Kitabı oku: «Der silberne Schlüssel und das Geheimnis der Wahrheit»

Yazı tipi:

ALEXANDER LOMBARDI · SANDRA BINDER

SCM ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

ISBN 978-3-417-22972-1 (E-Book)

ISBN 978-3-417-28873-5 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck

© 2020 SCM Verlag in der SCM Verlagsgruppe GmbH

Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-verlag.de; E-Mail: info@scm-verlag.de

Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen

Umschlaggestaltung: Patrick Horlacher, Stuttgart

Titelbild und Illustrationen: Clara Vath, vath-art.de

Satz: Christoph Möller, Hattingen

Inhalt

Über den Autor

Die 4 vom See – das sind …

Special Feature: Was bisher geschah

Zum Ersten: Das Ende einer Jagd

Kapitel 1: Franky

Kapitel 2: Im Krankenhaus

Kapitel 3: Ein Stein mit Tränen

Kapitel 4: Seltsame nächtliche Begegnungen

Zum Zweiten: Vater und Mutter

Zum Dritten: Ein schicksalhafter Besuch

Zum Vierten: Die Macht der Kirche

Kapitel 5: Die mystische Quelle

Kapitel 6: Eine Krankenschwester unter Verdacht

Kapitel 7: Franky ermittelt allein

Zum Fünften: Das Tagebuch

Zum Sechsten: Ein Bild im Felsen

Zum Siebten: Verbannung

Kapitel 8: An der Tränenquelle

Kapitel 9: Der vergessene Keller

Kapitel 10: Retrograde Amnesie

Kapitel 11: Ein Skandal wird aufgedeckt

Zum Achten: Der Brief des Vaters

Kapitel 12: Schwester Monicas Geschichte

Kapitel 13: Eine Brosche wird zusammengesetzt

Zum Neunten: Eine Tür fällt zu

Kapitel 14: Franky kommt nach Hause

Epilog: Der Wächter

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SKANDAL IN DER

NOBEL-KLINIK

Die vier vom See sind dem Versteck der sagenumwobenen goldenen Schale so nah wie nie zuvor. Doch als Franky nach einem Unfall ins Krankenhaus kommt, stößt er dort auf Spuren eines unglaublichen Skandals. Und auch persönlich muss sich Franky einer unangenehmen Wahrheit stellen ... Eine spannende Geschichte rund um vier Freunde und die erlösende Freiheit, die durch Wahrheit entsteht.

Ab 11 Jahre.

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Die 4 vom See – das sind …


Antonia ReihmannAlter: 12Hobbys: Klettern, ArchäologieBeste Freundin: EmmaLieblingsort: Antonia hängt am liebsten im »alten Heinrich« ab oder sitzt auf dem Burgturm und guckt auf den Starnberger See. Außerdem klettert sie auf jeden Berg, der ihr in die Quere kommt.Lieblingsessen: Wiener Schnitzel mit PommesBesondere Kennzeichen: trägt immer Jeans und Sneaker. Hat Diabetes.


Emma WeißAlter: 12Hobbys: Reiten, BiologieBeste Freundin: AntoniaLieblingsbeschäftigung: auf ihrem Pferd »Firestorm« reiten, mit ihren Freunden abhängen, Lesen, Träumen und in ihrem Labor forschenBesondere Kennzeichen: Emma ist Vegetarierin. Sie trägt eine Brille und geht ohne Pferdeschwanz nicht aus dem Haus.


Franky GiulianiAlter: 12Hobbys: Computer, Zocken, KochenBester Freund: JaronLieblingsessen: Pizza und DönerBesondere Kennzeichen: Franky trägt am liebsten Jogginghosen. Auf seine Baseballkappe würde er niemals verzichten. Außerdem hat er immer das neueste Smartphone.


Jaron RahnAlter: 12Hobbys: Kung-FuBester Freund: FrankyLieblingsbeschäftigung: mit seinen Freunden zusammen sein, in Flugzeugbüchern stöbern, Flugzeugmodelle bauenLieblingsessen: Currywurst mit PommesBesondere Kennzeichen: hat immer perfekt gestylte Haare.

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Special Feature:
Was bisher geschah

Für alle, die es interessiert, fassen wir hier zusammen, was bei den ersten zwei Abenteuern der »4 vom See« passiert ist. Allerdings muss man das alles nicht vorher wissen, sondern kann auch direkt auf Seite 13 in den dritten Band einsteigen!

Jerusalem, 135 nach Christus

Der Priestersohn Benjamin flieht vor den römischen Soldaten, die die Stadt erobern. Sein Vater gibt ihm einen Schatz mit: eine goldene Schale aus dem Tempel. Benjamin kommt mit einer römischen Familie in die Gegend am Starnberger See. Jahre später versteckt sein Sohn die wertvolle Schale in einer Höhle. Rätselhafte Hinweise auf das Versteck bringt er in einer Brosche an.

Die Seeburg, Starnberger See, heute

Antonia, Franky, Jaron und Emma sind beste Freunde. Sie treffen sich regelmäßig im alten Heinrich, einem ausgedienten Zirkuswagen, den Antonias Vater für sie eingerichtet hat. Die vier vom See, wie sie sich nennen, beschäftigen sich gern mit ungelösten Rätseln. Sie klären Diebstähle auf und werden hellhörig, als sich im Vorfeld eines Reitturniers merkwürdige Vorkommnisse häufen. Auch hier gelingt es den Freunden, Licht ins Dunkel zu bringen!

Als die vier in einer geheimen Gruft zwei Skelette finden, die eine alte Broschenfassung und einen auffälligen Schlüssel bei sich haben, ist ihre Neugierde geweckt. Bei ihrer Recherche stoßen sie auf eine alte Sage: Irgendwo am Ufer des Starnberger Sees soll eine goldene Schale versteckt sein. Dieser wird nachgesagt, dass sie heilende Kräfte habe. Auf der Suche nach diesem Schatz können die Freunde zwei der Steine aufspüren, die einst von der Brosche gehalten wurden. Um den Hinweis, den die Brosche verbirgt, enträtseln zu können, müssen sie den dritten Schmuckstein finden.

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Ferdinand hasste die Kälte und den Dreck. Fröstelnd zog er die Schultern hoch und umklammerte die Zügel seines Pferdes noch fester.

Sein Bruder Gustav, der neben ihm ritt, warf ihm einen verächtlichen Blick zu. Doch das war nichts Neues. Ferdinand wusste, dass der Ältere ihn für ein Weichei hielt.

»Na, hast du Spaß?«, höhnte Gustav. »Schön, so an der frischen Luft, meinst du nicht auch? Mal was anderes als der Staub, den du in der Bibliothek immer einatmest. Mutter hatte schon recht, als sie darauf bestand, dass du diesmal mitkommst.«

Ferdinand antwortete nicht, sondern seufzte nur innerlich. Er wusste aus Erfahrung, dass es wenig Sinn hatte, seinem zwei Jahre älteren Bruder zu widersprechen. Auch eine geistreiche Bemerkung konnte er sich sparen. Entweder würde der Sechzehnjährige nicht verstehen, was er meinte, und sich dann über sich selbst ärgern. Oder er würde die Ironie begreifen und auf Ferdinand wütend werden. In beiden Fällen würde er den Jüngeren seinen Zorn spüren lassen.

Daher ließ Ferdinand sein Pferd etwas zurückfallen, während Gustav mit einem letzten Grinsen zu seinen Freunden aufschloss, die vor ihnen ritten. Umringt von der Meute der Jagdhunde lachten sie gerade schallend über irgendetwas.

Gustav sagte etwas in die Runde, worauf sich alle zu Ferdinand umdrehten und erneut in Gelächter ausbrachen.

Der Vierzehnjährige tat so, als würde er es gar nicht bemerken. Jetzt konnte er zum Glück wieder ungestört seinen Gedanken nachhängen. Jedenfalls so lange, bis irgendein bedauernswertes Tier in Sicht kam, das sich als Beute eignete.

Die Jagdgesellschaft war ein kleines Stückchen weiter gekommen, als einer der Hunde, der den Pferden vorauslief, anschlug. Augenblicklich änderte sich die Stimmung in der Gruppe. Die Jäger griffen hinter sich, zogen ihre Waffen aus den Satteltaschen und packten die Zügel noch fester.

Blitzschnell nahm die Hundemeute die Fährte auf und stürmte bellend los, die Reiter folgten im Galopp. Ferdinand überlegte einen Moment, sich seitlich in die Büsche zu schlagen, um dem, was nun folgen würde, einfach auszuweichen.

Aber der Waffenmeister der Grafenfamilie, der links hinter ihm ritt, hatte sein Zögern bemerkt und warf ihm einen strengen Blick zu. Ferdinand hatte keine Chance zu entwischen. Also schnalzte er leise mit der Zunge und trieb seine Stute ebenfalls zu einem Galopp an.

Das Pferd schnaubte. Ganz wie ihr Herr liebte die Stute die Ruhe, einsame Ausritte und sonnige Tage auf der Weide. Nicht das Gedränge, den Lärm und die Anstrengung einer Jagd. Trotzdem beschleunigte das Tier gehorsam und setzte leichtfüßig über einen liegenden Baumstamm hinweg.

Der Ritt ging durch Gebüsch, an alten Bäumen vorbei und über zahlreiche Felsbrocken, die im Wald der Familie von Beilstein verteilt lagen. Zweige peitschten Ferdinand ins Gesicht, regenfeuchte Blätter durchnässten seinen Umhang. Die Kälte kroch ihm den Rücken hinauf und er beugte sich noch tiefer über den Hals des Pferdes.

Er hielt sich absichtlich im hinteren Teil der Gruppe. Seine Armbrust hatte er nicht einmal aus der Satteltasche geholt. Er hatte kein Interesse daran, das Wild zu stellen und den ersten Schuss zu setzen. Wenn es nach ihm ging, würde er heute überhaupt nicht schießen. Und so war er einer der Letzten, die einen steilen Abhang hinabritten, an dessen Fuß sich die Jagdgesellschaft versammelt hatte.

Die meisten Reiter waren schon abgestiegen und standen um einen prächtigen Hirsch herum, der auf dem Boden lag. Als Ferdinand näher kam, konnte er zwischen den Männern hindurch sehen, dass das Tier noch lebte. Die Hunde waren kaum zu bändigen, sie jaulten und bellten, während die Jagdhelfer sie an den Halsbändern zurückhielten.

Ferdinand zügelte seine Stute und stieg ab. Er ging zu den Männern, blieb aber im Hintergrund.

Da rief ihn sein Bruder von vorne. »Ferdinand!«

Sofort drehten sich alle zu ihm um und machten ihm Platz.

Zögernd folgte der Vierzehnjährige der Aufforderung und ging nach vorne. Gustav und seine Freunde sahen ihm entgegen, als planten sie etwas.

»Heute soll die Ehre dir gehören«, erklärte Gustav, während er seinem Bruder mit einem breiten Grinsen seine Armbrust hinstreckte.

»Wie meinst du das?«, fragte Ferdinand unsicher.

»Na, gib ihm den Rest! Du siehst doch, dass er leidet. Erlös ihn von seinen Qualen, das machen ehrbare Jäger so.«

Ferdinand rutschte das Herz in die Hose. »Ich? Aber ich will nicht …«

»Na, komm schon«, höhnte sein Bruder. »Tu’s einfach. Es wird dich etwas Härte lehren, deshalb hat Mutter doch darauf bestanden, dass du mitkommst.« Er trat auf Ferdinand zu und drückte ihm die Waffe an die Brust. »Vorsicht!«, grinste er. »Ist schon gespannt.«

Ferdinand blieb nichts anderes übrig, als die Armbrust zu nehmen. Er sah den Hirsch an.

