Kitabı oku: «Das aureanische Zeitalter IV: Vorstoß nach Terra»
Alexander Merow
DAS AUREANISCHE ZEITALTER
IV
Vorstoß nach Terra
ROMAN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
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Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zwischen den Kriegen
Nahender Aufbruch
Der dronische Botschafter
Abflug der Renovatio
Leukos Abschied
Reise ins Ungewisse
Im Krieg gegen uns selbst
Zusammenstoß
Kampf in der Leere
Die Grushloggs kommen
Rothkamm
Der feindliche Mars
Nehmt es zurück!
Die Stellung halten
Gleiches mit Gleichem
Weitere Bücher
Zwischen den Kriegen
Mit nachdenklichem Blick sah Flavius aus dem Küchenfenster auf die tief unter ihm liegenden Straßen von Lethon herab. Genau wie in seiner Heimatstadt Vanatium wimmelten die ameisengleichen Menschenschwärme zwischen den gewaltigen Habitatskomplexen umher, stets emsig und doch vollkommen ziellos wirkend. Aber Lethon war nicht Vanatium. Letztere Megastadt war ein Zentrum des blühenden Lebens im Herzen von Hyboran, jenem terranischen Kontinent, den die Altvorderen einst „Europa“ genannt hatten. Lethon dagegen war eine kriegsgezeichnete Industriemetropole auf Thracan, erbaut inmitten einer kargen Geröllwüste. Jahrelange Kämpfe und Hungersnöte, millionenfacher Tod und unendliches Leid hatten Thracan verändert, genau wie die Thracanai selbst.
Inzwischen hatte Aswin Leukos, der Anführer der Loyalisten, diese Welt in eine riesige Militärbasis verwandelt. Seit dem Ende des Bürgerkrieges spuckten die automatisierten Fabriken in den Städten pausenlos Waffen und Kriegsgerät aus; zugleich bevölkerten Hunderttausende von thracanischen Aureanern die Heerlager der Loyalisten, wo man aus ihnen Milizsoldaten und Legionäre machte.
In diesem Moment jedoch wirkte die Welt dort draußen, jenseits des großen Fensters aus Spiegelglas, friedlich und ungefährlich. Flavius wusste zwar, dass dieser Eindruck trügerisch war, doch zwang er sich, die noch kommenden Schrecken auszublenden und das Jetzt zu genießen. Er drehte sich wieder um und sah zu seiner Freundin Eugenia und seinem treuen Gefährten Kleitos herüber. Die beiden saßen am Küchentisch und unterhielten sich, während sie ab und zu an ihren Teetassen nippten.
„Was haltet ihr davon, wenn wir heute Abend wieder in die Stadt gehen? Vielleicht finden wir ja noch etwas Zerstreuung“, sagte Princeps mit einem müden Lächeln.
Eugenia nickte. Kleitos hingegen reagierte mit einem sarkastischen Grinsen. „Lethon wird auch heute Abend nicht weniger dreckig und langweilig sein als sonst. Wir könnten höchstens in die Innenstadt fliegen und in einem der Restaurants an einem Nahrungswürfel lutschen. Was anderes steht hier ja nicht mehr auf der Speisekarte.“
„Sehr witzig!“, antwortete Flavius. „Oder wir spielen noch eine Runde Halo-Simulator, ist mir auch egal.“
„Mir allerdings nicht, Schatz“, wandte Eugenia mürrisch ein. „Ich finde, dass ihr in den letzten Tagen wahrlich genug vor dem Ding gehangen habt.“
„Aber wir müssen noch „Farancu Collas III“ weiterspielen. Wir sind gerade drüben in Canmeriga und haben es schon fast bis nach Noj Jook geschafft“, meinte Kleitos, wohl wissend, dass er Eugenia mit diesen Sprüchen auf die Palme brachte.
„Farancu muss die Welt retten, Liebling!“, fügte Flavius schmunzelnd hinzu.
„Sollte Farancu Collas jemals reinkarnieren und mir über den Weg laufen, dann kriegt er eine reingedonnert. Held oder nicht – der Kerl nervt!“, erklärte Eugenia.
Flavius hob die Arme in die Höhe, um dann wie der Hauptdarsteller eines altaureanischen Holographie-Theaterstücks auszurufen: „Aber man kann Farancu doch gar nicht besiegen, werte Dame! Vor allem nicht, wenn er von Flavius Princeps höchstpersönlich gespielt wird!“
„Du hast einfach nur einen Dachschaden, Liebling.“ Eugenia musste lachen. Daraufhin erhob sie sich von ihrem Platz, kam zu Flavius herüber und umarmte ihn zärtlich.
„Gut, von mir aus fliegen wir nachher in die Stadt. Eigentlich hängen mir die Halo-Spiele auch langsam zum Halse heraus“, sagte Princeps und gab Eugenia einen Kuss auf die Wange.
„Mir nicht!“, kam von Kleitos.
„Wenn ich nicht mitspiele, kommst du aber leider nicht sonderlich weit, Jarostow.“
„Bauma der Hüne kann auch alleine kämpfen, wenn es sein muss.“
„Lachhaft!“, erwiderte Princeps. „Du gehst doch schon beim zweiten Logendämon drauf, wenn du mich nicht als Unterstützung hast. Beim letzten Spiel bist du einfach in einen Haufen Rattenmenschen reingerannt, ohne auch nur …“
Mit einem lauten Räuspern unterbrach Eugenia die beiden fachsimpelnden Herren. Dann zog sie Flavius an sich heran, um ihm ins Ohr zu säuseln: „Wir fliegen nachher in die Stadt, kapiert? Später können wir ja auch noch etwas anderes machen. Irgendwann wird Kleitos doch mal abgezogen sein, oder nicht?“
„Ja, sicher!“, murmelte Flavius kaum hörbar zurück; sein Freund glotzte ihn indes mit vielsagendem Blick an.
„Äh, also, Kleitos, wir, also Eugenia und ich, würden später vielleicht doch noch in die Stadt fliegen …“, sagte Princeps, wobei er es vermied, Jarostow allzu lange anzusehen.
„Verstehe!“, brummte dieser. Er erhob sich von seinem Platz.
„Wisst ihr, ihr zwei, es ist nicht gerade weise, wenn man ständig nur vor dem Halo-Simulator hängt und seine wertvolle Lebenszeit mit Farancu Collas oder ähnlichem Blödsinn verschwendet“, meinte Eugenia mit ernster Miene.
„Ansichtssache …“, gab Kleitos leicht eingeschnappt zurück. Flavius hob beschwichtigend die Hände, seine Freundin verhalten anlächelnd.
„Es macht allerdings eine Menge Spaß!“, fügte er leise hinzu.
Sie funkelte ihn mit ihren hellblauen Augen an. Das tat sie selten, aber wenn es geschah, flößte es Princeps durchaus Respekt ein.
„Wir wissen alle nicht, wie lange wir dieses Leben noch leben können, falls ihr wisst, was ich euch damit sagen will. Vielleicht ist morgen nicht nur unser kleiner Frieden hier, sondern alles andere auch vorbei. Es gibt sinnvollere Dinge als diese dummen Halo-Spiele.“
„Ja, schon gut, ich habe ja nicht darauf bestanden, dass wir heute noch eine Runde zocken. Fliegt in die Stadt, kein Problem. Dann gehe ich jetzt eben …“, murrte Kleitos, während er seinen Kumpel vorwurfsvoll ansah.
„So meinte ich das nicht“, versuchte sich dieser zu verteidigen, doch Jarostow winkte ab.
„Also, bis die Tage! Viel Spaß in Lethon!“, grantelte der bullige Legionär aus Wittborg. Dann ergriff Kleitos seine Jacke, die er über die Lehne des Sofas geworfen hatte, als er es sich vor vier Tagen in Flavius Wohnung gemütlich gemacht hatte und seitdem nicht mehr gegangen war.
„Wie gesagt, viel Spaß!“ Jarostow stapfte beleidigt zur Haustür, welche sich sofort summend öffnete, nachdem sie sein genetisches Profil erkannt hatte.
Seit dem Ende des thracanischen Bürgerkrieges hatten sich Aswin Leukos, der Oberstrategos von Terra, und sein Freund Magnus Shivas, der Statthalter des Proxima Centauri Systems, keinen Tag Ruhe gegönnt. Hinter den beiden lag ein grausamer Bürgerkrieg, in welchem sie die Streitkräfte der Optimaten nach langen, entbehrungsreichen Kämpfen in die Knie gezwungen hatten.
Dieser blutig errungene Sieg war jedoch lediglich die Grundlage für das, was jetzt folgen sollte. Nun musste der Kampf ins Herz des Goldenen Reiches getragen werden, ins Heimatsystem der Menschheit selbst, um den verräterischen Imperator Juan Sobos vom Thron zu stoßen. Eine verwegene Vorstellung, wenn man bedachte, dass dieser über weitaus mehr Soldaten und Kriegsschiffe als seine Gegner verfügte. Dennoch gab es keine Alternative, denn Sobos würde ihnen im Proxima Centauri System auf Dauer keine Ruhe lassen und es war anzunehmen, dass er bereits eine Streitmacht ausgesandt hatte.
Doch der terranische General, den sein gerissener Widersacher einst unter falschen Voraussetzungen ins benachbarte Sternensystem geschickt hatte, um ihn von Terra wegzulocken und ihn anschließend zu beseitigen, war fest entschlossen, diesmal selbst in die Offensive zu gehen. Dafür bedurfte es jedoch umfassender Vorbereitungen, wobei die Rekrutierung und Ausbildung neuer Soldaten sowie die Bereitstellung kampffähiger Raumschiffe oberste Priorität hatten.
Mit Hilfe von Magnus Shivas versuchte Leukos zudem, die Ordnung auf Thracan wiederherzustellen und die Kriegsschäden so gut es ging zu beseitigen. Ganze Regionen, vor allem auf dem Nordkontinent Groonlandt, waren im Verlauf der Kämpfe verwüstet worden.
Inzwischen war es dem terranischen General und seinen Mitstreitern gelungen, wieder eine rudimentäre Nahrungsmittelversorgung aufzubauen. Zu Beginn des Bürgerkrieges waren gewaltige Agrarsektoren und Wasserspeicher gezielt von den Optimaten zerstört worden, was Millionen Menschen den Hungertod gebracht hatte. Mittlerweile galt die Katastrophe zwar als überwunden, doch änderte dies nichts daran, dass die Versorgungslage in vielen Megastädten immer noch kritisch war.
Der terranische Oberstrategos schenkte seine größte Aufmerksamkeit jedoch einem viel schwerwiegendem Problem, denn um das Sol-System zu erreichen, benötigte er Raumschiffe. Leukos brauchte eine ganze Flotte, die seine Heere nach Terra bringen konnte. Doch an Raumschiffen mangelte es den Thracanai besonders; zumindest an solchen, die man für militärische Zwecke einsetzen konnte.
Auf den Raumhäfen der Nachbarplaneten Crixus und Glacialis befanden sich allerdings noch einige Dutzend leichte und mittelschwere Kreuzer; außerdem gelang es den Loyalisten, das eine oder andere Schiff, welches während der Kämpfe beschädigt worden war, zu reparieren. Aber alles in allem war es kaum möglich, eine schlagkräftige Armada, die einer terranischen Kriegsflotte trotzen konnte, aufzustellen.
Als Großkampfschiffe mit starker Panzerung und Bewaffnung waren nur noch die Polemos und die Lichtweg geblieben, zwei Raumriesen der Lictor Klasse, die beide schon viel erlebt hatten und nun auf ihre nächsten Einsätze warteten.
Der Raumhafen von Remay, der von den Magmabomben der Terraner zu Beginn des thracanischen Bürgerkrieges in Schutt und Asche gelegt worden war, glich dagegen noch immer einem verbrannten Ruinenfeld. Ihn wieder aufzubauen, würde Jahre dauern. Diese Zeit aber hatte Aswin Leukos nicht, und auch die vielen dort noch stehenden Schiffe, die von den Feuerstürmen der Magmabomben in verkohlte Gerippe verwandelt worden waren, konnten ihm jetzt nicht mehr helfen, obwohl er sie dringend gebraucht hätte.
Somit gab es noch unendlich viel vorzubereiten, denn für einen Vorstoß ins Sol-System fehlten dem Oberstrategos bisher sowohl die Kraft, als auch die Mittel. Aber Leukos war dennoch fest entschlossen, den Kampf bis nach Terra zu tragen, bis vor die Haustür des verhassten Verräterkaisers Juan Sobos. Zur Erreichung dieses Ziels bedurfte es allerdings mehr als nur reinen Heldenmutes und grimmiger Kampfentschlossenheit.
Ohne genügend Kriegsschiffe, Soldaten und Waffen war es vollkommen unmöglich, auch nur in die Nähe der Erde zu kommen. Deshalb musste improvisiert werden, um das Beste aus dem Wenigen herauszuholen, was nach dem verheerenden Bürgerkrieg noch übrig geblieben war.
