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Kitabı oku: «Die Inseln der Weisheit», sayfa 11
Sarragalla
Die mechanisierte Insel
Wir waren noch eine tüchtige Strecke von der Insel entfernt, die eben in blaugrauen Umrissen am Horizont auftauchte, als der Funkapparat uns eine Nachricht zurief: »Fahrt verlangsamen!« Bald darauf erschien in der Luft ein bewegter körperlicher Punkt, der sich in rascher Annäherung zu einer menschlichen Figur entwickelte. Um es kurz zu machen: wir erhielten Besuch aus den Lüften. Der Apparat des Fliegers zeigte ein uns unbekanntes Modell von verblüffend kleinen Dimensionen; es umspannte ihn so eng, daß Flieger und Maschine wie eine Einheit erschienen. Es war also ersichtlich, daß ihm zum Antrieb und Flug ganz außergewöhnliche Kräfte zur Verfügung stehen mußten. Der Mann schien wirklich fliegen zu können, während unsere Luftkünstler, vergleichsweise betrachtet, hocken und sich von einem Apparat schleppen lassen.
Er landete auf Deck, entledigte sich seines motorischen Anhängsels und stellte sich vor: Forsankar, Ingenieur; beauftragt, uns zu begrüßen und uns schon während der Seefahrt einige Besonderheiten seines Inselgebietes zu erläutern. Auf diesem, wie wir sogleich erfuhren, spielt die Technik die ausschlaggebende Rolle; damit verbunden die Anspannung der Produktionsmethoden und die Zeitersparnis in jedem Betracht. Herr Forsankar betonte gleich zu Anfang, daß ihm andere Persönlichkeiten der Eilandgruppe als Erfinder noch überlegen wären; immerhin dürfe er sich als einen Exponenten seiner Heimat Sarragalla bezeichnen, zumal er auch zu den Spitzen der republikanischen Regierung zähle.
»Ihr Besuch erfreut uns,« sagte der Kapitän, »obschon wir eigentlich die Absicht hatten, Sie zu entdecken, während es jetzt beinahe so aussieht, als würden wir von Ihnen entdeckt. Sie werden also unser Schiff »Atalanta« früher besichtigen, als wir die Insel Sarragalla. Bis dahin haben wir, so taxiere ich, noch gute fünf Stunden; das bedeutet also für Sie eher ein Zeitopfer, als eine Zeitersparnis.«
– Rechnen wir genau, versetzte der Ingenieur; mein Hauptzweck ist doch, Sie möglichst rasch zu informieren, und da Sie sieben Hauptpersonen sind, so stehen bei Ihnen 35 Stunden Zeitgewinn gegen nur 5 Stunden Zeitverlust bei mir, somit …
»Sie rechnen sehr liebenswürdig,« unterbrach ich, »mit dieser Bevorzugung unserer Überzahl. Nur steht zu vermuten, daß Ihre Zeit kostbarer ist als die unsrige, da Sie ja Ihre Arbeit unterbrechen mußten, um uns zu belehren, während wir als Teilnehmer einer Expedition eine wunderschöne Seefahrt absolvieren und gar nicht ängstlich auf die Uhr zu blicken brauchen.«
– Trotzdem. Sie werden bald bemerken, daß ich unserem Prinzip der Zeitersparnis auf meine Weise sehr zweckentsprechend diene. Ich habe keinen Grund zu verhehlen, daß hier noch ein besonderes Motiv zu Grunde liegt; ein Motiv, daß mich sogar veranlassen wird, für die volle Dauer Ihres Aufenthalts meine Berufsarbeit zu vernachlässigen, um Ihnen meine freie Zeit zu widmen.
»Hört, hört! Hier wird uns ein Rätsel aufgegeben.«
– Dessen Lösung allein in Ihrer Hand liegen wird. Für jetzt nur soviel, daß wir schon in wenigen Tagen, vielleicht Stunden mit einer großen Bitte an Sie herantreten werden. Und wir versprechen uns die Erfüllung dieser Bitte um so eher, je schneller es uns gelingt, Sie von den Vorzügen unserer Einrichtungen zu überzeugen.
Wir entschlossen uns in aller Höflichkeit, die weitere Aufklärung abzuwarten. Zunächst unternahmen wir einen kurzen Rundgang auf der »Atalanta«, für deren Besichtigung unser Gast Interesse an den Tag legte. Mancherlei gefiel ihm, zumal die Ausstattung der Wohnräume. Allein bei den Maschinenanlagen änderte sich seine Haltung, wenngleich er bestrebt war, den Ton wohlwollender Beurteilung festzuhalten.
