Sadece Litres'te okuyun

Kitap dosya olarak indirilemez ancak uygulamamız üzerinden veya online olarak web sitemizden okunabilir.

Kitabı oku: «So sey es »

Yazı tipi:

Erster Teil

Vorwort an den Leser

Es ist eine sonderbare Geschichte, die dem geneigten Leser erzählt werden soll; sie ist von einem Manne geschrieben, der außer dieser Geschichte nie etwas geschrieben hat.

Es ist ein Abschnitt seines Lebens, oder vielmehr sein ganzes Leben.

Das leben des Menschen ist nicht nach der Anzahl der von ihm durch lebten Jahre zu messen, sondern nach den Minuten, in denen sein Herz geschlagen hat.

Mancher Greis, der im Alter von achtzig Jahren stirbt, hat in der Wirklichkeit nur ein Jahr, einen Monat, einen Tag gelebt.

Leben ist glücklich sein oder leiden.

Man lasse vor einem sterbenden alle durchlebten Tage vorüberziehen, er wird nur die anerkennen, die ihm mit lächelnden Munde oder thränenfeuchten Augen erscheinen.

Die übri-....

Solche Tage hat er verlebt, aber nicht gelebt.

Am längsten gelebt hat der Mensch, der am meisten erfahren und empfunden hat.

* * *

Ich hatte einen Freund.

Es ist bekannt wie weit man den Namen Freund auszudehnen pflegt.

In unserer conventionellen Sprache bedeutet ein Freund nicht immer einen Genossen, einen Cameraden, ein Freund heißt oft nichts als ein Bekannter.

Für uns soll dieses Wort weder einen Genossen noch einen Cameraden, sondern einen angenehmen lieben Bekannten bedeuten.

Wir werden ihn nur mit dem Namen Max bezeichnen, die weibliche Hauptperson aber Edmée nennen.

Ich hatte Max auf einer Jagdpartie im Park von Campiegne zu der Zeit, wo der Herzog von Orleans das Lager befehligte, kennen gelernt.

Es war im Jahre 1836, ich schrieb damals den Caligula zu Corneille.

Max war ein Schulcamerad des Herzogs von Orleans, und etwa zehn Jahre jünger als ich.

Er war ein feingebildeter junger Mann nein fünf- bis sechsundzwanzig Jahren, von vornehmen Manieren und Gentleman vom Kopf bis zur Zehe.

Ich entlehne den Engländern diesen uns mangelnden Ausdruck, um genau zu bezeichnen was ich sagen will.

Ohne reich zu seyn, hatte er einiges Vermögen ohne schön zu seyn, war er einnehmend; ohne gelehrt zu seyn, hatte er viel gelernt; ohne Maler zu seyn, war er Künstler und zeichnete unglaublich schnell und treffend die Züge eines Gesichtes oder die Umrisse einer Landschaft.

Er war ein großer Freund von Reisen. Er kannte England, Deutschland, Italien, Griechenland, Constantinopel.

Während der fünf oder sechs Jagden, die wir mit dem Herzoge von Orleans machten, gewannen wir einander lieb, wir wählten unsere Plätze neben einander.

So war’s auch bei Tische, wo wir uns nach Belieben setzen konnten; ein Blick genügte, um uns gegenseitig zu nähern, und während der ganzen Mahlzeit berührten sich unsere Stuhle und wir plauderten nach Herzenslust.

Er gehörte zu den wenigen Menschen, die geistreich sind ohne es zu ahnen.

Seine Nachbarschaft war mir daher höchst angenehm: auf der Jagd, weil er vorsichtig, bei Tische, weil er unterhaltend war.

Ich glaube, daß er mir ebenfalls sehr zugethan war.

Wir hatten Übrigens Vieles mit einander gemein; wir spielten nicht, rauchten nicht und tranken nur Wasser.

Er sagte mir sehr oft:

»Wenn Sie einmal eine Reise machen, so zeigen Sie mir’s an, wir reisen zusammen.«

* * *

Im Jahre 1838 reiste ich nach Italien und ich hörte nichts von Max. Im Jahre 1842 erfuhr ich in Florenz den Tod des Herzogs von Orleans: ich reiste mit Extrapost nach Paris zurück und kam eben noch zur rechten Zeit an, um dem Trauergottesdienst in der Notredamekirche beizuwohnen und mich dem Leichenzuge nach Dreux anzuschließen.

Die erste Person, die ich in der Kirche bemerkte, war Max.

Er gab mir durch einen Wink zu verstehen, daß neben ihm auf den stufenweise erhöhten Bänken ein Platz leer sey.

Ich stieg zu ihm hinauf; wir begrüßten uns mit Thränen und setzten uns schweigend Hand in Hand neben einander.

Wir hatten offenbar ganz gleiche Gedanken: wir dachten in der schwarz ausgeschlagenen Kirche an die Zeit zurück, wo wir neben einander an der Tafel des unglücklichen Prinzen gesessen.

Wir wechselten nur wenige Worte während der Trauerfeierlichkeit.

»Sie gehen doch mit nach Dreux?«

»Ja.«

»Wir können ja mit einander gehen.«

»Sehr gern.«

Wir begaben uns nach Dreux und blieben bis zur Beisetzung der Leiche bei dem Sarge.

Die Freundschaft und innige Zuneigung, die wir Beide fast in gleichem Maße einem Dritten widmeten – ich will nicht sagen einem Prinzen, denn für uns, die wir mit dem Ehrgeiz nichts zu thun hatten, war der Herzog von Orleans kein Prinz – diese Freundschaft für einen Dritten knüpfte die unsrige fester; es war als ob wir uns den Antheil, der dem erlauchten Todten nicht mehr gewidmet werden konnte, gegenseitig zuwendeten.

Wir begaben uns zusammen nach Paris zurück, und als wir schieden, sagte er zum zweiten oder dritten Male:

»Wenn Sie eine Reise machen, so schreiben Sie mir.«

»Aber wo sind Sie zu finden?« fragte ich.

Er gab mir die Adresse seiner Mutter.

»Dort,« antwortete er, »weiß man wo ich bin.«

* * *

Im Jahre 1846, nemlich zehn Jahre nach der Zeit, wo ich Max zum ersten Male gesehen hatte, entschloß ich mich, eine Reise nach Spanien und Afrika zu machen.

Ich schrieb an Max: »Wollen Sie die Reise mitmachen?«

Den Brief schickte ich an die angegebene Adresse.

Zwei Tage nachher erhielt ich folgende Antwort:

Unmöglich, lieber Freund. Meine Mutter liegt im Sterben. Beten Sie für mich.

Max.«

Ich reiste ab. Die Reise dauerte sechs Monate. Nach meiner Rückkehr übergab man mir alle in meiner Abwesenheit eingelaufenen Briefe.

Alle Briefe, deren Schriftzüge mir unbekannt waren, warf ich ungelesen in’s Feuer.

Unter den bekannten Schriftzügen war ein Brief von Max.

Ich erbrach den Brief hastig; er enthielt nur folgende Worte:

Meine Mutter ist todt. Beklagen Sie mich.

Max«
* * *

Das Schloß, welches die Mutter meines Freundes bewohnt hatte, lag in der Picrardie, unweit La Fére.

Ich reiste noch denselben Tag ab, um Max zu trösten, wenigstens zu begrüßen.

In La Fére nahm ich einen Wagen und fuhr nach dem Schlosse Friéres.

Das Schloß wurde mir von weitem von meinem Kutscher gezeigt. Es stand am Abhange eines schön bewaldeten Hügels, welchem große freie Rasenplätze ein parkartiges Aussehen gaben.

Alle Fenster waren geschlossen. Ich vermuthete, daß Max abwesend sey, aber ich setzte doch meinen Weg fort, ich wollte wenigstens Gewißheit haben.

Vor dem Gitterthor ließ ich anhalten. Ein alter Diener erschien, um mich einzulassen.

Ich sage Diener und nicht Bedienter; die alten Diener werden in Frankreich immer seltener, in zwanzig Jahren wird es nur noch Bediente, aber keine Diener mehr geben.

Der erscheinende Diener gehörte zu dem Stamme, welcher sagt: »Unsere gute Dame« und »Unser junger Herr.«

Ich fragte nach Max.

Der Diener schüttelte den Kopf.

»Drei Monate nach dem Tode unserer guten Dame,« sagte er, »ist unser junger Herr auf Reisen gegangen.«

»Wo ist er?«

»Das weiß ich nicht.«

»Wann wird er wieder kommen?«

»Das kann ich auch nicht sagen.«

Ich nahm mein Federmesser aus der Tasche, schnitt ein Kreuz in die Mauer und schrieb darunter: Amen!

»Wenn euer Herr zurückkommt,« sagte ich zu dem alten Diener, »so saget ihm, ein Freund von ihm sey hier gewesen, und zeiget ihm das.«

»Wollen Sie mir Ihren Namen nicht sagen?«

»Das ist nicht nöthig, er wird mich leicht erkennen.«

Ich reiste ab.

* * *

Ich sah Max nicht wieder. Ich erkundigte mich oft nach ihm bei gemeinsamen Freunden, aber Niemand wußte was aus ihm geworden war. Der am besten unterrichtete meinte, er sey in Amerika.

Vor vierzehn Tagen erhielt ich aus Martinique ein großes Parket.

Ich erbrach es mit begreiflicher Neugierde. Es war ein Manuskript.

Im ersten Augenblicke erschrak ich, denn ich glaubte nicht zu Manuscripten, die über den atlantischen Ocean kamen, verurtheilt zu seyn.

Ich war im Begriffe es wegzuwerfen, als meine Aufmerksamkeit durch den Titel gefesselt wurde.

Es war ein Kreuz und darunter stand das Wort Amen!

Ich erkannte nun auch die Schriftzüge.

»O, es ist von Max!« sagte ich.

Und ich las, was ich dem Leser mittheilen will.

I

Amen!
Insel Martinique. Port-Royal. 7.November 1856

Sobald als es mir gestattet ist. ein Lebenszeichen zu geben« fühle ich das Bedürfniß mich Ihnen anzuvertrauen, lieber Freund, und Ihnen die Ereignisse zu erzählen, die mich hieher geführt haben.

Der Tod der Person, die am meisten Ursache hatte, mein Stillschweigen zu wünschen, erlaubt mir Ihnen Dinge zu erzählen, die bei Lebzeiten dieser Person in das undurchdringlichste Geheimniß gehüllt bleiben mußten.

Die letzten Nachrichten, welche Sie unmittelbar von mir erhielten, war der Brief, worin ich Ihnen schrieb:

»Meine Mutter ist todt, beklagen Sie mich!«

Da meine Mittheilungen wahrscheinlich nur von Ihnen gelesen werden, so erlauben Sie mir, daß ich von meiner Wenigkeit ganz offen rede.

Ob es Vertrauen zu Ihnen, ob es Eigendünkel von mir ist, das weiß ich nicht, aber es scheint mir, daß ich für Sie in Bezug auf die Anatomie des Herzens etwa dasselbe thun werde, was ein Mann der Wissenschaft für einen Arzt thun würde, wenn er zu ihm sagt:

»Ich habe an einer schmerzhaften innerlichen Krankheit gelitten; jetzt bin ich genesen; secriren Sie mich lebendig, damit Sie die Spuren der Krankheit sehen.«

Vide manus, vide pedes, vide latus!

Aber um mich wohl zu verstehen, lieber Freund, müssen Sie mich genau kennen lernen.

Meine einzige Wissenschaft ist, wie ich glaube, die Selbstkenntniß, und hierin habe ich die Vorschrift des Weisen befolgt.

Als ich Sie zum ersten Male in Compiégne sah, war ich fünfundzwanzig Jahre alt; ich bin im Jahre 1811 geboren. Als ich Sie zum letzten Male in Dreux sah, war ich einunddreißig; als ich meine Mutter verlor, fünfunddreißig.

Meine Mutter war mir Alles. Mein Vater hatte als Oberst eines Uhlanenregimentes den russischen Feldzug mitgemacht. Meine Mutter, die mich jeden Morgen in meiner Wiege küßte, benetzte eines Morgens meine Wangen mit Thränen.

Mein Vater war bei Smolensk gefallen. Sie war Witwe, ich war eine Waise. Ich war der einzige Sohn« sie lebte nur für mich.

Meine Mutter war eine hochgebildete, zumal feinstfülende Frau; sie beschloß daher, meine erste Erziehung, die wichtigste, welche die Blüthen treibt, aus denen einst die Früchte reifen sollen, keiner fremden Person anzuvertrauen.

Sie konnte mich ohne fremde Beihilfe lesen, schreiben und rechnen lehren; sie konnte mich in den Anfangsgründen der Geschichte, Geographie und Musik, sowie im Zeichnen unterrichten.

In dieser letzteren Kunst war sie die Schülerin ihres Oheims Prudhon, dessen Werth man nach seinem Tode anerkannt hat, nachdem er bei seinen Lebzeiten mit Mangel und Elend gekämpft.

Die erste Erinnerung, die ich von meiner Mutter habe, zeigt sie mir als eine sehr schöne schwarzgekleidete Frau.

Sie war dreißig Jahre alt, als mein Vater starb; sie war seit zehn Jahren vermält, eine ältere Schwester war gestorben.

Ich erinnere mich nicht, sie ein einziges Mal lachen gesehen oder gehört zu haben; aber sie lächelte, wenn sie mich küßte oder mir einen Verweis gab. Es blieb mir überlassen, dieses doppelte Lächeln zu unterscheiden.

Meine Muttter war sehr religiös, nicht vor den Leuten, sondern im Herzen. Sie lehrte mich zumal Ehrerbietung vor den symbolischen Dingen. Ich glaube nie laut in einer Kirche gesprochen zu haben, nie ohne mich zu verneigen an einem Kreuz vorübergegangen zu seyn.

Diese Verehrung für die Symbole des Glaubens zog mir oft Neckereien von meinen Gespielen zu; ich antwortete nicht darauf.

Hinsichtlich der Priester stand es mir frei, sie nach ihren Handlungen zu beurtheilen, wie alle anderen Menschen. Nach der Ansicht meiner Mutter war der Priester kein mit besonderen Vorrechten ausgerüstetes Wesen, sondern ein Mann, der größere Verpflichtungen hat als andere Menschen und dieselben gewissenhaft halten muß. Den Priester, der seine Pflichten nicht erfüllt, stellte sie in gleichen Rang mit dem Kaufmann« der seine Verbindlichkeiten nicht erfüllt; nur mit dein Unterschiede, daß der Letztere nur fallire, der Erstere aber völlig Bankerott mache.

Sie kennen das Schloß Frières, lieber Freund, Sie sind da gewesen, und der Titel dieses Manuscriptes beweist Ihnen, daß ich Ihre Handschrift erkannt habe.

Das Schloß ist im siebzehnten Jahrhundert erbaut worden und die Bäume des Parkes sind eben so alt.

Ich verlebte dort meine Kindheit bis zum zwölften Jahre.«

Nie sagte meine Mutter zu mir: »Max, Du mußt arbeiten;« sie wartete immer, daß ich sie darum bat.

»Was willst Du machen? fragte sie mich dann.«

Und fast immer wählte ich selbst die Lection, die ich zu nehmen wünschte.

Meine Mutter hatte mich gewöhnt, meine Arbeitsstunden als Erholungsstunden zu betrachten; sie marterte mich nicht mit mechanischem Auswendiglernen, sie lehrte mich Geschichte, Geographie, Musik; sie erzählte mir eine historische Begebenheit oder schilderte mir ein Land.

Was sie mir gesagt hatte, blieb tief in meinem Gedächtnisse haften; was sie mir erzählt hatte, wiederholte ich ihr den folgenden Tag.

Sie spielte mir eine Melodie auf dem Clavier vor und in den meisten Fällen konnte ich am andern Morgen dieselbe Melodie spielen.

So gingen wir vom Einfachen zum Zusammengesetzten über. Die Schwierigkeiten, die natürlich nicht ausblieben, wurden nach meinen Kräften so gut vertheilt, daß ich sie nicht für Schwierigkeiten hielt und sie überwand, ohne sie gesehen zu hoben.

Das Zeichnen lernte ich ohne Unterricht; meine Mutter gab mir, als ich noch ein Kind war, einen Bleistift in die Hand und forderte mich auf zu copiren.

»Was soll ich denn copiren?« fragte ich.

»Alles was Du siehst, jenen Baum, jenen Hund, jenes Huhn.«

»Ich kann’s nicht.«

»Versuch’s nur.«

Ich versuchte es; die ersten Versuche waren abgeschmackt; nach und nach aber begann der Block eine Form anzunehmen, der Embryo erschien, die Umrisse wurden bemerkbar, dann die Schatten, endlich die Perspective. Ich erinnere mich, daß Sie sich über die Leichtigkeit, mit der ich eine Skizze entwerfe, gewundert haben.

»Wer hat Ihnen Unterricht im Zeichnen gegeben?« fragten Sie mich einst.

»Niemand,« antwortete ich.

Wie undankbar war ich1 Ich hatte ja zwei geduldige, zärtliche Lehrerinnen gehabt: meine Mutter und die Natur.

Nie habe ich die den Kindern sonst gewöhnlich eigene Furchtsamkeit gekannt; Tag und Nacht waren mir ganz gleichgültig; ich betrachtete einen Friedhof mit Ehrerbietung, aber nie mit Furcht.

Kurz, ich habe nie gewußt was Furcht oder Schrecken war. Ich war schon früh gewöhnt gewesen, sowohl im Dunkeln als am Tage im Park umherzulaufen, und so war ich mit jedem nächtlichen Geräusch vertraut geworden. Das abendliche Leben und Treiben der Thierwelt war mir genau bekannt; ich wußte den Flug der Nachtschwalbe von dem Fluge anderer Vögel, den leisen Tritt des Fuchses von dem des Hundes zu unterscheiden; ich kannte den Gesang des Rothkehlchens wie des Finken oder Hänflings.

Sie sagten oft zu mir: »Warum schreiben Sie nicht? Warum machen Sie keine Gedichte?« Ich antwortete Ihnen dann naiv oder stolz, wie Sie wollen: »Weil ich in Versen nie schreiben würde wie Hugo, in Prosa nicht wie Chateaubriand.«

Aber an Poesie fehlte es mir keineswegs, lieber Freund, ich wußte ihr nur keine Form zu geben; ich hatte das Herz und nicht die Hand; ich fühlte, aber ich trug Bedenken, meinen Gefühlen einen Ausdruck zu geben.

Sie sehen, daß ich mich endlich dazu entschlossen habe, denn ich sende Ihnen an zweihundertdreißig Seiten von einer Handschrift; ich habe nur zu spät angefangen.

Als ich mein zwölftes Jahr erreicht hatte, sah meine Mutter ein, daß es Zeit sey, mich der Leitung von Männern zu übergeben.

Die Erziehung konnte nach ihrer Meinung nur in Paris vollendet werden, und da sie mich nicht verlassen wollte, entschloß sie sich, ihren Wohnsitz in die Hauptstadt zu verlegen.

Sie gab mich in das College Henri IV. und miethete sich in der Nähe ein, um mich an meinen freien Tagen bei sich haben zu können.

Ich blieb sieben Jahre im College und hatte in dieser ganzen Zeit – ein vielleicht beispielloser Fall – nicht ein einziges Mal Arrest.

Ich wüßte, daß meine Mutter mich erwartete.

Wenn die Ferien begannen, so flüchtete ich mit meiner Mutter nach Frières.

O! wie groß war meine Freude, wenn ich alle Freunde meiner Kindheit, Hausgeräthe, Hunde, Bäume, Bäche wiedersah!

Schon früh hatte mir meine Mutter eine Flinte, mich selbst aber dem Waldhüter, einem gewandten, vorsichtigen Manne, in die Hände gegeben. Sie wissen, daß er einen ziemlich guten Jäger aus mir gemacht hat.

Im Collège Henri IV. machte ich, wie Sie wissen, die Bekanntschaft des unglücklichen Herzogs von Orleans, bei welchem wir uns zuerst sahen.

Das Jahr 1830 kam; sein Vater wurde König, er selbst Kronprinz; ich gehörte zu seinen vertrauten Freunden: er ließ mich kommen und fragte mich was er für mich thun könne.

Ich gestand ihm aufrichtig, ich sey allen ehrgeizigen Bestrebungen von jeher fremd geblieben, ich sey immer ein Glückskind gewesen; warum sollte ich auf der einmal betretenen Bahn des Glückes nicht bleiben?

Ich dankte ihm übrigens für seine Güte und sagte, das ich meine Mutter in Rath nehmen würde.

Ich begab mich nach Hause und erzählte meiner Mutter, was vorgegangen war.

»Nun« was hast Du beschlossen?« fragte sie.

»Nichts liebe Mutter; was räthst Du mir?«

»Ich werde vielleicht eine sonderbare Sprache führen, erwiederte sie; »aber ich will nach meinem Gefühl und Gewissen mit Dir sprechen.«

In dem Tone meiner Mutter lag eine gewisse Feierlichkeit, an welche sie mich nicht gewöhnt hatte.

Ich sah sie an. Sie lächelte.

»Bis jetzt,« begann sie, »bin ich deine Mutter, dein weiblicher Mentor gewesen; ich will jetzt mit Dir reden, als ob ich dein Vater wäre.«

Ich faßte ihre beiden Hände und küßte sie.

»Sprich, liebe Mutter,« sagte ich.

Sie stand vor mir, ich hatte meinen Kopf auf die Hand gestützt, mein Blick war zu Boden gesenkt. Ich lauschte auf ihre Stimme, die mir von oben zu kommen schien, wie die Stimme Gottes.

»Max,« sagte sie, »ich weiß, daß man in unseren sozialen Verhältnissen die Wahl eines Berufes für nothwendig hält. Ich bin nur ein schwaches Geschöpf und vermag keine Meinung, und wäre sie auch irrig, zu widerlegen; aber ich glaube, daß jeder redlich denkende Mann sich vor Allem bestreben muß das Böse zu vermeiden, das Gute zu thun. Wir besitzen ein ganz unabhängiges Vermögen, eine jährliche Rente von vierzigtausend Francs; von heute an trete ich Dir vierundzwanzigtausend ab und behalte sechzehntausend für mich.«

»Mutter, ich kann es nicht annehmen —«

»Es ist genug für mich. Ein junger Mann, der vierundzwanzigtausend Livres Renten hat, muß übrigens immer in der Lage seyn, einem Freunde mit tausend oder fünfzehnhundert aus der Verlegenheit zu helfen. Wenn ich einmal tausend oder fünfzehnhundert Franks brauche, so werde ich mich an Dich wenden«

Ich schüttelte den Kopf, aber ich wagte nicht die Augen aufzuschlagen.

Meine Augen waren mit Thränen gefüllt.

»Dein künftiger Beruf,« fuhr sie fort, »ist keineswegs Sache der Berechnung, sondern der freien Wahl. Wenn Du ein großes Talent hättest, so würde ich sagen: werde ein Maler oder Dichter, oder vielmehr Du würdest es seyn, ohne daß ich Dirs sage. Wenn Du ein kaltes Herz und einen scharfen durchdringenden Verstand hättest, so würde ich Dir sagen: wähle die diplomatische Laufbahn. Wenn jetzt Krieg wäre, so würde ich Dir rathen, Soldat zu werden. Du hast ein gutes Herz und einen klaren Verstand; ich sage Dir also ganz einfach: Bleibe was Du bist, lebe für Dich. – Es gibt wenige Berufsarten, in denen man nicht einen Diensteid ablegen muß. Ich kenne Dich: Du wärst deinen Eid halten; wenn ein Regierungswechsel sitttfindet, wirst Du deine Entlassung nehmen und deine Laufbahn ist abgebrochen. – Mit vierzigtausend Livres Renten —« Ich fuhr auf, aber meine Mutter setzte hinzu: »Du wirst sie einst haben. Ein Mann, der sein Geld gut zu verwenden weiß, ist kein unnützes Mitglied der Gesellschaft. Du wirst auf Reisen gehen; die Reisen dienen zur Vollendung der wahren Bildung. Ich weiß es wohl, daß es mir wehe thun wird, Dich zu verlassen« aber ich selbst werde Dir rathen, Dich von mir zu trennen. Wer ein unabhängiges Vermögen besitzt und von der Regierung eine Anstellung erbittet oder annimmt, entzieht diese Anstellung irgend einem armen Teufel« der sie braucht. Der Mann, welcher den Dir angebotenen Platz erhält, kann vielleicht seine Familie dadurch glücklich machen. Wenn wieder eine Revolution ausbrechen sollte und Du glaubst, daß deine Klugheit, Beredsamkeit oder Biederkeit dem Vaterlande nützlich seyn könne, so wähle wohl deine Partei, um sie nie zu verläugnen oder zu verrathen, und biete dem Vaterlande deine Kraft und Redegabe an. Wenn Frankreich vom Feinde bedroht werden sollte, so biete deinen Arm und dein Leben an, ohne an mich zu denken: ich bin ja nur deine zweite Mutter, das Vaterland hat die ersten Ansprüche an Dich. Der grundsatzlose verderbte Mensch muß durch irgend eine strenge Pflicht geleitet werden., der Biedermann schafft sich selbst die Pflicht, sie braucht ihm nicht anfgelegt zu werden. Uebrigens ziehe die Sache in Erwägung, Du hast Zeit dazu. Denke über meine Worte nach: ich gebe Dir ja nur einen Rath und keinen Befehl.

Ich küßte meiner Mutter die Hände mit aufrichtiger Dankbarkeit, und am folgenden Tage dankte ich dem Herzog von Orleans für seine Güte, erklärte ihm aber zugleich, daß ich für keinen Beruf eine entschiedene Neigung fühlte und daher frei und unabhängig zu bleiben wünschte.

Der Prinz, der so viele Gesuche zurückweisen mußte, war anfangs erstaunt über diese ablehnende Antwort; aber nach kurzem Besinnen erwiederte er:

»Bei Ihrem Charakter haben Sie vielleicht Recht; ich bitte daher nur noch um die Fortdauer Ihrer Freundschaft.«

Dann setzte er mit dem Ihnen bekannten freundlichen Lächeln hinzu:

»Natürlich, so lange ich derselben würdig bin.«

II

Ich lag bis zum einundzwanzigsten Jahre meinen Studien ob und im Jahre 1832 ging ich auf Reisen.

Jede Reise, die ich unternahm, machte mich mit den Sprachen der verschiedenen Länder bekannt. Das Englische und Deutsche hatte ich schon im College gelernt und ich lernte diese Sprachen sehr geläufig sprechen. Das Italienische hatte ich unter der Anleitung meiner Mutter gelernt.

Sie sprach zuerst von Reisen. Ich würde es nicht gewagt haben, sie um ihre Einwilligung zu bitten; aber sie vertrat, wie sie mir einst gesagt, von Zeit zu Zeit Vatersstelle bei mir, um sich der mütterlichen Schwächen zu entledigen.

Nach jeder Reise brachte ich bald in Paris, bald zu Frières sechs Wochen bei ihr zu.

Während eines solchen kurzen Aufenthaltes lernten wir uns kennen. Ich hatte versucht, den Rath meiner Mutter so viel als möglich zu befolgen. Mit meiner Jahresrente von vierundzwanzigtausend Francs war ich reich. Dazu kam noch, daß meine Mutter nicht nur alle kostspieligen Liebhabereien befriedigte, sondern mir auch ihre Börse öffnete, wenn etwas Gutes zu thun war, wozu meine Mittel nicht ausreichten.

Ich legte ihr von Allem Rechenschaft ab.

»Machst Du Andere zuweilen glücklich?« fragte mich meine Mutter.

»So viel als ich kann,« antwortete ich.

»Bist Du selbst glücklich?«

»Ja, Mutter.«

»Langweilst Du Dich?«

»O nein, nie.«

»Nun, dann geht ja Alles gut,« sagte sie und schloß mich in ihre Arme.

In einem einzigen Punkte war sie streng: sie hatte mir das Versprechen abgenommen, nicht zu spielen, und ich hatte mein Versprechen gehalten, ohne daß ich mir den mindesten Zwang angethan.

»Es ist besser, einen Wechsel zu unterzeichnest, als eine Karte auzurühren.« sagte meine Mutter oft zu mir. »Wer einen Wechsel unterzeichnet, weiß wozu er sich verbindlich macht; wer eine Karte anrührt, betritt eine unbekannte Bahn und weiß nicht wohin diese ihn führen kann.«

Der Herzog von Orleans, der meine Lebensweise kannte, nannte mich scherzweise den »kleinen Blaumantel.« Aber wenn Jemand nach mir fragte, so wurde er wieder ernsthaft und antwortete: »Er macht sich nützlich.«

Er kannte meine Mutter und wußte ihre trefflichen Eigenschaften zu schätzen. Als er sich vermälte, wollte er sie in die nächste Umgebung der Kronprinzessin bringen, aber meine Mutter lehnte es ab.

Sie hatte seit dem Tode meines Vaters den Verkehr mit der vornehmen Welt abgebrochen; es war eine kaum vernarbte Wunde, die sie nicht wieder aufreißen wollte.

Im Jahre 1842 fand der Prinz den Tod. Dieser Verlust schmerzte mich tief. Ich sah Sie nach Ihrer Rückkehr von Florenz, wir betrauerten den Todten gemeinschaftlich.

In Dreux sprach ich wiederholt den Wunsch aus, mit Ihnen zu reisen ; ich gab Ihnen die Adresse meiner Mutter mit der Versicherung, daß man dort wissen würde, wo ich war.

Ihr Brief fand mich wirklich zu Frières – aber an dem Sterbebette meiner Mutter! An demselben Morgen um fünf Uhr hatte ich erfahren, daß sie an einer Gehirnentzündung erkrankt sey; ich war auf der Eisenbahn bis Compiegne gefahren und von dort im Galopp nach Frières geeilt.

Meine arme Mutter lag sprachlos und ohne Bewegung, aber ihre Augen waren offen.

Sie schien Jemand zu erwarten.

Ich hatte Niemand befragt, ich war in ihr Zimmer gestürzt und mit den Worten: »Da bin ich, Mutter!« vor ihrem Bett niedergesunken.

Die Thränen, an denen ich unterwegs fast erstickt war, brachen nun unaufhaltsam hervor.

Die Augen der Kranken machten nun eine schwache Bewegung gen Himmel und nahmen einen freudig dankenden Ausdruck an.

»O! sie erkennt mich,« schluchzte ich; »sie erkennt mich! Meine arme Mutter!«

Sie bewegte die Lippen; man sah es ihr an, daß sie dazu alle ihre Kraft brauchte.

O! ich weiß gewiß, diese Lippenbewegung bedeutete: Lieber Sohn!

Von jenem Augenblicke an blieb ich immer vor ihrem Bett.

Dann erhielt ich Ihren Brief und beantwortete ihn.

Der Arzt hatte meine Mutter kurz vor meiner Ankunft verlassen; er hatte ihr eine Ader geöffnet und Senfumschläge um die Füße gelegt.

Ich hatte genug medicinische Kenntnisse, um zu wissen, daß nichts weiter zu thun war; gleichwohl schickte ich zu ihm.

Als ich aufstand und auf die Thür zuging, um zu rufen, war es mir, als ob mich ein unsichtbares Etwas zu dem Bett meiner Mutter zurückrufe.

Ihr Kopf war regungslos, aber ihr Blick folgte mir mit ängstlicher Spannung.

Ich errieth ihre Bekümmerniß und kniete vor ihrem Bett nieder.

»O! sey nur ruhig, Mutter,« sagte ich, »ich verlasse Dich keinen Augenblick!«

Ihr Auge wurde wieder ruhig.

Der Arzt kam und fand mich auf den Knien.

Als wir einige Worte gewechselt hatten, sagte er:

»Haben Sie denn Medicin studirt?«

»Ein wenig,« antwortete ich seufzend.

»Dann.,« erwiederte er, »müssen Sie wissen« daß ich Alles gethan habe, was zu thun war; noch mehr, Sie müssen wissen, was zu hoffen oder zu fürchten ist.

.

Ach! ja, ich wußte es, und deshalb befragte ich ihn, deshalb suchte ich anderswo eine Hoffnung, die ich nicht hatte.

Um den Arzt zu empfangen und mit ihm zu sprechen, hatte ich mich von meiner Mutter entfernt.

Als ich mich nach ihr umsah, fand ich ihren traurigen Blick wieder auf mich gerichtet.

Dieser Blick schien mir zu sagen: Alles dies entfernt Dich von mir; was kann es nützen?

Ich setzte mich wieder vor ihr Bett. Das Auge wurde wieder heiter.

Ich schob meinen Arm unter ihren Kopf. Das Auge bekam einen fast freudigen Ausdruck.

Es war nicht zu verkennen, in dem absterbenden Körper lebten nur noch Auge und Herz und standen durch unsichtbare Fibern mit einander in Verbindung.

Der Arzt trat auf meine Mutter zu und untersuchte ihren Puls.

Ich hatte es nicht gewagt, ich fürchtete nichts so sehr als die Gewißheit.

Er mußte den Puls, der am Handgelenk nicht mehr zu finden war, mitten am Arm suchen.

Der Puls zog sich gegen die Arterie zurück. Ich sah dieses bedenkliche Zeichen und meine Thränen flossen reichlicher.

Meine Thränen fielen auf das Gesicht meiner Mutter; Ich suchte sie ihr nicht zu verbergen, ich dachte sie müßten ihr wohl thun.

Es erschienen wirklich zwei Thränen an ihren Augenlidern; ich küßte sie auf.

Der Arzt blieb vor mir stehen; ich sah ihn durch meine Thränen an, er hatte mir offenbar etwas zu sagen.

Aber er zögerte.

»Reden Sie,« sagte ich zu ihm.

»Ihre Mutter war eine fromme Dame,« sagte er, »wenn sie sprechen könnte, würde sie sagen was sie wünscht. Sie kennen sie besser als ich, Sie haben die Befehle zu geben, welche sie nicht geben kann.«

»Sie meinen, daß sie einen Priester wünscht?« fragte ich ihn.

Er nickte bejahend.

Mir brach der Angstschweiß auf der Stirn aus.

»O mein Gott! mein Gott!« sagte ich; »ist denn keine Hoffnung mehr? Könnte man mit der Elektricität nicht versuchen?«

»Es fehlt uns an einem Apparat.v

»Ich will von St. Quentin oder Soissons einen holen —«

Ich hielt inne. Das Auge meiner Mutter hatte einen trostlosen Ausdruck angenommen.

»Nein, nein, nein!« sagte ich zu ihr, »ich verlasse Dich keine Minute, keine Secunde!«

Ich warf mich wieder auf meinen Armsessel und schmiegte meinen Kopf an das Gesicht der theuern Kranken.

»Lassen Sie einen Priester kommen,« sagte ich zum Arzt.

Er nahm seinen Hut, aber als er fortgehen wollte, rief ich ihm nach:

»Mein Gott! ich sehe wohl, daß sie mich kennt, aber wird sie nicht mehr mit mir sprechen?«

»Es ist zuweilen der Fall, daß die scheidende Seele noch einmal Klarheit und Worte findet, um Abschied zu nehmen, ehe sie ihre Hülle verläßt; aber – es ist selten,« setzte er kopfschüttelnd hinzu.

Ich sah ihn erstaunt an.

»Ich dachte,« sagte ich, »die Aerzte wollten von einer Seele nichts wissen.«

»Ja,« erwiederte er, »manche Aerzte läugnen das Daseyn der Seele: andere hingegen hoffen es.«

»Herr Doctor.« sagte ich, »Sie sprachen eben von Elektricität.«

Er schien zu errathen was ich meinte.

»Erklären Sie sich,« sagte er.

»Könnte man die Elektricität nicht durch den Magnetismus ersetzen?«

»Ich glaube, daß es möglich wäre,« sagte er lächelnd.

»Nun, so versuchen wir es,« sagte ich.

Er legte die Hand auf meinen Arm.

»In der Provinz,«– erwiederte er, »kann ein Arzt solche Versuche nicht machen; in Paris würde es vielleicht rathsam seyn. Aber man braucht ja kein Arzt zu seyn, um zu magnetisiren; Sie müssen vermöge Ihrer Organisation eine große magnetische Kraft haben; versuchen Sie, wenn etwas auf der Welt im Stande ist, Ihrer Mutter auf Augenblicke die Sprache wieder zu geben, so ist es der Magnetismus.«

Er entfernte sich, als ob er über seine eigenen Worte erschrocken gewesen wäre.

Ich blieb allein mit meiner Mutter.

Ich war nicht weniger erschrocken als er.

Ich konnte, wie der Doctor sagte, mit Hilfe des Magnetismus dem Herzen meiner Mutter noch einige Worte, vielleicht ein letztes Lebewohl entlocken.

Für diese wenigen Worte, für dieses Lebewohl würde ich zehn Jahre von meinem Leben gegeben haben.

Aber war’s kein Frevel? Hatte die Anwendung dieses von der Wissenschaft bereits verworfenen und von der Religion noch nicht gebilligten Mittels nicht einige Aehnlichkeit mit Magie und Beschwörung? Und war es statthaft, daß ein Sohn die magnetische Kraft bei seiner Mutter anwandte?

Nein, mein Gefühl sagte mir, daß ich es nicht dürfe.

Ich begann inbrünstig zu beten.

»O Gott! flüsterte ich. »Du weißt wie innig ich meine Mutter liebe; gib, daß ich nie etwas thue, was deinem heiligen Willen nicht angemessen ist. Gott, ich flehe zu Dir, erhöre mich!«

Ich sank auf die Knie und überließ mich meinen Gedanken und Gefühlen.

Merken Sie wohl auf, lieber Freund! Es war vermuthlich nur eine Täuschung der Sinne aber als ich mit erhobenen Händen und gegen Himmel gerichteten Blicken betete und im Gebet die Seelenruhe fand, die dein Gläubigen gewährt wird, wo der Ungläubige nur Verzweiflung findet: da fühlte ich einen Kuß auf meine Wange und ich hörte eine leise Stimme, die mir in’s Ohr flüsterte:

»Lebe wohl, Max – mein lieber Sohn!«

Ja, ich fühlte, ich hörte es, lieber Freund; so wahr wie wir zwei biedere, aufgeklärte, verurtheilsfreie Männer sind!

Die Ueberraschung, die Freude entlockte mir einen Schrei und ich richtete mich auf.

Meine Mutter hatte sich nicht von der Stelle bewegt, sie lag noch immer regungslos und stumm da.

Aber ich hätte geschworen, daß ihr Auge mich anlächelte.

O! wie räthselhaft ist doch die Geistesthätigkeit des Menschen in den letzten Augenblicken seines Erdenlebens! Kein erschaffener Geist vermag dieses Geheimniß zu durchdringen.

Ich schloß meine Mutter in meine Arme und sagte:

»Ja Du hast mich geküßt, Du hast mir Lebewohl gesagt! Ich habe deine Lippen auf meiner Wange gefühlt, ich habe deine leisen Worte gehört.O wie danke ich Dir!«

Draußen ertönte die Glocke; sie meldete die Ankunft des Priesters, welcher der Sterbenden die letzten Tröstungen der Religion brachte.

Ich richtete mich auf und sah meine Mutter an. Ihr Auge hatte einen unbeschreiblich heitern, ruhigen Ausdruck. Ob sie, wie ich, den Glockenton gehört hatte, der ihr das nahe Scheiben ankündigte? Ob sie noch Empfindungen hatte, ohne sie äußern zu können?

Ich glaube es.

Der Priester trat ein; der Kreuzträger und die Chorknaben folgten ihm.

In den Vorgemächern, auf der Treppe, im Hofe knieten die Schloßbewohner und die Leute aus dem Dorfe, die dem Priester in der frommen und naiven Absicht, ihre Gebete mit den seinigen zu verbinden, gefolgt waren.

Meine Mutter hatte nicht Zeit gehabt zu beichten; aber die Kirche ist unter derlei Umständen sehr nachsichtig.

Der Priester schickte sich an, ihr die Sterbesacramente zu reichen.

Ich ersuchte ihn durch einen Wink, einen Augenblick zu warten.

Während meines Aufenthaltes in Rom hatte ich bei dem Papst Gregor XVI. eine Audienz gehabt, und ich trug am Halse an einer goldenen Kette ein kleines Kreuz von Perlmutter, welches von den Mönchen in Palästina gearbeitet, von dem heiligen Vater geweiht und mir zum Geschenk gemacht worden war.

Ich nahm das Kreuz ab und legte es meiner Mutter aus die Brust.

Es war ja das Sinnbild des Heilands, der die Tochter des Janus und den Bruder der Magdalena vom Tode erweckt hatte.

Ich betete im Stillen zu dem göttlichen Erlöser, für mich ein Wunder zu thun und mir meine Mutter wieder zu geben.

Ich kann nicht glauben, daß mein Gebet nicht inbrünstig genug gewesen, um zum Throne Gottes aufzusteigen, ich legte ja die ganze Innigkeit des Gefühles in meine Worte; aber ich muß glauben, daß die Zeit der Wunder vorüber ist oder daß ich einer solchen Gnade nicht würdig war.

»Ist die Kranke bereit, die Sterbesacramente zu empfangen?« fragte der Priester.

»Ja,« antwortete ich.

Ich richtete meine Mutter auf, der Priester sprach die heiligen Worte und reichte ihr die Hostie; der zuvor etwas offene Mund der Sterbenden schloß sich wieder, ich legte ihr Haupt wieder auf das Kissen und kümmerte mich um nichts mehr.

Ich betete, wie lange, weiß ich nicht. Als ich aufstand und mich umsah, war ich allein.

Der Priester war fort, er hatte seine Arbeit maschinenmäßig, ohne Theilnahme gethan, er hatte eine Berufspflicht erfüllt.

Ich sah wieder meine Mutter an: ihre Augen waren geschlossen.

Ich schrie laut auf – sollte sie verschieden seyn, ohne noch einen Blick auf mich geworfen zu haben?

Das war nicht möglich.

Sie schlug langsam und mit Ruhe die Augen auf.

Der Blick war matt glanzlos.

Mein Gott, der Tod kam!

Ich wandte meine Augen wenigstens nicht mehr ab von den Augen der Sterbenden.

O! wenn man durch den Blick in ein erlöschendes Herz wieder Leben bringen könnte, so würde meine Mutter gelebt haben.

Die Augenlider sanken langsam wieder hinab; ich hob sie mit den Fingerspitzen und hielt sie geöffnet.

Dann fiel mir ein, daß es vielleicht frevelhaft sey: es mag wohl einen Moment geben, wo die Sterbenden ihren Blick über die irdischen Dinge erheben.

Ich fühlte den Puls, er schlug nicht mehr; ich suchte die Arterie, ich konnte sie nicht finden.

Ich legte die Hand auf ihr Herz.

Das Herz schlug heftig und unregelmäßig.

»O! ich verstehe dich, du armes Herz, das mich so innig geliebt!« sachte ich schluchzend; »du magst mich nicht verlassen, du sträubst dich gegen die Trennung. Könnte ich doch auch den Tod bekämpfen, um dich am Leben zu erhalten!«

Dieses Herz schlug; es war für mich ein unaussprechlicher Schmerz, und gleichwohl konnte ich meine Hand nicht von ihm entfernen, es schien sich in alle Winkel der Brust flüchten zu wollen; ich verfolgte es überall, ich meinte, jeder Schlag des Herzens sage mir: Ich liebe dich!

Dies dauerte zwei Stunden.

Dann öffnete sich das Auge plötzlich und wurde glänzend; der Mund bebte und ließ einen leisen Hauch entschlüpfen.

Das Herz hörte auf zu schlagen – meine Mutter war todt!

Es war wenigstens Niemand da als ich; den letzten Blick der Augen, den letzten Hauch der Lippen, die letzten Schläge des Herzens, Alles hatte ich für mich genommen.

Ich ging aber noch nicht fort. Ich setzte mich vor das Bett, und hier saß ich lange regungslos, mit gefalteten Händen und zum Himmel gerichteten Blicken.

Im Laufe des Tages kam der Arzt.

Er öffnete leise die Thür. Ich nickte ihm bejahend zu, er verstand mich.

Er kam auf mich zu und küßte mich. Dem Priester war dies nicht eingefallen.

Abends kam der Priester wieder; er ließ Wachskerzen anzünden und setzte sich, das Brevier in der Hand, am Fußende des Bettes nieder.

Am andern Morgen kamen die Leichenfrauen. Ich mußte mich entfernen.

Ich nahm mein Kreuz von der Brust meiner Mutter, drückte noch einen Kuß auf ihre Lippen und ging dann festen Schrittes und trockenen Auges in mein Zimmer.

Aber als ich allein war, verriegelte ich die Thür und überließ mich meinem Schmerz. Unzählige Male küßte ich das kleine Kreuz, welches dem nun stillstehenden Herzen so nahe gewesen war.

III

Es war mir ein Bedürfniß, lieber Freund, Ihnen alles dies mitzutheilen. Ich habe beim Schreiben viel geweint, und dies hat mir wohl gethan.

Ich will Sie daher mit der Erzählung der weiteren für mich so schmerzlichen Vorgänge verschonen.

Vor Allem befahl ich, in dem Zimmer meiner Mutter nichts zu verändern.

Ich brachte hier die ersten Tage nach ihrem Tode zu.

Abends ging ich auf den Friedhof; erst spät begab ich mich wieder in’s Schloß, und mein erster Gang war in das Zimmer meiner Mutter. Immer ohne Licht.

In den ersten Nächten schlief ich auf dem Armsessel, der noch vor dem Bette stand. Ich hoffte die Verewigte werde mir erscheinen, doch ich hoffte vergebens.

Ich dachte mit Schmerz, ja fast mit Vorwürfen an die Zeit, die ich bei meiner Mutter hätte zubringen können und die ich fern von ihr verlebt hatte; ich dachte an die langen Reisen, auf denen ich freiwillig auf das Glück, sie zu sehen, verzichtet hatte. Und dieses Glück würde ich mir jetzt um jeden Preis erkauft haben.

Es schien mir, daß mein Leben künftig verfließen würde, ohne mich den Freuden und Genüssen der Gesellschaft wieder zuzuführen. Der Sommer verging, ohne daß es mir einfiel zu reisen; der Herbst kam und ich dachte nicht an die Jagd; es war mir nicht einmal in den Sinn gekommen, mit jenen weiblichen Bekanntschaften zu brechen, welche in dem gewöhnlichen frivolen Treiben der eleganten Welt die Liebe ersetzen sollen.

Ich hätte es in meiner Trauer für einen Frevel gehalten, in meinem Schmerz an eine jener Bekannten zu schreiben, selbst um ihr anzuzeigen, daß ich ihr nicht mehr schreiben würde. Ich glaubte nie mehr lieben zu können.

So lebte ich vier Monate in meiner Einsamkeit.

Zuweilen sprach ich den jungen Arzt, der meine Mutter, leider erfolglos behandelt hatte.

Er hatte nach und nach eine gewisse Gewalt über mich bekommen; auf seinen oft wiederholten Rath, eine Reise zu machen, entschloß ich mich endlich, Friéres zu verlassen.

Aber dreimal kehrte ich zurück; ich war mit tausend Banden an das Zimmer, an das Grab meiner Mutter gefesselt.

Endlich entfernte ich mich, aber ich mied Paris: die Einsamkeit war noch Bedürfniß für mich. Ich wollte in einem kleinen belgischen oder holländischen Seehafen, wo ich keinen Menschen kannte, im Angesicht des Orcans ein paar Monate bleiben.

Ich warf einen Blick auf eine Karte, die ich in einem Gasthof zu Peronne fand, und ich wählte Blankenberg drei Stunden von Brügge.

Dort« dachte ich« werde ich allein seyn.

Ich war zu Pferde abgereist, um weder im Postwagen noch im Waggon mit andern Menschen in Berührung zu kommen. Es war mir ziemlich gleichgültig, ob ich einen Tag oder eine Woche unterwegs war.

Ich rastete, wenn mein Pferd müde war, ich ward nie müde, ich schien unermüdlich. Ich fragte nicht einmal nach dem Namen einiger Städte, in denen ich übernachtete, und ich würde gar nicht bemerkt haben, daß ich die Grenze überschritten, wenn man nicht nach meinem Paß gefragt hätte.

Ich hatte in einem Städtchen unweit Brüssel übernachtet; ich wollte in Brüssel nicht anhalten, sondern in einem Dorfe jenseits dieser Stadt rasten. Als ich am botanischen Garten vorüberritt, hörte ich mich bei meinem Taufnamen rufen.

Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie unangenehm mir dies war.

Ich gab meinem Pferde die Sporen, um zu entfliehen, aber man trat mir in den Weg.

Es war Alfred de Senonches, einer meiner besten Freunde.

Aber in meiner damaligen Stimmung waren mir selbst meine besten Freunde unerträglich.

Ich war indeß so innig mit ihm befreundet, daß mein Schrecken gemildert wurde, als ich ihn erkannte.

Er war erster Gesandtschaftssecretär in Brüssel, und ich war der Schnelligkeit seiner Carriere nicht fremd gewesen.

Er bestürmte mich mit Fragen; ich deutete auf den Flor am Hut.

Er drückte mir die Hand.

»Ich verstehe,« sagte er. »Armer Freund, später werden wir —«

»Ja wohl,« unterbrach ich ihn, »später wird es mir viel Vergnügen machen, Dich zu sehen.«

»Willst Du nicht bei mir bleiben?«

»Ich halte mich in Brüssel gar nicht auf.«

»Wohin reisest Du denn?«

»An irgend einen Ort, wo ich allein seyn kann.«

»So reife glücklich!« sagte er, »Du bist noch zu krank, armer Freund, als daß man deine Heilung unternehmen könnte. Aber vergiß nicht, daß ein großer Schmerz eine wohlthuende Ruhe ist; Du wirst nach überstandener Trauer stärker-werden, als Du vorher warst.«

Ich sah ihn erstaunt an.«

»Bist Du etwa unglücklich gewesen?« fragte ich ihn.

»Ein geliebtes Wesen hat mich betrogen.«

Ich sah ihn an und zuckte die Achseln. Ich hielt es für unmöglich, daß man durch getäuschte Liebe so viel leiden könne, wie ich gelitten hatte.

»Und jetzt?« fragte ich.

»Jetzt bin ich sehr glücklich; ich spiele, rauche, trinke. Ich glaube, daß ich bald Präfect werde: Du kannst denken, daß mir an meinem Glücke nichts fehlen wird.

Dieses Mal sah ich ihn traurig an. Konnte wirklich ein Mensch unglücklicher seyn als ich?

Er errieth meine Gedanken, als ob ich sie laut ausgesprochen hätte.

»Lieber Max,« sagte er, »außer vielen anderen Arten des Schmerzes, die ich mit Stillschweigen übergehe, gibt es einen traurigen Schmerz: diesem bist Du verfallen. Dann gibt es einen bittern Schmerz, und diesen fühle ich. Ich möchte wohl tauschen, aber Dir rathe ich: tausche nicht. – Adieu, Du wirst mich doch in meiner Präfectur besuchen? Du mußt mein Hans als das deinige betrachten; ich werde Dich ruhig weinen lassen, vorausgesetzt, daß Du mir erlaubst, nach Herzenslust zu lachen. Hast Du Feuer bei Dir? ich möchte meine Cigarre anzünden. – Entschuldige, ich hatte vergessen, daß Du nicht rauchst, Adieu.«

Er redete einen Arbeiter an, der eine Meerschaumpfeife rauchte, zündete seine Cigarre an und ging, mir noch einige Male zuwinkend, auf die Vorstadt Schaerbeck zu.

Ich sah ihm nach, bis ich ihn aus dem Gesicht verloren hatte.

Dann ritt ich weiter und dankte Gott« daß er mir keinen so profanen Schmerz geschickt hatte.

Drei Tage nachher war ich in Blankenberg.

Drei Monate blieb ich im Angesicht des Oceans, des unendlichen.

Täglich ging ich am Strande hin, zu einer Felsengruppe, an welcher einige Tage vor meiner Ankunft ein Schiff gescheitert war.

Die fünf Seeleute, welche sich am Bord befunden, waren umgekommen; die menschliche Maschine war zuerst vernichtet worden.

Der Rumpf des Schiffes war mit solcher Gewalt zwischen zwei Felsen geworfen worden, daß er festsaß.

Am ersten Tage, wo ich das gestrandete Schiff besuchte, hatte es noch einen Mast, das Bugspriet und den größten Theil des Takelwerks. Aber es war Winter und das Meer immerfort unruhig; das Schiff verlor daher täglich etwas von seinem Takelwerk. Heute war’s eine Segelstange, morgen ein Mast, übermorgen das Steuerruder. Wie ein Rudel Wölfe einen Leichnam anfällt, so wälzten sich die Wogen auf das Wrack und rissen ein Stück davon ab,

Bald war das Schiff völlig abgetakelt. Nach dem Oberwerk wurde das Unterwerk abgerissen; die Planken wurden zertrümmert, dann sprang das Verdeck in Stücke, dann wurde das Hintertheil von den Wellen weggespült, endlich verschwand das Vordertheil.

Lange noch hing ein Stück des Bugspriets an seinem Tauwerk fest.

Endlich in einer stürmischen Nacht rissen die Taue, und der Mast würde von den Wellen fortgerissen.

Die letzte Spur des Schiffbruches war unter dem sich immer wiederholenden Andrang der Wogen, unter dem gewaltigen Flügel des Windes verschwunden.

Ach, lieber Freund, ich mußte mir selbst gestehen, daß, es mit meinem Schmerz ebenso ging, wie mit dem gescheiterten Schiffe, von welchem täglich ein Stück losgerissen und in das unendliche Weltmeer getrieben wurde. Endlich kam die Zeit, wo äußerlich nichts mehr sichtbar blieb, und wie an der Stelle, wo das Wrack auf den Klippen festgesessen, nur noch diese Klippen geblieben waren, ebenso blieb da, wo mein Schmerz nach und nach verschwunden war, nur ein Abgrund zurück.

Wer sollte diesen Abgrund ausfüllen? Ob wohl die Freundschaft genügen würde oder ob es nur die Liebe vermochte?

Ich kehrte nach Frankreich zurück.

Mein nächstes Reiseziel war das Schloß Frières. Als ich die Reihe geschlossener Fenster, als ich das Zimmer, wo meine Mutter gestorben war, das Grab« in welchem sie ruhte, wiedersah, fand ich die Thränen wieder, die ich versiegt geglaubt.

In den ersten Tagen durchlebte ich noch einmal alle Stadien meines früheren Schmerzes.

Man zeigte mir an der Mauer das Erinnerungszeichen an Ihren Besuch. Ich erkannte Sie, obgleich Ihr Name nicht darunter stand.

Ich hatte meinem Schmerz zu viel zugetraut, als ich wieder nach Frières kam; er war nicht mehr stark genug, um zu bleiben: ich fühlte, daß diese ehrwürdige Stätte für mich dasselbe werden würde, was die Kirche für den Priester. Ich gewöhnte mich daran.

Ich fühlte das Bedürfniß, diesen Wohnort, von welchem ich mich vor vier Monaten kaum loszureißen vermochte, zu verlassen.

Statt mit Thränen zu scheiden, ging ich mit trockenen Augen, aber mit gepreßtem Herzen fort.

Ich hatte geglaubt, daß ich Paris nie wiedersehen würde, und nun ging ich aus freiem Antriebe dahin.

In Paris fand ich das gleiche bunte, fieberhaft bewegte, sorglose, selbstsüchtige Leben, welches zwischen den Zähnen dieses sich unaufhörlich drehenden, in das Weltgetriebe eingreifenden Riesenrades Alles zermalmt, den Besitz, die sociale Stellung der Menschen, die Throne und Dynastien. Das öffentliche Leben wurde von scandalösen Prozessen durchzuckt; überall hörte man die Namen Teste, Praslin, Villefort.

Ich weiß nicht, ob ich durch meine Abwesenheit, durch meinen Schmerz, durch meine lange Einsamkeit, durch meinen Aufenthalt am Ocean eine gewisse Sehergabe bekommen hatte, aber ich glaubte in diesem moralischen Chaos etwas Dunkles, unergründliches, eine politische Sündflut zu sehen, in welcher eine ganze Epoche untergehen müsse.« Ich sah im Geiste das große stattliche Schiff, welches den Namen »Frankreich« führt, mit ausgespannten Segeln auf offenem Meere; der Himmel war heiter, keine Klippen zeigten sich in der Nähe, aber das Schiff versuchte unaufhörlich gegen Wind und Strömung zu fahren; ich sah am Steuerruder den mürrischen Lootsen, den ernsten Geschichtschreiber, den starren fühllosen Mann, dem ein altersschwacher, verblendeter König die Lenkung des Schiffes anvertraut hatte – und dachte an die wahren Worte, welche der Herzog von Orleans einst zu mir gesprochen: »Dieser Mann legt uns beißende Senfpflaster auf und wir brauchen erweichende Umschläge!«

Der kluge, einsichtsvolle Prinz hatte Recht gehabt: Herr Guizot legte der französischen Nation, deren Nervensystem schon überreizt war, Senfpflaster auf.

Ich war ganz erstaunt über dieses Phantasiegebilde. Hätte der Herzog von Orleans noch gelebt, ich wäre zu ihm gegangen und hätte ihn gefragt: »Habt ich mich geirrt? Sehen Sie nicht auch, was ich sehe?

Aber er ruhte in seiner Familiengruft zu Dreux; er wenigstens war sicher, aus dem ihm so theuren Frankreich nicht verbannt zu werden.

Mich kümmerte es nicht, ich nahm an nichts mehr Theil.

Ich dachte an zwei Freunde: an Sie und an Alfred de Senonches.

Sie waren eben mit der Gründung eines Theaters beschäftigt und dies gab Ihren Gedanken eine von den meinigen ganz verschiedene Richtung.

Vom künstlerischen Standpunkte betrachtet, war Ihr Unternehmen gut und schön, ich wollte Sie dabei nicht stören.

Ich erkundigte mich nach Alfred de Senonches; er war Präfect in Evreux.

Die Normandie war mir eben recht mit ihren schönen schattigen Wäldern, mit ihren klaren Bächen und grünen Triften.

Ueberdies hatte ich dort Gelegenheit, ein krankes Herz zu studiren, zu trösten, vielleicht zu heilen.

Ich beschloß nach Evreux zu reisen.

Als Gast wollte ich indeß nicht zu meinem Freunde kommen; ich wollte ihn auf der Durchreise besuchen, das Uebrige sollte von der Aufnahme abhängen, die ich bei ihm finden würde. Wenn ich nicht mit ihm zufrieden war, wollte ich weiter reisen.

Eines Morgens kam ich auf die Präfectur. Ich fragte nach dem Herrn Präfecten.

Man antwortete mir« der Herr Präfect habe ungeheuer viel zu thun und lasse Niemand vor.

Ich antwortete, es sey keineswegs meine Absicht, ihn zu stören, ich sey ein Freund von ihm und auf der Durchreise. Der Amtsdiener entschloß sich endlich, meine Karte zu übergeben.

Einige Secunden nachher ging die Thür auf.

Es war Alfred de Senonches in eigener Person. Er schob den Amtsdiener auf die Seite und nannte ihn einen Einfaltspinsel, weil er mich nicht erkannt hatte.

»Sie hätten doch an der Haltung dieses Herrn, an dem Schnitt seines Fracks, an der Form seiner Karte erkennen sollen, daß dieser Herr kein Beamter meines Verwaltungsbezirkes ist, und daß es mir folglich sehr angenehm seyn würde, ihn zu empfangen. Derlei Versehen dürfen Sie künftig nicht mehr machen.«

Er schlang einen Arm um meinen Hals und zog mich in sein Cabinet.

»Da bist Du ja!« sagte er, »Ich habe Dich schon lange erwartet, aber heute glaubte ich das Vergnügen nicht zu haben. Du kommst wie gerufen, lieber Max; der Generalrath ist heute versammelt, morgen tractire ich alle hervorragenden Persönlichkeiten des Departements de l’Eure. Wenn Du dummen Stolz, maßlose Eitelkeit, eingebildete Hohlköpfe suchst, so lösche deine Laterne aus, Diogenes, Du hast deine Leute gefunden.«

»Ich glaube vielmehr,« erwiederte ich, »daß ich sehr zur Unzeit gekommen bin und daß ich Dich belästige. Du hattest Befehl gegeben, Niemand vorzulassen, Du hattest Dich eingeschlossen und dachtest an die uns bedrohenden schweren Ereignisse —«

»Ich! Lieber Freund, warum soll ich an solche Dinge denken? Ich habe zwanzigtausend Francs Renten in Grundstücken, die mir durch kein Ereigniß, wie schwer es auch sey, genommen werden können. Ich bin zum Garcon geboren, habe als Garcon gelebt und werde wahrscheinlich als Garcon sterben. Eine Geliebte hatte mich betrogen und ich hätte mir aus Verzweiflung fast eine Kugel durch den Kopf gejagt; denke Dir das Unglück, wenn’s meine Frau gewesen wäre. Sie hätte dann freilich eine gute Entschuldigung gehabt, sie würde gesagt haben: Ich konnte Dich nicht verlassen! Die Andere hatte eben denselben Grund, aber es ist ihr nicht eingefallen, ihn geltend zu machen. Die Weiber sind so launenhaft! – Aber was wolltest Du sagen? Ich habe es ganz vergessen.«

»Ich sagte, Du hattest Dich eingeschlossen und Befehl gegeben, Niemand Vorzulassen —«

»Ja richtig« ich hatte mich eingeschlossen und Befehl gegeben, Niemand vorzulassen, um – den Küchenzettel auf morgen zu machen.«

»So! den Küchenzettel?«

»Ja wohl. Ich nehme mir um meiner selbst willen die Mühe und nicht wegen der plumpen Kinnladen, die ich zu Tische haben werde. Wer zu der politischen Schule eines Romieu und Véron gehört, hat in Bezug auf die Befriedigung des Magens eine gewisse moralische Verantwortung; wer Courchamps und Montron gekannt hat, steht natürlich in dein Ruf eines Feinschmeckers. Ich werde den Generalräthen ein Diner geben, welches dem Schmause Monte-Cristo’s zu Auteuil nicht nachstehen soll – bis auf die Störe aus der Wolga und die Vogelnester aus Indien. Als ich die diplomatische Laufbahn verließ, um in das Verwaltungsfach zu treten; als ich mir dachte, dass ich ungeachtet meiner Intelligenz noch zehn bis zwölf Jahre dienen müßte, um Gesandter in Baden oder Geschäftsträger in Rio Janeiro zu werden, daß ich als Präfect hingegen leicht Deputirter werden und es als Deputirter leicht sehr weit bringen könnte: da wurde ich lieber Präfect. Und als ich hier installirt war, ließ ich mir von meiner würdigen Mama ein sehr werthvolles Geschenk machen – nicht etwa mein Erbtheil, Gott behüte! mein Geld ist in ihren Händen besser aufgehoben als in den meinigen – nein, ich ließ mir ihren Koch schenken. Zum Glück, lieber Max, hatte ich mich der Diplomatie bereits zehn Jahre gewidmet; wenn man mir die Aufgabe stellte, England zur Herausgabe Schottlands an die Stuarts, Rußland zur Zurückgabe Kurlands an die Familie Biron, Preußen zur Anerkennung der Rheingrenze zu bewegen, ich würde es durchsetzen; aber nie würde ich die Eroberung Bertrand’s zum zweiten Male unternehmen.«

»Bertrand heißt der große Mann?«

»Ja, lieber Freund; wenn er einmal bei guter Laune ist, will ich Dich ihm vorstellen. Merke Dir als Reiseerinnerung eine bisher unbekannte Speise und gib ihm das Recept dazu. Bertrand denkt wie Cambacéres: wer eine neue Speise erfindet, steht bei ihm in höherem Ansehen als der Entdecker eines neuen Sternes; denn Sterne, meint er, gäbe es ohnedies schon genug, und die neuentdeckten könnten gar nichts nützen.«

»Bertrand ist ein großer Philosoph.«

»Ein unvergleichlicher Mensch, lieber Max. Ich kann von ihm sagen was Ludwig XIII. in »Marion Delorme« von Langely sagt: »wenn ich ihn nicht hätte, um mich ein bischen zu unterhalten —« aber zum Glück habe ich ihn; morgen wirst Du seine Speisen kosten. Was gedenkst Du inzwischen zu thun?«

»Lieber Freund, ich wollte Dich nur auf der Durchreise begrüßen und dann weiter reisen.«

»Wohin?«

»Das weiß ich wirklich nicht.«

»Du lügst, Max; Du bist jetzt in dem Stadium des Schmerzes, wo man Zerstreuung braucht. Du hast an mich gedacht und bist zu mir gekommen; ich danke Dir dafür. Aber sey nur ruhig«,die Zerstreuung soll nicht toll seyn, sie soll an die noch ein bischen stumpfen Winkel deines Schmerzes nicht anstoßen; denn ich sehe wohl, die spitzen Winkel sind verschwunden. Jeder Schmerz vergeht, wenn auch langsam; ein großes Unglück vergißt man nicht, aber man gewöhnt sich daran. Du kennst ja die Worte, welche Shakespeare dem Claudius, der Hamlet zu trösten sucht, in den Mund legt:

 
Doch denkt, auch eurem Vater starb ein Vater,
Dem seiner, und dem Ueberlebenden
Gebot die Pflicht des Kindes gleichenfalls,
Ihn zu betrauern für die nächste Zeit.
 

Hier, lieber Max, wirst Du eine ernste Zerstreuung finden, die der Langweile so ähnlich ist, daß man ein scharfer Beobachter seyn muß, um zu bemerken, daß es nur die Schwester derselben ist. Und wenn Dir diese Zerstreuung nicht mehr genügt, so gehst Du fort und suchst Dir eine andere, die mit deiner Herzensstimmung im Einklange ist. Sey ruhig, wenn Du es nicht bemerkst, so will ich Dich aufmerksam machen, ich werde es gewiß bemerken, ich bin Schmerzensarzt.«

»Warum curirst Du Dich selbst denn nicht, armer Freund?«

»Lieber Max, Du weißt ja, daß Lännec, der das beste Werk über die Brustkrankheiten geschrieben, an der Lungensucht gestorben ist. Jetzt verlange ich nicht von Dir zu hören, ob ich Recht oder Unrecht habe, ich sage Dir ganz einfach: ich habe eine halbe Stunde von hier an der Eure ein sehr hübsches Landhaus, das ich gegenwärtig gemiethet habe, aber in der nächsten Revolution kaufen werde; ich fahre jeden Abend hinaus, und da ich Dich schon erwartet hatte, so findest Du einen Pavillon zu deinem Empfange eingerichtet.«

Er klingelte. Ich wollte eine Einwendung machen, aber er winkte mir Stillschweigen zu.

Der Amtsdiener erschien.

»Lassen Sie das Pferd anspannen,« sagte der Präfect zu ihm, »und sagen Sie Georges, er soll diesen Herrn nach Reuilly fahren; um fünf Uhr soll er zurückkommen, um mich zu holen.«

Der Amtsdiener entfernte sich.

»Dann ist mein Tagewerk Vollbracht,« setzte Alfred hinzu.

»Und was hast Du bis fünf Uhr zu thun?«

»Vor Allem, lieber Max, muß ich den Küchenzettel fertig machen. Dies ist die Hauptsache – und die erste wirklich bedeutende Arbeit, die ich seit meiner Ernennung zum Präfecten zu machen habe; ich darf sie natürlich nicht vernachlässigen.«

Fünf Minuten nachher war ich auf der Straße nach Reuilly.

IV

Reuilly – oder vielmehr das Schloß Reuilly – war ein reizender Landsitz, ein Versteck, wie er für den menschenfeindlichen Sybariten Alfred de Senonches paßte. Das Schloß war im siebzehnten Jahrhundert erbaut und suchte sich durch seine zwei Thürme mit den spitzen Schieferdächern ein herrschaftliches Ansehen zu geben, welches einem aristokratischen Auge wohlthat. Es stand auf einem Hügel, der sich, mit seinem Rasen bedeckt, bis an den mit Pappeln bepflanzten Fluß erstreckte. Auf beiden Seiten dieses grünen Teppichs standen malerische Baumgruppen von jenem frischen saftigen Grün, welches sich nur in etwas feuchten Gegenden findet. Der Rasen, welcher jeden Morgen von unsichtbaren Gärtnern geharkt wurde, konnte sich mit den schönsten »Lawns« in den englischen Packs messen.

Ein kleiner Pavillon, bestehend aus einem Salon, einem Schlafzimmer, einem Ankleidecabinet und einem Arbeitszimmer, wurde zu meiner Verfügung gestellt, als ob man mich wirklich erwartet hätte.

Vier Stufen, die auf beiden Seiten mit Geranium besetzt waren, führten aus diesem Papillen in einen Blumengarten, so daß ich zu jeder Stunde des Tages und der Nacht nur die Thür meiner Wohnung zu öffnen brauchte, um in den Garten oder in meine Zimmer zu gehen.

Die Wände des Cabinets waren mit Zeichnungen von Gavarni und Raffet bedeckt, und drei Fächer waren mit den verschiedensten, zum Theil seltenen und kostbaren Waffen angefüllt. Das eine Fach enthielt eine Sammlung von Schießgewehren aus der neuesten Zeit, in dem zweiten hingen orientalische Flinten und Pistolen, in dem dritten Hieb- und Stichwaffen aus verschiedenen Ländern, von dem malayischen Kriege bis zum mexicanischen Machete, von dem Haubayonnet des Pariser Büchsenmachers Devismes bis zum türkischen Handschar.

Ich wunderte mich, daß ein Mann zugleich Kunstgeschmack und administrative Befähigung haben konnte.

Als Alfred kam, sagte ich es ihm ganz offen.

»Lieber Max,«– erwiederte er, »deine Mutter hat Dich verzogen; sie hat recht gut erkannt, daß es keineswegs nothwendig ist etwas zu werden, um auf Achtung in der Gesellschaft Anspruch zu machen, und daß eine ausgezeichnete Persönlichkeit mehr werth ist als eine schöne Stellung. Ich hingegen habe drei Tanten, deren einziger, aber nicht unbedingt nothwendiger Erbe ich bin. Diese Tanten sind meine drei Parzen; sie spinnen mir goldene und seidene Fäden, aber eine von ihnen ist immer bereit den Faden abzuschneiden, wenn ich nicht auf der einmal betretenen Laufbahn bleibe. Du kannst denken, Theuerster, daß ich mit meinen zwanzigtausend Franks Renten und mit meinen fünfzehntausend Francs Gehalt nicht sechs Pferde im Stall, vier Wagen in der Remise., einen Kutscher, einen Kammerdiener, einen Jäger, einen Koch und drei oder vier andere dienstbare Geister habe, deren Namen ich nicht einmal weiß; nein, dafür sorgen meine drei Tanten unter der Bedingung, daß ich eine Stellung einnehme; sie haben mir eine Art Intendanten zur Aufsicht gesetzt, und in der Erwartung, daß sie mir ihre zweihunderttausend Franks jährlicher Renten, die sie gemeinschaftlich besitzen, hinterlassen, widmen sie monatlich viertausend Franks zur Bestreitung meines Haushaltes, so daß ich meine eigene Rente und meinen Gehalt als Taschengeld verwenden kann. Die drei alten Damen sind herzensgute Seelen, und Du kannst denken, daß sie meine officiellen Diners besonders bezahlen müssen. Ich erweise ihnen natürlich große Aufmerksamkeit durch welche sie sich unendlich gerührt fühlen. Da wir zu einer Feinschmeckerfamilie gehören, so schicke ich ihnen den Küchenzettel, eine von mir selbst angefertigte Zeichnung des Tisches und die Namen der vornehmen Gäste, die ich auf Kosten der Tanten füttere. Mittelst dieser rührenden Aufmerksamkeit könnte ich ohne Bedenken jede Woche ein officielles Diner geben, aber ich thue es nicht.«

»Du langweilst Dich dabei.«

»Nein« das gerade nicht, Speisen ist nicht langweiliger als andere Unterhaltungen, wenn man gut speist; aber ich würde mich zu gewöhnlich, zu alltäglich machen, ich würde für wichtige Gelegenheiten keinen Hebel mehr anzusetzen haben. Willst Du meinen Küchenzettel sehen?«

»Ich bin in die Geheimnisse der Gastronomie nicht eingeweiht, lieber Freund.

»So denke Dir, ich sey ein Poet und wünsche Dich mit dem neuesten Sprößling meiner Muse bekannt zu machen; mein Küchenzettel ist gewiß nicht langweiliger als ein Gedicht.«

»Nun, so lass hören.«

»Armer Max« Du bringst mir ein großes Opfer!«

Alfred zog ein Papier aus seinem amtlichen Portefeuille, entfaltete es mit wichtiger Miene und las:

»Küchenzettel zu dem Diner, welches der Präfect des Departement de l’Eure den Generalräthen gibt.«

»Du mußt wissen, setzte er erläuternd hinzu, »daß ich mich um meiner Tanten willen dieser mühevollen Redaktion unterzogen habe.«

Ich nickte bejahend.

Tafel von zwanzig Couverts
Zwei Suppen
Suppe à la reine mit Schnecken
Kraftsuppe mit Krebsen
Vier Hauptgerichte
Steinbutt mit Austernpürée
Truthahn mit Trüffeln von Barbézieux
Hecht à la Chambord
Wildschweinsrücken à la St. Huber
Vier Entrées
Warme Feldhühnerpastete
Zehn Flügel von jungen Guten mit Pomeranzensaft
Sechs Flügel von glacirten Hühnern mit Gurken
Schmerlen à la Bourguignonne
Vier Braten
Zwei Fasanen, der eine gespickt, der andere mit Speck umwickelt
Scheiterhaufen, bestehend aus zehn kleinen Hummern und vierzig Krebsen, mit Sillerywein
Detto, bestehend aus zwei Schnepfen, vier Repphühnern,
vier jungen Waldtauben, zwei Turteltauben und zehn Wachteln
Gebratene Entenleber
Acht Entremets
Große Spargelköpfe à la Pompadour mit Butter von Rennes
Feinzerschnittene Champignons und schwarze Trüffeln à la Béchamel
Birnschnitte à la Vaille
Aschenkuchen mit Chocolade
Artischocken à la Lyonnaise mit Schinkenbrühe
Macédoine von spanischen Pataten, grünen Erbsen,
weißen Trüffeln aus Piemont à la Créme und gehackten Kalbsdrüsen
Schaum, von Ananassaft geschlagen
Fanchonettes à la Gelée aus Aepfeln von Rouen
Dessert
Vier Körbe mit Obst
Acht Schüsseln mit seinem Zuckerwerk
Zehn Sorten Gefrornes
Acht Sorten Compote
Vier Sorten Käse, extra servirt mit Porter, Pale Ale
und Scotch Ale, für die Gäste, welche diese Getränke lieben
Weine
Lunel zur Suppe
Merkurey aus dem Kometenjahre zu den Entremets und Hors-d’oeuvres
Ai de Monte, nicht moussirend, gegen das Ende der Entrees
Romanéée Conty zum Braten
Pacaret, Malvasier, Albano und Lacrymä Christi zum Dessert
Nach dem Kaffeh Ratasia, Absinth und Mirobolan von Madame Alphons

Alfred athmete tief auf, als er dieses gelehrte gastronomische Verzeichniß zu Ende gelesen hatte.

»Was sagst Du zu meinem Küchenzettel, lieber Freund,« fragte er.

»Ich zolle Dir meine aufrichtige Bewunderung.«

»Du bist ganz geblendet, wie ein nasser Hund durch das Wasser, das er abschüttelt.

»Wie sagst Du?«

»Nichts, ich citire Hugo. Von Zeit zu Zeit protestire ich durch eine Pariser Reminiscenz gegen die Provinz, aber in aller Stille; zu viel Aufsehen würde meiner Carriere schaden. – Wie findest Du Reuilly?«

»Es ist ein reizender Landsitz, lieber Freund.«

»Hierher werde ich mich zurückziehen, wenn ich Deputirter und zu lebenslänglichem Gefängniß verurtheilter und begnadigter Minister gewesen bin,« d. h. wenn ich meine Carriere vollbracht habe.«

»Diablel Du hast ja sehr weitreichende Pläne —«

»Wir haben ähnliche Beispiele an Polignac,« Montbel, Peyronnet. Die Diplomaten sind gegen die Minister im Vortheil: sie leisten blos einen neuen Eid und gehen ohne Weiteres von der älteren Linie zur jüngeren über.«

Ein Diener meldete, daß die Tafel gedeckt sey.

»Ich habe Niemand eingeladen, lieber Max, setzte Alfred hinzu, »ich möchte recht ungehindert mit Dir plaudern. Unser einziger Tischgenosse wird mein erster Secretär seyn; ich würde ihm längst den Platz eines Unterpräfekten verschafft haben, wenn ich kein Egoist wäre. Nach Tische werden zwei gesattelte Pferde für uns bereit stehen, wenn Du nicht etwa lieber ausfährst.«

»Ich reite lieber.«

»Ich dachte es wohl. – Also zu Tische!«

Alfred, der stets unruhig und aufgeregt war und nach jedem Lächeln seufzte, nahm meinen Arm und führte mich in den Speisesaal.

Der Abend wurde durch einen Spazirritt ausgefüllt; um neun Uhr kamen wir wieder nach Hause, der Thee erwartete uns.

Nach dem Thee führte mich Alfred in eine Bibliothek von zwei- bis dreitausend Bänden.

»Ich weiß, sagte er, »daß Du nie einzuschlafen pflegst, ohne eine Stunde gelesen zu haben. Du wirst hier von Allem etwas finden, von Mallebranche bis Viktor Hugo, von Rabelais bis Balzac. Ich lese Balzac sehr gern, er hinterläßt wenigstens keine Täuschungen, und wer behauptet, er habe seinem Zeitalter geschmeichelt, sieht die Dinge nicht im rosigen Lichte. – Jetzt gute Nacht!«

Alfred verließ mich.

Ich nahm Josselin von Lamartine und ging in mein Schlafzimmer.

Ich hatte sonderbare Gedanken. Ich dachte, welcher Unterschied zwischen diesem oder jenem Schmerze, je nach der Quelle, aus welcher er hervorgegangen« stattfinden könne.

