Reise wieder aufnehmen, wo dieser sie unterbrochen hatte; er sollte Indien mit Portugal, Kalikut mit Lissabon enger verbinden.

Nachdem er der Küste von Natal ihren Namen zum Gedächtniß der Nativität unsers Erlösers gegeben hatte, nachdem er vor Sofala, das er für das alte Ophir hielt, vor Anker gegangen war, nachdem er nach einander Mozambique, Quilloa, Mombaza und Melinda angelaufen und vom Könige der letztgenannten Stadt einen erfahrenen Lootsen erhalten hatte, steuerte er muthig in das indische Meer, segelte aller Wahrscheinlichkeit nach zwischen den Lacediven und Maldiven hindurch und landete am 20. Mai 1408 in Kalikut, dem Mittelpuncte des Handels, den Ostindien damals mit dem ganzen großen Continente zwischen Zanzibar und der Straße von Malacca trieb.

Dann kam Camoëns, der Homer des indischen Meeres, dessen »Lusiade« die epische Beschreibung seiner Reise ist.

Camoëns hatte im Kampfe gegen die Mauren von Ceuta fast um die nämliche Zeit ein Auge verloren, als Cervantes im Kampfe gegen die Türken von Lepanto eine Hand verlor. Es ist bekannt, daß er, nachdem er Goa besucht, nachdem er bei Tschembe, am Kap Guardasui und bei Mascat gekämpft hatte, wegen einiger satyrisch er Gedichte auf die Molukken verbannt wurde, daß Constantin von Braganza ihn zum Kurator der Erbfolgeangelegenheiten in Macao ernannte, daß Camoëns, da er in dieser Sache Nichts thun konnte, sein Gedicht schrieb, daß er sich mit seinem doppelten Schatze von Reichthum und Poesie nach Goa einschiffte, daß er, als das Schiff an der Küste von Siam scheiterte, sein Gold dem chinesischen Meere Preis gab, sein Gedicht aber hoch über die Wellen hielt und mit einer Hand sein Leben, mit der andern seine Unsterblichkeit rettete.

Aber, ach! obgleich sechs Jahre später die »Lusiade« erschien, obgleich noch in dem nämlichen Jahre eine zweite Auflage nöthig wurde, obgleich alle Portugiesen die Episode vom Riesen Adamasior und das Unglück der Inez de Castro auswendig konnten, sah man dem ungeachtet einen alten Mann an einer Krücke durch die Straßen von Lissabon hinken, um sich in's Kloster San Domingo zu begeben, wo er mit den Schülern theologische Vorlesungen anhörte, während ein javanesischer Sklave für ihn bettelte und ihn durch die erhaltenen Gaben ernährte.

Allerdings blieb Jeder, der dem Greise begegnete stehen, um ihn zu betrachten, und er konnte die für seinen Stolz tröstlichen Worte vernehmen:

»Das ist Luiz de Camoëns, der große Dichter!«

Und Einige setzten hinzu:

»Er ist wohl arm?«

Worauf immer eine Stimme antworte:

»Nein, der König, Dom Sebastian, hat ihm eine Pension ausgesetzt.«

Ja, der König, Dom Sebastian, hatte dem Manne, der der Ruhm seiner Regierung war, ein Jahrgeld von fünfundsiebzig Livres bewilligt! Als daher Dom Sebastian auf seinem Feldzuge in Afrika fiel, mußte der Dichter, der schon ärmlich genug wohnte, eine noch kleinere Wohnung in der Straße Santa Anna beziehen.

Und als Antonio, der javanesische Sklave; starb, als Niemand mehr für den Dichter bettelte, er selbst aber nicht betteln wollte, sank er noch eine Stufe tiefer und vertauschte sein Stäbchen mit dem Armenhause.

Jetzt hatte er noch eine Stufe tiefer hinabzusteigen, die Stufe des Grabes, und er betrat sie mit einem heiteren Lächeln. Der arme Dichter, den sein Vaterland vergaß, konnte sein Vaterland nicht vergessen, denn seine letzten Worte waren:

»Ich sterbe wenigstens eher als Portugal!«

Und er wurde in ein Grab gesenkt, das' man mit einem Steine ohne Inschrift bedeckte.

Sechzehn Jahre nach seinem Tode, als sein Ruhm sich noch mehr verbreitet hatte, schlug Dom Gonzalo Cutinho vor, dem Dichter ein Denkmal zu errichten; aber man kannte seinen Geburtsort so wenig als seine Grabstätte.

Endlich erinnerte sich ein alter Sacristan, daß er an einem stürmischen Abende einen Mann begraben; der keine Eltern, keine Familie und keine Freunde, aber zwei Wunden gehabt hatte: eine, die ihn um ein Auge gebracht, und eine andere am Schenkel.

An diesem Signalement erkannte man Camoëns.

Das Grab wurde mit großem Pompe wieder geöffnet, der Leichnam herausgenommen, in einer Gruft neben dem Chore der Franziskanerinnen des Klosters Santa Anna beigesetzt und sein neues Grab mit einer Marmorplatte bedeckt, welche die Inschrift zeigt:

Hier ruht Luiz de Camoëns
Fürst
der Dichter seiner Zeit. Er lebte arm und
elend und starb
ebenso
Anno MDLXXIX

Hier schlief er fast zwei Jahrhunderte lang ruhig und geehrt, bis endlich eines Tages, am 1. November 1755, als ob der Himmel durch eine furchtbare Katastrophe die Geburt einer Königin hätte verkündigen wollen, ein Erdbeben Lissabon, und mit Lissabon die Kirche Santa Anna, das Grab des Verfassers der »Lusiade« zerstörte.

Diese Königin war Marie Antoniette.

Camoëns' Dichtung hatte Ostindien populair gemacht. Bald begab sich der Kaufmann Van Noort dahin. wo der Seefahrer Diaz, der Eroberer Gama und der Dichter Camoëns gewesen waren; dieser aber kam von der entgegengesetzten Seite, indem er an der Küste von Patagonien hinfuhr, am 28. Mai 1520 durch die von Magellan entdeckte gefährliche Meerenge segelte und nach dem Beispiele Sebastians del Cano über das Kap der guten Hoffnung in den atlantischen Ozean einfuhr, nachdem er in drei Jahren die Reise um die Welt gemacht hatte.

Dies legte den Grund zu der großen Seemacht der Holländer, dieser Phönicier Europa's, die sich in einem Anfalle von übermüthigem Stolze die »Feger der Meere« nannten und anstatt der Flagge einen Besen an der Mastspitze ihrer Schiffe führten.

Vierzehn Jahre später schlug der holländische Admiral Georg Spilbergen die spanische Flotte an der Küste von Peru und unterwarf die Molukken der Herrschaft seines Vaterlandes..

Fünf Jahre nach diesem Siege umschifften die im Anfange unserer Erzählung genannten drei holländischen Schiffe unter den Befehlen der Kapitains Peter Thyß, Johann Janß und Bontekoe das Vorgebirge der guten Hoffnung.

Wie kam es, daß diese drei Schiffe in Gesellschaft segelten? Wir wollen es sagen.

Wilhelm Bontekoe war im Jahre 1618 von der holländisch ostindischen Compagnie zum Kapitain des »Nieuw-Hoorn«, eines mit 206 Köpfen bemannten Kauffahrteischiffes von 1100 Tonnen Gehalt ernannt worden.

Nachdem er am 28. Dezember aus dem Texel gelaufen war, wurde sein Schiff an der Mündung des Kanals la Manche von einem so heftigen Sturme überfallen, daß er einen Augenblick fürchtete, er werde seine Reise nicht weiter fortsetzen können.

Die Vorsehung hatte es jedoch anders beschlossen. Nach einem vierzehntägigen ununterbrochenen Sturme wurde das Meer wieder ruhig und Bontekoe setzte seine Fahrt fort, noch ungewiß, ob er durch die Magellansstraße oder über das Kap der guten Hoffnung nach Ostindien segeln sollte.

Der Wind sollte entscheiden, ob er sich nach Westen oder nach Osten wendete.

Unweit der Canarischen Inseln hatte er die beiden anderen Schiffe getroffen, in deren Gesellschaft wir ihn das Kap haben umschiffen sehen.

Nachdem sie unter dem Aequator von einer drei Wochen anhaltenden Windstille heimgesucht worden waren, trieb sie ein Südostwind in die Gewässer der Antillen zwischen die Felsenriffe, welche die Abrojos heißen. Glücklich vermieden sie die Klippen, suchten die Insel Tristan d'Acunha, ohne sie zu finden, wurden bald darauf durch die veränderlichen Winde nach dem Kap verschlagen und näherten sich demselben so rasch, daß sie, aus Besorgnis, an die Küste geworfen zu werden, nach Süden ab hielten, um, im Vertrauen auf ihre gefunden und kräftigen Mannschaften und auf einen reichlichen Vorrath von Wasser, das Kap zu umschiffen, ohne anzulegen.

So erreichten sie die Höhe der Küste von Natal.

Hier trennte sich der Kapitain Janß, der nach der Küste Koromandel bestimmt war, von Thyß und Bontekoe, um durch den Kanal von Mozambique zu segeln.

Ein wenig weiter hin erhob sich ein kleiner Streit zwischen Thyß und Bontekoe; in Folge dessen schlug Thyß ebenfalls eine andere Richtung ein und der »Nieuw-Hoorn« blieb allein.

Er befand sich unter dem 23. Breitengrade, als er den »Nieuw-Zeeland« aus dem Gesicht verlor.

Nach der Umschiffung des Kaps hatte sich der Gesundheitszustand auf dem »Nieuw-Hoorn« sehr verändert.

Unter dem 30. Breitengrade waren Krankheiten unter der Mannschaft ausgebrochen, und einige Tage nach der Trennung von seinem letzten Reisebegleiter hatte Bontekoe vierzig Kranke an Bord.

Da Madagaskar das nächste Land war, so beschloß man, nach dieser Insel zu steuern, und schlug die Richtung nach der Bai Saint-Louis ein.

Aber diese ganze Küste war noch sehr wenig bekannt, und obgleich Bontekoe selbst mit seiner Schaluppe einen guten Ankerplatz suchte, während das Schiff langsam umherlavirte, obgleich die Eingeborenen ihm winkten, an's Land zu kommen und ihm durch ihre Winke einen Landungsplatz zu bezeichnen schienen mußte die Schaluppe dennoch unverrichteter Sache umkehren, nachdem ein Matrose es vergebens: versucht hatte, durch die heftige Brandung schwimmend das Ufer zu erreichen.

Die Mannschaft auf dem Schiffe hatte alle Bewegungen der Schaluppe mit gespannter Erwartung beobachtet und mit tiefer Betrübniß sah sie dieselbe zurückkehren; Bontekoe aber, den seine Matrosen wie ihren Vater liebten, ermahnte sie zur Geduld. Er wollte nun weiter südlich einen Ankerplatz suchen und ging zu dem Ende bis zum 29. Breitengrade zurück; da aber die Schwierigkeiten sich überall gleich blieben, beschloß er noch einmal, seine Richtung zu ändern und auf einer der Maskarenen zu landen.

So hießen damals und heißen noch jetzt die beiden Inseln Mauritius und Bourbon.

Bentekoe richtete seinen Cours so, um zwischen den beiden Inseln hindurch zu segeln; da aber die erste, die er zu Gesicht bekam, die Intel Bourbon war, so versuchte er es, an derselben anzulegen. In einer Entfernung von zweihundert Schritt vom Lande wurden bei vierzig Faden Tiefe die Anker ausgeworfen.

Aber auch hier zeigte sich ein gefährliches Hinderniß; das Meer brach sich so schäumend an den Küstenklippen, daß die Schaluppe abermals einen geeigneteren Landungsplatz suchen mußte. Sie fuhr sogleich ab und kam nach zwei Stunden zurück. Man war an einer Stelle, wo eine üppige Vegetation prangte, gelandet und brachte eine große Menge Schildkröten mit.

Es ist bekannt, welch' ein wohlthätiges Manna diese Thiere für die vom Skorbut Ergriffenen sind, und die Kranken baten daher einstimmig um die Erlaubniß, an's Land gehen zu dürfen, was ihnen jedoch der Supercargo des Schiffes, Namens Hein-Rol Anfangs verweigerte. Seiner Meinung nach konnte das Schiff abgetrieben werden, und' wenn dieses Unglück eintrat, waren die darauf befindlichen Leute verloren. Aber für diese Unglücklichen war die Insel, die sie vor Augen hatten, ein Paradies, in welchem sie sehr gern für immer geblieben wären. Ihre Bitten, sie an das Land zu setzen, wo sie durch den bloßen Aufenthalt auf demselben die Gesundheit wieder erlangen konnten, wurden daher so dringend, daß Bontekoe endlich nicht länger widerstehen konnte. Er kam auf's Verdeck und erklärte, daß er auf jede Gefahr hin die ganze Mannschaft an's Land gehen lassen wolle.

Diese Erklärung wurde mit einstimmigem Jubel aufgenommen.

Die Kranken wurden zuerst eingeschifft. Bontekoe gab ihnen ein Segel mit, damit sie ein Zelt aufschlagen und mehrere Tage am Lande bleiben konnten. Die Schaluppe wurde mit Lebensmitteln reichlich versehen, auch ein Koch und alle nöthigen Geräthschaften mitgenommen, und der Kapitain selbst stieg mit ins Boot um es zu steuern.

Als es sich der Insel näherte, kannte die Freude der Matrosen keine Grenzen mehr; Einige hatten nicht die Geduld, um zu erwarten, bis es anlegte; sie sprangen in's Wasser und schwammen vollends ans Ufer, wo sie sich jubelnd auf den Rasen niederwarfen und ihre Kameraden riefen, welche ebenfalls ankamen.

Mochte es Einbildung oder Wirklichkeit sein, kurz, sie hatten das Land kaum betreten und sich unter die schattigen Bäume gelagert, so erklärten sie, daß sie sich schon viel besser befänden.

In diesem Augenblick ließ sich ein Schwarm Holztauben nieder. Da die Insel damals noch unbewohnt und diese Thiere noch nie durch den Anblick eines Menschen erschreckt worden waren, ließen sie sich mit der Hand fangen oder mit Stöcken töten.

Zweihundert Stück wurden auf diese Weise am ersten Tag gefangen.

Um eine Abwechslung in die Mahlzeiten zu bringen, ging man nun auf die Schildkrötenjagd und es wurden davon fünfzig Stück gefangen.

Als Bontekoe sah, daß man auf dieser gastlichen Insel Nichts zu befürchten hatte, verließ er seine Leute und kehrte auf das Schiff zurück, fand aber jetzt den Ankerplatz so schlecht, daß er die Mannschaft, trotz ihres sehnlichen Wunsches, ebenfalls ans Land zu gehen, dazu bewog, daß sie sich noch so lange geduldete, bis ein besserer Ankerplatz gefunden war.

Diese aufopfernde Fügsamkeit machte einen lebhaften Eindruck auf Bontekoe; er wollte daher keine Zeit verlieren und bestieg in Folge dessen, da die Nacht heiter und das Meer ruhig war, die Schalupe wieder, um bessere Rhede zu suchen.

Er fand eine solche fünf Meilen von der ersten.

Es war eine wohl geschützte Bucht mit sandigem Grunde.

Mit Tagesanbruch begann der Kapitain seine Nachforschungen auf der Insel.

Kaum eine halbe Stunde von der Küste fand er einen See. Leider war das Wasser nicht ganz süß, aber seine Ufer waren mit Gänsen und Dronten bedeckt. Die Bäume waren von grauen Papageien, Holztauben und unbekannten,Vögeln aller Art bevölkert und unter den Bäumen fand er fünfundzwanzig beisammen sitzende Schildkröten, welche so fett waren, daß sie kaum kriechen konnten.

Bontekoe blieb mit einigen Mann am Lande und schickte die Anderen fort, um den Kranken die Nachricht zu überbringen, daß er einen besseren Lagerplatz gefunden, und um der Mannschaft auf dem Schiffe zu sagen, daß er eine vortreffliche Bucht zum Ankern entdeckt habe.

Nach Verlauf von zwei Stunden kehrte die Schaluppe in Begleitung des Schiffes zurück. Letzteres ging bei fünfundzwanzig Faden Tiefe in der Bucht vor Anker und die Mannschaft wurde nach einander auf vier Male an's Land gesetzt.

Die Matroden sind sonderbare Menschen. Auf die heftigste Verzweiflung, auf Titanenkämpfe folgt bei ihnen oft eine kindische Freude.

So ging es der Mannschaft des »Nieuw-Hoorn,« als sie auf der Insel gelandet war.

Das ganze Ufer bot das Schauspiel eines ländlichen Festes dar, dem Nichts als die Frauen fehlte. Einige fischten im See, Andere:fingen Schildkröten, noch Andere tödteten mit Stöcken und Steinen die Holztauben, und wieder Andere kamen mit freudigem Jubel herbei, um zu melden, daß sie einen Bach mit süßem, Wasser gefunden hatten. Es wurden große Feuer angezündet, hölzerne Bratspieße errichtet und Tauben gebraten, die man mit dem Fette der Schildkröten begoß. Dann kehrten die Fisch er mit einer Menge armstarker Aale zurück, welche der Koch schmackhaft zubereitete; auch hatten sie Böcke gesehen und Jagd auf sie gemacht, aber nur einen ganz alten Burschen fangen können, dessen Hörner von den Würmern zerfressen waren und dessen Fleisch Niemand essen wollte.

Nach drei Tagen waren die Kranken ziemlich genesen, und sie wurden daher auf das Schiff zurückgebracht, bis auf sieben, die noch krank waren und die Erlaubniß erhielten, so lange am Lande zu bleiben, bis das Schiff unter Segel gehen sollte.

Eine große Menge Tauben und Aale wurden an Bord geschafft und eingesalzen.

Endlich wurden die Anker gelichtet und man verließ die herrliche Insel Bourbon, welche hundertfünfzig Jahre später eine der blühendsten Kolonieen Frankreichs werden sollte, eben so öde und unbewohnt, als man sie gefunden hatte.

2.
Das Feuer

Bontekoe hatte die Absicht, auch auf Mauritius zu landen, damit diese Insel die auf der andern so gut begonnene Genesung seiner Mannschaft vollenden sollte.

Er kam jedoch zu weit ab und ließ die Insel in bedeutender Entfernung links liegen.

Dies erregte den Unmuth der noch an Bord befindlichen Kranken, welche ein Aufenthalt von noch 4 wenigen Tagen am Lande geheilt haben würde. Warum hatte man diese paar Tage, welche bei einer solchen _Reise gar nicht in Betracht kommen konnten, nicht der Gesundheit, diesem wichtigsten Gute der Matrosen wie des Kapitains, aufgeopfert?

Eine Besorgniß vermehrte noch die Verstimmung, welche durch diese Betrachtungen hervorgerufen wurde. So wenig man diese Gewässer damals noch kannte, hielt man sie doch für gefährlicher, als sie wirklich waren, und man glaubte, daß man lange in den südlichen, Breitengraden werde umherfahren müssen, ehe man die Winde fand, welche das Schiff nach Bantam oder Batavia führen sollten. In Folge dieser Besorgniß schlug man eine andere Richtung ein und steuerte direkt nach Westen auf die Insel Sainte-Marie zu, welche ungefähr sechzig Lieues von Madagaskar, der Bai Anton-Gil gegenüber, liegt.

Man lief diese Insel natürlich auf der Ostseite an und ging in einem kleinen Einschnitte der Küste bei dreizehn Faden Tiefe und in einem Wasser vor Anker; das so klar war, daß man den Grund sehen konnte.

Die Insel Sainte-Marie war damals schon bewohnt. Die Bewohner waren zwar noch weniger, als die von Madagaskar, an den Besuch von Europäern gewöhnt, brachten aber bereitwillig Hühner, Limonien und Reis an Bord und gaben durch Winke zu verstehen, daß sie auch Kühe, Schafe und andere Lebensmittel hätten.

Um sich die Leute zu Freunden zu machen, gab Bontekoe ihnen Wein in einer silbernen Schale. Sie tranken ihn wie die Hunde oder andere Thiere, indem sie das ganze Gesicht in das Gefäß steckten; kaum aber hatten sie getrunken, so äußerte der Wein auch schon seine berauschende Wirkung, da sie nicht daran gewöhnt waren, und sie fingen an zu tanzen und zu jubeln wie Wahnsinnige.

Sie gehörten der zweiten Menschenrace an, die von den asiatischen Hochebenen stammt, und waren völlig nackt, bis auf ein Stück Zeug, das sie als Schutz um die Hüften trugen.

Jeden Tag ging man an's Land und trieb Tauschhandel mit ihnen. Kleine Glocken oder Schellen, Löffel, Messer, Glasperlen und Korallen waren die wirksamsten Lockmittel, welche Bontekoe anwendete, und für jeden solchen Gegenstand gab es ein Kalb, ein Schwein, ein Schaf, Reis, Wassermelonen oder Milch, die sie in Körben von geflochtenen Blättern brachten, welche ihrem Zwecke eben so gut entsprachen, als hölzerne oder irdene Gefäße.

Da aber gerade diejenigen Früchte, welche für Skorbutkranke am Unentbehrlichsten sind, nämlich Citronen und Orangen, gänzlich fehlten, beschloß Bontekoe einen Abstecher nach Madagaskar zu machen, um sich solche zu verschaffen.

Die Schaluppe wurde ausgesetzt und mit Waaren beladen, von denen man wußte, daß sie den Madagasken am Willkommensten waren; dann stieß der Kapitain ab, erreichte glücklich die Insel und fuhr mit Hilfe der Ruder einen Fluß hinauf. Je weiter er jedoch kam, um so schmäler wurde der Fluß, und die an den Ufern wachsenden Bäume hingen bald so weit und so tief über das Wasser, daß ihre Zweige sich mit einander verschlangen und den Fluß völlig versperrten. Uebrigens waren auch die Ufer unbewohnt, und da man nirgends die gewünschten Früchte sah und zehn mit Bogen und Pfeilen bewaffnete Eingeborene hinter den Bäumen die ganze Mannschaft des Bootes hätten tödten können, ohne daß an eine Vertheidigung zu denken gewesen wäre, gab Bontekoe das Zeichen zum Umkehren und fuhr nach dem Schiffe zurück.

Zum Glück fand man einige Tage später auf einem andern Punkte der Insel Sainte-Marie die in so weiter Entfernung gesuchten Orangen, Limonien und Bananen in Ueberfluß.

Das Schiff lag neun Tage vor Sainte-Marie.

Während dieser neun Tage wurde die ganze Mannschaft des »Nieuw-Hoorn« wieder so gesund und kräftig, als sie es bei der Abreise von Holland gewesen war.

Eine Anzahl Matrosen machten in dieser Zeit mehrere Male Ausflüge in's Innere des Landes, wohin sie gewöhnlich ein Musiker begleitete, welcher die Leier spielte.

Dies war immer eine große Freude für Insulaner, denn so einfach das Instrument auch war, hörten sie es doch immer wieder mit dem nämlichen Vergnügen und Erstaunen. Einige setzten sich in einem Kreise um den Leierspieler auf die Erde und begleiteten seine Musik mit Händeklatschen; Andere sprangen umher wie wilde Thiere und knieten zuweilen vor Ochsenköpfen nieder, die auf Pfähle gespießt waren und ihre Fetisch e zu sein schienen, als oh sie ihren Göttern für das genossene Vergnügen danken wollten.

Die neun Tage vergingen endlich. Die Kranken waren vollkommen hergestellt und die Havarieen auf das Sorgfältigste ausgebessert.

Das Schiff ging unter Segel und steuerte nach der Sundaenge.

Am 19. November'1619, als man sich schon in der Nähe dieser Meerenge, das heißt unter 50 30' südlicher Breite befand, war der Proviantmeister um zwei Uhr Nachmittags wie gewöhnlich in den Schiffsraum hinuntergegangen, um den am folgenden Morgen zu vertheilenden Branntwein heraufzuholen, und hatte seinen blechernen Leuchter auf ein Faß gestellt, welches über demjenigen lag, das er anzapfen wollte. Der Zufall, der oft die entsetzlichsten Katastrophen von einer geringfügigen Ursache abhängig macht, wollte, bei ein Fünkchen von dem glimmenden Dachte des Lichtes in das Spundloch fiel; der Branntwein entzündete sich, zersprengte die beiden Fässer und ergoß sich als ein Feuerstrom über die in der Nähe aufgeschichteten Kohlen, in denen er sich verlief und anscheinend erlosch.

Es wurden indessen einige Eimer Wasser auf die Kohlen gegossen und die Sache schien damit abgethan zu sein.

Jetzt erst wurde Bontekoe von dem Vorteile benachrichtigt. Er ging sogleich selbst hinunter, ließ noch mehrere Eimer Wasser auf die Kohlen gießen und kehrte dann ruhig auf's Verdeck zurück.

Eine halbe Stunde darauf ertönte unten der Ruf: »Feuer!«

Bontekoe eilte hinunter in's Zwischendeck und sah in der That schon die Flammen aus dem Kielraume emporlodern. Der brennende Branntwein, der zwischen die Kohlen geflossen war, hatte, diese entzündet.

Die Gefahr war um so größer, als sich noch mehrere Reihen übereinanderliegender gefüllter Branntweinfässer unten befanden. Es war daher keinen Augenblick zu verlieren und es wurde in aller Eile so viel Wasser, als nur möglich, auf die brennenden Kohlen gegossen.

Bald zeigte sich jedoch eine neue Gefahr; durch die Berührung des Wassers mit den brennenden Kohlen entstand ein so dicker Rauch, daß es Niemand im Kielraume aushalten konnte.

Bontekoe blieb dessen ungeachtet unten, denn er erkannte die ganze Größe seiner Verantwortlichkeit. Gott war er für das Leben seiner Mannschaft, seinen Rhedern für die Ladung seines Schiffes verantwortlich.

Er blieb also mitten im dicksten Qualme und gab fortwährend seine Befehle, während die Matrosen in seiner Nähe umfielen und fast dem Ersticken nahe waren.

Er selbst mußte von Zeit zu Zeit an eine Luke hinaufsteigen, um seine Lungen mit frisch er Luft zu füllen; dann ging er wieder hinunter in den Rauch, in welchem er allein in Folge seines energischen Willens leben zu können schien.

Als er wieder ein Mal hinauf ging, um Luft zu schöpfen, rief er den Supercargo Roi, der sogleich mit der Frage herbeieilte:

»Was wünscht Ihr, Kapitain?«

»Ich glaube, daß es nöthig ist, die Pulverfässer über Bord zu werfen,« antwortete. Bontekoe.

»Aber was sollen wir dann anfangen,« entgegnete Roi, »wenn wir einem Piraten begegnen oder auf einer Insel landen, deren Bewohner feindselige Gesinnungen gegen uns zeigen?«

»Du hast Recht,« versetzte der Kapitain; »wir wollen es noch abwarten.«

Hierauf kehrte er ein den mit Rauch gefüllten Kielraum zurück und ertheilte mit unverändertem Muthe seine Befehle.

Das Feuer ließ indessen nicht nach und der Rauch wurde immer ärger. Bontekoe mußte sich endlich in's Zwischendeck zurückziehen. Hier wurden mit der Axt Oeffnungen in den Fußboden gehauen und durch dieselben fortwährend Wasser hinunter gegossen.

Während dem ließ man nicht allein das große Boot sondern auch die Schaluppe in's Meer, weil sie auf dem Verdeck der wasserschöpfenden Mannschaft sehr im Wege waren.

So weit übrigens das Auge reichte, sah man rund umher nichts als Himmel und Wasser, sein Land, kein Schiff war zu erblicken, von dem man Beistand hätte erwarten können.

Bei diesem Anblicke gewann der Instinkt der Selbsterhaltung die Oberhand über das Pflichtgefühl; die Matrosen stiegen heimlich über Bord, schwammen nachdem großen Boote und der Schaluppe, wo sie sich unter den Bänken und hinter den Segeln verbargen, und erwarteten, um abzustoßen, nur den Augenblick, wo sie ihrer weder zu viele noch zu wenige sein würden.

Als die geeignete Anzahl beisammen war, verließen sie unbarmherzig ihren Kapitain und ihre Kameraden.

In diesem Augenblicke trat der Supercargo Roi zufällig auf die Galerie und bemerkte die Matrosen, welche an der Bordwand hinunterstiegen und nach den beiden Boten schwammen.

»Was thut Ihr? rief er ihnen zu; »was habt Ihr im Sinne?«

»Wir thun etwas ganz Einfaches,« antworteten sie; »wir fliehen die Gefahr.«

Dann riefen zwanzig Stimmen:

»Kommt mit uns, Roi! kommt mit uns!«

Der Supercargo überlegte, daß dies vielleicht das einzige Mittel war, um die Matrosen dazu zu bestimmen, daß sie den Kapitain erwarteten. Er stieg daher ebenfalls über Bord und begab sich auf das große Boot.