– Vorzüglich konstruiert, sagte er, wenn man bedenkt, daß Sie gezwungen sind, nach den Erfordernissen der alten Mechanik zu arbeiten. Daß dieser Typus an sich nicht mehr standhält, ist ja Ihren Gelehrten längst bekannt, denn er beruht auf der ungeheuerlichen Vergeudung an Brennstoff. Sie sind nicht die Herren, sondern die Sklaven des Materials. Äußersten Falles holen Sie aus einem Kilo Kohle 4000 nutzbare Kalorien, während Sie Billionen davon ungenützt darin stecken lassen. Ihre Kohle verhält sich wie ein Arbeiter, dem Sie mit ungeheurer Raumverschwendung Wohnräume bereiten, und der dafür pro Tag nur den Bruchteil einer Sekunde arbeitet. In dieser Hinsicht sind wir erheblich weiter.
»Wie, Herr Ingenieur!« rief ich, »sollte es Ihnen wirklich schon gelungen sein, durch Atomzerspaltung die ungeheuren Energien aus der Kohle freizumachen, die wir darin nur vermuten, ohne sie entwickeln zu können?«
– Nicht alle Energien, aber einen sehr lohnenden Teil, rund eine halbe Million Kalorien aus dem Kilogramm, also mehr als das Hundertfache Ihrer Leistung. Und wir brauchen dazu nicht einmal Kohle, jede beliebige Substanz liefert uns diesen Arbeitseffekt; wie Sie ganz richtig voraussetzen, durch Zermalmung der Atome. Wir benützen hierzu eine von uns entdeckte neue Strahlenart, die radioaktiven »Lambda-Teilchen«, die uns in unermeßlicher Fülle zu Gebote stehen. Diese Lambdas haben die Fähigkeit, Atome zu zerfällen, zwar nicht restlos, aber doch soweit, daß der eben genannte Effekt zu Tage tritt. Und Sie können sich vielleicht vorstellen, was unsere Maschinen bei solcher Energieentfaltung zu leisten vermögen.
»Nein, das kann ich mir vorläufig absolut nicht vorstellen; obschon uns ja Ihr eigener Flugapparat eine anschauliche Probe geliefert hat. Aber wenn Sie dermaßen im Großen wirtschaften, wo kriegen Sie die vielen »Lambdas« her? Alle radioaktiven Mittel sind doch nur in minimalen Mengen vorhanden und unerschwinglich teuer; liegt denn das Radium bei Ihnen auf der Straße?«
– Sozusagen. Zwar nicht direkt bei uns, wir beziehen es vielmehr von unserer Nachbarinsel Vorreia. Dort sind die Minerale Thorium und Uran in unerschöpflichen Lagern vorhanden, die dortige Erde ist der niemals auszuleerende Kraftspeicher, aus dem wir die Radioaktivität in beliebigen Mengen gewinnen.
In Mac Lintocks Augen begann es wieder einmal kalkulierend zu züngeln. Spottbilliges Radium? Wo man in Amerika und Europa schon für ein tausendstel Gramm tief in die Tasche greifen muß – das eröffnete unabsehbare Aussichten.
Forsankar ergänzte: Ich muß hinzufügen, daß diese Nachbarinsel uns nicht nur materiell, sondern auch ideell ganz hervorragend befruchtet. Unsere besten Methoden und Erfindungen stammen von dort. Sie sind in der Mehrzahl dem Kopfe eines Mannes entsprungen, der auf Vorreia lebt. Er heißt Algabbi, und vereinigt in sich alle Genialitäten des physikalischen Forschers und Technikers. Eine Kombination von Lionardo, Faraday und Edison in erhöhter Potenz. Er war es auch, der als Geologe die radiumhaltigen Mineralschätze der Insel erschlossen hat, die Energiereservoire, die auf der Welt nicht ihres Gleichen haben.
»Verzeihen Sie, Herr Forsankar, – dann wäre es doch für uns eigentlich ratsamer, direkt nach Vorreia zu steuern. Bei aller Hochachtung vor Ihnen und Ihrer engeren Landesgenossenschaft scheint mir doch nach Ihren eigenen Superlativen die Insel Vorreia wichtiger; um doch vor allen Dingen einen Mann wie diesen Algabbi kennen zu lernen, von dem Sie solche Wunder erzählen.«
– Das wird leider nicht so einfach sein. Algabbi ist alt und launisch, und es hält schwer, zu ihm vorzudringen. Mir persönlich wäre das ganz unmöglich; vielleicht macht er mit Ihnen später eine Ausnahme, wenn Sie zuvor erfahren haben, worauf es ankommt; und hierzu ist es eben unerläßlich, daß Sie Ihren ersten Besuch unserer Insel Sarragalla widmen, auf der die technischen Impulse jenes Mannes ihre weiteste Ausbreitung gewonnen haben.
