Kitabı oku: «Logotherapie und Existenzanalyse heute»
Alexander Batthyány
Elisabeth Lukas
LOGOTHERAPIE UND EXISTENZANALYSE HEUTE
Eine Standortbestimmung
Mit einem Geleitwort von Eleonore Frankl
und einem Vorwort von Franz Vesely

Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“
© 2020 Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck
Umschlaggestaltung: stadthaus 38, Innsbruck
Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag
ISBN 978-3-7022-3893-3 (gedrucktes Buch)
ISBN 978-3-7022-3895-7 (E-Book)
E-Mail: buchverlag@tyrolia.at
Internet: www.tyrolia-verlag.at
Für Eleonore Frankl
in Dankbarkeit und Verbundenheit
INHALT
Geleitwort von Eleonore Frankl
Vorwort von Franz Vesely
I.DIE PATHOLOGIE DES ZEITGEISTS IM 21. JAHRHUNDERT
1. Glück ist, was einem erspart bleibt
2. Wohlstand und der Mangel an Dankbarkeit
3. Eine Stärke des Menschen: andere Menschen
4. Reaktives Glück und Unglück
5. Eine fünfte Pathologie des Zeitgeists?
6. Cyberpathologie (Internet und Psyche)
7. Not und Ehrfurcht
II.ZUR PSYCHOLOGISCHEN BEDEUTUNG REALISTISCHER MENSCHENBILDER
1. Unser Selbstbild und seine Auswirkungen
2. Doktrinäre Fügsamkeit
3. Unter dem Sternenhimmel sich und dem Leben neu begegnen
III.AUFMERKSAMKEIT, ACHTSAMKEIT UND SINNFINDUNG
1. Achtsamkeit und Sinnorientierung
2. Logotherapeutische Achtsamkeitsmeditation – eine Methode
3. Selbstdistanz und Selbsttranszendenz
4. Der Workaholiker und die Frage nach Sinn
5. Sinn und Wirklichkeit
6. Selbstüberschätzung und das wohltuende Maß der Wirklichkeit
IV.WEGE ZUR SINNFINDUNG
1. Heilsames Lesen: Bibliotherapie heute
2. Gruppenarbeit – die logotherapeutische Meditationsrunde
3. Die Freude, die am Sinnvollen wächst
4. Skeptische Menschen und die Frage nach Sinn
5. Methoden der Sinnfindung
6. Der Sokratische Dialog: Entdecken statt Aufdecken
7. Abhilfe, wenn sich Gespräche im Kreise drehen …
8. Wie setzt man gute Einsichten und Vorsätze auch wirklich um?
V.VIKTOR FRANKLS LOGOTHERAPIE UND ALFRIED LÄNGLES EIGENENTWURF
1. Über Frankl und Längle
2. Ein (persönlicher) historischer Abriss
3. Zur Entwicklungsfähigkeit der Logotherapie
4. Frankl und Längle – eine Gegenüberstellung
VI.DIE SINNFRAGE IN DER WISSENSCHAFTLICHEN FORSCHUNG
1. Sinnfrage und wissenschaftliche Erkenntnisse
2. Sinn und persönlicher Mythos: Anmerkungen zu Tatjana Schnell
3. Existentiell indifferent?
4. Politischer Radikalismus und existentielles Vakuum
5. Die Antwort der Logotherapie auf den politischen Radikalismus
6. Exkurs: Die Flüchtlingsfrage & ihre sozialen Folgen
7. Resilienz und Sinnfrage
VII.VERORTUNGEN UND EINSATZGEBIETE DER LOGOTHERAPIE
1. Die Logotherapie bewahren: An Konflikten reifen
2. Ist die Logotherapie eine Berufssparte?
3. Beratung und Behandlung: Übergänge und Schnittmengen
4. Vom „Ergänzungscharakter“ der Logotherapie
5. Methodenvielfalt und Kombinationsfähigkeit der Logotherapie
6. Die Besonderheit des Frankl’schen Denkansatzes: Person und Sinn
VIII.DIE LOGOTHERAPIE IN DER PSYCHOTHERAPEUTISCHEN PRAXIS
1. Improvisation und Struktur in der logotherapeutischen Praxis
2. Therapieplan und Leitfaden in der Beratung
3. Einstellung und Heilung
4. Ein Update der logotherapeutischen Neurosenlehre
IX.TRANSZENDENZ: AN DEN GRENZEN MENSCHLICHEN VORSTELLUNGSVERMÖGENS
1. Zum Verhältnis von Logotherapie und Religion
2. Dimensionalontologie und Transzendenz
3. Vom Werden und Wesen der geistigen Person
4. Die geistige Person und kognitive Beeinträchtigungen
5. Nahtoderfahrungen aus Sicht der Logotherapie
X.GELEBTE UND WEITERGEGEBENE LOGOTHERAPIE
1. Von der Faszination des Lernens und Lehrens
2. Frankl als Lehrer und Mentor
3. Das nächste Kapitel: Logotherapie im Wandel der Zeit
Literatur
Personenregister
GELEITWORT VON ELEONORE FRANKL
Es ist eine glückliche Fügung, dass gerade die beiden Personen, die im deutschen Sprachraum über das wohl tiefste Verständnis des Werks Viktor Frankls verfügen, gemeinsam ein Buch über die Logotherapie und Existenzanalyse verfasst haben. Denn beide – Elisabeth Lukas und Alexander Batthyány – haben die Logotherapie nicht nur verstanden, sondern auch vom Herzen her begriffen, was mein Mann mit seinem Werk bewirken wollte. Eine bessere Autorenkombination kann man sich daher gar nicht wünschen: Wenn sich die beiden Besten zusammensetzen, kommt auch das Beste heraus.
Eleonore Frankl
VORWORT VON FRANZ J. VESELY
Alexander Batthyány und Elisabeth Lukas besprechen in diesem Buch ein breites Themenspektrum aus logotherapeutischer Perspektive – darunter aktuelle Themen ebenso wie Problemfelder innerhalb der Logotherapie, die schon länger darauf warteten, kritisch und mit klarer inhaltlicher Genauigkeit diskutiert und behandelt zu werden.
Die beiden Autoren werden damit der Verantwortung gerecht, die Viktor Frankl in die Hände künftiger Logotherapeutengenerationen gelegt hat: die Logotherapie in einem offenen Dialog mit den wissenschaftlichen, philosophischen und gesellschaftlichen Themen, Trends und Problemstellungen der Gegenwart lebendig und zukunftsfähig zu halten.
Franz J. Vesely
Leiter des Viktor Frankl Archivs,
Mitgründer des Viktor Frankl Instituts Wien
I. DIE PATHOLOGIE DES ZEITGEISTS IM 21. JAHRHUNDERT
1. GLÜCK IST, WAS EINEM ERSPART BLEIBT
Batthyány: Wir werden in diesem Gespräch einige bisher noch selten so offen und im Detail diskutierte Fragen innerhalb der Logotherapie behandeln und dabei auch Debatten und Kontroversen ansprechen, die in den letzten Jahren oder Jahrzehnten innerhalb der Logotherapie aufgekommen sind. Wir werden auch auf neuere Entwicklungen innerhalb der Logotherapie und benachbarter Forschungsgebiete eingehen. Und wir werden – und das vielleicht gleich zum Einstieg – auch auf Einsichten und Erkenntnisse im Werk Viktor Frankls hinleuchten, die noch verhältnismäßig wenig Beachtung gefunden haben; darunter auch einige, die sich vielleicht erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließen. In diesem Zusammenhang muss ich gestehen, dass mir der innere Sinn eines solchen Impulses lange Zeit verborgen geblieben ist. Konkreter konnte ich über viele Jahre hinweg mit Frankls Definition von Glück relativ wenig anfangen. Frankl definiert Glück wie folgt: „Glück ist, was einem erspart bleibt“.1
Ich hatte den Satz zwar immer wieder gelesen; aber bis er richtig „angekommen“ ist, dauerte es tatsächlich ziemlich lange. Aber heute scheint mir: Die Einsicht, die in diesem scheinbar kleinen Satz verborgen ist, ist nicht weniger als der Weg zu eben einer jener kopernikanischen Wenden, von denen Frankl im Zusammenhang von tiefen Erkenntnisprozessen und lebensverwandelnden Einsichten gesprochen hat.
Ich will das an einem Beispiel illustrieren: Man geht zur Routineuntersuchung zum Arzt. Der Weg zu seiner Praxis ist eine dieser vielen alltäglichen Strecken durch die Stadt: Auf dem Weg kommt man an Blumenständen vorbei, an der Buchhandlung, an einigen Kleidungsgeschäften, an den Lebensmittel- und Blumenläden und Marktständen etc. Schließlich sitzt man im Wartezimmer der Arztpraxis, blättert in den dort ausliegenden Zeitschriften, liest sich vielleicht den einen oder anderen Artikel über Reiseziele, Rezepte und Theaterkritiken durch – und wird dann zum Arzt hineingerufen. Der Arzt begrüßt einen allerdings schon mit einem etwas ernsteren Blick und eröffnet einem dann überraschend, dieser oder jener Befund gefalle ihm nicht, dem müsse man weiter nachgehen, ob sich dahinter nichts Schlimmeres verberge. Jeder, der sich in diese Situation hineinversetzen kann, wird die Verwandlung der Welt nachvollziehen können, die eintritt, sobald diese Welt mit einem Male so unerwartet und grundlegend bedroht ist. Sie ist auf einmal in Frage gestellt. Und: Sie ist dadurch eine andere geworden. Auf dem Heimweg beobachtet man die Sorglosigkeit anderer – es ist genau dieselbe Sorglosigkeit, die man selbst auf dem Hinweg noch mit ihnen teilte, ohne sie allerdings je gewürdigt oder Dankbarkeit darüber empfunden zu haben. Man sieht auf dem Weg nach Hause dem alltäglichen Treiben auf der Einkaufsstraße zu, und es wird einem klar: „Diese Menschen haben etwas, was ich eben verloren habe: Sorgenfreiheit. Diese Sorgenfreiheit hätte ich auch gerne wieder.“ Eine Patientin formulierte es einmal sehr treffend: Sie sprach in eben diesem Zusammenhang von der „unerlebten Fröhlichkeit“ der Menschen, die gar nicht mehr wahrnehmen, wie sorglos und frei sie eigentlich durch die Einkaufsstraßen flanieren.
Es wird einem in solchen Situationen unmittelbar bewusst, was für ein Glück es beispielsweise bis zu diesem Tag gewesen ist, alles das zu erleben, was auf dem Hinweg noch ein kaum je hinterfragtes oder etwa dankbar anerkanntes Geschenk gewesen ist: beispielsweise am Schaufenster einer Buchhandlung stehenzubleiben, sich einige der neuen Buchtitel anzusehen, die man als Nächstes lesen könnte, oder die Kleidung der kommenden Saison – und sich auf die kommende neue Jahreszeit zu freuen, oder die Vielfalt und Farbenpracht der Blumen des Blumenstands auf sich wirken zu lassen etc. Kurz: Auf einmal leuchtet einem auf, wie interessant, wie lebenswert, wie großzügig und wie sorgenfrei das Leben die meiste Zeit gewesen ist. Und mit diesem Gedanken wird einem klar, wie dankbar man die ganze Zeit über selbst für das scheinbar belanglose, „selbstverständliche“ Alltagsglück hätte sein können.
Wenn man sich nun weiter vorstellt, dass man eine Woche später zum Nachfolgetermin geht – die Laborwerte liegen nun vor, und der Arzt eröffnet einem die gute Nachricht, dass alles in Ordnung sei; es war nur eine harmlose und vorübergehende Infektion, die die Blutwerte verfälschte, also ein Fehlalarm. Es lässt sich leicht ausmalen, wie nach dieser erfreulichen Nachricht auf dem Weg nach Hause dieselbe Einkaufsstraße in neuem Licht erstrahlt. Nur: Was ist dieses neue Licht eigentlich? Es ist das Licht der Dankbarkeit. Und Dankbarkeit wofür? Dafür, dass man nur seinen Alltag wieder hat; mehr ist ja nicht geschehen. Die eigentliche Wandlung fand daher im Inneren statt: das dankbare Bewusstsein, dass das vermeintliche belanglose und selbstverständliche Alltagsglück weder belanglos und schon gar nicht selbstverständlich ist, sondern eben ein Glück.
Anders gesagt: Wir gewöhnen uns manchmal so sehr an das, was wir haben – und sind oft im selben Ausmaß so beschäftigt mit dem, was wir gerne hätten oder haben zu müssen glauben, dass die Dankbarkeit für das Gelungene, Heile, Gute atrophiert, also unterversorgt wird und abstirbt. Und dann ist es oftmals erst das Bedrohtsein oder der Verlust des bis dahin als selbstverständlich Hingenommenen, die uns vor Augen führen, wie beschenkt wir die ganze Zeit gewesen sind. Und wie blind für das Schöne, Gute und Gelungene wir womöglich diese ganze Zeit über waren.
Kurz: Dieser scheinbar kleine Satz birgt auf gleich mehreren Ebenen eine tiefe und tatsächlich positiv lebensverändernde Weisheit. Er öffnet die Tür zu einer natürlichen und echten, weil eben begründeten und wirklich empfundenen Dankbarkeit – also einer Dankbarkeit, die nicht nur als „moralische Pflicht“ oder als Lippenbekenntnis dem Leben entgegengebracht wird, sondern die wirklich lebensnahe und erlebnisecht erfahrbar ist. Glück ist tatsächlich, was einem erspart bleibt.
Lukas: Zu dieser Einsicht möchte ich Sie beglückwünschen. Aus dem enormen Fundus logotherapeutischer Einsichten haben Sie mit dem angesprochenen „Impuls“ etwas sehr Bedeutsames herausgepickt. Tatsache ist, dass die Dankbarkeitsvergessenheit grassiert wie eine böse Infektionskrankheit.
Mir ist dies schon als junge Dissertantin Anfang der 1970er Jahre aufgefallen, und damals hielt sich die „Infektion“ noch in Grenzen. Die erbärmliche Kargheit der Nachkriegsjahre war den Erinnerungen vieler Europäer noch nicht entschlüpft. Trotzdem hatte der Wohlstand bereits seinen Siegeszug angetreten und damit ein irrationales Anspruchsdenken zu schüren begonnen. Die Kenntnis von Frankls Trilogie „Schöpferische Werte“, „Erlebniswerte“ und „Einstellungswerte“ im Hinterkopf ging ich damals im Zuge meiner Dissertation daran, nach einer Befragung von 1000 Zufallspersonen die erhaltenen Antworten auf deren Werteladung abzutasten. Dabei fiel mir auf, dass es eine Reihe von Antworten gab, die auf meine Frage nach Sinnfindung im Leben die Freude über positive Faktoren und/oder die Bereitschaft, diese eigenen Schätze mit anderen Menschen zu teilen, benannten. Diese Antworten streiften lediglich die „Erlebniswerte“ und ähnelten eher den „Einstellungswerten“ mit umgekehrten Vorzeichen. Offenbar gibt es nicht nur großartige und sinnorientierte Einstellungen zu Kummer und Leid, sondern ebensolche zu den Gnadenfüllhörnern, die sich gelegentlich über uns öffnen.
Ich besprach mich mit meinem Mentor, und Frankl stand der Idee einer Erweiterung seiner Definition der „Einstellungswerte“ um die „generalisierten Einstellungswerte“ (Lukas) wohlwollend gegenüber. Schlussendlich erbrachte die Aufschlüsselung der Werteladungen der Antworten aus meiner Befragung eine spannende Verteilung. Die drei „Hauptstraßen der Sinnfindung“ (Frankl) waren von jenen Befragten, die ihr Leben als sinnvoll deklarierten, folgendermaßen betreten worden: von 50,40 % über die „schöpferischen Werte“, von 23,26 % über die „Erlebniswerte“ und von 26,34 % über die „Einstellungswerte plus generalisierten Einstellungswerte“ (= 100 %). Rund die Hälfte fand also Sinn im Hineinwirken in die Welt. Rund ein Viertel fand Sinn im Empfangen der Schönheiten der Welt. Rund ein Viertel fand Sinn im Positionbeziehen zu Gegebenheiten der Welt – seien sie zum Weinen oder zum Lachen2.
Batthyány: Diese Arbeit – „Logotherapie als Persönlichkeitstheorie“3 – war, soweit ich weiß, die erste deutschsprachige Dissertation zur Logotherapie; und sie ist auch, gemeinsam mit dem „Purpose in Life-Test“ von James C. Crumbaugh und Leonard T. Maholick (1964)4, eine der von Frankl am häufigsten zitierten Arbeiten der empirischen Logotherapie.
Der historischen Vollständigkeit willen ist vielleicht noch zu erwähnen, dass Ihr Doktorvater, der damalige Ordinarius für Psychologie der Universität Wien, Giselher Guttmann – als Schüler von Hubert Rohracher ein Vertreter derjenigen, die die Psychologie als streng empirische Wissenschaftsdisziplin betrachten und zudem auch ein Pionier der Neuropsychologie –, nicht zuletzt unter dem Eindruck der von Ihnen erhobenen Daten zunehmend den Wert der Logotherapie sowohl als Persönlichkeitstheorie als auch als Psychotherapie zu erkennen begann.
Zumindest sagte mir dies Professor Guttmann knapp 30 Jahre später, als er dann wiederum als Doktorvater meine Dissertation betreute. Professor Guttmann war es auch, der vor diesem Hintergrund ihrer empirischen Glaubwürdigkeit über viele Jahre hindurch im österreichischen akademischen Diskurs immer wieder seine Stimme für die Logotherapie erhob und so maßgeblich darauf hinwirkte, dass die Logotherapie vom österreichischen Ministerium bzw. dem Psychotherapiebeirat als Richtlinienpsychotherapie anerkannt wurde und heute das psychotherapeutische Fachspezifikum des Ausbildungsinstituts für Logotherapie und Existenzanalyse (ABILE5) staatlich akkreditiert ist.
Aber um wieder den Anschluss an die Gegenwart zu finden: Ihre Forschungsarbeit wurde 1971 am Institut für Psychologie der Universität Wien eingereicht. Vor dem Hintergrund Ihrer langjährigen therapeutischen Beobachtungen, klinischen Erfahrung und Lehr- und Vortragstätigkeit seither: Ich frage mich, ob diese Prozentsätze der Werteschwerpunkte heute – immerhin knapp 50 Jahre später – ähnlich verteilt wären, wenn man diese Messung erneut durchführen würde?
Lukas: Nein, vermutlich würden die Prozentsätze heute anders aussehen. Ich vermute, dass sowohl die „Erlebniswerte“ als auch die „Einstellungswerte plus generalisierten Einstellungswerte“ unter die 25 %-Marke rutschen würden. Bei den „Erlebniswerten“ bin ich dessen nicht sicher, doch scheint mir, dass selbst überzeugte Internetfans das Surfen und Kommunizieren im Netz nicht mehr als „rein beglückendes Erlebnis“ erachten, sondern irgendwo zwischen Informationsgewinn, Zwang und Fesselung einordnen. Jedenfalls werden für sonstige beglückende Erlebnisse die Zeitfenster schmal. Für „Einstellungswerte“ angesichts von Leid dürften die schnell aufwallende Entrüstung und Wehleidigkeit verwöhnter Menschen arg groß sein. Und für „generalisierte Einstellungswerte“ fehlt vielerorts der Sensus der Dankbarkeit.
2. WOHLSTAND UND DER MANGEL AN DANKBARKEIT
Lukas: Dass man sich zu einem schweren und unabänderlichen Schicksal tapfer tragend und würdig einstellen kann, und dass dies eine beachtliche Sinnkomponente darstellt, ist für unsere Zeitgenossen überraschend genug. Dass man sich zu einem leichten und angenehmen Schicksal es würdigend einstellen kann, ja, dass es angemessen ist, sich an Erfreulichem zu erfreuen, klingt schon fast wie eine Farce. „Na logisch“, schreit der Verstand, und dennoch scheint es einer erheblichen Intelligenzakrobatik zu bedürfen, eine solche Würdigung zu vollziehen. Korrespondenten aus allen Erdteilen präsentieren uns Bilder des Grauens aus Hunger- und Kriegsländern, von Flucht, Vertreibung, Unterdrückung und Aussichtslosigkeit am laufenden Band, aber der „logische“ Abgleich mit unseren hiesigen selbst in Pandemiezeiten noch paradiesischen Bedingungen fällt aus. Im Gegenteil: Die Zahlen der seelisch angeknacksten und Therapie benötigenden Personen in unserem Kulturkreis steigen. Die Zufriedenheit sinkt.
Batthyány: … und das wirft zugleich die Frage auf: Woran mag das liegen und wie ist das möglich? Wie kann mitten im Wohlstand – und für viele Menschen auch mitten im Überfluss – und in so starkem Kontrast zu anderen, nämlich viel entbehrungsreicheren Zeiten und Landstrichen, Undankbarkeit so epidemisch werden?
Lukas: Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich einfach zu alt und zu sehr Kriegskind, um das zu verstehen. Die einzige Erklärung, die mir dazu einfällt, ist, dass positive Lebensbedingungen als solche überhaupt erst erkannt werden müssen. Ich habe unzählige Patienten gehabt, die (zu Recht) unglücklich waren – aber gewiss auch eine nicht zählbare Schar an Patienten, die nicht wussten, dass sie glücklich waren bzw. glücklich hätten sein können. Sie waren nicht imstande, ihre Lebensumstände als milde und schonend zu taxieren. Sie hatten keine Ahnung, was ihnen in ihrer Vergangenheit erspart geblieben war. Sie hatten keinen Schimmer, wie prächtig ihre Zukunftsoptionen aussahen. Sie waren für all das Gute rund um ihre Person mit völliger Ignoranz geschlagen. Dann kamen sie daher und meckerten über Banalitäten …
Für sie habe ich einen drastischen Therapieplan entworfen6. Ich ging daran, ihnen ein schlimmes Schicksal im Konjunktiv auszufantasieren. Eine junge, von Nichtigkeiten genervte Mutter wurde angeleitet sich vorzustellen, sie sei mit ihrem kleinen Sohn gerade auf der Fahrt zu einer Klinik, wo der Bub einer Herzoperation unterzogen werden müsse. Wie würde sich ihre Lage anfühlen? Ein junger quengeliger Mann wurde aufgefordert zu imaginieren, dass er soeben einen Einberufungsbefehl in ein Kampfgebiet erhalten habe. Er müsse sich als Soldat von seinen Lieben verabschieden. Einen wohlhabenden und entsprechend mürrischen Arzt ließ ich die Vision durchleiden, ihm sei vor Jahren ein gravierender Kunstfehler unterlaufen, der ihn jetzt erschreckend einhole. Es war faszinierend zu erleben, wie froh die Patienten plötzlich aufatmeten, dass diese Fantasien im Konjunktiv nicht die Realität widerspiegelten. Und wie gefasst und gelassen sie daraufhin ihre Realität annahmen.
Ist diese Methode brutal? Ich möchte die Frage verneinen. Manchmal müssen Menschen bis in ihr Innerstes aufgerüttelt werden, um ihre Grundeinstellungen neu zu überdenken. Manchmal sind es auch Erschütterungen, die das Leben selbst ihnen verpasst, auf Grund derer sie ihre Haltung radikal revidieren. Im Prinzip muss es niemandem gut gehen. Nirgends in der ganzen belebten Natur ist verankert, dass Pflanzen, Tiere oder Menschen unbehelligt ihr Dasein fristen können. Dahinwelken und Schmerzempfinden sind allgegenwärtig. Der Tod lauert überall. Was uns davon wie lange erspart bleibt, ist pures Göttergeschenk. Das zu wissen, ist das größte Geschenk!
