Kitabı oku: «Mein Schweinehund auf dem Jakobsweg»

Yazı tipi:


Plaza Quintana vor der Kathedrale von Santiago de Compostela

Alexander Altmann

MEIN
SCHWEINEHUND AUF
DEM JAKOBSWEG

Mit dem Fahrrad

nach Santiago

de Compostela


Inhalt

Halleluja – los geht’s!

München

Katalonien über alles

Von München nach Barcelona

Hola, Überraschung

Von Barcelona nach Bordeaux

Windschatten gesucht

Von Bordeaux an die Atlantikküste

Ein Pilger, ein echter Pilger

Von Arcachon nach Mimizan

Die Barfrau, die dich rettet

Von Mimizan nach Contis-Plage

Singin’ in the rain

Von Contis-Plage nach Hossegor

Alles nur Training

Von Hossegor nach Saint-Jean-Pied-de-Port

Wer bremst, verliert

Von Saint-Jean-Pied-de-Port nach Zubiri

Es ist Siesta, na klar

Von Zubiri nach Pamplona

Ich will’s mir gar nicht ausmalen

Von Pamplona nach Estella

Meer dan 100

Von Estella nach Navarrete

Tortur del Camino

Von Navarrete nach Santo Domingo

Die eigene Leistung ist besonders relativ

Von Santo Domingo nach Burgos

Hallo Sanitäter!

Von Burgos nach Castrojeriz

Es könnte warm werden

Von Castrojeriz nach Carrión de los Condes

Die spinnen, die Briten!

Von Carrión de los Condes nach Sahagún

Das ist doch keine Arbeit

Von Sahagún nach León

Ablage anonym

Von León nach Ponferrada

Dänisches Dynamit

Von Ponferrada nach Vega de Valcarce

Oben ohne Ausblick

Von Vega de Valcarce nach Samos

Verkrampf dich nicht

Von Samos nach Portomarín

Antworten gibt’s nur auf Fragen

Von Portomarín nach Melide

Schlussakkord

Von Melide nach Santiago de Compostela


Allein auf dem Pilgerweg, mit bereits längst verloren geglaubten Geschichten im Kopf


Halleluja – los geht’s!
München

Mit dem Schweinehund kann nur ich gemeint sein.

Wir sind berüchtigt, oft verrufen, und dabei bezeichnen sie Figuren unserer Zunft gern als ihren »inneren Schweinehund«. Meist werden wir ja eher als gemeine Kameraden dargestellt, wobei doch einige von uns sogar einen Funken Ehre im Leib haben. Manchen Kollegen will man nicht zum Freund haben, mich darf man aber durchaus zu den harmloseren Vertretern unserer Riege zählen. Dennoch liegt es ganz in unserer Natur, speziell und besonders auf unser persönliches Wohl zu achten und unsere Herrschaft mit überzeugenden Argumenten dazu zu bringen, den angenehmeren Weg einzuschlagen.

Mein Herr hat sich nun zu unser aller Leidwesen, völlig übertrieben und wie ich meine total unüberlegt, zu einer Tortur der heftigeren Art überredet: Unbedingt müssen wir uns auf einen Pilgerweg bis ins spanische Galicien begeben, meint er, mit Endstation Santiago de Compostela. Na guten Morgen.

Gerade schiebt mein Herr unser Rad aus der U-Bahn-Station in die Abflughalle des Münchner Flughafens. Gleich wird er uns vor dem massiven Folienpackgerät für unhandliche Gepäckstücke in die Reihe der Wartenden stellen, wobei Anstellen jetzt nicht gerade zu einer seiner Lieblingsbeschäftigungen zählt und zu meinen schon gar nicht. Ich werde mich trotzdem nicht beschweren. Radfahren ist zum Glück nicht nur mir lieber als Laufen.

Wer hat schon eine Vorstellung davon, wie viel körperlichen Einsatz so eine schwere gusseiserne Wickelmaschine seinem Benutzer abverlangt. Gerade quält sich der Profipacker, der sein Gesicht hinter einem grau melierten Bartgestrüpp versteckt, mit einer überdimensionalen Golftasche samt Schlägern herum.

Wir mit unserem Fahrrad haben beschlossen, einen besonders unterwürfigen Blick aufzusetzen, während wir mit dem strengen Wickler Kontakt aufnehmen. Selbst ein bescheiden vorgetragenes freundliches Lächeln kann die grantige Miene des Mannes nicht erweichen. Das verheißt nichts Gutes, den Gesichtsausdruck kenne ich.

»So geht des fei net, des muas in an Karton!«, fährt uns der Packer mit unverkennbar einheimischem Dialekt von der Seite her an. »Fei« ist ein in der bayerischen Mundart häufig verwendetes Füllwort, nicht besonders negativ, leider auch nicht in jedem Fall positiv. Im geschriebenen Satz wird es gar nicht verwendet und ist auch nicht zwingend von Bedeutung. Es betont, doch ansonsten füllt es eben nur.

Es ist sofort klar, wir sind gemeint. Der Meister der Verpackung will sich anscheinend weigern, unser Fortbewegungsmittel in seine dicke Folie zu rollen. Eine Kartonage sei Pflicht, meint er, der Herr Einwickler. Selbstverständlich in der Größe des Fahrrads.

»Allein durch die Folie kann eine Beschädigung des Sportgerätes nicht ausgeschlossen werden.« Plötzlich spricht er hochdeutsch und dazu noch so geschwollen.

»So können wir keine Verantwortung übernehmen«, ergänzt er.

Worst case nennt man das wohl. Der schlimmste aller anzunehmenden Fälle bahnt sich an! Die Gedanken meines Herrn überschlagen sich fast. So schnellen Überlegungen kann selbst ich nicht folgen. Er wird doch nicht auf die Idee kommen, doch noch zu Fuß …?

»Sehr intelligent. Ich habe noch nie einen Radler gesehen, der mit einem derart riesigen Karton in der Hand durch die Stadt fährt«, höre ich uns brummeln.


Der Herr richtet ein Stoßgebet gen Himmel,

dass es nicht so anstrengend wird.

»Wos?« Der griesgrämige Verpacker hat unser vorlautes Nuscheln nicht verstanden.

»Ich bin mit dem Rad hier angekommen«, schwindelt mein Herr den Wickler an. »Wie, bitte schön, soll man denn auf dem Fahrrad solch einen riesigen Karton mitbringen?«

Der »Pack-Man« wickelt in aller Seelenruhe weiter. Momentan schlingt er zig Lagen der starken Klarsichtfolie um einen piekfeinen Alukoffer. Der beleibte Besitzer im bunten Hawaii-Hemd lächelt zufrieden. Uns wirft er nur einen leicht schrägen, vielleicht sogar hämischen Blick herüber.

Mister Wickelmann hingegen scheint uns gar nicht zuzuhören. Unsere essenziellen Nöte interessieren den überhaupt nicht!

»Es muss eine Lösung geben«, versucht mein Herr, sich Mut zu machen. Auf jeden Fall erst mal Ruhe bewahren.

Ich für meinen Teil halte mich da komplett raus, ich würde gar nicht so ungern wieder nach Hause fahren.

»Was kann ich denn jetzt machen, bitte?«, höre ich die vertraute Stimme aus unserem Mund, fast noch freundlicher als die italienischen Kellner, über die sich der Herr immer so aufregt.

Nun folgt eine scheinbar unendlich lange Pause, der Packer atmet schwer. Noch vier Stunden, dann geht der Flieger.

Inzwischen streitet sich unser Einpacker lautstark mit seiner Folie, die sich an einer Rolle des silbernen Koffers verklemmt hat. Das verwendete Schimpfwort ist eher grob und nicht jugendfrei. Mein Herr, nicht träge, hält ungefragt das fremde Gepäckstück mit beiden Händen fest, sodass der Wickler die Folie herausziehen und seinen Job vollenden kann.

»Bitte geben’s mir doch einen Tipp, was ich machen kann?«, startet er einen erneuten Versuch. Die Pause dauert an.

»Den Lenker quer und die Luft aus den Reifen, dann probier’n ma’s«, sagt der Mann in seinem blauen Overall völlig ruhig und ohne den Kopf zu heben. Ist es ein Hauch von Mitleid, der vom Meister der Folie da in unsere Richtung weht? Unser erneuter Versuch eines Lächelns kann nicht sonderlich glaubhaft wirken.

Nun zieht der Bärtige in seinem Blaumann die Folie mit einer ruckartigen Bewegung aus der Maschine und über die glänzende Stahlrolle. Scheinbar mühelos hebt er unser schweres Fahrzeug auf die verchromte Spindel. Mit einem Arm! Den Hinterreifen nach unten, beginnt er, unseren Begleiter aus amerikanischem Stahl einzuwickeln.

»Geh weida, pack mit an!«, knurrt er den Herrn an und wechselt dabei dialektal wieder in feinstes Münchnerisch.

Sowas hört man doch gern! Da vergibt man ganz freiwillig einen vorsichtigen Sympathiepunkt.

Senkrecht halten wir unser sperriges Fahrzeug auf dem platten Reifen, selbstverständlich möglichst ohne dem Grantler im Weg zu sein. Der Profi wickelt, wobei er weiter mürrisch vor sich hin stammelt. Obwohl wir des Bayerischen sehr wohl mächtig sind, will seine gemurmelte Ansprache niemand verstehen. Vom Abmontieren der Pedale ist jedenfalls keine Rede mehr, die werden einfach mit eingerollt.

Jetzt müsst’ es passen. Also zumindest wir wären bereit!

Aufraffen soll angesagt sein, und dabei wieder richtig aktiv werden, hat man mir klarzumachen versucht. Diesbezüglich wurde ich höflich darum gebeten, meine ganz persönliche, schon länger in Ruhestellung verharrende Tatkraft dazu zu überreden, ihre Pause zu beenden.

Schon aus standesgemäßen Gründen muss ich, der innere Schweinehund seines Herzens, natürlich den Sinn einer solchen Pilgerreise anzweifeln. Man verteidigt schließlich seinen Ruf als einflussreiche, berüchtigte innere Stimme. Sobald etwas Unbequemes ansteht oder es nur danach aussieht, sucht man als innerer Dämon, der wirklich etwas auf sich hält, sofort nach überzeugenden Gegenargumenten. Der Herr würde mich ja gern zu Hause lassen, das kann ich spüren, doch da habe ich auch ein Wörtchen mitzureden – und meinem Einfluss hat er oft nicht viel entgegenzusetzen.

In Vorbereitung auf diese Pilgerreise wurden Listen über Listen verfasst. Anfangs in der Version ohne, später dann mit Fahrrad. Zum allerfeinsten, reinen Selbstzweck natürlich. Eines will der Herr auf diesem Trip unter keinen Umständen, wie er betont – nämlich, sich ärgern zu müssen. Das machen wir gleich zu unserem zentralen Grundsatz für diese Reise und da sind wir auch uneingeschränkt derselben Meinung. Nur nicht aufregen lassen, durch nichts und niemanden!

Ohne Übertreibung benötigt so ein Pilgeranfänger für seine Tour erst einmal alles. Und dieses Alles möchte er dann auch einpacken und mitnehmen. Jede Eventualität und vor allem die unvorhersehbaren Dinge wollen bedacht sein. Alle möglicherweise benötigten Utensilien werden zusammengesucht, geputzt oder, falls nicht vorhanden, auch neu besorgt.

Ein Wanderer überlegt sich sehr genau, worauf er auf gar keinen Fall verzichten kann und deshalb durch die Gegend schleppt. Radpilger hingegen brauchen ihr Gepäck ja nicht zu tragen. Diese Tatsache verführt zur Großzügigkeit. Ein Kilo hier, ein Kilo da, das summiert sich recht fix. Dazu kommen noch einige tausend Gramm an Werkzeug für das bereits etwas in die Jahre gekommene Mountainbike. Wen man dann neben den vollen Packtaschen keinesfalls unberücksichtigt lassen darf, ist der Ü50-Pilgerkörper. Selbiger kann nicht mehr wirklich mit Adonis konkurrieren, steigert dafür unverhältnismäßig das Gesamtgewicht.

