Kitabı oku: «Beutewelt VII: Weltenbrand»

Yazı tipi:

Alexander Merow

BEUTEWELT VII

Weltenbrand

Roman

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2015

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag

Alle Rechte beim Autor

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Der Dritte Weltkrieg

Grabenkämpfe

Glühende Landschaften

Hin und her

Die Welt ist eine Holozelle!

Verzweiflung und Zorn

Taktische Atomschläge

Wachsender Wahnsinn

Resignation

Unruhen in Nordamerika

Bröckelnde Allmacht

Nuklearer Amoklauf

Allah ist groß

Sie schlafen jetzt alle …

Sturm auf den Westen

Europas Erwachen

Vorstoß ins Ruhrgebiet

Wer hätte das gedacht?

Das letzte Kapitel

Ausblick

Der Aufstieg des Goldenen Reiches

Glossar

Weitere Romane

Der Dritte Weltkrieg

General Kohlhaas betrachtete den Horizont und sah einigen Vögeln zu, die langsam durch die Lüfte glitten. Hinter ihm standen ein Dutzend schwere Gunjin Panzer und drei mobile Geschütze, weiterhin einige Soldaten der Warägergarde, der Elitetruppe der Volksarmee. Etwas weiter entfernt hatten seine Männer ihr Lager aufgeschlagen. Alle warteten bereits seit mehreren Tagen auf eine Entscheidung des Oberkommandos.

Tschistokjows Soldaten hatten sich nach der atomaren Vernichtung Berlins wieder nach Osten zurückgezogen. Dieser Krieg hatte die nächste Stufe erklommen, das wusste Frank tief in seinem Inneren. Der Schrecken, der nun kommen würde, war nicht mehr aufzuhalten. Die Logenbrüder hatten seine Geburtsstadt mit einem furchtbaren Nuklearschlag vom Antlitz der Erde gefegt. Frank war noch immer schockiert und verstört aufgrund dieses barbarischen Aktes.

„Es war dir doch von Anfang an klar gewesen, oder?“, sagte er leise zu sich selbst. „Warst du tatsächlich so naiv, zu glauben, dass sie vor dem Einsatz von Atomwaffen zurückschrecken würden? Nein, Frank, du wusstest von Anfang an, dass sie es eines Tages tun würden.“

Über 3 Millionen Menschen waren in den Feuerstürmen der Atombomben verglüht, ganze Straßenzüge von der nuklearen Hölle verschluckt worden; große und kleine Häuser, schöne und hässliche Gebäude, Frauen, Kinder, Greise – der atomare Tod hatte keine Unterschiede gemacht und einfach alles ausgetilgt.

Frank ging noch einige Meter geradeaus, um für einen Moment ganz für sich zu sein. Niemand sollte ihn in diesem Zustand sehen, ihn, den „Achilles von Weißrussland“, den größten Helden der Volksarmee. Wie hatte ihn die Kriegspropaganda der Rus schon verherrlicht, seinen Mythos als unverwundbaren, furchtlosen Recken aufgebaut und genährt. Und das war jetzt der große „Achilles“, diese verunsicherte, depressive und müde Jammergestalt, die irgendwo in Ostdeutschland auf einer Wiese stand und nicht mehr ein noch aus wusste.

„Warum hast du mir dieses Leben gegeben, Gott?“, flüsterte er, den Blick zum Himmel gewandt. „Warum hast du mich in dieses Zeitalter der Finsternis geschickt? Was habe ich in meinen früheren Leben verbrochen, dass du mir das antun musstest?“

Kohlhaas dachte an seine geliebte Julia und seinen Sohn Friedrich, die sich im kleinen Dörfchen Ivas im fernen Litauen verkrochen hatten und darauf warteten, dass dieser Krieg mit all seinen alptraumhaften Schrecken weiterging. Und so wie sie zitterten Milliarden Menschen in allen Erdteilen, wissend, dass der Tod seine riesige Sense gerade erst erhoben hatte. Über kurz oder lang würde der atomare Gegenschlag folgen, denn Artur Tschistokjow würde niemals kapitulieren und konnte diesen Terrorangriff auch nicht ignorieren. Die Vernichtung Berlins war demnach nur der Auftakt zu einem Reigen des Entsetzens, der nun auf die unglückliche Menschheit wartete. Frank war felsenfest davon überzeugt und sein Instinkt hatte ihn bisher nur selten getäuscht.

Sein bester Freund, Alfred Bäumer, lag noch immer in einem Krankenhaus in Frankfurt an der Oder. Er hatte Berlin aufgrund einer Armverletzung verlassen müssen, was zugleich sein großes Glück gewesen war. Und auch Frank selbst hatte sich mit einigen seiner Trupps bereits aus der ehemaligen Hauptstadt Deutschlands entfernt gehabt, als die Atombomben eingeschlagen hatten. Sonst wäre auch er nicht mehr am Leben, sinnierte der General, während er von immer größerer Panik ergriffen wurde.

Nach einer Weile kehrte Kohlhaas schließlich wieder ins Lager zurück, um sich in seinem Kommandostand zu verkriechen. Was als nächstes passierte, konnte er lediglich erahnen; verhindern konnte er es jedoch nicht. Auch ein „Achilles von Weißrussland“ hatte nicht die Kraft, den ins Rollen gebrachten Stein noch aufzuhalten. Nein, dafür waren selbst die größten Helden zu schwach.

Artur Tschistokjow und der Führungsstab des Nationenbundes der Rus befanden sich inzwischen in einem Atombunker am Fuße des Uralgebirges, tief unter der Erde. Akira Mori, der japanische Außenminister, hatte den russischen Präsidenten um eine Unterredung gebeten. Er war sofort nach Russland geflogen, nachdem er die Nachricht vom Atombombenabwurf auf Berlin erhalten hatte. Mori machte keinen Hehl daraus, dass weder er noch Präsident Matsumoto wussten, wie sie auf die neue Situation reagieren sollten.

Nun redeten und diskutierten die Männer schon seit Stunden über das Für und Wider eines atomaren Gegenschlages. Matsumoto hatte Tschistokjow ausrichten lassen, dass Japan einen nuklearen Schlagabtausch mehr als alles andere fürchtete und keineswegs bereit war, sich auf das Spiel der Weltregierung einzulassen. Der russische Staatschef hingegen betonte, dass es jetzt notwendig war, dem Feind die eigene Entschlossenheit zu beweisen.

„Sie werden erst ruhen, wenn sie uns vernichtet haben. Das wird auch nicht der letzte Kernwaffenangriff des Weltverbundes sein, davon bin ich überzeugt. Wir müssen jetzt hart bleiben!“, meinte Tschistokjow verbittert, während ihn seine Getreuen und sein japanischer Gast verunsichert ansahen.

„Aber ein derartiger Wahnsinn ist doch keine Lösung“, bemerkte ein General der Volksarmee.

Der Anführer der Rus sah ihn an. „Was sollen wir denn tun? Warten, bis diese Verbrecher die nächsten Städte in Schutt und Asche legen? Sollen wir uns einfach abschlachten lassen, ohne uns zu wehren?“

„Ich weiß nicht, was wir tun sollen“, bemerkte Wilden resignierend und starrte an Tschistokjow vorbei. „Ich gebe es offen und ehrlich zu: Diesmal bin ich mit meinem Latein am Ende.“

Außenminister Mori saß mit versteinertem Gesicht auf einem Stuhl am anderen Ende des spartanisch eingerichteten Bunkerraumes. Er schwieg.

„Der einfache Bürger des Weltstaates, wie auch der einfache Bürger des Nationenbundes, hat kaum eine Ahnung, wer oder was unsere Feinde wirklich sind. Er weiß nicht, wie ihre führenden Köpfe denken und welche Dogmen und Doktrinen ihr Handeln bestimmen.

Diese Kräfte haben die Untugend zur Tugend erklärt, sie haben die Lüge zu ihrer Waffe gemacht und verehren sie als wirksames Kampfmittel gegen alle ihre Gegner. Wir sind jedoch die Eingeweihten, wir studieren ihre Pläne und Schriften seit vielen Jahren und haben ihre Teufelsfratzen schon lange hinter der Maske aus Verdrehung und Täuschung erkannt. Für diese Verbrecher sind wir nur die geborenen Sklaven, nichts weiter als Tiere, deren Tötung gemäß ihren Lehren nicht einmal eine Sünde darstellt.

Sie halten sich für Auserkorene, die das Recht haben, alle Völker dieses Planeten zu unterjochen und notfalls auch zu vernichten, wenn sie sich zu wehren versuchen. Demnach dürfen wir nie vergessen, dass unsere Feinde selbst keinerlei Skrupel kennen und ihnen auch Millionen Menschenleben nichts bedeuten.

Unser Wissen verpflichtet uns daher, so zu handeln, wie wir handeln müssen, um nicht unterzugehen. Wir müssen hart sein, denn bei diesem Gegner ist nichts anderes denkbar. Glaube mir, Thorsten, es fällt mir unglaublich schwer, mich auf die gleiche grausame Stufe zu stellen, wie unser Feind, aber es bleibt mir keine andere Wahl. Sie lassen mir einfach keine andere Möglichkeit mehr. Möge Gott mir vergeben, bei dem, was ich jetzt anordnen muss!“, sagte Tschistokjow zu Wilden mit belegter Stimme.

Dieser sagte nichts. Er schloss die Augen und strich sich mit der Hand durch seine schweißnassen Haare. Der alte Mann wusste, was ihm Artur Tschistokjow damit sagen wollte, und die anderen Anwesenden konnten sich ebenfalls denken, was als nächstes geschehen würde.

„Artur Tschistokjow hat diese Sprache verstanden!“, hatte die Washington News Gazette am 15. Mai 2051 in ihrer Morgenausgabe verkündet. Damit spielte das Blatt auf die Tatsache an, dass sich die Volksarmee der Rus seit der Zerstörung Berlins immer weiter in die Gebiete östlich der verwüsteten Metropole zurückzog.

Die von den Logenbrüdern kontrollierten Medien verhöhnten Tschistokjow lauthals und berichteten hämisch vom allgemeinen Rückzug seiner Truppen aus Mitteleuropa. Doch sie sollten sich einmal mehr in seiner Entschlossenheit täuschen. Das Oberhaupt des Nationenbundes war nämlich felsenfest davon überzeugt, dass nun Feuer mit Feuer bekämpft werden müsse.

Die Weltregierung hatte mit der ohne jede Vorwarnung vollzogenen Auslöschung Berlins ein Tabu gebrochen, das zwischen den beiden Kriegsparteien stillschweigend im Raum gestanden hatte: Sie hatte in diesem Konflikt erstmals von Kernwaffen Gebrauch gemacht.

Jetzt wollte Tschistokjow seinen Gegnern beweisen, dass auch der Nationenbund zu allem bereit war. London sollte das Ziel seiner nuklearen Vergeltung werden. Die englische Metropole, die seit langer Zeit eines der wichtigsten Machtzentren der internationalen Logenorganisation darstellte, sollte nun als Rache für den Angriff auf Berlin in Schutt und Asche gelegt werden. Viele von Tschistokjows Beratern und Freunden, genau wie der japanische Präsident Matsumoto selbst, hatten diesen gebeten, von einem derart brutalen Gegenschlag Abstand zu nehmen, doch der Anführer der Rus ließ sich nicht mehr beirren. Er betonte, dass seine Feinde bald ohnehin weitere Städte in Russland und Japan mit Atomraketen bombardieren würden.

„Wir müssen hart sein!“, predigte Tschistokjow wieder und wieder.

Längst hatte der russische Souverän seine Hauptstadt St. Petersburg, wo die Evakuierung der Millionenbevölkerung noch immer in vollem Gange war, mit seinem Führungsstab verlassen, um sich in einem riesigen Atombunker im Nordwesten des Uralgebirges zu verbergen. Hier wollte er ausharren – notfalls bis zum bitteren Ende eines Krieges, in dem nun auch die furchtbarsten Vernichtungswaffen eingesetzt wurden.

Am 01.06.2051 erhielt der Weltverbund schließlich die Antwort auf die Zerstörung Berlins. Artur Tschistokjow ließ sieben Wasserstoffbomben auf verschiedene Gebiete des Londoner Ballungszentrums abfeuern. Es war gegen 5.00 Uhr morgens, als das Inferno über die noch verschlafene Stadt hereinbrach und riesige Atompilze mit unheimlichem Getöse in den blutroten Morgenhimmel wuchsen. Die Bevölkerung Londons war bisher nur zu einem geringen Teil in die außerhalb der Riesenstadt gelegenen Gebiete evakuiert worden, denn Jerry Diamond, der Sub-Gouverneur der britischen Inseln, hatte nicht ernsthaft mit einem atomaren Vergeltungsangriff des Nationenbundes gerechnet.

Als die tosenden Feuerorkane der Massenvernichtungswaffen jedoch durch das Häusermeer Londons rasten, war es für die Bevölkerung zu spät. Über 8 Millionen Menschen starben bei dem grausamen Vernichtungsschlag, der den gesamten Ballungsraum rund um die größte Stadt Europas vollkommen dem Erdboden gleichmachte.

Die Menschen in allen Erdteilen hielten den Atem an, als sie die Schreckensnachricht erfuhren; sie dachten mit Entsetzen daran, was sie erwartete, wenn sich nun beide Seiten in einer Kettenreaktion mit Atomwaffen beschossen. Inzwischen konnte niemand mehr daran zweifeln, dass der Dritte Weltkrieg, jener Alptraum, der die Menschheit seit über 100 Jahren quälte, endgültig begonnen hatte.

Indes gingen auch die Kämpfe in Ostdeutschland unbarmherzig weiter. Über 2 Millionen GCF-Soldaten waren mittlerweile auf die Volksarmee der Rus getroffen und lieferten sich blutige Schlachten zwischen der Ostseeküste und der Grenze zu Tschechien. Zugleich gewannen die internationalen Streitkräfte auch im Süden Russlands immer mehr an Boden. Mitte Juni waren sie schon fast bis nach Wolgograd vorgedrungen.

In Ostasien wurde Matsumotos Reich derweil zunehmend von der Kriegsflotte der Weltregierung unter Beschuss genommen, während sich Millionen Soldaten auf die Invasion Japans vorbereiteten.

Julia meldete sich am anderen Ende der Leitung, sie hörte sich müde und traurig an. Die junge Frau stieß ein leises Seufzen aus und schwieg dann für einen Augenblick. Schließlich fragte sie: „Wie schlimm ist es bei euch da draußen?“

„Jetzt ist hoffentlich erst einmal für ein paar Stunden Ruhe. Vielleicht bis morgen früh, dann marschieren wir weiter. Es ist immer das Gleiche: Vorrücken, kämpfen, verrecken. Ich warte noch auf die Entscheidung des Oberkommandos“, stöhnte Frank.

„Friedrich hat ein Bild für dich gemalt“, antwortete Julia, bemüht, ihren Mann irgendwie aufzuheitern.

„Das ist schön. Wäre ich doch bei euch in Ivas“, flüsterte dieser leise und verzog traurig das Gesicht.

„Er hat dich als Ritter gemalt“, erklärte Julia.

„Wenn ich nur einer wäre …“, kam zurück.

„Er redet den ganzen Tag davon, dass du diesen Krieg gewinnen wirst. Manchmal geht er mir damit richtig auf die Nerven. Dann schreie ich ihn an, dass er endlich den Mund halten soll.“

„Ich werde hier gar nichts mehr gewinnen. Welchen Einfluss habe ich noch auf Atombomben oder diesen ganzen Irrsinn insgesamt? Ich bin auch nur ein Blatt in einem immer größer werdenden Sturm, der die ganze Welt erfasst, Julia.“

„Du musst in erster Linie überleben, Frank. Das ist das einzig Wichtige – nur überleben! Pass ja auf dich auf, gehe kein Risiko ein, verstanden?“

„Ja, ich versuche jeden Tag aufs Neue, nicht drauf zu gehen. Und ich werde auch meine Männer nicht sinnlos in den Tod schicken, denn sie wollen eines Tages auch ihre Frauen und Kinder wiedersehen. Aber was kann ich schon tun? Es gerät alles immer mehr außer Kontrolle. Da hilft auch der tolle „Achilles von Weißrussland“ nichts mehr, der kann nämlich keine verdammten Atomraketen auffangen oder die Weltkugel anhalten“, murmelte Kohlhaas resignierend.

„Ich will auch keinen Achilles, sondern dich, meinen geliebten Frank“, erwiderte Julia.

„Ich weiß! Und ich bin es auch leid, diese Rolle immer noch spielen zu müssen …“

„Es waren wieder einige Berichte und Reportagen über dich im russischen Fernsehen. Tschistokjows Propaganda erwähnt dich ständig als leuchtendes Beispiel des Heldentums, um die Moral der Soldaten zu stärken“, bemerkte Wildens Tochter.

Frank lächelte gequält. „Dieses ganze Gequatsche kenne ich zur Genüge. Mir wird schlecht, wenn ich es höre. Ich habe manchmal Angst, dass ich irgendwann den Verstand verliere und mir einfach eine Kugel durch den Kopf jage, auf dass ich endlich Frieden finde. Ihr seid der einzige Grund, warum ich das noch nicht getan habe.“

„Das wirst du auf keinen Fall tun!“, herrschte ihn Julia wütend an. Frank schreckte vor ihrer schrillen, lauten Stimme zurück.

„Nein, das werde ich auch nicht“, sagte er. „Vielleicht tut es ja dafür bald ein anderer oder die knallen uns noch ein Bömbchen auf den Kopf.“

„Hör jetzt auf damit, Frank! So einen Unsinn will ich nicht hören! Dieser elende Krieg verlangt auch mir alles ab. Ich kann seit Wochen nicht mehr richtig schlafen und es wird immer schlimmer. Wir können nur siegen – es gibt keinen anderen Ausweg!“, antwortete Julia.

„Jetzt fängst du auch noch damit an“, brummte Kohlhaas.

„Wir müssen durchhalten und wir werden siegen! Glaube an Artur Tschistokjow und die Kraft unserer Armee! Wir sind das Licht! Gott ist auf unserer Seite!“, predigte die junge Frau, wobei sie sich regelrecht fanatisch anhörte.

„Wenn du das sagst, Hasi …“, antwortete Frank und musste plötzlich schmunzeln.

„Ich weiß, dass ich wie die übliche Kriegspropaganda klinge, aber das ist eben so. Du musst durchhalten und die Nerven behalten, Frank! Kein Zurückweichen! Durchhalten bis zu unserem Sieg!“, rief Julia mit bebender Stimme.

„Warum musste ich mich ausgerechnet in die Tochter von Thorsten Wilden verlieben?“, sagte der General, um dann leise zu lachen.

„Eine bessere Wahl hättest du gar nicht treffen können! Jetzt hast du sogar eine persönliche Motivationstrainerin, Schnucki!“, erwiderte Julia.

Die 12 Weisen des obersten Rates der internationalen Bruderschaft hatten sich heute auf einem Landgut, fernab von neugierigen Blicken und jeder Zivilisation, an der amerikanischen Ostküste getroffen, um das weitere Vorgehen in diesem Krieg zu besprechen. Artur Tschistokjows atomarer Gegenangriff und die vollständige Zerstörung Londons, eines ihrer ältesten und wichtigsten Zentren, hatte die hohen Herren nachhaltiger schockiert als sie es sich gegenseitig eingestehen wollten. Der überraschende Atomschlag gegen die ehemalige Hauptstadt Englands hatte Tausenden der ihren den Tod gebracht und von einem der wichtigsten Knotenpunkte der Organisation nur noch eine verstrahlte Ruinenlandschaft übrig gelassen. Der Weltpräsident, wie auch der Vorsitzende des Rates, schwankten noch immer zwischen rasender Wut und einer sich langsam ausbreitenden Unsicherheit.

„Er zögert nicht, genauso rücksichtslos wie wir selbst zuzuschlagen! Das wissen wir jetzt! Folglich wird das ein Kampf bis aufs Messer werden!“, grollte das Oberhaupt des Weltverbundes, seine Mitbrüder mit finsterem Blick anstarrend.

„Das ist wohl wahr. Auch der Atombombenangriff auf Berlin hat diesen Hund nicht gestoppt. Zudem hat er uns mit der Zerstörung Londons gewaltigen Schaden zugefügt. Wir haben ein paar wichtige Zentren auf der Welt, die wir keinesfalls verlieren dürfen – London war eines davon!“, sagte der Vorsitzende des Rates.

„Einige Mitglieder meiner Sippe sind tot! Das hat dieser Bastard nicht umsonst getan! Wir müssen uns rächen! Diesmal mit einem Vernichtungsschlag, der ganz Russland in ein brennendes Gräberfeld verwandelt!“, schrie der Weltpräsident und hämmerte mit der Faust auf den Konferenztisch.