In einer Industriegesellschaft wie der Unsrigen müssen wir höllisch aufpassen, Glück nicht mit dem Besitz von Konsumgütern zu verwechseln. Freilich will die Industrie die Waren, die sie erzeugt, verkaufen und muss zu diesem Zweck das Bedürfnis nach ihren Waren ständig anheizen. Zufriedene Menschen geben aus ihrer Sicht zu wenig Geld aus. Allerdings gäbe es dazu eine Sinn-Alternative, nämlich die Verwirklichung von „generalisierten Einstellungswerten“. Mit ihnen ist ja nicht nur eine „das Positive würdigende“ Einstellung gemeint, sondern auch eine samariterhafte Einstellung. Austeilen kann nur derjenige, der Besitztümer hat. Helfen kann nur derjenige, der Hilfsmittel hat. Letztlich bedeutet das Gutgehen nicht bloß Anlass zur Freude, sondern auch Anlass, sich um das Schlechtgehende zu kümmern.
Zufriedene Menschen geben zu wenig Geld aus? Sie brauchen es „zu ihrem Glück“ nicht für überflüssige, dem Begehren einsuggerierte Waren auszugeben, daher könnten sie es für ihre Mitmenschen ausgeben, speziell für diejenigen, die weniger Grund zur Zufriedenheit haben. Frankl war weise, als er davon sprach, dass den „Einstellungswerten“ die Superiorität zukommt. Sie evozieren menschliche Höchstleistungen. Ergänzen möchte ich, dass auch die „generalisierten Einstellungswerte“ zu menschlichen Höchstleistungen einladen. In einer Welt, in der die jeweiligen Glückspilze den jeweiligen Unglücksraben liebevoll ihre Hände entgegenstrecken würden, ließe sich für alle gut leben.
3. EINE STÄRKE DES MENSCHEN: ANDERE MENSCHEN
Batthyány: Das ist ein wertvoller Denkanstoß. Im Grunde geht er nämlich einen erheblichen Schritt weiter als Frankls Glücksbestimmung: Nicht nur ist Glück, was einem erspart geblieben ist. Es birgt auch zusätzlich einen „gesonderten“ Auftrag zur Selbsttranszendenz, also zum Blick über den Tellerrand des eben nicht nur bedürftigen, sondern auch dankbaren, großzügigen, wohlwollenden und zum Teilen bereiten Ichs.
Dazu fällt mir eine wissenschaftliche Arbeit ein, die in einem der von der American Psychological Association herausgegebenen Sammelbände zur sogenannten „Positiven Psychologie“ erschienen ist.7 In diesem Band wurde vermessen, welche Stärken und Möglichkeiten im Menschen brachliegen – das ist ja das Programm der „Positiven Psychologie“. Viele Autoren, darunter einige der heute bekannteren psychologischen Forscher, versuchten sich an dem Thema. Man kommt allerdings nicht umhin, kritisch anzumerken: So schön an und für sich das Projekt der Positiven Psychologie auch sein mag, so sehr waren viele der Autoren allzu forciert optimistisch und erlagen daher der Versuchung, die Psychologie in ein fortwährendes Selbstoptimierungsprojekt und in weiterer Folge menschliches Leben insgesamt in ein überaus ambitioniertes „Glücksprojekt“ abgleiten zu lassen, in dem das Bewusstsein von Leid und Mangel und die tragische Trias aus Leid, Schuld und Tod (und paradoxerweise daher auch die Dankbarkeit) – oder auch nur das Anerkennen und Gutseinlassen des eben auch einmal Nichtvollkommenen – keinen rechten Platz haben. Der Perfektionismus fortwährender Selbstverwirklichung und -verbesserung und des immer Positiven nimmt da manchmal durchaus beklemmende Dimensionen an und ist angesichts des globalen Leids auch moralisch fragwürdig und schlichtweg unrealistisch. Wir werden noch im Laufe dieser Gespräche darauf kommen, warum und in welcher Hinsicht es einer so einseitigen Gewichtung und Überbetonung des Positiven an einem vernünftigen, reifen und gesunden Realismus mangelt – und auch, wie kostspielig sie psychologisch sein kann, wenn es etwa um Leidbewältigung und Mitgefühl und Frustrationstoleranz geht.
Aber ein einzelner Artikel stach aus dem erwähnten Sammelband heraus. Die bedeutende amerikanische Sozialpsychologin Ellen Berscheid von der Universität Minnesota beschrieb darin mit beeindruckender Feinfühligkeit die „größte Stärke des Menschen: andere Menschen“8. Berscheid machte daran sogar einen der wesentlichen Faktoren kultureller und sozialer Entwicklung fest.
Was Sie eben über generalisierte Einstellungswerte und die „samariterhafte Einstellung“ gesagt haben, kann man somit auch ausdehnen nicht nur auf zu teilende Güter, sondern auch für Fähigkeiten in Stellung bringen, die sich einsetzen lassen, um einander zu helfen, um füreinander da zu sein, und sich einzubringen. Das setzt nämlich erstens die Anerkennung der Bedürftigkeit des Menschen voraus (verschließt also nicht mehr die Augen vor dem Leiden oder den Nöten der Menschen), zweitens behält es aber auch den Wert der gegenseitigen Hilfsbereitschaft im Blick.
Bildlich gesprochen: Der Blinde kann den Lahmen tragen und der Lahme den Blinden führen, und beide bezeugen damit ja viel mehr als nur die Fähigkeit des Menschen, ihre jeweiligen Schwächen zu kompensieren. Sie bezeugen damit eben auch, dass andere Menschen – und unsere Bereitschaft, unsere Fähigkeiten mit ihnen zu teilen und in den Dienst des anderen zu stellen – tatsächlich eine der größten Stärken des Menschen sind. Zweitens werden diese Fähigkeiten ja erst dann ihrer eigentlichen sinnvollen Bestimmung zugeführt – davor waren es ja bloß Möglichkeiten. Nun aber, im Einsatz für und mit etwas oder jemand, der oder das nicht wieder man selbst ist, werden sie sinnvoll genutzt und verwirklicht.
Aber dieser Zusammenhang zeigt auch etwas noch Grundsätzlicheres über die Natur selbst. Man kann das auch philosophisch deuten und dann entfalten sich sehr schöne und tröstliche Implikationen für unser Welt- und Menschenbild: dass nämlich mit der Person, vor allem ihrem Potential zur Selbsttranszendenz, etwas in die Welt getreten ist, in dessen Hand sogar die Schwäche noch Zeugnis von Stärke werden kann.
Um zum Blinden und dem Lahmen zurückzukommen: Wir kennen aus der Natur zwar zahlreiche Beispiele der Symbiose und des biologischen Gleichgewichts und des gegenseitig Angepasstseins von Wirtstieren etc. – das ist ja gleichsam das „Erfolgsrezept“ der Natur: Zusammenarbeit und Ineinanderwirken.
Aber das, was Sie mit der „samariterhaften Einstellung“ beschreiben, geht weit darüber hinaus. Es ist uns im Unterschied zum Tier stets nur als Möglichkeit, also im Freiraum, gegeben. Das Teilen und die Großzügigkeit ist beim Menschen eben nicht, wie beim Tier, triebhaft vorbestimmt. Nichts treibt uns zur Großzügigkeit an. Mit anderen Worten: Im Menschen ist Teilen nicht einfach ein biologisches Programm, das automatisch abläuft, sobald wir irgendwo ein Defizit erblicken. Es ist etwas viel Wertvolleres: nämlich Ausdruck genuinen Wohlwollens – also ein Akt in Freiheit und Verantwortung bzw. der Akt in der Freiheit, wohlwollend und Anteil nehmend zu leben – oder eben nicht.
4. REAKTIVES GLÜCK UND UNGLÜCK
Batthyány: Wir können ja beides: am Leid vorbeigehen oder im Rahmen unserer Möglichkeiten zu helfen versuchen. Denn das Gegenbild zu dem, was Sie „samariterhafte Haltung“ nennen, wenn ich Ihren Gedanken nochmals aufgreifen und weiterspinnen darf, ist auf der anderen Seite, dass Undankbarkeit und geringes Wohlwollen in sehr unmittelbarer Weise miteinander zusammenhängen: dass man in einer innerlich unreifen Anspruchshaltung für das eigene Glück ebenso erblindet („es steht mir ja zu!“) wie für die Not in der Welt („was geht mich das an?“). Ersteres wird als selbstverständlich hingenommen und Letztes geht einen dann scheinbar nichts an. Frankls Satz vom Glück als das, was einem erspart bleibt, und Ihre Worte über generalisierte Einstellungswerte und die samariterhafte Einstellung decken so gesehen beide Seiten der Medaille ab: Das eigene Glück ist ebenso wenig selbstverständlich wie die Not des anderen, an der man nicht schulterzuckend vorübergehen soll, sofern man Ressourcen hat, diese Not zu lindern oder zu beheben.
Wobei wir es nebenbei gesagt dem Realismus schulden, dass wir nicht vergessen sollten, dass wir ja tatsächlich nie wissen, wann wir uns auf welcher Seite befinden werden: ob und wann und für wie lange wir also das Glück haben, teilen zu können, oder ob und wann wir darauf angewiesen sein werden, dass sich ein anderer unserer annimmt und uns aufrichtet.
Lukas: Gut, dass Sie bei Ihren Überlegungen zum sinnorientierten Miteinander den Aspekt der Freiheit betont haben. In der Psychopathologie basieren viele Probleme auf falschen bzw. sinnwidrigen Reaktionen auf gewisse Lebensvorgaben. Frankl hat in seiner „Theorie und Therapie der Neurosen“9 ein ausführliches Kapitel den „reaktiven Neurosen“ gewidmet. Solche wurden sonst nirgendwo diagnostiziert und sind heute von der Begrifflichkeit her veraltet. Trotzdem ist das reaktive Element bei einer Menge an seelischen Störungen ausschlaggebend.
Der eine wird am Schulweg von einem Hund angesprungen und entwickelt eine Hundephobie – der andere wird am Schulweg von einem Hund angesprungen und lernt, mit Hunden geschickt umzugehen. Die eine entdeckt, dass sie durch Vorgabe von Halsschmerzen oder Magengrimmen die zärtliche Fürsorge ihrer Mutter herbeirufen kann, und übt sich daraufhin im histrionischen Manipulieren ihrer Mitwelt ein. Die andere macht dieselbe Entdeckung, verzichtet aber auf weiteres „Theaterspielen“. Zahlreiche psychologische Krankheitsbilder sind von ihrer Entstehungsgeschichte her Kombipakete: nicht nur die psychosomatischen Krankheiten mit ihrer typischen Kombination von körperlicher Vorschädigung plus Auslösestressor, sondern auch viele Abhängigkeitsprobleme, bei denen auf kurzfristig erzeugbaren Emotionalgewinn mit „Mehr desselben“ statt mit vorsichtiger Zurückhaltung reagiert wird, oder iatrogene (also durch ärztliche Einwirkung erst entstandene) Störungsformen, bei denen unbedachte Äußerungen von Ärzten und sonstigen Autoritätspersonen zu ernst genommen bzw. als drohendes Unheil ausgelegt werden.
In diese Aufzählung passt, was wir soeben diskutiert haben, nämlich die inadäquate (statt adäquate) Reaktion auf eigenes Glück und auf fremdes Leid.
5. EINE FÜNFTE PATHOLOGIE DES ZEITGEISTS?
Batthyány: Zugleich ist das, was wir gerade besprechen, nicht nur individuell, sondern auch kollektiv zu beobachten und berührt damit unmittelbar auch jenen Bereich, den Frankl „die Pathologie des Zeitgeistes“ genannt hat, als er vor allem in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg vier gesellschaftlich weit verbreitete kritische Haltungen ausmachte: die provisorische, fatalistische, kollektivistische und fanatische Daseinshaltung.10
Allerdings hat Frankl diese vier Daseinshaltungen vor mehr als 70 Jahren beobachtet und beschrieben; daher stellt sich die naheliegende Frage, ob der heutige Zeitgeist tatsächlich noch ganz deckungsgleich ist mit dem damaligen Zeitgeist, der ja unter ganz anderen historischen und sozialen Bedingungen gewachsen und in Erscheinung getreten ist.
Mit Blick auf die Gegenwart untersuchen daher Studenten in der Forschungsabteilung des großen Moskauer Instituts unter meiner Leitung seit einigen Jahren, ob sich zu diesen vier Fehlhaltungen im Laufe der Zeit vielleicht noch andere hinzugesellt haben. Und tatsächlich kommt da – sowohl in Einzelgesprächen als auch in Gruppenerhebungen – immer wieder ein neues kollektivneurotisches Syndrom zum Vorschein, das die Vermutung, die Pathologie des Zeitgeists habe sich angesichts des geänderten sozioökonomischen Klimas entwickelt, bestätigt: nämlich eine Vermengung überragend vieler Möglichkeiten bei gleichzeitigem Schwinden des Verantwortungsbewusstseins. Anders ausgedrückt: Freiheit und Verantwortung sind in ein gehöriges Ungleichgewicht geraten.
Wir beobachten insbesondere bei Menschen, die finanziell und auch sonst gut abgesichert sind, eine enorme Anspruchshaltung dem Leben und anderen Menschen gegenüber, zugleich aber auch eine mangelnde Anerkennung des Guten und parallel dazu einen Mangel an Bereitschaft, sich den unvermeidlichen Schattenseiten des Daseins zuzuwenden, ja, diese überhaupt zu akzeptieren. Mit anderen Worten: Diesen Menschen mangelt es an vernünftiger Ehrfurcht vor dem, was sie haben und ihnen eben erspart bleibt – und auch vor dem, was sie dem Leben oder anderen schuldig sind.
Wenn man dieses neue Syndrom mit Frankls Pathologie des Zeitgeists vergleicht, dann fällt zunächst einmal auf, dass die vier von Frankl beschriebenen kritischen Daseinshaltungen allesamt durch ein Element der Angst gekennzeichnet sind: In der provisorischen Geisteshaltung etwa herrscht eine grundlegende Angst vor der Zukunft vor. Es wird der Zukunft so stark misstraut, dass die Betroffenen gar nicht erst einen Sinn darin erblicken können, etwas aufzubauen, von dem sie aufgrund ihrer Zukunftsängste befürchten, dass es ohnedies nicht von Bestand und Dauer sein wird. In dieser entmutigten Geisteshaltung scheint es den Betroffenen fraglich, ob und weshalb sie sich überhaupt noch für etwas oder jemanden engagieren sollten, wenn doch ohnedies nicht gewährleistet ist, dass das, wofür sie sich einsetzen, nicht schon im nächsten Augenblick wieder bedroht oder tatsächlich vernichtet wird. Daher richten sie sich im Provisorium ein – ängstlich und mutlos auf den nächsten Schicksalsschlag wartend. Das Angstmotiv hier lautet: Angst vor der Zukunft und Angst vor Bedrohung.
In der fatalistischen Daseinshaltung hingegen überragt die Angst vor vermuteten und unerkannten Schicksalsmächten und unterminiert jegliche Initiative und freie und verantwortliche Lebensführung. Der Glaube an die Übermacht des Schicksals, das dem Einzelnen, so glaubt er, gar nicht erst die Möglichkeit der Entscheidungsfreiheit und Gestaltungsfähigkeit einräumt, ihn vielmehr zu einem hilf- und bedeutungslosen Rädchen im großen Schicksalswerk reduziert, untergräbt seine Gestaltungsmotivation:
Bei näherem Hinsehen ergibt sich, dass sich der Fatalist auf den Standpunkt stellt: Es ist nicht möglich, zu handeln, sein Schicksal in die Hand zu nehmen; denn dieses Schicksal ist übermächtig. Während der Fatalist fortwährend vorsagt, ein Handeln sei nicht möglich, denkt sich der provisorisch Eingestellte: Ein Handeln ist auch ganz und gar nicht nötig; denn wir wissen nicht, was morgen los sein wird.11
Das Angstmotiv des Fatalisten ist somit die Übermacht des Schicksals, nicht selten gepaart mit abergläubischer Furcht vor verborgenen Schicksalszusammenhängen (Unglückssymbolen, Horoskopen, schlechten Omen etc.).
Beim Kollektivismus dagegen ist das vereinfachende, oft stereotypisierende Gruppendenken meist nicht nur mit dem „Untergehen der Person in der Masse“ (Frankl) verbunden, sondern auch mit dem gleichzeitigen Aufbau eines Feindbilds – nämlich eines anderen Kollektivs (Out-Group): Tatsächlich bestätigt ja auch die sozialpsychologische Forschung, dass das sogenannte In-Group/Out-Group-Denken nur in dem Maße funktioniert, wie ein abzulehnendes und meist als feindlich wahrgenommenes Gegenkollektiv konstruiert wird: wir gegen die anderen bzw. die anderen gegen uns.12 Das Angstmotiv richtet sich hier also auf ein Feindbild, also alle jene, die gegen das eigene Kollektiv einstehen, weil sie andere Ideale oder Identifikationsmerkmale (in der Regel die eigenen) höher schätzen.
Im Fanatismus dagegen – auch das bestätigt die sozial- und einstellungspsychologische Forschung – herrschen andere Ängste vor: erstens die Angst vor den eigenen Zweifeln, die umso radikaler kompensiert werden müssen durch Loyalitätsbeteuerungen gegenüber der fanatisch verteidigten Meinung oder Einstellung13; zweitens aber auch die Angst vor der Gültigkeit oder Wahrhaftigkeit anderer, den eigenen Ansichten widersprechenden Überzeugungen. Denn deren Wahrhaftigkeit würde wiederum (in diesem Fall berechtigte) Zweifel an den eigenen Ansichten wecken, was seinerseits wieder als beängstigend erlebt wird.
Kurz: So unterschiedlich die vier von Frankl beschriebenen krisenträchtigen Daseinshaltungen auch geartet sein mögen, sie alle haben einen gemeinsamen Nenner im Faktor der Angst: Angst vor der Zukunft (provisorische Lebenshaltung), Angst vor dem Schicksal (fatalistische Lebenshaltung), Angst vor anderen Gruppen (kollektivistische Lebenshaltung) und Angst vor anderen Deutungen der Welt oder bestimmter Weltzusammenhänge bzw. Angst vor den eigenen Zweifeln (fanatische Lebenshaltung). Und allen gemein ist zudem, wie Frankl betonte, das Kernmerkmal der Scheu vor der eigenen Verantwortung.
Bei der von uns in unseren Forschungen gefundenen fünften Pathologie – also der übertriebenen Anspruchshaltung und der damit meist einhergehenden mangelnden Ehrfurcht vor der eigenen Freiheit und Verantwortung und dem Leben insgesamt – scheint es dagegen überraschenderweise so, als spiele Angst eine eher untergeordnete Rolle. Im Gegenteil gewinnt man bei dieser Daseinshaltung viel eher den Eindruck, es fehle diesen Menschen ein wenig an Angst oder zumindest Sorge – und vor allem auch an Realismus etwa mit Blick auf die Tatsache, dass wir in Wirklichkeit erstens gar keinen Anspruch darauf haben, dass das Leben uns jeden nur denkbaren Wunsch erfüllt und uns alle Herausforderung und Bewährungsproben und Leiden „erspart“ und zweitens – wie Frankl es formulierte – dass nicht wir das Leben fragen, sondern wir im Gegenteil die vom Leben Befragten sind. Um es mit den Worten von Frankls seinerzeitigem Assistenten an der Wiener Poliklinik Paul Polak zu sagen: Wir können dem Leben keine Bedingungen stellen. Aber eben dies scheint in dieser Daseinshaltung eines der Kernmerkmale zu sein.
Je mehr unsere Erhebungsdaten in diese Richtung weisen und zeigen, dass die von uns beobachtete kritische Daseinshaltung sich von den von Frankl beschriebenen kollektiven pathologischen Geisteshaltungen abhebt, desto deutlicher wird, dass wir es hier tatsächlich mit einer neuen, fünften pathologischen Geisteshaltung zu tun haben, die man am ehesten wie folgt beschreiben könnte: Das Gute und Angenehme wird wie selbstverständlich hingenommen („es steht mir zu“), zugleich werden die Herausforderungen des Daseins – sei es das eigene Leid oder das Leid der anderen, und überhaupt alles, was in irgendeiner Weise nach Bewährung und Aufforderung zu konstruktiver Teilnahme am Leben aussieht, aus der eigenen Vorstellungsund Lebenswelt verdrängt.
Interessanterweise hat Rudolf Allers, seinerzeit einer der frühen Mentoren Viktor Frankls aus dem ehemaligen Umfeld der Individualpsychologischen Vereinigung um Alfred Adler, in seiner Phänomenologie der Psychiatrie bereits einige dieser Merkmale im Amerika der 1960er Jahre beobachtet und sehr treffend wie folgt beschrieben:
Konflikte, Schwierigkeiten aller Art, die man früher in Kauf nahm und als unvermeidlich anerkannte, erscheinen heute vielen als ungebührliche Störungen ihres Behagens. Sie sind überzeugt davon, dass sie ein Anrecht auf ein leichtes Leben haben, und sehen daher im Konflikt nicht ein unausweichliches Moment der menschlichen Wirklichkeit, sondern ein Symptom. Überdies scheuen sie die Verantwortung, die jeder, auch nur einigermaßen folgenschweren, Entscheidung anhaftet. Daher sind sie nur allzu bereit, die Entscheidung anderen aufzubürden. Es ist nicht leicht zu sagen, ob man diese Menschen nun wirklich als Neurotiker ansehen soll (…) oder als Menschen, die in der Diagnose eine gültige Entschuldigung für ihre oft genug selbstverschuldete Lebensunfähigkeit finden und in der Behandlung einen Kompromiss zwischen ihrer Begierlichkeit und ihrer Feigheit.14
In der heutigen Erscheinungsform dieser Geisteshaltung kommen allerdings wie erwähnt unseren Erhebungen zufolge noch einige weitere Merkmale hinzu: Es mangelt in Folge der eben beschriebenen Anspruchshaltung erstens an Dankbarkeit, zweitens an Leidensfähigkeit angesichts des unabänderlichen Schicksals, drittens an Mitgefühl und viertens an Verantwortungsbereitschaft – wobei das letzte Kriterium diese Geisteshaltung wiederum eindeutig in die ursprünglich von Frankl ausgemachten Pathologien des Zeitgeists eingliedert. Ein Mangel an Verantwortungsbereitschaft ist ja gemeinsamer Nenner und Bindeglied zwischen allen bisher beschriebenen kritischen Daseinshaltungen.
Somit scheinen wir hier einem verhältnismäßig neuen psychologischen Phänomen zu begegnen, das in der Regelmäßigkeit seines Auftretens nahelegt, dass wir es tatsächlich mit einer fünften kollektiven Neurose zu tun haben.
Allerdings habe ich dies, gewissermaßen aus Respekt vor der Tatsache, dass Frankls „Pathologie des Zeitgeistes“ so harmonisch in sich abgeschlossen ist, noch nie publiziert oder als Ergänzung zur bekannten „Pathologie des Zeitgeistes“ vorgeschlagen.
