Kitabı oku: «Frag los!»





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Lektorat: Hauke Burgarth, Pohlheim
DTP: Breklumer Print-Service, www.breklumer-print-service.com
Verwendete Schrift: FF Scala, Scala Sans
Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck
Printed in Germany
ISBN 978-3-7615- 6762-3 Print
ISBN 978-3-7615- 6763-0 E-Book
www.neukirchener-verlage.de
Contents
Vorwort
Einleitung
Glauben und Denken
Einwand 1:
Beweise erst mal, dass es Gott gibt. Wenn du das geschafft hast, höre ich zu.
Einwand 2:
Wenn Gott will, dass wir an ihn glauben, warum zeigt er sich nicht einfach?
Einwand 3:
Glaube an Gott ist nichts als Wunschdenken.
Einwand 4:
Glaube ist nicht rational, sondern eine Frage der Sozialisation.
Einwand 5:
Die Menschheit hat sich Tausende Götter ausgedacht und an fast keinen davon glauben Christen. Atheisten gehen nur einen Schritt weiter …
Glaube und Wissenschaft
Einwand 6:
Wer an Wunder glaubt, macht sich der Naivität schuldig.
Einwand 7:
Die riesige Größe des größtenteils lebensfeindlichen Universums spricht gegen die Existenz Gottes.
Einwand 8:
Die Wissenschaft macht Gott unnötig und zeigt, dass er in Wahrheit ein Lückenbüßer für Unerklärtes ist.
Einwand 9:
Der biblische Schöpfungsbericht und wissenschaftliche Erkenntnisse (Urknall, Evolution) schließen einander aus.
Einwand 10:
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die „Erfolge“ von Gebet einer ganz normalen Wahrscheinlichkeit unterliegen.
Fragen zu Gott
Einwand 11:
Gott als Schöpfer erklärt nichts. Die nächste Frage ist: Wer erschuf Gott?
Einwand 12:
Kann Gott einen so schweren Stein erschaffen, dass er ihn selbst nicht heben kann? In jedem Fall ist er nicht allmächtig.
Einwand 13:
Der grausame Gott des Alten Testaments ist nicht derselbe wie der liebende des Neuen.
Fragen zu Gottes Charakter
Einwand 14:
Wie kann Gott Kriege, ja sogar das Auslöschen ganzer Nationen befehlen?
Einwand 15:
Wie kann man einen Gott anbeten, der Menschen mit der Hölle erpresst und zeitliche Vergehen mit ewiger Qual und Folter bestraft?
Einwand 16:
Wie kann man einen Gott anbeten, der seinen eigenen Sohn opfert?
Einwand 17:
Wie kann Gott gerecht sein, wenn er den Menschen so unterschiedliche Startbedingungen gibt?
Einwand 18:
Warum erschafft Gott die Menschen, von denen er weiß, dass sie in der Hölle landen werden?
Fragen zu Jesus
Einwand 19:
Jesus hat nie wirklich existiert.
Einwand 20:
Die Geschichten über Jesus könnten großteils ausgedacht sein!
Einwand 21:
Da die Evangelien erst lange nach den beschriebenen Ereignissen geschrieben wurden, können sie keine verlässlichen Quellen sein.
Einwand 22:
Jesus ist bloß eine mythologische Raubkopie.
Einwand 23:
Die Behauptung „Jesus ist von den Toten auferstanden“ benötigt außergewöhnliche Beweise.
Einwand 24:
Es ist unlogisch, dass Jesus gestorben ist, damit wir errettet werden. Ein allmächtiger Gott könnte uns auch einfach so vergeben.
Einwand 25:
Ich will nicht, dass jemand anders für meine Schuld geradesteht.
Fragen zu den biblischen Texten
Einwand 26:
Viele Religionen berufen sich auf heilige Texte. Warum soll ich mich ausgerechnet mit der Bibel beschäftigen?
Einwand 27:
Die Bibel kann nicht stimmen, da sie nicht mit der Existenz der Dinosaurier kompatibel ist.
Einwand 28:
Durch die vielen Abschriften im Laufe der Jahrhunderte hat sich der Inhalt der Bibel verändert.
Einwand 29:
Das heutige Neue Testament ist eine politische Vorgabe Kaiser Konstantins und des von ihm einberufenen Konzils von Nicäa.
Einwand 30:
Kein antikes Buch zu Medizin oder Astronomie wird heute ernst genommen – sollte ich die Bibel anders wahrnehmen?
Einwand 31:
Die Bibel enthält zu viele Widersprüche, um stimmen zu können.
Einwand 32:
Die Evangelien können schon wegen der Wundergeschichten keine historisch zuverlässigen Texte sein.
Einwand 33:
Es ist abstoßend, dass die Bibel Sklaverei gutheißt.
Einwand 34:
Christsein führt letztendlich zu Homophobie.
Fragen zum christlichen Glauben
Einwand 35:
Gibt es „den“ christlichen Glauben überhaupt?
Einwand 36:
Wenn ein rücksichtsloser Christ in den Himmel kommt – ist sein Glaube dann eine „Lizenz zum Sündigen“?
Einwand 37:
Die Aussicht auf die Ewigkeit lenkt von den realen Herausforderungen der Gegenwart ab.
Einwand 38:
Kommt am Ende nicht sowieso jeder in den Himmel?
Einwand 39:
Wie können unterschiedliche Arten von Schuld vor Gott am Ende gleich schwer wiegen?
Einwand 40:
Der biblische Absolutheitsanspruch ist ein Nährboden für Intoleranz und Fanatismus.
Einwand 41:
Der Glaube an Gott gibt jemandem in einer Lebenskrise sicher Halt. Aber warum sollte man an Gott glauben, wenn man im Leben gut klarkommt?
Einwand 42:
Wollen Sie mir sagen, dass meine verstorbene Nachbarin, die immer ein guter Mensch, aber nicht gläubig war, nun in der Hölle ist?
Einwand 43:
Die mythologische Vorstellung einer Hölle ist abwegig und war früher nur ein Mittel, um Angst zu erzeugen und Gehorsam einzufordern.
Einwand 44:
Was geschieht nach dem Tod mit Menschen, die niemals eine reale Chance hatten, den christlichen Glauben kennenzulernen?
Das Leid in der Welt
Einwand 45:
Wie kann man an Gott trotz des ganzen Leids glauben?
Einwand 46:
Warum lässt Gott Leid zu?
Einwand 47:
Schuld an den Nöten dieser Welt sind vor allem Religionen.
Die Vielfalt
Einwand 48:
Alle Religionen haben im Kern die gleichen Gedanken.
Einwand 49:
Die Vielzahl der Religionen spricht gegen die Existenz Gottes.
Einwand 50:
Es gibt so viele unterschiedliche Religionen. Warum soll ausgerechnet der christliche Glaube wahr sein?
Fortsetzung folgt?
Abkürzungsverzeichnis
Literaturverzeichnis
Vorwort
Schade, dass es dieses Buch erst jetzt gibt! Es wäre mir in den vergangenen Jahren häufig ein hilfreicher Begleiter, Ratgeber und wertvolles Nachschlagewerk gewesen – denn ich konnte selbst jahrzehntelang mit dem christlichen Glauben wenig anfangen. Ich war einem Gottesglauben nicht grundsätzlich abgeneigt, aber ich war skeptisch. Für mich als ziemlich rationalen, aber auch neugierigen Menschen wäre „Frag los!“ perfekt gewesen.
Auf Reporterreisen im Jahr 2010 lernte ich viele Christen kennen, die mich beeindruckten und mein Interesse weckten: Woher nehmen diese Menschen ihre Kraft, selbstlos in Katastrophen wie dem verheerenden Erdbeben in Haiti zu helfen? Woher kommt ihre innere Ruhe? Aber es schwang auch oft die Frage mit: Haben sie alle ihren Kopf ausgeschaltet und es sich in einem gläubigen Säuselzustand gemütlich gemacht?
Gott sei Dank konnte ich auf meinem weiteren Weg so viele persönliche Gotteserfahrungen sammeln, dass mein Lebenskniefall vor Jesus fast von selbst passierte. Heute darf ich als christlicher Journalist häufig auf Bühnen und in Texten von meiner Gottesbegeisterung erzählen – und oft hätte ich mir ein Buch wie dieses als kleinen Helfer in meiner Tasche gewünscht, wenn ich mit kritischen Nachfragen nach einem Vortrag oder in Leserbriefen gelöchert wurde.
Das Tolle an diesem Werk ist: Den Autoren gelingt es, dem Leser auf solche Fragen nicht nur ein störrisches „Nein, so ist es nicht“ entgegenzuschleudern, sondern sich tiefer und gleichzeitig erfrischend knackig mit skeptischen Einwänden zu beschäftigen. Sie wollen nicht mit Scheuklappen recht haben und mit dem Vorschlaghammer argumentieren, sondern lassen Skepsis gelten, räumen andere (irdische) Optionen ein und sind auf Augenhöhe mit dem Leser, statt von oben zu predigen. Noch wichtiger für mich als Christen aber ist: Sie führen aus, warum ich hellwach im Kopf sein kann, mündig und vernünftig, warum ich jede Frage stellen darf, warum ich mitten im Leben stehen und mich jeder Diskussion stellen kann – und gleichzeitig tiefgläubiger, ja frommer Christ und Jesus-Anbeter sein kann. Es schließt sich nicht aus.
„Frag los!“ ist Power-Food für den Kopf und das Herz. Für den Skeptiker wie für den Christen. Den einen wird es zum Nachdenken herausfordern, dem anderen wertvolle Diskussionshilfe sein für die Gespräche, die man als Gläubiger unweigerlich zuhauf führt.
Ich bezeichne mich nach wie vor als Glaubens-Grünschnabel. Ich kann felsenfest auf Gott vertrauen und dennoch wieder und wieder innerlich unruhig werden, mir Fragen stellen, von meiner eigenen Unwissenheit überrascht werden. Ich bin mir sicher, dass ich „Frag los!“ auch auf meinem weiteren Weg noch oft zur Hand nehmen werde. Um zu lernen, um mich innerlich zu vergewissern, um es weiterzugeben. Gut, dass es dieses Buch jetzt gibt.
Daniel Böcking, stellvertretender BILD-Chefredakteur
und Buchautor
Einleitung
Schon der Dichter Wilhelm Busch sagte: „Wer in Glaubenssachen den Verstand befragt, kriegt unchristliche Antworten.“1 So darf man natürlich denken. Aber stimmt es auch? Viele würden hier zustimmen und beherzt „Ja!“ sagen: Wenn man das Thema Gott und Glaube mal nicht mit Samthandschuhen anfasst, sondern richtig ins Kreuzverhör nimmt, zeigt sich schnell, aus welchem Holz es geschnitzt ist – aus morschem. Antworten, die in innerchristlichen Kreisen ungeprüft abgenickt werden, fallen krachend in sich zusammen, wenn sie außerhalb der Szene diskutiert werden. Es ist eben genau so, wie die Lyrikerin Lizette W. Reese sagt: „Der alte Glaube zündet Kerzen an in jedem Haus, die harte Wahrheit pustet sie im Vorbeigehen wieder aus.“2
Wir als Autoren dieses Buches nehmen diese Skepsis ernst. Wir wissen, dass man Fragen zum Glauben so und so beantworten kann. Dass es gute und schlechte Antworten gibt. Und auch, dass Christen manchmal den Eindruck erwecken, als würden sie kritischem Nachdenken am liebsten ausweichen wollen. Genau das möchten wir mit diesem Buch nicht. Wir wollen schwierigen Fragen nicht aus dem Weg gehen, sondern vielmehr unseren christlichen Glauben intellektuell redlich vertreten und für Menschen, die nicht viel mit ihm anfangen können, plausibel machen.
Damit das gelingt, vereint dieses Buch ganz unterschiedliche Personen: einen Althistoriker (Dr. Andreas Gerstacker), einen Biophysiker (Dr. Alexander Fink), einen Theologen (Prof. Dr. Matthias Clausen), einen Informatiker (Thomas Giebel) und einen Gymnasiallehrer (Stephan Lange). Einen Gastbeitrag steuert zudem Marc Jost, Generalsekretär der Schweizerischen Evangelischen Allianz, bei. Wir alle sind davon überzeugt, dass der Schriftsteller C. S. Lewis recht hat, wenn er schreibt: „Wenn das Christentum falsch ist, ist es bedeutungslos, und wenn es stimmt, von unendlicher Bedeutsamkeit. Das Einzige, was es nicht sein kann: ein bisschen wichtig.“3
Genau aus diesem Grund haben wir dieses Buch geschrieben. Und wir freuen uns, wenn unsere Antworten dazu beitragen, das eine oder andere Fragezeichen kleiner werden oder ganz verschwinden zu lassen. Aber natürlich auch, wenn sich aus unseren Texten kritische Rückfragen ergeben. Lassen Sie uns das gerne wissen. (Wie, erfahren Sie im letzten Kapitel.) Skepsis ist schließlich nicht nur erlaubt, sondern erwünscht! Es geht uns eben nicht ums schnöde Rechthaben-Wollen, sondern um ein ehrliches Ringen um Wahrheit. Wenn das auch in Ihrem Interesse liegt, lesen Sie dieses Buch gerne mit vollem kritischem Engagement!
