Kitabı oku: «Chef, wir müssen reden. Der Traum vom Ausstieg auf Zeit»

Trenne Dich nicht von deinen Illusionen.
Wenn sie verschwunden sind, wirst du weiter
existieren, aber aufgehört haben zu leben.
(Mark Twain)
Alexander Reeh
CHEF, WIR MÜSSEN REDEN
Der Traum vom Ausstieg auf Zeit
Inspirierende Geschichten von Menschen, die das Abenteuer einer Auszeit wagten
Mit vielen Informationen und praktischen Tipps
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2013
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig
1. digitale Auflage 2013: Zeilenwert GmbH
Alle Rechte beim Autor
Coverfoto © Thomas Fuchs
Foto Schmutztitel © Daniel Jutrosinski
Foto Coverrückseite © Bernd Nowak
ISBN 9783954887729
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Zitat
Titel
Impressum
Gedicht
Prolog
Einleitung
Wenn Träume fliegen
Eine Auszeit, die alles veränderte . . .
Der Prozess, es endlich zu wagen
Reise unseres Lebens
Ruf des Ozeans
Vom Operationssaal zu den Mönchen
Stille Einkehr im Kloster
Mönch auf Zeit
Eremit auf Zeit
Auszeit auf der Fußmatte
Den Horizont erweitert – Sabbatical in Nepal und Indien
»Aufi, s’Vieh sammla!«
100 Tage Abgeschiedenheit
»Ich will dann auch mal weg…«
Unter Schafen, Kühen und coolen Kiwis
Tausche Schule gegen Welt
Freiheit auf dem Kamelrücken
Sabbatical auf zwei Kontinenten
Tropischer Sabbat
Für Ärzte ohne Grenzen in Afrika
Absprung geschafft . . .
Hilfsprojekt im »Land des Lächelns«
Erfahrungen in einem israelischen Kibbuz
Mit Baby auf der Seidenstraße
Papa allein zu Haus – Abenteuer Elternzeit
Reflektionen eines Lehrers über sein Sabbatjahr
Einmal Welt und zurück
Down Under – Familiensabbatical in Neuseeland
Auszeit auf der Straße des Lebens
Bären, Lachse, Einsamkeit – Ein Jahr im Westen Kanadas
Travelling Pooh
Endlich frei, endlich weg – Sabbatical in Spanien
Out of office
Eine Nacht im Mandarin Oriental
Mit dem Mountainbike entlang der Karawanenstraße
Braungebrannt statt ausgebrannt
Steppe, Staub und Sternenzelt – Mit dem Fahrrad durch Asien
»Für ein Sabbatical muss man sich nicht rechtfertigen«
Einfach mal abtauchen
Was den Menschen ins Hamsterrad treibt
Ideen für Ihre Auszeit
Längere Reisen und Auslandszeit
Besinnung, stille Einkehr und Retreatment
Familiäre Auszeit
Planen Sie Ihre Auszeit
So überzeugen Sie Ihren Chef
Krankenversicherung bei langen Auslandsaufenthalten
Unterwegs mit schulpflichtigen Kindern und Haustier – das sollten Sie wissen
Zehn Orte, an denen Sie garantiert Ruhe und Abgeschiedenheit finden
Zu guter Letzt: Freuen Sie sich auf Ihre Auszeit
Hilfreiche Internet-Seiten
Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte
»Wenn ich mein Leben noch einmal
leben könnte, im
nächsten Leben, würde ich versuchen,
mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr
entspannen.
Ich wäre ein bisschen verrückter, als
ich es gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst
nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben.
würde mehr riskieren, würde mehr
reisen,
Sonnenuntergänge betrachten, mehr
Bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen.
Ich war einer dieser klugen Menschen,
die jede Minute ihres
Lebens fruchtbar verbrachten;
freilich hatte ich auch Momente
der Freude, aber wenn ich noch
einmal anfangen könnte, würde
ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.
Falls du es noch nicht weißt, aus diesen
besteht nämlich das Leben;
nur aus Augenblicken; vergiss nicht
den jetzigen.
Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn
an bis in den Spätherbst hinein
barfuß gehen. Und ich würde mehr mit
Kindern spielen, wenn ich das Leben
noch vor mir hätte.
Aber sehen Sie… ich bin 85 Jahre alt
und weiß, dass
ich bald sterben werde.«
Jorge Luis Borges, argentinischer Dichter
In zwanzig Jahren wirst Du mehr enttäuscht sein von den Dingen, die Du nicht getan hast, als von den Dingen, die Du getan hast. Also wirf die Leinen los. Verlasse den sicheren Hafen. Lass den Passatwind in Deine Segel wehen. Erforsche. Träume.
Entdecke.
Mark Twain
Prolog
»Ihr seid aber noch keine Rentner! Dafür seid Ihr viel zu jung!«
»Stimmt.«
»Aha, Ihr habt also geerbt!«
»Nein, wir haben uns jeden Euro selbst verdient.«
»Wir konnten uns das in dem Alter aber nicht leisten!«
Ein Dialog, den wir schon mal so oder in leicht abgewandelter Form führen müssen. Dabei werden wir meist gar nicht mit Fragen, sondern direkt mit vermeintlichen Behauptungen konfrontiert. Auf die letzte Feststellung könnten wir verschiedene Antworten geben. »Man muss sein Geld halt nicht nur verdienen, sondern auch sparen.« Oder »Vielleicht haben wir ja einfach in unserem 25jährigen Berufsleben mehr geleistet.« Oder die sicherlich ehrlichste Antwort: »Was wir machen hat eigentlich wenig mit Geld, sondern mehr mit Mut, Abenteuergeist und Entscheidungsstärke zu tun.«
Einfach mal die Konventionen hinterfragen. Müssen wir wirklich arbeiten bis zum »Burn-out«? Brauchen wir ein Haus, damit andere sehen, wie erfolgreich wir sind? Gibt es ein Gesetz, dass man tatsächlich bis 67 arbeiten muss? Muss man jemanden um Erlaubnis fragen, wenn man seine Karriere mit 43 beendet?
Nein, nein, nein, nein!
Jeder hat sein Leben und das, was er damit macht, selbst in der Hand. Irgendwann habe ich für mich entschieden, 86 Jahre alt zu werden. 43 Jahre, also genau die Hälfte, habe ich in die Karrieren investiert. In 24 Jahren habe ich mich vom Azubi bis in die Führungsebene eines großen DAX-Unternehmens hochgearbeitet. Als Geschäftsführer, Referats- und Abteilungsleiter habe ich rund 100 Mitarbeiter betreut und konnte die Privilegien eines Managerlebens genießen. Ich war in der ganzen Welt unterwegs, mal in der Business Class, mal in der First Class oder gar im Firmenjet. Habe in den tollsten Hotels gewohnt, den besten Restaurants gespeist.
Doch wir kommen beide aus einfachen Verhältnissen und hatten nie den Drang, das Leben unseren finanziellen Möglichkeiten anzupassen. Wir hatten eine wunderschöne Wohnung mit tollen Nachbarn. Wir brauchten keine Rolex am Arm und keine Kleidung von Armani. Wir haben lieber Camping gemacht, als Urlaub im Hotel. Doch eines, das hatten wir immer zu wenig: Zeit! Zeit für uns und Zeit für einander!
Warum also nicht die zweiten 43 Jahre unseres Lebens nutzen, um was ganz anderes zu machen? Einfach aussteigen aus dem bisherigen Leben und die Welt bereisen. Sich fremde Länder nicht aus dem Taxi während einer Dienstreise anschauen oder in der perfekten Organisation einer Pauschalreise. Natürlich gab es genug Stimmen, die gesagt haben: »Das macht man nicht!« Viele, die gewarnt haben: »Ihr könnt doch nicht einfach Eure Sicherheiten aufgeben!« und etliche, die uns leicht vorwurfsvoll mit-teilten: »Ich würde das ja auch gerne machen, kann aber nicht wegen …«
Es ist auch nicht unser Bestreben, unsere Lebensphilosophie als die einzig wahre darzustellen. Was im Endeffekt die richtige Entscheidung gewesen sein wird? Zu dieser Weisheit werden wir wohl erst mit 86 Jahren gelangen. Doch bis dahin genießen wir das Gefühl von Freiheit, den Hauch von Abenteuer und Zeit … Zeit satt!
Klaus Vierkotten (46), Ex-Manager
Life is for living
Einleitung
Liebe Leserin, lieber Leser,
»Hört zu, ich will euch von einem guten Lande sagen, dahin würde mancher auswandern, wüsste er, wo selbes läge. Wer nichts kann, als schlafen, essen, trinken, tanzen und spielen, der wird dort zum Grafen ernannt. Jede Stunde Schlafens bringt einen Gulden ein und jedes Gähnen einen Doppeltaler.«
Vielleicht haben Sie schon von diesem – leider nie entdeckten – Land gehört, dem Schlaraffenland, von dem Ludwig Bechstein in einem Märchen berichtet. Stellen Sie sich vor, Sie erwachen morgens vom leisen Plätschern der Wellen, die Wedel der Kokospalmen wiegen sich sanft im warmen Wind. Das Frühstück auf der Terrasse besteht aus knusprigen Pfannkuchen und einem exotischen Obstsalat. Ihr Blick wandert hinaus auf das smaragdgrüne Meer, während Sie der Duft von Frangipani umgibt. Schon kehren die ersten Fischer mit ihrem Fang zurück und im Geiste malen Sie sich Ihr Abendessen aus … Doch dazwischen liegt noch ein aufregender Tag, vielleicht Schnorcheln in der türkisfarbenen Lagune, Kanu fahren und dabei eine unbekannte Insel entdecken, ein Plausch mit den Eingeborenen …
Doch die Realität sieht anders aus: Jeden Morgen in aller Herrgottsfrühe klingelt uns der Wecker erbarmungslos aus unseren Träumen. Nieselregen, die üblichen verstopften Straßen, jeden Tag der gleiche Büro-Mief, dazu die muffigen Gesichter der Kollegen.
Dabei ist die Sehnsucht danach, sich einfach mal aus dem Alltag auszuklinken und die Seele baumeln zu lassen, größer denn je. Ob Almhütte oder Atlantiküberquerung, Pilgern auf dem Jakobsweg oder mit den Kindern auf dem Spielplatz, laut einer Forsa Umfrage wünschen sich 38 Prozent aller Arbeitnehmer in Deutschland eine Auszeit.
Allerdings ist die Zahl derer, die es freiwillig wagen, die alltägliche Tretmühle anzuhalten, noch klein. Zu groß ist die Angst, nicht mehr an den ursprünglichen Arbeitsplatz zurückkehren zu können. Zu mächtig noch immer die Vorurteile, die in unserer Gesellschaft den Menschen entgegengebracht werden, die nicht arbeiten.
Dabei stehen die Chancen auf ein »Sabbatical« heutzutage so gut wie nie zuvor. Dieser heute gängige Begriff entstammt einem biblischen Brauch, der im Zweiten Buch Mose beschrieben wird:
»Sechs Jahre sollst du dein Land besäen und seine Früchte einsammeln. Aber im siebten Jahr sollst du es ruhen lassen«, heißt es dort. Professoren in den USA waren die ersten, die sich die Bibelstelle zu Herzen nahmen. Sie führten an den amerikanischen Universitäten Sabbaticals ein: Auszeiten von einem halben Jahr, in denen die Professoren dem Lehrbetrieb den Rücken kehren können, um sich völlig ihrer Forschungsarbeit zu widmen.
Auch hierzulande machen inzwischen in vielen Betrieben Arbeitszeit- und Urlaubskonten eine solche Pause möglich. Der Arbeitnehmer spart dazu Urlaubstage an, die er dann für eine Auszeit an einem Stück nimmt. Oder aber er bekommt über einen festgelegten Zeitraum reduzierte Bezüge, arbeitet aber voll und nimmt anschließend eine Auszeit, in der das Gehalt gleich bleibt.
Da Auszeiten dem »Burn-out« vorbeugen und die Mitarbeiter oft hochmotiviert an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, stößt diese Form des Langzeit-Urlaubs bei den Chefs inzwischen nicht mehr durchwegs auf taube Ohren.
Allerdings sollte ein »Sabbatjahr«, egal ob drei oder zwölf Monate, gut vorbereitet und geplant sein. Tipps, wie Sie Ihren Chef überzeugen und wie auch Ihr Ausstieg auf Zeit gelingt, finden Sie im Anhang dieses Buches.
Und nun, Arbeit adé, lassen Sie sich von den vielfältigen Berichten der in diesem Buch versammelten »Auszeiter« überraschen und inspirieren.
