Kitabı oku: «Beutewelt VI. Friedensdämmerung»
Alexander Merow
BEUTEWELT VI
Friedensdämmerung
Roman
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
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Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag
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www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Russischer Morgen
Friedensgespräche
Erholsame Tage
Tschistokjows neue Freunde
Ludwig Orthmann
Der gekaufte Anführer?
Krieg ist Frieden
Gegen uns!
Ende der Vorstellung
Gesegnetes Armageddon
Hacker und Hetzfilme
Noch eine halbe Stunde…
Auf deutschem Boden
Berliner Luft
Eskalation
Tabubruch
Glossar
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Russischer Morgen
Mit einem verhaltenen Gähnen ließ sich Frank auf dem Sofa im Wohnzimmer nieder. Müde sah er aus dem Fenster, dann lehnte er den Kopf zurück und schloss für einen Moment die Augen. Kohlhaas fühlte sich vollkommen ausgelaugt und erschöpft, seine Glieder waren schwer wie Betonpfeiler und er sehnte sich schon wieder nach Schlaf, obwohl er bereits den halben Tag im Bett verbracht hatte.
„Ich trinke ein Bier und schaue ein wenig fern. Dann lege ich mich wieder auf’s Ohr“, dachte sich der General. Frank griff nach der Fernbedienung auf dem Wohnzimmertisch.
Seine Frau Julia kam kurz ins Zimmer; sie lächelte. „Aber bei dem einen Bier sollte es heute auch bleiben, Schatz“, sagte sie.
„Bier beruhigt“, brummte Frank.
„Schon gut, aber bitte achte darauf, nicht zu viel zu trinken, ja?“, gab Julia zurück.
„Mein Arzt sagt, dass ich Ruhe brauche. Der hat mir deshalb ‘ne Menge Bier verschrieben“, meinte Kohlhaas mit einem müden Grinsen.
„Was für ein Arzt?“ Sie verdrehte die Augen.
„Wenn ich einen hätte, dann würde er mir wohl Bier verschreiben“, merkte Frank an.
„Klar, Herr General!“ Julia drückte ihm einen Kuss auf die Wange und ging wieder aus dem Raum heraus.
„Ich bin mal kurz im Dorf unterwegs“, rief sie, um dann das Haus zu verlassen.
„Ja, bis gleich …“, murmelte Frank kaum hörbar vor sich hin, während er den Fernseher einschaltete und apathisch ins Leere glotzte.
„Russland wäre zum Ausgangspunkt einer weltweiten Kollektivierung geworden, ein Alptraum, den man kaum in Worte fassen kann. Es ist allein der Freiheitsbewegung zu verdanken, dass dieser letzte, tödliche Schlag gegen unser Volk verhindert worden ist. Die beiden Mordinstrumente, Kapitalismus und Kollektivismus, mit denen die Logenbrüder Russland und Europa angegriffen haben, haben wir ihnen aus den Klauen gerissen. Die internationalen Völkervergifter sind an Artur Tschistokjow und am Widerstandsgeist des russischen Volkes gescheitert.
Was noch an kollektivistischer Organisation übrig ist, das werden wir in naher Zukunft restlos zerschlagen haben. Der Nationenbund der Rus wird zum gesunden Herzen eines neu belebten Europas werden. Dieses Herz hat jetzt zu schlagen begonnen …“
Frank schaltete um und stieß ein genervtes Stöhnen aus, die schmetternde Stimme eines Funktionärs der Freiheitsbewegung verstummte. Inzwischen gab es nur noch fünf Fernsehprogramme, die zusammen das von den Rus kontrollierte Staatsfernsehen bildeten.
„… die größte Arbeitsoffensive in der Geschichte der Menschheit! So nannte Regionalleiter Karow die Aufbaumaßnahmen der revolutionären Regierung unseres Volksführers Artur Tschistokjow. Rund um Smolensk wurden in den letzten zwei Wochen gleich vier neue Maschinenwerke eröffnet. Regionalleiter Karow beurteilt die Situation …“
Ungehalten trommelte Kohlhaas mit den Fingerspitzen auf der Platte des Wohnzimmertisches herum, während er erneut umschaltete. Das blasse Gesicht eines jungen Mannes mit rotblondem Haar erfüllte den Bildschirm.
„Ich war drogenabhängig, hatte keine Ausbildung, keine Arbeit, überhaupt nichts. Ich war verloren, wie so viele junge Russen und Ukrainer. Zuerst hatte ich in meiner Verzweiflung bei den Kollektivisten Halt gesucht, doch da hatte ich schnell gemerkt, dass Uljanin ein Lügner war. Die schwarz-roten Verbrecher versuchten, uns zum Hass auf unser eigenes Volk anzustacheln. Das konnte nicht der richtige Weg sein, das ist mir dann irgendwann klar geworden.
Und eines Tages, ja, da sah ich ein Video über Artur Tschistokjow im Internet. Es war wie ein Geistesblitz, ich kann es nur schwer beschreiben. Als hätte mir eine höhere Macht die Augen geöffnet. Alles wurde mir auf einmal klar, meine Bestimmung …“
Der Bildschirm wurde wieder schwarz, die Fernbedienung landete mit einem leisen Klackern auf dem Wohnzimmertisch.
„Ich will nichts mehr davon hören!“, brummelte der General in sich hinein.
Frank öffnete die Bierflasche und nahm einen kräftigen Schluck. Er genoss das kühle Nass, das seine Kehle hinunterlief. Die Flasche leer saufen und dann einfach weiter pennen, dachte er sich. Den Fernseher ausgeschaltet lassen, all den Mist verbannen. Endlich Frieden – das wäre wundervoll.
Der Bürgerkrieg tobte noch bis Mitte des Jahres 2042. Dann hatte die Volksarmee der Rus auch die letzten Widerstandsnester der Kollektivisten im Osten Russlands und in der Ukraine eingenommen. Am Ende dieses gewaltigen Ringens war die KVSG endgültig zerschlagen worden. Inzwischen hatte Artur Tschistokjow seinen Regierungssitz nach St. Petersburg, der neuen Hauptstadt des Nationenbundes der Rus, verlegt und Tausende von Arbeitern waren mit dem Bau eines gewaltigen und prunkvollen Präsidentenpalastes beschäftigt. Der ehemalige Gassenrevolutionär aus Weißrussland herrschte nun über ein riesiges Gebiet mit etwa 150 Millionen Einwohnern, das sich vom Baltikum bis zum Ural und der Küste des Schwarzen Meeres ausdehnte. Tschistokjow war in den letzten Jahren von einem einst verlachten Dissidenten und Rebellenführer zu einem unabhängigen Herrscher aufgestiegen.
Jetzt setzte er alles daran, seine Versprechen vom Wiederaufbau Russlands wahr werden zu lassen. Der neue Machthaber des Nationenbundes hatte bereits gewaltige Bauprojekte beginnen lassen, als der Bürgerkrieg noch an den Grenzen Russlands tobte. Zahlreiche Industrieanlagen wurden nun nach und nach wiedereröffnet, Dörfer und Gehöfte neu gegründet und die Jugend in seinem Sinne erzogen.
Mittlerweile verfügte Artur Tschistokjow über enorme Ressourcen an Bodenschätzen und Rohstoffen, die er für den Wiederaufbau seines Landes verwendete. Die vom Bürgerkrieg verursachten Schäden wurden behoben und das Arbeitsbeschaffungsprogramm der Freiheitsbewegung verschaffte Millionen Russen bereits nach wenigen Monaten wieder Lohn und Auskommen, was Tschistokjows Beliebtheit beim Volk nicht nur steigerte, sondern eine regelrechte Euphorie auslöste.
Innerhalb der Grenzen des Nationenbundes lebten inzwischen nur noch Russen und andere Europäer. Alle sonstigen Fremden hatte Tschistokjow ausweisen und umsiedeln lassen, so wie er es schon vor Jahren angekündigt hatte.
Weiterhin war der Scanchip abgeschafft und das Bargeld wieder eingeführt worden. Im Grunde tat der Anführer der Rus das, was er im Kleinen auch nach der Revolution in Weißrussland unternommen hatte, um das Land wieder auf die Füße zu stellen. Nur dass er jetzt über kein unwichtiges Fleckchen Erde, sondern über eines der größten Länder der Welt herrschte und endlich seine visionären Ideen verwirklichen konnte.
Tschistokjow sprach von einer ganz neuen Hauptstadt des Nationenbundes, die er eines Tages gründen wollte. Er dachte über die Wiederbelebung der Raumfahrt nach, redete vom Aufbau neuer Dörfer, die nur zur Ansiedlung junger russischer Familien gedacht waren, und von der Förderung der besten und begabtesten Teile seines Volkes durch eine neue Bevölkerungspolitik.
Doch immer wieder wurde er von der harten und nüchternen Realität aus seinen Träumen gerissen, denn von solchen Dingen war das gebeutelte Land, welches nach Bürgerkrieg und Kollektivismus in weiten Teilen einer trostlosen Einöde glich, noch meilenweit entfernt.
Die Weltregierung und die internationalen Medien standen dem neuen Russland erwartungsgemäß mit unversöhnlichem Hass gegenüber und verteufelten es tagtäglich. Artur Tschistokjow war in ihren Augen mittlerweile ein noch gefährlicherer Gegner als der japanische Präsident Matsumoto geworden. Doch die Mächtigen mischten sich zunächst nicht in die innerrussischen Angelegenheiten ein und beäugten den neuen Staat, der sich feierlich aus dem Weltverbund verabschiedet hatte, lediglich mit Zorn und Argwohn.
Der Grund dafür war leicht zu erkennen, denn in Indien und Westchina war die schreckliche ODV-Seuche noch immer auf dem Vormarsch. Sie zog die Aufmerksamkeit der Logenbrüder auf Asien, wo die zwei bevölkerungsreichsten Länder der Erde inzwischen von einem Massensterben apokalyptischen Ausmaßes ergriffen worden waren und es täglich zu neuen Unruhen und Hungerrevolten kam.
Frank Kohlhaas hatte in den letzten sechs Monaten die schönste Zeit seines Lebens verbracht, wie er immer wieder betonte. Seine Freundin Julia Wilden, sein kleiner Sohn Friedrich und er verbrachten wundervolle, sorglose Wochen und pendelten des Öfteren zwischen ihrem Heimatdorf Ivas in Litauen und ihrer Zweitwohnung in Minsk. Julia unterrichtete mittlerweile wieder in der kleinen Dorfschule von Ivas und setzte ihr bereits vor dem Bürgerkrieg begonnenes Pädagogikstudium an der Universität von Minsk fort. Frank, als führender General der Warägergarde, hatte in diesen Tagen indes nicht viel zu tun und er hoffte, dass es auch so bleiben würde.
Im April 2042 hatten sie Artur Tschistokjow in St. Petersburg besucht und die riesige, schöne Stadt mehrfach besichtigt. Franks Sohn hatte sich inzwischen zu einem kleinen Wonneproppen entwickelt und es beeindruckte seinen Vater immer wieder, wie wissbegierig der blonde Junge durch die Welt ging.
Friedrich lernte immer schneller sprechen und auf ihrer Reise nach St. Petersburg hatte er seine glücklichen Eltern stets mit zahllosen, kindlichen Späßen zum Lachen gebracht. Ansonsten unternahm Familie Kohlhaas kleinere Ausflüge mit ihrem Freund Alfred Bäumer und seiner Lebensgefährtin Svetlana, denen man die Freude über den endlich eingekehrten Frieden ebenfalls deutlich anmerkte.
Und auch Thorsten Wilden, Julias Vater und der Außenminister des Nationenbundes der Rus, war in den letzten Wochen häufiger bei seiner Familie in Litauen gewesen. Er brach regelmäßig in Begeisterungsstürme aus, wenn sein kleiner Enkel wieder ein neues Wort gelernt hatte.
Es gab in diesen Tagen kaum einen Zweifel daran, dass Russland eine Periode des Aufbruchs erlebte, wie es sie seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben hatte. Abgesehen von der bösartigen Hetze gegen den neuen Staat in den internationalen Medien, die Artur Tschistokjow immer wieder kränkte, machte es den Anschein, als ob das Glück diesmal von Dauer sein würde.
Die Erinnerungen an den verheerenden Krieg zwischen den Rus und den Kollektivisten, der die Heimat jahrelang gepeinigt und verwüstet hatte, blendeten die meisten Russen so gut es ging aus und labten sich an der wesentlich erfreulicheren Gegenwart und dem lange herbeigesehnten Frieden.
Es wirkte in diesen Tagen tatsächlich so, als ob das neue Russland auch in Zukunft ein Ort der Freiheit bliebe, denn trotz der ewigen Verleumdungen durch die von den Logenbrüdern gesteuerten Medien, hatten diese wenig Möglichkeiten sich einzumischen. Einen Angriff auf Tschistokjows Reich schien die Weltregierung nicht mehr zu planen. Der Global Bank Trust, ihre höchste finanzielle Instanz, bekam indes keinen einzigen Globe mehr aus Weißrussland, Russland, der Ukraine und dem Baltikum. Tschistokjow pumpte die Einnahmen des Nationenbundes stattdessen zu einem beträchtlichen Teil als Subventionen für die Industrie oder für öffentliche Aufbaumaßnahmen zurück in sein Volk.
Der wirtschaftliche Aufstieg gab ihm Recht und durch die fast vollständige Beseitigung der Arbeitslosigkeit und die Einführung eines komplexen Sozialversicherungssystems, schenkte er Millionen seiner Landsleute einen Lebensstandard, den sie sich niemals erträumt hätten.
„Russland hat genügend Mittel, um sich eines Tages vollständig selbst versorgen zu können. Dem entsprechend müssen wir Industrie und Gewerbe in diesem Sinne so früh es geht umstellen. Außerdem werden wir vom Weltverbund ohnehin wirtschaftlich isoliert. Es bleibt uns demnach auch nichts anderes übrig, als das zu tun. Zumindest aber haben wir Japan als Handelspartner“, erklärte der Politiker seinen Beratern und setzte seine erfolgreiche Politik fort.
Die warmen Strahlen der Julisonne kitzelten Franks Nase und dieser räkelte sich zufrieden auf seiner bequemen Gartenliege. Er schob seinen Strohhut noch ein wenig weiter ins Gesicht, um dann leise zu gähnen. Ganz Ivas war in einen sonnigen Schein gehüllt und heute galt es, wieder einmal nach Strich und Faden im blühenden Vorgarten der Familie Wilden zu faulenzen.
„Hach!“, stieß Bäumer zufrieden aus. Er holte sich noch ein kaltes Bier aus der Kühlbox neben seiner breiten Liege, während sich Svetlana an ihn schmiegte.
„Ich könnte hier den ganzen Tag rumhängen“, bemerkte Frank, wobei er sich am Bauch kratzte.
„Dein Freund ist eine faule Sack“, scherzte Svetlana, sich an der deutschen Sprache versuchend.
„Ja, faul sein ist unser neues Lebensziel. Wusstest du das etwa nicht, Schatz?“, brummte Alf und nahm einen kräftigen Schluck Bier zu sich.
„In einer Woche muss ich für ein paar Tage nach St. Petersburg zu einer Unterredung mit Artur, ansonsten will ich nur noch schlafen und rumdösen“, sagte Kohlhaas mit einem zufriedenen Lächeln.
„Wir kommen aber mit, nicht wahr, Friedrich?“, sagte Julia. Der Kleine nickte.
„Dann schauen wir uns noch einmal Russlands schöne, neue Hauptstadt an, oder?“, kam von Frank.
„Hi, hi, hi!“, lachte Friedrich nur und rannte über die Wiese.
„Wer hätte je gedacht, dass wir einmal als freie Männer in unserem eigenen Land leben dürfen“, fügte Bäumer hinzu.
„Keine Geschichten vom Krieg heute. Den will ich vergessen“, murmelte Frank und schnappte sich auch eine Bierflasche.
„Nein, keine Sorge. Ich meinte ja auch nur“, erwiderte Alf. „Und? Wann seid ihr soweit?“, fragte Kohlhaas plötzlich. Er wandte sich Svetlana zu.
„Was du meinst, Frank?“, gab sie zurück und wirkte verdutzt.
„Wann kommen eure „Djeti“, Svetlana?“
„Diese Frage musste ja kommen!“, stöhnte Alf.
„Unser Kinder? Ich weiß nicht, aber ich hoffen bald“, antwortete die junge Russin lächelnd.
„Sie sind in Arbeit!“, meinte Bäumer.
„Das gehört auch zu Arturs großem Aufbauprogramm. Wir sollen uns vermehren“, blödelte Kohlhaas.
„Frank, du spinnst …“, sagte Julia erheitert. Alf verdrehte die Augen.
„Vielleicht habt ihr zwei ja auch bald so einen kleinen, süßen Fratz“, bemerkte sie und knuddelte ihren Sohn.
Alfred Bäumer zuckte mit den Achseln und erwiderte: „Es kommt, wie es kommt.“
Dann ließ sich der Hüne in seinen Liegestuhl zurücksinken und stieß ein lautes Schnaufen aus. Frank tat es ihm gleich. Sie genossen diesen herrlichen Nachmittag.