Der lag auf der Seite, die Beine von sich gestreckt. Sein Brustkorb hob und senkte sich hastig. Die Augen waren weit aufgerissen. Ein erster Schuss hatte ihn im Hals getroffen. Ferdinand erkannte den Bolzen, er stammte von der Armbrust seines Bruders. Offenbar hatte der Schuss das Tier zu Boden gerissen, aber nicht tödlich verwundet.

Gustav beugte sich vor und packte den Jüngeren am Ellbogen. »Los jetzt!«, zischte er. »Oder ich erzähle Mutter von deinem Versagen. Du weißt, was das bedeutet.«

Ferdinand schluckte. Zu seiner Mutter hatte er keine besonders enge Beziehung. Sie gab ihm immer wieder zu verstehen, dass sie wenig mit ihm anfangen konnte, weil er so zurückhaltend war. Bestimmt würde ein negativer Bericht seines Bruders ihr Verhältnis nicht gerade verbessern.

Er trat noch näher an das Tier heran. Dann legte er die Armbrust an und löste die Sicherung. Sein Atem ging stoßweise, sein Finger am Abzug zitterte. Schließlich kniff er ein Auge zu, zielte zwischen die Augen des Hirschs und krümmte den Finger.

In diesem Moment brüllte einer von Gustavs Freunden: »Der schießt doch nie, lasst mich das machen!«

Ferdinand zuckte zusammen, der Abzug löste aus und das Geschoss schwirrte davon. Der Bolzen flog nur wenige Zentimeter am Kopf des Tieres vorbei, zwischen zwei Männern hindurch und bohrte sich dann in die Rinde eines dahinterstehenden Baumes.

Ein Aufschrei ging durch die Gruppe. Die beiden Männer, die ganz dicht an der Schusslinie gestanden hatten, brüllten vor Empörung und wollten sich auf Ferdinand stürzen. Andere hielten sie johlend davon ab.

Gustav riss seinem Bruder die Armbrust aus der Hand. Sein Kopf war hochrot angelaufen, er schnaubte vor Wut. »Unfähig bist du! Blind, wie Vater! Gib schon her, alles muss man selber machen.«

Mit einer raschen Bewegung positionierte er einen neuen Bolzen auf der Waffe, legte an und tötete den Hirsch mit einem zielgenauen Schuss.

Der Mann, der Ferdinand gerade so erschreckt hatte, rief provozierend: »War doch klar, dass er das nicht hinkriegt. Ein Feigling ist er, wie sein Vater. Diese Lutheraner sind doch alles Weicheier! Keine echten Männer, null Mumm in den Knochen!«

Beifällige Kommentare wurden laut.

Gustav ließ die Waffe sinken und starrte seinen Bruder an, zitternd vor Zorn.

Währenddessen stand Ferdinand nur da. Er hatte den Kopf gesenkt und hoffte, dass diese Szene bald vorbei sein würde.

»Ich kann nicht begreifen, wie so etwas Unfähiges mein Bruder sein kann!«, brüllte Gustav.

Dass seine Freunde laut auflachten, schien ihn nur noch wütender zu machen.

»Hol wenigstens den Bolzen, den du verschossen hast!« Er gab dem Jüngeren einen Stoß.

Ferdinand blinzelte in die Richtung, in die der Schuss gegangen war. Aus dieser Entfernung konnte er den Bolzen nicht genau erkennen, aber er setzte sich gehorsam in Bewegung und stolperte auf den Baum zu. Dort angekommen, begann er, den Bolzen aus der Rinde zu pulen. Das Geschoss hatte etwa in Kopfhöhe eingeschlagen und saß ziemlich fest.

In diesem Moment hörte er, wie hinter ihm wieder eine Armbrust gespannt wurde. Gleich darauf ertönte das Klicken der Sicherung. Erstaunt drehte er sich um. Hatten die Jäger noch ein weiteres Tier entdeckt?

Doch als er zu der Gruppe hinschaute, sah er, dass alle Gesichter ihm zugewandt waren. Dann schnarrte eine Sehne. Und im selben Augenblick schoss ein glühend heißer Schmerz durch seine rechte Hand.

1 So hieß der Starnberger See bis 1962.

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Kapitel 1:
Franky
Am Starnberger See, Januar 2019

Als er aufwacht, tasten seine Hände über Ziegelsteine. Die weiche Decke seines Krankenhausbettes ist verschwunden. Es riecht irgendwie modrig. Nach uraltem Stein und Erde.

Und wo ist das Fenster? Das hier ist definitiv nicht das Krankenhaus.

Es gelingt ihm irgendwie, sein Handy aus der Hosentasche zu ziehen und die Taschenlampenfunktion einzuschalten. Dann kneift er die Augen zusammen und versucht, sich zu konzentrieren. Aber er kann kaum etwas erkennen; es fühlt sich so an, als sei sein Kopf voller Watte.

Anscheinend liegt er auf dem Steinboden eines Kellerraums. Da vorne ist eine Tür.

Er nimmt alle Kraft zusammen und robbt darauf zu. Kiesel bohren sich in seine Handflächen, sein Arm tut weh, als er ihn zur Klinke hochstrecken will. Er versucht, sich auf den Ellenbogen aufzustützen, um sich aufzurichten, aber die Schmerzen sind zu schlimm.

Erschöpft schließt er die Augen wieder und lässt sich fallen. Dabei landet seine Hand auf etwas Weichem. Als er es zu sich zieht, entfaltet sich eine Decke, die nach Schimmel riecht und offenbar ganz steif ist vor lauter Schmutz.

Aber das ist ihm in diesem Moment völlig gleichgültig.

Franky zieht die Decke über sich und rollt sich zusammen. In seinem Kopf wird es dunkel.


Drei Tage vorher

»Du wirst es nicht glauben, Franco mio!«

Stirnrunzelnd blickte Franky von seinem Tablet auf und sah seinen Vater im Türrahmen stehen. Germano Giuliani wedelte mit seinem Handy und strahlte übers ganze Gesicht.

»Mann, Papa, klopf doch an! Ich marschier doch auch nicht einfach in dein Zimmer rein!«, murrte der Zwölfjährige.

Aber sein Vater ließ sich nicht beirren, sondern redete einfach weiter. »Michele Pfeiffer kommte zum Training heute!«, rief er, während er ihm das Handy unter die Nase hielt.

Franky warf irritiert einen Blick darauf und sah dann wieder seinen Vater an. »Ja, und, wer soll das sein?«, fragte er.

»Verstehst du nicht? Du kennste ihn doch«

»Nein.«

»Er iste Scout beim FC Bayern! Er wohnt hier am See und liebt Pizza. Iste schon oft Gast in unsere Restaurant gewesen, und da habe ich ihn gefragt, ob er nicht mal kommen will zu eine Spiel. Habe ihm erzählt, wie gut du biste.«

»Ja, und?«

»Oh, figlio mio, das iste deine Chance!«

»Ach, Papa …« Franky schaute wieder auf sein Tablet. Wenn sein Vater ihn nur in Ruhe lassen würde!

»Du weißte, was das heißte!« Germano positionierte sich direkt vor Franky, der auf dem Bett saß, und stemmte die Arme in die Seiten.

Franky sah seufzend auf. Sein Vater würde ja doch nicht aufgeben. »Nein, das weiß ich nicht«, murmelte er, obwohl er es schon ahnte.

»Franco! Das kann endlich sein deine Durchbruch! Du haste das Talente. Ich sehe das. Du haste das Zeug zu werden Profi! Du weißte, dass ich kann das beurteilen. Damals, ich habe gespielt beim FC Parma und wir …«

»… sind 1986 in die zweite Liga aufgestiegen«, vollendete Franky den Satz, den er schon so oft gehört hatte.

Frankys Eltern Germano und Elvira waren als junge Erwachsene von Italien nach Deutschland gekommen. Heute trainierte Germano die Jugend des TV Allmannshausen, also auch die Mannschaft, in der sein Sohn Franky spielte.

»Sì, genau!«, bestätigte Germano. »Du haste Fantasie beim Spiel, du haste Geschick mit dem Ball, du biste beste Spielführer, den ich gesehen habe je.«

»Ja, kann schon sein.«

»Nein, nix ›kann sein‹ – du haste das Talente. Glaub mir!«

Statt einer Antwort zuckte Franky nur mit den Achseln

»Du musse nur ein paar Kilo abnehmen!«

»Mann, Papa!« Franky hasste es, wenn sein Vater ihn so bedrängte und dann auch noch auf sein Gewicht anspielte. Warum meint er nur, dass ich unbedingt Fußballprofi werden muss? Fußball ist ja okay, aber nicht die ganze Zeit, dachte Franky. Er war lieber mit seinen Freunden Jaron, Antonia und Emma unterwegs, um sich mit ungelösten Rätseln rund um den Starnberger See zu beschäftigen. Oder er setzte sich eine Weile an den Computer und verfeinerte seine Hackerkünste.

Warum sah sein Vater nicht, dass auch noch andere Dinge wichtig waren? Warum bestand er darauf, dass Franky Fußball als Leistungssport betrieb?

Vielleicht liegt es daran, dass er selbst nicht die Möglichkeit hatte, in die erste Liga aufzusteigen, nachdem er sich das Sprunggelenk verletzt hatte, überlegte der Zwölfjährige.

Franky hatte keine Lust auf das Spiel heute, wollte aber seinen Vater, der ihn immer noch begeistert ansah, auch nicht enttäuschen. Nur weil Germano den Fußballscout ans Spielfeld gelotst hatte, meinte er offenbar, dieser Tag würde Frankys Leben verändern.

»Ich werde mein Bestes geben«, seufzte der Junge deshalb.

»Va bene! Also mach dich jetzt fertig. Das Spiel gehte bald los! Andiamo.«

»Jaja, ich komm ja schon«, antwortete Franky und stand widerwillig auf.


Die Kabine füllte sich mit Spielern. Sie würden heute gegen den MTV Berg spielen, und zwar in einem Match, das den weiteren Verlauf der Saison bestimmen konnte.

Es war einer dieser Tage, an denen es Franky definitiv nicht auf den Platz zog. Denn das Wetter war typisch für Mitte Januar: kalt, ein wenig regnerisch. Bald durften sie die Halle benutzen, aber aus Platzgründen fand dieses Spiel noch auf dem winterlich braunen Rasen statt.

Franky zog sich um und ging nach draußen, um sich aufzuwärmen. Da bemerkte er, dass seine besten Freunde Jaron, Antonia und Emma am Spielfeldrand standen und ihm zuwinkten.

»Hey, Franky«, rief Jaron und lachte. Seine sportliche, durch Kung-Fu trainierte Gestalt überragte die beiden Mädchen um ein paar Zentimeter. Seine Jacke stand wie immer offen und die langen Haare fielen ihm gut gestylt ins Gesicht.

»Cool, dass ihr da seid!« Franky rannte zu den dreien hinüber und klatschte sie ab.

»Ist doch klar! Wir wollen doch dabei sein, wenn ihr heute das Spiel gewinnt«, erwiderte Jaron und klopfte seinem Kumpel auf die Schulter. »Du hast uns so viel vorgejammert, da haben wir gedacht, du kannst jede Unterstützung gebrauchen.«

»Ja, vielleicht.« Franky zuckte mit den Schultern.

