Kitabı oku: «Auf der Spur der Sklavenjäger»

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Band 6

Auf der Spur der
Sklavenjäger

von

Alexander Röder

Mit Prolog und Epilog von Thomas Le Blanc



Herausgegeben von

Thomas Le Blanc und Bernhard Schmid

In der Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ sind bisher erschienen:

Band 1 – Alexander Röder Im Banne des Mächtigen (auch als Hörbuch)

Band 2 – Alexander Röder Der Fluch des Skipetaren

Band 3 – Alexander Röder Der Sturz des Verschwörers

Band 4 – Alexander Röder Die Berge der Rache

Band 5 – Alexander Röder, Tanja Kinkel u. a. Sklavin und Königin

Band 6 – Alexander Röder Auf der Spur der Sklavenjäger

Band 7 – Jacqueline Montemurri, Bernhard Hennen Der Herrscher der Tiefe (Frühjahr 2019)

Thomas Le Blanc (Hrsg.) Auf phantastischen Pfaden Eine Anthologie mit den Figuren Karl Mays

Weitere Informationen zur Reihe „Karl Mays Magischer Orient“ finden Sie im Internet auf

www.magischer-orient.karl-may.de

© 2018 Karl-May-Verlag, Bamberg

Alle Urheber- und Verlagsrechte vorbehalten

Illustration: Elif Siebenpfeiffer

ISBN 978-3-7802-1406-5

www.karl-may.de

Inhalt

Prolog Ein Schreckensbild

Erstes Kapitel Durch die Wüste

Zweites Kapitel Der Schmerz der Haddedihn

Drittes Kapitel Ein Schwur unter Kriegern

Viertes Kapitel Botschaften und Wegweiser

Fünftes Kapitel Der graue Weiher

Sechstes Kapitel Düstere Deutungen

Siebtes Kapitel Die Wunder von Aleppo

Achtes Kapitel Mit fremden Federn

Neuntes Kapitel Die Schatten der Toten Städte

Zehntes Kapitel Finstere Ruinen

Elftes Kapitel Heller Schrecken

Zwölftes Kapitel Der Weg des Hirsches

Dreizehntes Kapitel Steine in Steinen

Vierzehntes Kapitel Vereinte Kräfte

Fünfzehntes Kapitel Hund und Myrte

Sechzehntes Kapitel Die Enthüllung

Siebzehntes Kapitel Die purpurnen Häscher

Achtzehntes Kapitel Passage nach Zypern

Neunzehntes Kapitel Das Tor von Famagusta

Zwanzigstes Kapitel Die Stadt der Sarkophage

Einundzwanzigstes Kapitel Sand und Säbel

Zweiundzwanzigstes Kapitel Die weiße Hütte

Dreiundzwanzigstes Kapitel Die verlorene Tochter

Vierundzwanzigstes Kapitel Federspiel

Fünfundzwanzigstes Kapitel Räderwerke

Sechsundzwanzigstes Kapitel Finstere Segel, heller Schaum

Siebenundzwanzigstes Kapitel Die Höhle der Sklavenhändler

Achtundzwanzigstes Kapitel Im Kreis der Peitschen

Neunundzwanzigstes Kapitel Nächtliche Gäste

Dreißigstes Kapitel Der Vorhang fällt

Epilog Eine Begegnung

Thomas Le Blanc

Prolog
Ein Schreckensbild

Mein Erwachen vollzog sich ganz langsam. Es kam mir vor, als befände ich mich in einem tiefen Brunnen und stiege nun Stufe für Stufe nach oben. Langsam, ganz langsam. Ich fühlte, dass mein Körper auf einer weichen Unterlage ausgestreckt war, der Kopf zwischen Kissen verborgen. Irgendwo hörte ich ein Pferd wiehern und meinte auch Männerstimmen zu vernehmen, ruhig, geschäftig, aber fern und nicht auf mich bezogen. Ich drehte mich ein wenig und öffnete die Augen.

Ich war in einem Zimmer und lag auf einem Bett. Das Zimmer war erstaunlich groß und statt Glasfenstern hatte es quadratische Öffnungen, die mit Tüchern verhangen waren. Einige davon waren hochgerollt und oben mit Schnüren gehalten, sodass ich hinaussehen konnte. Dem Licht nach schien es später Nachmittag zu sein.

Langsam kam die Erinnerung daran, dass ich mich gestern Abend völlig übermüdet schlafen gelegt hatte, und auch, dass ich heute Morgen nur kurz erwacht war, mich in einem benachbarten Waschraum schnell erleichtert und dann eine, nein, zwei Feigen gegessen hatte, die sich auf einer Schale neben der Schlafstatt befanden. Ich hatte einen Schluck Wasser zu mir genommen, ein Fladenbrot angebrochen – und musste dann gleich wieder eingeschlafen sein.

Den Tag über hatte ich traumlos und entspannt geschlafen. In der Nacht zuvor waren allerdings wilde Träume über mich gekommen von angreifenden Sklavenjägern, dunklen, unterirdischen Flusspassagen, dem Ritt durch einen Wasserfall und einem erstickenden Eintauchen in Treibsand. Diese Träume waren erfüllt gewesen von einer machtvollen Königin, einem peitschenden Sklavenverkäufer, einem irrlichternden Dämon, von Schlangen, Skorpionen, Skeletten, riesigen Sandwürmern und von einem Schuss auf mich – und vom existenziell entsetzlichen Gefühl, zu einer Statue erstarrt zu sein und lediglich hören und sehen zu können, aber ansonsten zu Bewegungslosigkeit verdammt zu sein. Ich hatte mich in einer Hafenstadt gesehen, in einer Wüste, in einer arkanen Universität und zum Schluss in einem kleinen Königreich, das es gar nicht gab.

Ich wischte diese aufwühlenden Träume weg, von denen ich allerdings wusste, dass sie ein Nachhall von Erlebtem waren. Langsam richtete ich mich auf und schwang meine Beine heraus aus dem Möbel, das ich Bett nennen musste. Ein riesiges weißes Laken lag auf einer weichen Landschaft von Polstern unbekannten Inhalts, darauf lagen weitere Kissen sowie eine zusammengedrückte Wolldecke.

Als ich an mir hinabblickte, sah ich, dass ich einen weißen und leichten Stoffburnus trug, der hier im Orient als Hauskleid dienen konnte, den ich zuhause in Radebeul jedoch wohl ein Nachthemd genannt hätte. Ich erinnerte mich, dass ich dieses Gewand gestern auf dem Bett liegend vorgefunden und übergestreift hatte.

„Was befehlt Ihr, Effendi?“

Plötzlich standen zwei Diener im Zimmer. Meine wenigen Bewegungen konnten lediglich leiseste Geräusche verursacht haben, die dennoch ausgereicht hatten, um wartendes Personal herbeizurufen.

Es war angenehm warm, ich verspürte keine Wüstenhitze, die Luft roch nach ebenso fernen wie unbekannten Kräutern, die ich nicht zuzuordnen vermochte. Die Geräusche von draußen hatten nicht zugenommen. So spürte ich eigentlich nur Friedlichkeit um mich, deshalb wusste ich für den Augenblick gar nicht, was ich sagen sollte.

„Eure Gefährten und unser Herr befinden sich im Haupthaus“, erläuterte einer der Diener in freundlichem Ton nach einer Weile. „Wir bereiten bereits das Mahl für den Abend vor.“

„Aber Ihr wollt Euch sicher vorher erfrischen, Effendi“, meinte der andere. „Wir können Euch ein Bad bereiten.“

„Ein Bad wäre sicher herrlich“, gab ich ebenso freundlich zurück. „Danke.“

Sie verschwanden und kamen nach wenigen Minuten mit einigen Krügen voll heißem Wasser wieder, die sie in den Waschraum nebenan brachten. Als ich ihnen folgte, sah ich ein gemauertes und in den Boden eingelassenes Becken in Manneslänge mit einer Tiefe von etwa einer Elle, in das man sich flach hineinlegen konnte. Daneben war ein eiserner Pumpenschwengel, der offenbar mit einem Brunnen oder einem Wasserreservoir verbunden war und über den ein Diener das Becken mit kaltem Wasser füllte, während der andere die Krüge mit heißem Wasser zumischte, von denen er weitere nachholte. Zusätzlich wurden zwei Krüge mit Heißwasser danebengestellt.

„Unser Herr meinte, Ihr bevorzugt es, Euch selbst zu reinigen“, verbeugte sich einer der Diener, als alles bereit war. „Aber wenn Ihr dennoch Bademädchen benötigt, müsst Ihr es nur sagen.“

Rasch verneinte ich und bedankte mich.

„Nehmt Euch, der Ihr Gast unseres Herrn seid, nun Zeit.“ Mit diesen Worten zogen sich die Diener zurück.

Neben dem Becken standen in einer Nische Öle und Seifen, außerdem lagen Tücher verschiedener Größen bereit.

Ich zog mein Nachtgewand aus und legte mich der Länge nach in das Becken, das an der einen Seite etwas nach oben anstieg, sodass die Schultern höher lagen und der Kopf nicht unter Wasser kam. Nach dem weichen Bett fühlte sich die Steinunterlage zunächst hart an, aber das Wasser war bestens temperiert, sodass ich dennoch entspannt liegen konnte. Nach einem Augenblick war die Entspannung sogar so groß, dass ich sehr an mich halten musste, um nicht wieder einzuschlafen.

Als ich nach einer guten halben Stunde wieder in mein Schlafgemach zurückging, fand ich dort meine gesamte Reisekleidung vor. Meine Hosen waren gereinigt und ausgeklopft, mein Hemd gewaschen, meine Jackenärmel an einigen Stellen geflickt, wo sie Ausrisse gezeigt hatten, und meine Stiefel waren nicht nur gesäubert, sondern auch mit einem Öl behandelt worden.

Jetzt kleidete ich mich an und verließ das Zimmer.

Gestern Abend war ich wohl zu müde gewesen, um all das wahrzunehmen, was sich nun meinem Auge darbot. Ich wusste, dass ich mich in der Nähe von Taif befand, dem Hauptort des haschemitischen Emirats, das sich in etwa mit der Landschaft Hedschas am Roten Meer deckte. Ich befand mich auf dem Landsitz meines Freundes Haschim, doch von der Ausdehnung und der Architektonik der Anlage her wähnte ich mich eher auf einer argentinischen Hacienda oder Estancia, jedenfalls auf einem angelegten Oasenparadies und Farmland, das ich so im vorderen Orient noch nie gesehen hatte und für das es in der arabischen Sprache auch gar keinen Begriff gab.

Um ein zweistöckiges Haupthaus gruppierten sich einige flache Wohngebäude, die augenscheinlich für Gäste und Familienmitglieder sowie Bedienstete erbaut waren. Es gab Ställe für Pferde, gemischte Gras- und Sandflächen für Kamele, ich sah Ziegenpferche und hörte das Gurren von unbekanntem Federvieh – von Truthähnen oder Gänsen oder anderen Großvögeln –, und über das Gelände lief ein Straußenpaar, wie ich es lediglich einmal im Osten Afrikas gesehen und keinesfalls hier im Westen Arabiens vermutet hatte. Seitlich vom Haupthaus stand ein gewaltiger steinerner Ziehbrunnen, und daneben war ein kleiner Teich angelegt, den ein paar Wasservögel sich zum Domizil erkoren hatten. Dahinter sah ich angepflanztes Gemüse, Dattelpalmen in allen Höhen, Feigenbäume, einige Obststräucher und sogar Orangenbäume und Quittengewächse.

Ein Ort, der mir dem Paradies nahe zu kommen schien.

Wohl begünstigt durch das milde Klima vor den Bergen und durch einen guten Boden, war das Landgut aber mit Sicherheit doch erst durch gezielte Brunnenbohrungen und eine durchdachte Bewässerungsanlage zu diesem fruchtbaren Flecken gemacht worden. Meine Hochachtung vor Haschim stieg in diesem Moment wieder ein Stück weiter.

Ich blickte erneut zu den Kamelen hinüber. Es waren Meharis, soweit ich das auf die Distanz erkennen konnte, die edelste Rasse unter den Dromedaren, die schnellsten und intelligentesten unter den Wüstenbewohnern, die eine Wegstrecke bis zu 120 Kilometer am Tag bewältigen konnten. Hier sah ich sie gemütlich, ja fast gelangweilt, ein paar Gräser rupfen und in der Nachmittagssonne dösen.

Ein friedliches Bild, das in seiner Beschaulichkeit auch mich dazu brachte, weiterhin jeglichen Zeitlauf zu ignorieren und einfach über dieses Anwesen zu schauen. Weit hinter den Kamelen sah ich plötzlich ein Rudel schlanker Vierbeiner herbeieilen, in Richtung auf ein Wasserloch, das schon außerhalb des eigentlichen Hofguts lag. Waren das etwa Gazellen?

„Es sind Springböcke, Freund Kara“, hörte ich da die Stimme von Haschim neben meinem Ohr. Er war an mich herangetreten und legte nun den Arm um meine Schulter. Eine Geste der Freundschaft, der Zuneigung, auch der Begrüßung an diesem Tag, an dem ich so lange geschlafen hatte.

Ich nickte kaum merklich, sagte aber zunächst nichts, sondern blickte weiterhin versonnen hinaus zu den Tieren, die ich nun auch als Springböcke erkannte. Erst als sie schließlich das Wasserloch erreicht hatten, drehte ich mich zur Seite, umarmte meinerseits meinen Freund und sagte: „Lass uns nun zu den anderen gehen.“

Haschim lächelte. „Halef fragt schon wieder nach einer Mahlzeit. Einen Tag lang nichts zu tun, scheint bei ihm mehr Hunger zu erzeugen als der härteste Ritt oder der anstrengendste Kampf.“

„Halef hat erst dann Hunger, wenn er sich vorstellt, was er essen könnte“, erklärte ich. „Als an Kargheit gewöhnter Bedu lässt erst seine Phantasie seine Geschmacksknospen wachsen.“

Wir lösten uns voneinander und gingen auf das Haupthaus zu, dessen Türflügel weit und einladend offenstanden.

Drinnen saßen tatsächlich meine beiden Freunde und Reisebegleiter Hadschi Halef Omar und Sir David Lindsay an zwei Seiten eines großflächigen, aber niedrigen Tischs, auf dem zwar schon etwas Obst lag und ein paar Karaffen mit Wasser und Tee standen, der ansonsten jedoch noch ohne Speisen war.

„Sihdi!“ und „Mr. Kara!“ hörte ich gleichzeitig, und ebenso gleichzeitig sprangen sie auf und eilten auf mich zu.

„Wir haben dich schlafen lassen“, meinte Halef überflüssigerweise, denn wir waren ja auf Scheik Haschims Heimstatt eigens eingeladen worden, um uns ein paar Tage von den Strapazen der letzten Wochen zu erholen. „Wir haben auch nach dem Frühstück nur geruht.“

„Außer dass Mr. Halef es nicht lassen konnte, einen flotten Kamelritt zu wagen“, grinste der englische Lord, der wieder in sein bestes Karo gekleidet war.

„Haschim hat auch besonders edle Tiere, um die ihn jeder Araber beneidet. Du musst dir unbedingt seine Meharis anschauen!“ Halefs Augen leuchteten, als Wüstenbewohner wusste er um die Qualität dieser Tiere.

„Über meine Kamele können wir auch gerne beim Essen reden“, meinte Haschim, und ich sah durchaus Stolz in seinem Gesicht aufblitzen.

Während wir uns nun auf die an allen vier Seiten des Tischs aufgetürmten Kissen niederließen, klatschte er ein paarmal in die Hände, und eine kleine Abordnung seiner Dienerschaft eilte geschwind herbei, um den Tisch sowie einige kleinere, zusätzlich herbeigebrachte Beistelltische mit vielerlei Speisen zu füllen. Ich will, nein, ich kann sie nicht in all ihrer Fülle beschreiben, lediglich auf eine will ich hier eingehen: zum einen, weil sie zuerst aufgetragen wurde, zum anderen, weil sie eine äußerst amüsante Reaktion meiner Freunde auslöste.

Obwohl man im Orient meist mit den Fingern der rechten, der ‚reinen‘ Hand isst, hatten die Diener Holzlöffel und kleine metallene Messer an unsere Plätze gelegt, daneben Wasserschalen für die Finger sowie Handtücher. Direkt vor jeden von uns stellten sie nun je ein gusseisernes Pfännchen, gerade heiß vom Herd genommen. In jedem Pfännchen befand sich eine ordentliche Portion Rührei, angemacht mit allerlei Kräutern, darauf lagen einige Streifen Zucchini und angeschmorte Paprika sowie kross angebratene, hauchdünne und verführerisch riechende Streifen …

„Bacon!“, rief da Sir David entzückt aus. Rührei mit Speck ist schließlich eine Delikatesse für einen Engländer und auch für die meisten Kontinentaleuropäer. Halef verstand zwar nur wenige Brocken Englisch, die er bei unseren gemeinsamen Abenteuern aufgeschnappt hatte, und das englische Wort für Schinken gehörte nicht dazu. Doch an Lindsays Entzücken und sowohl am Geruch als auch am Aussehen der köstlichen Speise wuchs in ihm ein schrecklicher Verdacht. Ein ungeheuerlicher Verdacht sogar, da Haschim, Prinz der königlichen Haschemitenfamilie, zwar als Magier und durch seine vielen Reisen bis ins christliche Europa sicher etwas freigeistig geworden, aber in seinem festen Glauben doch weiterhin Moslem geblieben war. Und dass er dazu noch in seiner Heimat, unweit der heiligsten Stätten in Mekka und Medina, die seine Familie gegen alle Ungläubigen verteidigte, seinen Gästen Fleisch des unreinsten aller Tiere aufzutischen wagte – dieser Gedanke löste bei Halef die Vorboten einer Panik aus.

Während Lindsay sofort zugriff und sich gleich zwei Scheiben des vermeintlichen Schweinespecks in den Mund schob und dann schier unanständige Laute der Verzückung von sich gab, beantwortete Haschim die am Tisch unausgesprochene Frage mit einem ganz feinen Lächeln, das sich lediglich in seinen Augenwinkeln zeigte:

„Das Wasserloch, das ich für meine Tiere habe graben lassen, lockt gelegentlich auch Räuber an, deshalb wird es Tag und Nacht von einem treffsicheren Beduinen bewacht, dessen Waffe eine Durchschlagskraft besitzt ähnlich deinem Bärentöter, Kara. Vor zwei Tagen hat uns der Herr mit dem dicken Kopf besucht, und mein Wächter hat ihn mit einem Schuss zwischen seine Augen erlegt. Das Fleisch einer Löwentatze ist wahrlich eine große Delikatesse, zu dünnen Streifen geschnitten und in Olivenöl vorgesotten, hierauf auf dem gerührten Ei eines Straußen serviert, ist es das Beste, was ich euch, meine Freunde, vorzusetzen vermag.“

Jetzt schaute er nach Norden, nach Mekka, und verneigte sich kurz. „Und wir danken Allah, unserem Einen Gott und dem Schöpfer allen Lebens, für Speise und Trank, und wir ersuchen ihn, dass er die Stärke und die Würde dieses königlichen Tiers auf uns übergehen lasse! Bismillah – im Namen Allahs!“ Damit war das Mahl eröffnet.

Sir David schaute für einen Moment verlegen auf, weil er schon vor dem Tischgebet des Gastgebers zugegriffen hatte, aber da wir alle so taten, als hätten wir es nicht bemerkt, nahm er höflich einen Löffel und teilte das Rührei in kleine Portionen. Und auch Halef griff nun – sichtlich erleichtert – zu und aß mit großem Appetit.

Es mögen gut zwei Stunden gewesen sein, die wir so zusammensaßen, den immer wieder frisch ergänzten Speisen zusprachen und zum Schluss bei arg süßen kandierten Früchten und Nüssen anlandeten. Natürlich drehten sich dabei unsere Tischgespräche um das unmittelbar zuvor Erlebte.

Da war es der englische Lord, der eine bislang unausgesprochene Frage anschnitt: „Haben wir eigentlich das erreicht, was wir mit unserer Aktion in Dauha erreichen wollten?“

Diese Frage hätte die holländische Witwe Marijke van Beverning stellen können, die vor wenigen Tagen noch bei uns gewesen war. Aber sie hatte der Einladung Haschims nicht folgen wollen, sondern trennte sich von uns, um nach Dschidda zu reiten, wo sie auf ein Schiff hoffte, das sie durch den Suezkanal bringen würde, um dann von Kairo aus in ihre Heimat zu gelangen. Da wir am Ort unseres Abschieds bereits im Land von Haschims Familie waren, konnte er zwei Beduinen verpflichten, sie sicher nach Dschidda zu geleiten.

Die Holländerin hatte uns zu Hilfe gerufen, europäische Sklavinnen zu befreien. Das hatten wir auch getan, und die unvermeidliche Folge war, dass wir dazu einige Menschen getötet hatten: Sklavenjäger, Sklavenhändler. Auch wenn sie es verdient haben mochten, belastete mich doch jedes Leben, an dessen Auslöschung ich beteiligt war.

„Wir haben die Frauen befreit, wir haben sie heimlich auf Turnersticks Schiff verfrachtet, und wir haben gesehen, wie das Schiff unbehelligt abgelegt hat“, fuhr Lindsay fort. „Doch wissen wir, ob die Frauen sicher in ihre Heimat gelangt sind?“

„Zumindest bis Aden sind sie wohlbehalten gekommen“, erinnerte ich. „Die Sabäerin, die wir in ihrem geheimnisvollen Heimatreich wiedergetroffen haben, hat es uns berichtet. Und sie hat auch angegeben, dass zwei Inderinnen im Persischen Golf auf ein britisches Kriegsschiff umgestiegen sind, das sie nach Indien bringen wollte.“

„Dann müsste Turnersticks Schiff anschließend das Rote Meer entlanggesegelt sein, den Suezkanal durchquert haben und sich jetzt irgendwo im Mittelmeer befinden.“ Sir David hatte die Meeresroute für sich weiterberechnet. „Aber der Arm der Sklavenhändlerorganisation könnte weit in die osmanischen Behörden hineinreichen, und es ist sicher ein Arm, dem viel Geld zur Verfügung steht und der von uns arg gedemütigt wurde.“

„Die Organisation hat mehr als diese Frauen verloren“, meinte Halef. „Sie hat ihr Gesicht verloren.“

„Aber sie waren – voller Rachsucht – nur hinter uns her“, wandte ich ein. „Sie sind es wohl immer noch, obwohl sie nicht wissen können, mit wem sie es zu tun hatten – schließlich sind wir im Sklavenhändlerhaus als vorgebliche Käufer anonym aufgetreten, und die wenigen Diener, die unsere Gesichter gesehen haben, werden uns ob unserer Verkleidung kaum beschreiben können. Und der Trick, wie wir die Frauen als friesische Matrosen auf Turnersticks Schiff geschafft haben, hinter den konnte niemand kommen. Für die Sklavenhändler sind die Frauen auf völlig unbekannte Weise aus Dauha verschwunden.“

Wir sahen uns eine Weile still an, wobei ich wahrnahm, dass Haschim etwas sagen wollte, es aber noch zurückhielt. Ich war allerdings innerlich etwas unruhiger, als ich das nach außen zeigte, denn ich erinnerte mich nun wieder, dass mein heißsporniger Halef bei der Befreiung der Frauen Abu Kurbatsch gegenüber in einem unvorsichtigen Satz seine Herkunft als Haddedihn offenbart hatte. Kurbatsch war tot, aber falls ein Diener etwas aufgeschnappt haben sollte …

„Die Sklavenhändler sind Geschäftsleute“, spann ich den Gedanken fort. „Ihnen ist ‚Ware‘ abhandengekommen. Die haben sie abgeschrieben, und – so schlimm es klingt – sie haben sich woanders ‚frische‘ Ware geholt und sich nicht auf die Suche nach den von uns befreiten Frauen begeben.“

Jetzt räusperte sich Haschim vorsichtig. „Ich verfüge über eine Möglichkeit herauszufinden, ob die Frauen in Sicherheit sind.“ Nach einer kleinen Pause ergänzte er: „Meinem Freund Kara wird diese Methode allerdings nicht gefallen.“

Halef, Sir David und ich sahen uns fragend an.

Haschim erhob sich. „Kommt einfach mit.“

Bevor wir lange herumrätseln und fragen konnten, standen wir ebenfalls auf und folgten ihm. An der Rückwand des großen Raums, in dem wir gesessen und gespeist hatten, strich er mit der Hand über einen Wandbehang, den wir lediglich als Dekoration wahrgenommen hatten, und eine Öffnung hin zu einem schmalen Flur erschien. Dieser führte uns in einen zweiten und um eine Biegung zu einem dritten Flur, und plötzlich standen wir in einer Art Studierzimmer, das an allen vier Wänden raumhohe Regale mit Büchern hatte, in der Mitte zwei gegenübergestellte Stehpulte sowie eine Reihe von niedrigen Regalen als Abstellfläche für Papiere, allerlei Schreibund Zeichenutensilien. Auf vielen, eher wahllos herumliegenden Papieren sah ich seltsame Maschinen und Fabelwesen skizzenhaft dargestellt oder eigentümliche Ornamente aufgezeichnet. Nichts, was ich auf den Papieren sah, ergab für mich irgendeinen Sinn, manches schien mich auf den ersten Blick an etwas zu erinnern, doch sobald ich genauer hinsah, verwischte sich die Assoziation wieder.

Haschim stand geduldig mitten im Raum, da er wusste, er könne uns nicht einfach hindurchlotsen, ohne dass wir neugierige Blicke auf das eine oder andere geworfen hätten. „Ihr wisst“, erläuterte er, „dass ich meine Rechte als erstgeborener Prinz der Haschemiten aufgegeben habe, um mich ganz meinen magischen Studien widmen zu können.“ Er breitete die Arme aus. „Einen Teil dieser Studien verrichte ich hier, und bislang hat – außer einigen ausgewählten Dienern natürlich – noch kein Nicht-Magier diesen Raum betreten. Dennoch ist alles hier mit einem Verwirrzauber versehen. Nicht weil ich etwas vor euch verbergen möchte, sondern weil manche Magien ihr Eigenleben besitzen und den Betrachter vereinnahmen könnten, wenn er denn etwas erkennen würde.“

Ich ging an den Regalen vorbei, die bis unter die Decke angefüllt waren mit edlen Büchern. Doch das konnte ich nur an der Ausstattung, am Schnitt des Leders und der Prägung der Buchstaben feststellen, denn ich vermochte keine Schrift auf nur einem einzigen Rücken zu lesen. Die Lettern sahen wie Buchstaben aus, sie waren lateinischen, griechischen, kyrillischen, hebräischen, arabischen, indischen, ja auch georgischen Schriften ähnlich oder wirkten wie nordische Runen, dennoch konnte ich keinen Buchstaben identifizieren. Sie verschwammen vor meinen Augen, sobald ich sie fixierte, verschleierten sich, änderten beim Versuch, sie zu lesen, ihre Form. Und anfassen konnte ich auch kein Buch: Wenn meine Hand sich einem näherte, griff ich in der Luft in eine unsichtbare, zähe Masse, die immer dichter wurde, je mehr ich dagegendrückte, und schließlich zu einer Glaswand erstarrte.

Ich fühlte mich fremd in diesem Raum, fühlte mich von ihm ausgestoßen. Er strömte Kälte aus, schien mich abzulehnen – und mit einer schmerzhaften Plötzlichkeit besaß mein Freund Haschim wieder einen Wesenszug, der mich ausschloss.

