Kitabı oku: «All das hier»

Yazı tipi:

Über dieses Buch

Einen Sommer lang waren sie zusammen, haben in Hamburg ein The­a­ter­­stück auf die Bühne gebracht und sind da­nach für unbeschwerte Tage ans Meer gefahren.

Ein Jahr später kommt Finn bei einem Autounfall ums Leben, und mit ihm schwindet das heimliche Gra­vi­tations­zen­trum der Beziehungen. Da ist Anna, einst Finns Freundin, die jetzt mit Malte zusammen ist. Malte, des­­sen Nähe zu Finn ungeklärt geblieben ist. Und da ist Ben, dem Finn ge­gen die Drogen zu helfen versucht hat und der Finns Freundin Nessa mehr als zu­ge­neigt ist.

Der Roman erzählt von den wenigen Tagen nach Finns Tod und vom Wiedersehen der Freunde zum Begräbnis in Zürich. Sie streifen durch die Bars und über die Dächer der Stadt und versuchen, das Vergangene wieder zu­­sam­menzu­setzen. Der noch von Finn geplante ge­meinsame Trip nach Südfrankreich ­verspricht, wieder an jene Tage am Meer anknüpfen zu können.

«All das hier» ist ein Roman von einer melancholisch gelassenen Poesie, der von den Liebesgeschichten eines Freundeskreises und vom Ende der ­Ju­gend erzählt.


Foto Ayșe Yavaș

Alexander Kamber, geboren 1995 in ­Zürich. Ebenda Kindheit, Jugend, erste Short Stories. Zurzeit Studi­um der Kulturwissenschaften mit Schwerpunkt Philosophie an der Universität Lüneburg und arbeitet daneben als freier Journalist.

Alexander Kamber

All das hier

Roman

Limmat Verlag

Zürich

Für Ash

Man reist immer mit Toten im Gepäck.

Mathias Énard

1

Mitten in der Nacht vibrierte mein Handy.

Zuerst erkannte ich Bens Stimme nicht. Sie war höher als sonst, passte nicht zu ihm, sie überschlug sich mehrere Male. Ich versuchte ihr zu folgen, den unwirklichen Dingen, die sie sagte. Finn sei gestorben. Ein Auto. Und es habe geregnet. Mehr wisse man nicht. Noch nicht.

Ich konnte das Pochen meines Herzschlags in den Ohren spüren. Wir sagten beide nichts, und ich wägte ab, ob das wahr sein konnte oder ob ich träumte und gleich aufwachen würde.

Ben begann wieder zu sprechen, erst hörte ich ihn gar nicht. Ich lag auf dem Rücken, ohne mich zu rühren. Der Klang seiner Stimme kam von weit her, und da war dieses Gefühl, als sei Finn auf einmal in diesem Raum.

Dann spulte er einen Text ab, der so klang, als habe er ihn schon hunderte Male runtergeleiert.

«Es war seine Mutter, die mich angerufen hat. Sie war völlig fertig, konnte nicht mehr aufhören zu reden. Sie hat schon von der Beerdigung gesprochen. Von der Kirche und so. Sie hat sogar schon irgendwas von einem verfickten Sarg gesagt.»

Ich kannte Finns Eltern nicht, versuchte mir sie vorzustellen. Ich wusste nur, dass sie ursprünglich aus Ungarn waren.

«Finn würde sich im Grab umdrehen», sagte er dann leise, und es war seltsam, dass er das sagte. Mir wurde bewusst, dass Finn noch nicht einmal im Grab war, dass er gerade irgendwo sonst war, wo er wartete. Vielleicht war er wirklich hier in die­­sem Zimmer. Ich setzte mich auf.

«Die Beerdigung ist schon übermorgen», sagte Ben. Sein Tonfall war ernst, aber jetzt klang er wieder wie der Alte. «Seine Eltern wollen es so. Ich glau­­­be, sie wollen es einfach hinter sich bringen. Scheiße, ich versteh sie verdammt gut.»

Ich musste grinsen. Wenn Ben nicht fluchen könnte, könnte er wohl überhaupt nicht mehr sprechen.

«Wenn du und Anna mit dem Zug kommt, dann am besten morgen», sagte er. «Sonst wird das zu knapp.»

«Wir werden kommen.»

«Das ist gut. Nessa wird sich freuen.»

Ich fragte mich, was Nessa gerade machte. Ich stellte mir vor, wie sie in ihrem Bett lag und an die Decke starrte wie ich, sie mit ihren Augen nach ir­gend­etwas absuchte, nach verborgenen Mustern, die auch Finn gesehen haben musste in den Nächten, in denen er neben ihr lag, und ich dachte an ihre Augen, sie waren grün, vielleicht auch braun, braungrün, ich war mir nicht mehr ganz sicher, und doch war es erst ein Jahr her.

«Wenn ihr morgen gegen Mittag losfahrt, seid ihr am Abend da. Lass mich wissen, wann ihr an­­kommt.»

«Ja», sagte ich.

Ich würde also nach Zürich fahren. Ich war noch nie dort gewesen. Ich stellte sie mir vage als strenge, graublaue Stadt vor. Ich dachte an Banken, hohe Gebäude, an Geld. Von Finn, Ben und Nessa wusste ich, dass Zürich die höchste Clubdichte der Welt hatte. Und dass man die Berge sehen konnte, deren Gipfel angeblich auch im Sommer von Schnee bedeckt sind.

«Ihr könnt bei mir übernachten, ich müsste das aber bald wissen, damit ich eine Matratze besorgen kann. Oder ich kann euch ein Hotel buchen, wenn du willst.»

«Ich sag dir noch Bescheid», sagte ich.

Bens Stimme klang mittlerweile wieder vertraut. Es sind diese banalen Dinge, die einem Halt geben. Das Gefühl, dass sie sich nicht ändern.

«Da ist noch was», sagte Ben nach einer Weile.

«Hm?»

«Ich hab Anna noch nicht Bescheid gesagt. Finns Eltern werden sie vielleicht noch anrufen, sie kannten sich ja gut. Wenn du willst, ruf ich sie gleich an. Ich dachte mir nur, vielleicht willst lieber du ihr das sagen, das ist alles.»

«Danke», sagte ich. Wir legten auf. Ich starrte noch eine Weile auf mein Handy, dann legte ich mich auf den Rücken.

Ich sah Finns Gesicht, es schwebte über mir wie ein Gespenst an der Decke. Seine funkelnden Augen, die unter den dunkelbraunen Locken hervorblitzten. Augen, die jetzt tot waren und eigentlich leer sein müssten, es aber nicht waren. Ich begann, mit ihm zu reden, sprach die Worte laut aus, die im Raum verklangen, in dem ich allein war und in den nach und nach das erste Licht des neuen Tages drang.

Er lächelte mich an. Man sah diese feine Narbe auf seiner Unterlippe nur dann, wenn er lächelte. Sie war nur einige Millimeter lang, und meistens bemerkte man sie nicht. Sie hob sich leicht ab, ihre Farbe war heller als die Farbe seiner Lippen, ein blasses Rosa wie die Farbe der Haut. Und wenn man sie sah, wunderte man sich, woher sie kam. Ich hatte nie erlebt, dass ihn jemand danach gefragt hätte. Vielleicht strahlte er gerade deswegen diese Sicherheit aus, wegen diesem Makel, der unweigerlich jedes Mal sichtbar wurde, wenn er lächelte.

Ich versuchte mich abzulenken, aber meine Gedanken kreisten immer wieder um diese eine Nacht, als er in Hamburg war. Als wir allein waren, ohne Ben und Nessa. Ohne Anna. Als er verschwand, ohne etwas zu sagen. Die ganze Nacht zog an mir vorbei, und am Ende war Finn weg, er ging mit diesem Mädchen mit den orangen Fingernägeln, das sich in meiner Wohnung aufgewärmt hatte, weil es geschneit hatte draußen und sie Angst vor ihrem Zuhause gehabt hatte. Er sagte, er bringe sie nach Hause, aber er kam nicht wieder. Und ich wartete, sah die ganzen Flaschen vor mir. Sie waren leer, wir brauchten Nachschub, vielleicht war das ja der Grund, weshalb er solange wegblieb, aber das war es nicht. Die leeren Flaschen sahen aus wie bernsteinfarbene Kristalle, ich konnte nicht fassen, dass ich noch stehen konnte, und ich sah hinaus in die Nacht vor mir, ohne etwas zu sehen. Später erfuhr ich, dass er noch in derselben Nacht zurückgefahren war, nachdem er das Mädchen sicher nach Hause zu ihren Eltern gebracht hatte. Er nahm den nächsten Zug nach Zürich, den er erwischen konnte.

