Kitabı oku: «Macht und Wort»

Yazı tipi:

Hans Jürgen Kugler, René Moreau (Hrsg.)

Macht & Wort Macht der Sprache – Sprache der Macht

Mit Beiträgen von: Uli Bendick, Maike Braun, Christopher Ecker, Christian Endres, Kai Focke, Klaus N. Frick, Dominik Irtenkauf, Michael K. Iwoleit, Heidrun Jänchen, Hans Jürgen Kugler, Christian Manske, Monika Niehaus, Nicole Rensmann, Alexa Rudolph, Friedhelm Schneidewind, Rainer Schorm, Robert Schweizer, Nele Sickel, Angela und Karlheinz Steinmüller, Andrea Timm, Jörg Weigand, Karla Weigand, Wolf Welling und Werner Zillig.

Und Grafiken von: Uli Bendick, Mario Franke, Jan Hoffmann und Michael Vogt.

Umschlagillustration von: Michael Vogt



Hans Jürgen Kugler, René Moreau (Hrsg.)

MACHT
& WORT

Die Macht der Sprache

– Sprache der Macht


Originalausgabe

© für die einzelnen Texte bei den Autor:innen,

für diese Anthologie bei Hirnkost KG,

Lahnstraße 25 • 12055 Berlin

prverlag@hirnkost.de • www.hirnkost.de

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage, Oktober 2021

Vertrieb für den Buchhandel:

Runge Verlagsauslieferung; msr@rungeva.de

Privatkunden und Mailorder:

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Layout: www.benswerk.com

ISBN:

PRINT: 978-3-949452-19-2

PDF: 978-3-949452-20-8

EPUB: 978-3-949452-21-5

Dieses Buch gibt es auch als E-Book –

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INHALT

Vorbemerkung

Was schreibt, das bleibt

Christian Endres: Die Finger verbrennen, den Geist entfachen

Nicole Rensmann: Reden ist Macht

Rainer Schorm: Ǣmaitjōn – Scissors 4.0

Christopher Ecker: Vom Sitzen unterm Hollerbusch

Computer streiten nicht

Hans Jürgen Kugler: Davida

Robert Schweizer: She Loves You (Yeah, Yeah, Yeah)

Maike Braun: Hamilton vs. Moore

Christian Manske: Kalliope

Michael Iwoleit: MindMorph

Großer Bruder

Nele Sickel: Justiti.b 21

Andrea Timm: Diktierter Weltfrieden

Alexa Rudolph: Rede an die Waldameisen

Uli Bendick: MachtWorte

Unter der Maske

Klaus N. Frick: Nur ein alter Gärtner

Angela und Karlheinz Steinmüller: Abschied von Melchizedek

Heidrun Jänchen: Die große Stille

Kai Focke: Die Aktuelle Live-Schaltung vom 8. Juni 2049

Dominik Irtenkauf: Miss Verständnis

Jörg Weigand: Der Spezialist

Die Vergangenheit der Zukunft

Werner Zillig: »Führer befiehl …«

Monika Niehaus: Die Mutantin

Wolf Welling: Manifestationen

Friedhelm Schneidewind: Das Versprechen des Schmerzes

Karla Weigand: … Causa Finita!

Autor*innen und Herausgeber

Grafiker*innen

Grafiken


Uli Bendick 26, 186, 335
Mario Franke 10, 66, 80, 88, 109, 124, 132, 156, 162, 195, 198, 234, 254, 259, 271, 274, 323
Jan Hoffmann 167, 177, 203, 312
Michael Vogt 22, 34, 51, 248, 282, 305

VORBEMERKUNG
Autor*innen über das Autoritäre

Orwells Neusprech ist längst in Politik und Wirtschaft angekommen. »Alexa« hat für alles und jeden ein offenes Ohr. Satire darf alles – aber muss sie das auch?

Wer das Wort führt, führt auch Menschen, übt Macht aus. Das Verhältnis von Sprache und Macht ist unabhängig voneinander nicht zu denken. Die Sprache bestimmt unser Denken und gleichzeitig sind wir es, die unsere Sprache bestimmen. Das wirft Fragen auf.

Wer hat in Zukunft das Sagen? Und mit welchen Mitteln werden sich diejenigen ausdrücken, die das Sagen haben – wenn »alternative Fakten« als alternativlos erklärt werden? Welche Propagandaalgorithmen werden uns zukünftig manipulieren? Und lässt sich künstliche Intelligenz überhaupt beherrschen?

Macht die Macht uns am Ende sprachlos?

Zu folgenden Themenfeldern haben unsere Autor*innen versucht, eine mögliche Zukunft zu skizzieren:

•Was schreibt, das bleibt – Der Hort der letzten Erinnerung

•Computer streiten nicht – Von künstlicher Intelligenz und natürlicher Dummheit

•Großer Bruder – Am Anfang war das Wort. Am Ende das Diktat.

•Unter der Maske – Nichts ist, wie es scheint.

•Die Vergangenheit der Zukunft – Früher war die Zukunft auch schon besser.

Die Herausgeber

WAS SCHREIBT, DAS BLEIBT

Hort der letzten Erinnerung

mit den Storys

•von der wilden Ära der Bücher

•vom Glück der Worte

•von der unbestechlichen Autokorrektur

•vom Hollerbusch

DIE FINGER VERBRENNEN, DEN GEIST ENTFACHEN
von Christian Endres
1.

Der Auftrag kam nicht per Mail, Message oder Anruf wie gewohnt aufs Tablet, sondern per Brief. Ja, ein Brief, kein Witz. Ganz altmodisch. Oder auch nicht: Auf Papier und von Hand geschrieben, das sehr wohl – aber außerdem um einen rauen Stein gewickelt, mit einem Stück Schnur befestigt und wie ein unförmiger Baseball durch ein Fenster meiner Wohnung im ersten Stock geworfen.

Als ich mit zwei Einkaufstüten bepackt in meine winzige Bude trat, die zugleich mein winziges Büro ist (vielleicht ist’s auch genau andersherum), erwarteten mich Schnur, Schreiben, Stein und Scherben auf meinem Schreibtisch.

Vorsichtig fegte ich die Glassplitter zur Seite, säbelte die Schnur mit einem Messer auf, wickelte das Blatt vom Stein und stellte überrascht fest, dass mit dem Brief fünf zerknitterte Geldscheine gekommen waren, die für zwei Monatsmieten reichen sollten.

Ich strich das Papier glatt. Die Nachricht war kurz und in sauberen Druckbuchstaben geschrieben, die sich leicht zur Seite neigten. Es war ungewohnt, etwas Handschriftliches zu lesen, ohne Hintergrundbeleuchtung, ohne Zoomen und Scrollen.

Finden Sie 9783949452192.

Wichtig: Ermittlung komplett offline.

Hälfte der Bezahlung vorab & anbei.

Tut uns leid wegen des Fensters.

Aber Scherben bringen Glück.

Suchen Sie uns, wenn Sie haben, was wir wollen.

Wir erwarten Sie.

Mein detektivisches Interesse war angesichts der Kontaktaufnahme und der Nachricht definitiv geweckt. Die Kohle tat ihr Übriges dazu, mich die Anfrage ernst nehmen zu lassen; selbst nach Austausch der Fensterscheibe würde allein von dieser ersten baren Hälfte des Honorars genug übrig bleiben.

Zudem hatten ich und mein Ego einen interessanten, in mehr als einer Hinsicht lohnenswerten Fall bitter nötig.

Leider hatte ich keinen Dunst, was 9783949452192 bedeuten sollte, und es war ewig her, dass ich einen Auftrag ohne Online-Recherche und -Schnüffelei bearbeitet hatte. Wieso auch, in einer durch und durch digitalisierten Welt?

Ich klebte notdürftig ein Stück Karton von innen über das kaputte Fenster. Anschließend rasierte ich mich, zog ein sauberes Hemd an, band eine Krawatte um, schlüpfte in mein Jackett, setzte meinen Hut auf und ging los, um auf die altmodische Art ein paar Erkundigungen einzuholen.

Im Erdgeschoss trat ich auf die Straße und blickte zum Himmel. Jenseits des ewigen, allgegenwärtigen Stroms aus Überwachungs- und Lieferdrohnen konnte ich ein annehmbares Blau ausmachen. Keine Regenwolke weit und breit. Meine Bleibe würde fürs Erste demnach nicht geflutet werden.

Na also.

Dieser Fall ließ sich doch ganz gut an.

2.

Zuerst musste ich herausfinden, wofür diese Zahlen standen.

Eine Adresse? Eine Serien- oder Rechnungsnummer? Ein Lotterielos? Ein Nummernschild? Eine Servernummer? Einen Schiffscontainer im Hafen? Eine Implantat-Registriernummer? Ein Schließfach in einer Bank oder an einem Bahnhof? Einen Flug, ein Flugzeug oder einen Zug? Ein Formular des Ministeriums? Eine Tracking-Nummer zur Sendungsverfolgung oder für ein Haustier?

Die Ziffernkolonne konnte alles Mögliche sein, zu allem Möglichen gehören. Und wenn wir schon dabei waren: war sie vollständig oder ein Fragment, und wenn, der Teil am Anfang, in der Mitte oder am Ende?

Viele Variablen.

Doch ich hatte über die Jahre ein paar nützliche Kontakte geknüpft, darunter Spezialisten für die obskursten Dinge und Disziplinen.

Einer dieser Experten war der alte Leo, der früher einmal mit allem gehandelt hatte, wofür es eine Nachfrage gab, egal wie abseitig, illegal oder gefährlich. Sie erwischten ihn, er saß seine Zeit ab, und nun hockte er hauptsächlich in der Kneipe im Erdgeschoss des Mietshauses gegenüber.

Dort erwischte ich ihn trotz der frühen Stunde. Wie üblich sah Leo aus, als hätte er in der Bar oder auf der Bank davor übernachtet. Ich setzte mich auf den Hocker neben ihm an die Theke, an der in einigem Abstand nur noch ein anderer alter Zausel saß und die Morgennachrichten in den Feeds und Blogs auf seinem Tablet las.

»So was schon mal gesehen?«, fragte ich Leo und schrieb die Zahlen, die ich mir eingeprägt hatte, mit dem Finger und etwas stinkendem Grauschwarz aus dem nächsten Aschenbecher auf den Tresen.

Leo nippte an seinem starken, schwarzen Kaffee, dem lange vor Mittag der erste starke, goldene Whiskey folgen würde, und zog an seiner Zigarette. »Ich glaub, solche Nummern haben sie früher für diese Dinger benutzt. Diese … wie hießen sie noch? Genau, diese … Bücher.«

Bücher? Da klingelte bei mir gar nichts; ich nickte, weil ich mir das nicht raushängen lassen wollte. Außerdem spürte ich wieder einmal, dass meine Gedanken wie ein Lesegerät über fehlende, lückenhafte Daten stolperten, die nicht mehr da waren, wo sie hätten sein sollen, wo sie einmal gewesen sind. Ältere Menschen wie Leo hatten vermutlich in manchen Bereichen noch ein paar Erinnerungsfragmente mehr. Wir anderen … wir spürten oft, dass etwas fehlte, ohne je zu wissen, was genau.

Wenn ich mich nicht irrte, waren diese Bücher so etwas wie eReads – sie gehörten einer nebulösen und wilden Ära der Unordnung an, der Zeit vor dem Krieg, der vieles verwandelt, einige Erinnerungen geraubt und verändert hatte. Vor der Zäsur. Vor dem Ministerium und der Ordnung.

Genau genommen sprachen wir hier über verbotene Dinge.

Nicht, dass mich das davon abgehalten hätte, mich weiter zu erkundigen. »Eine Idee, wo ich mehr erfahren könnte?«

»In einer Bücherei?«, schlug Leo müde vor. »Du weißt schon. Wo früher angeblich die ganzen alten Bücher standen.«

Ich hatte keinen blassen Schimmer. »Schall und Rauch, mein Alter.«

»Das«, sagte Leo nach einem weiteren Schluck Kaffee bewusst umständlich, »ist so nicht ganz korrekt.«

»Was soll das heißen?«

»Ich glaub, mit einem Whiskey könnt ich mich gleich viel besser erinnern, Junge …«

3.

Ich fand das Gebäude anhand von Leos Wegbeschreibung ohne Probleme. Es lag in einer miesen Gegend, in der kaum noch Drohnen flogen, erst recht keine Lieferdrohnen. Die mehrstöckige Bruchbude war außen wie innen total heruntergekommen. Die Menschen, die sie behausten, passten dazu: schmutzig wirkende, zottelige Männer und Frauen, Greise und Kinder und alles dazwischen. Sie trugen abgetragene Klamotten, rochen, husteten, kratzten sich und schnieften. Die meisten campierten mit ihrem wenigen, in Tüten oder Rucksäcke gestopften Hab und Gut auf dem versifften Teppich. Ein paar lange Regalreihen an den Wänden und mitten im Raum, deren Einlegebretter mit Gerümpel und Blumenkübeln vollgestellt waren, sorgten im Ansatz für einen Hauch von Privatsphäre, die Illusion von Wänden, Fluren und Zimmern.

Ich hielt nach einer Person Ausschau, die mehr als Altkleider und den Dreck von letzter Woche trug.

Die junge Frau, die ich erspähte, wirkte wie eine Lehrerin, deren Pensionierung in weiter Ferne lag und die schmerzlich genau wusste, wie viele Tage sie noch einem Haufen Kinder dabei zusehen würde, geistlos auf ihre Tablets zu glotzen und darauf herumzudrücken.

»Ich kenne diesen Ort nur als Obdachlosenheim«, beantwortete sie meine Frage. »Kann sein, dass es vor dem Krieg etwas anderes war.«

»Eine Bücherei?«

»Eine was? Keine Ahnung. Da war ich noch nicht mal auf der Welt. Vor dem Krieg, meine ich.«

Ich versuchte, mir meine Frustration nicht anmerken zu lassen. »Erinnert Sie diese Nummer an etwas?«, fragte ich stattdessen und sagte artig die Zahlenreihe auf - so einen Schüler wünschte sie sich bestimmt.

Sie hörte zu, runzelte die Stirn. »Nein, da klingelt nichts. Sorry. Ich muss jetzt auch weiter, heute kommt ein potenzieller Sponsor.« Sie rauschte davon, blieb aber plötzlich stehen und drehte sich noch einmal zu mir um. »Wenn Sie sich für diese alten Sachen interessieren, sprechen Sie mal mit Dimitri. Zweiter Stock, rote Brille, grauer Vollbart, dicker Zopf bis zum Arsch. Zeug von früher ist sein Thema.«

Hätte nicht gedacht, dass sie Arsch sagen würde.

Machte sie mir direkt sympathisch.

Ich erklomm die Treppe und durchquerte ein Labyrinth aus Regaltrennwänden voller Kram und Kübeln.

Inmitten dieses Irrgartens stöberte ich Dimitri auf, leuchtend rote Brille, grauer Bart und jepp, dicker Zopf bis zum Arsch. Ich stellte mich kurz vor und schrieb meine mysteriöse Nummer in den Staub eines Regalbodens neben uns.

Dimitri besah sich die Zahlen. »So was hab ich lange nicht gesehen«, sagte er schließlich bedächtig.

»Sie wissen, was das ist?«

Er nickte. »Mein Großvater war einer der letzten Sammler, bevor Bücher endgültig verboten wurden. Familiengeschichte, wenn Sie so wollen.«

Schon wieder diese Bücher, aber ich schwieg.

»Vor dem Krieg«, fuhr Dimitri fort. »Das ist eine Nummer für gedruckte Bücher. Heute kennt so was kaum noch wer. Verdammt, die meisten haben noch nie ein echtes Buch gesehen. Sie? Nee, ich auch nicht, leider. In diesen Regalen standen mal lauter Bücher, können Sie sich das vorstellen? Jetzt ist natürlich alles nur noch digital, damit die es kontrollieren können. Das heißt, synchronisieren, wie sie es nennen.« Er sah zu ein paar Kindern und Erwachsenen in der Nähe, die an ihren überholten Tablets hingen, dem Mittelpunkt all unsren Tuns, ob reich oder arm. »Schätze, das sollten wir überhaupt nicht bequatschen. Die Kameras und Mikros überall … ich will keinen Ärger mit dem Ministerium.«

»Ach was«, tat ich seine Bedenken ab, froh, endlich weiterzukommen. »Haben Sie eine Ahnung, wo ich das zu dieser Nummer gehörende Buch finden könnte?«

»Woah, Kumpel!« Dimitri wich mit erhobenen Händen vor mir zurück und trat eilig zwischen zwei Regale, die uns überragten. »Sie sind auf der Suche nach einem echten Buch? Das wird mir jetzt zu heftig. Über solche Dinge sollte man echt nicht reden, wenn man nicht in einem dunklen Loch enden will.«

Bevor ich etwas Beschwichtigendes sagen konnte, war Dimitri um die nächste Ecke verschwunden. Ich eilte ihm nach, doch als ich den von Regalen gesäumten Gang erreichte, war er fort, als hätte es ihn nie gegeben.

Gerade als ich fürchtete, dass meine heiße Spur umgehend wieder kalt wurde, ertönte eine Flüsterstimme aus dem Labyrinth.

»Sie suchen den Hort der letzten Erinnerung«, drang Dimitris Wispern wie aus weiter Ferne zu mir.

»Danke«, sagte ich.

Stille antwortete mir.

4.

Ich ging zurück in mein wohnliches Büro, um über das alles nachzudenken, nach der Pappe vor dem Fenster zu sehen und mir ein Sandwich zu machen.

Mir war gerade mal ein Bissen vergönnt, als die Wohnungstür aufflog und zwei Kerle in schwarzen Anzügen eintraten.

Sie mussten sich nicht extra als Agenten des Ministeriums für Synchronisation und Ordnung ausweisen.

Es gab auch kein Vorspiel. Einer der beiden beugte sich über meinen Schreibtisch und schlug mir das Sandwich aus der Hand, als würde er mir eine beiläufige Ohrfeige geben.

»Sie sollten keine weiteren Fragen über Bücher stellen«, sagte er außerdem.

»Sonst wird es sehr unangenehm«, fügte der andere hinzu.

»Noch unangenehmer als zwei Clowns in meinem Büro?«, fragte ich unbeeindruckt, obwohl mein Herz raste.

»Netter Pappkarton«, sagte derjenige, der mein Sandwich angegriffen hatte, mein geflicktes Fenster betrachtend. »Aber ist das sicher? Da könnte man leicht rausfallen.«

Damit zogen sie wieder Leine.