„Schon gut!“, herrschte ihn der oberste Weise an, wobei er keine Miene verzog. „Wir müssen uns den nächsten Schritt in Ruhe überlegen, damit wir keine Fehler machen. Außerdem wissen wir nicht, wie stark Tschistokjows Atommacht wirklich ist. Er weiß, wo unsere wichtigsten Stützpunkte sind und wird diese als nächstes mit seinen Atomraketen vernichten, wenn wir ihn erneut angreifen.“

Einige der Anwesenden redeten laut durcheinander, während der Weltpräsident einen regelrechten Wutanfall bekam. Zornig rannte er durch den Raum und fauchte: „Wir haben wesentlich mehr Atombomben als Tschistokjow und Matsumoto zusammen! Ich verlange einen nuklearen Rachefeldzug gegen diese Hurensöhne! Das vergossene Blut der Unseren muss mit einem noch viel größeren Blutbad vergolten werden! Auge um Auge! Zahn um Zahn! Worauf warten wir noch?“

Der Vorsitzende des Rates der 13 winkte ab. Dann stand er von seinem Platz auf. Er breitete die Arme aus, um mit ruhiger Stimme zu bemerken: „Die Zerstörung Londons hat auch mich erschüttert, aber das darf uns nicht zu unüberlegten Kurzschlussreaktionen verleiten. Wir wissen allerdings jetzt, dass unsere Feinde ebenfalls zu allem entschlossen sind. Trotzdem werden wir sie auf Dauer auch mit konventionellen Mitteln in die Knie zwingen können.

Einen flächendeckenden Großangriff mit Atomwaffen halte ich derzeit für übertrieben und unklug. Außerdem können wir die Stärke des Gegenschlages nach wie vor nicht genau einschätzen.“

„Sollen wir etwa zögerlich reagieren?“, wetterte der Weltpräsident und war noch immer außer sich vor Wut.

„Nein, wir reagieren niemals zögerlich, Bruder! Wir reagieren lediglich schlau – ganz wie es unsere Art ist. Die Rache wird noch folgen und sie wird unvorstellbar grausam sein. Aber ich befehle hiermit, dass wir zunächst abwarten und unsere Nuklearwaffen in der Hinterhand behalten. Die Zeit ist noch nicht reif für einen ausgewachsenen Atomkrieg. Außerdem sind unsere Zentren auch nicht unverwundbar. Deshalb werden wir so vorgehen, wie wir es zu Beginn dieses Krieges beschlossen haben. Wo wir Tschistokjow und Matsumoto mit konventionellen Mitteln aufhalten können, werden wir keine Atomwaffen einsetzen. Um unser selbst willen.“

Der Weltpräsident stieß ein lautes Schnaufen aus, fluchte und ließ sich schließlich wieder auf seinem Platz nieder. Einige der anderen Ratsmitglieder wollten sich noch zu Wort melden, doch der oberste Weise befahl ihnen zu schweigen.

Letztendlich konnte sich das Oberhaupt des Weltverbundes jedoch nicht zurückhalten und schnaubte: „Wollen wir jetzt etwa anfangen, Rücksicht auf die armen, armen Menschen zu nehmen?“

Der Vorsitzende des Rates kniff die Augen verärgert zusammen; drohend hob er den Zeigefinger und maßregelte seinen Stellvertreter. „Nein, natürlich nicht. Eine kluge Taktik führt aber zum Ziel, nicht geistlose Raserei. Wenn wir die Knochen unserer Feinde gebrochen haben und sie am Boden liegen, dann werden wir ihnen einen langsamen, qualvollen Tod bereiten.“

Es war in den letzten Wochen, von ein paar Scharmützeln abgesehen, recht ruhig geblieben. Die Volkarmee der Rus und die Warägergarde hatten sich im Osten Deutschlands auf breiter Front eingegraben und waren nicht mehr weiter vorgerückt. Derzeit herrschte, zumindest in dieser Region, eine gespenstische Ruhe. Im Süden Russlands und an vielen anderen Orten der Welt tobten die Kämpfe jedoch unbeirrt weiter. Der sich aufblähende Weltkrieg verschlang mit jedem weiteren Tag mehr und mehr Menschen.

In der Barentssee lieferten sich die Kriegsschiffe und U-Boote des Nationenbundes schwere Gefechte mit den Seestreitkräften des Weltverbundes, während die schon stark dezimierte japanische Flotte den Gegner im ostchinesischen Meer zurückzudrängen versuchte. Erbitterte Luftschlachten tobten zugleich über den russischen Weiten, denn die GCF hatte damit begonnen, immer verheerendere Bombenangriffe auf die russischen Städte zu fliegen.

Frank und die von ihm befehligten Soldaten lagerten inzwischen nahe der sächsischen Stadt Meißen. Dort verharrten sie und verhielten sich zunächst ruhig. Einige andere Verbände der Warägergarde, die General Kohlhaas direkt unterstellt waren, hatten sich hingegen weiter nördlich eingegraben, um dort die Frontlinie der Volksarmee zu verstärken.

Mittlerweile war es sehr heiß geworden, die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel herab. Frank hatte seinen Unterstand schon den ganzen Tag lang nicht verlassen. Er hockte in einer dunklen, kühlen Ecke und wartete ab, genau wie die anderen Offiziere, die mit ihm in diesem Loch hausen mussten. Soeben hatte er noch eine kurze Nachricht von Alf, dem es wieder besser ging, erhalten. Doch auch das konnte Franks Laune nicht merklich steigern.

Um den Deutschen herum saßen oder lagen seine russischen Kameraden in dem halbdunklen, mit einem langen Schützengraben verbundenen Unterstand. Die Russen unterhielten sich leise, ihre Stimmen hörten sich für Frank nach einer Weile wie ein unterschwelliges Brummeln im Hintergrund an. Der General kauerte schweigend in einer Ecke und starrte auf den Boden. Plötzlich kam einer der Offiziere zu ihm herüber und überreichte ihm einen Datenträger mit Anweisungen des Oberkommandos.

„Ich danke Ihnen, Major Merkin!“, sagte Kohlhaas, er versuchte zu lächeln.

„Machen Sie doch nicht so ein trauriges Gesicht, Herr General. Die nächste Weihnachtsfeier halten wir bestimmt schon an der Atlantikküste ab“, bemerkte einer der Russen.

„Oder wir schauen uns bald die Welt vom Himmel aus an“, meinte Frank. Ein zynisches Grinsen folgte.

„Oder wir sitzen neben dem Teufel und trinken eine Pulle Wodka in der Hölle“, gab der Offizier zurück, während die anderen lachten.

Daraufhin schwiegen sie alle wieder, bis einer der Soldaten auf einmal anfing zu singen. Er sang ein altes, russisches Volkslied und Frank spitzte die Ohren, um den mit rauer Stimme vorgetragenen Text zu verstehen. Das Lied handelte davon, wie schön Russlands Wälder im Frühling sind. Schließlich begann auch Frank die Melodie leise zu summen und vergaß für eine Weile, dass er sich in einem Schützengraben irgendwo an der Front befand. Draußen begann es derweil zu regnen und es wurde schlagartig kälter.

Bis Ende Juni blieben die Soldaten beider Seiten noch in ihren Stellungen und warteten ab, während eine drückende Sommerhitze über Sachsen herfiel. Schließlich versuchte die Volksarmee der Rus über Döbeln und Grimma nach Leipzig vorzustoßen, wo sich der Gegner bereits in Position gebracht hatte. Immer mehr GCF-Soldaten trafen indes auch im Ostteil des Verwaltungssektors Europa-Mitte ein, wo sie eine breite Abwehrfront bildeten, die durch zahlreiche Panzer und Geschütze verstärkt wurde. Die Verluste der Volksarmee hatten sich mittlerweile stark erhöht, genau wie der ständig wachsende Widerstand des Gegners.

In Ostasien waren die Japaner ihrerseits mit über 1 Million Soldaten zu einer Großoffensive in der Mandschurei übergegangen und versuchten, die sich dort formierenden GCF-Truppen so lange wie möglich aufzuhalten und auf dem Festland zu binden. Von diesem kühnen Vorstoß erhoffte sich Präsident Matsumoto, dass er ein wenig mehr Zeit gewinnen konnte, um sein Inselreich weiter zu befestigen und vor allem gegen eventuelle Atombombenangriffe zu schützen. Doch das extrem dicht besiedelte Japan war nur schwer gegen Nuklearschläge abzusichern; eine geringe Menge von Atombomben reichte bereits aus, um auf einen Streich Abermillionen Menschen zu töten. Dafür musste man nur die übervölkerten Ballungszentren im Herzen der Insel treffen.

Längst war das japanische Volk von einer entsetzlichen Panik ergriffen worden. Seit dem Tag, als es gehört hatte, dass Artur Tschistokjow dem Weltverbund ebenfalls mit seinen Atombomben geantwortet hatte, regierte die Furcht. Ununterbrochen wurden jetzt Evakuierungs- und Umsiedlungspläne in die Tat umgesetzt, was nichts daran änderte, dass Japan einfach zu klein und zu sehr mit Menschen überlaufen war, dass sich diese im Falle eines Atomschlages allzu erfolgreich verstecken konnten.

Währenddessen rückten auch die über den Balkan und Italien kommenden GCF-Verbände nach Norden vor, um in der Slowakei und Polen eine neue Front gegen die Volksarmee zu eröffnen. Unter den hier versammelten Soldaten der Global Control Force befanden sich Hunderttausende von Afrikanern und Arabern, die den Einberufsbefehlen der Weltregierung oft nur widerwillig gefolgt waren und keine sonderlich gute Disziplin aufwiesen. Allerdings waren sie zahlreich. Aus Sicht der Weltregierung stellten sie entbehrliches Kanonenfutter dar. Am 06. Juli bombardierte die Luftwaffe der internationalen Streitkräfte Bratislava und zerstörte die Infrastruktur der slowakischen Großstadt. Einige Divisionen der Volksarmee wurden daraufhin in den Süden der Slowakei verlegt, um dort die Stellung zu halten.

So wuchs der Weltkrieg mit jeder fortschreitenden Woche zu einem immer größeren Moloch heran. Bisher unbeteiligte Regionen wurden samt ihren unglücklichen Bewohnern von seinen Klauen ergriffen und in riesige Schlachtfelder verwandelt.

Frank und seine Männer lagen mittlerweile vor Eilenburg in Sachsen, das in den letzten Tagen von der GCF besetzt worden war. Am feindlichen Widerstand bissen sich die Waräger und Volksarmisten die Zähne aus, während die Stadt mit jedem weiteren Tag mehr zu einer Ruinenlandschaft wurde.

Aber alle waren in diesen finsteren Tagen zumindest darüber froh, dass keine Atombomben vom Himmel kamen. Die nukleare Vernichtung Berlins und Londons saß den Menschen noch immer tief in den Knochen und sie rechneten jeden Tag damit, dass das gegenseitige Bombardieren mit Kernwaffen fortgesetzt wurde. Doch zunächst verzichteten sowohl die Weltregierung als auch der Nationenbund auf den Einsatz der gefürchteten Massenvernichtungswaffen, die ganze Städte mitsamt ihren Bewohnern, ihren historischen Gebäuden und allen wundervollen Kulturdenkmälern auf einen Schlag ausradieren konnten.

Artur Tschistokjows Gesicht erfüllte den Fernsehbildschirm und der russische Präsident blickte mit ernster Miene in die Kamera. Er saß an einem schmucklosen Schreibtisch in einem hell ausgeleuchteten Raum. Hinter ihm schmückte eine Drachenkopffahne die graue Betonwand des Atombunkers. Heute sprach der Präsident erneut zum russischen Volk. Er wirkte, obwohl man ihn so gut es ging zurechtgemacht hatte, traurig und erschöpft.

„Meine lieben Landsleute!

Die Mächte des Hasses und der Menschheitszerstörung haben unser tapferes Volk inzwischen in einen schrecklichen Krieg gedrängt und versuchen mit allen Mitteln, den Nationenbund zu vernichten. Ihr satanischer Groll gegen alles Schöne und Gute hat sie einmal mehr dazu verleitet, auch mit den unmenschlichsten und furchtbarsten Waffen gegen die Menschen Russlands vorzugehen. Wo ihre Sklavenhorden plündernd und mordend durch die Lande ziehen, da hinterlassen sie Zerstörung, Chaos und Leid. Gehetzt von den knallenden Peitschen ihrer Herren, rennen sie gegen unsere Abwehrfronten an, um in unsere Städte, Dörfer und Landschaften einzudringen. Diese Bestien in Menschengestalt, die unsere Frauen vergewaltigen und unsere Kinder erschlagen, kennen nur ein Ziel: Die völlige Vernichtung von allem, was uns lieb und teuer ist.

Derweil versuchen unsere tapferen Soldaten mit aller Kraft, dem Ansturm des Bösen stand zu halten. Sie setzen ihr Leben in blutigen Schlachten an unzähligen Orten ein, um unser geliebtes Volk vor dem Untergang zu bewahren. Die atomare Zerstörung Berlins durch unsere Feinde, die Kinder des Teufels, hat mir wieder einmal vor Augen geführt, dass diese geborenen Verbrecher nur mit rücksichtsloser Entschlossenheit und den gleichen brutalen Mitteln aufgehalten werden können. Ihr Hass auf jedes Volk, das lediglich seine Freiheit beansprucht, kennt keine Grenzen. Ihnen ist jede Teufelei recht, um die Menschheit für immer in eine Hölle aus Zerfall und ewiger Sklaverei zu treiben.

Ich bin in diesen Stunden bei euch, meine russischen Brüder und Schwestern. Ich fühle mit euch und weiß, was viele von euch zu erdulden haben. Ich denke an jeden unserer tapferen Soldaten an der Front, an jede russische Frau und jedes russische Kind, das versucht, den Klauen der Völkermörder zu entkommen.

Ich selbst kämpfe nunmehr seit vielen Jahren gegen die Logenbrüder, diese internationale Verbrecherorganisation aus Kriegstreibern und Menschenschindern. Ich selbst kenne das furchtbare Leid, all die Entbehrungen, die der Kampf gegen unsere Feinde beinhaltet. Doch sie sollen wissen, dass sie unseren Willen nicht brechen können. Selbst wenn sie ihre grausamen Sklavenhorden auf unser Volk hetzen oder Millionen unschuldige Menschen mit Atombomben ermorden.

Meine geliebten Brüder und Schwestern, geliebtes russisches Volk, es gibt nun kein Zurück mehr in diesem Krieg, der das Schicksal der Menschheit wie kein zweiter bestimmen wird. Ich habe immer an unseren Sieg geglaubt und ich habe auch jetzt keinen Zweifel daran, dass wir die Krake, die die Welt zu erwürgen droht, am Ende doch erschlagen werden. Dafür müssen wir jedoch alle wie eine unzerbrechliche Mauer hinter unseren kämpfenden Truppen stehen. Dafür müssen wir aber unsere Herzen mit dem unzerstörbaren Glauben an den Sieg …“

Julia schaltete den Fernseher aus und verließ das Wohnzimmer. Sie ging ins Kinderzimmer, wo sie der kleine Friedrich mit nachdenklichem Blick erwartete.

„Hast du dir wieder Onkel Artur im Fernsehen angesehen, Mama?“, fragte der Junge. Er sah zu seiner Mutter auf.

„Ja, der ist ständig im Fernsehen. Allerdings muss ich ihn auch nicht den ganzen Tag hören oder sehen“, antwortete Julia genervt.

„Papa ist Arturs bester Soldat, oder?“

„Keine Ahnung, Friedrich! Ich wünschte, er wäre überhaupt kein Soldat.“

„In der Grundschule hat uns Herr Kalita einmal gesagt, dass Papa uns alle vor den bösen Leuten gerettet hat. Stimmt das?“

Julia stöhnte auf, sie strich Friedrich über den Kopf. „Kann schon sein. Papa rettet immer alle vor irgendwelchen bösen Leuten …“

„Und jetzt haben die bösen Leute die Stadt zerstört, aus der Papa kommt, oder?“

„Mit solchen Dingen solltest du dich gar nicht beschäftigen, Friedrich. Lies doch noch ein Buch oder male ein Bild“, murmelte Julia. Sie ging zum Fenster.

„Aber die Leute in der Stadt, aus der Papa kommt, hat er nicht retten können, oder?“, bohrte der Junge nach.

Die Tochter des Außenministers drehte sich wieder um und sah ihren Sohn mit traurigen Augen an. Für einen Moment fehlten ihr die Worte, doch dann sagte sie: „Es reicht jetzt, Friedrich! Ich will nichts mehr davon hören, verstanden?“

General Kohlhaas hatte seinen Truppen befohlen, sich wieder von Eilenburg abzuwenden, da der Widerstand der GCF zu groß war und der Feind weitere Verstärkungen erhalten hatte. Jetzt galt es, Riesa zu halten, wo sie die Bevölkerung zuvor mit lautem Jubelgeschrei begrüßt hatte. Tausende von Warägern hatten sich inzwischen rund um die Stadt eingegraben und versuchten, den vorrückenden Feind aufzuhalten. Bisher war es lediglich die Vorhut der noch kommenden Hauptstreitmacht der GCF, doch diese war schon groß genug.

Zuerst brachten die Truppen des Weltverbundes ihre Artillerie in Stellung; dann begannen sie sofort damit, Riesa zu beschießen. Neben gewöhnlichen Geschossen wurden die Waräger auch mit einem Hagel aus Giftgasgranaten eingedeckt, um sie aus ihren Stellungen zu treiben. Das mörderische Trommelfeuer dauerte mehrere Stunden und kostete vielen Soldaten das Leben.

Schließlich folgte ein feindlicher Panzer- und Infanterieangriff. Frank und seine Waräger empfingen die vorrückenden GCF-Verbände mit einem wütenden Sperrfeuer, während sich die mit Plasmawerfern ausgerüsteten Männer ausschließlich den Panzern widmeten. Dieser erste Angriff dauerte bis tief in die Nacht hinein, doch es gelang den Verteidigern, Riesa unter großen Verlusten zu halten. Irgendwann zogen sich die GCF-Soldaten wieder zurück, um am nächsten Tag zur Mittagsstunde einen weiteren Sturmangriff zu starten.

So ging es eine ganze Woche lang. Bald waren große Teile der Stadt von der feindlichen Artillerie in Stücke geschossen worden und noch immer prasselten Schauer aus Giftgasgranaten vom Himmel herab, die unter den Warägern und der Zivilbevölkerung furchtbare Opfer forderten.

Schließlich befahl Frank einen Ausfall und schickte einige motorisierte Trupps los, um die feindlichen Geschütze zu zerstören. Die kühne Aktion gelang, wobei erneut viele Elitesoldaten des Nationenbundes den Tod fanden. Wenig später traf die von Frank angeforderte Verstärkung in Form einiger Volksarmeeverbände ein und die Stellungen konnten verstärkt werden.

Doch der Gegner hatte sich inzwischen geschickt um die Stadt herum positioniert und ebenfalls weiteren Nachschub erhalten. Die Sturmangriffe, Ausfälle und Häuserkämpfe rund um Riesa gingen ohne Pause weiter, wobei keine Seite die Oberhand gewinnen konnte. Nach einer weiteren Woche voller erbitterter Feuergefechte, versammelten sich die GCF-Soldaten schließlich zur großen, alles entscheidenden Attacke.

Grabenkämpfe

Diesmal waren es Tausende. Ganze Schwärme feindlicher Soldaten rückten im Morgengrauen in Richtung Riesa vor; im Schutz der Panzer versuchten sie, näher an die Stellungen der Volksarmisten und Waräger heranzukommen. Um Frank herum war ein ohrenbetäubendes Getöse ausgebrochen. Schwere Maschinengewehre ratterten ununterbrochen und glühende Plasmabälle rasten den gegnerischen Panzern entgegen.

General Kohlhaas brüllte pausenlos in sein Funkgerät und bemühte sich, das Abwehrfeuer seiner Männer so gut es ging zu koordinieren. Diese Dinge waren den Warägern bereits in der Grundausbildung bis zum Exzess eingepaukt worden. Mittlerweile beherrschten sie sie perfekt.

„Plasmawerfer schießen auf die Panzer in W-5! Sperrfeuer auf das Gebiet zwischen Wald und Landstraße! Planquadrat W-9!“, schrie Kohlhaas so laut er konnte.

Die schweren Maschinengewehre der Waräger schossen einen vorstürmenden Trupp GCF-Soldaten in einigen hundert Metern Entfernung zusammen, während konzentriertes Plasmafeuer fünf feindliche Panzer zerstörte.

„Passt auf V-6 auf! Da kommt eine ganze Horde!“, warnte Frank seine Soldaten. Nur Sekunden später wurde das Abwehrfeuer auf ein anderes Ziel umgeleitet.

Zahlreiche GCF-Soldaten brachen daraufhin schreiend zusammen, doch aus dem Hintergrund kamen bereits die nächsten feindlichen Trupps. Irgendwann waren es so viele, dass die wie wild feuernden Volksarmisten und Waräger immer mehr Probleme hatten, den Feind niederzuhalten.

„Granatenwerfer bereithalten!“, brüllte Frank nervös, während die feindliche Infanterie näher kam.

Einige Minuten später schlugen Granaten zwischen den Gegnern ein, Dutzende von ihnen zerfetzend. Dem Granatenwerferbeschuss folgte ein weiterer Kugelhagel aus Pika Sturmgewehren und schweren Stand-MGs.

„Wartet kurz! Lasst sie näher herankommen!“, befahl Kohlhaas.

Die GCF-Soldaten schossen indes selbst mit allem, was sie hatten, zurück. Es gelang ihnen, einige Stellungen der Volksarmisten zu erreichen und diese in einem brutalen Hauen, Schießen und Stechen einzunehmen. Brüllend stürmten sie weiter vorwärts, um mitten in das perfekt koordinierte Abwehrfeuer der Warägergarde hinein zu rennen.