6. CYBERPATHOLOGIE (INTERNET UND PSYCHE)
Lukas: Im Gegensatz zu Ihnen, der – wie Sie andeuten – sich aus „Pietätgründen“ scheut, Frankls Zusammenstellung um eine fünfte kritische Zeitgeistströmung anzureichern, habe ich dies längst getan. Ich bin mir ziemlich sicher, Professor Frankl hätte es ebenfalls getan, hätte er die gegenwärtige Verfasstheit unserer Gesellschaft noch miterlebt. Ich habe diese fünfte „kollektive Neurose“ mit der grassierenden Cyberpathologie unserer Tage gleichgesetzt.15
Natürlich gibt es viele verschiedene Lebenshaltungen, die philosophisch und ethisch fragwürdig sind und krisenträchtige Auswirkungen für die Betreffenden und ihr Umfeld haben. Nicht umsonst hat die Logotherapie in ihrer Methodik der „Einstellungsmodulation“ ein therapeutisches Gegenmittel zu einem ganzen Katalog von Fehlhaltungen geschaffen. Um aber von einer Zeitgeistströmung sprechen zu können, müssen ihr sehr große Bevölkerungsteile huldigen. Und das ist mit der Cyberpathologie der Fall. Wir schlagen mit ihr nicht nur ein Kapitel kollektiver Sucht auf, die wie ein Moloch insbesondere die Jugend in ihren Bann zieht. Wir betreten mit ihr auch just jenes Areal, zu dem die von Ihnen genannten Beobachtungen fugenlos passen. Denn bei Süchtigen finden wir immer
1. eine hohe Anspruchshaltung: „Ich brauche das“… „Das steht mir zu …“, „Ich kann das Leben ohne das (Suchtmittel) nicht aushalten …“,
2. eine geringe Dankbarkeit, weil sämtliche Werte am Wahrnehmungshorizont allmählich verblassen und nur noch das Suchtmittel zählt,
3. ein herabgesetztes Verantwortungsbewusstsein, das parallel mit dem Toleranz-16 und Kontrollverlust der Süchtigen einhergeht,
4. eine Überspielung und Vertuschung der Abhängigkeit und Schwierigkeiten mittels erheblicher Lügen- und Selbstbetrugsenergie.
Ich gebe Ihnen absolut recht, dass die beiden Basiselemente „zu wenig angemessene Furcht“ und „zu wenig Ehrfurcht (vor dem verpflichtenden Guten, will heißen: dem Guten, das zu dessen Wertschätzung und zu dessen Weitergabe im Rahmen eigenen Vermögens verpflichtet)“ die Stützpfeiler der Malaise sind. Obwohl der Süchtige eine ausgedehnte Phase des Hineinschlitterns lang genau weiß, dass er menschlich, physisch, sozial, pekuniär bergab rutscht, ist nicht genug Furcht vor dem Abgrund da, um ihn mit aller Kraft und gebündelter „Trotzmacht des Geistes“ (Frankl) zur Handbremse greifen zu lassen. Gleichzeitig ist zu wenig Ehrfurcht da, Ehrfurcht vor der Kostbarkeit seines Lebens, vor den ihm gewährten Freiräumen und Ressourcen, vor dem Willkommensein in der Welt und Gerufensein durch die Welt, vor der Einladung, sie liebevoll und verantwortlich mitzugestalten … Kaum dringt etwas davon mehr zu seinem betörten Gehirn und seiner umnebelten Seele vor – einzig die Gereiztheit und Ruhelosigkeit leise raunender und immer lauter pochender Entzugsqual dominieren und motivieren den Süchtigen …
Nun hat es Suchterkrankungen von jeher gegeben. Wie konnte es aber zu einem solchen „Massenbefall“ wie der Cyberpathologie kommen? Daran dürften mehrere Faktoren beteiligt sein. Einerseits ist beständiger Fortschritt, kultureller, technischer wie wissenschaftlicher Fortschritt, geistesnotwendig.
In der – nach Maßstäben der Evolution – kurzen Zeit, seit das Menschengeschlecht das Licht der Welt erblickt hat, sind ungeheuerliche Fortschritte erzielt worden. Dass wir inzwischen fähig sind, Atome zu spalten, Informationen drahtlos rund um den Erdball zu schicken oder uns ins All aufzuschwingen, grenzt an Wunder. Tatsächlich sind es Ausstrahlungen des „wundersamen“ Geistes, mit dem wir begabt wurden, und der danach strebt, alles Vorfindliche zu handhaben, seine eigene Intelligenz genauso wie die Früchte der ihn tragenden Erde. Geistiges kennt keine Stagnation, Geistiges ist ununterbrochen in Bewegung, ja, wie Frankl formuliert hat: „Geist ist reine Dynamis“ – Bewegung (nicht im Raum, sondern) im Sein. Fortschritt ist das Fort- und Voranschreiten des Geistes.
Andererseits sind wir Wesen aus Fleisch und Blut, mit einer anfälligen und hinfälligen Physis und einer bunt zusammengewürfelten Psyche, in der die Emotionen und Kognitionen, Lust und Verstand, in einem kuriosen Gerangel miteinander liegen. Dieses „allzu Menschliche“ bremst das „spezifisch Menschliche“ immer wieder ein und umwölkt es mit Irrungen und Wirrungen und nicht zuletzt auch mit Unmenschlichkeit und Grausamkeit. Folglich kommt alles darauf an, dass beim zügigen Fortschritt der verantwortliche Umgang mit den Neuerungen, die der Fortschritt mit sich bringt, ebenso zügig mithält. Dieser Wettlauf zwischen den Erfindungen des Geistes und der Sensibilität des menschlichen Gewissens rollt seit Jahrtausenden ab; bislang ohne eindeutige Gewinner und Verlierer. Dass jedoch die Erfindungen des Geistes in diesem Wettlauf einen bedenklichen Vorsprung haben, hat bereits Frankl Sorgen bereitet, als er anmerkte, dass weder die althergebrachten Traditionen noch die angeborenen Instinkte den Menschen der Gegenwart mehr (sittliche) Orientierung zu spenden vermögen, und gefährliche Auswüchse („wollen, was andere tun“ bzw. „tun, was andere wollen“) in das entstandene Orientierungsvakuum hineinwuchern.
Ich selbst habe die Erfindungen des Fernsehens, später des Computers, und mittlerweile des Smartphones miterlebt. Die Bildschirmfaszination, das Ergriffensein (im wahrsten Sinne des Wortes) von virtuellen Welten, das Unbedingt-dabei-sein-Wollen in der digitalen Moderne, die stürmische Begeisterung über ungeahnte und nie dagewesene Möglichkeiten … Das alles ist viel zu schnell über uns hereingebrochen, als dass sich irgendwelche Korrekturmechanismen hätten ausbilden können, zumal das bereits vorhandene Orientierungsvakuum solche erschwerte.
Erfindungen sind an und für sich wertneutral. Dass Physiker Mechanismen errungen haben, mit denen Atome gespaltet werden können, impliziert keinen Atombombenabwurf. Dass Raketen die Anziehungskraft der Erde überwinden können, impliziert keinen Vernichtungsschlag „von oben“. Dass beliebige Fotos für jedermann zugänglich ins Internet gestellt werden können, impliziert keine Kinderpornographie im großen Stil. Solange das Gewissen die Technik an der Leine führt, kann und wird sie uns zum Segen gereichen. Nur wenn es die Leine loslässt – dann bewahre uns Gott!
Der Cyberspace verlockt zum partiellen Ausstieg aus dem Zuständigkeitsbereich des Gewissens. So vieles darin ist bloß „Kino“, ist „Geflunker“, ist unecht. So vieles darin kann fantasiert, einfach behauptet, zu gemeinen Zwecken vorgegaukelt werden. Man kann zum Beispiel Folterszenen zur perversen Ergötzung der Betrachter nachstellen, ohne jemandem ein Haar zu krümmen. Mogelt man ein paar Videos von echt gepeinigten Personen darunter, fällt dies kaum auf. Der Ergötzungseffekt mag derselbe sein … Es ist brandgefährlich, wenn die Schranke zwischen Fantasie und Wirklichkeit wankt. Wenn die Überprüfbarkeit von Nachrichten schrumpft. Wenn User absichtlich auf falsche Fährten geleitet werden. Wenn unentwegt nichtige Botschaften von Wichtigem ablenken. Wenn kursierende Meinungen die Sachlichkeit verdrängen. Wenn der Glaube wächst, im Netz und nur dort stehe einem die ganze Welt offen … Wie soll sich das Gewissen des Einzelnen in diesem Getümmel von Realem, Irrealem, Surrealem auskennen? Das Gewisper im Äther lullt das Gewissen geradezu in den Schlaf.
Batthyány: … und doch ist es, wie bei jedem Instrument, auch eine Frage, wie und wozu man es verwendet …
Lukas: Freilich gibt es auch das dicke Plus des Fortschrittes. Das elektronische Gedächtnis speichert alles, was sich Menschen niemals merken könnten. Blitzschnell liegen auf jedwede Anfrage Antworten aus dem Erfahrungspool von Generationen auf dem Tisch. Blitzschnell kann mit weit entfernten bekannten oder unbekannten Personen kommuniziert werden, was ein gigantisches Gedankenaustauschprogramm ermöglicht. Es entstehen neue Transparenzen: Was hinter den Stirnen vorgeht, pulsiert plötzlich in einem öffentlich zugänglichen Datennetz. Und es entstehen neue Assistenten in Form von künstlicher Intelligenz und Robotik; Hausdiener, die beträchtlich weniger schwächeln als ihre Hausherren. Unser gesamtes Wirtschafts- und Zivilisationssystem wäre ohne sie bereits dem Chaos preisgegeben. Dass man von einer Hilfe abhängig wird, sobald man sie längere Zeit benützt, ist nicht zu verhindern. Autofahrer, die es gewohnt sind, von einem „Navi“ dirigiert zu werden, verlernen es, selbständig ihre Wege zu finden, u. Ä.
Leider gilt dasselbe auch für die sozialen Kontakte. Es besteht kein Zweifel daran, dass sich die realen Beziehungen zwischen Freunden und in den Familien bei einem krankhaften Medienkonsum deutlich verschlechtern. Experten beziffern die Schwelle zum krankhaften Medienkonsum mit ca. vier Stunden täglichem Smartphone-Starren – was eindeutig eine „untere“ Grenze darstellt, die zunehmend überschritten wird. Die Betreffenden wähnen sich zwar im Facebook-Universum mit anderen dialogisch verbunden, verlernen es aber, in direkter Nähe anderen verständnisvoll und konstruktiv zu begegnen. Es kommt noch schlimmer: Die „digital natives“ erlernen Empathie und gegenseitige Achtung gar nicht mehr richtig, wie Hirnforscher und Psychologen belegen.17 Laut Mehrfachstudien hegen viele dieser Sprösslinge einer heraufdämmernden Ära 1. die illusorische Erwartung, dass ständig auf sie eingegangen wird, wissen aber 2. Freundlichkeit und Interesse an ihrer Person nicht zu würdigen, sind sich 3. über die Folgen ihrer eigenen Aussendungen und Mails nicht im Klaren und halten 4. keinerlei „Belohnungsaufschub“ aus, weil alles uneingeschränkt sofort verfügbar sein muss. Voilà! Da sind sie: Ihre vier klugen Beobachtungen: Überzogene Ansprüche, kein Gefühl der Dankbarkeit, reduziertes Verantwortungsbewusstsein und die Abneigung, irgendeine Frustration durchzuhalten, und sei es nur das „Warten“ auf etwas Positives (vom Ertragen des Negativen gar nicht zu reden). Da ist sie: die fünfte „kollektive Neurose“ in der Pathologie des aktuellen Zeitgeistes!
7. NOT UND EHRFURCHT
Batthyány: Wenn wir nun den Weg von der Diagnose zur Therapie gehen wollten: Wie könnte ein solcher Ihrer Meinung nach aussehen?
Lukas: Schwer zu sagen. Ich weiß, in unserem Beruf gibt man sich mit diagnostischen Erwägungen nicht zufrieden. Man fragt sich sofort: Was wären denn Richtlinien für eine Therapie von Cyberkranken? Alle Logotherapeuten sind gut beraten, sich künftig intensiv mit dieser Frage zu beschäftigen. Überlegen wir: Gibt es einen Hinweis, den uns Frankl dazu hinterlassen hat? Er schrieb:
So ist die Zielsetzung der kollektiven Neurose dieselbe wie die der individuellen: Sie gipfelt und mündet aus in den Appell an das Verantwortungsbewusstsein … Wollen wir also unsere Patienten zum Bewusstsein ihres Verantwortlichseins bringen … dann müssen wir versuchen, uns den geschichtlichen Charakter des Lebens und damit die menschliche Verantwortung im Leben zu vergegenwärtigen … Dem Menschen … empfehle man zum Beispiel, einmal so zu tun, als ob er an seinem Lebensabend in seiner Biographie blätterte …18
Frankl führte an dieser Stelle aus, dass alle Details unverrückbar in den Abschnitten der eigenen Lebensvergangenheit festgeschrieben sind. Könnte man rückblickend eines davon ausradieren und verbessern, würde man das wohl oft gerne tun. Doch dieser Wunsch bleibt uns auf ewig versagt. Wie wäre es darum, schon während des Schreibens sorgsam darauf zu achten, dass die Details, die sich da verewigen, uns am Ende unseres Lebens nicht leidtun?19
Batthyány: Darf ich hier kurz einhaken – ich berichtete davon auch andernorts20, aber es passt so gut hierher, dass ich kurz davon erzählen möchte, wie mir eine ältere Deutschlehrerin in einem Hospiz eben diese Einsicht schilderte, obgleich sie Frankls Werk kaum kannte (außer sein Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen). Wir trafen uns im Garten des Hospizes, in dem sie nun, schwerst herzkrank, ihre letzten Lebenstage verbrachte. Da saßen wir also unter einem schönen alten Apfelbaum und sie erzählte von ihrem Leben und war alles in allem recht versöhnt mit sich, ihrem Leben und auch ihrem baldigen Sterben. Dann fielen die Worte, die direkt anknüpfen an das, was Sie gerade zitiert haben. Sie sagte nämlich, dass ihre Lebensgeschichte nun zu Ende ginge, dass ich aber, als vergleichsweise junger Mensch, gut an mein Werk gehen solle – dass ich heute die Verantwortung tragen würde für das, was einmal in meiner Lebensgeschichte stehen werde. Es ist nicht leicht, die dichte und zugleich ungemein friedliche Atmosphäre dieses Gesprächs an einem Frühsommermorgen im Hospiz einzufangen. Aber ich muss sagen: Dieses Gespräch ist nun schon einige Jahre her, aber es ist seither eigentlich kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht an diese Worte denken musste.
Das Interessante aber ist: Frankl hat – und das schließt wieder an das Zitat an, das Sie soeben brachten – diesen Blick auf die eigene Endlichkeit und das Verdichten der eigenen Entscheidungen und Handlungen zur jeweils individuellen Lebensgeschichte ja auch therapeutisch als Weg der Vermittlung von Lebensverantwortung wie folgt vorgestellt:
Wir weisen den Kranken an, sich vorzustellen, sein Lebensablauf wäre ein Roman und er selbst eine entsprechende Hauptfigur; es läge dann aber ganz in seiner Hand, den Fortgang des Geschehens von sich aus zu lenken, sozusagen zu bestimmen, was im nächsten Kapitel zu folgen hat. Dann wird er statt der scheinbaren Last der Verantwortung, die er scheut und vor der er flüchtet, seine wesenhafte Verantwortlichkeit im Dasein als Freiheit der Entscheidung gegenüber seiner Unzahl von Möglichkeiten des Handelns erleben.
Noch intensiver können wir schließlich an den persönlichen Einsatz seiner Aktivität appellieren, wenn wir ihn dazu auffordern, sich vorzustellen, er sei an einem Endpunkt seines Lebens angelangt und im Begriffe, seine eigene Biographie zu verfassen; und eben jetzt halte er gerade bei jenem Kapitel, das von der Gegenwart handelt; und es liege nun, wie durch ein Wunder, ganz in seiner Hand, Korrekturen vorzunehmen; er dürfe gerade noch das, was unmittelbar darauf geschehen solle, ganz frei bestimmen … Auch das Vehikel dieses Gleichnisses wird ihn zwingen, aus dem Vollen seiner Verantwortlichkeit heraus zu leben und zu handeln.21
Nun, dass jemand, der so kurz vor dem eigenen Ende steht wie die oben erwähnte ältere Dame, diese Einsicht gewinnt, lebt und weitergibt, ist eine Sache. Eine andere ist es, mitten im Leben im Blick auf die eigene Endlichkeit einen Anstoß zur Verantwortung zu entdecken. Das hat etwas durchaus Drastisches an sich …
Lukas: Ja, Frankl fuhr schweres Geschütz auf. Er schlug vor, die Patienten mit ihrer Endlichkeit zu konfrontieren und ihnen ihre Lebensverantwortung von der Warte des Todes aus ans Herz zu legen. In seiner Genialität hat er wieder einmal exakt den Punkt getroffen. Ich gebe zu: Ich habe immer Widerwillen verspürt, wenn die Suchtprofis erklärten, „es müsse den Süchtigen erst miserabel genug gehen“, bevor sie sich zur Therapie aufraffen. Aber es stimmt, so traurig es ist. Wenn die Wahrnehmung des „Sinndrucks“ schwindet, hat der „Leidensdruck“ noch eine allerletzte Chance. Ähnlich operierte Frankl angesichts der Problematik pathologischer Zeitströmungen. Vom Faktum des Todes aus beleuchtet, ändern sich die Präferenzen. Deswegen möchte ich, was Präventiv- und Therapiemöglichkeiten betrifft, die Reihenfolge der aufgelisteten Beobachtungen umdrehen. Man wird damit beginnen müssen, die Auseinandersetzung mit den Schattenseiten des Lebens (inkl. Leiden und Sterben) voranzutreiben (4). Das wird – wie Frankl propagiert hat – das Verantwortungsbewusstsein für die Lebensnutzung schärfen (3). Daraufhin wird sich eine Dankbarkeit für vorhandene Sonnenseiten des Lebens einstellen (2) und der absurde Anspruch auf puren Lebensgenuss verlieren (1).
Tatsächlich zeichnen sich inzwischen derartige „Umkehrtrends“ vage ab. Deshalb möchte ich Sie gleichsam trösten: Ich sehe Grund zum „tragischen Optimismus“ (Frankl). Der Tod tastet sich mit seinen Fangarmen langsam durch die Fortschrittseuphorie hindurch. Die Autoabgase verpesten die Städte, die Klimaerhitzung verdorrt die Felder, der Plastikmüll besudelt die Meere, Viren breiten sich aus, die Schere zwischen Arm und Reich explodiert … Das von rasanten technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen überrumpelte menschliche Gewissen regt sich in den Weltbevölkerungen und müht sich, im Wettlauf aufzuholen. Es flüstert von globalen Megaaufgaben, die nur im friedlichen und konsensualen Miteinander bewältigt werden können. Mit steigender, bedrohlicher Not wird sein Flüstern eindringlicher werden und das Cybergesumme übertünchen.
Not lehrt Furcht und Ehrfurcht, was sich im (zu Unrecht spöttisch gebrauchten) Wort „Not lehrt beten“ niederschlägt. Not lehrt uns, dass uns alles nur „auf Zeit“ gehört, aber auch, dass uns dieses „auf Zeit Gehörige“ in einem Gnadenakt anvertraut ist. Und Beten nährt unsere Hoffnung, dass die Gnade immer noch waltet …
1Frankl, V. E. (2005). … trotzdem Ja zum Leben sagen. Bd. 1 der Edition der Gesammelten Werke. Hrsg. von Batthyány, A., Biller, K. und Fizzotti, E. Wien: Böhlau, 79. Genau genommen handelt es sich bei Frankls Formulierung um eine semantische Verkürzung des Satzes: „Glück ist das Nicht-Eintreten von dem, was einem erspart bleibt.“
2Lukas, E. In: Frankl, V. E. (1982). Der Wille zum Sinn. Ausgewählte Vorträge über Logotherapie. Bern: Hans Huber (3. Auflage), 290
3Lukas, E. (1971). Logotherapie als Persönlichkeitstheorie. Dissertation. Universität Wien
4Crumbaugh, J. C. & Maholick, L. T. (1964). An experimental study in existentialism: The psychometric approach to Frankl’s concept of noogenic neurosis. In: Journal of Clinical Psychology, 20 (2), 200–207
5Das österreichische Ausbildungsinstitut für Logotherapie und Existenzanalyse (ABILE) wurde 1994 mit ausdrücklicher Zustimmung Viktor Frankls gegründet und führt neben der regulären Psychotherapieausbildung auch Forschungsprojekte im Bereich der Psychotherapiewissenschaften an der Donau-Universität Krems aus.
6Vgl. dazu Lukas, E. (2014). Vom Sinn des Augenblicks. Hinführung zu einem erfüllten Leben. Kevelaer: topos plus, Kapitel „Die Sonnenseiten des Lebens bejubeln“
7Aspinwall, L. G. & Staudinger, U. M. (Eds.) (2003). A Psychology of Human Strengths: Fundamental Questions and Future Directions for a Positive Psychology. Washington, DC: American Psychological Association
8Berscheid, E. (2003). The human’s greatest strength: Other humans. In: Aspinwall & Staudinger. A Psychology of Human Strengths, s. Anm. 7
9Frankl, V. E. (1982). Theorie und Therapie der Neurosen. München: UTB
10Frankl, V. E. (1955). Pathologie des Zeitgeistes: Rundfunkvorträge über Seelenheilkunde. Wien: Deuticke
11Frankl, V. E. (2018). Psychotherapie für den Alltag: Rundfunkvorträge über Seelenheilkunde. Freiburg/Br.: Herder, 47
12Linville, P. W., Fischer, G. W. & Salovey, P. (1989). Perceived distributions of the characteristics of in-group and out-group members: Empirical evidence and a computer simulation. In: Journal of Personality and Social Psychology, 57 (2), 165; Struch, N. & Schwartz, S. H. (1989). Intergroup aggression: Its predictors and distinctness from in-group bias. In: Journal of Personality and Social Psychology, 56 (3), 364.
13Johnson, J. J. (2010). Beyond a shadow of doubt: The psychological nature of dogmatism. In: International Journal of Interdisciplinary Social Sciences, 5 (3)
14Allers, R. (1963/2008). Abnorme Welten. Ein phänomenologischer Versuch zur Psychiatrie. Hrsg., kommentiert und eingeleitet von Batthyány, A. Weinheim/Basel: Beltz, 143
15Vgl. dazu die Kapitel „Viel Bildschirmzeit – wenig Empathie“ und „Vorbild und Beeinflussbarkeit“ in Lukas, E. (2018). Auf den Stufen des Lebens. Bewegende Geschichten der Sinnfindung. Kevelaer: topos premium
16Während anfangs noch eine gewisse Vorsicht beim Suchtmittelkonsum waltet, verliert sich diese immer mehr, weil die sukzessive Abhängigkeit einen häufigeren Konsum und/ oder eine laufende Dosissteigerung erfordert. Das nennt man „Toleranzverlust“. Der suchtmittelfreie Zustand wird vom Organismus immer weniger und schlechter „toleriert“.
17Vgl. dazu: Spitzer, M. (2015). Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert. München: Droemer
18Frankl, V. E. (1982). Der leidende Mensch. Bern: Hans Huber (2. Auflage), 197f.
19Diesen Gedankengang gipfelte Frankl in seiner imperativen Maxime auf: „Lebe so, als ob du zum zweiten Mal lebtest und das erste Mal alles so falsch gemacht hättest, wie du es zu machen – im Begriffe bist.“
20Batthyány, A. (2019). Die Überwindung der Gleichgültigkeit. Sinnfindung in einer Zeit des Wandels. München: Kösel (2. Auflage), 53f.