Der holographische Bildschirm, der in der Mitte des Raumes schwebte, zeigte glasklare, dreidimensionale Bilder voller Gewalt und Schrecken. Nicht nur auf Thracan, sondern im gesamten Proxima Centauri System, tobte ein neuer Anaureaneraufstand, der alles Vorangegangene in den Schatten stellte.
Juan Sobos schmunzelte, genau wie die Angehörigen seiner optimatischen Seilschaft, die ihn heute im Archontenpalast von Asaheim besuchten. Schrille Schmerzensschreie gellten durch den Raum, als ein unschuldig aussehendes Mädchen von einer Gruppe zerlumpter Ungoldener ergriffen und in ein brennendes Haus gestoßen wurde. Man hatte das Gefühl, sich direkt im Zentrum einer aufständischen Horde zu befinden. Und so sollte es auch wirken.
„Die Zerstörung der Slumstadt San Favellas und die grausame Vergeltungsaktion des verrückten Imperators Credos Platon hat die anaureanischen Massen auf Thracan nur noch wütender gemacht. Die Ruhe nach dem ersten Aufstand währte nur kurz, denn nun ist alles endgültig außer Kontrolle geraten“, erklärte ein Nachrichtensprecher mit düsterer Stimme.
Wieder schrieen Menschen durcheinander. Ein brüllender Anaueraner sprang durch das Bild und stürzte sich auf einen ängstlich winselnden Greis in weißem Gewand. Dann wurde das dunkle, fratzenhafte Gesicht des Ungoldenen immer größer und bedrohlicher, bis es für einen kurzen Augenblick den holographischen Schirm gänzlich ausfüllte. Die primitive, gewalttätige Gestalt stieß einen blökenden Laut aus, der sich mit dem Todesröcheln des sterbenden Aureaners vermischte.
„Grausig!“, meinte Sobos.
„Die Bilder machen den Eindruck, als wären sie hastig, wie im Vorbeilaufen, aufgenommen worden“, bemerkte einer der Anwesenden, ein grauhaariger Mann in roter Toga, dem mehrere Transmitterknoten auf Terra gehörten.
„Alles brennt im Hintergrund, das ist immer gut. Schaurig, schaurig“, schob der Archon lächelnd nach.
Markerschütternde Angstschreie erfüllten den Raum, Blasterschüsse zischten umher und rötlicher Feuerschein erleuchtete den Hintergrund. Inzwischen brannten ganze Habitatskomplexe, sie glichen riesigen Fackeln, deren schwarzer Qualm den Himmel verdunkelte.
„Diesmal ist die anaureanische Slumstadt Macpolis das Zentrum des systemweiten Aufstandes. Wieder arbeiten rebellische Ungoldene und UPC-Terroristen Hand in Hand zusammen, um die imperiale Ordnung zu Fall zu bringen. Wie weit reichen die Arme der Terrororganisation inzwischen? Gibt es mittlerweile sogar UPC-Ableger im Sol-System?“, erzählte der Nachrichtensprecher, wobei er besorgt in die Aufnahmegeräte blickte.
„Die UPC! Genial!“, rief Sobos und klatschte in die Hände.
„Es war uns wichtig, das Bedrohungsszenario noch weiter auszubauen. Man sollte ruhig mit den Sorgen und Ängsten der einfachen Menschen spielen. Sie sollen glauben, auch auf Terra nicht mehr vor der UPC sicher zu sein. So wird die Zustimmung für den zweiten Militäreinsatz auf Thracan immer weiter wachsen“, bemerkte einer der Optimaten.
Malix Yussam, der ebenfalls unter den Anwesenden war und sich die ganze Zeit über ruhig und abwartend verhalten hatte, sah sich das vor seinen Augen tanzende Propagandatheater mit verbissener Miene an.
Schließlich sagte er: „Auf der einen Seite werden die Anaureaner emanzipiert, um auf der anderen Seite wieder als Sündenböcke herzuhalten. Das ist schon merkwürdig.“
Mehrere Köpfe drehten sich dem Bankier zu. Einige Blicke spiegelten die Verachtung, die die optimatischen Politiker dem ungoldenen Emporkömmling gegenüber empfanden, deutlich wider.
„Das ist in der Politik eben so. Einfach ist nichts, alles hat zwei Seiten. Es ist das von Nutzen, was gerade von Nutzen ist, Herr Yussam“, meinte der Kaiser.
„Natürlich!“, murmelte der Geschäftsmann.
Lupon von Sevapolo, Sobos Stellvertreter und treuester Gefährte, musterte ihn kalt, um daraufhin anzumerken: „Fühlt Ihr Euch mit diesem Slumbewohnerpack etwa verbunden, Herr Yussam? Ihr seid reich und mächtig, was scheren Euch da solche verdreckten Kreaturen? Außerdem sind diese Bilder ohnehin nicht echt.“
Malix Yussam schwieg, er schaute weg. Derweil stellte sich der Archon vor die anderen Männer und hob seine speckigen Arme. „Im Großen und Ganzen bin ich mit diesem Propagandakonzept zufrieden. Das erhöhte Bedrohungspotential muss hervorgehoben werden, schüren Sie ruhig Angst, meine Herren. Aber übertreiben Sie es nicht. Man muss manchmal auch dezent vorgehen. Nicht immer ist es ratsam, den Leuten alles mit dem Energiehammer einzuprügeln.“
„Wir haben unsere Truppen bereits mit großem Tamtam ins Proxima Centauri System geschickt und jetzt müssen wir den Massen auch weiterhin Gründe dafür liefern“, sagte einer der Transmitterknoteninhaber.
„Antisthenes und seine Soldaten werden da hinten ohnehin nichts zu tun haben. Ich meine, Nero Poros wird das mit Leukos doch wohl längst erledigt haben, oder?“, kam von dem Optimaten daneben.
Sobos stieß ein leises Zischen aus. „Davon gehe ich aus, Marnil von Vernoa, alles andere ist eigentlich undenkbar. Leukos wird nicht mehr lange gelebt haben, da bin ich mir sicher.“
„Und wenn er – warum auch immer – doch noch nicht besiegt sein sollte?“, hakte Malix Yussam nach.
„Nicht besiegt?“, rief der Archon ungläubig. „Ich bitte Euch, mein lieber Freund, das ist doch lächerlich. Leukos ist ein guter General, aber doch kein Gott. Im schlimmsten Fall wird Antisthenes die Reste seiner Armee vernichten, wenn sich Poros als unfähig erwiesen hat. Aber das ist ein abwegiger Gedanke, Yussam.“
Die übrigen Optimaten stimmten sogleich in das hämische Gelächter ihres Anführers ein. Alle starrten sie Malix Yussam an, als hätte er soeben die dümmste Frage der Weltgeschichte gestellt. Der Bankier jedoch hielt ihren spöttischen Blicken stand und ließ es sich nicht anmerken, wie sehr ihn die ewige Arroganz seiner Gönner im Inneren kränkte.
Aswin Leukos stand aus seinem Sessel auf und kratzte sich am Hinterkopf. Wieder einmal hatte er das Gefühl, dass seine Schlachtpläne voller Schwächen und Unstimmigkeiten waren.
„Es gibt für mich überhaupt keinen Zweifel daran, dass Sobos inzwischen eine Kriegsflotte entsandt hat. Er hat Poros Hilferuf längst erhalten und wird sofort reagiert haben. Alles andere kann ich mir nicht vorstellen“, erklärte Magnus Shivas mit ernstem Blick.
Leukos betrachtete den weißhaarigen Adeligen, dem er so viel zu verdanken hatte, und ließ ein zustimmendes Brummen hören. Shivas lächelte in seiner väterlichen Art.
„Ihr werdet bald ohne mich auskommen müssen, Oberstrategos“, sagte er. „Allerdings seid Ihr mir in militärischen Angelegenheiten auch weit voraus. Ich denke schon, dass Ihr mit Eurer Flotte eine Chance haben werdet, selbst gegen eine Übermacht schwerer Lictor Kampfschiffe.“
„Niemand weiß, wie sich die Flotte, die uns Sobos auf den Hals gehetzt hat, zusammensetzt. Vorausgesetzt sie kommt tatsächlich.“
„Sie wird auf dem Weg sein. Der Verräterarchon kann uns nicht ignorieren und wird schnell gehandelt haben, General“, meinte Shivas.
„Und meine Enterstrategie wirkt auf Euch wirklich realisierbar?“, fragte Leukos unsicher.
Sein in die Jahre gekommener Gefährte schmunzelte sanft. Offenbar wollte er Leukos dadurch ein wenig beruhigen, denn dieser wurde von Tag zu Tag nervöser.
„Nun, ich bin kein Feldherr, der die Weltraumkriegsführung studiert hat, deshalb kann ich diese Frage nur unzureichend beantworten. Diese Taktik ist verwegen und verzweifelt, viele tapfere Männer werden dabei sterben. Ich kann nur hoffen, dass Ihr Erfolg habt.“
Der Oberstrategos ließ sich wieder in seinem Sessel nieder. Leise stöhnend fuhr er sich mit der Hand durch seine kurzgeschnittenen, blonden Haare. Das aristokratisch wirkende Gesicht des Feldherren hatte in den letzten Jahren eine Vielzahl kleiner Sorgenfalten hinzugewonnen. Oft wirkte Leukos erschöpft und müde; Zweifel und tiefsitzende Ängste nagten an seinem Verstand. Irgendwo dort draußen wartete ein übermächtiger Feind, dem er sich stellen musste. Ein Entkommen war unmöglich, darüber war sich der General längst im Klaren, alles Verdrängen half auf Dauer nichts.
„Die Strategie“, sagte er dann, „ist verwegen, sie ist geradezu brutal, aber mir bleibt keine andere Wahl. Wir können der Feuerkraft mehrerer Lictor Kreuzer mit unseren Schiffen nicht viel entgegensetzen, deshalb müssen wir die feindlichen Großraumer erstürmen, wie es Soldaten mit einem Schützengraben tun. Ja, mein Freund, ich weiß, dass dabei viele gute Legionäre ihr Leben lassen werden, es ist mir wohl bewusst. Der Göttliche möge mir verzeihen.“
Shivas hob den Zeigefinger, wobei er seinen jüngeren Mitstreiter eindringlich ansah.
„Wenn ihr die Schlacht im All verliert, dann ist auch mein Schicksal besiegelt. Unabhängig davon ist das Sol-System ein einziges, großes Bollwerk; nicht nur Terra selbst, sondern auch der Mars und die Venus. Woher wollt Ihr die Soldaten nehmen, um Sobos Militärmacht zu trotzen? Er hat Zugriff auf die gesamte Infrastruktur des Reiches, er verfügt über sämtliche Ressourcen …“
Leukos unterbrach den Statthalter energisch; aufgeregt riss er die Hände in die Höhe. „Das weiß ich alles!“
„Das Hauptproblem ist das Sol-System. Ich werde zwar versuchen, Euch Nachschub und Verstärkung zukommen zu lassen, aber meine Mittel sind begrenzt – im Gegensatz zu denen unserer Feinde“, fuhr Shivas fort.
„Einige Legaten werden sich mir mit ihren Legionen anschließen, wenn ich zurückkehre, davon gehe ich jedenfalls aus. Als Oberstrategos von Terra war ich beliebt und angesehen, wenn ich mich nicht auch darin die ganzen Jahre hindurch getäuscht habe“, sagte Leukos verbittert.
„Sobos Propaganda dürfte Euch längst zu einem geisteskranken Massenmörder stilisiert haben“, entgegnete der thracanische Nobile.
Der Oberstrategos verzog das Gesicht, als hätte er eine Zitrone verschluckt. Dann murmelte er vor sich hin, bis sich seine Stimme wie ein leises Grollen anhörte.
„Dieses Spekulieren führt zu nichts, Statthalter! Wir werden sehen, was geschieht“, knurrte er.
„Es geht nicht nur darum, zu spekulieren, General“, bemerkte Shivas ruhig. „Wenn Ihr das Sol-System erreicht, dringt Ihr wie ein Raubtier in eine träge, pazifistische Wohlstandsgesellschaft ein. Es wird wie hier auf Thracan sein. Damals, als Ihr Euch mit dem Rest Eurer Flotte auf meine Welt gerettet habt. Nun, hier hatten wir eine Menge Glück, aber das wird nicht von Dauer sein.“
Leukos sprang auf. „Dann gebt mir einen Rat, mein Freund! Bitte, ich weiß nicht, wie ich vorgehen soll!“
„Nehmt Euren Kastenbrüdern das Essen vom Teller, lasst sie hungern und frieren. Zerstört den Wohlstand! Das ist notwendig, um sie aufzuwecken“, meinte Shivas.
„Soll ich Agrarkomplexe und Wasserspeicher vernichten? So wie es Nero Poros, dieser Verrückte, getan hat? Statthalter, dann werden mich alle, die mich Dank Sobos Propaganda schon jetzt für einen Bösewicht halten, nur noch mehr hassen“, erwiderte Leukos mit ungläubigem Blick.