Ehe er jedoch Zeit hatte, ihnen Vorstellungen zu machen, kappten sie, sobald er an Bord war, das Tau, durch welches sie mit dem Schiffe in Verbindung standen, und in wenigen Secunden waren sie mehrere Kabellängen von demselben entfernt.

Die Schaluppe stieß ebenfalls ab.

In diesem Augenblicke ertönte auf dem Schiffe der Ruf:

»Herr Kapitain! Herr Kapitain!«

Bontekoe erschien in einer Luke.

Die auf dem Verdeck stehenden Matrosen zeigten stumm und leichenblaß auf einen Gegenstand, den sie wohl bemerkten, den er aber nicht sehen konnte, weil nur sein Kopf aus der Luke emporragte. Bald drängte sich der Ruf: »Das Boot! Die Schaluppe! Sie entfliehen!« über die entfärbten und bebenden Lippen.

Bontekoe sprang auf's Verdeck und mit einem Blicke übersah er die ganze Größe der Gefahr.

»Wenn sie uns in einem solchen Augenblicke verlassen.« sagte er kopfschüttelnd, »so kommen sie auch nicht zurück.«

»Aber was sollen wir nun beginnen?« fragten die Matrosen, und ihre Blicke hingen an Bontekoe's Lippen, als ob er ein Gott wäre.

Der Kapitain besaß vielleicht mehr Muth und Geistesgegenwart als die Anderen, aber er war auch nur ein Mensch.

Er warf einen langen Blick rund um sich her. Ader er sah nichts, weder eine Küste noch ein Segel, nichts als die beiden Bote, die sich mit eiligen Ruderschlägen entfernten, ohne zu wissen, wohin sie fahren sollten.

Plötzlich faßte der Kapitain einen Entschluß und rief aus:

»Rasch, alle Segel in den Wind!«

Während dieser Befehl ausgeführt wurde, fragten ihn Einige, warum er ihn gegeben habe.

»Weil wir es versuchen wollen sie einzuholen,« antwortete Bontekoe.

»Gelingt uns dies, und sie weigern sich, uns in die Böte aufzunehmen, so fahren wir die Schurken in den Grund, um sie zu lehren, ihre Pflicht zu thun.«

Da die Flüchtlinge von diesem Befehle nichts wußten, so gelang es dem Schiffe in der That, sich ihnen bis auf eine geringe Entfernung zu nähern; als sie aber die Absicht des Kapitains durchschauten, entfernten sie sich rasch mit Hilfe der Segel und der Ruder, so daß es nicht mehr möglich war, sie einzuholen.

Die letzte Hoffnung des Kapitains war demnach vereitelt.

Er stieß einen Seufzer aus und sagte dann, indem er den Kopf schüttelte, als ob er seine eigne Angst hätte verscheuchen wollen:

»Ihr seht, Kinder, daß uns keine andre Hoffnung mehr bleibt, als unsere Anstrengungen und die Barmherzigkeit Gottes. Wir wollen daher mit vermehrter Energie an's Werk gehen; Einige von uns mögen fortfahren zu löschen, während die Anderen das Pulver über Bord werfen.«

Der pünktlichste und schnellste Gehorsam war jetzt die Hauptsache; wenn noch Rettung möglich war, so konnte sie nur durch einmüthige, energische Thätigkeit herbeigeführt werden. Jedermann ging daher an die anbefohlene Arbeit, und während etwa zwanzig Mann in die Pulverkammer eilten, vertheilte Bontekoe Bohrer' und Meißel, um wo möglich Löcher in die Schiffswände zu bohren.

Hierbei aber stieß man auf ein Hinderniß an das kein Mensch gedacht hatte; die Bohrer und Meißel konnten nicht durch den metallenen Beschlag des Schiffes dringen.

Dies war die letzte Hoffnung gewesen, und als sie gescheitert war, bemächtigte sich der Mannschaft völlige Verzweiflung.

Es gelang jedoch Bontekoe, seine Leute dazu zu bewegen, daß sie fortfuhren, das Pulver über Bord zu werfen.

Er selbst half bei dieser lebensgefährlichen Arbeit und überließ es Anderen, beständig Wasser in den Kielraum zu gießen.

Einen Augenblick glaubte man, das Feuer habe nachgelassen und man faßte wieder Muth.

Plötzlich wurde dem Kapitain gemeldet; daß auch das Oel in Brand gerathen sei.

Von nun an war der Untergang unvermeidlich.

Je mehr Wasser man in dem Schiffsraum goß, um so höher stieg das darauf schwimmende brennende Oel und um so näher kam das Feuer dem Verdeck. Man fuhr jedoch mechanisch fort zu löschen, aber es geschah unter entsetzlichem Geschrei und Geheul, wodurch die mit verzweiflungsvollen Geberden im Rauche umhereilenden Matrosen das Aussehen von leibhaften Dämonen erhielten.

Das Beispiel des Kapitains hielt indessen die Disziplin noch aufrecht. Man hatte bereits sechzig Faß Pulver über Bord geworfen; allein es waren noch dreihundert auf dem Schiffe. Das Feuer näherte sich unerbittlich der Pulverkammer und endlich verließen die Leute dieselbe in Folge des Bedürfnisses nach freier Luft,, das man bei großer Gefahr empfindet, obgleich sie nicht hoffen durften, an einem andren Orte sicherer zu sein. Mit dem Geschrei: »Das Pulver! das Pulver!« stürzten sie auf's Verdeck.

Es befanden sich in diesem Augenblicke noch einhundert-neunzehn Mann auf dem Schiffe.

Bontekoe stand bei der großen Luke, umgeben von dreiundsechzig Mann, welche Wasser schöpften.

Als er das Geschrei hörte und die totenbleichen, bestürzten Matrosen auf dem Verdecke erscheinen sah, konnte er nicht mehr zweifeln, das Alles verloren war, er streckte die Hände zum Himmel empor und rief aus:

»Allmächtiger Gott, erbarme Dich unser!«

Er hatte das letzte Wort noch nicht ausgesprochen, so öffnete sich das Schiff mit einem furchtbaren Gekrach, spie Flammen aus wie der Krater eines Vulkans und er wurde nebst allen ihn Umgebenden mit den brennenden Trümmern des »Nieuw-Hoorn« in die Luft geschleudert.

3.
Das Wasser

»In der Luft,« sagt Bontekoe in seiner Erzählung von diesem fürchterlichen Unglücke, »behielt ich nicht allein meine ganze Geistesgegenwart, sondern ich hatte sogar noch einen Schimmer von Hoffnung; Bald fühlte ich, daß ich wieder herunter kam, und ich fiel mitten durch Rauch und Flammen zwischen den Trümmern des in tausend Stücke zersplitterten Schiffes in's Wasser.

»In dieser Lage wuchs mein Muth und es war mir, als ob ich ein ganz anderer Mensch geworden wäre. Ich sah mich um und erblickte zu meiner Rechten den Hauptmast, zur Linken den Fockmast. Ich schwamm auf den nächsten, den Hauptmast, zu, umklammerte ihn und als ich die Scene der Verwüstung um mich her betrachtete, rief ich mit Tränen in den Augen und mit einem schmerzlichen Seufzer aus:

»Mein Gott! ist es denn möglich, daß dieses schöne Schiff zerstört ist wie Sodom und Gomorrha?«

Man kann leicht denken, daß wenige von der Mannschaft so glücklich waren, daß sie später solche Worte niederschreiben konnten.

Bontekoe war indessen nicht der Einzige, der die Katastrophe überlebte.

Kaum hatte er den Mast umklammert und die oben angeführten Worte ausgesprochen, so that sich eine Welle auseinander und ein junger Mann erschien auf der Oberfläche des Wassers.

Er sah steh um, und als ex in einiger Entfernung einen Theil des Schiffsschnabels erblickte, schwamm er kräftig darauf zu, hielt sich daran fest und rief aus, indem er sich bis an den Unterleib über das Wasser erhob:

»Gott sei gelobt! ich lebe also noch!«

Bontekoe wollte seinen Augen nicht trauen; als er aber diese Worte vernahm, rief er ebenfalls aus:

»Es ist also noch ein Andrer dem Tode entronnen?«

»Ja, ja, ich!« antwortete der junge Mann.

»Wer bist Du?«

»Herrmann von Knipheusen.«

Bontekoe zog sich mit Anstrengung über die Oberfläche des Wassers empor und erkannte ihn.

In der Nähe des jungen Mannes schwamm ein kleiner Mast, und da der, welchen der Kapitän umklammert hatte, sich beständig drehte, was ihn sehr ermüdete, rief er Knipheusen zu:

»Gieb dieser Soiere einen Stoß, Hermann, damit ich sie erreichen kann; ich will mich darauf legen und sehen, ob ich so zu Dir gelangen kann, um mein Schicksal mit Dir zu theilen.«

»Ah, ihr seid es Kapitain?« rief der junge Mann; »welch ein Glück!«

Und obgleich er hoch in die Luft geschleudert worden und dann tief in#s Wasser gestürzt war, steiß er dennoch kräftig die Spiere auf Bontekoe zu, so daß dieser sie erfassen konnte.

Es war hohe Zeit, denn der Kapitain würde die Spiere schwimmend nicht erreicht haben, da ihm der Rücken verbrannt war und er zwei tiefe Wunden am Kopfe hatte.

Jetzt erst bemerkte Bontekoe, in welchem Zustande er sich befand; es war ihm, als ob sein ganzer Körper eine einzige Wunde sei und er fühlte plötzlich so fürchterliche Schmerzen, daß ihm die Sinne vergingen.

»Zu Hilfe, Hermann!« rief er aus; »ich glaube ich sterbe!«

Der junge Mann erfaßte ihn glücklich, als er eben untersinken wollte, zog ihn auf den Schiffsschnabel und sah nach einigen Minuten mit unaussprechlicher Freude, daß er die Augen wieder aufschlug.

Sein Blick richtete sich zuerst gen Himmel; dann ließ er ihn über das Wasser schweifen und suchte die; beiden Bote, an die bis jetzt noch Keiner von Beiden gedacht hatte.

Sie entdeckten sie bald aber in einer großen Entfernung.

Es wurde dunkel.

»Ach, armer Freund!« sagte Bontekoe zu Hermann, »ich glaube fast, daß jede Hoffnung für uns verloren ist. Es wird spät und die Sonne sinkt. Ich für meinen Theil bin es nicht im Stande, mich die ganze Nacht über dem Wasser zu erhalten. Wir wollen daher unsere Herzen zu Gott erheben und ihn mit völliger Ergebung in seinen Willen um Beistand anflehen.«

Beide beteten und sie versenkten sich hier, auf dem unermeßlichen Ozean, ohne andre Stütze als ein Stück Holz, so in die Demuth vor dem Schöpfer, daß sie Alles, selbst die Gefahr vergaßen, aus der sie nur ein Wunder erretten konnte.

So beteten sie eine Viertelstunde lang..

Hermann blickte zuerst wieder auf.

In dem nämlichen Augenblicke stieß er einen Schrei aus.

Dieser Schrei entriß auch Bontekoe der frommen Extase, in die er versunken war, und er sah sich um.

Die beiden Bote waren kaum hundert Faden von ihnen entfernt.

Bei diesem Anblicke richtete sich Bontekoe mit einer verzweifelten Anstrengung aus dem Wasser empor und rief aus:

»Rettet Euren Kapitain! wir sind unsrer noch Zwei am Leben!«.

»Einige Matrosen in der Schaluppe standen auf, sahen einander mit Erstaunen an und riefen, die Hände zum Himmel erhebend:

»Barmherziger Gott! ist es möglich? der Kapitain lebt noch?«

»Ja, Kinder, ja!« antwortete dieser; »kommt heran und nehmt uns auf!«

Die Schaluppe näherte sich den Schiffstrümmern. Als Hermann dies sah, hatte er nicht mehr die Geduld, ihre Ankunft zu erwarten; er ließ den Schnabel los und schwamm auf das Boot zu.

In fünf Minuten hatte er es erreicht.

Der Kapitain konnte seinem Beispiele nicht folgen, denn seine Kräfte waren völlig erschöpft.

»Wenn Ihr mich retten wollt, Kinder, so müßt Ihr mich holen, denn ich kann nicht schwimmen!« rief er den Matrosen zu.

Diese waren noch unschlüssig, denn das Meer war weit und breit mit Trümmern bedeckt, und wenn die Schaluppe an einen Mastbaum stieß, konnte sie umschlagen oder ein Leck bekommen. Endlich entschloß sich der Trompeter des Schiffes, das Rettungswerk zu versuchen. Er nahm eine Senkbleileine, sprang in's Meer, brachte dem Kapitain das eine Ende, das er um den Leib befestigte, und so gelang es, ihn an die Schaluppe heranzuziehen.

Hier fand er den Supercargo Roi, den zweiten Steuermann Kiyus und etwa dreißig Matrosen, welche den Kapitain und Hermann mit Erstaunen betrachteten und es noch immer kaum glauben konnten, daß sie dem Tode entgangen waren.

Bontekoe war jedoch in einem traurigen Zustande und seine Wunden am Rücken und am Kopfe verursachten ihm unsägliche Schmerzen.

Während des Aufenthalts auf der Insel Sainte-Marie halte er am Hintertheile der Schaluppe eine kleine Kajüte anlegen lassen, und da er glaubte, daß er bald sterben werde, in seinen letzten Augenblicken aber möglichst ungestört zu sein wünschte, um sich ganz mit dem Himmel zu beschäftigen, bat er seine Leute, daß sie ihn in die Kajüte legen möchten.

Ehe sie sich wieder von ihm entfernten, gab er ihnen noch folgenden Rath, seines Glaubens der letzte, den er ihnen geben sollte:

»Wenn Ihr mir folgen wollt, Kinder, so bleibt diese Nacht in der Nähe der Schiffstrümmer; Ihr könnt dann morgen früh vielleicht einige Lebensmittel retten und den Kompaß finden.«

Die Flucht vom Schiffe hatte in der That so eilig stattgefunden, daß man kaum einige Fäßchen Wasser, und etwas Schiffszwieback mitgenommen hatte.

Den Kompaß hatte der erste Steuermann, als er die Flucht der Matrosen ahnte, aus dem Häuschen genommen.

Die Nacht brach herein.

Anstatt aber den Rath des sterbenden Kapitains zu befolgen, ließ Roi zu den Rudern greifen.

»Wohin sollen wir rudern?« fragten die Matrosen.

»Wohin Ihr wollt,« antwortete Roi. »Gott wird uns führen.«

Die beiden Bote entfernten sich und fuhren so nahe nebeneinander, daß sie sich gegenseitig trotz der Dunkelheit sehen konnten.

Als es wieder Tag wurde war man von den Schiffstrümmern eben so weit entfernt als vom Lande, so weit das Auge reichte, erblicke man nichts als Himmel und Wasser. Man beschloß nun, nachzusehen ob der Kapitän noch lebte oder schon tot war, da Bontekoe trotz seine Beschwerden während der Nacht kein Lebenszeichen von sich gegeben hatte.

Er lebte, und es ging im sogar ein wenig besser. »Oh! Kapitän« , sagte Roi, »was sollen wir nur tun? Kein Land in der Nähe, keine Gebäude in Sichtweite und wir sind buchstäblich ohne Nahrung, ohne Karte und ohne Kompass.«

»Es ist deine Schuld« , sagte Bontekoe, »warum hast du mir letzte Nacht nicht geglaubt? Warum seit Ihr nicht bei den Trümmern geblieben?« Während ich mich an den Mast klammerte, schwammen um mich herum Speckseiten, Käse und andere Vorräte. Heute morgen hätte Ihr sie herausfischen können, das hätte euch wenigsten für ein paar Tage vor dem Verhungern bewahrt.«

»Wir haben uns geirrt, Kapitän« , sagte Roi, »aber vergib uns, wir haben den Kopf verloren. Aber nun gebt euch eine Stoß, wir bitten Euch, und führt uns!«

Bontekoe versuchte sich zu erheben, sank gleich wieder zurück. »Seht meine Freunde« sagte er, »es geht nicht. Ich bin so zerschlagen das ich nicht aufstehen kann, von sitzen ganz zu schweigen.«

Aber die Seeleute beharrten darauf, und mit ihrer Hilfe schaffte es Bontekoe auf die Brücke und setzte sich.

Dann fragte er wie viel Nahrung sie hätten.

Sie zeigten ihm sieben oder acht Pfund Zwieback.

»Hört sofort auf zu rudern« , sagte der Kapitän.

»Warum?"«

»Weil Ihr eure Kraft unnötig verschwendet, und dabei nicht genug Nahrung habt um sie wieder zu ersetzen«

»Aber so werden wir sterben ohne etwas getan zu haben,« fragten die verzweifelten Männer.

»Ihr werdet eure Hemden zusammenlegen, und diese mit Seil-Garn zu einem großes Segel zusammen nähen, und Ihr werdet Masten und Rahen machen, und das sage ich nicht nur für das Boot, das gilt auch für das Kanu. Wenn wir es schaffen Segel zu setzen, werden wir weniger rasch ermüden. Mehr noch, dann wird uns wirklich Gott leiten, und wenn Gott uns schon so weit geschützt hat, so wird uns seine Gnade bis zum Schluß begleiten.«

Die Befehle wurden umgehend ausgeführt.

Während das Segel zusammengenäht wurde, zählte Bontekoe seine Leute.

Es waren sechsundvierzig in der Schaluppe und sechsundzwanzig im großen Boote.

Jetzt sorgte man auch ein wenig für den armen Kapitain, der seine Schmerzen fast vergaß, um nur auf das Wohl der Anderen bedacht zu sein. Es befand sich ein Kissen und ein blauer Mantel in der Schaluppe; diese beiden Gegenstände wurden ihm in Rücksicht auf seinen Zustand überlassen, und der Chirurg, der zum Glück mit entflohen war, kam auf die Idee, gekäueten Schiffszwieback auf die Wunden zu legen, was einen sehr wohlthätigen Erfolg hatte.

Während des ganzen ersten Tages, so bange die Segel noch nicht fertig waren, überließ man sich den Wellen.

Am Abend waren die Segel vollendet, und sie wurden nun sogleich aufgespannt.

Dies war am 20. November.

Glücklicherweise verstanden es die damaligen Seefahrer noch; sich auf den fast unbekannten Meeren nach dem Stande der Gestirne zu orientieren. Auch Bontekoe kannte ihren Auf- und Untergang genau. Als man aber am 21. und den folgenden Tagen die Mangelhaftigkeit dieser Himmelsführer erkannte, beschäftigte man sich mit der Verfertigung eines Höhenzirkels. Der Schreiner des Schiffs,Tennis Sybrantz; der einen Kompaß und einige Kenntniß von der Mechanik besaß, unternahm das schwierige Werk und es gelang ihm endlich mit großer Mühe, einen brauchbaren Höhenmesser herzustellen. Bontekoe zeichnete dann auf ein Beet die Seekarte mit den Inseln Sumatra und Java, und da er noch am Tage des Unglücks gegen Mittag die Höhe aufgenommen und gefunden hatte, daß er sich unter 500 30' südlicher Breite befand, so konnte man mit ziemlicher Genauigkeit auf den Eingang der Sundastraße abhalten, welche diese beiden Inseln trennte.

Bekam man irgend ein Land zu Gesicht, so sollte es dazu dienen, einen etwaigen Irrthum zu berichtigen selbst wenn man es nicht anlaufen konnte.

Die Bevölkerungen der Inseln und Continente dieser Gewässer waren damals in der That gegen die Europäer noch fast alle feindselig gesinnt.

Die Lage der Unglücklichen war schrecklich; des Nachts herrschte eine eisige Kälte und am Tage eine glühende Hitze. Und dabei bestand der ganze Proviant in sieben bis acht Pfund Schiffszwieback!

Bontekoe übernahm die Verwaltung dieses trotz seiner Kleinigkeit kostbaren Schatzes, der nach Möglichkeit geschont werden mußte. Er gab jedem Manne täglich seine Ration, aber obgleich diese nur ein Streifchen von der Größe eines kleinen Fingers war, so ging der Vorrath dennoch bald zu Ende. Wasser hatte man schon längst nicht mehr und man konnte nur trinken, wenn der Himmel den unglücklichen ein wenig Regen sandte.

Dann wurden die Segel ausgebreitet, um so viel Wasser als möglich aufzufangen, und dieses in die beiden kleinen Fässer gefüllt, die einzigen, welche man mitgenommen hatte.

Da in dieser schaudervollen Lage die einzige Hoffnung auf dem Kapitain ruhte, so bot man ihm doppelte und dreifache Zwieback und Wasserrationen an; er aber nahm sie nicht an, indem er sagte, daß er im Angesichte des Todes und vor den Augen des Herrn nicht mehr und nicht weniger sei als sie und daß er, wenn er ihre Gefahren theile, auch ihre Entbehrungen theilen wolle.

Wie das Wasser, so ging bald auch der Zwieback zu Ende, so sparsam man auch damit umging; aber jede Wolke konnte frisch es Wasser liefern, während der Zwieback nicht zu ersetzen war.

Jetzt verfinsterten sich die wettergebräunten Gesichter und die rauhen Stimmen ließen zuerst Klagen, dann Drohungen vernehmen.

Ein Tag verging ohne Nahrung; dann noch einer.

Einige Tropfen Wasser waren das einzige Labsal für die Unglücklichen, die einander mit wilden und drohenden Blicken anstarrten.

Der Kapitain versuchte es nun, seinen Einfluß geltend zu machen, aber dieser Einfluß sank bald zu nichts herab. Die Hungrigsten behaupteten murrend, er habe sich in seiner Höhenmessung geirrt und habe aus Rache in's offene Meer, anstatt auf das Land abgehalten, während er doch die nämlichen Qualen litt wie sie und, wenn sie starben, mit ihnen sterben mußte.

Wenn der Mensch diesen Grad von Wahnsinn erreicht, dann nimmt er keine Vernunft mehr an; er wird ein wildes Thier und man muß sich gegen ihn; vertheidigen, wie man sich gegen ein wildes Thier vertheidigt.

Als ob der Himmel den Unglücklichen habe einen Beweis geben wollen, daß er sie noch nicht verlassen, flog in diesem Augenblicke ein Schwarm Möven über die Schaluppe hinweg 'und die Thiere ließen sich wunderbarer Weise mit der Hand fangen.

Jedermann fing einige, rupfte sie auf der Stelle, sog ihnen das warme Blute aus und verzehrte sie roh.

Bontekoe sah dies schaudernd, mit an. Es war: ein gräßlicher Versuch, den die Leute mit Blut und rohem Fleische machten, und dieses Blut und dieses Fleisch hatten ihnen vortrefflich gemundet.

Die Möven waren indessen noch rascher aufgezehrt, als der Schiffszwieback, und da man noch immer kein Land sah, versank man wieder in die nämliche Verzweiflung;.

In Folge des Dranges, sich an Andere anzuschließen, den der Mensch in großen Gefahren empfindet, näherte sich jetzt das Boot der Schaluppe, und nachdem die beiderseitigen Mannschaften einige Worte mit einander gewechselt hatten, erklärten sie dem Kapitain, daß sie zusammen leben oder sterben wollten, und daß demnach die Schaluppe, als das größere Fahrzeug, die sechsundzwanzig Mann aus dem Boote mit aufnehmen sollte.

Dieser Vorschlag war schon einmal gemacht worden und es war dem Kapitain gelungen, die Mannschaft davon zurückzubringen, weil die Gefahr dadurch vergrößert werden mußte. Einmal hatte man auf ihn gehört; wie aber die Sachen jetzt standen, hielt er jeden Einwand für unnütz und schwieg daher lieber.

Er sorgte nur dafür, daß die Gefahr der Einschiffung möglichst vermindert wurde.

Die Schaluppe hatte dreißig Ruder; diese wurden in einer Reihe neben einander quer über die Bordwände gelegt und so eine Art Verdeck hergestellt. Das Fahrzeug war tief genug, damit ein Mensch unter diesem Dache von Rudern bequem sitzen konnte. Die Mannschaft wurde nun in zwei Hälften getheilt, und da sie zweiundsiebzig Köpfe zählte, wurden sechsunddreißig unter das Verdeck und sechsunddreißig auf dasselbe platziert.

Alle waren finster und schweigsam, und so oft die Plätze gewechselt wurden, konnte man in den Gesichtern der Heraufkommenden lesen, daß ihre Verzweiflung um einen Grad gestiegen war.

Ein neues Manna fiel diesmal nicht vom Himmel, sondern kam aus dem Wasser.

Eine Schaar fliegender Fische, welche wahrscheinlich von einem Feinde verfolgt wurden, erhoben sich aus dem Meere und fielen in die Schaluppe.

Jedermann fing wieder einige von diesen Fischen, welche durchschnittlich die Größe der,Weißfische haben.

Sie wurden ebenfalls, wie die Möven, roh verschlungen.

Noch zwei Tage faßte man sich in Geduld; am dritten aber machte sich der Hunger von Neuem fühlbar und wieder sprach die Verzweiflung aus allen Gesichtern. Einige kauten Bleikugeln, um den Hunger zu täuschen, Andere leckten an den Kugeln der Steinböller, um sich die brennende Zunge abzukühlen, und noch andere begannen, trotz der Gegenvorstellung des Kapitains, Seewasser zu trinken.

Aber ungeachtet aller Leiden und Entbehrungen war noch Niemand krank und selbst Bontekoe fühlte, daß seine Wunden vernarbten.

Jedermann erkannte jedoch, daß das Aeußerste zu befürchten war und daß zwischen diesen auf einen kleinen Raum zusammengedrängten zweiundsiebzig Menschen noch etwas Fürchterliches geschehen werde.

Eines Abends traten zwei Mann vor den Kapitain. Dieser hatte den Kopf in die Hände gelegt, und als er hörte, daß die beiden Männer vor ihm stehen blieben, ohne Zweifel um mit ihm zu sprechen, blickte er auf.

Sie schwiegen jedoch noch einige Secunden.

Bontekoe sah sie forschend an, um in ihren Blicken zu lesen, was sie wollten.

Endlich brach der Eine das Stillschweigen und kündigte dem Kapitain an, daß die Mannschaft beschlossen habe, die Schiffsjungen zu schlachten.

»Ihr seid von Sinnen!« rief Bontekoe.

»Wir haben Hunger,« erwiderte der Matrose.

»Hört mich an,« sagte der Kapitain, unwillkürlich tief ergriffen von dem entsetzlichen Argumente. »Ihr habt noch ein Faß Wasser und damit könnt Ihr noch' drei Tage Euer Leben fristen. Bewilligt mir diese drei Tage, welche auch Christoph Columbus gewährt wurden, ich bitte Euch darum.«

Nachdem die beiden Matrosen sich mit ihren Kameraden besprochen hatten, antworteten sie, daß die drei Tage bewilligt werden sollten; dann aber....

»Ach, wenn wir wenigstens am Lande wären!« sagte der eine Matrose; »dann würden wir Gras essen.«

Bontekoe trocknete eine Thräne.

4.
Land

Im die verzweifelnden Matrosen ein wenig zu zerstreuen, lehrte sie der Kapitain am folgenden Tage das Aufnehmen der Höhe; sie schüttelten theilnahmlos den Kopf, hielten aber ihr Versprechen, sich noch drei Tage zu gedulden, ehe sie ihr entsetzliches Vorhaben, die Schiffsjungen zu schlachten, in Ausführung bringen wollten.

Am zweiten Tage begannen die Kräfte immer mehr zu sinken, denn man hatte jetzt seit sechzig Stunden nichts als ein wenig Wasser genossen. Der größte Theil der Mannschaft konnte sich (nicht mehr auf den Füßen erhalten und besonders war der Supercargo Roi so schwach, daß er keiner Bewegung mehr fähig war; er lag auf dem Verdeck und nur seine Augen verriethen, daß er noch sah und hörte, was um ihn her vorging.

Merkwürdiger Weise schienen sich die Kräfte des Kapitains, dessen Wunden nach und nach vernarbten, immer mehr zu heben, während alle Anderen schwächer wurden. Er war der Einzige, der in seinem ernergischen Willen noch so viel Kraft fand, um von einem Ende der Schaluppe bis zum andren zu gehen.

Es war am 2. December, dem dreizehnten Tage nach dem Brande des Schiffes. Gegen fünf Uhr Abends bedeckte sich der Himmel mit Wolken und es fing an zu regnen. Dieser Regeln der eine Erfrischung verhieß, hob den Muth der Leute wieder ein wenig. Die Segel wurden abgenommen, über die Ruder gebreitet und Jedermann löschte seinen Durst, während zu gleicher Zeit auch die beiden Fässer gefüllt wurden, denn es regnete immer stärker.

Der Kapitain stand am Steuerruder und war fest überzeugt, daß man sich dem Lande näherte. In Folge dessen beharrte er darauf, auf diesem Posten zu bleiben, in der Hoffnung, daß der Regen bald nachlassen und der Himmel sich wieder aufhellen werde; allein es regnete fort und da Bontekoe zu frieren begann, sah er sich endlich gezwungen, einen Quartiermeister zu rufen, dem er die größte Wachsamkeit anempfahl.