»Oh, oh, ich sehe da große Begeisterung«, frotzelte Antonia und grinste ihn an. Sie war, wie Jaron, eine begeisterte Sportlerin, wenn es sie auch eher in die Kletterhalle oder an hohe Felsen in der freien Natur zog. Wie fast immer trug sie ein Sweatshirt und hatte ihre langen blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

»Ach, ich bin froh, wenn das Spiel heute vorbei ist«, meinte Franky. »Mein Vater macht mal wieder Druck!«

»Warum gerade heute?« Emma – die Dritte im Bunde – sah ihn fragend an.

»Na, heute kommt irgend so ein Typ vom FC Bayern, der uns beim Spielen zuschauen will. Papa meint, dass ich mich unbedingt anstrengen soll«, erklärte Franky, während er auf der Stelle dribbelte, um sich aufzuwärmen.

»Ist doch nicht schlecht, ist voll die Chance«, sagte Antonia aufmunternd.

»Chance? Für was denn?«, maulte Franky.

Antonia kniff die Augen zusammen und musterte ihn. Sie schien zu merken, dass er nicht gut drauf war. Und ihr eindringlicher Blick war wirkungsvoller als jedes ausführliche Verhör.

Franky hörte auf zu dribbeln und seufzte. »Ich hab halt keine Lust heute. Fußball ist ja okay, ich spiel auch echt gerne. Aber auf den Stress mit den Turnieren und dreimal die Woche Training hab ich einfach keinen Bock. Das will nur mein Vater so.«

»Und warum sagst du ihm nicht, dass es dir zu viel wird?«, fragte Emma und rückte ihre Brille zurecht. Sie war die Jüngste der vier Freunde, hatte aber oft die besten Ideen. Ihr brauner Pferdeschwanz wippte, als sie jetzt von einem Fuß auf den anderen trat. Für sie schien Frankys Problem ganz einfach zu lösen zu sein.

»Ach, weil …« Franky wusste nicht, was er sagen sollte.

»Na, Franky – bereit, heute den Ball zu treffen?«, ertönte es hinter ihm. Leo von Beilstein, der größte Angeber der Mannschaft, grinste ihn an. »Oder stolperst du mal wieder durchs Spiel, so wie immer?«

Sein Kumpel Luggi Huber, der meistens zwei Schritte hinter ihm lief, lachte laut. Er war allerdings der Einzige.

Franky verdrehte die Augen, schüttelte den Kopf und beachtete die beiden nicht weiter. Doch sie machten sich ohnehin schon wieder aus dem Staub.

»Warum sollte er das tun? Er will euch beide ja nicht kopieren«, rief Antonia ihnen hinterher.

Luggi und Leo lachten nur höhnisch und rannten davon.

»Sind die immer so drauf, selbst im Spiel?«, wollte Emma wissen. Sie kannte Leo und Luggi nur aus der Schule.

»Allerdings«, antwortete Franky und dribbelte weiter. »Aber sie sind schon echt gute Spieler.«

»Ah, da biste du ja, ich habe dich schon die ganze Zeit gesucht!« Germano Giuliani lief auf seinen Sohn zu. Ein Mann, den Franky nicht kannte, folgte ihm.

»Und deine Freunde sinde auch schon da!« Als Germano die kleine Gruppe erreicht hatte, lächelte er die vier gut gelaunt an.

Jaron, Antonia und Emma grüßten ihn höflich.

Franky wusste, dass sie seinen Vater für einen netten Mann hielten, der zwar leicht aufbrauste, sich aber schnell wieder beruhigte. Außerdem war er ein toller Gastgeber und immer für einen Scherz zu haben.

»Ich spüre, dass heute iste ein guter Tag!«, rief Germano überschwänglich. Dann wandte er sich an seinen Begleiter und legte eine Hand auf dessen Schulter. »Wenn ich euch vorstellen darf: Das hier iste Michele Pfeiffer. Er iste Scout vom FC Bayern! Und dasse«, er legte die andere Hand auf Frankys Kopf, »iste mein figlio, äh, Sohn Franco und seine Freunde!«

Während er sprach, schien er vor Freude fast überzusprudeln, er grinste übers ganze Gesicht.

Franky war die Situation äußerst peinlich.

»Hab gehört, dass du großes Talent hast«, sagte der Scout freundlich zu ihm.

Franky zuckte mit den Achseln und antwortete verlegen: »Vielleicht.« Er wäre am liebsten im Boden versunken, so unwohl fühlte er sich.

»Na, dann wünsche ich dir heute ein gutes Spiel!«

»Danke.«

Zu Frankys großer Erleichterung erklärte Michael Pfeiffer nun, dass er sich einen guten Platz suchen würde. Anschließend drehte er sich um und ging in Richtung der kleinen Tribüne.

»So, du musse dich jetzt noch richtig warme machen«, meinte Germano, wobei er seinen Sohn eindringlich ansah.

»Jaja, Mann, Papa! Das krieg ich schon allein hin«, erwiderte Franky genervt.

»Iste schon gut«, beschwichtigte Germano, bevor er sich lächelnd an die übrigen drei wandte: »Und ihr feuerte Franco an! Nach dem Spiel lade ich euch ein zu einer Pizza!«

»Oh, das hört sich gut an«, meinte Jaron, sichtlich erfreut, und auch die beiden Mädchen nickten begeistert. Frankys Eltern betrieben die Pizzeria am Sportheim in Allmannshausen. Dort gab es die beste Pizza im ganzen Landkreis. Der Scout war nicht der einzige Promi hier am See, der immer wieder für eine frische »Pizza Margherita« zu ihnen kam.

»Wir feuern ihn an, so laut wir können«, versprach Antonia lachend, und die anderen beiden stimmten eifrig zu.

»Bene! Oh, ich bin so stolz auf dich, figlio mio«, rief Germano Giuliani und klopfte seinem Sohn auf die Schulter. Dann drehte er sich um und ging zum Spielfeldrand, wo sich die Trainer während des Spiels aufhielten.

Als er weg war, sagte Franky etwas verlegen zu seinen Freunden: »O Mann, sorry. Wenn er erst mal in Fahrt ist, ist er nicht mehr zu bremsen.«

»Ist schon gut«, grinste Emma. »Wir kennen ihn doch! Er ist halt sehr temperamentvoll.«

Ein Pfiff riss die Gruppe aus ihrem Gespräch.

»Oh, es scheint loszugehen«, meinte Franky. »Also, drückt mir die Daumen.« Damit wandte er sich ab und joggte zu seiner Mannschaft, die mittlerweile vollständig am Spielfeldrand versammelt war.


Während Franky mit seinen Mannschaftskameraden aufs Feld lief, blickte er sich zu seinen Freunden um. Jaron, Emma und Antonia suchten sich gerade freie Plätze, was nicht weiter schwierig war. Bei diesen Temperaturen war die Größe des Publikums meist überschaubar.

Franky fand seinen Platz bei den Stürmern und wartete auf den Anpfiff. Zuerst hörte er noch vage die Anfeuerungsrufe der Fans, bald aber konzentrierte er sich voll aufs Spiel. Der MTV Berg machte mächtig Druck und so stand es schon nach zehn Minuten 1:0 für Berg.

Als das Tor fiel und die Gegner jubelten, warf Franky einen Blick auf seinen Vater. Der stand wild fuchtelnd am Spielfeldrand und brüllte ihm alle möglichen Anweisungen zu.

Frankys Mannschaft hatte Mühe, den Ball zu erobern, obwohl Franky einige Zweikämpfe gewinnen konnte. Er strengte sich wirklich an. In der 29. Spielminute hatte er dann eine echte Chance. Einer seiner Mitspieler passte ihm den Ball zielgenau zu, Franky dribbelte einen Gegenspieler aus und gab Gas. Hinter ihm fingen die Zuschauer an zu schreien.

Franky kam vor das gegnerische Tor, hatte freie Bahn und schoss.

Der Torwart hechtete nach dem Ball und packte ihn, doch er rutschte ihm aus den Händen.

Schnell rannte Franky weiter und bekam den Ball wieder vor die Füße. Mittlerweile liefen allerdings schon drei Gegenspieler auf ihn zu.

Sein Mannschaftskamerad Leo war ebenfalls in seiner Nähe und rief: »Ich bin frei!«

Aber Franky schoss noch einmal aufs Tor.

Einer der Gegenspieler stoppte in vollem Lauf zwischen Franky und dem Tor und lenkte den Ball mit dem Fuß ab, sodass er gegen den linken Torpfosten knallte.

Sofort rannte der Torwart zum Ball und schloss ihn diesmal sicher in die Arme.

Durch die Fans des Allmannshauser Fußballklubs ging ein Raunen der Enttäuschung.

Franky ließ den Kopf hängen, beugte sich nach vorne und stützte seine Hände auf die Oberschenkel. Dann sah er zu seinem Vater hinüber, der jetzt nur noch den Kopf schüttelte.

»Mann, du Idiot«, fauchte Luggi ihn an. »Leo war komplett frei! Den hätte er reingekriegt!«

»Ja, sorry, hab es nicht gesehen«, gab Franky kleinlaut zur Antwort.

»Dann mach die Augen auf!«, blies jetzt auch Leo ins selbe Horn.

»Ist ja gut, ich weiß, dass das Mist war«, zischte Franky, der sich jetzt selbst fürchterlich über die versaute Torchance ärgerte.

Der Rest der ersten Halbzeit verlief ohne weitere Höhepunkte. Keine der beiden Mannschaften konnte mehr eine Chance in ein Tor verwandeln. Als der Schiedsrichter zur Pause pfiff, trottete Franky vom Spielfeld und sah, wie sein Vater ihn zu sich herwinkte.

Auch das noch, dachte er, jetzt kann ich mir auch noch Papas nerviges Gerede anhören. Glücklicherweise gesellten sich seine Freunde mit dazu, sobald er seinen Vater erreicht hatte.

»Oh figlio mio«, begann Germano und packte ihn an den Armen. »Das war die Chance! Warum haste du nicht zu Leo gepielt! Er war frei!«

»Weil ich ihn nicht gesehen habe«, erwiderte Franky patzig. »Mann, das kann doch mal passieren!«

»Ich fand’s trotzdem einen echt coolen Spielzug von dir«, warf Emma ein.

»Ja, sicher«, meinte Germano. »Aber du musse dir noch viel mehr Mühe geben. Was solle der Scout von dir denken? Vergiss nicht: Du haste das Talente! Verstanden?«

»Ja, klar, mach ich. Ich werde mich anstrengen, um alle deine Träume zu erfüllen!«, sagte Franky wütend, drehte sich auf dem Absatz um und stapfte zu den Umkleidekabinen.

Obwohl sein Vater ihm noch »Franco!« hinterherrief, beachtete er ihn nicht weiter.


»Was hat der Junge?« Germano Giuliani sah die Freunde ratlos an. »Er hat so viel Talente. Warum setzt er das nicht ein? Er spielt ohne Freude.«

»Äh, ich glaube, dass Franky schon Spaß an Fußball hat, aber vielleicht will er nicht dauernd spielen«, sagte Emma zögernd.

»Aber er hat das Zeug zu einem ganz großen Spieler. Das sehe ich«, beharrte der Italiener. »Und dazu musse er spielen, spielen, spielen.«

»Mag schon sein, aber vielleicht ist er noch nicht so weit«, meinte Antonia.

Jaron nickte bejahend.

