Kitabı oku: «Die Antariksa-Saga IV - Blinder Hass»
Alexander Merow

Roman
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»Es ist mir durchaus bewusst, dass ich mich mit meinen Thesen in den erlauchten Kreisen der leevländischen Gelehrten schon des Öfteren zum Narren gemacht habe. Allerdings gehöre ich zu den selten anzutreffenden Menschen, die sich überhaupt jemals mit der orkischen Art und dem Wenigen, was wir über ihre Geschichte wissen, befasst haben.
Der gewöhnliche Hofchronist kennt doch bloß die wichtigsten Eckdaten der imperialen Historie seit Arasig. Was vor dem Eintritt des heiligen Mannes in die Weltgeschichte gewesen ist, interessiert ihn nicht, da er es für vollkommen unwichtig hält.
Dass die mysteriösen Elben einst über ein Weltreich geboten haben, wird als historische Tatsache zwar nicht bestritten, doch wird so getan, als ob allein wir Leevländer alle Kultur und Zivilisation begründet haben.
Was ist mit dem Legendenreich von Manchin im fernen Osten? Was ist mit den Völkern, die in den Wüstenländern von Suzlan leben? Oder den Creex, von denen uns die Siedler in Murkalanth immer wieder berichten?
Wir Gelehrten sollten unseren Horizont erweitern, verehrte Herren der Asenburger Akademie. Die Geschichte der Welt beginnt keineswegs mit Arasig und der Gründung des Reiches. Auch ist Leevland nicht der Nabel der Welt.
Vor uns haben spitzohrige Elben Aurania beherrscht, das belegen nicht nur zahlreiche Quellentexte, sondern auch Relikte, die aus der Erde gewühlt worden sind.
Doch ich gehe noch einen Schritt weiter, und auch Ihre Zwischenrufe werden mich nicht daran hindern, meine Thesen öffentlich auszusprechen: Nicht nur die Elben waren dereinst ein wesentlich mächtigeres Volk als wir, sondern auch die grünhäutigen Orks!
Nein, so lassen Sie mich bitte ausreden, werte Kollegen! So viel Anstand kann ich doch hoffentlich von Ihnen erwarten! Einst gab es große Reiche der Orks, deren Macht sogar bis nach Leevland hineinreichte. Ich habe mich ausgiebig mit diesem Thema befasst und kann das durch eine Reihe von Quellen und Fundstücken belegen …«
»Nein, ich bin nicht verrückt, Herr von Steinenhang, derartige Unverschämtheiten verbitte ich mir!«
»Würden die Herren Kollegen bitte mit den Zwischenrufen aufhören, damit ich mit meinem Vortrag beginnen kann?«
»Gut, ich nehme zur Kenntnis, dass Sie mich für geisteskrank halten, Herr von Steinenhang! Aber dürfte ich dennoch über die Ergebnisse meiner Studien berichten?«
(Aswin Hammerknauff; Geschichtsgelehrter an der Akademie der Wissenschaften zu Asenburg bei seiner letzten Rede vor dem endgültigen Ausschluss aus der Chronistenfachschaft)
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Das Weltreich der Orks
Der Auftrag
Hochzeitsvorbereitungen
Die Reise des Zwergenprinzen
Die Gier nach Rache
Vorstoß der Zwerge
Orkische Milde
Bündnispflicht
Das vereinigte Heer
Kulghors Kampf
Das Duell
Halbtotenstarre
Volksheld wider Willen
Im Sog der Trauer
Streit zieht auf
Vater des Schiffs
Weitere Bücher
Das Weltreich der Orks
Draußen beschien eine grelle Mittagssonne die weiten Graslandschaften der Steppe, in deren Herz die Orkhauptstadt Karokum lag. Grimzhag saß im obersten Stockwerk seines Herrscherhauses an einem Schreibtisch und dachte nach. Sein Sohn, der vor vier Sonnenzyklen aus den Dunklen Landen zurückgekehrte Kulghor, betrachtete ihn interessiert. Gelegentlich schob er die Fangzähne für ein verhaltenes Orklächeln vor. Inzwischen hatte er sich mit seinem Erzeuger wieder versöhnt und genoss die zahllosen Privilegien, die einem Sprössling des mächtigsten Orks Antariksas zuteil wurden.
»Die Warnoxherden werden immer größer. Allerdings gibt es somit auch immer öfter Streit zwischen den Stämmen, wem welche Tiere gehören. Ich habe keine Lust mehr, mich noch länger mit diesem Zeug zu befassen. Das sollen gefälligst die Monroggs in den ihnen überantworteten Gebieten regeln«, brummte der Orkkönig gelangweilt, rollte ein Stück Pergament zusammen und legte es auf einen Haufen weiterer Schriftrollen, die sich im Regal neben dem Schreibtisch auftürmten.
»Ich kann mir schon vorstellen, dass so etwas nervt«, meinte Kulghor.
Grimzhag erhob sich von seinem Platz. Er lächelte gequält; dann nahm er einen Tonkrug von der Fensterbank und trank einen Schluck Wasser.
»So ist das eben. Wir sind kein kleiner Orkstamm mehr. Ein derart großes Reich benötigt eine gute Organisation. Ich habe mich viel damit beschäftigt, wie die Manchinen ihr Imperium aufgebaut und verwaltet haben. Sie haben oft gute Ideen, diese Menschlinge, das muss man ihnen lassen«, bemerkte er.
»Und doch haben dir die Manchinen nicht widerstehen können«, antwortete Kulghor ehrfürchtig.
Der Mazaukhäuptling hob belehrend die Klaue. »Wir haben auch viel Glück gehabt, junger Brüller. Hätten die Menschlinge ihre Heere vereinigt, dann wären die Felder von Yang-Weig zu unserem Grab geworden.«
Grimzhags Sprössling, der mittlerweile zu einem Grauaugenork von beeindruckender Kraft, Größe und Geistesschärfe herangereift war, hatte die Geschichten vom Manchinkrieg nun schon unzählige Mal gehört. Er sagte nichts dazu.
»Aber es ist alles gut gegangen«, fuhr sein Erzeuger fort, »und das ist die Hauptsache. Jetzt herrscht seit mehreren Sonnenzyklen Frieden, was nicht selbstverständlich ist.«
»Also werde ich nie die Möglichkeit bekommen, auch Ruhm auf dem Schlachtfeld zu erlangen«, sagte Kulghor enttäuscht.
»Jetzt fang nicht wieder damit an. Sei froh, dass wir nicht mehr zu Speer und Schwert greifen müssen. Die Menschlinge verhalten sich ruhig, die Zwerge ebenfalls. Und von den Elben hört man auch nichts. Wenn es keinen Grund zu kämpfen gibt, dann sollte man den Kampf auch nicht suchen.«
»Diese Worte aus dem Maul des großen Eroberers …«, murmelte der Königssohn und schob die Unterlippe etwas nach oben.
»Ein Reich aufzubauen, ist ebenso wichtig, wie es zu erobern, Kulghor.«
»Ja, diese Sprüche kenne ich von Soork. Du hörst dich immer mehr wie ein Geistesbegabter an, Grimzhag.«
Der Häuptling grinste. »Ich werde demnächst an meinem Buch weiterschreiben. Ich liebe es nämlich, meine Gedanken zu Papier zu bringen. Am liebsten würde ich für den Rest meines Lebens nur noch schreiben. Irgendwelche Kämpfe brauche ich nicht mehr, die habe ich zur Genüge gehabt.«
Kulghor konnte der Schwärmerei seines Vaters nicht viel abgewinnen, träumte er doch tief im Inneren davon, eines Tages selbst ein gefeierter Kriegsherr zu werden. Doch in einer Zeit, in der der Herrscher des orkischen Weltreiches ganz den seltsamen Gedanken von Frieden und Ausgleich nachhing, waren die Aussichten auf epische Schlachten und strahlenden Kriegsruhm nicht gerade groß.
»Man sagt in Karokum, dass du dich immer mehr in deinen Palast zurückziehst und nicht mehr so gerne mit den einfachen Grünhäuten sprichst. Außerdem wundern sich viele über das ganze Gerede vom Frieden«, bemerkte Kulghor mit leicht vorwurfsvollem Unterton.
Sein Vater reagierte mit einem lässig klingenden Verneinungswürgen. Daraufhin schmunzelte er, denn das Gerede der gewöhnlichen Orks war ihm längst gleich – das galt auch für das Geschwätz seines Freundes Zugrakk, der seit dem Ende des Manchinkrieges unter chronischer Langeweile und einem übergroßen Hang zum Pilzbiertrinken litt.
»Eigentlich hatte ich nicht erwartet, dass sich die anderen Völker um uns herum so ruhig verhalten. Deshalb bin ich heute auch umso glücklicher«, sagte der König.
»Ich habe in Trongburz nicht nur das Schmiedehandwerk gelernt, sondern auch, wie man mit einer Waffe umgeht. Aber vermutlich werde ich niemals herausfinden, ob ich gut kämpfen kann«, maulte Kulghor.
»Zugrakk ist doch immer für ein Kämpfchen zu haben«, kam zurück.
»Der ist doch ständig angetrunken. Aber trotzdem ist er ganz in Ordnung, auch wenn er kein Tiefdenker ist«, meinte der Königssohn, der am liebsten an der Seite seines Erzeugers in die Schlacht geritten wäre. Dieser jedoch hatte ganz andere Dinge im Kopf; fast so, als wäre er gar nicht der mächtige Eroberer, der einst ganz Antariksa in Angst und Schrecken versetzt hatte.
»Ich muss noch einmal mit Zugrakk sprechen. Er säuft tatsächlich viel zu viel Pilzbier. Ich sollte mir eine Aufgabe für ihn überlegen, die er nur nüchtern ausführen kann. Saufen verätzt die Organe eines Orks«, dozierte Grimzhag.
»Jetzt fängst du auch noch mit diesem Gesundheitsgequatsche an!« Kulghor verdrehte seine hellgrauen Augen.
»Nicht so vorlaut! Ich habe mich neulich mit mehreren Denkern über diverse Heilmethoden unterhalten. Zu viel Pilzbier hat schädliche Auswirkungen, das weiß doch eigentlich jeder.«
»Zugrakk meint, dass der besoffene Ork stets neben den Göttern steht«, sagte Kulghor lachend.
Grimzhag würgte mit ernster Miene. »Diese Reden schwingt er immer, wenn er angetrunken genug ist und kurz davor steht, Ärger anzufangen. Ich werde mich demnächst noch einmal mit ihm unterhalten müssen. Er sollte seine Gesundheit nicht aus den Augen verlieren. Aber ich vergesse diese Kleinigkeiten immer, da ich ja so viel zu tun habe. Wie auch immer, bald werde ich wieder an meinem Buch schreiben. Darauf freue ich mich.«
Der Krieg gegen die Manchinen war seit zehn Sonnenzyklen zu Ende und aus Grimzhag war ein anderer Ork geworden. Der Herrscher über das größte Reich Antariksas war inzwischen 57 Sonnenzyklen alt. Und er hatte sich, seit die letzte rebellische Stadt der östlichen Menschen in Flammen aufgegangen und der Feldzug siegreich beendet worden war, sehr verändert. Der gefürchtete Eroberer, welcher die Welt in Atem gehalten hatte, war zu einem friedlichen und weisen König geworden, der in sich ruhte und sein Lebenswerk – zumindest was die Errichtung eines Orkreiches anging – für vollendet hielt.
Grimzhag interessierten nur noch drei Dinge: Aufbau, Aufbau und Aufbau. So jedenfalls formulierte es der junge Brüller.
Von Kaifeng bis Chaar-Ziggrath wurde gebaut. Tausende von Orks und Goblins stampften in ununterbrochener Schwerstarbeit ganze Städte aus dem Boden; überall wurden Gebäude errichtet, Straßen gepflastert und Brücken gebaut. Mit atemberaubender Geschwindigkeit schuf Grimzhag eine Zivilisation aus dem Nichts. Gigantische Baustellen, bedeckt mit unzähligen Steinen und bevölkert von riesigen Schwärmen arbeitswütiger Grünhäute, übersäten die Weiten der Steppe und die Dunklen Lande.
Zur ersten Stadt, die der Orkkönig gegründet hatte, seiner Hauptstadt Karokum, waren mehrere neue hinzugekommen. Ebenso wurden auch die im Manchinkrieg eroberten und teilweise zerstörten Städte der Menschen wieder neu aufgebaut und mit Orks bevölkert.
Grimzhag hatte auf dem Höhepunkt seiner Macht, als ihm so gut wie jeder Ork- und Goblinstamm in einen neuen Krieg gefolgt wäre, auf weitere Feldzüge und Eroberungen verzichtet, um sich ganz dem Aufbau seines Weltreiches zu widmen. Die grünhäutige Art würde genug Land besitzen und ihre Zukunft wäre gesichert, meinte er. Die ständigen Kämpfe sind vorbei, proklamierte der Häuptling der Mazauk, der sich nun ganz der Errichtung einer neuen Orkzivilisation hingab.