Artur Tschistokjow band nach und nach die gesamte Bevölkerung des Nationenbundes in sein politisches System ein und die von der Freiheitsbewegung beherrschten Medien Russlands erzogen das Volk ganz im Geiste des neuen Souveräns. Mit dem geplanten „Tag der russischen Einheit“, einer gigantischen, jährlichen Massenveranstaltung mit Paraden und Kundgebungen, sollten sich die Russen verschiedener Schichten und Berufe symbolisch verbrüdern und ihre Einigkeit unter dem Banner des Drachenkopfes demonstrieren.
Für dieses Spektakel hatte Tschistokjow extra ein eigenes Versammlungsgelände einige Kilometer östlich von Tula aus dem Boden stampfen lassen. Der für Paraden und Massenzusammenkünfte errichtete Platz und die dazugehörigen Straßen waren von Säulen aus Kalkstein im antiken Stil und diversen anderen Monumenten umgeben, was der Szenerie einen pompösen Eindruck verleihen sollte. Für den ersten „Tag der russischen Einheit“, der für Anfang September 2043 geplant war, rechneten die Veranstalter mit etwa einer Million Menschen.
St. Petersburg, die Hauptstadt des neuen Russland, sollte hingegen noch in diesem Jahr zum Schauplatz des „Tages der russischen Familie“ werden, womit Artur Tschistokjow den Lebenswillen seines Volkes neu zu erwecken gedachte. „Zuerst muss der Geist Russlands geheilt werden, erst dann wird alles andere möglich sein“, erklärte der Anführer der Rus und er ließ seinen Worten Taten folgen.
Von einer Umstellung der Lerninhalte in den Schulen und der Einweihung moderner Bildungsstätten für hochbegabte russische Kinder bis hin zur Errichtung neuer Minen und Bergwerke, widmeten sich Tschistokjow und sein Kabinett den vielfältigen Aufgaben des Wiederaufbaus ihrer gebeutelten Heimat.
Schließlich begannen einige Regionen Russlands und der Ukraine gewaltigen Baustellen zu gleichen, denn unermüdlich wurden Industriekomplexe, Agrarsektoren, Straßen und Gebäude errichtet. Riesige Schwärme aus Hunderttausenden von Arbeitern waren überall rund um die Uhr im Einsatz und bauten mit atemberaubender Geschwindigkeit.
Das neue Staatsoberhaupt des Nationenbundes verrannte sich geradezu fieberhaft in diese neuen Projekte und das Volk liebte ihn dafür. Artur Tschistokjow sah sich selbst gerne als den „großen Erbauer“. Immer wieder betonte er, wie sehr er hoffte, dass die Zukunft friedlich bleiben würde. Doch es war unwahrscheinlich, dass die Weltregierung auf Dauer tatenlos zusah, wie ein abtrünniger Machthaber sein Volk langsam immer mehr innerlich einte, es aufrichtete und wieder vermehrte.
Wenn der russische Staatschef auch nur einen Bruchteil seiner Pläne in die Tat umsetzen konnte und zusammen mit Japan weiterhin in fester Allianz gegen die Logenbrüder stand, dann war deren Weltherrschaft auf lange Sicht durchaus gefährdet. Zudem hatte Tschistokjow die Strukturen des weltweiten Geheimbundes in dem von ihm kontrollierten Gebiet gnadenlos zertrümmert. Sein Geheimdienst führte noch immer einen versteckten Feldzug gegen alle, die im Verborgenen gegen das russische Volk arbeiteten.
Inzwischen war es bereits August geworden und Frank kehrte mit Julia und Friedrich wieder aus St. Petersburg zurück. Artur Tschistokjow hatte ihm noch drei weitere Monate Auszeit gewährt und die Führung der Warägergarde seinem Stellvertreter übertragen.
Sie waren erstaunt gewesen, wie viel in Russlands neuer Hauptstadt inzwischen gebaut wurde. Ehrfürchtig hatten sie vor dem noch von zahllosen Gerüsten umgebenen, neuen Präsidentenpalast Tschistokjows gestanden. Ansonsten hatten sie ein paar entspannende Tage verbracht, sich an St. Petersburgs Sehenswürdigkeiten erfreut und das Leben genossen. Schließlich waren sie nach Ivas zurückgekehrt und Frank hatte mit Alf einige Renovierungsarbeiten in ihrem alten Wohnhaus durchgeführt.
Gestern war er von Wilden angerufen worden, dass heute Abend eine Reportage über ihn im westeuropäischen Fernsehen ausgestrahlt werden würde. Kohlhaas konnte sich denken, dass er mit keiner Lobeshymne zu rechnen hatte. Nachdenklich hatte er sich im Wohnzimmer seines alten Hauses niedergelassen und wartete auf den Beginn der Sendung …
„Frank Kohlhaas, auch genannt der „Schlächter von Nowgorod“, ist einer der berüchtigsten Schergen des russischen Diktators Artur Tschistokjow. Die Liste seiner Mordtaten ist lang und die Propaganda der Rus hat ihn immer wieder zum Helden stilisiert. In Wahrheit ist Kohlhaas jedoch nicht viel mehr als ein blutrünstiger Psychopath, der in unzählige Kriegsverbrechen und Massenmorde während des russischen Bürgerkrieges verwickelt gewesen ist. Schon vor Jahren wurde der General der gefürchteten Warägergarde, der Eliteeinheit Tschistokjows, vom internationalen Gerichtshof des Weltverbundes wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ zum Tode verurteilt und vorgestern hat die Weltregierung erstmals einen Auslieferungsantrag an Russland gestellt.
Seit Kohlhaas im Jahre 2028 aus einer Nervenheilanstalt nahe Berlin ausgebrochen und in Osteuropa untergetaucht ist, ziehen sich seine Gewalt- und Mordtaten wie ein roter Faden durch seine Biographie.
Laut aktuellen GSA-Berichten stand der heutige General in engem Zusammenhang mit dem Bombenanschlag auf den ehemaligen Gouverneur des Verwaltungssektors Europa-Mitte, Leon-Jack Wechsler, im März 2029. Auch im japanischen Krieg hat er sich als Söldner Matsumotos einen traurigen Ruf erworben. Schließlich schloss sich Kohlhaas 2033 der sogenannten Freiheitsbewegung der Rus an, wo er sich seitdem als besonders skrupelloser Killer im Auftrag Tschistokjows einen Namen gemacht hat.
Heute ist Russland den Wahnvorstellungen seines neuen Machthabers schutzlos ausgeliefert und Leute wie General Kohlhaas sind mehr denn je federführend, wenn es darum geht, das verarmte Land mit Völkermord und Terror zu überziehen.
Die folgende Sendung versucht, den bedrückenden Werdegang der menschlichen Bestie Frank Kohlhaas zu rekonstruieren. Wir wünschen Ihnen nun gute Unterhaltung mit der folgenden Sendung aus der Reihe „Artur Tschistokjow und sein Schreckensregime“.
Verpassen Sie auch die nachfolgende Reportage „Thorsten Wilden – Der Vordenker der Finsternis“ nicht, in der EB-Network einen verstörenden Blick auf den russischen Außenminister werfen wird …“, sagte eine junge Nachrichtensprecherin.
Franks Konterfei erfüllte den Bildschirm. Düstere Musik ertönte und grauenhafte Bilder aus dem russischen Bürgerkrieg erfüllten den Fernsehbildschirm. Anschließend wurde ein altes Foto von Franks Scanchip gezeigt und eine Stimme sagte: „Dies ist einer der brutalsten Kriegsverbrecher des 21. Jahrhunderts. Seine Gesichtszüge wirken auf diesem Foto aus dem Jahre 2026 jugendlich und harmlos, doch was sie nicht zeigen, ist die Tatsache, dass Frank Kohlhaas schon damals unter massiver, psychischer Instabilität litt. Seit seiner Jugend war er immer wieder auffällig geworden und wurde schließlich 2028 in eine Nervenheilanstalt eingeliefert, nachdem er einen Arbeitskollegen ohne Grund totgeprügelt hatte.“
Kurz darauf wurde eine Frau namens Hannelore Reichert interviewt. Frank hatte sie im Leben noch nicht gesehen, aber sie wurde den Zuschauern als seine ehemalige Grundschullehrerin vorgestellt.
„Schon in der ersten Klasse hatte ich Frank mehrfach dabei erwischt, wie er nach der Schule Hunde und Katzen quälte. Mit seinen Mitschülern ging er nicht anders um, sie hatten ständig unter seinen Wutanfällen und Drohungen zu leiden. Heute sehe ich ein, dass wir bei Kindern mit derartigen Tendenzen wachsam sein müssen. Dass aus dem verwirrten Jungen am Ende eine derartige Bestie werden würde, hätte ich allerdings auch nicht gedacht“, erläuterte die grauhaarige Frau, um dann betroffen in die Kamera zu schauen.
Frank schaltete den Fernseher ab und schüttelte den Kopf. „Hannelore Reichert!“, zischte er, ein verächtliches Lächeln aufsetzend. „Sie sind wirklich die Meister der Lüge. Es ist schon eine Leistung, jedes Jahr Abermillionen Menschen abzuschlachten, überall Kriege anzufangen, die ganze Welt brutal zu versklaven und das dann auch noch als „Humanität“ zu verkaufen“, brummte er angewidert, während er Bäumer anblickte. Dieser verzog ebenfalls wütend sein Gesicht und schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Sie werden uns nicht in Ruhe lassen. Diese Medienratten werden weiter hetzen und hetzen, bis es eines Tages wieder zu einem Krieg kommt. Man könnte wirklich verzweifeln. Ich bin gespannt, was dieser lügenden Brut als nächstes einfällt!“
„Was soll’s! Mögen sie an ihrem eigenen Gift ersticken. Hier in Arturs Reich können sie uns so schnell nichts und da es den gewöhnlichen Bürgern des Nationenbundes verboten ist, sich diese Feindsender anzusehen, brauchen wir uns auch nicht allzu sehr zu sorgen, dass diese Lügen ihre zersetzende Wirkung bei uns in größerem Stil entfalten können“, erklärte Kohlhaas.
Alf grinste gequält. „Wir als führende Kämpfer der Freiheitsbewegung haben also die Sondergenehmigung, uns diesen Dreck anzuschauen und uns aufzuregen …“
„So könnte man es sagen, mein Lieber!“, entgegnete Frank und musste ebenso schmunzeln.
Bäumer ging in die Küche. Kurz darauf kam er mit einigen Bratwürsten und ein paar Brötchen wieder. Die beiden Freunde aßen zu Abend und vergaßen die unschöne Fernsehsendung bald wieder.
„Matsumotos Japan ist der Stachel in unserem Fleisch, aber Tschistokjows Russland ist weit mehr. Wir können seine Macht noch immer nicht richtig einschätzen, aber was er tut, ist zutiefst beunruhigend“, murmelte der Vorsitzende des Rates der Weisen, der obersten Instanz der internationalen Logenorganisation, die die Menschheit nach wie vor in ihren Klauen hielt.
Die anderen Ratsmitglieder nickten oder musterten den Obersten der Weisen mit fragenden Blicken. Dann fuhr der Vorsitzende fort: „Ich glaube, dass Artur Tschistokjow den großen Plan ernsthaft gefährden könnte. Ja, ich traue ihm diese Kraft zu …“
„Diese Ansicht vertrete ich nicht!“, warf der Weltpräsident in die Runde, „Ich traue Tschistokjow auch viel zu, aber er ist nicht der wiedergekehrte Messias oder so etwas. Nein, die Kraft den großen Plan zu zerstören, hat er nicht. Das ist schier unmöglich.“
„Das sehe ich auch so. Dieser Mann ist ohne Zweifel gefährlich, aber in den letzten Jahrhunderten hatte niemand das Potential, uns auf Dauer aufzuhalten. Denken Sie an jene, die es versucht haben. Sie sind alle gescheitert, meine Brüder!“, bemerkte ein ergrauter Herr am Ende des großen Konferenztisches.
„Trotzdem ermahne ich den Rat und alle untergeordneten Logen zu noch größerer Wachsamkeit, was Artur Tschistokjow betrifft. Wenn wir ihn nicht vernichten, dann ist unsere Weltmacht in Gefahr“, sagte der Vorsitzende mit ernster Miene.
„Vielleicht sollten wir Russland endlich angreifen und den rebellischen Staat vernichten, denn wenn es Tschistokjow wirklich gelingen sollte, Russland und Europa wieder stark zu machen, dann könnten sich die Machverhältnisse zu unseren Ungunsten verändern“, warnte ein weiterer hoher Bruder.
Der Weltpräsident erbat das Wort und bemerkte: „Wir müssen uns an die Vorgaben des großen Plans halten und zuerst die anderen Aufgaben, die er an uns stellt, erfüllen. Zudem kann die GCF aus finanziellen Gründen derzeit nicht mit noch mehr Soldaten aufgestockt werden.
Unsere Streitkräfte sind entweder auf Indien und China konzentriert, wo die ODV-Seuche weiter wütet, oder müssen unsere Ordnung in Hunderten anderer Länder aufrechterhalten. Ein Angriff auf Russland würde es erfordern, einige Millionen GCF-Soldaten zusätzlich auszuheben und ich schlage vor, dass wir erst einmal abwarten und in Ruhe aufrüsten, um Tschistokjows Reich in den nächsten Jahren zu zerschlagen. Doch wir benötigen noch mehr Zeit, um alles gut vorbereiten zu können.“
„Was sollen wir dann tun?“, wollte einer der Weisen wissen.
„Wie wäre es, wenn wir dem russischen Souverän Frieden anbieten?“, antwortete ihm der Vorsitzende des Weltverbundes.
„Frieden?“, stieß ein Mann mit weißem Bart entgeistert aus.
„Ja, Frieden! Wir versuchen uns gut mit ihm zu stellen und machen ihm Zugeständnisse, zumindest so lange, bis wir bereit sind, den Nationenbund der Rus in einen vernichtenden Krieg zu drängen“, erklärte der Weltpräsident mit wissendem Blick.
„Aber das wird Tschistokjow doch schnell durchschauen. Er kennt unsere Pläne und weiß, wie wir denken!“, meinte ein Ratsmitglied.
Daraufhin mischte sich der Vorsitzende in die Debatte ein; er stimmte dem Vorschlag des Weltpräsidenten zu. „Natürlich ist Tschistokjow nicht naiv, aber er wird sich freuen, wenn er erst einmal in Ruhe sein Land aufbauen kann. Vielleicht wird er auch mit der Zeit nachlässiger und zögernder, was seine Rüstungsvorhaben betrifft. Ich halte es nicht für unrealistisch, dass wir ihn dazu bringen können, uns gegenüber gutmütiger und weniger wachsam zu sein. So wie die GSA sein Persönlichkeitsprofil einschätzt, will dieser Mann das Gute und träumt keineswegs vom ewigen Krieg. Geben wir ihm doch seinen ersehnten Frieden, auf dass er faul und träge wird.“
„Ja, wir töten ihn langsam – mit der Illusion des Friedens!“, zischte der Weltpräsident leise in die Runde und lächelte kalt.
Einige der anderen Ratsmitglieder ließen sich im weiteren Verlauf der Diskussion von den Plänen der beiden obersten Männer des Rates der 13 überzeugen, andere hingegen blieben nach wie vor skeptisch. Doch letztendlich hatte wie immer der Vorsitzende die Entscheidungsgewalt und dieser ordnete schließlich an, was den Logenbrüdern so fremd war, wie einem Vogel der Meeresgrund: Frieden.
So ließ die permanente Hetze der internationalen Medien gegen den Nationenbund der Rus in den folgenden drei Monaten spürbar nach, was zugleich die erste Maßnahme der neuen Friedenpolitik des Weltverbundes darstellte.
Die weltweit vernetzte Logenorganisation tat nun alles dafür, das Klima zwischen der Weltregierung und dem neuen Russland Schritt für Schritt zu entspannen. Für Mitte November des Jahres 2042 kündigte sich schließlich hoher diplomatischer Besuch im neuen Präsidentenpalast von St. Petersburg an. Kein geringerer als der Weltpräsident selbst bat Artur Tschistokjow um Friedensgespräche und dieser willigte offensichtlich dankbar ein.
Tief im Inneren wusste das Oberhaupt des Nationenbundes zwar, dass man eher einer Giftschlange als seinem baldigen Gast trauen konnte, doch Tschistokjow interpretierte dieses unerwartete Angebot trotz allem als Erfolg seiner Politik; er redete zunehmend häufiger davon, die Konflikte mit der Weltregierung in Zukunft ohne Blutvergießen klären zu können.
Thorsten Wilden, als Kenner der weltpolitischen Hintergründe, wie auch viele weitere Kabinettsmitglieder und Freunde Tschistokjows, betrachteten die neue Vorgehensweise der Weltregierung hingegen weit weniger euphorisch. Sie warnten den russischen Souverän eindringlich davor, sich von den gespaltenen Zungen seiner Feinde einwickeln zu lassen. Artur Tschistokjow betonte jedoch, dass ihm die Vorgehensweisen und Taktiken der Logenbrüder bestens bekannt wären und bat seine Mitstreiter, sich keine Sorgen zu machen. Doch wer ihn in dieser Zeit sah und reden hörte, der merkte ihm seine unübersehbare Freude darüber an, dass der übermächtige Gegner offenbar endlich bereit zu sein schien, den ewigen Kreislauf aus Hass und Krieg zu unterbrechen.