Stephan Lange, im Herbst 2020
1 W. Busch (122008): Was beliebt ist auch erlaubt. Wilhelm Busch. Sämtliche Werke II. S. 882.
2 Übersetzt nach L. W. Reese (2017): A Handful of Lavender. S. 25.
3 Übersetzt nach C. S. Lewis (2014): God in the Dock. S. 51.
Glauben und Denken
Einwand 1:
Beweise erst mal, dass es Gott gibt. Wenn du das geschafft hast, höre ich zu.
Auf dieses Anliegen könnte man ganz einfach antworten und sagen: „Weil Gott kein Teil des Universums ist, kann man ihn auch nicht mit naturwissenschaftlichen Mitteln belegen.“ Aber dann könnten Sie zu recht zurückfragen: „Aber warum macht er sich dann nicht für uns belegbar? Wenn es ihn wirklich gibt und er jeden Menschen gerne erreichen möchte, sollte es ihm doch ein Anliegen sein, alle Menschen – gerade die Skeptiker unter uns – zweifelsfrei von sich zu überzeugen. Zum Beispiel mit einem zwingenden Beleg oder einem eindeutigen Beweis. Möglichkeiten für einen allmächtigen Gott gäbe es ja viele: Er könnte sich direkt sichtbar machen oder uns zumindest unmissverständliche Zeichen geben, indem er z. B. Hier ist Jesus. Ja, es gibt mich wirklich! einmal pro Woche in jeder Sprache der Welt groß in den Himmel schreibt. Er könnte dafür sorgen, dass sich nur die Gesundheit kranker Menschen verbessert, für die gebetet wird. Oder ganz andere Wunder vor aller Augen tun. Oder vieles andere.“
Aber wir sehen so etwas nicht. Ein Bekannter sagte mir einmal: „Es bleiben nur folgende Möglichkeiten: a) Es gibt Gott einfach nicht, b) er will der Menschheit seine Existenz nicht zwingend beweisen oder c) er kann es nicht.“ Und er hat recht: Das sind die drei logischen Optionen, vor denen wir letztlich stehen. Als Christ mache ich mich, und das mag sich zunächst seltsam anhören, für Antwort b stark: Ja, es gibt Gott – aber er will uns keine unumstößlichen Belege für sein Dasein geben. Er hat sogar gute Gründe, dies nicht zu tun. Das will ich natürlich erklären.
Gott ist kein Es, sondern ein Jemand – ein Jemand mit Gefühlen, Wünschen und Absichten. Dem sogar etwas fehlen kann, nämlich der Kontakt zu uns Menschen. Gott fehlt etwas, wenn ihn auch nur ein einziger Mensch ablehnt. Und wenn das vorkommt, dann lässt es ihm keine Ruhe und er geht dieser Person nach. Er sieht jeden als unendlich wertvoll an und wünscht sich, mit allen seinen Geschöpfen in einem vertrauensvollen Kontakt zu stehen.4
Vertrauen ist aber eine Überzeugung, die sich weder erzwingen noch beschließen lässt. Zwang trägt immer die Last der Unfreiheit. Echtes Vertrauen kommt nur zustande, wenn ich wirklich frei in meiner Entscheidung bin. Für uns heißt das: Gott könnte uns natürlich zwingende Gründe geben, sodass wir gar nicht anders könnten, als von seiner Existenz auszugehen. Aber meine Motivation, mich Gott zu nähern, wäre dann nicht mehr freiwillig, sondern extern erzwungen.
Denn was wäre, wenn jeder Mensch zu 100 Prozent wüsste, dass er existiert: ein allmächtiger, allwissender, vollkommen gerechter, liebevoller und heiliger Gott. Dieses Wissen würde unser Denken und Handeln nicht nur etwas, sondern massiv beeinflussen. „Nein“, sagen hier manche. „Würde es nicht! Wenn sich Gott eindeutig klar machen würde, könnte ich mich immer noch frei gegen ihn entscheiden.“ Ja, das stimmt! Aber Hand aufs Herz: Wie viele Menschen, die aktuell leben oder je gelebt haben, würden so handeln? Vielleicht gar nicht so wenige, das will ich nicht abstreiten. Trotzdem übertreibe ich sicher nicht, wenn ich sage: Viele würden nicht so rebellisch sein. Sie würden, wenn sie zweifelsfrei wüssten, dass Gott existiert, ihm aus rein praktischer Klugheit gefallen wollen oder zumindest versuchen, nicht in Ungnade bei ihm zu fallen. Eine aufgrund von Berechnung, Sicherheitsdenken und/oder Egoismus gewonnene Haltung hat mit einer vertrauensvollen Beziehung aber wenig zu tun. Genau darauf will Gott jedoch hinaus.
Er liefert uns also keine zweifelsfreien Gründe für seine Existenz, weil er will, dass es aus vollkommen freien Stücken geschieht, wenn wir uns für eine Beziehung mit ihm entscheiden. Wer trotzdem eindeutige Belege fordert, der verlangt von Gott entweder, seinen Wunsch nach einer Beziehung aufzugeben, die auf Freiwilligkeit beruht, oder das logisch Unmögliche. (Denn selbst für Gott ist es nicht möglich, jemanden dazu zu zwingen, etwas freiwillig zu tun.)
Das heißt natürlich nicht, dass es gar keine Gründe für die Existenz Gottes gibt. Es gibt sie. Keine eindeutig zwingenden, wohl aber Argumente, die einer stimmigen Logik folgen und somit zeigen, dass es schlüssig ist, von Gottes Dasein auszugehen.5 Anders formuliert: Man begeht keinen intellektuellen Selbstmord, sondern folgt logisch konsistenten Argumentationen, wenn man z. B. die Tatsache, dass wir Menschen erlebnisfähige und selbstreflexive Ich-Subjekte sind,6 die Geltung der Naturgesetze, die mathematische Verstehbarkeit, Entstehung und Feinabstimmung des Universums oder die Existenz objektiver Moral auf Gott und sein Handeln zurückzuführt.
Ich weiß: Zu solchen Argumenten hat sich im Laufe der Zeit nicht nur unüberlegte, sondern auch ernst zu nehmende Kritik, gesammelt. Aber natürlich auch eine entsprechende Kritik der Kritik, sodass wir schlussendlich – und vor allem dann, wenn wir nicht nur Einzelargumente, sondern den gesamten Argumentrahmen betrachten7 – vor einem starken Plädoyer für die Existenz Gottes im theistischen Verständnis stehen (siehe Einwand 5).
(Stephan Lange)
Einwand 2:
Wenn Gott will, dass wir an ihn glauben, warum zeigt er sich nicht einfach?
Ich greife einmal den Schwung auf, der im letzten Kapitel aufkam: Gott würde sein eigentliches Ziel mit uns Menschen sabotieren, wenn er uns eindeutig zwingende Belege für seine Existenz gäbe. Können wir von Gott aber nicht noch mehr erwarten? Wenn Sie nun sagen: „Ja, vor allem mehr Konkretheit“, bin ich voll bei Ihnen. Denn es stimmt ja: Wenn die Argumente für Gott wirklich so weit tragen, dass man sein Dasein begründet in Betracht ziehen kann, ist das natürlich eine wichtige, aber letztlich noch keine ergiebige Einsicht. Und das sogar in zweierlei Hinsicht:
Zum einen hat Gott selbst kein Interesse daran, dass seine Geschöpfe nur zur bloßen Überzeugung kommen, dass er existiert. Das ist nicht seine Absicht. Zum anderen hilft es uns nicht wirklich weiter. Denn selbst wenn man sagt, dass es plausibel ist, von seinem Dasein auszugehen: Mit welchem Gott hätten wir es dann zu tun? Dem deistischen8, dem muslimischen, dem bahaiischen9 oder vielleicht doch dem christlichen? Wir könnten also von Gott, sofern es ihn gibt und er uns gerne begegnen möchte, erwarten, dass er sich (viel) klarer macht.
Und genau das trifft den Kern – denn Gott hat sich eindeutig gezeigt. Nicht in einem Dogma, einer Ideologie oder Institution und in erster Linie übrigens auch nicht in einem Buch. Sondern in erster Linie in einer Person – der Person Jesus Christus. Gott hat sich anschaulich gemacht, indem er selbst in Jesus Mensch wurde und uns damit ein Angebot macht: „Wer wissen will, wer und wie ich bin, wie ich denke und urteile, der schaue sich Jesus an. In ihm seht ihr mich.“
Aber warum sollte das stimmen? Warum sollte man glauben, dass sich Gott in Jesus zeigt? Ich finde diese Frage deshalb so berechtigt, weil ich sie mir vor elf Jahren auch gestellt habe. Im Rückblick würde ich mir folgende Antwort geben: Weil Jesus genau das von sich sagt, und zwar auf eine Art und Weise, die für mich sehr glaubwürdig ist. Wie meine ich das? Nun, wenn wir uns Jesus und sein Selbstverständnis anschauen, wie es im NT beschrieben wird, dann wird uns jemand vorgestellt, der von sich beansprucht, Gott selbst zu sein. Dieses Selbstbild äußert sich in verschiedenen Kontexten wie im Anspruch Jesu, Sünden vergeben zu können (z. B. Mk 2,5; Lk 7,47; Mt 12,31). Im jüdischen Kontext ist das klar Chefsache – nur Gott allein kann Sünden vergeben.
Jesu Selbstverständnis zeigt sich auch in der Rolle, die er sich im erwarteten Endgericht zuschreibt. An einer Stelle sagt er: „Ich sage euch: Wer sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen.“ (Lk 12,8) Hierzu ist es hilfreich zu wissen, dass der Titel der Menschensohn die häufigste Selbstbezeichnung Jesu ist (über 80-mal). Für seine jüdischen Zeitgenossen lag die Anspielung auf das alttestamentliche Buch Daniel klar auf der Hand: Der Menschensohn steht dort für die Person, die am Ende aller Zeiten ins endzeitliche Richteramt eingesetzt wird, um „auf den Wolken des Himmels kommend“ (Dan 7,13) das Endgericht durchzuführen. Und auch hier ist im jüdischen Kontext klar: „Richter der Endzeit“ kann nur einer sein: Gott allein. Jesus macht also in Lk 12,8f. – aber auch an anderen Stellen (z. B. Lk 7,22f.; Joh 6,35ff.; Mt 25,31ff.) – deutlich, dass das Ergehen der Menschen am Jüngsten Tag von ihrer Haltung ihm gegenüber abhängt. Und auch seine Selbstbetitelung, der Sohn Gottes zu sein, schwächt seinen Gottesanspruch nicht ab. Im Gegenteil: Jesus beansprucht damit nichts Geringeres, als derselben Natur wie Gott zu sein (siehe Einwand 16). Die religiöse Elite seinerzeit verstand dies, und es veranlasste sie dazu, Jesu Tod wegen Blasphemie zu fordern (Joh 19,7).
Das waren natürlich nur einige Passagen, die den Anspruch Jesu zeigen, an Gottes Stelle zu stehen. Was ist davon zu halten? Letztlich stehen wir vor vier Möglichkeiten: a) Es ist falsch, was Jesus sagt, und er weiß das auch – dann ist er ein eiskalter Lügner, b) es ist falsch, was er sagt, er denkt aber, dass es richtig sei – dann leidet er an religiösen Wahnvorstellungen, c) der Gottesanspruch Jesu entspricht der Wahrheit oder d) er hat ihn nie erhoben, es handelt sich dabei um einen Mythos.
Was lässt sich hierzu sagen? Nun, der internationale Forschungsstand der historischen Jesusforschung erlaubt auf jeden Fall nicht, die Mythos-Möglichkeit ernsthaft in Betracht zu ziehen.10 Maßgebende Experten in diesem Fachbereich gehen davon aus, dass Jesus in der Tat mit dem Selbstverständnis auftrat, Gott zu sein. Ernsthaft denkbar sind daher nur noch die (drei) Möglichkeiten, dass Jesus ein Lügner, ein Größenwahnsinniger oder aber wirklich Gott selbst ist. Was davon stimmt? Wie wirkt Jesus auf uns? Oder besser gefragt: auf Sie?