Viel Spaß dabei und bei Ihrer Auszeit wünscht Ihnen Ihr
Alexander Reeh
Wenn Träume fliegen
Sie war eine erfolgreiche TV-Moderatorin in München. Vor 13 Jahren stieg sie aus - von jetzt auf gleich - kündigte ihre Festanstellung per SMS, buchte spontan den zehnten Flug auf der Anzeigetafel des Münchner Flughafens und landete in der Karibik. Die unglaubliche Geschichte der Lara Sanders

© Nepomuk Karbacher Bilder.n3po.com
Einer dieser Tage. November-Nieselregen aus schweren Wolken, Temperaturen um vier Grad, Gesichter unter Kapuzen, Autos spritzen durch die Straßenpfützen. Reisebüros werben für Last-Minute-Flüge in die Sonne, irgendwohin, raus aus dem Grau, der Kälte, den Kapuzen. Irgendwohin. Es könnte so einfach sein. Lara Sanders, zierlich, blond, blaue Augen, sitzt im Schneidersitz auf dem Sofa einer Schwabinger Wohnung; sie trinkt grünen Tee, fingert in Sushi-Röllchen und sagt aus dem Fenster blickend: »So ein Tag war das damals.«
Sanders ist gerade 41 Jahre alt geworden, und was sie in den vergangenen zehn Jahren erlebt hat, ist Stoff für einen Film, den sie gedreht hat, »Über allen Horizonten«, und ein Buch, das sie veröffentlicht hat, »Einfach davongeflogen.«
Die zehn Jahre im Zeitraffer gehen so: Die junge TV-Journalistin Sanders leidet unter der Routine des Jobs und Alltags, steigt von jetzt auf gleich aus und flieht auf die winzige Karibikinsel Dominica, um zu sich selbst zu finden. Sie findet aber nicht nur sich selbst, sondern Glückes Geschick, auch einen alten Schweden, der die jemenitische Königsfamilie und afrikanische Prominenz als Privatpilot durch die Welt flog, irgendwann –gleichfalls auf Selbstsuche- in der Karibik landete, um dort auf die alten Tage seinen Traum zu verwirklichen: gemeinsam mit einem jungen Karibe-Indianer ein eigenes Flugzeug zu bauen und zu fliegen. Die Deutsche beschließt, über diesen interessanten Kauz einen Dokumentarfilm zu drehen – acht Jahre und viele Ups and Downs später wird der Film mit internationalen Preisen überschüttet. Und nun ist sie auf dem Weg nach Hollywood, wo Clint Eastwood und Kevin Costner an der Geschichte Interesse signalisiert haben.
In etwa so sähe vermutlich der Beitrag aus, wenn die Fernsehfrau Lara Sanders vor Jahren einen Film über den Menschen Lara Sanders hätte schneiden müssen. Eine Minute dreißig, Klappe – Ende. Denn das war mal ihr Leben vor dem großen Schnitt. Schnell, flüchtig, gehetzt, immer auf dem Sprung. Sie ist da Anfang 30, moderiert nach dem Studium der Kommunikations- und Betriebswirtschaften in Köln Radiomagazine für den WDR, dann auch fürs Fernsehen in München. Sie verdient gutes Geld, hat aber kaum Zeit, es auszugeben. Sie ist beliebt bei den Kollegen und Chefs. Sie hat einen kreativen, jungen Musiker zum Mann und liebevolle Eltern. Stöckelt durch die Bussi-Bussi-Gesellschaft Münchens - Ärzte, Rechtsanwälte, Promis und Semipromis-, »weil ich damals dachte, dass das dazugehört«. Lara ist ein bisschen wie Carrie aus »Sex and the City«. Sie sammelt Schuhe, ist picobello gekleidet und frisiert, mani- und pedikürt und hat außerdem ein gewisses Faible für jüngere Männer. Von außen betrachtet ist sie eine Karrierefrau – selbstbewusst, attraktiv, das flüstern ihr alle, die Freunde, der Mann, die Eltern, die Kollegen. Aber irgendwas an diesem Leben stimmt nicht, das ahnt sie, und das nagt an ihr.
Die Frau im Schneidersitz, zehn Jahre reifer nun, nennt diese Phase rückblickend »Hamsterrad« oder »goldener Käfig« oder »auf eingefahrenen Schienen fahren, nicht links, nicht rechts« oder »innere Versklavung« oder »Monotonie«. Sie hat erstaunlich viele Synonyme parat für ein Gefühl: unglücklich sein. Dahinter, das weiß sie heute, loderte Sehnsucht. Sie wollte Geschichten erzählen, wie früher mit acht oder neun, als sie den Eltern kleine Drehbücher und Hörspiele zu Weihnachten schenkte. Sie wollte kreativ sein und nicht nur funktionieren. Sie sagt: »Ich war wie ein rotes Licht, auf Sendung. An und aus. Auf Knopfdruck. Wie am Fließband. Und dann die Partys, die Einladungen, das Gequatsche. Alles so wichtig, und alles so hohl …«
Cut, Schnitt, Rückblende. November 1999, einer dieser Tage, Nieselregen aus grauen Wolken, Autos spritzen durch Straßenpfützen, Menschen unter Kapuzen. Sanders sitzt in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit, Bavaria-Studios München, und sie merkt, dass die Bahn in die falsche Richtung fährt, »immer der gleiche Weg«, Linie R wie Routine, »immer die gleiche Uhrzeit, immer die gleichen Konferenzen. Immer die gleichen Geschichten –wer macht heute die Story über die Frau mit dem künstlichen Ohr?« Das Grau kriecht in ihr hoch und führt zu einem, wie sie sagt, »spontanen und doch geplanten Kurzschluss«. Sanders kramt das Handy aus der Tasche, ruft im Studio an, verlangt den Chef – und kündigt. Sie versucht ihren Mann und die Eltern zu erreichen – spricht aber jeweils nur auf den Anrufbeantworter. Statt ins Büro zu fahren, nimmt sie die Bahn zum Flughafen. Steht im Wintermantel dort, mit Tasche und Notebook, äußerlich noch ganz Karrierefrau, und denkt: »Schau auf die Tafel, nimm den zehnten Flug, nicht den dritten, den erkennt man aus den Augenwinkeln, den zehnten, dann kannst du nicht schummeln. Egal wohin. Nur weg.« Sie hätte auch in Dresden oder Bukarest landen können. Aber der zehnte Flug geht nach Fort de France, Martinique in der Karibik, mit Option auf Weiterflug nach Dominica, »noch nie gehört«. Sie kauft ein Ticket, im Duty-free-Shop noch zwei Kleider, ein Paar Sommerschuhe, Sonnencreme und einen Reiseführer über die Insel. Dominica ist winzig und nicht zu verwechseln mit der Dominikanischen Republik. Kleine Antillen, knapp 80.000 Einwohner, auf einer Fläche so groß wie Hamburg. Drei Stunden später hebt die Maschine ab, ihr neues Leben beginnt, auf und davon. Einfach so.
Nach zickzackreichen Jahren hat Lara Sanders die Kurve gekriegt. Sie sitzt auf dem Sofa und erzählt von den Selbstzweifeln anfangs auf der Insel. »Bist du verrückt? Was hast du getan?« Von den Eltern, die nicht verstanden, vom zurückgelassenen Ehemann, der nicht verstand und sich schließlich trennte, von den Freunden, die nicht verstanden und sie – nicht ganz zu Unrecht- auf einem Egotrip wähnten. Vor allem aber davon, dass der Entschluss ein richtiger war. Denn sie lernt in der Ferne, wieder Geschichten zu sehen. Trifft nach nicht einmal einer Woche diesen Greis Daniel Rundstroem, damals 77 Jahre, der sie zunächst mit seiner klapprigen Ente fast über den Haufen fährt und ihr sodann von seinem Baby erzählt, einem Flugzeuggerippe in seiner Garage, das irgendwann fliegen soll. Dieser Mann wird ihre Geschichte, ihr Film. Ein alter Schwede, Pilot einst für Könige, der mit dem jungen Karibe-Indianer Rainstar an einer Van’s RV-8 schraubt. Der alte Mann, ein karibischer Daniel Düsentrieb, öffnet ihr die Augen, er ist ein Lebenskünstler, und beide eint der Wunsch, sich einen Lebenstraum zu erfüllen: Er will sein Flugzeug bauen, sie will einen Film drehen. Beide sind ausgestiegen, beide sind in der Karibik gestrandet, beide glauben beinahe trotzig an ihre Sache. Der Alte und die Junge kombinieren ihre Sehnsüchte. Tausende Kilometer von Deutschland entfernt, erfährt die überstürzte Flucht ihren Sinn. Lara Sanders streift ihr altes Leben ab.
Eigentlich heißt Lara auch gar nicht Lara, sondern Barbara. Aber sie legt den alten Vornamen ab, »ich habe ihn nie gemocht, bin doch keine Heilige«, und nennt sich fortan Lara nach der Lara aus Pasternaks »Doktor Schiwago«, »eine starke, mutige Frau«. Sie legt vieles ab auf der Insel – die Manierismen, das Manikürte, das Gelackte. Sanders ahnt nicht, dass sie dreieinhalb Jahre drehen und weitere zweieinhalb Jahre schneiden wird, ihre gesamten Ersparnisse dafür draufgehen werden, fast 200 000 Euro, für Ausrüstung, Kamerateam und Flüge, »ich habe heute noch Schulden«.
Sie pendelt fortan jahrelang zwischen Dominica und Deutschland, sucht Geldgeber, reist auf Messen und zu Filmfestspielen, lernt in Cannes einen jungen französischen Rechtsanwalt kennen und lieben, Ehemann zwei. Lara spricht bei ungezählten Sendern vor und hört immerzu: »Wen interessieren alte Männer in Flugzeugen?« Heute kann sie darüber lachen, über Pleiten, Pech und Pannen. Über Fast-Abstürze mit dem Helikopter beim Dreh, »das Benzin ging aus«. Über das Leben am Existenzminimum, »keine Bank gab mir Geld, meine Eltern glaubten damals nicht an mich, Freunde gingen auf Distanz«. Und doch: Sie denkt nicht ans Aufgeben, sie ist von der Geschichte, ihrer Geschichte überzeugt, »in die Freiheit fliehen, an Träumen tüfteln, bis sie fliegen!« Die Cessna hebt am Ende ab, der alte Schwede lebt heute erfüllt und glücklich in seiner alten Heimat. Wenn das kein Stoff ist, aus dem Geschichten sind.
Nach sieben Jahren organisiertem Chaos schlägt Arte zu. Der Film »Über allen Horizonten«, 87 Minuten lang, läuft im Fernsehen, bekommt tolle Kritiken. Tatsächlich, es ist ein schöner Film, famose Bilder, leise und zurücknehmend erzählt. Sender aus ganz Europa kaufen ihn, er wird international prämiert in den USA und Frankreich, und bei den Premieren weinen die Leute im Publikum schon mal. Die Botschaft lautet: Realisiere dich selbst, trau dich zu träumen. Das mögen die Leute. Ein Autohändler aus München sieht ihn, verkauft spontan sein Geschäft und eröffnet ein italienisches Restaurant, »das war immer mein Wunsch«, erzählt er ihr später.
Nieselregen über Schwabing, Sanders lebt wieder in München. Sie ist seit drei Jahren Mutter, inzwischen alleinerziehend, ihr zweiter Mann hoffte auf Ruhe und Routine, »Heim und Herd und Muttertier«. Aber das ist sie nicht. Lara Sanders moderiert zuweilen, sie hat einen internationalen Filmvertrieb gegründet, weitere Dokumentarfilme gedreht, das Buch geschrieben über ihr Abenteuer und sich ausgesöhnt mit den Eltern. Sie hetzt von Termin zu Termin, und gelegentlich beschleicht sie das Gefühl, abermals in einem Hamsterrad unterwegs zu sein.
Lara Sanders blickt aus dem Fenster und sagt: »Ich werde es wieder tun.« Seit Dominica glaubt sie nicht mehr an Zufälle, »alles hat einen Sinn, und das ist kein esoterischer Quatsch«. Anfang des Jahres lernte sie zufällig einen Fotografen kennen, der zufällig mit Clint Eastwood und Kevin Costner befreundet ist und zufällig gerade auf dem Weg in die Staaten war, »ein bisschen zu viele Zufälle, oder?« Sie flog mit nach Kalifornien, wurde tatsächlich von beiden empfangen, und die Herren Stars waren schwer angetan von ihrer Geschichte und rieten unisono: »Schreib ein Drehbuch!« Das ist nun ihre neue Obsession, Hollywood, ein Spielfilm über Daniel Rundstroem-Düsentrieb, dargestellt von Clint Eastwood. Sie träumt schon wieder, die Eltern sorgen sich schon wieder, die Mutter wundert sich: »Sie war doch früher so ein braves Mädchen!« Früher.
Lara Sanders sitzt auf dem Sofa, neben ihr liegt eine rote Kladde, auf der »To do list« steht, darin 75 Punkte, einer ist: »Scheidung in die Wege leiten«. Ein anderer mit Ausrufezeichen: »US-Visum beantragen«. Deutschland ist ihr fremd geworden, »kein Platz für Träume hier«, die Wolken zu schwer, die Menschen so ernst. Es ist Zeit für einen Schnitt. Ihre Geschichte geht weiter.
Michael Streck, Stern
Eine Auszeit, die alles veränderte . . .
Dr. Elisabeth Karamat, eine erfolgreiche Karrierediplomatin bei der Europäischen Union in Brüssel, ist von ihrem Berufsalltag müde und ausgebrannt. Eineinhalb Jahre nach einem Urlaub auf der idyllischen Karibikinsel St. Kitts, lässt sie sich vom diplomatischen Dienst beurlauben und beschließt für einige Zeit auf dieser Insel zu leben. Die faszinierende Geschichte einer starken und mutigen Frau.
Glück, das ist heute für mich ein stiller Moment. Ein Moment, in dem ich die wärmende Sonne auf der Haut spüre, wenn ich auf der Farm arbeite oder die würzige Brise des Meeres einatme, und mich in den Armen von Kwando, meinem Lebensgefährten, geborgen fühle. Karriere, Geld, Erfolg – all das hat für mich nichts mehr mit Glück zu tun. Das habe ich hinter mir gelassen.
Mein altes Leben spielte in Brüssel. Ich arbeitete als Diplomatin an der österreichischen Botschaft, hielt Vorträge, betreute politische Dossiers der Europäischen Union und war viel unterwegs. Ständig stand ich unter Strom. Da war die Verantwortung für meine drei Kinder, – das Jüngste war 16 – die mich und meinen geschiedenen Mann noch brauchten. Da war der Leistungsdruck meiner Arbeit, die Einsamkeit eines Lebens aus dem Koffer. Mein Körper reagierte mit zwei Bandscheibenvorfällen und Schmerzen. Meine Reaktion war: Weitermachen und Leistung bringen. Sobald ich eine Minute Luft hatte, wenn die Kinder bei ihrem Vater waren, schrieb ich an meiner Doktorarbeit. Irgendwann meldeten sich meine Gefühle: Ich war ausgebrannt, erschöpft und traurig. Ich sehnte mich nach Ruhe und Natur. Nur noch raus aus diesem Laufrad. Nur wie das gehen sollte, das wusste ich nicht. Ich versuchte es mit Sitzungen bei einem Psychotherapeuten – wirklich geholfen hat es mir nicht.