„Natürlich werden wir oder unsere Nachfahren uns eines Tages wieder mit den Logenbrüdern auf dem Schlachtfeld auseinandersetzen müssen, aber wir sollten jede friedliche Minute nutzen, um aufbauend und konstruktiv unserem Land zu helfen“, verkündete Artur Tschistokjow immer wieder.
Schließlich gab er sogar zu, dass er des ständigen Kämpfens gründlich müde geworden war und manchmal schien er fast selbst daran zu glauben, dass es einst so etwas wie eine friedliche Koexistenz des Weltverbundes und der freien, unabhängigen Staaten auf Erden geben könne.
Thorsten Wilden warf seinem Freund und Weggefährten hingegen Kurzsichtigkeit vor; er forderte ihn auf, sein Augenmerk auch weiterhin auf die militärische Aufrüstung Russlands zu legen und das Treffen abzusagen. Doch Tschistokjow war fest entschlossen, den Weltpräsidenten am 16.11.2042 in St. Petersburg zu empfangen.
„Als oberster Mann des Nationenbundes der Rus trage ich die volle Verantwortung für mein Volk und ich bin verpflichtet, keine Möglichkeit auf Frieden auszuschlagen“, verteidigte Tschistokjow seine Position.
Bald waren es kaum noch zwei Wochen, bis das Oberhaupt des Weltverbundes Russland zu besuchen gedachte, und die Vorbereitungen für das Treffen der beiden Staatsmänner liefen bereits auf Hochtouren.
Tschistokjow wollte seinem Gast einen beeindruckenden Empfang bereiten; er schien ganz auf die Verführungskünste der Logenbrüder hereinzufallen – schneller als es diese erwartet hatten.
Friedensgespräche
„Der Weltpräsident kommt zu uns?“, rief Frank völlig verblüfft, sein Sessel kippte fast nach hinten weg.
Auch Julia stand mit weit aufgerissenen Augen vor dem Fernsehkasten und verfolgte die Nachrichtensendung auf dem ausländischen Kanal. Friedrich hingegen spielte am anderen Ende des Wohnzimmers mit einigen Bauklötzen, lachte ab und zu laut auf und schien die weltpolitische Brisanz des angekündigten Staatsbesuches ziemlich zu ignorieren.
„Der Weltverbund hat sich entschlossen, dem russischen Diktator Artur Tschistokjow eine Chance zu geben und wird in Zukunft versuchen, auf diplomatischem Wege eine Einigung mit dem neu entstandenen Nationenbund der Rus zu erzielen.
Bei diesem ersten Friedengespräch mit Russland wird es unter anderem um eine zukünftige Neuausrichtung der außenpolitischen Verhältnisse gehen, allerdings werde der Weltpräsident auch die Problematik der Aufrüstung und der Menschenrechtsverletzungen in Russland ansprechen“, verkündete die Nachrichtensprecherin.
„Dieser Hund kommt tatsächlich zu uns! Ich dachte, dein Vater hätte einen Scherz gemacht, als er mir erzählt hat, dass Artur den Kerl empfangen will“, murmelte Kohlhaas in Julias Richtung. Er konnte es einfach nicht fassen.
„Humanität und Pazifismus sind die Grundpfeiler der neuen Weltordnung und es ist wichtig, auch Staaten wie Japan und Russland zurück in den Kreis der friedliebenden Nationen zurückzuführen und Kriege in Zukunft zu verhindern“, erklärte der Weltpräsident bei einer Pressekonferenz in New York.
Frank und Julia rümpften die Nasen; sie betrachten die neue Taktik des Weltverbundes mit berechtigter Skepsis.
„Die planen doch wieder etwas“, flüsterte die Tochter des Außenministers, gebannt auf den Fernsehbildschirm starrend.
„Humanität und Pazifismus! Wie lächerlich!“, zischte Frank und schaltete das Gerät ab.
Die nächsten Stunden dieses aufregenden Tages waren von langen Gesprächen zwischen Julia und ihm geprägt. Auch Alfred kam mit Svetlana zum Abendessen vorbei, um sich ausführlich über die neue Situation auszulassen. Franks bester Freund wirkte ebenfalls verstört und stellte wilde Spekulationen bezüglich des baldigen Besuches des Weltpräsidenten an.
Sie hatten mit vielem gerechnet, aber nicht damit. Dass die Logenbrüder auf einmal vorgaben, den Frieden zu wollen, verwirrte sie zutiefst. Zwei Tage später wurden Frank und Alfred von einem aufgeregten Artur Tschistokjow nach St. Petersburg gerufen, um an den Vorbereitungen für den historischen Staatsbesuch mitzuwirken.
„Die Waräger sollen als meine Ehrengarde Spalier stehen, wenn der Weltpräsident kommt“, ordnete das Oberhaupt des Nationenbundes an. Er machte den Anschein, als würde zumindest ein Teil von ihm doch an ein friedliches Auskommen mit dem Weltverbund glauben.
Frank sagte Tschistokjow hingegen gehörig die Meinung. Er war außer sich, ermahnte ihn, den bisher beschrittenen Weg nicht zu verlassen und keine Zugeständnisse zu machen. Ähnlich verhielt sich auch der japanische Präsident Matsumoto, der seinen russischen Bündnispartner mehrfach zu überzeugen versuchte, das Treffen wieder abzusagen.
„Diese Verbrecher können nur mit dem Schwert niedergerungen werden. Ihre süßen Worte sind nichts als Dolche, die sie uns in den Rücken stoßen wollen!“, erklärte der Japaner, doch der Anführer der Freiheitsbewegung ließ sich nicht beirren. Er war fest entschlossen, den Weltverbund diesmal nicht vor den Kopf zu stoßen.
„Ich lasse mich schon nicht einwickeln“, versuchte Tschistokjow seine Getreuen zu beruhigen, aber Frank, Wilden und viele andere blieben dennoch skeptisch.
„Ich würde den Weltpräsidenten viel lieber über den Haufen schießen, wenn ich ihn schon einmal so nahe vor der Mündung habe!“, entgegnete Kohlhaas Tschistokjow daraufhin.
Doch es half alles nichts. Es dauerte nicht mehr lange, da zeigte das Kalenderblatt den 16. November des Jahres 2042 und der von den Medien weltweit bejubelte Staatsbesuch fand tatsächlich statt.
St. Petersburg war von Menschenmassen überlaufen und Hunderte von Polizisten und Volksarmisten sicherten die Zufahrtsrouten zum Präsidentenpalast ab, um dem prominenten Gast die ausreichende Sicherheit zu gewährleisten. Tausende von kleinen Russland- und Drachenkopffähnchen wurden geschwenkt, während sich die Masse am Straßenrand sammelte und in der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft in Jubel ausbrach.
General Kohlhaas hätte hingegen würgen können und wurde nicht müde, diese Tatsache jedem seiner Warägergardisten unter die Nase zu reiben. Alf und er standen nun schon eine Stunde lang starr in der ersten Reihe eines Blocks grau uniformierter Elitesoldaten und warteten auf die Ankunft des Besuchers.
Heute hatten sie sich herausgeputzt wie seit Jahren nicht mehr und ihre glatt gebügelten und geschniegelten Uniformen ließen sie adrett und edel erschienen. Sogar die Knöpfe an den extra für Staatsempfänge angefertigten, neuen Soldatenkleidern blitzten und blinkten wie kleine Diamanten.
Gegen 15.00 Uhr näherte sich eine schwarze Limousine dem mit roten Samtteppichen belegten und von Warägertrupps bewachten Platz vor dem St. Petersburger Präsidentenpalast. Schließlich hielt die noble Karosse an und der Weltpräsident entstieg ihr mit galanten Bewegungen. Er strich sich durch seine geglätteten, dunklen Haare, während er den Ehrengardisten zu seiner Rechten ein selbstgerechtes Lächeln schenkte.
„Jetzt einfach die Knarre nehmen und Paff!“, fauchte Kohlhaas still auf Deutsch in sich hinein und versuchte, weiterhin geradeaus zu schauen.
„Wie bitte, Herr General?“, flüsterte sein Nebenmann.
Frank drehte ihm kurz den Kopf zu. „Ich habe nur laut gedacht.“
Seine grünen Augen pulsierten vor Hass und am liebsten wäre er losgesprungen, um den „Menschenfreund“ an Ort und Stelle in Stücke zu hacken. Doch seine Aufgabe war es heute lediglich, gut auszusehen, zu schweigen und zackig zu wirken.
Nachdem der Weltpräsident aus seiner Limousine gestiegen war, begann er sich vor den zahlreichen Kameras und Journalisten zu postieren, um einige kurze Statements abzugeben. Er bekundete seinen Willen zum Weltfrieden erneut und lächelte dabei zufrieden.
Nach einer Weile kam auch Artur Tschistokjow in einer Limousine herangefahren und das schwarze, glänzende Gefährt wurde sofort von einem gewaltigen Pulk von Berichterstattern und Journalisten belagert, so dass eine Weiterfahrt kaum noch möglich war. Heute hatten sich alle versammelt, sowohl die Vertreter der Medien des Nationenbundes, als auch Hunderte von Journalisten aus aller Herren Länder, die pausenlos knipsten, tippten und fragten.
Unter dem ohrenbetäubenden Jubel der Menschenmasse hinter den Absperrungen, die den Platz umgaben, stieg der russische Souverän aus seinem Wagen und schritt langsam auf seinen Gast zu.
„Stillgestanden!“, donnerte eine Stimme hinter dem Trupp Waräger gen Himmel und die edel uniformierten Soldaten standen stramm.
Auch Frank fügte sich murrend dem Befehl, ließ das befremdliche Szenario an sich vorbeiziehen. Jetzt standen Artur Tschistokjow und das Oberhaupt des Weltverbundes voreinander und schenkten sich gegenseitig ein skeptisches Lächeln.
„Willkommen in St. Petersburg!“, sagte Tschistokjow schließlich. Er schüttelte seinem Gast die Hand und verneigte sich höflich.
„Vielen Dank, Herr Tschistokjow! Es ist mir eine Ehre, Sie endlich einmal persönlich kennenlernen zu dürfen!“, erwiderte der Weltpräsident und die beiden Politiker drehten sich leicht zur Seite, um in zahllose Kameras zu grinsen.
Der Weltpräsident und Artur Tschistokjow unterhielten sich nun schon seit über einer Stunde, nachdem sie zuvor den üblichen Smalltalk ausgetauscht hatten. Der Vorsitzende des Weltverbundes bemühte sich, überaus freundlich und zuvorkommend zu erscheinen, um seinen Verhandlungspartner nicht zu beunruhigen. Sein russischer Gastgeber hingegen wirkte heute keineswegs so, als sei er in Höchstform, und überließ ihm zunächst das Reden.
„Wie haben Sie es geschafft, Ihre Freiheitsbewegung der Rus buchstäblich aus dem Nichts aufzubauen, Herr Tschistokjow? Bei all dem Widerstand, dem Sie sich entgegenstellen mussten?“, fragte der Logenbruder.
„Nun, ich war der festen Überzeugung, dass man sich gegen Leute wie Sie wehren muss!“, gab Artur Tschistokjow mit einem breiten Lächeln zurück.
„Ach, Herr Tschistokjow, ich hoffe, dass es in Zukunft weniger Reibereien zwischen der Weltregierung und dem Nationenbund geben wird. Wir werden sicherlich keine Freunde werden, aber wir müssen uns auch nicht mehr mit Hass und Feindschaft gegenüberstehen …“, erwiderte der Weltpräsident.
„Dann sorgen Sie doch bitte dafür, dass die ständige Hetze und Verleumdung gegen mein Land und meine Person in den internationalen Medien eingestellt wird“, sagte der abtrünnige Staatschef ernst.
„Darüber können wir sicherlich sprechen, Herr Tschistokjow.“
„Das wäre jedenfalls eine Grundlage für weitere Gespräche, Herr Weltpräsident.“
Artur Tschistokjows Gegenüber musterte diesen mit einem aufgesetzten Lächeln. Er faltete langsam die Hände.
„Gut, darauf kann sich der Weltverbund einlassen …“
„Ich werde ja sehen, ob Sie Wort halten.“
„Ja, natürlich werden Sie das, Herr Tschistokjow. Und ich will ehrlich zu Ihnen sein: Die Weltregierung möchte keinen Krieg mit Russland, da wir andere Probleme haben. Daher wollen wir mit dem Nationenbund verhandeln.“
„Die ODV-Seuche und die Zwangsregistrierungen binden Ihre Kräfte zurzeit sehr, nicht wahr?“, stichelte Tschistokjow nun.
„Die ODV-Epidemie ist nun leider einmal ausgebrochen, was uns alle sehr schockiert, und größere GCF-Kontingente sind notwendig, um für über zwei Milliarden Menschen die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten.“
„Naja, aber die Dezimierung der Erdbevölkerung hat ja auch etwas Gutes, oder nicht?“, bemerkte der russische Souverän.
Kopfschüttelnd winkte der Weltpräsident ab. Dann lächelte er kalt. „Vermeiden Sie doch bitte diese versteckten Anschuldigungen uns gegenüber. Das sind alberne Verschwörungstheorien, Herr Tschistokjow. Gut, ich weiß, Sie glauben, dass wir diese Seuche künstlich erschaffen haben, aber über derart absurde Dinge möchte ich heute nicht mit Ihnen sprechen, denn das gehört nicht zum Thema. Zudem bitte ich Sie, wenn wir schon einmal bei dieser Sache angelangt sind, solche Vorwürfe gegen den Weltverbund auch nicht mehr in den russischen Medien zu verbreiten.“
Artur Tschistokjow nickte. „Wie Sie meinen, dann schrauben wir die gegenseitige Diffamierung zurück. Das wäre mir auch sehr recht.“
Das zweithöchste Mitglied des Rates der Weisen und das offizielle Oberhaupt der Weltregierung schenkte seinem Verhandlungspartner einen Blick von mephistophelischer Fröhlichkeit, um dann zu bemerken: „Ich bewundere Sie, Herr Tschistokjow. Ihre Hartnäckigkeit und Ihre Entschlossenheit stehen der unseren in nichts nach. Wenn ich nicht auf der anderen Seite kämpfen würde, wäre ich vielleicht ihr treuester Anhänger …“
Der russische Staatschef räusperte sich und sagte für einige Sekunden nichts, aber man merkte ihm an, dass er sich geschmeichelt fühlte.
„Ich denke, dass ich auch ohne Sie auskomme!“, erwiderte er dann mit freundlicher Miene.
„Wie wollen wir denn nun weiter vorgehen? Was soll ich dem Weltverbund sagen? Will der Nationenbund der Rus den Frieden oder nicht?“, wollte der Weltpräsident wissen.
„Ja, definitiv. Ich lege keinen Wert mehr auf Krieg, wenn Sie uns nur endlich in Ruhe so leben lassen, wie wir es wünschen“, gab Artur Tschistokjow zurück.
„Wie Sie und Ihre Mitstreiter es wünschen!“, berichtigte ihn sein Gegenüber mit ironischem Unterton. „Ich glaube kaum, dass alle Russen, Ukrainer und Balten mit ihrer Diktatur einverstanden sind.“
„Und ich glaube, dass der Anteil der Russen, die mir freundlich gegenüber stehen, um einiges größer ist, als der Anteil derer, die in den von Ihnen …“
„Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten, Herr Tschistokjow!“, unterbrach ihn sein Gast dezent.
„Schon gut, Herr Weltpräsident!“
Jetzt lehnte sich der Logenbruder ein wenig über den Konferenztisch und sah Artur Tschistokjow tief in die Augen. „Wird das neue Russland offen sein für Handelsbeziehungen mit dem Weltverbund?“
Der russische Souverän überlegte kurz. Dann zuckte er mit den Achseln. „Das kann ich an dieser Stelle noch nicht sagen. Wie sollen diese Handelsbeziehungen denn aussehen, Herr Weltpräsident? Bisher haben Sie uns immerhin mit allen Mitteln boykottiert und isoliert.“
„Das könnte sich ändern“, säuselte dieser.
„Und was erwarten Sie von mir? Soll ich Ihre Banken wieder in mein Land lassen? Wollen Sie mir Kredite anbieten? Das können Sie vergessen!“, stellte Artur Tschistokjow klar.
„Nein, aber eine wirtschaftliche Öffnung könnte der gebeutelten Ökonomie Russlands einige Vorteile bringen.“
„Unserer Wirtschaft geht es gut und wir werden, von Japan abgesehen, von keinen anderen Handelspartnern abhängig sein. Aber es bewegt mich, dass Sie sich solche Sorgen um unser Wohlergehen machen, Herr Weltpräsident.“
„Überlegen Sie es sich einfach in Ruhe. Unser Angebot steht. Die Weltregierung will Frieden und offene Handelsbeziehungen, das kann ich Ihnen jedenfalls versichern.“
„Gut, ich werde darüber nachdenken“, versicherte der russische Staatschef.