21Frankl, V. E. (2010). Logotherapie und Existenzanalyse. Texte aus sechs Jahrzehnten. Weinheim: Beltz, 22f.
II. ZUR PSYCHOLOGISCHEN BEDEUTUNG REALISTISCHER MENSCHENBILDER
1. UNSER SELBSTBILD UND SEINE AUSWIRKUNGEN
Batthyány: Wir sprachen zuletzt von der Not als Lehrmeister … es gibt aber auch noch andere und weitaus weniger glaubwürdige Lehrmeister, die unser Welt- und Menschenbild jedoch maßgeblich prägen. Es sind Lehrmeister, denen zugleich oft viel mehr und lieber Gehör geschenkt wird als der eigenen Not oder der Not der anderen. Ich denke da insbesondere an die Rolle der Wissenschaft, vor allem auch der Psychologie, bei der Prägung unseres Menschenbilds.
Wir beobachten ja in den letzten Jahren eine erneut entfachte breite Diskussion über die Grundfragen und das Wesen des Menschseins, wie sie in dieser Intensität vielleicht zuletzt zu Zeiten Darwins oder Freuds stattgefunden hat. Diese Entwicklungen hängen eng zusammen mit den Fortschritten der Neurowissenschaften, vor allem aber auch ihrer Popularisierung und Vereinfachung auf einen blanden Materialismus und Determinismus durch die populärwissenschaftlichen und Massenmedien. Auf die Materialismusdebatte brauchen wir hier jetzt nicht einzugehen – das würde ein eigenes Buch füllen und auf uns warten ja noch viele andere Themen, die besprochen werden wollen. Diejenigen, die sich für das Materialismusproblem interessieren und zu diesem Themengebiet nach Antworten suchen, finden aber ohnehin bereits eine Menge hervorragender Abhandlungen zu diesem Thema.22
Aber zum Determinismus gibt es einiges zu sagen – auch deswegen, weil es dazu einige empirische Befunde gibt, die uns in diesem Zusammenhang aus mehreren Gründen interessieren sollten. Sie belegen nämlich erstens den starken und direkten Zusammenhang zwischen dem, was wir tun, und dem, was wir über uns und den Menschen denken und glauben – bzw. ihm und uns zutrauen. Zweitens zeigen sie aber auch, dass ein doch erheblicher Teil unseres Verhaltens durch unsere Einstellungen änderbar ist. Und drittens – etwas weiter gedacht – zeigen sie daher auch: Wenn Einstellungen dauerhaft änderbar sind, ist auch Verhalten dauerhaft änderbar. Das ist vielleicht auch für all jene eine gute Botschaft, die sich immer wieder das Versprechen abnehmen, „von jetzt an anders zu handeln“, dann aber doch immer wieder rückfällig werden und nach einer Weile feststellen müssen, dass der bloße Vorsatz, etwas von nun an anders zu machen, noch lange nicht ausreicht, um diesen Vorsatz auch wirklich tätig umzusetzen. Die Forschung zeigt ebenso wie die Lebenserfahrung der wohl meisten: Eine zusätzliche Zutat ist vonnöten – und diese Zutat scheint nun ganz grundlegend die jeweilige Einstellung zu sein, und hierbei vor allem unser Selbst- und Menschenbild: Ermutigt es uns, frei und proaktiv von unseren Möglichkeiten Gebrauch zu machen – oder entmutigt es uns und stempelt es uns zum Opfer unserer inneren und äußeren Bedingtheiten ab?
Um das konkreter auszuführen: Jemand, der sich und sein Verhalten für weitgehend abhängig von Innen- und Außenzuständen betrachtet, wird vermutlich gar nicht erst – oder weniger intensiv – versuchen, seinen Bedingtheiten gegenüber Stellung zu beziehen.23 Das klingt nun zunächst sehr einfach und naheliegend – aber wie eng dieser Zusammenhang wirklich ist, belegen einige Experimente über die Wechselwirkung von Selbstbild und Handeln, die von Verhaltensforschern in den letzten Jahren durchgeführt worden sind.
Die Experimente folgten im Prinzip zumeist demselben Schema. Man nahm eine zufällige Stichprobe und teilte sie in zwei Gruppen ein. Beide Gruppen bekamen – unter irgendeinem Vorwand – einen Text zu lesen. Der Text der ersten Gruppe argumentierte in ziemlich überzeugender Weise dafür, dass der Mensch vollständig durch seine Innen- und Außenumstände determiniert sei („nicht anders könne“). Der anderen Gruppe wurde in ebenso überzeugender Weise dargelegt, der Mensch sei zwar in Maßen bedingt, aber es käme vor allem auf seine eigenen frei gewählten Entscheidungen an, wie er sich verhalte; der Mensch sei daher in relevanter Weise willensfrei („er könne stets auch anders“).
Für gewöhnlich verbirgt man in solchen Studien die wissenschaftlichen Hintergrundabsichten vor den Versuchspersonen, damit man Erwartungseffekte, Verfälschungen und Ähnliches möglichst ausschließen kann. So auch hier. Das Ziel war ja, die reine, unmittelbare Wirkung des Glaubens oder Unglaubens an die eigene Willensfreiheit auf das Verhalten des Menschen zu untersuchen. Zu diesem Zweck gab es eine sogenannte Coverstory. Bei den erwähnten Experimenten ließ man die Versuchspersonen glauben, sie würden an einer Reihe mehrerer kleiner Einzelstudien teilnehmen, die nichts miteinander zu tun hätten. Von der ersten Studie wurde den Versuchspersonen mitgeteilt, sie teste das Verhältnis von Textverständnis und Texterinnerung. Die Versuchspersonen bekamen je nachdem, welcher Versuchsgruppe sie (zufällig) zugeteilt wurden, einen vermeintlich brandneuen Artikel einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu lesen, in dem von angeblich definitiven und revolutionären Forschungsergebnissen berichtet wurde, denen zufolge nun wissenschaftlich zweifelsfrei erwiesen sei, menschliches Verhalten sei vollständig determiniert (für die „unfreie Gruppe“) bzw. nicht determiniert, sondern stünde im Einflussbereich der bewussten Entscheidungsfähigkeit der Person (für die „freie Gruppe“). Natürlich waren beide Artikel fiktiv, aber den Versuchspersonen verriet man dies nicht. Sie glaubten, dass sie gerade eine grundlegende wissenschaftliche Stellungnahme für oder gegen die eigene Willensfreiheit gelesen hätten.
Nach dem Stellen einiger für die eigentliche Forschungsabsicht unwichtiger Testfragen wurde dieser Teil der Studienreihe für beendet erklärt und die Versuchspersonen wurden auf das nächste Experiment vorbereitet. Dieses war dann das entscheidende Experiment, diente also der eigentlichen experimentellen Überprüfung der Frage, wie sich der Glaube an einen Pandeterminismus oder an die eben doch vorhandene Willensfreiheit auf das Alltagsverhalten der Versuchspersonen auswirke. So sollten die Probanden in einem dieser Folgeexperimente24 z. B. einige Rechenaufgaben im Kopf lösen. Die Anweisung lautete: Auf einem Computermonitor würden nacheinander 20 mathematische Probleme präsentiert werden, die mit etwas Geduld und Ausdauer durch Kopfrechnen zu lösen seien (1+8+18+12+19-7+17-2+8-4=? etc.). Die Versuchspersonen sollten die Lösungen auf einem bereitgestellten Blatt Papier notieren.
Jedoch merkte der Versuchsleiter entschuldigend an, dass aufgrund eines Programmierfehlers die richtige Lösung einige Sekunden nach Präsentation der Aufgabe automatisch auf dem Monitor aufscheinen würde. Das sei nicht gewollt – und er bat die Versuchspersonen um ihre Mithilfe: Sie sollten kurz, nachdem die Aufgabe auf dem Monitor erschien, die Leertaste der vor ihnen liegenden Tastatur drücken – damit könnten sie unterbinden, dass die Lösung auf dem Bildschirm präsentiert werde. Der Versuchsleiter betonte, dass er zwar nicht nachprüfen könne und werde, ob und wie oft die Versuchsteilnehmer die Leertaste drückten, um das automatische Aufscheinen der Lösung zu verhindern. Aber er bat sie inständig darum, nicht zu mogeln und die mathematischen Probleme wirklich selbständig zu lösen – also nicht einfach ohne Drücken der Leertaste darauf zu warten, dass die Lösung erscheine. Andernfalls wären die Versuchsergebnisse wertlos und die langen und aufwendigen Vorbereitungsarbeiten vergeblich gewesen.
Daraufhin verließ der Versuchsleiter unter irgendeinem Vorwand den Raum; die Versuchspersonen fühlten sich also unbeobachtet und sich selbst überlassen. In Wahrheit registrierte der Computer aber natürlich, wie oft die Studienteilnehmer die Leertaste drückten bzw. wie oft sie warteten, bis die Lösung von alleine erschien.
Die Versuchspersonen hatten somit die Gelegenheit, die frustrierend langweiligen Rechenaufgaben deutlich bequemer hinter sich zu bringen, indem sie einfach nicht die Leertaste drückten und lediglich darauf warteten, bis die Lösungen auf dem Monitor aufleuchteten. Auf diese Weise wurde ein direkter Konflikt zwischen lust- und unlustbestimmtem Verhalten einerseits und rücksichtsvollem und im weitesten Sinne wertorientiertem Verhalten andererseits herbeigeführt. Es wurde mit anderen Worten eben jene Verleitungs- oder Versuchungssituation provoziert, der der ichschwache Mensch so häufig erliegt mit der Begründung, „nicht anders gekonnt zu haben“.
Ziel des Experiments war es, zu untersuchen, ob es in einer solchen Situation einen Unterschied ausmache, ob die Teilnehmer zuvor davon überzeugt worden waren, dass sie willensfrei bzw. willensunfrei seien. Und tatsächlich zeigte sich ein höchst signifikanter Effekt des recht kurzen Überzeugungstextes: Die Versuchspersonen, denen zuvor glaubhaft gemacht worden war, sie seien „unfrei“, drückten wesentlich seltener die Leertaste (in 48 % aller Fälle) – schummelten also signifikant häufiger als die Versuchsteilnehmer, denen zuvor ihre Freiheit zugesichert und bestätigt worden war. Diese drückten in durchschnittlich 70 % der Fälle die Leertaste. Oder anders formuliert: Die sich unfrei denkenden Versuchspersonen schummelten durchschnittlich bei 52 % der Rechenaufgaben, die sich frei denkenden Versuchspersonen bei durchschnittlich nur 30 %. Zudem zeigte sich eine starke positive Korrelation zwischen dem Glauben an die menschliche Willensfreiheit und ehrlichem Verhalten. Je erfolgreicher die Manipulation also war (d. h. je eher die Versuchspersonen dem jeweiligen Text Glauben schenkten), desto stärker war der hier beschriebene Effekt.
Dieser Versuchsaufbau wurde mittlerweile in unterschiedlichen Variationen und Testkonstellationen wiederholt – mit immer demselben eindeutigen Ergebnis. Es zeigte sich u. a., dass Menschen, die nicht an ihre eigene Entscheidungsfreiheit glauben, signifikant aggressiver handeln gegenüber unbekannten Personen, von denen ihnen zuvor – in einer wiederum kontrollierten Laborsituation – mitgeteilt worden war, dass sie sie als Spielpartner für einen weiteren Test abgelehnt hätten (Prinzip: „Wie du mir, so ich dir“). Es zeigte sich, dass sie allgemein weniger zuvorkommend sind (Prinzip: „Das können andere machen, ich bin mit meinen eigenen Sachen beschäftigt. Ich habe nichts davon, andere zu unterstützen“). Es zeigte sich, dass sie sich in Gruppensitzungen sogar wider besseres Wissen angepasster verhalten (Prinzip: „Mir ist wichtig, was andere über mich denken. Ich brauche ihre Anerkennung, weil ich mich dann besser fühle. Also stimme ich ihrem Urteil zu, obwohl ich es eigentlich nicht teile“). Es zeigte sich, dass sie weniger kooperativ sind, wenn es darum geht, auf Bitte des Versuchsleiters freiwillig einige Minuten länger als nötig an einer Aufgabe zu arbeiten (Prinzip „Was kümmert mich der andere, wenn es um mich geht?“). Und es zeigte sich, dass sie weniger hilfsbereit sind, wenn dem Versuchsleiter scheinbar versehentlich ein paar Utensilien aus der Hand fallen.25
Einige dieser Experimente haben wir mit meiner Forschungsgruppe an der Universität Wien wiederholt, und es ist, wenn man es mit eigenen Augen verfolgt, wirklich verblüffend, wie stark eine derart kurze „Intervention“ – das Lesen eines persuasiven Textes – über den Umweg des dadurch geänderten Menschen- und Selbstbilds sich auf das Verhalten der Versuchspersonen auszuwirken vermag. Wir haben allerdings weniger die problematischen Auswirkungen des Glaubens an den Pandeterminismus untersucht, als vielmehr die aufbauenden und positiven Auswirkungen des wieder erstarkten Glaubens an die eigene Willensfreiheit.26 Auch hier waren die Effekte stark (und durchaus heilsam etwa bei Prokrastination und ängstlichem Vermeidungsverhalten). Kurzum, die Forschungsergebnisse bestätigen, dass es einen erheblichen und messbaren Unterschied ausmacht, was Menschen über sich denken und von sich glauben. Und dass dasjenige, was sie über sich glauben, zugleich relativ leicht zu beeinflussen ist. Man braucht den Leuten beispielsweise nur glaubhaft mitzuteilen, es sei „wissenschaftlich erwiesen, dass …“, und dann reicht schon ein wenige Paragraphen umfassender Text, um ihr Selbst- und Menschenbild und über diesen Faktor ihr (moralisch relevantes) Verhalten zu beeinflussen.
Das alles ist nur ein kleiner Ausschnitt aus einem weitaus umfassenderen Datensatz ähnlicher Versuchsergebnisse, die insgesamt die logotherapeutische Aussage bestätigen, es gebe einen ausschlaggebenden und zentralen Zusammenhang zwischen Menschenbild, Selbstbild und Verhalten: Sie zeigen, wie stark der Einfluss unseres Menschenbilds auf das Bild ist, das wir von uns selbst abgeben.
Ferner machen diese Befunde aber auch deutlich, wie hoch die Verantwortung der Psychologen und Verhaltenswissenschaftler und Therapeuten ist, wenn sie Theorien und Modelle über „den“ Menschen in Umlauf bringen. Ich bin mir nicht sicher, ob sie sich im Klaren darüber sind, dass ihre Theorien und Modelle in der allgemeinen Öffentlichkeit schnell als „wissenschaftlich fundierte Wahrheit“ aufgefasst werden – und seien sie noch so unausgegoren, spekulativ, fraglich oder weltanschaulich voreingenommen … und welchen Schaden sie auch anzurichten vermögen.
Lukas: Die Schlussfolgerungen aus den erwähnten Experimenten sind in der Tat brisant, fast ein bisschen beängstigend. Bleibt zu hoffen, dass die beteiligten Versuchspersonen nach Beendigung der von Ihnen beschriebenen Experimente darüber aufgeklärt worden sind, dass die ihnen vorgelegten Artikel pro oder kontra die Willensfreiheit frei erfunden gewesen sind und keinerlei „definitiven und revolutionierenden Forschungsergebnissen“ entsprochen haben. Man hat ihnen hoffentlich im Nachhinein gestanden, dass sie belogen worden sind.
Meines Erachtens wäre ein aufrichtiges und die Sichtweise zurechtrückendes Endgespräch mit jedem einzelnen Probanden die Mindestpflicht der Versuchsleiter gewesen.
Batthyány: Ja, eine ausführliche nachträgliche Aufklärung („debriefing“) ist sogar vorgeschrieben in den Ethikrichtlinien für psychologische Experimente im Allgemeinen und insbesondere für solche, in denen die Versuchspersonen durch die Versuchsleiter bewusst getäuscht worden sind.
Lukas: (Wollte man den „advocatus diaboli“ spielen, könnte man überlegen, ob es „ehrwürdiger“ ist, zu wissenschaftlichen Zwecken zu mogeln – wie die Versuchsleiter – als zu Bequemlichkeitszwecken zu mogeln – wie manche Versuchspersonen –, aber auf dieses schlüpfrige Parkett will ich mich nicht begeben.)
Vom psychologischen Standpunkt aus fällt die ganze Chose unter die Dachkategorie der Suggestionen, deren Wirkungen seit Urzeiten bekannt sind. Im Negativen ist ein riesiger Bogen um sie zu machen. Was hat zum Beispiel allein die Vermutung, ein „unerwünschtes Kind gewesen zu sein“, schon an Unfug gestiftet, um nur ein winziges Detail aus den vielen problematischen Deutungen herauszugreifen, die das Leben eines Menschen vergiften können. Trotzdem wird die Frage des ursprünglichen Erwünschtgewesen-Seins nicht selten bei Anamnesen in psychologischen Praxen diskutiert. Im Positiven bedienen sich sämtliche „Wunderheiler“ seit der Antike der Suggestion. Selbst Frankl ist nicht davor zurückgeschreckt, sie gelegentlich für seine Zwecke einzuspannen.27
Darf ich Ihre Erläuterungen noch dahingehend ergänzen, dass jede Einflussnahme sowohl auf das Selbstbild als auch auf das Menschenbild einer Person äußerst behutsam und verantwortlich zu handhaben ist. Bei den obigen Experimenten ging es um Einflüsse auf das Selbstbild. Doch auch, was wir über andere Menschen glauben, welches Bild wir uns von (speziellen?) anderen machen, bestimmt entscheidend mit, wie wir jenen anderen begegnen. Hierzu ein irrwitziges Detail aus meiner Studienzeit:
Die 1960er Jahre waren die Jahre unzähliger Rattenexperimente in den Psycholabors. Eine der Anordnungen bestand darin, dass eine Ratte von einem Podest, auf das sie gesetzt wurde, zu einem zweiten Podest nur über ein elektrisch aufgeladenes Gitter gelangen konnte, dessen Überquerung ihr heftige Schmerzen bereitete. Warum sollte sie also über das Gitter laufen? Na, weil sich dort etwas Verlockendes befand. Im ersten Versuch setzte man ein hübsches Weibchen auf das zweite Podest. Das Männchen auf dem ersten Podest sah zwar begehrlich hinüber, verkniff sich aber den schmerzhaften Weg zu seiner Geschlechtspartnerin. Im nächsten Versuch bestückte man das zweite Podest mit duftender Nahrung. Die ausgehungerte Ratte auf dem ersten Podest lief zuckend und quietschend hinüber, um sich zu sättigen, aber als man sie sogleich wieder zurückversetzte, blieb sie hocken. Der Hunger war ihr doch lieber als der Schmerz. Im nächsten Versuch legte man ein Rattenjunges auf das zweite Podest und beobachtete die Rattenmutter auf dem ersten Podest. Was würde sie tun? Sie lief über das elektrisch aufgeladene Drahtgitter zu ihrem Jungen. Man setzte sie zurück, und wiederum lief sie zu ihrem Jungen. Man erhöhte die Stromstärke im Gitter, und wiederum lief sie zu ihrem Jungen. Sie lief so lange, bis sie tot war.
Mir ist dieses Experiment – gegen das heutzutage die Tierschützer vehement protestieren würden – in Erinnerung geblieben, weil es mich zutiefst ergriff. Umso eigenartiger aber war der Kommentar der damaligen Professorengilde. „Meine Damen und Herren, Sie sehen, dass der Muttertrieb der stärkste Trieb ist, stärker noch als der Sexualtrieb oder der Nahrungstrieb. Alles, was Ihre Mütter folglich jemals für Sie getan haben, haben sie getan, um ihren eigenen stärksten Trieb zu befriedigen …“
Wir Studenten lachten – aber war es zum Lachen? War nicht mit wenigen Sätzen unser bisheriges Mutterbild umgestülpt, wenn nicht gar entwertet worden? Ach, wie gut, dass ich später in Frankls Vorlesung gestolpert bin! Dort erfuhr ich postwendend, dass es sich bei dem Professorenkommentar um eine unzulässige Projektion aus der menschlichen Dimension, in der sich so etwas wie selbstlose Mutterliebe findet, in die tierische Ebene der Triebe und Instinkte handelte – und mein Mutterbild war wieder okay.
2. DOKTRINÄRE FÜGSAMKEIT
Batthyány: Ja, wie Sie sagen, ist nicht nur das Selbstbild, sondern auch das Menschenbild ein entscheidender Faktor für die Art und Weise, wie wir der Welt und anderen Menschen begegnen. Es gibt auch dazu empirische Befunde, die mit demselben experimentellen Paradigma wie die oben beschriebenen Studien die Wechselwirkung von dem Glauben an Willensfreiheit und Dankbarkeit bestätigen. Um das kurz zu fassen: Menschen, die an die Wahl- und Willensfreiheit glauben, empfinden, wenn sie sich an Situationen erinnern, in denen ihnen jemand geholfen oder sich großzügig gezeigt hat, signifikant mehr Dankbarkeit als jene, die nicht an die Willensfreiheit glauben. Im Prinzip ist auch dieser Befund relativ leicht erklärbar – Deterministen sehen die „Ursache“ des großzügigen Verhaltens eines Dritten nicht in seiner freien persönlichen Entscheidung, sondern in unbewussten oder anderen nicht steuerbaren Einflussfaktoren begründet. Daher werten sie auch die persönliche Leistung der Großzügigkeit ab – warum auch jemandem sonderlich danken, der ohnehin „nicht anders konnte“ als eben so zu handeln, wie es die jeweiligen Determinanten vorgegeben haben? Wir sehen also: Wir haben es hier mit durchaus sozial- und alltagsrelevanten Wirkungen des Glaubens oder Nichtglaubens an die eigene Willensfreiheit bzw. des Selbst- und Menschenbilds insgesamt zu tun.
Wie subtil und tiefgreifend solche Effekte sind, zeigt sich allerdings auch daran, dass sie nicht nur im Bereich der bewussten steuerbaren mentalen Funktionen wirken und keineswegs nur das Problem der Willensfreiheit betreffen. Andere Untersuchungen haben etwa nachgewiesen, dass Patienten orthodoxer Psychoanalytiker überzufällig häufig von klassisch psychoanalytischen Traumthemen wie sexuellen Symbolen berichten, wohingegen Patienten klassischer Individualpsychologen Träume produzieren, in denen es „theoriegerecht“ um Selbstbehauptung, Geltungsstreben und Gruppendynamik geht. Und Patienten von Jungianern träumen signifikant oft von archetypischen und mythischen Figuren. Man nennt dieses bemerkenswerte Phänomen „doktrinäre Fügsamkeit“.28
Nun enden diese Wechselwirkungen zwischen Selbst- und Menschenbild auf der einen Seite und Erleben und Verhalten auf der anderen Seite keineswegs in den eben besprochenen Phänomenen selbst. Vielmehr beschreiben beide Befunde, jene zur Frage der „geglaubten Willens(un)freiheit“ ebenso wie die zur „doktrinären Fügsamkeit“ darüber hinaus einen sich fortwährend selbst verstärkenden Prozess. Das ist leicht nachzuvollziehen: Denn natürlich bestätigt das Erleben und Verhalten indoktrinierter Personen denjenigen, der aus den Beobachtungen ihres Erlebens und Verhaltens psychologische Modelle und Theorien abzuleiten versucht. Wenn also Versuchspersonen bewusst oder unbewusst Erwartungseffekte des Forschers oder Therapeuten erfüllen, dann liefern sie zugleich ja auch in hohem Maße theoriebestätigende Daten; und je mehr diese Daten die Theorie bestätigen, desto sicherer wird der jeweilige Forscher oder Therapeut sich fühlen, dass seine Theorie stimmt. Und je sicherer er sich fühlt, desto eher und stärker wird er seinerseits Erwartungseffekte evozieren.
