Kitabı oku: «Die Antariksa-Saga II - Sturm über Manchin»

Yazı tipi:

Alexander Merow

DIE ANTARIKSA-SAGA II

Sturm über Manchin

Roman

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»Nachdem ich mich einen Monat in der Hafenstadt Ki-Chong an der Ostküste Manchins aufgehalten hatte, setzte ich mit dem Schiff über zur Halbinsel Hangko und reiste weiter bis nach Seruon, der Hauptstadt des Königreiches. In Seruon verweilte ich einige Wochen und arbeitete dort mit König Kim-Wango VII. im Auftrag des Himmelskaisers an einem neuen Handelsvertrag mit dem Imperium von Manchin. Die Verhandlungen waren zunächst zäh, doch letztendlich gelang es mir, den König des Hangko-Reiches dazu zu bewegen, sein Land wieder für manchinische Waren zu öffnen.

Anschließend, so lautete mein Auftrag als Beamter des Himmelskaisers, reiste ich weiter nach Kin-Weig, der Händlerstadt, die an der Grenze zu den unwirtlichen Steppengebieten jenseits der Großen Mauer liegt. Auch dort mussten einige alte Verträge, die das Imperium von Manchin mit den Kaufleuten geschlossen hatte, überarbeitet oder erneuert werden.

Wie ich bereits erwähnte, liegt die Stadt Kin-Weig an der Grenze zu den endlosen Steppen, die sich weiter nördlich bis an das Ende der Welt zu erstrecken scheinen. In diesem kargen, unfruchtbaren Ödland ziehen reitende Menschenstämme und auch Grünhäute umher und fristen ein trostloses Dasein. Von den Grünhäuten weiß ich nicht viel zu berichten. Mir ist lediglich bekannt, dass es dort in den Weiten und weiter westlich in den Dunklen Landen zahlreiche Stämme von ihnen gibt. Zur Art der Grünhäute gehören die großgewachsenen, schrecklich anzusehenden Orks. Weiterhin die etwas kleineren Goblins und Hobgoblins. Aber welche Unterarten es genau gibt, kann ich nicht sagen, denn das Volk der Grünhäute ist das unwichtigste und primitivste der ganzen Welt, wie man sagt. Seit Jahrhunderten beschäftigt sich kein Gelehrter mehr mit dieser seltsamen und zugleich widerwärtigen Art, denn sie spielt keine größere Rolle mehr in unserer Welt als die Tiere in den Wäldern oder den Steppen. Doch nun möchte ich Euch, lieber Leser, nicht länger mit meinen Ausführungen über die Grünhäute langweilen, denn es gibt weit wichtigere Dinge, über die es sich zu schreiben lohnt…«

Hogan Sey-Won, Beamter und Chronist des Himmelskaisers Jin-Wu II.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Der König der Orks

Gärende Zwietracht

Grashrakk Khan

Feldzug im Winter

Orkische Übereinkunft

Wir sind Orks!

Die Versammlung der Häuptlinge

Arbeiten, schweigen und gehorchen!

Der Aufmarsch der Horde

Die Schlacht von Maxcal

Talsenke des Todes

Der Weg durch fremdes Land

Strategie des Schreckens

Arasigs Fußstapfen

Umso schneller sind sie tot!

Goffrukke Tumal

Weitere Bücher

Der König der Orks

»Der große Grimzhag, der Größte der Grünhäute … öhm… er kämpfte tapfer, ist doch klar, und machte fette Beute!«, reimte der Goblin vor dem Thron des Mazaukhäuptlings und verneigte sich.

Dieser knurrte nachdenklich und rieb sich das Kinn. Sein Freund Zugrakk und Soork der Schamane sahen sich fragend an.

»Das ist ein tolles Heldengedicht, nicht wahr? Gefällt es Euch, Wütender?«, wollte der dichtende Goblin wissen.

»Hmmm!«, brummte der hünenhafte Kriegsherr. »Naja, vielleicht sollte man die Sache noch einmal überarbeiten …«

»Überarbeiten?« Die kleine Grünhaut wirkte eingeschnappt.

»Ja, das sehe ich auch so!«, meinte Zugrakk.

Skarnak, der Häuptling des Goblinstammes der Krummag, hatte Grimzhag jenen angeblich hochbegabten Dichter empfohlen und diesen damit beauftragt, für ihn ein Heldengedicht zu verfassen. Allerdings war der Häuptling vom dichterischen Talent des Goblins nicht so ganz überzeugt und erhob sich schließlich mit einem mürrischen Brummen von seinem Platz.

»Das hört sich echt dämlich an, du Snagpoet! Vielleicht sollte ich diese Aufgabe besser einem der Geistesbegabten überlassen«, bemerkte der Anführer der Mazauk und erntete einen wütenden Blick des Reimkünstlers.

»Gut!«, stieß dieser aus. »Dann gehe ich eben wieder, Eure Hoheit. Wenn Ihr meine Weisen nicht zu schätzen wisst, dann dichte ich eben nicht für Euch. Das macht mir nichts aus! Ich habe verstanden! Oh, ja! Das habe ich!«

Leise schimpfend verließ der gekränkte Dichter den Thronsaal in Grimzhags neu errichtetem Herrscherhaus und würdigte seinen Herrn keines Blickes mehr.

»Banausen! Grobiane! Geistlose Gnoggschädel!«, zischelte die kleine Grünhaut in sich hinein und knallte die Tür hinter sich zu. Grimzhag, Zugrakk, Soork und einige grinsende Orkwachen sahen ihm nach.

»Das hätte ich noch besser hinbekommen«, gab einer der Wächter zu verstehen und lachte brüllend auf.

»Aber das Bild dort ist großartig, oder? Ich sehe es mir immer wieder gerne an!«, sagte Grimzhag und deutete auf das farbenprächtige Gemälde an der gegenüberliegenden Wand. Die imposante Malerei war von einem talentierten Geistesbegabten geschaffen worden und zeigte Grimzhag als mächtigen Heerführer auf einem Haufen erschlagener Khuzbaath stehend.

Mittlerweile war der Häuptling der Mazauk zweiunddreißig Sonnenzyklen alt und herrschte bereits über ein Gebiet von beachtlicher Größe. Die Eroberung des Reiches der Kleinwüchsigen lag nun schon zwei Sonnenzyklen zurück und Grimzhag hatte die Vision einer von ihm gegründeten Orkstadt in der Steppe inzwischen zur Realität werden lassen. Allerdings bestand Karokum, wie er seine Stadt genannt hatte, bisher lediglich aus seinem Herrscherhaus und einigen halbfertigen Gebäuden – unter anderem dem Tempel des orkischen Kriegsgottes Goffrukk.

Seine Residenz war ein klobiges Gebilde, gebaut aus massiven Steinen, das von zahlreichen, runden Säulen umgeben war und zwei Etagen hatte. Hunderte von Orks und Goblins hatten den Palast – auch wenn diese Bezeichnung sicherlich etwas hochtrabend war – in ununterbrochener Schwerstarbeit aus dem Boden gestampft. Nun stand er mitten in der weiten Steppe, umgeben von einer riesigen Baustelle, die mit zahlreichen Arbeitern und gewaltigen Mengen von Baumaterial übersät war. Den Eingang zu Grimzhags Herrscherhaus bildete ein großes Portal, über dem einige feuerrote Orkglyphen die steinerne Wand verzierten.

»Der Palast des großen Grimzhag – König der Orks«, lautete die Inschrift über der Tür.

Auch die Bezeichnung »König der Orks« war stark übertrieben, denn der aufstrebende Häuptling herrschte zwar über ein ausgedehntes Stück Steppe und das Gebiet des ehemaligen Khuzbaathreiches, doch das gesamte Orkvolk war keineswegs unter seiner Führung vereint. Dennoch hatte Grimzhag auf diesen recht anmaßenden Schriftzug bestanden, denn er hielt nach wie vor an seinem Plan fest, eines Tages sämtliche Grünhautstämme zusammenzuführen. Jetzt hatte er zumindest schon einmal einen Palast, auch wenn dieser auf einen Menschenkaiser wohl mehr als lächerlich gewirkt hätte. Doch den jungen Brüller störte das nicht, denn er hatte vor, noch viel mehr zu erreichen.

Zaydan Shargut, der in der manchinischen Handelsstadt Kin-Weig wohnende Kaufmann aus Berbia, sah seinen Diener Weng völlig entgeistert an. Soeben war der schlitzäugige Manchine mit seiner Karawane aus dem Westen zurückgekehrt.

Die Planwagen waren allerdings noch immer voller Waren und Wengs Gesichtsausdruck ließ nichts Gutes vermuten.

»Sag doch endlich was, Weng! Habt ihr die Stadt Al-Haikk etwa nicht erreicht?«, fragte Zaydan aufgeregt.

Sein gedrungener Diener mit der gelbbraunen Haut und den kräftigen Wangenknochen schüttelte den Kopf und sagte nichts.

»Was war denn los? Rede endlich!«, herrschte ihn der Großhändler an.

»Wir sind nur bis zu den Dunklen Landen gekommen …«, stammelte Weng.

»Was soll das heißen?«, bohrte Zaydan nach.

»Orks haben uns südlich der Ebene von Ruuth, wo die große Karawanenstraße das Eisgebirge verlässt, angehalten und wieder zurückgeschickt.«

»Was?«

»Ja, das ist die Wahrheit. Diese verfluchten Grünhäute haben uns die Weiterfahrt verweigert«, schnaufte der Manchine.

Sein Herr riss die Augen auf. »Die Weiterfahrt verweigert?«

»Es war so, wie ich es sage. Die Ebene von Ruuth ist jetzt in der Hand eines Orkkönigs und das Reich der Khuzbaath existiert nicht mehr. Das haben uns die Grünhäute erklärt. Und dieser neue König duldet es nicht, dass wir durch sein Herrschaftsgebiet reisen. Mit anderen Worten: Wir kommen nicht mehr nach Westen durch! Weder nach Berbia noch nach Aurania«, antwortete Weng.

»Was für ein neuer Orkkönig? Bei allen Wucherern der Wüste, wovon redest du überhaupt?«, schrie Zaydan.

»Grimzhag der Große! So wird er genannt. Er herrscht über das Reich der Khuzbaath und kontrolliert auch die Gebiete westlich des Eisgebirges«, erläuterte der Diener mit betretener Miene.

»Das…das kann ich nicht glauben! Orks? Und sie haben euch die Waren nicht einmal weggenommen oder euch erschlagen?« Der Händler hielt sich verstört den Kopf.

»Nein! Sonst wäre ich ja nicht hier, oder?«

»Was …?«

»Diese Orks haben uns außerdem erklärt, dass sie unsere Waren nicht bräuchten und es ihnen ihr König untersagt hat, irgendwelche Händler anzugreifen oder auszuplündern. Wir dürfen nur nicht mehr durch ihr Reich reisen. Das sollten wir besser akzeptieren, meinten sie.« Weng senkte den Blick.

»Und sie haben sich nicht einmal bestechen lassen?«

»Nein, Zaydan! Wir haben ihnen zwar etwas Gold angeboten, aber das hat nicht viel genützt. Sie haben uns einfach wieder nach Osten zurückgeschickt.«

Zaydan Shargut wirkte wie vom Blitz getroffen. Eine derartige Nachricht war zu viel für seinen Verstand. Er ließ sich laut stöhnend auf einem Stuhl nieder und starrte seinen Diener für einen Augenblick sprachlos an.

»Wir sollten in Zukunft doch mit dem Schiff nach Berbia segeln, sagten diese Grünhäute …«, fügte der Manchine hinzu.

Der Händler aus Kin-Weig winkte ab und schloss die Augen. »Das darf doch alles nicht wahr sein! Ich fasse es einfach nicht!«

»Ich erzähle keine Lügen. Du kannst gerne die anderen fragen«, gab Weng kleinlaut zurück.

»Ein neuer Orkkönig, der das Reich der Khuzbaath erobert hat. Unglaublich! Wie war sein Name noch?«, murmelte Zaydan nachdenklich.

»Grimzhag – oder so ähnlich!«, erwiderte der Angestellte des Kaufmanns.

»Grimzhag?«

»Ja! Ich glaube, sie haben Grimzhag gesagt!«

»Dieser Name kommt mir irgendwie bekannt vor. Vom Stamm der Mazauk? Sag jetzt nicht, dass das dieser Grimzhag ist, Weng!«

Der schlitzäugige Manchine zuckte mit den Achseln und antwortete: »Klingt wie dieser seltsame Banditenkönig, mit dem wir es vor einigen Jahren zu tun gehabt haben. Aber der ist damals ja von den kaiserlichen Soldaten getötet worden, nicht wahr? Wer weiß schon, wie viele Grimzhags es unter diesen dreckigen Orks noch gibt.«

Zaydan ballte die Faust. »Nein! Ich kann mir nicht vorstellen, dass dieser König mit dem Sohn des toten Mazaukhäuptlings identisch ist. Oder doch? Der Name »Mazauk« ist aber nicht gefallen, wie?«

Es folgte ein Kopfschütteln. »Ich kann mich daran jedenfalls nicht mehr erinnern. Ich verstehe die Sprache der Orks zwar ganz gut, aber teilweise haben diese Krieger sehr undeutlich geknurrt. Aber die Sache ist ernst genug. Jetzt wird unseren Karawanen der Weg nach Westen schon von einer Horde Grünhäute verwehrt. Doch es ist wahr – das Reich der Khuzbaath wurde vor einer Weile tatsächlich von einem Orkhäuptling erobert.«

Zaydan warf die Arme in die Höhe, stürmte aus der Lagerhalle hinaus und lief laut fluchend auf die mit Waren beladenen Planwagen seiner Karawane zu. »Das ist eine Katastrophe! Wenn es sich bei den anderen Händlern herumspricht, dass in den Dunklen Landen solche Verhältnisse herrschen, wird die Hölle losbrechen. Ich will alles über dieses neue Orkreich wissen, Weng. Du wirst das in die Hand nehmen, verstanden? Finde alles über diesen König Grimzhag heraus. Ich werde morgen sofort mit Mandarin Qin-Wang sprechen. Das können wir uns nicht gefallen lassen!«

Der lange, wuchtige Umhang aus weinrotem Samt, der Grimzhags Rücken bedeckte, flatterte seinem Träger hinterher, als dieser stolz über die breite Hauptstraße vor der Tempelpyramide des Madrok schritt. Zugrakk lief neben ihm her und gab ab und zu einen hämischen Kommentar ab. Für ihn sah sein Freund zu sehr wie ein Menschlingskaiser aus, in seinem unorkischen und aufgetakelten Aufzug. Der junge Brüller jedoch ignorierte Zugrakks engstirnige Vorstellungen, die orkische Tracht und Mode betreffend. Er sah mit Beigeisterung seinen Artgenossen zu, die ganz Chaar-Ziggrath überschwemmten und die leeren Häuser der Khuzbaath bezogen.

»In einigen Sonnenzyklen werden wieder sämtliche Straßen dieser riesigen Stadt mit Leben erfüllt sein. Sieh doch, Zugrakk, wie viele tausend Orks, Krieger, Cramogg und Junge, schon gekommen sind. Großartig, nicht wahr?«

»Ja, aber Goblins würde ich nicht innerhalb der Stadtmauern siedeln lassen«, gab Zugrakk zu bedenken. Auch in diesem Punkt dachte der Ork sehr konservativ.

»Natürlich nicht!«, antwortete Grimzhag. »Snags dürfen nur außerhalb Chaar-Ziggraths wohnen. Das werden wir so halten, wie es die Stadtorks weiter im Süden auch handhaben. Und die Cramogg bekommen ihr eigenes Viertel, wo sie unter sich sind, am besten in der Nordstadt. Was meinst du?«

»Hört sich vernünftig an!«, brummte Zugrakk und betrachtete einige Grünhäute, die große Säcke auf den Rücken trugen oder Tische und Stühle umherschleppten.

Etwas weiter, dort wo die breite Hauptstraße rechts um die Tempelpyramide der Khuzbaath herumführte, zog eine große Gruppe lärmender Cramogg mit ihren Jungen in Richtung Nordstadt. Ihre schrillen Stimmen waren nicht zu überhören, genau wie das Quäken und Kreischen der kleinen Orks, die sie verschnürten Leinensäcke gleich vor ihren Brüsten trugen.

»Einige Straßenzüge werden ich den Grauaugen überlassen, wo nur sie allein wohnen dürfen, was bedeutet, dass dort gewöhnliche Orks nichts zu suchen haben. Wir müssen die einzelnen Gattungen unserer Art trennen, damit die Ordnung eingehalten werden kann«, sinnierte der Mazaukhäuptling.

»Gewöhnliche Orks wie ich, was?«, knurrte Zugrakk ein wenig verschnupft.

Grimzhag grinste breit. »Richtig! Nur von Natur aus überlegene Grauaugen wie dein lieber Freund hier haben dann das Recht, in diesen Vierteln zu wohnen. Toll, oder?«

»Arrogante Gnoggfresse!«, murmelte Zugrakk, wobei er die Fangzähne nach vorne schob und ebenfalls schmunzelte.

Von hinten kam jetzt eine große Masse laut schwätzender Orks. Vermutlich waren sie aus dem Süden der Dunklen Lande, wie Grimzhag dachte. Immerhin unterhielten sie sich in einem fremdartig klingenden Dialekt.

»Ich hole mir ein Haus mit einer schönen, roten Fassade!«, blökte eine dickliche Grünhaut den anderen zu.

»Wenn ich mir das Haus nicht vorher schnappe, Snagschnauze«, knurrte sein Nachbar und schubste die anderen Siedler zur Seite.