Dann legte er sich neben die Anderen, wo er sich wieder ein wenig erwärmte.

Der Quartiermeister stand kaum eine Viertelstunde am Steuerruder, so hörte es auf zu regnen und die Wolken zertheilten sich.

Plötzlich stand er lebhaft auf, hielt die Hand über die Augen und rief zwei Mal mit durchdringender Stimme:

»Land! Land!«

Jedermann fuhr bei diesem Rufe zusammen und auch die Schwächsten fanden so viel Kraft, um aufzustehen. Alles drängte sich mit einer solchen Hast nach dem Vordertheile, daß die Schaluppe fast umgeschlagen wäre.

Es war in der That Land.

Ein Freudenschrei entwand sich jeder Brust, die Liebe zum Leben erwachte in ihrer ganzen Stärke und Alle wiederholten das Wort: »Land! Land!« als ob schon dieser Ausruf ihre körperlichen Qualen gelindert hätte.

Dann ertönte der zweite Ruf: »Die Segel! die Segel!«

Jedes Stück Leinwand wurde ausgespannt.

Als man sich aber der Küste näherte, fand man eine so heftige Brandung, daß man trotz der Ungeduld, an's Land zu kommen, einen sicheren Ankerplatz zu suchen beschloß. Nach der überstandenen schrecklichen Gefahr war Allen das Leben nur noch theurer geworden.

Sie gehorchten daher unbedingt den Anordnungen des Kapitains.

Geduldig fuhr man längs der Küste hin; nach Verlauf einer Stunde aber entdeckte man eine kleine Bucht, in die man einlief und wo ein kleiner Anker ausgeworfen wurde, den man glücklicher Weise mitgenommen hatte.

Alle eilten nun an das heißersehnte Land und während der Kapitain auf die Kniee fiel um Gott zu danken, durchstreifte die Mannschaft, soweit ihre Kräfte es gestatteten, die Insel, um etwas zu suchen, womit sie ihren Hunger stillen konnte.

Die Insel war völlig unbewohnt und die einzige Frucht, die sie erzeugte, waren eine zahllose Menge Kokosnüsse.

Dies war schon ein sehr glücklicher Fund, denn die Milch, welche den Kern umgibt, ist ein sehr wohlschmeckendes Getränk. Jedermann pflückte, so viel er wollte, aß von den reifen das Fleisch und trank von den unreifen die Milch. Da aber Alle zu viel davon genossen, so bekamen sie bald heftige Leibschmerzen, so daß der Kapitain zu fürchten begann, daß die gefundenen Kokosnüsse einer giftigen Art angehörten und daß seine ganze Mannschaft sich vergiftet habe.

Die Schmerzen wurden immer heftiger und die Unglücklichen fühlten erst Linderung, als sie sich bis an den Hals in den heißen Sand eingruben.

Nach etwa fünfzehn Stunden ließen die Schmerzen nach und verschwanden endlich ganz.

Die Schaluppe wurde mit Kokosnüssen beladen und nachdem man sich überzeugt hatte, daß die Insel wirklich unbewohnt war, ging man um vier Uhr Nachmittags wieder unter Segel.

Am folgenden Tage bekam man Sumatra zu Gesicht.

Trotz der mangelhaften Instrumente hatte Bontekoe sich nicht geirrt.

Aber es war nicht leicht, auf dieser Insel zu landen, denn die Brandung war an der ganzen Küste sehr heftig. Man fuhr mehrere Stunden lang an derselben hin, bis endlich vier Matrosen, welche ausgezeichnete Schwimmer waren, sich erboten, an's Ufer zu schwimmen und auch am Lande einen guten Landungsplatz zu suchen.

Das Anerbieten wurde angenommen, die vier Matrosen sprangen in's Meer und schwammen nebeneinander fort, um sich im Nothfalle gegenseitig unterstützen zu können.

Die Schaluppe hielt so lange an, bis sie das Ufer erreicht hatten, was ihnen nach einem harten Kampfe gegen die Wellen gelang:

Sie gingen nun am Strande fort und die Schaluppe segelte in gleicher Richtung an der Küste hin.

Endlich kamen sie an einen Fluß und winkten sogleich der Schaluppe, daß sie näher herankommen solle. Dies geschah und man fand ohne Schwierigkeit die Mündung des Flusses.

Diese aber wurde durch einige Klippen versperrt, an denen sich die Wogen noch wüthender brachen als an allen anderen Punkten.

Der Kapitain war der Meinung, daß man es nicht versuchen sollte, in den Fluß einzulaufen; allein die ganze Mannschaft verlangte das Gegentheil. Es blieb daher Bontekoe nichts Anderes übrig, als seine ganze Geschicklichkeit aufzubieten, um die Gewalt der Wellen möglichst zu neutralisieren.

Er traf die nöthigen Vorkehrungen und die Schaluppe rückte wie zum Angriffe vor.

Die erste Welle der man begegnete, füllte das Boot zur Hälfte mit Wasser; darauf aber war man vorbereitet und das Wasser wurde mit den Hüten und Schuhen so rasch als möglich wieder ausgeschöpft.

Unmittelbar darauf kam eine zweite Welle.

Diese war so hoch und breit, daß die überflutete Mannschaft sich für verloren hielt. Die Arbeit des Ausschöpfens wurde indeß mit vermehrtem Eifer fortgesetzt, aber sie würde gewiß erfolglos geblieben sein, wenn die dritte Welle eben so groß gewesen wäre als die beiden ersten. Zum Glück war sie bedeutend schwächer und da das Meer sich eben aus dem Flusse zurückzuziehen begann, wurde das Hintertheil der Schaluppe gehoben und mit einem kräftigen Ruderschlage fuhr sie in ruhigeres Wasser ein.

Man befand sich im Flusse.

Vor allen Dingen wurde nun das Wasser gekostet. Es war süß. Ueber dieses Glück vergaß man in einem Augenblicke alle überstandenen Leiden und Drangsale. Die ganze Mannschaft rief wie aus Einem Munde:

»An's Land! An's Land!« Die Schaluppe fuhr an's Ufer und in der nächsten Minute war kein Mensch mehr darin.

Dies war einer von den glücklichen Momenten, wie nur Seeleute sie erleben können.

Jedermann durchsuchte nun das Gebüsch, das Gras und die Bäume und man fand eine Art kleiner Bohnen, welche den holländischen glichen. Sie wurden gekostet und von dem nämlichen Geschmack befunden; wahrscheinlich gehörten sie auch derselben Gattung an.

In der Nähe des Landungsplatzes befand sich eine kleine Landzunge. Einige Matrosen, welche weniger ermüdet waren als die Anderen, eilten dahin und kamen nach einigen Minuten mit Feuer und Tabak zurück.

Dies war der Beweis, daß die Insel nicht allein bewohnt war, sondern daß auch die Bewohner nicht weit entfernt sein konnten.

Man hatte zwei Aexte in der Schaluppe. Zwei Matrosen begannen sogleich Bäume zu fällen und es wurden sogleich mehrere große Feuer angezündet. Um diese lagerten sich die Matrosen und aßen Bohnen und tauchten Tabak.

Endlich wurde es Abend. Man wußte noch nicht wo man war, denn es hatte sich noch kein Eingeborener sehen lassen. Die Vorsicht erheischte jedoch die größte Wachsamkeit und man überließ die nöthigen Maßregeln dem Kapitain.

Bontekoe befahl, daß die Feuer vergrößert werden sollten, und besetzte die Zugänge zu dem Lagerplatze mit drei Schildwachen.

Der Mond stand im letzten Viertel und verbreitete daher nur ein schwaches Licht.

Jedermann machte es sich so bequem als möglich und schlief, ungeachtet der bedenklichen Lage, ein.

Es läßt sich leicht denken, wie viel die Unglücklichen während ihrer vierzehntägigen Fahrt geschlafen haben konnten.

Gegen Mitternacht kam eine der Schildwachen in's Lager und meldete dem Kapitain, daß eine zahlreiche Truppe von Insulanern herankomme.

Der Kapitain weckte sogleich seine Leute. Man war leider sehr schlecht bewaffnet, denn die einzigen Waffen, die man besaß, waren die beiden erwähnten Aexte und ein verrosteter Degen.

Bontekoe befahl, daß Jedermann mit einem Feuerbrande sich bewaffnen und die Insulaner sogleich angreifen sollte, wenn sie erschienen.

Diese Idee des Kapitains belebte den Muth der ganzen Mannschaft. Jeder hielt seine brennende Waffe in eines der Feuer, erwartete ruhig das Zeichen zum Angriff und als dieses erfolgte, stürmte die ganze Truppe dem Feinde entgegen.

Man kann sich leicht vorstellen, welchen Anblick diese zweiundsiebzig Mann, welche unter betäubendem Geschrei und ihre brennenden Holzscheite schwingend, heranrückten, im Dunklen gewähren mußten. Die Insulaner hielten denn auch keine Minute Stand und schossen keinen einzigen Pfeil ab, sondern ergriffen eiligst die Flucht und erwiderten das Geschrei der Matrosen mit einem Angstgeheul.

In dem Walde verschwanden sie.

Die Holländer kehrten zu ihren Feuern zurück, konnten aber diese Nacht nicht mehr an den Schlaf denken.

Um auf Alles gefaßt zu sein, begaben sich der Kapitain und Roi auf die Schaluppe; damit sie, wenn etwa die Eingeborenen zurückkehren sollten, nöthigenfalls zur Abfahrt bereit sei.

Als am folgenden Morgen der Tag grauete, waren Aller Blicke auf den Wald gerichtet.

Drei Insulaner erschienen und kamen auf den Fluß zu.

Drei Matrosen erboten sich, ihnen entgegen zu gehen.

Ihre Kameraden harrten mit gespannter Erwartung der kommenden Dinge, denn von der bevorstehenden Unterredung hing Krieg und Frieden ab.

Die drei Matrosen, welche schon früher in den indischen und chinesischen Meeren gewesen waren, konnten einige malayische Worte, mit deren Hilfe sie sich verständlich zu machen hofften.

Endlich begegneten sich die Unterhändler.

Die erste Frage, welche an die Holländer gerichtet wurde, war die, welcher Nation sie angehörten.

Die Matrosen antworteten dreist, daß sie Holländer seien und gaben sich als unglückliche Kauffahrer zu erkennen, deren Schiff verbrannt sei, worauf sie ihrerseits fragten, ob sie gegen Bezahlung Lebensmittel bekommen könnten, deren sie dringend bedürften.

Während dem kamen die Insulaner, welche durchaus nicht schüchtern waren, dem Lagerplatze immer näher, und man ließ dies geschehen, da sie ihrer nur drei waren.

Der Kapitain breitete jedoch die Segel über die das Verdeck bildenden Ruder, damit sie den Boden des Fahrzeugs nicht sehen konnten.

Diese Vorsichtsmaßregel machte sie in der That mißtrauisch und sie fragten sehr naiv, ob die Schiffbrüchigen Waffen hätten. Bontekoe antwortete ihnen, daß zum Glück Jedermann sein Gewehr und Munition habe retten können, und sagte, indem er auf den mit den Segeln bedeckten Theil der Schaluppe zeigte:

»Dort ist das Arsenal.«

Die Insulaner hätten die Segel gern emporgehoben, aber sie wagten es nicht.

Als sie sahen, daß sie ihre Neugier nicht befriedigen konnten, nahmen sie Abschied von den Holländern und sagten, daß sie ihnen Reis und Hühner bringen wollten.

Alle Taschen wurden umgewendet und man brachte mit knapper Noth achtzig Realen zusammen.

Nach Verlauf einer Stunde brachten die Insulaner gekochte Hühner und Reis.

Sie wurden aus der gemeinschaftlichen Kasse bezahlt und schienen mit dem Preise zufrieden zu sein.

Der Kapitain ermahnte nun seine Leute, daß sie eine möglichst sorglose Miene annehmen und ruhig essen sollten.

Die drei Insulaner nahmen ebenfalls an der Mahlzeit Theil.

Während derselben richtete man einige Fragen an sie über den Ort, an dem man sich befand. Es war wirklich die Insel Sumatra, wie der Kapitain vermuthet hatte. Man erkundigte sich nach der Lage von Java und erhielt die gewünschte Auskunft darüber.

Man wußte genug.

Das Einzige, was der Mannschaft jetzt noch fehlte, waren die nöthigen Lebensmittel, um wieder zu Kräften zu kommen. Der Kapitain beschloß Alles zu wagen, um sich reichliche, Vorräthe davon zu verschaffen. Zu dem Ende mußte man den Fluß hinauf nach einem kleinen Dorfe fahren, das man in ziemlicher Entfernung liegen sah.

Der Kapitain nahm alles noch vorhandene Geld mit und bestieg mit vier Mann eine kleine Pirogue. —

Als er in dem Dorfe angekommen war, kaufte er ohne Schwierigkeiten seine Lebensmittel ein und schickte sie an Roi mit dem Auftrage, sie gleichmäßig zu vertheilen.

Er selbst blieb in dem Dorfe, um auszuruhen und seine Mahlzeit zu halten. Als diese beendigt war, stand er auf, ohne sich um die Insulaner zu kümmern, die ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen hatten, kaufte einen Büffel und schickte sich an, ihn fortzuführen.

Das Thier war aber so wild, daß es sich nicht führen ließ.

Da es schon dunkel würde, schlugen die vier Matrosen dem Kapitain vor, die Nacht im Dorfe zuzubringen und erst am andern Morgen in's. Lager zurückzukehren. Sie meinten, daß es ihnen am folgenden Tage leichter werden würde, den Büffel zu bändigen und fortzuführen.

Bontekoe aber wollte davon nichts wissen und erklärte ihnen, daß er nöthigenfalls allein in's Lager zurückkehren werde, wenn sie ihn nicht begleiten wollten.

Die vier Matrosen baten ihn um Entschuldigung, erklärten aber, daß sie, angeblich wegen zu großer Ermüdung, seine Erlaubniß, im Dorfe zu bleiben, benutzen wollten.

Der Kapitain ging demnach allein.

Als er am Flusse ankam, fand er eine Menge Eingeborner bei der Pirogue versammelt, auf der er angekommen war.

Sie schienen sich heftig zu streiten, und Bontekoe glaubte aus ihren Geberden zu erkennen, daß Einige ihn zurückhalten, Andere ihn fortfahren lassen wollten.

Der Augenblick war kritisch, die geringste Unentschlossenheit konnte Alles verderben. Bontekoe ging muthig auf die Insulaner zu, ergriff die beiden ersten Besten am Arme und stieß sie in die Pirogue wie ein Mann, der gewohnt und berechtigt ist, zu kommandieren.

Die Insulaner gehorchten, ohne Widerstand zu leisten, aber mit sichtbarem Unwillen und drohenden Blicken. Als sie den Kahn bestiegen hatten, setzte sich der Eine an's Vordertheil, der Andere an's Hintertheil, und sie ruderten fort.

Beide hatten ihr Messer im Gürtel.

Bontekoe, der in der Mitte des Nachens saß, beobachtete sie abwechselnd und hoffte sie durch seinen Blick in Respect zu halten.

Ohngefähr auf halbem Wege trat der am Hintertheil sitzende Ruderer vor den Kapitain und erklärte ihm durch Zeichen, daß sie ihn nicht weiter fahren würden, wenn er ihnen nicht Geld gäbe.

Bontekoe nahm ein kleines Geldstück aus der Tasche und gab es ihm.

Der Insulaner betrachtete es eine Weile mit mißtrauisch er Miene und knüpfte es endlich in den Zipfel des Schutzes, den er um die Hüften trug.

Dann kehrte er auf seine Ruderbank zurück.

Kurz darauf kam der Andere und stellte das nämliche Verlangen an den Kapitain.

Dieser nahm abermals ein Geldstück von dem Werthe des ersteren hervor und gab es ihm.

Der Insulaner betrachtete es noch länger und argwöhnisch er als sein Gefährte, blickte abwechselnd auf den Kapitain und auf das Geldstück und war offenbar unschlüssig, ob er es annehmen oder den Kapitain erdolchen sollte.

Das Eine war für ihn so leicht als das Andere, denn er war bewaffnet und Bontekoe nicht.

Dieser beobachtete alle seine Bewegungen mit scharfem Blicke, und da er vollkommen errieth, was im Geiste des Wilden vorging, obgleich dessen Gesicht ganz ruhig und gleichgültig blieb, so klopfte sein Herz ziemlich heftig.

Die Pirogue fuhr indessen den Fluß hinunter, und zwar um so schneller, als sie durch die zurückkehrende Fluch fort getrieben wurde.

Als ungefähr zwei Drittel des Weges zurückgelegt waren, begannen die Ruderer einige Worte zu wechseln und ihr Gespräch wurde nach und nach so lebhaft, daß dem wackeren Kapitain nicht wohl zu Muthe war. Es lag auf der Hand, daß die beiden Wilden nichts Gutes im Sinne hatten, und er glaubte an ihren Geberden zu erkennen, daß sie ihn von beiden Seiten zugleich angreifen und ermorden wollten.

Der Kapitain sandte ein stilles Gebet zum Himmel und in dem nämlichen Augenblicke fuhr ihm ein so sonderbarer Gedanke durch den Kopf, daß er überzeugt war, Gott selbst habe ihm denselben eingegeben. —

Er kam auf den Einfall zu singen.

In Folge dessen stimmte er aus voller Kehle ein lustiges holländisches Lied an.

Bei diesem unerwarteten und kräftigen Gesange, dessen Echo weit hin durch den Wald hallte, der beide Ufer des Flusses beschattete, brachen die beiden Wilden' in herzliches Gelächter aus, wobei sie den Mund' so weit aufrissen, daß Bontekoe ihnen bis in den Schlund sehen konnte.

Während dem glitt die Pirogue pfeilschnell über das Wasser hin und als der Kapitain nach einigen Minuten die Schaluppe erblickte, hielt er sich für geborgen.

Ei: hörte indessen nicht auf zu singen, um die beiden Wilden zu beschäftigen und zu gleicher Zeit der Mannschaft im Lager seine Rückkehr anzukündigen. Und in der That, als die gellendsten Töne seines Gesanges an's Ohr seiner Leute schlugen, ließ Jedermann die Arbeit, liegen, mit der er eben beschäftigt war, und eilte an den Fluß.

Bontekoe befahl jetzt den beiden Insulanern, daß sie Beide an's Vordertheil gehen sollten, damit er sie im Auge behalten konnte und gegen einen Ueberfall geschützt war. Sie gehorchten, und da sie, ebenfalls auf seinen Befehl näher am Ufer hinfuhren, sprang er plötzlich an's Land und befand sich unter seinen Leuten.

Diese waren nicht wenig besorgt, als sie den Kapitain allein kommen sahen. Als sie seinen Gesang gehört, hatten sie sogleich geahnt, daß etwas Ungewöhnliches vorgehen müsse, da er ihres Wissens kein so großer Freund der Vokalmusik war, und sie waren daher an's Ufer geeilt.

Bontekoe erzählte ihnen, daß er einen Büffel gekauft, daß seine Begleiter gern hätten im Dorfe bleiben wollen und daß er während der ganzen Rückfahrt in Lebensgefahr geschwebt hatte.

Die Holländer hatten wohl nicht übel Lust, die beiden Insulaner für die Angst, die ihr Kapitain ausgestanden, empfindlich zu züchtigen; dieser aber befahl ihnen, daß sie sie im Gegentheil mit der größten Rücksicht behandeln sollten, indem die Bewohner des Dorfes sonst leicht blutige Rache ausüben könnten.

Die beiden Ruderer schienen übrigens an keine Gefahr zu denken. Sie gingen mit in's Lager, betrachteten mit kindlicher Neugierde alle Gegenstände, fragten, wo die Leute die Nacht zubrächten und erkundigten sich besonders darnach, wo Roi und der Kapitain schliefen, in denen sie die beiden Anführer der Truppe erkannt hatten.

Man antwortete ihnen, daß die Mannschaft in Zelten und Roi und der Kapitain in der Schaluppe übernachteten.

Die Nacht verging ruhig; Bontekoe aber schlief sehr schlecht, da er sich des Gedankens nicht erwehren konnte, daß er die im Dorfe zurückgebliebenen vier Matrosen nicht wiedersehen werde.

Die ersten Stunden des folgenden Morgens vergingen in der That, ohne daß sie zurückkamen.

Um neun Uhr aber wurde dem Kapitain gemeldet, daß sich zwei Eingeborne zeigten, die einen Büffel vor sich hertrieben.

Bontekoe ging ihnen in Begleitung eines Matrosen, der ein wenig malayisch sprach, entgegen und fragte sie, warum die vier Holländer nicht kämen und warum sie ihm einen andern Büffel brächten als den, welchen er gekauft hätte.

Auf diese Fragen antworteten sie, daß der Büffel den der Kapitain gekauft, so wild gewesen, daß man einen anderen habe wählen müssen, den die nachkommenden Holländer mitbrächten.

Diese Antwort klang ziemlich wahrscheinlich und sie beruhigte Bontekoe's Besorgnisse auf einen Augenblick. Er erbot sich dann, auch den zweiten Büffel zu kaufen, wurde mit den Insulanern über den Preis einig und bezahlte diesen sogleich. Als aber das Thier in's Lager geführt werden sollte, geberdete es sich noch unbändiger als das andere, so daß Bontekoe ohne Weiteres eine Axt ergriff und ihm die Fesseln zerhieb. —

Bei diesem Anblicke aber erhoben die Insulaner, welche,den Büffel wieder mitzunehmen gedachten, obgleich sie den dafür ausbedungen Preis bezahlt erhalten hatten, ein lautes Geschrei, und auf dieses Geschrei brachen wie auf ein gegebenes Zeichen einige hundert Wilde aus dem Walde hervor und eilten auf die Schaluppe zu.

Ihre feindseligen Absichten konnten nicht zweifelhaft sein; daher kamen die drei Holländer, die in einiger Entfernung von den Zelten ein Feuer unterhielten und sie zuerst bemerkt hatten, eiligst in's Lager, um den Kapitain von dem Angriffe zu benachrichtigen.

Zu gleicher Zeit erschien ein andrer Haufe von etwa fünfzig Mann, die nicht minder schlimme Absichten zu haben schienen, auf einer andern Seite.

Bontekoe überschlug mit Einem Blicke die Anzahl der beiden Truppen und da er überzeugt war, daß er sich ungeachtet der mangelhaften Bewaffnung seiner Leute wirksam werde vertheitigen können, rief er ihnen zu:

»Erwartet die Schurken festen Fußes! sie sind ihrer nicht so viele, daß wir uns vor ihnen fürchten sollten.«

In dem nämlichen Augenblicke aber zeigte sich auf' einer andern Seite noch eine dritte Abteilung; und diese war allein so zahlreich als die beiden ersten zusammen und mit Degen und Schildern bewaffnet.

Hätte jeder Holländer, wie man sich dessen gerühmt hatte, sein Schießgewehr und Munition bei sich gehabt, dann wäre noch Widerstand möglich gewesen; aber die Holländer waren ihrer nur siebenundsechzig gegen ungefähr sechshundert Wilde und besaßen, wie schon erwähnt, keine andern Waffen als zwei Aexte und einen Degen.

Der Kapitain sah daher ein, daß ein schneller Rückzug das einzige Rettungsmittel war und in Folge dessen rief er seinen Leuten zu:

»In die Schaluppe, Kinder! in die Schaluppe!«

Alle eilten auf diesen Ruf an den Fluß.

Leider war in der Schaluppe zur Abfahrt nichts in Bereitschaft gebracht, und daher mußte ein Theil der Holländer Kehrt machen, um den Feind abzuwehren, während die Andern das Boot in Stand fehlen.

Zwei Matrosen hatten die Aexte und der Schiffsbäcker den alten Degen ergriffen, mit dem er Wunder der Tapferkeit verrichtete.

Es entspann sich ein kurzer, aber blutiger Kampf. Als die Insulaner sahen, daß die Holländer keine Gewehre hatten und der Vortheil daher ganz auf ihrer Seite war, drangen sie unter fürchterlichem Geheul auf die Schaluppe ein. Einen Augenblick wurde zu gleicher Zeit am Lande, auf dem Boote und im Wasser gekämpft.

Die Schaluppe wurde am Vorder- und am Hintertheile vermittelst eines kleinen Ankers am Ufer festgehalten. Der Kapitain, der sich auf derselben befand, rief dem am Ufer stehenden Bäcker zu: »Kappe die Leine!« aber der Degen war stumpf und daher unfähig, ein elastisch es Seil zu zerschneiden; überdies mußte auch der Bäcker sich in diesem Augenblicke umwenden und sich seiner Waffe gegen einen auf ihn eindringenden Insulaner bedienen.

Der Kapitain eilte nun an's Hintertheil, zog die Leine straff an und rief dann wieder: »Hau zu!«

Diesmal genügte ein kräftiger Hieb, um die Leine zu kappen.

»In die Schaluppe! in die Schaluppe!« rief nun der Kapitain, und auf diesen Ruf traten Alle, welche nicht getödtet oder sehr schwer verwundet waren, den Rückzug an, die schon im Boote Befindlichen halfen ihnen beim Einsteigen und vier Mann, denen es gelungen war, den andren Anker vom Ufer loszumachen, zogen das Fahrzeug nach der Mitte des Flusses.

Als sie keinen Grund mehr hatten, wurden sie ebenfalls in die Schaluppe aufgenommen.

Als ob der Himmel sich endlich der armen Schiffbrüchigen annehmen wollte, gegen die sich Feuer, Wasser und Erde verschworen zu haben schienen, sprang plötzlich der bis jetzt von der Seeseite herkommende Wind um und trieb das Fahrzeug dem Meere zu.

Man mußte indessen die Klippen vor der Mündung des Flusses wieder passiren; dies war die letzte und vielleicht einzige wirkliche Besorgniß der Holländer.

Sie wurden jedoch glücklich passirt und in fünf Minuten war man wenigstens auf dieser Seite außer Gefahr.

Die Ueberzeugung der Insulaner stimmte mit der Befürchtung der Holländer überein, denn sie waren Alle auf die Spitze der Landzunge gekommen, um die Schaluppe scheitern zu sehen.

Die Vorsehung fügte es anders, und da der Wind fortwährend günstig blieb, entfernte sich das Boot rasch von der Küste.

Jetzt aber hatten die Mannschaft und ihr braver Kapitain eine zweifache Ursache zum schmerzlichen Bedauern.

Die erste war die, daß sie vier Kameraden hatten zurücklassen müssen, mit denen sie. so große Anstrengungen und Gefahren überstanden.

Dann bemerkte man, daß der wackere Bäcker, der den Rückzug mit wahrem Löwenmuthe gedeckt hatte, unterhalb der Brust verwundet war. Die Wunde an sich war nicht gefährlich ; allein aus dem dunklen Rande, der sie umgab, ersah der Kapitain, daß sie mit einer vergifteten Waffe beigebracht war. Bontekoe nahm sogleich sein Messer hervor und schnitt das brandige Fleisch heraus; aber das Gift der Sundainseln ist bekanntlich stets tödtlich, und so verschied der unglückliche Bäcker binnen wenigen Minuten.

Der Kapitain zählte nun seine Leute. Es fehlten sechzehn Mann; die vier Matrosen, welche im Dorfe zurückgeblieben, elf welche bei der Landung um's Leben gekommen, und der Unglückliche, der eben gestorben war. —

Nach' einem kurzen Gebet wurde der Leichnam des Bäckers über Bord geworfen.

5.
Die blauen Berge

Die Schaluppe segelte längs der Küste hin.

Als dem Verstorbenen die letzte Ehre erwiesen war: untersuchte man die vorhandenen Lebensmittel.

Sie beschränkten sich auf acht Hühner und ein wenig Reis, welche unter die noch übrigen sechsundfünfzig Mann vertheilt wurden.

Ein so geringer Vorrath konnte aber natürlich für Leute. welche vierzehn Tage die Qualen des Hungers und Durstes gelitten und sich während ihres Aufenthalts am Lande noch nicht ein einziges Mal wirklich satt gegessen hatten, nicht lange ausreichen.

Sie mußten sich daher entschließen, wieder zu landen und steuerten zu dem Ende auf die Küste zu.

Diese war mit Insulanern bedeckt, welche aber die Flucht ergriffen, als sie die Schaluppe herankommen sahen.

Man ging eilig an's Land, suchte Austern, Muscheln und Seeschnecken, trank sich an einem Bache satt, füllte die beiden Fässer mit Wasser und schiffte sich dann sogleich wieder ein.

Der Kapitain 'machte nun den Vorschlag, ein wenig weiter in die offene See zu stechen, wo man vielleicht eine unbewohnte kleine Insel fand, auf der man sich, ohne Besorgniß vor einem Ueberfall, reichlich mit Wasser, Früchten und Schaalthieren versehen konnte.

Der Vorschlag wurde angenommen.