Nun, zu den faulen – Verzeihung – Sesselpupsern zählt man den Herrn nicht wirklich, allerdings kommt er langsam in ein Alter, in dem Piloten bereits den Ruhestand anvisieren und seinen aktuellen Fitnesslevel wird er sich nicht schönreden können. Trotzdem nimmt die Gepäckliste langsam aber sicher wie von Geisterhand an Länge zu.

Mir schwant, wir werden jedes Kilo mit mehr als nur Schweiß bezahlen, spätestens dann, wenn es bergauf geht. Freilich so übertrieben penibel und gründlich ist der Herr dann doch nicht, dass man ihn dabei erwischen könnte, wie er aus Gewichtsgründen die Blätter des Toilettenpapiers abzählt, den Stiel der Zahnbürste kürzt oder 3,7 Gramm einsparen will, indem er die Waschanleitungen aus den T-Shirts trennt.

Als der Abreisetag näher rückt, streicht der angehende Tourenradler in gelegentlichen Anflügen von Vernunft, doch ebenso mit wachsender Begeisterung, die Auflistung wieder zusammen. Es wird fantasievoll verringert, abgerundet und freudig reduziert. Wirklich unverzichtbar ist für so einen Pilger nämlich gewissermaßen fast gar nichts. Und dieses Nichts hat immer noch genug Gewicht! Das sieht doch ganz professionell aus, denkt sich der Amateur beim Betrachten des Gesamtpaketes.

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil, heißt es. Wenn das stimmt, kann ich Hape Kerkeling die Schuld daran geben, dass wir bald irgendwo durch die französische und spanische Prärie rumpeln. Der humoristische Autor hat den Herrn erst durch sein Buch auf diese Idee gebracht. Die Geschichte war ja recht nett, doch so spannend, dass einem dieses Abenteuer nicht mehr aus dem Kopf geht, war sie jetzt auch nicht.

Leider mussten wir nach der Lektüre aber schier alles in uns aufsaugen, was der Herr zum Thema Jakobsweg in die Finger bekam, und plötzlich stößt man bei jeder Gelegenheit darauf. Immer wieder lernten wir daraufhin Leute kennen, die den Weg nach Santiago selbst gemeistert hatten und dann überaus euphorisch über ihre Erfahrungen auf dem Pilgerweg berichteten. Niemand wollte davon abraten.


Beim Start ist der Pilgerpass noch leer, am Ende muss man aufpassen, noch Platz für den letzten Stempel in Santiago zu haben.

Mir wäre schon einiges eingefallen, um die Begeisterung zu relativieren, mein Herr aber war wie gefangen.

Das darfst du nicht tun, sagte ich mir. Es bringt nichts, grundsätzlich alles schlechtzureden. Du musst diplomatisch sein, sonst wird er den Wahnsinn tatsächlich durchziehen. Mir ging allein vom Zuhören schon die Kraft aus.

Alle Reiseberichte und Erzählungen, die wir in den nächsten Wochen über den Pilgerweg verschlangen, erlaubten doch dasselbe und einzige Fazit: Es muss jeder selbst und für sich allein erleben, was ihm diese Reise geben kann.

Tagtäglich quälen sie sich, die pilgernden Damen und Herren. Jeden Abend jammern sie und verstehen oft lange nicht, was sie da überhaupt machen, auf diesem Weg. Am nächsten Morgen aber erzählt dir niemand, er würde es bereuen, die Strapazen auf sich genommen zu haben.

Im Winter hatte ich noch Hoffnung, der Herr würde zur Vernunft kommen. Bislang hatte er sich weder als begeisterter Wanderer noch Tourenfahrer hervorgetan, oder hatte überhaupt irgendeine Ahnung vom Pilgern gehabt.

Die Motivation, welche immer mehr zivilisierte Leute dazu bringt, sich eine derart beschwerliche Tortur anzutun, ist dabei genauso vielfältig wie die sozialen Schichten, aus denen die Pilger stammen. Manch einer ist aus religiösen Gründen unterwegs, möchte vielleicht eine andere Nähe zu Gott erfahren, als sie in der heimischen Gemeindekirche möglich scheint. Andere sehnen sich danach, einen traurigen Verlust zu verarbeiten, erleben gerade einen erheblichen Umbruch in ihrem Leben oder möchten einen solchen herbeiführen. Ein Wanderer aus Niederbayern legte, als er die Diagnose Hodenkrebs erhielt, ein Gelübde ab: Ganz für sich schwor er, zu Fuß zum Grab des Apostels zu gehen, sollte ihn die Krankheit nicht umbringen. Nach der glücklichen Genesung konnte er bei seinem vollen Terminkalender keinen passenden Zeitraum für die Pilgertour finden. Seinen Krebs musste er ein zweites Mal besiegen. Nun hielt ihn absolut nichts mehr davon ab, sein Versprechen einzulösen. Nicht jeder bekommt eine zweite Chance.

Im Mittelalter benötigte der Pilger für den weiten und damals doch äußerst gefährlichen Weg nach Santiago vor allem religiöse Begeisterung, verbunden mit einem gehörigen Maß an Todesverachtung. Heute sind das keine Voraussetzungen mehr für den Camino de Santiago. Dennoch würde man gewaltig irren, ihn sich als netten, entspannten Familienausflug vorzustellen.

Der Herr und somit auch ich stecken seit einigen Jahren ja ebenfalls in so einem ganz persönlichen Umbruch. Ein akzeptabler Abschluss ist noch nicht gefunden. Wenn es um existenzielle Dinge geht, hat man als innere Stimme kein leichtes Leben und kaum Chancen, den damit verbundenen Anstrengungen aus dem Weg zu gehen.

Ob ein Pilgerweg aber zur Resultatsfindung beitragen konnte, würde sich erst zeigen müssen. Zudem war ja noch gar nicht sicher, ob wir den Weg wirklich angehen würden.

Es geschah an einem sonnigen, unschuldigen Samstagvormittag im Januar, ich wollte erst gar nicht glauben, was ich da zu hören bekam. Da erzählte mein Herr, dieser Eventuell-Pilger, seinem jüngeren Bruder total voreilig und äußerst fahrlässig von seinem Gedankenspiel, diesen Jakobsweg zu gehen oder auch mit dem Fahrrad zu fahren. Mindestens 900 Kilometer innerhalb mehrerer Wochen, ganz allein. Eigentlich handelte es sich hierbei nur um die Mitteilung der nüchternen Überlegung, sich vielleicht auf eine Pilgerreise begeben zu wollen. Absoluter Konjunktiv! Möglicherweise!

Noch am gleichen Abend saßen wir mit Freunden zum Essen zusammen, beim Italiener um die Ecke. Da sah sich doch dieser Mann aus unserer engsten Verwandtschaft, dem selbst ich wenig Arglistiges zugetraut hätte, prompt dazu veranlasst, kundzutun, sein Bruder würde sich im Sommer auf den Jakobsweg begeben. Nix Konjunktiv, nix vielleicht, nix möglicherweise. Absolut Futur!

Bekommt der Herr die Möglichkeit zur Relativierung dieser Aussage, eine faire Chance zum Einspruch? Ganz sicher nicht! Sofort prasseln von allen Seiten Lob und Bewunderung auf ihn ein. Mir war sofort klar: Aus dieser Nummer kommt er nicht mehr raus, ohne als Sprücheklopfer zu gelten. Und mich reißt es gleich mit hinein.

Pilgern, wir? Eine strapaziöse Wallfahrt? Halleluja.

Offizieller Startpunkt des berühmtesten aller Jakobswege, dem Camino Francés, ist das malerische Städtchen Saint-Jean-Pied-de-Port, auf der französischen Seite der Pyrenäen. Nicht jeder hat die Zeit, kann oder will sie sich nehmen, den gesamten Camino in einem Stück zu bewältigen. Zu Fuß darf man dafür gut und gerne fünf bis acht Wochen einplanen, je nach persönlicher Fitness und Witterung natürlich. Dabei üben für die meisten die letzten 100 Kilometer mit der Ankunft in Santiago erfahrungsgemäß die größte Anziehungskraft aus, inklusive der compostela als Beweis, dem urkundlichen Sündenerlass.

Den dafür notwendigen Pilgerpass, der alle persönlichen Daten enthält und auch den Startpunkt der Reise dokumentiert, hat sich der Herr für einige wenige Euro schon nach Deutschland schicken lassen. Ohne diesen beglaubigten Ausweis wird der müde Wallfahrer auch keine Chance auf einen Schlafplatz in einem sogenannten Refugio haben, einer Pilgerherberge.

Da mein Herr von Bordeaux aus starten will, werden wir, wenn wir den eigentlichen Startpunkt des Camino Francés erreichen, bereits 500 Kilometer auf dem Tacho haben. Dabei kann mich die Vorstellung durchaus begeistern, jeden Morgen ohne festen Zielort in den Tag zu starten. Allein die Richtung ist vorgegeben. Sobald sich dann das Gefühl breitmacht, es ist genug für heute, wird ein Quartier gesucht. Das ist versprochen, egal wo wir gerade sind oder wie viel Strecke wir an diesem Tag bereits hinter uns gebracht haben. Tatsächlich wäre das richtige Freiheit.

Ziemlich lange haben wir darüber debattiert, ob wir an den Sündenerlass glauben sollen oder nicht. Fragen Sie noch mal bei uns nach, falls wir Santiago tatsächlich erreichen. Vielleicht gibt es dann zumindest darauf eine Antwort.



Katalonien über alles
Von München nach Barcelona

Der Adrenalinspiegel steigt und steigt und hat offenbar nicht vor, sich an irgendwelchen unserer Wünsche zu orientieren. Unsere letzte längere Reise, die wir nur zu zweit unternommen haben, ist bereits eine Weile her. Freilich wirkte der Herr vor Jahren in der Verantwortung für seine kleine Familie noch weitaus souveräner und selbstbewusster als heute vor diesem Pilgertrip, ganz allein mit mir.

Die Flugtickets von München über Barcelona nach Bordeaux haben wir zum allerersten Mal ganz eigenständig übers Internet gebucht. Nix war’s diesmal mit der gewohnt freundlichen Beratung im Reisebüro unseres Vertrauens. Daher gab’s auch nur eine Buchungsbestätigung und keine ausgedruckten Billets. Man will ja nicht unken, aber ob das alles so funktioniert?

Drei Stunden bis zum Abflug!

Der Check-In-Schalter der Airline ist so früh noch geschlossen. Wir haben erst mal eine Menge Zeit. Warten, Geduld haben – das wird wohl auf dem Pilgerweg zur Normalität gehören. Zeit haben, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Reflektieren, Zeit für … Klingt nicht sehr aufregend.

Was genau spricht denn gegen Entspannung, Wellness und einen bequemen Liegestuhl? Zu einem Urlaub mit Sonne und Meer könnte man doch auch das Fahrrad mitnehmen?

Innere Schweinehunde haben angeblich von nichts wirklich Ahnung, reden nur grundsätzlich bei jedem Thema mit. Dabei möchten wir doch nur potenziell unnötiger Anstrengung vorbeugen. Weshalb es oft so schwierig ist, gegen uns anzukommen, hat wohl mit den überzeugenden Argumenten zu tun, die meist dem einfachsten aller Wege sehr nahe sind.

Obwohl wir ursprünglich ganz vorne standen, sind wir schließlich nur noch die Vierten in der Warteschlange, als der Schalter der Fluggesellschaft endlich öffnet. Zwei Familien, deren hyperaktive Kinder ungeniert Fangen spielen, und ein Schwabe mit Aktentasche und auffällig kleiner Fliege um den Hals haben sich zwischenzeitlich forsch vor uns geschoben.

»Woisch, i bin au mal mit na Rad g’floge! Desch is koi Problem mehr heutsdag«, versucht uns der Allgäuer ein Gespräch aufzudrängen.


Es geht los: München–Barcelona–Bordeaux, mit dem Rad und mir, seinem »Inneren Schweinehund«, dem sogenannten Sperrgepäck!

Schwaben mit fliegenden Rädern! Bewundernswert!