Als die Orks Grimzhag erblickten, brummelten sie demütig einige Begrüßungen, um dann die Straße hinunter zu gehen und sich weiter zu zanken, wer sich das schönste und größte Haus unter den Nagel reißen würde.

»Schwachköpfe!«, zischte der Orkkönig und stieß einen Würgelaut aus.

»Das sind doch ganz normale Orks«, meinte Zugrakk.

»Wenn du das sagst …«, kam zurück.

»Ich verstehe nicht, was du nun schon wieder zu meckern hast!«, sagte der Krieger verdutzt.

Der junge Brüller verdrehte die Augen und lugte zu ihm herüber. Dann hob er die Klaue und sprach: »Ich werde es nicht zulassen, dass Chaar-Ziggrath genau so verkommt und verschmutzt wie zum Beispiel Roughfort. Die Straßen der Stadt müssen in regelmäßigen Abständen von Müll und Unrat gesäubert werden. Weiterhin müssen baufällige Gebäude sofort repariert und gewartet werden. Zucht und Ordnung, das fehlt dem gemeinen Ork.«

»Mach mal halblang, Grauaugenkopp!«, murrte Zugrakk. »Man kann es auch übertreiben. Ein bisschen Schmutz hat noch keinem Ork geschadet …«

»Nein! Diese dreckigen Zustände werde ich in meiner Hauptstadt gar nicht erst einreißen lassen. Alles wird streng geregelt werden – und ich werde es zu verhindern wissen, dass hier alles im Müll versinkt. Kapiert?«, wetterte Grimzhag und rückte sich seinen Mantel zurecht.

»Langsam hast du sie nicht mehr alle auf`m Helm!«, schnaubte Zugrakk genervt und ging grummelnd davon. Für den Rest des Tages sah ihn sein Freund nicht mehr.

Auf Zaydans Befehl hin hatten sich einige seiner Angestellten auf den Weg in die Dunklen Lande gemacht, um sich dort bei den Riesenmenschen, die das Eisgebirge bevölkerten, bezüglich des neuen Orkkönigs in der Ebene von Ruuth umzuhören. Mittlerweile waren zahlreiche Karawanen anderer Kaufleute ebenfalls unverrichteter Dinge wieder aus dem Westen zurückgekehrt und die reichen Händler Manchins waren außer sich vor Zorn. Keine einzige Karawane hatten Grimzhags Orkkrieger noch über die alte Handelsstraße weiterfahren lassen – eine Ungeheuerlichkeit in den Augen der handeltreibenden Menschen, die diesen Weg schon seit Jahrhunderten benutzten.

Derweil hatten Zaydans Kundschafter bei den nahe der Ebene von Ruuth lebenden Riesenmenschenstämmen bereits einige neue Informationen über den aus dem Nichts aufgetauchten Orkkönig gesammelt. Dass er zum Stamm der Mazauk gehörte, war inzwischen allgemein bekannt. Selbst bei den Ograi des Eisgebirges, die sich ihre Auskünfte von den Händlern aus Kin-Weig immer mit viel Gold und großen Haufen Dörrfleisch bezahlen ließen. Grimzhag, der Orkkönig von Chaar-Ziggrath, stammte aus der Steppe. Daran gab es inzwischen kaum noch einen Zweifel.

Schließlich kehrten die Kundschafter wieder fast vollzählig nach Kin-Weig zurück. Nur einer von ihnen hatte die kannibalistischen Riesenmenschen offenbar mit seinem Gold und dem vielen Dörrfleisch nicht ausreichend beeindrucken können und war selbst auf der Speisekarte gelandet. Doch das interessierte seinen Herrn nicht, denn für ihn zählten lediglich die Informationen über das neu entstandene Orkreich und dessen König.

Dass es sich dabei allem Anschein nach doch um den Sohn des toten Mazaukhäuptlings Morruk und den Bruder von Margukk handelte, war dem gerissenen Kaufmann mittlerweile klar. Eine Tatsache, die ihm die Zornesröte ins Gesicht trieb und ihn zugleich völlig verblüffte.

»Das gibt es doch nicht! Dieser Grimzhag ist tatsächlich der Bruder von diesem verrückten Ork Margukk! Ist das zu fassen?«, stieß Zaydan aus und grinste gequält.

»Es würde jedenfalls einiges erklären, Herr!«, meinte Weng. »Wenn er die Karawanenstraße blockiert, kann er uns damit richtig schaden. Ganz schön klug für einen dämlichen Ork.«

Zaydan zertrat eine Holzkiste in der Ecke der großen Lagerhalle und sah sich wütend um. »So dämlich scheint dieser verfluchte Ork ja nicht zu sein, sonst hätte er das Reich der Khuzbaath nicht erobern können. Bei allen Göttern, das darf einfach nicht wahr sein!«

»Und der Mandarin wird sich heraushalten und nichts für uns tun?«, erkundigte sich Weng.

»Qin-Wang? Dieser elende Hund lässt uns im Stich! Die Augen des Himmelskaisers sind derzeit auf den Süden von Manchin gerichtet, wo sich das Haus Huang zu einer gefährlichen Rivalin der Han-Dynastie gemausert hat. Wenn wir Pech haben, dann gibt es dort in absehbarer Zeit Bürgerkrieg. Wir sollen die Sache daher selbst regeln. Der Mandarin hält es nämlich für unklug, eine Armee nach Westen zu schicken, nur weil dort ein paar Grünhäute unsere Handelsstraße blockieren. Zudem würde er für eine solche Operation die Erlaubnis des Kaisers benötigen und die wird er derzeit nicht bekommen. Nein, Weng, wir sind auf uns allein gestellt. Das wird jetzt zu einer Sache der Händler und wir müssen schnellstens eine Lösung finden. Dieser verfluchte Orkkönig kostet uns eine Menge Geld, wenn er unseren Karawanen weiterhin die Durchreise verweigert. Und das wird er, wenn wir nichts tun!«, wetterte Zaydan.

»Klingt fast so, als hätte dieser Grimzhag das alles geplant …«, zischte der breitgesichtige Diener.

»Geplant? Ach, Blödsinn! Vermutlich hat er bei der Eroberung des Khuzbaathreiches lediglich Glück gehabt, du Trottel. So weit planen Orks doch nicht! Das ist völlig unmöglich!«, grollte der Kaufmann und schüttelte den Kopf.

»Trotzdem ist es ein großer Zufall, dass uns gerade der Sohn dieses Mazaukhäuptling jetzt derartig in die Suppe spuckt«, erwiderte Weng.

»Es ist Zufall! Allerdings ein verdammt unglücklicher Zufall! Wir müssen etwas unternehmen. Aber halte du dich da raus! Wir Händler werden uns demnächst zusammensetzen und darüber beraten, wie wir dieses Problem am besten lösen können«, knurrte Zaydan und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Groooh!«, stieß der Troll glücklich aus und tätschelte den Orktreiber neben sich mit seiner riesigen Klaue, wobei er ihm versehentlich fast das Genick brach. Die monströse, über drei Meter große Kreatur mit dem breiten, hässlichen Schädel und der dunkelgrauen Schuppenhaut, schnappte sich ein saftiges Stück Warnoxfleisch und schlang es knurrend herunter. Grimzhag grinste, während der Orktreiber froh war, dass ihn der hungrige Troll wieder losgelassen hatte.

»Das sind Riesenviecher, was?«, meinte der Krieger, der einen Dreizack mit langem Stil trug. Er sah den Häuptling der Mazauk erwartungsvoll an.

»Es sind über hundert dieser Kreaturen! Nicht schlecht!«, gab Grimzhag zurück und musterte die Masse aus Trollen, die seine Orks einigen Grünhautstämmen im Felssäulengebirge abgekauft hatten.

Trolle waren starke, widerstandsfähige Monster, deren Verstand kaum über dem eines Gnoggs lag. Die Orks und Goblins des Felssäulengebirges züchteten diese furchterregenden Wesen bereits seit einigen Zeitaltern und verwendeten sie als schlagkräftige Unterstützung auf dem Schlachtfeld. Grimzhag war der Ansicht, dass eine Einheit aus diesen Bestien seiner Armee ebenfalls gut tun würde.

»Groooh!«, machte der Troll neben dem Orktreiber erneut. Er sah das offenbar ähnlich.

Die hochgefährlichen Kreaturen, die in den Höhlen und Schluchten des Felssäulengebirges hausten und sich von allem ernährten, was ihnen in die Quere kam, wurden an schweren Eisenketten herumgeführt, denn es war einfach zu riskant, sie frei herumlaufen zu lassen. An die Treiber hatten sie sich inzwischen offenbar gewöhnt und machten ihnen nur wenige Probleme. Immerhin wurden sie von ihnen mit fettem Warnoxfleisch versorgt und so lange sie genug zu fressen bekamen, gab es keinen Grund, die Orks selbst zu verspeisen. Natürlich gab es gelegentlich auch Trolle, die etwas weiter vorausdenken konnten, und ihre Aufseher als zusätzlichen Nachtisch betrachteten, aber das war eben Berufsrisiko.

Heute hatten einige Dutzend Orktreiber eine große Anzahl der wilden Kreaturen etwas außerhalb von Chaar-Ziggrath zusammengetrieben, um sie Grimzhag vorzuführen. Dieser war begeistert und auch sein Freund Zugrakk starrte die Biester mit heraushängender Zunge an.

»Diese Investition hat sich gelohnt, Wütender. Hundert Trolle können eine ganze Menschenarmee in Angst und Schrecken versetzen. Diesen werden wir beibringen, wie man mit Äxten und Keulen umgeht. Das ist sehr effektiv gegen feindliche Reiter«, bemerkte der Orktreiber.

»Das kann ich mir gut vorstellen!«, grunzte Grimzhag verzückt.

»Die sehen echt gefährlich aus!«, murmelte Zugrakk und betrachtete eine Gruppe dämlich glotzender Trolle, die ihre gewaltigen, krallenbewehrten Klauen auf- und zuschnappen ließen.

»Sehr gut! Das ist eine nette Truppe, die sich auf dem Schlachtfeld sehen lassen kann«, meinte der Häuptling der Mazauk. »Wir gehen jetzt die Schmieden inspizieren, Zugrakk! Komm!«

Grimzhag verabschiedete sich von den Treibern und warf einen letzten, zufriedenen Blick auf die neue Trolleinheit seiner Horde. Dann ging er mit Zugrakk zu den Großschmieden der Khuzbaath, die sich im Süden von Chaar-Ziggrath befanden. Hier hatten die Orks bereits mit der Produktion von Waffen und Rüstungen begonnen, ganz wie es ihr König befohlen hatte. Jetzt qualmte und rauchte es überall in der Ebene von Ruuth und ununterbrochen wurden Schwertklingen, Axtblätter, Kettenhemden, Helme und sogar Gnoggharnische hergestellt. Es war eine hervorragende Idee gewesen, das Khuzbaathreich zu erobern, um anschließend dessen Infrastruktur zu nutzen. Das wurde Grimzhag in diesem Moment wieder bewusst. Es würde nicht mehr lange dauern, dann hatte er gegenüber allen anderen Orkstämmen eine Machtposition, die sich sehen lassen konnte.

Baudrogg der Zornige räkelte sich müde auf seinem Thron und gähnte gelangweilt vor sich hin. Der in die Jahre gekommene Orkhäuptling herrschte über die alte Stadt Morkfort am Fuße des Eisgebirges, südlich der Ebene von Ruuth, und war damit in gewisser Hinsicht Grimzhags Nachbar. Den aus der Steppe gekommenen Kriegsherrn, der das Reich der Khuzbaath erobert hatte, hatte Baudrogg bisher noch nicht persönlich kennengelernt, obwohl dieser ihn bereits mehrfach zu einer Audienz eingeladen hatte. Doch der Orkkönig hatte den Emporkömmling einfach ignoriert und seine Freude über das neu entstandene Reich im Norden seines Herrschaftsgebietes hielt sich nach wie vor stark in Grenzen. Genau wie viele der anderen Orkhäuptlinge, die im Süden der Dunklen Lande ihre Reiche hatten, stand auch Baudrogg dem Mazaukanführer mit einer Mischung aus Skepsis und Ablehnung gegenüber. Dass sich dieser seltsame Grimzhag offenbar tatsächlich für den Vereiniger der Orkstämme hielt, stieß nicht wenigen Häuptlingen sauer auf und die meisten von ihnen waren auf der Hut, denn man konnte nie wissen, wann der fremde Herrscher plötzlich seine Macht zu vergrößern gedachte.

Aber heute sorgte sich Baudrogg nicht um diese Dinge, denn sein Bauch war nach einem saftigen Mittagessen bis zum Anschlag gefüllt und von einigen Orkwachen am anderen Ende des schäbigen Thronsaals abgesehen, war niemand da, der ihn störte oder mit Nichtigkeiten belästigte. Brummend schloss er die Augen und war bald darauf eingeschlafen. Irgendwann hörte man nur noch sein leises Schnarchen, ansonsten war es vollkommen still in Baudroggs Thronhalle.

Das änderte sich jedoch nach einer Stunde erholsamen Schlafes, als plötzlich eine breitschultrige Grünhaut mit lautem Gepolter in den Saal hineingestürmt kam und den Häuptling aufweckte.

»Was ist denn los, Roak? Du stampfst hier rein wie ein Gnoggbulle! Wehe, es ist nicht wichtig!«, knurrte Baudrogg verärgert und hämmerte mit der Faust auf die Armlehne seines Thrones.

»Vergebung, Wütender! Ein Menschling! Draußen ist ein Menschling!«, schnaufte die Wache aufgeregt und sah ihren Herrn hilfesuchend an.

»Wie bitte? Was für ein Menschling?«, murrte der orkische Monarch.

»Er wünscht Euch zu sprechen, großer Baudrogg. Ein Menschling aus Manchin.

Da hinten aus diesem Reich da!«, erklärte der Orksoldat überfordert.

»Was hat ein Menschling hier zu suchen?«, grollte der Häuptling und stand auf.

Dann kam er auf die Wache zu und blieb knurrend vor ihr stehen.

»Rede endlich, Roak! Wer ist das und was will er?«

»Das…das will er Euch selbst sagen, mächtiger Brüller! Wir haben ihn in die Stadt gelassen und er wartet draußen vor Eurem Palast. Wir können ihn natürlich auch erschlagen, aber vielleicht ist es ja was Wichtiges.«

»Ist er allein?« Baudrogg war verwirrt.

»Ja!«

»Dann hole ihn rein! Vorwärts!«

»Zu Befehl, großer König!«

Der Häuptling, dessen Gesicht schon einige Altersrunzeln aufwies, kratzte sich nachdenklich an seinem hervorquellenden Bauch und sah dem Orkkrieger hinterher. Kurz darauf betrat ein freundlich lächelnder Mensch in einem langen Seidengewand den Thronsaal. Zwei bullige Orkwachen mit langen Speeren standen hinter dem seltsamen Gast und starrten grimmig auf ihn herab.

»Ich grüße Euch, mächtiger und gefürchteter Orkherrscher von Morkfort!«, sagte der schlitzäugige Mann und verneigte sich. »Mein Name ist Weng und ich komme im Auftrag des mächtigen Imperiums von Manchin. Dürfte ich Euch kurz sprechen, großer Baudrogg?«

Der Mensch beherrschte die Orksprache der Dunklen Lande beinahe akzentfrei, was Baudrogg und seine Orkwachen mehr als verdutzte. Mit weit aufgerissenen Augen sahen die verdutzten Grünhäute Weng an, während dieser demütig lächelte.

»Du kommst hier einfach in meine Stadt und hast keine Angst, dass wir dich gleich einen Kopf kürzer machen?« Der Orkkönig war überrascht.

Wortlos faltete der Manchine die Hände. Man konnte ihm keine Furcht ansehen.

Im Gegenteil – er schien genau zu wissen, was er wollte, und gab Baudrogg einen entschlossenen Blick zurück.

»Nein, erhabener Herrscher! Ich habe ein großartiges Angebot für Euch und ich bin sicher, dass es für den allmächtigen Baudrogg äußerst interessant sein wird.

Außerdem verkehre ich als manchinischer Diplomat mit allen Völkern Antariksas und habe keine Vorurteile gegenüber dem Orkvolk!«

»Aha!«, brummte der Häuptling mürrisch. Er wusste nicht, ob er das wirklich gut finden sollte. Immerhin gehörte es sich, dass man als Menschling zumindest ein bisschen Angst vor den Orks hatte.

»Der Kaiser von Manchin schickt mich in seinem Auftrag, um mit dem mächtigen Baudrogg zu verhandeln«, erläuterte Weng mit ernster Miene.

»Der Menschlingskaiser?«, quatschte eine der Orkwachen dazwischen.

»Schnauze, Arggrog! Ich habe dir nicht erlaubt zu sprechen!«, herrschte Baudrogg die hünenhafte Grünhaut an und diese schnaufte unterwürfig.

»Dann mach mir mal dein Angebot, Menschling! Ich bin gespannt! Wenn dich der Kaiser von Manchin schickt, dann wird es sicherlich interessant sein«, knurrte er dann.

Der Gast lächelte vielsagend und antwortete: »Das ist es ohne jeden Zweifel, großer König. Aber zunächst möchte ich Euch einen großen Sack voller Gold überreichen, den mir der göttliche Yuan-Han III. als Geschenk für Eure Hoheit mitgegeben hat …«

Die Abendsonne schickte ihre Strahlen durch die vielen kleinen Fenster unter der Decke und tauchte den Thronsaal, in welchem noch vor wenigen Sonnenzyklen der Großkönig der Khuzbaath residiert hatte, in ein orangerotes Licht. Grimzhag saß an einem breiten Tisch aus poliertem Schwarzholz, dessen Beine kunstvoll verziert waren, und betrachtete eine Karte seines Reiches. Soork, der Schamane der Mazauk, hatte sie ihm gezeichnet. Nun stand er schweigend neben dem König.