Dieser sich selbst verstärkende Prozess macht die experimentelle Psychologie natürlich massiv artefaktanfällig.29 Vermutlich erklärt dieser Rückkoppelungsprozess auch einen Großteil der widersprüchlichen Befunde einzelner psychologischer und psychotherapeutischer Schulen – selbst wenn bei ihren Messungen methodisch sauber gearbeitet wird, was wir einmal voraussetzen wollen. Die Psychologiegeschichte besteht ja zu einem gar nicht so geringen Anteil aus einem Katalog an Modellen und Theorien, die sich zumindest eine Zeit lang bestätigen und bestätigten, obwohl wir zugleich aus der Forschung wissen, dass sie gar nicht gültig oder haltbar waren oder sind. Und in dem Zusammenhang fällt dann meist auf, dass diese Befunde nur von jenen Arbeitsgruppen erfolgreich wiederholt werden, die von der Richtigkeit dieser Modelle und Theorien hinreichend überzeugt sind, von anderen aber nicht (daher gilt ja auch die unabhängige Wiederholung als Goldstandard der Forschung). Kurz: Es ist anzunehmen, dass (neben einer unsauberen Methodologie) die genannten Rückkoppelungs- und Erwartungseffekte bei dem Bestätigungsphänomen obsoleter psychologischer Theorien eine Rolle spielen.
Abgesehen vom „Schulenstreit“ und der Artefaktanfälligkeit der psychologischen Forschung scheint mir jedoch noch wichtiger, auf die praktischen, sozialen und auch moralischen Implikationen der hier besprochenen Querverbindungen hinzuweisen. Fügt man nämlich all dieses Wissen zusammen, dann wird einem die Verantwortung, aber auch die Aufgabe (insbesondere des Logotherapeuten) bewusst, gegenzusteuern gegen eine Verkennung des Menschen. Frankl selbst ist immer wieder gegen den Reduktionismus, gegen eine egozentrische Psychologisierung und gegen den wachsenden Nihilismus gerade in den Wohlstandsgesellschaften aufgetreten und hat den Menschen verteidigt gegen jedweden Versuch, ihn „schlechter zu machen, als er ist“.
Lukas: Es ist eine blendende Idee von Ihnen, zwischen den Auswirkungen und den Entstehungen von Menschenbildern einen „circulus vitiosus“ zu wittern. In der Tat verhalten wir Menschen uns gemäß unseren Selbstbildern und unserem Selbstverständnis, und dieses unser Verhalten wird dann zum bekräftigenden Beweis jener Bilder und jenes Verständnisses, die Wissenschaftler (und andere Führungspersonen, z. B. Religionsvertreter) uns Menschen zuordnen. Vermutlich gibt es gar keinen Ausstieg aus diesem Zirkelprozess. Es gibt nur Veränderungen, die entweder an einem allmählichen Verhaltenswandel vieler Menschen ansetzen – und damit Veränderungen im populären Menschenbild nach sich ziehen, oder an einem allmählichen (Selbst-)Bewusstseinswandel vieler Menschen ansetzen – was sich modulierend auf ihr Verhalten auswirkt. Auch Zirkelprozesse sind dem „Panta rhei“ unterworfen.
Nun ist die Frage der gezielten suggestiven Beeinflussung, wie gesagt, uralt, allgegenwärtig und im Zeitalter der totalen Vernetzung aktueller als jemals zuvor. Wer hätte sich noch vor 60 Jahren vorstellen können, dass man Menschenmassen vom Schreibtisch aus per Mausklick mobilisieren, ja, sogar radikalisieren kann, etwas Bestimmtes zu tun oder zu glauben? Dass man Werbekampagnen für oder gegen Kaufartikel, Parteien, Volksangehörige, Weltanschauungen etc. durch den Äther schicken kann mit drastischen Konsequenzen? Denn nicht nur das Bild, das wir uns über uns selbst machen, dirigiert unser Verhalten, sondern auch das Bild, das wir uns über gewisse Personengruppen machen (siehe „Mutterbild“), steuert unseren Umgang mit jenen Personengruppen, was schon Despoten von Herodes bis Hitler ausgenutzt haben. Nicht umsonst hat Frankl nicht nur vor dem Psychologismus (problematisches eigenes Menschenbild), sondern auch vor dem Kollektivismus eindringlich gewarnt, der seinen Spuk mit problematischen Fremdbildern treibt.
3. UNTER DEM STERNENHIMMEL SICH UND DEM LEBEN NEU BEGEGNEN
Batthyány: Damit wird aber auch die Frage aufgeworfen: Was kann und soll die Logotherapie hierzu ausrichten – wie kann sie hier beitragen, um heilsam und korrigierend zu wirken? Natürlich kann – und soll sie wohl – aktiv am öffentlichen Diskurs über den Menschen teilnehmen, und tut das ja auch seit jeher. Ich möchte die Frage aber gerne konkreter mit Blick auf die Psychohygiene und Psychotherapie, also die Korrektur eines problematischen eigenen Menschenbilds, stellen.
Lukas: Ich denke, dass sich die Logotherapie vor dem Fehler hüten muss, eine Doktrin mit einer anderen zu bekämpfen. Als sich Frankl von der ersten und zweiten Wiener Schule der Psychotherapie abzugrenzen und eigene Wege zu beschreiten begann, war es für ihn notwendig, den gängigen reduzierten Menschenbildern ein vollständigeres entgegenzuhalten. Aber wir wissen aus anderen Zusammenhängen, dass der Versuch einer Gegeneinflussnahme nicht viel besser ist als die Einflussnahme, gegen die sie opponiert. Oder, wie ich meinen Patienten zu sagen pflegte: „Auch der umgedrehte Spieß ist ein Spieß“. Lässt sich eine Frau zum Beispiel jahrelang von ihrem Mann anschreien und demütigen, und gelingt es ihr dann endlich, sich auf die eigenen Füße zu stellen, zurückzuschreien und zurückzudemütigen, so hat sie sich damit noch lange nicht weiterentwickelt. Sie hat zwar gelernt, sich zu verteidigen, und wenn etwas daran gut ist, dann hat sie gelernt, sich auf ihre Würde zu besinnen, aber ansonsten hat sie sich exakt auf der Stufe verhakt, auf der ihr Mann steht, und kein Höckerchen höher. Erst wenn sie gewaltlos und in authentischer Gelassenheit seine Exzesse abwehren oder ignorieren oder belächeln oder ihnen ausweichen kann, erst wenn sie sich ohne Verteufelung ihres Mannes ein für sie beide günstiges Verhaltensrezept erarbeiten kann, ist sie wirklich um etliche Stufen höher aufgestiegen.
Analog ist es nicht die optimale Aufgabe eines Psychotherapeuten, seine negativ indoktrinierten Patienten gegenzuindoktrinieren, auch nicht zu ihren Gunsten. Man macht das zwar hin und wieder, um größeres Übel zu verhindern. Frankl verglich solche appellativen und suggestiven Strategien mit der sogenannten „Seilhilfe“ am Berghang. Klettern zwei Bergsteiger eine steile Wand empor, dann sichert der obere Kamerad, nachdem er einen festen Stand erlangt hat, den nachkommenden unteren Kameraden mit einem Seil. Dieses Seil soll den unteren retten, falls er abrutscht. Aber es ist nicht dafür gedacht, den unteren emporzuhieven. Sollte allerdings der untere Kletterer bedroht sein, den Halt zu verlieren, oder einfach keinen Griff in der Wand über sich mehr entdecken, gibt ihm der obere Kletterer einen kleinen Ruck mit dem Seil – gerade so viel, dass sein Kamerad den Aufstieg fortsetzen kann. Obwohl solche „Seilhilfe“ unter den professionellen Kletterern verpönt ist, verlangt eben die knallharte Realität so manche Konzession, und das ist in der psychotherapeutischen Praxis nicht anders.
Frankl, der ein begeisterter Bergsteiger war, wusste das. Wenn möglich, umschiffte er direktive Anweisungen und konkrete Beeinflussungen seiner Patienten, aber er scheute nicht davor zurück, zu ihrem Wohl deutlicher zu werden, als es sonst in der Branche üblich ist. Dennoch bevorzugte er den „Sokratischen Dialog“, und auch ich halte die In-Frage-Stellung von Selbst- und Fremdbildern, Menschen- und Weltbildern für außerordentlich fruchtbar. Fragen locken Antworten hervor, und Antworten tasten nach Argumenten. Über plausible Argumente kann man in einen Dialog eintreten, der seinem Namen gerecht wird, indem der „logos“, um den sich die Debatte gerade entfaltet, aus mehrfacher Warte betrachtet und à deux sorgfältig herausgeschält wird. Die psychotherapeutische Aufgabe ist es, die Mündigkeit und Kritikfähigkeit der Patienten zu fördern, ihr selbständiges Denken zu schärfen und blinde Nachsagerei und Rechthaberei ins Wanken zu bringen. Mitläufertum ist stets fatal. Die Despoten dieser Erde gewönnen keinerlei Macht, hätten sie keine Scharen von Mitläufern im Rücken …
Es stimmt: Wir Menschen sind beeinflussbare Wesen. Innere und äußere Einflüsse formen und prägen uns zuhauf. Doch da ist darüber hinaus jenes geistige Kapital, das uns befähigt, Stellung zu nehmen zu allem und jedem, und daher auch zu jedem Einfluss, der nach unserer Seele greifen will. Geist ist findig. Wenn jemand spürt, dass er sich einer Infiltrierung nicht entwinden kann, kann er allemal den Kontakt zu ihr stoppen. Genauso, wie Werbespots im Fernsehen nicht angeschaut werden müssen, weil man schließlich den Apparat abschalten oder während der Sendung aus dem Zimmer marschieren kann, genauso muss Idolen nicht gelauscht werden, die abstruse Gesichtspunkte verkünden. Es knospet genug Weisheit in unserem innersten Gespür, um Gutes von Bösem ungefähr unterscheiden zu können. Mein Tipp: gelegentlich in den nächtlichen Sternenhimmel blicken!
Ich weiß, das hat Seltenheitswert! Oft ist es zu kalt dafür. Oft ist der Himmel von Wolken verhangen. Für die Städter ist die Lichtverschmutzung zu krass: Über den beleuchteten Straßenschluchten zeigt sich kein Stern. Leider gibt es Millionen Kinder, die den Sternenhimmel gar nicht mehr kennen. Und wer nimmt sich schon die Muße dafür, nachts ins Freie aufzubrechen, um sich ins Firmament zu versenken?
Dennoch ist es eine wunderbare Möglichkeit, beunruhigende Indoktrinationen, falsche Vorbilder und implantierte Meinungen abzustreifen und mit dem verborgenen Zentrum des Selbst wieder in Verbindung zu kommen. Es ist eine sehr lange Tradition, dass Menschen, die Orientierung suchten, die Augen über den Nachthimmel haben gleiten lassen. Sie waren Wanderer, Seefahrer – und Reisende sind wir motorisierten Menschen auch. Wir sind auf einer Reise, die uns flott durch die rotierenden Jahreszeiten jagt; immer rascher und unaufhaltsamer, wie es uns dünkt. Der ehrfürchtige Blick zu den Sternen kann uns da eine sagenhafte Atempause verschaffen. Das sollten wir öfters ausprobieren.
Sie wundern sich vielleicht über diesen seltsamen Tipp.
Batthyány: Ich finde ihn vor allem sehr schön!
Lukas: Tatsache ist, dass wir tagsüber mit Mutter Erde stärker verwurzelt sind als nachts. Der Tag mit seinen Tagesgeschäften nährt die Vorstellung, dass sich unsere Existenz in ihnen weitgehend erfüllt. Die klare Nacht hingegen öffnet das Schaufenster zu einem überdimensionalen Kosmos, in dem sich die meisten unserer Geschäfte in überwältigender Bedeutungslosigkeit verlieren. Dafür zeichnet sich schemenhaft ab, was Ewigkeitswert haben könnte … und das sind sicher nicht die Auffassungen irgendwelcher Zeitgenossen, die uns mit ihren Phrasen überzeugen wollen. Wahrhaft Überzeugendes ragt in den Metaraum über uns hinaus und kann auch nur dort „sinn-bild-lich“ erfahren werden.
22Baker, M. C. & Goetz, S. (Eds.) (2011). The Soul Hypothesis: Investigations into the Existence of the Soul. London: A. & C. Black; Zunke, C. (2012). Kritik der Hirnforschung: Neurophysiologie und Willensfreiheit. Berlin: Walter de Gruyter; Gabriel, M. (2015). Ich ist nicht Gehirn: Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert. München: Ullstein eBooks; Peschl, M. F. & Batthyány, A. (Hrsg.) (2008). Geist als Ursache? Mentale Verursachung im interdisziplinären Diskurs (Vol. 2). Würzburg: Königshausen & Neumann
23Martijn, C., Tenbült, P., Merckelbach, H., Dreezens, E. & de Vries, N. K. (2002). Getting a grip on ourselves: Challenging expectancies about loss of energy after self-control. In: Social Cognition, 20 (6), 441–460
24Vohs, K. D. & Schooler, J. W. (2008). The value of believing in free will: Encouraging a belief in determinism increases cheating. In: Psychological Science, 19 (1), 49–54
25Stillman, T. F. et al. (2010). Personal philosophy and achievement: Belief in free will predicts better job performance. In: Social Psychological and Personality Science, 1 (1), 43–50; Baumeister, R. F., Masicampo, E. J. & DeWall, C. N. (2009). Prosocial benefits of feeling free: Disbelief in free will increases aggression and reduces helpfulness. In: Personality and Social Psychology Bulletin, 35 (2), 260–268; MacKenzie, M. J., Vohs, K. D. & Baumeister, R. F. (2014). You didn’t have to do that: Belief in free will promotes gratitude. In: Personality and Social Psychology Bulletin, 40 (11), 1423–1434
26Batthyány, A. (2019). The Impact of Free Will Beliefs on Pro-Social and Altruistic Behavior & Getting a Grip on Ourselves: The Impact of Free Will Beliefs on Procrastination and Phobia-based Avoidant Behavior. Mauren: IAP Monographie 2
27Zum Beispiel hat er nervösen Patienten mit vor lauter Sorge erhöhtem Blutdruck suggeriert, ihr Blutdruck sei normal, was diesen auf Grund der Erleichterung der Patienten sofort abschwellen ließ.
28Cohen, D. (1952). Expectation effects on dream structure and content in Freudian psychoanalysis, Adlerian individual psychology, and Jungian analytical psychology. In: Modern Thought, 1 (2), 151–159; Ehrenwald, J. (1957). Doctrinal compliance in psychotherapy. In: American Journal of Psychotherapy, 11 (2), 359–379
29Bungard, W. (1980). Die „gute“ Versuchsperson denkt nicht. Artefakte in der sozialpsychologischen Forschung. Wien: Urban & Schwarzenberg
III. AUFMERKSAMKEIT, ACHTSAMKEIT UND SINNFINDUNG
1. ACHTSAMKEIT UND SINNORIENTIERUNG
Batthyány: Apropos Metaraum und Atempause – das Thema führt unser Gespräch auf einen aktuellen Trend der Psychologie. In den letzten Jahrzehnten hat die Achtsamkeitsmeditation (und Achtsamkeit im Allgemeinen) einen enormen Triumphzug innerhalb der Psychotherapie und auch der Medizin erlebt. Die Idee besteht kurz gesagt darin, bewusst dem Atem zu folgen und dabei Gedanken, Gefühle und Empfindungen einfach unbewertet vorüber- und vorbeiziehen zu lassen. Die wissenschaftliche Forschung attestiert dieser Methode eine hohe Effizienz bei einer ganzen Bandbreite von Indikationen – sei es bei Ängsten, bei Schmerzen, bei Unruhe und Übererregbarkeit und Affektlabilität etc.30
Allerdings fällt aus logotherapeutischer Sicht zugleich etwas auf – und das stellt auch einen Gegensatz dar zu der von Ihnen vorgeschlagenen Besinnung unter dem freien Sternenhimmel: Die Methode der Achtsamkeitsmeditation zielt im Grunde einzig und allein auf die Selbstdistanzierung hin, zugleich geht ihr aber jedwede Anregung zur Selbsttranszendenz ab – also zum Blick über den Tellerrand der eigenen Befindlichkeit auf Zusammenhänge, in denen wir irgendwo da draußen in der Welt gemeint sind oder in denen etwas oder jemand auf unser Engagement und unseren Beitrag wartet. Im Gegenteil: Wenn man die Achtsamkeitsmeditation regelgerecht ausübt, geht es sogar darum, jene Gedanken und Einsichten, die einen zum Engagement in der Welt inspirieren wollen, ebenfalls unbewertet und detachiert vorüberziehen zu lassen … Im Mittelpunkt steht das Sichdistanzieren, das Bewusst-, aber eben gerade nicht das Involviertsein, das Geschehenlassen und das Nichtwerten der eigenen Eindrücke, Assoziationen und Gedanken. Achtsamkeitsmeditation ist, so hilfreich sie auch ist, buchstäblich eine wertefreie Methode …
Man kann noch weitergehen und feststellen, dass diese Methode von ihrer Intention her letztlich (über den Umweg der Selbstdistanzierung) nur ein „zuständliches“, aber kein „gegenständliches“ Ziel hat: nämlich Stressresistenz und Affektregulation, vielleicht auch eine gewisse Desensibilisierung gegenüber unangenehmen körperlichen Empfindungen wie Schmerzen oder Verspannungen. Aber im Mittelpunkt der Intention steht stets das Empfinden von Gleichmut. Anders gesagt: Es wird, wenn man das konsequent betreibt, zwar ein „guter Zustand“ des relativen Gleichmuts und vielleicht auch der inneren Gelassenheit erreicht, aber die entscheidende Frage, wofür – also für wen oder für was – man diese nun frei werdenden Ressourcen und die wachsende innere Souveränität gegenüber Innen- und Außenzuständen sinnvoll einsetzen und nutzen kann, wird außer Acht gelassen. Auch in der einschlägigen Literatur zur Achtsamkeit wird diese Frage meistens gar nicht angesprochen, wodurch leicht der Eindruck entstehen kann, der entspannte Zustand des Gleichmuts stelle quasi den Selbst- und Endzweck des Ganzen dar.
Dazu muss man allerdings ergänzend festhalten: In den religiösen Traditionen, in denen die Achtsamkeitsmeditation entstanden ist und weitergegeben wurde, stand sie eigentlich so gut wie nie dermaßen isoliert dar. Sie war vielmehr immer auch eingebettet in einen moralischen Kanon – sie soll Leid lindern, aber zugleich Ressourcen freimachen für Einsicht und rechtes Handeln.31 Dieser Aspekt ist in der zeitgenössischen Version der Achtsamkeitsmeditation – vor allem im psychotherapeutischen und medizinischen Kontext – in der Regel kaum mehr vorzufinden.
Mit einem Wort – wir haben es hier mit einer effektiven Methode der Affektregulation zu tun, und als solche hat sie fraglos Platz im therapeutischen Werkzeugkasten. Allerdings wird man den Verdacht nicht los, diese Methode sei in der gegenwärtig propagierten Form aus den erwähnten Gründen noch irgendwie unvollständig.
Lukas: Nun, die Intensivierung der Achtsamkeit ist in der Psychotherapie keine neue Errungenschaft, auch wenn sie derzeit auf einer Modewelle mitschwimmt. Genau genommen ist sie das psychotherapeutische Anliegen schlechthin. Die verschiedenen Therapieschulen spalten sich erst auf, sobald es darum geht, worauf von den Hilfesuchenden geachtet werden soll. Bei den Psychoanalytikern sind es die Bedürfnisse und Triebmeldungen, die von den Patienten nicht (mehr) unter den Teppich gekehrt, sondern berücksichtigt werden sollen. Bei den Körpertherapeuten sind es die Signale aus dem vegetativen Nervensystem, die gehört und verstanden werden sollen. Bei den Verhaltenstherapeuten sind es die Fehlkonditionierungen, die gestoppt und nach Plan umgelernt werden sollen. Bei den Gesprächspsychotherapeuten sind es die vagen Ansichten und Aussagen der Patienten, die unter die Präzisionslupe genommen werden sollen.
Die Empfehlung zum Verfolgen des Atemrhythmus, und sich dabei bar jeder Beurteilung seinen „vorbeiwehenden“ Empfindungen zu widmen, ist nur eine Variation uralter Meditationsverfahren, die stets zum Innehalten in der alltäglichen Betriebsamkeit, zur Entschleunigung und „Entstreuung“ einladen. Das Beste daran ist dieses Innehalten im Galopp des Lebens, denn ohne eine zeitweise Besinnung und Neuorientierung läuft man zu schnell dahin und vergisst zu schnell, wohin. Jeder Wanderer muss gelegentlich rasten, verschnaufen, die Landkarte, den Kompass oder sein Navigationsgerät aus dem Rucksack ziehen, prüfen, ob der Kurs noch stimmt, Kräfte sammeln für den Aufbruch, und sich innerlich auf die nächste Wegstrecke einstellen. Er muss „zu Atem kommen“, denn keuchend kann er nicht weiterrennen. Und er muss Empfindungen wie Durst, Müdigkeit, schmerzende Fersen etc. wahrnehmen und ernst nehmen. Jedes Achtsamkeitstraining ist dem Diktat des Lebens abkopiert, denn das sich abspulende Leben ist es, das uns ermahnt, nicht achtlos draufloszustürmen. (Nur wer diese Ermahnungen ignoriert, braucht einen Therapeuten, Coach, Yogalehrer oder simpel einen guten Kameraden als „Lautsprecher“ für die Ermahnungen des Lebens.)