„Kommt schnell weiter, das Zimmer ist nicht freundlich zu Besuchern“, sagte er da, weil ihm offenbar wurde, wie befremdlich wir uns auf einmal benahmen.

Er wischte mit einer großen Geste über ein Regal, das daraufhin zur Seite rollte und einen gemauerten Durchgang öffnete. Der Fußboden bildete ein milchiges Lichtband und erhellte unseren Weg.

Während wir Haschim ohne zu fragen folgten, hörten wir, wie sich hinter uns die Bücherwand wieder schloss. Jetzt sahen wir Treppenstufen vor uns, die uns abwärts führten, und nach mehreren Dutzend Stufen schien es ein wenig kühler geworden zu sein. Wir waren tief unter der Erde, als sich vor uns der Gang zu einer künstlichen Höhle öffnete. Der Boden war nun mit Sand bedeckt, die seitlichen Wände bestanden aus behauenen und geschichteten Felsbrocken, die mit gemauerten Ziegelsteinen ergänzt und begradigt waren und in die dünne Luftschächte und Dutzende von magischen Leuchten eingelassen waren. Die Decke des Raums war ebenfalls gemauert, doch die Wand gegenüber …

Die Wand gegenüber bestand aus einem massiven schwarzen Felsen, der aus dem Sand herauswuchs und unter der gemauerten Decke wieder verschwand. Seine Farbe war das schwärzeste Schwarz, das ich je gesehen hatte, und als ich nähertrat, erkannte ich, dass er entweder poliert war oder einen glasartigen Überzug besaß. In dem Schwarz verliefen haarfeine Linien in verschiedenen Grauschattierungen, und die Linien verschoben sich ständig mit- und gegeneinander, als würden sie in dem Stein schwimmen.

„Ich habe mein Landgut hier errichtet, weil es in der Nähe meiner Heimatstadt Taif liegt, weil hier ein mildes Klima herrscht und weil hier genügend Wasser ist, um nicht nur selbst leben zu können, sondern auch meine Tiere und meine Anpflanzungen erhalten zu können.“ So begann Haschim seine Erläuterungen. „Diesen Stein habe ich erst Jahre später gefunden, als ich den Raum für meine magischen Studien ausgebaut habe. Da ich aber nicht an Zufälle glaube, vermute ich, dass in Wirklichkeit die Magie des Steins mich veranlasst hat, mich hier niederzulassen.“

Wir standen mit einiger Ehrfurcht vor dieser Wand, und als wir es wagten, den Felsen vorsichtig mit den Fingerspitzen zu berühren, verspürte jeder ein leises, aber nicht unangenehm oder gar gefährlich erscheinendes Kribbeln. Und gleichzeitig verformten sich die grauen Linien um die Stellen herum, wo die Fingerspitzen auf den Stein trafen. Es bildeten sich dort kleine konzentrische Ringe, wie wenn man in eine Wasseroberfläche hineingetippt hätte, sie vergrößerten sich, verblassten dann und liefen aus, und bei einem erneuten Berühren formten sie sich neu.

Alles in mir sträubte sich dagegen, zu der Einschätzung zu kommen, dass in dem Stein irgendeine Form von Leben war. Aber er reagierte.

„Mein Augenmerk liegt ja nicht darin, Magie anzuwenden, sondern Magie zu erforschen.“ Haschim war jetzt ungewöhnlich ernst. „Auch wenn ihr mich gelegentlich Magie anwenden seht, so verstehe ich mich doch nicht als Magier. Ich erkunde sie, ich beschreibe sie, ich hinterfrage sie. Ich versuche, sie zu verstehen, und ich versuche, sowohl ihre Funktionsweise als auch ihre Herkunft zu ergründen.“ Als er nun auf den Felsen wies, wirkte er plötzlich etwas hilflos. „Ich führe euch hier eine sehr mächtige Magie vor – aber ich vermag sie bislang weder zu erklären, noch weiß ich, wo sie herstammt. Es mag sein, dass Jahrhunderte vor mir ein Magier oder gar eine Magiergruppe hier ein magisches Zentrum geschaffen hat, das dann vergessen wurde. Es mag aber auch sein, dass die Magie des Steins andere Ursachen hat: dass der Stein aus sich heraus entstanden ist – dass er gar keiner Magier bedurfte …“

Wir hatten ihn reden lassen, ohne ihn zu unterbrechen. Was hätten wir auch sagen sollen …

Sowohl Halef als auch Lindsay neigten bei besonders schwierigen Fragen ohnehin zu Pragmatismus. Wenn eine Sache existierte, dann gab es sie einfach. Wenn eine Sache funktionierte, dann nahm man das so hin – und nutzte es aus. Manchmal musste man gar nicht mehr wissen.

Und der ohnehin sicher geerdete Halef drehte gerne eine Sache von der Theorie in die Praxis, so wie jetzt: „Verehrter Scheik Haschim, Ihr habt uns sicher nicht hier hinabgeführt, um mit uns über Magie zu philosophieren. Deshalb: Was ist mit diesem Felsen?“

Natürlich war Halefs Ungeduld ein wenig unhöflich – doch seine ungenierte Art sprach uns aus der Seele, und Haschim nahm Halef seine Worte auch nicht übel.

„Der Felsen“, erklärte Haschim nun, „gewährt demjenigen, der ihn berührt, eine Telesicht: einen Blick auf ein Objekt seiner Wahl, seines augenblicklichen Interesses, und das ganz gleich, wo sich das Objekt derzeit befindet.“

Er ging auf Lindsay zu, legte eine Hand sanft auf dessen Schulter und dirigierte ihn bis unmittelbar vor den Felsen. „Ihr seid derjenige unter uns, der am meisten von Schiffen versteht, Sir David. Deshalb könnt Ihr uns die Sicht auf Turnersticks Bark The Courser öffnen.“

Er hob seine rechte Hand, hielt sie etwa in Kopfhöhe, richtete sie senkrecht aus und spreizte dabei alle fünf Finger. Dabei sah er Lindsay an, der diese Bewegung wie gebannt nachahmte.

„Legt Eure Hand nun an den Felsen“, forderte Haschim den Lord auf, ohne dass er aber selbst den Felsen berührte.

Sir David ging noch einen halben Schritt näher an den Felsen heran und berührte ihn vorsichtig mit der flachen, erhobenen Hand, zögerte dann erst etwas, doch als er wahrnahm, dass ihm kein Leid geschah, presste er die Hand fest auf den schwarzen Stein.

„Und nun denkt an die Courser“, führte Haschim Sir David weiter durch das Ritual. „Stellt Euch vor, wie sie aussieht, memoriert sie vor Eurem geistigen Auge.“

Sir David schloss für einen Moment seine Augen und konzentrierte sich.

Es bedurfte nur einer kleinen Weile, da begannen auf dem Felsen um seine Hand herum einige scheinbar wirre Linien zu entstehen, die den Stein aufhellten, Wirbel, die verdrehte geometrische Formen bildeten und sich blitzschnell immer wieder veränderten, die von der Hand ausgehend mehr und mehr den gesamten Felsen überzogen, die aber kein Muster erkennen ließen. Doch dann war es plötzlich, als risse eine Nebelwand auf, und es eröffnete sich uns eine Ansicht von gigantischer Ausdruckskraft: ein Ausblick auf eine Meeresszene, in deren Mitte ein Segelschiff schwamm. Alles war so getreu, wie wenn wir als Beobachter mitten im Meer stehen würden, und es war auch kein Bild, sondern eine bewegte Szenerie: Die Wellen liefen über das Wasser, und das Schiff ging mit den Wellen auf und nieder.

Nur zu hören war nichts.

Sir David hatte das Erscheinen der Szene nicht mitbekommen, weil er zur besseren Konzentration immer noch die Augen geschlossen hielt. Als er sie jetzt öffnete, erschrak er so sehr über die plötzlich vor ihm befindliche Szenerie, dass er unwillkürlich seine Hand wieder vom Felsen nahm. Schlagartig war das Bild weg und die Wand wieder tiefschwarz.

Doch Sir David war glücklicherweise so geistesgegenwärtig, die flache Hand wieder an den Felsen zu pressen, und sogleich war das Bild wieder da, sodass wir weiterhin mit großem Staunen das Segelschiff betrachten konnten.

„Stellt Euch nun das Deck vor“, leitete Haschim Sir David weiter an.

Da näherte sich das Schiff, als würde es auf uns Betrachter zufliegen – oder wir auf das Schiff. Wir erkannten immer mehr Einzelheiten der Takelage, dann sahen wir Bewegungen auf dem Oberdeck. Es liefen Matrosen herum, die ihren Aufgaben nachgingen, und einige dieser Matrosen waren Frauen. Ihre kurzen Haare waren zerzaust, und ihre Gesichtsfarbe war vom Seewind und der Sonne gerötet, aber sonst schien es ihnen gutzugehen.

Zwei waren dabei, ein Segel zu flicken. Eine dritte Frau half zwei männlichen Matrosen dabei, die Segel straffzuhalten, sie zog Seile nach und achtete darauf, dass diese sich glatt über die Rollen legten. Eine Frau stand etwas abseits und schien zu schimpfen, jedenfalls legten wir ihre heftigen Gesten so aus.

Weitere Frauen waren nicht zu sehen; sie mochten unter Deck sein oder auf der Rückseite hinter den Aufbauten und damit außerhalb unserer Perspektive. Kampfspuren oder andere Beschädigungen waren keine zu sehen, also war das Schiff vermutlich unbehelligt seinen Weg durch die arabischen Gewässer gesegelt. An Aden war es vorbeigekommen, das hatte die Sabäerin bestätigt, der wir in ihrem sagenhaften Reich wiederbegegnet waren. Vom Zeitverlauf her musste das Schiff nun längst den Suezkanal passiert haben und im Mittelmeer kreuzen. Doch ebenso konnte es aufgehalten worden sein, denn im Roten Meer hatte es einmal einen Abu Seif gegeben, Hannehs und Djamilas Vater, seines Zeichens ein berüchtigter Pirat – der mochte Nachfolger gefunden haben.

Da erkannten wir Turnerstick, der sich zum Steuer begab.

Und als Sir David nun Turnerstick folgte und das Felsenbild anschließend einen Blick in diejenige Richtung freigab, in die der Kapitän Ausschau hielt, zeigte sich uns eine breite Hafeneinfahrt.

„Malta!“, rief Lindsay aus. „Das ist unverkennbar der Grand Harbour von Valletta.“

Jetzt erkannte auch ich die charakteristische Hafeneinfahrt mit der Zitadelle von Valletta rechter Hand und den mächtigen Bastionen auf sämtlichen umliegenden Landzungen, die von der Verteidigungsbereitschaft des Malteserordens bei unzähligen historischen Belagerungen zeugten. Hier drohte allerdings keine Gefahr mehr. Malta war britisches Hoheitsgebiet und wurde seit 1814 von der Krone eifersüchtig und mit hoher Marinepräsenz gehütet.

„Das Bild ist übrigens kein Abbild unserer eigenen Wünsche“, stellte Haschim an dieser Stelle klar, und es schien mir fast, als könnte er meine Gedanken lesen. Denn dieser letzte Zweifel hatte noch tief in mir genagt. Magie war schließlich auch Schein, Illusion, Verhüllung; Magie fand oft nur im Kopf derjenigen statt, denen sie vorgeführt wurde. „Der Stein zeigt das, was in diesem Moment der Betrachtung wirklich geschieht, und er manipuliert die Realität nicht. Er verschafft uns lediglich die Möglichkeit zur Fernsicht, zur Television.“

Also atmeten wir auf, denn wir konnten nun darauf vertrauen, dass die Befreiten endgültig einen sicheren Hafen gefunden hatten, von wo aus sie nach allen Ländern Europas reisen konnten.

„Ein faszinierender Zauber, aber gelegentlich nicht leichtzunehmen. Ein Zauber kann auch eine Last sein, sogar ein Fluch.“ Haschim wirkte nun etwas reserviert. „Wir können das ferne Geschehen nur betrachten, aber nicht darin eingreifen. Es ist unserem Einfluss entzogen. Wenn wir jetzt etwas anderes als das Erhoffte gesehen hätten, hätten wir es nicht ändern können. Denn wir sind zu weit weg von der Szene, um bei einer beobachteten Gefahr helfen zu können.“

„Also wenn wir just gesehen hätten, dass eine der Ladys vor unseren Augen in die See gefallen wäre, und niemand auf dem Schiff hätte das beobachtet …?“ Lindsay beschrieb ein schreckliches Beispiel. Unwillkürlich nahm er dabei die Hand wieder von der Wand weg und das Bild verschwand schlagartig.

Haschim zuckte nur stumm mit den Schultern.

Das Gespräch stockte nun, weil jeder für eine Weile seinen Gedanken nachhing.

Es war Halef, der die Stille mit einem unerwarteten Wunsch unterbrach. Offenbar hatte er daran gedacht, was in diesem Augenblick wohl an einer Stelle auf unserem Erdball geschah – an einer Stelle, die ihm besonders am Herzen lag. „Kann der Felsen uns wirklich jeden Ort zeigen, an den wir denken?“

Haschim nickte.

„Könnte ich vielleicht einen Blick auf mein eigenes Zelt werfen, verehrter Scheik? Das Heim, in dem ich wohne, wenn ich bei den Haddedihn bin und in dem jetzt meine Hanneh, die Blume meines Herzens, die Seele meines Lebens, sich aufhalten müsste. Und mein Sohn Kara, der nach meinem Sihdi benannt wurde und der dereinst ebenso tapfer sein wird wie der große Effendi aus Dschermanistan. Und auf Djamila, die kleine Schwester meines die ganze Familie umsorgenden Eheweibs, die wir heim in den Schoß dieser Familie geholt haben. Und auch auf Amscha, die tapfere Mutter, die kämpfen kann wie ein Mann und die ich auch als Schwiegermutter so lieb gewonnen habe, als wäre es meine eigene Mutter.“ Wenn Halef aufgeregt war, neigte er dazu, zu reden und zu reden und zu reden …

Haschims bislang ernstes Gesicht zeigte nun ein feines und verständnisvolles Lächeln. „Nur zu, Halef“, erlaubte er.

Halef trat also an den Felsen heran und legte seine offene Hand auf die schwarze Wand. Er konzentrierte sich, ließ dabei aber die Augen mit Blick auf den Felsen offen. Und wieder begannen den dunklen Stein aufhellende Linien sich zu Wirbeln zu formen, die zuerst wechselnde geometrische Formen bildeten und sich dabei immer wieder wandelten. Sie strahlten von der Berührungsfläche von Halefs Hand aus und überzogen den gesamten Felsen, ohne dass man jedoch zunächst irgendein Muster erkennen konnte. Doch dann war es wieder, als risse plötzlich eine Nebelwand auf, und wir blickten auf eine Wüstenlandschaft, in deren Mitte ein Zeltdorf stand.

Halef atmete hörbar tief ein und gleichzeitig schien das Bild auf uns zuzuspringen, wie wenn man bei einem Fernrohr mit raschem Griff die Entfernungseinstellung veränderte. Nun sahen wir ein uns sehr vertrautes Zelt, dessen weiße Leinwand einige Ornamente zeigte, die Hanneh angebracht hatte, um es zu kennzeichnen, um ihm einen besonderen Charakter zu geben. Bescheidene Ornamente natürlich, denn Halef war nicht der Scheik, dem ein besonderer Schmuck zustand, sondern ein ganz normales, wenn auch mittlerweile sehr geachtetes Stammesmitglied der Haddedihn.

Doch das Zelt schien irgendwie schief zu stehen …

Und jetzt erkannten wir auch, dass um den Eingangsbereich herum die Leinwand grob eingerissen war, es waren Einschusslöcher zu sehen und auch ein großer dunkelgrauer – Brandfleck.

Plötzlich zeigte das Bild das Innere des Zelts – Halef hatte sich offenbar vorgestellt, das Zelt gedanklich zu betreten. Der Teppich, der den Zeltboden bildete, war aufgeworfen, zeigte ebenfalls Brandflecken und weitere kleinere dunkelbraune Flecken, die aussahen wie – Blut! Im Hintergrund auf einem Lager war Amscha zu sehen, regungslos daliegend, ihre helle Oberbekleidung zeigte ebenfalls dunkelbraune Flecken. Neben ihr saß eine uns unbekannte Frau, die sich offenbar um Amscha kümmerte, die schlief, bewusstlos war, krank …? Oder gar … Ich wollte nicht daran denken.

Halef stöhnte.

Warum war an Amschas Lager eine Fremde? Warum saß dort nicht Hanneh oder Djamila, um sich um die Mutter zu kümmern? Das Zeltinnere sah außerdem grob unordentlich aus, zwei kleine Tische waren zerschlagen, die anderen Lager zerwühlt, die Kissen aufgerissen und in einer Ecke achtlos aufgetürmt. Und: Warum war Amscha in Halefs Zelt und nicht in ihrem eigenen?

Der Blickwinkel auf dem Felsen veränderte sich erneut. Wir schienen wieder vor Halefs Zelt zu stehen, doch jetzt in einigen Schritten Entfernung. Nun wurde sichtbar, dass Amschas Zelt, das sonst neben Halefs stand, komplett niedergerissen war, und auch einige Nachbarzelte waren zerstört. Der trockene Grasboden vor Halefs Zelt war derart aufgewühlt, dass wir den Eindruck bekamen, dort müsse ein Kampf stattgefunden haben.

Jetzt stöhnte Halef nicht mehr, jetzt schrie er gequält auf!

Wieder veränderte sich die Szene und das Bild blieb in Bewegung. Wir bekamen weitere Einblicke in das Lager: Die meisten Zelte waren niedergebrannt oder umgestoßen, offenbar hatte nicht bloß ein Kampf, sondern ein richtiger Überfall stattgefunden. Und bis auf ein paar wenige Frauen und zwei Kinder war niemand zu sehen. Vor allem Hanneh, Djamila und Kara waren nirgends zu erblicken, so sehr Halef auch seine Gedanken darauf konzentrierte, alle Winkel des Zeltdorfs abzusuchen.

Halef nahm mit einem Ruck seine Hand von der Wand weg und das Schreckensbild erlosch sofort.

„Sihdi“, sagte er nun mit kalter Stimme, und er sah mich mit den dunkelsten Augen an, die ich jemals gesehen hatte. „Wir müssen aufbrechen. Wir müssen erfahren, was mit meiner Familie geschehen ist.“ Und dann sank seine Stimme mehrere Tonlagen tiefer. „Und wir müssen die töten, die ihnen das angetan haben.“

Alexander Röder

Erstes Kapitel
Durch die Wüste

Die Meharis liefen schnell, sie flogen förmlich über den Sand. Wer je von Dromedaren oder allgemein von Kamelen als den Schiffen der Wüste gesprochen und sich nickend das sanfte Schaukeln auf Wellen oder Dünen vorgestellt hat – der hätte sich nun verwundert über jenen Anblick gezeigt, den unsere eilige Gruppe bot: Dies war keine Karawane von Reisenden, es war eine Kavalkade von Rächern. Selbst wenn wir den Tieren in regelmäßigen Abständen einen gemächlicheren Schritt vergönnten, so war auch dies kein erbaulicher Anblick, trotz der Schönheit der edlen Geschöpfe. Denn ihre Reiter hatten von Grimm und Sorge gefurchte Gesichter, und ihre Haltung war aufs Äußerste angespannt, Nacken und Schultern von der Bürde der Ungewissheit beladen.

Wir sprachen kaum. Auch wagten wir es nur selten, einen Blick untereinander zu wechseln, aus Furcht vor dem, was wir im Antlitz des Freundes würden lesen können – oder davor, dass wir uns in ihm wiedererkannten.

Ich habe in meinen Tagen nun oft genug den raschen Ritt nach Vergeltung vollführt, auf der Jagd nach Schurken, in Verfolgung von Bösewichten – doch damals wusste ich zumeist, wem ich da auf der Spur war und was dieser aus welchem Grund getan hatte. Hier strebte ich mit meinen Freunden dem Ungewissen entgegen, getrieben von einer vagen Vorausschau, die uns Haschims magischer Spiegelstein geschenkt hatte. Ein vergiftetes Geschenk, dessen Bitterkeit uns an den Seelen fraß.

Unser Anblick musste furchteinflößend sein für die wenigen Menschen, die uns begegneten. Wir schlugen wenig bekannte Routen ein, um rasch und ungestört voranzukommen, aber die eine oder andere friedliche Karawane kreuzte doch unseren Weg, und denen mussten wir wie die vier Reiter der Apokalypse erscheinen – wenn denn die braven orientalischen Kaufleute je von diesen gehört hatten. Die weniger braven Reiter, die uns erblickten, weil jene abseitigen Wege auch von Verbrechern und finsteren Gesellen genutzt wurden, mochten zurückgescheut sein, denn unser wilder Ritt dürfte sie mit Zweifel erfüllt und ihnen geraten haben, uns besser zu meiden.

Einem Scharmützel mit Banditen hätten wir uns wahrscheinlich kaum freiwillig gestellt, wir hatten keine Augen, keine Sinne für jene, auch nicht für alles andere.

Heller, heißer Tag und finstere, kalte Nacht wechselten in natürlich vorgegebenem Takt, mir schien es jedoch wie ein scheußliches Wechselbad, wie es den Leibern der bedauernswerten Seelenerkrankten in gewissen Instituten zugemutet wird, zu zweifelhaftem Nutzen. Der gütige und weise Pfarrer Kneipp, der solcherlei Wassergüsse als heilsame Anwendung der unteren Extremitäten ersann, mochte sich darob bitter empört zeigen.

Wer nun glaubte, ich hätte mich bei jenem harten Wüstenritt, voller Staub und Hitze, nach einem erfrischenden Wassertreten gesehnt, verkennt leider meine Lage: An solcherlei Erquickung dachte ich nicht, was kümmerte mich mein körperliches Wohlergehen in jener quälenden Aufwühlung des Gemüts, angesichts des Leids meines Freundes!

Und wer nun eine farbenfrohe und eindringliche Beschreibung der Äußerlichkeiten jener so schmerzvoll erlebten Reise erwartet, den werde ich ebenfalls enttäuschen müssen: Ich scherte mich kaum um die Oasen und Siedlungen und Städte, die wir passierten. Gewiss schienen mir die Erinnerungen an frühere Reisen in diesen Gegenden auf, doch weniger im geografischen oder kulturellen Sinne, sondern wegen der Begegnungen und Erlebnisse, die ich dort gehabt hatte.

Als wir durch den Hedschas nach Norden ritten, konnte ich nicht umhin, an die beiden Städte zu denken, die linker Hand von uns im Westen lagen, nahe der Küsten des Roten Meeres, namentlich Dschidda und Mekka. In Dschidda war ich vor fünf Jahren an Land gegangen, kaum dass ich glücklich aus den Fängen des Piraten Abu Seif hatte fliehen können. Meinen Freund Halef, an dessen Seite ich nun in jenen schweren Stunden ritt, hatte ich damals noch nicht lange gekannt, ja, ihn noch nicht ganz einen Freund nennen können. Doch in jener Zeit wurde die Saat für unsere Verbundenheit gesät – und für die Verbindungen, die sich später ergaben. Denn Abu Seif hatte einst Amscha entführt und ihr jene beiden Kinder Hanneh und Djamila – nein, nicht geschenkt, sondern mit Gewalt gezeugt. Und doch wurden die beiden Mädchen zu Geschenken für Amscha, später auch für Halef, als er Hanneh ehelichte, und für uns alle, als wir Djamila in Basra begegneten. Und diese beiden jungen Frauen hatten nun ein uns unbekanntes Schicksal erlitten – es musste so sein, denn nur so war erklärlich, dass der Spiegelstein sie uns nicht gezeigt hatte! Nur Amscha, die auf ihrem Lager lag, verwundet, verletzt – in unbekanntem Zustand der Gesundheit.

Auch Amscha hatte ich damals kennengelernt – als mutige, resolute Tochter des Scheiks Malek, die es sich nicht hatte nehmen lassen, mich auf meiner gefährlichen Mission nach Mekka zu begleiten, oder doch zumindest bis kurz vor den Eintritt in die heilige Stadt, die mir als Ungläubigem verboten war. Ich entsinne mich noch ihres klugen Ratschlags, meine prächtigen westlichen Waffen, Henrystutzen und Bärentöter, in ihre Obhut zu geben und stattdessen ihre alte Araberflinte zu führen – denn die modernen Gewehre hätten mich schlicht verraten. Halef hatte zu jener Zeit eine eigene Tarnung für seinen Aufenthalt in Mekka gewählt, nämlich die eines Ehemanns, und seine vorgebliche Braut war Hanneh gewesen, die Enkelin des Scheiks und Tochter von Amscha. Die beiden Frauen hatten uns also jede auf ihre Weise geholfen, dass wir Abu Seif hatten stellen können und dass ihn schließlich sein Schicksal ereilte. Er starb für das, was er uns allen angetan hatte – auch wenn in einer seltsamen Fügung daraus Freundschaft unter uns erwuchs und gar eine wirkliche Ehe zwischen Halef und Hanneh.

Halef dachte in diesen Stunden wohl an die gleichen Dinge wie ich. Zumindest an jene, die in der Vergangenheit lagen. Was er sich für die Zukunft ausmalte, wollte ich mir besser nicht vorstellen – weder, was das Schicksal seiner Familie betraf, noch das Schicksal jener, die wohl die Haddedihn überfallen hatten. Halef zürnte still, und ich muss gestehen, dass ich nicht in der Lage war, zu ermessen, welche Qual und welche Wut in ihm tobten, denn ich habe nun einmal keine Gattin und keine Kinder oder Anverwandte. Ob dies in diesen Stunden meinem Seelenzustand zuträglich oder abträglich war, vermochte ich nicht zu sagen.

Ich ahnte aber, wie sehr ein weiterer Schmerz in ihm aufzusteigen begann, denn mein Halef ist klug – aus sich selbst heraus und weil er von seinem Sidhi das klare Denken gelernt hat, selbst wenn Zorn und Sorge das Gemüt verdüstern. In kühlen Gedanken, so mir die Hitze der Wüste und die Anstrengung des Ritts und die brennende Sorge und Ungewissheit diese zuließen, überlegte ich, was wohl geschehen sein mochte. Wer konnte die Haddedihn überfallen haben? Gewiss, es gab stets Zwist unter den Beduinenstämmen der arabischen Länder, doch seit dem Frieden zwischen den Ateibeh und Haddedihn – und ihrer herzlichen Allianz – wagten es andere kaum, sich jenen außergewöhnlich stolzen und mutigen Kämpfern entgegenzustellen. Es mussten besonders ruchlose Menschen gewesen sein, die die Weidegründe und den Duar, die Heimstatt, genauer das Zeltdorf, welches man auch Madrib heißt, heimgesucht und verheert hatten, um Herden und Habseligkeiten zu rauben.

Mich beschlich ein Gefühl, dass es hier nicht um Vieh oder Güter ging, wie etwa die herrliche Kamelwolle, mit welchen die Haddedihn handelten, indem sie diese mit Kellek-Flößen zu den Städten verbrachten. Eine Ahnung kam in mir auf, und meine Ahnungen hatten mich selten getäuscht. Bei diesem Schlag des Schicksals gegen den Stamm und die Familie meines Freundes, so war ich sicher, musste die schreckliche Vorsehung ihr Ziel ganz bewusst gewählt haben. Nicht allein, weil die gütige Vorbestimmung uns mit Haschims Spiegelstein versehen hatte, auf dass wir rascher – wenngleich auch harscher – von den niederschmetternden Ereignissen weit im Norden, im Zweistromland, erfuhren, als wenn diese Kunde durch Boten zu uns gekommen wäre, wann und wenn überhaupt! So konnten wir nun zur Hilfe und Rache eilen.

