Kitabı oku: «Der Wächter der goldenen Schale»
ALEXANDER LOMBARDI · SANDRA BINDER

SCM R.Brockhaus ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung Christliche Medien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.
ISBN 978-3-417-22977-6 (E-Book)
ISBN 978-3-417-28874-2 (lieferbare Buchausgabe)
Datenkonvertierung E-Book: CPI books GmbH, Leck
© 2020 SCM Verlag in der SCM Verlagsgruppe GmbH
Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen
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Die Bibelverse sind folgender Ausgabe entnommen:
Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen
Umschlaggestaltung: Patrick Horlacher, Stuttgart
Titelbild und Illustrationen: Clara Vath, vath-art.de
Satz: Burkhard Lieverkus, Wuppertal
Inhalt
Die 4 vom See – das sind …
Was bisher geschah
Kapitel I: Auf dem Speicher
Kapitel 1: Der Phönix
Kapitel 2: Streit
Kapitel 3: Der Unfall
Kapitel II: Freundschaft
Kapitel III: Friederike
Kapitel IV: Ein Ball im Schloss
Kapitel V: Nachts im Park
Kapitel 4: Opa Hans hat Geburtstag
Kapitel 5: Schuld und Vergebung
Kapitel 6: Ein Brief, der alles ändert
Kapitel 7: Schloss ohne Schlüssel
Kapitel VI: Ein Schlüsselloch wird gefunden
Kapitel VII: Michi und Friederike
Kapitel VIII: Was der alte Stallbursche erzählt
Kapitel 8: Der Wächter
Kapitel 9: Das Geheimnis lüftet sich
Kapitel IX: Ludwig und Friederike
Kapitel X: Der Erbe
Kapitel 10: Die Schale
Kapitel 11: Die Legende
Kapitel 12: Ein Abend am Seeufer
Nachwort der Autoren: Was stimmt – was stimmt nicht?
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Die 4 vom See – das sind …
![]() | Antonia ReihmannAlter: 12Hobbys: Klettern, ArchäologieBeste Freundin: EmmaLieblingsort: Antonia hängt am liebsten im »alten Heinrich« ab oder sitzt auf dem Burgturm und guckt auf den Starnberger See. Außerdem klettert sie auf jeden Berg, der ihr in die Quere kommt.Lieblingsessen: Wiener Schnitzel mit PommesBesondere Kennzeichen: trägt immer Jeans und Sneaker. Hat Diabetes. |
![]() | Emma WeißAlter: 12Hobbys: Reiten, BiologieBeste Freundin: AntoniaLieblingsbeschäftigung: auf ihrem Pferd »Firestorm« reiten, mit ihren Freunden abhängen, Lesen, Träumen und in ihrem Labor forschenBesondere Kennzeichen: Emma ist Vegetarierin. Sie trägt eine Brille und geht ohne Pferdeschwanz nicht aus dem Haus. |
![]() | Franky GiulianiAlter: 12Hobbys: Computer, Zocken, KochenBester Freund: JaronLieblingsessen: Pizza und DönerBesondere Kennzeichen: Franky trägt am liebsten Jogginghosen. Auf seine Baseballkappe würde er niemals verzichten. Außerdem hat er immer das neueste Smartphone. |
![]() | Jaron RahnAlter: 12Hobbys: Kung-FuBester Freund: FrankyLieblingsbeschäftigung: mit seinen Freunden zusammen sein, in Flugzeugbüchern stöbern, Flugzeugmodelle bauenLieblingsessen: Currywurst mit PommesBesondere Kennzeichen: hat immer perfekt gestylte Haare. |
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Was bisher geschah
Antonia, Jaron, Emma und Franky leben am Starnberger See und sind die besten Freunde. Antonia und Jaron wohnen beide in der Seeburg, einer Jugendherberge direkt am Ufer. Emma lebt mit ihrem Vater und ihrer Stiefmutter ein paar Kilometer südlich davon und Frankys Eltern gehört die Pizzeria am Sportplatz in Allmannshausen.
Vor einigen Monaten sind die »vier vom See« durch Zufall unter der Dorfkirche in Allmannshausen auf eine verborgene Gruft gestoßen und haben darin eine Broschenfassung und einen Bernstein entdeckt. In die Brosche ist ein lateinischer Spruch eingraviert: Et absterget Deus omnem lacrimam ab oculis – Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Das ist ein Vers aus der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel.
Es gibt eine Legende, nach der diese Brosche zum Versteck eines unbezahlbaren Schatzes führen soll: einer goldenen Schale aus dem Tempel in Jerusalem, die schon seit zweitausend Jahren am Ufer des Starnberger Sees versteckt sein soll.
Allerdings ist die Brosche zunächst noch nicht vollständig – es fehlen offenbar noch zwei Edelsteine, die neben dem Bernstein in die Fassung gehören. Die vier Freunde machen sich auf die Suche. Mit Scharfsinn und viel Glück finden sie den zweiten Stein unter einer kreuzförmig gewachsenen Eiche und den dritten Stein schließlich am Ort einer versiegten Quelle.
Hilfe bekommen sie dabei immer wieder von Richard Weixlhammer, einem Antiquitätenhändler, der sehr viel über die Legenden rund um den See weiß. Als sie ihm jedoch von der verborgenen Gruft erzählen, reagiert er ganz anders als erwartet. Die Freunde sind sich nicht einig, ob sie ihm vertrauen können.
Noch jemand scheint sehr viel über den Schatz zu wissen: Opa Hans, ein alter Fischer, der für Antonia eine Art Ersatzopa ist. Sie hat großes Vertrauen zu ihm und auch die anderen drei schätzen seinen Rat. Sobald aber von der Schatzsuche die Rede ist, wird Opa Hans sehr verschlossen. Er warnt die Freunde mehrmals davor, die Suche fortzusetzen.
Doch sie lassen sich nicht abhalten. Jetzt, wo sie die komplette Brosche haben, kann es nicht mehr lange dauern, bis sie ihr Ziel erreicht haben. Was sie allerdings genau mit der Brosche anfangen sollen, wissen sie noch nicht …
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Ludwig erinnerte sich noch deutlich: »Sucht in den Ecken«, hatte Sepp, der alte Stallbursche, genuschelt. Leichter gesagt als getan, dachte Ludwig, als er mit seinem Freund Michi nun in dem großen, dunklen Raum unter den Dachbalken stand. Hier gibt es viele Ecken.
Michi hielt seine Lampe hoch, ihr Schein fiel über Kisten voller Gerümpel und zerbrochene Möbel.
Staub kitzelte Ludwig in der Nase. Er nieste.
»Was hat Sepp noch mal gesagt, wie sieht der Sekretär aus?«, fragte Michi.
»Etwa so groß wie ich, und aus dunklem, gemasertem Holz«, erklärte Ludwig. »Obendran sei ein Schmuckelement, dem eine große Ecke fehlt. Das sei auch der Grund, warum das Ding auf dem Speicher gelandet ist.«
»Vor dreizehn Jahren«, hatte der Stallbursche erzählt, »hat das Schloss ein neues Obergeschoss bekommen. Und als wir die Möbel eingeräumt haben, ist dem Willy auf der Treppe der Sekretär aus den Händen gerutscht und die Stufen hinuntergefallen.«
Sepp hatte gegrinst. »Da ist mir aufgefallen, dass sich ganz hinten über der Tischplatte etwas verschoben hatte. Es sah aus wie die Tür eines kleinen Faches. Das hat man vorher nicht sehen können. Ein Geheimfach!«
Und genau danach suchten sie jetzt. Michi, sein bester Freund, war sofort Feuer und Flamme gewesen, als Ludwig ihm davon berichtet hatte. Beide waren noch nie hier oben auf dem Speicher gewesen.
Michi ging ein paar Schritte weiter, und Ludwig trat an ein windschiefes Regal, das mitten im Raum stand.

Schlosshotel Unterallmannshausen, Frühjahr 2019
In welcher Ecke der Sekretär wohl steht?, überlegte Jaron, während er sich aufmerksam auf dem Dachboden von Schloss Unterallmannshausen umschaute. Den Schlüssel mit dem FB-Monogramm drehte er dabei in seiner Tasche.
Hinter sich hörte er, wie Isabelle in der staubigen Luft nieste. »Gesundheit«, sagte er, ohne sich umzudrehen.
»Danke«, schniefte sie. »Was willst du eigentlich hier oben? Sollen wir nicht lieber wieder runtergehen? Wir könnten eine Runde im Pool schwimmen.«
Sie hatte ihn nur widerwillig hier heraufgeführt und war an der Tür zum Speicher stehen geblieben. Als Jaron sie um eine Schlossführung gebeten hatte, hatte sie bestimmt ein anderes Programm im Sinn gehabt. Seit ihrer Geburtstagsfeier im vergangenen Herbst hatte Isabelle immer wieder versucht, ihm näherzukommen.
Doch Jaron war ihr bisher stets ausgewichen. Er fand Isabelle hübsch, mochte aber ihre zickige und eingebildete Art nicht, obwohl sie zu ihm immer nett war. Diesmal aber nutzte er ihr Interesse, denn nur so bekam er die Gelegenheit, den Speicher des Schlosshotels nach dem Sekretär abzusuchen.
»Warum denn?«, wiegelte Jaron ab. »Hier ist es doch voll cool.«
»Na ja«, meinte Isabelle und wischte angewidert mit dem Finger über einen alten Tisch, »ich find’s ekelig und gruselig.«
»Stimmt, und deswegen ist es doch voll spannend. Vielleicht finden wir ja einen Schatz.«
»Ja, klar.« Isabelle verdrehte die Augen, holte ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und putzte sich lautstark die Nase.
»Weißt du, was das für Möbel sind?«
»Keine Ahnung«, sagte sie verschnupft, »ich war noch nie hier oben.«
»Echt nicht? Krass.«
Jaron ließ den Strahl seiner Taschenlampe über den Dachboden schweifen. Direkt vor ihm, mitten in dem großen Raum, stand ein Regal. Von oben, durch eine Stelle im Dach, wo es mit Glasziegeln gedeckt war, fiel ein wenig Tageslicht. Staub wirbelte im Lichtkegel der Taschenlampe, Spinnweben hingen überall. Es roch nach Politur und alten Büchern. Altertümlich irgendwie, dachte Jaron, aber nicht unangenehm.
Er trat einen Schritt auf das Regal zu und sah nach, was dort auf den Brettern lag.
Erstaunt streckte er dann seine freie Hand aus. »Hier liegen Waffen!«, rief er dem Mädchen zu, das sich immer noch nicht vom Fleck gerührt hatte. Er nahm einen der Gegenstände und drehte ihn hin und her. »Ich glaube, das ist eine Armbrust«, überlegte er.
»Schön«, schnaubte Isabelle. »Können wir dann bitte wieder gehen?«
»Ja, gleich«, sagte Jaron und legte die Waffe wieder auf ihren Platz zurück. »Nur noch diese Ecke dort.« Er hatte bemerkt, dass dort tatsächlich Möbel standen. Ob der Sekretär des jungen Grafen dabei war?

Schloss Unterallmannshausen, im Jahr 1894
»Schau, mal, Luggi«, rief Michi, griff nach einem der verstaubten Gegenstände, die in dem Regal lagen, und hob ihn hoch. Es war eine Armbrust. »Mann, die ist ja mächtig schwer«, meinte er, während er damit herumfuchtelte.
Ludwig trat zu ihm, nahm die Waffe in die Hände und betrachtete sie mit Kennerblick. »Die muss richtig alt sein«, erklärte er dann und legte sie an. Er kniff ein Auge zu und visierte seinen Freund an.