„Denkt nicht zu kompliziert, Oberstrategos. Denkt einfach, wie das einfache Volk. Niemand verlangt von Euch, dass Ihr die Nahrungsmittelversorgung sicherstellt. Kein Aureaner wird von Euch erwarten, dass Ihr seine Wohnung mit Energie versorgt. Nein, das ist die Aufgabe des Kaisers und seiner Diener“, erläuterte Shivas.
„Davon halte ich nichts.“ Der terranische Feldherr schüttelte den Kopf.
„Umso länger die Versorgungskrise dauert, umso mehr werden die breiten Massen eine Wut auf den Imperator entwickeln – nicht auf Euch. Ihr seid ein Rebellenführer, von Euch erwarten sie nichts außer Chaos und Unruhe. Sobos und seine Optimaten aber haben ihnen Wohlstand, gefüllte Bäuche und Wärme versprochen. Sie werden unsere Feinde dafür verantwortlich machen, dass es ihnen schlecht geht.
Dann allerdings, wenn die Verwirrung groß genug und die Krise nachhaltig ist, müsst Ihr dafür sorgen, dass sie in Euch einen Retter sehen. Nehmt ihnen zuerst das Essen vom Teller, damit ihr ihnen anschließend die Rettung versprechen könnt.“
„Woher habt Ihr derartige Ideen, Statthalter? Sie sind äußerst gerissen“, wunderte sich Leukos. Er war nach wie vor skeptisch; seine Stirnfalten wurden tiefer.
„Mander Paathlandt, Geist und Instinkt der Massen“, antwortete Shivas trocken.
„Ha! Einer der wenigen Klassiker, die ich noch nicht gelesen habe“, meinte Leukos mit einem verhaltenen Lächeln.
„Ein frühes Werk des großen Denkers, sehr lesenswert. Studiert es, Oberstrategos. Ihr werdet viele gute Ideen darin finden.“
Das Lächeln des terranischen Heerführers begann sarkastisch zu werden. „Dann meint Ihr also nicht, dass der gewöhnliche Aureaner auf dem Mars oder auf Terra für die altaureanischen Tugenden, den Fortbestand des heiligen Reiches und die Zukunft unserer Kaste streiten wird?“
Shivas grinste noch sarkastischer zurück, um dann zu erwidern: „Der gewöhnliche Aureaner wird überhaupt erst reagieren, wenn er kein Essen mehr auf dem Teller hat. Denkt niemals zu kompliziert, wenn Ihr mit der breiten Masse umzugehen gedenkt.“
„Sie wird es nicht herausbekommen, Princeps. Jetzt nimm endlich den verdammten Neurostimulator und verpass dir ’ne kleine Dosis Glück“, zischte Kleitos genervt, um seinem Freund daraufhin ein kleines, unscheinbares Gerät zuzuschieben.
„Wenn ich nicht klar im Kopf bin, dann wird es Eugenia sofort auffallen. Ich habe keine Lust auf Ärger, sie hasst diese Dinger“, antwortete Flavius. Er sah sich verstohlen um; dann griff er nach dem Neurostimulator.
„Morgen sind wir vielleicht schon alle tot, scheiß was drauf“, meinte Kleitos, der sich schon drei Wellen Glücksgefühle in den Schädel gejagt hatte. Der bullige Soldat grinste benebelt und schlug seinem Kumpel mit der flachen Hand auf die Schulter.
„Was soll’s …“, sagte Flavius und aktivierte den Neurostimulator. Für einige Sekunden überlegte er noch, ob er ihn wirklich benutzen sollte, doch dann wurde er schwach. Das Verlangen nach berauschenden Glücksvisionen und Gefühlswogen siegte.
Die feinen Sensordrähte des Geräts berührten die Nasenschleimhäute; Flavius ließ die wohltuenden Nervenimpulse fließen. Leise stöhnte er auf. Es war großartig. Plötzlich tanzten bunte Pünktchen vor seinen Augen, während die Welt um ihn herum zu verschwimmen begann.
„Herrlich!“, stieß der Kohortenführer aus, wobei er ein leises Kichern nachschob. Kleitos klopfte ihm noch einmal auf die Schulter, ganz so, wie man es von einem echten Saufkumpan erwartete.
„Gut gemacht, Princeps! Damit sieht alles doch viel rosiger aus, nicht wahr?“, lachte er.
„Ja, ich gebe es zu, einfach nur geil“, murmelte Flavius.
Die beiden Freunde standen im Schatten eines riesigen Habitatskomplexes in einem der schäbigen Wohnviertel am Stadtrand von Lethon. Hinter ihnen ragten klobige Industriebauten in den Himmel, doch in der Straße, in die sie sich zurückgezogen hatten, um sich der Neurostimulation hinzugeben, befanden sich bloß ein paar abgerissen aussehende Gestalten. Diese taten jedoch so, als würden sie nichts hören und sehen.
Es war um die Mittagszeit. Eugenia arbeitete seit einigen Monaten in einem der Hospitalkomplexe im Norden der Stadt, während Flavius meistens mit Kleitos herumhing und sich irgendwie zu beschäftigen versuchte. Für die terranischen Legionäre gab es im Moment nicht viel zu tun, aber das war auch gut so, meinte Princeps.
„Hier wohnen nur Ukas, ist schwer dreckig überall. Fast wie bei den Ungoldenen“, bemerkte Jarostow und deutete auf den Unrat, der den von einem trüben Licht beschienenen Straßenzug übersäte.
„Ukas?“, wunderte sich Flavius.
„Unterkastenaureaner, Leute aus den untersten Subkasten, meine ich. So nennt man die bei uns in Skantlant“, kam zurück.
„Diesen Begriff kenne ich nicht, aber egal. Jedenfalls nehme ich noch einen Schub Glücksgefühle“, sagte Princeps mit einem benommenen Schmunzeln. Er torkelte vor und zurück; dann lehnte er sich an einen großen Betonpfeiler und aktivierte den Neurostimulator erneut.
„Das knallt, was?“
„Wirklich heftig!“ Princeps fasste sich leise brummend an die Stirn.
„Nachher gehe ich noch in die Innenstadt. Einer von den thracanischen Legionären hat mir erzählt, dass es da so eine Adresse gibt, wo man ein wenig Spaß haben kann“, merkte Kleitos mit vielsagendem Blick an.
„Hä? Wie?“
„Weiber, Princeps! Nummer schieben!“
„Ach, so!“
„Willst du mit?“
Flavius reagierte mit einer energischen, abweisenden Handbewegung. „Nein, auf keinen Fall!“
„Wegen Eugenia?“
„Ja, natürlich wegen Eugenia.“
„Das sind nur Nutten, alle gehen da hin. Ist doch egal“, fand Kleitos.
„Nein, auf gar keinen Fall. Das kann ich nicht tun“, wehrte sich Princeps, wobei er Mühe hatte, noch einen klaren Gedanken zu fassen.
„Musst du wissen, Alter. Jedenfalls geht Manilus da auch hin. Aber mir soll es egal sein. Vielleicht sind wir bald schon alle tot. Dann will ich vorher wenigstens noch etwas Spaß gehabt haben“, sagte Jarostow.
„Wenn ich nicht mit Eugenia zusammen wäre, dann käme ich auch mit“, antwortete ihm Flavius.
Kleitos lachte schallend auf. „Weißt du, mir ist inzwischen alles scheißegal, mein Freund. Wahrscheinlich krepieren wir in naher Zukunft. Da hilft uns auch kein Buch von Malogor oder irgendetwas anderes. Aureanische Kaste und Goldenes Reich und der ganze Mist – ich bin Kleitos Jarostow, ein dummer, kleiner Soldat aus Wittborg. Und ich gehe heute eine Nummer schieben und haue mir nachher noch mehr Drogen und Neuroschübe rein. Mich wird keiner vermissen, außer vielleicht meine Eltern und mein Bruder. Aber die sehe ich sowieso nie mehr wieder.“
Nahender Aufbruch
Aswin Leukos und Magnus Shivas, die beiden Freunde, deren Abschied mit jedem verstreichenden Tag näher rückte, wirkten wie zwei Staubkörner zwischen den vielen Raumschiffen, die das Landefeld des Raumhafens von Remay bedeckten.
Inzwischen glich die gesamte Riesenfläche, welche sich über viele Quadratkilometer vom Rand der thracanischen Hauptstadt bis weit hinaus in die flachen Ebenen hinein ausdehnte, einer einzigen Baustelle. Große Reparaturmaschinen tauschten ganze Schiffsteile aus, stärkten die Bäuche der Kreuzer und Frachter mit zusätzlichen Panzerungen oder befestigten gewaltige Bordwaffen und Laserbohrköpfe an ihnen. Manche der Baumaschinen erinnerten an Titanen aus der altterranischen Mythologie, nur dass sie aus Stahl waren. Der Boden vibrierte, wenn sie mit stampfenden Schritten tonnenschwere Schiffsteile über den Raumhafen schleppten.
Manchmal zog Leukos instinktiv den Kopf ein, wenn es in einiger Entfernung aufblitzte und rumpelte. Tausende von Arbeitern schraubten, schweißten und werkelten im Inneren der Schiffe oder kletterten wie kleine Insekten an ihren Außenwänden auf und ab. Der Oberstrategos sah zu seinem Gefährten Magnus Shivas herüber. Er wusste, dass er diese gewaltigen Baumaßnahmen nicht zuletzt Shivas Charisma, seiner langjährigen Erfahrung und seinem Organisationstalent zu verdanken hatte. Thracan war jetzt eine Welt unter der eisernen Kontrolle der Loyalisten, durchtränkt von der altaureanischen Lehre, die die Simulations-Transmitter noch immer täglich verkündeten.
„Auf Crixus und Glacialis warten weitere Frachtschiffe, die demnächst nach Thracan gebracht werden, um sie umzurüsten. Wir können zwar keine Lictor Kreuzer herstellen, aber dafür mittelschwere Schiffe und massenhaft gewöhnliche Frachter in allen Größen“, bemerkte Shivas, während er nachdenklich einer Baumaschine zusah, die mit ihren gewaltigen Zangenhänden ein Außensegment eines Transportschiffes anhob.
„Wenn ich mit den Truppen unterwegs ins Sol-System bin, dann verlasse ich mich darauf, dass Ihr mir weiteren Nachschub zukommen lasst“, sagte Leukos.
„Ich werde mein Bestes geben, General. Aber ich werde nicht mehr viele Kriegsschiffe aufbieten können. Es werden hauptsächlich umgerüstete Großfrachter voller Legionäre sein.“
Der terranische Heerführer lächelte gequält. Die letzten Jahre hatten ihn eine Menge Nerven und Lebensenergie gekostet. Wortlos legte er Shivas die Hand auf die Schulter, während dieser erklärte: „Verlasst Euch nicht auf weitere Truppen aus dem Proxima Centauri System, mein Freund, auch wenn ich alles dafür tun werde, sie Euch zu liefern. Ihr werdet der geballten Macht Terras stets unterlegen sein, daran werden auch zusätzliche Legionen von Thracan nichts ändern.“
„Ja, und ich weiß nicht, was ich dagegen tun kann“, gab Leukos zerknirscht zu.
„Habt Ihr Mander Paathlandt endlich gelesen?“, fragte Shivas. Wieder einmal wirkte er so belehrend wie ein alter Magister, wobei sich der Oberstrategos bereits daran gewöhnt hatte.
„Nein, aber ich werde es noch tun, Statthalter“, gelobte der General fast reumütig.
„Studiert die Strategien des großen Denkers! Das ist die einzige Chance, die wir haben. Wir können nicht nur ehrenhaft auf die Schlachtfelder marschieren, um dem Feind die Stirn zu bieten, denn dafür fehlen uns die Mittel. Also geht gerissen vor.“
„Ich bin kein Freund dieser hinterhältigen Strategien, wenn ich ehrlich bin“, brummte Leukos.
Shivas lachte meckernd. „Es geht hier um mehr als nur um ehrenvolle Kampfspielchen, Oberstrategos. Also verhaltet Euch entsprechend.“
„Poros hat durch seine Skrupellosigkeit Millionen Unschuldige dem Hungertod preisgegeben, Statthalter.“
Die wasserblauen Augen des Statthalters versprühten einen bitteren Zynismus als er erwiderte: „Wir sollten Poros für seinen schweren, strategischen Fehler zu Beginn des Bürgerkrieges danken. Damit hat er uns den Hals gerettet, und das wisst Ihr. Glaubt nicht, dass Euch jemand gefolgt wäre, wenn er noch etwas zu verlieren gehabt hätte. Die breite Masse denkt auf dem Niveau eines Tieres: Erst wenn das Fressen nicht mehr nachgeliefert wird, kommt es ihr überhaupt in den Sinn, aufzustehen.