Der Impuls, meinem Leben eine neue Richtung zu geben, kam unerwartet von ganz anderer Seite. Vor sechs Jahren lud mich eine Kollegin zum Urlaub in ihre Heimat St. Kitts in der Karibik ein. Ich lernte die Insel und ihre freundlichen Menschen kennen und schätzen. Auch das milde Klima tat mir gut. Ich blühte regelrecht auf und fühlte seit langer Zeit keinen Druck auf meinen Schultern. Doch niemals hätte ich es für möglich gehalten, hier später auch meine große Liebe zu finden: Kwando Harvey, Farmer, Imker und spiritueller Heiler aus St. Kitts. Das erste Mal nahm ich ihn damals bei meinem ersten Besuch an einer Bushaltestelle wahr. Er, der als junger Mann bei einem Motorradunfall ein Bein verloren hatte, lehnte kerzengerade mit Krücken an einer Bretterbude. Ich spürte quer über den Platz seinen Blick auf mir ruhen. Und nahm eine seltsame Kraft wahr. Ich konnte sie nicht beschreiben, sie blieb mir aber in Erinnerung. Kurz darauf musste ich zurück nach Brüssel. Ich weinte, als das Flugzeug abhob. Wie gern wäre ich länger auf dieser Insel geblieben. Es wäre genau das, was ich brauchte.
Wieder heimgekehrt, zehrte ich von meinen schönen Erinnerungen. Nach einigen Monaten meldete sich ein Pfarrer, den ich in der Karibik kennengelernt hatte. Überraschend bot er mir eine Stelle in einem Landwirtschaftsprojekt an, das ich begleiten sollte. Ohne zu zögern sagte ich zu, obwohl ich bis dato von Ackerbau kaum Ahnung hatte. Aber ich spürte, dass dieses Angebot eine Chance für etwas Neues sein könnte. Vielleicht war das mein Rettungsanker. Ich suchte nach Möglichkeiten nach St. Kitts für das Projekt entsandt zu werden. Eineinhalb Jahre später war es soweit, die Wiener Erzdiözese und die österreichische Organisation Horizont 3000 waren bereit, mich als Entwicklungshelferin für zwei Jahre zu finanzieren und so ließ ich mich vom diplomatischen Dienst beurlauben.
Ich spürte Widerstand gegen meinen Neustart auf der Karibikinsel St. Kitts. Freunde und Familie meinten damals, meine Sicherheit so aufzugeben sei fahrlässig. Heute, fünf Jahre später, reden die meisten nicht mehr so überzeugt von Sicherheit angesichts der Finanzkrise in Europa. Meine Kinder waren damals zwar schon erwachsen, so erwachsen wie man mit 18, 20 und 22 Jahren sein kann. Aber zum ersten Mal blieb ihre Mami richtig weit weg von ihnen. Sie hatten Angst, dass ich sie im Stich lasse. Doch ich wusste, sie würden auf eigenen Beinen stehen können. Ich musste mein Leben in die Hand nehmen. Für mich um zu heilen.
Was ich völlig unterschätzt hatte, war die körperliche Herausforderung bei dem Landwirtschaftsprojekt, das ich gemeinsam mit der Regierung von St. Kitts und der Kirche organisierte, damit jugendliche Arbeitslose von Experten geschult würden, um eine Perspektive für ihr eigenes Leben zu bekommen. Die Menschen waren freundlich, doch allmählich verstand ich ihre Sorgen und die bitteren Konsequenzen der Armut in ihrem Leben. Tropische Temperaturen und die ungewohnt harte Arbeit auf dem Feld setzten mir zu. Stundenlang pflanzte ich bei sengender Hitze Stecklinge. Aufgeben kam mir nicht in den Sinn. Ich biss die Zähne zusammen, machte Pausen, trank Wasser, aß Salziges. Ich sah es als Fitnesstraining und lernte dabei viel über tropische Landwirtschaft.
Eines Tages traf ich Kwando wieder. Im Bus war der einzige freie Platz neben ihm. Wir kamen ins Gespräch, er bot an, mich zu besuchen, brachte mir Honig in einer alten Rumflasche, half mir mit dem Projekt. Ich war fasziniert von seiner Andersartigkeit. Seiner Intelligenz. Seinem ehrlichen Interesse an mir. Da begegneten sich zwei Menschen, wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Ich, die verkopfte Karrierefrau. Und er, den sie auf der Insel nur den »Honigmann« nennen, weil er als Imker arbeitet und die Nester wilder Bienen umsiedelt. Er vertraute mir, der Frau aus einer anderen Welt, sprach über seinen Glauben und seine spirituellen Erfahrungen mit mir. Stellt mich seiner Mutter vor. Wollte alles mit mir teilen, was er besaß. Er nahm sich sogar vor, mir eine Kuh zu schenken, wenn er einmal genug Geld habe. So eine Großzügigkeit hatte ich vorher noch nicht erlebt. Doch sein Bedürfnis nach Nähe überforderte mich, die aus einer kalten einsamen Welt kam. So begann ich zu schreiben. Ich musste unsere Liebesgeschichte niederschreiben, um zu begreifen, dass Kwando und ich trotz aller Gegensätze uns wie durch ein unsichtbares Band miteinander
verbunden fühlten. Kwando musste erst lernen, dass ich ihn liebe, auch wenn ich nicht rund um die Uhr bei ihm sein konnte. Ebenso lernte ich von ihm, mich wieder zu öffnen und meine weiche Seite zuzulassen. Das Schreiben half mir tatsächlich, unsere Beziehung zu verstehen, bis ich soweit war, meinen autobiografischen Roman »Honigmann« zu publizieren, um anderen Menschen Mut zur Veränderung und Hoffnung in die Liebe zu geben.
Kwando, der Honigmann und ich sind aus unseren Krisen gewachsen. Seit zwei Jahren führen wir gemeinsam ein Projekt auf seiner Farm. Auf der Insel herrscht eine Affenplage. An die 100.000 Grünmeerkatzen zerstören jede essbare Ernte. Während ausländische und lokale Experten nach Wegen suchen, die Affen zu dezimieren, bauen Kwando und ich in unserem Projekt experimentell Nutzpflanzen an, die die Affen in Ruhe lassen. Kwando will keinem Tier auf seinem Farmgrund schaden, denn als Rasta und Vegetarier hat er eine besondere Beziehung zu Tieren. Schließlich nennen sie ihn ja auf der Insel den Honigmann, weil er so gut mit Bienen umgehen kann. Mit der Hilfe internationaler Freiwilliger, die sich bei uns melden, binden wir einheimische Farmer und Jugendliche in die Arbeit ein, damit sie später einmal die Farmen ihrer Eltern übernehmen können. Heilpflanzen, wie Ingwer und Pfefferminze züchten wir für den Verkauf. Zudem haben wir Drahtkäfige für Gemüse errichtet, um es vor den Affen zu schützen. Kwandos Esel haben für ihn als Amputierten eine wesentliche Bedeutung bei der Verrichtung der Farmarbeit; zudem halten die Esel das invasive Guineagras in Schach und liefern Dung für unser Biogemüse. Sie sind wunderbare Wesen unsere Esel. Mit ihnen hielten wir auch ein Sommercamp für behinderte Kinder auf der Farm, eine Initiative, die wir im Juli dieses Jahres (2013) mit einer österreichischen Tiertherapeutin wiederholen werden.
Ich bin weiterhin vom diplomatischen Dienst beurlaubt, verdiene umgerechnet etwa 500 Euro im Monat, also viel weniger als in meinem alten Leben. Bereut habe ich meine Entscheidung nie, trotz der Widrigkeiten. Ich habe das kreative Schreiben entdeckt, »Honigmann« publiziert. Ich habe durch Kwando, der tief in seinem christlichen Glauben verankert ist, sich zum spirituellen Heiler ausbilden ließ, einen neuen Weg zu meinem alten Glauben gefunden.
Manche bezeichnen mich als Aussteigerin, doch bin ich nicht ausgestiegen oder abgehauen, viel eher erlebe ich Begegnungen mit Menschen in Europa oder in St. Kitts intensiver als je zuvor. Durch die Öffentlichkeitswirkung meines Buches »Honigmann« melden sich Freiwillige, Gäste, die uns in St. Kitts besuchen. Heute lebe ich ehrlicher, bin in offenherzigerem Kontakt mit Menschen. Und geben wir es doch zu, mit den heutigen Möglichkeiten ist die Welt ein Dorf geworden. Ich bin dankbar, dass ich in St. Kitts weilen kann. So ernte ich, umgeben von Eseln und Pferden, Ingwer oder Minze auf der Farm mit Kwando, unseren Mitarbeitern und den Jugendlichen. Mit meinen Kindern habe ich eine tiefe Verbindung, wir skypen fast täglich und ich fliege mehrmals im Jahr zu ihnen. Doch mein Platz ist jetzt hier, mit Kwando, dem Honigmann.
Elisabeth Karamat
Den spannenden autobiografischen Roman »Honigmann« (erschienen bei Bastei-Lübbe) gibt es im Internet oder jeder Buchhandlung.
Der Prozess, es endlich zu wagen
Leon Schulz, Autor des Buches »Sabbatical auf See«, möchte alle Gleichgesinnten ermutigen, ihre vage Zukunftsvision vom Ausstieg auf Zeit in Realität zu verwandeln

© Leon Schulz
Es konnten unzählige Gründe aufgezählt werden, warum gerade wir ein Sabbatical auf See niemals in die Tat umsetzen würden. Ich pflegte mit Ehrfurcht Segelbücher zu verschlingen, die von all den anderen Glücklichen handelten, die es geschafft hatten, ihre Träume zu verwirklichen. Wir hatten keine Erfahrung im Blauwassersegeln und zudem einen attraktiven Arbeitsplatz als Ingenieure und Kinder, die zur Schule mussten. Wir zweifelten, ob wir es uns überhaupt leisten könnten, ein ganzes Jahr ohne finanzielle Einnahmen auszukommen. Viele gute Gründe dort zu bleiben, wo man sitzt, oder? Aber nachdem wir wieder einmal einen Vortrag von einer echten Blauwasserseglerin gehört hatten, ging ich am Ende des Referates zu ihr und sagte, dass wir auch so gerne das machen würden, wovon sie gerade erzählt hatte. »Na, dann tu’s doch!«, antwortete sie forsch. Ich dachte, sie hätte mich nicht verstanden. Damals war ich noch davon überzeugt, dass ich mein so sorgsam geregeltes Leben weder verändern dürfe noch könne. Wie engstirnig ich doch war! Heute weiß ich: Was man wirklich will, das kann man auch und sollte es tun! Daher warne ich meine Leser: Falls Sie mein Buch »Sabbatical auf See« lesen, tun Sie dies auf eigene Verantwortung! Es könnte sein, dass auch Sie vom Fernweh angesteckt werden, Ihre Chancen sehen und plötzlich den Entschluss fassen, ebenfalls die Leinen loszulassen. Auf jeden Fall würden wir uns sehr freuen, Ihnen auf den Weltmeeren zu begegnen, denn Platz ist dort genug, und das Risiko, dass Sie Ihren Aufbruch bereuen, scheint mir eher gering. Tatsächlich bereuen die meisten Menschen am Ende des Lebens eher das, war sie im Leben unterließen, als was sie gewagt haben. Und mir ist noch keiner begegnet, der am Ende bereute, nicht genug gearbeitet zu haben….
Vielleicht denken Sie ähnlich wie ich damals, dass man als Familie speziell gestrickt sein muss, eine große Menge Mut braucht, ein wenig Waghalsigkeit, sogar einen Hauch Naivität und schließlich auch überdurchschnittliches Glück, damit alles gutgehen kann.
Wir nahmen unsere Kinder aus der Schule, verkauften unser Haus, gaben unsere Berufe auf, und dann, ganz einfach, ließen wir die Leinen los und segelten aus dem Hafen. Vielleicht sind wir tatsächlich etwas abenteuerlich veranlagt, und wir brauchten sicherlich auch eine Portion Mut, aber wir sind nicht mehr von Glück gesegnet als andere Familien. Im Gespräch mit den vielen segelnden Eltern-und-Kinder-Crews, die wir unterwegs getroffen haben, wurde deutlich, dass wir alle eine sehr ähnliche Entwicklung durchlaufen haben: mit den gleichen Fragen, mit denselben Ängsten und vergleichbaren Erlebnissen vor, während und nach der Durchführung unseres Segelabenteuers.
Meiner Erfahrung nach führt ein Sabbatical durch vier Phasen: 1. Träumen 2. Planen 3. Durchführen und 4. Wiedereinsteigen.
Typisch nähert man sich einem Sabbatical nämlich als Träumer. Es vergehen oft Jahre, in denen man von einer Auszeit träumt, und hier gehört man wirklich nicht zur Minderheit, wie eine Forsa-Umfrage neulich bestätigte. Aber nur 2% schaffen es am Ende den Schritt tatsächlich zu wagen. Zu schade!
In der Rückschau war für uns der Übergang zwischen der Phase vom Träumen zum Planen tatsächlich am schwierigsten. Diesem Schritt ging ein langer, innerer Kampf voraus, der sich in unzähligen Gedanken und Diskussionen im Kreis drehte. Immer wieder erwogen wir dieselben Vor- und Nachteile, Risiken und Chancen, ohne ein klares Bild zu bekommen. Die Herausforderung schien einfach zu vielschichtig, denn wir hatten Angst vor einer Veränderung! Dieser Prozess ist verständlich und sogar notwendig.