»Die Menschlinge nennen jene, die an Stelle des Königs über die Provinzen herrschen, Statthalter, nicht wahr?«, murmelte der junge Brüller und kratzte sich am Kinn.

»Dafür haben sie viele Namen. Manche nennen sie Statthalter oder Fürsten oder auch Mandarine. Jedenfalls hat jede Provinz ihren Verwalter, der zugleich den König vertritt und repräsentiert«, erläuterte Soork.

»Ich werde einige meiner Hordenführer zu Statthaltern machen. Hier! Ich habe mein Reich schon in Provinzen unterteilt!« Grimzhag deutete auf die Karte.

»Das sieht gut aus. Eine kluge Idee, Häuptling. Daran führt kein Weg vorbei, wenn man über ein größeres Gebiet herrschen will. Die alten Grauaugenkönige nannten ihre Stellvertreter in den Provinzen meines Wissens nach »Monroggs« – was so viel wie »Zweitkönige« bedeutete«, sagte der Geistesbegabte.

»Monroggs?« Der junge Herrscher sah zu seinem alten Freund auf. »Das hört sich gut an. So werde ich auch meine Fürsten nennen, in Anlehnung an die alten Zeiten.«

»Weißt du denn schon, wer die Provinzen deines Reiches verwalten soll?«, wollte Soork wissen.

Grimzhag bejahte die Frage mit einem leisen Brummen. Dann stand er auf und ging um den Tisch herum.

»Es sollen ausschließlich Grauäugige sein. Ich habe bereits einige meiner Hordenführer, die zu dieser Blutlinie gehören, ausgewählt, Schamane. Es ist mein Plan, eine neue Adelskaste aufzubauen, die mit mir über mein Reich herrschen soll.

Gewöhnliche Orks sind nicht dazu geeignet, ein Monrogg zu werden, und ich möchte es auch aus Prinzip nicht. Nur die Besten der Grünhäute sollen mich vertreten. Allerdings soll jeder meiner Fürsten eine Gruppe von Geistesbegabten wie dich als Berater haben. Somit können die beiden fähigsten Blutlinien unserer Art zusammen wirken und das Reich erblühen lassen«, sinnierte der Mazaukhäuptling.

»Ich kann dich nur noch bewundern, Grimzhag«, bemerkte Soork ehrfürchtig.

»Du bist ganz wie ein König der alten Zeiten. Was du hier erschaffen willst, hat es seit langer Zeit nicht mehr gegeben. Trotzdem mache ich mir oft große Sorgen um deine Sicherheit.«

»Warum? Hast du Angst, dass unser aller Traum vom Wiederaufstieg unserer Art mit meinem Tod enden wird?«, fragte Grimzhag und klopfte dem Schamanen mit der Klaue auf dessen dürren Oberarm.

»Du hast es erfasst! Genau das meine ich, kleiner Brüller. Du kannst Großes für uns Orks erreichen, wenn du lange genug lebst. Aber wie viele große Könige sind schon dem Neid ihrer eigenen Artgenossen zum Opfer gefallen. Wie viele mächtige Reiche sind zerfallen, weil ihre Gründer zu früh gestorben sind.«

»Ich werde mich bemühen, lange genug zu leben, um meine Mission zu erfüllen, Soork. Mehr kann ich nicht tun«, erwiderte Grimzhag.

Der in die Jahre gekommene Geistesbegabte entblößte seine Fangzähne zu einem freundlichen Lächeln. Dann kam er einen Schritt auf den Häuptling zu.

»Hüte dich vor unseren eigenen Leuten, junger Brüller. Behalte sie im Auge und sei immer wachsam. Das gilt für die Orks und die Menschlinge und auch alle anderen: Wer Erfolg hat, den verfolgt auch der Neid. Sei also niemals leichtgläubig und umgebe dich stets mit deinen Leibwächtern, Grimzhag. Vergiss das nicht!«, sagte Soork.

»Ich habe bereits einige der Grauaugen, die ich aus den Sklavenkellern der Khuzbaath befreit habe, dazu angehalten, die Augen und Ohren nach Verrat in den eigenen Reihen offen zu halten. Wer mir den Dolch in den Rücken treiben will, den werde ich ohne Gnade vernichten. Verrat an mir zu üben, bedeutet das gesamte Volk der Grünhäute zu verraten. Und niemand ist schlimmer und verachtenswürdiger als jener, der sein eigenes Volk verrät, Schamane«, knurrte Grimzhag. Wenig später verließ Soork den Raum wieder und ging in sein Gemach zurück. Sein junger Freund blieb noch eine Weile bei seiner Landkarte und versuchte, seinem Reich eine Verwaltungsstruktur zu geben.

Gärende Zwietracht

Mehrere Dutzend Planwagen kamen auf der Karawanenstraße zum Halten und Baudroggs Krieger folgten ihrem König zu den Menschen, die aus dem fernen Osten gekommen waren. Zwei Monate waren seit dem letzten Besuch der Manchinen vergangen und die Grünhäute waren gespannt, ob die Fremden ihre Versprechen auch wirklich eingehalten hatten. Weng, Zaydans rechte Hand, sprang als Erster von den Wagen herunter und setzte ein freundliches Lächeln auf. Baudrogg entblößte seine Fangzähne ebenfalls und wirkte äußerst neugierig.

»Wir haben alles dabei, großer Ork. Wie abgesprochen!«, sagte Weng und verneigte sich höflich.

»Sehr gut!«, lobte ihn Baudrogg.

»Wollt Ihr einen Blick auf die Waren werfen?«, fragte Zaydans Handlanger.

»Was ist mit dem Gold?«, unterbrach ihn der König von Morkfort.

»Drei große Kisten voller Goldmünzen. Ganz wie es der himmlische Kaiser versprochen hat – und natürlich die Waffen«, bemerkte Weng.

»Ich will die Sachen sehen!«, knurrte Baudrogg und schickte ein paar seiner Krieger los. Diese gingen zu den Planwagen und ließen sich von den anderen Händlern zuerst die Goldkisten zeigen. Dann warf auch Baudrogg einen Blick auf die vielen, strahlenden Münzen aus Manchin und grunzte zufrieden.

»Großartig!«, stieß er aus und klopfte Weng auf den Rücken.

»Auf das Imperium von Manchin kann man sich verlassen. Ihr seht also, Mächtiger, dass wir keine leeren Versprechungen gemacht haben«, meinte der schlitzäugige Mann aus dem Osten lächelnd.

»Guckt mal, Leute!« Ein bulliger Orkkrieger zog ein kunstvoll gearbeitetes Langschwert aus einem Haufen Waffen heraus und seine Augen leuchteten. Er freute sich wie ein kleiner Jungork.

»Nimm das, du Wurm!«, rief er fröhlich grunzend und fuchtelte mit der Waffe vor seinen Kameraden herum.

»Hör mit dem Quatsch auf, Gromph!«, schnauzte ihn Baudrogg an und legte ihm die Klaue in den Nacken. Weng und seine Begleiter sahen dem Treiben der Orks schweigend zu.

Nachdem die Grünhäute einige weitere Blicke auf die zahlreichen Schwerter, Hellebarde, Speere und Äxte geworfen und alles genau inspiziert hatten, ließ Baudrogg die Goldkisten in seinen Palast bringen. Die Karawane zog weiter in Richtung Morkfort.

Weng, der sich nach wie vor als Gesandter des manchinischen Kaisers ausgab, hatte sich mit Baudrogg für heute Abend verabredet, denn es gab noch einiges zu besprechen. Außerdem wollte der Manchine dem Orkkönig eine Reihe neuer Informationen über seinen Rivalen Grimzhag liefern. Dieser plante, so Weng, in naher Zukunft einen Feldzug gegen die Orkstämme der Dunklen Lande, um auch diese unter seiner Führung zu vereinigen. Das hatten einige Spione, die die Manchinen angeblich unter die Mazauk geschickt hatten, bereits herausgefunden.

»Es ist wichtig, dass Ihr ein Verteidigungsbündnis gegen König Grimzhag ins Leben ruft und euch gegen ihn verteidigen könnt. Ihr wisst, wie grausam und machthungrig dieser Ork aus der Steppe ist, Mächtiger«, betonte Weng gegenüber Baudrogg immer wieder und sicherte ihm weitere Waffenlieferungen und Goldkisten aus dem fernen Manchin zu. Und der Orkkönig von Morkfort glaubte ihm.

»Endlich normale Leute!«, lallte Zugrakk und schwankte um den langen Holztisch in der Mitte der Thronhalle herum, um sich dann auf den breiten Schultern einer angetrunkenen Orkwache abzustützen.

»Biste schon voll, hä?«, grunzte die Grünhaut und lachte so laut, dass selbst Grimzhag die spitz zulaufenden Ohren schmerzten.

»Näh! Ich kann noch was vertragen, Krumblok. Dat glaubste wohl …«, antwortete Zugrakk. Er schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Ha! Ha!«, bellte die Wache und ließ sich von einem Goblin einschenken.

Grimzhag nippte nur sporadisch an seinem Trinkhorn voller Pilzbier, bemüht nicht allzu schnell in den Zustand der Trunkenheit abzurutschen. Heute hatte er für die in seinem Palast lebenden Orkwachen und auch für die anderen Krieger des Mazaukstammes, die heute das Königshaus betreten durften, eine Menge saftiges Ruumphfleisch und natürlich Pilzbier organisiert. Er musste seine Leute bei Laune halten, nach all den Strapazen der letzten Zeit.

»Was ist, Kumpel? Du säufst ja gar nix!« Zugrakk stolperte auf seinen besten Freund zu, der am Ende des langen Tisches saß und dem fröhlichen Treiben mit der Sachlichkeit eines Grauaugenorks zusah.

»Doch, doch! Natürlich!«, erwiderte der junge Brüller und lächelte verhalten, um dann das Trinkhorn zu den Lippen zu führen. »Prost, Zugrakk!«

Der Krieger grinste so breit, dass ihm die Fangzähne fast aus dem Unterkiefer fielen. »He! He! Prost!«

Zugrakk kam schließlich noch etwas näher, stellte sich direkt neben Grimzhags Stuhl und nahm den Häuptling in den Arm, wie ein Jungork seine Cramogg.

»Du bist mein bester Freund, Snagschnauze! Ich habe dich so lieb, Grimzhag. Echt!«

»Ähem…ja…«, brummte der König und stieß Zugrakk sanft von sich weg.

»Du warst in der letzten Zeit manchmal echt komisch, Kumpel. Aber heute … heute biste wieder ganz der Alte. Mein Grimzhag, mein alter Kumpel!«, grunzte Zugrakk und tätschelte Grimzhags kahlen Orkschädel mit der Klaue.

»Ist gut jetzt …«, knurrte dieser verlegen.

Dann torkelte Zugrakk wieder davon und fing auch noch an zu singen. Er schnappte sich ein frisch gefülltes Trinkhorn und hob es in die Luft.

»Wir sind die Orks aus den Steppen! Wir hauen alle um, am liebsten Menschlingsdeppen!«, grölte er durch den Thronsaal.

Grimzhag verdrehte die Augen und würgte in kaum hörbarer Lautstärke. Soork, der Schamane, war heute nicht anwesend, denn er hielt nicht viel von derartigen Besäufnissen, die ihm viel zu primitiv waren.

»Grimzhaaag! Trink mit mir! Na, los!« Zugrakk schwankte wieder in Richtung seines nachdenklichen Freundes, während die übrigen Orks laut durcheinander schwatzten und sangen.

»Ja, sicher! Prost, mein Lieber!«, sagte der Häuptling und nippte noch einmal an seinem Trinkhorn.

»Heute wird nicht so viel gedacht und dafür mehr gesoffen, was? Heute wird gesoffen, bis die Steppe glüht. Ha! Ha!«, kicherte Zugrakk mit einem dümmlichen Leuchten in den roten Augen.

Der Mazaukhäuptling erhob sich und breitete die Arme aus. »Es gibt gleich noch eine Runde Ruumphfleisch, meine tapferen Krieger. Und natürlich noch mehr Bier!«, rief er dann.

Ein begeistertes Johlen war die Antwort. Grimzhag ließ sich wieder auf seinem Stuhl nieder und betrachtete schweigend seine Artgenossen. Dann öffnete sich die große Tür des Thronsaales und ein paar Goblins eilten mit weiteren Fässern voller Pilzbier herbei.

»Der Alte isser wieder! Er is wieder ein ganz normaler Ork! Endlich!«, freute sich Zugrakk, wobei er hinter der breiten Stuhllehne in Grimzhags Rücken herumtanzte. »Prost, ihr Snaghirne!«

»Prost, Zugrakk!«, sagte der Häuptling wieder einmal und hielt sich den Kopf.

Zaydan Shargut war mit der Arbeit seines Dieners zufrieden. Er streckte sich auf einer samtbezogenen Liege aus, immer wieder einen Schluck Wein schlürfend und ständig grinsend. Hier, im Zentrum von Kin-Weig, wo der Handel pulsierte und der Gewinn floss, besaß Zaydan nicht nur eine Vielzahl von Lagerhallen, sondern auch eine große, prunkvolle Villa mit Blick auf den wichtigsten Marktplatz der Stadt.

Draußen schrien und feilschten die Kaufleute und Karren rumpelten durch die Gassen, doch diese Geräuschkulisse war Musik in Zaydans Ohren. Es war der Klang emsigen Handels und der niemals ruhenden Suche nach Gewinn und Profit. Das liebte der Händler aus Berbia mehr als alles andere.

»Es war einfacher als ich gedacht habe, Herr. Dieser dämliche Orkkönig ließ sich verdammt leicht überzeugen. Die gelieferten Waffen und das viele Gold haben ihn sofort begeistert. Ich kann mir gut vorstellen, dass es uns gelingen wird, ihn eines Tages zum Krieg gegen Grimzhag zu bewegen«, erklärte Weng.

»Hervorragende Arbeit, mein Lieber. So gehört sich das!«, lobte Zaydan und strich sich über seinen schwarzen Bart.

»Du willst den Grünhäuten also noch mehr Waffen liefern, nicht wahr?« Der gedrungene Manchine kratzte sich am Kinn.

»Ja, natürlich! Ich habe noch eine weitere Ladung vorbereitet, aber das wird nicht alles sein. Es ist wichtig, dass dieser Baudrogg auch die anderen Orkhäuptlinge der Dunklen Lande zu einer Allianz gegen Grimzhag zusammenführt. Füttere ihn regelmäßig mit neuen Gerüchten über die angeblichen Kriegspläne dieses Mazaukkönigs. Wir hätten unsere Spione überall und so weiter. Wenn Baudrogg wirklich so leichtgläubig ist, dann kann er uns sehr dienlich sein«, bemerkte Zaydan.

»Unsere Karawanen lässt er ja inzwischen durch sein Reich ziehen – der Rest wird auch kein Problem sein. Diese Orks sind dumm und zugleich so kriegerisch, dass man sie schnell gegeneinander hetzen kann«, sagte Weng.

»Richtig! Und genau das habe ich vor. Wenn man mit fremden Völkern zu tun hat, muss man verstehen, wie sie denken. Das ist auch beim Handeln das Wichtigste. Fühle dich in die Seele deines Gegenübers ein und erzähle ihm, was er hören will. Dann sprudelt der Gewinn! Eine uralte Weisheit der berbischen Kaufleute«, lachte der Großhändler.

Sein Gehilfe nickte und verbeugte sich. Dann machte er Anstalten, den luxuriös ausgestatteten Raum wieder zu verlassen, doch sein Herr rief ihn zurück.

»Warte noch! Ich hätte da noch etwas, mein Lieber.«

Der gelbhäutige Manchine drehte sich um. »Aha?«

»Du wirst noch eine weitere Reise machen, Weng!«

»Noch eine?«

»Ja, in die östlichen Steppen.«

»Warum das denn?«

Zaydan grinste. »In den östlichen Steppen befindet sich das Reich des berüchtigten Grashrakk Khan, des mächtigsten Hobgoblinhäuptlings. Du hast sicherlich schon von ihm gehört, oder?«

Weng nickte mit skeptischem Blick und sein Herr fuhr mit seinen Ausführungen fort.

»Du wirst Grashrakk Khan aufsuchen und einen ersten Kontakt zu ihm herstellen. Natürlich wirst du nicht mit leeren Händen, sondern mit einigen Säcken voller Gold kommen. Da dieser Grimzhag offenbar einen großen Einfluss in den westlichen Steppen gewonnen hat, kann ich mir gut vorstellen, dass Grashrakk davon nicht übermäßig begeistert ist«, erläuterte Zaydan und winkte seinen Handlanger noch etwas näher heran. Weng folgte der Aufforderung augenblicklich und der schwarzhaarige Kaufmann hob den Zeigefinger.

»Hör gut zu, was ich dir jetzt sage …«, flüsterte er und der Manchine beugte sich zu ihm herab.

Erschrocken wich der grünhäutige Krieger zurück und fummelte nervös an seinem Brustpanzer aus gehärtetem Leder herum. Grimzhag war mit einem gewaltigen Satz aus seinem Thron gesprungen und kam nun schnellen Schrittes auf den Kundschafter zu. Knurrend starrte er umher und ballte die Faust.

»Ist das wirklich wahr?«, brüllte er zornig.

