Kitabı oku: «Albert, der Volksmusik-Migrant oder Die Marketing-Gesellschaft»

Yazı tipi:

Alexander Falk

Albert, der Volksmusik-Migrant

oder

Die Marketing-Gesellschaft

Vielen Dank an Ideengeber wie Christian Bluhm, Alexandra Kröll, Thomas Kleimann und Wolfgang Dietz.

Das vorangestellte Zitat ist der folgenden Quelle entnommen: Ulrich Brieler, Der neoliberale Charakter, in: Freitag 48/2005.

In postmoderner Spiel- und Unart enthält der Text weitere, nicht belegte, zitierte Stellen.

Das Lied »Du« schrieben Christian Bluhm und Alexander Falk.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen in diesem Buch wären rein zufällig, sind vom Autor nicht beabsichtigt und im Zweifelsfall einzig dem Sujet geschuldet.

»Albert, der Volksmusik-Migrant oder Die Marketing-Gesellschaft«

© 2015 Alexander Falk

Verleger: A. Falk, 63679 Schotten

E-Mail: a_falk (at) web.de

1. Auflage März 2015

Durchgesehene Auflage März 2019

Immer ist das Subjekt unterwegs, ohne jemals anzukommen, ein lebenslanger Arbeitseinsatz. (…)

Der neoliberale Charakter meldet seine Dringlichkeit da an, wo die hochtechnologische Produktionsweise einen Menschentypus fordert, der die eigene Verwertung autonom organisiert. Der Kern dieser Subjektivität ist die Selbst-Fixierung als Ware. Man soll es selbst tun, und es geht ums ganze Selbst. War vor nicht so langer Zeit die Behauptung: »Der Kerl verkauft sich ja!« ein Vorwurf erster Güte, so fragt man heute: »Warum verkaufst Du Dich nicht richtig?« Der Wettlauf zur Warenförmigkeit ist das erklärte Programm des neoliberalen Charakters. (…)

Von überall her erklingt die Aufforderung an den neoliberalen Menschen: Du bist nichts, wenn Du nichts aus Dir machst! Kein Fetzen Leben darf sich der Verwertbarkeit entziehen. (…)

Was das Leben sein soll, wird durch Lifestile-Magazine, Managementknigges und Anleitungen zum Glücklich-Sein diktiert, aber vor allem und allem als Grundlage dienend durch die alltägliche Einreihung ins Unvermeidliche einer käuflichen Existenz. (…)

Der neoliberale Charakter wird uns noch viel Freude bereiten.

Ulrich Brieler, Der neoliberale Charakter

Am Kopierer

Während das Klingelzeichen zum zweiten Mal ertönte und somit den freitagmorgendlichen Unterrichtsbeginn an der Hjalmar-Schacht-Schule signalisierte, beäugte Andreas Meier kritisch abermals das Bedienfeld des neuen Kopierers, dessen an verschiedenen Stellen angebrachten Lämpchen drohend rot leuchteten.

»Papierstau! Schritt 4 von 12: Öffnen Sie die Abdeckplatte D 4 und entfernen Sie das Papier«, stand auf dem Display. Da Meier für die ersten vier Schritte bereits zehn Minuten gebraucht hatte, erschien ihm die Lage zunehmend hoffnungslos. Die neuen Kopierer, für deren Anschaffung sich die Schulleiterin jüngst auf der Gesamtkonferenz ausgiebig beklatschen ließ und deren Benutzung anschließend in einem 20-minütigen »Crash-Kurs« von einem jungen pickligen IT-Fachmann (der sich als ehemaliger Schüler von Meier erwies, den er schon längst vergessen hatte) mit einer 50-seitigen »Power-Point«-Präsentation vorgestellt worden war, stellten leider in ihrer Kompliziertheit offenbar ein Problem für einen erheblichen Teil des Kollegiums dar. Meier hatte dann auch an diesem Morgen den Kopierer im besagten blockierten Zustand vorgefunden, ein anderer Kollege hatte scheinbar schon am gestrigen Tage oder früh am heutigen Morgen die Versuche eingestellt, den Papierstau zu beheben.

In diesem Moment gab ein leises Piepsen dem Politiklehrer zu verstehen, dass er sich neu am Display der Maschine anzumelden habe, da seit einer Minute das Bedienfeld nicht betätigt worden war. Meier ächzte und suchte in seiner Schultasche nach dem gerade in ihr versenkten Zettel, auf dem er sich seine Nummer zum Login aufgeschrieben hatte. Da sich »ein gerne anonym bleibend wollender Kollege« bei der Schulleiterin beschwert hatte, dass die ihm zugewiesene vierstellige Nummer »nicht sicher« sei und er keine Lust habe, am Schluss des Schuljahres »einen Haufen Geld« nachzuzahlen, bekam jedes Mitglied des Kollegiums (mit Ausnahme der Referendare) im Anschluss an ein dreitägiges Kopiermoratorium eine neue zehnstellige Ziffernkombination zugeteilt, die sich Meier partout nicht merken konnte.

Nachdem er schließlich den Zettel gefunden und seine Kennzahl eingegeben hatte, blickte sich Meier hilfesuchend um, allerdings war die einzige Kollegin, welche sich im Raum befand, Manuela Hansen, die in der Nähe der Tür ihr Make-up vor (und während) der ersten Unterrichtsstunde im Spiegel über dem Waschbecken sorgfältig auf Vordermann brachte. Sie zu fragen erübrigte sich von selbst, da sie – wie Meiers bester Freund und Kollege Dieter Wollschick meinte – vermutlich den Kopierer niemals benutzen würde, um nicht in Gefahr zu laufen, ihre langen, an jedem Wochentag anders lackierten, Fingernägel abzubrechen. Wollschick gab sogar zum Besten, er habe gesehen, dass sich Manuela von ihrer Referendarin Klassenarbeiten und Arbeitsblätter kopieren lies, wobei er meinte, dass sie nur die Betreuung als Mentorin für Hermine Hohlingshausen übernommen hätte, um sich solche Arbeiten zu ersparen. Meier hingegen war eher der Überzeugung, dass seine Kollegin, die seit Ende ihres Referendariats vor zwei Jahren alles tat, um »endlich« Oberstudienrätin zu werden, die Mentorenschaft einzig als strategische Ergänzung für ihr »Portfolio« betrachtete: Schließlich hatte sie es geschafft, im vergangenen Jahr geschätzte zwei Dutzend Unterrichtstage auf Fortbildungen zu verbringen, den Vorsitz in der »Ge­sund­heits­gruppe« zu übernehmen sowie jüngst unter großem Getöse und der tätigen Mithilfe ihrer Referendarin den Beauty und Wellness-Ausschuss der HSS zu gründen.