Aber ich bin auch davon überzeugt, dass alles seinen Grund und seine Zwangsläufigkeit besitzt. Warum also traf der Überfall die Haddedihn – und warum zu dieser Zeit?

Was war jüngst geschehen? Wir hatten ein gutes Werk getan und in Dauha einige Sklavinnen befreit und somit einer Gruppe schurkischer Sklavenhändler empfindlich geschadet, ihnen gar den Tod als Strafe für ihre schändlichen Taten gebracht. Doch das Schicksal und die Vorsehung wägen nicht ab und balancieren nicht die Waagschalen nach menschlichem Ermessen und kaufmännischer Aufrechnung. Nur weil wir Gutes getan hatten, waren wir nicht von Bösem verschont. Stattdessen gebiert jede Tat eine Gegentat. Waren wir nicht auch gerade auf Rache aus? Wer wollte sich vielleicht an uns rächen? Und in schrecklicher Weise statt an uns – an den Unsrigen?

Ich will meine Gedankengänge nicht weiter beschreiben. Das Ergebnis, zu dem ich kam, wurde ja bald durch die Ereignisse bestätigt.

Es war in einem kleinen Ort, an dem wir Rast machten – widerwillig, aber notwendig. Selbst wenn wir es vorgeblich nur der edlen Meharis wegen taten, so wussten wir doch, dass wir auch unsere eigenen Leiber und Gemüte nicht zu sehr schinden durften, der kommenden Taten wegen, für die wir kräftig und frisch sein mussten.

Der Name des Orts, seine Lage und Besonderheiten sind mir nicht mehr gewahr. Man verzeihe es mir, dem sonst so akkuraten Reiseschriftsteller, dass mir auf diesem langen, eiligen Weg die Details verschwammen, weil sie mir doch recht gleichgültig waren.

Wir kamen also aus Hitze und Sand zu den staubigen Hütten aus bleichem Lehm, schwach beschattet von dürren Palmen. In den ferneren Gassen blökte ein Esel, ein Hund schien kläffend zu antworten, ein wenig menschlicher Streit war zu hören, aber auch Kinderlachen, welches Halef nicht wie sonst versonnen lächeln, sondern ihn die Lippen fest zusammen pressen ließ, ebenso wie die Augenlider. Der Staub der Reise sog gierig das feuchte Schimmern auf. Wir saßen ab und gaben in stumpfer Gewohnheit die Meharis in Obhut, welche wir dennoch mit scharfem Blick gewählt hatten. Das wohlwollende Misstrauen, welches jeder Reisende mit wertvollen Reittieren an den Tag legen sollte, war bei uns mehr denn je ausgeprägt. Wir durften die schnellen Dromedare nicht verlieren, konnten uns keine Verzögerung durch eine Diebesjagd leisten – und selbst die prallgefüllte Börse Sir Davids würde uns in diesen Gegenden keinen Ersatz erkaufen können. Doch immerhin bot sie den Knechten der Karawansereien reichliches und leicht verdientes Geld, sodass diese gar nicht wagten, Träume von noch reichlicherem, aber mit Aufwand und möglicher Gefahr verbundenem Geld zu hegen. Der Anblick der vier Männer, von welchen sie die Meharis und das Kostgeld erhielten, mochte nicht unerheblich dazu beigetragen haben.

Haschim und ich waren ja durchaus stattlich. Doch wenn Halef und Sir David auch gemeinhin spöttischen Blick ernten mochten, wegen ihrer kleinen, gedrungenen oder hager aufschießenden Gestalt, dem spärlichen Bärtchen oder der karierten Kleidung – niemand Fremdes hatte jüngst darauf geachtet, denn meine sonst so wenig Ehrfurcht einflößenden Freunde strahlten nun eine fürchterliche Entschlossenheit aus, die jede heimliche, freche Bemerkung erstickte. Und auch heimliche, dreiste Taten.

Ein wenig besorgte mich, wie sehr wir wohl andere erschreckten. Und in einer seltsamen Anwandlung hoffte ich, man würde uns nicht etwa für ruchlose Verbrecher halten, denn dies wäre mir doch gegen die Ehre gegangen.

Wir betraten den schäbigen Gastraum und die dürftige Kühle des Zwielichts. Es roch nach Rauch und Essensdunst, doch beiderlei lockte uns nicht. Zum Tabakgenuss fehlte uns die Muße, und einen Appetit mochten wir uns nicht leisten, wir wollten uns schlicht nähren, was auch immer die Töpfe und Kessel hergaben und uns erst die Näpfe und dann den Magen füllte. Wenn nur das Wasser in den Bechern kühl und frisch war, wollten wir zufrieden sein.

Stumm ließen wir uns nieder. Ob wir in den vergangenen Tagen auf hölzernen Bänken, Sitzkissen aus Leinen, Binsenmatten oder gestampftem Boden gesessen hatten, war einerlei gewesen. Zumindest Sir David mochte froh gewesen sein, dass der Untergrund nicht mehr schwankte, denn ihn traf der Wechsel vom gewohnten Pferderücken in den Sattel eines Dromedars wohl am heftigsten. Doch wo er früher wohl das ein oder andere empörte Wort oder gar einen britischen Scherz geäußert hätte …

Nein, ich will ehrlich sein: Uns allen war nicht nach Reden zumute, noch weniger nach Scherzen. Es soll nun niemand anmerken, ein heiteres Wort hätte vielleicht die Stimmung gelöst – dem müsste ich entgegnen, er verkenne die Situation und Lage, eben weil er sie, der Vorsehung sei gedankt, wohl gar nicht kenne!

Halef strapazierte den Griff seiner Kurbatsch, der Peitsche aus Nilpferdhaut, und an den knappen, fahrigen Bewegungen erkannte ich, dass er in Gedanken einen heftigen Hieb nach dem anderen ausführte. Doch der vorgestellte Rücken konnte nur einer gesichtslosen Person gehören, die imaginierte Vergeltung also ziellos und ernüchternd sein.

Sir David klaubte bereits jetzt einige Münzen zum Begleichen der Zeche hervor, wie er es auch zuvor getan hatte, um nach unserem eiligen Mahl keine Zeit zu verschwenden. „Geld ist Zeit“, hatte er bei den ersten Malen gemurmelt, und niemand wagte ihm zu widersprechen, wo wir doch alle den Schlaf verfluchten, der uns so manche Stunde raubte, wenn wir es nicht verantworten konnten, in den Sätteln in unruhigen Schlummer zu verfallen, weil das Gelände unsere Aufmerksamkeit erforderte.

Dennoch hatte der Lord ein weises Wort geprägt, denn wie ich bereits anhand der Karawansereien erläuterte, so entledigte uns die Reichlichkeit der Reisekasse doch so einiger Hindernisse, die uns andernfalls Zeit und auch Gemütsstärke gekostet hätten, und beides konnten wir uns nicht leisten.

So stumm und grimmig wir also waren, der Wirt, der herankam und mir so unauffällig und eigenschaftslos erschien wie seine Gaststätte und der Ort ringsum, legte eine heitere Neugierde an den Tag.

‚Ist es überhaupt Tag?‘, dachte ich in jenem Moment. Wir hatten unseren Reisetakt auf ungesunde Art vom Lauf der Sonne abgekoppelt, und so wusste ich kaum, welcher Wochentag sein mochte, und angesichts des immer gleichen Zwielichts der Schenken und Gasträume mit den Fensterlöchern, in denen Bretter oder Häute oder Geflecht klemmten, war ich mir manches Mal nicht sicher, ob draußen der Tag oder der Abend dämmerte. Man glaube nun nicht, ich sei vor Zorn und Sorge so blind geworden, dass ich Sonne und Mond, Tageshelle und Nachtschwärze nicht mehr hätte unterscheiden können – doch ich muss gestehen, dass mir alles in einheitlichem Grau erschien, so sehr litt ich mit Halef und bangte um die Seinen, denen ich ja auch äußerst eng verbunden war.

Der Wirt fragte also fröhlich: „Was soll’s denn sein?“

Und mir schien er auf eigentümliche Weise wie ein Bierschenk aus der Heimat, ein Kretschmer in einer Kaschemme des Erzgebirges. Ich spürte allzu deutlich, dass die ungewisse Verzweiflung mir nicht wohltat. Wären wir nur endlich bei den Haddedihn!

Wortkarg orderten wir, ich weiß nicht mehr, wer von uns es war, Speise und Trank.

„Ihr scheint in Eile“, bemerkte der Wirt. „Wichtige Geschäfte? Wo mag’s denn hingehen?“

Ich hörte, wie Halef die Nüstern blähte und mit dem Stiefel scharrte. Rasch legte ich meine Hand auf seinen Arm.

„Nach Norden“, sagte ich vage und rasch.

„Ja, da zieht’s viele hin“, meinte der Wirt. „Wenn sie nicht nach Westen, gen Mekka ziehen, zur Hadsch. Aber die Kaufleute wollen eben nach Basra und Bagdad.“ Er musterte uns. „Ihr seid aber wohl keine Kaufleute …“

Haschim hob den Blick ein wenig und die Stimme um weniges mehr. „Wir haben einen anderen Auftrag.“

Der Wirt schaute mit einem Mal recht unterwürfig. „Ich wollte dem hohen Herrn nicht zu nahe treten. Ich erkenne Adel auch unter dem Staub der Reise. Verzeiht, ich bringe Euch sogleich das Gewünschte.“

Er eilte davon. Wir schwiegen weiter, doch Haschim suchte meinen Blick.

‚War dies töricht von mir?‘

‚Ich vermag es nicht zu sagen‘, bedeutete ich mit leichtem Heben der Schultern.

Ein anderer, älterer Mann kam mit einem Brett in den Händen heran, auf dem Näpfe und Becher standen. Während er diese an uns verteilte, ruckte er mit dem faltigen Hals. Sein unsteter Blick fiel auf mich, Haschim hingegen mied er.

„Keine Kaufleute“, raunte er, „aber nach Norden.“

„Ja“, brummte ich knapp und rückte meinen Napf zurecht, um zu zeigen, dass ich nicht reden wollte. Doch der Neugierige senkte seine Stimme und zudem auch seinen Kopf bis nahe an mein Ohr.

„Jagt Ihr auch den Verbrecher?“, flüsterte er.

Ich ließ mir mein Erstaunen nicht anmerken, denn ich war froh, dass Halef seinen mürrischen Blick von dem Ältlichen abgewandt hatte und sich lustlos dem Inhalt seines Napfes widmete.

„Wen?“, fragte ich und ließ es wie ein Räuspern klingen.

„Den Beduinenmörder!“

Ohne dass es meine Gefährten sehen konnten, ergriff ich den Mann fest an der Kleidung. „Ich treffe dich hinter dem Haus“, knurrte ich und sagte lauter: „Bring noch mehr Brot.“

Der Mann ging und ich sah, wie Haschim die eine Augenbraue hob. „Ja“, meinte er, „von diesem Brot möchte ich auch etwas.“

Ich nickte und stand auf. Ich musste meinen Gefährten keine Entschuldigung bieten, wir saßen hier nicht zu Tisch bei einer Gesellschaft. Ich lenkte meine Schritte zum hinteren Ausgang, an der winzigen Küche vorbei. Draußen scharrten Hühner in einem Gehege, ich hörte Ziegen in einem Verschlag, die Stallungen für die größeren Tiere schlossen sich wohl an. Aus einer entfernteren Tür schaute eine beleibte Frau. Der Ältliche wartete bereits auf mich und scheuchte die Neugierige mit einer Geste fort, welcher sie unwirsch entgegnete, dabei den Kopf aber zurückzog.

„Erzähl!“, forderte ich knapp. Der Mann zwinkerte aufgeregt und schaute misstrauisch umher, als wollte er mir das Geheimnis des ewigen Lebens verraten. Für mich war seine Kunde wohl fast so wichtig, denn er hatte anscheinend jemanden getroffen, der vom Überfall auf die Haddedihn gehört hatte. Nachrichten reisen rasch, wenn sie denn sensationell genug sind. Und ich war kaum verwundert, dass es nicht allein wir waren, die Rache nehmen wollten. Vielleicht waren Malek und Amad el Ghandur, die Scheiks der Ateibeh und der Haddedihn, bereits auf Verbrecherjagd, um den Überfall zu sühnen. Es wäre gut, sich mit ihnen zu treffen und dann Wissen und Pläne zu teilen. Ich musste also herausfinden, wer in diesem Gasthaus gewesen war, wen der Mann getroffen hatte.

Ich wiederholte meine Forderung.

„Vor einigen Tagen“, begann der Ältliche, „waren einige Reisende hier. Gerade solche wie Ihr.“

„Das bezweifle ich. Aber du wirst sie ebenso ausgefragt haben wie uns.“

„Verzeiht, Herr, aber wenn es nicht so gewesen wäre, könnte ich Euch jetzt nichts erzählen.“

Er schaute nicht mehr umher, sondern erst auf meinen Geldbeutel am Gürtel und dann auf seine Hand.

„Wann war das?“, fragte ich ungerührt.

„Vor ein paar Tagen.“ Ein Blick auf den Beutel, ein Blick auf die Hand.

Ich überschlug Reiserouten und Tagesritte und nannte eine Zahl. Der Mann wurde rot und kurzatmig vor lauter Aufregung und Spannung.

„Dann gehört Ihr tatsächlich dazu!“, hauchte er. „Ihr jagt den Beduinenmörder!“

„Wer Beduinen tötet, wer irgendjemanden tötet, gehört gejagt!“

Er schaute mich schief an, als hätte ich ihm die seltsamste aller Weisheiten enthüllt. „Nein, Herr. Er hat keine Beduinen getötet. Er ist Beduine und hat viele Männer ermordet, anständige Kaufleute in Dauha, und deren Freunde suchen ihn nun, um gerechte Rache zu nehmen!“

Dauha!

Ich ahnte die schreckliche Bosheit, die abgefeimte Scharade!

Und ich sah, wie der Mann ärgerlich die Hand vor den Mund schlug, weil er mir etwas verraten hatte, wofür er doch erst Bakschisch hatte nehmen wollen. Ich zerrte eine Münze aus dem Beutel und packte seine Hand, drückte das Geldstück hinein, schloss seine bebenden Finger darum und hielt sein Handgelenk weiter in hartem Griff.

„Wen suchten die Männer genau?“, drängte ich.

„Eben einen Beduinen …“

„Der Name!“

Ich ahnte und hoffte zugleich.

„Halef von den Haddedihn!“, sagte der Mann, und ich spürte, wie meine Ahnung meine Hoffnung verhöhnte, was schreckliche Schauer von Hitze und Kälte gleichermaßen in mir aufwallen ließ.

Armer Halef, törichter Halef! Was hatte er in Dauha, im Augenblick des Triumphs über die Sklavenhändler, denn nur so unbedacht und stolz seinen Namen nennen müssen? Aber ach, er hatte nicht bedacht, dass man ihn auch bei diesem halben Selbstgespräch belauschen konnte! Oder vielmehr, dass der ohnmächtige Abu Kurbatsch Halefs Worte auch in seiner Besinnungslosigkeit vernommen hatte. Eine andere Erklärung konnte es nicht geben. Und Abu Kurbatsch hatte sein Wissen mit den Seinen geteilt, denn ihn selbst hatten wir im Sandmeer der Rub al Chali, in das er uns gefolgt war, bei einem heimtückischen Angriff auf uns erschossen. Wie hätten wir damals ahnen können, dass unsere Taten in Dauha noch ein weiteres Nachspiel haben würden? Ich hatte geglaubt, dass die einzelnen Gruppen der Sklavenhändler einander im Konkurrenzkampf als Feinde betrachteten und der Verlust des einen der Gewinn des anderen war. Doch schien Abu Kurbatsch treue Gesellen zu haben, die nun seine Rache fortführen wollten.

Und nun nutzten diese Sklavenhändler das Wissen Abu Kurbatschs für ihre Verfolgung. Sie hatten nur einen Namen, doch sie waren klug genug, diesem auf die Spur zu kommen, indem sie nicht schlicht nach jenen Beduinen und ihren Weidegründen fragten, sondern eben vorgaben, einen Verbrecher zu jagen.

Jeder aufrechte Mann würde ihnen Auskunft geben, so er es denn vermochte, und er würde es noch einmal so eifrig tun, wenn er für seine ehrenvolle und nützliche Auskunft auch noch Bakschisch erhielt. Die Sklavenhändler hatten wohl ebenso reiche Barmittel wie wir dank der Börse des Lords. Es ernüchterte mich, zu erkennen, wie sehr das seelenlose Geld doch den einen wie den anderen hilft, den Guten wie den Bösen.

Und eine meiner Münzen steckte nun in der Faust des Ältlichen – ein geringer Preis für jene wichtige Erkenntnis. Und vielleicht würde ich noch mehr erfahren.

„Wie sahen die Männer aus?“, fragte ich weiter.

„Ich sagte doch bereits, Herr, nicht viel anders als Ihr.“

Welch Unsinn! Ein Scheik, ein Bedu, ein Deutscher und ein Brite, Letzterer in graues Karo gekleidet. Wie konnte eine Gruppe uns ähneln!

„Sprich keinen Unfug!“

Der Mann hob beteuernd die Hände, eine offen, eine geschlossen, mit der Münze darin. „Sie waren gut gekleidet, angemessen für die Reise und auch sehr entschlossen. Grimmig und wortkarg. Wie es sich für gute Menschen geziemt, die Verbrecher jagen!“

Diese Worte schmerzten mich, denn sie hielten mir einen Spiegel vor, in den ich besser nicht hatte schauen wollen, wenngleich ich den Anblick doch selbst geahnt hatte. „Wie viele waren es?“

„Vier, wie ihr! Und sie ähnelten euch! Einer war klein, einer dünn, und einer hatte den gleichen ehrfurchtsgebietenden Anschein wie der dritte Eurer Gefährten, etwas das ich selten sehe, aber sogleich erkenne! Aber der wichtigste Mann, der Anführer, der war so stark und kühn wie Ihr, wenngleich er schon Grau im Bart trug, während der Eure noch prächtig …“

„Schmeichle mir nicht!“

„Verzeiht, Herr!“

„Es waren also nur vier?“

„Vier in diesem Haus. Ob noch weitere bei ihnen waren, weiß ich nicht.“

„Sie waren also an besagtem Tag hier. Und reisten nach Norden.“

„Ja. Ich habe alles gesagt, was ich weiß.“

Mehr würde ich also nicht erfahren.

„Gut. Dann teile dein Bakschisch gerecht mit deiner Frau dort hinten, aber halte dich künftig mit deiner Neugierde und deiner Rede zurück. Und bring uns das gewünschte Brot.“

Damit ließ ich ihn in dem schäbigen Hinterhof stehen und ging wieder hinein.

Meinen Gefährten sagte ich noch nichts von meiner neuen Kenntnis. Ich wollte sie vor dem Schlaf nicht aufwühlen. Und vor allem Halef nicht in Gewissensnöte bringen. Denn wie konnte ich ihn an seine törichte Prahlerei in Dauha erinnern, die vielleicht zum Angriff auf die Haddedihn geführt hatte, wenn ich doch nichts Genaues wusste? Gewiss suchten Vertraute von Abu Kurbatsch nach Halef und seinen Beduinen. Doch hatten sie diese bereits gefunden und erreicht? Selbst wenn ich berechnet hatte, dass dies möglich gewesen wäre, so vermochten vier Männer doch nicht das große Lager der Haddedihn so zu zerstören, wie wir es im Spiegelstein geschaut hatten. War es also doch der Angriff eines anderen Stammes gewesen? Die Haddedihn hatten in der Dschesireh einen guten Stand, ihrer Stammesgröße wegen, was davon rührte, dass sie die Ateibeh in sich aufgenommen hatten. Und so waren kleinere Stämme ihnen tributpflichtig. Diese mochten auch den Wohlstand neiden, den die Haddedihn mit ihrer Kamelwolle und vor allem der herausragenden Pferdezucht erreicht hatten. Konnte ein neuer Anführer eines kleineren Stammes gewagt haben, gegen sie aufzubegehren?

Wenn ich diese Möglichkeit außer Acht ließe und allein einen Angriff der Sklavenhändler verkündete, so würde Halef hin- und hergerissen sein, zwischen dem Drang, seine Familie und seinen Stamm aufzusuchen und sich ihres trotz des Angriffs erhofften Wohlergehens zu versichern – und dem Drang, sogleich die Verbrecher zu jagen, indem wir uns mit ihrer Beschreibung versehen auf die Spur setzten, gleich wie jene es mit Halef getan hatten.

Wie konnte ich Halef da noch enthüllen, dass er verleumderisch als Verbrecher gesucht wurde, gewissermaßen einer Blutrache unterworfen war? Es wäre besser, wenn er dies nicht wüsste.

Aber eine weitere Sache hatte ich noch im Hinterkopf, die mir an den Worten des Ältlichen aufgefallen war. Diese wollte ich mit Haschim besprechen, doch das würde warten müssen bis zur geeigneten Zeit. Denn mich selbst machte der Gedanke schaudern, dass es hier nicht allein um Kämpfe unter Beduinenstämmen oder um Rache von Sklavenhändlern gehen mochte, sondern dass sich auch erneut die finstere Seite des magischen Orients offenbaren könnte.

Zweites Kapitel
Der Schmerz der Haddedihn

Die Rückkehr in die Dschesireh, in die Gefilde und Weidegründe der Haddedihn, ist mir stets eine Freude gewesen. Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Besuch, damals allerdings noch ohne die tieferen Verbindungen zu diesem Stamm, welche mir aus dem gemeinsam ausgefochtenen Befreiungskampf und schließlich auch der engen Freundschaft zu Halef und dessen Aufnahme in jene Gemeinschaft erwuchsen. Ich war damals, vor fünf Jahren, mit Sir David durch diese Gegend geritten, den ich erst kurz zuvor durch eigentümliche und glückhafte Fügungen in Maskat am Golf von Oman getroffen und der mir auf seinem Dampfboot eine Passage den Golf hinauf, bis zum Tigris durch den Schatt-el-Arab, gewährt hatte, mit Landgang in Basra. Von Basra aus waren wir dann zu Pferd in unser erstes gemeinsames Abenteuer aufgebrochen, so wie ein weiteres vor einem Jahr ebenfalls in Basra seinen Anfang genommen hatte, an dessen Ende wiederum die Reise zu den Haddedihn stand, mit der jungen Djamila, auf dem Weg in die Arme ihrer verlorenen und wiedergefundenen Familie.

Was waren diese Reisen doch heiter gewesen, nicht allein vom Zustand des Gemüts her betrachtet, sondern auch von jenem der Umgebung. Damals hatte die Steppe geblüht, jeder Hufschlag der Pferde hatte den Wohlgeruch der Blumen aufgewirbelt, die als buntfarbiger Teppich den Grund bedeckten. Dies war jenes Gefilde, das der Araber als Merdsch kennt, so wie der Afrikaner seine Savanne und der Amerikaner seine Prärie. Und doch wirken diese Wiesen der Dschesireh um so vieles prächtiger, wenn sie den Reisenden empfangen – nach den vom Sandsturm durchtosten, von tödlichem Licht versengten Wüsten – und sich die zerklüfteten und verschmachteten toten Flussläufe der Wadis ebenso zurückgezogen haben wie die tückischen wandernden Dünen aus stechend heißem Sand.

Gewiss herrscht ein ähnlicher Gegensatz zwischen den Wüsten Amerikas und Afrikas und den jeweiligen Graslanden, und in Asien ist es kaum anders bestellt. Doch man bedenke, dass die Düfte und Wohlgerüche Arabiens sprichwörtlich sind, und nicht von ungefähr auch die kleinste Blüte einen besonderen Zauber verströmt, zudem wenn man über sie hinweg zu lieben, vertrauten Menschen reitet.

Doch hier und heute war die Merdsch verblüht. Ein trübes Licht ergoss sich über die faden Gräser, aus denen sich nurmehr die farblosen Überreste der einst so herrlichen Blüten matt erhoben. Dumpf klangen unsere Hufe, nur Staub wölkte empor, kein Duft nach Leben, sondern allein der Dunst von Verderbnis und Tod. Mich hätte es kaum verwundert, wenn sich in dieser trostlosen Steppe auch noch eine wüstenhafte Fata Morgana gezeigt hätte, um uns mit einem Trugbild zu narren und zu verhöhnen.

Wir wussten nicht genau, was uns im Duar, im Lager der Haddedihn, erwartete, auch wenn der Spiegelstein uns einen Anschein gezeigt hatte.

Endlich kamen wir heran und sahen die ersten Zelte der Haddedihn in der Ferne. Ich war froh, dass keine Rauchschwaden von ihnen gen Himmel stiegen, wenngleich der Gedanke töricht war. Denn jeglichen Brand, der durch den Überfall entstanden war, hatte man doch längst erstickt und gelöscht.

Auch sahen wir die Herden der Schafe und Kamele als Gruppen niederer heller und aufragender dunkler Flecke, die sich grasend bewegten. Warum nur hatte ich mir in unruhigen Träumen den blutbedeckten Grund mit Kadavern jener Tiere übersät vorgestellt, wie das Schlachtfeld eines Menschenkrieges am Tag nach dem scheußlichen Morden? Die Tiere wären doch bei einem Angriff – ob durch feindliche Beduinen oder rächende Sklavenhändler – wohl eher gestohlen oder vertrieben worden oder eben vor dem Aufruhr geflohen!

Dennoch erkannte ich, dass die Herden ausgedünnt waren, und auch wenn mich meine Erinnerung täuschen mochte, so sagte mir ein rascher Blick zu Halef, dass ich Recht hatte.

Als wir uns näherten, zerstob ein weiterer Angsttraum und mit ihm das furchtbare Bild des Spiegelsteins. Denn die Zelte waren nicht länger umgestoßen, in sich zusammengefallen oder gar verbrannt. Sie standen wieder so stolz und aufrecht wie ihre Bewohner – denn alle Zerstörung war von jenen eifrig getilgt worden. In der Zeit zwischen dem Überfall und unserer Ankunft hatten die Haddedihn die Zelte wiedererrichtet, die verbrannten durch neue ersetzt – denn wer wollte schon in Trümmern leben, wo die Erinnerung schmerzlich genug war. Gewiss sah man hier und da eine angesengte Zeltstange, eine Stoffbahn, die geflickt war – denn was noch zu gebrauchen war, wurde niemals fortgeworfen, und so wie ein Krieger seine Narben trägt, so behält auch ein Duar die Spuren dessen, was er erlebt hat.

Jetzt aber kamen die Menschen, die Haddedihn, heran.

Ich hatte bei unserer Annäherung bereits in der Ferne die Späher und Wachen zu den Seiten unseres Weges bemerkt, die Reiter mit den Gewehren und den Lanzen, mit denen sie sich in einem eigentümlichen Mixtum von Moderne und Altertum bewaffneten. Die Haddedihn waren nach dem Überfall noch wachsamer geworden, als es ohnehin angeraten war. Doch hatte man uns nicht angehalten und überprüft, denn die Wächter hatten Halef und mich wohl erkannt und waren stattdessen in den Duar geritten, um Meldung über unser Herannahen zu machen.