Ganz groß macht der Herr seine braunen Augen, sagt aber kein Wort, schaut den Mann aus dem bayerischen Südwesten nur an, so verständnislos wie irgend möglich. Gleichzeitig lässt er seinen nagelneuen Ausweis unauffällig in der Hosentasche verschwinden.

»Nix verstehen, oder? Bischd ein Spanischer, oder?«, probiert der schwäbelnde Mitreisende erneut, uns eine Reaktion zu entlocken.

Bevor er dann einen Konversationsversuch beim vollkommen überforderten Familienvater startet, bedenkt uns der beleidigte Business-Allgäuer noch mit einem verächtlichen Blick über die Schulter. Die Kindererziehung ist zu unserem Glück ein sehr ergiebiges Thema, über das sich der Schwabe endlos auslassen kann.

Aufruf nach Barcelona!

Dass Sperrgepäck als besonders eilig und bevorzugt eingestuft wird, kann hier am Airport Barcelona nicht der Fall sein: Erst neunzig Minuten nach der Landung dürfen wir am Schalter für unhandliche Fracht endlich unser aufwendig plastifiziertes Gefährt entgegennehmen. Ganz schön zerfleddert, das Ding, als hätte es Gefrierbrand.

Und wo nehmen wir jetzt ein Taxi her, das uns und unser ausgewachsenes Fahrrad transportieren kann? Es kommt auf gar keinen Fall infrage, unser Gefährt jetzt zu entpacken, nur um uns morgen vor dem Anschlussflug erneut mit einem unwilligen Einwickler herumärgern zu müssen.

Innere Schweinehunde schlafen nie, sind grundsätzlich faul und negativ und haben selten einen konstruktiven Beitrag parat – das sagen der Volksmund und mein Herr sowieso. Sämtliche Einwände meinerseits bleiben gänzlich unbeachtet. Seinen festen Vorsatz, sich auf dieser Reise weder zu ärgern noch ungeduldig zu werden, will er beherzigen, in jeden Fall.

Nun gut, moderne Smartphones haben, trotz aller Zusatzoptionen, noch immer auch die ganz ursprüngliche Funktion des Telefonierens beibehalten. Ein Taxi-Kollege mit dem nötigen Stauraum ist ganz in der Nähe. Gleich darauf rollen wir über die Stadtautobahn auf dem Weg zu unserer Übernachtungsmöglichkeit.

Unser liebenswürdiger Chauffeur outet sich als besonders patriotischer Einheimischer und gleichzeitig als richtige Plaudertasche. Im Schnellkurs lernen wir: Katalonien über Alles und im Speziellen Barcelona! Im Crashkurs werden wir in die stolzen, heimatverbundenen Grundsätze der Katalanen eingeweiht. Als der Fahrer dann erfährt, welches Reiseziel wir anvisiert haben, kommt der Gute ins Schwärmen. In seinem lispelnden Englisch erzählt er euphorisch davon, dass er selbst jedes Jahr für eine Woche auf dem Jakobsweg wandert. Jeden Sommer eine andere Teilstrecke.

»Maravillosa, wunderbare Frauen auf dem camino. Hollanderinnen, Franzosische und sogar señoras aus New York. Deutsch Frau sind viel schön, aber viel streng«, erklärt er verzückt.

Wir müssen ihn sehr erstaunt angesehen haben.

»Sí sí, no problema«, beteuert er mit Nachdruck. »Alle lieben spanische hombres!« Er macht eine Pause und beobachtet den Herrn aus dem Augenwinkel. »Sí, sí, all women! Latin Lover, Matador, Torero, Enrique Iglesias, Antonio Banderas, you know.«

Mit beiden Händen fuchtelt er in der Luft herum und schäumt fast über vor Begeisterung. Für einen kurzen Moment verlassen seine Hände das Lenkrad, währenddessen der VW Touran unkontrolliert über die mittlere Fahrspur nach links in Richtung Mittelleitplanke schlingert.

»Sí, sí, sí«, brüllt der Herr. »Ich glaube dir ja!«

Der Taxler hat alles im Griff, fängt den Wagen mit einer kurzen Lenkbewegung wieder ein. Keine Aufregung notwendig.

Sein freundliches Angebot, uns am Morgen wieder vom Hotel abzuholen, wird nach kurzer Risikoabwägung angenommen. Wenn er tatsächlich kommt, sollte der Rücktransport zum Flughafen genauso reibungslos klappen.

Wenn nicht …? Aah …? Hmm …?

»My name is José«, sagt er, »número de teléfono«, und überreicht uns eine wie von Kinderhand gemalte Visitenkarte. »Taxi nix brauchen, teléfono, por favor!«

Wir nehmen den Zimmerschlüssel und noch ein kleines Bier als Schlummertrunk mit, dann sollte es schon gelingen, die Augen geschlossen zu halten. Bier soll ja müde machen!

Seit wann trinken wir denn überhaupt Bier?

Vom jungen Katalanen an der Rezeption gibt es noch kostenlos den Tipp des Tages: Spanien sei gefährlich, meint er! »España is dangerous, señor, muy dangerous.«

Sicher ist sicher, denkt sich der Herr, und schon schleppen wir das noch verpackte Fahrrad über die Treppe in den zweiten Stock, in unsere habitación. Den Verlust des Fahrzeugs dürfen wir nicht riskieren.

LEKTION DES TAGES

Spanien ist gefährlich!


Hola, Überraschung
Von Barcelona nach Bordeaux

Nicht ohne Grund heißt unsere Lieblingslebensweisheit: »Genieße es, aufzuwachen, weil du ausgeschlafen hast.« Es gibt einfach nichts Gesünderes, als morgens ohne Schock aufwachen zu dürfen. Der Taxifahrer würde zwar vermutlich warten, der Pilot des Fliegers nach Bordeaux dagegen eher nicht. Glückliche Fügung, wenn der vernünftige Bereich im Unterbewusstsein schon so früh einen lichten Moment hat.

Nun sitzen wir hier auf der ins morgendliche Sonnenlicht getauchten Hotelterrasse und trinken unseren geliebten Kaffee. José Luiz, wie unser Chauffeur laut seiner Visitenkarte heißt, müsste gleich auftauchen, denkt der Herr. Gleich darauf brettert der blaue Touran mit dem Taxischild auf dem Dach schwungvoll in die Einfahrt. Ziemlich gewagt und mutig eng, wie er die Kurve schneidet. Die harte Bordsteinkante rächt sich sofort mit einem laut vernehmbaren, kräftigen »Rumms« an der Hinterachse. Den Fahrer irritiert das nicht weiter. Ohne die Geschwindigkeit zu verringern, passiert der Minivan die offene Schranke des Parkplatzes und kommt mit einem schrill quiekenden Bremsgeräusch direkt neben unserem Gepäck zum Stehen.


Der größte Luxus unseres pilgergerechten Hotelzimmers in Bordeaux ist der Blick aus dem Fenster, auf den Jugendstilbahnhof Saint-Jean.

Indes ist aber nicht José, der Matador des Jakobswegs, am Steuer, sondern eine dunkelblonde Mittdreißigerin, die uns energisch zuwinkt.

»Hola, buenos días, I’m Jovana«, grüßt sie gutgelaunt. »José meine Mann sagt, I bring you to aeropuerto.« Sie spricht ein Spanglish mit leichtem Tschechisch im Abgang.

Mit so viel Dreistigkeit war keinesfalls zu rechnen gewesen. Schickt uns dieser Latino-Gigolo seelenruhig die eigene Frau, nachdem er uns gestern ganz hemmungslos seine alljährlichen Jakobsweg-Schandtaten gebeichtet hat. Seine langjährige Vorliebe fürs Pilgern hat er seiner Liebsten mutmaßlich anders erklärt.


Auch ein Pilger-Anwärter hat gewisse Vorstellungen, was so eine Tour durch Südeuropa im Juni bedeutet. Bestimmt nicht, dass man friert.

Die acht Kilometer zum Flughafen sind nur schwer auszuhalten, ohne in Lachen auszubrechen. Mein Herr redet die Fahrt kein Wort, kann unsere hübsche »choferesa« aber nicht mal ansehen. Als unhöflich sind wir eigentlich nicht bekannt.

Trotzdem bringt uns Jovana sicher und mit freundlichem Lächeln zum Airport. Auch der Check-in funktioniert reibungslos, sodass wir eine gute Stunde nach dem Start bereits wieder auf der regennassen Rollbahn im französischen Bordeaux landen.

Wir werden den Abschnitt bis zum offiziellen Startpunkt des Camino Francés wie erwähnt durch Muskelkraft bewältigen. Zunächst bieten sich da Fahrradwege an, zirka 50 Kilometer hinüber zum Atlantik, dann führt am Ozean die sogenannte Silberküste entlang. Über die Bucht von Arcachon sollten wir nach etwa fünf bis sechs Tagen den Ferienort Biarritz erreichen.

Dann werden uns quer durchs Land die Erhebungen der Pyrenäen fordern, bevor wir zum traditionellen Startpunkt einer Jakobsverfolgung kommen, dem malerischen Saint-Jean-Pied-de-Port.

Unser heimatliches Trainingsprogramm war wirklich nicht sehr ausgiebig. Über die wenigen zur Übung absolvierten Höhenmeter sollte man besser das weite Gewand des Stillschweigens stülpen. Somit ist der exakte Fitnesslevel des bayerischen Radpilgers niemandem bekannt, nicht mal ihm selbst!

Mein Herr hat mit sich und mir abgemacht, jeden Tag nur so lange zu fahren, wie wir Spaß dabei haben. Wir werden die Tagesetappe beenden, wo immer es uns gefällt, hat er sich und mir versprochen. Unser Leib wird schon ein Zeichen senden, sobald er nicht mehr mag oder kann. Da bin ich mir sogar sicher. Kollege Körper ist da rücksichtslos.

LEKTION DES TAGES

Schlawiner sind’s schon, die Katalanen!


Windschatten gesucht
Von Bordeaux an die Atlantikküste

Sechs Uhr morgens – ich kann gar nichts dafür – hat die Nacht bereits wieder ein Ende. Draußen liegt der neue Tag in den Wehen, wir sind längst hellwach.

Heute Morgen hat sich zwischen Bauch und Magen eine unruhige Spannung festgesetzt. So extrem haben wir das schon lange nicht mehr gespürt. Früher, als der Herr noch eine Bar und ein Restaurant betrieben hatte, kannte er das vor großen, aufwendig geplanten Veranstaltungen. Hier und heute handelt es sich aber lediglich um stinknormale Aufregung!

Sollen diese Beine doch gleich mit viel Kraft und noch mehr Ausdauer in die Pedale treten, um ihn und bitteschön auch mich aus der Stadt und bis an den Ozean zu bringen. Nur ist unmöglich einzuschätzen, ob das Sitzfleisch bis dorthin überhaupt durchhält oder irgendwo vorher gepeinigt aufgibt. Erfahrungswerte fehlen uns leider fast gänzlich. Das mit der sportlichen Vorbereitung wollen wir an dieser Stelle nicht nochmal vertiefen.

Das Hotel hier am Bahnhof von Bordeaux haben wir online gebucht, die Beurteilungen im Netz waren dem Herrn Überzeugung genug. Allerdings ist jetzt am Morgen der Aufzug nicht gewillt, auch die oberste Etage anzufahren. Bleibt dem Herrn somit nichts anderes übrig, als beladen wie ein Lasttier die Stufen zu nehmen, mit den beiden Packtaschen und dem gesamten Kleinzeug unterm Arm.

Da bekommt er doch gleich einen realistischen Eindruck, wie viel Gewicht wir die nächsten Wochen durch die Gegend kutschieren dürfen. Ich bin ja dafür, noch einiges auszusortieren! Zum Glück war es nicht schwer, den Herrn zu überzeugen, keine Wanderschuhe zu kaufen und das Geld lieber in einen neuen Fahrradsattel zu investieren.