„Warten!“, brüllte Frank in sein Funkgerät und konnte aufgrund des Lärms kaum noch sein eigenes Wort verstehen.

Bald hatte der größte Teil der GCF-Soldaten die Schützengräben der Waräger schon fast erreicht und es hagelte Handgranaten. Dann griffen die Feinde auf breiter Front an; sie wollten die Stellungen der Rus im Sturm erobern.

„Jetzt!“, gellte Kohlhaas.

Zwischen einigen Häuserruinen wurden mehrere Transportpanzer sichtbar. Die schwarzgrauen Fahrzeuge rasten los, umfuhren die Masse der gegnerischen Infanterie an der Flanke und donnerten mit ununterbrochen hämmernden Maschinenkanonen auf die GCF-Soldaten zu. Dann spuckten sie auf einen Schlag mehrere Trupps Warägergardisten in schweren Ferroplastinrüstungen aus.

„Gegenangriff!“, ordnete Frank an.

Seine Männer sprangen aus den Gräben und stürmten wild um sich schießend auf die durch den unerwarteten Flankenangriff in Unordnung geratenen Feinde zu. Innerhalb von Minuten war die Verwirrung in den Reihen der Gegner so groß, dass viele der feindlichen Soldaten die Nerven verloren und sich zur Flucht wandten. Die motorisierten Verbände der Warägergarde und die ungestüm gewordene Infanterie setzten ihnen nach und massakrierten so viele, wie sie erwischen konnten.

Ein feindlicher Panzervorstoß konnte wenig später noch einmal vom Abwehrfeuer der Plasmawaffen zurückgeschlagen werden. Dennoch dauerte die Schlacht noch mehrere Stunden, was nichts daran änderte, dass der feindliche Großangriff auf Riesa am Ende fehlgeschlagen war.

Auch die anderen Stadtteile hatten erfolgreich verteidigt werden können, wenn auch unter großen Verlusten. Nun jedoch waren die Rus am Zug und unternahmen in der folgenden Nacht selbst eine Gegenoffensive. Nach weiteren heftigen Kämpfen musste sich die GCF schließlich einige Kilometer nach Westen zurückziehen, um erst einmal auf Verstärkung zu warten.

General Kohlhaas und seine Männer jubelten. Doch die Freude über diesen im Grunde unbedeutenden Sieg währte nicht lange, denn das Oberkommando gab den Befehl, so schnell wie möglich nach Leipzig vorzurücken. Dort bahnte sich ein Volksaufstand an.

Der Anführer der Freiheitsbewegung lief aufgeregt durch sein grell erleuchtetes Büro im untersten Geschoss des Atombunkers. Diesmal war nur Außenminister Wilden bei ihm. Der Deutsche hörte den endlosen Vorträgen des russischen Staatsoberhauptes bereits seit Stunden zu. Was er ansonsten selbst gerne in aller Ausgiebigkeit praktizierte, nämlich seinen Mitmenschen die Welt zu erklären, übernahm heute Artur Tschistokjow.

„Bevor sich unsere Feinde der Menschheit offen als Tyrannen gezeigt haben, vertraten sie zum Schein die genau gegenteiligen Thesen, um die Völker der Erde zu verwirren. Sie waren immer die Ersten, die nach „Freiheit“, „Gleichheit“, „Demokratie“ und so weiter geschrieen haben. Und während sie ihre Heucheleien hinausposaunten, haben sie sich neben dem Finanzwesen vor allem auch die Medien unter den Nagel gerissen. Wie töricht und naiv waren unsere Vorfahren, dass sie so etwas zuließen.

Nach außen hin redeten die Logenbrüder von einer angeblich „freien Presse“, doch kontrollierten sie die Macht der Medien im Hintergrund mit aller Entschlossenheit. Es kam der Tag, da waren die großen Zeitungen und Fernsehsender allesamt in ihrer Gewalt.

Die alten Staaten gaben die Medien, als wichtigste Instrumente der Massenbeeinflussung, in ihrer Dummheit aus den Händen. Schließlich gehörten sie irgendwann ihren Feinden, dienten ihren Plänen, säten Zweitracht unter den Völkern und manipulierten die Massen so, wie es die Logenbrüder für nötig erachteten.

Wir aber sind von Anfang an ehrlich gewesen! In den von uns beherrschten Gebieten dient jede Zeitung und jeder Fernseh- oder Radiosender unserem Kampf! Sie sind Eigentum unseres Staates, predigen nur und ohne Ausnahme unsere Weltanschauung! Wir haben sie dem Feind aus den Klauen gerissen, der sie als Werkzeuge der Geistesvergiftung für seine Zwecke missbraucht hat. Nun gehören sie uns und sind unsere Waffen in diesem Glaubensweltkrieg.

Alle unsere Medien haben nur ein Ziel, auch wenn sie von der Art und Weise, wie sie es tun, manchmal unterschiedlich vorgehen: Sie impfen das geistige Gegengift in den Kopf unseres Volkes! Nie wieder werden wir sie aus den Händen geben! Sie sind die Artillerie des gesprochenen und geschriebenen Wortes, die an vorderster Front mithilft, den Weltfeind zu vernichten!“

Wilden schmunzelte, denn diese Dinge wusste er selbst nur zu gut. „Alles andere wäre dumm und hätte uns schon längst das Genick gebrochen.“

Artur Tschistokjow wechselte ins Deutsche und erwiderte: „Daran es gibt keine Zweifel, mein Freund. Eine andere Form von Widerstand, als wie wir ihn machen, ist einfach gar nicht möglich, verstehst du? Dafür der Feind ist viel zu gefährlich und hat zu großen Macht. Wir mussten eine Bewegung machen, die aufgebaut ist wie ein Armee.“

„Heute wirkst du jedenfalls etwas entspannter als in den letzten Tagen, Artur. Das freut mich“, bemerkte Wilden.

Der blonde Russe versuchte zu lächeln. Er nickte, um sich dann auf den Stuhl hinter seinem Schreibtisch zu setzen.

„Den ganzen Tag ich mache nichts anderes als nur auf die Karte der Welt schauen. Kämpfen hier und überall. Es ist eine Qual für meine Nerven“, gestand Tschistokjow.

„Es ist für uns alle ein Graus!“, antwortete der grauhaarige Deutsche und stieß einen leisen Seufzer aus.

„Graus? Was ist das?“, wunderte sich Tschistokjow.

„So etwas wie „Qual“. Es ist schrecklich“, erklärte Wilden schmunzelnd.

Der Anführer der Rus sank hinter dem Schreibtisch zusammen und sagte für einen Moment nichts. Schließlich nahm er eine Flasche Limonade in die Hand und füllte sein Glas.

„Ich will eigentlich seit Jahren wieder anfangen, mein Deutsch zu verbessern, aber mir fehlt einfach die Zeit. Ich lese kaum noch ein Buch und gönne mir überhaupt nichts mehr. Ich habe einfach für nichts mehr Zeit – und schon gar nicht für eine Frau oder gar eine Familie. Es ist ein trostloses Leben“, murmelte Tschistokjow auf Russisch, Wilden traurig ansehend.

„Die großen Werke der Weltliteratur können wir erst wieder genießen, wenn dieser Krieg vorbei ist. Vorher werden wir kaum eine Stunde Zeit für etwas Schönes haben“, meinte der Außenminister.

„Dieser Krieg! Wann wird er enden, Thorsten? Mir kommt es jetzt schon so vor, als würden wir ihn seit tausend Jahren führen. Ich kenne nur noch Wut, Hass und Rache. Hier unten mutiere ich zu einer tragischen Gestalt, zu einem Gespenst in den dunklen Gängen dieses verfluchten Atombunkers. Manchmal sehe ich mich im Spiegel an und frage mich, was aus Artur Tschistokjow, dem ehemals guten Menschen, inzwischen geworden ist.“

„Wir werden das schon überstehen“, versuchte Wilden seinen Gefährten zu beruhigen.

„Das Einzige, was mir noch Freude bereitet, sind die kleinen Gespräche, die wir beide führen. Mit dir kann ich offen sprechen, die anderen verstehen mich doch gar nicht. Jetzt, wo Peter tot ist, habe ich nur noch dich zum reden. Millionen Menschen befolgen meine Befehle, schauen zu mir auf, vergöttern und umgarnen mich – und doch bin ich immer allein“, sagte Tschistokjow.

„Es werden schon noch schönere Zeiten kommen“, antwortete Wilden nur, denn etwas Besseres fiel ihm in diesem Moment nicht ein.

Inzwischen befanden sich Frank und seine Waräger an einer anderen Front, diesmal kurz vor der sächsischen Stadt Leipzig. Es war wie immer: Vorrücken, eingraben, warten und am Ende angreifen.

Müde hockte Kohlhaas in einer Ecke seines Unterstandes, mit dem Rücken an einer großen Munitionskiste gelehnt. Er hatte die Augen geschlossen, versuchte an nichts zu denken. In einigen Tagen, vielleicht schon morgen, würden sie Leipzig angreifen. Erneut kämpfen, töten, fallen. Es war eine ermüdende Endlosschleife und Frank wurde bewusst, dass er Situationen wie diese schon unzählige Mal erlebt hatte. Die Stunden vor dem Beginn einer Offensive waren immer die schlimmsten.

Plötzlich schob jemand die feldgraue Plane, die den Eingang des Unterstandes verdeckte, langsam zur Seite und kam in die halbdunkle Höhle hinein. Es war ein Offizier der Warägergarde.

„Herr General, verzeihen Sie die Störung, aber ich sollte Sie doch immer auf dem Laufenden halten, was der Junge macht“, sagte der Russe.

„Wovon sprechen Sie?“, brummte Frank.

„Von Pjotr Balkov!“, antwortete der Offizier kleinlaut.

Kohlhaas stand auf und ging einige Schritte auf ihn zu. „Balkov? Was ist mit ihm?“

„Sie haben mich einmal gebeten, dass ich Sie immer informieren soll, was er macht, Herr General.“

„Was macht er denn? Ich habe seit Wochen nichts mehr von ihm gehört. An welcher Front ist er denn jetzt?“, bohrte Frank nach. Langsam wurde er ungeduldig.

„An keiner Front … ich meine …“

„Drücken Sie sich klar aus!“, murrte Frank.

„Der Junge ist leider verstoben. Es ist inzwischen offiziell. Er ist beim Atombombenabwurf auf Berlin getötet worden“, erklärte der Russe und überreichte Frank eine endlos erscheinende Liste mit Namen von Gefallenen.

Frank zuckte zusammen, er nahm den dicken Stapel Papiere entgegen.

„Es ist auf Seite 278. Ich habe seinen Namen rot markiert, wie Sie sehen können, Herr General. Es sind alle Verluste der Waräger Sturmdivisionen im Frontabschnitt 14 bis 19 vermerkt worden und …“

Kohlhaas herrschte ihn an, den Mund zu halten. Kurz darauf fand er die rot markierte Stelle am unteren Ende der besagten Seite.

„Die Verluste der Volksarmee sind allerdings von einer anderen Dienststelle bearbeitet worden, aufgrund der …“, erklärte der Offizier.

„Halten Sie den Mund!“, schrie ihn Frank an. „Verschwinden Sie! Sofort!“

„Es tut mir sehr Leid, Herr General!“

„Raus!“

Kaum hatte der Waräger den Unterstand wieder verlassen, da schleuderte Frank den Stapel Papiere wie eine Giftspinne von sich und trat gegen einen Plastikstuhl.

„Zur Hölle mit dieser ganzen Scheiße!“, flüsterte er und hielt sich den Kopf.

Es dauerte nur noch Sekunden, dann konnte Frank seine Tränen nicht mehr zurückhalten. Leise weinend setzte er sich in eine dunkle Ecke. Jetzt wusste er es endlich. Auch der sympathische, junge Pjotr, dessen Leben Frank im russischen Bürgerkrieg gerettet hatte, war von diesem Krieg verschlungen worden.

In diesem Moment wurde dem General wieder einmal klar, dass Gott, wenn er denn überhaupt existierte, niemanden beschützte oder liebte. Er hatte die Menschen wohl schon lange verlassen und den Blick von seiner Schöpfung abgewandt. Vielleicht schaute er aber auch zu, als zynischer Voyeur, der die kleinen Kreaturen, die er geschaffen hatte, mit kaltem Blick beim Sterben betrachtete.

Seit Tagen versuchte die GCF, die immer wütender und aufsässiger werdenden Bewohner von Leipzig im Zaum zu halten. Als diese von der herannahenden Volksarmee und den ihr folgenden deutschen Freiwilligenmilizen hörten, geriet die Situation endgültig außer Kontrolle. Bereits vor einer Woche war der oberste Stadtverwalter von Leipzig von einem Unbekannten vor dem Rathaus erschossen worden. Wenige Stunden später hatten mehrere Hundert mit Knüppeln, Äxten und Schusswaffen aller Art bewaffneten Männer Anstalten gemacht, das Gebäude zu besetzen. GCF-Soldaten und VVM-Männer hatten schließlich dazwischengeschossen und die Aufständischen in die Flucht geschlagen.

Nun, da die Bevölkerung Leipzigs wusste, dass die Volksarmee im Anmarsch war, versammelten sich Tausende von Menschen in der Innenstadt und protestierten zunächst friedlich gegen die Besatzungstruppen der Weltregierung. Doch das änderte sich innerhalb kürzester Zeit, denn die aus vielen Ländern nach Deutschland gebrachten GCF-Soldaten verloren angesichts der vorrückenden Truppen des Nationenbundes am Ende die Nerven und schossen erneut auf die Demonstranten.

Damit wurde ganz Leipzig ins Chaos gestürzt. Die ganze Nacht hindurch tobten Straßenschlachten und Unruhen in den Gassen. Schließlich gingen die Volksarmisten sofort zum Angriff über, um Leipzig so schnell wie möglich zu befreien.

„Wir müssen uns beeilen und die Stadt einnehmen, bevor weitere GCF-Truppen eintreffen!“, schärfte Frank seinen unter großem Zeitdruck vorrückenden Soldaten ein.

Diese griffen die feindlichen Verbände, die sich in Fuchshain und Großpösna verschanzt hatten, entschlossen an, nachdem die mobile Artillerie der Rus einige Straßenzüge mit heftigem Trommelfeuer eingeebnet hatte.

Die von Ludwig Orthmann angeführten deutschen Freiwilligenverbände hatten derweil Paunsdorf erreicht und befanden sich bereits in schweren Häuserkämpfen mit einigen VVM-Trupps.

Frank betrachtete den Bildschirm im Vorderteil seines Kommandopanzers. Ständig zeigten kleine Kameras, die an der Außenhülle des Tanks angebracht waren, neue Bilder und Eindrücke. Zudem wurden ununterbrochen Informationen und Außenaufnahmen von den anderen Transportpanzern, die überall Waräger an die Front brachten, übertragen.

Der General war bemüht, sich in diesem Chaos halbwegs zurechtzufinden und den Angriff so gut es ging zu koordinieren.

„Unsere Geschütze sollen die VVM-Stellungen in Holzhausen unter Feuer nehmen!“, befahl er und drehte sich zu einem Leutnant um.

„Wir sollten die VVMs generell gezielt mit unseren Panzern und Sturmtruppen angreifen. Die rennen schneller weg, wenn es ernst wird. So können wir die Abwehrfront des Feindes leichter aufreißen“, meinte der Russe. Frank nickte.

„Ja, eine gute Idee. Ich werde den Angriffsplan noch einmal modifizieren.“

Hunderte von grau uniformierten Volksarmisten und schwer gerüsteten Warägern rannten inzwischen gegen die gegnerischen Linien an und arbeiteten sich durch heftiges Sperrfeuer vor. Kohlhaas hatte derartige Sturmangriffe schon viele Mal erlebt, immer waren sie verlustreich und blutig. Doch es gab keine andere Möglichkeit, Leipzig einzunehmen. Außerdem musste es schnell gehen, bevor der Feind weitere Hilfe aus dem Hinterland bekam.

Schließlich dauerten die Gefechte bis zur Abenddämmerung und es gelang den Warägern, den Gegner zumindest aus Fuchshain zu vertreiben. Morgen würden sie versuchen, bis nach Großpösna vorzudringen, beschlossen Frank und die anderen Offiziere vor Ort. Wenn es überhaupt gelang, Leipzig im Sturm zu nehmen, dann nur unter großen Opfern, denn die GCF- und VVM-Soldaten hatten sich mittlerweile überall in gut geschützten Positionen verschanzt.

Doch in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages ereignete sich etwas, womit niemand gerechnet hatte. In der tiefen Dunkelheit griffen mehrere Hundert Leipziger, die sich mit allem Möglichen bewaffnet hatten, die GCF-Soldaten und ihre Helfer von den VVM plötzlich von hinten an. Offenbar hatten die Aufständischen zuvor mit Ludwig Orthmann Kontakt aufgenommen und sich mit ihm abgesprochen.

Zunächst überfielen sie nur einige Stellungen, die mit unachtsamen VVM-Milizionären bemannt worden waren, und töteten die Männer im Schlaf. Dann rückten sie jedoch weiter durch die dunklen Gassen vor und attackierten in einer selbstmörderischen Aktion die überraschten Soldaten der Weltregierung. Laut brüllend fielen sie über die verwirrten Feinde mit Knüppeln, Äxten und Gewehren her, mit einer solchen Kühnheit angreifend, dass sie den GCF-Soldaten ernsthafte Probleme bereiteten.

Die Aufständischen schleuderten Handgranaten in die Gräben und Unterkünfte der oft noch schlafenden Feinde und metzelten jeden nieder, der sich nicht schnell genug verteidigen konnte. Und es wurden immer mehr. Zunächst waren es nur einige hundert Männer gewesen, doch als die Sonne aufging, waren es plötzlich Tausende.

Den vor der Stadt liegenden Volksarmisten blieb das in den Straßen Leipzigs ausgebrochene Chaos nicht verborgen und Frank befahl einen sofortigen Großangriff mit allen verfügbaren Truppen.

Innerhalb weniger Stunden schafften es die Volksarmisten und Waräger, bis in die Leipziger Innenstadt vorzudringen. Hier hatten die Aufständischen bereits sämtliche Feinde getötet oder in die Flucht geschlagen.

Zugleich strömten Zehntausende von Menschen auf die Straßen und gegen Abend brach ein regelrechter Volksaufstand aus. Während die restlichen GCF-Soldaten in stundenlangen Häuserkämpfen bis in den Westen Leipzigs zurückgedrängt werden konnten, wandte sich die Wut der Leipziger nun gegen jeden Diener der Weltregierung, der noch nicht geflohen war. Der Volksaufstand und die Straßenkämpfe im Leipziger Westen tobten weitere zwei Tage, dann hatten die GCF-Soldaten und ihre Helfer von den VVM die Stadt endgültig geräumt.

Etwa 500 Mitglieder der internationalen Logenorganisation hatten sich heute an einem geheimen Ort irgendwo im Gebiet des ehemaligen US-Bundesstaates Iowa getroffen, um wichtige Dinge zu besprechen und vor allem die Befehle des obersten Rates persönlich zu empfangen. Aus Sicherheitsgründen hatte man das Treffen, welches eigentlich in New York hatte stattfinden sollen, in diese unscheinbare, ländliche Region verlegt. Zahlreiche Logenbrüder aus England, Deutschland, Frankreich, dem Nahen Osten und vielen anderen Regionen der Welt waren nach Nordamerika gekommen, was für nicht wenige von ihnen nervenaufreibend und mühsam gewesen war.

Mittlerweile war das Lachen, das zu Beginn dieses Krieges noch auf vielen Gesichtern zu sehen gewesen war, aus denselben verschwunden, denn langsam wurde den Logenbrüdern klar, dass auch sie nicht unverwundbar waren. Vor allem die Zerstörung Londons saß den Mitgliedern der weltweiten Bruderschaft noch immer in den Knochen. Außerdem fürchteten sie, dass Tschistokjow oder Matsumoto eines Tages auch die anderen Zentren ihrer Macht vernichten könnten. Dass vor allem der Nationenbund der Rus ebenfalls zu allem bereit war, hatte Tschistokjow mittlerweile unter Beweis gestellt. Der eine oder andere Anwesende war aus Angst vor den ADR-Trupps bereits in den Verwaltungssektor „Amerika-Nord“ geflohen.

Doch der Rat der Weisen rief die untergeordneten Brüder immer wieder zur Ordnung, er duldete keine Feigheit vor dem Feind. So war es in den letzten Wochen bereits dazu gekommen, dass die GSA in den eigenen Reihen einige Exempel an pflichtvergessenen oder fahnenflüchtigen Mitgliedern der Organisation statuiert hatte.

Der Vorsitzende des obersten Rates, wie auch sein Stellvertreter, der Weltpräsident, fuhren inzwischen eine harte Linie gegen alle, die ihre Befehle missachteten. Nur so könne die Disziplin aufrecht erhalten werden, meinten sie.

„Meine lieben Brüder!