Und nun kamen uns die Haddedihn entgegen. Rasch ließ ich meine Blicke über sie gleiten, indem ich bekannte, vertraute Gesichter suchte, um mein rasendes Herz zu beruhigen.

Doch musste ich bedenken, dass die stolzen Beduinen auch in Not und Schmerz noch ihre Regeln befolgen und die Würde der Begrüßung bei den Oberhäuptern liegt. Niemals hätte ich erwarten dürfen, dass Halefs gesamte Familie herangestürmt wäre, damit sie einander erleichtert und lachend in die Arme fallen konnten – oder auch mit gesenktem Kopf und Tränenblick, weil einige von ihnen …

Der Scheik der Haddedihn, Amad el Ghandur, trat vor und hob die Hände. Sein Gesicht zeigte nur strenge Ernsthaftigkeit, keine Spur von Leid über das Geschehene oder Freude über unsere Ankunft – beide Gemütsregungen konnte er sich nicht erlauben. Doch ich ahnte, dass unter seinem schwarzen Bart, der ihm lang bis über die Brust fiel, das Herz schwer war.

„Willkommen euch, in dieser schweren Stunde, die uns erleichtert wird durch euer Eintreffen, das rascher geschah, als wir je hätten hoffen mögen! Allah hat euch in seiner Güte rasch auf den Weg gesandt und gut behütet, während er uns zuvor schwer geprüft hat.“

Wir entboten einander die angemessenen Grußformeln, die ich nicht wiedergeben will, da sie mir zwar tief empfunden, aber doch ein wenig automatenhaft über die Lippen kamen. Ich spürte, wie meine Aufregung und Sorge zum Teil einer Taubheit wichen, die aber umso heftiger biss und stach, weil das Wichtigste noch immer im Ungewissen blieb.

Nun trat Scheik Malek vor, der Vater von Amscha und Großvater von Hanneh und Djamila. Er war bei unserer ersten Begegnung bereits nahe am Alter eines ehrwürdigen Greises gewesen, und dem entsprach auch seine etwas gebeugte Haltung, die jedoch noch immer den starken Wuchs des Kriegers ahnen ließ. Die Falten seines Gesichts waren noch tiefer geworden, nun wohl nicht nur wegen des Alters, sondern der schrecklichen Umstände wegen. Was mich aber verwunderte, war die Farbe seines langen Barts, den ich als so weiß in Erinnerung hatte, wie jener Amad el Ghandurs schwarz war. Maleks Bart besaß nun einen seltsam schimmernden Grauton, satt und tief wie Glanzkohle, welche man auch Anthrazit nennt.

Halef bemerkte meinen Blick und ließ ein abgehacktes Glucksen hören, als erinnerte er sich an einen Scherz, über welchen laut zu lachen oder ihn gar zu äußern, die Situation verbot. Er winkte mit leiser Geste ab und ich begriff, dass er mir alles beizeiten erklären würde. In diesem Augenblick verspürte ich aber weniger Neugierde als vielmehr Erleichterung darüber, dass sich das Herz meines kleinen Freundes vor lauter Sorge nicht so sehr verhärtet hatte, dass es ihm bei der nächsten Erschütterung im Leib zersprungen wäre.

Jetzt sprach Scheik Malek die Grußformeln, welche wir erwiderten, und endlich, endlich erfuhren wir, was geschehen war.

Sie waren in der Nacht gekommen, in unbekannter Anzahl. Und sie hatten nicht angegriffen wie Beduinenkrieger, selbst wenn es dafür Anzeichen gab.

„Eine Finte“, befand Amad el Ghandur. „Um uns glauben zu machen, es seien andere Stämme gewesen. Aber die Zerstörungen der Zelte waren nur Ablenkung, während andere das eigentliche Ziel verfolgten.“

Malek ergriff fest die Hände Halefs. Seine Augen schimmerten und seine Stimme strafte die verzweifelte Kraft seiner Hände Lügen, denn sie war brüchig. „Sie haben Hanneh entführt. Und Djamila.“

Halef erbebte, doch er ließ sich nicht von dieser furchtbaren Nachricht überwältigen, sondern fragte sogleich nach Amscha und Kara Ben Halef, seinem kleinen Sohn.

Malek atmete zitternd ein. „Dein Sohn ist wohlauf. Er war während des Überfalls bei den Kriegern, welche die wertvollen Pferde ausritten. Kara Ben Halef ist mit seinen fünf Jahren schon ein guter Reiter, ein stolzer Bedu.“

Halef nickte erleichtert und stolz.

Malek nickte mit ihm. „Und meine starke Tochter hat ihre Wunden tapfer ertragen, die sie sich zuzog, als sie ihre Töchter und meine Enkeltöchter verteidigte, wenngleich vergeblich. Ich musste ihr befehlen, auf ihrem Lager zu bleiben, statt sogleich hinter den Entführern herzujagen.“

„Was ist mit jenen?“, fragte Halef.

„Wir haben Krieger auf ihre Spuren angesetzt. Doch sie flüchteten in vielen Gruppen. Die Entführer selbst teilten sich mit Hanneh und Djamila auf und verschwanden in zwei Richtungen. Und jene, die ihnen halfen, indem sie das Lager zerstörten, nahmen einen guten Teil der Schafe und Kamele. Als Lohn, denn sie haben sie sogleich den Nachbarstämmen zum Kauf geboten. Vergeblich. Und so töteten sie die Tiere, die für sie nur Ballast waren. Dann flohen sie.“

„Aus Furcht vor der Rache der Haddedihn“, rief Halef. „Zu Recht! Sich zu Schandtaten verleiten zu lassen, für einen Lohn, der dann ausblieb. Dumm und töricht – doch dies schützt vor Strafe nicht.“

„Unser Bündnis mit den ringsum siedelnden Stämmen ist noch gefestigt worden. Sie verweigerten den Kauf der ihnen bekannten Tiere, und so erlassen wir ihnen für eine Weile den Tribut. Auch haben sie sich bereit erklärt, die Banditen zu jagen, damit wir uns ganz der Befreiung unserer Stammestöchter widmen können.“

„Das wird meine Aufgabe sein. Und die meiner Freunde! Doch nun möchte ich Amscha sehen und Kara Ben Halef!“

Malek wies den Weg und wir folgten ihm, obgleich wir doch wussten, wo das Zelt von Halefs Familie stand. Ich erkannte ringsum, dass doch noch nicht alle Spuren des Überfalls verwischt waren. Auf dem Grund sah man deutliche Brandflecke und aufgewühlte Erde, in den Zeltbahnen bemerkte ich die Löcher, welche Flintenkugeln gerissen hatten. Der Angriff musste heftiger gewesen sein, als die Haddedihn sich wollten anmerken lassen. Ich sah die geröteten Augen der Witwen und Waisen. Und würde ich den Duar verlassen, fände ich im Umkreis sicher mehr als eine Handvoll frischer Gräber. Ob jene Beduinen, die ich namentlich oder vom Ansehen her kannte, nun aber nicht erblickte, bei den Herden waren oder auf Kauffahrt in die Städte oder auf der Jagd nach den Verbrechern – oder eben in ihrer letzten Ruhestatt weilten, vermochte ich nicht zu sagen. Wohl aber bemerkte ich den Zorn in den Blicken, der sich in Hoffnung wandelte, als sie meine Freunde und mich erkannten: Die Haddedihn vertrauten darauf, dass wir würden helfen und retten und rächen können.

Wir näherten uns Halefs Zelt, welches wir in jenem Schreckensbild des Spiegelsteins so verwüstet gesehen hatten, mit der verwundeten Amscha auf dem Lager. Halef schaute bang, und auch ich vermischte vor meinem geistigen Auge das Geschaute mit dem, was uns wohl erwarten würde.

Dann aber zeigte Malek auf ein wiedererrichtetes Zelt nebenan, und dies war jenes von Amscha, welches man ihren Witwensitz hätte nennen mögen – wäre der Vater ihrer Kinder ein ehrbarer Ehemann und nicht der scheußliche Schurke Abu Seif gewesen und ehrenvoll gestorben und nicht wegen seiner schändlichen Taten gerichtet worden. Amscha hatte danach nie geheiratet.

„Amscha ist dort drinnen“, sagte Malek. „Sie wird euch gleich empfangen. Aber Halef soll zunächst seinen Sohn sehen.“

Er zog die Zeltbahn beiseite und wir sahen das Innere wiederhergerichtet, und auf einem Lager schlummerte der kleine Kara Ben Halef, bewacht von einer jungen Beduinin, die ihm mit einem Tuch die Stirn kühlte.

Halef trat auf den Teppich mit sachten, bedachten Schritten, die ihm sichtliche Mühe bereiteten. Doch er wollte durch jene Zurückhaltung sowohl sein Gesicht wahren als auch den schlafenden Jungen nicht wecken.

„Ist er krank?“, fragte er mit trockener Stimme.

Die junge Frau schüttelte den Kopf. „Nicht am Leib, sondern vor Sorge über seine Mutter und Tante. Aber er ist stark, und es wird helfen, dass sein Vater nun bei ihm ist.“

Sie erhob sich und bot Halef ihren Platz am Lager des Jungen an, dann verließ sie das Zelt. Halef setzte sich nieder und hatte nur noch Augen für Kara, weswegen Malek die Zeltbahn sinken ließ.

„Lassen wir ihm diesen Augenblick.“

Ich nickte und wollte ein sanftes Wort an den Urgroßvater richten, das von der Sorge ablenkte. „Malek, ich bemerkte ein Bündel in der Armbeuge von Kara. Es sah wie – eine Puppe aus?“

Malek lächelte. „Es ist ein Tier aus Tuch, ausgestopft mit Haaren. Djamila hat es ihm geschenkt und wohl auch selbst verfertigt. Sie sagt, dass es ihm Mut und Kraft geben würde, wann immer er übel träumt.“

Ich nickte angetan. „Eine schöne Gabe.“

Malek wiegte den Kopf. „Nun, ich weiß nicht, ob es ihm nicht überhaupt erst üble Träume bereitet. Ich dachte zunächst, es solle ein Kamel sein, bis ich den unpassenden Kopf und den Schwanz bemerkte. Von Löwe und Schlange. Was soll dies nur darstellen?“

Ich wechselte einen Blick mit Haschim, dem Verwunderung im Gesicht geschrieben stand. Djamila hatte Kara das Ebenbild eines Mantikors geschenkt, jenes Ungetüms, welchem wir unter Al-Kadirs Festung begegnet waren. Das Mädchen hatte wahrhaft eigentümliche Ansichten, was als Spielzeg und Talisman für einen jungen Bedu geeignet war.

„Nun“, meinte Malek, „aber meine jüngere Enkeltochter ist ohnehin etwas Besonderes. Sie hat gewisse – Grillen im Kopf.“

„Das kann ich mir vorstellen“, erwiderte ich.

Nein, nicht nur vorstellen: Ich hatte dies ja selbst erlebt und wusste nur zu gut, was Malek meinte.

Er wiegte den Kopf. „Aber selbst ich gebe ihr dann und wann gern nach.“

„Inwiefern?“

„Sie meinte, der weiße Bart würde mich älter machen, als ich bin, und so empfahl sie mir, ihn zu färben mit einer Mischung aus …“

Halef schlug die Zeltbahn zurück und trat wieder zu uns. „Ich wollte Kara nicht wecken. Es tat mir wohl, ihn zu sehen, da es ihm doch gut geht. Jetzt will ich ans Krankenlager von Mutter Amscha.“

Malek strich sich über den glänzenden dunklen Bart. „Es wird dir ebenso wohltun, Amscha zu sehen …“

Er wies auf das Zelt und wir gingen hinein, wobei wir uns an die Bilder erinnerten, die Amscha reglos auf ihrem Lager gezeigt hatten. Was bedeutete es, dass sie nun wieder in ihrem eigenen Zelt war – etwa, weil sie dort …

Amscha lag nicht mehr auf Matten und Kissen, sondern saß auf einem geschnürten Ballen in der Mitte des Zeltes – gleichwohl reglos. Rings um sie sah ich Bündel und Beutel, wie bereitgelegtes Reisegepäck. Und neben und vor ihr lagen Waffen, wie sie die Beduinenkrieger tragen: ein Yatagan, also ein leichter Säbel, wie ihn auch Halef wohl zu führen wusste, dazu auch ein Sarras, eine schwere Ausführung jener gebogenen Klinge. Dann ein Tüfenk, eine prächtig mit Einlegearbeiten geschmückte, wenngleich etwas altmodische Flinte, und ein Dscherid, der Wurfspeer, der auch als Stoßlanze dienen konnte. Auch zwei Tabandschab, einschüssige Pistolen, in bestickten Hüllen waren dabei.

Amscha trug nicht mehr die blutbefleckte Kleidung, in der wir sie gesehen hatten und die aus dem hellen Stoff bestand, aus dem die Alltagskleider der Beduinenfrauen gewirkt sind. Nun trug sie das Gewand eines Beduinenkriegers, gegürtet, um die Klingen und die Kugeln für die Feuerwaffen aufzunehmen, und die Hosen steckten straff in den geölten Stiefeln.

Die Kriegerin blickte uns an.

Ihre Augen waren dunkel, von den Fältchen des mittleren Alters umstrahlt, doch schauten sie fest und brennend. Ihre Züge waren ruhig und gefasst. Ich erkannte, dass die Jahre des glücklichen Familienlebens die Spuren der Strapazen und Entbehrungen, welche Amschas Gesicht bei unserer ersten Begegnung nahe Dschidda getragen hatte, durchaus gemildert hatten. So erkannte ich noch deutlicher die Ähnlichkeit mit ihrer Tochter Hanneh, Halefs Ehefrau, und diese mochte in zwei Jahrzehnten ebenso erscheinen – wenngleich ihr gewiss jener Anflug von Härte abgehen würde, den Amscha wegen ihres Schicksals in den Händen Abu Seifs besaß. Jetzt aber, als Halef ihr entgegentrat, schaute sie gütig und glücklich. Sie erhob sich – und für einen Herzschlag erkannte ich das Zucken körperlichen Schmerzes, der wohl von den frischen Verletzungen herrührte, die unter Bandagen und Kleidung verborgen waren. Amscha stand jedoch aufrecht, als litte sie nicht, und streckte die Arme nach Halef aus.

„Mein Sohn“, sagte sie gelöst, „du bist hergeeilt. Ich sandte dir in Gedanken eine Botschaft. Du hast sie erhört. Nun können wir Rache nehmen.“

„Aber Mutter“, begann Halef, „du musst dich schonen. Wir wissen um deine Wunden …“

„Jene des Körpers heilen von selbst. Doch wenn ich untätig bleibe, werden die Wunden des Geistes ewig offen bleiben. Deshalb habe ich mich gerüstet, und nur auf dich und die Deinen gewartet.“

Sie richtete den Blick auf mich. „Nun, Kara Ben Nemsi, du schaust, als würdest du mich erneut für einen Mann halten, wie damals, als wir uns das erste Mal trafen?“

„Nein, Bint-Scheik-Malek – Tochter des Scheiks“, entgegnete ich und erlaubte mir ein ebensolches leises Spiel der Mundwinkel wie Amscha selbst. „Damals war ich es noch nicht gewohnt, in diesen Landen Frauen zu treffen wie dich. Ich habe seitdem viel erlebt und gelernt. Vor allem, dass die Dinge sich ändern.“

„Es bleiben manche Dinge aber auch gleich. Du siehst meine Waffen und weißt, dass ich an sie mehr glaube als an anderes – wenn die Zeiten es erfordern. Deshalb habe ich gewartet, bis Halef mit dir eintraf, denn ich brauche dich und deine Waffen für meine Intikam, die Rache gegen die Entführer meiner Töchter und die Mörder meiner Stammeskinder.“

„Ich sagte dir schon damals vor Dschidda, dass ich keine Blutfehde aufnehmen werde. Die Verbrecher werden durch das Gesetz gerichtet, nicht durch mich.“

„Und doch sprachst du damals, dass du einen Feind in Notwehr töten würdest. Wenn wir den Entführern erst gegenüberstehen, werden sie sich wehren, uns töten wollen – und dann werden wir es mit Gleichem vergelten.“

„Damals sprachen wir von Abu Seif, der dich entführt hatte. Und ich möchte erinnern, dass er dies auch mit Halef und mir tat. Wir hatten allesamt gerechten Zorn gegen ihn und Drang nach Vergeltung, du noch mehr wegen seiner weiteren Taten. Wir kannten also das Ziel unserer Rache.“ Ich wies nach draußen. „Aber nun wissen wir nicht, wer …“

Ich zögerte. Ich hatte mich in eine unangenehme Lage argumentiert. Hätte ich doch nur bereits Halef und den anderen meinen Verdacht geäußert, dass es wohl die Sklavenhändler aus Dauha waren, die Nachfolger Abu Kurbatschs, welche die Haddedihn überfallen und die Töchter Amschas geraubt hatten.

Wie konnte ich dies nun enthüllen, ohne die Empörung meiner Freunde auf mich zu ziehen? Würden sie es mir nachsehen, dass ich zuvor im Zweifel war und sie vor Schmerz und Unbedacht hatte schützen wollen – weil ich doch selbst voller Schmerz gewesen war?

Amscha nahm meine Geste auf und deutete aus dem Zelt hinaus. „Wir wissen es wohl. Ich weiß es wohl. Ich habe mit dem Anführer gefochten, als er mit seinen drei Banditen in das Zelt kam, während die anderen draußen das Lager verheerten und die Bedu töteten und das Vieh stahlen. Er dachte wohl, er könne meine Töchter leicht rauben, weil nur die alte Mutter bei ihnen war!“

Amscha reckte sich und zeigte auf ihre Waffen, als sie zornig weitersprach. „Wären wir doch nur in meinem Zelt gewesen und nicht in dem dort drüben. So hatte ich keine große Klinge, sondern nur ein Messer. Aber ich konnte dem Elenden einen tiefen Schnitt an der großen Nase setzen!“ Sie lachte höhnisch auf. „Wäre er doch nur noch tiefer gegangen!“ Dann wurde sie ernst. „Doch dann wurde ich hinterrücks niedergeschlagen. Feige und tückisch. Ich war darauf lange Zeit ohne Besinnung.“ Sie hob die Hand zum Hinterkopf. „Ich weiß nicht, was mich traf, und ich habe auch keine Wunde dort, nur jene aus dem Kampf.“

Die Verwunderung Amschas war meine Bestätigung. Ich warf einen Blick aus dem Augenwinkel zu Haschim, der diesen nicht bemerkte, aber gleichsam wissend schaute.

Amscha ballte die Fäuste. „Djamila wollte sich ebenfalls wehren, aber sie hat man wohl noch vor mir betäubt …“ Sie ließ den Kopf kurz sinken und richtete sich gleich wieder auf. „Es ging zu rasch. Und war sicherlich genau geplant.“

„Gewiss“, rief Halef, „Schurken planen ihre Raubzüge stets, wenn sie auf Vieh und Frauen aus sind!“

„Mein Sohn“, begann Amscha streng, „diese haben wohl unser aller Vieh gestohlen. Aber warum, glaubst du, nur meine beiden Töchter und damit auch deine Frau?“

„Ist das so?“, fragte ich, rascher als Halef es vermochte.

„Allerdings“, meinte Amscha finster. „Sie betraten das Zelt – ohne dass sie im Lager bemerkt worden wären.“ Amscha schaute kurz zu ihrem Vater Malek, der tief atmete – ob wegen der schmerzlichen Erinnerung an den Angriff und die Entführung oder wegen jenes Fehlverhaltens der Wachen. Amscha sprach weiter.

„Ich war empört, dass diese Fremden in unser Zelt kamen. Doch sie fragten kühl, wenngleich sie es zu wissen schienen, ob wir die Weiber des Halef seien.“ In Amschas Augen loderte es auf. „Meine Miene muss ihnen Antwort genug gewesen sein, denn sogleich drangen sie auf uns ein – und im gleichen Herzschlag brach draußen der Tumult los. Ohne dass sie ein Signal gegeben hätten. Als hätten die beiden Gruppen jeweils Uhren verwendet, wie die Menschen aus dem Abendland, um den bestimmten Zeitpunkt zu nutzen.“

Ich nahm ihre Worte nicht als Vorwurf. Zumal ich nun wusste, dass hier keine Mechanik am Werk gewesen war.

„Und als ich mit dem Anführer kämpfte, lächelte er mich an und höhnte, mich würde er nicht mitnehmen und auch nicht töten, denn ich solle Halef sagen …“ Sie schaute Halef zornig an, und ich wusste nicht, ob sie den Anführer der Banditen allzu gut nachahmte oder ob sie Halef etwa selbst zürnte. „Suche deine Frauen, Halef von den Haddedihn. Wir haben sie gestohlen, wie du unsere gestohlen hast. Jetzt suche und finde die deinen, so wie wir sie gesucht und gefunden haben.“ Dann wurde Amscha ruhig und kühl: „Halef, was hast du getan, das diese Männer zu solchen – Spielen treibt?“

„O Mutter“, rief Halef, „schelte mich nicht! Die Schurken verdrehen die Ereignisse! Wir haben in Dauha Sklavinnen befreit – und wir halfen dabei einer Frau, die selbst einst gefangen war! So wie du von Abu Seif. Wir halfen ihr gewissermaßen bei einer Intikam und …“ Halef wandte sich um und starrte mich an. „Sihdi! Die Banditen – sind die Sklavenhändler! Dies ist die Rache von Abu Kurbatsch – aus dem Totenreich!“

„Ja, Halef“, nickte ich betrübt und beschämt. „Ich weiß.“

Drittes Kapitel
Ein Schwur unter Kriegern

Halef stutzte. „Du weißt, Sihdi? Heißt das, du weißt es, weil ich es soeben ausgesprochen habe oder weil du es bereits geahnt hast?“

„Ich ahnte es, und nicht allein seit jener Schänke, wo ich mit dem Mann sprach, der uns das Brot brachte. Ich fürchtete es bereits seit Dauha, als du mir von deinen unbedachten Worten gegenüber Abu Kurbatsch berichtet hast, ohne deinen Fehler zu erkennen. Doch da war es bereits zu spät.“

Jetzt erst begriff Halef und schlug die Hand vor den Mund, als er sich erinnerte. Er holte Luft, um zu Worten des Bedauerns anzusetzen, als Amscha ihn an der Schulter griff und zu sich herumdrehte.

„Was hast du getan?“, fragte sie scharf. „Du hast zu verantworten, dass die Verbrecher meine Töchter entführt haben?“

„Mutter, ich …“, stammelte Halef. Doch dann wurde er von Malek unterbrochen.

„Halef“, sagte er mit tiefer Stimme. „Durch dich haben die Haddedihn tapfere Männer und wertvolles Vieh verloren. Dafür wird Amad el Ghandur dich nicht allein deines Sitzes im Stammesrat entheben müssen, sondern dich auch des Stammes verweisen.“

Halef stand wie erstarrt. Auch mich ergriff das Entsetzen, wenngleich ich sehr wohl um die Zwangsläufigkeit dieser Entscheidung wusste.

„Aber“, fügte Malek an, „es ist mir unmöglich, allein als Haddedihn zu denken. Es geht hier auch um meine Familie, zu der du, Halef, unauslöschlich gehörst. Ich werde mit schwerem Herzen die Familie vor den Stamm setzen und deine Schuld dem Scheik nicht sogleich enthüllen. Du wirst meine Enkeltöchter wohlbehalten zurück in den Schoß des Stammes und der Familie bringen. Dann erst wird das Stammesgericht über dich befinden. Meine Stimme hat Gewicht und ich werde dir wieder gewogen sein, wenn du mich wieder mit meinen Kindeskindern vereint hast.“

Halef nickte schwach. „Hab Dank, Vater. Du bist gerecht, selbst einem Sünder wie mir gegenüber.“

Malek schaute zu Amscha, die noch immer zornig auf Halef blickte. „Meine Tochter, ich war noch vor wenigen Herzschlägen nicht dazu bereit, dir diesen Rachezug zu erlauben. Ich hätte gefordert, dass du bei deinem Enkel und meinem Urenkel Kara verbleibst, solange seine Mutter, deine Tochter, meine Enkelin, in den Händen der Entführer ist. Auch sorgte ich mich um deine Wunden. Denn sollte Allah mich auf die schwerste aller Arten prüfen wollen, so hätte ich am Ende alle meine Töchter und Tochterstöchter verloren. Doch nun will ich deinem Wunsch und Willen nachgeben. Damit du neben dem Leben deiner Töchter auch die Ehre von Halef retten kannst.“

„Hab Dank, Vater“, presste Amscha zwischen den Lippen hervor. „Ich werde tun, was mir möglich ist. Aber hier und jetzt schwöre ich, dass ich meinen Schwiegersohn Halef als Fremden und Feind ansehen werde, sollten Hanneh und Djamila zu Schaden kommen. Wenn er dann aus dem Stamm verstoßen würde, spräche ich eine Intikam gegen ihn aus.“

Halef trat einen entsetzten Schritt von Amscha zurück.

Doch diese beachtete ihn nicht mehr, sondern fasste mich ins Auge. „Und du, Kara Ben Nemsi, der du der Herr meines törichten Schwiegersohnes bist und ihn nicht vor jener größten aller Torheiten bewahrt hast, die er durch seine Prahlsucht und sein Mundwerk verursachte, auch dich, Kara Ben Nemsi, werde ich mit Blutrache belegen, wenn meine Töchter zu Schaden kommen.“

Dann trat sie mir entgegen und streckte die Hand aus. „Doch zuvor lass uns einen Pakt schließen. Du schwörst mir bei deinem Namen, der auch der Name meines Enkelsohnes ist, dass du alles daransetzt, damit ich meine Blutrache nicht aussprechen muss, denn ich weiß ja, dass du diese nicht schätzt.“

Ich ergriff ihre Hand. Ich musste nicht spitzfindig ihre Argumente zerpflücken, weder in Worten noch Gedanken. „Das schwöre ich.“

„Das ist gut“, sagte sie und hielt meine Hand fest. „Und da ich dich und deine Waffen brauche, um meine Töchter zu retten, will ich nun, dass du meine Worte über Blutrache vergisst.“ Sie warf einen knappen Blick zu Halef und schaute dann wieder mich an. „So wie auch Halef. Ihr sollt mir nicht mit Furcht begegnen und nur aus solcher heraus meine Töchter retten, sondern weil ihr es selbst wollt – woran ich keinen Zweifel habe!“

„So sei es“, bekräftigte ich. Und endlich entließ Amscha meine Finger aus ihrem Griff, der mich so hart umfangen hatte, dass ich wahrhaftig überrascht war. Diese Frau wollte man nicht zur Feindin haben.