»Ja, wahrscheinlich hast du recht«, seufzte Germano Giuliani und schien sich ein wenig zu beruhigen. »Muss schon sagen, Franco hat wirklich gute Freunde.« Er lächelte die drei an. »Aber ich gehe noch zu dem Scout«, fuhr er fort. »Ich musse noch mal mit ihm reden. Wir sehen uns nach dem Spiel in der Pizzeria?«

»Ja, gerne«, bestätigte Jaron.

»Bene, bene. Arrivederci!« Mit diesen Worten wandte Germano sich ab und ging schnurstracks auf Michael Pfeiffer zu.

»Krass, der will Franky ja echt zum Profi machen«, sagte Jaron nachdenklich.

»Ich finde, Franky sollte unbedingt mal mit ihm reden«, erklärte Antonia. »Ich glaube nämlich nicht, dass er da so viel Lust drauf hat.«

»Dafür müsste er ja seinen ganzen Vorrat an Schokoriegeln vernichten«, kicherte Emma, und die anderen lachten ebenfalls.

Gemeinsam bummelten sie zur Tribüne zurück, wo Frankys Vater auf den Scout einredete, der freundlich lächelte. »Kein Problem«, hörten sie den Scout sagen, als sie näher kamen, »das Spiel ist ja noch nicht zu Ende. Er ist technisch wirklich ein guter Spieler.« Die drei beobachteten, wie Germano zufrieden nickte.

»Na, scheint ja gar nicht so schlecht für Franky auszusehen«, stellte Jaron fest. »Der Scout hat ihn noch nicht aufgegeben.«

»Ja, vielleicht, aber wenn er das doch gar nicht will?« Emma runzelte die Stirn.

»Dann muss er seinem Vater die Wahrheit sagen«, erwiderte Antonia energisch.

»Schon, aber das ist doch gar nicht so einfach«, verteidigte Emma ihren Kumpel.

»Seht, da kommen die Spieler, es scheint weiterzugehen«, unterbrach Jaron die Überlegungen der beiden Mädchen. Daraufhin setzten sie sich und warteten auf den Anpfiff der zweiten Halbzeit.

Wieder startete das Spiel mit hohem Tempo, diesmal aber war es der Allmannshauser Fußballklub, der den Gegner unter Druck setzte. Und tatsächlich, nach einem Pass von Franky zu Leo konnte dieser den Ausgleich zum 1:1 schaffen. Die drei Freunde lachten sich fast kaputt, als Frankys Vater am Spielfeldrand einen Freudentanz aufführte.


Es war in der 68. Spielminute, als Jaron beobachtete, wie Franky von Leo einen Pass zugespielt bekam. Franky stoppte den Ball und sah sich um. Da ein Verteidiger der gegnerischen Mannschaft direkt auf ihn zurannte, gab er den Ball an Luggi weiter. Dann stürmte er auf das gegnerische Tor zu.

Jaron sprang auf und feuerte seinen Freund aus voller Kehle an.

Luggi spielte den Ball wieder zurück, aber leider viel zu stark. Als der Ball zwischen Frankys Füßen landete, kam der Zwölfjährige ins Straucheln. Er hatte keine Chance, sich zu fangen, und fiel zu Boden. Weil Leo, der ihm gefolgt war, nicht mehr abbremsen konnte, stolperte er über ihn. Dabei trat er mit voller Wucht auf Frankys Arm.

Entsetzt beobachtete Jaron, dass Franky sich mit schmerzverzerrtem Gesicht hin- und herrollte. Das sieht nicht gut aus, dachte er erschrocken.

»Mein Arm, mein Arm!«, hörte er Franky schreien.

Der Schiedsrichter hatte das Spiel unterbrochen, Frankys Vater rannte aufs Spielfeld. Dicht hinter ihm liefen zwei Sanitäter, die sich nun über den Verletzten beugten. Seine Mannschaftskameraden, die gegnerischen Spieler, alle standen um ihn herum, sodass die drei Freunde ihn nicht mehr sehen konnten. Aber sie hörten ihn, denn er schrie immer noch vor Schmerzen.

Emma kullerten Tränen über die Wangen. Sie war ebenfalls aufgesprungen und rief: »Was hat er nur?«

»Anscheinend ist der Arm gebrochen«, meinte Jaron besorgt.

»Oh weh, das wäre ja furchtbar«, stellte Antonia fest.

Es war schlimm für die drei Freunde, nicht genau zu wissen, was mit Franky los war. Im Publikum herrschte betretenes Schweigen. Alle beobachteten, was weiter geschah.

Einer der Sanitäter löste sich aus der Gruppe um Franky, rannte vom Feld und kam kurze Zeit später mit einer Trage zurück. Frankys Schreie hatten sich inzwischen in ein leises Wimmern verwandelt. Dann bemerkte Jaron, wie ein Krankenwagen an den Rand des Spielfeldes fuhr. Franky wurde auf die Trage gelegt und zum Wagen gebracht. Er lag mit geschlossenen Augen da, sein Vater lief neben ihm her.

Als die Sanitäter Franky in den Krankenwagen luden, hielten es Jaron, Emma und Antonia nicht länger an ihren Plätzen aus und liefen hinüber. Jaron war ganz schlecht, und er konnte sehen, dass Emma erneut mit den Tränen kämpfte.

Die Türen des Wagens schlossen sich gerade, als sie atemlos bei Frankys Vater ankamen. Er wechselte noch ein paar Worte mit einem Sanitäter, bevor dieser auf der Beifahrerseite einstieg. Dann fuhr der Krankenwagen los.

»Was ist passiert?«, rief Emma.

»Der Arm iste wahrscheinlich gebrochen«, antwortete Germano Giuliani niedergeschlagen.

»Wo wird er jetzt hingebracht?«, wollte Jaron wissen.

»In die Klinik nach Kempfenhausen. Ich hole meine Frau, dann fahren wir gleich dorthin.«

In diesem Moment kam Michael Pfeiffer auf die Gruppe zu. »Es tut mir sehr leid«, sagte er freundlich. »Ich hoffe, es ist nicht allzu schlimm?«

»Na ja, der Arm iste gebrochen.«

»Ach, das wird sicherlich wieder.«

»Und, hat Franco eine Chance?«, erkundigte sich Germano. »Er hat heute wirklich einen schlechten Tag.«

»Nun ja«, zögerte der Scout, »technisch ist er schon gut, aber halt nicht schnell.«

»Sie müssen ihm noch mal eine Chance geben – ich weiß, dass er das kann«, bettelte Frankys Vater.

Jaron konnte sehen, dass der Scout Mitleid mit Germano hatte. »Also gut«, stimmte er zu. »Wenn Franco wieder gesund ist, komme ich noch einmal vorbei.«

»Oh, grazie mille! Sie werden sehen, er kann gut spielen.«

Michael Pfeiffer nickte. »Wünschen Sie ihm bitte von mir gute Besserung.«

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände, dann ging der Scout in Richtung Parkplatz davon.

»So, ich fahre jetzt zum Krankenhaus«, sagte Germano.

»Dürfen wir mitfahren?«, fragte Jaron, und auch Emma und Antonia sahen Frankys Vater bittend an.

»Tut mir leid, das gehte nicht«, erwiderte er. »Ich habe nur die Ape dabei.« Er deutete auf den kleinen dreirädrigen Kastenwagen, der nicht weit entfernt parkte. In dieses Gefährt passten höchstens zwei Leute, und das auch nur, wenn sie sehr eng saßen.

Jaron zuckte mit den Achseln. »Dann fahren wir mit den Fahrrädern nach Kempfenhausen.«

»Das iste eine gute Idee!«, sagte Frankys Vater. »Bis später.«

Die drei Freunde sahen ihm zu, wie er in den kleinen Wagen stieg und sich knatternd entfernte.

»Mir ist immer noch ganz flau«, erklärte Antonia.

»Ja, mir auch«, bestätigte Emma.

Jaron stimmte zu, er fühlte sich genauso.

»Sollen wir vielleicht einfach mal für Franky beten?«, fragte Antonia.

Jaron und Emma nickten.

»Lieber Gott, ich bitte dich jetzt für Franky, dass es ihm schnell wieder besser geht und er keine Schmerzen hat. Und ich bitte dich auch, dass er nicht operiert werden muss, Amen.«

»Amen«, wiederholten die beiden anderen.

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Kapitel 2:
Im Krankenhaus

»Und, habt ihr gewonnen?«, fragte der Sanitäter, der sich über Franky beugte. Seine Warnjacke raschelte, er roch nach Rasierwasser. Seine Hand lag auf Frankys Schulter.

Der Junge durchschaute, was der Mann mit der Frage bezweckte. Du willst mich von den Schmerzen ablenken, mir meine Angst nehmen. Netter Versuch.

Trotzdem antwortete er: »Wir waren dabei zu gewinnen, ja. Es stand 2:1. Aber wir können niemanden mehr einwechseln. Ob meine Mannschaft diesen Vorsprung halten kann, obwohl sie in Unterzahl spielen müssen, weiß ich nicht.«

Und es half. Über das Spiel nachzudenken, lenkte ihn tatsächlich ab. Sein Atem wurde ruhiger. Oder waren es die Schmerzmittel, die anfingen zu wirken?

Der Sanitäter nickte und lächelte. »Verstehe. Na, dann hoffen wir mal, dass deine Teamkameraden das hinkriegen werden. Und um dich kümmern wir uns, damit du auch bald wieder auf dem Spielfeld stehen kannst.«

Das hat keine Eile, dachte Franky.

»Dein Arm sollte bald nicht mehr wehtun«, fuhr der Sanitäter fort und kontrollierte den Infusionsbeutel, der über Franky Kopf baumelte. »Wir sind nicht mehr lange unterwegs. Aber ich will noch kurz deinen Blutdruck messen.« Sanft nahm er den unverletzten Arm des Jungen und legte ihm die Manschette an.

Während sie sich pfeifend füllte, schaute Franky durch den oberen Teil des Fensters hinaus, der nicht von der undurchsichtigen Folie bedeckt war. Er sah die kahlen Wipfel von Bäumen vorbeifliegen. Der Krankenwagen fuhr um eine Kurve, dann wurde er langsamer.

Die Bäume verschwanden, ein Dach schob sich in Frankys Sichtfeld. Der Wagen stoppte.


Während Pfleger ihn von einem Raum zum anderen schoben und der verletzte Arm geröntgt wurde, verlor Franky vollständig das Zeitgefühl. Als er wieder in dem Zimmer der Notaufnahme lag, in das er zuerst gebracht worden war, konnte er nicht sagen, ob er erst wenige Minuten im Krankenhaus war oder schon viele Stunden.

Eine Schwester betrat den Raum. »Wir müssen deinen Arm noch freilegen«, erklärte sie. »Leider muss ich dafür das Trikot aufschneiden, damit es nicht zu sehr wehtut.« Sie lächelte entschuldigend.

Franky nickte nur. Das Trikot war ihm in diesem Moment völlig egal.

Die Schwester holte eine Verbandsschere aus einer Schublade und trennte den Stoff auf. Während sie das Shirt entsorgte, saß Franky halb nackt auf der Liege, was ihm ein wenig peinlich war.

Doch sie schien nicht einmal zu bemerken, dass er rot wurde. Geschickt half sie ihm, sich zu waschen und einen Krankenhausschlafanzug mit weiten Ärmeln anzuziehen, der nach Desinfektionsmittel roch.

Nachdem sie den Raum wieder verlassen hatte, starrte Franky die Neonröhren an der Decke an. Der Schock und die Aufregung ließen langsam nach, er wurde müde. Aber zum Schlafen blieb keine Zeit, denn die Tür öffnete sich erneut.