Als oberster Weiser und Kopf unseres Bundes werde ich euch die Entscheidungen des Rates überbringen. Zunächst einmal gilt es aber, noch einmal einige grundliegende Dinge klar zu stellen. Es hat in den letzten Wochen ein paar Vorfälle in unseren Reihen gegeben, die mich sehr verärgert und auch besorgt haben. Einige wenige Mitglieder unserer Vereinigung haben tatsächlich die Frechheit besessen, den Rat der 13 zu bitten, mit Tschistokjow und Matsumoto ernsthafte Friedensgespräche zu beginnen. Vermutlich haben sie das aus Angst, dass sie morgen von ein paar ADR-Männern aus ihren schönen Villen geschleift werden und mit einem Genickschuss im Straßengraben enden könnten, getan. Der Rat hat allerdings reagiert und diesen elenden Feiglingen die wohlverdiente Quittung für derartige Unverschämtheiten überreicht. Was die ADR kann, das kann die GSA nämlich schon lange, und so haben wir diesen Verrätern demonstriert, dass sie nicht auf die ADR zu warten brauchen, um einen Genickschuss zu bekommen!“, donnerte der Vorsitzende des Rates.

„Dies soll allen Mitgliedern unserer Organisation eine Lehre sein. Feigheit und Verrat werden bestraft – gnadenlos! Bei zukünftigen Anfragen dieser Art wird der Rat nicht anders reagieren!“

Ein verhaltenes Klatschen ertönte. Einige der anwesenden Brüder starrten den obersten Weisen mit angstvollen Blicken an.

„Jetzt komme ich zu den Entscheidungen des Rates, die in ihrer Ausrichtung nach wie vor klar und unmissverständlich sind. Wir werden die Atombombenangriffe gegen den Nationenbund und Japan unbeirrt fortsetzen, denn wir haben das größere Arsenal an Kernwaffen. Unser nächstes Etappenziel ist die Zerschlagung des russisch-japanischen Bündnisses, wobei Matsumoto der Schwachpunkt dieser Allianz ist. Wenn wir sein dicht besiedeltes Land mit Nuklearwaffen angreifen, dann werden wir sehen, ob der edle Samurai noch weiter sein Schwert gegen uns schwingen wird.

Wenn er vor zehn oder zwanzig Millionen Toten und riesigen Ruinenlandschaften steht, dann werden wir herausfinden, ob er noch die Nerven hat, weiterzukämpfen. Da er sein Volk ja so sehr liebt und immer nur das Beste für Japan will, werden wir ihm jetzt einen Vernichtungsschlag präsentieren, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat.“

Wieder ertönte Applaus, diesmal wirkte er jedoch lauter und zuversichtlicher. Die meisten der Anwesenden schienen sich sicher zu sein, dass der nächste Atombombenangriff Japan in die Knie zwingen würde.

„Und auch wenn Tschistokjow und Matsumoto dann noch immer nicht zermürbt sein sollten, haben wir noch eine Vielzahl weiter Atombomben für sie. Notfalls lassen wir von ihren Landschaften und Städten nur noch verbrannte Erde übrig“, rief der Vorsitzende des hohen Rates mit geballter Faust.

Die geheime Versammlung dauerte noch mehrere Stunden und am Ende war die Vorgehensweise unzweideutig festgelegt worden. Jetzt sollte es die Japaner treffen. In einer Weise, wie es sich Matsumoto in seinen kühnsten Alpträumen nicht vorstellen konnte.

Die Befreiung Leipzigs und der dort ausgebrochene Volksaufstand wurde von Tschistokjows Propaganda bis zum Exzess ausgeschlachtet.

„Deutschland erhebt sich gegen die Logenbrüder!“, titelten die großen Zeitungen des Nationenbundes und auch in Deutschland selbst wurde die Bevölkerung nun wesentlich kämpferischer und rebellischer.

„Das hatte ich unseren Landsleuten gar nicht mehr zugetraut. Offenbar sind doch noch ein paar darunter, die keine Feiglinge sind“, meinte Ludwig Orthmann und lächelte Frank zu.

„Es mangelte ihnen einfach an Selbstvertrauen. Und woher sollten sie es auch haben? Man hat ihnen immer nur eingeredet, dass sie auf Knien leben müssen und der Feind unbesiegbar ist. Das ist er aber nicht!“, antwortete Frank mit Blick auf die jubelnde Masse, welche die Straßen der Innenstadt verstopfte.

Zehntausende von Deutschen ließen ein ohrenbetäubendes Geschrei erklingen und viele von ihnen schwangen die Fahnen des alten, deutschen Staates oder die der Freiheitsbewegung. In den letzten Tagen waren einige ADR-Trupps nach Leipzig gekommen, wo sie nun damit beschäftigt waren, die Macht der Weltregierung endgültig zu zerschlagen. Außerdem waren der Volksarmee eine Reihe von Waffendepots der GCF in die Hände gefallen, was bei der Ausrüstung weiterer Freiwilligenmilizen sehr hilfreich war. Die hier versammelten Waräger hatten derweil den Befehl bekommen, schon morgen weiter nach Westen zu marschieren, um durch die GCF-Frontlinie bei Zeitz zu stoßen. Doch heute wollten sie erst einmal ihren Sieg in den Straßen von Leipzig feiern.

Frank und Ludwig Orthmann bahnten sich ihren Weg durch die vor Freude pulsierende Menge. Immer wieder wurde General Kohlhaas mit einem Schulterklopfen begrüßt oder man überreichte ihm Blumen. Schließlich gingen die beiden durch den Haupteingang des Rathauses, das von einem Trupp deutscher Freiwilliger besetzt worden war. Kurz darauf kamen sie in die oberste Etage, wo sich das Büro des ehemaligen Stadtverwalters befand.

Einige grinsende Freiwillige erwarteten sie bereits. Einer von ihnen sagte zu Ludwig Orthmann: „Den Arsch hier können Sie direkt auch noch entsorgen!“

Dann deutete er auf das Bild Dieter Bücklings an der Wand hinter sich.

„Mit Vergnügen!“, antwortete Orthmann, das Porträt vom Haken nehmend.

Kohlhaas stieß derweil eines der großen Fenster auf und winkte den jubelnden Leipzigern zu. Neben dem Fenster hing noch immer die Fahne der Weltregierung, die Frank nun abriss und durch die Deutschlandfahne ersetzte.

Kaum hatte die Flagge des Weltverbundes den Boden erreicht, wurde sie von unzähligen, gierigen Händen ergriffen und unter dem lauten Geschrei der Menge verbrannt. Indes kam Orthmann von hinten heran. Er hatte Bücklings Porträt in der Hand.

„Gestatten Sie, Herr Kohlhaas?“, sagte er lachend, schob den General ein wenig zur Seite und hielt das große Bild des Sub-Governeurs aus dem Fenster.

Die Menschenmasse antwortete augenblicklich mit einem zornigen Raunen, während Orthmann grimmig nach unten starrte.

„Guten Flug, Dieter!“, zischte er dann und das Porträt fiel hinab, um mit einem lauten Krachen auf dem Straßenpflaster zu zerbersten.

Inzwischen hatten sich Hunderttausende von GCF-Soldaten durch den Norden von Kasachstan bis nach Saratov an der Wolga gekämpft, wo sie in den russischen Weiten Fuß zu fassen versuchten. Welle um Welle von Volksarmisten brandete ihnen entgegen, um sie am Vordringen über den Strom zu hindern. Unzählige Soldaten starben auf beiden Seiten in diesem mörderischen Grabenkrieg. Auch hier wurde inzwischen alles eingesetzt, was sich der menschliche Erfindergeist an Tötungsmitteln hatte ausdenken können. Flugzeuge warfen Tausende von chemischen Bomben auf die Truppen unter sich ab und ließen ganze Landstriche in tödlichen Giftgasnebeln versinken, während das gegenseitige Abschlachten auf beiden Seiten immer mehr in eine regelrechte Barbarei ausartete. Panzerverbände rannten gegen befestigte Stellungen an, walzten ihre unglücklichen Gegner nieder, während Schwärme von Skydragons die Schlachtfelder mit Raketen verwüsteten.

Die GCF griff mit riesigen Massen von Soldaten an und es wurden täglich mehr. Trotzdem versuchten Tschistokjows Truppen die Frontlinie mit dem Mut der Verzweiflung zu halten und die Kriegspropaganda der Rus bemühte sich, aus jedem erfolgreich verteidigten Fleckchen Erde einen „gewaltigen Sieg“ zu formen.

Umso bedrohlicher die Situation im Süden Russlands wurde, umso brutalere Mittel setzte schließlich auch die Volksarmee ein. Irgendwann ließ das Oberkommando ebenfalls Giftgas und jede andere verfügbare Waffe hervorholen, um den Feind aufzuhalten. Artur Tschistokjow dachte nun sogar daran, die vorrückenden GCF-Verbände mit taktischen Atombomben zu dezimieren, doch er fürchtete eine weitere Eskalation des Krieges, wenn er jetzt mit einem neuen nuklearen Schlagabtausch begann.

So wurden einige Regionen im Süden Russlands und vor allem in Kasachstan innerhalb kürzerster Zeit vollkommen verwüstet. Astana, Aqtau, Priekule und viele weitere Städte waren bereits zerstört worden und ein Ende der schrecklichen Grabenkämpfe war nicht in Sicht. Täglich strömten neue Soldaten beider Seiten an die Front, um oft schon nach wenigen Tagen auf den von Granattrichtern und brennenden Wracks übersäten Schlachtfeldern ihre Leben auszuhauchen.

Währenddessen predigten die Logenbrüder wie auch ihre Gegner den Hass und steigerten sich immer weiter in ein zorniges Kriegsgebrüll hinein. Doch der ganze Schrecken der konventionellen Schlachten sollte harmlos erscheinen, im Vergleich zu dem, was auf die angsterfüllte Menschheit noch im Hintergrund wartete.

Glühende Landschaften

Prof. Karl Hammer, der geniale Physiker, der vor einigen Jahren aus Europa-Mitte nach Weißrussland geflüchtet war, verbrachte jeden Tag mindestens 16 Stunden unter der Erde. Manchmal blieb er auch eine ganze Woche in seinem streng geheimen, unterirdischen Forschungszentrum, ohne überhaupt das Tageslicht zu sehen. Den etwa 300 anderen Forschern, Wissenschaftlern und Ingenieuren, die seinem Team inzwischen angehörten, erging es nicht anders, denn hier unten wurde niemals Pause gemacht und ununterbrochen gearbeitet, erfunden und geforscht.

Der mittlerweile erweiterte Forschungskomplex lag einige Hundert Kilometer nördlich von Tschistokjows Atombunker; ebenfalls am Fuße des Uralgebirges, irgendwo in den russischen Weiten. Es war der von der ADR am besten überwachte Ort im ganzen Nationenbund, vom atombombensicheren Hauptquartier der Staatsführung einmal abgesehen.

Heute war der Anführer der Rus noch einmal persönlich angereist, um sich von Prof. Hammer die neuartigen EMP-Geschütze zeigen zu lassen. Wilden und die übrige Führungsspitze der Freiheitsbewegung waren im Atombunker geblieben. Lediglich Tschistokjows schwer bewaffnete Leibwächter und Verteidigungsminister Lossov hatten den russischen Souverän nach Norden begleitet.

Nachdem das Oberhaupt des Nationenbundes mehrere Panzerschotts und elektrische Gatter passiert hatte und von einigen ADR-Wachen als „echter Tschistokjow“ bestätigt worden war, gelangte er nach einem langen Marsch durch halbdunkle Zugangskorridore in eine riesige Halle unter der Erde.

„Herr Präsident, es ist soweit!“, begrüßte ihn Prof. Hammer freudestrahlend auf Deutsch, wohl wissend, wie sehr sein prominenter Gast so etwas mochte.

„Ich bin hocherfreut!“, gab Tschistokjow zurück. „Sagt man das so, Herr Professor? Hocherfreut?“

„Ja, das kann man sagen …“, antwortete der weißhaarige Deutsche und lachte.

Nachdem sich alle Anwesenden gegenseitig begrüßt hatten, führten die Wissenschaftler den Präsidenten und seinen Verteidigungsminister zu einem fahrbaren Konstrukt, das einem mobilen Artilleriegeschütz ähnelte. Allerdings hatte die neuartige EMP-Waffe eine Vielzahl langer Rohre, die Erinnerungen an eine Kirchenorgel weckten.

Prof. Hammer grinste. „Nun, dies ist das erste einsatzbereite EMP-Geschütz. Die Peilgeschosse, die diese fahrbare Abschussvorrichtung abfeuert, haben die Aufgabe, heranfliegende Atomraketen zu orten, sie anzufliegen und schließlich in ihrer unmittelbaren Nähe einen elektromagnetischen Puls auszulösen. Dieser Puls soll das Zündungschip der gegnerischen Atombombe zerstören und diese damit unschädlich machen.“

„Aha?“, murmelte Tschistokjow, die Abschussvorrichtung nachdenklich musternd.

„Ein derartiges Geschütz kann auf einen Schlag etwa 10 zielsuchende Peilgeschosse abfeuern. Der Flugradius dieser Kleinraketen ist allerdings zunächst auf etwa 150 Kilometer beschränkt, aber wir werden uns bemühen, die Effektivität der Waffe so schnell es geht zu steigern“, fuhr Prof. Hammer fort.

„Ich kann nur hoffen, dass es funktionieren wird“, meinte Lossov.

„Es ist die wichtigste Waffe in diesem ganzen Krieg. Diese Erfindung kann kriegsentscheidend sein“, betonte Tschistokjow.

„Wir arbeiten weiterhin rund um die Uhr, Herr Präsident. Außerdem haben wir auch unsere gewöhnlichen Abwehrraketen mit einem neuartigen Ortungs- und Peilsystem verbessert, so dass auch diese die feindlichen Atombomben in Zukunft wesentlich erfolgreicher aufspüren und bereits in der Luft vernichten können“, erklärte der deutsche Wissenschaftler. Seine russischen Kollegen nickten.

Tschistokjow stellte sich vor ihn, sah ihm tief in die Augen. Dann sagte er: „Von Ihren Erfindungen hängen die Leben von Millionen Menschen ab, Herr Professor. Vergessen Sie das niemals. Wenn Ihre Arbeit erfolgreich ist, so wird das ganze Städte vor der Auslöschung bewahren.“

Der Physiker lächelte, um daraufhin zu erwidern: „Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Präsident. Wir werden alles geben, um diese neuen Waffensysteme immer weiter zu verbessern. Hunderte von Wissenschaftlern arbeiten hier bis zur völligen Erschöpfung. Wir werden uns keine Pause gönnen. Darauf können Sie sich verlassen. Entschuldigen Sie, dass wir nicht früher Ergebnisse liefern konnten, aber wir …“

„Schon gut! Ich bin mehr als stolz auf Sie alle, meine Herren!“, stieß Tschistokjow freudig aus.

„Wann sollen wir mit der industriellen Produktion der EMP-Geschütze und Peilgeschosse beginnen?“, fragte Prof. Hammer erwartungsvoll.

„Wann?“, rief der Anführer der Rus mit ernstem Blick. „Sofort!“

Bis Ende August hatte die Volksarmee die Frontlinie an der Grenze zu Moldawien noch halten können, dann jedoch waren die in Massen anrückenden GCF-Truppen durchgebrochen. Inzwischen trieben sie ihre demoralisierten Gegner vor sich her. Etwa eine halbe Million Tote waren auf den Schlachtfeldern zwischen der Slowakei und der Küste des Schwarzen Meeres geblieben, doch Artur Tschistokjow befahl nach wie vor, dass kein Meter des Vaterlandes kampflos aufgegeben werden dürfe und ließ immer mehr junge Soldaten in die Ukraine bringen.

Schließlich erreichten die Armeen der Global Control Force am 17. September 2051 Kiew und begannen mit der Belagerung der Großstadt.

„Das große Kiew – Von den Rus gegründet! Von den Rus gehalten!“, schrieben die Presseorgane des Nationenbundes und Tschistokjows Kriegspropaganda wurde nicht müde, den „Heldengeist der alten Wikinger“ bei der Bevölkerung der ukrainischen Metropole zu erwecken.

Im Gegenzug verkündeten die Zeitungen und Fernsehsender des Weltverbundes, dass Artur Tschistokjow langsam der Atem ausgehe und er bald für das Verbrechen am englischen Volk, womit sie die Zerstörung Londons meinten, bezahlen würde.

Und während sich Millionen Soldaten in einem weltumspannenden Konflikt an unzähligen kleinen und großen Fronten mit allen Mitteln massakrierten und sich weitere Millionen junge Männer bereitmachten, zu den Schlachtfeldern gekarrt zu werden, leitete die Weltregierung den nächsten Atomschlag ein.

Diesmal sollte es die Japaner, die bereits im August 1945 den Schrecken der Atombombe erlebt hatten, treffen. Nach diesem nuklearen Angriff sollte endlich auch die zweite Landinvasion gegen das Inselreich erfolgen. Zuvor wollte man Japan allerdings erst einmal in Schutt und Asche legen, damit es sich nicht erneut gegen den Ansturm der GCF-Heere verteidigen konnte, wie in den Jahren 2031 bis 2033.

So beschoss die Pazifikflotte der GCF Tokio am 20. September 2051 mit fünf Atombomben. Drei weitere wurden auf Kawasaki, zwei auf die Industriestadt Yokohama abgefeuert. Das von Matsumotos Wissenschaftlern konstruierte Raketenabwehrschild konnte lediglich drei der zehn Kernwaffen außer Gefecht setzen, die anderen trafen ihre Ziele und brachten dem urbanen Herzen Japans eine apokalyptische Verwüstung. Tokios Innenstadt wurde vollkommen zerstört und insgesamt starben, trotz der vorher von Matsumoto durchgeführten Evakuierungsmaßnahmen, nicht weniger als 8 Millionen Menschen.

Doch das genügte den Logenbrüdern noch immer nicht. Einen Tag später ließen sie weitere sechs Atombomben auf Sapporo niedergehen; sie wurden exakt so platziert, dass nicht nur die Innenstadt der ihnen so verhassten Metropole, sondern auch sämtliche Außenbezirke vom atomaren Vernichtungsfeuer eingeäschert wurden. So gut wie alle Einwohner der Stadt, die Sapporo nicht schon vorher in weiser Voraussicht verlassen hatten, wurden bei diesem Angriff getötet. Insgesamt waren es fast zwei Millionen Menschen, die bei dem Atomschlag ihr Ende fanden.

Nur wenige Stunden später folgten die Städte Hiroshima und Nagasaki, die aufgrund ihrer symbolischen Bedeutung ausgewählt worden waren. Jeweils zwei Wasserstoffbomben machten sie dem Erdboden gleich. Am 22. September endete der Atomwaffenangriff auf Japan schließlich mit einem letzten Bombenabwurf auf Kagoshima im Süden der Inselgruppe.

„Ihr seid im Wald gewesen und habt Pilze gesammelt?“, fragte Frank schmunzelnd.

„Ja, und wir haben sogar ein paar leckere Steinpilze gefunden. Sieglinde ist noch ganz aufgeregt“, erklärte Bäumer.

„Und sonst, Alf?“

„Alles klar soweit – bis auf einen kleinen Weltkrieg.“

„Sehr witzig!“

„Ja, finde ich auch …“

„Aber es geht dir wieder gut, oder?“

„Alles bestens!“

„Super! Das freut mich, Alf!“

„Und bei dir?“

„Immer das Gleiche. In den letzten Tagen war es aber recht ruhig. Gott sei Dank.“

„Hör bloß auf, ich muss auch bald wieder raus.“

„An die Front?“

„Ja! Wohin sonst?“

„Kommst du zu uns?“

„Ich glaube eher, dass man mich an die Balkanfront schicken wird. Dort unten brennt es an jeder Ecke, Frank.“

„An die Balkanfront?“

„Ja, irgendwo da unten. Das Oberkommando plant scheinbar eine Gegenoffensive. Was weiß ich …“

„Fuck!“

„Das kannst du laut sagen!“

„Aber Svetlana und Sieglinde geht es gut?“

„Im Prinzip schon, aber wem geht es in diesen Tagen schon gut?“

„Niemandem!“

„So ist es.“

„Und was habt ihr so in den letzten Tagen gemacht, Alter?“

„Nicht viel! Ich verschlafe den halben Tag oder spaziere mit Frau und Kind durch Ivas. Die Glotze lasse ich grundsätzlich aus. Ich kann die ganze Scheiße nicht mehr sehen.“

„Du meinst Arturs zahlreiche Volksreden?“

„Alles eben! Diesen ganzen verdammten Krieg.“

„Geht mir auch so, mein Lieber. Ich bin froh, wenn sie mich alle in Ruhe lassen“, sagte Frank müde.

„Wir waren gestern bei Steffen de Vries. Das war total nett, ich soll dich übrigens grüßen.“

„Ach? Und wie geht es dem so?“

„Der macht halt sein Ding und hält sich raus. Sieglinde liebt seine Milchshakes und hat gestern …“

„Moment mal, Alf. Da kommt einer in den Unterstand!“, unterbrach Frank seinen Freund.

Ein hochgewachsener Offizier der Warägergarde salutierte und winkte Kohlhaas zu sich. „Verzeihen Sie die Störung, Herr General, aber es gibt schreckliche Neuigkeiten.“

„Ich rufe dich später wieder an. Bis dann!“, sagte Frank und legte auf.