Auf dem Bodensatz unserer Unterhaltung blieb nach wie vor ein ungeklärter Rest. Wir stellten natürlich unsere Neugier zurück, und es fiel uns nicht schwer abzulenken, da der Ingenieur den Wunsch äußerte, unsere Schiffsbücherei ein wenig genauer zu betrachten. Sie war zuvor nur gestreift worden, und uns selbst lag daran, diese Schätze vor dem Besucher paradieren zu lassen. Seine Sprachkunde ermöglichte ihm eine ausreichende Würdigung der Büchersammlung, und er verstieg sich zu der schmeichelhaften Äußerung, daß wir in dieser Hinsicht wenigstens keinen Wettbewerb zu scheuen hätten.
»Die Bücher stehen für die Zeit unserer Anwesenheit zu Ihrer Verfügung,« sagte Eva.
– Ich werde vielleicht davon Gebrauch machen, entgegnete er, – oder vielmehr, da ich gewohnt bin, sehr rasch zu lesen, so würde mir die Vergünstigung genügen, darin eine Viertelstunde blättern zu dürfen.
Wir ließen ihn eine Weile allein und begaben uns auf Deck, angesichts der inzwischen sehr nahegerückten Insel. Als wir zurückkehrten, trat er uns mit einem aufgeklappten Bande entgegen und rief frohlockend: – Denken Sie nur, ich habe hier einige Hinweise gefunden, die in wenigen Zeilen auf das Programm unserer Insel deuten…
Und ich werde Ihnen auswendig sagen, worin Sie gelesen haben, erwiderte ich: in den Werken von Walther Rathenau. Ein Zufall für Sie, keiner für mich, denn die Kombination liegt nahe: Wenn Ihr Land wirklich im Zeichen der höchstentwickelten Technik steht, so möchte ich es schon jetzt als »die mechanisierte Insel« bezeichnen. Und der Begriff der Mechanisierung ist von keinem Autor so schön und tiefgründig erörtert worden, als eben von Rathenau. Er hat ihm gleichsam Flügel gegeben und ihn befähigt, die ganze konkrete Wirklichkeit zu durchfliegen.
Donath meldete sich: Dann schlage ich vor, einige Kernworte daraus vorzulesen; wenn man nur wüßte, welche; ich weiß in diesen Schriften nicht Bescheid.
Der Ingenieur reichte mir den Band hin, ich ergänzte ihn noch durch einen andern und wählte auf gut Glück etliche Stellen:
»Gegeben ist die Quantität der menschlichen Einzelleistung, gegeben die bewohnbare Erdoberfläche, gegeben, aber praktisch fast unerschöpflich und nur an den menschlichen Arbeitseffekt gebunden, ist die Menge der greifbaren Rohprodukte, praktisch unermeßlich sind die verwertbaren Naturkräfte. Aufgabe ist es nun, für die zehnfach, hundertfach sich vermehrende weiße Bevölkerung Nahrung und Gebrauchsgüter zu schaffen… Dies war nur auf einem Wege möglich: wenn der Effekt der menschlichen Arbeit um ein vielfaches gesteigert und gleichzeitig ihr Emanat, das produktive Gut, auf das vollkommenste ausgenutzt werden konnte. Erhöhung der Produktivität unter Ersparnis an Arbeit und Material ist die Formel, die der Mechanisierung der Welt zugrunde liegt…« »…Wenn ich einen Brief zur Post trage, kostet dieser Brief mich fünf Arbeitsminuten; trage ich sechzig Briefe auf einmal zur Post, so kostet mich jeder Brief fünf Arbeitssekunden…«
»…Dem wirtschaftlich Betrachtenden erscheint die Mechanisierung als Massenerzeugung und Güterausgleich; dem gewerblich Betrachtenden als Arbeitsteilung, Arbeitshäufung und Fabrikation; dem geographisch Betrachtenden als Transport- und Verkehrsentwicklung und Kolonisation; dem technisch Betrachtenden als Bewältigung der Naturkräfte; dem wissenschaftlich Betrachtenden als Anwendung der Forschungsergebnisse; dem sozial Betrachtenden als Organisation der Arbeitskräfte; dem geschäftlich Betrachtenden als Unternehmertum und Kapitalismus; dem politisch Betrachtenden als real- und wirtschaftspolitische Staatspraxis…«
»Die Mechanisierung erscheint als eine ungeheure, nie endende Vorbereitung; Geschlechter werden erzeugt, ernährt, vermehrt und ins Grab geworfen, ohne Aufschauen, ohne Ausblick, und die Bewegung schreitet weiter, zu vergrößerten Zahlen, erhöhten Dimensionen und gesteigerten Kräften. Diese Not ist mit keiner zu vergleichen, die früher war. Denn sie ist nicht von den Elementen gesendet, wie Kälte, Dürre, Flut und Sterbe, sie ist vom eigenen Willen der Menschheit entfacht und hochgetrieben…«
»…Hieraus folgt, daß eine gewaltige Zunahme jener Weltbewegung, die ich Mechanisierung genannt habe, uns bevorsteht … daß die intellektuale, seelenlose Geistigkeit der Mechanisierung, ihren Zenith noch lange nicht erreicht hat.«»Mechanik des Geistes« und »Kritik der Zeit« von Rathenau.