Sollten auch Sie diesen inneren Kampf schon in sich selbst gespürt haben: Keine Sorge, wir haben alle darunter gelitten – er gehört dazu! Angst ist der Schrecken jedes denkenden Menschen! Angst steht im Zusammenhang mit stammesgeschichtlich herausgebildeten Warn- und Schutzfunktionen und kann schon bei der Vorstellung einer potentiellen Bedrohung auftreten. Daher führt sie oftmals zu Vermeidung, unterdrückt möglicherweise die Freude am Erkunden von Neuem oder am Spiel und hemmt somit Initiative und Kreativität. Aber man kann sie überwinden und den bewussten, reflektierten und respektvollen Umgang mit Angst in einem weitgehend kontrollierten Rahmen auch als lustvoll, befreiend und zutiefst befriedigend erleben. So tobt ein lebenslanger Kampf in jedem Einzelnen von uns zwischen dem Suchen, Ausprobieren und Erkunden auf der einen und dem Vermeiden, Kontrollieren und Bewahren-Wollen des Bekannten auf der anderen Seite. Beide Pole haben ihre Berechtigung, und jeder Mensch muss seine eigene Balance zwischen diesen beiden konkurrierenden Kräften in sich finden. Gewinnt die Vernunft diesen Kampf jedoch vielleicht zu oft in unserer von Rationalität geprägten Informationsgesellschaft? Werden unsere Gefühle unterdrückt, fehlt es an Fantasie, Neudenken sowie der Bereitschaft umzudenken? Sind wir deshalb für individuelle und daher unübliche Gedankengänge zu blockiert? Die Evolution hat uns den Verstand und die Fähigkeit zum Angsterleben gegeben, um Gefahren zu erkennen und ausweichen zu können, denn das Unbekannte könnte gefährlich sein! Aber ohne den Mut, manchmal auch das Risiko einzugehen, etwas zu unternehmen, das wir nicht ganz verstehen oder kennen, das heißt, dessen Konsequenzen nicht von Anfang bis Ende ersichtlich sind, gäbe es keine persönliche Weiterentwicklung und keinen Fortschritt.
Wir haben einen Freund, der einmal gesagt hat, er wolle das Blauwassersegeln lieber gar nicht erst ausprobieren, denn er habe Angst, es so zu genießen, dass er nie mehr in einen normalen Alltag zurückkönne.
»Besser es nicht zu wissen…«, murmelte er, während er in seinem Büro mit dem Gestus großer Wichtigkeit bedeutungsvolle Papiere von einem Haufen zu andern schob. Nachdem wir das Blauwassersegeln ja nun gewagt haben und seit einiger Zeit versuchen, uns wieder an unser altes Leben zu gewöhnen, muss ich zugeben, er hatte nicht Unrecht.
Die dritte Phase, das eigentliche Segeln, ist der leichteste Schritt, denn hier trifft man auf viele Gleichgesinnte, die, wie wir, in ihren Schiffen für eine kürzere oder längere Auszeit auf den Weltmeeren umherschippern. Die gegenseitige Unterstützung der Blauwassersegler – wir nennen uns die »Yachties« – ist bewundernswert und solange man vorsichtig segelt, mit viel Geduld das richtige Wetter abwartet und mit gesundem Menschenverstand reist, kann man auch unterwegs viel lernen.
Vor der vierten Phase, dem Wiedereinstieg, sei aber gewarnt: Die Eingliederung in ein gewöhnliches Leben ist oft gar nicht so einfach, wie man es sich am Anfang vorstellt. Die Welt, in die man zurückkommt, ist zwar noch die gleiche, aber man selbst hat sich verändert und hat neue, tiefsinnigere Werte im Leben gefunden. Um nur einige Beispiele unserer Veränderung zu benennen: aus Angst war Vorsicht und Respekt geworden; Hast, Hektik und Stress wurden ersetzt durch Gelassenheit; Vorurteile wandelten sich in Verständnis; sture Pläne wurden zu Optionen; Notwendigkeiten zu Prioritäten, die nicht alle erfüllt werden mussten; Phobien machten der Neugierde und Freude am Unbekannten Platz; Sorgen verwandelten sich in Ur- oder Grundvertrauen und Liebe.
Zeit ist für viele Menschen eine luxuriöse Mangelware, insbesondere für solche, denen sonst nichts zu fehlen scheint, die ihre Lebensziele weitgehend erreicht haben und auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Ich denke daran, wie ich früher an Time-Management-Kursen für Unternehmer teilgenommen habe, um alles optimal organisieren zu können, alles pünktlich zu vollenden und ja nicht zu spät zu kommen! Ich lächele bei diesen Erinnerungen. Welchen Nutzen hatten diese Zeitoptimierungssysteme, wenn ich sie mit der »Island Time« vergleiche, die in der Karibik von jedem Einheimischen erfolgreich praktiziert wird? Für diese Menschen ist Erfolg nicht Produktivität, sondern Glück.
Geld kann verdient, gespart, verteilt werden und auf der Bank wachsen, ohne zu altern. Mit dem kostbaren Gut Zeit verhält es sich anders. Im Gegensatz zu seinem monetären Gegenstück ist Zeit gerechterweise an alle Menschen der Welt gleich verteilt und zwar mit genau 24 Stunden pro Tag für jeden; praktisch wie ein Geschenk der Götter. Bis auf seinen ersten und seinen letzten Lebenstag erhält jeder Mensch täglich genau die gleiche Menge an Zeit; nicht mehr und nicht weniger. Es ist jedem selbst überlassen, diese 24 Stunden weise zu investieren, denn man bekommt sie nie mehr zurück. Man kann sie nicht auf ein Bankkonto einzahlen, um ein paar Reste für später aufzuheben. Es gibt keine Zinsen auf gesparte Zeit. Ähnlich kann man Zeit auch nicht auf Kredit erhalten. Zeit ist für uns nun plötzlich viel mehr wert als Geld, und wir überlegen daher genau, ob wir unsere Zeiteinheiten fürs Fernsehen ausgeben, lieber ins Bücherlesen investieren oder mit Freunden Spaß haben wollen. Zeit ist für uns zur wertvollsten Währung geworden.
Seinen Traum zu leben ist die eine Sache, aber nach der Auszeit wieder in den gewohnten Alltag einzusteigen ist eine ganz andere Herausforderung. Wie soll man beispielsweise nach einem so großen Abenteuer und der weitgehenden Erfüllung langgehegter Ziele und Träume nun neue Ziele und Träume finden? Geht es einem nach einem so erfüllenden Jahr wie dem Olympiasieger, der in eine Depression versinkt nachdem er seine Medaille gewonnen hat, für die er sein ganzes Leben kämpfte? Ich habe von einigen Seglern gehört, dass es helfen würde, ein neues Projekt zu beginnen: ein Haus zu bauen, eine neue Arbeit annehmen oder gar das nächste Segelabenteuer zu planen. In jedem Fall sollte es gelingen, nicht für den Rest des Lebens das Bedauern zu spüren, zurückgekehrt zu sein. Vielmehr muss man weiter nach vorne blicken und Ziele und Perspektiven aufstellen.
Wir waren aus unserm alten Leben aufgebrochen, um etwas Neues kennenzulernen. Ganz langsam veränderte fast alles, was wir früher für sehr wichtig gehalten hatten, seine Bedeutung. Indem wir uns ein Jahr Auszeit gegönnt haben, haben wir gelernt, uns zu öffnen und für neue Dinge bereit zu sein, und zwar für den Rest unseres Lebens. Wir verwarfen dabei nicht unser altes Leben. Im Gegenteil: Wir schätzten es umso mehr, denn es hatte uns ja zu unserem Segeljahr und unserer veränderten Sichtweise geführt. Unser altes Leben hatte uns Erfahrungen geschenkt, auf die wir unterwegs bauen konnten, denn es bestand aus wesentlich mehr als nur aus Gewohnheiten, die uns gefangen hielten. Unterschiedliche Perspektiven gehören zu verschiedenen Lebensabschnitten, und man unterliegt im Fluss des Lebens ständig kleinen Persönlichkeitsveränderungen. Diese ergeben persönliches Wachstum, und als Mensch wachsen zu dürfen, gehört zu den größten, spannendsten und bereicherndsten Erfahrungen im Leben. Gewohnte Wertvorstellungen, die ursprünglich hilfreich und dadurch bedeutungsvoll waren, können im Verlauf des Lebens an Bedeutung verlieren beziehungsweise sich sogar zu Blockaden entwickeln, die persönlichem Wohlbefinden eher im Wege stehen. Gleichzeitig entwickeln sich oft neue Überzeugungen, Werte und Grundhaltungen. Dieser Prozess stetiger Veränderung und Entwicklung, der normalerweise sehr langsam von statten geht, wird unglaublich deutlich und dynamisch während eines kurzen Segeljahres, in dem sich so viel und rasch entwickelt. Es mag fast erschreckend klingen, dass man sich so stark verändern kann, aber wir begrüßten unsere neue Weltanschauung, die unsere grundlegenden Bedürfnisse zutiefst befriedigt und unserer Persönlichkeit entspricht. Die innere Reise von partieller Fremdbestimmung und Selbstentfremdung hin zur Selbstverwirklichung haben wir erfahren dürfen.
Nach der Rückkehr aus unserem Sabbatical wurde es sehr deutlich, dass nicht alle Menschen um uns herum ihr hochprivilegiertes Leben zu genießen schienen. Viele kamen uns doch recht unglücklich und unzufrieden vor und schienen in Zwänge eingeknotet. Sie »mussten« so viel und »nur noch schnell«, wie sie sagten. Wo blieb die Muße? Sich Zeit nehmen für eine Aufgabe? Sich Zeit schenken, sich über das Ergebnis freuen? So wie der Künstler, der sein Bild liebt und sich nur ungern und unter Schmerzen davon trennt, da er sich so innig damit beschäftigt hat, es mit Geduld, Einfühlungsvermögen, Hingabe und Liebe zu schaffen. Sind deshalb Künstler die glücklicheren Menschen?
Viele Leute um uns herum hatten weder das Verständnis für noch das Bedürfnis nach Zeit und Muße. Es ging ihnen oft schlecht. Gleichzeitig empfanden sie sich aber alle als völlig normal und konnten vor lauter Streben nach scheinbar notwendiger Gewinnmaximierung, Effektivität und Produktivität die schleichende Entfremdung von sich selbst und ihren Bedürfnissen nicht erkennen. Es fehlte ihnen offensichtlich an gesunder, selbstkritischer Distanz zu sich selbst. Und immer diese Hetze! Wie soll man das auch aushalten, ohne langsam abzustumpfen und sich eine Hornhaut auf der Seele wachsen zu lassen?
Das Leben ist schon sehr kurz – da muss man doch ganz langsam leben!
Heute weiß ich, wie durchführbar eine ersehnte Auszeit doch oft sein kann. Man braucht nur eine Portion Mut und Hilfestellung von jenen, die es schon geschafft haben.
Um andere zum Segelsetzen zu inspirieren, habe ich das Buch »Sabbatical auf See« geschrieben. Es beschreibt uns als eine ganz normale Familie, die vierzehn Monate lang ohne viel Dramatik die klassische Route über den Atlantik in die Karibik und zurück segelt. Es ist ja nichts weiter dabei, würde ich heute sagen, denn über tausend andere Boote tun es ja auch – und zwar jedes Jahr. Es ist die Geschichte eines genussvollen Familientörns nach Norwegen, Schottland, Irland, Portugal, Karibik und wieder zurück. Wir stellten uns mit unseren Kindern Jessica (11) und Jonathan (9) auf unserer 40-Fuß-Segelyacht der Herausforderung, unseren abgesicherten Alltag gegen eine neue Erfahrung einzutauschen. Für uns wurde es zum äußeren und inneren Wendepunkt – voller Spannung und völlig angstfrei.
Und noch etwas ist interessant: Es braucht scheinbar nicht viel Überzeugungskraft, um es wirklich zu wagen. Manchmal ist es nur ein Gespräch oder ein Buch, das einem die letzten Zweifel wegwischt und plötzlich ist man über Nacht gereift: aus dem Träumen wird Planen.
Trotzdem werde ich immer wieder von der Wucht überrascht, mit dem das Buch »Sabbatical auf See« zum Loslassen inspiriert. Nicht selten erhalte ich heute Danksagungen aus allen Ecken der Welt, dass sie es schlussendlich doch geschafft haben, einen Ausstieg auf Zeit zu wagen. Das freut mich sehr und gibt mir die Kraft weiterzuarbeiten, um anderen zum Sabbatical auf See zu verhelfen.
Schon längst habe ich den Wiedereinstieg aufgegeben und stattdessen meine Passion zum Beruf gemacht: Ich arbeite heutzutage nur noch mit dem Ziel, Menschen zum Fahrtensegeln zu bringen und ein dafür geeignetes Schiff für die große Fahrt auszurüsten. Zwar habe ich meinen Ingenieursberuf an den Nagel gehängt, das technische Verständnis und die Pädagogik kommen mir aber trotzdem noch zugute. So bin ich zu einem Royal Yachting Association (RYA) Yachtmaster Ocean Instructor erkoren worden und habe eine Hallberg-Rassy 46 gekauft, die ich Regina Laska nenne. Auf diesem bequemen Blauwasserschiff können nun Interessenten mitsegeln, die an der Schwelle zwischen Träumen und Planen stehen; sei es für Leute mit begrenzten Segelerfahrungen, die das Leben an Bord erst einmal testen wollen oder für diejenigen, die schon so weit fortgeschritten sind, dass sie die international anerkannte Yachtmaster-Prüfung ablegen wollen.