Bis auf die sehr unsicheren Mittheilungen, welche man von den Insulanern über Sumatra und Java erhalten hatte, wußte man nicht, wo man sich befand.

Die Nacht war heiter und das Meer ruhig, so daß die Lage der Mannschaft im Vergleich mit den erlittenen Drangsalen erträglich genannt werden konnte.

Am andern Morgen bekam man drei Inseln zu Gesicht; Da sich. nirgends am Ufer ein Eingeborner zeigte, glaubte man, sie seien unbewohnt, und dies war es eben was man wünschte. Man steuerte auf die Inseln zu und landete auf der größten.

Sie enthielt nichts als einen Bach, Bambusrohr, Palmen und einen Berg.

Als die Matrosen von dem schönen süßen Wasser getrunken hatten, kamen sie auf die Idee, soviel als nur möglich davon mitzunehmen.

Zu.dem Ende schnitten sie eine Menge starker Bambusrohre ab, durchstachen die Knoten mit Ausnahme des letzten vermittelst eines Stockes, füllten dann die Rohre mit Wasser und verschlossen die Oeffnungen mit Pfropfen..

Auf diese Art konnte man fast noch einmal so viel Wasser mitnehmen als in die beiden Fässer ging. Dann kletterte man auf die Palmen, schnitt die weißen Blattknospen ab, welche ungefähr wie Kohl schmecken, aß sich daran satt und nahm einen Vorrath davon mit.

Hierauf zerstreute sich die Mannschaft am Ufer, um Muscheln und Austern zu suchen.

Während dem erstieg Bontekoe den. Berg.

Als er auf dem Gipfel desselben angekommen war, erinnerte er sich, durch welche wunderbare Reihenfolge von Ereignissen er abwechselnd vom Tode bedroht und wieder gerettet worden war; ein Gefühl frommer Dankbarkeit zog in seine Brust ein und er fiel Angesichts der unwirtlichen Küste und des unermeßlichen Ozeans auf die Kniee, um ein andächtiges Gebet zum Himmel zu senden.

Als er wieder aufstand, richtete er den Blick auf den Horizont.

Da entdeckte er zur Rechten in nebliger Ferne die unbestimmten Umrisse einer Gebirgskette, aus der zwei hohe Bergkegel zum Himmel anstrebten.

In dem nämlichen Augenblicke stieg eine Erinnerung in ihm auf.

Er hatte oft zu Hoorn in Holland, wenn er des Abends hinter dem mächtigen Ofen beim Bierkruge saß, einen seiner Freunde, Namens Wilhelm Schouten, der ebenfalls Schiffskapitain war und die Reise nach Ostindien bereits zweimal gemacht hatte, erzählen hören, daß hinter Batavia eine Gebirgskette liege, von deren Kamme sich zwei hohe Spitzen bis über die Wolken erhoben und die ihrer bläulichen Farbe wegen die blauen Berge genannt wurden.

War dieses Gebirge wirklich das, von welchem Schouten gesprochen, dann hatte Bontekoe sich in seinen Höhemessungen nicht geirrt und befand sich in der Nähe von Java, das heißt einer holländischen Colonie, wo er jede wünschenswerthe Unterstützung erwarten durfte.

Er ging daher rasch wieder den Berg hinunter zu seinen Leuten und theilte ihnen seine Hoffnungen mit.

Alle waren mit ihm der Meinung, daß man sogleich wieder in See stechen und auf die beiden Berge abhalten sollte..

Die eingesammelten Muschelthiere, Palmenknospen und die mit Wasser gefüllten Bambusrohre wurden auf der Stelle an Bord geschafft und da der Wind günstig war, segelte die Schaluppe direct auf die beiden Berge zu.

Als es dunkel wurde, konnte man sie nicht mehr erkennen; aber die Sterne erschienen und dienten anstatt ihrer als Führer.

Am folgenden Morgen wurde man durch eine Windstille aufgehalten. Dieser Umstand erweckte anfangs große Mißstimmung, denn man wußte nicht daß man während der Nacht der Küste von Java näher gekommen war.

Plötzlich aber stieß ein Matrose, der auf die Mastspitze geklettert war, einen Freudenruf aus, rieb sich die Augen und sagte dann er sehe dreiundzwanzig Schiffe.

Die ganze Mannschaft äußerte ihre Freude durch ausgelassenen Jubel, durch Singen, Springen und Tanzen.

Dann wurden die Ruder eingesetzt und auf die Flotte zu gesteuert.

Die dreiundzwanzig Schiffe waren ein holländisches Geschwader unter dem Kommando des Admirals Friedrich Houtman Dalkmaer.

Der Admiral stand auf der Campanie seines Schiffes, und beobachtete durch das Fernrohr alle Bewegungen der herankommenden Schaluppe und ahnete mit seinem erfahrenen Blicke sogleich ein großes Unglück.

In Folge dessen sahen die Schiffbrüchigen bald eine Schaluppe von der Flotte abgehen und ihnen rasch entgegenkommen; sie war von dem Kommandanten abgesandt.

Als die beiden Boote sich einander näherten, standen die Matrosen auf und schwenkten unter freudigen Hurrah's die Hüte.

Diese Freude war um so größer, als sie bald erfuhren, daß sie zu gleicher Zeit aus dem Texel ausgelaufen und bis in den biscayischen Meerbusen in Gesellschaft gesegelt waren.

Bontekoe und Roi stiegen in die Schaluppe und wurden auf das Admiralschiff gebracht.

Die Schaluppe des »Nieuw-Hoorn« folgte in geringer Entfernung.

Die beiden Offiziere stiegen auf das Verdeck, wo Dalkmaer sie erwartete.

Sie erzählten mit kurzen Worten ihr Unglück und der Admiral sah ein, daß die wackeren Leute der Stärkung und Pflege dringend bedurften.

Er ließ sogleich Wein und kalte Küche auftragen und gab Befehl, daß die übrigen Schiffbrüchigen an Bord genommen und ebenfalls reichlich bewirthet werden sollten.

Als Bontekoe und Roi an dem mit Brot, Wein und vaterländischen Speisen beladenen Tische saßen, sahen sie einander an, brachen zu gleicher Zeit in Thränen aus und dankten dem Admiral herzlich für seine freundliche Aufnahme.

Dalkmaer bewilligte den Unglücklichen den ganzen Tag zu ihrer Erholung und ließ sie am folgenden Morgen auf seiner Yacht nach Batavia bringen, wo sie unter großem Zudrange der Bevölkerung, die ihr Unglück schon kannte und erfahren hatte, wie sie drei Mal 'nach einander dem Tode entronnen waren, ihren Einzug hielten.

Noch den nämlichen Tag machten sie dem Generalbevollmächtigten der holländisch-ostindischen Compagnie ihre Aufwartung und wurden eben so freundlich von ihm aufgenommen, wie vom Admiral.

Sie mußten ihm ebenfalls die Geschichte ihres Unglücks erzählen, sie machte den nämlichen Eindruck auf ihn und er bewilligte ihnen zur Erholung eine ganze Woche, die ein ununterbrochenes Fest für sie war.

Endlich aber dachte der Gouverneur daran, die Leute, welche einen so glänzenden Beweis von Muth und frommer Ergebung abgelegt hatten, nützlich zu verwenden; in Folge dessen übertrug er Bontekoe das Commando des Schiffes »Bergeboot« und ernannte Roi zum Supercargo auf demselben.

So blieben sie mit den nämlichen Graden, die sie auf dem »Nieuw-Hoorn« bekleidet hatten, beisammen.

Die Matrosen wurden nach Bedürfniß des Admirals auf andere Schiffe vertheilt.

Später wurde Roi Gouverneur des Forts auf Amboina, eine der Molukken, wo er bis an sein Ende blieb.

Bontekoe reiste, nachdem er noch mehrere Seereifen gemacht und durch seinen Muth und seine Kenntnisse der Regierung wichtige Dienste geleistet hatte, am 6. Januar 1625 nach Europa ab, landete am darauf folgenden 15. November in Seeland und zog sich in seine Vaterstadt Hoorn zurück, wo er diese Erzählung niederschrieb, die wir unseren Lesern zweihundert Jahre nach seinem Tode in Vorstehendem mitgetheilt haben.

Die Mörderbai

1

Auf der andern Seite des Erdballs, gerade unter Frankreich, liegt in dem großen australischen Ozean ein Land, das ungefähr die Größe Frankreichs und die Gestalt Italiens hat und durch eine Meerenge in zwei ungleiche Inseln getheilt,wird.

Dies ist Neu-Seeland, im Jahre 1642 durch Abel Jansen Tasman entdeckt und von ihm Staatenland genannt, welchen Namen es später abgelegt hat, um den von Neu-Seeland anzunehmen.

Tasman betrat dieses Land nicht. Er fuhr durch die Meerenge, welche die beiden Inseln trennt, ging in einer Bai vor Anker, wurde aber zwei Stunden darauf von den Eingeborenen angegriffen, und gab ihr deshalb den Namen der »Mörderbai« den sie bis auf den heutigen Tag behalten hat.

Länger als ein Jahrhundert blieb dieses Land unerforscht und man nannte es daher: Terra auetralis incognita. Es war für die Seefahrer etwas Aehnliches wie die Atlantides, von der Plato spricht, ein Land, wie das der Fee Morgana, welches verschwindet, wenn man sich ihm nähert.

Am 7. October 1769 fand Cook es wieder und erkannte es sowohl an seinen Bewohnern als auch an einer Karte, welche Tasman davon hinterlassen hatte.

Sein Verkehr mit den Eingeborenen war nicht freundschaftlicher als der, welchen der holländische Seefahrer hundert sechsundzwanzig Jahre früher mit ihnen gepflogen hatte. Die Neuseeländer versuchten es, die Matrosen des »Endeavour« zu entführen und diese erschossen ungefähr ein Dutzend von ihnen. Da Cook, nachdem er bei Dika—Na—Mavy, der nördlicher liegenden von beiden Inseln, angelegt, weder im Guten noch mit Gewalt die Gegenstände, deren er bedurfte, hatte erlangen können, nannte er die Bai, in der er vor Anker gegangen war, die »Armuthsbai.«

Diese beiden Namen waren für andere Seefahrer eben nicht ermuthigend.

Einen Monat nach dem Kapitain Cook kam ein französischer Kapitain, Namens Surville, nach Neu-Seeland.

Dieser wurde im Angesicht der Küste von einem heftigen Sturme überfallen und verlor dabei ein Boot, welches am Hintertheile des Schiffes angebunden war. Als der Sturm sich gelegt hatte, entdeckte er mit dem Fernrohre sein Boot in einer kleinen Bucht, wo es auf den Strand gezogen war.

Sogleich setzte er ein anderes Boot aus, um das andere zu holen; die Insulaner aber erriethen den Zweck dieser Sendung und verbargen das Fahrzeug so gut, daß Surville's Leute es nicht finden konnten.

Wüthend über diesen Verlust, winkte Surville einigen Wilden, die in der Nähe waren, an Bord zu kommen.

Einer von ihnen folgte der Aufforderung und kam auf das Schiff; es war unglücklicherweise ein großer Häuptling, Namens Nanqui—Noui, und obgleich er einige Tage vorher dem Kapitain wichtige Dienste geleistet, indem er seine Kranken aufgenommen und sie mit eben so großer Humanität als Uneigennützigkeit behandelt hatte, erklärte ihm Surville, daß er sein Gefangener sei.

Außerdem schoß er nicht nur alle Piroguen, die er erreichen konnte, in den Grund, sondern verbrannte auch alle Dörfer an der Küste.

Dann verließ er Neuseeland und nahm, seiner Drohung gemäß, Nanqui-Noui mit sich, der vier Monate nach der Abreise, am 12. März 1770, unterwegs vor Gram starb.

Die so von Cook und Surville gemißhandelten Neuseeländer hatten sich nun vorgenommen, an den ersten europäischen Schiffen, die sich wieder in einem ihrer Häfen blicken ließen, grausame Rache auszuüben.

Diese Schiffe waren der »Mascarin« und der »Castries«, welche unter den Befehlen des Kapitains Marion, eines Offiziers der französisch-ostindischen Compagnie, standen und von Van-Diemensland kamen.

Marion wußte nicht, was bei Surville's Anwesenheit vorgefallen war, und überdies war die ganze Küste, welche nur Cook drei Jahre zuvor erforscht hatte, noch unbekannt.

Am 16. April 1772 war er auf einer schlechten Rhede der Insel Dika-Na-Mavy, dem nördlichen Theile von Neuseeland, vor Anker gegangen.

Da aber die Schiffe in der folgenden Nacht durch einen plötzlich sich erhebenden Sturm fast an die Küste geworfen wurden, gingen sie so eilig wieder unter Segel, daß sie ihre Anker zurücklassen mußten, und sie nahmen sich vor, dieselben später zu holen.

Am 26. April kehrten sie in der That zurück, und am darauf folgenden 3. Mai ankerten sie in der Inselbai bei dem von Cook angegebenen Cap Brett.

Kaum lagen sie vor Anker, so erblickten sie drei Piroguen, welche heran ruderten. Es ging ein sanfter Wind und das Meer war wunderschön. Alle Matrosen hatten sich auf dem Verdeck versammelt und betrachteten neugierig diese Bewohner eines neuen Welttheils, der erste seit drei Jahren entdeckt war.

Auf der einen Pirogue befanden sich neun Mann. Diese näherten sich dem Schiffe. Der Kapitain schickte den neun Wilden einige Kleinigkeiten und ließ sie zugleich einladen, an Bord zu kommen.

Sie waren einen Augenblick unschlüssig; dann schienen sie sich überreden zu lassen.

Nach einigen Minuten kamen sie in der That auf das Schiff.

Der Kapitain empfing sie freundlich, führte sie in seine Kajüte und ließ ihnen Brot und Getränke vorsetzen.

Das Brot aßen sie mit ziemlichem Wohlbehagen aber erst nachdem der Kapitain Marion etwas davon genossen hatte.

Die Getränke dagegen kosteten sie, gegen die Gewohnheit anderer Wilden der Südsee, nur mit Widerwillen und Einige spuckten sie sogar wieder aus.

Dann zeigte man ihnen Aexte, Messer und kleine Beile.

Von diesen Gegenständen schienen die Beile ihnen am besten zu gefallen. Sie nahmen einige davon und deuteten durch Geberden, die sie damit machten an, daß sie den Gebrauch derselben kannten.

Man machte sie ihnen zum Geschenk. Dann wurden noch andere Dinge herbeigebracht, von denen zu vermuthen war, daß sie ihnen angenehm sein würden, unter andern Hosen und Hemden, die sie aber nur sehr gleichgültig annahmen, um den Kapitain nicht zu beleidigen.

Endlich stiegen sie, mit den Hemden und Hosen bekleidet, wieder in die Pirogue, kehrten zu den beiden andern Booten zurück, schienen den darauf Befindlichen zu erzählen, welcher freundliche Empfang ihnen zu Theil geworden war, zeigten 'ihnen die erhaltenen Geschenke und forderten sie auf, das Schiff ebenfalls zu besuchen.

Nach einer kurzen Berathung entschlossen sich die anderen Wilden dazu, und während die ersten an's Land zurückfuhren, näherten sie sich den Schiffen und kamen an Bord des »Mascarin.«

Während sie auf's Verdeck stiegen, warf der Kapitain Marion noch einen Blick auf die an's Land zurückrudernden Piroguen; die darin befindlichen neun Wilden hielten an, um ihre Hemden und Hosen auszuziehen und nachdem sie diese in einem Winkel des Fahrzeugs verborgen hatten, setzten sie ihren Weg fort.

Der Kapitain kümmerte sich nun weiter nicht um sie und schenkte seine ganze Aufmerksamkeit den Neu angekommenen.

Sie waren ihrer zehn bis zwölf, darunter ein Häuptling. Dieser maß ungefähr fünf Fuß fünf Zoll und war dreißig bis zweiunddreißig Jahre alt und von ziemlich wohlgebildeter Gestalt. Sein Gesicht war mit Zeichnungen tätowiert, deren mit einander verschlungenen Linien den Zügen und Schnörkeln glichen, die unsere Schreibkünstler zuweilen mit der Feder machen; sie trugen knöcherne Ringe in den Ohren, halten schwarze Haare, welche nach chinesischer Art auf dem Scheitel zusammengebunden und deren Büschel mit zwei Federn verziert waren.

Die Bekleidung bestand aus einem kurzen Weiberrocke, der nicht weit über die Hüften und nicht ganz bis an die Kniee reichte.

Dieser Rock, wie auch der Mantel, den sie über den Schultern trugen, war von einem in Frankreich unbekannten, weichen und zugleich festen Stoffe, mit einem Saume von anderer Farbe eingefaßt und mit Zeichnungen verziert, wie man sie auf etruskischen Gewändern findet.

Seine Waffen bestanden aus einer prächtigen Keule von Jadestein, die er am Gürtel trug, und einer langen Lanze, die er in der Hand hatte.

Sein Geschmeide bildeten die schon erwähnten Ohrringe und eine Halsschmuck von Fischzähnen.

Ein dünner Bart von borstigen Haaren verlängerte sein Kinn dergestalt, daß es in eine seine Spitze auslief, wie ein Malerpinsel.

Noch ehe Jemand eine Frage an ihn gerichtet hatte, nannte er seinen Namen, als ob dieser bis in die entferntesten Welttheile gedrungen und auch dem Kapitain Marion bekannt sein müßte.

Er hieß Takuri, das heißt: der Hund.

Der Kapitain hätte sehr gern einige Worte mit den Insulanern gesprochen; aber Niemand konnte die Sprache dieses Landes verstehen, das zwar schon vor länger als hundert Jahren entdeckt, aber erst seit kaum drei Jahren genauer bekannt war.

Zum Glück kam der Lieutnant Crozet auf die Idee, ein Vokabelbuch der taitischen Sprache von Herrn von Bouquainville aus der Bibliothek des Kapitains heraufzuholen. Bei den ersten Worten, die er aussprach, horchten die Wilden auf; die beiden Sprachen waren einander fast gleich.

Von nun an konnte man sich verständlich machen, und der Kapitain Marion hoffte mit den Eingeborenen in freundschaftlichen Verkehr zu treten.

Wie um ihn in dieser Hoffnung zu bestärken, blieben fünf oder sechs Wilde, ohne aufgefordert worden zu sein, freiwillig auf dem Schiffe, während die Piroguen mit mehreren kleinen Geschenken an's Land zurückkehrten, da der Wind sich stärker erhoben hatte.

Unter den Zurückbleibenden befand sich auch der Häuptling Takuri.

Wenn man bedenkt, welche Pläne dieser Mann schon jetzt im Sinne hatte, so muß man gestehen, daß er, besonders nach dem, was vor zwei Jahren mit Surville vorgefallen war, eine seltene Charakterstärke besitzen mußte, um sich Leuten anzuvertrauen, die er als seine Feinde betrachtete und denen er nur deshalb ein solches Vertrauen bewies, um das nämliche Vertrauen in ihnen zu erwecken und sich dann in einem günstigen Augenblicke an ihnen rächen zu können.

Die Wilden aßen am Abend mit am Tische des Kapitains, kosten mit sichtbarem Appetit von allen Speisen, tranken aber weder Wein noch Likör und schliefen dann anscheinend ganz ruhig in den Betten, die man für sie in der großen Kajüte aufgeschlagen hatte.

Am folgenden Morgen lavirte das Schiff an der Küste umher.

Dieses Manöver schien die Eingeborenen sehr zu beunruhigen, da sie sich die Bedeutung desselben nicht erklären konnten. So oft das Schiff sich von der Küste entfernte, trat ungeachtet Takuri's Selbstbeherrschung eine Wolke des Unmuths auf seine Stirn; als er aber sah, daß es jedes Mal wieder wendete und zurückkehrte, schien er sich nach und nach zu beruhigen.

Am 4. Mai ging man zwischen den Inseln wieder vor Anker. Takuri benutzte eine vorübergehende Pirogue, um an's Land zurückzukehren und versprach, seinen Besuch bald zu wiederholen.

Nachdem er noch einige Geschenke erhalten hatte, fuhr er fort.

Der Kapitain Marion verweilte bis zum 11. auf der Rhede; mochte der Ankergrund nicht gut sein, oder konnten ihm die felsigen Inseln nicht diejenigen Gegenstände liefern, deren er bedurfte, kurz, er ging wieder unter Segel und lief in den von Cook angegebenen Inselhafen ein, wo er sich vor Anker legte.

Am folgenden Tage ließ er bei herrlichem Wetter eine Insel untersuchen, die im Hafen selbst lag, und da man auf derselben Waffen Holz und eine leicht zugängliche kleine Bucht fand, ließ er Zelte daselbst aufschlagen, die Kranken darin unterbringen und einen starken Wachtposten errichten. In der Nähe des Orts, wo der Wachtposten sich befand, lag ein Dorf.

Diese Insel ist die nämliche, welche Crozet in seiner Erzählung der nun folgenden Ereignisse Motu-Aro nannte und welche Dumont-d'Urville später mit dem Namen Motu-Rua bezeichnet, was ohne Zweifel nur eine Verbesserung der Aussprache war.

Die Nachricht von der gastfreundlichen Aufnahme, welche die Wilden am Bord der französischen Schiffe gefunden, hatte sich an der ganzen Küste verbreitet.

Kaum waren sie daher vor Anker gegangen, so sah man von allen Punkten des Ufers mit Fischen beladene Piroguen abstoßen.

Die Neuseeländer gaben zu verstehen, daß sie, um den weißen Männern angenehm zu sein, Fische gefangen hätten.

In Folge dieser guten Absicht wurden sie noch freundlicher aufgenommen als das erste Mal.

Als es dunkel wurde, entfernten sie sich wieder und ließen abermals mehrere von den Ihrigen an Bord zurück.

Die Nacht verging im besten Einvernehmen zwischen den Wilden und den Matrosen.

Am folgenden Tage wurde der Zulauf noch stärker.

Die beiden Schiffe waren bald von zehn bis zwölf Piroguen umgeben, welche abermals Fische mitbrachten; diesmal aber waren die Wilden unbewaffnet und von ihren Frauen und Kindern begleitet. Es hatte sich ein förmlicher Tauschhandel eingerichtet. Die Neuseeländer gaben Fische und erhielten dafür von den Matrosen kleine Glaswaaren und Nägel.

In den ersten Tagen begnügten sich die Leute mit alten Nägeln von zwei bis drei Zoll Länge; bald aber wurden sie anspruchsvoller und verlangten neue Nägel von vier bis fünf Zoll Länge. Zur Zeit der Anwesenheit des Kapitains Cook hatten sie den Gebrauch des Eisens kennen gelernt, und sobald sie daher einen großen Nagel hatten, brachten sie ihn dem Schlosser oder dem Waffenschmied, um ihn mit dem Hammer breit schlagen und dann auf dem Schleifsteine schärfen zu lassen, so daß er eine Art Meißel wurde. Um diese Arbeit bezahlen zu können, behielten sie immer einige kleine Fische zurück, die sie dann dem Schlosser, dem Schwertfeger oder auch dem Matrosen, der ihnen den genannten Dienst leistete, zum Geschenk machten.

Die Besuche wurden nach und nach so zahlreich, daß jedes der beiden Schiffe oft hundert und mehr Wilde am Bord hatte. Sie berührten und betrachteten Alles; da aber der Kapitain die strengste Aufsicht anbefohlen hatte, konnten sie nicht stehlen.

Am meisten interessierten sie die Flinten und Kanonen, obgleich sie sich nach Möglichkeit bemühten, es sich nicht merken zu lassen. Der Kapitain hatte jedoch Befehl gegeben, daß von keiner Feuerwaffe in ihrer Anwesenheit Gebrauch gemacht werden sollte, damit der Eindruck derselben vorkommenden Falls um so größer sei. Da aber vor drei Jahren von Cook und dann von Surville mehrere Insulaner erschossen worden waren, da sie bereits die Wirkung der Flinten und Kanonen kennen gelernt hatten, ohne sich die Ursache erklären zu können, so erregten die jetzt stummen Donnerwerkzeuge ihre Neugierde im höchsten Grade.

Uebrigens aber beobachteten sie der Mannschaft der beiden Schiffe gegenüber das Verstellungssystem ihres Häuptlings Takuri, der mehrere Mal an Bord gekommen war, und sie zeigten sich in Folge dessen sorglos, freundlich und einschmeichelnd.

Die verheiratheten Frauen trugen eine Art Binsengeflecht auf dem Kopfe; bei den Mädchen dagegen fiel das Haar in voller Freiheit über die Schultern herab.

Die Frauen und Töchter des Häuptlings waren außerdem an Federn kenntlich, die sie, wie ihre Gatten und Väter, in dem auf dem Scheitel zusammengebundenen Harrbüschel trugen.

2.
Takuri

Der Verkehr zwischen den Neuseeländern und den Mannschaften der beiden Schiffe wurde mit jedem Tage lebhafter und freundschaftlicher, und der Kapitain Marion schenkte ihnen nach und nach volles Vertrauen, obgleich sich sein Lieutnant Crozet sowie der Kapitain des »Castries,« Duclesmeur, zuweilen eine warnende Bemerkung erlaubten.

Wie hätte man in der That auch Mißtrauen hegen können?

Takuri, der Häuptling aller Dörfer, welche auf dem Theile der Insel lagen, wo man Anker getroffen, hatte dem Kapitain Marion seinen Sohn, einen schönen Jüngling von fünfzehn bis sechzehn Jahren, vorgestellt und ihm sogar erlaubt, eine Nacht an Bord des. »Mascarin« zuzubringen.

Drei von Marions Sklaven waren in einer Pirogue desertiert, welche unterwegs umschlug.

Einer ertrank, die beiden Anderen erreichten schwimmend das Land. Takuri ließ die beiden Sklaven einfangen und brachte sie dem Kapitain selbst zurück.

Eines Tages hatte sich ein Wilder durch eine Stückpforte in die Constabelkammer geschlichen und einen Säbel gestohlen; der Diebstahl wurde bemerkt, der Dieb festgehalten, dem Häuptlinge Takuri denunziert, und dieser befahl, daß er in Eisen gelegt werden sollte, wie die Matrosen, wenn sie ein schweres Verbrechen begangen hätten. Mit dieser Genugthuung war Marion so zufrieden, daß er den Wilden ohne andere Strafe als die Angst, die er bei seiner Verurtheilung ausgestanden hatte, wieder in Freiheit setzen ließ.

Da Takuri ihn fortwährend bat, an's Land zu kommen, hielt es der Kapitain, der ohnehin Reservemaste brauchte, für grundlosen Kleinmuth, die Gutwilligkeit der Eingeborenen nicht zu benutzen.

Eines Morgens begab er sich daher in Folge einer abermaligen Einladung von Seiten des Häuptlings an's Land. Es waren indessen keine Vorsichtsmaßregeln versäumt worden; die stark bemannte Schaluppe nahm ein Detachement Soldaten mit und der Kapitain ließ sich von seinem Lieutnant Crozet begleiten.

Auf diesem ersten Ausfluge besuchte man die ganze Küste der Bai und fand auf einem verhältnismäßig kleinen Raume etwa zwanzig Dörfer, von denen jedes zwei bis vierhundert Einwohner hatte.

Sobald übrigens die Franzosen am Lande erschienen, verließen die Eingeborenen Männer Weiber, Kinder und Greife, ihre Hütten und kamen herbei, um sie zu bewillkommnen. Es wurden nun zuerst, wie auf den Schiffen, kleine Geschenke unter sie vertheilt. Dann gab man ihnen zu verstehen, daß man Holz brauche, worauf Takuri und die anderen Häuptlinge den Kapitain baten, mit ihnen zu kommen, und dann die kleine Truppe etwa zwei Lieues in's Innere des Landes bis an den Saum eines prächtigen Cedernwaldes führten, in welchem die Offiziere sogleich diejenigen Bäume auswählten, die sie brauchen konnten.

An dem nämlichen Tage noch gingen zwei Drittel der Mannschaft an's Werk. um nicht nur die Bäume zu fällen, sondern auch einen Weg über drei Hügel und einen Sumpf zu bahnen, welche passirt werden mußten, um die Stämme an's Ufer zu transportiren.

Außerdem wurden am Ufer Bretterbuden gebaut in der Nähe des Orts, der zum Zimmerplatze gewählt worden war. Diese Buden bildeten eine Art Zwischenstation, welche die Schaluppen der beiden Schiffe täglich mit Lebensmitteln für die Arbeiter versahen.

Es waren also im Ganzen drei Posten am Rinde errichtet. Der eine befand sich auf der im Hafen gelegenen Insel und enthielt außer dem Lazareth die Schmiedewerkstätte, in welcher die eisernen Reifen für die Mailen und für die Fässer, welche neu bereift werden sollten, verfertigt wurden.

Dieser Pollen wurde von zehn wohl bewaffneten Matrosen unter dem Commando eines Offiziere vertheidigt, welche nöthigenfalls noch durch die Schiffsärzte verstärkt werden konnten.