Sofort senkte der Ork den Blick zu Boden. »Ja, Wütender! Ich und einige andere Krieger haben es gesehen …«

»Baudrogg, dieser Gnoggschädel, lässt die Karawanen der Menschlinge durch sein Reich nach Westen ziehen?«, grollte Grimzhag.

»Wir sind uns ganz sicher, übellaunige Faust!«, antwortete der Orksoldat und versuchte, nicht in den sich langsam ausbreitenden Dunstkreis von Grimzhags Wut zu kommen.

»Das ist Verrat! Verrat am Volk der Orks! Dieser verfluchte Wurm!«, wetterte der junge Brüller und fletschte die Zähne wie eine angriffslustige Steppenkatze.

Das besänftigende Wippen mit dem Oberkörper und das darauffolgende Grunzen des Kriegers half nicht viel, denn jetzt war der Orkkönig richtig zornig.

»Die Menschlingshändler haben Baudrogg bestochen, so dass er es erlaubt hat …«, stammelte der Krieger.

»Goffrukks Keule! Das kann ich mir selbst zusammenreimen, Schwachkopf! Das ist ein feindseliger Akt, der unserem ganzen Volk schadet! Wer mit den Menschlingen paktiert, ist weniger wert als ein verschimmelter Haufen Fleisch!«, schrie Grimzhag.

Das wütende Gebrüll des jungen Königs hatte Soork auf den Plan gerufen, der in einem Raum direkt über dem Thronsaal ein Nickerchen gemacht hatte. Verstört kam der Schamane ins untere Stockwerk, um nach dem Rechten zu sehen. Inzwischen konnte man Grimzhags Gezeter in ganz Chaar-Ziggrath hören.

»Was ist passiert?«, rief Soork mit besorgter Miene und kam in die Halle gestürmt. Sofort traf ihn Grimzhags wütender Blick wie ein geschleuderter Speer.

»Die Karawanen der Menschlinge ziehen jetzt durch Baudroggs Reich, Schamane!«, erklärte der Anführer der Mazauk.

»Das war zu erwarten!«, war alles, was Soork dazu sagte.

»Was?«, fauchte ihm Grimzhag entgegen.

»Es war zu erwarten, dass die Menschlingshändler einen Weg finden, ihre Waren auch weiterhin nach Westen zu transportieren. Für wie dumm hast du sie denn gehalten, junger Brüller?«

Mit dieser Antwort hatte Grimzhag nicht gerechnet und für einen kurzen Moment wirkte er fast beleidigt. Derweil fuhr der Geistesbegabte fort: »Die Händler werden sich mit Baudrogg geeinigt haben. Sicherlich haben sie ihm einen großen Haufen Gold gegeben und sich damit das Recht erkauft, durch sein Gebiet reisen zu dürfen. Du kannst nichts dagegen tun, Häuptling. Wie gesagt, mich überrascht diese Nachricht nicht.«

Ein wütendes Heulen hallte durch den Thronsaal und Grimzhag stampfte in einem Anfall von Enttäuschung und Jähzorn auf.

»Baudrogg ist ein Verräter am Orkvolk! Ich sollte ihm mit meinen Kriegern zeigen, was es bedeutet …«, knurrte der Orkkönig.

Soork hob die Klaue und schrie dazwischen. »Jetzt reicht es aber! Wir brauchen ein gutes Verhältnis zu den Orks im Süden der Dunklen Lande. Du musst Baudroggs Verhalten akzeptieren und wirst auf keinen Fall einen Krieg riskieren, nur weil dieser Kerl die Menschlingshändler durch sein Reich ziehen lässt. Das wäre die größte Dummheit!«

»Aber er ist ein Verräter …«, schimpfte Grimzhag, wobei er schon wieder etwas leiser wurde.

»Von einem Grauaugenork erwarte ich vorausschauendes Denken«, mahnte der Schamane. »Du wirst Baudrogg ignorieren und dich nicht in Dinge einmischen, die außerhalb der Grenzen deines Reiches geschehen und dich deshalb auch nichts angehen.«

Der vor dem fein gekleideten Mandarin stehende Kaufmann aus Berbia verbeugte sich mehrere Male, genau wie sein Diener Weng, welcher bemüht war, den Adeligen bei Laune zu halten. Qin-Wang hingegen wirkte gelangweilt, hatte er doch vom Himmelskaiser den Auftrag bekommen, bei Zaydan Shargut nachzufragen, ob das Problem der von den Orks gesperrten Handelsstraßen gelöst sei. Dafür hatte der kaiserliche Beamte extra den weiten Weg nach Kin-Weig antreten müssen, um Shargut in seiner Villa aufzusuchen. Sein Gastgeber selbst hatte sich heute in ein langes Seidengewand mit weiten Ärmeln gekleidet. Um den dicklichen Bauch trug Zaydan einen breiten Gürtel aus schwarzem Leder mit einer goldenen Schnalle, in dem ein berbischer Zierdolch aus Silber steckte. Auf dem Kopf trug der Händler einen überdimensionalen Hut aus hellbraunem Filz mit einer riesigen, lilafarbenen Feder. Um den kurzen, braunen Hals des Kaufmanns hingen außerdem sechs teure Goldketten verschiedenster Art.

Es sei wichtig, dem Mandarin wie ein Edelmann entgegenzutreten, hatte Zaydan seinem Diener Weng im Vorfeld dieses Treffens erklärt. Immerhin war er eine wichtige Persönlichkeit mit einem prallen Geldbeutel, die sich auch vor einem Beamten des Kaisers nicht zu verstecken brauchte. Dennoch war es sinnvoll, Qin-Wang nicht zu verärgern und ihm das zu erzählen, was er hören wollte.

Der Gast trug die traditionelle Kleidung eines Mannes aus dem manchinischen Hochadel, ein ebenfalls sehr langes, purpurrotes Gewand, das mit diversen Tiermustern und verschnörkelten Symbolen bestickt war. Qin-Wangs ausrasierte Stirn glänzte in der Mittagssonne, die ihre warmen Strahlen durch das Dachfenster in Zaydans Arbeitszimmer schickte. Am Hinterkopf des Manchinen fiel ein langer Zopf die Schultern herab.

»Dann habt Ihr das Problem also bereits gelöst, oder wie?«, fragte Qin-Wang mürrisch und starrte Zaydan mit seinen grünen Augen an.

»Wir sind dabei, eine dauerhafte Lösung zu finden, werter Mandarin«, antwortete Zaydan. »Die Karawanen können inzwischen wieder bis nach Aurania und in die Wüstenländer Suzlans reisen. Und ich hoffe, dass es so bleibt.«

»Hat sich dieser Orkkönig bestechen lassen?«, brummte Qin-Wang

»Nun, dieser Grimzhag bleibt nach wie vor hart. Aber wir haben die Handelswege einfach umgeleitet – durch das Reich eines anderen Orkhäuptlings«, mischte sich Weng ein. Zaydan befahl ihm, den Mund zu halten und lächelte dem Verwalter der Provinz Benxij zu.

»Ja, so ist es, Ehrwürdiger«, sagte er dann.

Der Mandarin stöhnte auf, als ob ihm dieses Gespräch mehr als uninteressant vorkäme. Mit einem unwilligen Brummen antwortete er: »Der Himmelskaiser würde gerne noch einige weitere Informationen über dieses neue Orkreich haben.

Ich persönlich halte dies zwar für unwichtig, aber wenn es der Göttliche wünscht, dann soll es so geschehen. Könnt Ihr mir da behilflich sein, Berbianer?«

»Selbstverständlich, edler Qin-Wang. Der Sohn des Himmels kann stets auf die Hilfe der berbischen Kaufleute zählen. Und vor allem auf meine! Wir werden uns weiter umhören und alles über diesen Grimzhag herausfinden«, versprach Zaydan.

»Möchte der verehrte Qin-Wang noch etwas Wein?«, mischte sich Weng noch einmal ein.

Der Mandarin winkte ab und sah an dem untersetzten Manchinen vorbei. Dann deutete er herrisch auf Zaydan.

»Dann kann ich davon ausgehen, dass das Problem der versperrten Handelswege von Euch gelöst worden ist?«

»Ja, gnädiger Herr!«, erwiderte der Kaufmann nach einer kurzen Pause.

»Und diesen lächerlichen Orkkönig behaltet Ihr auch im Auge?«, schob Qin-Wang nach.

»Auf jeden Fall, gnädiger Herr!«

»Gut, dann kann ich ja jetzt wieder gehen und zurück nach Cheng-Ho reisen, um mich mit wichtigeren Dingen zu befassen, nicht wahr?«, bemerkte der Beamte kalt.

»Wie Eure Exzellenz wünschen«, katzbuckelte Zaydan.

»Auf Wiedersehen!«, sagte Qin-Wang barsch und verließ den Raum, ohne sich noch einmal umzudrehen.

»Ja, verschwinde nur, du alberner Großkotz«, zischelte Zaydan seinem Gehilfen ins Ohr und grinste bösartig. »Ich kümmere mich schon um diese grünhäutige Brut und ihren verlausten Steppenkönig. Darauf kannst du dich verlassen.«

Soork war nach Chaar-Ziggrath gekommen, damit er Grimzhag bei einigen wichtigen Fragen als Berater zur Verfügung stehen konnte. Heute waren die beiden in der ehemaligen Hauptstadt des Khuzbaathreiches unterwegs, um sich den befreiten Grauaugenorks zu widmen. Es waren mehrere Hundert, die in den Sklavenkellern der Zwerge aufgewachsen und von diesen sogar gezielt vermehrt worden waren. Das kam dem jungen Orkkönig jetzt zu Gute, denn auch er plante Ähnliches.

Inzwischen unterzog man die Grauaugenorks täglich einem harten Drill und einige der großen, gepflasterten Plätze im Herzen von Chaar-Ziggrath wurden dafür als Übungsplätze genutzt. Hier lernten die Grauaugen den Schwertkampf, schleuderten Speere auf Strohsäcke, die an Holzgestellen hingen, oder wurden in den Grundlagen militärischer Taktik geschult.

»Wie schön sie sind, meine starken Edelorks. Der neue Adel meines Reiches, die zukünftigen Rottenführer meiner Armee«, schwärmte Grimzhag und betrachtete einige Dutzend Grauaugen, die sich im Ringkampf übten.

Es waren beeindruckende Gestalten, hochgewachsen, mit langen, muskelbepackten Armen und breiten Schultern. Ihre graugrüne Haut glänzte in der Sonne und ihre großen Klauen konnten gehörig zupacken.

»Es ist ein Segen, dass gerade die Kleinwüchsigen um den Wert der Grauaugen gewusst hatten. Sie hielten sie als Elitesklaven und wir werden sie jetzt sowohl als Elitekrieger als auch als Verwalter des Reiches einsetzen können«, bemerkte Soork nüchtern.

»So soll es sein, Schamane!«, stieß Grimzhag begeistert aus. »Aber noch sind es zu wenige. Wir brauchen viel mehr von ihnen und deshalb sollen sie sich so schnell es geht vermehren.«

Einer der grauäugigen Ausbilder kam zu seinem König und dem Geistesbegabten hinübergelaufen und verbeugte sich mit einem respektvollen Brummen.

»Ich hoffe, Ihr mögt, was Ihr seht, Wütender!«, knurrte er mit tiefer Stimme.

Grimzhag zeigte die Fangzähne und lächelte. »Es ist ein erhabener Anblick.«

»Wir werden heute noch den Kampf mit Axt und Schwert trainieren, Gebieter. Heute Abend werde ich den jungen Kriegern die von Euch erdachten Kampfformationen lehren. Es vergeht kein Tag ohne Drill. Ich erspreche Euch, dass wir diese Orks zu furchtbaren Waffen schmieden werden, denen kein Feind auf dem Schlachtfeld trotzen kann«, sagte der hünenhafte Krieger und seine hellen Augen leuchteten erwartungsvoll.

»Ich bin sehr zufrieden, Ausbilder Rogorg!«, gab Grimzhag zurück und stampfte auf, um zu zeigen, dass er es auch wirklich so meinte.

»Nun sollen meine Soldaten antreten, denn ich will ihnen einen neuen Befehl geben!«, fuhr der Häuptling fort.

Der Ausbilder rannte augenblicklich zu den anderen Orks zurück und rief sie zusammen. Es dauerte nur einen kurzen Moment, da waren sie auch schon in Reih und Glied vor ihrem König angetreten. Starr blickten sie geradeaus, während Grimzhag auf sie zu stolzierte.

»Ist es das, was ich denke?«, fragte Soork und kicherte.

»Ja!« Sein junger Freund grinste zurück und musterte dann die grauäugigen Kämpfer.

Sie standen da wie eine Wand aus grüngrauen Muskeln, wie ein Bollwerk der Entschlossenheit. Die meisten von ihnen trugen lediglich einen ledernen Lendenschurz oder ein schmutziges Leinenhemd. Gespannt warteten sie auf die Anweisungen des Orks, den sie noch immer als Befreier verehrten und dem sie Gefolgschaft geschworen hatten.

»Meine Krieger aus bestem Orkblut!«, rief Grimzhag und machte einige theatralische Gesten. »Die Paarungszeit ist angebrochen und ich erwarte vor allem von euch, dass ihr eure Pflicht beim Wiederaufstieg des Orkvolkes tut!«

Die breitschultrigen Grauaugen gaben keinen Ton von sich und starrten den jungen Brüller weiterhin grimmig an.

»Morgen werden die Tore des neuen Cramoggviertels von Chaar-Ziggrath geöffnet, um die Krieger zu den Andersgeschlechtlichen zu lassen, auf dass die große Zeugung beginnen kann! Für euch Grauaugen sind bereits jene Cramogg ausgewählt worden, die Orks von eurem Blut ausbrüten können. Es ist daher eure heilige Pflicht, so viele dieser edlen Cramogg wie nur möglich zu begatten. Es ist bereits alles vorbereitet und nun müsst ihr nur noch zur Tat schreiten!«, proklamierte Grimzhag und gestikulierte herum.

»Zu Befehl!«, antworteten die Elitekrieger im Chor und verzogen dabei keine Miene. Anschließend gingen sie wieder zurück auf den Übungsplatz und machten mit ihren Ringkämpfen weiter.

»Ein ganz schön humorloser Haufen, deine neuen Sturmtruppen«, bemerkte Soork.

»So sind sie eben. Man darf nicht vergessen, dass sie schwere Zeiten hinter sich haben. Sie verehren mich und gehorchen mir blind. Sie gehorchen mir genauso wie den Sklaventreibern der Khuzbaath. Aber ich will sie nicht als Sklaven haben, sondern als eigenständig denkende Kampfgefährten«, meinte Grimzhag.

»Das ist ein weiser Gedanke, mein Freund. Diese Orks sind viel zu wertvoll, um lediglich willenlose Diener zu sein, Häuptling. Eines Tages sollen einige von ihnen selbstständig führen und verwalten können. Dafür aber muss man ihnen das eigenständige Denken anerziehen«, sagte der Geistesbegabte.

Sein grauäugiger Freund brummte zustimmend und sah seinen imposanten Kämpfern noch eine Weile zu.

Weng stieg von seinem Pferd und betrachtete die Hobgoblins, welche ihn misstrauisch anstarrten oder ihm herabwürdigende Blicke schenkten. Doch daran hatte er sich längst gewöhnt, denn das war beim ersten Zusammentreffen mit Grünhäuten normal. Menschen standen sie eben mit Abneigung gegenüber und das beruhte auf Gegenseitigkeit.

»Wer bist du, Menschling?«, zischte ein hagerer Hobgoblin und hob drohend die Klaue.

»Mein Name ist Mung-Ho, ich bin ein Gesandter des Kaisers von Manchin«, antwortete Weng mit ausdrucksloser Miene. »Bitte führt mich zum allmächtigen Grashrakk!«

»Ein Gesandter des Kaisers?«, wunderte sich der Wachsoldat. »Was willst du von uns?«

»Ich glaube kaum, dass ich diese Frage einem gewöhnlichen Krieger beantworten muss, wenn ich den großen Grashrakk zu sprechen verlange. Oder wie sieht das euer Gebieter?«, gab der Manchine nüchtern zurück.

»Folge mir!«, knurrte der Hobgoblin missmutig und führte Weng durch die Zeltstadt, in deren Mitte der Steppenkönig residierte. Es dauerte nicht lange, da stand Zaydans Diener vor der riesenhaften Palastjurte des Grashrakk.

Hier wurde er bereits von einigen Dutzend Hobgoblinkriegern mit Speeren und Schilden erwartet. Weng ignorierte ihre unfreundlichen Blicke und ihr bösartiges Gezischel und verlangte Grashrakk sofort zu sprechen.

Schließlich wurde er durch ein langgezogenes Zelt geführt, das aus unzähligen, bemalten Tierhäuten angefertigt worden war. Kurz darauf stand er vor dem Khan, umringt von zahlreichen, neugierigen Hobgoblins. Der Steppenfürst scheuchte die anderen Grünhäute mit einer kurzen Handbewegung fort und lediglich zwei Wachen blieben zu beiden Seiten seines Throns bei ihm.

Der mächtigste Stammesführer der östlichen Steppen stand auf und sah mit einem listigen Lächeln auf Weng herab. Seine spitzen Zähne wurden entblößt und Grashrakks rötliche Augen leuchteten erwartungsvoll. Der Hobgoblin hatte ein schmales, längliches Gesicht mit einer spitzen, leicht nach unten gebogenen Nase.

Einen gewöhnlichen Goblin überragte er um mindestens einen Kopf. Die Grünhaut war in ein dunkelrotes Gewand gehüllt, das offenbar einst einem Menschen gehört hatte, und trug einen langen Umhang aus Ruumphfellen. Mehrere Goldketten und Gnoggzähne hingen um seinen dürren, runzligen Hals und rundeten das Bild eines zwielichtigen Banditenkönigs aus der Steppe vollständig ab.