Ich hob mein Sandwich vom Boden auf, pustete es ab, aß weiter und dachte noch etwas angestrengter nach.

5.

Nun wusste ich, was die Nummer bedeutete, jedoch nicht, worum es sich bei diesem Hort der letzten Erinnerung handelte. Einen geheimen Treffpunkt? Einen Schwarzmarkt? Eine Underground-Kultstätte? Eine Serverfarm? Ein Restaurant? Einen Club? Einen Bunker? Ein Museum, das nicht vom Ministerium mit Wissen und Wahrheit bestückt wurde?

Ich hätte gern Leo gefragt, doch sein Stammplatz am Tresen war verwaist. »Leo gesehen?«, fragte ich Daniel, der gerade Schicht hinter der Bar hatte.

»Nur kurz«, antwortete er, ohne damit aufzuhören, den Kühlschrank mit Bierflaschen und Energy-Drink-Dosen zu bestücken. »Zwei Kerle in Anzügen haben sich mit ihm unterhalten. Danach hat er sich flugs vom Acker gemacht.«

Das war ungünstig.

Möglicherweise hatte ich übertrieben, als ich die vielen Experten erwähnte, die mir zur Verfügung standen.

Mit Leo aus dem Spiel, blieb im Grunde nur noch Giselle.

Auf dem Weg zu Gis Laden hatte ich das Gefühl, verfolgt zu werden, aber wer konnte das bei all den surrenden Drohnen über unseren Köpfen schon sicher sagen?

Gi betrieb einen kleinen Gebrauchtwarenhandel und Reparaturservice für Alltags-Tech aller Marken. Sie hatte Connections zum Schwarzmarkt und bekam ihre Teile zu entsprechend guten Konditionen.

»Sagt dir der Hort der letzten Erinnerung was?«, fragte ich nach ein bisschen Smalltalk. Der enge Verkaufsraum, hinter dem nur noch eine längliche Werkstatt lag, war bis auf uns leer. Er quoll über vor Geräten und Kisten mit Komponenten, Ersatzteilen, Kabeln und Akkus.

Gi schüttelte den Kopf, was ihre Locken tanzen ließ. »Nie gehört. Mir reichen aber auch die Erinnerungen, die ich an dich hab und nicht loswerde.«

Hatte ich erwähnt, dass Gi und ich mal zusammen waren?

Spoiler-Alarm: Es gab kein Happy End, obwohl wir inzwischen wieder halbwegs zivilisiert miteinander redeten.

»Ich arbeite an einem Fall, Gi.«

»Führt der dich wieder ins Schlafzimmer einer Stripperin?«

»Sie war Go-go-Tänzerin.«

»Oh, entschuldige bitte vielmals!«

Wie gesagt: halbwegs zivilisiert.

Wir sahen einander an.

»Sorry«, sagten wir beinahe gleichzeitig; Gi wegen ihrer Aggressivität, ich zum x-ten Mal, weil ich ein Idiot war.

»Ich hab eine Nummer zu einem Buch, das ich finden soll«, führte ich aus. »Jemand sagte mir, ich soll es an einem Ort versuchen, den man den Hort der letzten Erinnerung nennt.«

»Nummer zu einem was?«

»Einem Buch. Vorkriegskrempel.«

»Also verboten.« Sie überlegte kurz. »Einer meiner Geschäftspartner« – ihre Betonung und ihre Körpersprache gaben mir genügend Hinweise auf die Natur ihrer Geschäftsbeziehung, und etwas in mir knurrte ungehört – »hat mal einen Ort voller Erinnerungen erwähnt, der einen reich machen könnte, an dem man sich aber die Finger verbrennen würde.« Sie nannte mir die Adresse ihres Bekannten und wirkte nachdenklich. »In was bist du da diesmal reingeraten?«

»Schwer zu sagen. Ich hatte jedenfalls bereits Besuch von Ministerium.«

Gi verzog das Gesicht. »Sei vorsichtig, ja?«

Ich tippte mir an die Hutkrempe. »Du kennst mich doch.«

»Eben deswegen.«

6.

Sie stürzten sich in einer Gasse auf mich.

Ich musste ordentlich einstecken. Selbst nachdem ich zu Boden gegangen war, hagelte es noch Prügel und Tritte.

»Letzte Warnung«, sagte einer der Kerle, der wie jemand klang, der Leuten grundlos ihr Sandwich aus den Händen schlug oder ihnen drohte, sie aus einem Fenster zu werfen.

Sie ließen mich wie Abfall in der Gosse liegen, wo ich den rissigen Teer vollblutete und das Bewusstsein verlor.

7.

Ich erwachte und stellte fest, dass man mir meine Würde und meinen Geldbeutel geklaut hatte – gut, dass ein Großteil meines Honorars zu Hause neben dem Brief meiner anonymen Auftraggeber unter der losen Bodendiele deponiert war.

Mit einiger Mühe kam ich auf die Beine, setzte meinen zerbeulten Hut auf und schleppte mich durch die Dunkelheit zurück in meine Bude, wo ich mich wimmernd aufs Sofa hievte und rasch wieder wegdämmerte.

Mitten in der Nacht schreckte ich von einem Knall hoch, doch es war nur der Wind, der die Pappe von meinem Fenster abgerissen hatte, die daraufhin nach innen gefallen war.

Ich setzte mich auf, stöhnte und ermahnte meine Selbstheilungskräfte, ein bisschen Gas zu geben. Zur Sicherheit unterstützte ich sie mit ein paar Pflastern, etwas Salbe, einer Handvoll Schmerztabletten, einem Bier und einer Zigarette.

Jeder Zug und jeder Schluck taten weh, als ich dalag, qualmte, süffelte, grübelte und immer müder wurde.

Ich wusste, dass es Wahnsinn war, weiterzumachen.

Doch Stolz und Trotz waren seit jeher mein Treibstoff.

Mehr denn je wollte ich diesen ominösen Hort der letzten Erinnerung finden und rauskriegen, wieso das Ministerium plötzlich solch ein Interesse an einem mickrigen Privatdetektiv hatte.

8.

Am nächsten Tag ging ich zu Gis Lieferanten, der nicht allzu begeistert darüber war, dass ich in seiner Werkstatt – seiner Ausschlachterei von gestohlenen Küchengeräten – aufkreuzte.

»Hort der letzten Erinnerung? Das sind nur Gerüchte«, wiegelte er ab. »Und wie ich Gi schon sagte: Da verbrennt man sich eh die Finger dran, wenn nicht. Ich würd’s lassen.«

»Alles klar. Ich weiß eh Bescheid. Wollte nur noch eine zweite Meinung einholen, ob es sich lohnt oder nicht, bevor ich nachher wirklich hingehe.«

Ich nickte ihm zu – und verpasste ihm einen ansatzlosen Kinnhaken, der ihn von den Beinen holte.

Er sah wie ein getretener Hund zu mir auf. »Wofür war das denn, Mann? Ich hab dir alles gesagt, was ich weiß!«

Ich sah ihn an. »Gi? Ich würd’s lassen …«

Und Gi mich umbringen, wenn sie hiervon erfuhr.

9.

Gis Bekannter sollte mein Köder sein.

Das Ministerium überwachte mich garantiert noch. Wenn sie beobachteten, dass ich mit dem Kerl sprach, würden sie ihn ausquetschen und sehen, was er wusste – und ihnen würde er alles sagen. Auch, dass ich ihm erzählt hatte, längst im Bilde und unterwegs zu sein. Sie würden daraufhin hoffentlich nachsehen gehen, ob im Hort der letzten Erinnerung alles in Ordnung war.

Ich musste nur in einem Versteck mit Blick auf die Werkstatt Posten beziehen, mich still verhalten und geduldig sein.

Lange warten musste ich nicht.

Als sie mit dem Knilch fertig waren, folgte ich ihnen in einem Taxi, dessen Fahrer auf meine Anweisung hin gebührenden Abstand hielt.

So führten mich die Typen vom Ministerium zu dem Ort, von dem sie mich unbedingt fernhalten wollten.

10.

Der Hort der letzten Erinnerung war eine schnöde, dreckige Lagerhalle unter vielen, direkt am übel riechenden Fluss, so nichtssagend und uninteressant wie es nur ging.

Sowie die beiden Scheißkerle nach ihrem berufsbedingt-paranoiden Kontrollgang wieder herauskamen und davonfuhren, wartete ich noch etwas, ehe ich mir zwischen zwei vorbeikommenden Überwachungsdrohnen an einer Hintertür Zugang zu der Halle verschaffte, deren Grundfläche der Größe eines Sportplatzes entsprach. Wände und Boden bestanden aus Metall. Zu meiner Überraschung war die Lagerhalle über und über mit unterschiedlich dicken, bunten Vierecken aus Papier und Karton gefüllt, die sich auf wüsten Stapeln, abenteuerlichen Pyramiden und wilden Haufen türmten. Sie sahen ziemlich lädiert aus.


Das mussten dann wohl diese Bücher sein.

Und sie alle hatten Nummern wie die, nach der ich suchte.

»Interessant«, sagte ich zu niemand anderem als mir selbst – und machte mich in Anbetracht der Gelegenheit auf die Suche nach dem Buch, das zu meiner Nummer passte, wofür ich massig Buchaußen- und Innenseiten sichten musste. Bei meinem archäologischen Vorwärtsdrängen brachte ich ein paar wackelige Türme des Bücherschrottplatzes zum Einstürzen, sorgte für noch mehr Knicke, Risse und Knautschen.

Ich wühlte mich mehrere Stunden durch die Bücherhaufen. Hielt mich an die Stapel und Berge, die ich ohne größere Schwierigkeiten freiräumen und untersuchen konnte.

Auch wenn ich nicht genau fand, was ich suchte, fand ich doch genug. Irgendwann gab ich die Suche nach meiner Nummer auf, klaubte einfach einen der zerfledderten Bände heraus, schlug ihn auf und begann, neugierig darin zu blättern und schließlich richtig zu lesen.

Es standen ein paar spannende Sachen in diesem Buch.

Mehr Gedanken und Ideen, als eine E-Mail, ein Posting oder ein altmodisches Flugblatt je fassen könnten, bevor das Ministerium sie fand und schnell aus der Welt schaffte.

Ich hob den Kopf, musterte diese Grabkammer. Wenn in den anderen Büchern Ähnliches wartete, wunderte es mich kein Stück, dass das Ministerium nicht scharf darauf war, dass jemand Fragen stellte oder diesen Ort durchstöberte.

Wieso entsorgten sie die verfänglichen Bücher aber nicht einfach? Arroganz und Hybris, nehme ich an. Wie immer.

Ich versuchte mir vorzustellen, wie viele dieser Hallen es in der Gegend, der Stadt, in anderen Städten gab.

Wie viele Bücher noch existierten.

Ein durchdringender Signalton wie ein Nebelhorn riss mich aus meinen Gedanken. »Verbrennungsvorgang gestartet«, sagte eine geschlechtsneutrale Computerstimme obendrein feierlich.

Ein Knistern in einem unsichtbaren Lautsprecher, und eine nicht mechanische und mir sogar vertraute, aber deshalb keineswegs menschlichere Stimme sagte: »Raten Sie, wer noch mal zurückgekommen ist, um dem Fuchs im Hühnerstall Hallo zu sagen. Die Hunde. Sie hätten auf uns hören sollen, Sie Schlaumeier.«

Die Sprinkleranlage an der Decke ging an und verteilte einen beißendchemischen Regenschauer über mir und den Bücher-Gebirgszügen. Der Schauer versiegte, und sogleich schossen aus mehreren Düsen in den Metallwänden fauchende Feuerstöße.

Die Bücher ringsum brannten sofort lichterloh.

Ich ließ meine Lektüre fallen, riss mir meinen mit Brandbeschleuniger durchnässten Mantel vom Körper und schleuderte den Hut hinterher. Dann rannte ich los, aber es war zu spät: Feuer, Rauch, Hitze und Papierfetzen waren überall – ein Albtraum aus brennenden Büchern und lodernden Flammen, und ich mittendrin. Ich hustete mir die Seele aus dem Leib, was meine angeknacksten Rippen aufschreien ließ, und ging auf alle viere, um es dem Rauch wenigstens ein klein wenig zu erschweren, mich umzubringen.

Meine Hände strichen panisch über den Metallboden, den ich vor Qualm nicht mehr sah. Etwas Scharfkantiges schnitt mir in die Finger, und ich zuckte würgend zurück.

Scherben bringen Glück, schoss es mir plötzlich durch den Kopf, und ich zwang meine Hände, weiterzutasten, den Schmerz geradewegs zu suchen. Krabbelnd und mit tränenden Augen folgte ich der beißenden Spur aus Scherben.

So erreichte ich ein Abflussgitter, das ich anheben und durch das ich mich in die herrlich stinkende und nasse Umarmung der Kanalisation werfen konnte.

11.

Meine Kleidung war versengt, ich hatte Verbrennungen und Brandblasen am Körper, im Gesicht und an den zerschnittenen Händen, ich war erschöpft, mein Lieblingshut war fort, ich war am Ende meiner Kräfte - aber ich lebte.

Die Lust aufs Rauchen war mir allerdings vergangen.

Ich wankte aus einem tunnelartigen Abflussrohr dem schwindenden Abendlicht entgegen. Den Ruinen aus Beton und Rost, den abgemagerten Hunden, der Abwesenheit von Drohnen und den in den Schatten umherhuschenden Gestalten nach zu urteilen, befand ich mich jenseits des Stadtrands.

Und jetzt?

Das Ministerium hielt mich für tot. Wenn ich mich von meiner Wohnung, der Kneipe, Gi und den Kameras in Drohnen und Tablets fernhielt, mochte das eine Weile so bleiben, was mir gewisse Freiheiten brachte.

Die Bücher waren verbrannt. Ich hatte jedoch genug gelesen – und mir vieles gemerkt.

Das Fegefeuer des Ministeriums war für mich zu einer Ideenschmiede der Wahrheit geworden; einer Feuertaufe, aus der ich verändert hervorgegangen, in der etwas in meinem Geist entfacht worden war. Jetzt wollte ich dafür sorgen, dass es anderen ebenso erging und gewisse Dinge niemals mehr in Vergessenheit gerieten.

Aber ein Schritt nach dem anderen.

Zuerst musste ich meine Auftraggeber finden, die den Stein ins Rollen gebracht hatten, indem sie ihn durch mein Fenster warfen.


REDEN IST MACHT
von Nicole Rensmann

»Reden ist Macht«, prangte in großen Buchstaben über dem Bogentor des Rathauses, protzige Lettern aus purem Gold, die eine Epoche des Reichtums und Überflusses beschrieben.

Bo hatte sich im Rathaus für den Chefposten im Finanzbüro beworben. Er wies eine gute Ausbildung und ein paar Jahre Erfahrung an der Börse vor. Sein Herz klopfte bis zum Hals, als er die Stufen zum Eingang hinaufstieg. Dreißig Stufen, für jeden Tag des Monats eine. Die Treppe mit besonderer Bedeutung. Er hatte sie noch nie aus der anderen Perspektive betrachten müssen, stehend, mit verschränkten Händen auf dem Rücken, den Kopf vor Scham gesenkt.

Die Stufen hinaufzugehen, fühlte sich episch an. Er bemerkte, dass ihn die Vorstellung erregte, auf dem Treppenabsatz durch die schwere Marmortür in das Reich der Stadtverwaltung zu treten. Ein kühler Wind fegte über seinen Kopf hinweg und zerzauste sein Haar, als er mittels des goldenen Klopfers um Einlass bat. Jegliches euphorische Gefühl verebbte, nun war er ein kleiner Bewerber, der den Machtvollen gegenübertreten und auf sein Können hinweisen musste, ohne ein Wort zu sprechen.

Die Türen öffneten sich, ein Untergebener wies Bo die Richtung zum Konferenzraum.

Seine Schuhsohlen quietschten auf dem polierten Parkett, das Herz hämmerte gegen die Brust, Spucke sammelte sich in seinem Mund an, er schluckte und wischte sich über die Mundwinkel.

Das F am KONFERENZRAUM hing schief und schien ein bisschen wackelig zu sein. Die Buchstaben besaßen eine geringere Größe als die vor dem Hauptportal, waren aber ebenfalls aus Gold gegossen.

Während er das wankende F betrachtete, öffnete sich die Tür, eine Frau nickte Bo zu und winkte ihn an sich vorbei in den Raum, wo zehn Machtvolle auf ihn warteten.

Fünf Männer und fünf Frauen saßen nebeneinander an einem langen schmalen Tisch. Alle trugen schwarze Anzüge und weiße Hemden oder Blusen dazu.

Er fühlte sich klein und verwundbar.

»Setz dich!« Einer der Machtvollen wies Bo auf den Stuhl hin, der in etwa fünf Metern Abstand vor dem Tisch stand.

Hastig ging Bo darauf zu und spürte Erleichterung darüber, keine Geräusche beim Hinsetzen verursacht zu haben.

»Du kennst die Regeln?«, fragte die Frau in der Mitte. Ihre blonden Haare trug sie zu einem Dutt hochgesteckt, was sie älter aussehen ließ.

Bo nickte.

»Wir haben dich eingeladen, weil deine Bewerbungsunterlagen überzeugend waren. Du musst bei uns einen Test bestehen. Hast du das verstanden?«

Bo starrte den Mann an, der neben der ersten Frau saß und nickte.

»Wir stellen dir mehrere Fragen, auf die du antworten musst«, sagte ein anderer Mann.

Die Sprache war das höchste Privileg, das die Machtvollen für sich beanspruchten. Wer beim Reden erwischt wurde, landete für vierundzwanzig Stunden auf der Treppe – die Treppe der Scham – Wiederholungstäter kamen direkt in die Fabriken, wo die Hierarchie klar definiert war. Ein Aufstieg zu einem höheren Rang war nicht mehr möglich. Mit den Machtvollen zu sprechen, war ein Vergehen, das hart bestraft wurde, die Treppe spielte dabei keine Rolle mehr.