Während dieser Szene hatte Sir David mit halb geöffnetem Mund dagestanden und von einer Person zur anderen geblickt. Er konnte wohl kaum fassen, was er da an orientalischem Gerechtigkeitsempfinden und Schwüren erlebt hatte. Er schien mir ein wenig grau im Gesicht geworden sein, doch das mochte auch am Widerschein seiner Kleidung liegen, hier im sonnenhell durchfluteten Zelt der Amscha. Er räusperte sich und verkündete dann feierlich, wenn auch wohl etwas zögernd:

„Edle Lady Amscha, seid versichert, dass auch ich meinem Freund Kara beistehen werde, ebenso meinem Freund Halef, dass Eure beiden Töchter, von denen ich ja besonders Miss Djamila kennen und schätzen gelernt habe, wohlbehalten …“

Amscha lachte, kehlig zwar, aber nicht spöttisch, sondern dankbar. „O edler Ingles, sprich nicht weiter, ich glaube dir auch ohne viele schöne Worte, denen ich Taten vorziehe. Und deine Taten kenne ich, seit du damals an Kara Ben Nemsis Seite im Tal der Stufen gefochten hast, um die Feinde der Haddedihn zu besiegen.“

„Ja gewiss“, gab Sir David zurück und zählte die Namen der Stämme an den Fingern ab, wobei er einmal die Hand wechseln musste, denn die andere war seit jenem Schicksalskampf ja nicht mehr vollständig. „Die ruhmreiche Schlacht zwischen den Haddedihn, den Abu Mohammed und den Alabeide auf der einen Seite gegen die Abu Hammed, Dschowari und Obeide auf der anderen. Ein glorioses und erfreulicherweise blutloses Ringen, von dem die Nachfahren noch lange singen werden!“

Ich musste Sir David einigermaßen erstaunt angeblickt haben, denn er räusperte sich erneut und nickte nur knapp, worauf er sich verbeugte. „Ich stehe zur Verfügung, Mylady Amscha Bint Scheik Malek.“ Er räusperte sich zum dritten Mal. „Ja, nun. Dann sollten wir wohl aufbrechen, zur Verbrecherjagd – wenn die Schurken wollen, dass wir sie verfolgen und suchen, wenn sie so eine wild goose chase verlangen, ich habe in den schottischen Hochmooren schon genug geflügeltes Getier aufgespürt und zur Strecke gebracht, o ja!“

Dann rammte er die Fäuste in die Seitentaschen seiner Jacke und stand da, während er vor sich hin nickte.

Was war nur in den Lord gefahren, der sich sonst doch so souverän und streng gab? Weitere Überlegungen dazu unterbrach nun aber Haschim, der das Wort ergriff.

„Auch ich stehe an der Seite von Kara Ben Nemsi und dem Hadschi Halef. Und ich glaube, dass ich nicht allein durch Kampfeskraft dazu beitragen kann, die Sklavenhändler zu finden, zu fassen und zu strafen. Ich denke, dass auch meine bescheidenen Kenntnisse anderer Art hierbei helfen werden.“ Er warf mir einen wissenden Blick zu, doch bevor die anderen Anwesenden hätten rätseln können, sprach Haschim weiter: „Schließlich haben die Sklavenhändler in allen großen Städten ihre geheimen Anlaufpunkte, die ich als Reisender und Forschender in den Belangen von Wissen und Weisheit durchaus in Erfahrung bringen kann, weil ich Menschen kenne, die sich mit Verborgenem aller Art befassen.“ Er hob die Hand. „Aber ich möchte die Worte des Lord Lindsay aufgreifen. Wir sollten aufbrechen. Wenn Kara Ben Nemsi die Berichte der Haddedihn über den Angriff gehört und als erfahrener Spurenleser den Grund betrachtet hat, werden wir die Richtung wissen, in der wir suchen müssen.“

Alle Versammelten schienen froh, dass die Zeit der Schwüre, gar Drohungen und Eingeständnisse vorüber war und wir zur Tat schreiten wollten.

„Ja“, sagte ich, „es wird schwierig sein, sich zu entscheiden, welche der Spuren wir verfolgen sollen, die von den in viele Gruppen aufgeteilten Schurken hinterlassen wurden. Aber da den Haddedihn überlassen sein mag, die gedungenen Brandschatzer und Viehschlächter zu verfolgen …“

„Was bereits unternommen wurde, Kara Ben Nemsi“, warf Malek ein wenig streng ein.

„… so glaube ich doch“, fuhr ich fort, „dass die Entführer sich gewiss nicht nach Süden begeben haben, von wo sie gekommen sind. Das wäre zu einfach, da sie ja wissen, dass wir wissen, wer sie sind.“

„O Sihdi“, meldete Halef sich nach seinem langen, betretenen Schweigen wieder zu Wort, und man hörte an seiner Stimme, dass er erleichtert war, sich in gewohnten Planungen der Verbrecherjagd zu befinden. „Aber was, wenn sie genau dies bedacht haben? Und sie so denken wie du? Dann sind doch wieder alle vier Himmelsrichtungen möglich.“

Sir David räusperte sich und begann eifrig aufzuzählen: „Und die vier dazwischen und die vier und vier weiteren Unterteilungen der Windrose, also insgesamt …“

„Lord“, unterbrach Haschim ihn sanft, „wie wäre es, wenn wir die Erwägung der Richtungen unter freiem Himmel unternehmen würden? Es ist doch recht warm und stickig hier drinnen, und wir brauchen einen kühlen Kopf.“

„Ja gewiss, Scheik, eine vortreffliche Idee. Und ich kann Lady Amscha dabei helfen, ihr Gepäck nach draußen zu befördern, wenn es ihr denn genehm ist …“

Amscha schaute den Lord mit ungerührter Miene an, wies dann aber auf die Bündel am Boden. „Meine Waffen trage ich selbst“, bemerkte sie. Dann schaute sie in die Runde. „Welche Reittiere sollen wir nutzen? Pferde oder Dschemmel? Es hinge von der Richtung ab, und durch welche Landschaft uns die Verfolgungsjagd führt.“

Haschim öffnete die Hände. „Falls wir Pferde benötigen, werde ich die Haddedihn um einige ihrer prächtigen Tiere bitten. Ich stelle meine Meharis gern als Pfand zur Verfügung. Und ich werde Nachricht zu meiner Heimstatt senden, dass an einem geeigneten Punkt der Reise meine Stute Risha als mein Reittier bereitsteht, und das Ross der Haddedihn zurückerstatten. Dann soll das betreffende Mehari als Gabe bei diesen verbleiben.“

„Eine edle Gabe“, nickte Malek.

„Meine Hilfe gebe ich noch einmal so gern.“

Ich wandte mich an Malek, mit einer Frage, die ich aus Anstand bislang zurückgehalten hatte, die mir aber nun angebracht schien. „Ich würde bei der Entscheidung für Pferde dann um meinen Hengst Rih bitten, den ich der Obhut der Haddedihn anvertraut hatte.“

Malek nickte. „Ich spüre deine Sorge. Aber Rih ist wohlauf. Er war bei dem Überfall unter den Pferden, die außerhalb des Lagers standen. Kara Ben Halef saß in seinem Sattel.“

„Der Gedanke erfreut mich“, gab ich zurück.

„Gehen wir“, sagte Malek und öffnete den Verschlag des Zelteingangs.

Draußen bat Malek uns zum Willkommensmahl oder doch eher einem schmucklosen Imbiss, um uns nach dem Ritt der letzten Wegstrecke zum Duar der Haddedihn wieder zu Kräften kommen zu lassen. Es war nicht die Zeit noch der Anlass, unser Wiedersehen nach alter Sitte zu feiern, in diesen schweren Stunden. Zumal das Willkommensmahl auch ein Abschiedsmahl sein würde, vielmehr eine Stärkung wie am Vorabend eines Feldzugs. Wir würden kurz rasten und dann nach Spurensuche und Erwägung eines Plans zur Verfolgung der Entführer aufbrechen.

In diesen kurzen Stunden nahm Amscha mich beiseite, als Halef bei seinem Söhnchen Kara weilte.

Sie schaute mich mit etwas müden Augen an. „Verzeih, dass ich dich so hart angegangen bin. Auch dauern mich meine Worte gegenüber Halef. Aber ich war so voll Zorn über die Schandtaten der Verbrecher – und als ich zudem noch erfuhr, dass Halef …“

„Ich verstehe dich“, gab ich sanft zurück. „Wenn ich auch weiß: Nie könnte ich je deine Gefühle nachempfinden. Doch auch Halef leidet sehr. Wegen der Entführung, des Überfalls und seiner Worte in Dauha, die dazu führten. Du siehst, auch wenn du stets auf Waffen geschworen hast, dass Worte nicht minder verletzen können. Auch die deinen.“

„Das weiß ich wohl. Ich musste so sprechen, weil mein Vater zugegen war. Er hätte mir, wie er zugab, nicht erlaubt, den Rachezug zu unternehmen. Er empfindet mir gegenüber noch immer, als sei ich ein Kind.“

„Du bist sein Kind.“

„Ich bin seine Tochter. Die Bint-Scheik-Malek. Nicht das Tifil-Scheik-Malek. Dennoch will er über mich bestimmen, als sei ich kaum der Mutter entwöhnt.“

„Er sieht sich noch immer als der Beschützer, als der Mann, der …“

„Weil ich keinen Ehemann genommen habe, der mich beschützt? Nein: der über mich bestimmt!“ Sie verzog das Gesicht. „Wie hätte ich dies tun wollen, nach dem, was …“

Sie sprach Abu Seifs Namen in einer Abwandlung aus, die ihn als scheußlichen Fluch erklingen ließ, was ich hier unmöglich wiedergeben kann.

„Aber nun“, sprach Amscha weiter und da begannen ihre Augen wieder zu brennen, „nun kann ich wahrlich Rache nehmen. Halef ist mir damals zuvorgekommen, als er den elenden Piraten erstach, der mich entführt und geschändet hatte.“

Sie sprach das Wort emotionslos aus. Sie hatte all dies über die Jahre dadurch ertragen, dass aus dem Verbrechen Abu Seifs ihre beiden Töchter Hanneh und Djamila hervorgegangen waren. Doch nun brach der gerechte Zorn aus ihr hervor.

„Wenn die Entführer Sklavenhändler sind, wie du sagst, dann sind sie Piraten oder stehen mit solchen im Bunde. Sie werden stellvertretend meine Rache erleiden. Nicht um meinetwillen, sondern wegen meiner Töchter.“ Sie musterte mich. „Ich sehe, dass du mich nicht schelten willst, obwohl ich jenes Auge-um-Auge fordere, das in dem heiligen Buch steht, welches dem der Christen und dem der Muslime voranging, wie ich hörte.“

„Ich bleibe dabei, dass die Gerechtigkeit die Verbrecher richten wird, und nicht unsere eigenen Hände.“

„Außer, es kommt zum Kampf, bei dem wir uns mit unseren Händen verteidigen müssen. Das waren einst deine Worte.“

„Sie sind es noch immer.“

„Es wird zu diesem Kampf kommen, Kara Ben Nemsi. Nicht weil ich ihn will oder fordern werde, sondern weil die Schurken ihn beginnen werden, denn so ist ihr Wesen und ihr Schicksal.“

„So sei es, Amscha, Mutter von Hanneh und Djamila. Mein Schwur gilt.“

„Dann lass uns zur Nacht speisen. Worte allein geben keine Kraft zum Kampf.“

Ihr Blick war dann doch mütterlicher als ihre harschen Worte zuvor.

Ich suchte Halef, denn ich hatte ihn seit dem Wortwechsel in Amschas Zelt nicht mehr gesprochen. Gewiss war er bei der vorigen Mahlzeit zugegen gewesen und auch bei den Planungen und Erwägungen zur Verbrecherjagd, doch ich hatte seitdem nicht persönlich mit ihm reden können. Ich fragte nacheinander bei einigen Beduinen, ob sie denn wüssten, wo der Hadschi Halef sich im Duar aufhalten würde, und neben der Antwort erhielt ich aufgrund ihres Verhaltens auch die Bestätigung, dass Malek niemandem von Halefs Verfehlung berichtet hatte, selbst Amad el Ghandur nicht, denn gewiss hätte es auch dort neugierige Diener oder Dienerinnen gegeben, die inzwischen geschwatzt oder die empörende, verschreckende Kunde weitergegeben hätten. Ich verstand also nur zu gut, dass Halef sich zurückgezogen hatte, denn er befürchtete wohl ebensolches Reden, welches vielleicht in Vorwürfen, gar in Tätlichkeiten geendet hätte. Die Haddedihn sind wie alle Beduinen sanft, edel und ehrbar, doch wenn es eben um diese Ehre geht und um das Wohlergehen des Stammes, können sie recht ruppig werden.

Ich fand Halef, seltsam genug, in jenem Zelt, das den Beduinenkindern als Schule diente, weil dort der deutsche Lehrer Lohse sie in allerlei westlichen und auch orientalischen Dingen unterrichtete. Ich hatte ihn einst den Haddedihn empfohlen, als ihre Scheiks sich entschlossen, im Hinblick auf die Zukunft ihre Kinder klug zu machen. Nun, es mochte auch Halefs Wort gewesen sein, das den Ausschlag gab, indem er ja oft über seinen Sihdi gesprochen hatte und ich selbst im Stamm wohlgelitten war, seit ich durch mein Mitkämpfen den Frieden gebracht hatte.

Mir fiel auf, dass ich Lohse an diesem Tag noch nicht gesehen hatte. Ich kannte ihn kaum. Seine Entsendung aus Deutschland zu den Haddedihn war über ein Lehrerseminar erfolgt, von dem ich Kenntnis hatte, sowie über Kontakte zum Ministerium des Auswärtigen, dem Diplomatischen Dienst und dergleichen. Ich wusste aber, dass Lohse sich souverän und klug seiner Aufgabe gestellt hatte, von den Haddedihn liebgewonnen und geschätzt wurde, und so machte ich mir keine Sorgen. Zum ersten und bislang letzten Mal hatte ich ihn persönlich getroffen, als wir mit Djamila zu den Haddedihn heimgekehrt waren. Aber bei der großen Feier zu Ehren der wiedergefundenen Tochter und Enkelin war mir keine Gelegenheit für mehr als einen kurzen Plausch unter Landsleuten geblieben. Und am darauffolgenden Tag hatten Halef und ich uns bereits auf den Weg nach Istanbul gemacht, um von dort aus unseren Kampf gegen den geflohenen Al-Kadir und den wiedererstandenen Schut aufzunehmen.

Lohse war mir also so gut wie unbekannt, doch ich hatte von Halef so einiges von ihm gehört, wenngleich eher durch die gelegentlichen Zitate, die mein kleiner Freund aus dem dargebotenen Unterrichtsstoff dann und wann und zu meiner steten und überraschten Verwunderung anbrachte. Denn es war so, dass Halef es sich zur hoheitlichen Aufgabe gemacht hatte, wann immer er im Lager der Haddedihn zugegen war, den Unterricht des Lehrers Lohse zu überwachen, wie er es stets nannte, damit den Stammeskindern kein Unfug erzählt würde. Halef saß also still im Hintergrund und lauschte den Ausführungen – doch, wie ich es verstand, weniger streng und wachend, als vielmehr aufgeweckt und interessiert. Ich glaube ja, er wollte seinem Sihdi in dem, was man Allgemeinbildung nennt, nicht allzu viel nachstehen, und ich will großmütig sein und ihm seine Bemühungen als erfolgreich bescheinigen.

Es schien mir somit verständlich, dass Halef sich an diesen jetzt so stillen Ort zurückgezogen hatte, denn die Kinder waren nicht zugegen, wie ja auch Lohse nicht. Für einen Herzschlag befürchtete ich, er sei vielleicht unter den Gefallenen des Angriffs, doch dies hätte man mir sicher vermeldet. Ich wusste aber, dass Lohse sich zu gewissen Zeiten auch einen Heimaturlaub gönnte, denn wie ein jeder weiß, brauchen auch die Lehrer ihre Ferien. Dies sei nicht als despektierlich verstanden. Ich kann mir trotz mangelnder Erfahrung – und das ist selten genug – durchaus vorstellen, dass die Arbeit mit Kindern wohl recht anstrengend ist, zumal wenn sich darunter auch eine Piratentochter wie Djamila befindet. Denn ich hatte gehört, dass auch diese an dem Unterricht teilnahm, selbst wenn sie in einem Alter war, wo sie der Ansicht des Stammes nach eher eine Familie gründen und den Haushalt besorgen sollte. Aber da sie auch die Tochter von Amscha war, sah man ihr dieses wenig traditionelle Verhalten wohl nach.

Wie ich so an die entführte Djamila und die ebenso entführte Hanneh dachte, leuchtete mir ein, warum Halef das Schulzelt als seinen Rückzugsort gewählt hatte. Das eigene, verlassene Familienzelt wäre wohl zu bedrückend gewesen.

Ich öffnete die Zeltbahn und sah tatsächlich Halef ohne Lampe dort sitzen, obgleich es dunkel geworden war. Die Schemen der Gegenstände ließen mich begreifen, dass das Schulzelt auch das Wohnzelt des Lehrers Lohse sein mochte, denn neben den orientalischen Kissen und Kästen erkannte ich tatsächlich ein Kathederpult, sowie einen Schreibsekretär samt Stuhl, daneben ein Feldbett. Allzu beduinisch wollte der Lehrer also doch nicht leben, aber ich beneidete ihn nicht darum, all diese sperrigen Möbel zu transportieren, wenn die Haddedihn herumzogen.

Halef saß auf einer der Bodenmatten und es mochte sein, dass dies sein üblicher Platz war, von dem er auch dem Unterricht lauschte, nein: ihn überwachte.

„Halef“, sagte ich sanft, „darf ich mich zu dir setzen?“

„Sicher, Sihdi“, antwortete er leise und zu meiner Erleichterung ohne Groll in der Stimme, denn er mochte mir vielleicht gram sein, weil ich ihn nicht schon in der Schenke gewarnt hatte und ihm dann gegenüber Amscha und Malek besser hätte beistehen können.

Ich ließ mich nieder. „Das ist also das Zelt der Lehren“, bemerkte ich, um etwas zu sagen, das nicht mit den schrecklichen Ereignissen und unschönen Geschehnissen zu tun hatte, und nutzte dabei den Begriff, welchen auch die Haddedihn verwendeten.

„Ja, Sihdi, und du fragst dich sicher, warum ich hier sitze.“

„Weil es hier ruhig ist.“

„Ruhig ist es auch andernorts im Duar, und leider auch, weil dort tatsächlich Totenstille herrscht. Wir können froh sein, dass die Klagezeit und die Begräbnisse vorüber sind, sonst würde ich es kaum ertragen.“

„Es ist doch nicht …“ Welch dummes, unbedachtes Floskelwort!

„Doch, es ist meine Schuld, Sihdi!“

„Dann ist es die meine nicht minder, denn ich bin dein Freund.“

„Du hättest besser mein Herr und Lehrer sein sollen“, befand Halef zerknirscht, „und mir beizeiten mein loses Mundwerk und die Prahlsucht austreiben. Dann hätte ich nicht so dumm dahergeredet gegenüber Abu Kurbatsch.“

„Quäle dich nicht, Halef! Wer hätte ahnen können, dass der Besinnungslose es hat hören können. Oder ein verborgener Lauscher, von denen es allerorten doch so viele gibt – das weißt du so gut wie ich. Und wir wissen auch, dass es noch andere Wege gibt, Dinge zu erfahren. Jüngst haben wir es bei Haschim erlebt.“

Halef nickte. „Ohne die Magie des Spiegelsteins hätten wir erst viel später von dem Überfall erfahren – und vielleicht wären dann alle Spuren verweht und unverfolgbar.“

„Das nun glaube ich nicht – denn die Verbrecher wollen ja ein Spiel mit uns spielen. Sie wollen, dass wir sie verfolgen. Und sie werden uns wohl selbst Hinweise geben, um uns zu quälen.“

„Das gelingt ihnen bereits jetzt.“

„Ja, Halef, aber bedenke: Solange wir den Sklavenhändlern nicht gegenüberstehen, müssen wir uns nicht um Hanneh und Djamila sorgen. Wollten diese Schurken nur blutige Rache, so hätten sie die Deinen getötet und nicht entführt. Diese Männer wollen Genugtuung und Ersatz für ihren Verlust. Ich glaube, dass sie nach ihrem gemeinen Spiel auf einen schlichten Handel aus sind, denn sie sind doch Kaufleute, selbst wenn ihre Ware auf abscheuliche Weise aus Menschen besteht.“

„Aus Frauen, Sihdi. Aus weißen Frauen. Und aus diesem Grunde hoffe ich, dass der Stamm nicht erfährt, dass er von Sklavenhändlern überfallen wurde.“

„Weil den Haddedihn dann zu dem Verlust von Kriegern und Vieh auch noch die Schmach zuteilwürde, dass Beduinenfrauen am Sklavenmarkt keinen Wert haben und deswegen keine entführt wurden? Halef, verzeih mir, aber obwohl ich den Orient gut kenne, so ist mir manches doch noch immer fremd, und das sind einige Ausprägungen des Ehrbegriffs.“

„Das sagst du, Sihdi, als Europäer. Und ich verstehe das, weil ich von dir viel erfahren habe. Aber ich weiß, dass du auch verstehst, wie es mir mit der drohenden Blutrache und dem Ausstoß aus dem Stamm ergeht …“

„Das werden wir zu verhindern wissen, indem wir Djamila und Hanneh retten und den Stamm entschädigen. Aber nicht verhindern können werden wir das Gerede. Die Sklavenhändler haben sich zu den Haddedihn durchgefragt und dabei von Halef dem Mörder gesprochen. Dies wird bald hierher dringen, und …“

„Sihdi, ich möchte lieber als Mörder gelten, zumal an Sklavenhändlern, als dass ich als dummer Tölpel gelte, der seine Zunge nicht im Zaum hat und deshalb Schaden über die Seinen bringt!“

Ich fasste Halef bei der Schulter. „Wir werden alles richtigstellen und Weiteres vereiteln. Zunächst ist wichtig, dass wir Hanneh und Djamila retten. Und wir müssen klug sein und uns nicht von den Sklavenhändlern gängeln lassen. Wir müssen ihnen zuvorkommen, selbst auf ihre Spur kommen, ohne auf etwaige Hinweise zu warten. Sir David hat wohl Recht mit seinem Begriff von der wild goose chase, was übersetzt gar nicht die Pirsch auf wildes Geflügel meint, sondern Schnitzeljagd bedeutet. Das wiederum …“

„Ich weiß, Sihdi. Lehrer Lohse schwärmt davon. Schnitzel sind Schischkebab, nur ohne Spieß. Gebratene Fleischscheiben, aber nicht vom Hammel, sondern vom Schwein. Lohse ist ein guter Mann, aber eben doch ungläubig, was das Essen betrifft. Ich verstehe aber, warum ihr Germani lieber hinter gebratenem Fleisch herjagt als die Inglesi, die rohes Federvieh so schätzen, dass sie eine Verfolgungsjagd damit benennen.“

Ich wollte nun nicht ausführen, dass bei einer Schnitzeljagd statt Gebratenem doch eher Fetzen von Papier als Hinweise auf den Weg verstreut werden, denn Halef hätte es wohl für eine Eigentümlichkeit der papierversessenen und tintenklecksenden Deutschen als Volk der Dichter und Denker gehalten – was ja auch hierzulande manche als brotlose, oder eben fleischlose Kunst verstehen. Halef hatte es im Grunde begriffen und damit war ich zufrieden. Er hatte aber wieder den Lehrer Lohse angesprochen.

„Wo ist denn der Herr Lehrer, der hier lehrt und auch wohnt? Weißt du, ob er nach Deutschland gereist ist?“

„Aber Sihdi“, meinte Halef, fast ein wenig empört, „was glaubst du denn von deinem Landsmann! Der fährt doch nicht faul in die Sommerfrische. Er hat dieses Land und die Leute so liebgewonnen, dass er nicht nur hierbleibt, sondern auch fast schon ein Bedu geworden ist. Er vergräbt sich nicht wie ein Gelehrter in seinen Büchern.“

Halef deutete auf ein schiefes Regal, in dem etliche Bände standen und auch Bündel von Papier, anscheinend beschrieben. Der gute Mann arbeitete wohl an einem Buch oder Ähnlichem.

„Nein“, fuhr Halef fort, „er reitet auch mit den Pferden aus und begleitet den Verkauf von Wolle und dergleichen. Er ist sehr geschickt, wenn es mal um das Verhandeln mit Ausländern geht.“

„Ach, der Mann kann reiten?“

„Nicht nur das, er ist sogar Krieger gewesen. In dem großen Kampf der Germani gegen die Franci, vor fünf Jahren. Da, wo du keine Zeit hattest, Sihdi.“

„Ach bitte, Halef, sag das doch nicht so, ich hatte meine Gründe. Und ich weiß das mit Lohses Soldatenkarriere doch längst, auch dass Lohse sogar in einem anderen Gefecht war, noch weitere fünf Jahre zuvor, wo es gegen die Österreicher ging, von denen du ja einige unangenehme Genossen bei unserem Besuch in Kotor kennenlerntest. Aber zurück zu Lohse. Ich wusste wohl, dass er militärische Ausbildung hat und gut schießen kann, weil er dir doch auch etwas Schießunterricht erteilt hatte, wohlgemerkt aber mit der feinen Büchse, die ich dir zum Geschenk gemacht habe.“

„Das vergesse ich dir doch nicht, Sihdi!“

„Ich wusste nur nicht, dass Lohse gar bei der Kavallerie gewesen ist, wenn er sich so gut auf Pferde versteht.“

„Und deshalb hat er sich nach dem Überfall auch zu den Männern gemeldet, die die Verbrecher verfolgten. Nicht jene, welche das Lager zerstörten und das Vieh stahlen, sondern die Entführer. Aber ich glaube nicht, dass er deren Spuren findet. Da braucht es deine Kenntnisse, Sihdi.“

„Aber warum ist Lohse dann noch nicht zurück?“

„Andere Bedu sind ja auch noch nicht wiedergekehrt. Vielleicht hat Lohse sich später diesen angeschlossen, um die anderen Schurken zu jagen. Niemand von ihnen soll ohne Strafe bleiben!“

Ich erhob mich. „Das ist richtig, und es ist an der Zeit, dass wir solches in Angriff nehmen. Nun, Halef, dann lass uns essen und schlafen. Morgen früh setzen wir uns auf die Spur der Sklavenhändler.“

Auch Halef stand auf und wir traten aus dem Zelt des Lehrers Lohse.

Halef wandte sich an mich. „Ich habe dir noch nicht gesagt, warum ich mich hier in das Zelt gesetzt habe. Nicht, weil es ruhig ist.“

„Sondern?“

„Weil ich mich an die Stunden des Unterrichts erinnern wollte. Ich bin gern da und höre dem Lehrer Lohse zu. Er erinnert mich nämlich an dich, was sehr wohltut, wenn du mal wieder in deiner Heimat bist und ich dich vermisse.“

„Das freut mich, Halef, und es schmeichelt mir auch. Gewiss erinnert Lohse dich an mich, weil er ein kluger Mann ist und – ich will nicht eitel sein – eben sehr viel und oft über das redet, was er weiß.“

„Das auch, Sihdi. Aber vor allem, weil er so ein lustiges Arabisch spricht, mit unverkennbarem deutschen Akzent!“

„Aber Halef! Ich spreche doch akzentfrei Arabisch. Zumindest was den deutschen Akzent betrifft. Eher hört man von mir je nach Bedarf die Akzente, die ich bewusst beherrsche, vom nordafrikanischen Arabisch des Maghreb über jenes der Halbinsel bis zu dem des Zweistromlands und noch andere!“

„Aber auch immer mit deutschem Zungenschlag, Sihdi. Glaub mir das.“

„Ach, Halef, du willst mich foppen.“

„Wer weiß, Sihdi …“

Wir gingen um das Zelt herum, auf unserem Weg zum Zelt Maleks, wo wir zu Abend essen sollten. Ich bemerkte einige Käfige, die an der Zeltwand lagerten. Darin gurrte es leise.