Es versteht sich von selbst, dass ich Ihnen diese Bewertung nicht abnehmen kann. Meine Bitte wäre daher, sich ein eigenes Urteil über „den Fall Jesus“ zu bilden. Gerade dann, wenn Ihre letzte Lektüre der Lebensberichte Jesu schon etwas zurückliegt. Schnappen Sie sich doch einfach mal ein Neues Testament und lesen Sie in aller Ruhe eine seiner Biografien. Das geht ganz klassisch per Buch oder modern via bibleserver.com oder Smartphone-App. Die digitalen Bibelzugänge haben praktischerweise sogar viele verschiedene Übersetzungen parat (hier empfiehlt sich eine gut lesbare wie die Neue Genfer Übersetzung). Und fragen Sie sich beim Lesen: Für wen halte ich Jesus? Welchen Eindruck macht er auf mich? Zeigt sich hier vielleicht wirklich Gott selbst?
(Stephan Lange)
Einwand 3:
Glaube an Gott ist nichts als Wunschdenken.
Darauf kann man zweifach antworten. Die erste Möglichkeit erscheint naheliegender, die zweite ist jedoch effektiver. Aber es soll ja spannend bleiben, daher zunächst:
Möglichkeit 1: Nichts als Wunschdenken. Stimmt diese Beschreibung für Glaubende? Sätze mit „nichts als“ sind generell riskant. Es reicht im Grunde ein Gegenbeispiel, um sie zu widerlegen. Wer tatsächlich behaupten wollte, aller Glaube an Gott sei ausschließlich Ausdruck von Wunschdenken, dem könnte ich z. B. einfach meine eigene Lebensgeschichte erzählen. Wie bin ich selbst zum Glauben gekommen? Der Wunsch, das alles möge doch bitte wahr sein, kann dabei sogar eine Rolle gespielt haben – nur eben nicht die einzige.
Stattdessen war mein eigener Glaube gerade zu Beginn das Ergebnis von Nachdenken: Stimmt das alles? Sind die Inhalte des christlichen Glaubens begründet? Natürlich haben mich auch Menschen beeindruckt, die von ihrem Glauben überzeugt waren. Aber selbst Christ geworden bin ich nicht aus emotionalem Überschwang, sondern weil mich gute Gründe überzeugt haben; solche, wie sie sich auch in diesem Buch finden.
„Gut“, könnte man einwenden, „aber auch das waren ja nur vorgeschobene Gründe, darunter lag der uneingestandene Wunsch, an Gott glauben zu ‚dürfen‘, der nur nachträglich rationalisiert wurde.“ So etwas kann man immer unterstellen, und es lässt sich logisch nicht widerlegen. Wenn man wollte, könnte man meinen Protest dagegen sogar als Beleg für die These „Wunschdenken“ werten – ansonsten hätte ich es ja gar nicht nötig, mich zu wehren … Rückfrage: Wie würde es Ihnen gefallen, wenn auch Ihre eigenen Überzeugungen als Ausdruck von Unreife gewertet würden? „Nicht fair“, würden Sie sicher sagen. Für das eigene Erleben sollte zuerst jeder selbst als Experte gelten, jedenfalls bis zum Erweis des Gegenteils. So weit die erste Variante, auf den Einwand zu reagieren. Sie ist hoffentlich nachvollziehbar, aber nicht die einzige Möglichkeit zu antworten, und wie gesagt auch nicht die wirksamste.
Möglichkeit 2: Und wenn es so wäre? Was würde denn das über die Frage aussagen, ob die Inhalte des Glaubens wahr sind oder nicht? So nämlich ist der Einwand meiner Erfahrung nach häufig gemeint: „Glaube ist ein Konstrukt, ein Ausdruck von Wunschdenken – also falsch.“ Geistesgeschichtlich lässt sich dies auf die Religionskritik des 19. Jahrhunderts zurückführen, besonders auf Ludwig Feuerbach, in Abwandlung auch auf Karl Marx und Sigmund Freud.
Mit meinen eigenen Worten gesagt, lautet diese Religionskritik vor allem bei Feuerbach so: „Glaubende sind Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen, die Schwierigkeiten mit der Realität haben – deshalb ‚malen‘ sie sich einen Gott an den Himmel, der ihnen damit umzugehen hilft. Diesen Gott gibt es aber gar nicht, sondern er ist nur Ausdruck ihres Wunschdenkens. Und er ist bei näherem Hinsehen auch nichts anderes als die Projektion eines Menschen, sozusagen eine ins Unendliche vergrößerte Version eines Menschen.“ Deswegen ist diese Form von Religionskritik auch als „Projektionstheorie“ bekannt. Gegen diese Theorie habe ich mehrere Einsprüche:
Einspruch 1: Die Projektionstheorie sagt nichts über die Wahrheitsfrage. Also über die Frage, ob es Gott nun gibt oder nicht, ob die Inhalte des Glaubens der Wahrheit entsprechen oder nicht. Sondern die Theorie setzt schon voraus, dass die Wahrheitsfrage geklärt ist, dass es ihn also nicht gibt. Wenn man dies schon voraussetzt, ist Projektion eine denkbare Erklärung. Aber diese Erklärung begründet in keiner Weise, dass es Gott nicht gibt. Denn natürlich sind Dinge nicht einfach deswegen wahr, weil man sie sich wünscht. (Das lernen z. B. Kinder schnell.) Aber das Gleiche gilt auch für das Gegenteil: Dinge werden auch nicht dadurch unwahr, weil Menschen sie sich wünschen. Ich gebe gerne zu, dass mir der Glaube an Gott Trost gibt. Aber folgt daraus, dass er keine reale Basis hat? Da gibt es keinen logischen Zusammenhang.
Einspruch 2: Normalerweise geben mir meine Bedürfnisse sogar Aufschluss über die Wirklichkeit. Ich habe z. B. regelmäßig Hunger, ich bin auf Nahrung angewiesen, und es gibt auch Nahrung, jedenfalls grundsätzlich. Mein Bedürfnis gibt mir Hinweise darauf, wie mein Körper und die äußere Wirklichkeit aufgebaut sind. Oder ich habe soziale Bedürfnisse, brauche die Begegnung mit anderen Menschen – ich bin ein soziales Wesen. Warum soll dies bei einem religiösen Bedürfnis auf einmal umgekehrt sein? Warum soll hier gelten: „Du sehnst dich nach Gott – also gibt es ihn nicht.“? Das wäre so, als wenn man zu jemandem sagte: „Du hast Hunger, also gibt es kein Essen.“ Das wäre weder besonders nett noch logisch. Stattdessen könnte man einen Schritt weitergehen und fragen: Wenn Menschen tatsächlich eine solche Sehnsucht nach Gott verspüren – vielleicht nicht alle, aber doch einige –, die anscheinend durch nichts in dieser Welt gestillt werden kann: Könnte dies nicht sogar ein Hinweis auf Gott sein? Keine Angst: Das soll nicht der Versuch eines Beweises für Gott sein; es soll nur zeigen, dass man die Projektionstheorie genauso gut „auf den Kopf stellen“ und sogar in ein Argument für den Glauben verwandeln könnte.
Einspruch 3: Der christliche Glaube ist für viele Menschen im Kern sehr attraktiv – er ist zugleich aber ganz anders als das, was unsere unterbewussten Erwartungen an die Welt nahelegen. Er ist sogar so anders, dass ich mir schwer vorstellen kann, wie dieser Glaube eine menschliche Erfindung sein soll: Ein Gott, der Mensch wird, scheinbar klein und unbedeutend, zwar ungemein einnehmend und anziehend, aber schutzlos. Dieser geht dann als Mensch bis ans Kreuz, stirbt dort grausam und opfert sich stellvertretend für die Menschen – ein solcher Gott passt so überhaupt nicht zu den Größenfantasien, die die klassische Religionskritik dem christlichen Glauben unterstellt hat. Einen solchen Gott kann man sich kaum ausdenken. Auch das ist für sich kein Beweis für den Glauben, aber ein starkes Indiz.
(Matthias Clausen)
Einwand 4:
Glaube ist nicht rational, sondern eine Frage der Sozialisation.
Das sagst du nur, weil …“, ist vielleicht ein gängiges Argument, aber wenig hilfreich. Denn wie eine Überzeugung zustande kommt oder was einen Menschen dazu motiviert, etwas zu vertreten, sagt vielleicht etwas über diesen Menschen aus, aber nicht notwendig über die Überzeugung selbst. Ist sie wahr oder nicht? Entspricht sie der Wirklichkeit? Um das herauszufinden, reicht es nicht, sich die Vertreter dieser Überzeugung anzuschauen und ihre Vernünftigkeit zu bewerten. Stattdessen sollte man Gründe für und gegen ihre Überzeugung selbst überprüfen.
Man muss also unterscheiden zwischen der Rationalität eines Menschen und der Rationalität einer Überzeugung. So kann man das Richtige („Die Erde ist eine Kugel.“) auch aus unzureichenden Gründen glauben („Ich mag Kugeln.“ oder „In meinem Kinderzimmer stand so ein schöner Globus.“). Die magere Begründung ändert in diesem Fall aber nichts daran, dass der Gegenstand der Überzeugung selbst richtig ist.
Warum schreibe ich das so ausführlich? Weil die Rationalität von Menschen und die ihrer Überzeugungen in Gesprächen häufig durcheinandergebracht werden. Der philosophische Fachbegriff dafür ist der „genetische Fehlschluss“; genetisch im Sinne von „entstehungsbezogen“. Dieser Fehlschluss liegt dann vor, wenn allein von den Entstehungsbedingungen einer Überzeugung auf ihren Wert (ihre Wahrheitsgemäßheit, ihre Vernünftigkeit) geschlossen wird.
Das gilt auch für den christlichen Glauben. Natürlich kann man darüber nachdenken, wie Glaube in Christen zustande kommt und wodurch er motiviert ist; dazu gleich mehr. Nur selbst wenn man zeigen könnte, dass Glaube vielfach durch Sozialisation, Herkunft oder kulturelle Gewohnheiten geprägt ist, hätte man damit noch nichts über den Wert des Glaubens selbst ausgesagt.
So ist es ja auch bei unseren anderen Überzeugungen. Ein Beispiel: Ich verstehe mich als überzeugten Demokraten – ich glaube, dass die Demokratie die beste uns bekannte Staatsform ist. Sie hat sicher ihre Grenzen, ist manchmal schwerfällig, aber es ist eben die beste, die wir kennen. Ich behaupte, dass ich für diese meine Überzeugung gute Gründe habe, dass ich mich mit der Geschichte beschäftigt habe und Alternativen ausschließen kann. Aber natürlich könnte man mir vorhalten: „Das alles glaubst du doch vor allem deswegen, weil deine Eltern es dir beigebracht haben und du in einem demokratischen Land aufgewachsen bist.“ Und da ist sogar etwas dran. Nur ändert das nichts an den Argumenten für meine Überzeugung. Selbst wenn man weiter einwendete: „Und wärest du in einem ganz anderen System aufgewachsen, würdest du jetzt vielleicht dieses andere System vertreten.“ Auch das stimmt – vielleicht, auch wenn es natürlich spekulativ ist. Aber geschenkt: Das könnte so sein. Was aber ändert das an den Argumenten, die ich jetzt und hier für meine Überzeugung anführe? Nichts.
Genauso ist es auch mit meinem christlichen Glauben. Natürlich kann man mir vorhalten, dass mein Glaube wesentlich mit meinem Elternhaus zusammenhängt und auch damit, dass ich in einer Kultur aufgewachsen bin, die dem christlichen Glauben grundsätzlich positiv gegenübersteht. Dagegen könnte ich einwenden, dass ich zu einem bewussten Glauben erst als Jugendlicher gefunden habe, und dass dies vor allem mit eigenem Nachdenken und einer bewussten Entscheidung einherging. Siehe oben.
Aber wieder gilt: geschenkt. Meinetwegen waren meine Herkunft und meine Umgebung mit wirksam bei meinem Weg zum Glauben. Aber was folgt daraus? Das Gleiche gilt schließlich auch für alle anderen Überzeugungen, auch für Ihren möglichen Nichtglauben. Entscheidend ist, was an objektiven Gründen für oder gegen unsere jeweiligen Überzeugungen spricht, nicht, wie wir selbst zu ihnen gekommen sind.