Für mich ist Fahrtensegeln eine Lebenseinstellung, die mit einem Sabbatical sehr gut in Einklang zu bringen ist. Das seglerische Können ist dabei viel leichter zu erlernen als die sozialen Komponenten und die Entdeckerlust, die für ein Sabbatical viel mehr gefragt sind. Es gibt so viele Möglichkeiten, das Fahrtensegeln interessant, erlebnisreich und persönlich erfüllend zu gestalten. Gerade das ist das Besondere: Fahrtensegeln bietet die größtmögliche Freiheit, die eigene Individualität in Harmonie mit anderen Menschen, Natur und Umwelt auszuleben. Genau das ist es, was wir daran so lieben.
Leon Schulz
Das Buch »Sabbatical auf See” – Eine Familie setzt die Segel (erschienen im Delius Klasing Verlag), das so manchem zum Sabbatical verholfen hat, gibt es in jeder besseren Buchhandlung oder im Internet bei Amazon. Mehr Informationen, auch zum Mitsegeln, unter www.reginasailing.com
Reise unseres Lebens
Eine Familie wagt das große Abenteuer, verkauft all ihren Besitz und segelt für fünf Jahre um die Welt, um ausgerechnet in Deutschland »Schiffbruch« zu erleiden …
Der Atlantik ist das Ende aller Ausreden. Vor uns liegen 5 000 Kilometer Wasser. Bis zu den Kanarischen Inseln hatten wir uns von Bremen an der Küste entlang gehangelt. Aus Frust über unser bequemes aber langweiliges Leben als Kleinfamilie hatten wir uns die Frage gestellt, wie wir denn »eigentlich« gerne leben würden. Der Wunsch meiner Frau Carola war ein naturverbundenes Leben auf einem Bauernhof. Ich wollte einfach mal ein paar Jahre auf einem Schiff leben und aus Deutschland raus. Die Entscheidung fällt durch meine Frau: »Lieber ein verrücktes Leben auf einem Boot, als ein verzweifelter Mann in einer schönen Wohnung an Land.« Wir wollen die Zeit bis zur Schulpflicht der Kinder nutzen (damals 3 Jahre und 18 Monate alt). Verkaufen all unseren Besitz und tauschen Job und Versicherungen gegen ein kleines Boot und eine Reisekasse von 50 000€.
»Wollt ihr das Leben eurer Kinder aufs Spiel setzen?« ist die nicht sehr ermutigende, aber typische Reaktion unserer Umgebung. Selbst mein segelbegeisterter Vater wiegt bedenklich den Kopf: »Die See ist ein großer Gleichmacher …« Das er Recht behalten wird, merken wir erst sehr viel später. Auf den Ozeanen der Welt trifft man tatsächlich nur eine bestimmte Sorte Menschen: Die, die ihre Träume zu verwirklichen versuchen. Die Bedenkenträger bleiben zuhause. Nur unser Hausarzt ist begeistert: »Was, um die Welt fahren wollt ihr? Ist ja toll.« Dabei wollten wir zu Anfang der Reise gar nicht um die Welt segeln, sondern nur zwei Jahre raus aus Deutschland. Er stattet unsere Bordapotheke für alle erdenklichen Notfälle aus. Wir sind keine Draufgänger, eher vorsichtige Menschen, und die Beschäftigung mit all den Dingen, die auf dem Meer passieren könnten, lässt uns mehr als einmal an unserem Entschluss zweifeln. Wir suchen uns ein älteres, sehr seetüchtiges und stabiles Schiff aus, kaufen neben der üblichen Sicherheitsausrüstung noch ein Satellitentelefon, um notfalls auch mitten auf dem Atlantik einen akuten Blinddarm per Fernanleitung operieren zu können. Am Ende brauchen wir auf der ganzen Reise aber nur ein paar Klammerpflaster.
Nun ist die Angst wieder da: Wir liegen startklar am Pier in La Gomera, bis unters Dach ist das Boot vollgepackt mit Lebensmitteln und Wasser für die kommenden vier Wochen auf dem Atlantik. Die Verantwortung lastet schwer auf meinen Schultern. Habe ich das Recht, meine Familie einer solchen Belastungsprobe auszusetzen? Woher nimmt meine Frau nur ihr Vertrauen in mich und das Schiff? Die Kinder bleiben gelassen: Segelt man halt mal über den Atlantik.
Sie hatten sich von uns allen am schnellsten an das Leben auf einem Schiff gewöhnt. Falls wir mal gerade nicht vor einem der vielen schönen Strände ankern, die auf der Reise als Ersatz für die heimische Sandkiste herhalten müssen, vertreiben die zwei sich die Zeit auf unserem ca. 10 Quadratmeter großen schwimmenden Zuhause mit Knetwachs, Malstiften, Papier und vielen selbsterzählten Geschichten. Wir gestehen ihnen das Recht auf Langeweile zu, und so erschaffen sie aus dem Wenigen, was an Bord Platz findet, immer neue Reiche der Fantasie. Radio, Gameboy oder Fernsehen gibt es nicht, dafür ferne Horizonte, fremde Länder und Zeit im Überfluss.
Dann bläst der Passatwind alle Gedanken ans Umkehren davon. Die Wellen türmen sich für uns Ostseesegler zu beeindruckender Größe auf, und bald rauschen wir durch eine gewaltige, schäumende Wasserwelt. Das Land ist längst hinter dem Horizont verschwunden, und unser Boot zieht stetig vom Wind getrieben nach Westen. Die Tage verschwimmen, und wir verlieren das Gefühl für die Zeit. Manchmal hängt eine schimmernde Goldmakrele an der Angel, dann unterbricht ein Festessen den geruhsamen Bordalltag.
Nachts funkeln die Sterne unwirklich klar über uns, und unter uns glüht das Meer grünlich in unserem Kielwasser. Delfine kommen regelmäßig zu Besuch, und selbst an den Schlafmangel, bedingt durch das notwendige Wachegehen auch in der Nacht, gewöhnen wir uns nach einiger Zeit. Tagsüber ist wegen der Kinder an Schlaf nicht zu denken. Nachts ist alle zwei Stunden Wachwechsel. Ich kann in meiner ersten Wache kaum die Augen aufhalten, aber sobald ich in der Koje liege, bin ich hellwach. Fühle mich ausgeliefert. Es fällt mir schwer, Vertrauen in meine Frau zu haben. Ständig habe ich Angst, dass sie vergisst, den Sicherheitsgurt zu benutzen. Wir leben ganz existenziell: Nur wer Vertrauen hat, kann wirklich schlafen, wenn der andere Wache geht! Als nach 22 Tagen auf See die Karibikinsel Martinique am Horizont auftaucht, ist für alle an Bord klar: Wir fahren weiter in den Pazifik!
Wie auf einer Perlenschnur reihen sich paradiesische Inseln aneinander: Galapagos, Marquesas, Tahiti, Huahine, Tonga, Neuseeland. Doch selbst mitten in der größten Schönheit bin ich unzufrieden. Die große Freiheit nagt an mir. Ich vermisse meinen Job, leide unter der scheinbaren Sinnlosigkeit meines Daseins, dem selbstgemachten Druck, glücklich sein zu müssen, jetzt, wo ich im Paradies angekommen bin. Nun bin ich nur noch Kapitän, Ehemann, Vater. Im Buch »Die Gabe der Seenomaden« von Milda Drüke heißt es: »Nicht das Schiff ist eng, es ist die innere Enge der Menschen, die sie nicht an Land zurücklassen, ihre Weigerung im Verhalten des Partners den Spiegel zu sehen, ihre Neigung, Schuld grundsätzlich bei den äußeren Verhältnissen zu suchen, wo es doch gar nicht um Schuld, sondern um eigene Verantwortung geht.«
Konflikte häufen sich, ich bin zu ungeduldig, verspannt, kann meine Vorstellungen nicht loslassen. Dabei ist das Meer ein guter Lehrer: ständig in Veränderung, zwingt es uns immer neu, uns seinem Rhythmus anzupassen und unsere kleinen menschlichen Pläne seinem großen Atem unterzuordnen.
Die Kinder dagegen sind zufrieden: Sie schwimmen begeistert im warmen Wasser, tauchen nach Muscheln, sammeln Kokosnüsse am Strand, rudern mit dem Beiboot zu einer neben uns ankernden amerikanischen Yacht, und können nach nur drei Wochen Englisch. Beneidenswert. Jedes Mal, wenn wir eine Inselgruppe hinter uns lassen, weinen sie bittere Tränen zum Abschied, denn fast überall haben sie rasch Freunde unter den einheimischen Kindern gefunden. Aber schon nach wenigen Tagen weicht die Trauer der Vorfreude auf ein neues Land, einen neuen Kontinent.
In Neuseeland haben wir zum ersten Mal auf der Reise Heimweh. Alles ist so europäisch, und wir realisieren: von hier aus geht es in jede Richtung zurück. Sollen wir bleiben`? Wir fühlen deutlich unsere eigenen Wurzeln, und, obwohl wir uns hier endlich einmal gut verständigen können, haben wir Sehnsucht nach unserer alten Heimat. Wir machen Kassensturz und beschließen, noch im selben Jahr zurück nach Deutschland zu segeln.
Über Australien, Indonesien, Thailand und das Rote Meer geht es in weniger als einem Jahr zurück nach Europa. Aber dann macht uns der Wind wieder einen Strich durch die Rechnung: von Ägypten kommend, wollen wir rasch nach Gibraltar segeln, als es immer mehr aufbrist. Der Wind kommt von vorne, nimmt Sturmstärke an. Wir geben auf und laufen die türkische Küste an. Dort finden wir eine winzige griechische Insel, noch 120 Kilometer östlich von Rhodos gelegen, Kastellorizo. 200 Menschen, kaum Autos, viele Fischer, Handwerker, Künstler. Und eine Schule. Nach nur drei Tagen habe ich einen Job als Tischler. Die Kinder gehen in die griechische Dorfschule. Carola lernt von den alten Fischern die Kräuter der Insel kennen. Fast werden wir heimisch. Aber die Zukunft wird in Deutschland gemacht, und nachdem wir gesehen haben, wie verheerend die Auswirkungen des westlichen Lebensstils im Pazifik und in Asien sind, wo ganze Inselreiche im Müll der sogenannten »Zivilisation« ersticken, fühlen wir uns verantwortlich und wollen uns nicht in unserem griechischen Paradies verstecken.
Carola fliegt allein nach Deutschland auf Erkundungstour. Dann ist mein Schwiegervater am Telefon: Carola liegt auf der Intensivstation. Die Ärzte wissen nicht, ob sie die Nacht überleben wird. Was als kleiner ambulanter Eingriff in einem vermeintlich sicheren Bremer Krankenhaus geplant war, wird (durch den Fehler eines Arztes?) zu einer lebensgefährlichen Verletzung der Aorta mit zweimaliger Notoperation. Nach Stunden gelingt es endlich, die Blutung zu stoppen. Sie überlebt, aber an eine Rückkehr auf unsere Insel ohne Arzt und Krankenhaus ist nicht zu denken. Worauf wir so traumwandlerisch sicher die letzten fünf Jahre verzichten konnten, das brauchen wir jetzt ausgerechnet in Deutschland: Gute medizinische Versorgung vor Ort.
Nach einem Jahr ist Carola soweit wieder hergestellt, dass ich unser Boot aus Griechenland zurücksegeln kann. Es wird die schwerste Etappe der Reise. Kurz vor Bremen kreuze ich allein unseren alten Kurs. Dankbarkeit mischt sich in meine wehmütigen Erinnerungen. Dankbarkeit für die Schönheit der Welt. Und Dankbarkeit für meine mutige Frau. Ohne sie würde ich immer noch in unserer Bremer Wohnung sitzen und von der großen Freiheit träumen.
Ben Hadamovsky
Das Buch zur Reise: »Mit allen Wassern gewaschen”
unter www.hadamovsky.de
Ruf des Ozeans
Interview mit dem Wiener Lehrerpaar Evi Strahser und Wolfgang Wirtl, die mit ihrem Katamaran »Sleipnir2« in drei Jahren die Welt umsegelten

© Alexander Reeh
Frau Strahser, Herr Wirtl, Sie haben das gewagt, wovon viele nur träumen: eine Weltumsegelung. Was hat Sie gemeinsam zu diesem Abenteuer bewogen? Gab es ein ausschlaggebendes Erlebnis?
Wir sind beide immer schon sehr reiselustig gewesen und haben bereits, bevor wir einander kennengelernt haben, weite Reisen in exotische Gebiete unternommen. Gemeinsam haben wir dann mit dem Rucksack einige exotische Länder bereist. Was uns außerdem verbindet, ist die Liebe zum Meer und zum Leben auf dem Wasser.
Eigentlich gab es kein ausschlaggebendes Erlebnis, an dem der Entschluss zu unserer Weltumsegelung gefasst wurde, es war eher ein langsamer Prozess.
Als Lehrer hat man die Möglichkeit eines Sabbatical-Jahres und diese Auszeit wollten wir uns beide einmal gönnen, um zu reisen – in welcher Form wussten wir anfangs allerdings noch nicht. Wir haben mit Freunden immer wieder Segelboote für ein bis zwei Wochen gechartert, was uns schlussendlich auf die Idee brachte, dass man mit dem eigenen Schiff eine längere Reise unternehmen könnte.
2001 haben wir unseren Katamaran »Sleipnir 2« in England gekauft und sind 2002 zu einer einjährigen Segelreise in die Karibik und wieder zurück, einer sogenannten Atlantikrunde, gestartet. Bereits vor Abschluss dieser Reise stand der Entschluss fest, wieder aufbrechen zu wollen, beim nächsten Mal allerdings für eine längere Zeit.
Wie lange hat die Zeitspanne von Ihrem definitiven Entschluss bis zum Antritt der Reise gedauert?
Im Sommer 2003 sind wir von unserer ersten Segelreise zurückgekommen. Es stand sofort fest, dass wir einen Zeitraum von vier Jahren benötigen, um entsprechend Geld zu verdienen und den Kat nach den erworbenen Erfahrungen ein wenig umzurüsten.