„Versteht sich der Lehrer Lohse nicht nur auf Pferde, sondern auch auf Federvieh?“, fragte ich. „Will er dann und wann neben gerösteten Hammelschnitten auch ein gebratenes Täubchen verspeisen, mit grünen Erbsen?“

„Nein, Sihdi. Das sind Botenvögel, die fast so klug sind wie Scheik Haschims Falke Manakir. Der Lehrer Lohse nutzt sie manchmal, um mit den Kindern Post zu spielen. Oder Nachricht zu senden, wenn er mit den Bedu auf Verkaufsfahrt ist.“

„Das ist löblich, dass er nicht allein spielt, sondern auch Nützliches mit den Brieftauben unternimmt. Er sollte aber den Tieren die Zettelkapseln vom Bein nehmen, wenn sie in ihrem Schlag schlafen sollen.“

Ich deutete auf eine Taube, die zweifellos keinen Schlummer fand, sondern unruhig auf dem Geflecht des Käfigs umherstelzte. „Sie vertritt sich wohl die Beine“, sagte ich scherzhaft und wollte sie ergreifen, als ich bemerkte, dass die Käfige verschlossen waren.

Halef antwortete gerade auf meine erste Anmerkung. „Der Lehrer Lohse geht immer sehr sorgsam mit den Tauben um, und nimmt ihnen stets …“

„Halef, diese Taube ist nicht schlaflos aus dem Käfig gekommen“, erkannte ich und fühlte mich bestätigt, als ich sie ergriff und ihren Herzschlag spürte. „Sie ist erst vor kurzer Zeit hier angekommen.“

Ich griff nach der kleinen Lederkapsel an ihrem Bein und löste sie, schaute hinein. „Hier ist eine Nachricht!“

Rasch öffnete ich den Käfig, setzte die Taube sachte hinein, verschloss das Türchen und eilte mit der Nachricht zum nächsten Feuer, Halef hinterdrein.

Ich entrollte das Papierchen, und darauf stand etwas in Arabisch zu lesen, in einer Handschrift, die deutlich einem Europäer gehörte, der ja eine andere Schreibrichtung gewohnt ist und deshalb auch nach Jahren der Übung einen gewissen eigentümlichen Federstrich nicht verbergen kann, einen Schreibakzent sozusagen. Diese Nachricht stammte also von Lohse, auch über die Tatsache der ihm zugehörigen Tauben hinaus.

Und sie lautete: „Die Spur führt nach Westen.“

Viertes Kapitel
Botschaften und Wegweiser

„Nun“, bemerkte ich, „das ist ja recht vage. Aber immerhin ein Anhaltspunkt.“

Ich drehte das Papierchen in meinen Fingern, um zu schauen, ob nicht noch etwas anderes darauf geschrieben stand, aber die Zeile auf der einen Seite war die gesamte Botschaft. Ich nickte Halef zu. „Ich kann jedoch verstehen, warum Lohse sich so knapp ausdrückt. Falls die Taube und die Nachricht in falsche Hände gerieten, wüsste niemand, auf was sich die Worte beziehen.“ Ich überlegte. „Aber diese Vorsicht Lohses ist auch etwas übertrieben, da die Entführer ja wollen, dass wir sie verfolgen.“

„Das weiß der Lehrer doch nicht“, entgegnete Halef.

„Richtig“, gab ich zu. „Also denn, verkünden wir diesen wichtigen Hinweis den anderen.“

Wir gingen zum Zelt Maleks, in dem Haschim und Sir David zu Gast waren.

Als wir eintraten, schaute Malek mich kritisch an. „Kara Ben Nemsi, nach dem Mahl rauchen wir meinen Tombak aus Bagdad. Der Schischeh ist schon bereitet, und du wirst verstehen, dass ich den silbernen Khedra nicht hervorhole und auch nicht den köstlichen Schiras. Für beides ist nicht der Anlass, denn dies ist keine Feierstunde. Aber ich bitte dich, wenn dir nach Schlichterem zumute ist, kann ich dir auch einen gewöhnlichen Bery aus Kokosschale von einem der Krieger besorgen. Doch bitte rauche hier kein Papier, das ist eine unschöne und würdelose Sitte des Westens.“

Er zeigte auf die Botschaft Lohses, die ich in meinen Fingern zu einer kleinen Röhre aufgerollt hatte, die tatsächlich an eine Zigarette erinnerte.

„Ein Missverständnis, Malek“, erklärte ich. „Mit Genuss werde ich mich Schischah und Tombak hingeben. Dies in meiner Hand ist kein Rauchpapier, sondern eine Nachricht von Lehrer Lohse, dem Mudarris eurer Kinder. Eine seiner Tauben hat sie überbracht.“

Malek klatschte in die Hände. „Gepriesen seien die klugen und nutzbringenden Sitten des Westens, die Vögel sprechen zu lassen. Ich fand es stets seltsam, dass der Mudarris Losa sich mit Tauben abgibt, wo doch der Falke das fliegende Geschöpf ist, welches sich für einen Mann geziemt.“

Malek nickte zu Haschim hin, von dem er wusste, dass er den weißen Falken Manakir besaß. Ich bezweifle aber, dass Haschim diesen je zur Beizjagd nutzte, statt ihn Botschaften überbringen zu lassen, wie ich ja selbst bereits einige aus den Klauen jenes edlen Wesens erhalten hatte. Der weise Haschim hatte aus seinem Falken gewissermaßen eine Taube gemacht, jedoch ohne ihm im übertragenen Sinne Flügel oder Schnabel zu stutzen.

Malek fragte also: „Was hat Mudarris Losa zu berichten? Er war ja ausgezogen, die Spur der Entführer zu finden. Ich zweifle kaum daran, dass es ihm gelungen ist, denn er ist sehr klug. Vielleicht wird er eines Tages kein schlichter Mudarris mehr sein, nicht nur ein Lehrer, sondern ein Ustad, ein Meister!“

„Nun, warten wir ab“, meinte ich. „Aber du hast Recht mit deiner Aussage, Lohse sei klug, denn er hat ja eine Brieftaube mit sich geführt, um jenen wichtigen Hinweis zu senden, wohin die Entführer geritten sind. Wie gut aber, dass ich den jüngst zurückgekehrten Botenvogel entdeckt habe. Wer weiß, ob dies nicht unbemerkt geblieben wäre! So können wir gleich morgen früh aufbrechen!“

„Dann sag uns wohin“, klang Amschas Stimme hinter meinem Rücken auf. Sie hatte gerade das Zelt betreten und baute sich neben mir auf, mit verschränkten Armen.

„Gewiss“, sagte ich rasch, entrollte das Papier und las vor: „Die Spur führt nach Westen.“

Halef nickte in die Runde. „Also nicht zurück nach Dauha, genau wie du erwartet hast, Sihdi.“

„Ich bin froh“, sagte Sir David, „dass sich die Blüten der Windrose somit bis auf eines entblättert …“ Er stutzte. „Nein, das ist kein schönes Bild.“ Er räusperte sich, „Wie gut, dass wir nun den Weg kennen, um die Töchter von Lady Amscha zu finden.“

Haschim ließ die leicht erhobenen Augenbrauen sinken und schaute mich an. „Die Verbrecher haben also erwogen, sich nach Westen zu wenden. Sollten wir annehmen, dass sie diesen Weg weiter verfolgen? Denn dann erreichen sie irgendwann das Meer.“

„Eben dies ist meine Vermutung“, antwortete ich. „Sie wollen zur levantinischen Küste. Dies ist wohl wegen zweier Punkte ihr Plan: Zum einen treiben im östlichen Teil des Mittelländischen Meeres jene abscheulichen Freibeuter ihr Unwesen, die von westlichen Schiffen weiße Frauen rauben. Die Entführer sind Sklavenhändler, die wohl dem toten Schurken Abu Kurbatsch nahestehen oder auch dem gleichsam verstorbenen Youssef al-Fuladhy, welcher der eigentliche Kopf der Bande war. Sie wollen sich Ersatz für jene zunächst bedauernswerten, dann glücklichen Geschöpfe besorgen, die wir in Dauha haben befreien können. Für uns ist der eingeschlagene Weg der Verbrecher auch eine Drohung an uns. Sie könnten Hanneh und Djamila an andere Sklavenhändler verkaufen, worauf sich die Spur verlieren würde – und wir liefen in die Irre.“ Ich blickte Amscha an. „Ich habe dieses mögliche Schicksal deiner Töchter nicht leichtfertig erwähnt, um uns zu erschrecken oder die Dringlichkeit unserer Verfolgung zu betonen. Es ist eine Möglichkeit, doch ich glaube fest daran und bin überzeugt, dass die Sklavenhändler dies nicht tun werden. Im Grunde wollen sie Halef quälen und zu sich locken. Doch sie haben vergessen, dass sie durch dieses Spiel nicht allein Halef bekommen werden, sondern auch uns.“

Sir David reckte sich. „Das wird ihnen kaum schmecken!“

Haschim überlegte. „Ich frage mich, wie viel die Verbrecher über uns wissen. Sie kennen den Namen Halefs; aber sind sie sich dessen gewahr, wer ihm in Dauha geholfen hat? Wir waren durchaus verborgen und auch verkleidet.“

Ich nickte. „Es mag uns helfen, dass sie unsere Zahl überschätzen.“

Halef schaute kritisch. „Das ist aber das Gegenteil von dem üblichen glücklichen Umstand, wenn die Zahl der eigenen Kämpfer vom Gegner unterschätzt wird.“

„Diesmal mag es anders sein“, begann ich meine Erklärung. „Die Sklavenhändler dürften wegen der empfindlichen Schmach, die wir ihnen beigebracht haben, von einer großen, erfahrenen, vor allem aber konkurrierenden Sklavenhändlerbande ausgehen. Jener Halef, den sie sich vorstellen, würde auf seiner Jagd nach den Entführern seiner Familie doch gewiss einen großen Trupp ruchloser Kämpfer um sich scharen und wie ein Heerzug hinterdrein stürmen. Sie stellen sich so etwas vor, denn sie können nicht anders denken. Sie erwarten nicht, unsere kleine Schar aus gerechten Streitern gegen sich zu haben.“ Ich zeigte in die Runde und sprach weiter. „Selbst wenn sie von einigen Tatsachen wüssten: Sollte etwa neben deinem belauschten Namen auch das eine oder andere Auge im Dienste der Verbrecher unser Befreiungsmanöver betrachtet haben – noch im Ungewissen, was geschah, und erst später im Rat der Schurken zu einem Ganzen gefügt –, so erwarteten sie als Verfolger eine Gruppe, die neben uns auch aus zwei schottischen Soldaten im Dienste Sir Davids und zwei arabischen Kriegern im Dienste Haschims bestand. Doch diese sind nicht bei uns, lassen also unsere Gruppe nicht erkennbar sein. Ebenso wenig begleitet uns die Holländerin, die recht auffällig wäre.“

Amscha blickte mich höhnisch an. „Wie gut, dass ich auf die dummen Männer stets wie ein Mann wirke, weil sie nicht glauben können, dass eine Frau Waffen trägt. Und würde ich Röcke tragen, wie es die Frau, von der du sprichst, wohl getan hat, würdest du mir bestimmt raten, eurer Gruppe fernzubleiben, weil ich dann ebenfalls recht auffällig wäre.“

Ich hob besänftigend die Hand. „Wie du sagtest: Die Dummheit der Männer wird unsere Chance sein. Auch wenn die Verbrecher dich erlebt haben, wie du Hanneh und Djamila verteidigt hast, so werden sie kaum erwarten, dass du sie verfolgst. Sie verbinden durch ihren Handel mit Sklavinnen alles Weibliche nur mit Angst und Schwäche. Das wird sich rächen.“

„Das wird es!“, sagte Amscha und ihr Blick gegen mich hatte sich etwas gemildert.

„Also“, sprach ich weiter, „die mehrfache Unwissenheit der Verbrecher wird uns nützen. Ihre eigene, falsche Vorstellung wird ihnen zum Verhängnis werden. Und ich will noch eine weitere Hoffnung aussprechen, die seltsam klingen mag, und ich bitte, dass sie niemand mir übelnimmt, weil unschöne Erinnerungen geweckt werden. Aber ich glaube, dass die Schurken sich noch wundern werden, wen sie da entführt haben. Es ist ja nicht nur Hanneh, die Tochter der Kriegerin Amscha. Sondern auch Djamila, die Tochter Abu Seifs. Und auch wenn sie im Grunde herzensgut ist, so schlummert doch vieles von seinem Wesen in ihr.“

„Ja“, seufzte Halef mit einer Geste zu Amscha hin. „Sollten die Verbrecher einen Augenblick unachtsam sein, dürfte ich um meine Rache an ihnen gebracht werden.“

Amscha nickte und ihr Blick war zweideutig. „O ja.“

Und wir alle begriffen, wie seltsam das Schicksal doch spielt.

Am Morgen hatten wir uns für die Jagd gerüstet. Amad el Ghandur brachte mir meinen Hengst Rih, den ich seit jener Zeit nicht mehr gesehen hatte, als ich ihn wie so oft bei den Haddedihn untergebracht hatte, damals am Ende unseres langen Kampfes gegen Al-Kadir. Seitdem war ich für ein Dreivierteljahr in der Heimat gewesen, bis ich von der Holländerin zum Kampf gegen ihre einstigen Peiniger gerufen worden war. Für den Weg nach Dauha, durch das Gebiet der arabischen Wüste, hatte ich mich entschieden, Rih in den Gefilden der Haddedihn zu belassen.

Was freute ich mich nun, ihn zu sehen! Und das edle Tier erkannte mich sogleich und begrüßte mich mit einem stolzen Nicken des schönen Hauptes und mit blinzelnden blanken Augen, nicht wie seinen Herrn, sondern wie einen alten Freund. Und es rührte mich, dass Halef mit seinem Söhnchen Kara dort stand, denn die Vorstellung des kleinen Kara im Sattel Rihs erfüllte mich zudem mit einem eigentümlichen Stolz.

Kara würde in der Zeit, wo ich mit den anderen beiden Mitgliedern seiner Familie, Halef und Amscha, auf Verbrecherjagd auszog, bei einem Stamm in der Nähe unterkommen. So hatten wir es beschlossen, denn wir fürchteten, die Sklavenhändler würden vielleicht weitere Schergen entsenden, um auch den Jungen zu entführen, als weiteres und noch grausameres Druckmittel gegen Halef. Kara Ben Halef würde mit jener Vertrauten der Familie, die ich bereits an seiner Schlafstatt gesehen hatte, zu einem entfernteren Nachbarstamm gehen.

Wir ritten also fort von den Haddedihn, nach Westen. Wir hatten Amad el Ghandur Rache und Vergeltung für die Verluste des Stammes an Männern und Vieh versprochen und Malek geschworen, seine Enkeltöchter zu befreien und zu ihm zurückzubringen. Gerade dieser wünschte uns Segen und Glück, und unter aller Sorge in seinem Blick sah ich Hoffnung und, wie ich glaubte, sogar Stolz, dass seine Tochter Amscha uns begleitete.

Unser Weg nach Westen war uns von der Botschaft des Lehrers Lohse angezeigt worden. Dennoch setzte ich meine Künste des Spurenlesens ein, um den genauen Pfad der Verfolgung zu bestimmen. Der grobe Hinweis ersparte ja nur Zeit, die wir vergeudet hätten, wenn wir in einem Stern um den Duar der Haddedihn herum alle erkennbaren Fährten geprüft hätten. Gewiss wäre es mir früher – oder leider eben auch später – gelungen, die Spuren der Entführer zu erkennen, zudem ihrer beider Gruppen, denn wir wussten ja, dass sie Hanneh und Djamila zunächst getrennt verschleppt hatten. Und dann hätte ich das Zusammentreffen der aufgeteilten Verbrecherbande als Ansatzpunkt für den weiteren Weg genutzt.

Wie gut also, dass Lohse sich, wohl mit einigem Glück, auf die Spur zumindest eines Teils der Sklavenhändler hatte setzen können – bis die endgültige Route der Verschleppung sich darbot. Mein Respekt galt aber auch der Geistesgegenwart des Lehrers, jene Brieftaube mit sich zu führen. Mein Bild von Lohse war allerdings etwas seltsam: ein Lehrer, der als Rächer hinter den Entführern hergaloppierte, hinter dem Sattel einen Vogelkäfig. Immerhin verfiel ich in meinen Gedanken nicht in Klischees: Selbst wenn ich Lohse nur kurz getroffen hatte, erinnerte ich mich, dass er keine Nickelbrille trug und auch kein Stöckchen besaß, denn dergleichen lehnte er wohl ab. Halef hatte mir erzählt, Lohse hätte, danach befragt, warum er denn keine Rute nutzte, wie man doch von Lehrern gemeinhin erwarten würde, geantwortet, dass der Metrek doch für Kamele sei und nicht für Kinder.

Nun, Lohse schien also ein moderner Pädagoge zu sein, mich sollte es der Sprösslinge der Haddedihn wegen freuen. Zumal ich glaubte, dass Halef doch allzu gern der Einzige sein wollte, der dann und wann mit Hieben drohte, wenngleich er eben doch nur drohte. Ich stellte mir eine kuriose Szene vor, worin ein deutscher Lehrer mit einem Beduinen über die Vorzüge von Rohrstöcken und Kurbatsch diskutierte, allerdings rein vom Gegenstand her und nicht wegen dessen Wirkung. So erheiternd dieser Gedanke war, ich war doch etwas befremdet von der Vorstellung des Lehrers Lohse als Rächer und Spurensucher.

Gleichwohl konzentrierte ich mich auf meine eigenen Fertigkeiten. Schon bald hatte ich die verräterischen Spuren entdeckt. Die Huftritte von vier Pferden, die von Reitern geführt wurden, welche doch eher gewohnt waren, Dromedare zu lenken, sowie von zwei Pferden, die nicht vom Sattel aus, sondern durch die nach vorn gelegten Zügel geleitet wurden. Zweifellos die Gruppe der Sklavenhändler mit ihren beiden Gefangenen.

Wir durchmaßen bekanntes Gebiet und so musste ich nicht mit den Augen des Reiseschriftstellers die Landmarken betrachten. Im Norden erhob sich der Dschebel Sindschar, der Gebirgszug mit dem heiligen Ort der Jesiden darauf. Als wir dessen karstige Klüfte in der Ferne passierten, dachte ich kurz an meine Abenteuer mit jenen Menschen, an ihre Herzlichkeit und wie ich ihnen im Kampf hatte helfen können. Doch die Namen Ali Bey und Mir Scheik Khan flogen in meinem Geist ebenso rasch vorbei wie deren Gesichter; und auch die Erinnerung an die Orte Baadi und Mossul, an die Schlachten und Feste, waren nur Schemen der Vergangenheit. Ich musste meine Aufmerksamkeit auf die Gegenwart richten, in der wir die Entführer verfolgten, und kaum an die Zukunft denken, in der ich jene zu stellen hoffte.

Bald hatten wir den Lauf des Chabur gequert, eines Nebenflusses des Euphrat, welcher zu dieser Zeit in seinem breiten, flachen Tal jedoch sehr schmal und nahezu wasserlos war, sodass wir nur durch niedriges Wasser von geringer Ausdehnung zu reiten hatten. Der Ort war von den Entführern wohlgewählt, denn er war abgelegen und wurde derzeit auch nicht von Beduinen der Schammar besucht, die sonst hier ihre Herden tränkten und von den Gräsern und Büschen des Ufers sich nähren ließen. Die Trostlosigkeit der Gegend – so besonders drückend, weil man sie ja fruchtbar und grünend kannte – war ein Spiegel meines Gemüts, wenngleich der Zorn auf die Verbrecher, der uns alle erfüllte, wohl eher einem glühenden Feld aus Lava zu vergleichen gewesen wäre.

Ich entsann mich, dass sich unweit dieses Landstrichs Spuren von alten Siedlungen der Assyrer befanden, doch der Gedanke an solch ferne Vergangenheiten, zumal auch niedergegangene Kulturen, war mir zu drückend, als dass ich sie referieren wollte. Manchmal quält mich der Schatz an Dingen, von denen ich gehört und gelesen habe und die sich in meinen Sinn drängen, obwohl ich doch Anderes, Wichtigeres, Dringlicheres habe, das mich umtreibt. Ich schüttelte all den Ballast ab und blickte nach vorn, auf die Strecken, die wir zu durchmessen hatten.

Da die Entführer einiges an Vorsprung hatten, ritten wir rasch und gönnten uns und den Pferden nur die allernötigste Rast. Während einer solchen ergab es sich, dass ich mit Halef über Djamila sprach.

„Meinst du, Halef“, begann ich, „dass es Djamila wirklich gelingen mag, sich selbst und Hanneh zu befreien? Du kennst sie besser als ich. Zu den Zeiten unseres gemeinsamen Abenteuers war sie noch die Diebin aus Basra. Wie war es nun in den Monaten, als sie bei den Haddedihn war, und du ebenfalls?“

„Ach Sihdi, es fiel mir recht schwer, ihr sowohl Schwager als auch Onkel und zudem Vatersersatz zu sein. Das sind recht viele familiäre Aufgaben auf einmal, zumal ich ja auch Ehemann und leiblicher Vater sein muss …“

„Und Schwiegersohn, nicht zu vergessen“, sagte ich etwas launig, mit einem Seitenblick zu Amscha, die bereits schlief. Sie wusste, dass sie ihre Kraft brauchte, sodass sie nicht etwa, wie man bei einer Amazone der Beduinen vielleicht erwarten würde, am Lagerfeuer stets ihre Klingen schärfte.

„Ja, auch das“, nickte Halef. „Aber Djamila muss ich eben dreierlei sein. Und sie ist nun auch noch zwei Personen, wie du weißt: die Beduinin und die Piratentochter, und mal überwiegt das eine, mal das andere.“

„Seien wir froh, dass sie das Diebesgebaren abgelegt hat. Aber sie war in Basra ja ohnehin nur dazu gezwungen, um ihr Leben zu fristen.“

„Nun Sihdi, bei den Haddedihn trägt man ja auch keine Geldbörsen herum wie auf dem Basar von Basra. Oder wie wir es damals so töricht getan hatten, als Djamila uns bestahl.“

Wir erinnerten uns an die wilde Hatz durch die Marktstände und Menschenmassen hindurch und lächelten.

Dann wurde Halef ernst. „Aber vergiss nicht, Sihdi, dass wir in Basra nicht allein Djamila fanden, sondern auch etwas anderes.“

Ich seufzte. „Ja, die magischen Dinge des Orients. Aber ohne weiter dabei zu philosophieren oder meine Ansichten, damals wie heute, zu diskutieren, möchte ich anmerken, Halef, dass wir das Zauberzelt und die magische Leuchtkugel mitnichten gefunden haben: Du hast sie beide gekauft! Zugegeben die Leuchtkugel bewusst und das Zauberzelt in der Perlentasche unwissend.“

„Und darum besitze ich die Kugel noch, aber das Zelt ist hergeschenkt, an den treuen Abdi, der jetzt in Istanbul wohl seine Freude daran hat. Du wolltest es ja nicht mehr haben, Sihdi, aus Gründen des Gewissens und des Stolzes und – nein, runzele nicht die Stirn – ich bin dir nicht gram, sondern habe dir damals zugestimmt und tue es noch heute. Aber es geht nicht um diese Dinge, es geht um Djamila, obwohl beides zusammenhängt.“

„Wie meinst du das?“, stutzte ich.

Halef seufzte. „Es ist so, dass sie damals noch eine Diebin war, und so hat sie wohl, als wir Al-Kadir in seiner Roten Festung aufgespürt, besiegt und vertrieben hatten, das ein oder andere von dort mitgenommen.“

„Nun, da muss man sie nicht des Diebstahls beschuldigen. Du erinnerst dich wohl, dass Haschim …“ Ich schaute zu diesem hinüber, der etwas abseits nicht schlief, sondern wohl eine Meditation durchführte, wie ich an seiner stillen, aufrechten Sitzhaltung abzulesen glaubte. „… dass Haschim auch einige Dinge von dort mitnahm. Etliche, die ihm selbst gehörten und die Al-Kadir ihm gestohlen hatte, und andere, die uns später wohl nützlich waren, im Kampf gegen diesen und den Schut und … Nun, ich weiß ja nichts Genaues.“

„Gewiss. Auch Sir David hatte jenen hübschen Stein als Andenken eingesteckt, der sich später als Wegkarte und Zauberschlüssel für sehr geheime Pfade herausstellte. Auch ein nützliches, magisches Ding, Sihdi.“

„Ja, und ich gebe zu, dass ich den Sechseckring, den Musaddas, von Abu Zanad nahm, dem Untergebenen Al-Kadirs. So ist es nun mal. Trophäen des Kampfes, Beute des Krieges – so manche, auch gerechte Schlacht wurde schon geschlagen, nicht mit gekauften Waffen, sondern solchen, die genommen wurden. Es ist nichts Verwerfliches daran.“

„Du musst nicht moralisch werden, Sihdi. Ich nehme es niemandem übel, sich Dinge zu nehmen, die der vorige Besitzer nicht mehr braucht, solange es keine schändliche Fledderei ist, da müsste die Not schon groß sein. Aber es geht nun um Djamila. Sie hat eben einige Dinge aus Al-Kadirs Besitz mit sich genommen.“

„Nun, der Stachel des Mantikors war ja eher eine Jagdtrophäe und nichts aus dessen schaurigem Studierzimmer.“

„Ich rede von Dingen, von denen ich nicht reden kann, weil ich sie nicht kenne. Aber Sihdi, man munkelt davon – im Stamm! Man mag Djamila, auch wenn man sie manchmal ein wenig fürchtet, wenn ihr Piratenerbe zu Tage kommt. Aber sie scheint sich in stillen Stunden mit Dingen zu beschäftigen, die sie von Al-Kadir genommen hat.“

„Es mag sein, Halef. Aber ich möchte mahnen: Was du da berichtest, scheint mir allzu nahe an den Verdächtigungen zu sein, die oftmals einer weiblichen Person unterstellt werden, wenn sie etwas anders ist oder für sich Dinge tut, die sie anderen nicht enthüllen mag.“

„O Sihdi, ich will doch nicht sagen, sie sei eine Hexe! Da habe ich ja nun eine richtige kennengelernt, und die manchmal kratzbürstige Djamila ist ein liebes Ding gegen jene Qendressa, die uns so verraten und gequält hat!“

„Und selbst diese ist nun keine Hexe mehr, da Marah Durimeh ihr die Zauberkraft entzogen hat. Also, Halef, bei der einen weiß ich es, und bei der anderen ahne ich es: Hier ist keine Hexerei zugegen.“

„Ach, Sihdi, du hast Recht. Ich sollte nicht wie ein altes Weib schwatzen und beschuldigen und noch viel weniger auf das Gerede von anderen hören. Auch die edlen und gerechten Haddedihn sind eben zunächst etwas schwierig, wenn es um Neuzugänge des Stammes geht. Ich kenne dies ja nun selbst. Und wenn Djamila ein paar seltsame Dinge besitzt – diese müssen ja nicht böse sein und machen sie selbst auch nicht böse.“

„Eben, Halef, die Bösen sind die anderen. Die, die wir verfolgen. Aber ich will ehrlich dir gegenüber sein, gerade weil ich dich jüngst so ungerecht im Dunkeln gelassen habe. Und dass du das Gespräch auf Magie gebracht hast, macht es mir leichter. Ich vermute, dass auch die Sklavenhändler, die Hanneh und Djamila entführt haben, von einem Zauberer begleitet werden. Wir kennen dies von al-Fuladhy und Abu Kurbatsch. Und dies wird uns den Kampf gegen sie nicht gerade leicht machen.“

„Wie gut also, dass Haschim bei uns ist.“

„Eben, Halef, und deshalb muss ich mit ihm über Magie reden. Ich hoffe, er hat uns bislang nichts verschwiegen, wie ich es törichterweise getan habe. Sonst fürchte ich, dass wir uns ernste Sorgen machen müssen, was Hanneh und Djamila betrifft.“

Ich hatte Haschim in seiner meditativen Versenkung nicht stören wollen, es war bereits spät geworden und der Schlaf war nötig, weil wir am folgenden Morgen wie gewohnt früh und eilig aufbrechen wollten. Deshalb wollte ich erst bei der folgenden Rast mit ihm das Gespräch über eine Sache führen, die ich bereits geahnt hatte, als wir in jener Schänke einkehrten, in welcher ich den ersten Hinweis auf die Herkunft der Entführer erhalten hatte.