»Was ist?«, fragte Grashrakk.

»Mein Name ist Mung-Ho und ich komme im Auftrag des Kaisers von Manchin. Ich habe Euch ein Geschäft vorzuschlagen, mächtiger Herr der östlichen Weiten!«, antwortete Zaydans Gehilfe etwas unsicher.

»Der Menschlingskaiser schickt dich? Aha!«, brummte Grashrakk und machte den Eindruck, als ob er seinem Gast keinen allzu großen Glauben schenken würde. Aber da die Hobgoblins selbst nicht sonderlich oft die Wahrheit sagten, war das nicht ungewöhnlich.

»Also?« Der Stammesfürst grinste hämisch.

»Ihr wisst sicherlich vom neu entstandenen Reich des Grimzhag im Westen, nicht wahr?«, sagte Weng.

»Selbstverständlich!«, zischte Grashrakk.

»Dieser Orkhäuptling, der sich selbst als König aller Orks bezeichnet, herrscht nicht nur über ein großes Stück Steppenland, sondern auch über das ehemalige Reich der Khuzbaath im Norden der Dunklen Lande...«, erläuterte der Manchine.

»Das habe ich inzwischen gehört. Komm auf den Punkt, Menschlingsbote!«, drängte der Khan barsch.

Weng hob den Blick. »Dieser Grimzhag plant die Eroberung der gesamten Steppe und will alle Grünhautstämme unterwerfen. Weiterhin überfallen seine Krieger die Karawanen, die aus Manchin nach Westen reisen. Das erzürnt nicht nur die manchinischen Kaufleute, sondern auch den göttlichen Kaiser selbst.«

»Und was gehen mich eure Karawanen an, Menschling?« Grashrakk stieß ein gelangweiltes Fauchen aus.

»Nichts!«, erwiderte sein Gast kalt.

»Also?«

»Aber wenn Euch Grimzhag mit seinen Horden überfällt, dann geht Euch das schon etwas an, oder?«

»Ich kenne diesen Ork nicht – noch nicht. Aber warum sollte er das tun? Wir haben keinen Krieg mit ihm, Menschling.«

»Glaubt mir oder lasst es bleiben, wir Manchinen haben unsere Spione im Stamm der Mazauk und wissen mehr als Ihr. Grimzhag gelüstet es nach noch mehr Macht und er schielt auf die östlichen Steppen, großer Khan.«

»Manchinische Spione laufen durch das Lager eines Orkstammes. Hältst du mich für dämlich, Menschling?«

»Orkische Spione, die wir bezahlen. Was glaubt Ihr denn, Steppenfürst?«, gab Weng zurück.

»Dann schlage dein Geschäft vor und verschwende nicht weiter meine Zeit, Gelbhaut!«, knurrte der Khan und setzte sich wieder auf seinen Thron.

»Wir sind bereit, Euch viel Gold und Silber zu geben, wenn Ihr Grimzhag ausschaltet. Beseitigt ihn und erhaltet dafür eine reiche Belohnung«, sprach der Manchine.

Grashrakk kicherte leise. »Warum schickt ihr nicht die kaiserliche Armee gegen diesen Orkkönig?«

Zaydans Diener stockte für einen Augenblick und legte seine breite Stirn in Falten. Er überlegte krampfhaft, was er dem Khan jetzt antworten sollte. Dass dieser ihm nicht traute, war mehr als offensichtlich.

»Der Kaiser hat keine Zeit, sich um irgendwelche Steppenorks zu kümmern und deshalb seine Heere durch die Einöde zu schicken. Dafür gibt es Gold und Silber, großer Khan.«

Der Hobgoblinkönig stand erneut auf und verschränkte die Arme vor der Brust. Sein stechender Blick ging auf Weng hernieder und sein feistes Grinsen zeigte eine Reihe spitzer, gelber Zähne.

»Zeig mir zuerst dein Gold, Menschling. Wenn du kein Gold mitgebracht hast, dann kannst du sofort wieder gehen und die Unterredung ist beendet. Ist das klar?«, knurrte Grashrakk.

Weng grinste zurück. »Ich habe Gold dabei. Oder glaubt Ihr vielleicht, dass der göttliche Himmelskaiser seine Gesandten mit leeren Taschen losschickt?«

Grashrakk Khan

Feuerrote Säulen trugen die prunkvolle Halle am Rande der Verbotenen Stadt, der kaiserlichen Residenz im Herzen der manchinischen Metropole Kaifeng. Die glatten, cremefarbenen Wände waren voller Malereien und vergoldeter Verzierungen. Überall standen hohe Vasen aus feinstem Porzellan auf kleinen Podesten aus weißem Marmor. Diese waren wiederum mit Bildern aus der glorreichen Geschichte und Mythologie Manchins geschmückt. Doch diese Halle war lediglich eines der weniger prunkvollen Gewölbe in der Verbotenen Stadt und gehörte nicht einmal zum eigentlichen Kaiserpalast, zu dem Nichtadelige oder niedere Beamte der manchinischen Bürokratie keinen Zutritt hatten.

Hier wurden ausschließlich Gäste von auswärts begrüßt, was nichts daran änderte, dass Zaydan heute von keinem Geringeren als dem Himmelskaiser selbst empfangen wurde. Der Berbianer hatte Yuan-Han III. noch nie zuvor mit eigenen Augen gesehen. Dass ihn der Imperator persönlich zu sprechen wünschte, zeigte seinen in letzter Zeit gewachsenen Einfluss unter den manchinischen Händlern.

Der ansonsten so selbstbewusste Kaufmann aus Kin-Weig wirkte an diesem Tag wie ein kleiner Wurm, der von göttlicher Pracht umgeben war. Zwei manchinische Palastwachen führten ihn in eine weitere Halle, in deren Zentrum ein Podest aus rotem Marmor mit einem goldenen Thron darauf stand. Einige Würdenträger in edlen Seidengewändern und mit einer Vielzahl seltsamer Kopfbedeckungen erwarteten den einflussreichen Großhändler bereits und kamen auf ihn zu, sobald die beiden Wachen das Portal geöffnet und Zaydan hineingelassen hatten.

»Der Göttliche wird jeden Augenblick erscheinen. Wagt es nicht, ihn anzusehen, und werft Euch frühzeitig vor ihm auf den Boden. Ihr dürft nur kniend mit seiner Majestät sprechen und nur antworten, wenn es der Sohn des Himmels gestattet!«, erklärte einer der kaiserlichen Beamten.

Zaydan hielt den Atem an und starrte nervös auf die breiten Eingangstüren am anderen Ende der Halle, die sich langsam öffneten und den Blick auf einen hell erleuchteten Gang freigaben. Dutzende von Männern in wallenden Roben und einige Palastwachen kamen herein – und schließlich der Kaiser selbst. Yuan-Han III. trug ein sehr langes, ockergelbes Seidengewand und eine gewaltige Krone auf dem Kopf. Seine Kopfbedeckung erinnerte an einen mit zahllosen Rubinen geschmückten Baumwipfel aus purem Gold.

Sofort warf sich Zaydan vor dem roten Marmorpodest auf den nach Rosenblüten riechenden Boden und kauerte sich demütig zusammen. Derweil schritt der Kaiser eine Treppe hinauf und ließ sich auf seinem Thron nieder. Seine Schritte wurden von einem hohen Beamten laut mitgezählt, denn mehr als hundert Schritte am Tag konnten dem Göttlichen nicht zugemutet werden. Er lag jetzt bei 71, wie Zaydan hörte.

»Er soll sprechen! Ich möchte alles über jene Orks hören, die unsere Kaufleute schikanieren«, sagte Yuan-Han III. zu einem seiner Beamten und dieser sprach Zaydan daraufhin direkt an.

Der berbische Händler signalisierte, dass er verstanden hatte, und begann mit seinem Bericht. »Ein unbekannter Orkhäuptling aus dem Norden hat vor einiger Zeit mehrere Grünhautstämme unter seiner Führung vereint und ein Reich in den westlichen Steppen gegründet. Zudem hat er das Land der Khuzbaath erobert und dieses Zwergenvolk vernichtet. Da die große Handelsstraße durch das ehemalige Khuzbaathreich verläuft, kam es daraufhin zu Zwischenfällen, denn die Orks haben unsere Karawanen nicht mehr durch ihr Gebiet reisen lassen, göttlicher Sohn des Himmels!«

»Der allmächtige Kaiser verlangt den Namen dieses frechen Orkhäuptlings!«, rief der Beamte neben dem Imperator.

»Grimzhag, Göttlicher! Dieser Ork heißt Grimzhag und ist vom Stamme der Mazauk!«, antwortete Zaydan so schnell er konnte.

Yuan-Han III. flüsterte seinem Diener etwas ins Ohr und dieser gab zurück: »Der Größte aller Imperatoren wünscht nicht, mit Details gelangweilt zu werden. Er hat lediglich den Namen des Orks wissen wollen.«

»Ich bitte untertänigst um Vergebung, Sohn des Himmels!«, stammelte Zaydan.

Dann erhielt der Kaufmann die Erlaubnis, noch einige Dinge zu erläutern. Er erklärte dem Kaiser, dass die Karawanen inzwischen durch das Gebiet des weiter südlich gelegenen Orkreiches von Morkfort reisten und man sich mit dem dortigen König geeinigt habe. Damit betrachtete der Himmlische das Problem als erledigt.

»Der allmächtige Yuan-Han III. lobt Euren Eifer bei der Beseitigung der vorausgegangenen Schwierigkeiten, Zaydan Shargut. Er möchte in Zukunft jedoch nichts mehr von diesem Orkhäuptling und seinem sogenannten »Reich« hören. Derartige Unwichtigkeiten liegen zu nahe am Boden, als dass sie vom Blick des Göttlichen, der stets auf den Himmel gerichtet ist, noch gestreift werden könnten!«, rief der Beamte zur Rechten des Imperators.

Anschließend wurde Zaydan wieder von zwei Wachen aus der Halle und schließlich aus dem Gebäude geführt. Hinter ihm wuchs der gigantische Kaiserpalast in den Himmel und es wurde Zaydan in diesem Moment bewusst, wie unbedeutend er doch war. Allerdings benötigte auch der mächtigste Herrscher immer wieder neues Gold. Wer diese Tatsache missachtete, war ein Narr.

Grimzhags »Palast« in der Steppe wäre in der Verbotenen Stadt von Kaifeng vermutlich kaum mehr als ein unwichtiges und zudem recht hässliches Nebengebäude gewesen. Dennoch war der junge Brüller immer wieder stolz, wenn er durch seinen Thronsaal ging und die bunten Gemälde und zahlreichen Trophäen an den Wänden betrachtete. Rund um sein Herrscherhaus wuchs die von ihm gegründete Stadt Karokum langsam an. Zwar hätte er auch in Chaar-Ziggrath bleiben und sich dort seinen Hauptsitz einrichten können, doch drängte ihn sein Ehrgeiz dazu, selbst eine Stadt erbauen zu lassen. Was die alten Grauaugenkönige gekonnt hatten, konnte er auch. Das betonte er wieder und wieder.

Die Baukünste der gewöhnlichen Orks hielten sich jedoch noch immer in Grenzen und bei den Steppenstämmen, die eigentlich in Zelten lebten, war das besonders signifikant. Aber eine paar Grünhäute aus den Dunklen Landen waren bereits als Berater vor Ort und zeigten den Mazauk, wie man Häuser errichtete. Auch wenn diese Gebäude noch klobig und nicht selten schief aussahen, so liebte Grimzhag bereits jedes einzelne von ihnen. Die Orkbaumeister waren meistens Geistesbegabte oder Grauaugen. Vor allem die in Chaar-Ziggrath befreiten Grauaugensklaven hatten ein reiches Wissen über die Kunst des Bauens. Inzwischen ärgerte es Grimzhag allerdings, dass seine Krieger sämtliche Khuzbaath erschlagen und nicht wenigstens die Handwerker unter ihnen verschont hatten, denn die Kleinwüchsigen waren den Grünhäuten in der Baukunst um Längen voraus. Aber dafür wirkten die langsam wachsenden Gebäude Karokums jetzt sehr traditionell und orkisch. Also bräuchte man die anderen Völker nicht und könne alles allein machen, meinte Grimzhag. Das Ganze war nur eine Frage des Willens und der Organisation.

Wenn der junge Brüller nicht gerade die von Soork gezeichnete Weltkarte Antariksas studierte oder sich mit der Ordnung seines Reiches befasste, schlenderte er über die Baustellen von Karokum und ließ sich bei den Arbeitern sehen. Die meisten von ihnen waren Goblins, die fast ohne Pause schufteten und ackerten. Allerdings dienten sie Grimzhag nicht als Sklaven und der Häuptling achtete darauf, dass ein jeder Snag, so unbedeutend er auch erscheinen mochte, immer mit einer ausreichenden Menge Fleisch und frischem Wasser versorgt wurde.

»Eure Werke wird man noch in Jahrhunderten bewundern«, erzählte er den verschwitzten und vor Anstrengung keuchenden Goblins, wenn er ihre Arbeit inspizierte.

Und die meisten von ihnen ließen sich trotz der mühsamen Schufterei von Grimzhags Eifer inspirieren und schienen sogar stolz zu sein, dass sie bei der Geburt einer neuen, echten Orkstadt in der Steppe mithelfen durften.

Auch dadurch unterschied sich Grimzhag von so manchem anderen Orkkönig, der die kleineren Grünhäute oft nur als Sklaven und rechtloses Gesindel betrachtete. Aber das widersprach dem Grundgedanken der Einheit des Orkvolkes, den der junge Brüller inzwischen tief in sich trug. Und zu der grünhäutigen Art gehörten nun einmal auch die Snags, die unterste und schwächste Kaste der orkischen Art, die aber dennoch Großes leisten konnten, wenn sie entsprechend angeleitet wurden.

In diesem Punkt gaben die langsam, aber stetig wachsenden Gebäude Karokums dem ehrgeizigen Häuptling Recht. Immer höher und breiter wurden die Häuser und immer zufriedener wurde Grimzhag. Schicht um Schicht klobiger, mühsam zurechtgehauener Steine türmte sich allmählich zu festen Mauern auf. Die wenigen Bäume, die man in den Steppen rund um die neue Hauptstadt hatte finden können, waren längst abgeholzt und zu klapprigen Baugerüsten oder Stützbalken verarbeitet worden. Überall wurde geschleppt, geschnauft, gezogen, gemeißelt und verputzt.

»Welch ein Projekt!«, sagte Grimzhag zu sich selbst und hoffte tief im Inneren, dass sein Reich noch lange leben mochte.

Ein schlaksiger, freundlich lächelnder Hobgoblin in einer Lederrüstung und einem schäbigen Warnoxfellumhang betrat den Thronsaal und begrüßte den Häuptling der Mazauk. Dieser musterte den Gast aus den östlichen Steppen für einen kurzen Augenblick, um schließlich freundlich die Klaue zu heben. Der Hobgoblin nahm indes seine spitz zulaufende Filzmütze vom Kopf und stellte sich vor den Thron des Orkkönigs.

»Grashrakk Khan schickt mich zu Euch, Wütender! Ich soll Euch bezüglich Eurer großen Siege beglückwünschen und Euch seine herzlichsten Grüße ausrichten!«, sagte der Bote.

»Es ist mir eine Ehre, einen Gesandten des Herrn der östlichen Steppen empfangen zu dürfen«, gab Grimzhag in aller Bescheidenheit zurück.

Sein Besucher sah zu Zugrakk und Soork herüber und lächelte sie ebenfalls an. Der Schamane verzog keine Miene und Grimzhags bester Freund wirkte ebenfalls nicht übermäßig freundlich, denn wie die meisten Orks hatte er keine allzu gute Meinung über die Hobgoblins.

»Ich freue mich, dass der große Grashrakk endlich Kontakt zu mir aufgenommen hat. Das kommt meinem Traum näher, die Grünhäute der Steppen eines Tages zu einem großen Bündnis zusammenzuführen«, sagte Grimzhag.

»Mein Herr sieht das ähnlich. Deshalb hat er mich auch zu Euch geschickt, Mächtiger. Mein Name ist übrigens Gnobrak und ich bin einer der engsten Vertrauen des Khans«, erläuterte der Bote aus dem Osten.

»Dieser Snag gefällt mir nicht!«, wisperte Zugrakk in Grimzhags Ohr und verzog mürrisch sein Gesicht.

»Halte dich aus der Sache raus!«, zischte der junge Brüller ungehalten und befahl seinem Freund zu schweigen.

»Der große Khan wünscht sich einen Pakt unserer beiden Reiche, mächtiger König. Es ist auch sein Wille, die Stämme unserer Art zu einem starken Bund zu machen. Karokum und die Stadt der tausend Zelte würden zur größten Macht der Steppe werden, wenn sie sich vereinten«, sprach der Hobgoblin feierlich.

Grimzhag brummte nachdenklich und setzte kurz drauf wieder ein freundliches Gesicht auf. Dann erhob er sich von seinem Thron und ging einige Stufen herunter, um sich vor den Gesandten des Khans zu stellen.

»Grashrakk schlägt mir also ein Bündnis vor?«

»Ja, Wütender! Es ist sein ausdrücklicher Wunsch!«

»Das ehrt mich!«, betonte der Häuptling der Mazauk.