Sofern wir irgendwann tatsächlich in Santiago vor der Kathedrale ankommen, werden wir ein realistischeres Bild davon haben, was Pilgern wirklich bedeutet. Natürlich ist auch nicht auszuschließen, dass der Herr schon früher heim will oder muss, dann …

Daran soll ich jetzt nicht denken, sagt mein Herr! Butter und Honig auf frischen Croissants, etwas Käse auf Baguette und ein hoffentlich frischer Obstsalat – danach steht ihm jetzt eher der Sinn. Schinken und Eier stehen heute nicht auf dem Speiseplan.

Wie bitte soll der Körper da Leistung bringen? Wir werden uns doch nicht auch noch mit einer Nahrungsumstellung beschäftigen müssen? Was will er uns denn noch alles aufhalsen? Der Vorsatz, auf dieser Tour seine Nikotinsucht zu besiegen, wird schwer genug. Jetzt auch noch beim Essen aufpassen? Wenn wir schon einmal dabei sind, kann man ja auch gleich noch den Kaffeekonsum einschränken. Okay, okay, malen wir den Teufel nicht an die Wand.

Dann lieber fünf Jahre nichts zu Weihnachten.

Die Zeiger der großen mechanischen Uhr am alten Jugendstilbahnhof zeigen kurz vor sieben. Der angehende Radpilger startet eingepackt in eine gefütterte, warme Regenjacke. Ein charmantes Bild. Jetzt geht es tatsächlich los.

Die Beine treten die ersten Umdrehungen in die Pedale. Was hat er sich nur dabei gedacht, der Herr? Hat er überhaupt gedacht? Auf den nächsten 1500 Kilometern zum Grab des Jesusjüngers wird er genügend Zeit haben, auch zum Nachdenken.

Schnell sind wir aus der Stadt heraus und nach Überquerung der Garonne lassen wir endlich die Kreisverkehre und gefährlichen, verkehrsreichen Hauptstraßen hinter uns. Der Fluss kommt aus den katalanischen Pyrenäen und mündet nach seiner 647 Kilometer langen Reise in den Atlantik. Und dorthin wollen wir auch. Schon hier, auf fein geteertem Radweg der sogenannten Route de Bicyclette, begegnen aufmerksamen Pilgern die bekannten Muschel-Symbole des Jakobsweges.

Hier bläst uns ein leichter, aber permanenter Wind direkt ins Gesicht. Das ist zwar nicht unbedingt unangenehm, führt aber doch zu einem erhöhten Widerstand beim Treten.

Vor dem kleinen Ort Salaunes überholen wir ein älteres Mutterl auf einem antiquarisch anmutenden schwarzen Fahrrad der Vorkriegszeit. Das Gefährt wirkt mehr als nur eine Nummer zu groß für sie. Im Sattel sitzend, erreicht sie die Pedale gerade noch mit den Zehenspitzen.

Dieses Teilstück der Atlantic Coast Route, die von den Fjorden Norwegens an Europas Westküste entlang bis nach Portugal führt, ist genau unser Ding. Durch den Gegenwind zwar nicht übermäßig schnell, aber sehr angenehm.

Störend wirkt da nur das permanente Quietschen hinter uns. Als würde fortwährend die Kurbel einer alten Brotschneidemaschine gedreht. Madame auf ihrem geräuschvoll-archaischen vélo fährt nun schon seit geraumer Zeit knapp hinter uns her. Praktisch direkt am Hinterreifen. Ganz schön schlapp, der Herr Pilgerdebütant. Bei unserem Bummeltempo halten sogar ältere Damen mit! Ist ja fast peinlich, wie mein Herr plötzlich versucht, Tempo zu machen. So dermaßen langsam fühlt es sich eigentlich nicht an, doch wirklich Abstand bringt das nicht. Madame benutzt uns erfolgreich als Windschutz. Nicht, dass es uns stören würde, wundern wird dennoch erlaubt sein.


Nach dem Verlassen der verkehrsreichen Straßen der Stadt geht es nun entspannt in Richtung Ozean. Wir übertreiben es gleich am ersten Tag.

Egal, wie kraftvoll der Herr tritt, unser Mutterl bleibt im Windschatten konstant wenige Meter dahinter. Sicher ist sie viel jünger, als sie unter ihrem bunt geblümten Kopftuch aussieht?

Immer wieder schaut er sich um. Zugegeben, das verschmitzte Lächeln in ihrem gebräunten Gesicht irritiert ein wenig. Noch mal schaltet er, dann noch mal, bis in den höchsten Gang.

Aha, Monsieur Pilgeranwärter versucht, seine männlichen Muskeln spielen zu lassen! Der Tacho zeigt 34 Stundenkilometer. Der Gegenwind macht es nicht leichter. Gleich geht uns die Luft aus! Hat ihr alter Drahtesel überhaupt eine Gangschaltung? Die Schutzbleche an dem antiken Unikum scheppern bei jedem Steinchen, bei der Fahrt über die Bodenwellen sowieso. Das alte Fahrrad ächzt dabei mehr als seine Fahrerin. Die hängt mit dem kompletten Oberkörper über den Lenker gebeugt, die Ellbogen nach außen gespreizt, wie festgeklebt an unserem Hinterrad und lässt sich nicht abhängen.


Es fallen auch hier schon immer wieder die Zeichen des Pilgerwegs am Straßenrand auf, wenn man aufmerksam ist.

»Kompliment«, will der Herr gerade rufen, »starke Leistung, Madame!« Da biegt sie kichernd in eine Neubausiedlung ab.

Sofort und augenblicklich lassen wir die Beine über die Pedale hängen und verringern die Geschwindigkeit, bevor der Körper Zwangsmaßnahmen ergreift. Ganz langsam sinkt der Puls wieder auf ein gesundes Niveau. Wer behauptet hier, der Herr würde nicht nur zum Trinken anhalten?

Bei unserer sofort eingeleiteten, weitaus gemächlicheren Fahrweise braucht sich der Gegenwind nicht mehr sonderlich anzustrengen. Dieses Duell ist erst mal aufgeschoben, aber sicher werden wir uns dem noch stellen müssen. Dann wäre es schön, wenn ausnahmsweise wir jemanden hätten, bei dem wir uns in den Windschatten hängen können.

Momentan lässt sich die Kraft wieder spüren, an der wir gerade noch gezweifelt haben. Hier auf diesem Streckenteil durch die kleinen Dünen macht Fahrradfahren mächtig Spaß. Wenn wir uns konzentrieren, ist es möglich, wechselweise nur mit den Wadenmuskeln zu treten oder die Kraft auf die Pedale nur aus den Oberschenkeln heraus zu übertragen. Auf diese Weise kann man die Muskelstränge abwechselnd entlasten. Geniale Erfindung! Gehört habe ich davon noch nie, aber es scheint zu funktionieren!

Im Auf und Ab der Hügel hat sich seit einigen Kilometern eine Melodie in unseren Kopf geschlichen. Nur welche? Beim besten Willen ist sie nicht zu identifizieren. Der Herr hasst das genauso wie ich, ein Lied zu hören, es zu kennen, aber einfach nicht auf den Titel zu kommen. Gewissermaßen zählt das immer schon zu unseren Spezialitäten, sofort das Lied und den Interpreten nennen zu können. Zumindest gilt das für Songs aus der zweiten Hälfte des alten Jahrhunderts.

Zu dieser Tonfolge im Ohr ist kein Anhaltspunkt zu finden. Außerdem kommt und geht sie, wird lauter oder leiser, wie es ihr passt. Der Herr ist wie im Rausch, er fährt und fährt, will einfach nur fahren und mir bleibt keine Wahl.

Wir erreichen die Bucht von Arcachon nach weiteren fünf Stunden Fahrt den Küstenradweg entlang, mit einer nicht zu identifizierenden Melodie im Schädel.

Unverständlicherweise geben die empfindlicheren Körperteile keine Schadensmeldungen ab, selbst nach diesen vielen Stunden im Sattel. Auch der verlängerte Rücken lässt uns nicht im Stich, darüber haben wir ins im Vorfeld die meisten Sorgen gemacht. Nur die Ellbogen sind ein wenig zu spüren und die Stirn fühlt sich unterhalb des Kopftuchs und Helms deutlich feurig an. Der Fahrtwind ist schuld, höre ich, der nimmt das Gefühl für die Kraft der Sonne. Schon praktisch, wenn immer ein Schuldiger in der Nähe ist!

Als wir in Arcachon einrollen, machen die Geschäfte gerade wieder auf. Es ist bereits später Nachmittag.

Nach einem neugierig prickelnden Schnelltest mit den Zehen im Wasser schätze ich die Ozeantemperatur auf 17,439 Grad Celsius oder 63,39 Grad Fahrenheit. Wie erwartet ist da niemand, der uns davon abbringen möchte, auf ein Bad zu verzichten. Wir werden uns eine ausgiebige und vor allem warme Dusche im Hotelzimmer gönnen.

LEKTION DES TAGES

Kondition ist keine Frage des Alters!


Ein Pilger, ein echter Pilger
Von Arcachon nach Mimizan

Von der Hauswand vor unserem Hotelfenster hat die Neonreklame die ganze Nacht extrem hell ins Zimmer geleuchtet. So erledigt, wie wir gestern waren, hätten wir selbst im Solarium auf der Sonnenbank schlafen können. Man möchte zwar annehmen, das Entkleidungsritual würde in diesem Alter bereits routinemäßig vonstattengehen, aber am Abend wurden wir einfach mitten in der Bewegung vom Schlaf übermannt. Mein Herr Dumpfbacke öffnet am Morgen die Augen und hat das linke Hosenbein seiner kurzen Cargohose immer noch an.

Dafür fühlen wir uns hundertprozentig ausgeschlafen und voller Energie. Er will aufs Rad, ich spüre es genau, am liebsten würde er sofort losfahren.

Uns nachzusagen, wir würden morgens gern ausgiebig frühstücken, wäre maßlos übertrieben. Doch wir haben in der Pension von Natalie übernachtet und hier gehört ein petit-déjeuner obligatorisch zum Zimmerpreis.

Die charmante Hausherrin platziert uns zu einem nicht unsympathischen älteren Briten an den Tisch. Dort quetschen wir uns auf den engen Platz an der Wand. Der etwas gequälte Gesichtsausdruck meines Herrn hat dabei wirklich gar nichts mit dem zugegeben etwas kauzigen Gesellen zu tun. Es lässt sich plötzlich am linken Oberschenkel ein leichtes, unangenehmes Ziehen verspüren. Muskelkater ist das keiner, der fühlt sich anders an.

Unser Gegenüber lächelt freundlich und grüßt nickend mit einem geschmeidigen »Good morning, Sir«.

So, wie es uns unsere Erziehung gebietet, antworten wir höflich in seiner Sprache und erfahren, dass Keith aus der Grafschaft Essex stammt, nordöstlich von London. Sein distinguiertes Verhalten und seine Kleidung hätten auch schwerlich eine andere Herkunft vermuten lassen. Keith ist wie wir mit dem Fahrrad unterwegs. Nur fährt er die Strecke in der entgegengesetzten, also falschen Richtung, von der Westküste Spaniens kommend nach Bordeaux. Demnach ist er auch kein Pilger. In den letzten Tagen hatte er beinahe ausnahmslos starken Regen und gewaltigen Wind zu ertragen.

»Not funny, not at all«, erzählt er mit auffälliger, vornehm gespreizter Fingerhaltung, während er seine Teetasse zum Mund führt. Mein Herr Pilger solle sich auf einiges gefasst machen, meint er. Die aktuellen Wetterprognosen seien katastrophal und nahezu winterlich, besonders für die Pyrenäenregion.


Der exklusiv renovierte Radweg am Atlantischen Ozean entlang und durch La Forêt, die Route Biciclette.

Derartige Nachrichten könnten einem den Spaß verderben, hätten nicht Wettervorhersagen eine ähnliche Halbwertzeit wie Treueschwüre von Vereinspräsidenten an ihre erfolglosen Fußball-Trainer. Würde, hätte, könnte! Da ist er wieder, der Herr Konjunktiv.

Punkt neun Uhr sitzt der Herr wieder im Sattel. Die Position, auf die er sich schon beim Aufwachen gefreut hatte.