Das erste Mal sah ich Finn auf einem alten Foto, das Anna mir zeigte, als sie mir erzählte, er komme mit Ben und Nessa nach Hamburg, um «Das Bildnis des Dorian Gray» in dem Hamburger Theater zu spielen, an dem sie arbeitete. Er sollte die Hauptrolle spielen. Das Bild war alt, Anna und er waren da etwa sechzehn. Er hatte ihr gekünstelt den Arm um­­gelegt und grinste schief in die Kamera. Das war gleichzeitig auch das früheste Bild, das ich von ihr gesehen hatte, sie hatte noch in Zürich gelebt. Sie war da schon erwachsen, während Finn neben ihr wie ein Kind aussah, das man nach einem kurzen Blick nicht weiter beachtete. Der sechzehnjährige Finn sah sympathisch aus auf dem Bild, er war etwas pummelig, machte den Eindruck von jemandem, dem Leute gerne Dinge anvertrauen. Anna hatte mir erzählt, dass er Gedichte schrieb, schon seit Jahren, für die er sich als Junge geschämt hatte. Aber es waren Wahnsinnsgedichte, hatte sie ge­­sagt. Das war das Einzige, was ich da wirklich von ihm wusste. Auf dem Bild trug er ein Sweatshirt mit irgendwelchen Comicfiguren darauf. Als wir uns vor einem Jahr das erste Mal gegenüberstanden, glaubte ich zuerst, dass Anna mir damals das Foto einer anderen Person gezeigt hatte.

Anna fiel ihm um den Hals, ich stand daneben und kurz dachte ich, irgendwo sei eine versteckte Ka­­­mera. Aber wozu, wer hätte schon darüber ge­­lacht? Sie sagte «Moin Moin» und strahlte, Finn hat komisch geguckt, hat den Ausdruck nicht gekannt. Ich dachte an das alte Foto von ihm. Natürlich war er inzwischen älter, aber das war es nicht. Er trug Stoppeln und einen Schnurrbart, der ihm etwas aus früheren Zeiten verlieh. Er sah aus, wie ich mir den jungen Hemingway vorgestellt hatte. Er war etwas schlanker, drahtiger, aber er strahlte diesen ansteckenden Tatendrang aus. Und auf einmal hatte ich das Gefühl, betrogen worden zu sein. Mir wurde klar, dass ich ihn beneidete. Er hatte mit an­­sehen können, wie sie zu der Frau wurde, mit der ich seit einigen Monaten zusammen war, es war alles so frisch und bedeutete nichts im Gegensatz zu all den Jahren mit ihm. Ich kam da nicht gegen ihn an, und das alles strahlte er aus, ohne nur ein Wort zu sagen. Ich und Finn schüttelten uns die Hände. Ich versuchte zu lächeln, Anna strahlte immer noch. Er sagte, er freue sich, mich kennenzulernen, und ich hab ihm das auch wirklich abgenommen.

Dann stellte er uns Ben und Nessa vor. Ben war doppelt so breit gebaut wie Finn, sein Haar war kurz und dunkelblond. Seine Haut war sehr weiß. Er sah aus wie jemand, der als Rausschmeißer in einem irischen Pub arbeitet. Seine Arme waren grau und grün und rot, und die Farben waren verwaschen. Ich fragte mich, ob sie seine Tattoos übermalen mussten, bevor er auf die Bühne konnte.

An Nessa fiel mir als Erstes ihr Gang auf. Sie be­­wegte sich anmutig und selbstsicher, zog die Blicke auf sich, und ich sah ihr an, dass sie das wuss­te. Ihr Haar war kräftig und lockig und dunkel, sie hatte es lose hochgesteckt, einige Strähnen fielen ihr in die Stirn. Seitlich über ihrer Lippe blitzte ein Piercing auf, ein silbernes Muttermal. Mir fielen ihre Augen auf, sie waren immer in Bewegung, sie wa­ren wacher, lebendiger als die Augen anderer Menschen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie stundenlang still auf einem Stuhl saß und nichts tat, ich sah, wie sich ihre Hände bewegten, wenn sie sprach.

Ich packte meine Tasche. Danach buchte ich ein Doppelzimmer für zwei Nächte, damit wir nach der Beerdigung nicht gleich wieder zurückmussten, damit Anna Gelegenheit hatte, wieder einmal einen Abend in ihrer Heimatstadt zu verbringen. Die Zugtickets würden wir direkt am Bahnhof besorgen können.

Mittlerweile war Nachmittag. Ich ging rüber zum Fenster. Auf dem Fensterbrett war ein runder Abdruck von dem Aschenbecher, der die letzten Jahre dort gestanden hatte und der mich an den Geruch erinnerte, nach dem ich mich jetzt wieder sehnte, trocken, bitter und warm. Ich schaute eine Weile hinaus. Die Sonne brannte auf die gelben Sonnenschirme mit der Pilswerbung darauf, die Luft flimmerte. Es war Juni. Das Hamburger Schanzenviertel. Eckkneipen, Flohmärkte und Studentenbuden, auf deren Balkonen regenbogenfarbene Flaggen wehten. Den Sommer über waren die meis­ten Häuser leer, nichts weiter als große Särge. Das Leben spielte in den Innenhöfen, in denen sich der Geruch von gegrilltem Fleisch mit Tabakrauch vermischte.

Ich hatte Anna immer noch nicht angerufen. Sie war auf der Arbeit im Theater, und ich wusste, dass sie viel zu tun hatte. Dass die letzte Zeit nicht ein­­fach für sie war. Neben der vielen Arbeit, die immer vor der Sommerpause an den Theatern an­­fiel, hatte sie auch noch das endlose Bewerbungsprozedere für diesen Sommerjob, von dem sie seit Monaten sprach. Eine Hamburger Theatercrew tourte zwei Wochen lang durch Schweden und suchte kurzfristig noch einen Szenografen. Es war eine bekannte und prestigeträchtige Tour, die ihr so einiges ermöglichen würde. Sie hoffte wahnsinnig auf diese Stelle.

Falls sie den Job nicht kriegen sollte, wollten wir sofort losfahren. Mit dem Van ihres Bruders durch Osteuropa. Es war ihre Idee gewesen, sie hatte gemeint, es sei höchste Zeit, mal von hier wegzukommen. Schon lange malten wir uns die Reise aus, nur konnten wir uns noch nicht auf die Städte einigen. Das war auch nicht wichtig, hatte Anna gesagt. Sie hatte recht. Hauptsache gen Osten, Hauptsache bald. Und jetzt tauchte dieser neue Ort auf, an den wir beide nie gedacht hätten und der sich zwischen das alles schob.

Ich drehte mich um und starrte in das Innere meiner Wohnung, ich fühlte mich am falschen Ort, alles fühlte sich falsch an. Mit dem Rücken zum Fensterbrett betrachtete ich die niedrige, schwarze Ledercouch, auf der getragene T-Shirts und Socken lagen, meine Matratze auf hölzernen Pa­letten, den Esstisch mit einem kleinen Turm aus Büchern darauf und eine Kleiderstange, da ich keinen Schrank hatte. Ein Paar Krücken lehnten in der einen Ecke des Raums.

Ich kramte mein Handy hervor, als es an meiner Tür klingelte. Ich merkte, wie ich erleichtert aufatmete. Ich ging rüber und öffnete.

Es war der Typ von nebenan. Er war von diesem Schlag Mensch, die einem mit der Polizei drohten, wenn man nach zehn Uhr abends den Fernseher zu laut laufen hatte. Er trug ein kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln, hatte ein rotes Gesicht und dieses zuckende Auge, das mich fertigmachte. In seiner Hand zerquetschte er einen Stapel Briefe.

«Ihre Post verstopft mal wieder meinen Brief­kasten», sagte er und hielt mir die Briefe vors Ge­­sicht. Dann wedelte er mit ihnen in der Luft herum, als hätte er Angst, dass ich ihm das nicht glaubte.

«Tut mir leid», sagte ich. Das Ding war, dass ich kein richtiges Namensschild an meinem Brief­kasten hatte. Ich hatte mich nie darum gekümmert. Nur so ein Stück Papier mit meinem Namen drauf, das immer wieder runterfiel, sodass ich alle paar Wochen ein neues ankleben musste. Ab und an landete dann eben meine Post in dem Briefkasten von diesem Kerl, der mit seiner Frau in der Wohnung neben mir im vierten Stock wohnte. Ich streckte meine Hand nach den Briefen aus, aber er zog sie ruckartig zurück.

«Das ist ja nicht das erste Mal, dass ihre Post bei mir landet.»

«Ja, aber …»

Er unterbrach mich. «Das kann doch nicht zu viel verlangt sein, seinen eigenen Briefkasten or­­dent­­­lich anzuschreiben. Oder ist sich der Herr Schauspieler dafür zu fein?»