– Ganz gewiß, schloß der Ingenieur an, ist damit die Linie der Notwendigkeit vorgezeichnet, und wir ziehen auf unserer Insel die vorläufig letzten Konsequenzen. Sie werden somit wie in einen Zauberspiegel blicken. Wenn schon ein Zenith der Mechanisierung erreichbar ist, dann dürfen gegen diesen Aufstieg keine Bedenken auftreten. Denn sie ist und bleibt eine geistige Angelegenheit, worin der Intellekt triumphiert; der Intelligenz geoffenbart in einem Höchstmaß der Technik wie wir sie, den Spuren Algabbi›s folgend, zum Regulativ und durchgreifenden Prinzip erhoben haben. »Wenn es so ist, wie Sie sagen – und die Vorzeichen sprechen ja dafür – dann liegt für uns genug Anlaß zur Bewunderung vor. Ein Land der erhöhten Technik ist nach üblichem Maßstab ein Land der erhöhten Kultur. Es wäre nur zu erörtern, wie Technik und Mechanisierung in den Grundwurzeln zusammenhängen. Ergäbe sich hier eine Identität, so müßte man ja auch in der Mechanisierung des Lebens selbst den größten Fortschritt anerkennen. Und ich verhehle Ihnen nicht, daß sich hiergegen etwas in meinem Innern sträubt. Mir ist die Mechanisierung bei uns zu Lande, in Europa, in mancher Hinsicht schon so widerwärtig, daß ich der Hochspannung dieses Prinzips nur mit Bangen entgegensehe.«
– Uns gilt als Hauptsache, daß Ihnen die Gestaltung imponiert, und daß Sie Ihre Kenntnisse erweitern. Darin liegt doch ein geistiger Gewinn, den Sie gerechterweise nicht verkennen werden. Übrigens sind wir jetzt am Peer, und wenn Sie nichts dagegen haben, bleibe ich in Ihrer Gesellschaft.
* * *
Die Ortschaft bot den Anblick einer ganz modernen belebten Fabrikstadt mit Anflügen aufgetünchter Eleganz, ohne Hintergründe einer geschichtlichen Vergangenheit. Kein Edelrost lenkte in dieser versteinerten Gegenwart den Sinn auf etwas Gewesenes, und schon beim ersten Aspekt spürte man, daß es da keine verlorenen Winkel geben konnte, in denen sich etwa Spuren von Romantik versteckt hielten. Es sei aber vorweggenommen, daß die Menschen aus hellen Augen um sich blickten und keinen gedrückten Eindruck machten; der revolutionierende Typ des murrenden Fronarbeiters trat nur in ganz vereinzelten Exemplaren auf. Es bestand also eine gewisse Harmonie zwischen Stadtbau und Bevölkerung, insofern sich die Fassaden nach keiner Vergangenheit, die Menschen nach keiner Zukunft sehnten; alles war auf die zu erlebende Minute eingestellt.