Sein Gesprächspartner nickte zufrieden und erklärte diese erste Verhandlung für abgeschlossen. Die beiden Politiker beendeten ihre interne Sitzung, verließen den kleinen Konferenzraum im Präsidentenpalast, um sich anschließend den vor der Tür lauernden Schwärmen von Journalisten und Kamerateams zu widmen. Das erste Friedengespräch zwischen Artur Tschistokjow und dem Weltpräsidenten war vorbei. Nun wartete noch eine lange Pressekonferenz auf die beiden Politiker.
„Meilenstein auf dem Weg zum Weltfrieden!“, titelte am nächsten Tag die größte Zeitung Nordamerikas, während die Volkszeitung der Rus das hochbrisante Gespräch in St. Petersburg mit der Schlagzeile „Artur Tschistokjow kämpft für den Frieden!“ kommentierte.
Es folgten unzählige Fernsehberichte und Reportagen auf sämtlichen Kanälen quer durch alle Länder des Erdballs und beide Seiten waren bemüht, sich als die jeweils größten Friedensapostel zu präsentieren.
Es war jedenfalls eine Tatsache, dass Artur Tschistokjow das unerwartete Angebot des Weltverbundes in erster Linie mit seiner eigenen politischen Macht erklärte und verkündete, dass die Logenbrüder Russland inzwischen offenbar fürchteten.
Viele seiner Kabinettsmitglieder sahen das hingegen anders, sprachen von einer „neuen Form der Zersetzungsarbeit“ des Feindes und wurden nicht müde, ihren Anführer vor weiteren Verhandlungen mit der Weltregierung zu warnen. Doch der russische Souverän winkte ab und ließ die Kritik seiner Berater ins Leere laufen. Tschistokjow betonte ihnen gegenüber, dass man keine Chance auf Frieden vertun sollte.
Außenminister Wilden und die anderen Kabinettsmitglieder waren mit ihrem politischen Latein am Ende. Die zum ersten Mal verhältnismäßig positiven Berichte in der internationalen Presse schienen regelrechter Balsam für die Seele des russischen Staatsoberhauptes zu sein. Dieser genoss es offenbar, dass er endlich einmal nicht als „wahnsinniger Diktator“ oder „gefährlicher Kriegshetzer“ beschimpft wurde.
So hielt Artur Tschistokjow nun auch im ganzen Land flammende Reden, in denen er seinen festen Willen zum Frieden beteuerte. Er sprach vom „Ende der Eiszeit“ und spielte damit auf den historischen Kalten Krieg zwischen der Sowjetunion und den USA an.
„Einen solchen Zustand wollen wir nicht noch einmal haben. Jahrzehnte voller Misstrauen und Hass sind das, was unser kriegsbeuteltes Land zurzeit am wenigsten gebrauchen kann“, sagte Tschistokjow vor Tausenden seiner Rus bei einer Rede in Smolensk.
Trotzdem schlug dem einst so revolutionären und radikalen Rebellenführer von Seiten seiner alten Kämpfer nach wie vor großes Unverständnis entgegen. Dass gerade er, der ansonsten immer seine unüberwindliche Feindschaft gegenüber den Logenbrüdern unterstrichen hatte, jetzt auf einmal vom Frieden mit dem Todfeind sprach, wirkte auf viele Rus nicht ganz zu Unrecht befremdlich.
Frank und Alfred waren inzwischen wieder nach Minsk zurückgekehrt. Auch sie waren keineswegs von Artur Tschistokjows neuem Weg angetan und wandten ihre Aufmerksamkeit Wichtigerem zu. Frank verbrachte seine Zeit mit Julia und Friedrich, die sich schon riesig auf das Weihnachtsfest freuten. Für Anfang Dezember planten sie noch eine kleine Rundreise durch Weißrussland und wollten sich ein paar ruhige Tage in Brest gönnen.
„Soll doch Artur erst mal machen, was er will“, meinte Bäumer zum Abschied zu den beiden. Und sicherlich war ein dauerhafter Frieden für sie alle auch nicht die schlechteste Option, wie sich Frank selbst eingestehen musste.
Julia atmete die kühle, frische Luft tief ein, während sie von den Zinnen einer alten Burg auf die Stadt Brest hinabblickte. Heute schien die Sonne noch einmal mit aller Kraft durch den ansonsten wolkenverhangenen Dezemberhimmel.
„Papa, was ist das für ein Ding?“, wollte Friedrich wissen. Er zupfte Frank an der Hose.
„Meinst du dieses Gebäude?“
„Ja! Wie heißt das?“
„Das ist eine Burg, Friedrich! Dieses ganze Ding nennt man eine Burg!“
„Burg?“
„Ja, da haben früher Ritter gelebt …“
Der Kleine runzelte die Stirn: „Ritter? Was sind denn das?“ „Das sind in der alten Zeit Soldaten gewesen“, erläuterte Frank, seinem Sohn zulächelnd.
„So wie du, Papa?“
Julia grinste und wandte ihren Kopf Kohlhaas zu. „Papa, der edle Ritter …“
„Ja, so ähnlich. Aber die Ritter hatten Rüstungen und Schwerter – keine Sturmgewehre.“
„Sturmgewehre?“, Friedrich kratzte sich am Kopf.
„Nun erzähle dem Jungen doch nicht dieses militärhistorische Zeug, Frank!“, stöhnte Julia und ging zu einem kleinen Würstchenstand am Ende des Platzes.
„Das ist jetzt etwas schwierig zu erklären, Friedrich …“
„Sind das so Soldaten, wie du sie hast, Papa?“
„Meinst du meine Orks aus Zinn?“, fragte Frank.
„Ja, solche Monster. Die haben auch Schwerter und so.“
„Aber die Ritter waren nicht grün“, scherzte Kohlhaas. „Komm ich zeige dir, wie ein Ritter aussah.“
Vater und Sohn gingen ein wenig durch die alte Burg und kamen schließlich zu einem Gemälde, das einen Ritter darstellte. Friedrich kam aus dem Staunen nicht mehr heraus.
„So sahen die Ritter aus. Sie hatten eiserne Rüstungen und Helme“, bemerkte Frank.
„Oooh, ich wäre auch gerne so ein Ritter. Die sehen toll aus, Papa!“
Kohlhaas schmunzelte. „Kannst du denn überhaupt kämpfen, du kleiner Winzling?“
Friedrich antwortete auf diese Frage mit einem lauten Gejohle und versuchte, seinem Vater einen Tritt zu verpassen. Lässig wich Frank dem kleinen Beinchen aus. Er fing seinen Sohn auf, bevor dieser nach vorne über purzelte.
„Klar! Ich kann auch kämpfen, Papa!“, quiekte Friedrich und krallte sich am Hosenbein seines Vaters fest.
„Arrgh!“, rief er dann. Frank hob den Jungen hoch.
Inzwischen hatten sich einige Besucher der Burg umgedreht und warfen den beiden verstörte Blicke zu. Friedrich lachte und johlte immer lauter, bis sich Julia hinter ihnen räusperte. Die hübsche Frau schüttelte den Kopf.
„Musst du dem Kleinen denn immer diesen Mist beibringen und so wild mit ihm herumtollen?“, rügte sie Frank.
„Wir haben doch nur ein wenig gespielt“, verteidigte sich dieser kleinlaut.
„Ich frage mich manchmal, wer von euch beiden vier Jahre alt ist“, sagte Julia. Sie nahm Friedrich an die Hand.
„Papa wollte mir zeigen, wie die Ritter kämpfen, Mama!“, versuchte der Kleine seiner Mutter zu verdeutlichen, doch diese winkte ab.
„Jetzt ist Schluss mit diesem Unsinn und gekämpft wird heute gar nicht mehr. Iss jetzt erst einmal deine Wurst, Friedrich.“
Wenige Minuten später waren die drei wieder in den Burghof gegangen; der Junge mampfte laut schmatzend vor sich hin.
„If will auf mal ein Riffer werfen“, sagte Friedrich mit vollen Backen und schmiegte sich an seine Mama.
„Aber zuerst musst du mal deine Wurst essen, klar?“, erwiderte Julia, dem Knirps den Kopf tätschelnd.
So widmete sich der kleine Sohn erst einmal dieser Aufgabe und stellte seine Ritterkarriere hinten an.
Die 12 Mitglieder des Rates der Weisen hatten sich heute in einem Chicagoer Hotel getroffen und waren gespannt, was der Weltpräsident bezüglich des jüngsten Treffens mit Artur Tschistokjow zu berichten hatte. Dieser wirkte zuversichtlich und strahlte eine gewisse Genugtuung aus. Um ihn herum hatten sich die anderen Mitglieder des obersten Gremiums der weltweiten Logenorganisation auf ihren Stühlen niedergelassen; neben dem Weltpräsidenten saß der Vorsitzende des Rates der 13.
Der ergraute, zutiefst verschlagen wirkende Mann stand auf und verzog seine leicht wulstigen Lippen zu einem kurzen Lächeln.
„Unser Bruder wird uns nun von seinem Treffen mit Artur Tschistokjow berichten.“
„Danke, Meister!“, sagte der Weltpräsident leise, um dann mit seinen Ausführungen zu beginnen.
„Es war schön in St. Petersburg, das vorweg. Dieser Tschistokjow ist ein hoffnungsloser Idealist. So wirkt er jedenfalls auf mich. Sicherlich ist er auch ein Fanatiker gegenüber denen, die sich ihm offen als Feinde in den Weg stellen, aber sobald man auf ihn versöhnlich einwirkt, wird er immer ruhiger und freundlicher.“
„Was ist er für ein Mensch? Welche Aura hat er?“, redete ein Großbankier dazwischen.
„Jetzt bitte keine Zwischenfragen! Darauf komme ich später zurück“, fuhr ihn der Weltpräsident an. Er erzählte seinen Brüdern in allen Einzelheiten von dem ersten Friedensgespräch; diese lauschten gespannt, wirkten erstaunt. Was die Führungsköpfe des Geheimbundes, die obersten 12 Auserwählten und Weisen, jetzt hörten, stimme sie, wenn sie diesen Gemütszustand überhaupt kannten, fröhlich.
Der russische Staatschef hatte offenbar charakterliche Eigenschaften, die ihn gegenüber denen, die keinen Charakter besaßen, verwundbar machten. Warum sollte man Artur Tschistokjow weiter mit offenem Hass begegnen, wenn man als „Freund“ viel leichter in sein Haus gelangen und ihn erdrosseln konnte, gab der Weltpräsident zu verstehen. So hatten es die Vorgänger der hier versammelten Großmeister in den alten Zeiten, noch bevor die Organisation die Weltherrschaft erlangt hatte, häufig gehandhabt. Sie waren nun einmal die Meister der Lüge und Verdrehung, denn diese Waffen waren oft viel gefährlicher und wirksamer als die größten Armeen.
„Tschistokjow hat tatsächlich gesagt, dass er über Handelsbeziehungen mit uns nachdenkt“, höhnte der Weltpräsident und bösartiges Gelächter schallte ihm aus allen Richtungen entgegen.
„Sicherlich versucht auch er nur zu bluffen, Bruder!“, gab einer der Anwesenden zu bedenken, doch der Vorsitzende des Rates entgegnete ihm, dass sich der russische Staatschef damit in ein Gebiet begeben würde, in dem ihn der sichere Untergang erwartete.
„Ja, natürlich hat er mir beim ersten Treffen nicht sofort aus der Hand gefressen und mir zu vermitteln versucht, dass auch er noch Trümpfe in der Hand hat, aber das war beinahe kindisch. Ich habe diesen Mann, seine Blicke und Gesten studiert, während er mir gutgläubig und naiv von seinen Friedenshoffnungen erzählte. Tschistokjow glaubt tief im Inneren tatsächlich daran und das wird der Schlüssel sein, um ihn zu vernichten.“
„Wenn das so ist …“, murmelte ein Ratsmitglied dazwischen.
„Ich bin mir fast sicher, dass es so ist. Artur Tschistokjow ist im Grunde eine direkte und ehrliche Haut. Er konnte mir nicht viel vormachen und ich denke, dass der Rat der Weisen auf einem guten Weg ist, wenn er diesen Mann weiter umgarnt, so dass er gar nicht bemerkt, wie wir die Auslöschung seines Nationenbundes vorbereiten und unbeirrt weiter vorantreiben!“, erläuterte der Weltpräsident mit einem selbstgefälligen Lächeln.
Derweil erhob sich der Vorsitzende des Rates und sah über die Köpfe der ihm untergeordneten Weisen hinweg. Dann räusperte er sich, gab seinem Stellvertreter per Handzeichen die Anweisung zu schweigen.
„Vielen Dank, Bruder! Wir sind auf dem richtigen Weg, wenn wir bei Tschistokjow die Friedenstaktik anwenden. Ich glaube auch, wir kommen damit wesentlich weiter, als wenn wir ihm durch unser Verhalten das Feindbild liefern, das er erwartet. Ich befehle hiermit, die Friedensverhandlungen fortzusetzen.“
Einige Minuten später war die Zusammenkunft beendet und die Ratsmitglieder verließen das Chicagoer Hotel in der festen Überzeugung, dass Artur Tschistokjow ihren Verdrehungskünsten und Schmeicheleien auf Dauer hoffnungslos unterlegen sein würde.
Der Rest des Jahres 2042 verlief ruhig und ohne Zwischenfälle. Die Hetze gegen den Nationenbund der Rus hatte inzwischen stark nachgelassen und auch der Anführer der Rus wies die Medien in seinem Herrschaftsbereich an, hauptsächlich über innenpolitische Themen zu berichten. Und davon gab es mehr als genug, denn der russische Souverän nutzte die Entspannungsphase, um den Aufbau seines Landes unbeirrt voran zu treiben.
Mittlerweile hatte sich die Industrie weiter erholt und die Arbeitslosigkeit war in noch größerem Maße zurückgegangen. Im verschneiten Januar des folgenden Jahres lud die Freiheitsbewegung ihre Anhänger zu einer großen Veranstaltung nach Kiew ein und Artur Tschistokjow unterstrich bei seiner bejubelten Rede einmal mehr den Erfolg seiner Innenpolitik.
Einen Monat später trafen sich das Staatsoberhaupt des Nationenbundes der Rus und der Weltpräsident erneut. Diesmal kam der mächtigste Mann des Weltverbundes nach Minsk, wo er mit einer großen Parade begrüßt wurde. Artur Tschistokjow und er ließen nun die Öffentlichkeit direkt an ihrem Gespräch teilhaben und Hunderte von Fernsehkameras übertrugen das Spektakel live.
Erneut bekräftigten beide Staatsmänner ihren Willen zum Frieden und kündigten sogar einen Nichtangriffspakt für die nahe Zukunft an. Wenig später reiste der Weltpräsident weiter nach Japan und traf sich dort mit Haruto Matsumoto, um auch das Verhältnis zu Japan zu entspannen. Zwar hatte der japanische Staatschef im Vorfeld große Bedenken geäußert, als der Weltverbund ihm Verhandlungen angeboten hatte, doch war es Artur Tschistokjow gelungen, seinen Verbündeten zu überzeugen, das Angebot nicht auszuschlagen.
So wurde Tokio am 24. März 2043 ebenfalls zum Ort eines weltpolitisch höchst bedeutsamen Treffens zwischen den beiden verfeindeten Politikern. Sowohl das russische Volk als auch die überwiegende Masse der Japaner, begrüßten die Friedensverhandlungen in der Hoffnung, dass ihre Heimatländer in Zukunft von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont würden.
Wilden hatte es inzwischen aufgegeben, seinen Freund Artur Tschistokjow zu überzeugen, die Verhandlungen mit den Logenbrüdern einzustellen, denn dieser bestand felsenfest auf deren Fortführung.
Als der Anführer der Freiheitsbewegung dem Weltverbund schließlich sogar zusicherte, dass der Nationenbund demnächst wieder die Einfuhr von Waren aus den Verwaltungssektoren Europa-Mitte und Amerika-Nord zulassen würde, gerieten der Außenminister und er ernsthaft aneinander. Ähnlich erging es Tschistokjow auch mit vielen anderen seiner alten Mitkämpfer, die ihm offenen Verrat an den Grundprinzipien der Revolution vorwarfen und ihn lauthals kritisierten.
Die von der Weltregierung kontrollierten Länder importierten allerdings im Zuge des Handelsabkommens nun auch wieder in Russland erzeugte Waren und man konnte den Eindruck gewinnen, dass die Geldinteressen der beiden verfeindeten Blöcke die ideologischen Gegensätze in Windeseile überwunden hatten.
Bereits Mitte des Jahres 2043 war ein Zustand erreicht worden, den man zumindest oberflächlich als friedliche Koexistenz der gegnerischen Mächte bezeichnen konnte. Trotzdem verhielten sich beide Seiten aber nach wie vor misstrauisch und ihre Freundlichkeit bei den diplomatischen Verhandlungen wirkte weiterhin aufgesetzt.