Er atmete schwer, hauchte mir beim Sprechen seinen dunstigen Atem ins Gesicht, und das eine Auge zuckte noch wilder, schien fast zu explodieren.

«Ich hab mir das Bein gebrochen», sagte ich. «Konnte drei Monate lang nicht richtig laufen.»

Er glotze auf mein Bein. «Dann sind Sie wohl gerade eben zur Tür geschwebt, nehme ich an?» Er funkelte mich an. Ich wunderte mich über seine Wut.

«Wir sind ja schon ’ne Weile Nachbarn», sagte ich. «Ich finde, es ist langsam Zeit, zum Du überzu­gehen, was halten Sie davon?»

Einen Augenblick verschwand die Wut aus seinen Augen, und er sah irgendwie zahm, fast hilflos aus, als hätte er vergessen, was er hier überhaupt wollte. Aber nur für einen Augenblick, dann pfeffer­te er mir die Briefe vor die Füße und machte einen Abgang. Ich stand da, die Tür noch immer offen. Ich hätte ihm sagen sollen, dass er sich ficken soll, aber er war schon lange wieder in seiner Wohnung verschwunden. Ich hob die Briefe auf. Das Papier war ganz nass von seinen Händen. Nach der dritten Rechnung legte ich die restlichen Briefe ungeöffnet zur Seite.

Es ist schon seltsam. Manchmal geschieht et­­was und das Leben verändert sich schlagartig. Es regnete, und ich rannte, weil ich einen Zug erwischen musste. Die Rolltreppe war nass, und ich fiel auf den letzten Stufen, der Schmerz war stechend. Die Menschen schauten kurz und liefen weiter, nur eine alte Frau starrte mich an, gelähmt vor Schreck, ein paar Sekunden lang. Sie hielt ihre grüne Handtasche mit beiden Händen fest und blieb stehen. Ich sah nur ihre Hände. Sie sahen aus wie Krallen.

Es blieb mir nichts übrig, als auf dem kalten Steinboden sitzen zu bleiben und die Nummer des Notrufs zu wählen. Das Geräusch des Freitons mischte sich mit dem des Zuges, den ich hätte nehmen müssen und der mit einem metallenen Kreischen den Bahnhof verließ.

Das Schienbein ge­­bro­chen, ein glatter Schnitt, wie mit dem Lineal gezogen, meinte der Arzt. Vor etwa einer Woche haben sie mir den Gips abgenom­men. Ich konnte wieder gehen und glaubte, dass man nicht einmal bemerken würde, dass da mal was war.

2

Ich rief endlich Anna an und sagte ihr, Finn sei tot, weil wahrscheinlich irgendein Typ besoffen Auto gefahren sei. Sie hörte zu, sagte dabei nicht viel. Immer, wenn ich eine Pause zwischen den Sätzen machte, murmelte sie etwas, um mir zu zeigen, dass sie zuhörte. Mit lebloser Stimme, die sich an­hörte, als wäre auch etwas in ihr gestorben. Ich fragte mich, ob sie das absichtlich tat oder nicht. Sie war gerade bei der Arbeit, es war bereits früher Nachmittag. Als ich alles gesagt hatte, ließ sie mich kurz am Telefon warten und sagte mir dann, sie könne eine halbe Stunde freimachen, länger nicht. Wir verabredeten uns in einem Café, das gleich neben dem Theater lag. Ich verließ meine Wohnung, es fühlte sich auch nach ein paar Tagen immer noch etwas seltsam an, so ganz ohne Krücken. Es war aber nicht wegen des Beines, dass ich nicht den schnellsten Weg zum Café nahm. Ich woll­­­­­te ihr ein wenig Zeit lassen. Auch wenn es nur ein paar Minuten waren.

Sie nippte an ihrem Eistee, und da war die ganze Zeit dieses Surren der Ventilatoren, die an der Decke hingen und nicht wirklich einen Unterschied mach­­­ten. Ich bildete mir ein, den Geruch des Sham­­poos zu riechen, das von ihrem blonden Haar ausging. Ihre Haut war blass wie die Haut einer Nordeuropäerin. Sie trug eine lockere, weiße Bluse, un­­­ter der ich die dunklen Umrisse ihres BHs erkennen konnte. Ihre Augen waren etwas gerötet. Sie hatte fast alle Spuren der Tränen verwischt, ließ sich nichts anmerken. Sie musste sich hier auf der Toilette neu geschminkt haben.

Die Wände des Cafés waren mit Zeitungen tapeziert. Die Tische waren rund und aus hellem Holz. Es gab keine richtigen Lampen, aber Hunderte Glüh­­birnen, die an langen Kabeln von der Decke hingen. Eine der Glühbirnen schwang durch die Luft wie ein Pendel, weil irgendein Riese gerade dagegengelaufen war. Es war ein typischer Studententreffpunkt und jetzt am Nachmittag rappelvoll. Ich hatte eine Limonade bestellt, die sie als hausge­macht verkauften. Ich hatte Lust auf ein Bier, fand es aber irgendwie unpassend. Die Limo schmeckte nach Wasser und Zucker und dem beißenden Zitronensaft aus diesen gelben Quetschflaschen.

«Ich weiß nicht, was wir jetzt machen sollen», sagte ich. «Ben hat uns angeboten, bei ihm zu pennen, aber ich weiß, dass das für dich nicht infrage kommt. Also hab ich mal ein Hotelzimmer mitten in der Stadt gebucht. Deine Eltern wohnen ja ein gutes Stück außerhalb, aber wenn du willst …»

«Ich werde nicht mitkommen», sagte sie.

Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich sah sie an.

«Es geht nicht», sagte sie und schüttelte den Kopf, ohne meinen Blick zu erwidern. Sie sah auf den kleinen runden Tisch, der zwischen uns war.

«Wieso denn?»

«Ich hab dir das noch nicht erzählt. Übermorgen ist die letzte Runde, wo sie die Kandidaten befragen für die Stelle in Schweden. Morgen muss ich ganz normal arbeiten, das ist nicht das Problem, aber wenn ich die letzte Bewerbungsrunde sausen lasse, war alles für die Katz.»

«Was, noch eine Runde?»

Sie nickte. «Ja, noch eine letzte. Ich weiß das selber erst seit ein paar Tagen. Das war auch so nicht eingeplant.»

Ich sah sie an. «Aber Anna …»

«Was?»

«Es ist nur ein Job.»

«Ja, es ist ein Job. Einer, für den ich monatelang ge­arbeitet hab.»

Sie schüttelte den Kopf, ganz leicht, den Blick wieder auf den Tisch gerichtet.

«Denkst du nicht, dass sich da was machen lässt? Bei einem Todesfall drücken die vielleicht ein Auge zu, können den Termin verschieben oder so.» Ich versuchte zu lächeln.

«Ich bezweifle es, Malte. Die Tour beginnt ja schon in ein paar Tagen, und die suchen nur wen Neues, weil der alte Szenograf kurzfristig abgesprungen ist. Wenn ich da nicht auftauche, kann ich es vergessen.»

«Ich weiß, wie sehr du dich dafür abgerackert hast.»

Sie lächelte traurig. «Ich hab mich die letzten Tage schon darüber gefreut, dass das alles in zwei Tagen vorbei sein würde. Immerhin wäre dieser ganze Stress dann vorüber und ich wüsste, woran ich wäre.» Sie zögerte, sagte dann: «Ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt die Kraft hätte, nach Zü­­rich zu fahren, Malte. Dort seine Eltern wiederzusehen, die ich jahrelang fast täglich gesehen habe.»

Ich nickte. Ich bemerkte die hellrote Haut an ihrem Hals, ganz leichte Flecken, die man erst auf den zweiten Blick sah und die immer da waren, wenn sie aufgeregt war, wenn sie etwas durcheinan­derbrachte. Ich sah, wie sie ihr Glas hielt, den Ellbogen auf dem Tisch und den Unterarm ungelenk nach außen abgewinkelt. Den kleinen Finger die ganze Zeit abgespreizt wie die filmischen Abklatsche der englischen Damen beim Tee, sie hielt das Glas immer so, ganz egal welches und ganz automa­tisch, jedes Mal, wenn sie nicht wusste, was sie tun sollte. Jetzt gerade sah ich all diese Dinge, die sonst so unscheinbar waren.

Ich wollte aufstehen. Ich wollte sie nochmals umarmen, ihre Haut berühren. Ihr einen Kuss geben, einen richtigen dieses Mal. Nicht wie vorhin, als ich hereingekommen war und sie bereits an diesem Tisch saß und alles nur aus Gewohnheit war, weiter nichts. Ich sah mich um, es war ein normales Café voller Leute, die einander gegenübersaßen und sich nicht rührten. Sie standen nicht auf und küssten sich nicht und nahmen sich auch nicht in den Arm. Ich blieb sitzen.