Studiert Mander Paathlandt und handelt nach seinen Anweisungen. Wenn Ihr das Goldene Reich retten wollt, dann nehmt den Tod der sogenannten Unschuldigen in Kauf. Zudem stellt sich die Frage, ob sie überhaupt unschuldig sind“, sagte Shivas.
„Das weiß nur der Göttliche“, wandte sich Leukos heraus. Sein in die Jahre gekommener Freund, der stets wesentlich emotionsloser und pragmatischer dachte als er, machte eine abweisende Handbewegung, um anschließend zu erklären: „Oberstrategos, jene, die wir heute gemeinhin als unschuldig betrachten, haben dem inneren Zerfall des Imperiums viele Generationen lang tatenlos zugesehen.
Und jetzt, wo Juan Sobos und seine Mitstreiter das Reich und unsere Kaste ganz offen und vor aller Augen zerstören, rühren sich die bequemen Wohlstandsaureaner auch nicht. Manche nörgeln vielleicht, aber im Grunde sind ihnen Malogors Lehren und all seine edlen Ideale vollkommen gleichgültig, so lange es ihnen materiell gut geht.
Ihre Passivität und Ignoranz machen sie bereits schuldig, denn eigentlich müssten sie aufstehen und kämpfen. Ihr kennt meine Ansichten zu diesem Thema ja, mein Freund.“
In diesem Augenblick krachte ein großes Raumschiffteil zwischen zwei umgebauten Handelsfrachtern zu Boden und schlug ein tiefes Loch in die Betonplatten, die den Raumhafen bedeckten. Eine Baumaschine hatte nicht richtig zugepackt und das tonnenschwere Stahlteil verloren. Arbeiter brüllten durcheinander; offenbar hatte das riesenhafte Segment mehrere Männer zermalmt. Leukos und Shivas sahen dem nun ausbrechenden Tumult in einiger Entfernung mit ausdrucklosen Mienen zu.
„Dieser Krieg wird noch viele Opfer fordern, Oberstrategos. Freundet Euch früh genug mit diesem Gedanken an“, ermahnte ihn der thracanische Statthalter.
Drei Monde leuchteten stets des Nachts am Himmel von Murrak, Guntroggs Heimatwelt. Jetzt, da sich die Sonne allmählich zurückzog, um den Schatten der Abenddämmerung Raum zu geben, wurde alles in einen tiefroten Schein getaucht. Anders als die Sonne, welche die weit entfernt liegende Mutterwelt der Udantok beschien, strahlte das mächtige Gestirn, welches Murrak seit Äonen wärmte, in einem so intensiven Rot, dass einem Menschen die Augen geschmerzt hätten.
Guntrogg und seine Artgenossen jedoch liebten ihre Sonne genauso, wie es die anderen Intelligenzvölker der Galaxis auf ihren Heimatwelten taten. Der junge Brüller, der von einer Karriere als Hordenführer im Dienste seines Gebieters Gorzhag träumte, stand am Rande eines großen Meeres und sah hinaus auf das dunkelgrün schimmernde Wasser. Unaufhörlich warfen sich die Wellen an den Strand und ein hintergründiges Rauschen lag sanft in der Luft.
Guntroggs hellgraue Augen starrten ins Leere. Der hünenhafte Grushlogg grübelte wieder einmal über die anstehende Reise zu den Fremdwesen nach, jenen geheimnisvollen Udantok, die er in naher Zukunft aufsuchen wollte. Es würde ein weiter, mühsamer und gefährlicher Tauchgang durch das Meer der Schwärze jenseits des Himmelsgewölbes werden. Ob er Murrak jemals wiedersähe, wussten nur die Höheren. Doch diese schwiegen - wie immer.
Nachdenklich brummend betrachtete der Adelskrieger das über den Strand leckende Wasser, das niemals müde zu werden schien und niemals seinen Tatendrang verlor. Dann sah er hinauf zu den drei Monden, den zwei größeren und dem einen winzigen.
„Alle werden mich bewundern, wenn ich einen weiten Weg gehe, um ehrenvoll zu kämpfen“, sagte Guntrogg kaum hörbar zu sich selbst. „Ich werde nicht nur zum Ersten Brüller aufsteigen, sondern auch einen neuen Gegner für meine Gattung entdecken. Die Udantok gefallen mir, ich mag sie. Sie könnten eines Tages eine große Rasse werden, die viel gegen uns kämpfen kann.“
Zu Guntroggs Füßen kroch ein Shabrul, eine wurmähnliche Kreatur von der Größe einer terranischen Schlange, die mit dem Kopf zuerst im Sand verschwand, als der Grushlogg seinen Fuß bewegte. Diese Tiere waren harmlos; doch in den Tiefen der Meere von Murrak hausten grauenerregende Monster, vor denen sich sogar die Grushloggs fürchteten. Manchmal begaben sich einige tollkühne Jungkrieger hinaus, um eines dieser Ungeheuer aus den finsteren Abgründen an die Oberfläche zu locken und dagegen zu kämpfen. Guntrogg jedoch bevorzugte das unendliche Meer der Schwärze, das viel größer und furchterregender war als jeder Ozean.
Der Adelskrieger ging noch ein paar Schritte in Richtung des Wassers, bis es die Spitzen seiner eisenbeschlagenen Stiefel berührte. In diesem Augenblick schweiften die Gedanken des grauäugigen Grushloggs aus; sie verließen Murrak und flogen hinaus in den Weltraum, wo die ungezählten Sterne in der Ferne funkelten.
Guntrogg knurrte unwillig, denn er fing schon wieder an zu träumen, sinnierte über fremde Arten, sah mysteriöse Welten voller seltsam aussehender Wesen vor seinem geistigen Auge. Eigentlich wollte er nicht nur kämpfen, sondern auch entdecken. Das war verwirrend.
„Richte deine Gedanken auf dein Ziel! Hör auf, sie in alle Richtungen zu schicken!“, herrschte sich Guntrogg selbst an und stampfte dabei bekräftigend auf.
Irgendwo zwischen den rotbraunen Felsen, die überall am Strand aus dem orangefarbenen Sand ragten, kreischte ein Tier auf. Guntrogg wurde aus seiner Grübelei gerissen, er brummte genervt. Eine kleine Kreatur erhob sich hinter einem der Steine in die Luft und flog auf ledrigen Schwingen davon, während sie laut und eindringlich zu krächzen begann.
„Ich will diese Udantok nicht kennenlernen, ich will nur guten Krieg finden, um Gorzhags Erster Brüller zu werden. Mehr nicht! Nur die Geistesbegabten interessieren sich für die fremden Rassen des Alls, wir Grauaugen führen die Horden gegen sie in den Kampf. Und wir fürchten niemanden, nicht einmal die Elban!“
Guntroggs dunkelgrünes Gesicht verzog sich. Er schob den Unterkiefer leise grollend vor und entblößte seine Fangzähne, die Klauen mürrisch zu klobigen Fäusten schließend.
„Bereite alles für die Reise vor! Rufe die Krieger zusammen! Du hast mehr als genug zu erledigen, du dummer Snag! Du hast wichtigere Dinge zu tun, als so tief zu denken! Hör endlich auf damit!“
Enttäuscht, dass er seine Schwächen nicht in den Griff bekam, drehte sich Guntrogg um und ging davon. Er ließ den Strand und das rauschende Meer hinter sich. Über ihm leuchtete der Abendhimmel wie ein riesenhafter Glutofen. Doch Guntrogg hatte den Blick schon wieder von der ihn umgebenden Schönheit der Natur abgewandt. Er ging zu seinem Fluggerät, das er in der Nähe eines Waldes aus großen, grauen Pilzen abgestellt hatte, und stieg hinein. Dann flog er zurück in die Stadt Zorgul, an deren Rand sich Gorzhags eindrucksvoller Palast befand. Er durfte den launischen Grushloggherrscher nicht enttäuschen, indem er sich wie ein Vieldenker aufführte und im Kampf nicht die volle Leistung brachte. Das sagte sich Guntrogg immer wieder. Der Tag des Abfluges stand unmittelbar bevor und langsam wurde der junge Brüller nervös. Was würde ihn bei den Udantok erwarten?
„Bauma, hinter dir!“, schrie Farancu Collas aufgeregt und sprintete los, während sein hünenhafter Gefährte blitzartig herumschnellte und seinen Energiehammer schwang.
Farancu sprang in die Höhe, landete direkt neben seinem Kampfgefährten und hackte einen kreischenden Dämon mit seinem Flammenschwert in Stücke.
„Danke!“, rief ihm Bauma zu.
„Komm jetzt, Alfus! Hier wimmelt es von diesen verfluchten Rattenmenschen!“ Collas rannte voraus, während ihm Bauma so schnell er es vermochte, folgte. Die beiden Helden eilten eine lange Gasse hinunter, um an der nächsten Straßenecke auf einen Schwarm zweibeiniger Rattenkreaturen zu treffen.
„Sterbt, elende Goldmenschen!“, zischten die widerwärtigen Gestalten und deckten Farancu und seinen Freund Alfus mit einem Feuerhagel aus ihren Schusswaffen ein.
„Setze deinen Klingenwind ein!“, brüllte Bauma in Farancus Richtung.
Dieser reagierte sofort. Unbeirrt warf er sich auf die Rattendämonen, deren Beschuss wirkungslos an seiner strahlenden Rüstung abprallte. Dann griff der muskelbepackte Held an; er ließ seine flammende Klinge umherwirbeln, genau wie sein langes, blondes Haar, das im Feuerschein wie ein goldener Schweif aufleuchtete. Wohlgezielte Schläge fällten ein Dutzend Gegner, schwarzes Blut spritzte auf, während ein Rattenmensch nach dem anderen von Collas Flammenschwert zerteilt wurde. Schließlich machte auch Bauma der Hüne einen Unterstützungsangriff und erschlug die restlichen Dämonen mit seinem Energiehammer.
„Das wäre erledigt!“ Farancu grinste breit. Im Hintergrund hörte man die machtvollen Stimmen eines Chores, der die heroische Szene eindrucksvoll untermalte. „Ich bin gespannt, was uns nachher in der Dunklen Pyramide erwartet.“
„Wir müssen zuerst die Wallstraße herunter. Das wird noch richtig heftig“, antwortete Bauma.
„Wallstraße!“, stieß Farancu aus. „Dort wimmelt es von Rattenmenschen und Weltvergiftern. Übel!“
„Da erwarten uns alle möglichen Monster und Dämonen. Aber das schaffen wir schon“, meinte Alfus, seinen Freund voller Zuversicht anlächelnd.
Farancu erwiderte nichts darauf; stattdessen stürmte er schon wieder durch die finsteren Straßen von Noj Jook, der Hauptstadt der Logendämonen, über der der Himmel stets schwarzgrau war. Nun galt es die Dunkle Pyramide am Ende der gefürchteten Wallstraße zu erreichen, wo man dem obersten Dämon, dem Herrn der 13, entgegentreten musste.
Farancu schleuderte mehrere Feuerbälle auf ein paar Mutanten, die aus den lichtlosen Ecken zwischen den Wolkenkratzern herausgekrochen waren, während ihm sein Freund Alfus wieder einmal verzweifelt zu folgen versuchte. Collas war einfach wesentlich flinker und schneller als er.
„Lass mir auch noch was übrig!“, beschwerte sich Bauma, doch Farancu lachte nur schallend auf.
Das schwarze Blut niederer Logendämonen spritzte umher und verdampfte an der Flammenklinge des legendären Sagenhelden. Gliedmaßen flogen in alle Richtungen, schon wieder hatte Farancu einen ganzen Haufen finsterer Kreaturen getötet.
„Du bist zu langsam!“, höhnte er. Von hinten kam Alfus herangelaufen. Er schnaufte vor lauter Erschöpfung und machte sich Sorgen wegen seiner Energieanzeige.
„Warte doch endlich mal auf mich, immer metzelst du alles nieder.“ Mürrisch verzog Bauma das Gesicht, Collas dagegen grinste selbstzufrieden.
Als die beiden Helden den nächsten Straßenzug erreichten, konnte sich Farancu allerdings erneut nicht zurückhalten. Kaum stürmten die ersten Dämonenschwärme auf ihn zu, sprang er schon mit einem gewaltigen Satz mitten unter die Monster und hackte wie wild um sich, ohne sich noch nach Bauma umzusehen. Doch kaum hatte Collas die ersten Gegner niedergemäht, ertönte plötzlich ein entsetzter Schrei aus seiner Kehle. Die strahlende Heldengestalt sackte zusammen und blieb reglos auf dem Asphalt liegen. Alfus eilte zu seinem Gefährten, doch es war bereits zu spät.
Ein verschlagen kichernder Börsenschwindler, eine äußerst gefährliche Dämonenkreatur mit spitzen Zähnen und langer Nase, hatte Farancu mit einer Giftklinge aufgeschlitzt. Wütend ließ Bauma seinen Energiehammer auf den hässlichen Schädel des Wesens niedersausen, doch das änderte nichts mehr an der Katastrophe. Die Welt um Farancu und Alfus begann zu verblassen und löste sich schließlich auf. Ein markerschütterndes Fluchen zischte durch den Raum.