Sie waren ziemlich genau drei Jahre unterwegs. Wie lässt sich eine solche doch lange Auszeit mit dem Beruf vereinbaren?
Da wir beide Lehrer an einer allgemeinbildenden höheren Schule sind, war es möglich, ein Sabbatical-Jahr und danach zwei unbezahlte Freijahre – in denen wir weder krankenversichert waren, noch ein Gehalt bezogen haben – zu nehmen.
Wir haben beim Sabbatical-Jahr die Dreijahres-Variante gewählt – das heißt, wir haben zwei Jahre vor Antritt der Reise voll gearbeitet, aber nur 66% verdient, dafür haben wir im ersten Jahr unserer Weltumsegelung ebenfalls 66% Gehalt bekommen und waren auch krankenversichert.
Unsere Arbeitsplätze an den jeweiligen Schulen waren Gott sei Dank gesichert, mit unseren Direktoren gab es vor Reiseantritt ausführliche Gespräche.
Und in dieser Zeit den Kontakt aufrecht zu erhalten mit den Menschen und der Familie zu Hause, war sicher auch nicht ganz einfach? Wie haben Sie das geschafft?
Wir hatten an Bord eine Kurzwellenanlage mit Pactor, eine Art Modem, wodurch wir Emails empfangen und verschicken konnten, außerdem haben wir damit auch Wetterinformationen bekommen. Die Amateurfunklizenz hat uns diesbezüglich ein breites Spektrum an Möglichkeiten geboten. Internet hatten wir an Bord allerdings nicht.
An manchen Ankerplätzen gibt es mittlerweile Internetzugang über WLAN, was sehr praktisch ist, da man im Cockpit sitzend surfen kann, ohne sein Schiff verlassen zu müssen. An solchen Orten konnten wir unserer Familie und unseren Freunden ausgiebig mailen und manchmal – wenn der Empfang gut war – sogar skypen. Wir haben uns dafür eine sehr starke externe Antenne zugelegt. Hier war es uns auch möglich, unserem Webmaster Fotos etc. zu schicken, um unsere Website upzudaten. Durch die Website haben wir die Reise ausführlich dokumentiert und hatten zeitweise mehr als 200 Besucher täglich. Außerdem haben wir des Öfteren auch Internetcafés besucht und in manchen Ländern, in denen wir uns länger aufhielten, SIM-Karten für unsere Handys gekauft.
Gab es vor Reiseantritt Ängste, Befürchtungen, die sich als berechtigt herausgestellt haben – sei es jetzt die Reise selbst betreffend, als auch die Ereignisse zu Hause während Ihrer Abwesenheit?
Nach den Erfahrungen unserer Atlantikrunde hatten wir seine sehr realistische Einschätzung hinsichtlich dieses Abenteuers und haben unseren 3-jährigen Ausstieg akribisch vorbereitet. Leider gab es während unserer Abwesenheit unerwartete Todesfälle innerhalb der Familie und des engsten Bekanntenkreises. Vereinzelt haben uns auch Menschen, die wir als absolut verlässlich und loyal eingeschätzt hatten, völlig überraschend enttäuscht und unsere Abwesenheit genutzt, um uns zu hintergehen.
Eine Weltreise über einen solchen Zeitraum ist ja auch mit erheblichen Kosten verbunden. Wie finanziert man sich so eine Weltreise? Konnten Sie von Ihrem Vorhaben auch Sponsoren überzeugen?
Nachdem wir kinderlos und frei von Schulden sind, konnten wir die notwendigen Beträge ansparen. Wir haben viele Jahre eisern gespart, haben uns keine Urlaube gegönnt, sind nicht essen gegangen, haben keine neue Kleidung etc. gekauft. Wenn man ein solches Ziel vor Augen hat, fällt das Sparen darauf eigentlich nicht so schwer.
Um Sponsoren haben wir uns nie bemüht, weil wir nicht die notwendige Zeit und Energie dafür aufbringen konnten. Dafür bemühen wir uns seit Sommer 2011, für unsere zweiteilige Multivisionsshow »Ruf des Ozeans«, die ein paar Jahre laufen soll, Unterstützung zu finden.
Lässt sich für so ein Vorhaben eine realistische Kosteneinschätzung machen?
Eine solide Kosteneinschätzung plus 50% Aufschlag gibt in der Regel die richtige Größenordnung.
Welche Erfahrungen und Erlebnisse während dieser Weltumsegelung zählen zu Ihren schönsten und wertvollsten?
Dazu zählen grundsätzlich die Begegnungen mit so vielen unterschiedlichen, interessanten Menschen, die San Blas Inseln mit den einzigartigen Kuna-Indianern, die Unterwasserwelt der Los Roques (Venezuela) und der Tuamotos (Franz.Polynesien), die endemische Flora und Fauna der Galapagos Inseln (Equador), unsere Hochzeit barfuß am Strand von Malolo Lailai/Fiji Inseln, die »Land Divers« in Pentecost/Vanuatu, nahezu jungsteinzeitliche Kulturen in den Banks Inseln und später in Papua Neuguinea, das Kulturfestival in Mount Hagen/Highlands von PNG mit 160 verschiedenen Stämmen, die Flussfahrt durch den Regenwald von Borneo (Indonesien) mit freilebenden Orang Utans, Nasenaffen und Gibbons.
Und zu den weniger schönen?
Die Zitterfahrt mit dem nach einer Baumstammkollision leckgeschlagenen Katamaran: 1100 Seemeilen von den Galapagos auf die Marquesas Inseln (nach Fatu Hiva), Evis schwere Verletzung an der rechten Hand durch eine runterfallende Kiste zwei Tagesreisen vor den Komodo Inseln, Wolfgangs fast-über-Bord-Gehen in der Straße von Malakka, den Konvoi durch das Piraten Gebiet im Golf von Aden.
Viele gewohnte Annehmlichkeiten, aber auch die medizinische Versorgung, sind bei so einer Weltreise wohl nicht immer gegeben. Hatten Sie in dieser Hinsicht Probleme?
Wenn man eine Weltumsegelung antritt, verzichtet man bewusst auf die zur Selbstverständlichkeit gewordenen Annehmlichkeiten des Alltags. Gerade darum geht es vielleicht auch, sich zu vergegenwärtigen, in welchem Luxus wir – unter Aufgabe unserer Freiheit – leben.
Unsere medizinische Versorgung war dank der Unterstützung vieler befreundeter Ärzte, die Medikamente für uns sammelten, exzellent. Darüber hinaus hat Evi einen »Medizin an Bord«-Kurs noch in Wien besucht, und wir wurden von Freunden in die verschiedenen Techniken der Wundversorgung eingeführt.
Wir hatten während der Reise immer wieder Verletzungen und Erkrankungen, die wir zum größten Teil selbst behandeln konnten/mussten. Im schwersten Fall eine Handverletzung Evis, deren Auswirkungen leider bis heute sichtbar sind.
Glücklicherweise konnten wir in Papua und Vanuatu in einigen entlegenen Dörfern grundlegende medizinische Versorgung gewährleisten.
Welche Auswirkungen hat Ihr Abenteuer auf Ihre heutige Arbeit, auf Ihr heutiges Leben?
Zunächst sind wir ruhiger und abgeklärter geworden, haben enorm viel Selbstvertrauen in uns und unsere Fähigkeiten bekommen und müssen uns daher weniger selbst beweisen. Der Zeitfaktor wird nicht mehr zum Stressfaktor, wir gehen an die meisten Dinge des Lebens deutlich entspannter heran – dies betrifft natürlich auch unsere eigentliche Arbeit als Lehrer.
Können Sie auch Ihren Schülern davon etwas weitergeben?
Wir konzentrieren uns in unserer Unterrichtsarbeit weitgehend auf unsere jeweiligen Fächer und trennen grundsätzlich Privates von Beruflichem. Mit unseren Schülern sprechen wir daher über unsere außerschulischen Aktivitäten wenig. Dennoch wissen die meisten Schüler über die Reise Bescheid.
Die Rückkehr von einsamen oder dünn besiedelten Inseln, von der Zweisamkeit auf Ihrem Katamaran in eine größere Stadt wie Wien mit all ihren Infrastrukturen – wie war das für Sie? Eine Art »Schock« oder verbunden mit großer Freude und Zufriedenheit?
Dazu ein Zitat aus unserem Buch:
»Waschmaschine, Geschirrspüler, Mikrowellenherd, fließendes (warmes) Wasser oder Toilettenspülung auf Knopfdruck erleben wir angenehm, fast als dekadenten Luxus, aber das Leben auf dem Wasser im Einklang mit der Natur lässt die »Enge« der Stadt deutlicher spüren, und so ist die Wahrnehmung unseres Umfeldes nicht mehr die gleiche.
Versicherungen und Banken scheinen verstärkt mit subtiler Indoktrination von Furchtszenarien das Leben vieler Menschen zu steuern und weitgehend auf die Pension ausrichten zu wollen – das Hier und Jetzt gerät allzu leicht in den Hintergrund. Wir hoffen, uns davon möglichst abschirmen zu können und, dass wir mehr Träume haben, als uns die Realität nehmen kann.«
Der Wiedereinstieg ins Berufsleben stellt manche Aussteiger vor eine große Herausforderung, u.a. weil sie das straffe Zeitkorsett eines Arbeitsalltags nicht mehr gewohnt sind. Wie war für Sie der Wiedereinstieg?
Beim Wiedereinstieg in die Arbeitswelt des Schulalltages haben wir die gewohnte Routine vermisst, wir haben umständlich, ineffizient gearbeitet, und die für den Beruf so wichtige Eloquenz und Schlagfertigkeit war ein wenig eingerostet.
Wir waren aber offen gestanden sehr froh, in die Sicherheit unserer alten Berufe zurückkehren zu können. Das treffend formulierte enge Zeitkorsett und der frühmorgendliche Wecker sind für uns eine enorme Umstellung, ebenso wie das Fremd bestimmt sein nach drei Jahren auf See.
Wenn Sie mit Ihrem heutigen Wissen und Ihren Erfahrungen die Zeit nochmals vor Reiseantritt zurückdrehen könnten, was würden Sie heute anders machen – auch in Bezug auf die Reise selbst?
Um eine Weltumsegelung richtig genießen zu können, scheinen uns sechs Jahre notwendig, daher würden wir eine längere Zeitspanne für eine solche Reise einplanen.
Außerdem würden wir versuchen, die Verwaltung unserer Obliegenheiten daheim verstärkt selbst zu organisieren – keinesfalls würden wir sie noch einmal in fremde Hände legen.
Hätten Sie sich nicht kennengelernt, würden Sie auch alleine eine solche Reise über diesen Zeitraum wagen?
Diese Frage ist schwer zu beantworten, grundsätzlich war das Schiff und die damit verbundene Reise stets ein gemeinsames Projekt. Die positiven und negativen Erlebnisse mit dem Partner zu teilen, war wesentlich – wir würden dies nicht missen wollen.
Haben Sie eine nächste größere Reise geplant?
Ein nächstes großes Segelprojekt steht mit Wolfgangs endgültigem Berufsausstieg in Planung – Evi ist neun Jahre jünger. Nach Kauf eines neuen Katamarans könnten wir uns vorstellen, längere Zeit in der westlichen Karibik zu verbringen.
Wenn sich nun auch unter meinen Lesern jemand dazu entschließt, eine berufliche Auszeit zu nehmen – es muss ja nicht gleich eine Weltumsegelung sein – welche Tipps haben Sie für ihn bzw. für sie?
Ratschläge richten sich weitgehend nach den individuellen Voraussetzungen und Vorstellungen, die ja zum Glück unterschiedlicher nicht sein könnten. Daher ist es für uns fraglich, inwieweit es sinnvoll ist, generelle Tipps aufzulisten.
Interview: Burkhard Heidenberger, www.zeitblüten.com
Epilog aus dem Buch »Ruf des Ozeans«:
Wir sind wieder zu Hause in unserer Wohnung im äußersten Westen von Wien und schauen aus den Fenstern auf den nebelverhangenen Wolfersberg. Es nieselt bei 6°C – plus wohlgemerkt -, und die Blätter der Bäume sind längst in die Farben des Herbstes getaucht, sofern sie nicht bereits abgefallen sind. Unsere Gedanken schwenken zurück auf die abgelaufenen drei Jahre, auf die unbeschwerte Fröhlichkeit der Cook-Insulaner auf Aitutaki beispielsweise, mit der einzigartigen türkisgrünen Lagune – aber auch mit dem unbequemen Ankerplatz vor dem Arutunga-Pass.
Die ersten Monate sind vollkommen ausgelastet, unser Leben in Österreich wieder in die Gänge zu bringen. Der Pegelstand der Haushaltskasse ist noch unbefriedigend tief, und wochenlang karren wir Kisten, Taschen und Kartons in die Wohnung, der wir nach den Jahren der Vermietung wieder unseren Stempel aufzudrücken versuchen, und die wir Tag für Tag ein wenig mehr nach unseren Vorstellungen gestalten. (…)
Die vergangenen zehn Jahre waren bestimmt von der Ambivalenz zwischen dem bequemen, abgesicherten Leben von Angestellten der Republik Österreich, dessen Preis die Enge und Unselbstständigkeit eines weisungsgebundenen Dienstnehmers ist, und dem eigenverantwortlichen, selbstbestimmten Reisen auf den Ozeanen, nur dem eigenen Fahrplan sowie dem Wind und Wettergeschehen gehorchend. Klischees natürlich, denn so wenig wie der Wind frei weht, sondern – Naturgesetzen folgend – von der Corioliskraft abgelenkt zwischen den Gradienten bläst, lässt sich auch die Abhängigkeit des Segelreisenden von den verschiedensten Gegebenheiten nicht leugnen – letztlich ist man vermutlich nicht freier, aber beweglicher…
Wir waren Pendler zwischen zwei Welten, wollen keine der beiden Lebensformen missen, könnten die eine ohne die andere nur schwer ertragen. Seit 18 Jahren leben wir zusammen, viereinhalb Jahre davon auf Sleipnir 2, wodurch doch eine gewisse Affinität zum Landleben deutlich wird – trotzdem, nahezu die Hälfte der abgelaufenen zehn Jahre haben wir auf unserem Katamaran verbracht. Um frei für ein Segelabenteuer zu werden, haben wir zweimal das engmaschige soziale Netz, das uns quasi wie ein Kokon umgibt, aufgeknüpft. Versponnen in diesem Kokon fühlen wir Geborgenheit, sind scheinbar eingebettet in jedwede Sicherheit, allerdings unter Aufgabe unserer Bewegungsfreiheit. Als würde gerade der Kopf aus dieser Hülle hervorlugen, sehen wir zwar, was um uns herum passiert – etwa durch den Fernsehapparat – können aber kaum daran teilhaben. Legen wir den schützenden Panzer ab, gehen wir ein kleines Risiko ein, werden aber nur so frei und Herrscher über unsere eigene Zeit.