Meier fuhr sich frustriert durch seine graumelierten fast schulterlangen Haare, seufzte und zog abermals die obere Abdeckplatte des Kopiergeräts beiseite, wobei ihm ein nach Toner riechender Schwall warmer Luft entgegenstieg. Immer noch konnte er nirgends ein Blatt Papier entdecken, welches in der Maschine für die Fehlermeldung sorgte.

In diesem Moment öffnete sich die Tür und hektisch eilte Hermine Holingshausen, bewaffnet mit einem »Moderatorenkoffer« sowie einem bunten Stapel A3-Plakate in den Raum. Ihr direkt auf den Fersen war wie immer Meiers eigener Schützling, der Referendar Jonas Hutmann. Dessen zunehmend verzweifelten Versuche, Hermine zu Diensten zu sein, sorgten bei Meier, Wollschick und einigen weiteren Kollegen für ständige Belustigung.

Hermine warf sich scharf herum, wobei ihre langen blonden Haare dem beflissenen Jonas fast ins Gesicht schlugen und drückte ihrem Mit-Referendar den mitgeschleppten Berg von Unterrichtsmaterial in die Hände. Ihre Mentorin zuckte derweil mit keiner Miene und zog weiter gewissenhaft mit dem Eyeliner ihre Augenbrauen nach.

»Oh je, Andreas, brauchst du etwa noch länger am Kopierer?« fragte Hermine mit ihrer etwas piepsigen Stimme. Bei diesen Worten rückte sie nahe an Meier heran, so dass dieser den Duft ihres dezent-verführerischen Parfüms wahrnahm.

»Äh, das weiß ich nicht. Das Ding ist mal wieder gestört«, meinte Meier.

»Ach, vielleicht kann ja Jonas mal einen Blick darauf werfen?« gab Hermine von sich.

Hutmann drängte sich aufgrund dieses Stichworts sofort beflissen an Hermine heran, gab seinem Mentor die Materialien und ging auf die Knie, um einen besseren Blick in die unteren Bereiche des Kopierers zu erhaschen. In sich hineingrinsend dachte Meier, dass Jonas Hutmann dabei auch Hermines nackten Beinen – sie trug einen kurzen Rock – bis auf circa zehn Zentimeter nahekam, was wohl einen erfreulichen Nebeneffekt für den Referendar darstellte.

Fieberhaft begann Hutmann an dem Kopierer herumzuhantieren und an verschiedenen Rollen zu drehen, ohne dass sich der Zustand irgendwie änderte.

»Mh, ich kann hier wirklich nichts finden«, hörte Meier Hutmann schließlich von unten herauf murmeln. Lauter fügte er hinzu: »Aber so schnell gebe ich nicht auf.«

Meier suchte währenddessen im Raum einen Platz für das Unterrichtsmaterial von Hermine und hatte sich endgültig damit abgefunden, ohne die Kopien mit gehöriger Verspätung seinen Unterricht zu bestreiten. In diesem Moment wurde die Tür abermals mit einem Ruck aufgerissen: Henrietta-Sophia von Ahlen betrat resolut, die Anwesenden abschätzig betrachtend, den Raum.

»Na, Andreas, hast du mal wieder den Kopierer kaputt gemacht?« fuhr sie ihn unverzüglich an.

Meier und von Ahlen waren einander durch ihre tiefe persönliche Abneigung verbunden. Der Politikfachleiter hatte jüngst unter anderem verhindert, dass seine Kollegin, für die von ihr gegründete Gender AG der HSS, 30 Exemplare des »Klassikers« Das kontrasexuelle Manifest von Beatriz Preciado zu Lasten des Fachs Politik bestellen konnte. Prompt hatte von Ahlen das Werk daraufhin von der Elternspende anschaffen lassen.

Die Gender AG war vielen männlichen Kollegen ein Dorn im Auge, allerdings traute sich so gut wie niemand, offen dagegen Stellung zu beziehen. Von Ahlen hatte die Arbeitsgemeinschaft unter dem Beifall der Schulleitung, des Schulamtes und der dortigen Gleichstellungsbeauftragten vor gut einem Jahr gegründet. Ein großer überregionaler Zeitungsartikel rundete den Coup von Ahlens ab und ihre Beförderung zur Oberstudienrätin erfolgte postwendend. Meier hingegen, der sich seit fast 20 Jahren im Schuldienst abmühte, war immer noch Studienrat.

Ein weiterer Punkt, der ihn gegen seine Kollegin einnahm, war die Tatsache, dass diese die Fakultas für das Fach Politik zuerkannt bekommen hatte, obwohl sie im Studium neben dem Abschluss im Hauptfach Ernährungswissenschaften nur einen Bachelor of arts für Gender studies erlangt hatte.

»Nein, Henrietta-Sophia, den Kopierer habe ich schon so vorgefunden. Es muss dementsprechend ein Kollege gewesen sein, der ihn so hinterlassen hat«, beeilte sich Meier anzumerken. Er hatte den Satz kaum beendet, als er auch schon von der Oberstudienrätin zurechtgewiesen wurde:

»Das muss heißen: ›Es muss eine Kollegin oder ein Kollege gewesen sein, die oder der den Kopierer so hinterlassen hat‹«, verbesserte von Ahlen den Politiklehrer. »Selbst wenn es vermutlich ein männliches Teil des Kollegiums war, kannst du nicht sicher sein und somit muss ich dich wieder einmal bitten, eine diskriminierende Sprache zu unterlassen. Ich habe es ja schon einmal deutlich gemacht, dass ich es besonders von dir als Repräsentant für das Fach Politik erwarte, dass du ein wenig Fingerspitzengefühl beweist und das sexistische generische Maskulinum meidest.«

Meier grinste fast unmerklich in sich hinein, da von Ahlen in ihrer gegenderten Rede die Bezeichnung »männliches Teil« verwendet hatte, wohl um die noch schlimmere Bezeichnung »Mitglied« zu umgehen. Er vermied es, eine direkte Antwort zu geben und legte Hermines Materialienstapel auf den Boden neben den Stahlschrank mit Schülerakten. Währenddessen drängte seine Kollegin den Referendar beiseite, drückte unten an eine der Papier führenden Rollen und zog ein Blatt zerknittertes Papier heraus. Sie musterte dieses kurz aufmerksam, um herauszubekommen, wer für den Papierstau verantwortlich war und steckte es dann wortlos in ihre Tasche.