»Die Prozedur wird dir lang vorkommen. Das ist sie auch. Es liegt an dir, ob du dich für den Job qualifizierst oder nicht«, sagte eine der Frauen und wartete keine Reaktion ab. »Gut, wir beginnen.«

Die zehn Machtvollen stellten Bo je eine Frage, die er nicht mit Nicken oder Kopfschütteln beantworten konnte. Sie zwangen ihn zu antworten, indem sie ihn beschimpften, beleidigten und verbal bedrohten. Erst nacheinander, dann alle durcheinander. Er hatte im Lauf seines Lebens viele spitze Bemerkungen eines Ranghöheren aushalten müssen, diese Worte setzten ihm zu, kränkten ihn, machten ihn klein. Nach einer halben Stunde standen sie auf, kamen näher, umkreisten ihn wie ein Schwarm hungriger Geier und bespuckten ihn mit Fragen. Jedes Wort ein Dolch. Sie wussten genau, wie sie die Spitze ansetzen mussten, um ihn zu verletzen.

Er wollte sich wehren, mit Händen und Füßen, mit Worten und Schreien, doch er hielt der Versuchung stand. Er weinte nicht, er sagte keinen Mucks. Und am Ende der dreistündigen Litanei hatte er den Job.

In den Straßen dieser Stadt herrschte Stille. Leise Selbstgespräche wurden meist geduldet. Wer vor Wut schrie, wurde festgenommen. Wer mit dem Nachbarn über dem Gartenzaun quatschte, bekam eine Geldstrafe und musste auf die Treppe. Das Spielen der Kinder auf den Höfen der Heime klang leiser als der Wind. Das Lachen sah wie eine Grimasse aus. Sie alle kannten es nicht anders.

Als Bo an diesem Tag nach Hause kam, schloss er Türen und Fenster, ließ die Rollos herunter, stellte die Musik laut und schrie! Er schrie all die aufgestaute Angst und die Unterwürfigkeit, das Gefühl von Minderwertigkeit und Einsamkeit hinaus, er schrie gegen die klassische, gesangslose Musik an, bis sich seine Stimme nur noch wie ein Krächzen anhörte. Dann legte er sich auf die Couch und schlief ein.

Schon als Kind hatte sich Bo gewünscht, eines Tages im Rathaus zu arbeiten und einer der Machtvollen zu sein. Dafür hatte er sein persönliches Schweigegelübde abgelegt und sich an die Regeln gehalten. Allerdings erst, nachdem seine rebellische Phase schmerzhaft beendet worden war.

Im Gegensatz zu seinen Kameraden liebte er das Lesen, er verehrte die Sprache, träumte von feingeformten Sätzen und wohlklingenden Wörtern, die sich zu Geschichten vereinten. Wie alle Kinder war er einen Tag nach seinem dritten Geburtstag von den Eltern getrennt worden. Von da an lebte er in einer Gruppe von fünfzehn Jungs in einem Erziehungsheim. Das Reden hatten ihm seinen Eltern gelernt, nun musste er lernen zu schweigen.

Als er die Schrift einstudiert hatte, begann er Worte, die in seinem Kopf melodisch klangen, in ein Buch zu schreiben, formte daraus titellose Gedichte und Geschichten. Das war verboten. Trotz seines Wunsches, ein Machtvoller zu werden, widersetzte er sich dieser Regel. Der Wortzauber verführte ihn, obwohl er nie an dem Gesetz gezweifelt hatte. Das Buch hütete er wie einen Schatz und versteckte es unter einem losen Brett im Boden. Nachts schlich er sich aus dem Haus, in den Wald, verkroch sich in einer unbewohnten Bärenhöhle und las seine Erzählungen den kahlen Steinwänden vor.

Das Klingeln an der Tür riss Bo aus seinem unruhigen Schlaf. Er kämmte sich grob mit den Fingern durch das zerzauste Haar und öffnete die Tür. Ein Untergebener, der Schneider der Machtvollen, nickte Bo zu und ging an ihm vorbei. Sein Equipment trug er in einem Koffer mit sich, den er auf dem kleinen Beistelltisch neben dem Sofa abstellte und öffnete. Er scannte Bos Körpermaße für die Einheitskluft der Machtvollen und verschwand, ohne ein Wort gesprochen zu haben. Bo stand in der Rangfolge über ihm, der Untergebene hatte nicht die Erlaubnis, mit ihm zu reden. Auch Bo hatte in Gegenwart des Schneiders geschwiegen. Erst Jahre später würde er verstehen, warum er sich mit dem Untergebenen auf eine Stufe gestellt hatte.

Bo goss sich einen Whisky ein und dachte darüber nach, welche Aufgaben in den nächsten Jahren an ihn herangetragen werden würden. Wer im Rathaus arbeitete, blieb nicht allein für seine Abteilung zuständig. Die Ranghöchsten gaben die Richtung an. Er wollte zum obersten Rat der Machtvollen, und darüber hinaus. Das war sein Ziel!

Vor dem Wandel hatte sich die Sprache in ein schwer verständliches Kauderwelsch entwickelt. Die Menschen verloren die Fähigkeit, Worte korrekt anzuwenden und positive Emotionen mit dem Gesagten oder Geschriebenen zu wecken. Die schrumpfende Kommunikationsfähigkeit sorgte dafür, dass die Menschen nicht mehr handelten. Es zählte nur noch das Geschwätz. Sprache verwandelte sich in ein machtvolles Instrument, ohne wahrhaftige Aussage. Den Regierungen gelang es nicht, der Verbreitung von Lügen und Verschwörungen entgegenzuwirken. Keiner glaubte mehr an das Wort. Es folgten Krieg und Zerstörung. Zur Rettung der Welt musste der Gesetzgeber handeln. Sie stoppten Verleumdung, Lügen, Verschwörung, Trigger und Mobbing mit einem Gesetz und verboten jegliche Form der kommunikativen Verbreitung. Bücher, Zeitungen, Magazine landeten auf dem Scheiterhaufen. Elektronische Medien, das sogenannte E-Book, Internet, Radio und TV – Bezeichnungen, die für Bo wie aus der Zukunft klangen, jedoch aus der Vergangenheit stammten, wurden abgeschaltet. Als Kind hatte er mit seinen Kameraden aus dem Heim die dazugehörenden Geräte auseinanderbauen und auf einen Schrottplatz verbannen müssen. Sie hatten sich über diese laute Epoche lustig gemacht – leise, still und heimlich, wie es die Art in seinem Leben war.

Seit achtundneunzig Jahren verwalteten die Machtvollen die Sprache. Nur ihnen war es erlaubt zu reden.

Wenige Stunden später brachte der Untergebene Bo die neue Kluft. Zu seinem schwarzen Anzug erhielt er ein rotes Hemd, kein weißes. In dieser Nacht schlief er schlecht, denn der nächste Tag sollte ihn seinem Traum näherbringen, für die Wahrheit zu kämpfen und die Sprache zu behüten.

Seine rebellische Jugendphase endete abrupt, als er von den Erziehern erwischt wurde. Tränen und Stockhiebe waren die Folge. Danach hatte er nicht einmal seine Lust herausgestöhnt, wenn er – längst erwachsen – mit einer Frau geschlafen hatte. Er blieb stumm, bis zu diesem Tag.

Am Morgen stand vor dem Haus ein Auto, das ihn fahrerlos zum eingegebenen Ziel fuhr. Er nahm auf der Rückbank Platz, schnallte sich an und wartete darauf, dass sich das Fahrzeug in Bewegung setzte. Nichts geschah.

Auf dem im vorderen Bereich montierten Monitor zeigte sich ein Guten-Morgen-Gruß, gefolgt von: »Ich warte auf deinen Befehl!«

Bo beugte sich nach vorne und klickte auf den Bildschirm. Der Wagen bewegte sich nicht. Seinen Mut zusammennehmend, denn einen Fehler durfte er sich nicht leisten, flüsterte Bo: »Losfahren.«

Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Seine Stimme klang heiser, was Bo dem gestrigen Schreien zuordnete – seine Stimmbänder waren ungeübt. Das würde sich ändern.

Ab sofort erhielt Bo Privilegien, die ihn von den Untergebenen abgrenzten. Die laufenden Kosten seines Hauses und seines Lebens übernahm die Stadtverwaltung. Rechnungen existierten für ihn nicht mehr, seine Einkäufe waren ab sofort frei. Er gehörte zu den Großen, den Machtvollen – fast. Solange er noch ein rotes Hemd trug, stand er eine Etage unter den Männern und Frauen, die ihn für seine Einstellung dem Demutstest unterzogen hatten. Nach Rot kam Weiß, doch Bo visierte das schwarze Hemd an, das nur eine Person tragen durfte: Der Oberste.

Das Auto brachte ihn zu einem Hintereingang, den er bisher nicht kannte. Davor standen zwei Männer, die sich unterhielten. Ein seltenes Bild, an das sich Bo erst gewöhnen musste.

Er stieg aus, nickte den beiden Männern zu und schritt auf die Tür zu. Sie trugen rote Hemden, wie er. Bo war der Neue, er würde kein Gespräch beginnen.

Hinter der Tür erwartete ihn ein Android, der ihn freundlich begrüßte. »Guten Morgen, Bo! Ich führe dich an deinen Arbeitsplatz!«

Der Android bewegte sich steif. Bo folgte ihm bis zu einem kleinen Büro. An der Seite der Tür hing sein Namensschild. Sein Herz hüpfte. Er hatte es geschafft!

Zwei Jahre später.

Bo knöpfte das schwarze Hemd zu und betrachtete sein Spiegelbild, im Hintergrund sah er die junge Frau auf dem Bett, die ihn mit großen Augen ansah. Bo wandte den Blick ab. Er verließ sie, ohne ein Wort. Das Auto wartete vor der Tür, er ließ es stehen und ging zu Fuß, der Wagen folgte ihm geräuschlos.

Seine Karriere war steil nach oben gegangen. Nach nur wenigen Monaten hatte er den Sprung in die obere Liga geschafft. Inzwischen war er der Oberste der Machtvollen, gewählt von den Untergebenen, die seine Konsequenz und seine scharfen Worte feierten. Im Laufe der letzten zwei Jahre hatte er viele Menschen auf die Treppe und in die Fabriken geschickt. Seine Worte waren Gesetz. Warum fühlte er sich in letzter Zeit machtlos? Er hatte alles erreicht, was er sich je gewünscht hatte. Nur Glück spürte er nicht.

Eine Stimme flüsterte in seinem Kopf, die rebellische Stimme aus vergangenen Tagen. Er verbannte sie. Sprechen war mit den Machtvollen nicht erlaubt.

Er ging durch die Straßen, vorbei an Untergebenen, die einen Bogen um ihn schlugen. Keine Stimmen, kein Flüstern, nur die Schritte von leisen Sohlen über Asphalt.

Sein Spaziergang führte ihn zum Wald, das Auto parkte und wartete auf Bos Rückkehr. Erste Knospen zeigten sich an den Bäumen, die Luft roch nach Harz und Moos. Er wählte einen Weg, den er zuletzt in seiner Kindheit eingeschlagen hatte, um all die wunderbaren Wörter aufzusagen und Geschichten zu schreiben. Was damals ein Verbrechen gewesen war und ihm Schläge eingebracht hatte, war heute für ihn die normalste Sache der Welt. Mit dem Unterschied, dass ihm die Freude an der Sprache vergangen war. Der Eingang der Bärenhöhle lag versteckt hinter einem Gebüsch.

Er bückte sich, um die Höhle zu betreten. Innen konnte er aufrecht stehen, stieß sich aber zweimal den Kopf. In seiner Erinnerung war die Höhle höher und größer. Hinter der nächsten Ecke lag der Platz, an dem er selbstausgesprochene Worte jungfräulich in seinen Ohren vernommen hatte, nie so laut, dass sie von den Wänden zurückhallten.

Der Platz war besetzt.

Im Schein von zwei Taschenlampen, auf dem Stein, der auch Bo als Stuhl gedient hatte, saß ein Mädchen, vielleicht zehn Jahre alt. In den Händen hielt sie ein Buch, Bos Geschichtensammlung, die er zurückgelassen hatte, nachdem ein Erzieher ihn aus der Höhle gezogen und bestraft hatte. Sie las laut. Ihre Stimme zitterte leicht, klang hell und klar.

Es war einmal ein junger Mann, der in einem Land lebte, ähnlich dem unseren. Es war das Land der Dichter und Denker, der Schriftsteller und Redner.


Die Menschen lauschten den Geschichten und Gedichten, sie sprachen miteinander in respektvollem Ton und spürten eine innige Verbundenheit, die durch Worte verstärkt wurde. Sprache vermittelte Güte und Vertrauen.

Der Junge mit dem Namen Bo, der in diesem Land lebte, liebte den Klang der Worte. Er hegte den Wunsch, Schriftsteller zu werden, dafür las er viele Bücher, die ihn den Rhythmus der Sprache lehrten.

Bo lauschte dem Mädchen, sein Herz klopfte schneller. Er lächelte. Er war dieser Junge. Aber er hatte vergessen, was Worte in ihm auslösten. Glück. Er hatte sie die letzten Jahre falsch angewendet und nur Unglück damit bewirkt.

Sein rechtes Bein verkrampfte sich und er musste das Gewicht verlagern, dabei stieß er gegen ein paar Steine, die zur Seite kullerten. Das Mädchen drehte sich erschrocken zu ihm um und sprang auf, sie drückte das Buch an ihre Brust und schüttelte den Kopf.

Nimm es mir nicht weg, wollte sie damit sagen. Bitte, nicht auf die Treppe, flehten ihre Blicke.

»Es ist okay«, sagte Bo. »Dein Geheimnis ist bei mir sicher.« Er ahnte, wie verrückt das aus seinem Mund klingen musste.

Bo ging auf sie zu, setzte sich auf einen anderen Stein und hielt seine rechte Hand hin, sie gab ihm das Buch.

Er schlug die ersten Seiten auf und lachte. Seine Handschrift war miserabel. Heute brauchte er nicht mehr schreiben, er diktierte.

Das Mädchen starrte ihn ängstlich an.

»Wie heißt du?«

Sie antwortete nicht. Natürlich nicht. Er war ein Machtvoller, der Oberste.

»Ich bin Bo.«

Ihre Augen weiteten sich.

Er nickte. »Ja, der Bo aus dem Buch. Es ist mein Buch. Als ich so jung war wie du, kam ich auch hierher, bis ich …«

Bo verstummte.

Erwischt wurde, beendete er seinen Satz stumm.

Dieses Regime, das er selbst verkörperte, hatte ihm die Freude an der Sprache geraubt. Er hatte nicht geahnt, welches Verbrechen er damit an den Kindern, der Menschheit und sich selbst verübt hatte. Bo hatte die Gesetze nie infrage gestellt. Er hatte es nicht besser gewusst.

Nach diesem Tag trafen sie sich einmal in der Woche, den gesamten Sommer lang. Mias Phantasie brachte Bo zum Staunen. Sie schrieben zusammen Geschichten und lasen sich gegenseitig vor – Bo, der das Glück fand, und Mia, die es ihm mit ihren Ideen schenkte. Wie Vater und Tochter, Lehrer und Schülerin. Ein stummes Vertrauen, das sie durch Worte und Taten aufbauten.

Jedes Mal verließ Bo das geheime Versteck mit einem Glücksgefühl, das mit jedem Schritt in Richtung Wagen verschwand. Sobald er saß, war nichts davon übrig. Dann war er wieder der erbarmungslose Bo – der Oberste, der das Reden nur den Machtvollen erlaubte. Er verdrängte den Gesetzesbruch, spürte kein schlechtes Gewissen. Nur jeden Mittwoch, wenn er in den Wald ging, fühlte er, wie sich tief in seinem Inneren Widerstand regte.

Eines Tages, die Blätter an den Bäumen färbten sich bunt, verspätete sich Bo. Unter seinem Mantel versteckte er ein Buch, das er aus der geheimen Bibliothek gestohlen hatte. Nur der Oberste und zwei seiner Untergebenen wussten von der Bibliothek. Ihr Zugang führte unter das Rathaus. Bo hatte sie das erste Mal betreten, nachdem er Mia kennengelernt hatte. Vorher hatte er dazu keinen Anlass gesehen. Eine Mitnahme der Bücher war nicht erlaubt. An den Tagen, an denen er Mia traf, widersetzte er sich dem Gesetz, das er sein Leben lang mit Überzeugung vertreten hatte. Das Mädchen hatte ihn verändert.

Das Buch war sehr alt und enthielt Märchen der Gebrüder Grimm. Er freute sich darauf, mit Mia in die Geschichten aus der uralten Zeit abzutauchen. Er eilte über den von Laub bedeckten Boden. Aus der Ferne erkannte er, dass die Lesestunde ausfiel. Er stoppte kurz, versteckte das Buch unter einem umgestürzten Baum. Dann rannte er weiter. Mia lehnte an dem Stamm einer Buche, ein Erzieher hob die Hand mit einem Stock. Bos Herz zerbrach in dem Moment, als der Erzieher den Stock auf Mias schmalen Rücken sausen ließ. Nichts hatte ihm jemals solche Schmerzen zugefügt wie Mias stumme Schreie. »Stopp!« Bo war der Oberste, er stand über dem Erzieher, der sofort von Mia abließ und ein paar Schritte zurückging, den Kopf gesenkt.

»Ich kümmere mich persönlich darum.« Er nahm Mia bei der Hand, zog sie mit sich. Beim Vorübergehen bückte er sich und holte das Buch unter dem Baumstamm hervor, schob es unter den Mantel, in seinen Hosenbund. Gemeinsam verließen sie den Wald und stiegen in den Wagen, der am Rand auf ihn gewartet hatte.

Er legte einen Finger auf die Lippen. Kein Wort. Die Mikrofone im Auto nahmen jeden Ton auf. Außerhalb der Höhle galten Gesetze, die Bo vertrat und zu ihrem gemeinsamen Schutz aufrechterhalten musste.

In seiner Wohnung durfte Mia sprechen, doch das Kind war verschreckt, sie weinte leise. Bo wusste, wie sie sich fühlte. Aus seiner Hausapotheke holte er eine schmerzlindernde Salbe und bat Mia, ihr Shirt hochzuziehen. Ein rotblauer Striemen zeigte sich quer über dem Rücken.

»Ich bin vorsichtig, versprochen.« Sanft schmierte er die Salbe auf die Verletzung und dachte an die seinen. Die Schläge kamen im Sekundentakt, zehnmal. Danach hatte er geblutet und mehrere Wochen nicht auf dem Rücken liegen können. Die Narben waren noch heute sichtbar. Er schüttelte den Kopf, wie hatte er das unterstützen können, all die Jahre? Wie viele Kinder mochten diesen Schmerzen ausgesetzt gewesen sein?