Der junge Arzt mit den strubbeligen Haaren und der runden Brille, der ihn in der Notaufnahme in Empfang genommen hatte, kam herein, ein Röntgenbild in der Hand. »So, jetzt können wir schauen, was genau mit deinem Arm passiert ist«, verkündete er ein wenig zu gut gelaunt und schaltete den Monitor an der linken Wand ein. Dann wischte er über den Bildschirm und öffnete das Röntgenbild. Er betrachtete es nachdenklich.

Franky konnte über die Schulter des Arztes hinweg das Bild vom Inneren seines Arms sehen: Der Oberarmknochen war dicht über dem Ellenbogen in zwei Hälften gespalten, ein schräger Bruch klaffte dunkel in dem weißen Knochenbild. Dem Jungen wurde ein wenig schwindlig.

»Mmmh«, murmelte der Arzt und rieb sich das Kinn. Dann drehte er seinen Kopf zu Franky. »Dass der Arm gebrochen ist, siehst du wahrscheinlich selbst«, meinte er und deutete auf die entsprechende Stelle. »Das ist im Grunde kein Problem, aber sicherheitshalber möchte ich noch eine Spezialistin hinzuziehen. Sie kann genauer sagen, wie wir jetzt am besten vorgehen.«

Er schien zu bemerken, dass Franky blass geworden war, und fügte hinzu: »Du musst dir aber keine Sorgen machen. Das wird schon wieder. Ich werde Dr. Dragumir rufen und dann sehen wir weiter.« Der Arzt nickte ihm zu und verließ den Raum.

Wieder lag Franky allein in dem fensterlosen Zimmer, doch nicht lange. Als sich die Tür erneut öffnete, kam seine Mutter herein.

»Oh piccolo mio«, rief sie und beugte sich über ihn. »Tut es sehr weh?«

Franky schüttelte den Kopf. »Geht schon. Aber der Arm ist gebrochen, sie überlegen gerade, was sie tun werden.«

Seine Mutter nickte und streichelte ihm übers Haar. »Ich habe draußen den Arzt getroffen. Er kommt wohl gleich.«

Und so war es. Kurze Zeit später öffnete sich die Tür wieder und der junge Arzt trat ein, in Begleitung einer etwas älteren Frau. Sie war schlank, mit sorgfältigem Make-up und einer schicken Kurzhaarfrisur. Ein Hauch von Parfüm umgab sie, und sie blickte Franky mit freundlichen, aber irgendwie scharfen Augen an.

Er erkannte den Ausdruck: So sahen einen manche Lehrer an – die, die streng, aber fair waren. Denen nichts entging und bei denen es im Klassenzimmer immer mucksmäuschenstill war. Autorität, dachte er, das ist das Wort dafür. Dr. Dragumir strahlte Autorität aus.

Sobald sie im Raum war, ging alles sehr schnell. Sie begrüßte Franky und seine Mutter und richtete ihre Aufmerksamkeit dann auf den Leuchtkasten. Wenige Momente vor dem Röntgenbild und eine kurze, gemurmelte Unterhaltung mit dem anderen Arzt genügten ihr, bevor sie sich wieder an den Patienten und seine Mutter wandte.

»Ich vermute, dass die Wachstumsfuge am Ellenbogen beeinträchtigt wurde«, erklärte sie. »Der Bruch selbst ist sehr sauber, sodass der Knochen durch eine einfache Ruhigstellung wieder gut zusammenwachsen würde. Aber der Bruch geht leider quer durch die Zone, in der sich dein Knochen verändert. Ich möchte ausschließen, dass es zu Wachstumsstörungen kommt; in deinem Alter ist der Knochen noch lange nicht ausgewachsen.

Wir müssten also operieren und einen Draht einsetzen, der die Wachstumsfuge in der richtigen Position hält. Der bleibt dann so lange drin, bis alles wieder festgewachsen ist.«

Franky schluckte. Das klang brutal.

Er blickte seine Mutter an, die am Kopfende seiner Liege stand und ihre Hand auf seine Schulter gelegt hatte. Auch ihr Gesicht sah besorgt aus.

»Ist das eine schwierige Operation?«, fragte sie Dr. Dragumir.

Die Ärztin schüttelte den Kopf und lächelte. »Sie müssen sich keine Sorgen machen. Ich werde Ihren Sohn selbst operieren und ich habe diesen Eingriff schon oft durchgeführt.« Mit einem Blick auf ihren jüngeren Kollegen fügte sie hinzu: »Dr. Menne wird Ihnen alles Weitere erklären.«

Dann schüttelte sie Frankys Mutter die Hand, lächelte Franky aufmunternd zu und verließ den Raum.

Was Dr. Menne alles über die Risiken der Prozedur erzählte, bekam Franky nicht ganz mit. Die Angst vor der bevorstehenden Operation nahm ihn zu sehr gefangen. Seine Mutter unterschrieb einen Zettel, danach wurde sein Bett aus dem Untersuchungszimmer gerollt, durch endlose Flure, in einen Raum, in dem es vor Ärzten und Krankenschwestern zu wimmeln schien.

Mehrere Leute machten sich an ihm zu schaffen; irgendjemand veränderte etwas an der Infusion, die ihm schon im Krankenwagen gelegt worden war. Das Letzte, an das Franky sich erinnerte, waren Dr. Dragumirs freundliche, aber scharfe Augen über einer Chirurgenmaske, die ihn ansahen.


Antonias Mutter hatte darauf bestanden, dass die drei Freunde zuerst zur Seeburg kamen und zu Abend aßen, bevor sie sich auf den Weg machten. Deshalb war es schon dunkel, als Jaron, Antonia und Emma auf ihren Fahrrädern in Kempfenhausen eintrafen. Das Krankenhaus – eine imposante Anlage – lag wie eine herrschaftliche Villa in einem Park in Ufernähe. Jetzt, im Winter, hielt sich niemand in dem weitläufigen Gelände auf, aber im Sommer musste es hier wunderschön sein.

Die Freunde betraten das Gebäude und sahen sich suchend im Eingangsbereich um, der für ein Krankenhaus sehr wohnlich wirkte. Einige Leute saßen auf gepolsterten Sitzgruppen, die mit großen Kübelpflanzen voneinander getrennt waren. Jaron war der Erste, der den Schalter entdeckte, über dem »Information« stand. Er trat an den Tresen und erkundigte sich nach Franky.

Die Dame wollte ihm nichts Genaues sagen, erklärte ihnen aber, wohin sie gehen sollten.

Kurze Zeit später öffnete Antonia eine Tür und blieb auf der Schwelle stehen. Statt eines Patientenzimmers sahen die Freunde einen kleinen Raum mit Stühlen, Tischen, Kaffeemaschine und Spielecke vor sich. Germano und Elvira Giuliani saßen an einem der Tische.

Sie wandten den Kopf, als die Tür aufging; auf ihren Gesichtern spiegelte sich Enttäuschung.

Wahrscheinlich haben sie einen Arzt erwartet, dachte Jaron und fragte sich im selben Augenblick: Aber wo ist Franky?

Frankys Mutter stand auf. »Schön, dass ihr gekommen seid«, sagte sie und lächelte. »Das wird Franco sehr freuen, wenn er aufwacht.«

Jetzt begriff Jaron. Deshalb sind die Eltern nicht bei ihm. Das hier ist ein Wartezimmer. »Muss Franky etwa operiert werden?«, erkundigte er sich.

Elvira nickte, sie wirkte besorgt. »Der Arm ist gebrochen, und die Ärzte wollen einen Draht einsetzen, weil die Wachstumsfuge beschädigt ist. Sie haben Franco vor einer Stunde in den OP geschoben. Bis jetzt haben wir noch nichts gehört. Aber setzt euch doch zu uns.«

Frankys Vater nickte den dreien freundlich, jedoch etwas abwesend zu, als sie sich nun ebenfalls an dem Tisch niederließen. Er hielt sein Handy in der Hand und tippte irgendwas.

»Ist es sehr schlimm?«, fragte Emma.

Frankys Mutter zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht wirklich. Aber sie haben hier eine Spezialistin, die operiert ihn gerade. Er ist also wohl in guten Händen.«

Germano sah auf. »Ich hoffe, dass sie wissen, was sie tun. Warum musse das gerade passieren jetzt, warum?« Er gestikulierte wild mit der rechten Hand, während er sprach.

Darauf wusste niemand eine Antwort, deshalb verstummte das Gespräch für eine Weile. Zu hören waren nur die Geräusche aus dem Flur und die Tastengeräusche von Germanos Handy. So saßen sie, bis es zweimal kräftig klopfte.

Sofort richteten sich alle Blicke auf die Tür. Eine attraktive ältere Ärztin trat ein, sie trug lilafarbene Operationskleidung unter ihrem weißen Kittel.

»Dr. Dragumir«, rief Frankys Mutter und stand auf.

Germano ließ das Handy sinken.

»Aber, bitte, bleiben Sie doch sitzen«, meinte Dr. Dragumir und trat an den Tisch.

Elvira setzte sich langsam wieder, während die Ärztin die drei Freunde prüfend ansah.

»Das sind Francos Freunde«, erklärte Elvira hastig und stellte sie vor: »Jaron Rahn, Emma Weiß und Antonia Reihmann.«

Die Ärztin schien zufrieden und nickte. »Wie schön«, sagte Sie knapp, aber nicht unfreundlich. Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich. »Ich habe eine gute Nachricht für sie, wenn auch mit einer gewissen Einschränkung: Wir sind mit der Operation fertig. Der Eingriff selbst ist gut verlaufen, ich konnte den Draht optimal platzieren und der Knochen liegt jetzt wieder in der richtigen Position.«

Langsam stützte Dr. Dragumir nun die Arme auf die Tischplatte und legte die Fingerspitzen zusammen. Sie blickte Elvira in die Augen, während sie fortfuhr: »Allerdings gab es Schwierigkeiten bei der Narkose. Leider hat Franco das Mittel, das wir ihm gegeben haben – es heißt Midazolam – nicht gut vertragen. Es kam zu Problemen mit der Atmung.«

Elvira stieß einen kleinen Schrei aus und schlug die Hand vor den Mund.

»Das kann bei Kindern ab und zu passieren«, erklärte die Ärztin in beschwichtigendem Tonfall. »Wir kennen das und wissen, was in einem solchen Fall zu tun ist. Die Atmung haben wir auch gut in den Griff bekommen, aber leider ist Franco noch nicht aufgewacht. Eigentlich sollte er inzwischen wenigstens erste Reaktionen zeigen, doch er ist immer noch bewusstlos.«

Alle starrten Dr. Dragumir an. Elviras Augen waren weit aufgerissen, Germano hatte die Stirn in Falten gelegt. Zum ersten Mal war auch ihm die Angst um seinen Sohn anzusehen.

»Wir haben Franco auf die Intensivstation verlegt.«

Jaron spürte einen Kloß im Hals. Stand es so schlimm um seinen Freund?

Die Ärztin lächelte jedoch und schien in keiner Weise besorgt zu sein. »Ich weiß, dass das im Moment für Sie sehr erschreckend klingt. Die Verlegung auf die Intensivstation ist allerdings nur eine Vorsichtsmaßnahme. Francos Vitalzeichen sind alle normal und er atmet selbstständig. Auf dieser Station haben wir die nötigen Geräte, um Ihren Sohn lückenlos zu überwachen, und merken sofort, wenn sich etwas verändert. Ich bin mir sicher, dass er bald aufwachen wird.«

»Wann wird Franco wachen auf?«, fragte Germano.