Die Zeichen stehen also auf »fröhlich und heiter«. Weshalb sollte der Englishman denn Recht behalten mit seiner Prognose? Meteorologen irren andauernd und Keith ist ganz bestimmt kein Seher. Entschuldigung, es ist immerhin Sommeranfang!

In den letzten Jahren haben die Franzosen mehr als 2000 Kilometer Fahrradwege durchs ganze Land anlegen lassen. So ärgert uns der Straßenverkehr nur selten und solange das Wetter mitspielt, fährt es sich hier entlang des Atlantiks ausnehmend vergnüglich.

Gleich geht es hoch zur Dune du Pilat, der mit mehr als 110 Metern höchsten Wanderdüne Europas. Teils durch empfindlich kühle Waldstücke, dann wieder in der wohligen Wärme der Sonne fahren wir durch La Forêt. Langsam wird das Treten mühsam. Selbst einfache Gangwechsel machen Schwierigkeiten. Unter Belastung in der Steigung ist es nur mit Glück möglich, einen der kleineren Gänge einzulegen. In der Folge bekommt unser Tourenanfänger richtig Probleme, die Pedale zu bewegen. Die Oberschenkel packen diese langgezogene Steigung nicht. Konzentriertes Treten nur mit den Waden, wie wir es gestern erfunden haben, funktioniert heute nicht.

Ist mein Herr wirklich so eine Pfeife? Reicht es schon? Das ist doch noch keine richtige Steigung. Das ist ja gar nichts, verglichen mit dem, was da noch auf uns wartet und die Bezeichnung Berg dann wirklich verdient! Jetzt wird es richtig steil. Das letzte Stück zur Düne hinauf, für uns schlicht zu steil. Verzeihung, für den Herrn.

Zum ersten Mal auf dieser Tour steigt er ab und schiebt sein Gefährt. Eine Entscheidung, die eindeutig zu spät gefällt wurde. Mittlerweile haben die Beine nicht mal mehr Lust zu gehen. Mit all dem Gepäck ist nämlich bergauf schieben nicht weniger anstrengend! Nein, bitte nicht heute schon wieder übertreiben, ich hatte den Einspruch des Körpers doch bereits übersetzt! Wir sollen oben an der Düne einige Tage Badeurlaub machen. – Na gut, dann vielleicht zumindest ein Stück den Bus nehmen?


Äußerst angenehm hier durch die Pinienwälder, langsam passen sich die Temperaturen auch unseren Vorstellungen an.

»Allez, les allemands, los, Deutschmann, schlappmachen ist nicht!«, treibt er sich selbst lautstark an. Zeitweise spricht er jetzt schon Französisch mit uns! Mit einem Fußmarsch hatte ich frühestens in den Pyrenäen gerechnet. Mann, ist das peinlich.

La Dune du Pilat, endlich. Vor vielen Jahren waren wir schon einmal mit unserer kleinen Familie hier und haben einige schöne Wochen auf dem hübschen Campingplatz im Pinienwäldchen verbracht, direkt unterhalb des Sandbergs. Man hat eine unglaubliche Aussicht von dort oben.

Ganz typisch: Gerade noch hängt er vollkommen kraftlos im Anstieg, muss vom Rad und kann kaum mehr schieben, und jetzt bildet er sich schon wieder ein, hier einfach hinaufzusteigen wie eine Bergziege.

Ein über hundert Meter hoher Sandberg. »Des ziagt se«, wie der Bayer sagt.

Natürlich hatte ich Recht. Nur wenige Minuten, dann läuft der Herr schon wieder auf Reserve. Mit gespielter Eleganz stemmt der angehende Pilger die Arme in die Hüften, atmet unauffällig ganz tief durch und blickt in die zugegeben atemberaubende Landschaft.

»Schlauerweise« haben wir – also der Herr – die Wasserflaschen am Rad gelassen, was bedeutet, dass der rasant aufkommende Durst nicht zu bekämpfen ist. Salziger Wind, gemischt mit Sand, trocknet jede Kehle. Hier oben pfeift er gewaltig.

Endlich am Gipfel, es wird bereits dunkel – natürlich nicht, es ist ja erst Mittag, aber so ist das mit den gefühlten Ewigkeiten. Endlich oben angelangt, verläuft die Düne rückseitig bergab einige hundert Meter zum Wasser hinunter, nicht mehr ganz so steil.

Dafür stapft man im tiefen, weichen Sand, gräbt sich bei jedem Schritt bis zu den Waden ein, was nicht weniger Kraft kostet. Zudem: Wir müssen irgendwann auch wieder zurück.

Mit diesem wichtigen Gedanken bringe ich den Herrn zu einer Entscheidung in unserem Sinne, gegen die völlige Entkräftung und für einen sofortigen Rückzug. Selbstverständlich darf man vorher nochmal die grandiose Aussicht über die gesamte Düne genießen.

Einigermaßen platt, aber noch lebendig, erreichen wir das Basislager. Die mittägliche Sonne brennt gnadenlos herunter. T-Shirt und Hemd kleben klatschnass am Körper.

So erfreulich der Schatten hier ist, so erfrischend das Getränk, so göttlich der Kaffee – da ist etwas, das dem Herrn die Ruhe nimmt, irgendwas treibt ihn. Er möchte in den Sattel, er will wieder treten, er muss einfach weiter.

Der Wind nimmt zu. Dummerweise bläst er wieder direkt ins Gesicht. Wind kommt in diesem Gebiet immer von vorn, Einbildung ist das keine. Egal, in welche Richtung wir fahren, auch nach jeder Kurve, immer drückt er dagegen. Rückenwind treibt sich in solchen Gegenden gar nicht rum.

Der Herr will auf dieser Reise nichts groß in Frage stellen, sich nicht ärgern und die Vorkommnisse einfach akzeptieren, egal welche das letztlich sein mögen. Dann ist halt Gegenwind! Mal stärker, mal schwächer. Unser Freund, der Gegenwind. Dem Anschein nach werden doch noch richtige Pilger aus uns.

Was macht einen solchen überhaupt aus? Das werden wir hoffentlich noch herausbekommen. Die Natur in aller Bescheidenheit so anzunehmen, wie sie eben ist, könnte ein guter Anfang sein.

Die ausgebaute Fahrradstrecke im Wald von La Forêt zieht sich herrlich durch die Landschaft. Licht – Schatten – Licht – im reizvollen Wechsel. Es duftet nach frischen Kräutern und Moos, sehr würzig, zuweilen süßlich, dann auch mal feucht modrig, aber nie unangenehm. Eine Weile geht es flach dahin, dann folgt wieder ein kurzer, knackiger Anstieg. Langsam lernt er, wie man bei so einem Fahrrad die Gangschaltung zu seinem Vorteil nutzen kann. In den Waldstücken bieten die Bäume ein wenig Schutz vor Sonne und Wind. Am Ende bin ich mir nicht mehr sicher, was die meiste Kraft fordert, die Steigung oder Freund Gegenwind.

Nach wie vor habe ich keine Ahnung, welche Melodie das gewesen ist, die uns gestern auf unserem Weg begleitet hat. Seit dem Morgen haben wir Gilbert Bécauds Chanson »Nathalie« im Ohr. Wie von selbst bildet die Melodie im Kopf die Hintergrundmusik, passend zum angestrengten Treten der Pedale. Singen wir mit, wird sie lauter.

»La place Rouge était vide … Nathalie!«

Erfahre Pilger berichten davon, das Ziel wäre, einmal wirklich Nichts zu denken, das soll absolut faszinierend sein. Nicht einmal theoretisch kann ich mir das vorstellen. Sich an Nichts erinnern, weil du Nichts gedacht hast? Beeindruckt sein von dem, was gar nicht stattfindet? Zu viel zu denken und dann nichts davon behalten können, das kenne ich!

Frankreich könnten wir bereits nach einer Woche in Richtung Spanien verlassen. Dafür sollten wir aber bis übermorgen die Region Biarritz erreichen. Lässt uns der Pilgerkörper nicht im Stich und bringt weiter Leistung sieht es gut aus.

»Happy Waves« hat der Herr die bergigen Wellen getauft, in denen wir bergab beschleunigen, um bergauf in höheren Gängen wieder die Kuppe zu erreichen. Atemtechnisch könnten wir eigentlich nicht meckern, da haben wir uns schon sehr verbessert. Nichtsdestotrotz saugen einem diese Wellen ganz allmählich das Wenige an Kondition, das man hat, ziemlich intrigant noch aus der letzten Körperfaser. Hier ist weit und breit nichts als Wald, sonst würde ich den Herrn schon irgendwo zur Einkehr überreden.

Bis zum Ort Mimizan soll ich Ruhe geben und dann ist es genug für heute, versichert er mir. Mimizan klingt einladend.

Unser heutiger Titelsong lässt sich eindeutig und blitzschnell identifizieren: Lady, den Song der Commodores aus den frühen Achtzigern. Die Stimme von Lionel Richie ist selbst nur in unseren Gedanken sofort zu erkennen. »Lady, you bring me up when I’m down.« Eine Lady, die uns in Hochstimmung versetzen könnte, gibt es hier zwar keine, dafür gibt Mister Richie sein Bestes.


Unser treuer Gefährte aus Stahl, schon 25 Jahre alt, doch zuverlässig, wenn auch schwer wie eine Dampflok.

Als Pilger sollte man sich nicht zu sehr auf ein vorbestimmtes Tagesziel festlegen. Heute ist man fit für große Strecken und will die Etappe noch nicht beenden, morgen gelangt man bereits nach halber Strecke an seine Kraftreserven.

Unsere Planänderung hat leider nicht viel mit Plan zu tun. Unkonzentriert und gedanklich abwesend ist er auch an diesem Ort vorbeigefahren. Das hatten wir schon. War da eine Kreuzung? Mimizan klingt offenbar doch nicht so sympathisch für ihn. Umdrehen, zurückfahren und die Abzweigung suchen, wäre eine Möglichkeit. Mein Herr hört gerade überhaupt nicht auf mich! Wäre da nur etwas Aussicht auf Erfolg, würde ich mit ihm einen größeren Streit oder eine Grundsatzdiskussion anfangen. Andererseits fühlt sich die körperliche Verfassung nicht so schlecht an. Der Stand der Sonne spricht auch nicht dagegen, wir könnten noch etwas fahren. Dann kommen wir eben im nächsten Dorf unter, wie auch immer das heißen mag. »Lady, you bring me up when I’m down. Lady …«, singen wir im Duett.

Einigermaßen eintönig geht es weiter auf dem Radweg durch die geteerten Piniengassen des Forêt de Mimizan. Mittlerweile liegen geschätzte 10 Kilometer zwischen uns und der Stadt. Seither gab es weder eine Weggabelung noch eine Ansiedlung menschlicher Wesen. Wegweiser sind hier mitten im Wald auch nicht sehr verbreitet. Nix als Bäume und Freund Gegenwind. Der wird, ganz im Gegensatz zu uns, langsam stärker. Das grenzt an Spielverderben, wenn der so vehement gegen unseren Oberkörper drückt.

Die Windböen geben sich alle Mühe, uns fertig zu machen. Am Himmel spielen sie mit den Wolken, was uns an sich nicht weiter tangieren würde. Hier am Boden freilich wächst sich das Ganze langsam zu einem Sturm aus. Keine Menschenseele ist ringsum zu sehen, nur Holz und Nadeln. Pinien, Pinien und zwischen den Pinien einige Pinien. Seit einer Ewigkeit.

Wo sind wir hier eigentlich? Wie groß ist denn dieser Wald und warum nur will mein Herr mir das ungute Gefühl vermitteln, sich verfahren zu haben? Wieder eine Weggabelung verpasst? Das wäre jetzt nichts Neues oder gar unmöglich!

Der erfahrene Pilger orientiert sich öfter mal und möglichst früh, ob er noch den richtigen Weg verfolgt; andere wiederum glauben sehr lange an ihren Orientierungssinn und kommen dann im Gewitter um.

Definitiv sind wir nicht dort, wo er zu sein glaubt. So, wie es sich darstellt, fahren wir seit einigen Kilometern den Touristen- und Familienrundkurs, der in weitem Bogen rund um diesen See bei Mimizan führt. Wir müssen wieder zurück!