Der zweite Posten war, wie gesagt, auf dem Festlande in der Gegend errichtet, wo die zwanzig Dörfer lagen, von denen wir gesprochen haben. Er war anderthalb Lieues von den Schiffen entfernt und bildete das Verbindungsglied zwischen diesen und den Arbeitern, welche Bäume fällten.

Der dritte endlich war der Zimmerplatz, zwei Lieues weiterhin am Saume des Cederwaldes.

Jedem dieser Posten waren wie dem ersten ungefähr zehn Mann mit einem Offizier zur eventuellen Vertheidigung beigegeben.

Die Wilden mischten sich beständig unter die Franzosen und besuchten die Posten eben so vertrauensvoll wie die Schiffe.

Ihre Anwesenheit war übrigens keineswegs eine Belustigung, sondern im Gegentheil eine Hilfe und eine Zerstreuung, denn man hatte nicht nöthig zu fischen und zu jagen, da sie Fische, Wachteln und Tauben in Menge lieferten. Bedurfte Jemand einer Handreichung, so waren sie stets dazu bereit, und da sie kräftig und gewandt waren, warteten die Matrosen nicht immer, bis sie ihre Dienste anboten, sondern nahmen zuweilen ihre Kraft und Geschicklichkeit in Anspruch.

In Folge des guten Einvernehmens machten die jüngeren Leute der Mannschaft täglich Ausflüge in das Innere des Landes. Der Zweck dieser Ausflüge war die Jagd, und häufig auch bloße Neugierde. Die Jäger erlegten Tauben, Wachteln und Enten, zum großen Erstaunen der Eingeborenen, die einen heftigen Knall hörten, über den sie erschraken, und das Thier fallen sahen, ohne sich erklären zu können, von welchem unsichtbaren Geschoß es getroffen war. Wenn die Franzosen auf dem Hin- oder auf dem Rückwege an einen Fluß oder Sumpf kamen, so nahmen die Insulaner sie auf den Rücken und trugen sie wie Kinder hinüber. Am Abend kamen sie wie gewöhnlich sehr spät, von mehreren Wilden begleitet,durch den Wald zurück.

Trotz aller dieser Freundschaftsbezeigungen bewahrten einige von den Offizieren, und namentlich Crozet, ihr anfängliches Mißtrauen. Da ihnen die Besuche von Cook und Surville noch nicht bekannt waren; mußten sie sich an Tasmans Schilderungen halten. Dieser bezeichnete die Neuseeländer als grausam, falsch und rachsüchtig. Er sagte sogar, daß er sie für Menschenfresser halte; diese Behauptung aber betrachtete man für eines von den Märchen, mit denen die Ammen ihre Kinder einwiegen.

Als indessen Marion plötzlich den Befehl gab, daß die Boote, welche zwischen den Schiffen und dem Lande hin und herfuhren, desarmirt werden sollten, bot Crozet Alles auf, um die Widerrufung die des Befehles, den er für eine große Unvorsichtigkeit hielt, zu erlangen; der Kapitain aber wollte von nichts hören, er war von dem Zauber der anscheinenden Freundschaft gefesselt.

Der Kapitain gab sich in der That einer völligen Sorglosigkeit hin es machte ihm außerordentliches Vergnügen, mit den Insulanern zu verkehren; wenn sie auf sein Schiff kamen: waren sie beständig in seinem Zimmer und er unterhielt sich und scherzte mit ihnen, denn mit Hilfe des Vokabelbuches von Bougainville war man nach und nach dahin gelangt, daß man sich ihnen verständlich machen konnte. Die Wilden wußten übrigens sehr gut, daß Marion der Häuptling der Weißen war. Jeden Tag brachten sie ihm einen prächtigen Steinbutt, weil er ihnen gesagt hatte, daß er diesen Fisch besonders gern esse, und so oft er an's Land kam, wurde er mit endlosem Jubel und Freundschaftsbezeigungen empfangen, an denen die ganze Bevölkerung, selbst die Frauen und Kinder, Theil nahmen.

Am zweiten Juni begab sich der Kapitain abermals, wie gewöhnlich an's Land. Er war von einer Anzahl Wilder begleitet, von denen er einige in seinem eigenen Boote mitgenommen hatte, während die 'anderen in ihren Piroguen nebenher fuhren.

An diesem Tage war das Freudengeschrei und der Jubel noch viel größer als sonst. Die Häuptlinge, unter ihnen auch Takuri, versammelten sich und erkannten Marion einstimmig als den obersten Häuptling des ganzen Landes an. Dann putzten sie ihn, die Tätowierung ausgenommen, als solchen auf banden ihm die Haare auf dem Scheitel zusammen und befestigten vier Federn darein zum Zeichen seines hohen Ranges und seiner Suprematie.

Am Abend kehrte er heiterer und vertrauensvoller als je auf sein Schiff zurück.

Der Lieutnant Crozet hatte unter den Eingeborenen, welche auf die Schiffe kamen, oder die er am Lande gewöhnlich sah, einen jungen 'Mann von siebzehn bis achtzehn Jahren lieb gewonnen, der sich durch seine sanften Gesichtszüge und hervorragenden Geistesfähigkeiten auszeichnete. Er besuchte den Lieutnant täglich, und so kam er auch am 11. Juni, war aber diesmal traurig und niedergeschlagen.

Crozet hatte gegen ihn den Wunsch geäußert, Waffen und Werkzeuge von Jadestein zu besitzen, dessen sich die Neuseeländer zur Verfertigung dieser Gegenstände bedienen. Er brachte ihm das Gewünschte und reichte es ihm mit Thränen in den Augen. Crozet wollte ihm wie gewöhnlich, eiserne Werkzeuge und rothe Taschentücher dafür geben, die, wie er wußte, der Gegenstand seiner sehnlichsten Wünsche waren; der junge Mann aber wies sie mit einem wehmüthigen Kopfschütteln zurück. Der Lieutnant wollte ihm nun die Gegenstände, die er mitgebracht hatte, zurückgeben, aber er nahm sie nicht an; der Lieutnant wollte ihm etwas zu, essen geben, aber er verweigerte dies ebenfalls, immer mit dem langsamen und traurigen Kopfschütteln, das Crozet von Anfang an mit Besorgniß an ihm bemerkt hatte. Endlich sah er den Lieutnant noch einmal mit einem unbeschreiblich wehmüthigen Blicke an, als ob er damit für immer von ihm Abschied nehmen wollte, eilte dann aus dem Zimmer auf's Verdeck, stieg in seine Pirogue und verschwand.

Crozet, welcher durch die Traurigkeit seines jungen Freundes, die er noch nie an ihm bemerkt harte, selbst verstimmt worden war, zerbrach sich den Kopf über die Ursache, welche sie veranlaßt haben konnte; aber die wirkliche entging ihm, obgleich er mehrere entdeckt zu haben glaubte.

Am darauf folgenden 12. Juni, um ein Uhr Nachmittags, ließ der Kapitain Marion sein Schiff bemannen, bestieg es mit zwei jungen Offizieren, Namens Lottoux und von Vaudricourt; einem Freiwilligen, und dem Rüstmeister des Schiffes, nebst einigen bewaffneten Matrosen. Die kleine Truppe bestand im Ganzen aus siebzehn Köpfen.

Takuri war mit einem andern Häuptlinge und mehreren Wilden an Bord gekommen und hatte den Kapitain noch freundlicher als je eingeladen, bei ihm Austern zu essen und an dem Punkte der Küste fischen, wo das Dorf lag, welches er bewohnte.

Die Kapitainschaluppe mit den Franzosen und den Wilden fuhr ab.

Am Abend kam Marion nicht zurück.

Dieser Umstand, der Jedermann hätte besorgt machen sollen, weil er seither noch nicht vorgekommen war, erregte nur geringe Verwunderung bei der Mannschaft. Der Verkehr mit den Eingeborenen war so intim und ihre Gastfreundschaft so bekannt, daß Niemand sich wegen des Ausbleibens der Schaluppe Sorge machte. Man glaubte, und dies war sehr leicht möglich, daß Marion am folgenden_ Tage die schon weit vorgerückten Arbeiten in den Werkstätten inspizieren wollte und daß er daher; am Lande übernachtet habe, um am andern Morgen bei guter Zeit nach dem Cedernwalde zu gehen, an dessen Saume sich, wie wir wissen, der dritte Posten befand.

Am nächsten Morgen, den 13. schickte der Kapitain Duclesmeur vom »Castries,« aber keineswegs aus irgend einer Regung von Besorgniß, seine Schaluppe an's Land, um das für den laufenden Bedarf nöthige Wasser und Holz holen zu lassen. Die Kapitains der beiden Schiffe waren übereingekommen, daß jeder von ihnen abwechselnd dieses Geschäft besorgen sollte.

An diesem Tage war der »Castries« an der Reihe.

Um fünf Uhr Morgens ging die Schaluppe ab.

Um neun Uhr, als schon Einige sich zu wundern begannen, daß nicht allein der Kapitain noch nichts von sich hören ließ, sondern daß auch die andre Schaluppe nicht wieder kam, obgleich sie seit anderthalb Stunden hätte' zurück sein können, glaubte ein Matrose einen dunklen Punkt im Meere zu bemerken, der sich lebhaft bewegte. Er zeigte ihn seinen Kameraden, man rief den Lieutnant und dieser erkannte durch sein Fernrohr, daß jener dunkle Punkt ein weißer Mann und folglich ein französischer Matrose oder Offizier war.

Er ließ auf der Stelle ein Boot aussetzen, mit dem Befehl, dem Schimmer so rasch als möglich entgegenzurudern, und dieser wurde noch glücklich in dem Augenblicke aufgenommen, als die Kräfte ihn verließen und er im Begriff war unterzusinken.

Es war ein Matrose von der Schaluppe des »Castries«; erhatte zwei Lanzenstiche in der Seite und aus diesen Wunden so viel Blut verloren, daß er erst nach Verlauf einer Viertelstunde. sprechen konnte, vor der Hand aber durch Zeichen zu verstehen gab, daß augenblicklich Leute an's Land geschickt werden sollten, da seine Kameraden in der größten Gefahr schwebten.

Er wurde dann auf sein Schiff gebracht, denn er gehörte, wie gesagt, zur Mannschaft des »Castries«, und dort erzählte er, daß er mit seinen Kameraden gegen halb sieben Uhr an's Land gestiegen sei, daß die Insulaner sie, wie gewöhnlich, am Ufer unbewaffnet empfangen und mit den gewohnten Freundschaftsbezeigungen überhäuft hätten und daß ihr Jubel sogar geräuschvoller als sonst gewesen sei. Sie hatten es nicht erwarten können, daß die Matrosen an's Land stiegen, waren ihnen im Wasser ein Stück entgegen gekommen und hatten sie auf den Rücken an's Ufer getragen. In dem Augenblicke aber, als die Matrosen hier und da zerstreut mit dem Fällen, Spalten und Zusammenbinden des Holzes beschäftigt gewesen, waren die Wilden mit Lanzen und Keulen bewaffnet zurückgekehrt und hatten sie plötzlich angegriffen.

Alle Maßregeln waren getroffen, daß jeder Matrose in einem Nu von sieben bis acht Wilden umgeben war, gegen die er sich allein vertheidigen mußte. Der Gerettete hatte daher binnen wenigen Minuten zehn Mann fallen sehen. Er selbst war zum Glück nur von drei Insulanern angegriffen worden, es war ihm gelungen, sie einen Augenblick zurückzuschlagen, und diesen Augenblick hatte er benutzt, um zu entfliehen, was er um so eiliger gethan, als er seinen Angreifern vier andere Wilde hatte zu Hilfe kommen sehen, welche, nachdem sie seine Kameraden erschlagen, auch ihn vollends tödten wollten. Er hatte jedoch ungeachtet der zwei Lanzenstiche, die er in die Seite bekommen, Zeit gehabt, eine mit Gebüsch bewachsene Stelle des Ufers zu erreichen, sich indem Gebüsch verborgen und hier, ohne sich zu regen und fast atemlos beobachtet, was ferner geschah.

Er hatte nun mit Entsetzen gesehen, daß die Wilden die Leichen seiner unglücklichen Kameraden auf einen freien Plan schleppten, sie entkleideten, ihnen den Leib aufschlitzten, die Eingeweide herausnahmen und sie in Stücke zerhackten.

Die Frauen und Kinder, welche dieser scheußlichen Operation beiwohnten, fingen in großen Blättern das Blut auf und tranken es oder reichten es den Männern, die es ebenfalls mit Wohlgefallen schlürften, während sie auf den Schiffen den Wein abgelehnt oder wieder ausgespuckt hatten.

Dieser Anblick hatte ihn mit Schauder und Grauen erfüllt, er hatte die Scene nicht länger mit ansehen können und war daher, während die Wilden ganz in diese entsetzliche Arbeit vertieft waren, bis an den Strand gekrochen und in's Meer gesprungen, um wo möglich eines von den Schiffen durch Schwimmen zu erreichen.

Als er erst den vierten Theil der Strecke zurückgelegt hatte, war er bemerkt worden und der »Mascarin« hatte ihm ein Boot entgegen gesandt, um ihn aufzunehmen.

Diese Erzählung machte einen um so schrecklicheren Eindruck, als sie natürlich Grund zu der Vermuthung gab, daß der Kapitain Marion mit seinen sechzehn Begleitern ebenfalls ermordet worden war, wie die Matrosen der Schaluppe.

3.
Die Rache

Die Offiziere traten sogleich zusammen, um sich über die zu ergreifenden Maßregeln zu besprechen.

Es handelte sich nicht allein darum, den Kapitain Marion zu retten, wenn es noch Zeit war, sondern auch den drei Posten am Lande Hilfe zu senden.

Der Leutnant Crozet vom »Mascarin« hatte diese Nacht auf dem Posten des Zimmerplatzes zugebracht, und dies war ein neuer Grund zur Besorgniß für die auf den Schiffen befindliche Mannschaft.

Das Resultat der von den Offizieren gepflogenen Berathung war, daß augenblicklich die Schaluppe des »Mascarin« mit einem Offizier und einer Abteilung Soldaten unter dem Commando eines Sergeanten abgeschickt werden sollte.

Der Offizier hatte Befehl, die Küste zu untersuchen, um zu erfahren, was aus dem Boote des Kapitains und aus der Schaluppe der Arbeiter geworden war.

Außerdem sollte er alle Posten benachrichtigen und zuerst an dem Punkte landen, welcher dem Zimmerplatz am nächsten lag, um diesem Posten, der sich am tiefsten im Innern bestand, jede nöthige Unterstützung zu gewähren.

Mit diesen Instruktionen versehen und von den Blicken der Zurückbleibenden begleitet, fuhr der Offizier ab.

Als er in die Nähe des Landes kam, gelb er einige Signale.

Er hatte unweit Takuri's Dorfe das Boot des Kapitains und die Schaluppe der,Arbeiter entdeckt, Beide umgestürzt und von einer Menge Wilder umgeben, welche mit Aexten, Säbeln und Flinten bewaffnet waren, die sie augenscheinlich aus den beiden Fahrzeugen genommen hatten.

Zum Glück verstanden sie mit der gefährlichsten von diesen drei Waffen, mit der Flinte, nicht umzugehen; sie war in ihren Händen nur der Stiel des Bajonnets, wie der Marschall von Sachsen sich einmal ausgedrückt hatte.

Obgleich der Offizier durch eine einfache Gewehrsalve die Neuseeländer sogleich hätte in die Flucht schlagen können, hielt er dennoch nicht an, weil er fürchtete, daß dadurch der ganze Zweck seiner Expedition verfehlt werden könnte, sondern er ruderte weiter, um möglichst bald auf dem Zimmerplatze anzukommen.

Der Leutnant Crozet hatte, wie wir bereits gesagt haben, auf diesem Posten den Dienst. Er hatte, ohne selbst zu wissen warum, eine sehr unruhige Nacht gehabt, weil er beständig durch eine unbestimmte Ahnung gequält wurde, die ihm die Nähe einer großen Gefahr anzukündigen schien. Er war daher ganz besonders wachsam gewesen, wußte aber noch kein Wort von dem, was vorgefallen war, mochten die Wilden auf dieser Seite noch nichts unternommen haben oder hatten sie den offenen Angriff nicht gewagt, als sie die ganze Mannschaft des Postens von ferne kampfbereit sahen.

Während demnach der junge Offizier gedankenvoll in der Nähe der Arbeiter auf und abging, erblickte er gegen zwei Uhr Nachmittags plötzlich ein in geschlossenen Gliedern heran marschirendes Detachement Soldaten und erkannte an den aufgesteckten Bajonnetten, daß sie zum Felddienst ausgerückt sein mußten.

Augenblicklich stieg der Gedanke in ihm auf, daß ein Unglück geschehen sei.

Aber was für ein Unglück?

Welcher Art es auch sein mochte, die Mannschaft des Postens durfte es nicht erfahren, weil sie sonst leicht von einer panischen Angst ergriffen werden und den Muth verlieren konnte.

Dies sah Crozet auf der Stelle ein.

In Folge dessen ging er dem Detachement entgegen, und als er demselben bis auf fünfzig Schritt nahe gekommen war, kommandierte er: Halt!

Die Soldaten gehorchten.

Er winkte hierauf dem Sergeanten zu sich, und als dieser herangekommen war, fragte er ihn:

»Ist was vorgefallen?«

Der Sergeant erzählte ihm nun das entsetzliche Unglück und sagte ihm, was man über das Schicksal der Schaluppe wußte und welche Vermuthungen man über das Loos des Kapitains Marion hatte.

Als der Sergeant ausgesprochen hatte, sagte Crozet:

»Meine Leute dürfen von dem Allen kein Wort erfahren; Ihr beobachtet das unverbrüchlichste Stillschweigen und befehlt das Nämliche Eurer Mannschaft.«

Dann kehrte er zu den Matrosen zurück und sagte zu ihnen:

»Laßt Eure Arbeit liegen, Kinder, wir werden auf das Schiff zurückbeordert.«

Alle hörten sogleich auf zu arbeiten.

»Jetzt sucht Euer Handwerkszeug zusammen,« fuhr Crozet fort.

Der Befehl wurde ausgeführt.

»Und nun ladet Eure Gewehre.«

Die Matrosen sahen einander mit bedeutungsvollen Blicken an und ein alter Hochbootsmann rannte dem Leutnant zu:

»Wie es scheint, wird es etwas geben, Herr Leutnant?«

»Ladet die Gewehre!« wiederholte Crozet.

Die Leute gehorchten schweigend.

Als die Gewehre geladen waren, befahl der Leutnant, daß so viel Werkzeuge als möglich mitgenommen werden sollten.

Die übrigen wurden in dem einen Schuppen vergraben und auf dieser Stelle ein großes Feuer angezündet, um die Spuren der frisch auf gegrabenen Erde zu verwischen, damit der Schatz, den man zurücklassen mußte, so leicht nicht entdeckt werden konnte.

Die Matrosen wußten, wie gesagt, nicht, was geschehen war; als sie aber abmarschiert waren, sahen sie alle umliegenden Anhöhen mit Wilden besetzt.

Die Disziplin wurde jedoch so streng beobachtet, daß Keiner sich eine Frage erlaubte, und nur der alte Hochbootsmann ließ ein leises Brummen vernehmen, das in den Augen Derer, die ihn kannten, eine sehr ernste Bedeutung hatte.

Crozet theilte sein Detachement Soldaten, welches jetzt durch die Matrosen verstärkt war, in zwei Pelotons.

Die Matrosen waren sämmtlich mit Flinten bewaffnet, wie die Soldaten.

Das eine von diesen beiden Pelotons marschirte unter dem Kommando des Sergeanten an der Spitze; das andre folgte in geringer Entfernung hinter ihm und wurde vom Leutnant Crozet selbst geführt.

Zwischen Beiden bildeten die mit dem Handwerkszeuge und den Effecten beladenen Matrosen das Centrum.

So verließ die kleine Truppe, etwa sechzig Mann stark, den Wald.

Nach und nach kamen die Wilden in schweigenden und drohenden Haufen näher, hatten aber nicht den Muth, einen Angriff zu wagen.

Bald waren sie nur noch auf Stimmenweite entfernt.

Jetzt riefen die Häuptlinge dem Leutnant mit frecher Dreistigkeit zu.

»Takuri mate Marion!«

Dies hieß auf deutsch : »Takuri hat Marion umgebracht.«

Da die Matrosen in ihrem häufigen Umgange mit den Wilden ihre Sprache nach und nach verstehen gelernt hatten, wußten sie sogleich, was sie mit obigen Worten sagen wollten..

»Kinder!« rief jetzt der Leutnant, »da ich Eure Liebe zu unsrem Kapitain kenne, wollte ich Euch seinen Tod so lange als möglich verschweigen. Kümmert Euch jetzt nicht darum, was die Wilden sagen, denn sie haben offenbar die Absicht, uns zu erschrecken, damit wir in der Angst auseinanderlaufen sollen und sie uns dann einzeln niedermachen können. Doch wir wollen ihren Plan vereiteln und in geschlossener Colonne marschiren; erreichen wir die Schaluppe, so sind wir geborgen.«

»Aber der Kapitain?« sagte der Hochbootsmann mit dumpfer Stimme.

»Sein Tod soll gerächt werden,« antwortete Crozet; ich gebe mein Wort darauf.«

Das Detachement setzte ruhig seinen Marsch fort, ohne den Wilden bemerken zu lassen, daß es ihren Zuruf verstanden hatte.

So wurden schweigend, aber unter Beobachtung der schärfsten Wachsamkeit, zwei Lieues zurückgelegt, während man jeden Augenblick erwartete, daß die Wilden angreifen würden.

Zum großen Erstaunen des Lieutnants aber begnügten sie sich seine Truppe in gemessener Entfernung zu begleiten und wiederholten nur zuweilen in triumphierendem Tone die schauerlichen Worte, welche wie ein Grabgeläute an's Ohr der Matrosen schlugen:

»Takuri mate Marion!«

Der Kapitain wurde, wie Crozet sehr richtig bemerkt hatte, von seiner Mannschaft außerordentlich geliebt. Es befanden sich unter den Leuten ausgezeichnete Schützen, welche darauf wetten konnten, daß sie auf hundert Schritt die Oeffnung eines Hutes trafen. Diese zitterten vor ungeduldiger Wuth und baten den Leutnant, daß er ihnen erlauben solle, Feuer zu geben.

Ohngeachtet dieser Bitten aber befahl Crozet wiederholt, ohne Aufenthalt weiter zu marschiren, ohne sich um das Geschrei der Insulaner zu kümmern und ohne die mindesten feindseligen Gesinnungen zu äußern.

Es waren in der That um die sechzig Mann ungefähr taufend Eingeborene versammelt; sie konnten daher, obgleich sie den großen Vortheil der Schießwaffen hatten, leicht durch die Uebermacht erdrückt werden, und in diesem Falle kamen die beiden Schiffe aller Wahrscheinlichkeit nach nie wieder aus der Bucht.

Ueberdies befand sich noch ein dritter Posten, der des Lazareths, am Lande, und dieser mußte ganz besonders in Sicherheit gebracht werden.

Der Leutnant sagte daher während des Marsch es zu seinen Leuten:

»Haltet an Euch, Kinder, und schießt nicht, sondern marschirt in guter Ordnung, wie es wohldisciplinirten Soldaten vor einer solchen Räuberbande zukommt.

Bald werden wir uns fürchterlich rächen, verlaßt Euch darauf.«

Aber alles Reden war vergebens; die drohenden Seitenblicke und das dumpfe Gemurmel der Matrosen sagte den Insulanern deutlich genug, daß sie im Augenblicke der Rache eben so wenig geschont werden würden, als sie ihre Feinde geschont hatten.

Die Anzahl der Wilden vermehrte sich fortwährend, je näher die Matrosen und Soldaten dem Meere kamen und als sie endlich das Ufer erreichten, waren sie fast gänzlich von den Booten abgeschnitten.

Es lag auf der Hand, daß wenn die Neuseeländer einen Angriff im Sinne hatten, sie ihn im Augenblicke der Einschiffung zu unternehmen gedachten.

Sie öffneten indessen ihre Reihen vor der französischen Truppe. Crozet befahl nun den Matrosen welche die Sachen und Werkzeuge trugen, daß sie zuerst in die Boote steigen sollten. Als hierauf die Wilden eine vorrückende Bewegung machten, augenscheinlich in der Abfuhr, sich der Einschiffung zu widersetzen, nahm der Leutnant einen Pfahl, ging gerade auf den Häuptling zu, den er für den angesehensten hielt, pflanzte den Pfahl ungefähr zehn Schritt von ihm und dreißig Schritt von seinen Leuten in die Erde und gab ihm zu verstehen, daß er jeden Insulaner, welcher diese Grenzlinie überschritte, auf der Stelle niederschießen werde

Dieser Beweis von Unerschrockenheit, von dem man hätte glauben können, daß er dem Leutnant zum Verderben gereichen werde, machte im Gegentheil einen großen Eindruck auf die Wilden. Der Häuptling wiederholte seinen Leuten den Befehl, den ihm Crozet gegeben hatte, und die Neuseeländer setzten sich zum,Zeichen des Gehorsams auf die Erde nieder.

Jetzt fing man an zu glauben, daß die Einschiffung besser von Statten gehen werde, als man befürchtet hatte. Crozet ließ, wie gesagt, zuerst die Matrosen einsteigen, welche die Werkzeuge trugen, dann die anderen, hierauf die Soldaten, und endlich folgte er selbst nach.

Die Einschiffung wurde dadurch noch gefährlicher, daß die überladene Schaluppe mehrere Fuß tief im Wasser ging und daher nicht hart am Ufer bleiben konnte, so daß die Matrosen und Soldaten eine kurze Strecke durch das Wasser waten mußten.

Kaum war Crozet, als der Lehre, in's Wasser gegangen, so standen die Insulaner alle zusammen unter einem betäubenden Kriegsgeschrei auf, überschritten die abgesteckte Grenzlinie und schleuderten auf die Franzosen einen Hagel von Steinen und Wurfspießen, welche glücklicher Weise Niemanden trafen.

Zu gleicher Zeit zündeten sie die Buden an, welche der Posten am Meeresufer hier errichtet hatte.

Während dies Alles geschah, schlug eine zweite Truppe, die wahrscheinlich dazu bestimmt war, die erste zu ermuthigen, unter einem Mordgeheul ihre Waffen aneinander.

Sobald der Leutnant in die Schaluppe gestiegen war, ließ er den Anker heben und ordnete seine Leute so, daß die Ruderer in ihren Bewegungen nicht gehindert wurden; übrigens war aber das Boot so voll, daß Crozet, auf dem Steuerbaume reitend, an der äußersten Spitze des Hintertheils stehen mußte.

Trotz des Versprechens, das der Leutnant seiner Mannschaft gegeben, hatte er doch die Absicht, wenn es irgend möglich war, keinen Schuß abzufeuern, sondern schleunigst an Bord seines Schiffes zurückzukehren und dann sogleich die Schaluppe nach der Insel Malou-Roua zu senden, um den Posten mit den Kranken, den Schmieden und den Faßbindern zu holen.

Als aber die Schaluppe sich ziemlich rasch vom Ufer entfernte, wurde das Geschrei der Wilden immer ärger, so daß der Rückzug ganz das Ansehen einer Flucht bekam; die Matrosen begannen zu murren und wiederholten untereinander die Worte des Häuptlings: Takuri mate Marion.

Außerdem war es vielleicht sowohl für die beiden Schiffe, welche eben vor Neuseeland lagen, als für die in Zukunft dahin kommenden gefährlich, sich so zu entfernen, ohne den Mördern zu zeigen, wie die Europäer sich rächen, wenn sie sich rächen wollen In Folge dessen gab der Leutnant den Befehl, die Ruder zu heben, und dieser Befehl wurde mit einer Schnelligkeit ausgeführt, welche bewies, daß ihn die Mannschaft schon längst mit Ungeduld erwartet hatte.

Dann befahl er vier von seinen besten Schützen, ihre Gewehre in Bereitschaft zu bringen und Feuer zu geben, vorzugsweise auf die Häuptlinge, die sich nicht nur durch ihre Tracht, sondern auch durch die Lebhaftigkeit auszeichneten, mit der sie die Ihrigen anfeuerten.

Die vier Schüsse knallten zu gleicher Zeit.

Nicht Einer verfehlte sein Ziel: es fielen vier Häuptlinge.

Die vier Schützen reichten die abgeschossenen Gewehre ihren Kameraden und nahmen vier geladene dafür in Empfang.

Auf diese zweite Salve stürzten abermals vier Insulaner.

So wurde das mörderische Feuer zehn Minuten lang fortgesetzt nach Verlauf dieser zehn Minuten war das ganze Ufer mit Leichen bedeckt und ein Dutzend Verwundete krümmten sich im Wasser.

Die nicht getroffenen Wilden hatten ihre Kameraden mit einer unbeschreiblichen Bestürzung fallen sehen.