Und selbst wenn man spekulierte: „Wärest du in einer ganz anderen Kultur aufgewachsen, wärest du jetzt vielleicht kein Christ, sondern Hindu oder Muslim“, könnte ich antworten: Das ist zwar spekulativ – aber es könnte sein. Nur was folgt daraus? Denn auch hier gilt das Gleiche auch für den Nichtglaubenden. Der engagierte Atheist, der meinen Glauben für irrational hält, wäre vielleicht auch selbst kein Atheist, wäre er ganz woanders aufgewachsen. Dann wäre er vielleicht Pantheist oder Polytheist oder Mormone. Folgt daraus schon, dass ich über seine Einwände gegen meinen Glauben gar nicht nachdenken muss? Das würde er doch sicher verneinen! Und damit hätte er recht. Nein, wir kommen nicht darum herum: Wir müssen jetzt prüfen, was uns glaubwürdig erscheint, weil es gut begründet ist.
Vielleicht ist mit dem Einwand aber auch genau das gemeint: „Es kann gar keine rationalen Gründe dafür geben, an Jesus zu glauben. Also kann Glaube nur eine Sache der Sozialisation sein.“ Damit würde aber wieder vorausgesetzt, was doch eigentlich erst diskutiert werden soll. Wer sich keine guten Gründe für den Glauben denken kann, dem nenne ich gerne ein paar Kandidaten: klassische Argumente für die Existenz Gottes, etwa das sogenannte kosmologische Argument, die Feinabstimmung des Universums oder das moralische Argument (siehe Einwand 5, 7, 11 bzw. 45). Oder, was mir persönlich noch mehr liegt, ich komme gleich auf die Person Jesus zu sprechen. Ich nenne z. B. Belege für die historische Glaubwürdigkeit des NTs (siehe Einwand 19–22 u. 28–32), die uns am Ende in die Lage versetzen, selbst ein begründetes Urteil zu fällen: Wer war dieser Jesus? Der, der er zu sein beansprucht, oder hat er sich und andere furchtbar getäuscht? (siehe Einwand 2) Darüber diskutiere ich gerne und hier entscheidet sich auch, ob und inwieweit Glaube rational ist.
Ganz abgesehen davon: Empirisch stimmt der Einwand „Glaube ist einfach eine Frage der Sozialisation“ natürlich auch nicht. Sonst könnten ja niemals Menschen zum Glauben kommen, die vorher etwas anderes oder gar nichts geglaubt haben. Es gäbe auch keine Konversionen von einer Glaubensrichtung in eine andere. Das alles gibt es aber. Es ist in unseren Breitengraden vielleicht weniger häufig als in anderen Teilen der Welt, aber es ist auf jeden Fall erkennbar. Und das ist nicht nur ein persönlicher Erfahrungswert, sondern auch durch Studien belegt.11
(Matthias Clausen)
Einwand 5:
Die Menschheit hat sich Tausende Götter ausgedacht und an fast keinen davon glauben Christen. Atheisten gehen nur einen Schritt weiter …
Interessanterweise wurde den frühen Christen im Römischen Reich genau das vorgeworfen: Nicht so sehr, dass sie „zu viel“ glaubten, also an Gott, Jesus, Wunder usw. – sondern eher, dass sie „zu wenig“ glaubten, ja sogar den Glauben an die Götter der griechischen oder römischen Volksfrömmigkeit, andere Kulte und den römischen Kaiser als gottgleiche Gestalt, ablehnten. Stattdessen beharrten sie darauf, dass es nur einen Gott gibt, der unsichtbar ist, unvorstellbar und der Urgrund der Wirklichkeit – und dass dieser Gott sich in Jesus gezeigt hat.
Wie kamen sie dazu? Nicht einfach durch ein Ausschlussverfahren nach dem Motto: „Die anderen Göttern sind als Aberglaube enttarnt, denn inzwischen wissen wir, dass die Kräfte der Natur nicht von Göttern gesteuert werden, sondern sich eben nach eigenen Gesetzen richten. Also lehnen wir andere Götter ab – bleibt nur noch der Gott unserer eigenen Kultur übrig.“ Dann wäre es tatsächlich inkonsequent, ausgerechnet den „eigenen“ Gott von der Kritik auszunehmen.
Aber so ist der christliche Glaube gar nicht gedacht. Er wird gestützt von Argumenten für den Gott, der sich in Jesus zeigt. Und dieser Gott hat mit vielen anderen Gottesvorstellungen, z. B. dem Polytheismus der Antike oder den Naturgottheiten der sogenannten Primärreligionen12, fast nichts gemein (siehe Einwand 22). Die Frage: „Du lehnst den Glauben an diese anderen Gottheiten als irrational ab, warum glaubst du dann noch an den Gott von Jesus Christus?“, ist für mich daher analog zu einer Frage wie: „Du hältst doch auch Alchemie für irrational, warum betreibst du dann überhaupt Naturwissenschaft?“
Was also spricht für den Gott des christlichen Glaubens? Dazu enthalten viele Texte in diesem Buch wesentliche Argumente. Dabei lassen sich grundsätzlich zwei Typen unterscheiden: Typ 1: Argumente für den Theismus, also für einen personalen Schöpfergott, wie ihn das Christentum, aber auch das Judentum und der Islam beschreiben. Und Typ 2: Argumente speziell für den Glauben an den christlichen Gott.
Zu Typ 1: Hier ist der aktuelle Stand der Naturwissenschaften günstig. Zum Beispiel sind sich Naturwissenschaftler einig in der Beobachtung der sogenannten Feinabstimmung des Universums, also der Ausrichtung der Naturkonstanten auf die Möglichkeit der Entstehung des (menschlichen) Lebens hin. Diese Feinabstimmung ist in ihrer Passgenauigkeit so extrem unerwartet, dass z. B. die Erklärung durch einen extrem glücklichen Zufall wenig plausibel ist. Die Erklärung mit einem absichtsvollen Schöpfer ist hier dagegen durchaus plausibel (siehe Einwand 7).
Ein weiteres Indiz ist die gängige Theorie zur Entstehung des Universums, die Urknall-Theorie. Demnach hat das Universum einen Anfang. Alles, was anfängt zu existieren, hat aber üblicherweise eine Ursache. Wenn nun auch das Universum insgesamt einmal angefangen hat zu existieren, muss es ebenfalls eine Ursache haben. Und diese Ursache muss vor und außerhalb des Universums gelegen haben, weil sie ja schon vorher wirksam gewesen sein muss. Das deutet zwar nicht zwingend auf Gott hin, wie ihn Christen sich vorstellen, aber der Schöpfergott des Theismus ist hier eben ein naheliegender Kandidat. Denn auch er wird als Gegenüber gedacht und als jemand, der absichtsvoll handelt und dessen Handeln Konsequenzen hat. (Damit habe ich das sogenannte Kalam-Kosmologische Argument für Gott umrissen, wie es aktuell besonders von dem Religionsphilosophen und Autoren William L. Craig vertreten wird13, siehe Einwand 11.)
Zu Typ 2: Wichtige Argumente für die spezifisch christliche Vorstellung von Gott finden sich ebenfalls in anderen Teilen dieses Buches, etwa in den Texten zur historischen Glaubwürdigkeit der Jesusüberlieferung im NT allgemein (siehe Einwand 19–22, 28–32), zur Glaubwürdigkeit speziell der Botschaft von der Auferstehung von Jesus (siehe Einwand 23) sowie zum Anspruch von Jesus, Gott gleich zu sein (siehe Einwand 2, 16 u. 50).
Das alles sind Argumente für den Glauben an Gott, so wie er sich in Jesus zeigt. Es passt gut zusammen, ihnen zu folgen, sie für schlüssig zu halten und zugleich andere Gottesvorstellungen zurückzuweisen, wenn für sie eben keine vergleichbar guten Gründe angeführt werden können. Das gilt erst recht für Gottesvorstellungen wie die der griechischen und römischen Antike oder der Primärreligionen, für die keinerlei auch nur entfernt vergleichbaren Gründe angeführt werden können. In beiden Fällen, in der Entscheidung für die christliche Gottesvorstellung und gegen andere, kommen also die gleichen Kriterien für gute Argumente zum Zuge.
(Matthias Clausen)
4 Vgl. M. Clausen (2016): Ich denke, also bin ich hier falsch? Glauben für Auf- und Abgeklärte. S. 91.
5 Wer an dieser Stelle einhakt und sagt, dass er aber nur von dem ausgehe, wofür es eindeutige Gründe gibt, der sei darauf hingewiesen, dass wir im Alltag von vielem ausgehen, das wir nicht wirklich gut begründen können – schon gar nicht empirisch. Niemand von uns hat ein zwingendes Argument z. B. dafür, dass es Bewusstsein außer dem eigenen gibt, dass materielle Gegenstände auch dann noch da sind, wenn niemand hinschaut, dass die Welt schon länger als 15 Minuten existiert etc. All diese Überzeugungen sind nicht naturwissenschaftlich nachprüfbar – trotzdem ist es vernünftig, sie zu haben.
6 Dass der Mensch ein Bewusstsein hat, das ihn zum Erleben und Selbstreflektieren befähigt, ist in einem rein materiellen Universum nämlich weder erwartbar noch plausibel zu platzieren. Vgl. H. Tetens (2013): Der Naturalismus. Das metaphysische Vorurteil unserer Zeit?: https://t1p.de/i6w8 (Zugriff 07.09.2020).
7 Vgl. I. Hutchinson (2018): Can a Scientist Believe in Miracles? An MIT Professor Answers Questions on God and Science; W. L. Craig (2015): (Un)Begründet glauben? 5 Gründe für die Existenz Gottes und 3, warum sie zählen: https://youtu.be/yEKq1Kd_mjw (Zugriff: 07.09.2020); W. L. Craig (2017): theo:logisch. Warum der christliche Glaube vernünftig ist; S. Lange (42020): Begründet glauben. Denkangebote für Skeptiker und Glaubende; H. Tetens (2019): Gott und Mensch: https://youtu.be/PrAMoyRQhRM (Zugriff: 07.09.2020); T. Keller (2019): Glauben wozu? Religion im Zeitalter der Skepsis; W. Löffler (32019): Einführung in die Religionsphilosophie und natürlich auch C. S. Lewis (2016): Pardon, ich bin Christ.
8 Deismus: Gott hat zwar die Welt geschaffen, übt aber keinen weiteren Einfluss mehr auf sie aus.
9 Bahaitum: Im Mittelpunkt dieser Religion steht der Glaube an einen Gott und die mystische Einheit der Religionen. Neben ihren akzeptieren die Bahai auch die heiligen Schriften anderer Religionen.
10 Z. B. C. Keith (2019): The Reception of Jesus in the First Three Centuries; R. Riesner (2019): Messias Jesus. Seine Geschichte, seine Botschaft und ihre Überlieferung; N. T. Wright (22018): Jesus. Wer er war, was er wollte und warum er für uns wichtig ist. J. Schröter (2017): Jesus Handbuch; B. Pitre (2016): The Case for Jesus. The Biblical and Historical Evidence for Christ. J. D. G. Dunn (2003): Jesus Remembered: Christianity in the Making.
11 Siehe z. B. C. Lienemann-Perrin; W. Lienemann (2012): Religiöse Grenzüberschreitungen. Studien zu Bekehrung, Konfessions- und Religionswechsel; J. Zimmermann; A.-K. Schröder (22011): Wie finden Erwachsene zum Glauben? Einführung und Ergebnisse der Greifswalder Studie.
12 Hiermit sind Natur- bzw. Stammesreligionen lokaler ethnischer Gruppen gemeint.
13 Vgl. W. L. Craig (2017): theo:logisch. S. 52 ff. oder auch youtu.be/jUMUqwD_CJs (Zugriff: 07.09.2020).
Glaube
und Wissenschaft
Einwand 6:
Wer an Wunder glaubt, macht sich der Naivität schuldig.
Wenn es einen aktiv handelnden Gott gibt, gibt es keine Sicherheit gegen Wunder. So ähnlich formuliert es C. S. Lewis in seinem Buch Wunder. Es ist keineswegs irrational, an die Möglichkeit von Wundern zu glauben, wenn man gute Gründe hat anzunehmen, dass das natürliche Universum nicht alles ist, was existiert.14
Die Philosophen der Aufklärung wie Voltaire, Spinoza oder Hume glaubten in Anlehnung an das Newton’sche Uhrwerk-Universum, Naturgesetze seien unabänderlich, das Universum sei kausal geschlossen und in seinem Lauf völlig berechenbar. Da war kein Platz für ein Eingreifen von außen, allenfalls vielleicht noch ganz am Anfang, als Gott das Universum in Gang gesetzt und sich danach zurückgezogen hat (das nennt man Deismus). Doch die Physik hat sich längst weiterentwickelt. Die erstaunlichen Phänomene der Quantenmechanik wie der spontane radioaktive Zerfall eines einzelnen Atomkerns, spontane Paarerzeugung, „Schrödingers Katze“, die unauflösbare Kopplung von Beobachter und Messobjekt und anderes erschütterten das Uhrwerk-Bild und zeigten, dass es im Universum keineswegs so vorhersagbar zugeht, wie die Alten glaubten. Vielmehr lässt die quantenmechanische Beschreibung der Welt völlig unterschiedliche Entwicklungen der Zukunft zu. Ein Eingriff von außen könnte unter Umständen nicht einmal detektiert werden, also jeder menschenmöglichen Messgenauigkeit entgehen. Das Universum wird daher von der Mehrzahl der Wissenschaftler als kausal offenes System angesehen. Der Zufall löst die Vorherbestimmtheit ab.