Okay, es hilft nichts. Mimizan darf uns also voraussichtlich doch erleben. Mehr als 30 Kilometer durch den Wald, für nichts und noch mal nichts.

Da ist es schon sehr von Vorteil, wenn einer den strengen Vorsatz hat, sich nicht mehr zu ärgern. Gerade ist mein Herr nicht mehr so weit davon entfernt, ein wenig aus der Haut zu fahren.

Schluss! Das täuscht, er ist doch nicht laut geworden. Wer behauptet hier, der Herr hätte aggressive Untertöne in seiner Stimme? Verdammt, er hat gesagt, das täuscht!

Die Wolken am Himmel haben sich bedrohlich über uns zusammengezogen. Nun gelten die Gedanken vornehmlich einer netten Unterkunft.

Schon beim Hereinfahren in den Ort übt der alte Kirchturm im Zentrum eine geheimnisvolle Anziehungskraft auf uns aus. Noch haben wir ja keinen einzigen Stempel in unserem Pilgerpass. Selbigen, man weiß ja nie, trägt der Herr vorsichtshalber immer am Mann. Hier wittert er die Chance, seinen ersten französischen Pilgerstempel zu erbeuten.

Kaum betreten wir die heilige Stätte, kommen sofort einige festlich gekleideten Damen auf uns zu, die sich im Seitenschiff der Kathedrale versammelt haben.

So gut es sein Französisch eben erlaubt, muss der Herr nun erklären, wer er ist, woher er kommt und was unser Ziel ist.

»Un pèlerin!«, schallt es laut durch das Kirchenschiff. Also ein Pilger! Ja, ein Pilger.

»Michelle, Claudine, Françoise – venez ici, un pèlerin, un pèlerin de Saint Jacques.«

»Sehr wohl, mesdames, ein echter Pilger steht vor Ihnen.«

Die Frauen sind ganz aus dem Häuschen, reden alle durcheinander und fassen uns an. Da ist es gleich vorbei mit unserer Sprachkompetenz.

Man will sehen, ob er auch echt ist, der Herr Pilger, einer wie sie aus Fleisch und Blut. Sie scharen sich um uns, als würde ein Schauspieler aus Hollywood vor ihnen stehen. Als so besonders hätte ich uns jetzt nicht direkt eingestuft. Sorry, es handelt sich hier lediglich um das schlichte Exemplar eines Pilgers und nicht mal das ist derzeit gewiss. Immerhin will er noch einer werden.

Bei den kurzen Hosen und dem zwar sauberen, aber ungebügelten Hemd kann es sich nur um einen Pilger handeln. Wer sonst wagt es sich, in so einem Aufzug zu einer derart schicken Veranstaltung zu erscheinen? Die Damen und Herren des sakralen Orchesters geben sich hocherfreut. Sogleich bekommen wir sogar ein Angebot für eine kostenlose Unterkunft für die Nacht. Wer hätte das ahnen können.

Ohne zuvor den falschen Weg eingeschlagen zu haben, wären wir jetzt sicherlich nicht hier gelandet. Nur den erhofften Pilgerstempel bekommt er an diesem Abend nicht mehr. Dafür dürfen wir an einem Konzert teilhaben, wie wir es so erstmalig erleben.

Gut vier Dutzend Musikerinnen und Musiker verzaubern in einer Philharmonie das in die warmen Strahlen des Sonnenuntergangs gebadete Kirchenschiff. Geigen, Bratschen, Celli und Pauken bringen dem Pilgersmann die Magie klassischer Musik näher. Keine Ahnung, was da genau gespielt wird – allein die Stimmung im Gotteshaus ist einzigartig. Immer wieder drehen sich die fürsorglichen Damen nach uns um, vergewissern sich gestenreich, dass es uns gefällt. Man könnte das Gefühl haben, das alles würde extra für den Pilger aus Allemagne inszeniert.

Der Herr will noch nicht auf sein Zimmer, der Abend ist viel zu schön und wir sind total aufgekratzt. Also schauen wir uns das Örtchen noch ein wenig näher an, in dem wir erst im zweiten Anlauf gelandet sind und das plötzlich so charmant daherkommt.

Einige hundert Meter die Landstraße hinauf stoßen wir erneut auf eine Kirche, eine sehr alte aus dem 13. Jahrhundert. Die Prieuré Sainte Marie beeindruckt bereits von Weitem durch eine faszinierende Anmut in ihrer Schlichtheit. So, wie wir da allein vor ihr stehen, kurz bevor das letzte Tageslicht von der Nacht verschluckt wird, lässt sich eine unerklärlich drückende und doch wundervoll warme Atmosphäre spüren.

Im Schatten des alten Backsteinbaus ist es ohne Straßenbeleuchtung gespenstisch dunkel. Ein wenig Blau ist noch sichtbar, im Schwarz des Nachthimmels. Und dann ist da noch ein Licht, ein ganz schwaches an der Rückseite des Kirchenschiffs.

Auf einem Granitsockel steht eine eineinhalb Meter große, filigrane Jakobsmuschel. So zart beleuchtet, dass man es nur bei fortgeschrittener Dunkelheit überhaupt bemerkt. Tausend Kilometer bis Santiago – das steht auf der Messingplatte geschrieben. Der Jesusjünger war ein weitgereister Mann. Wie schon bei Bordeaux, so lassen sich auch hier wieder Zeichen finden, die auf die Spur des Apostels deuten. Nur noch tausend Kilometer? Sicher Luftlinie!

LEKTION DES TAGES

Leiten lassen, einfach leiten lassen!


Mein Schweinehund hat Probleme damit, ein Erinnerungsfoto zu machen. Dann fragen wir eben einen Passanten!


Die Barfrau, die dich rettet
Von Mimizan nach Contis-Plage

Völlig egal, welches Auge wir an diesem Morgen zuerst öffnen: Der Blick fällt als Erstes auf das blauweiß kleinkarierte Hemd, das immer noch vor dem Fenster baumelt. Mittlerweile trockengeblasen, versperrt es der Sonne den Weg ins Gesicht. Sieht ganz danach aus, als könnte es heute ziemlich warm werden. Die apokalyptischen Wetterprognosen unserer britischen Frühstücksbekanntschaft haben sich bisher als komplett übertrieben erwiesen, geradezu als falsch. Das darf gerne auch weiterhin so bleiben.

Nach der gestrigen, lediglich »geringfügigen« Irrfahrt – haha – wird es heute keine lange Etappe geben. Die leichte Empfindlichkeit am Gesäß lässt sich aushalten, keinesfalls aber leugnen. Schließlich handelt es sich da um eine der wenigen Stellen an so einem Radpilgerkörper, auf die absolute Rücksicht genommen werden muss. Alle übrigen Körperpartien, auf die es beim Pilgern ankommt, verhalten sich ruhig. Sollte nichts Unerwartetes passieren, können wir tatsächlich bis morgen oder bequem bis übermorgen zu den Ausläufern der Pyrenäen vordringen. Selbst für einen Freizeitradler muss die Strecke in zwei, maximal drei Tagen zu schaffen sein. Sagen wir drei, schließlich will sich hier ja niemand überanstrengen.

Seit dem Aufbruch von Mimizan begleitet uns die Stimme von Mick Jagger, dem Frontmann von The Rolling Stones: »Goodbye Ruby Tuesday, who could hang a name on you? When you change with every new day, still I’m gonna miss you.«

Rechts zeigt der Pfeil nach Contis-Plage. Plage … hm, gehört dieser Begriff nicht zu unseren All-Time-Lieblingswörtern? »Strand« hört sich zumindest positiv und grundsätzlich nach Nichtstun an.

Ich protestiere nicht!

Der letzte Anstieg über die Düne hin zum Ozean macht noch mal kurzatmig, dann aber stehen wir vor einem grandios breiten, goldgelben Sandstrand. Wen würde da nicht die totale Urlaubslust packen?

Momentan hätte ich gegen ein wohltemperiertes Bad nichts einzuwenden, doch der Atlantik will uns einfach nicht. Nach erneutem Zehentest im eindeutig zu kalten nassen Element konzentrieren wir uns lieber gleich auf die Zimmersuche. Ein Kaffee wäre auch nicht schlecht, begleitet von einem dieser nikotinhaltigen Stängeln, die man vorne an der Spitze anzündet. Das mit der Raucherentwöhnung wird wohl doch nichts.

Beim Anstieg zur Mini-Düne sind wir gerade eben an einem schnuckeligen Hotel vorbeigekommen. Da ließe es sich sicherlich gut aushalten – freier Blick auf den Ozean und mit dem Meeresrauschen im Ohr einschlafen.

So träumt er dahin, der Herr Pilger, etwas abgehoben vielleicht und reichlich naiv, ahnungslos aber auf jeden Fall. Für wenige Stunden Schlaf 100 € zu berappen, ist für einen Pilger undenkbar und so hat es sich auch schon wieder mit der Anziehungskraft des besagten Etablissements. Ganz schnell reißt es den Herrn aus seiner Fantasiewelt zurück in die Realität. Es heißt umdisponieren!

Im westernartigen Saloon-Café an der Strandpromenade serviert uns Claudine mit dem buschigen Pferdeschwanz soeben unseren geliebten petit noir. Am Espresso nippend, versucht der Herr nun, Claudine bestmöglich unser aktuelles Problem zu erklären. Leider haben wir sie bei günstigen Übernachtungsmöglichkeiten in erreichbarer Entfernung nicht gerade auf ihrem Spezialgebiet erwischt, gibt sie zu.


Wieder ein Stück am Ozean entlang, doch lädt der mit seinen gefühlten 17,439 °C nicht zum Baden ein.


Die Stätte unserer Rettung! Claudine mit ihren Beziehungen


Unser Häuschen am Meer

Ihr Fazit ist ziemlich ernüchternd: »Ein Zelt wäre noch eine Option. Der Ort hat nur wenige Hotelzimmer und die sind ausnahmslos in den oberen Preisklassen angesiedelt«, informiert sie uns. Von Leihzelten ist ihr nichts bekannt.

Würde der unaufmerksame Franzose am Nachbartisch für einen Moment seine Nase aus dem Weinglas nehmen, wäre selbst für ihn die rapide nachlassende Stimmung meines Herrn unübersehbar. Aber selbstverständlich ärgert er sich nicht. Er bleibt ruhig und freundlich. Die hübsche Barfrau kann ja auch gar nichts dafür, wenn wir gleich wieder durch den Wald strampeln müssen.

»Entlang der Silberküste in Richtung Biarritz wird es kaum billiger werden«, meint Claudine.

Doch plötzlich huscht ein völlig anderes Lächeln – ein extrem breites Grinsen – über ihr Gesicht.

»Attends, un moment«, ruft sie, nimmt das Telefon und wählt, ohne das entwaffnende Schmunzeln wieder aus dem Gesicht zu kriegen.

Keine Viertelstunde später stehen wir an der Rezeption des örtlichen Campingplatzes und bekommen von Touristikpraktikantin Petra aus Nürnberg eine Holzhütte im Pinienwäldchen zugewiesen, ganz für uns allein. Wie romantisch!

Der Bettbezug ist im Preis inklusive, dazu eine penible Anleitung, was man in diesem Hüttendorf zu tun oder besser zu lassen hat. Für uns sind besonders die Punkte von Interesse, die das Putzen des Häuschens vor der Abreise regeln. Schließlich kann es nicht das Ziel sein, die Besitzverhältnisse des Fünfzig-Euro-Scheins zu ändern, den wir bei Petra als Kaution hinterlegen mussten. Ich mache alles, was ihr wollt, denkt sich da der Herr, solange wir nur in Contis bleiben dürfen! Ein gemütliches kleines Holzhäuschen mit eigener Veranda, ganz für uns allein – da jauchzen nicht nur Pilgerherzen. Ein perfekter, fast poetisch anmutender Sonnenuntergang, dazu der Genuss von einfachem, aber feinem Essen und erfrischenden Getränken auf der eigenen Terrasse: Da fällt einem nicht mehr viel ein, was zum vollkommenen Glück noch fehlt. Merveilleux – wunderbar!