Jonas Hutmann sah inzwischen beschämt, dass die Warnleuchten an dem Kopierer erloschen und dieser scheinbar wieder funktionsfähig war. Zu allem Überfluss bedankte sich Hermine nun auch noch bei von Ahlen für ihren Einsatz, während er mit tonerverschmiertem Hemd danebenstand.

»Darf ich zuerst, Andreas?« fragte Hermine Meier mit einem Augenaufschlag. »Es ist echt dringend, ich habe in der dritten Stunde einen Unterrichtsbesuch.«

Meier nickte nur, fröstelnd unter dem gestrengen Blick von Ahlens. Manuela Hansen hatte inzwischen offenbar den Raum verlassen, denn als Meier sich an diese wenden wollte, war der Platz am Waschbecken verwaist.

Hermine legte inzwischen einen Stapel clipartverzierter Arbeitsblätter und Reflexionsbögen in den Einzug des Kopierers und drückte die grüne Taste. Zu ihrer Überraschung geschah allerdings erst einmal nichts.

»Huch, Frau von Ahlen, der Kopierer geht immer noch nicht! Oh je, was wird nur aus meinem UB?« sagte sie mit leicht panischem Ausdruck in der Stimme.

Bevor von Ahlen antworten konnte, sah Jonas Hutmann seine Chance, den Fauxpas von eben wieder gutzumachen. Er berührte Hermine leicht an der Schulter, schob sie sanft ein wenig nach links und stellte sich vor das Display.

»Schau mal, Hermine, das ist nur die Warnmeldung, die jetzt immer ausgegeben wird, bevor du drucken kannst.«

»Welche Warnmeldung denn?« fragte die Referendarin verwundert.

»Sie sollten regelmäßig Ihre dienstlichen E-Mails lesen«, mischte sich von Ahlen ein. »Frau Schindler hat an diesem Wochenende alle Kolleginnen und Kollegen darauf hingewiesen, dass aufgrund des hohen Kopieraufkommens in Zukunft vor dem Drucken drei Hinweise erfolgen werden …«

Sie schob abermals den armen Jonas Hutmann zur Seite und begab sich an das Display.

»… wobei der erste Hinweis, wie Sie hier sehen können, lautet: ›Handelt es sich bei der geplanten Kopie um einen dienstlichen Inhalt?‹ Hiermit bestätigen Sie, dass Sie keine Privatkopie tätigen. Ich erinnere nur an die humorlosen Kopien des Kollegen Wallmann, der niveaulose Karikaturen zur Belustigung seiner Tischkollegen im Lehrerzimmer vervielfältigt hat.«

Von Ahlen machte eine Pause und betrachtete kurz die zuoberst liegende Kopiervorlage.

»Frau Hohlingshausen! Hier in der vierten Zeile schreiben Sie: ›Erörtern Sie die Problematik mit Ihrem Tisch­nachbarn.‹ Dies muss – wie Sie wissen sollten – heißen: ›Erörtern Sie die Problematik mit Ihrer Tischnachbarin oder Ihrem Tischnachbarn.‹ Ich kann mir nicht vorstellen, dass mensch im Studienseminar eine solche diskriminierende Sprache duldet. Korrigieren Sie dies umgehend! Wer ist eigentlich Ihre Ausbilderin oder Ihr Ausbilder?«

Hermine wurde ganz bleich und stammelte:

»Frau Gering.«

Sie nahm den Stapel Kopien schnell wieder an sich.

»Ich verbessere das sofort, Frau von Ahlen. Es wird nicht wieder vorkommen.«

Sie hatte die Worte kaum gesagt, als sie auch schon fast aus der Tür war. Zurück blieb konsterniert Jonas Hutmann, welcher kurz darauf Hermines auf dem Boden liegenden Stapel aufraffte und die Verfolgung der Blondine aufnahm.

Henrietta-Sophia von Ahlen blickte kurz Andreas Meier an und murmelte etwas davon, dass sich die Referendarin noch nicht einmal am Kopierer abgemeldet habe. Sie nahm sich einen Stapel Klausurpapier aus dem Schrank und ging anschließend ebenfalls von dannen, wobei sie die Tür laut ins Schloss fallen lies.

Meier hingegen, welcher es aufgegeben hatte, sich die Masse an E-Mails seiner Schulleiterin genauer anzusehen und eine große Anzahl einmal die Woche ungelesen direkt löschte, trat an den Kopierer und legte nun doch endlich seine vorbereiteten Blätter hinein. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, dass er bereits zehn Minuten zu spät war. Nach dem Drücken des grünen Knopfes durfte er tatsächlich die von seiner Kollegin zitierte Meldung bewundern. Als er mit einem »Ja« bestätigt hatte, dass ein dienstlicher Inhalt vorlag, gab der Kopierer eine weitere Warnmeldung aus: »Ist der geplante Kopiervorgang wirklich relevant? Bedenken Sie auch alternative Unterrichtsmöglichkeiten.«

Meier drückte kopfschüttelnd abermals auf den Knopf. Die Nachricht wurde umgehend durch eine weitere Frage ersetzt:

»Haben Sie Interesse daran, sich den CO2-Fußabdruck Ihres Kopiervorgangs anzeigen zu lassen? (Bei diesem Service handelt es sich um ein Projekt der Klasse BG11b mit freundlicher Unterstützung Ihrer Stadtwerke.)«

Nach einem angetippten »Nein« und einem darauffolgenden »Ja« auf die Frage »Sind Sie wirklich sicher?« startete der Kopierer letztendlich tatsächlich.

Während Meier mit vor Wut geballten Fäusten vor dem Gerät stand, hörte er, wie sich die Tür wieder öffnete.

»Jetzt bitte nicht noch eine Auseinandersetzung mit der Luger, weil ich noch nicht im Unterricht bin«, dachte Meier. Besagte Kollegin war die Leiterin des Beruflichen Gymnasiums der HSS und sehr darauf bedacht, dass »Unterrichtsausfälle und Verspätungen der Vergangenheit angehören«, wie sie auf der Homepage bezüglich ihrer Schulform verkünden ließ.