Sein Gegenüber verbeugte sich tief und erwiderte: »Mein Herr würde Euch gerne in Karokum besuchen, damit sich die beiden größten Häuptlinge der Steppen kennenlernen können. Wäre das in Eurem Interesse?«

»Selbstverständlich!«, antwortete Grimzhag ohne zu zögern. »Ich bin über jeden Artgenossen froh, der mein Waffenbruder sein möchte.«

»Dann kann ich meinem Herrn ausrichten, dass Ihr ihn in naher Zukunft in Eurem Haus empfangen werdet, tapferer König?«

»Ja! Ich würde mich sehr freuen!«, erwiderte Grimzhag.

»Gut!«, murmelte der Hobgoblin und verbeugte sich erneut. Dann verabschiedete er sich von dem jungen Brüller und verließ kurz darauf den Saal. Grimzhag, Zugrakk, Soork und einige Wachen sahen dem hageren Steppengoblin hinterher, bis er aus der Tür hinausgegangen war.

»Grashrakk Khan will mit uns ein Bündnis schließen? Damit hätte ich nicht gerechnet«, wunderte sich Soork.

»Der will uns bloß abzocken! Hobgoblins sind betrügerische Snags. Das weiß doch jeder!«, knurrte Zugrakk.

Missmutig fuhr ihm sein Freund in die Parade. »Wir sollten den Hobgoblins eine Chance geben. Ich habe nichts gegen ein Bündnis mit Grashrakk. Immerhin ist er der mächtigste Häuptling des Ostens. Wir haben doch auch die Krummaggoblins schon seit vielen Sonnenzyklen als treue Waffenbrüder. Warum sollte es bei diesen Hobgoblins anders sein?«

»Ach!«, stieß Zugrakk aus. »Goblins sind zwar auch listige, kleine Snags, aber diese Hobgoblins sind die geborenen Verräter, Grimzhag. Niemand sollte ihnen trauen. Die planen immer irgendeine Gemeinheit. Das ist jedenfalls meine Meinung.«

»Du solltest dich wirklich langsam einmal bemühen, endlich ein weltoffener und toleranter Ork zu werden. Diese Engstirnigkeit ist doch überholt. Umso größer unser Reich wird, umso mehr kommen wir in Kontakt mit fremden Stämmen und Kulturen. Ich finde das toll.«

»Da hat man zumindest mehr Abwechslung und muss nicht immer die gleichen Gnoggfressen erschlagen. Da haste wohl Recht!«, grunzte Zugrakk hämisch.

»Wir müssen unsere kleine Welt überwinden und unsere Klauen all unseren grünen Brudervölkern reichen!«, dozierte Grimzhag.

Zugrakk schnaufte genervt und würgte lautstark. »Ich kann diese Ostsnags halt nicht leiden und dabei bleibt’s!«

Das Bündnisangebot und der bevorstehende Besuch des Khans hatten Grimzhag in höchstem Maße beflügelt. Mehrere Hundert Grünhäute, vor allem Goblins, errichteten nun im Auftrag ihres ambitionierten Herrn weitere Häuser rund um den Palast und sorgten dafür, dass Karokum wuchs. Nichtsdestotrotz war Grimzhags Hauptstadt jedoch nach wie vor eine einzige große Baustelle in der Steppe und man hatte den Eindruck, dass es noch ewig dauern würde, bis der Begriff »Hauptstadt« wirklich angemessen war.

Wenn sich der junge Brüller nicht gerade damit beschäftigte, die Bauarbeiten zu inspizieren, dann befasste er sich mit organisatorischen und militärischen Dingen. So wurden die in Chaar-Ziggrath befreiten Grauaugen weiterhin in der Kriegskunst und außerdem von einem Stab aus Geistesbegabten in orkischer Geschichte geschult. Die Besten der Grauäugigen sollten eines Tages Grimzhags Hordenführer und vor allem Provinzverwalter werden. Dazu hatte dieser extra einen Hort der Weisheit – bei den Menschen hätte man von einer Universität gesprochen – im Zentrum der alten Khuzbaathhauptstadt einrichten lassen.

Aber auch die gewöhnlichen Orks und Goblins wurden sowohl in der Ebene von Ruuth als auch in Karokum regelmäßig zu Wehrübungen herangezogen, um die Kampfkraft der Horde nicht erlahmen zu lassen.

Währenddessen verwandelten sich Chaar-Ziggrath, Khumalak und einige weitere Kleinstädte, die einst den Khuzbaath gehört hatten, langsam in blühende Orksiedlungen. Zu Tausenden zogen die Grünhäute in die leerstehenden Häuser, deren Bewohner einst ihren Schwertern zum Opfer gefallen waren. Der nördliche Teil von Chaar-Ziggrath war den Cramogg vorbehalten, die dort wohnen und die Jungorks aufziehen konnten. Sie lebten, wie überall sonst auch, streng von den Kriegern abgeschottet.

Eine derart hochentwickelte Organisation wies kaum ein anderes Orkreich auf und Grimzhag hatte noch viel weitreichendere Pläne. Die unter seiner Herrschaft zusammengeführten Grauaugen hatten von ihm den Befehl bekommen, so viele Nachkommen wie möglich zu zeugen, damit sich ihre Anzahl so schnell es ging wieder vermehrte. So wurde eine jede Paarungszeit für die Besten der Grünhäute zum »Dienst am Orkvolk«, wie es Grimzhag formulierte.

Er selbst hatte allerdings kaum Zeit, sich um seine beiden Jungorks im Cramogglager von Karokum zu kümmern. Das Gleiche galt für die beiden Brüterinnen, die seinen Nachwuchs auf die Welt gebracht hatten. Lazuku, von welcher er selbst vor nunmehr fast vierunddreißig Sonnenzyklen ausgebrütet worden war, hatte ihn allerdings mehrfach in seinem Herrscherhaus besuchen dürfen. Sie war unglaublich stolz auf ihren Sprössling, der sich zu einem richtigen König entwickelt und schon jetzt mehr erreicht hatte, als die meisten seiner Mitorks. Als besonderes Privileg wurde es Lazuku sogar gestattet, einen ganzen Tag im Palast zu bleiben. Das war für die inzwischen runzlig gewordene Brüterin ein unvergessliches Erlebnis und sie kam aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, als ihr Grimzhag von seinen Feldzügen und Heldentaten erzählte. Liebevoll nannte sie ihren Sohn von nun an ihren »kleinen Schlächter« und kehrte schließlich vor lauter Rührung fiepend ins Cramogglager zurück, um dort bei der Aufzucht der nächsten Orkgeneration zu helfen.

Mehrere Monate vergingen und Grimzhag organisierte und plante ohne Pause. Er erließ Gesetze, die das Leben in seinem Reich regelten, kümmerte sich um den Aufbau seiner Steppenstadt und gönnte sich keine Ruhe. Zugrakk und Soork waren in dieser Zeit häufig bei ihm, genau wie sein Freund Artux von den Agram, Skarnak von den Krummag und eine Reihe junger Grauaugenkrieger, die auf eine Karriere im Dienste ihres Königs hofften.

Schließlich kam Grashrakk nach Karokum, um mit Grimzhag persönlich zu sprechen. Der Khan reiste mit einer großen Gruppe Leibwächter sowie seinen ranghöchsten Schamanen an und ließ sich von seinem Gastgeber begeistert durch den kleinen Teil der Orkhauptstadt führen, der bereits fertiggestellt war. Der Häuptling der Mazauk selbst hatte sich sehr auf diesen Staatsbesuch gefreut, denn nun konnte er ein Bündnis mit dem einflussreichsten Stammesführer der östlichen Steppen eingehen.

Obwohl Karokum noch immer eine einzige Baustelle war, versuchte Grimzhag seinen Gast aus den östlichen Steppen so gut es ging zu beeindrucken. Hunderte von Orkkriegern hatten als lange Reihe vor dem Haupteingang des Königshauses Spalier gestanden und ihre Speere hochgehalten, als Grashrakk Khan mit seinem Gefolge angerückt war. Das hatte imposant und zugleich respekteinflössend ausgesehen, meinte Grimzhag, der den Khan nun in seiner Thronhalle willkommen hieß. An den Wänden kündeten bunte Malereien von Grimzhags glorreichem Sieg über die Khuzbaath, genau wie eine Vielzahl von Trophäen und erbeutete Banner und Standarten.

Inzwischen saßen Grashrakk und seine Leibwächter, alles gut bewaffnete Hobgoblins in Lederrüstungen mit matt glänzenden Eisenhelmen oder breiten Fellmützen, zu Tisch und schlangen das saftige Ruumphfleisch auf den großen Tellern hinunter. Grimzhag und seine Mazaukkrieger taten es ihnen gleich und so erfüllte ein emsiges Schmatzen und Schwatzen die von zahlreichen Fackeln erhellte Halle.

»Sehr salzig und sehr schmackhaft!«, rief Grashrakk mit halb vollem Mund in die gefräßige Runde und grinste.

»So bereiten wir Mazauk unser Ruumphfleisch seit Generationen zu. Immer schön viel Salz, dann schmeckt es besonders gut«, meinte Grimzhag und hob sein Trinkhorn.

Kurz darauf stand der Khan von seinem Platz auf und ging zu der riesigen Wandmalerei am anderen Ende der Halle herüber, um sie genauer in Augenschein zu nehmen. Er schmunzelte.

»Eine wundervolle Arbeit, großer König. Ha! Diese Kleinwüchsigen haben alle die Köpfe verloren. So gehört sich das!«, stieß Grashrakk schadenfroh aus. Alle Anwesenden lachten laut durcheinander.

»Ohne Kopf sehen die hässlichen Snagschnauzen einfach besser aus«, bemerkte Zugrakk und einige Hobgoblinköpfe schwenkten blitzartig in seine Richtung.

Grimzhag versuchte, ihm unauffällig zu signalisieren, dass bei diesem Staatsempfang abfällige Bemerkungen über Goblins – einschließlich ihrer höhergewachsenen Vettern – nicht unbedingt angebracht waren. Das störte den Khan jedoch nicht, zumindest sah man es ihm nicht an, und das vergnügte Lächeln stand nach wie vor in seinem schmalen, dunkelgrünen Gesicht.

»Der Herr der westlichen Steppen und der Herr der östlichen Steppen werden heute zu untrennbaren Waffenbrüdern werden. Beide sind wir gleichen Blutes und beide haben wir nur das Wohl unserer tapferen Völker im Sinn«, rief Grashrakk feierlich durch den Thronsaal und kam wieder zu den in der Mitte der Halle aufgestellten Banketttischen zurück.

Grimzhag brummte zustimmend. Dann antwortete er: »So möge es sein. In Goffrukks Namen wollen wir heute unser Bündnis bei Pilzbier und gesalzenem Fleisch schmieden, mein Freund aus dem Osten!«

Lachend stellte sich der Khan neben den Orkkönig und die beiden Häuptlinge leerten ihre Trinkhörner mit kräftigen Zügen, während ihre Gefolgsleute mit den Fäusten auf die hölzernen Tische hämmerten und einen gewaltigen Lärm veranstalteten.

Als das Gepolter verklungen war, gab Grashrakk einen donnernden Rülpser zum Besten und seine Hobgoblins johlten begeistert. Ihr Khan hatte Stil. Das konnte niemand bezweifeln.

»Trummlukk, das Geschenk!«, rief Grashrakk.

Einer der Hobgoblins holte eine Tasche aus zusammengenähten Fellen unter dem Tisch hervor und zog einen großen Tonkrug heraus. Dann kam er grinsend zu seinem Herrn und dieser ergriff das Gefäß, um sich dann Grimzhag zuzuwenden.

»Erlaubt mir, Euch ein kleines Geschenk aus meiner Heimat zu überreichen, mächtiger Brüller«, sprach der Khan.

»Oh, vielen Dank!«, brummte Grimzhag überrascht.

»In diesem Tonkrug befindet sich der beste Steppenschnaps, den mein Volk brennen kann. Aber trinkt ihn nicht heute, sondern zu einem Anlass, der den Göttern gewidmet ist. So verlangt es die Tradition meines Volkes«, sagte Grashrakk und sah sich kurz zu seinen Kriegern um.

»Steppenschnaps! Na, das klingt gut«, lachte Grimzhag. »Ich würde ihn gerne einmal kosten.«

Die Klaue des Orkkönigs fuhr sanft über den dicken Korken, der den Tonkrug verschloss, und der Khan wirkte für einen Moment leicht nervös. Sein Gefolge machte ebenfalls den Eindruck, als ob es angespannt wäre. Dann fingen die Hobgoblins jedoch wieder laut zu schwatzen und zu lachen an.

»Trinkt diesen edlen Schnaps, wenn Ihr Goffrukks Tempel fertiggestellt habt, eiserne Faust. Man sagt bei uns Hobgoblins nämlich, dass in diesem Gebräu der Geist des Kriegsgottes selbst schwimmt. Es wäre Goffrukk daher eine große Ehre, wenn Ihr den Schnaps erst bei der Einweihung seines Tempels kostet«, bemerkte Grashrakk.

»Das wird allerdings noch eine Weile dauern, mein Freund. Soll ich bis dahin etwa nüchtern bleiben?«, rief Grimzhag aus und seine Mazauk grölten angesichts dieses derben Staatswitzes.

Der Khan schwieg und starrte seinen neuen Verbündeten an. Dieser winkte einen Orkwächter zu sich und sagte: »Mein Freund aus dem Osten hat Recht. Ich werde diesen Schnaps erst trinken, wenn Goffrukks Tempel eingeweiht wird. Bringe den Krug in den Keller und verschließe ihn gut, dass sich keiner meiner versoffenen Orks vorher einen Schluck genehmigen kann.«

Wieder lachten die Grünhäute durcheinander und auch Grashrakk fing erneut an zu schmunzeln. Er legte Grimzhag die Klaue auf die Schulter und brummte zufrieden.

»Ihr werdet einen jeden Schluck genießen, König der Orks. Da bin ich mir sicher«, sprach er mit vielsagender Miene.

Gestern war Weng wieder nach Kin-Weig zurückgekehrt und hatte großartige Neuigkeiten mitgebracht. Der gelbhäutige Manchine war noch einmal in die östlichen Steppen aufgebrochen, um sich dort mit Grashrakk Khan zu treffen und ihm einen weiteren Sack voller Goldstücke zu überreichen.

Das Treffen mit Grimzhag hatte der gerissene Hobgoblinhäuptling nun hinter sich gebracht und als er Weng davon berichtete, war dieser mehr als erfreut. Alles war problemlos über die Bühne gegangen und Grashrakk versicherte seinem Gast aus Manchin, dass Grimzhag keinen Verdacht geschöpft hatte und in ihm jetzt offenbar tatsächlich einen treuen Waffenbruder sah.

»Er braucht nur einige Schlucke von Grashrakks Steppenschnaps zu trinken und schon ist er hin«, sagte Weng und grinste seinem Herrn zu. Zaydan strich sich derweil nachdenklich über die Bartspitze.

»Wollen wir hoffen, dass alles glatt läuft, mein Bester. Wenn dieser Grimzhag das eklige Gebräu säuft, dann wird er zu seinen Göttern schweben und sein Reich hoffentlich wieder zerfallen«, brummte Zaydan und ging zum Fenster seines Arbeitszimmers, um auf die Straße vor seinem Haus hinabzublicken.

Für eine Weile stand er schweigend da und grübelte vor sich hin, während Weng seinen Rücken betrachtete.

»Ich habe übrigens noch etwas herausgefunden«, fügte der Manchine hinzu und sein Herr drehte sich wieder um.

»Aha?«

»Grashrakk Khan hat mir erzählt, dass König Grimzhag kein gewöhnlicher Ork ist.«

Zaydan schob seine buschigen Brauen nach oben. »Was meinst du denn damit?«

»Nun, er scheint zu einer besonderen und sehr seltenen Orkrasse zu gehören. Grashrakk bezeichnete diese speziellen Orks als Grauaugen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann sind diese Grauaugen eine besondere Blutlinie innerhalb des grünhäutigen Volkes, die in der Vergangenheit schon viele Orkherrscher und bedeutende Kriegsherren hervorgebracht hat. Der Hobgoblin meinte, dass die Grauaugen die geborenen Anführer der Grünhäute sind – und Grimzhag gehört zu diesem speziellen Schlag«, erklärte Weng.

Der Kaufmann aus Berbia brummte nachdenklich und legte die Stirn in Falten.

»Interessant! Das erklärt dann einiges!«

»Ja, es erklärt, warum sich dieser Kerl nicht so dämlich anstellt, wie man es normalerweise von den Grünhäuten erwartet«, meinte Weng.

»In der Tat!«, zischte Zaydan grimmig.

»Wenn ich ehrlich bin, dann hatte ich vorher noch nie etwas von einer grauäugigen Orkrasse gehört, aber ich bin auch kein Geschichtsgelehrter«, sagte der gedrungene Manchine.

»Grauäugige Orks …«, murmelte sein Herr.

»Es gibt nur noch sehr wenige von ihnen, hat mir Grashrakk erzählt. Und ohne die Grauaugen sind die Grünhäute führerlos, Zaydan.«

»Ha!«, stieß der Händler leise aus und spielte gedankenverloren an seiner wulstigen Unterlippe herum.

»Wenn es nur noch so wenige dieser intelligenten Orks gibt, dann ist es umso notwendiger, gerade jemanden wie Grimzhag auszuschalten. Ich werde mir in den nächsten Tagen ein paar alte Bücher und Schriftrollen besorgen. Vielleicht finde ich ja noch etwas mehr über diese Grauaugenorks heraus«, sagte Zaydan.

»Ich habe bereits in der Bibliothek von Kin-Weig im großen Buch der manchinischen Geschichte von Konzu Heng geblättert«, antwortete Weng.