Wenn sich Grimzhag nicht gerade mit diversen Bauprojekten oder der Neuordnung seines Imperiums befasste, brachte er seine Gedanken zu Papier. Dann saß er in seinen Gemächern im Palast von Karokum, schwang die Feder und schrieb eine Pergamentrolle nach der anderen voll. Inzwischen hatte er nicht nur seine wichtigsten politischen Vorgaben und Gebote für die Nachwelt festgehalten, sondern verfasste auch mit größter Leidenschaft philosophische Werke, die selbst einen Elbendenker beeindruckt hätten.
Von dem einst so ehrgeizigen, jungen Brüller, der ausgezogen war, um alle Länder unter der Sonne zu erobern, schien kaum noch etwas übrig geblieben zu sein. Viele von Grimzhags Heerführern, die allesamt Grauaugenorks waren, verstanden ihren König nicht mehr. Er war seltsam geworden und vermied oft den Kontakt zu ihnen, genau wie zum einfachen Orkvolk. Am liebsten umgab sich Grimzhag mit seinen Beratern aus der Blutlinie der Geistesbegabten, jenen seltenen Tiefdenkern, die in den meisten Stämmen die Schamanen und Geistheiler stellten. Mit ihnen, allen voran seinem alten Freund Soork und dem greisen Cuglakk, führte er lange Gespräche über den Sinn des irdischen Daseins und die Welt jenseits des Materiellen. Manchmal verließ er seine Gemächer viele Sonnen lang nicht, saß nur meditierend und grübelnd in einem Zimmer seines Palastes und brachte die Gedanken zum fliegen.
Von den gewöhnlichen Orks ließ er nur noch seinen ältesten und besten Gefährten Zugrakk näher an sich heran. Dieser allerdings wusste schon lange nicht mehr, was er noch von Grimzhag halten sollte, da er von den seltsamen Dingen, mit denen sich der König befasste, nur wenig verstand.
Die Grauaugen, jene Angehörigen der Herrscherkaste des Orkvolkes, die noch immer gezielt vermehrt wurden und deren Zahl sich inzwischen deutlich erhöht hatte, waren indes zu Hordenführern oder Monroggs in Grimzhags Namen geworden. Artux der Schlaue saß als Stellvertreter seines Königs auf dem Thron in Chaar-Ziggrath und Oglok residierte in Kaifeng; die beiden waren Grimzhags wichtigste Gefolgsleute.
Kulghor, der Sprössling des großen Eroberers, regierte inzwischen als Monrogg über einen Teil der östlichen Steppen. Der junge Grauaugenork war ein streitbarer und ehrgeiziger Zeitgenosse geworden, der sich immer als im Schatten seines gefeierten Erzeugers stehend betrachtete. Somit hoffte Kulghor auf nichts mehr, als auf einen neuen Krieg, in dem er seine eigenen Fähigkeiten als Hordenführer unter Beweis stellen konnte. Doch Grimzhag dachte nicht daran.
Und so wie Kulghor vom Ehrgeiz und der Sucht nach Kriegsruhm geplagt wurde, erging es auch vielen anderen Grauaugenorks, die selbst noch nie auf einem Schlachtfeld gestanden hatten. Die Epoche des friedlichen Aufbaus, welche Grimzhag ausgerufen hatte, war ihnen regelrecht verhasst, denn sie hinderte sie daran, selbst zu Helden zu werden. Aber der König ignorierte das Klagen der jungen Orkadeligen, lebte weiter in seiner eigenen Welt des Geistes und löste so gut wie jedes Problem in den Grenzen seines gewaltigen Imperiums ohne Gewalt.
Mit dem Restreich von Manchin, welches noch immer von Kaiser Fushang I. regiert wurde, hatte Grimzhag längst einen offiziellen Friedensvertrag geschlossen. An der Grenze, dem Jadefluss, war nach wie vor alles ruhig. Ansonsten gab es so gut wie keinen Kontakt zu den anderen Völkern Antariksas, die mit Sorge und Verwunderung auf das Orkreich in der Ferne blickten. Menschen, Zwerge und Elben durften die von den Grünhäuten beherrschten Länder nicht betreten und sie hatten auch kein Interesse daran.
»Wir Orks leben für uns und lassen die anderen für sich leben. Die Götter haben uns verschieden gemacht, was bedeutet, dass wir nebeneinander existieren und uns die Welt teilen sollen«, lautete eines von Grimzhags Geboten.
Was war bloß aus dem Welteroberer geworden? Das fragte sich nicht nur Zugrakk, der ebenfalls davon träumte, seinem allmächtigen Freund noch einmal in einen epischen Krieg zu folgen. Grimzhag wirkte inzwischen zahm, milde und vollkommen vergeistigt. Wo war der Bezwinger von Manchin geblieben, der mit seinen Horden ganze Länder verwüstet hatte?
Zwar stand Grimzhags Name außerhalb der Grenzen seines Weltreiches noch immer für Schrecken und Blutvergießen, doch hatten die anderen Völker nichts mehr von ihm zu befürchten. Der große König der Orks war in sich ruhend; glücklich mit dem, was er erreicht hatte. Die Zukunft der grünhäutigen Art sei gesichert, sagte er, um nun auf dem Pfad des Aufbaus und der Weisheit zu wandeln, bis er eines Tages als zufriedener Ork in den Wirbel der Seelen zurückkehrte.
Grimzhags Tochter war längst zu einer Cramogg herangewachsen, der jeder paarungsbereite Ork gerne in die Backen gebissen hätte. Aber das war natürlich nicht erlaubt, denn Grimzhag selbst achtete darauf, dass nur edelblütige Grauaugen in Ongrakkus Nähe kamen. Immerhin konnte die junge Cramogg die Besten der Grünhäute austragen, was bedeutete, dass es auch ihre heilige Pflicht war, dies zu tun. Allerdings hatten ihr die Götter bisher noch die Trächtigkeit verwehrt, wie es Soork ausdrückte. Manchmal dauerte es eben eine Weile, bis das Überlegene seinen Weg gefunden hatte.
»Sein Name ist Croomrukk, er ist ein Grauauge vom Stamm der Trumzal. Er war sehr nett beim letzten Mal, leider hat er mich nicht trächtig gemacht. Aber wenn die nächste Paarungszeit kommt, dann versuchen wir es erneut. Croomrukk ist ein äußerst sanfter Backenbeißer und witzig ist er auch«, sagte Ongrakku mit einem leisen Kichern.
»Den muss ich mir mal genauer ansehen, diesen Croomrukk«, antwortete Grimzhag und stieß ein skeptisch klingendes Brummen aus.
»Das habe ich bereits«, merkte Soork an. »Einer Begattung kann ich guten Gewissens zustimmen. Dieser Croomrukk macht auch auf mich den Eindruck eines recht erbtüchtigen Orks.«
»Ich habe ihn wirklich lange genug beschnüffelt, Grimzhag. Du kannst mir schon vertrauen, dass ich mich nicht mit niederen Orks paare«, erklärte Ongrakku. Dann stampfte sie mehrfach hintereinander auf, um den Gehalt ihrer Aussage zu bekräftigen.
»Sie ist so schön wie ihre Austrägerin Arruku«, dachte Grimzhag voller Stolz, während er Ongrakku bewundernd betrachtete.
Die junge Cramogg hatte schöne, helle Fangzähne, hohe Wangenknochen und lange Beine, die sehr muskulös waren. Grimzhag strich ihr sanft mit der Klaue über den kahlen Kopf.
»Wie schön sie doch ist, unsere Ongrakku«, sprach Soork die Gedanken seines königlichen Orkfreundes aus.
»Gutes Blut bedeutet eine hohe Verantwortung«, dozierte das Weibchen in der altklugen Art ihres Erzeugers.
»Das hätte ich nicht besser formulieren können«, antwortete Grimzhag begeistert. Er stampfte demonstrativ auf.
»Arruku und ich haben uns übrigens überlegt, bei der nächsten Paarungszeit Dörrblüten im Tempel der Zucht auszulegen. Wir alle wissen, welch anregende Wirkung der Duft dieser Blüten hat«, meinte Ongrakku. Ihre hellgrauen Augen blitzen auf.
»Ein großartiger Einfall! Das wird die Paarungsbegeisterung vieler Orks noch um einiges steigern. Dass ich selbst noch nicht darauf gekommen bin«, erwiderte Grimzhag lobend.
»In diesen Dingen denken wir Cramogg eben weiter als die Krieger. Ich habe mich in letzter Zeit mit vielen Weibchen unterhalten und wir haben uns zusammengesetzt, um den einen oder anderen Verbesserungsvorschlag auszuarbeiten. Ich habe die Vorschläge hier einmal zu Papier gebracht.« Ongrakku holte eine kleine Pergamentrolle aus der Seitentasche ihres Ruumphfellmantels.
»Es geht nicht nur um eine Verbesserung der Paarungsumstände selbst, sondern auch um Fragen der Jungenaufzucht«, erläuterte sie mit ernster Miene.
Interessiert las sich Grimzhag die Vorschläge seiner Tochter durch, Soork lugte ebenfalls neugierig auf das Pergamentpapier.
»Eine wahre Fülle von hervorragenden Ideen. Ich bin wirklich beeindruckt, mein kleiner Weißzahn«, stieß Grimzhag nach einer Weile aus, um Ongrakku dann anerkennend auf die Schulter zu klopfen.
»Die Krieger kämpfen und bauen, die Cramogg gebären und pflegen«, zitierte das junge Orkweibchen einen Leitsatz ihres berühmten Erzeugers.
»Sehr richtig!« Soork hob den Schamanenstab.
»Ich werde mir alles noch einmal in Ruhe durchlesen und mir dazu ebenfalls Gedanken machen«, gelobte der Orkkönig dankbar.
»Wir werden uns indes mit den anderen Cramogg weiter beraten, uns fallen sicherlich noch ein paar gute Sachen ein«, meinte Ongrakku.
»Davon bin ich überzeugt«, antwortete Grimzhag mit einem breiten Orklächeln. Er war stolz auf seine Tochter. Sie war nicht nur äußerst schön, sondern auch äußerst klug. Solche Cramogg brauchte das Orkvolk. In ihnen würde einst ein neuer Grünhautadel heranwachsen, sinnierte Grimzhag, während er Ongrakku liebevoll ansah.
Die Provinz Ostmark sei bloß ein trostloser und verregneter Landstrich. So sagten es die Leevländer, die aus den weiter westlich gelegenen Regionen in das Grenzland am Fuße des Felssäulengebirges kamen, um meist nur ungern länger zu bleiben. Und da sich die Regenwolken rund um die Gipfel des riesenhaften Gebirges, welches den Kontinent Aurania und die Dunklen Lande wie ein Titanenwall aus grauem Gestein trennte, stets aufs neue versammelten, entsprach dies auch der Wahrheit. Es regnete in der Tat sehr häufig in Leevlands östlichster und zugleich ärmster Provinz.
Fürst Loghar von Richthofen, sein Sohn Irmynar und dessen hübsche Geliebte Thelinda von Karnt, mochten ihre Heimat allerdings trotzdem. Die Vorfahren des Kurfürsten waren schon vor langer Zeit in die Ostmark gekommen, hatten zahllose Sümpfe trockengelegt und die ersten Städte und Dörfer errichtet. Die weiter westlich lebenden Leevländer betrachteten die Ostmärker zwar als etwas zurückgebliebene und hinterwäldlerische Zeitgenossen, doch störte das diese nicht. Im Gegenzug hielten die eigensinnigen Bewohner der Ostprovinz ihre westlichen Landsleute nämlich für hochnäsig und verweichlicht.
Als Angehörige des leevländischen Adels standen Fürst Loghar und sein Sohn allerdings über den kleinlichen Frotzeleien der einfachen Reichsbürger – zumindest versuchten sie es. Von ihren Standesgenossen aus dem Westen des Imperiums wurden aber auch sie ein wenig herablassend beäugt. Die Ostmark war eben nur eine Randprovinz und nicht etwa die Kaisermark, in deren Zentrum sich die Reichshauptstadt Asenburg befand.
Vor allem Fürst Loghar war demnach bestrebt, stets einen besonders guten Eindruck zu hinterlassen. Inzwischen war seine Residenz fertiggestellt worden und durchaus in der Lage, adeligen Gästen aus den anderen Teilen des Imperiums zu imponieren. Nicht zuletzt die Kredite Zaydan Sharguts hatten Loghar über einige Durststrecken hinweggeholfen, so dass das fürstliche Anwesen am Ende doch zu einem eindrucksvollen Prunkbau geworden war.
Irmynar, des Fürsten einziger Sohn und Nachfolger, hatte dagegen andere Dinge im Kopf. Die Liebe zu Thelinda, einer anmutigen, hochgewachsenen Schönheit mit blondem Haar und milchweißer Haut, war noch frisch und feurig. Das junge Pärchen verbrachte viel Zeit mit gemeinsamen Ausritten in die Wälder, welche Richtenhof umgaben, oder genoss die Tage in der gewaltigen Gartenanlage der fürstlichen Residenz.
Eines Tages, so erklärte es Loghar seinem Sohn in regelmäßigen Abständen, würde er die Ostmark als Stellvertreter des Kaisers verwalten müssen. Doch davon wollte Irmynar wenig wissen. Die wundervollen Stunden mit seiner geliebten Thelinda, aufregende Jagden in den Wäldern oder auch ein kleines Trinkgelage mit guten Freunden gefielen dem jungen Adelsspross wesentlich besser als die langweilige und immer gleich anmutende Reichspolitik.