In den meisten Straßen gab es keinen Wagenverkehr, sie waren vielmehr den Fußgängern vorbehalten, die man aber genauer als Fußfahrer bezeichnen müßte. Denn der ganze Straßenbau war beweglich und glitt unablässig, in der Mitte geteilt, nach den beiden Richtungen. Was auf einigen europäischen Ausstellungen als »Trottoir roulant« gezeigt wurde, war hier nicht eine belustigende Kuriosität, sondern eine ständige Verkehrseinrichtung. Es gehörte eine gewisse Körpertechnik dazu, um sich aus dem Zustand der stehenden Ruhe auf die schnell dahineilende Plattform zu schwingen und sich im Augenblick ihrer Geschwindigkeit anzupassen. Allein wir lernten es rasch, und selbst unser wenig gelenkiger Amerikaner, der zuerst über die verdammte Akrobatik schimpfte, kam nach einigen grotesken Anläufen in ein leidliches Gleichgewicht. Und schon bei der zweiten Fahrt meinte er, dies wäre eigentlich die ideale Lösung des Beförderungsproblems: ein Automobil von Meilenlänge, jeder Mensch Autobesitzer, jeder Punkt Haltestelle, keine Sekunde Stillstand, und was doch auch mitspräche: durchweg Gratisfahrt, also eine soziale Wohltat für die unteren Klassen. Tatsächlich war das Ganze eine staatliche Einrichtung, die einmal vor Jahren konstruiert, nur sehr geringe Unterhaltungskosten beanspruchte; da ja all das, was wir unter Betriebsspesen verstehen, vermöge der Atomspaltung beinahe auf Null zusammenschrumpfte.
Der fahrbare Boden beschränkte sich nicht auf die Hauptstadt, sondern erstreckte sich weit über die Vororte; während tiefer ins Land hinein eingleisige Eisenbahnen führten. Denn die Insel Sarragalla besitzt eine bedeutende Ausdehnung, und der Handelsverkehr von Ort zu Ortschaft, von Fabrik zu Markt, entspricht in seiner Lebhaftigkeit den Größen der Warenproduktion. Zu neun Zehntel werden die Güter erzeugt, weil und damit man sie verlangt, und sie werden verlangt, weil und damit sie erzeugt werden, so daß Nachfrage und Angebot zusammen eine Schraube ohne Ende bilden. Trotz dieser Massenhaftigkeit des Konsums und der Offerte genügt die eingleisige Anlage der Bahnen, ja das »Geleis« dient hier nur in Form einer einzigen Schiene als Grundlage.
Wir fanden das erstaunlich. »Wieso fallen die Züge nicht um, wenn sie mit nur halber Räderzahl auf einem einzigen Stahlstrang rollen?«
Der Ingenieur erläuterte: Die Ihnen geläufige Anordnung mit Rädern rechts und links auf der Doppelschiene gehört für uns zu den Unbegreiflichkeiten der altväterlichen Technik. Jedes Straßenkind, das seinen Kreisel peitscht, hätte Ihnen sagen können, daß ein sausender Schwerkörper sogar in einem einzigen Punkte die genügende Gleichgewichtsunterlage findet, weil die Rotation eine widerstandskräftige Achse erzeugt. Es ist also lediglich eine Aufgabe vorgeschrittener Mechanik, in dem Zuge so starke Rotationskräfte wirken zu lassen, daß ein Überkippen zur Rechten oder Linken der einzigen Mittelschiene ausgeschlossen wird. Sobald nun ein Gegenzug signalisiert wird, senken sich vorn und hinten zwei gebogene Tangentialflächen herab, die, wie der ganze Zug, gleichfalls mit einer Mittelschiene versehen sind. Dann fährt der Zug B über den Zug A glatt hinweg; und wenn man unseren Insassen erzählte, daß man zu derselben Prozedur anderswo vier Stränge samt einer Menge von Weichen und Stellwerken braucht, so käme ihnen das wie eine schnurrige Anekdote vor.
»Und der Gefahrfaktor? Bei der allergeringsten Inkorrektheit in so heikler Maschinerie müssen sich doch bei Ihnen die ärgsten Katastrophen ereignen!«
– Aus dieser Befürchtung spricht wieder die Rückständigkeit eines Bürgers, der noch in den Kinderschuhen der Mechanisierung steckt. Auch Sie besitzen eine Feinmechanik, allein Sie verwenden sie hauptsächlich zu zwecklosen physikalischen Spielereien, mit denen man Studenten im ersten Semester verblüfft: etwa um in eine Glastafel unsichtbare Gitter zu ritzen, die sich unter dem Mikroskop als schön quadratisch entpuppen, oder um eine Wage für das Gewicht eines Staubkorns empfindlich zu machen. Daß man aber die Feinmechanik mit der Starkmechanik in einem Apparat verschmelzen kann, das geht euch nicht ein. Werden sie so verschmolzen, wie Sie es hier erleben, dann funktioniert eben die Großkraftmaschine selbst auf schmalster Unterlage mit absoluter Unfehlbarkeit, und Sie können eher erwarten, daß der Erdplanet, als daß einer unserer Züge auf seiner Bahn entgleist.