Sie haben aber ganz recht, wenn Sie solche Besinnungsrasten mit einer Intensivierung der Selbstdistanzierung in Verbindung bringen. Denn wer achtet schließlich auf wen? Klarerweise ist es die geistige Person, die auf sich selbst als Ganzheit zu achten hat. Sie hat die Oberhoheit über das Zusammenspiel der dimensionalen Regionen im Menschen. Sie muss sich um ein klopfendes Herz und Blasen an den Fersen genauso kümmern wie um eine flatternde Psyche, die am Durchdrehen ist, oder um einen Verstand, der mit Absenzen ringt. Sie hat schwierige Koordinierungsaufgaben zu erfüllen, und hätte sie nicht mit ihrem „Sinn-Organ Gewissen“ (Frankl) ein verlässliches Leitsystem an ihrer Seite, wäre sie wahrscheinlich des Öfteren ratlos. Aber das Gewissen, der „Kompass“ (oder moderner: das „Navigationsgerät“) lässt den Wanderer nicht im Stich, wenn er sich die Ruhe gönnt, in Abständen darauf zu schauen und prinzipiell darauf zu vertrauen. Und so lautet denn die speziell logotherapeutische Achtsamkeitsparole (im Kontrast zu den anderen Therapieschulen): „Man soll auf die zarten Regungen seines Gewissens achten!“
An dieser Diskursstelle möchte ich einen kleinen Schlenker vollziehen. Ich möchte betonen, dass sich aus der generellen Achtsamkeit auch die Achtsamkeit im Umgang mit Ressourcen ergibt, wobei es keine Rolle spielt, ob es Ressourcen der eigenen Existenz sind, oder Fremdressourcen, zu denen man Zugriff hat. Ich bin einmal von einer Reporterin gebeten worden, dank meiner psychotherapeutischen Erfahrung mit ein paar Tausend Patienten (ich hatte bis zu 300 Patienten im Jahr) in aller Kürze auszudrücken, wovon seelische Gesundheit oder Krankheit am ehesten abhängt. Spontan habe ich damals geantwortet: „Vom Umgang mit den Ressourcen“, und ich stehe heute noch zu meinem Wort. Lebenszeit zum Beispiel ist eine so kostbare Ressource – aber für welchen Kleinkram wird sie vergeudet! Menschen dröhnen sich voll mit Ablenkungen und stumpfer Routine, statt im Sinne des klösterlichen „ora et labora“ ein vernünftiges Wechselspiel von Produktivität und Regeneration einzuhalten. Selbstverständlich ist auch das „schnöde“ Geld eine wichtige Ressource – aber für welche Überflüssigkeiten wird es verschwendet! Vom Keller bis zu den Dachböden werden Kästen und Laden in unserem Land mit Zeug vollgestopft, das man gar nicht braucht und das nur belastet, statt sich die Freude an wenig Materiellem und viel Spirituellem zu bewahren32. Welch fantastische Ressource ist darüber hinaus unser Organismus, der uns Tag und Nacht gestattet, durchs Leben zu spazieren – und wie schlecht wird es ihm vergolten! Er wird mit Schadstoffen gefüttert, in seiner Beweglichkeit eingeschnürt, mit Schlafentzug gemartert und mit Grämlichkeiten überfrachtet, statt dass er seiner Natur gemäß gepflegt und seiner Leistung gemäß geschätzt würde. Oder was ist die Familie für eine segenspendende Ressource, die in größter Not, wenn alles kippt, ja selbst noch in Todesnähe Reserven für einen bereitstellt – aber wie mutwillig wird ihr Frieden für Belanglosigkeiten riskiert und ihre Harmonie mit Füßen getreten! Was streiten Angehörige unentwegt miteinander, statt einander tolerant, verständnisvoll und barmherzig zu begegnen.
Batthyány: Das ist natürlich eine zutiefst logotherapeutische Wendung des Umgangs mit Achtsamkeit, die zugleich Anschluss findet an die ursprünglichen Zusammenhänge der Achtsamkeitsmeditation: Nicht die Methode wird in den Mittelpunkt gestellt, und auch nicht die Gelassenheit des bewertungsfreien Geschehenlassens, sondern die Frage des achtsamen und guten Umgangs mit etwas oder jemandem – also steht nicht nur, oder nicht notwendig, das neutrale Beobachten im Zentrum, sondern vielmehr die Frage, was und wie wir etwas oder jemanden beachten oder mit Zuwendung und Wohlwollen beschenken. Das hat gewiss auch therapeutische Bedeutung?
2. LOGOTHERAPEUTISCHE ACHTSAMKEITSMEDITATION – EINE METHODE
Lukas: Gewiss. Immer wieder liefen die Beratungen meiner Patienten darauf hinaus, sie mögen achtsam und liebevoll mit ihren Ressourcen umgehen, sich auf Wesentliches beschränken und ihr Leben sinnvoll gestalten. Von Pearl Sydenstricker stammt das Bonmot: „Die wahre Lebenskunst besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.“ Solche Lebenskunst zu lehren, ist die höchste Kunst des Psychotherapeuten. Der Hirnforscher Gerald Hüther hat in seinem jüngsten Buch „Raus aus der Demenz-Falle!“ überzeugend erläutert, dass ein gelassener, problemlöseorientierter und auf das Positive achtender Lebensstil nicht nur die Selbstheilungskräfte des Körpers ankurbelt, sondern auch „Dünger für das Gehirn“ ist, das über die Ausschüttung der Hormone Dopamin und Serotonin sogar seinen eigenen Verfall (begrenzt) in Schach halten kann. „Bleibe wach für den Moment!“, lautet Hüthers Devise, der ich mich voll anschließen möchte.
Zusammenfassend begrüße ich das Grundkonzept von Achtsamkeitsmeditationen. Allerdings würde ich die Instruktionen für den Meditierenden verfeinern. Etwa nach folgender Art:
Entspanne dich, atme ruhig und gleichmäßig ein und aus, ein und aus … schiebe störende Einflüsse und Eindrücke zur Seite, lass grüblerische Gedanken an dir vorüberfließen, lass sie wegfließen … sie haben jetzt nichts bei dir zu suchen. Entspanne dich, so gut du kannst, und genieße die geistige Freiheit, die sich mehr und mehr in dir ausbreitet. Wenn sich deine Glieder schwer anfühlen und deine Seele leicht geworden ist, dann versuche, Kontakt mit deiner innersten Stimme aufzunehmen. Es muss sehr still in dir werden, denn deine innerste Stimme ist leise. Lass es still werden, spüre dem Leisen nach. Wenn andere, fremde Stimmen aus deiner Erinnerung dazwischenfunken, schalte sie aus. Das Stille und Leise, Echte und Ehrliche wird sich dir zunehmend offenbaren. Frage deine innerste Stimme, was du bisher gut gemacht hast. Lächle bei ihrer Antwort und entspanne dich noch mehr.
Dein Atem fließt ruhig und gleichmäßig, nichts kann dich jetzt stören … Du bist schläfrig und zugleich hellwach. Frage deine innerste Stimme, was du noch besser machen kannst, und achte genau darauf, wovon sie erzählt. Sie erzählt von drinnen und draußen. Von deinen Stärken, auf die du stolz sein kannst, und von den vielen Aufgaben draußen. Sie erzählt von deinem Geschick, unter den Aufgaben die richtigen herauszupicken und mit Lust und Schmerz zu erfüllen. Du zögerst, was die richtigen sein könnten? Lass es still werden, lausche auf das Leise in dir. Was du dir nicht selbst sagen kannst, wird dir gesagt. Wenn du auf deine innerste Stimme achtest, weißt du plötzlich, was richtig ist. Lust und Schmerz werden verblassen, aber deine Gewissheit, um das Richtige zu wissen, wird bleiben. Du kannst sie mitnehmen, wenn du aus deiner Meditation zu deinen aktuellen Vorhaben zurückkehrst.
Doch sei auch weiterhin achtsam und wachsam, was in dir und um dich herum vorgeht! Bedenke: (Zeitlos) lange genug hast du in der Unbewusstheit geschlummert, bevor du zum Menschsein erwacht bist. Und für (zeitlos) lange genug wirst du eines nicht fernen Tages wieder in die Unbewusstheit entschlafen!
Allein mit der Umschreibung „was in dir und um dich herum vorgeht“ ist die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz bereits der Fähigkeit zur Selbstdistanzierung aufaddiert.
3. SELBSTDISTANZ UND SELBSTTRANSZENDENZ
Batthyány: Schön – dazu vielleicht noch eine ergänzende Anmerkung: Achtsamkeit ohne Selbsttranszendenz bedeutet ja einfach Aufmerksamkeit bündeln – aber Aufmerksamkeit sagt noch gar nichts über die Qualität und innere Haltung, mit der man der Welt dann aufmerksam begegnet. Aufmerksamkeit kann ja auch negativ sein. Aber Wohlwollen oder einfach eine positive Zugeneigtheit ist viel umfassender: Sie beinhaltet erstens automatisch auch Aufmerksamkeit – ich muss ja hinschauen, um den anderen wahrzunehmen – und zweitens die gute Intention. Mit anderen Worten: Wohlwollen beinhaltet Achtsamkeit und Aufmerksamkeit und ein positives Wollen, aber Achtsamkeit und Aufmerksamkeit beinhaltet nicht zwangsläufig Wohlwollen; es kann auch bedeuten, dass ich der Welt ziemlich gleichgültig oder auch negativ und ablehnend begegne. Daher finde ich Ihren Meditationstext sehr schön! Um aber generell noch etwas bei den geistigen Potentialen zur Selbstdistanzierung und zur Selbsttranszendenz zu bleiben: Die Logotherapie betont ja beide – Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz –, aber ich wurde in der Literatur, auch bei Frankl, nie wirklich fündig, wenn ich nach Analysen oder überhaupt nach Vorschlägen zum Verhältnis der beiden zu- und untereinander suchte. Das finde ich durchaus interessant. Denn man könnte argumentieren, dass das eine ohne das andere durchaus problematisch sein kann.
Nehmen wir etwa die Selbstdistanzierung. Wie wir am Beispiel der Achtsamkeitsmeditation gesehen haben, ist sie kein Selbstzweck, sondern eine Fähigkeit (keine Fähigkeit ist ein Selbstzweck). Sonst kann sie – als Distanznahme etwa zu den eigenen Gefühlen – in bloße Gelassenheit, um nicht zu sagen: Gleichgültigkeit abgleiten oder aber auch in eine unnötige Härte sich selbst gegenüber. Beides sind ja Wege der Distanzierung vom inneren und äußeren Erleben. Aber der Verzicht etwa, zu dem eine gesunde Selbstdistanzierung befähigt, ist schließlich nicht allein deswegen sinnvoll, weil er ein Verzicht ist, sondern immer nur dann und deswegen, weil das Verzichten um einer wichtigen Sache oder einer geliebten Person willen sinnvoller ist, als sich in der eigenen Lebensführung lediglich von den Parametern Lust und Unlust oder anderen Launen treiben und leiten zu lassen. Bloße Selbstdistanzierung um ihrer selbst willen, die kein selbsttranszendentes Wofür meint, kann daher im Grunde ebenso egozentrisch sein, nur halt unter umgekehrtem Vorzeichen und unter Einsetzung anderer Mittel.
Auf der anderen Seite könnte man sagen, dass bloße selbsttranszendente Ausrichtung leicht in Fanatismus und vergleichbar problematische Entwicklungen zu münden Gefahr liefe, wenn da nicht die innere Souveränität und Gelassenheit der Selbstdistanzierung wäre, die einen dazu ermahnt, die eigenen Erkenntnisgrenzen anzuerkennen und zumindest die Möglichkeit gelten zu lassen, dass man – qua Menschsein – sich irren kann, sogar sehr wahrscheinlich in manchen Belangen irrt. Dass man ein bisschen Bescheidenheit und Demut walten lassen soll, auch wenn man glaubt, absolut im Recht zu sein. Kurzum, ein bestimmtes Maß an Selbstdistanzierung gegenüber der eigenen allzu großen Gewissheit und der damit bisweilen assoziierten Kompromisslosigkeit schützt vor fanatischen Entgleisungen. Es ließen sich noch mehr Beispiele anführen, etwa das Beispiel des Workaholikers, der sich wirklich engagiert für etwas oder jemanden, dem also ein Mangel an Selbsttranszendenz nicht attestiert werden kann – aber ich denke, Sie wissen, worauf ich hinaus will, wenn ich die Frage nach dem Verhältnis von Selbstdistanzierung und Selbsttranszendenz zueinander aufwerfe.
Lukas: Ja, ich verstehe, was Sie meinen – und ich gebe zu, dass wir in der angewandten Logotherapie selten beide spezifisch humanen Potentiale gleichzeitig zu Heilzwecken anzapfen. Bei der Behandlung von Neurotikern hat das Abrücken der Person von ihren Ängsten und Zwängen stets Vorrang. Das Ich und seine Symptome sind auseinanderzuzerren, damit das Ich seine Symptome bei den Hörnern packen und besiegen kann. Erst wenn die Person nicht mehr ständig von gräulichen Gefühlen, grässlichen Erwartungen und skurrilen Impulsen gejagt und geplagt wird, ist sie halbwegs in der Lage, sich auf etwas Nicht-Ichhaftes hin zu transzendieren. Hier wird also zunächst die Fähigkeit zur Selbstdistanzierung gehoben, und später (bei der Nachbetreuung) an der Anhebung der Selbsttranzendenz gearbeitet.
Aus Ihrer Frage höre ich heraus, ob man nicht ähnlich methodisch den Fokus auf die Selbstdistanzierung legen müsste bei Personen, die zwar eine ausgeprägte Fähigkeit zur Selbsttranszendenz mitbringen, aber diese zu fanatischem Terror bündeln, oder sich selbst endlos verausgaben, masochistisch aufopfern und ohne Widerstand auspowern lassen.
Dem möchte ich erwidern, dass die zwei genannten Personengruppen nicht in einen Topf zu werfen sind. Eine Überschneidung von Fanatismus und Selbsttranszendenz ist glatt zu verneinen. Fanatiker behängen sich zwar gerne mit scheinheiligen Mäntelchen, unter denen sie ihre Egoismen verbergen. Das war schon zur Zeit der Kreuzzüge so, als Horden von Soldaten ins „Heilige Land“ aufbrachen – offiziell, um die Wiege des Christentums zu beschützen, und inoffiziell, um zu metzeln, zu rauben und zu plündern. Auch moderne Diktatoren, die angeblich Lebensraum für ihr Volk beschaffen wollen, haben keinerlei Hemmung, zu ihrem eigenen Ruhme dieses Volk blutig zu verheizen. Fanatiker sind Sklaven ihrer Wünsche, die sie unbedingt durchpeitschen wollen, und neben ihren Wünschen klafft dort, wo sich der Rest der Welt befindet, ein schwarzes Loch.
4. DER WORKAHOLIKER UND DIE FRAGE NACH SINN
Lukas: Anders steht es mit den Workaholikern, die unter einer vermeintlichen Verantwortungsüberlastung ausbrennen, mit den bienenfleißigen Helfern, die „helfersyndrom“atisch im Hamsterrad rotieren, mit den sanftmütigen, wehrlosen Kerlchen, die jedermann schamlos ausnützen kann, oder mit den unverbesserlichen Träumern, die die ganze Welt retten wollen. Ihnen ist eine rechte Portion Selbsttranszendenz nicht abzusprechen. Vielleicht vergessen sie vor lauter Selbstvergessenheit und Dienst an der Mitwelt tatsächlich oft auf ihr Selbst. Trotzdem würde ich ihr Hauptproblem nicht in einer schwach entwickelten Fähigkeit zur Selbstdistanzierung orten. Um an die oben erwähnten Achtsamkeitsmeditationen anzuknüpfen, würde ich sagen: Sie achten nicht auf die Stimme ihres Gewissens.
Fähigkeiten brauchen einen geistigen Einsatzbefehl, um loszusprinten. Auch wenn jemand ein Supertalent im Turnen hat, ist der Gehsteig nicht der passende Ort, um Purzelbäume zu schlagen. Auch wenn jemand mit schmelzendem Tenor singen kann, ist Mitternacht nicht der passende Zeitpunkt, um eine Arie am offenen Fenster zu schmettern. Dafür bekommen Sportlichkeit oder Gesangstüchtigkeit keine Einsatzbefehle. Analog sind unsere Potentiale zur Selbstdistanzierung und zur Selbsttranszendenz dem jeweiligen Einsatzbefehl der geistigen Person untergeordnet, und die geistige Person ist gut beraten, sich dem Spruch ihres Gewissens unterzuordnen. Wenn sie es tut, entscheidet das Gewissen als oberste Instanz über den sinnvollen Einsatz unserer Fähigkeiten und annulliert ihn bei Sinnwidrigkeit.
Deshalb und gerade deshalb ist es unerlässlich, Sinn als zwar relativ (ad personam et ad situationem), aber als transsubjektiv zu definieren, wie es in der Logotherapie Usus ist. Zur Demonstration greife ich einen Textblock des Amerikaners John Wood auf, den die Sinnforscherin Tatjana Schnell in einem ihrer Bücher veröffentlicht hat. Darin heißt es:
Ich habe … einen sinnvollen Beruf, für den ich Leidenschaft empfinde. Wenn ich aufwache, kann ich es kaum erwarten, aus dem Bett zu springen und ins Büro zu kommen … ich sah meine Familie seltener als ich es mir gewünscht hätte … es gab noch eine schlimmere Schattenseite, die immer wieder ihre hässliche Fratze zeigte. Die Überstunden waren einfach die Hölle für meine Beziehungen. Wenn ich begann, mit einer Frau auszugehen, war sie innerhalb eines Monats total frustriert wegen der wenigen Zeit, die ich der aufkeimenden Beziehung widmen konnte …33
Tatjana Schnell zieht daraus das Resümee, dass „hohes Sinnerleben am Arbeitsplatz gefährlich sein kann“. Sie zählt Beispiele von Leuten auf, die zu Gunsten sinnvoller Arbeit erhebliche Nachteile und sogar finanzielle Ungerechtigkeiten hinnahmen.
Frankl hätte diesbezüglich bloß den Kopf geschüttelt. Nicht nur, dass er selbst imstande gewesen ist, seine überaus sinnvolle und arbeitsaufwändige Berufstätigkeit mit innigen familiären Beziehungen zu koppeln. Er hat sogar bezweifelt, dass der Konfliktcharakter den unterschiedlichen Werten (Beruf, Familie, Freizeitinteressen …) innewohnt.34
Der Sinn – der transsubjektive Sinn, den man sich nicht willkürlich zusammenreimen kann – ist kein Freund einer Vernachlässigung von geliebten Menschen. Der Sinn ist auch kein Freund von Überstunden, die die Hölle sind, von psychischer Raserei und physischer Verausgabung, von frustrierenden zwischenmenschlichen Kontakten oder von der kommentarlosen Akzeptanz ausbeuterischer Strukturen. Der Sinn – der transsubjektive Sinn, den man nicht als Ausrede für Sinnwidrigkeiten vorschieben kann – streckt seinen Finger aus und zeigt auf denjenigen Wert, der „gerade dran ist“, und legt demjenigen Wert den Finger auf den Mund, der „gerade zu schweigen hat“. Der Sinn lockt die Selbsttranszendenz aus ihrem Versteck, wenn es um ein persönliches Engagement geht, zu dem man gerufen ist, und der Sinn mobilisiert die Selbstdistanzierung, wenn es gilt, eigenen leibseelischen Vorgängen Aufmerksamkeit zu schenken und sich lebensfit zu erhalten. Wie schade, dass John Wood nicht einen amerikanischen Logotherapeuten aufgesucht hat! Dieser hätte ihn Achtsamkeit gelehrt: Achtsamkeit auf die zarten Regungen des Gewissens, das vom jeweils Sinnvollen kündet. Bald hätte John Wood begriffen, dass seine (subjektiv) als sinnvoll empfundene Arbeitsfreudigkeit ihren (objektiven) Sinn verliert, wenn er sie vergötzt und auf Kosten anderer Menschen ausübt. Er hätte begriffen, dass der Verlust von Sinn gefährlich ist (und nicht etwa das hohe Sinnerleben am Arbeitsplatz, wie von der Buchautorin behauptet).
Womit ich wieder bei der logotherapeutischen Achtsamkeitsparole gelandet bin. Es gibt in der Frankl’schen Literatur eine Stelle, an der Frankl eindringlicher als sonst vor Unachtsamkeit warnte. Wir agieren wie Schauspieler auf einer irdischen Lebensbühne, meinte er, und erkennen im Dunkeln nicht, wer im überirdischen Zuschauerraum sitzt und uns beobachtet. Aber Achtung: Wir spielen vor offenem Vorhang!35
Ergänzen könnte man die Metapher: Und sollten wir auf der Bühne ins Stocken geraten, dann souffliert unser Gewissen das erlösende Stichwort. Nicht irgendein Stichwort, das uns zufällig gefallen mag, sondern jenes Stichwort, das haargenau zur laufenden Szene passt und zum richtigen Handeln auffordert. Welcher Regieanweisung aber entnimmt unser Gewissen sein Stichwort? Es fängt die Stimme der Transzendenz auf …36
5. SINN UND WIRKLICHKEIT
Batthyány: Sie erwähnten eben die Arbeiten von Tatjana Schnell. Darauf würde ich gerne später zurückkommen, und zwar im Kontext anderer Denkschulen der Psychologie, die zunehmend auch auf die Rolle des Sinns aufmerksam werden. Zunächst aber – und auch, um etwas von der Diskussion der Arbeiten von Tatjana Schnell vorwegzunehmen: Wenn Sie eben sagten: „Nicht irgendein Stichwort, das uns zufällig gefallen mag, sondern jenes Stichwort, das haargenau zur laufenden Szene passt und zum richtigen Handeln auffordert“, dann führt das unmittelbar zu der immer wieder gestellten Frage, ob Sinn etwas subjektiv Konstruiertes oder ein objektiv/transsubjektiv Gegebenes ist.
Diese Frage „verfolgt“ die Logotherapie von Anfang an; einige ehemalige Weggefährten Frankls – u. a. der Psychotherapeut Alfried Längle, auf den wir ebenfalls später noch gesondert und ausführlicher zu sprechen kommen werden – haben an genau dieser Weggabelung zwischen gegebenem (objektivem/transsubjektivem) und gemachtem (subjektivem) Sinn die Position der klassischen Logotherapie verlassen. Faszinierend daran finde ich, dass es in keinem einzigen dieser Fälle dabei geblieben ist, dass jemand ein subjektives Sinnverständnis postuliert hat, ohne nicht zugleich auch andere wesentliche Elemente der Logotherapie abzuändern. Stets hatte dieser Schritt also einschneidende Auswirkungen auf das therapeutische Vorgehen und insgesamt auf das theoretische Verständnis und Gebilde der dann entstehenden Denkschule.
Aber fangen wir einen Schritt vorher an – nämlich beim grundlegenden Sinnverständnis unserer Tage. Wenn man sich in diese Debatte etwas einliest, dann staunt man darüber, in welche Selbst- und Sinnzweifel eine erkenntnisskeptische Postmoderne den Menschen geführt hat. Irgendwie scheint mir, als seien unsere Instrumente zur Selbst- und Weltwahrnehmung unter den Vorzeichen der Postmoderne falsch kalibriert – mit der Folge, dass der Mensch einer doppelten Fehleinschätzung zum Opfer fällt:Dass er sich gleichermaßen unterschätzt und überschätzt.
Er unterschätzt etwa im Rahmen des „Naturalisierungsprojekts“ des Menschen (Stichwort neurobiologischer Reduktionismus) seine eigene Willensfreiheit.37 Er traut sich zu wenig zu, vor allem zu wenig Freiheit und Verantwortung – mit, wie wir bereits gesehen haben, durchaus gravierenden Folgen. Zugleich schreibt er sich selbst aber die Fähigkeit zu, Sinn „machen“, also konstruieren zu können (bzw. zu müssen, da Sinn ja objektiv gar nicht da oder in einem Sachverhalt angelegt sei). Dieses Ungleichgewicht zwischen dem Glauben an einen Mangel an Selbstkontrollfähigkeit (Unterschätzung des Ichs) und dem zugleich erhobenen Anspruch auf die Fähigkeit, über die Sinnhaftigkeit der Wirklichkeit bestimmen zu können (Überschätzung des Ichs), halte ich für höchst bemerkenswert. Es ist auch offensichtlich ziemlich paradox. Man verlegt die Kontrollfähigkeit von sich selbst weg – dabei könnte man gerade dort, also bei sich selbst, am meisten ausrichten – auf die „Umstände“ und „Bedingtheiten“ bzw. auf die Welt als Ganzes. Diese „Welt“ und das Schicksalhafte habe, so nimmt man dann nach einer Absage an die eigene Freiheit und Verantwortung an, beinahe unbegrenzten und ungebremsten Einfluss über das eigene Erleben, Denken, Entscheiden und Handeln. Soweit die Absage an die menschliche Freiheit und die damit einhergehende Unterschätzung unserer Möglichkeiten und Fähigkeiten.