Obgleich sie die Wirkung der Gewehre schon auf der Jagd an den Enten, Tauben und Wachteln erfahren, hatten sie sich dennoch die Mechanik dieser Mordmaschinen offenbar nicht erklären können; vielleicht hatten sie anfangs geglaubt daß schon ihr Knall hinreichend gewesen war, um die Vögel zu tödten.

In Folge dessen erhoben sie nach jedem Schusse, ohne Zweifel in dem Wahne, daß die Gefallenen wieder aufstehen würden, ein immer tolleres Geschrei, machten aber keine Miene, sich zurückzuziehen.

So würden sie bis auf den letzten Mann nieder geschossen worden sein, ohne von der Stelle zu gehen und ohne für die tödtlichen Schüsse ihren Feinden die kleinste Verwundung beibringen zu können, hätte nicht der Leutnant endlich befohlen, das Feuer einzustellen, das zwar seiner Mannschaft sichtbares Vergnügen machte, in ihm aber mitleidige Gefühle weckte.

Die Disziplin behielt die Oderhand; auf seinen Befehl senkten sich augenblicklich die Gewehre, die Ruder wurden wieder eingesetzt und die Schaluppe fuhr so schnell als ihre Ueberladung es gestattete, auf das Schiff zu.

Kaum war er mit seinen Leuten an Bord des »Mascarin« gestiegen, so schickte er die Schaluppe wieder fort, um den Posten auf der kleinen Hafeninsel zu holen, denn er hatte jetzt, nach dem Tode des Kapitains Marion, nicht allein das Commando des Schiffes zu übernehmen, sondern war auch für das Wohl und Wehe der Mannschaft verantwortlich.

Er ergriff daher mit energisch er Hand den Commandostab, denn die Situation war so gefährlich, daß sie keine Unschlüssigkeit und kein Zaubern gestattete. Demgemäß gab er seine Befehle, von denen der erste dahin ging, daß sogleich der Lazarethposten in Sicherheit gebracht werden solle.

Ein Offizier und ein frisches Detachement wurden mit der Ordre abgesandt, zuvörderst alle Kranken an Bord zu schicken. Dann sollte für die Aerzte, für die übrigen Leute und für das Mobiliar gesorgt werden.

Die Einschiffung dieser Menschen und Dinge erforderte eine geraume Zeit, denn man hatte sich auf der Insel häuslich eingerichtet, um so lange als nöthig daselbst zu bleiben, und sich in Folge dessen mit allen möglichen Bequemlichkeiten versehen.

Crozet befahl, die Zelte abzubrechen und um die Schmiede, welche diesen Abend nicht noch auf das Schiff zurückgebracht werden konnte, eine aus gefüllten Wasserfässern bestehende Verschanzung zu errichten. Außer dieser kleinen Festung, in welcher zwanzig Mann Besatzung zurückblieben, wurden auf der Seite, wo das Dorf lag, Vorposten ausgestellt.

Von dieser Seite befürchtete man natürlich einen Angriff, und diese Befürchtung war um so begründeter da die Schmiede eine große Menge rohes Eisen und eiserner Gegenstände enthielt und die Wilden bei ihrem Tauschhandel stets danach trachteten, sich dieses Metall zu verschaffen, dessen Werth sie schätzen gelernt hatten.

Der Häuptling dieses Dorfes hieß Malu.

Außer allen erforderlichen Instructionen hatte der an's Land geschickte Offizier auch Nachtsignale mitgenommen, so daß er mit dem Schiffe korrespondieren konnte.

Die Hälfte der Soldaten und Matrosen mußte sich vollständig angekleidet und bewaffnet zur Ruhe niederlegen, um den auf der Insel Uebernachtenden schleunige Hilfe senden zu können, wenn man sah, daß sie derselben bedurften.

Um elf Uhr Abends kamen die Kranken glücklich auf den Schiffen an.

Die ganze Nacht streiften die Wilden in der Nähe des Postens umher. Obgleich ihre Anwesenheit sich nur durch ein kaum hörbares Geräusch verrieth, ähnlich dem der Raubthiere, so erkannte man sie dennoch, weil in den vorhergegangenen Nächten kein derartiges Geräusch vernommen worden war.

Da aber die aufgestellten Vorposten äußerst wachsam waren, hatten sie nicht den Muth, einen Angriff zu wagen.

Am darauf folgenden 14. Juni schickte der Leutnant Crozet noch ein Detachement mit zwei Offizieren auf die Insel.

Da die Schiffe auf die Fortdauer des freundschaftlichen Einvernehmens mit den Insulanern gerechnet hatten, war noch weder das nöthige Wasser noch das Holz eingenommen worden.

Da sie jedoch diese beiden Dinge dringend bedurften, es aber sehr gefährlich gewesen wäre, sie in dem gegenwärtigen Zustande von Erbitterung der Insulaner auf dem Festlande zu holen, so beschloß man, die Schiffe auf Unkosten der Insel, welche Holz und Wasser im Ueberfluß besaß, damit zu versehen.

Aus diesem Grunde wurde noch ein Detachement mit zwei Offizieren an's Land geschickt.

Die ertheilten Befehle lauteten:

Es soll Holz gefällt und Wasser eingenommen werden, ohne die Wilden anzugreifen, wenn diese sich ruhig verhielten; bei der geringsten feindseligen Demonstration aber sollen alle Leute zusammengezogen werden, gegen das Dorf vorrücken, es mit Sturm nehmen, anzünden, so viel Wilde als möglich niedermachen und die übrigen in's Meer werfen.

Unsere Leute wurden den ganzen Vormittag nicht beunruhigt; gegen Mittag aber rückten die Insulaner bewaffnet heran. Als sie den Posten auf etwa hundert Schritte nahe gekommen waren, machten sie einige drohende Demonstrationen, welche augenscheinlich den Zweck hatten, die Mannschaft zum Kampfe zu reizen.

Sie waren ungefähr dreihundert Mann stark und wurden außer von Malu noch von fünf anderen Häuptlingen angeführt.

Die Befehle des Lieutnants Crozet waren deutlich und bestimmt. Außerdem waren die Leute so wüthend über die Ermordung des Kapitains, daß sie ein Zusammentreffen mit den Neuseeländern sehnlichst wünschten, um ihn und ihre unglücklichen Kameraden zu rächen.

In Folge dessen wurde zum Angriff getrommelt und das Detachement rückte, ohne zu schießen, mit aufgestecktem Bajonett gegen die Insulaner vor.

Beim Anblick der in geschlossenen Gliedern herankommenden dreißig Mann zogen die Wilden sich in ihr Dorf zurück, und hier machten sie Halt, in dem Wahne, daß es ihnen leicht sein werde, diese Stellung zu behaupten.

Unsere Leute rückten ihnen bis auf Pistolenschußweite nach, und machten dann ebenfalls Halt, um die Wilden in ihrer Absicht, das Dorf zu vertheidigen, zu bestärken. Diese faßten auch in der That frischen Muth, als sie ihre Feinde stehen bleiben sahen. Malu und die anderen Häuptlinge liefen wie wahnsinnig unter ihren Leuten umher und wenn sie sie auch nicht zum Angriff gegen die Franzosen bewegen konnten, so schienen sie sich wenigstens vorgenommen zu haben, ihre Häuser kräftig zu vertheidigen.

Als die Offiziere sahen daß sie den Angriff umsonst erwarteten, beschlossen sie selbst anzugreifen. Es wurde Feuer kommandiert, mit dem Zusatze gut zu zielen, und die fünfzehn Mann des ersten Ranges feuerten. Sie hatten so gut gezielt, daß vierzehn Mann fielen, darunter Malu und die fünf anderen Häuptlinge.

Als die Insulaner sahen, welche Lücke diese erste Salve in ihre Reihen geschlagen, als sie erkannten, daß der Tod seine Opfer gewählt hatte, als ob er mit Verstand begabt gewesen wäre, entflohen sie so rasch als möglich durch das Dorf, um ihre Piroguen zu erreichen. Die Soldaten verfolgten sie im Sturmschritte, kamen fast zu gleicher Zeit mit ihnen am Ufer an, schossen noch etwa fünfzig Mann nieder und trieben die anderen in's Meer.

Das Dorf wurde angezündet und man ging nicht eher wieder von der Stelle, als bis auch die letzte Hütte niedergebrannt war.

Von der Mannschaft der Schiffe war ein einziger schwer verwundet, indem ihn ein Wurfspieß in der Nähe des Auges getroffen hatte.

Die vollständig geräumte Insel war demnach in den Händen der Franzosen.

Die Schmiede, das Eisen und die Wassertonnen wurden nun sogleich auf die Schiffe zurückgebracht.

Crozet aber hielt noch eine Vorsichtsmaßregel für nöthig. Er schickte zwanzig Mann auf die Insel mit dem Auftrage, das acht bis zehn Fuß hohe Farrenkraut abzuschneiden, welches leicht zu Hinterhalten dienen konnte.

Dann befahl er, daß die gefallenen Wilden begraben werden sollten, aber so, daß eine Hand aus der Erde hervorragte, damit die Ueberlebenden, wenn sie die Leichen der Ihrigen fanden, sich überzeugen konnten, daß die Weißen keine Menschenfresser waren wie sie.

Crozet hatte übrigens am vorigen Tage einen Befehl gegeben, welcher nicht hatte ausgeführt werden können, der Befehl nämlich, daß womöglich einige Knaben oder Mädchen aus Malu's Dorfe gefangen genommen werden sollten; die Neuseeländer aber hatten vor dem Angriffe ihre Frauen und Kinder auf das Festland geschickt.

Da indessen der Lieutnant den Soldaten und Matrosen für jeden Gefangenen, den sie lebend mitbrachten, fünfzig Piaster versprochen, hatten sie es versucht, die Verwundeten, welche nicht entfliehen konnten, zu binden, um sie mit sich zu nehmen. Es gelang ihnen jedoch nicht, denn die Verwundeten bissen wie wilde Thiere und zerrissen ihre Fesseln wie dünne Bindfäden.

In Folge dessen wurde Alles niedergemacht.

Der »Castries«, für den man namentlich in dem Cedernwalde gearbeitet, hatte indessen kein Bugspriet und keinen Fockmast und konnte in diesem Zustande unmöglich wieder in See stechen. Die Bäume auf der Insel waren nicht stark genug, um sie zu Masten benutzen zu können, und auf dem Festlande Stämme zu holen, durfte man nicht wagen; es wurden daher aus kleinen Stücken, die man auf dem Schiffe fand, Masten zusammengesetzt und so war der»Castries« nach Verlauf von vierzehn Tagen so ziemlich wieder in Stand gesetzt.

Den längsten Aufenthalt verursachte jedoch die Einnahme von Wasser und Brennholz. Die beiden Schiffe brauchten siebenhundert Fässer Wasser und siebzig Klaftern Holz und da man zur Ausführung dieser Arbeiten nur Eine Schaluppe hatte, brauchte man einen ganzen Monat Zeit dazu.

Die vier Wochen vergingen, wie sich leicht denken läßt, nicht, ohne daß einige Mal Alarm entstand. Jeden Tag wurde die Schaluppe mit ungefähr dreißig Arbeitern an's Land geschickt. Einmal brachte sie Wasser, das andre Mal Holz und des Abends die Soldaten und Arbeiter auf die Schiffe zurück, wo jede Nacht vier Mann Wache hielten.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit glaubte eine der Schildwachen einen Matrosen auf sich zukommen zu sehen. Der Soldat dachte anfangs, es sei vielleicht noch einer von der Mannschaft dem allgemeinen Gemetzel auf dem Festlande entgangen und habe sich auf die Insel geflüchtet, um von hier aus auf sein Schiff zurückzukehren. Diese Vermuthung war um so wahrscheinlicher, als der Mann jeden Felsen, jedes Gebüsch, jeden Stein auf seinem Wege benutzte, um sich zu verbergen. Als er jedoch der Schildwache bis auf ungefähr fünfzig Schritt nahe gekommen war, glaubte diese, daß es nichts schaden könne, wenn sie dem Manne ein »Wer da?« zuriefe, indem er sich auf diesen Anruf gewiß zu erkennen gab, wenn er zur Mannschaft gehörte.

Die Schildwache stieß den erwähnten Ruf aus; anstatt darauf zu antworten, verbarg sich der Mann noch sorgfältiger hinter einem Felsblocke.

Nach einigen Augenblicken wagte er es wieder hervorzukommen.

Die Schildwache wiederholte nun ihren Ruß aber ohne andern Erfolg als das erste Mal.

Endlich wiederholte sie ihn noch einmal, und da wieder keine Antwort erfolgte, gab sie Feuer.

Der Mann fiel.

Im nächsten Augenblicke erschien hinter diesem Manne, der wahrscheinlich als Führer gedient hatte, eine zahlreiche Truppe von Wilden, die unter lautem Kriegsgeschrei ihre Waffen bewegten.

Auf den Schuß aber hatte sich das ganze Detachement gleich schlagfertig gemacht. Der Wachposten zog sich zurück und stieß schon nach zwanzig Schritten auf seine Kameraden. Man wußte jetzt, wie man gegen die Neuseeländer verfahren mußte. Sie wurden mit gefälltem Bajonett im Sturmschritt angegriffen, worauf sie alsbald entflohen; man verfolgte sie fortwährend schießend, tödtete einige fünfzig und vertrieb sie, wie das erste Mal, von der Insel, auf der sie sich nun nicht wieder blicken ließen.

Die Wilden waren jedoch ebenfalls beständig auf ihrer Hut.

Mit Hilfe der Fernrohre konnte man auf dem Schiffe alle ihre Bewegungen beobachten Sie hatten sich auf den Anhöhen gelagert und gaben von hier aus den Bewohnern der Dörfer Signale, um ihnen zu sagen, daß sie entweder ruhig ihren gewohnten Beschäftigungen nachgehen konnten oder zu ihnen heraufkommen mußten.

Die Nacht correspondirten sie durch Signalfeuer.

So oft sich eine einigermaßen zahlreiche Truppe am Ufer sehen ließ, wurde von dem Schiffe ein blinder Kanonenschuß abgefeuert, um ihnen zu zeigen, daß man auf seiner Hut war; da sie aber sahen, daß der Schuß keine Wirkung that, glaubten sie nach und nach, daß dieser Donner unschädlich sei.

In Folge dieses Wahnes kam einmal eine mit acht bis zehn Wilden bemannte Pirogue dem »Mascarin« auf halbe Schußweite nahe. Crozet rief den besten Zieler und ließ eine Stückkugel auf die Pirogue abfeuern.

Die Kugel zerschmetterte das Boot und tödtete zwei Mann; die Andern retteten sich durch Schwimmen.

Man hatte indessen noch immer keine Nachricht vom Kapitain Marion. Obgleich man an seinem Tode nicht zweifelte, wollte man doch nicht unter Segel gehen, ohne völlige Gewißheit über sein Schicksal zu haben.

Es wurde daher beschlossen, einige Tage vor der Abreise eine Expedition nach Takuri's Dorfe zu unternehmen, da dieser Häuptling, wie er selbst gesagt, den Kapitain ermordet hatte.

Ueberdies hatte man auch in der Nähe dieses Dorfes die beiden zerstörten Boote gefunden.

Die Abreise war auf den 14. Juli 1772 festgesetzt. Am Morgen des 12. Juli befahl der Lieutnant Crozet, daß die Schaluppe mit einem starken Detachement unter dem Kommando von zwei erfahrenen Offizieren ausgesetzt werden sollte; diese hatten Auftrag, nicht eher wieder an Bord zurückzukehren, als bis sie sichere Nachrichten über das Schicksal des unglücklichen Kapitains und seiner Begleiter erlangt hatten. Um diesen Zweck zu erreichen und den Wilden noch einen Beweis von unsrer Macht zu geben, sollte das Detachement an der Stelle landen, wo die gescheiterten Boote gefunden worden waren, dann nach dem Dorfe vorrücken, es mit Sturm nehmen, wenn es vertheidigt würde, die Bewohner niedermachen, alle Hütten sorgfältig durchsuchen, die geringsten Gegenstände, welche dem Kapitain oder seinen Unglücksgefährten angehört hatten, mitnehmen, damit ihr Tod durch ein authentisches Protokoll konstatiert werden konnte, schließlich das Dorf in Brand stecken und bei der Rückkehr auf das Schiff alle Kriegspiroguen, deren man habhaft werden konnte, in's Schlepptau nehmen, und sie auf dem Wasser anzünden, damit die Neuseeländer von ihren Anhöhen aus ihre Flotte verbrennen sehen konnten.

Die Schaluppe wurde mit Böllern und Wallbüchsen versehen und fuhr mit fünfzig Mann ab, welche mit Säbeln und Flinten bewaffnet waren. Der Offizier, der sie befehligte, landete an der bezeichneten Stelle; die Boote aber waren verschwunden; die Wilden hatten sie verbrannt, um das Eisen von denselben zu erhalten.

Das Detachement stieg an's Land und rückte mit gefälltem Bajonnet gegen Takuri's Dorf vor.

Dieses aber war von seinen Einwohnern verlassen, bis auf einige alte Leute, die zu schwach gewesen waren, um die Ihrigen zu begleiten. Sie saßen auf einer Art hölzernem Schemel und erwarteten die herankommenden Franzosen. Man wollte sie gefangen nehmen; der Erste aber, den man ergriff, hatte einen Wurfspieß neben sich und verwundete damit den Soldaten, der ihn berührte.

Der Soldat trat einen Schritt zurück und durchbohrte ihn mit dem Bajonett.

Die Andern wurden verschont.

In dem Augenblicke als die Soldaten von der einen Seite das Dorf betraten, sahen sie auf der andern Seite, aber außer Schußweite, Takuri mit etwa zwanzig Mann entfliehen. Der Schurke trug den Mantel des Kapitains Marion, der an seinen Farben leicht zu erkennen war.

Man durchsuchte nun alle Hütten des Dorfes.

In der des Häuptlings fand man einen Menschenschädel, der erst vor einigen Tagen gebraten worden sein konnte.

Das ganze Fleisch war abgenagt und man erkannte an den Knochen die Spuren der Zähne.

In einem andern Winkel lag ein halbverzehrter Schenkel, noch von dem hölzernen Stade durchbohrt, an dem er gebraten worden war.

Da man nicht wußte, wem diese menschlichen Ueberreste angehörten, wurden die Nachforschungen fortgesetzt.

Man fand nun in einer andern Hütte ein Hemd, in welchem man das des Kapitains Marion erkannte. Der Kragen war ganz von Blut getränkt und an den Seiten sah man einige Risse, welche ebenfalls mit Blut befleckt waren.

In zwei andern Hütten fand man einige Kleidungsstücke und die Pistolen des jungen Fähnrichs Vaudricourt, der, wie wir wissen, den Kapitain begleitet hatte.

In einer andern Hütte endlich fand man die Waffen des einen Bootes, und einen Haufen mit Blut befleckter Tuchfetzen. Es waren die zerrissenen Kleider der unglücklichen Matrosen.

Nachdem diese verschiedenen Beweise von der stattgefunden Ermordung gesammelt waren, wurde ein Protokoll über den Tod des Kapitains Marion aufgenommen, dann die Hütten angezündet und das Dorf nicht eher verlassen, als bis es vollständig niedergebrannt war, damit die Bewohner das Feuer nicht löschen konnten.

In der Nähe von Takuri's Dorfe lag ein anderes, das viel besser befestigt war und dessen Häuptling, Namens Piki-Ore, man für Takuri's Mitschuldigen hielt. Während das erste Dorf brannte, bemerkte das Detachement, daß die Wilden das andere räumten. Diese Flucht bestärkte unsere Soldaten in ihrem Verdacht, und als daher Takuri's Dorf niedergebrannt war, marschirten sie nach dem des Häuptlings Piki-Ore. —

Dieses war, wie gesagt, weit besser befestigt als alle anderen; die Bewohner aber machten keinen Versuch, es zu vertheidigen. Man konnte daher ungehindert alle Hütten durchsuchen und fand darin ebenfalls eine Menge Gegenstände aus den verbrannten Booten sowie einige Kleidungsstücke, welche den Matrosen gehört hatten.

Die Blutflecken an allen diesen Kleidungsstücken bewiesen, daß unsere unglücklichen Kameraden eines gewaltsamen Todes gestorben waren.

Das zweite Dorf ward in Brand gesteckt, wie das erste.

Um endlich das Zerstörungswerk in seinem ganzen Umfange auszuführen, zogen die Soldaten zwei Kriegspiroguen in's Wasser, nahmen sie in's Schlepptau und führten sie bis in die Nähe des »Mascarin«.

Die darin liegenden brauchbaren Bretter und Ruder wurden herausgenommen und die beiden Fahrzeuge, die eine Länge von ungefähr sechzig Fuß hatten, dann angezündet.

Bei dem Feuerscheine dieser beiden Piroguen verließen die beiden Schiffe »Castries« und »Mascarin« am 14. Juli 1772 die Mörderbai.

Der Kent

1

Am 1. März um zehn Uhr Morgens kämpfte ein prächtiger Dreimaster, der alle seine Segel mit Ausnahme des großen Marssegels eingezogen, seine Kajütenfenster und Stückpforten verschlossen hatte und dessen diensthabende Soldaten an ein über das Verdeck gespanntes Sicherheitstau angebunden waren, gegen einen der heftigsten Stürme, welche je die gigantischen Wogen des biscayischen Meeres übereinanderthürmten.

Es war der »Kent«, ein wunderschönes Schiff der britisch-ostindischen Compagnie, befehligt vom Kapitain Henry Cobb und nach Bengalen und China bestimmt. An seinem Bord befanden sich zwanzig Offiziere, dreihundert vierundvierzig Soldaten, dreiundvierzig Frauen und siebzig Kinder, sämmtlich dem 31. Infanterieregimente angehörend, außerdem zwanzig Privatpassagiere und eine Mannschaft von hundertachtundvierzig Köpfen mit Einschluß der Offiziere.

Diese zahlreiche Gesellschaft war am 19. Februar 1825 heiter und vergnügt von den Dünen ausgelaufen, denn da das Schiff ganz neu, der Kapitain ein erfahrener Seemann und für alle Annehmlichkeiten und Bequemlichkeiten an Bord reichlich gesorgt war, durfte man mit Gewißheit auf eine schnelle und glückliche Fahrt rechnen.

Von einem frischen Nordwestwind getrieben, war das prächtige Schiff majestätisch den Kanal hinab gesegelt und am 23. Februar, nachdem es die englische Küste aus dem Gesicht verloren, in den Atlantischen Ozean eingelaufen.

Abgesehen von einigen unfreundlichen Tagen, war die Reise des »Kent« bis zur Nacht des 28. Februar ganz nach Wunsch gegangen; in dieser Nacht aber erhob sich ein heftiger Südweststurm, der am 29. immer wüthender wurde und das Schiff endlich am 1. März um zehn Uhr Morgens zwang, seine Segel einzuziehen und seine Fenster zu verschließen. Ungeachtet der getroffenen Vorsichtsmaßregeln schwankte das Schiff das von den Wellen bald thurmhoch emporgehoben, bald eben so tief in den Abgrund geschleudert wurde, mit entsetzlicher Heftigkeit, und dieses Schwanken wurde durch einen Theil der Ladung verstärkt, der aus Fässern voll Bomben und Kanonenkugeln bestand.

Gegen Mittag wurde das Schlingern so fürchterlich, daß bei jeder Neigung des Schiffes sowohl auf der Backbord- als auf der Steuerbordseite die Wandtaue mehrere Fuß tief unter Wasser getaucht wurden. In Folge dieser heftigen Schwankungen wurden auch die am sorgfältigsten befestigten Möbeln umgestürzt und mit einem solchen Getöse von einer Seite zur andern geworfen, daß Niemand mehr in seinem Zimmer oder in dem gemeinschaftlichen Saale bleiben konnte.

In diesem Augenblicke dachte ein Offizier, den die entsetzlichen Stöße zu ängstigen begannen, daran, daß es nicht überflüssig sei, einmal nachzusehen, was im unteren Schiffsraume vorging. In Folge dessen nahm er zwei Matrosen mit sich und befahl dem einen, daß er sich mit einer Sicherheitslampe versehen solle.

Als er in den Kielraum trat, bemerkte er, daß die Lampe schlecht brannte; aus Besorgniß vor Feuersgefahr, wenn er sie unten öffnete, schickte er einen Matrosen hinauf, um den Docht herauszuziehen, und blieb so lange im Dunklen. Nach Verlauf von fünf Minuten kam der Matrose zurück, und als der Offizier jetzt sah, daß,ein Branntweinfaß sich verrückt hatte, nahm er dem Matrosen die Lampe ab und schickte ihn mit seinem Kameraden fort, um Keile zur Befestigung der Tonne zu holen.

Die beiden Matrosen entfernten sich.

Der allein zurückgebliebene Offizier mußte nun in der einen Hand die Lampe halten, während er die andere an das Faß stemmte; plötzlich aber bekam das Schiff einen so heftigen Stoß, daß er die Lampe fallen ließ.

Da er wohl wußte, wie vorsichtig man, besonders unter den obwaltenden Umständen, auf einem Schiffe mit dem Feuer sein muß, bückte er sich sogleich, um die Lampe wieder aufzuheben.

In der Eile aber ließ er das Faß los, dieses rollte herab und zersprang, der Branntwein verbreitete sich alsbald am Boden, kam mit dem Lichte in Berührung, entzündete sich und strömte nun wie eine Feuerschlange durch den ganzen Kielraum.

Anstatt durch unbesonnenes Rufen Lärm zu machen, hatte der Offizier soviel Selbstbeherrschung, daß er schwieg, ließ aber durch den einen der zurückkommenden Matrosen den Kapitain augenblicklich von dem Vorfalle benachrichtigen und versuchte es mit Beihilfe des andern, das Feuer zu löschen.

Der Kapitain kam eiligst herunter, gab seine Befehle und das Löschen begann vermittelst der Pumpen, zahlreicher Wassereimer und angefeuchteter Hängematten und Segel, die man in den Kielraum warf, wo noch eine Menge Spirituosa lagen.

Der Offizier, welcher eine ausführliche Erzählung dieser Katastrophe hinterlassen hat, der Major Mac Gregor, ein tapferer und zugleich vollkommen glaubwürdiger Mann, war eben im Berathungszimmer damit beschäftigt, den Stand der Barometer zu untersuchen, als der wachthabende Offizier Mr. Spencer, bei ihm eintrat und ihm leise zuflüsterte:

»Es ist Feuer im Kielraum!«

»Unmöglich!«

»Ueberzeugen Sie sich selbst davon, Herr Major.«

Spencer ging wieder auf's Verdeck und schritt so ruhig und fest, als das wüthende Meer es ihm erlaubte, auf und ab, um die Ordnung aufrecht zu erhalten.

Der Major Mac Gregor zweifelte noch. Er eilte an die Luke, aus der schon Rauch hervorkam und fand den Kapitain Cobb in der Mitte seiner Offiziere mit der größten Ruhe die nöthigen Befehle ertheilend, welche von den Matrosen und Soldaten fast mit der nämlichen Ruhe ausgeführt wurden.

Der Kapitain bemerkte ihn.

»Gut daß Sie kommen, Herr Major,« sagte er zu ihm.

»Kanu ich Ihnen nützlich sein, Herr Commandant?«

»Ich bitte Sie nur, daß Sie Ihre Offiziere benachrichtigen und dafür sorgen, daß keine Unordnung unter den Soldaten ausbricht.«

»Ist die Sache so schlimm als man sagt, Herr Commandant?« fragte der Major.

»Sehen Sie selbst,« antwortete der Kapitain indem er ihm den Rauch zeigte, der aus der Luke emporstieg.

Der Major machte eine Bewegung welche verrieth, daß er die Sache für höchst gefährlich hielt und ging dann, um den Oberstleutnant Fearon aufzusuchen.

Der Major erkundigte sich und erfuhr, daß der Oberstleutnant mit den Gattinnen einiger Offiziere in seinem Zimmer war, wo sie sich in ihrer Angst vor dem entsetzlichen Sturm versammelt hätten, ohne zu ahnen, daß ihnen noch viel größere Gefahr drohte.

Er klopfte an, in der Absicht den Oberstleutnant auf die Seite zu ziehen und ihm unter vier Augen die schlimme Nachricht mitzutheilen; ungeachtet dieser Vorsicht aber mußte in den Zügen des Majors ein so deutlicher Ausdruck von Angst zu erkennen sein, daß die Damen sogleich aufstanden und fragten, ob der Sturm noch immer zunehme. Der Major gab ihnen lächelnd die Versicherung, daß sie in diesem Punkte nichts zu befürchten hätten, und diese Versicherung beruhigte sie.

Der Oberstleutnant Fearon entfernte sich, um den Muth seiner Soldaten aufrecht zu erhalten und der Major kehrte auf den Schauplatz des Unglücks zurück.