„Ich habe keine schönen Nachrichten für Sie, Herr General. Haben Sie schon die neuesten E-Mails auf Ihrem DC-Stick gelesen?“

„Nein! Wenn ich ehrlich bin, habe ich seit drei Tagen nicht mehr in mein Postfach geschaut“, gestand Frank genervt.

„Seit drei Tagen? Herr General, Sie wissen doch, dass es Vorschrift ist, alle zwei Stunden die neuesten Meldungen …“, bemerkte der Offizier verstört.

„Scheiße! Ja! Was ist denn?“, knurrte Kohlhaas.

„Es hat die Japaner erwischt!“, erklärte der Russe, während Frank erschrocken die Augen aufriss.

Haruto Matsumoto blickte auf das grauenvolle Szenario vor seinen Augen und musste sich bemühen, nicht vor Entsetzen zusammenzubrechen. Der japanische Präsident hatte heute Morgen seinen Atombunker, der bei Akita mehrere Kilometer tief in den Fels gehauen worden war, mit seinem Führungsstab verlassen und war nach Tokio gefahren, um sich die Auswirkungen des Atomwaffenangriffes anzusehen.

Was seine mit Tränen gefüllten Augen erblickten, überstieg sämtliche Schreckensvisionen noch bei weitem. Dichter, schwarzer Qualm lag über dem Trümmermeer, das einst die stolze Hauptstadt Japans gewesen war. Wie von einer riesigen Dampfwalze waren ganze Straßenzüge zermalmt worden und oft ragten nur noch die zerfallenen, versengten Ruinen der großen Wolkenkratzer in den Himmel. Was die Japaner in den letzten Jahren mühsam aufgebaut hatten, war in der Zeit eines Wimpernschlages von ihren Feinden ausgelöscht worden.

Dass sie Japan eines Tages so massiv angreifen und eine solche Zerstörung bringen würden, hatte Matsumoto immer zu verdrängen versucht. Warum ihm seine Gegner seit Jahren mit einem derartigen Hass gegenüberstanden, konnte er sich noch immer nicht erklären. Er selbst wäre nicht einmal im Traum darauf gekommen, einem anderen Land so etwas anzutun.

„Warum haben sie Millionen Menschen vernichtet?“, fragte er sich immer wieder. „Weil sie unabhängig sein wollten? Weil sie die Wirtschaftsinteressen der Weltregierung behindert haben? Weil sie sich keine Scanchips implantieren lassen wollten?“

Er fand keine Antwort. Seinem alten Freund, dem japanischen Außenminister Akira Mori, erging es nicht anders.

„Ich gehe noch weiter …“, sagte Matsumoto und atmete schwer in seinem stickigen Schutzanzug.

„Bitte seien Sie vorsichtig, Herr Präsident! Wir wissen nicht, wie stark hier die Strahlung ist“, warnte einer seiner Berater.

„Wozu haben wir dann diese Anzüge?“, knurrte dieser und ging einige Hundert Meter in Richtung des gigantischen Ruinenmeeres vor sich.

„Das ist die Hölle auf Erden …“, hörte Matsumoto einen seiner Begleiter murmeln.

Die Innenstadt von Tokio lag noch mehrere Kilometer weiter östlich. Diese verbannte Einöde war lediglich ein Außenbezirk, der jedoch ebenfalls die volle Wucht einer atomaren Explosion abbekommen hatte.

Zwischen den rußgeschwärzten Wänden konnte Matsumoto mehrere verkohlte Leichen erkennen, die sich wie Säuglinge zusammengekrümmt hatten. Lediglich ihre weißen Zähne schauten gespenstisch aus dem Haufen gegrilltem Menschenfleisch hervor und der Präsident musste sich zusammenreißen, um sich nicht in seinen Strahlenschutzanzug zu übergeben.

Dennoch ging er weiter durch die zerstörten Straßen, vollkommen verstört und paralysiert. Dieses Grauen war zu viel für seinen Verstand und irgendwann war er froh, dass ihn seine ebenfalls vollkommen entsetzten Begleiter einfach anhielten und zurückschleifen wollten.

Am Ende begann Matsumoto leise zu wimmern und zu schluchzen. Leise brabbelte er einige Wortfetzen unter dem Visier seines Helmes vor sich hin. Man konnte ihn kaum verstehen, und seine Begleiter baten ihn, diesen höllischen Ort wieder so schnell wie möglich zu verlassen.

Der japanische Präsident konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Man hörte ihn angestrengt schnaufen, so sehr hatte ihn das Entsetzen getroffen.

„Komm schon, Haruto! Du hast genug gesehen …“, sagte Akira Mori leise und fasste seinen Freund an der Schulter.

„10 Millionen Tote! Oder noch mehr … in nur drei Tagen“, hörte der Außenminister den Präsidenten flüstern.

„Komm jetzt bitte, Haruto!“, bat Mori. Er zog Matsumoto mit sich.

Als die Männer in den Schutzanzügen durch die schreckliche Trümmerlandschaft zurück gingen, hörten sie auf einmal Schritte hinter sich. Sie drehten sich um und erblickten ein kleines Mädchen, dessen Gesicht schmutzig war.

Haruto Matsumoto starrte die Kleine entgeistert an und fragte sie: „Wo kommst du denn her?“

Sie aber antwortete nicht, sah ihn nur mit kalten, leeren Augen an, als wäre sie selbst auch schon tot. Nun fiel der japanische Präsident vor ihr auf die Knie und weinte. „Glaubst du mir, dass das hier nicht meine Schuld ist, Kind?“, stieß er aus.

Doch sie sagte nichts und starrte ihn nur mit ausdrucksloser Miene an.

„Es ist nicht meine Schuld, oder?“, schluchzte Matsumoto und griff nach ihrer verdreckten, kleinen Hand. „Sag mir doch bitte, dass ich nicht daran schuld bin!“

„Es ist gut, Haruto! Komm jetzt und lass sie in Ruhe“, sagte Akira Mori traurig.

In nächsten Augenblick lief die Kleine davon und ließ den weinenden Präsidenten zurück in dem endlosen Ruinenmeer, das von Tokio übrig geblieben war.

Mit Erleichterung blickte Frank auf den sich nähernden Zug, der ihn nach Osten bringen sollte. Das Oberkommando hatte ihm einen zwei Wochen langen Fronturlaub gewährt und er war überglücklich, endlich für ein paar Tage verschwinden zu können. Indes gingen die Kämpfe im Osten Deutschlands und an vielen anderen Fronten weiter. Doch seine Waräger würden auch ohne ihn auskommen, hoffte der General.

Der Zug hielt mit einem leisen Brummen an und eine Gruppe laut schwatzender Soldaten stieg ein. Frank folgte den Männern wortlos und ließ sich in einem der hinteren Abteile nieder, nachdem er sein Gepäck verstaut hatte.

Es ging zurück durch Polen in Richtung Weißrussland, dann weiter nach Litauen. Kohlhaas sinnierte kurz über die Frage, ob noch alle Gleise intakt waren, um sich daraufhin mit einem gequälten Stöhnen zurückfallen zu lassen und die Augen zu schließen. Er fühlte sich ausgelaugt und war vollkommen erschöpft.

Nachdem er für einen kurzen Moment eingenickt war, ließ ihn plötzlich das Piepen seines Handys aufschrecken. Mit einem leisen Fluchen kramte er es aus dem Seesack.

„Ja?“

„Ich bin es, Frank!“, sagte Julia. „Bist du schon unterwegs?“

„Bin eben eingestiegen. Jetzt geht es endlich wieder zurück nach Ivas. Mein Gott, bin ich fertig.“

„Bald kannst du dich wenigstens ein wenig ausruhen“, versuchte ihn seine Frau aufzuheitern.

„Was?“

„Ich sagte, bald kannst du dich ausruhen!“

„Ja! Das werde ich auch tun. Ich verstehe dich schlecht, dieser Zug ist ganz schön laut.“

„Kein Problem, ist ja nicht schlimm.“

„Jedenfalls habe ich erst mal zwei Wochen Ruhe.“

„Das mit Japan hast du sicherlich schon gehört, oder?“

„Wie?“

„Das mit Japan!“

„Was ist damit?“

„Mit den Atombomben!“

„Ja, ich weiß, Julia!“

„Und was kommt nun?“ Die junge Frau klang besorgt.

„Keine Ahnung! Vermutlich der Gegenschlag …“

„Ich habe solche Angst, Frank.“

„Wir reden darüber, wenn ich zu Hause bin.“

„Worüber?“

„Wir reden darüber – zu Hause!“

„In Ordnung!“

„Bis dann, mein Schatz.“

„Ich freue mich total auf dich, Frank!“

„Wie?“

„Ja, bis dann! Tschüß!“

Kohlhaas ließ das Handy in seiner Tasche verschwinden und legte sich schließlich lang auf den Sitz, den Kopf auf seinen Rucksack gestützt. Er wollte nur noch schlafen, hatte nicht einmal mehr die Kraft, sich wegen Japan oder dem Rest der Welt Sorgen zu machen. Sollte doch die ganze Menschheit zum Teufel gehen. Hauptsache, er hatte endlich einmal seine Ruhe.

Ratternd raste der Zug durch das trostlose Polen in Richtung Weißrussland und brachte Frank schließlich immer weiter nach Osten. Der General verschlief einen großen Teil der eintönigen Fahrt, jedes Geräusch und Gerede um sich herum ignorierend. Zwei Wochen! Ganze vierzehn Tage ohne Krieg! Das war großartig!

Während Frank seinen Fronturlaub antrat, versuchten Artur Tschistokjow und seine Berater irgendwie mit dem erneuten Atombombenangriff der Weltregierung umzugehen. Wilden, der den Atombunker am Fuße des Uralgebirges nunmehr seit Wochen nicht verlassen hatte, hatte heute Morgen Herrn Taishi, seinen alten Freund aus Japan, angerufen. Es ginge ihnen allen gut, hatte ihm der frühere Geschäftsmann berichtet. Das hatte Wildens Laune für einige Stunden merklich verbessert, auch wenn Herr Taishi mit „gut“ lediglich meinte, dass sie nicht im atomaren Feuersturm verbrannt waren.

Glücklicherweise hatte sich der in die Jahre gekommene Asiate mit seiner Frau und seiner Tochter bereits vor drei Wochen nach Aomori im Norden des Landes zurückgezogen. Hier, so hatte er gehofft, würden keine Atombomben einschlagen. Und er hatte Recht behalten, zumindest bisher. Allerdings hatte der massive Angriff des Weltverbundes deutlich gemacht, dass nun kaum noch ein Japaner vor Atomschlägen sicher war – auch nicht in Aomori oder an irgendeinem anderen Ort auf den Inseln.

Masaru Taishi, der bereits seinen Sohn im japanischen Krieg verloren hatte, war dennoch ebenso panisch und verunsichert wie seine Landsleute, denn es konnte jeden Tag so weit sein, dass erneut Atomraketen vom Himmel fielen. An den Taishis, so dachte sich Wilden, konnte man, so zynisch es auch war, eindrucksvoll sehen, wie wirksam dieser Terrorangriff gewesen war.

„Ganz Japan lebt nur noch in Angst!“, hatte der Japaner am Telefon gewimmert, während Wilden versucht hatte, ihn irgendwie zu beruhigen.

Derweil diskutierten Artur Tschistokjow und seine engsten Berater schon den halben Tag darüber, wie sie reagieren sollten. Der russische Staatschef, so entsetzt er auch im ersten Moment gewesen war, als er die Nachricht vom Atombombenangriff auf Japan gehört hatte, war schnell wieder zu seiner harten Linie zurückgekehrt. Das bedeutete für ihn, erneut mit gleichen Mitteln zurückzuschlagen.

„Auge um Auge!“, war wieder einmal seine Losung. Wilden, Verteidigungsminister Lossov und der größte Teil der anwesenden Generäle und Führungsköpfe der Freiheitsbewegung waren hingegen zutiefst verunsichert und wussten nicht, was sie Tschistokjow raten sollten.

Der EMP-Schutzschild war noch keineswegs technisch ausgereift und würde kaum in der Lage sein, einen flächendeckenden Atomwaffenangriff des Weltverbundes abzuhalten. Das wusste auch der Anführer der Rus, der trotz allem die Ansicht vertrat, dass man Gewalt mit Gewalt brechen müsse.

Letztendlich hatte man ihm auch die alleinige Entscheidungsgewalt übertragen, was allerdings nicht bedeutete, dass Tschistokjow die Einwände seiner Berater ignorierte. Am Ende blieb er jedoch erneut hart und erklärte, dass er nun von Matsumoto ein „entschlossenes Vorgehen“ erwartete. Das hieß nichts anderes, als dem Feind wiederum mit dem gleichen nuklearen Terror zu antworten, den er zuvor über Japan gebracht hatte.

Eine laute Fanfare schmetterte aus dem Fernseher und eine wehende Drachenkopffahne erfüllte den Bildschirm. Dann ertönte eine markige Stimme: „Gestern ist es den tapferen Soldaten der Volksarmee gelungen, den Feind südöstlich von Donezk mehrere Kilometer weit zurückzudrängen und durch die gegnerische Front zu stoßen. Dabei konnte eine große Anzahl von Geschützen erbeutet werden. Dieses heldenhafte Beispiel zeigt einmal mehr, dass die GCF trotz zahlenmäßiger Überlegenheit den Kampfgeist und den Opfermut unserer Soldaten nicht brechen kann.

Der junge Rekrut Nikolai Zhukov wird uns jetzt berichten, wie er im Zuge der Gegenoffensive ganz allein zwei feindliche Panzer durch seinen selbstlosen Einsatz ausgeschaltet hat!“

Daraufhin zeigte die Kamera einen kaum 20 Jahre alten Burschen, der den Zuschauern von seinem heroischen Einsatz berichtete und betonte, dass ihn selbst in Momenten größter Gefahr der Glaube an Artur Tschistokjow und die Liebe zum russischen Vaterland beflügelt hätten. Dann grinste er verlegen und grüßte noch seine Eltern.

„Derweil sind auch die Kämpfe um die Frontstadt Orsk an der Grenze zu Kasachstan mit unverminderter Härte weitergegangen!“, fuhr der Nachrichtensprecher fort. „Auch hier zeigen unsere Soldaten eine eisenharte Kampfentschlossenheit und lassen den Gegner nicht zur Ruhe kommen. Das 14. Pionierbataillon der Volksarmee hat es sogar geschafft …“

Frank stellte den Fernseher ab. Seufzend setzte er sich auf das Sofa, er lächelte gequält.

„Siege an allen Fronten! So wie in jeder Propagandasendung und in jedem Krieg!“, sagte er leise zu sich selbst.

„Wir lassen die verfluchte Glotze jetzt einfach aus“, schimpfte Julia und ließ sich neben Frank auf dem Sofa nieder; dann nahm sie ihn in den Arm.

„Das mit Japan hat mir den Rest gegeben. Jetzt werden wir zurückschlagen, dann die anderen – dann wieder wir und so weiter. Am Ende wird keine Seite mehr irgendwelche Hemmungen kennen und die ganze Welt wird brennen“, stöhnte Kohlhaas verzweifelt.

Julia fiel keine passende Antwort mehr ein, stattdessen begann sie leise zu weinen. Ihr hübsches, schmales Gesicht war inzwischen aufgedunsen und gerötet, da sie jeden Tag eine große Anzahl von Beruhigungs- und Schlafmitteln nehmen musste, um nicht vollkommen durchzudrehen. Die schreckliche Endzeitstimmung, die die gesamte Familie ergriffen hatte, war auch an Friedrich nicht spurlos vorübergegangen. Dieser verkroch sich oft tagelang in seinem Zimmer oder lag lediglich reglos im Bett.

Manchmal fragte sich Frank, wie viel Schrecken und Leid ein Mensch überhaupt ertragen konnte, bevor er endlich zerbrach. Mittlerweile kämpfte auch er wieder gegen Alpträume und böse Erinnerungen. Vor einigen Tagen hatte er erneut eine verstörende Vision gehabt, in der nicht Artur Tschistokjow, sondern „Herr Irrsinn“, sein imaginärer Freund aus der Holozelle, eine Rede an die Nation gehalten hatte.

Er hatte mit der Stimme des russischen Staatschefs gesprochen, in dessen Büro im Atombunker, mit der Drachenkopffahne im Hintergrund.

„Der Irrsinn konnte in den letzten Monaten um 26% gesteigert werden. Ich bin stolz auf mein Volk, doch wir werden ihn noch viel weiter ausdehnen. Wir müssen nur an den Irrsinn glauben! Felsenfest und unbeirrt!“, hatte „Herr Irrsinn“ erklärt. Schließlich hatte er seinen kahlen, bleichen Schädel aus der Fernsehkiste herausgeschoben und Frank zynisch angelächelt.

„Hallo, General Kohlhaas! Ich bin stolz auf Sie, denn Sie haben den Irrsinn an vorderster Front verbreitet. Wer hätte je gedacht, dass Sie mir eines Tages so viel Arbeit abnehmen?“

Frank war zusammengezuckt, sprachlos vor lauter Entsetzen, während „Herr Irrsinn“ weiter auf ihn eingeredet hatte.

„He, Franky! Achilles, großer Held, großer Mörder, großer Psychopath! Freust du dich denn nicht, deinen alten Freund wiederzusehen?“

Irgendwann war Frank mit einem Schrei aufgewacht und hatte sich wimmernd an Julia geklammert. Dieses Traumgesicht war so unheimlich wie verwirrend gewesen. Außerdem wusste Kohlhaas, dass „Herr Irrsinn“ niemals auftauchte, wenn es dafür nicht einen handfesten Grund gab.

Die über eine gut verschlüsselte Verbindung abgehaltene Telefonkonferenz dauerte nunmehr schon fast zwei Stunden. Sowohl Artur Tschistokjow als auch Präsident Matsumoto hatten es diesmal für zu gefährlich gehalten, ihre Atombunker noch für einen persönlichen Staatsbesuch zu verlassen. Das Risiko, in einem Flugzeug vom Feind erwischt und abgeschossen zu werden, egal wie geheim man alles gehalten hatte, war inzwischen viel zu groß. Vor allem Tschistokjow war in den letzten Wochen immer paranoider geworden und sah überall Verräter, Spione und Attentäter, die ihn vergiften oder in die Luft sprengen wollten. Zwar wurde er rund um die Uhr von ADR-Mitarbeitern und einer großen Anzahl Leibwächter bewacht, doch änderte das nichts an seiner wachsenden Angst vor Mordanschlägen. Allerdings waren seine Sorgen auch nicht unberechtigt, denn die GSA versuchte, seinen Führungsstab mit allen Mitteln zu infiltrieren. Das Gleiche galt auch für Matsumoto.

„Sie haben unfassbares Leid angerichtet. Ich kann diese Grausamkeit noch immer nicht nachvollziehen. Was soll aus Japan werden, wenn sie nicht mit derartigen Angriffen aufhören? Wir können uns kaum verstecken! Es ist ein Alptraum, Herr Tschistokjow!“, übersetzte Matsumotos Dolmetscher.

Tschistokjow starrte auf den großen Bildschirm an der Wand und ging in seinem Büro auf und ab. Wilden und einige hochrangige Funktionäre der Freiheitsbewegung betrachteten ihn schweigend.

„Nehmen Sie Ihre neu entwickelten Tenshi Bomber und schlagen Sie zurück, Herr Präsident. Sie müssen es sofort tun, damit sich unsere Feinde keinen falschen Hoffnungen hingeben“, knurrte Tschistokjow.

Wenige Minuten später erhielt er die Antwort. „Ich kann es nicht verantworten, diesen Atombombenwahnsinn weiter mitzumachen. Nein, ich kann das einfach nicht.“

Wilden versuchte, etwas zu sagen und auch Verteidigungsminister Lossov meldete sich zu Wort, doch Tschistokjow würgte die beiden ab.

„Sie müssen es tun, sonst werden die Logenbrüder Japan ganz in Schutt und Asche legen! Verstehen Sie das denn nicht? Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Unsere Feinde sind in einigen bestimmten Metropolen konzentriert und diese Metropolen müssen wir ihnen jetzt nehmen!“

Akira Moris kreidebleiches Gesicht erfüllte den Bildschirm. Der Japaner erwiderte: „Wir sind uns noch immer nicht sicher, ob wir diesmal selbst Atombomben werfen sollen. Außerdem haben wir noch nicht viele der neuartigen Tenshi Bomber bauen lassen.“

„Übersetzen Sie das!“, schrie Tschistokjow seinen Dolmetscher an und dieser zuckte vor Schreck zusammen. Dann entgegnete er: „Wenn Japan nicht reagiert, werden wir es tun. Ein Angriff auf Japan ist ein Angriff auf uns – und jetzt kommt die Antwort! Auge um Auge! Etwas anderes versteht diese Verbrecherbrut nicht!“

Schließlich überließ Matsumoto seinem Außenminister das Reden; er wirkte, als ob er kurz vor einem völligen Nervenzusammenbruch stände. Bald saß er klein und niedergeschlagen am unteren Rand des Bildschirms und hielt sich den Kopf.

„Wir können es nicht genau abschätzen, wie sich die Situation nach einem nuklearen Gegenschlag entwickeln wird. Ein entfesselter Atomkrieg würde das japanische Volk an den Rand der Vernichtung bringen“, sorgte sich Mori. „Wir sind auf unseren Inseln gefangen und können hier nicht weg. Das ist bei einem Land wie Russland vollkommen anders, denn sie können dem atomaren Feuer aufgrund der Größe des Territoriums viel leichter entfliehen als wir.“

„Und was heißt das nun?“, grollte Tschistokjow.