Auch war es keineswegs so, dass die konkurrierenden Mächte den Aufbau ihrer militärischen Kräfte sonderlich einschränkten. Im Geheimen arbeiteten Tschistokjows Wissenschaftler unter Anleitung von Prof. Hammer an neuen Waffen und fortschrittlichen Rüstungen für Infanteristen, während der Weltverbund dazu überging, zusätzliche Verbände für seine Global Control Force auszuheben. Allerdings hatte auch Frank, der sich gegenüber Artur Tschistokjow inzwischen mit allzu scharfer Kritik zurückhielt, in den letzten Monaten den Eindruck gewonnen, dass dieser mehr denn je Gefahr lief, vom revolutionären Weg der Freiheitsbewegung ab zu kommen.
Vor einigen Tagen war Frank vom Oberkommando der Volksarmee der Rus nach St. Petersburg gerufen worden, um einigen „Formalkram“, wie er es bezeichnete, zu erledigen. Die Warägergarde sollte in Zukunft deutlich vergrößert werden und das ohnehin schon harte Ausbildungssystem für neue Rekruten war noch einmal deutlich verschärft worden.
Im Zuge dieser organisatorischen Umstellung hatte General Kohlhaas von der militärischen Leitung einige zusätzliche Aufgabenfelder übertragen bekommen, sollte es noch einmal zu einem Krieg kommen. Doch dafür sprach in dieser Zeit nichts. Somit war die ganze Sache für Frank lediglich eine formale Angelegenheit.
Ansonsten hatten Julia und er ihre Ruhe vor solchen Dingen und ließen es sich gut gehen. Frank trainierte jetzt wieder täglich, widmete sich dem Sport. Er joggte mit seinem Freund Alf durch die weiten Wälder rund um Ivas und versuchte, sich durch eine Umstellung der Ernährung fit zu halten. Die regelmäßige körperliche Betätigung tat ihm gut, sie wirkte sich auch positiv auf seinen Geist aus.
Depressive Verstimmungen oder schlechte Träume waren in letzter Zeit recht selten geworden und Frank wäre auch kein Grund eingefallen, warum dieser Seelenzustand, den er in den letzten Jahren zu genüge kennen gelernt hatte, noch einmal wiederkehren sollte. Julia hatte sich hingegen wieder in ihr Studium vertieft und pendelte zwischen Ivas und Minsk, wobei sie Frank und Friedrich fast immer begleiteten. Sie hatte bereits ihre Zwischenprüfung abgelegt und unterrichtete ansonsten nach wie vor in der kleinen Schule des ehemaligen Rebellendorfes, wenn es die Zeit zuließ.
Besondere Freude hatten Frank und sie am kleinen Friedrich, der mit jedem verstreichenden Tag ein wenig mehr zu einem wissbegierigen und stets munteren Racker heranwuchs. Friedrich studierte seine Kinderbücher, die ihm Frank und Julia aus Minsk mitgebracht hatten, mit großem Eifer und konnte allmählich immer besser lesen.
„Er ist ein sehr helles Köpfchen“, sagte Wilden voller Stolz, wenn Friedrich seine neuesten Geistesblitze zum Besten gab. Und er hatte Recht.
Die Lernfähigkeit des kleinen Jungen war in der Tat verblüffend und seine Eltern freuten sich schon, wenn Friedrich endlich die Schule besuchen durfte. Ständig fragte sie der kleine Junge, wann es endlich so weit wäre, dass er richtig lesen lernen konnte. Doch der wissensdurstige Knirps musste sich noch ein wenig gedulden.
„Eines Tages wird er ein führender Mann in der Freiheitsbewegung werden“, prophezeite Wilden immer wieder, ständig betonend, dass man den Jungen so früh wie möglich in Artur Tschistokjows Jugendorganisation einbinden müsse. Die Begeisterung seiner Tochter hielt sich diesbezüglich hingegen in Grenzen.
„Er soll nicht so enden wie Frank. Ein Held in unserer Familie reicht vollkommen aus“, erwiderte sie ihrem Vater dann und begann oft einen Disput mit ihm.
So vergingen die Tage trotz gelegentlicher Meinungsverschiedenheiten in sorgloser Ruhe und besonders Frank genoss es, einmal keinen seiner Soldaten um sich zu haben. Auch seinem Hobby, dem Battle-Hammer-Spielen, ging er jetzt wieder intensiv nach und verbrachte mit HOK viele aufregende und entspannende Stunden. So konnte es bleiben, dachte sich Kohlhaas. Doch er wusste auch, dass man ihn im Ernstfall nicht nach seiner Meinung fragen würde.
Erholsame Tage
Während in den Grenzen des Nationenbundes die Zeichen auf Frieden standen, hatten sich Indien und Südchina zu regelrechten Schlachtfeldern entwickelt. Die ODV-Seuche war in den letzten Monaten Schritt für Schritt in den indischen Norden vorgerückt und schließlich durch Nepal über die Grenze nach China gekrochen. Mittlerweile häuften sich auch die ODV-Erkrankungen in Afrika und Indonesien.
Doch Indien war nach wie vor am schlimmsten von der Epidemie betroffen. Über 400 Millionen Menschen waren bereits an ihren Folgen gestorben oder im Zuge der chaotischen Zustände auf dem Subkontinent verhungert. Ganze Landstriche waren entvölkert und komplette Städte aufgegeben worden. Hungerrevolten tobten beinahe täglich in den urbanen Zentren des Landes, die sich teilweise mit riesigen Schutzwällen vom Rest der Welt abschotteten. Die Präsenz von GCF-Truppen war in den letzten Wochen noch einmal erhöht worden und nun begann auch Südchina langsam in Panik und Anarchie zu versinken. Inzwischen meinten Millionen Inder und Chinesen, dass die Weltregierung sie im Stich gelassen hätte und die zunehmenden Proteste in den Straßen der großen Metropolen entluden sich immer öfter in blutigen Auseinandersetzungen mit der Polizei und den GCF-Besatzungstruppen.
Anfang August wurde die von der ODV-Epidemie schwer betroffene südchinesische Stadt Kunming zum Ort schwerster Unruhen, die von den internationalen Streitkräften mit brutaler Militärgewalt niedergeschlagen werden mussten. In ganz Asien begann es nun zunehmend zu brodeln und der Weltverbund hatte alle Hände voll zu tun, seine Macht mit einer Mischung aus Gewalt, Einschüchterung und vorgespielter Betroffenheit zu erhalten. Sehnsüchtig blickten die Menschen in diesen Regionen auf die freien, aufblühenden Länder von Artur Tschistokjow und Haruto Matsumoto, die ihnen fast wie paradiesische Orte erschienen. Diese Tatsache erhöhte zugleich die Gefahr von Revolutionen und Aufständen um ein Vielfaches, was den Weltverbund dazu veranlasste, noch mehr Soldaten nach Asien zu schicken.
Außerdem waren auch die islamischen Rebellen im iranischen Hochland und im Irak wieder aktiver geworden. Sie setzten ihren Partisanenkrieg fort und hatten sich neu formiert. Die unterschwelligen Vorwürfe, dass der Nationenbund der Rus sie mit Waffen und Geld unterstütze, konnten zwar nicht bewiesen werden, doch sie standen weiterhin im Raum.
Aber da sich die Weltregierung in Bezug auf Russland und Japan den Frieden auf die Fahnen geschrieben hatte, hielt sie sich vorerst mit allzu offenen Anschuldigungen zurück.
Artur Tschistokjow kam die Gesamtsituation jedenfalls zu Gute und obwohl ihm von Seiten seiner Berater und Kabinettsmitglieder weiterhin Kritik entgegenschallte, setzte der russische Souverän seine Politik der Versöhnung unbeirrt fort.
„Oh, nein!“, jammerte Frank, während HOK eine durchsichtige Plastikscheibe über einige seiner Battle Hammer Miniaturen legte.
„Das nenne ich einen Volltreffer!“, jubelte der korpulente Informatiker; seine schwabbeligen Backen zuckten vor Freude.
„Wie stark ist der Zauberspruch denn?“, wollte Kohlhaas wissen. Besorgt starrte er auf den Spieltisch.
„Hmmm …“, machte HOK und blätterte in einem zerfledderten Regelbuch herum. „Das ist … Moment … Das ist der ‚Blitz der Mondgöttin‘. Der hat Stärke 16!“
HOK grinste verschlagen, während sein Gegenspieler kreidebleich wurde.
„Stärke 16?“
„Ja, in der Tat! Stärke 16!“, betonte HOK.
Der verschrobene Informatiker ließ ein paar Würfel über den Spieltisch rollen und stieß einen Jubelschrei aus.
„Die Orks sind alle platt, Frank!“
„Mist!“, knurrte Kohlhaas. „Aber die haben immer noch magische Schilde …“
„Dann sind sie bei einer 6 nicht platt!“, bemerkte HOK hämisch.
Frank vergeigte seinen Würfelwurf gründlich. Seine Orks wurden, zumindest symbolisch, in die ewigen Jagdgründe geschickt und verschwanden wieder in einem kleinen Pappkarton.
„Du bist dran“, sagte HOK.
„Dieser verdammte Magier mit seinen Mondzaubern“, wetterte Kohlhaas. Dann ließ er seine Orks vorrücken.
„Meine Gnoggreiter greifen die Elfen an“, sagte er.
„Kommst du überhaupt so weit?“
„Ja, sicher! Die haben einen Angriffsradius von 30 Zentimetern. Die haben nämlich ein spezielles Banner“, erklärte Frank und warf einen Blick auf seine Armeeliste.
„Was denn für ein Banner?“, wollte HOK wissen.
„Das Banner des Gorkiorki!“
„Das Banner des Gorkiorki?“, rief der Computerfreak entsetzt.
„Ja, genau!“, bemerkte Frank mit einem frechen Grinsen und rückte seine Orkreiter an die Elfen heran.
„Verflucht!“
„Tja, jetzt sind die Spitzohren dran!“
„Ich glaube auch“, stöhnte HOK, den Untergang seines großen Elfenregiments erwartend.
Nach einigen Würfelwürfen machten sich die Elfen aus dem Staub und lösten bei den benachbarten Truppen Panik aus.
„Dann mach mal deine Muttests, Dicker!“, höhnte Kohlhaas.
Es dauerte nicht lange, dann hatte HOK sämtliche Würfe gemacht und wirkte nun gar nicht mehr so siegessicher.
„Jetzt laufen auch noch die Speerträger weg! Mist! Mist! Mist!“, schimpfte der Computerexperte und raufte sich die verbliebenen Haare auf dem Kopf.
„So sind die Spitzohren halt …“, neckte ihn Frank. Er stieß einen lauten Lacher aus.
„Das sieht nicht gut aus …“, murmelte HOK.
„Sehe ich auch so, denn der da steht mit seinen Gnoggreitern an deiner Flanke“, meinte Kohlhaas. Er deutete auf seinen Orkgeneral.
Der dickliche Informatiker rieb sich nachdenklich das Kinn, um dann die Arme in die Höhe zu werfen. Er begann damit, seine Elfen vom Spieltisch abzuräumen.
„Es hat keinen Zweck mehr. Die können sich eh nicht mehr sammeln. Das war’s für meine Armee. Glückwunsch, Frank!“
HOK gab auf und reichte Kohlhaas die speckige Hand über das liebevoll gestaltete Schlachtfeld. Jetzt fühlte sich der Sieger des Spiels wieder wie ein echter General und musterte seine Orks mit Stolz.
„Super, Jungs!“, lobte er seine Miniaturen, während HOK seine kleinen Elfen rügte und in eine Holzkiste packte.
„Ich hätte noch einen zweiten Mondmagier nehmen sollen!“, warf er sich vor und ging hart mit sich ins Gericht.
„Was soll’s! Man kann ja auch nicht immer gewinnen. So ist Battle Hammer eben …“, baute ihn Frank auf.
„Warum habe ich keinen zweiten Mondmagier mitgenommen?“
„Ein großer Sieg für Grimzhag den Ork!“, stieß Frank aus. Er betrachtete den General der grünen Horde in seiner Hand mit freudig leuchtenden Augen. „Wir ham die Spitzohren weggehau’n!“
„Spielen wir morgen eine Revanche?“, fragte HOK.
Kohlhaas überlegte. „Morgen? Naja, eigentlich wollte ich mit Julia ins Kino gehen, aber vielleicht kann ich ihr ja erzählen, dass wir im Auftrag der Freiheitsbewegung eine neue Internetseite einrichten sollen …“
„Das glaubt dir Julia niemals. Vor allem nicht, wenn du deine Miniaturenbox unter dem Arm hast.“
„Stimmt! Diese Ausrede ist wohl wirklich nicht so erfolgsversprechend“, gab Frank zu.
„Überlege dir gefälligst etwas Besseres. Meine Elfen verlangen eine Revanche.“
„Irgendwas wird mir schon einfallen!“, antwortete Kohlhaas und zerbrach sich den Rest des Tages den Kopf, um Julia eine etwas glaubhaftere Notlüge auftischen zu können.
Eine kleine Wagenkolonne bewegte sich in Richtung des lettischen Dorfes Sevonsk im Norden des Landes und stoppte nach einer Weile etwas außerhalb der verschlafenen Ortschaft. Gelbe Weizenfelder waren am Rande der staubigen Landstraße zu sehen und einige Bauern blickten verdutzt zu den Autos herüber, die vor einer kleinen Betonhalle zum Halten gekommen waren.
Kurz darauf stiegen Artur Tschistokjow, Wilden, Frank und weitere hochrangige Rus aus den Wagen und verschwanden in Windeseile in der unscheinbaren Bunkeranlage, wo sie von einer Gruppe Waräger empfangen wurden. Die Soldaten führten sie durch eine Reihe langer Gänge und schließlich kamen sie in ein großes, unterirdisches Labor, in dem lauter Männer in weißen Kitteln arbeiteten. Prof. Karl Hammer, der ergraute Wissenschaftler aus Deutschland, eilte ihnen entgegen. Er schüttelte Tschistokjow die Hand.
„Herr Präsident, ich freue mich, Sie endlich hier begrüßen zu können!“, sagte er.
„Ich freue mich auch, Herr Professor!“, erwiderte der russische Stadtchef auf Deutsch und lächelte.
„Was haben Sie uns denn heute zu zeigen, Prof. Hammer?“, fragte General Borsov und bat Tschistokjow darum, jetzt wieder Russisch zu reden.
„Eine sehr interessante Sache!“, antwortete der Wissenschaftler. Dann führte er seine Besucher durch das riesige Labor.
Frank betrachtete einige seltsame Maschinen, die leise vor sich hin summten und gelegentlich ein leises Knacken von sich gaben. Mit fragendem Blick folgte er dem deutschen Erfinder, bis sie dieser ans andere Ende des unterirdischen Gewölbes geleitet hatte.
„Das ist eine der versprochenen Rüstungen für die Warägergarde. Wir haben sie Ferroplastinrüstung genannt“, erklärte Prof. Hammer und zeigte auf einen schwarzgrauen Brustpanzer, der auf einem Tisch lag. Jetzt kamen weitere Wissenschaftler dazu. Einer der Forscher begann mit ausführlichen Erklärungen.
„Dieser Körperschutz setzt sich aus mehreren Metallschichten und speziellen Hartplastiklegierungen zusammen. Das Gleiche gilt für die Schulterpanzer, den Helm und die anderen Teile der Rüstung. Dabei ist diese hocheffektive Rüstung trotzdem sehr leicht geblieben und kann nahezu perfekt an die Körperform der Träger angepasst werden“, erläuterte der Wissenschaftler seinen staunenden Zuhörern.
„Das sieht nicht schlecht aus!“, warf Frank in die Runde.
„Der Aufbau der Rüstung federt in gewisser Hinsicht die auftreffenden Kugeln ab und nimmt ihnen die Durchschlagskraft. Jedenfalls in den meisten Fällen. Es muss allerdings noch einiges überarbeitet werden. Diese Rüstungen dürften sogar, was ihre Wirksamkeit betrifft, denen der Grunts von der GCF leicht überlegen sein. Zumindest machen sie den Träger weniger schwerfällig und lassen ihn weiterhin agil und wendig bleiben“, fuhr Prof. Hammer fort. Artur Tschistokjow grinste Frank zu und bat ihn, die Rüstung anzuprobieren. Dieser war selbst äußerst gespannt darauf, zu erfahren, wie sich der Körperpanzer anfühlte, und legte den Brustschutz an.
„Er ist wirklich sehr leicht“, bemerkte Kohlhaas und ließ ein paar Verbindungsscharniere mit einem leisen Klicken einrasten. Nach wenigen Minuten war Frank ganz in die schwarz-graue Rüstung gehüllt und hatte auch den Helm aufgesetzt.
„Nicht schlecht!“, schnaufte der General. Er wunderte sich über die schnellen Bewegungen, die der Körperpanzer noch zuließ.
„In den Kragen der Ferroplastinrüstung werden kleine Funkgeräte, sogenannte „Komm-Sprecher“, integriert, so dass die Soldaten untereinander in stetigem Kontakt bleiben können“, erklärte Prof. Hammer.
„Jetzt siehst du aus wie ein Science-Fiction-Soldat!“, scherzte Wilden, Frank begeistert betrachtend.