Doch mit der Absage an die Gegebenheit eines objektiven oder transsubjektiven Sinns behauptet man zugleich von sich selbst, dass man über die Sinnhaftigkeit eben jener Welt durch subjektive Konstruktionsprozesse verfügen könne. Mit anderen Worten: Man verortet die eigenen Fähigkeiten schlichtweg falsch. Sich selbst und die eigene Freiheit unterschätzt man, und gleichzeitig überschätzt man sich selbst in der Annahme, man müsse oder könne Sinn irgendwie „machen“. Diese Position ist also nicht nur erkenntnistheoretisch fragwürdig, es grenzt eigentlich schon an Allmachtsfantasien, wenn man ernsthaft von sich selbst glaubt, durch die eigenen Konstruktionsprozesse nicht weniger als Sinn herstellen zu können. Ganz abgesehen davon, dass sich diese Position im Grunde auch gar nicht leicht in Einklang bringen lässt mit der gleichzeitigen Absage in die eigene Entscheidungs- und Willensfreiheit.
Zwar ist unser Gespräch nicht der Ort, über die Stärken und Schwächen eines solchen harten Konstruktivismus in allen Einzelheiten zu verhandeln. (Diese Debatte wird derzeit in den Naturwissenschaften intensiv geführt, und man findet dort hochinteressante Argumente, die man auch auf die Sinndebatte übertragen könnte.) Bei der Sinnfrage geht es allerdings um eine ganz unmittelbare lebenspraktische Relevanz – sie ist nicht nur erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch von Bedeutung, sondern hat vielmehr auch unmittelbare und starke Auswirkungen auf unsere Lebensführung.
Denn die Idee, wir konstruierten Sinn, geht nicht nur, wie erwähnt, mit frappierenden Selbstfehleinschätzungen einher, sondern auch mit einer enormen Unterschätzung des Sollens in der Welt, bzw. der Welt insgesamt: Denn Sinn konstruieren muss ich ja hauptsächlich dann, wenn ich einerseits einen Willen zum Sinn anerkenne (immerhin dies), zugleich aber der Welt unterstelle, sie sei so sinnlos und unbedacht und lebensfeindlich konstruiert oder gewachsen, dass das, wonach uns so sehr sehnt – Sinn –, gar nicht wirklich existiere.
Das ist die dritte Inkonsistenz dieses „Modells“: Ihm zufolge sind wir zwar nämlich mit einer ausgeprägten Sinnmotivation ausgestattet – so sehr, dass nicht wenige Menschen an der unbeantworteten Sinnfrage verzweifeln bzw. innerlich zu zerbrechen drohen. Zugleich aber sei genau das, wonach wir so sehr streben, gar nicht da. Wenn dieses Modell stimmte, hätte der Wille zum Sinn folglich kein echtes Pendant in der Wirklichkeit – nur deswegen müssen wir es uns ja ausdenken, es erfinden. Der Mensch wäre demnach eine wahre Fehlkonstruktion – ein Irrläufer der Evolution, wie der ungarisch-britische Schriftsteller Arthur Koestler sagte: Fortwährend auf der Suche nach etwas, das aber nirgends zu finden ist und das er daher er-finden muss. Eine Welt, die sich solche Geschöpfe leistet und sie zugleich mit hinreichend Intelligenz und Handfertigkeit ausstattet, die Welt selbst grundlegend zu gefährden, wäre im Grunde nicht nur „sinn-los“, sie wäre richtiggehend sinnwidrig …
Nun ist mir bei alledem natürlich bewusst, dass auch diese Inkonsistenzen und Selbstwidersprüche keinen zwingenden Beweis für das Gegenmodell der transsubjektiven Natur des Sinns darstellen. Man wird transsubjektiven Sinn wohl ohnedies niemals im eigentlichen Sinne beweisen können; das ist methodisch nicht möglich. Aber man kann immerhin Spuren und Indizien finden. Und diese erschließen sich bereits in der einfachen Betrachtung der Natur, insbesondere der menschlichen Natur … Dann sieht man z. B., dass es evolutionäre Hinweise gibt, die sich aus der Sinnfrage ableiten. Etwa, dass wir Menschen die einzigen uns bekannten Lebewesen sind, die dann, wenn etwas im Argen liegt, nicht nur versuchen, sich an veränderte Lebensbedingungen anzupassen (wie das in der Tierwelt geschieht), sondern darin auch einen Auftrag erkennen, die Dinge zum Besseren zu wenden – und zwar interessanterweise auch die Dinge, die gar nicht unmittelbar unserem eigenen Überleben dienen (Stichwort Selbsttranszendenz). Das heißt: Mit dem Menschen kam ein Phänomen in die Welt, das zudem aufs Engste mit der Sinnfrage in Zusammenhang steht: das Phänomen der Hoffnung. Und zwar nicht nur Hoffnung, dass es uns gut ergehen möge (diese Hoffnung ist ja noch recht leicht auch im Sinnsubjektivismus zu erklären), sondern auch Hoffnung, dass man selbst die Dinge zum Guten wenden kann, und zwar auch für andere – auch für jene, die überhaupt keinen unmittelbaren oder mittelbaren Einfluss auf unser Leben haben.
Der Philosoph Robert Spaemann hat dazu einige sehr eindrückliche Fragen formuliert. Genau genommen hat er diese Fragen nicht bloß formuliert, sondern der Psychologie ins Stammbuch geschrieben. Er fragte nämlich u. a., warum sich die Psychologie nicht schon längst ernsthafter mit dem Phänomen der Selbsttranszendenz auseinandergesetzt habe. Seine Anfragen richten sich maßgeblich an eine reduktionistische und konstruktivistische Psychologie, die dem Sinnphänomen schlichtweg nicht gerecht wird, weil sie einzig auf den Prozess der Sinnkonstruktion und nicht auf genuine Sinnerfüllung abzielt. So fragte Spaemann:
Was ist das für ein Interesse, das wir daran haben, dass die letzten Tiger in Russland, die wir ohnehin nie zu sehen bekämen, nicht ausgerottet werden? Was ist das für ein Interesse, das einen Künstler dazu veranlasst, ohne Rücksicht auf Kraft und Lebenszeit an der Verbesserung eines Werkes zu arbeiten, das vermutlich von fast niemandem jemals wahrgenommen wird? … Oder was ist das für ein Interesse, das einen Menschen veranlasst, lieber eine für ihn niederschmetternde Wahrheit wissen zu wollen, als durch eine freundliche Lüge getröstet zu werden, und zwar auch dann, wenn die Täuschung auf dem Sterbebett erfolgt, also folgenlos bleibt?38
Nun muss man sagen: Unter rein konstruktivistischen oder subjektivistischen und utilitaristischen Gesichtspunkten ergibt so ein Verhalten tatsächlich überhaupt keinen Sinn – es verbraucht aus dieser Perspektive nur Kraft und Ressourcen, die andernorts viel „gewinnbringender“ eingesetzt werden könnten. Dennoch ist all dies „typisch menschliches“ Verhalten – und wird es wohl immer sein (sofern wir es dem Menschen nicht unter dem ideologischen Diktat des blanden Materialismus oder Nihilismus abzugewöhnen versuchen). Dabei ist es schon auffällig: Gerade das Verhalten und Handeln, dem wir moralisch eine hohe Wertigkeit und Menschlichkeit bescheinigen – vom Altruismus bis zum Engagement für Werte, vom Mitgefühl bis zum kreativen Schaffen etwa in Kunst und Dichtung –, ist aus einer strikt naturalistischen oder reduktionistischen Sichtweise eben nicht nur unproduktives Verhalten, sondern auch nicht-adaptiv. Bemerkenswert ist unter diesem Vorzeichen dann nur noch, dass es sich nicht längst wegentwickelt hat … Man kann hierin wiederum einen gewichtigen Hinweis darauf erblicken, dass und warum eine rein naturalistische Sichtweise weder dem Menschen (seiner Gestaltungsfähigkeit und seinem Sinnstreben) noch der Welt (und ihrem Aufgabencharakter) gerecht wird.
Zudem übersieht der harte Reduktionismus, dass unser Dasein fraglos auch allgemein eine ethische Dimension hat. Vereinfacht gesagt: Es ist ganz offensichtlich eine Gewissensstimme als eine Art moralischer Kompass in uns angelegt, der uns Sollimpulse unmittelbar erkennen lässt, und zwar ohne theoretische oder rationale (oder bloß emotionale) Herleitung. Es gibt mit anderen Worten eine unbestechliche Weisheit des Herzens, und diese operiert ganz natürlich mit dem Sinn als Maßstab guten oder falschen Verhaltens. Um das an einem simplen Beispiel zu erörtern: Es ist leicht erkennbar „falsch“, jemanden grund-, also sinnlos zu verletzen und ihm Schmerzen zuzufügen. Sobald aber ein sinnvoller Grund vorhanden ist, etwa, weil der Arzt einen chirurgischen Eingriff vornehmen muss, ist es nicht mehr falsch, sondern eben sinnvoll – also gesollt. Dieses Grundverständnis ist, wie Frankl es nannte, präreflexiv: eine Art natürlich in uns angelegtes Vorwissen von Sinnhaftigkeit und Sinnlosigkeit als Orientierungsgeber und Maßstab, nach dem wir die Sinnhaftigkeit oder Sinnlosigkeit von Dingen und Ereignissen bewerten. Wir wissen aus der Entwicklungspsychologie, dass dieser Orientierungsgeber erstens bereits sehr früh, schon im Kindesalter, eingesetzt wird; zweitens ist er überraschend geringfügig kulturabhängig.39
Solche „Befunde“ oder Indizien zählen zu dem, was man in der Philosophie manchmal „einfache Tatsachen des Lebens“ nennt – also Datenpunkte, die an sich leicht beobachtbar sind, die aber zugleich gültige Schlüsse auf sehr viel komplexere Zusammenhänge erlauben: in diesem Fall auf die Immunität von ethischen Sachverhalten gegen den Vorhalt, es handle sich bloß um subjektives Hineindeuten von Bewertungen.
Lukas: Es ergeht einem „Verwandten“ des Sinns, nämlich dem Recht, sehr ähnlich, ja geradezu vergleichbar. Durch die Jahrtausende hindurch suchen wir Menschen nach Recht und Gerechtigkeit und haben allmählich erkannt, dass sich niemand über das (eben transsubjektive) Recht stellen darf, auch nicht, wenn er höchste Ämter bekleidet. Dass sich unsere Auffassungen vom Recht wandeln und gewandelt haben, dass machtgierige Personen und Herrscher das Recht stets willkürlich gebogen und verbogen haben, ändert nichts an der Tatsache, dass sich nach Recht und Gerechtigkeit nur aufrichtig streben lässt, und dass sämtliche Gesetzesnovellen der kontinuierliche Versuch sind, diesem vorliegend existierenden Recht im Detail auf die Spur zu kommen und das Gefühl für das Recht zu schärfen.
Dennoch scheint mir, dass das Recht in den modernen Staaten unhinterfragter als „oberste (und nicht beliebig zu verzerrende) Instanz“ anerkannt wird als der Sinn. Deshalb empfinde ich Ihre obigen Ausführungen als überaus lehrreich.
Batthyány: Das freut mich … Freilich sind das alles wie gesagt (nur) Indizien, und es würde den Rahmen unseres Gesprächs sprengen, würden wir hier eine Reihe weiterer Indizien und Argumente auftreten lassen. Mir ist an dieser Stelle nur generell der Hinweis wichtig, dass es diese Indizien und Argumente überhaupt gibt – und dass die Vorstellung eines vorfindlichen, objektiven Sinns respektable geistes- und naturwissenschaftliche Grundlagen hat. Manchmal fällt mir nämlich im Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen aus der Logotherapie auf, dass sich auch innerhalb der Logotherapie noch kaum herumgesprochen hat, dass wir mit der Annahme eines objektiven Sinns gar nicht alleine dastehen. Wir vertreten diesbezüglich also keine vollkommen isolierte obskure Einzelmeinung, die geglaubt oder dogmatisch akzeptiert werden müsse. Unser Sinnverständnis hat vielmehr ernstzunehmende Mitstreiter in benachbarten Forschungsrichtungen und kann auch überzeugend „außerlogotherapeutisch“ begründet werden.40
Der manchmal von Kritikern und ehemaligen Weggefährten Frankls gehörten Vorhaltung, der Glaube an einen objektiven Sinn sei letztlich nur ein „Glaube“, kann vor diesem Hintergrund also wie folgt entgegnet werden: Ja, es ist eine Annahme. Aber es ist erstens eine zumindest durch vielfältige Indizien und Beobachtungen gestützte Annahme. Zweitens ist es eine Erfahrungswirklichkeit. Und drittens ist die Gegenannahme eines bloß subjektiven, konstruierten Sinns ebenfalls nur eine Annahme; denn wir bewegen uns hier an den Grenzen des mit herkömmlichen, rein innerweltlichen Methoden Beweisbaren.
Aber es gibt noch einen weiteren erwähnenswerten, lebenspraktischen Aspekt zu diesen Fragen, der sich in gewisser Weise parallel zu den bereits erörterten Befunden zur Willensfreiheit bewegt. Dort sahen wir, dass Menschen, deren Glaube an ihre Willensfreiheit durch einen manipulativen Überzeugungstext ins Wanken gebracht wird, sich in Folge tatsächlich so verhalten, als wäre ihr Entscheiden und Verhalten nur von inneren und äußeren Bedingtheiten bestimmt, und ihr Handeln letzten Endes nichts anderes als Funktion oder Ergebnis von selbsttätigen Lust- oder Unlustgefühlen. Bestärkt man sie andererseits in ihrem Glauben an ihre Fähigkeit zur Freiheit und Selbstkontrolle, zeigt sich mit einem Male, dass sie in der Lage sind, von diesen Fähigkeiten Gebrauch zu machen.
Wenn man dies nun umlegt auf die Frage, ob Sinnmöglichkeiten wirklich vorhanden oder bloß subjektive Wertungen sind, dann spricht uns im konstruierten Sinn im Grunde ja gar nichts Gesolltes und nichts Verbindliches an – und damit gar nichts, für das wir wirklich Verantwortung tragen – also nichts, von dem ein echter Ruf ausgeht, der uns auffordern würde, konstruktiv und nicht nur konstruierend Stellung zu nehmen. Die Philosophen der Frankfurter Schule, die ja ganz maßgeblich an der zeitgenössischen Metaphysikskepsis gegenüber dem objektiven bzw. transsubjektiven Sinnbegriff mitgearbeitet haben, sprechen in diesem Zusammenhang vom selbstkonstruierten „Projekt“, das sich jemand eine Weile lang zu eigen macht. Dieses Projekt hat aber Gültigkeit und subjektive Bedeutung nur in dem Maße und nur so lange man es sich eben zu eigen macht. Man kann es genauso gut wieder weglegen und damit verliert es auch schon alle Verbindlichkeit bzw. hat diese Verbindlichkeit eigentlich nie besessen – eben, weil von einem konstruierten Sinn prinzipiell nichts Verbindliches ausgeht, da dieser voll und ganz der Beliebigkeit der eigenen Entscheidung, was gerade sinnvoll sei, ausgesetzt ist.
Das deckt sich auch erneut mit der eingangs angesprochenen Unterschätzung der Welt: Sie hat unter diesem Vorzeichen keinen Aufgaben- und Bewährungscharakter; sie ist Spielball und Material unseres jeweiligen „Projekts“. Hier von Sinn zu sprechen ist dann schon sprachlich fragwürdig – von den ethischen und ästhetischen Dimensionen ganz zu schweigen.
Lukas: Zum Wort „Bewährung“ noch ein Hinweis aus der naturwissenschaftlichen Ecke: Der Sinn liegt nicht nur nicht in der Hand des Menschen, sondern überhaupt nicht in der Hand der lebendigen Natur. Denn aus der Evolutionstheorie wissen wir, dass sich alles Leben nach den Prinzipien der Mutation und Selektion entwickelt hat. Aber aufgepasst! Ein drittes Prinzip schwang immer mit: die Bewährung. Bevölkerte zum Beispiel eine mausähnliche Tierart ein beutearmes Territorium, und spross bei einigen dieser Tiere auf Grund genetischer Mutationen plötzlich ein Ansatz von Krallen hervor, dann konnte es sein, dass sich die Krallen bewährten. Mit ihrer Hilfe konnten die Tiere Bäume erklettern, auf denen sie reichlich Nahrung fanden. Trat nun die Selektion auf den Plan und wählte die Krallenbesitzer fürs Überleben aus, während ihre Artgenossen verhungerten und ausstarben, dann folgte die Selektion keiner Willkür, sondern einem allwaltenden Logos, demzufolge es sich in der Situation dieser Tiere eben „bewährt hatte“ („sinnvoll war“), mit Krallen ausgestattet zu sein. Demnach lautet das Dreier- (und nicht Zweier)gespann des sich entfaltenden Lebens: Mutation (= Angebot an Möglichkeiten) – Bewährung (= Feststellung der sinnvollsten Möglichkeiten) – Selektion (= Begünstigung und Umsetzung dieser sinnvollsten Möglichkeiten).
Wenn also schon der gewaltige Antriebsmotor der gesamten lebendigen (und vielleicht auch analog der unbelebten?) Natur einem Sinnprinzip folgt, das sie sich nicht „irgendwie“ aussuchen kann, wie anmaßend muss dann ein kleines Menschlein entgleisen, sich für den „Herrn und Gebieter über den Sinn“ zu halten?
In der logotherapeutischen Theorie und Praxis unterscheiden wir zwischen dem „großen“ (umfassenden) Sinn und dem „kleinen“ Sinn des Augenblicks, wobei selbstverständlich kein „Bruch“ zwischen beiden besteht. Meine Schüler liebten die Metapher von mir, wonach der Sinn des Augenblicks einem Lichtstrahl gleicht, der zwischen den Lamellen einer abgesenkten Jalousie auf den Boden eines Zimmers fällt. Der gelbe Fleck, den er dort aufblitzen lässt, kommt nicht aus dem Nichts, sondern ist „angebunden“ an die unvorstellbar weit entfernte Sonne, die ihre Strahlen aussendet. Diese Sonne steht in der Metapher für den großen, umfassenden Sinn, den wir nicht schauen können, weil wir bei seinem Anblick erblinden würden. Den kleinen Lichtstrahl im abgedunkelten Raum jedoch können wir erspähen. Was aber nicht Sinn des Augenblicks ist, weil es jeglicher Anbindung gebricht, wäre ein gelber Farbklecks, den wir mit einem Pinsel auf den Zimmerboden hinmalen. Er wäre das subjektive Surrogat eines objektiven Lichtstrahls, den zu erspähen wir verfehlt haben.
Frankl, der sich der Philosophie genauso wie den Naturwissenschaften zugeneigt fühlte, war weise, diese Unterscheidung zwischen dem „großen“ und dem „kleinen“ Sinn zu treffen. Der „große“, nicht fassbare Sinn steht nicht minder außerhalb menschlichen Zugriffs wie unsere Sonne am Firmament. Am (metaphysischen) Firmament leuchten nebst Logos noch weitere „Sonnen“: Ethos, Veritas, Pax, Misericordia, Agape, Ästhetik und wie sie alle heißen mögen; jene großen Werte, die nach Frankl zu einer höchsten Wertperson konvergieren. Auch die Justitia sendet von dort ihre Strahlen aus, wie eine Debatte im österreichischen Parlament ins Bewusstsein vieler Menschen gerufen hat. Es ging um die Frage, ob die Politik dem Recht oder das Recht der Politik zu folgen habe. Filtert man die Frage aus dem Geflecht parteipolitischer Polemik heraus, zeigt sie – wie bereits angedeutet – etwas Interessantes auf, nämlich dass auch „das Recht“ bzw. „die Gerechtigkeit“ transsubjektiv sind und nur gesucht und in redlicher Annäherung gefunden werden können, nicht aber mit dem Pinsel der Macht in irgendwelche willkürlich beschlossenen Gesetze hingekleckst werden können.
Bereits Kinder empfinden in den Untiefen ihres geistigen Schlummers, was gerecht ist und was nicht. Sind etwa fünf Kinder zum Spiel eingeladen, und wird eine Tafel Schokolade an vier dieser Kinder verteilt, wohingegen das fünfte Kind unberücksichtigt bleibt, regt sich etwas in der Schar. Ein Lichtstrahl von Justitia fällt durch die Jalousie in ihre Seelen – und würde ein Erwachsener behaupten, das Geschenk an diese vier Kinder sei völlig in Ordnung, bliebe dennoch ein Unbehagen in den Kindern zurück, und dies nicht nur im fünften Kind, sondern in allen! Dasselbe Unbehagen regt sich in Völkern, deren Führer vermeinen, sich herrschaftlich über „das Recht“ stellen zu dürfen, was nichts Neues unter der Sonne ist, aber noch nie erbauliche Früchte getragen hat.
Ich stimme Ihnen völlig zu, dass eine Unterschätzung des vorfindlichen Wertehimmels äußerst problematisch ist. Sie ähnelt fast dem veralteten geozentrischen Weltbild mit seinem menschlichen Mittelpunktswahn. Die Folge ist, dass dann frei erfunden werden muss, was gut, schön, wahr oder gerecht ist – ein unlösbares, Chaos stiftendes Unterfangen! Wie problemkalmierend ist es dagegen, sich klarzumachen, dass die großen Werte am Wertehimmel allesamt keine Produkte menschlicher Erfindungsgabe sind, sondern sich uns nur deswegen teiloffenbaren, weil sich in unserer Erkenntnis (zwischen Milliarden Jahre lang „geschlossenen Lamellen“) ein Spalt für sie geöffnet hat. Am einfachsten scheint mir dies anhand der „Wahrheit“ vermittelbar. Wer zweifelt schon daran, dass „Wahres“ nur entdeckbar und nicht konfabulierbar ist? Am schwierigsten scheint es mir anhand von „Schönheit“ vermittelbar. Sofort taucht der Einwand auf, dass die Geschmäcker verschieden sind. Trotzdem ist unser Innerstes auf Schönheit hin angelegt und sträubt sich gegen Hässlichkeit, und dies im wilden Auf und Ab aller Kunstepochen. Wenn wir folglich Standards entwickeln wollen, an denen wir uns festhalten können, wie etwa die Menschenrechte, demokratische Strukturen, Sittenkodices u. Ä., dann ist es der Versuch, von erspürten Werten abzuschreiben, was konsensfähig ist, weil es eine Mehrheit im Menschengeschlecht gibt, die Ähnliches erspürt.
Wer ein solches Weltbild vertritt, das große, vorfindliche Werte inkludiert, wer also den Aufbau unserer Welt nicht unterschätzt, tut sich mit der Alltagssinnerfahrung leichter.
Wechseln wir jetzt in diesen Alltag hinüber. Wahrscheinlich ist es uns deshalb so suspekt, den Sinn des Augenblicks als transsubjektiv zu erachten, weil er dermaßen flexibel ist. Sein Lichtstrahl tänzelt geradezu beschwingt über den Boden unseres Lebensraumes, nirgends verweilend, immer dynamisch, zwischendurch kurz wegflackernd, dann wieder hell auflodernd. Da dünkt uns der fix hingemalte gelbe Farbfleck bequemer und stetiger, und manchmal vereint er sich ja auch für eine Weile mit dem objektiven Sinn.