Zufall ist natürlich noch kein aktiv handelnder Gott. Aber naturwissenschaftlich kann man zufälliges Geschehen nur sehr bedingt von willentlich gesteuertem Geschehen unterscheiden. Die Anzahl der Autos, die unter einer Autobahnbrücke hindurchfahren, erscheint zufällig. Und doch steckt hinter jedem Auto ein absichtsvoller Fahrer.
Doch um an Wunder zu glauben, brauchen wir die Quantenmechanik gar nicht. Denn Gott muss gar keine Naturgesetze brechen, um in die Welt einzugreifen. Wenn ich einen Stift zu Boden fallen lasse, kann ich genau berechnen, wann und wie schnell der Stift am Boden auftrifft. Doch weil es ein teurer Stift ist, entscheide ich mich, ihn aufzufangen. Meine Berechnung war also falsch. Habe ich damit Naturgesetze gebrochen? Keineswegs. Ich habe lediglich willentlich eine neue Kraft eingeführt, welche den Fall des Stiftes gestoppt hat.
Was sollte den Schöpfer des Universums also hindern, in sein Universum einzugreifen und eine Kraft auszuüben, um Jesus auf der Wasseroberfläche zu halten? Oder erneut C. S. Lewis: „Wenn Gott im Körper einer Jungfrau ein wundersames Spermatozoon schafft, dann macht sich das nicht daran, irgendwelche Gesetze zu brechen. Die Gesetze übernehmen es sogleich. Die Natur ist bereit. Allen normalen Gesetzen entsprechend folgt eine Schwangerschaft, und neun Monate später wird ein Kind geboren.“15 Grundsätzlich gilt: Die Existenz eines Schöpfers des Universums können wir nicht a priori ausschließen. Es ist gerade diese Frage, die uns Menschen interessiert: Ist das Universum alles, was existiert, oder gibt es einen Schöpfer? (siehe Einwand 1, 5, 7, 11 u. 45)
Die zu prüfende Frage lautet also – zumindest dann, wenn wir die Existenz Gottes als nicht unmöglich betrachten: Gibt es gute Gründe dafür, ein bestimmtes Ereignis tatsächlich als ein Wunder, ein Eingreifen Gottes, anzusehen? Wesentlich ist die Denkvoraussetzung: Wer nicht an Wunder glauben will und Gott kategorisch ausschließt, wird natürlich immer eine rein natürliche Erklärung anzuführen versuchen. Aber die Frage bleibt, ob diese Erklärung tatsächlich wahr oder einfach nur eine mögliche Rekonstruktion ist. Das für die Wahrheit des Christentums entscheidende Wunder ist die Auferstehung Jesu. Könnte es sein, dass die leibliche Auferstehung tatsächlich die plausibelste Erklärung der Ostergeschehnisse ist? (siehe Einwand 23)
(Alexander Fink)
Einwand 7:
Die riesige Größe des größtenteils lebensfeindlichen Universums spricht gegen die Existenz Gottes.
Diesen Einwand höre ich oft aus dem Mund von Naturwissenschaftlern, obwohl es kein naturwissenschaftliches, sondern ein theologisches Argument ist. Aber warum sollte aus den Größendimensionen des Universums folgen, dass es keinen Gott gibt? Wenn es einen Gott gibt, so ist er doch frei, das Universum so zu erschaffen, wie er will.
Das Argument gewinnt nur an Kraft, wenn man annimmt, dass Gott sehr utilitaristisch denkt: „Warum soll ich mehr Energie aufwenden als nötig, um ein Universum zu erschaffen, in dem Leben existieren kann? Würde nicht auch eine Käseglocke reichen? Warum ein gigantisch großes Universum mit hundert Milliarden Galaxien?“ Aber genauso könnte man fragen: Warum gibt es über 350.000 Käferarten, wenn sie doch für die Existenz des Menschen nicht nötig sind, der im Ebenbild Gottes als das große Ziel der Schöpfung erschaffen wurde? Widerlegen diese vielen Käfer nicht, dass es einen Gott gibt, der ausgerechnet den Menschen zu seinem Gegenüber erwählt hat? Doch im Gegenteil kann uns die unfassbare Vielfalt an Lebensformen auf der Erde in einem ansonsten lebensfeindlichen Universum nahelegen: „Für euch Menschen habe ich mir etwas ganz Besonderes ausgedacht, weil ihr mir besonders wichtig seid. Und das liegt nicht an eurer Größe, sondern daran, weil ich euch so gemacht habe, dass ihr meine Gedanken ansatzweise nach-denken und mit mir darüber staunen könnt!“
Diesem Einwand liegt also ein utilitaristischer Fehlschluss zugrunde, wie er uns im Technologiezeitalter nur zu tief in den Knochen steckt. Aber der Gott der Bibel ist anders. Er liebt Vielfalt, er erschafft in unermesslicher Fülle. Er ist kein nutzenorientierter Gott, wenn es um Kreativität geht. Das sollte uns zu denken geben in unserer Zeit, in der wir vieles nach seinem Nutzen bewerten, sogar menschliches Leben. Die Größe des Universums hat in der Tat schon die biblischen Schreiber ins Nachdenken gebracht. Im achten Psalm fragt König David, was angesichts der überwältigenden Größe des Himmels der Mensch sei, dass Gott sich überhaupt um ihn kümmert.
Aber die Frage, ob wir Gott wichtig sind, ist keine Frage der Quantität, sondern der Qualität. Auch wenn das Universum im uns beobachtbaren Raum weitgehend leer erscheinen mag, so hat die moderne Naturwissenschaft doch ganz Erstaunliches über die Beschaffenheit des Universums herausgefunden. So hat der renommierte Mathematiker und Physik-Nobelpreisträger Sir Roger Penrose, ein Freund des Astrophysikers Stephen Hawking, berechnet: Von allen potentiell bei einem Urknallereignis entstehenden Universen besitzt nur eines von 10 hoch 10123 eine lebensfreundliche Energieverteilung.16 In den anderen wäre Leben unmöglich, weil die Gravitationskraft die Materie so sehr zusammenballen würde, dass es nur Schwarze Löcher und dazwischen leeren Raum gäbe, oder weil die Energie so gleichverteilt wäre, dass es praktisch keine Zusammenballungen und damit keine Sterne gäbe. Und dennoch ist genau dieses Universum entstanden – wir leben darin und beobachten es. Ein unglaublicher Volltreffer! Unser Weltall beinhaltet gar nicht genug Atome (man schätzt 1080), um die 10123 Nullen dieser Zahl überhaupt aufschreiben zu können.
Es gibt zahlreiche weitere Feinabstimmungen, die zeigen, dass ein lebensfreundliches Universum auf Messers Schneide steht. Doch auch innerhalb dieses Universums müssen wiederum feinabgestimmte Bedingungen erfüllt sein, damit es wirklich zur Entstehung eines lebensfreundlichen Planeten kommt. Das alles würde den Rahmen dieses Textes aber sprengen.17 In seinem jüngsten Aufsatz zu den Fundamentalkonstanten des Universums kommt der Astrophysiker Luke A. Barnes zum Ergebnis, dass – vorsichtig geschätzt – mindestens ein Drittel der über 30 physikalisch grundlegenden Konstanten sehr fein abgestimmt sein müssen, um Leben zu ermöglichen. Er fasst zusammen: „Kombiniert man unsere Abschätzungen, so liegt die Wahrscheinlichkeit für ein Universum, das Leben erlaubt, auf naturalistischer Basis bei weniger als 10-136. Das ist, wie ich behaupte, verschwindend gering.“18 Wissenschaftliche Befunde legen also nahe: Unser lebensfreundliches Universum ist ein extrem (!) außergewöhnliches Phänomen, das eine Erklärung verlangt.
Aufgrund dieser Indizien führten Wissenschaftler das sogenannte Anthropische Prinzip ein: Das Universum muss so beschaffen sein, dass es die Existenz intelligenter Beobachter erlaubt. Sonst wären wir schließlich nicht hier und könnten uns gar nicht wundern. Doch diese Interpretation verwechselt Ursache und Wirkung. Das feinabgestimmte Universum ist eine notwendige Bedingung für unsere Existenz. Aber wir können natürlich nicht die Ursache für die Existenz des Universums sein, da das frühe Universum durch unsere spätere Existenz keine steuernden physikalischen Kräfte erfahren haben kann.
Wir gleichen Schiffbrüchigen, die sich glücklicherweise auf eine nahe gelegene Insel retten können und auf ihr „zufällig“ einen wunderbaren Garten vorfinden, der alles bietet, was wir zum Leben brauchen.19 Wer käme da nicht auf den Gedanken, dass das geplant sein könnte? Wer Planung ausschließen will, weil er die Existenz eines transzendenten Planers aus weltanschaulichen Gründen ablehnt, muss entweder an einen unglaublichen Zufall glauben oder daran, dass es noch unendlich viele andere Universen gibt, die diesen gigantischen Zufall durch die Anzahl der Möglichkeiten aufwiegen. Man stellt sich dabei vor, dass z. B. aus ewig existierenden Quantenfluktuationen immer wieder neu Universen entstehen. Beim Lotto liegt die Wahrscheinlichkeit für den Hauptgewinn bei 1 : 140 Millionen. Aber wenn 20 Millionen Menschen jede Woche spielen, gewinnt irgendwann einer. Doch bei jeder neuen Lottoziehung besitzen alle Ergebnisse die gleiche Wahrscheinlichkeit, während das für unser Universum aufgrund der vielen nötigen Feinabstimmungen bezweifelt werden darf. Darüber hinaus liefert uns die Naturwissenschaft keine Belege für die Existenz anderer Universen. Der Astrophysiker Ethan R. Siegel kommentiert in einem Blogbeitrag vom 22. Mai 2020: „Parallele Universen werden auf Grundlage der uns vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse ein Science-Fiction-Traum bleiben müssen.“20 Das Multiversum ist pure Spekulation, ein Glaube, der auf der willkürlichen Festlegung basiert, dass es nichts anderes als Materie geben kann. Doch damit setzt man voraus, was doch erst zu beweisen ist.
Abgesehen davon schließt ein Multiversum einen Schöpfer nicht aus. Warum sollte ein kreativer Gott nicht in der Lage sein, einen Mechanismus zu erschaffen, der ständig neue Universen mit unterschiedlichen Eigenschaften erzeugt. Doch wenn dabei unser Universum herauskommen soll, muss dieser Mechanismus ziemlich gut abgestimmt sein. Das Feinabstimmungsproblem wird also nur vom Erdgeschoss (der Abstimmung unseres Universums) in den Keller (den abgestimmten Erzeugungsmechanismus des Universums) verlagert. Mit der unerwarteten und unglaublich präzisen Feinabstimmung entdecken wir ein positives Argument für intelligente Planung, das die Zufallshypothese in Zweifel zieht. So formuliert auch der Astrophysiker Paul Davies treffend: „Dem Eindruck, dass es einen Plan gibt, kann man sich nicht entziehen.“21 Wieder eine Fragestellung, über die es sich lohnt, im Gespräch zu bleiben.
(Alexander Fink)
Einwand 8:
Die Wissenschaft macht Gott unnötig und zeigt, dass er in Wahrheit ein Lückenbüßer für Unerklärtes ist.
Die Antwort: „Gott war’s!“, war zu früheren Zeiten eine beliebte Erklärung: Warum blitzt es? Wieso gibt es Erdbeben? Warum die Pest? Und so weiter. Letztlich war die Lösung immer, dass Gott etwas damit zu tun haben musste. Seit Beginn der modernen Naturwissenschaften wurden solche Gotteserklärungen aber immer mehr als Falschmeldungen entlarvt – vor allem Physik, Biologie und Chemie halfen uns, die Welt besser und systematischer zu verstehen. Das tun sie noch immer.