Außerdem war Fürst Loghar keinesfalls alt und gebrechlich, was bedeutete, dass Irmynar noch viele Jahre blieben, in denen er sich guten Gewissens von allzu viel Verantwortung fernhalten konnte.
Das bedeutendste Ereignis der nahen Zukunft sollte ihre Hochzeit sein; darin waren sich Irmynar und Thelinda einig. Dem jungen Pärchen schwebte ein berauschendes Fest vor, das über die Provinzgrenzen hinaus Bekanntheit erlangen würde. Fürst Loghar hatte bereits angekündigt, alles zu finanzieren. Die Heirat seines Sohnes sollte dem imperialen Adel ein Leben lang in Erinnerung bleiben, meinte der erste Mann der Ostmark.
»Die anderen können über uns sagen, was sie wollen, aber feiern können wir Ostmärker wie sonst niemand«, sagte Loghar manchmal zu Irmynar und seiner zukünftigen Schwiegertochter, wobei er stets ein gutmütiges Lächeln nachschob.
Chaacha, Zaydans neue Frau, schenkte ihrem wesentlich älteren Gatten ein weiteres Glas Wein ein. Der bärtige Bankier aus Berbia nickte ihr zu, nahm einen Schluck und wandte sich dann seinen jüngeren Brüdern zu.
»Dich schicke ich nach Blankenburg, Schmekel. Du wirst dort eine Zweigstelle der Shargut Bank aufmachen. Ich habe bereits alles mit dem dortigen Fürsten abgeklärt«, erläuterte er.
Die bewundernden Blicke der Brüder und seiner frisch aus Hach-Hephrai nach Aurania gekommenen Frau genießend, wartete Zaydan auf eine Reaktion Schmekels. Dieser lächelte dankbar und nickte.
»Bevor du fragst, mein Lieber, das Grundkapital stelle ich dir natürlich zu Verfügung. Du musst nur Kredite vergeben, ein Kinderspiel«, fügte der in die Jahre gekommene Geldverleiher hinzu.
Schmekel nickte erneut, während Zaydan den Blick bereits auf die übrigen Brüder gerichtet hatte. Diese sahen ihn erwartungsvoll an. Ihr ältester Bruder, der sich von einem erfolgreichen Kaufmann in einen noch erfolgreicheren Geldverleiher verwandelt hatte, würde sie heute in verschiedene Städte des leevländischen Imperiums schicken. Nicht nur Schmekel war von einer grenzenlosen Euphorie ergriffen. Bald würde jeder der Shargut Brüder seine eigene Geldwechselstube besitzen.
»Zenech, du gehst nach Cranium, Atztak geht nach Prehl, Echach geht nach Magnalan.«
»Ich soll nach Magnalan?«, wunderte sich Letzterer.
Zaydan hob den Zeigefinger. »Ja, das Shargut Bankhaus wird sich auf Dauer über die Grenzen Leevlands hinaus über ganz Aurania ausbreiten. Ich baue ein Netzwerk auf, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Genau deshalb schicke ich dich in die magnalanische Hauptstadt, damit du dort eine Zweigstelle aufmachst, Echach.«
»Unglaublich!«, stieß Schmekel ehrfürchtig aus.
»Wir Sharguts erobern diesen Kontinent mit Geld und Gold, habt ihr das verstanden?«, rief Zaydan.
»Du bist ein Genie!«, merkte der Jüngste der Brüder an.
»Ihr seid meine Offiziere. Und die vielen Berbianer, die wir als Helfer aus unserer Heimat nach Aurania holen werden, machen wir zu unseren Soldaten. Leevland und irgendwann ganz Aurania wird eines Tages in berbischer Hand sein, dann nehmen wir uns den Reichtum dieser gutmütigen Holzköpfe.«
»He, he!«, amüsierte sich Echach.
»Was ist daran lustig?«, maßregelte Zaydan seinen jüngeren Bruder und sah ihn für einen kurzen Moment finster an. »Ich meine das todernst. Das Shargut Bankhaus wird die größte Macht im berbischen Volk werden. Und das berbische Volk wird unter Führung der Shargut Sippe eines Tages die größte Macht der Welt werden.«
»Bei allen Goldhaufen, das nenne ich einen Plan!«, murmelte Zenech.
»Ich werde es wohl nicht mehr erleben, aber irgendwann wird es so weit sein, dass wir über das größte Reich der Welt regieren werden. Ein Imperium des Geldes. Aber dafür braucht man Eroberer wie mich. Meister der List, die mit Schuldschein und Zins kämpfen können.«
Zaydans jüngere Brüder sahen sich fragend an. Dann herrschte für eine Weile andächtige Ruhe, bis Weng, der manchinische Gehilfe des Bankiers, bemerkte: »Dann willst du jetzt der Grimzhag des Geldes werden, oder wie?«
Zaydan ließ ein leises Knurren ertönen. »Grimzhag?«
Chaacha streichelte ihrem Mann sanft über den Rücken, doch dieser schüttelte ihre Hand ab. Daraufhin ging er einen Schritt auf Weng zu und zog die Augen zu einem dünnen Schlitz zusammen.
»Sehr richtig, ich werde der Grimzhag des Geldes werden. Allerdings wird dann vom eigentlichen Grimzhag nichts mehr übrig sein. Das Ende dieses verfluchten Orks wird nämlich früher kommen, als du es dir vorstellen kannst. Lass dich ruhig überraschen.«
Es hatte eine Weile gedauert, bis Zugrakk die Orkwachen an der Eingangstür davon überzeugt hatte, dass er bei seinem alten Kumpel Grimzhag tatsächlich einen wichtigen Termin hatte.
»Er ist mein bester Freund, also lasst mich durch, ihr Snagschnauzen«, hatte Zugrakk gesagt und die Wachen dann einfach aus dem Weg geschubst.
Jede Grünhaut wusste, dass er der beste Freund des mächtigen Orkherrschers war, selbst diese großkotzigen Wachen, die am Hauptportal des Palastes standen und sich unsagbar wichtig vorkamen.
Die erste Hälfte dieses Tages hatte Zugrakk bereits in Gesellschaft einiger Krieger und mehrerer Pilzbierfässer verbracht, die zweite wollte er hingegen mit dem König der Orks verbringen. Zugrakk vermisste seinen besten Kumpel sehr, vor allem wenn er angetrunken war.
»Wo isser hin?«, murmelte die bullige Grünhaut, während sie in die Eingangshalle hineintorkelte und dabei von mehreren hochrangigen Orks angeglotzt wurde.
»Hallo, allerseits! Wo ist Grimzhag?«, wollte Zugrakk wissen.
»Was gibt es denn?«, rief ein hagerer Tiefdenker, den drei Wachsoldaten begleiteten.
»Weiß ich auch nicht, was es gibt? Wahrscheinlich wieder Ruumphbraten, was? Frag doch mal die Goblins in der Küche, was es heute gibt«, antwortete Zugrakk mit einem beschwipsten Grinsen im Gesicht.
»Ich würde schon gerne wissen, warum du zu unserem König willst«, nervte der Geistesbegabte, wobei er keinerlei Anzeichen von Humor zeigte.
»Schieb ab, frag doch die Gobbos inner Küche, ha, ha!« Zugrakk ließ den klugen Ork und seine Begleiter einfach stehen und schwankte entschlossen in Richtung des Saalausganges. Die Wachsoldaten ließen Zugrakk in Ruhe, sie starrten ihm lediglich verdutzt nach.
Nachdem der angetrunkene Orkkrieger einen langen Gang heruntergestolpert war, kam er zu einer Treppe, die in die obere Etage führte. Dort oben musste Grimzhag irgendwo sein. Zugrakk machte sich auf den Weg.
Als er die Treppe endlich hinter sich gelassen hatte, kamen ihm zwei Goblindiener entgegen. Der eine trug einen Wassereimer, während der andere einen großen Besen herumschleppte.
»Na, macht ihr kleinen Snags auch schön sauber?«, quatschte Zugrakk die Goblins an, doch diese zeigten nur ein paar Demutsgesten und waren kurz darauf in einem Nebenraum verschwunden.
»Bei allen Warnoxkackhaufen der Steppe, wo ist der Schwachkopf denn bloß?«, knurrte Zugrakk, während er mit stumpfem Blick umherglotzte und immer wieder leise fluchte.
Auf einmal kam ihm ein Grauaugenork schnellen Schrittes entgegen und hob die Klauen. »Kann ich dir helfen, Krieger?«
Der Ton dieses Wichtigtuers gefiel Zugrakk überhaupt nicht. Mit einem herausfordernden Knurrlaut stellte er sich vor den fremden Ork, der offenbar ein Rottenführer war.
»Wo ist mein Freund Grimzhag?«, schnaubte Zugrakk.
»Der Mächtige befindet sich in dem Raum am Ende dieses Ganges, aber er hat ausdrücklich gesagt, dass er für den Rest des Tages nicht gestört werden möchte«, erklärte das Grauauge mit der typischen Sachlichkeit eines Besserwissers. So etwas mochte sein beschwipster Gesprächspartner gar nicht.
»Von dir will er vielleicht nicht gestört werden, aber bei mir ist das etwas anderes. Ich bin nämlich immer gut drauf und witzig, verstehste?«
»Naja …«, bekam der Rottenführer nur heraus. Immerhin wusste auch er, dass der peinliche Suffkopf vor ihm der beste Kumpel seines Königs war.
Währenddessen versammelten sich überall auf dem Gang und der Treppe Dutzende von Orks. Alle begafften sie Zugrakk, der sich trotzig vor den Grauaugenork gestellt hatte und nicht daran dachte, wieder nach Hause zu gehen.
»Also, darf ich jetzt zu meinem Freund, oder was?«, grollte der Krieger.
»Eigentlich möchte der große König heute keinen Besuch mehr empfangen«, gab das Grauauge leicht verunsichert zurück, während Zugrakk drohend die Fangzähne nach vorne schob und die Klauen zu Fäusten ballte.
»Eigentlich habe ich Grimzhag im Dschungel von Kurast den Kopp gerettet. Und auch sonst habe ich ihm oft genug den Kopp gerettet, in mehr als tausend Schlachten. Also komm mir nicht mit »eigentlich«, du oberschlaue Gnoggfresse, sonst kriegst du eigentlich eine rein!«
Bevor der Grauaugenork noch etwas sagen konnte, schubste ihn Zugrakk einfach zur Seite und rannte den Gang herunter. Dann riss er die Tür auf.
»He, Grimzhag! Was machst du denn da? Ich bin`s!«, rief Zugrakk mit einem fröhlichen Kichern.
Vor ihm saß sein königlicher Freund schweigend auf dem Boden – mit dem Rücken zur Eingangstür. Zugrakk kratzte sich fragend am Hinterkopf.
»Was tust du denn da? Biste eingepennt? He, Grimzhag!«
Mit einem entnervten Brummen stand der Häuptling auf, drehte sich um und warf die Klauen in die Höhe.
»Goffrukks Keule, was machst du denn hier?«, giftete er Zugrakk an.
»Wollte nur mal vorbeischauen. Ich habe noch ein Fass Bier zu Hause, wir könnten ja noch einmal einen heben oder so was«, meinte dieser recht verdutzt.
Grimzhag würgte verneinend. »Das ist heute eher schlecht.«
»War ja klar!«, kam zurück.
»Tut mir wirklich leid«, sagte der junge Brüller leise.
»Was hast du denn da auf dem Boden gemacht? Warste eingenickt, oder was?«, lallte Zugrakk. Der Krieger war so benommen, dass er sich am Türrahmen festklammern musste.
Grimzhag verdrehte die Augen, als er seinen Freund betrachtete. »Nein, ich habe lediglich meditiert.«
»Medi … was?«
»Meditiert!«
»Will gar nicht wissen, was das wieder für ein Quatsch ist.«
»Es ist kein Quatsch. Es ist eine Technik, um Körper und Geist in Einklang zu bringen.«
»So `n Zeug von den Menschlingen, wie?«
»Naja, das machen auch unsere Schamanen, Zugrakk.«
»Die haben eh alle `n Pfeil im Kopf.«
Grimzhag brummte verärgert. »Jedenfalls ist meine Meditation jetzt unterbrochen worden. Vielen Dank, Snaghirn.«
Zugrakk grinste benebelt. »Gern geschehen! War wohl auch besser so, sonst wärst du bestimmt im Kopf weggeflogen und nur noch der Körper wäre da geblieben. Ha, ha, das muss man sich mal vorstellen.«
»Jetzt komm erst einmal rein und steh nicht wie ein dämlicher Troll in der Gegend herum. Und mach` gefälligst hinter dir zu, muss ja nicht jeder mitkriegen«, sagte Grimzhag energisch.
Daraufhin zog er Zugrakk in den Raum und verriegelte die Tür. Dieser Ork war manchmal nur noch eine einzige Peinlichkeit, dachte der König. Aber er war nun einmal sein bester Freund. Was sollte man da machen?