Der wich erschrocken einen Schritt zurück und rief: »He, mach keinen Unsinn!«
Ludwig lachte und nahm die Armbrust wieder herunter. »Angsthase!« erwiderte er. »Da liegt doch gar kein Bolzen drauf.«
»Bolzen?«
»Ja, die Munition. Mit solchen Armbrüsten hat man früher kleine Metallstifte verschossen. Hauptsächlich auf der Jagd.« Ludwig legte die Waffe wieder in das Regal zurück und sah sich um.
Als Michi die Armbrust weiterhin stirnrunzelnd betrachtete, boxte Ludwig ihn in die Seite. »Komm weiter, ich will endlich wissen, ob Sepp die Wahrheit gesagt hat.«
Daraufhin leuchtete Michi in den Raum hinein. In einer Ecke stapelten sich Hirschgeweihe und ausgestopfte Tiere – wohl Exemplare, die entweder keinen Platz mehr in der eindrucksvollen Trophäensammlung im Herrenzimmer von Ludwigs Eltern gefunden hatten oder beschädigt waren.
An einer Wand lehnten Bilder. Eines davon zeigte einen Jungen, etwa so alt wie Ludwig selbst, in einer altmodischen blauen Jacke. Aufrecht stand er da, die rechte Hand auf eine Säule gelegt, und sah den Betrachter etwas schüchtern an. Ein hässlicher Riss, der quer über die Leinwand ging, ließ keinen Zweifel daran, warum dieses Gemälde zurzeit nicht in der Ahnengalerie hing. Vermutlich sollte es irgendwann restauriert werden.
Michi verschwand zwischen einigen Möbeln, der Lampenschein flackerte gedämpft über die Holzbalken am Dachstuhl.
Ludwig beeilte sich, seinem Freund zu folgen.
Als er zu ihm trat, betrachtete Michi gerade einen schrankähnlichen Gegenstand, der in einer Ecke an die Dachschräge gerückt war. »Ist es das?«, fragte er.
»Könnte sein«, antwortete Ludwig. Das Möbelstück sah tatsächlich in etwa so aus, wie Sepp den Sekretär beschrieben hatte. »Lass uns mal genauer nachschauen.«
Gemeinsam räumten sie einen Kinderwagen mit zerbrochenem Rad, zwei Stühle ohne Sitzfläche und einen ganzen Haufen löchriger Säcke beiseite, um an das Möbelstück heranzukommen. Dabei wurde so viel Staub aufgewirbelt, dass Michi nun ebenfalls niesen musste.
Ludwig ärgerte sich wieder einmal darüber, dass er so schlechte Augen hatte. Bei schwacher Beleuchtung konnte er manche Einzelheiten kaum wahrnehmen. Er kniff die Lider zusammen und fuhr mit den Händen über das Holz.
Michi stand neben ihm und hielt die Lampe.

Schlosshotel Unterallmannshausen, Frühjahr 2019
Unter der Dachschräge, im hintersten Winkel, sah Jaron ein Möbelstück, das ganz an die Wand gerückt war.
Er ging um das Regal herum und zwängte sich zwischen den Gegenständen hindurch, die hier aufgetürmt waren: Stapel von vergilbten Büchern, zerbrochene Tische und Stühle, die aussahen, als hätten sie noch vor Kurzem in einem der Hotelzimmer gestanden. Weiter hinten gab es alte Hirschgeweihe und gerahmte Fotografien – alles Mögliche, was im Schlosshotel einmal seinen Dienst getan hatte und nun nicht mehr gebraucht wurde.
Während Jaron sich vorkämpfte, nahm er eine Menge Dreck mit. Und als er endlich vor dem Möbelstück stand, sah seine Jeans ganz weiß aus.
Der Sekretär hatte etwa Jarons Größe und bestand aus dunklem, gemasertem Holz. In den Aufsatz schienen, soweit das unter der dicken Staubschicht zu erkennen war, Muster in einem anderen Material eingearbeitet zu sein.
Jaron ließ den Schein der Lampe über jedes Detail gleiten und versuchte, das, was er sah, mit dem Ölgemälde zu vergleichen. Das muss es sein, dachte er. Zur Sicherheit schaute er sich noch einmal um, aber etwas Vergleichbares konnte er nirgends entdecken.
Obwohl das Möbelstück in einem schlimmen Zustand war – eine Schranktür war abgerissen und an dem oberen Schmuckelement fehlte eine Ecke –, strahlte es immer noch Reichtum und Luxus aus. Es war deutlich, dass es einmal sehr beeindruckend gewesen sein musste.
Als Jaron die Fächer oberhalb der Tischplatte betrachtete, machte sich Enttäuschung in ihm breit. Der Aufsatz war stark beschädigt, auch hier fehlten die Türen zu einigen Fächern. Ob da noch irgendwo etwas zu finden war?
Er beugte sich weiter vor und leuchtete in ein Fach rechts von der Aussparung in der Mitte. An der Rückwand hatte sich ein Brett verkantet. Und schließlich entdeckte Jaron sogar ein kleines Schlüsselloch, das er fast übersehen hätte.
Ob dort ein Geheimfach ist? Ob Ferdinand da wohl etwas aufbewahrt hat?
Er zog den kleinen silbernen Schlüssel aus seiner Tasche und musterte ihn. Würde er passen?
»Können wir jetzt endlich gehen?«, maulte Isabelle von Weitem. »Mir wird auch langsam kalt.« Sie hatte sich noch immer keinen Zentimeter vom Fleck gerührt.
Geh mir nicht auf die Nerven, dachte Jaron und sagte beschwichtigend: »Ja, gleich!«
Als Jaron und seine Freunde den silbernen Schlüssel in einer verborgenen Gruft unter der Sankt-Valentins-Kapelle gefunden hatten, hatten sie zunächst nichts damit anfangen können. Erst später hatten sie herausgefunden, dass das Monogramm FB auf Ferdinand von Beilstein hinwies, der Ende des 16. Jahrhunderts in jener Gruft ums Leben gekommen war. Die Freunde vermuteten, dass der Schlüssel zu einem Sekretär gehörte, der auf dem Porträt des jungen Grafen abgebildet war.
Jaron steckte den Schlüssel in das kleine Schlüsselloch. Er passte, und Jarons Puls beschleunigte sich. Vorsichtig drehte er den Schlüssel und brauchte dafür mehr Kraft, als er erwartet hatte.
Es knirschte, dann knackte es leise.
Jaron zog an dem Brett, bis es sich schließlich bewegte. Er fegte mit der Hand Staub und Schmutz beiseite, um besser in das Geheimfach hineinsehen zu können. Dann hob er sein Handy und leuchtete.
Das Fach war leer.

Schloss Unterallmannshausen, im Jahr 1894
Das dunkel gemaserte Holz des Sekretärs schimmerte im Zwielicht. Fein ausgearbeitete Ornamente schmückten den beschädigten Aufsatz.
»Ich glaube, wir haben das richtige Möbelstück gefunden. Da sind noch alte Papiere drin«, sagte Michi, während er sich bückte. »Briefe oder so.« Er griff in ein Fach und holte einen Stapel alter Briefumschläge heraus, die mit einem Lederstreifen zusammengebunden waren.
Ludwig trat noch dichter heran und spähte in die Fächer über der Tischplatte. »Leuchte mal hier hinein«, bat er seinen Freund.
Michi tat ihm den Gefallen.
Die meisten der kleinen Türen ließen sich nicht öffnen, als Ludwig an ihnen rüttelte. Schließlich nahm er seinem Freund die Lampe aus der Hand und beugte seinen Kopf über die Platte. Er sah, dass ein Teil der Rückwand aus ihrer Fassung gerutscht war.
»Genau wie Sepp beschrieben hat«, sagte er über die Schulter zu Michi. »Das sieht aus wie eine Geheimtür!«
»Zeig mal«, verlangte Michi und stieß Ludwig beiseite.
»He!«, protestierte der und wich zurück.
Michi murmelte: »Tschuldigung«, und tastete mit den Fingern an der Kante entlang. »Da ist auch ein Schlüsselloch«, sagte er. »Aber es sitzt ganz in der Ecke, nur schwer zu entdecken.« Er griff an das Brett und rüttelte daran.
Ludwig lachte. »So leicht kriegst du das bestimmt nicht auf.«
»Muss ich gar nicht«, keuchte Michi und zog kräftiger. »Ich will ja nur mal einen Blick hineinwerfen.« Und tatsächlich schaffte er es, die Tür ein wenig weiter nach außen zu biegen.
Mit einem Mal gab das Holz nach.
»Na toll, jetzt hast du es kaputt gemacht«, beschwerte sich Ludwig.
Michi zuckte mit den Schultern. »Ach was, das können wir leicht wieder einsetzen. Und jetzt können wir immerhin in das Fach schauen. Leuchte doch mal.«
Sein Freund hielt die Lampe höher, und Michi griff, so weit er konnte, in das Fach hinein.
Ludwig beobachtete, wie er im Schrank umhertastete und schließlich die Hand wieder ins Freie zog. Er hielt ein zusammengefaltetes Papier darin. »Das ist alles, was drin lag«, sagte er und faltete das dünne Blatt vorsichtig auseinander.
Neugierig beugte sich Ludwig darüber.
Es war eine Zeichnung mit schwarzer Farbe, die aussah wie Kohle. Es schien, als hätte jemand das Blatt auf eine unebene Oberfläche gelegt und das Darunterliegende abgepaust. Im schwachen Licht der Lampe konnte Ludwig leider kaum etwas erkennen.
Michi aber sagte: »Das ist ein Vogel! Ein Vogel auf einem Ast.« Er hob das Blatt näher an die Augen. »Und hier steht etwas: ›Der erste Hinweis auf das Versteck der Schale. Relief im Fels auf der Rottmannshöhe. Ferdinand von Beilstein, 1571.‹«
Er ließ das Papier sinken. »Es stimmt also, was Sepp erzählt hat«, sagte er und sah Ludwig triumphierend an. »Am Würmsee ist eine kostbare goldene Schale versteckt, die aus dem Tempel in Jerusalem stammt. Wie aufregend!«
Nachdem sie die Zeichnung wieder zusammengefaltet hatten, steckte Ludwig sie ein. Er freute sich schon darauf, sie bei besserem Licht zu studieren.
»Komm schon, lass uns gehen«, forderte er seinen Freund auf. »Hier gibt es wohl nichts Interessantes mehr zu entdecken.«
»Ich will erst noch die Tür wieder einsetzen«, meinte Michi und schaffte es auch tatsächlich, das herausgelöste kleine Brett wieder am richtigen Platz zu verstauen. Dann ging er seinem Freund hinterher.
Als sie bei dem Regal mit den alten Jagdwaffen vorbeikamen, blieb er jedoch stehen und griff noch einmal in ein Fach. »Schau mal, Luggi, die ist besonders schön.« Er hob mit beiden Händen eine Armbrust hoch, deren Griff und Schaft mit metallenen Ornamenten verziert waren. Er legte sie auf einen Arm und beugte den Kopf darüber.
Mit einem leisen Pfeifen schwenkte er die Waffe in Richtung Ludwig. Der sah ihm dabei zu und lächelte nur.
Dann drückte Michi den Abzug.
Brennender Schmerz durchzuckte Ludwigs Kopf. Im selben Moment ertönte hinter ihm ein Klirren, als ob eine Vase in tausend Scherben zersplittert sei.
Er schrie auf und griff sich über dem rechten Ohr an seinen Kopf. Als er die Hand zurückzog, war sie voller Blut.