«Aber du solltest gehen», sagte sie dann. «Nach Zürich.» Sie sah mich an, versuchte zu lächeln. «Also, wenn du möchtest.»

Ich nickte, wusste nicht, was ich sagen sollte. Dann wieder Stille, wir sahen beide zur Seite. Ich las die Überschrift eines Zeitungsartikels an der Wand: «Werther-Effekt – Selbstmordwelle erschüttert das Land.» Ich schaute genauer hin und sah, dass der Artikel schon einige Jahre alt war.

«Was ist denn?», sagte Anna und kniff die Au­­gen zusammen.

«Nichts», sagte ich. Das Geräusch eines laut aufheulenden Motors drang in das Innere des Cafés. Es hallte lange in meinen Ohren nach. Ein Autounfall, eine Sache weniger Sekunden. Man trinkt ein paar Bier und denkt nicht weiter nach. Es ist dunkel, und es regnet. Ein fehlender Blick, ein defektes Fahrlicht, ein falscher Schritt, der einen umbringt. Und man wird zerquetscht, das Auto überrollt einen und schert sich einen Dreck um den, der un­­ter ihm liegt. Es war zum Lachen, nichts als ein schlechter Witz. Finn hätte wahrscheinlich gelacht, aber ich konnte nicht.

Ich stellte ihn mir vor. Ein lebloser Körper, der auf dem Rücken lag am Straßenrand, die Ellbogen gebrochen, die Arme verdreht. Die Fahrer der Au­­tos, die an ihm vorbeifahren, würden in dem Dunkel nichts bemerken, und Finns Körper würde zunehmend kälter werden. Sie würden das Lenkrad mit einer Hand halten, auf die Straße schauen und an ihr Zuhause denken oder wo sie sonst gerade hinfuhren. Sie würden dem gleichmäßigen Ge­­plärre des Radios lauschen und vielleicht mit dem Kopf dazu nicken. Und der Regen würde auf Finns Körper prasseln.

Anna berührte mich mit ihren Fingern an der Hand, ohne etwas zu sagen. Ich fragte mich, weshalb sie ihre Hand auf meine legte und es nicht um­­­gekehrt war. Dann nahm sie einen Schluck von ihrem Eistee und stellte das Glas auf den Tisch. Ich sah den dunkelroten Abdruck ihres Lippenstifts.

«Wie geht es Ben und Vanessa?», fragte sie. Sie nannte Nessa aus irgendeinem Grund immer bei ihrem vollen Namen.

«Ich weiß es nicht, den Umständen entsprechend, denke ich. Du weißt, dass ich lange nichts mehr von ihnen gehört habe.»

Sie nahm wieder einen Schluck ihres Eistees, sie trank so langsam.

«Du solltest wirklich gehen, Malte. Sie werden sich freuen. Ich muss ja nicht unbedingt dabei sein. Und du weißt, dass Ben und ich nicht gerade gut miteinander auskommen.»

«Ich weiß, dass du Ben nicht magst», sagte ich. «Ich versteh das auch, ich muss auch nicht ständig mit ihm abhängen, um ehrlich zu sein, aber du tust ihm unrecht. Er ist eigentlich echt in Ordnung», sagte ich und dachte an unsere Zeit zu fünft am Meer, an Finn, der vom Nachhilfeunterricht in der Grundschule sprach und dann nicht mehr weitersprechen konnte. Und wie Nessa ihren Arm um ihn legte und an Bens starren Blick, der alles wusste und der mir dann später etwas erzählt hatte, was so unglaublich war, dass ich mich lange gefragt habe, wie so etwas über Jahre hinweg ungesagt bleiben konnte, sodass sogar Anna es während ihrer ganzen gemeinsamen Zeit mit Finn nie erfuhr, es auch jetzt noch nicht wusste, weil Ben es nur mir erzählt hatte und ich es als stillschweigende Verpflichtung auffasste, es für mich zu behalten.

Und jetzt sah ich Anna an, fragte mich, ob ich ihr von all dem erzählen sollte, jetzt, wo Finn tot war und es niemals selbst würde erzählen können. Doch ich ließ es bleiben, ich wollte ihr in diesem Moment nicht noch mehr zumuten. Und ich glaubte nicht, dass das jetzt noch etwas ändern würde.

Sie riss mich aus meinen Gedanken. «Ich weiß einfach nicht, was Finn und Vanessa an ihm finden. Er ist wie ein nerviges Kind, das einfach drauflosspricht, ganz ohne Filter. Er hat sich nicht unter Kontrolle, manchmal, da hat man das Gefühl, er dreht jeden Moment durch. Weißt du, was ich meine?»

Sie traf es ziemlich gut, dachte ich. «Du übertreibst», sagte ich aber.

«Na ja, ist ja okay. Zum Glück müssen wir uns nicht alle heiraten», sagte sie und lächelte.

Ich nickte.

«Was ist mit Osteuropa?», fragte ich dann.

«Ich kann es dir nicht sagen, Malte. Gib mir et­­was Zeit, dann können wir das planen.» Ihre Stimme wurde weicher. «Wir werden fahren, versprochen.»

Sie lächelte, und ich versuchte, mir die Reise vorzustellen. Ich sagte mir selbst, dass ich mich nicht so anstellen sollte. Ob früher oder später, was spielte das für eine Rolle? Ich stellte mir vor, wie ich am Steuer saß und mit ihr durch die Nacht fuhr. Leere Autobahnen und leise Stimmen aus dem Radio, die wir nicht verstanden, aber denen wir trotzdem gerne zuhörten, bis ihr Rhythmus in unsere Gedanken überging. Wir würden immer wieder anhalten, um uns dampfenden Kaffee zu besorgen, damit wir noch ein wenig wach blieben, die Nacht nutzten und den Tag für neue Orte hatten. Ich dachte an unbekannte Städte, an goldene Zwiebeltürme, an Geigenmusik in steinernen Kellern.

Anna lächelte mich an. «Ich seh dir gerne zu, wenn du in Gedanken versinkst. Ich wünschte, ich könnte das auch.» Dann sah sie auf ihre Uhr. «Es ist schon spät.»

«Du kannst ruhig gehen, ich bezahl das schon», sagte ich.

«Danke», sagte sie und gab mir einen Kuss. Ich leg­­­te meine Hände um ihre Wangen und zog sie nochmals zu mir hin, wir küssten uns nochmals.

«Ich bin spätestens um halb sieben fertig. Vielleicht lassen sie mich heute ja etwas früher gehen, wer weiß.»

«Ich will dich noch sehen, bevor ich fahre. Ich komme so gegen sieben bei dir vorbei, okay?»

«Du fährst also», sagte sie, als sie schon einige Schritte in Richtung Tür gegangen war. Es hatte nicht wie eine Frage geklungen.

In meiner Wohnung öffnete ich das Fenster. Der Geruch von Holzkohle und Fleisch. Ich merkte, dass ich Hunger hatte und den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Ich öffnete den Kühlschrank, aber er war fast leer. Da war noch irgendein Jo­­­ghurt­­­drink, den Anna mal mitgebracht hatte. Ich goss mir ein Glas ein und nahm einen Schluck. Er schmeckte sauer, ich spuckte ihn aus, schleuderte das Glas auf die Spüle und erschrak gleich darüber. Ich starrte eine Weile auf die Glassplitter. Dann sah ich rüber zur Tür. Ich war mir sicher, dass mein Nachbar es gehört haben musste. Ich ging wieder zum Fens­ter, versuchte, ein wenig herunterzukommen. Ich stützte mich auf dem Fensterbrett ab, atmete langsam durch. Ich sah draußen mehrere Fahrräder vorbeifahren. Eine der Fahrradklingeln schepperte leicht, ein Kind lachte. Ich dachte an Bens Anruf.

Ich setzte mich aufs Bett und schaute mir auf Netflix eine Serie über Hochsicherheitsgefängnisse in den USA an. Das Hungergefühl war verflogen. Ein Typ mit tätowiertem Gesicht starrte mich an, er saß wegen Mordes. Schon fünfzehn Jahre lang. Er schaute in die Kamera, seine Augen waren groß und dunkel wie Pferdeaugen. Er sprach sehr langsam und leise, und er sagte, dass er nichts mehr fürchte als den Tag, an dem er freikommen würde und an dem alles auf einen Schlag zerbräche, was er sich die ganzen Jahre im Knast über aufgebaut hatte. Ich dachte eine Weile darüber nach. Dann vibrierte mein Handy. Ich merkte gleich, dass sie be­­­trunken war. Es war ihre Stimme, sie klang seltsam aufgekratzt, fast fröhlich, was mich wunderte.