„Hoffentlich sieht diese Rüstung nicht nur schneidig aus, sondern rettet auch Leben“, gab Kohlhaas zurück und zog den Körperpanzer wieder aus.
Einige Wissenschaftler nahmen ihm den Brustschutz und den Helm ab und spannten sie in ein von Schutzwänden umgebenes Gestell ein.
„Darf ich bitten, Herr General?“, sagte Prof. Hammer anschließend und drückte Frank ein Reaper-Sturmgewehr in die Hand. „Bitte gehen Sie hinter diese rote Linie und feuern sie auf Brustschutz und Helm! Die anderen setzen bitte diese Brillen auf!“
Für einige Minuten herrschte eine gespannte Atmosphäre in dem unterirdischen Labor, dann ließ Frank einen Feuerstoß auf den Brustpanzer los. Funken sprühten umher und einige Querschläger prasselten gegen die Schutzwände. Es folgte ein zweite, kurze Salve auf den schwarz-grauen Helm.
Erwartungsvoll rannten die Anwesenden zu dem Gestell und begutachteten den Brustpanzer. Lediglich zwei Projektile hatten ihn mit Mühe durchschlagen, obwohl Frank einen ganzen Kugelhagel abgegeben hatte.
„Das ist noch nicht optimal“, hörte man Prof. Hammer etwas enttäuscht vor sich hin murmeln.
Artur Tschistokjow und die anderen Gäste waren hingegen zutiefst beeindruckt. Diese neue Ferroplastinrüstung konnte viele Leben retten, auch wenn sie noch verbessert werden musste.
Bis Anfang des folgenden Jahres war Tschistokjow unermüdlich damit beschäftigt, eine Massenkundgebung nach der anderen durchzuführen. Er flog von St. Petersburg nach Moskau und bereiste dann das Land von Ost nach West. Mehrere Dutzend Reden hielt er vor seinem jubelnden Volk; in Ufa, nahe des Uralgebirges, in Orenburg an der Grenze zu Kasachstan, in Wolgograd am Schwarzen Meer und in vielen weiteren Städten. Sein von den Medien groß angekündigtes Erscheinen wurde jedes Mal zu einem gewaltigen Volksfest. Hunderttausende von Russen und Ukrainern wollten ihn sehen, um seine Botschaften von Aufstieg und Freiheit zu hören. In vielen Städten seines riesigen Landes war Tschistokjow selbst noch nie zuvor gewesen und demnach freute sich das Volk dort besonders, wenn es ihn endlich zu Gesicht bekam. Die monatelange Tournee durch den gesamten Nationenbund der Rus festigte Tschistokjows Popularität beim russischen und ukrainischen Volk erheblich.
Wenn der Staatschef in dieser Zeit einmal keine Reden hielt, so weihte er neu gegründete Dörfer für junge Familien ein oder legte symbolisch den Grundstein für neue Fabriken oder monumentale Bauten.
Frank war bei einem Teil seiner Reise dabei und von dem frischen Auftreten seines Freundes begeistert. Immer wieder berauschte auch er sich an den Meeren aus Russland- und Drachenkopffahnen, die Tschistokjows Massenkundgebungen stets begleiteten.
Den Höhepunkt aller Veranstaltungen der Freiheitsbewegung stellte jedoch der „Tag der russischen Einheit“ in der Nähe von Tula dar. Das gewaltige Massenspektakel fand Mitte April 2044 zum ersten Mal statt und wurde ein voller Erfolg. Ganze Regimenter der Volksarmee und der Warägergarde traten an und nicht weniger als zwei Millionen Besucher kamen. Es waren so viele, dass das eigens für diese Veranstaltung angelegte Versammlungsgelände sie gar nicht alle fassen konnte.
Artur Tschistokjow eröffnete das Spektakel mit einer fast dreistündigen Rede und legte dem gewaltigen Ozean von Menschen vor sich noch einmal die Gründe dar, die ihn vor vielen Jahren dazu veranlasst hatten, den Kampf gegen die Weltregierung und die dahinter stehenden Kräfte aufzunehmen. Anschließend sprach er vom Sieg über den Kollektivismus und würdigte den Opfermut seiner tapferen Soldaten im Kampf gegen Uljanin. Er predigte von der Einheit des russischen Volkes und beschwor ein neues Zeitalter des Aufstiegs, das auf Europa wartete.
Frank, Julia, Alf und Wilden standen tief beeindruckt auf der riesigen Bühne aus weißem Kalkstein neben ihrem alten Gefährten, der das Herz der Masse erneut für sich gewinnen konnte, wie es kein zweiter vermochte. Die Menschenmenge bebte vor Begeisterung. An ihren Rändern ragten große, weiße Säulen, die mit riesigen Drachenkopffahnen behängt waren, in den Himmel hinauf. Sie boten ein Bild der Pracht und Stärke.
Drei Tage dauerte die pompöse Feierlichkeit der russischen Einheit, und als Frank und die anderen wieder nach Hause zurückkehrten, waren sie sich sicher, dass Artur Tschistokjow, trotz allen Verhandlungen mit der Weltregierung, nach wie vor der Alte war und nichts von seinem revolutionären Geist verloren hatte.
Frank, Alf und Wilden spazierten durch den größten Park von Minsk und genossen den sonnigen Tag. Wie üblich brachte der Außenminister das Gesprächsthema schnell in Richtung Politik.
„Vielleicht haben wir Artur auch falsch eingeschätzt. Er weiß schon, was er tut“, bemerkte Alf und schloss mit forschem Schritt zu Frank und dem älteren Herrn auf.
„Ich bin schon vierzig, Leute! Vierzig!“, jammerte Kohlhaas und ging nicht auf Bäumers Aussage ein.
„Nun, ich bin ja auch dafür, dass wir uns vorerst nicht in einen neuen Krieg stürzen, aber ich bin mir sicher, dass diese so genannte Friedenspolitik des Weltverbundes nur so lange halten wird, bis dieser genug Soldaten versammelt hat, um uns anzugreifen“, bemerkte Wilden.
„Scheiße, ich bin alt! Vierzig!“, quäkte Frank dazwischen. Wilden schüttelte den Kopf.
„Ich auch und lebe noch immer“, flachste Alf, wobei er seinen Freund liebevoll in den Schwitzkasten nahm.
„Na, bist du bald auch ein Opi?“, lachte der Hüne.
Frank knuffte Bäumer in die Seite und klagte weiter über die Schrecken des Altwerdens.
„Dann benehmt euch auch gefälligst wie alte, weise Männer!“, mahnte Wilden und erklärte dezent, dass er das 40. Lebensjahr für noch recht jung hielt.
„Klar, du warst ja bereits da, als die Pyramiden noch gebaut wurden“, blödelte Kohlhaas. Der Außenminister schmunzelte.
„Wie auch immer, Artur ist in den letzten Monaten irgendwie sehr schweigsam geworden – uns gegenüber. Ist euch das auch aufgefallen?“, fragte Wilden seine jüngeren Freunde.
„Nein, keine Ahnung. In meinem Alter fällt einem so etwas nicht mehr auf. Mir rieselt nur noch der Kalk aus der Nase“, scherzte Frank. Alf schubste ihn nach vorne.
„Spinner!“
„Ich meine damit vor allem, was seine militärischen Vorhaben betrifft. Er sagt darüber kaum noch etwas. Weder mir, noch den anderen Kabinettsmitgliedern. Von Verteidigungsminister Lossov abgesehen“, sagte der ältere Herr.
„Ich bin vierzig! Ihr könnt mich in die Tonne kloppen!“, brüllte Frank einigen Enten am gegenüberliegenden Teich zu, während die mit dieser Tatsache überforderten Tiere laut quakend davon flatterten.
„Jetzt reicht’s aber, Frank!“, schimpfte der Außenminister, dabei erinnerte er Kohlhaas an einen Schullehrer.
Bäumer blieb hingegen ernst und stimmte Wilden zu. „Ich habe in den letzten Monaten eigentlich nur an ein paar Übungen der Warägergarde teilgenommen, aber sie ist stark angewachsen. Das kann ich definitiv sagen. Außerdem haben wir ja jetzt so eine Art Frieden und Artur macht ganz den Eindruck, als ob er sich auch an seine Zugeständnisse halten will“, sagte Alf.
Wilden sah zu Frank herüber. „Und? Siehst du das auch so?“
„Keine Ahnung, Onkel Außenminister! Mich brauchen die Waräger sowieso nicht mehr, denn ich bin vierzig!“
„Der Achilles von Weißrussland hat heute eine Schraube locker!“, bemerkte Bäumer genervt.
„In meinem Alter nennt man das Demenz!“, rief Frank.
Der ergraute Außenminister räusperte sich, er kratzte sich am Kopf. Alf folgte ihm und ließ den sich unmöglich benehmenden Kohlhaas zurück.
„Vierzich … and still alive!“, hörten die beiden hinter sich.
„Glaubst du, dass wir jemals Deutschland befreien werden?“, fragte Wilden schließlich.
„Es wäre schön, aber das gäbe den nächsten Krieg“, antwortete Bäumer.
„Vierzich … and not fucking dead!“, hallte es aus der Ferne über das Parkgelände.
„Aber dafür sind wir einst angetreten, Alf. Wir haben die Chance, die Macht der Logenbrüder eines Tages zu brechen, und es ist unsere verdammte Pflicht das zu tun. Sie dürfen nicht siegen!“, murmelte Herr Wilden nachdenklich.
„Wenn das alles so einfach wäre …“, erwiderte Alf und drehte sich noch einmal zu Frank um.
„Deutschland und Europa warten auf die Freiheit. Entweder wir siegen oder alles geht unter. Es gibt da keine Alternative. Der Frieden mit dem Teufel ist nie von langer Dauer“, erklärte der Außenminister.
Für Frank sollte es noch schlimmer kommen. Der 18. Oktober, Franks 41. Geburtstag, stand eines Tages frech auf dem Kalenderblatt und erinnerte ihn wiederum an sein fortschreitendes Alter. Wie immer bereitete ihm ganz Ivas einen großartigen Empfang und die Zeitungen in den Grenzen des Nationenbundes der Rus beehrten ihn mit ihren üblichen Lobeshymnen.
Kohlhaas selbst feierte schließlich im Kreise seiner Familie und der engsten Freunde. Die Wildens hatten ihr ganzes Haus für die Geburtstagsfeier zur Verfügung gestellt und alle fünf Minuten klingelte jemand an der Tür, um ihm noch zu gratulieren. Alf hatte ihn schon den halben Tag geneckt und ihm als allererstes „viel Spaß im Alter“ gewünscht. Frank hatte schmunzeln müssen und fand sich mittlerweile mit der Tatsache, dass er sein 4. Lebensjahrzehnt erreicht hatte, ab.
„Ich fühle mich aber viel jünger!“, betonte er bei jeder Gelegenheit, was sogar Julia einige Lacher entlockte.
Im Grunde konnte er froh sein, dass er überhaupt so alt geworden war, denn Frank war dem Tod in seinem bisher so turbulenten Leben mehr als einmal von der Schippe gesprungen.
„Was machen wir denn heute noch?“, wollte Bäumer wissen, er torkelte schon stark angeheitert durch das Wohnzimmer.
„Saufen und vergessen!“, witzelte das Geburtstagskind, das Glas auf sich selbst erhebend.
„Ey, Fränk! Komm mal mit!“, flüsterte Alf und zog ihn an der Schulter fort.
„Was ist denn los?“
„Komm mal mit. Ich kann das hier nicht vor allen sagen“, wisperte ihm der Freund ins Ohr.
„Habt ihr beide Geheimnisse vor uns?“, kam von Julia.
„Das geht nur Männer was an“, betonte Bäumer. Dann ging er mit Frank in den Nebenraum.
„Wat denn?“ Kohlhaas war ebenfalls schon beschwipst, obwohl es noch nicht einmal Nachmittag war.
„Ich … ich glaube, dass Svetlana schwanger ist …“, erklärte Alf leise.
„Schwanger? Wie kommst du darauf?“
„Die hat halt keine Tage mehr. Du weißt, was ich meine.“
„Echt?“
„Ja!“
„Morgen will sie einen Schwangerschaftstest machen. Vielleicht werde ich auch bald Vater.“
Frank grinste. „Du bist ja auch fast zwei Jahre älter als ich, also sieh zu. Wird langsam Zeit, Mann.“
„Das wäre geil, was?“
„Auf jeden Fall, Alf!“
Kohlhaas ging wieder zurück ins Wohnzimmer und setzte sich an den Tisch, während ihm Bäumer glücklich lächelnd hinterher trottete.
„Und, was gab es so Wichtiges zu besprechen, meine Herren?“, erkundigte sich Agatha Wilden.
„Nichts! Schon gut!“, antwortete Alf verlegen.
„Gar nichts …“ Frank winkte ab, er schmiegte sich an Julia.
„Die Volkszeitung der Rus hat dich übrigens als „Weißrusslands besten Soldaten“ bezeichnet und dir gratuliert, Frank. Hast du den Artikel schon gelesen?“, fragte Wilden. „Mache ich morgen!“, gab dieser zurück. „Wo ist der Junge eigentlich?“
„Der ist in seinem Zimmer und spielt mit deinen Battle Hammer Figuren“, antwortete Julia.
„Was?“, rief Frank und sprang von seinem Stuhl auf.
„Ja, dafür sind sie doch da, oder?“
Kohlhaas sprintete ins Kinderzimmer und erblickte den kleinen Friedrich, der einige von Franks liebsten Zinnminiaturen auf einer kleinen Burg aus Plastik aufgestellt hatte und sie nun mit einem Bällchen bewarf.
„Tsssiuuu!“, machte Friedrich und die seltenen Sammlerstücke purzelten über den Teppich.
„Julia!“, brüllte Frank entsetzt. Sein Sohn grinste ihn an.
„Guck mal, Papa, das ist eine Kanone und die schießt auf die Monster in der Burg“, erklärte der Kleine.
„Na, toll!“, murmelte Vater Kohlhaas, die Augen verdrehend. Dann machte er sich daran, die Einzelteile seiner Figuren aufzusammeln.
Der Rest des Jahres 2044 verging, und von kleineren Problemen, wie ramponierten Zinnminiaturen oder dem Älterwerden einmal abgesehen, lebten Frank und seine Freunde glücklich und zufrieden vor sich hin. In regelmäßigen Abständen begab sich Kohlhaas nach St. Petersburg oder Minsk, um seine Waräger auf Vordermann zu bringen oder an wichtigen politischen Sitzungen teilzunehmen. Meistens verband er diese Pflichten mit dem Angenehmen und nahm Julia und Friedrich mit auf seine Dienstreisen.
Für den März 2045 hatte sich der Weltpräsident erneut angekündigt, um mit Artur Tschistokjow die Abrüstungsfrage zu besprechen. Im Dezember 2044 hatte der Weltverbund noch einmal hochrangige Diplomaten nach Tokio geschickt, um den Kontakt zu Präsident Matsumoto weiter zu pflegen.
Artur Tschistokjow hatte den Aufbau einer eigenen Atommacht bereits in der Endphase des russischen Bürgerkrieges im Geheimen eingeleitet, denn ihr maß er oberste Priorität zu. Nach und nach ließ er an verschiedenen Orten seines weiträumigen Reiches neue Atomwaffenlager und Stützpunkte errichten, meist unterirdisch. Bis zum Jahre 2045 waren eine Reihe neuer Nuklearwaffenbasen von der Insel Novaja Semlja im Nordmeer bis zu den Einöden vor dem Uralgebirge erbaut worden.
Der abtrünnige Staatsmann hatte die Bedeutung eines eigenen Atomwaffenarsenals schon lange erkannt, denn es war vollkommen unrealistisch zu glauben, dass Russland im Falle eines Konfliktes mit der Weltregierung, deren Raketenreservoir noch um ein Vielfaches größer war, auf die furchtbaren Waffen verzichten konnte.
Allein die Vorstellung, dass derartige Mittel eines Tages wirklich einsetzt werden müssten, quälte Tschistokjow sehr. Doch er kannte die Hartnäckigkeit und Skrupellosigkeit seiner Feinde, die sich im Ernstfall um Millionen Menschenleben einen Dreck scherten.
Die Atombomben sollten demnach in erster Linie als Abschreckung dienen und der Politiker, der sich viel mehr als Erbauer und nicht Zerstörer der Welt verstand, hoffte, dass eine Zeit kommen würde, wo der nukleare Rüstungswahnsinn endlich ein Ende fand.
Über das genaue Ausmaß der mittlerweile erreichten Stärke von Tschistokjows Atommacht wusste die Weltregierung relativ gut Bescheid, denn Agenten und Spitzel der GSA infiltrierten Russland in zunehmendem Maße. Gelegentlich ließen sich auch Verräter in den Reihen der Rus finden, die gegen gute Bezahlung Informationen preisgaben. Peter Ulljewski und sein Geheimdienst waren derweil ununterbrochen dabei, die eigenen Reihen nach Kollaborateuren, Spionen oder GSA-Männern zu durchforsten. Wen sie erwischten, den erwartete der Galgenstrick.