Der Auftrag
Zwei Dienstmägde huschten schnellen Schrittes aus dem Jagdzimmer des Fürsten, nachdem sie dessen Sohn mit ein paar nicht sehr freundlichen Gesten fortgescheucht hatte. Irmynar stiefelte mit verkniffener Miene an den beiden Frauen vorbei, um sich dann seinem Vater zuzuwenden.
Der gutmütige Adelige fummelte indes mit fragendem Blick an einem Goldknopf seines Gewandes herum und brummte: »Was kann ich für dich tun, mein Junge?«
Irmynar presste die Lippen zu einem schmalen, blutleeren Strich zusammen, seine Augen blitzen zornig auf, während er sich bemühte, einen Wutanfall zu unterdrücken.
»Was ist denn?«, fragte Fürst Loghar.
Dieser … dieser Berbianer! Dieser widerwärtige, ungoldene Parasit! Was hat der überhaupt bei uns zu suchen? Man könnte langsam den Eindruck bekommen, dass er schon bei uns im Haus wohnt!«, schnaubte Irmynar.
»Ganz ruhig, mein Sohn«, antwortete der Fürst und ließ ein verlegenes Räuspern folgen.
Es war ein seltsames Bild: Auf der einen Seite der hochgewachsene, blonde Jüngling, welcher ganz dem Idealbild eines leevländischen Ritters entsprach, und auf der anderen Fürst Loghar. Letzterer wirkte wie die Gutmütigkeit in Person, was durch seinen kleinen Kugelbach, die rosaroten Pausbacken und das kurze Kinn noch unterstrichen wurde. Außerdem überragte ihn Irmynar um mehr als einen Kopf. Er kam eher nach seiner Mutter, der seligen Fürstin Janina, die schon kurz nach seiner Geburt am Sumpffieber gestorben war.
»Warum leihst du dir eine so hohe Summe von diesem Betrüger? Das kann ich einfach nicht begreifen, Vater!«, schimpfte Irmynar.
»Ungoldener Parasit, betrügerischer Berbianer und so weiter. Du bist voller Vorurteile gegenüber Zaydan Shargut. Was hat dir dieser Mann denn bloß getan, dass du ihn so hasst? Verachtest du ihn, nur weil er kein Leevländer ist? Das ist doch absolut lächerlich«, meinte Loghar.
»Er ist nicht ehrlich, Vater. Diese Berbianer sind doch …«, wetterte der Fürstensohn.
Sein Vater lächelte milde. »Ja, sie sind alle Betrüger. Und natürlich sind sie auch nicht so viel wert wie wir edlen Leevländer, nicht wahr?«
»Dieser glupschäugige Wucherer ist schlichtweg nicht vertrauenswürdig! Das fühle ich einfach! Er umgarnt dich, schmeichelt dir und kriecht unter deine Haut wie ein Aderwurm. Ständig schleicht er durch unsere Residenz, weil er es auf unser Vermögen abgesehen hat oder sonst irgendetwas ausheckt.«
»Ich habe mir noch etwas Geld für das eine oder andere Bauvorhaben geliehen, mein Sohn. Zaydan hat nun einmal Geld, also leihe ich mir ein wenig. So einfach ist das. Wir haben einen Vertrag geschlossen, alles geht mit rechten Dingen zu. Was ist daran verwerflich?«
»Der ehrenwerte Herr Shargut nimmt 50 Prozent Zinsen! 50 Prozent!«, ereiferte sich Irmynar.
Allmählich nahm die Gutmütigkeit des Fürsten ab. Umso lauter sein Sohn wurde, umso ungehaltener wurde nun auch Loghar. »Ich habe diesen Zinssatz akzeptiert und bin froh, dass mich Herr Shargut unterstützt.«
»Unterstützt?«, fauchte Irymnar mit zynischem Unterton. Mürrisch verschränkte er die Arme vor der Brust, verzog den Mund und neigte den Kopf leicht zur Seite.
»Du wirst mir nicht vorschreiben, bei wem ich mir Geld leihe, Irmynar. Mach dir keine Sorgen, du wirst schon noch genug erben, wenn ich eines Tages ins Goldene Taira eingehe«, knurrte der Fürst.
»Darum geht es mir nicht«, gab sein Sohn zurück.
»Ich wünsche jedenfalls keine weiteren Diskussionen mehr über dieses Thema. Und jetzt darfst du gehen, mein Junge.«
»Sehr wohl!«, erwiderte Irmynar. Er verneigte sich theatralisch, ganz wie einer der Hausdiener, und machte dann auf dem Absatz kehrt.
»Zaydan Shargut hat die halbe Welt bereist und spricht mehrere Sprachen. Zudem hat er viele schreckliche Dinge gesehen und furchtbar gelitten, dort hinten im fernen Manchin. Aber dennoch ist er ein lebensfroher Mann geblieben. Etwas mehr Respekt vor anderen Menschen und etwas weniger dumme Ignoranz würden dir gut tun, mein Lieber«, rief Loghar seinem Sohn noch nach.
»Haben wir nicht gehabt immer gutes Verhältnis, König der Orks?«, fragte der Häuptling der Tokmar in gebrochenem Steppenorkisch.
Grimzhag sah von seinem Thronpodest aus auf den bärtigen Menschenkrieger herab. Er brummte nachdenklich, während ihn der Gast erwartungsvoll musterte.
»Ja, das haben wir. Im Manchinkrieg haben Orks und Tokmar zusammen gekämpft. Viele Menschlingsstämme aus den Steppen haben uns geholfen. Ihr wisst, Häuptling Amrath, dass ich Eurem Stamm gut gesonnen bin«, sagte der junge Brüller.
»Das wissen wir Tokmar«, gab der Nomadenführer mit unzufriedenem Unterton zurück.
»Was kann ich denn für Euch tun, Amrath?«, hakte Grimzhag nach.
Der Mensch breitete die Arme aus und sprach: »Nordmanchin gehört jetzt den Orks, wir Menschen aus Steppe dürfen nicht wohnen dort. Nur Orks dürfen wohnen in diese Land, wo alles wachsen in Boden.«
»So war die Abmachung, Menschling«, fügte der Mazauk sogleich hinzu.
»Stamm der Tokmar lebt weiterhin in Steppe, genau wie andere Stämme von Menschen auch.«
»Wir hatten von Anfang an einen Pakt«, erklärte Grimzhag leicht verärgert. »Die Orks bekommen Manchin bis zum Jadefluss und ihre menschlichen Verbündeten dürfen plündern so viel sie wollen.«
»Ja, ich weiß!«, meinte Amrath. Der breitschultrige Steppenreiter, um dessen Hals mehrere Gnoggzahnketten hingen, schaute Grimzhag mit verbissener Miene an.
»Ist das jetzt nicht mehr gut genug?«, wollte der Orkkönig wissen.
»Die Tokmar wollen auch haben gute Land, wo ist warm und schön«, erwiderte der Mensch, um dann nach orkischer Art bekräftigend aufzustampfen.
»Nordmanchin gehört allein den Orks, so war unsere Abmachung, Amrath«, betonte Grimzhag. Er stand von seinem Thron auf und donnerte den Fuß dreimal hintereinander auf den Boden.
Amrath hob die Hand, er lächelte. Offenbar wollte er Grimzhag nicht zu sehr bedrängen oder gar erzürnen. »Nein, schon gut. Wir wollen nicht Land in Manchin. Wir wollen Land in Hangko.«
»In Hangko?«, rief Grimzhag überrascht.
»Ja, Menschenstämme haben Versammlung gemacht. Viele Häuptlinge waren da. Wir stellen eigene Armee aus Reitern der Steppe auf, dann wir greifen an das Reich Hangko und nehmen dort das Land, König der Orks.«
Soork, der sich das Gespräch die ganze Zeit über schweigend angehört hatte, stellte sich neben Grimzhag und hob seinen Schamanenstab in die Höhe.
»Die Steppenstämme der Menschlinge bereiten also einen Feldzug gegen das Königreich von Hangko vor? Ist das richtig?«
»Richtig, Orkdenker!«, antwortete Amrath.
»Und wer soll das Heer der Menschlinge anführen?«, wollte Grimzhag wissen. »Häuptling Igural vom Stamm der Karonchai«, sagte der Nomadenführer.
»Ich verstehe …«, murmelte der junge Brüller und wirkte von den neuen Nachrichten überhaupt nicht begeistert.
»Jetzt wir bitten Euch, Wütender, uns zu helfen mit Soldaten der Orks«, fügte Amrath hinzu.
»Ich soll dem Heer der Steppenmenschlinge meine Krieger als Unterstützung mitgeben, damit ihr Hangko erobern könnt?«
»Ja, König Grimzhag, wir wollen Eure Hilfe«, sprach der Stammesführer mit dem roten Bart.
»Nein!«, rief Soork dazwischen. »Das kommt gar nicht in Frage, Amrath von den Tokmar. Wir haben einen Friedensvertrag mit Kaiser Fushang I. von Manchin. Wenn wir einen Krieg mit dem Reich Hangko beginnen, dann könnten sich auch die Manchinen wieder provoziert fühlen. König Grimzhag ist froh, dass inzwischen Ruhe am Jadefluss ist.«
Amrath betrachtete den Orkkönig und seinen Berater mit einer Mischung aus Enttäuschung und Verägerung.
»Also keine Hilfe für Menschenreiter der Steppen, wie?«, zischte er. »Soork der Schamane hat bereits alles gesagt, Häuptling der Tokmar. Ich kann mir keinen neuen Krieg leisten. Ein Angriff auf Hangko führt vielleicht zu einem neuen Konflikt mit Manchin oder gar dem uns fast unbekannten Inselreich Anchigun. Es tut mir leid, aber ich kann euch diesmal keine Truppen schicken«, erklärte Grimzhag.
»Aha!«, brummte Amrath.
»Und auch ihr Menschlinge der Steppen solltet euch einen Angriff auf das Königreich Hangko gut überlegen. Ich kann nämlich nur davon abraten, denn dieses Land ist allen Stämmen der Steppe fremd, sowohl den Orks als auch den Menschlingen«, warnte der junge Brüller mit erhobener Klaue.
»Wenn Orks nicht helfen, reitende Menschen werden alleine Krieg machen«, fiel ihm Amrath mürrisch ins Wort.
»Wenn es euren Stämmen an Fleisch oder Wasser mangelt, dann kann ich euch gerne aushelfen, aber ich werde keinen neuen Feldzug beginnen.«
»Dann wir machen alleine. Ich werde Igural erzählen, was Orks gesagt haben, König Grimzhag.«
»Es tut mir leid!«
»Wir wollen gute Land haben und wir werden uns holen gute Land – in Hangko. Igural ist tapfere Krieger. Wir haben keine Angst vor Leute aus Hangko. Igural meint, sie sind schwach«, erklärte der Nomade.
»Wenn ihr schon Krieg führt, dann bereitet den Feldzug gewissenhaft vor«, entgegnete ihm Grimzhag. »Schickt Späher aus, die sich zuerst einmal in Hangko umsehen und das Land auskundschaften.«
»Igural weiß auch, wie man Krieg macht!«, knurrte Amrath.
Bevor Grimzhag noch etwas erwidern konnte, verabschiedete sich der Stammesführer und verließ den Thronsaal. Tiefe Enttäuschung stand ihm ins Gesicht geschrieben, hatte er doch fest mit der Hilfe der Orks gerechnet.
Der schlaksige Adelige aus dem ostmärkischen Grenzland sah Zaydan prüfend an, bevor er sich ein flüchtiges Lächeln abrang. Dann ergriff er die ausgestreckte Hand des Berbianers und schüttelte sie.
»Ich heiße Euch in meinem Haus willkommen, Herr Shargut«, sagte der Mann förmlich.
Sein Gast gab vor, entzückt zu sein. »Es ist mir eine große Ehre, mein Bester.«
»Ich bin beeindruckt. Euer Leevländisch hat sich seit unserer letzten Begegnung wirklich enorm verbessert«, sprach der Baron, der Zaydan bereits sehnsüchtig erwartet hatte.
»Jeden Tag entdecke ich neue Worte. Leevländisch ist nicht einfach, aber man kann die Sprache gut lernen«, scherzte der Geldverleiher im Gegenzug.
Sein potentieller Klient kratzte sich nachdenklich am Hinterkopf. Anschließend blickte er sich misstrauisch um, als hätte er soeben eine Straßendirne in seine Residenz gelassen.
»Fürst Loghar hat Euch mehrfach empfohlen. Auf seine Meinung lege ich großen Wert. Er hat mir gesagt, dass Ihr die finanziellen Mittel habt, um mir bei meinem Anliegen behilflich zu sein.«
Shargut nickte. »Ich vermute, dass ich das kann.«
»Ich habe in nächster Zeit einiges vor. Eine Menge Sachen. Wie auch immer, ist ja auch nicht so wichtig. Jedenfalls benötige ich um die 20.000 Goldstücke. Wäre das möglich?«
Zaydan nickte erneut. »Selbstverständlich!«
»Zinssatz?« Der Baron sah sich um, er wirkte gehetzt. Außer seinem Gast aus der Fremde und ihm selbst befand sich niemand sonst in dem kleinen Besprechungszimmer. Dennoch machte der Adelige einen sehr nervösen Eindruck.
»Ich nehme bei Euch 45 Prozent, werter Herr Baron«, säuselte Zaydan.