Die Sache war während seiner Abwesenheit bedeutend schlimmer geworden. Auf die nackte bläuliche Flamme der Spirituosen, welche noch der Hoffnung Raum gab, daß man des Feuers Herr werden könne, war ein dicker Qualm gefolgt, der in schwarzen Massen aus allen Luken empor wirbelte und sich durch das ganze Schiff verbreitete.

Zu gleicher Zeit verspürte man im Zwischendeck einen starken Theergeruch.

Der Major erkundigte sich nach der Ursache dieser Veränderung beim Kapitain, und dieser antwortete ihm:

»Das Feuer hat die Taukammer ergriffen.«

»Dann sind wir verloren,« sagte der Major.

»Ja,« erwiderte der Kapitain lakonisch.

Dann rief er mit starker Stimme, welche die Größe der Gefahr verrieth:

»Schlagt im ersten oder zweiten Zwischendeck Löcher in die Schiffswände, öffnet die Seitenluken und die Stückpforten der unteren Batterie, damit überall Wasser eindringt!«

Dieser Befehl wurde sogleich ausgeführte aber schon waren einige Soldaten, eine Frau und mehrere Kinder bei dem Versuche umgekommen, aus dem zweiten Zwischendeck in das obere zu gelangen. Als der Oberstleutnant mit dem Hauptmann Braye und einigen anderen Offizieren in die untere Batterie hinabgingen, um die Stückpforten zu öffnen, begegneten sie einem Hochbootsmann, welcher taumelte wie ein Betrunkener und nahe daran war, ohne Besinnung niederzufallen. Er hatte mit dem Fuße an mehrere Personen gestoßen, welche schon erstickt waren, und er durfte keine Sekunde mehr in dem Rauche bleiben, wenn ihn nicht das nämliche Schicksal treffen sollte.

Der Rauch war in der That so dick und so beißend, daß den Offizieren beim Eintritt der Athem verging und sie es kaum so lange unten aushalten konnten, bis sie die Befehle des Kapitains Cobb ausgeführt hatten.

Es gelang ihnen indessen und alsbald stürzte das Wasser mit rasender Wuth durch die Oeffnungen herein; durchbrach alle Verschläge und warf die schwersten Kisten wie Korkpfropfen umher.

Es war ein entsetzlicher Anblick, den aber dem ungeachtet die Offiziere mit einer gewissen Freude betrachteten, da sie noch einige Hoffnung hatten, daß durch dieses Gewaltmittel das Schiff gerettet werden könne.

Bis über die Kniee im Wasser stehend ermuthigten sie einander durch gellende Zurufe, welche klar bewiesen, daß sie, obgleich anscheinend noch guten Muthes, das Schlimmste befürchteten.

Die ungeheure Wassermasse, welche nun in den Kielraum hinunter stürzte, löschte zwar nicht das Feuer, hemmte aber seinen Fortschritt; allein in dem Maße, als die Gefahr, in die Luft gesprengt zu werden, sich verminderte, vermehrte sich die des Versinkens, denn das Schiff wurde natürlich immer schwerer und war bereits mehrere Fuß gesunken. Man hatte nur die Wahl zwischen zwei Todesarten und man zog diejenige vor, welche einen Aufschub versprach. Die Offiziere arbeiteten sich wieder an die Stückpforten, die sie mit großer Mühe verschlossen, damit keine Luft von außen in den Schiffsraum dringen konnte, und so wartete man der kommenden Dinge, denn man wußte jetzt, daß man einige ruhige Stunden vor sich hatte.

Nachdem die Offiziere das Wasser hereingelassen hatten, begaben sie sich auf's Verdeck und konnten nun hier eine schreckliche und zugleich erhabene Scene zuerst im Ganzen übersehen und dann in ihren Einzelheiten beobachten.

Auf dem Verdeck waren sechs bis siebenhundert Menschen, Seeleute, Soldaten, Passagiere Frauen und Kinder zusammengedrängt.

Einige seekranke Frauen hatten ihre Betten verlassen, als sie erfuhren, welche schreckliche Gefahr ihnen drohte, und wie bleiche Gespenster irrten sie unter dem Rollen des Donners und beim Scheine der Blitze in der schauerlichen Dunkelheit auf dem Verdeck umher.

Diese ihren Vater, Jene ihren Bruder, eine Andre ihren Gatten rufend.

Anstatt sich auf einen Ort zusammenzudrängen, hatten sich die siebenhundert Menschen in einzelne Gruppen getheilt; die Starken hielten sich zu den Starken, die Schwachen zu den Schwachen.

Durch diese Gruppierungen hatten sich freie Räume gebildet, so daß die Zirkulation auf dem Verdeck nicht ganz gehemmt war.

Eine kleine Anzahl von den muthigsten Seeleuten und Soldaten hatten ihren Platz gerade über der Pulverkammer gewählt, damit sie zuerst in die Luft gesprengt und ihren Leiden rasch ein Ende gemacht würde.

Einige von den Gruppen erwarteten ihr Schicksal mit stummer Resignation oder stumpfer Gleichgültigkeit.

Andere rangen die Hände, stießen klägliche Jammertöne aus und gaben sich der grenzenlosesten Verzweiflung hin.

Noch Andere lagen auf den Knieen und flehten unter heißen Thränen zum Himmel um Erbarmen.

Mehrere Frauen und Kinder der Soldaten hatten sich in das Zimmer der Offiziersfrauen geflüchtet und beteten mit diesen und mit einigen Passagieren; einige von ihnen zeigten eine heldenmüthige Ruhe und glichen Engeln des Himmels, welche Gott gesandt hatte, um die sterblichen Geschöpfe, denen er jeden Augenblick das Leben, das er ihnen gegeben hat, wieder nehmen kann, auf den Tod vorzubereiten.

Einige Kinder, welche die Gefahr nicht kannten, spielten entweder in ihren Betten oder äußerten Fragen, welche bewiesen, daß der gnädige Himmel jeden Schatten von Angst von ihrer Engelsunschuld entfernt hielt.

Ein junger Passagier trat auf den Major Mac Gregor zu und fragte ihn:.

»Was denken Sie von unserer Lage, Herr Major?«

Ich denke, daß wir darauf gefaßt sein müssen, noch diese Nacht vor dem Throne des Allmächtigen zu erscheinen,« antwortete der Major.

Der junge Mann verbeugte sich traurig und sagte, indem er dem Major die Hand drückte:.

»Mein Herz ist in Frieden mit dem Gott, von dem Sie sprechen; aber ich gestehe, daß ich den letzten Augenblick fürchte, obgleich ich weiß, daß diese Furcht thörigt ist.«

Als ob das Meer darüber empört gewesen wäre, daß ein anderes Element sich anmaßte, dieses Schiff zerstören zu wollen, das es als seine Beute betrachtete und durch alle Höllenrachen seiner Abgründe in seinen Schooß zu ziehen versuchte, wurde in diesem Augenblicke das ganze Verdeck von einer der haushohen Wellen, die bis an die Segelstangen reichten, überfluthet und das Kompaßhäuschen mit fortgerissen.

Eine schauerliche Stille folgte auf diesen furchtbaren Stoß; Jedermann blickte ängstlich umher, um zu sehen, ob die Welle nicht Einen seiner Lieben mit über Bord gespült hatte, und die Stimme eines jungen Hochbootsmanns rief durch das grauenvolle Schweigen mit einem Ausdruck von Entsetzen:

»Herr Kapitain! der Kent hat seinen Kompaß nicht mehr!«

Ein langes Gemurmel folgte auf diese Worte denn Jedermann weiß, was es sagen will, wenn ein Schiff ohne Kompaß auf dem unermeßlichen Ozean umherirrt.

Ein junger Offizier, der bis jetzt noch nicht den Muth verloren gehabt, nahm bei diesen Worten mit finstere Miene eine blonde Haarlocke aus seinem Necessaire und verbarg sie auf der Brust.

Ein Andrer nahm Papier und Schreibzeug hervor, schrieb einige Zeilen an seinen Vater und verschloß das Billet in eine Flasche, in der Hoffnung, daß eine mitleidige Seele sie auffangen und mit ihrem Inhalte seinem Vater übersenden werde, so daß er durch die gewisse Nachricht von seinem Tode dem alten Manne wenigstens die Qual einer jahrelangen Ungewißheit und Angst ersparte.

In dem Augenblicke, als der junge Offizier an die Schanzverkleidung trat, um die Flasche dem Meere anzuvertrauen, hatte einer der Offiziere, Namens Thomson, die Idee, einen Matrosen in den Mastkorb des Fockmastes zu schicken, in der Hoffnung, daß er vielleicht ein Schiff entdeckte, welches dem Kent Hilfe leisten konnte.

Es war allerdings eine sehr schwache Hoffnung, aber Aller Herzen klammerten sich daran fest und man erwartete mit unbeschreiblicher Angst das Resultat der Beobachtung.

Der Matrose untersuchte mit scharfem Blicke den ganzen Umkreis des Horizonts.

Dann schwenkte er plötzlich seinen Hut und rief aus:

»Ein Segel unter dem Winde!«

Ein dreifaches Hurrah stieg vom Verdeck zu ihm empor.

Die Nothflaggen wurden augenblicklich aufgehißt, von Minute zu Minute wurde ein Kanonenschuß abgefeuert und man steuerte auf das in Sicht befindliche Schiff zu, welches unter seinem Focksegel und seinen drei Marssegeln ging.

2.
»Die Cambria«

Zehn bis fünfzehn Minuten lang waren Aller Blicke auf das Schiff gerichtet, das, wie man später erfuhr, die »Cambria« war, eine kleine Brigg von 200 Tonnen, welche unter dem Kommando des Kapitains Cook nach Vera-Cruz segelte und zwanzig bis dreißig Bergleute aus Cornwallis und einige Beamte der englisch-mexikanischen Compagnie am Bord hatte.

Jedermann war in der ängstlichsten Spannung, denn man wußte noch nicht, ob die »Cambria« den »Kent« sah oder nicht.

Diese wenigen Minuten waren ein Jahrhundert.

Man konnte kaum hoffen, daß die Kanonenschüsse gehört wurden, denn sie verhallten in dem Geheul des Sturmes und in dem Brausen des Meeres.

Jedenfalls aber mußte die »Cambria« den Rauch sehen, der das ganze Schiff in dicke Wolken hüllte.

Nach Verlaufe einiger Minuten sah man, daß die Brigg die englische Flagge aufzog und alle Segel beisetzte, um dem »Kent« zu Hilfe zu kommen.

Dieser Anblick verursachte allgemeine Freude.

Das Dunkel des Todes, das Aller Herzen umhüllte, wurde durch diesen heiteren Schimmer der Rettung erleuchtet, obgleich in Berücksichtigung des Raumes, der beide Schiffe trennte, der Kleinheit der Brigg und des furchtbaren Zustandes der See noch Fünf gegen Eins zu wetten war, daß das Schiff in die Luft sprang, ehe die Brigg herankam, daß diese kaum den zehnten Theil der Passagiere aufnehmen konnte und daß das Uebersetzen derselben sich bei einem solchen Wetter gar nicht ausführen ließ.

Während der Kapitain Cobb, der Oberstleutnant Fearon und der Major Mac Gregor sich über die promtesten und sichersten Maßregeln zur Aussetzung der Boote beriethen, kam ein Leutnant vom 31. Regiment herbei, um den Major zu fragen, in welcher Ordnung die Offiziere das Schiff verlassen sollten.

»In der Ordnung, welche bei Leichenbegängnissen beobachtet wird,« antwortete der Major mit ernster Ruhe.

Der Offizier schien der Meinung zu sein, daß es des Befehls von einem höheren Vorgesetzten bedürfe, denn er wendete sich nach dem Oberstleutnant Fearon um und richtete einen fragenden Blick auf ihn.

»Haben Sie nicht gehört, was der Herr Major gesagt hat?« erwiderte dieser. »Die Kadetten zuerst, vor Allen andern aber die Frauen und Kinder. Wer es versuchen sollte, vor diesen in ein Boot zu steigen, würde unwiderruflich erschossen werden.«

Der Leutnant entfernte sich mit einer Verbeugung, um anzudeuten, daß der Befehl pünktlich ausgeführt werden sollte.

Um den Andrang zu verhindern, der nach der ungeduldigen Angst, die sich unter den Soldaten kund gab, zu befürchten stand, traten zwei Offiziere mit gezogenem Säbel als Schildwachen an jedes Boot. Es darf jedoch nicht mit Stillschweigen übergangen werden, daß die Soldaten und Seeleute, als sie die ruhige und ernste Haltung ihrer Offiziere sahen, sich ihrer Zaghaftigkeit schämten und das Beispiel einer strengen Subordination und Mannszucht gaben.

Zwischen zwei und drei Uhr war das Boot in Bereitschaft.

Der Kapitain Cobb gab nun sogleich Befehl, daß so viel Frauen, Offiziere, Passagiere und Soldaten eingeschifft werden sollten, als das Fahrzeug aufnehmen konnte.

Alsbald bewegte sich der schauerliche Zug der unglücklichen Frauen, welche die ersten Kleidungsstücke übergeworfen hatten, die bei der Hand gewesen waren, ihre Kinder führend und die andere Hand dem Vater, dem Bruder oder dem Gatten reichend, die sie einem fast gewissen Tode preisgegeben auf dem Schiffe zurücklassen mußten, langsam über das Verdeck.

Der Zug ging von dem Hinterrheil bis zu den Stückpforten des Vordertheils, über denen das Boot hing.

Keine Klage, kein Wort des Schmerzes ließ sich vernehmen und selbst die Kinder hatten aufgehört zu weinen, als ob sie den feierlichen Ernst der Situation begriffen hätten. Nur einige Frauen baten um die Vergünstigung, bei ihren Gatten zurückbleiben zu dürfen, die sie nicht verlassen wollten. Aber die Stimme des Majors oder des Oberstleutnants rief: »Vorwärts!« und die Unglücklichen traten schweigend und gehorsam wieder in ihr Glied.

Und als man ihnen gesagt hatte, daß jede Minute Verzögerung den Untergang aller am Bord Zurückbleibenden herbeiführen könne, entrissen sie sich, ohne noch etwas zu verlangen, selbst nicht die traurige Gunst, mit ihren Gatten sterben zu dürfen, den Umarmungen und stiegen mit der Seelenstärke, die nur ihnen eigen ist, ohne Murren in das Boot, welches dann sogleich auf das Meer hinab gelassen wurde.

Selbst Diejenigen, die am festesten auf die Barmherzigkeit Gottes bauten, glaubten nicht, daß das Boot sich nur fünf Minuten auf dem empörten Elemente werde halten können. Die in den Wandtauen stehenden Matrosen riefen, sogar zwei Mal, daß das Boot Wasser schöpfe; aber der Major Mac Gregor streckte die Hand aus und tief mit starker Stimme:

»Der, welcher den Apostel über die Wogen schreiten ließ, wird auch unsere Frauen und Kinder über denselben halten. Laßt die Taue los!«

Der Major hatte seine Gattin und seinen Sohn in dem Boote. Der Befehl war jedoch leicht zu geben, aber er mußte auch ausgeführt werden.

Die Einschiffung sollte folgendermaßen von Statten gehen:

Um keine Vorsichtsmaßregel zu versäumen, hatte der Kapitain bloß an jedes Ende des Boots einen mit einem Beile bewaffneten Mann postiert, welcher Befehl hatte, augenblicklich die Taue der Flaschenzüge zu kappen, wenn es die mindeste Schwierigkeit machte, die Haken derselben auszuheben.

Die Schwierigkeit der ganzen Operation mit einem so schwer beladenen Boot und bei einem solchen Wetter kann nur ein Seeman beurtheilen.

In der That, als die Leute, denen das schwierige Geschäft übertragen war, es einige Mal versucht hatten, das Boot sanft auf das Wasser niederzulassen, wurde der Befehl gegeben, die Taue auszuhaken. Am Hintertheil ging die Sache ganz gut und der Haken wurde in einem Augenblicke ausgehoben; am Vordertheile dagegen verwickelten sich die Taue und der auf diesem Posten stehende Matrose konnte den erhaltenen Befehl nicht ausführen. Umsonst bediente er sich sogleich des Beiles; er konnte das Tau nicht kappen, da es nicht straff angespannt war. Da nun das Boot nur noch an dem einen Ende festgehalten wurde so mußte es allen Bewegungen der Wellen folgen, und da es eben von einer solchen hoch emporgehoben wurde, so daß es fast senkrecht am Vordertheile hing, glaubte man einen Augenblicke daß es seinen ganzen Inhalt in das Meer schütten werde. Ein beispielloses Glück aber fügte es daß im nächsten Augenblicke das Hintertheil des Bootes durch eine neue Welle wieder gehoben wurde, als ob die Hand Gottes den Bewegungen des Schiffes die Wage gehalten hätte.

So gelang es jetzt endlich, den Haken des Taues auszuheben und die Schaluppe schwamm auf dem Meere.

Die Ruder wurden auf der Stelle eingesetzt und die auf dem Schiffe Zurückgebliebenen vergaßen ihre eigene Gefahr, um an die Schanzverkleidung zu treten und zu sehen, weiches Schicksal den Fortfahrenden bevorstand.

Sie konnten nun die Schaluppe mit den Wellen kämpfen sehen, wie sie bald auf dem Gipfel eine Woge als ein dunkler Punkt erschien, bald in die Tiefe geschleudert wurde und verschwand, um im nächsten Augenblicke wieder zu erscheinen.

Das Schauspiel war um so schrecklicher, als die Entfernung zwischen dem »Kent« und der »Cambria« fast eine Meile betrug, denn letztere hatte deshalb in so großer Entfernung beigelegt, um im Falle der Explosion den brennenden Trümmern des in die Luft fliegenden Schiffes zu entgehen, und besonders auch, um nicht im Bereiche der scharf geladenen Kanonen zu sein, die sich nach und nach entluden, wenn das Feuer sie erreichte.

Von dem Gelingen oder Mißlingen dieses ersten Versuches hing es daher ab, ob man noch auf Rettung hoffen durfte, oder sich mit dem Gedanken des unvermeidlichen Unterganges vertraut machen mußte.

Es läßt sich demnach leicht denken, mit welcher ängstlichen Spannung nicht nur die Väter, Brüder und Gatten, sondern auch Diejenigen, welche nur ein persönliches Interesse daran hatten, dem kostbaren Boote nachblickten.

Um das Fahrzeug möglichst im Gleichgewicht zu erhalten und damit die Matrosen beim Rudern nicht zu sehr gehindert würden, hatte man die Frauen und Kinder bunt durch einander unter die Bänke gepfercht. Diese unbedingt nothwendige Maßregel setzte sie jedoch der Gefahr aus, durch den Schaum ertränkt zu werden, den jede Welle in's Boot warf und der sich alsbald in Wasser verwandelte, welches immer höher stieg, so daß die Frauen, als man sich der »Cambria« näherte, bis an die Hüften im Wasser saßen und ihre Kinder auf den Schooß nehmen oder in die Höhe halten mußten.

Nach einer halbstündigen Fahrt endlich, während der die Unglücklichen zwischen Leben und Tod schwebten, kam die Schaluppe bei der Brigg an.

Auf dem brennenden Schiffe konnte man Beide noch sehen; aber die Einzelheiten der Ausschiffung waren nicht zu unterscheiden.

Der erste Mensch, welcher aus dem Boote auf die Brigg gelangte, war der erst drei Wochen alte Sohn des Majors Mac Gregor, der von Mr. Thomson, dem vierten Leutnant des »Kent« und Befehlshaber der Schaluppe, seiner Mutter abgenommen und den Leuten hinaufgereicht wurde, welche von der Brigg herab die Arme ausstreckten, um ihn in Empfang zu nehmen.

So wurde das fromme Gottvertrauen des wackeren Majors belohnt.

Sämmtliche Kinder und Mütter wurden auf diese Weise glücklich an Bord der Brigg geschafft und gerettet.

Dann kamen die Frauen, welche keine Kinder hatten, an die Reihe, und als auch sie in Sicherheit waren, fuhr das Boot so rasch als möglich nach dem »Kent« zurück, um eine neue Ladung zu holen.

Als die Matrosen, Soldaten und Passagiere die leeren Boote zurückkommen sahen und die Ueberzeugung hatten, daß ihre Frauen und Kinder glücklich gerettet waren, vergaßen sie über die Freude, ihre Lieben in Sicherheit zu wissen, ihre eigene lebensgefährliche Lage und richteten, zwischen zwei gähnenden Abgründen schwebend, ein inbrünstiges Dankgebet zum Himmel.

Die Bote versuchten es jedoch vergebens, wieder dicht an den »Kent« heran zukommen; es war ihnen wegen der rasenden Wuth, mit der die Wellen die Flanken des Schiffes peitschten, geradezu unmöglich. Die Fahrzeuge mußten daher am Hintertheile bleiben und die Frauen und Kinder zu Zwei und Zwei an Tauen hinuntergelassen werden. Da aber das Schiff fortwährend heftig schwankte, und eine Weile das Boot zuweilen in dem Augenblicke, wo sie niedergelassen werden sollten, auf die Seite warf, wurden sie oft mehrere Male in's Wasser getaucht, ehe sie in das Fahrzeug gelangten.

Es kam indessen nicht eine einzige Frau um. Nicht so glücklich waren die Kinder, in deren schwacher Brust der Athem leichter erlosch, und es geschah mehr als einmal, daß nach diesem entsetzlichen Taufen die Mutter lebend und das Kind todt in der Schaluppe ankam.

Dies war der Anfang der Schreckensszenen.

Einige Soldaten ließen sich ihre Kinder, um sie rascher in Sicherheit zu bringen, oder ihren Frauen die Anstrengung zu erleichtern, auf den Rücken binden und sprangen in's Meer und fanden mit ihnen in den tobenden Fluthen ihr Grab.

Ein junges Mädchen wollte ihren Vater, einen alten Soldaten, der auf seinen Posten gefesselt war, nicht verlassen; sie mußte von seinen Knieen gerissen werden, die sie umklammert hatte, wurde trotz ihres Gejammers an das Tau gebunden und hinuntergelassen. Fünf Mal wurde sie durch das Wasser fast erstickt, und erst das sechste Mal kam sie ohnmächtig in der Schaluppe an. Man hielt sie für todt und wollte sie schon in's Meer werfen, als sie wieder Lebenszeichen gab; sie wurde gerettet.

Ein Mann kam in die entsetzliche Alternative, entweder seine Gattin, oder seine Kinder zu verlieren; ohne Zaudern entschied er sich für die Gattin, sie wurde gerettet; seine vier Kinder aber kamen um.

Ein Soldat, ein großer, starker Mann und vortrefflicher Schwimmer, der keine Familie hatte, erbot sich, drei von den Kindern seiner Kameraden zu retten, ließ sie sich auf den Rücken binden und sprang mit seiner kostbaren Bürde in's Meer. Aber vergebens strengte er sich an, das Boot zu erreichen; endlich warfen seine Kameraden, die ihn mit der Kraft der Verzweiflung gegen die Wogen kämpfen sahen, ein Tau zu, er ergriff es und wurde an Bord gezogen.

Ein Matrose fiel in eine Luke und wurde binnen wenigen Secunden von den Flammen verschlungen, als ob er in den Krater eines Vulkans gestürzt wäre.

Einem Andern wurde das Rückgrat zerschmettert und zwar dergestalt, daß er buchstäblich zusammen knickte und auf der Stelle todt blieb.

Ein Andrer gerieth bei der Ankunft zur Seite der »Cambria« mit dem Kopfe zwischen die Wände des Boots und der Brigg, und der Kopf wurde ihm zerquetscht.

Die Vorsicht, welche bei der Einschiffung der Frauen und Kinder beobachtet werden mußte, raubte indessen eine kostbare Zeit. Der Kapitain Cobb gab nun Befehl, daß mit den Frauen einige Soldaten aufgenommen werden sollten. Diese aber mußten selbst zusehen, wie sie in das Boot gelangten.

Diese Erlaubniß gereichte mehreren zum Verderben. Die Hälfte von ungefähr zwölf Mann, welche auf der Stelle in's Meer sprangen, fanden ihren Tod.

Die Launen des Schicksals sind zuweilen sonderbar. Einer von diesen Leuten hatte eine Gattin, die er zärtlich liebte, die aber zu den Frauen gehörte, denen es nicht gestattet worden war, das Regiment zu begleiten.

Sie beschloß, das Verbot zu umgehen.

Sie folgte dem Regiment heimlich nach Gravesend. Hier gelang es ihr unter dem Beistande ihres Gatten und einiger Kameraden desselben, die Wachsamkeit der Schildwachen zu täuschen und sich auf das Schiff zu schleichen, wo sie sich mehrere Tage so gut zu verbergen wußte, daß Niemand ihre Anwesenheit bemerkte. Bei Deal aber wurde sie entdeckt und an's Land zurückgeschickt, fand aber mit der Beharrlichkeit, der nur die Frauen fähig sind, abermals Mittel und Wege, um auf das Schiff zu kommen und hielt sich unter den andern Frauen bis zu dem Tage des Unglücks verborgen.

In der jetzt herrschenden Angst und Verwirrung achtete Niemand auf sie, und als die Reihe an sie kam, wurde sie ebenfalls an dem Taue in die Schaluppe hinuntergelassen. Kaum sah ihr Gatte, daß sie in Sicherheit war, so benutzte er die vom Kapitain ertheilte Erlaubniß, sprang in's Meer und hatte, da er ein vorzüglicher Schwimmer war, die Schaluppe bald erreicht.

Sie sollten also wieder vereinigt werden. Schon streckte ihm seine Gattin die Arme entgegen, aber in demselben Augenblicke, als er die Bordwand des Bootes ergreifen wollte, um sich hineinzuschwingen, warf ihn plötzlich eine Welle mit dem Kopfe gegen den Ankerbalken, der heftige Stoß betäubte ihn und er sank unter, um nicht wieder zu erscheinen.

Wir haben schon gesagt, daß, kurz nachdem der Feuerruf ertönt war, die Beherztesten von den Matrosen und Soldaten ihren Platz über der Pulverkammer gewählt hatten, um sicherer und schneller den Tod zu finden, wenn das Schiff in die Luft flog.

Einer von diesen Leuten verlor endlich die Geduld, nachdem er die Explosion fünf Stunden lang vergebens erwartet hatte.

»Gut,« sagte er, »da mich das Feuer nicht mag wollen wir sehen, wie es mit dem Wasser steht.«

Mit diesen Worten sprang er in's Meer, erreichte das Boot und war gerettet.

Das Schiff brannte in der That bereits seit sieben Stunden, und es war ein Wunder, daß das Feuer die Pulverkammer noch nicht erreicht hatte.

3.
Der Major Mac Gregor

Während die Boote, in deren Nähe sich alle im vorigen Kapitel erzählten Episoden und Katastrophen ereigneten, ihre zweite Reise nach der Brigg machten, während die Frau eines Soldaten bei ihrer Ankunft am Bord eine Tochter gebar, welche den Namen Cambria erhielt und aller Wahrscheinlichkeit nach heute noch lebt, neigte der Tag sich zu Ende und der Oberstleutnant Fearon, der Kapitain Cobb und der Major Mac Gregor zeigten sich deshalb nur noch um so eifriger in der Erfüllung ihrer Pflichten, indem sie den armen Leuten, die sie zu retten sich vorgenommen hatten, allen möglichen Beistand angedeihen ließen, ehe sie einen Augenblick an ihre eigene Rettung dachten.

Zu dem Ende befahl der Kapitain Cobb, um die Einschiffung in die Boote zu erleichtern und zu beschleunigen, am Ende des Giekbaumes, eines fast horizontal liegenden Mastes, der ungefähr fünfzehn Fuß über das Hintertheil des Schiffes hinausragte, ein Tau zu befestigen, an welchem die Männer vom Schiffe in die Boote hinuntergleiten sollten.

Diese Methode war jedoch mit einer zweifachen Gefahr verbunden, und zwar: Mußte man erstens befürchten, daß man die Spitze des Giekbaumes nicht erreichte, ohne vom Schwindel ergriffen zu werden, denn durch das heftige Schlingern des Schiffes wurde er oft dreißig Fuß über die Meeresfläche emporgehoben.

Die zweite Gefahr bestand darin, daß man, nachdem man glücklich an dem Taue hinabgeglitten war, das Boot verfehlte und in's Wasser getaucht oder gegen die Bordwände geschleudert und zerschmettert wurde.

Viele von Denen, welche keine Seeleute und nicht gewohnt waren, in der Takelage umherzuklettern oder auf den Segelstangen hin zu rutschen, zogen es daher vor, durch die Fenster des Hintertheils in's Meer zu springen, um die Boote durch Schwimmen zu erreichen.

Da indessen trotz aller Rettungsanstalten noch die große Hälfte der Passagiere an Bord war und man nicht wissen konnte, wie viele sich noch daselbst: befinden würden, wenn das Feuer hervorbrach und sie zwang, das Schiff auf der Stelle zu verlassen, begann man aus den Brettern der Hühnerkästen und allen anderen Materialien, welche aufzutreiben waren, einige Flöße zu bauen.