„Mist! Das darf nicht wahr sein! Mist! Mist! Mist!“, wetterte Flavius und riss sich die Halo-Simulationsbrille vom Kopf. „Verfluchte Börsenschwindler! Wie ich diese Viecher hasse!“
Neben ihm saß Kleitos auf dem Sofa im Wohnzimmer. Der aschblonde Legionär hatte seine Halo-Simulationsbrille ebenfalls abgenommen und blinzelte verwirrt umher. Jetzt befand er sich wieder in der Realität, was ihn nach einem mehrstündigen Spielspaß etwas überforderte.
„Das kommt davon, weil du immer so unkontrolliert nach vorn rennst und direkt alles angreifst“, sagte Kleitos vorwurfsvoll.
„Diese verfluchten Börsenschwindler! Wie ich die hasse!“
„Die haben Giftattacken mit Stärke 58, da hilft dir deine Superrüstung auch nicht, Princeps.“
„Was du nicht sagst, Jarostow!“, kam zurück.
Wütend erhob sich Flavius von seinem Platz, wobei er den Eindruck machte, als wäre sein heutiger Bedarf an Halo-Spielen und virtuellen Ausflügen in die terranische Mythologie gedeckt. Er drückte sich den Rücken mit einem leisen Stöhnen durch, um sich dann die Augen zu reiben. Das stundenlange Spielen führte nicht selten zu Augenflimmern und Kopfschmerzen aller Art. Doch das wurde einem meistens erst bewusst, wenn es schon zu spät war. Flavius rieb sich den Nacken; auch der schmerzte höllisch. Doch noch bevor sich Princeps weiter über das unschöne Ende der virtuellen Spielpartie aufregen konnte, öffnete sich die Wohnungstür mit einem leisen Summen. Eugenia kam nach Hause.
„Wieso ist die denn schon so früh da?“, zischelte Kleitos in Richtung seines Freundes, der seine Halo-Brille unter dem Wohnzimmertisch verschwinden ließ. Eigentlich sollte Jarostow heute gar nicht hier sein, schoss es dem Kohortenführer durch den Kopf. Er sah verlegen zur Tür des Raumes, die sich im nächsten Augenblick aufschob.
„Hallo, Schatz!“, sagte Eugenia lächelnd.
„Hallo!“, antwortete Flavius und stand vom Sofa auf, um seine Freundin mit einem verhaltenen Kuss auf die Wange zu begrüßen.
„Hallo, Eugenia!“ Jarostow winkte. Er versuchte, möglichst freundlich zu wirken.
„Hallo, Kleitos!“, kam von Eugenia zurück. Sie warf Flavius einen leicht skeptischen Blick zu.
„Und? Wie war es heute?“, fragte Princeps, wobei er Eugenia mit der Hand über den Rücken strich.
Die Krankenschwester ließ sich auf das Sofa fallen, Kleitos rückte ein wenig von ihr weg. Anschließend erhob er sich von seinem Platz.
„Ich wollte noch einkaufen gehen. Ist ja schon später, als ich dachte. Bis dann, ihr zwei“, sagte er.
„Bis morg… bis die Tage …“, fügte Flavius hinzu.
„Ja, mach’s gut!“, rief Eugenia Jarostow nach. Dieser suchte schnell das Weite und war kurz darauf verschwunden.
„Hast du den Lufterfrischer neu programmiert?“, fragte sie.
„Was?“ Flavius kratzte sich am Kinn.
„Du wolltest doch den Lufterfrischer neu programmieren, oder nicht?“
„Ach, ja, Mist! Das habe ich glatt vergessen“, brummte Princeps verlegen.
„Ihr zwei hattet heute wieder zu viel zu tun, wie?“, schob die junge Frau mit ironischem Unterton nach, während ihre blauen Augen Flavius vorwurfsvoll musterten.
Guntrogg hielt seinen Gebieter, den Kriegsherrn Gorzhag, für einen großen Herrscher der Grushloggs. Doch das war er, wenn man es objektiv betrachtete, nicht. Gorzhags Reich war etwa 500 Lichtjahre von Terra entfernt und in einem Radius von fast 80 Lichtjahren waren ihm alle von Grushloggs besiedelten Welten mehr oder weniger tributpflichtig. Die größten Populationen dieser kriegerischen Spezies befanden sich allerdings im Kerngebiet der Milchstraße und lebten über einige Spiralarme im Südosten und Norden der Galaxis verteilt. Dort gab es Regionen, in denen die Grushloggs bereits eine Vielzahl von Welten besiedelt hatten. Und die sich schnell vermehrende Art breitete sich weiter und weiter zwischen den Sternen aus. Dort, wo Gorzhags Klan vor einigen Jahrhunderten sein Imperium errichtet hatte, waren die Grushloggs noch keineswegs so zahlreich wie in den Gebieten des galaktischen Kerns. Doch von der Geschichte seiner Gattung und ihren Ursprüngen wusste Guntrogg nicht viel, abgesehen von einigen Legenden über große Eroberer und Kriegsfürsten. Außerdem interessierte dies alles Guntrogg auch nicht besonders, denn wie die meisten Grushloggs lebte er nur für die Gegenwart, während ihm die Vergangenheit weniger wichtig war. Man konnte sie ja ohnehin nicht mehr verändern.
Zwar gab es bei den Grushloggs verschiedene Unterarten, die sich gemäß ihrer angeborenen Fähigkeiten mehr mit Technologie oder geistigen Dingen befassten, doch spielte das für einen tatendurstigen Adelskrieger wie Guntrogg keine Rolle. Er zählte sich zu den härtesten Kämpfern seiner Art und damit war auch sein Schicksal vorherbestimmt. Die Tatsache, dass er ein Angehöriger des Grauaugengenstranges, also der dominanten Führungskaste seiner Gattung war, determinierte sein Schicksal. Die Grauaugen, welche größer, klüger und tatkräftiger als die gewöhnlichen Grushloggkrieger waren, stellten seit jeher die Anführer einer jeden Population.
Gerade ein Grauauge betrachtete vor allem den Kampf als seine Hauptaufgabe, denn die ausschließlich auf dem Recht des Stärkeren basierende Zivilisation der Grushloggs akzeptierte nur die Mutigen und Siegreichen als ihre Adeligen und Herrscher.
Mit einer gewissen Verachtung blickte Guntrogg auf die rangniederen Grushloggs und die mit ihnen verwandte Art der Gornom herab. Letztere waren im Vergleich zu den größeren und aggressiveren Angehörigen der Kriegerkaste feige und schwächlich, weshalb sie in jeder Grushloggzivilisation stets die Rolle der Sklaven und Diener einnahmen. Allerdings waren die Gornom zahlreich und ihre Arbeitskraft wichtig.
Es war eine natürliche Ordnung, die kein Grushlogg und erst recht kein Gornom jemals in Frage gestellt hätte; sie hatte sich über Äonen entwickelt. Guntrogg war ein übergeordneter Adelskrieger und daher war es seine Aufgabe, in den Kampf zu ziehen, würdige Gegner zu finden und irgendwann in der Rangordnung der Grushloggs die nächste Stufe zu erklimmen.
Nun wollte der junge Brüller endlich die Reise ins Igrum-Gebiet wagen, wo die unbekannte Gattung der Udantok ein kleines Sternenreich errichtet hatte. Es war ein tollkühner Gedanke, einen so weiten Weg durch das Meer der Schwärze auf sich zu nehmen, nur um eines Tages wieder als gefeierter und mit Trophäen beladener Hordenführer zu seinem Gebieter zurück zu kehren. Schon Ulgar hatte sich in diese entlegende Region am Rande der Galaxis gewagt und war nicht lebend zurückgekehrt.
Dennoch bewunderten ihn seine Kämpfer noch heute, aufgrund der Tatsache, dass er eine so lange und gefahrvolle Reise unternommen hatte. Das hatte Ulgars großen Mut bewiesen, genau wie seine Abenteuerlust. Die gleiche Abenteuerlust, welche jetzt auch in Guntrogg brannte, der immer wieder an die neu entdeckte Spezies der Udantok denken musste.
Die Grushloggs der Grum-Stämme, die am äußersten Rand von Gorzhags Reich lebten, waren zum ersten Mal auf einige Flugmaschinen der Fremden gestoßen. Seitdem hatten sie die eine oder andere Welt entdeckt, auf denen Wesen dieser Art Siedlungen errichtet hatten. Dabei hatte es sich aber immer nur um winzige Kolonien oder Stützpunkte gehandelt, welche keiner weiteren Beachtung würdig gewesen waren.
So hatte man die Udantok lange für unwichtig und primitiv gehalten, bis Ulgar im Zuge seiner Expedition eines Tages eine Welt jener Kreaturen entdeckt hatte, auf der sich mehrere große Städte und Industrieanlagen befunden hatten. Schließlich war er mit seiner Kriegerbande aus jungen Kämpfern auf einem Nachbarplaneten im gleichen System gelandet, um dort zum ersten Mal gegen eine Streitmacht der Udantok zu kämpfen.
Guntrogg hatte die von dieser Reise zurückgekehrten Krieger inzwischen immer wieder von ihrem blutigen Zusammentreffen mit den Fremden erzählen lassen. Jene hatten sich bis zuletzt verbissen gewehrt, sogar als man sie in eine Halle tief unter der Erde gedrängt hatte und sie schon fast verhungert gewesen waren. Diese Geschichte fand Guntrogg faszinierend, und obwohl eine Reise ins Igrum-Gebiet lange dauern würde, ließ er sich nicht mehr von seinem Plan abbringen, mit einer Kriegerbande zu den Udantok zu fliegen, um endlich gegen diese Wesen kämpfen zu können.
Um den anderen jungen Brüllern, von denen manche sein Vorhaben für zu gewagt hielten, seine felsenfeste Entschlossenheit zu demonstrieren, hatte er sich sogar einen Talisman um den kurzen, muskulösen Hals gehängt.
Es war ein Rüstungsteil von einem der toten Udantoksoldaten. Vermutlich waren die fremdartigen Symbole auf dem Stück Körperpanzer dazu da, den Rang des Kriegers anzuzeigen.
Der aufstrebende Stammesführer hatte inzwischen begonnen, die seltsamen Schriftzeichen auf dem Rüstungsteil zu mögen, denn sie erinnerten ihn daran, seinen Plan nicht aus den Augen zu lassen. Sicherlich würde ihn der Talisman auf seinem Weg zum Ruhm begleiten und beschützen, sagte er zu seinen Kriegerfreunden. Irgendwann ritzte Guntrogg die fremden Symbole sogar direkt über seinem Schlafplatz in die Wand. Und bevor er nun seinen Geist abschaltete, um sich zu regenerieren, während draußen die Dunkelheit kam, starrte er sie lange an und grübelte darüber nach, was sie wohl bedeuteten. Diese seltsamen Zeichen der Fremden … Legion DLXII, Kohorte VI …
Die Wohnungstür öffnete sich mit einem dezenten Summton; Zenturio Manilus Sachs trat ein, sein Blick war ernst. Flavius nickte seinem breitschultrigen Freund, mit dem er schon oft im Feuer der Schlacht gestanden hatte, wortlos zu. Neben ihm stand Eugenia, auch ihr Blick wirkte alles andere als erfreut. Sachs hatte bereits gestern angekündigt, dass er unschöne Neuigkeiten überbringen würde. Flavius und Eugenia führten den Zenturio ins Wohnzimmer, wo er sich auf dem Sofa niederließ. Kurz darauf wurden Kekse und Tee gebracht. Es herrschte angespannte Ruhe. Manilus stieß einen leisen Seufzer aus, dann lächelte er gequält und sah zu Flavius herüber.
„Ich mache es kurz, Princeps“, sagte er. „Der große Mann hat den Rest, der noch von der 562. Legion übrig ist, einer speziellen Aufgabe zugeteilt.“
„So, so …“, brummte Flavius wenig begeistert.
„Wir werden der Flotte vorausfliegen und vor allen anderen Schiffen auf dem Mars landen“, erklärte Sachs.
„Was?“ Flavius war geradezu schockiert.
„Leukos hat noch keine Details genannt, aber er hat bereits erklärt, dass wir die Landung der Flotte vorbereiten sollen.“
„Bei Sebottons größter Bombe, warum gerade wir?“, zischte Princeps. Manilus grinste zynisch.
„Der große Mann, unser aller Retter“, sagte der Zenturio, „ist von unseren Leistungen beeindruckt. Er hat mich neulich noch einmal über diese Außerirdischen ausgefragt. Was uns auf Colod widerfahren ist, hat ihn zutiefst bewegt. Zugleich scheint er äußerst besorgt darüber zu sein, dass diese Xenoskreaturen so nahe beim Sol-System aufgetaucht sind. Wir könnten allerdings nicht viel gegen diese Viridpelliden tun, meint er. Seit vielen Jahren zerbrechen sich die Gelehrten auf Terra die Köpfe, doch sie sind gegenüber diesen Viechern absolut hilflos. Die sind uns technisch überlegen und bleiben weiterhin ein gefährliches Mysterium, sagt Leukos. Aber darum soll es heute nicht gehen …“
„Also, worum geht es dann?“, murrte Flavius.