»Tatsächlich? Sehr fleißig, mein Lieber! Und?« Shargut war gespannt.

»Ich war heute Morgen sehr lange im Archiv und habe nicht nur in dem alten Schinken von Konzu Heng nach Hinweisen auf eine grauäugige Orkrasse gesucht, aber ich habe fast nichts darüber gefunden. Über die Grünhäute der Steppen steht im Allgemeinen kaum etwas in den manchinischen Chroniken. Sie sind einfach zu unwichtig, um viel über sie zu schreiben«, erläuterte der Gehilfe.

Zaydan schnaufte enttäuscht und erwiderte: »Naja, grauäugige Orks hin oder her. So wichtig ist die Geschichte dieses Drecksvolkes sowieso nicht. Außerdem verdient man mit diesen Dingen kein Geld. Dieser Grimzhag wird bald krepiert sein und dann können wir uns endlich wieder in Ruhe mit unseren Geschäften befassen.«

»Das ist wohl wahr! Wir haben eine schöne Schlinge um den Hals dieses großmäuligen Orks gelegt. König Baudrogg frisst uns aus der Hand, die Karawanen können wieder sicher nach Westen ziehen und sobald sich Grimzhag einen Schluck Steppenschnaps genehmigen will, wird das sein letzter Trank sein. Alles verläuft nach Plan! Was wollen wir mehr!«, zischelte Weng und wirkte in diesem Moment so giftig wie Grashrakks Steppenschnaps selbst.

In mühsamer Knochenarbeit hatten mehrere Hundert Goblinarbeiter die leicht schiefe Mauer hochgezogen, die nun das Trollgehege von Karokum umgab. Doch ohne diesen hastig und lieblos errichteten Wall ging es nicht, denn die dahinter lebenden Bestien waren äußerst gefährlich und konnten selbst den stärksten Ork mit ihren gewaltigen Klauen in Stücke reißen.

Zu den Trollen gelangte man durch ein mehrfach verriegeltes, massives Tor, vor dem grundsätzlich einige Orkwachen stehen mussten, um nichts dem Zufall zu überlassen und kein Risiko einzugehen. Lediglich erfahrene Trolltreiber wagten sich überhaupt, stets mit einem langen Dreizack und ein paar Netzen bewaffnet, in die Nähe der graugeschuppten Kreaturen, vor denen sich nicht nur die Grünhäute fürchteten.

Der heutige Tag war jedoch ohne Zwischenfälle zu Ende gegangen und am Tor des Geheges lehnten zwei mit Speeren bewaffnete Krieger, denen vor Müdigkeit bereits die Augen zu fielen.

»Langsam habe ich die Nase voll vom ewigen Herumzustehen«, knurrte der Kleinere der beiden Orks und gähnte aus vollem Halse. Die andere Grünhaut lugte genervt zu ihm herüber und musste dann ebenfalls gähnen.

»Wir müssen noch bis zum Morgengrauen hier bleiben, aber ich würde mich am liebsten sofort hinlegen und ruhen«, antwortete sie.

»Verfluchte Nachtwache! So etwas sollten eigentlich die Snags machen«, meinte der kleinere Wächter.

»Das erlaubt der große König nicht und das weißt du. So etwas ist Orkarbeit, Fruugh. Was soll`s!«

Irgendwo jenseits der Mauer ertönte ein tiefes Grollen, was die beiden Orks allerdings nicht weiter störte. Diese Geräusche hatten sie schon den ganzen Tag gehört.

»Sieh mal!«, wisperte die etwas zu klein geratene Grünhaut auf einmal durch die Dunkelheit und winkte den anderen Wächter grinsend zu sich herüber. Dann kramte sie einen kleinen Tonkrug aus der Tasche.

»Was ist denn?«, kam zurück.

»Ich habe was zu saufen dabei. Dann wird es heute Nacht wenigstens nicht so langweilig«, flüsterte der Ork.

»Hä?« Die schlaksige Wache kratzte sich am Kopf und sah skeptisch auf den kleineren Artgenossen herab.

»Was bei Shubbukus Brutbauch ist das für ein Zeug?«

»Troffbeerenschnaps!«, erklärte der Krieger. »Ein ganzer Krug voll. Verdammt lecker!«

»Bist du wahnsinnig? Wenn wir hier beim Saufen erwischt werden, dann gibt es richtig Ärger.«

»Wer soll uns denn erwischen? Hier ist doch kein Gnogg. Stell dich nicht so an, Kragrakk.«

Der Krieger zog den Korken aus dem tönernen Hals des kleinen Kruges und nahm einen Schluck Beerenschnaps. Dann grinste er von einem Spitzohr zum nächsten und drückte seinem Gefährten das stark berauschende Gesöff in die Klaue. »Nun trink schon …«

Die hochgewachsene Wache sah sich kurz nach allen Seiten um und nippte dann auch an der kleinen Tonflasche. Es folgte ein genüssliches Grunzen.

»Ja, das kann man gut schlucken. Wirklich gut!«, meinte sie und kippte sich noch mehr Fusel in den Hals.

»Das ist mein Schnaps! He! Sauf mir den Schnaps ja nicht weg, Snagsschnauze«, brummte der kleine, bullige Ork und riss seinem Gegenüber den Krug wieder aus der Klaue.

Nach einer Weile war die ganze Pulle leer und landete schließlich hinter der Mauer des Trollgeheges im Gras. Ohne lange nachzudenken, hatte sie die inzwischen angetrunkene Wache hinter sich in die Dunkelheit geworfen.

»Idiot!«, zischte der kleinere Ork. »Was ist, wenn morgen einer der Treiber den Krug findet? Da braucht er doch nur dran zu schnüffeln und schon weiß er, was drin gewesen ist. Grimzhag reißt uns den Kopf ab.«

»Da haste Recht, Fruugh!«, lallte Kragrakk benommen.

»Und jetzt? Der Krug kann unmöglich da hinten liegen bleiben. Morgen kommen die Trolltreiber und wenn …«, schimpfte der kleine Ork.

Der andere Wächter hob die Klauen. »Ja, ja, das war mein Fehler. Ich hole den Krug wieder zurück. Lass mich mal durch …«

Kragrakk entriegelte das Tor zum Trollgehege und sein verdutzter Artgenosse traute seinen Augen nicht.

»Hast du `nen Pfeil im Kopf? Was tust du denn? Da hinten sind Trolle!«, schnaufte er und wurde schlagartig wieder nüchtern.

Mittlerweile hatte Kragrakk das Tor bereits geöffnet. Er torkelte in das Gehege hinein.

»Die Viecher schlafen doch längst. Da kann überhaupt nichts passieren. Ich hole nur eben diesen verdammten Krug und dann is` gut«, hörte man den Ork in der Dunkelheit murmeln.

Feldzug im Winter

Mit einem lauten Knurren wachte Grimzhag auf und sah sich verstört in seinem dunklen Schlafgemach um. Aus der unteren Etage seines Herrscherhauses kam ein ohrenbetäubender Lärm, es klirrte, krachte und schepperte, während zwischendurch schreckliches Gebrüll zu hören war. Der Häuptling kroch fluchend aus dem Bett und griff sich sein Schwert, das über seinem Kopf an der Wand hing. Im gleichen Moment kam auch schon eine Orkwache ins Zimmer gestürmt und sah ihn entsetzt an.

»Mächtiger, ein Troll! Er ist unten und rennt im Thronsaal herum!«, rief der Krieger.

»Was?« Grimzhag traute seinen Ohren nicht.

»Dieses Monster hat einfach die Eingangstür eingeschlagen – und die Schädel einiger Wachen dazu!«, stammelte die verstörte Grünhaut.

»Ein Troll in meinem Haus?«, schrie der junge Brüller fassungslos.

»Wir haben ihn nicht eingeladen. Das könnt Ihr mir glauben, Herr!«

»Groooh!«, hallte es durch den Treppenaufgang und irgendwo ging ein Möbelstück zu Bruch.

»Was machen wir denn jetzt? Hä?«, stammelte Grimzhag.

»Die anderen Krieger sind schon unterwegs. In Karokum laufen übrigens noch weitere Trolle herum. Sie sind heute Nacht aus ihrem Gehege ausgebrochen und jetzt schlagen sie alles kurz und klein«, erklärte die Wache.

»Was sagst du? Noch mehr Trolle?« Die Zunge des Häuptlings fiel aus seinem Maul heraus und er begann vor Aufregung leise zu pfeifen.

Mit dem Schwert in beiden Klauen schlich er aus seinem Schlafzimmer heraus auf den dunklen Flur, während der Orkkrieger an ihm vorbeipirschte. Unten hörte man den Troll schnauben und randalieren.

»Wirklich großartig!«, knurrte Grimzhag und würgte verärgert.

»Die anderen müssten jeden Moment kommen. Dann werden wir mit dem Biest hoffentlich fertig«, meinte der Wächter und hastete die Treppe hinunter. Der König folgte ihm und sie eilten über einen langen Gang in Richtung Thronsaal, aus dem lautes Gebrüll kam. Dann sprangen sie in eine dunkle Ecke und warteten erst einmal ab. Selbst ein erfahrener Kämpfer wie Grimzhag wollte sich nicht mit einem streitsüchtigen Troll anlegen.

»Groooh!« Irgendetwas zersplitterte in tausend Stücke.

Grimzhag kroch noch ein wenig weiter vorwärts und lugte durch eine halb offen stehende Tür, die in den Thronsaal führte. Was er sah, ließ ihn entsetzt schnaufen. Der Troll hatte sich auf seinen Thron gesetzt und nagte genüsslich am Oberschenkel eines Orkkriegers. Grimzhags Thron stand hingegen kurz davor, unter dem Gewicht der monströsen Kreatur zusammenzubrechen. Jetzt kam auch die Orkwache herangeschlichen.

»Wir gehen da jetzt nicht rein, oder?«, sagte sie.

»Nein! Auf keinen Fall!«, flüsterte Grimzhag.

Als eine Gruppe weiterer Wachen durch die zerschmetterte Eingangstür des Herrscherhauses ins Innere des Gebäudes eindrang und in den Thronsaal hineinstürmte, wurde sie von dem Troll sogleich in Empfang genommen. Die Bestie schleuderte den Orks einen kleinen Schrank entgegen, dann sogar Grimzhags Thron und den halb abgenagten Schenkel des Kriegers. Schließlich stampfte sie auf die panisch schreienden Angreifer zu, schnappte sich einen Holztisch und prügelte damit auf die Grünhäute ein. Drei von ihnen wurden regelrecht in den Boden gerammt und endeten als grüner Haufen gebrochener Knochen in einer Blutlache. Die restlichen Orks gaben Fersengeld und waren so schnell aus dem Palast ihres Königs verschwunden, wie sie gekommen waren.

»Dieses Vieh hat meinen Thron zerstört!«, jammerte Grimzhag verzweifelt.

»Das ist im Moment sicherlich unsere geringste Sorge, großer König. Wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf«, wisperte die Wache.

»Bei allen Göttern!«, stöhnte der Häuptling.

Der Troll schien derweil nachzudenken, während er inmitten der halb zerstörten Halle stand. Er hatte ein furchtbares Chaos angerichtet und war von zerstörten Möbelstücken und toten Orks umringt.

»Groooh!« Die Bestie hatte einen Einfall. Sie hielt ihre Nase in die Luft und schnüffelte. Offenbar hatte sie etwas gewittert.

»Groooh!«

Mit einem zufriedenen Knurren ging der Troll durch einen noch verriegelten Seiteneingang des Thronsaals, wobei er eine zersplitterte Tür hinterließ. Grimzhag und die Orkwache sahen dem grauhäutigen Biest entsetzt nach.

»Er will in den Keller, wo die Vorräte sind!«, brummte der Häuptling wenig begeistert.

Als wolle ihm der Troll zustimmen, brüllte er erneut »Groooh!«. Er stapfte die Kellertreppe hinunter, wobei er sich ständig ducken musste.

»Groooh!«

»Na, toll!«, stieß Grimzhag aus.

Kurz darauf ertönte ein lautes Rumpeln und Schmatzen aus dem Gewölbe unter dem Herrscherhaus. Scheinbar hatte es sich der Troll dort gemütlich gemacht und verschlang alles, was ihm vor die Nase kam.

»Bööörks!«, dröhnte es aus dem Keller. Wenig später verschaffte sich die Kreatur einen Zugang zum Getränkelager und man hörte, wie sie einige Fässer aufbrach.

»Und nun?«, fragte die Wache.

»Ruf gefälligst weitere Krieger! Ich warte hier und behalte den Troll im Auge. Irgendwann ist er hoffentlich satt und kommt da unten wieder raus«, knurrte Grimzhag.

»Zu Befehl!«, antwortete der Krieger und rannte sofort los, um Verstärkung zu holen.

Grimzhag hingegen wartete und wartete, doch der Troll kam nicht mehr aus dem Kellergewölbe heraus. Nach einer Weile erschien die Wache mit einem Haufen Krieger mit langen Speeren.

»Gibt es etwas Neues, Herr?«, fragte der Wächter.

»Nein, der Troll ist noch immer da unten und verdächtig ruhig«, erwiderte Grimzhag.

»Wahrscheinlich macht er nach seiner Fressorgie ein Nickerchen«, grunzte einer der Orks.

»Sieht ganz so aus. Wir schleichen uns jetzt da runter und bringen das Vieh um, bevor es noch mein ganzes Haus zerlegt. Vorwärts!«, befahl der Häuptling.

»Aber … vielleicht …«, brummelte der Wächter.

»Los! Folgt mir!«

Grimzhag schlich voraus und ging die Kellertreppe herunter. Behutsam spähte er über einen dunklen Gang, der nun nach den Ausdünstungen des Trolls roch. Das war selbst für eine Orknase kaum zu ertragen – ein Elb wäre vor Abscheu vermutlich zu Staub zerfallen.

»Ich höre nichts. Nicht einmal ein Schnarchen. Und normalerweise schnarchen Trolle extrem laut …«, flüsterte einer der Orks.

»Wollt Ihr jetzt wirklich da reingehen, Herr?«

»Ja! Schnauze halten jetzt!« Grimzhag schlich über den Gang und spähte um die Ecke. Im Getränkelager sah er den Troll zwischen einigen zerstörten Fässern auf dem Rücken in einem kleinen See aus Pilzbier liegen. Die Bestie gab keinen Ton mehr von sich und hatte alle Viere von sich gestreckt.

Der Häuptling hob sein Schwert, bereit dem Troll den Schädel einzuschlagen, während sich die anderen Orks hinter ihm versammelten und ihre Speere auf die riesenhafte Kreatur richteten.

Aber der Troll schien überhaupt nichts mehr wahrzunehmen. Er rührte sich auch nicht, als Grimzhag schon über ihm stand. Jetzt erkannte der junge Brüller, dass die Kreatur sich auch an dem großen Krug Steppenschnaps, den er von Grashrakk Khan als Freundschaftsgeschenk erhalten hatte, zu schaffen gemacht hatte. Der Krug lag noch in der halb geöffneten Klaue des Monsters und war völlig leergesoffen.

Die Orks stutzten. »Ich glaube, der ist tot! Oder völlig betrunken!«

»Eins von beiden. Ich tippe allerdings eher auf tot, denn das Mistvieh atmet nicht mehr!«, brummte Grimzhag und stieß mit dem Fuß gegen den hässlichen Schädel des Trolls. Weit aufgerissene, gelbliche Augen starrten ihn an. Die Bestie war ohne Zweifel dahingeschieden, wie der junge Brüller feststellte.

»Den Steppenschnaps hat er wohl nicht ganz vertragen!«, knurrte Grimzhag nachdenklich und betrachtete den großen Krug in der Klaue der Kreatur.

»Wer verträgt das Zeug schon?«, bemerkte einer der Krieger und grinste.

»Das ist wirklich seltsam!«, murmelte der Orkkönig.

Soork versuchte, seinen jungen Freund zu beruhigen, doch dieser wurde von Minute zu Minute zorniger. Er fletschte die Zähne und war kurz davor, seinen Thronsaal in bester Trollmanier in Stücke zu schlagen.

»Ein Trollmagen ist schlimmer als eine Jauchegrube, Schamane! Normalerweise vertragen diese Viecher alles. Du glaubst doch nicht, dass er nach ein paar Schluck Pilzbier krepiert ist, oder?«, brüllte Grimzhag.

»Dann ist der Troll gestorben, weil er den Steppenschnaps getrunken hat, oder was?« Soork sah den König ungläubig an.

»Natürlich! Allerdings war das sicherlich kein gewöhnlicher Steppenschnaps – das Zeug muss hochgradig vergiftet gewesen sein! Grashrakk! Dieser verfluchte Snag! Er wollte mich mit diesem Gesöff zum Wirbel der Seelen schicken!«

Zugrakk erhob die Klaue und bemerkte: »Ich denke, dass Grimzhag Recht hat.

Eine andere Erklärung gibt es nicht, Schamane.«

»Dieser verräterische Hobgoblinabschaum!«, grollte der junge Brüller dazwischen.

»Ich wollte noch sagen …«, kam von Zugrakk.

»Schnauze! Wenn ich rede, halten alle anderen das Maul! Aaaah! Ich wollte diesen Schnaps demnächst selbst trinken. Grashrakk Khan hat mir dieses Zeug als persönliches Geschenk überreicht. Bei Goffrukk, wenn ich das getrunken hätte, wäre ich sofort tot gewesen!«

»Hobgoblins sind der Bodensatz unserer Art. Das weiß jeder. Man kann ihnen nicht trauen, das weiß jeder. Sie sind widerliche Typen, das weiß …«

Grimzhag verpasste Zugrakk eine Kopfnuss und dieser sackte quiekend zu Boden.