Aber irgendein Manko muss so ein himmlisches Plätzchen ja haben: Heute Nacht wird zum ersten Mal das Mückenspray zum Einsatz kommen!

LEKTION DES TAGES

Hoffnungslosigkeit ist nichts für Pilger!


Singin’ in the rain
Von Contis-Plage nach Hossegor

Den Abend haben wir bis weit nach Mitternacht auf »unserer« Veranda zugebracht, doch ganz plötzlich und noch vor dem Schlafengehen fängt der künftige Pilger an zu packen. Kaum war der Gedanke ausgereift, hier am Wasser einen Kurzurlaub vom Pilgern zu verbringen, schon hat er ihn wieder verworfen. Das kann er doch mit mir nicht machen, wie unfair, das nehme ich ihm übel. Faulenzen werden wir auf irgendwann später verschieben, bekomme ich ganz nebenbei mitgeteilt.

Nun ist es geschafft! Unser Holzhäuschen ist sauber aufgeräumt und für die finale Abnahme durch den Hygiene-Supervisor bereit. Selbst die Dusche hat der Herr sicherheitshalber noch mal trocken nachgewischt. Also alles picobello!

Der Inspektor indes wirkt misstrauisch. Der ungemein pedantische, dazu sehr germanisch aussehende Kontrolleur nimmt seine Arbeit auf. Zuallererst hat er es auf den Mülleimer abgesehen. Mit süffisantem Lächeln zieht er den leeren Beutel aus dem Abfalleimer und untersucht ihn auf Spuren von Was-auch-immer, Hauptsache, er hat etwas zu beanstanden. Als ehemaliger CSI-Agent, zumindest aber Beamter einer Vollzugsanstalt, darf man schließlich keine Nachsicht üben.

Er macht ja auch nur seinen Job, beschwichtigen wir uns, und versucht auch nur, seine Familie durchzubringen. Allerdings bitte nicht von unserer Kaution! Diese Provision wird er sich nicht verdienen.

Seelenruhig und mit geschultem Blick, dabei völlig sicher, fündig zu werden, durchforstet der Mann unser kleines Anwesen. Ganz umsonst bekommen wir zwischenzeitlich einen herablassenden Blick zugeworfen, der so viel bedeutet wie: So ein langhaariger Möchtegern-Pilger hat ja mit Gewissenhaftigkeit auch nicht viel am Hut, das ist doch sicher ein Hippie.

Wir wären ja längst abfahrbereit und möchten auch gerne los, aber das veranlasst den Aufseher keineswegs zur Hetze. Unendliche dreißig Minuten lässt er uns auf der Terrasse warten.

Absolut nichts zu finden, was eine Einbehaltung der Kaution rechtfertigen würde, ist für diesen konservativen Zeitgenossen anscheinend gar nicht vorstellbar. Zugegeben: Wir verfolgen doch mit einiger Genugtuung, wie beim Schnüffler nach und nach die Einsicht heranreift, dass er dem Herrn den leihweise überlassenen Geldschein wieder aushändigen wird müssen. Ich bin richtig stolz auf uns. Das schreit förmlich nach einem Kaffee zur Belohnung! Allein der Gedanke an so ein schwarzes Heißgetränk beflügelt mehr, als das so mancher Energy-Drink vermag, selbst solche mit Gummibärchengeschmack.


Kaum zu übersehen: Hier sind wir auf dem richtigen Weg zum angestrebten Sündenerlass, der Compostela.

Die ersten paar Kilometer bis zur Ortschaft Lit-et-Mixe strampeln wir wieder in den allseits bekannten Wellen. Der Weg führt uns durch flacheres Gelände, doch weiter und weiter weg vom Ozean. Der Küstenweg gen Süden lebt vom stetigen Auf und Ab und führt als breiter Radweg zwischen vertrauten Pinien und Korkeichen wieder in die Ausläufer des La Forêt. Niemals zuvor haben wir in solcher Stille derartige Laute vernommen und so intensiv und schnell wechselnd die Düfte des Waldes gerochen. Kräuter, die herbe Süße der Nadelbäume, Moos, Harz und manchmal faszinierend Undefinierbares. Die verschiedenen Aromen haben wir überdeutlich in der Nase, selbst als geruchseingeschränkter Raucher.

Dabei scheint es heute erneut sonnig und trocken zu bleiben. Wolken mit nassen Einlagerungen, die sich wie vom Wetteramt prognostiziert heftig entleeren werden, sind erst für den morgigen Tag angesagt. Ein konzentriertes, generell angenehmes Dahinrollen, möchte man meinen, wenn nicht gerade heute die Stunden im Sattel eindrucksvoll zu spüren wären. Das Hinterteil meldet die Frühstufe zu einer möglicherweise schmerzvollen Reizung an. Die regelmäßige Gewichtsverlagerung von der einen auf die andere Pobacke ist ein eindeutiges Indiz für eine Sitzfleischüberlastung. Auffallend oft bevorzugen wir deshalb heute auch die stehende Position ohne Kontakt zum Sattel.

Das sollte dem Herrn hoffentlich Motivation genug sein, die heutige Fahrt zeitnah zu beenden. Dazu scheint das Wetter gerade umzudisponieren: Die Vorhersage für den morgigen Tag ist nicht viel wert, wenn sie bereits heute eintritt. Noch geben sich die hellgrauen Wolken am Firmament völlig unscheinbar, haben es aber recht eilig damit, dunkler zu werden. Was die Beine noch herzugeben bereit sind, übertragen sie direkt an die Pedale.

Schwere Regentropfen haben noch jedermann aus seinen Gedanken gerissen. Dieser Murphy oder wie der Knabe heißt, dessen Gesetz man da bemüht, wenn man die Regenjacke zuerst in der falschen Packtasche sucht, der macht seinem Ruf gerade alle Ehre.

Als es richtig zu schütten anfängt und der Sturm seine volle Kraft zu entfalten beginnt, sind wir kurz vor dem Surfer-Mekka Hossegor.

Mit gesenktem Haupt und ausgeprägter Körperspannung bewältigen wir die letzten nassen Meter hinein in den Ort. Gerade will uns der Orkan zeigen, wer hier am längeren Hebel sitzt, da fahren wir unter die Überdachung eines kleinen entzückenden Hotels. Wenn sie uns aufnehmen, werden wir bleiben. Wer will jetzt noch lange suchen?

Wir hatten ohnehin vor, diesen Wallfahrtsort für Surfer nicht nur touristenmäßig zu erkunden. Zusätzlich wollen wir etwaigem Ärger mit Magen und Verdauungsorganen vorbeugen. Die kennen da keine Nachsicht und werden schnell sauer, sollten sie nicht mehr anständig gefüllt werden.

Das Zimmer ist bezogen, der Körper und die Wäsche gereinigt – nun schlendern wir ins Zentrum des kleinen Küstenorts. Der Regen hat inzwischen nachgelassen, als wir zufällig an einem Straßencafé vorbeikommen, das uns direkt ins Auge sticht. So und nicht anders muss eine Brasserie im Paris der Jahrhundertwende ausgesehen haben. Natürlich vom 19. auf das 20. Jahrhundert – Jugendstil! Der Maler Henri de Toulouse-Lautrec und seine Muse, die Cancan-Tänzerin La Goulue, wären hier sicherlich Stammgäste gewesen.

Nicht immer kann man erklären, weshalb man bestimmte Entscheidungen trifft. Der Blick des Herrn bleibt an der knallig grellorangen Markise des Cafés hängen. Dann, spontan und aus dem Bauch heraus, bestimmt er das Orange Bleu zu unserem Lokal für diesen Abend.

Wie gewohnt allein am Tisch sitzend, bestellt der Herr bei der ungesund schlanken Kellnerin ein Glas trockenen Weißwein. Sie war wohl früher Model bei Modezar Gaultier und ist danach die Konfektionsgröße Doppel-Zero nie mehr losgeworden.

Ihr Vorschlag fürs Horsd’œuvre lautet: Austern nach Art des Küchenchefs. Sie wählt die Vorspeise, als Hauptgang einigen sich die beiden dann auf eine Galette. In unserem Fall besteht sie aus einem geräucherten Fischfilet, welches in den dünnen Buchweizenfladen gebettet ist. Die Spezialität aus der Bretagne kann man sich auch hier mitten in der Gascogne vorzüglich schmecken lassen.

Austern schmecken so, als ob dich das Meer auf den Mund küsst – zumindest drückte es der französische Dichter Léon-Paul Fargue so aus. Wo sonst, wenn nicht am Meer, bekommt man ein Dutzend wirklich frische Austern zum bescheidenen Preis eines Pilgermenüs?

Da kann man ja fast vom Sparen reden.


Nach überstandenem Regenguss: eine gemütliche Bleibe in Hossegor

Inzwischen nimmt der Regen wieder zu und wächst sich schließlich zu einem waschechten Platzregen aus. Doch unter dem leuchtend orangen Schutzdach scheinen wir erst mal sicher und gut versorgt. Beim Herrn zeigt der Wein bereits ganz schön Wirkung. Nach einem weiteren Glas und einem klitzekleinen Espresso machen wir uns auf den Heimweg. Der warme Regen kann nicht schrecken und der Wein beschwingt den bayerischen Pilger zu einer Spontaneinlage von Singin’ in the rain. Dabei patscht er sogar mit seinen Schlappen in die Pfützen am Straßenrand.

Gene Kelly konnte besser singen, das ist unbestritten, viel besser in den Pfützen patschen konnte aber auch er nicht. Unser Herr braucht dazu nicht mal einen Schirm. »I’m singin’ in the rain, yes, singin’ in the rain, what a glorious feeling, I’m happy again …«

LEKTION DES TAGES

Wohlbehagen verdirbt nicht!


Den gesamten Pilgerweg trifft man auf viele kleine Kapellen, imposante Kirchen und auch gewaltige Kathedralen.


Alles nur Training
Von Hossegor nach Saint-Jean-Pied-de-Port

Bald kommen wir zum Startpunkt des bekanntesten aller Jakobswege, dem Camino Francés. Von dort sind es nur noch wenige Schritte bis über die Grenze nach Spanien.

Heute Morgen gönnen wir uns ein unanständig leckeres Stück Schokotarte zum starken Kaffee und zur Zigarette im Freien, geschützt unterm Vorbau der Hotelterrasse. Es regnet! Es regnet? – Es gießt! Schon wieder beziehungsweise immer noch.

Viele Tassen unseres dunkelschwarzen Lieblingsgetränks später beenden die Regentropfen schlagartig ihr Konzert auf den Blechdächern der umliegenden Garagen. Ganz zaghaft quält sich die Sonne durch die sich in allen Grauschattierungen darbietende geschlossene Wolkendecke. Der Startschuss für den Aufbruch fällt sofort. Leider dürfen nun die Beine für den vielen Kaffee und die in der Wartezeit verqualmten Zigaretten bezahlen.

Weit sind wir nicht gekommen, als sich der Himmel bereits wieder verdunkelt. Die Vorbereitungen für unser nächstes Vollbad sind schon in vollem Gange. Vielleicht gibt es ja am Hafen vor Bayonne eine Brücke über den Fluss Adour oder zumindest einen Fußgängerübergang? Das würde die Strecke in die Stadt halbieren.

Leider haben wir es bei dieser Eingebung weder mit sicherem Wissen noch absoluter Sachkenntnis zu tun, sondern lediglich mit einer vagen Ahnung meines Herrn. Ich für meinen Teil habe damit nicht das Geringste zu tun. Ein Pilger soll positiv denken und begeistert von seinen eigenen Einfällen sein. Sofern es die Brücke tatsächlich gibt, können wir das Ganze als »glorreiche Eingebung« verbuchen.

Also scharf rechts abbiegen und im Nieselregen den im Asphalt eingelassenen Schienen folgen. Der überzeugte Optimist hat eine negative Überraschung gar nicht erst auf der Rechnung.

Die feuchte Straße führt uns über holpriges Kopfsteinpflaster und immer wieder über stillgelegte, glitschige Eisenbahnschienen. Die haben exakt so viel Zwischenraum, um unsere Reifen darin einkeilen zu können. Sollten wir hineingeraten, wäre ein spektakulärer Abstieg über den Lenker nur schwerlich zu verhindern.