Michi hatte die Armbrust fallen lassen und war mit zwei Schritten bei seinem Freund. »Luggi«, rief er erschrocken. »Was ist denn jetzt passiert?«
»Die Armbrust war geladen, du Idiot!«, schrie Ludwig ihn an. Tränen stiegen in seine Augen, und er hatte das Gefühl, dass Blut in den Kragen seiner Lodenjacke tropfte.
Auch in Michis Augen standen Tränen. »Das wusste ich nicht! Es tut mir so leid, Luggi. Lass mal sehen.«
»Lass mich!«, fauchte Ludwig verärgert. Die Stelle, wo ihn der Bolzen gestreift hatte, brannte heftig. Er fühlte, dass ihm ein wenig schwindelig wurde.
Schnell drehte er sich um und ging zu der Falltür zurück, durch die sie auf den Dachboden geklettert waren.
Michi folgte ihm schweigend.
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Kapitel 1:
Der Phönix
Am Starnberger See, Frühjahr 2019 – ein paar Tage vorher
»Aaah! Solo una canzone!«, sang Franky und übertönte damit sogar die voll aufgedrehte Box, die er im alten Heinrich installiert hatte. Weil er nur etwa jeden zweiten Ton korrekt traf und den Rest einfach improvisierte, klang diese Mischung äußerst schrill.
Jaron, die Hand an der Außenklinke des ausgemusterten Zirkuswagens, drehte sich zu Antonia um und sah sie stirnrunzelnd an. »Hat noch keiner von uns herausgefunden, wo er diese blöde Box versteckt hat, mit der er uns immer karaoke-foltert?«
Antonia seufzte. »Nein, wie du unschwer hören kannst, hat das noch niemand geschafft. Keine Ahnung, wie Franky das hinkriegt.«
Der Wagen, auf dem das Logo eines Zirkus Heinrich langsam verblasste, war der Treffpunkt der vier Freunde, wo sie in Ruhe neue Abenteuer planen konnten. Und Die vier vom See, wie sie sich nannten, hatten in den vergangenen Monaten schon so einige davon bestanden.
Plötzlich wäre Jaron beinahe die Tür an die Stirn geprallt, so schnell wurde sie von innen aufgestoßen.
Dann stapfte Emma sichtlich genervt die Stufen hinunter und knallte die Tür hinter sich zu. »Er feiert«, schnaubte sie, »und behauptet, das mache man in Italien so. Wenn das stimmt, will ich da nie hin.«
»Also feiern wir heute nicht nur seinen Geburtstag, sondern er hat den Gips tatsächlich ab?«, fragte Jaron.
Emma nickte. »Ja, das hat geklappt. Er ist ihn los.«
Franky hatte sich vor etwa zwei Monaten bei einem Fußballspiel den Ellbogen verletzt. Die Heilung hatte sich aus verschiedenen Gründen in die Länge gezogen, sodass er den Arm eine ganze Weile in Gips gehabt hatte. Das war für den begabten Programmierer und Hacker eine echte Einschränkung gewesen.
Also schon irgendwie verständlich, dass ihm zum Feiern zumute ist, dachte Jaron und grinste in sich hinein. Und dann ist auch noch sein Geburtstag – eine bessere Gelegenheit gibt es nicht.
Die Tür des Zirkuswagens wurde erneut aufgerissen und Franky breitete die Arme aus. »Amici!«, rief er. »Kommt doch rein, hier ist Party! Ich habe Pizza dabei – Zeit zu feiern!«
Aus der offenen Tür drang die Popmusik nun so laut, dass Jaron ihn kaum verstehen konnte. Gleichzeitig roch er einen verlockenden Duft und merkte, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Frankys Vater servierte in seiner Pizzeria am Sportplatz die beste Pizza der ganzen Gegend.
»Gerne. Aber nur, wenn du den Lärm runterfährst«, rief Antonia.
»Lärm? Welchen Lärm?«, erwiderte Franky.
»Mach dieses Gejaule aus!«, brüllte sie und trat näher.
Beschwichtigend hob er die Hände. »Jo, chill mal. Ihr habt einfach keine Ahnung von guter Musik.«
»Jetzt mach leiser!«
»Ja, ja, keine Sorge.« Mit diesen Worten drehte Franky sich um und verschwand im Wagen.
Jaron, Emma und Antonia folgten ihm.
Nachdem Franky die Musik mithilfe seines Handys auf ein erträgliches Maß reduziert hatte, winkte er seinen Freunden, sich zu setzen. Auf dem kleinen Tisch am Fenster standen vier offene Pizzaschachteln neben einer Flasche Limonade und Gläsern.
Obwohl Jaron es kaum erwarten konnte, mit dem Essen anzufangen, folgte er dieser Aufforderung nicht sofort. Etwas anderes kam zuerst. »Hey, zeig mal her!«, sagte er zu seinem Freund.
Daraufhin schob Franky strahlend einen Ärmel hoch und streckte ihm seinen Arm entgegen. Der war sichtlich dünn geworden, die Haut war völlig bleich und ein wenig verschrumpelt. »Das hat so dermaßen gestunken, als sie den Gips abgemacht haben«, berichtete er geradezu triumphierend. »Und eine ganze Schicht Haut konnte ich abrubbeln.«
»Igitt!«, sagte Emma. »Wenn du so eklige Sachen erzählst, kannst du deine Pizza gleich allein essen.«
»O super«, freute er sich. »Da gibt es noch was viel Ekligeres, wisst ihr, als ich …«
»Stopp!«, sagte Jaron. »Ich hab Hunger, lasst uns essen.«
Alle setzten sich an den Tisch. Antonia sprach ein kurzes Dankgebet, dann griffen alle herzhaft zu. Franky hatte jedermanns Lieblingspizza besorgt – für Emma mit Pilzen, Antonia liebte Pizza Hawaii und Jaron Salami.
Franky selbst hatte seine ganz eigenen Vorstellungen von gutem Geschmack: Er kombinierte am liebsten Sardellen mit Peperoniwurst.
»Erzähl doch mal, was du zum Geburtstag gekriegt hast«, forderte Jaron ihn auf, während er in sein erstes Stück Pizza biss.
»O Mann, ihr werdet es nicht glauben: Meine Eltern haben einen 3-D-Drucker springen lassen!«
»Echt? Wahnsinn«, kommentierte Emma kauend, »so was hätte ich auch gerne. Dann kannst du jetzt alles ausdrucken, was du brauchst?«
Franky nickte. »Nur Pizza funktioniert leider nicht.«
Alle lachten.
Franky griff schon nach dem zweiten Stück. »Jetzt, wo ich wieder ganz fit bin, könnten wir doch eigentlich einen neuen Versuch starten. Was unsere Suche nach der Schale angeht, meine ich.«
Seit dem vergangenen Sommer bemühten sich die vier Freunde, ein großes Rätsel zu lösen: Franky war im Internet auf eine Legende gestoßen, die besagte, dass am Starnberger See ein geheimnisvoller Schatz versteckt sei. Unter der nah gelegenen Sankt-Valentins-Kapelle hatten die Freunde durch Zufall eine Gruft entdeckt, die mehrere Hinweise enthalten hatte: ein altes Tagebuch, dessen Schrift allerdings so verwischt war, dass sie nichts damit anfangen konnten, ein silberner Schlüssel, die Fassung einer Brosche und ein sichelförmiger Bernstein.
Offenbar sollte die Brosche – sobald sie komplett war – zum Versteck einer wertvollen goldenen Schale führen, die aus dem Tempel in Jerusalem stammte.
Die fehlenden beiden Steine, die neben dem Bernstein in die Broschenfassung hineinpassten, hatten die Freunde inzwischen auch tatsächlich gefunden. Doch immer noch hatten sie keine Ahnung, was sie mit dem Schmuckstück anfangen sollten.
Außer ihnen schienen noch zwei weitere Personen von der Existenz der Schale zu wissen: der Antiquitätenhändler Richard Weixlhammer – und Hans Bernwieser, ein älterer Fischer, der in einer Hütte direkt am See wohnte und für Antonia sozusagen ein Ersatz-Opa war. Beide Männer hatten ihnen schon gelegentlich gute Tipps gegeben und sie sogar aus gefährlichen Situationen gerettet.
Allerdings verhielten sich die beiden Männer manchmal auch ziemlich merkwürdig, sodass die Freunde nicht wussten, ob sie ihnen trauen sollten.
Emma seufzte zufrieden und schob ihre Pizzaschachtel von sich. »Ja, wir sollten weitersuchen. Aber ganz ehrlich: Ich habe keine Ahnung, wie wir das anstellen sollen. Noch mal Weixlhammer fragen? Oder Opa Hans? Ich bin mir nicht sicher, ob das eine gute Idee wäre.«
Jaron zuckte mit den Schultern, und auch Antonia sah ratlos aus.
»Jetzt bleibt mal ganz locker und lasst das Onkel Franky machen.« Vergnügt stopfte Franky sich den letzten Bissen in den Mund und wischte sich seine Hände an der Hose ab.
»Ja, klar, und wie willst du weiter vorgehen, ›Onkel Franky‹?«, meinte Antonia schnippisch.
»Lasst uns doch einfach noch mal in Ruhe über alles nachdenken und zusammentragen, was wir bisher schon herausgefunden haben.«
»Na, wenn du meinst, dass das mit dem Denken bei dir klappt«, foppte Jaron seinen besten Freund.
»Lasst den Meister nur machen«, gab Franky selbstsicher zurück, worauf Antonia schnaubte und Emma kicherte.
Der Computerspezialist griff nach seinem Tablet. »Also, auf dem letzten Stein, den wir an der Zährenborn-Quelle gefunden haben, war ein Vogel abgebildet, richtig?«
»Richtig«, sagte Antonia.
»Hol den Stein doch mal her.«
»Aber natürlich, großer Meister, ich tue alles, was du sagst«, erwiderte sie ironisch und stand auf.
Emma stapelte inzwischen alle Kartons aufeinander und räumte den Tisch ab.
Antonia holte die Brosche aus ihrem Versteck und legte sie auf die Tischplatte. Die runde Broschenfassung war etwa so groß wie eine Mandarine. Auf der Rückseite war unter der Nadel ein lateinischer Spruch eingeritzt: Et absterget Deus omnem lacrimam ab oculis – Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, ein Spruch aus der Offenbarung, dem letzten Buch der Bibel.
Die einzelnen Bestandteile dieses Spruchs fanden sich auch auf den drei Steinen, die sich in die Fassung einsetzen ließen.
In einen sichelförmigen Bernstein war außerdem ein Kreuz eingearbeitet; es hatte sie zu einem Baum geführt, dessen zwei Stämme kreuzförmig übereinandergewachsen waren.
Dort hatten sie den zweiten Stein entdeckt, einen Mondstein in der Form eines Fisches. Die Tränen oder Wassertropfen darauf hatten auf das Versteck des dritten Steins hingewiesen: eine längst versiegte Quelle namens Zährenborn.
Der dritte Stein, eine Koralle, den sie dort gefunden hatten, war wieder sichelförmig. Auf ihm war ein Vogel zu sehen. Er saß auf einem Ast, reckte den langen Hals und breitete die Flügel aus.
Dieser letzte Stein, so hofften die Freunde, würde sie nun endlich zum Versteck der goldenen Schale führen.
»Okay, wir hatten uns geeinigt, dass dieses Vogelvieh ein Phönix sein könnte«, meinte Jaron.
»Ja, nachdem ich tagelang im Internet nach allen möglichen Vogelbildern geforscht habe«, ergänzte Franky.
»Das war ja für den großen Meister kein Problem, oder – Onkel Franky?« Antonia zog die Augenbrauen hoch.