Dr. Dragumir zuckte leicht mit den Schultern. »Genau kann ich das natürlich nicht wissen, aber ich erwarte es eigentlich jede Minute«, antwortete sie. »Ich werde Sie persönlich sofort informieren, wenn es so weit ist.«

Sie lächelte ihn erneut beruhigend an, was er allerdings gar nicht zu registrieren schien.

Frankys Mutter war fassungslos. Tränen standen in ihren Augen, und Jaron konnte sehen, dass sie immer wieder schluckte.

Nun erhob sich die Ärztin. »Ich werde nach Ihrem Sohn sehen und komme zurück, sobald ich Neuigkeiten habe.«

»Dürfen wir zu ihm?«, rief Elvira.

Dr. Dragumir schüttelte den Kopf. »Noch nicht«, sagte sie. Dann schüttelte sie Frankys Eltern die Hand, nickte den drei Freunden freundlich zu und verließ den Raum.

Alle saßen wie vom Donner gerührt da. Mit solchen Problemen hatte niemand gerechnet. Es war doch nur ein kleiner Sportunfall gewesen!

Jaron sah Emma und Antonia an, die beide wie erstarrt wirkten. Obwohl die Beteuerungen der Ärztin durchaus überzeugend geklungen hatten, war die Situation schwer einzuschätzen. Franky wachte nicht auf. Was konnte das bedeuten?

Schluchzend holte Elvira ein Taschentuch aus ihrer Handtasche und drückte es gegen ihren Mund. Germano schien es nicht zu bemerken, er starrte immer noch auf die Tür, hinter der die Ärztin verschwunden war. Seine Augenbrauen waren zusammengezogen, sein Gesichtsausdruck schwankte zwischen Entsetzen und Wut.

Emma zupfte Jaron am Ärmel. Sie sah erst ihn, dann Antonia an, wobei Tränen hinter ihrer Brille schimmerten. »Ich würde gerne für ihn beten. Wollen wir?«, flüsterte sie.

Antonia nickte sofort.

Auch Jaron fühlte, dass sie irgendetwas unternehmen mussten. Und er hatte keine Ahnung, was sie sonst tun konnten.

Da wandte sich Emma an Frankys Eltern. »Wir beten jetzt für Franky. Möchten Sie mitbeten?«

»Das ist eine gute Idee«, sagte Elvira und nickte. »Natürlich beten wir mit, nicht wahr, Germano?«

Ihr Mann zögerte einen Moment, zuckte dann aber mit den Achseln.

Jaron schloss die Augen und senkte den Kopf. Er dachte an Franky, seinen cleveren Freund, der ihnen schon so oft mit seinen genialen Ideen aus der Patsche geholfen hatte. Frankys mitreißendes Lachen klang ihm in den Ohren, und Jaron spürte, wie es ihn vor Angst um seinen Freund geradezu würgte. Es war so schrecklich, ihm nicht helfen zu können!

Doch dann kam ihm ein Gedanke: Es gibt jemand, der Franky hundertprozentig helfen kann, und das ist der allmächtige Gott. Indem ich mich an ihn wende, kann ich tatsächlich etwas für Franky tun.

Er hörte Emmas Stimme: »Gott im Himmel. Du weißt, dass Franky noch nicht aufgewacht ist. Das macht mir voll Angst. Ich weiß nicht, was ihm fehlt. Bitte sorge doch dafür, dass er wieder gesund wird. Bitte pass auf ihn auf und weck ihn wieder auf. Amen.«

»Amen«, wiederholten Jaron und Antonia.

Antonia betete als Nächste. »Lieber Gott, wir machen uns voll Sorgen um Franky. Du hast ihn in deiner Hand. Bitte hilf ihm. Bitte mach, dass er bald wieder bei uns ist.« Sie brach ab und räusperte sich.

Da nahm Jaron den Faden auf. »Gott, wir brauchen deine Hilfe. Du kannst doch alles«, sagte er leise. »Lass Franky ganz schnell wieder gesund werden, darum bitten wir dich. Amen.«

»Amen«, flüsterten die anderen.

Kurze Zeit war es still, dann wisperte Elvira: »Lieber Gott, bitte pass du auf meinen Jungen auf.« Sie holte tief Luft, es klang wie ein Schluchzen.

Germano machte keinen Mucks.

Schließlich sagte Antonia noch einmal »Amen«, um das gemeinsame Gebet zu beenden. Alle wirkten etwas verlegen, aber Jaron spürte trotzdem eine gewisse Erleichterung. Es kam ihm so vor, als hätte er eine besonders schwierige Angelegenheit einer absolut vertrauenswürdigen, kompetenten Person übergeben.


Lange saßen sie einfach da und warteten auf Nachricht von Dr. Dragumir. Sie sprachen wenig, obwohl Elvira ein paar Mal versuchte, die Freunde in eine Unterhaltung zu verwickeln. Sie erkundigte sich nach ihren abenteuerlichen Erlebnissen und nach der Schule, aber es kam kein wirkliches Gespräch in Gang. Alle waren zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt.

Wie viele Stunden waren vergangen, als es wieder an die Tür klopfte?

Jaron wusste es nicht. Doch er schreckte auf und sah voller Hoffnung zu der Person hinüber, die nun den Raum betrat.

Dr. Dragumir hatte sich umgezogen, sie trug den weißen Arztkittel über einer eleganten Bluse aus schimmerndem Stoff und einem knielangen dunkelblauen Rock.

Als sie die Gruppe anlächelte, schlug Jarons Herz schneller. »Er ist wach!«, sagte sie. »Es ist alles gut.«

Jaron stieß die Luft, die er unbewusst angehalten hatte, aus und hörte, wie auch die anderen aufatmeten.

»Oh, das ist wunderbar, danke, Dr. Dragumir!«, rief Elvira freudig.

Die Ärztin nickte. »Wenn Sie möchten, können Sie jetzt zu ihm.« Zu den Freunden gewandt, fügte sie jedoch hinzu: »Auf der Intensivstation sind leider immer nur zwei Besucher erlaubt. Deshalb müsst ihr drei euch noch etwas gedulden. Heute dürft ihr Franco noch nicht sehen.«

Zuerst war Jaron enttäuscht, dann aber merkte er erst so richtig, wie froh er war, dass es Franky gut ging. Was machte es schon, dass sie ihn erst morgen besuchen konnten? Hauptsache, er würde bald wieder völlig okay sein!

»Dann fahren wir wohl nach Hause, oder?«, schlug er den beiden Mädchen vor.

Antonia nickte und bat Frankys Eltern: »Würden Sie uns bitte Bescheid geben, wann wir ihn besuchen können?«

»Selbstverständlich«, sagte Elvira. Offensichtlich gerührt, nahm sie jeden der drei in den Arm. »Danke, dass ihr hier wart. Das werden wir Franky erzählen; es wird ihn bestimmt sehr freuen, nicht wahr, Germano?«

Frankys Vater nickte.

»Bitte sagen Sie ihm einen lieben Gruß von uns«, verabschiedete sich Emma mit heiserer Stimme.

Elvira versprach es lächelnd, bevor sie mit Germano und der Ärztin den Raum verließ.


Als Jaron an diesem Abend in seinem Bett lag – viel später als sonst und todmüde –, dachte er an die Gebete, die sie für Franky gesprochen hatten. Dabei stieg ein Gefühl der Geborgenheit in ihm auf. Es war schön, sich so eng mit seinen Freunden verbunden zu fühlen. Und die Gewissheit zu haben, dass Gott immer da war, so schlimm die Situation auch sein mochte.

»Danke, Herr«, flüsterte er, »danke, dass du so mächtig bist. Vielen Dank, dass du auf Franky aufgepasst hast. Und danke für meine Freunde.«

Dann schloss er die Augen und schlief ein.

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Kapitel 3:
Ein Stein mit Tränen

Nach der Schule saß Antonia auf einer Mauer vor der Seeburg und ließ die Beine baumeln. Da verkündete ihr Handy, dass eine Nachricht angekommen war. Sie hatte ihr Smartphone noch in der Hand, weil sie gerade erst über die Chat-Gruppe »Die vier vom See« bei Franky nachgefragt hatte:

Wie geht’s dir?

Können wir dich besuchen?

Als sie nun seine Antwort las, musste sie grinsen:

Klar! Mama und Papa bringen gleich Pizza

Franky ging es eindeutig viel besser, sagte sich Antonia erleichtert. Dann tippte sie:

In welchem Zimmer bist du?

Antwort:

Moment! Muss eine Schwester fragen!

Und kurz darauf:

Station 5, Zimmer 484.

Sie schrieb zurück:

Sobald die anderen da sind, kommen wir.

Franky schickte noch ein »Daumen-hoch«, dann steckte Antonia das Handy in die Tasche zurück und blickte auf den See. Es war außergewöhnlich warm für einen Wintertag. Antonia genoss es, draußen sein zu können, ohne nass zu werden oder zu frieren. Leider war laut ihrer Wetter-App schon in zwei Tagen wieder mit heftigen Schneefällen zu rechnen.

Aber zum Glück heute noch nicht. Heute konnten sie mit den Fahrrädern nach Kempfenhausen fahren, um Franky zu besuchen.

Antonia und Jaron wohnten beide in der Jugendherberge Seeburg. Antonias Eltern Gitti und Andreas waren die Herbergseltern dieser imposanten Burg, weshalb Antonia und ihre beiden jüngeren Geschwister dort ihr Zuhause hatten.

Jarons Mutter Angelika war die Sekretärin, sie hatte vor ein paar Monaten mit ihrem Sohn die leere Hausmeisterwohnung bezogen. Auf dem Gelände der Burg befand sich außerdem der Treffpunkt der vier Freunde: ein ehemaliger Zirkuswagen – genannt der alte Heinrich –, in dem sie ungestört Musik hören und Pläne schmieden konnten.

Antonia wurde ungeduldig: Warum brauchten Jaron und Emma heute so lange? Sie warf die Haare zurück, schaute auf die Uhr und blickte dann wieder zum See.

In diesem Moment tauchte vor ihr eine Gestalt auf, die sie sofort erkannte: Opa Hans stieg die Stufen zur Burg hinauf und winkte ihr zu, als er sie entdeckte.

Sobald er sie erreicht hatte, setzte er sich – etwas schnaufend – neben sie und legte ihr einen Arm um die Schulter. Sein weißer Haarkranz und die Schweißperlen auf seiner Stirn glänzten in der Sonne. »Na, Antonia?«, erkundigte er sich. »Alles klar bei dir?«

»Nicht ganz«, antwortete sie. »Gleich kommen Emma und Jaron, dann fahren wir zum Krankenhaus in Kempfenhausen, um Franky zu besuchen.«

»Franky liegt im Krankenhaus?«, fragte Opa Hans überrascht. »Was ist denn passiert?«

»Er hat sich gestern bei einem Fußballspiel verletzt. Sein Arm ist gebrochen und er musste operiert werden.«

»O nein, das tut mir aber leid. Wie geht es ihm?«

»Anscheinend hat er das Narkosemittel nicht so richtig vertragen, deshalb war er nach der Operation noch eine ganze Weile bewusstlos. Aber heute ist er wohl schon wieder ganz der Alte: große Klappe und einen guten Appetit.«

Um Opa Hans’ Augen bildeten sich lauter kleine Lachfältchen. »Ja, so ist er. Hättet ihr was dagegen, wenn ich mitkomme? Ich würde ihn auch gerne kurz besuchen, bevor ich arbeiten muss.«

Antonia freute sich. »Nein, natürlich nicht. Franky wird das sicher toll finden. Wir wollten mit den Fahrrädern hinfahren, wär das für dich in Ordnung?«

»Na, diese Strecke werde ich hoffentlich gerade noch bewältigen. Weißt du was? Ich gehe zurück zum Fischerschuppen, hole mein Rad und warte dort auf euch.«

Opa Hans wohnte an der Seestraße Richtung Berg, direkt am Ufer, in einem alten Bootshaus. Im Erdgeschoss, das zum Wasser hin offen war, lag sein Fischerboot; im ersten Stock befand sich eine kleine, sehr gemütliche Wohnung mit einem gigantischen Ausblick auf den See und die Berge. Obwohl der ältere Herr mit Antonia nicht verwandt war, betrachtete sie ihn längst als eine Art Ersatzopa. Und ihren Freunden ging es genauso.