Nach weiteren dreitausend Metern unter feinperliger Dusche entpuppt sich unsere »Abkürzung« als eine ganz konservative, alteingesessene … Sackgasse. An deren Endpunkt gelangt man zu einem riesigen Parkplatz, der von leuchtend grün vermoosten Quai-Mauern eingefasst ist.


Hier am Hafen von Bayonne zeigt sich, was eine richtige Sackgasse ausmacht. Sie ist sehr endgültig! Wir müssen wieder zurück!

Beim Wort Sackgasse gibt es nun mal leider keinen Raum für Interpretation: Sackgassen haben etwas sehr Endgültiges an sich! Man könnte an dieser Stelle noch einmal über unsere »glorreiche Eingebung« philosophieren. Oder es einfach sein lassen.

Also gut, wir sind falsch. Eine Brücke ist hier nicht zu finden und hat es vermutlich nie gegeben. Einmal mehr hat er sich geirrt, gibt das sogar zu. Schon klar, dass da Schadenfreude aufkommt. Argh!

Der Schrei wird komplett vom Wind geschluckt. Nein, mein Herr Pilger ärgert sich natürlich nicht, ein solcher Schrei befreit und kann sogar therapeutische Wirkung haben.

Während der Herr über den anscheinend unvermeidbaren Rückweg sinniert, geht das Nieseln schlagartig in Regen über.

Eine knappe halbe Stunde später erreichen wir Bayonne, zwar nass bis auf die Knochen, aber keineswegs schlechter Laune. Ohne jeglichen Plan davon, wie es ab jetzt weitergehen soll, überqueren wir den breiten Bahnhofsplatz von Bayonne und betreten die weitläufige Schalterhalle. Ganz unverbindlich und ohne etwaige Hintergedanken kann man sich ja mal die Fahrpläne ansehen. Nur rein informativ, versteht sich.

Vorbei an einer Ansammlung von mindestens dreißig mutmaßlichen Pilgern schiebt der Herr unser Fahrrad über den hellen Steinboden.

Die müden Gesichter, in die wir da blicken, zeugen von einer langen, anstrengenden Anreise. Uns mustert man allgemein eher skeptisch. Wir sind ja auch die Einzigen mit Fahrzeug. Da wird man von denen, die sich für die »wahren Pilger« halten, schlicht ignoriert. Als Außenseiter unter lauter Gleichen fühlt man sich nur selten wohl.

Ach was, da sieh mal einer an: Minuten später hält der Herr ein Busticket nach Saint-Jean-Pied-de-Port in der Hand. Die Abfahrtszeit wird mit einem eindeutigen »voraussichtlich« angegeben. Voraussichtlich, sobald der Bus erscheint. Hier feste Fahrzeiten zu erwarten, wäre auch voreilig optimistisch gewesen. Züge fahren dank des Personalstreiks der Bahngesellschaft aktuell gar keine mehr.

Es ist alles andere als leicht, den Worten des Mannes am Ticketschalter zu folgen. Englisch spricht der Baske nicht. Und mit Französisch und Spanisch hat die baskische Sprache ebenso viel zu tun wie Schriftdeutsch mit dem ländlichen Dialekt des tiefsten Bayerischen Waldes. Nicht nur für Fremde ist das eine völlig eigene Sprache, und zugegeben: Wir verstehen kaum ein Wort.

Freilich, so richtig wohl ist ihm nicht beim Gedanken daran, mit dem Bus zu fahren. Als besonderes Pilger-Markenzeichen gilt so eine Fahrt sicher nicht. Aber wenn man es ganz genau nimmt, werden wir ja erst morgen zum richtigen Pilger, dann, wenn es auf den originalen Camino geht.

Während der Fahrt durch die Pyrenäendörfer hat es noch leicht geregnet. Jetzt bei der Ankunft am Busbahnhof von Saint-Jean-Pied-de-Port herrscht indes angenehmstes Wetter. Genau so haben wir es uns gewünscht.

Bereits in der ersten Unterkunft, bei welcher der Herr vorspricht, bekommen wir einen Schlafplatz. Besser gesagt – wir werden annektiert. Das in Öl gemalte Schild an der Hausmauer vor der Auberge du Pelerin in der berühmten Rue de la Citadelle lässt nicht unbedingt Pritschen als Nachtlager erwarten. Eigentlich hatten wir uns Pilgerherbergen ganz anders vorgestellt. Aber was wissen wir schon? Ich bin in der Hinsicht ein genauso blutiger Anfänger wie mein Herr, ich kann ihm auch keine Ratschläge geben.

Woher sollte der Herbergsneuling auch im Vorfeld wissen, was ihn erwarten würde und ob eine solche Unterkunft überhaupt unseren Ansprüchen gerecht wird? Ehe der Herr überhaupt realisiert, wo wir hier sind, hat die Herbergsmama schon spinnenartig den Kokon angefertigt und uns ein Bett mit Spind zugewiesen. In ihrer angenehm fürsorglichen, sehr damenhaften und überaus französischen Art hat sie dem Pilger all seine Sorgen genommen. Auf ein Zimmer im Hotel oder in einer Pension hatten wir uns ursprünglich geeinigt, aber mein schüchternes Veto findet kein Gehör mehr. Und dann ist es zu spät! So also sind wir bereits auf unsere jungen Pilgertage in einer Herberge gelandet.

Acht Betten in einem Zimmer sind absolut erträglich, würden erfahrene Großherbergskenner urteilen, und zumindest einmal wollte der Herr ja ohnehin die Erfahrung einer Übernachtung als »echter« Pilger machen, in einer richtigen Herberge. Dieses Vorhaben können wir bereits morgen als erfolgreich abgeschlossen verbuchen. Nur mit der strengen Hausordnung haben wir ein kleines Problem: Spätestens bis 22 Uhr hat man im Bett zu sein. Ja, ausnahmslos!

Dies gibt geringfügigen Anlass zur Sorge. Die Wahrheit ist, dass keiner von uns beiden nur den Hauch einer Vorstellung davon hat, was das für eine Nacht werden wird. Wer abgesehen von Kleinkindern kann um 22 Uhr schon schlafen? Da ist es ja noch taghell!

Das Versprechen gegenüber der Herbergsmutter, sich an die Regeln zu halten, wurde vom Pilger sehr leichtfertig gegeben und könnte sich freilich als schwierig erweisen. Entschuldigung, aber wir sind neu im Pilgergewerbe.

Der ganze Ort wartet mit einem Postkartenmotiv nach dem anderen auf. Zu Zeiten, da nur Pilger ein Quartier für die Nacht verlangten, wurde hier schließlich das Wort idyllisch erfunden. Das war lange, bevor hier die Touristen einfielen.

Rechts neben der für uns doch sehr befremdlichen Unterkunft lässt sich das offizielle Pilgerbüro finden, wo der Herr gleich den ersten amtlichen Pilgerstempel in seinen Pilgerpass, dem credencial, gedrückt bekommt. Danach schnell hinauf zur alten Zitadelle und einige Selfies machen, dann sind wir schon wieder auf dem Weg hinunter in den Ort, der langsam überzulaufen droht. Der Pilgerzustrom vom Busbahnhof herauf nimmt kein Ende. Mit schweren Tornistern auf den Rücken kommen sie und fluten die Stadt. Wird nicht immer von Ruhe und gewöhnungsbedürftigem Alleinsein auf dem Camino berichtet, die für so manchen gar nicht leicht zu verkraften sein sollen?


Endlich am Startpunkt des offiziellen Camino Francés, dem malerischen Städtchen Saint-Jean-Pied-de-Port.

Warum nur habe ich ihm das einfach nicht rechtzeitig ausreden können? Eine Pilgerreise und wir – lächerlich!

Steuert man die hinteren Gassen des Städtchens an, lassen sich trotz des ungeheuren Treibens in der Hauptstraße durchaus ruhige, entspannte Plätze finden. Die untergehende Sonne taucht die romantischen Motive der alten Stadt in ein traumhaftes Licht. Am Ufer der Nive, wie der Fluss durch Saint-Jean-Pied-de-Port heißt, lassen wir vor dieser Bilderbuchkulisse unsere erste Woche auf dem Rad Revue passieren, bevor dann endlich dem meuternden Magen nachgeben wird.

Als Pilger muss man sich mit den Entbehrungen auf dem Weg einverstanden erklären, vorher aber wollen es sich viele nochmals ohne schlechtes Gewissen gut gehen lassen und die hiesige Gastronomie hat sich dafür einen ausgezeichneten Ruf erarbeitet.


Frankreich, nur wenige Kilometer bis Spanien, doch Baskenland ist hier überall.

Einen Sitzplatz in einem der Lokale mit dem baskischen X im Namen zu ergattern, wird nicht leicht.

Subjektiv betrachtet, fühlt er sich auf einem guten Weg, ein richtiger Pilger zu werden. Pünktlich finden wir uns um kurz vor zehn Uhr in der auberge ein und tatsächlich ist es noch taghell. Somit hat der Gedanke, es dürfte eine der anstrengenderen Nächte werden, durchaus seine Berechtigung.

Danielle, die Grande Dame der Herberge, verschließt direkt nach unserem Eintreten das schwere Eingangsportal mit mehreren gusseisernen Riegeln.

»Es kommt heute niemand mehr herein oder hinaus«, erklärt sie lachend und so, wie sie das sagt, wird es niemand anzweifeln.

Bevor wir uns aber auf unserer Pritsche ausstrecken müssen, möchte der Pilger unbedingt noch etwas Rauch inhalieren. Das Glas Rotwein, auf das der Herr unsere Concierge in ihren Garten einlädt, macht’s möglich. Sie lässt sich tatsächlich dazu überreden. Mit etwas mehr Widerstand ist durchaus zu rechnen gewesen. Gleich darauf erscheint die Hausherrin mit einer Karaffe roten Weins und zwei Gläsern im Freien. Die Trinkgefäße haben freilich nur die Größe von Fingerhüten, was uns unmissverständlich signalisiert, wie lange sie hier zu sitzen beabsichtigt. Alle anderen Herbergsgäste liegen bereits pilgergerecht in den Betten. Wir sind ganz allein.

»Ich stehe um halb vier schon wieder auf«, sagt sie flüsternd. Ihr vorwurfsvoller Blick ist trotz fortschreitender Dämmerung nicht zu übersehen. »Die Ersten machen sich im Morgengrauen auf den Weg, wollen um halb fünf ihr Frühstück haben.«

»Für mich bitte nur einen Kaffee, das ist alles, was ich brauche«, flüstert der Herr genauso leise zurück, nimmt dabei einen halben Fingerhut Wein und freut sich, noch einige Züge der Zigarette genießen zu können. »Am besten stark und viel, mit einigen Kristallen weißer Süße. Früh am Morgen kann ich selten essen. Mein Frühstück trinke und inhaliere ich.«

»Hm, Rauchen ist nicht gut!« Danielle sagt das fast schwärmerisch. »Ich habe es vor Jahren sein gelassen. Aber den Geruch von glimmendem Tabak liebe ich noch immer«

»Wenn mein innerer Schweinehund das zulassen würde, hätte ich schon lange aufgehört, sicher bin ich nur einfach noch nicht reif dafür!«, höre ich den Herrn jammern. Er lässt sein Leben von diesem Glimmstängel beherrschen und ich soll daran schuld sein? Ach so, ich vergaß: Ich bin ja verantwortlich für jede seiner Willensschwächen!

Wenig später liegt der Radpilger mit geputzten Zähnen in einem der Etagenbetten und lauscht. Lauscht der Atmung seiner Mitbewohner.

Keine Stunde kann länger dauern als die, welche man wach im Bett liegt und darauf hofft, endlich in den Schlaf zu finden. Wer soll auch schon einschlafen können, wenn beim Schäfchenzählen das Schaf mit der Nummer 217 einfach nicht über den Zaun will?

LEKTION DES TAGES

Wer nicht aufpasst, muss nehmen, was übrig bleibt.

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09 kasım 2024
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