Glücklicherweise handelte es sich bei der Person, welche eingetreten war aber nicht um Frau Luger. Der Mann, welcher vor Meier stand, war diesem unbekannt. Der Politiklehrer schätzte das Alter des Ankömmlings auf gut 30 Jahre, er war knapp 1,80 Meter groß, bebrillt, hatte glatte, relative kurze Haare mit Geheimratsecken und war an sich eine absolute Durchschnittserscheinung. Das auffälligste Merkmal stellte dar, dass er einen Anzug trug, eine Tatsache, die an der Schule eine absolute Seltenheit war. Der ehemalige Schulleiter Eichler hatte zwar mehrfach betont, dass er es begrüßen würde, wenn zumindest die Lehrkräfte, welche im kaufmännischen Teil der Schule tätig seien, sich »standesgemäß und angemessen im Anzug beziehungsweise Kostüm kleiden« würden, seine Aufrufe erwiesen sich aber als zwecklos. Nur Manuela Hansen, damals noch Referendarin, erschien postwendend seit dieser Zeit im Kostüm oder Hosenanzug. Nachdem sie allerdings ihre feste Stelle an der Schule innehatte, gab sich dies relativ schnell.

Meier befürchtete schon, dass der vor ihm Stehende Mitglied der Schulinspektion sei, welche – so die immer wieder propagierte Horrorvorstellung der Schulleiterin Schindler – einen unangekündigten Besuch vornahm. Dies hätte Meier in arge Erklärungsnot gebracht, warum er mehr als eine Viertelstunde nach Unterrichtsbeginn immer noch weit entfernt von seinen Schutzbefohlenen war. Glücklicherweise wurde seine Befürchtung sofort zerstreut, denn der Anzugträger sagte:

»Guten Morgen, mein Herr. Zacharias Lewsky mein Name. Ich soll hier vertretungsweise tätig werden und suche den Direktor.«

Meier fiel sofort der leichte ostdeutsche Dialekt des offenbar neuen Kollegen auf. Er nahm seine Kopien und streckte die Hand aus.

»Hallo, ich bin Andreas Meier, ich unterrichte Wirtschaftslehre und Politik. Ich zeige dir, wie du zu Frau Schindler findest.«

Lewsky starrte kurz irritiert auf die dargebotene Hand, schüttelte diese dann gedankenverloren und fragte:

»Frau Schindler? Ist das die Sekretärin des Rektors oder ist hier an einer Berufsschule tatsächlich eine Frau die Chefin?«

Meier grinste über diese Frage und antwortete süffisant:

»So ist es. Frau Schindler ist hier die Chefin und nicht nur das: Unsere ganze Schulleitung besteht aus Frauen, mit Ausnahme des stellvertretenden Schulleiters Einmann.«

»Ach, du liebe Güte. Na, da lobe ich mir die Uni, wo ich eigentlich arbeite.«

Meier blickte Lewsky fragend an. Dieser fuhr fort:

»Na, ich habe nach meinem Master als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Professor Freimann am Lehrstuhl Sales Management angefangen und bin gerade mitten in meiner Promotion, …«

Während Lewsky redete, zückte er sein Smartphone und sah kurz darauf, ohne aber seinen Vortrag zu unterbrechen.

»… da ich sowohl einen Abschluss als Betriebswirt als auch als Wirtschaftspädagoge habe, dachte ich, ein wenig profilbildende Erfahrung im Schuldienst könnte nicht schaden. Man weiß ja nie, wie die Zukunft an der Uni oder in der freien Wirtschaft so aussieht.«

»Ah, ja. Na dann komm mal mit. Ich muss mir nur noch schnell die Finger waschen, das Tonerzeugs ist einfach eklig.«

Lewsky blickte fragend von seinem Smartphone auf, welches er wieder studierte, so dass sich Meier zu einer weiteren Erklärung genötigt sah. Er deutete auf den Kopierer.

»Das Teil hatte mal wieder einen Kopierstau. Fürchterlich!«

Meiers neuer Kollege packte sein Mobiltelefon wieder in die Tasche, besah forschend seine eigenen Hände, schüttelte dann den Kopf und meinte:

»Na ja, so was kann mir nicht passieren. Ich glaube nicht, dass ich dieses Gerät …«, er nickte in Richtung des Kopierers, »… jemals benutzen werde. Kopien sind ja sowas von 90er-mäßig. Die Schüler sollten sich gleich darauf einstellen, mit mir ausschließlich durch Face­book, Whats App oder meine Homepage zu kommunizieren.«

Meier und Lewsky verließen den Raum, wobei Letzterer stets einen halben Meter hinter dem Lehrer blieb und gelegentlich sein Smartphone aus der Tasche zog, um kurz darauf zu sehen.

Nachdem sie ein Stück durch den Korridor gegangen waren, wies der Politik-Fachleiter aus dem Fenster auf das gegenüberliegende Gebäude.

»Dort drüben sitzt die Verwaltung, einfach die Treppe hoch und dann rechts und schon bist du da, wo du hinwillst.«

Lewsky murmelte ein Dankeschön, während Meier ihn noch einmal kurz musterte und sich dann eilig in Richtung seines Klassenraums aufmachte.

Einstellungsgespräch

Zacharias Lewsky musterte aufmerksam das in einem Glaskasten neben dem Eingang zum Sekretariat angebrachte »Organigramm«, welches die Aufgabenverteilung an der Hjalmar-Schacht-Schule veranschaulichte.

Ganz oben in einem deutlich größeren Feld als die darauffolgenden, war die Schulleiterin abgebildet, Oberstudiendirektorin Sabine Schindler. Weiter unten folgten Arnold Einmann, ihr Stellvertreter und die Abteilungsleiterinnen. Für das Berufliche Gymnasium war Ludmilla Luger zuständig, den Bereich Berufsschule – gewerblich verantwortete Marianne Mörser, den kaufmännischen Zweig Gloria Glock. Verwundert stellte Lewsky fest, dass der Inhaber der Position für Qualitätsmanagement und Öffentlichkeitsarbeit nur durch eine Abkürzung, nämlich »N. N.« benannt wurde. Ebenso fehlte ein Bild der Person, was den Marketing-Fachmann die Nase rümpfen lies. Er zückte sein Smartphone, um ein Bild von diesem Sachverhalt festzuhalten.