Das musste enden! Aber wie sollte er ein hundert Jahre altes Gesetz kippen? Allein?

Bo richtete Mia ein kleines Zimmer ein, in das sie sich zurückziehen und für sich sein konnte. Er freute sich nach der Arbeit über ihre Gesellschaft. Jeden Tag brachte er ein neues Buch aus der geheimen Bibliothek mit. Mehr und mehr wurde ihm bewusst, in welcher Gefahr er schwebte und gleichzeitig, wie glücklich er mit der Veränderung in seinem Leben war. Wenn jemand herausbekam, dass er Mia bei sich versteckte, verlor er alles, wofür er in jungen Jahren geschwiegen hatte. Dann war er gezwungen, seinen Anzug gegen einen Overall zu tauschen, den er in den Fabriken tragen musste. Auto, Haus und alle Privilegien wären mit einem Schlag verschwunden. Verlustangst war ein vernichtendes Gefühl, mit dem das Regime die Machtvollen unter Druck setzte. Diese Erleuchtung brachte Helligkeit in seine Gedanken, die von Machtbesessenheit und Narzissmus gelenkt gewesen waren.

Bo wollte versuchen, die Untergebenen des Rathauses in eine neue politische Richtung einzuweisen. Es wurde Zeit für seine innere Stimme, die neu geborene Rebellion. Alle Untergebenen sollten spüren dürfen, welch fabelhaften Gefühle, Worte auszulösen vermochten.

Vorher musste er Mia an einen sicheren Ort bringen, den er in ihrer Herkunft zu finden glaubte. Er fuhr allein, an einem sonnigen Herbsttag. Die Luft roch nach frisch gemähtem Gras, am Wegesrand wuchsen wilde Blumen.

Mias Eltern wohnten am Rande der Stadt auf einem der Selbstversorgerhöfe, hielten ein paar Kühe und Schafe, bauten Gemüse und Obst selbst an. Als Mias Mutter Bo erkannte, nahm sie das letzte von fünf verbliebenen Kindern auf den Arm und rannte weg.

»Nein, warte. Ich komme von Mia.«

Die Frau blieb stehen und drehte sich zu ihm um. Bo ging schnell auf sie zu. »Bitte, bleib. Ich weiß, wer ich bin und was ich getan habe. Mia lebt bei mir. Es geht ihr gut. Ich habe sie versteckt. Das klingt alles verwirrend aus meinem Mund. Ich kann sie zu dir bringen. Für immer. Aber wir müssen aufpassen. Wenn jemand herausbekommt, dass sie zu Hause ist, dass ich sie nicht in die Fabrik gegeben, sondern versteckt habe, sind wir alle verloren.«

Seine Offenheit könnte ihn ans Messer liefern. Doch in den Augen der Frau erkannte Bo den Schmerz einer Mutter, die ihre Kinder in die Obhut des Staates geben musste. Sie schwieg und weinte stille Tränen der Hoffnung.

»Ich bringe sie heute Nacht.«

Bo hielt Wort. Er brachte Mia zu seinen Eltern zurück. Den elften Geburtstag durfte sie wieder in ihrer Familie feiern. Mia ging ein bisschen schüchtern auf ihre Mutter zu, doch die lief ihr entgegen, fiel auf die Knie und drückte ihr verlorenes Kind an sich.

Bo wischte sich über die Augen. Wann hatte er das letzte Mal geweint? Er wandte sich ab, doch Mia rief ihn zurück. »Besuchst du mich? Wir müssen die Geschichte noch beenden.« Sie sah ihn mit großen, neugierigen Augen an. Ihre Zukunft war ungewiss. Er nickte, setzte sich auf das Fahrrad und fuhr los.

Nach wenigen Metern stoppte eine Gruppe Rebellen Bos Fahrt. Sein Herz schlug schneller.

Die Rebellen feierten am Randgebiet sprachfreudige Partys mit Musik aus alten Zeiten. Sie hielten sich nicht an das Gesetz. Viele von ihnen steckten in den Fabriken fest. Diese sechs Männer und vier Frauen hatten sich der Festnahme bisher widersetzt.

»Wir haben gesehen, was du gemacht hast.«

Ohne Furcht vor einer Strafe sprach der Anführer Bo an.

»Warum?«, fragte der Mann.

»Mir fehlt das Glück der Worte.«

In dieser Nacht fuhr Bo nicht nach Hause, er setzte sich mit den Männern und Frauen zusammen und hörte ihnen zu. Sie hatten keine Skrupel, offen mit ihm zu sprechen, was ihm auf der einen Seite imponierte, auf der anderen ärgerte. Bo hatte für den Erhalt und die exakte Verwendung der Sprache gelebt. Er war der Oberste, dafür hatte er viel gegeben. Und doch begrüßte er die offene Art der Rebellen, die mit ihm respektvoll, aber nicht verängstigt sprachen. Er steckte in einem verwirrenden Zwiespalt.

So viele Worte an einem Abend hatte Bo noch nie in seinem Leben gewechselt. Als die Sonne aufging, fühlte er sich worttrunken.

Am nächsten Tag teilte Bo den zehn Untergebenen mit, dass er an dem bevorstehenden Bewerbungsverfahren teilnehmen würde. Diese Ankündigung überraschte, Bo war seit seinem eigenen Einstellungsgespräch nicht mehr anwesend gewesen.

Die Machtvollen saßen auf ihren Plätzen, der Bewerber wartete, als Bo den Raum betrat.

»Guten Morgen!«, sagte Bo und schritt einmal quer durch den Raum, um sich einen Stuhl zu holen, der auf einem zusammengestellten Stapel am Rand stand. Bo setzte sich neben den Mann. Seine Untergebenen wechselten überraschte Blicke, sagten aber kein Wort.

Der Bewerber war nervös, seine Ohren glühten rot und er zitterte leicht.

»Wir können offen reden. Du bist Stan?«

Der Mann nickte.

»Ich meine das genauso. Ab jetzt darfst du sprechen. Ich erlaube es dir.«

Der älteste Machtvolle öffnete den Mund, doch Bo schnitt ihm mit einem Fingerzeig das Wort ab.

Nach dem Gespräch verabschiedete sich Stan mit einem Satz, den Bo nicht vergessen würde. »Danke, das Gespräch hat mich süchtig gemacht.«

»Wir sehen uns morgen«, sagte Bo.

Stan verließ den Saal, Bo blieb noch einen Moment sitzen und wandte sich an seine Untergebenen.

»Ich weiß, dass ihr mit diesem Vorgehen nicht einverstanden seid. Mein Auftreten hier hat mehrere Gründe.«

Bo fühlte sich schlecht. Er würde die gut behütete Sprache nun für eine Lüge verwenden müssen. Oder hatte er eine Wahl? Würden seine Untergebenen ihm die Wahrheit glauben und einsehen, dass der Weg, den sie gegangen waren, nicht der richtige war? Er verwarf seinen ersten Plan, der wertvolle Worte in Lügen verwandelt hätte und erzählte die Wahrheit.

Als er zu reden begann, sah Bo bewusst nur diejenigen an, die Kinder hatten. Das waren drei.

Bo erzählte seine Geschichte. Keine Regung in den Gesichtern. Damit hatte Bo gerechnet. Dann berichtete er von Mia, ohne ihren Namen zu nennen und die Höhle erneut zu erwähnen. Er sprach von den Stockhieben und den stummen Tränen.

»Wir müssen uns klarmachen, dass wir die Kinderseelen stark belasten, wenn wir sie mit drei Jahren von den Eltern wegzerren und sie für jedes Vergehen schlagen. Wir sind eine intelligente und weit entwickelte Gesellschaft, die jedoch zurück ins Mittelalter rutscht, wenn der Mensch keine Rechte mehr erhält.« Bo machte eine kurze Pause. »Bitte, ihr dürft sprechen.«

Silly stand auf. Sie hatte zwei Kinder, eins davon war erst vor wenigen Wochen abgeholt worden. »Danke, Oberster, dass du das ansprichst. Ich bin schon lange dafür, dass wir die Gesetze überdenken.« Sie ging auf Bo zu und stellte sich auf seine Seite.

Bos Herz hämmerte gegen seine Brust. Er hatte eine Verbündete in seinen Reihen. Blieben noch neun, die es zu überzeugen galt.

Am Ende der wortgewaltigen Debatte standen sechs Machtvolle auf seiner Seite, die übrigen vier stellten sich gegen eine politische Kehrtwende. Der Redensführer herrschte Bo in einem Ton an, den Bo vor einiger Zeit mit harten Sanktionen bestraft hätte. »Das werde ich nicht dulden. Ich sorge dafür, dass du abgesetzt wirst.«

»Für deinen Tonfall könnte ich dich in die Fabriken schicken, doch das möchte ich nicht mehr«, sagte Bo und ergänzte. »Die Wahlen in den Reihen der Machtvollen sind in zwei Monaten. Du weißt, dass es nicht möglich ist, mich abzusetzen.«

»Du kannst nicht alles über den Haufen werfen, wofür unsere Großväter gekämpft haben.«

»Ich muss die Gesetze überdenken, zum Wohle der Menschheit.«

»Nicht mit uns.« Pit stürmte aus dem Saal, gefolgt von dreien seiner Mitläufer.

Auf dem Flur polterte es, dann ertönte ein Schrei. Bo und seine Verbündeten eilten hinaus. Das F aus dem Wort Konferenzsaal war abgefallen und hatte Ty, der den Raum als Letzter verlassen hatte, erschlagen.

An diesem Abend lag er lange wach. Er hatte für das Regime gelebt und sein Ziel stets vor Augen gehabt. Nun war alles anders. Einem kleinen Mädchen war es gelungen, seine Meinung zu verändern und sein Ziel neu zu definieren. Bo war aufgeregt und er spürte noch etwas anderes: Glück.

Die nächsten Wochen bekam Bo wenig Schlaf. Er hatte acht Wochen Zeit, um die Untergebenen davon zu überzeugen, dass die Sprache zu verbieten und den Kindern das Schweigen zu lehren, nicht förderlich für die Entwicklung einer Gesellschaft war.

Er lud die Rebellen zu sich ein und setzte damit ein Zeichen bei den Untergebenen. Die Treppe blieb verwaist, stattdessen ließ er Bäume und Pflanzen links und rechts auf den Treppenabsätzen platzieren. Die Türe zum Rathaus stand offen. In der Fabrik wurde gegen Lohn gearbeitet, Aufstiegschancen inklusive.

Die Machtvollen spalteten sich in Anhänger und Gegner von Bos neuer Politik. Wenn Bo an seinem Weg zweifelte, besuchte er Mia, die ihn daran erinnerte, weshalb er von seinem Ursprungsglauben abwich. Er war jede Woche bei ihr.

Auch die Untergebenen, die er nun Mitmenschen nannte, hießen die Veränderung nicht alle willkommen.

Und doch einte sie eins: Die Menschen schauten nicht mehr ängstlich, sie lachten hörbar und unterhielten sich lautstark auf der Straße.

Die Kinder blieben bei ihren Familien, lautes Lesen und Schreiben wurde zur Pflicht.

In den acht Wochen bis zur Wahl erreichte Bo mehr als in seiner gesamten Amtszeit. Als Lohn wählten die Mitmenschen ihn wieder, trotz der Widerstandsbewegung. Noch nie war er so erleichtert, so glücklich über die Zustimmung der Wähler. Aber die Wahl endete mit einem knappen Ergebnis. Die Opposition würde ihm das Leben in der nächsten einjährigen Amtszeit zur Hölle machen. Da wusste er noch nicht, dass er viele Jahre der Oberste bleiben würde.

Die Sprache entwickelte sich zu einem allgemeinen Kulturgut, sie wurde gepflegt, gehegt und ausgebaut. Alle durften sie verwenden. Bücher und Zeitungen gab es frei verkäuflich im Laden, die Bibliothek im Rathaus war nicht mehr geheim, sondern öffentlich.

Die Menschen lernten, mit Worten umzugehen. Aus den anfänglichen schüchternen Sprachversuchen bildeten sie Sätze, die zu kunstvollen Werken zusammengesetzt, in den Ohren der Zuhörer und den Köpfen der Leser wie Musik klangen. Doch bei Diskussionen endete das Gesagte nicht selten in machtvollen Boshaftigkeiten. Worte klangen gut, klangen böse.

Bo blieb überzeugt davon, dass sich Sprache in seiner reinsten und schönsten Form zeigte, wenn sie aus tiefstem Herzen geboren wurde. Diese Wahrhaftigkeit versuchte er jeden Abend in seinen eigenen Roman zu transportieren, den er zu schreiben begonnen hatte. Er war überzeugt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Und doch keimten immer wieder Zweifel in ihm auf, denn Bo wusste, nicht alle Märchen endeten mit einem Happy End. Und jede Geschichte zeigte, der Mensch vergaß, was einst war, wiederholte sich. Dann stünde die Menschheit wieder vor den Scherben ihrer Sprachmacht. Die Staatsoberhäupter würden erneut Gesetze entwerfen und auf deren Einhaltung pochen, um die Mitmenschen vor Worten zu schützen.

Das Märchen von Mia und Bo

Es war einmal eine junge Frau, die in einem Land lebte, ähnlich dem unseren. In diesem Land herrschten die Mächtigen über die Menschheit. Sie verboten die Sprache und vernichteten Bücher und Zeitungen. Kommunikation wurde bestraft, Worte, ob geschrieben oder gesprochen, säten Zwietracht, die aus dem Land verbannt werden sollte.

Diese junge Frau, ihr Name war Mia, fand unter einem umgekippten Baumstamm ein altes Märchenbuch. Sie las die Geschichten in einem verbotenen Versteck und liebte die Worte, die rhythmisch zwischen ihren Lippen hüpften, ihren Kopf ausfüllten und sie worttrunken machte.

Und Mia fragte sich, ob die Sprache nicht auch Gutes bewirken und Liebe hervorbringen könnte …

ǢMAITJŌN – SCISSORS 4.0
von Rainer Schorm

»Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.« Ludwig Wittgenstein »Tractatus logico-philosophicus« (1921/22)

Am 05. Mai 2041 wurde die Unterstützung für das Sprachsystem Scissors 2.0 endgültig beendet. Die Medialität hielt den Erregungsquotienten niedrig. Die Nachricht ging, wie gewünscht, im Medienrauschen unter. Der Prozess von Abonnent 85.396.448 ist idealtypisch und wird deshalb protokolliert und archiviert.

Bilanz des Korrektivs

Sprechwart G. Herlinger

SCS-Abonnent 85.396.448, Eigenname Schlesinger, Rudolf. Protokoll 05. Mai 2041. 09:15 Uhr

Frühstück war in Ordnung. Die perfekte Balance zwischen Proteinen, Fetten und Kohlehydraten. Der Kühlschrank muss einige Tofunarien nachbestellen.

Dennoch: Etwas fehlt. Ich kann auf Anhieb nicht sagen, was es ist. Das eigenartige Gefühl macht sich seit dem Aufwachen heute Morgen breit, eine Unsicherheit, die mir bis dahin völlig unbekannt war. Ein eigenartiges Gefühl … oder ein Nicht-Gefühl? Ich kann es nicht näher beschreiben. Ob ich krank werde? Ich könnte mir etwas eingefangen haben.

Heute bin ich froh, dass ich von zu Hause aus arbeiten kann. Online-Expertise hat seit den zwanziger Jahren exponentiell zugenommen. Es ist eine Art der Isolation, aber gerade an Tagen wie diesem, empfinde ich das als angenehm.

Die Gespräche fühlen sich … holprig an. Die Kommentare des mLectors sind wie immer, aber es scheint Abstimmungsprobleme zu geben. Es sind nur Kleinigkeiten. Vielleicht sollte ich eine Dependance des CSC aufsuchen. Das Center for Speech Control ist nicht unbedingt in der Nähe, also verschiebe ich das. Wahrscheinlich bin ich einfach nicht ganz auf der Höhe. Das soll bei höherem Alter vorkommen. Ich bin weder fiebrig, noch zeige ich andere Symptome, also vielleicht ist das die Erklärung.

Das Gefühl verstärkt sich den ganzen Tag über. Erst als ich die Kommunikation einstelle, legt sich die unerklärliche Nervosität.

SCS-Abonnent 85.396.448, Eigenname Schlesinger, Rudolf. Protokoll 06. Mai 2041. 07:23 Uhr

Es ist nicht vorüber. Ich fühlte es sofort, als ich aufwachte; eine Art Leere, die um sich greift.

Das Update! Die Aktualisierung des Compendiums ist ausgeblieben, deshalb gestaltet sich meine Kommunikation, mein Sprechen derart holprig. Ich bin nicht mehr up to date.

Es war ein Schock.

Plötzlich und ohne jede Vorwarnung ins Ungewisse gestoßen zu werden, damit hat niemand gerechnet – ich zuallerletzt. Ich gehe die Arbeit voller Unruhe an und sie verschwindet nicht.

Die beruflichen Gespräche sind zumeist unproblematisch. Ich verkneife mir jeden Kommentar, der über das Sachliche hinausgeht.

Die privaten Gespräche sind eine Katastrophe. Ich habe krampfhaft versucht, die Korrektiven umzusetzen. Sprache formt die Realität – davon ist jeder überzeugt, der guten Willens ist. Wie könnte es anders sein? Meine Unzulänglichkeit wurde mir mit jedem Satz schmerzlicher bewusst. Ohne aktuelles Compendium muss der mLector mit veralteten Sprachkorrektiven arbeiten. Bereits nach einem Tag sind die Diskrepanzen gewaltig. Das Compendium for Speech Control wird vom CSC ständig aktualisiert, damit jeder Abonnent die neuesten Korrektiven kennt und reibungslos und ohne Diskriminatoren sprechen kann. Das CSC ist eine spezielle Abteilung des Korrektivs, die Behörde, die aus dem im Jahre 2028 verstaatlichten Duden-Verlagskonglomerat hervorging.

Nun kann jeder Begriff ein Falschwort sein. Normalerweise geschieht die Aktualisierung einmal, in Notfällen zweimal am Tag. Etwa wenn das Korrektiv nicht nur Begriffe, sondern ganze Beziehungszusammenhänge als schädlich einstuft. Ich habe das zweimal erlebt: Das Chaos im Kopf war grandios. Jetzt sehne ich mich geradezu danach.