„Präsident Matsumoto hat in den letzten Tagen noch einmal darüber nachgedacht, die Weltregierung um Frieden zu bitten“, fügte Mori hinzu.

Die Gesichtsfarbe des russischen Staatschefs wechselte innerhalb einer halben Minute von weiß zu rot.

„Das werden Sie nicht tun, Mori! Die werden keinen Frieden annehmen! Die wollen uns vernichten! Und die werden uns vernichten, wenn wir uns nicht wehren! Haben Sie das verstanden?“

Wilden eilte zu Tschistokjow und überreichte ihm ein Glas Wasser.

„Vielleicht haben Sie Recht, aber wir …“, stotterte der japanische Dolmetscher, doch der Anführer der Rus donnerte dazwischen.

„Zögern Sie nicht länger! Machen Sie die Tenshi Bomber startklar und schlagen Sie endlich zurück, Herr Matsumoto! Wenn Sie es nicht tun, dann tun wir es! Ich schwöre es, so wahr ich Artur Tschistokjow heiße!“

„Bitte beruhigen Sie sich wieder, Herr Präsident …“, mischte sich einer der Generäle ein, doch sein Chef winkte ab.

Matsumoto und Mori schwiegen. Sie sahen sich mit betretenen Mienen an, während ihr Bündnispartner vor sich hin wetterte und immer wütender wurde.

„Ich habe die Ziele für den atomaren Gegenschlag bereits ausgewählt. Halten Sie sich an unsere Vereinbarungen! Wir weichen nicht zurück! Niemals!“, fauchte Tschistokjow und sein Dolmetscher wischte sich den Schweiß von der Stirn, um dann zu übersetzen.

Der Anführer der Rus hatte Haruto Matsumoto gegen Ende des Gespräches noch mehrfach eindringlich darauf hingewiesen, dass das russisch-japanische Bündnis dem Gegner seine Entschlossenheit zeigen müsse. Schließlich hatte sich dieser schweren Herzens dazu überreden lassen, nun ebenfalls Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Während die Kämpfe in der Mandschurei und auf See weiter tobten und mehrere Hunderttausend GCF-Soldaten mittlerweile im Süden Japans an Land gegangen waren, gab der japanische Präsident seinerseits den Befehl, Städte an der nordamerikanischen Westküste mit Atombomben zu beschießen. Als Ziele hatte Artur Tschistokjow Los Angeles und San Francisco vorgeschlagen. Matsumoto hatte ihm letztendlich zugestimmt.

So erhoben sich am 09. Oktober 2051 vier hoch technisierte Tenshi Tarnkappenbomber, die von feindlichen Radaranlagen nicht geortet werden konnten, von Kobe aus in die Lüfte, um den beiden amerikanischen Großstädten die schreckliche Rache zu bringen. Es dauerte nicht lange, da hatten sie die Küste erreicht und entluden ihre tödliche Fracht. Acht Atombomben gingen auf Los Angeles und die umliegenden Gebiete nieder, vier weitere auf San Francisco.

Aus der Höhe konnten die Piloten der Maschinen die grellen Explosionen der Massenvernichtungswaffen aufblitzen sehen und innerhalb weniger Minuten fraß sich eine höllische Feuersbrunst durch Beton, Stahl und Fleisch. Über 7 Millionen Menschen wurden bei diesem Bombenangriff getötet, was Präsident Matsumoto schwere Gewissensbisse bescherte.

Artur Tschistokjow reagierte hingegen mit grimmiger Genugtuung und bemerkte, dass die Amerikaner jetzt endlich wüssten, was Krieg ist. Seine Reaktion zeigte, wie verbittert er inzwischen war und was dieser Krieg bereits aus ihm gemacht hatte.

Der russische Souverän hatte einen nuklearen Schlagabtausch niemals gewollt, aber schon an dem Tag, als er sich dazu entschlossen hatte, in die Politik zu gehen, war ihm tief im Inneren klar gewesen, dass gegen einen Feind wie die Weltregierung eines Tages nur die brutalsten Mittel erfolgreich sein würden.

Das war der Unterschied zwischen ihm und Präsident Matsumoto. Letzterer war ein japanischer Patriot, der lediglich das Beste für sein Land wollte, während Artur Tschistokjow ein weltanschaulicher Glaubenskrieger war, der die Zerschlagung der Weltregierung als eine unumgängliche Notwendigkeit betrachtete, um sein Volk, Europa und auch die übrige Welt vor dem Untergang zu bewahren. Demnach war er, auch wenn es ihm äußerst schwer fiel, diese harte Linie durchzuhalten, eher bereit, notfalls die gleichen rücksichtslosen Kampfmittel wie seine durch und durch skrupellosen Gegner einzusetzen.

Und der Kampf wurde immer grausamer und schrecklicher. Die Volksarmee der Rus befand sich im Süden Russlands mittlerweile in einem verzweifelten Abwehrkampf und versuchte, die belagerte Stadt Kiew unter allen Umständen zu halten. Im Zuge einer verlustreichen Gegenoffensive gelang es Tschistokjows Truppen schließlich, den Feind Mitte Oktober wieder über die Wolga zurückzutreiben.

An der sich zwischen der Slowakei und der Küste des Schwarzen Meeres erstreckenden Front sah es hingegen weniger gut aus, denn die GCF eroberte am 14.10.2051 Bratislava und stieß über Moldawien bis in die Ukraine vor.

Ähnlich bedrückend hatte sich auch die Lage in Ostdeutschland entwickelt, denn frische Streitkräfte aus Süd- und Nordamerika waren in Frankreich eingetroffen und rückten auf deutschen Boden vor. Die Truppen der Global Control Force, die von den britischen Inseln gekommen waren, hatten sich inzwischen bis nach Mecklenburg-Vorpommern vorgearbeitet und die Frontlinie der Volksarmee weiter nach Osten geschoben.

Hin und her

Der nukleare Gegenschlag des russisch-japanischen Bündnisses war für den Rat der Weisen Anlass genug, noch einmal kurzfristig zusammenzukommen, um die nächsten Schritte in diesem Krieg zu besprechen. Die Hartnäckigkeit ihrer Gegner hatte die hohen Herren in einen Zustand versetzt, der zwischen grenzenloser Wut und Verunsicherung schwankte. Doch wer sie kannte, dem war bewusst, dass sie sich auf Dauer auch von Millionen Toten nicht beeindrucken ließen. Zwar waren bei der Vernichtung von Los Angeles und San Francisco erneut Tausende der ihren getötet worden, darunter auch einflussreiche Film- und Medienbosse, doch waren das Kollateralschäden, die kompensiert werden konnten. Dennoch wirkte der Schock über den rücksichtslosen Gegenschlag auch unter den Weisen nach.

„Unsere Leute müssen die Metropolen und Großstädte aus Sicherheitsgründen verlassen. Das müssen wir ihnen endlich einschärfen“, sagte der Weltpräsident.

„Darauf dürften sie jetzt auch von selbst kommen. Die Atombombenabwürfe auf Los Angeles und San Francisco haben eine klare Sprache gesprochen und es gibt inzwischen keinen Zweifel mehr daran, dass Tschistokjow und Matsumoto ebenfalls keine Skrupel haben, ihre Atomwaffen gegen uns einzusetzen“, meinte der oberste Weise.

„Die Sache wird ernster, als wir gedacht haben“, sorgte sich ein anderes Ratsmitglied. „Was ist, wenn demnächst unsere anderen Zentren in Flammen aufgehen? Diese verfluchten Hunde wissen genau, wo unsere Macht und unsere Leute konzentriert sind.“

„Wir können es nicht ändern. Unsere Feinde wollen den totalen Krieg und den werden sie bekommen. Ich bin zu allem bereit. Wir haben genügend Atombomben in der Hinterhand. Die Sache geht gerade erst los!“, giftete der Weltpräsident und starrte den Bruder zornig an.

„Wir müssen nach wie vor zuerst Japan vernichten, um das feindliche Bündnis zu zerschlagen. Außerdem können wir dort mit unseren Atomwaffen den größten Schaden anrichten. Ein konzentrierter Beschuss der japanischen Inseln kann dort das ganze Volk ausrotten“, bemerkte ein ergrauter Herr am Ende des Tisches.

„Immer mit der Ruhe!“, mischte sich der Vorsitzende des Rates ein. „Vielleicht sollten wir uns zunächst doch wieder auf die konventionelle Kriegsführung konzentrieren. Japan ist auf dem Weg in die militärische Niederlage und auch die Truppen des Nationenbundes werden nicht mehr ewig gegen unsere Übermacht standhalten können. Ich bin da sehr zuversichtlich. Bevor wir den nächsten atomaren Schlagabtausch einleiten, kämpfen wir den Gegner erst einmal mit unseren konventionellen Streitkräften nieder. Wenn Tschistokjows und Matsumotos Armeen zerschlagen sind, dann können wir ihre Länder noch immer mit Nuklearwaffen verwüsten. Alles zu seiner Zeit.“

Der Weltpräsident stand von seinem Platz auf und tigerte durch den Raum. Schließlich drehte er sich den anderen Ratsmitgliedern mit einem kalten Lächeln zu.

„Der oberste Weise sieht die Lage vollkommen richtig. Wir haben viel Zeit, unsere Feinde langsam mit unseren Heeren auszubluten. Irgendwann bricht ihre Abwehr zusammen und sie werden immer hilfloser werden. Außerdem sind sie dann unserer Gewalt ausgeliefert und ich brauche niemandem zu sagen, was von Russland und Japan übrigbleiben wird …“

„Vielleicht hat unser Bruder Recht. Warten wir den weiteren Verlauf des Krieges einfach ab. Die japanische Offensive in der Mandschurei ist bereits fehlgeschlagen, unsere Truppen gewinnen überall an Boden. So lange unsere Feinde nicht mit Atomwaffen reagieren, können wir ruhig zusehen, wie sie langsam verrecken“, sagte ein Ratsmitglied.

„Bisher verläuft dieser Krieg weitgehend nach Plan. London, Los Angeles und San Francisco sind ärgerliche Verluste, aber sie sind zu verkraften. Matsumoto scheint übrigens nervlich nicht mehr lange durchzuhalten, wie mir einige GSA-Agenten berichtet haben. An Tschistokjow kommen wir allerdings gegenwärtig nicht heran. Versuche, seinen Führungsstab zu infiltrieren, sind von der ADR vereitelt worden. Die haben unsere Spione entdeckt und sofort erschossen. Wie auch immer, das sind Kleinigkeiten, meine Herren.

Zuerst werden wir jetzt Japan zerschlagen und anschließend den Nationenbund in die Knie zwingen. Und am Ende werden wir unsere Feinde mit einem Strafgericht konfrontieren, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Wir brauchen uns keine Sorgen machen, denn wir haben diesen Krieg auch weiterhin unter Kontrolle“, meinte der Vorsitzende des Rates der 13 und wirkte wieder gelassen.

„Und jetzt sollten wir darüber sprechen, wie wir die Vernichtung von Los Angeles und San Francisco positiv für unsere Zwecke ausschlachten können. Vielleicht hat uns der Feind damit mehr in die Hände gespielt, als er denkt“, höhnte der Weltpräsident.

„Ein wichtiger Punkt!“, stieß der oberste Weise aus. Er nahm einige Dokumente zur Hand.

Die Logenbrüder hatten die atomare Zerstörung von Los Angeles und San Francisco in den letzten Wochen dazu genutzt, den amerikanischen Patriotismus mit einer gewaltigen Medienkampagne anzuheizen. Nun setzten sie auf die Rachegefühle der Bevölkerung des Verwaltungssektors Amerika-Nord. Das Fernsehen malte Millionen Amerikanern indes tagtäglich furchtbare Horrorszenarien auf, wenn Tschistokjow und Matsumoto nicht aufgehalten werden konnten.

„Artur Tschistokjow und Haruto Matsumoto planen die Vernichtung der Menschheit!“, titelte die größte Zeitung des Sektors Amerika-Nord und versuchte, die dort lebende Bevölkerung mit allen Mitteln der Propaganda gegen ihre Gegner aufzuhetzen. Das Gleiche taten sämtliche Fernsehsender und Radiostationen, die die Massen ohne Pause mit neuen Schreckensmeldungen überschütteten.

„Da sie diesen Krieg nicht mehr gewinnen können und sich ihre Terrorherrschaft dem Ende zuneigt, planen die beiden wahnsinnigen Diktatoren die Vernichtung der kompletten Menschheit. Das belegen geheime GSA-Studien, die nun erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden sind. Sowohl der Nationenbund der Rus, als auch Japan, haben in den letzten Jahren riesige Mengen von Massenvernichtungswaffen gehortet, die sie nun einsetzen wollen, um Milliarden Menschen zu ermorden.

„Wenn ich die Welt nicht beherrschen kann, dann soll es auch niemand sonst tun!“, soll Artur Tschistokjow dem engsten Führungskreis seiner sogenannten „Freiheitsbewegung“ erklärt haben. Auch Matsumoto ist inzwischen vollkommen dem Wahnsinn verfallen und redet ununterbrochen davon, die übrige Menschheit auszulöschen, wenn sie sich nicht der japanischen Herrschaft beugt.

Der bekannte Psychologe Dr. Steven Redstein hat die beiden Staatsmänner nach einer intensiven Studie eindeutig als „klinisch geisteskrank“ bezeichnet.

Während Tschistokjows mordende Horden derweil Europa verwüsten und die Todesschwadronen der ADR ganze Völker abschlachten, hat die russisch-japanische Unheilsallianz erneut Millionen Menschen mit Atombomben ermordet. Der hinterhältige Angriff auf Los Angeles und San Francisco hat der freien Welt erneut vor Augen geführt, dass gegen diese beiden Tyrannen und ihre Mordschergen nur die härtesten Maßnahmen erfolgreich sein können.

Um ihre Heimat vor der Vernichtung durch die irren Weltbrandstifter zu bewahren, haben sich inzwischen Zehntausende von Freiwilligen bei der GCF gemeldet - sie wollen die Mächte der Zerstörung endlich aufhalten. Entschlossen steht die gesamte Menschheit auf und strömt zu den Rekrutierungsbüros der Global Control Force, denn sie ist nicht länger willens, der Ermordung Unschuldiger noch länger tatenlos zuzusehen“, verkündete die internationale Presse.

Eine der wichtigsten Propagandawaffen der Logenbrüder war allerdings im Zuge des Atombombenabwurfs auf Los Angeles zerstört worden: Hollywood.

Das Herz der feindlichen Filmindustrie existierte nicht mehr, was dem Rat der 13 große Kopfschmerzen bereitete. Trotzdem verfügte die Weltregierung aber noch immer über unzählige kleine und große Medien, die weiterhin pausenlos den Krieg der Worte fortsetzten. Tschistokjow versuchte hingegen, die lokalen Medien in den von seinen Soldaten eingenommenen Städten so gut es ging für seine eigenen Zwecke zu nutzen; bald verbreiteten diese ebenfalls ununterbrochen die Propaganda der Rus.

Wann es endlich zu einem flächendeckenden Schlagabtausch mit Atomwaffen kommen würde, konnte in diesen Tagen niemand genau sagen. Doch dass er über kurz oder lang zu erwarten war, war den meisten Menschen inzwischen klar.

Agatha Wilden und Julia sahen schweigend zu Frank herüber. Dieser saß am anderen Ende des Küchentischs und starrte ins Leere. Das Oberkommando hatte ihm erlaubt, noch etwas länger zu Hause zu bleiben, doch das hob die Laune des Generals nicht. Es herrschte eine bedrückende Stille und selbst Friedrich, der sich in einer Ecke des Raumes mit einigen Plastikfiguren beschäftigte, wirkte nachdenklich und besorgt.

„Ich kämpfe auch gegen die GCF!“, sagte der Junge leise und hielt seinem Vater zwei der Figuren unter die Nase.

„Wenn doch alles nur ein Spiel wäre …“, murmelte Frank. Er streichelte Friedrich den Kopf.

Schließlich betrachtete er die beiden Spielzeugfiguren und riss die Augen auf. „Ach, du liebe Güte!“

„Das sind die neuen Lieblinge deines Sohnes“, meinte Julia, genervt die Augen verdrehend.

„Ja!“, antwortete Friedrich begeistert. „Guck mal, Papa! Das ist einer von den Guten, der ist von den Warägern. Und der hier ist von den Bösen, von der Global Death Force.“

Frank musterte eine Actionfigur in der grau-schwarzen Rüstung der Warägergarde, die andere war ein Soldat der Global Control Force. Man hatte die Gesichtszüge des Bösewichtes entstellt, so dass er ein dämonisches Grinsen und tiefe, dunkle Augenringe hatte. Die Gesichtsfarbe war gräulich; er ähnelte eher einem Zombie als einem Menschen.

„Ich wusste gar nicht, dass es inzwischen solche Spielfiguren gibt“, bemerkte Frank erstaunt.

„Ich musste extra nach Wilna fahren, damit Friedrich seine neuen Figuren bekommt. Die Jungs sind da ganz wild drauf. Arturs neue Propagandawaffe im Kinderzimmer“, meinte Julia sarkastisch.

„Ich habe sogar dich, Papa!“, fuhr Friedrich fort und flitzte in sein Zimmer. Kurz darauf kam er mit einer weiteren Actionfigur, die noch in ihrer Verpackung steckte, zurück in die Küche gestürmt.

„Tataaah!“, rief er und überreichte sie stolz seinem Vater.

„General Frank Kohlhaas, der Achilles von Weißrussland“, las dieser den Text auf der Vorderseite der Verpackung. Er schüttelte den Kopf.

„Ich bin inzwischen ‘ne verdammte Actionfigur!“, brummte Frank mit wenig Begeisterung.

„Jetzt weißt du es ja, ich wollte dich eigentlich mit diesem Unsinn nicht auch noch nerven, Schatz“, bemerkte Julia.

Frank drehte die Verpackung wortlos um, las auch noch den Text auf der Rückseite. „General Frank Kohlhaas ist der größte Held aller Zeiten. Er kämpft seit vielen Jahren gegen die Armeen des Bösen und hat sie in unzähligen Kämpfen besiegt, um die guten und unschuldigen Menschen zu retten. Ganz Russland und jedes Kind liebt den großen General. Er ist unverwundbar und kann mit seinem Super-Plasmawerfer jeden Feind niederstrecken.“

„Papa ist aus Plastik!“, lachte Friedrich.

„Gibt es den Weltpräsidenten eigentlich auch als Actionfigur?“, wollte Frank wissen.

„Ja, der ist der Chef der Global Death Force. Aber den habe ich unserem Sprössling nicht gekauft. Irgendwann reicht es …“, sagte Julia.

„Der Weltpräsident sieht aus wie ein Teufel. Der hat so Hörner und einen langen, schwarzen Umhang, Papa!“, erläuterte Friedrich, der sich mit der neuen Figurenserie bereits bestens auskannte.

„Was soll ich dazu sagen? Die Weltregierung hat ihren dämlichen Sergeant Powers und wir haben jetzt mich. Da komme ich echt nicht mehr mit“, sagte Frank verdutzt.

„Artur hat diese Figuren persönlich in Auftrag gegeben und inzwischen werden sie sogar an den Schulen verteilt. Es gibt sie in jedem Laden, an jeder Ecke“, bemerkte Agatha Wilden.

„Wer ist Satchnt Pauers, Papa?“, fragte Friedrich dazwischen.

Frank winkte ab. „Ach, auch so eine Figur für Kinder. Nur von der anderen Seite …“

„Ist der bei den Bösen?“

„So in der Richtung, mein Junge.“

„Aber der ist nicht stärker als du, oder?“

„Sergeant Powers ist nur eine Plastikfigur.“

„Du wirst ihn besiegen. Deine Waräger machen die Globl Def Forz fertig!“, meinte Friedrich, sein Blick verfinsterte sich.

„Nerve uns bitte nicht weiter mit diesem Unsinn. Mir geht es nicht gut. Morgen muss ich wieder fort und werde sehr lange nicht mehr hier sein“, sagte Frank und nahm seinen Sohn in den Arm.

„Die Waräger werden dich beschützen, Papa!“, antwortete Friedrich und krallte sich am Hemd seines Vaters fest.

„Mein lieber Junge, jetzt lass mich bitte mal für einen Moment allein. Ich muss mit Mama und Oma noch ein paar Dinge besprechen.“

General Kohlhaas kehrte an die Front zurück und zog mit seinen Warägerverbänden in Richtung Leipzig. Er hatte vom Oberkommando den Befehl erhalten, die Verteidigung der nach wie vor von der Volksarmee besetzten Stadt zu organisieren. Tausende von GCF-Soldaten, zahlreiche Panzer und mobile Geschütze waren mittlerweile im Anmarsch; sie kamen unbeirrt näher, um die strategisch wichtige Stadt, welche mittlerweile zu einem Symbol deutschen Freiheitswillens geworden war, zurückzuerobern.

In den letzten Wochen hatten sich weitere deutsche Freiwillige bei der Volksarmee gemeldet und waren mit Waffen ausgerüstet worden. Und noch immer kamen neue Männer dazu.