Doch ich erschrak, als ich bei meinem Erwachen im Morgengrauen erkannte, dass Haschim nicht auf seinem Lager weilte. Dies allein war nun kein Grund zur Beunruhigung, er mochte sich bereits erhoben haben. Stattdessen aber sah ich, dass sein Lager unberührt war.

Haschim war verschwunden!

Fünftes Kapitel
Der graue Weiher

Ich blickte mich um. Wir hatten auf einer kleinen Anhöhe gelagert, deren Felsen einen guten Schutz vor Wind und Entdeckung boten. Ringsum hob sich das Gelände in sanften Wellen, mit dürrem Bewuchs und steinigem, sandigem Grund. Ich konnte recht weit schauen, sah jedoch Haschim nicht. Sein Pferd stand bei den anderen, und sein Gepäck, vor allem seine Waffen, waren an ihrem Ort.

Nun, vielleicht wäre ich bei einem anderen Mitglied meiner Gruppe besorgter gewesen. Haschim war aber nun einmal ein Magier und hatte seine Eigenheiten.

Ich schaute und lauschte, aber ich konnte nichts Außergewöhnliches bemerken. Schon wollte ich mich umwenden, um die anderen zu wecken und den Tag wie die vergangenen zu beginnen, mit knapper Verköstigung und raschem Aufbruch, als mein Blick über eine Stelle am Fuß der Anhöhe streifte. Ein eigentümliches Gefühl überkam mich. Ich verengte die Augen, um im dämmrigen Licht Genaueres zu erkennen, doch der Fleck blanken Steppengrunds zwischen den verstreuten Steinen schien nicht anders als das weitere Gelände ringsum. Dann fühlte ich, wie meine Hand sich wie von selbst zu meiner Westentasche bewegte. Gewiss war ich es selbst, der sie führte, aus eigenem Willen, doch es geschah nahezu unbewusst, so wie man eine oft geübte, lang gewohnte Bewegung vollführt. In der Westentasche glitt der Musaddas zwischen meine Finger, ich hob ihn zu meinem Auge und spähte durch den Sechseckring auf die Stelle, die mich so seltsam beunruhigt hatte.

Nun sah ich es! Der Musaddas enthüllte mir die wahre Natur der Dinge. Und hier war es tatsächlich die Natur selbst, die sich mir in anderer Gestalt zeigte als mit dem bloßen Blick.

Unter mir, dort wo der sanfte Hang endete, zeigte sich mit einem Mal eine schimmernde Fläche, die den heller werdenden Himmel spiegelte, ihn jedoch zu einem dumpfen, bleiernen Grau verfärbte. Mir schien es wie ein seichtes Gewässer, und tatsächlich erblickte ich ein mattes Glitzern, wie es von einer schwachen Bewegung der flüssigen Oberfläche zu erwarten war. Je genauer ich hinschaute und zudem auch meinen Blick durch den Musaddas bewegte, erkannte ich, dass sich ein nicht kleines Areal um den Hügel herum in jenes Schwemmland verwandelt hatte, etwa einen guten Steinwurf in jede Richtung meines Blickfelds. Hätte ich nicht auf jener Anhöhe gestanden und wäre es ein heller, sonnendurchglühter Tag in der Wüste gewesen, wäre mir dies wie eine Luftspiegelung erschienen, als jenes Gaukelspiel der Natur, welches dem Dürstenden ein nahes Wasser verspricht und dennoch nur ein Bild aus der Ferne wiedergibt.

Und um mich eben davon zu überzeugen, dass es weder eine natürliche noch eine magische Spiegelung war, begann ich die Anhöhe hinunterzugehen, weiterhin durch den Musaddas schauend, auf die schimmernde Fläche zu.

Schon sah ich, wie leichter Dunst sich bildete und meine Stiefel umfloss. Ich roch salzige Feuchte wie am Ufer des Meeres, doch fehlte die Frische einer Brise, die Luft stand und der Geruch von brackigem Wasser begann stärker zu werden.

Dann schälten sich aus dem höher steigenden Dunst einige Schatten heraus, wie schmale Arme mit dünnen Fingern, die still gen Himmel griffen. Es waren die Äste und Zweige von Mangroven, die blattlos aus dem Brackwassersumpf ragten. Auch einige flache Buckel aus grauem Gras, glitzernd von Salz, erhoben sich aus dem Marschland. Im trüben Wasser spiegelte sich matt ein bleifarbener Himmel.

Eigentümlicherweise verspürte ich einen kühlen Hauch im Gesicht, als strömte durch den Ring des Musaddas wahrhaftig die klamme Luft, welche über dem Salzsumpf zu liegen schien. Auch war mir, als nähme ich die dumpfe Stille war, das tonlose Verharren jenes brackigen Halblandes, in dem sich nichts rührte. Gewiss gab es auch um mich herum keine Laute, denn obwohl die Morgendämmerung nahte, gab es in der baumlosen Gegend unseres Lagers nun einmal keine Vögel, die in ihren Nestern erwachten, um zwitschernd und singend den Tag zu begrüßen. Doch so, wie ich jene Kühle auf meiner Gesichtshaut zu spüren vermeinte, legte sich ein Druck auf meine Ohren, der von der unnatürlichen Abwesenheit von Klang und Geräusch herrühren mochte, die sich mir beim Blick durch den Musaddas mitteilte.

Ich wusste nun, dass der Musaddas denjenigen, der durch den goldenen Sechseckring blickte, die Dinge so schauen ließ, wie sie wirklich waren. Dies hatte ich bei Wesen und Menschen erlebt, auch in den fernen Bergen des Balkans, als ich den geheimen Weg erkannte, der uns zum Stahlpalast des Schut geführt hatte. Doch war jener Weg zum Teil ein wirklicher Pfad im Fels gewesen, aus dem Gestein herausgehauen und dann mittels Magie vor den Augen der Menschen verborgen. Aber dieser Salzsumpf, der nun vor mir lag – sollte ich glauben, dass hier, in den zur Zeit ausgetrockneten Schwemmgebieten des Tigris und seiner Nebenflüsse, in Wahrheit ein Marschland von Mangroven sich erstreckte, dieses jedoch unter einer zauberischen Tarnkappe versteckt worden war? Wer sollte dies getan haben und warum?

Ich setzte zu einem weiteren Schritt an, vorsichtig, mit einem knappen Blick nach unten. Nicht, dass ich befürchtete, in den Sumpf zu geraten, der genauso eine Täuschung hätte sein können, sondern um nicht etwa auf dem wahrhaftigen Erdboden über einen Stein zu stolpern und der Länge nach hinzuschlagen. Niemand soll glauben, ich vergäße die Wirklichkeit, auch wenn ich Wunder schaue!

Dann aber geschah es: Ich wollte meinen Fuß auf den Staub und das Geröll setzen, so wie ich es mit bloßem Auge erblickte, und als der Absatz meines Stiefels sich auf den Grund senkte – da trafen nicht Ledersohle und Erdreich aufeinander. Stattdessen umfing weicher Morast mich sogleich bis zum Knöchel, und eine empfindliche Kühle stach in meine Haut.

Rasch zog ich den Fuß zurück, setzte ihn einen Halbschritt nach hinten und stand tatsächlich wieder fest. Durch den Musaddas sah ich die schlierige Feuchte auf dem Stiefel.

Der Salzsumpf war also kein Trugbild, sondern wahrhaftig vorhanden. Sogleich dachte ich, dass ich die anderen warnen müsse, damit sie nicht sehenden – oder eben nicht sehenden – Auges in ihr Unheil gingen. Und ich dachte zudem an mögliche andere Reisende, die hier würden hineingeraten können. Man sollte den Sumpf mit warnenden Zeichen versehen, abstecken wie den Pfad durch ein Moor oder einfrieden wie ein Stück Treibsand. Dergleichen kannte man durchaus, auch in der Nähe der Wüstengewässer des Zweistromlands.

Und dann – ich verwünschte meine forschenden Blicke durch den Musaddas und auch meine nüchternen Gedanken zur Abwehr von Gefahren – dann endlich begriff ich!

Haschim war verschwunden – er konnte nur in diesen magisch verhüllten Salzsumpf geraten sein! In ungekanntem Jähzorn wollte ich beinahe den Musaddas fortschleudern, als Zeichen meiner Verachtung für Zauber und Magie! Hätte ich am Fuße des Hügels einen normalen Sumpf oder Morast erblickt – und dies eben mit meinen naturgegebenen Augen –, ich hätte sogleich an die Gefahr gedacht, an Haschims Verschwinden – und gehandelt!

Fest griff ich den Musaddas, das verwünschte und doch so notwendige Ding, hielt ihn dicht an meine Augenhöhle gedrückt und spähte angestrengt hindurch, wandte den Kopf langsam hin und her und ließ meinen Blick eifrig, aber höchst aufmerksam über den Salzsumpf gleiten, auf der Suche nach einem Anzeichen von Haschim. Die Mangrovenstümpfe prüfte ich besonders – welch schreckliche Ironie, dass ich sie mit Armen und Händen verglichen hatte! Kalter Schmerz stach in meinen Magen – was, wenn ich ein letztes Aufbäumen meines Freundes übersehen hatte, bevor er versunken war?

Da, endlich, erkannte ich eine Bewegung! War es ein Nebelstreif, ein wehender Dunst zwischen den Mangroven? Ich blickte scharf, bewegte meinen Kopf ein wenig, um die Perspektive zu ändern, und tatsächlich: Da war etwas. Doch schon verschwand es wieder, als ein weißer Schleier sich darumlegte.

Wenn doch nur etwas zu hören gewesen wäre! Ein Ruf oder auch nur eine Bewegung des Wassers, damit ich hätte sicherer sein können. Es half nichts, ich musste in den Sumpf hinein, um Genaueres zu erkennen. Gedankenschnell wog ich die Möglichkeiten ab – sollte ich zum Lager zurück, um ein Seil zu greifen? Als Sicherheitsleine und Wegweiser? Doch wo hätte ich es befestigen sollen? Ringsum war alles baumlos, und es gab auch keine großen Felsen in der Nähe. Ich hätte meine Gefährten wecken können, doch ihnen die Situation zu schildern, wäre allzu langwierig und auch heikel gewesen. Halef würde mir zwar sogleich glauben, er wusste schließlich schon, was ich durch den Musaddas sehen konnte. Und Sir David hatte so einiges mit einem magischen Wegstein erlebt, der ihm und uns auf dem Balkan die geheimen Pfade sichtbar gemacht und somit geöffnet hatte. Doch Amscha würde mich und uns wohl für irrsinnig und wahnhaft halten. Ich konnte kaum erwarten, dass sie mir vertraute, wie meine langjährigen Freunde es taten.

Und zudem zweifelte ich an dem Nutzen einer solchen Seilschaft, eben weil ich an dem zweifelte, was hier vor mir lag. War es ein Trugbild oder einer jener Übergänge in eine andere Welt, wie ich sie in den Bergen zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer erlebt hatte? Konnte ein schlichtes Seil mich bewahren vor Gefahr und Irrweg?

Aber selbst wenn vor mir tatsächlich ein Teich aus Treibsand lauerte, würde ich diesem durchaus entrinnen können, denn die Gefahren, die solcherlei geologische Besonderheit bergen, werden oftmals übertrieben. In Treibsand, jenem Gemisch aus feinsten Steinkörnchen und Wasser, versinkt man niemals tiefer als bis zur Hüfte, was von einer physikalischen Gesetzmäßigkeit herrührt, die ich nicht weiter erläutern will. In einem Sumpf hingegen kann einem das trübe Wasser wahrhaftig bis zum Hals stehen – und gar über dem Scheitel zusammenschlagen. Meiner Kenntnis nach, die sich eben aus Erfahrung und nicht aus Hörensagen oder Lektüre speist, würde ich dieses Areal ohne größere Gefahr betreten können. Ringsum gab es zu wenig Wasser, als dass sich hier wirklich Sumpf oder Treibsand hätten bilden können. Obgleich, wenn es hier nicht mit irdischen Dingen zuging …

Ich entschied rasch, denn Zeit war hier wichtig. Wollte ich Haschim retten, musste ich nun handeln, auch ohne Seil und Sicherungsmannschaft.

Ich trat in den verborgenen Sumpf – doch zuvor rief ich laut nach meinen Gefährten, die wohl gerade mit der Tagesdämmerung erwachten, je nach Bedürfnis und Anliegen, seien es Breakfast Tea oder Morgengebet.

„Halef!“, rief ich laut. „Sir David! Amscha! Rasch! Ein Seil!“

Das sollte genügen.

Bis dahin war ich auf mich allein gestellt. Ich musste meinem Können und meiner Erfahrung vertrauen. Vor allem aber trieb mich die Sorge um Haschim an. Und ich fühlte, dass er sich an diesem Ort befand, meine Hilfe brauchte, und dass in diesen Augenblicken nur ich es war, der ihm helfen konnte.

Ich setzte meinen Fuß auf eine der salzschimmernden Grassoden. Sachte gaben die Halme nach, ich fühlte das Knistern der silbrigen Kruste mehr, als dass ich sie hörte. Dann spürte ich Widerstand unter der Sohle – der Erdbuckel war fest genug, um mir Halt zu geben. Ich balancierte und vollzog den nächsten Schritt, der mich wiederum zu sicherem Stand führte. Einige dicht verflochtene Wurzeln waren ebenso als Tritt geeignet, wie ich rasch feststellte, und so kam ich gut voran, tiefer in den Salzsumpf, der vielleicht gar keiner war oder aber sich nicht an diesem Ort befand.

Meinen nächsten Schritt musste ich ausgreifender setzen, mit ein wenig Schwung. Um das Gleichgewicht zu halten, streckte ich beide Arme aus, dann schwang ich sie herum und griff nach einem hoch aufragenden Ast.

Wie konnte ich diesen Mangrovenauswuchs denn sehen, fragen sich nun meine Leser, die sich erinnern, dass ich mit einer Hand den Musaddas vor das Auge halten musste?

Nun, ich hatte Vorsorge getroffen, dass ich bei meinem Weg in den Sumpf beide Hände zur freien Verfügung hatte. Vor meinem ersten Schritt in das Brackwassergelände hatte ich eine Lederschnur aus meiner Kleidung gezogen und mit dieser den Musaddas vor meinem Auge befestigt. Ich war froh, diesen vor langer Zeit von der Kette befreit zu haben, an der sein erster Besitzer, Abu Zanad, einer der Banditen Al-Kadirs, den Sechseckring um den Hals getragen hatte. Seitdem ruhte der Ring in meiner Westentasche, jedoch ohne störendes Anhängsel. Bei Bedarf, wie in diesem Moment, war es mir ja rasch möglich, für alles Nötige zu sorgen. Ich bin nun wahrlich nicht eitel, aber man verzeihe mir, dass ich nicht zuvor mit großen Worten meine Idee und deren Ausführung geschildert habe, wie ich das Problem der magischen Sicht auf den verzauberten Sumpf löste – denn ich fand, dass ich mit jener Vorrichtung vor dem Auge doch gar zu seltsam ausschaute, wie die karikierte Schimäre aus einem karibischen Freibeuter und einem preußischen Kommerzienrat. Beides liegt mir gleichermaßen fern.

Doch es nutzte mir wohl, durch den Musaddas schauen und dennoch beide Hände verwenden zu können, denn ich kam gut voran, unter aller gebotenen Vorsicht, und war bald an dem Punkt angelangt, den ich vom Ufer aus, wie ich es einmal nennen mag, erkannt hatte. Hier saßen die Mangroven etwas dichter, die Flecken aus Gras waren spärlicher gesät, und so musste ich kurz über einen Verhau aus Wurzeln steigen, bis ich mein Ziel erreichte. Meine Kleidung war mittlerweile vom Dunst durchfeuchtet und helle Spuren von Salz zogen sich darüber. Meine Hände brannten ein wenig, doch erkannte ich den Nutzen, weil die Salzkristalle mir tatsächlich einen guten Griff an den glitschigen Mangroven ermöglichten.

Dann trat ich auf eine winzige Grasinsel zwischen den Wurzeln und sah vor mir eine Wasserfläche von der Größe eines kleinen Weihers, eher eines Tümpels. Ich hätte diese mit einem Dutzend Schritten durchmessen können, wäre es fester Grund gewesen. Doch ich erkannte, dass sich keine Wurzeln und kein Erdreich unter der Oberfläche befanden, die still und unbewegt den grauen Himmel darüber widerspiegelte. Wenn es denn der Himmel war.

Wasser, Brackwasser war es jedoch allemal, denn dessen schwachen Geruch konnte ich wohl wahrnehmen. Dumpf und still war es noch immer. Ich konnte somit auch nicht vernehmen, ob meine Gefährten sich bereits hinter mir versammelt hatten. Ihre Rufe wären wohl auch verwundert gewesen, weil ich nicht auf sie reagierte und stattdessen unbeirrt über staubigen Grund schwankte – ohne einen für sie erkennbaren Grund.

Für einen Herzschlag kam mir der Gedanke, dass ich für sie unsichtbar wäre, so wie der Sumpf und auch Haschim. Hätte ich ihn nicht am Boden liegen sehen müssen?

Nein, diese Überlegung ging fehl, weil sie zu logisch war. Ich hatte gespürt, dass Haschim in der Nähe sein musste. Ob tatsächlich oder auf einer anderen Ebene der Welt oder des Bewusstseins. Ich musste kein Magier oder Metaphysiker sein, um dies zu erkennen, denn dafür hatte ich in jenen Bereichen über die vergangenen beiden Jahre genug erlebt.

Ein Dunstschleier wehte über den Tümpel, obgleich ich keinen Wind verspürte.

Und dann zerfaserte dieser Nebelvorhang und enthüllte mir – das Schreckliche!

Ich sah Haschim auf dem Wasserspiegel knien, den Rücken mir zugewandt und den Blick erhoben. Er schaute zu einem kopfgroßen Gebilde, das vor ihm schwebte, etwa auf der Höhe des Scheitels eines großgewachsenen Mannes. Nein, das Gebilde schwebte nicht, es steckte auf der Spitze eines dürren, verästelten Mangrovenstamms, der schwarz glänzte und nackt war, wie ein junger, noch schwacher Baum im späten Herbst, furchtsam den harten Winter erwartend, einsam an verlassener Landstraße, umgeben von brachen Feldern.

Das Gebilde aber war tatsächlich ein Kopf, und es war der eines gewaltigen Vogels, von Menschengröße wohl, und doch fehlte ihm alles markant vogelhafte, denn dort, wo ein Schnabel hätte sein müssen, klaffte nur ein rötliches Mundloch. Ringsum lagen die blässlich grauen Federn an, feucht und glatt, und darüber glänzten die schwarzen Augen, faustgroß und von entsetzlich leerem Blick. Aus dem Schlund bleckte eine spitze Zunge – und dieses scheußliche Etwas begann schnarrend in einer Sprache zu reden, die ich nie zuvor gehört hatte – und die nicht von dieser Welt sein durfte, so misstönend und grauenerregend klang sie mir.

Ich vermochte nicht zu sagen, ob das Ding schon längere Zeit zu Haschim gesprochen hatte oder ich jetzt erst, da ich in den Bannkreis des Weihers getreten war, die furchtbaren Laute vernehmen konnte.

Doch ich durfte mich nicht bannen lassen von diesem schrecklichen Anblick und dem, was mir gleichermaßen Ohren und Seele marterte. Ich musste Haschim helfen, gleich, in welcher Gefahr er dort schweben mochte. Und dieser Gedanke war auch sogleich mein erstes Bedenken: Konnte ich meinen Augen trauen, bei dem, was ich da sah? Damit meine ich nicht den grotesken belebten Schädel auf dem Mangrovenstamm, sondern Haschim selbst. Dieser schien tatsächlich auf der blanken Oberfläche des Wassers zu knien, ohne um das Geringste einzusinken, wie es doch zwingend gewesen wäre, wenn sich unter der Oberfläche kein Grasflecken oder Wurzelgeflecht befunden hätte. Immerhin konnte ich erkennen, dass der Saum von Haschims Gewändern nass war – es sich also um keine Täuschung zu handeln schien, was die Beschaffenheit des Untergrunds betraf.

Oder doch? Einerlei! Ich musste Haschim aus dieser Lage retten, es konnte nicht anders sein, als dass er befreit werden musste. An einem solchen Ort, in solcher Gegenwart konnte er sich nicht freiwillig befinden!

Was sollte ich tun? Trotz meiner Einschätzung waren mir Gelände und Gegner unbekannt – ich sollte wohl besser nicht einfach heranstürmen und Haschim mit mir reißen.

Ich bemerkte ein wenig verwundert, dass ich, noch vor meinem eigentlichen Entschluss, bereits instinktiv etliche Schritte seitwärts gemacht hatte, über das Wurzeldickicht, welches den Weiher umringte. Doch das war genau die richtige Handlungsweise. Rasch, aber mit Bedacht umrundete ich den Weiher. Ich fand sicheren Tritt und Halt, und die Tonlosigkeit dieses Ortes mochte mir helfen, unbemerkt bis hinter das seltsame belebte Totem mit dem Schädel zu gelangen. Dass ich den blanken schwarzen Augen entgangen war, wollte ich glauben, eine Erklärung dafür hatte ich nicht. Das schnabellose Vogelhaupt war wohl zu sehr davon eingenommen, auf Haschim einzusprechen – oder ihn oder etwas zu beschwören – was wusste ich schon über dergleichen Dinge. Sie bekümmerten mich auch nicht, ich war froh, in diesen Momenten wieder auf meine bekannten Erfahrungen zurückgreifen zu können: das Anschleichen an den Feind und die Rettung eines Gefährten.

Ich stand nun hinter dem Pfahlstamm, sah nur den Federschädel, ohne das schrecklich missgestaltete Antlitz. Dafür konnte ich Haschim ins Gesicht blicken, der den Kopf erhoben und seine Augen auf das gerichtet hatte, was da zu ihm sprach.

Haschims Augen waren furchterregend – nicht leer und starr wie die eines Mannes unter Drogen oder in Trance, sondern unstet und irr, mit flatternden Lidern und blank und weiß, weil die Pupillen samt der Iris wechselnd nach oben, unten oder zu den Seiten verschwanden. Erschreckenderweise war sein Gesicht jedoch unbewegt, kein Muskel war verzerrt, der Mund weder verzogen noch geöffnet, wenngleich ich fast erwartet hätte, die Zähne gebleckt und die Lippen schaumbedeckt zu sehen wie bei einem Tollwütigen.

Was auch immer mit Haschim geschah, ich musste ihn aus diesem Bann befreien!

Mir blieb wohl nur eine Möglichkeit: ein direkter Angriff auf den unbekannten Gegner. Und dies mit bloßen Händen, denn ich hatte keine Waffen bei mir.

Ich sprang vor, stieß mich von den glitschigen Mangrovenwurzeln ab, so gut ich es vermochte, und setzte mit Macht über die Wasserfläche hinweg, die mich von Haschim und dem Vogeltotem trennte. Für einen Herzschlag dachte ich, dass mir dieser Sprung kaum gelungen wäre, wenn ich den Revolver und das schwere Messer am Gürtel getragen oder gar in den Händen gehalten hätte. So aber flog ich gleichsam voran, als würde ich neben der Kraft meiner Beine auch von meinem Willen getragen – die Zeit schien sich zu dehnen, und ich glaubte fast, mich nicht im Sprung, sondern tatsächlich im Flug zu befinden – als ich auch schon den Aufprall spürte, genau wie geplant!

Mit der einen Schulter stieß ich hart gegen den Mangrovenstamm mit dem Schädel darauf. Ich spürte die Erschütterung und wie sich die Wurzeln aus dem Grund lösten. Der Stamm schwankte, dass die Zweige durch die Luft peitschten und nach mir zu greifen schienen. Doch dann war ich bereits vorüber, hatte den Stamm passiert, was mir mit einer leichten Drehung des Körpers gelang – um mein zweites Ziel zu erreichen: Haschim aus dem Bann zu reißen, nachdem ich bereits den schnabellosen Kopf beiseitegestoßen hatte. Doppelt hält besser, schoss es mir durch den Sinn, und mein eigenes Lachen hallte stumm nach.

Als ich Haschim bei den Schultern ergriff, war mein Schwung aufgebraucht, doch in meinem Sturz konnte ich ihn zur Seite reißen. Wir prallten auf die Oberfläche des Weihers, und ich hätte schwören mögen, dass das Wasser mir für einen Wimpernschlag einen ungekannten Widerstand entgegenbrachte – bis wir eintauchten und die brackige Nässe aufspritzte.

Schon wollte ich mit heftigen Bewegungen der Arme und Beine ein Absinken verhindern – und zudem nach Haschim greifen, falls er denn besinnungslos wäre und zu ertrinken drohte –, doch das Wasser war seicht. Unter mir spürte ich abgesunkene Grassoden und Wurzelgeflecht, die sicher mein Gewicht und das Haschims hielten – jetzt begriff ich, dass ich dies bereits vorher unbewusst erkannt hatte und dass diese Zuversicht mich den gefährlichen Sprung ins Ungewisse hatte wagen lassen.

Ich griff dennoch nach Haschim und hob seinen Kopf an, damit er kein Wasser einatmete, als ich sah, wie er mich anblickte – mit jenen klaren Augen, die ich kannte. Er schien nicht wie aus einem Traum oder einer Trance erwacht, sondern blickte hellwach, wenngleich fragend. Wusste er nicht, was geschehen war?

Neben mir schlug der Mangrovenstamm ins Wasser und zwang mich, den Blick von Haschim zu wenden und mich gleichzeitig halb aufzurichten. Ich wollte nicht, dass der scheußliche Schädel uns nach seinem Sturz ins Wasser zu nahe kam. Ich sah mich um, erblickte das Gebilde aber nicht – es mochte versunken sein. Einerlei, es galt, diesen unheilvollen Ort zu verlassen. Ich erhob mich weiter, reichte dem noch immer verwirrt erscheinenden Haschim die Hand, als ich bemerkte, wie sich sein Blick abwandte und er an mir vorüber zum Himmel schaute. Ich wandte den Kopf und sah mit Entsetzen, warum ich den schnabellosen Schädel nirgends im Wasser gesehen hatte: Er schwebte ohne jeden Halt des Mangrovenstamms in der leeren Luft und starrte uns an – starrte mich an!

Der schnabellose Mund öffnete sich, das widerlich schimmernde rote Loch im Federschädel gab die spitze Zunge des Schlunds frei, und die ersten fremden Worte rollten schnarrend aus der Kehle, die nicht vorhanden war!