Zunächst glaubte ich an ein technisches Problem. Wenn Warteschleifen entstehen, habe ich ganz sicher keine Priorität. Das beweist schon meine Abonnentennummer. Ich bin einer von vielen … von sehr vielen. Technische Systeme können ausfallen, das ist eine Binsenweisheit. Dennoch: Diese Möglichkeit nimmt niemand ernst. Man verdrängt es.

Ich sollte mir keine Sorgen machen. Solche Dinge sind lästig, aber werden schnell behoben. Die Unsicherheit ist überschaubar und bringt einen selten in Schwierigkeiten. Das Center for Speech Control bietet für diesen Fall Rechtsschutz – bis zum nächsten Update.

Das Compendium muss selbstverständlich aktuell sein. Kein Mensch könnte all die Stolperstricke, die die Sprache bereithält, vermeiden. In Sprache stecken viele tausend Jahre überkommener Sprachbilder, Diskriminierungen und unakzeptabler Wertungen. Die neue Welt ist schöner ohne all das. Oder kam mir das nur so vor?

Wie auch immer: Der Ausfall ist eine Katastrophe.

Sprechisolation!

Und nun … bin ich abgeschnitten. Ganz einfache Dinge werden übergangslos sehr kompliziert und unberechenbar.

Ich hatte vor, einkaufen zu gehen. In der Vichy-Straße befindet sich ein Fairsell, mein bevorzugtes Lebensmittelzentrum. Seit Langem wird diskutiert, ob der Straßenname, der für das mit den Nazis kollaborierende Vichy-Regime steht, geändert werden muss. Eine Entscheidung ist bisher nicht gefallen, aber das ist nur eine Frage der Zeit. Frankreich hat sich trotz diplomatischen Drucks geweigert, die Stadt komplett umzutaufen. Es hat Frankreich moralisch diskreditiert. Der Druck, kommunal zu reagieren, stieg danach. Der Streit bezieht sich nicht darauf, ob man den Namen ändert, sondern um die Neubenennung. Jeder Vorschlag wird auf Belastungen abgeklopft. Das Problem ist, dass die Historie an sich belastet ist, da sie unsere moralischen Standards nicht einmal annähernd erfüllt. Das Risiko, eine aktuelle Person als Namensgeber zu wählen, ist naturgemäß sehr groß, da zukünftiges Wohlverhalten nicht vorausgesetzt werden kann. Menschen können sehr schnell toxisch werden – und keineswegs nur Männer.

Normalerweise würde mir das Compendium bereits beim Denken des Straßennamens einen Hinweis geben, um Kontaktschuld vermeiden zu können. Ich wäre automatisch auf dem neuesten Stand. Alle offiziellen Stellen sind vernetzt, und das betrifft uns Sprachbürger gleichfalls.

Aber ich weiß nichts.

Nichts!

Die Gefahr ist nicht sehr groß, ich weiß, Benamungen der Umgebung haben ein geringes Belastungslevel. Was mich umtreibt, ist das Wissen, dass ich nicht gewarnt werden würde, sobald die Toxizität steigt. Das kann sehr schnell geschehen. Es ist Angst vor der Angst.

Ich entscheide mich, umzukehren und nach Hause zu gehen. Ein junger Kerl rempelt mich an. Aus leblosen Karpfenaugen mustert er mich, als könne er meine Unsicherheit fühlen. Junge Leute sehen seit Längerem so aus, warum auch immer. Vielleicht hat sich in den Köpfen zu viel Mikroplastik abgelagert? Ich habe es bisher immer ignoriert. Es kommt mir vor, als sei das nicht mein Entschluss gewesen. Wie komme ich nur auf eine solche Idee? Die Unruhe in mir wächst und wächst. Bald wird daraus eine handfeste Panik werden. Das ist momentan die einzige Sicherheit, die ich habe.

Der Himmel ist wolkenlos. Die Unendlichkeit dahinter macht mir Angst.

SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 07. Mai 2041. 07:35 Uhr

Die Nacht war furchtbar. Ich habe versucht, mir Informationen zu besorgen. Natürlich unterliegen viele Quellen der #Fragwürdigkeit#, weil ihr inhaltlicher Tenor nicht erwünscht ist. Gegenströmungen verlangsamen den Fortschritt, und das ist unakzeptabel. Sie auszumerzen, ist bisher nicht komplett gelungen. Das Netz bietet unverändert einige Nischen und Freiräume, aber man hat es geschafft, diesen Reaktionären die Geldmittel und Werbeträger weitgehend abzugraben. Auf jeden Fall gibt es keine Möglichkeit, das aktuelle Compendium individuell zu laden. Das ist nicht vorgesehen. Ich schweife ab … meine Konzentration ist hinüber.

Ich fand nichts. Keine Nachricht, keine Information darüber, dass das CSC Schwierigkeiten haben könnte oder dass das Compendium nicht mehr aktualisiert würde. Es ist alles in schönster Ordnung, wie es scheint.

Das Update bleibt unverändert aus. Es fällt mir immer schwerer, an eine technische Störung zu glauben.

Ich sollte ein wenig schlafen und kann es nicht. Meine Gedanken kreisen wie wild, auf Bahnen, die beunruhigend sind. Mein Denken gerät außer Kontrolle.

SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 08. Mai 2041. 10:48 Uhr

Ich habe mit Frank gesprochen, ohne ihn direkt zu fragen. Bereits der Verdacht, man sei kein #Comrade# mehr, ist schwerwiegend. Leute brechen den Kontakt bereits aus sehr viel geringeren Anlässen ab. Nähe kontaminiert. Er wirkt ebenfalls nervöser als sonst, aber das könnte ich mir selbstverständlich einbilden.

Ich weiß nicht, mit wem ich darüber reden könnte. Jüngere Leute habe ich nicht in meiner Bekanntschaft. Den Großteil dessen, was sie von sich geben, verstehe ich nicht. Das beruht auf Gegenseitigkeit. Zudem ist der trübfischige Blick unangenehm.

Meine Vorräte werden knapp. Allzu häufig sollte man sich nicht beliefern lassen; die Logistikunternehmen und Bringdienste stehen unter argwöhnischer Beobachtung. Vieles wird durch Häufung umweltschädlich. Ich muss also vorsichtig sein. Es ist perfide: Ich traue mich nicht aus dem Haus. Die Gemeinschaft, die doch angeblich Geborgenheit schenkt, ist zur Bedrohung geworden. Meine Welt steht kopf.

Begegne auf dem Weg in den Keller einem Nachbarn. Wir wechseln kein einziges Wort.

SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 09. Mai 2041. 10:27 Uhr

Bereits vier Tage!

Unverändert kein Update. Eine beängstigende Sicherheit macht sich in mir breit: Mein System wird nicht mehr unterstützt. Kann das sein? Das bedeutet, dass die Formulierungskomponente nicht auf dem neuesten Stand ist und das dauerhaft. Die Wortwahl unter Scissors 2.0, also den verbindlichen Vorgaben des CSC, des Center for Speech Control, wird in Echtzeit kontrolliert und bereits bei der Formulierung kritisiert.

Als unerwünscht erfasste Begriffe werden vom mLector, einem überaus komplexen Sprechalgorithmus, vor der Artikulation ausgebremst. Das funktioniert über eine neuronale Kopplung des CSC-Links zum Index im Gyrus temporalis medius. Im Sprechzentrum bauen Nanomaschinen eine Schnittstelle auf. Ich versuche, mir die Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen. Scissors 2.0 läuft bereits seit über zwanzig Jahren. Viele der Funktionen und Algorithmen habe ich vergessen. Die AGBs allemal. Ich frage mich, ob sie überhaupt jemand jemals durchgelesen und verstanden hat.

Meine Unzulänglichkeit hat dazu geführt, dass ich mich mehr mit dem System beschäftigt habe als jemals zuvor in meinem Leben. Es war immer da und es hat immer funktioniert

Das Problem ist, dass der mLector die Begriffe kommentiert, gleichgültig, ob ich rede oder nicht. Ich bin zunehmend unsicher und vermeide es, zu sprechen. Keine Speechcoms, keine direkten Anrufe. Ich beschränke mich auf schriftliche Kommunikation – wobei ich die Texte zum einen deutlich kürzer halte als sonst und sie zweitens etliche Male kontrolliere. Noch stärker lassen sich die Sätze nicht reduzieren, sonst lande ich bei ein oder zwei Worten. Als ob sich damit etwas Wesentliches sagen ließe. Es fühlt sich an, wie ein immaterieller Maulkorb; unangenehmerweise bin ich bei dieser Metapher der bissige Hund. So fühle ich mich ganz und gar nicht. Ich bin verängstigt und unsicher. Also spreche ich immer weniger.

Eine Mute-Taste fürs Denken; es schadet dem Selbstbewusstsein unglaublich.

Ich stehe im Hausflur und schaue mich um. Auch das ist auffällig: Ich habe das unangenehme Gefühl, dass mich alle anderen beobachten. Bizarrerweise sogar dann, wenn niemand zugegen ist.

Manchmal stelle ich mich in die geöffnete Tür, wenn jemand nach Hause kommt. Viele Bewohner haben den eigenartig fischigen Blick. Es fällt mir erst jetzt auf, dass beinahe alle deutlich jünger sind als ich. Es ist unangenehm, so angeschaut zu werden. Das war es immer, aber erst jetzt beginne ich, darauf zu achten.

Ich versuche mich damit zu beruhigen, dass ich mir selbst eine Paranoia attestiere. Netter Einfall! Funktioniert dummerweise nicht.

Derart isoliert zu sein ist bedrohlich. Ich schwitze häufig ohne Grund und dann rast mein Herz, wie nach einem Lauf. Ich bin sehr lange nicht mehr gelaufen. Die Jahre fordern ihren Tribut. Körperlich könnte ich es wohl, aber mir fehlt die Energie.

Dieser Wohnblock hat jetzt etwas von einem Gefängnis; nach über zwanzig Jahren, die ich hier lebe. Es ist ein wenig, als bewege man sich in einer labyrinthartigen Ansammlung übermannshoher Monolithe. Zu groß, um darüber hinwegschauen zu können, kein erkennbarer Horizont. Und obwohl es nur einzelne Steine sind, die eng beieinanderstehen, ist man allein zwischen ihnen und verloren. Man nimmt sonst niemanden wahr, gleichgültig, wie viele sich noch durch diesen Irrgarten bewegen.

Die Vereinzelung, die daraus resultiert, macht mir zu schaffen.

Die Desorientierung nimmt zu. Essen muss ich trotz allem. Dass Einkaufen einmal zur Mutprobe werden könnte, hätte ich niemals vermutet. Es ist längst nicht mehr nur der toxische Straßenname. Mein Hals wird eng.

Dort draußen muss man sprechen …

SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 09. Mai 2041. 00:27 Uhr

Ich kann nicht einschlafen. Meine Gedanken schwirren wie wild durch meinen Kopf, ebenso wild kommentiert vom Compendium. Im Zustand des Dösens kann man Gedanken nicht im Zaum halten. Es ist erschreckend, wie unkorrekt man denkt, wenn die Schutzwälle des CSC in sich zusammenbrechen. Die ungezügelte, überkommene Natur meldet sich zu Wort – und diese Worte sind … böse!


Man sollte denken, wir hätten das überwunden. Aber dem ist nicht so.

Langsam frage ich mich, ob nicht bereits die Annahme, man könne die reale Natur – wie die Hirnfunktion etwa – überwinden, der eigentliche Fehler ist. Es klingt so … unsinnig. Kann man Hunger überwinden? Verdauung? Stoffwechsel? Sex? Das Atmen? Aber das ist Biologismus und damit unakzeptabel. Aber ist das nicht genau das, was wir sind, wenn man uns isoliert? Ich versuche mir vorzustellen, was bleibt, wenn man uns unsere Biologie wegnähme. Versuche erneut, einzuschlafen.

Morgen muss ich nach draußen …

SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 10. Mai 2041. 07:58 Uhr

»He, Sie! Was fällt Ihnen ein?«

Die Frau zuckt zurück, als habe sie eine elektrische Leitung berührt. Es ist eng hier, im Feierabendverkehr ist die Magnetbahn komplett überfüllt. Seit den Tagen der Pandemie reagieren viele Menschen auf Nähe sehr extrem. Insofern ist der öffentliche Nahverkehr eine Art Kriegsgebiet. Ich zucke ebenfalls zurück. Eine instinktive, aber keine kluge Reaktion … eher ein Schuldeingeständnis. Ich vermute richtig.

»Nehmen Sie Ihre Griffel weg!«

Ich beiße mir auf die Lippen. Bereits das ist ein körpersprachlicher Fehler, ich weiß. Bloß nichts sagen. Auf keinen Fall.

Habe ich sie etwa berührt? Ich erinnere mich nicht daran, etwas gespürt zu haben, aber auf meine Einschätzung kommt es nicht an. Außerdem bin ich übermüdet, wie ich es nie zuvor war. Alles in mir ist in Alarmbereitschaft, ich fühle mich fiebrig. Es war ein Fehler, aus dem Haus zu gehen, das war mir bereits nach den ersten Minuten klar. Aber ich musste ja den Helden spielen.

Mit denen nimmt es üblicherweise ein böses Ende.

Die Frau starrt mich an, als sei ich ein Insekt. Natürlich stehe ich als weißer Mann bereits grundsätzlich unter Verdacht, aber daran hatte ich mich gewöhnt – zumindest ging ich bisher davon aus. Dazu kommt, dass ich nicht mehr jung bin. Ein Euphemismus.

Die fette Frau [Warnung! Keine Gewichtsdiskriminierung.] gluckst unangenehm und die ersten Leute um sie herum wenden ihre Blicke mir zu. Das Framing funktioniert wie ein Schweizer Uhrwerk. [Rassismuswarnung! Keine nationale Zuschreibung.]

Ohne Vorwarnung stehe ich unter Strom. Ich kenne die Reaktionsabläufe. Jeder tut das, heutzutage. Der Vorwurf wird als Faktum betrachtet. Die Panik in mir löst die letzten begrifflichen Hemmungen. Die Zicke ist auf Krawall gebürstet!

[Sexismuswarnung! Gruppenorientierte Feindseligkeit gegen Frauen. Wird eine Handlung/Äußerung als sexistisch empfunden, ist sie es per definitionem auch. Bereits die Infragestellung des Sachverhalts erfüllt ihn.]

Wenn der mLector derart ausführlich kommentiert, wird es unangenehm. Die Unschuldsvermutung ist längst still verstorben. Bisher fand ich das positiv. Am Zwinkern ihrer Augen sehe ich, dass sie etwas postet. Sie ist voll im Trend und über einen GawkPin in der Hornhaut vernetzt. Ihr Kopf wackelt empört hin und her. Wenn ich Glück habe, ist das gepostete Bild unscharf, obwohl die Autokorrekturen das üblicherweise verhindern.

»Kein gutes Zeichen …«, denke ich.

Wird ein solcher Vorwurf viral, hat man verloren. Die Schnelligkeit der Polyposts verhindert Nachdenken, Abwägen oder ähnlich fruchtlose Tätigkeiten. Die Sorgfalt ist nicht still verstorben, sie wurde mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Es reagiert das unmittelbare Gefühl. Nietzsche sagte einmal, dass sich die Reife eines Geistes an der Dauer der Verzögerung der Reaktion zeigt. Wann habe ich das gelesen?

[Anmerkung: Der Gedanke kann zu mentalem Extremismus führen. Nietzsche ist als toxische Quelle belastet und nicht zitierungsfähig. Streichen.]

Die Frau ist empört und scheint sich in ihren Zustand hineinzusteigern. Der dicke Kopf mit den Pausbacken ist puterrot. Sie wedelt wie verrückt mit den Händen. Sie schwitzt. Ich ebenfalls.

Immerhin kann ich die Gedanken noch selbst fassen. Der SC-2.0 unterdrückt lediglich die Äußerung und kommentiert. Würde ich all das aussprechen, was mir durch den Kopf geht, wäre ich verloren.

Wir fahren in die Station »Dittmanswiesen« ein. Ich sehe zu, dass ich den Waggon verlasse, ohne weiter aufzufallen. Das Gedränge der Menschenmenge hat ihre Vorteile.

Obwohl der Mai sehr warm ist, fühlt es sich kalt an, als ich nach draußen trete. Es ist, als gefrören die Schweißtropfen auf meiner Haut zu Eis. Ich bin ein Nervenbündel; sich selbst krampfhaft beruhigen zu wollen, klappt selbstverständlich nicht. Ich hatte das niemals nötig. Mein linkes Augenlid zuckt hektisch und es hört einfach nicht auf.

SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 10. Mai 2041. 08:17 Uhr

Ich schalte den Einkaufswagen über die Shopapp frei. Wenn man am liebsten unsichtbar wäre, bemerkt man erst, wie sehr man im Netz hängt. Gleichgültig, was man tut, man ist auf dem Schirm.

Jetzt bin ich sicher: Sie beobachten mich. Der Eindruck trügt nicht – es sind die jungen Menschen, die den trüben Blick zeigen. Nun ist »junger Mensch« aus meiner Perspektive sehr relativ. Ich bin mittlerweile ein alter Sack. Nicht auf der Höhe der Zeit zu sein, ist zwar nicht strafbar, aber man verliert viele Vorteile. Für die meisten ist das ein weiterer, guter Grund, sprachlich nicht aufzufallen. Ich bin da keine Ausnahme.

Das Fairsell-Lebensmittelzentrum ist geöffnet. Meine Befürchtungen waren unnötig. Ich schäme mich meiner Angst. Was Einbildung alles auslösen kann.

Ich belüge mich selbst und versuche mir einzureden, dass das nächste Update sicher bald kommen wird.

Ich kaufe mehr ein, als ich ursprünglich vorhatte. Ich kompensiere, das ist mir klar, aber der Drang ist überwältigend. Immerhin muss ich mir hier keine Gedanken um die Qualität der Produkte machen. Fairsell garantiert höchste ethische Standards. Dennoch könnte die schiere Menge Anstoß erregen. Konsumismus gilt als überholt, ja überwunden. Unser Land ist progressiv, gleichgültig, ob man Schritt halten kann.

Der Zweifel wächst, es fühlt sich nicht fortschrittlich an, sondern einengend. Mir wird übel. Hoffentlich kotze ich dem Fairsell nicht vor die Tür. Derart unsoziales Verhalten bedeutet heftigen Punktabzug im LifeAccount. Das kann ich in meiner Situation ganz und gar nicht brauchen.

SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 10. Mai 2041. 08:26 Uhr

Es ist eine Tortur. Ich höre die anderen sprechen. Da dies mein bevorzugtes Fairsell ist, kennen mich viele. Ich versuche krampfhaft, allen Gesprächen aus dem Weg zu gehen. Der mLector arbeitet ohne Unterlass, denn die Neigung, auf Fragen oder direkte Ansprache zu antworten, ist stark. Es ist so anstrengend, still zu bleiben. Mein Kopf droht zu platzen. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch durchhalte.

Die jungen Fischaugen reagieren kaum, das bin ich gewohnt. Ich beeile mich so gut ich kann und alles ähnelt sehr einer Flucht.

Das ist es letztendlich auch. Ich will zurück in meine Zelle.

SCS-Abonnent 85.396.448 Protokoll 10. Mai 2041. 08:55 Uhr

Kaum habe ich das Fairsell verlassen, werde ich angehalten. Die beiden androgynen Gestalten packen mich und schieben mich nachdrücklich in einen Wagen, der ebenso nichtssagend aussieht, wie sie selbst. Unauffälligkeit scheint sich als gesellschaftliches Optimum endgültig durchgesetzt zu haben. Ich erinnere mich daran, dass es früher anders war. Ebenfalls erinnere ich mich daran, dass mich vor endlosen Jahren jemand fragte, wie ein Kollektiv, das schließlich nach simpelster Gruppendynamik funktioniert, also grundsätzlich primitiv ist, jemals progressiv sein könne. War das Paul? Die Frage kam mir damals ziemlich ketzerisch vor, fragwürdig. Was für ein Widerspruch. Die Ironie ist kaum auszuhalten.

An die Antwort erinnere ich mich nicht mehr. Ich habe zu lange korrekt gedacht … Damals, in den ersten Tagen von Scissors war die Gesellschaft noch ein korrekt-inkorrekter Flickenteppich.

Ich frage, wohin sie mich bringen.

Eine Antwort erhalte ich nicht.

Center for Speech Control. Sprechwart G. Herlinger: Bericht über SCS-Abonnent 85.396.448, Eigenname Schlesinger, Rudolf

Der ehemalige Abonnent sitzt im Warteraum und ist sichtlich verwirrt. Das ist naheliegend und immer so. Wie all die anderen Altabonnenten hat er die Beendigung der Unterstützung für Scissors 2.0 nicht gut verkraftet. Die gemessenen medizinischen Werte zeigen den typischen erhöhten Adrenalinpegel, ausgelöst durch die Unsicherheit.

Bei vielen kam es zu nervösen Beschwerden aller Art, sogar zu ausgeprägten Neurosen. Im Gegensatz dazu hält er sich dann wieder gut. Er zeigte keine aggressiven Ausbrüche. Nicht nach außen, nicht gegen sich selbst. Ganz im Gegenteil zieht er sich wohl immer mehr in sich zurück. Dadurch ist er gut handhabbar.

Scissors 2.0 ist überholt. Aber es hat gedauert, bis die Implementierung der Version 4.0 eine gewisse Abdeckung erreicht hatte. Die Jungen haben wir im Griff. Scissors 4.0 greift zu einem viel früheren Zeitpunkt in die neuronalen Prozesse ein. Die alte Version korrigierte die Formulierungen und die Wortwahl direkt vor der Artikulation. Die Nutzer denken frei, werden dann aber auf den rechten, sprachlichen Pfad gebracht. Das wirkte häufig unbeholfen und der Sprachfluss zeigte Unterbrechungen und Verzögerungen. Die Chinesen haben bei der Entwicklung gute Vorarbeit geleistet.

Der Abonnent, der auf den Namen Schlesinger, Rudolf hört, legt den Kopf auf die Hände und Unterarme, auf die Tischplatte. Er ist erschöpft. Die Alten sind auf die Version 4.0 nicht mehr upgradefähig. Sie denken, obwohl sich vieles abgeschliffen hat im Laufe der Jahre, im Wesentlichen noch selbstständig. Das ist zur Konzeption von Scissors 4.0 nicht kompatibel. Eine nachträgliche Kontrolle von Formulierung und Wortschatz ist nicht mehr nötig, aber die beiden Hardwaretypen sind nicht kombinierbar. Scissors 2.0 ist ein Auslaufmodell.

Der Charakter, das Bewusstsein, entsteht neben den normalen, biologisch vorgegebenen Dispositionen und Determinanten, aus jeder einzelnen, und sei sie noch so kleinen Erfahrung. Das ist per se nicht kontrollierbar, also setzen wir früher an.

Bei der unmittelbar postnatalen Implementierung von Scissors 4.0 werden die synthetischen Neuronalverbindungen direkt in den Gyrus temporalis medius eingearbeitet. Dort findet die wortsemantische Verarbeitung statt und die Bedeutung der einzelnen Wörter wird geregelt. Die Verschaltung mit den anderen Sprachzentren, wie dem Broca-Areal oder den Wernicke-Zentren war ein schwer zu lösendes Problem, das in den Tagen der Entwicklung dazu führte, dass bei vielen Probanden kein taugliches Welt- und Körperbild entstand. Sie liegen noch heute im Wachkoma; wo gehobelt wird, fallen Späne. Erst seit Scissors 4.0 ist es möglich, die Schnittstellen dauerhaft online zu halten, ohne dass es negative Auswirkungen auf die Probanden hatte.

Scissors 3.0 war ein Fehlschlag, aus dem wir gelernt haben. Aber diese Schwierigkeiten sind überwunden. Scissors 4.0 interveniert bereits vor und während der Wortfindung und verhindert falsche Begriffe. Die Aktualisierung des Compendiums findet auf andere Weise statt als beim älteren Modell. Da nun die nötige Durchdringung der Bevölkerung erreicht ist, waren die 2.0-Upgrades unnötiger Aufwand. Deshalb wurde die Unterstützung eingestellt. Eine simple Kosten-Nutzen-Analyse gab den Ausschlag.

Um Panikreaktionen der Betroffenen zu verhindern, sammeln wir sie ein und bringen sie geschützt und isoliert unter. Es betrifft im Wesentlichen die älteren Jahrgänge, und so wird sich das Problem früher oder später auf ganz natürliche Weise erledigen.

Nur wer korrekt denkt, spricht auch so. Sprache formt die Realität.

Bei Scissors 2.0 gab es zu Beginn den Vorwurf, wir zwängen den Menschen Gedanken auf. Von Nötigung war die Rede. Die neue Version macht den Vorwurf obsolet. Die Gedanken entstehen von selbst, das Gehirn kommt auf die richtige Lösung; mit etwas Hilfe, aber von selbst. In den Sprechzentren entstehen nur noch erwünschte Begriffe.

Das ist keine Manipulation, das ist Evolution, zielgerichtet und effizient. Damit haben wir den Kleinbürger endlich unter Kontrolle.

Zwei Sprechwarte betreten den Raum und bringen den ehemaligen Abonnenten weg.

SCS-Abonnent – (Status: gelöscht), Eigenname Schlesinger, Rudolf. Protokoll 31. Mai 2041. 09:15 Uhr

Ich kann die Begriffe wenigstens noch denken. Die Gedanken sind frei …

Es ist ein altes Volkslied. Eigentlich sollte es mir Mut machen, aber das ist nicht der Fall.

Die Unterhaltung mit dem Sprechwart war eigenartig. Er war sehr freundlich und er hat mir das neue System erklärt, so fortschrittlich, so elegant, so korrekt. Ich hatte nie zuvor von einer Version 4.0 gehört.

Dennoch hatte ich ab und an das Gefühl, dass er sich unwohl fühlte in seiner Rolle. Er unterliegt als Sprechwart dem Korrektiv nur bedingt.

Wie heißt es so treffend? Alle sind gleich, aber manche sind gleicher.

Eines habe ich außerdem begriffen. Der trübe Blick der folgenden Generation resultiert aus lebenslang betreutem Denken und Sprechen. Ihnen fehlen die Begriffe, aus denen man sich eine eigene Welt zusammenbauen könnte – sie kennen nur die Worthülsen und korrekten Phrasen.

Betreutes Denken.

Was für eine deprimierende Aussicht.

Es heißt, am Anfang sei das Wort gewesen. Der Logos. Auf verstehen angelegte Sprache, als Synonym für Vernunft.

Nicht Gott ist tot … die Vernunft ist es. Was übrig bleibt, sind Ameisen. Das perfekte Kollektiv.

Ich spreche nicht mehr. Nicht mit den Miteinsitzenden, die nur zu ihrem eigenen Besten hier sind; genau wie ich. Nicht mit den Sprechwarten, nicht einmal mit mir selbst. Die Stimme ist erloschen.

Meine Gedanken habe ich … noch!

Mit Scissors 4.0 hat man nicht einmal mehr sie.

Ganz herzlichen Dank an Michael Tinnefeld für die Einschätzung der psychologischen Reaktionen.

VOM SITZEN UNTERM HOLLERBUSCH
von Christopher Ecker

Aus Trotz, von der Schulleitung dazu verdonnert worden zu sein, die Rede zu halten, hatte ich vor, über das Thema »Heimweh« zu sprechen. Es war mir schleierhaft, wieso bei der sogenannten »Abiturentlassungsfeier« überhaupt ein Mitglied des »Lehrkörpers« sprechen musste. Ich jedenfalls wollte die Lehrerrede so halten (ernst, abwegig, düster), dass man mich nicht noch einmal dazu verdonnern würde. Heimweh hat man nicht nach einem Ort, überlegte ich beim Verlassen des Lehrerzimmers, sondern nach einem Zustand. Man sehnt sich, überlegte ich weiter und zupfte dabei an der Maske herum, so zu sein, wie man ehemals an einem gewissen Ort war. Erinnerungen spielen eine Rolle. Es geht um Kindheit. Es geht ums Reisen. Doch dann gibt es noch eine schwer greifbare Form des Heimwehs, die bei mir persönlich (aber das würde ich niemals öffentlich zugeben) durch Science-Fiction-Romane der fünfziger Jahre ausgelöst wird oder durch Science-Fiction-Filme der siebziger Jahre oder – wie kürzlich in der U-Bahn bei einer Klassenfahrt – durch ein bogenförmiges Stück rostigen Metalls mit runden Nieten, das an der gewölbten Wand eines düsteren Seitenschachtes angebracht war.

Mit einigen energischen Schritten durchmaß ich das Klassenzimmer, riss das Fenster auf, nahm die Maske ab, atmete tief ein und stopfte sie in die Gesäßtasche. Oberstufe. Ein besserer Kurs. »Wir wollen heute«, begann ich ohne Umschweife meine Standarddoppelstunde zur Sprachphilosophie, die ich so oft gehalten hatte, dass ich auf Autopilot schalten konnte, »über das Sprechen sprechen. Beim Sprechen oder beim Nachdenken über Sprache befinden wir uns in der paradoxen Situation, dass das Medium der Untersuchung identisch mit demjenigen ist, was es zu untersuchen gilt. Wir sprechen«, verdeutlichte ich den Gedanken und ließ meinen Blick über die Reihen schweifen, »mit Sprache über das Sprechen – und dass dies ein heikles Unterfangen ist«, ich lachte, »wird wohl jedem klar sein.«

Ich ließ einige Sekunden verstreichen und gab mich versöhnlich: »Aber wie sonst sollte man über Sprache sprechen als mit Sprache?« Nun dürfte jedem das Grundproblem klargeworden sein. Ich zog den Mantel aus, legte ihn über eine freie Bank und malte mit weißer Kreide ein kleines Haus an die Tafel: einstöckig, eintürig, einfenstrig, mit einem hexenhutförmigen Dach, auf das ich einen überdimensionierten Schornstein setzte, aus dem (einige lachten) eine absurde Menge Rauch in den Himmel von Tafelistan quoll. »Was ist das?«, fragte ich, indem ich die Kreide sinken ließ.

»Ein Haus!«, rief wie üblich einer der Übereifrigen.

»Nein«, sagte ich. »Das ist kein Haus.«

Es entstand die übliche Unruhe.

»Was ist das?«, fragte ich wieder und deutete mit der Kreide auf die Tafel.

Einige melden sich. Ich nahm Simon dran.

»Das ist«, sagte er, »das Bild eines Hauses.«

Einserschüler, dachte ich nicht zum ersten Mal, nickte ihm wohlwollend zu und fuhr fort: »Genau. Das ist das Abbild eines Hauses. Und damit niemand das Abbild eines Hauses, also ein gemaltes Haus für ein echtes Haus hält, setzen wir es lieber schleunigst in Anführungszeichen, damit keiner, der es nicht besser weiß, dort einzieht.« Höfliches oder – man weiß ja nie – unterwürfiges Gelächter im Auditorium. Eigentlich lachen sie immer, wenn man will, dass sie lachen. Dies ist das Fundament der Macht.

Ich ließ einige Sekunden verstreichen, setzte Anführungszeichen rechts und links des gemalten Hauses und schrieb daneben in Großbuchstaben und ebenfalls in Anführungszeichen: Haus. Nun wartete ich ab. Dieses Vorgehen nennen die Pädagogen, denen wir allesamt misstrauen sollten, »stummen Impuls«. Dieser glückt mal mehr, mal weniger. Diesmal passierte gar nichts. Auch das kann vorkommen. Gut, dass mich gerade niemand – und erst recht kein Pädagoge – bei meinem Tun beobachtete.

»Wir haben hier«, ich zeigte übertrieben auf das gemalte Haus, »das Bezeichnete und hier«, ich zeigte noch übertriebener (einige lachten) auf das Wort »Haus«, »das Bezeichnende. Doch wie, frage ich mich und euch, ist die Beziehung zwischen dem Bezeichneten und dem Bezeichnenden?«

Mehrere Arme schnellten in die Höhe, doch da ich keine Lust auf blödsinnige Mutmaßungen hatte, die vom Thema wegführten, sagte ich rasch: »Das war eine rhetorische Frage, Freunde« und knipste erneut den Autopilot an, der mir – diesmal mit Ferdinand de Saussure in einer Lightversion – mit stetiger Regelmäßigkeit das Konto füllte.

»Statt ›Haus‹ hätte ich auch ›maison‹ schreiben können«, ich tat es, »oder ›house‹«, ich tat auch dies, »oder – wer ist Lateiner? – ›domus‹ oder ›casa‹«, ich schrieb auch diese Wörter an die Tafel, »und so weiter und so fort.« Ich nahm am Pult Platz, lehnte mich zurück, streckte die Beine aus, ballte die Hände in den Jackentaschen zu Fäusten. »Die Beziehung zwischen dem Bezeichneten und dem Bezeichnenden ist also willkürlich. Außerdem ist die Beziehung zeitlicher Veränderung unterworfen. Früher war ›Dirne‹ ein junges Mädchen, heute ist das etwas, wo man sich – lassen wir das! Die Beziehung zwischen Bezeichnetem und Bezeichnendem ist also erstens willkürlich, zweitens – schreibt ihr auch alle mit? – zeitlich veränderbar und sie ist drittens konventionell. Man einigt sich in einer Sprachgemeinschaft auf ein bestimmtes Wort für einen bestimmten Gegenstand. Wir könnten uns zum Beispiel jetzt darauf einigen, dass wir dieses Ding«, ich zeigte auf den Tafelständer – an dieser Stelle meiner Ausführungen ließ ich mir immer spontan ein Phantasiewort als Bezeichnung einfallen, das alle zum Lachen brachte, aber diesmal war es anders. Diesmal dachte ich mir kein Wort aus, sondern diesmal kam es mir jäh in den Sinn. Es tauchte ins Fassbare wie ein Unterseeboot aus sturmgepeitschter See, tauchte auf wie aus Tiefen, die selten befahren werden, tauchte auf und nahm gleichzeitig lautliche Gestalt an. »Dass wir dieses Ding«, wiederholte ich nun nicht mehr auf Autopilot, denn ich wurde gesteuert, war Marionette, Puppe, eine wehrlose Spielfigur, die man dazu zwang, das Wort auszusprechen, »›Krompribb‹ nennen wollen. Ich könnte also sagen: ›Robert, geh mal zum Krompribb!‹ oder ›Aus welchem Material ist denn der Krompribb?‹ oder ‹Mia, fass bitte mal den Krompribb an! Er beißt dich auch nicht.‹ Das alles wären sinnvolle Sätze, weil wir uns eben gemeinsam als Gruppe von Sprachverwendern darauf geeinigt haben, dass das«, ich zeigte auf den Tafelständer, »ein Krompribb ist.«

Krompribb? Ich war tief verstört und bekam einen Schweißausbruch.

Nach der Doppelstunde setzte ich wieder die Maske auf, ein blassblaues Modell aus der Apotheke, das ich abends in den Müll zu schmeißen pflegte, und ging zurück zum Lehrerzimmer. Viele Kollegen trugen Stoffmasken, die man nach Gebrauch waschen musste. Ich hingegen bevorzugte medizinische Wegwerfmasken, weil ich mich nicht mit der Seuche modisch gemein machen wollte, und noch war die Zeit für FFP2-Masken nicht gekommen. Krompripp. Mich irritierte sehr, dass mir dieses Wort bekannt vorkam, vertraut, obwohl ich hätte schwören können, es nie zuvor gehört oder gelesen zu haben. Außerdem unterschied sich das Wort grundsätzlich von den ulkigen Begriffen, die ich mir ansonsten ausdachte, um auf die Konventionalität symbolischer Zeichen aufmerksam zu machen. Denn zum einen war »Krompribb« nicht ernsthaft komisch und zum anderen schien es mir, was meinen Puls in die Höhe trieb, nicht ausgedacht zu sein, sondern war wie eine Botschaft, ein fernes Echo, in meinen Geist getreten. Als wollte es mir etwas sagen, mich zu etwas auffordern. Ganz so, als wäre der Umstand, dass dieses Wort nun wie eine Erscheinung, die trauernde Gläubige an einem Berghang heimsucht, in mein Leben getreten war, ein Rätsel, das gelöst werden musste, obwohl es vermutlich keine Lösung gab.

Im Lehrerzimmer konnte ich mich nicht an meinen Stammplatz setzen, da an dem Tisch mehrere Kollegen ohne Maske saßen und Kaffee tranken und aßen und lachten, als wäre die Seuche etwas, das nur die anderen erwischt. Ich tat daher so, als läse ich die Bekanntmachungen an der Pinnwand, fühlte mich dabei wie ein Fremdkörper, ein Außerirdischer, den es in eine feindselige Welt verschlagen hat, in der er sich tarnen muss, um nicht aufzufallen. Bald wurde mir langweilig und ich ging auf die Toilette.