„Leipzig wird eine deutsche Festung werden!“, hatte Ludwig Orthmann gestern in einer Radioansprache verkündet. Nun versuchten Tschistokjow Soldaten und die deutschen Milizionäre die Großstadt so gut es ging zu einem Bollwerk auszubauen. Doch ihre Mittel waren begrenzt. Es mangelte an Nachschub und Munition, ebenso wie an wichtigem Kriegsgerät und Geschützen. Vor einigen Tagen hatte die GCF-Luftwaffe eine große Anzahl von Gleisen und Zufahrtsstraßen zerstört, um der Volksarmee die Versorgung zu erschweren. War Frank noch vor kurzem mit dem Zug bis nach Litauen gefahren, so war dies mittlerweile kaum noch möglich.

Der Angriff auf die Nachschubwege der Volksarmee war erfolgreich gewesen, obwohl sich die Luftwaffe des Nationenbundes bemüht hatte, die feindlichen Kampfflugzeuge zurückzuschlagen.

Frank sah sich um. Bis zum Horizont erstreckte sich der graue Heereszug aus Volksarmisten und Warägern. Es war fast alles „Frischfleisch“, wie es Frank immer formulierte. Neu rekrutierte, junge Männer aus Russland, der Ukraine oder dem Baltikum. Hastig ausgebildet und mit Durchhaltepropaganda vollgepumpt.

„Sie werden uns ein paar neue Transportflugzeuge schicken“, erklärte Kohlhaas einem seiner Offiziere. Er sah den Russen mit ausdrucksloser Miene an.

„Für Luftlandeangriffe?“, fragte dieser.

„Ja, das fordere ich seit Monaten, nur das Oberkommando hat mal wieder gepennt. Damit werden wir bei Sturmangriffen wesentlich mobiler sein“, meinte Frank.

„Dann können sie uns direkt hinter den feindlichen Linien absetzen und wir kommen noch schneller ins Gefecht. Ist doch auch schön“, erwiderte der Offizier zynisch grinsend.

„So wird es wohl sein. Ich werde aber weiterhin die Transportpanzertruppe und meine Jungs befehligen. Damit habe ich die meiste Erfahrung. Dieses Luftlandezeug können andere übernehmen“, brummte der General.

„Was halten Sie eigentlich von Ihren Landsleuten, den Kriegsfreiwilligen?“, wollte der Russe wissen.

Frank lächelte gequält. „Sie bemühen sich, uns nach Möglichkeit zu helfen. Toll ausgebildet sind sie nicht, aber sie haben trotzdem einen guten Kampfgeist. Das ist nicht nichts. Aber es ist ja bei allen Freiwilligen so. Sie sind euphorisch, weil sie jetzt endlich für die Freiheit ihres Volkes kämpfen können, allerdings merken auch sie nach einigen Gefechten, dass Krieg kein Abenteuerurlaub ist.“

„Sehe ich auch so!“, gab der Russe zurück. „Ich bin bereits seit Jahren dabei. Früher bei den Rus, in den ersten Tagen der Freiheitsbewegung, dann der russische Bürgerkrieg und so weiter. Ich habe auch schon genug Schrecken erlebt.“

„Ach, dann sind Sie auch ein alter Kämpfer?“, freute sich Frank und lächelte anerkennend.

„Sozusagen, Herr General. Ich habe die erste Demonstration der Rus in Smolensk mitgemacht. Das war was, nicht wahr?“

„Allerdings!“, stieß Kohlhaas aus.

„Sie waren ja sogar beim Kampf um Weißrussland mit dabei, Herr General. Was soll ich Ihnen also erzählen? Das „Blutopfer von Gomel“ und die ganzen anderen Höhepunkte der Revolution“, meinte der Russe.

„Es waren keine Höhepunkte. Es war einfach nur schrecklich. Ich wäre damals in Gomel beinahe draufgegangen. Auch wenn man es heute überall verherrlicht und verklärt. Es war schlichtweg grauenhaft. Eigentlich ist es ein Wunder, dass ich überhaupt noch lebe“, antwortete Frank nachdenklich.

„Sie sind ja auch unverwundbar, Herr Achilles!“, sagte der Offizier mit einem lauten Lachen und klopfte Frank auf den Schulterpanzer seiner Ferroplastinrüstung.

„Dann würde ich diese Rüstung wohl nicht brauchen, oder?“, erwiderte der General. Dann lachte er ebenfalls.

Alfred Bäumer war vom Oberkommando der Volksarmee nach Braila, an der Westküste des Schwarzen Meeres, geschickt worden, um dort einige Warägerverbände zu befehligen. Die oberste Heeresleitung des Nationenbundes hatte in den letzten Wochen alles dafür getan, einen Gegenangriff in Richtung Rumänien und Bulgarien zu unternehmen und an einigen Stellen war es der Volksarmee tatsächlich gelungen, die gegnerische Frontlinie zu durchbrechen. Inzwischen hatten sich mehrere Zehntausend rumänische und bulgarische Freiwillige gemeldet, um Tschistokjow zu unterstützen, doch die unerfahrenen Milizionäre waren bereits in den ersten Tagen der Gegenoffensive in Massen gefallen.

In der Ägäis und im Schwarzen Meer tobten derweil schwere Seegefechte mit der Kriegsflotte des Weltverbundes. Die U-Boote des Nationenbundes hatten mit Hilfe neuartiger Torpedos zwei schwere GCF-Flugzeugträger und mehrere Zerstörer versenken können, was aber nichts an den hohen eigenen Verlusten änderte und den Kriegsverlauf zunächst kaum beeinflusste.

„Sie werden morgen oder sogar noch heute angreifen!“, erklärte Alf einem Unteroffizier. Er spähte zum Horizont.

Hinter ihm waren die Volksarmisten und Waräger wieder einmal dabei, sich rund um Braila einzugraben und Panzersperren zu errichten. Sie hatten nur noch wenige Geschütze aufzubieten, allmählich mangelte es an allem.

„Dort vorne, zwischen den Bäumen, könnt ihr noch weitere Stacheldrahtbarrieren hinstellen!“, befahl Alf und ein paar grau uniformierte Soldaten begannen mit der Arbeit.

Der Deutsche stöhnte leise, er verdrehte die Augen. Jetzt war er hier gelandet, im trostlosen Bulgarien. Vielleicht würden sie bald von einer Übermacht der inzwischen weit nach Nordosten vorgestoßenen Feinde umzingelt sein. Diese Gegenoffensive hatte lediglich die Aufgabe, den Feind zu binden, damit der Nationenbund die wichtigsten Fronten in Russland weiter absichern und befestigen konnte – und sie hatte etwas von einer verzweifelten Kamikazeaktion.

„Wäre ich doch mit dem Arsch zu Hause geblieben …“, murmelte Alf leise auf Deutsch und legte seine Ferroplastinrüstung an.

„Die GCF ist nur noch zwei Stunden von hier entfernt. Außerdem hat die Flotte neue Truppen bei Constanta ausgeladen“, schallte es aus dem kleinen Sprechgerät an Bäumers Kragen.

„Dann wissen wir ja jetzt Bescheid“, knurrte dieser.

Nervös marschierte Alf entlang des Schützengrabens, den seine Männer ausgehoben hatten. Sie würden hier nicht lange aushalten können, da war er sich sicher. Wenige Stunden später griffen die Feinde an.

Unterirdische Waffenfabriken, weit draußen in der russischen Einöde gelegen, hatten derweil mit der Produktion von EMP-Geschützen begonnen, um dem Nationenbund einen größeren Schutz vor feindlichem Atomraketenbeschuss zu gewährleisten.

Prof. Hammer und Hunderte weitere Wissenschaftler hatten in einem monatelangen Forschungsmarathon die fortschrittlichen Geräte entwickelt. Die Aufgabe der EMP-Geschütze sollte es nun sein, heranfliegende Atomraketen zu orten und mit Hilfe elektromagnetischer Impulse unschädlich zu machen. Da die modernen Atombomben alle über elektronische Mikrochips gezündet wurden, sollten die neuartigen Sonden diesen Zündmechanismus im Vorfeld unterbrechen und zerstören.

Artur Tschistokjow hatte angeordnet, dass die Geschütze zunächst rund um die wichtigsten russischen Städte postiert werden sollten. Er wartete fieberhaft auf die Fertigstellung der ersten Serie. Ob diese Wunderwaffen wirklich einen wirksamen Schutz gegen Atomwaffen darstellten, sollte sich allerdings erst noch zeigen. Aber wenn sie es waren, dann konnte diese Tatsache den Krieg auf Dauer entscheiden, denn die Weltregierung verfügte offenbar nicht über ähnliche Schutzvorrichtungen.

„Wir können diesen Kampf auf lange Sicht nur durch eine überlegene Waffentechnologie gewinnen!“, hatte der russische Staatschef seinen Wissenschaftlern in den letzten Jahren immer wieder eingeschärft.

Es war ohne Zweifel eine Tatsache, dass die technologische Entwicklung in den Ländern des Weltverbundes seit vielen Jahren stagnierte oder gar zurückging. Die von der Weltregierung eingesetzte Militärtechnologie, die meist auf den deutschen Erfindungen des letzten Jahrhunderts basierte, war in den letzten Jahrzehnten kaum weiterentwickelt oder gar durch neue, bahnbrechende Erfindungen ergänzt worden.

Da die Logenbrüder die von ihnen beherrschten Länder kulturell und geistig verkümmern ließen, hatte auch die technologische Entwicklung keine nennenswerten Fortschritte mehr gemacht. Denn wo das allgemeine Credo lediglich Kontrolle und Ausbeutung war, legte man auf die gezielte Förderung von Wissenschaft und Forschung zunehmend weniger Wert.

Es zeigte sich in diesem Kontext, wie enorm wichtig es war, gerade die hochbegabten Teile des Volkes zu fördern und zu vermehren, wie es Artur Tschistokjow tat. Die Logenbrüder hingegen wollten keine Nationen mit starken Kulturen und großen Denkern hervorbringen, sondern waren an einem Völkerbrei aus identitätslosen und geistig niedrig stehenden Sklaven interessiert.

Damit waren sie jedoch auf dem besten Wege, sich selbst ins eigene Fleisch zu schneiden. Die ehemals hochtechnisierten Völker Europas beispielsweise, die in der Vergangenheit immer wieder Wunderwerke der Erfindung hervorgebracht hatten, schwanden heute dahin und ihre geistige Entwicklung war in den letzten Jahrzehnten immer weiter vertrocknet. Artur Tschistokjow hatte sich dagegen geschworen, diesen Zerfall aufzuhalten und das sterbende Europa doch noch wiederzubeleben. Aber dafür musste er diesen grausamen Krieg gewinnen, wovon er im November des Jahres 2051 meilenweit entfernt war.

Der Anführer der Rus und sein Führungsstab hatten den Atombunker am Fuße des Uralgebirges verlassen und waren unter strengster Geheimhaltung nach Kungur gefahren, um sich dort mit einem engen Vertrauten des islamischen Rebellenführers Darian Aref zu treffen. Sie redeten nunmehr seit Stunden mit dem Iraner und wurden sich langsam einig.

„It is very important that we fight together. If Mr. Aref is able to unleash a bigger rebellion in the Iran and the Arabic world it will be good for Russia too”, meinte Wilden.

Der Gast nickte. „I think that we will be able to attack the GCF in the Middle East some day, but we need more weapons to form a revolutionary army, do you understand?”

„Yes! The National Alliance of the Rus is willing to support your fight against the GCF. But we have a lot of problems here in Russia. The enemy comes closer and closer – and our casualties are great!”, bemerkte Tschistokjow.

„Believe me, Mr. Tschistokjow, Millions of young Muslims are waiting for a leader like Darian Aref and the holy war against the World Government, but we don’t have enough weapons”, antwortete der iranische Freischärler.

„Wenn die moslemischen Rebellen die GCF in einigen Regionen des Mittleren Ostens binden, also eine zweite Front aufmachen und ihre Nachschublinien attackieren, dann hat das für uns große Vorteile“, gab einer der anwesenden Generäle zu bedenken.

„Das ist vollkommen richtig, aber wir haben selbst auch nicht unendlich viele Waffen zur Verfügung“, bemerkte Wilden. „Trotzdem kann ein flächendeckender Aufstand der islamischen Welt dem Feind im Nahen Osten das Rückgrat brechen.“

Der Iraner schaute seine Gesprächspartner fragend an, da er nichts von dem Gesprochenen verstanden hatte. Dann lächelte er.

„Do you want to support us?“, fragte er.

Tschistokjow nickte. „Yes! With all we can give! We will send you some weapons at first, and some training officers of the Volksarmee too.”

„Sie wollen den Moslems Ausbildungsoffiziere schicken, Herr Präsident?”, wunderte sich Verteidigungsminister Lossov.

„Ja, zumindest ein paar. Sie sollen die islamischen Milizionäre trainieren, damit sie gegen die GCF eine Chance haben. Diese Orientalen sind zwar heißblütig, aber es mangelt ihnen an Disziplin und Organisation.“

„Es würde unsere Südfront gehörig entlasten, wenn es Aref gelänge, einen Flächenbrand in der islamischen Welt zu entfachen“, betonte Wilden noch einmal.

„So ist es. Das ist eine Chance, die wir nutzen müssen!“, meinte der Anführer der Rus.

„Then I can tell Mr. Aref that the National Alliance of the Rus will support our rebellion, right?”, vergewisserte sich der Unterhändler noch einmal.

“Yes! We are willing to fight together with you against our common enemy“, gelobte Tschistokjow, dem Iraner schließlich die Hand schüttelnd.

Dieser machte sich daraufhin wieder auf den Weg in seine Heimat und der russische Staatschef und seine Getreuen waren froh, einen weiteren Verbündeten zu haben. Darian Aref konnte Großes erreichen, wenn er die Kraft des Islam gegen den gemeinsamen Feind entfesselte. Vielleicht waren die Moslems nicht übermäßig gut ausgebildet und technisiert, doch waren sie zahlreich und voller Hass auf die Weltregierung und die dahinter stehende Macht.

Frank schleuderte eine Handgranate in den Eingang des zerschossenen Ruinenhauses und sprang in Deckung. Sekunden später ließ ein dumpfer Schlag das Gebäude erbeben und die Waräger stürmten vor. Der rauschende Strahl eines Flammenwerfers zischte durch den langen, dunklen Korridor, während Franks Soldaten wie wild auf alles feuerten, was aus den Rauchschwaden heraustaumelte.

„Vorwärts!“, brüllte Kohlhaas in sein Funkgerät und einige seiner Soldaten rannten die Treppen ins obere Stockwerk hinauf, um von einem wütenden Feuerstoß empfangen zu werden. Ein Soldat, der vor Frank die Stufen hochgerast war, torkelte zurück; er riss den General mit sich.

Dieser sah sich nach seinem reglosen Kameraden um, der mitten im Gesicht getroffen worden war und ein letztes Mal zuckte, bevor er sich nicht mehr rührte.

Frank schleuderte eine weitere Handgranate, sprang die Treppe wieder blitzartig herunter, duckte sich. Eine laute Detonation donnerte durch die obere Etage, während die Waräger erneut versuchten, nach oben zu kommen. Es war ein furchtbares Getöse und ehe sie sich versahen, rannten mehrere GCF-Soldaten mit lautem Gebrüll auf sie zu und stachen mit ihren Bajonetten auf sie ein. General Kohlhaas sah eine blitzende Klinge auf seinen Brustpanzer zurasen, wich dem Stoß jedoch in letzter Sekunde aus. Er hatte wieder zu Pistole und Machete gegriffen. Im Gegenzug trieb er seine rasiermesserscharfe Nahkampfwaffe durch die Körperpanzerung eines GCF-Soldaten. Mit einem lauten Schmerzensschrei taumelte dieser zurück und brach zusammen. Hinter ihm wurde sofort der nächste Gegner sichtbar. Frank reagierte reflexartig; er tötete den Mann mit einem Kopfschuss.

Neben Kohlhaas prasselten einige Projektile gegen die Betonwand, doch der General und seine Männer ignorierten den Beschuss und machten die Feinde auf dem Korridor in einem brutalen Hauen und Stechen nieder.

Nach und nach wurde Frank von einer berserkerhaften Raserei ergriffen und schlug mit der Machete um sich, während er gleichzeitig auf Kopfhöhe feuerte.

„Vorwärts, Brüder! Tötet sie alle!“, brüllte er so laut er konnte und schlitzte einen GCF-Soldaten, der aus einem Nebenraum gesprungen war, mit der Machete auf. Der Mann ging zu Boden, als Frank auch schon über ihm stand und ihm mehrfach ins Gesicht schoss. Knurrend sah sich der General um. Dann wischte er sich einige Blutspritzer aus den Augen.

Endlich hatten die schwer gepanzerten Waräger diese Etage in ihre Gewalt gebracht. Mehr und mehr von ihnen kamen die Treppenaufgänge hoch und rangen die überall im Gebäude verschanzten GCF-Soldaten mit Bajonetten, Flammenwerfern und Handgranaten nieder.

General Kohlhaas war heute wieder an vorderster Front mit dabei, um seinen Männern und Landsleuten ein Beispiel an Mut und Tapferkeit zu geben. Die Volksarmee und die deutschen Freiwilligen kämpften nunmehr seit Tagen um Leipzig und versuchten, den Großangriff der Global Control Force mit allen Mitteln abzuwehren.

Mittlerweile hatte der Feind die Innenstadt fast erreicht und brach langsam durch den Abwehrgürtel, den die Verteidiger gelegt hatten. Mit der Rückeroberung dieses strategisch günstig liegenden Gebäudes in der Leipziger Innenstadt, direkt neben einem großen Platz, hatten die Waräger eine Stellung gewonnen, an der sich hervorragend Scharfschützen und schwere Waffen postieren ließen.

„Die kommen mit Panzern!“, schallte es aus dem Komm-Sprechgerät an Franks Kragen. Der General hastete zurück auf die Straße, die mit Schutt und toten Soldaten übersät war.

„Wie weit sind die Tanks noch weg?“, fragte Kohlhaas.

„Ein paar Straßen weiter. Die haben da die Stellungen der Volksarmee mit ihren Geschützen eingeebnet“, erhielt er als Antwort.

„Alle Plasmawerfertrupps hierher!“, befahl Frank. Wenige Minuten später bezogen die Waräger mit den schweren Waffen hinter einigen Trümmerhaufen und Mauerresten Stellung.

„GCF-Infantrie rückt durch Quadrat E-7 vor, General!“

Kohlhaas musterte die kleine Karte auf seinem DC-Stick, er gab ein paar Befehle durch.

„Scharfschützen schießen nur auf die Offiziere und Truppführer! Plasmawerfer nur auf die Panzer! Alle anderen knallen den Rest ab! Verzahnte Feuerlinien! Ihr wisst ja, wie es geht, Kameraden!“

Frank kroch zu einer Gruppe seiner Männer hinter eine eingestürzte Mauer und wartete. Nach etwa einer halben Stunde näherten sich mehrere Panzer, die sofort damit anfingen, die Häuser um sich herum in Stücke zu schießen. Schutt und Trümmer flogen durch die Luft, Häuserfronten stürzten krachend auf die Straßen.

„Wartet noch! Lasst sie kommen!“, gab der General durch.

„Infanterie folgt den Panzern …“, ergänzte einer der Späher.

„Warten, Männer!“

Die Tanks fuhren auf den großen Platz in der Leipziger Innenstadt, den die Waräger, die überall verschanzt waren, in eine Todeszone verwandelt hatten.

„Jetzt!“

Glühende Plasmabälle rasten von einer Sekunde auf die andere in Richtung der Panzer, um sich durch die Außenhüllen der Fahrzeuge zu fressen. Drei der Tanks explodierten, während die anderen weiter vorwärts rollten und ununterbrochen auf die Häuser schossen. Schließlich folgte die GCF-Infanterie, die versuchte, hinter den Panzern oder den überall liegenden Trümmerhaufen Deckung zu finden.

In der Masse der angreifenden Soldaten spritzten plötzlich kleine, blutige Wolken auf, denn die Scharfschützen der Volksarmee hatten damit begonnen, die Truppführer und Offiziere des Gegners gezielt zu töten.

„Verzahnte Feuerlinien!“, gab Frank durch. Augenblicklich donnerten die Sturmgewehre seiner Männer los.

Dutzende GCF-Soldaten, die den großen Platz überqueren wollten, brachen getroffen zusammen, brüllten auf, warfen sich in den Dreck. Derweil explodierten weitere Panzer, die pausenlos von den Plasmawerferschützen unter Feuer genommen wurden.

Es dauerte nur wenige Minuten, dann waren die Gegner so weit in die von den Warägern errichtete Todeszone hineingelaufen, dass sie von allen Seiten beschossen werden konnten und sich der Gegenangriff in ein Blutbad verwandelte. Überall wurden ganze Schwärme feindlicher Soldaten niedergemäht und die vorrückenden Infanteristen purzelten schreiend und sterbend durcheinander.

Schließlich wandten sich die GCF-Soldaten zur Flucht, Frank befahl seinen Männern, die Verfolgung aufzunehmen. Sämtliche Feindpanzer waren mittlerweile entweder zerstört worden oder zogen sich wieder zurück. Feuernd, schreiend und von Franks bebender Stimme vorwärts getrieben, setzten die Waräger den fliehenden Feinden nach und machten jeden nieder, den sie erwischen konnten.