Der Adelige schob die Augenbrauen ein wenig missmutig nach oben. »Das ist nicht gerade wenig«, murrte er.
»Dafür bekommt Ihr das Geld aber sofort. Und alles läuft ohne Zeugen und ganz leise ab«, antwortete Zaydan ungerührt.
»Ja, in Ordnung. Lasst uns die Sache schnell über die Bühne bringen«, drängte der Klient.
Der berbische Bankier zog eine Pergamentrolle aus der Jackentasche, breitete den Vertag auf dem Schreibtisch des Barons aus und deutete auf das freie Feld unter dem Text. Wortlos unterzeichnete der Adelige. Zaydan steckte den Vertrag wieder ein und lächelte zufrieden.
»Das wäre erledigt«, sagte er. »Einer von meinen Mitarbeitern wird Euch morgen das Gold bringen.«
»Hoffentlich klappt alles«, murmelte der Baron sichtlich erregt. Der grauhaarige Edelmann, dessen eingefallenes Gesicht von tiefen Furchen und Falten durchzogen war, ließ ein leises Schnaufen erklingen.
»Macht Euch keine Sorgen«, beruhigte ihn Shargut.
Schweigend trommelte der Leevländer mit den Fingern auf der Platte seines Schreibtisches herum. »Und die andere Sache?«, flüsterte er schließlich.
»Da bin ich noch bei, versteht Ihr?«, erklärte Zaydan mit einem breiten Grinsen.
»Sie kann irgendwo in Richtenhof wohnen, ich werde alles bezahlen. Aber noch ganz jung soll sie sein, mit schönen schwarzen Locken und dunklen Augen. So ein richtiges Wüstenmädchen«, meinte der Baron.
»Wir bekommen das hin, mein Freund«, erwiderte Shargut.
»Aber kein Wort zu niemandem, auch nicht zu Fürst Loghar. Auf gar keinen Fall!«, wisperte der Baron, sich über den Tisch beugend.
»Kein Wort! Natürlich!«, versicherte der Bankier.
Sein adeliger Klient erhob sich von seinem Platz. Er bemühte sich, freundlich zu lächeln, doch wirkte er dabei verstockt und nervös.
»Das wäre es dann, Herr Shargut. Ich bedanke mich«, sagte er leise.
»Und ich ebenfalls, werter Baron«, gab Zaydan zufrieden zurück.
»Dann sehen wir uns sicherlich das nächste Mal bei der Hochzeit des Zwergenprinzen, nicht wahr?«, fügte der Leevländer noch hinzu.
»Hochzeit?«, wunderte sich Zaydan.
»Fürst Loghar wird auf jeden Fall dort sein. Ich dachte eigentlich, Ihr auch, da Ihr ja oft an seiner Seite seid«, sprach der Baron.
»Von welcher Hochzeit redet Ihr, verehrter Herr?«, fragte Zaydan und machte einen äußert interessierten Eindruck.
Der Leevländer hob den Zeigefinger. »Na, davon spricht doch schon der gesamte Adel der Ostmark. Der Zwergenprinz von Kazhad Mekral, Hignir IV., wird demnächst die Tochter des Khuzkönigs von Kazhad Harush heiraten. Wir Ostmärker, natürlich nur die Männer von Rang, werden dem Spektakel definitiv beiwohnen. Immerhin sind wir ja alte Zwergenfreunde.«
Plötzlich starrte Zaydan für einige Sekunden finster ins Leere. Jedoch nur für die Zeit eines Wimpernschlages, zu kurz, dass es dem Baron hätte auffallen können. Schließlich lächelte der Bankier wieder milde und erwiderte: »Davon hatte ich bisher noch gar nichts gehört. Erzählt mir doch ein wenig mehr darüber, verehrter Baron. Eine Hochzeit unter den Zwergen, sagt Ihr? So, so, der Prinz von Kazhad Mekral. Das macht mich neugierig.«
Der Tempel der Zucht, jener immer größer werdende Monumentalbau, den Grimzhag etwa fünfzig Kilometer westlich von Karokum aus dem Steppenboden stampfen ließ, war von allen Bauvorhaben das liebste Kind des Orkherrschers. Bisher stand erst das dreistöckige Hauptgebäude des riesenhaften Komplexes, der eines Tages der orkischen Urmutter Shubukku geweiht und zur Geburtsstätte tausender Grauaugen werden sollte.
Rund um das aus klobigen Steinquadern bestehende Gebäude türmten sich Berge von Baumaterial zwischen hölzernen Gerüsten, schwitzenden Arbeitern und brüllenden Lastentieren auf. Grimzhag war begeistert, als er sich, begleitet von Soork, Cuglakk, Zugrakk und seinem Sprössling Kulghor, dem Zuchttempel näherte und ihm ein Begrüßungskomitee aus Geistesbegabten entgegeneilte.
Die Orkdenker empfingen den König und seine Begleiter mit demütigen Brummlauten, während Grimzhag die Klauen in die Höhe warf und ihnen zurief: »Wie schön das Haupthaus bereits ist, obwohl ja noch viel zu tun ist!«
»Ja, da hat er wieder einmal etwas Tolles aufgezogen«, bemerkte Cuglakk kichernd und fing anschließend an zu husten.
»Aber ich darf da jetzt auch rein, oder?«, murmelte Zugrakk leise in Grimzhags Richtung. Dieser drehte sich um.
»Obwohl du kein Edelork bist, so erlaube ich es dir dennoch, deinen Fuß in den Tempel der Zucht zu setzen«, antwortete der Mazaukhäuptling förmlich.
»Wirklich zu gütig, allmächtiger Großkönig aus bestem Wurf«, gab der Krieger zurück.
Dann führten die Geistesbegabten die Gäste über einen großen, gepflasterten Platz hin zum Eingang des Haupthauses. Kurz davor baten sie Grimzhag jedoch stehen zu bleiben, denn sie wollten ihm eine Überraschung bereiten.
»Es ist so weit, ihr Cramogg!«, rief einer der Orkdenker mit bebender Stimme, während der junge Brüller und seine Begleiter erwartungsvoll mit den Oberkörpern wippten.
Einen Augenblick später strömte eine große Gruppe Orkweibchen aus dem Gebäude heraus. Sie begrüßten ihren König demütig, um sich dann in Reih und Glied, einer Grauaugenkampftruppe gleich, auf dem Platz zu formieren. Zugrakk musste grinsen, doch Grimzhag betrachtete die Cramogg mit stolzgeschwellter Brust und ging ein paar Schritte auf sie zu.
»Obwohl das große Haus noch nicht ganz fertig gestellt ist, werden wir es schon in der nächsten Paarungszeit nutzen. Es werden weitere Cramogg aus den östlichen Stämmen kommen, auf dass es bald zu einem großen Akt der Zucht auf diesem heiligen Boden kommen kann, Wütender«, erklärte ein junger Orkdenker, der das königliche Begattungsprogramm maßgeblich organisierte.
»Großartig!«, stieß Grimzhag aus.
»Überall unter den Stämmen gibt es noch Weibchen, die in der Lage sind, Grauaugen zur Welt zu bringen. Wir sind bemüht, sie alle aufzusuchen und gemäß Euren Vorgaben an diesen gesegneten Ort der Zeugung zu bringen«, ergänzte ein zweiter Geistesbegabter.
»Das freut mich! Meine Grauaugenkrieger stehen bereit, um zum Tempel der Zucht zu marschieren und ihre Pflicht zu tun«, sagte Grimzhag.
Soork befahl Zugrakk, keine dummen Kommentare abzugeben, denn dieser grinste inzwischen bis über beide Ohren. Doch was verstand schon ein gewöhnlicher Ork von den hochfliegenden Visionen einer neuen Adelskaste edelster Grünhäute, die sein Freund und König in seinem Kopf entworfen hatte.
»Auch wenn es noch einige Sonnenzyklen dauern wird, bis dieser Tempel fertig ist, so bin ich sicher, dass er eines Tages zu einem imposanten Symbol des Wiederaufstiegs unseres Volkes werden wird«, sprach Soork, wobei grenzenlose Begeisterung in seiner Stimme mitschwang.
Derweil leuchteten Grimzhags graue Augen immer heller. Für einen Moment schwelgte er in Tagträumen und musste vor Aufregung leise schnaufen.
»Wenn diese Paarungszeit vorüber ist und die edelblütigen Cramogg trächtig sind, dann werden wir mit der zweiten Phase des Zuchtvorhabens beginnen und auch die Blutlinie der Geistesbegabten wieder stärken«, erläuterte ein Denker.
»Ha! Dann müsst ihr Schwätzer auch mal ran!«, plapperte Zugrakk lachend dazwischen, bevor Grimzhag noch etwas erwidern konnte.
Kulghor knurrte verärgert; die anderen Anwesenden brummten leicht brüskiert, doch das störte den einfachen Ork nicht.
»Gibt es denn irgendwann auch mal ein Zuchtprogramm für normale Orks?«, wollte Zugrakk dann wissen.
Grimzhag fasste sich stöhnend an den Kopf. »Es gibt genug normale Orks! Mehr als genug! Uns fehlen Grauaugen und Geistesbegabte! Orks und Snags gibt es doch wie Grashalme in den Steppen.«
»Also ich bin kein Snag, ja?«, murrte Zugrakk eingeschnappt.
»Äh, ich würde Euch nun gerne das Haupthaus zeigen, Mächtiger«, drängte der das Zuchtprogramm leitende Orkdenker, »es hat sich seit Eurem letzten Besuch einiges verändert. Die Arbeiter sind sehr fleißig gewesen.«
»Ja, natürlich!«, gab Grimzhag zurück. Er warf Zugrakk einen grimmigen Blick zu, der ihm klarmachte, dass es besser war, das Maul zu halten.
Die Cramogg strömten derweil wieder in das große Gebäude hinein, um sich auf die anstehende Massenpaarung vorzubereiten.
Nicht nur Grimzhag, sondern auch seine Begleiter, waren begeistert, als sie in die gewaltige, von mächtigen Rundsäulen getragene Eingangshalle des Haupthauses kamen. Wenn der Tempelkomplex eines Tages fertig wäre, so würde er ein spirituelles Zentrum der neuen Orkherrlichkeit sein, sinnierte der König.
Lediglich Zugrakk, als gewöhnliche Durchschnittsgrünhaut, war von all den hochwohlgeborenen, in jeder Hinsicht überlegenen Orks, die ihn hier umgaben, nicht sonderlich begeistert. Der Krieger grantelte für den Rest des Tages vor sich hin und ignorierte seinen überheblichen Freund Grimzhag, der wie ein Menschlingskaiser kluge Reden hielt, herumstolzierte und allerlei komisches Denkerzeug schwafelte.
Als die Paarungszeit kam, gingen schließlich Hunderte von Grauaugenorks im Tempel der Zucht ihrer Zeugungspflicht nach. Ganz, wie es ihr König befohlen hatte. Und die Begattung der ausgewählten Cramogg wurde ein gewaltiger Erfolg, wie die Orkdenker ihrem Herrn in Karokum bald voller Stolz verkündeten. Grimzhag war hochzufrieden mit der großen Anzahl trächtiger Orkweibchen, die in naher Zukunft ganze Scharen starker Grauaugenkrieger oder edelblütiger Cramogg auf die Welt bringen würden. Die gezielte Zucht und Vermehrung der höchsten Orkrasse, die über Jahrhunderte vernachlässigt worden war, zeigte bereits die ersten Früchte im langsamen Erstarken einer neuen Adelskaste.
Außerdem gingen die gewaltigen Bauvorhaben überall im Reich des jungen Brüllers mit immer größerer Geschwindigkeit voran. Sieben kleinere Städte waren neben Karokum bereits in verschiedenen Gebieten der Steppe gegründet worden. Zwar handelte es sich hierbei erst einmal um Ansammlungen halbfertiger Häuser, doch war es im Fall von Karokum am Anfang auch nicht anders gewesen.
Allerdings ging die völlige Umstrukturierung der orkischen Lebensweise in Grimzhags Reich nicht wenigen Grünhäuten viel zu schnell. Orks, die seit vielen Generationen als umherziehende Nomaden gelebt hatten, sollten nun die eroberten Gebiete in Manchin besiedeln und dort Ackerbau betreiben. Andere sollten bald in Häusern aus Stein leben. Nach und nach krempelte König Grimzhag mit seinem Führungsstab aus Grauaugen und Orkdenkern so gut wie alles um.
Aber der Erfolg gab dem Mazaukhäuptling Recht. Immer weniger Grünhäute mussten dank Grimzhags organisatorischen Eingriffen Hunger leiden, während die ewigen Kämpfe der Stämme untereinander fast gänzlich ausblieben. In Zukunft, so versprach es der gefeierte König seinen Untertanen, würden alle von ihnen genug zu Essen haben.
»Die Viehherden werden weiter anwachsen und es wird Fleisch für jeden Ork geben, sogar für jeden Goblin. Zudem wird der Ackerbau in Manchin den Hunger für alle Zeiten aus unserem Reich jagen«, proklamierte Grimzhag in Karokum.