Heißt das aber, dass wir Gott kategorisch aus dem Kreis der möglichen Erklärungen ausschließen sollten? Selbst für die Fragen, die sich vielleicht nie naturwissenschaftlich erklären lassen? Einige sagen nun: „Ja, genau das heißt es! Selbst dann, wenn wir niemals dazu in der Lage sein sollten, naturwissenschaftlich zu erklären, warum und wie materielle Prozesse erlebnisfähige selbstreflexive Ich-Subjekte hervorbringen oder warum die Mathematik so vortrefflich auf die physikalische Realität passt, müssen wir einfach zugeben, dass es keine Antwort auf diese Fragen gibt. Gott steht als Erklärung aber nicht zur Diskussion.“
Wenn man zurückfragt, warum er so rigoros ausgeschlossen wird, bekommt man oft zu hören: „Weil es keine verbindlichen Gründe für seine Existenz gibt.“ Mit Verweis auf Einwand 1 lässt sich hierzu allerdings sagen: Das Fehlen von zwingenden Belegen für Gott ist erwartbar und damit kein Beleg für das Fehlen Gottes – als denkmögliche Erklärung steht er also durchaus im Raum.22 Das heißt natürlich nicht, dass er deshalb automatisch die beste Begründung für etwas ist – aber eben auch nicht, dass er auf gar keinen Fall als mögliche Erklärung infrage kommt.
Wo kommt dieses Denken zum Tragen? Besonders interessant sind hier die Argumente der Religionsphilosophie, weil gerade ihre Prämissen die Existenz Gottes nicht voraussetzen und sie deshalb auch nicht Gefahr laufen, sich irgendwann als Lückenbüßerei zu entpuppen. Das lässt sich am leichtesten an einem konkreten Beispiel erklären, z. B. am kosmologischen oder moralischen Argument (siehe Einwand 5, 11 u. 45).
Ich gebe aber offen zu: Selbst Argumente, die ohne Wissenslücken auskommen, haben ein Problem: Wenn Christen sich in Gesprächen darauf beschränken zu zeigen, dass etwas am besten (oder gar nur) mit der Existenz eines Schöpfers zu erklären ist, kann schnell ein falscher Eindruck entstehen. Nämlich der, dass Gott so etwas wie eine Arbeitshypothese zur Welterklärung sei. Für Fragen, wie das Leben und das Universum entstanden sind oder wie sich der Mensch entwickelt hat. Falsch ist dieser Eindruck deshalb, weil er ein falsches Gottesbild transportiert. Der Gott, an den Christen glauben, will nämlich in erster Linie nicht „Welterklärer“ sein – uns nicht die technischen Wie-Fragen des Universums erklären. An dieser „Funktion“ hat er kein zentrales Interesse.
Das finde ich sehr nachvollziehbar – gerade, weil die eigentlichen Fragen unseres Lebens ganz andere sind, z. B.: Was bringt die Zukunft? Wie gehe ich mit Sorgen, Krankheit und Tod um? Wie schaffe ich es, mein Wesen völlig zur Entfaltung zu bringen? Wie finde ich Anerkennung? Wie inneren Frieden? Wem kann ich vertrauen? Wer bin ich eigentlich? Was ist der Sinn des Lebens? Verstehen Sie mich nicht falsch, ich will nun nicht darauf hinaus, dass nur derjenige, der gläubig ist, Antworten auf solche Fragen finden kann. Das würde nicht stimmen. Es gibt auch gute „gottfreie“ Gedanken hierzu. Aber wenn das mit Gott stimmt, liegt es trotzdem nahe, dass der, der sich das Universum und uns Menschen ausgedacht hat, die eigentlichen Antworten auf unsere eigentlichen Fragen kennt. Und damit alles andere als unnötig ist (siehe Einwand 41).
Jesus formuliert das an einer Stelle recht eindrücklich, wenn er mahnt: „Was nützt es einem Menschen, die ganze Welt zu gewinnen, wenn er dabei sich selbst ins Verderben stürzt oder unheilbar Schaden nimmt?“ (Lk 9,25) Auf unseren Fall gemünzt: Was bringt es jemandem, die Welt naturwissenschaftlich präzise erklären zu können, wenn er dabei das eigentliche Ziel seines Menschseins aus den Augen verliert – und letztendlich verfehlt? Leute wie Martin Nowak (Evolutionsbiologe), William Newsome (Neurobiologe), Simon Conway Morris (Paläontologe), George Ellis (Kosmologe) oder Heino Falcke (Astronom), die in ihren jeweiligen Fachbereichen hoch angesehen und zugleich engagierte Christen sind, zeigen, dass sich beides nicht ausschließen muss.23
(Stephan Lange)
Einwand 9:
Der biblische Schöpfungsbericht und wissenschaftliche Erkenntnisse (Urknall, Evolution) schließen einander aus.
Wissenschaft erforscht natürliche Mechanismen. Wie funktioniert etwas unter bestimmten Rahmenbedingungen? Der biblische Schöpfungsbericht stellt uns eine wunderbar durchdachte Ordnung von Lebensraum und Lebewesen vor Augen und führt alles auf das Schöpfungshandeln Gottes zurück. Er fragt nach dem Woher und dem Wozu. Die überwältigende Mehrzahl alttestamentlicher Theologen stimmt übrigens darin überein, dass der Schöpfungsbericht nicht wie ein naturwissenschaftlicher Lehrtext verstanden werden möchte – wurde er doch lange vor Entstehung der naturwissenschaftlichen Methodologie verfasst.24 Will man ihn also nicht anachronistisch verstehen, muss man ihn mit der Perspektive lesen, wie Menschen zur damaligen Zeit über Natur, Schöpfung und Gott gedacht haben. Geht man von diesen unterschiedlichen Fragestellungen aus, kann man kaum einen Widerspruch zwischen Naturwissenschaft und biblischem Schöpfungsbericht entdecken.
Dennoch macht der Schöpfungsbericht Aussagen, die Konsequenzen für die Naturwissenschaft haben. So war es bis in die 20er-Jahre des 20. Jahrhunderts für die führenden Naturwissenschaftler selbstverständlich, dass das Universum ewig existiere. In einem längeren Prozess setzte sich dann aber gegen Widerstände doch die Auffassung durch, dass das Universum einen Anfang haben müsse. Dann stellt sich aber die unangenehme Frage, wer oder was für diesen Anfang verantwortlich war. Und diese Frage ist naturwissenschaftlich nicht beantwortbar. Wissenschaftliche Modelle, die bis zum Urknall zurückzurechnen versuchen, erreichen den Moment des Urknalls nicht. Der Anfang des Universums ist nach aktuellem Stand der Wissenschaft aus prinzipiellen Gründen empirisch unantastbar.
Angesehene Physiker wie der Nobelpreisträger Arno Penzias25, Ard Louis26 oder Aron Wall27 sehen in dieser Entdeckung eines Anfangs des Universums das biblische Weltbild bestätigt. Wie weit die naturwissenschaftliche Relevanz des Schöpfungsberichts geht, hängt allerdings stark vom Textverständnis ab. Man kann drei Hauptrichtungen unterscheiden, wie Christen den Schöpfungsbericht im Hinblick auf seine wissenschaftliche Aussageabsicht interpretieren. Für den wissenschaftlichen Fortschritt ist es dabei sehr fruchtbar, wenn unterschiedliche Ansichten ohne Maulkorb im argumentativen Diskurs stehen, solange sie wissenschaftlich nachvollziehbarer Methodik folgen.
Erstens: Der Junge-Erde-Kreationismus sieht die in Genesis erwähnten Tage als reale 24-Stunden-Tage, wie es auch die Mehrzahl der Kirchenväter tat.28 Damit kommt er in Konflikt mit vielen plausibel etablierten Modellen der Erdgeschichte. Doch Vertreter dieser Anschauung können gewisse Erfolge vorweisen, wenn sie Unstimmigkeiten in gängigen Datierungsmethoden nachweisen, denen im wissenschaftlichen Mainstream häufig keine große Bedeutung beigemessen wird. Ein spannendes Beispiel dafür liefert die wiederholte Entdeckung von elastischem Gewebe an Dinosaurierfossilien, was sich bei Annahme langer Zeiträume nur durch einen bisher noch unbekannten Konservierungsmechanismus erklären lässt29 oder die immer wieder in geologischen Proben gemessenen unerwartet hohen C14-Konzentrationen, die konventionell auf mehrere Millionen Jahre datiert werden und daher gar kein C14 mehr enthalten dürften (das in diesen Proben gemessene radioaktive Kohlenstoff-Isotop C14 müsste nach so langer Zeit bereits zerfallen sein; eine spätere Verunreinigung der Proben mit „frischem“ C14 erscheint meist unplausibel).30
Zweitens: Der Alte-Erde-Kreationismus hingegen interpretiert die Schöpfungstage entweder als nicht aufeinanderfolgende Tage oder als lange Zeiträume, was der entsprechende hebräische Begriff „jôm“ durchaus zulässt.31 Es gibt also keine Probleme mit der konventionellen Altersbestimmung. Vertreter dieser Sicht argumentieren zudem, dass die vielfältigen zweckmäßigen Baupläne der Lebewesen nicht aus den bekannten regelhaften evolutionären Prozessen hervorgegangen sein können, die bisher nur Variationen innerhalb von Bauplänen erklären können. In einem streng chronologischen Textverständnis entstehen dann allerdings Fragen wie: „Warum werden die Sonne und die Sterne erst am vierten Tag, also nach den Landpflanzen erschaffen?“
Drittens: Der sogenannten theistischen Evolution zufolge erschuf Gott die Vielfalt des Lebens mit den Mitteln der biologischen Evolution.32 Deren Vertreter sehen im Schöpfungsbericht bildlich zu verstehende Erzählungen, die uns etwas über die Ordnung der Schöpfung berichten, aber nicht über die Chronologie der Entstehung. Gott steht als ordnende und steuernde Hand hinter den schöpferischen Prozessen der Natur, die nach seinem Plan die Entfaltung des Lebens hervorbringen. Während dieses Modell an gängige naturwissenschaftliche Modelle problemlos angepasst werden kann, ergeben sich große theologische Fragen: Warum sollte ein guter und allmächtiger Gott den grausamen Mechanismus natürlicher Selektion durch den Tod einsetzen, um die Vielfalt des Lebens zu erschaffen?
Es gibt sehr detaillierte Diskussionen aller drei Modelle, die den Rahmen dieses Kapitels sprengen würden.33 Und auch wenn keines davon alle offenen Fragen endgültig klärt, halten sie alle einen Schöpfer für die bessere Erklärung des Universums verglichen mit der Alternative von Zufall und Notwendigkeit. So stimmen sie in folgenden wissenschaftlich gut bestätigten Punkten überein:
1 Das Universum ist nicht selbsterklärend, sondern stellt die Frage nach seiner eigenen Ursache. Vieles spricht dafür, dass das Universum einen Anfang hat, was gut mit der Idee eines Schöpfungsaktes zusammenpasst.
1 Das Universum wurde von Gott aus einem ungeordneten Zustand in einen Zustand lebensfreundlicher Ordnung überführt, was sich gut mit der beobachteten Feinabstimmung des Universums deckt.
1 Die zentral wichtigen Übergänge von unbelebter zu belebter Materie sowie von unbewusstem zu bewusstem Leben lassen sich nicht einfach als Aufsummierung von Eigenschaften einfacherer materieller Komponenten erklären, sondern weisen völlig neue Systemeigenschaften auf.
Sie stimmen darin überein, dass der Mensch eine besondere Stellung einnimmt als verantwortliches Gegenüber Gottes, die nicht aus seiner biologischen Herkunft heraus erklärt werden kann. Der Mensch ist im Ebenbild Gottes geschaffen.
1 Anhänger aller drei Anschauungen glauben, dass Gott in die Natur eingreifen kann, wie er es z. B. auch bei der Auferstehung Jesu von den Toten getan hat. Die Unterschiede beziehen sich nur darauf, wie oft Gott übernatürlich eingegriffen hat und wie lange er sich dafür Zeit ließ.
Manche von uns heute erlebten Widersprüche zwischen Schöpfungsbericht und Naturwissenschaft dürften sich mit neuen wissenschaftlichen Entdeckungen in Luft auflösen, dafür könnten auch wieder neue entstehen. Wenn wir Menschen versuchen, all unser interdisziplinäres Wissen zusammenzutragen, um die größte aller Fragen nach dem Ursprung der Welt zu lösen, sollte es nicht überraschen, dass inhaltliche Konflikte auftreten können.
Als Christen glauben wir aber, dass diese Konflikte ein Problem unseres begrenzten Wissens und der Notwendigkeit sind, die biblischen Texte und naturwissenschaftlichen Daten immer durch unsere menschliche Weltanschauungsbrille interpretieren zu müssen – sie sind nicht prinzipiell unauflösbar. Deswegen freuen wir uns darauf, weiter zu forschen, nachzudenken und lassen verschiedene Denkansätze zu Wort kommen, um sie zu prüfen. Das ist interdisziplinäres wissenschaftliches Arbeiten im besten Sinne!
(Alexander Fink)
Einwand 10:
Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die „Erfolge“ von Gebet einer ganz normalen Wahrscheinlichkeit unterliegen.