Franky grinste. »Ich lese mal vor, was wir über diesen komischen Phönix schon alles rausgefunden haben.« Er öffnete Wikipedia und las:
»Der Phönix (…) ist ein mythischer Vogel, der am Ende seines Lebenszyklus verbrennt oder stirbt, um aus dem verwesenden Leib oder aus seiner Asche wieder neu zu erstehen. Diese Vorstellung findet sich heute noch in der Redewendung ›wie Phönix aus der Asche‹ für etwas, das schon verloren geglaubt war, aber in neuem Glanz wieder erscheint … Bei den Christen galt er als Sinnbild der Auferstehung.«
»Schon krass«, kommentierte Jaron, als Franky fertig war.
»Okay, so viel zum Phönix. Was haben wir noch?«, fragte Emma.
Antonia begann aufzuzählen: »Wir haben es mit drei verschiedenen Symbolen zu tun, jedes bezieht sich auf den Bibelspruch auf der Brosche. Et absterget Deus bedeutet ›Gott wird abwischen‹.« Sie betrachtete die Brosche, die sie in der Hand hielt.
»Dem Anfang des Spruchs können wir das Kreuz auf dem Bernstein zuordnen. Es ist das Zeichen für Jesus – also Gottes Sohn«, stellte Jaron fest. »Und der zweite Stein mit der Inschrift omnem lacrimam – ›alle Tränen‹ – hatte Tränen eingraviert.«
»Dass dies zusammenpasst, ist offensichtlich. Vermutlich soll der dritte Stein mit der Inschrift ab oculis – ›von ihren Augen‹ – auf eine Erneuerung hinweisen. Der Phönix als Symbol der Auferstehung lässt sich damit gut vereinbaren«, überlegte Franky, während er weiter konzentriert auf sein Tablet starrte. »Der ganze Spruch steht in der Offenbarung, also dem Buch der Bibel, das sich mit der Wiederkunft von Jesus beschäftigt. Wenn Jesus wiederkommt, wird er alle Tränen abwischen, er wird alles neu machen und wir werden auferstehen.«
»Mag ja alles stimmen«, warf Jaron ein, »klingt alles logisch. Aber was ich nicht verstehe: Auf welchen Ort weist denn nun der Phönix hin? Von dem Kreuz und den Tränen konnten wir die Verstecke der beiden fehlenden Steine herleiten. Aber worauf bezieht sich dieses Federvieh – auf einen Hühnerstall vielleicht?«
Die anderen drei lachten.
»Hühnerstall ist gut«, prustete Franky. »Und die Schale als Osternest – passt doch.«
»Jetzt aber mal ernsthaft: Was sollen wir mit dem Phönix anfangen – habt ihr eine Ahnung?«, fragte Jaron.
»Nein, keinen Schimmer«, gab Emma zu.
Auch Antonia und Franky schüttelten den Kopf.
»Und was sollen wir dann jetzt machen?«
»Vielleicht gehen wir einfach noch mal an den Anfang unserer Suche zurück«, schlug Franky vor. »Damals haben wir bei Weixlhammer doch dieses Buch über die Legenden vom Starnberger See gesehen, wisst ihr noch? Inzwischen habe ich es nicht nur online gelesen, sondern mir sogar ein Exemplar der Printausgabe besorgt. Und ratet mal, wie die Autorin heißt.«
»Keine Ahnung, sag schon«, erwiderte Jaron ungeduldig.
Franky griff in seinen Rucksack, holte ein abgegriffenes kleines Büchlein mit verblasstem grünem Leineneinband hervor und streckte es den anderen hin. »Die Autorin heißt Martha Weixlhammer.«
»Gibt’s ja nicht!«, rief Emma.
»Krass«, ergänzte Jaron. »Ist die mit unserem Antiquitätenhändler verwandt?«
»Könnte schon sein«, meinte Antonia.
»Vielleicht macht es doch Sinn, dass wir noch mal mit Weixlhammer reden.« Franky blickte in die Runde.
Antonia verzog das Gesicht. »Oh, nee, bitte nicht, ich trau diesem schrägen Vogel nicht über den Weg.«
»Ja klar, du willst bestimmt zu Opa Hans gehen, oder?«, sagte Franky etwas gereizt.
»Genau, das will ich! Der scheint nämlich mehr zu wissen, als er uns bisher erzählt hat.«
»Aber er rückt eben nicht mit der Sprache raus«, gab Emma zu bedenken. »Und er hat sich manchmal schon reichlich merkwürdig benommen.«
»Das stimmt«, erklärte Jaron. »Und was Weixlhammer betrifft: Wenn er uns vor einigen Wochen nicht unterstützt hätte, hätten wir diese Dr. Dragumir mit ihren Machenschaften jedenfalls nicht drangekriegt.«
Dr. Dragumir hatte Frankys Arm in der Klinik in Kempfenhausen behandelt; die Freunde waren dahintergekommen, dass sie Gelder im großen Stil unterschlagen hatte. Bei der spektakulären Aufdeckung des Skandals hatte der Antiquitätenhändler zum Schluss tatkräftig mitgeholfen.
»Ich bin derselben Meinung wie Franky: Ich denke, wir sollten noch mal mit Weixlhammer reden«, fuhr Jaron fort. Das mutige Vorgehen des alten Mannes hatte ihm imponiert, auch wenn dieser, zugegeben, ziemlich verschroben war.
»Ich bin für Opa Hans«, sagte Antonia bockig.
»Leute, so kommen wir doch nicht weiter«, seufzte Emma. »Wie wäre es, wenn wir uns aufteilen und jedem der beiden nur zwei Fundstücke zeigen? Dann weiß keiner von ihnen, dass wir schon die komplette Brosche haben, und wir kriegen doppelte Hilfe.«
»Gar keine blöde Idee«, stimmte Franky zu. »Obwohl Opa Hans die zusammengesetzte Brosche ja schon gesehen hat, als er mich damals im Krankenhaus besucht hat.«
»Mag sein, aber vielleicht weiß er das nicht mehr«, sagte Antonia. »Ich finde den Vorschlag auch gut.«
»Also, dann machen wir es so«, entschied Jaron. »Du und Franky, ihr sprecht mit Opa Hans, und, Emma, wir beide gehen zu Weixlhammer.«
»In Ordnung. Aber bevor wir das tun, möchte ich die Brosche gerne noch genau dokumentieren«, erklärte Emma. »Um sicherzugehen, dass wir noch alle Hinweise haben, sollte sie abhandenkommen.«
»Ganz die Wissenschaftlerin«, zog Jaron sie auf.
Emma begeisterte sich für Naturwissenschaften und war unangefochten die Beste von ihnen, was Sachwissen, Experimente oder logisches Denken betraf.
Ohne auf seinen gutmütigen Spott einzugehen, holte sie einen Maßstab von der kleinen Werkbank, auf der sie immer ihre Versuche aufbaute. Sie positionierte die einzelnen Steine so, dass sie vom Tageslicht gut ausgeleucht wurden, legte den Zollstock daneben und fotografierte alle vier Fundstücke erst getrennt und dann zusammengesteckt von allen Seiten. Hinterher verstaute sie alles wieder in ihrem Versteck.
»So«, schloss sie befriedigt, »jetzt müssen wir die Originale gar nicht mehr mitnehmen, wenn wir zu Weixlhammer und Opa Hans gehen. Die Fotos genügen.« Sie tippte auf ihrem Smartphone und versendete die Bilder an ihre drei Freunde.
»Clever«, kommentierte Jaron, während er die Fotos auf seinem Display betrachtete.
»Tja.« In Emmas Stimme schwang ein kleiner Stolz, als sie ihre Brille zurechtrückte.
»Okay«, sagte Antonia, »dann kann’s ja losgehen. Onkel Franky, sprechen wir morgen mit Opa Hans, wenn wir zu seiner Geburtstagsfeier gehen?«
»Aber natürlich, Chefin«, sagte er strahlend, »der Meister ist bereit.«
»Hast du eigentlich sein Geschenk besorgt, wie wir es abgesprochen hatten?«, fragte Emma.
»Klar«, sagte Antonia und deutete auf ein kleines Päckchen, das auf Emmas Labortisch lag. »Ein Smartphone für Senioren, wie geplant. Mein Vater hat sich um die SIM-Karte gekümmert, und eingerichtet ist das Handy auch schon. Opa Hans kann also gleich lostelefonieren. Seine neue Nummer schicke ich euch noch.«
»Super!«, lobte Emma, dann wandte sie sich an Jaron. »Und wir gehen zu Weixlhammer?«
»Ja, machen wir«, bestätigte Jaron, »aber erst am Mittwoch. Ich hab morgen Training und hinterher reicht die Zeit nicht mehr.«
Emma nickte.
Die vier Freunde verließen den Zirkuswagen. Antonia und Franky gingen voraus.
»Weißt du, was wir noch vergessen haben?«, sagte Emma zu Jaron. »Wir wollten doch den Sekretär suchen, zu dem der silberne Schlüssel gehört. Der, den wir in der Gruft gefunden haben.«
»Stimmt, im Schloss Unterallmannshausen. Hat ja beim letzten Mal nicht so gut geklappt«, meinte Jaron. Bei ihrem ersten Versuch, auf den Speicher des Schlosses zu gelangen, waren die vier Freunde nämlich entdeckt und rausgeworfen worden.
»Na ja, aber mir ist da eine Idee gekommen.« Emmas Stimme klang ein wenig geheimnisvoll, während sie Jaron anblickte.
»Eine Idee? Und welche?«, fragte Jaron verdutzt.
»Ähm – Isabelle?«, druckste Emma herum.
»Isabelle?«
»Ja, die steht doch voll auf dich.«
»Ach was«, winkte Jaron ab, konnte aber vor sich selbst nicht verleugnen, dass er es auch schon bemerkt hatte: Isabelle von Beilstein, die Tochter des stinkreichen Besitzers des Schlosshotels Unterallmannshausen – und bei Weitem das eitelste und eingebildetste Mädchen in der Klasse –, hatte ein Auge auf ihn geworfen.
»Ach komm, das ist ja wohl offensichtlich«, beharrte Emma. »Jedenfalls, könntest du sie nicht bitten, dir mal eine Schlossführung zu geben?«
»Vergiss es.« Jaron schüttelte den Kopf.
»Warum denn nicht?«
»Weil sie eingebildet ist. Wenn ich sie das frage, meint sie, dass ich auf sie stehe.«
»Ist doch egal. Du musst sie ja nicht heiraten.« Emma ließ nicht locker. »Das ist unsere beste Möglichkeit.«
Jaron war hin- und hergerissen. Er sah ein, dass die Idee gut war, aber mit Isabelle abhängen – nein, darauf konnte er wirklich verzichten. Ihm war die Gartenparty im Herbst noch in allzu schlechter Erinnerung.
»Jetzt stell dich nicht so an. Du sagst einfach, dass du auf den Speicher willst, und guckst dich nach dem Sekretär um. Wenn der da ist, probierst du den Schlüssel aus. Vielleicht verschafft uns das den entscheidenden Hinweis.« Sie sah ihn auffordernd an.
»Das wird niemals funktionieren«, versuchte Jaron, sich herauszuwinden.
»Das kannst du nicht wissen, solange du es nicht probierst. Komm schon, das ist die einzige Chance, die wir haben.«
Jaron wusste, dass sie recht hatte. Schließlich seufzte er und gab nach: »Na, gut, ich versuche es.«
»Du bist klasse!«, meinte Emma und umarmte ihn, was Jaron überraschte.
Nachdem sie davongeradelt war, holte Jaron sein Handy aus der Hosentasche und rief Isabelle an. Er brachte es lieber gleich hinter sich.
Isabelle ging sofort ran. »Hi, Jaron!«, flötete sie begeistert.