Der Häuptling der Mazauk hatte schon jetzt unglaubliche Leistungen vollbracht. Nicht nur auf dem Schlachtfeld hatte er so manchen unüberwindlich geglaubten Feind vernichtet, sondern auch die Lebensumstände unzähliger Grünhäute verbessert. Damit hatte Grimzhag den Grundstein für eine neue Orkzivilisation gelegt, wobei er sich darüber im Klaren war, dass es wohl erst seine Nachfolger fertig bringen würden, alle seine Pläne zu verwirklichen.
Die Vorstellung eines mächtigen und in sich gut strukturierten Orkimperiums war für die anderen Völker jedoch ein Graus. Dass sich der alte, fast vergessene Feind wieder erholte und sogar zu einer Weltmacht wurde, barg gewaltigen Zündstoff in sich. Noch nahmen die Menschen und Khuz des Westens nicht richtig wahr, was in den Weiten der Steppe und den Dunklen Landen geschah, doch war abzusehen, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde, bis sie aufschreckten.
Lediglich die wachsamen Elben hatten in den letzten Jahren bereits damit begonnen, sich für den orkischen Eroberer zu interessieren. Mittlerweile wussten sie schon wesentlich mehr über Grimzhag und sein neu entstandenes Reich als die Menschen oder Zwerge. Doch die Kinder Galathols beobachteten im Stillen und warteten ab, wie sich die Dinge entwickelten. Grimzhag hingegen war glücklich, dass endlich Frieden herrschte und sich die Lage auch in Manchin beruhigt hatte. Er wollte in Zukunft auf weitere Kriege verzichten und den anderen Völkern die Klaue zum Frieden reichen. Ob sie sie jedoch ergreifen würden, war mehr als fraglich.
Die heutige Unterredung hatten Zaydan und sein Gehilfe Weng äußerst umsichtig vorbereitet. Die beiden waren bis nach Tschorleß, einer kleinen Stadt im Westen von Slajvka, gereist, um sich mit einer Gruppe zwielichtiger Gestalten zu treffen. Slajvka lag im Osten von Leevland; ein Land voller dunkler Wälder und eigenbrötlerischer Bewohner. Ein paar jener seltsamen Slajvkaner waren in dieser verregneten Nacht in eine schmutzige Taverne am Stadtrand von Tschorleß gekommen, um mit ihrem mysteriösen Auftraggeber einen Pakt zu besiegeln.
Weng betrat das Gasthaus, das bis auf drei bärtige Männer, die in der hintersten Ecke der Schankstube an einem Tisch saßen, vollkommen leer war. Ihm folgte Zaydan, der einen langen, dunkelbraunen Kapuzenmantel trug. Shargut war durch den starken Regen bis auf die Knochen durchnässt, genau wie sein manchinischer Begleiter, der in seiner Muttersprache leise vor sich hin fluchte.
»Das müssen sie sein!«, zischelte Zaydan in Richtung seines schlitzäugigen Gehilfen, der seinerseits nach dem Griff eines unter seinem Mantel verborgenen Dolches tastete.
»Ja, laut der Beschreibung unseres Unterhändlers schon«, brummte Weng.
Zaydan ging zu dem Tisch und lächelte den drei Slajvkanern zu. Diese starrten ihn nur grimmig an, wobei einer von ihnen augenblicklich aufstand und auf eine Tür zu seiner Rechten deutete.
»Wir gehen da! Dort ist noch mehr ruhig!«, sagte er auf Leevländisch.
»Ich verstehe!«, gab Zaydan ebenfalls auf Leevländisch zurück.
Wenig später saßen die drei Slajvkaner zusammen mit ihren zwei Gästen in einem schäbigen Hinterzimmer an einem kleinen Tisch. Sie schwiegen Zaydan und Weng an. Vor allem der Manchine wirkte angesichts der drei breitschultrigen Schlägervisagen, die ihn immer nur wortlos anglotzten, äußerst nervös.
»Ich bin Pejar«, sprach einer der Männer, eine hochgewachsene Gestalt mit auffällig kräftigen Wangenknochen und einem buschigen Vollbart. Er reichte zuerst Zaydan und dann Weng die Hand.
»Mein Name ist Schack«, erwiderte Zaydan, um dann auf seinen Begleiter zu deuten. »Und das ist mein Freund Ko-Ling aus dem fernen Manchin.«
»Diese Männer sind Bulhe und Drogon«, ergänzte Pejar, den Blick den beiden anderen Slajvkanern zugewandt.
Wieder herrschte kurzes Schweigen, das in dem nur von zwei Kerzen in der Ecke beleuchteten Hinterzimmer besonders bedrückend wirkte.
»Was sollen wir tun? Und wie viele Gold gibst du uns dafür?«, fragte Pejar dann.
»Ich gebe Euch 20.000 Goldstücke jetzt. Und noch einmal 20.000 Goldstücke, wenn der Auftrag erledigt ist«, antwortete Zaydan ruhig.
Die Kinnladen der drei Slajvkaner fielen beinahe synchron herunter. Vor allem Pejar starrte die beiden Fremden vollkommen überrascht an. Wer 40.000 Goldstücke besaß, hatte mehr als ausgesorgt.
»Keine Witz?«, hakte Pejars Nebenmann nach.
Zaydan blieb gelassen und verzog keine Miene. »Natürlich nicht!«
»Dann sage uns, was wir sollen tun!«, drängte Pejar.
»Es ist ein sehr schwieriger Auftrag, es dürfen keine Fehler geschehen. Ich habe allerdings gehört, dass ihr schon öfter für Geld getötet habt«, sagte der Bankier.
»Das ist kein Problem. Du musst nur sagen, wen wir sollen töten. Für 40.000 Goldstücke wir töten jeden«, stieß Pejar aus, während seine beiden Begleiter auflachten.
»Die Sache ist sehr ernst«, maßregelte sie Zaydan.
»Dann sage uns nun, was der Auftrag ist«, gab Pejar ungeduldig zurück.
»Zunächst einmal müsst ihr ein paar tote Orks und Goblins beschaffen«, merkte Zaydan mit einem Grinsen an.
»Tote Orks? Warum?«, brummte einer der Slajvkaner.
»Das erkläre ich doch gerade«, antwortete Zaydan. »Ihr werdet einige Grünhäute im Felssäulengebirge oder wo auch immer töten und ihre Leichen mitnehmen.«
»Das sich hören komisch an. Warum?«, kam von Pejar.
»Weil es gehört zu Auftrag!«, schaltete sich Weng ein.
»Dann erzähle weiter, mein Freund. Ist keine Problem, wir finden schon Orks und Goblins. Ja, keine Problem«, meinte einer der drei.
Zaydan legte seinem manchinischen Diener den Arm auf die Schulter. »Zeige unseren Freunden das Gold! Komm, hole es!«
Weng stand auf, verließ den Raum und schleppte wenig später eine große, verschlossene Truhe in das trostlose Hinterzimmer. Unter den erwartungsvoll aufgerissenen Augen der Slajvkaner öffnete Zaydan den Deckel und ließ die drei Männer einen kurzen Blick auf die funkelnden Goldmünzen darunter werfen.
Schließlich musste Zaydan lachen. Er klopfte Pejar gönnerhaft auf den Rücken und deutete auf die Truhe. Diese drei Banditen besaßen einfache Gemüter; der Bankier wusste, dass er sie längst überzeugt hatte. Angst, dass ihn die Slajvkaner berauben und einfach mit dem Gold verschwinden würden, hatte er hingegen nicht. Draußen vor der Taverne warteten zehn bewaffnete Söldner, die der Bankier als Begleitschutz mit nach Tschorleß genommen hatte.
»Ich gebe euch die 20.000 Goldstücke hier und jetzt, wenn ihr den Auftrag annehmt. Teilt sie unter euren Männern auf, wie ihr es für richtig haltet«, sagte Shargut zu Pejar.
Dieser lächelte freudig und antwortete: »Keine Problem, wir werden machen, was du von uns willst. Du wirst sehen, wir machen gute Arbeit.«
Zaydan ließ sich wieder auf seinem Stuhl nieder. Sein Diener Weng machte nun auch einen wesentlich entspannteren Eindruck und konnte sich ein erstes Schmunzeln abringen.
»Ihr sollt nicht bloß gute Arbeit machen, meine Freunde. Ihr sollt sehr, sehr gute Arbeit machen, aber ich denke, dass ihr das schon schaffen werdet. Der Auftrag ist zwar nicht einfach, aber ihr werdet ihn schaffen, versteht ihr?«, bemerkte Zaydan voller Zuversicht.
Hochzeitsvorbereitungen
Die bevorstehende Hochzeit seines Sohnes hatte König Albarach in eine euphorische Stimmung versetzt. Ein Zustand, der sich immer weiter steigerte, je näher der Tag des gewaltigen Volksfestes kam. Unentwegt redete der graubärtige Khuzherrscher auf seinen Nachfolger ein, gab ihm teils offene und teils unterschwellige Anweisungen und erklärte ihm die Kunst des Regierens. Prinz Hignir IV. würde einst über den mächtigsten Stadtstaat des Khuzvolkes herrschen, doch hätte er noch einiges zu lernen, wie sein Vater meinte.
»Die Minen, die wir ausbeuten, werden uns noch für dreihundert Jahre Erze liefern. Das glauben jedenfalls die Schürfmeister«, sagte der König, der wieder einmal dozierend durch die Gemächer seines Erben schritt.
»Dann brauche ich mir ja keine Sorgen zu machen«, gab Hignir zurück. Er unterdrückte ein Gähnen.
»Kazhad Mekrals Wohlstand begründet sich auf dem Reichtum, der im Gestein liegt. Wir haben die ertragreichsten Minen, mein Sohn. Selbst eine Stadt wie Kazhad Harush fördert nicht das zu Tage, was unsere Arbeiter aus dem Stein wühlen.«
»Das wird schon alles werden, Vater. Ich mache mir eher Gedanken, wie wir die vielen Gäste, die von überall zu meiner Hochzeit kommen werden, unterbringen sollen«, antwortete Hignir, der die Geschichten über die offenbar unerschöpflichen Minen seiner Heimatstadt schon unzählige Mal gehört hatte. Albarach nahm die Lederkappe von seinem fast kahlen Haupt und strich sich durch die wenigen grauen Haare, die seinen eckigen Kopf noch bedeckten. Er betrachtete seinen Sohn für einen Moment, um dann fröhlich zu lächeln.
»So ein berauschendes Fest tut auch deinem alten Vater gut. Viel zu oft verbringe ich meine Zeit mit eintönigem, langweiligem Zeug. Regieren bedeutet in erster Linie verwalten, das kann manchmal sehr ermüdend sein«, brummelte der Khuzherrscher.
Prinz Hignir ging nicht darauf ein. Das ständige Nörgeln war eine zwergische Eigenart, die nicht nur sein Vater besaß.
»Es werden auch viele Adelige aus Leevland kommen, vor allem die Ostmärker«, merkte Hignir gedankenverloren an.
»Ein Grund mehr, dass sich Kazhad Mekral von seiner besten Seite zeigt. Bis zum großen Tag muss jede Säule blitzen, mein Junge. Das wird auch die Menschen beeindrucken.«
»Aber Kaiser Carolus II. wird wohl nicht auftauchen, oder?«, fragte der Prinz.
»Das glaube ich kaum. Natürlich wird auch er eingeladen, aber ich denke nicht, dass er sich auf den Weg ins Felssäulengebirge machen wird. Die Ostmärker kommen aber mit Sicherheit«, meinte Albarach.
Hignir IV. sah seinen Vater an. Hier, in den königlichen Gemächern tief unter dem Berg, trug der graubärtige Khuz nur ein schlichtes Leinengewand. Die zwergische Königsfamilie blieb gerne unter sich. Das Auftreten in der Öffentlichkeit, auch wenn es sich nur um einen Rundgang durch die vielen Hallen und Wohnhöhlen der Stadt handelte, war für einen König oder Prinzen oft wie der Auftritt eines Schauspielers auf einer Bühne.
»Mutter hat mir eben gesagt, dass du am großen Tag ein dunkelgrünes Hemd anziehen solltest. Mir gefällt das blaue mit den weißen Stickereien aber wesentlich besser. Das werden noch lange Debatten«, brummte Albarach. Er ließ sich auf einem kleinen Hocker nieder, um dann aufzustöhnen.
Prinz Hignir jedoch lachte unbeschwert, als er das hörte. Es würde sich schon ein Hemd finden, das alle Beteiligten zufrieden stellte, sprach er gelassen. Viel wichtiger war ihm seine geliebte Lavia, deren Umarmung er schon innig herbeisehnte.
»Das irdische Leben als Stufe im ewigen Kreislauf der Seelenentwicklung«, sagte Grimzhag mit einem milden Orklächeln und hielt seinem Freund Zugrakk sein neues Buch unter die kurze Nase.
Dieser grunzte verwirrt. »Hä?«
»Das irdische Leben ist jeweils nur ein kleines Mosaiksteinchen in einem übergeordneten Gesamtgefüge, welches in seiner vollendeten Ganzheit die sich zur höchsten Geistform entwickelte Seele darstellt«, schob der König nach.