Als ich ins Lehrerzimmer zurückkam, saß nur noch ein Kollege an meinem Tisch, einer der netteren, und ich nahm ihm gegenüber Platz und sortierte die Kopien, die ich mir für die nächsten Stunden bereitgelegt hatte.

»Krompripp!«, murmelte ich leise. »Sagt Ihnen das etwas? Krompripp?«

»Sollte es das?«, fragte Herr Mählen (Philosophie, Deutsch) und sah von dem Buch auf, in dem er mit einem Textmarker Scheußliches anrichtete.

»Ich weiß nicht«, gestand ich.

»Sagt mir nichts. Aber sagt Ihnen das etwas: Atomsemiotik?«

»Nein«, meinte ich kopfschüttelnd und er erhob sich freudig glucksend, setzte sein Visier auf, während er den Tisch umrundete, nahm – »Darf ich?« – viel zu eng neben mir Platz und wandte mir das Gesicht zu.

Die Plastikscheibe trennte uns, als ständen wir beide am Fenster, einer im und einer vorm Haus.

»Atomsemiotik«, begann er zu dozieren (wir Lehrer neigen mit den Jahren immer mehr zum Monologisieren und scheren uns einen Scheiß darum, ob andere das interessiert, was wir enervierend kleinschrittig abspulen). »Man versucht mit Hilfe von Zeichen zukünftige Generationen vor den Gefahren des gelagerten Atommülls zu warnen. Das ist keine leichte Übung. Erstens muss das Zeichen von zukünftigen Generationen als Zeichen verstanden werden. Und zweitens muss das Zeichen als Warnung verstanden werden.« Er griff über den Tisch, angelte ein Blatt Papier von seinem Platz. »Erst nach 100.000 Jahren, schreibt hier ein Robert Gast irgendwo, das habe ich gestern aus dem Internet ausgedruckt, sinkt die Aktivität der eingelagerten Brennstäbe unter den Wert von Natur-Uran, das man zumindest für kurze Zeit mit den Händen anfassen kann.« Er ließ das Blatt sinken und rief aus: »100.000 Jahre! Vor 30.000 Jahren ist der Neandertaler in Europa herumgestolpert. Vor circa 2.000 Jahren gab es Runenschrift, und die kann heutzutage kaum noch jemand lesen. Und Atommüll muss eine Million Jahre sicher abgeschlossen lagern! Schilder sind demnach als Warnung untauglich. Text an sich sowieso. Architektonisches Klimbim – Pyramiden, Tempel oder Stonehenge-ähnliche Monolithen – da vermuten unsere eifrigen Nachfahren dann einen Schatz und fangen sofort mit der Buddelei an.«

Herr Aurel (Religion, Kunst, Darstellendes Spiel) mischte sich in das Gespräch ein, als hätte er urplötzlich hinter uns Gestalt angenommen: »Bleiben nur die Mythen«, sagte er leise lachend in seiner unangenehm flüsternden Sprechweise. Er war hochgewachsen, dürr und seine Maske saß zu tief. Großporig und fettig glänzend ging seine Nasenspitze mondgleich über dem Horizont des heruntergezogenen Maskenrandes auf, denn er, der geborene Verschwörungstheoretiker, nahm die Bedrohung durch den Virus noch weniger ernst als die übrigen Trottel. Er war sowieso wunderlich. Einmal hatte ich vom Fenster eines Klassenzimmers aus beobachtet, wie er einen Baum am Rande des Schulhofs erst tätschelte, um danach begütigend auf ihn einzureden. »Nehmen wir Frau Holle«, dozierte nun auch er munter drauflos und wippte dabei in der Hüfte vor und zurück wie ein mechanisches Püppchen. »Besagte Madame kennen Sie natürlich aus dem Märchen der Grimmbrüder. Ein Mädchen fällt oder springt in einen Brunnen und erwacht in Frau Holles Welt. Vorbild ist, und das wussten vermutlich auch die Grimms nicht, eine germanische Erd- und Himmelsgöttin namens Hulda oder Perchta. Der Holunder«, er hob einen krummen, gichtigen Zeigefinger, »ist ihre Pflanze. Ja, der Holunderkult geht bis auf Muttergöttinnen der Jungsteinzeit zurück. Im Mythos heißt es, durch den Holunder habe man Zugang zum Reich der Frau Holle. Das findet sich auch im Kinderlied wieder.« Herr Mählen sah mich vielsagend durch die Scheibe an, als Herr Aurel nicht so leise sang, wie es angemessen gewesen wäre (wenn es denn überhaupt angemessen ist, unter Erwachsenen plötzlich ein Kinderlied anzustimmen): »Ringel, Ringel, Reihe, / sind der Kinder dreie / sitzen unterm Hollerbusch, / machen alle husch, husch, husch. Das dreifache ›husch‹ zeigt deutlich, dass man sich, wenn man an Frau Holle glaubte, verstecken musste. Vor wem? Natürlich vor den römischen und später den christlichen Besatzern. Außerdem wird in dem Lied von einem kultischen Tanz gesprochen, die Dreiheit wird erwähnt und selbstredend der Holunder. Wenn man über die Kluft der Zeit zukünftige Suchende darauf hinweisen will, wie man ins Reich der Frau Holle gelangen kann, hilft allein der Mythos. Und den transportiert man am besten durch drastische Geschichten oder die rhythmische Magie von Versen, die von Generation zu Generation tradiert werden, weil sie Kinder und Erwachsene gleichermaßen betören und scheinbar keine Bedeutung haben. Frau Holle, Brunnen, Holunder …«

»Aha«, sagte Herr Mählen matt.

»Sagt Ihnen das Wort ›Krompripp‹ etwas?«, fragte ich Herrn Aurel.

»Nein«, antwortete er eine Spur zu schnell und, wie ich meinte, etwas zu übereifrig, aber da gongte es, und die Pause war zu Ende.


Doppelstunde Deutsch, Mittelstufe, Balladen, heute Herder. Einzelstunde Philosophie, Unterstufe, Freundschaft, heute Aristoteles. Vertretungsstunde Oberstufe: »Macht eure Hausaufgaben oder verhaltet euch still, damit ich keinen Ärger bekomme. Und das Fenster bleibt die ganze Zeit offen!«

Zu Hause zog ich die Thrombosestrümpfe aus, legte mich ins Bett und las vorm Einschlafen vermutlich zum ersten Mal in meinem Leben das Märchen von Frau Holle, das sich als unerwartet kurz erwies. Herr Aurels Gerede mit im Mythos verborgenen Zugängen zum Reich der Frau Holle ließ mir keine Ruhe. Nach dem Mittagsschlaf recherchierte ich deshalb bei Wikipedia. Die Heimat des Märchens sei nicht eindeutig festzustellen, da es mehrere Regionen gebe, wo man behauptete, Frau Holle sei in einem der dortigen Hügel oder Berge zu Hause. Danach werden der Hohe Meißner, die Hörselberge sowie die Orte Hörselberg und Hollerich genannt. An solchen Orten müsste man dann wohl nach einem Brunnen Ausschau halten, dachte ich. Nach einem Brunnen in der Nähe eines Holunderbuschs? Plötzlich wusste ich, wo ich das Wort »Krompribb« zum ersten Mal gehört hatte, und erschrak.

Frau Doktor Bishorst: Nicht so schnell, bitte! Wir können gleich weiter über dieses merkwürdige Wort reden, das Sie heute über Gebühr beschäftigt, doch eigentlich hatten wir die Vereinbarung getroffen, in der heutigen Sitzung über Ihre Eltern zu sprechen, um die Erkenntnisse aus diesem Gespräch mit der Tatsache in Verbindung zu bringen, weshalb sie nie, Zitat, »Interesse an zwischenmenschlichen Kontakten« gehabt haben.

Ich: Einverstanden. Ich bin, wie Sie wissen, anfangs bei meinem Vater aufgewachsen. Das war keine schöne Zeit. Entweder hat er mich ignoriert oder wie einen Sklaven behandelt. Meine Mutter? Fehlanzeige. Ich habe keine Erinnerungen an sie. Vater erzählte immer, sie sei kurz nach meiner Geburt verstorben, doch nach seinem Verschwinden fanden Beamte …

Frau Doktor Bishorst: Halten wir kurz inne! Sie haben kürzlich einmal gesagt, dass Ihre Kindheitserinnerungen erst sehr spät einsetzen.

Ich: Stimmt. Erst mit acht oder neun. Ich besuchte schon die Grundschule. Vorhin ist mir im Zusammenhang mit dem Wort »Krompribb« jedoch etwas eingefallen, das sich früher ereignet haben muss. Viel früher!

Frau Doktor Bishorst: Wir wollen gleich wieder auf dieses Wort zurückkommen. Ihre Mutter ist also kurz nach Ihrer Geburt gestorben?

Ich: Hat Vater zumindest behauptet.

Frau Doktor Bishorst: Und Ihr Vater ist wann verschwunden?

Ich: Als ich elf war. Bitteres Lachen. Eigentlich war er nicht weg oder blieb nicht verschwunden, weil ich ihm schon damals erschreckend zu ähneln begann. Sie müssen wissen, dass ich von ihm die großen Zähne und den Hang zur Korpulenz geerbt habe. Ohne das Tennis und die lästige Joggerei wäre ich so beleibt wie er. Mein Vater war so kolossal fett, dass er sich aus seiner Schreibtischplatte eine halbmondförmige Stelle herausfräsen lassen musste, damit er bequem sitzen konnte. Er arbeitete nicht nur am Schreibtisch, sondern aß auch da. Ich musste immer für uns kochen, was ein Euphemismus ist, denn damals war ich nur in der Lage, Fertiggerichte aufzuwärmen, die ich zu allem Verdruss auch noch einkaufen musste.

Frau Doktor Bishorst: Was genau fanden Beamte nach seinem Verschwinden heraus? Welche Beamten waren das überhaupt?

Ich: Sie fanden Papiere, die belegten, dass ich adoptiert war. Und zur zweiten Frage: Ich weiß nicht, um welche Beamten es sich handelte. Ich vermute, welche vom Jugendamt. Aber der Witz ist, was sich bald darauf herausstellte: Die Papiere waren allesamt falsch! Wieso sollte Vater gefälschte Adoptionspapiere aufbewahren? So – jetzt aber! Wissen Sie, was mir vorhin eingefallen ist? Ich muss etwas weiter ausholen. Mein Vater rief mich oft zu sich ins Arbeitszimmer, um mir eine Geschichte vorzulesen. Es war immer dieselbe Geschichte. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich ihn mit seiner dröhnenden Stimme meinen Namen rufen hörte und sofort nach oben ins Arbeitszimmer trabte, das ich ansonsten nicht betreten durfte. Dort erwartete er mich, hielt eine blaue Mappe in der Hand und las mir eine Geschichte vor. Eine Science-Fiction-Geschichte. Ich weiß nicht, ob er sie irgendwo abgetippt oder sie selbst geschrieben hat. Ich erinnere mich deutlich, dass es mir sehr wichtig schien, zuzuhören und nicht durch Zwischenfragen zu stören. Da dies das Einzige war, das Vater mit mir zusammen machte, zog ich sogar fast so etwas wie familiäre Normalität daraus. Ich saß auf einem Kissen ans Bücherregal gelehnt, versuchte ein interessiertes Gesicht zu machen und hörte ihm zu, bis er die Mappe zuklappte und in kränkender Beiläufigkeit sagte, während er sich wieder seiner Schreibmaschine zuwandte: »Du kannst jetzt gehen.«

Frau Doktor Bishorst: Und es war immer dieselbe Geschichte?

Ich: Immer. Ich vermute heute, dass es sich um eine Geschichte aus dem sogenannten Goldenen Zeitalter der Science Fiction handelte. Sie hatte nämlich den hemdsärmelig-ruralen Charme, den man etwa von Eric Frank Russell kennt. Extrem vernünftige Fünfzigerjahre-Charaktere und eine in der Regel basale und immer rein männliche Raumschiffbesatzung: Captain, Erster Offizier, Zweiter Offizier, Cheffunker, Bordarzt, Schiffskoch und vielleicht noch der eine oder andere Naturwissenschaftler. Langweile ich Sie? Mir kommt es irgendwie falsch vor, dass wir hier ohne Masken sitzen?

Frau Doktor Bishorst: Das ist in Ordnung. Ich dachte, das hätten wir geklärt. Wir halten Abstand und das Fenster ist geöffnet. Sie haben doch sicher als Erwachsener nach dieser Geschichte Ausschau gehalten?

Ich: Natürlich! Aber ich habe sie nirgends gefunden. Weder bei Russell, noch bei Simak, noch bei van Vogt. Wahrscheinlich hat Vater sie wirklich selbst geschrieben. Aber weshalb? Es passt nicht zu ihm, dass er eine derartige Geschichte schreibt. Seinem Sohn überhaupt etwas vorzulesen, passt allerdings genauso wenig zu ihm. Tiefes Luftholen. Interplanetarische Schatzsucher sind auf der Suche nach einem schweren Kreuzer, der vor über 2.000 Erdjahren in einem wenig beflogenen Sektor am Rande des kartographierten Raums verlorenging. Der Kreuzer unter Befehl eines gefeierten Kriegshelden namens Holberg hatte Waren unfassbaren Wertes an Bord, die Aussteuer einer Seeprinzessin von Sirius etwa, und würde die Schatzsucher zu gemachten Männern machen. Buchstabierend: Ä-n-n-d-ä-w-w-e-r. So hätte ich als Kind den Namen des Raumschiffs geschrieben. Inzwischen weiß ich natürlich, dass das Schiff der Glückspiraten Endeavour hieß. Damals konnte ich ja noch kein Englisch! Sehen Sie, wie tief sich diese Geschichte in meine Gehirnwindungen gegraben hat? Unsere Schatzsucher landen auf einem unbekannten Planeten, wo die Bewohner, die beinahe menschenähnlich sind, eine Gottheit namens Ollback verehren. Als die Schatzsucher eine Statue dieses Gottes gezeigt bekommen, vor der ein eingeborener Hohepriester behutsame, wischende, fast kratzende Handbewegungen macht, platzt es aus dem Ersten Offizier heraus: »Jungs, haltet euch fest! Wir haben tatsächlich die Welt gefunden, auf der Admiral Holberg gestrandet ist. Seht her! Ihr Gott Ollback trägt einen Raumhelm, er hält einen Nadelstrahler in einer Hand und in der anderen einen antiken Kommunikator. Versteht ihr, was hier los ist? Holberg? Ollback? Der Knilch war ein As! Er hat uns eine Spur aus Brotkrumen gelegt. Wir müssen nur rausfinden, wo er sich mit seinem Raumschiff eingeigelt hat.«

Frau Doktor Bishorst: Was meinen Sie mit »eingeigelt«?

Ich: Der Erste Offizier geht davon aus, dass sich der havarierte Holberg, dessen Funkgerät offenbar beschädigt war, in die Kühlkammer seines Raumers gelegt hat, um auf zukünftige Retter zu warten. Und damit diese ihn finden, hat er eine unübersehbare Spur gelegt: eine ganze Religion. Ist das nicht genial? Manchmal habe ich das Gefühl, dass man mich nicht versteht. Nicht weil ich schlauer wäre als alle anderen, sondern weil ich, wie soll ich es ausdrücken, äh … weil ich … äh … andere Dinge weiß. Präastronautik. Cargokult. Eric Frank Russell. Sogleich machen sich unsere Schatzsucher daran, das zentrale Heiligtum des Ollback-Kults aufzuspüren, und in der Tat finden sie nach vielen aberwitzigen Abenteuern –

Frau Doktor Bishorst: Entschuldigen Sie die Zwischenfrage. Was hat das alles mit diesem Wort zu tun, das Sie über Gebühr beschäftigt?

Ich: Mit »Krompripp«? Nicht anders heißt der Planet in der Geschichte. Krompripp. Der Name wird unentwegt erwähnt. Nach vielen Abenteuern, mit denen ich Sie hier nicht langweilen will, obwohl sie mich als Kind begeisterten – und wenn ich ehrlich bin, tun sie es noch heute –, stoßen sie im Dschungel auf das zentrale Heiligtum des Kultes und dort finden sie unter einer romanischen Kuppel aus poliertem Holz den verschollenen Kreuzer, einen spindelförmigen Raumer mit arg zerschrammter Außenhaut, moosüberwuchert und mit bunten Tüchern geschmückt. Nun ja … Am Ende der Geschichte erreichen die Helden die Kühlkammer, wo auf einem Podest altargleich eine einzige Tiefschlaftruhe steht, und darin liegt Admiral Holberg höchstpersönlich, wie der Bordarzt mit einem Aufschrei des Entzückens feststellt, nachdem er – wie Generationen von Priestern des Ollback-Kultes vor ihm – auf Kopfhöhe das Eis vom Sichtfenster gewischt hat …

Die maskierten Menschen auf den Bürgersteigen, an den Fahrbahnübergängen, den Bushaltestellen, bildeten einen schmerzhaft verstörenden Kontrast zur Farbenpracht des Oktobertages. Noch trugen die meisten Bäume ihr Kleid, kaum buntes Laub bedeckte den Boden, und die Stadt überwölbte ein aus sich selbst heraus strahlender hellblauer Kinderbuchhimmel. Auf der Heimfahrt von der Sitzung kam mir ein naheliegender Gedanke und zu Hause setzte ich mich gleich an den Rechner, gab – wieso war ich nicht vorher darauf gekommen? – Krompripp ein und wurde tatsächlich fündig. Und zwar, was mich nur gelinde erstaunte, auf der Homepage eines Heimatforschers, der in erbsenzählerischer Manier Wüstungen in Schleswig-Holstein auflistete und mit Erklärungen versah: Ollerloh, Wüstenfelde, Bunebutle, Ekenhorst und, mir stockte der Atem, Krompripp. Ehe ich den Eintrag zu Krompripp las, recherchierte ich erst einmal, was genau ich unter Wüstungen zu verstehen hatte, und fand heraus, dass es sich bei einer Wüstung um eine ehemalige Siedlung oder Nutzfläche (Weide, Feld, Acker) handelt, an die nur noch »Urkunden, Flurnamen, Relikte im Boden, sichtbare Ruinen oder örtliche mündliche Überlieferungen erinnern«. Ich klickte zurück auf die Seite des Heimatforschers, wohl einem Oberstudienrat im Ruhestand, und las halblaut, denn nun war ich doch aufgeregt: Krompripp ist eine spätmittelalterliche Ortswüstung im Dänischen Wohld, der früh besiedelten fruchtbaren Halbinsel zwischen der Eckernförder Bucht und der Kieler Förde. Der Ort Krompripp befand sich wenige hundert Meter südlich des heutigen Krusendorf (Schwedeneck). Der Ortsname deutet auf eine sehr frühe, vermutlich vorslawische Entstehung hin. 1231 ist erstmals bezeugt, dass der Ort Krompripp als dem verrufenen Kirchenspiel Flidarhöh zugehörig betrachtet wird. Plötzlich und wie üblich ohne Vorwarnung kündigte sich eine meiner üblichen Unpässlichkeiten an (Taubheitsgefühle in Finger- und Zehenspitzen) und ehe ich mir eine Kanne Kräutertee kochte, recherchierte ich noch, einem vagen Impuls folgend, zu Frau Holle (Taubheitsgefühle in Händen und Füßen) und stieß auf Hel, eine altnordische Göttin, die Herrscherin der Unterwelt, Helheim genannt … hell (englisch) … Hölle (deutsch) … taube Arme … Holle … taube Beine … Holunder … Kanne Tee, heißes Schaumbad, Weinkrampf, Bett.