Mein Schmerz, der aus den heiligsten Gefühlen hervorgegangen und dessen Ursache eine unersetzliche war, hatte den gewöhnlichen Verlauf genommen. Anfangs war er heftig, ergreifend, mit Thränen benetzt gewesen und allmälig in tiefe thatlose Trauer, dann in wehmüthige Betrachtung der Kämpfe in der Natur, dann in den Wunsch einer Ortsveränderung und endlich in das noch halb unbewußte Bedürfniß der Zerstreuung übergegangen. In diesem letzten Stadium war er noch.

Ob Alfreds Schmerz mehr oder minder heftig war, weiß ich nicht, aber er lachte noch eben so und folglich war sein Inneres noch eben so wund wie bei unserem Zusammentreffen in Brüssel.

Am andern Morgen sah ich ihn nur wenige Augenblicke beim Frühstück; er mußte sich auf die Präfectur begeben und hatte überdies noch mit seinem Diner zu thun. Man erwartete mich um halb sieben, bis dahin war ich frei.

Ich wollte nicht bei der Tafel erscheinen, aber Alfred nahm meine Weigerung nicht an, und da ein officielles Diner in einer Provinzstadt im Grunde etwas Neues für mich war, so ließ ich mich leicht erbitten.

Als ich mit Alfred in den Speisesaal ging, flüsterte er mir zu:

»Ich habe Dir deinen Platz bei Herrn von Chambray angewiesen; er ist der Intelligenteste in der Gesellschaft, man kann von allen Dingen mit ihm sprechen. Ich dankte ihm für seine Aufmerksamkeit und suchte meinen Zettel.

Mein Nachbar zur Rechten war wirklich Herr von Chambray, zu meiner Linken saß ein Herr, dessen Name mir nicht mehr erinnerlich ist.

Der Leser kennt den Küchenzettel; das Diner war glänzend, mein Nachbar zur Linken war ausschließlich mit der Befriedigung seines Gaumens und Magens beschäftigt.

Mein Nachbar zur Rechten zollte jeder Speise ein wohl verdientes, verständigen Lob.

Wir sprachen von Reisen, von Industrie, Politik, Literatur und Jagd. Alfred hatte Recht, ich fand einen Mann, der von Allem zu sprechen wußte.

Ich machte übrigens die Bemerkung, daß die meisten großen Grundbesitzer Gegner der Regierung waren.

Beim Dessert wurden Toaste ausgebracht.

Nach Tische ging die Gesellschaft in den Salon, um den Kaffeh zu nehmen; neben dem Salon war das Rauchzimmer, welches die Aussicht in den Garten der Präfektur bot.

In dem Rauchzimmer lagen auf vergoldeten Porzellantellern die feinsten Cigarren, von den Puros bis zu den Manillas.

Herr von Chambray rauchte nicht. Diese gute Eigenschaft – denn als solche betrachte ich das Nichtrauchen – brachte uns gegenseitig noch näher.

Wir verließen die Raucher, die sich in Ratasia, Absinth und Mirobolan betranken, und gingen in den Lindenalleen des Präfecturgartens spaziren.

Herr von Chambray hatte in Evreux ein Stadthaus und in Bernay ein Landhaus. Dieses war von herrlichen Jagdgründen umgeben. Seine Besitzung – oder vielmehr die Besitzung seiner Frau, welche ihm das Vermögen zugebracht – hatte einen Flächenraum von zweitausend Acres.

Er lud mich zur Eröffnung der Jagd ein und ich sagte beinahe zu.

Die Nacht brach an, während wir plauderten, die Salone wurden erleuchtet. Von diesem Augenblicke an glaubte ich bei meinem neuen Bekannten, dessen Gesellschaft mir sehr angenehm war, eine gewisse Ungeduld zu bemerken.

Endlich hielt er es nicht mehr aus.

»Entschuldigen Sie,« sagte er zu mir. »ich glaube, es wird gespielt.«

»Ja,« antwortete ich.

»Gehen Sie wieder in den Salon?«

»Um Ihnen zu folgen; ich spiele nicht.«

»Wirklich? dann sind Sie sehr glücklich – oder sehr unglücklich.«

»Sie spielen also?«

»Wie ein Rasender.«

»Dann will ich Sie nicht aufhalten.«

Herr den Chambray begab sich wieder in den Salon, ich folgte ihm.

Es waren wirklich Spieltische für jeden Geschmack: für Whist, Piquet, Ecarté u. s. w.

Um zehn Uhr kamen die Abendgäste.

Ich hörte, daß Alfred zu Herrn den Chambray sagte:

»Wird Madame nicht kommen?«

»Ich glaube nicht, antwortete der Gast, sie ist leidend.«

Ein sonderbares Lächeln zog sich um Alfreds Mund, während er die alltägliche Antwort gab.

»Das thut mir unendlich leid. Haben Sie die Güte, ihr mein Bedauern zu erkennen zu geben.«

Herr von Chambray verneigte sich; er war schon eifrig mit dem Spiel beschäftigt.

Ich nahm Alfred bei Seite.

»Warum lächeltest Du denn, als Herr von Chambray Dir sagte, seine Frau sey leidend?«

»Habe ich gelacht?«

»Ich glaubte es zu bemerken.«

»Frau von Chambray geht nicht in Gesellschaften und man macht über diese Eingezogenheit, die ich für freiwillig halte, allerlei boshafte Bemerkungen. Die bösen Zungen behaupten, die Ehe sey nicht sehr glücklich; das Vermögen sey von beiden Seiten ziemlich gleich gewesen« aber Chambray habe sein Erbtheil vergeudet und greife jetzt das Vermögen seiner Frau an.«

»Ich verstehe, die Mutter vertheidigt das Vermögen ihrer Kinder.«

»Es sind keine Kinder da.«

»Halten Sie zwanzig Louisd’or, die gegen mich fehlen, Herr von Senonches?« fragte Herr von Chambray, der die Karten hielt.

Alfred bejahte; aber er setzte, sich zu mir wendend, hinzu:

»Vorausgesetzt, daß Du die zwanzig Louisd’or nicht halten willst.«

»Ich spiele nicht.«

»Es ist auch eine meiner Verbindlichkeiten, zu spielen und zu verlieren. Ein Präfect, der nicht spielte oder gar gewänne, würde den Lästerzungen viel Stoff bieten; man würde sagen, ich sey Präfect geworden, um zu leben..«

»Hier sind Ihre zwanzig Louisd’or.« sagte Alfred.

Und er verließ mich, um sein Geld auf den Tisch zu legen.

Alfred war ein Weltmann im vollen Sinne des Wortes; es war unmöglich, in einem Salon die Honneurs mit mehr Anstand zu machen, als er. Man stellte ihn auch im ganzen Departement als ein Muster von einem Manne hin, und die Mütter, welche Töchter zu verheirathen hatten, hegten den sehnlichen Wunsch, ihre Sprößlinge möchten Gnade vor seinen Augen finden; er hätte nur winken dürfen, um die reichste unter den Erbinnen heimzuführen.

Aber Alfred benützte jede Gelegenheit, seine Abneigung gegen die Ehe zu erkennen zu geben.

Der Luxus der Tafel dehnte sich über die ganze Abendgesellschaft aus; es gab Gefrornes in Menge für die Damen, Punsch und Champagner für die Herren, hohes Spiel für Alle.

Gegen zwei Uhr Früh nahm Alfred die Bank im Baccharatspiel.

»Wenn Du es nicht verschworen hast, sagte er zu mir, »so mußt Du wenigstens einmal im Leben spielen, für oder gegen mich, und wär’s auch nur ein Louisd’or.«

»Ich spiele nicht, erwiderte ich mit wehmüthigem Lächeln, denn ich dachte an die Abneigung meiner Mutter gegen das Spiel.

»Meine Herren, sagte Alfred, der wie die Uebrigen die Wirkung des Punsches und Champagners zu spüren begann, »mein Freund Max ist ein musterhafter Mensch: er trinkt nicht, raucht nicht, spielt nicht. Am Abend vor der Bartholomäusnacht sagte König Carl IX. zu dem Könige von Navarra: Tod, Messe oder Bastille! Ich mache es eben so, Max, nur mit einer kleinen Variation sage ich: Spiel, Champagner oder Cigarren! Der König von Navarra wühlte die Messe, was wählst Du?.

»Ich mag nicht trinken, weil ich keinen Durst habe; ich mag nicht rauchen, weil ich’s nicht vertragen kann; ich mag nicht spielen, weil es mir kein Vergnügen macht,« antwortete ich; »aber hier sind fünf Louisd’or die Du für mich setzen kannst, sobald es an einem Einsatz fehlt.«

Ich legte meine fünf Louisd’or auf den Kranz eines Leuchters.«

Bravo! meine Herren« ich habe zehntausend Francs von mir.«

Alfred nahm fünftausend Francs in Banknoten und eben so viel in Gold aus der Tasche. Das Spiel machte mich sehr verstimmt, ich kannte Niemand, Chambray spielte leidenschaftlich; ich entfernte mich und ersuchte einen Diener, mir mein Zimmer zu zeigen.

Alfred übernachtete in der Präfectur und ich mochte Niemand in der Nacht mit dem Anschirren oder Satteln eines Pferdes belästigen. Ich hatte daher gesagt, ich würde ebenfalls in der Präfectur übernachten.

Man führte mich in mein Zimmer.

Ich war von dem Lärm, der mich seit sechs bis sieben Stunden umgeben hatte, betäubt und ermüdet; ich schlief bald ein.

Am andern Morgen weckte mich Alfred, der lachend eintrat.

»Lieber Max,«– sagte er, »Du kannst fürwahr nicht sagen, daß Dir das Glück nicht im Schlafe komme.«

Er löste drei Zipfel des Schnupftuches los, das er in der Hand hielt, und ließ einen Goldregen auf meinen Teppich fallen.

»Was ist daß, fragte ich; »was bedeutet dieser Scherz?«

»O! es ist kein Scherz, lieber Freund, es ist voller Ernst. Du mußt wissen, Max, daß ich alle meine Gäste ruinirt habe; ich mußte meine Bank von zehntausend Franks auf dreitausend heruntersetzen und mit dreitausend habe ich meine letzte Razzia gemacht. Alle Börsen waren leer, da sah ich deine fünf Louisd’or auf dem Leuchter. – Ah! Pardieu, sagte ich, Max muß auch daran; ich setzte dein Geld und hielt die fünf Louisd’or – und weißt Du, Starrkopf, was Du gethan hast? Du gewannst siebenmal hinter einander, und beim siebenten Coup sprengtest Du die Bank! – Gute Nacht!«

Alfred ging fort und ließ einen Haufen Gold vor meinem Bett.

V

Ich versuchte vergebens wieder einzuschlafen.

Die Tischuhr schlug acht.

Ich stand auf und zählte das Gold, welches Alfred auf den Teppich geschüttet hatte.

Es waren etwas über sechstausend Francs.

Ich that die Goldstücke in eine bronzene Schale und stellte sie auf den Camin.

Dann kleidete ich mich an und ging hinunter. Da alle Hausbewohner erst zu Bett gingen, ging ich selbst in den Pferdestall, sattelte ein Pferd und machte einen Spazirritt.

Gegen zehn Uhr kam ich zurück. Alfred wünschte bis Mittag zu schlafen und ersuchte mich, von seinem Cabinet Besitz zu ergreifen und den Präfecten zu spielen, wenn es mir Vergnügen mache.

Mein Frühstück war bereit. Ich frühstückte.

Während ich bei Tische saß wurde eine Dame gemeldet, die Herrn von Senonches zu sprechen wünsche.

Ich schickte den Bedienten mit dem Auftrage zurück, nach dem Namen der Dame zu fragen.

Er kam zurück und sagte, es sey Frau von Chambray, sie komme in Geschäftsangelegenheiten.

Ich wurde neugierig; es fiel mir ein, daß mich Alfred beauftragt hatte, diesen Vormittag seine Stelle zu vertreten; wir hatten Abends zuvor von Frau von Chambray gesprochen; ich befahl dem Diener, sie in das Geschäftszimmer zu führen.

Es war keine Indiscretion von mir, meinen Freund zu vertreten.

Ich sah die Straße hinunter. Die Dame war in einem eleganten zweispännigen Coupé gekommen. Der Kutscher war in kleiner Livrée.

Ich verließ das Speisezimmer und als ich durch das zum Cabinet führende Vorzimmer ging, sah ich einen zweiten Bedienten in derselben Livrée, der seine Gebieterin in das Haus begleitet hatte.

Aus dem Wagen und der Dienerschaft war zu schließen, daß Frau von Chambray wirklich in Geschäftsangelegenheiten gekommen war und daß ich durch Benutzung der mir ertheilten Vollmacht keine Indiscretion beging.

Ich trat in das Cabinet.

Eine Dame saß vom Fenster abgewandt; sie stand auf als sie mich bemerkte.

»Herr Alfred von Senonches?« fragte sie mit melodischer Stimme. Ich bat sie durch eine verbindliche Handbewegung, ihren Platz wieder einzunehmen.

»Nein, Madame,« erwiederte ich, »aber ich bin ein Freund von ihm, der das Glück hat, diesen Morgen seine Stelle zu vertreten, und ich werde mir mein Leben lang Glück dazu wünschen, wenn ich Ihnen in dieser kurzen Zwischenzeit nützlich seyn kann.«

»Entschuldigen Sie,« sagte Frau von Chambray aufstehend; »ich wünschte den Herrn Präfecten« – sie betonte dieses Wort – »um eine Gunst zu bitten, die er allein mir bewilligen kann. Ich werde später wiederkommen, wenn er sichtbar ist.«

»Ich bitte, Madame —« sagte ich.

Sie nahm wieder Platz.

»Wenn Sie um eine Gunst zu bitten haben, Madame, warum nehmen Sie dann meine Vermittlung nicht in Anspruch? Zweifeln Sie an meiner Bereitwilligkeit, Ihre Angelegenheit warm zu befürworten?«

»Entschuldigen Sie, mein Herr, ich weiß nicht einmal, mit wem ich die Ehre habe zu sprechen.«

»Mein Name ist Ihnen ganz unbekannt, Madame, und wird Ihnen daher nichts nützen. Ich heiße Maximilian von Villiers. Aber ich bin Ihnen nicht so fremd, wie Sie glauben; ich hatte gestern das Vergnügen, Herrn von Chambray vorgestellt zu werden; ich war sein Tischnachbar und wir haben bei Tische und nachher viel miteinander gesprochen. Er war so gütig, mich zur Eröffnung der Jagd auf Ihr Schloß Bernay einzuladen, und ohne mir einen Besuch zu erlauben, gedachte ich heute die Ehre zu haben, meine Karte bei Ihnen abzugeben.

Ich verneigte mich und setzte hinzu:

»Herr von Chambray ist ein sehr feingebildeter Mann —«

»Ja« das ist wahr« ein feingebildeter Mann.«

Frau von Chambray begleitete diese Antwort mit einem leisen Seufzer.

Unterdessen sah ich sie an.

Ihr Anzug war sehr einfach und geschmackvoll; es war ein Morgenanzug von perlgrauem Taffet, der Hut, halb von italienischem Stroh, halb von Taffet, der mit dem Kleide gleiche Farbe hatte, war nur mit einigen Haferähren und Kornblumen geziert.

Ein Halbschleier von Spitzen beschattete den oberen Theil des Gesichtes.

Ich benutzte das kurze Stillschweigen, welches dem erwähnten Seufzer folgte, um einen Blick auf Frau von Chambray zu werfen. Es war eine junge Dame von zwanzig bis vierundzwanzig Jahren, mehr groß als klein, und ihr schlanker zarter Wuchs war unter ihrer weiten Mantille deutlich zu bemerken. Sie hatte graublaue Augen, lange blonde Locken, kleine weiße Zähne und rothe Lippen, welche gegen die Blässe ihres Gesichtes stark abstachen.

Ihre ganze Haltung zeigte eine gewisse Abspannung oder ein Wehgefühl, als ob sie des Kampfes gegen ein physisches oder moralisches Leiden überdrüssig gewesen wäre.

Der flüchtige Blick, der mir alles dies zeigte, erregte in mir den eifrigen Wunsch, die Ursache, des Erscheinens der Frau von Chambray in der Präfectur kennen zu lernen.

»Wenn ich Sie fragen wollte, Madame,« begann ich, »was mir die Ehre Ihres Besuches verschafft, so würden Sie vielleicht glauben, «ich wünschte die Zeit abzukürzen, die ich in Ihrer Gegenwart zuzubringen das Glück habe; allein ich gestehe, daß ich gern wissen möchte, worin Ihnen mein Freund nützlich seyn kann.«

»Die Angelegenheit, welche mich zu dem Herrn Präfecten führt, ist folgende,« erwiederte die Dame. »Vor einem Monate hat die Ziehung zur Conscription stattgefunden. Der jüngere Bruder meiner Milchschwester, die ich sehr lieb habe, muß sich stellen. Der junge Mensch ist die Stütze seiner Mutter und einer jüngeren Schwester; überdies war er im Begriff, seine Braut zu heirathen; dies wird nun vereitelt: die unglückliche Nummer hat also vier Personen in Trauer gesetzt.«

Ich verneigte mich, um anzudeuten, daß ich die Aeußerung ihres Wunsches erwartete.

»Nächsten Sonntag, fuhr Frau von Chambray fort, »versammelt sich die Revisionscommission. Herr von Senonches führt den Vorsitz; er braucht dem Arzt nur ein Wort zu sagen und der arme junge Mensch ist frei, und vier Personen werden ihm ihr Glück verdanken.«

»Aber vier Andere werden dadurch vielleicht unglücklich,« erwiederte ich lächelnd.

»Wie so?« fragte Frau von Chambray erstaunt.

»Allerdings, Madame. Wie viele junge Leute muß der Canton stellen, in welchem Ihr Schützling seinen Wohnsitz hat?«

»Fünfundzwanzig.«

»Hat er einen Grund zur Abdankung?«

Frau von Chambray erröthete.

»Ich glaube Ihnen gesagt zu haben,« stammelte sie, »daß ich mir seine Befreiung als eine Gunst von dem Herrn Präfecten erbitten wollte.«

»Entschuldigen Sie meine Aufrichtigkeit, Madame. Diese Gunst ist eine Ungerechtigkeit, sobald einer anderen Familie dadurch eine Last aufgebürdet wird.«

»Ich verstehe Sie nicht —«

»Es ist sehr leicht zu verstehen, Madame. Der Canton muß fünfundzwanzig Recruten stellen; angenommen, es werde von zweien einer tauglich befunden, so sind es fünfzig, und Nr. 51 wird eben durch die von ihm gezogene Nummer frei. Verstehen Sie mich, Madame?«

»Ja wohl, ich verstehe Sie sehr gut.«

»Wenn nun einer der fünfundzwanzig tauglichen Recruten durch besondere Begünstigung frei wird, so muß der einundfünfzigste, der sich freigelost hatte, an seine Stelle treten.«

»Das ist wahr,« sagte Frau von Chambray betroffen.

»Ich hatte also Recht, Madame,« setzte ich hinzu, »daß das Glück Ihrer vier Schützlinge vielleicht vier andere Personen unglücklich macht und daß mein Freund durch die Gewährung Ihrer Bitte eine Ungerechtigkeit begehen würde.«

»Sie haben vollkommen Recht, sagte Frau von Chambray aufstehend; »ich habe nur noch eine Bitte an Sie.

»Reden Sie, Madame.»

»Schreiben Sie den unpassenden Schritt, den ich gethan, nur meiner Unbedachtsamkeit und nicht etwa meiner Herzlosigkeit zu. Ich hatte die Sache nicht überlegt, ich wollte nur einen jungen Menschen für seine Familie erhalten; es kann nicht seyn, ich begnüge mich – es wird vier Unglückliche mehr in der Weit geben, aber in der großen Menge wird man’s nicht merken.»

Frau von Chambray wischte verstohlen eine an ihren Wangen zitternde Thräne ab, verneigte sich und ging auf die Thür zu.

Ich schaute ihr mit tiefem Bedauern nach.

»Madame – sagte ich.

Sie stand still.

»Würden Sie die Güte haben, mir ebenfalls eine Gunst zu bewilligen?»fragte ich.

»Ich?»– erwiderte sie mit Befremden. »Was meinen Sie?»

»Ich bitte Sie, Madame« sich zu setzen und mir ein kurzes Gehör zu schenken.«

Sie lächelte wehmüthig und setzte sich wieder auf ihren Fauteuil.

»Es wäre unverzeihlich von mir, Madame,»sagte ich, »so schonungslos zu reden, wenn ich Ihnen nicht ein Auskunftsmittel vorzuschlagen hätte.

»Was für ein Mittel?«

»Es gibt Gewerbsleute, die mit todtem Fleisch handeln, es sind die Fleischer; es gibt auch Speculanten, die lebendiges Fleisch verkaufen, ich weiß nicht wie man sie nennt, aber ich weiß, daß sie existiren: man kann für Ihren Schützling einen Stellvertreter kaufen.«

Dieser Vorschlag schien einen sehr schmerzlichen Eindruck auf die Dame zu machen.

»Ich habe auch schon daran gedacht,« erwiederte sie; »aber —«

»Aber?« wiederholte ich.

»Man kann sich nicht immer ein gutes Werk vergönnen; ein Stellvertreter kostet zweitausend Francs —«

Ich nickte zustimmend.

»Wenn ich über mein Vermögen frei verfügen könnte,« fuhr Frau von Chambray fort, »so würde ich keinen Augenblick zögern; aber mein Vermögen gehört meinem Gatten, und da ihm meine Milchschwester ganz gleichgültig ist, so bezweifle ich, daß er mir erlauben wird, diese Summe zu opfern.

Madame,« fragte ich, »würden Sie einem Fremden erlauben, an Ihre Stelle zu treten, und das Ihnen versagte gute Werk zu thun?«

»Ich verstehe Sie nicht,« erwiederte sie; »denn ich kann nicht glauben, daß Sie sich erbieten, für meinen Schützling einen Stellvertreter zu kaufen.«

»Entschuldigen Sie, Madame, sagte ich mit einer Bewegung, welche sie einlud, ihren Platz wieder einzunehmen, denn sie stand auf; »haben Sie die Güte mich ausreden zu lassen.«

Sie nahm ihren Platz wieder ein.

»Ich hatte meiner Mutter feierlich versprochen, nie zu spielen, fuhr ich fort, »und ich habe mein Versprechen gehalten. Gestern Abends zwang mich mein Freund Alfred von Senonches, ihm hundert Francs als Einsatz anzuvertrauen. Mit diesen hundert Francs hat er sechs- bis siebentausend gewonnen, und wahrscheinlich einen Theil dieser Summe von Ihrem Herrn Gemal. Dieses Spielgeld, welches mir Alfred diesen Morgen brachte, habe ich nur mit dem Vorbehalt angenommen, es zu mehren guten Werken zu verwenden. Ihr Besuch, Madame, gibt mir Gelegenheit, diesen Vorsatz sogleich auszuführen.«

Frau von Chambray unterbrach mich, indem sie wiederaufstand.

»Sie werden einsehen,« sagte sie, »daß ich ein solches Anerbieten nicht annehmen kann.«

»Ich habe es ja nicht Ihnen gemacht, Madame,« erwiderte ich; »Sie haben mir gesagt, wo der Schmerz ist, den ich heilen, wo die Thränen sind, die ich trocknen kann; Sie sind mir deshalb keinen persönlichen Dank schuldig. Bei der nächsten Sammlung, die man für eine arme Familie, für einen Kirchenbau, für eine Grabstelle macht, würde ich zu Ihnen kommen und Sie um eine Gabe bitten; wenn Sie auch nur einen Louisd’or geben, so geben Sie mehr als ich heute spende, denn der Louisd’or gehört Ihnen, ich hingegen gebe zweitausend Francs, die mir der Zufall, oder wenn Sie wollen, die Vorsehung in die Hände gegeben hat.«

»Geben Sie mir Ihr Ehrenwort,« erwiederte Frau von Chambray bewegt, »daß Sie auf die angegebene Weise in den Besitz des Geldes gekommen sind?«

»Ja, Madame« ich gebe Ihnen mein Ehrenwort; ich würde mich nicht einmal, um das Recht zu haben, ein gutes Werk zu thun, einer Unwahrheit schuldig machen.«

Sie reichte mir die Hand.

Ich faßte ihre Hand und berührte sie ehrerbietig mit den Lippen. Sie trat etwas zurück und erwiederte:

»Ich darf Sie nicht hindern, eine Familie der Verzweiflung zu entreißen; ich will Ihnen meinen Schützling, oder vielmehr seine Braut schicken; sein Glück wird größer seyn, wenn er es von ihr erfährt.«

Dieses Mal stand ich auf.

»Zweimal habe ich Sie zurückgehalten, Madame,« sagte ich; »jetzt gebe ich Ihnen mit Vergnügen Ihre Freiheit.«

»Zürnen Sie mir nicht, wenn ich mich beeile, meinen Schützlingen die erfreuliche Nachricht zu bringen. Sie machen eine ganze Familie glücklich, Gott vergelte es Ihnen!«

Ich verneigte mich und begleitete Frau von Chambray bis an die Thür des Vorzimmers, wo ihr Diener wartete,

Als ich allein war, befand ich mich in einer seltsamen Gemüthsstimmung. Anfangs, als ich die Thür geschlossen hatte, blieb ich, ohne zu wissen warum, mitten im Zimmer stehen. Ich dachte über die Unterredung nach und konnte mir nicht verhehlen, daß ich durch einen unwiderstehlichen Zauber gefesselt war.

Ohne mir die Ursache erklären zu können, war mir unaussprechlich wohl. Es schien mir, als ob eine nie geahnte Harmonie von meinem Innern Besitz genommen. Alle meine Sinne hatten eine ungemeine Schärfe, meine Gedanken eine nie geahnte Klarheit bekommen. Ich fühlte mich glücklich, ohne daß in meinem Leben eine Veränderung, die mir das Glück zu versprechen schien, vorgegangen war.

Ich fühlte fast eine Anwandlung von Reue, denn nach dem Tode meiner Mutter hatte ich gedacht, ich könne nie mehr glücklich werden. Und nun dachte ich an jenen Verlust nicht mehr mit dem ursprünglichen Schmerzes den er mir verursacht hatte, sondern mit heiterer Wehmuth, welche meinen Blick himmelwärts zog.

Meine Augen wurden durch einen Sonnenstrahl geblendet.

»O meine theure Mutter,« sagte ich leise für mich »siehst Du auf mich herab?«

In diesem Augenblicke zog eine leichte Wolke über den Sonnenstrahl, der aber alsbald wieder glänzender hervorbrach. Es war mir als ob der Schatten des Todes vorüberzöge.

Der Sonnenstrahl war ein Lächeln, ich begrüßte ihn mit Freude und setzte mich wieder in den Fauteuil, der dem nun leeren Sitz gegenüberstand.

Hier verträumte ich eine der süßesten halben Stunden meines Lebens.

Diesen Träumereien wurde ich durch Alfreds Diener entrissen, der mir meldete, ein junges Mädchen in normannischer Bauerntracht wünsche mich zu sprechen.

Ich errieth, daß es die Milchschwester der Frau von Chambray sey, die mir danken wollte.

Ich befahl dem Bedienten, das Mädchen hereinzuführen und mir sodann aus der bronzenen Schale, die auf meinem Camine stand, zweitausend Francs zu bringen.

VI

Es war wirklich die Milchschwester der Frau von Chambray, ein hübsches Bauernmädchen, dem Anscheine nach ein paar Jahre jünger als ihre Herrin. Ich sage: ihre Herrin denn später erfuhr ich, daß sie Kammerjungfer bei ihr war.

Die normannische Tracht, welche sie in ihrer größten Zierlichkeit trug, stand ihr sehr gut zu Gesicht und ich gestehe, daß ich nie ein hübscheres Mädchen gesehen habe.

Sie war ganz beschämt und ihr Gesichtchen bis über die Ohren roth.

»Sind Sie der Herr« welcher —?e stammelte sie.

»Ja wohl, ich bin der Herr, welcher,« sagte ich lachend.

»Madame hat mir etwas gesagt, was mir nicht möglich scheint.«

»Was hat denn Madame gesagt?«.

»Sie hat gesagt, Sie wollten uns zweitausend Francs geben, um für Gratian einen Stellvertreter zu kaufen.«

In diesem Augenblicke kam der Bediente und händigte mir die zweitausend Francs ein.

»Es ist die Wahrheit,« sagte ich; »hier ist das Geld, liebes Kind. Halte die Hand her.

Sie zögerte.

»Verschmähst Du es etwa?«

Endlich streckte sie schüchtern die Hand aus, ich zählte die Goldstücke hinein.

»O mein Gott!« sagte sie, »das macht ja eine große Summe aus, und wenn wir sie Ihnen nicht wiedergeben können —«

»Hat Dir denn Madame nicht gesagt, daß ich das Geld nicht zurückverlange?«

»Aber mein lieber Herr, Sie können uns doch so viel Geld nicht umsonst geben?«

»Ich gebe es Euch auch nicht umsonst,« erwiederte ich.

»Was sollen wir denn dafür thun?«

»Beruhige Dich, mein Kind: Du sollst nur fünf Minuten von Jemand sprechen, der Dich sehr lieb hat, und dessen Liebe Du gewiß erwiederst.«

»Ich liebe außer meiner Mutter und meiner kleinen Schwester nur zwei Menschen auf der Welt: Gratian und Frau von Chambray. Ich sollte Frau von Chambray eigentlich zuerst nennen, denn ich glaube, daß ich sie noch lieber habe als ihn.

»Nun, von einer dieser beiden Personen wollen wir sprechen.«

»Von welcher?«

»Von Frau von Chambray.«

»O! so viel Sie wollen, lieber Herr; es ist mir eine Freude, von ihr zu sprechend.«

»Dann setze Dich, mein Kind,« sagte ich und bot ihr einen Stuhl.

Nach einigem Zögern und auf meine wiederholte Einladung setzte sie sich.

»Denken Sie sich mein lieber Herr,« sagte sie mit einer Gefühlsinnigkeit, die leicht erkennen ließ, daß ihr die Worte vom Herzen kamen, »denken Sie sich, daß ich sie nie verlassen habe; sie war immer so gut gegen mich, und ich weiß nicht, ob ich es ihr vergelten könnte, wenn ich mein ganzes Leben für sie betete. Sie sehen meine Kleidung an und finden sie hübsch, nicht wahr? Ja, das glaube ich, ich muß immer nett und sauber seyn, Madame will es so haben, sie sagt, es mache ihr Freude und sie spiele mit mir wie in unseren Kinderjahren. Aber Sie können leicht denken, lieber Herr, daß es nur Vorwände sind, um mich schön zu machen, und sie hat wegen des Geldes; das sie für meinen Putz ausgab, mit dem Herrn oft Streit gehabt. Kurz, sie hat an mich immer eher gedacht, als an sich selbst.«

Ich unterbrach sie.

»Aber Frau von Chambray sagte mir, Du wärest ihre Milchschwester —«

»Ja wohl, ich bin ihre Milchschwester.«

»Aber sie schien mir auf den ersten Anblick älter, als Du zu seyn scheinst.

»Ach ja« der Kummer macht alt.«

Diese Worte berührten mich sehr peinlich. Ich hatte mich also nicht geirrt: Frau von Chambray war unglücklich!

»Der Kummer?« wiederholte ich.

Die Bäuerin bemerkte, daß sie mehr gesagt hatte, als sie sagen wollte.

»Wenn ich sage: der Kummer,« erwiederte sie, »so meine ich damit die Verdrießlichkeiten. Reiche Leute sind nicht immer glücklich; das Geld ist zuweilen wohl eine schöne Sache,« – sie warf dabei einen freudigen Blick auf die Goldstücke, die sie in der Hand hielt – »aber sehr oft macht es doch viele Plage. Das Sprichwort sagt ja: das Geld macht nicht glücklich.«

»Ja wohl« mein Kind« so sagt das Sprichwort« und es thut mir sehr leid, daß es auf Frau von Chambray anzuwenden ist.«

»Ach! der liebe Gott sucht die guten Menschen oft mit schweren Prüfungen heim..«

»Ist Frau von Chambray schon lange verheirathet?« fragte ich, als ob ich das Gespräch abbrechen wollte.

»Seit vier Jahren; sie war achtzehn Jahre alt, als sie heirathete.

»Dann ist sie also jetzt zweiundzwanzig?«

»Ja, zweiundzwanzig.«

»Sie hat doch gewiß aus Liebe geheirathet?«

Die kleine Bäuerin schüttelte den Kopf.

»Nein,« sagte sie leise und geheimnißvoll; »sie sagt, der Priester habe die Ehe geschlossen —«

»Der Priester? wie so?«

»O es ist nicht,« erwiederte sie einlenkend, als ob sie über die ihr entschlüpften Worte erschrocken wäre.

Sie stand auf.

»Liebes Kind,« sagte ich, »ich wollte gern von Frau von Chambray sprechen, weil sie mir eine liebenswürdige Dame zu seyn scheint, aber es ist keineswegs meine Absicht, Dir die Geheimnisse deiner Wohlthäterin entlocken zu wollen.«

»Gott behüte mich,« erwiederte sie, »daß ich etwas Unrechtes von ihr sagen sollte; aber ihre Geheimnisse kenne ich so wenig wie die anderen Leute im Hause. Ueberdies beklagt sie sich nie, und es wäre recht gut, wenn sie einen Freund fände, dem sie ihre Geheimnisse anvertrauen könnte; es würde ein Trost für sie seyn, und ich glaube, daß sie Trost braucht.«

Ich hätte gerne mehr erfahren, aber ich sah ein, daß ich, ohne mich einer Indiscretion schuldig zu machen, nicht weiter gehen durfte, und ich trug Bedenken, dem arglosen Mädchen noch mehr zu entlocken. Vielleicht war ich schon zu weit gegangen.

»Sey überzeugt, mein Kind,« sagte ich, »daß ich mich glücklich schätzen würde, der Freund zu seyn, dessen Frau von Chambray nach deiner Meinung so sehr bedarf, und daß ich ihr mit Freuden mein Herz öffnen würde, um ihre Geheimnisse zu bewahren. Ich weist nicht ob sich jemals die Gelegenheit dazu finden wird; aber wenn sie sich findet, wenn sie einen treuen Freund sucht, so bringe mich bei ihr in Erinnerung, gleichviel ob es morgen oder in einem Jahre oder in zehn Jahren ist. Gott wird, wie ich hoffe, das Uebrige thun.«

Das Mädchen sah mich erstaunt an.

»Gut,« sagte sie nach einer Pause, »ich will Sie bei ihr in Erinnerung bringen; denn ich glaube, daß Sie es wirklich so meinen, und daß Sie für meine gute Herrin thun würden, was ein Vater thut.«

Ich legte ihr eine Hand auf die Schulter.

»Bewahre diesen Glauben in deinem Herzen, mein Kind,« sagte ich, »und vergiß meine Bitte nicht, wenn es Noth thut.»

»Fürchten Sie nichts, ich werde schon daran denken,« erwiederte sie.

Sie ging auf die Thür zu, blieb aber verlegen stehen.

»Nun, was gibt’s?« fragte ich.

»O! ich – ich getraue mich nicht —«

»Sprich, mein Kind, fürchte Dich nicht.«

»Es wäre wirklich eine große Gnade —«

»Sage aufrichtig, was wünschest Du?«

»Nein, nein, ich kann’s nicht sagen – ich will Madame bitten, Ihnen mein Anliegen mitzutheilen.«

»Gut wie Du willst,« sagte ich zustimmend, denn ich dachte, daß dieses Anliegen mindestens einen Brief, vielleicht sogar einen Besuch von Frau von Chambray nothwendig machen würde. »Aber Madame muß mich persönlich darum ersuchen, jede andere Person würde eine abschlägige Antwort von mir bekommen.«

»Ich auch?« fragte sie lachend.

»Ja, Du auch,« antwortete ich.

»Nun, dann will ich Madame darum bitten.«

Unter dieser Bedingung sage ich im Voraus die Gewährung zu.«

»Ach! es ist doch jammerschade,« sagte die kleine Bäuerin,« »daß Sie nicht —«

»Nun« was weiter?« fragte ich.

»O nichts, nichts!« erwiederte sie und lief zum Zimmer hinaus.

Noch denselben Abend erhielt ich zu Reuilly folgenden Brief von Frau von Chambray:

»Mein Herr!

»Zoe versichert, sie bedürfe meiner Vermittlung um von Ihnen eine große Gefälligkeit zu erlangen. Obgleich ich durchaus nicht weiß, wie und warum ich irgend einen Einfluß auf Ihren Entschluß haben könnte, so finde ich den Wunsch des Mädchens doch so natürlich, daß ich mir die Freiheit nehme, Ihnen denselben mitzutheilen.

Sie wünscht nemlich, daß Sie ihre Hochzeit mit Ihrer Gegenwart beehren möchten; das arme Kind verdankt ja Ihnen ihr Glück, und natürlich wünscht sie, daß Sie Zeuge desselben seyen.

Es wird mir persönlich sehr angenehm seyn, wenn Sie die Einladung annehmen, denn Sie werden mir dadurch Gelegenheit bieten, Ihnen aufs Neue meinen Dank zu sagen.

Ihre dankbar ergebene
Edmée de Chambray.«

»Wer hat diesen Brief gebracht?« fragte ich den Bedienten.

»Ein Bursch, der vom Lande zu seyn scheint,« antwortete der Bediente.

»Ist er jung?«

»Etwa dreiundzwanzig Jahre.«

»Lassen Sie ihn herankommen.«

Der Bote erschien in der Thür. Es war ein kräftiger Bursch mit blühendrothen Wangen, blonden Haaren und blauen Augen: ein echter Sprößling der aus dem Norden gekommenen Volksstämme, welche Übrigens nach Jahrhunderten ihren alten kriegerischen Geist verloren zu haben scheinen.

»Ihr seyd also der Recrut?« fragte ich.

»Ja wohl,« antwortete er, »diesen Morgen war ich noch Recrut, aber jetzt bin ich’s nicht mehr, und das habe ich Ihnen zu danken.«

»Wie! Ihr seyd es nicht mehr? Habt Ihr denn schon einen Stellvertreter gefunden?«

»O ja,« mit Geld findet man Alles, was man will, Jean Pierre, der Sohn des alten Dubois, hat Nummer 120 gezogen: es ist keine Gefahr, daß es an ihn kommt. Sein Vater hat ihm eingeredet, er müsse Soldat werden, und so sind wir um siebzehnhundert Francs handeleins geworden. Zoe hat Ihnen also dreihundert Francs zurückzugeben.«

»Wie,« erwiederte ich, »sein Vater hat ihm eingeredet, er müsse Soldat werden?«

»Ja, der Jean Pierre hat sich beschwatzen lassen, und glaubt steif und fest, er sey zum Soldaten geboren.«

»Ein welcher Absicht hat es ihm der Vater eingeredet?«

»O! der alte Dubois ist ein Schlaukopf!«

»Sot ein Schlauhkopf!«

»Ein Erzpfifficus!«

»Wie so?«

»Ein durchtriebener Fuchs!«

»Ich verstehe wohl. Aber warum ist er ein Pfifficus, ein durchtriebener Fuchs?«

»Er denkt nur an das Land.«

»Ich verstehe Euch noch nicht, mein Freund.«

»Das ist möglich, aber ich verstehe mich.

»Das ist nicht genug, denn wir sprechen ja miteinander, und da muß Einer den Andern verstehen.«

»Das ist wohl wahr; aber Sie sind ja aus der Stadt, was kann Ihnen an einem armen Bauer liegen?«

»Mir liegt viel daran, ich möchte mich belehren.«

»O! Sie scherzen, lieber Herr. Was kann denn ein Mann« wie Sie sind, von mir lernen?«

»Ihr könnt mir sagen, was für ein Mann, der alte Dubois ist.«

»Ich hab’s Ihnen ja gesagt und ich nehme mein Wort nicht zurück.«

»Ihr habt mir gesagt, er sey ein Schlaukopf, ein Erzpfifficus, ein durchtriebener Fuchs, der nur an das Land denkt.«

»Es ist die reine Wahrheit,«

»Das ist möglich, aber es ist die Wahrheit in einem tiefen Schacht, holet sie heraus.«

»Ich will ihm nichts Böses nachsagen, aber er ist einmal so. Es ist bereits der dritte, den er unter den Fahnen hat – oder vielmehr gehabt hat, denn die beiden ersten sind geblieben; aber das thut nichts, sie waren ja bezahlt.

»Ei! der Alte ist ja ein wahrer Horatier!«

»Nein« er heißt Duboise.«

»Ich meine damit, daß er ein eifriger Patriot ist.«

»Er – ein Patriot! Er denkt nur an sein Land.«

»Ganz richtig, das meine ich eben: er denkt an das Vaterland.«

»Gott bewahre! er denkt nur an sein Land. Der alte Fuchs kauft immer mehr zusammen, er hat bereits seine zwölf Aecker beieinander.

»Aha« jetzt verstehe ich.

»Sein Land geht ihm über Alles, an Weib und Kind liegt ihm nichts. In der Früh um fünf Uhr ist er schon auf seinem Lande und wirft jeden Stein, den er findet, auf seines Nachbars Feld; er ackert, säet oder schneidet, wie es gerade die Jahreszeit mit sich bringt. Man sieht ihn auf der Straße mit einem Korbe in der Hand; er sieht sich rechts und links um. Man denkt, was mag der alte Dubois suchen? Er sucht Pferdemist, um sein Land zu düngen. Er ißt und trinkt auf seinem Lande und am Ende wird er darauf schlafen. Sonntags macht er sich schön und geht in die Messe, damit die Leute glauben sollen, er bete für die Todten oder die Lebenden; nein, er betet für sein Land, daß der liebe Gott Sturm und Hagelschlag abwende, daß seine Aepfelbäume nicht erfrieren, daß sein Getreide sich nicht lege. Und nach der Messe, wenn alle Leute sich ausruhen oder unterhalten, geht er auf sein Land.«

»Wie! er arbeitet am Sonntage?«

»Nein, er arbeitet nicht, er reißt Unkraut aus, fängt Feldmäuse und Maulwürfe. Das ist seine Unterhaltung, seine einzige, aber sie scheint ihm zu genügen. Er hat seine beiden ältesten Söhne verkauft und hat dafür Land angekauft.

»Die armen Burschen sind also in Afrika gefallen?«

»Ja, aber das thut nichts, das Land geht nicht verloren. Seit drei Jahren hat er den Jean Pierre gehegt und gepflegt und oft hat er zu den Leuten gesagt: »Sehet den Jungen, er wird einen schönen Kürassier für den König Ludwig Philipp geben.« Jean Pierre heißt im Dorfe nur der Kürassier. Einen Monat vor der Ziehung zündete er jeden Morgen vor dem Bilde der heiligen Jungfrau eine Wachskerze an, damit sie seinem Sohne eine gute Nummer in die Hand spiele – nicht damit er frei werde, sondern damit er sich verkaufen könne, wie sich seine beiden Brüder verkauft hatten. Und der alte Lump hat Glück: der erste hatte Nr. 95, der zweite Nr. 107 gezogen, und jetzt ist dem dritten Nr. 120 zugefallen; wenn noch einer da wäre, würde er gewiß Nr. 150 150 ziehen.«

»Ihr habt also den Vertrag abgeschlossen?«

»Ja wohl, vor Notar und Zeugen. Der Jean Pierre ist mein Stellvertreter für siebzehnhundert Franks; die übrigen dreihundert hat Ihnen Zoe zurückzugeben.

»Seyd Ihr denn auch ein Anbeter des Landes, wie der alte Dubois?«

»Nein, ich bin wie die Vögel in der Luft, ich lebe von dem, was auf anderer Leute Lande wächst.«

»Und Ihr singet wohl auch wie die Vögel?«

»O ja; aber ich muß gestehen, daß ich seit vierzehn Tagen nicht mehr gesungen habe.

»Aber Ihr treibt doch ein Gewerbe?«

»Ich arbeite mit Stemmeisen und Hobel, ich bin Tischlergesell bei dem Vater Guillaume, wo ich fünfzig Sous täglich verdiene, und so wird’s wohl noch eine Weile bleiben, wenn ich nicht etwa von einem unbekannten Onkel in Amerika oder Indien dreitausend Francs erbe, um mich für meine Rechnung besetzen zu können.«

»Mit dreitausend Franks würdet Ihr Euch also etabliren?«

»O! sehr gut, und es bliebe noch etwas übrig, um das Brautbett zu kaufen; aber da ich keinen Onkel habe —«

»Ihr habt freilich wohl keinen Onkel; aber Ihr habt ja Frau von Chambray, die eure Braut sehr lieb hat und reich ist.«

»Das ist wohl wahr, aber die liebe gute Dame hat die Schnur vom Geldbeutel nicht in der Hand, sonst würden Sie den Jean Pierre gewiß nicht gekauft haben. Frau von Chambray hätte sichs nicht nehmen lassen. Ich bin Ihnen darum nicht minder dankbar, lieber Herr, denn siebzehnhundert Francs findet man nicht in einem Haufen Hobelspäne. Im Grunde hats nur siebzehnhundert gekostet, so daß Zoe noch dreihundert —«

»Gut, gut, wir werden schon miteinander abrechnen, mein Freund. Ich hätte beinahe vergessen, daß ich der Frau von Chambray antworten muß.

»Und uns.«

»Ja wohl. Die Antwort an Euch ist kurz und bündig: Ich werde kommen.«

»Das läßt sich hören! Fürwahr, Sie sind ein braver Kerl! – Nichts für ungut, verzeihen Sie, ich hätte mich in der Freude meines Herzens beinahe vergaloppirt,« sagte er und zog die ausgestreckte Hand zurück.

»Warum denn nichts für ungut? Was habe ich Euch denn zu verzeihen?»fragte ich und bot ihm meine Hand.

»Ich meine, ein Tischlergesell sollte gegen einen Vicomte oder Baron – freilich, wenn auf beiden Seiten ein gutes Herz ist —«

Gratian faßte meine Hand und drückte sie mit sichtbarer Freude.

»Jetzt bleibt noch der Brief,« sagte er.

»Ihr sollt ihn sogleich haben.«

Ich setzte mich und schrieb:

»Madame!

»Sie bieten mir eine neue Gelegenheit, Sie wiederzusehen und Ihnen nochmals zu danken für den mir gegebenen Anlaß, etwas Gutes zu thun. Belohnen Sie mich immer so und ich werde ein Spieler.

»Meine Wünsche, Madame, vereinigen sich mit den Ihrigen für das Glück Ihrer beiden Schützlinge.

»Empfangen Sie die Versicherung meiner innigsten Verehrung.

»Max von Villiers.«

»Hier, mein Freund,« sagte ich zu Gratian, »nehmt den Brief und übergebt ihn morgen Früh an Frau von Chambray.«

»Ich gebe ihn diesen Abend noch ab,« erwiederte Gratian.

»Ihr werdet aber vor zehn Uhr nicht nach Evreux kommen,« entgegnete ich.

»Das thut nichts. Madame sagte: »Gratian, bringe mir gleich die Antwort des Herrn von Villiers, gleichviel wann Du zurückkommst.« Sie sehen, daß ich den Brief noch diesen Abend abgeben muß.«

Er ging fort. Es freute mich, daß Frau von Chambray meine Antwort mit einiger Ungeduld erwartete; sie würde sonst nicht den Befehl gegeben haben, ihr meinen Brief noch diesen Abend zu bringen.

VII

Es vergingen drei Wochen, ohne daß ich Frau von Chambray wieder sah oder Nachricht von ihr erhielt; ich hörte nur gesprächsweise, daß ihr Gatte so eben eine ihr gehörende kleine Besitzung verkauft habe.

Diese Besitzung welche, wie man sagte, 120.000 Francs werth war, hatte er in solcher Hast verkauft, daß er sich nicht einmal die Zeit genommen, eine vortheilhafte Gelegenheit zu suchen, sondern für 90.000 Francs hingegeben hatte.

Ich weiß nicht warum ich das unwiderstehliche Verlangen hegte, diese Besitzung zu haben. Ich erkundigte mich; das Gut lag im Departement Oran und führte den Namen Juvigny.

Das Herrenhaus stand am Ufer der Mayenne. In diesem Hause war Frau von Chambray geboren, dort hatte sie ihre erste Erziehung erhalten; ihr Mädchenname war Edmée von Juvigny gewesen.

Das Herrenhaus war vollständig möblirt verkauft worden, und mit demselben die Ländereien und Waldungen. Ich ging zu dem Notar, der diesen Verkauf abgeschlossen hatte, er hieß Desbrosses und wohnte zu Alencon.

Glücklicherweise war der neue Besitzer des Schlosses nur durch den billigen Preis zum Ankauf bewogen worden; er beabsichtigte es mit einigem Nutzen wieder zu verkaufen. Der Notar fragte ihn auf mein Ersuchen um den Preis; zwei Stunden nachher erhielt ich die Antwort: er verlangte zwanzigtausend Francs Nutzen.

Diese Preiserhöhung trieb die Kaufsumme nur bis zu 110.000 Francs hinauf, so daß ich das Schloß Juvigny noch zehntausend Francs unter dem Schätzungswerthe bekommen konnte.

Aber wenn man zehn- oder zwanzigtausend Francs mehr verlangt hätte, als die Besitzung werth war, ich würde sie doch gekauft haben.

Ich« ersuchte Maitre-Desbrosses, den Contract auszufertigen und zur Unterzeichnung denselben Abend bereit zu halten. Ich verpflichtete mich in fünf Tagen zu zahlen.

Denselben Abend wurde der Contract unterzeichnet.

Eine Stunde nachher reiste ich nach Paris, um eine Summe von 120.000 Francs zu realisiren. Ich verkaufte fünfprozentige Staatspapiere, brachte jene Summe zusammen und reiste wieder nach Alencon.

Maitre Desbrosses wünschte mir Glück, daß ich den Ankauf des Schlosses so eifrig betrieben; denn in meiner Abwesenheit, und zwar einen Tag nach meiner Abreise war ein Priester gekommen, um Juvigny zu kaufen.

Ich weiß nicht warum mich die beiden Wörter: ein Priester, die in Bezug Juvigny gesprochen wurden, an die zwei Wörter: »der Priester« erinnerte, welche Zoe gesprochen hatte, als von den früheren Verhältnissen der Frau von Chambray die Rede gewesen war.

Es schien mir, daß der Priester, der die Heirath der Dame gemacht, derselbe seyn müsse, wie der Priester, der nach Alencon gekommen war, um Juvigny zu kaufen.

Ich fragte wie er heiße. Er hatte seinen Namen nicht genannt.

Ich ließ mir seine Person beschreiben. Es war ein Mann von 55 bis 56 Jahren, von mehr als mittler Größe, mit kleinen grünen Augen, spitzer Nase und dünnen Lippen. Seine Haare waren sehr dünn, aber ungeachtet seines Alters noch schwarz geblieben.

Er hatte von den Ortsverhältnissen in einer Weise gesprochen, welche vermuthen ließ, daß er denselben keineswegs fremd war.

Er war sehr verdrießlich geworden, als er hörte, daß er zu spät komme, und hatte um den Namen des neuen Käufers gefragt.

Man hatte ihm meinen Namen genannt; er hatte zweimal wiederholt: Max de Villiers – Max de Villiers, als ob ihm der Name nicht unbekannt gewesen wäre.

Dann war er abgereist.

Für meine hundertzehntausend Francs und die Contractskosten übergab man mir die Schlüssel des Schlosses.

Ich fragte, an wen ich mich wenden könne, um mich in meiner neuen Besitzung zurechtzufinden. Man nannte mir eine alte Frau, Namens Josephine Gauthier, die in einer kleinen Hütte an einer Thür des Parkes wohnte. Sie war die einzige Hüterin, welche das Schloß seit der Vermälung des Fräuleins von Juvigny mit Herrn von Chambray, also seit vier Jahrem gehabt hatte.

Ich nahm in Alencon einen Wagen und fuhr nach dem Dorfe Juvigny.

Das Schloß lag eine halbe Viertelstunde vom Dorfe.

Ich kam gegen drei Uhr Nachmittags an.

Vor der Thür eines vor dem Parkthor stehenden Häuschens saß eine einfach, aber sauber gekleidete Frau und spann.

»Sind Sie nicht Josephine Gauthier?« fragte ich.

Sie schaute auf und sah mich an.

»Ja wohl, zu dienen,« sagte sie.

Ich sprang aus dem Wagen.

»Ich bin der neue Käufer des Schlosses und Landgutes Juvigny,« sagte ich.

»Sie?« erwiederte sie; »das ist unmöglich!«

»Warum denn unmöglich?«

»Vor fünf bis sechs Tagen war hier ein kleines dürres Männlein, dem man’s ansah, daß ihm das Zusammenscharren von blanken Thalern das liebste Geschäft ist; Sie hingegen —«

»Mir sehen Sie es an, daß ich die blanken Thaler lieber springen lasse, als zusammenscharre, nicht wahr?«

»O! das will ich nicht sagen,« erwiederte die Frau abwehrend.

»Sie können mir’s gerade heraussagen, Mütterchen, weil es nicht wahr wäre. Aber zu Ihrer Beruhigung will ich Ihnen sagen, daß das dürre Männlein, das wahrscheinlich gern Thaler zusammenscharrt, das Gut Juvigny wirklich gekauft und natürlich auch angesehen hatte; daß ich es ihm aber mit zwanzigtausend Francs Nutzen wieder abgekauft habe und es jetzt ebenfalls in Augenschein nehmen will. Wenn’s Ihnen vielleicht unangenehm ist mich umherzuführen, so will ich den Besuch ganz allein machen, denn hier habe ich die Schlüssel, die mir Maitre Desbrosses übergeben hat.

»Wie könnte es mir unangenehm seyn, Sie umherzuführen, gnädiger Herr?« erwiederte die Frau; »im Gegentheil, es ist mir lieber, daß das Gut meiner armen Kleinen Ihnen gehört, als dem alten Pfennigfuchser.«

»Wen nennen Sie Ihre arme Kleine?« fragte ich.

»Meine arme kleine Edmée, wen denn sonst!«

»Sind Sie etwa die Amme der Frau von Chambray?«

»Ja, lieber Herr, nicht nur ihre Amme, sondern auch ihre Haushälterin.«

»Dann sind Sie die Mutter der kleinen Zoe!«

Die Frau sah mich erstaunt an.

»Ja wohl,« erwiederte sie. »Soll ich Ihnen auch sagen, wer Sie sind?«

»Wie könnten Sie das wissen?«

»Glauben Sie, ich könnte es nicht wissen?« sagte sie auf mich zutretend. »Sie sind Herr Maximilian von Villiers!«

Ich gestehe, daß ich sehr erstaunt war.

»Ich habe keine Ursache,« erwiederte ich, »meinen Namen zu verschweigen. Denn Sie werden mich nicht verrathen, wenn ich Sie ersuche, meinen Namen nicht zu nennen, nicht wahr?«

»O! ich werde schweigen, so lange Sie wollen.«

»Nun ja, ich bin Maximilian von Villiers. Aber woher wissen Sie es?«

Die Frau zog einen Brief aus ihrem Halstuch.

»Kennen Sie diese Handschrift?« fragte sie.

»Es ist die Handschrift der Frau von Chambray.«

»Ja wohl, die Handschrift meiner armen Kleinen.«

»Und was steht in diesem Briefe?«

»Lesen Sie – lesen Sie, Herr von Villiers!«

Ich faltete den Brief auseinander und las:

»Meine liebe Josephine!

»Ich habe Dir eine gute Nachricht zu melden. Man hat für Gratian einen Stellvertreter gekauft, er heirathet Zoe. Sobald die Vorbereitungen getroffen sind, werde ich trachten Dich zur Hochzeit abholen zu lassen, denn ich werde mich sehr freuen Dich wieder zu sehen.

Wenn Du mich fragst, wie alles dies zugegangen ist, so sage ich Dir, daß ein Wunder geschehen ist, und zwar durch einen guten edelmüthigen jungen Mann, Namens Maximilian von Villiers.

Deine arme Ma.

Ich sah die Alte an.

»Nun,« sagte sie, »ist es so?«

»Ja« es ist so, Mütterchen,« erwiederte ich mit Thränen in den Augen.

Und nach kurzem Besinnen fragte ich:

»Wollen Sie mir diesen Brief verkaufen?«

»Nicht uni alles Gold der Weilte antwortete die gute Alte; »aber ich will Ihnen ein Geschenk damit machen.«

»Tausend Dank« Mütterchen!« sagte ich, und in der Freude meines Herzens drückte ich einen Kuß auf den Brief,

»Ich sehe wohl,« sagte sie, »Sie sind ihr auch gut.«

»Ich!« antwortete ich meine Uebereilung einsehend.

»Sind Sie von Sinnen? Ich habe sie ja erst einmal in meinem Leben gesehen.«

»Was brauchte denn mehr, wenn man Augen und ein Herz hat!« sagte sie und begleitete diese Worte mit einer unbeschreiblichen Geberde.

Ich fühlte, daß die gute Alte mit jenem feinen Instinct, der vielen Frauen eigen ist, tiefer in mein Herz geblickt hatte, als ich selbst.

»Wollen Sie mir jetzt das Schloß zeigen?« sagte ich abbrechend.

»Sehr gern,« erwiederte sie; »kommen Sie.«

»Soll ich ausspannen?« fragte der Kutscher.

»Allerdings,« antwortete ich; »ich weiß noch nicht einmal, ob ich diesen Abend wieder zurückfahre. – Kann ich nöthigenfalls im Schlosse übernachten?« fragte ich die alte Josephine.

»O ja« gnädiger Herr, und ich will Ihnen ein Bett machen. Sie werden Alles in gutem Stande finden, es ist noch so, wie es Monsieur und Madame verlassen haben.

»Aber es ist schon lange her, daß sie das Schloß verlassen haben —«

»Vier Jahre.«

»Und seit jener Zeit sind sie zuweilen wiedergekommen?«

»Madame war zweimal hier, Herr von Chambray aber ist nie wiedergekommen.«

»Und Madame hat hier übernachtet?«

»Ja, jedesmal war sie eine Nacht hier.«

»Und sie hat sich nicht gefürchtet?«

»Warum hätte sich die arme Kleine fürchten sollen? Sie hat ja nie einem Menschen in der Welt Böses gewünscht, wie hätte ihr der liebe Gott etwas Böses thun können!«

»Wo hat sie denn übernachtet?«

»In dem Zimmer, das sie als Mädchen bewohnte; ich werde es Ihnen zeigen.«

»Ja, kommen Sie – ins Schloß.«

Wir gingen auf das Herrenhaus zu.

Es war ein hübsches steinernes Gebäude aus der Zeit Ludwigs XIII., mit einem Schieferdach.

Zu dem Haupteingang, führte eine zierlich abgerundete Außentreppe von zehn bis zwölf Stufen mit einem schönen Geländer.

An der einen Seite des Vorsaales war das Speisezimmer, auf der andern der Salon.

Hinter dem Salon war eine Bibliothek.

Eine breite steinerne Treppe mit eisernem Geländer führte in den ersten Stock.

Durch die Hauptthür kam man in einen sehr gut erhaltenen, im Rococogeschmack decorirten Salon, an dessen Fenstern man die Aussicht auf den schönsten Theil des Parkes hatte.

Mitten durch den Park floß die Mayenne, eine kleine Brücke führte von einem Ufer zum andern.

Aus diesem Salon kam man in ein großes, mit grünem Damast ausgeschlagenes Schlafzimmer.

Die alte Josephine blieb in diesem Zimmer stehen und berührte meine Schulter.

»Hier in diesem Zimmer,« sagte sie, »ist das arme Kind geboren; am fünfzehnten September werden’s dreiundzwanzig Jahre. Das Bett steht noch an derselben Stelle. Die Mutter reichte mir die Neugeborne mit den Worten: »Josephine, hier nimm deine Tochter; ich fürchte, daß ich nicht mehr Zeit haben werde, ihre Mutter zu seyn.« – Die Ahnung der guten Dame ging leider in Erfüllung; drei Tage nachher war sie todt! – Zwei Jahre später vermälte sich ihr Vater wieder; aber er starb bald. Er hinterließ seiner zweiten Frau fünfhunderttausend Francs in baarem Gelde und seiner Tochter wohl dreimal so viel. Aber seine Tochter erbte schöne Landgüter und Schlösser, wie dieses. Warum Herr von Chambray sie verkauft, weiß ich nicht, aber ich glaube nicht, daß er die Absicht hat, noch schönere und bessere dafür zu kaufen. – Ach! die liebe arme Kleine! Als ich sie fünfzehn Jahre später in ihrer Brautnacht bleich und aus einer Kopfwunde blutend in diesem Bett hier liegen sah, da dachte ich an ihre arme Mutter, die sie mir anvertraut hatte, und ich dachte, ich würde das Unglück nicht überleben —«

»Ich verstehe Sie nicht recht,« unterbrach ich sie; »Sie sagen jetzt: fünfzehn Jahre nach ihrer Geburt in der Brautnacht – und vorhin sagten Sie, Frau von Chambray sey bald dreiundzwanzig und seit vier Jahren verheirathet: wie konnte sie sich zugleich mit fünfzehn und mit achtzehn Jahren verheirathen?«

»Die arme Kleine hat sich zweimal verheirathet, wenn man nemlich die erste Heirath mitzählen kann. Ich höre noch das Angstgeschrei meiner Zoe; ich eilte herbei – es war zu spät! Edmée lag da, bleich wie eine Wachskerze und aus einer Kopfwunde blutend.«

»Was war ihr denn geschehen?«

»Ach! das ist ein Geheimnis, das nie aufgeklärt worden ist. Nur Edmée und Zoe könnten reden; aber Keine von Beiden wollte über die Sache sprechen. Ich glaube, daß ihr der Unhold Montigny nach dem Leben getrachtet —«

»Wer war dieser Montigny?«

»Ihr erster Gemal, ein Protestant, ein Ketzer, ein Hugenott. Die Stiefmutter, eine Engländerin, hatte die Heirath zu Stande gebracht; glücklicherweise war der Priester —«

»Aha!« sagte ich, »da ist er wieder!«

»O ja, glücklicherweise, wie ich sagte.«

Ich fiel ihr ins Wort.

»Nicht wahr, ein kleiner Mann von fünf- bis sechsundfünfzig Jahren, mit kleinen grünen Augen, spitzer Nase, schmalen Lippen, dünnen dunkelbraunen Haaren —«

»Sie kennen den Abbé Morin, wie es scheint.«

»Der Abbé Morin heißt er?«

»Ja, ein sehr braver Mann, der die arme Kleine gefirmt hat. Er nahm sich ihrer an und setzte die gerichtliche Scheidung durch. Sie können denken, das es keine große Mühe kostete: ein Ehegatte, der seiner jungen Frau in der Brautnacht eine tiefe Kopfwunde beibringt —«

»Und was ist aus diesem Montigny geworden?«

»Er starb zwei Jahre später – wie ein Rasender und mit abscheulichen Verwünschungen gegen den guten Abbé Morin. Die arme Kleine wurde also Witwe, ohne Frau gewesen zu seyn.«

»O Gott! das ist ja schrecklich!«

Bald nachher heirathete sie Herrn von Chambray. Diese Heirath brachte der Abbé Morin zu Stande – und der Himmel hat diese Ehe gesegnet —i

»Glauben Sie denn,«– fragte ich, »daß Frau von Chambray glücklich ist?«

»Ja wohl. Die beiden Male, daß ich sie hier gesehen, sprach sie von ihrem Gemal mit aller Achtung, und so oft sie mir schrieb, versicherte sie, daß sie recht glücklich sey. Der gute Abbé nimmt sich ja ihrer an, und unter seiner Leitung kann ihr das Paradies in dieser und jener Welt nicht fehlen.«

»Und Sie sagten, daß sie bei ihren Besuchen in dem Zimmer übernachtet, welches sie einst als Mädchen bewohnte?«

»Ja.«

»Sie versprachen mir das Zimmer zu zeigen.«

»Ja wohl, es gehört ja Ihnen sammt allem Uebrigen.«

»Zeigen Sie es mir.«

Die alte Josephine schloß eine kleine Thür auf und wir traten unmittelbar aus dem großen grünen Zimmer in ein kleineres, mit blauem Atlas tapezirtes Zimmer.

An der Wand stand ein kleines Bett im Rocorogeschmack mit Vorhängen von weißem Musselin. Auf dem mit blauem Sammt ausgeschlagenen Camin stand eine kleine Stockuhr zwischen zwei Porzellanvasen und zwei Leuchtern. Der Spiegelrahmen war von Porzellan mit schön gearbeiteten Blumen.

Ein kleiner Schreibtisch von Rosenholz stand am Fenster; die Fauteuils und Stühle waren mit geblümtem blauen Atlas beschlagen.

In einer Ecke endlich stand ein Betschämel, und das über demselben angebrachte Marienbild war von so zarten, schönen Formen, daß man es für ein Werk Jean Goujou’s hätte halten können. Das Bild war von Marmor und die einzige Verzierung war ein schmaler Goldreif, der das Haupt und den Saum des Mantels umgab.

Noch mehr als durch dieses Meisterwerk der Bildhauerkunst wurde meine Aufmerksamkeit durch einen Kranz und einen Strauß von Orangenblüthen gefesselt, welche in der Nische neben dem Bilde aufgehängt waren.

»Es ist ihr Kranz und Strauß, den sie der heiligen Jungfrau gewidmet hat,« sagte die Alte, als sie bemerkte, mit welchem Interesse ich die beiden Gegenstände betrachtete.

Ich seufzte.

Das kleine Zimmer stimmte mich sehr wehmüthig; es war ja das Grab aller Erinnerungen, aller Freuden des jungen Mädchens; hier hatte sie mit ihrem jungfräulichen Schmuck alle ihre schönen Jugendträume zurückgelassen; hier war sie unter den Augen ihrer schönen Madonna herangeblüht; von hier war sie fortgegangen in die Welt voll Schmerzen und Verderbniß, welche man die Gesellschaft nennt. Sie hatte in den neuen Umgebungen ihr Engelslächeln, ihre rosige Frische verloren und die blasse Farbe der schon vom kalten Nordwinde berührten Herbstblumen angenommen; Thränen waren ihr Los – jener bittere Thau, der beim Anbruch stürmischer Tage fällt. Zweimal war sie wieder hier gewesen, vermuthlich um sich an dem Anblick ihrer Heimat zu kräftigen gegen die traurige Gegenwart und die düstere Zukunft.

Ohne die Anwesenheit der alten Josephine zu beachten kniete ich auf dem Betschämel nieder und drückte einen Kuß auf die Füße der heiligen Jungfrau, welche sie mit ihren Lippen gewiß oft berührt hat.

Am andern Morgen reiste ich ab, nachdem ich Josephine Gauthier das tiefste Stillschweigen über meinen Besuch, sowie über meinen Ankauf empfohlen hatte. Ich ließ ihr alle Schlüssel, mit Ausnahme des Schlüssels zu dem kleinen Zimmer.

Diesen nahm ich mit.

VIII

Ich begab mich wieder nach Evreux oder vielmehr in das Schloß -Reuilly.

Meine Abwesenheit hatte beinahe sechs Tage gedauert und Alfred von Senonches war von meiner Abreise nicht einmal in Kenntniß gesetzt worden.

Ich war so heiter und vergnügt, daß er mich erstaunt ansah.

»Du Glücklicher!« sagte er.

Ich antwortete nicht, ich wollte weder läugnen noch gestehen, daß ich glücklich war.«

»Ich weiß im Voraus, setzte er hinzu, »daß Du heute nicht mit mir nach Evreux kommen wirst.«

»Warum nicht?« fragte ich.

»Weil die Einsamkeit für Dich Bedürfniß ist, lieber Freund. Du sehnst Dich nach dem Rauschen der Bäume, nach dem Plätschern des Wassers, nach den durch das Laub dringenden Sonnenstrahlen. Mit diesen schönen Dingen habe ich nichts mehr zu thun und ich überlasse sie Dir zu meinem größten Bedauern. Ergehe Dich in deinen Träumen, verirre Dich in deinem Paradiese, Du Glücklicher; ich will dem Vaterlande nützliche Dienste leisten, ich will auf meinem Kanzleipapier schreiben; unterdessen schreibe Du auf deinem rosafarbenen Papier.«

Ich antwortete nicht, ich schloß ihn in meine Arme.

»Aha! Du bist noch mehr bei den Engeln, als ich glaubte,« sagte Alfred. »Und wenn ich mir denke, daß es eine Zeit gab, wo ich dem Wunsche, einen Freund zu umarmen, nicht widerstehen konnte, wo ich die Menschen meine Brüder nannte, wo ich alle Blumen des Paradieses hätte Haben mögen, um sie der Geliebten zu Füßen zu legen« – er lachte laut – »zum Glück ist jene Zeit vorüber. Wandle im Schatten der Buchen, träume und seufze; ich überlasse Dir Reuilly und gehe auf meine Präfectur.«

Alfred de Senonches warf sich in seinen Tilbury, nahm seinem Diener die Zügel ab, hieb auf sein Pferd ein und fuhr im Galopp davon.

Er ließ mich allein in der Einsamkeit des Parkes unter den hohen Bäumen, an dem silberklaren Strome – in der schönen Natur, der wahren Freundin der Menschen, der Glücklichen wie der Unglücklichen, die sich ihres Glückes freut, an ihren Leiden theilnimmt.

Sobald Alfred fort war, ging ich in den Park und suchte den einsamsten, schattigsten Ort auf, um mich wie ein Schüler in den Ferien in’s Gras zu legen.

Wie lange ich dort gelegen bin, weiß ich nicht; endlich erschien Georges und entriß mich meinen Träumereien.

Ich sah mich um.

»Entschuldigen Sie, daß ich Sie störe,« sagte Georges; »der Herr Pfarrer von Reuilly wünscht Sie in Abwesenheit – des Herrn Präfecten zu sprechen.«

Ich bemerkte wirklich den Pfarrer, der einige Schritte hinter dem Bedienten stand und den Hut in der Hand hielt.

Nichts rührt mich so sehr wie die Demuth bei einem Geistlichen, denn es ist eine Tugend seines Berufes, und es ist selten, daß der Mensch die Tugend seines Berufes ausübt.

Ich stand schnell auf, nahm meinen Hut ab und ging auf ihn zu.

Er war ein Mann von etwa vierzig Jahren. Seine Züge hatten einen sanften, wehmüthigen Ausdruck, seine Gesichtsfarbe war blaß und etwas kränklich. Er hatte große schwarze Augen und schöne weiße Zähne.

»Verzeihen Sie, daß ich Sie gestört habe,« sagte er mit sanfter Stimme; »aber Ihr Freund hat mich ein für allemal ersucht, zu jeder Stunde zu ihm zu kommen, wenn es sich um ein Werk der Wohlthätigkeit handle.«

»Daran erkenne ich meinen Misanthropen,« erwiederte ich lachend, und ersuchte den Pfarrer sich zu bedecken.

Aber er erwiederte wehmüthig lächelnd:

»Ich komme im, Namen der Armen und muß daher demüthig seyn, wie die, in deren Namen ich erscheine.«

Er bat mich seinerseits, meinen Hut aufzuseßen.

»Sie kommen im Namen Gottes,« antwortete ich, »es schickt sich daher für mich, vor Ihnen unbedeckt zu bleiben.«

»Ein kleiner, von sehr armen Leuten bewohnter Weiler,« fuhr der Pfarrer fort, »ist in Folge der Unvorsichtigkeit eines Kindes abgebrannt. Die nun in Trümmern liegenden Hütten, die nicht einmal einen Namen haben, sind kaum eine halbe Stunde von hier entfernt. Man hat eine Sammlung veranstaltet; Jedermann steuert nach Kräften bei; Gott sieht ja auf die gute Absicht und nicht auf die Größe der Gabe.«

Er zog ein Papier aus der Tasche. Es standen schon einige Unterschriften darauf.

Ich nahm zehn Louisd’or ans meiner Börse.

»Herr Pfarrer,« sagte ich, »hier ist meine Gabe. Haben Sie die Güte, mir Ihre, Liste hier zu lassen; mein Freund wird gewiß auch einen Beitrag zeichnen.«

»Es gehört zu den trostreichen Dingen in dieser Welt,« sagte der Pfarrer, »daß Gott den Reichthum oft in würdige Hände legt. Wenn ich noch zehn oder zwölf mildthätige Herzen fände, wie das Ihrige, so würden die armen Leute mehr wieder bekommen, als sie verloren haben.«

»O! Sie werden sie finden,« erwiederte ich, »zweifeln Sie nicht daran.«

Er verneigte sich, um sich zu entfernen.

»Ich werde Sie mit Ihrer Erlaubniß bis an’s Schloß begleiten,« sagte ich.

»Ich möchte Sie nicht bemühen —«

»Ich gehe in die Stadt.«

»Wenn das ist, nehme ich Ihre Begleitung mit Vergnügen an.«

Und da er seinen Hut nicht wieder aussetzen wollte, so gingen wir mit dem Hut in der Hand neben einander.

Vor der Thür fragte er mich:

»Wann erlauben Sie mir diese Liste wieder abzuholen? Ich sammle selbst die milden Gaben, und Ihre Freigebigkeit wird Andere vielleicht ebenfalls zur Freigebigkeit aneifern; von guten Beispielen erwarte ich viel.«

»Sie wollen nicht sagen: von der Eitelkeit und dem Stolz, Herr Pfarrer.«

»Ich sehe nur was man mir zeigt; Gott allein vermag die Herzen zu ergründen.«

»Ich will Sie nicht noch einmal hierher bemühen; ich werde mir die Erlaubniß nehmen, Ihnen die Liste mit den von mir eingesammelten Beträgen noch heute zu überbringen. Ich weiß wohl, schnelle Hilfe ist doppelte Hilfe.«

Der Pfarrer empfahl sich; erst vor dem Gitterthor setzte er den Hut auf.

Der Mann hatte mir mit seinem anspruchlosen und doch würdevollen Wesen ungemein gefallen; man erkannte in ihm auf den ersten Blick einen würdigen Diener Gottes.

Ich ließ einspannen; eine halbe Stunde nachher war ich in der Präfectur.

Alfred war sehr erstaunt mich zu sehen.

»Was ist denn geschehen?« sagte er.

»Wenn man mich gefragt hätte, wer da klopfte, so würde ich an Dich nicht gedacht haben. Brennt’s etwa in Reuilly? Ich hoffe doch, daß Du Dich wegen einer solchen Kleinigkeit nicht incommodiren würdest.«

»Nein,« antwortete ich, »es brennt nicht in Reuilly, aber draußen im Weiler scheint’s gebrannt zu haben.

»Ja, ich habe davon gehört; es sind fünf bis sechs Häuser abgebrannt.«

»Was für ein Mann ist dein Pfarrer?«

»Wie? mein Pfarrer? Habe ich denn einen Pfarrer?«

»Ich meine den Pfarrer von Reuilly?«

»O! ein vortrefflicher Mann – wenigstens halte ich ihn dafür.«

»Er muß wohl ein braver Mann seyn, da Du ihm unbedingten Zutritt bei Dir gestattet hast.«

»Das ist wahr.«

»Er hat diese Erlaubniß benützt, er hat gesammelt.«

»Ja, für die Abgebrannten. Der würdige Mann ist brustkrank; so wahr ich in zwei Jahren Deputirter seyn werde, wird er in zwei Jahren nicht mehr leben. Und trotzdem wird er vielleicht dreißig bis vierzig Stunden zu Fuß machen, um für die Abgebrannten tausend Francs zusammenzubringen. Solche aufopfernde Tugend bewundere ich, und nicht die dünkelhafte Mildthätigkeit unserer Excellenzen.«

»Ich widme ihr ebenfalls meine aufrichtige Bewunderung; ich habe nicht nur mein Schärflein beigesteuert, sondern auch eine Gabe von Dir versprochen.«

»Wie viel hast Du gegeben?«

»Zehn Louisd’or.«

»Aber Du ruinirst Dich!«

»Wie so?«

»Du wirst gewiß der Freigebigste im ganzen Departement seyn; aber der Präfect muß doppelt so viel geben wie der Freigebigste. Hier sind zwanzig Louisd’or. Ein andermal, Freund« ziehe meine Börse zu Rathe, und nicht die deinige, wenn Du wieder freigebige Anwandlungen bekommst.

Ich stand auf.

»Du willst schon gehen?« fragte Alfred.

»Ja, ich habe Vollmacht von dem Pfarrer und will ein gutes Haus in Contribution setzen. Diesen Abend bei Tisch sehen wir uns wieder.

Soll ich den Pfarrer einladen?«

»Lade ihn ein, aber er wird es ablehnen.«

»Warum denn?«

»Du weißt ja, daß er kränklich ist; er hält strenge Diät.«

»Das thut mir leid. Ich fürchte, daß ich gezwungen seyn werde, einen andern Abbé zu hassen, und es wäre mir gar nicht unlieb, diesen als Ersatz recht lieb zu haben.«

Ich verließ Alfred und stieg in mein Coupé.

»Zu Herrn von Chambray!« rief ich dem Kutscher zu.

Sie errathen, lieber Freund, warum ich dem Pfarrer die Liste abgenommen hatte.

Ich hatte darin sogleich einen schicklichen Vorwand zu einem Besuche bei Frau von Chambray gefunden.

Ich ließ fragen, ob Herr von Chambray zu Hause sey. Herr von Chambray war in Alencon.

Ich ließ fragen, ob Frau von Chambray sichtbar sey. Der Diener kam zurück und führte mich in den Solon.

Madame ließ mich ersuchen, einige Secunden zu warten. Ich sah mich um: prächtige Spiegel, schön verzierter Camin, weiche Teppiche, bequeme elegante Fauteuils und Sophas; kurz, ich sah, daß ich mich in einem reichen Hause befand.

Während ich den Solon musterte, that sich die Thür auf und Frau von Chambray erschien.

Sie trug ein kleines Spitzentuch unter dem Kinn zusammengebunden, und im Haar eine Narzrisse, weiß und bleich, wie ihr Gesicht.