Dieser Äußerung folgte eine Bewegung, die wir nicht recht verstanden. Herr Forsankar griff nämlich in seine Tasche, zog seine Uhr, sah aufs Zifferblatt, hielt sie an den Mund und lispelte hinein. »Was machen Sie da?« fragte Rottek: »Sie sprechen mit Ihrer Uhr?«
– Ich habe soeben eine wichtige Unterredung mit meinem Ressortchef geführt, der zu dieser Stunde meinen Anruf erwartete. Das Instrument ist allerdings auch eine Taschenuhr, aber kombiniert mit einem drahtlosen Telephon in der nämlichen Goldkapsel. Warum soll man zwei Gegenstände mit sich schleppen, wo einer genügt?
»Und eine wichtige Besprechung erledigen Sie in einer halben Minute?«
– Durch Breviloquenz. Es ist mir sehr wohl bekannt, wie Sie in Europa trotz der ungeheuerlichen Fernsprechtaxen telephonieren. Sie, und besonders Ihre Damen hängen sich viertelstundenlang an den Hörer zur Erörterung und Beplauderung der gleichgültigsten Angelegenheiten; weil Sie eben so wenig mechanisiert sind, daß Ihnen der kostbarste, gar nicht ersetzliche Rohstoff, die Zeit, für nichts gilt. Unser Prinzip der Zeitersparnis hat uns dazu geführt, eine neue, überaus kompendiöse Kurzsprache zu erfinden. Wir sprechen brachistolinguisch; in Abkürzungen, die ich natürlich nicht anwenden darf, wenn ich mich mit Ihnen unterhalte, die aber bei uns von jedermann vestanden werden.
»Diese Methode ist uns nicht ganz fremd. Wir sagen Hapag, Ufa, AEG, Aboag, Sipo und viele derartige Abbreviaturen, die längere Wortgebilde ersetzen. Wir haben auch im Telegrammverkehr ein Register von Chiffreworten zur Ersparnis längerer Sätze. Wenn ich an ein Hotel telegraphiere »Belab Gransera« so versteht der Empfänger ohne Weiteres: Ich wünsche für heute zwei Zimmer mit zwei Betten und gedenke zwischen sieben Uhr abends und Mitternacht dort einzutreffen.«
– Sie haben also eine dunkle Ahnung vom Prinzip, dessen Ergiebigkeit Ihnen völlig verborgen bleibt. Es ist so, als wären Sie beim ersten elektrischen Lichtbogen zwischen zwei Kohlenspitzen stehen geblieben, ohne zu vermuten, daß sich darin die Beleuchtungstechnik für die ganze Welt versteckt; oder als hätten Sie eine Erzader angeschlagen und begnügten sich mit den ersten paar Kilogramm, während dahinter Millionen von Tonnen des kostbaren Minerals lagern. Mit einem Wort: diese Breviloquenzen, wenn Sie zur Zeitgewinnung wertvoll werden sollen, müssen das Hauptprinzip der ganzen Verkehrssprache werden. Tatsächlich läßt sich der längste Sinn durch Fortlassung alles Entbehrlichen und durch Komprimierung der Sätze, Worte und Silben auf Elementarlaute in den knappsten Ausdruck pressen. Sie würden staunen in unseren Ministerkonferenzen und Kammerdebatten; von der ersten Vorbereitung eines Gesetzes bis zur Annahme: ein Vormittag. Maximale Sprechdauer eines Redners 35 Sekunden.
»Wir würden das Durchpeitschung in drei Lesungen nennen.«
– Das sind mindestens zwei Lesungen zuviel; denn wenn man sich zuvor zwischen Ministern und Abgeordneten ausreichend drahtlos verständigt hat, genügt eine breviloquente Sitzung von kürzester Dauer. In der Zeit, die Sie für eine Zeile der Geschäftsordnung brauchen, verbunden mit den persönlichen Beschimpfungen der gegnerischen Parteien, erledigen wir einen ganzen Jahresetat. Und wenn ein Gesetz bei Ihnen im amtlichen Druck zwanzig Seiten verschlingt, so kommen wir mit einer halben Spalte aus; und proportional hierzu mit einer winzigen, leicht zu besoldenden Beamtenschar.
»Wir halten eben auf Genauigkeit im Gesetzestext, während sich doch bei Ihnen leicht Mißverständnisse einstellen können.«
– Umgekehrt, verehrter Herr! Wir sind ja über eure Verhältnisse gut unterrichtet, und wir wissen, daß sich bei Ihnen das Volk über den Inhalt der Paragraphen genau so den Kopf zerbricht wie die Behörden, die das Gesetz auszuführen haben. Weil Unklarheit und Mißverständnis die natürlichen Kinder der Weitschweifigkeit sind. Ihr Deutschen insbesondere seid ja ein Volk der Dichter und der Denker, das heißt, ihr habt auch in das Gesetzwesen von den Dichtern den Schwulst und von den Philosophen die Dunkelheit übernommen. In jedem Deutschen steckt ein dunkler Heraklit, da er im Grunde wenig mechanisiert ist. Wäre er wirklich auf Exaktheit eingerichtet, so hätte er längst die Kunst der Stenologie, der Formelsprache, des zeitsparenden Ausdrucks erfunden.