»Vielleicht kann ich diese Stümperei in meiner Dissertationsschrift als ein weiteres besonders misslungenes Exempel im Zusammenhang mit der Ineffizienz staatlicher Stellen bei der Öffentlichkeitsarbeit verwenden?« fragte sich Lewsky.

Nachdem er das Ganze abfotografiert hatte, betrat er ohne anzuklopfen das Sekretariat.

Eine junge Frau stand mit dem Rücken zur Tür am Fenster und war damit beschäftigt, eine Pflanze undefinierbarer Art mit einer großen Gießkanne zu bewässern. Ein knapp vierzigjähriger Mann mit sorgfältig gekämmten dunklen Haaren und korrektem Seitenscheitel befüllte eine Thermoskanne gerade mit Kaffee. Erschrocken sah er zur Tür, wobei er einen Teil der Flüssigkeit auf seine Hose verschüttete, was er aber scheinbar nicht weiter wahrnahm.

»Huch, wer sind denn Sie? Kommen Sie etwas vom Amt für Qualitätsentwicklung?« erkundigte er sich mit vor Erregung vibrierender Stimme.

Lewsky musterte den Mann mit der Thermoskanne, darüber nachdenkend, ob es sein könnte, dass tatsächlich eine männliche Person als »Sekretärin« an einer Schule arbeitete. Die Frage und die Art, wie sie gestellt wurde, verwunderte ihn noch zusätzlich.

»Guter Mann, Zacharias Lewsky ist mein Name. Nein, ich komme nicht von diesem Amt, wenngleich ich es sehr positiv finde, dass es offenbar eine Stelle gibt, die sich darum kümmert, dass Qualität im Öffentlichen Dienst und insbesondere in Schulen entwickelt wird. Der Name macht ja schon deutlich, dass man erkannt hat, dass hier Handlungsbedarf besteht, sonst würde er ja wohl Amt für Qualitätssicherung benannt sein. Gerne würde ich mehr über Aufgaben, Strukturen und Arbeitsweisen dieser Institution erfahren, vielleicht können wir uns ja bald einmal für ein kurzes Interview zusammensetzen, falls Sie diesbezüglich fachkundig sein sollten?«

Der Mann blickte Lewsky verständnislos an. Währenddessen warf die Frau ein:

»Herr Einmann, das ist Herr Lewsky, Sie wissen doch, er hat heute um acht Uhr dreißig einen Termin bei Frau Schindler.«

Einmann atmete erleichtert auf.

»Oh je, genau. Entschuldigung, dass ich Ihren Namen nicht gleich zuordnen konnte. Sie sehen doch tatsächlich aus wie jemand von der Schulinspektion.«

Nachdem er noch einmal tief durchgeatmet hatte, verschraubte er sorgfältig den Deckel der Kanne und streckte Lewsky die Hand entgegen.

»Mein Name ist Arnold Einmann, ich bin seit kurzem der Stellvertreter von Frau Schindler.«

Lewsky schüttelte die Hand Einmanns und stellte missbilligend fest, dass der Oberstudienrat einen extrem schlaffen Händedruck hatte.

»Kein Problem, Herr Einmann. Das kann ja einmal vorkommen. Ich bin sicher, dass Sie meinen Namen nie mehr vergessen werden.«

Er schaute nun die immer noch mit der Gießkanne bewaffnete junge Frau an.

»Und wer sind Sie, gute Frau?«

Diese zog irritiert aufgrund der Ausdrucksweise von Lewsky eine Augenbraue ein wenig in die Höhe und antwortete:

»Ich bin Mona Lewandowsky und für das Sekretariat an dieser Schule zuständig.«

Lewsky rückte mit einem schnellen Schritt an sie heran, schüttelte ihre Hand und verbeugte sich leicht.

»Es freut mich, Sie kennenzulernen. Sicher komme ich nachher noch einmal bei Ihnen vorbei.«

»Äh, ja, dann bis dahin.«

»Ich freue mich darauf«, säuselte Lewsky. Nachdem er die Hand Lewandowskys noch einmal gedrückt hatte, wandte er sich dem stellvertretenden Schulleiter zu.

»Erwartet mich Frau Schindler bereits? Ich bin ja ein wenig früh dran. Aber ich sage immer: ›Fünf Minuten vor der Zeit, nennt man im Marketing Pünktlichkeit.‹«

Einmann wies in Richtung einer Tür im Hintergrund.

»Sie wird Sie sicher jetzt schon empfangen. Ich bringe Sie gerne hin.«

Lewsky folgte Einmann und sie gelangten in einen langen Flur. Auf beiden Seiten hatten die Schulleitungsmitglieder ihre Büros, die allesamt verschlossen waren, bis auf die mächtige Holztür am Ende des Ganges.

Einmann bat Lewsky, auf einem Stuhl auf der rechten Seite Platz zu nehmen.

»Einen Moment bitte, ich melde Sie an.«

Während Einmann in dem Raum verschwand und die Tür hinter sich anlehnte, setzte sich Lewsky und blickte auf die Wand gegenüber, die mit verschiedenen gerahmten großformatigen Fotografien geschmückt war. Eine zeigte eine Frau um die fünfzig, welche einem unansehnlichen Mann im Anzug die Hand schüttelte. Lewsky las unter dem Bild die Beschriftung »Oberstudiendirektorin Sabine Schindler beim Neujahresempfang des Ministerpräsidenten«. Daneben hing ein Bild, das festhielt, wie Schindler ihre Ernennungsurkunde zur Schulleiterin durch den Kultusminister persönlich überreicht wurde.

»Das soll die Schulleiterin sein«, dachte Lewsky verwundert. »Aufgrund der Optik hätte diese Frau in meiner Partei wohl keine Chance auf ein Spitzenamt …«

Durch die halboffene Tür hörte Lewsky, dass eine raue Frauenstimme jemanden heftig beschimpfte.

»Das sage ich Ihnen jetzt zum letzten Mal: Wenn Sie meinen, damit durchzukommen, dann schicke ich Sie zum Amtsarzt und schiebe gleich noch eine fette Disziplinarmaßnahme hinterher!«

Kurze Zeit herrschte Ruhe, Lewsky verstand, dass er Frau Schindler vernommen hatte, die wohl telefonierte. Diese hob wieder an:

»Das ist mir doch egal, was Herr Einmann Ihnen zugesichert hat: Die Chefin bin ich! Entweder Sie sind am Montag wieder dienstfähig oder ich mache Ihnen den Rest Ihrer Lebensarbeitszeit zur Hölle! … Gedroht? Wann habe ich Ihnen denn gedroht? Das habe ich nie gemacht. Haben Sie dafür einen glaubwürdigen Zeugen?«

Schindler verstummte, kurz darauf kicherte sie laut.