»Entschuldigen Sie, Madame, daß ich mir die Freiheit nehme,« sagte ich mit mühsam behaupteter Fassung. »Ich hatte nach Herrn von Chambray gefragt, und man antwortete mir, er sey verreist; da erkühnte ich mich zu fragen, Sie sichtbar wären. Ich hoffte nicht, daß Sie die Güte haben würden, mich zu empfangen.«

»Es macht mir viel Vergnügen,« erwiederte sie; »denn seit unserer Unterredung habe ich mir mehr als einmal Vorwürfe gemacht, daß ich Ihnen nicht im Namen der Familie, der sie die Ruhe und Zufriedenheit wieder gegeben, gebührend gedankt habe. Nehmen Sie Platz und sagen Sie mir, was Sie von meinem Manne wünschten – wenn es sich nemlich zur Mittheilung an die Frau eignet.«

»Ich gestehe Ihnen aufrichtig, Madame, antwortete ich »daß ich nur aus Anstandsrücksichten nach Herrn von Chambray fragte; ich wünschte eigentlich Sie zu sprechen.«

Sie sah mich betroffen an.

»Oder wenn ich mich eines andern Ausdruckes bedienen soll, Madame,« setzte ich hinzu: »eine Geschäftssache führt mich zu Ihnen.«

Sie verneigte sich lächelnd.

»Als Sie mir gütigst erlaubten, Madame, etwas für Ihre Schützlinge zu thun, hatte ich die Ehre Ihnen zu sagen, daß ich an Sie denken würde, sobald sich die Gelegenheit zu einem guten Werke bieten würde —«

Sie stutzte.

»Diese Gelegenheit hat sich dargeboten, Madame. Ein kleines Dorf in der Nähe ist abgebrannt; der Pfarrer von Reuilly, der eine Sammlung für die Abgebrannten veranstaltet, kam diesen Morgen in das Landhaues meines Freundes Alfred von Senonches; Alfred war nicht zu Hause, ich nahm dem Pfarrer die Liste ab, übergab ihm mein Schärflein, eilte in die Präfectur, um Alfreds Gabe in Empfang zu nehmen, und komme jetzt zu Ihnen, um eine Beisteuer zu erbitten.«

Die zuvor sehr blassen Wangen der jungen Dame bedeckten sich mit einer lebhaften Röthe; sie schien zu zittern und wischte sich einige Schweißtropfen von der Stirn.

Aber plötzlich lächelte sie und zog einen Brillantring vom Finger.

»Hier ist meine Gabe,« sagte sie aufstehend.

Ich sah sie erstaunt an.

»Sie verweigern die Annahme?« fragte sie.

»Nein« Madame,« antwortete ich; »aber ich verstehe Sie nicht, dieser Ring ist fünfhundert Francs werth, ohne die Arbeit, die, wie es scheint, von Froment Meurice ist.«

Sie antwortete nicht und hielt mir fortwährend den Ring hin.

»Ich wollte Sie nur um eine kleine Gabe bitten,« setzte ich hinzu, »um ein Almosen, wie man es in die Büchse einer Sammlerei legt – einen Louisd’or zum Beispiel.«

Sie lächelte mit Wehmuth. Lieber Freund, dieses Lächeln werde ich nie vergessen!

»Herr von Villiers,« sagte sie, »einem Manne wie Sie sind kann man Alles sagen: einem Herzen wie das Ihrige kann man Alles anvertrauen.«

»Reden Sie« Madame.«

»Es gibt Augenblicke, wo es einer Frau, die über ihr Vermögen nicht verfügen kann, leichter ist einen Ring zu geben im Werthe von fünfhundert Francs – als einen Louisd’or.«

Sie ließ den Ring in meine Hand gleiten und verließ das Zimmer.

Ehe sie die Thür geschlossen hatte, hörte ich sie schluchzen.

Ich sah mich noch einmal im Salon um und war fast« entsetzt über den darin herrschenden Luxus.

»O mein Gott!« sagte ich, »ist es möglich, daß eine Frau, die ihrem Manne zwei Millionen Heirathsgut zugebracht, nach vierjähriger Ehe nicht einmal einen Louisd’or für Abgebrannte zu geben hat? Ach, eine solche Frau ist ärmer, elender, beklagenswerther, als die, für welche ihre Mildthätigkeit in Anspruch genommen wird.«

Ich drückte den Ring an meine Lippen und eilte aus dem Salon. Ich mußte in’s Freie, ich glaubte zu ersticken.

Und sie hatte sich in allen ihren Briefen an Josephine Gauthier nicht beklagt, sie hatte ihr zu verstehen gegeben, daß sie glücklich sei!

Sie mußte ein Engel seyn.

* * *

Denselben Abend brachte ich dem Pfarrer von Reuilly tausend Francs: vierhundert im Namen Alfreds, sechshundert im Namen der Frau von Chambray.

Diese sechshundert Francs waren der Werth des Ringes nach der Schätzung des ersten Juweliers in Evreux.

Zweiter Teil

I

Ich hatte nicht vergessen, was mir Gratian. der künftige Gatte der kleinen Zoe, gesagt hatte:

»Ich warte bis ich von einem unbekannten Onkel in Amerika dreitausend Franks erbe, um mich für meine Rechnung besetzen zu können; bis dahin begnüge ich mich mit meinem täglichen Erwerb von fünfzig Sous.«

Von meinem Gewinn blieben mir fünftausendfünfhundert Franks, überdies die dreihundert Francs. die mir Zoe. wie Gratian sagte. schuldig war.

Am Tage nach meinem Besuche bei Frau von Chambray, die einen Theil des auf ihrem Leben liegenden Schleiers gelüftet und deshalb einen so tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte, reiste ich noch Bernay, ohne Alfred davon in Kenntniß zu setzen. Es sollte Niemand wissen, wohin ich ging.

Uebrigens war der liebe Alfred. das muß ich ihm lassen, nichts weniger als neugierig oder zudringlich.

Ich fragte ihn blos, ob ich eines seiner Reitpferde auf zwei oder drei Tage benutzen könne, und auf seine bejahende Antwort ließ ich satteln und einen leichten Mantelsack auflegen. Um meine Absichten nicht zu verrathen, ritt ich in einer andern Richtung fort und erreichte die nach Bernay führende Landstraße auf einem Umwege.

Bernay war das Ziel meiner kurzen Reise.

In Beaumont-la-Roger ließ ich mein Pferd ausruhen. Zwei-Stunden nachher war ich zu Bernay im Gasthause zum »goldenen Löwen.«

Ich war in Bernay ganz unbekannt. Ich war noch nie da gewesen. Ich mußte daher bei meinem Wirthe Erkundigungen einziehen.

Ich fragte zuerst nach dem Schlosse des Herrn von Chambray.

Das Schloß lag auf einem Hügel im Charentonnethale. Der reizende kleine Fluß, der dem Thale den Namen gibt, floß in malerischen Windungen an dem Park vorbei und begrenzte denselben auf der einen Seite. Etwas weiter aufwärts theilten sich die beiden Arme. um sich jenseits des Städtchens wieder zu vereinigen und in südlicher Richtung weiter zu fließen.

Dies war Alles was ich wissen wollte.

Ich ging auf das Schloß zu. – Es war ein Gebäude aus der neuesten Zeit, die ganze Facade zeigte die kahlen, geraden Formen, die den Bauwerken aus dem Anfange des neunzehnten Jahrhunderts eigen sind.

Sehr schön war Übrigens der Park, der das Schloß umgab. Er war etwa einen halben Kilometer von den letzten Häusern des Städtchens oder vielmehr Dorfes entfernt.

Am Ende des Ortes bemerkte ich einen Zettel an einer Hausthür. Es war ein hübsches, pittoreskes Häuschen, aus Bruchsteinen und Holz erbaut. Balken und Fensterläden waren grün angestrichen; oben auf dem Strohdache blühte ein ganzes Beet von Schwertlilien.

Thüren und Fensterläden waren geschlossen; aber auf dem Zettel stand, daß man sich an Herrn Dubois. Kirchengasse Nr. 12. zu wenden habe.

Die Kirchengasse war ganz in der Nähe. Ich schellte bei Herrn Dubois.

Der alte Mann machte eben seinen gewohnten Spaziergang; aber in seiner Abwesenheit erbot sich ein kleines Mädchen, das sich als seine Nichte zu erkennen gab, mir das Häuschen zu zeigen.

Ich nahm das Anerbieten an. Die Kleine nahm den Schlüssel und ging schnell und geschäftig voran; sie schien sich auf dieses Beschließeramt nicht wenig einzubilden.

Das kleine Haus hätte mir nicht besser gefallen können, wenn ich selbst den Plan gemacht hätte. Das Erdgeschoß bestand aus einem großen Zimmer, das als Kaufladen oder Waarenlager benutzt werden konnte, aus einem kleinen Zimmer und einer Küche. Im ersten Stocke waren zwei Zimmer.

Alles dies war naiv eingetheilt, wie in den kleinen hölzernen Häuschen, die man den Kindern als Spielzeug kauft und deren wohl dreißig sammt den aus Papier geschnittenen Bäumen in eine Schachtel gehen.

Ein Gärtchen gehörte zu dem Hause. Aus dem Gärtchen und den Fenstern sah man das Schloß Chambray.

Ich fragte nach dem jährlichen Miethpreise. Die Kleine sagte: hundertfünfzig Francs.

Auf meine Frage, ob das Haus zu verkaufen sey, antwortete die Kleine. sie wisse es nicht, ich müsse ihren Onkel Dubois fragen. Dieser Name fiel mir zum zweiten Male auf, ich glaubte ihn schon gehört zu haben.

In diesem Augenblicke hörte ich hinter mir ein Geräusch.

Ich sah mich um und bemerkte einen alten Mann. den ich leicht als den Eigenthümer erkannte.

Der alte Mann. ein Sechziger, hatte kleine lebhafte Augen und eine stark gebogene Nase; das ganze Gesicht hatte den Ausdruck der Schlauheit.

Wir begrüßten uns und ich erneuerte die Frage, die ich bereits an seine Nichte gerichtet hatte.

»Nun, das kommt auf den Preis an,« sagte er.

Ein Normann sagt bekanntlich nie ja oder nein.

»Auf was für einen Preis?« fragte ich.

»Auf den Preis, den Sie mir geben würden.«

»Ich habe den Preis nicht zu bestimmen, erwiederte ich; »Ihr habt als Verkäufer einen Preis zu fordern.«

»Auf dem Zettel steht, daß das Haus zu vermiethen ist, von einem Verkauf ist nicht die Rede.«

»Ihr wollt es also nicht verkaufen?«

»Das sage ich nicht.«

Ich fing an ungeduldig zu werden.

»Ich habe nicht lange Zeit,« sagte ich. »Macht es kurz.«

»Das freut mich.« sagte er.

»Wie, das freut Euch.«

»Ja. ich mache gerne Geschäfte mit Leuten, die keine Zeit haben.«

»Ich möchte gern ein Geschäft mit Euch machen, aber Ihr müßt mir entschieden antworten.«

Der Alte sah mich etwas betroffen an.

»Was meinen Sie damit?« fragte er.

»Ich meine damit. daß Ihr ja oder nein antworten müßt auf die ganz einfache Frage: Wollt Ihr euer Haus verkaufen oder nicht.«

»Wie wär’s erwiederte er, »wenn wir zu Herrn Blanchard gingen?«

»Wer ist Herr Blanchard?«

»Der Notar.«

»Gut, gehen wir zum Notar.«

»Kommen Sie.«

Die Kleine blieb in der Thür stehen. Der Onkel hatte ihr durch einen Wink zu verstehen gegeben. daß wir wahrscheinlich wiederkommen würden. – Wir begaben uns zu dem Notar.

Der ehrenwerthe Mann des öffentlichen Vertrauens war zu Hause.

Ein junger Springinsfeld von zwölf bis fünfzehn Jahren führte uns in die Schreibstube. Das ganze Kanzleipersonal schien aus diesem jungen Menschen zu bestehen.

Der Notar war, wie es sich für eine Respectsperson seines Standes ziemt, in weißer Cravate. Dabei trug er eine grüne Brille, aber nicht auf der Nase. sondern auf der Stirn.

Als wir eintraten, schob er die Brille geschwind herunter.

Ich merkte wohl, daß Maitre Blanchard die Brille gegen seine Clienten und nicht zum Lesen und Schreiben brauchte. Er war auch ein Normann.

»Grüß Gott, Herr Blanchard und Ihre werthe Gesellschaft, sagte der Bauer, obgleich der Notar ganz allein war.

»Da ist ein Herr, der durchaus mein Haus kaufen will.«

Dabei zeigte er mit dem Finger auf mich. »Ich wollte Sie fragen, ob ich’s verkaufen kann.«

Der Notar verneigte sich gegen mich; dann antwortete er dem Bauer::

»Allerdings könnt Ihr’s verkaufen. Freund, es gehört ja Euch.«

»Ich habe kein Geld nöthig,« setzte der Bauer hinzu; »das wissen Sie wohl, Herr Blanchard, und ich werde das Haus nur hergeben, wenn ich einen guten Preis dafür bekommen könnte.«

»Herr Notar,« sagte ich, »meine Zeit ist sehr beschränkt. Wenn es in Ihrer Macht steht, so haben Sie die Güte, diesen Mann zu einer schnellen Erklärung zu bewegen. Es gibt wahrscheinlich noch mehr Häuser in Bernay zu verkaufen oder zu vermiethen.«

»O ja,« antwortete der Notar.

»Es gibt wohl noch Häuser,« setzte der Bauer hinzu, »aber keines wie das meinige.«

»Warum nicht wie das eurige?«

Der Bauer schüttelte den Kopf.

»Ich sage, was ich sage,« antwortete er.

»Herr Notar,« sagte ich, »der Miethpreis ist mir bekannt: hundertfünfzig Francs jährlich.«

»Wer hat Ihnen das gesagt?« unterbrach der Bauer.

»Das kleine Mädchen. das mir das Haus zeigte.«

»Es ist ein albernes Ding. Sie wollen ja auch mein Haus nicht miethen, sondern kaufen.«

Gut, ich wills kaufen,« sagte ich zum Notar; »suchen Sie also aus Ihrem Clienten den Preis herauszubringen.«

»Ich hab’s Herrn Blanchard schon gesagt.« fiel der Bauer wieder ein; »unter sechstausend Francs gebe ich das Haus nicht her, und davon geht kein Saus ab.«

Dies war das Doppelte des Wertes.

Ich stand auf, nahm meinen Hut und wollte fortgehen.

»Bedenkt doch, Papa Dubois,« sagte der Notar.

Dieses Wort: »Papa Dubois« erinnerte mich an meine Unterredung mit Gratian, dem Bräutigam der kleinen Zoe.

Als der Bauer sah, daß ich meinen Hut nahm, streckte er einen Arm nach mir aus, als ob er mich zurückhalten wollte.

»Wo wollen Sie denn hin?« sagte er, »man zahlt ja nicht gleich einen verlangten Preis.«

Ich sah wohl« daß ich mit einem echt normännischen Schacherer zu thun hatte.«

»Höret, mein lieber Mann,« sagte ich. »Ein Miethzins von hundertfünfzig Franks stellt den Werth eines Hauses auf dreitausend Francs. Ich gebe Euch dreitausend Francs für das Haus. Es sind dreizehnhundert mehr als der Preis, für den Ihr Jean-Pierre verkauft habt.«

»Jean Pierre! – Jean Pierre verkauft!« stammelte Dubois.

»Ja, euren letzten Sohn, den sogenannten Kürassier,« erwiederte ich. – »Herr Notar,« setzte ich, meine Uhr hervrorziehend, hinzu, »es ist zwei Uhr. Bis vier Uhr will ich ein anderes zu verkaufendes oder zu vermiethendes Haus suchen. Um vier Uhr will ich wieder zu Ihnen kommen. Wenn Ihr Seelenverkäufer kein Haus für dreitausend Franks verkaufen will, so halten Sie den Contract bereit, ich verspreche Ihnen den Vorzug vor Allem was ich bis dahin sehen werde. Wenn Ihnen der Preis nicht genehm ist, so werde ich mit einem Andern unterhandeln. Adieu, Herr Notar, ich lasse

Ihrem Clienten zwei Stunden Bedenkzeit.«

Ich entfernte mich und ging wieder in den Gasthof »zum goldenen Löwen.« In der sichern Erwartung, daß mir der alte Dubois sein Haus zu dem von mir gebotenen Preise lassen würde, ließ ich mein Pferd satteln und ritt einen reizenden Weg am Ufer der Charentonne bis nach Rose-Moray.

Schlag vier Uhr war ich wieder vor dem Hause des Notars.

Ich rief einen Bettler, dem ich ein Geldstück gab, um mein Pferd zu halten, und ging in die Schreibstube.

Ich fand Maitre Blanchard an derselben Stelle und in derselben Haltung. Es war seine officielle StelIe und Haltung.

»Nun, was hat der alte Dubois beschlossen?« fragte ich.

»Er will Ihnen das Haus lassen,« antwortete der Notar; »aber er verlangt hundert Franks Nadelgeld für seine Nichte.«

»Ich gebe dreihundert,« erwiederte ich, »unter der Bedingung, daß dieses Geld in Ihren Händen bleibt, daß Sie es fruchtbringend anlegen und daß Sie es ihr an ihrem neunzehnten Geburtstage oder an ihrem Hochzeitstage übergeben.«

»Der Papa Dubois wird schön angeführt,« sagte Maitre Blanchard lächelnd.

»Das glaube ich wohl: er wollte die hundert Francs für sich behalten.«

»Natürlich,« versetzte der Notar.

»Ich bin nicht ganz Ihrer Meinung,« entgegnete ich; »doch das thut nichts zur Sache. Ist der Kaufcontract fertig?«

»Ja, wohl, der Verkäufer hat ihn schon unterzeichnet.«

Ich nahm die Feder.

»Warum Sie,«sagte Maitre Blanchard; »auch dem Gesetze muß der Vertrag, bei Strafe der Ungültigkeit, den Parteien vorgelesen werden.«

Er las mir den Vertrag vor. Der Empfang von dreitausend Franks wurde darin natürlich bestätigt.

Während Maitre Blanchard las, nahm ich die tausend Thaler aus der Brieftasche und legte sie in drei Banknoten auf den Tisch.

Als der Kaufkontrakt vorgelesen war, unterschrieb ich.

Es blieben noch die Gebühren des Notars zu bezahlen.

Diese betrugen, mit Inbegriff der Einregistrirung, achtzig Francs.

Ich gab ihm eine Banknote von hundert Franks unter der Bedingung, daß die übrigen zwanzig Francs dem armen kleinen Teufel, der das ganze Kanzleipersonal ausmachte, ausgezahlt werden sollten.

Maitre Blanchard übergab mir nun die Schlüssel des Hauses.

Ich ersuchte ihn, sie bis auf weiteres in Verwahrung zu behalten und empfahl mich.

Vor dem Hause fand ich mein Pferd nicht mehr von dem Bettler, sondern von einem kleinen Knaben, der mir bis ans Knie reichte, bewacht.

Ich wollte ihm den Zügel aus der Hand nehmen.

»Cè ty à tè, le cheval?«1 fragte der Kleine in seinem Patois.

»Ja. es gehört mir,« antwortete ich mit einem halbmißlungenen Versuch, in demselben Dialekt zu sprechen.

»Mußt es beweisen,« versetzte der Kleine und zog den Zügel an sich.

Ich rief den Notar und ersuchte ihn, dem Berwahrer meines Pferdes zu bezeugen, daß das Pferd wirklich mir gehöre.

Der Notar erfüllte meinen Wunsch und ich kam wieder in den Besitz meines Rosses.«

Der Knabe verdiente dabei ein Fünffrankenstück.

»Jetzt kann ich beschwören,« sagte er, »daß das Pferd dem Herrn gehört.«

Ich wandte mich noch einmal zu dem Notar und sagte:

»Dieser kleine Mensch wird gewiß einst ein famöser Client für Ihren Nachfolger.«

Ich begab mich wieder in den Gasthof, ließ hier Alfreds Pferd zurück und fuhr um fünf Uhr mit dem Postwagen nach Lisieux.

Drei Tage nachher war ich, wie ich Alfred versprochen, wieder in Evreux.

II

Vierzehn Tage nachher war ich wieder im Gasthof »zum goldenen Löwen.«

Dieses Mal war ich zur Hochzeit Gratians und Zoe’s nach Bernay gekommen; denn das Domicil des jungen Mannes war zu Bernay, bei dem Tischlermeister Guillaume, in der Hauptstraße. Das Domicil der Braut war im Schlosse Chambray, dessen Lage wir beschrieben haben, und wohin sie ihrer Milchschwester gefolgt war.

Die Gräfin hatte für den Brautschmuck gesorgt, und Zoe sollte im Schlosse abgeholt werden.«

Für die dreihundert Francs, die von dem Kauf Jean Pierre’s übrig geblieben waren, hatte Gratian den Hochzeitschmaus im Gasthofe »zum goldenen Löwen« bestellt. Frau von Chambray hatte von ihrem Gemal die Einwilligung erhalten, zur Hochzeit zu gehen; er selbst mochte bei diesem Feste, das er als eine Last betrachtete, nicht erscheinen.

Der Hochzeitstag kam. Gratian, von meiner Ankunft benachrichtigt, hatte mir Abends vorher einen Besuch gemacht.

Frau von Chambray und Zoe waren Abends auch angekommen.

Ich hatte den Wirth »zum goldenen Löwen« veranlaßt, im Namen der Frau von Chambray die Mutter der Braut von Juvigny holen zu lassen.

Die gute Alte hatte so sehnlich gewünscht, ihre Kleine, wie sie die Gräfin nannte, wiederzusehen, daß ich ihr den Wagen schickte und hundert Franks für kleine Einkäufe übergeben ließ; denn aus den Beobachtungen, die ich bei der Sammlung gemacht hatte, zweifelte ich daß ihr Frau von Chambray dieses Glück verschaffen könne. Ich schrieb ihr, es sey von dem neuen Besitzer des Schlosses, und machte zur Bedingung« daß sie diesem nicht dafür danken sollte.

Alles dies konnte ich ihr noch einmal ans Herz legen, denn sie kam eine Stunde früher von Juvigny an, als Frau von Chambray und Zoe von Evreux eintrafen.

Zoe fand also im Schlosse ihre Mutter und die Gräfin ihre Amme.

Abends machte ich einen Spazirgang. Seit dem Tage, wo mir Frau von Chambray ihren Ring für die Abgebrannten gegeben, hatte ich sie nicht wiedergesehen. Diesen Ring, den ich natürlich nicht verkauft, sondern nur nach denn Schätzungswerthe bezahlt hatte, trug ich an einer dünnen goldenen Kette auf der Brust.

Ich hatte keine Hoffnung sie zu sehen; aber ich fühlte, mich unwillkürlich zu ihrer Wohnung hingezogen.

Es wurde Abend, als ich aus dem Städtchen ging. Ich ging am Ufer der Charentonne fort und befand mich bald an der zur Kirche Notre-Dame de la Coulture führenden Treppe.

Ich ging die Treppe hinauf und befand mich auf einem kleinen Friedhofe.

Ein echt ländlicher Friedhof, öde und traurig wie der Gottesacker Gray’s. Im Schimmer der letzten Sonnenstrahlen, die sich wie leuchtende Lanzen über die Erdfläche erstreckten, las ich einige Grabschriften, welche Zeugniß gaben von der Einfalt der Verstorbenen und von der Naivität der Ueberlebenden.

Dann ging ich in die Kirche. – Ich glaubte sie verödet zu finden. Ich irrte mich. In einer Ecke betete eine weibliche Gestalt.

Sie war in einen großen Shawl gehüllt und ich konnte ihr Gesicht nicht sehen; aber ich stutzte. Eine Stimme flüsterte mir nicht ins Ohr, sondern ins Herz:

»Sie ist’s!«

Ich stand still und drückte die Hand auf die Brust, denn mein Athem stockte.

Mein fester Wille siegte indeß schnell über meine Befangenheit. Ich ging in den dunkelsten Winkel der Kirche, und lehnte mich an einen Pfeiler nahe an die Thür. Von da betrachtete ich sie.

Ein Strahl der scheidenden Sonne fiel durch ein Kirchenfenster, und ließ die Betende in einem überirdischen Strahlenglanze erscheinen.

Aber der Sonnenstrahl fing an allmälig zu erblassen und erlosch endlich ganz.

Warum wurde mein Herz so beklommen bei diesem Anblick als ob jenes Licht, das ihr der neidische Himmel entzog, ihre Seele gewesen wäre, die, eine kleine Weile in diese Welt verbannt, wieder zum Himmel, ihrer wahren Heimat, aufstieg?«

Bald war sie von Dämmerung umgeben, und eine Bewegung, welche sie machte, zeigte mir an, daß ihr Gebet zu Ende war.

Ich wurde unwillkürlich an den Vers Hamlet"s erinnert:

 
– Nymphe, wenn Du betest,
Gedenke aller meiner Sünden.
 

Sie stand auf, küßte den rechten, auf dem Kopf der Schlange stehenden Fuß der heiligen Jungfrau, ging auf den Armenstock zu und warf ein Geldstück hinein.«

Ich wußte – und Gott wußte es auch – wie schwer ihr selbst das geringste Almosen wurde!

Als sie den Armen ihr Schärflein geopfert, ging sie auf die Thür zu. Ich trat nun aus dem Dunkel hervor, um meine Fingerspitzen in das Weihwasser zu tauchen, und ihr meine nassen Finger zu bieten.

Sie erkannte mich. Die Ueberraschung entlockte ihr einen leisen Schrei. Ich glaubte sie unter ihrem Schleier erblassen zu. sehen. Aber sie zog einen Handschuh aus, berührte meine Fingerspitzen mit den ihrigen, schlug ein Kreuz und entfernte sich.

Ich schaute ihr nach, bis sich die Thür hinter ihr geschlossen hatte und ihre Fußtritte nicht mehr zu hören waren. Dann kniete ich an derselben Stelle nieder, welche sie verlassen hatte.

Ich will nicht sagen, daß ich betete, ich habe kein Gebet gelernt. Ich gehe in eine Kirche um nachzudenken, meinen Geist zu sammeln. Wenn ich Gott um etwas zu bitten, ihm für eine Wohlthat zu danken habe, so thue ich es nicht mit erlernten, fremden Lippen entlehnten Worten, sondern mit Gefühlen, die meinem Herzen entströmen und sich nicht immer in Worten aussprechen. Ich befinde mich dann in einem beschaulichen, dem Treiben der Welt entrückten, ich möchte fast sagen träumerischen Seelenzustande; mein Geist scheint Schwingen zu bekommen und himmelwärts getragen zu werden. Ich spreche mit Gott nicht wie Moses auf dem Sinai, nicht im Angesicht des feurigen Busches und von leuchtenden Blitzen umgeben, sondern wie der singende Vogel, wie die Blume, die ihren Duft verbreitet, wie der plätschernde Bach. Ich bete nicht mit Worten, ich bin ganz im Anschauen des Ueberirdischen versunken. Ich wende mich nicht zu dieser oder jener Himmelsgegend. Ich sage zu dem Winde: Du magst von Nord oder von Süd, von Ost oder West wehen, ich weiß daß Du meinen Hauch zu Gott empor trägst, durch den ich lebe, den ich segne, daß er mir so viel Liebe und so wenig Haß ins Herz gelegt hat.

Und ich entferne mich ruhigen, vertrauensvollen, aber doch wehmüthigen Herzens. Gott weiß, es ist nicht Zweifel, nicht Reue, es ist Demuth.

Ob sie mich in ihr Gebet eingeschlossen hatte? Ich weiß es nichts aber ich dachte in meiner Stimmung fast ausschließlich an sie.

Als ich aufstand, war es ganz dunkel, Durch die Kirchenfenster fielen nicht mehr Sonnenstrahlen, sondern das matte Licht des Mondes. Die heilige Jungfrau sah in diesem bleichen Schimmer aus wie eine silberne Statue.«

Ich stand auf und ging an den Armenstock. Ich glaubte in der Gabe, die sie hineingelegt hatte, ein Zweifrancsstück zu erkennen. Ich griff in die Tasche und fand ein gleiches Geldstück; ich gab dasselbe was sie gegeben hatte. Dann verließ ich die Kirche.«

Auf der höchsten Stelle des Friedhofes sah ich das Schloß.

Nur ein einziges Fenster war hell. Es war offenbar ihr Fenster.

Dieses Fenster das man von der Kirche sah, mußte man auch von Gratian’s Hause sehen.

Ich weiß nicht wie es kam, ich dachte in diesem Augenblicke an diesen Umstand, der mir vor vierzehn Tagen, als ich das Haus kaufte, nicht eingefallen war.

Sonderbar, dieser Gedanke, statt mich zu erfreuen, beklemmte mir das Herz. Ob ich schon ahnte, was ich beim Anschauen dieses Lichtes einst leiden sollte?

Ich setzte mich auf eine Bank und blieb sitzen, bis das Licht erlosch.

Als ich zwischen den im Mondlichte schimmernden Grabsteinen hindurchging, schlug eine Nachtigall in einem Rosengebüsche, welches das Grab eines jungen Mädchens bedeckte. Meine Fußtritte verscheuchten den lieblichen Sänger.

Ich ging die Treppe hinunter. Der kurze Weg am Ufer der Charentonne führte mich in den Gasthof zurück.

Es war Mitternacht vorüber. Fünf bis sechs Stunden waren wie ein kurzer Traum vergangen.

Ich dachte beim Schlafengehen an das freundliche jungfräuliche Kämmerlein im Schlosse Juvigny und schlief ein, während ich Edmée’s Ring an meine Lippen hielt.

Warum war sie seit diesem Abende für mich Edmée und nicht mehr Frau von Chambray?«

Am andern Morgen um zehn Uhr war Gratian im Gasthofe »zum goldenen Löwen«. Er fand mich bereit. – Die Trauung wurde um halb elf Uhr auf der Maire und um eilf in der Kirche vollzogen.

Der Bräutigam ersuchte mich, da ich der einzige Herr sey, der Gräfin meinen Arm zu geben.

Ich war ganz betroffen« und wurde gewiß blaß. Der Gedanke, daß ihr Arm auf dem meinigen ruhen sollte, raubte mir alle Fassung. Ich fing an zu begreifen, daß ich Edmée unersättlich liebte, und gleichwohl war ich auf den Grafen Chambray nicht im mindesten eifersüchtig.«

»Der Graf wird also nicht kommen?« fragte ich Gratian.

Er lachte.

»Nein,« antwortete er, »der Graf ist zu stolz, um armen Leuten, wie wir sind, die Ehre zu geben.«

»Aber die Gräfin ist doch nicht stolz,« fragte ich-

»O nein,« erwiederte Gratian, »sie ist eine liebe gute Dame.«

»Aber ich kenne sie ja kaum,« entgegnete ich; »ich weiß nicht, ob ich es wagen darf ihr meinen Arm zu bieten.«

»O! das macht sich ganz von selbst,« meinte Gratian.

»Sie können doch kein Bauernmädchen führen und sie kann sich nicht von einem Bauern führen lassen.«

»Sie wird wahrscheinlich zur Kirche fahren. dann kann ich ihr nicht meinen Arm bieten.«

»Die liebe gute Dame – fahren, während wir zu Fuße gehen! Man sieht wohl. daß Sie sie nicht kennen. Sie wird zu Fuße gehen wie wir. Es ist ja auch gar nicht weit dem Schlosse zur Kirche. – Aber« setzte Gratian hinzu. »wir werden um ein Viertel auf Eilf im Schlosse erwartet; wir wollen nicht auf uns warten lassen.«

»Ich sehe wohl,« erwiederte ich. »Du bist neugierig, wie deiner Zoe der Brautkranz steht.«

»O! ich bin ganz ruhig,« sagte Gratian, »er wird ihr nicht weh thun.«

»So komm.«

Unterwegs gesellten sich nach Freunde Gratians zu uns, Einige warteten vor den Thüren, Andere an den Straßenecken. Die Freundinnen der Braut waren im Schlosse versammelt.

Außerhalb des Städtchens erwarteten uns zwei Geiger mit bebänderten Instrumenten.

Wir kamen mit Sang und Klang aufs Schloß. Das Gitterthor war offen. Fünf oder sechs Mädchen warteten ungeduldig auf dem Rasenplatz. Sie riefen: »Da kommen sie!« und eilten auf die äußere Treppe zu.

»Es fällt mir ein,« sagte ich zu Gratian. »ich habe der Gräfin nicht den Arm zu geben, sie muß ja Zoe führen, und ich führe Dich. wenn Du willst.«

»Ja wohl,« sagte er, »auf dem Wege zur Kirche aber wenn wir zurückkommen und Zoe meine Frau ist, muß ich sie doch führen.«

»Das ist ist,« wahr sagte ich.

Gratian ging schnell die Schloßtreppe hinauf, oben vor der Thüre stand er still.

»Ich wäre wahrhaftig beinahe vorangegangen,« sagte er. »Treten Sie ein, Ehre dem Ehre gebührt!«

Ich ging hinein. Frau von Chambray machte sich mit dem Kranz auf dem Kopfe der Braut zu thun.

Ich glaubte zu bemerken, daß ihre Hand zitterte.

Ich bot der Braut die Hand und begrüßte die Gräfin mit einer ehrerbietigen Verbeugung.

Zoe warf einen Blick auf die Tischuhr. Sie hätte Gratian gern den Vorwurf gemacht, daß er sich verspätet, aber es ging nicht an, wir waren noch zwei Minuten früher gekommen.

Ich sah mich im Salon um. In einer Ecke bemerkte ich die gute alte Josephine, die zum Zeichen des Dankes die Hände faltete.

Der Zug setzte sich in Bewegung, die Braut voran. Rechts ging ihre Mutter, links die Gräfin. Diese hatte sich geweigert, den ersten Platz einzunehmen. Dann kam der Bräutigam, der zwischen seinem Oheim und mir ging. Gratian hatte keine Eltern mehr.

Die übrigen Hochzeitsgäste folgten. Jeder junge Bursche führte das Mädchen, das ihm am besten gefiel. – Auf dem Lande werden die künftigen Heirathen sehr oft auf Hochzeiten geschlossen.

Der Sitte gemäß ging die Civiltrauung voran, dann begab sich der Zug zur Kirche.

Ich nahm meinen Platz zur Linken Gratians ein. Die Gräfin ging zur Rechten der Braut. Der Pedell wies uns diese Plätze an.

Wir kamen um fünf Minuten zu früh. Der Geistliche war noch in der Sakristei. Schlag eilf Uhr kam er heraus und ging an mir vorüber.

Als ich ihn in der Thür der Sacristei erscheinen sah, wandelte mich ein seltsames Gefühl an. Ich hatte den Mann nie gesehen, und doch glaubte ich ihn zu erkennen. Es wurde mir fast unheimlich zu Muth. als ich die dünnen Lippen, die spitze Rase. die kleinen. tiefliegenden Augen, die dicht anliegenden schwarzen Haare ansah.

Ich trat auf Gratian hinzu.

»Ist es nicht der Abbé Morin?« fragte ich.

»Ja,n antwortete er erstaunt.«

»Ein braver Mann?«

»Hm! Hm!«

Ich sah Frau von Chambray an. Sie war leichenblaß.

Der Abbé hatte ihr im Vorübergehen einen sonderbaren Blick zugeworfen.

Ein Fremder hätte geschworen. es sey ein giftiger, hämischer Blick gewesen. Ich legte diesem Blick keine besondere Bedeutung bei; aber wie kam es, daß die Eifersucht. die mir bis dahin ganz fremd gewesen war, plötzlich durch den Anblick dieses Mannes in mir erweckt wurde?

Ich erinnerte mich, mit welchem Tone mir Zoe gesagt hatte: »Diese Heirath hat der Abbé Morin zu Stande gebracht.«

Von diesem Augenblick an sah und hörte ich nichts mehr.

Mein Geist verlor sich in einem Labyrinth von Muthmaßungen.

Ich glaubte indeß zu bemerken, daß mich der Abbé während des Gottesdienstes einige male mit einem stechenden Blicke ansah. Und jedes mal hatte ich ein Gefühl. als ob mir das Herz mit einem eiskalten Stahl durchbohrt würde.

Es war nicht zu verkennen. wir waren bestimmt, einander zu hassen.

Als die Messe beendet war, ging er wieder an mir vorüber, um in die Sacristei zurückzukehren.

Ich trat unwillkürlich zurück und schaute ihm nach, bis daß er verschwunden war.

Aber auch in seiner Abwesenheit dauerte meine Befangenheit fort. Ich blieb regungslos an meinem Platz, bis mich Gratian mit dem Ellbogen anstieß und mich ans Fortgehen mahnte.

Er hatte, wie er nur schon vorher gesagt, den Arm seiner jungen Frau genommen. Frau von Chambray schien zu erwarten, daß ich ihr meinen Arm böte.

»Ich ging rasch auf sie zu. ergriff ihre Hand, schob sie unter meinen Arm und ging mit ihr aus der Kirche.

»Was ist Ihnen denn?« fragte sie erstaunt.

»Ich führe Sie weg von jenem Manne.« antwortete ich. Er ist Ihr böser Genius.«

»O schweigen Sie! schweigen Sie!« sagte sie.«

Ich fühlte, daß sie heftig zitterte; aber sie ging rasch fort: sie schien sich, wie ich in der Nähe des Abbé nicht wohl zu fühlen.

III

Erst draußen in der frischen. belebenden Frühlingsluft athmete ich wieder frei.

Es ereignete sich überdies ein Vorfall, der mich zu der gemeinen Wirklichkeit zurückführen sollte.

Der Briefträger erwartete Gratian vor der Kirche und übergab ihm einen Brief mit dem Poststempel »Havre.«

Der Brief enthielt folgende Worte:

»Ihr Onkel in Amerika ist gestorben. Er hat Ihnen ein kleines Haus, Kirchengasse Nr. 12. hinterlassen. Sein letzter Wunsch war, daß Sie Ihren Hochzeitschmaus in diesem Hause halten möchten.

»Der Testamentsvollstrecker.«

Gratian las den Brief zweimal-

»Es will Jemand einen Spaß mit mir machen, sagte er.

Er reichte seiner jungen Frau den Brief.

Zoe las ihn und reichte ihn der Gräfin.

Die Gräfin sah mich an. Ich merkte wohl. daß sie Alles errathen hatte.

»Was sagen Sie dazu, Frau Gräfin?« fragte Zoe.

»Ja was sagen Sie dazu?« setzte Gratian hinzu. »Ich finde, daß der Witz am Hochzeittage nicht passend ist; es kommt einem jungen Ehemann dabei das Wasser in den Mund.«

»Vielleicht ist es kein Scherz.« erwiederte die Gräfin.

»Was soll’s denn seyn?« fragte Gratian. Ich habe ja von jeher nur einen Onkel gehabt – da steht er – und er hat sich wohl gehütet, mir je etwas zu schenken. Nicht wahr, Onkel?«

»Nun, es liegt nichts daran,« sagte die Gräfin; »wir wollen vor das Haus Nr. 12 gehen —«

»Aber das Haus Nr. 12 gehört ja dem alten Dubois,« entgegnete Gratian.

»Er hat seine drei Söhne verkauft,« meinte die Gräfin, »er mag auch sein Haus wohl verkauft haben.«

Dann wandte sie sich zu mir:

»Meinen Sie das nicht auch« fragte sie mit zauberischem Lächeln, das jede Wolke aus meinen Gedanken vertreiben zu wollen schien.

»Wie könnte ich mich erkühnen. einer andern Meinung zu seyn, als Sie?« erwiederte ich. Gehen wir zu Nr. 12.«

»Aber ich weiß wirklich nicht —« sagte Gratian zögernd.

»Thue doch, was man Dir sagt, Du ungehobelter Mensch,« fiel ihm Zoe ins Wort. »Uns könnte und wollte man vielleicht foppen; aber wer würde es wagen, die Frau Gräfin zu foppen?«

Bei diesen letzten Worten sah mich die Neuvermälte an.

»Ich gewiß nicht,« erwiederte ich. »Wenn sich die Gräfin mir anvertrauen will, so will ich ihr den Weg zeigen.«

»Last Herrn Villiers durch,« sagte Zoe auf die Seite tretend.

Ich ging mit der Gräfin voran.

In fünf Minuten waren wir an der Thüre des Hauses Nr. 12.

Vordem Hause herrschte die größte Thätigkeit. Die Kellner aus dem Gasthofe hatten unter Anleitung des Wirthes im geräumigen Erdgeschosse den Tisch gedeckt. Die Wände der Werkstätte waren mit Handwerkszeug, mit Sägen, Hobeln, Meißeln, Hämmern u. s. w. behängt. In der Küche loderte ein großes Feuer, und die kleine Eßstube, die für heute in eine Tischgeräthkammer verwandelt worden war, enthielt eine Batterie amphitheatralisch aufgethürmter Flaschen und das Dessert, welches den Hochzeitschmaus beschließen sollte.

»Der tausend,« sagte Gratian, einen flüchtigen Blick auf alle diese Sachen werfend. »der Onkel aus Amerika hat"s wahrhaftig gut gemacht!«

»Also das Erdgeschoß gefällt Dir?« sagte die junge Frau vergnügt.

»Wohl, wohl,« antwortete Gratian, »es ist allerliebst.«

»Wir sollten auch in den ersten Stock hinaufgehen,« sagte ich, »um zu sehen. ob er Euch eben so gut gefällt wie das Erdgeschoß

»Ach ja,« sagte Zoe, den Arm ihres Mannes nehmend, »wir wollen den ersten Stock ansehen.«

»Kornmt Ihr mit hinauf?« sagte er zu den jungen Burschen und Mädchen.

Aber zu mir und der Gräfin sagte er:

»Ihnen will ich die Mühe nicht machen; ich glaube, daß Sie das Haus schon kennen.«

Die Gräfin wollte nein antworten, aber ich kam ihr zuvor.

»Erlauben Sie, Madame,« sagte ich zu ihr, »daß Ihnen an dem Wenigen. was ich thun konnte, ein Antheil zugeschrieben wird. Und wenn dieses Wenige eines Lohnes werth ist, so wird dieser Lohn dadurch verdoppelt und übersteigt weit das Verdienst der Handlung.«

»Ja, erwiederte sie »aber unter der Bedingung, daß Sie mir Alles erzählen.«

»O. ich kann mich sehr kurz fassen.« sagte ich, auf die offene Gartenthür zeigend, durch die man Obstbäume und Blumenbeete sah.

Sie ging in den Garten, oder vielmehr sie ließ sich von mir hineinführen. und bald befanden wir uns in einer dichten Weinlaube, durch welche kein Sonnenstrahl auf die Erde fiel.

»Lassen Sie hören,« sagte sie, das Gespräch auf das Geschenk führend, das ich dem jungen Paar gemacht hatte.

»Als ich das Glück hatte. Sie zum ersten Male zu sehen. Madame, begann ich, »hatte ich die Ehre. Ihnen zu sagen, daß ich nie spiele. aber doch eine ziemlich beträchtliche Summe im Spiel gewonnen hatte. Diese Summe belief sich auf siebentausenddreihundert Franks. Sie erzählten mir von Zoe und Gratian, und ich kam auf den Gedanken, diese Summe zur Ausstattung der jungen Leute zu verwenden. Ich glaubte. dieses Geld. das mir aus einer keineswegs reinen Quelle zukommen schien, nicht besser verwenden zu können. Wie Sie wissen, gab ich der Braut zweitausend Francs, um Gratian vom Militär loszukaufen. Dreitausend Francs habe ich zum Anlauf dieses Hauses verwendet; ich habe nur meinen Namen dazu hergegeben und werde es den beiden jungen Eheleuten zum gemeinsamen Besitz rechtsgültig abtreten. Für die noch übrigen zweitausendreihundert Francs habe ich Handwerkszeug und Hauseinrichtung gekauft. Sie sehen. daß ich die Freude, zwei Menschen glücklich zu machen, nicht theuer bezahle.«

»Am glücklichsten ist der, dem es vergönnt ist, Andere glücklich zu machen,« sagte die Gräfin. mit der Hand meinen Arm drückend.

Sie versank, obgleich immerfort gehend, in tiefes Nachdenken, das von der Wehmuth zur Betrübniß überging. Bald sah ich zwei Thränen an ihren langen Wimpern zittern, und dann, zwei Thautropfen gleich, auf das Gras fallen.

Ohne an meine Anwesenheit zu denken, drückte sie das Schnupftuch auf die Augen.

Eine kleine Weile überließ ich sie ihren Gedanken; dann sagte ich leise, um sie nicht jählings ihren Träumereien zu entreißen:

»Madame, ich möchte mir wohl erlauben, etwas zu lagen —«

Sie sah mich mit ihren großen, noch ganz thränenfeuchten blauen Augen an.

»Was meinen Sie?«

»Ich weiß, welche Erinnerung Ihnen Thränen entlockt.«

»Sie!« erwiederte sie und schüttelte wehmüthig lächelnd den Kopf. »Das ist unmöglich!«

»Sie denken an das Schloß Juvigny.«

»Ich?« sagte sie und sah mich fast erschrocken an.

»Sie denken an das kleine, mit weißem Muslin ausgeschlagene Stübchen – mit den blauseidenen Vorhängen.«

»Mein Gott!« sagte die Gräfin.

»Sie beten im Stillen zu dem kleinen marmornen Muttergottesbilde – wo Sie Ihren Brautkranz und Ihren Strauß niedergelegt haben.«

»Und sie hat ihn treu bewahrt,« sagte die Gräfin noch wehmüthiger als zuvor.

»Ich hatte also Recht,« setzte ich hinzu; »ich wußte woran Sie dachten.«

»Ich weiß nicht,« erwiederte die Gräfin, »welche Himmelsgabe Sie in den Stand setzt, in den Herzen zu lesen; aber ich zweifle nicht, daß Sie diese Gabe zum Trost der Betrübten erhalten haben.«

»Aber wenn ich die Betrübten trösten soll. Madame, so müssen sie mir die Ursache ihrer Betrübniß sagen.«

»Sie kennen sie ja; wozu braucht man sie Ihnen zu sagen.«

»Fühlen Sie nicht« Madame, daß der erste Trost die Mittheilung des Schmerzes ist? Das aus einem Becher überfließende Getränk findet leicht in zweien Raum. Erzählen Sie mir von Juvigny, Madame von den glücklichen Tagen, die Sie dort verlebt haben. Lassen Sie Ihren Thränen freien Lauf und Sie werden sehen, daß Ihr Kummer das Herbe, Bittere verlieren wird.«

»Ja, ich gestehe es,« sagte die Gräfin, ohne daß ich nöthig hatte sie noch mehr zu bitten, und als ob sie selbst das Bedürfniß gefühlt hätte, ihren Thränen freien Lauf zu lassen. »Ja, es war ein großer Schmerz für mich. als ich erfuhr, daß Juvigny verkauft sey, und ich zürnte Herrn von Chambray, – nicht, daß er die Besitzung verkauft hat, es war mir nicht einmal leid um das Schloß – sondern daß er mir gar nichts davon gesagt hatte. Ich hätte aus dem kleinen Zimmer, das Sie, ich weiß nicht wie, kennen gelernt haben, alle mir in meiner Kindheit, in meinen Mädchenjahren lieb gewordenen Gegenstände zu mir genommen. Hätte ich nur noch einmal in das liebe trauliche Zimmer kommen und auf immer Abschied nehmen können von den mir so theuern Sachen; hätte ich vordem lieben theuern Madonnenbilde nur noch einmal beten können, ich hätte mich dann wohl nicht getröstet, aber mein Schmerz wäre nicht so groß gewesen. Gott hat mir diesen Trost nicht gewährt. – Jetzt lassen Sie uns von etwas Anderem reden.«

»Noch ein Wort, Madame. Können Sie das. was Ihnen Ihr Gemal versagt hat, nicht von dem Käufer der Besitzung erlangen? Er hat ja keinen Grund, auf die Ihnen so theuern Gegenstände einen besondern Werth zu legen. Er wird Ihnen gewiß erlauben, sie wieder zu sehen, ja sogar mitzunehmen. Nur ein Zusammentreffen eigenthümlicher, kaum denkbarer Umstände könnte den neuen Besitzer bewegen, Ihnen die Sache vorzuenthalten. Ein Wort von Ihnen – ein Brief —«

»Ich kenne ihn nicht, unterbrach die Gräfin. »Er wohnt in Paris, wie man sagt. Ich weiß nicht einmal seinen Namen.«

Ich wollte ihr noch dringender zureden, als ich eine Kindesstimme hörte, die näher kam und immerfort rief: »Mama! Mama!«

In demselben Augenblicke erschien am Ende der Weinlaube ein kleines Mädchen von fünf bis sechs Jahren, das der Gräfin in die Arme eilte.

Dieses Kind hatte die Gräfin Mama genannt.

Ich fühlte mich höchst unangenehm berührt. Ich mußte sehr blaß werden; ich wandte mich ab und lehnte mich an das Lattenwerk der Laube.

Die Gräfin bückte sich, um das Kind zu küssen, aber ohne die zärtliche Hast einer Mutter dabei zu zeigen.

Als sie sich wieder aufrichtete, wandte sie sich zu mir, und als sie mich so blaß und befangen sah, fragte sie theilnehmend:

»Was fehlt Ihnen denn? Ist Ihnen nicht wohl?«l

»Man hatte mir gesagt, Sie hätten keine Kinder, Madame,« erwiederte ich mit kaum verständlicher Stimme.

Sie sah mich erstaunt an.

»Was befremdet Sie denn?« fragte sie.

»Dieses Kind nennt Sie Mutter —«

»Ohne daß es meine Tochter ist. Man hat mir das Kind anvertraut, um mir Gelegenheit zu geben, ein gutes Werk zu thun.«

Dieses Mal lächelte die Gräfin noch; aber in diesem Lächeln schien mir mehr Bitterkeit als Wehmuth zu liegen, zumal als sie die Worte betonte: »um mir Gelegenheit zu geben, ein gutes Werk zu thun.«

Aber es wurde mir aus dem ganzen Auftritte nur klar, daß die Gräfin kinderlos war.

Unbesonnener Weise faßte ich, ehe sie sich dessen erwehren konnte, ihre Hand und führte sie an meine Lippen.

Die Gräfin entriß mir ihre Hand, und sagte mit einigem Schrecken.

»Nathalie!«

Ich sah mich um und bemerkte eine weibliche Gestalt am Ende des Laubganges, wo das Kind erschienen war.

Ob sie gesehen hatte, daß ich die Hand der Gräfin ergriff und daß diese mir ihre Hand so hastig entzog? Daß die Gräfin über die Störung erschrak, war nicht zu verkennen.

»Wer ist Nathalie?« fragte ich.

»Eine Person, die den Auftrag hat, mein Thun und Lassen zu beobachten.«

»Ist sie die Mutter des Kindes?«

»Ja. – Kommen Sie hierher, Nathalie,« rief sie der Ankommenden zu. »Warum bleiben Sie denn drüben?«

»Ich wußte nicht, ob ich mich nähern durfte,« antwortete Nathalie mit trockenem, fast hämischem Tone. Man merkte an diesem Tone, daß sie zu jenen unedlen Naturen gehörte, die das ihnen erwiesene Gute nicht verzeihen können.

»Warum sollten Sie sich denn nicht nähern dürfen?« fragte die Gräfin.

Nathalie antwortete nicht.

»Wer hat Elisen erlaubt, hierher zu kommen?« fragte die Gräfin weiter.

»Der Herr Abbé Morin; er sagte, man müsse dem Kinde eine kleine Freude machen.«

»Elise würde mehr Freude gehabt haben, mit anderen Kindern zu spielen. als auf diese Hochzeit zu kommen.«

»Befehlen Sie, Madame, daß sie wieder fortgeschickt werde?«

»Nein, da sie einmal hier ist, mag sie bleiben.«

»Bedanke Dich. Elise,« sagte Nathalie, ihre dünnenblassen Lippen zusammenpressend.

»Ich danke« Mama-Gräfin,« sagte die Kleine.

Die Gräfin küßte das Kind.

»Elise soll bei mir bleiben,« sagte sie. »Gehen Sie.«

Nathalie entfernte sich.

Das Kind blieb bei uns.

In diesem Augenblicke hörte man Jauchzen und Singen. Die ganze Hochzeitgesellschaft kam in den Garten.

Ich dachte, Gratian und Zoe suchten uns. Frau von Chambray dachte es wahrscheinlich auch, denn wir Beide traten, wie auf gemeinsame Verabredung, aus dem Laubgange und zeigten uns.

Das junge Paar kam auf uns zu. Zoe hatte starkgeröthete Wangen.

»Einen solchen Onkel lobe ich mir,« sagte Gratian; »er hat nichts vergessen – er hat an Alles gedacht, sogar an die Wiege für seinen Großneffen, der noch gar nicht auf der Welt ist.«

»Der aber nicht ausbleiben wird,« setzte ein jovialer Bauer hinzu.

»Wenn es Gott und der jungen Frau Gratian gefällt,« sagte der neue Ehemann, indem er lustig seinen-Hut schwenkte. – »Wenn’s der Frau Gräfin gefällig ist,« setzte er hinzu, »so wird sich die Gesellschaft zu Tische setzen.«

Die Gräfin nahm, wie sich von selbst verstand, meinen Arm und wir begaben uns in das Haus.

IV

Es ist keineswegs meine Absicht, den Hochzeitschmaus Gratians mit allen Schüsseln und Späßen zu beschreiben. Die Mutter der Braut und die Gräfin saßen zu beiden Seiten des jungen Ehemannes; der Oheim Gratians und ich hatten Zoe zwischen uns.

Der Abbé Morin war nicht gekommen, da der Sonnabend ein Fasttag sey, er wünsche zu Hause zu speisen, denn an Fasttagen sey sein Küchenzettel äußerst einfach.

Ich saß der Gräfin gegenüber und konnte es nicht über mich gewinnen, sie aus den Augen zu lassen.

Zoe flüsterte mir zu:

»Sehen Sie die Gräfin nicht so an, Nathalie beobachtet Sie.«

Ich fing nun an Nathalie zu beobachten. Es wäre schwer den Neid zu schildern, der aus den Gesichtszügen dieser Person sprach. als sie ihr Kind am Tische sitzen sah, während sie die Hochzeitgäste bedienen mußte.

Die Gesellschaft blieb lange bei Tische. und ich merkte wohl, daß die Gräfin eben so ungeduldig war wie ich.

Endlich standen die Gäste auf.

»Halten Sie sich fern von der Frau Gräfin,« sagte Zoe leise zu mir. »Gehen Sie in den Garten, ich will Ihnen sagen, was für den Abend beschlossen ist.«

Ich entfernte mich mit möglichst gleichgültiger Miene. Es war mir ein angenehmes Gefühl, daß zwischen der Gräfin und mir eine Art Geheimniß obwaltete, in welchem Zoe die Vermittlerin war.

Ich setzte mich auf eine Bank am Ende der Weinlaube und sann über alle kleinen Ereignisse nach, die für einen Fremden kaum bemerkbar, für mich aber höchst wichtig waren.

Die deutlichste Gestalt, die in meinen Gedanken auftauchte, war der Abbé dessen Anblick einen so seltsamen Eindruck auf mich gemacht hatte.

Es war nicht zu verkennen. daß er auf die Gräfin den gleichen Eindruck gemacht hatte. Ich hatte gefühlt wie sie bebte, als ich sie hinweg führte und sie zu mir sagte: »Schweigen Sie!«

Dann dachte ich über die andern Vorgänge nach. Ich fragte mich, wie das Kind, welches der Gräfin den Namen Mama gab, gewissermaßen als Mitglied der Familie gezählt wurde.

»Man wollte mir Gelegenheit geben, ein gutes Werk zu thun,« hatte mir Edmée mit einem sonderbaren Ausdruck gesagt.

Wie wenig ich sie auch kannte, so glaubte ich doch, daß man nicht nöthig hatte, ihr Gelegenheit zu guten Werken zu geben-

Und auf meine Frage« wer Nathalie sey, hatte sie geantwortet: »Sie hat den Auftrag, mein Thun und Lassen zu beobachten.«

Wer hatte ihr diesen Auftrag gegeben? Wahrscheinlich der Graf von Chambray.

Aber der Graf schien eben nicht eifersüchtig zu seyn. Sollte der Abbé Morin die Gräfin beobachten lassen?

Während ich, den Kopf auf die Hand gestützt, nachsann, schien es mir, als ob ein dunkler Körper vor die untergehende Sonne träte.

Ich schaute auf, Zoe stand vor mir.

»Nun?« fragte ich.

»Es ist Folgendes verabredet worden,« sagte sie. »Die Gräfin, die sich doch mit uns Bauersleuten nicht unterhalten kann, hat sich wieder in’s Schloß begeben und wird erst zurückkommen, um den Ball zu eröffnen.«

»Es wird also getanzt?«

»Das versteht sich! Auf jeder ordentlichen Hochzeit muß ja getanzt werden.«

»Die Gräfin wird diesen Abend wiederkommen, den Ball zu eröffnen?«

»Ja, mit Gratian. Wir Beide machen ihr Vis-à-vis, wenn Sie mir die Ehre geben wollen, mich zum ersten Contratanz aufzufordern.«

»Natürlich, wir tanzen zusammen.«

»Nachher tanzen Sie mit der Frau Gräfin, und ich bin dann mit Gratian Ihr Vis-à-vis.«

»Bravo.«

»Habe ich’s so gut gemacht?«

»So gut, daß ich Dich küssen möchte.«

»Nur zu!«

»Was wird aber Gratian dazu sagen?«

»Gratian weiß wohl, daß ich ihn lieb habe; er wird nicht eifersüchtig und wenn Sie mich zwanzigmal küssen.«

Ich streckte wirklich den Arm aus, um Zoe an mich zu ziehen – da bemerkte ich die Gräfin an demselben Fenster, wo ich Abends vorher Licht gesehen hatte. Es war also ihr Zimmer.

Zoe bemerkte, daß ich stutzte; sie sah sich um.

»Die Gräfin.« sagte ich.

Zoe lächelte ihr mit jener Freundlichkeit zu, die einem jugendlichen Gesicht so gut steht.

Die Gräfin winkte ihr mit der Hand und begrüßte mich mit einer Verbeugung.

Ich stand auf und schaute stumm und regungslos nach ihr hinüber.

Sie schloß das Fenster.

Ich setzte mich wieder auf die Bank.

Nach einigen Secunden hörte ich einen Seufzer. Ich sah Zoe an.

Sie schüttelte traurig den Kopf und sagte:

»Sie lieben die Gräfin, armer Herr!«

»O, zum Rasend werden!« antwortete ich, denn ich wußte wohl, daß ich ihr dieses Geständniß ohne Bedenken machen konnte.

»Dann bedauere ich Sie,« sagte Zoe.

»Warum bedauerst Du mich?«

»Weil Sie sich großes Herzeleid bereiten.«

»Was liegt daran!« erwiederte ich; »ich will für sie lieber Leiden ertragen, als mit einer Andern glücklich seyn.«

»Aber Sie werden vielleicht nicht allein Leiden zu ertragen haben.«

»Willst Du damit sagen« Zoe, daß sie mich lieben könnte?« fragte ich.

»Gott bewahre sie davor!« rief Zoe.

»Warum denn?«

»Weil ich es für ein Unglück halte, einen andern Mann zu lieben.«

»Aber wenn sie ihren Mann nicht liebt?«

»Wer sagt Ihnen denn, daß die Frau Gräfin den Herrn Grafen nicht liebt?«

»Niemand, Du hast Recht.«

Ich blieb eine kleine Weile stumm, dann faßte ich die beiden Hände der jungen Frau und sagte:

»Zoe, Du mußt mir Alles sagen.«

»Alles! was denn?« fragte sie.

»Du mußt mir Auskunft geben über den Abbé Morin über das Kind, von dem die Gräfin Mama genannt wird, über die Person, die den Auftrag hat, ihr Thun und Lassen zu beobachten.«

»Der Abbé Morin,« erwiederte Zoe etwas zögernd, »hat die Heirath der Frau Gräfin zu Stande gebracht.«

»Die erste oder zweite?«

»Die zweite. Sie wissen, daß die Gräfin schon einmal verheirathet war?«

»Ist es denn ein Geheimniß?«

»Nein.«

»Zoe, Du könntest sehr viel sagen, wenn Du wolltest.«

»Ich habe kein Recht die Geheimnisse der Gräfin auszuplaudern,« antwortete sie. den Kopf schüttelnd.

»Du hast Recht; ich würde mich selbst verachten, wenn ich Dich ausfragte. Aber wenn Du wüßtest, wie mich alle diese räthselhaften Dinge beunruhigen.«

»Was finden Sie denn räthselhaft?«

»Jene Kopfwunde. die sie in ihrer ersten Brautnacht bekommen.«

»Wer hat Ihnen das gesagt?« fragte Zoe betroffen.

»Du siehst, daß ich’s weiß.«

»Sagen Sie der Gräfin nie etwas davon, ich bitte Sie!« sagte die junge Frau, die Hände faltend.

»Du siehst wohl, daß in ihrem Leben Vieles räthselhaft, geheimnißvoll ist. So auch das Kind, das man ihr aufgenöthigt hat.«

»Die kleine Elise?«

»Ja.«

»Es ist ganz einfach. Herr von Chambray hat keine Kinder und wünschte, daß seine Frau zu ihrer Zerstreuung ein kleines Mädchen adoptire.«

»Ja wohl, und damit sie von Nathalie beständig beobachtet werden könnte, nicht wahr.«

Zoe antwortete nicht.

»Ich kann das Geschöpf nicht leiden,« setzte ich hinzu; »es ist ein Urbild des Neides, der Arglist und Tücke. Während der Tafel war sie neidisch auf ihr Kind, das am Tische saß, während sie die Gäste bedienen mußte.«

»Ich will Nathalie nicht in Schutz nehmen,« sagte Zoe; »aber ist es wohl natürlich, daß die Mutter ihr Kind bedient; daß das Kind am Tische sitzt und die Mutter unter den Dienstleuten stehen muß.«

»Nimm Dich in Acht, Zoe,« warnte ich, »Du tadelst deine Gebieterin.«

»Wer hat Ihnen denn gesagt, daß die Frau Gräfin Alles so angeordnet?«

»Warum leidet sie es denn, wenn es gegen ihren Willen ist?«

»Mein Gott« glauben Sie denn, sie könne thun was sie will?«

»Wer ist denn diese Nathalie? fragte ich weiter; »wo ist sie früher gewesen?«

»Sie war bei dem Abbé Morin, ehe sie zu der Gräfin kam.

Ich stampfte mit dem Fuße.

»O! dieser Abbé Morin – muß er sich denn überall und bei jeder Gelegenheit wiederfinden?«

Zoe schwieg. So oft als ich gegen den Abbé Morin eiferte, sah sie sich scheu um, als hätte sie gefürchtet, ihn aus der Erde kommen zu sehen.

»Es ist gut, Zoe, sagte ich. »Vielleicht wird es mir einst gelingen, der Gräfin so viel Vertrauen einzuflößen, daß sie mir Alles mittheilen wird, was Du mir sagen kannst. Aber verlaß Dich darauf, mein Kind, daß ich jeden Augenblick bereit bin, mein Leben für sie zu opfern, wenn ich ihr dadurch nützlich seyn kann.«

Zoe reichte mir die Hand.

»Das läßt sich hören,« erwiederte sie. »Diese Worte kommen aus dem Herzen. Ich bin auch jederzeit bereit, mein Leben für sie hinzugeben. Sie weiß wohl, wem sie vertrauen kann und vor wem sie sich hüten muß – die liebe, arme Dame!«

In allen Worten der jungen Frau war große Zärtlichkeit für ihre Gebieterin, aber noch größeres Mitleid zu bemerken.

Es ist tief betrübend und deutet auf großes Unglück, so großes Mitleid unter den gemeiniglich neidischen unteren Ständen zu finden.

Ich nahm mir, nun vor, Andere nicht mehr zu befragen, sondern ihr Vertrauen in dem Grade zu erwerben, daß sie selbst mir Alles mittheilte.

Ich schloß die Augen. Ich versetzte mich im Geiste an ihre Seite. Ich fühlte ihren Kopf auf meiner Schulter. Ihre Haare streiften mein Gesicht. Ihr warmer, würziger Athem mischte sich mit der Luft, die ich einathmete. Mit leiser, zögernder, oft abgebrochener Stimme erzählte sie mir die Geschichte ihres Herzens, ihre Hoffnungen« ihre Freuden, ihre Täuschungen, ihren Gram, ihre Gleichgültigkeit gegen die wirkliche Welt, ihr Sehnen nach dem Unbekannten. Ihre Sprache war bald matt und langsam, bald lebhaft und rasch, je nachdem Inhalt ihrer Erzählung. Die Thränen, die ihr über die Wangen auch mir Thränen. Unsere Hände ruhten in einander. Ein unaussprechliches Wohlgfühl, keusch wie die Freundschaft, süß wie die Liebe, hob uns über das Erdenleben empor und ließ uns einen Blick thun in den Himmel der Engel.

»O!« rief ich aufstehend, »das wäre das Paradies auf Erden! Das wäre der Himmel in dieser Welt!«

Ich ging einige Schritte, ohne zu wissen wohin. Als ich mich endlich umsah und meine Umgebungen wieder beachtete, bemerkte ich in einiger Entfernung Zoe und Gratian, die leise mit einander sprachen und mich ansahen.

»Beklagt mich nicht,« sagte ich zu dem Jungen Paar: »Ihr seid nun glücklich – ich aber habe Hoffnungsengel im Herzen!«

V

Von jenem Augenblicke an wußte ich kaum wie die Zeit verging. Ich hatte mich an einen Baum gelehnt und überließ mich meinen schönen Träumen. Endlich kam Gratian und sagte mir, die Gräfin von Chambray sey gekommen und der Ball werde sogleich anfangen.

Ich eilte in das zur Werkstätte bestimmte große Zimmer, das als Speisesaal benutzt worden war« und nun als Tanzsaal dienen sollte.

Es war mit einem Kronleuchter und einigen Candelabern, die man aus dem Schlosse gebracht hatte! hell erleuchtet. Ich gestehe, daß ich gar nicht an die Beleuchtung gedacht hatte; die Gräfin hatte dafür gesorgt.

Sie sprach mit Zoe – vielleicht von mir. Denn Beide schwiegen, als sie mich sahen. Die Gräfin lächelte mit dem ihr zur Gewohnheit gewordenen wehmüthigen Ausdruck. Dieses Lächeln glich dem matten, kaum erwärmenden Sonnenstrahl im Winter.

Die Gräfin hatte sich umgekleidet. Statt des Strohhutes und des perlgrauen Seidenkleides mit schwarzen Spitzenvolants trug sie ein weißes Crêpekleid mit Gewinden von Wintergrün; sie war in bloßem Kopfe, und ihr einziger Kopfputz war ritt Kranz von denselben Blumen, wie die Gewinde an ihrem Kleide. Uebrigens trug sie kein Geschmeide. So konnte im Grunde auch eine Bäuerin, die Geschmack hat, auf den Ball gehen.

Ich ging auf sie zu. Die heitere Ruhe meines Gemüthes mochte wohl in meinem Gesichte bemerkbar seyn, denn die Gräfin sah mich erstaunt an.

»Man hat mir von vorher getroffenen Anordnungen gesagt. Madame. Haben Sie Ihre Zustimmung gegeben?« fragte ich.

»Hinsichtlich des Contratanzes?«

»Ja, dies ist ja für den Augenblick die wichtigste Angelegenheit.«

Sie lächelte mit einer unbeschreiblich anmuthigen, aber zugleich traurigen Kopfbewegung.

»Ich tanze mit Gratian,« sagte sie. »und nachher tanzen Sie mit mir.«

»Und dann ziehen Sie sich zurück« nicht wahr?«

»Ich bin kränklich, und man hat mir gerathen, nicht zu lange zu wachen.«

Ich zog meine Uhr hervor.,«

»Es ist neun Uhr«r sagte ich-

»O, wir haben heute zwei Stunden,« erwiederte die Gräfin; »der Doctor wird mir diese kleine Zugabe schon verzeihen.«

»Der Doctor wohl – aber die Anderen?«

Die Gräfin sah mich an.

»Welche Anderen?« fragte sie.

»Sie wissen wohl, was ich meine,« erwiederte ich.

Sie schlug seufzend die Augen nieder.

»Wo ist Gratian?« sagte sie. »Wir können anfangen zu tanzen.«

Gratian zog mit großer Mühe seine Handschuhe an. Endlich gelang es ihm, nachdem die breite Hand einen Riß zwischen Daumen und Zeigefinger gemacht hatte.

Er bot der Gräfin mit recht hübschem Anstande die Hand. Die Güte der Dame nahm selbst denen, die tief unter ihr standen, die Befangenheit. mit der man sich Vornehmeren zu nähern pflegt.

Wir stellten uns an. Anfangs waren wir allein. Die Gräfin sah die Hochzeitgäste fragend an.

»Ich weiß nicht – sagte ein Bauer zögernd.

»O, wenn’s die Frau Gräfin erlaubt, erwiederte ein Anderer, »so wollen wir schon tanzen.«

»Freilich erlaubt sie’s,« versicherte Gratian. »Nur zu!«

Jeder holte sich eine Tänzerin. Man sah wohl, daß die Wahlen im Voraus getroffen waren. Das Manöver wurde in aller Ordnung ausgeführt.

Die beiden Geigen« zu denen sich noch ein Klapphorn gesellt hatte, gaben das Zeichen. Die Tanzfiguren fingen an sich zu bilden.

Wie sonderbar sind doch die Ansichten der Menschen! Unter den fünfundzwanzig bis dreißig anwesenden Personen war eine einzige, die in den Augen des großen Haufens Alles besaß, was man braucht, um glücklich zu seyn: Jugend, vornehmen Stand, Schönheit, Reichthum, und gleichwohl brauchte man auf die arme Edmée nur einen Blick zu werfen, um sich, ohne eine Frage zu thun, zu überzeugen, daß sie, wenn es möglich gewesen wäre, ihre Vergangenheit und Zukunft gegen die einer der armen Bäuerinnen gern vertauscht hätte.

Nach und nach jedoch schien sie munterer zu werden; so oft sie meine Hand berührte. hob sie ihren schönen Kopf. ihr blasses Gesicht färbte sich mit einer leichten Röthe, ihr Auge bekam einen lebhaftern Ausdruck, und man sah wohl, daß der Funke zum hellen Lichtstrahl werden konnte. Das Weib kämpfte gegen die Natur; das Blut durchdrang den Marmor.

Als der Contratanz beendet war, tanzte die Gräfin nicht mehr mir gegenüber, sondern mit mir. Sie nahm meinen Arm, ohne zu warten, daß ich ihn ihr bot. Sie schien mich absichtlich als einen Bekannten, ja als einen Freund zu behandeln. Aber an ihrer bebenden Hand, an ihrer unsichern Stimme, an ihrem scheuen Blick, war leicht zu erkennen, daß ich ihr so wenig ein Freund war wie ein Fremder.

Ich durfte nicht hoffen, daß sie mich schon liebte, aber es war kaum zu bezweifeln, daß sie mich schon fürchtete. Ich konnte eher schweigen. als von gleichgültigen Dingen mit ihr reden.

Wir sprachen daher kaum einige Worte mit einander, und wer diese Worte gehört hätte, würde kaum einen Sinn darin gefunden haben. Wir hatten schon unsere eigene Sprache, die wir in Gegenwart Anderer reden konnten, ohne von ihnen verstanden zu werden.

Nach dem Tanz führte ich die Gräfin wieder auf ihren Platz.

»Sie wollen also um eilf Uhr fortgehen?« fragte ich.

»Ja,« sagte sie.

»Haben Sie Ihren Wagen?«

»Nein, wir sind ja nur fünfhundert Schritte vom Schlosse, und ich habe meinen Pelz. Ich konnte ja zur Hochzeit eines armen Bauernmädchens nicht im Wagen kommen?«

»Ich weiß wohl, daß Sie das volle Zartgefühl des Herzens besitzen. Wie wollen Sie aufs Schloß kommen?«

»Ich lasse mich von Gratian begleiten.«

»Würden Sie es unschicklich finden, wenn ich Sie begleitete?«

Sie sah mich an.

»Ich nicht,« erwiederte sie; »ich bin sehr gern bei Ihnen.«

»Aber andere Leute werden wohl etwas dagegen einzuwenden haben. nicht wahr?«

»Vielleicht.«

»Es kann ja noch Jemand mitgehen.«

»Wer denn?«

»Josephine, Ihre Amme, die Aufseherin des Schlosses Juvigny.«

»Sie haben Recht.«

»Ich begleite Sie also ins Schloß, nicht wahr?«

»Ja.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Einwilligung. Es ist mir, als ob ich Ihnen tausend Dinge zu sagen hatte. und es wird mir, wenn ich bei Ihnen bin, wahrscheinlich nichts davon einfallen.«

»Sie mögen reden oder schweigen,« erwiederte die Gräfin lächelnd, »nach den Worten eines Freundes ist nichts schöner als sein Schweigen.«

»Dann muß man das Schweigen aber so gut verstehen wie die Worte.«

»Das Schweigen ist zuweilen verständlicher als Worte, und deshalb auch gefährlicher.«

»Um diese Behauptung gelten zu lassen. muß man zwischen zwei Personen gewisse magnetische Beziehungen annehmen.«

»Die auch wirklich stattfinden,« sagte die Gräfin.

»Glauben Sie.«

»Ich bin fest davon überzeugt.«

»Wenn ich Sie aber um einen Beweis ersuchte?«

»Ich würde Ihnen einen Beweis geben, den ich vielleicht für mich behalten sollte.«

»Was für einen?«

»Als Sie gestern Abends in die Kirche kamen, verrichtete ich kniend mein Gebet.«

»O! ich erkannte Sie in dem Augenblick, als ich Sie bemerkte.«

»Und ich ahnte Ihre Nähe.«

»Wirklich?«

»Ich sah Sie im Geiste so deutlich, als ob Sie mir in einer Camera obscura erschienen wären.«

»Aber als Sie mich mit den leiblichen Augen erkannten, erschraken Sie wie vor einer unerwarteten Begegnung.«

»Weil ich zuweilen vor den Räthseln meines Gemüthslebens erschrecke. Wäre ich in Schottland geboren, so könnte man glauben, ich sey mit übersinnlichem Gesichtsvermögen begabt.«

»Also entscheidet bei Ihnen das erste Gefühl?«

»Ja. ich fühle mich zu einer Person, die ich zum ersten Male sehe, entweder hingezogen oder von ihr abgestoßen?«

»Und dieser Eindruck bleibt?«

»Ich habe nie Gelegenheit gehabt, einen Irrthum oder eine Täuschung zu beobachten. Noch mehr, ich ahne wer künftig auf mein Leben einen guten oder schädlichen Einfluß haben wird.«

»Das ist eine Himmelsgabe. Sie können Ihre Feinde meiden, und sich Ihren Freunden nähern.«

Die Gräfin schüttelte den Kopf.

»Der Platz, den die Frauen in unserer Gesellschaft einnehmen,« sagte sie, »ist so beschränkt, daß es ihnen schwer ist, die Freude auszusuchen oder sich von dem Unglück abzuwenden.«

»Darf ich hoffen, daß Ihre Ahnungen mir unter denen, die einen guten Einfluß auf Ihr Leben haben werden, eine Stelle angewiesen haben?«

»Ich glaube daß Sie mir einst einen großen Dienst erweisen werden. Worin dieser besteht, kann ich nicht sagen?«

»Können Sie keine genaueren Andeutungen geben?«

Die Gräfin bot ihre ganze Willenskraft auf, um nachzusinnen und sich eine Weile in sich selbst zurückzuziehen.

»Wasser – Feuer – Schwert – nein, das ist’s nicht,« sagte sie sinnend. »Und doch scheinen Sie berufen mir einst das Leben zu retten.«

»Gott gebe es!« rief ich mit solcher Begeisterung, daß die Gräfin einen Finger auf ihren Mund hielt, um mir anzudeuten, daß ich zu laut und heftig sprach.

»Es ist dunkle Nacht, fuhr sie fort. »Ich sehe nichts, – ich bin in einem Keller oder in einem Grabe. – Ich müßte einschlafen,« sagte sie lächelnd, »dann würde ich besser sehen.«

»Sie sehen im Schlafe?« fragte ich.

»Ja, in meiner frühesten Jugend war ich eine vortreffliche Somnambüle, wie meine Schwiegermutter es wenigstens sagte. Oft habe ich eine weiter gearbeitete oder halb vollendete Strickerei gefunden, ohne daß ich mir diesen Fortschritt anders erklären konnte, als durch eine nächtliche Arbeit, an die ich mich gar nicht erinnerte.«

»Ich möchte wohl versuchen,« erwiederte ich. »ob ich einige Gewalt über Sie habe.«

»Nein,« sagte sie, »versuchen Sie es nicht, ich bitte Sie!«

»Nie?« fragte ich.

»Wenigstens nur dann, wenn ich’s Ihnen selbst sage.«

»Ich kann also hoffen daß Sie einst Ihre Zuflucht zu mir nehmen werden?«

»Vielleicht; aber Sie müssen mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie ohne mein Wissen nie die Mittheilung, die ich Ihnen gemacht, gegen mich mißbrauchen werden.«

»Nein, ich gebe mein Ehrenwort.«

Sie reichte mir die Hand.

Es schlug halb eilf. Die Gräfin stand auf.

»Schon?« sagte ich.

»Sie sind hier die einzige Person, mit der ich gern spreche, und ich kann doch nicht immer mit Ihnen reden; es ist also besser, daß ich fortgehen.«

»Kann ich nicht, nachdem ich Sie verlassen, wenigstens noch eine kleine Weile im Geiste mit Ihnen vereinigt bleiben?«

»Sie würden mir nicht glauben, wenn ich Ihnen nein antwortete. Der Gedanke ist das biegsamste Metall; er wird durch Trennung nicht gebrochen; die Entfernung vermag nichts gegen ihn; er verbreitet sich weit über den Gesichtskreis über Berge, Ströme und Meere hinaus. Lassen Sie das eine Ende Ihres Gedankens in meiner Hand und reisen Sie gegen Osten um die Welt, so können Sie von Westen zurückkehrend das von Ihnen mir mitgebrachte Ende mit dem in meiner Hand gebliebenen zusammenknüpfen.«

»Sie können mir jetzt befehlen, Sie zu verlassen und mich tausend Meilen weit zu entfernen; nach den Worten, die Sie zu mir gesprochen, gibt es keine Trennung mehr.«

»Ueberdies,« sagte die Gräfin. zum Himmel aufblickend, »gibt es ja einen Ort, wo man sich früher oder später wiederfindet, um sich nie mehr zu verlassen.«

»Ihre Heimat ist der Aufenthalt der Engel, denn Sie selbst sind ein Engel; ich hingegen bin an die Erde gefesselt. Wenn Sie von mir scheiden, so reichen Sie mir die Hand, denn allein würde ich zu viel Mühe haben Ihnen zu folgen.«

Sie war aufgestanden und hatte meinen Arm genommen. Zoe eilte herbei.