„Wie bereits erwähnt, ist der Oberstrategos von unserem heldenhaften Überlebenskampf auf Colod begeistert gewesen. Wir wären vorbildliche Soldaten, hat er angemerkt. Daher sollen auch gerade wir diese Infiltrationsmission übernehmen. Leukos hält uns für fähig, die Orbitalverteidigung in einem bestimmten Areal auf der Marsoberfläche auszuschalten, so dass die Flotte dort landen kann. Das bedeutet, dass ich die Aufgabe habe, unseren übrig gebliebenen Haufen auf Vordermann zu bringen, damit wir die Sache erledigen können. Dich will ich auf jeden Fall an meiner Seite haben“, erläuterte Sachs.
Flavius sprang von seinem Platz auf. „Will uns Leukos unbedingt tot sehen?“
„Die Sache wird sicherlich nicht angenehm werden, aber die anderen haben auch nichts Schöneres vor sich. Ob wir dort unten auf dem Mars draufgehen oder bei einer Enteraktion im All, was macht das schon?“, meinte der Zenturio.
Eugenia beobachtete ihn und Flavius mit verkniffenen Gesichtszügen. Sie klammerte sich an eine dampfende Teetasse und sagte kein Wort mehr. Diese neue Hiobsbotschaft kam einem Tritt ins Gesicht gleich.
„Genaue Angaben hat Leukos also noch nicht gemacht, was?“, hakte Princeps nach. Sachs schüttelte den Kopf.
„Nein, aber wenn wir demnächst durch das All in Richtung Terra sausen, dann werden wir noch genug Zeit haben, uns auf die Einzelheiten unserer Mission zu konzentrieren. Leukos wird uns früh genug informieren, Flavius. Ich bin nur hier, um dich schon einmal mental auf den ganzen Spaß vorzubereiten.“
In dem kleinen Wohnzimmer breitete sich eine bedrückende Stille aus. Draußen prasselte heftiger Regen gegen die Fensterscheiben, der Himmel über Lethon war grau und bewölkt. Alles lag in einem trüben, trostlosen Licht. Eugenia wischte sich eine Träne aus dem Auge, während Flavius sie in den Arm nahm. Er drückte sie sanft an sich. „Wenn wir unverschämt großes Glück haben, dann werden wir in diesem Krieg nicht draufgehen, Princeps. Aber das wäre ein kleines Wunder. Das Sol-System anzugreifen und Sobos herauszufordern, ist absoluter Wahnsinn, wenn du mich fragst.“
„Sehe ich genauso“, murmelte Flavius.
„Dennoch macht Leukos das einzig Richtige. Wenn wir uns hier auf Thracan einigeln, wird uns das auf Dauer nämlich noch weniger nützen“, sagte Manilus.
„Aber wie will Leukos das schaffen? Allein auf dem Mars und auf Terra stehen uns Abermillionen Soldaten gegenüber. Wir haben doch nicht einmal genügend Raumschiffe, um alle unsere Truppen zu transportieren“, antwortete Flavius und sah seinen Freund verzweifelt an.
„Frag mich nicht, Junge. Ich bin lediglich ein Zenturio und kein Oberstrategos. Leukos wird ein Genie sein müssen, um diesen Kampf zu gewinnen.“
„Ist er denn eines?“
Sachs antwortete mit einem Schulterzucken. „Wir werden es sehen …“
Der dronische Botschafter
Ein Palastdiener in kaminrotem Gewand eilte Magnus Shivas entgegen; aufgeregt warf der Mann die Arme in die Höhe und rief: „Herr, wichtiger Besuch ist eingetroffen, Ihr werdet es nicht glauben!“
Der Statthalter, der am Ende einer kathedralenartigen Halle neben einer hoch aufragenden Säule stand, drehte sich verdutzt zu dem Würdenträger um.
„Herr, ein bedeutender Gast ist eingetroffen! Er möchte von Euch empfangen werden!“ Der Diener kam vor Shivas zum Stehen.
„Geht es auch etwas klarer, Nuntian?“, fragte der Verwalter des Proxima Centauri Systems und verdrehte die Augen.
„Ein Botschafter des dronischen Imperiums ist soeben angekommen. Er steht vor dem Haupteingang“, sagte der Würdenträger.
„Wie bitte?“ Magnus Shivas ging einen Schritt zurück und schob die Augenbrauen leicht nach oben.
„Ja, Statthalter, ich weiß, dass derartiger Besuch mehr als selten ist. Wir hatten seit Jahrzehnten keinen Botschafter der Dronai mehr auf Thracan. Es ist schier unglaublich.“
Shivas sah zu der hohen Decke des Hallengewölbes hinauf und betrachtete die wundervollen Malereien, welche Szenen aus der Heilsgeschichte Gutrim Malogors zeigten. Nachdenklich lächelte er in sich hinein. Dann wandte er die Aufmerksamkeit wieder seinem Diener zu, der ihn voller Erwartung anstarrte.
„Der Botschafter von Dron möge eintreten!“, sagte der Statthalter und der Würdenträger verschwand augenblicklich aus der Halle.
Wenig später führten vier gepanzerte Wachsoldaten einen goldblonden Mann, der eine dronische Zeremonienrüstung aus weißen Metallsegmenten trug und von dessen Schultern ein himmelblauer Umhang herabhing, in die Empfangshalle des Statthalterpalastes. Die imposante Gestalt strich sich mit der Hand über ihren gepflegten Kinnbart, während sie Magnus Shivas für einen kurzen Moment prüfend beäugte. Als der thracanische Statthalter näher kam, lächelte der Dronos freundlich und verbeugte sich. Sein Gegenüber tat das Gleiche.
„Mein Name ist Sylcor Adalsang von Thrimia. Ich bin der Vertreter des ehrwürdigen Imperators Hawalghast III.“, sagte der Gast, der eine jahrzehntelange Reise durch das All hinter sich hatte, mit stark altaureanischem Akzent.
Shivas lächelte zuvorkommend zurück. „Ich grüsse Euch, Sylcor Adalsang von Thrimia, Ihr seid ein Besucher, den ich nicht erwartet habe. Mein Name ist Magnus Shivas, ich bin der Statthalter dieses Systems, wie Ihr sicherlich schon erfahren habt.“
Der Fremde nickte. „Der Kaiser des Goldenen Reiches, der aufrichtige und weise Xanthos, hat darum gebeten, dass Dron seine Botschafter in das Sol-System und die terranahen Systeme entsendet. Das ist hiermit geschehen!“, erklärte der Besucher förmlich.
„Ich verstehe!“, antwortete Shivas.
Der Botschafter setze eine ernste Miene auf, dann gab er zurück: „Vermutlich werde ich lange auf Thracan bleiben müssen. Dron liegt bekanntlich nicht um die Ecke.“
„Xanthos der Erhabene hat Euch gerufen?“, fragte Shivas nach.
„So ist es, Statthalter. Ich habe eine Botschaft bei mir, die das elektronische Siegel des terranischen Archons trägt“, erwiderte der Dronos.
„Xanthos …“, murmelte der thracanische Adelige, wobei er den Gesandten nachdenklich anblickte.
„Glaubt Ihr mir etwa nicht?“ Der Fremde wirkte etwas verschnupft.
„Doch, selbstverständlich! Es ist nur so, dass der ehrwürdige Xanthos bereits tot ist – genau wie sein Nachfolger.“
„Er ist tot?“, stieß der Botschafter verwundert aus.
„Ja, schon seit einigen Jahren. Der gegenwärtige Archon auf Terras Thron ist Juan Sobos, Sylcor Adalsang von Thrimia.“
„Juan Sobos?“
„Ihr dürftet diesen Mann nicht kennen“, sagte Shivas zerknirscht.
„Nein, dieser Name sagt mir nichts“, antwortete der Gesandte des rivalisierenden Sternenreiches, das etwa 50 Lichtjahre von Terra entfernt war.
„Wisst Ihr“, fügte Shivas hinzu, „wir Thracanai führen Krieg gegen Juan Sobos. Wir nennen Ihn einen Verräterarchon, weil er seinen rechtmäßig eingesetzten Vorgänger – den Xanthos der Erhabene persönlich bestimmt hatte – hat ermorden lassen. Dieser Mann hat sich den Thron durch List und Tücke erschlichen, er ist unser Feind.“
„Wir haben während des Anfluges gesehen, dass zahlreiche Gebäude in Remay zerstört worden sind. Hat es hier Krieg gegeben?“
„Ja, Botschafter, das hat es. Und der Krieg gegen den falschen Archon des Goldenen Reiches ist noch lange nicht zu Ende“, ergänzte Shivas grimmig.
Der dronische Gesandte kratzte sich an seinem bärtigen Kinn. Dann sagte er: „Ihr kämpft gegen Euren Archon, Statthalter? Was soll ich davon halten? Seid Ihr ein Renegat oder ist Euer Imperator ein Verbrecher?“
Shivas Blick verfinsterte sich, als er diese Worte hörte. Er kam einen großen Schritt auf den unerwarteten Besucher zu.
„Zunächst einmal heiße ich Euch auf Thracan willkommen, Dronos. Allerdings werde ich Euch erklären müssen, was in der langen Zeit, die Ihr in den Kälteschlafkammern verbracht habt, im Goldenen Reich geschehen ist“, sprach der Statthalter, wobei er den Fremden zu sich winkte.
Die Glasscheiben hatten sich inzwischen automatisch verdunkelt, denn draußen setzte die Abenddämmerung ein. Flavius und Eugenia hatten den Simulations-Transmitter vor einigen Minuten abgestellt und waren ins Schlafzimmer gegangen. Nun lag die dunkelhaarige Krankenschwester neben Flavius auf dem Bett; ihr schöner, schlanker Körper wurde nur zur Hälfte von der samtweichen Decke verhüllt. Princeps betrachtete sie voller Bewunderung, das beinahe schwarze Haar, die im Gegensatz dazu so helle Haut und die leuchtenden, himmelblauen Augen, mit denen sie ihn verlangend anblickte.
Flavius beugte sich zu Eugenia herab und küsste sanft ihre schmalen Lippen. Dann liebkoste er ihren langen Hals; sie stöhnte leise, wobei sie den Kopf ins Kissen drückte und die Augen schloss. Im nächsten Augenblick, während Flavius Küsse intensiver und fordernder wurden, öffnete Eugenia die Schenkel, so dass er behutsam in sie eindringen konnte. Unter den leidenschaftlichen Stößen des jungen Legionärs gab sie sich hin. Die beiden vergaßen die trostlose Welt für die Zeit ihrer Liebe, blendeten die dunklen Schatten einer ungewissen Zukunft einfach aus. Nichts Unschönes würde heute noch in diesen Raum eindringen können.
Bald schon hatten die zwei Liebenden alles andere vergessen. Eugenia schrie ihre Lust heraus, von Flavius starken Armen gehalten und sich ekstatisch darin windend. Vor ihrem Liebesspiel hatte sich Princeps noch eine heimliche Prise Neurostimulation verpasst, die ihn jetzt zur Höchstform auflaufen ließ. Er erhöhte die Wucht seiner Stöße und ließ Eugenia keine Sekunde Zeit, noch zur Besinnung zu kommen. Mit einem leisen Knurren erhob er sich schließlich, riss sie herum und nahm sie von hinten.
Umso länger das ungestüme Liebesspiel dauerte, umso nachhaltiger wirkte die Neurostimulation. Flavius keuchte, griff mit beiden Händen fest zu und schenkte Eugenia einen lauten, explosionsartigen Höhepunkt, der durch den halben Habitatskomplex schallte. Er küsste seine Geliebte erneut, während sie benommen in die Kissen zurücksank und ihn an sich zog.
„Puh!“, schnaufte Flavius. Er lächelte. Sie lag mit geschlossenen Augen auf dem Rücken und man hörte sie angestrengt atmen.
Schließlich legte sie ihren Kopf auf seine Brust, während ihr Flavius mit den Fingern durch das lange, duftende Haar strich. Sie war so schön, so begehrenswert, dachte er in diesem Moment tiefster Entspannung. Wenn der Thracanfeldzug einen positiven Aspekt gehabt hatte, dann den, dass er Eugenia kennengelernt hatte. Sie war nunmehr seit Jahren der letzte Lichtblick in einer Welt des Grauens.
Plötzlich schossen Flavius die Bilder einer glücklichen Ehe, spielender Kinder und eines sorglosen Lebens in Frieden durch den Kopf. Unter normalen Umständen hätten Eugenia und er vielleicht schon geheiratet und er wäre bereits ein glücklicher Familienvater. Aber hier auf Thracan war nichts normal – und bald würde die heile Welt im Sol-System ebenfalls zusammenbrechen wie ein morsches Holzhaus, an dem seit Jahrhunderten die Termiten gefressen hatten.