»Na also … Gut, ich gehe dann davon aus, dass wir uns am Montag sehen. Bis dann.«

Ein Telefonhörer wurde heftig auf die Gabel geknallt.

»Das war Kollege Murr. Diesem Mistkerl habe ich mal die Meinung gesagt. Wenn das die Runde macht, dass man sich krankschreiben lässt, nur weil einem der Stundenplan nicht passt, dann können wir den Laden gleich dichtmachen … Stellen Sie den Kaffee da hin.«

Lewsky hörte ein Flüstern, Verursacher war vermutlich Einmann.

»Ja natürlich, er soll reinkommen.«

Einmanns Kopf erschien in der Tür.

»Herr Lewsky, Frau Schindler lässt bitten.«

Lewsky stand auf, schloss sein Jackett und folgte Einmann in das Büro. Die Lewsky durch die Bilder bereits hinlänglich bekannte Frau Schindler saß hinter einem großen Schreibtisch aus Teakholz.

»Guten Morgen, Herr Lewsky, kommen Sie nur ran.«

Nachdem Lewsky bis zum Schreibtisch vorgetreten war und ein »Guten Morgen, meine Dame« gemurmelt hatte, wies die Schulleiterin ihm mit der Hand einen Stuhl ihr gegenüber zu. Während Lewsky wieder sein Jackett öffnete und Platz nahm, blickte Einmann ein wenig ratlos seine Vorgesetzte an.

»Äh, Frau Schindler, darf ich dann gehen?«

»Natürlich dürfen Sie!« antwortete die Schulleiterin in ihrer resoluten Art. Mit der Hand, die eben noch Lewsky den Platz angewiesen hatte, winkte sie ihren Stellvertreter aus dem Raum. Dieser entfernte sich flugs und schloss behutsam die Tür hinter sich. Schindler musterte Lewsky einige Sekunden lang, ohne ein Wort zu sagen. Diesem fiel auf, dass hinter Schindler dieselben Bilder angebracht waren wie auf dem Flur. Er überlegte gerade, ob er nicht einen Blick auf sein Smartphone werfen sollte, als die Direktorin schließlich die Stille brach.

»Gut, kommen wir doch gleich zur Sache: Mein guter Freund Professor Freimann hat mir Sie als Vertretungslehrer empfohlen und war so nett, mir auch gleich Ihre Bewerbungsunterlagen zukommen zu lassen. Sind Sie an der Uni nicht voll ausgelastet oder warum interessiert Sie das Unterrichten an einer Schule? Das müsste doch eigentlich unter Ihrem Niveau sein?«

Lewsky setzte ein gewinnendes Lächeln auf und sagte:

»Vielleicht ist das Niveau hier nicht so hoch, wie in meinen Lehrveranstaltungen an der Universität. Allerdings gibt es verschiedene Gründe, warum ich diesen Schritt einmal wagen will: Erstens denke ich, dass ich so einmal schauen kann, ob meine Entscheidung, eine universitäre Karriere anzustreben, richtig war. Fast alle meiner Wirtschaftspädagogik-Komlitonen haben sich nach dem Abschluss entschieden, in den Schuldienst zu gehen. Das erscheint mir zwar nur verständlich, wenn man das Leistungsvermögen dieser Personen – damit meine ich auch intellektueller Art – und ihren kaum vorhandenen Willen, sich in der freien Wirtschaft durchzusetzen, bedenkt. Lassen Sie mich an dieser Stelle anmerken, dass ich nicht umhinkam, gerade Ihr Telefongespräch auf dem Flur mitzubekommen. Hier bestätigt sich ja mein diesbezüglicher damaliger wie heutiger Verdacht, dass sich eine erhebliche Anzahl von Minderleistern im Öffentlichen Dienst, insbesondere aber in einer Schule, tummelt. Ich meine: Gut, man verdient ja auch nicht so viel. Was hat denn so ein Studienrat? Vielleicht drei vier netto? Nun ja, das ist natürlich kein wirklicher monetärer Leistungsanreiz. Dann noch nicht vorhandener Leistungsdruck, aufgrund eines fehlenden funktionierenden Wettbewerbs: Da dürfen die überall sichtbaren inferioren Ergebnisse wahrlich nicht verwundern. Wirkliche High Potentials gehen nun mal normalerweise – wie viele Studien und auch meine persönliche Erfahrung belegen – nicht in den Schuldienst. Hier bietet sich die freie Wirtschaft an oder für die Feingeister und damit wären wir bei meinem Zweitens die universitäre Forschung und Lehre …«

Frau Schindler wollte Lewsky unterbrechen, dieser sprach aber ununterbrochen weiter, so dass die Oberstudiendirektorin weiter den Redenden wortlos anstarrte.

»… denn hier kann man die nächste Generation von Leistungsträgern erziehen, Low Potentials aussortieren und durch entsprechende wissenschaftliche Publikationen wahrlich den Lauf der Dinge verändern. Die besten Ideen setzen sich durch, wie der große Friedrich August von Hayek so wunderbar beschrieb und auch ich betrachte mich nur als ein kleines wissenschaftliches Rädchen, welches an der ›spontanen Ordnung‹ mitwirkt. Erschreckenderweise werde ich wohl für meine hiesige – aus meiner Sicht durchaus inferiore – Tätigkeit mehr Geld erhalten, als an der Universität. Nun könnte man meinen, das wäre für mich ein Grund an der Schule zu lehren, aber weit gefehlt, …«

Lewsky machte eine Kunstpause, die Schindler aber nicht nutzte, um etwas zu sagen.