»Sie wollen gehen, Frau Gräfin?« fragte die junge Frau.

»Ja,« antwortete die Gräfin.« »Liebes Kind, empfange meinen aufrichtigsten Glückwunsch. Du weißt, daß ich Dich wie meine Schwester, ja wie meine Tochter liebe. Sey glücklich! Die Vorsehung hat Dir das erste Element eines dauernden Glückes gegeben: die gegenseitige Liebe. Glücklich sind die, welche am Tage ihrer Verbindung sagen können: Wir lieben uns!«

Sie küßte Zoe aus die Stirn, reichte Gratian die Hand, nahm Abschied von den Hochzeitgästen, gab der alten Josephine einen Wink uns zu folgen und ging mit mir fort.

VI

Ich ging eine Weile neben der Gräfin« ohne ein Wort zu sprechen. Sie sprach auch nicht. Aber es war nicht zu verkennen, daß wir gegenseitig unsere Gedanken zu errathen suchten.

»Sie waren vorher so heiter, warum sind Sie jetzt so traurig?« fragte die Gräfin, plötzlich das Stillschweigen brechend.

»Ich bin nicht traurig,« antwortete ich; »ich bin nur nachdenkend.«

»Wollen Sie mir das erklären?«

»Seht gern.«

»Ich höre,« sagte sie.

Sie fing an langsamer zu gehen.«

»Es ist etwa ein Jahr,« begann ich, »daß ich einen großen Kummer hatte: ich verlor meine Mutter.«

»Mir hat Gott diesen Schmerz erspart,« sagte sie, »meine Mutter starb, als sie mir das Leben gab.«

»Unter der Last dieses Kummers glaubte ich, es gebe für mich keine Freude mehr auf der Welt; es schien mir, als ob sich das Grab meiner Mutter in meinem Herzen aufgethan hätte, um alle schönen Täuschungen, die mir das Leben noch bieten könnte, zu verschlingen. Ich leerte den bittern Kelch bis auf den Grund, bis ihn meine müde Hand fallen ließ. Dies war die erste Abspannung meines Schmerzes. Ich entfernte mich von den Gegenständen, die mich an die theure Verstorbene erinnerten, aber ich suchte Naturscenen auf, die so traurig und öde waren wie mein Herz; ich betrachtete das sturmbewegte Meer, um es mit den in meinem Innern tobenden Stürmen zu vergleichen, und ich sah im Menschen tiefere Abgründe als im Ocean. Dann bemerkte ich, daß die düsteren Felsenufer mein Auge ermüdeten, daß mein Ohr des brausenden Meeres überdrüssig wurde. Ich suchte freundlichere Landschaften auf, wo der Wind im Laube der Erlen säuselt, wo die Bäche im Schatten der Trauerweiden plätschern. Ich fand dort nicht die Heiterkeit, aber doch wenigstens den Schlummer des Schmerzes. In jener Zeit lernte ich Sie kennen, Madame; Sie erschienen mir wie der Genius der Wehmuth mit den Azurflügeln der Hoffnung. Meine Lippen lernten wieder lächeln. Damals glaubte ich freilich, daß ich nie mehr anders als seufzend lächeln würde; aber ich war wieder im Irrthum, und eines Tages ertappte ich mich auf einem heitern Lächeln, der Seufzer aber blieb aus. Endlich gestern – heute habe ich Alles vergessen, und das Glück, ein neues, unbekanntes, unverhofftes Glück hat das letzte Wehgefühl aus meiner Brust vertrieben. Und sonderbar, ich fühle keine Reue, daß ich meinen Schmerz vergessen. Ich habe mich im lauten, fröhlichen Getümmel befunden, ich habe an einem Feste Theil genommen, der Klang der Geigen hat mein Ohr ergötzt und ich habe die allgemeine Freude getheilt. – Das ist’s, worüber ich nachsann, als Sie mich, nachdem ich heiter und vergnügt gewesen war, für traurig hielten.«

»Wer von Leiden getroffen wird, für die es einen Trost gibt, kann sich glücklich schätzen,« sagte die Gräfin.

»Gibt es denn Leiden, für die kein Trost zu hoffen ist?«

»Es gibt wenigstens unheilbare.«

»Ich hatte geglaubt, der Verlust einer Mutter sey ein unheilbarer Schmerz.«

»Nein, denn Sie glauben doch an die Unsterblichkeit der Seele?«

»Glauben kann ich’s wohl nicht nennen, aber ich setze wenigstens meine Hoffnung darauf.«

»Aber wenn der Geist derer, die uns geliebt haben, sie überlebt, so werden Sie doch nicht zweifeln, daß dieser Geist mit derselben Liebe an Ihnen hängt, wie einst das Herz?«

»Ja.«

»Ihre Mutter liebte Sie, nicht wahr?«

»Die Mutterliebe ist das Einzige, was man mit der göttlichen Liebe vergleichen könnte.«

»Wie können Sie also glauben, daß die Mutterliebe einen ewigen Schmerz verlange? Wer würde wohl so grausam sey, beim Scheiden dem Zurückbleibenden einen Kummer aufzunöthigen, für den es keinen Trost gibt? Ihre Mutter, die unsichtbar aber stets gegenwärtig vor Ihnen hergeht, wie die Gottheiten, denen die Dichter des Alterthums ihren Platz in einer Wolke anweisen – sie selbst hat Ihnen den Weg aus dem Sterbehause gewiesen und Sie an den brausenden Ocean, dann in freundlichere Gegenden geführt, bis endlich Ihre Thränen aufhörten zu fließen. Sie wurden nach und nach von Ihrem Schmerz geheilt und von dem Grabe der Verewigten wieder in das heitere, freundliche Leben zurückgeführt. Glauben Sie denn, daß sie Ihre Thränen, Ihren Schmerz, Ihre Trauer zurückwünsche? Nein – sie freut sich Ihres Glückes, sie spricht leise zu Ihnen: Sey glücklich mein Sohn, freue Dich des Lebens!«

»Sie haben vollkommen Recht,« erwiederte ich; »Sie sind wirklich mit einem übersinnlichen Gesichtsvermögen begabt!«

Dann schwiegen wir wieder, und ohne weiter ein Wort gesprochen zu haben, kamen wir an die hübsche Kirche Notre-Dame de la Culture, deren Thurm weit in die heitere, stille Nacht hineinragte.

»Sollen wir den Weg um die Kirche machen oder über den Friedhof gehen?« fragte ich die Gräfin. »Ich glaube, daß beide Wege zum Schlosse führen.«

»Wir wollen über den Friedhof gehen,« antwortete Frau von Chambray; »ich habe Ihnen etwas zu zeigen.«

Wir stiegen die fünfzehn bis zwanzig Stufen zu dem ländlichen Camposanto hinan. Dieser ist durch keine Thür geschlossen, durch keinen Schlagbaum abgesperrt. Man könnte dies für eine poetische Anspielung auf den Tod halten, gegen den, wie vor langer Zeit ein Dichter sagte, weder Geländer, noch Gitterthor, noch Mauer schützt.

Auf der zehnten oder zwölften Stufe stand ich still.

»Hören Sie!« sagte ich zu Edmée.

Wunderliebliche Töne erklangen in der stillen Nacht.

»Ja,« sagte sie, »es ist meine Nachtigall.«

»Wie! Ihre Nachtigall?«

»Ja, ich fand sie vor zwei Jahren, als sie aus dem Nest gefallen war. Ich nahm sie mit nach Hause und fütterte sie auf. Als sie flügge ward, trug ich sie auf den Friedhof und gewöhnte sie nach und nach an ein Gebüsch. Als ich glaubte, daß sie ohne meine Hilfe leben könne, ließ ich sie den ganzen Sommer da. Ich sah sie in dem Gebüsch, sie sang noch nicht. Im Herbst zog sie fort. Im folgenden Frühling, an einem Maimorgen, hörte ich auf dem Wege zur Kirche eine Nachtigall singen. Es war meine Nachtigall.«

Wir gingen die Treppe hinauf und an der Kirche vorüber.

Als ich das erste Mal an das Gebüsch gekommen war, hatte die Nachtigall geschwiegen; aber dieses Mal ließ sie sich nicht stören, als ob sie ihre holde Pflegerin erkannt hätte.

Einige Schritte von der Mauer, an welcher das Gebüsch stand, und vor einem mit Trauerweiden bepflanzten Platz blieb Edmée stehen.

»Warum,« fragte ich, »haben Sie gerade diesen Ort für Ihre Nachtigall gewählt?«

»Weil hier meine Heimat ist,« erwiederte die Gräfin mit ihrem wehmüthigen Lächeln.

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Sie begreifen nicht, daß das Schloß Chambray, das nur zweihundert Schritte von hier ist, zu der Kirche Notre-Dame de la Culture gehört, und folglich auf diesen Friedhof seine Todten schickt, mir eben deshalb gefallen hat; Sie begreifen nicht, daß ich in einer Anwandlung von Traurigkeit gesagt habe: Hier unter diesem Wintergrün« im Schatten dieser Weiden muß es sich gut ruhen, um den ewigen Schlaf zu thun; Sie begreifen nicht, daß ich diesen Platz gekauft, daß ich hier eine Gruft habe anlegen lassen, daß ich endlich diese Nachtigall aufs Gerathewohl hierher gesetzt habe?«

»O! Edmée!« sagte ich, ihren Arm fester an mich ziehend.

Sie schien nicht zu bemerken, daß ich sie bei ihrem Taufnamen nannte, und fuhr fort:

»Doch diese Vorkehrungen haben so wenig Folgen wie ein Testament oder eine Beichte. Der Geistliche und der Notar wird sagen: Man stirbt deshalb nicht.«

»Auf jeden Fall,« erwiederte ich,« zu lächeln versuchend, »ist Ihre Nachtigall treu.«

»Wie so?«

»Sie sehen’s ja. Dieses Gebüsch gehört nicht zu dem von Ihnen angekauften Platz, und der Vogel hat ein Grab, das glücklicherweise nicht das Ihrige ist, zum Wohnsitz gewählt.«

»Ja,« sagte die Gräfin, »die Nachtigall hat das Grab eines schönen, sanften. liebenswürdigen Mädchens gewählt. Das arme Kind hätte gern noch gelebt; aber der Tod ist nicht nur unerbittlich, sondern boshaft. Wir haben sie im vorigen Jahre begraben. Sie hatte mich sehr lieb. und ehe sie in meinen Armen verschied, bat sie mich um Zweierlei: erstens sie so nahe wie möglich an der Stelle, wo ich einst selbst ruhen werde, begraben zu lassen. Meine Nachtigall singt auf ihrem Grabe; ich habe sie ihr geliehen – aber später werde ich sie ihr nehmen.«

»O mein Gott,« sagte ich, »wie können Sie so trübe Gedanken habe?«

Sie lächelte.

»Wer sagt Ihnen denn,« erwiederte sie, »daß mir diese Gedanken keine Freude machen? Der Vogel weiß wohl, daß er nicht der armen Adele sondern mir gehört. Sie können sich davon überzeugen.«

Sie ließ meinen Arm los und ging auf den über den Boden hervorragenden Grabstein zu.

Ich wollte ihr folgen.

»Nein,« sagte sie, »die Nachtigall würde davon fliegen.«

Ich blieb zurück.

Die Gräfin ging bis an den Stein und legte sich, auf einen Ellenbogen gestützt, darauf.

Sogleich kam die Nachtigall aus dem Gebüsch hervor, setzte sich auf einen Weidenzweig über der Gräfin und fing an zu singen.

Der Mond kam eben hinter einer Wolke hervor und warf einen Lichtstrahl auf die Scene.

Die Gräfin war so unbeweglich und schien mir so blaß, daß ich schauderte. Ich eilte zu ihr und hob sie auf.

»O! keine Minute, keine Sceunde länger,« sagte ich; »kommen Sie.«

Ich führte sie wieder auf den Weg-

Der Vogel durch meine Annäherung aufgescheucht flog davon.

»Kommen Sie«et wiederholte ich; »Sie dürfen nicht länger hier bleiben.«

Sie rief Josephine. Die gute Alte kniete auf einem Grabe, das weder Stein noch Kreuz noch Nachtigall noch Trauerweide hatte, aber sie hatte es doch mitten unter den andern gefunden. Es war das Grab ihres Mannes.

Sie holte uns ein, als wir den Friedhof verließen und auf das Schloß zugingen.

»Was war das Zweite, das Sie dem jungen Mädchen versprachen?« fragte ich nach einer Weile.

»Ihr eine Grabschrift zu setzen.«

»Also jene Verse, die ich gelesen habe, die mir im Gedächtniß oder vielmehr im Herzen geblieben sind, die Verse:

 
Nur kurze Frist ward ihr zum Blüh’n gegeben.
Der Lilie, die nun der Sturm geknickt.
O Erde, sey ihr leicht, wie einst im Leben
Sie Dir war, eh’ der Tod sie Dir entrückt.
 

»Diese Verse,« sagte die Gräfin, »drücken das was ich sagen wollte, sehr unvollkommen aus; ich war nicht im Stande, meinen Gefühlen entsprechende Worte zu geben.«

Wir gingen wieder schweigend weiter und kamen an das Gitterthor des Schlosses, ohne ein Wort gesprochen zu haben.

Hier mußte ich Abschied von der Gräfin nehmen.

»Madame,« sagte ich, »in dem Augenblicke wo ich Sie – ich weiß nicht auf wie lange – verlasse, habe ich Ihnen etwas zurückzugeben.«

»Was denn?« fragte sie erstaunt.

Ich zog den Ring hervor, den sie mir für die Abgebrannten gegeben hatte, öffnete die Feder der Kette, an welcher ich den Ring trug und überreichte ihn ihr.

»Diesen Ring,« sagte ich.

Die Gräfin war ganz betroffen; wenn’s Tag gewesen wäre, würde ich ihr Erröthen gesehen haben.

»Dieser Ring gehört nicht mehr mir.« erwiederte sie, »Sie haben ihn von mir geschenkt erhalten.«

»Ja,« antwortete ich, »aber ich habe dabei ein Bedenken —«

»Was meinen Sie?«

»Sie haben ihn nicht mir, sondern den Abgebrannten geschenkt.«

»Haben Sie denn den armen Leuten nicht den Preis dafür gegeben?«

»Ja wohl, Madame.«

»Dann haben Sie ja meinen Absichten gemäß gehandelt. Der gegenwärtige Besitz des Ringes thut nichts zur Sache. Ein Anderer würde ihn gekauft haben. Sie sind zuvorgekommen. Es ist mir lieber. daß er in den Händen eines Freundes, als eines Fremden ist.«

»Sie sehen aber,« erwiederte ich, »daß der Ring nicht in den Händen, sondern auf dem Herzen eines Freundes war —«

»Dann möge er da bleiben wo er war.«

– Die Gräfin machte eine Bewegung, um in die von Josephinen inzwischen geöffnete Gitterthür zu gehen.«

»Verzeihen Sie, Madame,« sagte ich mit Zagen, »erlauben Sie einen Tausch —«

Die Stirn der Gräfin verfinsterte sich.

»O warten Sie,« sagte ich.

»Ich warte s—r«"s-

»Nehmen Sie diesen Schlüssel.«

Ich reichte ihr wirklich einen Schlüssel-

»Was ist das für ein Schlüssel?« fragte sie.

»Der Schlüssel zu dem kleinen Zimmer, das Sie gern noch einmal gesehen hätten, ehe der Graf von Chambray die Besitzung Juvigny verkauft hatte.«

»Ich verstehe Sie nicht,« sagte die Gräfin.

»Josephine wird Ihnen Alles sagen,« erwiederte ich.

Ich empfahl mich mit tiefer Ehrerbietung und ging fort.

Kaum hatte ich mich dreißig Schritte entfernt, so hörte ich hinter mir ein süßes liebliches Wort.

»Dank! rief mir die Gräfin nach.

VII

O, lieber Freund, wie entzückend sind die ersten Gefühle einer wahren Liebe! Nie war ich vollkommener glücklich, als in jener Nacht, wo ich Edmée mit der Gewißheit verließ, einen Theil meines Ich in ihr zurückzulassen, so wie ich einen Theil von ihr mit mir nahm, und wo ich das Wort »Dank« beständig zu hören glaubte.

Ich war an jener äußersten Grenze der Erde, welche, wenn man sie überschritte, nicht mehr die Erde, sondern der Himmel seyn würde.

Und sonderbar, kein sinnlicher Gedanke mischte sich in diese Quelle der Liebe, von der mein Herz überwallte. Es schien mir, als ob Leib und Seele bei Edmée völlig getrennt wären: der Leib gehörte dem Grafen von Chambray, die Seele gehörte mir. Für den Augenblick wünschte ich nicht mehr. Wie mein Geist noch ganz mit den in ihrer Gesellschaft verlebten Stunden beschäftigt war, so war ich überzeugt, daß ich in ihrer Erinnerung eine unauslöschliche Spur zurückgelassen hatte, und Alles was ich mit raschem Entschluß gethan, die Geschichte mit dem Ringe, der Ankauf des Schlosses Juvigny, die Schenkung des Hauses an Gratian, hätte mir nicht besser gelingen können, wenn es genau berechnet gewesen wäre.

Ich war jetzt nicht nur mit ihren Erinnerungen, sondern auch mit ihrem Leben innig verknüpft.

Sie hatte schon von der Gegenwart mit uns gesprochen: das erste Mal, wo sie mich wiedersehen würde, wollte sie von der Vergangenheit sprechen.

Aber wann sollte ich sie wiedersehen?

Dies stand bei Gott, der uns durch ein Zusammentreffen so unerwarteter Umstände mit einander in Berührung gebracht hatte.

Ich ging auf demselben Wege, den ich mit ihr genommen hatte, wieder zurück. Ich fühlte so zu sagen ihren Arm noch auf dem meinen. Als ich wieder über den Friedhof ging, schlug die Nachtigall, der Mond warf sein sanftes Licht durch die Zweige der Weiden. Ich betrachtete tiefbewegt den Stein auf dem sie vor einer kleinen Weile geruht hatte, und es schien mir, als ob ich den Himmel um nichts mehr zu bitten hätte, als hier an ihrer Seite den ewigen Schlaf zu thun.

Ich hörte die Klänge der Geige und des Klapphorns. Es war Zeit, mich den Tänzern zu zeigen; man hatte mich mit der Gräfin fortgehen gesehen, ich durfte nicht zu lange abwesend seyn.

Ich kam während einer Tanzpause. Ich nahm von Zoe mit einem Kuß auf die Stirn, von Gratian mit einem warmen Händedruck Abschied und begab mich wieder in den Gasthof »zum goldenen Löwen.«

Es hielt mich nun nichts mehr in Bernay zurück. Es wäre unbesonnen gewesen, mich der Gräfin zu nähern; wir wurden von neidischen Augen beobachtet, es mußte so viel wie möglich vermieden werden, ihnen mehr zu zeigen, als was sie bereits belauscht hatten.

Ich war überdies glücklich genug, um selbst in der tiefsten Einsamkeit zu warten, bis irgend ein Ereigniß mich wieder in die Nähe der Gräfin von Chambray bringen würde.

Ich hatte die Einladung des Grafen zur Eröffnung der Jagd nicht vergessen. Es fragte sich nur, ob er daran denken würde.

Die Eröffnung der Jagd sollte am 3. September stattfinden; wir hatten den 20. August, ich sollte also nur dreizehn bis vierzehn Tage warten.

Der Graf von Chambray war mir sehr gleichgültig. Ohne eben ein strenger Sittenrichter zu seyn, hatte ich es nie über mich gewinnen können, einer nicht mehr freien Dame den Hof zu machen. Und nun waren meine Gedanken ausschließlich mit der Gräfin beschäftigt, und obgleich ich kaum an den Grafen dachte, so ahnte ich doch, daß zwischen ihm und Edmée irgend ein Geheimniß obwalte, das mich berechtige, sie ohne Eifersucht und Reue zu lieben.

Uebrigens strebte ich ja nur nach dein Besitz ihres Herzens; was ich für sie fühlte, war jene sanfte, zarte Zuneigung, die der Bruderliebe nahe kommt, und als sie von der kleinen Elise Mama genannt wurde, fühlte ich mich nur deshalb so unangenehm berührt, weil ich glaubte, ein Theil dieses Herzens, das ich ganz besitzen wollte, werde mir durch die Mutterliebe entzogen.

Mit welcher Freude erfuhr ich, daß Edmée, verwaist, kinderlos, nur dem Namen nach Gattin, in der That aber Witwe, ganz allein in der Welt stand und meine Freundschaft meine brüderliche Zuneigung erwiedern konnte!

Alfred wunderte sich über meine heitere Stimmung.

»Ich brauche nicht zu fragen,« sagte er, »ob Du Dich auf der Hochzeit gut unterhalten hast und ob die Dame unserer Gedanken da war.«

»Was für eine Hochzeit?« fragte ich, denn ich hatte meinem Freunde nichts davon gesagt.

»Ei! die Hochzeit des Tischlers Gratian mit Zoe, der Milchschwester der Gräfin von Chambray.«

»Woher weißt Du denn« daß ich von der Hochzeit komme?«

»Ich habe Dir Spione nachgeschickt?«

»Wie, Du hast mir Spione nachgeschickt?«

»Ja, ich mache Versuche; ich wollte wissen, ob ich im Stande bin, eine Rotte Mouchards unter meinem Commando zu haben.«

»Ich verstehe Dich nicht; aber ich hoffe doch, daß es —«

»Ich will Dir’s erklären. Lieber Freund, Du mußt wissen, daß ich in diesem Augenblicke ein Feld, auf welchem Bäume mit goldenen Aepfeln wachsen, cultivire. Dieses Feld nennt man die Wahlen. Einer der Deputirten des Departements de l’Eure ist gestorben; ich möchte sein Nachfolger werden; ich habe bereits mein Circular verfaßt. Hier ist’s. Ich verspreche meinen Vollmachtgebern Eisenbahnen, Brücken, Canäle; ich will aus Evreux ein zweites Venedig, aus Louviers ein zweites Manchester machen. Wenn ich einmal zum Deputirten ernannt bin, so trete ich in die bescheidenen Grenzen eines Budgets von achthundert Millionen zurück. Aber Du kannst leicht denken, daß ich mit meinen administrativen Talenten und mit meiner Redegabe nicht lange blos Deputirter bleiben werde: ich werde Mitglied aller Commissionen, ich komme in den Staatsrath. und beim ersten Ministerwechsel erhasche ich ein Portefeuille. Einem großen Verwaltungstalent, wie ich bin, kommt natürlich das Portefeuille des Innern zu. Und was ist der Minister des Innern? Der eigentliche Polizeipräfect. Der in der Rue de Jerusalem ist nur sein erster Beamter. – Jetzt höre weiter. Angenommen ich hätte die Anzeige erhalten, daß Herr Max von Villiers, ungeachtet seiner Anhänglichkeit an den unglücklichen Prinzen, dessen Verlust wir beklagen, gegen die Regierung conspirire —«

»Wie!« unterbrach ich, »ich conspirire gegen die Regierung?«

»Laß mich doch ausreden. Ich sage ja nicht, daß Du Conspirirst, ich nahm nur an, daß mir die Anzeige zugegangen, Du conspirirst gegen die Regierung. Dann ist meine Pflicht, Dich des Hochverraths zu überführen oder deine Schuldlosigkeit an den Tag zu bringen. Ich schicke Dir also meine Mouchards nach; ich muß wissen was Du thust, Tag für Tag, Stunde für Stunde. Willst Du den Bericht sehen, der mir über dein Thun und Lassen zugeschickt worden ist?«

»Ja, ich gestehe« daß ich neugierig bin.«

»So höre: Den 29. Juli nach Alencon gereist. Hat noch denselben Tag einen Notar, Namens des Brosses, besucht, der als ein Mann von überspannten Ansichten bekannt ist. Du siehst, daß Dir die ersten Indicien nicht günstig sind.«

»Lieber Alfred,« erwiederte ich, »es war ja durchaus nicht meine Absicht, mit Herrn des Brosses zu politisiren; ich ging zu ihm —«

»Wenn Du mir sagst, warum Du zu ihm gingst, so raubst Du mir das Verdienst, es ohne deine Erklärung zu wissen.«

»So fahre fort.«

»Da die Unterredung ohne Zeugen geführt wurde, so weiß man nicht, ob besagter Max von Villiers politisirt hat; aber das sichtbare Resultat der Unterredung war der Ankauf des Schlosses Juvigny. Denselben Abend reiste er nach Paris und kam mit hundertzwanzigtausend Franks zurück. – Ist es richtig?«

»Vollkommen richtig. Ich gratulire zu deinem Portefeuille.«

Alfred schaute wieder in seinen Bericht und las weiter:

»Hat in Alencon einen Wagen genommen. Ist um drei Uhr Nachmittags im Schlosse Juvigny eingetroffen —«

»Lieber Freund, lies weiter, Du stehst in meiner Achtung schon eben so hoch wie Herr Lenoir.«

»Hat das Schloß besucht und daselbst übernachtet. Nach sechstägiger Abwesenheit wieder in Evreux angekommen. Begab sich gleich nach seiner Rückkehr zu dem Juwelier Bochard, in der Hauptstraße, und ließ einen Ring schätzen; aber statt diesen Ring zu verkaufen, kaufte er eine goldene Kette und hängte sie sich sammt dem Ring um den Hals.«

Ich erröthete unwillkürlich.

Alfred bemerkte es.

»Ich frage Dich ja nicht,« sagte er, »ob es wahr ist oder nicht, ich lese Dir nur meinen Bericht vor. – »Nach Bernay abgereist. Im Gasthofe »zum goldenen Löwen« gewohnt. Bei Maitre Blanchard für dreitausend Franks ein kleines Haus in der Kirchengasse gekauft.« Es folgt nun das Verzeichnis der Tischlerwerkzeuge und Meubles, die Du in das kleine Haus bringen ließest. Willst Du nachsehen, ob es richtig ist?«

»Nein, es ist nicht nöthig. Du kannst Dich bereits mit Herrn von Sartines messen.«

»Warte nur, ich bin noch nicht fertig. – »Ist wieder nach Bernay gekommen. Hat die Meubles und Werkzeuge in dem angekauften Hause aufstellen lassen. Beim Wirth zum »goldenen Löwen« ein Hochzeitmahl bestellt« unter der Bedingung, daß der Tisch in dem kleinen Hause gedeckt werde.«

»Ich muß gestehen, daß deinem Scharfblick gar nichts entgangen ist. Weißt Du auch, was ich seit vorgestern gethan.?«

»Du bist erst vor zehn Minuten angekommen, lieber Freund,« erwiederte Alfred. »Du wirst gestehen, daß noch keine Zeit verloren ist. Ich erwarte einen letzten Bericht.«

In diesem Augenblicke erschien der Thürsteher und übergab dem Präfecten einen großen Brief.«

»Wahrhaftig,« sagte Alfred, »Du wirst nach Wunsch bedient. Da ist er.«

»Der Bericht über mich?«

»Ja, der Bericht über Dich.«

»Willst Du mir erlauben, diesen Brief zu erbrechen.?«

»Warum nicht! Ich wollte Dich darum ersuchen.«

Ich erbrach den Brief und las:

»Bericht über Herrn Max von Villiers vom 18., 19. und 20. August.

»18. August. Wieder nach Bernay gereist. Um vier Uhr Nachmittags im Gasthofe angekommen. Um sechs Uhr fortgegangen, um die Kirche Notre-Dame de la Culture zu besuchen. Erst drei Viertelstunden nachher, und zwar zehn Minuten nach der Frau Gräfin von Chambray wieder herausgekommen. Ist bis halb zwölf Uhr Abends auf dem Friedhofe geblieben und um Mitternacht wieder in den Gasthof gekommen.

»19. August. Um zehn Uhr Vormittags erhielt er einen Besuch von dem Tischler Gratian Benoit, mit dem er um ein Viertel auf eilf in das Schloß Chambray ging, wo die Braut des obgenannten Gratian wartete. Um halb eilf in die Maire, fünf Minuten vor eilf in die Kirche gegangen. Die Gräfin von Chambray am Arme aus der Kirche geführt —«

Alfred sah mich an.

»Alles richtig,« sagte ich, »Was ist denn auffallend daran?«

»Nichts. Nur weiter.«

Ich las weiter:

»Abends den Ball mit der Braut eröffnet. Den zweiten Contratanz mit der Gräfin von Chambray getanzt. Letztere auf ihr Schloß zurückbegleitet, gefolgt von einer alten Frau, Namens Josephine Gauthier. Hat sie um Mitternacht verlassen; ist wieder zur Hochzeit zurückgekehrt, hat Abschied von dem jungen Paar genommen und sich wieder in den Gasthof »zum goldenen Löwen« – begeben. Am 20. August, nemlich heute um acht Uhr Morgens, nach Lisieux abgereist. Sein erster Besuch war bei dem Herrn Präfecten, in dessen Cabinet er sich jetzt jetzt befindet.«

»Was sagst Du dazu?«

»Ich habe Wunderdinge von der Polizei des Herrn Fouché gehört; aber ich glaube, daß sie mit der deinigen nicht zu vergleichen ist.«

»Du gibst also zu, daß ich ein guter Minister des Innern seyn werde?«

»Hinsichtlich der Polizei, ja. Aber jetzt sage mir was dieser Spaß bedeuten soll?«

»Es ist durchaus kein Spaß,« erwiederte der Präfect. »Als ich Dir vor dem botanischen Garten in Brüssel begegnete, sagte ich zu Dir: In drei Monaten bin ich Präfect. Heute sage ich Dir zu Evreux in meinem Cabinet: In drei Monaten bin ich Deputirter und in einem Jahre Minister. So wahr wie ich in der angegebenen Frist Präfect geworden bin, werde ich in der genannten Zeit Deputirter und Minister.«

»Hast Du sonst nichts hinzuzusetzen?« fragte ich, meinen Freund scharf ansehend.«

»Ja wohl,« sagte er leise und legte die Hand auf meinen Arm; »ich habe hinzuzusetzen, lieber Max, daß Du die Gräfin von Chambray liebst, und diese Liebe beunruhigt mich.«

»Alfred!«

»Freund, ich bin jetzt der Einzige, der um dein Geheimniß weiß, und es ist hier,« setzte er, die Hand auf die Brust legend, ernst hinzu, »mehr in Sicherheit als in deinem Herzen. Aber was ich weiß. Max, das kann auch ein Anderer auf gleiche Art erfahren. Wie, wenn der Polizeipräfect ersucht wird, einen seiner Agenten zu schicken? Der Graf von Chambray ist ein verschlossener Charakter. Ich bin wie Cäsär, ich traue den hagern, blassen Gesichtern nicht. Angenommen nun, der Graf von Chambray schöpfe Verdacht; angenommen, er schreibe an den Polizeipräfecten und dieser sende ihm einen eben so gewandten Agenten wie er mir geschickt hat; – angenommen endlich, Herr Max von Villiers werde zu den Füßen der Gräfin überrascht —«

»Dann schießt man sie Beide todt.«

»Nein.«

»Man fordert Max von Villiers und schlägt sich mit ihm.«

»Nein.«

»Was geschieht denn?«

»Man bringt die Gräfin in ein Kloster, zwingt sie zur Erneuerung einer bereits erloschenen oder bald erlöschenden Generalvollmacht. In Folge dieser Vollmacht hat der Graf die Besitzung Juvigny verkauft, die ihm als die Geburtsstätte seiner Frau hätte heilig seyn sollen. So wird man ihr das Wenige, was ihr noch geblieben ist, entziehen, und die Welt wird dem Grafen wohl nicht Recht, aber auch nicht ganz Unrecht geben.«

Ich war anfangs ganz bestürzt über diese Voraussetzung.

»Was schließest Du daraus?« fragte ich; »soll ich meiner Liebe entsagen?«

»Es wäre das Vernünftigste, aber es ist nicht mehr möglich. Es ist so weit mit Dir gekommen, armer Max, daß Du eher dem Leben als deiner Liebe entsagen würdest. Ich mußte Dich warnen, diese Nothwendigkeit wird Dir einleuchten. Den Muth des Löwen hast Du schon, es fehlt Dir nur noch die Klugheit der Schlange. Sieh Dich vor, sieh Dich nach allen Seiten um auf dem Wege, den Du wandeln willst. Und wenn Du das ersehnte Ziel erreichst, so untersuche die Fußböden, durchforsche die Cabinete, öffne die Schränke. Ist’s im Erdgeschoß, so laß Dir eine Ausgangsthür offen; ist’s im ersten Stock, so sorge für ein Fenster, aus welchem Du, wie Cherubin, auf Blumenbeete springen kannst; ist’s im zweiten Stock, so sieh Dich nach einer Hintertreppe um, um nöthigenfalls, wie Don Carlos, zu entwischen; ist’s im dritten Stocke, so bewaffne Dich, wehre Dich deiner Haut und mache den Teufel todt, ehe er Dir auf den Leib kommt. Ein Präfect sollte Dir vielleicht einen andern Rath geben, aber ich spreche als Freund mit Dir.«

Ich druckte ihm die Hand.

»Und ich nehme deinen Rath als den eines Freundes an,« sagte ich.«

»Schön; aber wirst Du ihn befolgen?«

»Ich werde mein Möglichstes thun.«

»Mehr ist nicht zu verlangen. Jetzt, da Du Grundbesitzer im Departement bist, bitte ich um deine Verwendung bei der Deputirtenwahl.«

»Es ist also wirklich dein Wunsch?«

»Ich sehne mich eben so sehr nach einem Sitz in der Deputirtenkammer, wie Du Dich nach dem Wiedersehen der Gräfin von Chambray sehnst. Und ich muß gestehen, daß sie eine reizende, liebenswürdige Dame ist.

Georges erschien mit der Meldung, daß der Wagen bereit sey. Alfred nahm Hut und Handschuhe, bot mir eine Cigarre und zündete eine andere an.

»Du kommst doch mit mir?« sagte er.

»Wohin?«

»Ich will einen Wahlbesuch machen.«

»Nein, ich danke.«

»Du hast Recht, lieber Freund. Ueberlaß Dich nur deinen Träumereien. Es gibt ja in dieser Welt nichts Nothwendigeres als das Ueberflüssige, nichts Positiveres als das Ideale.«

Er ging fort.

Gleich darauf ging die Thür wieder auf.

»Apropos,« sagte Alfred, den Kopf in die Thür steckend, »hüte Dich vor einer gewissen Nathalie. Die Creatur ist für Geld zu Allem fähig.«

VIII

Meine Unterredung mit Alfred hatte mich etwas beunruhigt; ich ließ mir ein Pferd satteln und begab mich, ohne Alfred zu erwarten, nach Reuilly.

Die Einsamkeit des Parkes und die schattigen Bäume waren mir unendlich lieb geworden. Wenn ich dort allein spaziren ging und meinen Gedanken ihren Lauf ließ, schien es mir, als sähe ich zuweilen eine weiße Gestalt schweben, als folgte ich dieser Gestalt und als sähe ich sie plötzlich an der Biegung einer Allee sinnend aus einer Bank sitzen oder in nachdenklicher Stellung am Ufer des Flusses stehen.

Diese weiße Gestalt war Edmée, oder vielmehr ihr Geist, der nur stumm, unnahbar und flüchtig erschien, aber doch Alles that was ein Geist für den ihn liebenden Geist und Körper thun kann.

Zuweilen sann ich auch über Alfreds Aeußerungen nach. Herr von Chambray stand, ohne daß man etwas Bestimmtes gegen ihn sagen konnte, in der Umgegend in einem sonderbaren Rufe. Er war ein leidenschaftlicher Spieler, das war wohl bekannt, aber man setzte hinzu, daß er sich im Kreise von Freunden oft dergestalt betrank, daß sein tolles Gerede in Wahnsinn, sein Zorn in Wuth ausartete.

Ob er dabei einem natürlichen Hange zur Trunkenheit folgte, oder ob er einen geheimen Gram betäuben wollte, wußte man nicht mit Gewißheit zu sagen. Daß die Gräfin, dieser Engel der Tugend und Ergebung, einen Kummer hatte, den sie nicht zu verbergen vermochte, mußte eine geheime Ursache haben.

Und sonderbar, ich glaubte instinctmäßig zu begreifen, daß nicht alles Unglück der Gräfin von ihrem Gemal komme, daß in den sie umgebenden Personen eine andere Ursache ihres plötzlichen Erschreckens und ihrer fortwährenden trüben Stimmung zu suchen sey.

Eine innere Stimme sagte mir: Es ist der Abbé!

Dann schauderte ich. Bei der Religiosität, die ich meiner Erziehung zu danken hatte, schien mir Argwohn und Mißtrauen gegen einen Geistlichen eine Anomalie, an die ich mich nicht gewöhnen konnte. Die Criminaljustiz hatte dann und wann wohl eine von einem Standesgenossen verübte Unthat enthüllt; die Namen Maingrat und La Callonge hatten freilich die Gesellschaft in Schrecken gesetzt; aber im Grunde waren es Unmenschen, die in jedem andern Stande, wie ein Papavoine und Lacenaire, Verbrecher geworden wären. Ich weiß mir indeß die Rohheit eines Léotade besser zu erklären als die Heuchelei Tartuffe’s; ich beklage den Einen und verachte den Andern.

Doch dies waren nur Vermuthungen, die sich auf keine bestimmte Thatsache stützten; es schien mir, als wäre ich in eine Welt versetzt worden, wo ich nur gestaltlose Wesen fand, wie die, welche man im Traume sieht. Wie im Traume, hegte ich gewisse Besorgnisse, denen ich keine materielle Ursache zuschreiben konnte; sie fanden ihre Erklärung nur in einem ahnungsvollen Gefühl. Ich ahnte wohl, daß einst Licht in dieses Dunkel dringen werde; aber statt, wie ein Träumer, beim Erwachen von einer eingebildeten Gefahr befreit zu werden, fühlte ich, daß ich eine wirkliche Gefahr zu bekämpfen haben würde, sobald meine Augen sehen könnten, mein Geist die Lage der Dinge zu begreifen vermochte.

So vergingen drei Tage, ohne daß es mir einfiel in die Stadt zu gehen.

Als ich am dritten Tage vom Tische aufstand, sagte man mir, daß mich eine bejahrte Bäuerin zu sprechen wünsche.

Es konnte nur die alte Josephine Gauthier seyn.«

Ich war allein und ließ sie hereinkommen.

Ich hatte mich nicht geirrt; ich bot ihr ganz erfreut einen Stuhl. Sie hatte die Gräfin schon gestern verlassen und wollte mir Nachricht von ihr bringen. Was sie mir zu sagen hatte, wußte ich nicht; aber mit der guten Alten, die ihre Amme gewesen war und sie vielleicht mehr als ihre Tochter liebte, konnte ich ohne Bedenken von Edmée sprechen, ich hatte keinen Verrath zu fürchten.

»Nun,« fragte ich, »ist die Hochzeit zu Ende?«

»Ja, sie ist zu Ende,« antwortete sie. »Den zweiten Tag wurden die Ueberbleibsel des ersten und den dritten Tag die des zweiten gegessen. Aber das konnte nicht so fortgehen. Jedermann ist wieder an seine Arbeit gegangen, und jetzt ist von dem Hochzeitschmause nichts mehr zu sehen.«

»Sind die jungen Eheleute zufrieden und glücklich?«

»Ja wohl, das haben sie Ihnen zu danken, Herr Baron; sie lassen Ihnen sagen, daß Sie ihnen nächst dem lieben Gott und der Gräfin das Liebste auf der Welt sind.«

»Und wie geht’s im Schlosse?«

»Im Schlosse geht auch Alles gut. Die Kleine ist wohl ein bisschen traurig —«

»Die Gräfin?«

»Ja.«

»Wißt Ihr nicht warum sie traurig ist?«

»Nein. Ich weiß nur, daß der Graf einige Tage abwesend seyn wird.«

»Glaubt Ihr, daß dies die Ursache ist?«

»Wenigstens hatte sie rothgeweinte Augen« als er sie verließ.«

»Hat sie Euch nichts gesagt?«

»Ja wohl, sie sagte: »Josephine, in Abwesenheit des Grafen will ich einen Tag und eine Nacht in Juvigny zubringen; ich will mein Stübchen wiedersehen! Ich antwortete ihr: »Kommen Sie, Frau Gräfin, Sie sollen gut empfangen werden von Ihrer alten Josephine, die sich recht herzlich freuen wird, Sie in dem Hause Ihrer Kindheit wiederzusehen.« Da seufzte sie tief und sagte einige Worte, die ich nicht verstand. »Es ist drüben noch Jemand,« sagte ich, »der Sie noch besser empfangen würde, als ich.« – »Wer denn?« fragte ich. – »Der jetzige Besitzer, Herr von Villiers.«

»Und was antwortete sie darauf?«

»Nichts; sie seufzte wieder und noch lauter als das erste Mal.«

»Glaubt Ihr,« fragte ich die Alte, »daß es ihr unangenehm seyn würde, mich in Juvigny zu sehen?«

»Es ist nie unangenehm Leute zu sehen, denen man gut ist.«

»Ihr glaubt also, liebe Josephine. daß die Gräfin Freundschaft für mich fühlt?«

»O! das versteht sich. Wenn Sie wüßten, wie sie den Schlüssel des Stübchens betrachtete! Ich glaube sogar, daß sie ihn geküßt hat.«

»Das ist kein Beweis, daß sie mir gut sey, sondern daß ihr das Stübchen noch lieb und werth ist.«

»Das ist wohl wahr, aber ich weiß gewiß, daß ihr das Stübchen noch lieber geworden ist. seitdem Sie es kennen.«

»Woraus schließet Ihr das?«

»Aus ihren Fragen.«

»Sie hat Euch ausgefragt?«

»Ja, sie wollte Allen genau wissen: was Sie gesagt und gethan – wie Sie hinein- und wieder herausgekommen sind – in welchem Zimmer Sie sich gesetzt – in welchem Bett Sie geschlafen – ob Sie traurig oder vergnügt ausgesehen. Kurz und gut, sobald wir Beide allein waren, wurde nur von Ihnen gesprochen.«

Ich hörte der guten Alten mit unaussprechlicher Freude zu, und ich erkundigte mich eben so angelegentlich nach Edmée, wie sich diese nach mir erkundigt hatte.

Ich erfuhr viele höchst anziehende Einzelnheiten über ihre Jugend: wie sie als Kind eine große Vorliebe für Blumen und Vögel gehabt; wie sie sich mit ihnen in einer unbekannten Sprache zu unterhalten schien, wie sie so naiv erzählte, was die Vogel sagten und die Blumen dachten; wie sie die Einsamkeit liebte und Stunden lang am Wasser saß und darin Dinge betrachtete, die Niemand sah.

Die gute Josephine schlief in dem Zimmer neben dem blauen Stäbchen. Sie hatte ihre Ammengewohnheiten beibehalten, und beider mindesten Bewegung, die das Kind machte, erwachte sie, stand leise auf und schaute durch die angelehnte Thür. Die Kleine beantwortete im Schlafe ihre Fragen, beruhigte sie, und erzählte ihr, sie sey auf einer Reise durch unbekannte Gegenden, wo die Blumenblätter aus Smaragden, die Blumen aus Rubinen und Saphiren bestünden; wie sie in dem Lande ihrer Träume schöne Geschöpfe mit blauen Augen, blonden Locken, langen weißen Gewändern und goldenen Flügeln sehe. Dann setzte die gute Alte hinzu – was mir Edmée selbst erzählt hatte – daß sie oft aufstand. sich mit geschlossenen Augen an einen Tisch setzte und ohne Licht, von einer innern Flamme erleuchtet, an einer Stickerei arbeitete, oder schrieb. So war sie herangewachsen. fast ohne andern Unterricht als den jener unbekannten Lehrer, die ihr die Bücher, aus denen sie so viel Schönes erlernt, zu bezeichnen schienen. Denn Morgens ging sie in die Bibliothek und nahm ein Buch, das Niemand kannte, das sie selbst Tags vorher noch nicht gekannt hatte. Oder, wenn sie nicht selbst gehen wollte. schickte sie mich und nannte mir das Buch und bezeichnete mir den Platz, wo es war, so genau, daß ich nur den Arm auszustrecken und das Buch zu greifen brauchte.

Die Dienerschaft hatte vor ihr eine gewisse ehrerbietige Furcht wie vor einem überirdischen Wesen; aber zum Glück war sie so herzensgut, daß sich Jedermann zu ihr hingezogen fühlte und im Grunde keine andere Furcht hatte, als die ihr zu mißfallen.

Ich hörte der guten Alten eine ganze Stunde zu; ich hätte ihr den ganzen Tag. das ganze Leben zugehört.

Leider mußte sie nach Juvigny; sie hatte. um mich zu sprechen, schon einen Umweg von einigen Meilen gemacht.

Das Interessanteste an ihrer Erzählung war für mich der beabsichtigte Besuch der Gräfin im Schlosse.

Einen Tag mit ihr in diesem an Erinnerungen reichen Schlosse zuzubringen war für mich ein Glück, das ich nicht einmal zu träumen wagte.

Ich entwarf schnell folgenden Plan. Da ich nicht wußte, an welchem Tage die Gräfin ins Schloß kommen würde, so wollte ich schon den folgenden Tag nach Juvigny abreisen, um im Dorfe als Landschaftsmaler zu bleiben. Sie mußte durch das Dorf fahren. um sich ins Schloß zu begeben. Josephine sollte ihr sagen, daß ich im Dorfe sey – ich wollte sie nicht überraschen – und sollte sie fragen. ob sie es für gefährlich halte mich zu empfangen.

Wenn sie nur das mindeste Bedenken hegte, sollte sie mich nicht empfangen. Wenn sie hingegen ihre Zustimmung gäbe, sollte sie eine Vase mit Blumen in das von der Landstraße sichtbare Fenster ihres Zimmers stellen. Dies sollte für mich ein Zeichen seyn, daß ich ihr meine Aufwartung machen könne.

Ich fürchtete, die gute Alte werde alle diese Einzelheiten nicht im Gedächtniß behalten und schrieb sie daher auf ein Blatt Papier.

Darunter schrieb ich die Worte, welche Sie einst mit dem Messer an die Wand meines Hauses eingeschnitten hatte und an welche ich seitdem so oft zurück gedacht hatte:

»So sey es!«

Diese Worte sind eine Art Talisman, der mir immer Glück gebracht hat.

Als Alles verabredet war, machte sich die gute Alte auf den Weg.

Alfred kam wie gewöhnlich um fünf Uhr nach Hause.

Er kam in mein Zimmer. Ich kannte seine Fußtritte und ging ihm entgegen.

»Ich bringe Dir einen Gast, den Du gewiß nicht erwartest,« sagte er.

»Wen denn?«

Er sah sich im Zimmer um, als ob er sich überzeugen wollte, ob ich allein sey.

»Den Grafen von Chambray,« sagte er.

Ich war etwas betroffen.

»Den Grafen von Chambray! Warum bringst Du mir den Mann?« fragte ich.

»Ich bringe ihn nicht gerade Dir, ich habe ihn in meinem eigenen Interesse mitgebracht. Wenn man Deputirter werden will, muß man die einflußreichen Wähler cultiviren. Der Graf hat Juvigny verkauft; aber er hat Chambray noch; er ist noch Mitglied des Departementsrathes, und hoch besteuert. Man ist ihm daher viel Rücksicht schuldig. Ueberdies hat er eine schöne Jagd, zu der er Dich für die ersten Septembertage eingeladen hat. Ich weiß, daß Du der Einladung sehr gern folgst. Es kann nicht schaden, daß er seine Einladung wiederholt. Enfin, ist der Gemal der Gräfin von Chambray. Er besuchte mich auf der Präfectur; er hat es übel genommen, daß Du in Bernay gewesen bist, ohne ins Schloß zu kommen. Ich dachte, daß Du Dich mit ihm aussöhnen muß,« und habe ihn daher mit nach Reuilly gebracht.«

»Er verläßt also Bernay?«

»Ja, er geht an drei bis vier Tage nach Paris, er hat mit seinem Notar Geschäfte abzuthun. Ist es Dir nicht lieb, die Nachricht von seiner Reise bestätigt zu finden??«

»Bestätigt?«

»Allerdings, denn ich vermuthe, daß Du es schon wußtest und daß Dir die alte Bäuerin, die bei Dir war, keine andere Nachricht zu überbringen hatte.«

»«Alfred!«

»Lieber Freund, ein guter Verwaltungsbeamter hat die Pflicht, in seinem Amtsbezirk keinen Conflict aufkommen zu lassen. Du mußt mir in meinen Vorsichtsmaßregeln nicht hinderlich seyn. Unter einer constitutionellen Regierung sind die Staatsbeamten verantwortlich. Ich will meinen Platz nicht verlieren. Dann gibt es gewisse Dinge, die der Graf wissen muß und mit denen wir ihn bei Tische gesprächsweise bekannt machen werden.«

»Was für Dinge?«

»O! Lapalien, an die Du nicht denkst, wie zum Beispiel, daß Du jetzt der Besitzer von Juvigny bist.«

»Willst Du es ihm sagen?«

»Soll er’s etwa in Paris von seinem Notar erfahren und allerlei abgeschmackte Bemerkungen, denen ich mit wenigen Worten vorbeuge, darüber machen? Und was ein Präfect sagt, ist nicht zu bezweifeln, es ist officiell, wie die erste Spalte im Moniteur«. Wir speisen frühzeitig, wie Bürgersleute. Der Graf muß um acht Uhr in Evreux seyn, um im Postwagen zur Eisenbahn zu fahren. Bertrand hat freilich ein saures Gesicht gemacht, als er erfuhr, daß eine halbe Stunde früher als gewöhnlich gespeist werden soll – ungefähr ein Gesicht wie Du schnittest, als ich Dir sagte, daß Du mit dem Grafen von Chambray speisen wirst.«

In diesem Augenblicke wurde zur Tafel geläutet.

Alfred sah nach der Uhr.

»Halb sechs! pünktlich wie eine Sonnenuhr! – Lieber Freund, dieser Bertrand ist ein unbezahlbarer Mensch, den ich Dir testamentarisch vermachen werde, falls ich die Dummheit begehen sollte früher zu sterben als Du. – Jetzt komm, ein Deputirter muß seinen Wähler nicht warten lassen. Ludwig XV. sagte: Die Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige.«

Wir gingen hinunter. Der Graf von Chambray, den Alfred im Park gelassen hatte, kam, durch die Glocke herbeigerufen, auf die Freitreppe zu.

Ich ging ihm entgegen. – Wir begrüßten uns in der herkömmlichen Weise, ohne daß sein schönes edles Gesicht den mindesten Nebengedanken verrieth.

Wir setzten uns zu Tische.

Erst jetzt machte mir der Graf höfliche Vorwürfe, daß ich so zu sagen bis an die Thür seines Schlosses gekommen sey« ohne ihn zu besuchen.

Ich antwortete, daß ich geglaubt, er sey abwesend, da er seine Gemalin nicht zur Hochzeit Gratians begleitet, daß ich seine Anwesenheit erst Abends von der Gräfin erfahren, und am andern Morgen bei Tagesanbruch abgereist sey.

Alfred brachte nun die Candidatur zur Sprache und erzählte,« er habe mich, um unter den Grundbesitzern einen Freund zu haben, zum Ankauf des erst unlängst von dem Grafen veräußerten Gutes Juvigny beredet; ich sey gar nicht geneigt dazu gewesen, hätte aber aus Freundschaft für ihn, obgleich ich die Besitzung nicht einmal gesehen, zwanzigtausend Francs mehr dafür bezahlt als der Graf von dem ersten Käufer erhalten.

Der Graf schien etwas verlegen, erröthete leicht. stammelte einige Worte, die seine Freude ausdrücken sollten, daß dieses Familiengut, zu dessen Verkauf ihn gewisse Rücksichten bewogen, nicht im Besitz eines Fremden, sondern eines Freundes sey, und setzte lächelnd hinzu:

»Ich hoffe, lieber Mitbürger, daß Sie sich hiedurch um so mehr bewogen finden werden, auf der Besitzung, die ich behalten habe, die Jagd zu eröffnen.«

Ich wiederholte mein Versprechen mich einzufinden. Die Unterredung sprang von diesem kitzlichen Gegenstande auf allgemeine Bemerkungen über, und wie bei dem ersten Zusammentreffen machte der Graf auf mich den Eindruck eines nicht nur gebildeten, sondern sehr unterrichteten, fast gelehrten Mannes.

Um ein Viertel auf acht hielt der Tilbury vor der Außentreppe; der Graf nahm Abschied von uns, setzte sich neben den Kutscher und nahm diesem die Zügel aus den Händen.

Der Kutscher, der die Pferde als sehr unlenksam kannte, trug einiges Bedenken sie ihm zu überlassen.

»Gib die Zügel nur,« sagte Alfred; »wenn Bab-Ali unartig wird, so wird ihm der Graf zeigen, wie man Ungezogenheiten züchtigt.«

Georges. der Bab-Ali beim Zügel gefaßt hatte, ließ ihn los.

Das Pferd bäumte sich und versuchte sich rechts, dann links zu werfen. Aber mit Hilfe der Zügel und der gleichzeitig angewandten Peitsche machte der Graf das unbändige Thier ganz gefügig, so daß es bei der Abfahrt so artig seyn zu wollen schien, als ob es in den Händen des Kutschers oder Alfreds selbst gewesen wäre.«

»Auf mein Wort,« sagte ich zu meinem Freunde, »ich glaubte anfangs, Du wolltest die Gräfin zur Wittwe machen.«

»Hilf Dir selbst, so wird Dir der Himmel helfen,« antwortete Alfred; »Sprichwörter sind die Weisheit der Nationen. – Georges,« sagte er, sich zu seinem Groom wendend, der Herr Baron verläßt morgen Reuilly auf zwei oder drei Tage. Halte Antrim für ihn in Bereitschaft.«

Ich sah Alfred erstaunt an.

»Wer hat Dir denn gesagt« daß ich fort will?« fragte ich.

»O! ich kann’s schon denken,« antwortete er; »man braucht dazu kein Hexenmeister zu seyn.«

»Wenn Du etwa die Absicht hast, mich belauschen zu lassen, wie das letzte Mal, so will ich Dir lieber gleich sagen wohin ich will; dein Kundschafter hat dann eine Mühe weniger.«

Alfred schüttelte lächelnd den Kopf.

»Nein,« sagte er, »auf Dich ist dieses Mal mein Augenmerk nicht gerichtet.«

»Auf wen denn?«

»Auf ihn.«

»Wen nennst Du denn ihn?«

»Wen denn sonst, als den Grafen von Chambray!«

Ich sah ihn betroffen an.

»Es ist eine Manie,« setzte er hinzu; »aber es soll Dir kein Unglück geschehen.«

Als ich Abends in mein Zimmer kam, fand ich auf dem Nachttische ein Paar schöne doppelschüssige Taschenpistolen.

Die Pistolen waren geladen und lagen auf einem Zettel, auf welchem die von Alfreds Hand geschriebenen Worte standen:

»Vorsicht kann nicht schaden!«

IX

Am andern Morgen um acht Uhr bestieg ich Antrim und ritt im scharfen Trabe zum Gitterthor hinaus.

Um zehn Uhr hatte ich fünf Lieues zurückgelegt. Ich hielt an, um mein Pferd ausruhen zu lassen. und selbst einen Imbiß zu nehmen.

Es war ein schöner Tag in der zweiten Hälfte des August. Es hatte in der Nacht geregnet, das Laub der mit rothen Aepfeln beladenen Obstbäume war wieder frisch grün geworden.

An dem Feldwege, den ich eingeschlagen habe, floß ein klarer Bach, wie man deren auf allen Wiesen in der Normandie findet. Die in viereckige Felder getheilte Erde zeigte die verschiedensten Schattirungen, von dem kräftigen Grün des Rasens bis zum Goldgelb der Aehren. Die behaglich wiederkäuenden Kühe und Ochsen, die großen Schafheerden, die an Bäumen oder Hecken sich aufrichtenden Ziegen, die auf den Stock gestützten Hirten – Alles dies bildete eine reizende Landschaft, in welcher von Zeit zu Zeit ein langes, niedriges, mit Schiefern oder Stroh gedecktes Haus mit schwarz angestrichenen Balken und Fensterläden auftauchte.

Und ich ritt freudigen Herzens, mit Behagen die reine frische Luft athmend mitten durch diese Landschaft und weidete mich an dem Anblick der Thiere, der Felder, der Menschen, des blauen Himmels. – Ich glaube, daß ich nie so glücklich gewesen bin.

Gegen Mittag erreichte ich das Dorf. Ich kehrte in einem Wirthshause ein, welches am Ende des Ortes liegt und aus dessen Fenstern man, wie schon erwähnt, das Schloß sehen kann. Ich verlangte und erhielt ein Zimmer mit der Aussicht auf die Straße.

Ich setzte mich ans Fenster, und mit der größten Ruhe, die mir die Gewißheit des zu erwartenden Glückes gab, zeichnete ich das von Baumgruppen umgebene Schloß.

Ein Theil des Tages verstrich, ohne daß ich Jemanden vorbeikommen sah. Ich ließ mir, ohne meinen Posten zu verlassen, den Tisch decken.

Es schlug sieben.

Kaum war der letzte Glockenschlag verklungen, so hörte ich einen von Bernay kommenden Wagen.

Es war ohne Zweifel der, den ich erwartete.

Ich erinnerte mich der Erzählung der Gräfin von ihrem übersinnlichen Gesichtsvermögen und beschloß sogleich einen Versuch zu machen. Ich stellte mich hinter den Vorhang. Wenn die Gräfin wirklich im Wagen saß, so mußte sie meine Anwesenheit ahnen und sich nach mir umsehen.

Der Wagen kam rasch näher. Ich stellte mich so, daß ich ungesehen beobachten konnte.

Es war wirklich die Gräfin. Sie saß in einem Coupé, dessen seidene Vorhänge herabgelassen waren; aber als sie vor das Wirthshaus kam, zog sie den an meiner Seite befindlichen Vorhang auf, steckte den Kopf zum Wagen heraus und schaute ohne Zögern nach meinem Fenster herüber.

Ich blieb in meinem Versteck. Der Wagen fuhr weiter.

Ich wurde nachdenkend. Der Versuch war gelungen. Woher rührte diese Wahlverwandtschaft zwischen zwei durch eine solche Kluft getrennten Wesen? welche räthselhafte Beziehungen konnten zwischen uns stattfinden und uns gegenseitig unsere Wünsche, unsere Entschließungen mittheilen? War es nur die Liebe, und mußten wir sagen wie Euripides: »O Liebe Du bist mächtiger als die Menschen und die Götter!« – oder war es ein allgemeines Naturgesetz, ein von dem Stärkern auf den Schwächeren ausgeübter gewaltiger Einfluß, von welchem man in der physischen wie in der geistigen Welt Beispiele findet? War es einer jener Beweise, den die Spiritualisten zu Gunsten der Seele vorbringen können, und hat das übersinnliche Gesichtsvermögen von welchem es in Schottland so viele Beispiele geben soll, nicht nur die Hochlandsberge sondern auch den britischen Canal überschritte?«

Wenn man dieses unbegreifliche Phänomen für wirklich oder möglich hält, so war die Gräfin mit ihrem erregbaren Gefühl. mit ihrer lebhaften Phantasie gewiß dafür empfänglich. Sie hatte mir ja selbst gestanden daß sie ein solches räthselhaftes Anschauungsvermögen besitze.

Während ich mit diesen Gedanken beschäftigt war, setzte ich mich wieder ans Fenster. Ich hatte ja ein Zeichen zu erwarten.

Die Gräfin mußte nun das Schloß erreicht und meine Anwesenheit von der alten Josephine erfahren haben.

Bald darauf that sich wirklich das bewußte Fenster auf und die Gräfin stellte eine Vase mit einem Rosenstrauße in dasselbe. Ich durfte ihr also einen Besuch machen.

Ich war so vergnügt, daß ich wie ein kleines Kind in die Hände klatschte.

Ich weiß nicht, ob sie meine närrischen Geberden unterschied, aber sie sah mich und nickte mir freundlich zu, wie eine Schwester dem Bruder.

Die Dämmerung brach an, ich hatte also nicht lange zu warten.

Als es völlig dunkel war ging ich fort und begab mich auf einem langen Umwege in Josephinens Häuschen.

Die gute Alle erwartete mich.

»Hatten Sie denn an die Frau Gräfin geschrieben?« fragte sie sogleich.

»Nein,« antwortete ich, »warum das?«

»Weil sie, als ich sagte: Herr von Villiers ist hier, mit dem Kopf nickte und antwortete: Ich weiß es. – Sie wußte es also, und sie kann es nur von Ihnen erfahren haben.«

Ich lächelte, ohne zu antworten. Ich hielt es für unnütz ihr eine Sache zu erklären, die sie doch nicht verstanden hätte.

»Wo ist die Frau Gräfin?« fragte ich.

»Im Schlosse.«

»Kann ich ihr einen Besuch machen?«

»Ja wohl, Sie werden erwartet.«

Ich wünschte der Alten einen guten Abend und ging in das Gitterthor.

Alles war still und ruhig unter den großen Bäumen, nicht der leiseste Wind bewegte die Gipfel. In den Laubgängen war’s sehr dunkel; von Zeit zu Zeit aber schimmerte der blanke Spiegel eines Wasserbeckens durch das Dunkel und die lautlose Stille wurde durch das Plätschern der Fische unterbrochen. – Es war ein unbeschreiblich schöner, stiller, heiterer Abend.

Ich wußte, daß sie mich erwartete; ich sehnte mich nach ihr. Zu jeder andern Zeit, zu jeder andern Stunde, in jedem andern Verhältnisse würde ich mich beeilt haben; aber jede Hast jede Ueberstürzung hätte mit der heitern Ruhe der Natur nicht harmonirt.

Als ich an das Ende der Allee kam, sah ich sie im weißen Hauskleide auf der Freitreppe.

Sie kam langsam die Stufen herab, mir entgegen. Meine schwärmerische, aber sehr heitere Stimmung schien auf sie übergegangen zu seyn.

Sie reichte mir die Hand« die ich an meine Lippen zog.

In diesem Augenblicke, wo ich sie in dieser dem Anschein nach mehr brüderlichen als leidenschaftlichen Weise begrüßte, hätte ich auf ein Wort, auf einen Wink das Leben für sie gelassen.

»Da sind Sie ja,« sagte sie; »es freut mich, Sie zu sehen.«

»Glauben Sie denn,« erwiederte ich, »daß ich mich dieses Wiedersehens nicht freue?«

»Wenn ich’s auch bezweifeln wollte, es wäre mir unmöglich; Sie wissen« daß ich die Gabe des übersinnlichen Gesichtsvermögens besitze.«

»Ich fange an daran zu glauben.«

»Was veranlaßt Sie dazu?«

»Haben Sie mich nicht hinter dem Vorhange des Gasthoffensters geahnt?«

»Ich habe Sie nicht blos geahnt, sondern gesehen.«

»Das ist unglaublich.«

»Leider müssen Sie mir glauben. Ich spreche mich klar und deutlich aus, wie ein Mathematiker. Sie standen am Fenster und hinter Ihnen lag ein Carton mit einer angefangenen Zeichnung; es war eine Ansicht des Schlosses.«

»Was Sie da sagen, könnte mir wirklich Angst machen.

– Hängt denn dieses übersinnliche Gesichtsvermögen von Ihrem Willen ab, und besitzen Sie es in Bezug auf Jedermann?«

»Nein, mein freier Wille hat gar keinen Einfluß darauf. Plötzlich fühle ich, daß etwas Seltsames in mir vorgeht, ein Schleier zerreißt zwischen mir und den Gegenständen, die ich sehen soll, und zwar in einer fast hörbaren Weise. Die Hindernisse verschwinden und zerrinnen wie ein sich zerstreuender Nebel und ich sehe. Es ist wie eine geheimnißvolle Gewalt, der ich gehorchen muß.«

»Dann bin ich dieses Mal der Zauberer gewesen,« erwiederte ich. »Es war mein Wunsch. Sie möchten mich im Vorbeifahren sehen« ohne zu ahnen, daß dieser Wunsch etwas über Sie vermöchte. Sie hatten mir von Ihrer magnetischen Empfänglichkeit erzählt, und ich wollte einen Versuch machen. Sie hatten mich fast dazu ermächtigt; Sie sagten ja, Sie würden mir einst erlauben.« Sie einzuschläfern.«

»Ja, wir werden sehen – vielleicht diesen Abend, vielleicht morgen. Ich möchte wissen, wann der Graf wieder nach Hause kommt. um möglichst lange hier zu bleiben. Wenn Sie wüßten, wie ich mich gefreut habe. wieder hier zu seyn, und wie glücklich mich der Gedanke macht, daß dieses Häuschen Ihnen gehört. Es ist mir, als wäre es immer noch mein.«

»Sie haben Recht. Aber wollen Sie mich nicht in das liebe Stübchen führen, das ich einst allein besucht habe?«

»Ja, mit Vergnügen.«

Sie nahm meinen Arm.

»Ich habe nie einen Freund gehabt,« setzte sie hinzu. »Seit dem ich unglücklich bin – und seit dem ich mich kenne bin ich es – sind meine Leiden tropfenweise in mein Herz gefallen, ohne daß ich es durch ein Geständniß oder eine vertrauliche Mittheilung erleichtern konnte. Das Herz ist ein Abgrund; aber wie tief derselbe auch sey, er wird doch endlich voll, wenn man immerfort die Trümmer des Lebens hineinwirft. Heute wallt mein Herz über, ich habe einen Freund gefunden, dem ich einen Theil meines Kreuzes aufbürden kann. Ich will ihn nicht zurückweisen. Wollen Sie mein Simon von Chrene seyn?«

»O, könnte ich Ihnen, da Sie mir auf dem Schmerzenswege begegnen, die ganze Last abnehmen und Sie froh und heiter zurücklassen! Wie süß würden mir die Leiden seyn, wenn ich nicht die meinigen, sondern die Ihrigen zu tragen hätte!«

»Es bleibt bei der Abrede. Sie nehmen den mir gehörenden Theil meines Lebens mit, zu dem andern habe ich den Schlüssel nicht.«

»Ich werde erfahren, was Sie mir sagen wollen, mehr will ich nicht zu wissen verlangen. Das Wenige, das Sie mir anvertrauen, wird ein Schatz seyn, der, wie dieses Haus, uns Beiden gehören wird.«

Die Gräfin seufzte.

»Was?« fragte ich.

»Nichts.«

»Ei ja,«e erwiederte ich, »es ist sonderbar!«

»Nicht wahr?« sagte sie, meinen Gedanken beantwortend.

»Man findet sich immer zu spät!«

»Aber es bleibt doch der Himmel,« sagte sie, einen Blick voll Hoffnung und Ergebung emporrichtend.

Wir gingen in eine Allee. Sie setzte sich auf eine Bank und winkte mir, an ihrer Seite Platz zu nehmen.

X

Es folgte eine kurze Pause, während der sich die Gräfin in die Vergangenheit zurückzuversetzen schien.

»Ich habe Ihnen seltsame Dinge zu erzählen, begann sie; »was in der Tiefe meines Herzens verborgen ist, sollte vielleicht nicht aus meinem Munde kommen, aber Sie kamen vorüber, als ich meinen Nothschrei ausstieß: Sie haben meine Stimme gehört, Sie sind zu mir gekommen. Ich will glauben, daß Sie zu meinem Wohl gekommen sind. Hören Sie also.

»Ich werde Ihnen alles ohne Ordnung und Zusammenhang erzählen, wie es mein überwallendes Gefühl mir eingibt. Was Sie mit dem Geiste nicht verstehen, wird Ihrem Herzen verständlich seyn.

»Ich habe meine Mutter gar nicht gekannt. Sie starb bei meiner Geburt, ich glaube es Ihnen schon gesagt zu haben, oder Sie haben es von Josephine erfahren. Meine früheste Erinnerung knüpft sich an diese Bank. Deshalb habe ich Sie hierher geführt, und es ist eine schreckliche Erinnerung.

»Josephine führte Zoe und mich spaziren, als ich sie zu wiederholten Malen beim Rock faßte und nach dem Hause fortzuziehen suchte. Der Hund! der Hund! sagte ich zu ihr, und meine Stimme scheint den Ausdruck der Furcht gehabt zu haben.

»Sie hat mir diese Scene nachher oft erzählt, und Zoe, die nur vier oder fünf Monate älter war als ich, erinnert sich derselben noch sehr gut.

»Plötzlich hörten wir lautes Geschrei, und ein großer Schäferhund erschien mit gesträubtem Haar, rothen Augen und schäumendem Maul in dieser Allee. Eine Schaar von Bauern, mit Heugabeln und Stöcken bewaffnet, verfolgte ihn.

»Der Hund kam auf uns zu. Josephine sah, daß er toll war. Sie nahm mich auf den Arm und lief, die kleine Zoe mit sich fortziehend, auf das Schloß zu.«

Der Hund lief uns nach. Ich konnte über die Schulter meiner Wärterin sehen, und was ich sah war entsetzlich. Während uns der Hund in seinem Wuthanfalle verfolgte, raffte er ohne still zu stehen, Steine auf und zermalmte sie unter den Zähnen. Die Bauern erschraken über die Richtung, die der Hund genommen, standen still und schwiegen, sie fürchteten das wüthende Thier durch Schreien und Toben noch rascher zu jagen. Doch diese Vorsicht blieb erfolglos, der Hund kam uns ganz nahe.

Plötzlich erschien mein Vater im Park. Er kam mit seiner Doppelflinte von der Jagd; er erkannte die Gefahr, in der wir uns befanden. Er zielte und schoß auf den Hund.

»Der Hund schien nicht getroffen zu seyn, denn er verfolgte uns mit gleicher Schnelligkeit. Er riß schon den Rachen auf, um die kleine Zoe zu beißen, als der zweite Schuß fiel.

»Das wüthende Thier stand still, biß sich in die Seite, fiel nieder und machte einen vergeblichen Versuch sich fortzuschleppen.

»Inzwischen war mein Vater herbeigeeilt. Er gab ihm einen so heftigen Schlag mit dem Kolben ans den Kopf, daß der Kolben zerbrach. Er schlug ihn mit dem Doppellaufe vollends nieder.

»Josephine trug mich ins Schloß, verriegelte schnell die Thür des Vorsaales, eilte in das Speisezimmer, dessen Thür sie ebenfalls verschloß. und sank im Salon erschöpft auf das Sopha.

»Die Thüren wurden aufgesprengt; mein Vater erschien, er war noch blässer. als ich ihn im Garten gesehen hatte. Er stürzte auf mich zu. schloß mich in seine Arme und küßte mich.

»Er hatte mich sehr lieb. der gute Vater. Diese Scene, die ein Beweis seiner zärtlichen Liebe war, ist mir im Gedächtniß geblieben.

»Der Schrecken. den ich damals hatte. ist vielleicht die Ursache der außerordentlichen Reizbarkeit, welche bei mir die eben erwähnten sonderbaren Erscheinungen zur Folge gehabt hat.

»Ich war damals etwa fünf Jahre alt. Jene erschütternde Scene prägte sich meinem noch schwachen Geiste tief ein.

»Einige Zeit nachher starb mein Vater. Er hatte seinen Tod vorhergesehen und seine Vorkehrungen getroffen, um mein Vermögen von dem seiner zweiten Frau völlig zu trennen. Der gute Vater hatte für mich eine gewisse Summe eingelegt, die sich, mit Hinzurechnung der jährlichen Interessen, zu der Zeit, wo ich das sechzehnte Jahr erreicht haben würde, auf drei Millionen belaufen mußte.

»Ich war ein Kind. Ich fühlte den schmerzlichen Verlust, den ich erlitt, noch nicht so tief, als wenn ich einige Jahre älter gewesen wäre. Ich erinnere mich nur an einige mit dem Tode meines Vaters Verknüpfte Umstände.

»Dieser Tod kam ganz Plötzlich und unerwartet, denn er war die Folge der Berstung einer Pulsader. Um zwei Uhr in der Nacht erwachte ich Plötzlich heftig weinend und rief: »Papa ist todt!« Dabei rieb ich mir die Lippen, auf denen ich einen eiskalten Kuß zu fühlen glaubte. In meiner kindischen Phantasie war mir mein Vater erschienen und hatte mir Lebewohl gesagt; die Kälte, die ich auf meinem Munde fühlte, war die Berührung des Todes.

»Josephine war auf mein Geschrei erwacht, und da ich immerfort jammerte: »Papa ist todt!« so stand sie auf und werkte meine Stiefmutter, deren Zimmer von dem meines Vaters nur durch eine dünne Wand getrennt war.

»Mein Vater hatte sich, wie gewöhnlich, Abends um zehn Uhr schlafen gelegt. Es hatten sich gar keine bedenklichen Symptome gezeigt, er hatte nur das gewöhnliche starke Herzklopfen gehabt. Meine Stiefmutter wollte daher anfangs den Worten Josephinens keinen Glauben schenken; sie klopfte an die Wand in der Voraussetzung. mein Vater werde erwachen und ihr antworten; aber es blieb Alles still.

»Sie wurde nun ernstlich besorgt, stand auf und zündete am Nachtlichte eine Wachskerze an. Dann klopfte sie an die Thür. erhielt aber keine Antwort. Sie ging nun in das Zimmer meines Vaters und schaute in den Alcoven. Mein Vater lag im Bette, als ob er schliefe, er hatte keine Bewegung gemacht, nur ein leichter, röthlicher Schaum war an seinen Lippen bemerkbar. – Er war todt.

«Dieses Phänomen mag erklären, wer es kann. Ob die aus ihrer Hülle scheidende Seele von mir Abschied nehmen wollte, wie von dem Theuersten, das sie in der Welt gehabt hatte? Ob sie mit ihren Schwingen meine Lippen berührt, und mich dadurch mit der für Jedermann unsichtbaren, für mich zuweilen sichtbaren Geisterwelt in Verbindung setzte?

»Ich, erinnere mich noch dunkel einiger traurigen Einzelnheiten: Wie der dumpf dröhnende Hammer die Nägel einschlug; wie mir Josephine einen Buchsbaumzweig in die Hand gab und mich anwies, den Sarg mit Weihwasser zu besprengen; wie das vor dem Hause mit dem Kreuze wartende Trauergefolge einen Gesang anstimmte. Dann versinkt Alles wieder in Nacht und erst aus späterer Zeit tauchen Erinnerungen in mir auf.

»Ich finde mich dann in einer Lehranstalt zu Evreux wieder mit einer Menge junger Mädchen, deren Gesichter mir im Gedächtnisse geblieben sind, wie Rosenknospen in einem wunderschönen feenhaften Garten.

Meine Stiefmutter besuchte mich jährlich zweimal in Begleitung eines schwarzgekleideten Mannes. der mit seiner blassen Gesichtsfarbe, mit seinem dünnen, glattgestrichenen Haar, mit seinen eingesunkenen Schläfen. dunklen Augenbrauen, stechenden grauen Augen und dünnen Lippen schon damals einen unheimlichen, wenn auch nur vorübergehenden Eindruck auf mich machte.«

»Nicht wahr, es war der Abbé?« fragte ich hastig, die Erzählung unterbrechend.

»Ja, er war’s,« antwortete die Gräfin. »Jedesmal wenn, meine Stiefmutter kam, ließ man mich mit dem Abbé eine Stunde allein; er nahm mir in allem Ernste die Beichte ab, als ob ich schon gewußt hätte, was Sünde ist.

»Wenn ich in den Ferien zu meiner Stiefmutter kam, fand ich den Abbé immer bei ihr. Er hielt mir dann eine kleine Strafpredigt, drohte mit dem Zorn des Herrn und sprach nie von der Güte und Barmherzigkeit Gottes. Die Natur sprach freilich statt seiner.

»Inwischen erreichte ich das dreizehnte Jahr und der Tag meiner ersten Communion kam. Der Abbé erhielt von dem Bischofe von Evreux die Erlaubniß, dem Seelsorger des Instituts zu assistiren. Ich befand mich unter den Kindern, die er zu unterrichten hatte. Seine Freundschaft für meine Stiefmutter gab ihm das Recht sich ganz besonders mit mir zu beschäftigen. Aber sonderbar, je mehr er um mein Wohl besorgt schien, desto unheimlicher, ängstlicher wurde mir zu Muth. Ich gehorchte ihm willenlos. ohne daß ich über mein Thun und Lassen nachsann. So wurde ich, wenigstens dem Anscheine nach, eine der besten Katechumenen des Institutes. Ich wurde zum Hersagen der Taufformel gewählt. Der Abbé Morin studirte mir die Worte ein, wie ein Theaterdirector einen Schauspieler einüben mag, aber gewiß nicht wie ein jugendliches Herz mit Gott zu sprechen lernen soll.

»Als der Tag kam«,war ich abwechselnd schwach und aufgeregt. Er sagte mir leise etwas in’s Ohr. so oft sich Gelegenheit bot. Was er sagte? ich weist es nicht, ich verstand es nicht.

»Ich habe seitdem ein Bild von Scheffer gesehen, das den mit Margaretha leise redenden Mephistopheles vorstellt. Ich war ganz betroffen. als ich das Gemälde sah; mich dünkt, mit diesem hämischen Ausdruck muß der Abbé Morin zu mir gesprochen haben.

»Der feierliche Tag kam. Ich war in einer unbeschreiblichen Stimmung; es schien mir. daß nichts Irdisches in mir sey und daß ich, sobald die Hostie meine Lippen berühre, auf Engelsschwingen zum Himmel aufsteigen würde.

»Ich hatte mir das Gebet willig einstudiren lassen; aber als der Augenblick kam, wo ich meine Seele zu Gott erheben sollte, vergaß ich Alles. Die Deklamation verschwand, um der Begeisterung zu weichen, meine Stimme wurde klangvoll und stark; ich theilte das Gefühl. mit welchem mir die Anderen zuhörten, und als ich schwieg, war mein Gesicht mit Thränen benetzt. Ich fühlte mich unaussprechlich wohl, aber meine Kräfte schwanden – ich wurde ohnmächtig. Man trug mich in die Sakristei.