Hier gibt es durchaus unterschiedliche Studien. Atheisten wie Richard Dawkins führen gerne solche an, die die These der medizinischen Wirkungslosigkeit von Gebet nahelegen.34 Christen beziehen sich auf Studien, die deutlich machen, dass Gebet durchaus eine Wirkung auf die Befindlichkeit und Heilungschancen von Patienten hat.35 2009 zitiert der FOCUS eine Übersichtsstudie aus dem Journal of Religion, die 18 solcher Gebetsstudien analysiert hat, und resümiert: „Einige Studien scheinen eine positive Wirkung auf die Gesundheit zu beweisen, andere wieder nicht.“36
Der Theologe Craig S. Keener hat in seinem akribisch recherchierten Werk Miracles zahlreiche Begebenheiten aus mehreren Kontinenten dokumentiert, in denen sogar auf öffentliches Gebet wunderbare Heilungen oder andere Ereignisse folgten.37 Beispielweise wurde im Mai 2007 während eines christlichen Jugendlagers mit über hundert Teilnehmern in Mumbai ein Junge namens Vikram regungslos auf dem Grund eines Swimmingpools gefunden. Eine anwesende Krankenschwester habe weder Atmung noch Puls feststellen können. Auch zwei Ärzte, zu denen der Junge transportiert wurde, hätten ihn nicht wiederbeleben können und ihn für tot erklärt. Doch die Christen beteten für Vikram. Und nach eineinhalb Stunden sei der Junge völlig überraschend lebendig zurückgekehrt. Vikram habe erzählt, dass er den Namen Jesus gehört habe und so gerettet worden sei. Die hinduistischen Eltern seien geschockt gewesen, denn ihres Wissens nach konnte der Junge den Namen Jesus vorher noch nie gehört haben.38
Doch vermutlich leidet diese Herangehensweise ans Gebet an einem grundlegenden Problem: Sie behandelt Gebet, als sei es ein natürlicher Mechanismus, als sei Gott ein Wunschautomat. Ich muss nur methodisch korrekt beten, dann wird auch das gewünschte Resultat erfolgen. Doch Gebet gleicht vielmehr dem Gespräch eines Kindes mit seinem Vater. Würde man eine Studie durchführen, wie sich das Äußern von Wünschen an den Vater auf die Erfüllung dieser Wünsche und das Wohlbefinden des Kindes auswirkt, käme man sicher auch zu sehr unterschiedlichen Schlüssen. Denn einige Wünsche des Kindes wird ein guter Vater wohl ablehnen und in förderlichere Bahnen lenken, oft zum Unwillen des Kindes, das dies alles erst viel später begreifen wird. Wie oft wehrt sich ein Kind dagegen, ein Musikinstrument oder Mathe zu üben, weil es lieber herumtollen möchte. Aber als Erwachsener ist es dann begeistert, dass es etwas gelernt hat. Auch ein Fußballteam, das die Meisterschaft gewonnen hat, wird dem Trainer das lange, harte und entbehrungsreiche Training schnell verzeihen.
Dietrich Bonhoeffer hat keine wunderbare Rettung erlebt, sondern wurde von den Nazis hingerichtet. Er schreibt: „Gott erfüllt nicht alle unsere Wünsche, aber alle seine Verheißungen.“39 Sein tragisches Ende und das leidvolle Leben vieler Menschen, die intensiv zu Gott gebetet und eben keine Gebetserhörung erlebt haben, machen die Unverfügbarkeit des Gebets deutlich. Wenn Gott eine Person mit freiem Willen ist, so werden wir seine Gedanken nie ganz verstehen können, also auch nicht, wie er unser Gebet erhören will. Wer wie Jesus betet, betet voller Vertrauen, dass Gottes Wille geschieht, dass er seinen guten Plan in dieser gefallenen Welt und in meinem gebrochenen Leben verwirklicht.
Das Vaterunser-Gebet legt gerade den Fokus auf Gottes Reich und darauf, dass dieses gute, immer liebevolle und leidensfreie Zusammenleben im Kommen begriffen sei. Und doch konnten und können Menschen tatsächlich schon jetzt immer wieder erstaunliche Ereignisse erleben, wie sie in öffentlichen Heilungen, Bewahrung und Führung bezeugt sind (s. o.). Das Zusammentreffen von Gebet und Ereignis kann in solchen Fällen kaum als natürlicher Zufall erklärt werden. Dass Gebet hingegen nicht immer in Erfüllung geht, kann viele Ursachen haben und entzieht sich einer Beschreibung durch Wahrscheinlichkeiten. Auf jeden Fall hilft Gebet, sich in allen äußeren Umständen Gott anzuvertrauen. Das ermöglicht einen demütigen Umgang mit Glück und Erfolg und einen hoffnungsvollen Umgang mit Leid und Niederlagen. Und letztlich stehen wir selbst in der Verantwortung, es auszuprobieren. Denn Gott lädt zum Beten ein: „Wer bittet, dem wird gegeben.“ (Lk 11,9) – mahnt aber auch: „Ihr habt nicht, weil ihr nicht bittet.“ (Jak 4,2)
(Alexander Fink)
14 Vgl. dazu auch I. Hutchinson (2018): Can a Scientist Believe in Miracles? An MIT Professor Answers Questions on God and Science.
15 C. S. Lewis (1991): Wunder. Möglich, wahrscheinlich, undenkbar? S. 72.
16 R. Penrose (1989): The emperor’s new mind. S. 339–345.
17 Für weitere Beispiele von Feinabstimmung vgl. z. B. L. A. Barnes (٢٠٢٠): A Reasonable Little Question. A Formulation of the Fine-Tuning Argument; M. Widenmeyer (2019): Das geplante Universum; L. A. Barnes; F. L. Geraint (2016): A Fortunate Universe. Life in a Finely Tuned Cosmos; G. Gonzalez, J. Richards (2004): The privileged planet.
18 L. A. Barnes (2020): A Reasonable Little Question. A Formulation of the Fine-Tuning Argument. S. 1239.
19 Vgl. M. Widenmeyer (2019): Das geplante Universum. S. 7.
20 So der Schlusssatz von E. R. Siegel (2020): Have We Finally Found Evidence For A Parallel Universe?
21 P. Davies (1992): Prinzip Chaos. Die neue Ordnung des Kosmos. S. 289 f.
22 Siehe hierzu auch Fußnote 5.
23 Vgl. hierzu auch folgende Lesetipps: H. Falcke (2020): Licht im Dunkeln. Schwarze Löcher, das Universum und wir. A. Kellner (2018): Expedition zum Ursprung. Ein Physiker sucht nach dem Sinn des Lebens oder B. Drossel (2016): Naturwissenschaftler reden von Gott.
24 Vgl. z. B. den akribisch dem hebräischen Text folgenden C. J. Collins (2005): Genesis 1–4; E. Zenger (92015): Einleitung in das Alte Testament. S. 67 ff.; W. H. Schmidt (112011): Alttestamentlicher Glaube. S. 233 ff.
25 Vgl. A. Penzias (1992): Creation is supported by all the data so far.
26 https://youtu.be/xgskFDykU7E (Zugriff: 07.09.2020).
27 http://www.wall.org/~aron/ (Zugriff: 07.09.2020).
28 Z. B. R. Junker (2020): Genesis, Schöpfung und Evolution; A. vom Stein (32017): Creatio; www.wort-und-wissen.org; www.answersingenesis.org/days-of-creation.
29 Vgl. H. Binder (2020): Gewebereste und Zellbausteine in Dinosaurierfossilien.
30 J. R. Baumgardner et al. (2003): Measurable 14C in Fossilized Organic Materials.
31 Z. B. J. Lennox (2014): Sieben Tage, das Universum und Gott; H. Ross (22015): A Matter of Days. Resolving a Creation Controversy; www.johnlennox.org; www.reasons.org.
32 Z. B. B. Drossel (32018): Und Augustinus traute dem Verstand; D. Alexander (22014): Creation or Evolution. Do we have to choose?; www.glaubenaturwissenschaft.blogspot.com; www.biologos.org.
33 T. Cabal; P. Rasor (2018): Controversy of the Ages; IVP Counterpoints series (2017): Four views on Creation, Evolution and Intelligent Design; K. Keathley et al. (2017): Old-Earth or Evolutionary Creation?; T. C. Wood; D. R. Falk (2019): The Fool and the Heretic; J. P. Moreland et al. (2017): Theistic Evolution. A Scientific, Philosophical, and Theological Critique; R. Junker; S. Scherer (72013): Evolution. Ein kritisches Lehrbuch (2013); IVP Counterpoints series (2013): Four views on the Historical Adam.
34 Am bekanntesten sind H. Benson et al. (2006): Study of the therapeutic effects of intercessory prayer und M. Krucoff et al. (2005): Music, imagery, touch, and prayer as adjuncts to interventional cardiac care.
35 Vgl. die Auswertung von 89 Studien in H. G. Koenig et al. (22012): Handbook of Religion and Health, Kap. 2 u. 3. Oder auch R. C. Byrd (1988): Positive therapeutic effects of intercessory prayer in a coronary care unit population.
36 FOCUS (18.06.2009): Die zweifelhafte Macht der Gebete; https://t1p.de/2abd (Zugriff: 07.09.2020).
37 C. S. Keener (2011): Miracles. The Credibility of the New Testament Accounts. Kap. 3.
38 Ebd. S. 564 f.
39 D. Bonhoeffer (2005): Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. S. 265.
Fragen zu Gott
Einwand 11:
Gott als Schöpfer erklärt nichts. Die nächste Frage ist: Wer erschuf Gott?
Alles, was einen Anfang hat, hat eine Ursache.“ Dieses Argument bildet einen der Grundpfeiler wissenschaftlichen Denkens. Denn von nichts kommt auch nichts. Es gibt nun zahlreiche naturwissenschaftliche Argumente, die nahelegen, dass unser Universum einen Anfang hatte. Das Universum, in dem wir leben, hat also nicht schon ewig existiert. Es ist nicht selbsterklärend, sondern ruft nach seiner Ursache. Der Astrophysiker John Gribbin kommentiert diese Beobachtungen in der Zeitschrift Nature so: „Das größte Problem mit der Urknalltheorie vom Ursprung des Universums ist philosophisch – vielleicht sogar theologisch: Was existierte vor dem Urknall?“40 Aufgrund unserer wissenschaftlichen Forschungen sind wir also auf der Suche nach einer Ursache für die Existenz unseres Universums, die nicht Teil unseres Universums selbst sein kann. Eine solche Ursache sollte nicht an die erst von ihr verursachte Raumzeit gebunden sein. Ein ewig existierender, persönlicher Gott, wie er in Theologie und Philosophie schon lange definiert ist und diskutiert wird, ist hierbei eine plausible, legitime Letzterklärung – unabhängig von verschiedenen Mechanismen, die er dabei verwendet haben kann.
Natürlich kann man auch hier wieder die Frage nach der Ursache stellen: Woher kommt Gott? Wer hat ihn erschaffen? Doch nur weil wir eine Frage stellen können, heißt das nicht, dass diese Frage korrekt ist – z. B. könnte ich Sie fragen: „Haben Sie aufgehört, Ihre Tochter zu schlagen?“ Wie Sie auch antworten, ob „Ja“ oder „Nein“, sie bejahen damit immer, dass Sie Ihre Tochter geschlagen haben. Aber haben Sie das überhaupt jemals oder unterstellt die Frage dies nicht schon als erwiesene Tatsache? Die Frage nach dem Ursprung Gottes setzt voraus (ich erinnere an das einleitende Argument!), dass Gott einen Anfang gehabt haben muss.
In der Tat haben viele Götter, von denen wir in antiken Mythen gehört haben, einen Anfang – wie Zeus oder Athene, die dem Kopf des Zeus entsprungen sein soll. Interessanterweise bezeichnet die Bibel diese Götter nicht als Götter, sondern als Götzen. Götzen sind von der Schöpfung immer irgendwie abhängig, während Gott unabhängig von seiner Schöpfung existieren kann. Sie nehmen fälschlicherweise den Platz des allmächtigen, ewigen Gottes ein, ohne seine Wesenseigenschaften zu besitzen. Nur ein in sich autarkes, in sich selbst den Grund seiner Existenz tragendes Wesen verdient überhaupt die Bezeichnung „Gott“. Die vielen Götterwesen antiker Mythen gleichen eher einer Art fehlbarer Übermenschen. Die Definition des Gottesbegriffs ist also sehr wichtig.