»… denn mein wahres Drittens ist das Folgende: Ich möchte die Zeit an Ihrer Schule auch dazu nutzen, die Arbeit an meiner Dissertation voranzubringen. Ich denke, dass sich die Beschäftigung im hiesigen Sujät wirklich befruchtend darauf auswirken wird.«

»Gut, danke, Herr Lewsky. Damit haben Sie ja sehr schön Verschiedenes aufgezeigt. Ihrer Verpflichtung steht auch nichts mehr im Wege, die Zustimmung des Personalrates ist wie immer nur noch obligatorisch. Ich hätte aber noch einige Fragen an Sie, vielleicht berichten Sie mir zunächst einfach noch einmal kurz über Ihren Werdegang.«

»Aber gerne doch. Ich bin gelernter Bankkaufmann und habe danach einen Master sowohl in BWL als auch in Wirtschaftspädagogik gemacht. Im Rahmen des letzteren Studiums habe ich als Zweitfach Politik belegt, was ich aber als nicht besonders lehrreich empfand. Mein Schwerpunkt und Herzensanliegen ist seit jeher das Marketing, seit drei Jahren arbeite ich nun für Professor Freimann in diesem Bereich und meine Dissertation werde ich wohl nächstes Jahr fertigstellen. Als Ästät finde ich, dass Marketing die Welt schöner macht und als Wissenschaftler, dass es die Kernwissenschaft der Betriebswirtschaftslehre und unserer modernen Gesellschaft ist.«

»Gut, aber erzählen Sie doch bitte mal etwas Persönliches, da war Ihr schriftlicher Lebenslauf nicht besonders aussagekräftig.«

»Ach so, na ja: Meine Hobbys sind Tai-Chi und Jogging. Außerdem verehre ich Dieter Bohlen und Modern Talking. Ich finde, dass die Musik der Gruppe einen veridablen Höhepunkt der Musikgeschichte darstellt und der Sänger ein wahrer Fachmann des Marketings ist, immerhin hat er auch Wirtschaft studiert. Politisch stehe ich, wenn man es so nennen will, den Freien Demokraten nahe, bei denen ich auch Mitglied bin, wenngleich ich gestehen muss, dass ich schon lange nicht mehr bei Ortsverbandssitzungen dabei bin, praktische Politik ist fürchterlich weltfremd, wie übrigens auch das Studium an der Universität, welches in den anderen Fachbereichen fast ausschließlich von linken Gutmenschen zu unverständlichen Themen betrieben wird. Allerdings habe ich durch die Partei sehr interessante Persönlichkeiten kennengelernt, unter anderem und das dürfte Sie nicht weiter verwundern, Professor Freimann. Wollen Sie noch irgendetwas wissen?«

»Ich gehe also davon aus, dass Sie Unterrichtserfahrung sowohl durch Ihr Studium als Wirtschaftspädagoge als auch durch Ihre Tätigkeit an der Uni haben?«

»Aber selbstverständlich! Ich lehre doch im Rahmen meines Vertrages an der Universität zwei Veranstaltungen die Woche.«

»Sehr schön. Obwohl Unterrichtserfahrung ja sowieso oftmals überschätzt wird. Sie glauben nicht, was für Lehrkräfte ich schon aus der Not heraus rekrutieren musste … Aber – und das dürfte Sie als Ökonomen interessieren – das spart im Zweifelsfall dem Staat eine Menge Geld.«

Die Direktorin setzte ein kleines Lächeln auf und sah Lewsky verschmitzt an.

»Gut, ich komme nun direkt zu Ihrem Unterrichtseinsatz und einer wichtigen sehr persönlichen Bitte an Sie, da ich gleich noch einen Termin habe: Eine unserer Referendarinnen hat einen Unterrichtsbesuch, das möchte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.«

»Nur zu, nur zu …«, nickte Lewsky.

»Ihren Stundenplan habe ich hier …«

Schindler öffnete eine Mappe, blätterte darin und gab Lewsky schließlich ein grünes Blatt Papier, welches in einem Fach zusammen mit anderen Dokumenten aufbewahrt gewesen war.

»Es wird Sie freuen zu hören, dass Sie nur an zwei Tagen hier sein müssen und es wird offenbar keine Konflikte mit Ihrer Tätigkeit an der Uni geben. Herr Freimann hat mir mitgeteilt, dass er die ersten drei Tagen in der Woche nicht auf Sie verzichten kann, so dass Sie nun also am Donnerstag und am Freitag hier sein werden. Sie übernehmen die Stunden von Frau Windler, welche wohl, so wie es aussieht, längerfristig ausfällt und die – wie es der Zufall so will – ebenfalls nur an diesen beiden Tagen hier an der Schule war. Sie hat eine Halbtagsstelle, also zwölf Wochenstunden und wir hatten ihr einen extrem guten Stundenplan gemacht, da Sie aus persönlichen Gründen nicht länger als zwei Tage die Woche arbeiten kann. Eingesetzt ist sie in den Schulformen Berufliches Gymnasium und insbesondere in der Höheren Handelsschule. Sie, Herr Lewsky, werden donnerstags die HH11a zwei Stunden in Politik und vier Stunden in Wirtschaftslehre unterrichten. Am Freitag beginnen Sie mit zwei Stunden Rechnungswesen in derselben Klasse, danach stehen noch vier Stunden Wirtschaftslehre in der BG11a an.«

Schindler machte eine kurze Pause, musterte Lewsky über ihren Brillenrand hinweg und fragte dann:

»Wissen Sie, was das Wesen dieser beiden Schulformen ist, mit welcher Art von jungen Menschen Sie zu tun bekommen werden?«

Lewsky war ein wenig abwesend, dachte er doch über die skandalöse Zwei-Tage-Woche von Frau Windler nach. So etwas konnten sich seines Erachtens nur Leute erlauben, die ihr ganzes Leben »im Staat gearbeitet oder vom Staat gelebt haben«. Trotzdem antwortete er zügig:

»Na ja, das ist ja wohl allseits bekannt: Im Beruflichen Gymnasium haben wir es mit angehenden Abiturienten zu tun und in der Höheren Handelsschule mit denen, die so was nicht schaffen würden und es nicht einmal fertiggebracht haben, eine Lehrstelle zu finden.«

»Mh, gut. Das mit der HH ist vielleicht ein wenig verkürzt aber was soll es«, Schindler blickte kurz zur Uhr, die auf ihrem Schreibtisch stand. »So, wie auch immer. Kommen wir noch zu meiner persönlichen Bitte, die ich ganz im Vertrauen an Sie herantrage.«

Sie machte eine Pause. Lewsky fühle sich bemüßigt, etwas zu sagen:

»Keine Sorge, Frau Schindler. Ich kann schweigen wie ein Grab.«

Schindler lächelte gewinnend und fuhr dann fort:

»Nun gut. Fangen wir einmal bei einfachen Dingen an: Ich lege Ihnen nahe, in verschiedenen Ausschüssen, Gruppen und Arbeitsgemeinschaften hier an der Schule mitzuarbeiten. Dies betrachte ich als selbstverständlich für alle Kolleginnen und Kollegen, selbst wenn sie nur vertretungsweise hier unterrichten. Da Sie ja auch ein, wie Sie sagen, wissenschaftliches Interesse an den Vorgängen in einer Schule haben, sollten Sie hier auch keinen Fall zurückstehen.«

Lewsky nickte zustimmend.