Aber auch der russische Geheimdienst selbst, der seit Mitte 2044 ADR, Abwehrsektion der Rus, genannt wurde, hatte längst eine Vielzahl von eigenen Agenten in alle Länder der Welt geschickt, welche die feindlichen Streitkräfte zu unterwandern versuchten und alle möglichen Informationen sammelten. Westeuropa und Nordamerika bildeten die Schwerpunkte der Agententätigkeit der ADR-Männer. Und so beäugten sich die verfeindeten Mächte gegenseitig im Verborgenen, während sie nach außen hin vom Frieden redeten.
Bis auf bruchstückhafte Informationen wussten die Logenbrüder allerdings wenig über die fortlaufenden militärischen Forschungen rund um das Wissenschaftlerteam von Prof. Hammer, das stetig an der Entwicklung verbesserter Waffen arbeitete. Alle Mitarbeiter dieser wissenschaftlichen Abteilung, die ausschließlich in unterirdischen Geheimlabors tätig waren, unterstanden einer akribischen Überwachung durch die ADR.
Doch die Vorgänge hinter den Kulissen der Macht interessierten den größten Teil der Russen, Ukrainer und Balten wenig, denn ihr Leben hatte sich in höchstem Maße verbessert und das war für die meisten Einwohner des Nationenbundes das Wichtigste.
„Die Arbeitslosigkeit ist nach unseren umfassenden Maßnahmen zur Wiederbelebung der einheimischen Industrie, der Landwirtschaft und des Handwerks im Februar auf unter vier Prozent gesunken. Weiterhin hat unser Kampf gegen die um sich greifende Verwahrlosung und Alkoholsucht im russischen Volk bereits Früchte getragen und Hunderttausende unserer Landsleute von der Straße geholt, um sie wieder einem menschenwürdigen Leben zuzuführen!
Ich kann demnach sagen, dass seit meinem Amtsantritt ein wahres Wunder des wirtschaftlichen und kulturellen Aufstiegs stattgefunden hat.
So gut ging es dem russischen Volk seit Jahrhunderten nicht mehr und viele, die mir anfangs noch mit Skepsis und Unwillen gegenüber gestanden haben, sind eines Besseren belehrt worden und dürfen nun sogar an diesem gewaltigen Werk der Wiederaufrichtung unseres Landes teilhaben!“, verkündete Artur Tschistokjow seiner jubelnden Anhängerschaft.
„Zudem kann ich bekannt geben, dass die Geburtenrate der russischen Familien in diesem Jahr wieder so weit gestiegen ist, dass wir den Bevölkerungsrückgang nicht nur gestoppt, sondern in ein gehöriges Wachstum umgewandelt haben. Das zeigt mir nur eines: Unser Volk trägt wieder Hoffnung im Herzen und diese Hoffnung soll ihm in Zukunft niemand mehr nehmen können!“
Frank, Alfred, Julia, Svetlana und sogar Friedrich schenkten Tschistokjow einen gehörigen Applaus und bestaunten noch einmal die riesigen, leuchtenden Drachenkopffahnen, die von der Decke herabhingen.
Heute fand die erste große Saalveranstaltung der Freiheitsbewegung in St. Petersburg statt und die gesamte Führungsspitze der inzwischen gewaltig angewachsenen Organisation war in die Hauptstadt gereist.
„Wenn heute jemand aus dem Ausland nach Russland kommt, so wird er sich wundern, wie sehr ihn die internationalen Medien in den letzten Jahren belogen haben. Er wird sehen, dass hier ein Aufstieg stattfindet, von dem die übrigen Völker der Welt, von Japan einmal abgesehen, nur träumen können.
Vollbeschäftigung, Kultur, Stolz, Werte, Sittlichkeit und Moral – das sind Begriffe, die es in den Ländern der Weltregierung gar nicht mehr gibt.
Wo sind die großen Errungenschaften der angeblichen „Menschenfreunde“? Wo sind ihre angeblich so glücklichen Völker? Wo sind die großen Zeugnisse ihrer angeblichen „Weltkultur“?
Ich kann sie nirgendwo sehen und der gewöhnliche Bürger des Weltstaates kann sie auch nirgendwo erblicken! Denn sie existieren überhaupt nicht! Wir füttern unser Volk nicht mit falschen Versprechungen und Lügen, sondern bauen es auf und machen es wieder stark. Wie schrecklich waren die Zustände in den letzten Jahrzehnten hier in Russland und wie sehr hat das inzwischen beseitigte Regime der Logenbrüder dieses Land zerstört!
Doch die Macht dieser Leute ist mittlerweile hier in Russland gebrochen worden und auch die Folgen ihrer Zerstörungsarbeit werden wir eines Tages endgültig entfernt haben!“, rief Artur Tschistokjow durch die riesige Halle.
„Wer ist der Mann?“, flüsterte Friedrich seinem Vater ins Ohr, während ein Sturm aus Rufen und Jubelschreien um sie herum ausbrach.
„Das ist der Chef von Russland!“, erklärte Frank dem kleinen Jungen.
„Wie heißt der denn?“, wollte Friedrich wissen.
„Das ist der Onkel Artur!“, sagte Kohlhaas.
„Und dem gehört ganz Russland?“, fragte der Junge.
„Sozusagen … ja …“, erwiderte Frank schmunzelnd.
„Auch du, Papa?“
„Nein, ich gehöre ihm nicht, aber ich kämpfe freiwillig für Onkel Artur.“
„Musst du auch andere Soldaten für ihn erschießen, Papa?“
Frank stockte für einige Sekunden. Plötzlich wusste er nicht mehr, was er darauf erwidern sollte.
„Ja, das muss ich manchmal auch tun, Friedrich. Leider!“
„Sind die anderen Soldaten alle böse, Papa?“, bohrte der kleine Sohn nach, während Frank erneut mit seiner Antwort zögerte.
Schließlich erwiderte er: „Dafür bist du noch zu klein. Ich erkläre dir das ein andermal, Friedrich …“
Tschistokjows neue Freunde
Im ersten Quartal des Jahres 2045 erhöhte sich die Zahl derer, die dem Verwaltungssektor Europa-Mitte heimlich den Rücken kehrten, enorm. Tausende von Deutschen, Engländern, Franzosen, Holländern und anderen Europäern flüchteten aus dem verrotteten Herzen des Westens nach Russland, hoffend, dass sie dort ein neues Leben in Freiheit beginnen konnten.
Allerdings war es nicht einfach, dazu die Erlaubnis der Rus zu erhalten, denn jeder neue Bürger trug das Risiko in sich, ein GSA-Spitzel zu sein. So wurden sämtliche Flüchtlinge aus Westeuropa intensiven Prüfungen und Kontrollen unterzogen, um diese Gefahr auszuschließen.
Abgesehen von der Tatsache, dass ausschließlich Angehörige anderer europäischer Nationen überhaupt nach Russland einwandern durften, wurde von diesen auch nicht jeder aufgenommen.
Trotzdem besaß der Nationenbund der Rus bald Zehntausende von neuen Bürgern, die nach Erfüllung der äußerst strengen Aufnahmekriterien, von Artur Tschistokjow nicht nur sehr freundlich empfangen wurden, sondern auch am umfangreichen Sozialsystem des Landes teilhaben durften. Allerdings wurde jeder verpflicht, dafür auch zu arbeiten.
So füllten sich einige leerstehende Dörfer in den russischen Weiten langsam mit Flüchtlingen aus Deutschland, Frankreich oder Skandinavien. Viele der aus Europa geflohenen Menschen waren politische Dissidenten und hatten oft schon viele Jahre unter dem grausamen Überwachungssystem gelitten. Einer von ihnen war Ludwig Orthmann. Der Deutsche war 35 Jahre alt und seine kantigen Gesichtszüge stellten neben seinem stets wachen Blick das auffälligste Merkmal seines Äußeren dar. Orthmann war einer der ersten Aktivisten der im Jahre 2032 gegründeten „Deutschen Freiheitsbewegung“ gewesen. Die Untergrundorganisation hatte sich in Anlehnung an die politische Bewegung Tschistokjows diesen Namen gegeben. Orthmann hatte für seine politische Betätigung bereits mit 12 Jahren Umerziehungshaft bezahlt.
Damals, als man ihn verurteilt und in ein GSA-Gefängnis gebracht hatte, war der aus Rostock stammende Mann gerade einmal 23 Jahre alt gewesen und seine gesamte politische Aktivität hatte darin bestanden, einige Hundert Flugblätter verteilt und zwei regierungsfeindliche Internetseiten eingerichtet zu haben. Seine „rebellische Organisation“ hatte aus etwa 30 seiner Freunde bestanden, unter anderem seinem Bruder Stefan, den die Behörden fälschlicherweise als Kopf der „kriminellen Vereinigung“ ausgemacht und zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt hatten. Ludwigs Bruder überlebte die Haft jedoch kein halbes Jahr und wurde eines Tages tot in seiner Holozelle aufgefunden. Er hatte nicht das Glück gehabt, in ein anderes Gefängnis verlegt und dann befreit zu werden, wie es Frank widerfahren war.
Nachdem Ludwig Orthmann seine entbehrungsreiche Haftzeit hinter sich gelassen hatte und ihm eine Holozellenumerziehung erspart geblieben war, hatte er einige Monate lang versucht, wieder ein „normaler Bürger“ des Weltstaates zu werden.
Doch als ehemaliger Häftling mit zahllosen Negativeinträgen in seinem Scanchipregister hatte er keine Arbeit mehr gefunden. So hatte der Geächtete auf Kosten seiner völlig verarmten Eltern leben müssen. Schließlich war es ihm im verschneiten Januar des Jahres 2045 jedoch gelungen, aus dem Sektor Europa-Mitte nach Weißrussland zu fliehen. Orthmann war einer von vielen in dieser Zeit und sein Schicksal zeigte, dass das enge Netz aus Bespitzelung und Überwachung jeden politischen Widerstand in Europa-Mitte nach wie vor unmöglich erscheinen ließ.
„Hoffentlich klappt das alles …“, murmelte Bäumer leise und sah zu Frank herüber.
„Was meinst du denn?“, fragte dieser.
„Na, das mit dem Baby. Svetlana hat einen kleinen Bauch bekommen.“
„He, he! Und ich dachte, dass du die neuen Rüstungen meinst, die heute ausgeliefert werden.“
„Ja, das auch. Meinst du, dass das alles klappt?“
„Alf, ich denke schon, aber ich bin doch kein Frauenarzt.“
„Ich wäre so gerne Papa.“
„Das wird schon, alter Junge!“
Plötzlich kam ein Feldwebel über den Kasernenhof gerannt, er machte vor General Kohlhaas Meldung.
„Die Lastwagen sind mit Hunderten von Ferroplastinrüstungen eingetroffen. Ich schicke die Männer jetzt los, damit sie beim Entladen helfen können!“, rief der Russe.
„Gut! Tun sie das! In zwei Stunden möchte ich ein paar Züge in voller Ausrüstung hier stehen sehen!“, befahl Kohlhaas. Der Offizier schlug die Hacken zusammen.
„Zu Befehl, General!“, antwortete er und lief wieder davon.
Nun konnte sich Frank noch eine Weile Alfs Schwangerschaftssorgen anhören, während sie durch das riesige Militärlager schlenderten. Er war wirklich gespannt, wie seine Elitekrieger in den neuen Körperpanzern ausschauten. Zwei Stunden später war es so weit und fünf Züge der Warägergarde hatten sich in Reih und Glied auf dem Kasernenhof versammelt. Ihre neuen Rüstungen glänzten matt in der Sonne. Viele der Soldaten schenkten Frank ein stolzes Lächeln, als er sich ihnen näherte.
„Die erinnern mich an die Starship Troopers. Dich auch?“, meinte Kohlhaas.
„Starship Troopers? Was sind denn das wieder für Sachen?“ Alf stutzte.
„Das ist ein Roman des Science-Fiction-Autors Robert Heinlein; das Buch ist schon etwas älter. Und dieser Roman wurde im letzten Jahrhundert verfilmt. Die Soldaten sahen jedenfalls fast so aus wie unsere Waräger in ihren Ferroplastinrüstungen.“
„Wenn du das sagst, Frank“, murmelte Bäumer, der sich für solche Dinge kaum interessierte.
Jetzt stellte sich der General vor seine Soldaten und brüllte: „Gut seht ihr aus, Männer!“
„Danke, General Kohlhaas!“
„Ich bin heute extra hier raus gekommen, um euch bezüglich eurer neuen Kleidchen ein paar Komplimente zu machen! Ist das nicht nett?“
„Ja, General Kohlhaas!“, riefen die Waräger im Chor.
Der Anführer der Elitegrade begutachtete seine Soldaten noch eine Weile und ließ sie dann wieder wegtreten. Anschließend machte er Alf den Vorschlag, einen Blick auf einige neu errichtete Gebäude zu werfen, die ganz in der Nähe waren. Artur Tschistokjow hatte am Stadtrand von St. Petersburg kürzlich einen neuen Platz für Massenveranstaltungen bauen lassen. Die beiden waren gespannt, was sie erwartete.
Am nächsten Tag machten sich Frank und Alf auf den Weg, um sich den neu errichteten „Platz der Rus“ anzusehen. Als sie schließlich auf ihm standen, kamen sie aus dem Staunen nicht mehr heraus. Zahllose Drachenkopffahnen hingen an gewaltigen, korinthischen Säulen, die weit hinauf in die Höhe ragten. Sie rundeten das imposante Bild des Aufmarschgeländes im Westen von St. Petersburg perfekt ab. Die breiten Zufahrtsstraßen waren von steinernen Monumenten und Statuen aus weißem Marmor gesäumt, die auf die großen Persönlichkeiten der russischen und europäischen Geschichte hinwiesen oder an wichtige historische Ereignisse erinnerten.
Einige Kilometer weiter war ein prunkvolles Gebäude im Stil eines altgriechischen Tempels, das Artur Tschistokjow „Halle der Rus“ hatte taufen lassen, noch in Arbeit. Doch trotz der zahllosen Gerüste und der überall verteilten Berge von Baumaterial, konnte man sich bereits vorstellen, wie erhaben es eines Tages aussehen würde.
Die „Halle der Rus“ war in Zukunft für große Saalveranstaltungen vorgesehen und sollte nicht weniger als 10.000 Besuchern Platz bieten. Doch diese architektonischen Blickfänge waren erst der Anfang von Tschistokjows Umbauplänen für St. Petersburg. Auf Dauer schwebte ihm eine umfassende Neugestaltung der Hauptstadt seines neuen Russlands vor, die ein Gegenstück zu den stets gleichen und hässlichen Großstädten Westeuropas werden sollte.
„Eines Tages werde ich mitten in Russland ein Rom der Neuzeit errichten lassen. Eine Stadt, deren einmalige Herrlichkeit noch viele nachfolgende Generationen beeindrucken wird“, erklärte das russische Staatsoberhaupt seinen Beratern manchmal in stillen, ruhigen Stunden, wenn er sich fernab des politischen Tagesgeschäftes, seinen Visionen widmen konnte.
„Es ist nicht das Ziel der Menschheit als Sklavenmasse dahin zu vegetieren, sondern sich zum Besten und Höchsten zu entwickeln. Die Krönung dieser Entwicklung muss es schließlich sein, dass ein neuer und besserer Mensch entsteht, der nicht nur diesem Erdball den Stempel seiner wegweisenden Zivilisation aufdrückt, sondern auch eines Tages zur nächsten Entwicklungsstufe aufsteigen kann. Diesen Menschen, den Träger der Erfindung und des Schaffens, habe ich in meinem Buch „Der Weg der Rus“ nicht umsonst den Lichtgeborenen Menschen genannt. Seine Erscheinung und sein Geist werden hell wie das Licht sein, doch damit er geboren werden kann, müssen wir das Dunkle besiegen und es in den Abgrund zurückschleudern.
Diese nächste Stufe, die ich meine, und zu deren Erklimmung einzig der Lichtgeborene Mensch fähig ist, wird der endgültige Schritt in den Weltraum sein, auf dass er sein Wesen und seine Zivilisation über die Sterne verbreiten kann“, sagte Tschistokjow manchmal zu seinen oft recht bodenständigen Mitstreitern, die ihm bei seinen Visionen vielfach nicht folgen konnten.
Lediglich Wilden und eine kleine Anzahl seiner Berater und Freunde waren gewillt, sich mit dem Anführer der Freiheitsbewegung auf solche philosophischen Gespräche einzulassen. Frank gehörte ebenfalls zu dieser Gruppe, denn er war alles andere als nur ein dummer Soldat. Kohlhaas liebte Tschistokjows visionäre Gedankenausflüge, bewunderte seine Vorhaben.
Als Alf und er ihre Blicke über den gewaltigen „Platz der Rus“ schweifen ließen, hatten sie bereits einen Vorgeschmack von dem bekommen, was Tschistokjow für die Zukunft in großem Stil für ganz Russland plante. Sie waren beeindruckt.