«Es ist lange her», sagte ich.

«Wann kommst du morgen an?»

«Um sieben.»

«Schön. Ich freu mich schon.»

«Wie geht es dir?»

«Ich weiß es nicht. Irgendwie fühl ich mich jetzt gerade das erste Mal besser, also seit letzter Nacht. Ich weiß auch nicht, weshalb ich angerufen habe. Es war eine dumme Idee, ich wollte einfach mit dir reden.»

«Das macht nichts. Ich versteh das.» Ich klappte den Laptop zu und legte mich aufs Bett. Ich merkte, dass ich lächelte.

«Ben war vorhin hier. Er kommt auch später nochmals vorbei.»

«Du solltest ihm sagen, dass er sich verpissen und dir nicht so auf die Pelle rücken soll.»

Sie kicherte. Ich hatte diesen hellen Klang völlig vergessen.

«Werde ich, Malte.» Sie klang aufrichtig fröhlich, was mich verwunderte. «Ich werde es genau so sagen. Verpiss dich und rück mir nicht auf die Pelle, Alter!»

Auch ich musste lachen.

«Er vergöttert dich.»

«Du spinnst ja», sagte sie. Sie hatte Schluckauf. Ich hatte Lust, mit ihr einen zu heben, ein kaltes Bier.

«Mir ist vorhin was aufgefallen», sagte sie. «Wir waren noch nie wirklich zu zweit alleine, oder?»

«Nein, ich glaube nicht», sagte ich und dachte, dass mir das nie aufgefallen war.

«Hast du dich verändert?», fragte sie.

«Ich weiß nicht. Das ist eine seltsame Frage.»

«Ich muss dir was zeigen, wenn du da bist.»

«Was denn?»

«Du wirst schon sehen. Du darfst dich auf eine gute Aussicht freuen, aber mehr verrate ich nicht.»

Ich versuchte mir Zürich vorzustellen, dachte an hohe Berge und fragte mich auf einmal, ob das mit dem Schnee im Sommer wirklich stimmte. Einen Moment lang wollte ich Nessa danach fragen, aber ich ließ es bleiben, die Frage kam mir bescheuert vor.

«Ich glaub, ich hab mich nicht verändert», sagte ich dann.

Ich wartete, aber sie sagte nichts. Dann begriff ich, dass sie weinte. Ich hörte es ganz deutlich.

«Es tut mir sehr leid. Das alles», sagte ich.

Sie brauchte eine Weile, bis sie etwas sagte.

«Nein, mir tut es leid. Es ist einfach so über mich gekommen, ich sollte mich etwas mehr zusammenreißen.»

«Du musst dich nicht entschuldigen. Es ist gut, es muss sich befreiend anfühlen.»

«Nein, das tut es nicht», sagte sie und klang ganz anders als vorhin, als sei sie auf einmal nüchtern.

«Ich werde jetzt wohl besser gehen», sagte sie dann. «Wir sehen uns dann morgen, ja?»

«Warte, Vanessa …»

«Hm? Seit wann nennst du mich denn Vanessa?», fragte sie. Ich war selbst überrascht, der Name war mir einfach rausgerutscht.

«Ich weiß auch nicht», sagte ich. «Gönn dir et­­was Ruhe, okay?»

«Ja.»

«Wir sehen uns morgen. Ich freu mich.»

Ich schloss meine Wohnungstür ab und ging die Treppe hinunter. Vor den Briefkästen des Wohnblocks blieb ich stehen. Mein Namensschild war wirklich weg. Vielleicht hatte es dieser Typ eigenhändig runtergerissen, einfach, um wieder einen Grund zu haben, sich in was hineinzusteigern. Ich suchte den Zettel auf dem Boden, fand ihn aber nicht. Dann sah ich schwarze Aschekreise auf dem Briefkasten meines Nachbarn. Jemand hatte wohl seine Zigarette darauf ausgedrückt, bevor er sie im Mülleimer daneben entsorgt hatte. Ich grinste und dachte, es gibt doch einen Gott.

In Annas Wohnung war es noch stickiger als in meiner eigenen. Es gab zwei Fenster, sie standen bei­­de gekippt. Ich öffnete sie ganz. Auf dem Boden lag ein schwarzer Rollkoffer. Er war offen, ich konnte einige ihrer Blusen erkennen und eins ihrer Sommerkleider, das darin lag. Anna war gerade mit dem Duschen fertig geworden, als ich ankam, und jetzt war sie im Bad.

Ich war schon eine Weile nicht mehr hier gewesen, da ich wegen des Beins zu Hause festsaß.

Mir fiel sofort eine kahle Stelle in ihrem Schlafzimmer auf, wo früher das Theaterplakat des «Dorian Gray» gehangen hatte. Ich wollte sie fragen, ob ich es haben könnte, wenn sie es selbst nicht mehr wollte. Sie kam aus dem Badezimmer, und ihr blondes Haar war nass und ganz dunkel, als sie zu mir trat und mich küsste. Sie trug ein blaues Sommerkleid aus dünnem Stoff. Es fühlte sich wie Krepppapier in meinen Händen an. Dann ging sie in die Küche und fragte mich, ob ich schon gegessen hätte, es sei noch Brot da, und ich sagte ihr, ich hätte auf dem Weg was gehabt. Sie machte sich ein Sandwich und sprach von einer Arbeitskollegin, die ihr auf die Nerven ging. Ich hörte eine Weile zu, bis mein Blick wieder auf den Koffer fiel, der auf dem Boden lag.

«Wann sagen sie dir nochmal Bescheid?», fragte ich und deutete auf ihn. Ich merkte, wie mir warm wurde, wie sich etwas in mir ausbreitete und wie sich alles anspannte. Sie legte ihr Sandwich auf den Küchentisch.

«Hast du die Zusage schon bekommen?», fragte ich. «Wieso sagst du mir das nicht? Wieso verheimlichst du mir solche Dinge immer?» Ich trat nah an sie heran.

Sie schüttelte den Kopf. «Dieser Koffer gehört mir nicht. Mein Bruder hat ihn mir vorgestern vorbeigebracht. Ich wollte nur sehen, was ich alles hineinkriegen würde.»

Ich sagte nichts. Dann berührte ich ihren Arm.

«Es tut mir leid», sagte ich. «Lass uns das vergessen. Bitte. In ein paar Tagen bist du vielleicht schon in Schweden.»

Sie sagte nichts.

«Ich hatte eigentlich was ganz anderes vor», sagte ich. «Ich wollte mich bei dir bedanken. Die letzten Monate, die vielen Abende bei mir daheim. Das ist nicht selbstverständlich, ich weiß das. Das ge­­bro­­­chene Bein hat mir echt nichts mehr ausgemacht dank dir.»

Jetzt kam sie zu mir und lächelte mich an.

«Ich hab das gern gemacht.»

«Ich glaub, ich brech mir auch noch das andere Bein.»

«Du bist so ein Idiot.» Sie lachte.

Anna fragte, ob ich mit ihr ein Bier teilen wolle, und ich sagte Ja. Wir setzten uns auf ihr Bett, tranken aus derselben Dose, und sie erzählte wieder von ihrer Arbeit. Irgendwann beugte ich mich vor und küsste ihren Hals. Sie seufzte. Es war ein Laut, der alles andere verstummen ließ, den Straßenlärm, der durch das offene Fenster drang, das Surren des Kühlschranks aus der Küche. Ihre Haut war warm und weich wie Samt. Ich sah die Schweißperlen auf ihrem Hals, der ganz leicht zu zittern schien, sodass sie tanzten auf ihrer blassen Haut. Ich küss­te die weiche Stelle hinter Annas Ohr, roch ihr Parfüm, den Duft ferner Orte, der sich mit dem Geruch von frischem Schweiß mischte. Ich fühlte mich zu­­frie­den, geborgen. Ich sah das Muttermal über ihrem Bauchnabel, berührte es mit meinen Lippen, fühlte die Wärme, spürte, wie sie dabei ganz leicht zusammenzuckte, und ich versuchte, mir das alles einzuprägen, diesen Geruch zu speichern. Ihr Blick wanderte über mein Gesicht, blieb an meinen Lippen hängen. Sie sah mir lange nicht in die Augen. Ich suchte ihren Blick, aber sie erwiderte ihn nicht, starrte immer noch auf meinen Mund. Der Raum um uns herum versank in diesem schummrigen Abendlicht, ein künstliches Licht, das durch die Vorhänge drang und alle Farben dämpfte.

Wieder dieses Geräusch.