Vielleicht wenden Sie ein, es könne nichts ewig Existierendes geben, aber dann sollte bedacht werden, dass auch die alternative naturalistische Erklärung der Entstehung des Universums von etwas ewig Existierendem ausgeht: In der Multiversenhypothese postuliert man (übrigens ohne empirische Belege), dass unser Universum aus einem ewig existierenden und fluktuierenden Quantenvakuum (das nicht „nichts“ ist!) entstanden ist. Die Frage ist also nicht, ob etwas ewig und ohne eigene Ursache existieren kann, sondern, was das ist! Es geht folglich um einen Indizienprozess: Ist es plausibler, dass unser Universum von einem ewig existierenden persönlichen Gott oder einem unpersönlichen ewig existierenden Quantenvakuum erzeugt wurde?41 Der angesehene Philosoph und ehemalige Atheist Holm Tetens argumentiert in seinem Vortrag Materie oder Geist als Ursprung des Universums fundiert dafür, dass es keine guten Gründe gebe, den Schöpfungsgedanken als unvernünftig abzutun, wenn man die Methoden und Ergebnisse der Naturwissenschaften akzeptiert. Es sei vielmehr plausibel, dass der Gott der monotheistischen Religionen der Schöpfer des physikalischen Universums ist.42
Die gleiche Skepsis gegenüber einer materiellen Ursache des Universums drückt der Atheist Thomas Nagel, einer der einflussreichsten zeitgenössischen Philosophen, in seinem Buch Geist und Kosmos: Warum die materialistische neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist aus. Er plädiert eindrücklich dafür, dass grundlegende Phänomene unseres Universums wie Bewusstsein, Rationalität und Moral nicht allein durch bisher bekannte materialistische Prozesse erklärt werden können. Es müsse mehr geben als nur die blinden Kräfte der Materie.43
Die Vorstellung, dass etwas Nichtmaterielles die Ursache für die Materie ist, legen auch Eigenschaften der Quantenmechanik nahe. Der weltweit anerkannte Quantenphysiker Anton Zeilinger behauptet zum Beispiel, dass fundamentale Eigenschaften der Quantentheorie gut erklärbar wären, wenn die grundlegende Größe des Universums Information wäre und nicht Materie,44 wenn also das „bit“ dem „it“ vorausginge. Diese These passt gut zu einem theistischen Weltbild und ebenso zum Beginn des Johannesevangeliums: „Am Anfang war das Wort (griech. „logos“ = Wort, Verstand, Vernunft, Denken, Gedanke, Information …) und das Wort war bei Gott“, wie Zeilinger in seinem Aufsatz Why the Quantum? ausführt.
Die Bibel postuliert einen ewigen geistigen Urheber des Universums, in dessen Ebenbild wir erschaffen sind. Dieses Modell liefert eine fundierte Begründung für die Existenz des Universums ebenso wie für Information, Bewusstsein, Rationalität und Moral. Auf Basis dieser Indizien ist es also auf keinen Fall abwegiger, von einer personalen, unerschaffenen Ursache des Universums auszugehen als von einer materiellen.
(Alexander Fink)
Einwand 12:
Kann Gott einen so schweren Stein erschaffen, dass er ihn selbst nicht heben kann? In jedem Fall ist er nicht allmächtig.
Diese Frage kann auf eine viel einfachere Frage reduziert werden: „Kann Gott etwas, das er nicht kann?“ Sofort fällt hier der logische Widerspruch auf, der aber schon in der Frage liegt und durch die Antwort natürlich nicht geklärt werden kann. Genauso krumm wäre die Frage: „Kann ein allmächtiger Gott das Wort Donaudampfschifffahrtsgesellschaft mit drei lateinischen Buchstaben schreiben?“ Fragen wie diese gehen offenbar von falschen Voraussetzungen aus. Können physikalische Kräfte die Struktur der Logik verändern? Können Mutation und Selektion aus einem weißen Schimmel einen schwarzen Schimmel hervorbringen? Nein. Denn wenn ein weißer Schimmel schwarz würde, wäre das Pferd ja gerade kein Schimmel mehr!
Wäre die physikalische Veränderung also möglich, könnte sie dennoch unsere Begriffe und Definitionen nicht verändern, da diese ideeller, nicht materieller Natur sind. Die Mathematik wäre auch wahr, wenn es kein materielles Universum geben würde. Physikalische Allmacht kann nicht als Durchbrechen unserer Logik erwiesen werden. Auf der anderen Seite wird der christlichen Gottesvorstellung oft vorgeworfen, sie sei unlogisch, und gerade deshalb könne man nicht an sie glauben. Wenn Gott tatsächlich das mächtigste Wesen im Universum ist, kann man sich leicht vorstellen, dass uns nur der richtige Bezugsrahmen fehlt, um ihn zu verstehen. Ebenso wie zweidimensionale Wesen große Probleme damit hätten, sich ein dreidimensionales Wesen vorzustellen. Die Skizze eines dreidimensionalen Würfels auf einem zweidimensionalen Blatt Papier kann falsch verstanden werden, wenn man z. B. den Abstand zwischen zwei diagonal gegenüberliegenden Eckpunkten ausmessen will.
Laut Bibel gibt es aber tatsächlich etwas, was Gott nicht kann, sondern nur wir Menschen: So kann er nicht sündigen oder sich nicht selbst ablehnen und so seinem heiligen Wesen untreu werden. Das ist allerdings kein Makel. So blieb er auch als Mensch in Jesus Christus völlig heilig, ohne Sünde und konnte dann aus freiem Willen unsere Schuld von uns wegnehmen, auf sich nehmen und mit sich am Kreuz ein für alle Mal richten.
(Alexander Fink)
Einwand 13:
Der grausame Gott des Alten Testaments ist nicht derselbe wie der liebende des Neuen.
Es stimmt, dass im AT teils andere Seiten Gottes im Vordergrund stehen als im NT. So ist im AT öfter zu lesen, dass Gott Vergehen gegen seine Gebote hart bestraft oder sogar an Kriegen beteiligt ist. Im NT dagegen tritt Jesus gewaltlos auf, predigt Feindesliebe und spricht von einem Gott, der Menschen ohne Vorbehalte annimmt. Wie passt beides zusammen? Zwei Themen greife ich heraus:
Thema 1: Liebe und Gerechtigkeit Gottes: Zu Beginn des ATs wählt Gott Menschen aus bzw. „erwählt“ sie: Abraham, Mose und schließlich das Volk Israel. Die Pointe: Die Wahl ist begründet in Gottes Liebe, nicht in menschlichen Vorzügen. Israel wurde nicht deswegen ausgewählt, weil es mächtiger wäre als andere Völker, sondern weil Gott Israel liebt (5Mos 7,7 f.). Wenn Gott Menschen wählt, sind damit immer ein Versprechen Gottes und ein Auftrag an diese Menschen verbunden: das Versprechen, dass er seinen Menschen treu bleibt, und der Auftrag an diese Menschen, sich ihrer Würde als Erwählte entsprechend zu verhalten. Im AT wird nun immer deutlicher, dass Menschen dem nicht gerecht werden können. Sie versagen und halten Gottes Gebote nicht ein. Also sendet Gott Propheten, die in seinem Auftrag reden und zur Umkehr rufen. Besonders harsche Kritik übt Gott an sozialer Ungerechtigkeit, an der Ausbeutung der Armen. Und Gott sendet Strafen – Israels Niederlagen werden nicht als historisches Pech verstanden, sondern als Handeln Gottes selbst: Er gebraucht demnach sogar die Großmächte der Zeit, um Israel zur Umkehr zu bewegen. Aber auch das hilft nicht.
Also wächst im AT die Einsicht, dass Gott einen anderen Weg wählen muss. Er muss es schaffen, selbst auf die Seite des Menschen zu kommen und auch dessen Beitrag zur Beziehung zu regeln. Im Propheten Jesaja (Kap. 53) ist die Rede vom Knecht Gottes, der stellvertretend leidet und die Strafe für das Scheitern der Menschen auf sich nimmt.
Diese Aussagen hat Jesus auf sich bezogen. Er ist selbst der „Knecht Gottes“, der stellvertretend leidet. Er geht bis ans Kreuz, um die Folgen der Abwendung des Menschen von Gott auf sich zu nehmen. Die Logik dabei: Wenn Menschen sich von Gott entfernen, entfernen sie sich vom Leben an sich und gehen in den Tod. Gott will dies aber nicht zulassen, also ruft er sie zurück – und geht ihnen hinterher. Ganz wörtlich: In Jesus geht Gott auch durch den Tod hindurch: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“ (2Kor 5,19) Der Clou: Dass dies nötig war, ergibt sich gerade aus dem AT. Denn der Gott der ganzen Bibel, AT und NT, ist immer beides gleichzeitig, liebend und gerecht. Beides gehört zusammen.
Das AT beschreibt, dass Gott darunter leidet, wenn Menschen sich von ihm abwenden. Es beschreibt auch, dass Gott zornig wird, wenn Menschen einander Leid zufügen und Böses antun – und dieses Leiden ist gerade Ausdruck seiner Liebe zu ihnen. Wären ihm die Menschen dagegen gleichgültig, bräuchte ihn auch ihr Scheitern nicht zu kümmern. Das NT beschreibt Gottes Entschluss, in Jesus ans Kreuz zu gehen und die Folge menschlichen Versagens stellvertretend selbst zu tragen – und dieser Entschluss ist Ausdruck seiner Gerechtigkeit. Das Scheitern der Menschen bleibt nicht folgenlos; nur hat Gott diese Folgen in Jesus selbst getragen.
Thema 2: Krieg und Gewaltlosigkeit: Die sogenannte Urgeschichte (1Mos 1–11) enthält Erzählungen über die Schöpfung der Welt und die ersten Menschen. Laut dieser Texte gehören Streit und Krieg gerade nicht zu Gottes ursprünglichen Absichten für seine Schöpfung. Sondern sie sind Symptome einer gefallenen Welt, in der sich Menschen bereits von Gott abgewendet haben. Sie gehören daher mit zum Preis der menschlichen Freiheit: Wer frei ist, kann sich auch falsch entscheiden, auch für Streit und Krieg. Dieses Risiko geht Gott ein, so tragisch es ist – weil nur so die menschliche Freiheit gewährleistet bleibt.
In dieser gefallenen Welt nun baut Gott Beziehung – zuerst mit einzelnen Menschen, dann mit dem Volk Israel. Und er verspricht diesen Menschen Treue und Schutz. Unter den Bedingungen einer gefallenen Welt kann dazu auch gehören, dass Gott seine Menschen verteidigt. Deswegen tritt er auch in Israels Kriegen als Handelnder auf und wird um Beistand gebeten. Besonders herausfordernd sind nun solche Texte, die typisch für altorientalische Kriegstexte sogar von der Zerstörung ganzer Städte sprechen. Wie passen solche Beschreibungen zum Gottesbild des NTs? Dazu ein paar Hinweise (siehe Einwand 14).
Die Texte sind zumeist aus der Perspektive der Schwachen geschrieben. Israel war über weite Strecken seiner Geschichte keine Großmacht, sondern Spielball der Großmächte seiner Zeit. Wenn ein solches Volk sich am Sieg gegen (übermächtige) Feinde freut, liest sich das anders, als wenn es aus einer Position der Stärke geschrieben wäre.
Die Kriegstexte des ATs beschreiben reale Ereignisse, sind aber in den Details ungenau. Typisch für altorientalische Texte verwenden sie auch das Stilmittel der Hyperbole (Übertreibung). Das ist nicht immer wörtlich zu nehmen. Z. B. heißt es im Buch Josua, dass Israel ganze Städte mit ihren Bewohnern vernichtet. Im folgenden Buch Richter tauchen die Bewohner genau dieser Städte aber wieder auf und machen Israel Schwierigkeiten.45 Ganz so vollständig war die Zerstörung also nicht. Ein etwas banaler Vergleich: Auch in der Sportberichterstattung heute finden sich solche Hyperbolen („Das Team XY wurde vom Platz gefegt.“), bei denen niemand auf die Idee käme, sie wortwörtlich zu nehmen.
Gott will ursprünglich Frieden für die Welt, und er will solchen Frieden auch am Ende herbeiführen: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln … und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen“ – diese große Friedensvision steht mitten im AT (Jes 2,4).
Von hierher ist es nicht mehr weit zu Jesus, der Gewaltlosigkeit predigt und selbst praktiziert. Jesus lebt sozusagen bereits jetzt nach den Maßstäben der neuen Welt Gottes, die Gott versprochen hat zu schaffen.
(Matthias Clausen)
40 J. Gribbin (1976): Oscillating Universe Bounces Back. S. 15.
41 Vgl. dazu S. Lange (42020): Begründet glauben; J. Lennox (82019), Hat die Wissenschaft Gott begraben?; Institut für Glaube und Wissenschaft (2015): DVD: Faszination Universum (z. B. auf iguw.de).
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