»Ich werde schauen, was sich da so einrichten lässt.«

»Gut, kommen wir zu einem etwas heikleren Thema. Ich spreche es nur an, weil ich in unserem Gespräch und auch durch meine Unterhaltung mit meinem guten Freund Professor Freimann zu der Auffassung gelangt bin, dass Sie für mein Anliegen Verständnis haben werden: Ich bin verantwortlich für eine Schule, an der – Stand heute – 80 Kolleginnen und Kollegen arbeiten. Leider ist die Arbeitsauffassung von vielen dieser Mitarbeiter nicht die allerbeste. Ich will hier nicht ins Detail gehen, Sie haben ja dankenswerterweise vorhin selbst auf generelle Probleme im Öffentlichen Dienst hingewiesen. Ich sage Ihnen nun: In Wirklichkeit ist das alles noch viel schlimmer! Wäre die Schule ein Wirtschaftsbetrieb, dann hätten wir den Laden schon lange dichtmachen müssen …«

Die Direktorin ließ ihre Worte kurz wirken, Lewsky nickte abermals und schaute sie erwartungsvoll an.

»Ähm, gut, also das Folgende verlässt auf keinen Fall diesen Raum …«

»Keine Sorge, Frau Schindler.«

»Gut, ich habe hier …«, sie griff in die unterste Schublade ihres Schreibtisches, »… eine Namensliste erstellt, auf der Kolleginnen und Kollegen verzeichnet sind, die – nun wie soll ich es ausdrücken – nun ja, eine, wie es mir scheint, äußerst fragwürdige Dienstauffassung haben oder die ich zumindest verdächtige, eine solche insgeheim an den Tag zu legen.«

Sie machte wiederum eine Kunstpause und fuhr dann, Lewsky weiterhin scharf anblickend, fort.

»Würden Sie sich bereit erklären, einen kurzen Blick auf diese Namen zu werfen, sie sich einzuprägen und mir bei Gelegenheit Bericht zu erstatten, falls diese oder andere Subjekte auffällig werden? Sie müssen verstehen, als Direktorin bekomme ich vieles einfach nicht mit und ich möchte die Schule nur als Dienstleistungsbetrieb für unsere Kunden, die Schülerinnen und Schüler, optimieren.«

Sie verstummte. Lewsky antwortete umgehend.

»Aber sicher doch, Frau Schindler. Ich betrachte eine solche Aufgabe als selbstverständlich! Ich wäre auch ohne diesen Auftrag zu Ihnen gekommen, wenn mir Effizienzmängel oder Unprofessionalität offenbar geworden wären. Nun weiß ich nur nicht, ob mich eine solche Namensliste nicht voreingenommen machen würde? Ich bin also ganz auf Ihrer Seite, sozusagen ein echter Überzeugungstäter für Ihre Sache, aber ob Sie mir diese Namen zeigen wollen, sollten Sie noch einmal überdenken.«

Frau Schindler setzte ein breites Lächeln auf.

»Gut, in diesem Falle, denke ich, dass das Vorlegen der Liste erst einmal nicht nötig ist. Kommen Sie aber bitte nach den Osterferien noch einmal vorbei und wir überlegen dann gemeinsam, ob Sie nicht doch Einblick erhalten möchten. Sobald Sie Auffälligkeiten feststellen, bitte ich Sie aber, mich umgehend zu informieren.«

»Selbstverständlich!«

»Das freut mich, es gab schon Personen, die redeten in diesem Zusammenhang irgendetwas von einer Intrige!«

»Aber nein, Sachen gibt es!«

Die Schulleiterin stand abrupt auf und begleitete Lewsky bis zur Tür ihres Büros. Bevor sie diese öffnete, hielt sie kurz inne, kicherte und meinte:

»Nun ja, dann mal ›Willkommen in der Welt der Intrige!‹ Und …«, sie gab ein gepresstes Lachen von sich. »… an der HSS. Wegen eines Schlüssels für die Klassenräume fragen Sie im Sekretariat nach.«

Schindler öffnete die Tür und schüttelte Lewskys Hand. Dieser hatte aber noch etwas vorzubringen:

»Das mache ich, Frau Schindler. Auch wenn Sie in Eile sind, lassen Sie mich bitte noch Folgendes anmerken: Mir ist aufgefallen, dass die Position Öffentlichkeitsarbeit an ihrer Schule laut ›Organigramm‹ mit einer Person besetzt ist, welche weder ein Bild zur Verfügung gestellt hat, noch den vollen Namen. Als Marketing-Experte möchte ich dies als Pfaupah bezeichnen. Gerade dieser Kollege müsste doch wissen, dass dies ein absolutes No-Go ist. Wenn Sie erlauben, dann würde ich mit der Person gerne einmal ein diesbezügliches Gespräch führen. Wenn Sie an Ihrer Schule schon einmal einen promovierenden Sales-Experten verpflichten, dann fühlt der sich auch verpflichtet, Ihnen mit Rat und Tat beiseite zu stehen …«

Schindler legt den Kopf leicht schief und wedelte mit der linken Hand, um Lewskys Redefluss einzudämmen.

»Herr Lewsky, einen Moment bitte: Welchen Kollegen oder welche Kollegin meinen Sie denn, wenn Sie von dem Inhaber dieser Stelle sprechen?«

Lewsky sah die Schulleiterin einen Moment lang verblüfft an, äußerst verwundert, dass sie eine solche Frage stellte.

»Na, die Person, welche sich hinter der Abkürzung ›N. N.‹ verbirgt. Ich habe ja nichts gegen Datenschutz, wenngleich ich ihn – im Gegensatz übrigens zur Mehrheit der Mitglieder meiner Partei – für ein Relikt aus dem vergangenen Jahrtausend halte, aber das ist dann doch ein wenig to much.«

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