Und zu meinem nie gekannten Grauen konnte ich die Worte verstehen.

Der Schädel sprach zu mir und …

Eine Hand packte meine Schulter in hartem Griff und der Schmerz ließ die Stimme verstummen. Feste Finger zerrten mein Kinn zur Seite, zogen meinen Blick aus dem Bann der Vogelaugen. Stattdessen sah ich Haschim, aus dessen Augen Furcht sprach, aber auch Verstehen. Er war wieder ganz bei Sinnen und ich spürte ebenfalls, wie der Bann von mir abfiel und in meinem gesamten Leib ein stechendes Frösteln hinterließ.

Doch es war nicht allein ein inneres Gefühl. Mit einem Mal wurde auch die Luft um mich herum kühler, ebenso wie das Wasser um meine Stiefel. Die durchnässte Kleidung klebte klamm an mir. Es wehte kein Wind, die Mangrovenzweige bewegten sich nicht, und auch am grauen Himmel war keine Bewegung zu erkennen. Dennoch veränderte sich etwas.

Ein Wetterleuchten zuckte über den Himmel und der Widerschein glänzte weiß auf den schwarznassen Mangroven. Auf dem Wasser gleißte es grell und ich war dankbar und erleichtert, dass ich den scheußlichen Schädel in diesem Licht nicht schauen musste. Ich hatte meinen Blick auf Haschim gerichtet – in nahezu verzweifelter Frage.

Bevor Haschim antworten konnte – wenn er denn überhaupt eine Antwort wusste –, geschahen zwei unerwartete Dinge unmittelbar hintereinander. Ich hörte ein Surren über mir und dann einen dumpfen Aufprall. In meinem Kopf war ein schriller Laut, der hinter meiner Stirn entsprang und nicht zuvor durch meine Ohren gedrungen war. Am Zusammenzucken Haschims neben mir spürte ich, dass er wohl dasselbe vernommen hatte. Ich ahnte, was geschehen war – etwas hatte den Vogelschädel getroffen! Was, das war einerlei, ich wagte nicht hinzuschauen, denn hätte das scheußliche Etwas nicht hinab in den Salzsumpf stürzen müssen? Es musste noch immer dort oben schweben – und wer mochte ahnen, was nun Schreckliches geschah?

Da spritzte neben uns das Wasser auf. Wir schraken zurück, in Furcht vor dem Vogelschädel – und sahen stattdessen, wie sich eine langgestreckte Natter durch das Wasser schlängelte, das nicht allein von der Bewegung schimmerte, sondern auch vom Wetterleuchten glänzte.

Ich spannte meinen Körper, spreizte die Hände, um das gewiss giftige Tier zu packen, falls es angreifen sollte – da erkannte ich, dass es keine Schlange war, sondern ein Seil. Ein Seil, dessen uns zugewandtes Ende langsam im Wasser versank, während das andere sich im Wurzelverhau verfangen hatte, der den Weiher umgrenzte.

Woher das Seil stammte, ahnten Haschim und ich im gleichen Herzschlag – und wir ließen uns nicht länger von jenem scheußlichen Ort blenden, noch weniger von dem Wetterleuchten und auch nicht von dem grauenhaften Wesen, das wohl noch immer über uns schwebte. Bevor sich die Oberfläche des Wassers beruhigen konnte, sodass man die Spiegelung des Schädels hätte erblicken können, griffen wir gleichzeitig nach dem Ende des Seils, spürten erst einen Widerstand und dann einen Ruck – und waren mit einem Mal dem grauen Weiher entronnen!

Sechstes Kapitel
Düstere Deutungen

Ich spürte Sand und Steinchen zwischen meinen Fingern. Der Untergrund war fest und trocken. Rosiges Morgenlicht kam vom Himmel, der nicht mehr bleigrau erschien, sondern mehr und mehr an Blau gewann.

Neben mir, ebenso wie ich halb liegend, halb auf allen vieren, regte sich Haschim und hustete kurz. Wir beide lösten die Hände von dem Seil und schauten an dessen Linie entlang zu den drei Gestalten, die einige Schritt entfernt standen und uns besorgt betrachteten.

Nein, es waren nur Halef und Sir David, die furchtsam blickten und deren Anspannung sich gerade löste, ebenso wie sie erleichtert die Arme sinken ließen, mit deren Muskeln sie uns aus der Gefahr gezogen hatten. Amscha hingegen hatte eine nüchterne Miene aufgelegt und ging in diesem Augenblick rasch auf uns zu und streckte die Hand aus.

Ich hob meine eigene, um mit matter Geste abzuwinken: Amscha musste mir nicht aufhelfen, ich fühlte mich verwirrt, aber kräftig und setzte bereits einen Fuß nach vorn, um mich zu erheben. Doch Amscha schritt ohnehin an mir vorüber, etwas zur Seite hin und griff nach einem Holzstab, der in die Luft ragte. Ich wandte meinen Blick eilig, für einen Herzschlag fürchtete ich – doch es war nur ein Speer, den Amscha aus dem Sandboden zog.

Nein, nicht aus dem Sand zog sie ihn. Ich richtete mich auf und sah, wie die metallene Spitze aus einem dunklen Federbündel glitt. Ich erkannte den nackten Hals eines großen Geiers und dessen tote Augen und den gebogenen Schnabel, was mich eigentümlich erleichterte. Amscha stieß die Speerspitze in den Sand und bewegte den Schaft, um die Klinge vom Blut zu reinigen. Dass der Dscherid durch diese Prozedur auch wieder seine Schärfe erlangte, war der eigentliche Zweck, nicht etwa, die Spuren des erfolgreichen Wurfs zu tilgen. Ich fragte mich, warum Amscha den Aasvogel erlegt hatte. Doch alle anderen hatten wohl noch viel weitergehende Fragen.

Haschim stand nun neben mir und schüttelte mit beiläufiger, geradezu eleganter Bewegung den Sand aus seinem Gewand. Seine Kleidung wie auch die meine waren gänzlich trocken. Nichts deutete darauf hin, dass wir uns in einem Sumpf befunden hatten. Was war geschehen?

Halef sprach als Erster. „Sihdi, geht es dir gut? Und auch Haschim …“ Halefs Augen waren von Furcht und Zweifel verschleiert.

„Gewiss“, antwortete ich, mit einem Seitenblick zu Haschim.

„Well“, räusperte sich Sir David, der interessiert Amschas Hantieren mit dem Dscherid verfolgt hatte. „Glücklicherweise ist ein quick-sand, jener tückisch treibende Sand, nicht gar so tückisch, wenn helfende Hände rechtzeitig zur Stelle sind.“ Er deutete auf Amscha und dann auch auf Halef. „Wären diese beiden frommen Muslime nicht schon beim Morgengebet gewesen, während ich mir noch etwas snooze-Schlummer erlaubte, hätten wir nach Eurem Ruf, Kara Ben Nemsi, nicht so rasch reagieren können.“ Er nickte nachdrücklich und holte dann das Seil ein, welches er akkurat in Schlaufen legte, während Amscha mit dem Speer auf der Schulter herankam. Sie schaute mich mit schmalen Augen an.

„Dass du in den Treibsand getreten bist, mag ich kaum glauben“, sagte sie kühl. „Einem Spurenleser wie dir hätte das eigentlich nicht widerfahren dürfen.“

Halef schnaufte. „Es war doch noch dunkel!“, rief er; und dass er mir zur Verteidigung beisprang, war mir ebenso peinsam wie Amschas Anklage. Ich schalt mich ja selbst, und konnte doch – zur weiteren Erläuterung meines Fehltritts, so man ihn als solchen bezeichnen wollte – kaum den magischen Blick mittels des Musaddas angeben. Meine Gefährten, außer Amscha, wussten nun davon, doch änderte dies kaum etwas daran, dass ich unbedacht gehandelt hatte.

Haschim hatte kurz den Untergrund hinter uns betrachtet. Auch ich hatte bemerkt, dass hier tatsächlich der Boden so beschaffen war, dass er wie Treibsand wirken mochte.

„Die Verfehlung liegt bei mir“, verkündete Haschim. „Ich suchte diese Stelle unbedacht aus, für meine eigene Morgenhandlung. Ich bin kein so kluger Spurenleser wie Kara Ben Nemsi.“ Er senkte den Kopf gegenüber Amscha. „Und er kam durch glücklichen Zufall zu Hilfe, bevor ich zu rufen vermochte. Auch wenn ich ihn noch nicht so lange kenne, wie ihr anderen ihn kennt, so scheine ich doch eine innere Verbindung mit ihm zu haben.“

Amscha schaute streng. „Ja, ihr beiden ähnelt euch wohl in manchen Dingen.“ Sie setzte den Speerschaft auf einen Stein zu ihren Füßen, sodass der Dscherid vor ihr stand und ihre Gestalt scheinbar in zwei Seiten teilte. „Aber wenn ihr gleichermaßen ungeschickt handelt, dass ich – dass wir euch retten müssen, dann ist dies nicht hilfreich für unsere Aufgabe. Und noch weniger hilfreich für Halef.“ Dann klopfte sie mit dem Speerschaft auf den Stein, hob den Dscherid wie in einem Salut ein wenig empor und ging dann den Hang hinauf. „Es ist Zeit, dass wir aufbrechen“, sagte sie, ohne zurückzublicken.

Sir David schaute mich betroffen an. „Das Blut wird sich wohl nie abkühlen, wenn wir die Tage mit solchem Aufruhr beginnen. Ich werde Lady Amscha erinnern, dass wir vor der Reise speisen sollten. Vielleicht tut auch eine cup-of-tea ihr wohl – so wie mir.“

Dann nickte er, wohl mehr zu sich selbst, und folgte Amscha.

Halef biss sich auf die Unterlippe. „Ach, Sihdi …“

„Es tut mir leid, Halef. Ich hoffe, Amscha wird so gerecht sein, dass sie kommende Erfolge, die wir erreichen mögen, dir ebenso anrechnet.“

„Wer weiß, Sihdi“, sagte Halef mit einem Blick gen Himmel. Aber dann schaute er mich ernst an. „Ich will dich nicht schelten und meine Schmach zu der deinen machen – aber nun sage mir einmal den Grund, warum du in diesen verwünschten Rimal Muttarikah, diesen treibenden Sand, geraten bist!“ Er schnaufte und hob die Hand. „Edler Haschim“, begann er, „haltet mich nicht für ungerecht oder feige gegenüber Eurer Person. Aber wie meine Hamat Amscha sagte, so trifft die größere Schuld für diese Sache doch meinen Sihdi! Der sollte doch wissen, was er tut!“

Ich schwieg für einen Herzschlag betreten. Halef hatte zum ersten Mal für Amscha nicht die Bezeichnung Mutter gewählt, sondern eben jenes Wort, das für so manchen Ehemann und Gatten ein Schreckensbegriff ist, ganz im Gegensatz zum gleichgebildeten Begriff des Schwiegervaters.

Als ich dann antworten wollte, ergriff stattdessen Haschim das Wort. „Meine Bitte an dich mag ungewöhnlich sein, Halef. Aber schildere mir doch, was du und die anderen gesehen habt.“

Halef zwinkerte verblüfft. „Ja, ihr beide stecktet bis zur Brust im Treibsand und wir warfen euch das Seil zu, nachdem der Sihdi gerufen hatte.“

Haschim deutete über die Schulter, dorthin, wo sich die Sonne über den Horizont erhoben hatte, und dann wieder nach vorn zum Hang des Hügels. „Ihr habt in die Richtung des Sonnenaufgangs geschaut?“

„Ja, es war just der Augenblick, als das erste Licht aufschien. Es blendete ein wenig.“

„Es blendete sogar sehr, nicht wahr?“

Halef reckte sich. „Aber ihr beide wart gut genug zu sehen. Ich habe das Ende des Seils genau geworfen. So, wie der Sihdi es mir oft geschildert hat, wie er mit seinem al-lassu im Wilad Wasit Steppentiere und Bösewichte gefangen hat! Nur ohne die Schlinge daran, den Knoten kann ich nicht.“ Er zappelte ein wenig.

„Alles ist gut, Halef“, meinte ich und begriff, auf was Haschim hinauswollte. „Halef, es ist so, dass wir beide nicht wirklich im Treibsand steckten. Wir waren – an einem anderen Ort.“

Haschim gab ein kurzes Brummen von sich. „Nun, das ist nicht ganz zutreffend, Kara Ben Nemsi.“

Halef nickte. „Eben. Ich habe euch gesehen, trotz Sonnenblendung!“

Ich seufzte und deutete auf den Musaddas, der mir nun vor der Brust hing, da sich die Lederschnur während unserer Befreiung gelockert hatte.

Halef hob die Brauen. „Ach so! Ihr habt im Sand gesteckt, aber für euch hat es anders ausgesehen!“

Haschim öffnete die Hand in gebender Geste. „Richtig. Und zudem steckten nur unsere Körper im Sand, unser Geist war an jenem anderen Ort.“

„Wie sah der aus?“, fragte Halef, gleichsam neugierig und besorgt.

„Wie der Schott Dscherid“, erklärte ich, „der große Salzsee in Tunesien, den wir beide so gut kennen. Oder eben Erinnerungen daran haben, weil dort unser erstes großes Abenteuer begann, als wir den ermordeten Paul Galingré fanden, was uns schließlich auf die Spur des Schut führte. Zum ersten Mal immerhin.“

Ich seufzte, sah Halefs bitteres Nicken und sprach dann weiter. „Doch jener andere Ort war kein Salzsee, sondern ein Salzsumpf, mit mehr Wasserflächen und toten, dürren Bäumen darin. Es gab Nebel und grauen Himmel, Halef, es war wie in einem finsteren Traum.“

„Dann war es ein Traum, in dem ihr gesteckt habt, und nicht nur im Sand? Aber wer hat euch den Traum geschickt?“

Haschim nickte. „Das hast du gut erkannt, Halef. Dein Sihdi und ich sind nicht schlaftrunken oder im Morgendunkel unbedacht in den tatsächlichen Treibsand geschritten. Es war eine Falle! Aufgestellt für mich.“

„Jemand hat den Treibsand gemacht?“, fragte Halef zweifelnd. „So eine Verschwendung von Wasser!“

„Nein, Halef“, lächelte Haschim, „wenngleich ich mir vorstellen kann, dass manche eine solche Sandfalle aufstellen könnten. Diese hier war nicht mit Wasser gemacht, sondern mit Zauber gewirkt.“ Er atmete tief und schaute Halef an. „Es ist wohl so, dass nicht nur du, Halef, in Dauha unbedacht gehandelt und damit üble Dinge ausgelöst hast. Auch ich habe ungewollte Aufmerksamkeit auf mich gezogen, als ich meinerseits meine Kunst und Kraft angewendet habe, um das eine oder andere …“

Ich musste Haschim unterbrechen, da ich begriff, wie er wiederum meine eigene Schuld auf sich nahm. Dass Haschim in Dauha einen Zauber wirken oder zumindest handeln musste, wie es nur ein Magier verstand, und sich deshalb zu erkennen gegeben hatte, war ihm aufgezwungen worden. Ich hatte unwissend mit harmlos wirkenden Gegenständen hantiert, die ich bei dem von uns gefangenen Mann gefunden hatte, welcher bei den Sklavenhändlern dafür gesorgt hatte, dass die bedauernswerten Frauen wehrlos waren und an der Flucht gehindert wurden, durch einen Bann, welcher ihre Seelen an jene des Hexers kettete. Ich hatte die Münzen und Holzstäbchen und dergleichen beim Durchsuchen nach am Körper versteckten Waffen gefunden – und nichts verspürt, was mich gewarnt hätte. Schließlich war mir seit meinem Duell mit Al-Kadir jene Gabe verliehen, Magie und Zauber zu spüren – jedoch wohl nicht stets oder bei allen Dingen, wie ich bei dieser Gelegenheit von Haschim hatte erfahren müssen. Mein Ungeschick war dem Hexer fast zum Verhängnis geworden, Haschim hatte diesen retten und die Gegenstände unschädlich machen müssen. Die Spuren dieses knappen Rituals oder die Nachwirkungen des Geschehens, das ich ausgelöst hatte, mussten wohl andere Magiekundige erkannt haben, die mit den Sklavenhändlern zusammenarbeiteten.

„Haschim, es war mein Fehler, die Gegenstände des Hexers …“

„Doch ich habe dich nicht zuvor gewarnt. Und ich habe später mein Wissen genutzt, um die Schurken zu strafen, anstatt …“

„Es war gerecht, Abu Kurbatsch durch den Seelendurst des Hexers einige Lebensjahrzehnte zu nehmen, anstatt ihn zu töten. Denn einen Kerker hätte er wohl nie von innen gesehen, wenn wir ihn den korrupten Behörden ausgeliefert hätten.“

„Doch nur ein Magier wie ich konnte diesen Plan erdenken. Das haben die Gefährten Abu Kurbatschs erkannt und er selbst nicht minder. Sie wussten also am Ende von Halefs Namen und von meinem Wesen.“

Halef schnaufte. „Ich empfand es nur als gerecht, dass der Hexer sich an der Lebenskraft von Abu Kurbatsch zu Tode gesoffen hat!“ Er blickte Haschim an. „Wir teilen unser Schicksal und die Bürde, die wir auf uns geladen haben. Und ich werde euch immer retten, wenn es mir möglich ist!“

„Dank dir, Halef“, lächelte Haschim. „Aber ich fürchte, bei der nächsten Falle ist es mit einem Seil nicht getan.“ Er stutzte. „Es hat bereits diesmal auch einen Speer gebraucht.“

Haschim wandte sich um und musterte den Leichnam des Geiers. Dessen Federn waren dunkelbraun, wirkten beinahe schwarz, und man konnte den nackten Hals sehen, der bläulich und rosig schimmerte, darüber den hellen Flaum des Kopfes. Es mochte ein Mönchsgeier sein, der auch in diesen Breiten heimisch war. Um den geöffneten Schnabel, aus dem die schlaffe Zunge ragte, sah ich Blut, das aus dem Rachen gequollen war, hervorgerufen durch Amschas Speertreffer.

„Was ist da geschehen?“, fragte Haschim an Halef gewandt.

„Als wir euch zu Hilfe kamen, euch beide dort im Sand sahen, war der elende Racham bereits über euch. Er kreiste nicht, er flatterte auf der Stelle, als wolle er sich gerade auf euch stürzen, als wäret ihr schon …“ Halef schluckte und schaute bedrückt. „Ihr hattet euch ja nicht bewegt.“ Dann nickte er. „Aber dann dachte ich, dass ihr euch nicht rührt, damit ihr nicht tiefer in den Sand sinkt.“

„Der Geier flatterte über uns? Das ist ungewöhnlich“, merkte ich an. Gemeinhin verband man solches mit einem Greifvogel, der rüttelnd, wie man es nennt, in der Luft schwebt, um nach Beute zu spähen. Dass der Geier sich nicht durch die drei Menschen gestört fühlte, die herangekommen waren, schien mir seltsam.

„Das Tier war nur ein Stellvertreter in der wahren Welt“, befand Haschim, „herbeigerufen, um einen Lebensfunken dort zu haben, wo wir jenes Gebilde sahen, das zu uns sprach …“

Haschims Stimme klang mit einem Mal so brüchig, dass ich erschrak. Und auch Halef, der bereits den Mund geöffnet hatte, wohl um erstaunt nachzufragen, sog stattdessen nur knapp die Luft ein und schwieg.

Mit einer kurzen Geste fing Haschim sich wieder. „Es ist so, dass auch magische Visionen keineswegs aus dem Nichts geschaffen werden können, noch weniger ein Übergang zu einem anderen Ort. Es braucht für die Magie einen Anker, eine Verwurzelung in dieser Welt.“

Ich begriff, soweit mir dies gegeben war. „Dieser Fleck Sand dort ist also kein magisches Portal wie jenes, das wir im Gebirge des Sangesur zur Geisterwelt hin durchschritten haben?“

„Nein, es ist eine Falle, wie ich erwähnte. Schaut, dort.“

Haschim zeigte auf die Sandfläche, wo sie durch uns aufgewühlt worden war. Zwischen den Steinchen sah ich etliche kurze, dunkle Stäbchen, wie verdorrte Finger.

„Mangrovenholz“, erklärte Haschim.

„Deshalb erschien es uns wie ein Salzsumpf? Oder waren wir wirklich dort – im Geiste?“

Haschim lächelte schwach. „Wirklich und im Geiste – das ist eine philosophische Frage, nicht wahr? Aber diese führt uns nicht weiter. Ich weiß allerdings, welchen Ort wir geschaut haben, weniger von dessen Gestalt her, sondern wegen der Herkunft unserer Gegner.“ Haschim deutete vage nach Südosten. „Am Golf von Persien, zwischen den Landzungen von Katar und Oman, auf halbem Wege zwischen Dauha und Abu Dhabi, gibt es im Hinterland der Küste ein Gebiet, das Sabkhat Matti genannt wird, der Salzsee des Matti. Auch dort gibt es Sümpfe und Mangroven, wie überall an jenen Küsten, doch reichen sie tiefer ins Landesinnere als irgendwo anders. Und tief in diesen Salzsümpfen und Mangrovenwäldern liegt verborgen ein Haus, von dem ich nur habe erzählen hören. Es gehört einem Hexer, der einen üblen Ruf hat, selbst unter jenen Anhängern des ‚Linken Pfades‘. Man weiß wenig von ihm und spricht deshalb umso furchtsamer. Manche sagen, er herrscht über den Salzsumpf und lässt ihn weiter wandern, um in seinen Nebeln die Rub-al-Chali zu durchqueren, bis hin nach Hadramaut, weil es ihn nach dem Wissen der Gelehrten dürstet. Dann würde er sie töten und alle Schriften vernichten, damit er allein der Weiseste der Welt sei.“

Halef und ich schwiegen bedrückt. Wir kannten Hadramaut seit unserem jüngsten Abenteuer, und die Vorstellung, dass dieser Hort des Wissens vernichtet würde, war entsetzlich. Ein solches Geschehen hätte seinesgleichen wohl nur in der Zerstörung der alten Bibliothek von Alexandria, für welche allerlei Eroberer von Cäsar bis al-Khattab verantwortlich gemacht wurden; und auch wenn dies nicht stimmen sollte und die Zerstörung eher ein allmähliches Verschwinden über die Jahrhunderte war, so ist die Vernichtung von Wissen doch stets ein Verbrechen am menschlichen Geist, wenn nicht an der Seele. Auch wenn unsere eigenen bevorstehenden Prüfungen und drohenden Gefahren persönlich schmerzten, war ein solches doch um so vieles größer und in seiner Übermacht erdrückend.

Ich wollte dieses Gefühl abschütteln und machte deshalb den schwachen Versuch, nüchtern von jenen Dingen zu sprechen, auf die ich mich als Reiseschriftsteller verstehe.

„Es heißt, die Salzmarschen des Sabkhat tragen ihren Namen nach jemandem, der einst darin verschwunden ist. Vielleicht ein britischer Forschungsreisender namens Matthew oder ein jüdischer Kaufmann namens Matitjahu. Allesamt Namen, die sich vom Apostel Matthäus herleiten, dem Evangelisten, dessen ikonografisches Attribut ja das Buch oder die Schriftrolle ist …“ Ich brach ab, als ich Haschims regloses Gesicht sah. „Aber“, hauchte ich, „Matthäus starb den Märtyrertod auf Missionsreise in Syrien … oder Arabien … oder Persien … die Quellen und Legenden sind da uneins.“

„Mutmaßen wir nicht“, sagte Haschim und rang sich ein dünnes Lächeln ab. „Der Name ist weitverbreitet. Ich selbst kenne einen Mann namens Mato auf dem Balkan, der das Wissen ebenso schätzt, aber ein guter Mensch ist, und auch sein Domizil ist das gerade Gegenteil von einem Salzsumpf. Falls wir dieses Abenteuer glücklich überstehen, sollten wir ihn besuchen. Er ist auch gelehrt und hilfreich.“ Haschims Miene erhellte sich. „Wie ich sagte: Mutmaßen wir nicht. Wir wissen nun genau, dass die Sklavenhändler auch einen magisch begabten Helfer haben. Dieser hat jene Falle gestellt und mit den Zeichen der Magie der Salzmarschen versehen, um mich in Furcht zu versetzen. In der Magie wie in der Welt ist Furcht eine mächtige Waffe. Allen Zauberern ist allein die Erwähnung des Hexers der Salzmarschen zuwider. Und Bilder und Visionen tun ihr Übriges. Doch sie sind eben nur dieses!“ Er räusperte sich. „Hadschi Halef! Würdest du vor der Befreiung deiner Familie zurückschrecken, wenn die Sklavenhändler dich glauben machen wollten, der Scheitan leibhaftig sei ihr Gefährte?“

Halef zwinkerte zweimal, dreimal, sagte dann aber fest: „Gewiss nicht! Und auch mein Sihdi würde meinen: Pack den Teufel bei den Hörnern! Oder am Schwanz. Oder wo auch immer! Wir haben keine Furcht!“

„So soll es sein“, stimmte ich ein. Und zu Haschim gewandt: „Was ist dir eben eingefallen, als du von jenem Mato sprachst?“

„Dass ich einen Mann kenne, der uns helfen kann, auf die Spur der Entführer zu kommen. Auch wenn wir die Botschaften des Lehrers Lohse erhalten und die Sklavenhändler selbst uns boshaft mit Hinweisen versorgen!“

Haschims Augen leuchteten und in seiner Stimme klang ein gewisser Übermut, als habe er mit einem Mal jene Worte Sir Davids aufgenommen, die unsere Jagd auf die Schurken mit einem waidmännischen Ausflug oder einem Kinderspiel verglichen. Ich fand dies gewiss etwas sehr salopp und unangemessen, aber ich begriff auch eines: Selbst ein edler und gelehrter Mann wie Haschim musste dann und wann die Bürde abschütteln, die aus Leid, Elend und Erdenschwere bestand, von jenen magischen Dingen ganz zu schweigen, von denen ich nur allzu wenig verstand. Und vielleicht half es, die schrecklichen Ereignisse in jenem Salzsumpf zu vergessen, die bereits mir einen quälenden Schauder vermittelt hatten. Wie viel tiefer mochte dann der Schrecken in Haschims Seele sitzen.

„Wer ist dieser Mann?“, fragte ich also, frohgemut und mit Hoffnung in der Stimme.

„Er wohnt in Aleppo, also gerade auf unserem Weg nach Westen!“

„Und sein Name?“

Haschim lächelte fein. „Abu Ben Agar.“

Ich stutzte. Dies war der Mann, dessen Anschrift mir Haschim vergangenes Jahr bei meinem Abschied in meine Heimat gegeben hatte, um mit ihm in Kontakt treten zu können, gewissermaßen postlagernd, da Haschim ja stets auf der Suche nach Weisheit durch den Orient reiste, wenn er nicht mit mir auf Abenteuer unterwegs war. Doch jener Abu Ben Agar, der stets um Haschims Aufenthalt wusste, lebte meines Wissens und besagter Adresse nach in Medina und sandte von dort die Brieftauben, welche Haschim erreichten. Allerdings wusste ich, dass Abu Ben Agar vormals aus Aleppo stammte.

„Ach“, sagte ich also, „er ist von Medina wieder nach Aleppo gezogen? Oder dort auf Besuch?“

„Weder noch“, meinte Haschim. „Du wirst sehen. Und staunen, Kara Ben Nemsi.“

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