»Ich bring ihn um! Ich bring ihn um! Ich bring ihn um!«

»Wofür war das denn jetzt?«, fiepte Zugrakk verständnislos.

»Aaaah!«, war die Antwort.

»Ich habe hier zufällig einige Kauwurzeln in der Tasche, Grimzhag …«

»Gib her, Soork!«

»Aber nicht alle auf einmal verschlingen.«

»Ja! Ja!«

Grimzhag schnappte sich zwei der Kauwurzeln, deren Säfte beruhigend wirkten, und schlang sie hinunter.

»Kauen und nicht schlucken!«, mahnte der Schamane.

»Ja! Ja!«

»Ganz ruhig!«

»Der ist tot! Der ist so gut wie tot! Der ist toooot!«

»Grimzhag, beruhige dich!«

»Dieser Steppenwurm! Verflucht!«

Glücklicherweise entfaltete der Kauwurzelsaft recht schnell seine Wirkung und der junge Brüller beruhigte sich wieder einigermaßen. Langsam klang sein Tobsuchtsanfall ab.

»Und nun, Grimzhag? Was willst du jetzt tun?«, wollte Zugrakk wissen.

Der Häuptling der Mazauk sah ihn missmutig an. Sein Unterkiefer schob sich nach vorne und zeigte eine Reihe grauweißer Reißzähne.

»Lasst mich nachdenken! Raus jetzt! Alle beide!«, knurrte Grimzhag.

Sämtliche Trolle, die die Orks in Karokum in ihren Gehegen hielten, standen nun unter noch strengerer Beobachtung. Allerdings waren es nur einige Dutzend. Die meisten dieser gefürchteten Kreaturen hatte Grimzhag in den Gehegen rund um Chaar-Ziggrath gelassen. Nachdem die Sicherheitsmaßnahmen erhöht und die Trolle keine Gefahr mehr darstellten, widmete sich Grimzhag einem viel größeren Problem – Grashrakk Khan.

Der verräterische Hobgoblinhäuptling war eindeutig als Feind der Mazauk identifiziert worden. Jetzt musste etwas geschehen. Zudem herrschte der Khan über einen Großteil der östlichen Steppen und sogar eine Reihe von Grünhautstämmen, die nur aus Orks bestanden, waren ihm tributpflichtig. Dieser Snag war zu mächtig und hatte sich als hinterlistige Schlange erwiesen, meinte Grimzhag, was bedeutete, dass er gezwungen war zu handeln.

»Willst du die Horde zusammenrufen und gegen Grashrakk Krieg führen?«, fragte Zugrakk und ging neben seinem Freund über die ersten gepflasterten Straßen von Karokum.

Inzwischen waren etwa drei Dutzend Wohnhäuser, in die einige von Grimzhags Hordenführern eingezogen waren, gebaut worden.

»Nein! Wir warten noch, Zugrakk. Grashrakk weiß nicht, wann ich seinen Steppenschnaps trinke, aber ich bin mir sicher, dass er damit rechnet, bald die Nachricht von meinem Tod zu bekommen. Allen Mazauk ist der Kontakt zu den Hobgoblins der östlichen Steppen untersagt, niemand verlässt unser Reich«, knurrte der junge Brüller.

»Abwarten? Warum das denn? Der Winter steht vor der Tür. Bald wird es unmöglich sein nach Osten zu ziehen und wir müssen verharren, bis der Schnee wieder weg ist. Wir verlieren doch nur Zeit. Lass uns diese Snags so schnell es geht angreifen«, drängte Zugrakk.

Grimzhag würgte. »Nein! Wir halten uns noch zurück. Bald wird es anfangen zu schneien und wenn der Schnee am höchsten liegt, dann greifen wir Grashrakk an!«

»Mitten im Winter?«

»Ja! Mitten im tiefsten Winter!«

Zugrakk grunzte verwirrt und antwortete: »Aber in dieser Zeit führt niemand Krieg. Das ist doch Wahnsinn.«

»Wir Mazauk schon! Genau deshalb greifen wir dann an, wenn die ganze Steppe zugeschneit ist. Damit wird Grashrakk Khan nämlich nicht rechnen«, betonte Grimzhag.

Sein Freund setzte sich auf einen Steinblock, der am Rande einer großen Baustelle lag, und ließ die Zunge heraushängen.

»Du hast immer nur verrückte Einfälle, Grimzhag. Der Winter ist die Zeit des Überlebens und nicht des Kämpfens. So hat es die göttliche Shubbuku einst entschieden, als sie die Welt ausgebrütet hat, oder etwa nicht?«

»Ach! Das ist Blödsinn! Sämtliche Götter werden stolz auf uns sein, wenn wir sogar im Winter kämpfen. Dann zählt unser Heldenmut nämlich doppelt.«

»Meinst du?«

»Aber natürlich! Nur die mutigsten Orks haben den Schneid, durch Schnee und Eis zu ziehen, um guten Krieg zu suchen. Goffrukk wird uns dafür mehr lieben als jeden anderen Stamm der Steppe«, erläuterte der Häuptling.

»So habe ich das noch nie gesehen. Aber vielleicht hast du ja Recht. Damit wären wir noch mutiger als alle anderen …«

»Genau, Zugrakk!«

»Einverstanden! Wann geht es los, Kumpel?«

Grimzhag entblößte die Fangzähne zu einem breiten Grinsen und hob die Klaue. Dann setzte er sich neben seinen Freund auf den Steinblock und bemerkte: »Wenn die ganze Steppe unter tiefem Schnee begraben liegt, dann fallen wir über Grashrakks Hobgoblins her. Die werden sich wundern.«

Zwei Monate dauerte es noch, bis es so heftig schneite, dass man kaum die Klaue vor Augen sehen konnte. Die weiten Ebenen rund um Karokum waren inzwischen mit einem eisigen, weißen Laken bedeckt und Grimzhag führte fast 40000 Krieger nach Osten. Die Grünhäute waren allesamt in dicke Warnoxfellmäntel gehüllt, froren aber trotzdem wie ein in der Eiswüste ausgesetzter Snag im Lendenschurz. Die Winter in den nördlichen Steppen waren die härtesten und kältesten in ganz Antariksa. Nur ein Wahnsinniger konnte in dieser finsteren Zeit eines Sonnenzyklus auf die Idee kommen, einen Feldzug zu beginnen. Das meinten jedenfalls viele der Krieger.

Dass sie Grimzhags Befehl dennoch nachkamen und ihm durch die verschneite Landschaft folgten, zeigte die Macht und den Einfluss, die der junge Orkkönig mittlerweile in der Steppe hatte. Zu Tausenden waren sie nach Karokum gekommen, um beim Kampf gegen den Verräter Grashrakk dabei zu sein. Mittlerweile wusste ein jeder Ork, dass der gerissene Hobgoblin versucht hatte, den großen Eroberer Grimzhag heimtückisch zu vergiften.

Der Heereszug erstreckte sich bis zum düsteren Horizont und marschierte unter einem von grauschwarzen Wolken bedeckten Himmel immer weiter in Richtung der östlichen Steppen. Doch die Krieger kamen nur langsam voran. Sie wateten unter größten Mühen durch das weiße Meer, welches endlos erschien. Oft steckten die Orks bis zu den Knien im Schnee und an manchen Stellen versanken sogar die Gnoggreiter bis zur Hälfte darin. Gelegentlich brach einer der Krieger vor Erschöpfung zusammen und erfror neben seinen vorbeiziehenden Kameraden. Vor allem die Goblins hatten furchtbare Opfer zu bringen, denn sie waren kleiner und weniger zäh als ihre orkischen Verwandten.

Müde flatterten die schwarzen und roten Banner der Horde im eisigen Wind, der über die Weiten heulte und pfiff, während es immer weiter voran ging. Grimzhag ritt mit seinen Hordenführern und Zugrakk an der Spitze seiner Armee, die selbst in der tiefen Nacht weitermarschierte und kaum rastete, voraus.

Der Zug durch die niemals enden wollenden Weiten der Steppe dauerte fast 50 Sonnen und war die wohl kühnste militärische Unternehmung, die ein Orkkönig jemals gemacht hatte. Das meinte zumindest Grimzhag. Er schärfte seinen hungrigen und fast zu Tode gepeinigten Kriegern immer wieder ein, dass sie nun von den Göttern als Helden angesehen würden. Cuglakk der Weise, welcher von Grimzhag extra nach Karokum bestellt worden war, um die Horde mit Goffrukks Segen zu erfüllen, hatte das Gleiche gepredigt. Der alte Schamane hatte die Kriegerhaufen mit den unsichtbaren Kraftstrahlen der Götter, die er aus seinen Klauen abschießen konnte, noch härter, mutiger und stärker gemacht. Daran zweifelte kein einziger Ork oder Goblin und fühlte sich zugleich dem Feind weit überlegen.

So kämpfte sich die Horde Tag für Tag durch wirbelnde Schneestürme und finstere, eisige Nächte, um endlich die Zeltstadt des Grashrakk zu erreichen und den Verräter zu strafen. Als sie die östlichen Steppen erreicht hatte und das Lager der Hobgoblins schon in unmittelbarer Nähe war, hatte Grimzhags Armee mehr als ein Drittel ihrer Krieger verloren. Hunger, Kälte und Entkräftung hatten Tausende Orks und Goblins zu den Wirbeln der Seelen geschickt, wo sie von den Göttern nun lauthals begrüßt und bevorzugt behandelt wurden. Das war in der Tat ein Grund zur Freude, wie der Anführer der Mazauk meinte.

Nachdem er seiner Horde so viel Gutes getan und selbst schwer gefroren und gelitten hatte, stand der ehrgeizige Kriegsherr schließlich vor dem Lager seines Feindes. Hier draußen, in einiger Entfernung zur Zeltstadt des Khans, waren keine Hobgoblins anzutreffen. Sie hockten alle in ihren Zelten und Behausungen, um sich an den prasselnden Lagerfeuern zu wärmen und vor dem grausigen Winter zu verbergen. Ahnungslos saßen sie da – genau wie Grimzhag es erwartet hatte.

Die vielen Zelte in der Ferne wurden vom matten Schein der im Inneren flackernden Lagerfeuer erleuchtet. Eine stille, frostige Nacht lag über der verschneiten Steppe. Eben waren die Späher zurückgekommen und hatten berichtet, dass die Hobgoblins die Anwesenheit ihrer Feinde scheinbar noch immer nicht bemerkt hatten. Nun musste alles schnell und vor allem lautlos gehen. Kein Geschrei und kein Lärm durften den Feind auch nur im Ansatz vor der bevorstehenden Katastrophe warnen. Das hatte Grimzhag ausdrücklich angeordnet, so dass seine Krieger nicht das leiseste Geräusch von sich gaben.

»Die scheinen alle zu pennen, diese dämlichen Snags!«, flüsterte Zugrakk und deutete auf die Zeltstadt.

»Nicht mehr lange, mein Lieber! Nicht mehr lange!«, knurrte Grimzhag kaum hörbar.

Einige Gnoggreiter mit großen Standarten und Laternen in ihren gefrorenen Klauen ritten aus der Horde heraus und postierten sich vor ihr. Grimzhag hob sein Schwert in die Luft, während die Gnoggreiter ausschwärmten, um das Hobgoblinlager einzukreisen. Dann rückte der Rest der Horde vor, schweigend und mit bemerkenswerter Disziplin. Nach einer Weile hatte sich die Orkarmee in unmittelbarer Nähe der Zeltstadt formiert und wartete auf Grimzhags Zeichen zum Angriff.

»Viel Spaß, Zugrakk!«, sagte der junge Brüller und sein Freund schielte grinsend zu ihm herüber.

»Werde ich haben!«, kam zurück.

Grimzhag hob sein Schwert erneut in die Höhe und streichelte dann seinen Gnogg. Kurz darauf flogen einige Brandpfeile gen Himmel – das Signal zum Angriff auf die schlafende Zeltstadt.

Augenblicklich stürmten die Grünhäute wie eine Masse dunkler Schatten los und kamen einem tobenden Schneegestöber gleich über das Lager ihrer Feinde.

Grimzhag und Zugrakk ritten direkt auf einige Zelte zu und begannen plötzlich, wie von Sinnen zu brüllen. Die übrigen Orks und Goblins, die nun in das schlafende Hobgoblinlager strömten, taten es ihnen gleich und kurz darauf erfüllte ein furchtbarer Lärm die gesamte Zeltstadt.

Einige schlaftrunkene Grünhäute schauten verdutzt aus ihren Zelten heraus und gingen nach draußen. Neben ihnen tauchte Grimzhags schnaubendes Gnogg und dessen knurrender Reiter auf. Dann sauste das Breitschwert des Häuptlings auch schon auf den Schädel des ersten Hobgoblins nieder und spaltete ihn mit einem leisen Knacken. Die übrigen Feinde schrieen panisch auf, während immer mehr ihrer Stammesgenossen um sie herum aus den Zelten kamen.

Zugrakk wütete derweil bereits wie ein Berserker, er ließ sein Gnogg eine Gruppe von Hobgoblins niederwalzen. Brüllend sprang er von seinem Reittier herunter und hackte die am Boden liegenden Gegner in Stücke.

Grimzhag ritt indes ein schäbiges Zelt über den Haufen und schlachtete dessen unglückliche Bewohner ab. Hinter ihm drangen seine Orks in die Behausungen der Hobgoblins ein, um alles niederzumetzeln.

»Brennt die Zelte ab!«, rief Grimzhag und seine Krieger steckten diese mit ihren Fackeln in Brand.

Der Mazaukhäuptling stieg von seinem Gnogg ab, steckte sein Schwert in die Scheide und nahm eine riesige Zweihandaxt vom Rücken, um damit auf die verschreckten Hobgoblins vor sich loszugehen. Er schwang die brutale Waffe und sah mit Genugtuung auf die blutigen Wolken, welche sie aufspritzen ließ, während sie sich durch Knochen und Fleisch fraß.

Ein keuchender Hobgoblin, dem Grimzhag den Arm abgeschlagen hatte, wand sich auf dem Boden und kroch durch den blutgetränkten Schnee. Der junge Brüller zückte sein Messer, beugte sich zu der verletzten Grünhaut herab und hielt es ihr an die Kehle.

»Ihr wolltet mich vergiften, ihr dreckigen, kleinen Snags! Hä?«, zischte er dem Verwundeten ins Ohr.

»Ich habe dir nichts getan, Ork! Was willst du von mir?«, jammerte der Hobgoblin.

»Wolltet mich vergiften! Snagbrut! Dafür sterbt ihr jetzt alle! Verräterpack!«, schnaubte Grimzhag und schnitt seinem Opfer die Kehle durch.

Zufrieden grunzend fühlte er die Wärme des aus dem aufgeschlitzten Hals sprudelnden Blutes und leckte sich die Klaue ab. Dann schnappte er sich wieder seine Axt. Der Häuptling suchte weitere Hobgoblins, die er erschlagen konnte. Das Massaker zwischen den Zelten sollte noch bis zum Morgengrauen andauern.

Die verfeindeten Grünhäute hatten keine Chance gegen die aus der eisigen Dunkelheit kommenden Angreifer gehabt und waren zu Tausenden niedergemetzelt worden. Wo man hintrat, lagen tote Hobgoblins und der Schnee rund um die Steppensiedlung hatte eine blutrote Farbe angenommen. Das Cramogglager der Zeltstadt brannte inzwischen ebenfalls und Grimzhags Krieger hatten auch dort sämtliche Snagweibchen einschließlich ihrer Jungen erschlagen.

Eines war den Mazauk und ihren Verbündeten jedoch nicht gelungen: Grashrakk Khan zu fangen. Dieser hatte sich im Laufe jener blutigen Nacht nämlich noch rechzeitig zur Flucht gewandt und war mit einigen seiner Leibwächter in der Steppe verschwunden. Grimzhag tobte, als er erfuhr, dass sein Rivale entkommen war. Grashrakks Zeltstadt und der größte Teil seiner Krieger waren jedoch der Wut der Angreifer zum Opfer gefallen. Dies war der Anfang eines langen und ermüdenden Kampfes.

Der Feldzug gegen die Hobgoblinstämme der östlichen Steppen dauerte letztendlich fast einen ganzen Sonnenzyklus. Grashrakk Khan war mit einigen Hundert seiner Krieger in die Scythberge nahe der großen Eiswüste geflohen und Grimzhags Horde folgte ihm in das wilde, kalte Land.

Nach einem langen und mühsamen Marsch durch die Einöden des Nordens und die vereisten Scythberge brach Grimzhag die Verfolgung zunächst ab und kehrte nach Süden zurück. Hier unterwarf er einige Ork- und Goblinstämme und machte sie den Mazauk tributpflichtig. Mit einigen Stämmen der Menschennomaden, die ebenfalls in den östlichen Steppen umherzogen, stellte er erste Kontakte her. Schließlich schloss er mit ihnen sogar ein Bündnis gegen die Hobgoblins.

Dann kehrte die erschöpfte Horde wieder nach Karokum zurück, um sich sich von den Strapazen der Kämpfe und Märsche durch die Weiten des Ostens zu erholen. Im Hochsommer des folgenden Jahres marschierte Grimzhag an der Spitze einer großen Streitmacht wieder zurück in die von den Hobgoblins kontrollierten Steppen und unterwarf eine Reihe weiterer Grünhautstämme. Die meisten von ihnen ließen es angesichts der schlagkräftigen Armee des Mazaukhäuptlings nicht auf einen Kampf ankommen und schlossen sich ihm mehr oder weniger freiwillig an.

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23 aralık 2023
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