Sehen wir uns ein Beispiel aus den Wintertagen an. Jemand erachtet Schifahren als sinnvoll. Das kollidiert nicht mit den einfallenden Lichtstrahlen des Logos. Sport ist gesund. Bewegung in frischer Luft ist ein idealer Ausgleich zu sitzenden Berufen. Es bereitet dem Fortgeschrittenen Lust, über die Pisten zu sausen. Dabei kann er innerlich von sämtlichen Sorgen und Bedrängnissen abschalten und psychisch auftanken. Ha, der (subjektive) gelbe Fleck sitzt für ihn am richtigen Platz, und der (objektive) Lichtstrahl gießt seinen Glanz darüber.
Aber plötzlich gleitet der Sinn des Augenblicks hinweg, und der gelbe Fleck verliert an Glanz. Nein, diese Piste ist wegen Lawinengefahr gesperrt – hier und jetzt (ad situationem) ist es nicht sinnvoll, Schi zu fahren! Nein, diese Abfahrt ist für untrainierte Knie zu steil – für dich (ad personam) ist es nicht sinnvoll, in sie einzubiegen. Bedenke: Wenn du verunglückst, gefährdest du auch eventuelle Rettungstrupps, die dich bergen müssen. Du reduzierst eigene Chancen, setzt ein falsches Vorbild, überschattest das Glück deiner Familie. Sinnvoll ist nur, was für alle Beteiligten gut ist … Lässt sich daraus der Schluss ziehen, dass hohes Sinnerleben beim Schifahren ein Risiko darstellt? Natürlich nicht. Geringes Horchen auf den Sinn des Augenblicks ist riskant, und das mit oder ohne Schivergnügen.
6. SELBSTÜBERSCHÄTZUNG UND DAS WOHLTUENDE MASS DER WIRKLICHKEIT
Batthyány: Wenn man sich dieses Beispiel ansieht, dann scheint es, als hingen Selbstüberschätzung und Sinnfrage in sogar noch viel unmittelbarer Weise zusammen, als ich das vorgeschlagen habe …
Lukas: Gestatten Sie mir, ein paar Informationen zum Phänomen der menschlichen Selbstüberschätzung anzufügen. In der Psychologie ist dieses Phänomen (auch unter dem Begriff „Überlegenheitsillusion“) ausführlich untersucht worden. Als Erste hat Ola Svenson von der Universität Stockholm 1981 nachgewiesen, dass eine überwältigende Mehrheit von schwedischen und amerikanischen Autofahrern davon überzeugt ist, gewandter und geschickter zu fahren als der Durchschnittsautofahrer (was sich rein statistisch nicht rechnet).41 Inzwischen ist gesichert, dass Polizisten, Zeugen, Lehrer, Handwerker, Studierende etc. ihre Fähigkeiten, anfallende Aufgaben ordentlich erfüllen zu können, gründlich überschätzen. Der in der Zeitschrift „Nature“ 201142 veröffentlichte Satz der beiden Sozialwissenschaftler Dominic Johnson von der Universität Edinburgh und James Fowler von der University of California: „Menschen weisen zahlreiche psychologische Wahrnehmungsverzerrungen auf, aber zu den hartnäckigsten, stärksten und am weitesten verbreiteten gehört die Selbstüberschätzung“ ist das Endergebnis einer ganzen Serie von Experimenten43.
Nun ist Selbstüberschätzung weder für Tier noch für Mensch überlebensfreundlich. Ein Panther, der sich bei einem Sprung über eine Schlucht überschätzt, stürzt ab. Ein Mensch, der sein Reaktionsvermögen im Straßenverkehr überschätzt, landet im Graben. Ein Mensch, der seine Rückzahlungskapazität bei Aufnahme eines hohen Kredits überschätzt, gerät ebenfalls in Kalamitäten. Es fragt sich, warum die Evolution nach ihrem bewährten Ausleseprinzip nicht längst alle Individuen mit Überlegenheitsillusionen durch Scheitern-Lassen ausgemerzt und damit aus dem Genpool herausgenommen hat? Offenbar gibt es trotz der Gefahren versteckte Vorteile der Selbstüberschätzung, zumindest bei uns Menschen. Vielleicht ist es so, dass wir ohne ein Mindestmaß an Illusionen viele Unternehmungen gar nicht starten würden. Vielleicht beginnen Hunderte junger Leute ein Studium zu einem Zeitpunkt, da es ihnen noch an Konzentration und Lernausdauer dafür mangelt – und doch wachsen etliche von ihnen im Laufe der Semester in ihr Fachgebiet hinein. Vielleicht gründen viele verliebte Menschen eine Familie zu einem Zeitpunkt, da sie noch zu unreif sind, um Berufs-, Ehe- und Elternpflichten ausgewogen zu kombinieren – und doch schaffen schließlich die meisten von ihnen diese komplexe Herausforderung. Ich selber, die ich nie eine Vorlesung in Pädagogik besucht habe, hätte wahrscheinlich ohne eine gehörige Portion Selbstüberschätzung kein Institut zu leiten gewagt, das mich zu kontinuierlichem Dozieren nötigte. Selbstüberschätzung scheint im besten Fall ein Wachstumsmotor und im schlechtesten Fall ein Versagensgrund zu sein.
Wenn das stimmt, braucht es ein Regulativ, das die anfeuernde Kraft der Selbstüberschätzung nicht ausbläst, aber ihre Waghalsigkeit einbremst. Ich könnte mir vorstellen, dass exakt unser „Wille zum Sinn“ solches leistet. Das Element „Wille“ entzündet sich am „Gewollten“ (Frankl) und eilt mit Begeisterung zukunftsweisenden Projekten entgegen. Das Element „Sinn“ aber kontrolliert deren Leitplanken und stellt sich als Mahner und Wächter in den Weg, sobald der Pfad brüchig und das Vorhaben abgründig wird (siehe Schifahrbeispiel). Freilich: Nur ein „Gegenüber zur Person“, ein objektiver Sinn, ist dazu imstande. Ein subjektiv ausgedachter Sinn wäre gleichsam ein Handlanger der Person, wäre ein Vasall ihres Willens und hätte ihrem unbedachten Vorpreschen nichts entgegenzusetzen.
Logotherapeutisch kann man das seltsame Phänomen der Selbstüberschätzung auf dreifacher Dimensionsebene betrachten. Auf der körperlichen Ebene liefert unser Gehirn – sofern keine Störung vorliegt – ein leicht positiv getöntes Grundgefühl, wie man heute weiß. Das heißt, wir fühlen uns (bei allen Schwankungen) normativ eine Spur wohler, als es der Realität entspricht. Auf der psychischen Ebene halten wir uns in überwiegendem Maße für ein wenig tüchtiger und gescheiter, als wir realiter sind. Beides miteinander fördert ungeahnte Entwicklungsschübe, aber auch dramatische Entwicklungseinbrüche. Ob es zu dem einen oder anderen kommt, wird auf geistiger Ebene entschieden. Schwappt die Überlegenheitsillusion auch in diesen Bereich über, indem sich der Mensch zum Macher des Sinns – zum „Farbkleckser“ – erkört, büßt er jegliches Regulativ ein. Das rächt sich, wovon genug traurige Geschichten künden. Macht er sich hingegen auf die Suche nach dem „einfallenden Lichtstrahl“, dann wird er sich auch bei überschäumendem Optimismus noch dahin entwickeln, wohin er sich entwickeln soll.
Wir haben die Wahl. Die Jalousie ist nicht komplett geschlossen.
Obwohl die Forscher also eine frappierende Mehrheit von „Selbstüberschätzern“ in der Bevölkerung enttarnt haben, gibt es (neben „Richtigeinschätzern“, die hoffentlich ebenfalls vorhanden sind!) die Gruppe der „Selbstunterschätzer“. Mit dieser Gruppe haben wir es bei der psychotherapeutischen Arbeit zu tun. Es sind die armen, geknickten Kerle, die sich nichts zutrauen, zumindest nichts Gutes. Es sind Personen mit Minderwertigkeitsgefühlen, denen irgendwer eingeredet hat, dass sie nichts taugen, und die es prompt glauben. Es sind Enttäuschte und Verbitterte, chronische Pessimisten oder zynische Skeptiker. Obwohl Sie die These aufgestellt haben, dass die Selbstüberschätzung des postmodernen Menschen mit dessen Unterschätzung der Wertewelt zusammenhängt, möchte ich doch einwenden, dass die individuellen Selbst-, Welt- und sogar Gottesbilder sich fast immer decken. Das heißt, wer sich selbst unterschätzt, neigt dazu, auch andere und anderes zu unterschätzen. Gemäß den Worten, die Friedrich Nietzsche seinem „Zarathustra“ in den Mund gelegt hat: „Also gab dem Hungrigen das Meer einen Stein“ – in Analogie: „Also gab Gott den Sinnhungrigen eine sinnleere Welt“ – halten sich Selbstunterschätzer für unfähig, etwas wirklich Sinnvolles zustande zu bringen. Ob das nun an ihnen liegt, weil sie sich zu keinem sinnvollen Leben aufraffen können (man habe sie nicht gelehrt, Fische aus dem Meer zu fangen), oder ob das daran liegt, dass dem Leben grundsätzlich kein Sinn innewohnt (es gäbe bloß Steine im Meer), schwankt. Generell ist es die vermeintliche Minderwertigkeit, die eigene und/oder die ringsum vorhandene, die den „Willen zum Sinn“ verebben lässt.
30Brown, K. W. & Ryan, R. M. (2003). The benefits of being present: mindfulness and its role in psychological well-being. In: Journal of Personality and Social Psychology, 84 (4); Khoury, B., Lecomte, T., Fortin, G., Masse, M., Therien, P., Bouchard, V. … & Hofmann, S. G. (2013). Mindfulness-based therapy: a comprehensive meta-analysis. In: Clinical Psychology Review, 33 (6), 763–771; Grossman, P., Niemann, L., Schmidt, S. & Walach, H. (2004). Mindfulness-based stress reduction and health benefits: A meta-analysis. In: Journal of Psychosomatic Research, 57 (1), 35–43
31Mills, E. (2004). Cultivation of moral concern in Theravada Buddhism: Toward a theory of the relation between tranquility and insight. In: Journal of Buddhist Ethics, 11, 21–45
32Es ist eine erwiesene Tatsache, dass die Freude an Gütern mit dem Zuwachs an Gütern sinkt und mit der Spärlichkeit von Gütern steigt.
33Aus: Schnell, T. (2016). Psychologie des Lebenssinns. Berlin: Springer, 166
34Vgl. Frankl, V. E. (1992). Der unbewusste Gott. Psychotherapie und Religion. München: dtv (7. Auflage), 72f.
35Frankl, V. E. (1987). Logotherapie und Existenzanalyse. Texte aus fünf Jahrzehnten. München: Piper, 113
36Frankl. Der unbewusste Gott, s. Anm. 34, 41
37Leser, die an dieser Debatte interessiert sind und eine freiheitspositive Deutung der aktuellen Befunde zu Hirnforschung und Willensfreiheit suchen, seien verwiesen auf: Batthyány, A. (2017). Gehirn und Handlung. Anmerkungen zum Bereitschaftspotential. Heidelberg: Universitätsverlag Winter; Hasler, F. (2012). Neuromythologie. Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung. Bielefeld: Transcript-Verlag
38Spaemann, R. (1996). Personen: Versuche über den Unterschied zwischen „etwas“ und „jemand“. Stuttgart: Klett-Cotta, 234
39Kinnier, R. T., Kernes, J. L. & Dautheribes, T. M. (2000). A short list of universal moral values. In: Counseling and Values, 45 (1), 4–16; Sachdeva, S., Singh, P. & Medin, D. (2011). Culture and the quest for universal principles in moral reasoning. In: International Journal of Psychology, 46 (3), 161–176
40Siehe hierzu etwa: Brink, D. O. (1989). Moral Realism and the Foundations of Ethics. Cambridge: Cambridge University Press; Robinson, D. N. (1980). Psychology and Law: Can Justice Survive the Social Sciences? New York: Oxford University Press; Robinson, D. N. (2009). Praise and Blame: Moral Realism and its Applications (Vol. 54). Princeton: Princeton University Press; Finlay, S. (2007). Four faces of moral realism. In: Philosophy Compass, 2 (6), 820–849; Rottschaefer, W. A. (1999). Moral learning and moral realism: How empirical psychology illuminates issues in moral ontology. In: Behavior and Philosophy, 19–49
41Svenson, O. (1981). Are we all less risky and more skillful than our fellow drivers? In: Acta Psychologica, 47 (2), 143–148
42Johnson, D. D. & Fowler, J. H. (2011). The evolution of overconfidence. In: Nature, 477 (7364), 317
43Vgl. Shaw, J. (2016). Das trügerische Gedächtnis. Wie unser Gehirn Erinnerungen fälscht. München: Wilhelm Heyne, 159ff.
IV. WEGE ZUR SINNFINDUNG
1. HEILSAMES LESEN: BIBLIOTHERAPIE HEUTE
Batthyány: Sie zitierten eben Nietzsche, dem die Logotherapie u. a. ein von Frankl oft verwendetes Zitat – „Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie“ – verdankt. Um nun einen kleinen thematischen Sprung zu wagen, aber beim geschriebenen Wort und seinem Verhältnis zu sinnfördernden und realistischen Zugängen zur Welt zu bleiben: Frankl selbst war, wenn man sich die überfüllten Bücherregale seiner Bibliothek in seiner Wiener Wohnung in der Mariannengasse anschaut, nicht nur ein profilierter Autor, sondern auch selbst ein vielseitig interessierter Leser – übrigens nicht nur von einschlägiger Fachliteratur, sondern auch von Belletristik und Lyrik.
Vor allem in den frühen Jahren nach seiner Befreiung aus dem KZ und der Rückkehr nach Wien gingen Literaten wie Ingeborg Bachmann, Hans Weigel, Ilse Aichinger, Arthur Miller etc. im Haushalt der Frankls ein und aus.44 Die Mariannengasse – obwohl in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch nicht einmal richtig möbliert und beheizt – war ein Treffpunkt vieler derjenigen Intellektuellen und Dichter, die damals ans Werk gingen, wie Frankl es formulierte, „geistige Wiederaufbauarbeit“ zu leisten.
Und zu der von Adorno (rhetorisch) gestellten Frage, ob Dichtung nach Auschwitz überhaupt noch möglich sei, antwortete Frankl einmal in einem Radiointerview, Dichtung sei nach Auschwitz nicht nur noch möglich, sondern sie sei sogar nötiger denn je, um dem Menschen Inhalte zu vermitteln, die ihn vor einem erneuten Abgleiten in Zivilisationseinbrüche bewahren könnten. Jahrzehnte später sprach Frankl dann öfters vom „Buch als Therapeutikum“45:
Wenn vom Buch als Therapeutikum gesprochen wird, so geschieht dies durchaus im klinischen Ernst. Nimmt doch die sogenannte Bibliotherapie bereits seit Jahrzehnten im Rahmen der Neurosenbehandlung einen legitimen Platz ein. Dem Patienten wird jeweils die Lektüre bestimmter Bücher – und zwar keineswegs nur die von Sachbüchern – empfohlen. […] Die Möglichkeit, das Buch therapeutisch einzusetzen, geht weit über das Pathologische hinaus. So vermag das Buch etwa in existentiellen Krisen – von denen ja niemand verschont bleibt – einfach Wunder zu wirken. Das rechte Buch zur rechten Zeit hat viele Menschen vor dem Selbstmord bewahrt, und davon wissen wir Psychiater sehr wohl ein Lied zu singen. In diesem Sinne leistet das Buch echte Lebenshilfe.46
Und jüngere Arbeiten vor allem von Stefan Schulenberg, einem logotherapeutisch arbeitenden und forschenden Psychologen an der University of Mississippi, weisen auf die Bedeutung des Films als einsichtsförderndes Medium für eine mittlerweile etwas weniger lesegewohnte jüngere Generation hin.47
Auch Sie selbst nahmen in Ihren Veröffentlichungen und Vorträgen bisweilen Bezug auf die Bibliotherapie – also das Erkenntnis stimulierende, aktivierende und hilfreiche Lesen etwa von Weisheitsgeschichten, die Inhalte und Einsichten transportieren, die man rein intellektuell oder kognitiv bisweilen gar nicht so leicht direkt vermitteln kann. Das greift auf eine uralte Tradition zurück, die Geschichte und Geschichten als Weg der lebensnahen Vermittlung von Weisheit, aber auch als Therapeutikum nutzt.
Lukas: Nun, die Bibliotherapie ist meines Erachtens ein Auslaufmodell. Ich habe noch eine Zeit erlebt, in der die Kinder (sehr zum Ärger ihrer Eltern) mit einer Taschenlampe unter der Bettdecke Indianergeschichten und Mädchenromane gelesen haben. Eine Zeit, in der sie Klavier oder Blockflöte spielen lernten, Reime in Poesiealben schrieben, sich mit Gesellschaftsspielen unterhielten, sonntags wandern gingen und später die Tanzschule besuchten. Nicht dass ich dieser Idylle nachtrauern würde, ich will nur sagen, dass diese abendländische Kultur einer Götterdämmerung gleich zu Ende geht. Die „digital natives“ haben andere Sorgen und andere Sehnsüchte. Sie beschränken ihren Lesehorizont auf Kurznachrichten, laden sich musikalische Berieselung aus dem Internet herunter und sitzen viel mehr als sich zu bewegen. Aber ich will das gar nicht bedauern, denn der epochale Wandel, in dem wir uns gegenwärtig befinden, verlangt eben andere Skills.
Auf die Gefahr hin, das Thema zu verfehlen, möchte ich doch darauf hinweisen, dass sich die Welt von morgen erheblich von der Welt von gestern unterscheiden wird. Deswegen werden lehrreiche Texte und Gedichte, ja sogar Filme aus der Welt von gestern nicht mehr nahtlos passen. Die Fähigkeiten, die sich die Jugendlichen von heute im Wechselbad zwischen Fortschritt und Fehlschritt gerade erarbeiten, werden in ausgedehntem Maße nötig sein, um auf die neuen Gegebenheiten reagieren zu können.
Dank der umfassenden internationalen Vernetzung müssen die nächsten Generationen imstande sein, blitzschnelle soziale Kontakte kreuz und quer zu knüpfen, zu pflegen und auf Ehrlichkeit und Fairness hin abzuschätzen. Eine riesige Herausforderung! Aber auch ein riesiges Begegnungsforum für verschiedene Kulturen, für einen Austausch von Ansichten und für das Entdecken von Gemeinsamkeiten – für das Herauskristallisieren des spezifisch Humanen in Frankl’scher Diktion.
Ferner müssen sie die Beherrschung und Handhabung von unglaublich leistungsstarken und intelligenten Maschinen trainieren – eine noch viel gigantischere Herausforderung! Schon schaudert es einem vor Waffensystemen aus Killerrobotern, die im Kriegsfall selbständig entscheiden können, welche Feindesgruppen sie als Nächstes auslöschen werden. Aber Technik hat immer auch das „zweite Gesicht“: Perfekt ausgerüstete Drohnen könnten z. B. bei Flutkatastrophen Verunglückte aus dem Schlamm ziehen oder Hilfsgüter überbringen, ohne sich um Wassermassen, geborstene Brücken und verschwundene Straßen zu scheren.
Schlussendlich werden sich die nächsten Generationen angesichts steigender Machbarkeit bei gleichzeitiger Absenkung jeglicher Vorhersagbarkeit mit Horrorentscheidungen herumschlagen müssen, von denen die Menschheit bislang verschont geblieben ist. Soll man mit menschlichen Chromosomen experimentieren, darf man ins Erbgut eingreifen? Soll man künstliche Organismen schaffen, darf man Gehirne manipulieren? Auch sind viele der dräuenden Gefahren auf unserem Planeten wahrscheinlich nur noch über einen massiven Eingriff ins Naturgeschehen abzuwenden, etwa durch künstliche Wetterlenkung, mechanische Luftsäuberung oder chemische Nahrungsproduktion, aber welche unabsehbaren Risiken sind damit verbunden? Das werden die Fragen der Zukunft sein, und dazu findet man keine Antworten in den Lehrbüchern der Vergangenheit.
Oder doch? Na ja, eine Klammer zwischen Gewesenem und Künftigem gibt es wohl schon. Das Thema der Sinnhaftigkeit und Verantwortlichkeit menschlichen Tuns und menschlicher Unterlassungen wird sich in alle Dilemmata mit hineinmischen. Und es wird sich immer sprachlicher Formen bedienen. Vielleicht wird sich die „Bibliotherapie“ der Zukunft in aufrüttelnden Nachrichtenüberblicken verbergen, in authentischen Berichten Betroffener, in Informationen über Heldentaten, in Petitionen kleiner Leute mit großen Herzen. Vielleicht werden berührende Appelle an das Gewissen im Menschen nicht ungehört verhallen. Ich könnte mir vorstellen, dass eines Tages so etwas wie ein ethisches Navigationsgerät in den elektronischen Begleitern der nächsten Generationen installiert werden wird, das mitten in der Ambiguität gegenläufiger Tendenzen und Strebungen unbeirrt vom Guten und Wahren und Schönen kündet.
Wenn man an das Geistige im Menschen glaubt, lässt man die Hoffnung nicht fahren. Was man aber sicherlich aufgeben muss, ist das Vorhaben, in einer Lesemuffel-Gesellschaft das Buch als Therapeutikum einzusetzen.
Batthyány: … und wir beide sitzen hier und arbeiten an einem Buch! Ich hoffe jedenfalls, dass das Buch nicht so schnell ausgedient haben wird, und die Einsichten, die durch die Lektüre von Büchern vermittelt werden, auch sinnvolle Hinweise geben können auf die Herausforderungen einer sich ändernden Lebenswelt. Kant etwa schrieb ja in einer vollkommen anderen Lebenswelt; dennoch sind seine Gedanken zur Aufklärung und kritischen Vernunft noch immer für viele wertvolle Leitlinien für Individuum und Gesellschaft. Zudem: Wenn Einzelne das Lesen alleine nicht mehr oder immer weniger beherzigen, so hat es zumindest in Gruppen eine einende Funktion. Darauf wies ja auch Frankl hin:
Ich kenne Briefe, die auf dem Sterbebett geschrieben wurden, und andere, die aus dem Kerker geschmuggelt wurden, und in all diesen Briefen wird rührend zum Ausdruck gebracht, wie viel irgendein Buch, ja auch nur ein einzelner Satz, gerade in einer solchen Situation äußerer Abgeschlossenheit und innerer Aufgeschlossenheit bedeuten konnte.
Solche therapeutischen Effekte lassen sich noch potenzieren, wo immer sich eine ganze Gruppe zusammentut und zusammenfindet, um irgendwelche Bücher gemeinsam zu studieren beziehungsweise durchzustudieren. Ich verfüge etwa über Protokolle, aus denen hervorgeht, wie sich unter den Häftlingen des Staatsgefängnisses in Florida eine Studiengruppe ganz spontan herauskristallisierte und wie therapeutisch sich dann die Gruppenlektüre auswirkte.48
Zufällig kenne ich aus meiner Arbeit an Frankls privatem Nachlass die zahlreichen Briefe dieser Gefängnislesegruppe (Logo 7) – bewegende Zeugnisse innerer Wandlung, die unter anderem auch dadurch zustande kam, dass sich die Häftlinge regelmäßig die Zeit nahmen, gemeinsam einen sinn- und einsichtsfördernden Text durchzulesen und darüber zu sprechen. Wenige wissen übrigens, wie sehr Frankl diese Gruppe unterstützt und aus der Ferne begleitet hat; er nahm sogar eigens Tonbänder für diese Gruppe auf, die er regelmäßig ins Staatsgefängnis nach Florida schickte.
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