Schließlich kam der Weltpräsident im März 2045 erneut nach St. Petersburg und diesmal folgten ihm zwei weitere Brüder. Sie waren ebenfalls führende Köpfe der internationalen Logenorganisation und Mitglieder im Rat der Weisen. Ihre Aufgabe war es, sich ein Bild von Artur Tschistokjow zu machen und ihren Eindruck dem Vorsitzenden des obersten Gremiums persönlich darzulegen. Das Gespräch fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, so wie es das russische Staatsoberhaupt wünschte, und die Scharen von Reportern mussten vor den verschlossenen Türen des Präsidentenpalastes warten.
„Es ist beeindruckend, was sie seit meinem letzten Besuch hier in St. Petersburg alles haben erbauen und erneuern lassen. Diese Stadt ist wirklich schön geworden“, lobte der Weltpräsident seinen Verhandlungspartner und seine beiden Begleiter setzten ein oberflächliches Lächeln auf.
„Gefällt es Ihnen hier etwa besser als in New York, obwohl diese Metropole doch von so engagierten Menschenfreunden wie Ihnen regiert wird?“, gab Tschistokjow leicht sarkastisch zurück.
Der oberste Vertreter des Weltverbundes schwieg, grinste, beantwortete die provozierende Frage erst nicht. Dann erwiderte er: „Ich fühle mich in New York wesentlich wohler …“
„Das kann ich mir vorstellen. Immerhin sind Sie dort ja von Ihresgleichen umgeben“, gab der russische Staatschef lächelnd zurück.
„Kommen wir nun zur Sache, Herr Tschistokjow. Wir sind heute hier, um uns bezüglich einer beidseitigen Abrüstung zu einigen. Jetzt, wo wir sogar, zumindest in beschränkter Form, wieder Handel miteinander treiben, sollten wir auch in diesem Punkt zu einer Übereinkunft kommen“, erklärte der Weltpräsident.
„Dann machen Sie mir einen Vorschlag!“, sagte Tschistokjow.
„Der Weltverbund wünscht, dass Sie die Anzahl Ihrer Atomsprengköpfe auf 500 Stück reduzieren und nicht mehr als 50 einsatzbereite Atombomben besitzen“, antwortete der prominente Gast.
„Und was ist die Gegenleistung?“, wollte sein Gegenüber wissen.
„Wir werden sämtliche GCF-Soldaten an den Grenzen des Nationenbundes endgültig abziehen und Ihrem Land große Kredite für den Wiederaufbau zur Verfügung stellen“, kam zurück.
„Alle GCF-Soldaten?“
„Ja, bis auf wenige Tausend, die als Besatzungstruppen in ihren Nachbarländern nun einmal notwendig sind, um die öffentliche Ordnung aufrecht zu erhalten“, sprach der Logenbruder.
Artur Tschistokjow überlegte kurz. Dann nickte er. „Einverstanden!“
Sein Gast wirkte etwas verdutzt, denn offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass sich sein Rivale auf einen solchen Handel einlassen würde.
„Sie nehmen auch unsere Kredite an?“, fragte eines der anderen Ratsmitglieder verblüfft nach.
„Ja, wir brauchen dringend finanzielle Mittel, da wir den Wiederaufbau Russlands nicht aus eigener Kraft schaffen können“, erklärte ihm Tschistokjow.
Für eine Minute herrschte Schweigen; die drei Gäste aus Nordamerika musterten den russischen Souverän mit Verwunderung.
„Kann ich Ihnen sonst noch irgendwie entgegenkommen, Herr Weltpräsident?“, hakte jener nach.
„Nun, da Sie sich so kooperativ zeigen, kann ich mir sicherlich auch noch eine weitere Frage erlauben, Herr Tschistokjow …“
„Nur zu, Herr Weltpräsident!“
„Es ist kein Geheimnis, dass Sie Ihre politischen Gegner in Russland und den anderen von Ihnen kontrollierten Ländern haben vertreiben oder liquidieren lassen. Dazu gehörten ja vor allem unsere Leute. Ich hoffe, dass diese Zeiten jetzt vorbei sind und sich die Situation langsam entschärft. Angenommen, Sie lassen wieder einige Zweigstellen unserer Organisation in Ihrem Land zu, wäre das zu viel verlangt?“
„Ihre Leute wollen wieder nach Russland zurück?“
„Ja, zumindest einige von ihnen wären nicht abgeneigt, diesmal als konstruktive Mitglieder Ihres neuen Staates einen Beitrag zum Wiederaufbau des Landes zu leisten.“
„Sie wollen ein Land aufbauen, das sie zuvor zu Grunde gerichtet haben?“, wunderte sich Artur Tschistokjow.
Der Weltpräsident lächelte. „Nun, sicherlich spielen auch wirtschaftliche Interessen für den einen oder anderen eine Rolle, aber ich denke, dass der Zuzug von kapitalkräftigen neuen Bürgern nicht Ihr Schaden wäre.“
Der russische Staatschef wirkte nachdenklich, stieß ein leises Räuspern aus und wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Schließlich atmete er tief durch, um zu bemerken: „An wie viele Leute denken Sie denn, Herr Weltpräsident?“
„Nicht viele! Vielleicht 500.“
„Ich denke, dass wir darüber verhandeln können. Aber ich bitte darum, dies bei einem anderen Treffen zu besprechen“, betonte Artur Tschistokjow.
„Das hört sich doch sehr gut an!“, murmelte sein Gast mit listigem Blick.
„Wie hoch könnten die finanziellen Zuwendungen des Weltverbundes für Russland denn sein?“, erkundigte sich der russische Souverän.
Sein Gesprächspartner überlegte kurz und strahlte ihn dann mit einem wissenden Grinsen an. „Wir dachten an etwa 200 Milliarden Globes.“
„200 Milliarden?“
„Für den Anfang, als Zeichen unseres guten Willens“, sagte der Weltpräsident.
„Daran wäre Russland auf jeden Fall interessiert!“, stieß Tschistokjow erfreut aus.
„Es freut mich, dass wir uns so vortrefflich einigen können“, bemerkte der prominente Gast aus Nordamerika und nippte an einem Glas Mineralwasser.
„Mich freut es auch ganz außerordentlich!“, erwiderte der russische Staatsmann zufrieden.
Am nächsten Tag berichteten die Medien weltweit von einer historischen Übereinkunft und lobten Artur Tschistokjow erstmals in den höchsten Tönen.
„Der russische Diktator ist einsichtig geworden!“, titelte der London Star in den folgenden Tagen und sämtliche Presseorgane des Weltverbundes sprachen von „Friedenserfolgen“ und der „Erreichung höchster Höhen der Humanität“ bei den Verhandlungen, womit sie in erster Linie auf die Öffnung Russlands für eine liberalere Wirtschaftsordnung anspielten.
Die Freiheitsbewegung der Rus kochte hingegen von einem Ende bis zum anderen vor Empörung. Artur Tschistokjows engste Vertraute warfen ihm offenen Verrat an den Grundprinzipien ihres politischen Kampfes vor, manche drohten sogar damit, ihre Ämter niederzulegen.
Auch Außenminister Wilden überschüttete Tschistokjow mit Kritik und war kurz davor, ihm in Zukunft den Gehorsam zu verweigern. Es dauerte Wochen, bis der russische Staatsmann seine Mitstreiter wieder halbwegs beruhigt hatte; er forderte sie auf, ihm einfach weiterhin zu vertrauen. Doch das fiel vielen von ihnen zunehmend schwerer.
Hatten sie noch vor einigen Jahren in bitterster Auseinandersetzung mit den Logenbrüdern geblutet und um ihr Leben gebangt, so nahm ihr Anführer inzwischen milliardenschwere Kredite ihrer Feinde an, verpflichtete sich, machte ihnen Zugeständnisse und ließ sogar einige der schlimmsten Ausbeuter und Volksverräter wieder nach Russland hinein, damit diese ihre zwielichtigen Geschäfte von Neuem beginnen konnten.
„Artur Tschistokjow wird zunehmend untragbar!“, zeterte Frank; er dachte ernsthaft darüber nach, die Führung der Warägergarde an einen anderen abzugeben.
Zwei Monate später erreichten nicht weniger als 200 Milliarden Globes den Nationenbund der Rus. Ihnen folgten offizielle Militärbeobachter der Weltregierung, die sich einer akribischen Untersuchung von Tschistokjows Atommacht widmeten.
Doch auch der Weltverbund hielt zunächst Wort und zog sämtliche Truppen der Global Control Force an den Grenzen des Nationenbundes ab. Lediglich kleinere Verbände blieben in Skandinavien, Polen, der Slowakei, in Kasachstan und auf türkischem Gebiet zurück. Gerade so viel, um die Macht der Weltregierung in diesen Regionen noch aufrechterhalten zu können. Diese freigewordenen GCF-Vebände wurden anschließend sofort nach Asien verfrachtet, wo sie in Indien und China benötigt wurden. Ein kleiner Teil von ihnen wurde auch in den Nahen Osten geschickt, um dort im Falle neuer Aufstände präsent zu sein.
Geheimdienstchef Peter Ulljewski stand kurz vor der Explosion und starrte seinen ältesten und besten Freund wütend an.
„Hast du den Verstand verloren?“, schrie er aufgebracht.
Der Anführer der Rus versuchte, ihn zu beruhigen, doch der bullige Mann wirkte, als wolle er dessen Büro jeden Augenblick in Stücke schlagen.
„Antworte mir, Artur! Was soll das?“, schnaubte er.
„Komm wieder runter, Peter!“, erwiderte Tschistokjow ruhig.
„Ich soll wieder runterkommen? Du fährst mit deiner Politik alles, was wir aufgebaut haben, gegen die Wand!“, brüllte Ulljewski, sich drohend vor seinem Freund aufbauend.
„Ich weiß schon, was ich tue!“, entgegnete ihm der blonde Politiker mit einer gewissen Gelassenheit.
„Nein, das tust du nicht, Artur! Du lässt die Logenbrüder wieder nach Russland hinein und leihst dir 200 Milliarden beim Global Bank Trust! Das ist Wahnsinn!“, stammelte der Geheimdienstchef.
„Nein, ist es nicht. Glaube mir, ich weiß, was ich tue“, erwiderte Tschistokjow erneut.
„Ach, du hältst es also für weise, wenn du die gleichen Leute, die unser Volk an den Rand der Vernichtung geführt haben und die wir mühsam los geworden sind, wieder hier zu uns lässt, damit sie ihr Zerstörungswerk von Neuem beginnen können?“
„So wird es nicht sein.“
Ulljewski ballte die Fäuste. „Du bist ein Narr und ich hätte niemals gedacht, dass ich das je zu dir sagen würde. Doch! Es wird so sein!“
„Nein, wird es nicht, Peter!“
„Doch! Doch! Doch!“, grollte Ulljewski.
„Habe ich dich jemals enttäuscht, mein Freund?“
„Ja, jetzt!“, rief dieser.
„Es werden erst einmal höchstens 500 von ihnen nach Russland einwandern dürfen. Mehr nicht. Und sie werden sich zu betragen wissen.“
Der ADR-Chef riss die Augen auf und wirkte wie ein wütender Löwe, der zum Sprung auf seine Beute ansetzte.
„Höchstens 500? Erst einmal?“, knurrte er zornig. „Das glaube ich einfach nicht! Es gibt nur eine Medizin für diese Brut! Und das ist, sie mit dem Maschinengewehr …“
„Ruhig, Peter! Es reicht jetzt!“, mahnte der russische Souverän und fuhr seinem Freund in die Parade.
„Die ADR soll jeden von ihnen genau überwachen und sie keine Sekunde aus den Augen lassen. Ich verlange jede Woche einen ausführlichen Bericht“, ordnete Tschistokjow an.
„Wir haben genug zu tun. Die Länder des Nationenbundes werden zunehmend von GSA-Agenten überschwemmt. So viel Personal haben wir gar nicht, um diese 500 Bastarde auch noch zu beobachten“, erwiderte Peter Ulljewski.
„Doch, sie werden alle überwacht!“, befahl der Anführer der Rus. Er fixierte seinen Freund mit stechendem Blick.
„Warum tust du das, Artur? Warum?“, jammerte Ulljewski. „Wir haben die Freiheitsbewegung zusammen gegründet, haben Seite an Seite gekämpft, so viele Jahre lang. Ich kann nicht verstehen, was du da tust!“
„Ich will damit Frieden schaffen, Peter!“
„Du wirst damit erneut Sklaverei schaffen und alles zerstören, wofür du gekämpft hast, Artur. Russland und Europa werden untergehen. Du lässt dich von ihnen kaufen, das ist alles.“
„Habe ich das jemals, Peter?“, fragte Tschistokjow ruhig.
„Ja, im Moment bist du auf dem besten Wege dorthin. Wieso bist du so geworden? Was ist mit dir passiert? Ich hätte mich jederzeit für dich erschlagen lassen, aber heute weiß ich nicht mehr, was ich von dir halten soll!“, wimmerte Ulljewski, seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Beruhige dich, alter Freund!“, sagte Tschistokjow leise und klopfte seinem Gefährten auf die Schulter.
„Viele führende Mitglieder der Rus reden nicht mehr gut über dich, sie verlieren ihr Vertrauen in deine Führung, Artur. Lass es dir gesagt sein. Es ist so! Du gehst einen Pakt mit dem Teufel ein. Diesen Schweinen kann man nicht trauen, und wer ihnen traut, den führt dieser Irrweg in die Hölle!“
Artur Tschistokjow hielt sich den Kopf und schwieg. Dann schlich er deprimiert hinter seinen Schreibtisch und setzte sich auf einen Stuhl.
„Verkaufe deine Heimat nicht für ein Linsengericht, Artur!“, flehte ihn Peter Ulljewski an, während ihm Tränen über die von Narben gezeichneten Wangen liefen.
„Das werde ich nicht, Peter! Niemals! Du musst mir nur vertrauen und weiterhin an mich glauben. Mehr verlange ich nicht“, sagte Tschistokjow leise. Dann reichte er seinem Freund ein Glas Wasser.
So wie Peter Ulljewski erging es auch Wilden, General Kohlhaas und der überwiegenden Mehrheit der politischen Funktionäre der Freiheitsbewegung. Immer lauter und offener wurde die Kritik an Artur Tschistokjow, und als im Juli schließlich ein Ableger der North American Exchange Bank in Moskau eröffnet wurde und die ersten geschäftstüchtigen Logenbrüder nach Russland kamen, wurde es noch schlimmer. Die neuen Gäste rückten mit lautem Getöse, überquellenden Brieftaschen und glänzenden Luxuslimousinen an, sofort die vielen, neuen Geschäftsmöglichkeiten witternd, die ihnen Tschistokjows Russland zu bieten hatte.
Viele Russen standen ihnen mit offenem Hass gegenüber, doch Tschistokjow betonte gegenüber der Weltregierung, dass diese feinen, reichen Herren unter seinem besonderen Schutz ständen und ließ sie gewähren. Frank und Alfred konnten es nicht fassen und bezeichneten ihren alten Freund offen als Verräter und „gekauften Gockel“, so dass dieser ihnen in einem internen Gespräch derartige Aussagen mit aller Schärfe untersagte.
Ähnlich erging es Wilden, der mit Tschistokjow mehrfach bei öffentlichen Anlässen in Streit geriet. Doch der russische Souverän setzte seine neue Politik durch, ohne nach links und rechts zu sehen, die harsche Kritik seiner Getreuen weiterhin ignorierend. Der Weltverbund und dessen Medienorgane feierten ihn hingegen als „guten Geschäftspartner“ und da es galt, Handel zu treiben und Geld zu scheffeln, gerieten die weltanschaulichen Gegensätze immer schneller in Vergessenheit.
Haruto Mastumoto, der japanische Präsident, war mittlerweile ebenfalls ein wenig auf Distanz zu Tschistokjow gegangen; er schien ihm langsam zu misstrauen. So offen wie sein Bündnispartner, fiel er den Logenbrüdern nicht um den Hals und dachte auch nicht daran, Kredite vom Weltverbund anzunehmen und sein Land damit zu verschulden.
Derweil widmete sich das russische Staatsoberhaupt intensiver denn je dem Wiederaufbau der nationalen Wirtschaft und eröffnete eine neue Fabrik nach der anderen, weihte neue Bauprojekte ein oder förderte die Landwirtschaft.
Russische Exportgüter konnten nun auch in Übersee verkauft werden und die aufblühende Industrie produzierte zugleich immer modernere Maschinen und diverse andere, überall begehrte Waren.
Insgesamt ging es den Russen jetzt zweifellos besser denn je und die mit Tschistokjows neuer Bevölkerungspolitik verbundene Förderung hochbegabter Kinder, die an speziellen Akademien ausgebildet wurden, zog schon die nächste Generation von hochqualifizierten Wissenschaftlern, Ingenieuren und Erfindern heran.
Hunderte neuer Straßen wurden außerdem mit dem geliehenen Geld des Global Bank Trust gebaut, was in Russland zu einer deutlich verbesserten Infrastruktur führte. Die große Masse des Volkes liebte den russischen Staatschef für die Segnungen eines wachsenden Wohlstandes und einer nie gekannten sozialen Sicherheit. Die alte Garde der Freiheitsbewegung jedoch stand ihm mit wachsender Ablehnung gegenüber.
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