»Können Sie uns nicht einige Proben dieser Kunst aufsagen?«
– Sie würden sie kaum verstehen, weil Sie von Natur aus gewöhnt sind, in breiten, grammatisch konstruierten Sätzen zu denken. Aber oberflächlich will ich Ihnen andeuten, worauf es ankommt. Ich knüpfe dabei an die überaus seltenen Fälle an, in denen Sie selbst die Vielwörterei als lästig und unökonomisch empfinden, die Verkürzung – Aposiopese oder Ellipse – dagegen als eine Wohltat. Im Virgil beschwichtigt Neptun die Winde mit dem berühmten Kurzruf »Quos ego!« Kein Substantiv, kein Verbum, keine Spur eines Satzes. Die Drohung bedeutet aber: Hört mal, ihr Winde, wenn ihr jetzt nicht Ruhe gebt, dann will ich euch meine Macht fühlen lassen, daß euch das Blasen vergehen soll! Hat nun die Kürze die Deutlichkeit beeinträchtigt? Im Gegenteil, sie hat sie verstärkt. Oder stellen Sie sich vor, Sie kämen auf den Bahnhof einer Provinzstadt und läsen dort die Bekanntmachung: »Da hier erwiesenermaßen viele Taschendiebe verkehren, die sich das Gedränge zunutze machen, um ihr unsauberes Handwerk auszuüben, so wird das Publikum aufgefordert, mit geschärfter Aufmerksamkeit auf seine Wertsachen Acht zu geben, damit es keinen durch die Langfinger verursachten Verlust beklage, wobei zu bemerken, daß diese Warnung nicht nur den Reisenden selbst gilt, sondern überhaupt allen Personen, die sich zu irgendeinem Zwecke in den Hallen dieses Bahnhofes aufhalten.« Wie umständlich! würden Sie denken, wie langatmig, zweckwidrig, vorsintflutlich! da doch die zwei Worte »Achtung Taschendiebe!« ganz dasselbe besagen. Nun, genau so wie Sie dieses Provinzplakat taxieren, so beurteilen wir Ihre gesamte Verkehrssprache. Und wohl verstanden: mit der Fortlassung der entbehrlichen Worte ist es nicht getan; es müssen tausende von Formeln erfunden und durch Verabredung eingebürgert werden, tausende von Sigeln, die in wenigen Silben lange Gedankengänge aufnehmen; sowie die kurzen Formeln der Fallgesetze alle erdenklichen Möglichkeiten des freien Falles umspannen. Daraus ergeben sich Ersparnisse, die sich auf europäische Dimensionen übertragen zu Milliarden von Arbeitsstunden summieren würden. Und nun überlegen Sie, welche Unsummen Sie durch Ihre Longiloquenz vergeuden, und mit wie geringem Recht Sie sich den Titel mechanisierter Völker beilegen.
»Aber soeben unterhielten Sie sich doch durch Ihr Taschentelephon. Sie können, wie es scheint, beliebig anrufen und angerufen werden; und hieraus folgt doch, daß bei Ihnen Jedermann die Zeit Jedermanns beanspruchen darf.«
– Das wäre ein Fehlschluß. Unsere ganze Erziehung ist auf den Respekt vor der Zeit eingerichtet, und die Sekunde des Nebenmenschen wird mit Ehrfurcht behandelt. Vielleicht liegt gerade hierin der größte Vorteil unserer durchgreifenden Mechanisierung. Jeder hat freilich die technische Möglichkeit des Anrufs, allein ehe er sie ausübt, wartet er auf das Gebot der dringendsten Notwendigkeit. Wir kennen keine telephonierenden Zeiträuber, von Person zu Person herrscht betreffs der Zeit sozusagen Eigentumsbegriff, und ohne meinen Willen wird aus meinem Zeittresor nichts herausgenommen.