»Es war eine sonderbare Ohnmacht: ich sah und hörte, als ob ich die Augen offen gehabt und alle meine Geisteskräfte besessen hätte; nur bewegen konnte ich mich nicht. – Man sagte mir nachher, es sey die Starrsucht.

»Der Abbé konnte mir erst nach beendeter Feierlichkeit folgen. Ich sah ihn durch meine geschlossenen Augenlider auf mich zukommen; ich fühlte, wie er seine Hand auf mein Herz legte; seine glühenden Blicke schienen mich durchschauen zu wollen. Er ging auf und ab, aber er ließ mich nicht aus den Augen. Die Chorknaben. die ihre Gewänder ablegten, und die aus- und eingehenden Personen bemerkten es nicht, aber ich war festgebannt, ich vermochte keinen Finger zu rühren.

»Endlich war er allein. Er sah sich um, schaute mich an, warf noch einen Blick im Zimmer umher, trat rasch an den Tisch, auf dem ich, mit einem Polster unter dem Kopfe, lag, und neigte sich zu mir.

»Ich fühlte einen so unbeschreiblichen Schrecken, daß alle Bande, die mich gefesselt hielten, zerrissen. Ich schrie laut auf, und ohne zu wissen wie stand ich auf den Füßen.

»Der Abbé Morin wich schnell zurück. Die Thür ging auf und der Seelsorger des Instituts erschien.

XI

»Obgleich in meinem damaligen Alter die Eindrücke nicht lange in der Erinnerung bleiben und gemeiniglich schnell verschwinden. so blieb mir der eben erzählte Vorfall doch beständig im Gedächtniß. Sie sind freilich der Erste, dem ich diese Scene erzähle, und da sie nicht aus meinem Herzen kam, blieb sie auch in meinen Gedanken.

»Jetzt erklären Sie mir dies. Dieser Mann, den ich so sehr fürchtete, hatte gleichwohl eine räthselhafte Gewalt über mich. Ich war wie die mittelalterlichen Feen, die vor dem Stabe eines bösen Zauberers zittern und trotzdem gezwungen sind ihm zu gehorchen.

»Ich sah den Abbé Morin erst in den nächsten Ferien wieder. Er war, wie gewöhnlich, mehr nachsichtig als streng gegen mich. Er konnte nicht ahnen, daß mir während meiner Ohnmacht die Sinne des Gesichts und Gehörs geblieben waren und daß mir daher von Allem was sich zugetragen, nichts entgangen war. Er erwähnte nichts davon, und ich würde ihm um keinen Preis der Welt etwas von dieser sonderbaren Vision gesagt haben. Ueberdies war ich nicht ganz sicher, ob es kein Traum gewesen war.

»Der Abbé war Beichtvater eines Klosters der Ursulinerinnen, und oft rühmte er mir das stille zufriedene Leben dieser frommen Schwestern, wobei er nie unterließ das Glück der Berufenen zu preisen.

»Aber so oft er von diesem Glücke sprach, wurde ich so blaß und war einer Ohnmacht so nahe, daß meine Stiefmutter, die im Grunde eine herzensgute Frau war, den Abbé Morin ersuchte, diesen Gegenstand in seinen Unterredungen mit mir nicht wieder zu berühren.

»Der Abbé Morin fügte sich und begnügte sich mit Anspielungen auf das himmlische Glück, das uns die Erde bieten konnte; aber diese Anspielungen wurden immer seltener, da mich Frau von Juvigny, ich wußte nicht warum, nicht mehr mit ihm allein ließ. Ungeachtet meiner Arglosigkeit merkte ich dabei doch eine gewisse Absichtlichkeit.

»In dem Jahre nach meiner ersten Communion besuchte mich meine Stiefmutter dreimal, und jedesmal war der Abbé bei ihr; aber kein einziges Mal hatte er Gelegenheit mir ein Wort zu sagen das sie nicht hören konnte.

»So erreichte ich mein vierzehntes Jahr. – In den nächsten Ferien richtete ich das blaue Stübchen so ein, wie es jetzt ist. Die Statue der heil. Jungfrau, welche Sie bemerkt, hatte ich in einem Trödlerladen zu Evreux aufgefunden; ich vergoldete sie selbst und stellte sie da auf, wo sie noch jetzt sieht. Das Stübchen war fertig, als ich wieder in das Institut zurückkehrte, und ich freute mich recht herzlich, daß ich es in einem Jahre bewohnen könnte.

»Eitle Hoffnung! Sie werden gleich hören, was mir in diesem Jahre bevorstand.

»Eines Tages besuchte mich meine Stiefmutter, obgleich es nicht die Zeit der Ferien war. Tags vorher war ich fünfzehn Jahre alt geworden.

»Sie hatte eine lange Unterredung mit der Institutsvorsteherin. In Folge dieser Unterredung schloß mich die gute Madame Lecleré – so hieß die Vorsteherin – so zärtlich in ihre Arme und segnete mich mit so feierlichem Ernst, daß ich wohl merkte, ich müsse an einem sehr wichtigen Abschnitt meines Lebens stehen. Was mir aber bevorstand, getraute ich mich nicht zu fragen.

»Zu meinem Erstaunen war meine Stiefmutter allein gekommen, der Abbé Morin war nicht bei ihr. Ich erwartete aber mit jedem Augenblick sein Erscheinen.

»Er kam nicht, – Ich hütete mich wohl nach ihm zu fragen: ich fürchtete ihn und dachte, daß ich ihn bald genug wiedersehen würde. Wahrscheinlich erwartete er uns zu Juvigny.

»Wir kamen in Juvigny an. Ich sah mich nach allen Seiten um, die schwarze Gestalt ließ sich nicht blicken. Ich athmete freier auf.

»Als ich Abends in meinem Stübchen war und die Thür sorgfältig verschlossen hatte« fragte ich Josephine, was aus dem Abbé Morin geworden sey.

»Josephine wußte es nicht; sie bedauerte nur seine Abwesenheit. Sie verehrte den Mann.

»Sie hatte nur erfahren, daß zwischen ihm und meiner Stiefmutter ein Wortwechsel stattgefunden habe und daß er gleich darauf Pfarrer in Bernay geworden sey. Seit jener Zeit, es waren drei Monate, hatte man ihn in Juvigny nicht wiedergesehen. An seine Stelle war ein auf seine Empfehlung ernannter junger Vicar getreten.

Am Tage nach meiner Ankunft im Schlosse mußte ich Kleider anlegen, die eine ganz andere Form hatten als weine bisherigen. Ich fragte Josephine um die Ursache dieser Veränderung; aber die gute Alte wies mich mit geheimnißvoller Miene an meine Stiefmutter.

Frau von Juvigny, die ich nun befragte, antwortete mir, ich sei kein Kind mehr, sondern ein Mädchen, und es sei daher natürlich, daß ich mich nicht mehr als Kind, sondern als Mädchen kleidete.

Ich war über diese Veränderung sehr erfreut; die neuen Kleider schmeichelten meiner Gefallsucht. Statt meines grauen Schulanzuges mit blauen Bändern hatte ich ein hübsches gesticktes, tief ausgeschnittenes Mousselinkleid mit Volants. Man war auf meinen Anzug bedacht gewesen, weil Besuch erwartet wurde.

Ich gestehe, daß ich, obschon mich im Park herumtreibend, mit Augen und Ohren lauschte.

Gegen vier Uhr Nachmittags hörte ich das Rollen eines Wagens. Ich schlich durch die Büsche, so daß ich sehen konnte, wer durch das Gitterthor und in die Lindenallee fuhr.

Ich sah eine sehr elegante Kalesche und in derselben einen Mann in nachlässiger, halb liegender Stellung. Dieser Mann mochte etwa dreißig Jahre alt sein, er hatte ein schönes, etwas ernstes Gesicht mit einem sorgfältig gepflegten schwarzen Bart. Er war einfach, aber elegant gekleidet.

Die Kalesche hielt vor der Freitreppe an. Der Unbekannte sprang behende heraus. Meine Stiefmutter kam ihm bis auf die oberste Stufe entgegen.

In dem Gebüsche, wo ich versteckt war, konnte ich bemerken, daß er sehr zuvorkommend empfangen wurde. Er ging mit meiner Stiefmutter in’s Haus.

Nach einer kleinen Weile hörte ich meinen Namen Edmée rufen, und ich erkannte Josephinens Stimme.

Ich lief davon und antwortete erst, als ich von der Lindenallee so weit entfernt war, daß man meine Neugierde nicht merkte.

Endlich zeigte ich mich in einer Aller. Die gute Alte bemerkte mich und kam athemlos auf mich zu.

»Kommen Sie doch, Fräulein,« sagte sie« »um Gottes willen, kommen Sie doch! Man sucht Sie überall und rief Sie seit zehn Minuten, ohne daß Sie eine Antwort geben.«

»Da bin ich« liebe Josephine,« antwortete ich.

»Ja wohl, Sie sind da, – aber in welchem Zustande!

Ihr Kleid ist ja ganz zerdrückt, Ihr Haar zerzaust! So können Sie unmöglich vor dem schönen Herrn erscheinen, der Sie besucht.«

»Wie! der mich besucht? Du behauptest also, daß der Herr in der Kalesche mich besucht?«

»Sie und Frau von Juvigny. Sie haben ihn also gesehen, den Herrn in der Kalesche?«

»Ja – von weitem – durch die Bäume,« antwortete ich ganz ganz beschämt über meine Neugierde.

»Dann kommen Sie geschwind. O Sie böses Kind!«

Josephine ging mit mir, oder vielmehr sie trieb mich vor sich her.

Als ich an die Schloßtreppe kam, war ich ganz außer Athem.

»Um Gottes willen!« sagte Josephine, »erholen Sie sich. Man könnte wirklich glauben, Sie hätten eben mit dem Seile gespielt, wir im Institute.«

»Nun, was würde daran liegen, wenn ich auch gespielt hätte?« sagte ich.

»Wollen Sie wohl schweigen!« eiferte Josephine. »Ein heiratsfähiges Fräulein!«

Alle diese Vorsichtsmaßregeln kamen mir sehr sonderbar vor. Die letzten Worte Josephinens machten mir Angst. Mein Herz pochte fast hörbar. Statt in den Solon zu treten, wäre ich lieber davongelaufen.

Vielleicht wäre ich wirklich davongelaufen, wenn nicht ein Bedienter an mir vorübergeeilt wäre.

»Nun, wird die Kleine bald erscheinen?« fragte meine Stiefmutter ungeduldig.

»Wer denn, Madame?« fragte der Diener.

»Wer anders als Edmée?«

»Sie ist draußen im Vorsaale mit Frau Gauthier.«

Nun bekam ich wieder Angst. Ich wollte davonlaufen; aber Josephine hielt mich zurück.

»Holet sie,« sagte Frau von Juvigny.

Jetzt konnte ich nicht mehr entkommen; überdies schob mich Josephine zur Salonthür.

»Gehen Sie doch!« sagte sie.

»Da bin ich« Mutter!« sagte ich, eintretend und alle meine Fassung aufbietend.

Das erzürnte Gesicht meiner Stiefmutter besänftigte sich, und als sie mich bei der Hand nahm, um mich dem Fremden vorzustellen, war sie sehr freundlich geworden.

»Sie müssen entschuldigen,« sagte Frau Juvigny, sie ist so jung…«

Und ohne mir Zeit zu lassen, mich zu besinnen, setzte sie hinzu:

»Ich habe die Ehre, Ihnen das Fräulein Edmée von Juvigny vorzustellen.«

Dann wandte sie sich zu mir: »Herr Edgar von Montigny.«

»Das war also Ihr erster Gemal?« sagte ich, die Gräfin unterbrechend.

»Ja.« antwortete sie.

»O! fahren Sie fort,« bat ich. »Sie glauben nicht, mit welcher Theilnahme ich Ihnen zuhöre.«

XII

Noch denselben Abend, als Herr von Montigny fort war, zeigte mir meine Stiefmutter an. daß dieser Edelmann mir die Ehre gebe, um meine Hand zu werben. Er sei ein Mann von Vermögen und aus sehr gutem Hause, sie sehe daher kein Hindernis welches seiner Bewerbung im Wege stehen könnte.

Frau von Juvigny, die erst siebenundzwanzig Jahre zählte, mußte von Fremden, die mich für ihre leibliche Tochter hielten, für älter gehalten werden, als sie wirklich war: sie sah es daher nicht ungerne, ein jüngeres Gesicht als das ihrige ans ihrer Nähe zu entfernen.

Ich war nicht gewohnt, meinen eigenen Willen zu haben; ich antwortete daher meiner Stiefmutter, sie möge mit mir machen was ihr beliebe; es sei meine Pflicht, ihr zu gehorchen.

Diese Folgsamkeit schien meiner Stiefmutter große Freude zu machen. Sie lobte Herrn von Montigny sehr, versicherte mir, daß ich mit ihm sehr glücklich sein würde, und schickte mich zu Bette, als wenn ich nach ein kleines Mädchen wäre, das noch lange nicht an eine Verheiratung denken könne.

. Ich gehorchte ohne Widerrede. In meinem Stübchen fand ich meine gute Josephine. der ich jederzeit mein Herz öffnete wie einer Mutter.

Ich sank weinend in ihre Arme.

Josephine wußte, wovon es sich handelte. Sie ließ mich ausweinen. Ich würde im ersten Augenblicke keinen Vorstellungen Gehör gegeben haben. Als ich mich etwas beruhigt hatte. brachte sie die Heiratsangelegenheit ganz offen zur Sprache und fragte mich, ob ich Herrn von Montigny häßlich fände.

Ich konnte nicht umhin, die Frage zu verneinen und sogar zu gestehen, daß er ein recht hübsches Gesicht habe.

Sie fragte mich dann, ob ich sein Benehmen gemein fände?

Ich sah mich wieder zu dem Geständniß gezwungen, daß mir Herr von Montigny ein sehr feingebildeter Mann zu sein scheine.

Endlich fragte sie mich, ob er mir zu alt scheine.

Ich hatte wohl eine Einwendung zu machen, denn Herr von Montigny war gerade doppelt so alt wie ich; aber Josephine antwortete, eben weil ich noch so jung und fast noch ein Kind sei, bedürfe ich zu meiner Leitung einen verständigen Mann, und in dieser Beziehung würde ich bei Herrn von Montigny jene doppelte Liebe des Vaters und des Gatten finden, die das Glück einer Frau zu sichern vermöge.

Alle diese Gründe waren so vernünftig. daß ich nichts zu erwiedern wußte. Ich ging zu Bett und schlief ein. Ich war ja in einem Alter, wo sich alle Schmerzen in süßen, wohlthuenden Schlummer auflösen.

Als ich die Augen aufschlug, saß Josephine schon vor meinem Bette: die gute Alte wartete auf mein Erwachen.

Ich fragte sie sogleich, ob sie glaube, daß Herr von Montigny wieder kommen werde.

Sie antwortete mir, daß sie es nicht bezweifle, denn ich hätte ihm sehr gefallen.

Ich seufzte, denn es war mir schrecklich, einen von meinem Willen so weit entfernten Eindruck gemacht zu haben.

Dann kleidete ich mich an und ging im Parke spazieren.

Zum ersten Male suchte ich die dunkelsten, einsamsten Stellen auf. Ich setzte mich an den Bach, hing meinen Gedanken nach, pflückte Vergißmeinnicht und warf sie ins Wasser. Die poetischen Gedanken, die mich seitdem zuweilen beschäftigt haben, waren ohne Zweifel in jener Zeit entstanden. Ich würde lügen, wenn ich nicht gestände, daß mein auf den fernen Horizont gerichteter Blick zum ersten Male eine menschliche Gestalt zu sehen glaubte« und daß diese Gestalt sich allmälig und ohne meinen Willen in Herrn von Montigny verwandelte.

Ich sah ihn mit seinem schönen schwarzen Haar; seine Züge, deren Ernst zuweilen durch ein anmuthiges Lächeln gemildert wurde; seine Gesichtsfarbe, deren Blässe ihm ein so vornehmes Ansehen gab. Auf dieses Phantasiegebilde warf ich einen Blick, den ich gestern vor der wirklichen Erscheinung so verschämt niedergeschlagen hatte, und ich bedurfte der Versicherungen Josephinens nicht mehr, um mir selbst zu gestehen, daß Herr von Montigny einer der angenehmsten, gebildetsten Männer sei, die ich je gesehen. Meine Erfahrung war in dieser Beziehung freilich sehr beschränkt.

Das Resultat dieser Grübeleien war, daß ich mich, als zum Frühstücke geläutet wurde, in mehr träumerischer als trauriger Stimmung ins Schloß begab.

Meine Stiefmutter begrüßte mich wie gewöhnlich mit einem Kuß, aber sie sprach kein Wort über Herrn von Montigny. Als ich vom Tische aufstand, hätte ich glauben können, die ganze gestrige Geschichte sei nur ein Traum gewesen.

Ich hätte sie gern gefragt, ob Herr von Montigny wieder kommen werde, aber ich wagte es nicht; ich hatte ja meine gute Josephine, die ich über solche Dinge befragen konnte.

Aber es war sonderbar, wenn ich Josephine sah, getraute ich mich eben so wenig sie zu befragen wie Frau von Juvigny.

Als ich in mein Zimmer kam, fand ich drei bis vier neue Kleider auf meinem Bette. Ich wählte eines und rief Josephine. die mir beim Ankleiden helfen sollte.

»Ich sehe wohl,« sagte sie lächelnd, »daß das liebe Kind recht hübsch vor Herrn von Montigny erscheinen will.«

»Kommt er denn heute?« fragte ich.

»Ich weiß es nicht,« antwortete sie.

»O! wenn er nicht kommt, so ist es nicht der Mühe werth, mich anzukleiden.«

»Kleide Dich nur an,« sagte Josephine lächelnd; »man kann ja nicht wissen —«

Ich wählte das Kleid, das mir am besten gefiel, und ich muß gestehen, daß ich auf meinen Anzug mehr Sorgfalt verwandte als gestern.

Als ich mich angekleidet hatte, ging ich wieder in den Park, aber nicht wie gestern die Ankunft des Gastes zu belauschen, sondern um mich ungestört meinen Gedanken zu überlassen.

Plötzlich wurde ich in meinen Träumereien durch näherkommende Fußtritte und das Rauschen von Zweigen unterbrochen. Ich sah mich um – Herr von Montigny war zehn Schritte von mir.

Ich warf nur einen Blick auf ihn; aber dieser Blick überzeugte mich, daß er seinem Anzuge größere Sorgfalt gewidmet hatte als gestern.

Als ich ihn bemerkte, machte ich eine unwillkürliche Bewegung, ich glaube fast, daß mir sein Anblick einen leisen Schrei entlockte.

»Entschuldigen Sie, mein Fräulein,« sagte er; »ich habe Ihnen einen Schrecken verursacht.«

»Ich war auf Ihr Erscheinen nicht vorbereitet, antwortete ich.

»Frau von Juvigny hat mich ermächtigt, Sie aufzusuchen,« sagte er; »und da ich erfahren. daß dieser Theil des Parkes Ihr Lieblingsspaziergang ist…«

»Im Gegentheile, ich war noch nie hier,« unterbrach ich ihn; »diesen Morgen habe ich zum ersten Male bemerkt, daß diese Partie eine der schönsten ist.«

Herr von Montigny betrachtete nun ringsum die Landschaft.

Er lächelte.

Dieses Lächeln trieb mir das Blut in’s Gesicht; es schien mir, als sähe er in dieser Landschaft dasselbe, was ich selbst gesehen hatte.

Ich wandte mich ab. – Er trat näher.

»Lieben Sie die Poeten?« fragte er.

Ich sah ihn erstaunt an, ich hatte seine Frage nicht ganz verstanden.

»Die Poesie hätte ich sagen sollen.«

»Man hat mir nur die religiösen Poesien von Racine zu lesen gegeben,« antwortete ich.

»So!« erwiederte er, »Sie haben nur die religiösen Poesien von Racine gelesen, und trotzdem suchen Sie die Einsamkeit, das Plätschern der Bäche, die am Ufer blühenden Blumen; Sie haben also geahnt, was Sie nicht gelesen; Sie haben Burns, Gray, Millevoie, André, Chénier, Goethe, Lamartine geahnt – es sind alte Freunde von mir, mit denen ich Sie gerne bekannt machen möchte.«

»Eine Freundin sagte mir einst Verse von Millevoie her, die ich so schön, so elegisch fand, daß ich sie auswendig lernte.«

»Das dürre Laub der Wälder —« sagte Montigny lächelnd.

»Ja,« antwortete ich.

»Und diese Verse haben Ihnen gefallen?«

»Ja, sehr.«

»Soll ich Ihnen andere hersagen?«

»Es wird mir Freude machen.«

Ich nahm neugierig seinen Arm. Er legte seine Hand auf die meinige, und mit sanften wohlklingender Stimme begann er die Verse, welche die ersten Poesien Lamartine’s berühmt gemacht haben:

 
»Denkst Du des Abends, wo wir still entzückt
Im Nachen saßen?«
 

Ich hörte das wunderbar schöne Lied, das so viele unbekannte Empfindungen in mir weckte, mit gespannter Aufmerksamkeit an; oder vielmehr ich lauschte mit angehaltenem Athem, wie wenn man fürchtet, einen singenden Vogel zu verscheuchen. Ich athmete erst wieder, als die letzte Strophe, wie ein zarter Akkord, verklungen war.

Herr von Montigny sagte nun keine Verse mehr her; vermuthlich fürchtete er durch zu reichliche Mittheilungen den Poesien ihren lieblichen Duft zu nehmen, ihren zarten Blüthenstaub abzustreifen. Er ging von den Liedern, der Poesie des Menschen, zu der Natur, der Poesie Gottes, über.

Ohne die Grenzen der Fassungskraft eines fünfzehnjährigen Mädchens zu überschreiten, sprach er von Botanik, Mythologie, Physik, Astronomie – kurz, von Wissenschaften, die ich kaum dem Namen nach kannte, die ich für höchst langweilig gehalten hatte, die mir aber jetzt wie freundliche Feen erschienen, deren jede einen Schatz besaß, kostbarer als die Schätze in Tausend und Eine Nacht.

Als mir Josephine Abends beim Auskleiden anzeigte, daß meine Hochzeit in drei Wochen sein, also nur so lange verschoben werden sollte, wie zur Erfüllung der Formalitäten nöthig war, antwortete ich mit einem Seufzer, der dieses mal gar nicht trostlos war:

»Nun, da es meine Stiefmutter so will, muß ich mich fügen.«

»Ja wohl, Du mußt ihr wohl gehorchen,« armes Kind! Und ich schlief ein, indem ich die letzten vier Verse des »See« wiederholte:

 
»Das rauschende Laub, das die Wälder schmückt,
Der zarte Duft, den die Blume gibt,
Und Alles, was Auge und Ohr entzückt,
Es sage: sie haben geliebt!«
 

XIII

Seitdem kam Montigny täglich.

Ich will nicht sagen« daß er meine Liebe erworben; wenn ich ihn geliebt hätte, so wären die Ereignisse, welche ich Ihnen noch zu erzählen habe, nicht vorgefallen; aber trotz der ehrerbietigen Scheu, die ich vor seinen ausgebreiteten Kenntnissen fühlte, glaubte ich doch, daß eine Frau mit einem solchen Manne ganz glücklich sein könne.

Wäre ich zwanzig Jahre alt gewesen, und hätte ich statt meiner fünfzehnjährigen Unerfahrenheit einige Welt- und Menschenkenntniß besessen, so würde ich diese Verbindung, die ich nie ohne eine gewisse Scheu betrachtete, für ein Glück gehalten haben.

Statt mir in jenen drei Wochen den Hof zu machen, war Montigny nur darauf bedacht, wie ein Bergmann so zu sagen alle Erzgänge meines Geistes aufzufinden. Wenn ich heute etwas weiß, wenn ich der Musik und Malerei nicht ganz fremd bin, so verdanke ich es der geistigen Anregung, die er mir gegeben; meine von ihm geweckten Fähigkeiten entwickelten sich zuerst in der Einsamkeit, und dann im Unglück.

Man suchte übrigens meine Verbindung mit Montigny zu beschleunigen, als ob man gefürchtet hätte, es könne plötzlich ein unbekanntes Hinderniß dazwischenkommen. Er selbst schien den Vermählungstag mit der größten Sehnsucht zu erwarten. Wäre ich zu jener Zeit nicht noch ein unbedeutendes Kind gewesen, wenn ich überhaupt schön wäre, so würde ich sagen, er habe mich zärtlich geliebt.

Mitten in unseren Gesprächen, denen seine ausgebreiteten Kenntnisse und seine Gemüthsstimmung eine ernste Wendung zu geben pflegten, begann er einigemale von Religion zu sprechen; er schien so zu sagen meine Grundsätze erforschen und sich überzeugen zu wollen, ob ich fest an den katholischen Glaubenssätzen halte.

Ich gestehe, daß die Frage über diese Angelegenheiten die Grenzen meines Verstandes überschritten. Meinen Religionsunterricht hatte ich, wie schon erwähnt, von dem Abbé Morin erhalten; dieser Unterricht drehte sich um das Gebot: Glaube blindlings den Lehren der Kirche; fürchte und hasse Jedermann ohne Unterschied der Nation und der Bildung, der sich zu entgegengesetzten Lehren bekennt; betrachte eine Ketzerei für verdammenswerther als eine völlige Trennung.

Im Gegensatz zu diesen so absprechenden Grundsätzen schien mir Montigny ungemein duldsam, wenn er mit Nachbarn, die er im Schlosse traf, über religiöse Angelegenheiten sprach. Eines Tags schilderte er mit einer Sachkenntniß, die mich in Erstaunen und Schrecken setzte, das namenlose Elend, welches die fanatischen Verfolgungen Carls IX. und Ludwigs XIV. über Frankreich gebracht, und er behauptete sogar, es würde im Jahre 1793 keine Vendée gegeben haben, wenn es keine Priester und zumal keinen Beichtstuhl gegeben hätte.

Es war mir nicht recht klar, was der Beichtstuhl, den ich nur von seiner materiellen Seite betrachtete, mit dem Vendéekriege zu thun habe.

Ich wußte freilich sehr wenig von dem Vendéekriege; aber nach Anhörung jener Gespräche konnte ich mich des Gedankens nicht erwehren, daß Montigny über religiöse Dinge etwas leichtfertig denke. Die Scheu welche ich mit meinem beschränkten Wissen vor seinen ausgedehnten Kenntnissen empfand, wurde noch größer, als er mich einige Tage vor dem zu unserer Vermählung bestimmten Tage fragte, ob mir außerordentlich viel an meiner Religion liege.

Ich sah ihn so erschrocken an, daß er lachte.

»Sie müssen nicht glauben,« sagte er, »daß ich Sie in Versuchung führen will. Ich bin nicht Satan. Glauben Sie, daß man aus Liebe thun könne, was Andere aus Ehrgeiz thun?«

»Ich verstehe Sie nicht,« erwiederte ich.

»Sie haben die Geschichte Frankreichs ziemlich schlecht gelernt,« fuhr er fort; »aber Sie haben gelesen, daß Heinrich IV. den Protestantismus abgeschworen; er meinte, Paris sei wohl eine Messe werth.«

»Ja, das habe ich gelesen.«

»Nun frage ich Sie, ob Sie nicht aus Liebe thun würden, was Heinrich IV. aus Ehrgeiz gethan? Würden Sie nicht Ihren Glauben verlassen, um die Religion eines geliebten Mannes zu der ihrigen zu machen?«

Ich trat erschrocken zurück.

»Nein, nie!« erwiederte ich; »ich würde nie einen Mann lieben, der eine andere Religion hat.«

»Ei, der tausend!« sagte Montigny lächelnd, »einen so festen Entschluß sollte man einem fünfzehnjährigen Kinde nicht zutrauen.«

»Ich bin kein Kind mehr,« entgegnete ich; »ich werde ja in einigen Tagen heiraten.«

»Der Ehestand,« erwiederte Montigny mit seinem zweifelnden Lächeln, »kann wohl Ihre Verhältnisse, aber nicht Ihr Alter verändern. Wir wollen wieder davon sprechen, wenn Sie zwanzig Jahre alt und fünf Jahre meine Frau sind.«

Dann schlug er seinen Arm um meinen Hals, küßte mich auf die Stirn und sagte scherzend: »Kleine Schwärmerin!«

Die Bewegung war so rasch und unerwartet, daß es mir gar nicht in den Sinn kam, mich zur Wehre zu setzen; aber obgleich ich keinen Schmerz empfand, lief ich doch schreiend davon.

Dieser Auftritt fand im Solon statt. Im Corridor begegnete mir Frau von Juvigny.

»Nun, was gibts denn, mein Kind?« fragte sie, als sie meine Bestürzung bemerkte.

»Denken Sie sich,« sagte ich zitternd, »Herr von Montigny hat mich geküßt.«

»Nicht möglich!« sagte Frau von Juvigny lachend.

Dieses Lachen machte mich aufmerksam; ich sah mich um, und bemerkte Montigny in der Salonthüre. Er war nicht verlegen, wie von einem Frevler zu erwarten, sondern lächelte.

»Das ist abscheulich!« rief ich und lief wieder davon.

Dieses Mal eilte ich zu Josephinen. Ich sank ihr weinend in die Arme.

Sie richtete an mich dieselbe Frage wie Frau von Juvigny. Ich gab ihr dieselbe Antwort, die ich meiner Stiefmutter gegeben hatte, und zu meinem größten Erstaunen fing sie an zu lachen.

Ich gestehe, daß ich die Fassung verlor.

»Auch Du, Josephine?« sagte ich.

Und ich flüchtete mich in den Garten.

Mein Schrecken war unbegründet aber zu entschuldigen. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich von Kindheit an den Abbé Morin zum Lehrer gehabt hatte. Im Beichtstuhle und zumal in den letzten Jahren hatte er die Berührung der Lippen eines Mannes, selbst in den harmlosesten Spielen, als eine ungeheuerliche Sünde dargestellt, und außer jenem eisigkalten Kusse, den ich von meinem sterbenden Vater auf die Stirne erhalten zu haben glaubte, außer jener seltsamen Berührung meiner Lippen in der Sakristei hatte nicht einmal der Hauch einer anderen Person, als Frau von Juvigny, Josephine oder Zoe mein Gesicht berührt. Da ich von den veränderten Verhältnissen, die der Ehestand mit sich bringt, nicht die mindeste Ahnung hatte, so betrachtete ich die halb väterliche, halb zärtliche Annäherung Montigny’s als einen unerhörten Frevel.

Uebrigens klangen mir seine Worte: »Sie müssen nicht glauben, daß ich Sie in Versuchung führen will,« beständig in den Ohren.

Der Abbé Morin hatte mir sehr viel von den Versuchungen Satans erzählt; der Versuchen der unsere erste Mutter ins Verderben stürzte, spielte immer eine große Rolle in den Ermahnungen, die er an mich richtete, ehe er mir die Absolution ertheilte, so daß ich beinahe glaubte, Montigny habe durch seine Versicherung, er sei nicht Satan, seine wahren Absichten verhüllen wollen.

Während ich mich meinen Gedanken überließ, hörte ich ein Rauschen im Laube und Montigny trat aus dem Gebüsche.

Er war, wie ich Ihnen schon sagte, ein schöner Mann, aber gerade in diesem Augenblicke erinnerte mich seine etwas dunkle südliche Gesichtsfarbe an den ungehorsamen Engel in Milton’s »verlorenen Paradiese«. Diese Dichtung befand sich in der Schloßbibliothek und ich hatte die Kupferstiche oft angesehen. Ich war daher sehr erschrocken, als ich ihn bemerkte.

»Kommen Sie mir nicht nahe!e rief ich ihm abwehrend zu.

»Ich wollte Sie um Verzeihung bitten,« sagte er, »und Ihnen versprechen daß ich mir eine solche Freiheit nicht wieder erlauben werde, so lange als ich nicht Ihr Gatte bin.«

»Nie! Nie! antwortete ich und lief davon.

Ich eilte ins Schloß und begab mich sogleich in die Bibliothek; ich wollte mich von der Aehnlichkeit zwischen Montigny und dem Helden der Miltonschen Dichtung überzeugen.

Der Zufall wollte, daß wirklich eine Aehnlichkeit da war. Ich blieb lange in der Bibliothek und betrachtete das Bild.

Man rief zu Tische. – Ich ging zitternd hinunter. Montigny hatte das Schloß verlassen. Er wollte erst übermorgen, am Hochzeitstage, wiederkommen.

Abends hielt mir Frau von Juvigny eine lange Ermahnung und sie suchte mir den Unterschied zwischen einem Gatten und anderen Männern begreiflich zu machen, und mir einen Begriff von den durch den Ehestand erworbenen Rechten und von dem Ausnahmszustande des Brautstandes zu geben. Ich hörte zerstreut zu; meine Blicke waren auf den dunkelsten Winkel des Zimmers gerichtet; ich glaubte im Halbdunkel das blasse Gesicht, die weißen Zähne und die funkelnden Augen Montigny’s zu sehen.

Da ich nicht antwortete, so verließ mich Frau von Juvigny in der Ueberzeugung, daß ich vernünftig geworden sei.

Es versteht sich, daß ich ihr von der Aehnlichkeit Montigny’s mit dem Fürsten der Finsterniß kein Wort gesagt hatte.

»Entschuldigen Sie, daß ich bei diesen Thorheiten so lange verweile,« sagte Frau von Chambray zu mir; »sie wirkten leider entscheidend auf das Geschick meines Lebens.«

Als ich in mein Zimmer kam, fand ich auf dem Tische ein unbekanntes, wenn auch nicht fremdes Buch; es war wie alle Bücher der Bibliothek mit dem Namenszuge meines Vaters versehen.

Ich schlug es auf und las: »Wahre Geschichte des Prozesses des Zauberers Urban Grandier und der Nonnen von Loudun.

Ich rief Josephine.

»Wer hat dieses Buch hiehergelegt?« fragte ich.

Sie schien erstaunt und sah das Buch an.

»Ich weiß es nicht,« sagte sie.

Und als sie sah, daß das Zeichen der Bibliothek darauf war, setzte sie hinzu:

»Sie haben es wahrscheinlich wie gewöhnlich, im Schlafe geholt.«

Es war immerhin möglich, ich fragte nicht mehr. Ich schickte Josephine fort, verrichtete vor meinem kleinen Madonnenbilde mein Gebet, kleidete mich aus und ging zu Bette.

Dann griff ich nach dem Buche und schlug es auf.

Sie kennen es und wissen daher, was für sonderbare Dinge ich darin las. Ich verstand freilich sehr wenig davon; aber die Namen Satan und Beelzebub, welche auf jeder Seite vorkommen, stimmten mit meinen Gedanken so gut überein« daß meine Scheu vor Herrn von Montigny immer größer wurde.

Ich schlief sehr wenig. das Buch fesselte meine Aufmerksamkeit.

Je weniger ich von den Mysterien des Besessenseins verstand, je unklarer mir die erzählten Einzelnheiten waren, desto größer wurde meine Angst. Einige Male dachte ich an den Abbé Morin, und trotz meiner instinctartigen Abneigung gegen ihn bedauerte ich, daß er nicht mehr in Juvigny war, ich würde ihm mein Herz geöffnet haben.

Ich war den folgenden Tag sehr aufgeregt; ich hatte mich an mein einsames Plätzchen geflüchtet; man ließ mich in Ruhe; man meinte, ich dächte trotz meiner Jugend über die Veränderung meiner Verhältnisse nach.

Abends ging ich zur Beichte. Ich hatte mich zwar nur sehr leichter Vergehen schuldig gemacht, aber ich fügte mich dem herrschenden Brauche, kurz vor der Trauung zu beichten und die Absolution zu empfangen.

Zitternd betrat ich die Kirche. Nur eine Lampe verbreitete einiges Licht in dem dunklen Raume. Es war das erste Mal, daß ich dem neuen Geistlichen beichtete, und ich hatte aus dem gedruckten Sündenregisier für Kinder eine ziemlich reiche Auswahl getroffen.

Josephine begleitete mich. – Sie blieb zehn Schritte vom Chore stehen und verrichtete ihr Gebet.

Ich trat auf den Beichtstuhl zu und kniete nieder.

Gleich darauf hörte ich die Fußtritte des Priesters. Diese langsamen, gemessenen, feierlichen Schritte ertönten auf den kalten, feuchten Steinplatten und hallten in meinem bangen Herzen wieder.

Ich wagte nicht mich umzusehen.

Das Gewand des schweigsamen Priesters streifte das meinige; er öffnete die Thüre des Beichtstuhls und schloß sie wieder.

Ich fühlte seinen kurzen, heißen Athem an dem Gitter, welches die Beichtenden von dem Priester trennt.

Ich wandte schnell den Kopf ab; ich glaubte dieselbe Empfindung zu haben wie einst in der Sakristei, als ich ohnmächtig war.

Ich war willenlos, keiner Bewegung fähig, wie ein Vogel, der durch die Nähe einer Schlange gelähmt wird. Ich hätte zuerst das Wort nehmen sollen, aber ich schwieg.

»Reden Sie, mein liebes Kind,« sagte mir der Priester nach einigen Secunden.

Ich schrie unwillkürlich auf.

»Was! Sie sind’s« rief ich.

Ich hatte die Stimme des Abbé Morin erkannt, und ich wußte mir nun den Eindruck zu erklären, den seine Stimme und sein Athem auf mich gemacht hatten.

»Ja, mein liebes Kind«e antwortete er; »ich bin hierhergekommen um Ihre Seele aus der Klaue des Dämons zu retten. Ist es noch Zeit?«

»Es ist also wirklich wahr?« sagte ich.

»Was meinen Sie, liebes Kind?«

»Daß Herr von Montigny —«

Ich stockte.

»Herr von Montigny,« setzte der Abbé mit einem unbeschreiblichen Ausdrucke des Hasses hinzu, ist ein Ketzer, und als solcher der Hölle verfallen – er wird Sie mit sich ins Verderben ziehen.«

»O,« stammelte ich. »Ich hatte es wohl geahnt..«

»Man will sich Ihrer um jeden Preis entledigen, mein armes Kind, und wirft Sie dem Ersten Besten in die Arme. Deshalb hat man mich von hier entfernt, deshalb hat man die gottlose Heirat so beeilt; man hoffte, die Trauung könne ohne mein Wissen stattfinden; aber ich habe Alles erfahren und bin bereit, Sie zu beschützen.«

Ich schauderte. Der Beschützer schien mir sonderbarer Weise mehr zu fürchten als Der, gegen den er mich in Schutz nehmen wollte.

»Leider,« fügte der Abbé hinzu, »kann ich Sie nicht offen vertheidigen; leider werden Sie nicht wagen, sich gegen den Willen Ihrer Stiefmutter aufzulehnen und am Fuße des Altars Nein zu sagen.«

»Nein, das kann ich nicht!« erwiederte ich.

»Ich dachte es wohl,« sagte der Abbé. »Aber werden Sie, wenn Sie diesem Manne angehören, wenigstens die Kraft haben, sich seiner zu erwehren?«

»Ich verstehe Sie nicht,« antwortete ich. »Warum soll ich mich seiner erwehren und gegen welche Gefahr soll ich mich schützten.«

»Haben Sie in der heiligen Schrift die Geschichte des Besessenen gelesen, welchem Christus den Dämon austrieb?«

»Ja wohl.«

»Sie sind in Gefahr, vom Dämon besessen zu werden.«

»Wie die Nonnen von Loudun?« fragte ich.

»Haben Sie dieses vortreffliche Buch gelesen, mein Kind?«

»Gestern habe ich es wunderbarer Weise in meinem Zimmer gefunden.«-

»Nun, dann habe ich Ihnen nichts mehr zu sagen. Herr von Montigny ist ein Ketzer, einer jener vom Himmel ausgeschlossenen Menschen, gegen welche leider die Justiz nicht mehr einschreitet wie zur Zeit des Cardinal Richelieu und der Aufhebung des Edicts von Nantes. Wenn Sie ihm jemals angehören, so sind Sie verloren.«

»Aber morgen um zehn Uhr Vormittags werde ich ihm angehören —« entgegnete ich.

»Nicht ganz. mein Kind. Sie werden seine Gemalin; aber die Vermählung ist noch nicht ganz der Besitz.«

»Was ist denn der Besitz?« fragte ich.

»Haben Sie es denn nicht in dem Buche gelesen?«

»Ja wohl, aber ich habe es nicht verstanden.«

»Nun denn,« sagte der Abbé mit einem sonderbaren Tone. »da die Personen, welche Sie vor der Gefahr hätten warnen sollen, dies unterlassen haben. so muß ich Ihnen Alles sagen.«

Er sagte mir wirklich Alles. – Alles, was mir in dem Buche unverständlich geblieben war, wurde mir nun klar. Ich schlug beschämt die Augen nieder, als ob die Schmach dieser Worte nicht allein auf den pflichtvergessenen Abbé fallen müßte. Zehnmal war ich im Begriffe ihm zuzurufen: »Genug! Um des Himmels willen, schweigen Sie!« Aber ich wagte es nicht; ich hielt die Hände auf die Ohren, um nichts mehr zu hören.

Ich weiß nicht, wie lange ich in meiner knienden Stellung blieb. Ich fühlte mit Schrecken, daß man versuchte mich aufzuheben Ich sah mich rasch um – Josephine stand hinter mir.

Der Abbé hatte sich entfernt und in die Sakristei begeben.

»Komm,« sagte ich zu ihr und verließ mit ihr die Kirche.

Als ich ins Schloß kam, war ich entschlossen, der Frau von Juvigny zu Füßen zufallen und sie zu bitten, mich nicht zur Vermählung mit einem Ungläubigen zu zwingen; aber sie war seit einer Stunde in ihrem Zimmer und hatte Befehl gegeben, sie nicht vor sieben Uhr Morgens zu wecken.

Mein Muth sank vor diesem Verbot; überdies wußte ich, daß meine Bitten fruchtlos sein würden und daß Frau von Juvigny beschlossen hatte, mich von ihr zu entfernen..

Ich begab mich in mein Zimmer und befahl Josephinen, mir Zoe zu schicken.

Josephine gehorchte mir jederzeit blindlings. Sie wissen wo sie wohnt. Um Zoe zu rufen, mußte sie durch den Park gehen, ihre Tochter aus dem Bette holen und zu mir führen.

Drei Viertelstunden nachher war Zoe in meinem Zimmer.«

Ich hatte das größte Vertrauen zu Zoe; sie war mit mir erzogen worden; sie hatte mich nie verlassen; ich wußte, daß sie meine Befehle buchstäblich vollziehen würde.

Ich erzählte ihr Alles. – Zoe theilte keineswegs mein Vorurtheil gegen Montigny; sie fand ihn sehr schön und wußte nichts von Ketzerei; aber sie erklärte, wenn Satan ihm gleiche, so sei es nicht zu verwundern, daß sich so viele Leute dem Satan ergeben.

Ich war zu tief erschüttert, um dem Zureden des Mädchens nachzugehen; ihre Scherzt über diesen Gegenstand schienen mir eine Gottlosigkeit. Ich sagte ihr, daß ich sie fortschicken würde, wenn sie in diesem Tone fortführe. Sie schwieg und half mir beim Auskleiden. Als ich mich schlafen gelegt hatte, zog sie einen großen Lehnstuhl vor mein Bett, setzte sich in denselben und erklärte, sie werde sehr gut schlafen. Zehn Minuten nachher hatte ich den Beweis, daß sie die Wahrheit gesagt hatte. Zoe schlief fest.

Ich schlief erst spät ein, als mich die Müdigkeit überwältigte.

Am andern Morgen weckte mich Zoe mit der Meldung, daß Frau von Juvigny mich mit der Haarkünstlerin und der Schneiderin im grünen Zimmer erwarte, um mich zur Hochzeit zu schmücken. Frau von Juvigny schien absichtlich jedes Alleinsein mit mir zu vermeiden; vielleicht dachte sie gar nicht daran, aber ich glaubte es.

Es war acht Uhr. Die Trauung sollte um zehn Uhr stattfinden und zwei Stunden waren immerhin nothwendig, um mich in eine Braut umzuwandeln.

Ich ließ es ganz willenlos geschehen, ohne mich zu sträuben und ohne bei meinem Anzuge zu helfen. – Um Uhr hörte ich einen Wagen in den Schloßhof fahren. Einige Minuten später klopfte ein Diener an die verschlossene Thür des grünen Zimmers und meldete Herrn Montigny.

Ich glaubte, die Besinnung zu verlieren; ich fühlte, daß ich sehr blaß wurde; meine Knie wankten.

»Es ist gut,« rief Frau von Juvigny durch die Thüre. »Er gehe in den Solon und erwarte uns.«

Dann wandte sie sich zu mir und fügte mit empörender Rohheit hinzu:

»Nur keine Albernheiten, kleines Gänschen!«

Ich antwortete nicht, ich glaubte ersticken zu müssen.

Fünf Minuten nachher war ich in vollem Putz. Man führte mich vor den Spiegel, damit ich mich vom Kopfe bis zu den Füßen sehen könne; man sagte mir,ich sei hübsch und überhäufte mich mit Liebkosungen. Dann gingen wir hinunter.

Dritter Teil

I

Montigny war wirklich im Salon. Sein Anzug war tadellos.

Ich warf nur einen Blick auf ihn; er schien mir noch schöner als sonst; aber ich habe Ihnen schon gesagt, daß eben seine eigenthümliche Schönheit einen großen Antheil an meiner Scheu hatte.

Er stand auf, kam auf uns zu und nach einigen Worten, die ich nicht verstand, küßte er mir die Hand.

Seine Lippen berührten nur meinen Handschuh, aber es überlief mich ein eisiger Schauer

Beide Male, als seine Lippen meine Stirne und meine Hand berührten, hatte ich ein Gefühl, welches mich an die Geschichte des Zauberers Grandier und an die Erklärungen des Abbé Morin über die dem Besitz vorhergehenden berauschenden Empfindungen erinnerte.

Montigny bemerkte meine Befangenheit. Sein Gesicht nahm einen etwas finstern Ausdruck an; aber Frau von Juvigny flüsterte ihm lachend einige Worte zu. Er lächelte nun ebenfalls.

Inwischen schlug’s zehn.

»Nichts hält uns mehr auf,« sagte er.

»Nein, antwortete Frau von Juvigny; »wir können uns zur Kirche begeben.«

Ich sah mich um, ob nicht Jemand da sei , der Mitleid mit mir habe; aber alle Gesichter waren heiter, selbst Zoe, welche, bis auf den Brautkranz, so gekleidet war wie ich, schien sehr vergnügt. Sie hielt sich offenbar für sehr glücklich.

Man stieg in den Wagen. Ich hatte Frau von Juvigny , Zoe und Josephine bei mir. Montigny folgte uns mit zwei Freunden in einem zweiten Wagen.

Die Hochzeit wurde in voller Stille, ohne Festlichkeiten gefeiert. Montigny, der die Civiltrauung als die allein gesetzmäßige, folglich als die Hauptsache betrachtete, hatte auf die Trauung vor dem protestantischen Geistlichen verzichtet, um meine Gefühle nicht zu verletzen.

Die Kutschen hielten vor der Maire. Ich würde gewiß nicht heftiger gezittert haben, wenn ich das Blutgerüst hätte besteigen müssen.

Frau von Juvigny zog mir den Schleier übers Gesicht, um meine Blässe zu verbergen.

Die Trauung wurde vollzogen, ohne daß ich wußte was ich that. Man flüsterte mir das verhängnißvolle Wort »Ja« zu, und auf die Frage des Maire: »Nehmen Sie den Montigny zu Ihrem Ehegatten?« antwortete ich wie ein willenloses Echo: »Ja.«

Ich war für das Leben gebunden.

Doch dies war nicht die Ursache meiner Furcht: ich dachte mit Schrecken und Entsetzen, daß ich vielleicht den Abbé Morin in der Kirche wiedersehen würde.

Ich verließ die Maire eben so willenlos, wie ich sie betreten hatte; aber als ich vor der Kirche aus dem Wagen stieg, seufzte ich unwillkürlich und wankte.

Frau von Juvigny faßte mich beim Arme und hielt mich.

»Bist Du denn von Sinnen?« flüsterte sie mir zu; »siehst Du denn nicht ein, daß jetzt Alles zu Ende ist?«

Ich war in der That beinahe von Sinnen. Für mich war keineswegs Alles zu Ende; ich fühlte, daß ich todt niederfallen würde, wenn der Abbé Morin das Amt hielte.

Sie können denken, mit welcher Angst ich durch die Kirche schritt. Das Chor war noch leer, der Geistliche erwartete unsere Ankunft in der Sakristei. Wir knieten auf die bereitliegenden Kissen nieder. Montigny neigte sich zu mir und sagte mir, vermuthlich um mich zu beruhigen, einige Worte, die ich nicht verstand, denn ich wandte mich unwillkürlich von ihm ab.

Ich hörte nur Eine Stimme, die mein Herz mit Schrecken erfüllte; sie flüsterte mir die im Beichtstuhle gehörten Schreckensworte zu:

»Dieser Mann ist ein Ketzer; Du bist verloren in dieser und jener Welt, wenn Du ihm angehörst!

Das Glöcklein des Chorknaben verkündete das Erscheinen des Geistlichen. Ich lauschte in athemloser Spannung, ich sah nichts mehr; ich wagte auch nicht die Augen aufzuschlagen – Ich hörte leichte, jugendliche Schritte; ich verglich sie mit dem gestrigen langsamen, schleichenden Gange und fing an zu hoffen. Als der Priester vor den Altar trat, blickte ich auf. Es war nicht der Abbé Morin, sondern sein Nachfolger, der junge Vicar – Ich athmete tief auf.

Von diesem Augenblicke an ging der Zustand der Angst und Ueberreizung, in welchem ich die Nacht und den Morgen zugebracht hatte, in tiefe Abspannung über. Montigny wollte mir den Arm bieten, um die Kirche zu verlassen; aber er bemerkte, daß ich leichenblaß war und wankte, er gab daher meiner Stiefmutter einen Wink und ich entfernte mich an ihrem Arme.

In meinem Zustande konnte ich an dem Frühstücke nicht theilnehmen. Frau von Juvigny führte mich in mein Zimmer und hielt mir eine lange Strafpredigt; aber Alles was ich davon verstand, waren die Worte:

»Ich erlasse Dir das Frühstück, aber halte Dich bereit, zu Tische zu kommen.«

Dann entfernte sie sich; aber gleich darauf kam sie zurück und sagte:

»Herr von Montigny wird Dir vielleicht einen Besuch machen; ich hoffe, daß Du Dich gegen ihn nicht so kindisch benehmen wirst, wie gegen mich.

Diese Worte, welche fast wie eine Drohung klangen,entrissen mich meiner Betäubung; ich erwiederte, in Thränen ausbrechend:

»Ja, ja, ich will bei Tische erscheinen; aber er soll nicht kommen! Ich bitte Sie, schicken Sie Zoe zu mir Frau von Juvigny entfernte sich achselzuckend.

Kaum war sie fort, so nahm ich mir den Brautkranz vom Kopfe und den Strauß von der Brust und legte Beides zu den Füßen meines Madonnenbildes nieder. Als ich mich neigte, um meine gewohnte Andacht zu verrichten, bemerkte ich auf dem Sockel ein Papier.

Ich nahm zitternd den Zettel, denn es kam nie ein Fremder in mein Zimmer, und las:

»Gedenken Sie Ihres feierlichen Versprechens, nie einem Ungläubigen anzugehören.«

Obgleich die Schriftzüge absichtlich entstellt waren, erkannte ich die Handschrift des Abbé Morin.

In diesem Augenblicke kam Zoe. Ich sank in ihre Arme und rief:

»Nein, nie werde ich diesem Manne angehören!«

Zoe lachte. Dieses Lachen, das einen grellen Contrast zu meinen Thränen bildete, empörte mich.

»Du auch!« sagte ich, mich abwendend.

»Du gehörst ihm an,« antwortete sie; »Du bist ja zweimal mit ihm getraut worden? In der Maire und in der Kirche.«

»Mag sein,« erwiederte ich; »aber vor der heiligen Jungfrau . . . «

Zoe fiel mir um den Hals, drückte mir einen Kuß auf den Mund und zog mich auf ein Sopha.

»Keinen Schwur, Edmée!« sagte sie erschrocken. »Liebe Schwester, man soll nichts schwören, was man nicht halten kann.«

»Wer wird mich hindern, diesen Schwur zu halten?«

»Er . . . er ist dein Mann und wird von seinem Rechte Gebrauch machen.

Ich schluchzte und rang die Hände.

»Hast Du denn nicht gehört, daß der Maire Dir den Artikel des Gesetzbuches vorgelesen hat?«

»Nein, ich habe nichts gehört.«

»Es steht darin klar und deutlich: Die Frau ist ihrem Gatten Gehorsam schuldig.«

»Ja,« erwiederte ich; »aber was Gott verbietet, soll man nicht thun.«

Was!« sagte Zoe, mich ansehend, »wer hat Dir denn gesagt, daß Gott der Frau verbiete, ihrem Manne anzugehören?«

»Er, er!« antwortete ich.

»Dann hast Du ihn wirklich gesprochen? Ich hatte mich also nicht geirrt. – O der Unhold!

»Wen meinst Du?«

»Den Abbé Morin.«

»Still!» sagte ich, und hielt ihr die Hand auf den Mund.

»Jetzt wird mir Alles klar; deshalb ist er von Bernay herübergekommen, deshalb hat er im Beichtstuhle den Platz des Vicars eingenommen.«

»Wer hat Dir das gesagt?«

»Ich war in der Kirche, als Du mit meiner Mutter kamst; ich betete für Dich, liebe Edmée, und erflehte für Dich alles Glück, das Du verdienst. Ich sah ihn vorüber gehen, ich erkannte ihn, ich errieth, warum er gekommen war.«

»Und warum war er gekommen?«

»Um deine Vermählung wo möglich zu hintertreiben. Du weißt ja, daß er Dich ins Kloster bringen wollte. – Und dann . . .«

»Was weiter?«

»Nichts, ich durchschaue ihn, den alten Unhold.«

»Zoe!« sagte ich ernst verzweifelnd.

»Edmée,« fügte Zoe hinzu, »glaube, was ich Dir sage. Herrn von Montigny hast Du gewiß nicht zu fürchten, er ist ein schöner, rechtschaffener Mann; ich bin überzeugt, daß Du mit ihm dein Glück in dieser und jener Welt finden wirst.«

»Schweige! er hatte mich gestern in der Kirche und heute nach hier gewarnt: ich sei verloren, wenn ich Herrn von Montigny angehöre.«

»Hier?« fragte Zoe erstaunt.

»Ja, steh nur.«

Ich zeigte ihr den Zettel, den ich auf dem Sockel des Madonnenbildes gefunden hatte.

»Er wird diesen Morgen, als wir Alle in der Kirche waren, durch den Obstgarten und aus der Seitentreppe ins Schloß gekommen sein,« sagte Zoe; er kann schleichen wie ein Gespenst. Edmée traue ihm nicht!«

Ich schauderte; ich dachte an das Taufgelübde, an meine Ohnmacht an den Auftritt in der Sakristei. Ich fühlte auf meinen Lippen den heillosen Kuß, der mich aus meiner Bewußtlosigkeit geweckt hatte.

Alle diese Erinnerungen erschütterten mich, ohne einen Lichtstrahl in das trostlose Dunkel meines Gemüthes zu werfen.

»Zoe,, Zoe! Du allein hast mich lieb. Verlaß mich nicht.«

»Arme Schwester,« erwiederte Zoe, »Du weißt ja, daß ich dein bin, daß Du mit mir machen kannst, was Du willst. Befiehl, und wenn Du nichts Unsinniges verlangst,so werde ich gehorchen.«

»So höre. Der Abbé . . .«

Ich stockte. Ich konnte den Namen nicht über die Lippen bringen.

»Der Abbé Morin,« ergänzte Zoe.

»Ja, er sagte mir, daß sich mein Mann diesen Abend erkühnen werde, in mein Schlafzimmer zu kommen.«

Allerdings wird er sich erkühnen,« erwiederte Zoe lachend; »er wäre sehr dumm, wenn er nicht käme.«

»Wenn Du lachst, Zoe, so sage ich Dir nichts mehr und will nichts mehr von Dir wissen.«

»Nun, ich will nicht mehr lachen. Sprich.«

»Zoe, Du mußt bei mir bleiben, Dich in meinem Zimmer verstecken und mir beistehen gegen Herrn von Montigny, der ein Dämon ist.«

»Hat Dir das der Abbé Morin auch gesagt?«

»Gleichviel wer mir’s gesagt hat, es ist so.«

»Du wirft aber gestehen, daß der Dämon ein schöner Mann ist«

»Ach! Du siehst mit andern Augen als ich.«

»Arme Edmée, ich glaube an das, was Du mit geschlossenen Augen, aber nicht an das, was Du mit offenen Augen stehst.«

»Nun, so überzeugt Dich.«

Ich nahm Milton’s »verlorenes Paradies« und zeigte ihr den Kupferstich, wo der rebellische Engel eine so auffallende Aehnlichkeit mit Montigny hatte.

»Wer hat Dir dieses Buch gegeben?« fragte Zoe.

»Niemand, ich habe es aus der Bibliothek genommen.«

»Hm!« sagte Zoe, »der Teufel ist sehr schlau, aber der Abbé Morin . . .«

Sie schwieg.

»Was meinst Du?«

»Ich meine, daß der Abbé Morin noch schlauer ist als der Teufel.«

»Davon ist jetzt nicht die Rede. Du wirst diese Nacht bei mir bleiben, nicht wahr?«

»Ja.«

»Versprichst Du mir’s?«

»Ja, ich verspreche Dir’s.«

»Gut, jetzt bin ich ruhiger.«

Plötzlich erschrak ich.

»Du glaubst ruhiger zu sein und zitterst?« sagte Zoe. Was gibts denn?«

»Zoe, er kommt.«

»Wer denn?«

»Herr von Montigny.«

»Wo ist er denn?«

»Ich sehe ihn.«

»Du bist von Sinnen.«

»Er kommt die Treppe herauf. . . er macht die Thüre des großen Salons auf. Ich sage Dir, daß ich ihn sehe.«

»Durch die Wände?«

Ich faßte Zoe beim Arme.

»Hörst Du seinen Tritt?« sagte ich.

»Ja wohl, ich höre Fußtritte,« antwortete sie; »aber wer sagt Dir, daß er es sei?«

»Du wirst es sogleich sehen.«

Wir standen eine kleine Weile und lauschten sie mit Neugierde, ich mit Zittern und Zagen.

Es wurde leise an die Thüre geklopft. —Wir schwiegen Beide.

»Ist es erlaubt einzutreten?« fragte eine sanfte Stimme.

»Antworte doch ja,« flüsterte mir Zoe zu.

Ich gab, auf das Sopha sinkend, die kaum zu vermeidende Antwort.

Montigny trat ein. Es war unmöglich, ein sanfteres,edleres, offeneres Gesicht zu sehen. Zoe machte eine Bewegung, um sich von mir zu entfernen; das Zimmer konnte sie nicht verlassen, denn ich hielt sie am Kleide.

Montigny bemerkte es.

»Bleiben Sie,« sagte er zu Zoe. »Fräulein Edmée« —er betonte das Fräulein lächelnd – »Fräulein Edmée war, wenn ich nicht irre, diesen Morgen etwas unwohl und bedarf der Gesellschaft einer Freundin. Wenn ich einst ihr Mann bin, so werde ich meinen Ehrenposten an Niemand abtreten; aber ich bin es bis jetzt erst dem Namen nach, und will mich nur nach ihrem Befinden erkundigen.«

»O, ich befinde mich besser – viel besser,« fiel ich rasch ein, denn ich hoffte, daß diese Versicherung den Besuch abkürzen werde.

»Nichts konnte mir angenehmer sein, als diese Versicherung aus Ihrem Munde, mein Herzenskind,« erwiederte er. »Erlauben Sie mir, einen Augenblick bei Ihnen Platz zu nehmen?«

Ich wich scheu zurück; aber da diese Bewegung, die mich von ihm entfernen sollte, auch durch den Wunsch. Ihm Platz zu machen, gedeutet werden konnte, so deutete er sie in dem für ihn günstigen Sinne und setzte sich zu mir.

»Was machten Sie denn Beide hier allein? Wovon sprachen Sie?«

»Von nichts,« sagte ich hastig.

»Da ist ein Buch, Sie haben wahrscheinlich gelesen.«

Er streckte die Hand nach dem »verlorenen Paradiese« aus.

»Ah, die Dichtung Milton’s!« fügte er hinzu. »Sie scheinen Fortschritte in der Poesie zu machen und von den nationalen zu den fremden Dichtern überzugehen. Ich wußte wohl, daß Sie englisch sprechen, aber ich wußte nicht, daß Sie dieser Sprache mächtig genug sind, um Milton’s Poesie zu verstehen.«

»Wir haben nicht gelesen – stammelte ich.

»Was haben Sie denn gemach?«

»Wir haben die Kupferstiche angesehen.«

Er schlug das Buch auf.

»Ah sie sind von Flaxmaan,« sagte er. »Der Zeichner ist ausnahmsweise des Dichters würdig.«

Er fand zufällig den Fürsten der Finsterniß dessen Aehnlichkeit mit Montigny wir bemerkt hatten.

»Sehen Sie,« sagte er und hielt mir den Kupferstich vor die Augen, »ist das nicht die Idee, die man sich von dem bösen Engel machen kann? Stirne, Augen, Mund, die Gesichtszüge – liegt darin nicht der Ausdruck der Vermessenheit und des Trotzes? Und denkt man nicht unwillkürlich, daß ein solcher Gegner nur durch einen Blitzstrahl zu Boden geworfen werden kann?«

Zoe fing an zu lachen. Montigny sah sie erstaunt an.

Dieser Blick hatte etwas Befehlendes.

»Wissen Sie wohl, Herr von Montigny, was wir so eben sagten?«

Ich faltete die Hände; aber Zoe schien meine bittenden Geberden nicht zu beachten.

»Nein, sagen Sie mir’s; ich habe Sie schon darum gefragt. Was haben Sie gesprochen? Bin ich so glücklich, daß sich Fräulein Edmée mit mir beschäftigt?«

»Nun, wir sagten, daß dieser Erzengel —«

»Zoe!« mahnte ich.

»Ich habe einmal angefangen,« sagte Zoe, »Du mußt mich ausreden lassen.«

Montigny nickte zustimmend.

»Wir sagten,« fuhr Zoe fort, »daß dieser Erzengel Ihr Ebenbild sei.«

Montigny lächelte.

»So ähnlich wie ein Mensch einem überirdischen Wesen sein kann,« sagte er. »Die Aehnlichkeit mit Satan ist mir höchst schmeichelhaft.«

Ich sah ihn mit Entsetzen an.

»Aber ich muß das Compliment theilweise ablehnen, fügte er hinzu, »Satans Hände sind mit Krallen bewaffnet mit denen er seine Opfer in die Hölle schleppt, und ich – er zog den linken Handschuh aus – »ich habe keine Krallen, wenigstens sind sie mir noch nicht gewachsen.«

Die entblößte Hand war klein, weiß, schön geformt; an dem kleinen Finger trug er einen der schönsten Türkise, die ich je gesehen habe.

Mein Blick fiel unwillkürlich aus diese weiße, feine Hand und blieb auf dem Ringe haften.

»Der Ring scheint Ihnen zu gefallen?« sagte er lächelnd; »ich nehme mir die Erlaubniß Ihnen denselben anzubieten.«

Er zog den Ring vom Finger.

»Dieser Stein,« sagte er, »soll nach der Sage des Landes, welches ihn hervorbringt, eine merkwürdige Eigenschaft haben: sein ganzes Wesen verbindet sich innig mit der Person, die ihn trägt; wenn diese Person von einer Gefahr bedroht wird, so wird das Azurblau des Steines dunkler; wenn sie erkrankt, wird er blässer; wenn sie stirbt, wird der Stein blaßgrün und verliert seinen Werth. Er soll auch der Person, die ihn trägt, Glück bringen. Ich kaufte ihn vor drei Jahren in Moskau von einem Tataren. Seit jener Zeit ist mir Alles gelungen; das letzte Glück, das ich ihm verdankte, theuerste Edmée, ist unsere Bekanntschaft und Verbindung. Der Stein hat also Alles für mich gethan, was er thun konnte. Jetzt ist es an Ihnen, sich in seinen Schutz zu begeben; möge er auf Ihre Zukunft ebenso heilsam wirken wie auf die meinige!«

Bei diesen Worten suchte er meine Hand zu fassen und mir den Ring auf den Finger zu stecken. Aber ich zog meine Hand schnell zurück.

»Ich sehe wohl,« sagte er, sich an Zoe wendend, »daß Edmée noch einige aus meiner Aehnlichkeit mit Satan herrührende Vorurtheile gegen mich hat. Sie, Zoe, scheinen mehr Muth zu haben; nehmen Sie diesen Ring, eilen Sie zur Kirche, tauchen Sie ihn in Weihwasser, und wenn er sieh nicht in eine glühende Kohle verwandelt, wenn er das Wasser nicht sieden macht, so bin ich weder Satan noch einer seiner Helfershelfer.«

Dann stand er auf, ohne daß ich es hinderte, faßte meine Hand, drückte einen Kuß darauf und verließ das Zimmer.

II

Als ich mit Zoe allein war, sah ich sie zürnend an.

Sie lachte und drehte den Ring zwischen den Fingern.

»Du bist unausstehlich!« sagte ich.

»Warum denn? Denke ich denn über Herrn von Montigny nicht gerade so wie Du? Halte ich ihn denn nicht für einen Dämon, für den Satan, den Antichrist? Ich bin nur ein Landmädchen, aber wenn Du diesen Mann nicht liebst, so gehst Du an deinem Glücke vorbei, wie ein Blinder an einem kostbaren Schatze.«

»Wie kann ich denn einen Ketzer lieben?«

»Ich weiß nicht,« erwiederte Zoe, »was ein Ketzer-ist; aber wie unwissend ich auch bin, so weiß ich doch, was ein ehrlicher Mann ist, und ein solcher ist Herr von Montigny gewiß; dazu ein sehr schöner Mann, und das ist bei einem Eheherrn gewiß nicht zu verachten.«

»Ein Eheherr!« rief ich erschrocken; »er ist also mein Eheherr«

»Ja, es ist nicht mehr zu ändern.«

Ich seufzte.

»Jetzt sage, fuhr Zoe fort, »was soll ich mit diesem Ringe machen? Soll ich thun, wie Herr von Montigny gesagt hat? Oder soll ich ihn in den Brunnen werfen? Mich dünkt, sein wahrer Platz sei an deinem Finger.«

Zoe steckte den Ring an ihren Finger und hielt ihn mir vor die Augen.

»Sieh nur,« sagte sie, »wir schön er sich schon an meiner sonnenverbrannten Hand ausnimmt; wie prächtig wird er erst zu deiner weißen Hand stehen! Hast Du wohl gesehen, daß Herr von Montigny eine sehr schöne Hand hat?«

Ich antwortete nicht, denn Alles was Zoe mir sagte war unläugbare Wahrheit.

Sie faßte meine linke Hand, an welcher ich schon den Trauring trug, und steckte mir den Türkiß an den Finger.

»Nun,« fragte sie, »thut er Dir weh, brennt er,der furchtbare Ring.«

Ich fühlte nicht den mindesten Schmerz; der Ring paßte ans meinen Zeigefinger, als ob er für mich gemacht wäre.

In diesem Augenblicke hörte und erkannte ich die Fußtritte meiner Stiefmutter. Zoe hatte den Zettel,den ich unter dem Sockel des Madonnenbildes gefunden, auf einen Tisch gelegt; ich nahm den Zettel, zerriß ihn schnell und warf die Stücke in den Camin.

Sie kam um mich zu holen. Sie sagte, es sei lächerlich, am Hochzeitstage mit einem Bauernmädchen in einem Zimmer zu sitzen.

Ich sah Zoe an. Sie schien, obschon das Compliment nicht sehr schmeichelhaft sie sie war, meiner Stiefmutter Recht zu geben.

Es war nicht mehr zu bezweifeln, Alle waren gegen mich verschworen.

Ich ging hinunter. Montigny war mit einigen zu Tisch geladenen Bekannten im Solon.

Sein Blick fiel sogleich ans meine Hand; ein Blitz, der Freude leuchtete ans seinen Augen, als er den Ring an meinem Finger sah. Er stand auf, kam auf mich zu und flüsterte mir einige Worte des Dankes zu.

Ich schauderte. Hatte ich durch die Annahme des Ringes dem bösen Geiste ein Pfand gegeben?

Ich nahm schweigend und zitternd Platz. Ein Fremder hätte mich für ein einfältiges Gänschen halten müssen.

Bei Tische erhielt ich Montigny gegenüber meinen Platz. Ich sprach nicht und mochte nicht essen. Er betrachtete mich mit großer Bekümmerniß.

Nach Tische hatte er eine ziemlich lange Unterredung mit Frau von Juvigny. Er schien unschlüssig meine Stiefmutter ließ nicht nach.

Ich sollte bald erfahren, wovon die Rede war.

Montigny kam zu mir.

»Ich erinnere mich,« sagte er, unserer Spaziergänge im Parke; ich erinnere mich, daß Sie die Verse unserer großen Dichter mit Vergnügen anhörten. Das Wetter ist herrlich, der Abend wunderschön: wollen Sie einen Shawl umhängen und einen Spaziergang an den Bach machen? In dem silbernen Schein der freundlichen Luna, wie Virgil sagt, in dem von den Sternen fallenden Helldunkel, wie Corneille sagt, wollen wir ein Weilchen von einem größern Dichter sprechen, als alle die sind, deren Verse ich Ihnen gesagt habe.«

Ich stand auf, ohne recht zu wissen was ich that.

Montigny warf mir einen Shawl über, ich nahm seinen Arm und wir gingen fort.

Im Vorzimmer traf ich Zoe und ich gab ihr durch einen Wink zu verstehen, sie möge mich in meiner kleinen Zelle erwarten; sie schien mich zu verstehen und antwortete mir durch ein Zeichen des Einverständnisses.

Ich werde mich jenes Abendes immer als eines entscheidenden Wendepunktes im Leben erinnern. Denken Sie sich einen Verurtheilten, der die Vollstreckung des Todesspruches in einer Stunde zu erwarten hat und dem man erlaubt, in einer lieblichen Sommernacht in einem schönen Park beim Plätschern der Quellen und beim Gesange der Nachtigallen, unter einem azurblauen, mit Goldblumenbesäeten Himmel herumzuirren, und Sie werden einen Begriff von meinen Gefühlen haben.

Montigny mußte das Zittern meines Arms unter dem seinigen fühlen, denn da er merkte, daß ich jeden Augenblick im Begriffe war meinen Arm zurückzuziehen, so legte er die linke Hand darauf, um ihn festzuhalten.

Er hatte auch schon bemerkt, wie viel seine Stimme über mich vermochte, denn er fing an von Gott zu sprechen, von dem Dichter, der größer ist, als alle jene, deren Poesien er mir vorgelesen hatte.

Es wäre mir unmöglich, Alles zu wiederholen, was er mit unwiderstehlicher Beredsamkeit von dem allmächtigen Lenker aller Geschicke, von der Seele des Weltalls, von dem Schöpfer aller Wesen sagte. Hundertmal habe ich mich seiner schönen, geistvollen Worte erinnert. Obgleich ich mit meinem schwachen Verstande Vieles nicht zufassen vermochte, so fühlte ich doch, daß Alles Wahrheit war, was er sprach; es war mir. als ob ein neues Lichtmeinen Geist erhellte und mein Herz erwärmte. Ich fragte mich, wer der wahre König des Himmels und der Erde sei, ob dieser allgütige, barmherzige Gott, der die Welt mit unendlicher Weisheit regiert, oder jener zürnende, drohende Gott, von welchem mir der Abbé Morin eine so abschreckende Schilderung gemacht hatte. Trotz meiner Jugend hatte ich schon ein ziemlich richtiges Urtheil, und es schien mir, daß Montigny’s Worte nicht nur beredbar waren, sondern auch mehr mit der Vernunft und den Gefühlen des Herzens übereinstimmten.

Ich gab mich nach und nach dem Zauber dieser Poesie hin, und er hatte nicht mehr nöthig, meinen Arm festzuhalten.

Ob er nur die Absicht hatte, mein Vertrauen zu gewinnen, und ob er sich überzeugte, daß dieser Zweck erreicht war? Es ist wahrscheinlich, denn ohne eine einzige Liebkosung zu wagen, führte er mich ins Schloß zurück.

Ich unterbrach Frau von Chambray:

»Herr von Montigny war ja ein ganz ausgezeichneter Mann.«

Sie lächelte wehmüthig wie bei einer theuern Erinnerung.

»Und, sonderbarer Weise,« fügte ich hinzu, »bin ich eifersüchtiger auf den Todten als auf den Lebenden.«

»Sie haben Recht,« sagte sie.

»Sie erlauben mir also eifersüchtig zu sein?« fragte ich vielleicht etwas zu kühn.

»Ich erlaube Ihnen mein Herzensfreund zu sein,« antwortete sie. Ich bin Ihnen sehr dankbar, weil ich Ihnen allein die wenigen gemüthlichen, glücklichen Stunden verdanke, die ich in meinem Leben gehabt habe. Dieses Gefühl ist noch nicht klar in meiner Seele; zwingen Sie mich nicht zu genauerer Untersuchung desselben, lassen Sie es unklar und nebelhaft wie ein Traum, und verlangen Sie nicht, daß es eine Gestalt annehme, daß der Traum zur Wirklichkeit werde.

Ich schwieg und suchte ihre Hand, die sie mir überließ.

»Fahren Sie forte,« sagte ich endlich.

»Finden Sie denn diese vertraulichen Mittheilungen eines albernen Mädchens nicht langweilig?«

»Diese Mittheilungen sind mir höchst anziehend; sie sind das Buch Ihres Lebens, das ich nicht allein, sondern mit Ihnen lese, wir wollen umblättern, wir sind unten auf einer Seite.«

Frau von Chambray fuhr fort:

* * *

Zwei Stunden nachher war ich in dem grünen Zimmer und hörte die Ermahnungen meiner Stiefmutter an. Nachdem sie mir die Pflichten einer Frau gegen ihren Mann der Reihe nach aufgezählt hatte, verließ sie mich mit der Erklärung, daß Montigny mich besuchen werde.

Aber sie mochte wohl glauben, ihren stiefmütterlichen Pflichten durch ihre Ermahnungen noch nicht genügt zuhaben; denn sie kam wieder und ging erst fort, als ich in demselben Bette lag, in welchem meine arme Mutter mich geboren hatte und gestorben war.

Diese Erinnerung war mir höchst peinlich; es schien mir ein Frevel, mir dieses Sterbezimmer zum Brautgemach aufzudrängen; aber ich hatte es mir mit einem gewissen Trotze zum Grundsatze gemacht, meiner Stiefmutter unbedingt zu gehorchen. Ich ging also sehne Widerrede zu Bette und verbarg meine unaufhaltsam fließenden Thränen.

Ich hörte, daß Frau von Juvigny die Thüre sorgfältig verschloß und den Schlüssel abzog.

Sie sperrte mich ein. – Ohne über den wahrscheinlichen Zweck dieser Maßregel nachzusinnen, eilte ich in mein Zimmer, in der Erwartung, Zoe zu finden. Zoe war wirklich hinter einem großen Ofenschirm versteckt; sie hatte vermuthet, daß Frau von Juvigny in mein Zimmer kommen werde, und hatte ihre Vorsichtsmaßregeln genommen, um nicht gesehen zu werden.

Mein erster Gedanke war, mich in meinem Zimmer einzuschließen und Herrn von Montigny nicht zu antworten; aber ich konnte den Schlüssel nicht finden, sogar der Riegel war abgenommen worden. Alle diese Vorkehrungen hatte man gegen meine sogenannte Albernheit getroffen.

Ich kniete vor meinem lieben Madonnenbilde nieder,um meine gewohnte Abendandacht zu verrichten. Als ich den Blick senkte , fand ich unter dem Sockel wieder einen Zettel wie am Morgen.

Ich sah mich schnell nach dem Camin um; die zerrissenen Papierstückchen lagen noch da; es war also nicht derselbe Zettel und mein Gedächtniß täuschte mich nicht, ich hatte den ersten Zettel wirklich zerrissen.

Ich deutete zitternd auf den zweiten, ich mochte ihn nicht berühren Zoe nahm ihn und wollte ihn ungelesen verbrennen;aber ich riß ihr das Papier schnell aus der Hand. Mein böser Genius trieb mich; ich las:

»In dem Augenblicke, wo Sie noch von sich selbst abhängen, in dem Augenblicke, wo Sie Ihre Seele vererben oder retten können, gedenken Sie Ihres feierlichen Versprechens nie einem Ketzer anzugehören!«

Das war mehr als meine erregte Phantasie ertragen konnte. Ich rang die Hände und sagte:

»Nein , nein! ich verspreche Dir, heilige Jungfrau, diesem Manne nie anzugehören.«

»Hören Sie, lieber Freund,« sagte Frau von Chambray, indem sie mir mit mehr Schrecken als Zärtlichkeit die Hand drückte. »Seit ich es für eine Wirkung meiner überreizten Phantasie und meines übersinnlichen Anschauungsvermögens halten? Genug, eben so wie ich Sie durch die Vorhänge meines Fensters hinter den Vorhängen des Gasthauses erkannte , sah ich den Abbé in dem Zimmer meiner alten Amme. Er stand mit verschränkten Armen und finster drohenden Blicken am Fenster.

Meine Augen thaten sich weit auf, mein Arm streckte sich nach der entsetzlichen Vision aus, meine Lippen bebten.

»Was fehlt Dir denn?«– fragte mich Zoe.