Die nächsten Tage hatte ich mit diversen Problemen zu kämpfen (einige körperlich, andere psychisch) und es begann windig zu werden und die Temperaturen sanken und die Bäume warfen ihre Blätter ab und die plötzlich kahlen Äste verrenkten sich in bedrohlicher Nacktheit vor einem Licht, das schon die tiefe Klarheit des Winters ahnen ließ. Ich schlief viel. Manchmal legte ich mich nach der Schule zu einem Mittagsschlaf hin und stand erst am nächsten Tag wieder auf. Einmal bettete ich mich in einer Freistunde zu einem Nickerchen im Kartenraum der Geographen und erwachte erst am folgenden Tag vom Gong der Großen Pause.

Ich: Er hat mir das Wort »Krompripp« regelrecht eingeimpft.

Frau Doktor Bishorst: Das scheint so. Durch diese Geschichte, die er Ihnen immerzu vorlas. Haben Sie sich deshalb vor einigen Wochen als, ich zitiere Ihre eigenen Worte, »Automaten meines Vaters« bezeichnet?

Ich: Das müssen Sie bitte als Metapher verstehen. Ich musste einkaufen, kochen, die Hausarbeit verrichten, wie einen Sklaven hat er mich behandelt, einen Sklaven, dem er, wenn er seinen Zorn auf alle Welt zügeln konnte, immer wieder die ein und dieselbe Geschichte vorlas. Das bedrückt mich natürlich. Und mich bedrückt, wenn wir gerade dabei sind, der derzeitige Zustand der Welt, dieses Kulissenhafte, das plötzlich überall Einzug hält. Einem Kollegen habe ich gestern gesagt, Schulbetrieb zu Pandemiezeiten sei, als würden die Monty Pythons Camus’ Pest verfilmen, aber er, mein Kollege, kannte die Monty Pythons nicht. Und Camus, so wie der Kollege mich ansah, auch nicht. Im Mythos von Sisyphos heißt es, ich zitiere aus dem Gedächtnis: Alle großen Taten und alle großen Gedanken haben einen lächerlichen Anfang. Ich stehe, was dieses Zitat von Camus mehr als nur perfekt bebildert, im Unterricht, denke mir ein Wort aus, denke mir nur scheinbar ein Wort aus, denn ich kenne es seit meiner Kindheit, kenne es nämlich aus einer Geschichte, mit der mich Vater malträtierte, das Wort, ich kenne es längst, denke es mir demnach nur scheinbar aus, in Wahrheit erinnere ich mich an ein Wort, das es gibt und das sich sogar googlen lässt, um sich als Name einer verschwundenen Siedlung nicht unweit von der Stadt zu erweisen, wo ich lebe. Ich habe im Waisenhaus oft an Krompripp gedacht. Das ist mir gestern in der Badewanne eingefallen. Nicht an das Wort, meine ich, sondern an den Planeten Krompripp, wo ich lieber atemberaubende Abenteuer erlebt hätte, als Nacht für Nacht –

Frau Doktor Bishorst: Sprechen Sie weiter!

Ich: Als Nacht für Nacht – einmal durchqueren die Schatzsucher in den Eingeweiden eines glasigen Schneckenwesens einen Ozean. Und einmal kocht der Schiffskoch Gulasch aus dem Fleisch eines mehrbeinigen Säugetiers und danach ist die ganze Mannschaft dieses Säugetier. »Gut«, sagt der Cheffunker erleichtert, sobald die Mahlzeit endlich verdaut und ausgeschieden ist, »dass ich nun wieder auf zwei Beinen gehen kann und Zweibeinererinnerungen habe und nicht unentwegt daran denken muss, ein sich blökend windendes Hohlstück in ein Gramploch zu zerren, um meine Eier hineinzulegen.« Verlegenes Lachen. Ja, ich kann große Teile der Geschichte auswendig. Darauf könnte ich stolz sein, bin es aber nicht. Mit Gefühlen ist das sowieso so eine Sache, aber darüber haben wir ja schon mehrmals geredet. Ich weiß, wie das Gefühl heißt, das ich haben sollte, kann es also benennen, aber die Fähigkeit, ein Gefühl benennen zu können, ist nun einmal kein echtes Fühlen. Und jetzt ist Schluss. Ich glaube, ich möchte die Behandlung abbrechen. Das führt zu nichts. Brechen wir hier bitte ab. Ich möchte ganz einfach wieder zurück nach Hause.

Wer im Frühling nach Kiel zieht und sich den ganzen Sommer über freut, nun endlich dort zu wohnen, wo andere Leute Urlaub machen, empfindet das Einsetzen des Herbstregens wie eine persönliche Beleidigung, doch wir, die wir hier aufgewachsen sind und natürlich die Ostsee niemals ein Meer nennen würden, registrieren lediglich mit stoischer Ernüchterung, dass es nun zu regnen begonnen hat, um einige Monate lang nicht mehr damit aufzuhören. Im Radio debattierten sie über die Notwendigkeit eines zweiten Lockdowns, ich kaufte ein weiteres Zehnerpack Masken in der Apotheke und fuhr durch eine Szenerie nach Hause (schräg fallender Dauerregen, Menschen mit Masken, fahles Licht, das anscheinend von unten kommt), die an verworren systemkritische, hypnotisch langatmige Ostblock-Science-Fiction-Filme aus den siebziger Jahren gemahnte. Das rhythmische Rucken des Scheibenwischers erinnerte mich an die kultische Bewegung, die in Vaters Geschichte motivisch eingesetzt wird, und diese Erinnerung an ein Wischen oder besser an ein Schaben oder vielmehr Kratzen (Eisflocken rieseln weiß wie Puderzucker und unter dem gewölbten Sichtfenster sieht man den Admiral im Kälteschlaf) ließ einen Plan keimen. Dieser wuchs in Windeseile und trug schließlich, ich parkte den Wagen gerade routiniert unter dem Holzdach des Carports, die Blüte eines Entschlusses, den ich schon viel früher hätte fassen müssen. Doch noch zögerte ich.

Am nächsten Tag meldete ich mich krank, verbrachte den Vormittag im Bett, las – von zwei erholsamen Nickerchen unterbrochen – zum wiederholten Mal meine Lieblingsnovelle von Gene Wolfe und fand sie ein weiteres Mal erheblich besser als bei der vorherigen Lektüre, hatte aber dieses Mal das kribbelnd-juckende, an eingegipste Extremitäten erinnernde Gefühl, der Text versuchte mir unter der pittoresken Oberfläche (»Und während dieser ganzen Zeit sprach der Tote am Steuerrad zu mir«) sowie jenseits der verzwickten Handlung etwas Dringliches mitzuteilen, das, verstünde ich es, mein Leben verändern würde. Gegen drei Uhr nahm ich ein Bad und kochte sodann mit Vergnügen einen Steckrübeneintopf.

Eine Hälfte davon löffelte ich im Sessel vor dem Fernseher (»Schulen und Kitas werden weiter geöffnet bleiben«), die andere Hälfte kam ins Eisfach.

Gegen fünf fuhr ich zur Wüstung Krompripp.

Von Kiel aus nahm ich die B 503, überquerte auf der Hochbrücke Holtenau den Nord-Ostsee-Kanal, kurvte vor mich hinsummend und -pfeifend durch den herbstlichen Dänischen Wohld, verließ die Schnellstraße auf Höhe von Surendorf und bog sogleich scharf links ab in Richtung Krusendorf, um mit andächtiger Ehrfurcht eine malerische Allee zu befahren, die Böcklin nicht hätte besser malen können – rechts von mir die Eckernförder Bucht bisweilen blau aufblitzend über dem Festland, links gepflügte Felder, Weiden mit Jungbullen und Schafen, an einem Tümpel ein Graureiher.

Ich parkte in der Nähe der alten Kirche, einem klobigen Gebäude aus Backstein, dessen Farbe fast identisch mit der Blätterpracht der Bäume auf dem Kirchhof war oder auch dem Pelz des Eichhörnchens, das mit antennengleich aufgerichteten Pinselohren meinen Weg kreuzte, als ich einige Meter die dörfliche Raiffeisen Straße entlangging, ehe von ihr ein namenloses Sträßlein abzweigte, das mich erst über eine kaum befahrene Schnellstraße zu mit niedrigen Zäunen eingefriedeten Äckern, dann durch unbebautes Niemandsland zum Gelände der Wüstung Krompripp führen würde, laut Google Maps einem winzigen Wäldchen zwischen den zur Gemeinde Schwedeneck gehörenden Örtchen Krusendorf und Birkenmoor.

Es nieselte leicht, ich setzte die Wollmütze auf, ein kühler Wind schlug mir von hinten in den Mantelkragen, kühl und beinahe süßlich nach Vanille duftend, die Ostsee. Auf einem Granitblock am Rand des Feldweges hockte ein Habicht und verfolgte mein zügiges Vorübergehen mit einem annähernd mechanischen Drehen des Kopfes. Plötzlich wurde der Weg wieder zur asphaltierten Straße und ich näherte mich einem offenbar militärischen Sperrbezirk: Das winzige Wäldchen, wo ich die Wüstung Krompripp vermutete, umschloss ein bemerkenswert hoher, mit Stacheldraht gekrönter Zaun. Ich verlangsamte den Schritt, sah, dass es kein normaler Stacheldraht war, was auch irritierend gewesen wäre, sondern sogenannter NATO-Klingendraht, was mir Angst einflößte, doch ich marschierte, obwohl ich am liebsten zum Auto zurückgegangen wäre, zielstrebig, denn was hätte ich ansonsten tun sollen, auf das geöffnete Tor zu, das zwei bewaffnete Gestalten versperrten.

Sie trugen braune Brustpanzer aus lederähnlichem Material und schwarze Helme aus Metall, die historisch wirkten. Die Visiere aus gelblichem oder mit den Jahren gelblich gewordenem Glas waren hochgeklappt.

Im Näherkommen fummelte ich die Maske aus der linken Gesäßtasche.

Die Soldaten salutierten und der Dicke sagte lachend: »Die brauchen sie nicht. Wir bilden nun wirklich eine Kohorte.«

Und der andere, der noch dicker war, salutierte erneut und echote: »Nein, die brauchen Sie nicht. Was ist das für ein herrlicher Tag!«

»Wie meinen Sie das?«, fragte ich, wobei ich die Maske wieder in die linke Gesäßtasche stopfte (links, denn rechts steckt der Geldbeutel).

»So, wie ich es gesagt habe«, sagte der Dickere.

»Sie reden aber nicht über das Wetter?«, vermutete ich.

»Kommen Sie mit!«, sagte der Dicke und seine Stimme bebte dabei, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. »Wir bringen Sie zum Schiff.«

Die beiden traten schwungvoll zur Seite, ließen mich passieren, schlossen sich mir an. »Es ist nicht weit«, sagte der Dickere freundlich, nachdem er das Tor hinter uns verschlossen und verriegelt hatte.

Ein geschotterter Weg führte erst durch morastiges Brachland, dann einen grasbewachsenen Wall hinauf, der an den Kraterrand eines Vulkans erinnerte. Von oben blickte man in eine Senke hinab, auf deren Grund ein spindelförmiges Raumschiff lag. Es war uralt. Die Außenhaut bestand aus rostigem dunklem Stahl und war narbig und verschrammt, als hätte das Schiff Jahrhunderte auf dem Buckel. An manchen Stellen war es mit kupferfarbenen Platten ausgebessert, die aufgrund ihrer Unversehrtheit wie aufgenietete Pflaster aus Metall aussahen.

»Da ist es!«, entfuhr es dem Dicken ehrfürchtig.

»Das sieht er doch selbst«, sagte der Dickere und sie führten mich an der anderen Seite des Walls eine behelfsmäßige Bohlentreppe hinab.

An der Hauptschleuse blieben Sie stehen.

»Und jetzt?«, fragte ich.

»Sie finden den Weg zur Brücke allein.«

»Wieso sollte ich den Weg finden können?«, fragte ich.

»Er kennt den Weg nicht!«

»Folgen Sie einfach den Stimmen, wenn Sie den Weg nicht mehr kennen!«

Und in der Tat fand ich den Weg zur Brücke mit traumwandlerischer Sicherheit, einem kreisrunden Raum, dessen Decke ein gigantisches, schartiges, nach oben gewölbtes Bullauge bildete, das ein mit mächtigen Nieten besetzter Stahlring umfasste. Unter der Kuppel des Bullauges saßen an einem runden Tisch aus tiefbraunem Holz vier sehr beleibte Männer. Sie trugen, was mir schockierend falsch vorkam – fast obszön zu diesen Zeiten, keine Masken. Vor jedem Sitzplatz war ein Halbrund aus der Tischplatte gefräst, damit sie bequem sitzen konnten. Ein Platz an der Tafel war noch frei. Auch hier gab es diese ausgefräste Stelle, aber ich würde sie noch nicht mit meinem Bauch füllen können, wusste aber, dass dies nur noch eine Frage der Zeit war.

Die Männer verstummten, kaum dass ich die Brücke betreten hatte, und erhoben sich langsam und ehrfürchtig.

Sie applaudieren zu hören, hätte mich nicht gewundert.

Zwei der vier erhoben Gläser mit dunkelrotem Inhalt.

Einer, dessen Gesicht etwas Nagetierhaftes hatte, sagte: »Kapitän!«

Mit einem Mal hatte ich das Gefühl, als versuchte mir jemand, der hinter einer Milchglasscheibe steht, etwas Überlebenswichtiges mitzuteilen.

»Bitte?«, fragte ich, und da sprach der Navigator den Satz aus, der alles freisetzte, und es war, als würde die Welt flüssig werden und begänne zu strömen und mit dem schießenden Wasser packte mich eine Erinnerung. Ich saß im Arbeitszimmer. Ich war Vater. Ich hatte einen mächtigen Bauch, da Warten hungrig macht. Ich stand auf und ging nach unten in den Keller zu den Kühlkammern meiner Klone, wischte den gefrorenen Reif mal von dem einen, mal von dem anderen Sichtfenster und entschied mich schließlich für denjenigen Klon, der sich in den letzten Wochen als der Geeignetste erwiesen hatte. Sodann leitete ich den Weckprozess ein und ging zurück ins Arbeitszimmer. Nach einer guten halben Stunde rief ich ihn nach oben und las ihm die Geschichte mit dem Schüsselwort vor, einem Schlüsselloch für den im Bordbuch aufgezeichneten Schlüsselsatz, den auszusprechen traditionell dem Navigator oder dem Klon des Navigators oblag.

»Kapitän«, sagte der Erste Offizier in einer Sprache, die ich so lange nicht mehr gehört hatte, dass es war, als käme ich endlich nach Hause, und dann ergänzte er, wobei sich alle bedeutungsvoll ansahen, »wir sind flugbereit.«

»An Bord und Herr meiner Sinne«, entgegnete ich, indem ich ebenfalls aus der Sprache der hiesigen Eingeborenen in unsere Sprache wechselte, ein vertrautes und erhabenes Medium, dass mehr Handeln als Sprechen ist.

Alle lachten erleichtert, schlugen sich, soweit es ihre Körperfülle zuließ, auf die Schultern, und in das aufbrandende Gelächter hinein (die Formulierung, die ich verwendet hatte, nahm, nebenbei bemerkt, Bezug auf eine uralte Anekdote) sagte ich ebenfalls lachend (und dies war der Schlüsselsatz, den ich allein kannte, für das Schiff): »Wir nehmen uns das, was uns gebührt.«

Ein heiseres Summen kündigte ihr Erwachen an und ich setzte mich zur Mannschaft und nahm das mir gereichte Glas. »Da nun alle eingetroffen sind, sollten wir unverzüglich mit den Startvorbereitungen beginnen.«

Ich lasse den Füllfederhalter sinken. Und hier endet die Geschichte. Üblicherweise schreibe ich meine Texte zuerst von Hand als Rohentwurf, um sie danach abzutippen. Doch diesmal habe ich auf den handschriftlichen Entwurf verzichtet und gleich getippt. In einer Geschwindigkeit, als hätte ich mir nichts ausdenken müssen. Krompripp, Frau Holle, der Holunder, Krusendorf im Dänischen Wohld. Und hier beginnt die Geschichte.

Ich verlasse den Schreibtisch und stelle mich im Badezimmer vor den Spiegel. Es erfüllt mich mit nachsichtigem Staunen, nicht die großen Schneidezähne meines Helden zu besitzen. Krompripp, Frau Holle, der Holunder … Meine Augen weiten sich in plötzlichem Verstehen: Ich schreibe nun seit Jahrzehnten, aber nun weiß ich endlich, weshalb.

»Mutter!«, sagt mein Held in einer Sprache, die mir vertraut ist, obwohl ich sie bis heute nie zuvor gebraucht habe, und die Glocke aus Daten stülpt sich über sein Denken wie eine Qualle aus schierer Erkenntnis.

Die Reparaturen, weiß ich, sind erfolgreich durchgeführt und nach all den Jahrhunderten, dieser schmerzhaft zäh fließenden Zeit wie aus mit Asche bestäubtem flüssigem Harz, sind wir endlich wieder startbereit.

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