»Hi Isabelle«, sagte er. »Du, ich wollte dich fragen, ob dein Angebot noch gilt und du mir das Schloss zeigen kannst.«
»Klar, gerne!«
Jaron hörte, wie begeistert sie klang, und verzog sein Gesicht. Sie verabredeten sich für den Mittwochnachmittag.
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Kapitel 2:
Streit
Am Starnberger See, Frühjahr 2019
Geschickt drückte Jaron seinen Gegner auf die Matte und hielt ihn fest, bis er die Niederlage eingestand.
»Sehr gut!«, lobte der Kung-Fu-Coach, der den Zweikampf beobachtet hatte. »Jaron, du machst große Fortschritte.«
Jaron richtete sich auf und zog seinen Kampfanzug zurecht.
Sein Gegner stand auf, sie verbeugten sich und beendeten so den Kampf.
»Gut, die Stunde ist zu Ende, bitte alle zum Schluss versammeln!«, rief der Coach den Trainierenden zu, die sich über den ganzen Saal verteilt hatten.
Als das Training offiziell beendet war und die meisten schon in der Umkleide verschwanden, nahm der Coach Jaron beiseite. »Jaron, du hast dich sehr verbessert, seit du bei uns bist«, sagte er.
»Danke«, antwortete Jaron verlegen, aber auch ein wenig stolz.
»Ich wollte dich fragen, ob du nicht Lust hast, in die Leistungsgruppe zu kommen.«
»Echt?«
»Ja, du hättest dann zwei Mal die Woche Training und würdest regelmäßig an Wettbewerben teilnehmen können, sogar an überregionalen.«
Jaron freute sich. Seit er vergangenen Sommer an den Starnberger See gezogen war, hatte ihm das Training viel mehr Spaß gemacht als vorher. Der Coach war besser als sein alter Trainer in Köln und der hiesige Verein viel besser ausgestattet. Jaron hatte sich schon lange gewünscht, in die Leistungsklasse aufgenommen zu werden. Nun war es endlich so weit.
»Gerne!«, antwortete er schnell.
»In zwei Wochen steht sogar schon ein Wettkampf an. Wenn du willst, kannst du daran teilnehmen.« Der Coach griff in seine Sporttasche, zog einen Zettel hervor und reichte ihn Jaron. »Hier sind die wichtigsten Informationen drauf. Alles Weitere kann ich ja dann mit deinen Eltern per E-Mail klären.«
Jaron nickte und steckte den Zettel ein. Nachdem er sich vom Coach verabschiedet hatte, zog er sich um und stopfte seine Trainingskleidung in seine Tasche.
Als er aus der Sporthalle trat, wartete schon seine Mutter im Auto. Sie saß zurückgelehnt auf dem Fahrersitz und öffnete die Augen erst, als Jaron die Beifahrertür öffnete.
Sie lächelte ihm müde zu und startete den Motor, während er sich anschnallte. »Na, war es gut?«, fragte sie.
»Und ob!«, antwortete er. »Du wirst nie raten, was heute passiert ist: Mein Coach lädt mich in die Leistungsgruppe ein!«
Sie sah ihn an. »Das ist ja super! Herzlichen Glückwunsch, mein Schatz.«
»Er hat gesagt, dass ich voll die Fortschritte gemacht habe, seit ich im Verein bin.«
»Das ist toll, das freut mich für dich.«
»Ab jetzt habe ich zweimal die Woche Training. In zwei Wochen ist sogar schon ein Wettkampf. Da will ich unbedingt hin.«
»Klingt toll! Wo ist denn dieser Wettkampf?«
Jaron kramte den Zettel, den der Coach ihm gegeben hatte, aus der Tasche. »Warte kurz, das steht hier irgendwo – in der Nähe von Nürnberg. Man fährt gemeinsam mit einem Bus hin und übernachtet sogar. Es kostet 180 Euro.«
»180 Euro! Das ist aber viel! Wieso kostet das denn so viel?«
»Hier steht: Für Anmeldegebühr, Übernachtung, Verpflegung und Busfahrt.« Jaron warf seiner Mutter einen Blick zu. Sie sah heute Abend wirklich sehr müde aus. Jetzt presste sie die Lippen aufeinander und Jaron ahnte nichts Gutes.
»Hm«, sagte sie und räusperte sich. »Schatz, das ist schon ganz schön viel.«
»Ja, ich weiß«, murmelte Jaron.
»Im Moment habe ich einfach nicht so viel Geld. Der Umzug war ziemlich teuer, und ich muss noch eine Weile die Raten für die neuen Möbel zahlen.«
Enttäuschung und Ärger stiegen in Jaron auf. »Aber das ist eine einmalige Chance!«, protestierte er.
»Das glaube ich nicht«, meinte seine Mutter. »Es wird sicherlich auch noch Wettkämpfe hier in der Nähe geben, die dann nicht so teuer sind.«
»Und woher willst du das so genau wissen?«
»Jaron, wir können uns das einfach nicht leisten. Ich verdiene weniger als früher. Und hier unten in Bayern ist alles viel teurer«, sagte seine Mutter energisch.
»Das ist nicht fair.« Jaron runzelte die Stirn.
»Ich weiß, dass das nicht fair ist, aber glaubst du, ich mache das mit Absicht? Ich kann das Geld leider nicht herzaubern!« Jetzt klang sie richtig gereizt.
»War ja klar«, knurrte er.
»Was war klar?«
»Nichts.« Jaron verschränkte die Arme und sah zum Seitenfenster hinaus.
»Schatz«, sagte seine Mutter betont ruhig, »ich würde mir das für dich wirklich wünschen, aber im Moment geht es einfach nicht.«
»Ja, nichts geht im Moment«, äffte Jaron sie nach. »Nichts, kein neues Rad, kein Urlaub, kein Wettkampf, einfach nichts!« Er konnte seine Enttäuschung nicht mehr zurückhalten. »Immer muss ich auf alles verzichten. Darauf habe ich keinen Bock mehr! Wenn Papa da wäre, dann würde er mir das erlauben!«
Schon in dem Moment, als ihm diese Worte über die Lippen kamen, wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte, und es tat ihm leid.
Seine Mutter sah ihn nicht an, sondern runzelte nur die Augenbrauen.
Den Rest der Fahrt schwiegen sie.
Auch als sie an der Seeburg angekommen waren, sagte keiner etwas. Während seine Mutter das Auto zuschloss und noch einmal im Büro vorbeischaute, ging Jaron in sein Zimmer. Sie bewohnten zu zweit eine kleine Wohnung im Ostflügel der Burg. Eine steile Holztreppe führte zur Eingangstür, die sich zu einer zentralen Wohnküche öffnete. Das Fenster in Jarons Zimmer ging auf den Innenhof der Burg.
Nachdem er seine Tasche abgelegt und seine Trainingssachen verstaut hatte, ging er unter die Dusche. Müde vom Training setzte er sich dann auf seinen Schreibtischstuhl und rubbelte seine Haare trocken. Sein Blick fiel auf den Bilderrahmen, der dort zwischen Schulheften, Büchern und den Flugzeugmodellen stand, an denen er gerne bastelte, wenn er alleine war.
Das Foto im Rahmen war acht Jahre alt. Es zeigte seinen Vater, Thomas Rahn, während eines Urlaubs, den sie an der Nordsee verbracht hatten. Jaron selbst, vier Jahre alt, saß auf den Schultern seines Vaters und lachte über das ganze Gesicht. Die Sonne schien beiden in die Augen.
Auch Thomas Rahn lächelte glücklich, während er seinen Sohn an den Händen festhielt. Der Wind hatte ihm das Haar zerzaust, seine Haut war gebräunt. Im Hintergrund war der Himmel so blau, dass er fast gefärbt wirkte. Auf einem grünen Deich waren ein paar Schafe zu sehen.
Jaron betrachtete seinen Vater nachdenklich. Er konnte sich gar nicht mehr richtig an ihn erinnern. Nur Bruchstücke waren geblieben: ein dunkles Lachen, kräftige Hände, die ihn in die Luft warfen und wieder auffingen.
Auf der Heimfahrt von einer christlichen Freizeit war jener schreckliche Unfall passiert, so viel wusste Jaron aus den Erzählungen seiner Mutter. Der Wagen war von der Straße abgekommen und gegen einen Baum geprallt.
Wenige Tage später war sein Vater im Krankenhaus gestorben, seine Mutter, die auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, war schwer verletzt worden. Nur Jaron selbst, der in seinem Kindersitz hinter ihr auf der Rückbank gesessen hatte, war mit leichten Prellungen davongekommen.
Seufzend stand er schließlich auf und hängte das Handtuch über die Stuhllehne. Dann legte er sich auf sein Bett und schaute aus dem Fenster. Draußen war es längst dunkel, und er wusste, dass er sich eigentlich noch die Zähne putzen sollte. Doch stattdessen schlief er ein.
In seinem Traum war er wieder klein. Er merkte, dass er in einem Auto saß, konnte das Brummen des Motors hören. Auf einmal knallte es, er fühlte Schmerz.
Mit einem Schrei setzte Jaron sich im Bett auf. Für einen Moment wusste er nicht, wo er war. Dann sah er, dass er sich in seinem Zimmer befand. Doch er konnte den Schmerz immer noch spüren.
Diesen Traum hatte er schon oft gehabt, und er fühlte die Verzweiflung, die ihn immer erfasste, wenn er aus ihm erwachte. Obwohl Jaron nur verschwommene Erinnerungen an jenen schicksalhaften Abend hatte, fühlte er sich irgendwie schuldig. Ohne es begründen zu können, wusste er tief in seinem Innern, dass er schuld war am Tod seines Vaters.
Nach einer Weile verblassten die Bilder und Jarons Atem beruhigte sich. In diesem Moment kündigte sein Handy den Empfang einer Nachricht an. Schnell holte er das Smartphone aus seinem Rucksack, den er auf den Boden geworfen hatte. Die Nachricht war von Franky:
Na Kumpel, alles klar? 
Jaron tippte seine Antwort:
Nicht wirklich. Hatte Streit mit meiner Mom. 
O Mann. Worum ging es?
Ich darf jetzt in die Leistungsklasse beim Kung-Fu, kann aber nicht am nächsten Wettbewerb teilnehmen. Sie sagt, wir haben dafür kein Geld. 
O nein. Schöner Mist.
Ja, ich hab ihr blöde Sachen an den Kopf geworfen.
Passiert. Hast du dich entschuldigt?
Nein, noch nicht.
Tu’s gleich. Du wirst dich hinterher besser fühlen. Ich weiß, wovon ich rede. 
Franky hat recht, dachte Jaron. Ich muss mit Mama reden.
Als er aus seinem Zimmer trat, konnte er den Fernseher im Wohnzimmer hören. Gerade liefen die Nachrichten. Er spähte um die Ecke: Seine Mutter lag auf dem Sofa und sah immer noch sehr müde aus.
Sobald sie ihn bemerkte, richtete sie sich auf. »Jaron, bist du aufgewacht?«
Er nickte und setzte sich zu ihr.
Sie schaltete das Gerät auf stumm und sah ihn an. »Hast du Hunger? Du hast nach dem Training gar nichts mehr gegessen.«
»Nein, danke. Geht schon. Mama, es tut mir leid, was ich eben im Auto gesagt habe.«
Auf ihrem Gesicht erschien ein Lächeln. »Ist schon gut, das ist lieb von dir, Schatz. Danke, dass du dich entschuldigst.«
Jaron rückte noch etwas dichter an seine Mutter heran.
Daraufhin legte sie ihre Wolldecke um ihn und er lehnte sich an sie.
»Ich kann dich ja verstehen und es tut mir sehr leid.« Liebevoll strich sie ihm durch die Haare.