»Dort – dort!« sagte ich. »Siehst Du?«

»Was denn? Was soll ich sehen?«

»Den Abbé Morin!? – Du bist von Sinnen: er ist ja diesen Morgen wieder nach Bernay abgereist.«

»Nein, nein! Eine Viertelmeile von Juvigny ist er ausgestiegen, er hat die Nacht abgewartet und ist bei deiner Mutter. Seine Blicke sind auf das Fenster meines Zimmers gerichtet – er droht mit der Hölle, wenn ich . . .«

»Herr von Montigny!« unterbrach Zoe.

Die schreckliche Vision hatte meine Aufmerksamkeit dergestalt in Anspruch genommen, daß ich nicht gehört hatte, wie der Schlüssel zu dem großen Zimmer im Thürschloß gedreht worden war. – Montigny hatte sich unbemerkt der Thüre genähert.

Ich sah mich um. Er stand auf der Schwelle.

Dieser Anblick raubte mir alle Besonnenheit Ich dachte nur an Flucht. Ich stürzte mit solcher Heftigkeit davon , daß ich Montigny auf die Seite schob. Ich eilte in den Hausgang, auf die in den Garten, an den Fluß führende Seitentreppe zu.

Ich würde das härteste Geschick, selbst den Tod erduldet haben, um der mir angedrohten Verdammniß zu entgehen.

Ich hörte, wie Zoe mir nachrief:

»Um des Himmels willen, haltet sie auf! Sie ist von Sinnen.«

Dann hörte ich, daß mir Fußtritte in der Dunkelheit folgten. Ich lief in meiner Angst, ohne zu wissen wohin. Plötzlich schien der Boden unter meinen Füßen einzusinken – ich schrie laut auf – ein vielleicht noch furchtbarerer Schrei antwortete. Dann sah und fühlte ich nichts mehr: mein Kopf war auf den Rand der Treppe gefallen; ich blieb ohnmächtig liegen.

* * *

»Arme Freundin!« sagte ich, und zog Edmée an ;meine Brust, um mit meinen Lippen die Spuren der Wunde in ihrem Haare zu suchen.

Sie machte sich sanft aus meinen Armen los.

»Nicht wahr, ich war recht unsinnig?« sagte sie.

»Der Abbé hat es zu verantworten,« erwiederte ich.

»O, der Nichtswürdige! Und Gott hat ihn nicht gestraft?«

»Nein,« antwortete Edmée. »Der Schuldlose, der Gute mußte statt seiner büßen – wenn anders der Verlust eines albernen Kindes, wie ich war, eine Strafe zu nennen ist.«

»Erzählen Sie weiter, Edmée sagte ich. »Sehen Sie nicht, daß meine Seele an Ihren Lippen hängt?«

Sie fuhr fort:

* * *

Infolge dieses Vorfalles, dessen Ursache für Jedermann ein Geheimniß blieb, kam der Abbé Morin wieder triumphirend in’s Haus. Es ging das Gerücht, Montigny habe mich in einer Anwandlung von Zorn gegen die Wand geworfen, und dadurch meine Kopfwunde verursacht.

Die Wunde war gefährlich. Ich blieb, wie man mir später sagte, mehr als zwölf Stunden bewußtlos. Als ich die Augen aufschlug, stand der Abbé Morin vor meinem Bette, seinen langen, dünnen Zeigefinger auf die bleichen Lippen haltend, wie eine Statue des Schweigens.

Er war der Erste, den ich sah. – Dann fiel mein Blick auf die übrigen Anwesenden: auf den Arzt, meine Schwiegermutter und Zoe.

Ich sah, wie Zoe mit unendlicher Freude die Arme nach mir ausstreckte; aber ich hatte so viel Blut verloren, daß ich nicht sprechen konnte und mit Zagen dachte, man werde mich vielleicht anreden. Ich schloß die Augen wieder, die einzige Erinnerung die ich in meinem Halbschlummer entnahm, war das Bild des Abbé, dessen befehlende Geberde mir Schweigen gebot.

Ich hatte bemerkt, daß Montigny nicht da war, und sonderbarerweise machte ich ihm seine Abwesenheit fast zum Vorwurfe.

Der Arzt ersuchte die Anderen, mich allein zu lassen, da ich vor Allem der Ruhe bedürfe. Ich hörte, daß Zoe bei mir zu bleiben wünschte und sich ganz ruhig zu verhalten versprach. Sie wollte mir nicht einmal antworten, wenn ich erwachen und sie anreden würde.

Sie hielt Wort, und erst vier oder fünf Tage später erfuhr ich von ihr, was vorgefallen war.

Auf meinen Schrei, den Montigny mit einem nicht minder angstvollen Schrei beantwortet hatte, war Zoe mit einem Lichte herbeigeeilt; sie hatte gesehen, wie mich Montigny unten an der Treppe aufhob. Beide hielten mich für todt. Zoe versicherte, Montigny sei außer sich gewesen.

Inzwischen war Frau von Juvigny herbeigeeilt. Sie fragte, was geschehen sei; aber Montigny schüttelte den Kopf und antwortete ihr:

»Wenn Sie mir gesagt hätten, daß die arme Edmée eine so große Abneigung gegen mich habe, so wäre ich gewiß nicht ihr Gatte geworden. Ich werde jetzt zu Pferdesteigen und einen Arzt holen. – Was mich betrifft, so ist mir meine Pflicht durch den Schrecken geboten, den ich verursachte. Ich werde erst wieder erscheinen, wenn Edmée selbst mich ruft.«

Er drückte einen Kuß auf meine mit Blut bedeckte Stirne, empfahl sich meiner Stiefmutter und entfernte sich.

– Fünf Minuten nachher hörte man den Galopp eines davon sprengenden Pferdes.

Eine Stunde nachher kam der Arzt. Montigny hatte ihm das Versprechen abgenommen, ihm täglich Bericht über mein Befinden abzustatten; dann hatte er sich in sein zwei Meilen entferntes Schloß begeben. —Ich fasse mich kurz.

Der Abbé Morin bekam wieder eine so große Gewalt über Frau von Juvigny, daß sie nach Paris reiste, und ihn so zum unbeschränkten Beherrscher der Situation machte. Josephine und Zoe blieben zu meiner Pflege.

Der Abbé benützte diese seinen Absichten so günstige Wendung der Dinge, um »wegen Mißhandlung« eine Trennung von Tisch und Bett zu erwirken.

Uebrigens war zehn Meilen im Umkreise nur eine Stimme gegen Montigny; eine Schaar von Betschwestern,von dem Abbé Morin aufgehetzt, verleumdete ihn um die Wette.

Der Schein war in der That gegen ihn; ein Mann,der, durch leichtes Sträuben gereizt, seine junge Frau in der Brautnacht gegen die Wand wirft und schwer verwundet, ist sicherlich ein verabscheuenswerther Unhold – zumal wenn er ein Ketzer ist und das Sträuben der Braut eine Folge religiöser Gefühle war.

Ich war in den Augen des Volks ein beklagenswerthes Opfer, Montigny ein Unmensch.

Dieser Unmensch war bewundernswerth bis ans Ende. Als er sah, daß ich ihn nicht rief, kam er nicht wieder ins Schloß. Und als er sah, daß mein Anwalt meine Trennung von ihm gewissermaßen im Namen der verletzten Moral betrieb, vertheidigte er sich nicht, gab die Entscheidung dem Gericht anheim und nahm willig das gegen ihn gefällte Urtheil hin.

Sobald das Urtheil gefüllt war, reiste er ab, ohne zu sagen, in welchen Welttheil er sich begebe; aber er hinterließ mir folgende Zeilen:

»Theuerste Edmée ich habe nicht das Recht, Sie unglücklich zu machen, da es mir nicht vergönnt war, Sie glücklich zu machen. Ich werde mir das Leben nicht nehmen, wie unglücklich ich auch bin, weil der Selbstmord ein Verbrechen ist; aber Eines kann ich Ihnen versprechen: bevor Sie das zwanzigste Jahr erreichen, kann der Mann den Sie lieben, Ihr Gatte werden.

De Montigny.«
* * *

»Und Sie hatten den Muth, ihn abreisen zu lassen!« rief ich voll Bewunderung, die mir dieser Mann abnöthigte.«

»Ich war nicht mehr zu Juvigny; ich hing nicht mehr von mir selbst ab; ich war in dein Kloster der Ursulinerinnen zu Bernay.«

»Und mit Gottes Beistande,« sagte ich, »sind Sie aus der Gewalt des Abbé befreit worden.«

»Gott hat mich beschützt,« antwortete Frau von Chambray.

»Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbrochen habe,« sagte ich. »Fahren Sie fort.«

III

Zwei Tage nach der Ankunft meiner Stiefmutter in Paris erhielt ich von ihr einen Brief, in welchem sie mir erklärte, nach dem durch meine Albernheit verursachten Scandal könne ich nichts Besseres thun, als mich einstweilen in das Kloster der Ursulinerinnen zu begeben. Sie sei im Begriffe, mit ihrer Schwester und ihrem Schwager eine Reise nach Italien zu machen; diese Reise werde wohl zwei Jahre, vielleicht noch länger dauern: im Fall des nicht wahrscheinlichen Todes Montigny’s würde es mir freistehen, den Schleier zu nehmen, mich wieder zu vermälen oder meine Volljährigkeit abzuwarten.

Eine von ihr zurückgelassene Vollmacht ermächtigte den Abbé Morin, ihre Stelle unter allen Umständen bei mir zu vertreten.

Diesen Brief zeigte ich meiner lieben Zoe, die meine einzige Vertraute war; die willenlose alte Josephine war ganz in der Gewalt des Abbé Morin, und ich wußte wohl, daß ich auf sie nicht zählen könnte, wenn ich mich seiner zu erwehren hatte.

Zoe las den Brief. Unter dem Schein der Frivolität hat sie ein sehr richtiges Urtheil und insbesondere einen hohen Grad von Entschlossenheit; ich verdanke ihr manchen guten Rath, manchen kräftigen Beistand.

Sie sann eine kleine Weile nach.

»Du hast nur zwischen zwei Dingen zu wählen, arme Edmée,« sagte sie. »Du mußt entweder den Rath deiner Stiefmutter befolgen, oder mich ermächtigen, sofort Herrn von Montigny zu holen.«

»Was füllt Dir ein« Zoe! rief ich.

»Ich mache Dir einen Vorschlag, der dein Glück ist.«

»Ich würde es nie wagen, wieder vor ihm zu erscheinen; er würde sich weigern, mich zu sehen.«

»Nein, er würde wieder in dein Zimmer kommen und Dir zu Füßen fallen.«

»Nein,« nie!« stammelte ich. »Es ist unmöglich. Der Abbé Morin sagt, ich würde der ewigen Verdammniß verfallen.

»Gott verzeihe dem Abbé Morin die Missethaten, die er begangen. Gott ist barmherzig, aber ich glaube nicht , daß er sie ihm verzeihen wird, denn es wäre nicht mehr Barmherzigkeit, sondern Ungerechtigkeit. – Ich frage Dich noch einmal: soll ich Herrn von Montigny holen?«

»Nein, nein, sage ich Dir!«

»Wirst Du mir verzeihen, wenn ich ihn hole, ohne Dir etwas davon zu sagen?«

»Nein, das könnte ich Dir nie verzeihen. Thue es nicht, Zoe; wenn er vor mir erschiene, würde ich nicht bis zur Treppe geben, ich würde mich aus dem Fenster, stürzen.«

»Dann wollen wir den Rath deiner Stiefmutter befolgen und ins Kloster gehen.«

»Wir wollen ins Kloster gehen, sagst Du?«

»Allerdings. Wenn Du gehst, so gehe ich mit.«

»O, mit Dir, Zoe, würde ich mich keinen Augenblick besinnen; aber . . .«

»Was denn?«

»Er wird nicht erlauben, daß Da mich begleitest.«

»Wer?«

»Der Abbé Morin.«

»Das ist meine Sorge, gib Dich nur zufrieden.«

Ich schüttelte den Kopf.

»Sieh mich an,« fuhr Zoe fort; Warum glaubst Du, daß der Abbé Morin nicht zugeben werde, daß ich mit Dir ins Kloster gehe?«

»Ich weiß nicht,« antwortete ich; »aber Du kennst mein Ahnungsvermögen. Ich bin fest überzeugt, daß er Dir verbieten wird, mich zu begleiten . . .«

»Das wird er gewiß thun.« sagte Zoe.

»Aber was gedenkst Du zu thun?«

»Ich begleite Dich gegen seinen Willen.«

»Gegen seinen Willen?«

»Ja wohl; er wird freilich in Zorn gerathen, aber ich kümmere mich nicht darum, ich gehe doch mit Dir.«

»Dann wollen wir uns nicht länger besinnen, liebe Zoe. Wir gehen nach Bernay.«

»O, es hat gar keine Eile; das Leben im Kloster ist nicht so angenehm.«

»Kann ich denn hier heiter und zufrieden sein?«

»Nein; aber man muß sich doch nicht kopfüber in einen Abgrund stürzen, ohne zu sehen, wie tief er ist.«

In diesem Augenblicke wurde an die Thüre geklopft.

Meine Genesung machte zwar gute Fortschritte und ich fing schon an im Parke spazieren zu gehen; aber der Arzt hatte allen meinen Umgebungen die schonendste Behandlung zur Pflicht gemacht und es durfte Niemand ohne anzuklopfen in mein Zimmer kommen.

Zoe ging an die Thüre.

Es war einer der zurückgebliebenen Diener, der Zoe aufforderte, in einer wichtigen Angelegenheit zu ihrer Mutter zu kommen.

Zoe ließ sich den Auftrag zweimal wiederholen.

»Ich!« sagte sie lachend; »ich – in einer wichtigen Angelegenheit! – Hörst Du wohl, Edmée? Das gnädige Fräulein Zoe soll in einer wichtigen Angelegenheit zu ihrer Frau Mutter kommen.«

Dann rief sie dem Bedienten zu: »Ich werde sogleich kommen.«

Zoe machte die Thüre wieder zu und kam zu mir zurück.

»Vermuthest Du, was es sein mag?« fragte ich.

»Nein.«

»Vermuthlich ein Kniff des Abbé Morin. Auf jeden Fall wirst Du es in einer Viertelstunde so gut wissen wie ich. Ich werde bald wieder da sein.«

Ich blieb allein in der Ueberzeugung, Montigny sei da, und vielleicht war es mein sehnlicher Wunsch.

Ich habe oft über sein Verhältniß zu mir nachgedacht, und ich konnte mir nicht verhehlen, daß er mich glücklich gemacht haben würde, wenn mich der unheilvolle Einfluß des Abbé Morin – wie mir Zoe in ihrer naiven Ausdrucksweise gesagt hatte – nicht von ihm entfernt hätte.

Zoe kam zurück.

»Nun,« fragte ich hastig, »was wollte man von Dir?«

»O, so gut wie nichts; man wollte mich unter die Haube bringen.«

»Dich?«

»Warum denn nicht? Du hast ja geheiratet und ich bin acht Monate älter als Du – folglich bin ich ein großes Mädchen.«

»Wer wollte Dir denn einen Mann zubringen?«

»Der Herr Vicar in selbsteigener Person.«

»Der Vicar?«

»Ja wohl, er erwartete mich.«

» Und wen hat er Dir angetragen?«

»Jean Louis, den Meßner.«

»Aber Jean Louis ist arm und Du bist nicht reich: wie würdet Ihr euern Hausstand gründen können?«

»Darin irrst Du Dich. Jean Louis hat einen unbekannten Gönner, der ihm dreitausend Franks zur Ausstattung gibt. Findest Du seine meßnerischen Augen so schön, daß man ihn mit tausend Thalern nehmen könnte?«

»Nein, wahrhaftig nicht, er schielt.«

»Das habe ich geantwortet; aber der Herr Vicar meinte, ich hätte Unrecht, Jan Louis sei ein recht hübscher Mensch, er habe mir eine eigenthümliche Grille im Auge; überdies werde man außer dem Hochzeitsgeschenk seine Besoldung als Pedell auf sechshundert Franks erhöhen; seine Verrichtungen in der Kirche kosteten ihm an jedem Wochentage nur eine Viertelstunde. Sonntags zwei bis drei Stunden Zeit, und er könne dabei immer sein Holzschuhmachergewerbe betreiben. Kurz, ich würde nie eine so gute Partie finden, wie Jean Louis.

»Was hast Du geantwortet?«

»Ich habe natürlich einen Korb gegeben.«

»Unter welchem Vorwande?«

»Unter dem Vorwande, daß ich mit Dir nach Bernay in das Kloster der Ursulinerinnen gehe, und daß ich einem Manne, der mir befehlen könnte, in Juvigny zubleiben, eben jetzt keinen Gehorsam geloben kann. Ich habe übrigens die schönen physischen und moralischen Eigenschaften des jungen Meßners erkannt und ihm eine Lebensgefährtin gewünscht, welche seine persönlichen Vorzüge und seine gewinnreiche Stellung besser zu würdigen weiß, als ich.«

»Und was hat deine Mutter dazu gesagt?«

»Sobald sie erfuhr, daß ich Jean Louis ausschlug, um Dich nach Bernay zu begleiten, stimmte sie mir bei. Der Abbé Morin wird sie aber umstimmen.«

»Wie, der Abbé Morin?«

»Ja wohl; merkst Du denn nicht , daß er der Anstifter dieser Werbung ist?«

»Nein.«

»Du bist auch gar zu arglos!« sagte Zoe fast unwillig.

Während ich mir den Kopf zerbrach, was für ein Interesse der Abbé Morin an der Verheiratung meiner Herzensfreundin mit Jean Louis haben könne, erschien der Diener wieder und beschied Zoe noch einmal zu ihrer Mutter.

»Jetzt ist er da,« sagte sie.

»Wer?«

»Mache doch von deinem übersinnlichen Gesichtsvermögen Gebrauch und sieh.

Ich sammelte meine Gedanken und schloß die Augen. Plötzlich erschrak ich.

»Der Abbé Morin!« rief ich erblassend.

»Ich habe es ohne deine wundersame Gabe errathen.«

Dann küßte sie meine Hände, kniete vor mir nieder und fügte hinzu:

»Jetzt sage: Bist Du fest entschlossen« Herrn von Montigny nicht zu sprechen?«

»Ja; so lange als der Abbé lebt, würde er mich wahnsinnig machen.«

»Und es ist doch besser, bei den Ursulinerinnen zu Bernay, als im Irrenhause zu Caen zu sitzen. Du hast Recht, morgen gehen wir mich Bernay.

»Und Du gehst mit mir, nicht wahr?«

»Allerdings.«

»Aber wenn er nicht will, daß Du mich begleitest?«

»Er wird schon einwilligen.«

»Wie willst Du ihn dazu bewegen?«

»Das ist meine Sache.«

Das liebe Mädchen stand auf, küßte mich auf beide Wangen und ging fort.

Um meine schon sehr lange Erzählung nicht zu unterbrechen , will ich Ihnen jetzt sagen, was ich erst später im Kloster der Ursulinerinnen erfuhr.

»Liebe Edmée,« sagte ich zu ihr, »ich weiß nicht, ob Ihre Erzählung einem Fremden schon lang scheinen würde; aber ich weiß, daß jedes Wort, das Sie sprechen, eine Saite meines Gefühls zu berühren scheint. Sie sehen, mit welcher Aufmerksamkeit ich Ihnen zuhöre; Sie müssen fühlen, mit welcher Spannung ich Ihren Worten lausche. Vergessen Sie daher kein Ereigniß dieses mir so theuern Lebens. Ueberdies haben Sie mir ja gesagt, Sie hätten eine Ahnung, daß ich bestimmt sei, Sie aus einer großen, Gefahr zu retten. Um diese Gefahr vorauszusehen, um «rechtzeitig einzuschreiten, muß ich Ihr ganzes Leben kennen. – Also erzählen Sie, ich bin ganz Ohr.«

Frau von Chambray fuhr fort:

IV

Zoe fand ihre Mutter, welche sie im Erdgeschoß erwartete. Die gutmüthige Frau ist mit ihrem beschränkten Verstande und ihrem Köhlerglauben noch jetzt dem Abbé Morin treu ergeben; sie weiß übrigens gar nicht, was vor-gefallen ist.

»Was hast Du denn dem Herrn Abbé gethan fragte sie; »er scheint sehr erzürnt gegen Dich zu sein. Er ist in der Stube; geh geschwind hinauf, mein Kind, und söhne Dich mit ihm aus.«

Zoe ging hinauf, ohne zu antworten.

Sie hat nicht nur ein treue,« hingebendes Herz, sondern auch einen entschlossenen Charakter. Wenn Sie erst Alles wissen, was sie für mich gethan hat, werden Sie sich nicht wundern, daß ich ihr zu Liebe bei Ihrem Freunde den Schritt wagte, dem ich das Glück unserer Bekanntschaft verdanke.

Die Erzählung der Frau von Chambray wurde nur durch einen gegenseitigen Händedruck, durch einen Blick und ein von den Lippen zum Herzen gehendes Lächeln unterbrochen. Sie fuhr fort:

Der Abbé Morin erwartete Zoe wirklich in der obern Stube. Er saß mit finsterer Miene und zornglühenden Augen in einem Lehnstuhl und hielt sich an den Armen desselben fest, als ob es ihm große Mühe gekostet hätte, seinen Zorn zu bezähmen.

Zoe trat ein, machte ihren Knix und blieb vor ihm stehen.

»Kind,« begann der Abbé, »Du weisest also das Gute, das man Dir thun will, mit schnödem Undank zurück?«

»Wie so, Herr Abbé?« fragte Zoe, als oh sie die Ursache seines Aergers gar nicht gekannt hätte.

»Ein braver junger Mann wirbt um Dich, und Du weisest ihn grob und trotzig ab!«

»Da sind Sie schlecht berichtet worden, Herr Abbé. Ich habe ihn nicht grob und trotzig abgewiesen; ich habe gesagt, Herr Jean Louis erweise mir eine große Ehre. Ich habe ihn nicht ohne Ursache abgewiesen; ich habe gesagt, daß ich ihn nicht liebe. Ich habe zwar keine große Erfahrung in solchen Dingen; aber ich halte die gegenseitige Zuneigung in der Ehe noch für nothwendiger als einen Geldsack, wie groß er auch sei.«

»Dies ist nicht die wahre Ursache deiner Weigerung,« erwiederte der Abbé voll Erstaunen über meine unerwartete spöttische Antwort.

»Die einzige Ursache allerdings nicht, Herr Abbé, aber es ist eine von zwei Ursachen.«

»Ich wünsche die andere zu wissen.«.

»Frau von Montigny« – Zoe betonte dieses Wort, das dem Abbé ein sauersüßes Lächeln abnöthigte – »Frau von Montigny wird sich auf den Rath ihrer Stiefmutter und Ihrem Wunsche gemäß nach Bernay in das Kloster der Ursulinerinnen begeben —«

»Wirklich!« sagte der Abbé; »sie hat sich endlich dazu entschlossen?«

»Ja, aber unter einer Bedingung —«

» Sie macht Bedingungen —«

»Ja wohl. Sie wissen ja, Herr Abbé, verheiratete Frauen sind emancipirt,« und Edmée ist verheiratete.«

»Was für eine Bedingung stellt denn Fräulein Edmée?«

»Frau von Montigny, wollen Sie sagen?«

»Nun ja.«

»Sie macht zur Bedingung, daß ich sie nicht verlasse. Sie begreifen, Herr Abbé, daß ich nicht heute heiraten und morgen ins Kloster gehen kann; es wäre ein schlechtes Beispiel, wenn man nur deshalb heiratete.«

»Das ist wohl wahr; aber leider kann der Wunsch des Fräuleins nicht erfüllt werden.«

»Wer wird es hindern?«

»Zuerst deine Mutter, die sich nicht von Dir trennen will.«

»Die gute Mutter!« erwiederte Zoe, »daran erkenne ich sie. Aber zum Glücke kenne ich Jemanden, der viel über sie vermag und von ihr die Erlaubniß erwirken wird.«

»Wer ist es?« fragte der Abbé zweifelnd.

»Herr Morin,« antwortete Zoe.

»Ich?» wiederholte der Abbé.

»Ja, Sie.«

»Auf mich kannst Du nicht zählen.«

»Und doch zähle ich auf Sie, Herr Abbé.

»Du irrst Dich.«

Aber Zoe schüttelte den Kopf.

»Herr Abbé,« erwiederte sie, »es ist Ihnen nicht bekannt, aus welchen Gründen ich auf Sie zähle.«

»Ich bin neugierig diese Gründe kennen zu lernen.«

»O, ich will sie Ihnen sagen; ich mache kein Geheimniß daraus.«

»So laß hören.«

Der Abbé machte es sich in seinem Lehnstuhle bequem, um die Gründe des schalkhaften Mädchens besser zu hören.

»Erstens ist Frau von Montigny —«

»Kannst Du Dir denn nicht abgewöhnen« mein Kind, das Fräulein von Juvigny bei diesem Namen zu nennen?»

»Warum soll ich mir es denn abgewöhnen, Herr Abbé? Es ist ja ihr Name.«

»Weißt Du denn nicht, daß sie von ihrem Manne geschieden ist?«

»Eine Scheidung ist keine Auflösung der Ehe.«

»Du bist ja sehr gelehrt!«

»Nun ja, man hat mir’s gesagt. Und überdies sie ist ja noch nicht geschieden.«

»Die Scheidung wird bald ausgesprochen; ich habe von der Frau von Juvigny unbeschränkte Vollmacht, diese Scheidung zu betreiben.«

»Mag sein; aber wenn Frau von Montigny nicht will, daß der Prozeß weiter geführt werde?«

»Was sagst Du da?« rief der Abbé betroffen.

»Ich sage etwas sehr Mögliches!«

»Nach Allem was vorgegangen ist, nach den Mißhandlungen, die das arme Kind erduldet hat, ist doch das Urtheil der Welt zu berücksichtigen.«

»Wenn die Welt nie die Ursachen kennen lernte, welche diese angeblichen Mißhandlungen herbeigeführt haben . . .«

»Angeblich?«

»Ich weiß was ich sage« Herr Abbé, und Sie werden mich gewiß verstehen. Wenn die Welt wüßte, was z. B. ich weiß —«

»Was weißt Du denn?« unterbrach der Abbé. »Sage« was weißt Du?«

»Wenn die Welt wüßte, Herr Abbé – doch ich will Ihnen lieber nichts sagen. Lassen Sie mich nur bei Edmée. Sie sehen, daß ich sie Ihnen zu Gefallen nicht mehr Frau von Montigny nenne. Lassen Sie mich bei Edmée bleiben, dann sage ich nichts und Alles bleibt wie es ist.«

»Nein, Du mußt mir Alles sagen,« entgegnete der Abbé, »und auf der Stelle!«

» Sie wollen es, Herr Abbé?«

»Ja, ich will es.«

Zoe trat ihm näher und sagte leise:

»»Wenn die Welt z.B. wüßte, daß Sie sich am Abende vor der Hochzeit die Mühe genommen, Bernay zu verlassen, um der Braut die Beichte abzunehmen –«

»Ich war ja immer ihr Beichtvater und durfte doch mein Beichtkind in einem so wichtigen Lebensabschnitte nicht verlassen.

»Das ist wahr, Herr Abbé, und die Welt würde Ihren Eifer gewiß loben. Aber wenn die Welt wüßte, daß Sie sich die Mühe genommen, von Bernay hierher zukommen, um der Braut den Satansspuk im Kloster zu Loudun zu erklären —«

»Was sagst Du da?«

»Um ihr mit ewiger Verdammniß zu drohen, wenn sie jemals die Frau des Mannes würde, der ihr morgen vom Gesetze und von der Kirche zum Ehegatten gegeben werden sollte —«

Der Abbé machte eine Bewegung« als ob er ihre Worte mit der Hand hätte zurückhalten wollen; seine blassen. dünnen Lippen stammelten einige Drohungen. Aber Zoe trat zurück; sie war entschlossen die Sache aufs Aeußerste zu treiben.

»Wenn die Welt wüßte, daß Sie das bewußte Buch aus der Bibliothek genommen und meiner Mutter mit dem Auftrage, es in Edmée’s Zimmer zu legen, übergeben haben; wenn die Welt wüßte, daß Sie das erste Billet geschrieben und ihr am Hochzeitsmorgen in die Hände gespielt haben; wenn die Welt wüßte, daß der zweite Zettel, den sie Abends fand, und den ich aufbewahre, ebenfalls von Ihnen gekommen ist; wenn die Welt wüßte, daß Sie sich in jener unglücklichen Nacht in dem Zimmer der Braut versteckt gehalten und das Resultat Ihrer Drohungen erwartet, die unheilvollen Folgen vorausgesehen haben; würde dann die Welt das arme Kind nicht beklagen, das Sie fast wahnsinnig gemacht haben? Würde man dann nicht für Herrn von Montigny Partei nehmen und den wahren Schuldigen anklagen?«

Der Abbé war leichenblaß; seine Augen funkelten, seine Lippen waren fest zusammengepreßt. Wäre er seiner Straflosigkeit gewiß gewesen, so hätte Zoe ihre Kühnheit ohne Zweifel mit dem Leben bezahlen müssen; er hätte sie erwürgt.

Aber er bezwang seinen Zorn und sank, eine Verwünschung stammelnd, in den Lehnstuhl zurück.

Zoe war entschlossen, das Aeußerste zu wagen.

»Nehmen wir an, fuhr sie fort, »daß die eben erzählten Thatsachen mit den Beweisen zur Kenntniß des Herrn von Montigny kämen: glauben Sie denn, daß ein Gerichtshof die von Ihnen im Auftrage der Frau von Juvigny betriebene Scheidung verfügen würde?«

»Thue das, falsche Schlange!« höhnte der Abbé; »Edmée wird darüber den Verstand verlieren, und sie wird nicht zu den Ursulinerinnen in Bernay, sondern nach Caen ins Irrenhaus kommen.

»Das hat sie mir auch gesagt,« erwiederte Zoe, »und deshalb schweige ich.«

»Wirklich! Du willst schweigen?«

»Ja, aber wie schon gesagt, unter der Bedingung daß ich Edmée nicht verlasse, daß sie nur mit mir nach Bernay geht und mit mir gemeinschaftlich ein Zimmer bewohnt.

Der Abbé sann einen Augenblick nach, wischte sich mit dem Schnupftuche den Schweiß von der Stirne und sagte mit erzwungener Ruhe:

»Ich wollte dein Glück, Du hast es zurückgewiesen; wenn deine Mutter einwilligt, so magst Du mit Edmée gehen, ich will Dies nicht wehren. Geh.«

Zoe machte einen Knix, ging hinunter, küßte ihre Mutter und erzählte ihr, daß sie sich mit dem Abbé Morin ausgesöhnt habe.

Dann eilte sie wieder zu mir.

»Morgen gehen wir nach Bernay,« sagte sie, in mein Zimmer stürzend.

»Zusammen?«

»Das versteht sich.«

»Dann packe Alles ein, was wir brauchen,« sagte ich; »ich bin körperlich und geistig so schwach, daß ich an nichts denken und nichts thun kann..«

Und ich faßte meinen Kopf mit beiden Händen, gleichsam um meinen Verstand festzuhalten.

Die erschütternden Ereignisse, welche in wenigen Tagen mein bis dahin so ruhiges Leben getrübt hatten, machten mich in der That um meinen Verstand besorgt. Zoe hatte mir später oft erklärt, nur die Besorgniß, mein geschwächter Geist könne eine neue Aufregung nicht vertragen, habe sie abgehalten, mir Alles zu sagen und Montigny zu mir zu führen.

Sie that es nicht; die Rathschlüsse Gottes sind unergründlich.

Wir begaben uns nach Bernay, ohne daß meine gute Josephine, die völlig in der Gewalt Morins war, ihre Tochter zurückhielt.

Von Montigny hörte ich nichts mehr, bis nach erfolgter Scheidung sein Brief ankam, in welchem er mir seine Abreise ins Ausland anzeigte.

In den ersten drei Wochen, die ich in Bernay zu-brachte, war mein Gemüth wieder ruhig geworden und meine Genesung machte gute Fortschritte. Zoe hatte die Hoffnung noch nicht aufgegeben, mich wieder mit Montigny zu vereinigen. Ich schätzte seine vortrefflichen Eigenschaften und bei ruhigerem Nachdenken gewann ich die Ueberzeugung daß mich nur der unheilvolle Einfluß meines bösen Genius von ihm entfernt habe. So hatte mich Zoe nach und nach überredet, in eine Zusammenkunft zu willigen,als plötzlich der erwähnte Brief ankam.

Aus diesem Briefe sprach eine so tiefe Wehmuth, eine solche Seelengröße und Selbstverläugnung daß ich beim Lesen in Thränen ausbrach.

Zoe beobachtete mich.

»Du liebst ihn!« sagte sie erfreut.

Ich antwortete nicht.

»Du liebst ihn!« wiederholte sie.

»Ich bedauere ihn,« sagte ich.

Sie fiel mir um den Hals, küßte mich und verließ eilends unsere Zelle, indem sie mir zurief:

»Ich komme bald wieder.«

Ich weinte immerfort, die Thränen erleichterten mich; ich hätte nie geglaubt, daß Thränen so wohl thun könnten.

Zu meinem größten Erstaunen vergingen zwei Stunden, ohne daß Zoe wieder kam.

Es wurde zu Tische geläutet. Die uns bedienende Pförtnerin deckte den Tisch und fragte mich, ob ich allein speisen würde, oder ob sie zwei Bestecke auflegen sollte.

Es war mir unbegreiflich, warum Zoe so lange ausblieb; sie hatte mich seit unserer Ankunft in Bernay noch keinen Augenblick verlassen.

Der Abbé Morin hatte mich zweimal besucht, und jedesmal hatte sie neben meinem Sessel gestanden, ohne sich um die seltsamen Blicke, die ihr der Abbé zuwarf, im mindesten zu kümmern.

Einige Tage vorher hatte sie, ohne daß ich ahnte, zu welchem Zwecke, zwei Riegel an die Thüre machen lassen und mir das Versprechen abgenommen, am Tage Niemand zu empfangen und Abends die Riegel sorgfältig vorzuschieben, falls genöthigt wäre, sich von mir zu entfernen.

Da ich Zoe jeden Augenblick erwartete, so ließ ich für zwei Personen decken.

Ich wartete eine Stunde über die gewöhnliche Essenszeit, aber sie erschien nicht.

Ich speiste nun allein; ich dachte nur an den Brief und an Montigny’s Kummer.

Der Abend kam« es schlug acht. – Im Sommer wurde das Kloster um acht Uhr geschlossen. Die Pförtnerin kam in meine Zelle, um mir anzuzeigen, man habe die Abwesenheit meiner Gesellschafterin dem Abbé Morin anzeigen und ihn fragen müssen, ob man im Falle ihrer Rückkehr in der Nacht eine Ausnahme machen dürfe von den Klosterregeln, welche das Oeffnen der Pforte nach neun Uhr Abends verboten. Nur der Vorsteher war von diesem Verbote ausgenommen.

Der Abbé Morin hatte geantwortet« er sehe nicht ein, warum man für Zoe eine Ausnahme machen solle.

Wenn daher Zoe nicht vor neun Uhr Abends zurückkam, so durfte sie vor acht Uhr Morgens nicht eingelassen werden.

Ich wartete in angstvoller Spannung.

Seit dem Abende, wo ich in einer Anwandlung von Wahnsinn aus meinem Zimmer gestürzt und die Treppe hinuntergefallen war, hatte ich nie eine Nacht allein zugebracht. Zoe hatte immer an meiner Seite geschlafen. Oft erwachte ich in fieberhafter Aufregung zitternd, in Schweiß gebadet und schrie laut auf. Ich glaubte Flammen an den Wänden, mein Zimmer voll von Gespenstern zusehen. Aber wenn ich die Augen aufschlug, fühlte ich mich in den Armen meiner lieben Zoe; ich hörte ihre Stimme, die mich beruhigte und wieder zur Besinnung brachte.

Ich hörte ein Viertel, halb, drei Viertel auf neun schlagen.

Endlich schlugs neun. Zoe war noch nicht wieder da.

Ich hoffte, die Pförtnerin werde noch einmal anfingen, ob ich noch etwas wünschte; aber sie kam nicht.

Es war völlig Nacht geworden. Ich verriegelte meine Thüre und zündete meine Wachskerze an.

Gegen zehn Uhr bemerkte ich, daß ich nur noch für anderthalb oder zwei Stunden Licht hatte; ich suchte eine zweite Kerze, aber vergebens.

Unser Vorrath war zu Ende und ich hatte vergessen, frische Kerzen bringen zu lassen.

Ich konnte mein Zimmer verlassen, zu der Pförtnerin hinuntergehen und eine Kerze holen; aber ich hätte durch einen langen Gang und an einem als Begräbnißplatz dienenden Kreuzgewölbe vorübergehen müssen, und dazu hatte ich nicht den Muth.

Zweimal ging ich bis an die Thüre, und zweimal kehrte ich zitternd und mit ungestüm pochendem Herzen wieder um und sank erschöpft in meinen Lehnstuhl.

Ich öffnete das Fenster, um zu rufen. Bei der Pförtnerin war kein Licht mehr. Im ganzen Kloster und selbst auf der Straße war Alles stille; ich fürchtete mich vor meiner eigenen Stimme; die Worte erstarben mir auf der Zunge.

Ich machte das Fenster wieder zu und sank in meinen Armsessel; ich war ganz erschöpft.

Nur zwei Organe waren in mir thätig: meine Augen, welche das schmelzende Wachs und die immer kürzer werdende Kerze anstarrten, und meine Ohren, welche auf die Glockenschläge der Thurmuhr lauschten, bis die letzten Schwingungen Verklungen waren.

Vergebens suchte ich den Gedanken festzuhalten, daß ich keineswegs in Gefahr sei, die Ahnung einer unbekannten Gefahr wollte nicht weichen und erfüllte mich mit Schauder.

Die Kerze schien mit phantastischer Schnelligkeit abzunehmen. Gegen halb zwölf war nur noch das im Leuchterkranz angesammelte geschmolzene Wachs übrig. Ich richtete den Docht auf und speiste ihn so lange wie möglich mit der noch übrigen spärlichen Nahrung; aber kurz vor Mitternacht fing er an zu knistern, flackerte auf und erlosch.

Ich blieb in völliger Finsternis denn es war eine mondlose Nacht und der Himmel etwas trübe. Als es zwölf schlug, fühlte ich in mir jene eigenthümliche Unruhe und Bangigkeit welche dem Zustande des Hellsehens oder übersinnlichen Gesichtsvermögens vorherzugehen pflegt. – Ich fühlte, daß die Gefahr, welche ich geahnt, näher kam.

Ich kann meine Empfindungen nur mit der Angst vergleichen mit welcher eine im Käfig eingesperrte Gazelle den heranschleichenden, noch nicht sichtbaren Tiger wittert. Mein ganzer Körper zitterte krampfhaft eine Centnerlast schien auf meiner Brust zu liegen, an jedem Haare meines Kopfes hing ein Schweißtropfen.

Plötzlich hörte ich ferne, näherkommende Fußtritte – und in dem Corridor, der meinem geistigen Auge so hell erschien, als ob er von der Sonne oder von tausend Kerzen erleuchtet wäre, sah ich eine Erscheinung, die mich mit Schrecken erfüllte.

Ein dunkler Schatten schlich in diesem hellerleuchteten Corridor heran; er versuchte recht leise aufzutreten und doch hallten seine Schritte in meiner Brust wieder, daß alle Fibern meines Herzens zitterten. Dieser Schatten, dessen Gesicht ich nicht erkennen konnte, hatte die Gestalt und Haltung des Abbé Morin.

Ich gedachte des Vorfalles in der Sakristei, wo ich in meiner Erstarrung diesen Mann gesehen hatte, wie er langsam und leise auf mich zukam, sich dann zu mir neigte und seine unkeuschen Lippen auf die meinigen drückte.

Ich blieb stumm, regungslos, wie festgebannt.

So kam er, sich mit einer Hand an der Wand haltend, bis an die Thüre meiner Zelle.

Er lehnte sich an die gegenüber befindliche Wand, als wäre er unschlüssig gewesen, oder als hätte er seine Kräftesammeln wollen.

Ich sah die dunkle Gestalt ganz deutlich an der weißen Wand.

Nach einer kleinen Weile richtete er sich auf, zog einen Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn in das Schloß.

Ich vergaß, daß der doppelte Riegel, den Zoe hatte anschrauben lassen, mir hinlänglichen Schutz gegen jeden Angriff gewährte; ich eilte ans Fenster und riß es auf, um mich hinauszustürzen.

Zum Glücke war das Fenster vergittert.

Ich rüttelte aus allen Kräften an einer Eisenstange, und rief in meiner Angst um Hilfe.

Ich hörte nun, wie der Schlüssel schnell im Schlosse gedreht wurde. Das knarrende Geräusch drang mir durch Mark und Bein – ich ließ die Eisenstange los , sank auf die Knie und verlor die Besinnung.

* * *

Sie haben keinen Begriff, lieber Freund, von dem Eindruck, den diese Erzählung meiner lieben Edmée auf mich machte. Ich fühlte alle ihre Schrecknisse mit und sie schilderte dieselben mit so ergreifender Wahrheit, daß auch ich zu sehen glaubte, was sie mit den Augen der Erinnerung sah. Nach und nach war ich ihr näher gerückt und hatte, gleichsam zum Schutz und ohne die mindeste sinnliche Regung, meinen Arm um sie geschlungen und sie an mich gezogen.

Es waren unendlich glückliche Augenblicke für mich: ihre Haare berührten die meinigen , ihr Athem streifte meine Wange, ich sah gewissermaßen die Worte aus ihrem Munde kommen und ich hätte sie so zu sagen mit meinen Lippen auffangen können.

Sie erkannte die Gefahr einer solchen Situation, bot mir , wie eine Schwester, ihre Stirn zum Kuß und rückte von mir weg, ohne daß ich sie zurückzuhalten suchte. Ich hielt nur ihre Hand fest, und unwillkürlich flüsterte ich: »Edmée! liebe Edmée!«

Ich weiß nicht, ob sie es hörte; aber sobald sie sich losgemacht hatte, fuhr sie fort:

* * *

Erst durch heftiges Klopfen an meiner Thüre und lautes, angstvolles Rufen meines Namens wurde ich aus meiner Ohnmacht geweckt.

Es war heller Tag. – Ich lag noch an derselben Stelle, wo ich niedergesunken war. Ich richtete mich langsam auf. Ich zitterte vor Kälte , denn ich war unter dem offenen Fenster der Nachtluft ausgesetzt gewesen. Ich erinnerte mich an nichts; wenn ich aus dem Grabe aufgestanden wäre, hätte ich nicht matter und hinfälliger sein können.

Der erste Gedanke, der in meinem Geiste aufdämmerte, war, daß Zoe vor der Thür sei und mich rufe.

Ich bot meine ganze Kraft auf, um zu antworten.

»Herein!« stammelte ich.

»Ich kann nicht hinein,« rief sie mir zu; »Du hast ja die Thür verriegelt.«

Ich wankte, die Hand auf meine betäubte Stirne drückend, zur Thüre und schob den Riegel zurück.

Zoe stürzte in mein Zimmer, sah sich rasch um und betrachtete mich mit Befremden. – Sie sah, daß ich angekleidet und daß mein Bett unberührt war.

»Du hast nicht geschlafen,« sagte sie.

»Ich weiß nicht —« antwortete ich.

»Was fehlt Dir denn?« sagte sie erschrocken. »Du bist ja bleich und kalt wie Marmor.«

»Ich weiß nicht,« wiederholte ich , den Kopf schüttelnd.

Sie ging an die Thüre, verschloß sie wieder, umfaßte mich und zog mich zu meinem Bette. Sie setzte sich zu mir.

»Jetzt sprich,« sagte sie. »die Thür ist verschlossen,wir sind allein. Was ist vorgefallen?«

Ich sah sie gedankenlos an.

»Erzähle,« setzte sie hinzu, »besinne Dich.«

Ich bot meine ganze Geisteskraft auf, um mich zu entsinnen.

Plötzlich erschrak ich. In meinem Geiste begann es hell zu werden, wie wenn der dunkle Ocean durch das Licht eines Leuchtthurms plötzlich erhellt wird , und wie man Woge auf Woge gegen die Küste rollen sieht, so sah ich die Flut meiner Erinnerungen heranbrausen , von dem Augenblicke, wo mich Zoe allein gelassen hatte, bis zu meinem Erwachen. Ich umschlang ihren Hals und erzählte ihr flüsternd, was ich Ihnen so eben erzählt habe.

»Du siehst,« sagte sie, »daß ich Recht hatte, Riegel an unsere Thür schrauben zu lassen.«

Aber warum hast Du mich verlassen?« fragte ich; »wo bist Du gewesen?«

»Ach!« erwiederte sie, »ich wollte Herrn von Montigny holen.«

Ich fühlte mich von einem Schauder durchbebt; aber dieses Gefühl war keineswegs schmerzlich. – Ich sah Zoe fragend an.

»Ich kam leider zu spät,« sagte sie. »Er ist gestern früh abgereist und Niemand weiß, welchen Weg er genommen; denn er war mit seinem Diener fortgeritten. Thüren und Fenster waren geschlossen, das Schloß war still wie das Grab.«

Ich seufzte und sagte:

»So sei es!«

* * *

Ich fiel der Erzählerin rasch ins Wort. Es waren dieselben drei Worte, welche Sie mit zum Troste gelassen, und welche ich zu meinem Wahlspruche gemacht hatte.

Diese drei Worte aus dem Munde der Frau von Chambray machten einen so starken Eindruck auf mich, daß ich nicht schweigen konnte.

Ich erzählte ihr in gedrängter Kürze, welche wehmüthigen und theuren Erinnerungen sich an diese drei Worte knüpfen. Ich hatte ihr wenig zu sagen; ich hatte ihr übrigens schon auf der Hochzeit Gratians von dem Tode meiner Mutter und von meiner Trauer erzählt. Aber ich war begierig, die Fortsetzung ihrer Erzählung zu hören.

»Sie sind noch nicht am Ende,« sagte ich-Sie fuhr fort:

* * *

Was ich Ihnen noch zu sagen habe, läßt sich in wenige Worte zusammenfassen.

Zoe öffnete mir die Augen über die Absichten Morin’s. Dieser Mann, der die Ehre und die Pflichten seines Standes so schmählich verletzte, liebte mich und verfolgte mich mit einer Leidenschaft, die furchtbarer und gefährlicher ist, als Haß. – Er mochte wohl vermuthen, daß ich —um diese Leidenschaft wisse; überdies hatte ihm Zoe genug gesagt, um ihm zu verstehen zu geben, daß sie ihn durchschaut, und von der Stunde an, wo ihn Zoe durchschaut hatte, zweifelte er nicht, daß mir auf ihre Eröffnungen die Schuppen von den Augen gefallen sein mußten.

Was er jedoch nicht wußte, was er auch jetzt nichtweiß und wahrscheinlich nie erfahren wird, ist jene unerklärliche Naturgabe, jene unglaubliche Fähigkeit meiner Organisation, die mir ihn dreimal gezeigt hat, als er sich vor meinen Augen verborgen wähnte: das erste Mal in der Sacristei, dann an meinem Hochzeitsabende in Josephinens Hause und endlich in der Nacht, wo er vergeblich versuchte, die Thüre meiner Zelle zu öffnen.

Ich fühlte meine große Ueberlegenheit, denn er konnte nicht ahnen, daß ich mit einem solchen übersinnlichen Gefühlsvermögen begabt war.

So verflossen drei Jahre, ohne daß mich Zoe auch nur eine Stunde verließ. In diesen drei Jahren fühlte ich gewissermaßen die auf mich gerichteten Blicke Morin’s.

Frau von Juvigny war in Florenz geblieben; das italienische Leben hatte ihr gefallen und von ihrer Rückkehr nach Frankreich war keine Rede. Die Tage verflossen in unerhörter Eintönigkeit; zum Glücke fand ich an einer unserer Schwestern, einer gebornen Engländerin, eine Freundin, deren Zuneigung ich herzlich erwiederte. Sie erbot sich, mir Unterricht in der englischen Sprache zu geben. Ich nahm das Anerbieten mit Vergnügen an. So brachte sie täglich zwei bis drei Stunden bei mir zu, und in anderthalb Jahren sprach ich englisch wie eine Engländerin.–Sie war eine vortreffliche Musikkennerin. Ich hatte das Clavierspiel gelernt, wie man#s in Mädcheninstituten gewöhnlich lernt. Ich kaufte ein Piano und studirte die Musik eben so eifrig, wie ich das Englische studirt hatte. – Sie war überdies sehr wissenschaftlich gebildet. Sie nannte mir die Bücher, die ich lesen sollte. Diese Bücher ließ Zoe theils von Caen, theils von Evreux kommen. So machte ich auch Geschichtsstudien. Die Zeit verging langsam, aber sie verging doch, und wenn ich auch nicht glücklich war, so war ich doch ruhig.

Diese drei Jahre haben in meinem Leben den wehmüthig heitern Eindruck eines freundlichen Sees in einer öden Landschaft hinterlassen.

Uebrigens beschäftigte mich die Erinnerung an Montigny. Ich ließ ihm endlich volle Gerechtigkeit widerfahren, und hätte ich ihn zu finden gewußt, ich würde ihm gewiß zu Füßen gefallen sein und um ihn Verzeihung gebeten haben; aber trotz allen Nachforschungen, welche Zoe zu Juvigny anstellte, konnte sie nichts über ihn erfahren.

Selten verging ein Tag, ohne daß ich an ihn dachte und ohne daß ich den Ring, den er mir geschenkt, stundenlang betrachtete.

Eines Tages – es war am 16.April 1840 – glaubte ich zu bemerken, daß mein Türkiß eine blässere Farbe bekam. Da ich mich nicht unwohl fühlte, so glaubte ich, diese Veränderung der Farbe sei eine Täuschung

Am folgenden Tage schien mir der Stein noch blässer als gestern; ich zeigte ihn Zoe, und sie war ebenfalls erstaunt über die grünliche Farbe, in welche das schöne Azurblau übergegangen war.

Sie wurde um meine Gesundheit besorgt, denn sie gedachte der Worte Montigny’s über die sympathetischen Eigenschaften des Steines. Aber ich befand mich ganz wohl.

Der Türkiß bekam von Tag zu Tag eine mattere Farbe, und ich gestehe, daß mich der sichtbare Fortschritt dieses Verblassens ernstlich besorgt machte.

Am 25. April endlich, als ich, wie gewöhnlich, nachdem Erwachen den Stein betrachtete, war er fast farblos und hatte einen kreuzförmigen Sprung.

Dieser Sprung, von dem ich Abends vorher noch keine Spur gesehen hatte, war in der Nacht entstanden.

Einen Monat nachher kam ein schwarzgesiegelter Brief mit dem Poststempel New-York. Dieses Schreiben meldete mir den Tod Montigny’s.

Er hatte mit einem Amerikaner ein Duell auf Pistolen gehabt. Die beiden Gegner hatten zugleich auf einander gefeuert. Montigny war schwer verwundet worden, sein Gegner war todt auf dem Platze geblieben.

Das Duell hatte am 16. April 1840 stattgefunden; neun Tage nachher, nämlich in der Nacht vom 25. zum 26. April, war Montigny gestorben.

Am 16. April hatte mein Türkiß angefangen die Farbe zu verändern; in der Nacht vom 25. zum 26. war er fast farblos geworden.

Der sympathetische Stein war seinem ersten Besitzer treu geblieben und so zu sagen mit ihm gestorben.

In Montigny’s Brieftasche hatte man ein Testament gefunden, in welchem er mir sein ganzes Vermögen vermochte.

* * *

»Eine solche Erinnerung.« sagte ich mit tiefer Wehmuth. »ist nicht zu bekämpfen«

»Lieber Freund.« erwiederte Edmée, es ist mehr als eine Erinnerung, es ist Reue.«

Ich stand rasch auf und lehnte den Kopf an eine Platane. – Ich hatte noch nie eine so quälende Eifersucht gefühlt Edmée schwieg eine Weile; dann kam sie zu mir und legte eine Hand auf meine Schulter.

»Wissen Sie wohl,« sagte ich, mich zu ihr wendend, »daß er ein seltener Mensch war, wie man deren wenige in dieser Welt findet?«

»Deshalb,« erwiederte Edmée, »deshalb vermuthlich hat ihn Gott nicht lange in dieser Welt gelassen.«

»Edmée,« sagte ich, »ich besitze keineswegs die seltenen Eigenschaften Montigny’s; aber ich schwöre Ihnen, Sie zu lieben, wie er Sie geliebt hat.

»Dann,« antwortete Edmée traurig, »dann würde ich nicht Einen, sondern Zwei unglücklich machen.

* * *

Ich lehnte noch immer an der Platane. Edmée stand neben mir und schmiegte sich an mich. – Sie hatte ihren Arm unter den meinigen geschoben und ich drückte ihren Arm an mein Herz. Der untere Theil meines Gesichtes berührte ihre Stirne und ihr im Winde flatterndes Haar streifte meine Wangen. Ein lieblicher Duft, halb Veilchen, halb Geranium. erfüllte die Luft. Die heftige Aufregung, welche mich einige Minuten fast besinnungslos gemacht hatte, verschwand und wich einem unaussprechlichen Wohlgefühle.

»O Edmée,« sagte ich, »welch himmlischen Zauber hat Ihnen der Schöpfer verliehen! Ein Engel sind Sie nicht, denn zum Glück haben Sie keine Flügel, aber sicherlich sind Sie mehr als ein Weib: Sie haben etwas von Allem, was die Natur Holdes Liebliches bietet, von der Blume den Duft, von dem Vogel die klangvolle Stimme,von der Nacht die poetische, heitere Ruhe. Sie gehören zu jenen mysteriösen Wesen, die zwischen dem Menschen und der Gottheit stehen, um die Verbindung zwischen Erde und Himmel zu vermitteln; das übersinnliche Gesichtsvermögen,die übermenschliche Gabe, die Ihnen Gott verliehen, ist für mich die Offenbarung seiner unendlichen Gnade. O Edmée, ich liebe, ich vergöttere Dich!«

Ich sank ihr zu Füßen und küßte den Saum ihres Kleides.

Eine Andere würde sich entfernt oder mich zurückgestoßen haben. Sie hingegen blieb ruhig stehen und legte die Hand auf meinen Kopf.

»Freund,« sagte sie mit unendlicher Sanftmuth, »einst werden Sie vielleicht erfahren, wie ich Ihre Worte ohne Zorn anhören kann. Mein Leben ist nichts als ein langes Räthsel, ein unerklärliches Geheimniß. Ich frage mich oft, ob die Kette von Ereignissen, aus denen mein bisheriges Leben bestand, ein Hohn des Zufalles oder eine Fügung der Vorsehung ist; aber ich will Ihnen ein Geständniß machen – ich kann es ohne Bedenken, ich bin im dreiundzwanzigsten Jahre. Sie können mir’s glauben, Max: die einzige selige Stunde meines Lebens, das einzige reine, ungetrübte Glück meines Daseins habe ich soeben auf dieser Bank, unter diesen Bäumen gehabt. – Stehen Sie auf, Max, mehr haben Sie doch nicht von mit erwartet?«

»Gott ist mein Zeuge,« betheuerte ich, »daß ich nicht so viel erwartete.

Sie lächelte.

»Sie sehen mich erstaunt an,« sagte sie. »ich kann Ihnen nur sagen, daß ich zu diesem Geständnisse berechtigt bin, weil ich dadurch Niemandem ein Recht entziehe.«

»Edmée,« erwiederte ich, »würden Sie Ihre Erzählung beenden, wenn ich Sie darum ersuchte?«

»Sehr gerne, ich habe nicht viel mehr zu sagen,« antwortete Edmée mit einem seltsamen Lächeln, welches mir räthselhaft war. – Anderthalb Jahre nach Montigny’s Tode war ich dieses mäßigen einförmigen Klosterlebens überdrüssig und vermälte mich mit Herrn von Chambray.«

»Und wer brachte diese Heirat zu Stande?« fragte ich.

»Er,« sagte sie mit demselben sonderbaren Lächeln.

»Wer-?« fragte ich.

»Der Abbé.«

»Aber was für ein Interesse konnte er haben, Sie als die Frau eines Andern zu sehen, da er Sie liebte und auf Montigny so eifersüchtig gewesen war?«

»Dies, lieber Freund,e sagte Edmée mit demselben sonderbaren Lächeln und eben so sonderbarer Betonung, »dies ist ein Geheimniß Chambray’s, erlauben Sie mir daher, Ihre Frage unbeantwortet zu lassen.«

Und als sie merkte, daß ich sie mit Fragen bestürmen wollte, reichte sie mir beide Hände und sagte:

»Adieu, Max! Es ist schon Mitternacht vorüber, es ist Zeit uns zu verlassen.«

Ich sah wohl ein, daß ich nicht das Recht hatte, mehr zu verlangen; hatte ich doch diesen Abend mehr von Edmée erfahren, als ich hätte erfragen mögen. Ich gab mich zufrieden und küßte ihr zum Abschiede die Hände.

»Nicht wahr, auf morgen?« sagte ich und ging rasch fort.

Ich war kaum zehn Minuten zu Hause, über diesen wonnereichen Abend und die merkwürdige Erzählung und das sonderbare Geschick der reizenden Edmée nachsinnend, als ich auf der Straße meinen Namen nennen hörte.

Ich sprang auf, sah aus dem Fenster und erkannte im Mondschein die alte Josephine.

»Mein Gott,« sagte ich, »es ist doch der Frau von Chambray kein Unglück geschehen?«

»Nein,« antwortete Josephine, »aber sie will augenblicklich mit Ihnen reden.«

»Mit mir?«

»Ja wohl, und ich bin gekommen, Sie zu holen.«

»Gut« ich gehe sogleich mit Ihnen.«

Ich eilte die Treppe hinunter, und in wenigen Augenblicken war ich bei ihr.

»Was ist denn geschehen?«

» Nichts von Bedeutung wie ich hoffe.«

»Sagen Sie, was es gibt.«

»Ich erwartete meine liebe Kleine, um sie auszukleiden und zu Bette zu bringen, wie ichs von jeher gewohnt war. Sie kam ganz ruhig nach Hause und schien sehr vergnügt; aber als sie eben zu Bette gehen wollte, fühlte sie plötzlich eine große Unruhe. Sie ging in ihr Stäbchen und befahl mir, in dem großen Zimmer zu warten. Nach fünf Minuten kam sie wieder heraus; sie war noch blässer und unruhiger als vorher. – »Liebe Josephine,« sagte sie zu mir, »es thut mit leid daß ich Dir Mühe mache. – Sie können denken, daß ich sie nicht ausreden ließ; denn für sie arbeiten ist mir lieber, als für Andere Vergnügen haben. – »Sage, was soll ich thun? Fürchte Dich nicht, sagte ich, denn das liebe Kind verlangt, daß ich sie noch immer dutze, wie vor Zeiten, als sie noch klein war. – Geschwind ins Gasthaus, wo Herr von Villiers wohnt,« sagte sie; »ich habe vergessen« ihm etwas Wichtiges zu sagen. Ich wünschte ihn morgen – oder vielmehr heute – wieder zu sehen; aber es ist doch möglich, daß ich verhindert werde. Ich lasse ihn daher bitten, sogleich zu mir zu kommen. Du darfst nicht fürchten ihn zu stören, setzte sie hinzu und lächelte dabei so holdselig, daß Sie gewiß für sie ins Wasser springen würden; »meine Botschaft wird ihm gewiß angenehm sein.« – So bin ich hierher geeilt; ich weiß ja, daß ich ihr und Ihnen eine Freude damit mache.«

Die Botschaft war mir allerdings angenehm; aber ich war doch etwas besorgt, denn es mußte etwas Wichtiges vorgefallen sein. Ich eilte der alten Josephine voraus, und erreichte bald das Schloß.

Das Gitterthor war offen. Da ich vergessen hatte, Josephine zu fragen wo ich Frau von Chambray finden würde, so lief ich zuerst zu der Bank, bei der ich sie verlassen hatte. Edmée war nicht da. Ich stieg die Freitreppe hinauf und ging im Finstern tappend, durch die Vorhalle. Aber kaum hatte ich die Treppe erreicht, so erschien Edmée mit einem Lichte in der Hand im ersten Stocke.

Sie hatte sich umgekleidet und trug ein langes weißes Nachtkleid, das ihr in der hellen Kerzenbeleuchtung das Aussehen einer antiken Statue gab.

Einige Schritte vor ihr stand ich still. – Sie sah mich fragend an.

»Ich betrachte Sie jetzt,« sagte ich, »mit Künstleraugen; Sie befinden sich in einer herrlichen Beleuchtung und sind wunderbar schön. O, Ihr Porträt von Van Dyk müßte ein Meisterwerk sein!«

»Ich sah Sie kommen,« erwiederte sie, »und da die Treppe dunkel ist, so fürchtete ich, es könnte Ihnen ein Unfall zustoßen.«

Sie reichte mir die Hand, um mich zum schnelleren Hinaufsteigen zu nöthigen.

»Ich bin kein Dante,« sagte ich, »aber Sie gleichen der Beatrix« welche ihren Poeten die Stufen des Paradieses hinaufführt.«

»Kommen Sie geschwind,« entgegnete sie; »ich fürchte dieses Paradies früher verlassen zu müssen, als ich wünsche.

»Mein Gott! was ist denn geschehen? Josephine sagt mir. Sie wären unruhig aufgeregt.«

»Ich weiß es noch nicht. Kommen Sie, Sie sollen mir’s sagen.«

Sie ging mit dem Lichte voran und führte mich in ihr kleines Zimmer. Sie setzte sich auf ein Sopha und lud mich ein neben ihr Platz zu nehmen.

Ich setzte mich zu ihr und reichte ihr beide Hände. Sie legte die ihrigen darauf.

Ein eigenthümlicher lieblicher Duft, der das Zimmer erfüllte, wirkte fast berauschend auf mich.

»Hören Sie mich denn, lieber Freund,« setzte sie hinzu; »was ich Ihnen zu sagen habe, ist sehr ernsthaft. – Kaum hatten Sie mich verlassen, so wurde ich von jener unbeschreiblichen Angst, von jener bangen Ahnung ergriffen, die sich meiner bemächtigt, wenn mir eine Gefahr droht. – Ich ließ Josephine in dem großen Zimmer und kam hierher, um allein zu sein und einen Versuch mit meinem übersinnlichen Gefühlsvermögen zu machen. Aber alle meine Anstrengungen blieben fruchtlos. Ich glaube, daß die Gefahr noch entfernt ist; wenn es sich nur um mich handelte, so würde ich vielleicht Bedenken getragen haben, Sie zu stören. Aber es scheint mir, lieber Max, daß Sie von meiner Gefahr mit bedroht sind. Vielleicht ist es ein Irrthum; der Austausch unserer Gedanken mag wohl einige der sympathetischen Fäden unseres Lebens in einander geschlungen haben, so daß ich irrthümlich sage: wir und nicht ich; aber ich bin zu unruhig.«

»Was kann ich thun, diese Unruhe zu beschwichtigen? Ich kann Ihnen nicht verhehlen, liebe Edmée, daß ich Sie nicht verstehe.«

»Ich dachte daß mein im wachen Zustande getrübt bleibendes Gesichtsvermögen im magnetischen Schlafe klar werden müsse. Im Schlafe bin ich ungemein hellsehend. Schläfern Sie mich ein, befragen Sie mich, und ich werde gewiß sehen.«

»Sie hatten mir diese Freude einst versprochen,« sagte ich. »O wie dankbar bin ich Ihnen dafür!«

Sie sah mich mit ihren klaren blauen Augen an.

»Ich vertraue mich meinem Bruder an,« erwiederte sie; »er wird mich um nichts fragen, was ich ihm nicht sagen könnte.«

Ich stand auf und streckte betheuernd die Hand nach dem Madonnenbilde aus.

»Hier sind meine Hände,« setzte sie hinzu. »Es wird nur von Ihrem Willen abhängen, mich in den magnetischen Schlaf zu versetzen.

Ich kniete vor ihr nieder, faßte ihre beiden Hände und sah ihr, meine Gedanken auf den einen Zweck richtend, fest ins Auge.

Nach einigen Secunden wurden ihre Hände feucht, ihre Augenlider schlossen sich allmälig und ihr Kopf sank langsam zurück gegen die Rücklehne des Sophas.

»Ich schlafe,«lispelte sie.

Ich hatte schon magnetisiren gesehen, aber es war das erste Mal, daß ich selbst magnetisirte; die Empfindungen, welche ich dabei hatte, waren daher völlig neu, und ich muß sagen wonnevoll.

Edmée war wie verklärt; ihr Gesicht war heiter, ihr Mund lächelte.

»Wie befinden Sie sich?« fragte ich.

»Seht gut. Lassen Sie mich eine Weile so; es wird bald Zeit sein, mich zu befragen.«

» Sind Sie ermüdet?«

»Nein, es ist mir sehr wohl.«

Einige Augenblicke später drückte sie mir sanft die Hand; ihre Stirne zog sich in düstere Falten, ihre Gesichtszüge drückten einige Unruhe aus.

»Warten Sie, warten Sie!« sagte sie.

Sie bewegte leicht den Kopf, als ob sie versuchte, durch eine sehr dicke Gaze zu sehen.

»Jetzt sehe ich!« sagte sie nach einer Pause.

»Was sehen Sie?« fragte ich.

»Herrn von Chambray.«

»Soll ich Sie befragen, oder erzählen lassen?«

»Lassen Sie mich nur erzählen.«

Ihre Brauen und Augenlider machten verschiedene Bewegungen.

»Er reitet von Bernay nach Evreux. In Evreux nimmt et einen Wagen nach Rouen; von Rouen reist er auf der Eisenbahn weiter. Er kommt um fünf Uhr Nachmittags in Paris an, nimmt einen Wagen und fährt zum Hotel Louvois. – Ah!«

»Sehen Sie noch immer?«

»Ja, ich sehe sehr gut; Ihr Wille hat eine große Gewalt über mich. – Warten Sie. – Er steigt wieder in den Wagen – er fährt über den Carrousselplatz, über die Tuilerienbrücke. Ich weiß, wohin er fährt.

»Ist es ein Geheimniß?«

»Nein; er begibt sich zu seinem Notar, in das Haus Nr- 53. – Ja, vor dem Hause hält er an. – Ah! Der Notar ist nicht zu Hause – er muß den andern Morgen wiederkommen, d. i. Gestern. – O, der Unsinnige!« sagte sie, wie mit sich selbst redend; »er wird erst Ruhe haben, wenn er uns völlig ruinirt hat! – Der Notar will ihm um fünf Uhr die Antwort geben; er muß Papiere haben, die in Bernay sind; diese Papiere sind nothwendig ohne sie kann er nichts thun. – Gestern um acht Uhr Abends ist er auf der Eisenbahn zurückgefahren. – — Werken Sie mich geschwind, Max, und sagen Sie mir Alles wieder, was ich Ihnen gesagt habe. Ich weiß nicht, was ich im Schlafe gesehen habe. Wecken Sie mich. – Es ist kein Augenblick zu verlieren. Um eilf Uhr Morgens wird er in Bernay sein.«

Es blieb mir nichts übrig als ihrer Aufforderung Folge zu leisten. Ich schüttelte ihre Hände und befahl ihr zu erwachen.

Gleich darauf schien ihr ganzer Körper von einem Schauer ergriffen, ihre Lippen bewegten sich und sie schlug die Augen auf.»

Was ist geschehen?« fragte sie.

Ich erzählte ihr, was sie mir im Schlafe gesagt hatte.

»Eilf Uhr!« wiederholte sie, als ich schwieg. »Eilf Uhr! Er wird um eilf Uhr in Bernay sein. Aber wenn ich auf der Stelle abreise, kann ich um sieben Uhr dort sein.«

»Sie wollen abreisen?«

»Sie sehen ja, daß es sein muß. – Adieu, lieber Freund – oder vielmehr auf Wiedersehen. Kommen Sie zu der Jagdpartie, zu welcher er Sie eingeladen hat. Wer weiß, ob ich Ihrer nicht bedarf! Reisen Sie selbst unverweilt ab, und begeben Sie sich geradeswegs nach Reuilly, statt auf die Präfectur zu gehen, damit Niemand Sie sehe.

»Edmée, ich soll Sie so verlassen?« sagte ich.

»Was verlangen Sie denn noch? Mein Herz gehört ja Ihnen —«

»Sie werden also an mich denken?«

Sie lächelte und bot mir die Stirne zum Kasse.

Ich faßte ihren Kopf mit beiden Händen und zog ihn an die Lippen.

»Gehen Sie!« wiederholte sie.

»Ja, ja. – Bedenken Sie, daß Sie mir gesagt haben: Auf Wiedersehen!«

»Es wird von Ihnen abhängen. Aber gehen Sie!«

Ich eilte zum Zimmer hinaus. – Der Tag begann zu grauen; es mochte drei oder halb vier Uhr sein.

Ich nahm meinen Weg zum Wirthshause. Als ich um die Straßenecke bog, sah ich einen Bedienten ohne Livrée, der ein Pferd am Zügel hielt und an die Thüre des Gasthauses klopfte.

Als ich näher kam, erkannte ich Georges den vertrauten Diener Alfreds.

Er sah mich nicht; sein Augenmerk war auf die Hausthüre gerichtet.

Sein Pferd war mit Schaum bedeckt.

Ich rief ihn.

»Ah! Sie sind’s, Herr von Villiers!« sagte er; »ich suche Sie.«

Er zog einen großen Brief aus der Tasche.

»Von dem Herrn Baron,« setzte er hinzu.

Ich erbrach hastig das Siegel und sah eine vom Polizeiministerium datirte telegraphische Depesche folgenden Inhaltes:

»Herr von C. kommt gestern auf der Eisenbahn von Rouen nach Paris, steigt im Hotel Louvois ab, begibt sich denselben Abend zu seinem Notar, Herrn Bourdeaux, wohnhaft Rue du Bac Nr. 53; geht in die Oper und übernachtet im Hotel. Den andern Morgen um acht Uhr begibt er sich wieder zu seinem Notar, und zum dritten Male um fünf Uhr Nachmittags.

»Diesen Abend um acht Uhr wieder auf der Eisenbahn abgereist. – Scheint sehr große Eile zu haben.

Halb neun Uhr Abends.«

Alfred hatte folgende Worte hinzugefügt:

»Vielleicht um eilf Uhr Vormittags im Schlosse. Um halb vier Uhr wirst Du Nachricht bekommen. Du kannst um fünf Uhr bei mir und die Gräfin um sechs Uhr zu Hause sein.

»Schone dein Pferd nicht. Ich halte viel auf meine Pferde, aber noch mehr auf meine Freunde. – Ich er«warte Dich.

»A. von S.«

P.S. Ich gestehe, daß die Polizei doch zu etwas gut und daß der elektrische Telegraph eine nützliche Erfindung ist. Man versichert, der Erfinder heiße Mops wie mein Hund.«

Frau von Chambray hatte mir genau dasselbe gesagt, was mir Alfred meldete. War das nicht wunderbar?

Ich eilte in den Stall, und während Georges sein Pferd mit Stroh rieb, sattelte ich selbst das meinige. – Eine Viertelstunde nachher ritten wir im Galopp davon.

Den folgenden Tag kam Zoe zu mir. Die Gräfin war rechtzeitig angekommen; aber wäre sie auch nicht gekommen, es würde doch kein Unglück geschehen sein. Der Graf hatte sich, ohne nach ihr zu fragen, in sein Zimmer begeben, hatte seinen Schreibtisch geöffnet und einige Papiere herausgenommen Dann war er, ohne sich aufzuhalten, wieder abgereist.

Ich hätte diese zweite Abwesenheit benützen können, um um die Gräfin zu besuchen; aber ich mochte sie nicht um Erlaubniß bitten.

V

Ueberdies hatte ich eine Reise nach Paris zu machen. Das sonderbare übersinnliche Gesichtsvermögen der Gräfin von Chambray, von welchem ich einen so überraschenden Beweis gehabt hatte, machte mich sehr besorgt, denn ich dachte an ihre im traulichen Gespräche gemachte Aeußerung. Eine Ahnung sagt mir, daß Sie berufen sind, mich aus einer großen Gefahr zu retten.«

Von welcher Art war diese Gefahr? Vielleicht würde es ihr im magnetischen Schlafe gelingen, dieselbe deutlich zu sehen; aber sie hatte mir einst gesagt: »Schläfern Sie mich nie ein, ohne daß ich Sie zuerst darum bitte.« Sie hatte mich zu Juvigny holen lassen; vermuthlich war sie durch ihre bangen Ahnungen von dem Herannahen dieser Gefahr benachrichtigt worden.

War diese Gefahr, die ich von ihr abwenden sollte, wirklich vorhanden, so mußte ich mich bereit halten, ihr entgegenzutreten.

Woher diese Gefahr kommen sollte? ich wußte es nicht, aber eine Ahnung sagte mir, sie werde entweder von dem Abbé Morin oder von dem Grafen von Chambray kommen.

Mit Ausnahme der Lebensgefahr sind bekanntlich alle Fatalitäten des Lebens durch Geld zu beschwören.

Ich wollte daher nach Paris gehen, um eine ziemlich bedeutende Geldsumme, dreißig- bis vierzigtausend Franks in Banknoten, und eben so viel in Wechseln auf London, New-York und New-Orleans aufzutreiben. Diese Summe wollte ich in einer Brieftasche immer bei mir tragen.

Der Zufall wollte, daß mein Notar ebenfalls in der Rue du Bac wohnte; und zwar im Hause Nr. 42, dem Notar des Grafen fast gerade gegenüber. Vielleicht konnte er mir über die Vermögensverhältnisse des Grafen einige Nachweisungen geben. Ich hatte so viel gesehen und insbesondere von Alfred erfahren, daß ich die Geldfrage als die Hauptursache der Zerwürfnisse im Hause der Gräfin erkannte.

Dieses Mal machte ich Alfred kein Geheimniß aus meiner Reise, nur die sibyllinische Seite derselben ließ ich ihn nicht sehen. Er stellte seine Börse zu meiner Verfügung; seine Tanten – oder vielmehr seine »Parzen«, wie er sie nannte – hielten für ihn jederzeit offene Casse bis zu dem Betrage von etwa hunderttausend Francs.

Für den Augenblick dankte ich meinem Freunde, fügte jedoch hinzu, daß ich vielleicht später seine Freundschaft in Anspruch nehmen würde.

Als ich eben abreisen wollte, meldete man einen jungen Mann von Bernay, der mich zu sprechen wünsche. Ich war allein in Reuilly, da Alfred auf der Präfectur war. Ich vermuthete wohl, daß es Gratian sei. Ich ließ ihn hereinkommen und ging ihm entgegen.

Ich fand ihn an der Thür des Speisezimmers. Mein Frühstück war auf getragen; ich ließ ihn hereinkommen und bestellte noch ein Besteck.

Gratian sträubte sich lange gegen die Ehre, mit mir zu frühstücken, aber endlich nahm er meine Einladung an.

Meine Reise nach Paris war nicht so dringend, ich konnte sie bis zum Abend, oder selbst bis zum andern Morgen aufschieben.

Es lag mir mehr an Nachrichten von der Gräfin von Chambray.

Er kam von ihr, und brachte mir einen Brief.

Edmée schrieb mir:

Lieber Freund, wollen Sie mir ein für mich unschätzbares und für Sie unbedeutendes Geschenk machen? Wollen Sie Gratian ermächtigen, mein kleines Madonnenbild mit dem Kranze und dem Orangenstrauß von Juvigny zu holen? Ich habe mich an dieses Bild gewöhnt und möchte es zu meinem Schutzengel machen. Ich habe für dasselbe eine Capelle, wo ich meine Ewigkeit mit Ihnen verleben möchte.

»Sie können den Kranz und Strauß als Entschädigung behalten, wenn Sie nämlich eine Entschädigung für nothwendig halten. Beides gehört Niemandem als mir, und ich kann meinem Bruder ein Geschenk damit machen, ohne daß eine einzige Knospe daran fehlt.

»Ihre dankbare
Edmée.«

Ich hielt den Brief nahe an meine Lippen; ich hätte gern einen Kuß darauf gedrückt.

Gratian sah die Bewegung; er merkte, daß ich mir Zwang antat.

«Ei! Herr von Villiers,« sagte er lachend, küssen Sie nur den Brief so viel als Sie wollen; wir wissen wohl, Zoe und ich, daß Sie die Gräfin lieben, und —«

»Und was weiter?« fragte ich.

»Nun, Sie wissen«s ja ohnehin schon – und daß die Gräfin Sie wieder liebt.«

Mein Herz pochte laut vor Freude. Ich küßte den Brief.

»Du weißt, was die Gräfin von mir verlangt?« fragte ich.

»Ich glaube,« antwortete Gratian, »daß von dem kleinen Madonnenbilde in Juvigny die Rede ist.«

»Ganz recht.«

»Die liebe gute Dame hält viel darauf. Zwanzigmal hat sie vor Zoe gesagt: »Ach, wenn ich mein kleines Madonnenbild hätte!« – Endlich sagte Zoe zu ihr: »Ersuchen Sie ihn doch darum; er wird es Ihnen gern geben; was soll er auch damit machen? – Sie schüttelte den Kopf. »Vielleicht,« sagte sie, »liegt ihm mehr daran,als Du glaubst.« – »Soll ich ihn darum bitten?« sagte Zoe; »wenn ich in Ihrem Namen käme, wird er mich gewiß gut empfangen« – »Nein,« antwortete die Gräfin, »ich will an ihn schreiben.« – Sie müssen wissen, daß wir immer nur sagen: er, wenn wir von Ihnen sprechen,und nicht Max, oder Herr von Villiers.«

Die liebe Edmée!« rief ich, Gratians derbe Hand drückend.

»Sie sagte also: »Ich will an ihn schreiben, denn er wird wahrscheinlich noch in Reuilly sein, und wenn er einwilligt —« »O, er wird gewiß einwilligen,« sagte Zoe, »er würde das Leben für Sie lassen, er kann Ihnen wohl ein kleines Madonnenbild schenken.« – »Nun gut, erwiederte die Gräfin, »wenn er einwilligt, so kann Gratian sogleich nach Juvigny fahren, und mit einem guten Pferde kann er diesen Abend zurück sein.« – Hauptsächlich deshalb, und dann, weil ich es für eine zu große Ehre hielt, wollte ich nicht mit Ihnen frühstücken —«

»Du würdest also noch nichts gegessen haben?«

»O ja, ich würde mir Brot und Wurst gekauft und mein Pferd tüchtig angetrieben haben. Aber da Sie so gütig waren, mochte ich es Ihnen nicht abschlagen. Es hält mich wohl ein Bischen auf, aber wenn ich schnell fahre, kann ich um eilf Uhr Abends dort sein. Was sie heute nicht mehr thun kann, wird morgen geschehen.«

»Du sollst um neun Uhr dort sein, lieber Gratian,« sagte ich.