Wir sahen beide hin. Mein Handy lag auf dem Nachttisch neben ihrem Bett. Dieses blauweiße Licht. Kurz schoss es mir durch den Kopf, es sei Finn, der mir schrieb. Wir hielten einen Moment inne, aber ließen das Handy liegen. Wir küssten uns wieder, und das Licht erlosch nach einigen Sekunden. Aber ich wusste, dass wir noch beide daran dachten.

Die warme Luft staute sich unter der niedrigen Decke. Wir lagen noch eine Weile auf dem Bett, das Laken klebte an unseren Rücken. Anna hatte ihren Kopf auf meine Brust gelegt, ich spürte ihr Haar auf meiner Haut, hörte unseren schweren Atem. Ich hatte Lust auf einen Spaziergang, auf die Nachtluft, den kühlen Wind.

Ich setzte mich auf und griff nach dem Handy. Es war keine Nachricht, es war eine Eilmeldung irgendeiner App. Mehrere Verletzte bei Anschlag in Stockholmer Altstadt. Motive unklar. Regierung er­­­höht Sicherheitsstufe. Ich dachte daran, dass Anna in einigen Tagen vielleicht schon in Schweden sein würde, und drehte mich nach ihr um. Sie lag auf ihrer Seite, das Leintuch verdeckte ihre Brüste, ihre Beine lagen frei. Ihre Augen waren halb geschlossen, sie war kurz davor einzuschlafen. Ich ließ mich wieder auf das Bett sinken und legte meinen Arm um sie, und sie drückte sich an mich. Ihr Nacken strahlte Wärme aus wie ein kleiner Heizkörper. Ich ließ meine Hand über ihre Hüften gleiten und küss­te ihren Nacken. Und ich horchte, konnte ihren Atem hören, regelmäßig, ruhig. Ich sagte ihr nochmals, dass es mir leid tat. Sie antwortete nicht. Sie war eingeschlafen.

Ich sagte mir selbst, dass ich einen Wecker stellen sollte, aber dann vergaß ich den Wecker und den nächsten Tag und all das, was mir bevorstand. Ich dachte an die glänzenden Schweißperlen auf Annas Hals, an dicke Briefumschläge, an blau ge­­färbten Schnee.

3

Als ich am nächsten Tag aufwachte, war Anna weg. Die Wohnung leer, abgedunkelt, friedlich und still. Nur die Luft war wahnsinnig trocken, ich spürte ein Brennen in den Augen. Ich setzte mich auf. In ein paar Stunden fuhr mein Zug, ich musste noch die Tasche aus meiner Wohnung holen. Mit der Zahnbürste im Mund kochte ich einen Kaffee. Annas Sandwich von gestern Abend lag immer noch angebissen auf dem Küchentisch.

Auf dem Weg zu meiner Wohnung erinnerte ich mich, dass ich von Finn geträumt hatte. Und von Ben und Nessa, die ich heute wiedersehen würde.

Wir waren auf einer Feier in Hamburg, auf dieser Studentenparty, wo wir an einem der letzten ge­­­meinsamen Abende im Schanzenviertel wirklich gewesen waren und irgendein Typ durchdrehte und mit der Faust eine Scheibe einschlug.

Ich stand mit Ben in einer Ecke des Raums, ein Glas in der Hand. Dann drehte ich mich zu Ben um und dieser, der kräftig, fast Furcht einflößend breit gebaut war, sah auf einmal zerbrechlich aus und konnte sich kaum auf den Beinen halten. Er wirkte abgemagert und blass, trug ein weißes T-Shirt, und ich bemerkte erst nach einiger Zeit, dass es blutverschmiert war. Das Blut lief aus seiner Nase. Ben sprach mit mir, und ich schaute auf seinen Mund, der sich bewegte. Aber ich verstand ihn nicht, sah bloß das Blut, das sich weiter ausbreitete. Ich sah das Rot auf dem weißen Stoff, die Farben der Schweiz. Ben wischte das Blut nicht weg, er redete einfach weiter und alles lief ihm übers Kinn. Ich fragte mich, ob er verrückt geworden sei, und starrte einfach weiter auf sein T-Shirt. Er redete immer noch und ich verstand kein Wort und wusste auch nicht, weshalb ich ihm noch zuzuhören versuchte. Dann war er verschwunden, und ich saß plötzlich mit Nessa auf einer Couch, sie sah gelangweilt aus, und Techno-Musik plärrte aus den Boxen. Der ganze Raum schnaufte, schwitzte. Mein Glas war leer und ich dachte, dass ich betrunken war. Nessa trug einen Kapuzenpullover mit einem Bild von Bob Marley. Sie hatte eine kurze Hose an und eines ihrer Beine lag ausgestreckt auf meinem Schoß. Auf ihrem Oberschenkel das Tattoo einer Rose mit langem Stiel. Ich fragte mich, wie spät es war, und spürte ihr Bein, das sich irgendwie leicht und warm anfühlte, und mir war, als sei ich gelähmt.

Dann stand ich inmitten der feiernden Leute. Finn stand auf neben mir und sah gut gelaunt aus, bewegte sich dabei zum Takt der Musik, und seine dunklen Locken wippten hin und her. Er hielt eine Flasche Schnaps in der Hand und bedeutete mir da­­mit mitzukommen. Wir kamen in einen Gang, wo er auf eine der Türen zusteuerte. Das Zimmer war leer und sah aus wie eine Art Büro mit Schreibtisch und Buchregal, auf dem Boden lag ein kit­schi­ger Orientteppich, dunkelrot, lila, golden. Finn be­­trat den Raum, setzte sich auf diesen Teppich und stellte die Flasche sorgfältig neben sich hin. Er sah aus wie eine Figur aus einem Märchen, unecht.

«Du bist der verdammte Aladin», sagte ich.

Er grinste.

«Wo stecken die anderen?», fragte ich.

«Ist doch egal, was die anderen machen», sagte er.

Ich setzte mich zu ihm auf den Teppich, während er in seiner Hosentasche herumkramte. Nach einer Weile schien er gefunden zu haben, was er suchte. Er lächelte mich an, und zwischen seinen Lippen konnte ich die Pille erkennen, er sah aus wie ein Kind mit einem Bonbon im Mund. Dann hörte ich ein knackendes Geräusch, er schluckte und hielt mir die andere Hälfte hin. Wir spülten mit einem Schluck aus der Flasche nach, es war Gin, und Finn ließ sich mit dem Rücken auf den Teppich fallen. Ich tat es ihm gleich, und wir lagen nebeneinander da, ich konnte die Borsten des Teppichs spüren, sie waren wie winzig kleine Nadeln unter meinem Rücken, ich dachte an Fakire und wie sie tagelang auf diesen Nagelbrettern lagen. Finn drehte sich zu mir hin, kam näher, dann spürte ich seine Lippen auf meinen. Ich konnte den beißenden Geruch des Alkohols riechen, ich dachte an den Chemieunterricht in der Schule und dass der chemische Ausdruck für Alkohol Ether oder so ähnlich lautete, ein seltsames Wort, und ich dachte, so muss der Tod riechen. Dann spürte ich Finns Hand auf meiner Haut, wahnsinnig warm, seinen Atem an meinem Ohr, am Hals, ich fragte mich, was ich mit meinen eigenen Händen tun sollte. Wir fielen in diesen seltsamen Zustand, eine Art angenehme Betäubung zusammen mit dem Gefühl, dass du dich ausbreitest, über deinen Körper hinaus, dass du innerlich explodierst, lautlos, getragen vom weichen Teppich unter uns.

Auf einmal drang die tosende Musik zu uns in den Raum mit der Wucht einer Druckwelle. Ich löste mich ruckartig von Finn und wandte mich um. Die Tür fiel sofort wieder ins Schloss. Ich drehte mich auf den Rücken, starrte an die Decke über uns und dachte an den Eindringling, der die Tür geöffnet hatte und ich fragte mich, was gerade eben passiert war, und dass Anna und die anderen sich schon lange fragen mussten, wo wir steckten, und dann fragte ich Finn, ob er gesehen hatte, wer das eben gewesen war, er sagte Nein, als sei es ihm scheißegal, und ich starrte weiter an die Decke, bis sich das Bild vor meinen Augen auflöste und alles verschwand außer dem plötzlichen Gefühl, dass ich das alles schon einmal erlebt hatte, und ich wachte auf.

Auf dem Weg zum Bahnhof waren nur wenige Menschen auf der Straße. Die Hitze donnerte auf einen herab, aber sie kam auch von unten, stieg auf vom Asphalt. Vor mir der Nacken eines Mannes, der zwischen Hemdkragen und dunklem Haar aufblitzte. Verbrannt und glänzend in der Sonne, wie frische rote Farbe.