Zu gleicher Zeit wurde der Befehl gegeben, daß Jedermann sich mit einer Leine versehen solle, um sich auf die Flöße festbinden zu können, im Fall man genöthigt wurde, sich ihrer zu bedienen.

Während sich inmitten dieser Gefahren und der damit verbundenen Leiden zu der beständigen Angst, in's Meer und in die Ewigkeit geschleudert zu werden, die ersten Anfälle eines unerträglichen Durstes gesellten; entdeckte ein Soldat zufällig eine Kiste mit Apfelsinen und theilte diesen Fund seinen Kameraden mit.

Alle beschlossen einmüthig mit einer Achtung und Ehrerbietung, die man unter solchen Verhältnissen kaum hätte erwarten sollen, diese Apfelsinen ihren Offizieren zu bringen und sich nicht eher daran zu vergreifen, als bis jeder Offizier eine genommen hatte.

Da zwischen der Abfahrt und Zurückkunft der Schaluppen immer gute drei Viertelstunden vergingen, konnten' die Offiziere in 'der Zwischenzeit interessante Beobachtungen anstellen.

Um diese Beobachtungen unseren Lesern mitzutheilen; nur eine Thatsache, die mit vollkommen im Gedächtniß geblieben ist, glaube ich hier anführen zu müssen.

»Es waren eine solche Menge Menschen an Bord, daß ich in den vielen verschiedenen Charakteren so zahlreiche Nuancen zu finden geglaubt hätte, um, wenn ich so sagen darf, eine Stufenleiter vom Heldenmuthe bis zum äußersten Grade der Schwäche und Verzweiflung herab anfertigen zu können. Ich erkannte jedoch bald meinen Irrthum, denn die Gemütsstimmung meiner Leidensgefährten trennte sich sogleich in zwei streng geschiedene Kategorieen, in zwei grell von einander abstechende Farben, deren Grenzlinie jedoch, wie ich zu bemerken Gelegenheit hatte, von beiden Seiten zuweilen überschritten wurde. Auf der einen Seite standen die Muthigen und Starken, deren Kopf durch die Gefährlichkeit der Situation exaltiert war; auf der andren die ungleich geringere Anzahl Derjenigen, deren That und Denkkraft die Gefahr völlig gelähmt hatte oder die sie in Verzweiflung oder förmlichen Wahnsinn gestürzt hatte.

»Mit lebhaftem Interesse beobachtete ich den Wechsel von Seelenstärke und Niedergeschlagenheit, der während der zehn oder elf Stunden, welche ich dieser Beobachtung widmen konnte, zwischen den beiden Gruppen stattfand. Einige Männer zum Beispiel, die in Folge ihrer kindischen Verzweiflung und Schwäche am Morgen der Gegenstand des allgemeinen Mitleids und selbst der Verachtung gewesen waren, erhoben sich nach Verlauf einiger Stunden durch eine innere Anstrengung bis zum bewunderungswürdigsten Heldenmuthe, während Andere, welche die erste Angst gewaltsam unterdrückt hatten und wegen ihres Muthes und ihrer Ruhe bewundert worden waren, sich plötzlich ohne irgend eine neue Ursache niederwerfen ließen und beim Herannahen der Gefahr ihre ganze körperliche und geistige Kraft zu verlieren schienen.

»Es würde mir vielleicht möglich sein, diese Anomalie zu erklären, aber dies ist nicht der Zweck, den ich mir vorgesteckt habe., Ich beschränke mich darauf, zu erzählen was ich beobachtet habe, und füge einen Umstand hinzu, der einen lebhaften Eindruck auf mich machte.

»Während ich mich auf dem Verdeck mit meinen Beobachtungen beschäftigte, hörte ich einen hinter mir stehenden Soldaten äußern:

»Sieh da, die Sonne geht unter.«

»Diese Worte, die bei jeder andren Gelegenheit ganz ohne Bedeutung gewesen wären, erschreckten mich förmlich, denn es lag fast auf der Hand, daß ich die Sonne zum lebten Male untergehen sah, Ich blickte nach dem westlichen Horizont und nie werde ich den Eindruck vergessen, den das sinkende Tagesgestirn auf mich machte. Von der Ueberzeugung durchdrungen, daß das Meer, in welches die Sonne unterzutauchen schien, noch diese Nacht mein Grab werden würde, trat plötzlich, als ich gleichsam in mein Inneres hinabstieg, der Gedanke an die letzten Augenblicke des Lebens und an die Zukunft nach dem Tode in seiner ganzen entsetzlichen Wirklichkeit vor meine Seele. Dieser Gedanke, daß ich die Sonne, den erhabenen Heerd des Lebens und des Lichtes, zum letzten Male sehen sollte, bemächtigte sich nach und nach meines ganzen Wesens und verlieh meinen Betrachtungen eine düstere Färbung, die ich bis jetzt noch nicht gekannt hatte. Ich empfand nicht Schmerz über den Verlust eines Lebens, dessen Zweck uns immer mehr oder weniger verfehlt erscheint, wenn wir es von der Schwelle des Todes betrachten. Nein, es war eine gewisse Leere, gleichsam ein Blick in den unermeßlichen Raum der Ewigkeit, ohne einen Gedanken an Jammer oder Glück. Die Ewigkeit, wie ich sie in diesem Augenblicke mit meinen geistigen Augen sah, war das Nichts, eine Atmosphäre ohne Horizont, ohne Tag, ohne Nacht, ohne Vergnügen, ohne Ruhe, ohne Schlaf, etwas Trübes und Eintöniges, ungefähr wie das, was ein Ertrinkender durch den Schleier der Welle erblickt, welche zwischen ihm und dem Himmel liegt. Dieser Gedanke war hundert Mal schlimmer, als wenn mir die Ewigkeit als eine Hölle voll Flammen erschienen wäre, denn so wie ich sie erblickte, war sie weder das Leben noch der Tod, es war eine Art von Betäubung, welche von beiden etwas hatte, und ich weiß wahrhaftig nicht, bis zu welchem Grade diese thörigte Vorstellung meine Verzweiflung gesteigert haben würde, hätte ich mich nicht plötzlich durch eine innere Anstrengung dieses Anfangs von Lethargie entrissen und mich wie ein Sterbender im Todeskampfe an eine der hehren Verheißungen des Evangeliums angeklammert, welche allein im Stande sind, dem Gedanken an die Unsterblichkeit einen Reiz zu verleihen. Der Anblick der sinkenden Sonne führte meine Seele zu dem Schöpfer aller Dinge zurück und bei dem Gedanken an diese herrlichen Verheißungen erinnerte ich mich der »glücklichen Stadt, die weder des Lichtes, noch der Sonne, noch des Mondes bedarf, weil der Ruhm Gottes selbst sie erleuchtet.«.

»Ich ließ daher die Sonne vollends am Horizonte hinabsinken und ging so ruhig, als ob nicht im Entferntesten davon die Rede gewesen wäre, daß ich bald den verhängnißvollen Schritt aus dem Leben in die Ewigkeit thun sollte, in den großen Speisesaal hinunter; um einen Gegenstand zu suchen, mit dem ich mich gegen die Kälte schützen konnte, welche nach dem Untergange der Sonne immer empfindlicher wurde.

»Man konnte sich nichts Traurigeres und Oederes denken als den Anblick dieses Saales, der noch am Morgen der Schauplatz freundschaftlicher und heitere Unterhaltung gewesen war. Er war jetzt völlig leer, und man sah nur einige Unglückliche darin, die es versucht hatten, im übermäßigen Genusse von Wein und Branntwein die Gefahr zu vergessen, und unbeweglich am Boden lagen, oder einige Schurken, weiche plündern wollten und in der Nähe der Sekretaire und Schreibtische umherschlichen, in der Hoffnung, ein Goldstück oder ein Kleinod zu finden, dessen Genuß ihnen doch keineswegs gesichert war. Sopha's, Kommoden und andere elegante Möbeln, welche die englischen Transportschiffe zu Mustern von Bequemlichkeit und Komfort machen, lagen umgestürzt oder zerbrochen am Boden umher. Zwischen den Kissen und Poltern irrten Gänse und Hühner umher, die aus ihren Kästen entkommen waren, und ein Schwein, dem es gelungen war, aus seinem am Vordertheile des Schiffes befindlichen Stalle zu entlaufen, hatte sich auf einem prächtigen türkischen Teppiche, mit dem der Fußboden des einen Zimmers belegt war, häuslich niedergelassen.

»Dieser Anblick, der noch schmerzlicher wurde, als ich den Rauch durch die Spalten der Dielen hervordringen sah, schnürte mir das Herz zusammen; ich ergriff rasch eine Decke und kehrte auf das Verdeck zurück, wo ich unter den wenigen Offizieren, die noch an Bord waren, den Kapitain Cobb, den Oberstleutnant Fearon und die Lieutnants Ruxton, Rooth und Evans fand, welche mit rastlosem Eifer die Einschiffung unserer unglücklichen Kameraden leiteten, deren Anzahl sich rasch verminderte.

»Im Allgemeinen zeigten übrigens die wirklich muthigen Männer weder einen ungeduldigen Drang, das Schiff zu verlassen, noch den Wunsch, zurückzubleiben. Die alten Soldaten hatten zu viel Respect vor ihren Offizieren und ihr eigener guter Ruf lag ihnen zu sehr am Herzen, als daß sie sich zur Einschiffung hätten drängen sollen; auf der andren Seite aber waren sie zu vernünftig und zu entschlossen, um einen Augenblick zu zaudern, wenn sie den Befehl erhielten, das Schiff zu verlassen.

»Als indessen die Schreckensszene sich ihrem Ende nahte, fanden sich doch auch Einige an Bord, welche keineswegs Freude an den Tag legten, wenn die Reihe, das Schiff zu verlassen, an sie kam, sondern im Gegentheil entschieden abgeneigt waren, den gefährlichen Rettungsweg zu betreten. Der Kapitain Cobb mußte daher zuerst in bittendem, dann in drohendem Tone den Befehl wiederholen, daß kein Augenblick Zeit versäumt werden sollte, und einer von den Offizieren des 31. Regiments, der den Entschluß ausgesprochen hatte, daß er bis zuletzt :auf dem Schiffe bleiben;wolle, sah sich in Folge dieses Zauderns genöthigt zu erklären daß er nach Ablauf einer gewissen Frist, die er festsetzte, unfehlbar das Schiff verlassen und die Kleinmüthigen, deren Unschlüssigkeit nicht allein ihre eigene, sondern auch die Rettung der Anderen gefährdete, ihrem,Schicksale überlassen werde.

»Inzwischen rückte die zehnte Abendstunde heran und Einige, denen vor der Höhe des Giekbaumes und dem Toben des Meeres, das allerdings im Dunklen noch grauenvoller wurde, schauderte, weigerten sich unbedingt, diesen Rettungsweg zu benutzen, während Andere darum baten, daß man sie wie die Frauen und Kinder; an einem um den Leib geschlungenen Taute hinunterlassen solle. Plötzlich kam die Meldung, daß das Schiff, welches bereits acht bis,neun Fuß unter die gewöhnliche Wasserlinie gesunken war, abermals rasch um zwei Fuß gesunken sei. Da übrigens die beiden Boote, welche am Hintertheile warteten, in Verbindung mit denen, die man beim Scheine des Feuers von der Brigg zurückkehren sah, als vollkommen genügend erachtet wurden, um die noch am Bord des »Kent« Befindlichen Alle aufzunehmen, so dachten jetzt die letzten drei Oberoffiziere vom 31. Regiment, zu denen ich selbst gehörte, ernstlich an den Rückzug.

»Da ich von der Lage der Anderen am besten ein klares Bild entwerfen kann, wenn ich meine eigene schildere, bitte ich den Leser um die Erlaubniß, ihn einige Augenblicke von mir zu unterhalten und ausführlich zu erzählen wie ich gerettet wurde. Meine Geschichte ist zugleich die von einigen hundert Menschen, welche mir auf dem schmalen Wege, den ich jetzt betreten sollte, vorausgegangen waren.

Der Giekbaum eines Schiffes von der Größe des »Kent« ragt in horizontaler Richtung: fünfzehn bis siebzehn Fuß über das Hinterteil hinaus und befindet sich bei ruhigem Wetter achtzehn bis zwanzig Fuß über der Meeresfläche, bei einem Sturme aber wie der, von dem wir heimgesucht waren, erhebt er sich in Folge der ungeheuren Wogen und des heftigen Schlingerns oft bis zu dreißig und vierzig Fuß.

Um nun das am Ende des Giekbaumes wie eine Angelschnur befestigte Tau zu erreichen, mußte man auf dem runden und glatten Baume hin rutschen, in Manöver, das selbst für geübte und daran gewöhnte Seeleute nicht ohne Gefahr ist und zu dessen glücklicher Ausführung es jedenfalls eines schwindelfreien Kopfes, einer geschickten Hand und kräftigen Muskeln bedarf.

Diese Luftreise hatte schon Manchem von meinem Vorgängern das Leben gekostet. Einige hatten es nicht gewagt, sie zu unternehmen und waren lieber ins Meer gesprungen; Andere waren auf halbem Wege vom Schwindel ergriffen werden und in die brausende Tiefe gestürzt, die sie alsbald verschlungen hatte.

»Noch Andere hatten die Spitze des Giekbaumes und selbst das Ende des Taues glücklich erreicht; hier waren sie aber noch keineswegs in Sicherheit gewesen. Die Wahrscheinlichkeit, daß sie an der Bordwand des Bootes zerschmettert oder in's Wasser getaucht wurden und sie während des Untertauchens das Seil aus Entkräftung loslassen mußten, war eben so groß als die, daß sie sogleich in die Schaluppe gelangten.

»Man sieht also, daß unser einziger Rettungsweg durchaus keine sichere Aussicht auf wirkliche Rettung darbot. Da es aber eben der einzige war, besann ich mich, als an mich die Reihe kam, trotz meiner Unerfahrenheit und meiner Ungeschicklichkeit zu derartigen Wagstücken keinen Augenblick, das glatte Stück Holz wie ein Pferd zu besteigen; aber ich freue mich, es sagen zu können, daß ich, ehe ich mich darauf wagte, dem. Himmel dafür dankte, daß er mir dieses Rettungsmittel gewährte, so gefahrvoll es auch sein mochte, und besonders auch dafür, daß er es mir endlich vergönnt war, auf meine eigne Rettung bedacht zu sein, nachdem ich die Pflichten gegen meinen Landesherrn und gegen meine Kameraden gewissenhaft erfüllt hatte.

»Nachdem ich also ein kurzes Dankgebet zum Himmel gesandt hatte, trat ich meine Luftreife an und rutschte so gut es ging auf dem Giekbaume fort.

»Ich hatte einen jungen Offizier vor mir, der in dem Kunststücke, welches wir aufführten, eben so ungeübt war als ich. Schon hatten wir fast die Spitze des Baumes erreicht, als plötzlich ein so heftiger, mit Regen vermischter Windstoß kam, daß wir inne halten und uns mit aller Kraft an den Balken anklammern mußten.

»Wir glaubten einen Augenblick, daß wir jede Hoffnung, das Tau zu erreichen, aufgeben müßten; aber Gott zog seine schützende Hand nicht von uns ab. Nachdem wir einige Minuten unbeweglich geblieben waren, setzte mein Vorgänger seinen Weg fort, erreichte das Tau, glitt daran hinab und gelangte glücklich in die Schaluppe, allerdings nicht ohne vorher einige Mal in's Wasser getaucht worden zu sein.

»Sein Beispiel diente mir zur Lehre.

»Ich überlegte, daß ich anstatt an dem Taue hinab zu gleiten, während das Boot sich gerade darunter befand, besser that, wenn ich mich hinabließ, während die Schaluppe fünfundzwanzig bis dreißig Fuß von dem Tauende entfernt war, so daß ich in Folge des beständigen Hin- und Herwogens in dem Augenblicke unten ankam, wenn das Boot zurückkehrte.

»Ich erspähte den geeigneten Moment, umfaßte das Tau mit den Händen und mit den Knieen, glitt langsam hinab und gelangte in der That, ohne in's Wasser getaucht worden zu sein und ohne gefährliche Contursionen erhalten zu haben, glücklich in das Boot.

»Der Oberstleutnant Fearon, welcher nach mir folgte, war nicht so glücklich wie ich. Nachdem er mehrere Mal in's Meer getaucht, gegen die Bordwand der Schaluppe geschleudert und selbst unter ihren Kiel gerathen war, fühlte er sich so erschöpft, daß er das Tau loslassen mußte; zum Glück bemerkte ihn noch zur rechten Zeit ein Matrose des Bootes und zog ihn fast ohne Besinnung bei den Haaren hinein.

»Der Kapitain Cobb hatte erklärt, daß er sein Schiff zuletzt verlassen werde. Als ob er für das Leben aller auf dem »Kent« Befindlichen, vom Ersten bis bis zum Letzten verantwortlich gewesen wäre, weigerte er sich beharrlich, in ein Boot zu steigen, ehe er alles Mögliche aufgeboten hatte, um die Zaghaftigkeit der kleinen Anzahl Leute denen die Angst den Verstand geraubt hatte, zu besiegen.

»Doch alle seine Bitten waren vergebens.

»Da er schon alle Kanonen, deren Seite verbrannt waren, einzeln in den Kielraum hatte stürzen hören, wo sie sich entluden, so sah er endlich ein, daß eine längere Aufopferung Wahnsinn sein würde; er warf daher noch einen Blick auf sein schönes Schiff und sprach:

»Lebe wohl, edler Kent! lebe wohl, mein alter treuer Gefährte! Du verdientest einen besseren, einen schöneren Tod, und ich würde mit Freuden Dein Schicksal getheilt haben, wenn wir zusammen in einer Schlacht hätten untergehen müssen; aber dieses Glück ist uns nicht zu Theil geworden. Lebe wohl, edler Kent, lebe wohl! Ach, daß wir uns so trennen müssen!

»Dann ergriff er nach einem kurzen, wehmüthigen Stillschweigen die Leine des Besansegels, und glitt über die Unglücklichen, welche unbeweglich zurückblieben, um den gewissen Tod zu erwarten, an diesem Tau herab; erreichte die Spitze des Giekbaumes, sprang, anstatt sich an dem Seile hinabzulassen, in's Meer und schwamm nach der Schaluppe.

»Obgleich indessen seine Bitten umsonst gewesen waren, konnte er sich doch noch nicht entschließen, diese Unglücklichen ganz zu verlassen, die sich einer viel größeren Gefahr aussetzten, weil sie nicht den Muth hatten der, welche ihre Kameraden bestanden, die Stirn zu bieten.

»In Folge dessen wurde am Hintertheile ein Boot zurückgelassen, mit dem Auftrage, sich nicht eher zu entfernen, als bis die Flammen welche bereits mit Heftigkeit aus den Fenstern des Beratungszimmers hervor schlugen, es ihm unmöglich machten, noch länger daselbst zu bleiben.

»Als endlich eine Stunde nach der Ankunft des Kapitain Cobb auf der »Cambria« das zurückgelassene Boot mit dem einzigen Soldaten, den es noch zur Flucht hatte bewegen können, anlangte, erlaubte der Kapitain der Brigg den Matrosen und dem Leutnant erst dann an Bord zu kommen, als er sich überzeugt hatte, daß Mr. Thomson, ein junger Offizier, der an diesem Tage einen seltenen Eifer und Muth bewiesen hatte, sich auf der Schaluppe befand.«

4.
Die Explosion

Es würde sich schwer beschreiben lassen, was an Bord der »Cambria« vorging, wenn die Boote ankamen und den Wittwen und Waisen den Tod ihrer Versorger meldeten, oder den Frauen und Kindern, mit denen Gott Mitleid gehabt, die Nachricht brachten, daß ihre Väter und ihre Gatten noch lebten und ihnen zurückgegeben werden sollten.

Bald aber wurden Schmerz und Freude über das Schauspiel vergessen, welches der brennende »Kent« gewährte.

Nach der Ankunft des lebten Bootes bei der »Cambria« fliegen die Flammen, welche das Verdeck und die Companie erreicht hatten, mit Blitzesschnelle in die Takelage hinauf. Das ganze Schiff war jetzt eine einzige Feuermasse, welche alle Menschen und Dinge auf der »Cambria« wie am Tage erleuchteten. Die am Morgen aufgezogenen Nothflaggen flatterten noch so lange in den Flammen, bis die am Fuße verbrannten Maste in die Gluth stürzten wie die Thürme einer brennenden Kirche. Als endlich um halb zwei Uhr Morgens das Feuer die Pulverkammer erreichte, erfolgte die Explosion, welche nur durch ein Wunder so lange verzögert worden war, und die brennenden Trümmern eines der schönsten Schiffe Englands flogen als schauerliches Bouquet des entsetzlichen Feuerwerkes zum Himmel empor.

Dann erlosch das Feuer, Alles schwieg und das befriedigte Meer kehrte in Schweigen und Dunkel zurück.

Die »Cambria« hatte nach und nach ihre Segel ausgespannt und steuerte bald mit einer Schnelligkeit von neun bis zehn Knoten in der Stunde den englischen Küsten zu.

Jetzt einige Worte über dieses Schiff, seinen Kapitain und die Umstände, die es ihm möglich machten, den unglücklichen Schiffbrüchigen vom »Kent« einen so unschätzbaren Dienst zu leisten.

Die »Cambria«, welche, wie wir schon gesagt haben, eine kleine Brigg von 200 Tonnen Gehalt war und unter dem Kommando des Kapitains Cook mit acht Matrosen, dreißig Bergleuten aus Cornwallis und einigen Beamten der brittisch-mexicanischen Compagnie an Bord nach Veracruz segelte, befand sich am Morgen des Brandunglücks in bedeutender Entfernung unter dem Winde des »Kent.«

Aber die Vorsehung wollte, daß eine große Sturzwelle, die sie von der Seite traf, ihr das Barkholz der Steuerbordseite zerschmetterte, so daß der Kapitain Cook, um seinem Schiff die Arbeit zu erleichtern, die Richtung änderte und in Folge dessen dem »Kent« zu Gesichte kam.

Wir wissen, daß Kapitain Cook die Schiffbrüchigen bereitwillig aufnahm; was wir aber noch nicht gesagt haben, ist Folgendes:

Während seine acht Matrosen beständig von ihren Dienstverrichtungen in Anspruch genommen waren, standen die dreißig Bergleute aus Cornwallis in lebensgefährlicher Stellung auf den Wandleitern und entwickelten ihre in England sprichwörtliche Muskelkraft um die in den Rettungsbooten ankommenden Schiffbrüchigen entweder beider Hand, oder beiden Kleidern oder selbst bei den Haaren zu ergreifen und auf's Verdeck zu tragen. Wir haben gesehen, unter welcher Bedingung der Kapitain Cook die Matrosen des letzten vom »Kent« kommenden Bootes aufnahm. Diese hatten in der That zu verschiedenen Malen gemurrt, daß man sie so ungeheuren Anstrengungen und Gefahren aussetzte, um Landsoldaten zu retten, die ihnen entschieden zuwider sind, und sie würden sich wahrscheinlich geweigert haben, immer und immer wieder nach dem »Kent« zurückzukehren, hätte sie der Kapitain Cobb nicht wegen ihres Egoismus streng getadelt und ihnen auf das Bestimmteste erklärt, daß er sie nicht eher an Bord der »Cambria« aufnehmen würde, als bis sie ihr Rettungswerk vollendet hätten.

Die Vorsehung fügte es ferner, daß das beispiellose Zusammentreffen von zwei entsetzlichen Gefahren, indem das Feuer sich mit dem Sturme verband, gerade ein Mittel zur Rettung der Mannschaft wurde, weil es den Kapitain in den Stand setzte, durch Oeffnung der Sückpforten eine große Wassermasse in den Schiffsraum einzulassen und dadurch die Fortschritte des Feuers momentan zu hemmen; denn hätte dies nicht geschehen können, so würde der »Kent« völlig von den Flammen verzehrt worden sein, ehe nur ein Mann sich auf die »Cambria« retten konnte.

Und war es nicht ein Wunder, daß die »Cambria« nicht auf der Rückreise, sondern auf der Hinreise begriffen war und daher ihre Lebensmittel noch kaum angegriffen hatte, während sie im andern Falle zu Ende gegangen wären?

War es ferner nicht ein Wunder, daß die Brigg, anstatt mit Waaren angefüllt zu sein, die man unter so bewandten Umständen in's Meer zu werfen weder Zeit noch Hände genug gehabt haben würde, völlig leer war?

Und war es endlich nicht auch ein Wunder, daß der für ihre Reise so ungünstige Wind, nicht günstiger sein konnte, um die sechshundert Schiffbrüchigen nach England zurückzubringen?

Denn wir müssen sagen, das die Schiffbrüchigen an Bord der »Cambria« eigentlich noch keineswegs in Sicherheit waren; es war höchst gefährlich, bei einem wüthenden Sturme ein kleines Schiff, das für höchstens fünfzig Mann berechnet und im Meerbusen von Biscaya hundert Meilen vom nächsten Hafen entfernt war, mit sechshundert Menschen zu beladen.

So waren zum Beispiel in dem kleinen Zimmer, welches den Major Mac Gregor aufnahm und das für acht bis zehn Personen bestimmt war, nicht weniger als achtzig Menschen zusammengedrängt, von denen sechzig stehen mußten. Da der Sturm, anstatt nachzulassen, immer heftiger wurde und am vorigen Tage das Barkholz der Steuerbordseite abgerissen hatte, so stürzten die Wellen beständig auf's Verdeck und man mußte alle Luken schließen.

Dadurch aber verhinderte man den Zutritt von frisch er Luft und die im Zwischendeck eingepferchten Menschen kamen in Gefahr zu ersticken.

Die Luken mußten daher in den Zwischenpausen der Wellen geöffnet werden.

Die Ausdünstung der im Zwischendeck zusammengedrängten Menschenmasse verursachte eine so unerträgliche Hitze, daß man einen Augenblick fürchtete, es sei auch auf der »Cambria« Feuer ausgebrochen.

Die Luft war dergestalt verdorben, daß ein angezündetes Licht augenblicklich wieder verlosch.

Die auf dem Verdeck Befindlichen waren nicht weniger schlimm daran, denn sie mußten, nur mit den notdürftigsten Kleidungsstücken bedeckt, vor Kälte und Nässe klappernd, Tag und Nacht bis über die Knöchel im Wasser stehen.

Zum Glück war, wie gesagt, der Wind günstig und seine Heftigkeit nahm noch fortwährend zu, als hätte er eingesehen, daß die »Cambria« nicht schnell genug segeln könne. Der Kapitain hatte auf die Gefahr hin, die Maste zu zerbrechen, alle Segel beigesetzt, und so ertönte schon am Nachmittag des 3. März im Mastkorbe der Ruf: »Land vor dem Winde!«.

Am Abend bekam man die Sorlingischen Inseln in Sicht und nachdem man rasch die Küste von Cornwallis entlang gesegelt war, ging die Brigg um halb ein Uhr Nachts im Hafen von Falmouth vor Anker.

Am folgenden Morgen sprang der Wind, der bis jetzt aus Südwest gekommen war, plötzlich nach Nordwest um.

Das größte Wunder aber, bei dem sich die Hand der Vorsehung am deutlichsten zeigte, war, daß man drei Tage nach der Ankunft der »Cambria« mit ihren sechshundert Schiffbrüchigen erfuhr, daß die auf dem »Kent« zurückgebliebenen wenigen Zaghaften, von denen man glaubte, daß sie bei der Explosion des Schiffes umgekommen sein mußten, mit der »Karoline« in Liverpool angelangt waren.

Wie hatte diese unglaubliche Rettung stattgefunden? Die Unglücklichen konnten sie sich selbst kaum erklären. Sie erzählten die Sache folgendermaßen:

Nachdem das letzte Boot abgefahren war zwangen sie die auf allen Seiten herausschlagenden Flammen, sich in die Takelage zu flüchten, wo sie so lange blieben, bis die am Fuße verbrannten Maste über Bord stürzten und im Wasser verlöschten.

Sie klammerten sich nun an den schwimmenden Trümmern fest und brachten in dieser entsetzlichen Lage die ganze Nacht und den ganzen folgenden Vormittag zu.

Gegen zwei Uhr Nachmittags endlich bemerkte Einer von ihnen, als er auf die Spitze einer Welle emporgetragen wurde und sich hier umsah, ein Schiff und stieß sogleich den Ruf aus: »Ein Segel!« Dieses Schiff kam gerade auf sie zu.

Es war die »Karoline«, welche von Alexandrien kam und nach Liverpool ging. Der Kapitain Bilbay nahm die Unglücklichen auf und sie landeten, wie gesagt, vier Tage später als ihre Leidensgefährten, die sie für verloren gehalten hatten, an den Küsten Englands

Gott ist groß!

E n d e

Türler ve etiketler

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