Zugrakk glotzte ihn hilfesuchend an, die lilafarbene Zunge fiel ihm aus dem Maul. Solches Gerede behagte dem muskelbepackten Krieger überhaupt nicht. Das war unschwer zu übersehen, denn Zugrakks panischer Gesichtsausdruck sprach Bände.
»Ein Buch?«, stieß er aus.
»Ja, mein Freund. Wir haben die Kunst des Buchdrucks inzwischen von den Manchinen gelernt. Natürlich hatten die Orks der alten Epochen dieses Wissen auch, aber es ist damals offenbar verloren gegangen, wie mir Soork berichtet hat. Jedenfalls drucken wir jetzt selbst. Wir benutzen zunächst Holz- oder Keramiktafeln. Jede Glyphe wird dabei spiegelverkehrt in einen Holzstock geschnitten, indem man das umgebende Holz entfernt – das ist eine Variante. Aber ich denke, dass wir eines Tages Metalltafeln verwenden sollten, also eine richtige Maschine, eine Druckerpresse. Ich habe einige der Geistesbegabten damit beauftragt, eine solche Maschine zu entwerfen, Zugrakk.«
»Ja …«, kam sehr verhalten zurück.
»Eine Vervielfältigung des niedergeschriebenen Wortes ist vor allem für die Ausbildung an den Wissenshorten eine sinnvolle Sache. Du wirst sehen, dass der Buchdruck viel besser ist, als wenn man jeden Text abschreiben lassen muss«, erläuterte Grimzhag fasziniert, seinem Freund das Buch überreichend.
Zugrakk schnaufte so nervös, als würde ihm der König eine pestverseuchte Decke in die Hand drücken.
»Buch?«, stammelte er überfordert.
»Wirf mal einen Blick hinein. Dort stehen meine tiefgedachten Abhandlungen über die Seelenentwicklung drin. Es sind über 200 Seiten. Und einen schönen Einband aus weichem Ruumphleder hat es auch. Ein Denker hat es extra für dich abgeschrieben, das war eine gewaltige Arbeit. Großartig, nicht wahr?« Zugrakk ergriff das Buch und schlug es auf, dann las er: »Betrach … tet … man … d … die … öhm … Seele … äh … ein … es … äh … jeden … Lebewesen … s … Komma … so … ge … langt … d … der … nach … Er … öh … kenntnis … such … suchende … äh … Ork …«
Grimzhag klopfte seinem Freund mit der Klaue auf die Schulter. Dieser klappte das seltsame Ding wieder zu, grunzte leise und stieß schließlich einen Klagelaut aus.
»Ich schenke es dir, Zugrakk. Schau mal rein, wenn du Zeit und Lust hast«, sagte der Mazaukhäuptling.
»M… mir?«, fragte der Krieger mit entsetztem Gesichtsausdruck.
»Bildung schadet keinem Ork«, meinte Grimzhag mit einem väterlichen Brummen.
»Aber?«
»Nun nimm schon, du Snagnase!«
Zugrakk versuchte gefasst zu wirken, er fummelte mit der Klaue an seinem rechten Ohr herum.
»Danke! Sehr nett, Kumpel«, murmelte er dann.
»Ich schreibe bereits ein neues Buch. Es wird den Titel »Visionen der orkischen Zivilisations- und Gesellschaftsentwicklung« tragen«, sprach der König, um sich daraufhin hinter einen Holztisch zu setzen, auf dem sich Berge von Pergamentrollen auftürmten. Grimzhag nahm ein Tintenfass in die Klaue, schnappte sich einen Federkiel und lächelte freundlich. Zugrakk knurrte, den glotzenden Blick seiner rötlichen Augen auf den König richtend.
»Ich habe noch ein Fass Pilzbier im Schuppen. Wir könnten ja auch noch mal einen saufen«, schlug er kleinlaut vor.
Grimzhag würgte verneinend. »Dazu fehlt mir im Moment einfach die Zeit. Sei nicht böse, aber da muss ich leider ablehnen.«
»Verstehe! Du willst schreiben und so, was?«
»Genau! Außerdem muss ich mit den Denkern noch über den Ausbau des Straßennetzes in den westlichen Steppen sprechen. Ich plane da so einiges.«
»Kann ich mir vorstellen.« Zugrakk grummelte enttäuscht. Kurz darauf machte der Krieger auf dem Absatz kehrt, um den Raum geräuschlos zu verlassen. Grimzhag war schon wieder in Gedanken versunken und schrieb irgendetwas nieder; als Zugrakk jedoch die Tür öffnen wollte, hob er noch einmal flüchtig den Blick.
»Vergiss dein Buch nicht, mein Freund«, sagte er.
»Ach, ja, das Buch …« Zugrakk schnappte sich den Wälzer, klemmte ihn unter den Arm und ging erneut zur Tür.
»Das blöde Ding kann man sicherlich benutzen, um darauf Bierkrüge abzustellen«, wisperte er kaum hörbar vor sich hin.
»Was hast du gesagt, Zugrakk?«, wollte Grimzhag wissen. Schon wieder lächelte er so freundlich, als wolle er der ganzen Welt Gutes tun.
»Nichts!«, antwortete der rotäugige Krieger. »Danke für das Buch. Wirklich nett von dir.«
Umso näher die Hochzeit von Prinz Hignir und Prinzessin Lavia rückte, umso emsiger bereiteten sich die Khuz von Kazhad Mekral auf den großen Tag vor. Der Sohn von König Albarach würde mit einer Gruppe ausgewählter Krieger mitten durch das Felssäulengebirge ziehen, Lavia in Kazhad Harush abholen und zugleich ihren Vater um Erlaubnis fragen, um dann wieder in die heimatliche Zwergenstadt zurückzukehren. So verlangte es die khuzische Tradition.
Das Abholen einer zukünftigen Braut bestand aus einem rituellen Aus- und Einmarsch. In Prinz Hignirs Fall würde der beliebte Königssohn Kazhad Mekral unter gewaltigen Jubelstürmen verlassen und unter noch größeren wieder betreten. Dann Hand in Hand mit Prinzessin Lavia, der Tochter von Colmir IX., des Königs von Kazhad Harush.
So bereiteten sich Tausende von Zwergen in beiden Städten auf die Hochzeitsfeierlichkeiten vor. Gewaltige Banner wurden genäht und damit steinerne Säulen und Wände geschmückt. Überall in Kazhad Mekral wurde geputzt, geschrubbt, gewaschen und gebügelt. Vor allem die großen Hallen im Inneren des Berges wurden nach und nach in riesenhafte Festsäle verwandelt.
Die Zwerge des Felssäulengebirges waren in den letzten Jahrhunderten manch harter Prüfung unterzogen worden. Von Hungersnöten und Minen, die keine Erze mehr hergaben, bis hin zu langen Kriegen mit den Grünhautstämmen der Gebirge hatten die Kleinwüchsigen unter Vielem zu leiden gehabt.
Inzwischen war jedoch nicht nur Kazhad Mekral wieder zu einem Ort blühenden Zwergenlebens geworden, sondern auch die meisten anderen Bergstädte der Khuz. Sämtliche Krisen der Vergangenheit galten als überwunden, während so mancher Zwergenherrscher schon wieder davon sprach, dass der kleinwüchsigen Art goldene Zeiten bevorstünden.
Kazhad Mekral, der bevölkerungsreichste und mächtigste Stadtstaat der Zwerge, war im Laufe der Zeit zu einem regelrechten Symbol für das erneute Erstarken des Khuzvolkes geworden. König Albarachs Reich erfreute sich eines gehörigen Wohlstandes, wobei es im Felssäulengebirge zugleich jeden Feind bezwungen hatte. Es ging den Khuz so gut wie lange nicht mehr, was bedeutete, dass sie allen Grund hatten, sich an königlichen Hochzeiten und prunkvollen Festen zu erfreuen.
Derweil ging das Leben in der Ostmark seinen gewohnten Gang. Zaydan Shargut wich kaum noch von Fürst Loghars Seite, denn der Adelige genoß die Anwesenheit des fremden Berbianers, der sich mehr und mehr bemühte, ein echter Leevländer zu werden. Loghar liebte es, wenn ihn sein neuer Finanzberater bewunderte, umgarnte, stetig lobte und mit interessanten Ideen fütterte. Vor kurzem hatte Zaydan dem Fürsten eine Vielzahl neuer Besteuerungsmöglichkeiten aufgezeigt; das Befahren öffentlicher Wege, das Fischen in öffentlichen Gewässern – es gab so viele Gelegenheiten, noch mehr Geld von seinen Untertanen zu verlangen. Man musste sie eben nur wahrnehmen, meinte Zaydan.
Der berbische Geldverleiher, der die Kaufmannstätigkeit mittlerweile völlig eingestellt hatte und sich nur noch der Vergabe von Krediten widmete, war der beste Berater, den man sich vorstellen konnte. So jedenfalls sah es Loghar; ganz im Gegensatz zu seinem Sohn Irmynar, der Shargut nach wie vor misstraute. Doch das Gerede seines Erben interessierte den Fürsten wenig. Er war Zaydans Umgarnungskünsten längst verfallen. So sehr, dass er dem Berbianer auch in politischen Fragen zunehmend Glauben schenkte. Die umfassende Schlauheit des Fremden besaß er nicht einmal im Ansatz, das musste der im Grunde recht leichtgläubige Loghar einfach zugeben. Zaydan war eben eine ganz besondere Persönlichkeit.
Somit wurde der Bankier zum engsten Vertrauen des Fürsten der Ostmark, was bedeutete, dass er bald bestens in die Geheimnisse der leevländischen Politik eingeweiht war. Zaydan wusste inzwischen, welche Fürsten miteinander im Streit lagen, welche Adelshäuser befreundet und welche verfeindet waren, wer den Kaiser in Asenburg unterstützte und wer ihn ablehnte. Loghar schwieg selten und sein scharfsinniger Freund aus Berbia hörte immer genau zu.
Schließlich stellte der ostmärkische Kurfürst seinen klugen Berater dem Imperator selbst vor und nahm ihn mit nach Asenburg an den kaiserlichen Hof. Damit erfüllte er Sharguts größten Wunsch, denn dieser brannte schon lange darauf, endlich in die Nähe des leevländischen Herrschers zu kommen. Fürst Loghar war die Eintrittskarte für den Kaiserpalast in Asenburg gewesen; so hatte es Zaydan von Anfang an geplant gehabt.
Der hochgewachsene Monarch mit dem blonden Vollbart lächelte kurz, um Fürst Loghar anschließend wieder ernst anzusehen. Carolus II. sei ein harter und unerbittlicher Charakter, erzählte man sich in Adelskreisen. Und wen der strenge Blick des Imperators traf, der konnte diesen Eindruck bestätigen.
»Wie geht es mit dem Trockenlegen der Knathsümpfe voran?«, fragte der Kaiser.
Loghar wirkte ein wenig verlegen. »Es wird immer mehr Ackerland gewonnen, aber diese Arbeiten sind sehr mühsam.«
»Verstehe!«, brummte Carolus.
Der Imperator hatte den Kurfürsten und seinen fremden Berater heute in einem der vielen Besprechungszimmer des Asenburger Kaiserpalastes empfangen. Schwerwiegende politische Fragen gab es allerdings nicht zu erörtern, weshalb sich der Monarch kurz zu fassen gedachte.
»Was macht der Ausbau Eurer Residenz? Ist der denn wenigstens abgeschlossen?«, wollte Carolus wissen.
Loghar nickte. »Ja, der ist so gut wie fertig.«
Zaydan saß schweigend auf einem Stuhl und beobachtete den Kaiser. Dieser Mann strahlte eine unglaubliche Autorität aus. Die machtvolle Stimme, das durchwegs bestimmte Auftreten, der Blick der klaren, hellen Augen; Kaiser Carolus II. benötigte nicht viele Worte, er war durch und durch eine Herrscherpersönlichkeit.
»Ihr hattet Finanzprobleme, nicht wahr?«, hakte der Imperator nach und verzog dabei keine Miene. Loghar sah sich für einen Moment verunsichert um, dann nickte er.
»Mein Freund, der ehrenwerte Herr Shargut, hat mir geholfen, einige Engpässe zu überwinden«, antwortete der Fürst, wobei er den Blick auf den Bankier richtete.
»Das habe ich gerne getan«, fügte Zaydan mit einem freundlichen Lächeln hinzu.
Carolus II. richtete seine Aufmerksamkeit nun auf ihn; genau das hatte Zaydan beabsichtigt. Die Augen des Monarchen zogen sich zu dünnen Schlitzen zusammen, der fremde Geldverleiher wurde eindringlich geprüft.
»Ihr seid Berbianer, habe ich gehört«, sprach der Kaiser nach einem kurzen Augenblick des Schweigens.
»So ist es, Eure Majestät.«
»Und Ihr habt dem lieben Loghar ausgeholfen. Durch einen Kredit, wie?«, schob Carolus nach.
»Das ist richtig!« Zaydan versuchte die aufkommende Nervosität zu unterdrücken. Die offenkundige Skepsis seines Gegenübers bekam ihm überhaupt nicht. Allerdings hatte er nichts anderes erwartet. Es dauerte immer eine Weile, bis die Leevländer einem Fremden vertrauen. War es aber endlich so weit, dann liefen sie ihm treu und gutgläubig nach wie die Schäfchen.