»Das ist nicht möglich, Herr von Villiers. Es ist jetzt Mittag; eine halbe Stunde werden wir noch bei Tische sitzen; dann eine halbe Stunde, um eine Carriole aufzutreiben, das macht eine Stunde. Ich würde reiten, aber ich kann doch das liebe Madonnenbild nicht sieben Wegstunden auf dem Arme tragen, ein so geschickter Reiter bin ich nicht. – Ich sage also eine Stunde; dann eine halbe Stunde, um anzuspannen, macht anderthalb Stunden; – dritthalb Stunden nach Juvigny – vier Stunden. Dann zwei Stunden um die Madonna einzupacken, mit der Mutter Gauthier zu plaudern, Fuhrmann und Pferde zu füttern, in Summa sechs Stunden. Es ist also sechs Uhr Abends, und ich bin noch in Juvigny. Das Pferd hat noch sieben starke Wegstunden zu machen, und hat schon beinahe sechs gemacht. Man muß gegen die Thiere so gerecht sein wie gegen die Menschen. Das Pferd braucht Vier bis fünf Stunden, ich komme also gegen eilf Uhr an. Aber um neun Uhr, das ist nicht möglich. Ich hatte also vollkommen Recht; was sie diesen Abend nicht mehr machen kann, muß morgen geschehen.«

»Und was wollte sie diesen Abend machen, Gratian?«

»Das darf ich nicht sagen, es ist das Geheimniß der Gräfin. Sie nehmen mir’s nicht übel, Herr von Villiers?«

»Gott behüte, ich will Dich nicht mit Fragen bestürmen.«

»Das ist sehr schön von Ihnen, denn Sie sind so gütig, daß ich es Ihnen sagen würde, wenn Sie darauf beständen.«

»Lassen wir’s gut sein, lieber Gratian; wir wollen von andern Dingen reden.

»Wovon Sie wollen, Herr von Villiers; wenn ich mit diesen Dingen bekannt bin, werde ich Ihnen antworten; wenn nicht, so kann ich etwas von Ihnen lernen.«

»Ich sagte Dir, daß Du um neun Uhr im Schlosse sein würdest, und es ist mein Ernst.«

»Nun, mit den Pferden des Herrn Präfecten, die geradeswegs von England gekommen sein sollen, wäre es schon möglich; aber mit einem Bauernpferde ist es nicht wahrscheinlich, und der Herr Präfect wird mir seine Pferde nicht leihen.«

»Du irrst Dich, Gratian – er wird sie Dir leihen.«

»Mir, Gratian Picard? Sie wollen mir etwas aufbinden, Herr von Villiers,« sagte der brave Bursch, dem der Wein Alfreds in den Kopf zu steigen begann, »Sie« wollen nur scherzen —«

»Nein, Gratian, ich scherze nicht,« erwiederte ich und wandte mich zu dem aufwartenden Diener:

»Sagen Sie Georges, er möge den Braunen in den Tilbury spannen.«

Der Diener ging hinaus. Gratian schaute ihm nach.

»Wahrhaftig,« sagte er, »ich verstehe Sie nicht, Herr von Villiers.

»Du wirst mich sogleich verstehen, Freund, wenn ich Dir sage, daß ich selbst Dich nach Juvigny, und von dort nach Bernay führen will. Morgen werde ich in Bernay Postpferde nehmen. Verstehst Du mich jetzt?«

»Ja wohl, jetzt verstehe ich Sie.«

»Und hoffentlich wirst Du mein Anerbieten nicht zurückweisen?«

»O nein, denn ich sehe wohl ein, daß Sie es der guten lieben Gräfin zu Liebe, und nicht um meinetwillen thun.«

»Ei der tausend, Gratian, Du bist sehr scharfsichtig!«

»Nein, aber ich habe ein Herz. Als ich in Zoe verliebt war – Sie müssen mich nicht mißverstehen, ich habe Zoe noch eben so herzlich lieb als sonst – ich meinte, als ich noch nicht ihr Mann war, hätte ich mich mit Freuden in den Fluß gestürzt, um ihr herüberzuholen, was sie wünschte.«

»Ein die Charentonne?«

O nein, über die Charentonne wäre ich nöthigenfalls gesprungen; aber die Seine – die Seine bei Rouen, Villequier oder Honfleur; – ich wäre im Stande gewesen, über die Meerenge von Calais nach Dover zu schwimmen.«

Gratian, der eben sein zweites Glas Champagner geleert hatte, hielt nichts mehr für unmöglich. Er würde auf dem Ocean von Havre nach New-York eine Schwimmübung gemacht haben, wenn es Zoe verlangt hätte; auf dringendes Zureden würde er das Wagstück auch für die Gräfin und für mich unternommen haben.

Zehn Minuten nachher wurde gemeldet, daß das Pferd eingespannt sei.

Wir gingen hinaus. Georges hielt das feurige Vollblutpferd am Zügel.

Gratian betrachtete die leider ziemlich schmalen Plätze, die uns der Tilbury bot, mit einiger Unruhe. Er ging, den Kopf schüttelnd und mit sich selbst redend, um das Fuhrwerk.

»Nun, Gratian, hast Du etwas an unserm Gespann auszusetzen?«

»Ich habe, mit Respect zu sagen, ein Bedenken, Herr von Villiers. Es sind nur zwei Plätze im Wagen, kein Bock und kein rückwärtiger Sitz – und wir sind Drei —«

»Nein, lieber Gratian, wir sind nur Zwei. Georges wird mich in Bernay erwarten. – Hören Sie, Georges! Sie fahren im Postwagen ohne Livrée nach Bernay und erwarten mich dort im Gasthofe »zum goldenen Löwen«-Wir werden morgen dort eintreffen.«

»Das ist recht schön; aber wo soll ich denn sitzen?«

»Natürlich an meiner Seite.«

»An Ihrer Seite? Mit Jacke und Strohhut? Das geht doch nicht an!«

»Du möchtest wohl eine gestickte Präfecten uniform anziehen und einen Federhut aufsetzen?«

»Ja, das würde mir schön stehen. Wie würde Zoe lachen, wenn sie mich in Präfectenuniform mit Federhut sähe! Und die Gräfin auch, obschon sie nicht oft lacht. Aber seit ihrer Reise nach Juvigny ist sie doch heiterer.

»Steig nur auf,« sagte ich.

»Aber, Herr von Villiers, was werden die Leute sagen, wenn Sie mich neben Ihnen sitzen sehen?«

»Die Leute werden sagen, Du seiest mein Freund,« erwiederte ich, ihm die Hand reichend. »Und man wird sich nicht irren.«

»Ach! wie gütig sind Sie, Herr von Villiers! Ich war auf die Ehre nicht gefaßt, sonst hätte ich meine Hochzeitshandschuhe angezogen. Die armen Handschuhe haben freilich Risse bekommen; aber Sie wissen ja,« setzte Gratian selbstgefällig lachend hinzu, »am Hochzeitstage platzen Handschuhe und —«

»Geschwinde, steige auf, Du Schwätzer!«

»Aber ich bin im Fahren nicht sehr geübt,« entgegnete er, »und Ihr – oder vielmehr des Herrn Präfecten Pferd scheint mir den Teufel im Leibe zu haben —«

»Darum hast Du Dich nicht zu kümmern, Gratian; ich nehme die Zügel.«

»Was! Sie wollen mich auch noch kutschiren und ich habe nichts zu thun, als die Hände in den Schooß legen? Nun, ich lasse mir’s gefallen.«

»Sitzest Du?«

»Ja, Herr von Villiers.«

»Nun, fort!«

Ich ließ dem Pferde die Zügel, und fort ging’s in scharfem Trabe.

VI

Zwei Stunden nachher waren wir in Juvigny. Da ich gewiß wußte, daß wir um neun Uhr in Bernay sein würden, so wollte ich das Pferd nicht zu sehr antreiben.

Es war noch nicht drei Uhr Nachmittags als wir in den Park traten. Ich hatte Pferd und Tilbury in dem Gasthause gelassen, wo ich bereits bei meinem zweiten Besuche eingekehrt war, denn Du wirst Dich erinnern, daß ich zum dritten Male in Juvigny war.

Und jedesmal hatte mir die Anwesenheit größere Freude gemacht.

Ich ging an der Bank vorüber, auf welcher ich mit Edmée gesessen; ich dachte an unsere traulichen Herzensergüsse und ging mit Gratian ins Schloß.

Wir stiegen die Treppe hinan, gingen durch das grüne Zimmer und traten in das Stäbchen in welches mich Edmée hatte rufen lassen.

Das kleine Madonnenbild war da, mit dem Strauß an der Seite und dem Kranze am Halse.

Ich nahm Kranz und Strauß ab, und legte Beides in eine Porzellanschale.

»Was willst Du zum Einwickeln der Madonna nehmen?« fragte ich meinen Begleiter und sah mich nach einem tauglichen Gegenstande von feiner Leinwand um.

»O, darum dürfen Sie sich nicht kümmern,« erwiederte Gratian; »ich habe schon dafür gesorgt.«

Er zog aus seiner weiten Tasche ein in Papier gewickeltes Päckchen, weiches ein großen mit Spitzen besetzten Tuch enthielt. Der brave Bursche breitete es sehr vorsichtig aus; der Werth der Spitzen mochte ihm wohl nicht bekannt sein, aber er sagte mir, die Gräfin habe das Tuch – allem Anscheine nach ein Altartuch – gestickt und die Spitzen angenäht.

Ich sagte ihm nun, daß ich das Madonnenbild einpacken wollte; er könne unterdessen zur Mutter Gauthier gehen und ihr Nachricht von ihrer Tochter geben. In einer 1 Stunde möge er wiederkommen.

Gratian schien zu merken, daß ich allein zu sein wünschte; er machte keine Einwendung und entfernte sich mit dem Versprechen in einer Stunde wieder zu kommen.

Eine plumpe Taschenuhr, die er hervorzog, bürgte für seine Pünktlichkeit.

Als er sich entfernt hatte und seine Fußtritte nicht mehr hörbar waren, verschloß ich die Thür und kniete vordem Madonnenbilde, von welchem ich mit einem Gefühle der Wehmuth aber zugleich der Freude Abschied nahm. Ich erflehte den Schutz des Himmels für Edmée. So blieb ich wohl eine Viertelstunde in wahrhaft andächtiger Stimmung. Ich bin zwar ein Weltkind und in gewöhnlichen Verhältnissen den äußerlichen Andachtsübungen ziemlich fremd; aber der Einfluß meiner frommen Mutter auf mein Gemüth zeigt sich hauptsächlich in großer Freude oder großen Seelenleiden.

Als ich meine Andacht verrichtet hatte, nahm ich das Madonnenbild vorsichtig von dem Sockel, umwand es mit dem weichen Tuche und legte es auf das Sopha.

Mein Blick fiel nun auf Kranz und Strauß. Ein Wort in dem Briefe der Gräfin, welches sich auf einen Umstand in ihrer Lebensbeschreibang bezog, fiel mir nun ein, und beschäftigte ausschließlich meine Gedanken; ich wußte mir nicht zu erklären, was Edmée in ihrem Briefe und in ihrer Erzählung gemeint hatte.

In diesen Worten lag ein so seltsames Geheimniß; der Sinn, den ich ihnen beilegte, war in ihren Verhältnissen so unwahrscheinlich, daß ich sogar die Möglichkeit dieser Deutung zurückwies und den tollsten Vermuthungen Raum gab.

Ich sah mich noch einmal im Zimmer um; mein Blick fiel noch einmal auf den Kranz und den Strauß; ich nahm beide Reliquien auf und küßte sie. Ich hatte Lust sie mitzunehmen und an meinem Herzen zu tragen; aber es schien mir doch, daß ihr eigentlicher Platz in diesem Stübchen sei, wo sie seit sieben Jahren gewesen waren. Es wäre in meinen Augen ein Frevel gewesen, sie wegzunehmen.

Ich ließ sie daher in der Porzellanschale, trug das Madonnenbild ins Vorzimmer, verschloß die Thüre und ging in den Garten um die von Edmée so naiv beschriebenen Orte aufzusuchen.

Ich setzte mich an die Quelle, wahrscheinlich an dieselbe Stelle, wo sie so oft gesessen und wo Montigny sie einst abgeholt hatte. Und sonderbar! Mein Herz schlug ungestüm bei dieser Erinnerung, und ich war eifersüchtiger auf den verstorbenen Gatten, als auf den lebenden.

Der krystallhelle Bach war ganz mit Vergißmeinnicht bewachsen ; ich vermuthete, daß Edmée diese zarten Blümlein sehr gern habe. Ich pflückte einen Strauß, tauchte ihn in das Wasser, um ihn länger frisch zu erhalten und legte ihn zu den Füßen des Madonnenbildes.

Nach einer Stunde kam Gratian zurück. Er fand mich auf der Freitreppe. Er hatte die Muße, welche ihm die Mutter Gauthier gelassen, zur Anfertigung eines Kistchens für die Statuette benützt. Wir pflückten einen Arm voll Feldblumen und füllten mit denselben die leergebliebenen Räume des Kistchens aus.

In diesem Augenblicke durchzuckte mich ein jäher Schmerz – ein schreckliches Phantasiegebilde schwebte mir vor: wie das Madonnenbild, in das reichverzierte weiße Tuch gehüllt, auf den duftenden Blumen in dem Kistchen lag, so glaubte ich Edmée, ebenfalls weiß gekleidet und auf Blumen ruhend, im Sarge liegen zu sehen.

Diese Vision verschwand so schnell, wie sie gekommen war. Ich hatte unwillkürlich die Augen geschlossen; als ich sie wieder aufschlug, sah ich nichts mehr.

Ich legte die Hand auf die Stirne; sie war mit kaltem Schweiß bedeckt – so heftig, überwältigend war der Eindruck gewesen.

Ich ging rasch auf das Gitterthor zu, um mich zu zerstreuen, oder Vielmehr um den einen schauerlichen Gedanken zu vertreiben. Ich machte sogar einen Versuch, mich selbst auszulachen, aber es war mir unmöglich, recht herzlich zu lachen.

Das Pferd hatte sich anderthalb Stunden ausgeruht. Es war etwas über fünf Uhr Nachmittags. Ich ging ebenfalls zu Josephine Gauthier, um von ihr Abschied zu nehmen. Wir wechselten nur wenige Worte, aber sie konnte nicht unterlassen, sich nach dem Befinden Morins zu erkundigen.

Dann fuhren wir ab; ich hielt die Zügel und Gratian hielt das Kistchen mit der Statuette auf dem Schooße.

Um halb neun Uhr Abends, nämlich bei Einbruch der Nacht, kamen wir in Bernay an. Wir hielten vor dem Gasthause »zum goldenen Löwen – an.

Gratian sollte nicht sagen, daß ich ihn begleitet; ich wollte wissen, ob das uebersinnliche Gesichtsvermögen, von welchem mir die Gräfin erzählt und sogar einen Beweis gegeben hatte, ihr meine Anwesenheit zu Bernay offenbaren werde.

Gratian gab mir sein Wort, nichts zu sagen und ging fort, bevor noch das Pferd ausgespannt war. Er hatte einen Weg von sechs bis acht Minuten bis zum Schlosse zumachen.

Der Wirth, für den ich ein alter, guter Bekannter war, kam mir entgegen und führte mich auf Nr. 3, nämlich in das beste Zimmer des Hauses, und ließ mir sogleich ein Abendessen auftragen.

Als ich mit meiner Mahlzeit halb zu Ende war, that sich die Thier auf und Zoe erschien.

Ich reichte ihr lachend die Hand.

Gratian hat mich verrathen, wie es scheint?« sagte ich.

»O nein,« antwortete sie, »und die Frau Gräfin hat ihn tüchtig ausgezankt.«

»Wie so?«

»Weil er ihr nicht gesagt hatte, daß Sie hier sind.«

»Wer hat ihr’s denn gesagt, wenn Gratian geschwiegen hat?«

»Sie hat gesehen , wie Sie und Gratian vor dem Gasthause »zum goldenen Löwen« von einem Tilbury stiegen. »Ich war bei ihr; sie schloß eine Weile die Augen, dann sagte sie: »Da kommen sie an – sie bringen mein liebes kleines Madonnenbild, auf Blumen gebettet. O, wie gut ist er, und wie liebt er mich! Er hat Gratian nach Juvigny begleitet und sogar hierher gefahren, um meinen Wunsch eine Stunde früher zu erfüllen.« – Dann schwieg sie, bis Gratian ankam. – Gratian wollte eine Geschichte von Wagen und Fuhrmann anfangen; aber die Gräfin sah ihn scharf an. Gratian wurde nun verlegen und die Gräfin sagte lachend zu mir: »Geh in das Gasthaus »zum goldenen Löwen« und sage ihm, er könne mich diesen Abend einen Augenblick sprechen. Du brauchst nicht nach ihm zu fragen, Du wirst ihn in dem Zimmer Nr. 3 finden.« – Ich ging fort, Niemand hat mich gesehen; ich ging über den Hof, die Hintertreppe hinauf – und da bin ich. Sind Sie bereit?«

»Das versteht sich,« erwiederte ich, meine Serviette wegwerfend und meinen Hut nehmend. »Kommen Sie, Zoe.«

Zoe ging wieder die Hintertreppe hinunter, über den Hof und zum Hofthor hinaus, ohne gesehen zu werden. Ich ging durch das Gastzimmer und ersuchte den Wirth, einen Knecht wachen zu lassen, um mich für den Fall, daß ich etwas spät zurückkäme, ins Hans zu lassen.

Entschuldigen Sie diese Einzelheiten, lieber Freund; Vielleicht finden Sie dieselben langweilig und ohne Interesse, aber für mich liegt ein hoher Genuß in der Erinnerung an vergangene Freuden und Leiden.

Dante sagt, oder vielmehr läßt Francesea da Rimini sagen:

 
»Nessun maggior dolore
Che ricordarsi del tompo felice
Nella miseria.«
 

»Ich hingegen sage:

 
»Keine größre Freude gibt es,
Als der Zeiten schwerer Prüfung
Im Glücke zu gedenken.«
 

Und ich bin jetzt so glücklich, daß ich mich nicht nur der Stunden, sondern der Minuten jener Zeit erinnern möchte.

Ich ging so rasch, daß mir Zoe kaum folgen konnte.

Sie holte mich endlich ein und wollte mir vorauseilen, um mich zu melden. Aber die Greifen von Chambray war mir bis auf die Freitreppe entgegengekommen.

»Wie gütig sind Sie!« sagte sie, mir die Hand reichend.

»Wie schön sind Sie!« erwiederte ich mit einem Seufzer.

Und Edmée schien mir in der That immer schöner, sooft als ich sie wieder sah; dieser wehmüthig ernste Ausdruck des Gesichtes, dieser seelenvolle Blick des Auges erfüllte mich nicht nur mit schwärmerischer Begeisterung, sondern weckte auch mein Mitgefühl.

»Ich sah Sie zurückkommen,« sagte Edmée, »und ich wollte nicht bis morgen warten, Ihnen zu danken. Haben Sie nicht morgen eine Reise zu machen? Ich habe die Ahnung, einer Abwesenheit, einer Entfernung, eines größeren Raumes, der uns trennen wird.«

»Es ist wahr,« erwiederte ich; morgen reise ich nach Paris, aber ich werde nur ein paar Tage abwesend sein.«

»Ich führe Sie in mein Schlafzimmer,« sagte sie; »ich glaubte, Sie würden mir verzeihen, daß ich im Salon die Lichter nicht habe anzünden lassen. Eine Engländerin,« setzte sie lächelnd hinzu, »würde eine solche Unschicklichkeit nicht begehen.«

Ich antwortete nicht; ich war durch ihre Nähe so bezaubert, daß ich keine Worte finden kannte.

Das Zimmer war mit geblümtem persischen Stoff tapezirt; es war offenbar ein Stoff aus der Zeit Ludwigs XIV. Die Thürstöcke waren von Boncher gemalt, alle Möbel waren aus derselben Zeit.

Das letzte Geräth, auf welches mein Blick fiel, war das Bett. Dieses war ebenso klein und prunklos wie jenes in dem kleinen Zimmer zu Juvigny. Sanderbar! alle Umgebungen dieser jungen, schönen, zweimal vermälten Frau hatten etwas Zartes, Liebliches, Jungfräuliches.

»Aber dieses Zimmer,« sagte ich, fast unwillkürlich meinen Gedanken aussprechend, »dieses Zimmer ist doch nicht das Ihrige?«

»Ja wohl,« erwiederte sie, »es ist mein Zimmer.«

»Unmöglich?«

»Warum denn?«

Und sie sah mich mit ihren großen klaren blauen Augen an.

»Sie sind ein wunderbar liebliches Räthsel,« sagte ich. »Wie glücklich wäre der Mann, dem Sie Ihr ganzes Herz öffnen würden!«

»Wenn der zweite Theil meines Lebens mir gehörte, wie der erste, so würden Sie dieser Glückliche sein, Max. Auf jeden Fall,« setzte sie lächelnd hinzu, »verspreche ich Ihnen daß nie ein Anderer so glücklich sein soll.«

»Edmée,« sagte ich, »Sie müssen in die Geheimnisse der Engel eingeweiht sein; sagen Sie mir doch, wie es zu geht, daß man sich in dieser Welt immer zu früh oder zu spät begegnet.«

»Glauben Sie an ein anderes Dasein, Max?«

»Ich glaube Ihnen schon gesagt zu haben, daß ich mich wohl nicht zu diesem festen Glauben zu erheben vermag, daß ich aber meine Hoffnung auf ein anderes Leben setze.«

»Die Leiden unseres Erdenlebens würden Ihnen durch diesen Glauben erklärt werden. Selbst in den Händen des Schöpfers schreitet die Natur materiell vor und erreicht nicht sogleich die Vollkommenheit. Sprechen die Gelehrten nicht von sechs oder sieben Bildungen unseres Erdballs, und erzählen sie nicht von fossilen Pflanzen und Thieren? Behaupten sie nicht, daß der Mensch, das vollkommenste aller Geschöpfe, später als die übrigen aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen sei? Vielleicht ist unsere Welt, die wir in unserm Hochmuth für vollkommen halten, nur der Uebergang, die Vorbereitung zu einem besseren Dasein. Die Menschen begegnen sich hier zufällig, werden durch Sympathien zu einander hingezogen, durch Antipathien von einander abgestoßen; unsere Welt ist das Sieb, welches in den Händen des Weltenlenkers die Spreu von dem Weizen sondert. Die Gerechten und Guten bleiben beieinander, die Bösen treibt der Wind fort. Wir wollen gerecht und gut bleiben, Max, um in dieser Welt bei einander zu bleiben und uns in jener wiederzufinden.«

»Sie sprechen mit tiefer Ueberzeugung, Edmée.«

»Ja, ich habe diese Ueberzeugung lieber Freund,« sagte sie wehmüthig lächelnd. »Ich bin sehr unglücklich gewesen, so unglücklich, daß ich oft den Tod, ohne ihn herbeizuwünschen, als ein Ruheziel betrachtet habe; aber durch langes Nachdenken bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß der Tod als Ruheziel nur ein zufälliges Ereigniß und keine Belohnung sein würde; daß wir von der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes eine Belohnung unserer Tugenden oder eine Bestrafung unser Missethaten zu erwarten haben, und ich dachte, ein früher Tod sei ein Glück, denn man verläßt ja hienieden diese Menschen, die man nicht liebt, und findet dort oben jene wieder, die man geliebt hat.«

»Und haben Sie dieses Gefühl noch immer, Edmée? Sehnen Sie sich noch nach dem Tode?«

Sie sah mich an.

»Sie erwarten ein Geständniß von mir, Max, erwiederte sie, »dieses Geständniß kann ich Ihnen ganz aufrichtig ablegen. Als ich mir den Tod wünschte, war ich sehr unglücklich. Ich hatte Sie noch nicht gesehen, noch nicht kennen gelernt, und folglich war der Umschwung in meinen Gefühlen, den Sie bewirkt, nach nicht eingetreten. Ohne Vereinigung der Seelen bleibt das Leben unvollkommen. Wir sind getrennt, Max, aber unsere Seelen sind vereinigt; mein ganzes Leben, welches vormals umnachtet war, hat jetzt eine dunkle und eine Lichtseite. Diese Lichtseite ist durch Ihre Güte und Freundschaft entstanden. Ich habe Sie herzlich lieb, Max, mehr vielleicht als der äußere Schein mir gestattet. Ja diesem neuen Gefühle finde ich süßen Trost, wenn nicht vollkommenes Glück. Das Leben war für mich ein von Frost erstarrten mit Schneebedeckter Garten; jetzt fängt es an zu grünen und zu blühen; meine wunden Füße betreten mit Behagen den weichen, schwellenden Rasen und eine laue, balsamische Luft umfächelt mein Gesicht. Ich bin im Frühling, lieber Max, in der Zeit der Versprechungen und Hoffnungen. In den Jahren, wo in gewöhnlichen Verhältnissen schon der Sommer da ist, habe ich kaum den Lebensmai erreicht. Ich gestehe Ihnen, daß ich gern den Frühling haben möchte, der jeder Pflanze, jeder Blume vergönnt wird. Diesen Wunsch habe ich, seitdem ich Sie kenne; jetzt möchte ich nicht gerne sterben. – Wollten Sie dies von mir wissen, Max?«

Ich sank ihr wonnetrunken zu Füßen, faßte ihre Hände und bedeckte sie mit Küssen.

Die Berührung ihrer Hände durchzuckte mich wie ein elektrischer Schlag. Ich verlor alle Fassung – ich stand auf, um ihren Mund zu küssen, am sie in meine Arme zuschließen und fortzutragen – gleichviel wohin – in eine Einöde, wo Niemand sie mir streitig machen würde.

Aber sie sah mich mit der freundlich-ernsten Ruhe einer Göttin an, faßte meinen Kopf mit beiden Händen, drückte mir einen Kuß auf die Stirne und stand auf.

»Folgen Sie mir, Max,» sagte sie. »Sie sollen jetzt erfahren, warum ich meine – oder vielmehr unsere kleine Madonna zurückverlangt habe.«

Sie gab Zoe einen Wink.

Ich kniete noch vor ihr; ich hatte eine ihrer Hände gefaßt und bedeckte sie mit Küssen und Thränen. Ich war in einem jener Momente der Begeisterung wo die überwallenden Gefühle sich durch Thränen und Worte äußern müssen.

»Kommen Sie, Max,« wiederholte sie; »die freie Luft wird Ihnen wohl thun.«

Ich stand taumelnd auf und hielt die Hände auf die Augen. Das Zimmer schien mir ein Flammenmeer zu sein, das Blut stieg mir brausend aus dem Herzen in die Stirne empor und schlug in den Pulsen meiner Schläfen.

»Wohin gehen wir denn?« fragte ich.

Sie lächelte und reichte mir die Hand.

Wir wollen die Nachtigall singen hören,« sagte sie.

VII

Ich folgte ihr.

Die wenigen Worte, die sie mir gesagt hatte, deuteten das Ziel unserer Wanderung an.

Wir gingen zum Friedhofe.

Edmée befand sich in einer seltsamen Stimmung.

Der Tod lauert in allen Lebensverhältnissen, hat Plinius schon vor achtzehnhundert Jahren gesagt; der Mensch fängt schon nach seiner Geburt an zu sterben, und das ganze Leben hindurch ist der Tod in einer Wolke versteckt.

Für Edmée schien der Tod der Quell eines neuen, unbekannten Lebens.

Zoe nahm das kleine Madonnenbild und ein großes Altartuch, an welchem die Gräfin gearbeitet, als ich gekommen war, und folgte uns.

Sie nahm meinen Arm, ohne zu warten, bis ich ihr denselben anbot.

Wir gingen auf den etwa zweihundert Schritte entfernten Friedhof zu.

Als wir kaum fünfzig Schritte gegangen waren, stand Edmée still.

»Hören Sie meinen geflügelten Poeten?« sagte sie.

Der melodische Gesang der Nachtigall klang bis zu uns herüber.

»Er singt, von seiner Liebe mit der Rose,« fuhr sie fort; »sie blüht zwar auf Gräbern, aber er liebt sie doch. Wenn Sie mir die Wahrheit gesagt haben, Max, so lieben Sie auch eine Rose – eine weiße Rose,« fügte sie mit dem Tone unbeschreiblicher Wehmuth hinzu; »sie wird, vielleicht nicht länger leben, als die, welche der liebe athmende Bülbül2 besingt.

Edmée! Edmée!« sagte ich, ihren Arm an mein Herz drückend, »wir können Sie so sprechen?«

»Wundern Sie sich nicht darüber, Freund; seit dem mich das Unglück ernst gestimmt hat, habe ich immer die Ahnungen eines nahen Todes. Die Alten sagten: ein schneller Tod ist ein Beweis von der Gunst der Götter, und sie glaubten doch kaum an die Seele. Für uns ist der Glaube, ja die Gewißheit unseres Lebens, eine Grundlehre unserer Religion, warum sollten wir die Meinung der Alten nicht theilen?«

Wir betraten den Friedhof. – Edmée stand still. Ich glaubte, sie lausche auf den Gesang der Nachtigall. Sie sah sich um.

Ich suchte zu ermitteln was die Aufmerksamkeit der Gräfin erregte.

Zwei Männer, die auf einer Bank vor der Kirche saßen, standen auf und kamen auf uns zu.

»Wer sind die Männer?« fragte ich Edmée mit einigem Befremden.

»Der Eine ist Gratian, den Sie kennen; der Andere ist der Todtengräber, dem ich für den kleinen Dienst, den er mir über kurz oder lang leisten wird, eine kleine Pension ausgesetzt habe.

»Sie sind grausam, Edmée.«

»Warum denn, Max? Wenn ich jemals scheide, so erwarte ich Sie in einer bessern Welt. Ich sollte mich nicht allzu sehr beeilen, Sie könnten mich vergessen . . .«

»O nie!« erwiederte ich. »Ich schwöre Ihnen, Edmée,daß ich Ihnen in dieser und jener Welt angehöre . . .«

»Schwören Sie nicht!« unterbrach Edmée, »vielleicht würden Sie sich durch Ihren Schwur gebunden glauben. Nein, Max, Sie sind zu gut, zu edel. Wir werden uns dort oben wenigstens als Freunde, wenn nicht als Liebende wieder finden. – Nun, Gratian,« sagte sie, sich zu den beiden Männern wendend, »und Vater Fleury, ihr wißt, warum ich gekommen bin?«

»Ja wohl,« erwiederte Gratian ; »aber ich weiß nicht, ob in Gegenwart des Herrn von Villiers . . .«

Edmée lächelte.

»Herr von Villiers gehört zu den Meinen!« sagte sie. »Hebet den Stein auf.«

Die beiden Männer näherten sich der Gruft, welche mir die Gräfin am Hochzeitsabende als die ihrige bezeichnet hatte. Sie hoben langsam den Stein auf, auf welchem sie gelegen, während die Nachtigall über ihr gesungen hatte.

Als die beiden Männer näher kamen, flog der Vogel davon, aber er fing in einem nahen Gebüsche wieder an zu singen.

Ich näherte mich neugierig, aber mit einem geheimen Grauen.

Als der Stein aufgehoben war, sah ich eine Treppe, von etwa zwölf Stufen und unten eine Thür von Eichenholz.

Diese Thür führte ohne Zweifel zum Grabgewölbe.

»Sie wollen hinunter steigen?« fragte ich Edmée und hielt sie zurück.

»Ja wohl,« sagte sie. »In »Notre-Dame von Paris« – ich meine das Buch, und nicht die Kirche – ist ein Capitel, das die Ueberschrift führt: »Ruheplatz, wo König Ludwig XI. seine Andacht verrichtet.« Dies ist der Ruheplatz, wo ich die meinige verrichte.«

Inzwischen hatte Fleury die Thüre geöffnet.

Edmée ließ meinen Arm los, und da nur je eine Person die schmale Treppe hinabsteigen konnte, so ging sie voran und sagte, sich umsehend:

»Wer mich lieb hat, folge mir.«

Ich stieg hinter ihr hinunter; ich würde ihr in einen Abgrund gefolgt sein. Als ich aus der untersten Stufe-war, reichte mir Edmée die Hand und sagte:

»Erlauben Sie, daß ich die Honneurs mache; ich bin hier zu Hause.«

Ich trat ein.

Ich befand mich in einer etwa zehn Fuß langen und sechs Fuß breiten Gruft. An einem Ende derselben stand ein Sopha, zu welchem mich Edmée führte.

Die Gruft war durch eine in der Höhe hängende Alabasterlampe matt beleuchtet – Im Halbdunkel bemerkte ich einen kleinen Altar und an den Seitenwänden Draperien mit goldenen Sternen.

»Laßt uns allein,«– sagte die Gräfin zu Gratian und dem Todtengräber; »um eilf Uhr erwarte ich Euch.«

Zoe nahm den Schlüssel, und als sich die beiden Männer entfernt hatten, verschloß sie die Thür hinter ihnen, so daß wir uns alle drei von der übrigen Welt getrennt in einer Gruft befanden.

Ich wußte anfangs nicht, woher die zum Athmen nöthigt Luft komme; aber als ich in die Höhe schaute, bemerkte ich ein von Blumen umgebenes Gitter, durch welches man die flimmernden Sterne sah.

»Sie müssen mir erst sagen, Edmée, was für Leiden Sie bewogen, eine Gruft zu Ihrem Betzimmer zu mache,« begann ich nach einer Pause. »Armes theures Herz! wie viele Leiden mußt Du erduldet haben, ehe es dahin kommen konnte!«

»Ja, ich habe viel und lange gelitten; aber ich habe es Ihnen schon gesagt, Max: Gott hat Sie mir zugeführt, und Sie haben die düstere Wolke, die sich über mir zusammengezogen, zertheilt und mir ein Stück Himmelsblau gezeigt. Sie werden übrigens sehen, lieber Freund, daß mein Betzimmer nicht so unheimlich ist, wie es Ihnen zuerst geschienen. – Zieh die Vorhänge zurück, Zoe. Und zünde die Lichter am Altare an. Es ist heute ein Festtag.«

Zoe zündete eine Menge kleiner Wachskerzen an, die stufenweise auf dem Altar standen, und helles Licht folgte nun dem Halbdunkel, das ich beim Eintritt in die Gruft gefunden hatte.

Zoe zog nun die violettsammtene, mit silbernen Fransen besetzten Vorhänge auf und machte sie in den Ecken mit silbernen Spangen fest. Hinter diesen Vorhängen erblickte ich einen Hintergrund von himmelblauem Atlas, mit silbernen Sternen gestickt: das Ergebniß einer langen Arbeit. Wenn die Sammtvorhänge wieder herabgelassen wurden, so konnten sie die ganz mattblaue Tapete bedecken und dem recht freundlichen Raume das Aussehen einer Todtengruft geben, zumal wenn die Lichter ausgelöscht waren und nur die Lampe ihr mattes Licht verbreitete.

»Sehen Sie,« sagte Edmée; »ich habe mit Zoe fast zwei Jahre an diesem traurigen Zierath gearbeitet. Als ich Juvigny noch besaß, beabsichtigte ich, meine kleine Madonna auf den Altar zu stellen, damit sie den Tod schütze,wie sie das Leben geschützt hatte. Als ich erfuhr, daß Juvigny mit allen Einrichtungsstücken verkauft sei, war mein größter Schmerz, daß ich meine Madonna nicht hatte wegnehmen und hierherbringen lassen: aber ich wollte sie erst nach gänzlicher Vollendung der Gruft auf den Altar stellen. Wir hatten noch etwa vierzehn Tage zu arbeiten. Wir verloren nun die Lust zu unserer Arbeit. Am Hochzeitsabende sagten Sie mir, daß Sie die Besitzung gekauft. Da bekam ich wieder Hoffnung: ich dachte, Sie würden mir meine Bitte gewiß gewähren, und wir arbeiteten wieder mit verdoppeltem Eifer an unserer Stickerei. – Vorgestern haben wir das Altartuch vollendet, vorgestern hat Gratian die Tapete festgenagelt und die Vorhänge angebracht. Gestern haben wir die Kerzen auf den Altar gestellt und heute Früh hat Ihnen Gratian meinen Brief überbracht. Sie haben mir meine liebe Madonna nicht nur zurückgegeben, sondern sie selbst überbracht. Ich war Ihnen die Einweihung meines Ruheplätzchens schuldig. – Zoe, gib mir die Madonna und lege das Tuch auf den Altar.«

Die Gräfin nahm nun die Madonna und stellte sie in den zwischen den Kerzen gelassenen leeren Raum. Zoe breitete das Altartuch aus.

»Kennt denn Herr von Chambray diese Gruft?« fragte ich, »und weiß er um diese Vorkehrungen?«

»Warum sollte er sie kennen?« erwiederte Edmée, »er wird ja weder lebend nach todt hierherkommen.«

»Dann,« sagte ich erfreut, »gestatten Sie mir, was Sie dem Grafen verweigern würden und was er als ein Recht beanspruchen könnte?«

»Der Graf hat nur das Recht, mich unglücklich zumachen, und dieses Recht wird er hoffentlich nicht über mein Lebensende hinaus geltend machen.«

»Wenn also Jemand Ihrem Herzen theuer wäre —« begann ich.

»Weiter,« sagte sie lächelnd.

»Eine Ihnen theure, aber im Leben von Ihnen getrennte Person könnte also hoffen, an Ihrer Seite einst in dieser Gruft zu ruhen?«

»Max,«– erwiederte Edmée die Hand nach der Statuette ausstreckend, »dieses geweihte Bild ist mein Zeuge, daß ich dieses Versprechen ohne Erröthen geben kann.«

»Nun denn,« sagte ich, »so gelobe ich Ihnen, daß ich der Mann sein will, der durch seine innige Zuneigung und Verehrung würdig sein wird, in der Ewigkeit neben Ihnen zu ruhen.«

Ein gemeinsames Gebet folgte diesem doppelten Versprechen. Gegen Mitternacht verließ ich Edmée, von den seligsten Gefühlen erfüllt.

Den andern Morgen, als der Tag anbrach, reiste ich von Bernay ab und kam Abends nach Paris.

VIII

Um zehn Uhr Morgens ließ ich einen Wagen kommen und fuhr zu meinem Notar, welcher, wie ich Ihnen schon gesagt zu haben glaube, in der Rue du Bac Nr. 42 wohnte.

Herr Loubon übergab mir zwanzigtausend Francs baar und versprach mir binnen acht Tagen wieder dreißigtausend Franks in Wechseln auf das Haus Baring in London.

Mehr brauchte ich nicht: mit fünfzigtausend Francs ist man gegen alle Wechselfülle gesichert.

Als dieses kleine Geschäft abgethan war, ersuchte ich den Notar, mir die mit seiner Amtspflicht verträglichen Aufschlüsse über die Vermögensverhältnisse des Grafen von Chambray zu geben.

Er konnte mir aus sicherer Quelle Folgendes mitteilen:

Der Graf habe sein eigenes übrigens mehr scheinbares als wirkliches Vermögen vergeudet und das Heiratsgut seiner Frau angegriffen, obgleich in den Ehepacten eine Gütergemeinschaft nicht bedungen war. Anfangs habe er bei einem gewissen Abbé Morin, dessen angeblich sehr großes Vermögen einen unbekannten Ursprung habe. Anleihen gemacht. Diese Summen habe er zurückzahlen müssen und sich von seiner Gemalin eine für ein Jahr gültige Generalvollmacht erschlichen. Mit dieser Vollmacht versehen, habe er in weniger als einem Jahre drei Güter verkauft und den Erlös verspielt. Das Spiel sei seine einzige Leidenschaft. Die letzte, in dieser Weise verschleuderte Besitzung sei das von mir gekaufte Gut Juvigny gewesen.

Vor einigen Tagen endlich sei er gekommen, um das Gut Bernay zu verkaufen; aber die Vollmacht sei bereits dem Erlöschen nahe gewesen. Der Notar habe die Vollmacht zu sehen verlangt. Der Graf von Chambray sei in aller Eile nach Bernay gereist und habe die am 1. September erlöschende Vollmacht geholt. Herr Bourdeaux, der College meines Notars, habe ebensowohl die Interessen der Gräfin als des Grafen zu wahren, und er habe Bedenken getragen, eine der Erstern gehörende Besitzung um hunderttausend Francs unter dem wirklichen Werthe zu verkaufen, da der Graf offenbar darauf bedacht sei, den Verkauf vor Ablauf der nur noch einige Tage gültigen Vollmacht zu Stande zu bringen. Er habe gedacht, daß die Gräfin, welche schon drei Viertheile ihres Vermögens verloren, die Vollmacht schwerlich erneuern werde. Er habe daher vorgeschützt, er könne nicht sogleich einen Käufer finden, der eine halbe Million baar auszahlen könne, und eine Frist von acht bis zehn Tagen verlangt.

Diese acht bis zehn Tage gingen gerade mit dem Erlöschen der Vollmacht zu Ende. – Ueberdies habe der Notar unter der Hand an die Gräfin geschrieben und ihr sowohl über die Angelegenheit des Grafen als über ihr eigenes Vermögen genauen Bericht erstattet; sie besitze nur noch das Gut Bernay, welches achthunderttausend Francs werth sei; ihr Gemal sei aber entschlossen, dasselbe, weil er Geld brauche, um jeden Preis zu verschleudern.

Die Gräfin habe in ihrer Antwort auf das bestimmteste erklärt, daß sie die Vollmacht nicht erneuern werde; sie wünsche Bernay, den letzten Ueberrest ihres väterlichen Erbtheiles, zu behalten.

Alles dies hatte sich in den letzten Tagen ereignet.

Der Brief der Gräfin war vor zwei Tagen geschrieben, der Graf mußte wieder in Paris sein.

Während ich mit dem Notar sprach, that sich die Thüre auf und der Graf von Chambray wurde gemeldet.

»Ich lasse ihn ersuchen, in den Solon zu treten,« sagte der Notar.

Aber da mich der Graf durch die offene Thüre bemerkt hatte, so glaubte ich aus meiner Anwesenheit kein Geheimnis; machen zu dürfen.

»Nein, nein,« sagte ich, lassen Sie ihn doch in Ihr Geschäftszimmer kommen; ich will in den Solon gehen.

Um jeder Einwendung zuvorzukommen, ging ich auf die Thüre zu.

Der Graf trat ein.

Er war sehr freundlich, reichte mir die Hand und drückte seine Freude über die unerwartete Begegnung aus.

Ich erwiederte seine Begrüßung mit gleicher Höflichkeit und erklärte ihm meine Anwesenheit bei Herrn Loubon durch die Nothwendigkeit, zu einer bevorstehenden Reise Geld zu beheben.

Meine Worte wurden durch die noch aus einem Tische liegenden zwanzigtausend Francs in Banknoten bestätigt.

»Sie Glücklicher!« sagte der Graf von Chambray, indem er einen lüsternen Blick auf meine Banknoten warf. »Sie dürfen nur mit dem Fuße auftreten, um Banknoten aus der Erde zu stampfen. Aber,« setzte er, auf seine in Evreux gemachte Einladung zurückkommend hinzu, »ich hoffe doch, daß Sie vor Ihrer Abreise der Eröffnung der Jagd bei mir beiwohnen werden?«

»O, meine Reise ist noch nicht ganz bestimmt,« erwiederte ich.

»Aber als kluger Mann treffen Sie Ihre Vorkehrungen. – Die Jagd,« setzte er hinzu, wird am 1. September eröffnet; aber meine Geschäfte werden wohl meine Zeit bis zum 3. in Anspruch nehmen, und so werden wir die Jagd erst am 4. eröffnen. Wir haben dann nicht nur unser eigenes, sondern auch fremdes Wild. Sie können ganz unbesorgt sein, Sie werden sich schon unterhalten, wenn Sie wirklich ein Jäger sind; wir haben dieses Jahr Myriaden von Wachteln und Rebhühnern. – Doch ich störe Sie; ich will in den Solon treten. Thun Sie Ihr Geschäft ab.«

»Nein,« antwortete ich; »ich werde mit Ihrer Erlaubniß in den Solon gehen; ich habe viel mit Herrn Loubon zu reden.«

»Und ich habe nur eine Anfrage zu thun; in einigen Minuten bin ich fertig. Ich nehme also Ihr Anerbieten an.«

Ich ging auf die Salonthüre zu.

»Nicht wahr, ich werde Ihnen beim Fortgehen die Hand drücke?« rief er mir noch nach.

»Sagen Sie mir selbst im Salon, wann ich wiederkommen kann.«

»Schön, schön, ich danke!« Er begleitete mich bis an die Thüre, die er hinter mir zumachte.

Der Graf hatte hastig gesprochen, alle seine Bewegungen bekundeten eine innere Unruhe. Er kam zu meinem Notar offenbar in derselben Angelegenheit die ihn zu dem seinigen geführt hatte.

Obgleich er nur ein Ja oder Nein aus dem Munde Loubons zu vernehmen hatte, blieb er doch fast eine Viertelstunde bei ihm; dann wurde die Salonthüre mit einiger Heftigkeit ausgerissen, und der Graf von Chambray erschien.

Auf seinen Lippen schwebte das nervöse Lächeln des verlierenden Spielers – dasselbe Lächeln, welches ich in der Abendgesellschaft auf der Präfektur bemerkt hatte.

»Nun, es bleibt bei der Abrede,« sagte er, »am 3. September Abends findet sich die Jagdgesellschaft zu Chambray oder vielmehr zu Bernay ein. Ich habe die schlechte Gewohnheit angenommen dieser Besitzung die von der Familie Juvigny herkommt, meinen Namen zu geben. Im Schlosse wird übernachtet; ich erwarte Sie also zu einer beliebigen Tagesstunde, aber spätestens um acht Uhr Abends. Um zehn Uhr wird soupirt – nach dem Souper gespielt. – Ich habe vergessen, daß Sie nicht spielen. Nun, Sie können ja mit der Gräfin die Zeit verplaudern. —Merken Sie wohl, daß ich keine Entschuldigung annehme, ich habe Ihr Wort.«

»Ich gebe es Ihnen noch einmal, Herr Graf.«

»Also am 3. September. – Werden Sie vor dem Anfange des Monats auf die Präfectur kommen?«

»Es kommt darauf an, wie lange mich meine Geschäfte in Paris zurückhalten.«

»So geht mir’s auch. Man kann bei diesen verteufelten Notaren auf nichts mit Sicherheit zählen. Es sind Kleinigkeitskrämer. – Also, auf Wiedersehen! Es freut mich unendlich, Sie als meinen Gast zu sehen. Wer weiß? es ist vielleicht die letzte Jagd, welche wir in Bernay machen; es wäre Schade, die Besitzung ist sehr wildreich – Also, am 3. Abends acht Uhr.«

Er reichte mir die Hand, die ich in der meinigen zittern fühlte.

Als er fort war, ging ich wieder in die Schreibstube des Notars.

»Ich glaube die Ursache seines Besuches zu errathen,« sagte ich, »er wollte bei Ihnen in’s Haus hören, ob Sie eben so gewissenhaft sind, wie Ihr College in Nr. 45.«

»Sie haben’s getroffen.«

»Er will sein Gut Bernay verkaufen?«

»Oder vielmehr das Gut der Gräfin. Ja wohl, verkaufen oder borgen. Er würde die Besitzung um sechshunderttausend Franks, ja noch billiger losschlagen, um nur Geld zu bekommen. Oder er würde für hundertfünfundzwanzigtausend Franks Hypothek geben, wenn man ihm hunderttausend leihen wollte.Was sagen Sie zu einem Manne, der zu fünfundzwanzig Procent, abgesehen von den gesetzlichen Zinsen, von einem Notar oder durch dessen Vermittlung Geld auftreiben will?«

»Ich sage, daß er ein Narr ist.«

»Sie sollten es kaufen.«

»Das Gut Bernay.«

»Was fällt Ihnen ein? Mein Vermögen beträgt kaum fünfzehnhunderttausend Francs und in Grundbesitz. Ich bin nicht reich genug, lieber Herr Loubon.«

»Wer gut haushält wie Sie, ist immer reich. Ueberdies wüßte ich für Sie eine schöne Partie mit zwei Millionen baar und einer gleichen in Aussicht stehenden Summe.

Ich lächelte.

»Ich habe noch nie weniger als eben jetzt an eine Heirat gedacht,« erwiederte ich.

»Nun, so kaufen Sie, ohne zu heiraten. Die Besitzung ist achthunderttausend Francs werth. Schlagen Sie ein!«

»Aber, lieber Herr Loubon, woher soll ich denn sechshunderttausend Francs nehmen?«

»Ich habe Ihnen ja gesagt, Sie werden das Gut um fünfhunderttausend bekommen.«

»Aber diese Summe habe ich auch nicht.«

»Ich will sie Ihnen auftreiben.«

»Wie in aller Welt kommen Sie auf diese Idee?«

»Der Graf selbst hat mich ersucht, Ihnen diesen Antrag zu machen. Sie sind ihm als ein Retter in der Noth erschienen. Er sagte zu mir: »Er hat ja schon mein Gut Juvigny und kann auch noch Bernay besitzen. Wenn er nicht den ganzen Kaufschilling besitzt, so wird ihm sein Freund, der Präfect in Evreux, das Fehlende leihen. Von ihm würde ich übrigens nur die Hälfte baar verlangen.«

»Lieber Herr Loubon,« sagte ich lachend, »Sie scheinen für den Fall meiner Annahme über die kleine Bedenklichkeit hinsichtlich der dem Erlöschen nahen Vollmacht hinweggehen zu wollen.«

»Ja, ich gestehe, daß ich davon absehen würde, wenn ich den Wunsch des Verkäufers erfüllen und einem Clienten einen beträchtlichen Nutzen verschaffen könnte. Im Grunde kann der Mandatar alle ihm in der Vollmacht übertragenen Rechte und Befugnisse bis zum Tage des Erlöschens derselben ausüben.«

»Das ist wohl wahr; aber ich habe die Ehre, die Gräfin von Chambray zu kennen. Ich wußte, daß ich ihr durch den Ankauf von Juvigny einen Gefallen that; aber eben so gewiß weiß ich, daß es ihr unangenehm sein würde, wenn ich Bernay kaufte. Ich lehne daher Ihr Anerbieten entschieden ab, lieber Herr Loubon, und bitte Sie, nicht länger in mich zu dringen.«

Ich stand auf.

»Nun, dann lassen wir die Sache fallen, sagte der Notar; »aber Sie könnten ein schönes Geschäft machen. . . «

»Wann bekomme ich meine dreißigtausend Francs auf London?«

»Nicht wahr, es ist heute der 26. August?«

»Ja, und der Monat hat 31 Tage.«

»Am 1. September können Sie die Tratten haben. Wohin soll ich sie Ihnen schicken?«

»Noch Evreux an den Präfecten.«

»Ja, richtig, Alfred de Senonches. Der macht ein seltenes Glück. Binnen drei Jahren wird er Minister. – Jetzt geben Sie mir einen Empfangsschein über die zwanzigtausend Francs; für die anderen dreißigtausend genügt Ihre Empfangsbestätigung.

»Und ich bekomme die Wechsel doch gewiß am 1. September?«

»Ich habe es versprochen und werde es halten.«

»Das ist noch nicht genug,« erwiederte ich lachend; »ein Notar ist ja das menschgewordene Gesetz.«

»Sie wollen wieder abreisen?«

»Wahrscheinlich diesen Abend, spätestens morgen Früh; ich habe einige Reisegegenstände zu kaufen.«

»Sie wollen eine Reise machen?«

»Wahrscheinlich. – Dabei fällt mir ein, daß es vielleicht gut wäre, Ihnen eine Generalvollmacht zu lassen.«

»Machen Sie denn eine lange Reise?«

»Ich weiß es noch nicht.«

»Wo wohnen Sie?«

»Im Hotel de Paris, Richelieustraße.

»Die Generalvollmacht soll in zwei Stunden bei Ihnen sein.«

Ich verließ den Notar. – Zwei Stunden nachher schickte er mir die Generalvollmacht zu, und am 1. Sept. erhielt ich in Reuilly die dreißigtausend Francs in Tratten auf das Haus Baring & Comp. in London.

Der brave Loubon war die Pünktlichkeit selbst.

Es gibt Menschen, bei denen eine hervorragende Eigenschaft die Stelle aller Tugenden vertritt.

IX

Die Eröffnung der Jagd auf der Besitzung des Grafen von Chambray sollte, wie schon erwähnt am 4. September stattfinden, und die Einladungen waren auf den 3. Abends gemacht worden.

Als ich am 3. September mit Alfred frühstückte, zeigte ich ihm meine Abreise nach Bernay an. Er antwortete mir nur mit gleichgültigem Kopfnicken. Nach dem Frühstücke sagte er:

»Es ist heute Sonntag, und an Sonntagen tritt jeder Präfect in die Reihe der gewöhnlichen Menschenkinder zurück. Wir wollen einen Spaziergang durch den Park machen; wir haben heute Zeit und Muße, das Landleben und die Liebe zu besingen wie die beiden Hirten Virgil’s.

Ich war an die originellen Einfälle Alfreds gewöhnt; aber ich merkte, daß er mir etwas zu sagen hatte, was die Dienstleute nicht hören sollten. Ich nahm seinen Arm und wir gingen in den Park.

Unten an der Freitreppe begegneten wir den Ortspfarrer. Er hatte die Messe gelesen und dankte uns im Namen seiner Pfarrkinder. Unsere Namen an der Spitze der für die Abgebrannten Beisteuernden hatten ihm Glück gebracht; der Gesammtbetrag der milden Gaben belief sich auf zehntausend Francs. Mit dieser Summe, sagte er, könnten die durch das Feuer entstandenen Verluste nicht nur ersetzt werden, sondern die Abgebrannten würden in der Folge besser wohnen, als vor dem Brande.

Er selbst war aber noch blässer und schwächer, als bei seinem letzten Besuche im Schlosse. Die hartnäckige Krankheit mit der er behaftet war, hatte offenbare Fortschritte gemacht und arbeitete langsam, aber sicher an ihrem täglichen Zerstörungswerke.

Bei seinem Erscheinen verschwand das etwas leichtfertige Lächeln, welches beständig um Alfreds Lippen schwebte, um dem Ausdrucke großer Güte und aufrichtiger Theilnahme Platz zu machen.

Ich verglich den würdigen Geistlichen mit dem Abbé Morin, der – eine geheime Ahnung sagte es mir – mich beobachtete, verfolgte, um mir Schmerz zu bereiten und in unheilvoller Weise in mein Leben einzugreifen. Ich fragte mich, wie ein und derselbe Baum, der so segensreiche Baum der Religion, zwei so ganz verschiedene Früchte tragen könne.

Alfred bedauerte sehr, daß der Pfarrer zu spät gekommen sei, um mit uns zu frühstücken; er sollte aber doch eine Erfrischung nehmen. Der würdige Mann bat um eine Tasse Milch.

Der Pfarrer war sehr ermüdet; er setzte sich auf die Stufen der Freitreppe und trocknete seine von Schweiß triefende Stirne. Alfred ging in den Vorsaal und rief einen Diener, während ich, den Hut in der Hand, dem ehrenwerthen Priester Gesellschaft leistete.

Alfred erschien bald mit einem Diener, der einen ganz beladenen Credenzteller trug.

»Wollen Sie eintreten, Hochwürden?« sagte Alfred, »oder wollen Sie Ihre Tasse Milch lieber unter den Linden nehmen?«

Unter den Linden, wenn Sie erlauben, Herr Präfect,« antwortete der Pfarrer. »Ich bin ein großer Naturfreund. Gott hat freilich in seinem unerforschlichen Rathschlusse bestimmt, daß ich mich des Naturgenusses nicht lange erfreuen soll. Die Freude an der Natur und die Nächstenliebe sind die einzigen Freuden, die uns vergönnt sind.«

»Die erstere hat Sie zum Philosophem die letztere zum Segenspender gemacht,« sagte Alfred.

Er nahm meinen Arm und zog mich in den Park.

Komm, Max,« sagte er mit seinem höhnischen einschneidenden Tone, »komm, der Pfarrer ist für wahr ein Zauberer, der mich am Ende dahin bringen könnte, meine Nebenmenschen zu achten.

»Nun, was würde es denn schaden?« fragte ich.

»Ein Präfekt der die Menschen achtet! Das wäre ein Widerspruch, lieber Max, ein logischer Unsinn. Wie könnte ich, einmal in diesem Irrthume befangen, die Befehle meiner Regierung befolgen? Nein, wahrhaftig, ich will lieber mit dem Grafen von Monte-Cristo sagen: Der Mensch ist doch eine garstige Raupe.«

»Aber Du siehst ja, lieber Freund,« entgegnete ich, »daß Du selbst den Worten widersprichst, die Du dem würdigen Manne sagtest.«

»Ja wohl, aber er ist eine Ausnahme unter den Menschen, wie unter den Blumen die schwarze Tulpe und die blaue Dahlia. Ein Poet würde von ihm sagen: Er hat in einem kleinen Dorfe der Normandie geblüht; aber derlei Pflanzen tragen keinen Samen und schlagen nicht an der Wurzel aus. – Doch um wieder auf deine Jagd zurückzukommen: morgen ist die Eröffnung bei dem Grafen von Chambray?«

»Ja. Und mir scheint daß Du mir etwas zu sagen hast.«

»Ich? Nein, ich habe Dir nur zu sagen, daß es eine prächtige Jagd wird, denn der Graf schont sein Wild sehr sorgfältig.«

»Aber er ladet uns ja ein, es todtzuschießen.«

»Lieber Freund, Crassus lieh seinem Freunde Cäsar dreizehn oder vierzehn Millionen – die Summe ist mir nicht mehr genau erinnerlich – als der Letztere nach Spanien ging, um seine Prätur anzutreten. Crassus war sehr geizig. Aber es gibt geizige Menschen, die ihr Geld sehr vortheilhaft anzulegen wissen. Crassus erhielt für sein Darlehen das Triumvirat und den Oberbefehl in dem Feldzuge gegen die Parther. Der Feldzug war freilich nicht glücklich, aber das war ein nicht vorherzusehender zufälliger Umstand; Crassus erlangte durch seine wohlberechnete Gefälligkeit was er wünschte.«

»Was willst Du damit sagen?«

»Nichts; ich mache nur einen Exkurs in die Geschichte des Alterthums. Wer klassische Studien gemacht hat darf sich das schon erlauben.«

»Ja wohl, aber dein Exkurs in das klassische Alterthum enthält eine Anspielung auf den Grafen von Chambray.

»Das ist wahr; er hat auch einen Exkurs gemacht, aber blos nach Paris. Weißt Du es?«

»Ich habe ihn bei meinem Notar getroffen.«

»Ganz recht er kam eben von seinem Notar. Es ist übrigens nicht zu verwundern. Die beiden Herren wohnen in der Rue du Bac, einander fast gegenüber.«

»Woher weißt Du das?«

»Loubon ist der Notar meiner drei Tanten, und ich habe gestern oder vorgestern einen Brief von ihm erhalten.«

»Und es war von mir die Rede?«

»Ja, er schreibt mir, Du habest Lust das Gut Bernay zu kaufen, es fehle Dir aber an der zum Ankaufe nöthigen Summe. Du weißt daß ich nöthigenfalls drei- bis vier-hunderttausend Franks zu deiner Verfügung habe; hunderttausend kann ich selbst entbehren, das Uebrige geben meine Tanten her. Du bist bereits Besitzer von Juvigny; Du mußt Bernay dazukaufen, und wenn der Graf sein letztes Kaninchen verspielt hat und sich eine Kugel durch den Kopf jagt so kannst Du die Witwe heiraten. Der dritte Mann kann ihr so wieder geben, was ihr der zweite genommen.«

»Lieber Freund,« erwiederte ich sehr ernst und legte eine Hand ans seinen Arm, »ich bitte Dich, sprich nicht leichtfertig von der Gräfin.«

»Gott bewahre mich vor jedem Scherze über eine solche Frau,« versicherte Alfred, der ebenfalls ernst wurde. »Nein, lieber Max, ich scherze nicht; die Gräfin ist an Herzensgüte und Seelenreinheit mit unserem würdigen Pfarrer zu vergleichen. Wenn alle Geistlichen ihren Beruf so erfüllten wie dieser, so würde es keine Atheisten mehr geben. Wenn alle Frauen der Gräfin von Chambray gleich wären, so würde es keine Hagestolzen mehr geben. Ich, der eingefleischte Hagestolz, sage Dir: da Du die Gräfin liebst und ihrer Gegenliebe gewiß bist, so heirate sie, sobald es angeht, und diese Zeit –«

»Nun, diese Zeit?«

»Ich glaube, daß Du eine angenehme Ueberraschung haben wirst.«

»Was meinst Du?«

»Nichts. Ich habe durch meine Polizei gewisse Nachrichten erhalten, aber ich bin meiner Sache noch nicht ganz gewiß, und will nicht zu viel sagen. Ich kann Dir nur sagen, daß der Graf sehr übler Laune ist.«

»Weshalb?«

»Weil er das Gut Bernay nicht verkaufen kann. Die Vollmacht seiner Frau erlischt, wenn ich nicht irre, am 1. September und der Graf kann die Besitzung nicht einmal verpfänden. Das verstimmt ihn. Falls Du Dich noch entschließest, das Gut zu kaufen, kann ich Dir im Vertrauen sagen, daß er seinem Notar, Herrn Bourdeaux, versprochen hat, einen mit der Unterschrift seiner Frau versehenen Verkaufsvertrag zu bringen. Dagegen haben ihm sowohl Bourdeaux als auch Loubon den Kaufschilling von sechshunderttausend Francs zugesichert, aber nur die Hälfte baar. Dies ist eine große Erleichterung für den Käufer. – Das ist’s, was ich Dir zu sagen hatte. Der Ankauf von Bernay für sechshunderttausend Franks ist sehr vortheilhaft, denn die Besitzung ist achthunderttausend Franks werth. Ich habe Dir vierhunderttausend Franks anzubieten, natürlich gegen die Verpfändung des Gutes Bernay und deiner übrigen Güter, denn meine drei Tanten, denen Herr Loubon, unser Notar, zur Seite steht, würden nicht begreifen, daß ich selbst dem Cid Campeador vierhunderttausend Francs ohne Hypothek liehe. – Jetzt verlasse ich Dich.«

»Warum denn?«

»Um Dir Zeit zum Nachdenken zu lassen. Die Einsamkeit ist die beste Rathgeberin. – Aber ehe ich Dich verlasse, will ich Dir einen Rath gehen.

»Laß hören,«

»Ich habe Dir gesagt, daß der Graf von Chambray sehr übler Laune sei. Uebelgelaunte Leute sind zerstreut; zerstreute Leute sind schlechte Nachbarn auf der Jagd-; halte Dich daher möglichst fern vorn Grafen. Ein Schuß ist bald abgefeuert, und Niemand kann wissen, welchen Weg das Blei nimmt.«

»Was sagst Du da, Alfred?«

»Ich sage nicht, daß er es absichtlich thun würde. Er wird Dich vielmehr schonen, weil er in Dir den muthmaßlichen Käufer seiner Besitzung sieht. – Aber die zerstreuten Leute sind eine wahre Landplage auf der Jagd; sie sind mehr zu fürchten als die Kurzsichtigen, die doch in einer gewissen Entfernung sehen, die Zerstreuten sehen gar nicht. – Adieu! Reise nicht ab, ohne mir die Hand zu drücken.«

»Wozu diese Erinnerung?«

»Du bist ja auch zerstreut.«

»Wie der Graf von Chambray?«

»Nein, Du bist gerade das Gegentheil; er ist zerstreut, weil er unglücklich ist, Du hingegen bist zerstreut, weil Du ein überglücklicher Erdensohn bist.«

Er entfernte sich einige Schritte, dann kehrte er um.

»Ich habe noch etwas vergessen,« sagte er, »sprich in Gegenwart deines Wirthes nie von Fallsucht oder Fallsüchtigen.«

»Warum nicht?«

»Du kennst das Sprichwort: In Gegenwart eines Gehenkten soll man nicht vom Stricke reden. Auf Wiedersehen!«

Ich blieb allein.

Alfred hatte Recht; ich fühlte das Bedürfniß allein zu sein.

Mit dem Tage, wo ich die Gräfin von Chambray kennen gelernt hatte, war eine seltsame Veränderung in mir vorgegangen. Es schien mir, als ob mein neues Dasein etwas von der Wirklichkeit des frühern verloren hätte. Ich lebte, wie man in manchen Träumen lebt; ich wandelte auf einer räthselhaften, zu einem unbekannten Ziele führenden Bahn. Das Labyrinth auf Kreta hatte nicht mehr Irrgänge als mein Lebensweg. In der Tiefe meines Herzens hatte ich eine gewisse Traurigkeit, die sich nicht bis zu Thränen steigerte, und zugleich eine Freude, die sich nicht durch Frohlocken äußerte. Jeder meiner Athemzüge war ein Seufzer, aber ein Seufzer, der nichts Schmerzliches hatte; es schien fast, als hätte mir Edmée etwas von ihrem übersinnlichen Gesichtsvermögen mitgetheilt, und als erblickte ich durch einen Trauerflor einen fernen Strahlenglanz.

Auf jeden Fall fühlte ich mich durch eine Kraft fortgezogen, die stärker war als mein Wille, oder vielmehr gegen welche mein Wille gar nicht anzukämpfen suchte.

Während ich meinen Gedanken nachhing und Alles, sogar die Zeit vergaß, härte ich hinter mir Fußtritte.

Ich sah mich um und erblickte den Ortspfarrer.

Zu allen Gefühlen, welche mein Herz bewegten,hatte sich eine tief religiöse Stimmung gesellt. Dieser würdige Mann, der im besten Alter mit würden aller Ruhe und reinen Herzens dem Grabe zuschritt, dieser Wohlthäter seiner Pfarrkinder war mir in diesem Augenblicke eine wohlthuende Erscheinung. Ich ging unwillkürlich auf ihn zu, nahm meinen Hut ab und redete ihn an:

»Ich bin auf einem Wege, der mich eben sowohl zum höchsten Glücke als zur Verzweiflung führen kann. Segnen Sie einen Mann, der an Gott glaubt, damit ihm Gott einen seiner Engel sende, der über ihn mache und ihn auf dem guten Wege geleite.«

Der Pfarrer sah mich erstaunt an.

»Der Glaube ist selten in unseren Tagen sagte er, »und es ist eine große Freude für mich, einen jungen Mann mit diesem Ausdrucke der Wahrheit christliche Worte sprechen zu hören. Niemand hat mehr Ansprüche auf den Segen der Diener Gottes als Sie. Ich gebe Ihnen daher vom Grunde meines Herzens den meinigen, nicht nur in meinem Namen, sondern auch im Namen aller Unglücklichen, denen Ihre Barmherzigkeit Hilfe gebracht hat.«

Er legte die Hand auf meinen Kopf und blickte zum Himmel empor, als wollte er Gott bitten, diesen Segen gütig aufzunehmen Ich aber betete leise: »Gott, segne sie, wie dein Diener mich segnet!«

Wenn die Welt – Sie wissen, lieber Freund, was ich darunter verstehe – wenn die Welt mich gesehen hätte, sie würde den großen zweiunddreißigjährigen Knaben verspottet halten, der, ohne zu wissen warum und zu welchem Zwecke, einen Dorfpfarrer um seinen Segen bat; aber Sie sind ein Dichter, Sie werden mich verstehen und mich nicht verspotten.

Ich richtete mich in der freudigsten Stimmung wieder auf, und gleichwohl rannen mir die Thränen über die Wangen, wie an dem Tage, wo mein Herz vom tiefsten Schmerz erfüllt war.

Ist es ein Beweis von der Schwäche des Menschen oder von der Allmacht Gottes, daß wir für den Schmerz und für die Freude nur einen Ausdruck haben?

Der Pfarrer entfernte sich, ohne mich zu befragen; aber er winkte mir zu wiederholten malen seinen Gruß zu.

Ich war nie in einer freudigeren, gehobeneren Stimmung gewesen, selbst nicht in dem Augenblicke, wo ich Edmée an mein Herz gedrückt hatte. Ich nahm Abschied von Alfred, ohne seine trüben Ahnungen und Warnungen einer Beachtung werth zu halten. Ich vertraute auf Gottes Schutz.

Eine Stunde nachher saß ich mit Georges im Wagen.

X

Diesesmal fuhr ich nicht in den Gasthof, sondern geradewegs zum Schlosse.

Ich hielt vor Gratians Hause an. Der Gesang des lustigen Tischlers klang mir durch die Hausthüre entgegen. Ich trat ein. Ich fand ihn mit aufgeschlagenen Aermeln und rüstig den Hobel führend.

Er sah sich um, als er meine Schritte in den Hobelspänen rauschen hörte, und nannte mit freudiger Ueberraschung meinen Namen.

Endlich, nach einigem Besinnen, ließ er den Hobel los.

»Nun, warum sollte ich Ihnen die Hand nicht geben?« sagte er, auf mich zueilend; »Sie haben sie mir ja schon einmal gegeben.«

Er reichte mir beide Hände, die ich herzlich drückte.

»Nun, wie geht’s im Schlosse und hier?« fragte ich.

»Gott sei Dank,« erwiederte Gratian, »Alles gesund und wohlauf; sogar die Frau Gräfin blüht wieder auf wie eine Rose im Frühling. Ich glaube wahrhaftig, Herr von Villiers, daß Sie Glück und Segen gebracht haben.«

»Und der Graf?« fragte ich.

»O, der Graf steht gar nicht freundlich aus. Ich begegnete ihm gestern, als ich ins Schloß ging, um im Speisesaale etwas auszubessern. Er ging mit dem Abbé Morin in der großen Lindenallee. Die beiden Herren sahen aus wie zwei Verschwörer. Ich hörte wie der Graf sagte: Sie hat es rundweg Abgeschlagen«. – Sie muß nachgeben,« erwiederte der Abbé; »eine Frau muß thun, was der Mann will.« – »Ich werde auch nicht nachlassen,« sagte darauf der Graf grinsend; »sie muß unterschreiben.« – Unterdessen war ich vorübergegangen und konnte nichts mehr hören. Ich bin auch nicht gekommen, um das Gespräch zu belauschen; ich ging an meine Arbeit.«

»Hat Dir die Gräfin nichts gesagt?«

»Ja wohl, sie führte mich in ein Zimmer und sagte zu mir: »Sieh gut nach, und sorge dafür, daß in diesem Zimmer nichts fehle; Herr von Villiers wird es bewohnen.«

» Liebe Edmée!« sagte ich leise.

»Es wird nichts in Ihrem Zimmer fehlen,« fuhr Gratian fort; »darauf können Sie sich verlassen. Und die ganze Zeit war die Gräfin mit Zoe da und fragte in Einem fort: »Zoe, hast Du hier nachgesehen? Zoe, hast Du dort nachgesehen? Hast Du für Zucker gesorgt? Hast Du die Orangeblüthen nicht vergessen? – Zum größten Aerger der Gräfin hatte Zoe schon für Alles gesorgt.«

»Darf ich fragen, lieber Gratian, wo das Zimmer ist?«

»Dicht neben dem Zimmer der Gräfin; Sie sind nur durch das Ankleidecabinet getrennt.«

Die Worte Gratians erregten in meinem Herzen einen Sturm von Gefühlen.

»Und hat die Gräfin dieses Zimmer gewählt?« fragte ich.

»Nein, der Graf hat es für Sie bestimmt; es ist das schönste im Schlosse, er will Ihnen eine besondere Aufmerksamkeit damit erweisen. Er hat seine Absichten dabei.«

»Was für Absichten?«

»Sie haben schon Juvigny, nicht wahr?«

»Ja wohl.«

»Ich glaube, daß er Ihnen Bernay aufschwatzen will. – Sie wissen doch, daß er Bernay verkaufen will?«

»Ja, ich weiß es. Aber was wird ihm dann bleiben?«

»Er hat noch ein kleines Gut zwischen Délivrande und Courfeulles, aber das ist auch Alles. Wenn er das auch verkauft hat, so ist er wie die Vögel unter Gottes freiem Himmel, ärmer als Gratian, der durch Ihre Güte reich geworden ist, und sein Haus nicht verkaufen würde, wenn man ihm auch hunderttausend Francs dafür böte. Nein, ich würde es nicht weggehen.

Du hast Unrecht, Gratian; für hunderttausend Francs würdest Du ein Schloß und viele Ländereien bekommen.

»Was sollte ich damit machen? Nein, Herr von Villiers in einem Schlosse ist zu viel Platz; ich will ein kleines, wohnliches Haus haben; es würde mit mir und Zoe vielleicht ein solches Ende nehmen wie mit dem Grafen und der Gräfin: der Eine würde an diesem Ende des Hauses, der Andere an jenem Ende wohnen. Und ich glaube, sie wären noch weiter auseinandergegangen, wenn die Wände nicht Halt geboten hätten. – Aber ich schwatze wie eine Elster, ohne zu bedenken, das Sie die Gräfin gern bald sehen wollen.«

»Wer hat Dir das gesagt, Gratian?«

»Nun, ich habe mich nicht richtig ausgedrückt; ich hätte sagen sollen, daß die Gräfin nach Ihnen verlangt.«

»Woraus schließest Du das?«

»Nun, das ist doch sonnenklar! Als sie in Ihrem Zimmer aufräumte, fragte sie Zoe: »Wann glaubst Du wohl, daß er kommen wird?« – »O, so bald als er kann; darauf können Sie sich verlassen,« antwortete die kleine Närrin. – »Und ich glaube,«– sagte dagegen die Gräfin, »daß er erst Morgens zur Jagd kommen wird.« – »Und ich,« widersprach Zoe, »ich weiß gewiß, daß er zum Souper kommen wird. Und soll ich Ihnen sagen, wie er kommen wird?« – »Ei, Du scheinst jetzt die Sehergabe zu besitzen,« lachte die Gräfin. – »Allerdings, ich will Ihnen Alles haarklein an den Fingern abzählen.« – »So laß hören.« – »Er wird bei Gratian anhalten und sich nach Ihnen erkundigen; dann wird er Wagen und Bedienten auf dem Fahrwege voranschicken, und über den Friedhof zu Fuß in’s Schloß kommen.« – »Glaubst Du?« – »Ja, ich wette mein ganzes Wickelzeug.«

»Apropos, wissen Sie, daß Zoe in gesegneten Umständen ist?«

»Nein,« erwiederte ich, »ich habe es noch nicht gewußt. Ich gratulire. Du hast keine Zeit verloren, Gratian.«

»O, ich mache es nicht wie die vornehmen Herren, die Alles auf die lange Bank schieben, bis am Ende gar nichts daraus wird. – Nicht wahr, Zoe hat Recht?«

»Ja wohl, Sie hat Alles genau prophezeit. Erstens bin ich hieher gekommen, um mich zu erkundigen, wie es Allen geht, und zweitens werde ich der von Zoe angegebenen Marschroute Schritt vor Schritt folgen. – Also lebe wohl, Gratian.«

»Adieu,« Herr von Villiers! Ich will Sie nicht aufhalten. Viel Vergnügen auf der Jagd.

Ich drückte dem braven Burschen noch einmal die Hand« und ehe ich zur Thüre hinaus war, griff er wieder zu seinem Hobel und stimmte seinen Gesang wieder an.

Ich trat in die Kirche. Nachdem ich an derselben Stelle, wo einst Edmée gekniet, eine kurze Andacht verrichtet und einen Louisd’or in den Armenstock gelegt hatte, ging ich über den Friedhof, pflückte eine Rose in dem Gebüsche, welches den Grabstein und die darunter befindliche Gruft beschattete, und begab mich in’s Schloß.

Im Vorsaale fand ich Zoe. Sie erwartete mich; sie hatte mich kommen sehen. Aus dem Fenster der Gräfin konnte man den Friedhof, den Garten und das Haus Gratians und einen Theil des Dorfes übersehen.

»Ich wußte wohl, sagte sie, »daß Sie heute kommen würden.«

»Und Du wußtest auch, daß ich Gratian besuchen und zu Fuß über den Friedhof kommen würde?«

»Ich ahnte es.«

»Wo ist die Gräfin? Hat sie nicht auch meine Nähe geahnt? Und hat sie sich vor mir geflüchtet?«

»O nein, aber sie kann ja nicht thun, was sie will, die liebe arme Dame. Sie hat mir befohlen, Sie hier zu erwarten.«

»Wo ist sie denn?«

»Im Salon, wo sie in Abwesenheit des Herrn Grafen unsere Gäste empfängt.«

»Dann will ich in den Solon gehen.

»Warten Sie doch! Sie haben’s ja sehr eilig. . .«

»Begreifst Du denn nicht, Zoe, daß ich mich nach ihr sehne?«

»O ja, das begreife ich; aber wenn ich Ihnen etwas von ihr zu sagen habe . . .«

»Laß hören.«

»Sie sagte zu mir: Erwarte ihn hier und sage ihm, daß ihn mein Herz als Freund begrüßen wird, wenn auch mein Mund in Gegenwart der Freunde die kalten Worte spricht: »Guten Abend, mein Herr.« Sage ihm, daß meine Gedanken bei ihm weilen werden, wenn sich auch meine Augen, den Anforderungen der Convenienz gehorchend, von ihm zu einem Andern wenden. Kurz, er soll errathen, was ich ihm nicht sagen kann.«

»Und Du, Zoe, wirst ihr sagen, was ich nicht selbst sagen kann: Daß ich sie liebe, vergöttere, daß sie mir in meinen Gedanken als ein Engel des Himmels erscheint, daß sie meine Freude, meine Hoffnung, mein Alles ist, daß ich um ihretwillen alles Andere vergesse.«

»Gut,« – erwiederte sie, »jetzt können Sie eintreten; wir haben einander so ziemlich Alles gesagt, was wir uns zu sagen hatten.«

Ein Diener erschien.