„Geht es dir gut, Schatz?“, fragte sie. „Du bist auf einmal so schweigsam.“
„Ich denke nur darüber nach, was aus uns im Frieden geworden wäre. Mann und Frau und Kinder …“, gab Flavius zurück.
„Dafür müsste ich dich Chaoten aber erst einmal heiraten“, scherzte Eugenia.
„Obwohl ich eine ganze Subkaste über Ihnen stehe, Fräulein Gotlandt, ist eine Paarung nicht nur im rechtlichen Sinne unproblematisch, sondern auch nach den Geboten Malogors wünschenswert. Wir hätten längst unserer Pflicht zur Vermehrung und Höherzüchtung der aureanischen Menschheit nachkommen sollen. Was ich damit sagen will: Von mir aus kann’s losgehen!“
Eugenia lachte schallend. Dann schlug sie Flavius mit der flachen Hand auf den Bauch, dass es klatschte. „Spinner!“
Princeps richtete sich auf. Jetzt grinste er breit. Mit dem Rücken an sein großes Kopfkissen gelehnt, sah er in Eugenias wundervolle Augen.
„Wenn wir das hier überleben und Sie sich halbwegs benehmen, dann werde ich über eine dauerhafte Liaison nachdenken, Kohortenführer Princeps. Aber warten wir es ab“, sagte Eugenia, wobei sie Flavius verschmitzt zuzwinkerte.
Auf der Kommandobrücke der Malleus herrschte emsiges Treiben. Raumobservatoren, Flottenoffiziere aller Art und mehrere Legaten umschwirrten Antisthenes von Chausan wie ein Schwarm lästiger Fliegen. So jedenfalls empfand es der neue Oberstrategos.
Inzwischen war die terranische Raumflotte schon seit geraumer Zeit auf dem Weg ins Proxima Centauri System und Antisthenes verspürte mit jedem weiteren Tag größeren Unmut. Er sah zu Legatus Bnan herüber, einem Legionsführer, der genau wie er durch Juan Sobos großzügige Protektion seine Stellung erhalten hatte. Bnan war ein Anaureaner von der Venus; das erkannte jeder sofort, der ihm ins Gesicht sah. Obwohl es die Kastenordnung offiziell nicht mehr gab, konnte man die Spuren seiner Herkunft nicht verwischen.
„Die Gene lügen nicht“, flüsterte Antisthenes kaum hörbar in sich hinein und biss sich dabei auf die Unterlippe.
Dieses Zitat stammte noch aus der alten Zeit, wobei es nicht nur auf Bnan, sondern auch auf ihn selbst zutraf, wie der Oberstrategos zugeben musste.
Die aureanischen Offiziere der terranischen Streitkräfte gewöhnten sich nur langsam an die Tatsache, dass dank Sobos nun auch Ungoldene in ihren Reihen standen. Sie verachteten die Abkömmlinge der unteren Kaste, das war nicht zu übersehen.
„Die aktuellen Daten der Tiefentaster, Herr“, sagte ein Raumobservator zu Antisthenes und überreichte ihm eine Datenverarbeitungsscheibe. Dann verneigte er sich kurz.
Der General brummte etwas Unverständliches, nahm den Datenträger und ließ ihn in der Tasche verschwinden. Er würde sich später alles in Ruhe ansehen.
Misstrauisch beobachtete Antisthenes die Männer um sich herum. Flottenangehörige saßen vor Monitoren oder riesenhaften Holoschirmen, manche tuschelten und murmelten, wobei ihre leisen Stimmen im Meer der ungezählten Geräusche auf der Kommandobrücke verschwanden.
Manchmal glaubte der Oberstrategos, dass sie hinter seinem Rücken über ihn lästerten. Vermutlich verspotteten sie ihn sogar, wenn er nicht anwesend war. Daran hatte Antisthenes allmählich kaum noch Zweifel. Er litt darunter, mit Leuten in einem Raumschiff eingesperrt zu sein, die ihn im Grunde verachteten.
Auch Sobos Gunst – wenn sie denn überhaupt eine war – konnte ihn hier draußen nicht vor den trotzigen Blicken und dem falschen Lächeln seiner Untergebenen retten.
„Herr!“, hörte Antisthenes hinter sich. Er drehte sich um und sah in das blasse Gesicht eines Flottenbediensteten.
„Der Admiral meint, dass wir unsere Geschwindigkeit um 9% drosseln sollten. In diesem Gebiet gibt es kleinere Asteroidenansammlungen“, erklärte der Mann.
„Ja, soll er machen“, gab Antisthenes uninteressiert zurück.
„Möchtet Ihr etwas zu trinken haben, Oberstrategos?“
„Nein!“
Der blau uniformierte Flottenbedienstete ging davon, nachdem er sich ehrfürchtig vor Antisthenes verneigt hatte. Dieser jedoch zog sich in eine dunkle Ecke auf der Kommandobrücke zurück, um die um ihn herum arbeitenden Männer still zu beobachten. Heute vermied er es wieder einmal, allzu viel mit dem Flottenpersonal oder den Legionsoffizieren zu sprechen. Er wurde nicht gemocht, dachte Antisthenes. Nicht einmal von Legatus Bnan, den er selbst für brutal, einfältig und unfähig hielt.
„Sobos und seine Lügenmärchen!“, flüsterte er sich selbst zu und stieß ein verächtliches Zischen aus.
Der Imperator und seine Getreuen schickten eine gewaltige Streitmacht mit einer Fülle von Lügen im Gepäck hinaus ins All. Der gewöhnliche Legionär und kleine Flottenbedienstete glaubte, dass das Proxima Centauri System von wütenden Anaureaneraufständen und dem immer größer werdenden Terror der UPC in Atem gehalten würde, doch Antisthenes wusste, dass es in Wirklichkeit nur darum ging, Aswin Leukos zu finden und auszuschalten.
Lediglich der Oberstrategos und die hohen Flottenoffiziere kannten die wahren Gründe dieses irrsinnigen Militäreinsatzes, und natürlich mussten sie schweigen. Die Legionäre hingegen waren bis zu den Haarspitzen mit der Kriegspropaganda aus den Simulations-Transmittern vollgepumpt worden. Es würde einiger guter Ausreden bedürfen, um sie gegen Leukos und seine Soldaten zu schicken, falls diese überhaupt noch existierten. Aber auch hier hatten Sobos und seine Optimaten im Vorfeld eine Reihe recht glaubhafter Geschichten erfunden, die eine Änderung der Befehle rechtfertigten.
„Der Lügenkaiser …“, brummte Antisthenes, wobei er ein Kopfschütteln folgen ließ. Anschließend ging er die Kommandobrücke herunter und verschwand in einem der Aufzüge. Plötzlich hatte der Oberstrategos das dringende Bedürfnis, in sein Schlafgemach zu gehen, um nachzudenken. Er wollte darüber sinnieren, welche Rolle er in diesem Intrigenspiel zu spielen hatte.
Die schäbige Bar im Stadtzentrum von Lethon leerte sich allmählich. Kleitos und Zenturio Sachs aber wollten noch bleiben. Seit dem thracanischen Bürgerkrieg und den damit verbundenen Hungerkrisen gab es nur noch selten Bier zu trinken, meistens musste man billig hergestellten Fusel in sich hineinkippen, wenn man betrunken sein wollte. Aber damit hatten die meisten Legionäre schon lange kein Problem mehr.
„Ich kenne einen Optio von der 1005. Legion, der richtig geil auf ungoldene Huren ist. Damals, als ich noch auf Terra meinen Dienst verrichtet habe, flog der Kerl ständig mit dem Gleiter in irgendwelche Slumstädte, um sich durch die Gegend … du weißt schon …“, flüsterte Sachs, um dann an einem Schnapsgläschen zu nippen.
„Da holt man sich doch nur was“, meinte Kleitos.
„Der Kerl war eh durchgeknallt. Aber hier in Lethon haben sie ganz hübsche Freudenmädchen, auch wenn man verdrängen sollte, dass da schon ganze Kohorten rübergerutscht sind“, bemerkte der Zenturio.
„Lass das nicht Flavius hören, der ist doch jetzt ganz brav und vernünftig geworden.“ Jarostow goss sich noch etwas synthetischen Schnaps ein.
„Wenn ich so eine süße Kleine wie Eugenia hätte, würde ich ihr auch treu bleiben. Daran ist nichts auszusetzen, Junge“, brummte Sachs.
Kleitos, der dem muskelbepackten Veteran inzwischen zu einem guten Kumpan geworden war, starrte nachdenklich auf die hellgraue Tischplatte. Für einen Moment schwieg er, was Manilus Sachs nachfragen ließ.
„Was bedrückt dich denn? Hast du Angst?“, wollte der Zenturio wissen.
Jarostow nickte wortlos. Dann antwortete er: „Wir haben diesen furchtbaren Bürgerkrieg überlebt, um jetzt in den fast sicheren Tod zu gehen. Ja, ich habe Angst. Und sage mir nicht, dass du völlig furchtlos bist. Nur ein Roboter ohne Verstand würde sich keine Sorgen machen.“
„Ja, ich habe auch Angst, aber was soll’s …“, meinte Sachs.
„Am liebsten würde ich mich einfach in Luft auflösen. Diese Mission auf dem Mars ist der pure Wahnsinn. Flavius hat mir bereits alles erzählt. Ich würde lieber bei den anderen Legionären mitkämpfen, als daran teilnehmen zu müssen.“
„Aber du bist ein Soldat der 562. Legion. Also bist du bei uns“, erwiderte Manilus und wirkte ein wenig verdutzt, da Kleitos sichtlich dagegen ankämpfte, in Tränen auszubrechen. Sein Atmen wurde immer lauter und mühsamer, während die Farbe nach und nach aus seinem Gesicht wich.
„Du hast Colod überlebt, Jarostow. Also wirst du auch diesen Mist auf dem Mars überleben. Hier, trink noch was.“ Sachs füllte Kleitos Schnapsgläschen und versuchte zu lächeln.
„Colod! Das war nur Glück! Bisher hatte ich einfach nur Glück. Aber ich bin kein Berufssoldat, ich habe mich niemals freiwillig zur Armee gemeldet. Man hat mich einfach eingezogen, als Kanonenfutter für diesen idiotischen Thracanfeldzug. Damals hatte ich kein Glück – und ich werde auch in Zukunft keines mehr haben. Diesmal gehe ich drauf, Manilus, ich fühle es“, jammerte der Legionär aus Wittborg.
„Was soll ich denn jetzt tun? Glaubst du vielleicht, dass mir die Sache Spaß machen wird?“, meinte Sachs.
„Keine Ahnung!“, stieß sein jüngerer Freund aus, wobei ihm eine Träne über die Wange lief. Beschämt wischte er sie weg und starrte weiter auf die Tischplatte.
„Jetzt trink noch was, Kleitos! Dann kommst du wieder runter!“, sagte der Zenturio.
„Scheiß drauf!“, rief Jarostow verzweifelt.
„Was erwartest du denn von mir, Junge?“
„Kannst du mich nicht einer anderen Truppe zuteilen? Ich meine, das wäre …“, kam zurück. Dann leerte Kleitos sein Glas mit einem einzigen Zug und goss sich sofort wieder etwas ein. Sachs sah ihn mit ernstem Blick an.
„Eigentlich geht das nicht. Was ist mit Flavius? Willst du ihn die Mission allein erledigen lassen?“
„Er wird wohl kaum allein sein, wenn der Rest der 562. Legion dabei ist, oder?“
Manilus seufzte leise. „Willst du lieber eine Raumschlacht mitmachen? Du weißt doch, dass du diesem Krieg nicht entkommen kannst. Leider sind wir noch immer mittendrin. Ich wünschte, ich könnte das ändern.“
„Die Wahrscheinlichkeit zu überleben ist größer, wenn ich einer anderen Truppe zugeteilt werde. Das hoffe ich jedenfalls. Manilus, ich will nur noch irgendwie durchkommen. So gut wie alle Rekruten, die sie damals eingezogen haben, sind inzwischen gefallen. Ich habe meine Pflicht längst erfüllt und bin auch kein Berufssoldat des Imperiums. Verflucht, ich bin nur ein einfacher Kerl, der endlich nach Hause will“, sagte Kleitos.
„Und jetzt hoffst du, dass ich eine Ausnahme mache, weil wir uns so gut kennen, nicht wahr? Du weißt ja, dass ich dich gut leiden kann, Jarostow. Bist ein netter und aufrichtiger Bursche, auf jeden Fall.“
„Bitte! Erfülle mir diesen Wunsch!“, flehte Kleitos den hünenhaften Zenturio an.
„Du hast verdammtes Glück, dass du mich kennst und ich dich wirklich mag, Junge“, knurrte Sachs, um daraufhin kurz zu lächeln. Die Miene seines Gegenübers erhellte sich im gleichen Augenblick schlagartig.