Es tat Jaron gut, ihre Wärme zu spüren und ihre sanfte Stimme zu hören. Als ihm der Traum wieder einfiel, wurde ihm bewusst, dass die Lücke immer noch schmerzte, die sein Vater hinterlassen hatte. Jaron hatte sich schon oft vorgestellt, wie es wäre, wenn sein Papa ihm bei einem Wettkampf zusehen würde. Wie er ihm zuwinken und ihm auf die Schulter klopfen würde, wenn er einen Pokal gewonnen hatte.
Manchmal, wenn Jaron alleine war, redete er mit seinem Vater, als würde er neben ihm stehen. Hätte ich doch damals im Auto nicht so einen Ärger gemacht, dann hätte sich Papa nicht umgedreht. Vielleicht wäre dann der Unfall nie passiert, schoss es ihm durch den Kopf.
»Ich vermisse Papa«, sagte er leise, und eine Träne kullerte seine Wange hinunter.
»Ach, mein Schatz«, seine Mutter drückte ihn fest an sich, »das darfst du auch, du darfst ihn vermissen. Das tue ich auch. Ich wünschte, er wäre bei uns.«
Sie schwiegen, doch es war keine unangenehme Stille.
Irgendwann sagte Angelika: »Ich schaue mal, ob ich das hinkriege mit dem Wettbewerb. Vielleicht fällt mir eine Lösung ein.«
»Danke«, sagte Jaron müde und lehnte sich zurück.
So saßen sie eine ganze Weile, während die Bilder stumm über den Bildschirm huschten.
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Kapitel 3:
Der Unfall
Am Starnberger See, Frühjahr 2019
»Mensch, Mama! Könnt ihr nicht eine andere Lösung finden?« Antonia ärgerte sich und machte keinen Hehl daraus.
»Nein, können wir nicht«, erwiderte ihre Mutter und griff nach den Jacken der Zwillinge, die an der Garderobe im Flur hingen. »Der Termin bei der Stadt ist wirklich wichtig für uns, und so kurzfristig habe ich keinen anderen Babysitter gefunden.«
Als Gitti sah, wie ihre Tochter frustriert das Gesicht verzog, fuhr sie ein wenig genervt fort: »Jetzt stell dich nicht so an. Wir sind zwei Stunden weg, das wirst du wohl noch hinkriegen. Ihr geht zusammen zum Spielplatz in Allmannshausen, da können die beiden spielen, und wir holen euch dort ab, wenn wir zurückkommen.«
»Ich habe mich aber mit den anderen drei verabredet. Wir wollten zu Opa Hans gehen und ihm zum Geburtstag gratulieren.«
»Das könnt ihr ja später immer noch machen.« Damit schien für Antonias Mutter die Sache erledigt zu sein. Sie drehte sich zu Sina und Lukas, die hinter ihr standen und dem Wortwechsel gespannt gefolgt waren, und streckte ihnen die Jacken hin.
»O super, der Spielplatz!«, freute sich Sina. »Da waren wir schon lange nicht mehr.«
Schnell schlüpften sie und ihr Bruder in die Jacken und setzten sich auf die Bank, die im Flur stand, um sich die Schuhe anzuziehen.
Antonia beobachtete ihre Geschwister stumm, machte aber keinen Versuch, ihnen zu helfen. Sie war immer noch sauer.
In diesem Moment klopfte es an der Wohnungstür. Antonia öffnete, es war Jaron, der sie abholen wollte, um gemeinsam zum alten Heinrich zu gehen.
»Ich kann nicht mitkommen«, beschwerte sie sich. »Meine Mutter sagt, ich muss auf Sina und Lukas aufpassen, weil sie und Papa keine Zeit haben.«
»Weil wir einen Termin haben«, korrigierte Gitti, die Sina und Lukas inzwischen die Mützen auf den Kopf setzte. »Und Antonia soll mit den beiden nur zwei Stunden auf den Spielplatz gehen, mehr nicht.«
»Okay«, antwortete Jaron lässig, »dann kommen wir doch einfach mit. Emma und Franky haben bestimmt nichts dagegen.«
»Au ja!«, jubelte Lukas. »Dann können wir alle zusammen Fangen spielen.«
Jaron musste über den Achtjährigen lachen, auf dessen Gesicht sich ein breites Grinsen zeigte, während seine Schwester vor Freude auf und ab hüpfte.
Auch Gitti musste lächeln. »Eine nette Idee«, sagte sie.
»Ich geh schon mal zum alten Heinrich und sage den anderen beiden Bescheid«, meinte Jaron und verschwand im Innenhof der Burg.
Antonia nahm ihre Geschwister bei der Hand und folgte ihm.
»Tschüss und viel Spaß!«, rief ihre Mutter ihnen hinterher. »Wir sehen uns dann beim Spielplatz!«
Beim Zirkuswagen angekommen, trafen die drei Geschwister auf Antonias Freunde, die tatsächlich nichts dagegen hatten, mit auf den Spielplatz zu gehen.
»Dann kann ich meine Hangelkünste trainieren«, witzelte Franky, während er seinen abgemagerten Arm hochhielt.
Sina stürzte sich gleich auf Emma, die sie heiß und innig liebte, und ließ ihre Hand nicht mehr los. Emma ließ es geschehen, sie kannte das von ihrer kleinen Stiefschwester.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg zum Spielplatz. Die vier Freunde nahmen ihre Fahrräder mit, da sie, sobald die Zwillinge von Antonias Eltern abgeholt worden waren, noch zu Opa Hans fahren wollten. Lukas setzte sich bei Franky auf den Gepäckträger und ließ sich schieben.
Der Spielplatz lag am Ortsrand und war erst vor wenigen Jahren renoviert worden. Durch die tollen neuen Spielgeräte war er zum Anziehungspunkt für die Kinder der ganzen Gegend geworden: Es gab eine Nestschaukel, einen Kletterparcours mit Seilen und Netzen sowie eine Sand-und-Wasser-Landschaft, wo aber jetzt, im Frühjahr, noch kein Wasser floss.
Während die Zwillinge mit Jaron sofort ein wildes Fangenspiel begannen, hielten sich Antonia, Emma und Franky zunächst etwas zurück. Sie setzten sich lieber auf eine der Bänke am Rand und redeten.
Zu Antonias Überraschung verging die Zeit wie im Flug, und auf einmal klingelte ihr Handy – ihre Mutter war dran.
»Hallo, Mama, seid ihr gleich da?«, fragte Antonia.
»Schatz, wir müssen doch noch mal zum Baumarkt fahren und kommen auf dem Rückweg leider nicht bei euch vorbei. Könntet ihr die Zwillinge bitte zur Seeburg begleiten?«
»Och Mensch, muss das sein?«, jammerte Antonia. »Wir haben echt noch was vor!«
»Ich weiß und es tut mir auch leid. Aber es ist doch nicht weit. Und wenn ihr dort seid, könnt ihr auch bestimmt gleich weiterfahren.«
Missmutig stimmte Antonia zu und tippte auf Gespräch beenden.
»Wir sollen die beiden zur Seeburg bringen!«, rief sie ihren Freunden zu. »Wir können also leider noch nicht gleich loslegen.«
»Ist doch nicht schlimm«, sagte Franky. »Dann fahren wir halt erst mal zu Burg.«
Sina aber beschwerte sich. »Ich bin müde, ich will nicht laufen! Warum kann uns Mama denn nicht abholen?«
»Weil sie noch mal woandershin müssen«, erwiderte Antonia genervt. »Und wir laufen ja jetzt bergab, da dauert es nicht so lange, bis wir zu Hause sind.«
»Ich will aber nicht!«, trotzte ihre Schwester und setzte sich demonstrativ auf den Boden. »Ich bleibe hier und warte auf Mama!«
»Sina, jetzt komm einfach«, seufzte Antonia. »Wir sind auch schnell zu Hause, versprochen.«
»Weißt du was?«, sagte Jaron, der schon sein Fahrrad aufgeschlossen und zu ihnen geschoben hatte. »Ich nehme dich hinten drauf und wir fahren runter. Dann geht es wirklich ganz schnell!«
»Au ja!«, freute sich Sina und kletterte zufrieden auf den Gepäckträger, während Jaron das Rad sorgfältig festhielt.
»Danke!«, sagte Antonia zutiefst erleichtert. »Gar nicht so einfach, es diesen beiden recht zu machen.«
Nicht zufrieden war allerdings nun Sinas Zwillingsbruder. Er verschränkte seine Arme vor der Brust und schob beleidigt die Unterlippe vor. »Warum darf Sina mitfahren und ich nicht?«, fragte er. »Ich will auch nicht laufen.«
Antonia stöhnte auf. »Ihr könnt einem echt auf den Keks gehen! Jetzt fängst du auch noch an!«
»Alles gut«, meinte Emma. »Dann kommst du eben auf mein Rad.«
»Nicht auf deins. Ich will auch zu Jaron«, forderte Lukas.
»Aber ihr könnt nicht beide zu ihm«, wandte Emma ein.
»Doch, das kriegen wir hin«, sagte Jaron. »Ich nehme dich einfach auf meine Stange, Lukas.«
»Bist du sicher, dass das eine gute Idee ist?«, fragte Antonia zweifelnd. Einerseits war sie für seine Hilfe dankbar, andererseits hoffte sie, dass ihre Mutter nicht mitbekommen würde, wie die drei auf Jarons Rad zur Seeburg gelangten.
»Ja, klar, mach dir mal nicht ins Hemd«, antwortete Jaron lässig.
»Na, wie du meinst«, erwiderte Antonia schnippisch. »Aber sei vorsichtig!«
»Ja, ja.«
Den Vorschlag fand der Achtjährige natürlich supercool. Geduldig wartete er, bis Jaron aufgestiegen war, dann kletterte er mit seiner Hilfe auf die Stange. Etwas wackelig setzte sich das schwer beladene Gefährt in Bewegung, die anderen drei Räder folgten.
Sie bogen auf die Straße zum Seeufer ein, die sich bergab durch den Wald schlängelte. Jaron fuhr voraus, und Antonia konnte beobachten, dass er behutsam lenkte und dabei mit Lukas scherzte, der sich in seine Arme kuschelte. Sina saß glücklich lächelnd auf dem Gepäckträger und hielt Jarons Rumpf mit beiden Armen umschlossen.
Jaron lachte über etwas, das Lukas sagte, und begann, Schlangenlinien zu fahren. Die Zwillinge kreischten vor Vergnügen.
»Mensch, Jaron, sei vorsichtig! Mach nicht so einen Quatsch!«, mahnte Antonia.
»Warum denn? Das ist doch voll cool«, rief Sina zurück.
»Chill mal«, fügte Jaron hinzu. »Ich pass schon auf!«
Antonia verdrehte die Augen, sagte aber nichts mehr.
Die Straße wurde steiler, ihre Räder wurden schneller. Dann kam eine scharfe Rechtskurve.
Jaron bremste stärker und versuchte, seinen Lenker einzuschlagen. Aber durch das ungewohnte Gewicht, das sein Rad jetzt hatte, und weil Lukas sich am Lenker festhielt, unterschätzte er die Biegung und kam von der Fahrbahn ab. Im nächsten Moment holperte das Rad über den Waldboden am Straßenrand.
Sina hatte sich offenbar nicht gut genug festgehalten, denn sie schrie auf und purzelte vom Gepäckträger.
Gleichzeitig stieß das Vorderrad an einen liegenden Ast, worauf Jaron und Lukas mit dem Rad umkippten und ebenfalls auf dem Boden landeten – direkt auf Sina.
Antonia legte eine Vollbremsung hin, ließ ihr Rad einfach fallen und rannte, so schnell sie konnte, zu den dreien, die am Boden lagen.