»Das hört sich ja ganz moralisch an. Aber wie halten Sie es nun mit Ihrer »freien Zeit«, die ja danach recht erhebliche Maße erreichen muß.«
– Wieder ein Fehlschluß. »Freie Zeit« ist, recht betrachtet, ein Unding. Der mechanisierte Kulturmensch hat sie nicht, vermißt sie nicht, und wenn er sie hätte, so würde er versuchen, sie mit Arbeit zu füllen. Der Mensch ist das Integral seiner Lebenserscheinungen, und diese wissen nichts von freier Zeit. Der Atem, der Blutumlauf, die Erneuerung der Gewebe, die Verdauung, sie sind die idealsten Arbeiter, kennen keine Pause und machen keinen Feierabend. Der Mensch hat die mechanischen Vorbilder in sich selbst, warum sollte er ihnen nicht nacheifern?
»Weil er müde wird und sich erholen muß.«
– Je mehr er sich mechanisiert, desto weniger ermüdet er. Das Werk einer Uhr braucht nicht in die Ferien geschickt zu werden; ja wenn es technisch vollendet ist, bedarf es kaum einer Kraftergänzung. Diese Taschenuhr ist zum letzten Mal vor sieben Jahren aufgezogen worden, und sie geht heute noch. Gewiß, zu solcher Leistungshöhe wird sich der Mensch mit seiner animalischen Struktur niemals erheben, und um den leidigen Zwang der Schlafpause kommen wir nicht herum; aber unsere Physiologen sagen uns, daß sie auf dem besten Wege sind, Impulse herzustellen, die auch den schlaflosen Menschen nahezu in ein perpetuum mobile verwandeln werden. Was nun die Erholung betrifft, die vergnügliche Muße, so glaube ich, daß sie aus der Zeit der Sklaverei stammt und eines freien Mannes gar nicht würdig ist. Ruhe haben, das heißt für Unsereinen: Ruhig und ungestört arbeiten können; und wer über Nervosität klagt, der soll dafür nicht die Übermüdung, sondern die Überschonung verantwortlich machen. Bei sinniger Tätigkeit kann der Drang nach Kurzweil gar nicht auftreten, da er ein Symptom des Irrsinns bildet; denn Zeit und Raum sind gleichwertig, und wer sich mit Absicht, technisch zwecklos, die Zeit verkürzt, ist nicht anders zu beurteilen, als einer, der sich mutwillig den Raum verengt. Außerdem schlägt ihm der Effekt fast durchweg zum Gegenteil aus, denn niemals wird die Zeit so lästig, als wenn man sich amüsiert. Einem echten Arbeiter bietet das Amüsement nichts anderes als kristallisierte, glitzernde Langeweile.
»Aber Sie pflegen doch wohl auch die Künste und haben, wie wir im Vorbeigleiten bemerkten, Unterhaltungsstätten gebaut?«
– Für die kleine Minderheit der Genossen, die den Wert der Eigenarbeit noch nicht vollkommen erfaßt haben und deshalb vermuten, daß es außerhalb ihrer noch ein Vergnügen geben könne. In dieser Hinsicht sind wir tolerant und lassen ein Ventil offen, das sich bei völliger Durchmechanisierung der Bevölkerung von selbst schließen wird. Übrigens werden auch unsere Theater dem Prinzip der Kurzsprache unterworfen, so daß unsere längsten Schauspiele – beiläufig gesagt, sehr gediegene Werke – nicht länger dauern als bei Ihnen ein Sketch. Wir beginnen in der Regel um sechs Uhr nachmittags und schließen um halb sieben, wonach zwischen Theater und Nachtschlaf immer noch einige wertvolle Stunden für die Abendarbeit herauskommen.
»Bravo!« mußte ich unwillkürlich ausrufen. »Unser Impressionismus und Expressionismus verblaßt vor dem Kompressionismus, wie Sie ihn in Szene setzen. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich die Länge der Kunst schon seit Jahrzehnten als eine Tortur empfinde, und daß ich im Konzert noch heute nicht weiß, mit welchem Recht ein Symphoniker mich stundenlang auf den Platz festnageln darf.«
– Auch hier wird die Mechanisierung die erlösende Maßregel finden. Unsere Musikveranstalter haben bereits mit der »Brevisonanz« begonnen; das ist eine neumetronomisierte Tonkunst, die sich dem veränderten Zeitempfinden der Hochkultur anpaßt und vor allem die in der Altmusik grassierende Wiederholung der Phrasen, Takte und Noten vermeidet.
»Kann ich mir vorstellen. Wenn zum Beispiel Beethoven in seiner siebenten Symphonie den Ton E mindestens zwanzigmal hintereinander anschlägt und gar nicht davon loskommt, so genügt Ihnen an dieser Stelle ein einziges E; und wenn Sie dazu thematische Abbreviaturen einführen und das Tempo im Verhältnis von Blitzzug zu Postschnecke beschleunigen, so wird sich zu der Symphonie ein ganz erträgliches Verhältnis gewinnen lassen.«