»Was bleibt von so einer Reise?«, werden wir oft gefragt. Die Antwort ist einfach und doch wieder nicht. Der Philosoph Hermann Graf Keyserling formulierte einst: »Der kürzeste Weg zu sich selbst führt um die Welt herum …«
Ein gewisses Maß an Ruhe und die Fähigkeit, den alltäglichen Dingen des Lebens gelassener entgegenzutreten, ihnen nur die notwendige Bedeutung beizumessen. Natürlich auch sehr viel Selbstbewusstsein, etwas Besonderes gemacht, einen Traum in die Tat umgesetzt und sich gegen die anerzogenen Ängste vor der Zukunft gestellt zu haben. Wir waren Gestalter und nicht Passagiere unseres eigenen Schicksals, haben das Wartezimmer Leben verlassen, um es selbst in die sprichwörtliche Hand zu nehmen.
Trotz aller Eingliederungsprobleme spüren wir eine Zufriedenheit, dem latent gelehrten Bedürfnisaufschub unserer Ankündigungsgesellschaft nicht Folge geleistet zu haben. Schon in jungen Jahren wird uns ja gerne das trügerische Gefühl von Mitentscheidung vermittelt – Ziele werden vorgegeben, die selten die eigenen sind, denen wir unreflektiert, wie der Hase hinter der Karotte, nachhetzen, ohne diese jemals zu erreichen – und eben noch schlimmer, selten hinterfragen, ob sich diese Hetzjagd überhaupt lohnt. Es bleibt aber auch die Sehnsucht nach dem Reisen über die Meere, wodurch wir erfahren durften, dass es auch andere als die scheinbar zwingend vorgegebenen Pfade gibt – quasi der Ruf des Ozeans nach einer anderen Lebensform, die unser Dasein so sehr bereichern kann.
Wir hoffen, dass wir uns vom monotonen Rhythmus des Montag-bis-Freitag-Denkens mit anschließendem Wochenende abschirmen können, und dass wir mehr Träume haben, als uns die Realität nehmen kann – so wie es Seelenverwandte treffend formuliert haben. Eines Tages brechen wir wieder mit einem Katamaran zu einem Leben auf dem Wasser auf – dieses Boot wird dann erneut unser Mikrokosmos sein …
Das spannende Buch zu dieser Weltumsegelung »Ruf des Ozeans« (erschienen im Weishaupt Verlag) gibt es bei Amazon oder unter www.sleipnir2.at
Vom Operationssaal zu den Mönchen
Ein Schweizer Chefarzt berichtet über seine Auszeit in der Mönchsrepublik
Athos/Griechenland
Das Sabbatjahr bezeichnet ein in der Tora beschriebenes göttliches Gebot, ein Gesetz zum Schutz der Schöpfung, auch des Schutzes vor Raffgier und menschlicher Schwäche. Es fordert zur Ruhe und zum Innehalten auf – Ermahnungen, die in der heute stark leistungsorientierten Gesellschaft sehr fremd klingen mögen. Für mich persönlich war ein Aufenthalt in der Mönchsrepublik Athos in Griechenland der Höhepunkt meines mehrmonatigen Sabbaticals, das ich vor wenigen Jahren genießen durfte.
Der heilige Berg Athos ist eine orthodoxe Mönchsrepublik mit autonomem Status unter griechischer Souveränität. Der Zutritt zum Berg Athos ist Frauen grundsätzlich verwehrt. Ein Grund dafür ist wohl der Wunsch der Mönche, von optischen sexuellen Reizen unbeeinflusst zu leben und sich ungestörter Gottesverehrung widmen zu können. Selbst weibliche Tiere sind vom Verbot betroffen, allerdings wiegen gewisse praktische Notwendigkeiten schwerer: Mönche, die Ikonen malen, benötigen für ihre Arbeit frischen Eidotter und dürfen daher als einzige Hühner halten. Außerdem sind Katzen erlaubt, um die mönchischen Siedlungen frei von Mäusen, Ratten und Schlangen zu halten. Männliche, nicht-orthodoxe Besucher benötigen ein Visum, das mehrere Monate im Voraus beantragt werden muss – bewilligt wird in der Regel nur ein Aufenthalt von knapp einer Woche. Ein Aufenthalt in der Mönchsrepublik muss gut geplant und vorbereitet sein.
Zeit zum Nachdenken
Zusammen mit drei Weggefährten habe ich mich auf diese Reise vorbereitet. Das Erlebnis war einmalig – vorwiegend zu Fuß haben wir einige der 20 Großklöster, die Teile des UNESCO-Welterbes sind, besucht. Neben unbeschreiblichen Naturerlebnissen haben wir bruchstückhaft miterlebt, was das Leben im orthodoxen Kloster bedeutet. Als Tourist ist man automatisch Gast des Klosters, gleichzeitig aber auch Pilger. Entsprechend darf man im zugeteilten Schlafsaal übernachten und gemeinsam mit den Mönchen, bei gesprochenem Gebet, die eher frugalen Mahlzeiten im Refektorium einnehmen. Zu den meist mehrstündigen Gottesdiensten in den Klöstern ist jeder herzlich eingeladen, allerdings müssen Angehörige nicht-orthodoxen Glaubens im Vorraum der Kirche verharren. Besonders hier hat man viel Zeit zum Nachdenken und Innehalten. Ruhe und Meditation lösen hier das sonst dominierende Effizienz- und Leistungsdenken ab. Gleichzeitig gab mir dieser Aufenthalt mit außergewöhnlichen Erlebnissen auch die Möglichkeit, drei Menschen näher kennenzulernen, die ich vorher eigentlich nur flüchtig kannte. Besonders spannend war für mich auch die Tatsache, dass ich damit Freunde gewonnen habe, die beruflich gar nichts mit der Medizin zu tun haben.
Athos bildete ganz klar den Höhepunkt meines Sabbaticals – daneben gab es aber auch eine ganze Reihe von weiteren prägenden Erlebnissen, die meine viermonatige Auszeit kennzeichneten. Selbstverständlich habe ich mich auch chirurgisch fortgebildet – ohne diesen direkt greifbaren medizinischen Inhalt wäre mein Sabbatical vonseiten des Verwaltungsrates des Spitals gar nicht bewilligt worden. Im Rahmen von zwei 14-tägigen Gastarzt-Aufenthalten an Spezialkliniken für kolorektale Chirurgie habe ich fachlich viel profitieren können. Daneben habe ich teilweise hautnah miterlebt, wie einerseits KollegInnen und andererseits PatientInnen in andere Gesundheitssysteme eingebettet sind – das National Health Service (NHS) und der Einblick in die Arbeit an einer deutschen Universitätsklinik waren geeignet, sehr kontrastreiche Eindrücke zu vermitteln: Behandlungsqualität, Patientensicherheit und Behandlungsabläufe sowie Hierarchie, Weiterbildungsqualität, Entlohnung und Lebensqualität sind nur ein paar wichtige Parameter, die zum Nachdenken Anlass gegeben haben. Neben fachlichen, organisatorischen und gesundheitspolitischen Inputs vermochten diese Aufenthalte auch immer wieder die im chirurgischen Alltag eines Chefarztes teilweise als sehr anstrengend und mühsam empfundene Probleme etwas zu relativieren. Grundsätzlich banale Erkenntnisse wie »So schlecht geht es uns gar nicht« oder »Die kochen auch nur mit Wasser« wirken äußerst wohltuend.
Nabelschnur abgeschnitten
Ich war in der glücklichen Lage, dass für die Dauer meiner Abwesenheit von der Spitaldirektion ein erfahrener (externer) Stellvertreter bewilligt wurde, der dann zusammen mit dem langjährigen Chefarztstellvertreter die Klinik führte. Nach einer einwöchigen Einarbeitungszeit dieses Stellvertreters habe ich das Spital mit einem etwas mulmigen Gefühl verlassen: Es hätte ja noch einige Pendenzen gegeben, die ich vor meiner Abwesenheit dringend regeln wollte und zudem gab es ein paar frisch operierte PatientInnen, die mir am Herzen lagen. Deswegen habe ich mich nach ein paar Tagen telefonisch gemeldet, um nach dem Stand der Dinge zu fragen. Ich bekam eine eher knappe und zugegebenermaßen auch etwas brüske Antwort: »Es geht alles gut, ich glaube Du musst nicht mehr anrufen…«. Damit war die »Nabelschnur« zum Spital endgültig durchtrennt und ich musste mich auf einen anderen Alltag einstellen, was dann aber doch relativ rasch und gut gelang.
Nach meiner Rückkehr stellte ich erleichtert und erfreut fest, dass tatsächlich alles gut gegangen war. Mein Stellvertreter genoss eine hohe Akzeptanz und war beliebt, ja sogar sehr beliebt. Selbstverständlich musste er als »Außenstehender« nicht so viele vielleicht unangenehme Entscheide fällen oder schwierige Mitarbeitergespräche führen. Sehr bald habe ich realisiert, dass es aber auch andere Dinge gab, die ihm Achtung und Wertschätzung verliehen. Glücklicherweise durfte ich in der Folge während mehrerer Wochen mit ihm zusammenarbeiten, da mein langjähriger chirurgischer Partner und Chefarztstellvertreter ebenfalls die Gelegenheit für eine Auszeit bekommen hatte. Während dieser Zeit kam es teilweise zu angeregten und fruchtbaren Diskussionen, bei denen der befreundete Gast und Kollege nicht selten in der Lage war, mir sozusagen von extern gewisse Dinge zu beleuchten oder gar einen Spiegel betreffend meiner Rolle als Chefarzt vorzuhalten. Hier sei nur ein Beispiel erwähnt: Während ich früher im Schnellzugtempo die Chefarztvisite abspulte und dabei eigentlich am Schluss immer selbst frustriert war, pflege ich diesen Akt heute sehr viel intensiver und bewusster als wichtigen Moment für Teaching und Kommunikation. Gleichzeitig bemühe ich mich vermehrt darum, ein einfühlsamer Ratgeber für PatientInnen und ein Vorbild für MitarbeiterInnen zu sein.
Fazit und Ausblick
Rückblickend hat mir das Sabbatical vor allem eins gegeben, nämlich Zeit – Zeit für die Familie und auch einmal Zeit für mich selbst, Zeit zum Innehalten. Daran muss man sich zuerst gewöhnen – nach jahrelangem ziel- und karriereorientiertem Dauerlauf ist dies nicht ganz einfach. Ruhe und die Halbinsel Athos haben mir dabei geholfen. Ohne Zeit geht nichts – nur sie erlaubt es, sich auch an heiklere Fragen heranzuwagen, wie zum Beispiel: »Was habe ich bis jetzt gemacht oder erreicht« oder »Soll es genauso oder anders weitergehen?« Fast vier Jahre später gibt mir die Realität folgende Antwort: »Das bisher Erreichte ist gut und prinzipiell geht es auf dem gleichen Wege weiter«. In der Zwischenzeit habe ich aber einige Veränderungen des beruflichen und persönlichen Lebensstils vorgenommen und gelegentlich nehme ich mir auch bewusst Zeit für ein »Mini-Sabbatical«.
Aus eigener Erfahrung ist ein Weg aus dem Operationssaal zu den Mönchen dringend empfehlenswert. Ich gehe davon aus, dass der Alltagstramp grundsätzlich für alle Chirurgen weitgehend identisch ist. Den persönlichen Weg aus dem Operationssaal zu einem erfolgreichen Sabbatical muss sich jedoch jeder selbst suchen und gestalten – es lohnt sich!
Prof. Dr. Gian A. Melcher, Swiss Knife, Mitgliedermagazin der Schweizerischen Gesellschaft für Chirurgie
Stille Einkehr im Kloster
Ein Erfahrungsbericht von Daniela Scholl, die eine Auszeit Agentur leitet

© Nepomuk Karbacher Bilder.n3po.com
Ich fahre zum ersten Mal in meinem Leben in ein Kloster. Es ist das Kloster der Dominikanerinnen in Rickenbach bei Luzern. Ich nähere mich in abnehmenden Tempo: ab Frankfurt fährt der schnelle ICE nach Basel, ab dort der deutlich langsamere InterRegio nach Sursee und den Rest des Weges lege ich mit dem Postbus zurück, der mich in Rickenbach am Kirchplatz aus seinem gelben Bauch entlässt.
Das Kloster liegt ländlich am Rande des Ortes Rickenbach. Gleich nebenan ist ein Bauernhof mit Milchwirtschaft, so dass das sanfte Glockengebimmel der Kuhglocken mich durch den Tag und die Nacht begleitet.