Sina schrie erbärmlich und Lukas heulte mit aller Kraft. Die Zwillinge waren unter dem Rad eingeklemmt, und auch Jaron konnte sich nicht aufrichten, weil sein linkes Bein unter der Stange lag.
Emma und Franky waren ebenfalls herbeigeeilt, gemeinsam zogen sie das Rad weg.
Antonia packte Lukas, der sich jammernd an ihre Arme hängte. »Tut’s dir irgendwo weh?«, fragte sie, als er endlich auf den eigenen Füßen stand.
»Mein Arm tut weh!«, jammerte er.
Schnell schob sie seinen Ärmel hoch, konnte aber nicht viel erkennen. »Ich sehe keine Verletzung. Kannst du die Hand bewegen?«
Er nickte schniefend und wackelte mit den Fingern.
»Das ist super. Und sonst tut dir nichts weh?«
Stumm schüttelte er den Kopf und wischte sich übers Gesicht, wo sich Tränen und Erde zu braunen Streifen vermischten.
Nun wandte sich Antonia ihrer Schwester zu. Emma und Franky hatten sie bereits vorsichtig aufgesetzt und versucht, sie auf die Beine zu ziehen. Sina aber brüllte immer nur: »Nicht aufstehen, mein Bein! Mein Bein!«
Ihre Jeans hatte am rechten Bein ein großes Loch – offenbar war sie hier vom Pedal des Fahrrads getroffen worden. Sie weigerte sich hartnäckig aufzustehen, hielt stattdessen ihren rechten Unterschenkel und weinte.
Emma kniete sich neben sie, legte einen Arm um ihre Schulter und redete beruhigend auf sie ein: »Ist schon gut, Sina, es wird gleich besser!« Sie blickte zu Antonia auf und meinte: »Ich glaube, wir müssen Hilfe holen, Antonia. Sie kann nicht mehr laufen.«
Antonia nickte. Ihr Herz raste und ihr war ein bisschen schwindelig. So ein Mist, dachte sie, was werden nur meine Eltern sagen!
»Ich mach das«, sprang Franky ein und zückte sein Smartphone. Er wählte den Notruf.
Während er telefonierte, versuchte Emma, Sina von ihrem verletzten Bein abzulenken.
»Vielleicht sollten wir ihr den Schuh ausziehen«, schlug Antonia vor. Sie fühlte sich elend und wünschte, sie könnte ihrer Schwester helfen.
Aber die Idee mit dem Schuh versetzte Sina in Panik, und sie schrie so laut »Nein, nein, nein!«, dass Antonia erschrak und beschwichtigend die Hände hob. »Keine Angst, wir lassen das Bein schon in Ruhe«, sagte sie.
Emma hatte sich neben Sina in den Dreck gesetzt und streichelte ihren Kopf.
Antonia atmete tief durch, um die Übelkeit, die sie erfasste, zurückzudrängen. Sie merkte selbst, dass sie unter Schock stand.
Da fiel ihr Blick auf Jaron, der sich inzwischen aufgerichtet hatte, und ihr Schreck verwandelte sich in Wut. Der Ärger, der in ihr hochbrodelte, ließ sie völlig ignorieren, dass Jaron wie versteinert auf Sina starrte. Sein Gesicht war kreidebleich.
»Ich hab dir doch gesagt, dass das keine gute Idee ist«, schimpfte Antonia. »Was hast du dir nur dabei gedacht, so einen Quatsch zu machen? Jetzt schau dir an, was passiert ist!«
Jaron flüsterte etwas, das wie »Entschuldigung« klang.
Aber Antonia achtete gar nicht darauf. Es tat gut, ihren Zorn an demjenigen, der ja offensichtlich schuld an dieser Katastrophe war, auszulassen. »Immer glaubst du, du bist der Größte, du arroganter Mistkerl!«, rief sie wütend. »Hauptsache, du stehst wie der große Macker da, hast die tollsten Ideen. Dass andere dabei zu Schaden kommen, daran denkst du keine Sekunde!«
In diesem Moment griff jemand von hinten nach ihrem Arm. Es war Franky, der mit Telefonieren fertig war. »Hey, Antonia, jetzt chill mal. Das hat Jaron ja wohl nicht mit Absicht gemacht.«
»Nein, natürlich nicht«, antwortete sie sarkastisch.
»Jetzt ist aber gut!« Frankys Stimme klang energisch. »Hör auf. Der Krankenwagen ist unterwegs, hörst du? Und deine Eltern habe ich auch erreicht. Sie kommen, so schnell sie können.«
Antonia kniff ihre Augen zusammen und fixierte Jaron. Der stand stumm da, starrte ins Leere und wurde immer blasser, wenn das überhaupt möglich war. Als sie gerade noch einmal etwas zu ihm sagen wollte, drehte er sich abrupt um und ging die Straße hinunter.
»Jaron! Wo willst du denn hin?«, rief sie ihm nach.
Er antwortete nicht, sondern fing an zu rennen. Kurz darauf verschwand er um eine Kurve.
»Was geht denn mit dem ab?«, wandte sich Antonia an Franky.
»Keine Ahnung.« Er zuckte mit den Schultern. »Es sah aus, als hätte er einen Geist gesehen.«
Nachdenklich runzelte Antonia die Stirn, ihr Ärger war auf einmal wie weggeblasen. »Vielleicht hat er das ja tatsächlich«, murmelte sie.
Wenige Minuten später ertönte das Martinshorn und ein Krankenwagen brauste um die Kurve. Die Sanitäter überblickten die Situation sofort. Sie vergewisserten sich, dass den übrigen vieren nichts fehlte, und kümmerten sich umsichtig um die verletzte Sina.
Die hatte inzwischen aufgehört zu weinen und wimmerte nur noch leise, als die Helfer sie sorgfältig untersuchten, auf die Trage legten und zudeckten.
In diesem Moment kamen Gitti und Andreas Reihmann angefahren und hielten hinter dem Krankenwagen an.
Gitti stürzte aus dem Auto. »Was ist passiert?«, rief sie besorgt, während sie zu der Trage rannte, auf der Sina lag. Auch Andreas eilte zu seiner Tochter.
Einer der Sanitäter legte Gitti beruhigend die Hand auf den Arm. »Sie hat sich wahrscheinlich das Bein gebrochen, deshalb bringen wir sie in die Klinik. Wenn Sie möchten, kann einer von Ihnen mitfahren.«
»Ich fahre mit«, sagte Andreas schnell.
Gitti nickte. »Ruf mich an, sobald klar ist, was sie hat.«
»Natürlich, das mache ich«, versicherte Andreas.
Die Sanitäter schoben Sina in den Krankenwagen, und Andreas stieg hinten mit ein, wo er neben ihr sitzen und ihre Hand halten konnte. Dann schlossen die Sanitäter die Türen und fuhren los.
Gitti nahm Lukas in die Arme. »Und du, mein Lieber, geht es dir so weit gut?«
Lukas nickte. »Alles okay. Mein Arm tut schon gar nicht mehr weh. Mama, wird Sina jetzt sterben?«
»Aber nein, mein Schatz.« Gitti lächelte schwach. »Sie hat sich nur am Bein wehgetan, das ist sicherlich gar nicht so schlimm. Die Ärzte kümmern sich um sie und Papa ist ja auch bei ihr.«
Sichtlich beruhigt schmiegte sich Lukas an sie.
Nun wandte sich Antonias Mutter an die drei Freunde, die immer noch dastanden und nicht genau wussten, was sie jetzt tun sollten. »Was ist denn genau passiert?«
Antonia schilderte kurz, wie Jaron die Zwillinge aufs Rad genommen und dann in der Kurve gestürzt war.
»Und wo ist Jaron jetzt?«
Antonia zuckte mit den Achseln. »Keine Ahnung. Er ist einfach davongelaufen.«

Jaron rannte. Auf den Weg achtete er kaum, seine Füße trugen ihn automatisch hinunter zum Seeufer und dann die Treppen hinauf zur Seeburg. Sein Kopf war wie leer gefegt, kein klarer Gedanke blieb darin zurück.
Er lief durch das Portal und schließlich in sein Zimmer. Dort warf er sich bäuchlings aufs Bett und blieb einfach liegen. Ein gewaltiger Schluchzer stieg in ihm auf.
Später, irgendwann viel später klopfte seine Mutter an die Tür. »Jaron?«, fragte sie leise.
Er antwortete nicht.
Die Tür öffnete sich einen Spalt und sie schaute herein.
Als er sich aber nicht rührte, schloss sie Tür wieder und bedrängte ihn nicht weiter.
Ihm war es recht. Er wollte mit niemandem reden, am wenigsten mit ihr. Wie hätte er auch die Verzweiflung erklären sollen, die ihn übermannt hatte?
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»Holt sofort den Grafen!«, rief Cäcilie von Beilstein, als ihr Sohn blutüberströmt in den Salon trat. Völlig fassungslos bei diesem Anblick, sprang sie auf und lief ihm entgegen.
Das angesprochene Dienstmädchen im schwarzen Kleid mit weißer Schürze verließ eilig den Raum.
»Was um alles in der Welt ist passiert?«, stieß die Mutter aus, während sie nach Ludwigs Arm griff.
Ludwig schwankte ein wenig und schloss die Augen. Jetzt, da seine Mutter ihn festhielt und er wusste, dass sie sich um seine Verletzung kümmern würde, wurde ihm schlecht. »Michi hat mich angeschossen«, flüsterte er und hielt sich an seiner Mutter fest, weil seine Beine nachgaben.
Sie stützte ihn. »Hier, leg dich erst einmal hin«, sagte sie beruhigend und führte ihn zu einem der Sofas.
Dann wandte sie sich Michi zu, der hinter Ludwig den Salon betreten hatte. »Was hast du angestellt?«, zischte sie ihn an. »Angeschossen? Was meint er damit?«
Ludwig sah verschwommen, wie sein Freund zurückwich.
»Es war keine Absicht«, stammelte der Junge. »Wir waren auf dem Speicher und da lagen diese alten Armbrüste. Ich wollte sie mir doch nur näher anschauen und einmal in die Hand nehmen. Dass eine von ihnen geladen ist, habe ich nicht wissen können.«
»Geladen? Was geht hier vor?«, polterte auf einmal Graf Maximilian von Beilstein, der nun auch zur Tür hereinkam.
Hastig erklärte die Gräfin: »Die Jungs haben sich wohl auf dem Speicher herumgetrieben, und Michi hat mit einer der Armbrüste, die dort herumliegen, auf Ludwig geschossen. Er hat ihn am Kopf verletzt.«
»Was? Das ist ja wohl die Höhe!«, brüllte der Graf und packte Michi am Arm.
»Es tut mir ja leid!«, jammerte der und wand sich im festen Griff des Mannes.
»Verschwinde!«, donnerte Ludwigs Vater, schleifte den Jungen zur Tür und warf ihn hinaus. »Das wird noch ein Nachspiel haben, verlass dich drauf!«, rief er ihm hinterher, bevor er die Tür des Salons zuzog.
Ludwig nahm wahr, wie sein Vater ans Sofa trat und sich über ihn beugte. »Lass mal sehen, mein Sohn«, sagte der Graf besorgt und drehte Ludwigs Kopf sanft zur Seite, um sich den Streifschuss näher anschauen zu können. »Wir brauchen eine Schüssel Wasser«, sagte er dann über die Schulter zu seiner Frau, »außerdem das Jod aus dem Medizinschrank und saubere Verbände.«
»Soll ich auch den Arzt rufen lassen?«, fragte die Gräfin, in deren Stimme immer noch Bestürzung mitschwang.