Der Imperator strich sich durch seine blonden Haare, die von breiten, grauen Stähnen durchzogen wurden. Noch immer war sein Gesicht wie versteinert. Mit tonloser Stimme bemerkte er: »Ich habe bereits von Euch gehört, Zaydan Shargut aus Berbia.«
»Ich hoffe nur Gutes«, gab der Bankier zurück.
»Dies und das«, brummte Carolus II. ein wenig gelangweilt. »Man erzählt sich, dass Ihr in Manchin gelebt habt.«
»Ja, das ist richtig, Eure Majestät. Ich bin zwar aus Berbia, aber ich habe viele Jahre in Kin-Weig gelebt.«
»Kin-Weig?«, wiederholte der Kaiser.
»Eine große Stadt der Händler. Leider existiert sie nicht mehr«, erklärte Zaydan.
»Existiert nicht mehr? Was soll das heißen?«, wollte der Imperator wissen.
»Orks haben diese schöne Stadt zerstört. Sie haben alle Bewohner getötet, Eure Majestät«, sagte Zaydan erschüttert.
Allmählich schien das Gespräch für den Kaiser von Leevland interessant zu werden. Er kratzte sich grübelnd am Kinn, um dann die Hand zu heben.
»Orks? Dann sind die Gerüchte tatsächlich wahr, dass die Grünhäute das sagenhafte Land Manchin verwüstet haben?«
»Wenn Ihr wollt, kann ich Euch alles erzählen, verehrter Kaiser. Meine Augen haben viel gesehen, das Leid von Manchin, versteht Ihr?«
Carolus II. schob die Mundwinkel nach unten. Dann nickte er zustimmend.
»Nur wenige Menschen haben Aurania und zugleich das Land Manchin gesehen. Ihr seid von einem Ende der Welt zum anderen gereist, nicht wahr?«
»Ja, Majestät, ich habe die Große Mauer im fernen Osten gesehen, genau wie Euren Palast in Asenburg«, sprach Shargut.
Mittlerweile schenkte der Kaiser Fürst Loghar kaum noch Beachtung. Seine ganze Aufmerksamkeit hatte der fremde Bankier aus Berbia auf sich gezogen; die Geschichten aus den fernen, sagenhaften Ländern des Ostens, die langen Reisen und die Berichte über die Orks faszinierten ihn. Selbst am kaiserlichen Hof in Asenburg hörte man derartige Dinge nur äußerst selten.
Der Imperator zeigte das erste Lächeln des Tages, welches eine gewisse Milde ausstrahlte. Dieser Fremde hatte das Potential, ihn gut zu unterhalten.
»Orks haben also das Reich Manchin erobert. Man erzählt sich in Leevland, dass Manchin größer als ganz Aurania sei. Dort gibt es Städte, wo die Häuser goldene Dächer haben. Und es leben dort mehr Menschen als sonst irgendwo auf der Welt. Und dann sollen wilde Orks ein so mächtiges Reich erobert haben?«
»König Grimzhag, der Schlächter aus den Steppen«, warf Fürst Loghar mit ernster Miene in die Runde.
Der Kaiser winkte ab. »Von diesem Ork habe ich bereits gehört. Er soll mit seiner Horde irgendwo in der Einöde hausen. Aber ich glaube kaum, dass dieser Grimzhag ein Reich wie Manchin bezwingen konnte. Das klingt eher nach einem Ammenmärchen.«
Zaydan lächelte gequält, dann erwiderte er: »Ehrwürdiger Kaiser von Leevland, Grimzhag ist kein normaler Ork.«
»Kein normaler Ork?«, wunderte sich der bärtige Monarch.
»Herr Shargut will sagen, dass diese Bestie kein gewöhnlicher Ork ist. Er ist ein Grauaugenork. Grauaugen sind besonders kluge und gefährliche Orks«, erläuterte Loghar.
»Grauaugenorks? Davon habe ich noch nie etwas gehört.« Ungläubig zog Carolus II. die Augenbrauen nach oben.
»Grimzhag ist eine gewaltige Gefahr, Eure Majestät. Vielleicht sogar für Aurania. Die Orks sind wieder mächtig und gefährlich, so wie es in den alten Zeiten war«, ereiferte sich Zaydan. Er stand von seinem Platz auf und warf die Arme in die Höhe.
»Kin-Weig! Manchin! All diese schrecklichen Bilder in meinem Kopf, verehrter Herr. Ich erzähle Euch gerne alles, was vorgefallen ist. Gerne tue ich das, damit Ihr gewarnt seid«, fuhr Shargut fort, während ihn der Imperator fragend anstarrte.
»Tut das, Berbianer«, antwortete der Kaiser, nachdem die Neugier die Skepsis überwunden hatte, »vielleicht sollte ich mir Euren Bericht doch anhören.«
»Und ich ducke mich weg, die Klinge geht über meinen Kopp drüber und ich haue dem Menschling das Schwert in den Unterleib! Zack!«, lallte Zugrakk. Er war schon wieder stark angetrunken und musste sich an der grob zusammengezimmerten Theke festhalten, um nicht vom Hocker zu fallen.
»Ja, nicht schlecht«, brummte der Ork neben ihm.
»Dann der nächste Menschling …«, fuhr Zugrakk fort. »Der nächste Menschling kommt an und ich donner` ihm das Schild in die Schnauze! Baff! Den mach` ich platt, dachte ich mir. Den verdammten Menschling nehme ich noch mit, wenn ich schon draufgehe, versteht ihr?«
Mehrere Grünhäute, die an der langen Theke saßen, murmelten zustimmend, während Zugrakks Stimme lauter und lauter wurde. Wieder einmal erzählte er von der Schlacht auf den Feldern von Yang-Weig, der größten und epischsten Schlacht der Weltgeschichte, wie der Krieger betonte.
»Noch ein Pilzbier! Nachfüllen!«, rief Zugrakk in Richtung des Wirtes, der ihm einen genervten Blick schenkte.
Wie so oft in letzter Zeit verbrachte Grimzhags bester Freund endlose Stunden in Karokums beliebtester Trinkhöhle, dem »Schwankenden Warnox«. Hier konnte man zechen und saufen, bis es nicht mehr ging. Genau der richtige Ort für einen überall bekannten Kriegshelden wie Zugrakk, der gegenwärtig allerdings unter der Friedenszeit zu leiden hatte.
Der Wirt, eine äußerst korpulente Grünhaut, füllte Zugrakks Krug mit kühlem Pilzbier auf. Dieser nahm einen kräftigen Schluck und grinste breit. Dann drückte er dem Ork hinter der Theke eine manchinische Goldmünze in die Klaue.
»Is` für dich, Graggax, davon habe ich noch genug. Ohne Ende, das sag` ich dir. Alles geplündert und erbeutet bei den Menschlingen. Nä, was haben wir die fertiggemacht. Damals auf den Feldern von Yang-Weig, das war eine Schlacht. Da waren Millionen Menschlinge, aber wir haben sie alle erschlagen«, rief Zugrakk, um im nächsten Augenblick mit der Faust auf die Theke zu schlagen.
»Wie oft müssen wir uns diese Geschichte eigentlich noch anhören?«, kam es plötzlich vom anderen Ende der langen Holztheke.
Zugrakk brummte verwirrt, er rieb sich die Augen und glotzte benebelt in Richtung eines noch recht jungen Orks, der einen unüberhörbaren Würgelaut ausstieß.
»Was hast du da hinten gesagt?«
»Schon gut, vergiss es!«, meinte der Ork.
»Gefällt dir meine Geschichte nicht, oder was?«, hakte der betrunkene Kriegsheld nach, wobei er mit jedem Wort ein wenig zorniger klang. Schlagartig verstummten die Gespräche an der Theke. Der Wirt warf Zugrakk einen finsteren Blick zu.
»Nein, ich meinte nur, dass …«, erwiderte der junge Krieger, wobei er beschwichtigend die Klauen hob.
»Darf ich in meiner Trinkhöhle keine Geschichten aus Manchin mehr erzählen, du vorlaute Snagschnauze? Hä? Muss ich dich erst um Erlaubnis fragen?« Zugrakk stieß sich von der Theke ab, warf dabei den Hocker um und torkelte schnurstracks auf den anderen Ork zu.
»Keine Schlägereien in der Trinkhöhle! Prügelt euch draußen auf der Straße oder im Hinterhof!«, schrie der besorgte Wirt dazwischen und deutete auf ein großes Schild neben der Theke, wo die Hausregeln für alle Gäste sichtbar nachzulesen waren.
»Ja, sicher …«, murmelte Zugrakk. Er schwankte an mehreren verdutzt dreinschauenden Orks vorbei, packte den vorlauten Jungkrieger am Kragen und riss ihn hoch.
»Du willst mir hier blöd kommen, was?«, knurrte er.
Bevor der Nachwuchsork die Frage beantworten konnte, hatte ihm Zugrakk schon eine Kopfnuss verpasst. Laut jaulend fiel er zu Boden, um dort noch einen Tritt in den Magen zu bekommen. Zugrakk brüllte auf, beugte sich zu dem jungen Krieger herab und donnerte ihm seine klobige Faust ins Gesicht.
»Du hältst in Zukunft dein Maul, wenn die Großen reden! Hast du das kapiert?«, schrie ihn Zugrakk an.
»Keine Prügeleien in meiner Trinkhöhle! Das ist gegen die Regeln! Raus mit dir! Sofort!«, fuhr der Wirt dazwischen. Dann packte er den angetrunkenen Krieger an der Schulter und riss ihn zurück.
»Pack mich nicht an!«, erhielt er als Antwort. Zugrakk reagierte trotz seiner Trunkenheit erstaunlich schnell; er rammte dem Wirt den Ellbogen ins Gesicht, drehte sich um und schickte ihn dann mit einem Fußtritt zu Boden.
»Behandelt man so einen Kriegshelden? Ich soll gehen? Nur weil ich meine Ehre verteidigt habe?«, röhrte Zugrakk durch die Trinkhöhle.
In seiner Wut hatte der Krieger nicht bemerkt, dass sich inzwischen mehr als ein Dutzend Orks um ihn herum versammelt hatten. Einige der Gäste hielten Knüppel in ihren Klauen, andere schwangen Holzstühle. Alle starrten sie Zugrakk feindselig an, während sie langgezogene Knurrlaute ausstießen.
»Raus hier! Niemand schlägt Graggax zusammen!«, sagte einer der Orks drohend.
Der verprügelte Wirt kroch indes über den Boden und zischte eine Reihe übler Orkflüche. Zugrakks Tritt hatte ihm schwer zugesetzt.
»Du hast hier Hausverbot! Scher dich raus!«, stöhnte er. Grimzhags bester Freund reagierte auf diese Aussage mit einem ohrenbetäubenden Lachen. Dieser Haufen Orks beeindruckte ihn nicht im Geringsten, immerhin hatte er die Riesenschlacht von Yang-Weig überlebt.
»Geh nach Hause und komm nie mehr wieder, Zugrakk! Und deine blöden Kriegsgeschichten kannst du demnächst den Gnoggs in der Steppe erzählen!«, schrie ein Gast aus dem Hintergrund.
»Ja, die will hier niemand mehr hören!«, fügte ein anderer hinzu. Zugrakk ballte knurrend die Fäuste. Wutschnaubend stürmte er auf die Gruppe Orks zu und wurde von einem Hagel aus Faustschlägen und niedersausenden Stühlen empfangen. Von allen Seiten prügelten die Gäste auf ihn ein, so dass er nach einem kurzen Kampf zu Boden ging und dann ordentlich Schläge kassierte.
»Das ist für dich, Snagschnauze!« Graggax hatte sich wieder aufgerappelt und riss einen dicken Holzknüppel in die Höhe. Rasend vor Wut ging er auf den schon halb benommenen Zugrakk los und drosch unbarmherzig auf ihn ein.
Mit letzter Kraft hielt sich der Krieger die Klauen vor den Kopf, hoffend, dass ihn der zornige Wirt nicht bis in den Wirbel der Seelen prügelte.
Die faltige Berbianerin wankte langsam auf ihren ältesten Sohn zu und griff mit ihrer zitternden Hand nach der seinen. Zaydan drückte seine Mutter kurz an sich. Anschließend wandte er den Blick wieder seinen vier Brüdern, den drei Schwestern und den übrigen Anwesenden zu.
»Jetzt bist du ein gemachter Mann, mein Junge. Mutter ist so stolz auf dich«, krächzte die Alte, die bis auf die Knochen abgemagert war und den Eindruck machte, dass sie nicht mehr lange zu leben hatte.
Zaydan, der bemüht war, den um ihn herum stehenden Gehilfen seinen Familiensinn und Großmut zu zeigen, lächelte seiner Mutter zu.
»Bald sind alle deine Söhne reiche Männer. Wie schön wäre es, wenn dies Vater noch erleben könnte«, sagte er dann.
»Mein Junge, ich habe dich sehr vermisst«, hauchte die Alte mit letzter Kraft, hinkte auf Zaydan zu und fasste ihn am Unterarm. Sie roch nach Mamukmist, dem Gestank der berbischen Hauptstadt Hach-Hephrai. Für einen kurzen Moment rümpfte Zaydan angeekelt die Nase.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.