Antonia nickte. »Alles klar. Bis gleich.«

Er lächelte ihr zu, stand auf und ging die Treppe wieder hinunter, die die Seeburg mit der Seestraße verband. Antonia sah ihm hinterher, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war.

Dann schaute sie auf die Uhr. Es war drei Uhr, Jarons Kung-Fu-Training und Emmas Mathematik-AG waren schon vor einer halben Stunde zu Ende gegangen. Wo blieben die beiden nur? Antonia wurde ungeduldig.

Gerade wollte sie ihr Handy wieder aus der Tasche ziehen, um ihnen eine Nachricht zu senden, da hörte sie wildes Klingeln. Jaron und Emma kamen auf ihren Fahrrädern hinter den Bäumen hervor und bremsten direkt unter ihr.

»Hey Antonia!«, rief Jaron zu ihr herauf. »Was sitzt du da so faul rum – wir wollten doch zu Franky!«

Antonia schnaubte. Was für eine Frechheit! »Ihr seid doch diejenigen, die spät dran sind!«, gab sie zurück. »Musstet ihr unterwegs noch ein Mittagschläfchen halten, oder was?«

Jaron lachte nur und sagte etwas zu Emma, das Antonia nicht verstehen konnte.

Sie sprang auf, lief zu ihrem Fahrrad, das schon auf dem Parkplatz vor dem Portal bereitstand, und sauste die Straße hinunter.

Als sie ihre Freunde erreicht hatte, sagte sie: »Opa Hans möchte auch mitkommen. Er wartet am Fischerschuppen auf uns.«

»Das ist super!«, meinte Emma. »Jetzt aber nichts wie los!«


Franky wusste nicht, wie seine Eltern das geschafft hatten, aber die Pizza, die ihm sein Vater aufs Bett legte, war noch warm. Der Duft füllte das ganze Krankenzimmer, in dem er im Moment alleine lag.

»Danke!«, sagte er strahlend und öffnete die Schachtel. »Mmmh, Sardellen, Knoblauch und Peperoni, meine Lieblingspizza!«

»Sì«, lächelte seine Mutter, »wir wissen doch, was du dir wünschst.« Sie setzte sich zu ihm auf den Bettrand und half ihm, die Pizza in Stücke zu teilen. Der große Gips, der Frankys verletzten Arm vom Handgelenk bis knapp unter die Schulter einschloss, behinderte ihn doch sehr.

Mit der anderen Hand klappte er geschickt ein Stück zusammen, biss ab und kaute. Herrlich! Bis jetzt hatte er im Krankenhaus ja nur ein Frühstück und ein Mittagessen erhalten, beides ließ aber für die nächsten Tage nichts Gutes ahnen. An die Pizza seiner Mama kam eben nichts heran.

Sein Vater hatte sich inzwischen einen Stuhl geholt und sah ihm belustigt beim Essen zu. »Wenn deine Arm so schnell wieder gut wird wie deine Appetit, dann biste du bald wieder gesund«, meinte er und lachte. »O Mio figlio, ich bin so froh, dass es dir schon geht viel besser!«

Elvira nickte. »Du hast uns einen ordentlichen Schrecken eingejagt, als du gestern nicht aufgewacht bist. Wir haben uns große Sorgen gemacht. Deine Freunde übrigens auch, sie waren gestern Abend ebenfalls hier.«

»Dasch ist nedd!«, nuschelte Franky mit vollem Mund und freute sich. Auf die drei war Verlass.

An den vorherigen Abend hatte er nur vage Erinnerungen: Den Aufenthalt in der Intensivstation hatte er fast komplett verschlafen. Nur, dass seine Eltern irgendwann an seinem Bett gewesen waren, hatte er mitbekommen. Aber Franky wusste noch ganz genau, wie er heute Morgen aufgewacht war. Danach hatte man ihn relativ bald im Bett quer durchs Krankenhaus bis in dieses Zimmer geschoben.

Seine Mutter legte eine Hand auf die Bettdecke. »Es ist gut zu sehen, dass du schon wieder so fit bist. Hast du noch schlimme Schmerzen?«

Kopfschüttelnd schluckte Franky den letzten Bissen hinunter und griff nach einem neuen Stück Pizza. »Nein. Geht schon. Manchmal sticht es im Ellbogen, aber die meiste Zeit ist es echt gut«, erklärte er, bevor er wieder von der Pizza abbiss. »Jaron und die Mädschen wolln übrigensch au gleisch kommen.«

Germano nickte. »Das haben wir uns schon gedacht. Ihr seid wirklich ein gutes Team. Ich freu mich, dass du haste so gute Freunde.«

Auch Elvira nickte.

»Wir können leider nicht bleiben sehr lange«, verkündete sein Vater. »Wir müssen in die Pizzeria.«

»Luigi ist ausgefallen. Wir müssen heute Abend beide am Pizzaofen einspringen«, fügte seine Mutter hinzu.

Franky zog nur die Augenbrauen hoch. Ihm war der Restaurantbetrieb vertraut; er wusste, wie viel Arbeit seine Eltern investierten. Wenn jemand krank war, blieb dessen Aufgabe eben auch noch an ihnen hängen. Aber Franky fühlte sich dadurch nicht vernachlässigt, denn er kannte es nicht anders.

»Wir haben gerade mit Dr. Dragumir gesprochen. Dein Arm sieht gut aus, sie ist sehr zufrieden mit dem Ergebnis der Operation«, sagte Elvira. »Wenn alles so weiterläuft, bist du in wenigen Tagen wieder zu Hause.«

Sie griff nach einer Tasche, die sie neben sich auf den Boden gestellt hatte. »Wir haben dir ein paar Sachen mitgebracht.« Sie zog den Reißverschluss auf und holte einen frischen Schlafanzug, etwas Unterwäsche, einen Waschbeutel und Frankys Tablet heraus.

»O, super! Danke!«, rief Franky, ließ das Pizzastück in die Schachtel zurückfallen und schnappte sich das Tablet.

Seine Mutter schüttelte nur lächelnd den Kopf, während sie sich zum Schrank drehte, um alles Übrige zu verstauen.

In diesem Moment klopfte es an die Tür, und Jaron, Antonia und Emma kamen herein – dicht gefolgt von Opa Hans.

Kaum hatte der alte Mann das Zimmer betreten, deutete er schmunzelnd auf die Pizza. »Ist das hier die reguläre Krankenhausverpflegung?«, fragte er. »Wenn ja, werde ich mich das nächste Mal, wenn ich einen Arzt brauche, hier einweisen lassen!«

Germano stand auf und begrüßte die Freunde. »Molto gentile, dass ihr seid da. Auch Sie, Signore Bernwieser. Es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie Franco besuchen.«

Opa Hans nickte. »Das ist doch selbstverständlich. Ich muss doch wissen, wie es meinem schlauen Freund hier geht.«

Franky merkte, dass Jaron ihn eindringlich musterte. »Und, geht’s dir wieder besser?«, fragte er.

»Klaro, alles bestens«, antwortete Franky. »Ich hab schon gehört, dass ihr euch Sorgen gemacht habt. Wäre echt nicht nötig geworden. Mich bringt so schnell nichts um.«

»Reiß nur mal deine Klappe nicht so weit auf«, erwiderte Emma, die neben Jaron getreten war. »Dass es dir heute wieder so gut geht, konnte gestern noch niemand ahnen.«

»Jaja, jetzt mach dir mal wegen mir nicht ins Hemd, Emma-Schätzchen«, wiegelte Franky ab. »Auch ein Stück?« Er streckte ihr ein Pizza-Dreieck entgegen.

Doch seine Freunde schüttelten die Köpfe.

»Ach, lass mal«, sagte Emma und zog die Nase kraus. »Wir kennen deinen Geschmack: Du bist wirklich der einzige Mensch, der denkt, dass Sardellen und Peperoni auf dieselbe Pizza gehören.«

Franky grinste und aß weiter. »Wie du meinscht«, schmatzte er. »Bleibt mehr für mich.«

»Franco, wir machen uns dann mal auf den Weg«, sagte seine Mutter.

Und sein Vater fügte hinzu: »Ciao, figlio mio, und erhol dich gut. Der Scout war molto beeindruckt von dir. Er will dich noch mal sehen. Du musse bald wieder sein gesund!«

Papa kann es einfach nicht lassen, dachte Franky, während er sich von seinen Eltern verabschiedete. Nachdem die beiden das Zimmer verlassen hatten, zogen die Freunde einen Stuhl für Opa Hans heran und setzten sich dann auf Frankys Bettkante.

»Auf der Herfahrt hat Jaron erzählt, dass gestern ein Scout vom FC Bayern da war«, sagte Opa Hans.

»Ja«, bestätigte Franky. »Papa war voll aufgeregt. Ich sollte unbedingt gut spielen. Heute hat er mir gleich berichtet, dass der wohl recht begeistert von mir gewesen sei. Er will mich trotz des Unfalls unbedingt noch einmal sehen.«

»Das ist doch eine super Sache! Ich wusste gar nicht, dass du so gut Fußball spielst«, meinte Opa Hans.

»Ja, schon … Aber es gibt eben andere Sachen, die mich noch mehr interessieren«, murmelte Franky. »Und außerdem nerven mich diese Idioten, die mich auf dem Platz ständig anmachen.«

Der alte Mann nickte. »Ja, das habe ich auch schon erlebt, dass der Ton bei solchen Spielen ganz schön rau werden kann. Das spricht für dich, Franky, dass du da nicht mitmachen möchtest.«

»Du solltest deinem Vater endlich sagen, dass du nicht mehr Fußball spielen willst«, erklärte Antonia energisch.

Franky verzog das Gesicht. »Ich weiß«, druckste er, »aber du kennst ihn nicht. Wenn er was will, dann will er es. Ganz besonders, wenn es was mit Fußball zu tun hat. Irgendwie schaltet da sein Verstand aus.«

»Nun, ich kann gut verstehen, dass dir das schwerfällt«, meinte Opa Hans. »Sich zur Wahrheit zu stellen, ist nicht immer einfach. Aber ich stimme Antonia zu: Du solltest es deinem Vater sagen. Und zwar bald. Je länger du wartest, desto schwerer wird es. Und je später dein Vater die Wahrheit erfährt, desto größer wird seine Enttäuschung sein.«

Franky presste die Lippen zusammen. Diese unverblümte Aufforderung passte ihm gar nicht. »Ach, was weiß ich.« Er zuckte mit den Achseln. »Jetzt muss mein Arm erst mal heilen. In der nächsten Zeit kann ich ja sowieso nicht Fußball spielen.«

»Du wirst immer Ausreden finden, es nicht zu tun, glaub mir.«

Franky verschränkte die Arme vor der Brust, so gut es mit dem Gips ging, und starrte auf die Bettdecke.