An einer Litfaßsäule riss ein Typ irgendein Plakat herunter. Er erwischte immer nur einen Streifen des Papiers. Aber er machte weiter damit. Ich blieb stehen, das Plakat war nicht mehr zu erkennen. Er drehte sich um, starrte mich an.

«Was glotzte so?»

«Was reißt du da runter?»

«Irgend so’n Plakat.»

«Ach was.»

«Biste’n Bulle oder was?»

«Ja», sagte ich und grinste ihn an. Aus irgendeinem Grund wollte ich wissen, wieso er hier war und Plakate herunterriss.

Er verstand wohl nach ein paar Sekunden, dass ich nicht einfach weitergehen würde.

«Irgendein Film oder so. Ne nackte Olle ans Kreuz genagelt. Gottlose Scheiße», sagte er.

«Hast du ihn gesehen?», fragte ich, obwohl ich die Antwort kannte.

«Ne», sagte er. «Hab ich nich.»

Ich trat näher, er grinste jetzt auch. Er hielt den einen Streifen wieder an das Plakat, damit ich er­­ken­­nen konnte, was darauf abgebildet war. Er gab sich sogar Mühe, platzierte den Fetzen sorgfältig an der richtigen Stelle. Es war ein bekanntes Theaterstück, eins dieser Art, wie sie gerade überall ge­­spielt wurden und deren Vorlagen aus alten Texten be­­standen von Autoren, die in den Irrenanstalten da­­für krepiert sind. In jedem der Stücke frisst ir­­gend­einer auf der Bühne Scheiße, und du kannst darauf wetten, dass es mindestens eine Szene gibt, wo sich irgendwer vor dem Publikum einen runterholt und dabei ordentlich Blickkontakt mit den Zuschauern hält. Aus irgendeinem Grund fuhren alle gerade total auf diese Stücke ab. Und dieser Typ stand hier in der Hitze und riss das Plakat herunter, als würde das irgendwas verändern.

«Ich mach das nicht wegen der Kirche, die ist mir schnuppe», sagte der Typ plötzlich. «Die Kinderficker können mir gestohlen bleiben, weißt du.» Er fuchtelte mit dem Papierfetzen herum und erinnerte mich an meinen verrückten Nachbar, der gestern mit den Briefen vor meiner Nase herumgewedelt hatte. Ich schätzte sein Alter auf etwa fünfzig, war mir aber nicht sicher.

«Aber das hier, das hier geht nicht. Das können ja auch alle Kinder sehen, die hier vorbeilaufen, verstehste?»

Ich nickte. Mir fiel auf, dass ich die Plakate an den Litfaßsäulen normalerweise nicht einmal be­­merkte. Ich wäre auch hier daran vorbeigelaufen, wenn er nicht gewesen wäre.

4

Ich hatte mir «Das Bildnis des Dorian Gray» mehrere Male angesehen und mich dabei geärgert, dass ich nicht mit ihnen auf der Bühne stand. Sie hatten alle gleich nach dem Gymnasium mit dem Schauspielstudium angefangen, während ich rum­eierte, einen Job nach dem anderen hinschmiss, sodass ich immer noch studierte.

Das Stück hatte großen Erfolg. Finn hatte die Rolle des Dorian Gray, aber es war Ben, den die Zeitungen am meisten gelobt hatten. Er spielte den verführerischen Lord Henry. Er wirkte mit seinen breiten Schultern und seinem markanten Gesicht, das irgendwie gefährlich aussah, nicht wie ein dahergelaufener Nullachtfünfzehn-Schauspieler. Er passte perfekt zu der Rolle. Ein Typ, der genau des­­wegen überzeugte, weil er auf den ersten Blick aus dem Rahmen fiel. Als die Journalisten erfuhren, dass Ben früher jahrelang geboxt hatte, stürzten sie sich darauf und machten aus ihm den harten Kerl, den das Leben gelehrt hatte einzustecken und der jetzt auf der Bühne seine weiche Seite entdeckte.

Nach ihrem letzten Auftritt fuhren wir im Sommer vor einem Jahr alle gemeinsam an die Nordsee. Wir hatten nur wenig Kohle, dafür Zelte und Angelruten im Gepäck. Wir waren nur fünf Tage am Meer, weil dann irgendwelche Beamten aufgetaucht waren und uns erzählt hatten, dass wir da nicht campen durften. Ich hatte während dieser Zeit ständig das Gefühl, wir seien in einer anderen Welt, auf einem anderen Kontinent, obwohl wir nur et­­wa eine Stunde Fahrt von Hamburg entfernt waren. Wir saßen den ganzen Tag in den sandigen Dünen, sahen auf die Weite des Meeres vor uns und sprachen über Gott und die Welt, an die wir nicht glaubten.

Ich kannte bis dahin niemanden, der so viel reden konnte wie Finn. Er hatte ständig irgend­etwas, mit dem er auf einen einprasselte.

Am Meer erzählte er uns von seiner Kindheit. Seine Eltern waren beide Kinder von ungarischen Migranten, die Sechsundfünfzig in die Schweiz geflohen waren. Seine Eltern waren noch zu jung, um sich wirklich an ihre Heimat zu erinnern. Und so verliebten sich zwei entwurzelte Ungarn, deren Familien das gleiche Schicksal teilten, in einem neuen Land. Zunächst hatten sie vor, in Zürich zu bleiben, doch einige Jahre nach Finns Geburt starb die Mutter des Vaters, sodass beide Eltern Hals über Kopf beschlossen, nach Budapest zu ziehen, die Stadt, die sie nie wirklich kennengelernt hatten, in der Hoffnung, sich selbst und ihren Eltern wieder nahe sein zu können, die alle schon vor Jahren wieder in die Heimat zurückgekehrt waren.

So verbrachte Finn zwei Jahre seiner frühen Kindheit in Ungarn. Wenn er von dieser Zeit sprach, sah ich genaue Bilder, sie schwebten plas­tisch vor mir, greifbar. Der Lärm der Budapester Innenstadt. Die Ungewissheit, ob heute Strom im Haus sein würde, und das Gefühl, nicht zu wissen, wohin man gehen sollte. Er sprach von den anderen Kindern auf dem Spielplatz und dem Verdacht, dass sie seinen Namen lustig fanden, ein Name, der in Ungarn nicht wirklich zu Hause war. Und der seiner Meinung nach nicht zu ihm passte. Der Name eines blonden Jungen für ihn mit seinen dunkelbraunen Locken. Und er sprach von seinem Großvater, der auf dem speckigen, ledernen Sessel saß, auf den er so stolz war. Er saß immer darauf, und Finn erinnerte sich an dessen faltiges Gesicht, das niemals lachte. Nur wenn der Großvater ihm in gebrochenem Deutsch von der Revolution erzählte, während er vor seinem Sessel wie vor einem Thron auf dem Teppich saß und mit großen Augen zu ihm aufsah, huschte ab und an ein Lächeln über sein Gesicht. Er erzählte vom Erzittern der Wände, dem Ausharren in den stickigen Kellergewölben, wie sie auf die rollenden Panzer horchten. Dann irgendwann versteckte man sich nicht mehr. Es war die Zeit, in der sie endlich zurückschlugen, die Zeit, in der ein ganzes Land ihren Gott wiederhatte.

Doch das von den Großeltern gepriesene freie Ungarn hatte nur kärglich Arbeit für Finns Eltern, die außerdem auch nie wirklich Anschluss zu den Budapestern fanden. So zogen sie zurück in die Schweiz, als Finn sieben Jahre alt war. Zurück nach Zürich, in denselben jüdisch geprägten Stadtteil, in dem die Großeltern damals nach der Flucht ein neues Leben begonnen hatten und in dessen Läden sie nun wieder denselben Tokajer kaufen konnten, den sie ihr Leben lang getrunken hatten. Finn war zu dieser Zeit eingeschult worden und besuchte eine Primarschule mitten in der Stadt. Er hatte Schwierigkeiten mit der Sprache, sprach zwei Sprachen, ohne eine wirklich ganz zu beherrschen. Und er musste jede Woche zweimal den Nachhilfe­unterricht besuchen. Ich habe den Namen des Lehrers nie erfahren, wusste nur, dass er ein Freund von Finns Eltern war, der als Lehrer eine Teilzeitstelle hatte und nebenbei Nachhilfe gab.

Nessa, Finn und Anna waren in den Zelten und schliefen bereits. Ich und Ben saßen noch eine Weile am Meer, als er mir davon erzählte.