»Herr von Villiers ist zu melden,« sagte Zoe.

Der Diener öffnete die Thüre und meldete mich.

Durch die offene Thüre sah ich Edmée, und sie konnte mich sehen. Unsere Blicke begegneten sich, als der Diener meinen Namen nannte.

Ich weiß nicht, ob die Sprache der Menschen Alles ausdrücken kann, was unsere Blicke sagten; Gott hat dem Auge den Himmelsstrahl gegeben; der Blick der Gräfin sagte mir mehr, als Zoe in ihrer gutgemeinten Geschwätzigkeit gesagt hatte.

Sie stand auf, kam auf mich zu und reichte mir freundlich die Hand.

»Herr von Villiers,« sagte sie, mich den fünf bis sechs schon angekommenen Jägern vorstellend; »ein Freund, den wir seit vierzehn Tagen kennen, aber wie einen langjährigen Freund schätzen.«

Sie deutete auf einen Fautteuil.

»Ich muß,« fuhr sie fort, »den Grafen bei Ihnen entschuldigen, wie ich es bereits bei diesen Herren gethan. Ein unerwartetes, sehr nothwendiges Geschäft hat ihn nach Caen gerufen; aber er hat Postpferde genommen, um schnell wiederzukommen, und er wird gewiß zum Souper eintreffen. Was kann ich Ihnen unterdessen anbieten, meine Herren? Sie haben das Billard, Sie hoben die Promenade im Parke, Sie haben sogar die Musik, und ich bin mit Vergnügen bereit, mit meinen schwachen Kräften zur Unterhaltung beizutragen, wenn einer von Ihnen mich accompagniren will.«

Alle Gäste baten die Gräfin einstimmig um ein Lied. Ich setzte mich ans Piano; einem Andern würde ich dieses Glück nicht gegönnt haben.

Ich habe in der Musik dasselbe Talent wie als Zeichner; ich spiele sehr leicht vom Blatt.

Ich schlug eine Partitur auf. Es war die Oper »Lucia.«

«Ich blätterte bis zum dritten Act meine Wahl fiel auf die Wahnsinnsarie.

Ich sah die Gräfin fragend an, um ihrer Zustimmung gewiß zu sein.

»Was Sie wollen,« sagte sie; »die Musik dient ja zur Zerstreuung in der Einsamkeit. Ich habe in meinem Leben mehr für mich als für Andere gesungen; daher fürchte ich, nicht nach Ihrem Geschmack zu singen; aber da ich so ziemlich alle Partituren, von Weber bis Rossini eingeübt habe, so bin ich bereit, jedes von Ihnen zu wählende Stück zu singen.«

Ich schlug die ersten Accorde des Recitativs: »Il dolee suono di sua voce« an und Edmée fing an zu singen.

Die ersten Noten, welche aus ihrem Munde kamen, machten auf mich nicht den erwarteten Eindruck. Die Gräfin hatte eine vortreffliche Methode; man merkte sogleich ihre gründliche musikalische Durchbildung, aber ihre etwas gedämpfte Stimme schien ein widerspänstiges Instrument und erreichte nicht die volle Ausdehnung, deren sie fähig war. Sie ahmte die Methode der Persiani nach, und ich gestehe, daß ich von ihr eher den seelenvollen Gesang der Malibran als die kunstvollen Triller einer Damoreau erwartet hätte.

Sie sang die »Casta Diva« von Bellini und das Rondeou aus »Cenerentola«. Während dieser drei Arien wurde ihre Stimme nach und noch klangvoller, und sie bezwang sich offenbar, um ihr nicht die volle Ausdehnung und Kraft zu geben; es schien mir, als habe sie nach den beiden ersten Stücken absichtlich das Rondeou der »Cenerentola« gewählt, um ihre innere Erregung zu bekämpfen.

Nach dem Rondeau stand sie auf und legte eine Hand auf meine Schulter, gleichsam um mich zum Sitzenbleiben zu nöthigen.

»Meine Herren,« sagte sie, den lauten Applaus unterbrechend, »ich will Ihre Artigkeit nicht länger mißbrauchen, Sie wollen gewiß gern rauchen. Machen Sie im Rauchzimmer neben dem Speisesaale eine Partie Billard. Sie werden dort gute trockene Cigarren finden. – Begleiten Sie die Herren?« fragte sie, sich zu mir wendend.

»Leider,« antwortete ich, »hin ich ein erklärter Feind der Cigarren und ein schwärmerischer Verehrer der Musik. Erlauben Sie mir daher so fern wie möglich von dem Rauchzimmer zu bleiben und dem Piano so nahe zu kommen, wie ich kann.«

»So bleiben Sie. Diese Herren wissen so gut wie Sie, daß sie alle im Hause eines Freundes sind; thun Sie sich daher keinen Zwang an. Zur Jagdzeit ist keine Gräfin von Chambray im Hause.«

Die Gäste verließen den Salon; ich blieb mit der Gräfin allein.

»Lieber Max,« sagte sie, mir die Hund zum Kusse reichend, »als ich anfing zu singen, dachte ich, daß man den wahren Herzens- und Seelengruß für theure Personen aufsparen müsse. Ich habe so eben nicht für mich, sondern für die Gesellschaft gesungen: soll ich jetzt für mich und für Sie singen?«

»Sie wollen mich durch Ihr Zartgefühl beschämen,« sagte ich.

»Es ist mir in diesem Augenblicke erst eingefallen fuhr Edmée fort. »Ich führte eine gewisse Reue, ich dachte: Wenn ich diesen Fremden Alles preisgebe, was ich an Freude oder Schmerz in meinem Herzen habe, was wird dann für ihn übrigbleiben? Er muß doch seinen Antheil haben an Allem, was mich erfreut oder betrübt, was mir ein Lächeln oder Thränen entlockt. Ich habe also den bessern Theil meiner Gedanken und Gefühle für Sie aufgespar, jetzt will ich mich geben, wie ich bin. – Ueberlassen Sie mir Ihren Platz am Piano; für das, was ich jetzt singen will, muß ich die Begleitung selbst spielen.«

»Was wollen Sie singen?«

»Die Wehmuth meines Herzens und die Träume meiner Seele.«

»Von wem ist Text und Musik?«

»Von einem unbekannten Dichter und Componisten. Im Grunde sind die Worte keine Verse, die Melodien keine Noten; denken Sie sich die klagenden Töne des Windes, das Säuseln der Aeolsharfe, das leise Rauschen des abfallenden Laubes in einer Octobernacht, und Sie können sich im Voraus einen Begriff von dem machen, was Sie hören werden.«

Ich höre mit Andacht zu.«

»Wollen Sie eine Erinnerung an Shakespeare, Ihren Lieblingsdichter?«

»Sie werden mir eine Freude damit machen.«

»Nun« so hören Sie.«

Ihre Finger glitten über die Tasten und entlockten denselben wunderbar liebliche, wehmüthige Arcorde; dann begann sie mit seelenvoller, fast verklärter Stimme, in welcher ihr voriger Gesang nicht wieder zu erkennen war:

 
Ophelia, was machst Du an der Quelle?
»Ich pflücke diese Blume die mir winkt.«
Warum blickst Du so traurig in die Welle?
»Frag’ nur den Bach, der meine Thränen trinkt.«
Warum trittst Du in düst’rer Waldesstille
Auf den gefahrvoll glatten Hang,
Zu pflücken Rosmarin und Asphodille?
»Mein Vater ist ja todt, mir ist so bang;
Denn er liebt mich nicht mehr, und meine Seele,
Entrückt der Erde, folgt des Geistes Spur.
In jenem Land der Träume, das ich wähle,
Ist Tod das Leben, lebt die Liebe nur.«
 

Edmée hatte Recht: was sie sang, waren eigentlich keine Noten, keine Verse, es war eine sanfte Klage, ein leiser, wehmüthiger Ausdruck der innersten Gefühle; es waren Verse, die matt nur für sich selbst macht, eine Musik, die nur in tiefer Einsamkeit oder in Gesellschaft des Herzensfreundes gesungen wird.

Dieser Gesang würde mir gesagt haben, daß Edmée mich liebte, wenn sie es mir nicht schon verrathen hätte.

»O theuerste Edmée,« sagte ich leise; »ich will nicht den Wunsch aussprechen, Ihren Mund zu küssen, es wäre zu viel Glück; aber ich möchte noch mehr hören – ich möchte Ihnen immer zuhören.«

»Nehmen Sie sich in Acht,« erwiederte sie; »wenn ich Ihnen etwas aus meiner traurigsten, hoffnungslosen Lebenszeit sänge, würde ich Sie vielleicht für acht Tage verstimmen. Ich kann nicht die Sonne sein für meine Freunde, aber ich möchte auch keine Wolke sein.

»Sie haben Recht, Edmée; in einer zu peinlichen Stimmung würde ich ein Unglück für Sie fürchten.«

Vierter Teil

I

Als wir das Billardzimmer eben betreten hatten, erschien auch der Graf von Chambray. Er war sehr vergnügt. Er trug einen kurzen Rock von schwarzem Sammet, enge lederne Beinkleider und hohe mit Staub bedeckte Reitstiefel. In der Hand trug er eine Sammetmütze, wie sie die Landedelleute von den Jockeys entlehnt haben.

Er begrüßte seine Gäste zuerst insgesammt; aber bevor er Einen von uns anredete, trat er auf die Gräfin zu und küßte ihr die Hand.

»Madame,« sagte er, Ihr gutes Aussehen macht eine Erkundigung nach Ihrem Befinden überflüssig. Ich will mich daher erkundigen, wie es unseren Freunden geht, obgleich man sich unter Ihrer Obhut nur wohl befinden kann.

Dann kam er auf uns zu, verneigte sich vor dem Einen, drückte dein Andern die Hand, je nach dem Grade der Vertraulichkeit, und sagte jedem eine Artigkeit.

Von diesen Complimenten des Grafen bekam ich einen großen Antheil.

»Meine Herren,« sagte er, »hier ist Herr Max von Villiers, den ich Ihnen hiermit als Nichtspieler denuncire. Aber wenn er auch nicht spielt, so kann er doch nicht hindern, daß man für ihn wettet. Ich wette fünfundzwanzig Louisd’or, daß er morgen der König der Jagd sein wird. Ich habe gehört, daß er ein vorzüglicher Schütze sei. Es wird für uns Alle eine Freude sein. Meine Feldhüter sprechen von fünfundzwanzig bis dreißig Völkern Rebhühner. Die Hasen sind gar nicht zu zählen. Gegen Abend treten wir den Rückweg durch ein kleines Gehölz an, wo wir gegen hundert Fasanen und fünf oder sechs Rehböcke finden werden. Das ist nebst einem vom Hunger gewürzten Mahle und einem tüchtigen Spiele Alles, was ich Ihnen anbieten kann.«

Alle dankten dem Grafen einstimmig; Einige für das Vergnügen, welches sie sich auf der Jagd versprochen, Andere für die zu erwartenden Tafelfreuden, noch Andere für das in Aussicht gestellte Spiel.

Dann entfernte sich der Graf, um sich umzukleiden. Die Spieler fingen wieder ihre Poule an, und ich ging mit der Gräfin in den Garten.

Es würde mir schwer werden zu erzählen, was wir uns sagten. Der Inhalt unseres Gespräches ist leicht aus unserer Stimmung zu errathen. Für die Gäste, die uns aus den Fenstern betrachteten – denn wir entfernten uns nicht außer der Gesichtsweite – waren wir Fremde, die von gleichgültigen Dingen plauderten; für uns waren wir zwei übereinstimmende Seelen, zwei harmonirende Stimmen, die eine liebliche Symphonie sangen, zwei auf getrennten Altaren brennende, aber nach Vereinigung strebende Flammen.

Die Tischglocke rief uns wieder ins Schloß.

Jedes Erlebniß jenes Tages ist mir genau erinnerlich, aber ich erlasse Ihnen, lieber Freund, die Schilderung der Tafel und des Abends, wo die Spieler anfingen handgemein zu werden, wie ein Scharmützel einer Hauptschlacht vorausgeht.

»Ich zog mich mit der Gräfin in einen Winkel zurück, und da Niemand, selbst den Grafen nicht ausgenommen, uns beachtete, so konnten wir unser durch die Tischglocke unterbrochenes Gespräch leicht wieder aufnehmen.

So plauderten wir bis eilf Uhr. Das Spiel, obgleich nur die Einleitung zu der eigentlichen Partie, war sehr belebt. Der Graf von Chambray hielt die Bank und gewann viel.

Um eilf Uhr drückte mir die Gräfin die Hand und entfernte sich. Ich blieb nicht lange nach ihr. Ein Diener erwartete mich im Vorsaale, um mir mein Zimmer zu zeigen. Ich mußte, wie mir Gratian gesagt hatte, vor dem Zimmer der Gräfin vorübergehen, nur in das meinige zu gelangen. Die Thür des Corridors war verschlossen. – Wäre ich allein gewesen, ich würde vor ihrem Zimmer niederkniet sein und die Schwelle geküßt haben. Ich sandte ihr einen stillen Gruß zu und sprach leise die Worte: »Incessu patuit Dea.«

Ich fühlte keine Müdigkeit. Eine kleine ausgewählte Büchersammlung war in meinem Zimmer; ich versuchte zu lesen, aber nur meine Augen sahen die Buchstaben, meine Gedanken waren anderswo.

Die Strahlen des Mondes drangen durch die Sommerläden; ich öffnete ein Fenster, vor welchem sich ein Balcon befand.

In dem Augenblicke, als ich es öffnete, schien es mir, als ob das benachbarte, ebenfalls mit einem Balcon versehene Fenster geschlossen würde.

Wahrscheinlich hatte Edmée dieselbe Zerstreuung gesucht.

Sie hatte entweder zufällig ihr Fenster geschlossen, als ich das meinige öffnete, oder sie fürchtete gesehen zu werden und hatte sich absichtlich in ihr Zimmer zurückgezogen.

Ich blieb wohl eine Stunde auf dem Balcon.

Mitten in der nächtlichen Stille hörte ich von Zeit zu Zeit den wie Klangperlen zu mir herübergetragenen Gesang der Nachtigall.

Die wunderliebliche Sommernacht versetzte mich in eine träumerische, wehmüthige Stimmung.

Als ich wieder in mein Zimmer trat und noch einen Blick in die Mondnacht zurückwarf, sah ich eine dunkle, nicht erkennbare Gestalt aus einem Gebüsche schlüpfen, und hinter einer neben dem Gitterthor stehenden kleinen Häusergruppe verschwinden. Ich schloß mein Fenster wieder, aber den Sommerladen ließ ich offen; ich wollte dem Mondschein nicht den Zutritt in mein Zimmer wehren.

Ueberdies sollte ich bei Tagesanbruch aufstehen, und da ich nicht wußte, wann ich einschlafen würde, so wollte ich mich von der aufgehenden Sonne wecken lassen.

Als ich eben ins Bett steigen wollte, bemerkte ich einen Zettel, der unter der in das Ankleidecabinet der Gräfin führenden Thüre hindurchgeschoben worden war.

Ich nahm ihn schnell auf und hielt ihn ans Licht, ich erkannte ihre Schriftzüge und las:

»Freund, ich wäre sehr glücklich gewesen, die durch das Oeffnen Ihres Fensters unterbrochene süße Betrachtung mit Ihnen zu theilen, aber wir wurden beobachtet und ich mußte auf diese Freude verzichten.

Jene Frau, welche Sie an dem Tage, wo wir eine Stunde in Zoe’s Garten zubrachten, gesehen haben, ist einige Schritte von uns in einem Gebüsche versteckt und jeden Augenblick bereit, dem uns belauernden bösen Geiste unser Geheimniß zu verrathen.

»Denken Sie au mich beim Einschlafen und beim Erwachen.

Sie sind mir über Alles theuer, Max.

»Edmée.«

Ich küßte das Briefchen und freute mich fast, daß das schlechte Geschöpf ihr Gelegenheit gegeben, an mich zuschreiben. Dann trat ich an die Thür und lauschte; es war Alles still.

Ich ging zu Bett, las das Briefchen noch einmal und drückte es an mein Herz, bis ich einschlief.

Ich wurde nicht nur durch die ersten Sonnenstrahlen, sondern auch durch den Jäger des Grafen, der von Thür zu Thür ging und anklopfte, in aller Früh geweckt. Georges hatte meinen vollständigen Jagdanzug auf einen Stuhl gelegt. Ich las und küßte das Billet noch einmal,dann kleidete ich mich an.

Der Diener hatte mir gesagt, daß im Speisesaale ein kleiner Imbiß bereit sei. Um eilf Uhr sollten wir in einem Wäldchen in den Ruinen einer gothischen Capelle das Frühstück finden.

Als ich mein Zimmer verließ, that sich die benachbarte Thür einige Zoll weit auf und eine Hand kam hervor, welche offenbar meine Lippen erwartete.

Meine Lippen zögerten nicht, und durch die schmale Thüröffnung bemerkte ich Edmée im weiten Schlafrock;sie hatte ihre angefangene Toilette verlassen, um mich flüchtig zu begrüßen und ihr dunkelblondes anfgelöstes Haar von dessen üppiger Fülle der gewöhnliche Kopfputz keinen Begriff gab, wallte bis fast zur Erde herab.

»O Edmée,« flüsterte ich, »wir danke ich Ihnen! Und wie unaussprechlich liebe ich Sie!«

Eine aufgehende Thür zwang Edmée, ihre Hand zurückzuziehen; aber ehe sie ihre Thür wieder schloß, zog sie schnell aus dem Morgenkleide einen Gegenstand, den sie mir zuwarf.

Es war ein Schnupftuch mit jenem eigenthümlichen Dufte, der mich schon zu wiederholten Malen in ihrer Nähe berauscht hatte.

Ein kleiner Zettel war mit einer Stecknadel daran geheftet. Ich las:

»Sie lieben nicht nur die Pflanze, sondern auch ihren Duft. Nehmen Sie dieses Schnupftuch und trocknen Sie sich an diesem ermüdenden Tage die Stirne damit. Sie sehen, daß ich Sie zu zwingen weiß, an mich zu denken. E.«

Ich drückte das duftende Schnupftuch an meine Lippen, legte das gestrige und das heutige Billet hinein und steckte es in meine Brusttasche.

Wollte mich Edmée nicht einst zum glücklichsten Manne machen, so mußte sie mich sicherlich zur Verzweiflung treiben.

II

Der Graf von Chambray erwartete uns im Speisesaale. Man trank in der Eile eine Tasse Thee oder Kaffee, aß ein paar Eier, nahm Waidtasche und Flinte und verließ mitten unter dem freudigen Gebelle der Hunde das Schloß.

Das Zimmer der Gräfin bot die Aussicht in den Garten, durch den wir gingen. Ich sah mich um und erblickte hinter dem halb aufgezogenen Vorhange ihr lächelndes Gesicht.

Ein kaum bemerkbares Kopfnicken sagte mir, daß sie nur um meinetwillen am Fenster stehe.

Die übrigen Jäger sahen sie nicht, und wahrscheinlich dachte auch keiner an sie.

Der Graf hatte den ganzen Abend ein unverschämtes Glück gehabt, und zwei oder drei Jäger, die in der Nähe wohnten, waren genöthigt gewesen , ihre Diener nach Hause zu schicken, um gegen das Unglück, welches ihnen möglicher Weise auch der zweite Abend bringen konnte, gewaffnet zu sein.

Der Graf hatte die Wahrheit gesagt; die Jagd fing schon am Gitterthore des Parkes an; er gab mir einen seiner Feldhüter und einen guten Hühnerhund. Er hatte auch den Wildreichthum der Feldmark nicht übertrieben.

Ich weiß nicht, ob es Jägerglück war, oder ob der Feldhüter die geheime Weisung erhalten hatte, mich an die besten Stellen zu führen; genug, ich machte keine hundert Schritte, ohne zum Schuß zu kommen. Als wir zum Frühstück anhielten, hatte ich dreißig Stücke erlegt.

Das Frühstück war mit großer Eleganz servirt; der Graf von Chambray wußte, trotz seiner zerrütteten Verhältnisse, immer einen großen Luxus zur Schau zu tragen .

Die besten Bordeaux- und Burgunder Weine flossen in Fülle unter freiem Himmel.

Um zwei Uhr, als die größte Hitze vorüber war, brach die Jagdgesellschaft wieder auf. Der Graf hatte die Marschrute als kundiger Jäger vorgezeichnet, so daß wir überall zum Schuß kamen.

Ich hatte ihn beim Frühstück aufmerksam beobachtet, und zum ersten Male hatte ich ein eigenthümliches Zucken auf der linken Seite seines Gesichtes bemerkt. Dies erinnerte mich an Alfreds Warnung, in seiner Gegenwart nie von Fallsucht und Fallsüchtigen zu sprechen.

Gegen fünf Uhr kamen wir wieder tu die Nähe des Schlosses, und fanden in dem Wäldchen die versprochenen Fasane und Rehböcke.

Nach der Rückkehr in’s Schloß nannte jeder Schütze die erlegte Stückzahl. Ich war, wie unser Wirth prophezeit hatte, der Schützenkönig, denn ich hatte sechzig Stück erlegt. Der Graf hatte siebenundfünfzig; mehr hatte er aus Artigkeit nicht erlegen wollen; denn gegen das Ende der Jagd, wo ich ihm ziemlich nahe war, hatte ich bemerkt daß er sehr schöne Schüsse hätte thun können und das Gewehr nicht einmal anschlug.

Wir hielten unsern Einzug bei Hörnerklang. Die Gräfin kam uns bis auf die Freitreppe entgegen; sie war ebenso gekleidet wie auf Gratians Hochzeit.

Mein erster Blick sagte ihr, daß ich es bemerkte und ihr für die Erinnerung dankte.

»Meine Herren,« sagte die Gräfin, »es ist halb sechs, In einer Stunde wird zu Tische geläutet. Gehen Sie und ruhen Sie sich aus; wir sind auf dem Lande, wo jede Etikette verbannt ist.«

Jeder Gast fand in seinem Zimmer ein Bad.

Die Tafel war nicht mit so gastronomischem Raffinement angeordnet, wie bei meinem Freunde Alfred von Senonches, aber sie war sehr reichlich besetzt wie bei einem großen Pariser Diner. Der Graf machte mit großem Eifer die Honneurs, trank viel und nöthigte seine Gäste zum Trinken. Ich bemerkte, daß das nervöse Zacken in seinem Gesichte häufiger und auffallender wurde, und glaubte zu bemerken, daß die Gräfin ihn mit einiger Unruhe beobachtete.

Beim Dessert wurden Cigarren und süße Weine gebracht. – Die Gräfin stand auf.

Ich war sehr verlegen; Sie wissen, daß mir der Tabaksgeruch unerträglich ist.

Ueberdies sehnte ich mich nach Edmée; ich hatte ihr Vieles zu sagen, was mir erst im Laufe des Tages aufgefallen war.

Der Graf machte meiner Verlegenheit sehr zuvorkommend ein Ende.

»Herr von Villiers,« sagte er zu mir, »ich weiß,daß Sie nicht rauchen, und sich unter Rauchern nicht behaglich fühlen; haben Sie daher die Güte, der Gräfin Gesellschaft zu leisten.«

Dann hielt er die Gräfin auf, welche an ihm vorüberging, um sich in den Salon zu begeben, und sagte freundlich, aber mit gebieterischem Tone zu ihr:

»Sie kennen meinen Wunsch; vergessen Sie ihn nicht.«

Wie leise diese Worte auch gesprochen wurden, ich verstand sie doch, denn ich folgte der Gräfin auf dem Fuße.

Ich nickte dem Grafen zu und ging mit der Gräfin in den Salon.

Die in den Garten führende Glasthür war offen. Es war ein herrlicher Abend.

Die Gräfin trat hinaus und lehnte sich auf das Geländer der Freitreppe. Ich folgte ihr.

»Theuerste Edmée,« sagte ich, »wir sehnte ich mich nach Ihnen – und wie viel habe ich Ihnen zu sagen!«

Sie sah mich lächelnd an.

»Ich fürchte,« erwiederte sie, »daß sich Alles, was Sie mir zu sagen haben, in drei Worte zusammenfassen läßt.«

»Das ist wahr, Edmée; aber in diesen drei Worten liegt das ganze Glück, die ganze Hoffnung meines Lebens. Diese drei Worte sagen Ihnen, daß ich nicht gelebt, bevor ich Sie gesehen; daß ich nicht lebe, wenn ich nicht bei Ihnen bin; daß ich in dieser Welt, die so vielen ehrgeizigen Bestrebungen offen steht, nur nach Ihrer Liebe strebe.«

»Meine Liebe haben Sie, Max,« sagte sie und reichte mir die Hand; »ich habe Ihnen kein Geheimniß daraus gemacht. Das Gefühl, welches Sie in mir geweckt, war mir so neu, daß ich es Ihnen in meiner Ueberraschung gestanden habe. Sie sagen, daß Sie nicht leben,wenn Sie fern von mir sind; ich befinde mich in demselben Falle; fern von Ihnen, lebe ich nur durch den Gedanken an Sie, in Ihrer Abwesenheit habe ich nur den Wunsch, Sie wiederzusehen. Gestern wußte ich wohl, daß Sie nicht zu Bette gehen würden, ohne auf Ihren Balcon zu treten, und ich erwartete Sie auf dem meinigen; eine Bewegung des Laubes verrieth mir die Anwesenheit jenes Geschöpfes das man mir als Spion gegeben. Als Ihr Fenster geöffnet wurde, schloß ich das meinige; aber ich dachte, Sie könnten die Ursache meines Verschwindens mißdeuten und einer kindischen Unterwerfung unter die Forderungen der Convenienz zuschreiben. Ich dachte an Ihre Unruhe, an Ihre bangen Zweifel, lieber Max; es wurde mir klar, daß es nicht genug sei, einen so ausgezeichneten Mann, wie Sie sind, zu lieben, daß ich ihm meine Liebe durch alle mir zu Gebote stehende Mittel beweisen müsse. Die Gefühle, die mir der Erwählte meines Herzens gewidmet, durften nicht durch eitle Koketterie verletzt werden. Da schrieb ich an Sie; es war theils Selbstsucht; theils Liebe in dem Gefühle, das mich dazu trieb. Ich dachte – es lag vielleicht allzuviel Eitelkeit in dem Gedanken – er wird sich freuen über diese Zeilen; er wird den Zettel küssen oder an sein Herz drücken —und ich war glücklich in dieser Ueberzeugung – oder war es nur ein leerer Wahn?«

»O nein, nein!« erwiederte ich und drückte ihre Hand an mein Herz; »nein, ich schwöre es Ihnen, Edmée!«

»Lassen Sie wich ausreden —«

»O, ich will Sie nicht unterbrechen; ich höre Ihnen so gern zu!«

»Heute Früh dachte ich: die Jagdgesellschaft wird bald aufbrechen; wenn er mich nicht vor seiner Abreise sieht, so hat er einen traurigen Tag – und ich auch. Ich stand also vor Sonnenaufgang auf und erwartete Sie. Es verträgt sich nicht mit der Frauenwürde, wie man in der eleganten Welt sagt; ich weiß es wohl, aber warum sollte eine Frau gegen ihren Herzensfreund scheinspröde oder vielmehr falsch sein? Nein, Max, so bin ich nicht! ich erwartete Sie und gab Ihnen nicht nur meine Hand, die Sie mir zurückgeben mußten, sondern auch etwas, das Sie mit nehmen konnten —«

»Ja , ja, dieses Tuch, fiel ich ein und küßte es, »dieses Tuch, das mit Ihrem Mädchennamen E. J. Gezeichnet ist.«

»So! Sie haben es bemerkt?« erwiederte sie erfreut: »ich habe immer gedacht, daß die wahre, über die gemeine Leidenschaft erhabene Liebe sich durch mancherlei zarte Aufmerksamkeiten zeigt und sogar neue Nahrung durch dieselben erhält. Nichts entgeht Ihnen, daran erkenne ich Ihre aufrichtige Liebe.«

»Ja, Edmée ich liebe Sie!«

»Jetzt hüten Sie mich an,« fuhr sie fort. »Ich habe Nathalie auch Caen geschickt; wir können also diesen Abend ein paar Stunden am Fenster plaudern. sich versage Ihnen aus zwei Gründen den Eintritt in mein Zimmer; erstens weil Ihre Anwesenheit nicht schicklich wäre, während der Graf mit seinen Gästen im Salon ist, und zweitens will ich Ihnen aufrichtig sagen, was keine Andere sagen würde: in Sie setze ich kein Mißtrauen, wohl aber in mich selbst —«

»Theuerste Edmée, was sagen Sie da, welche Freude machen Sie mir!«

»Nachdem ich Ihnen meine Liebe gestanden, Max, nachdem ich Ihnen mein Herz geschenkt habe, glaube ich nicht mehr die Kraft zu haben, Ihnen etwas zu verweigern. ; Aber lassen Sie mir meinen freien Willen. Ich glaube das Recht der freien Verfügung über meine Person zuhaben. Machen Sie nicht zur Gefühlsverwirrung was von meinem Willen abhängen sollte. Wenn ich Unrecht habe, so überlassen Sie mir die Verantwortung vor Gott und den Menschen.«

»Edmée! Edmée!« rief ich wonnetrunken, »ich möchte Ihnen zu Füßen fallen und Ihnen sagen, wie ich Sie liebe, Sie bewundere!«

»Lieber Max, ich habe nie absichtlich Jemanden ein Leid zugefügt; warum sollte Gott Sie durch eine von meinem Willen ganz unabhängige Verkettung von Umständen auf meinen Weg geführt haben, wenn diese Begegnung mich zu einem Unrecht verleiten, oder mein Unglück herbeiführen müßte? Nein,« – sie richtete ihre klaren blauen Augen gegen Himmel – »ich glaube an Gottes Allmacht wie an seine unendliche Güte. Seit sechs Jahren, den schönsten Lebensjahren des Weibes, bin ich unglücklich durch die Bosheit der Menschen: aber ich setze mein Vertrauen auf die göttliche Gerechtigkeit. Ich weiß wohl, daß wir einen der kleinsten von den am Firmament glänzenden Weltkörpern bewohnen; aber wenn Gott den zu unseren Füßen kriechenden Wurm, wenn er die Eintagsfliege geschaffen hat, so kann ich mir nicht denken, daß er uns Menschen geschaffen habe, um uns dem blinden Zufall preiszugeben. Nein, wir wollen Glauben und Vertrauen haben, lieber Freund! Es ist ja leichter zu glauben, als zu zweifeln, und der Glaube geht ja Hand in Hand mit Hoffnung und Liebe.«

In diesem Augenblicke kamen die Gäste lärmend in den Salon, wo der Kaffee und das Spiel ihrer warteten.

Der Graf sah Edmée scharf und fragend an, aber statt diese stumme Frage zu beantworten, wandte sie sich ab.

Der Graf zog die Stirne in düstere Falten und stampfte ungeduldig mit dem Fuße; allein die Gräfin schien seinen Aerger nicht zu bemerken.

Mir entging diese lautlose Scene nicht, und ich nahm mir vor, Edmée über die leisem gebieterischen Worte und die zornigen Geberden des Grafen zu befragen.

Eine geheime Ahnung sagte mir, daß ich dabei betheiligt sei.

III

Sobald der Kaffee genommen war, setzten sich die Spieler um den grünen Tisch.

Der Graf hielt wieder die Bank; aber man vertauschte das gestrige Pharao gegen Trente-et-Quarante.

Die Gräfin, welche sich nachdem stummen Streite mit ihrem Gemale entfernt hatte, kam wieder in den Salon, sobald das Spiel begann.

Der Graf hatte zwei Hände voll Goldstücke aus den Taschen genommen. Er zählte sechstausend Franks ab. Dann fing er an abzuziehen.

Er war so eifrig mit dem Spiele beschäftigt, daß er das Wiedererscheinen der Gräfin nicht bemerkte oder nicht beachtete.

Edmée setzte sich zu mir.

Es schien mir, daß uns der Graf einen flüchtigen Blick zuwarf.

»Fürchten Sie nicht,« fragte ich sie, »daß der Graf Ihre Güte, die mich so glücklich macht, ungern bemerken wird?«

»Nein,« sagte sie, »ich weiß, was ich thue und thun kann; der Graf ist gar nicht eifersüchtig – wenigstens nicht in dem Sinne, wie Sie es nehmen.«

Ich sah sie erstaunt an.

»Hören Sie,« setzte sie hinzu. »Ich habe Ihnen noch etwas zu sagen. Als ich mich so eben entfernte, war ich entschlossen, nicht wieder zu kommen; aber vielleicht würden Sie meine Abwesenheit übel gedeutet und gedacht haben, ich wisse das Glück Ihrer Gesellschaft nicht zu schätzen. Ich will Ihnen keinen Anlaß zu dem leisesten Zweifel geben. Ich bin also wieder gekommen, um Ihnen zu sagen, ich habe einen sehr triftigen Grund, nicht hier zubleiben; ich gehe in mein Zimmer, um an Sie zu denken. Verlassen Sie den Solon nicht zu früh, aber Sie sind auch nicht genöthigt, bis in die späte Nacht zu bleiben. Wenn die Spieler recht eifrig auf ihre Karten verpicht sind, so begeben Sie sich in Ihr Zimmer. Der Mond geht erst in zwei Stunden auf. Löschen Sie Ihre Lichter aus, und man wird glauben, Sie hätten sich, von Ihrem Jagdtage ermüdet, zur Ruhe begeben. Da unsere Balcone ziemlich weit von einander entfernt sind, und unsere Hände sich nicht erreichen können, so werden Sie, wie diesen Morgen, im Vorbeigehen meine Hand finden.«

Werde ich auch, wie diesen Morgen, Ihr schönes, herabwallendes Haar finden?«

»Finden Sie es schön?«

»O, Sie wissen ja selbst, daß es von herrlicher Farbe und von üppiger Fülle ist.«

»Soll ich es abschneiden und Ihnen zugleich mit meiner Hand zur Thür hinausreichen?«

»Gott im Himmel, das wäre eine Frevelthat.«

Ihr Gesicht nahm einen unaussprechlich reizenden, wehmüthigen Ausdruck an.

»Von setzt an, Max,e sagte sie, »ist mein Haar Ihr Eigenthum, sobald Sie es verlangen, gebe ich es Ihnen.«

»Nein, nie!«

»Dann geben Sie mir ein Versprechen, Max. Wenn ich früher sterbe als Sie —«

»Was sagen Sie da!» fiel ich ein.

Sie legte ihre Hand auf die meinige und setzte mit sanft gebietendem Tone hinzu:

»Wenn ich früher sterbe als Sie, so versprechen Sie mir, mein Haar auf irgend eine Art in Ihren Besitz zu bringen. Wenn ich Zeit habe, es abzuschneiden, wenn ich mit vollem Bewußtsein scheide, so sende ich es Ihnen durch Zoe —«

»Edmée, fühlen Sie denn nicht, daß Sie mir das Herz brechend?«

»Wenn ich plötzlich sterbe,» fuhr sie fort, »wenn ich begraben werde, ohne daß ich Zeit habe, es Ihnen zu schicken, so steigen Sie in die Gruft hinunter, öffnen meinen Sarg und schneiden es selbst ab.«

»Welch ein schauerlicher Gedanke, Edmée!«

»Warum denn schauerlich? Sehe ich denn traurig aus? Nein, Max, sehen Sie mich nur an. – Es ist jetzt zehn Uhr. Also heute, den 3. September, um zehn Uhr Abends, versprechen Sie mir, daß Sie dieses Haar, das Sie so schön gefunden, von dem Haupte der Todten abschneiden wollen, wenn die Sterbende nicht Zeit gehabt hat, es Ihnen zu senden.«

»Ich verspreche es Ihnen, Edmée,» erwiederte ich; »dieses Haar soll in der Ewigkeit auf meinem Herzen ruhen.«

»Ich danke für das Versprechen.«

Sie stand auf. Ich glaubte zu bemerken, daß ihr der Graf einen noch zornigeren Blick zuwarf als vorhin; aber die Gräfin entfernte sich mit ihrer gewohnten Ruhe und Gelassenheit.

Als sie fort war, näherte ich mich dem Spieltische. Das Glück hatte sich gewendet, der Graf verlor unaufhörlich. Einer der Spieler hatte die Bank gesprengt, und der Herr vom Hause pointirte nun. Hände voll Goldstücke kamen aus seinen Taschen und wurden verschlungen, als ob sie in einen Abgrund geworfen würden. Sein Gesicht verrieth, außer dem immer häufiger werdenden nervösen Zucken, nicht die mindeste Gemüthsbewegung. Von jedem Credenzteller, der von den Bedienten herumgereicht wurde, nahm er ein Glas Punsch oder Champagner; bald wurden seine Taschen leer, und ich sah, wie er mit fieberischer Hast ein nettes Spiel Karten zerriß und auf die Rückseite derselben Zahlen schrieb, welche das Gold ersetzen sollten. Er mochte wohl fünfzehn bis zwanzigtausend Francs schuldig sein.

Er war so eifrig mit dem Spiele beschäftigt, daß ich den Salon verlassen konnte, ohne von ihm beachtet zu werden. Ich ging fort; nicht ein einziger Spieler sah sich nach mir um. Das Schloß hätte brennen können, und Niemand würde sich darum gekümmert haben.

Der Vorsaal war leer; die Dienerschaft schien in der Küche zu sein und ich ging daher ungesehen die Treppe hinauf.

Edmée erwartete meine Ankunft an der angelehnten Thür und reichte mir freundlich lächelnd die Hand; ihr Haar war aufgelöst wie am Morgen. Ich dankte ihr dafür.

»Sie haben es ja gewünscht,« sagte sie.

Ich drückte dieses wundervolle, üppige Haar an mein Herz und küßte es; dann ging ich wonnetrunken in mein Zimmer.

O, wie wenige Frauen wissen, wie sehr der Werth einer Gunst durch die Art sie zu gewähren erhöht wird. Zartfühlende liebende Wesen geben doppelt, gemeine Seelen nur halb; jene machen überglücklich, diese reizen nur die Lüsternheit und lassen das Herz kalt.

Ich ging in mein Zimmer und zündete kein Licht an.

Ich öffnete das Fenster. Edmée war schon auf ihrem Balcon.

»Sind wir allein?« fragte ich.

»O ja, ganz allein sagte sie, »insoferne als man mitten in der Natur, wo Alles lebt und pulsirt, allein sein kann.«

»Und wo Alles liebt,« setzte ich hinzu. »Wie sollte ich zumal in diesem Augenblicke gehobener Stimmung das allgemeine, nicht von Nacht und Schlummer unterbrochene Leben der Natur nicht fühlen? Die Hälfte der erschaffenen Wesen schläft und ruht sich ans, die andere Hälfte wacht und ist thätig. – Nein, liebe Edmée, ich fragte nur ganz prosaisch ob Sie keine Störung fürchten, ob Sie Ihre Thür, verschlossen haben.«

»Ich habe aus alter Gewohnheit meine Thür verschlossen; kleine Mädchen fürchten sich immer, und diese Furcht vor einer unbekannten Gefahr ist für geblieben und das Verriegeln zur Gewohnheit geworden. Uebrigens ist meine Thür, gleichviel ob offen oder verschlossen, ein Bollwerk, das Niemand überschreitet und die Schwelle hat sowenig wie die meines Stübchens zu Juvigny der Fuß eines Mannes betreten.«

»Edmée,« sagte ich in heftiger Aufregung, »Sie deuten auf etwas Unglaubliches hin, das mich fast wahnsinnig macht, wenn ich daran denke. Edmée, um des Himmelswillen, erklären Sie mir, was Sie meinen.«

»Der Augenblick ist noch nicht gekommen, Freund; wahrscheinlich werden Ihnen einst alle Räthsel meines Daseins gelöst werden; aber übereilen Sie sich nicht. Für jetzt lassen wir Gott walten. – Was machte der Graf, als Sie den Salon verließen?«

»Ich weiß nicht, ob ich es Ihnen sagen darf, arme Freundin; denn wie wenig Werth auch die Gitter dieser Welt für Sie haben, so werden Sie doch durch den Gegenschlag dieser unseligen Leidenschaft des Grafen sehr schmerzlich getroffen. Als ich fortging, verlor er sehr viel.«

»Der Unsinnige!«

»Jetzt noch eine Frage, Edmée. Während des ganzen Abends glaubte ich zu bemerken, daß er etwas von Ihnen erwarte und daß Sie seine gebieterisch fragenden Blicke nicht beantworten wollten.«

»Sie haben’s bemerkt, Max?«

»Ja, und ich gestehe, daß seine Blicke und seine Zeichen der Ungeduld mich etwas besorgt gemacht haben. Was wünschte, oder vielmehr was verlangte er von Ihnen?«

»Einen Theil Ihrer Frage kann ich beantworten, den andern muß ich unbeantwortet lassen. – Er will, daß ich zu dem Verkauf dieser Besitzung Bernay, meines letzten Erbgutes, meine Einwilligung gebe.«

»Sie haben mirs in Ihrem Schlummer gesagt, und während meines kurzen Aufenthaltes in Paris habe ich mich überzeugt, daß Sie recht gesehen.«

»Diese Angelegenheit geht ihm also im Kopfe herum? In drei Jahren hat er zwei Millionen vergeudet. Ich gestehe, daß ich Bedenken trage, diesen letzten Ueberrest meines Erbtheils hinzugeben und eine Bettlerin zu werden. Wenn Bernay verkauft ist, haben wir nichts mehr. Und mit meiner Vollmacht versehen, hat er schon hunderttausend Francs Schulden auf diese Besitzung gemacht; aber die Vollmacht ist erloschen und ich weigere mich, eine andere zu unterschreiben. Er hat einen Kaufvertrag in welchen nur der Kaufschilling und der Name des Käufers zu setzen sind, von Paris mitgebracht, und gestern und vorgestern haben wir wiederholten lebhaften Wortwechsel über diese Angelegenheit gehabt. Mit dem Manne, den ich liebe, mit Ihnen Max, würde ich mich freudig in beschränkte Verhältisse fügen und selbst die Dürftigkeit mit Ergebung ertragen: aber mit einem ungeliebtem ja verächtlichen und verhaßten Manne ist die Noth doppelt drückend. In Folge des Verlustes, dessen Zeuge Sie waren, werde ich einen neuen Wortwechsel mit ihm haben; meine moralische Kraft wird sich in diesen bevorstehenden Streitigkeiten nicht verläugnen, aber ich fürchte, daß meine physische Kraft gebrochen wird.

Ich wollte eben antworten, als sich Edmée nach ihrem Zimmer umsah und in angstvoller Spannung lauschte.

Gleich darauf wurde ziemlich heftig an die vom Corridor in ihr Zimmer führende Thür geklopft.

»Wer ist da?« fragte Edmée erschreckend.

»Ich bin’s,« antwortete die Stimme des Grafen.

»Max,– sagte sie, sich wieder zu mir wendend, »geben Sie mir Ihr Ehrenwort, nicht ungerufen zu kommen, wenn Sie auch harte Worte und Drohungen hören sollten.«

»Bedenken Sie doch, Edmée —«

»Ihr Ehrenwort, Max! Lassen Sie mich nicht warten.«

»Nun, ich gebe es Ihnen.«

»Es ist gut. – Ich komme schon!» rief sie in das Zimmer hinein.

»Werde ich Sie wiedersehen?«

»Ja.«

Sie schloß das Fenster. – Ich trat ebenfalls mit heftig pochendem Herzen in mein Zimmer. Was war zu fürchten und in welcher Gefahr schwebte diese Frau, die mir mehr als mein Leben war und der ich nicht zu Hilfe eilen durfte?«

IV

Ich trat sogleich an die Verbindungsthür. Edmée hatte mir verboten in ihrem Zimmer zu erscheinen; aber das Horchen hatte sie mir nicht untersagt.

Leider war mein Zimmer, wie schon erwähnt, von dem Zimmer der Gräfin durch ein Ankleidecabinet getrennt, so daß ich die gesprochenen Worte wohl hören, aber nicht verstehen konnte.

Ich hätte in den Corridor gehen und lauschen können; aber wenn ich gesehen würde, konnte meine Neugierde übel gedeutet werden.

Ich trat wieder ans den Balken, aber das Fenster der Gräfin war geschlossen, und man hörte hier noch weniger als an der Cabinetsthür.

Ich kehrte zu dieser zurück und versuchte sie zu öffnen, aber sie war von innen verschlossen. Es blieb mir also nichts übrig, als zu warten.

Die Stimme des Greifen wurde immer lauter und heftiger, Edmée hingegen blieb ganz ruhig.

Ich glaubte meinen Namen zwei- oder dreimal von dem Grafen aussprechen zu hören und ich vermuthete eine Eifersuchtsscene, die wenigstens als Vorwand benutzt wurde. – Meine Unruhe war unbeschreiblich.

Bald nahm die Stimme des Grafen, so viel ich wenigstens hören konnte, einen drohenden Ton an. Ich erinnerte mich der bedenklichen Aeußerungen Alfreds hinsichtlich der Gefahr, in welcher die Gräfin schwebte, und während ich mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte, trat ich langsam zu der Schublade zurück, in welcher die Pistolen lagen, die er mir in der Voraussicht einer ähnlichen Scene gegeben hatte. Ich nahm die Pistolen und steckte sie in meine Beinkleidertaschen.

Plötzlich kamen die Stimmen näher und ich verstand alle Worte, die gesprochen wurden.

Die aus dem Zimmer der Gräfin in das Cabinet führende Thür mußte geöffnet worden sein.

»Wenn Sie nicht fortgehen,« sagte die Gräfin, »und wenn Sie in Ihren Drohungen fortfahren, so bin ich gezwungen, einen Beschützer zu Hilfe zu rufen und einen Fremden zum Zeugen Ihrer unwürdigen Ausschreitungen zu machen.«

»Nun denn,« schrie der Graf, »so möge sich Ihr Geschick vollenden! Sie werden nicht rufen —«

Ich hörte einen Schuß und fühlte einen brennenden Schmerz am linken Arme. Die Thür that sich auf und Edmée stürzte in mein Zimmer.

Ich stand vor dem Grafen. – Ich befand mich in einem unbeschreiblichen Zustande der Erbitterung nicht wegen meiner keineswegs gefährlichen Wunde, sondern wegen der Gefahr, in welcher Edmée schwebte.

Ich trat auf den Grafen zu, ohne meine Pistolen aus der Tasche zu ziehen; ich fühlte mich stark genug, ihn mit meinen Händen zu erwürgen.

»Herr Graf,« sagte ich, auf ihn zuschreitend und einen vernichtenden Blick auf ihn werfend, »Sie sind ein elenden erbärmlicher Wicht, und Ihres Standes unwürdig. Hören Sie wohl, ich sage es Ihnen, Max von Villiers, und ich sage es Ihnen nicht nur im Namen der Gräfin, nicht nur in dem meinigen, sondern im Namen des ganzen französischen Adels.«

Er wich vor mir zurück, bis er an der Wand stand.

Sein Gesicht war erdfahl, seine Lippen zuckten, aber ohne ein Wort zu antworten, schlug er sein zweites Pistol auf mich an.

»Schießen Sie nur,« sagte ich; »Sie sind dann nicht mehr dem Degen eines Ehrenmannes, sondern dem Henkerbeile verfallen.

Ich bot ihm meine Brust. – Edmée aber stürzte mit unglaublicher Schnelligkeit zwischen uns. Der Graf stieß einen fürchterlichen Fluch aus und drückte los.

Durch ein Wunder des Himmels versagte das Pistol.

Ich machte eine Bewegung, um auf den Grafen loszustürzen.

»Max!«– rief mir aber die Gräfin zu, »bei unserer Liebe beschwöre ich Sie: rühren Sie ihn nicht an! Wir müssen unser Glück nicht zerstören. – Sieh nur, die Strafe des Himmels folgt der Unthat auf dem Fuße.«

Ich sah den Grafen an; seine Gesichtszüge waren schrecklich verzerrt. Er begann ein schallendes, unheimliches Gelächter, das in einem Schmerzensschrei endete, und fiel auf den Fußboden, wo er sich in krampfhaften Zuckungen wand.

Ich hielt Edmée umfaßt und betrachtete mit Erstaunen den Verlaufs dieser furchtbaren Krankheit, welche unsere Voreltern in ihrer Unwissenheit den Einwirkungen des bösen Geistes zuschrieben, der nur durch göttliche Hilfe gebannt werden könne.

Ich zog Edmée in mein Zimmer und küßte sie.

»Max,« sagte sie, sich sanft sträubend, »wir können ihn nicht so liegen lassen.«

»Was ist denn zu thun?« fragte ich.

»Wir müssen die Dienerschaft rufen, und ihn in sein Zimmer tragen lassen.«

»Sie haben Recht, er besudelt das Ihrige durch seine Gegenwart.«

Ich wollte den Glockenzug ergreifen, aber Edmée hielt mich zurück.

»Lieber Max,« sagte sie, »vor Allem verlassen Sie mein Zimmer, die Dienstleute dürfen Sie nicht hier finden.

Alle Thüren und Fenster waren geschlossen, man hat weder das Schreien noch den Schuß gehört. Der Graf ist in mein Zimmer gekommen, um Hilfe zu suchen, da er sich unwohl fühlte; er hat seine epileptischen Zufälle bekommen – das muß ich sagen, und man wird es glauben. Sein Kammerdiener ist an diese Zufälle gewöhnt, denn sie wiederholen sich jährlich zwei- bis dreimal. Er wird ihn in sein Zimmer tragen, und Niemand wird erfahren, was vorgefallen ist. – Der Graf selbst wird morgen nichts davon wissen, denn nach jedem Anfalle verliert er das Gedächtniß.«

»Warten Sie,« sagte ich; »wir können es noch besser machen. Ich will den Grafen in sein Zimmer tragen und auf sein Bett legen. Dann schellen Sie und sagen den Dienstleuten, was Sie wollen. Niemand darf jetzt Ihr Zimmer betreten, denn der Pulvergeruch würde verrathen, was vorgegangen ist.«

»Sie haben Recht, Max. Können und wollen Sie ihn forttragen?«

»Um ihn von Ihnen zu entfernen, Edmée würde ich ihn bis in die Hölle tragen.«

Ich neigte mich zu dem Grafen. In Folge dieses heftigen epileptischen Anfalles war er in einen tiefen Schlaf oder vielmehr in Ohnmacht gefallen; seine Augenwaren offen, aber glanzlos; seine Stirn- und Halsadern waren stark geschwollen; seine Lippen waren mit Schaum bedeckt.

Ich hob ihn auf.

»Jetzt führen Sie mich,« sagte ich zu der Gräfin; »ich weiß sein Zimmer nicht zu finden.«

Edmée schaute aus der Thür. Der Corridor war leer, wie sie vermuthet hatte. Man hatte keinen Lärm gehört, weil die Entfernung zu groß und alle Thüren verschlossen waren.

Sie ging voran und ich folgte ihr.

Am andern Ende des Corridors öffnete sie eine Thür.

»Hier ist sein Zimmer,« sagte sie. »Legen Sie ihn auf sein Bett und erwarten Sie mich in meinem Zimmer. Ich komme zu Ihnen, sobald ich ihn seinem Kammerdiener übergeben habe; er weiß, was in solchem Falle zuthun ist.

Ich gehorchte; ich legte den Grafen auf sein Bett und entfernte mich.

Im Corridor hörte ich läuten, und in dem Augen-blicke, wo ich die Thür der Gräfin zumachte, Fußtritte auf der Treppe.

Ich sah mich im Zimmer um.

Auf dem Schreibtische brannten zwei Wachskerzen, und zwischen denselben lag ein auf Stempelpapier geschriebener Kaufvertrag. Datum und Namen waren offen gelassen. Der Vertrag war von dem Grafen, aber nicht von der Gräfin unterzeichnet. Dies war die Ursache des Wortwechsels gewesen.

Ich hörte im Corridor leichte Fußtritte und das Rauschen eines Kleides. Ich eilte an die Thür und öffnete sie. Edmée trat ein.

Ich schloß die Thür hinter ihr und trat mit offenen, Armen auf sie zu.

Sie schlang die Arme um meinen Hals und sagte zärtlich:

»Lieber Max, wie gut sind Sie – und wie würdig des höchsten Glücks! – O mein Gott!« setzte sie erschrocken hinzu, »was fehlt Ihnen denn? Sie sind ja mit Blut bedeckt.«

Erst jetzt dachte ich an meine Wunde.

»Es ist nichts,« sagte ich lächelnd.

»Wie! es ist nichts?« erwiederte sie erblassend und einer Ohnmacht nahe.

»Nein, liebe Edmée, es ist ganz unbedeutend. Die Kugel, welche Sie zum Glück nicht getroffen, ist durch die Thür gedrungen und hat meinen Oberarm gestreift, denn ich stand an der Thür, zur schleunigen Hilfe bereit. Ich will in mein Zimmer gehen, um diese Blutflecke zu beseitigen. . .«

»Nein, Max,« entgegnete sie; »Sie sind mein Ritter, und wie die alten Burgfrauen will ich Ihre Wunde verbinden. Geschwind, lassen Sie sehen.«

Ich wollte mich sträuben.

»Tausend Dank, liebe Edmée, Sie sind zu gütig. Aber es könnte Jemand kommen . . .«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß Niemand mein Zimmer betritt.«

»Ja, Sie sagten mir’s eine Viertelstunde vor dem Erscheinen des Grafen.«

»Werfen Sie einen Blick auf diese Schrift,» sagte sie, auf den Kaufvertrag zeigend, »und Sie werden sehen, warum er gekommen ist.«

»Ich weiß es schon,,« antwortete ich.

Also geschwind – die Wunde muß verbunden werden.«

Ich ging in mein Zimmer, um meinen Rock auszuziehen, während Edmée die Fenstervorhänge herabließ.

V

Das Ausziehen des engen Fracks verursachte eine neue Blutung der Wunde, so daß diese gefährlicher schien, als sie wirklich war.

Ich ging ganz heiter und wohlgemuth in das Zimmer der Gräfin zurück; aber der ganz in Blut getränkte Hemdärmel verursachte ihr einen großen Schrecken.

Die Kugel hatte nur das Fleisch verletzt, zugleich aber eine kleine Ader zerrissen; daher kam die starke Blutung Edmée wusch die Wunde aus, legte eine in Eiswassergetränkte Compresse darauf, band ein Schnupftuch darum, und befestigte den Verband mit einer seidenen Schnur.

Der geschickteste Wundarzt hätte es nicht besser machen können; die Hand eines liebenden weiblichen Wesens ist zur Pflege der Leidenden und zur Linderung der Schmerzen geschaffen. Der Augenblick der Erklärung war gekommen. Nach seiner Rückkehr von Paris hatte der Graf von Chambray wiederholt versucht, die Gräfin zur Unterzeichnung einer Vollmacht oder eines Kaufvertrages zu bewegen, aber sie hatte es entschieden verweigert. Der Graf brauchte Geld zur Bestreitung seines Haushaltes und zumal um den unersättlichen Dämon des Spieles zu befriedigen; er machte deshalb eine kleine Rundreife zu seinen Pächtern. Einige derselben waren im Rückstande, und diese hatte er zur Zahlung gezwungen; andere hatten vorausbezahlt; noch andere hatten, um ihren Pacht unter besseren Bedingungen zu erneuern, in einen Leihkauf gewilligt.

Der Graf war mit etwa zwölftausend Franks zurückgekommen.

Obgleich er mit dieser Summe die dringendsten Bedürfnisse befriedigen konnte, hatte er die Gräfin zur Unterzeichnung der bereitliegenden Schrift gedrängt; er hatte versichert, ich sei geneigt, das Gut Bernay zu kaufen, und da ich schon Besitzer von Juvigny sei, könne ich auch Bernay dazu kaufen.

Ein Wort der Gräfin hatte er gemeint, würde mich zu einem festen Entschlusse bringen, wenn ich etwa noch schwankte. Aber Edmée hatte nicht nur ihre Unterschrift hartnäckig verweigert, sondern auch verschmäht, mich zum Ankauf der Besitzung einzuladen. Daher die fragenden Blicke des Grafen, und daher die Aeußerungen der Ungeduld über die Gleichgültigkeit der Gräfin.

Der erste Abend hatte dem Grafen Glück im Spiel gebracht; er hatte etwa zehntausend Franks gewonnen und so sein Spielcapital fast verdoppelt. Aber der zweite Abend war stürmisch gewesen ; der Graf hatte nicht nur seine ganze Baarschaft sondern auch dreißigtausend Franks auf Ehrenwort verloren. Die Gräfin mußte daher entweder in eine neue Anleihe oder in den Verkauf von Bernay willigen.

In dieser Bedrängniß, und überdies durch Punsch und Champagner aufgeregt hatte er die Spielgesellschaft verlassen und ein Paar Pistolen aus seinem Zimmer geholt. Er hatte wohl nicht die Absicht gehabt von den Mordwaffen Gebrauch zu machen, diese sollten wahrscheinlich nur zur Einschüchterung dienen. So hatte er, mit dem Kaufvertrage in der Hand, an die Thür der Gräfin geklopft.

Sie hatte den Balcon verlassen und die Thür geöffnet.

Der unterbrochene Wortwechsel hatte nun wieder begonnen. Der Graf hatte verlangt Edmée sollte den Kaufvertrag auf der Stelle unterschreiben und mir den andern Morgen den Antrag machen.

Die Gräfin war standhaft in ihrer Weigerung geblieben. Sie hatte sich indes; bereit erklärt ihre Zustimmung zu dem Verkauf zu geben, wenn von der Kaufsumme hundertzwanzigtausend Franks genommen würden, um in ihrem Namen Juvigny zurückzukaufen. Sie wollte mich dann ersuchen, ihr dieses Gut wieder abzutreten; eine völlige Scheidung sollte ihr für die Zukunft ihre Freiheit sichern.

Aber dieser Vorschlag machte einen zu langen Aufschub nothwendig. Ueberdies hatte der Graf das Gut Bernay bereits mit hunderttausend Francs belastet; nach Abzug der hundertzwanzigtausend, welche die Gräfin zum Rückkauf von Juvigny verlangte, schmolz die zu seiner Verfügung kommende Summe auf achtzigtausend Francs zusammen, denn er konnte wohl nicht mehr als dreihunderttausend Francs baar erhalten. Dreißigtausend Francs Spielschulden mußte er bezahlen, es blieben ihm also nur fünfzigtausend. Diese Summe war aber ungenügend für seine hochfliegenden Pläne; er wollte nämlich nach Homburg gehen und mit Hilfe gewisser Combinationen, die er für unfehlbar hielt die Bank sprengen. Zur Ausführung dieses Planes brauchte er aber mindestens hunderttausend Francs.

Der Vorschlag hatte daher den Zorn des Grafen nur vermehrt Er war dringender, heftiger geworden, er hatte zu Drohungen seine Zuflucht genommen; aber die Gräfin hatte sich standhaft geweigert. Endlich hatte er ein Pistol aus der Tasche gezogen. Das Uebrige wissen Sie, Freund.

Mein Einschreiten hatte die Wuth des Grafen noch verdoppelt und den epileptischen Zufall, der dem Auftritt ein Ende machte, verursacht.

Edmée erzählte den ganzen Hergang der Sache mit ihrer ganzen Aufrichtigkeit und Herzenseinfalt. Dann stand sie auf, trat an den Schreibtisch, nahm die Feder und unterschrieb den Kaufvertrag.

»Was machen Sie da?« sagte ich.

»Lieber Max,« antwortete sie, mit dem Entschlusse, den ich gefaßt will ich nichts mehr mein Eigen nennen, als mich selbst. Gott wird für Alles sorgen,« fügte sie mit erhobenem Blicke hinzu.

Ich sah sie mit inniger Zärtlichkeit an.

»Jetzt mein geliebter Max,« sagte sie, » sage ich Dir ohne Bedenken, daß ich dein bin auf ewig.«

Ich schloß sie in meine Arme und suchte ihre Lippen, die den meinigen entgegen kamen.

Dann entwand sie sich meinen Armen und fügte hinzu:

»Ja, Max, von dieser Stunde an bin ich dein.«

»Edmée! Edmée!« rief ich.

»Aber nicht unter dem Dache dieses Mannes, nicht nach diesem stürmischen Auftritte, nicht während er krank liegt und Fremde uns umgeben. Unsere Liebe, Max, hat nichts gemein mit den gewöhnlichen conventionellen Verhältnissen; hat mich doch die Vorsehung in eine ganz ungewöhnliche Stellung gewiesen, wahrscheinlich damit ich dem Erwählten meines Herzens angehören könne. Nicht als ob ich einst zu bereuen hätte, mich Dir ergeben zuhaben, ich erkläre Dir nochmals, daß ich ohne Reue über mich verfügen kann; aber es soll unser reines Bewußtsein nicht durch die kleinste Wolke getrübt werden. Geh, theuerster Herzensfreund, und laß mich allein mit meiner Liebe. Morgen Früh um sieben Uhr wollen wir in der Kirche zusammentreffen; ich werde Dir nochmals geloben, im Leben und im Tode nur Dir anzugehören, und Du wirst dein heutiges Versprechen wiederholen. – Auf Wiedersehen mein geliebter Max; Du nimmst mich in deinem Herzen mit fort ich behalte Dich in meinem Herzen, wir trennen uns nicht.»

Sie küßte mich noch einmal und drängte mich mit sanfter Gewalt in mein Zimmer.

Ich hatte das Paradies im Herzen. Edmée hatte eine himmlische Ueberredungsgabe; jedes Wort das aus ihrem Munde kam, hatte einen eigenthümlichen Zauber. Sie schien in dem Schimmer eines überirdischen Lichtes durch das Leben zu wandeln. Sie hatte für mich etwas von dem Wesen eines Schutzengels den Gott auf die Erde zu meiner Führung gesandt.

Diese Nacht vom 4. zum 5. September war, trotz des erschütternden Auftrittes eine der glücklichsten meines Lebens. Ich weiß nicht ob ich schlief oder wachte; ich weiß nur, daß ihr Bild meinem Geiste beständig vorschwebte.

Vor sieben Uhr kleidete ich mich an und ging hin-unter.

Es war noch Alles still im Schlosse. Niemand begegnete mir, nur im Hofe traf ich einen Stallknecht. Ich sagte ihm, er möge Georges wecken und ihm in meinem Namen den Befehl geben, anzuspannen und mich vor Gratians Hause zu erwarten.

Dann verließ ich den Schloßhof.

Nach dem stürmischen Auftritte der letzten Nacht mochte ich den Grafen nicht wiedersehen, wenn er auch Alles vergessen hatte, wie mir Edmée gesagt; es wäre mir ganz unmöglich gewesen, ihm die Hand zu drücken. Wie hätte ich ihn an das Vorgefallene erinnern können, wenn er das Gedächtniß verloren hatte?

In wenigen Minuten erreichte ich die Kirche. Die Thür war offen; ich trat ein. Zu meinem großen Erstaunen war Edmée schon da; sie kniete an derselben Stelle, wo sie gebetet hatte, als ich zum ersten Male in die Kirche gekommen war.

Ich wollte einige Schritte von ihr niederknien; sie aber winkte mir und sagte:

»Kommen Sie näher.»

Ich rückte meinen Betstuhl näher.

»Schon hier?« fragte ich.

»Ich bin seit Sonnenaufgang hier,« sagte sie; »ich fühlte das Bedürfniß, mich allein mit Gott zu unterhalten. Jetzt ist mein Herz leicht und mein Gewissen ruhig. – Jetzt wiederholen Sie mir das Versprechen, welches Sie mir schon gegeben; ich weiß nicht, warum ich so in Sie dringe, aber ich kann es nicht unterlassen.»

»O, ich gebe Ihnen das Versprechen von Herzen gern,« erwiederte ich.

»Hier ist der Schlüssel zu der Gruft,« sagte sie; »von jetzt an gehört sie uns Beiden.«

Dann stand sie auf.

»Begleiten Sie mich bis an die Thür,« sagte sie; »dann scheiden wir.«

»Aber doch nicht auf lange Zeit?«

»Nein, ich verspreche es Ihnen; denn ich kann Ihre Gegenwart nicht lange entbehren. – Kehren Sie nach Reuilly zurück und erwarten Sie dort einen Brief von mir.«

Wir gingen mit einander aus der Kirche.

»Auf baldiges Wiedersehen!« sagte sie zum Abschiede.

»So sey es!« antwortete ich.

Sie begab sich ins Schloß zurück; ich entfernte mich in entgegengesetzter Richtung.

Ich ließ mir von Gratian eine Feder und Papier geben und schrieb an meinen Notar:

»Lieber Herr Loubon. Sie können mit dem Grafen über den Kauf des Schlosses und der Herrschaft Bernay für die Summe von siebenmal hunderttausend Francs unterhandeln und ihm dreimal hunderttausend Francs baar auszahlen. Wenn Sie diese Summe nicht verfügbar haben, so wenden Sie sich an Alfred von Senonches.

»Bernay, 5. September.«

Ich trug diesen Brief selbst auf die Post, und gegen eilf Uhr war ich wieder in Evreux.

»Ich wette,« sagte Alfred, »Du hast Bernay gekauft.

»Wette nur, Du wirst gewinnen,« antwortete ich lächelnd.

»Dann brauchst Du Geld.«

»Vielleicht Herr Loubon wird Dir wahrscheinlich in dieser Angelegenheit schreiben.«

»Und für jetzt?«

»Für jetzt lieber Freund, bin ich der glücklichste Mensch von der Welt.«

»Man kann also glücklich sein, ohne Präfect zu sein,« sagte Alfred. »Auf Ehre, das habe ich nicht gewußt.«

VI

Fünf Tage später, nämlich am 10. September, erhielt ich von meinem Notar einen Brief, worin er mir anzeigt, daß der Kauf des Gutes Bernay abgeschlossen sei, und daß er, ohne eine Anleihe zu machen, dem Grafen Chambray zweihunderttausend Franks ausgezahlt habe. Die übrigen hunderttausend habe er verabredetermaßen zurückbehalten, um die Hypothek zu löschen.

Am 12. erhielt ich von Edmée folgendes Billet:

»Der Graf reist diesen Abend nach Homburg ab; morgen um fünf Uhr Nachmittags bin ich in Juvigny.

»Deine Edmée.«

Sie hielt Wort Sie verlangte keinerlei Vorsicht von mir; vielleicht war sie frei und glaubte ihre Freiheit mit siebenmal hunderttausend Franks theuer genug bezahlt zuhaben.

«Die Vorsichtsmaßregeln, welche sie außer Acht gelassen, beschloß ich zu ergreifen: ich wollte mich allein und zu Pferde nach Juvigny begeben und in der Nacht fortreiten, um vor Tagesanbruch einzutreffen. Wenn ich dann das Schloß nicht verließ, so konnte meine Anwesenheit zu Juvigny unbekannt bleiben und nur Josephine in das Geheimniß eingeweiht werden.

Alfred, dem ich meinen neuen Ankauf anzeigte, wollte mich durchaus zum Mitgliede des Generalconseils ernennen lassen. Er versicherte, daß ich als intelligente Persönlichkeit eine der ersten Zierden des Departements sein würde, wenn ich die Ernennung annähme. Ich lehnte die Ehre ab; ich fühlte keinen Beruf zu politischer Thätigkeit.

Alfred war gewohnt mich unerwartet in Reuilly erscheinen und eben so unerwartet wieder verschwinden zusehen. Ich konnte zwar nicht hoffen, ihm etwas zu verheimlichen, denn er hatte eine sehr wachsame Polizei; aber ich verließ mich auf seine Discretion.

Abends bei Tische sagte er plötzlich zu mir:

»Schade, daß Du kein Spieler bist!!«

»Du beklagst es?«

»Ja wohl.«

»Warum denn?«

»Weil ich es als ein Unglück betrachte, eine Leidenschaft nicht zu kennen, welche die ganze Lebensthätigkeit dergestalt in Anspruch nimmt daß man das Leben vergißt.«

»Und was würde geschehen, wenn ich ein Spieler wäre?«

»Wenn Du nach Homburg gingest würdest Du einen deiner würdigen Partner finden.«

»Du meinst den Grafen von Chambray?«

»Ja; er wird diesen Abend nach Homburg abreisen. Uebrigens glaube ich Dir nichts Neues zu sagen, nicht wahr?«

»Nein,« antwortete ich lächelnd, »ich habe es schon gewußt.«

»Und Du Undankbarer sagst mir nicht, daß wir uns in Folge dieser Reife auf einige Tage trennen werden?«

»Warum sollten wir uns denn trennen?«

»O, ein neuer Gutsbesitzer muß doch seine Besitzung besichtigen, wenn er, wie Du, ein ordnungsliebender Mann ist. Und ist er, wie Du, ein Weltmann, so wird er die Artigkeit haben, die Abwesenheit des früheren Eigenthümers abzuwarten, um diesen Besuch zu machen.«

»Haft Du mir für den Fall, daß es meine Absicht wäre, auch einen guten Rath zu geben?« fragte ich lachend.

»Hast Du etwa Ursache gehabt die Befolgung des guten Rathes, den ich Dir bis setzt gegeben, zu bereuen?«

»O nein, dein Rath ist immer gut gewesen, und deshalb erbitte ich mir denselben von neuem.«

»Für den Augenblick glaube ich, daß Du nichts zu fürchten hast. So lange als die zweihunderttausend Francs anhalten, wird der Graf von Chambray in Homburg bleiben: aber wenn er Alles verspielt hat, wird er in Bernay erscheinen wie ein Dieb in der Nacht. Ein Mann,der aber zweihunderttausend Francs verloren und nur noch vierhunderttausend zu verlieren hat, ist natürlich sehr übler Laune; es ist besser, ihm aus dem Wege zu gelten, als ihm zu begegnen. – Wie lange kann er noch in Bernay wohnen?«

»Er hat ein halbes Jahr verlangt; aber ich bin bereit, die Frist nach seinem Belieben zu verlängern.«

»Nun ja, ist bequem für Dich, daß er in der Nähe von Juvigny wohnt; denn vermuthlich wird Juvigny künftig dein Lieblingsaufenthalt sein. Ein neuer Gutsbesitzer hat den früheren Eigenthümer immer um Manches zu fragen. – Ich glaube, daß Du mit dem Abbé Morin auf einem etwas gespannten Fuße stehst; wenn Du Dich mit ihm aussöhnen kannst so thue es, wenn Du nicht etwa Gelegenheit hast ihn wie eine Raupe zu zertreten. In diesem Falle werde ich Dir behilflich sein. Ich habe gewisse Nachrichten über ein Ursulinerinnenkloster, die in einem scandalösen Prozesse nicht ohne Interesse sein würden. Ueberdies ist eine meiner Tanten eine Cousine des Erzbischofs von Paris.«

»Ich danke Dir, lieber Alfred,« antwortete ich. »Du würdest Dich nicht bestimmter erklären können, wenn Dir meine Gedanken bekannt wären. Es ist wahr, ich kann den Abbé Morin nicht leiden, und ich glaube, daß er mich haßt. Aber was soll dieser Mann gegen mich vermögen?«

»Lieber Freund, es gibt ein Stück von einem gewissen Molière, ich weiß nicht ab Du es kennst; es führt den Titel: »Tartusse«; Ein geistlicher Herr wirft lüsterne Blicke auf Madame Elmire, die Frau seines Wirthes, und macht allerlei Umtriebe, deren ich mich nicht mehr genau erinnere. Wenn Du sie auch vergessen hast so nimm Molière’s Werke aus meiner Bibliothek und lies in deinen Mußestunden den »Tartusse«; es ist eine gute Lektüre. – Auf Wiedersehen!«

Alfred stand auf und ging. – Ich konnte nun thun was mir beliebte.

Um eilf Uhr Abends ging ich in den Stall und sattelte ein Pferd. – Um zwei Uhr Nachts war ich in Juvigny. Ich weckte die alte Josephine und nahm Besitz von dem grünen Zimmer. Die Alte erhielt gemessenen Befehl meine Ankunft nicht zu verrathen.

Im Laufe des Tages durchwanderte ich den ganzen Park und besuchte die Orte, von denen mir die Gräfin erzählt hatte. Sonderbar! der Gedanke an jenen Abschnitt ihres Lebens beschäftigte mich am meisten, und ich war eifersüchtiger auf den verstorbenen Montigny, als auf den lebenden Grafen von Chambray.

Ich sagte Josephinen, daß die Gräfin zum Diner ankommen werde; sie solle daher zum Empfange ihres »Herzchens« – wie sie sie nannte – die nöthigen Vorkehrungen treffen.

Die alte Frau war überglücklich.

Von vier Uhr an war ich am Gitterthore und schaute auf die Landstraße.

Um halb fünf Uhr bemerkte ich einen Einspänner,der sich so schnell näherte wie das unaufhörlich angetriebene magere Pferd laufen konnte.

In dem Fuhrmanne erkannte ich Gratian. Im Wagen saß eine verschleierte Dame.

Meine erste Regung war, ihr entgegen zu eilen; aber ich bedachte, daß wir uns mitten im Dorfe begegnen und Aufsehen machen würden. Sie hatte mich gewiß gesehen; ich trat daher in den Park zurück und erwartete sie.

Fünf Minuten nachher fuhr der Wagen in das Gitterthor. Gratian hielt an, als er mich sah. Ich eilte an den Wagen und empfing Edmée in meinen Armen.

Das Schloß war fünfzig Schritte vom Gitterthore entfernt; aber ganz nahe an dem letzteren war ein Gebüsch; ich führte Edmée an dieses einsame Plätzchen und drückte sie an mein Herz.

Solche Gefühle finden durch Worte keinen Ausdruck; die höchste Freude ist stumm wie der tiefste Schmerz. Nur unsere Namen wurden von Zeit zu Zeit gehaucht ein »Ich liebe Dich« gelispelt; unsere halb erstaunten, halbseligen Blicke hingen an einander und mit unaussprechlicher Wonne fühlten wir unsere Herzen zusammen schlagen.

So verging vielleicht eine Viertelstunde, ohne daß wir ein zusammenhängendes Gespräch anzuknüpfen vermochten. Endlich führte uns der Zufall zu einer Bank; wir setzten uns, und erst jetzt wurden wir ruhiger, gefaßter.

Bald kam Josephine, um uns anzuzeigen, daß der Tisch gedeckt sei.

Unsere kleine Tafel war nicht in dem gewöhnlichen Speisesaale, sondern in einem kleinen Stäbchen des Erdgeschosses gedeckt dessen Fenster nach dem Garten hinausging, und mit Rosenstöcken und Schlingpflanzen ganz geschlossen war, so daß nur wenige dünne Strahlen der untergehenden Sonne bis zu uns dringen konnten.

Dieses Mahl gehört zu unsern liebsten Erinnerungen. Das Glas wechseln, von einem Teller essen, abwechselnd in eine Frucht beißen, den Duft einer Blume einathmen,das Essen vergessen, um einander anzusehen und die Hand zu drücken. Alles dies ist der Frühling der Liebe, der Lebensmai.

Während wir bei Tische saßen, brach die Nacht an. Es war einer jener lieblichen Septemberabende, welche mit der letzten Glut des Sommers die erste kühle Herbstluft vermischen. Wir gingen in den Garten, und bald ward es unter den Platanen so dunkel, daß wir uns kaum sehen konnten. Ich führte Edmée zu der Bank, wo sie mir auf unserer letzten Reise ihre Lebensgeschichte erzählt hatte. Ich fragte sie, ab sie mir über die geheimnißvolle Seite ihres Lebens nichts mehr mitzutheilen habe; sie erwiederte lächelnd und sich an mich schmiegend:

»Diesen Abend, lieber Max, habe ich keine Geheimnisse mehr vor Dir; ich erzähle Dir nur die Hälfte von dem, was Du wissen willst, das Uebrige wirst Du errathen.«

Wir saßen lange unter der Platane.

Die Dorfuhr schlug; ich zählte die Glockenschläge nach Küssen auf Edmée’s Stirn und Augen.

Es schlug zehn.

»Gehen wir nach Hause?« fragte ich.

»Wenn Du willst mein Geliebter,« sagte Edmée.

»Wohin soll ich Dich führen?«

»In das Stäbchen, das ich als Mädchen bewohnt habe.«

»Wird es von innen verschlossen werden?«

»Ja wohl; ich habe Dir ja gesagt, daß ich zu Dir kommen will.«

»Und wo soll ich Dich erwarten, Edmée?«

»In dem grünen Zimmer.«

»O mein Gott!« sagte ich, »werde ich bis dahin nicht vor Freude sterben?«

Wir begaben uns wieder ins Schloß und gingen die Treppe hinauf. Edmée nahm ein Licht und ging in ihr Zimmer, dessen Thür sie verschloß.

»Erwarte mich,« sagte sie noch einmal.

Ich sank in einen Lehnstuhl. Meine Augen waren erwartungsvoll auf die Thür gerichtet, denn ich konnte mir nicht denken, daß das reizende Wesen, welches bald erscheinen sollte, wieder fortgehen könne.

Bald wurde meine Ungeduld so groß, daß ich die Augen schloß, die Hand auf mein pochendes Herz legte und unwillkürlich flüsterte: Edmée! Edmée!«

Als ob dieser leise Ruf die Kraft gehabt hätte, sie herbeizuzaubern, that sieh die Thür auf und Edmée erschien im weißen Kleide, mit Brautkranz und Orangenstrauß.

Ich empfing sie mit einem Ausrufe des Erstaunens, der Freude, des Entzückens. Ich konnte keine Worte finden – ich streckte meine Arme nach dem Symbol der Jungfräulichkeit aus.

»Begreifst Du jetzt, mein geliebter Max,« sagte sie, »warum der Abbé diesen Mann für mich gewählt hat?

»Nein, nein,« antwortete ich, »noch nicht. Weiter.«

»Es geschah,«– sagte sie, »damit die Witwe, die Frau dem Erwählten ihres Herzens im weißen Kleide und mit dem jungfräulichen Kranze entgegentreten könne.«

»Edmée! Edmée!« rief ich wonnetrunken und schloß sie in meine Arme.

»Jetzt bin ich dein!« sagte sie und sank an mein Herz.

1.Gehört das Pferd Dir?
2.Der persische Name der Nachtigall.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
06 aralık 2019
Hacim:
400 s. 1 illüstrasyon
Telif hakkı:
Public Domain

Benzer kitaplar