»Das ist, glaube ich, nicht nötig. Es ist wirklich nur ein Kratzer. Den kann ich selbst versorgen«, antwortete der Graf beschwichtigend. »Außerdem machen Narben interessant, nicht wahr, mein Sohn?« Er lächelte Ludwig an und strich ihm beruhigend über den Kopf.
Ludwig war froh, dass sein Vater da war. Langsam ließ der Schmerz nach.
Als seine Mutter Wasser, Jod und Tücher gebracht hatte, säuberte sein Vater Ludwigs Kopf und Haare. Er träufelte das Desinfektionsmittel – das noch einmal richtig brannte – auf die Wunde und wickelte anschließend einen Verband um Ludwigs Stirn. Die Gräfin befahl in der Zwischenzeit einem der Dienstboten, für Ludwig eine heiße Schokolade zuzubereiten.
Kurz darauf saß Ludwig frisch verbunden, mit mehreren Kissen im Rücken, auf dem Sofa und nippte an seinem Kakao. Er fühlte sich schon viel besser.
Seine Eltern setzten sich in die Sessel ihm gegenüber und sein Vater sagte: »Nun erzähl doch noch mal in Ruhe, was genau passiert ist.«
Daraufhin berichtete er von dem Ausflug auf den Speicher, der Entdeckung der Jagdwaffen und wie sie beide die Armbrüste ausprobiert hatten. »Es war wirklich nicht Michis Schuld«, schloss er und sah seinen Vater bittend an. »Er wollte mich nicht verletzten. Es war ein Unfall.«
Der Graf senkte den Kopf und runzelte die Stirn. »Das mag schon sein. Trotzdem stimmt es mich nachdenklich, dass dieser Junge so fahrlässig handelt.« Er hielt kurz inne und fuhr dann fort: »Es war ein Fehler, dass wir dir gestattet haben, mit dem Schuster-Jungen Umgang zu pflegen. Bei diesen Leuten kann man nicht vorsichtig genug sein.«
Seine Frau nickte bestätigend. »Du hast recht, Maximilian«, sagte sie. »Es stimmt wohl, was die Leute sagen: dass Juden andere hintergehen, wenn es ihrem Vorteil dient. Das hätten wir uns denken können.«
Ludwig sah seine Eltern erschrocken an. »Was meint ihr damit? Michi ist doch kein Jude, oder? Und warum sollte er mich hintergehen?«
Graf von Beilstein seufzte. »Der Vater von Michael Schuster war Jude. Er hat sich, nachdem Michis Mutter schwanger war, aus dem Staub gemacht.« Er zuckte mit den Achseln. »Einem Juden kann man offenbar nicht trauen, mein Sohn. Es heißt, dieses Volk sei nicht ehrlich, sondern würde versuchen, uns guten Christenmenschen zu schaden, wo es nur kann. Das läge in seinem Blut, behaupten die Leute.«
»Michi ist mein bester Freund!«, protestierte Ludwig. »Er ist immer ehrlich und kameradschaftlich gewesen. Es kann nicht stimmen, was du da sagst. Außerdem ist sein Vater doch kurz nach seiner Geburt gestorben!«
»Das hat er dir erzählt?«, fragte die Gräfin.
»Ja.«
»Dieser Bankert, typisch.« Maximilian von Beilstein schüttelte den Kopf.
»Bankert?« Ludwig sah seinen Vater fragend an.
»Ja, er ist ein uneheliches Kind, ein Bankert«, fiel jetzt die Gräfin ein. »Mein Sohn, wir haben Almuth, Michaels Mutter, aus reiner Nächstenliebe bei uns aufgenommen und ihr Arbeit gegeben. Sie wäre sonst verloren gewesen. Nachdem dieser Schuft sie im Stich gelassen hatte, wollte niemand sie mehr einstellen. Ihre Eltern haben sie verstoßen, weil sie sich mit einem Juden eingelassen hat. Wenn wir ihr nicht geholfen hätten, wäre sie auf der Straße gelandet.«
Ludwig schwieg entsetzt. Was kann denn Michis Mutter dafür, dass sie sich in einen Mann verliebt, der sie dann sitzen lässt?, dachte er. Außerdem wusste er, dass manche seiner Kameraden nicht viel Gutes über ihre eigenen Väter zu berichten hatten: Sie seien tyrannisch, gewalttätig und würden zu viel Alkohol trinken. Trotzdem gingen diese Männer regelmäßig zur Messe und galten als anständige Menschen.
Ob Christ oder Jude, Halunken gibt es überall, dachte er, sah seinen Vater an und sagte: »Michi war immer ein guter Freund; ich könnte mir keinen besseren denken. Seine Mutter ist freundlich und hilfsbereit, seinen Vater kenne ich nicht. Ich werde meine Freundschaft mit Michi nicht aufs Spiel setzen, nur weil sein Vater ein schlechter Mensch ist. Dafür mag ich ihn zu sehr.«
Das schien seinen Eltern überhaupt nicht zu gefallen. Die Gräfin sah nicht glücklich aus, der Graf schnaufte und sagte streng: »Dann verbiete ich dir eben ausdrücklich, weiterhin Umgang mit diesem Bankert zu pflegen! Konzentrier dich lieber auf das, was dich morgen erwartet. Freust du dich schon auf Friederike?«
Jetzt war es Ludwig, der die Stirn runzelte. Friederike von Höwarth, eine entfernte Cousine, war die Braut, die seine Eltern für ihn ausgewählt hatten. Ludwig hatte sie das letzte Mal vor vielen Jahren gesehen, als sie beide noch Kinder gewesen waren. Nun war er 16 und Friederike 15 Jahre alt, und ihre Eltern hatten beschlossen, dass es an der Zeit sei, Verlobung zu feiern.
»Ich kenne sie doch gar nicht richtig«, sagte er verdrossen. »Wie soll ich mich dann auf die Begegnung mit ihr freuen?«
Seine Mutter schmunzelte. »Warte es ab. Ich denke, du wirst schon sehen, dass du allen Grund zur Freude hast.«

Ludwig zögerte, bevor er an die Tür des Verschlags über dem Kutschenschuppen klopfte, wo Michi und seine Mutter wohnten. Es regnete in Strömen und Ludwig zog seinen Mantel enger um sich. Seine Kopfwunde pochte leise.
Schließlich öffnete sich die Tür einen Spalt und Michis Mutter spähte hinaus. Als sie den jungen Grafen erkannte, schob sie die Tür schnell ganz auf und lächelte. »Hallo, Ludwig, wie schön, dass du vorbeischaust.«
Ihr Blick glitt zu seinem Kopfverband, während er in die kleine Stube trat, und ihr Gesicht zeigte Besorgnis. »Tut es noch sehr weh?«, fragte sie.
»Es geht«, spielte Ludwig den Schmerz herunter. »Eigentlich pocht es nur noch.«
Sie nickte. »Das ist gut. Ich möchte mich für meinen Sohn entschuldigen. Was er getan hat, war unverantwortlich, und ich werde dafür sorgen, dass er seine Strafe bekommt.«
»Schon in Ordnung«, beeilte sich Ludwig zu widersprechen. »Er konnte nichts dafür. Dass die Armbrust gespannt und geladen war, haben wir beide nicht bemerkt. Es war ein Unfall.«
»Danke, dass du das sagst. Dein Vater sieht das aber wohl anders, habe ich gehört?«
Ludwig zuckte mit den Achseln. »Ja, das stimmt wohl. Trotzdem hätte er ihn nicht so rauswerfen dürfen.«
Almuth lächelte. »Mach dir nicht zu viele Gedanken«, sagte sie und griff nach einem Schultertuch, das über einem Stuhl lag. »Das sind Michi und ich leider schon gewohnt. Ich bin mir sicher, dass dein Freund trotzdem keinen Groll gegen dich hegt. Er freut sich bestimmt, dich zu sehen.«
Dann rief sie in Richtung von Michis Schlafkoje, die mit einem Vorhang abgetrennt war: »Michi! Ludwig ist hier!« Zu diesem gewandt fuhr sie fort: »Ich bin nur kurz gekommen, um das Abendessen auf den Herd zu stellen, und muss wieder an die Arbeit. Ihr kommt ja auch alleine klar, oder?«
Ludwig nickte, obwohl er sich etwas unsicher fühlte. Wie sein Freund wohl reagieren würde?
Almuth band sich das Schultertuch um, nickte ihm noch einmal zu und verließ die Wohnung.
Da ging Ludwig näher an Michis Schlafkoje heran und sah sich um. An der Wand hingen Zeichnungen, die sein Freund angefertigt hatte. Um sein Zeichentalent hatte Ludwig ihn schon immer ein wenig beneidet. »Michi?«, fragte er leise.
»Was willst du?«, kam Michis Stimme dumpf durch den Vorhang.
»Dich um Entschuldigung bitten. Mein Vater hat sich unmöglich benommen.«
Mit einem Ruck wurde der Vorhang zur Seite gezogen und Michi schaute Ludwig an. Stirnrunzelnd betrachtete er Ludwigs Kopf. Dann lächelte er traurig und sagte: »Du kannst nichts dafür, wie sich dein Vater benimmt. Mir tut es wirklich leid, dass ich dich verletzt habe.«
»Mach dir keine Gedanken. Ich weiß, dass das keine Absicht war. Mein Vater war einfach aufgebracht, keine Ahnung, warum.«
»Er hat schon immer etwas gegen mich gehabt«, antwortete Michi. »Mich wundert das nicht.«
»Jetzt hat er mir sogar verboten, mit dir zu sprechen«, berichtete Ludwig niedergeschlagen, »aber das ist mir egal. Du bist mein Freund und du bleibst es.« Er griff in seine Manteltasche. »Und damit du das weißt, möchte ich dir das hier schenken.« Als er die Hand wieder hervorzog, lag sein schönstes Taschenmesser darin. Er streckte es Michi entgegen.
Ludwig hatte lange überlegt, was er seinem Freund als Wiedergutmachung schenken konnte. Ein Kleidungsstück wäre zu auffällig gewesen, das hätte ihm die Gräfin sofort wieder weggenommen. Das Messer war ein Geschenk des Grafen gewesen, der offenbar hoffte, dass Ludwig doch noch einmal Interesse an der Jagd entwickeln würde. Bis jetzt hatte der Junge sich aber nicht dafür begeistern können, Tiere zu töten, und er hatte die Waffe nie benutzt. Es war ein ausgesprochen schönes Stück aus echtem Stahl, mit einem Griff aus geöltem Holz.
Michi nahm das Messer zögernd und betrachtete es. Dann sah er seinen Freund an. »Danke«, sagte er und lächelte.
»Sind wir wieder Freunde?«, fragte Ludwig.
»Das sind wir immer gewesen«, antwortete Michi.
Ludwig atmete erleichtert auf. »Das ist gut. Sollen wir uns morgen miteinander dieses Bild näher anschauen?«
»Morgen reisen doch die von Höwarths an und du feierst Verlobung. Wirst du da überhaupt Zeit haben?«
»Ach, stimmt ja«, seufzte Ludwig. »Das habe ich ganz vergessen. Keine Ahnung. Dann müssen wir wohl abwarten, was sich meine Eltern für mich ausdenken. Sie haben bestimmt jede Menge Aufgaben für mich. Oh Mann, ich wünschte, diese Friederike würde gar nicht existieren!«
Michi lachte. »Na, es gibt Schlimmeres, als die eigene Braut zu begrüßen. Vielleicht ist sie ja ganz nett!«
Ludwig sah seinen Freund zweifelnd an. »Das kann ich mir kaum vorstellen.« Er hatte die Tochter der von Höwarths als langweiliges, ängstliches Mädchen im Gedächtnis, das mit den rauen Spielen, die Michi und er bevorzugten, wenig anfangen konnte.
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