„Ich will sehen, was ich tun kann. Aber glaube nicht, dass dir das Kämpfen erspart bleiben wird. Vielleicht erwartet dich eine Raumschlacht oder Schlimmeres. Spätestens auf dem Mars, vorausgesetzt es klappt alles so, wie es sich Leukos ausmalt, wird es rund gehen. Dann gibt es kein Entkommen mehr, für keinen von uns“, erklärte Manilus düster. Kleitos nickte zustimmend und wirkte zugleich ein wenig gelöster.
„Und jetzt trinken wir noch einen und unterhalten uns über schönere Dinge“, sagte Sachs. Daraufhin bestellte er eine weitere Flasche synthetischen Schnaps, denn der Abend sollte noch lang werden.
Aswin Leukos, Magnus Shivas und der dronische Botschafter spazierten durch den weitläufigen Park, der sich hinter dem Statthalterpalast ausdehnte. Sie unterhielten sich angeregt; manchmal wurden die Stimmen laut. Vor allem Leukos hatte Mühe, sachlich zu bleiben.
„Verzeiht mir, ehrenwerte Herren, und fasst meine Aussage bitte nicht als Provokation auf, aber man sagt auf Dron über das Goldene Reich, dass es seine Glanzzeiten längst hinter sich hat“, sagte Sylcor.
„Wir leiden seit mehreren Generation unter diversen innenpolitischen Problemen, das ist durchaus richtig“, meinte Leukos.
„Die Ungoldenen sind auf Terra bereits zahlreicher als die Aureaner, erzählt man sich auf Dron. Ist das wahr?“, fragte der Fremde.
„So schlimm ist es noch nicht!“, grantelte der Oberstrategos.
„Noch nicht!“, warf Shivas in die Runde.
„Wir Dronai halten unsere Welten nach wie vor sauber. Anaureaner dürfen sie nicht betreten, so lautet das Gesetz“, sprach Sylcor mit dem typischen Selbstbewusstsein eines dronischen Kolonisten.
„Löblich!“, gab Leukos mit leichter Verärgerung in der Stimme zu.
Shivas blieb stehen, seine beiden Begleiter wandten sich ihm zu. „Dron ist nicht Terra, Botschafter. Wir wissen“, sagte der Statthalter, auf seinen Freund Aswin Leukos deutend, „um die strikte Einhaltung der Gebote Malogors im dronischen Imperium. Im Goldenen Reich hat sich die Situation jedoch leider zu Ungunsten der aureanischen Kaste verändert. Juan Sobos plant sogar, die Kastenordnung gänzlich abzuschaffen. Er will die Anaureaner ins Reich holen und sie zu Vollbürgern machen.“
Der dronische Botschafter riss entsetzt die Augen auf, seine Kinnlade fiel nach unten; dann schlug er die Hände über dem Kopf zusammen.
„Sobos lässt die Niederen ins Reich hinein?“, stieß er verstört aus.
„Ich gehe davon aus, dass die Kastenordnung im Sol-System bereits abgeschafft worden ist“, fügte der Oberstrategos hinzu.
„Dieser Archon muss vollkommen verrückt sein, wenn er so etwas tut! Das … das ist Blasphemie an Malogor und am Göttlichen! Und keiner dieser faulen, dekadenten Terraner wehrt sich dagegen?“ Sylcor riss die Fäuste in die Höhe, während er sich immer mehr ereiferte. Für einen Dronos waren derartige Dinge absolut unvorstellbar.
„Nicht alle Terraner sind faul und dekadent, Botschafter“, meinte Leukos eingeschnappt. „Andererseits habt Ihr mit Eurer Kritik leider größtenteils Recht.“
„Wenn Eure Worte wirklich wahr sind, wenn dieser Kaiser das alles wirklich vorhat, dann müssen wir sofort zu den Waffen greifen!“, rief Sylcor mit fassungslosem Zorn.
„Wir?“, wunderte sich Shivas.
„Sobos will die Ungoldenen zu Reichsbürgern machen! Er will das alte Imperium Terras, aus dem auch unser Reich einst hervorgegangen ist, zerstören! Die Kastenordnung abschaffen, das ist Hochverrat! Sobos ist ein Hochverräter, ein Verbrecher, ein Blutsverräter! Ich hoffe, dass Eure Worte nicht wahr sind …“, wetterte der Gesandte.
Leukos sah den Fremden an. „Das habt Ihr treffend formuliert, Sylcor Adalsang von Thrimia. Und glaubt mir, Magnus Shivas und ich sprechen die Wahrheit. Es ist, wie wir es Euch geschildert haben.“
Der Dronos lief einige Meter voraus. Dann drehte er sich blitzartig um, während sein Blick düster wurde.
„Überlasst den Krieg uns, Botschafter. Dieser Kampf ist kein Kampf der Dronai“, sagte Shivas.
Sylcor reagierte mit einem unwilligen Brummen, um daraufhin Malogor zu zitieren: „Das Wohl deiner Kaste und die Reinheit deiner Gene stehen über allem!“
„Es ist wahrhaft löblich, dass Ihr uns helfen wollt, Sylcor Adalsang von Thrimia, aber wir …“, sagte Leukos, doch der Dronos fiel ihm ins Wort.
„Sollten Eure Angaben richtig sein, Oberstrategos von Terra, dann stelle ich Euch mein Schiff, die Renovatio, und meine Leibgarde, 1.000 gut ausgebildete Rotmäntel, zur Verfügung. Auch ich selbst werde zur Waffe greifen und mich nicht verstecken, wenn das Ausmaß des Kastenverrats tatsächlich derart gewaltig ist, wie Ihr es beschreibt.“
„Ihr Dronai seid ein bemerkenswerter Menschenschlag“, bemerkte Shivas sichtlich beeindruckt.
„Aber bevor ich Euch meine bescheidene Hilfe definitiv zusage, möchte ich noch mehr über die Situation im Goldenen Reich erfahren, Statthalter.“
Magnus Shivas verzog den Mund zu einem leichten Lächeln. Dann schlug er vor, zu einer der überall in der Parkanlage stehenden Gartenlauben zu gehen, um dort die Unterhaltung fortzusetzen.
Drei weitere Monate waren verstrichen und der Aufbruch der Loyalistenstreitmacht ins Sol-System stand unmittelbar bevor. Zehntausende von Soldaten versuchten, sich an den Gedanken einer jahrelangen Reise und einer Fortsetzung des Bürgerkrieges zu gewöhnen.
Die Waffenfabriken auf Thracan, Crixus und Glacialis hatten in den letzten Jahren pausenlos Kriegsgerät ausgespuckt, während die Raumschiffwerften einen Kreuzer nach dem anderen fertiggestellt hatten. Und es wurde noch immer überall ununterbrochen gearbeitet, denn Leukos Hauptarmee sollten weitere Flotten aus umgerüsteten Handelsfrachtern und Großtransportschiffen nachfolgen, um noch mehr Soldaten auf die Schlachtfelder des Sol-Systems zu bringen. Auf Thracan standen mittlerweile mehrere Millionen Soldaten unter Leukos Befehl, doch dieser hatte kaum die Mittel, sie alle bis ins Muttersystem der Menschheit, wo die entscheidende Schlacht wartete, zu transportieren.
Die Aureaner aus Groonlandt, die sich den Loyalisten während des thracanischen Bürgerkrieges als Kriegsfreiwillige angeschlossen hatten, waren inzwischen zu Legionären oder Milizsoldaten ausgebildet worden. Diese Männer hatten sich nach Jahren des Hungerns und Leidens in vollkommen andere Menschen verwandelt. Blutige Schlachten hatten sie geformt, genau wie der unerbittliche Drill der Soldatenausbildung unter Leukos Kommando.
Den terranischen Oberstrategos sahen die meisten Thracanai inzwischen als ihren Retter und Befreier an. Längst hatte die Loyalistenpropaganda Früchte getragen, und noch immer wurde die Massenbeeinflussung per Simulations-Transmitter im gesamten Proxima Centauri System fortgesetzt. Dieser Krieg war nicht nur ein Streit der Waffen, sondern auch ein Streit der Worte und Gedanken, wie es Magnus Shivas stets zu sagen pflegte.
Sylcor Adalsang von Thrimia, der dronische Gesandte, hatte Aswin Leukos derweil sein Raumschiff zur Verfügung gestellt, genau wie seine Leibwache, eine kleine, aber äußerst harte Streitmacht dronischer Hopliten.
Wie der Oberstrategos mittlerweile erfahren hatte, war die Renovatio jedoch kein gewöhnlicher Schlachtkreuzer, sondern ein besonders weit entwickeltes Kampfschiff. Im Gegensatz zu den gewöhnlichen Kreuzern des Goldenen Reiches besaß die Renovatio ein sogenanntes Umbra-Störschild, welches sie vor jedwelcher Ortung durch terranische Schiffe und Tiefenscanner schützte – das behauptete jedenfalls Sylcor Adalsang von Thrimia.
Diese Information rief zwar einen gewissen Neid in Leukos hervor – immerhin ärgerte ihn die Tatsache, dass die Dronai das Goldene Reich offenbar technologisch überholt hatten – doch machte sie die Renovatio dadurch auch besonders interessant. Die Infiltrationsmission, die der Oberstrategos den Männern der 562. Legion aufgetragen hatte, sollte am besten mit seinem Kampfschiff ausgeführt werden, schlug der dronische Botschafter vor.
„Die Renovatio ist kein einfacher Schlachtkreuzer, sondern ein Aushängeschild unserer Raumflotte“, betonte Sylcor Adalsang von Thrimia immer wieder voller Stolz.
Aswin Leukos und Magnus Shivas wollte ihm nur zu gerne glauben, denn wenn der Gesandte wirklich die Wahrheit sprach, hatten sie einen wichtigen Trumpf in der Hand.
Nun sollten Zenturio Sachs und seine Soldaten mit der Renovatio zum Mars gebracht werden; es würde die erste Kampftruppe der Loyalisten sein, die ins Sol-System eindrang, damit viele weitere folgen konnten. Kleitos jedoch war von Sachs einem anderen Kampfverband zugeteilt worden. Der Zenturio hatte für seinen Freund eine Ausnahme gemacht. Flavius dagegen behauptete, dass es ihm gleich sei, wo er kämpfen musste, obwohl ihn die Angst zunehmend peinigte, je näher der Tag des Abfluges rückte.
Dem kommenden Kampf konnte niemand entkommen, das betonte Zenturio Sachs gegenüber seinen Legionären bei jeder Gelegenheit. Für den einfachen Soldaten ging es bei diesem Vorstoß in die Höhle des Löwen demnach weniger um den Erhalt des Imperiums oder hochtrabende Ideale, sondern um das nackte Überleben.
Die vor ihm sitzenden Legionäre sahen Manilus Sachs mit ausdruckslosen Gesichtern an, während ihr Vorgesetzter zu sprechen begann und seine Stimme mit jedem Wort ein wenig lauter wurde. Neben dem hünenhaften Anführer der 562. Legion erleuchtete ein dreidimensionales Schaubild den halbdunklen Besprechungsraum. Sachs deutete auf das Hologramm, welches die Nordhalbkugel des Mars zeigte. Mit ein paar ruckartigen Handbewegungen vergrößerte er einen bestimmten Teilbereich. Das Bildsegment wurde durch ein hintergründiges, rötliches Leuchten hervorgehoben.
„Dies ist die Megastadt Crathum, sie liegt an der Grenze der vereisten Polarregion des Planeten. Wir werden in der unmittelbaren Nähe dieser Metropole landen.“ Sachs deutete auf die Spitze der in der Luft schwebenden roten Kugel neben sich.
Flavius und die anderen Soldaten antworteten mit einem müden Gemurmel, das eine Art Zustimmung ausdrücken sollte. Der Zenturio, der den kleinen, tapferen Überrest der 562. Legion anführte, fuhr mit seinem Vortrag fort.
„Etwa 25 Kilometer westlich von Crathum befindet sich ein großer Energiekomplex, der nicht nur drei Megastädte, sondern auch alles andere im Umkreis mit Saft versorgt. Unsere Aufgabe wird es sein, diesen Energiekomplex entweder einzunehmen oder zu zerstören. Ersteres ist dem Oberstrategos allerdings deutlich lieber, denn dann haben wir die Kontrolle über die Energieversorgung von drei großen Städten mit zusammen etwa 140 Millionen Einwohnern.“
„Klingt beschissen!“, rief ein Legionär aus der letzten Reihe. Ein raues Lachen aus mehreren Dutzend Kehlen füllte den Raum aus.
„Ist auch beschissen! Aber daran kann ich leider nichts ändern, Kamerad!“, antwortete Sachs und rang sich ein flüchtiges Schmunzeln ab.
„Wir sollen also einfach auf dem Mars da unten landen und …“, quatschte ein narbengesichtiger Legionsveteran mit gewaltigen Oberarmen dazwischen, doch Sachs unterbrach ihn genervt.
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