Das Gebäude selbst ist ein eher nüchterner Bau aus den 80er Jahren und stimmt rein optisch gar nicht mit den Bildern überein, die ich mir von Klöstern mache. Erstaunlicherweise erleichtert diese architektonische Tatsache das Ankommen ungemein: das Kloster ist ein ruhiger, aber sehr lebendiger Ort. Es gibt nicht vor, etwas Besonderes zu sein, sondern besticht durch seine Lebensnähe und seine Alltagstauglichkeit. Das Ankommen ist daher einfach: Ich bin für einige Tage ein herzlich willkommener Gast in familiärer Atmosphäre.
Das Abendessen nehmen alle Gäste gemeinsam an großen Tischen sein. Es gibt ein kleines kaltes Buffet mit leckeren Salaten. Und ich weiß sofort, was ein anderer Gast meint, der sagt: »Hier würde es auffallen, wenn jemand nicht zum Essen kommt«. Ich bin Teil einer Gemeinschaft. Es ist nicht aufdringlich, ich habe meine Freiheit, aber es tut mir gut, dass es einen Unterschied macht, ob ich da bin oder nicht. Im Kloster Rickenbach gibt es tägliche Angebote für Gäste und zusätzlich ein festes Programmangebot, welche durch zwei Seelsorger liebevoll erstellt und durchgeführt werden. Ich nehme gleich nach dem Frühstück an einer Stunde Körperarbeit teil. Bei der Eutonie geht es um Körperwahrnehmung und Dasein im Hier und Jetzt, und ich erlebe die Dreiviertelstunde des Einfühlens in mich selbst als sehr wohltuend. Ich will gar nicht mehr aufstehen, sondern (gefühlt) tief eingesunken im flauschigen Teppich verweilen. Danach besteht die Möglichkeit, an einer Meditation teilzunehmen. Ich bin kein besonders gläubiger Mensch und verspüre anfangs eine gewisse Abneigung gegen den Impuls aus dem Buch Jesaja: »Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen« und dem Thema dieser Meditation: »Wer bin ich?«. Doch dann passiert etwas mit mir, das ich gar nicht erwartet habe: während der Kopf noch denkt, dass dieses Angebot vielleicht nicht so zu mir passt, hat ein zweiter Gedankengang angefangen, sich zu entwickeln. »Wie nennen mich die Menschen, welchen Namen geben sie mir?« Und ich merke nicht, wie die Zeit verstreicht, bin voll und ganz gefangen von meinem Gedanken und mentalen Aufzählungen der Namen, die ich von anderen bekomme. Wer bin ich? Vielleicht ist es an der Zeit, darüber tiefer nachzudenken, denn ich habe keine passende Antwort parat, nur Bruchstücke.
Das Mittagessen findet wieder mit allen Gästen statt. Es werden dampfende Schüsseln auf den Tisch gestellt, aus welchen sich alle bedienen. Ganz nach Belieben. Schwester Maria wirbelt wie bei jeder Mahlzeit durch den Raum und spricht mit den Gästen. Sie bietet jedem Gast nach dem Mittagessen einen Kaffee an: »Da legen wir Wert drauf«. Es ist einfach schön, hier zu sein.
Nachmittags habe ich Gelegenheit zum Gespräch mit den beiden Seelsorgern. Gespräche spielen eine wichtige Rolle, wenn Menschen sich mit dem eigenen Ich beschäftigen. Seelsorge als Fürsorge für die Seele, für die eigenen Bedürfnisse. Die beiden Seelsorger im Kloster leben im tiefen Glauben, dass alles seinen Platz hat, alles gut ist, wie es ist. Ich empfinde dieses offene »willkommen Sein« als sehr wohltuend und befreiend. »Ich darf sein, wie ich bin. Und das ist gut so«. Erkenntnis des Tages: Toleranz ist oft dort, wo ich sie nicht erwarte. Erschöpft von den neuen Eindrücken schlafe ich abends zum Geläute der Kuhglocken schnell ein.
Am nächsten Morgen wird meditativer Tanz angeboten. Ich bin eher skeptisch, ob ich mich mit dieser ganzheitlichsten Form des Betens identifizieren kann. Aber Versuch macht klug, und so stehe ich nach dem Frühstück im Aufenthaltsraum und bin gespannt, was mich erwartet. Der Tanz startet mit einer indianischen Weise und zieht mich sofort in seinen Bann. Zu den fremden Klängen brauchen wir uns nur wenige ganz natürliche Schritte und Bewegungen zu merken, wir fließen mit im natürlichen Rhythmus der Musik. Oder ist es mein eigener Rhythmus, der sich mir als ganz natürlich darstellt? Die nachfolgenden Lieder sind quer Beet aus der Populärmusik, anderen Religionen und Kulturen entliehen. Der Zugang dazu fällt mir deutlich schwerer. Die Erkenntnis der Stunde: mein eigener Rhythmus ist der indianischen Weise am nächsten. Und wieder die Frage: Wie bin ich?
Passend dazu gehe ich zur nächsten Meditation, diesmal mit dem Impuls »Gott gibt den Erschöpften Kraft und den Kraftlosen Stärke« und dem Thema »ich bin müde«. Wieder verspüre ich einen inneren Widerstand. Doch dann zeigt der Seelsorger ein Bild mit einem Säckchen Kartoffeln. Und die Gedanken beginnen zu wirbeln, zu toben. Jeder Mensch trägt ein Säckchen Kartoffeln mit sich herum. Die einen tragen 2 kg kleiner, runder Kartoffeln, die kaum beim Tragen stören. Andere tragen auch einen Sack mit 2 kg, aber darin sind wenige, dafür größere und sperrige Kartoffeln, die beim Tragen deutlich drücken. Manch einer hat mit einem kleinen Säckchen Kartoffeln angefangen und trägt inzwischen einen Zentner Kartoffeln mit sich herum. Jeden Tag. Und ein Zentner Kartoffeln ist auf Dauer zu schwer, selbst, wenn es kleine, runde Kartoffeln sind. Die Kartoffel als Sinnbild des Lebens …. Ich gehe nach der Meditation eine halbe Stunde spazieren und die Kartoffeln haben meine Gedanken weiterhin fest im Griff: jede Kartoffel ist unterschiedlich. Selbst gleiche Sorten haben bei gleichem Gewicht unterschiedliche Formen und Maserungen. Weiß ich eigentlich, welche und wie viele Kartoffeln ich so trage, Tag für Tag? Wann habe ich zum letzten Mal das Säckchen abgenommen, jede einzelne Kartoffel heraus genommen und mich gefragt, wie schwer jede einzelne ist, und ob mich diese oder jene Kartoffel besonders drückt? »Im letzten Urlaub« kommt mir spontan in den Sinn. »Da habe ich das Säckchen einfach daheim gelassen«. Kein Wunder, dass die Erholung nicht lange anhält, wenn ich nach dem Urlaub den Sack wieder schultere und weiter mache wie vorher. Erkenntnis des Tages: Urlaub heißt, Säckchen daheim lassen. Auszeit heißt, sich mit den Kartoffeln zu beschäftigen. Kartoffeln aussortieren. Anders weitermachen als vorher. Mit weniger Last oder einer besseren Verteilung.
Mittags wartet leider schon der gelbe Postbus auf mich und ich nähere mich wieder meinem Alltag. Erkenntnis der kurzen Kloster-Auszeit: Ich brauche einen gewissen Rahmen und Impulse, um meine Gedanken anzustoßen. Zwei Tage sind zu kurz. Auch Reibung schafft Bewegung. Daher: auf ein Wiedersehen, Kloster Rickenbach!
Daniela Scholl
Mönch auf Zeit
In Asien nimmt sich Erik (40) immer wieder Auszeiten vom hektischen Alltag. Auf einer buddhistischen Klosterinsel hat der Psychologe sein persönliches Refugium gefunden, in das er regelmäßig zurückkehrt
Ausgelöst wurde mein Interesse an Meditationstechniken und Buddhismus durch ein autogenes Training, bei dem ich als Führungskraft in einer Sparkasse mitmachte. Sobald ich meine Augen schloss, spürte ich, dass etwas mit mir passierte. Am Ende lösten die Entspannungsübungen ein Gefühl von innerer Sicherheit und Ruhe aus. Einige Zeit verbrachte ich in einem Schweigekloster im Allgäu und fühlte mich während des stundenlangen Sitzens, als würde ein Vulkan in meinem Inneren ausbrechen. Ich wollte wissen, was für enorme Kräfte da in mir schlummerten und meldete mich zu einem buddhistischen Vipassana-Kurs an. Bei dieser Meditationstechnik wird die Achtsamkeit oder klare Sicht auf die Dinge geschult. Kontinuierliche Selbstbeobachtung beruhigt den Geist.
Meditation erzeugt ein Gefühl von Freiheit, das wurde mir immer klarer. Im Frühjahr 2005 nahm ich mir dann ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub und brach nach Asien auf. Im Südwesten Sri Lankas entdeckte ich einen völlig abgeschiedenen Ort, an dem ich meine Meditationspraxis vertiefen konnte. Polgasduwa Island ist eine Klosterinsel, auf der nur buddhistische Mönche leben.
Als Klosterschüler nahm ich am normalen Tagesablauf der Mönche teil. Der Tag beginnt sehr früh, zwischen 5 und 5.30 Uhr stehen alle auf und meditieren. Frühstückszeit ist um 6 Uhr. Bereits um 11.30 Uhr gibt es Mittag, nach 12 Uhr wird nichts mehr gegessen. Da buddhistische Mönche keine materiellen Güter besitzen dürfen, spenden Dorfbewohner die Lebensmittel. Denen bereitet es große Freude, den Mönchen etwas geben zu dürfen. Eine interessante Erfahrung, denn für einen Europäer wäre es ja eher eine Schande, um essen zu betteln. Die meiste Zeit verbringen die Mönche mit Meditation und dem Studium buddhistischer Texte. Abends versammeln sie sich noch zu einer Gruppenmeditation mit Sprechgesängen. Danach geht jeder in sein Kuti, so heißen die Mönchsklausen.
Ich hatte keine Schwierigkeiten mich an das Leben als Mönch zu gewöhnen, denn ich glaube der Mensch braucht feste Regeln. Auf dem Weg zu größerer innerer Freiheit geben sie nur den äußeren Rahmen vor. Das hat meines Wissens Buddha schon gesagt. Ich habe gesehen, dass die Mönche diese Regeln befolgen und ihren Mitmenschen mit sehr viel Wertschätzung begegnen. Das hat mich von Anfang an beeindruckt und hatte Vorbildcharakter. Natürlich hatte ich abends manchmal Hunger. Aber ich wollte mich ja von Konditionierungen, zu denen auch das Essen gehört, lösen und habe das Magenknurren dann einfach aus meiner meditativen Distanz beobachtet.
Sechs Wochen verbrachte ich auf der Klosterinsel. Ursprünglich wollte ich länger bleiben, aber ich musste anderen Gästen Platz machen, denn das Kloster will möglichst vielen Menschen den Aufenthalt als Mönch auf Zeit ermöglichen. Daher reiste ich weiter nach Thailand. Dort belegte ich einen Tai Chi-Kurs und befasste mich weiter mit Meditation. Im Laufe der vergangenen Jahre bin ich dann noch ein paar Mal nach Sri Lanka zurückgekehrt, zuletzt im Februar 2011.
Abgeschiedenheit und Einkehr haben mein Leben nachhaltig verändert. Ich habe gelernt, nicht mehr so schnell Groll gegen Menschen zu hegen, die mich unfreundlich behandeln oder abweisend auf mich wirken. Wer respektvoll zu seinen Mitmenschen ist, bekommt Achtung und Wertschätzung zurück. Durch die regelmäßige Meditation bin ich aber vor allem zu der Erkenntnis gelangt, dass man wahre Befriedigung nicht durch äußere Faktoren wie beispielsweise Geld und materielle Dinge erlangt. Nur das eigene Denken führt zu innerem Frieden. Das stille Klosterleben bildet einen Gegenpol zum geschäftigen Treiben, an das wir im Westen so gewöhnt sind. Man konzentriert sich auf das Sein im Hier und Jetzt.
Durch die Meditationserfahrungen bin ich ausgeglichener geworden und habe Kraft gewonnen für die täglichen Widrigkeiten. Andererseits habe ich irgendwann erkannt, dass sich meine damalige Arbeit nicht mit meinen veränderten Werten vereinbaren ließ. Daher habe ich gekündigt und Psychologie studiert. Nun arbeite ich als selbstständiger Trainer und Coach für Personalentwicklungsthemen. Ich sehe diesen Wandel sehr positiv, denn die Meditation hat mir Auswege aus Abhängigkeit und Fremdbestimmung gezeigt. Mein Mut und meine innere Stärke sind gewachsen, während meine materiellen Ansprüche geschrumpft sind.
Natürlich möchte ich irgendwann gern wieder zu den Mönchen. Die Abgeschiedenheit und Stille sind der ideale Ort, sich auf sich selbst zu besinnen. Auf der anderen Seite gibt es auch in Deutschland immer mehr Möglichkeiten sich zurückzuziehen. Deswegen plane ich eigene Retreats, die losgelöst von einer Tradition und Lehrern sind.
Das auf einer Laguneninsel errichtete Kloster ist hervorragend geeignet, sich als Mönch auf Zeit eine Auszeit vom Alltag zu nehmen. Vor 100 Jahren gründete ein deutscher Mönch auf Polgasduwa die Insel Einsiedelei – wegen der umfangreichen deutsch- und englischsprachigen Bibliothek ist sie der ideale Ort für Westeuropäer, die sich für Buddhismus und Meditation interessieren. Die Aufenthaltsdauer ist auf sechs Wochen begrenzt und nur für Männer möglich. Wer auf Tuchfühlung mit dem Buddhismus gehen will, muss sich schriftlich anmelden, eine Einladung der Klosterleitung abwarten und wird dann mit dem Boot auf die Insel gebracht. Das Kloster erhebt keine Gebühren, Gäste geben eine Spende auf freiwilliger Basis.
Erik
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