»Na, überleg es dir. Ich bin mir sicher, du wirst die richtige Entscheidung treffen«, sagte Opa Hans und stand auf. »Tut mir leid, aber ich muss schon wieder nach Hause; ich möchte heute noch auf den See hinausfahren. Aber ich komme bald wieder, wenn ich darf.«

»Klar, gerne«, antwortete Franky und sah den alten Mann an, der ihm gutmütig zulächelte. Opa Hans kann man einfach nicht lange böse sein, dachte er.

Als Antonia ebenfalls aufstand, um sich von Opa Hans zu verabschieden, rutschte etwas aus ihrer Hosentasche auf die Bettdecke. Es war der Mondstein, den die Freunde bei ihrem letzten Abenteuer gefunden hatten.

Hastig griff sie danach und steckte ihn in die Tasche zurück, aber es war zu spät. Opa Hans hatte den kleinen Gegenstand bereits bemerkt.

»Was war das?«, fragte er und runzelte die Stirn.

»Ach, nichts Wichtiges«, wich Antonia aus.

Der alte Mann blickte sie erschrocken an. »Aber dieses ›nichts Wichtige‹ sieht mir verdächtig nach einem antiken Halbedelstein aus. Hat der womöglich etwas mit der legendären goldenen Schale zu tun, nach der ihr schon eine ganze Weile sucht?«, fragte er.

Sein Gesicht hatte das übliche freundliche Lächeln verloren, er sah nun fast ein wenig zum Fürchten aus. »Habe ich euch nicht ausdrücklich davor gewarnt, euch noch weiter in Gefahr zu bringen?«

»Ja, Opa Hans, das hast du«, erwiderte Antonia in beschwichtigendem Tonfall. »Und wir wissen ja auch, dass wir vorsichtig sein sollen.«

»Also, ›vorsichtig sein‹ trifft es nicht ganz. Ich habe euch gesagt, ihr sollt die Suche sein lassen.«

Darauf wussten die vier Freunde nichts zu antworten. Opa Hans ins Gesicht zu sagen, dass sie genau das Gegenteil gemacht hatten, brachte keiner von ihnen fertig.

Seine Miene wurde wieder weich und er lächelte die Freunde etwas traurig an. »Nun gut«, meinte er. »Wenn ihr meinen Rat schon nicht haben wollt – beten werde ich auf jeden Fall für euch. Und jetzt muss ich wirklich gehen.«

Der alte Mann drückte Antonia und Emma und legte Jaron kurz den Arm um die Schulter. Dann ließ er die Freunde – mit einem letzten mahnenden Blick in die Runde – allein.

»Na, das war aber auch nicht gerade ein Beispiel von Ehrlichkeit«, sagte Jaron ein wenig spöttisch zu Antonia. »Warum wolltest du ihm den Stein denn nicht zeigen?«

»Keine Ahnung. Ich hab nur irgendwie das Gefühl, immer, wenn wir ihn einweihen, will er uns zurückhalten«, erwiderte sie zögernd. »Ich bin mir sicher, dass er mehr weiß, als er sagt.«

»Komisch, dass er uns nicht weiterhelfen will«, stellte Emma verwundert fest und schob sich ihre Brille zurecht.

Antonia setzte sich wieder und legte den Stein auf die Decke zurück. »Hm, dann müssen wir wohl selbst die Wahrheit rausfinden«, sagte sie. »Wie gehen wir weiter vor?«

Jaron kniff nachdenklich die Augen zusammen. »In letzter Zeit musste ich immer wieder an dieses Bild denken, das ich im Foyer des Schlosshotels gesehen habe.«

»Du meinst, als du im Herbst auf der Geburtstagsparty der schönen Isabelle gewesen bist?«, schnaubte Antonia. »Das war ja klar, dass du dieses Mega-Event nicht vergessen kannst. Hat dir wohl gefallen dort, was?« Sie sah Jaron böse an.

Auf das Thema Isabelle reagiert Antonia nach wie vor empfindlich, dachte Franky, wobei er sich ein Grinsen verkniff. Isabelle von Beilstein ging in dieselbe Klasse wie die vier Freunde und war deren Meinung nach die eingebildetste Zicke weit und breit.

»Was soll das denn heißen?«, fragte Jaron, offensichtlich genervt.

»Nichts.«

»Ja, klar, nichts«, äffte Jaron sie nach.

»O Mann, könnt ihr das bitte mal lassen?«, seufzte Emma. »Das geht echt tierisch auf die Nerven.« Sie sah Jaron an. »Warum musstest du an das Bild denken?«

»Irgendetwas darauf kam mir bekannt vor.«

»Ja, klar, der Typ – wie hieß er doch noch gleich?«, fragte Franky.

»Ferdinand von Beilstein. Der ist auf diesem Porträt abgebildet«, bestätigte Jaron. »Und inzwischen wissen wir ja, dass er Ende des 16. Jahrhunderts in der Gruft unter der Sankt-Valentins-Kapelle gestorben ist.«

»Genau, da haben wir ja sein Skelett gefunden. Dem Skelett fehlt ein Finger, und dem Jungen auf dem Bild fehlt ebenfalls ein Finger«, stellte Antonia fest.

»Stimmt, aber das meine ich nicht«, fuhr Jaron fort.

»Was dann?«, erkundigte sich Franky.

»Ich weiß es eben nicht.«

»Zeig doch noch mal her«, schlug Emma vor.

Daraufhin holte Jaron sein Handy aus der Hosentasche und suchte nach dem Foto, das er von dem Ölporträt gemacht hatte. Als er es gefunden hatte, betrachteten die Freunde einen etwa vierzehnjährigen Jungen, der irgendwie traurig wirkte. Er trug eine blaue Jacke und hatte die rechte Hand auf eine Säule gelegt. Der kleine Finger daran fehlte.

»Ich glaube, ich weiß, was dir aufgefallen ist«, sagte Emma schließlich. »Zoom doch bitte mal diesen Ausschnitt näher heran.« Sie deutete auf die rechte obere Ecke des Porträts.

Sofort vergrößerte Jaron den Hintergrund. Er bestand aus Vorhängen, Bildern und einem Möbelstück, das aussah wie eine Mischung aus Kommode und Schreibtisch.

»Schaut mal hier, an dem Sekretär«, sagte Emma und zeigte auf eine ganz bestimmte Stelle.

Alle beugten sich noch tiefer über das Handy, während Jaron den Ausschnitt noch näher heranzoomte.

»Das gibt’s doch nicht!«, rief Franky. »Das ist der Schlüssel, den wir neben dem Skelett gefunden haben!«

Jetzt sahen es die anderen auch: In dem Möbelstück steckte ein kleiner silberner Schlüssel, der mit einem verschlungenen Muster und den Initialen FB verziert war.

»Dieser Schlüssel gehört also zu Ferdinands Schreibtisch«, schlussfolgerte Emma. »Womöglich hat er darin irgendetwas Wichtiges versteckt, das uns weiterhelfen könnte. Meint ihr, es gibt dieses Möbelstück noch?«

»Kann schon sein«, sagte Jaron. »Wir sollten uns im Schlosshotel mal genauer umschauen.«

»War ja klar, dass du das sagst«, stichelte Antonia. »Frag doch die schöne Isabelle, ob sie dich rumführt.«

»Jetzt reicht’s aber, Antonia«, schimpfte Jaron, bevor er sich an die anderen beiden wandte. »Glaubt ihr nicht auch, dass das eine lohnende Spur ist?«

»Selbstverständlich«, sagte Franky, »der sollten wir auf jeden Fall nachgehen.«

»Ich wäre ja dafür, dass wir uns erst einmal den Hinweisen widmen, die wir schon dahaben«, meinte Antonia und nahm den Stein in die Hand. »Habt ihr eine Idee, was wir mit den Symbolen hierdrauf anfangen sollen?«

Emma griff nach dem Halbedelstein und betrachtete die Oberfläche genauer. »Auf dem ersten Stein, dem Bernstein, haben wir Äste entdeckt, die ein Kreuz bilden. Das hat uns ja schließlich zur der Kreuz-Eiche geführt, unter der wir dann diesen Stein gefunden haben. Und hier sind Tränen oder Tropfen eingearbeitet. Außerdem der Schriftzug omnem lacrimam – alle Tränen.«

»Das hat bestimmt irgendwas mit Wasser zu tun«, überlegte Jaron.

»Vielleicht liegt der dritte Stein ja im Starnberger See«, stöhnte Franky.

Alle schauten ihn entsetzt an.

»Na, dann gute Nacht«, brummte Jaron. »Wenn das stimmt, können wir gleich einpacken. Oder tauchen lernen.«

Unwillkürlich begannen alle zu grinsen.

Dann schüttelte Emma den Kopf. Sie drehte den Stein hin und her. »Irgendwie glaube ich das nicht. Auf dem See gibt es vielleicht Wellen. Aber Tropfen passen eher zu einem Bach oder einer Quelle.«

»Könnte auch einem Wasserfall sein«, meinte Antonia.

Emma ließ den Stein sinken. »Ja, könnte alles sein. Mist, hier gibt es bestimmt Tausende von Bächen und Quellen. Sollen wir die alle absuchen?«

»Das kannst du vergessen«, sagte Franky achselzuckend.

Jaron runzelte die Stirn. »Meint ihr, wir sollten noch mal jemanden einweihen, der uns bei der Suche helfen kann?«

»Wen denn?«, entgegnete Antonia. »Opa Hans kommt wohl nicht infrage.«

»Und Weixlhammer traue ich inzwischen nicht mehr über den Weg«, erklärte Emma.

Richard Weixlhammer war der örtliche Antiquitätenhändler, der den Freunden schon ein paar Mal nützliche Tipps gegeben hatte. Daraufhin hatten sie ihn ins Vertrauen gezogen und ihm ihre größte Entdeckung gezeigt, eine geheime Gruft unter der Kapelle in Allmannshausen. Er hatte dann die Behörden informiert und den vieren den Zugang zur Gruft verweigert.

Franky spürte auf einmal, wie müde er war. Der Besuch seiner Eltern und die unausgesprochenen Dinge, die zwischen ihm und seinem Vater schwangen, hatten ihn offenbar mehr angestrengt, als er gedacht hatte.

»Wisst ihr was? Wie wir das mit dem Schreibtisch im Schlosshotel anstellen wollen, können wir ja noch besprechen. Und in Bezug auf den Stein kann ich erst mal ein bisschen recherchieren. Hier im Krankenhaus hab ich freies WLAN, und es gibt ja sonst nicht viel zu tun«, sagte er und unterdrückte ein Gähnen. »Wenn das nichts bringt, können wir uns immer noch was anderes überlegen.«

Emma nickte. »Das klingt gut. Und ich glaube, jetzt lassen wir dich erst mal in Ruhe. Du bist müde, oder?«

Franky lächelte verlegen. Er wurde wirklich immer schlapper. »Ist vielleicht besser«, murmelte er.

Sorgfältig packte Antonia den Stein wieder ein.

Jaron klopfte ihm auf die Schulter. »Dann mach’s mal gut, Großer. Ärger die Schwestern nicht zu sehr.« Er lachte. »Wir kommen morgen nach der Schule wieder vorbei.«

Als seine Freunde die Tür hinter sich zuzogen, ließ Franky seinen Kopf auf das Kissen sinken und schloss die Augen. Sein Arm pochte leise, doch die Müdigkeit war stärker.

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