Sie hetzten die panischen Gegner durch die Gassen, während ihnen einige Trupps deutscher Freiwilliger zu Hilfe kamen und die flüchtenden GCF-Soldaten mit ihren Sturmgewehren unter Feuer nahmen.

Frank und seine Waräger hatten derartige Situationen und Taktiken inzwischen unzählige Mal einstudiert, sie mehr und mehr perfektioniert. Doch dieser kleine Sieg im Herzen von Leipzig war nur ein winziger Ausschnitt aus der großen, erbitterten Abwehrschlacht, die um die sächsische Großstadt entbrannt war.

Die Welt ist eine Holozelle!

Weitere Verbände der Volksarmee waren in Mecklenburg eingetroffen und hatten Rostock nach tagelangen Kämpfen einnehmen können. Ludwig Orthmann und ein Dutzend deutsche Freiwillige aus seinem Dorf waren bei der Offensive dabei gewesen. Sie freuten sich wie die Kinder, als sie unter dem Jubel der Bevölkerung durch die Straßen der befreiten Hansestadt zogen.

Orthmann konnte es noch immer kaum fassen, dass er seine Heimatstadt nun als freier Mann wiedersehen durfte. Tagelang blieb er in einem Zustand überschwänglicher Euphorie. Doch die Freude währte nur kurz, denn schon näherten sich neue GCF-Verbände von Westen, so dass die Kämpfe bei Güstrow und Bad Doberan unerbittlich weitergingen.

Derartige Siege bedeuteten zudem wenig, denn seit Monaten wogte ein ständiges Hin und Her auf den Schlachtfeldern im Osten Deutschlands. Erobern und Zurückerobern, Woche für Woche das Gleiche, während immer mehr Gefallene die verwüsteten Landschaften bedeckten. Und so war es im Prinzip fast überall, obwohl die immer weiter anwachsenden Heere des Weltverbundes die Volksarmee der Rus allmählich zurückdrängten.

Als der Winter im Dezember über die Nordhalbkugel der Erde hereinbrach, so heftig wie seit langem nicht mehr, da verschaffte er Artur Tschistokjow zumindest eine kurze Ruhepause, denn die feindlichen Streitkräfte mussten sich in Russland nun mühsam durch Eis und Schnee vorkämpfen. In Japan waren die Städte Kunamoto und Fukuoka derweil von der Global Control Force erobert worden, obwohl die japanischen Soldaten, genau wie im ersten Krieg um die Inselgruppe, erneut hartnäckigen Widerstand geleistet hatten. Kagoshima und Nagasaki waren indes von den GCF-Truppen umgangen worden, denn sie waren nur noch verstrahlte Ruinenlandschaften und somit als militärische Angriffsziele uninteressant.

Schließlich setzten die internationalen Truppen auf die Hauptinsel Honshu über, wo sie Millionen fanatische Verteidiger erwarteten. Der brutale Atomschlag gegen Tokio und vor allem die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki hatten die japanische Volksseele wie einen Hexenkessel aufkochen lassen, und nicht, wie es die Logenbrüder erhofft hatten, die Kampfmoral der Ostasiaten gebrochen.

Bald gingen die Invasoren auch bei Fukui an Land und versuchten, sich im Küstengebiet festzusetzen. Tagelang hatten sie sich durch ausgedehnte Graben- und Bunkeranlagen gekämpft, bis sie endlich ein paar Brückenköpfe errichten konnten. Zwar kämpften die Japaner noch immer äußerst tapfer, doch waren sie in der Mandschurei mittlerweile vernichtend geschlagen worden, während ihr Inselreich zugleich von feindlichen Truppen überschwemmt wurde.

Gute Nachrichten kamen allerdings noch vor dem Jahreswechsel aus dem Iran. Während sich die Weltregierung nämlich ganz auf den Krieg gegen Russland und Japan konzentrierte, hatte Rebellenführer Darian Aref mit seinen Milizen die Städte Kerman, Bander Abbas und Chabarhar erobert. Der in Teheran regierende Vasall der Logenbrüder, Sub-Gouverneur Hassan Basari, befand sich inzwischen in arger Bedrängnis, denn große Teile des iranischen Volkes hatten sich auf die Seite der Aufständischen geschlagen. Inzwischen kontrollierten diese den Süden und Nordosten des Landes und dehnten ihre Macht immer weiter in Richtung Teheran aus.

Darian Aref, der seinen Anhängern eine Synthese zwischen Islam und altpersischer Kultur als neue Philosophie predigte, hatte einen Einfluss gewonnen, der den bei vielen Iranern verhassten Sub-Gouverneur eines Tages zu Fall bringen konnte.

Wieder neigte sich ein Jahr dem Ende zu. Frank und Alf waren für einige Tage nach Ivas gefahren. Hier wollten sie das Weihnachtsfest mit ihren Frauen und Kindern verbringen und die Front für ein paar Tage vergessen. Auch Wilden hatte den Atombunker, der inzwischen sein zweites Zuhause geworden war, verlassen und war nach Litauen zurückgekehrt. Er war mittlerweile, genau wie Frank und Alf, mit den Nerven am Ende und hatte sich trotz aller Warnungen Tschistokjows, der selbst seinen Bunker überhaupt nicht mehr verließ, an die Oberfläche begeben, um noch einmal nach seiner Familie zu sehen.

Erwartungsgemäß verbrachten alle die Weihnachtsfeiertage in gedrückter Stimmung, ständig in Sorge, gleich eine neue Hiobsbotschaft über einbrechende Fronten und Atombombenangriffe zu hören.

Doch noch war alles, zumindest was die weitere Eskalation des Atomkrieges betraf, ruhig geblieben. Die beiden Kriegsparteien hatten es bisher dabei belassen, weiter ihre Armeen gegeneinander anrennen zu lassen und hielten sich mit Nuklearschlägen zurück.

Leipzig und viele andere Städte im Osten Deutschlands wurden noch immer von der GCF belagert, alles stand mehr denn je auf Messers Schneide. Nachschubprobleme und furchtbare Verluste quälten die Volksarmee inzwischen in zunehmendem Maße; es schien nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis der zahlenmäßig überlegene Gegner endgültig durchbrach und jeden Widerstand zerschlug.

Nun hatten sich die verfeindeten Soldaten jedoch meist in ihre Stellungen zurückgezogen und ruhten sich für einige Tage aus. Selbst die Weltregierung musste ihren Dienern ab und zu eine Ruhepause zugestehen, obwohl das Weihnachtsfest für ihre führenden Vertreter keinerlei Bedeutung hatte. Es hatte sich jedoch unter den Soldaten eingebürgert, dass man sich in dieser Zeit ausnahmsweise nicht gegenseitig niedermetzelte. Zudem konnte man auch die Soldaten der GCF nicht ununterbrochen kämpfen lassen.

Frank hatte sich diesmal vor allem darauf gefreut, seinen alten Gefährten, den russischen Außenminister, wiederzusehen. Wie lange waren sie durch diesen Krieg voneinander getrennt gewesen!

Der eine stand fast pausenlos an irgendeiner Front, während der andere in einem Atombunker tief unter der Erdoberfläche zusammen mit Artur Tschistokjow die Geschicke des Nationenbundes lenkte. Zudem war Wilden für seinen Chef auch zu so etwas wie einem „psychologischen Berater“ - manche hätten ihn sogar als Therapeut bezeichnet - geworden. Er stand Tschistokjow, dessen Nerven immer mehr unter dem furchtbaren Krieg litten, ständig mit Rat und Tat zur Seite, was manchmal äußerst anstrengend war.

Jetzt war Familie Wilden, inklusive des angeheirateten „Achilles von Weißrussland“, jedoch erst einmal zusammen und versuchte, die Weihnachtstage so schön es ging zu gestalten. Sie waren alle noch nicht tot, wie Alf zynisch bemerkte, und das war immerhin ein Grund zur Freude.

Wilden spazierte mit Frank durch den schneebedeckten Wald, der Ivas wie ein Ring umschloss, und sie plauderten beinahe unbeschwert. Kohlhaas hatte die Vorträge seines Schwiegervaters, die ihm früher nicht selten auf die Nerven gegangen waren, inzwischen regelrecht vermisst. Und der ehemalige Unternehmer aus Westfalen ließ es sich auch diesmal nicht nehmen, seinen jungen Freund ein wenig zu belehren.

„Artur Tschistokjow und seine politische Bewegung sind ein Produkt, eine Ware, die die Menschen kaufen oder auch nicht. Natürlich ist das nicht alles, aber so kann man es sich in gewisser Hinsicht vorstellen“, sagte Wilden.

„Wie meinst du das denn jetzt, Thorsten?“, wunderte sich Frank.

„Ganz einfach! Stell dir einfach vor, dass du einem Fisch, der im Meer schwimmt, ein Glas Meerwasser verkaufen willst. Was würde der Fisch sagen, wenn du ihn ansprichst?“

„Ich verstehe nicht, was du meinst. Keine Ahnung, was der Fisch sagen würde. Vielleicht: „Verschwinde mit deinem Glas Meerwasser! Siehst du denn nicht, dass ich mitten im Meer schwimme und von Millionen Kubikmetern Meerwasser umgeben bin!“, erwiderte Kohlhaas mit einem Achselzucken.

Wilden grinste. „Genau! Genau das würde der Fisch sagen! Er hat doch genug Meerwasser um sich herum und braucht dein Glas mit Sicherheit nicht.“

„Ja, und?“

„Nun stelle dir aber einmal vor, dass eine hohe Welle den Fisch an Land gespült hätte und das arme Tier am Strand liegen würde, mit dem Tode ringend, nach Wasser lechzend“, erklärte der ältere Herr.

„Tja, dann würde der arme Fisch mich wohl anbetteln, ihn in das Glas mit Meerwasser zu stecken, damit er nicht verreckt“, gab Frank zurück.

„Richtig! Du wärst sein Lebensretter. Der Fisch würde alles dafür geben, dass du ihm das lebensnotwendige Meerwasser beschaffst. Verstehst du, was ich damit sagen will?“

„Mehr oder weniger …“, brummte Kohlhaas.

„Artur Tschistokjow, seine Rus und wir alle hätten Millionen Flugblätter verteilen können, jeden Tag Hunderte von Demonstrationen durchführen können, ohne dass irgendwer uns zugehört oder uns gebraucht hätte, wenn es den Leuten weiterhin materiell gut gegangen wäre. Sie hätten uns alle wie der Fisch im Meer behandelt und gesagt: „Egal, ob ihr die besseren Ideale habt oder nicht, uns geht es gut, wir brauchen euch nicht.“

Vor einigen Jahrzehnten war der Wohlstand in Europa noch so groß, dass alle wohlgenährt in ihrer Konsumwelt gelebt haben und es die Masse der Europäer nicht sonderlich interessiert hat, ob sich drohende Schatten am Horizont zusammenbrauten oder nicht. Die Masse denkt nicht und ist auch nicht durch gute Argumente zu überzeugen, so lange es ihr gut geht. Sie musste erst wie der Fisch an Land geschwemmt werden, um Hunger, Leid und Mangel am eigenen Leib zu erfahren. Erst dann benötigte sie einen Retter, dann schrie sie sogar nach einem Retter, und nur so konnte Artur Tschistokjow überhaupt politische Macht erlangen“, dozierte Wilden.

„Da hast du Recht!“, meinte Frank.

„Unsere Feinde haben in der Vergangenheit alle ihre Pläne verwirklichen können, weil die Masse fettgefüttert war. Selbst wenn sie nicht mit der Politik einverstanden war, so hat sie doch nichts dagegen getan. „Uns geht es doch noch gut!“ war früher immer der allgegenwärtige Spruch der Leute. Ich kann mich noch daran erinnern.

Die schweren Wirtschaftskrisen der Vergangenheit waren gleichzeitig unsere Rettung. Die träge, feige Herde wurde vom Schicksal aus ihrer Ignoranz gepeitscht und wir müssen Gott danken, dass er uns die Not geschenkt hat. Nur die Not hat die Leute wachgerüttelt, keine Ideen oder Programme. Allein der leere Magen, die Angst vor Schmerz und Tod, der wachsende Mangel und die Unzufriedenheit haben uns geholfen. Nur wenige Menschen sind wirklich in der Lage, eigenständig zu denken oder machen sich überhaupt die Mühe, es zu tun. Die Masse aber reagiert immer nach Instinkt, niemals nach Vernunft. Wäre ein Artur Tschistokjow zum Beispiel im Jahre 2010 aufgetaucht, so hätten ihn die wohlgenährten Bürger verlacht und niemand hätte auf ihn gehört.

„Verschwinde mit deiner Revolution! Wir wollen fressen, konsumieren und unterhalten werden! Du störst unseren Frieden und unsere Wohlstandsruhe!“, hätte man ihm vorgeworfen und ihn verjagt.

Der Zerfall der Zivilisation, der Zusammenbruch der Sozialsysteme und der Wirtschaft waren Gottesgeschenke. Ohne sie hätte der neue Morgen niemals einen Nährboden gefunden“, sprach der Außenminister.

Frank schwieg. Es gab nichts hinzuzufügen. Sein Freund hatte die Lage richtig analysiert.

Nach dem erholsamen Waldspaziergang mit Wilden und einem leckeren Weihnachtsessen war Frank mit Julia zu Bett gegangen. Er hatte sich trotz aller widrigen Umstände im Hintergrund entspannt gefühlt, als er endlich die Augen geschlossen und friedlich eingeschlafen war. Das änderte sich jedoch rasch, nachdem ihn sein Geist wieder einmal in eine verstörende Traumwelt geführt hatte.

Frank riss die Augen auf und starrte mit fassungslosem Entsetzen in das gleißende, grelle Licht, das in seine Augäpfel stach. Dann blickte er an sich herunter. Er war an einen Stuhl geschnallt worden und direkt vor ihm standen zwei große Fernseher, die sich plötzlich wie von selbst einschalteten.

Der General ruckelte an seinen Fesseln und schrie auf, doch er hatte keine Möglichkeit, sich irgendwie zu befreien. Schließlich erkannte er, wo man ihn gefangen hielt. Es war die Holozelle, in der er vor vielen Jahren so entsetzlich gelitten hatte. Hinter den beiden Fernsehern konnte er die Konturen der hellgrauen Kunstlederpritsche und der Toilette an der Wand erkennen. Er war wieder da, an jenem Ort, der ihn in das Auge des Wahnsinns hatte blicken lassen.

Frank richtete seinen Blick auf die Fernseher vor sich und sah, dass der eine Bildschirm mit dem Gesicht des Weltpräsidenten und der andere mit dem Konterfei Artur Tschistokjows ausgefüllt war. Die Konturen der beiden Männer waren seltsam verzerrt, ihre Gesichter glichen dämonischen Fratzen.

Frank schrie erneut auf, versuchte sich los zu reißen, doch es gelang ihm nicht. Er musste auf dem Stuhl bleiben und zusehen. Indes begannen der Weltpräsident und Tschistokjow zu sprechen, erst ganz leise, dann immer ein wenig lauter.

„Die barbarischen Horden der Weltregierung, die mordend und plündernd durch unsere Heimat ziehen, lassen uns keine Wahl mehr …“, sagte Tschistokjows Fratze.

„Die brutalen Horden des Nationenbundes, die eine Spur des Blutes hinter sich her ziehen …“, sprach das Teufelsgesicht des Weltpräsidenten gleichzeitig.

„Dieser erneute Akt ruchlosen Massenmordes wird von uns nun beantwortet werden müssen …“

„Wir werden diesen erneuten Terrorangriff nicht unbeantwortet lassen …“

„Es wird Zeit, dass wir uns erheben, um den Feind zurück in den Abgrund zu schleudern …“

„Wir müssen uns erheben, um den Feind mit allen Mitteln zu stoppen …“

„Ihr Ziel ist die Vernichtung der freien Welt …“

„Ihr Ziel ist die Vernichtung aller Menschlichkeit …“

„Unsere Truppen werden jetzt keine Gnade mehr kennen …“

„Rache ist jetzt unser oberstes Gebot …“

„Unsere toten Frauen und Kinder …“

„… denn Zerstörung und Leid bringen sie über uns …“

„… werden keine Gefangenen mehr gemacht …“

„… die Schonzeit ist nun vorbei …“

„… müssen wir Gleiches mit Gleichem vergelten …“

„… und Feuer mit Feuer bekämpfen …“

„… heißt es Auge um Auge …“

„… bereiten wir die Gegenoffensive vor …“

„… beginnt unser Großangriff …“

„… bis zum letzten Mann die Front halten …“

„… unter allen Umständen weiterkämpfen …“

„… Frieden ist eine Illusion …“

„… der Glaube an den Sieg …“

„… nur Tschistokjow allein …“

„… einzig der Weltverbund …“

„… einen entschlossenen Gegenschlag …“

„… rücksichtslose Vergeltungsschläge …“

„… müssen jetzt standhalten …“

„… müssen jetzt durchhalten …“

„… müssen jetzt noch härter sein …“

„Gegenfeuer!“

„Sperrfeuer!“

„Trommelfeuer!“

„Abwehrfeuer!“

„Offensive!“

„Gegenoffensive!“

„Erobern!“

„Zurückerobern!“

„Mörder!“

„Vergewaltiger!“

„Bestien!“

„Menschenschinder!“

„Menschenfeinde!“

„Menschheitsvergifter!“

„Rache!“

„Vergeltung!“

„Tod!“

„Vernichtung!“

„Zerstörung!“

Das Gerede der beiden Männer wurde immer lauter und lauter. Irgendwann war es zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen geworden, das fast einem Blöken und Brüllen glich. Frank schrie vor Schmerzen und hatte das Gefühl, als würde ihm gleich der Kopf explodieren, doch die beiden Fratzen redeten immer weiter und der Lärm wurde schließlich unerträglich. Blut floss aus Franks gepeinigten Ohren, während das Getöse schließlich zu einer entsetzlichen Kakophonie wurde. Der General rüttelte in einem Zustand schlimmster Panik immer heftiger an seinen Fesseln, hoffte sich irgendwie befreien zu können, doch es gelang ihm noch immer nicht.

Nach einer Weile, als Frank schon dachte, dass er vor Schmerzen sterben würde, kam ein alter Bekannter aus dem grellen Licht heraus; er ging zu den beiden Fernsehern und schaltete sie aus. Dann stellte er sich vor den Gepeinigten und entblößte seine gelblichen Zähne zu einem bösartigen Grinsen. Für einen Moment sah er Frank tief in die Augen. Dieser starrte mit fassungslosem Schrecken zurück.

„Siehst du, mein Freund, wir haben es endlich geschafft! Jetzt ist die ganze Welt eine einzige, große Holozelle! Nun sind alle Menschen so wie wir!“, sagte Herr Irrsinn und klopfte Frank auf die Schulter.

Die Lage in Japan hatte sich bis Ende März weiter zu Ungunsten Matsumotos gewendet, während sich die Front in Ostdeutschland nicht merklich verschoben hatte. Allerdings stand die ukrainische Front kurz vor dem Zusammenbruch und Kiew war ebenfalls schon fast gefallen. Die fast zehn Monate andauernde Belagerung hatte Hunderttausenden von Soldaten auf beiden Seiten das Leben gekostet und obwohl Artur Tschistokjow die Stadt zu einem gewaltigen Bollwerk hatte ausbauen lassen, war sie so gut wie verloren.

Derweil waren die GCF-Heere bereits bis nach Lubin und Kattowitz in Polen vorgestoßen und hatten den sich zurückziehenden Rus furchtbare Verluste zugefügt. Alfred Bäumer, der an dieser Front mit seinen Warägertrupps noch immer in unermüdlichem Einsatz stand, war inzwischen genau so erschöpft und ausgehungert wie unzählige seiner Kameraden. Langsam drohten die in Ostdeutschland stehenden Truppen der Volksarmee von Westen und Südosten aus eingekesselt zu werden, was einer militärischen Katastrophe gleichkam.

Nirgendwo sah es mehr gut aus, denn die gegnerischen Reserven erschienen unendlich, egal wie viele GCF-Soldaten auf den Schlachtfeldern fielen. Unermüdlich rückten neue Heerscharen, ausgerüstet mit Tausenden von Panzern und Geschützen, in Asien und Europa gegen Tschistokjows und Matsumotos Streitkräfte vor.

Glücklicherweise hatten beide Kriegsparteien in den letzten Monaten wenigstens auf den weiteren Einsatz von Nuklearwaffen verzichtet, so dass zumindest Millionen unschuldige Menschen vor der Vernichtung bewahrt wurden.

Die Propagandamaschinerie des Weltverbundes stand hingegen niemals still und schürte ununterbrochen den Hass gegen den Nationenbund der Rus und Japan, die sich in einem verzweifelten Abwehrkampf befanden.

Mitte Februar 2052 waren weitere Städte Japans von den Invasoren eingenommen worden und langsam schien auch die Rüstungsindustrie Matsumotos am Ende zu sein. Zu viele Fabriken und Produktionskomplexe waren in den letzten Monaten den Bombenangriffen der GCF zum Opfer gefallen. Als der Gegner auch noch die von den Japanern besetzte Insel Sakhalin angriff, um von dort aus nach Hokkaido einzudringen, wurde die Lage noch trostloser.

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