«In der fünften Klasse, da waren meine Noten miserabel, und ich war kurz davor, sitzen zu bleiben. Für meine Mutter war das der Weltuntergang, sie hat geweint, konnte das einfach nicht verstehen, weil ich ja so begabt war und was weiß ich. Meinem Vater war das scheißegal, er war sowieso fast nie mehr daheim. Jedenfalls, an einem Elternabend, da haben Finns Eltern mit meiner Mutter gequatscht und von diesem Typen erzählt, zu dem Finn jede Woche hinging, um Nachhilfe zu nehmen. Von da an ging ich auch hin.»

Er machte sich eine Kippe an und hustete. Dann zog er an seiner Zigarette, einmal, zweimal, noch einmal, sog die halbe Kippe ein, bevor er weitersprach.

«Wir erwähnten nie seinen richtigen Namen. Wenn wir über ihn redeten, nannten wir ihn nur Klotz. Ich hab zuerst geglaubt, dass das sein echter Name ist, Mann, ich war ein verdammt dummes Kind, hatte Nachhilfe wohl wirklich nötig. Aber der Name passte einfach, der Typ war riesig, sein Körper bestand aus zwei Betonklötzen, die man aufeinandergestellt hatte, und er trug immer diese quadratischen Lederschuhe, er ging verdammt nochmal sogar auf zwei Klötzen. Finn war ein di­­cker Junge, ich meine, er war richtig dick damals. Schwer zu glauben, was? Und er sprach irgendwie seltsam, er hatte diesen starken Akzent und kaum Freunde. Das ideale Opfer. Der kleine dicke Junge, der sich nicht wehren kann. Ich fand ihn zuerst auch seltsam, aber irgendwann haben wir miteinander gequatscht, uns ganz gut verstanden, und dann sind wir jeweils zusammen zu diesen Nachhilfestunden gegangen. Finn und ich waren die einzigen Jungen, sonst waren da nur noch zwei Mädchen. Dann begann es damit, dass Finn noch ein bisschen länger blieb, während wir alle schon nach Hause gingen. Der Lehrer sagte, er müsse noch weiterlernen, dass es zu Finns Bestem sei und er eben mehr Zeit brauche, weil er im Ausland aufgewachsen war und so. Einmal hab ich nach der Stunde draußen auf Finn gewartet, und als er kam, sagte er mir, noch bevor er Hallo oder sonst ein Wort gesagt hatte, dass ihn der Lehrer vorhin Jud genannt habe, obwohl er gar kein Jude sei, und er sagte, dass sie manchmal gar nicht lernten oder nur ein bisschen, dass er manchmal sein T-Shirt ausziehen sollte, manchmal die Hose. Er schaute die ganze Zeit auf den Boden, als er mir das sagte, und ich stellte mir vor, wie er nackt auf einem Tisch lag, auf einem Operationstisch wie in einem verfickten Krankenhaus und wie der Klotz auf ihn kroch und ihn zu zerquetschen drohte. Als er fertig war, sagte ich ihm, dass er nach Hause gehen solle. Das wollte er nicht, aber ich hab ihm gesagt, dass ich ihm eine reinhaue würde, wenn er nicht ginge. Ich suchte am Wegrand nach einem Stein, einem mit scharfer Kante, dann wartete ich auf den Klotz. Ich fing ihn nach einigen Minuten bei seinem Auto ab. Er wurde ganz bleich, laberte irgendetwas von versäumten Hausaufgaben oder so, und ich schlug mit dem Stein das Seitenfenster seines Autos ein. Dann stand ich da und starrte den an, obwohl ich mir fast in die Hose gemacht hätte. Es verging eine Ewigkeit, bis er endlich sagte, dass er Finn in Ruhe lassen würde.»

«Hat er Wort gehalten?»

«Ja. Wir haben von da an sowieso meistens ge­­schwänzt, haben zusammen abgehangen, uns Energydrinks reingezogen und mit dem Rauchen angefangen. Der Klotz hat nie ein Wort zu unseren Eltern gesagt, wir konnten tun, was wir wollten. Unsere Alten dachten, wir säßen in der Nachhilfestunde. Und er konnte nichts machen, er wusste, dass wir ihn bei den Eiern hatten.»

Jeden Nachmittag besorgten wir uns Bier in einem kleinen Laden, zu dem man eine halbe Stunde hinlaufen musste. Wir tranken ausschließlich Jever, dessen bitterkalter Geschmack unsere Ra­­chen kühlte. Manchmal gingen uns die Köder aus, und wir gingen in das Anglergeschäft, das gleich neben diesem Laden war. Wir verbanden die Einkäufe mit langen Spaziergängen, und auf dem Rückweg holten wir alles Nötige aus dem Laden, aßen die von der Besitzerin selbst gemachten Krabbenbrote. Denn mit dem Angeln lief es nicht wirklich, wir versuchten es mit Würmern, Maden, Käfern, auch mit Käse, irgendwelchen Samen, der Typ im Anglershop verkaufte sogar Hundefutter, auf das die Fische abfahren sollen. Ben hielt jedes Mal mit dem Typen im Anglerladen ein Schwätzchen und handelte so ganz nebenbei die Preise der Köder runter. Die meis­ten der Fische hatten wir sowieso ihm und Nessa zu verdanken, die zuvor schon mal geangelt hatten und die wie ein eingespieltes Team wirkten. Ich erfuhr, dass Nessa und Ben lange Nachmittage auf der Couch verbrachten, wo sie Videospiele zockten. Nessa war nur ein paar Häuser weiter aufgewachsen, und sie hatten schon früh gemerkt, wie sie gemeinsam ganze Nachmittage zum Verschwinden bringen konnten. «Das einzige Mädchen, das mich beim Zocken fertigmachen konnte», hatte Ben gesagt, als sie davon erzählten, und ich dachte, das sind genau die Mädchen, in die sich alle verlieben.

In einer Nacht wachte ich auf, weil ich musste. Es war bestimmt drei oder vier Uhr morgens. Ich lief et­­­was weg von den Zelten, um an einen Busch zu pinkeln, weil es da keine Strandtoilette gab. Auf dem Weg sah ich, dass Nessa und Finn immer noch am Meer saßen und miteinander redeten, sie hatten ihre Jeans hochgekrempelt, die Wellen kamen und gingen. Sie sahen beide aus, als bräuchten sie Schutz. Vor der tiefschwarzen Nacht, vor dem Meer, das sie zu sich zog. Das Bild sehe ich noch heute vor mir, als wäre es wirklich ein Bild, das gerahmt an einer Wand hing.

Als ich wieder zum Zelt zurückkam, in dem Anna tief und fest schlief, fiel mir erst auf, dass sie und Finn den ganzen Sommer nicht über ihre ge­­meinsam verbrachten Jahre gesprochen hatten, und ich fragte mich, ob sie darüber sprechen würden, wenn ich nicht hier wäre. Ich erinnerte mich daran, wie sie miteinander telefoniert hatten, noch bevor Finn und die anderen nach Hamburg kamen. Ich hatte geduscht in Annas Wohnung und ihre Stimme gehört, und ich wusste, dass sie mit Finn telefonieren wollte, um alles zu klären, wann er ankommen würde und so weiter. Anna hatte oft lachen müssen, hatte ständig gekichert, und das Gespräch zog sich in die Länge und ich kam mir bescheuert vor, wie ich nach dem Duschen im Ba­­de­­zimmer rumstand, um nicht zu stören oder um her­­auszufinden, über was sie da sprachen.

Es mussten irgendwelche Dinge sein, die sie früher gemeinsam erlebt hatten, ich konnte mir nicht erklären, über was sie sonst hätten sprechen sollen. Und sie hat weiter gekichert, noch eine halbe Stunde oder so, und dieses Lachen ist mir bis heute geblieben, ich höre es deutlich, wenn ich mich daran zurückerinnere. Ich legte mich neben Anna, horchte auf ihren gleichmäßigen Atem und bildete mir ein, Finns und Nessas Stimmen im Rauschen des Meeres zu hören, ihr Geflüster, eine Art leiser Singsang, der sich von den Wellen abhob und die ganze Nacht über nicht verstummte.

Am Bahnschalter saß ein kleiner Mann hinter einer fleckigen Scheibe, der streng, fast Furcht einflössend ausgesehen hätte, wenn er nicht so ge­­schwitzt hätte. Er trug ein schwarzes Hemd, das bis oben zugeknöpft war, und eine Krawatte. Als er von mir das Datum der Rückreise wissen wollte, war ich ratlos, also beließ ich es bei der Hinfahrt. Der Mann sah mich aus kleinen Augen an, und als ich ihm sagte, dass ich Student sei, fragte er mich nach meinem Studentenausweis. Sie fragen immer nach dem Ausweis, als würden sich täglich massenweise Leute als Studenten ausgeben, die es nicht waren. Ich kramte ihn hervor und hielt ihn dem Typen hin. Er nickte und sagte mir, dass er bald ablaufen würde.

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